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    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Post [Story]Gothic - Die Welt der Verurteilten

    Tja, das ist dann also meine erste Story hier. Ich hatte ja ursprünglich vor, zu warten, bis ich vollkommen fertig bin, aber nachdem ich gestern schon von El Toro in der Taverne angesprochen wurde und weil ich gerade nichts zu tun habe, mache ich das jetzt einfach. Im Grunde bin ich sowieso fertig. Ich warte nur darauf, dass mein Korrekturleser das auch wird, aber bei dessen Tempo würde das dieses Jahr wohl nichts mehr werden.

    Ist natürlich toll, ein Kerl mit Standartavatar, Standartnamen und dann hat er auch noch die kreativste Idee von allen: Er erzählt die Story von Gothic1 in einem Buch nach. Da wird manch einer vermutlich so ein Gesicht machen:
    Durchaus verständlich. Das ganze klingt nämlich nach Zwölfjähriger-hat-Langeweile-und-schreibt-ein-Buch-über-Gothic-ohne-je-über-die-dritte-Seite-hinauszukommen. Und genauso war es wohl auch mal, allerdings habe ich diese ersten drei Seiten (gut, es waren ein paar mehr) dann doch recht schnell in die Tonne gekloppt und erst Jahre später wieder angefangen. Dieses Mal nicht nur aus Langeweile und kindlichem Eifer, möchte ich meinen, was sich schon allein daran zeigt, dass ich fertig geworden bin.
    Und so ist dieses Werk auch wesentlich besser geworden als mein erster, kläglicher Versuch. Ob besser auch gut heißt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich bin, wie das wohl immer so ist, mit manchen Stellen sehr zufrieden, mit anderen überhaupt nicht.

    Auch mag sich der eine oder andere denken, "es mag ja sogar ganz gut geschrieben sein, aber die Story von Gothic kenne ich selbst" und sich gähnend abwenden.
    Auch dafür habe ich natürlich Verständiss und das ist jedermanns gutes Recht. Allerdings sei gesagt, dass ich nicht einfach das Spiel abgeschrieben hab, wie das oft der Fall ist, wenn mal wieder irgendein Zwölfjähriger versucht, ein Gothicbuch zu schreiben. Mir war nämlich durchaus bewusst, dass es ganz so einfach nicht geht. Wann immer man eine Geschichte von einem Medium ins andere überträgt, muss man sie dem neuen Medium anpassen. Und das gilt eben nicht nur für Buch- oder Spielverfilmungen oder für Bücher und Spiele zu Filmen, sondern auch für Bücher zu spielen.
    Deshalb habe ich die Story nicht eins zu eins abgeschrieben, sondern bin teilweise auch stärker von ihr abgewichen und obwohl die Grundstory die selbe wie in Gothic1 bleibt, dürfte es noch einige spannende Stellen und ungeklärte Fragen geben.
    Worum es mir nämlich eigentlich ging, war die Atmosphäre von Gothic einzufangen, Logikfehler auszumerzen, die Welt homogener erscheinen zu lassen (man merkt in den Spielen doch immer wieder, dass der jeweils nächste Teil höchstens in ganz groben Zügen geplant war), lebendiger zu machen und ihr eine Geschichte zu geben. Und ich wollte der Story mehr Tiefe verleihen. Der Leser sollte einiges vielleicht in einem etwas anderen Licht sehen und sich zu manchem noch einmal tiefere Gedanken machen.
    Dies waren meine Hauptanliegen, zu deren Umsetzung ich mich teilweise auch von der Vorgabe entfernt habe. Die beiden ersten Abschnitte sind zugegebenermaßen noch recht nahe am Spiel und selbst die Dialoge sind hier größtenteils direkt übernommen - was zum einen daran liegen mag, dass es mir zu Anfang noch schwerer fiel, mich vom Spiel zu lösen, zum anderen, dass gerade der Anfang meiner Meinung nach doch nicht allzu stark vom Hauptspiel abweichen sollte - doch spätestens ab dem dritten Abschnitt weiche ich immer stärker von der Vorgabe ab und führe unter anderem sogar einen neuen Hauptcharakter ein.

    Zu guter Letzt sei noch anzumerken, dass ich teilweise Ideen aus Mods aber auch aus Storys dieses Forums mit habe einfließen lassen. Dies sind in der Regel jedoch nur kleine Details, welche beiläufig erwähnt werden und als Ehrerbietung an den jeweiligen Erfinder zu verstehen sind.

    So, genug geschwafelt. Mit dem Text habe ich vermutlich ohnehin die Hälfte der Leser vergrault. Meinen Respekt und Dank an die, die ihn sich zur Gänze durchgelesen haben. An die anderen: Macht nichts

    Edit: Teil zwei ist draußen. Für alle, die zu faul sind, nach dem Thread zu suchen oder einfach in meine Signatur zu schauen, hier der Link.
    Edit2: "Gothic - Die Welt der Verurteilten" gibt es jetzt auch als PDF. Mein herzlicher Dank geht an alibombali.
    Last edited by MiMo; 30.03.2017 at 16:35.

  2. View Forum Posts #2 Reply With Quote
    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Vorwort


    Nun, da ich alt geworden bin und Beliar alle anderen Gefährten bereits zu sich geholt hat, will ich die Geschichte des Entscheiders niederschreiben. Es ist nun ein Jahrhundert her, dass der große Krieg endete und der Entscheider uns für immer verließ. Heute bin ich der letzte lebende Mensch, der den Entscheider noch kennen gelernt hat.
    Doch die Geschichte des Entscheiders soll nicht in Vergessenheit geraten. Der Entscheider hat unser aller Schicksal für immer verändert und ohne ihn gäbe es kein Neu Myrtana, kein blühendes Vengard, keinen neuen Orden, keinen Frieden. Auf ewig soll man sich an den Entscheider und seine großen Taten erinnern und so schreibe ich sie nieder, denn ich bin der Letzte, der sie noch miterlebte.
    Um seine Geschichte niederzuschreiben verwende ich sein Tagebuch, welches er mir gab, kurz bevor er diese Welt verließ. Ich habe einiges in meinen eigenen Worten wiedergegeben, um es dem Leser einfacher zu machen und einiges von dem, was ich selbst miterlebte, ergänzt. Ferner habe ich in den letzten Jahren Schriften aus allen Teilen Midlands gesammelt, die das Geschehen zu Zeiten des Entscheiders dokumentieren und sie dem Buch hinzugefügt.
    Das Buch ist in drei Teile unterteilt, der erste erzählt von der Welt der Verurteilten und den Ereignissen der Strafkolonie zu Khorinis, von den drei Lagern der Geächteten, dem Dämonenbeschwörer und dem Geheimnis um die Bruderschaft des Schläfers. Der zweite Teil berichtet von der Bedrohung, von den heiligen Streitern, den Ruinen der Erbauer, den Heeren der Finsternis und dem dunklen Tempel. Der dritte Teil berichtet vom zertrümmerten Königreich Myrtana, dem Ende des Orkkriegs, den Assassinen des Südens, den zwei großen Königen der Menschen und der großen Entscheidung, die unser aller Schicksal veränderte.
    Die Geschichte des Entscheiders begann vor genau 100 Jahren, zur Zeit des zweiten großen Orkkriegs, auf der Insel Khorinis am Rande der Barriere, welche die Strafkolonie zu Khorinis umgab…


    Kapitel I: Die Lager der Geächteten


    Aus der Chronik der Herrschaft
    Sie kamen aus den wilden Nordlanden. Ohne Vorwarnung stürmten sie unsere Burgen und eroberten Nordmar, welches wir sieben lange Jahre lang besetzt gehalten hatten, im Handumdrehen. Dies war der Beginn des zweiten Orkkriegs. Von den Erzminen Nordmars abgeschnitten, waren wir vom Magischen Erz der Insel Khorinis abhängig. Da es nicht genügend freiwillige Minenarbeiter gab, musste unser weiser König Maßnahmen ergreifen, die nicht immer die Zustimmung des Pöbels fanden... „Jeder, der sich eines noch so geringen Verbrechens schuldig macht, soll zur Arbeit in den Erzminen von Khorinis gezwungen werden.“ Um jede Flucht aus dem Minental unmöglich zu machen, entsandte unser weiser König seine mächtigsten Magier, um eine magische Barriere zu erschaffen. Doch etwas störte das Vorhaben: Die Barriere wurde größer als geplant und schloss ihre Erbauer, die Magier, mit ein. Die Gefangenen eroberten bald darauf das Minental und töteten ihre Wärter. Der Abschaum ließ unserem weisen König keine Wahl, er musste mit ihnen verhandeln: Monat für Monat bringen die Gefangenen nun das Erz an den Rand der Barriere, Monat für Monat geben wir ihnen dafür alles, was sie verlangen.


    Kodama, Chronist am Hofe König Rhobars II.


    Die Taufe


    Verzweifelt versuchte ich mich gegen den Griff der beiden Wachen zu wehren, die mir meine gefesselten Hände auf den Rücken drückten. Wir befanden uns am Ende des Passes zum Minental kurz vor einer Biegung. Die Ochsen, die den Karren mit den Waren für die Gefangenen gezogen hatten, fraßen vom spärlichen Gras in der Schlucht. Die Wachen zerrten mich den steilen Hang an der Felswand hinauf. „Jetzt wanderst du in den Knast“ zischte mir eine der beiden Wachen ins Ohr. „Ich hab gehört, dass sie Neuen dort zur Begrüßung die Fresse polieren“, ergänzte die andere Wache, woraufhin beide in dreckiges Gelächter ausbrachen.
    Plötzlich sah ich sie, die Barriere: Eine riesige Kuppel von vielen Kilometern Durchmesser, die das gesamte Tal umspannte. Die Barriere bestand aus gewaltigen, blauen Blitzen, die ständig in Bewegung waren. Wir waren oben auf einer Klippe angekommen und blickten auf einen kleinen Talkessel ungefähr vier Meter unter uns. Der Pass ins Minental, durch den wir gekommen waren, mündete unter uns in den Talkessel. Von einer Plattform am Rand eines kleinen Teiches, direkt neben der Mündung des Passes, führte eine hölzerne Schiene, auf der ein kleiner Wagen fuhr, zu uns hinauf. Überall waren Arbeiter, die unter Aufsicht von Wachen die Erzkisten von den Gefangenen wegbrachten und den Karren mit Waren aller Art beluden. Aus den Augenwinkeln sah ich wie eine schöne, junge Frau mit gefesselten Händen zum Karren gebracht wurde.
    Die Wachen führten mich zu einem in ein gelbes Gewand gekleideten Richter mit spitzem Gesicht, der den Urteilsspruch verlesen sollte. Ich hatte im Kerker der Stadt Khorinis einige Geschichten über ihn gehört: Er war ein korrupter Kerl, der nur dem Gold gegenüber loyal war. Wahrscheinlich wäre es ihm egal gewesen, was die Wachen mit mir anstellten, solange ich noch in der Lage war eine Spitzhacke zu schwingen. Mit fiesem Grinsen, fast genüsslich, entrollte er eine Schriftrolle in seiner Hand und begann zu lesen. „Im Namen König Rhobars II. von Myrtana…“ Warum musste man mir noch diesen Müll vorlesen? „…Träger des Zepters von Varant…“ Das war ja schlimmer als jede Folter. „…Vereiniger der vier Reiche am Myrtanischen Meer…“ Gerade als ich mich fragte, wie viele Titel dieser verdammte König eigentlich hatte, wurde der Richter unterbrochen. „Halt!“, sagte eine gebieterische Stimme und wir alle wandten unsere Köpfe. Vor uns stand ein Mann in einer weiten, grauen Robe. Dazu trug er eine dunkelrote Schärpe, die mit einer goldenen Flamme bestickt war. Auf seinem Rücken hing ein hölzerner Kampfstab. Was hatte ein Hochmagier des Feuers hier zu suchen? Der Feuermagier blickte mir ins Gesicht. Sein graues Haar und sein Bart waren von zahlreichen weißen Strähnen durchzogen. Er hatte ein stolzes und aristokratisches Gesicht, nur die müden, grauen Augen passten nicht in das strenge Bild. „Gefangener, ich habe dir ein Angebot zu machen“, begann er, zog eine versiegelte Pergamentrolle aus seiner Tasche und wedelte mir damit vor der Nase herum. „Dieser Brief muss den Führer der Feuermagier erreichen.“ Was, sie wollten mich für den Rest meines Lebens in dieses Freiluftgehege sperren und erwarteten jetzt, dass ich den Botenjungen für sie spielte? „Du verschwendest deine Zeit“, antwortete ich, wohl wissend, dass die stolzen Feuermagier Wert darauf legten mit „Ihr“ angesprochen zu werden. Doch der Magier ließ sich nicht beirren, „deine Belohnung könntest du selbst wählen, man wird dir alles geben, was du verlangst.“ Ich horchte auf, „alles, was ich verlange?“, das hörte sich nicht schlecht an. „Gut, ich nehme deinen Brief“, sagte ich. Der Magier nickte den Wachen zu, die widerwillig meine Fesseln durchtrennten. Daraufhin hielt er mir den Brief hin, doch ich machte keine Anstalten ihn zu nehmen. „Unter einer Bedingung“, sagte ich. Verwundert blickte der Magier mich an. Ich deutete auf den Richter und sagte: „Erspart mir den Rest von seinem Gefasel.“ „Du wag…“, begann der Richter, doch der Magier unterbrach ihn, „Schweig!“ Kaum hatte ich den Brief genommen und mir in den Gürtel gesteckt, sagte der Magier: „Hinein mit ihm“ und ehe ich wusste wie mir geschah, stießen die Wachen mich die Klippe hinunter.
    Schreiend stürzte ich hinab. Ich hatte gar nicht die Zeit mich vor den Blitzen zu fürchten, da hatte ich sie auch schon passiert, ohne dass auch nur einer mich getroffen hatte. Mit einem lauten Platscher landete ich in dem kleinen Teich. Verzweifelt ruderte ich mit den Armen, doch ich hatte vollkommen die Orientierung verloren und wusste nicht mehr, wo unten und wo oben war. Plötzlich packte mich etwas am Kragen und zog mich aus dem Wasser. Ich blickte in das grinsende Gesicht eines schwarzhaarigen Mannes. „Willkommen in der Kolonie“, sagte er, holte aus und gab mir einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Er ließ mich zu Boden fallen, wo ich liegen blieb, während mir Blut aus der Nase strömte. Über mir hörte ich Gelächter. „Das reicht, lasst ihn in Ruhe!“ rief plötzlich eine zweite Stimme. „Musst du dich immer einmischen Diego, warum können wir nicht etwas Spaß mit dem Neuen haben?“, hörte ich die Stimme des Mannes, der mich geschlagen hatte. „Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass du die Neuen in Ruhe lassen sollst, Bullit!“ „Was ist schon ein Neuer, wir haben genug von diesen Dreckfressern, die in der Mine schuften.“ „Da sind die Erzbarone aber anderer Meinung, Bullit, und ich werde nicht zusehen, wie du den Neuen kalt machst!“ Ich hörte, wie ein Schwert gezogen wurde. „Nur zu, töte mich ruhig, aber ich frage mich, wie du das Thorus erklären willst“, sagte die zweite Stimme gelassen. Das Schwert wurde wieder eingesteckt. „Eines Tages werde ich dir dein dummes Grinsen aus dem Gesicht prügeln, Diego!“, fauchte Bullit. „Los, setzt euch in Bewegung ihr Ratten, wir gehen zurück ins Lager!“ Ich hörte Fußgetrappel und das Geräusch eines Wagens, der sich schwerfällig in Bewegung setzte.
    „Komm schon, steh auf“, sagte die zweite Stimme. Stöhnend erhob ich mich, rieb mir die schmerzenden Glieder und schüttelte mich, das Wasser war noch sehr kalt, man spürte, dass der Winter gerade erst vorbei war. Dann blickte ich den Mann vor mir an. Er war klein und drahtig. Seine Hosen wirkten, als seien sie aus zahlreichen roten und einigen grauen Flicken zusammengenäht. Über seinem roten Hemd trug er eine Weste aus schwarzem Leder, aus dem auch seine Stiefel waren. An seinem Gürtel hingen neben zahlreichen kleinen Taschen und Beuteln ein Dolch und ein Kurzschwert. Auf dem Rücken trug er einen Langbogen samt Köcher. Er hatte ein grimmiges Gesicht mit einer krummen Hakennase und einem schmalen Schnauzbart. Sein schwarzes Haar hatte er zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden.
    „Ich bin Diego“, sagte er leicht gelangweilt. „Ich bin…“, begann ich, doch Diego unterbrach mich: „Mich interessiert nicht, wer du bist. Du bist neu hier, ich kümmere mich um die Neuen, belassen wir´s vorerst dabei. Wenn du vorhast hier länger zu leben, solltest du dich ein bisschen mit mir unterhalten, ich werde dich allerdings nicht daran hindern in dein Verderben zu rennen, also wie sieht’s aus?“ „Also gut“, sagte ich, „reden wir. Warum hast du mir geholfen?“ „Weil du Hilfe gebraucht hast. Bullit und seine Jungs hätten dich womöglich kalt gemacht und das konnte ich nicht mit ansehen, schließlich bin ich den ganzen weiten Weg hierher gekommen, um dir einen Vorschlag zu machen.“ „Einen Vorschlag?“, fragte ich interessiert. „Ja deine Begegnung mit Bullit und seinen Jungs hat dir hoffentlich gezeigt, dass du Schutz brauchst. Jeder Neue wird hier vor eine Wahl gestellt: Es gibt drei Lager in der Kolonie und einem davon wirst du dich anschließen müssen. Ich bin hier, um Neuen wie dir klar zu machen, dass sie bei uns im Alten Lager am besten aufgehoben sind.“ Diego leierte seinen Text gelangweilt herunter, als hätte er ihn schon etliche Male aufgesagt, doch das störte mich weniger, wenn ich schon den Rest meines Lebens hier verbringen musste, dann wollte ich wenigstens alles über diesen Ort wissen. „Was ist das Alte Lager?“ „Es ist das größte und mächtigste der drei Lager, es war auch das erste. Und langsam muss ich dorthin zurück.“ „Und was ist mit mir?“, fragte ich, nach dem freundlichen Empfang gefiel mir der Gedanke, allein in dieser Welt herumzuirren gar nicht. „Du kannst mit mir kommen“, sagte Diego, „das Alte Lager ist der nächste halbwegs sichere Ort von hier und ich glaube kaum, dass du in der Wildnis pennen willst.“
    Wortlos drehte Diego sich um und betrat eine schmale Schlucht auf der anderen Seite des Talkessels. Ich folgte ihm. „Kannst du mir mehr über diesen Ort erzählen?“, fragte ich. „Wir nennen es die Kolonie, du wirst sicher schon gehört haben, dass wir hier Erz für den König fördern, nun zumindest wir vom Alten Lager.“
    Vor uns versperrte ein kleines, hölzernes Tor die Schlucht. Es wurde von zwei Männern bewacht, die in rote, metall- und lederverstärkte und stark geflickte Waffenröcke gekleidet waren. Sie ließen uns passieren, doch einer der beiden rief mir lachend zu: „Sieh zu, dass du zum Alten Lager kommst, sie halten schon ne Spitzhacke für dich bereit.“ „Wozu ist das Tor?“, fragte ich Diego. „Damit niemand an die Austauschstelle rankommt“, erklärte dieser, „schon gar nicht die Halsabschneider aus dem Neuen Lager.“ „Was stimmt mit dem Neuen Lager nicht?“ wollte ich wissen. „Nun, verglichen mit dem Neuen Lager ist das Alte Lager ein ruhiger und friedlicher Ort. Wenn du allerdings kein Problem damit hast, für ein altes Stück Brot die Kehle durchgeschnitten zu bekommen, bist du da richtig.“ „Dieser Bullit ist aber auch nicht allzu pfleglich mit mir umgegangen“, sagte ich und rieb mir mein immer noch schmerzendes Gesicht. „Ja, der Schlag ins Gesicht. Das nennen sie „die Taufe“.“ „Und habt ihr im Alten Lager noch mehr so nette Leute?“ „Es gibt schon einige Schweine, aber solange du dein Schutzgeld an die Gardisten bezahlst, ist alles in Ordnung.“ Schutzgeld? Das wurde ja immer besser. „Aber ich habe überhaupt kein Gold.“ „Macht nichts, ich auch nicht. Hier drinnen ist Gold wertlos, gibt eh kaum was davon.“ „Und was benutzt ihr dann als Währung?“ „Erz.“ „Aber das ist doch sehr wertvoll.“ Diego lachte, „ja, da draußen vielleicht. Aber der König braucht es ja auch für den Krieg und außerhalb der Kolonie ist es auch sehr selten, wenn man mal von Nordmar absieht, aber da sitzen ja eh schon seit langem die Orks. Aber hier drinnen? Hier gibt es Erz wie Sand in Varant. Das meiste tauschen wir aber mit der Außenwelt. Nur ein Bruchteil des Erzes, das wir schürfen, wird als Sold an die Leute ausgezahlt.“
    Die Schlucht wurde etwas breiter und auf beiden Seiten führten Stollen in den Berg, von denen die meisten eingestürzt waren. „Das ist die Verlassene Mine“, erklärte Diego. „Hier haben wir früher das Erz für den König gefördert, aber die Mine ist weit älter als die Kolonie. Vor neun Jahren ist die Mine eingestürzt, seitdem arbeiten wir in der Alten Mine.“ Wir hatten die Mine passiert, der Weg führte nun ein wenig bergab.
    Plötzlich fiel mir der Brief wieder ein, den ich ganz vergessen hatte. Ich blieb stehen und tastete an meinem Gürtel herum. Einen kurzen Moment dachte ich, ich hätte ihn im See verloren, dann fand ich ihn und zog ihn beruhigt aus meinem Gürtel. Bei genauerem Hinsehen, erkannte ich, dass er vollkommen unversehrt war, offenbar konnte ihm das Wasser nichts anhaben. Ich betrachtete das in den roten Wachs eingedrückte Siegel, es zeigte zwei stilisierte Hände, die zu einer Flamme beteten. Dies war das Symbol von Innos, dem Gott des Feuers und der Sonne, der Herrschaft und der Gesetze, dessen Priester die Feuermagier waren. „Kommst du?“, rief Diego. Ich blickte auf, er war schon fünf Meter weiter. Schnellen Schrittes schloss ich zu ihm auf und zeigte ihm den Brief. „Ich habe einen Brief an den obersten Magier des Feuers, ein Magier hat ihn mir gegeben, kurz bevor sie mich reinwarfen.“ „So?“, Diego zog eine Augebraue hoch und wirkte zum ersten Mal interessiert. „Nun, du kannst von Glück sagen, dass ich mich bei den Magiern nicht mehr blicken lassen kann. Jeder andere würde dir mit Freuden für diesen Brief die Kehle durchschneiden. Die Magier belohnen ihre Boten immer sehr gut und die Meisten hier haben gar nichts, verstehst du?“
    Ich nickte und steckte mir den Brief wieder in den Gürtel, darauf bedacht, dass er von meinem Hemd verborgen wurde. „An deiner Stelle“, fuhr Diego fort, „würde ich die Klappe halten, bis ich einen der Magier treffe, auch wenn das in deiner jetzigen Lage nicht allzu wahrscheinlich ist.“ „Warum nicht?“, wollte ich wissen. „Die Feuermagier sind Gomez´ Vertraute, sie leben bei ihm in der Burg und verlassen diese so gut wie nie. Allerdings ist das Betreten der Burg nur Gomez´ Leuten gestattet.“ „Und wer ist dieser Gomez?“ „Gomez ist der oberste Erzbaron, der Boss des Alten Lagers, der mächtigste Mann der Kolonie. Alle, die du bis jetzt hier getroffen hast, einschließlich mir selbst, arbeiten für Gomez.“ „Und mal angenommen ich wollte mich seinen Leuten anschließen, was müsste ich tun?“ „Du müsstest im Alten Lager mit einem Mann Namens Thorus reden, der die meiste Zeit vor dem Burgtor rumsteht.“
    Diego wandte sich um und ging weiter, ich folgte ihm. Den Rest des Weges sprachen wir nicht mehr. Es war ein langer Weg, als wir endlich am Ende der Schlucht angekommen waren sah ich, dass wir immer noch weit oben in den Bergen waren. Aus ungefähr zweihundert Metern Höhe blickten wir auf das Minental hinunter. Zu unserer Linken, im Osten wurde das Tal vom Myrtanischen Meer begrenzt, auf allen anderen Seiten schirmten steile Berge, auf deren Kuppen noch der Schnee glänzte, das Tal ab. Zwei große Flüsse durchzogen das Gebiet, von denen einer aus westlicher Richtung, der andere von Südwesten kam. Im Osten vereinigten sich die Flüsse und flossen gemeinsam ins Meer. Ungefähr in der Mitte des Tals stand eine alte steinerne Burg, umgeben von einem hölzernen Wall. „Das Alte Lager“, sagte Diego und deutete auf die Burg.
    Last edited by Jünger des Xardas; 07.02.2012 at 21:00.

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    Das Alte Lager

    Zu unserer Rechten führte ein natürlicher, steiler Bergpfad an der Felswand entlang ins Tal hinunter. Schweigend gingen wir den Pfad entlang, während der Fluss aus Westen unter uns am Fuße der Berge dahinfloss.
    Unten angekommen standen wir vor einer großen, von Hügeln durchzogenen Wiese zwischen dem Fluss und den Bergen. Auf der Wiese tummelten sich zahlreiche Scavengerschwärme. Ich beobachtete die etwa einen Meter siebzig großen, flugunfähigen Vögel. Anscheinend hatte bei ihnen die Balz schon begonnen. Die Männchen, mit dem auffälligen roten Gefieder und dem prächtigen lila Kopfputz, liefen laut gackernd und sich wild aufplusternd um die unscheinbaren grauen Weibchen herum, die offenbar teilnahmslos daneben standen. Angesichts der großen, gefährlichen Schnäbel war ich froh, dass Scavenger, wie ihr Name schon sagte, hauptsächlich von Aas lebten und sich ansonsten nur von Pflanzen und kleinen Nagern ernäherten. Menschen gegenüber waren sie glücklicherweise recht scheu, solange man ihren Nestern nicht zu nahe kam.
    Das Wasser lief mir im Mund zusammen, während ich die großen Vögel beobachtete. Das Kerkeressen, da war ich mir ziemlich sicher, hätte man auch sehr gut zur Folter einsetzen können. Scavenger dagegen waren sehr schmackhaft. Das und die Tatsache, dass sie leicht zu jagen waren, machte sie auch zu einer beliebten Beute für Jäger.
    Als wir die Wiese endlich überquert hatten, standen wir vor einem dichten Wald, der sich zwischen dem Fluss und den Bergen erstreckte. Die Bäume trugen noch keine Blätter. Zu unserer Linken führte eine alte Steinbrücke über den Fluss. Die Brücke war offenbar schon vor vielen Jahren eingestürzt. Man hatte einige Holzbretter über das große Loch in der Brücke gelegt. Wortlos ließen uns die beiden Wachen, die genauso wie die Wachen am Tor zur Austauschstelle gekleidet waren, passieren. Auf der anderen Seite des Flusses erhob sich das Alte Lager. Direkt vor uns war ein großes, hölzernes Tor in den Wall gebaut. Auch dieses Tor wurde von zwei Männern bewacht, die uns, nachdem sie mich kurz angehalten hatten, passieren ließen. Und so betrat ich zum ersten Mal das Alte Lager.
    In der Mitte des Lagers erhob sich die Burg. Sie war an vielen Stellen stark beschädigt, als wäre sie gerade erst von einem Dutzend Katapulte beschossen worden. Trotzdem machte sie noch einen stolzen Eindruck. Das Burgtor befand sich ungefähr gegenüber dem Eingangstor, durch welches wir gerade das Lager betreten hatten. Die Burg war von einem unebenen Graben umgeben, der anscheinend seit Jahrzehnten nicht mehr zur Verteidigung genutzt wurde.
    An zahlreichen Stellen war Erde aufgehäuft worden, so dass man den Graben bequem betreten und verlassen konnte. Die Zugbrücke, die das Tor wohl einst gehabt hatte, fehlte vollkommen, dafür war vor dem Tor ein besonders großer Erdhaufen aufgehäuft worden, so dass der Graben an dieser Stelle gänzlich zugeschüttet war.
    Die Gefangenen wohnten in unzähligen schäbigen Holzhütten, falls man die winzigen Bretterbuden überhaupt so nennen konnte. Die Hütten waren dicht an dicht gebaut, nicht wenige davon im Graben. Sie besaßen alle nur einen Raum. Fußboden und Möbel fehlten völlig.
    In den Ecken stank es nach Müll und Fäkalien. Angeekelt sah ich, wie sich einige Leute in einer großen Pfütze am Fuß der Burgmauer wuschen, über der ein Abflussrohr der Burg endete.
    Überall krabbelten Fleischwanzen herum. Diese kleinen Insekten erinnerten vom Aussehen und Verhalten her an zu groß geratene Kakerlaken. Man fand sie überall da, wo Müll rumlag. Der Großteil der Bewohner des Lagers war in schäbige dreckige Stofffetzen und Lumpen gekleidet. Zahlreiche andere trugen dieselbe Kleidung wie Diego und waren wie er mit Langbögen und Kurzschwertern bewaffnet. Ich sah auch einige Wachen im Lager patrouillieren, die dieselben Waffenröcke wie die Brücken- und Torwachen trugen, an denen wir auf unserem Weg vorbeigekommen waren. Sie waren mit Armbrüsten und Breitschwertern bewaffnet.
    „Da vorn ist Thorus“, sagte Diego und deutete auf einen im Burgtor stehenden Mann, der eine silberne Rüstung trug. Ohne ein weiteres Wort ging Diego in Richtung Tor davon. Ich blickte ihm noch kurz hinterher, dann begab ich mich zu Thorus.
    Thorus war groß, muskulös und dunkelhäutig. Er hatte schwarzes Haar, ein grimmiges Gesicht, eine knollige Nase und ein kleines Bärtchen zwischen Kinn und Unterlippe. In seinem linken Ohr steckten zwei goldene Ohrringe und auf dem Rücken trug er einen großen Zweihänder. „Du siehst nicht aus, als würdest du jeden in die Burg lassen“, sprach ich ihn an. „Nur Gomez´ Leute kommen in die Burg“, sagte Thorus gelangweilt. „Können wir nicht eine Ausnahme machen, ich habe einen Brief für den obersten Feuermagier, den ich abgeben muss.“ Kaum waren die Worte über meine Lippen gekommen, bereute ich sie auch schon. Doch zu meinem Glück schien Thorus nicht an der Belohnung der Magier interessiert zu sein. „Und du glaubst, dass ich dich jetzt einfach hier reinspazieren lasse, damit du deinen Brief abgeben und die Belohnung kassieren kannst?“ „So in etwa hatte ich mir das vorgestellt.“ „Falsch gedacht, Kleiner. Nur Gomez´ Leute kommen in die Burg.“ „Würdest du mich vielleicht für eine entsprechende Menge Erz in die Burg lassen“, fragte ich vorsichtig. Thorus blickte sich um, dann sagte er leise: „für eine entsprechende Menge.“ „Wieviel?“, fragte ich. „Nun, es müsste eine Weile dauern, das Erz zu zählen, solange würden ich und die Jungs am Tor dann wegsehen“, er nickte zu den beiden Wachen hinter sich, die das Tor flankierten. „Wieviel?“, fragte ich leicht ungeduldig. „100.000 Brocken.“ „100.000 Brocken???“ Ich musste mich hier nicht auskennen, um zu wissen, dass 100.000 Brocken eine ganze Menge Erz waren. „Gibt es keinen billigeren Weg?“ „Die einzigen, die umsonst in die Burg kommen, sind Gomez´ Leute, die Boten der Wassermagier und die Krautlieferanten der Sekte.“ „Und was müsste ich tun, um mich Gomez´ Leuten anzuschließen?“ „Warum glaubst du, sollte Gomez an dir interessiert sein?“, fragte Thorus abfällig. „Diego meinte, du entscheidest, wer Gomez interessiert.“ „So?“, sagte Thorus in überfreundlichem Ton, „nun, wenn das so ist, dann soll er sich auch mit dir rumschlagen! Und jetzt verschwinde und lass mich meine Arbeit machen!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, dieser Thorus war offenbar kein sehr geduldiger Zeitgenosse.
    Diego lehnte an der Wand der Hütte, die der Burg am nächsten war und offenbar ihm selbst gehörte. Verglichen mit den anderen Hütten war Diegos Hütte ein richtiger Palast: Es gab einen Tisch, vier Hocker, eine Truhe, ein Bett und ein kleines, hölzernes Vordach.
    Fragend blickte Diego mich an, er hielt einen Eschenzweig in der Hand und schnitzte mit seinem Dolch einen Pfeil daraus. „Ich hab mit Thorus geredet“, sagte ich. „Und?“, fragte Diego. „Er sagte, du entscheidest, ob ich aufgenommen werde.“ Diego seufzte. „Sieht so aus, als hätte ich einen neuen Job.“ „Fangen wir direkt an?“ „Nicht so schnell, als erstes solltest du einiges über die Kolonie und das Leben hier erfahren.“ „Also gut, dann erzähl mir etwas über die Barriere.“ „Die Barriere? Da gibt’s nicht viel zu erzählen, sie ist einfach da und wer einmal hier drinnen ist, den lässt sie nicht mehr raus.“ „Was genau passiert denn, wenn ich hier einfach wieder rausspaziere?“ „Der Letzte, der das versucht hat, ist tot auf der anderen Seite angekommen. War kein schöner Anblick, als er von den Blitzen gegrillt wurde. Diese verdammte Barriere lässt dich zwar rein, aber raus kommst du hier nicht mehr.“ „Wenn es einen Weg hier raus gibt, dann werde ich ihn finden“, sagte ich entschlossen. Denn dass ich nicht den Rest meines Lebens hier verbringen wollte, wusste ich schon jetzt. Diego zog eine Augenbraue hoch, „hast du es so eilig hier wieder rauszukommen? Du bist ja grade mal da.“ „Ich habe nicht vor den Rest meines Lebens hier zu verbringen. Aber egal, erzähl mir lieber was über die anderen Lager.“
    „Nun da hätten wir einmal das Neue Lager im Westen der Kolonie. Die Magier dort glauben, wenn sie genug Erz zusammenkratzen und den Haufen sprengen, können sie die Barriere vernichten – totaler Schwachsinn, wenn du mich fragst. Der Rest des Lagers besteht, wie schon gesagt, aus Halsabschneidern. Über das Neue Lager lässt sich eigentlich sagen, egal, was dir in der Kolonie wann, wo, wie und von wem geklaut wurde, da findest du es wieder. Das Alte und das Neue Lager sind verfeindet, schon seit das Neue Lager vor acht Jahren gegründet wurde. Dann gibt es noch die Sektenspinner im Osten der Kolonie. Sie beten zu ihrem Götzen, er möge ihnen die Freiheit schenken. Bis jetzt hat er sich noch nicht gemeldet, soweit ich weiß. An deiner Stelle würde ich meine Zeit nicht mit diesen Spinnern verschwenden.“ „Muss ich sonst noch etwas wissen?“ „Nur, dass du in der Wildnis aufpassen musst. Das Minental ist ein gefährlicher Ort: In den Bergen leben Trolle, die Wälder sind voll von Ogers und Wölfen und im Südwesten gibt es noch das Orkgebiet, ich muss ja wohl kaum erklären, warum wir das so nennen.“ „Hier gibt es Orks?“, fragte ich überrascht. „Ja ein recht kleiner, unzivilisierter Stamm, der nichts mit den Orks, die aufm Festland gegen Rhobar kämpfen, zu tun hat.“ „Was ist mit dem Alten Lager?“ „Das Alte Lager war, wie schon gesagt, das erste Lager. Die Burg war schon vor der Kolonie hier. Rhobar I. hat sie damals errichten lassen, um die Erzminen besser kontrollieren zu können. Seitdem lebte in der Burg die Erzgarde. So wurden die königlichen Soldaten genannt, die die Minen beschützten. Ihr Anführer war ein vom König eingesetzter General, der den Titel Erzbaron bekam und mit seiner Familie im Palas der Burg lebte. Vor der Barriere waren die Gefangenen im Kerker unter der Burg eingepfercht, aber als die Barriere erschaffen wurde, herrschte eine solche Aufregung, dass die Gefangenen fliehen konnten. Unter Gomez´ Führung haben sie dann alle Bewohner der Burg getötet. Gomez hat sich und seinen besten Männern dann den Titel Erzbaron verpasst und seitdem sind sie die Herrscher des Lagers.
    Die Vertrauten der Erzbarone sind die Feuermagier, die im Alten Magiertempel der Burg ihren Sitz haben. Als die Magier nach dem großen Aufstand in der Burg erschienen, traute sich niemand, sie anzugreifen. Die besten Kämpfer haben sich die Rüstungen und Waffen der Erzgarde unter den Nagel gerissen und wurden die Gardisten.“ Diego deutete auf die im Lager patrouillierenden Wachen. „Sie sind die Wachen des Lagers. Sie bewachen das Lager, die Burg, die Mine, die Konvois, einfach alles. Ihr Anführer ist Thorus, der selbst schon fast ein Erzbaron ist. Er hat sein Zimmer sogar in ihrem Gebäude. Der Außenring wurde nach dem großen Aufstand von den Gefangenen errichtet. Er ist in drei Viertel unterteilt: Das Markt-, das Arena- und das Haupttorviertel, in welchem wir uns grade befinden. Jedes Viertel untersteht einem Gardisten. Dieser Gardist sammelt von allen Buddlern in seinem Viertel Schutzgeld. Die Gardisten beschützen jeden, der in ihrem Viertel gezahlt hat.“ „Und was passiert mit den Buddlern, die nicht zahlen?“ „Offiziell gar nichts“, erklärte Diego. „Aber sagen wir mal so: Es bekommt ihnen besser, wenn sie zahlen.“ „Und was genau sind Buddler?“, wollte ich wissen. „Buddler sind die abgerissenen Gestalten, die hier in den Hütten leben“, erklärte Diego. „Wie ihr Name schon sagt, sind sie es, die das Erz zu Tage fördern. Sie verbringen abwechselnd zwei Wochen in der Mine, wo sie Erz schürfen und kein Tageslicht zu Gesicht bekommen und zwei Wochen im Lager. Sie haben fast schon einen Sklavenstatus. Von dem Erz, das sie schürfen, kriegen sie nur wenig ab. Jedes Mal, wenn sie zwei Wochen in der Mine gearbeitet haben, kriegen sie 50 Brocken, mit denen sie dann die nächsten zwei Wochen über die Runden kommen müssen. Das meiste davon geht als Schutzgeld für die Gardisten drauf, aber wenn sie Glück haben, können sie ein paar Brocken aufheben, mit denen sie dann in der Arena wetten oder sich Essen kaufen können.“ „Kriegen sie denn nicht so Essen?“ „Schon“, sagte Diego „aber das reicht grade mal, um nicht umzufallen, satt werden sie davon nicht.“ „Was passiert mit dem restlichen Erz?“ „Einiges davon wird eingeschmolzen oder gelagert, vieles kriegen die Erzbarone und Gomez´ Männer kriegen auch einiges ab, je höher der Rang, desto mehr Erz, doch das meiste bekommt der König. Im Austausch gegen das Erz kriegt Gomez alles vom König: Brot, Käse, Schinken, Bier und Wein – nicht dieser billige Reisschnaps aus dem Neuen Lager, sondern richtig guter Stoff – und natürlich Frauen.“ „Der König tauscht Erz gegen Frauen?“, fragte ich ungläubig. „Ja wir kriegen alles, was wir verlangen. Wir haben den alten Sack in der Hand, verstehst du? Sie sind natürlich auch verurteilte Gefangene. Wenn Gomez sie nicht angefordert hätte, säßen sie in irgendeinem Kerker. Bin mir nicht sicher, was schlimmer ist. Aber zurück zu den Gruppen hier im Lager. Es gibt hier im Lager noch einen Rang: Zwischen den Buddlern und Gardisten kommen wir Schatten. Wir erledigen die Aufträge für die Erzbarone. Wir müssen sowohl geschickte Kämpfer, als auch Diebe sein. Ich bin der Anführer der Schatten und gleichzeitig Thorus´ Rechte Hand.“
    „Okay, alles klar und was ist jetzt mit der Aufnahme?“ „Ist im Grunde ganz einfach“, erklärte Diego. „Du musst nur die einflussreichen Leute hier im Außenring von dir überzeugen. Jeder von ihnen kann dir seine Stimme geben. Du brauchst mindestens acht Leute, die für dich stimmen. Buddler kannst du jederzeit werden, dann musst du zwar die meiste Zeit in der Mine schuften, aber immerhin hast du nen festen Schlafplatz und kriegst jeden Tag was zu essen. Dann gibt es da noch die Prüfung des Vertrauens, das ist die Prüfung, die dir der Fürsprecher, also ich, stellt. Die musst du in jedem Fall ablegen. Allerdings kannst du sie erst gestellt bekommen, wenn du schon genug Stimmen für die Aufnahme zusammen hast.“ „Okay und wer sind die einflussreichen Leute?“
    Diego grinste. „Nun, einer steht hier direkt vor dir und dann ist da noch Thorus, den kennst du ja bereits. Die anderen kann ich dir bei einer kleinen Führung durchs Lager vorstellen, wenn du willst.“ „Klar“, sagte ich. „Gehen wir als erstes zu Thorus?“ „Thorus?“, fragte Diego und zog die Augenbrauen hoch. „He, wir sprechen hier von einem der mächtigsten Männer innerhalb der Barriere, der Kerl ist ne Nummer zu groß für dich.“ „Was soll denn so schwer an der Aufgabe sein, die er mir gibt? Ich schaff das schon“, sagte ich bestimmt. Diego zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst, sind deine Knochen.“ Er steckte sich den halbfertigen Pfeil in den Köcher und sagte: „nach dir.“

    „Grrr, was willst du denn schon wieder?“, fragte Thorus genervt, als wir uns näherten. „Ich will mir ein paar Pluspunkte verdienen, stell mich auf die Probe.“ Ungläubig blickte Thorus mich an, dann sagte er zu Diego gewandt: „hast du ihm nicht erklärt, wie das hier läuft?“ „Es muss doch etwas geben, das du erledigt haben willst“, sagte ich, bevor Diego antworten konnte. „Vergiss es, Kleiner“, sagte Thorus. „Die Dinge, um die wir Gardisten uns sorgen, sind ne Nummer zu groß für dich.“ „Ich kann alles schaffen, was du mir aufträgst“, drängte ich. Thorus seufzte. „Du willst also unbedingt versagen, hm? Ich hätte da eine Aufgabe für dich.“ „Lass hören“, sagte ich erfreut, dass ich ihn überredet hatte. „Das, was ich dir jetzt erzähle bleibt unter uns beiden und niemand wird je davon erfahren, verstanden?“ „Und was ist mit Diego?“, fragte ich. „Diego ist meine rechte Hand, er weiß es bereits.“ „Okay, ich werde niemandem davon erzählen.“ „Gut, also hör zu: Es geht um einen Kerl aus dem Neuen Lager, sein Name ist Mordrag und er hat die Erzbarone bestohlen. Das trifft natürlich auf den Großteil des Neuen Lagers zu, aber der Kerl treibt´s zu weit: Er kommt in unser Lager und verkauft unsere Ware an unsere Jungs zurück. Aber er weiß, dass ich nichts machen kann.“ „Und warum nicht?“ „Weil er unter dem Schutz der Magier steht. Unsere Magier stehen mit denen des Neuen Lagers in Kontakt. Er ist einer ihrer Boten und als solchen darf ich ihn nicht umlegen oder aus dem Lager werfen lassen.“ „Klingt eher, als wären die Magier dein Problem“, sagte ich. Thorus lachte gequält auf. „Ja, aber eins, dass sich schwer lösen lässt. Kurz nach der Erschaffung der Barriere hat mal einer der Schatten versucht, den obersten Magier des Feuers im Schlaf zu erdolchen. Wir haben ihn später im Außenring gefunden, an verschiedenen Stellen im Außenring.“ Ich schluckte. „Und was glaubst du, machen die Magier mit mir?“ „Mit dir? Gar nichts. Du bist neu und unbekannt, du musst dir keine Sorgen machen.“ „Gut, dann kümmere ich mich um ihn“, sagte ich. Thorus nickte. „Ich will, dass er sich hier nicht mehr blicken lässt, wie du das anstellst, ist deine Sache, aber zu niemandem ein Wort.“ „Keine Sorge“, sagte ich. „Alles wird gut.“ Thorus schnaubte, „toll, dann kann ja nichts schief gehen. Und jetzt verschwinde und lass mich endlich meine Arbeit machen!
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    Diego führte mich nach links in den Graben. „Da hast du dir ja was vorgenommen“, sagte er. „Ach, das schaff ich schon, irgendwie“, erwiderte ich, obwohl ich mir da nicht so sicher war. „Wie dem auch sei“, meinte Diego. „Wir kommen jetzt ins Arenaviertel. Ich stell dich jetzt Snaf vor.“ „Ist das einer der einflussreichen Leute?“, wollte ich wissen. „Jep. Vom Rang her ist er nur ein Buddler, aber da er hier einer der wenigen ist, die kochen können, hat er ne Art Sonderstatus. Glaub mir, jemand, der kochen kann, hat hier drinnen viele Freunde.“ „Aber was macht ein Koch in der Barriere?“, fragte ich. „Früher war er Koch im „Wütenden Eber““, erklärte Diego, „aber, es gab da ein Missverständnis zwischen einem Gast, einem Hackebeil und ihm. Aber keine Sorge“, fügte er angesichts meines erschrockenen Gesichtsausdrucks hinzu, „er ist eigentlich ganz umgänglich. Da vorne ist er schon.“
    Snaf war ein dicker Kerl, mit einer fleckigen Schürze, der vor einer Hütte stand und in einem Kessel herumrührte. „Abend Diego“, sagte er „willst du etwas Ragout?“ „Nein danke, ich komme wegen dem Neuen hier.“ Snaf blickte mich strahlend an. „Ah, ein Neuer auf der Suche nach Stimmen!“, sagte er. Ich nickte, „was gibt’s zu tun?“ „Ist im Grunde ganz einfach, ich brauche nur ein paar Zutaten für ein neues Rezept.“ „Was denn für ein Rezept?“ „Fleischwanzenragout à la Snaf, mit Reis und Pilzen, eine Verfeinerung meines Fleischwanzenragouts.“ „Fleischwanzenwas?“, fragte ich angewidert. „Das ist das, was ich meist für die Schatten und Buddler hier koche.“ Snaf fuhr mit seiner Kelle in den Kessel und schöpfte etwas auf eine Holzschale. „Hier“, sagte er und überreichte mir die Schale. „Weil du neu bist, kriegst du eine kostenlose Portion, aber ab jetzt kostet jede Portion drei Erz für dich.“ Ich blickte auf die Schale, was bei mir sofort einen Würgereiz auslöste: Darin lagen lauter zerhackte Fleischwanzen, übergossen von einer Sauce, die die Farbe von Erbrochenem hatte. „Lecker, nicht wahr?“, fragte Snaf, der meinen Ekel offenbar nicht bemerkt hatte, während Diego sich ein Lachen verkniff. „Etwas Reis und ein paar Höllenpilze wären eine perfekte Ergänzung, findest du nicht auch?“ „Ja sicher“, sagte ich, immer noch angewidert. „Und, ich sag dir was“, fuhr Snaf fort, „wenn du mir Reis und Pilze bringst, kriegst du auch einmal wöchentlich eine kostenlose Portion, zusätzlich zu meiner Stimme.“ „Ach wirklich?“, fragte ich, „hab ich ein Glück. Wo finde ich die Zutaten?“ „Die Pilze solltest du auf der Ebene vor dem Südtor finden, Nek hab ich auch dorthin geschickt.“ „Wer ist Nek?“ „Er war der Boss dieses Viertels, ich hab ihn Pilze suchen geschickt, aber er kam nicht zurück. Er war hier ziemlich unzufrieden, ich denke er ist zum Neuen Lager übergelaufen. Ist ja auch egal. Den Reis kriegst du nur im Neuen Lager, dort haben sie Reisfelder.“ „Dann gib mir Erz, damit ich den Reis kaufen kann.“ Snaf lachte, „die werden uns nichts verkaufen und ich lass dich sicher nicht mit meinem Erz durchbrennen. Den Reis wirst du dir auf eine billigere Art besorgen müssen, wenn du verstehst.“ Ich nickte, „okay, ich besorg dir dein Zeug.“ „Gut“, sagte Snaf erfreut, „dann, bis bald und guten Appetit. Ach und die Schale heb dir auf, ich kann ja schlecht jeden Tag ein paar hundert neue Schalen ausgeben.“

    „An deiner Stelle würd ich das Zeug essen, hier drin gibt’s selten was anderes“, sagte Diego, während wir weitergingen. Ich nahm eine der zerhackten Fleischwanzen, steckte sie mir in den Mund und spuckte sie sofort wieder aus, es schmeckte widerlich. Diego grinste, „man gewöhnt sich dran.“ „Wirklich?“, ich konnte mir das nicht so recht vorstellen. Diego lachte auf, „nein, nicht wirklich, aber wenn du erst mal den Würgereflex im Griff hast, kriegst du alles runter. Hier wohnt übrigens Fingers, er ist der beste Dieb des Alten Lagers. Außerdem gehört er zu meinen Vertrauten. Er kümmert sich um die Schatten hier im Arenaviertel.“ Diego und ich gingen zu der Hütte. Fingers war ein strohblonder Schatten, der vor der Hütte saß und eine Portion Fleischwanzenragout verspeiste. „Ah, wieder ein Neuer?“, fragte er. Diego nickte. „Hm“, Fingers musterte mich. „Verstehst du was vom Klauen?“ „Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Nun, wenn du bei den Schatten aufgenommen werden willst, reicht es nicht, dass du mit ner Waffe umgehen kannst, du musst auch ein bisschen was vom Diebstahl verstehen. Ich sag dir was: Komm morgen früh zu meiner Hütte, ich zeig dir dann ne Stunde lang, wie du ein Schloss knackst. Das wird nur für die Grundlagen reichen, aber ich geb dir dafür meine Stimme, falls du dich nicht gerade wien betrunkener Oger anstellst. Den Rest kannst du immer noch lernen, wenn du Schatten bist.“

    „Es ist schon spät“, sagte Diego, während wir weitergingen. „Ich stell dir morgen den Rest der einflussreichen Leute vor. Wie wärs mit einem kleinen Besuch in der Arena? Dort finden abends öfters Kämpfe statt, du hast Glück, heute sind einige recht spektakuläre dabei.“ „Warum nicht?“, sagte ich.
    Die Arena war etwa zweihundert Meter von Fingers Hütte entfernt in den Graben gebaut. Sie war kreisrund und bestand aus Stein. Die meisten Plätze waren Stehplätze, lediglich auf einem kleinen Holzturm neben der Arena standen ein paar Stühle unter einem von Pfählen gehaltenen Lederdach. Zahlreiche Buddler, Schatten, Gardisten und auch einige Leute, die ganz anders gekleidet waren als die restlichen Lagerbewohner und höchst wahrscheinlich aus einem der anderen Lager kamen, hatten sich bereits vor der Arena versammelt. Ich hatte Glück, in Begleitung von Diego zu sein, den alle wegen seines Rangs nach vorne ließen, da ich von dem Platz aus, den ich sonst bekommen hätte, nicht das Geringste gesehen hätte.
    Der Boden der Arena war staubig und mit vertrocknetem Blut bedeckt, er wurde von zwei Fackeln, die an den Wänden hingen, beleuchtet. Ein Gang führte vom Graben aus in den Ring. Nach einiger Zeit, in der sich die Arena weiter gefüllt und ich mein Ragout aufgegessen hatte, rief plötzlich jemand, „MACHT PLATZ FÜR GOMEZ UND SEINE ERZBARONE!“ Sofort warfen sich alle in den Staub oder auf die Knie. Diego zog mich rasch zu Boden. Aus den Augenwinkeln sah ich fünf Männer und zwei Frauen in der Mitte von zehn Gardisten, die dieselben silbernen Rüstungen wie Thorus trugen, auf den Turm zumarschieren und darin verschwinden. Alle erhoben sich wieder und ich blickte sofort zum Turm. Sechs der Gardisten hatten sich vor der Tür postiert, die anderen vier standen in den vier Ecken des Turms. Auf dem mittleren Stuhl hatte sich ein Erzbaron mit stark angegrautem schwarzem Haar und Schnurrbart niedergelassen, er trug ein Gewand aus schwarzem Samt mit Fellkragen und Lederstiefeln. Die eine der beiden Frauen, welche ich als die erkannte, die mit mir in die Barriere reingeworfen worden war, war sehr leicht bekleidet und zog deshalb viele Blicke auf sich. Sie stand neben dem mittleren Erzbaron und fächerte ihm mit einem großen Fächer Luft zu. Hinter dem Erzbaron standen zwei ähnlich gekleidete Barone, deren Kleidung nicht ganz so prunkvoll war. Sie waren beide groß und bullig, wirkten aber nicht besonders intelligent. Der eine von beiden hatte mausgraues, der andere blondes Haar. Letzterer hatte eine große Narbe, die sich über sein ganzes Gesicht zog und es fürchterlich entstellte. Auf dem linken Stuhl saß ein dicker Erzbaron mit Schnauzer und braunem Haar in einem roten Prunkgewand. Der letzte Erzbaron trug ein schwarzes Gewand, ähnlich dem des mittleren. Er hatte sich nicht auf seinem Stuhl niedergelassen, sondern stand mit verschränkten Armen zur Rechten des mittleren Erzbarons und ließ seinen Blick über die Menge schweifen. Er hatte rabenschwarzes Haar und einen Vollbart und wirkte sehr bedrohlich. Die zweite Frau stand weiter hinten im Schatten, wo man nur ihre Konturen erkennen konnte. „Das sind die fünf Erzbarone“, erklärte Diego. „Der da ist Gomez“, er deutete auf den mittleren, der sich grade einen zigarettenähnlichen Stängel von einem der Gardisten reichen ließ, sich ihn in den Mund steckte und eine grüne Rauchwolke ausstieß. „Hier gibt es Sumpfkraut?“, fragte ich verwundert darüber, dass es die begehrte Droge aus dem Süden, welche in Myrtana verboten war, gerade hier gab. „Ja die Sektenspinner bauen es bei sich im Sumpf an und verkaufen es an die anderen Lager“, erklärte Diego. „Die beiden Gorillas hinter Gomez sind Arto und Scar, seine Leibwachen. Hirn haben die beiden nicht, aber kämpfen können sie, auch wenn sie sich die meiste Zeit den Wanst voll schlagen und sich mit den Frauen vergnügen, die Gomez ihnen zur Verfügung stellt, weil er genug von ihnen hat.“ Diego musste mir nicht sagen, wer von den beiden Scar war. „Der Kerl zu Gomez´ Linken ist Bartholo“, fuhr Diego fort. „Er kümmert sich um die Versorgung der Burg. Dazu gehören nicht nur die Verwaltung der Waren aus der Außenwelt und der Lebensmittel, sondern auch des Sumpfkrauts und anderer Güter, sowie die Überwachung der Köche innerhalb der Burg. Der letzte, der dort neben Gomez steht, ist Raven, Gomez´ rechte Hand. Er ist der eigentliche Führer des Lagers.“ „Ich dachte Gomez wäre der mächtigste Mann der Kolonie.“ „Offiziell“, erklärte Diego. „Gomez ist nur an Annehmlichkeiten und Macht interessiert. Er ist ein ziemlich ungeduldiger und jähzorniger Mann, der sehr leicht in Rage gebracht werden kann und meist aus dem hohlen Bauch heraus entscheidet. Gomez kommt ungefähr zweimal die Woche wegen irgendeiner Kleinigkeit auf die Idee einen Krieg mit einem der anderen Lager anzufangen, meist mit dem Neuen Lager. Deshalb auch Gomez der Schlächter.“ „Das ist Gomez der Schlächter?“ Diego nickte. Ich blickte hinauf zu dem obersten Erzbaron. Wie wahrscheinlich jeder im Land kannte auch ich die Geschichten über seine schrecklichen Taten, für die er nun hier in der Barriere saß. Doch Strafe konnte man dies wohl kaum nennen. „Wir können von Glück sagen, dass Raven soviel Einfluss auf Gomez hat, sonst würde es das Lager wahrscheinlich nicht mehr geben“, fuhr Diego fort. „Raven ist ein gerissener Kerl, auch wenn ihm die einfachen Leute im Lager am Arsch vorbeigehen, können wir froh sein, dass er hier ist. Trotzdem, irgendetwas ist komisch an dem Kerl. Ich mag ihn nicht besonders.“ Ich blickte zu Raven hinauf, dessen Blick noch immer über die Menge schweifte. Plötzlich trafen sich unsere Blicke und einen kurzen Moment blickte er mir über seine schnabelähnliche Harkennase hinweg in die Augen. Ich hatte das Gefühl von den Klauen eines Greifvogels durchbohrt zu werden. Doch schon nach einem winzigen Moment wandte Raven seinen Blick wieder ab und ließ ihn weiter über die Menge schweifen.
    „Redet ihr über meinen Mann?“, fragte eine spöttische Stimme. „Jup“, antwortete Diego, ohne sich umzusehen. „Abend Velaya.“ Ich drehte mich um, vor uns stand die Frau, die bis eben noch im Schatten des Lederdachs oben bei den Erzbaronen gestanden hatte. Sie trug eine leichte Rüstung aus schwarzem Leder und war mit einem Rapier und mehreren Dolchen und Messern aller Art bewaffnet. Obwohl sie im Gegensatz zu der anderen Frau richtige Kleidung trug, zog sie viele Blicke auf sich. Verständlich, da viele Gefangene schon seit Jahren hier in diesem Männerknast lebten, wo die einzigen Frauen den Erzbaronen gehörten. Außerdem war sie auch noch auffallend hübsch. Doch aus irgendeinem Grund schien sich niemand zu trauen sie auch nur anzusprechen. „Darf ich vorstellen“, sagte Diego. „Velaya.“ „Die Velaya?“, fragte ich aufgeregt. „Velaya die Katze von Vengard? Die gefährlichste Assassinin Varants, die selbst Zuben im Zweikampf besiegte? Die Kriegerin, die von Nordmarern aufgezogen wurde? Die Frau, die auf den Südlichen Inseln vergiftet wurde und deren Rolle eine andere Frau einnahm?“ Velaya lachte, „du solltest nicht alles glauben, was man sich so erzählt, Kleiner. Schon erstaunlich, wie viele Geschichten noch über einen entstehen, wenn man längst von der Bühne verschwunden ist. Dass ich vergiftet wurde und gar nicht ich selbst bin, wusste ich noch gar nicht. Aber was ist aus der Geschichte geworden, dass ich Beliar meinen Körper verkauft und dafür das Geheimnis, wie man sich mit einem Zauber unsichtbar macht, erhalten habe?“ „Die kannte ich nicht“, erwiderte ich etwas perplex. Velaya strich sich lachend etwas von ihrem schulterlangen schwarzen Haar aus dem Gesicht. „Schade, die mochte ich, eine Nacht mit dem Gott der Finsternis und unsichtbar sein, was will man mehr? Ich nehme an, du bist neu hier?“ „Heute erst reingekommen“, sagte ich. „Du sagtest, Raven wäre dein Mann.“ „Naja, zu dem Zweck hat mich Gomez zumindest damals kommen lassen, aber Raven interessiert sich nicht für Frauen und ich habe privat nichts mit ihm zu tun. Ich schlafe nicht mal bei ihm im Zimmer.“ „Was machst du dann die ganze Zeit?“ „Oh, ich erledige „besondere“ Aufträge. Ich bin die einzige Frau in der Kolonie, die für die Erzbarone arbeitet, alle anderen Frauen hier drin dienen nur als Matratzen für Gomez und seine Erzbarone. Da Raven nicht an Frauen interessiert ist und meinen Wert erkannt hat, erledige ich jetzt einige spezielle Aufgaben und da jeder, der mich anfasst, hingerichtet wird, kann ich mich hier auch frei bewegen, obwohl ich die meiste Zeit in der Burg bin.“ „Was soll das für ein Wert sein, den Raven erkannt hat, wenn die Geschichten nicht wahr sind?“ „Ich habe nur gesagt, dass du nicht alles glauben sollst, etwas Wahrheit kann in jeder Geschichte stecken.“
    Last edited by Jünger des Xardas; 31.03.2012 at 13:55.

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    Die Arena


    „HOCHVEREHRTE ERZBARONE! WERTE GARDISTEN UND SCHATTEN! – UND DIE BUDDLER“, ertönte plötzlich eine Stimme, woraufhin sich alle Köpfe dem Boden der Arena zuwandten, wo ein stämmiger Schatten mit kurz geschorenem Haar und kräftigem Kinn aufgetaucht war. „Scatty“, flüsterte Diego. „Er organisiert die Kämpfe in der Arena und kümmert sich um die Wetten. Er ist dementsprechend einflussreich, wir besuchen ihn morgen.“ „ES IST MIR EIN GROßES VERGNÜGEN, DEN ERSTEN KAMPF DES ABENDS ANSAGEN ZU DÜRFEN“, fuhr Scatty fort. „ES TRETEN AN: DER CHAMPION DES NEUEN LAGERS, SIEGER ÜBER BLADE DIE KLINGE, ER KOMMT AUS DEM WESTEN UND IST EIN SÖLDNER DES LEE, HEUTE KÄMPFT ER IN DIESER ARENA: KHARIM!“ Lautes Gejohle und Geklatsche brach aus. Überall riefen Zuschauer „Kharim! Kharim! Kharim!“ und pfiffen laut, während ein Mann in einer ledernen, fell- und metallverstärkten Rüstung die Arena betrat. „Ich dachte das Alte und das Neue Lager verstehen sich nicht besonders gut, warum lasst ihr ihre Leute hier kämpfen?“ „Weil die Leute es am liebsten sehen, wenn einer von denen aus dem Neuen Lager was auf die Fresse kriegt, da wird mehr gewettet“, erklärte Diego. „UND AUS DIESEM LAGER, GARDIST DER ERZBARONE, SIEGER ÜBER ULGOR DEN HALBORK: DRAKE!“ Wieder johlte, pfiff und schrie die Menge. Drake, ein blonder Gardist, betrat die Arena. Die beiden Kontrahenten stellten sich einander gegenüber und zogen die Waffen. Während Drake wie alle anderen Gardisten ein Breitschwert trug, war Kharim mit einem Morgenstern bewaffnet. „MÖGE DER KAMPF BEGINNEN!“, rief Scatty und lief aus der Arena.
    Sofort fiel der erste Schwerthieb von Drake. Kharim duckte sich, schnellte dann nach oben und rammte Drake den Morgenstern in die Seite, so dass dieser zu Boden geschleudert wurde. „Kharim! Kharim! Kharim!“ „Wird ein kurzer Kampf“, meinte Velaya. Diego nickte, „schade, mir war zwar klar, dass Kharim gewinnt, aber ich hab gehofft, dass es wenigstens etwas zu sehen gibt.“ Drake rollte sich zur Seite, entging so knapp einem Schlag Kharims und schlug nach dessen Beinen, traf jedoch nur die Beinschiene, an der sein Schwert abprallte. „Los, mach ihn fertig!“ „Kharim! Kharim!“ „Das ist doch kein Gegner!“ Drake sprang wieder auf, sein Schwert und Kharims Morgenstern verkeilten sich, als sie beide erneut angriffen. „Kharim! Kharim!“ „Schlitz ihn auf! Schlitz ihn auf!“ „Drake!“ Drakes Schwert glitt über den Griff von Kharims Morgenstern hinweg und streifte ihn am Arm, da Kharim es rechtzeitig von seinem Gesicht ablenkte. Nun traf er den aus der Deckung hervorgekommenen Drake am Oberarm und gleich darauf in den Magen, so dass er wieder zu Boden fiel. „Kharim! Kharim!“ „Reiß ihm die Gedärme raus!“ Drake rollte sich stark blutend auf dem Boden, der Kampf war vorbei. Kharim blickte zu den Erzbaronen hoch, Gomez streckte den Daumen nach unten. Kharim drehte sich um, nahm Drakes Schwert und trennte diesem damit den Kopf ab. Die Menge johlte, während Kharim triumphierend die beiden Waffen in die Höhe stieß. „Kranker Bastard!“, schimpfte Velaya und blickte zu Gomez hinauf.
    Als Kharim die Arena verlassen und man Drakes Leiche rausgetragen hatte, erschien Scatty wieder in der Arena. „UND NACH DIESEM KAMPF FREUE ICH MICH, DEN ZWEITEN KAMPF DES ABENDS ANZUKÜNDIGEN: ER KOMMT AUS DEM GROßEN SUMPF IM SÜDEN. ER IST EINER DER SEKTENSPINNER, LANGE ZEIT KÄMPFTE ER IN UNSERER MINE GEGEN DIE MINECRAWLER: GOR NA BOR!“ Wieder brüllte die Menge, als ein Mann mit blauen Schulterplatten und einem knielangen braunen Rock, auf den merkwürdige Symbole gestickt waren, die Arena betrat. Er trug ein langes, schmales Schwert auf dem Rücken, hatte sich eine Glatze geschoren und seinen ganzen Körper mit grauen Symbolen tätowiert. „UNGLÄUBIGE!“, rief er. „SEHT, WIE STARK ICH DANK DEM ALLMÄCHTIGEN SCHLÄFER GEWORDEN BIN!“ „Halt die Klappe, du Spinner!“ „SCHWÖRT DEN DREI GÖTTERN AB! SIE LIEßEN ES ZU, DASS IHR HIER EINGESPERRT WURDET, ABER DER ALLMÄCHTIGE SCHLÄFER WIRD DIEJENIGEN, DIE IHM HULDIGEN, BEFREIEN UND ÜBER ALLE ANDEREN STELLEN!“ „Wir wollen einen Kampf sehen und uns nicht dein Geschwafel anhören!“ „DER ALLMÄCHTIGE SCHLÄFER WIRD KOMMEN UND …“ Ein Schrei unterbrach Gor Na Bor: Gomez hatte seinen Sumpfkrautstängel fertig geraucht und an der nackten Schulter der Frau neben ihm ausgedrückt. Nun schnipste er den Stängel Gor Na Bor vor die Füße. „Wir wollen nichts von deinem dämlichen Kiffergott hören, wir wollen einen Kampf sehen!“ Wütend blickte Gor Na Bor zu Gomez hinauf, nickte aber und legte die Hand an den Griff seines Schwertes.
    „GOR NA BOR KÄMPFT GEGEN DEN KÖNIG DER TIERE! DEN UNERMÜDLICHEN JÄGER! ER IST EIN TIER DER NACHT! ER RIECHT SEINE BEUTE MEILENWEIT UND LÄSST NICHT MEHR VON IHR AB, WENN ER EINMAL IHRE FÄHRTE AUFGENOMMEN HAT! ER SIEHT IM DUNKELN BESSER, ALS WIR AM TAG! ER IST SCHNELLER ALS DER WIND! ER HÖRT EINEN KNACKENDEN ZWEIG AUS EINTAUSEND METERN ENTFERNUNG! FRISCH GEFANGEN IM ÖSTLICHEN WALD: EIN SCHATTENLÄUFER!“ Ein Raunen ging durch die Menge. Auch ich hielt den Atem an. All das, was Scatty erzählt hatte und noch vieles mehr, hatte ich bereits über diese mystischen, geheimnisvollen Kreaturen gehört, doch hatte ich noch nie einen zu Gesicht bekommen. Nur die größten Jäger trauten sich an diese Monster heran und nur die größten Krieger und Fürsten trugen Kleidung aus ihrem Fell.
    Scatty hatte die Arena verlassen und vor dem Eingang wurde ein Gitter heruntergelassen. An der Seite des Ganges zur Arena öffnete sich ein weiteres Gitter und man konnte kurz eine Bewegung im Schatten ausmachen. Langsam zog Gor Na Bor sein Schwert. Wir warteten mit angehaltenem Atem.
    Der Schattenläufer hasste das Licht und wollte im Schatten des Ganges bleiben. Doch der Hunger, den die Bestie nach der langen Gefangenschaft hatte, schien zu überwiegen: Ohne Vorwarnung sprang sie einer gewaltigen Katze gleich in die Arena. Der Schattenläufer sah aus wie eine Mischung aus Bär und Katze. Von ersterem hatte er seine Größe und seine Kraft, von letzterer seine Eleganz und seine Bewegungen. Er hatte ein zottiges, seidiges, silberschwarzes Fell, riesige Pranken und einen kurzen, schmalen Schwanz. Auf seinem Rücken hatte er einen eng angelegten Stachelkamm und auf seiner Stirn prangte ein großes, gebogenes Horn.
    Der Schattenläufer fixierte Gor Na Bor mit seinen gelben Katzenaugen. Sein Stachelkamm sträubte sich und er setzte zum Sprung an. Bor wich dem Sprung des Untiers aus und schlug mit seinem Schwert nach ihm, verfehlte ihn jedoch knapp. Der Schattenläufer wandte den Kopf zur Seite und rannte mit gesenktem Horn auf Gor Na Bor zu. Dieser wich abermals aus und streifte den Schattenläufer mit seinem Schwert an der Seite. Das Tier brüllte auf und traf Gor Na Bor mit seiner mächtigen Pranke. Der Sektenspinner stieß einen Schrei aus, als die Krallen drei blutige Wunden quer über seine Brust rissen und machte einen Satz nach hinten. Gor Na Bor und der Schattenläufer liefen nun im Kreis umeinander herum und behielten sich dabei immer im Auge. Brüllend rannte Gor Na Bor auf den Schattenläufer zu, dieser war jedoch schneller und traf Gor Na Bor mit seiner Pranke, so dass dieser zu Boden fiel. Sofort stürzte der Schattenläufer sich auf seinen Gegner und drückte ihn zu Boden. Verzweifelt versuchte dieser mit der rechten Hand an sein zu Boden gefallenes Schwert zu kommen, während er mit der Linken das Kinn des Schattenläufers umklammerte und versuchte seinen Kopf wegzudrücken.
    Gor Na Bors Finger schlossen sich um den Griff seines Schwertes, doch es war bereits zu spät. Ein Aufschrei war zu hören, als der Schattenläufer seinem Opfer die Kehle durchbiss. Knapp zwanzig Gardisten mussten mit Speeren antreten, um den Schattenläufer zurück in seinen Raum unter der Arena zu treiben. „UND NUN“, sagte Scatty, als man auch Gor Na Bors Leiche aus der Arena gebracht und dem Schattenläufer zum Fraß vorgeworfen hatte, „KOMMEN WIR ZUM LETZTEN KAMPF DES ABENDS! DER BUDDLER JESSE HAT ES GEWAGT, 5 ERZBROCKEN AUS EINEM KONVOI DER ALTEN MINE ZU STEHLEN! ALS STRAFE MUSS ER IN DER ARENA GEGEN EIN RUDEL HUNGRIGER WARGE AUS DEM ORKGEBIET ANTRETEN! ABER DIE ERZBARONE SIND GNÄDIG UND ERLAUBEN IHM, SICH MIT EINEM MESSER ZU VERTEIDIGEN!“ Nicht wenige der Zuschauer lachten. Ich hatte genug über Warge gehört, um zu wissen, dass man ihn genauso gut hätte anbinden können. Diego zog mich am Arm. „Komm, für so was hab ich nichts übrig“, sagte er. Während wir zu einem kleinen Platz oberhalb der Arena gingen, hörten wir hinter uns die Schreie des Buddlers, der von den Wargen zerfleischt wurde. Velaya folgte uns.
    „Du kannst in der Hütte da pennen“, sagte Diego und deutete auf eine der Hütten auf der anderen Seite des Platzes. „Sie ist unbewohnt, solange dich niemand rausprügelt, darfst du sie haben. Ich hol dich dann morgen bei Fingers ab. Nacht.“ „Nacht“, sagte ich. Diego ging in Richtung Burgtor davon. Velaya nickte mir mit aufmunterndem Lächeln zu, hob die Hand zum Gruß und wandte sich zum Gehen. Ich schaute ihr nach. Sie war tatsächlich ausgesprochen hübsch…
    Vor dem Eingang der Hütte hing ein großes Spinnenetz, welches ich mit der Hand zur Seite schob. Die Hütte roch schrecklich nach Moder und Verwesung und am Boden hörte ich ein leises Krabbeln. Als ich die Hütte betrat, hörte ich unter meinen Füßen das widerliche Geräusch von Fleischwanzen, die gerade zertreten wurden. Der Boden schien voll von Dreck und Unrat. Ehrlich gesagt war ich ganz froh, dass es Nacht war und ich nicht sah, was hier alles herumlag. Ich legte mich auf die hoffentlich sauberste Stelle des Bodens und blickte zur Decke. Bis jetzt gefiel es mir hier gar nicht. Dieser Diego schien ganz in Ordnung und Velaya… aber alles andere…
    Velaya… eine seltsame Frau – im positiven Sinne. Irgendetwas war merkwürdig an ihr. Sie hatte so etwas seltsam Vertrautes an sich als würde ich sie kennen. Und in ihren Augen lag etwas Bekanntes, ein gewisser Schimmer… eine seltsame Frau.
    Es würde eine kalte Nacht werden, der Winter hatte gerade erst aufgehört und die Reste des Spinnenetzes würden mich sicher nicht vor der Kälte schützen. Und Hunger hatte ich auch, dieses Fleischwanzenragout war nicht nur widerlich, die Portion hatte nicht einmal gereicht um satt zu werden. Es musste doch einen Weg hier heraus geben. „Wenn es einen Weg gibt, dann werde ich ihn finden, ich werde nicht den Rest meines Lebens hier verschimmeln“, sagte ich laut.

    Es blitzte. Eine aus einem Totenschädel geschnitzte Maske erschien vor mir. Seltsame symmetrische Symbole waren in die Maske geschnitzt. In der Mitte prangte ein großes Auge. Die Maske wurde von sechs gewundenen Hörnern umkränzt.
    „Du!“, rief eine schneidende Stimme.
    Ich trug eine seltsame Rüstung und ein altes Schwert und kämpfte, Seite an Seite mit fünf anderen. Jeder von ihnen hielt ein großes, altes Schwert, welches er in ein pulsierendes Herz rammte.


    Ich blinzelte und öffnete die Augen, es war Morgen. Als ich aus der Hütte trat, stellte ich fest, dass es in der Nacht geregnet hatte. Ich machte mich durch den Schlamm und Matsch auf den Weg zu Fingers.

    „Ah, ich habe dich bereits erwartet“, sagte dieser, als ich vor seiner Hütte erschien. „Fangen wir direkt an.“ Fingers reichte mir einen Dietrich und wies auf eine Truhe in seiner Hütte. „Ich bring dir erst mal die Grundlagen bei. Im Grunde ist es ganz einfach: Du steckst den Dietrich ins Schloss und drehst ihn vorsichtig herum. Dabei musst du auf den Wiederstand und das leise Klicken achten. Drehst du den Dietrich zu schnell oder in die falsche Richtung kann es sein, dass er abbricht.“
    Ich übte eine Stunde mit Fingers und schaffte es einmal sogar das Schloss zu öffnen. Nach einiger Zeit kam Diego. „Und?“, fragte er Fingers. Dieser nickte „er kriegt meine Stimme, auch wenn er noch viel Übung braucht und aus ihm wohl nie ein richtiger Schlösserknacker wird.“ Nachdem Fingers und Diego noch ein paar Worte gewechselt hatten, machte ich mich froh über meine erste Stimme mit letzterem auf den Weg in Richtung Arena.

    Vor dem Eingang für die Gladiatoren war ein hölzerner Stand an der Burgmauer errichtet worden, hinter dem Scatty saß und Wetteinnahmen zählte. „Ah Diego“, sagte er. „Hattest wie immer nen guten Riecher“, er reichte Diego einen Geldbeutel. „Hier das Vierfache deines Einsatzes.“ Diego hängte sich den Beutel an den Gürtel. „Du bist der einzige, der nie nachzählt, eines Tages geb ich dir mal nicht deinen ganzen Gewinn.“ Diego lachte. „Ich weiß, dass du ein ehrlicher Kerl bist, Scatty, bei jedem anderen würd ich nachzählen.“
    Der Arenameister wandte seinen Blick zu mir. „Neu was? Nehm an, du willst meine Stimme?“ „Ja“, sagte ich, „was muss ich tun?“ „Du bist nicht der Einzige, der Schatten werden will. Letzten Monat kam ein Kerl namens Kirgo hier rein. Besiege ihn in der Arena. Ich könnte euch heute Abend vor den Kampf zwischen Benwick und Wedge schieben. Der von euch beiden, der den Kampf gewinnt, kriegt die Stimme und ein Preisgeld von 50 Erz.“ „Okay und wann soll der Kampf sein?“ „Kurz nach Sonnenuntergang, wenn du nicht auftauchst, gewinnt Kirgo.“

    „Wenn du heute Abend kämpfen willst, sollten wir dir eine Waffe besorgen“, sagte Diego. „Ganz in der Nähe lebt Huno der Schmied, folge mir.“ „Aber ich kann doch gar nicht kämpfen“, sagte ich, während ich hinter Diego herlief. „Und Geld habe ich auch keins.“ „Das lass mal meine Sorge sein“, erwiderte Diego und ging weiter.
    Auf dem Platz oberhalb der Arena kam uns ein griesgrämig dreinblickender Gardist entgegen. „Morgen Fletcher“, grüßte Diego. „Morgen“, erwiderte der Gardist mürrisch. „Stimmt was nicht?“, fragte Diego. „Ja, siehst du doch, ich muss noch immer diesen Scheißjob machen! Seit Nek, das Arschloch, verschwunden ist, lässt Thorus mich hier das Schutzgeld eintreiben, obwohl ich den Job hasse. Wer ist das überhaupt?“, er nickte mit dem Kopf zu mir hinüber. „Ein Neuer, ich bring ihn grad zu Huno, damit er sich ne Waffe kaufen kann.“ „Hm, na dann bis bald und sag mir Bescheid, wenn du was von Nek hörst.“ „Mach ich, aber du solltest dich lieber an Sly wenden, er ist an der Sache dran.“ Fletcher schnaubte und stapfte weiter über den Platz. „Was für ne Fleischwanze ist dem denn über die Leber gelaufen?“, fragte ich. „Hast es ja gehört, er muss jetzt Neks Job machen, seit der verschwunden ist. Er hasst den Job und die Buddler lachen sich deshalb hinter seinem Rücken einen ab. Ich frage mich, wo Nek hin ist“, fuhr Diego nachdenklich fort. „Die meisten denken, er wär übergelaufen, aber das glaube ich nicht. Er hat zwar immer viel gemeckert, aber ins Neue Lager ist er sicher nicht gegangen. Naja, dort vorn ist Hunos Schmiede.“
    Die Schmiede war eigentlich eine Hütte, der die Vorderwand fehlte und in der man eine Esse, einen Amboss und einen Schleifstein aufgestellt hatte. „Ich hab aber gar kein Geld für ein Schwert“, sagte ich. „Macht nichts“, erwiderte Diego. „Ich leih dir das Geld.“ „Aber wie soll ich es dir zurückgeben?“ „Ich setze einfach auf dich, so krieg ich es wieder rein.“ „Und wenn ich verliere?“ „Du wirst nicht verlieren, glaub mir, ich hab einen Riecher für so was.“ Wir betraten die Schmiede, wo ein kräftiger, braunhaariger Schmied arbeitete.
    „Wies aussieht, verstehst du dein Handwerk“, sagte ich freundlich. Der Schmied blickte auf. „Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert. Aber das will ich auch niemandem geraten haben. Jeder Pisser hier braucht ein Schwert und das kriegen sie von mir. Nehm an, du willst auch ne Waffe?“ „Genau, wieviel kostet das beste Schwert, das du da hast?“, fragte Diego. „150 Erz“, erwiderte Huno, ging zu einer Truhe und holte ein Kurzschwert heraus. „Es heißt Buddlerzucht.“ Diego zahlte Huno 150 Erz für das Schwert und führte mich zu einer Baumgruppe vor dem Nordtor.

    Es war ein schöner Morgen: Die Vögel zwitscherten und im Fluss tauchte ein Lurker, ein schäferhundgroßer Lurch mit glitschiger, gelber Haut, nach Fischen. „Dann zeig mal, was du kannst“, sagte Diego. Ich zog mein Schwert, doch Diego schlug es mir aus der Hand, bevor ich reagieren konnte. „Der Schlag war nicht sonderlich schwer zu blocken“, sagte Diego. „Hast du überhaupt schon mal ein Schwert in der Hand gehabt?“ „Klar“, antwortete ich. „Und hast du damit auch gekämpft?“ „Naja, nicht so richtig. Aber ich hab schon mal einen Scavenger besiegt.“ „Wow, was für eine Heldentat. Und da willst du heute Abend gegen Kirgo gewinnen?“ „Ich sagte doch, ich kann nicht kämpfen. Aber kannst du es mir nicht beibringen?“ Diego schnaubte. „Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Niemand kann an einem Tag kämpfen lernen“, erklärte er. „Aber Kirgo ist genauso schlecht wie du, also müssen wir dir nur eine Technik beibringen, mit der du ihn besiegen kannst.
    Wir fangen mit den Grundlagen an. Arbeiten wir zu erst mal an deiner Haltung: Anfänger neigen dazu Einhandwaffen mit beiden Händen zu halten, mit so was fängst du am besten gar nicht erst an. Ich meine, was glaubst du, wozu die Dinger EINHANDwaffen heißen? Also halte das Schwert mit einer Hand, Klinge nach oben und schön schwingen lassen. Der Schwung muss aus den Beinen kommen, im Grunde ist alles Beinarbeit. Ein Kämpfer, der verkrampft dasteht, hat keine Chance. Also Beine auseinander und leicht in die Knie. Dann musst du immer daran denken, dass das Schwert die Verlängerung deines Arms ist und als solche musst du es auch behandeln. Du musst mit der Waffe verschmelzen, eins mit ihr werden. Anders, als die meisten Laien denken, schlägt man sich in einem Kampf nicht einfach die Klingen aufeinander, bis man mal zufällig trifft. Die meisten Kämpfe sind ziemlich kurz: Die Gegner tasten sich ab. Wenn einer glaubt eine Lücke in der Deckung des Gegners gefunden zu haben, schlägt er zu, trifft er bei diesem Schlag nicht, hat der Gegner, wenn er nicht grad ein blutiger Anfänger ist, gewonnen.“
    Diego übte mit mir den ganzen Tag über ein und dieselbe Technik. Am Ende schien er zuversichtlich und sagte, dass ich ein Naturtalent sei.
    Ich selbst war nicht ganz so optimistisch, da mir der Trick nicht einmal wirklich gelungen war. Doch das lag, wie ich mir einredete, nur an Diegos Können.
    Kirgo wartete, schon mit einem Kurzschwert bewaffnet, an der Arena, neben ihm stand Scatty. „Dachte schon, du kommst nicht mehr“, sagte letzterer. „Ich geh jetzt da raus und sag euren Kampf an, dann kommt ihr rein.“
    Ich und Kirgo vermieden es uns anzusehen. Von den Rängen der Arena hörte ich Rufe und Gebrülle. „UND NUN KÄMPFEN ZWEI NEUE, DIE HIER IM LAGER AUFGENOMMEN WERDEN WOLLEN, UM MEINE ZUSTIMMUNG!“, hörten wir Scatty rufen. „DER BUDDLER KIRGO UND DER ERST GESTERN EINGETROFFENE NEUE …“ Ich hörte gar nicht richtig hin, sondern bereitete mich geistig auf den Kampf vor und versuchte meine Aufregung loszuwerden.
    Es gab mäßigen Applaus, als wir in die Arena traten. Da heute keine großartigen Kämpfe stattfanden, waren wesentlich weniger Zuschauer als am Vortag da. Die meisten waren Schatten und Buddler. Von den Erzbaronen war keiner anwesend. „MÖGE DER KAMPF BEGINNEN!“, rief Scatty.
    Kirgo packte sein Schwert und schlug damit nach mir. Ich parierte den Schlag, so dass sich unsere Klingen überkreuzten. „Mach ihn fertig! Mach ihn fertig!“ Dann drückte ich Kirgos Klinge mit meiner beiseite. Meine Klinge rutschte über seine hinweg zu seinem Gesicht. Sein Schwert streifte meine Schulter und ich spürte einen schmerzhaften Schnitt, doch ich hatte gewonnen: Die Spitze von Buddlerzucht war genau auf sein Gesicht gerichtet. Die Menge brüllte.
    „Töte ihn! Töte den dreckigen Bastard!“, hörte ich einen der Gardisten von der Arena her rufen.
    Plötzlich wurde es still. Ich blickte zu Kirgo, dann zu dem Gardisten, dann wieder zu Kirgo. Sie wollten wissen, was ich für einer war, ob ich ein kaltblütiger Mörder war. Ich blickte hinauf zu den Rängen und erkannte Diego und Velaya, die mich beide mit leicht gerunzelter Stirn anblickten. Nein, ich war kein Mörder, ich war unschuldig! Ich ließ mein Schwert sinken und verließ die Arena.
    „Feigling!“, rief mir der Gardist hinterher und verpasste aus Wut einem der neben ihm stehenden Buddler einen Schlag ins Gesicht.
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    Die Schatten des Alten Lagers


    „Gut gemacht“, sagte Diego, als ich aus der Arena trat. „Wusste doch, dass du den Trick hinkriegst. Mit ein bisschen Übung wird aus dir noch ein richtig guter Schwertkämpfer!“ Diego zog eine sternenförmige Pflanze mit vier grünen und vier orangenen Blättern aus einem Beutel an seinem Gürtel: Ein Heilkraut. Er drückte mir das Kraut auf den blutenden Schnitt an meiner Schulter und band es mit einer Binde aus seiner Tasche fest. „Sollte bis morgen verheilt sein“, sagte er. „Ich bin froh, dass du Kirgo am Leben gelassen hast, das spricht für dich. Und du hast damit allen gezeigt, wo du stehst.“
    „Gut gekämpft, Kleiner“, sagte Scatty, der gerade aus der Arena kam, wo er den nächsten Kampf angesagt hatte. „Du kriegst meine Stimme, aus dir kann noch einmal ein guter Kämpfer werden. Hier ist dein Preisgeld.“ Scatty drückte mir einen Beutel in die Hand. Ich blickte hinein: Er war voller kleiner, blauer, schwach leuchtender Brocken, die von lila Adern durchzogen waren. Scatty wandte sich an Diego. „Hier dein Erz“, sagte er und übereichte ihm einen Beutel.
    Nachdem ich mir bei Snaf eine Portion Fleischwanzenragout abgeholt hatte, ging ich mit Diego und Velaya, die von den Rängen heruntergekommen war und sich uns still angeschlossen hatte, hinauf zu meiner Hütte. Nach dem Training und dem Kampf war ich erschöpft und wollte nur noch schlafen. Selbst die Freude über meinen Sieg konnte die Müdigkeit nicht übermannen.
    „Danke, dass du mir das Schwert gekauft und mich trainiert hast“, sagte ich. Diego winkte ab „das geht schon klar.“ „Aber warum hilfst du mir? Ich glaube kaum, dass du das bei jedem Neuen machst.“ „Die meisten, die hier reinkommen sind Arschlöcher oder was glaubst du, warum viele Gardisten so drauf sind? Aber du bist anders. Du bist in Ordnung, deswegen helf ich dir. Die meisten müssen sich nen anderen Schatten als Fürsprecher suchen. Für was ham sie dich eigentlich hier reingeworfen? Mord wird es ja wohl nicht gewesen sein.“ „Das weiß ich selbst nicht.“ „Du musst doch wissen, wieso sie dich reingeworfen haben.“ „Ich bin unschuldig, ich habe keine Ahnung, warum ich hier drin bin.“ „Hier drin ist niemand unschuldig. Dieses ganze verdammte Tal ist voll von Mördern, Dieben, Ketzern, Deserteuren, Vergewaltigern, Kollaborateuren, Fälschern, Hehlern, und was weiß ich noch alles. Da du schon mal kein Mörder bist, kann deine Tat ja nicht sooo schlimm gewesen sein. Komm schon, mir kannst du´s sagen.“ „Das hab ich doch grade. Ich hab nichts getan. Und ich bin sicher nicht der erste, der unschuldig hier landet.“ „Kommt drauf an, wie du unschuldig definierst. Die meisten der Buddler waren wohl schon vor der Barriere arme Schweine. Kerle, die erwischt wurden, als sie ein paar Brotkrumen klauten, um zu überleben. Oder Bauern, die die im Krieg ansteigenden Steuern nicht mehr zahlen konnten. Einige sind auch einfach hier drin, weil sie in der falschen Gesellschaft gefunden wurden oder weil sie einmal zu oft das Falsche zum Falschen gesagt haben. Und im Suff an nen Innosschrein zu pinkeln reicht auch, um als Ketzer verurteilt zu werden.“ „Also gibt es viele, die unschuldig sind.“ Diego schüttelte den Kopf. „Ich sag doch, hier ist niemand unschuldig. Vielleicht kommst du unschuldig rein, aber du bleibst es nicht lange, glaub mir. Na wie dem auch sei. Ich hol dich morgen früh ab. Gute Nacht.“
    Im Vorbeigehen warf er Velaya noch einen Blick zu. Sie nickte.
    „Der Gardist, der wollte, dass du Kirgo tötest, war Bloodwyn, der Boss des Haupttorviertels“, erklärte Velaya, nachdem Diego in Richtung seiner Hütte verschwunden war. „Dadurch, dass du Kirgo nicht getötet hast, hast du dir sowohl Feinde als auch Freunde gemacht. Diego und ich gehören sicher zu letzteren. Innerhalb des Lagers und der Kolonie gibt es viele Gruppen, Gruppen, die über die Lager und ihre Beziehungen zueinander hinausgehen. Durch deine Entscheidung in der Arena hast du dich ohne es zu wissen auf die Seite einer Gruppe und gegen eine andere gestellt. In allen Lagern wirst du Leute finden, die hier wieder rauswollen. Selbst hier im Alten Lager hat sich nicht jeder mit seinem Schicksal abgefunden. Du bist vielversprechend und du wirkst nicht wie jemand, der hier bleiben will.“ „Auf keinen Fall“, sagte ich. Velaya nickte. „Eben. Ich glaube nicht an den Ausbruchsplan der Wassermagier und schon gar nicht an den der Sekte, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Weg hier raus gibt und es gibt viele, die ähnlich denken.“ „Worauf willst du hinaus?“ Velaya musterte mich. Ihre großen, dunklen Augen schienen tief in mein Innerstes zu blicken. „Wenn du eine Möglichkeit finden solltest uns hier rauszubringen“, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, „zögere nicht, sie zu ergreifen, auch wenn du dabei gegen bestimmte Leute und ihre Ziele arbeitest. Es gibt keinen Grund, sich irgendwem verpflichtet zu fühlen, was zählt, ist die Freiheit.“
    Velaya wandte sich um und ging Richtung Burg davon. Ich blieb stehen und blickte ihr nach. Sie hatte mich gerade indirekt zum Verrat an Gomez aufgefordert.

    An diesem Abend lag ich noch eine Weile wach. Ich hatte meine ersten Stimmen gewonnen! Ich hatte den Arenakampf gewonnen! Doch was noch viel besser war: Ich hatte die Freundschaft von Diego und Velaya gewonnen!
    Velaya… Das Bild Diegos trat in den Hintergrund, während das ihre immer größer, immer deutlicher wurde. Ihr hübsches Gesicht erschien vor meinem inneren Auge. Was hieß hübsch? – Hinreißend schön!
    Ein Turm aus schwarzem Stein erhob sich dunkel gegen den Himmel. Ein Mann in einer schwarzen Kutte schritt auf die Barriere zu. Sein weißes Haar schimmerte im Mondlicht. Er trat durch die Barriere hindurch, sie konnte ihm nichts anhaben.
    Meine Lippen formten im Schlaf einen Namen: Xardas!

    „Aufstehen!“ Ich öffnete die Augen und erkannte Diego über mir. Ich gähnte. „Wassen los?“
    „Ein neuer Tag und nichts hat sich geändert. Komm mit, Langschläfer, ich stell dir jetzt den Rest der einflussreichen Leute vor.“ Gähnend erhob ich mich und blickte als erstes prüfend an meinem Arm hinunter. Vorsichtig nahm ich den Verband ab. Die Wunde war vollständig verheilt, während das Heilkraut leicht vertrocknet zu sein schien und sich seine Ränder braun gefärbt hatten. „Was ist, kommst du?“, fragte Diego leicht ungeduldig. Ich nickte und folgte ihm aus der Hütte. „Wohin gehen wir?“, fragte ich, während wir durch den Graben an der Arena vorbeigingen. „Ins Marktviertel“, erklärte Diego. „Wie der Name schon sagt, liegt dort der Marktplatz. Die beiden Händler dort, Dexter und Fisk sind ziemlich einflussreich, da sie sogar unter den Gardisten Kunden haben.“
    Ein Stück weiter lag im Graben die Spitze eines Turms, welcher wohl einst von der Burg, wo man immer noch seinen unteren Teil sah, abgebrochen und in den Graben gefallen war. „Den hat einer der Blitze getroffen, als die Barriere sich weiter ausdehnte als vorgesehen“, erklärte Diego. „Seitdem markiert er die Grenze zwischen Arena- und Marktviertel.“
    Kurz hinter der Turmspitze war ein steinerner Turm in den Holzwall gebaut. Der Turm schien schon vor langer Zeit eingestürzt zu sein, heute stand nur noch das untere Stockwerk, wobei die dem Lager zugewandte Seite fehlte. Eine steinerne Rampe führte vom Graben hinauf zum Turm. In der dem Lager abgewandten Seite befand sich ein Loch, welches von zwei Gardisten bewacht wurde. Ein aus ein paar Brettern zusammengenageltes Tor hing darüber und konnte mittels einer Winde heruntergelassen werden. „Das ist das Südtor“, erklärte Diego. „Da vorn kommt der Marktplatz.“
    Der Marktplatz war eigentlich nur eine breitere Stelle im Graben, über die sich – wahrscheinlich zum Schutz der Waren vor Wind und Wetter – ein großes Holzdach spannte. In der Mitte des Platzes brannte ein Lagerfeuer und auf jeder Seite war ein Stand mit Waren errichtet.
    Diego führte mich zu einem der beiden Stände. Er war mit Tränken und Sumpfkrautstängeln beladen. „Ah Diego, willst du Kraut?“, fragte der braunhaarige Schatten hinter dem Stand. Diego schüttelte den Kopf. „Heut nicht Dexter, ich bin wegen dem Neuen hier.“ „Ah verstehe, du willst also meine Stimme?“ „Ja“, sagte ich. „Was muss ich dafür tun?“ „Nun, wie du siehst, handle ich mit Tränken und Sumpfkraut aus dem Lager der Sekte. Leider sind die Tränke, die ich ihnen abkaufe, ziemlich teuer. Mein Geschäft würde wesentlich besser laufen, wenn ich die Tränke selbst herstellen könnte.“ „Verstehe“, sagte ich. „Ich soll dir also das Rezept besorgen?“ „Genau. Es ist im Besitz eines Mannes namens Cor Kalom, er ist der Alchemist und zweite Mann des Lagers. Mir ist egal, wie du das Rezept besorgst, Hauptsache ich kann die Tränke selbst herstellen.“ „Gut dann gib mir 50 Erz, damit ich diesem Kalom das Rezept abkaufen kann.“ Dexter lachte. „Vergiss es.“ „Kein Erz, kein Rezept.“ „Okay, okay, über das Erz können wir reden, wenn du das Rezept hast.“ „Vergiss es, ich will jetzt Erz sehen.“ „Es gibt noch genug andere Neue, vielleicht sollte ich einem von denen den Auftrag geben.“ „Gut vergessen wir die Sache“, ich wandte mich zum Gehen, aber mein Plan ging doch noch auf. „Warte“, sagte Dexter und drückte mir einen Geldbeutel in die Hand. „Wollte nur sehen, wie weit du gehst. 50 Erz sind ziemlich viel für einen Neuen, findest du nicht?“ „Hört sich schon besser an“, erwiderte ich.

    „Du bist mutig“, sagte Diego, während wir über den Platz zu dem anderen Händlerstand gingen. „Das gefällt mir.“
    Der zweite Händler war dunkelhäutig und hatte ein schmales Gesicht. „Hey man, ich bin Fisk, glitschig wie ein Fisch, beweglich wie ein Fisch, verschwiegen wie ein Fisch, ich handle mit Waren aller Art, brauchst du was?“, sprach er mich sofort mit leiser, heiserer Stimme an. „Das Einzige, was er braucht, ist deine Stimme“, meldete sich Diego zu Wort. „Ah Diego, hab dich gar nicht gesehen. So, meine Stimme also? Ich hätte da nen kleinen Auftrag für dich, sollte nicht allzu schwer sein: Whistler, der Idiot, hat mir meinen guten Bogen zerbrochen. Ich hab Kirgo, der sich nach dem lausigen Kampf gestern unbedingt meine Stimme verdienen wollte, zu Cavalorn, dem Jäger und Bogner, draußen vorm Lager geschickt, um mir nen neuen Bogen zu kaufen, aber er kam nicht wieder.“ „Und was soll ich da machen?“ „Bei Cavalorns Hütte treiben sich öfter Goblins rum, könnte sein, dass er denen zum Opfer gefallen ist. Ich will, dass du zu Cavalorn gehst und mir einen neuen Langbogen kaufst. Hier, 2.000 Erz sollten reichen“ und er drückte mir einen Geldbeutel in die Hand.
    „Aber vergiss nicht, die Kolonie ist klein und ich habe Beziehungen. Wenn du also mit dem Erz durchbrennst, finde ich dich. Und für den Fall, dass du Kirgo findest, bring mir mein Erz zurück und erteil ihm eine Lehre, falls er mit dem Erz durchgebrannt ist.“
    „Dann auf zu Whistler“, sagte Diego und führte mich vom Marktplatz weg. „Whistler zählt genau wie Fingers zu meinen Vertrauten. Er ist für die Schatten hier im Marktviertel zuständig. Er hat ein seltsames Faible für Schwerter mit Ornamenten, aber ansonsten ist er ein guter Mann.“

    Whistlers Hütte stand am Rand des Marktplatzes. Der glatzköpfige Schatten, welcher einen großen Schnauzbart trug, saß vor seiner Hütte und polierte ein reich verziertes Schwert. „Ah Diego, spielst du mal wieder Babysitter für nen Neuen?“, gluckste er. „Sag mir einfach, was ich für die Stimme tun muss“, antwortete ich auf Whistlers Frage. „Du sollst mir ein Schwert von Fisk besorgen. Kein gewöhnliches, sondern eins mit Ornamenten. Er ist da neulich durch Zufall an ein sehr schönes Stück gekommen.“ „Warum besorgst du es dir nicht selbst?“ „Weil Fisk es mir nicht mehr verkaufen will.“ „Warum?“ „Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.“ „Und?“ „Und das ist alles, was du wissen musst. Du bist mir ein wenig zu neugierig“, entgegnete Whistler gereizt. „Besorg mir einfach das Schwert, aber lass dir nicht einfallen mit dem Erz durchzubrennen, klar?“, sagte er und gab mir einen Beutel Erz. „Werd ich schon nicht“, antwortete ich.

    Als nächstes führte Diego mich den Weg oberhalb des Grabens entlang. „Jetzt sind wir fast einmal rumgelaufen“, erklärte er, als wir an eine Hütte kamen, die uns den Weg versperrt hätte, hätte sie nicht zwei Türen, eine auf jeder Seite, gehabt. „Die Hütte dort markiert die Grenze zum Haupttorviertel. Ein Stück weiter lebt mein letzter Vertrauter, Sly. Der Zuständige im Haupttorviertel.“
    Als wir durch die Hütte mit den zwei Türen gingen, rief der Buddler, dem die Hütte gehörte, „wie oft hab ich euch Pennern gesagt, rennt nicht durch meine Hütte?“ „Was ist dein Problem“, fragte ich. „Ach lass mich doch in Ruhe. Jeder hier hat ein Problem mit mir. Es fing alles damit an, dass ich meine Hütte an den Graben gebaut habe: „Bau deine Hütte nicht an den Graben“, haben sie gesagt. Aber keiner von den Pennern wollte mir sagen, was passiert, wenn ich es doch tue. Als ich vor ein paar Wochen aus der Mine zurückkam, hatte ich plötzlich ne zweite Tür! Diese Schweine, ich hasse sie, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich sie hasse! Jetzt rennt jeder durch meine Hütte, jeder Arsch!“
    Diego packte mich am Arm und zog mich aus der Hütte. „Das ist nur Kyle, den beachtest du am besten gar nicht.“

    Ein Stück weiter begegneten wir einem schwarzhaarigen Gardisten mit fiesem Gesicht, den ich als Bloodwyn erkannte. „Hey Neuer“, sagte er mit öliger Stimme. „Willkommen im Lager, ich bin Bloodwyn“, er sprach sehr langsam und deutlich und betonte dabei jede Silbe einzeln. „Das hier ist mein Viertel, das Haupttorviertel. Ich habe da ein Angebot für dich: Als Neuer lebst du gefährlich. Die meisten hier drin sind Arschlöcher, keine ehrlichen Leute, so wie ich.“ Diego schnaubte, doch Bloodwyn tat, als hätte er ihn überhört. „Aber keine Angst, wir Gardisten passen auf dich auf. Das ist ein sehr anstrengender Job. Es wäre etwas leichter, wenn du uns mit einer kleinen Spende unter die Arme greifen könntest, dann können wir dir auch eher helfen, wenn dich einer von den Sektenspinnern vollquatscht oder ein paar von den Schweinen aus dem Neuen Lager dich verprügeln wollen“, fuhr er in überfreundlichem Ton fort. „Ich soll Schutzgeld zahlen?“ „Kein Schutzgeld, sieh es als Freundschaftsangebot. Du hilfst uns, wir helfen dir. Nur zwei Erz Mann, das ist ein Schnäppchen – täglich, versteht sich.“ „Danke, ich kann auf mich selbst aufpassen“, sagte ich mit fester Stimme. Dieser Bloodwyn gefiel mir nicht. „Ganz wie du meinst, aber du wirst schon sehen, was du davon hast, ein Freundschaftsangebot auszuschlagen“, sagte Bloodwyn, nun weniger freundlich und langsam. „Das wird er nicht“, sagte Diego grimmig und funkelte Bloodwyn böse an. Dieser erwiderte den bösen Blick und stiefelte dann davon. „Vor Bloodwyn musst du dich in Acht nehmen“, sagte Diego. „Er ist ein mieses Schwein, keiner quetscht die Buddler so wie er aus. Das ist auch der Grund, warum kein Buddler im Haupttorviertel leben will, aber sie können´s sich halt nicht aussuchen.“
    Sly, ein schwarzhaariger Schatten saß nur einige Meter weiter vor seiner Hütte. „Ah Diego, schon wieder ein Neuer?“, begrüßte Sly uns. Diego nickte knapp. „35 Monate, wie die Zeit vergeht. Nun, wer meine Stimme will, muss auch was dafür tun. Ich hab da nen Job für dich: Nek, einer unserer Gardisten ist verschwunden. Finde ihn.“ „Das war alles? Keine Hinweise? Keine Tipps?“ „Wenn ich welche hätte, wär ich selbst losgezogen. Er war Boss des Arenaviertels, kannst dich da ja umsehen.“

    „Das waren alle einflussreichen Leute und fürs erste hast du wohl auch genug Aufgaben“, sagte Diego, als wir Richtung Nordtor weitergingen. „Wir gehen noch zu Graham, dem Kartenzeichner, eine gute Karte der Kolonie ist nie verkehrt, am Ende rennst du noch ins Orkgebiet.“
    Nachdem ich mir beim Buddler Graham für 20 Erz eine Karte gekauft hatte, verabschiedete ich mich von Diego, der in Richtung Burgtor davon ging.
    Dank Diegos Beschreibung und Grahams Karte wusste ich, dass Cavalorns Hütte nicht weit war und beschloss mich als erstes um Fisks Bogen zu kümmern. Ich verließ das Lager durch das Nordtor und wandte mich nach links. Eine Weile lief ich über die Ebene, auf der das Lager gebaut war, und sah grasenden Scavengerschwärmen zu, dann tat sich zu meiner Rechten eine Lücke in den Bergen auf und ein steiler Pfad führte fünf Meter in die Tiefe, in ein kleines Tal. Auf der anderen Seite des Tals, nahe einer Schlucht, die vom Tal weg nach Westen führte, stand eine etwas klapprige Hütte: Cavalorns Hütte.
    Last edited by Jünger des Xardas; 31.03.2012 at 14:07.

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    Der Novize aus dem Sumpf

    Auf dem Weg hinunter zum Tal lag Kirgos Leiche. Offenbar hatten ihn wirklich ein paar Goblins getötet, die nun unten im Tal herumliefen. Kirgo hatte den Bogen bereits gekauft und war wohl gerade auf dem Rückweg zum Lager gewesen. Ich nahm den Bogen, beschloss aber zu behaupten, dass ich ihn gekauft hätte, um das Erz behalten zu können. Ich hing mir den Bogen über die Schulter. Dann begrub ich Kirgo notdürftig, schließlich konnte ich ihn nicht einfach so liegen lassen. Also schleifte ich ihn zur Felswand und bedeckte ihn mehr schlecht als recht mit etwas Erde und einigen größeren Steinen, so dass eine Art kleiner Grabhügel entstand. Zwar gefiel mir der Gedanke nicht, ihn hier liegen zu lassen, aber ich hatte getan, was ich konnte.

    Ich wollte, bevor ich ins Lager zurückkehrte, noch Pilze für Snaf auf der Ebene vorm Südtor suchen. Der südöstliche Fluss, den ich vor ein paar Tagen von den Bergen aus gesehen hatte, floss an der Ebene vorm Südtor vorbei. Zahlreiche große Felsbrocken lagen auf der Ebene und über alles ragte eine große Klippe. Ein durch ein Holztor gesicherter Weg führte zwischen der Klippe und dem höchsten Berg der Kolonie hindurch ins Orkgebiet.
    Ich begann, einige der kleinen grauen Höllenpilze zu sammeln, die überall an den Felsen wuchsen. Dann fiel mir eine Höhle unterhalb der Klippe auf. Diese wollte ich mir noch näher anzusehen, bevor ich ins Lager zurückkehrte.
    Ein Molerat lebte in der Höhle. Ich beschloss, die hundegroße, haarlose Ratte zu erlegen. Normalerweise wurde ihr Fleisch nicht gegessen, da es nicht das beste war, aber besser als Fleischwanzenragout war es sicher. Und da sich Molerats für gewöhnlich nur von Aas und kleinen Nagern ernährten, griffen sie eher selten Menschen an, doch dieses Tier ahnte, was ich vorhatte und biss mit seinen scharfen Zähnen nach mir. Zum Glück waren Molerats sehr langsam. Ich wich aus und schlug dem Tier mein Schwert in den Rücken. Der Molerat sank mit einem schweineartigen Quieken zu Boden und ich begann mir etwas Fleisch abzuschneiden. Viel konnte ich nicht mitnehmen, da ich keine Tasche hatte und mir alles in den Gürtel stecken musste.
    Als ich zum Lager zurückgehen wollte, bemerkte ich etwas Rotes, das weiter hinten in der Höhle lag. Als ich näher trat, stellte ich angewidert fest, dass es ein schon ziemlich abgenagter Gardist war. Ich untersuchte ihn und fand dann, neben etwas Erz, ein Breitschwert, wie es von allen Gardisten getragen wurde. Ob dies Nek war? Vielleicht hatte ihn der Molerat beim Pilze Sammeln überrascht. Ich steckte mir sein Schwert in den Gürtel und kehrte ins Alte Lager zurück.

    Da ich ganz in der Nähe des Marktplatzes war, ging ich als erstes zu Fisk. „Hier ist dein Bogen“, sagte ich. „Sehr gut, aber was ist mit Kirgo?“ „Er wurde wirklich von Goblins getötet“, erklärte ich. „Und das Erz?“, fragte Fisk, den Kirgos Schicksal scheinbar nicht interessierte, schnell. „Die Goblins haben es geklaut“, log ich. Fisk glaubte meiner Lüge, da Goblins wie die Elstern alles klauten, was glänzte.
    „Ich würde mir gerne noch eine neue Waffe kaufen“, sagte ich. „Da bist du bei mir falsch, geh zu Huno. Auch wenn ich nicht weiß, wofür du eine Waffe brauchst, wo du doch schon zwei hast.“ „Die eine gehört mir nicht, die muss ich abgeben und die andere ist von Huno, allerdings will ich eine bessere.“ „Hm, ein gutes Schwert hätte ich im Sortiment, ich verkaufe es dir für 50 Erz, wenn dir die Ornamente nichts ausmachen. Normalerweise würde ich mehr nehmen, aber ich bin froh, wenn ich das Ding endlich los bin. Die meisten hier wollen es gar nicht kaufen. Klar, Whistler ist ja auch der einzige, der auf Ornamente und son Weiberkram steht.“ Ich kaufte das Schwert und ging damit zu Whistler.

    Der Schatten streichelte das Schwert sanft. „Sehr gut“, sagte er. „War ja nicht wirklich schwer, aber eine Hand wäscht die andere, Diego wird nur Gutes über dich zu hören bekommen.“

    Als nächstes machte ich mich auf den Weg zu Sly und berichtete ihm von dem Gardisten, den ich gefunden hatte. „Zeig mir mal das Schwert“, sagte dieser. „Ah ja, die Scharte erkenne ich. Gut gemacht, du hast Nek gefunden.“ Ähnlich wie Fisk schien ihn der Tod eines Lagermitglieds nicht wirklich zu stören. Alles, was Sly wollte, war endlich seinen Auftrag zu erfüllen. Aus diesem Grund verlangte er auch Neks Schwert, welches er als Beweis brauchte. Obwohl ich das geahnt hatte, trennte ich mich nur ungern von der Waffe, die um einiges besser war als meine eigene.

    Nun machte ich mich auf den Weg zu Snaf. Dabei dachte ich über Fisks und Slys Reaktion auf die Nachricht, dass jemand aus dem Lager gestorben war, nach. Es war eben doch eine Welt von Verbrechern. Eine raue Welt, in der nur die Stärksten überlebten und die, die es nicht schafften zu überleben, interessierten keinen. Jeder dachte nur an seinen eigenen Vorteil. Sicher mochte es Ausnahmen geben, wie zum Beispiel Diego oder Velaya, doch trotzdem bestärkte mich diese Tatsache in meinem Willen auszubrechen.
    „Hey du!“ „Wer, ich?“ „Nein, ich meine deine Großmutter, natürlich du. Mein Name ist Grim.“ Ich musterte den Mann, der mich angesprochen hatte, er war anscheinend ein einfacher Buddler. „Du bist doch der Neue, der im Lager aufgenommen werden will, oder?“ „Ja, aber was interessiert dich das?“ „Ich weiß, wie du dir ein paar Pluspunkte verdienen kannst.“ „Bei einem Buddler?“, fragte ich misstrauisch. „Nein, natürlich nicht“, antwortete Grim. „Aber neulich wurde den Erzbaronen ein wertvolles Amulett geklaut. Die beiden Kerle, die das gemacht haben, sitzen vorm Lager rum. Alleine traue ich mich nicht, sie anzugreifen, aber zusammen können wir es schaffen. Ich bin sicher, wenn wir den Erzbaronen das Amulett wiederbringen, haben wir bei denen einen Stein im Brett und mit etwas Glück kriegen wir sogar eine Belohnung. Also was sagst du?“ „Hm, warum nicht?“ „Gut, dann folge mir, ich weiß, wo sie sind.“
    Ich folgte Grim zu der Baumgruppe, an der ich am Vortag mit Diego den Schwertkampf geübt hatte. Zwei Buddler saßen im Schatten der Bäume. „So, da wären wir“, sagte Grim und zog ein rostiges, altes Schwert. „Schön weit weg von deinem Kumpel Diego. Ich soll dir schöne Grüße von Bloodwyn bestellen, du hättest dein Schutzgeld lieber zahlen sollen!“ Er und seine Freunde griffen mich an. Gegen drei Leute hatte ich keine Chance, schon im nächsten Moment lag ich auf dem Boden und die Buddler traten auf mich ein.
    Ein Pfeil surrte durch die Luft, blieb im Ärmel eines Buddlers stecken und nagelte ihn so an einem der Bäume fest. Die Buddler ließen von mir ab, doch ich schaffte es nicht, den Kopf zu heben. „D-d-diego“, stotterte Grim und brach in hysterisches Gelächter aus. „Du-du musst das verstehen, Blood-bloodwyn, er … er hat uns den Auftrag gegeben, er hat uns seine Stimme versprochen…Jeder hätte so…“
    Diegos Stimme war vollkommen ruhig, als er sprach. „Dieser Kerl dort ist mein Freund und ich schwöre bei allen drei Göttern, dass ich euch aufschlitze und euch eigenhändig die Gedärme rausreiße, wenn ihr ihn noch einmal angreift. Das gilt auch für alle anderen, das könnt ihr Bloodwyn sagen. Und jetzt macht, dass ihr wegkommt!“ Das ließen sich die Buddler nicht zweimal sagen.
    Ich hob nun matt den Kopf und sah, dass Diego schon wieder in seiner Tasche nach Heilkräutern kramte. „Danke“, sagte ich, während Diego mich verband. „Jetzt hast du mich schon zum zweiten Mal gerettet.“ „Das geht schon klar, einer muss ja auf dich aufpassen.“ Doch auch wenn Diego immer noch grimmig wirkte, hatte sich etwas zwischen uns geändert und es bedeutete mir viel, dass er gesagt hatte, ich sei sein Freund. „Woher wusstest du…?“, begann ich, doch Diego fiel mir ins Wort. „Hab dich mit Grim aus dem Lager laufen sehen und hab mir schon so was gedacht. Das miese Schwein würde für die Stimme eines einflussreichen Lagerbewohners über Leichen gehen. Hab dir ja gesagt, dass du dich vor Bloodwyn in Acht nehmen musst. Der ist ungefähr genauso umgänglich wie Bullit.“ „Na dann kenn ich ja jetzt alle sympathischen Leute im Lager“, sagte ich grinsend.
    Diego zog den letzten Verband fest. „Sollte in ein paar Stunden geheilt sein“, sagte er. „Und jetzt gib mir 50 Erz.“ „Was?! Eben hast du den Buddlern noch gesagt, du wärst mein Freund und jetzt willst du eine Belohnung dafür, dass du mich gerettet hast?“ Scheinbar war Diego doch nicht so in Ordnung, wie ich gedacht hatte. Doch dieser lachte nur. „Doch nicht für mich, für Gravo.“ „Gravo?“, fragte ich verwirrt. „Gravo ist ein ziemlich einflussreicher Buddler. Er hat verdammt gute Beziehungen im Alten Lager. Wenn du Ärger mit jemandem hast, kann er das über seine Beziehungen wieder grade biegen, für genug Erz versteht sich. Deshalb muss er nicht in der Mine arbeiten. Der Kerl kann dir sogar helfen, wenn du es dir mit Thorus verscherzt, höchstens bei den Erzbaronen selbst kann er auch nichts mehr machen.“ „Also gut“, sagte ich und übereichte Diego 50 Erz. „Damit sollte Bloodwyn dich fürs erste in Ruhe lassen“, Diego hängte sich den Geldbeutel an den Gürtel. „Ich denke, du hast noch was zu erledigen“, meinte er dann. „Aber danach kannst du mal bei mir vorbeischauen, es ist schon Abend und ich will dir jemanden vorstellen.“ „Wen?“ „Wirst du dann sehen, also bis gleich in meiner Hütte.“
    Nachdem ich die Pilze bei Snaf abgegeben hatte, machte ich mich auf den Weg zu Diego. Unterwegs begegnete ich dem immer noch mürrischen Fletcher und erinnerte mich, dass er Diego gebeten hatte ihn über Neks Schicksal zu informieren.
    „Ähm… Fletcher.“ „Falls du gekommen bist, um dein Schutzgeld loszuwerden, heut ist nicht der Tag. Und zwar weil ich gar nicht da bin. Eigentlich sitze ich mit den Jungs am großen Lagerfeuer in der Burg und trinke ein Bier.“ „Nein, es geht um Nek.“ „Nek? Wo ist er?“ „Er ist Futter für die Ratten.“ „Verdammt“, sagte Fletcher. „Nek war ein guter Kerl, ich werde ihn vermissen.“ Offenbar war Fletcher der einzige, den Neks Tod interessierte, doch auch er hatte noch andere Probleme: „Ich hab Schulden bei Scatty“, erklärte er. „Wie konnte ich auch so blöd sein auf Gor Na Bor zu setzen?“ „Wieviel schuldest du Scatty denn?“, fragte ich. „300 Erz, verdammt noch mal.“ „Hm, was würde ich bekommen, wenn ich dir das Erz geben würde?“ „Das Erz geben? Hm, meine Stimme? Ich fürchte, mit mehr kann ich dir nicht dienen.“ „Abgemacht“, sagte ich.
    Nun war ich zwar eine Menge Erz los, aber ich hatte auch viele Stimmen von einflussreichen Leuten. Ich hatte inzwischen Fingers, Scatty, Fletcher, Fisk, Whistler und Sly überzeugt und hatte damit schon sechs der benötigten acht Stimmen. Froh über den erfolgreichen Tag, setzte ich meinen Weg zu Diego fort.

    Diego hatte das Geschäft mit Gravo offenbar schon abgeschlossen, denn ich traf ihn in seiner Hütte an, wo er zusammen mit einem anderen Mann am Tisch saß. Der Mann war etwas jünger als Diego, ungefähr in meinem Alter. Er trug eine knielange, braune Robe, die mit merkwürdigen Symbolen in verschiednen Farben verziert war und stark nach einer Mischung aus Sumpfkraut, Schweiß und Schlamm roch. Mit einem Gurt war eine mit Metallnieten besetzte Platte aus schwarzem Leder auf seiner linken Schulter befestigt. In seinem Gürtel steckte ein krummes Messer zum Schneiden von Pflanzen und auf seinem Rücken hing ein Morgenstern. Er hatte ein freundliches Gesicht, in das verschlungene Symbole tätowiert waren, eine Stupsnase und einen schwarzen Vollbart. Sein Haar hatte er sich vollkommen abgeschoren, so dass er nur noch eine spiegelnde Glatze hatte.
    „Ah, da bist du ja“, sagte Diego. „Das hier ist mein Kumpel Lester aus dem Lager der Sekte.“ „Sehr erfreut“, sagte Lester freundlich und reichte mir die Hand, ich schüttelte sie. Dann setzte ich mich zu den beiden Männern. „Er ist neu hier“, erklärte Diego. „Kam erst vorgestern rein. Ich kümmer mich um ihn. Hab gedacht, du könntest ihm morgen euer Lager zeigen, er hat da was zu erledigen, außerdem will er sich sicher alles ansehen, bevor er sich für ein Lager entscheidet.“ Ich nickte. „Ja, das will ich auf jeden Fall.“ „Gut“, sagte Lester. „Die Bruderschaft sucht immer neue Leute, deshalb bin ich auch hier. Sie schicken immer einen Novizen ins Alte Lager, um nach neuen Leuten zu suchen.“ „Und was ist mit dem Neuen Lager?“, fragte ich. Lester lachte. „Genauso gut könnten wir versuchen einen Troll anzuwerben. Diese hirnlosen Schläger sind nur an unserem Kraut interessiert.“ „Und die wenigen mit Grips sind zu klug für solche Spinnerein“, ergänzte Diego. „He“, sagte Lester, leicht wütend, leicht belustigt. „Hier im Alten Lager laufen übrigens mindestens genauso viele Idioten rum, wie im Neuen.“ „Pass auf, was du sagst. Vergiss nicht, dass du hier nicht im Sumpf, sondern im Lager der Erzbarone bist. Im Moment herrscht zwar Waffenstillstand zwischen den Lagern, aber trotzdem solltest du vorsichtig sein. Es gibt hier Leute, die ihre eigenen Freunde verkaufen würden.“ Lester lachte, „ja du zum Beispiel Diego.“ Diego setzte eine Unschuldsmiene auf. „Wer, ich?“
    Wir redeten und scherzten die halbe Nacht lang. Das heißt, Lester und Diego redeten und scherzten, während ich die meiste Zeit zuhörte. Ich wusste eh zu wenig über die Kolonie und kannte die beiden Männer und die Personen, über die sie sprachen, nicht gut genug, um mitreden zu können, außerdem musste ich den Tag verarbeiten, es war viel passiert. Auch wenn ich vieles nicht verstand, hörte ich in ihren Gesprächen immer wieder die Namen Gorn und Milten, die meist in Zusammenhang mit irgendeinem Treffen genannt wurden. Schließlich ging ich zu meiner Hütte, Lester wollte bei Diego schlafen und mich am Morgen abholen.
    Ich ertappte mich dabei, wie ich auf dem Weg weniger an meinen kommenden Ausflug ins Sektenlager dachte, sondern viel mehr an eine bestimmte Person, die jetzt wahrscheinlich irgendwo hinter den steinernen Mauern der Burg saß.

    Auch in dieser Nacht träumte ich von Xardas.
    Last edited by Jünger des Xardas; 31.03.2012 at 14:08. Reason: Sig aus ;)

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    Die Bruderschaft des Schläfers

    „Du pennst ja noch, ich dachte, wir wollten zur Bruderschaft.“
    Ich öffnete die Augen, es war Lester. „Türlich“, sagte ich und sprang auf. Lester führte mich aus dem Südtor hinaus.
    „Wie ist es so bei euch?“, fragte ich, während wir den Fluss an einer kleinen Holzbrücke überquerten. „Ich hab schon gehört, dass ihr eine Art Sekte seid.“ „Wir selbst nennen uns die Bruderschaft des Schläfers“, erklärte Lester. Wir liefen über einen Wiesenstreifen. Zu unserer Rechten floss der Fluss am Fuß der Berge dahin, während sich zu unserer Linken der große östliche Wald erhob. Selbst jetzt, da die Bäume noch keine Blätter trugen, wirkte er dunkel und bedrohlich. „Und wer ist der Schläfer?“, fragte ich. „Der Schläfer ist ein mächtiges Wesen, mächtiger, als alle drei Götter zusammen. Noch ist seine Macht begrenzt, da er in einem tausendjährigen Schlaf liegt, aber die Zeit seines Erwachens ist nahe und wenn es so weit ist, wird er uns belohnen und von diesem Ort befreien, während er die Ungläubigen vernichten wird. Aber der Schläfer ist barmherzig und schenkt allen Ungläubigen einen Beweis seiner Macht.“ „Und wie sieht der aus?“ „Der Schläfer schickt uns Visionen, umso mehr Sumpfkraut wir rauchen, umso größer ist die Chance eine Vision zu erhalten. Manche sehen auch Bilder.“ „Und an so was glaubst du?“, fragte ich. Langsam verstand ich, warum man die Mitglieder der Bruderschaft Sektenspinner nannte. „He, ich bin seit zwei Jahren hier drin! Weißt du eigentlich, wie lange zwei Jahre sein können? Du hast ja keine Ahnung, was ich alles bereit bin, zu glauben oder zu tun, um hier wieder rauszukommen! Ich gebe ja zu, ich glaube nicht wirklich an den Schläfer. Natürlich steckt irgendwas dahinter, die Magie ist der Beweis dafür, aber ein Wesen, mächtiger als die drei Götter? Ich bitte dich! Hauptsächlich bin ich wegen des Sumpfkrauts in der Bruderschaft und weil die anderen Lager mir nicht zusagen.“ „Verstehe. Was gibt es noch über euer Lager zu wissen?“ „Gegründet wurde es vor fünf Jahren von Y´Berion. Früher war er ein einfacher Buddler Namens Berion. Dann erhielt er eine Vision vom Schläfer, gab sich den Titel Y´Berion, der Erleuchtete, und begann im Alten Lager zu predigen und Anhänger zu sammeln. Mit seinem Vertrauten, dem Buddler Kalom, der sich von nun an Cor Kalom nannte und zehn anderen verließ er das Alte Lager. Der Schläfer führte sie in den Sumpf. Im großen Wald begegneten sie dem Einsiedler Angar, der einst Gardist des Alten Lager gewesen war. Er nahm den Glauben an den Schläfer an und schützte sie vor den wilden Tieren. Im Sumpf angekommen fanden sie uralte Tempelruinen und erbauten darauf ihr Lager. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Leute ins Lager und heute sind wir gut zweihundert Menschen. An oberster Stelle stehen die Gurus, es sind zwölf Stück: Y´Berion, unser Anführer, der Alchemist Cor Kalom, der gleichzeitig die Aufsicht über die Novizen hat und die gewöhnlichen Gurus: Baal Namib, Baal Cadar, Baal Isidro, Baal Kagan, Baal Lukor, Baal Orun, Ball Parvez, Baal Taran, Baal Tondral und Baal Tyon. Die Gurus sind unsere spirituellen Führer. Sie predigen die Lehren des Schläfers und überwachen die Novizen bei ihren Arbeiten. Sie sind die einzigen, die unbegrenzt Sumpfkraut rauchen dürfen und haben so am häufigsten Visionen vom Schläfer. Auch beherrschen nur die Gurus die wirklich mächtigen Sprüche.“ „Was ist das für eine Magie?“, fragte ich. „Ich dachte alle Magie käme von den drei Göttern.“ „Unsere Magie ist anders. Mit ihr kann man den Geist verändern und die Kräfte des Windes beherrschen. Sie funktioniert nicht mit Runen, wie die der Feuermagier oder ohne Hilfsmittel, wie die der Wassermagier, sondern mit Spruchrollen, wie die der Waldläufer. Das sind besondere Pergamentrollen, mit denen man Magie wirken kann. Anders als bei den Runen oder der Alten Magie ist der geistige Aufwand so gering, dass jeder bei uns zumindest die schwachen Sprüche beherrscht. Die starken können allerdings nur die Gurus und hohen Templer wirken. Der einzige Nachteil ist, dass eine Spruchrolle nach einmaligem Gebrauch ihre Kraft verliert.“ „Wer sind die Templer?“, wollte ich wissen. „Die heiligen Krieger des Schläfers“, erklärte Lester. „Ihr Anführer ist Cor Angar, der dritte Mann, gleich nach Cor Kalom. Er ist ein großer Krieger. Sie verteidigen das Lager, kämpfen für den Schläfer und jagen in der Alten Mine nach Minecrawlern.“ „Sie jagen Minecrawler?“ Ich hatte schon von diesen riesigen, in Minen lebenden Insekten gehört und wusste, dass nur Wahnsinnige gegen diese Biester kämpften. „Ja, Kalom hat einen Weg gefunden, das giftige Sekret in den Zangen der Crawler in einen Trank zu verwandeln, der die geistigen Kräfte verstärkt. Deshalb verkaufen wir dem Alten Lager Sumpfkraut und dürfen im Gegenzug in der Mine jagen. Das ist den Erzbaronen nur recht, denn die Minecrawler sind ein großes Problem in der Mine, da sie immer wieder Buddler fressen.“ „Und wofür braucht ihr diesen Trank?“ „Für die große Anrufung, die bald stattfinden soll. Das Erwachen des Schläfers ist nahe und während der großen Anrufung wird er uns den Weg in die Freiheit offenbaren.“ „Aha und was macht ihr Novizen?“ „Wir sind die unterste Schicht im Lager. Wir verrichten die anfallenden Arbeiten, wie das Ernten und Verarbeiten des Sumpfkrauts, das Anwerben neuer Mitglieder, Botengänge in die anderen Lager und und und. Einmal am Tag müssen wir uns bei einem Guru einfinden, der uns die Lehren des Schläfers beibringt. Wir beherrschen nur die schwächsten Zauber. Wenn ein Novize stark ist und seine Kampfkraft bewiesen hat, wird er zum Templer ausgebildet. Und wenn er fleißig und gehorsam ist und den Lehren des Schläfers aufmerksam lauscht, wird er vielleicht Schüler eines Gurus. Dann muss er keine schweren Aufgaben mehr verrichten und wird von dem Guru ausgebildet, bis er eines Tages selbst ein Guru werden kann. Einer dieser Novizen bin ich, ich bin direkter Schüler von Baal Namib.“ In Lesters Stimme war deutlich der Stolz zu hören. „Natürlich sind viele Novizen nur wegen des Krautes da und beten insgeheim noch zu den alten Göttern.“
    Nach allem, was ich so gehört hatte, schien die Bruderschaft wirklich ein Lager voller Spinner zu sein. Schläfer, so ein Schwachsinn! Aber wenn das Leben dort wirklich so angenehm und das Sumpfkraut so gut war, war das Lager vielleicht doch die beste Wahl. „Was muss man denn tun, um bei euch aufgenommen zu werden?“ „Im Grunde entscheidet Cor Kalom, als Aufseher über die Novizen, wer als Novize aufgenommen wird. Da er aber viel zu tun hat, verlässt er sich auf das Urteil der anderen Gurus. Das Problem ist nur, dass kein Fremder die Gurus ansprechen darf, es sei denn, sie erlauben es ihm.“ „Aber wie soll das mit der Aufnahme dann funktionieren?“ „Es mag vielleicht nicht den Anschein haben, aber die Gurus beobachten genau, was du im Lager tust. Wenn sie denken, dass du würdig bist, werden sie dich ansprechen.“
    Wir gingen weiter zwischen Wald und Fluss entlang. Irgendwann erreichten wir den Anfang des Flusses: Zu unserer Rechten kam ein Wasserfall aus dem Orkgebiet. Das Wasser floss von dort aus nach Nord-Osten. Hier endete auch ein Saum des Waldes. Vor uns führte zur Rechten ein steiler Hang auf einen hohen Berg. Aus einer Schlucht zwischen dem Berg und dem Gebirge, das die Kolonie im Süden begrenzte, floss ein reißender, klarer Bergfluss, den man von den Bergen aus nicht hatte sehen können, hervor. Der Fluss kam von Westen und floss nach Osten.
    Wir bogen nach links und folgten dem Fluss, weg von den Bergen und immer am Waldrand entlang. Zu unserer Rechten wurde das Ufer des Flusses, welches Anfangs noch sehr steil war, immer flacher und der Fluss wurde ruhiger.
    Nach einiger Zeit begann der Weg steil bergab zu führen. Der Wald jedoch blieb auf seiner ursprünglichen Höhe und ging auf einer großen Klippe weiter. Von hier oben sahen wir schon den Sumpf. Er erstreckte sich über ein großes Tal, welches zwischen der hohen, übers Meer aufragenden Klippe, auf der der Wald weiterging, und den Bergen, welche die Südgrenze der Kolonie bildeten, eingebettet war. Das Wasser des Flusses stürzte als donnernder Wasserfall in das Tal hinab und verlor sich dort zwischen zahlreichen Hügeln, die jetzt Inseln waren. Im schlammigen Boden und im seichten Wasser des Sumpfes wuchsen zahllose große, alte Bäume.
    Wir gingen den steilen Pfad hinunter und kamen an den Rand des Sumpfes. Ein hölzerner Steg führte über das schlammige Wasser zu einem ins Wasser gebauten Holztor. Das Tor war winzig und lachhaft im Vergleich zu denen des Alten Lagers, doch wer in das Lager wollte, musste es passieren, wenn er nicht gerade durch das schlammige Wasser waten und im Sumpf stecken bleiben wollte. Zwei Männer, die dieselben Rüstungen und Schwerter wie Gor Na Bor trugen und höchst wahrscheinlich Templer waren, bewachten das Tor. Auch sie trugen Glatzen und Tätowierungen. „Halt Fremder!“, sagte der eine der beiden. „Du bist im Begriff heiligen Boden zu betreten. Was willst du hier?“ „Ich bin neu und wollte mir das Lager ansehen.“ „Fremde sind uns immer willkommen, doch du musst die Regeln des Lagers beachten.“ „Keine Sorge, ich werd mich an alle Regeln halten.“ „Dann tritt ein, Fremder.“
    Last edited by Jünger des Xardas; 25.04.2009 at 20:25.

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    Das Lager im Sumpf


    Was hatte ich erwartet? Nun, sicher nicht das! Das Lager war ganz anders als das Alte. Hölzerne Stege führten über den schlammigen Boden und das trübe Wasser. Die Sektenspinner lebten in Hütten aus Schilf und großen Blättern, die etwas größer waren, als die des Alten Lagers, da sie meist zu mehreren in einer Hütte lebten. In nahezu jedem Baum war eine Plattform errichtet worden. Auf den Plattformen standen weitere Hütten. Die unzähligen Baumhäuser wurden durch ein großes, verzweigtes Stegsystem miteinander verbunden. Pfähle und Seile hielten die zahllosen Stege und Hängebrücken und überall führten Leitern hinauf in die Baumwipfel.
    Wir gingen um einen besonders großen Baum herum. Der Baum war innen hohl und jemand hatte sich eine Wohnung dort drinnen eingerichtet. Wie ich später auf dem Weg durchs Lager feststellen sollte, war dies nicht die einzige Behausung in einem Baum.
    Das Lager war voll von Templern in den blauen Rüstungen, und Novizen, die dieselben Roben wie Lester trugen. Die Novizen verrichteten Arbeiten, während die Templer durchs Lager patrouillierten. Die, die nichts zu tun hatten, rauchten zumeist Sumpfkraut, entweder als Stängel, oder aus Wasserpfeifen. Offenbar gehörte es zum Glauben an den Schläfer, sich zu tätowieren und sich das Haar abzuschneiden, denn ich sah niemanden ohne Glatze oder Tattoo. Und so wie es aussah, markierten die Anzahl und die Aufwendigkeit der Tätowierungen auch den Rang ihres Trägers.
    Das ganze Lager roch, wie Lesters Robe, nach Schweiß, Schlamm und vor allem Kraut.
    Man hörte Frösche quaken und alles war voller Mücken.
    „Ich muss zu Cor Kalom“, erklärte ich. „Wegen eines Auftrags.“ „Gut, das Alchemielabor ist auf der anderen Seite des Lagers, folge mir.“
    Lester führte mich zu einer Art Platz in der Mitte des Lagers, dessen größter Teil von einem schlammigen Teich eingenommen wurde, über den mehrere Stege führten. Auf der rechten Seite des Platzes lag ein gewaltiger, umgestürzter Baumstamm, auf dem man eine große Holzplattform errichtet hatte, auf der ich einige Templer trainieren sah. „Das ist der Übungsplatz der Templer“, erklärte Lester. „Sie werden dort von Cor Angar persönlich im Schwertkampf ausgebildet.“
    Wir überquerten den Teich. Auf der anderen Seite war eine auf Pfählen errichtete Plattform auf den Teich gebaut. Unter einem ledernen Dach stand auf der Plattform eine Schmiede. „Dort stellt der Novize und Schmied Darrion die Klingen für die Templer her.“
    Ein Stück weiter befand sich ein besonders hoher Baum mit einer einzelnen, besonders großen Hütte darauf. „Da wären wir“, sagte Lester. „Ich warte hier unten.“
    Ich stieg die Leiter hinauf. Vor dem Labor stand ein Templer. „Lässt du mich rein?“ „Ja, aber wenn du meinem Meister keinen Respekt entgegenbringst, werde ich dich töten! Cor Kalom ist nicht wie die anderen Gurus, er gestattet jedem ihn anzusprechen, aber niemandem seine kostbare Zeit zu stehlen.“
    Im Innern des Labors kochte und brodelte es. Auf zahlreichen Tischen standen die verschiedensten Gefäße, voll von Flüssigkeiten in allen Farben. Aus manchen trat farbiger Rauch aus, andere verbreiteten seltsame Gerüche. Kalom trug eine braune Robe mit rotem Kragen, die mit verschiedensten Symbolen bestickt war. Er hatte ein schmales, hochnäsiges Gesicht mit krummer Nase und aufwendigen Tätowierungen.
    Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er mich erst bemerkte, als ich ihn zum dritten Mal ansprach. „Was willst du?“, schnauzte er mich an. Irgendwo hatte ich diese kalte Stimme schon einmal gehört, doch ich wusste nicht, wo. „Du bist Cor Kalom, der Alchemist, richtig?“ „Ja, das ist richtig. Aber wenn du als Novize aufgenommen werden willst, geh zu den anderen Gurus, ich habe keine Zeit. Ich muss mich um meine Experimente kümmern. Experimente, die zu hoch für einen Laien wie dich sind“, fügte er hinzu, um meiner Frage nach seinen Experimenten vorzubeugen. „Ich komme aus dem Alten Lager. Dexter, einer der Händler dort möchte dir gerne dein Rezept für Heiltränke abkaufen.“ „Mein Rezept?“, Kalom warf einen Blick auf den Tisch neben sich, wo ein leicht zerknüllter Zettel lag. „Es ist unverkäuflich und jetzt verschwinde!“ Kalom wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Irgendwie mochte ich diesen Kerl nicht, aber egal, ich musste an das Rezept kommen.
    Eine Weile stand ich unschlüssig da. Kalom war schon wieder so in seine Arbeit vertieft, dass er mich nicht mehr bemerkte. Schließlich fasste ich einen kühnen Entschluss: Ich nahm das Rezept, steckte es in die Tasche und ging zu Lester zurück, Kalom hatte nichts mitbekommen.

    „Geschieht ihm Recht“, lachte Lester, als ich ihm davon erzählt hatte. „Den alten Sack kann hier keiner leiden. Du solltest bei ihm vorsichtig sein, er ist ziemlich verschlagen und fanatisch. Wie wärs, wenn wir zu Baal Tondral gehen? Er bringt den Novizen die Lehren des Schläfers bei. Im Moment sind einige Kumpels von mir bei ihm und du könntest seinen Worten zuhören und mehr über unseren Glauben lernen.“ „Warum nicht?“, sagte ich. Das war eine gute Gelegenheit dieses Lager besser kennen zu lernen. „Aber er wird doch sicher nicht mit mir reden oder?“ „Ich weiß, wie wir ihn dazu bringen können mit dir zu reden. Er macht sich ziemliche Sorgen, weil viele Novizen noch zu den alten Göttern beten und nicht wirklich an den Schläfer glauben. Wenn wir bei ihm vorbeikommen, werde ich dich fragen, warum du hier bist. Dann sagst du, du hättest den alten Göttern abgeschworen. Ich frage dich, warum du das getan hast und du sagst, der Schläfer hätte zu dir gesprochen.“ „Alles klar“, sagte ich.

    Auf dem Weg zu Baal Tondral begegneten wir einem dunkelhäutigen Templer mit schwarzem Vollbart. Er hatte besondere, braune Tätowierungen. Durch sein strenges, hartes Gesicht zogen sich zahlreiche Narben, die größte ging quer durch sein ganzes Gesicht. Als wäre das noch nicht genug, war die Pupille seines linken Auges völlig weiß.
    „Ah Lester“, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. „Wen hast du da bei dir?“ „Einen Fremden, der sich unser Lager ansehen und sich uns möglicherweise anschließen will.“ „Das ist gut. Du bist ein fleißiger Novize, Lester. Du wirst ein würdiger Träger der Gururobe sein, ich bin sicher, dass du schon bald zu den Baals gehören wirst.“ „Ich danke Euch, Cor Angar“, sagte Lester mit einer Verbeugung. Der Templer nickte mit dem Kopf und ging dann weiter.
    „Das war Cor Angar, der Anführer der Templer?“, fragte ich. „Ja, er ist ein großer Mann. Aber er ist nicht gerade sehr gesprächig. Du musst dich nicht wundern, dass er dich nicht angesprochen hat. Mit mir hat er das letzte Mal vor zwei Monaten geredet.“

    Wir erreichten Baal Tondral. Er stand auf einer mit Leder überdachten Holzplattform und predigte. Seine Robe glich im Wesentlichen der von Cor Kalom, nur das der Kragen grün war. Weiter vorne auf der Plattform saßen einige Novizen und lauschten seinen Worten. „Aber der Schläfer, in seiner unendlichen Weisheit…!“
    Lester und ich gingen wie beiläufig vorbei. „WAS HAT DICH BEWOGEN, HIERHER ZU KOMMEN?“, fragte Lester, laut und deutlich. „ICH HABE DEN ALTEN GÖTTERN ABGESCHWOREN“, erwiderte ich, ebenso überdeutlich. „DAS IST GUT, DOCH SAG, WAS HAT DICH DAZU BEWOGEN?“ „ICH HATTE EINE VISION VOM SCHLÄFER, IN DER ER MICH ZU SICH IN DEN SUMPF RIEF.“ „DU BIST EIN REICHER MANN FREMDER, DER SCHLÄFER BELOHNT NICHT VIELE AUF DIESE WEISE.“
    „Lester!“, rief Baal Tondral, der das Gespräch mit angehört hatte. Lester und ich betraten die Holzplattform. „Sag, wen bringst du da mit?“ „Einen Fremden, den ich im Alten Lager traf. Er will sich mit den Lehren des Schläfers vertraut machen und sich uns anschließen.“
    Baal Tondral musterte mich.
    „Du siehst nicht aus, wie einer, der sein Leben bereits unter die Knechtschaft der Erzbarone gestellt hat. Du siehst aus, wie ein Suchender! Du siehst aus wie einer, der den wahren Glauben sucht. Zweifelst du nicht auch an dem, was dir die Erzbarone und ihre Schergen als wahr und gerecht verkaufen wollen? Ja, das tust du, ich spüre es! Und du weißt auch warum! Weil es Lügen sind! Es sind Lügen, mit denen sie den Geist derer beherrschen, die schwach sind! Aber du bist nicht schwach! Dein Glaube ist stärker als ihre Lügen! Spürst du ihn nicht in dir, den Wunsch nach Freiheit? Spürst du nicht, wie er jeden Tag wächst? Spürst du nicht, wie er deinen Geist lenkt? Lasse es geschehen! Weißt du, was passiert, wenn du ihn beherrschst? Du verleugnest deine Seele, du verleugnest dich selbst! Wir alle sehnen uns nach Freiheit, doch die Götter haben uns verlassen! Doch höre, verstehe: Der Schläfer wird erwachen! Der Schläfer wird kommen! Und er wird all die belohnen, die ihm gedient haben, die an ihn geglaubt haben! Er wird uns die Freiheit schenken! Und die Ungläubigen wird er bestrafen! Wie Unrat werden sie hinfortgespült werden! Ströme von Blut werden sie in den Abgrund tragen! Und Klageschreie werden sich wie Wasser über das Land ergießen! Und die Ungläubigen werden bereuen und um Gnade flehen! Aber dann wird es zu spät sein, dann wird der Schläfer kein Erbarmen mehr haben! Dann werden sie bezahlen, mit ihrem Blut – und mit ihrem Leben! Du aber kannst dem entrinnen! Du kannst ein Diener des Schläfers werden!“ „Du hast mich angesprochen, heißt das, ich kann jetzt mit dir reden?“ „Nein! Bete zum Schläfer um Vergebung, dass du mich angesprochen hast, ohne dass ich es dir erlaubt habe! Setz dich und lausche meinen Worten, du hast noch viel zu lernen. Aber wage es nicht, mich noch einmal ohne meine ausdrückliche Erlaubnis anzusprechen!“ Ich setzte mich und Baal Tondral begann zu erzählen.
    „Höre meine Worte, denn sie sind heilig: Der Schläfer erschien vor langer Zeit und schenkte den Menschen eine Vision. Viele wollten seine Zeichen jedoch nicht sehen, weil sie von der Gier nach Erz geblendet waren. Nur Y´Berion und eine Hand voll anderer machten sich auf und gründeten die Bruderschaft. In dem Augenblick, als sie dem Ruf des Schläfers folgten, entstand der erste Kreis. Die Magie der Spruchrollen offenbarte sich demjenigen, der dem Schläfer folgte. Die ersten Zauber waren geboren und verliehen uns die Macht Dinge mit der Kraft der Magie zu bewegen: Telekinese und Levitation.
    Der Schläfer führte Y´Berion und seine getreuen Anhänger an diesen Ort. Hier ließen sie sich nieder. Sie arbeiteten ohne Unterlass, Tage, Wochen, Monate. Und das Lager wuchs heran. Mehr Männer kamen dazu, die dem Ruf des Schläfers gefolgt waren. Und zusammen versuchten sie, durch Gebete und Meditation den Schläfer auf spiritueller Ebene zu treffen. Das war die Geburtsstunde des zweiten Kreises. Die neuen Zauber gaben uns die Kraft unsere Feinde zu bekämpfen und so entstanden die Wind- und die Sturmfaust.
    Die Visionen wurden deutlicher, jedoch war die geistige Kraft der Brüder nicht ausreichend für einen Kontakt. Einer der Gurus, ein Alchemist Namens Cor Kalom, fand einen Weg. Mit Hilfe eines Elixiers aus dem Sekret der Minecrawler, das die Brüder vor dem Gebet einnahmen, wurde es erstmalig möglich, die geistigen Kräfte zu verstärken. Zur gleichen Zeit machten sich die Novizen auf in die anderen Lager, die Worte des Schläfers zu predigen, um mehr Ungläubige von der Wahrheit zu überzeugen.
    Dadurch wurde der dritte Kreis vollendet und uns wurde die Gabe gewährt in den Geist anderer einzugreifen. So entstanden die Zauber Angst und Schlaf.
    Seit der Gründung des Lagers ist viel Zeit vergangen, viel hat sich geändert. Der Glaube ist gewachsen, hat sich gefestigt und wurde weitergetragen. Und wir haben unser Ziel nie aus den Augen verloren, haben nicht aufgegeben, den Schläfer zu rufen. Die Beständigkeit und Festigung des Glaubens, das ist der vierte Kreis, er gewährt uns noch mächtigere Zauber: Die Pyrokinese und die Kontrolle.“
    Nachdem Baal Tondral dies erklärt hatte, erzählte er wieder von den Lehren des Schläfers, wie er es vor meiner Ankunft gemacht hatte. Umso mehr er erzählte, umso verrückter wurde der Glaube an den Schläfer für mich und umso sicherer wurde ich, dieses Lager sei nichts für mich. Tondrals Rede und der in der Luft hängende Sumpfkrautgeruch machten mich schläfrig, doch die zahllosen Mückenstiche hielten mich wach.
    Als es dunkel wurde, gingen überall im Lager Lampen an. Die Lampen waren etwa einen Meter zwanzig große Holzpfähle, auf deren Spitzen man Erzbrocken befestigt hatte, die jetzt im Dunkeln stark leuchteten.
    Baal Tondral hörte endlich auf zu reden und ich ging mit den Novizen zu ihren Hütten, die alle auf einer der in den Bäumen erbauten Plattformen standen. Wir setzten uns auf die Plattform und redeten und aßen. Im Sektenlager gab es Wurzelsuppe, aus den Wurzeln der zahlreichen Bäume oder Minecrawlersuppe, aus den Überresten der großen Insekten. Besser als Fleischwanzenragout war es allemal, auch wenn ich mich noch vor einer Woche geweigert hätte das Zeug zu essen. Die anderen Novizen nahmen mich in ihrer Mitte auf. Das musste man den Spinnern lassen, sie waren sehr gastfreundlich. Es waren zwölf Novizen: Lester, Shrat, der nur wegen des Krautes da war und nicht an den Schläfer glaubte, Nyras, der ein ziemlicher Fanatiker war und Shrat ständig tadelte, Balor, der die meiste Zeit im Sumpf Kraut sammelte, aber auch kein wahrer Diener des Schläfers war und immer wieder Kraut an einen Hehler im Neuen Lager Namens Cipher verkaufte, der Krauthändler Fortuno, dem der Schläfer und alles andere egal waren, solange er genug Kraut hatte, der fleißige Novize Ghorim, der die meiste Zeit unter Baal Oruns Aufsicht bei den Krautstampfern arbeitete, Harlok, Ghorims fauler Kumpel, der sich die meiste Zeit vor dem Krautstampfen drückte, Joru, der bereits Schüler von Baal Cadar war und wie Lester zum Guru ausgebildet wurde, Melvin, der vor zwei Wochen noch Buddler im Alten Lager gewesen war, nun aber übergelaufen war und dem es hier, bis auf die Tatsache, dass sein Freund Dusty im Alten Lager geblieben war, prächtig ging, der feige Talas, der misstrauische Viran, der wie Balor Krautsammler war und Netbek, der für Kalom regelmäßig neue Sumpfkrautsorten testen musste, was ihm nicht gut bekam. „Ich bin der Guru, der Guru des Sumpfes. Meine Diener nennen mich Baal Netbek“, murmelte Netbek immer wieder. Als ich ihn schließlich fragte, wer denn seine Diener seien, antwortete er „die Bäume, sie springen und tanzen und singen und wandeln.“ „Ähm, ja okay“, sagte ich. „Warte!“, rief Netbek. „Du kannst mir helfen, diesen Sumpf in eine gigantische Blumenwiese zu verwandeln!“ „Ähm ja, fang doch schon mal ohne mich an.“ „Gut, aber verletze meine Bäume nicht!“ Ja der Kerl hatte eindeutig zuviel geraucht. Trotzdem ließ auch ich mich zu zwei Stängeln überreden. Es war ein herrliches, berauschendes Gefühl. Nun verstand ich, weshalb diese Droge so beliebt war. Schließlich gingen wir alle zu Bett, nachdem die Novizen noch einmal zum Schläfer gebetet hatten. Ich übernachtete bei Lester. Es dauerte eine Weile, bis ich einschlief, da ich von zahllosen Mückenstichen und vom lauten Gequake der Frösche wach gehalten wurde. Die Sektenspinner hatten sich schon an das Gequake gewöhnt und irgendwie schienen die Mücken Leute, die viel Sumpfkraut geraucht hatten, nicht zu mögen.
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    Der Bote der Wassermagier

    Ich hatte wieder von Xardas geträumt. Wer war dieser Mann? Was hatte der Traum, in dem er durch die Barriere schritt, zu bedeuten? Fragen über Fragen warfen sich in meinem Kopf auf. Obwohl ich früh erwacht war, waren alle schon auf den Beinen und bei der Arbeit. Ich vermutete, dass die Novizen schon im Morgengrauen aufgestanden waren. Ein leichter Nebel hing über dem Sumpf. Ich verabschiedete mich von Lester und machte mich auf den Rückweg zum Alten Lager.
    Das Sumpfkraut war gut, daran bestand kein Zweifel, doch die Sekte war nichts für mich. Ich war nie ein frommer Mann gewesen, ich hätte kein Problem damit gehabt den Göttern abzuschwören. Doch der Glaube an den Schläfer war der größte Schwachsinn, den ich je gehört hatte. Und allein wegen des Krautes würde ich mir sicher nicht jeden Tag für die Gurus den Rücken krumm schuften, dafür war ich mir zu schade.
    Ich rieb mich mit einem am Weg wachsenden Heilkraut ein, was die Mückenstiche zum Verschwinden brachte, dann setzte ich meinen Weg fort.
    Es war schon gegen Mittag, als ich im Alten Lager ankam. Ich begab mich sofort zu Dexter und gab ihm das Rezept.

    „Was? Das ist ja Orkisch! Du unfähiger Idiot!“, rief Dexter, nach einem kurzen Blick auf das Rezept und schlug es mir um die Ohren.
    Tatsächlich, es war Orkisch. Nun, ich konnte kein Orkisch und konnte das demzufolge nicht beurteilen, doch es schien keine menschliche Sprache zu sein und entsprach der allgemeinen Vorstellung von Orkisch. Warum hatte ich Idiot mir das Rezept auch nicht einmal angesehen? Dexters Stimme konnte ich mir abschminken. Ich hatte immer noch Chancen, aber nun musste ich für die acht Stimmen Mordrag aus dem Lager prügeln und davor hatte ich mich eigentlich drücken wollen.

    „Tatsächlich Orkisch“, sagte Diego, als ich ihm das Rezept zeigte. „Hm, Lifrun ak Gharak.“ „Du kannst Orkisch?“, fragte ich erstaunt. „Naja ein ganz wenig. Bin halt viel in der Kolonie rumgekommen, auch im Orkgebiet. Den Rest versteh ich nicht, aber es ist ganz sicher das Rezept. Hier siehst du dieses Wort? Lifrun, das bedeutet Heilung. Und wenn mich nich alles täuscht, heißt Gharak soviel wie Körper. Das ganze müsste also in etwa Heilung des Körpers heißen. Ich frage mich allerdings, woher Kalom Orkisch kann. Aber was solls? Mit Dexter hast dus dir damit jedenfalls verscherzt. Den Auftrag hast du zwar erfüllt, aber ich kann Dexter nicht zwingen, das anzuerkennen. Das war trotzdem nich grad ne Glanzleistung. Nächstes Mal solltest du selber erst nen Blick drauf werfen.“ „Ja ich weiß“, sagte ich bedrückt. „Jetzt werd ich mich wohl doch um Mordrag kümmern müssen. Apropos Neues Lager, das wollte ich mir auch noch ansehen, bevor ich mich für ein Lager entscheide, die Sekte ist ja nicht so das wahre.“ „Hm, wenn du ins Neue Lager gehst, dann sprich dort mit meinem Kumpel Gorn, er kümmert sich um dich.“ „Wie erkenne ich ihn?“ Diego lachte, „glaub mir, der ist nicht zu übersehen. Such einfach, nach nem zwei Meter großen Berserker mit Axt.“ Ich schluckte. „Oh keine Angst“, lachte Diego. „Er ist eigentlich ganz nett.“ „Na, wenn dus sagst. Dann will ich mich mal um Mordrag kümmern.“ Ich wandte mich um, doch Diego packte mich an der Schulter und drehte mich wieder herum. „Eins noch“, sagte er. „Es gibt Leute, die nicht glücklich über Mordrags Tod wären. Und ein Kampf ist nicht für jedes Problem die beste Lösung.“ Diego zwinkerte. Ich hatte verstanden.

    Mordrag stand direkt neben dem Südtor. Er trug lederne Hosen und eine Rüstung aus zottigem Fell. Über seiner Schulter hing ein Langbogen und an seiner Seite ein Schwert. Um den Hals trug er ein blaues Tuch.
    Ich winkte ihn zu mir in eine Ecke. Verdutzt kam er angelaufen. „Es gibt einige Leute, die dich hier nicht mehr sehen wollen“, sagte ich. „So?“, erwiderte Mordrag vorsichtig und legte die Hand an den Griff seines Schwertes. „Ich habe nicht vor mit dir zu kämpfen“, sagte ich. Mordrag behielt die Hand auf dem Schwertgriff und blickte mich misstrauisch an. „Was willst du dann?“ „Dich warnen. Nicht jeder will, dass du stirbst.“ Mordrag schien ein Licht aufzugehen. „Bist du der Neue? Der Kumpel von Diego?“ Ich nickte. „Mhm, verstehe. Hätte mir denken können, dass Thorus langsam sauer wird. Ich wollte ohnehin ins Neue Lager zurück und ich denke, jetzt ist der geeignete Zeitpunkt.“ „Du bist nicht der einzige, der ins Neue Lager will.“ „Verstehe. Nun, ich könnte dich hinbringen, wenn du willst. Ich kann sogar ein gutes Wort bei Lares, meinem Anführer, für dich einlegen.“ Ich willigte ein und wir verließen das Lager durch das Südtor und machten uns auf den Weg zu Cavalorns Tal.

    Cavalorns Hütte schien auf den ersten Blick verlassen, doch dann sahen wir ihren Besitzer aus einer kleinen Höhle hinter der Hütte hervortreten. Er war dunkelhäutig und hatte hervorstehende Wangenknochen.
    „Ah, Mordrag“, sagte er. „Gehst du zurück ins Neue Lager.“ „Ja, im Alten wirds mir zu brenzlig, außerdem will der Neue hier sich das Lager ansehen.“ „Ah, ich habe schon von dir gehört“, sagte Cavalorn. „Wie das?“, fragte ich verdutzt. Der Schatten lachte, „glaubst du etwa, Diego und Velaya bleiben ihr ganzes Leben im Lager?“ Cavalorn wandte sich wieder an Mordrag, „dann wird Lares erst mal niemanden mehr schicken?“ „Wahrscheinlich“, sagte Mordrag. „Toll, dann kann ich den ganzen Mist ja alleine machen.“ Mordrag lachte, „jetzt flenn mal nicht so rum, das wirst du ja wohl schaffen.“ Ich verstand zwar nichts, aber offenbar arbeitete Cavalorn fürs Neue Lager.
    Mordrag und ich gingen durch die Schlucht auf der anderen Seite von Cavalorns Hütte. Sie war lang und breit. Wir begegneten mehreren grasenden Scavengerschwärmen.
    Schließlich gelangten wir in einen felsigen Talkessel, in dem eine kleine Hütte stand. Der Bewohner der Hütte war ähnlich wie Mordrag gekleidet. „Ah Mordrag“, rief er. „Lang nicht gesehen, dachte schon, du wärst zum Alten Lager übergelaufen.“ „Was, Gomez in den Arsch kriechen? Ich?“ „Ist zumindest gut, dass du wiederkommst, Lares und Cronos werden schon ungeduldig.“ „Spielt sich der alte Sack Cronos mal wieder auf?“ „Das kannst du laut sagen.“ „Na mal sehen, ob ich ihn beruhigen kann, bis bald im Lager.“ „Ja, bis bald.“
    „Das war der Jäger Aidan“, erklärte Mordrag, während wir einen kleinen Hang hinaufstiegen. Der Hang führte auf ein kleines Plateau. Wir überquerten eine Holzbrücke, die über eine kleine Schlucht führte und standen dann vor einer Felswand. Wir bogen nach links und gingen an der Felswand entlang, etwas bergab. So kamen wir zu einer zwischen den Bergen eingebetteten Ebene, in die die Schlucht mündete. Auf der anderen Seite der Ebene sah ich einen großen See. Nachdem wir ein kurzes Stück an der Felswand entlanggegangen waren, kamen wir zu einem Loch in dieser. Das Loch wurde von einem Holztor versperrt. Neben dem Tor standen einige Leute, die ähnlich gekleidet waren wie Mordrag. Einige von ihnen rauchten Sumpfkraut und tranken Schnaps.
    Wir waren nun schon etwas höher in den Bergen. Lange nicht so hoch wie der Austauschplatz, aber das Neue Lager war zweifellos das höchst gelegene der drei Lager. Neben dem Tor führte ein steiler Pfad an der Felswand hinauf in Richtung Orkgebiet. Mordrag wurde sofort von den Männern am Tor begrüßt. Nachdem sie einige Worte gewechselt hatten, wandte sich Mordrag mir zu und überreichte mir einen goldenen Ring. „Das ist deine Eintrittskarte zu Lares“, erklärte er. „Du findest ihn in der Wohnhöhle. Sag ihm einfach, dass du von mir kommst und gib ihm den Ring. Ich hab kurz was mit meinen Kumpels zu bereden. Dann geh ich in die Seekneipe, falls du mich suchst, findest du mich dort.“
    Ich bedankte mich und ging dann auf das Tor zu. Als ich bemerkte, dass mich der rauchende Kerl, der davor stand, nicht aufhielt, blieb ich verdutzt stehen. In den beiden anderen Lagern hatte man mich bei meinem ersten Besuch aufgehalten. „Hi, ich bin neu hier“, grüßte ich. „Ich nicht“, erwiderte der Mann gelangweilt und stieß eine Wolke grünen Rauches aus. „Willst du mich nicht aufhalten? Mich fragen, was ich hier will und so?“, fragte ich. Der Mann blickte mich entgeistert an. „Is mir viel zu stressig, Mann.“ Ich zuckte mit den Schultern und trat durch das Tor ein.
    Last edited by Jünger des Xardas; 31.03.2012 at 14:09.

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    Das Neue Lager

    Hinter dem Tor befand sich ein kleiner Talkessel zwischen steilen Felswänden. Direkt vor mir lag ein Teich, dessen Wasser zur Rechten durch eine Lücke im Felsen aus dem Lager floss. Dies war der Beginn des Flusses, der am Nordtor des Alten Lagers vorbeifloss.
    Auf der linken Seite des Talkessels erhob sich ein großer Damm. Er bestand aus Steinen, die von einem Holzgerüst gehalten wurden. Die Lücken zwischen den Steinen waren mit Lehm ausgefüllt. Am Fuß des Damms lagen drei kleine, stufenförmig angeordnete Reisfelder. Durch ein Loch im Damm, das man öffnen und schließen konnte, floss Wasser auf die Felder. Das überschüssige Wasser floss in den kleinen Teich.
    Ich überquerte den kurzen Bach zwischen Teich und Feldern. Ein Holzsteg führte über ihn hinüber. Auf der anderen Seite führte eine mit Kies aufgehäufte Rampe auf das oberste Feld, auf dem ein kleines Holzhaus und eine größere Scheune, die ebenfalls aus Holz bestand, gebaut waren.
    Schäbig gekleidete, verschwitzte Bauern arbeiteten unter der Aufsicht einiger Männer in Leder auf den Feldern. Einer der in Leder gekleideten Kerle sprach mich an. „Hey du, ich bin Lefty. Du siehst aus, als wärst du neu hier. Willst du nicht etwas auf den Feldern aushelfen?“ Ich blickte zu den verschwitzten Bauern, die Arbeit schien sehr schwer zu sein. „Nein, kein Bedarf“, sagte ich. „Die armen Kerle schuften sich hier den Rücken krumm, sicher willst du ihnen etwas Arbeit abnehmen.“ „Ich sagte nein!“ Lefty zog sein Schwert. „Hör mal, ich hab es freundlich versucht, aber wer nicht hören will, muss fühlen.“ „Ich bin ein Freund von Mordrag und muss zu Lares, ich weiß nicht, ob der so erfreut wäre, wenn ich statt bei ihm aufzutauchen auf den Feldern arbeiten würde.“ Zumindest hoffte ich, dass das funktionieren würde. Eigentlich wusste ich ja gar nicht, wer dieser Lares war und ob er genug Macht hatte, dass Lefty mich in Ruhe lassen würde. „Klar“, lachte Lefty. „Und ich bin der oberste Erzbaron.“ „Hier, den hat mir Mordrag gegeben“, sagte ich und zeigte den Ring vor. Erst jetzt bemerkte ich eine kleine Gravur auf dem Ring: Gomez. „Was du…? Aber du… ein Neuer… Lares.“ Ich ließ Lefty einfach stehen und ging weiter. „Wer weiß, ob der es sich nicht noch mal anders überlegt“, dachte ich mir.
    Von den Feldern führte eine schmale, steile Schlucht nach Norden, machte jedoch schon nach knapp zwanzig Metern eine scharfe Biegung und führte dann direkt auf den Damm zu. Am Ende der Schlucht und Anfang des Damms versperrte ein weiteres Holztor den Weg. Rechts befand sich eine Holzplattform, auf die man nur von der Innenseite des Tores aus gelangen konnte, auf der Wand der Schlucht. Über dem Tor und der Plattform ragte ein großer Holzturm auf, von dem man einen guten Überblick über den Talkessel hatte. Man musste kein taktisches Genie sein, um zu erkennen, dass das Lager dank dieser Verteidigungsanlage so gut wie uneinnehmbar war. Das Tor wurde von zwei Männern bewacht und auf der Plattform standen weitere Wachen. Sie alle trugen ähnliche Rüstungen wie Kharim im Alten Lager. Anders als die Gardisten oder Templer trugen sie jedoch keine einheitlichen Rüstungen und Waffen. Jede Rüstung sah etwas anders aus als die anderen. Nur Eines hatten sie gemeinsam: Sie alle wirkten wie kunterbunt aus Metall, Leder, Fell und blauem Stoff zusammengewürfelt. An Waffen trugen die Männer alles, was es gab: Streitkolben, Morgensterne, Flegel, Schwerter, Äxte, Bögen, Armbrüste und vieles mehr.
    „Halt“, sagte ein Mann mit blondem Haar und stoppeligem Kinn. „Ich bin Jarvis, Söldner der Magier und Torwache des Neuen Lagers. Was willst du hier?“ „Ich bin neu und will mir das Lager ansehen. Außerdem will ich zu Lares, Mordrag gab mir diesen….“ „Die Angelegenheiten der Banditen interessieren mich nicht“, unterbrach mich Jarvis barsch. „Du siehst zumindest nicht aus wie ein Spitzel. Aber man muss immer vorsichtig sein. Die zugekifften und versoffenen Banditen am Vortor würden doch jeden durchlassen. Man könnte dort genauso gut ein paar Bauern postieren.“ „Also willst du mich nicht aufhalten?“ „Nein ich will dich nur warnen: Hier geht es nicht zu wie im Alten Lager und erst recht nicht so wie bei den Sektenspinnern. Es gibt hier keine Gardisten oder Templer, die auf dich aufpassen. Hier ist sich jeder selbst der Nächste und die Einzigen, die zusammenhalten, sind wir Söldner.“ „Danke für die Warnung“, sagte ich und schritt durch das Tor.
    Ich gelangte in einen zweiten, wesentlich größeren Talkessel. Zu meiner Rechten befand sich ein großer Stausee. Er lag in einer Art Krater mit steilen Wänden. Es war ein glasklarer Bergsee, der von einem Wasserfall gespeist wurde. Einst war er wohl ein Fluss gewesen, doch nun wurde er von dem Damm gestaut. Auf der anderen Seeseite befand sich der Rand der Barriere. Hier am östlichen Ufer des großen Sees standen einige Fischerhütten und ein Haus, in dem offenbar die Reisbauern lebten. Auf der anderen Seeseite gab es keine Gebäude. Ich überquerte den Damm. Auf der anderen Seite befand sich der Eingang zu einer gewaltigen Höhle. Kurz davor führte ein Steg auf eine kleine, felsige Insel, auf der ein größeres Gebäude stand.
    Ich betrat die Höhle, es war beeindruckend. Auf mehreren Ebenen erhoben sich kleine Hütten und große Pueblos. Sie alle waren aus Lehm gebaut, welcher mit Holzbalken abgestützt wurde. Leitern führten zu den oberen Stockwerken der Pueblos. Überall herrschte geschäftiges Treiben. Das Lager war nicht so geordnet wie die beiden anderen. Jeder ging seinen eigenen Angelegenheiten nach. Nicht wenige rauchten Sumpfkraut, tranken Alkohol oder prügelten sich mit anderen. Es gab keine einheitlichen Rüstungen. Jedoch gab es viele Leute, die Rüstungen, die denen von Jarvis und den Männern am Tor ähnelten trugen, während viele andere ähnlich wie Mordrag gekleidet waren. Sie alle trugen Rüstungen aus Leder und Fell, sowie blaue Halstücher. Weiter hinten erhob sich eine kleine Klippe, knapp unter der Decke, über die Hütten. Auf der Klippe standen steinerne Gebäude. In der Mitte der Höhle, auf der untersten Ebene, befand sich ein vergittertes Loch, aus dem ein bläulicher Schein herausleuchtete.
    Ein gewaltiger, dunkelhäutiger Kerl ging an mir vorbei. Das musste Gorn sein. „Gorn?“, fragte ich. Der Kerl drehte sich um. Er war ein wahrer Hüne von einem Mann. Seine Arme waren muskelbepackt und behaart. Ich war mir sicher, dass er mit diesen Armen einem ausgewachsenen Oger das Genick brechen konnte. Er hatte buschige Augenbrauen und einen großen, dichten Schnauzbart. Auf seinem Rücken hing eine gewaltige, doppelschneidige Axt, die ich nicht einmal hätte hochhalten können und er trug eine ähnliche Rüstung wie Jarvis. Alles in allem eine Respekt einflößende Gestalt. Mit diesem Kerl sollte man sich besser nicht anlegen, das war auf den ersten Blick klar und irgendwie wollte ich nicht wissen, wofür er hier drin war. „Hm?“, brummte er. „Ähm hi, ich bin neu hier.“ „Schön für dich“, sagte Gorn mit tiefer, brummiger Stimme und drehte sich wieder um. „Ich komme aus dem Alten Lager. Ich bin ein Kumpel von Diego.“ Gorn drehte sich wieder um. „Diego sagst du?“ „Ja ich wollte mir euer Lager ansehen, bevor ich mich für eins entscheide und er sagte, ich solle mich an dich wenden.“ „Hm, du wüsstest nicht, wer ich bin und das ich ein Kumpel von Diego bin, wenn das nicht so wäre, also sagst du die Wahrheit. Freunde von Diego sind natürlich auch meine Freunde. Freut mich.“ Er streckte mir die Hand hin. Ich schüttelte sie, hatte dabei jedoch das Gefühl, dass mir alle Knochen in der Hand gebrochen wurden. „Wollte grad auf nen Reisschnaps in die Kneipe, kommst du mit?“, fragte Gorn. „Klar“, antwortete ich.
    Die Kneipe war das Gebäude auf der kleinen Insel. Zwei grimmige Kerle bewachten den Eingang, ließen uns aber passieren. Wir gelangten in einen großen, staubigen Raum. An einigen Tischen saßen ein paar Gäste, darunter auch ein Novize der Bruderschaft, doch die Kneipe war im Moment recht leer. Gorn und ich setzten uns auf zwei Hocker an der Theke. „Silas!“, rief Gorn dem dunkelhäutigen, ziemlich kahlen Wirt zu. „Zwei Reisschnaps für mich und meinen Kumpel.“ Dann wandte er sich mir zu. „Also du willst dir das Lager ansehen, ja?“ „Ja, Lester hat mir schon die Sekte gezeigt und jetzt wollte ich mich hier umsehen, bevor ich mich für ein Lager entscheide.“ „Und für welches Lager würdest du dich entscheiden?“ „Bis jetzt fürs Alte, die Sekte ist nichts für mich.“ Gorn lachte, „ja, kann ich verstehen.“
    Silas stellte zwei Flaschen auf den Tisch. Gorn nahm die eine und trank sie in einem Zug leer. Vorsichtig nahm ich die andere und nippte daran. Ich spuckte. Der Reisschnaps war so ziemlich das widerlichste, was ich je getrunken hatte. Gorn gluckste, nahm mir die Flasche ab und trank auch sie in einem Zug leer.
    „Also“, sagte ich. „Was gibt es über dieses Lager zu wissen?“ „Nun du wirst schon bemerkt haben, dass es hier nicht wie in den anderen Lagern zugeht. Wir haben hier keinen Anführer, musst du wissen. Als wir dieses Lager vor acht Jahren gegründet haben, wollten wir ein freies Lager, in dem niemand geknechtet wird so wie im Alten Lager. Bei uns sollte jeder willkommen sein und machen können, was er will, ohne sich einem Anführer unterwerfen zu müssen. Einer der Gründe, warum sich das Alte und das Neue Lager nicht so gut verstehen. Die Gründer des Lagers waren allesamt Männer, die hier rauswollten und das trifft auch auf die meisten anderen hier zu. Allerdings muss man nicht raus wollen oder gar beim Ausbruchsplan helfen, um im Lager willkommen zu sein.“ „Ist mir egal“, sagte ich. „Ich will raus. Ich werde mich sicher nicht wie die Erzbarone mit meinem Schicksal abfinden!“ „Freut mich das zu hören“, sagte Gorn. „Ich hab mir von Kharim, der deinen Kampf gegen Kirgo gesehen hat, sagen lassen, dass du Kirgo am Leben gelassen hast.“ „Ja, das habe ich.“ „Nun, ich bin zwar ein Raufbold und für jede Schlägerei zu haben, was mich auch in die Barriere gebracht hat, aber wenn du mich fragst, hast du richtig gehandelt. Ich nehme an, man hat dir schon gesagt, was das bedeutet?“ „Ja Velaya…“ „Velaya?“, Gorn zog die Augenbrauen hoch. „Beachtlich für einen Neuen. In dir steckt vielleicht mehr, als es auf den ersten Blick scheint, sie redet nicht mit jedem Neuen.“ „Was ist jetzt mit dem Lager?“ „Nun, dass es keine festen Regeln gibt, hat zur Folge, dass hier nur die Stärksten überleben und die Schwachen bei ihnen Schutz suchen. Außerdem gibt es hier viele kleinere und größere Gruppierungen, die alle ihr eigenes Ding durchziehen. Einige davon unterstützen sich gegenseitig, andere können sich nicht leiden. Bis auf kleinere Schlägereien gibt es aber keine Auseinandersetzungen, darauf achten Lee und die Magier. Und außerdem haben wir ja fast alle den Hass aufs Alte Lager und den Wunsch nach Freiheit gemeinsam. Die wichtigste der kleinen Gruppen sind wohl der Reislord und seine Schläger. Denen bist du ja wahrscheinlich auf dem Weg ins Lager begegnet. Die Schläger, allen voran ihr Anführer Lefty, zwingen alle Schwachen, die nicht unter dem Schutz einer anderen Gruppe stehen, zur Arbeit auf den Feldern. Ich mag den Reislord und die Schläger nicht besonders und bin da nicht der einzige, aber der Reislord ist Mitbegründer des Lagers und der Reis unsere Nahrungsgrundlage. Klar, wir haben auch Jäger, vorwiegend Banditen. Dann sind da noch die Fischer. Und durch die Überfälle auf die Konvois des Alten Lagers kriegen wir auch Waren aus der Außenwelt, aber im Großen und Ganzen leben wir doch von Reis, Reisschnaps und natürlich Wasser… zumindest ab und zu… wenns sein muss… Die beiden größten Gruppen, die im Lager am meisten zu sagen haben, sind die Söldner und die Banditen.“ „Und was machen die so?“ „Die Söldner, zu denen ich auch gehöre, arbeiten für die Wassermagier. Diese haben früher mit den Feuermagiern in der Burg gelebt, aber anders als die Feuermagier wollten sie sich nicht mit ihrem Schicksal abfinden. Nach einigen Streits zwischen den Magiern sind die Wassermagier dann abgehauen und haben sich dem Neuen Lager angeschlossen, welches damals ca. zwei Dutzend Mitglieder hatte. Sie haben dann einen Ausbruchsplan ausgearbeitet.“ „Und wie geht der?“ „Nun wir kratzen so viel magisches Erz wie möglich zusammen und lagern es in dem großen Loch in der Mitte der Höhle und dann…“ „Ihr habt einen riesigen Haufen magisches Erz hier?“ Gorn lachte, „ja für den würde uns der König seinen ganzen Hofstaat verkaufen, mitsamt seinen eigenen Kindern, aber wir werden den Beliar tun den Haufen mit der Außenwelt zu tauschen, wir arbeiten für die Freiheit! Komm aber nicht auf die Idee, was klauen zu wollen, der Haufen wird Tag und Nacht bewacht.“ „Und was soll mit ihm geschehen?“ „Wenn er groß genug ist und das wird laut den Magiern sehr bald der Fall sein, werden sie ihn sprengen.“ „Ihn sprengen?“, fragte ich entsetzt. Das hörte sich ziemlich gefährlich an.
    „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, die Explosion wird rein magischer Natur sein“, sagte eine kühle, erhabene Stimme mit leichtem südländischen Akzent. Wir blickten auf. Über uns stand ein hochnäsig wirkender Mann in einer blauen, mit Wellen bestickten Robe, dessen einzige Waffe ein hölzerner Kampfstab zu sein schien. Er hatte leicht dunkle Haut, schwarzes Haar und einen Vollbart.
    „Seid gegrüßt, Magier“, sagte ich höflich zu dem Priester des Wassergottes Adanos. „Glaubt Ihr nicht, dass das gefährlich ist?“ „Nein, durchaus nicht. Wir Magier werden die Kraft des Erzes, welche nur magische Dinge angreift, fokussieren und direkt auf die Barriere lenken. Aber dieser Prozess ist zu kompliziert, als dass einfache, ungebildete Gefangene wie ihr beide, ihn verstehen könnten. Doch nun entschuldigt mich, ich muss mit meinem Boten sprechen.“ Und damit rauschte er zu einem Tisch weiter hinten davon, an dem Mordrag gerade einen Reisschnaps trank.
    „Das war Cronos, der Hüter des Erzes“, erklärte Gorn. „Er ist etwas arrogant. Hält uns einfache Gefangene für ungebildete Barbaren. Aber nicht alle Wassermagier sind so.“ „Was genau tun jetzt die Söldner?“ „Wir helfen den Magiern bei ihrem Plan. Der mag zwar etwas gefährlich klingen, aber besser als der der Sekte ist er allemal. Und ich tu lieber was für die Freiheit, anstatt rumzusitzen. Lee, unser Anführer, der ebenfalls Mitbegründer des Lagers ist, hat damals einen Pakt mit den Magiern geschlossen: Er heuert die besten Kämpfer an, die im Lager zu finden sind, also uns. Wir beschützen nun die Magier, das Erz, die Mine, das Lager und die Schürfer. Im Austausch kriegen wir einen kleinen Teil des Erzes ab und kommen hier eines Tages wieder raus. Und glaub mir, Lee ist ein verdammt guter Anführer, gegen ihn können Thorus oder Angar einpacken.“ „Wer sind die Schürfer?“, wollte ich wissen. „Sie leben direkt über der Mine, im Kessel“, erklärte Gorn. „Sie schürfen dort das Erz für unseren Ausbruchsplan. Für gewöhnlich werden die meisten, die nicht gut genug kämpfen können, um sich einer der Gruppierungen anzuschließen, Schürfer. Als solche stehen sie unter unserem Schutz und müssen nicht auf den Feldern arbeiten.“ „Sie sind also so was wie die Buddler?“ Gorn lachte. „Nein, ganz sicher nicht. Die Buddler sind nicht mehr als Gomez´ Sklaven. Die Schürfer sind frei und haben ein WESENTLICH besseres Leben.“ „Okay, verstanden. Aber was ist mit den Banditen?“ „Die Banditen oder die Bande, wie sie sich selbst nennen, werden von Lares, dem König der Diebe, angeführt.“ „Doch nicht etwa der Lares?“ „Doch, genau der.“ Natürlich hatte ich schon von ihm gehört. Er war der mit Abstand beste Dieb der ganzen Welt gewesen. Sogar der beste Dieb aller Zeiten, wie viele meinten. Die größten Raube und Diebstähle gingen auf sein Konto. Außerdem war er auch noch ein sehr guter Fälscher, wie man hörte. „Die Banditen überfallen die Konvois des Alten Lagers und die kleineren Stellungen der Gardisten und versorgen das Lager dann mit Waren aus der Außenwelt. Die besonders mutigen Banditen brechen sogar im Alten Lager ein. Lee und die Magier sehen das nicht gerne. Sie fürchten einen Krieg zwischen den Lagern. Allerdings lassen sie die Banditen gewähren, da sie zu viele und zu wichtig für das Lager sind. Jedoch achtet Lares, der neben seinem Posten als Banditenchef auch noch Lees Vertrauter ist, darauf, dass es die Banditen nicht zu weit treiben, während die Feuermagier im Alten Lager dafür sorgen, dass Gomez nicht durchdreht. Ab und zu arbeiten die Banditen auch als Boten für die Wassermagier. Die Söldner haben sich um wichtigere Dinge zu kümmern und so bringen die Banditen gegen eine Belohnung die Briefe der Wasser- an die Feuermagier ins Alte Lager. Die meisten Söldner und Banditen verstehen sich nicht so gut und es gibt öfter Schlägerein, aber im Grunde sind sie ganz in Ordnung und einige Söldner beteiligen sich sogar an den Überfällen, auch wenn Lee das nicht gerne sieht.“ „Du gehörst nicht etwa dazu?“, fragte ich. Gorn grinste. „Wie gesagt, Lee sieht das nicht gerne, also werd ich schön die Klappe halten.“
    Es war inzwischen schon spät. Gorn bot mir an, bei ihm zu übernachten. Ich willigte ein, wollte aber vorher noch zu Lares. Und so trennten sich unsere Wege vor der Wohnhöhle.

    Lares lebte in einer Hütte auf der linken Höhlenseite. Ein Bandit bewachte den Eingang. „Hey, wo willst du hin?“, fragte er. „Wo gehts hier denn hin?“ „Na, zu Lares.“ „Ich will zu Lares.“ „Das wollen viele, nicht wenige davon sind Attentäter aus dem Alten Lager.“ Ich hielt den Ring hoch. „Den hat mir Mordrag gegeben.“ „Hm, von Mordrag? Er muss große Stücke auf dich halten. Du kannst reingehen, aber wehe, du machst Ärger.“
    Die Hütte war schön eingerichtet. Die meisten Hütten waren so schäbig, wie die im Alten Lager oder der Sekte, doch hier gab es einen Tisch, eine Truhe, ein Bett und ein Regal. Lares stand hinter dem Tisch und nippte an einer Weinflasche. Er war mit einem Langbogen und einem gewöhnlichen Schwert bewaffnet, hatte schwarzes Haar, einen Vollbart, ein verschmitztes Gesicht und eine feine Narbe, knapp oberhalb seines rechten Auges. Alles in allem wirkte er sehr verwegen. Natürlich hatte ich sein Gesicht auch schon auf dem einen oder anderen Steckbrief gesehen, doch die waren alle nicht sehr gut getroffen gewesen, wie ich jetzt feststellte. „Was willst du?“, fragte er. „Ich bin neu. Mordrag hat mir den hier gegeben“, erwiderte ich und legte den Ring auf den Tisch. „Mordrag, hm? Wurde ja auch Zeit, dass er wiederkommt. Viele dachten schon, er wär übergelaufen. Aber das ist jetzt egal. Dass er dir den Ring gegeben hat, spricht für dich. Ich nehme an, du bist der Kerl, der Kirgo besiegt hat?“ „Wies scheint, hat sich das schon rumgesprochen.“ „Allerdings. Hier drin ist es keine Selbstverständlichkeit jemanden am Leben zu lassen, hier ist niemand unschuldig. Aber, was willst du von mir? Willst du dich der Bande anschließen?“ „Ich weiß noch nicht“, gab ich zu. „Nun, falls du das willst, musst du auch was für uns tun und zeigen, dass du gegen das Alte Lager bist. Fürs erste hab ich einen leichten Job: Die Sekte hat neulich einen Novizen ins Lager geschickt. Er soll hier Kraut verkaufen, besäuft sich aber stattdessen in Silas Kneipe. Versuch, ihm sein Kraut abzunehmen und bring es mir. Hier im Lager kann man mit dem Verkauf von Kraut ne Menge Gewinn machen. Wenn du das erledigt hast, sehen wir weiter. Überlegs dir einfach. Du könntest es in der Bande weit bringen.“
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    Der Kessel


    Welchem Lager sollte ich mich nun anschließen? Die Sekte fiel schon mal weg, blieben noch das Alte und das Neue Lager.
    Sicher, ich wollte hier raus und im Grunde gefiel mir das Neue Lager mit seiner lockeren Ordnung besser. Aber für die Söldner war ich nicht gut genug und auf die Banditen hatte ich wenig Lust. Die Konvois zu überfallen war nichts für mich und im Grunde wusste Lares das, da war ich mir sicher. Ich hatte Kirgo nicht am Leben gelassen, um nun einfach zum Mörder zu werden, schließlich war ich unschuldig, egal, wie viele Leute mir noch sagen würden, dass hier drin niemand unschuldig war.
    Und das Alte Lager? Nun, ich wollte zwar raus, aber das traf auch auf Diego und Velaya zu und trotzdem lebten sie im Alten Lager. Auch wenn dort einige Ärsche rumliefen, so war das Leben dort doch recht angenehm, wenn man zu Gomez gehörte. Und wenn ich ehrlich war, so glaubte ich eh nicht an den Plan der Wassermagier. Das klang mir zu gefährlich, zu waghalsig. Nein, es musste einen anderen Weg geben.
    Und nicht zuletzt lebte Velaya im Alten Lager.
    Von diesem Moment an stand mein Entschluss fest, ich würde ins Alte Lager gehen.
    Ich aß bei Gorn zu Abend etwas Reis. Dabei fiel mir Snafs Auftrag wieder ein. Gorn meinte, dass wir uns morgen um den Reis kümmern könnten.

    Wieder träumte ich von Xardas. Noch immer wusste ich nicht, was dieser ewig gleiche Traum zu bedeuten hatte, doch ich wusste, dass es da eine ganz bestimmte Person gab, von der ich um einiges lieber geträumt hätte.

    Als ich aufgewacht war, machte ich mich auf den Weg zum Reislord. Gorn konnte nicht, wie geplant, mitkommen. Torlof, Lees rechte Hand hatte ihn zu sich rufen lassen.
    „Du!“, rief Lefty, als ich bei den Feldern aufkreuzte. „Heute hast du keinen Ring dabei. Los, schwing dich auf die Felder, es gibt Arbeit!“ „Ich werd nicht für dich auf den Feldern schuften!“ Lefty zog sein Schwert. „Oh doch, das wirst du, wenn du nicht aufgeschlitzt werden willst.“ „Von dir werde ich mich nicht aufschlitzen lassen.“ „Du kommst dir wohl ganz toll vor, was? Nur weil du als Neuer schon das Vertrauen von Mordrag genießt, heißt das nicht, dass du hier ne dicke Lippe riskieren kannst. Ich glaub, ich sollte dir einfach mal zeigen, wie das hier läuft.“ Lefty holte aus und schlug mit dem Schwert nach mir. Wie selbstverständlich duckte ich mich unter dem Schlag hinweg und traf Lefty mit der Faust in den Magen. Doch nun wurden auch die anderen Schläger aufmerksam und griffen in den Kampf ein. Zwei von ihnen prügelten mich zu Boden. „So jetzt werden wir dir erst mal ein paar Manieren beibringen“, sagte Lefty und spuckte mich an.
    „Die sollten wir lieber dir beibringen“, ertönte Gorns Stimme. Ich blickte auf. Gorn war plötzlich aufgetaucht, hatte Lefty am Kragen gepackt und gegen die anderen Schläger geschleudert.
    „Wehe, ihr vergreift euch noch einmal an meinem Kumpel!“, sagte Gorn wütend zu dem Knäuel der drei am Boden liegenden Schläger. Dann packte er mich am Kragen, zog mich auf die Beine und klopfte mir den Staub von den Schultern, so dass ich das Gefühl hatte in den Boden gehämmert zu werden. „Reife Leistung“, sagte er, „dafür, dass du neu bist und nichts vom Kämpfen verstehst, hast du dich gut gegen Lefty geschlagen.“
    Wir kauften beim dicken Reislord einen Sack Reis. Das kostete mich zwar wieder einiges, da der Reislord ein ziemlicher Halsabschneider war, besonders, wenn man nicht zum Neuen Lager gehörte, doch dafür würde ich bald im Alten Lager aufgenommen werden und mein eigenes Erz verdienen.
    Auf dem Weg Richtung Haupttor erklärte Gorn mir, dass Torlof ihn zusammen mit einigen anderen Söldnern und Schürfern zum Kessel geschickt hatte. So nannte man den Krater über der Freien Mine, in dem die Schürfer lebten. Gorn und die anderen Söldner waren als Minenwachen eingeteilt worden und sollten einige der Söldner im Kessel ablösen. Die Schürfer waren ins Lager gekommen, um neue Ausrüstung für die Mine zu holen, die sie nun in den Kessel bringen wollten. Gorn bot mir an mitzukommen und erzählte, dass ich dort seinen Freund Milten kennen lernen könne. „Er ist einer der Feuermagier. Er hat dort irgendetwas mit Cronos zu besprechen. Mordrag brachte gestern einen Brief, in dem er ihn um ein Treffen im Kessel bat. Vielleicht treffen wir ihn noch, bevor er ins Alte Lager zurückgeht.“ „Er ist Feuermagier?“, fragte ich aufgeregt. „Ja. Corristo, der oberste Feuermagier, machte ihn vor zwei Jahren zu seinem Schüler.“ Ich erzählte Gorn schnell von dem Brief. „Nun, wie gesagt, du kannst mitkommen. Dann kannst du deinen Brief abgeben.“

    Die Schürfer und Söldner warteten schon. Sie standen vor der Wohnhöhle an einem mit Waren beladenen Karren. Der Anführer des kleinen Söldnertrupps war ein blonder Söldner namens Baloro. Die Schürfer wurden von einem Kerl namens Swiney angeführt. Wir gingen an der Wohnhöhle vorbei in Richtung Südwesten. Ein felsiger Weg führte hier in ein kleines hügeliges Tal oberhalb der Wohnhöhle. Wir kamen an einer über den See ragenden Klippe vorbei, auf der ein schon älterer Söldner einige jüngere Söldner trainierte. Jenseits des Tales führte der Weg durch einen kleinen Tunnel in einen Talkessel. Von dort aus gingen wir weiter durch eine schmale Schlucht nach Süden.
    Nach etwa einer Dreiviertelstunde erreichten wir den Kessel. Er war ein großer Krater. Steile Wege, hölzerne Stege und Leitern führten bis ganz nach unten. Überall waren kleine Holzhütten dicht an die steile Wand des Kessels gebaut. In diesen Hütten lebten die Schürfer, direkt an ihrem Arbeitsplatz. Im Moment waren jedoch nur wenige Schürfer im Kessel. Ich vermutete, dass die meisten in der Mine arbeiteten oder ihre freie Zeit im Lager genossen. Überall standen Wachen der Söldner herum. Einer von ihnen, ein großer, blonder Kerl, der mit einer Axt bewaffnet war, kam direkt auf uns zu. „Das wurde aber auch Zeit“, sagte er. „Ich dachte schon, Torlof schickt gar keine Verstärkung mehr raus. Wir haben hier nichts als Ärger. Es wurden schon wieder drei Schürfer und ein Söldner von diesen verdammten Crawlern getötet. Baloro, nimm dir die Männer hier und geh runter in die Mine. Wir brauchen mehr Leute am dritten Nebenschacht. Sprecht mit Orik, er wird euch einteilen. Swiney, du und die anderen Schürfer, ihr meldet euch bei Bruce, wenn ihr die Ausrüstung ins Lager gebracht habt. Er meinte, er bräuchte noch Leute in der zweiten Haupthöhle.“ Der Söldner schien ziemlich gestresst. Erst jetzt erblickte er mich. „Wer bist du? Ein neuer Schürfer? Ich hab dich noch nie gesehen.“ „Ja, neu bin ich, aber Schürfer wollte ich eigentlich nicht werden.“ „Was willst du dann hier?“ „Mich umsehen und ich muss mit Milten sprechen, dem Feuermagier, der gerade hier ist.“ „Das hier ist eine Mine! Meine Mine! Denkst du, ich lass hier einfach jeden Neugierigen rumlaufen? Du würdest die Männer nur bei der Arbeit stören. Am Ende bist du noch ein Spitzel des Alten Lagers.“ „Keine Sorge, er ist sauber“, meldete Gorn sich zu Wort. „Verbürgst du dich für ihn?“, fragte der andere Söldner. „Ja, das tue ich“, sagte Gorn. Der Söldner seufzte, „also gut. Du kannst hier im Kessel rumlaufen. Die Magier sind unten. Aber renn nicht in die Mine. Ich kann niemanden brauchen, der die Männer von der Arbeit abhält, außerdem würdest du eh nur von Crawlern gefressen werden. So, und jetzt geht endlich los und macht euch an die Arbeit!“
    Die Söldner und Schürfer taten, was ihnen ihr Anführer befohlen hatte. Ich ging mit Gorn nach unten, hörte den Söldner aber noch murmeln „ein Neuer, pah. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder dahergelaufene Neue hier rumstiefelt?“ „Das war Okyl, der Chef der Mine“, erklärte Gorn. „Er ist ein guter Mann, aber er hat ne Menge um die Ohren.“
    Am Fuß des Kessels führte ein von zwei Söldnern bewachtes Tor in den Berg hinein. Davor standen Cronos und ein Mann in einer roten Robe und stritten sich. „Der ehrenwerte Meister Corristo…“ „Ich wiederhole mich nur ungern, junger Adept: Wir Magier vom Kreis des Wassers haben acht Jahre lang gründlichste Forschungen am magischen Erz vorgenommen. Der Plan wird funktionieren. Mit Hilfe der Foki werden wir die Magie in die richtigen Bahnen lenken. Die Explosion des Erzhaufens wird ausschließlich die Barriere…“ „Meister Corristo ist sehr besorgt. Ihr könnt euch nicht sicher sein, ausschließlich die Barriere zu vernichten. Die Explosion könnte das Gefüge der Magie aufs empfindlichste stören. Meister Corristo schlägt daher vor…“ „Wir haben bereits zahlreiche Tests durchgeführt. Es mag sein, dass Ihr, junger Adept, noch nicht über das nötige magische Wissen verfügt, diesen komplexen Vorgang zu verstehen, doch Meister Corristo sollte wissen, dass…“ „Der ehrenwerte Meister Drago hat in der Alten Mine zahlreiche Untersuchungen an dem magischen Erz durchgeführt und…“ „Mit Verlaub, ich möchte nicht an Meister Dragos Fähigkeiten zweifeln, doch wenn ich an den Zwischenfall erinnern darf, in dessen Verlauf Meister Drago den Turm der Erzburg…“ „Meister Dragos Fähigkeiten und der Zwischenfall stehen nicht zur…“ „Ein Zwischenfall, an dem Ihr, wie man sagt, nicht ganz unbeteiligt wart, junger Adept.“ „Dies hat nichts mit der eigentlichen…“ „Die Magier vom Kreis des Wassers sind sich ihrer Sache vollkommen sicher und werden den großen Erzhaufen sprengen. Dies ist mein letztes Wort! Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet, ich habe noch wichtige Dinge zu erledigen.“ „Wenn das euer letztes Wort ist. Aber Meister Corristo wird darüber nicht sehr erfreut sein.“ „Richtet ihm aus, dass alles wie geplant verlaufen wird. Aber nun müsst Ihr mich wirklich entschuldigen. Möge Adanos euch behüten.“ „Möge Innos euren Weg erhellen.“ Der Magier in der roten Robe kramte einen Stein aus seiner Tasche.
    Wir hatten nun den Boden des Kessels erreicht. „Meister Feuermagier!“, rief ich. Der Mann blickte auf, doch es war zu spät, er hatte den Teleportstein bereits aktiviert. Ein blaues Licht leuchtete auf und er war verschwunden. „Verdammt!“, dachte ich. Ich war so kurz davor gewesen den Brief abzugeben. Auch Cronos, der uns einfache Gefangene keines Blickes würdigte, hatte einen Teleportstein aus seiner Tasche gekramt und verschwand in einem blauen Lichtblitz. Da es hier sonst nichts Interessantes gab und Gorn nun in die Mine musste, verabschiedete ich mich und machte mich auf den Rückweg ins Alte Lager, wo ich gegen Mittag eintraf.
    Last edited by Jünger des Xardas; 02.05.2009 at 13:00.

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    Die Prüfung des Vertrauens


    Ich ging als erstes zu Snaf, der sehr glücklich war und mir seine Stimme, sowie eine kostenlose Portion Ragout gab. Dann begab ich mich zu Thorus und erklärte ihm, dass ich mich um Mordrag gekümmert hatte.
    „Hm“, grunzte Thorus. „Mir wär’ lieber gewesen, du hättest ihn getötet. Aber gut, er ist weg und das ist, worauf es ankommt.“ „Ich hab doch gesagt, alles wird gut.“ Thorus schnaubte: „Jetzt komm dir mal nicht zu toll vor. Und jetzt verschwinde, ich hab zu arbeiten.“

    Diego saß mal wieder vor seiner Hütte. „Ja, Corristo war ziemlich sauer“, lachte er, als ich ihm vom Streit der Magier erzählte. „Die Feuermagier sind ziemlich besorgt. Sie glauben nicht, dass der Plan mit dem Erzhaufen funktioniert.“ „Da sind sie nicht die Einzigen. Aber von was für einem Vorfall hat Cronos gesprochen?“ „Ach, nichts Besonderes. Drago hat einige Erzdiebe im Magiertempel verfolgt. Dabei hat er einen Feuerball nach ihnen geschossen, der die hölzerne Turmspitze des kaputten Turms getroffen und in Brand gesteckt hat. Seitdem hat er keinen so guten Ruf mehr und muss die meiste Zeit in der Mine das Erz untersuchen.“ „Cronos sagte, dass Milten an dem Vorfall beteiligt war.“ Diego blickte sich vorsichtig um. „Nicht nur Milten“, sagte er dann leise. „Velaya und ich und im weiteren Sinn auch Lester und Gorn hatten ebenfalls was damit zu tun. Aber es ist nicht so klug, das laut rum zu erzählen. Vielleicht erzähl ich dir die Geschichte mal. Ist aber nicht wirklich wichtig.“ „Was ist mit der Prüfung des Vertrauens?“, fragte ich. „Nun, Fingers meint, du hast was gelernt. Das macht dich wertvoll für uns. Du hast Kirgo besiegt, dass ist nicht schlecht für einen Neuen. Fletcher ist dir sehr dankbar. Das war zwar keine normale Prüfung, aber du hast dich mit den richtigen Leuten gutgestellt. Mit Dexter muss ich noch ein ernstes Wörtchen reden, er hat dich für seine eigenen Geschäfte benutzt. Aber es gibt keine festen Regeln für die Prüfungen. So oder so hast du’s dir ziemlich mit ihm vergeigt. Fisk ist ziemlich glücklich über seinen neuen Bogen. Er ist klar für dich und solange ihm keiner sagt, dass du ihn um sein Erz betrogen hast, wird das wohl auch so bleiben. Aber keine Angst, ich werd’s ihm nich erzählen. Whistlers Aufgabe war nicht wirklich schwer und an deiner Stelle wär’ ich mit dem Erz durchgebrannt, aber du hast es geschafft und nur das zählt. Sly war ziemlich beeindruckt, dass du Nek gefunden hast und er ist da nicht der Einzige. Seine Stimme hast du auf jeden Fall. Und, da du mit Mordrag ins Neue Lager bist, nehme ich an, dass du bei der Gelegenheit auch Thorus’ und Snafs Auftrag erledigt hast.“ „Ja, ich war gerade bei den beiden. Und ich habe Mordrag am Leben gelassen und gewarnt. Er war sehr dankbar.“ „Ja, das hast du gut gemacht. Cavalorn sagte mir schon, dass ihr an ihm vorbeigekommen seid. Ich denke, damit hast du endgültig klar gemacht, wo du stehst.“ „Ich hab mich fürs Alte Lager entschieden und ich bin bereit für die Prüfung des Vertrauens.“ „Freut mich, zu hören.“ „Was ist jetzt die Prüfung?“, wollte ich endlich wissen. „Du sollst für mich zur Alten Mine gehen. Sie liegt in der Nähe des Neuen Lagers. Mit Grahams Karte solltest du sie finden.“ „Was soll ich dort tun?“, fragte ich. „Du sollst zum Boss der Mine gehen. Das ist ein Kerl Namens Ian. Er hat eine Liste, auf der draufsteht, was die in der Mine alles brauchen. Die Liste bringst du mir, dann schicke ich einen Konvoi mit den Waren zur Mine.“ „Und warum sollte Ian mir die Liste geben?“ „Weil du ihm sagst, Diego schickt dich.“ „Okay kein Problem.“ „Oh doch, das ist ein Problem! Das Neue Lager darf die Liste auf keinen Fall in die Hände bekommen.“ „Keine Sorge, ich werde schon drauf aufpassen“, sagte ich.

    Der Weg zur Mine verlief ähnlich wie der zum Neuen Lager. Kurz hinter Aidans Hütte bog ich jedoch nicht nach links, sondern nach rechts ab. So gelangte ich auf eine Klippe. Zur Linken trat der Fluss aus dem Berg aus und ich sah den kleinen Teich samt den Reisfeldern durch den Felsspalt. Zur Rechten stürzte sich der Fluss in Form eines kleinen Wasserfalls die Klippe hinunter und floss dann ziemlich gerade weiter in Richtung Altes Lager. Eine kleine Holzbrücke führte über den Fluss. Auf der anderen Seite führte ein steiler Hang wieder von der Klippe hinunter. Zu meiner Rechten endete der Wald, der an der Brücke vor dem Alten Lager begann. Der Weg durch den Wald wäre zwar schneller, aber auch gefährlicher gewesen.
    Ich bog nach links ab und ging in eine breite Schlucht. Im hinteren Teil der Schlucht befand sich der Eingang zur Mine. Es war ein in den Berg führender Tunnel, den man mittels eines Gitters verschließen konnte. Davor standen einige Hütten und andere hölzerne Gebäude. Das ganze wurde von einem Holzwall mit zwei Türmen am Eingangstor gesichert. Auf den Türmen und am Tor standen Gardisten und zwischen den Hütten liefen Buddler umher. Ich sah sogar einige Templer, die wahrscheinlich wegen der Crawler hier waren.
    „Halt! Was willst du hier?“, fragte einer der Gardisten, als ich das kleine Lager vor der Mine betrat. „Ich bin wegen der Prüfung des Vertrauens hier“, erklärte ich. „Ich soll die Bedarfsliste abholen.“ „Ian ist in der Mine. Aber pass gut auf die Liste auf“, sagte der Gardist und ließ mich passieren.

    Als ich den Schacht betrat, der in die Mine führte, kam ein alter, schon weißhaariger Buddler auf mich zu, der ebenfalls auf dem Weg in die Mine war. „Na, Jungchen, neu hier?“ „Ja, bin ich.“ „Freut mich“, sagte der Buddler und streckte seine Hand aus. Ich schüttelte sie. „Ich bin Grimes“, erklärte der Buddler. „Du bist schon lange hier, nicht wahr?“, fragte ich, während wir gemeinsam ins Innere der Mine gingen. „Zehn Jahre. Ich war einer der ersten. Ich hab schon vieles erlebt und es dabei immer verstanden am Leben zu bleiben. Ich weiß noch, damals, als wir noch in der inzwischen verlassenen Mine arbeiteten und auf einmal die Stützbalken einkrachten…– aber das sind alte Geschichten.“ „Du hast doch sicher auch ne Menge Ausbruchspläne mitgekriegt, oder?“, fragte ich gespannt. „Hör mal, Jungchen“, sagte Grimes ernst. „Ich weiß, du willst hier raus, aber vergiss es! Ich habe die verkohlten Knochen derer gesehen, die versucht haben, auszubrechen. Finde dich damit ab.“ „Ich habe nicht vor, zehn Jahre in der Mine zu schuften“, erwiderte ich. Grimes schmunzelte: „Nein, das wirst du vielleicht auch nicht. Du wirkst vielversprechend. Du kannst dich hocharbeiten. Wer weiß? Vielleicht wirst du zu den ganz Großen gehören. Aber egal wie weit du kommst, die Barriere wird dich immer aufhalten.“
    Wir waren in einen gewaltigen Schacht gekommen. Er war ca. fünfzig Meter tief und fünfzehn Meter breit. Ein Steg- und Leitersystem führte bis ganz nach unten. Auf dem Weg dorthin zweigten mehrere Nebenschächte vom Hauptschacht ab. An den Wänden hingen Fackeln. Sie waren die einzige Lichtquelle in der riesigen Mine. Durch den ganzen Schacht schallte das Geräusch von Metall, das auf Stein traf. Außer diesem monotonen Hackgeräusch und ab und an einem seltsamen Kratzen in den Wänden gab es keine Geräusche in der Mine. Eine Holzbrücke führte vor uns über den Hauptschacht zu einem Haus, in dem offenbar die Wachen und einige der Templer lebten. Daneben befanden sich einige Flaschenzüge mit denen Erzkisten und Material hinauf und hinab transportiert wurden. Überall hackten Buddler und hielten Gardisten Wache. Ab und zu sah man auch einige Templer, die meist Sumpfkraut rauchten. Schatten gab es hier unten nur wenige.
    „Hier geht es ganz schön weit runter, was?“, sagte ich. „Ja, und das sogar in zwei Hinsichten.“ „Was soll das bedeuten?“ „Wir Buddler werden alle zwei Wochen ausgewechselt. Es ist unsere Aufgabe in der Mine zu arbeiten. Jeder muss mal ran. Aber für die Gardisten und Schatten gilt das nicht. Hier enden die, die nicht intelligent genug sind, nicht gut genug kämpfen können, irgendetwas verbockt haben oder es sich mit den falschen Leuten verscherzt haben.“ Ich blickte mich um. Bei näherer Betrachtung war das hier wirklich ein ziemlich trauriger Haufen. Wir gingen einen Weg hinunter in eine tiefere Ebene. Einige Nebenstollen zweigten hier ab. Eine hölzerne Rampe führte hinunter zur nächsten Ebene. „Hier landen die Gardisten, die Thorus ausgemustert hat. Sogar Diego schickt die Schatten hier runter, die er nicht um sich haben will. Und selbst die Feuermagier machen keine Ausnahme: Seit Drago den Holzturm der Burg angezündet hat, schicken sie ihn ständig hier runter, um irgendwelche Proben am Erz vorzunehmen. Der einzig fähige Mann hier unten ist unser Chef Ian. Aber der Arme muss sich halt mit den ganzen Idioten rumschlagen.“
    Auf jeder Ebene gab es ein Wachhaus und überall arbeiteten Buddler. Wir stiegen weiter hinunter und folgten schließlich einer Rampe zur Mitte des Hauptschachtes.
    KRACH.
    Eine Ebene tiefer auf der zentralen Plattform in der Mitte des Hauptschachtes war eine mit Erzkisten beladene Platte, die gerade von einigen Buddlern per Flaschenzug nach oben gezogen worden war, heruntergefallen und krachend auf der Plattform aufgeschlagen. Die Erzkisten waren heruntergefallen und eine von ihnen war sogar aufgebrochen, so dass die Erzbrocken sich über die Plattform ergossen.
    „Bei Innos’ schwabbeliger rechter Arschbacke! Könnt ihr unfähigen Idioten nicht einmal eine Winde bedienen? Los, räumt dieses Chaos auf!“
    „Ian“, erklärte Grimes. Ein vor Wut kochender, schwarzhaariger Schatten mit großem Schnauzbart stand vor einem Gebäude mit einem großen Lagerfeuer darin, an dem einige Gardisten Fleisch brieten. „Ähm, Entschuldigung“, sagte ich. „Hä, was willst du denn?“ „Ich bin neu und…“ „Ach lass mich in Ruhe, ich hab genug um die Ohren.“ „Aber ich…“ „Hörst du schlecht? Ich hab andere Probleme, als mich mit Neuen rumzuschlagen!“ „Diego schickt mich.“ „Was? Warum sagst du das nicht gleich?“ „Aber ich…“ „Egal. Warum schickt er keinen Schatten?“ „Das ist meine Prüfung des Vertrauens.“ „So?“, Ian ging zu einem Tisch und nahm einen Zettel von dort. „Lass sie dir aber nicht abnehmen“, sagte er, als er mir den Zettel in die Hand drückte. Dann wandte er sich wieder den Buddlern zu, die immer noch dabei waren das Erz aufzusammeln. „Ihr seid ja immer noch nicht fertig! Schneller! Los! Das hier sind keine Ferien, hier wird gearbeitet! Womit, bei Beliars stinkendem Atem, habe ich das nur verdient?“

    Da es schon spät war, übernachtete ich bei den anderen Buddlern in der Mine. Sie schliefen in einer kleinen, vom Hauptschacht abzweigenden Höhle in der Nähe von Ian. Vom Höhleneingang aus hatte man eine gute Aussicht auf den Boden des Hauptschachtes, wo ein gewaltiger Schmelzofen und zwei große Mühlsteine standen. Ein Orksklave bewegte die schweren Mühlsteine und zerkleinerte damit einige große Gesteinsbrocken. „Was macht denn der Ork hier?“, fragte ich. „Den haben die Gardisten mal am Rand des Orkgebiets erwischt“, erklärte der Buddler Glen. „Der Hundesohn hätte sich halt nicht so weit raustrauen dürfen. Weiter hinten in der Mine haben wir noch einen.“ „Aber er ist ja nicht mal angekettet. Warum flieht er nicht einfach?“ Glen lachte dreckig. „Er hat’s einmal versucht. Die Gardisten haben ihn so übel zugerichtet, dass er zwei Wochen nicht laufen konnte, seitdem hat er nie wieder versucht zu fliehen.“ Ich blickte wieder nach unten. Viper, der Schmelzer, verprügelte den Ork gerade, warum auch immer. Der Ork ließ es über sich ergehen. Er war zwar groß und stark und hätte Viper wohl mit einer Hand das Genick brechen können, aber er wusste wohl, was ihm dann blühte. Ich hatte noch nie zuvor einen Ork gesehen. Diese Wesen wurden immer als blutrünstige Bestien dargestellt, doch so kam mir dieses Exemplar gar nicht vor. Und blutrünstige Bestie hin oder her, im Augenblick schämte ich mich angesichts dessen, was Viper mit dem Ork tat, sogar ein bisschen ein Mensch zu sein.
    „Hey, komm rein!“, rief der Buddler Garp. Ich setzte mich zu den anderen ans Lagerfeuer. Grimes reichte mir eine Pilzsuppe. Diese wurde vom Koch Omid aus den Sklavenbrot oder Buddlerfleisch genannten Pilzen, die überall in der Mine wuchsen, gekocht. Es gab sicher Schmackhafteres, wie zum Beispiel die Nahrungsmittel aus der Außenwelt, von denen die Gardisten in der Mine lebten, aber besser als Fleischwanzenragout war die Suppe allemal. Ich lauschte noch eine Weile den Witzen der Buddler Aleph und Snipes, die immer wieder die Gardisten verarschten und den alten Geschichten von Grimes. Er war hier so etwas wie der Vorarbeiter, auch wenn ihn keiner dazu ernannt hatte. Er hatte einfach die meiste Erfahrung, wenn es um Bergbau ging, schließlich war er auch schon seit 30 Jahren in diesem Gewerbe tätig. „29, es sind nur 29!“, erklärte er immer wieder. Grimes war ein Schürfer durch und durch. Ihm war egal, wo oder für wen er schürfte. Er liebte das Schürfen und wollte nie etwas anderes tun. Er verbrachte sogar freiwillig die meiste Zeit in der Mine. Das Alter hatte ihn keineswegs ausgezehrt. Nein, er war ein guter Mensch. Das und seine Liebe zum Schürfen hatten ihn wohl stark gemacht. Selbst jetzt im hohen Alter war er noch aufrechter, fitter und lebensfroher als die meisten anderen Buddler.

    In dieser Nacht – zumindest glaubte ich, dass es Nacht war, doch in der Mine herrschte eh immer dasselbe Dämmerlicht von den Fackeln – dauerte es einige Zeit, bis ich einschlief, da ich von dem Kratzen und Schaben in den Wänden wachgehalten wurde.

    Da war er wieder: Xardas. Sein schwarzer Umhang flatterte im Wind, sein weißes Haar leuchtete im Mondschein. Langsam schritt er auf die Barriere zu und…
    „AAARRRGGGHHH!!!“
    Last edited by Jünger des Xardas; 02.04.2012 at 20:01.

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    Für Gomez!


    „Lauft um euer Leben!“ „Die Crawler! Die Crawler!“ „Hilfe!“
    Ich schreckte hoch. Es herrschte Chaos. Eine Wand der kleinen Höhle war aufgebrochen. Dahinter lag ein dunkler Gang, aus dem wie eine gigantische Mischung aus Ameisen und Gottesanbeterin anmutende Insekten in der Größe kleiner Elefanten strömten. Bedrohlich klickten sie mit ihren Mundwerkzeugen, in denen sich das giftige Sekret befand und den gewaltigen Zangen ihrer Vorderbeine. Sie töteten alle Buddler, die sie zu fassen kriegten. In panischer Angst rannten die Buddler an mir vorbei. Auch ich rannte aus der Höhle. Ich sah einige Gardisten und Templer auf die kleine Höhle zulaufen, achtete aber nicht weiter auf sie, sondern rannte einfach weiter. Hinter mir strömten die Crawler aus der Höhle in den Hauptschacht. Ich war der Letzte, der es lebend aus der Höhle geschafft hatte. Dann stolperte ich und fiel der Länge nach hin. Vor mir sah ich den gähnenden Abgrund. Nach wenigen Sekunden war der lähmende Moment des Schocks vorbei und ich drehte mich auf den Rücken.
    Die Gardisten hatten den Kampf mit den Crawlern bereits aufgenommen und nun stießen auch die Templer dazu. „Für den Schläfer!“, brüllte einer von ihnen und stieß die Hand, in der er eine Pergamentrolle hielt, in Richtung eines Crawlers. Ein starker Windstoß hob den Crawler von den Füßen und schleuderte ihn über meinen Kopf in den Abgrund. Einen kurzen Moment nahm ich an, der Crawler wäre tot, doch ich hatte mich getäuscht. Wie Spinnen konnten die Minecrawler Fäden aus ihrem Hinterleib schießen. Mit einem solchen klebrigen Faden hatte der Crawler sich an der Plattform festgehalten und kletterte nun spinnengleich daran nach oben. Ich packte mein Schwert und hackte damit wie besessen auf dem Faden herum, bis er riss und der Crawler mit einem schrillen Schrei in die Tiefe stürzte. Ich wirbelte herum. Der Kampf war in vollem Gange. Viele Buddler waren schon in der Höhle getötet worden. Die meisten anderen waren in andere Ebenen geflohen, nur wenige konnten wie ich nicht fliehen, da sie mitten durch das Kampfgetümmel hätten rennen müssen. Auch von den Gardisten und Templern waren einige gestorben, dennoch fügten sie den Crawlern schwere Verluste zu. Direkt vor mir kämpfte ein Gardist gegen einen Crawler, doch die gewaltigen Zangen und der schwere Chitinpanzer waren zu hart für das Schwert des Gardisten. Der Crawler säbelte ihm mit seinen großen Mundwerkzeugen den Kopf ab und kam dann direkt auf mich zugekrabbelt. Angsterfüllt hielt ich mein Schwert in die Höhe. Jetzt war alles aus. Das Insekt klickte mit seinen Zangen und stieß einen schrillen Schrei aus. Ich duckte mich unter seiner Zange hinweg und schlug nach einem seiner hinteren Beine. Der Crawler schrie auf, als ich ihm das Bein abhackte und gelbliches Blut aus der Wunde floss. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie Ian und ein Templer zu meiner Linken gegen einen Crawler kämpften und diesen immer weiter an die Wand zurückdrängten und wie ein Gardist und ein weiteres Rieseninsekt zu meiner Rechten kämpfend in den Abgrund stürzten. Abermals duckte ich mich unter den Zangen hinweg und trieb dem großen Insekt mein Schwert in den weichen Bauch. Gelbliches Blut floss über meine Brust. Wütend packte mich der Crawler mit seiner Zange, so dass ich vor Schreck das Schwert fallen ließ. Ich schloss die Augen, nun war es endgültig vorbei. Plötzlich schrie der Crawler auf und ich stürzte zu Boden. Ruckartig öffnete ich die Augen. Ein Templer hatte die Zange abgeschlagen, die mich hielt und hackte nun den Rest des Crawlers in Stücke. Zappelnd befreite ich mich aus der Zange und lief einige Meter von ihr weg, da sie noch immer nach mir schnappte. Dann packte ich mein Schwert und blickte mich um. Der Crawler, der mit dem Gardisten hinuntergestürzt war, kletterte an seinem Faden hinauf. Der Gardist hatte den Sturz nicht überlebt. Fünf Gardisten hatten sich am Rand des Abgrunds postiert und schossen nun alle gleichzeitig mit ihren Armbrüsten auf das Insekt. Dieses wurde von der Wucht der Bolzen in Stücke gerissen und nach unten geschleudert. Unterdessen kletterten zwei weitere Crawler flink an den Wänden empor zur nächsten Ebene. Drei Bolzen flogen ihnen hinterher, trafen einen der beiden und holten ihn herunter. Der andere erreichte die nächste Ebene, wo sofort Geschrei ausbrach. Im nächsten Moment flog das monströse Insekt jedoch tot von der Ebene hinunter und man sah oben zwei Templer mit gezückten Klingen. Nur drei der Minecrawler waren noch übrig. Die großen Insekten traten den Rückzug an und packten dabei noch einige der Leichen.

    „Aaron! Aaron, wo bist du schon wieder?“ Ein schwitzender Gardist mit verschmierter Klinge trat auf Ian zu. „Nimm dir zehn Gardisten und 20 Buddler und sichere den Stollen. Alle anderen gehen wieder auf ihre Posten. Die Verletzten lassen sich bei Ulbert im Lagerschuppen mit Heiltränken versorgen.“
    Es war wie schon im Alten Lager: Außer denen, die Freunde verloren hatten und Grimes, der sowieso ein guter Mensch war, kümmerten die Toten keinen. Die Templer nahmen den toten Crawlern die Mundwerkzeuge ab, Aaron und einige andere Gardisten beaufsichtigten ein paar Buddler, die einen Wall vor dem Tunnel der Crawler mit Holz aus dem nahen Lagerschuppen errichteten und Ian riss mir die Liste geradezu aus der Hand und kritzelte fluchend noch einen weiteren Satz darauf, in dem er neue Männer anforderte.
    Ich und die überlebenden Buddler verbrachten den Rest der Nacht in einer anderen Höhle.

    Am nächsten Tag machte ich mich auf den Rückweg ins Alte Lager. Diego war beeindruckt, als ich ihm vom Kampf gegen die Crawler erzählte – „beachtlich für einen Neuen“ – und sehr zufrieden, dass ich ihm die Liste brachte: „Ich werde den Konvoi gleich zusammenstellen.“ „Wie sieht’s aus, kann ich jetzt Schatten werden?“, fragte ich. „Du hast dich also entschieden? Du willst dich uns wirklich anschließen?“ Ich zögerte kurz, dann antwortete ich: „Ja will ich.“ „Gut“, sagte Diego, „dann geh zu Thorus, er wird dich zu Gomez vorlassen.“ „Was soll ich tun, wenn ich bei Gomez bin?“ „Ich habe dir schon einmal gesagt, dass er aus dem hohlen Bauch heraus entscheidet. Wenn ihm deine Visage passt, bist du dabei, wenn nicht… nun ja. Ab jetzt bist du auf dich gestellt, mach’s Beste draus.“ Ich nickte, dann ging ich zu Thorus.

    „Hm?“, brummte dieser leicht genervt. „Diego sagte, ich wäre bereit fürs Alte Lager.“ „Das entscheide immer noch ich!“ „Und?“, fragte ich. „Hm. Anscheinend hast du nicht so viel falsch gemacht. Also gut, du kannst rein, aber benimm dich.“ „Was soll ich nun tun?“ „Du gehst schnurstracks zum Haus der Erzbarone, das ist das große Gebäude gegenüber dem Tor. Gomez wird entscheiden, ob du mitmachen darfst. Zuerst woanders hinzugehen bringt gar nichts. Wenn Gomez dich nicht aufnimmt, bist du sowieso tot.“ Ich schluckte, das waren ja tolle Aussichten.
    Als ich an Thorus vorbei durch das Tor gegangen war, blieb ich kurz stehen und blickte mich um. Der Burghof war uneben und stieg zur Linken hin an. Ungefähr in seiner Mitte gab es ein rechteckiges, vergittertes Loch und daneben ein zweites, rundes. Rings herum erhoben sich steinerne, vorwiegend zweistöckige Gebäude. Die Gebäude waren durch Mauern, auf denen Gardisten Wache hielten und hölzernen Gängen, verbunden. Auf der anderen Seite der Burg erhoben sich in den Ecken die zwei Türme. Hier auf der rechten Seite der große steinerne Bergfried, auf der linken Seite die kleine hölzerne Turmspitze, die man auf die Trümmer des alten Turms gebaut hatte. Zwischen den Türmen standen das größte Gebäude der Burg, ungefähr gegenüber dem Tor, und ein hohes, schmales Gebäude zwischen dem ersten Gebäude und dem kaputten Turm. Ich ging auf das große Gebäude zu. Zwei Gardisten, die dieselben silbernen Rüstungen wie Thorus trugen, bewachten den Eingang.
    „Halt! Wer hat dich denn hier reingelassen?“, schnauzte einer der beiden mich an. „Thorus, ich will Schatten werden.“ „Dann geh rein, aber behalt deine Finger bei dir!“ Durch den Eingang gelangte ich in einen langen Gang. Am anderen Ende des Ganges führten zwei Treppen ins zweite Stockwerk auf einen quer zu diesem verlaufenden Gang. Einer der Erzbarone kam auf mich zu, es war Raven. „Hey du! Ich bin Raven, Gomez’ rechte Hand. Was willst du hier?“ „Ich bin hier um Schatten zu werden.“ „Ah, verstehe, du bist der Neue“, sagte Raven abschätzend. „Diego und Velaya haben schon von dir erzählt. Sie sagten, du könntest wertvoll für uns sein.“ Raven sprach leise und etwas Bedrohliches lag in seiner Stimme. „Also gut, folge mir, ich führe dich zu Gomez, aber fass nichts an!“
    Zwei Türen zweigten von dem Gang ab. Die rechte führte in eine Küche, in der zwei Köche unter Bartholos Aufsicht Essen für die Erzbarone zubereiteten. Wir gingen durch die linke Tür und kamen in eine volle Waffenkammer, in der ein Gardist Wache hielt. Eine Tür führte von hier aus in einen länglichen Raum, der quer zum Gang verlief. Ein großer Tisch, umringt von schönen Stühlen, nahm einen großen Teil des Raumes ein. Wertvolles Geschirr schmückte den Tisch. Auf der anderen Seite des Raumes stand, etwas erhöht, ein hölzerner, mit Schattenläuferfell geschmückter Thron. Gardisten in silbernen Rüstungen standen an den Wänden und in den Ecken. Arto und Scar blickten aus dem Fenster, welches direkt über dem Dach des Marktplatzes lag, hinaus. Gomez saß auf dem Thron, sah einer leichtbekleideten Frau beim Tanzen zu und rauchte dabei einen Sumpfkrautstängel. Eine weitere leichtbekleidete Frau fächerte ihm Luft zu. Ich erkannte die Tänzerin als jene Frau, welche man gemeinsam mit mir in die Barriere geworfen hatte. Sie war wirklich sehr leicht bekleidet. Und sie schien alles andere als glücklich.
    „Da vorn ist Gomez“, sagte Raven leise. „Wenn du ihm keinen Respekt erweist, werde ich dich persönlich welchen lehren, verstanden?“ Ich nickte und ging nach vorn zu Gomez. Der oberste Erzbaron gab kein Zeichen von sich, das darauf hindeutete, dass er mich bemerkte. Ich fiel vor ihm auf die Knie. „Ich bin gekommen, um dir meine Dienste anzubieten“, sagte ich nervös. Gomez blickte geringschätzig auf mich herab. „Du platzt hier einfach rein und erwartest, dass ich mich mit dir befasse? Aus meinen Augen!
    Etwas verdutzt erhob ich mich. Ich wusste nicht so recht, was ich nun tun sollte. Doch Raven packte mich am Arm und zog mich durch eine Tür neben Gomez’ Thron, die in die Küche führte, in den Gang zurück.

    „Warum glaubst du, sollten wir an deinen Diensten interessiert sein?“, fragte Raven, als wir im Gang angekommen waren. „Ich habe die Prüfung des Vertrauens bestanden und Thorus meint, ich wär’ zu gebrauchen.“ „Du wärst nicht hier, wenn dem nicht so wäre“, sagte Raven. „Also, warum sollten wir dich einstellen?“ Ich überlegte und dachte an die Aufträge, die ich hatte erfüllen müssen, ich beschloss, etwas zu wagen. „Weil hier nur Schwachköpfe rumlaufen, die ihre Aufträge lieber an Neulinge weitergeben, anstatt sich selbst drum zu kümmern.“ „Nun, das mag bis auf wenige Ausnahmen zutreffen“, sagte Raven langsam, „ist aber kein Grund, einen weiteren Schwachkopf anzustellen. Wenn du hier aufgenommen werden und nicht als Futter für die Snapper oben am Fluss enden willst, musst du uns schon etwas mehr bieten. Irgendetwas, das dich wertvoll für uns macht.“
    Fieberhaft dachte ich nach. Was war an mir schon besonderes? Ich war doch, seit ich hier war, nur herumgereist und hatte Leute kennen gelernt. Moment… das war es! „Ich bin viel rumgekommen und habe Kontakte zu wichtigen Leuten in allen drei Lagern“, sagte ich. „So?“, Raven wirkte interessiert. „Das macht dich in der Tat wertvoll für uns. Zu wem genau hast du Kontakte?“ „Zu einigen Novizen der Bruderschaft, einige davon sind sogar die Schüler von Gurus.“ „Mhm, nicht schlecht, zu wem noch?“ „Zu Cor Kalom und“, ich hielt inne. Etwas schummeln konnte doch nicht schaden, vor allem, wenn man halbwegs bei der Wahrheit blieb. „Und einigen niederen Baals und Cor Angar.“ „Erstaunlich. Wer noch?“ „Einige Banditen, darunter ein Bote der Magier und Lares selbst.“ „So? Und weiter?“ „Cronos der Wassermagier und einige hochrangige Söldner.“ „Und wen weiter?“ „Das waren alle.“ Ich schwitzte, würde das reichen? „Hm. Das ist… beachtlich für einen Neuen. Du könntest wirklich von Nutzen für uns sein“, sagte Raven leicht nachdenklich. Dann drehte er sich um und ging den Gang entlang auf den Ausgang zu. „Ähm, und was ist jetzt?“, fragte ich etwas unsicher. Raven wandte sich lächelnd zu mir um. „Du bist bereits aufgenommen. Wäre Gomez nicht mit dir einverstanden, hätte er die Wachen gerufen.“ Damit drehte er sich wieder um und ging davon.
    Last edited by Jünger des Xardas; 02.04.2012 at 20:02.

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    Die Magier des Feuers


    „Gut gemacht.“
    Ich zuckte zusammen und fuhr herum. „Velaya. Schleich dich bitte nie wieder so an mich heran!“ Velaya lächelte – sie hatte ein bezauberndes Lächeln. „’Tschuldigung. Gewohnheit.“ Ihre Augen funkelten mich freundlich an. Noch nie zuvor hatte ich so wunderschöne Augen gesehen: Ein warmes Braun mit einem goldenen Schimmer darin, wie dunkler Bernstein. Ich versank vollkommen in diesem Blick, erlag gänzlich seinem Zauber. „Aber du hast dich gut geschlagen, meinen Glückwunsch.“ Ich erwachte wie aus einer Trance. „Ich hatte schon gedacht, ich müsste Gomez erst den Kopf abhacken, um zu beweisen, dass ich was drauf hab“, erwiderte ich rasch. Velaya lachte.
    Mit breitem Grinsen und einem wohligen Kribbeln in der Magengegend ging ich zur Waffenkammer. Ich war Schatten. Aber was viel besser war: Velaya hatte mich beglückwünscht und gemeint, dass ich mich gut geschlagen hätte.
    Nachdem ich in der Waffenkammer ein Kurzschwert, einen mit Pfeilen gefüllten Köcher und einen Langbogen, wie sie auch alle anderen Schatten trugen, erhalten hatte, gingen wir hinaus auf den Burghof. „Dort drüben in der Schmiede bekommst du deine Rüstung“, sagte Velaya und deutete auf ein einstöckiges Gebäude, dem die Vorderwand fehlte, welches dafür aber ein großes Vordach hatte. „Ich werde Diego von deiner Aufnahme erzählen. Bis gleich.“ Und damit ging sie in Richtung Burgtor davon. Ich blickte ihr noch kurz nach. Ein weiteres Mal fiel mir auf, wie schön sie war. Fasziniert beobachtete ich ihren Gang. Er war nicht etwa aufreizend wie der einer billigen Dirne. Nein, vielmehr hatte er etwas Graziöses, Katzenartiges an sich, das mich völlig in seinen Bann zog.

    Wenige Minuten später trat ich mit einem Bündel, in dem sich die Schattenkluft befand, aus der Schmiede, wo mich der unfreundliche Schmied Stone, welcher keine Gelegenheit ausließ, seine Gesprächspartner als „Arsch“ zu bezeichnen, ausgerüstet hatte. Ich blickte mich um und sah zwei Männer an der Ecke des schmalen Gebäudes neben dem Haus der Erzbarone stehen, die dieselbe Robe trugen wie der Magier, der mir den Brief gegeben hatte. Wie er waren sie mit Kampfstäben bewaffnet. Sie mussten zu den Feuermagiern gehören! Freudig ging ich auf sie zu.

    Die Magier, welche beide hochnäsige Gesichter hatten, unterhielten sich miteinander. „Es ist einfach unfassbar, was sich unsere Freunde vom Kreis des Wassers erlauben“, sagte der eine der beiden, welcher schulterlanges, graues Haar und einen Vollbart hatte. „Ich bin ganz Eurer Meinung, Meister Torrez. Ich persönlich hatte ja schon immer ein gewisses Misstrauen gegenüber denen, die Innos’ Weisheit nicht erkennen wollen. Ich will nichts gegen Meister Saturas’ Fähigkeiten als Magier sagen, doch er scheint sich der großen Gefahr, die durch die Sprengung des Erzhaufens droht, nicht bewusst. Vielleicht kommt er langsam in die Jahre“, sagte der zweite Hochmagier, welcher nach hinten gekämmtes, schwarzes Haar und einen Schnurrbart trug. „Doch Meister Corristo hat ganz Recht, Meister Rodriguez, wir können uns keinen Streit mit den Magiern des Wassers leisten, denn dadurch würde sich die angespannte Lage zwischen den Lagern noch weiter zuspitzen.“
    „Ähm, verzeiht, ehrenwerte Magier des Feuers.“ „Ja?“, fragte der Magier namens Torrez kühl und blickte geringschätzig auf mich herab. „Ich… ich habe hier einen Brief für den obersten Feuermagier.“ „Geh zu Milten am Eingang des Tempels“, sagte Rodriguez. „Der gibt sich mit Boten ab.“ Die beiden Magier wandten sich wieder ihrem Gespräch zu und beachteten mich nicht weiter.
    Ich ging zum großen Eingangstor des schmalen Gebäudes, welches offenbar der Tempel der Burg war. Das große Tor in der Form des Innossymbols reichte bis fast unter das Dach des Gebäudes. Vor dem Tor stand ein Mann in einer roten Robe, deren Ränder mit schwarzen Flammen bestickt waren. Dazu trug er eine nietenbesetzte Schärpe aus schwarzem Leder und, wie alle Magier, einen Kampfstab. Dies war die Robe der gewöhnlichen Feuermagier, wie man sie in jedem Tempel und in jeder Kapelle des Landes traf. Das verwunderte mich etwas, denn an der Erschaffung der Barriere hatten nur die Leiter der drei großen Klöster des Feuers teilgenommen, welche allesamt Hochmagier waren und die grauen Roben trugen. Noch mehr verwunderte mich aber das Alter des Magiers. Er sah aus, als wäre er gerade mal zwanzig. Er hatte mandelbraunes, leicht gelocktes Haar. Eine große Locke fiel ihm in sein hübsches, junges, faltenloses Gesicht. Und an seinem Kinn war nicht das kleinste Anzeichen eines Bartes zu erkennen. „Halt Fremder!“, sagte er mit einer freundlichen, unbeschwerten, fast kindlichen Stimme, als ich näher trat. „Du darfst keinen Fuß über diese Schwelle setzen, es sei denn, Meister Corristo gestattet es.“ Plötzlich erinnerte ich mich an den Streit der Magier im Kessel. „Du bist Milten, richtig?“, fragte ich. „Ja, aber woher kennst du meinen Namen?“, sagte Milten und runzelte leicht die Stirn. „Ich bin ein Kumpel von Gorn, als ich mir das Neue Lager angesehen habe, hat er mir von dir erzählt. Ich wollte im Kessel eigentlich mit dir sprechen.“ „Ach du warst das. Und, was wolltest du von mir?“ „Ich habe hier einen Brief an den obersten Magier des Feuers.“ „Das ist Meister Corristo. Woher hast du den Brief, bist du ein Bote aus der Außenwelt?“ „Ja bin ich“, antwortete ich und überreichte Milten den Brief. „Warte bitte hier“, sagte der junge Magier und verschwand im Inneren des Tempels. Ich sah, wie er eine große Halle durchquerte und auf eine Art Empore im zweiten Stock stieg, auf die zwei Treppen führten, zwischen denen wiederum zwei kleine Türen lagen.
    Nach einigen Minuten kam Milten in Begleitung eines weiteren Magiers in grauer Robe wieder. Der Magier hatte weißes Haar, welches hinten zu einem kleinen Zopf gebunden war, und einen Kinnbart. In seiner rechten Hand ruhte ein langer goldener Stab mit einem roten Kristall an der Spitze. Ich verbeugte mich vor dem Erzmagier Corristo. Dieser bedeutete mir mit einer ungeduldigen Handbewegung, dass ich mich erheben sollte. „Das ist ein Brief an Meister Xardas“, sagte Corristo und wedelte mit dem geöffneten Pergament herum. Er hatte eine hohe, kalte Stimme. Xardas, der Mann aus meinen Träumen? „Und was ist daran so besonders?“, fragte ich. „Meister Xardas ist schon lange kein Diener Innos’ mehr. Er wandte sich den dunklen Künsten zu, schon vor vielen Jahren. Er sagte, er wolle auf seine Art herausfinden, weshalb die Barriere diese Ausmaße annahm und zog in einen Turm im Orkgebiet. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen. Hat Meister Pyrokar noch etwas gesagt, als er dir den Brief gab?“ „Meister Pyrokar, ist das der Magier, von dem der Brief ist?“ „Ja, bei Innos, das habe ich doch gerade indirekt gesagt“, fuhr mich Corristo ungeduldig an. „Manchmal seid ihr Würmer wirklich schwer von Begriff.“ „Er hat nichts weiter gesagt“, erwiderte ich. Die arrogante Art Corristos gefiel mir nicht besonders, aber ich wusste, dass es besser war, ihm nicht zu widersprechen. „Gut, das war alles, was ich wissen wollte. Milten wird dich angemessen für diesen Brief entlohnen.“ Und damit drehte der Magier sich um und verschwand im Innern des Tempels. Milten reichte mir einen Beutel mit 700 Erz und einen Heiltrank. „Ist er immer so?“, fragte ich. Milten nickte. „Was machst du eigentlich bei den Magiern?“, wollte ich wissen. „Es war schon immer mein Traum, Magier zu werden“, erklärte Milten. „Leider war es mir zunächst nicht vergönnt. Stattdessen wurde ich als Soldat für den Orkkrieg eingezogen. Ich desertierte und versteckte mich in Khorinis. Leider wurde ich eines Tages doch entdeckt und in die Barriere geworfen. Wenige Monate später machte Corristo mich zu seinem Schüler, weil ich etwas Großes für ihn erledigt hatte und er Potential in mir spürte. Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass er mich nur zu seiner Belustigung in den Orden des Feuers aufgenommen hat. Und das Leben als Magier ist ziemlich hart. Magie zu wirken ist nicht so einfach, wie viele denken, es ist mit viel harter Arbeit verbunden. Dazu kommt noch, dass die anderen Magier die höchsten und mächtigsten des Reiches sind und mich nicht als vollwertigen Magier sehen. Genau genommen behandeln sie mich wie Dreck, aber ich sollte nicht klagen. Ich sollte es lieber als Ehre sehen, Innos dienen zu dürfen, das sagt Meister Corristo immer.“
    „Wie ich sehe, hast du schon meinen Kumpel Milten kennengelernt.“
    Wir drehten uns um, es war Diego und hinter ihm stand Velaya.

    Den Rest des Tages verbrachte ich mit den dreien. Milten war ein netter Kerl, den eine enge Freundschaft mit Diego, Lester und Gorn verband. Diego führte mich an diesem Tag auch in das Leben als Schatten ein, schließlich war er nun mein Vorgesetzter. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab und landeten bei Xardas. Mein Interesse, was diesen Mann anging, war nun, da ich wusste, dass er mehr als eine Figur meiner Träume war, noch gewachsen und langsam wollte ich diesen Kerl mal kennen lernen.
    Last edited by Jünger des Xardas; 07.12.2010 at 10:50.

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    Kapitel II: Die große Anrufung

    Aus der Geschichte der Minenkolonie
    Und so wandten sie sich von unserem allmächtigen Herrn Innos ab und zogen in die Sümpfe.
    Auf den Ruinen längst vergangener Tage, von denen der Herr allein weiß, wer sie erbaute, errichteten sie ihr Lager aus Holz, Reisig und Stroh.
    Während ihre unheiligen Priester den Glauben an den ketzerischen Gott, den sie selbst als Schläfer bezeichneten, predigten, sammelten die Anhänger dieser unsäglichen Bruderschaft in den Sümpfen das verfluchte Kraut Beliars, welches gemeinhin als Sumpfkraut bekannt ist.
    Mit dem Kraut, welches sie zu Drogen verarbeiten, vernebeln sie ihren Geist, auf dass sie Halluzinationen haben, welche sie in ihrem Wahn und in ihrer Verblendung als Visionen ihres Meisters deuten.
    Mit dem Kraut erkauften sie sich das Recht in der Mine des Alten Lagers Jagd auf die Kreaturen Beliars zu machen, welche gemeinhin als Minecrawler bekannt sind.
    Mit dem Sekret der Crawler brauten sie beliarische Tränke, welche die Verneblung ihres Geistes noch verstärkten.
    Zur selbigen Zeit zogen sie in die anderen Lager, um dort den falschen Glauben an den Schläfer zu predigen.
    Anstatt aber diesem schändlichen Treiben ein Ende zu setzen, ließen sich die Erzbarone mit dem schändlichen Kraut bestechen und verfielen genauso der Sucht, wie die, die vom rechten Glauben abgekommen waren.
    Fünf Jahre beten sie nun schon zu ihrem falschen Gott. Es heißt, sie planen eine große Anrufung ihres Meisters. Möge Innos sie auf den rechten Weg zurückführen oder aber hinabreißen in den Abgrund, auf dass sie auf ewig im Schatten Beliars schmoren.


    Rodriguez von Parthalan, Mitglied im Rat des Feuers zu Laran, Kardinal des Feuers, Chronist der heiligen Kirche Innos’


    Streit in der Arena


    „Brandick! Brandick!“ Ich schlürfte den letzten Rest Fleischwanzenragout aus meiner Schüssel. Diego hatte Recht gehabt, wenn man erst mal den Würgereflex unter Kontrolle hatte… „Sharky! Sharky!“ Ich war nun schon seit ca. einem Monat Schatten. Das Leben im Dienst der Erzbarone brachte viele Vorteile: So ließ es sich von dem wöchentlichen Sold ganz gut leben und obwohl Fleischwanzenragout immer noch mein Hauptnahrungsmittel war, konnte ich nun öfter mal ein Stück Brot oder etwas Käse zusammen mit einer Flasche Bier genießen. Aufträge hatte ich bis jetzt nur zwei recht leichte erfüllen müssen: Einen Botengang zu Cronos ins Neue Lager für die Feuermagier und einen Kampf, den ich gemeinsam mit vier anderen Schatten gegen eine Gruppe Goblins ausgefochten hatte, welche immer wieder Erz aus den Konvois der Alten Mine stibitzt hatten. Ansonsten war das Leben in den letzten Wochen recht ruhig gewesen. Ich hatte dreimal zusammen mit einigen andern Schatten, darunter auch Diego und Cavalorn, Scavenger gejagt und den Rest der Zeit vorwiegend im Lager verbracht. Dort trainierte ich nun jeden Tag, wobei ich im Schwertkampf immer besser wurde. Das Bogenschießen lag mir nicht besonders und so konnte man mich höchstens als mittelmäßig bezeichnen. Den Rest der Zeit hatte ich mit meinen Freunden verbracht. Diego als Anführer der Schatten und Milten als Schüler der Magier hatten zwar häufig zu tun, doch mindestens einer von ihnen hatte eigentlich immer Zeit. Und schließlich gab es ja auch noch Velaya, die zwar Ravens Mann, äh Frau für spezielle Aufgaben war, aber meist nichts zu tun hatte, da ihre Dienste nur selten gebraucht wurden. Es war mir ganz recht, dass sie von den dreien am wenigsten zu tun hatte und wir so öfters allein miteinander waren. Auch wenn wir diese Zeit nicht unbedingt so nutzten, wie es mir vorschwebte.
    Ab und zu kam auch Lester vorbei, meist um neue Mitglieder anzuwerben oder Sumpfkraut an die Erzbarone zu verkaufen. Selten besuchte sogar Gorn das Alte Lager, meist um in der Arena zu kämpfen oder um einfach nur bei einem Kampf zuzuschauen. So auch jetzt, als sich der riesige Söldner zu mir herunterbeugte und mit seiner tiefen, brummigen Stimme fragte, „auf wen hast du gesetzt?“ „Brandick natürlich“, erwiderte ich. Gorn grunzte. „Ja, er wird wohl gewinnen. Schade um Sharky, auch wenn er nur ein Bandit ist.“ „Seid ihr sicher, dass Brandick gewinnt?“, wollte Lester wissen und stieß eine grüne Rauchwolke aus. „Im Moment sieht’s schlecht für ihn aus.“ „Sicher sind wir sicher“, sagte ich und blickte in die Arena hinunter, wo der zu Boden gegangene Gardist sich zur Seite rollte und auf die Füße sprang. „Siehst du? Er steht schon wieder auf.“ „Was ist eigentlich mit Diego?“, wollte Gorn nun wissen. Ich blickte mich kurz um und entdeckte unseren Freund dann am Rand der Arena, wo er mit Fingers stritt. „Ich weiß, dass es unsere eigenen Leute sind, aber das heißt doch nicht, dass wir sie nicht beklauen können“, versuchte sich dieser zu verteidigen. „Er ist immer noch mit Fingers beschäftigt“, sagte ich schmunzelnd. Fingers war eben ein Dieb durch und durch und konnte es einfach nicht lassen. „He Diego, du verpasst noch das Beste!“, rief Gorn über die Köpfe der Menge hinweg. Ich wandte meinen Kopf wieder dem Arenaboden zu.
    Brandick drängte Sharky immer weiter auf den Gang zu, welcher aus der Arena führte, während des Kampfes aber durch ein Fallgitter geschützt war.
    „Wie läuft der Kampf?“ Ich wandte mich um. Es war Diego, der scheinbar endlich mit Fingers fertig war. „Brandick hat ihn gleich“, erklärte Gorn. Das stimmte. Der Gardist hatte den Banditen in den Gang gedrängt. Einer von beiden hatte sein Schwert verloren. Wer, hatte ich wohl verpasst. Nun rangen sie, Sharky gegen eines der Gitter gepresst, um das zweite Schwert. „Stich das Schwein ab!“ „Das kann doch nicht so schwer sein!“ „Du schaffst es!“ Brandick hatte, während er immer noch mit Sharky um das Schwert rang, dessen anderen Arm gepackt und nach hinten durch das Gitter geschoben. Sharky schrie auf vor Schmerz. Brandick hatte seine Hand direkt in den Raum mit den Wargen, die von den Erzbaronen zur Hinrichtung benutzt wurden, geschoben. Der Gardist wand dem Banditen das Schwert aus der Hand, zerrte ihn am Kragen in die Arena und stieß ihn dort zu Boden. „Töte ihn! Töte ihn!“, rief die Menge, während der Bandit sich am Boden wand und sein Blut den Boden tränkte. Die Warge hatten ihm die ganze Hand abgebissen. Brandick blickte zu Gomez hinauf. Am heutigen Abend waren alle Erzbarone anwesend. Gomez streckte den Daumen nach unten, woraufhin Brandick den am Boden liegenden Sharky durchbohrte. Diese Geste Gomez’ war eher symbolisch, zumindest hatte noch niemand erlebt, dass Gomez Erbarmen gezeigt hatte.
    Während die Leiche weggeräumt wurde, unterhielten sich die Zuschauer über den Kampf. Ich sah, wie Velaya vom Turm der Erzbarone hinabstieg. Dann fiel mein Blick auf drei Gestalten, am Fuße des Turms.
    „Hey Arschloch, ich fordere dich zum Kampf in der Arena!“, sagte einer von ihnen. Es war Bullit und neben ihm stand Bloodwyn. Die beiden waren gute Freunde und hingen oft zusammen rum. Es gab wohl niemanden im Lager, den ich weniger leiden konnte und auch sie mochten mich beide nicht besonders. Am Tag nach meiner Aufnahme hatte ich mich mit Bullit angelegt um mich für die Taufe zu revanchieren, doch das hatte mir nur weitere blaue Flecken eingebracht und Diego hatte mich ein weiteres Mal retten müssen. Das hatte mich auch dazu bewogen, mir ebenfalls eine Tasche mit Heilkräutern zuzulegen. Jetzt schienen sich die beiden mit einem Banditen anlegen zu wollen. Ich erkannte ihn als Jacko, welcher am Vortag in der Arena eine Glanzleistung im Kampf gegen den Schatten Santino hingelegt hatte. Jacko blieb gelassen. Er nahm einen Schluck Reisschnaps aus einer Flasche in seiner Hand und erwiderte „verpiss dich!“ „He, mein Kumpel hier hat dich grade angemacht! Willst du ihm keinen auf die Fresse geben?“, fragte Bloodwyn gefährlich. „Ich bin heut nicht hier um zu kämpfen, ihr Wichser, verpisst euch!“ „Hör zu“, sagte Bullit. „Ich hab schlechte Laune und die will ich an einem von euch Hurensöhnen auslassen, also steig mit mir in die Arena, du feiges Schwein!“ „Fällt dir nichts Besseres ein?“, fragte Jacko abfällig. „Wie wär’s mit, deine Mutter treibt’s mit Ziegen?“ Jacko lachte laut auf. „Das tut sie vermutlich wirklich.“
    „Was ist denn da los?“, fragte Velaya, die inzwischen vom Turm herabgestiegen war und sich neben mich gestellt hatte. „Die beiden Idioten versuchen Jacko zu provozieren“, erklärte ich. Doch Bullit schien genug zu haben. Blitzschnell zog der Gardist sein Schwert und schlitzte Jacko den Bauch auf. Noch immer ein Lachen auf den Lippen sank der Bandit zu Boden. Für einen kurzen Moment wurde es still in der Arena und die Leute wichen vor den beiden Gardisten und dem toten Banditen zurück. Dann wurden einige Klingen gezogen und drei Banditen, die dem Kampf zugesehen hatten rannten auf Bullit und Bloodwyn zu. Sofort erschienen einige Gardisten mit gezogenen Waffen an deren Seite. Von irgendwo her kam ein Bolzen geflogen und verfehlte knapp einen der Banditen. Die Buddler stoben in alle Richtungen auseinander, während die meisten anderen unschlüssig oder entsetzt dastanden. Auch Gorn griff zu seiner Axt, doch Lester packte ihn am Arm. „Bist du verrückt?“ Banditen und Gardisten prallten aufeinander. Klirrend traf Metall auf Metall.
    „Halt!“ Alle blickten zum Turm der Erzbarone hinauf. „Seid ihr denn von Sinnen?“, brüllte Raven. Auch Gomez war aufgesprungen. „Tötet das Banditenpack!“, brüllte der oberste Erzbaron. „Nein!“, schrie Raven. Die Gardisten blieben unschlüssig, welchem Befehl sie folgen sollten, stehen. Raven wandte sich Gomez zu und redete auf ihn ein, doch ich konnte nicht verstehen, was er sagte.
    Plötzlich schrie einer der Banditen auf und fiel zu Boden. Bloodwyn zog seine blutige Klinge grinsend aus der Leiche. Die Banditen und Gardisten nahmen den Kampf wieder auf. „Aufhören, verdammt noch mal!“, brüllte Raven. Doch schon waren auch die beiden übrigen Banditen tot. Einen Gardisten hatte es ebenfalls erwischt. Der zweite Erzbaron schien vor Wut zu toben. „Seid ihr von allen Göttern verlassen? Wollt ihr einen Krieg mit dem Neuen Lager?“
    Unauffällig stahlen sich ein Bandit und zwei Söldner, die nicht mitgekämpft hatten aus der Arena. „Du solltest auch lieber verschwinden“, flüsterte Diego. Gorn nickte grimmig und verließ zusammen mit Lester, Velaya, Diego und mir die Arena, dabei versteckte er sich, wie seine Lagergenossen in der Menge der aus der Arena strömenden Menschen, zumindest so gut das bei seiner Größe ging.
    Wir drückten uns in eine dunkle Ecke am Platz oberhalb der Arena. „Ich werd besser gleich abhauen“, meinte Gorn. Diego nickte ernst. „Ich glaube, es ist besser, wenn du dich in den nächsten Tagen hier nicht blicken lässt und das gilt auch für den Rest des Neuen Lagers.“ Gorn verabschiedete sich und verschwand dann in Richtung Südtor. „Was jetzt“, fragte ich. „Sieht übel aus“, meinte Diego. „In letzter Zeit war es recht ruhig und die Lage zwischen dem Neuen und dem Alten Lager hat sich zunehmend entspannt, aber jetzt…“ „Kann man da nichts machen?“, fragte Lester. „Wir können nur hoffen, dass die Leute mit Einfluss alles daran setzen, die Banditen zu beschwichtigen“, erklärte Velaya. „Aber die werden jetzt ziemlich sauer sein und ich könnte mir vorstellen, dass einige aus Eigeninitiative losziehen und die Toten rächen, egal, was Lares, Lee, die Magier oder sonst wer sagen.“ „Wie’s aussieht, schimpft Raven immer noch“, stellte Diego mit einem Blick zum Turm fest. „Wird wohl das beste sein, wenn Diego und ich da vorn mal nach dem Rechten sehen“, schlug Velaya vor. „Ich komme mit“, sagte ich. „Gut, dann warte ich in Diegos Hütte“, meinte Lester.
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    Die Lage spitzt sich zu

    Am nächsten Morgen regnete es. Vor dem Burgtor beluden einige Buddler einen Karren mit Waren für die Mine. Die Gardisten, die gegen die Banditen gekämpft hatten, darunter auch Bloodwyn und Bullit, standen mit missmutigen Gesichtern um den Karren herum. Ein Gutes hatte die Sache gehabt: Thorus hatte Bloodwyn und Bullit mitsamt den anderen Gardisten noch am selben Abend in die Mine abkommandiert und zwar so laut, dass es die ganze Kolonie gehört haben musste. Dies freute vor allem die Buddler des Haupttorviertels, welches nun vom Gardisten Cutter kontrolliert wurde. Dieser war natürlich nicht so gut wie Fletcher, der als Schutzgeldeintreiber völlig ungeeignet war, da er ständig Gewissensbisse hatte und den Buddlern den Großteil ihres Erzes ließ, aber besser als Bloodwyn war er allemal.
    „Viel Spaß in der Mine und grüßt die Crawler von mir!“, rief ich Bullit und Bloodwyn lachend zu, während ich lässig an der Wand von Diegos Hütte lehnte.
    „Halt die Fresse oder willst du, dass ich sie dir stopfe?!“, rief Bloodwyn wütend. „Warum so gereizt?“, lachte ich. Ich genoss diese Situation zutiefst. „Angst vor den großen bösen Minecrawlern?“ „Dir werd ich…“ Wütend stapfte Bloodwyn über den schlammigen Boden auf mich zu und zog dabei sein Schwert. „Thorus wird es sicher lustig finden, wenn du mich hier abstichst“, sagte ich grinsend und nickte zum Burgtor. Bloodwyn warf einen Blick zu Thorus hinauf, der ihn nun wütend und aus zusammengekniffenen Augen anstarrte. Zähneknirschend steckte Bloodwyn sein Schwert ein. „Warte nur, bis ich wieder da bin, dann mach ich dich fertig!“, zischte er. „Ich zittere vor Angst.“ Grimmig stapfte Bloodwyn in Richtung des Wagens davon. Ich sah zu, wie dieser, gezogen von den Buddlern und eskortiert von den Gardisten, das Lager verließ.

    Diego und Velaya hatten Recht gehabt. Die Banditen wollten Rache und davon konnten sie weder Lares noch die Magier, noch Lee abhalten. Nur wenige Tage später wurden die Brückenwachen vor dem Nordtor tot aufgefunden, durchlöchert von einigen Pfeilen. An einem der Pfeile hing ein Zettel: Dass Ist, für unsere Jungs! Last euch Dass eIne Leere seIn. Dass geschIht mIt aalen dIe, sIch mIt der Bande an legen!
    Dies konnte das Alte Lager natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Mit Mühe und Not konnten Raven und die Feuermagier Gomez davon überzeugen, nicht gleich einen Krieg mit dem Neuen Lager anzufangen. Zwar konnten sie ihm und den Gardisten nicht ausreden, sich an den Banditen zu rächen, doch wenigstens konnten sie bewirken, dass man sich nur an den Banditen rächen wollte und so konnte der Rest des Neuen Lagers auch weiterhin sicher ins Alte Lager und schon nach wenigen Tagen gab es wieder die ersten Arenakämpfe, an denen Söldner teilnahmen.

    Es vergingen knapp eineinhalb Wochen, nachdem die Banditen sich gerächt hatten, in denen nichts Außergewöhnliches geschah. Doch dann kamen eines Tages ein knappes Dutzend Gardisten mit triumphierenden Gesichtern auf den Burghof marschiert. Ihr Anführer war Jackal, der Schutzgeldeintreiber des Marktviertels. Auch diesen Schutzgeldeintreiber mochte ich nicht besonders, auch wenn ich längst nicht so eine Abneigung gegen ihn hatte wie gegen Bloodwyn. Im Gegensatz zu diesem und seinem Freund Bullit, war Jackal kein hirnloser Schlächter, sondern ein intelligenter und hinterlistiger Kerl, den man nicht so leicht aus der Ruhe brachte. Genau das war es, was ihn, da war ich mir ziemlich sicher, um einiges gefährlicher machte als die beiden es waren.
    Jackal und seine Gardisten kamen geradewegs auf Diego, Milten, Velaya und mich zu, woraufhin wir unser Gespräch unterbrachen.
    „Wen haben wir denn da?“, sagte Jackal grinsend. „Unseren guten alten Chef der Schatten, der sich lieber mit Gesindel aus den anderen Lagern rumtreibt. Unseren jungen Möchtegernmagier, der froh sein kann, wenn ihm sein Meister beibringt, wie er ne Kerze anzündet. Unseren Neuen, der sich für was besonderes hält, weil ein paar einflussreiche Leute sich mit ihm abgeben, der aber zu feige ist, einen Buddler zu töten. Und oho! Welch reizendes Gesicht!“ Ich wusste beim besten Willen nicht, wie man das Gesicht, das Velaya gerade machte, als reizend bezeichnen konnte, obwohl ich eigentlich sehr angetan von ihrem Gesicht war. Doch wie wir anderen blickte sie Jackal böse an. Und sie war unübertroffen darin, jemanden böse anzufunkeln. Doch Jackal hatte schon seit langem ein Auge auf Velaya geworfen. Ein Interesse, das glücklicherweise nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. „Warum hängst du mit diesen Typen rum?“, fragte er mit charmantem Lächeln und griff nach Velayas Hand. Ich verspürte das dringende Verlangen, ihm in sein dämliches Gesicht zu schlagen. Doch Velaya hatte bereits blitzschnell zu einem ihrer Dolche gegriffen. „Fass mich an und du kannst dich von deinen Fingern verabschieden“, zischte sie gefährlich, woraufhin Jackal schnell seine Hand zurückzog. Ich verspürte Genugtuung und lächelte zufrieden. „Warum grinst ihr Deppen eigentlich so dämlich?“, wollte Diego, an die übrigen Gardisten gewandt, wissen. Jackal wandte sich ihm zu und fing nun ebenfalls wieder an zu grinsen. „Wir haben unsere Jungs gerächt!“ „Ihr habt was?“, entfuhr es Milten. „Du hast ganz richtig gehört, Kleiner. Ratford, Drax und ihr Jagdtrupp sind tot. Sie hätten halt nicht so dicht am Alten Lager jagen sollen.“ „Verdammt, wenn ihr so weitermacht, wird es Krieg geben!“, schrie ich. „Glaubt ihr etwa, die Banditen werden das einfach so auf sich sitzen lassen?“

    Das taten sie natürlich nicht. In den nächsten Tagen kam es immer wieder zu kleineren Überfällen und alle warteten gespannt oder ängstlich auf eine Eskalation.
    Eines Morgens traf ich Diego vor seiner Hütte, wo er sich gerade die letzten Bissen eines Schinkens schmecken ließ. „Hast du Velaya gesehen?“, wollte ich wissen. „Die ist schon im Morgengrauen weg“, sagte Diego, nahm den letzten Bissen Schinken und schmiss den Knochen zu Boden. „Weg, aber wohin?“, fragte ich verwundert. Diego zuckte mit den Schultern. „Spezialauftrag von Raven. Streng geheim.“ „Aber dass nicht mal du davon weißt.“ Diego lachte. „Warum sollte Raven gerade mich in seine Pläne einweihen?“ Er erhob sich. „Dich scheint die ganze Sache ja nicht sonderlich zu interessieren“, stellte ich fest. „Nein, wieso auch? Velayas Aufträge dienen immer dem Wohl des Lagers und sind meist erfolgreich. Das ist doch alles, was man wissen muss, oder? Aber du scheinst dich sehr dafür zu interessieren, was mit Velaya ist.“ „Ich… ich wollte nur….“ Diego rollte mit den Augen und wandte sich um. „Sag’s ihr doch einfach.“ „Sagen… äh was sagen?“, fragte ich ertappt. „Das weißt du verdammt genau“, sagte Diego im Weggehen, ohne sich umzudrehen. „Oder hör wenigstens auf, sie ständig wie ein betrunkener Oger anzustarren.“

    Velaya kehrte erst am Abend zurück. Die Sonne war bereits hinter dem Lagerwall verschwunden und ihre letzten Strahlen tauchten alles in ein angenehmes, goldenes Licht. Ich hielt mich gerade in der Nähe des Nordtores auf und sah sie durch dieses das Lager betreten. Sie wirkte erschöpft, aber zufrieden.
    „Wo warst du die ganze Zeit und was hast du dort gemacht?“, wollte ich sofort wissen. „Das geht dich gar nichts an!“, flötete sie lächelnd. „Komm schon, mir kannst du’s doch sagen“, drängte ich. „Du hast Recht, könnte ich, aber hinterher müsste ich dir die Kehle durchschneiden.“ Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu drängen und mir lag auch nichts daran, mit ihr zu streiten. „Kannst du mir denn wenigstens sagen, ob du erfolgreich warst?“, fragte ich. „Ich hoffe, dass ich es war“, entgegnete sie. „Ah, da vorn ist Diego.“ Sie ging auf ihn zu und ich folgte ihr.
    „Ah, endlich zurück“, sagte der Schatten. „Sieht so aus“, erwiderte Velaya. Sie überreichte Diego einen Zettel. „Hier, ich hatte unter anderem in der Alten Mine zu tun und da dachte ich, ich bring dir die Bedarfsliste einfach mit.“ Diego warf einen Blick auf die Liste. „Ian ist diesmal ja ganz schön viel eingefallen, was er und seine Jungs brauchen. Er glaubt doch wohl nicht ernsthaft, dass seine Leute bei so viel Bier und Sumpfkraut noch in der Lage sein werden, auch nur eine Crawlerlarve zu besiegen. Und was soll das ganze Essen, will er ne Massenorgie feiern?“ „Seine Sache. Wenn er das alles braucht…“, Velaya zuckte mit den Schultern. „Na, was soll’s?“, meinte Diego. „Dann werd ich den Konvoi mal zusammenstellen. Dann kann er gleich morgen raus. Sieht übrigens so aus, als würden wir wieder einige Arschlöcher loswerden.“ „Warum das?“, wollte ich wissen. „Ganz einfach: Raven hat mir heut Mittag gesagt, dass ich den Konvoi aus Gardisten zusammenstellen soll, die am Tod der Jäger beteiligt waren. Ich kann mir von denen aussuchen, wen ich will, mit Ausnahme von Jackal.“ „Na das sind doch mal gute Neuigkeiten“, meinte ich. „Nur schade, dass Jackal hier bleibt. Den würde ich von denen am liebsten loswerden – so, wie der sich immer an Velaya ranmacht!“, fügte ich in Gedanken hinzu und schielte unauffällig zu ihr hinüber. „Aber der ist als Schutzgeldeintreiber wahrscheinlich zu wichtig, um in die Mine abgeschoben zu werden.“ „Bloodwyn war auch Schutzgeldeintreiber“, erinnerte Diego mich. „Nein, ich denke, das hat andere Gründe.“ Er blickte Velaya durchdringend an. „Also, ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich brauch jetzt was zu essen. Hab den ganzen Tag noch nichts zwischen die Zähne bekommen. Man sieht sich.“ Und mit diesen Worten lief sie schnellen Schrittes in Richtung Burg davon. Diego blickte ihr kurz nach, zuckte dann mit den Schultern und machte sich mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er weit mehr verstanden als ich, auf den Weg, um den Konvoi zusammenzustellen.
    Dieser sollte die Mine nie erreichen.

    Gomez tobte vor Wut und die richtete sich nun gegen das gesamte Neue Lager. Anfangs schien es, als würden ihn Raven und die Magier auch diesmal davon abhalten können, auch den Rest des Neuen Lagers dafür verantwortlich zu machen, doch eines Abends in der Arena sollten wir eines Besseren belehrt werden.
    „Kharim! Kharim!“, brüllte die Menge, während der Söldner seinen am Boden liegenden Gegner, den Templer Gor Na Hanis, durchbohrte. Hinter Kharim gab es ein ratterndes Geräusch, das danach klang, als würde das Gitter wieder hochgezogen werden, so dass Scatty und die Buddler, die die Leiche wegschaffen sollten, die Arena betreten konnten. Doch statt diesen sprang der Schattenläufer gewaltig und katzengleich in die Arena, warf Kharim um und biss ihm die Kehle durch. Es war jedem klar, dass das kein Unfall war.
    So ging es weiter hin und her und die Lage spitzte sich immer weiter zu. Noch immer waren die Banditen die Hauptgegner des Alten Lagers, denn Lee hatte seine Männer ganz gut unter Kontrolle, aber ein paar Mal mischten auch die Söldner sich in den Konflikt ein. Beide Seiten verstärkten ihre Wachen und trauten sich nicht mehr in die Nähe des gegnerischen Lagers. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, dass ein offener Krieg zwischen den Lagern ausbräche.
    Nicht wenige machten sich große Sorgen. „Das ist natürlich nicht der erste Konflikt“, erklärte Diego mir eines Tages. „Bei deiner Ankunft war es außergewöhnlich ruhig, aber so schlimm war es selten. Hoffen wir nur, dass das alles wieder ins Lot kommt, aber diesmal sieht’s schlecht aus.“
    Die engen Freunde Diego, Milten, Lester und Gorn trafen sich immer häufiger an einem geheimen Treffpunkt, an dem sie sich besprachen. Wie ich hörte, trafen sie sich für gewöhnlich jeden Monat dort, um über die Geschehnisse in der Kolonie zu reden, doch so oft, wie in diesen Tagen hatten sie sich selten dort getroffen.
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    Im Dienst der Erzbarone


    Seit dem Vorfall in der Arena waren gut zwei Monate vergangen und die Lage hatte sich weiter zugespitzt.
    Eines Abends saß ich mit einigen Buddlern, die ebenfalls am Platz oberhalb der Arena wohnten, am Lagerfeuer und aß etwas Fleischwanzenragout. Neben mir saßen der freundliche alte Guy, der sich oft etwas um die neuen Buddler im Lager kümmerte und der wichtigtuerische, aber nicht sonderlich intelligente Lennar. Auf der anderen Seite des Feuers saß Dusty, der Freund des Novizen Melvin und starrte missmutig in die Flammen. Ihm gefiel es im Alten Lager gar nicht und er bereute es inzwischen, damals nicht mit seinem Kumpel ins Sektenlager gegangen zu sein.
    „Hey Leute“, ergriff einer der Buddler das Wort. Ich verdrehte die Augen, denn ich ahnte, was jetzt kommen würde. Bei dem Buddler handelte es sich um Mud, die schlimmste Nervensäge, die ich je getroffen hatte. Ich fragte mich oft, wie er hier drin überlebt hatte. Wahrscheinlich hatten ihn die Leute aus Mitleid leben lassen, doch wurde er oft verprügelt. „Wollen wir nicht das Alte Lager übernehmen? Wird bestimmt nicht einfach, aber wir sind ja zu sechst, also einer mehr, als die Erzbarone. Die Gardisten werden es gar nicht erst wagen, uns anzugreifen. Ich werd mir einen Plan ausdenken!“ „Halt die Klappe!“, erwiderte Herek, der etwas abseits saß, genervt und warf einen Stein nach Mud. Herek machte gerne auf harten Kerl und behauptete, in der Barriere zu sein, weil er in einer Nacht zwölf Menschen umgebracht habe, war jedoch in Wahrheit ein ziemliches Weichei, das vor den Gardisten jedes Mal den Schwanz einzog.
    Mud war dem Stein unterdessen ausgewichen und hatte sich neben mich gesetzt. „Warum haben sie dich eigentlich hier rein geworfen? Hast du auch ein Faible für Tiere? Das haben sie ja gar nicht gerne.“ Ich antwortete nicht. Auch ich war von Mud genervt. „Lass dich von mir nicht stören. Ich bleib einfach bei dir, keine Sorge. Ich hab mich schon richtig an dich gewöhnt. Du bist wie ein großer Bruder für mich. Ich hatte nie einen großen Bruder. Auch keinen kleinen. Meine Eltern wollten mich nicht behalten. Ich bin sicher, das fiel ihnen nicht leicht.“ „Bestimmt nicht“, erwiderte ich sarkastisch. „Manche halten mich ja für einen durchgeknallten Spinner“, plapperte Mud weiter. „Aber jemand wie du würde sich hier ja niemals mit einem Spinner sehen lassen. So was spricht sich ja rum. Also werden sie einsehen, dass sie sich in mir getäuscht haben.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er mit einem anderen Thema fort: „Es gibt da ein paar Leute, die versuchen ständig, mich zu verprügeln. Fiese Typen aus dem Neuen Lager. Richtige Brutalos. Ich werde ihnen beim nächsten Mal gleich sagen, dass sie es in Zukunft mit dir zu tun kriegen. Das wird sie sicher abschrecken. Diese fiesen Schweine aus dem Neuen Lager werden staunen, wenn sie erfahren, dass ich einen Beschützer habe. Die werden sich in die Hosen machen. Das wird ein Spaß! Sonst machen sie ja mit allen kurzen Prozess, aber jetzt werden sie sich das zweimal überlegen. Wo kommst du denn eigentlich her?“, fragte er nach einer kurzen Pause. „Du freust dich sicher auch so, dass du jetzt endlich jemanden gefunden hast, der dich versteht. Ich komme aus Khorinis. Warst du schon mal dort? Ist ja eigentlich auch egal. Aber willst du mir nicht etwas zu Essen abgeben? Ich bin ja quasi dein Gast und Gästen gibt man immer was zu essen. Das haben mir meine Freunde in Khorinis beigebracht. Die hatten mich echt gern! Die haben mich jeden Tag besucht.“
    Ein Fußtritt beförderte Mud zu Boden. „Hey, Mann, du hast mich geschlagen! Was sollte das?“, fragte Mud weinerlich. „Ich schlag dich gleich noch mal! Ich steh auf Schlagen!“ „Mann, was bist du denn für’n Freak! Mit dir will ich nichts zu tun haben!“ Ich blickte auf. „Alberto, was willst du denn hier“, fragte ich den Schatten, der sich über Mud aufgebaut hatte. „Raven will dich sehn.“ „Was will er denn?“ „Keine Ahnung, glaubst du, er sagt mir das?“ Ich seufzte und erhob mich. „Ich komm schon.“

    „Ah, da bist du ja. Hat ja auch lang genug gedauert.“ „Ist Albertos Schuld, ich bin sofort gekommen.“ „Das interessiert mich einen Scheiß.“ Raven erhob sich von dem Stuhl an der großen Tafel in Gomez’ Thronsaal. Die Erzbarone waren gerade bei einer Art Orgie, bei der Raven jedoch nur gelangweilt zuschaute. Ich folgte ihm nach draußen auf den Burghof.
    Es war ein schöner, kühler Abend. Das bemerkte auch Raven, der nun langsam über den Hof schlenderte, während ich ihm folgte. „Wunderbarer Abend, nicht?“ Ich nickte, doch wartete ich gespannt darauf, was Raven um diese Uhrzeit von mir wollte. Ich bezweifelte, dass er mir nur hatte sagen wollen, was für ein schöner Abend das war. „Ich liebe den Mond“, erklärte Raven, der nun in den klaren Nachthimmel zu der großen, hellen Scheibe hinaufschaute. „Überhaupt, bin ich eher ein Nachtmensch. Sieh mal, das Sternbild des Ochsen und das des Kriegers liegen ungewöhnlich nahe beieinander.“ Ich blickte in den Himmel. In der Tat. Das war mir gar nicht aufgefallen, doch, die beiden Sternbilder lagen sehr dicht beieinander. „Es heißt, das ist eine ungewöhnliche Konstellation, die nur alle eintausend Jahre auftritt“, fuhr Raven fort. „Mit Verlaub, das ist sehr interessant, aber du wolltest mich doch wohl kaum deshalb sprechen, oder?“ „Oh nein, natürlich nicht. Die Erzbarone haben einen Auftrag für dich.“ „Einen Auftrag?“ Natürlich hatte ich mir das schon gedacht, aber es war doch recht ungewöhnlich, wenn die Erzbarone Aufträge persönlich erteilten, vor allem zu dieser Uhrzeit, Nachtmensch hin oder her. „Ja, Diego hat dich empfohlen und wenn deine Beziehungen so gut sind, wie du bei deiner Aufnahme behauptet hast, sollte das kein Problem für dich sein.“ Raven blieb stehen und wandte sich zu mir um. „Natürlich sind sie nicht so gut, wie du behauptet hast, aber sie sind gut und das sollte reichen.“ „Ich….“ Raven lachte. Es war ein kaltes, freudloses Lachen. „Ist schon gut. Zurück zu deinem Auftrag. Wie du weißt, ist das Verhältnis zum Neuen Lager dieser Tage nicht das beste.“ Ich nickte, worauf wollte er hinaus? „Wir sind zahlenmäßig überlegen, aber Lee ist ein guter Stratege. Außerdem wäre ein Kampf so oder so verlustreich.“ „Was soll ich dagegen machen? Ein paar Banditen und Söldner meucheln, damit ihre Zahl abnimmt?“ „Natürlich nicht! Was wir brauchen, sind Verbündete.“ Mir ging ein Licht auf. „Die Sekte?“ „Genau. Bis jetzt sind sie neutral, aber du wirst dafür sorgen, dass sich das ändert.“ „Ich verstehe, nur, wie soll ich es schaffen, dass sie uns unterstützen, wenn es zum Krieg kommt?“ „Die Bruderschaft plant eine große Anrufung des Schläfers. Wie ich hörte, haben sie noch einige Probleme. Ich denke, du solltest ihnen bei der Anrufung helfen, sie ist ihnen sehr wichtig, schon seit Monaten konzentrieren sie sich auf nichts anderes.“ „Aber es gibt doch keinen Schläfer, was bedeutet, dass bei der Anrufung überhaupt nichts passieren wird.“ „Na und?“, fragte Raven. „Umso besser. Wenn sie vom Glauben abfallen, werden sie das Lager wechseln. Und wem, glaubst du, werden sie sich anschließen? Dem Lager, das ihnen geholfen hat, in dem sie Mitglieder rekrutieren und Minecrawler jagen konnten und das eine geordnete Struktur mit klarem Rangsystem hat, wie das ihre oder dem, in dem sie nur verhöhnt wurden und welches nur ein ungeordneter Haufen von Banditen und Ähnlichem ist?“ „Ich verstehe. Dann werde ich mich gleich morgen auf den Weg in den Sumpf machen“, sagte ich, auch wenn ich beim Gedanken an die Mücken lieber zuhause geblieben wäre. „Sehr gut, sehr gut. Ich wünsche, regelmäßig über die Fortschritte informiert zu werden. Und wenn ich ich sage, dann meine ich auch ich.“ „Soll das heißen, Gomez weiß nichts von meinem Auftrag?“ „Gomez weiß, was er wissen muss“, erklärte Raven mit einem Ton und einer Miene, die deutlich machten, dass er das Gespräch damit für beendet hielt.
    Ich beließ es dabei und wollte mich gerade auf den Weg zu meiner Hütte machen, als jemand nach mir rief. Ich drehte mich um, die Stimme war vom Magiertempel gekommen, in dessen Eingang ich nun Milten entdeckte. „Was machst du denn noch hier?“, fragte ich meinen Freund. Zur Antwort hielt der junge Feuermagier mit missmutigem Blick einen Besen in die Höhe. „Die Magier haben mich mal wieder zum Fegen verdonnert.“ „Oh, tut mir leid.“ Milten winkte ab. „Ich bin es gewohnt, wie ein Novize behandelt zu werden. Aber sag mal, was wollte Raven von dir?“ „Er hat mir den Auftrag gegeben, der Sekte bei ihrer Anrufung zu helfen. Er hofft, dass sie uns dann in einem möglichen Krieg unterstützen.“ „Keine dumme Idee von ihm“, meinte Milten. „Auch, wenn ich hoffe, dass es nicht so weit kommt.“ „Da bist du nicht allein“, erwiderte ich. „Hör mal, wenn du ihnen schon bei der Anrufung hilfst, könntest du dann nicht auch versuchen herauszufinden, was es mit all dem auf sich hat? Ich denke, die Anrufung könnte vielleicht Antworten mit sich bringen.“ „Was soll es mit all dem schon auf sich haben?“, fragte ich. „Du hättest auch Visionen, wenn du dich die ganze Zeit mit Sumpfkraut zukiffen würdest.“ „Ich dachte eher an ihre Magie“, erklärte Milten. „Wieso, was ist mit der?“ „Na die muss doch irgendwo herkommen. Alle uns bekannten Sprüche stammen von einem der drei arkanen Zweige. Es gibt drei Arten von Magie, musst du wissen: Die Magie der Herrschaft oder Feuermagie, die wir Innos zuschreiben, die Wandlungs- oder Wassermagie, die von Adanos kommt und die beliargeweihte Dunkel- oder Erdmagie.“ „Verschon mich bitte mit diesem Fachgeschwafel, ich habe eh nicht vor Magier zu werden.“ „Nun, der springende Punkt ist, dass wir es hier nicht direkt mit einer dieser Magierichtungen zu tun haben, aber….“ „Soll das heißen, es muss doch einen vierten Gott geben?“, fragte ich ungläubig. „Nein, nein, hör mir doch erst fertig zu. Es ist nämlich so, dass viele Zauber stark an die Wald- oder Naturmagie erinnern, wie sie von den Druiden benutzt wird. Diese Magie ist ein Ableger der Wandlungsmagie.“ „Ich sagte doch, kein Fachgeschwafel.“ „Ist ja schon gut. Andere Zauber haben Aspekte der Herrschafts-, äh Verzeihung, der Innosmagie. Und dieser Angstzauber, ich glaube, von so etwas habe ich mal gelesen. Doch, Schwarzmagier Mustafa war in diesem Punkt sehr bewandert. Seine Fähigkeiten, was das Wirken eines kollektiven Angstzaubers betraf, hätten, wenn mich nicht alles täuscht, beinahe die Schlacht von Mora Sul zu Gunsten der Varantiner entschieden.“ „Diese Geschichtsstunde mag ja ganz interessant sein, aber ehrlich gesagt, habe ich nur die Hälfte verstanden. Und ich weiß immer noch nicht, worauf du hinaus willst.“ „Darauf, dass die sogenannte Magie des Schläfers eine Mischung der drei Magierichtungen darstellt, die verschiedene Aspekte vereint.“ „Aha. Und das bedeutet?“ „Das bedeutet, dass die Magie nicht direkt von einem Gott kommt, aber sie muss doch eine mächtige Quelle haben, da einige Zauber doch in veränderter Form auftreten. Diese Pyrokinese, beispielsweise, kommt mir wie eine Mischung aus Herrschafts- und Wandlungsma… ach, vergiss das. Ich frage mich nur, welche Quelle es ist, von der die Bruderschaft ihre Magie bezieht.“ „Nur bin ich kein Magier und werde ganz sicher nicht herausfinden können, woher diese Magie kommt.“ „Wer weiß? Die Mitglieder der Bruderschaft sind keine Magier, ihnen wird das wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass sich die Quelle ihrer Magie bei der großen Anrufung offenbart.“ „Gut, wenn ich wirklich was rausfinden sollte, dann sag ich dir Bescheid. Aber mach dir keine allzu großen Hoffnungen.“ „Ich danke dir“, sagte Milten erfreut. „Ach ja und ich würde mich in der Sache an Lester wenden.“ „Nichts anderes hatte ich vor. Gute Nacht.“ „Gute Nacht.“
    Last edited by Jünger des Xardas; 10.04.2012 at 19:09.

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    Der Erleuchtete


    Am nächsten Morgen, wie in fast jeder Nacht hatte ich von Xardas geträumt, machte ich mich auf den Weg zum Marktplatz. Lester war mal wieder im Lager, um neue Mitglieder anzuwerben und so vermutete ich ihn hier. Doch Lester war nirgends zu sehen, weshalb ich Fisk nach ihm fragte. Der Händler erklärte mir, dass Lester zusammen mit einem Buddler Richtung Südtor gegangen war. „Er hat wohl wieder einen Bekloppten gefunden, der sich der Bruderschaft anschließen will und ist mit ihm in den Sumpf“, überlegte ich.
    Die Vermutung bestätigte sich, als ich die Torwachen fragte, die mir erzählten, dass Lester und der Buddler das Tor passiert hatten. So machte auch ich mich auf den Weg in den Sumpf.

    Gedankenverloren, oder besser mit den Gedanken bei einer bestimmten Person, überquerte ich die Ebene vorm Südtor. Als ich den Fluss erreicht hatte, fiel mein Blick von einem friedlich trinkenden Scavengerschwarm auf die durch ein Tor abgesicherte Schlucht ins Orkgebiet. Mit Entsetzen sah ich, dass die vier Gardisten, die das Tor bewacht hatten, tot davor lagen. Vorsichtig zog ich mein Schwert und näherte mich den Leichen. „Hoffentlich waren es die Orks“, dachte ich, denn ich befürchtete, dass die Banditen ein weiteres Mal zugeschlagen hatten. Doch das Tor war noch immer verschlossen, das sah ich schon von hier.
    Als ich die Toten erreicht hatte, sollten sich meine Befürchtungen als richtig herausstellen. Zwei Gardisten waren von Pfeilen durchlöchert, die anderen beiden von Schwertern durchbohrt worden. Hinter einem Busch entdeckte ich auch die Leiche eines von einem Bolzen getroffenen Banditen, den seine Leute offenbar hier liegen gelassen hatten. Ich steckte mein Schwert weg und beugte mich hinunter, um die Leichen genauer zu untersuchen, sie schienen noch nicht lange tot zu sein. Das war also die Rache dafür, dass das Alte Lager einen kleinen Vorposten des Neuen Lagers, irgendwo im Norden, in einer Schlucht, die sich Trollschlucht nannte, ausgeräumt hatte. Der Anführer dieses Vorpostens war ein gewisser Quentin gewesen. Er und seine Leute hatten dort mit einigen nicht allzu frommen Novizen Sumpfkraut getauscht, welches sie dann selbst verarbeitet und im Neuen Lager verkauft hatten. Doch anscheinend würde das Neue Lager von nun an völlig auf die Händler aus der Sekte angewiesen sein, die dort oft vorbeikamen, da sich dort mit Sumpfkraut gute Geschäfte machen ließen.
    „Na, wen haben wir denn da?“ Ich drehte mich um. Es war Bloodwyn, flankiert von zwei weiteren Gardisten. Bloodwyn und Bullit waren erst seit einigen Tagen aus der Mine zurück und beide waren noch auf Bewährung, weshalb Bloodwyn auch nicht seinen Posten als Schutzgeldeintreiber zurück hatte. „Na toll, der hat mir gerade noch gefehlt“, dachte ich. Laut sagte ich jedoch, nicht ohne abfälligen Unterton, „was wollt ihr denn hier?“ „Vom Lager aus wurden Banditen gesichtet und man hat uns geschickt, um nach dem Rechten zu sehen“, erklärte Bloodwyn. Ich erhob mich. „Tja, wie’s aussieht, seid ihr etwas zu spät.“ „Wieso, eine Ratte haben wir doch noch erwischt.“ „Was willst du damit sagen?“ „Ganz einfach: Wer sagt, dass du nicht fürs Neue Lager arbeitest? Ich weiß genau, dass du Kontakt zu einigen von diesen Pennern hast und es ist schon komisch, dass wir dich hier finden, unmittelbar nach dem Tod unserer Jungs.“ „Mach dich nicht lächerlich.“ „Lächerlich?“ Bloodwyn legte die Hand auf den Griff seines Schwertes. „Ich muss in Ravens Auftrag in den Sumpf, also nerv wen anders und wenn du jemand suchst, mit dem du kämpfen kannst, dann zertret’ ne Fleischwanze, da hast du wenigstens minimale Chancen“, sagte ich kühl und wollte an Bloodwyn vorbeigehen, doch dieser hielt mich am Arm fest und stieß mich zurück. „Verdammt Bloodwyn, ich hab keine Zeit für den Mist, ich sagte doch, ich muss in den Sumpf. Und ich glaube nicht, dass Raven so erfreut wäre, wenn du mich aufhalten würdest.“ Bloodwyn zog sein Schwert. „Du musst nirgendwo hin.“ „Hältst du das für so eine gute Idee?“, fragte der Gardist neben ihm leicht nervös. „Genau, vergiss nicht, du bist auf Bewährung. Wenn du mich angreifst, macht Thorus Fleischwanzenfutter aus dir“, grinste ich. „Nicht, wenn ich dich in der Arena töte. Ich fordere dich zum Kampf!“ „Welchen Teil von „ich hab’s eilig“ hast du nicht verstanden?“, fragte ich und ging an Bloodwyn vorbei auf die Brücke zu. „Feigling!“, rief mir der Gardist nach. Ich beachtete ihn nicht und setzte meinen Weg zum Sumpf fort.

    Nach ungefähr einer Stunde hatte ich Lester und den Buddler eingeholt. „Hey Lester!“, rief ich. Der Novize und der Buddler drehten sich um. Ich erkannte letzteren als Dusty, der sich offenbar endlich entschlossen hatte, sich der Bruderschaft anzuschließen. „Hey, schön dich zu sehen, mein Freund“, sagte Lester erfreut. „Hat es einen speziellen Grund, dass du mir nachläufst?“ „Ja, ich hab bei euch im Sumpf einen Auftrag zu erledigen.“ Ich wandte den Blick zu Dusty. „Schließt du dich jetzt doch der Sekte an?“ „Der Bruderschaft. Aber du hast Recht. Im Alten Lager hab ich es keine Sekunde mehr ausgehalten. Mann, Melvin wird Augen machen, wenn ich im Sumpf aufkreuze!“ „Aber es war etwas komisch“, sagte Lester. „Was war komisch?“, wollte ich wissen. „Normalerweise lassen es sich die Torwachen nicht nehmen, sich von uns Novizen bestechen zu lassen, damit wir Buddler mitnehmen können, aber heute konnten wir einfach passieren.“ „Ich glaub, ich weiß, woran das liegt.“ „So? Erzähl!“ „Raven will ein besseres Verhältnis zu eurem Lager, damit ihr uns gegen das Neue Lager helft, wenn es zum Krieg kommt.“ „Verstehe, dann ergibt das natürlich Sinn und dann kann ich mir auch vorstellen, worum es sich bei deinem Auftrag handelt. Aber warum hat man dich geschickt?“ „Raven meint, Diego hätte mich empfohlen und meine Beziehungen wären von Vorteil, aber ich denke, dass ich ganz einfach entbehrlich bin.“ „Wie soll ich das verstehen?“, fragte der Novize. „Wir werden dich schon nicht aufspießen.“ „Ihr nicht, aber diese verdammten Mücken!“ Lester und Dusty lachten.

    „Und, was hast du jetzt vor?“, fragte Lester. Wir waren gemeinsam zum Sektenlager gegangen und Lester hatte Dusty in die Obhut von Baal Tondral gegeben, wobei sein Freund Melvin überglücklich gewesen war, ihn zu sehen.
    „Raven meinte, ich soll euch bei eurer Anrufung helfen, also dachte ich daran, meine Beziehungen zu nutzen und mir eine Aufgabe zu beschaffen.“ „Und lass mich raten“, sagte Lester grinsend. „Mit diesen Beziehungen meinst du mich, nicht wahr?“ Ich nickte. Der Novize lachte auf. „Na, dann wollen wir doch mal sehen, was sich machen lässt. Folge mir!“ Das tat ich. Mein Freund führte mich von der Stelle weg, an der Baal Tondral predigte, über den Hauptplatz hinweg, vorbei an Schmiede und Alchemielabor. Hinter letzterem lichteten sich die Bäume und gaben den Blick auf ein Stück freies Feld aus schlammiger Erde frei, auf dem keine Bäume wuchsen. Darüber erhob sich majestätisch die gewaltige, übers Meer aufragende Klippe, auf der man die inzwischen grünen Baumkronen des östlichen Waldes erkannte. Am Fuße der Klippe lag ein ovaler Platz. Am Rande des Platzes sah man die Überreste einer ungefähr zwei Meter hohen Mauer, die den Platz einst umschlossen hatte. Zahlreiche Pflanzen rankten sich an den halb zerfallenen, hie und da mit Brettern abgestützten Mauerresten hoch. Dies mussten die Tempelruinen sein, auf denen die Bruderschaft errichtet worden war, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Sektenspinner das gebaut hatten. Wir durchquerten eine breite Lücke in der Mauer, über die ein Brett gelegt war. Der Templer, der auf dem Brett Wache hielt, beäugte mich misstrauisch, hielt mich jedoch nicht auf. Es war Fremden nicht verboten, den Platz zu betreten, auch wenn es sicher nicht oft vorkam.
    „Das hier ist der Tempelplatz“, erklärte Lester. Ich blickte mich um. Auf einer kleinen runden Plattform, die etwa in der Mitte des Platzes lag, stand einer der Gurus und predigte, während ihm einige Novizen, die um die Plattform herum saßen, konzentriert zuhörten. Ungefähr auf gleicher Höhe wie die Plattform erhoben sich zwei Säulen, mit Messingschalen darauf. Der Tempel selbst war in den Berg hineingebaut. Eine große, in den Fels gehauene Treppe führte zum Tempeleingang hinauf. Die Treppe wurde in der Mitte von einem großen Podest geteilt. Vorne war das Podest durch ein Relief verziert. Es zeigte eine einfache Waage, die über drei Wellen schwebte. In der rechten Wagschale lag eine Sonne, in der linken ein Mond. Beide Waagschalen waren auf gleicher Höhe. Man musste kein Experte in Götterfragen sein, um zu erkennen, dass dieses Symbol etwas mit dem Wasser- und Gleichgewichtsgott Adanos zu tun hatte, doch fragte ich mich, wer diese Ruinen erbaut hatte. „Wohin gehen wir?“, fragte ich. „In den Tempel. Y´Berion wird sicher eine Aufgabe für dich haben. Wie ich hörte, meditiert er schon seit zwei Wochen, um durch den Schläfer zu erfahren, wie wir unsere geistigen Kräfte vereinen können.“ „Kommt ein Außenstehender so einfach in den Tempel und wird Y´Berion seine Aufträge nicht lieber an Mitglieder des Lagers vergeben?“ „Na hör mal, ich denke, du bist Abgesandter von Raven.“ „Hm, stimmt auch wieder.“ „Und außerdem bin ich ja auch noch da und kann mich für dich verbürgen.“
    Der gleichen Meinung schienen die Templer, die die Treppe und das Eingangstor bewachten, auch zu sein. Und so wurden wir nur kurz aufgehalten und konnten den Tempel dann betreten.
    Zwei große Tore führten in eine kaum erleuchtete Halle, in der man deutlich die Kühle des Berges spürte. Die Wände waren mit Reliefs und Hieroglyphen verziert, welche von einem mir vollkommen unbekannten Stil waren. Die Decke wurde von vier schmalen Säulen gehalten. Grünlicher Dampf von Sumpfkraut, das in zwei Messingschalen an den Wänden verbrannt wurde, füllte den Raum. Auf der anderen Seite der großen Halle stand ein steinerner Altar, hinter dem drei Türen ins Innere des Berges führten. Auf dem Altar, hinter dem ein Mann saß, standen zwei bronzene Gefäße, in die Räucherstäbchen gestellt waren. Der Geruch des Sumpfkrauts, der Räucherstäbchen und der leicht modrige Geruch von den Wänden, gepaart mit der Kühle des Berges, dem Halbdunkel, dass in der Halle herrschte und unseren, während des Durchquerens der Halle, laut in dem alten Gemäuer widerhallenden Schritten, all das löste eine seltsame Stimmung und ein leichtes Schwindelgefühl aus und machte mich etwas schläfrig.
    Als wir den Altar erreicht hatten, verbeugte sich Lester vor dem dahinter sitzenden Mann. Ich tat es ihm gleich. „Meister Y´Berion“, sagte Lester. „Ich bringe einen Schatten aus dem Alten Lager. Die Erzbarone wollen die Beziehungen mit der Bruderschaft festigen und schicken diesen Schatten um uns zu dienen.“ Ich musterte den obersten Guru. Seine Robe glich der von Cor Kalom. Wie alle Anhänger des Schläfers trug auch Y´Berion eine Glatze und graue Tätowierungen, auch wenn die seinen aufwendiger waren als die aller anderen Anhänger des Schläfers. Der oberste Guru trug einen rotbraunen Bart und blickte zwischen uns hindurch. Er gab nicht das geringste Zeichen von sich, dass er uns bemerkt hatte. Trotzdem ergriff ich nun das Wort. „Uns liegt viel an einem Bündnis mit der Bruderschaft des Schläfers, Meister Y´Berion. Raven sandte mich daher aus, um bei der großen Anrufung des Schläfers zu helfen.“ Eine Weile herrschte Stille und ich fragte mich, ob Y´Berion uns wirklich nicht bemerkt hatte, doch dann begann er mit rauchiger Stimme zu sprechen, jedoch ohne mich anzusehen. „Und haben sich die Erzbarone auch dem wahren Glauben zugewandt?“ „Nun, nein, aber…“ „Und haben sie die schändlichen Priester des falschen Gottes Innos aus ihrem Lager verbannt?“ „Nein, aber…“ „Die Erzbarone wollen uns bei der Anrufung helfen, doch unseren Glauben verhöhnen sie weiterhin?“ „Nein, sie wollen…“ „Dass wir an ihrer Seite gegen das Neue Lager kämpfen. Doch wir dienen dem Schläfer und wir kämpfen nur für ihn.“ „Nein. Die Erzbarone wollen nur die Beziehungen zwischen unseren Lagern festigen und schicken mich, um euch bei den Vorbereitungen für die große Anrufung zu helfen.“ „Nun gut, du sollst eine Chance bekommen, deinen guten Willen zu beweisen, doch kämpfen werden wir nur, wenn es der allmächtige Schläfer befiehlt.“ „Was soll ich tun?“ „Durch die Erweiterung unseres Geistes, mittels der Einnahme von Sumpfkraut, gelingt es uns Gurus Kontakt zum Schläfer aufzunehmen. Doch wenn das ganze Lager eine gemeinsame Vision haben soll, müssen wir unsere Geister vereinigen“, erklärte Y´Berion, noch etwas rauchiger als zuvor. „Wie soll das gehen?“ „Wir brauchen einen Gegenstand, mit dem wir unsere geistigen Kräfte fokussieren können. Zwei Wochen habe ich in diesem uralten Gemäuer meditiert und zum Schläfer gebetet. Vierzehn Tage habe ich kaum Nahrung zu mir genommen. Und der Schläfer, in seiner Größe, schenkte mir eine Vision.“ „War sicher eine ziemlich spannende Vision“, konnte ich mir nicht verkneifen. „MEINE VISION WAR EIN ZEICHEN VOM SCHLÄFER!“, sagte Y´Berion laut. Dann fuhr er in seiner üblichen rauchigen Tonlage fort. „Der Schläfer zeigte mir einen Fokusstein, einen der fünf magischen Foki, mit denen die Barriere erschaffen wurde.“ „Was für Foki?“, fragte ich interessiert. „Als die zwölf Magier von damals die Barriere schufen, benutzten sie fünf uralte Artefakte, welche Fokussteine genannt werden, um ihre geistigen Kräfte zu bündeln und zu fokussieren. Mit einem dieser Foki, so teilte mir der Schläfer, in seiner Weisheit, mit, werden wir in der Lage sein, unsere Kräfte zu vereinen.“ „Gut und wo finde ich das Ding?“ „Nach der Erschaffung der Barriere brauchten die Magier die Foki nicht mehr. Sie beschlossen, dass es zu gefährlich sei, sie im Alten Lager aufzubewahren und versteckten sie, damit sie nicht in die falschen Hände fallen, an schwer zugänglichen oder gefährlichen Orten. Einer dieser Orte liegt beinahe direkt über uns.“ Ich blickte hinauf zur Decke. „Oben auf der Klippe?“ „Ja. Ich sandte den Novizen Nyras, denn er ist ein treuer Diener des Schläfers und er soll beweisen, ob er würdig ist, Schüler eines Gurus zu werden. Doch Nyras kehrte nicht zurück.“ „Und nun soll ich nachsehen, was los ist und den Fokus holen, nicht wahr?“, fragte ich. „So ist es. Lester soll dich begleiten. Möge der Schläfer euch behüten.“
    Last edited by Jünger des Xardas; 10.04.2012 at 19:10.

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    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Der Fokus von der Meeresklippe

    Gemeinsam verließen Lester und ich den Tempel. Mir war noch immer etwas schwindelig vom Geruch des Sumpfkrauts und der Räucherstäbchen und ich hatte leichte Kopfschmerzen. Vor dem Lager verschlang ich zwei Heilkräuter gegen meine Kopfschmerzen und die Mückenstiche. „Was glaubst du, ist mit Nyras geschehen?“, fragte ich meinen Freund. „Ich weiß es nicht, aber um zum Fokus zu gelangen, muss man den Wald durchqueren und der ist ziemlich gefährlich. Ich hoffe nur, dass er nicht den wilden Tieren zum Opfer gefallen ist.“
    Wir folgten dem Weg in Richtung Altes Lager, bis wir den Rand des Waldes erreicht hatten. Der große Wald wirkte nun mit Blättern noch dunkler und bedrohlicher, aber es half nichts. Wir gingen zwischen den Bäumen am Waldrand entlang in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Zu unserer Rechten sahen wir den Hang, der immer weiter nach unten führte, so dass die Felswand, die den Wald begrenzte immer steiler und tiefer wurde.
    Es stimmte, der Wald war voller Viecher. Schon nach kurzer Zeit stießen wir auf drei Ripper. Diese Tiere waren mit den Schweinen verwandt und wurden auch als Killerschweine bezeichnet. Sie hatten Ähnlichkeit mit etwas zu groß geratenen, kräftigen Wildschweinen, wobei ihre Schnauze eine Mischung aus Schweine- und Hundeschnauze darstellte. Im Gegensatz zu ihren Verwandten waren Ripper reine Fleischfresser und so hatten sie zwar keine großen Hauer, doch dafür scharfe Zähne im Maul. Wild grunzend stürmten die Tiere auf uns los. Lester packte eine Windfaustspruchrolle und schleuderte den Rippern den Zauber entgegen. Zwei der Tiere wurden in die Luft gehoben und einige Meter nach hinten geschleudert. Der dritte rannte direkt auf mich zu und biss nach mir. Ich wich aus und schlug ihm das Schwert in die Seite. Laut quiekend verendete das Tier. Doch die anderen beiden Ripper waren inzwischen wieder aufgesprungen und auf Lester zugerannt. Der Novize packte seinen Morgenstern und schlug ihn einem der Tiere in den Rücken. Diese Zeit wurde jedoch vom zweiten Ripper genutzt um Lester ins Bein zu beißen. Der Jünger des Schläfers schrie schmerzerfüllt auf. Ich sprang blitzschnell herbei und durchbohrte den letzten Ripper. Dann sah ich mir Lester an, der zu Boden gesunken war und sich das Bein hielt. „Sieht nicht allzu schlimm aus“, stellte ich fest und kramte ein Heilkraut und einen Verband aus der Tasche. „Er hat dich nicht richtig erwischt, seine Zähne haben dich nur gestreift.“ „Ich Glücklicher“, presste Lester hervor, während ich den Verband festzog. „Geht’s?“, wollte ich wissen. Lester stand auf und machte einige vorsichtige Schritte. „Wird schon gehen“, meinte er.

    So zogen wir weiter. Es dauerte nicht lange, da sahen wir von weitem ein kleines Wolfsrudel zwischen den Bäumen. Die Tiere blieben kurz stehen und beäugten uns misstrauisch, dann setzten sie ihren Weg ins Innere des Waldes fort, behielten uns aber im Auge, bis sie uns nicht mehr sehen konnten. Ich glaubte nicht, dass Wölfe uns angreifen würden, wenn sie nicht gerade sehr hungrig waren, doch wollte ich es nicht drauf ankommen lassen und umging diese Tiere lieber.

    Einige Zeit später stießen wir auf eine kleine Lichtung, auf der ein Feuer brannte, an dem zwei massige Gestalten saßen. Sie waren beide etwa zwei Meter siebzig groß und hatten einen bulligen Körperbau. Ihre Haut hatte dieselbe Farbe, wie die eines Schweins und ihre haarlosen Köpfe waren recht unförmig. Ihre Ohren waren nur Löcher in ihrem Kopf. Ein leichter Wulst um diese Löcher war alles, was sie von einer Ohrmuschel hatten. Ihre Gesichter wirkten brutal und missgestaltet. Die Nase sah aus, als wäre sie aus Wachs geformt und dann erhitzt worden. Die Augen waren nicht ganz auf einer Höhe und wirkten etwas klein, im Vergleich zum restlichen Körper. Und die lippenlosen Münder waren mit scharfen Zähnen besetzt. Um die dicken Bäuche trugen sie lederne Gurte, an denen Stofffetzen hingen, was an einen sehr primitiven Lendenschurz erinnerte. Und der eine der beiden trug eine metallene Schulterplatte, die vielleicht einmal ein menschlicher Brustpanzer gewesen und nun mit einem quer über seinen Körper führenden Ledergurt befestigt war. Bewaffnet waren sie mit zwei dicken Ästen, an denen oben jeweils ein unförmiger Stein befestigt war. Diese Waffen lehnten neben ihnen an einem Baumstumpf.
    „Sieh mal, Glurtz“, sagte der ohne Schulterplatte, der aus einer ziemlich verdreckten Flasche, aus der es stark nach altem Schnaps roch, trank. „Menschlinge!“ Er gab ein schweineähnliches Grunzen von sich. „Bäh, Menschlinge stinken, wie Sumpf“, stellte der andere, welcher an dem Bein eines Tieres – welches, war nicht mehr erkennbar – nagte und grunzte seinerseits. „Oger“, flüsterte Lester. „Was mit Menschlingen machen, Urg?“, wollte der mit der Schulterplatte wissen. „Hm“, der Oger Namens Urg kratzte sich am Kopf. „Haben Menschlinge Schnaps?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. Urg drehte die Flasche, aus der er gerade noch getrunken hatte, um. Ein einzelner Tropfen lief aus der Flasche und fiel ins Gras. Urg grunzte missmutig. „Schnaps alle. Menschlinge geben Schnaps oder Menschlinge sterben.“ „Wir haben keinen Schnaps“, versuchte Lester zu erklären und wich ängstlich einen Schritt zurück. „Keinen Schnaps?“, fragte Glurtz und grunzte abermals. „Glurtz will Schnaps. Warum Menschlinge nicht geben Schnaps?“ „Weil wir keinen haben!“, sagte ich etwas deutlicher. Normalerweise wäre ich von einer solchen Begriffsstutzigkeit genervt gewesen, doch bei Ogern musste man vorsichtig sein, da sie sehr stark und außer für ihre Dummheit auch für ihre Boshaftigkeit bekannt waren. Die Oger schienen zu überlegen. Urg rülpste. Dann fragte er „Menschlinge haben Essen?“ „Wir… etwas“, sagte ich vorsichtig. „Menschlinge geben Essen“, sagte Glurtz und grunzte. „Wenn Menschlinge nicht geben Essen, Menschlinge sterben.“ „Aber wir haben kaum etwas“, sagte ich wahrheitsgemäß. Denn alles, was ich hatte, waren ein angebissener Leib Brot und eine Fleischkeule, die ich als Wegzehrung mitgenommen hatte. „Das nich nett“, meinte Urg grunzend. „Ja, gar nich nett“, pflichtete Glurtz bei und kratzte seinen fetten Wanst. „Wenn Menschlinge nich geben Essen, Ogers müssen jagen. Aber Hirschens sein zu schnell für Ogers und Dunkelläufer sein zu stark. Wenn Menschlinge nich geben Essen, Ogers müssen jagen garstige Tiere“, „Ja, müssen jagen garstige Ribber oder garstige kleine Vogelns“, erklärte Urg und grunzte angewidert. „Hm“, überlegte Glurtz. „Warum nich essen Menschlinge? Menschlinge gut schmecken.“ „Ja Menschlinge gut schmecken.“, bestätigte Urg grunzend. „Schmecken fast so gut wie Skawen… Skawendings… Skawide.“ „-gern“, half Glurtz nach. Urg blickte ihn verständnislos an und grunzte zweimal. „Menschlinge schmecken fast so gut wie Skawengern“, erklärte Glurtz. „Egal!“, sagte Urg. „Wir braten Menschlinge!“ „Nein, nich braten! Nehmen Menschlinge und rammen in Boden mit Kopf voran.“ „Nich gut für Hirn“, warf Urg ein. „Urg liebt Hirn.“ Er grunzte demonstrativ „Dann setzen auf Menschlinge bis sie platt sind. Platt wie… wie… wie eine Platte!“ Glurtz schien sehr zufrieden mit sich, wegen seines, wie er dachte, gelungenen Vergleichs. „Nein! Platte nich gut. Platten schmecken nich. Nehmen Menschlinge und reißen Beine aus, dann reißen Arme aus und dann reißen Kopf aus. Dann essen Beine und Arme und Kopf und Rest behalten für später.“ Glurtz grunzte und versetzte Urg einen Schlag gegen den Kopf. „Wenn reißen Beine und reißen Arme und reißen Kopf, dann Menschlinge sterben. Nix aufheben. Sage, nehmen Morgenstern und hauen drauf bis Matsch.“ Ich blickte ängstlich zu den Waffen der Oger. Die meinten sie ganz sicher mit Morgenstern. Zwar waren es keine Morgensterne, „aber erklär das mal einem Oger“, wie ich dachte. Nein, mit diesen Dingern wollte ich lieber nicht Bekanntschaft machen. Die beiden Oger hatten sich inzwischen ein paar Mal angegrunzt und geschlagen, doch nun hatte Urg eine Idee, die er grunzend vortrug. „Jeder kriegen einen Menschling und macht wasser will. Urg kriegen den Roten. Roter sehen lecker aus und stinken nich so doll nach Sumpf.“ „Glurtz will haben Roten! Urg nehmt Braunen!“ „Nein!“, sagte Urg und versetzte Glurtz einen kräftigen Schlag. Wieder kabbelten sich die beiden eine kurze Weile, dann hatte Glurtz eine Idee. „Teilen Menschlinge in zwei Hälften. Jeder bekommen eine Hälfte von Braunem und eine von Rotem. Glurtz kriegt oben und Urg kriegt unten.“ „Unten schmecken garstig. Urg will oben!“, brüllte der andere Oger und schlug seinen Kameraden gegen den Hinterkopf. „Nein Glurtz kriegt oben, Urg unten!“, grunzte Glurtz. „Nein. Umverkehrt!“ Die beiden Oger stritten sich kurz, dann packte Glurtz seinen „Morgenstern“ und briet Urg damit eins über. Diesem schien das erstaunlich wenig auszumachen. Stattdessen packte er seinen eigenen „Morgenstern“ und schlug Glurtz damit. Die Oger schlugen wild aufeinander ein und beschimpften sich mit Wörtern, die mir im Traum nicht eingefallen wären.
    „Jetzt oder nie“, flüsterte ich. Lester nickte und gemeinsam rannten wir von der Lichtung. Wir hielten erst an, als wir das Gebrüll der Oger nicht mehr hören konnten, was eine ganze Weile dauerte.

    Nach der Begegnung mit Urg und Glurtz trafen wir nur noch auf eine Gruppe aus vier Goblins. Doch diesen kleinen, grünen Gesellen hätten wir wahrscheinlich mit einer Hand das Genick brechen können. Sie dagegen waren nur mit Ästen bewaffnet. Das war wohl auch der Grund, weshalb sie uns mieden, denn im Gegensatz zu Ogern waren Goblins nicht dumm.

    So erreichten wir schließlich den Rand des Waldes und damit auch den Rand der Klippe. Zwischen Wald- und Klippenrand gab es eine kleine Wiese, auf der nur Büsche und Gras wuchsen. „Wir müssen jetzt über dem Tempel sein“, sagte ich und blickte auf den Boden. „Dort vorn ist der Fokus!“, sagte Lester aufgeregt. Der Novize deutete auf eine kleine, kreisrunde, steinerne Plattform, die mit verschiedenen Symbolen verziert und von vier kurzen, nach innen gebogenen Dornen umringt war. Ein merkwürdiges, leises Surren ging von der Plattform aus. Daneben stand ein steinerner Sockel, der mir etwa bis zur Hüfte reichte. Ein circa dreißig Zentimeter hoher, prismenförmiger Stein, mit glatt geschliffenen Rändern, stand auf dem Sockel. Die Kanten waren feine goldene Linien. Langsam ging ich auf den Stein zu. Er war vollkommen durchsichtig, doch sein Inneres wurde durch wabernden, grauen Nebel ausgefüllt. Fasziniert blickte ich in den Nebel, als plötzlich eine laute Stimme von den Bäumen ertönte. „Hände weg von dem Stein!“ Lester und ich fuhren herum, es war Nyras. Doch der Novize sah schrecklich aus: Seine Haut war ungewöhnlich blass und von roten Adern durchzogen. Auf seinem Gesicht lag ein dunkler Schatten und seine Pupillen waren feuerrot. In seiner Hand hielt Nyras eine Spruchrolle. „Nyras… was… was ist mit dir passiert?“, fragte Lester entsetzt. „Der Meister rief mich!“, erklärte Nyras mit einer dunklen, dämonischen Stimme, die nicht von dieser Welt zu sein schien. „Der Schläfer hat mich erwählt und zu seinem alleinigen Werkzeug gemacht! Nun gibt es keine Templer, keine Gurus mehr, nur mich! Sterbt! Und mit diesen Worten aktivierte er die Spruchrolle und schoss uns die Windfaust entgegen. Ich sprang zur Seite, doch Lester wurde mit voller Wucht getroffen. Er flog in Richtung Klippenrand und fiel nur einen knappen Meter davor zu Boden. Er rollte über die scharfen Steine, schürfte sich die Haut auf und blieb keuchend neben dem Rand der Klippe liegen. „Nyras, was tust du da?!“, rief ich. Doch der Novize packte bereits seinen Morgenstern und rannte in blinder Raserei auf mich zu. Ein Gutes hatten die Monster hier, Nyras hatte offenbar fast alle Spruchrollen an ihnen aufgebraucht, so dass er nun in den Nahkampf wechseln musste. Blitzschnell zog ich mein Schwert und machte einen Satz nach hinten, um Nyras’ Schlag zu entgehen. Dann schlug ich zu, doch ich war zu sehr darauf bedacht, ihn nicht zu verletzen, so dass er ausweichen konnte und mir fast das Knie zertrümmert hätte. „Ich will nicht gegen dich kämpfen!“, brüllte ich. „Dann wirst du sterben!“ Nyras schlug zu, ich blockte den Schlag ab. Unsere Waffen kreuzten sich und ich versuchte Nyras mit einem Trick, den ich von Diego kannte, zu entwaffnen. Ich beschrieb mit meiner Klinge einen Kreis und zwang Nyras mitzugehen. Mittels dieser Drehbewegung wand ich ihm die Waffe aus der Hand. „Ergib dich!“, presste ich zwischen den Zähnen hervor. „Ich werde dir nichts tun.“ „Niemals! Es ist noch nicht vorbei! Irdorath erwartet uns!“ Mit diesen Worten, wandte er sich um, rannte zum Rand der Klippe und sprang. Lester rollte sich herum und blickte von der Klippe hinunter. „Nyras!“ Noch bevor ich die Klippe erreicht hatte, hörte ich ein lautes Platschen – Nyras war tot.
    Lester schluchzte. „Was… was war das?“ „Ich weiß nicht, er… muss wahnsinnig geworden sein.“ „Wahnsinnig?!“, brüllte Lester. „Willst du DAS auch auf das viele Gekiffe schieben?!“ Ich schüttelte langsam den Kopf und blickte dabei hinaus aufs Meer. Ganz am Horizont, weit im Osten gab es einen grauen Streifen, wahrscheinlich ein heraufziehender Sturm…
    Last edited by Jünger des Xardas; 10.04.2012 at 19:12.

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