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Das kleine Schreibstübchen - #2

  1. #1 Zitieren
    Truhe  Avatar von Salieri
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    Willkommen im neuen Schreibstübchen!



    Das kleine Schreibstübchen hat eine vierjährige siebenjährige Tradition bei der World of Players, hier im schönen Literaturforum. Ja, tatsächlich ist es schon so lange her, dass das kleine Schreibstübchen zum ersten mal seine Pforten öffnete und leider ist es seither etwas verkümmert und fristete ein Schattendasein. Doch jetzt soll es erneut los gehen und wir wollen nach vorn blicken auf ein hoffentlich goldenes Zeitalter, des Schreibstübchens!

    Hier das neueste Konzept:
    -Alle drei Wochen ein neues Thema (i. d. R. Sonntag abend).
    -Während der ersten Woche eines neuen Themas dürfen Werke zum vorherigen Thema gepostet werden, diese sind entsprechend mit Überschrift zu kennzeichnen.
    -Die erste Woche eines neuen Themas dient nicht dazu sein etwas vom vorherigen Thema zu beginnen, sondern soll nur Gelegenheit geben sein Werk noch zu posten wenn man vorher nicht mehr on war o. Ä.
    -2 oder mehr Postings inerhalb von drei Wochen bitte vermeiden und stattdessen die Edit-Funktion verwenden.
    -Kritik kann jederzeit zu jedem Werk gegeben werden, Kritiker sollten dabei aber überlegen ob es Sinn macht die ältesten Beiträge zu bewerten.
    -Kommentare nur in den entsprechenden OT-Thread.
    -Es wird in unregelmäßigen Abständen immer wieder Bilder statt Begriffe als Thema geben.

    Erneut verstehen sich diese Regeln als Test und wir werden nach gebürender Zeit ein Fazit ziehen um zu sehen ob es so funktioniert und wenn nicht ändern wir es halt erneut.

    Ich hoffe ihr habt Freude am mitschreiben, -lesen und –bewerten!

    Hier geht es zum OT-Thread.
    Hier geht es zum alten Schreibstübchen.

    Und wir starten auch gleich mit einem Bild, nämlich dem Stock unseres neuen Banners:

    "Themenlog":
    Spoiler:(zum lesen bitte Text markieren)

    Bild
    Sommer
    Würfeln
    Betrug
    "Luft & Liebe"
    Sport
    Sehnsucht
    Brot und Spiele
    Ein jähes Ende
    Ein Neuanfang
    Unberührte Natur
    Winternächte
    Vorfreude
    Zweisamkeit
    Gastfreundschaft
    Heimweh
    Leistungsdruck
    Leben und Tod
    Bild
    Frühlingsgefühle
    Trinkgeschichten
    Vorurteile
    Freiheit
    Urlaub
    Furcht
    Psychologen
    Eleganz
    Fernsehen
    "Ich weiß es"
    Vergessen
    Familiendrama
    "Veni, vidi, vici"
    Verzücken
    Gestrandet
    Mai
    Unwetter
    Mut
    Verdammnis
    Natur
    Heimat
    Vorahnung
    Strand
    Harmonie
    Bild
    Sieben Sünden: Habgier
    Sturm
    "Spiel, Satz und Sieg"
    Erleichterung
    Sternenregen
    Sieben Sünden: Wollust
    Heimtücke
    Schneesturm
    Zwielicht
    Übernatürlich
    Krankheit
    Sieben Sünden: Hochmut

    Schmerz
    Vergebung
    Chaos
    Sieben Sünden: Trägheit
    "Der Name ist Programm"
    Lied
    Verzweiflung
    Flucht
    Silber
    C'est la vie.
    Faulheit #2
    Asyl
    "Leichter gesagt als getan"
    Sieben Sünden: Völlerei
    "Frohes Fest und guten Rutsch"
    Anderssein
    Lied
    Alkohol
    St. Patrick's Day
    Sieben Sünden: Neid
    Krieg
    Macht
    Vertrauen
    Erfüllung
    Sieben Sünden: Zorn
    Fernweh
    Neusprech
    Verrat
    Meuterei
    Ruhm und Ehre im Kampf
    Google Plus ist nervig und *)"§$[&}#!
    Stille
    Vergehen und Strafe
    Verlustangst
    Helden
    Hexenjagd
    Evolution
    Überleben
    Mutter/Mütter
    Krankheit
    Hinterhalt
    Neuanfang
    Reise ohne Wiederkehr
    Lied: Probleme, die ich früher noch nicht hatte - Bodo Wartke
    »Denn unser sind viele.«
    »Krieg bleibt immer gleich.«
    Enttäuschung
    Sterbenskrank
    Mit guten Vorsätzen...
    Entscheidungsneurose
    Fantasie
    Rollenspiel
    Heimsuchung
    Aufstieg
    Überbevölkerung
    Wahlen/Wählen
    Harmonie
    "Alle für einen!"
    "Einer für Alle!"
    Flucht
    Geschichten aus einer Nacht
    Salieri ist gerade online Geändert von Salieri (18.09.2017 um 06:55 Uhr)

  2. #2 Zitieren
    Mies drauf  Avatar von Mr Sulak
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    Wie lange war es wohl her? Wie lange, seitdem er das letzte Mal dieses alte Werkzeug in die Hand genommen hatte?

    Ein wenig verwundert über seinen eigenen Mut betrachtete er die schlanke, schwarze Silhouette, die sich in seinen Fingern befand und dort erwartungsvoll verharrte. Von dem kleinen Ding schien eine eigene, fast schon magische Aura auszugehen, die immerzu schrie: "Nutze mich endlich! Du weißt, wofür ich geschaffen wurde!"

    Er schluckte schwer. Lange schon hatte er dieses Werkzeug nicht mehr benutzt. Ihm war klar, dass er nicht verlernt haben konnte, es zu nutzen - niemand, der dieses Handwerk einmal gelernt hatte, schaffte das - und dennoch konnte er fühlen, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete und ihn erfolgreich daran hinderte, ruhig zu atmen.

    Im Geiste schallte er sich selbst einen Dummkopf. Wie war es möglich, dass er vor so etwas überhaupt Angst haben konnte? Das, was er gleich tun würde, war weder gefährlich noch hing sein Leben daran.

    Erneut schluckte er, und dieses Mal ging es ein wenig leichter. Natürlich, alles war in bester Ordnung, er würde den Füller einfach auf das Blatt Papier setzen, das vor ihm lag, und endlich das schreiben, was er schon so lange auf dem Herzen trug, endlich diese Gefühle offenbaren, die ihn schon so lange verfolgten, der Füller neigte sich, sein Atem ging schneller, er spürte, wie sich sein Gesicht erhitzte, eine einzelne Schweißperle lief seiner Stirn hinab, er wischte sie abrupt, fast schon verärgert mit seinem Arm ab -

    Als er wieder auf das Blatt Papier sah, stellte er mit erschrockenen Augen fest, dass ein kleiner Tintenklecks darauf klebte. Nicht allzu groß, aber doch bei weitem groß genug, um unangenehm aufzufallen.

    Seine Gedanken überschlugen sich. Wie war das nur geschehen? Er hatte sich doch nur einmal kurz über die Stirn gewischt, und das auch noch mit dem anderen Arm - wie - das war doch unmöglich - das Papier - Einzelanfertigung, höllisch teuer - Rosenduft - Tintenklecks -

    Die angenehm reine Luft des erst vor kurzem gelüfteten Zimmers drang in seine Lungen, als er tief einatmete, und entfuhr mit dem sanften Geräusch des Windes, der ihm manchmal um den Kopf strich, wenn er draußen unterwegs war. Seine Gedanken klärten sich, verstauten sich eigenhändig in den Schubladen, in die sie hinein gehörten. Nur ein einziger blieb übrig, felsenfest dastehend wie ein goldenes Mahnmal, das ihn daran erinnerte, wofür er eigentlich die Tastatur seines Computers mit diesem schlichten, schwarzen Füller ersetzt hatte.

    Seine Augen nahmen einen warmen Ausdruck an, als er vorsichtig die Spitze des Füllers in den Tintenklecks tauchte und anfing, ihn entlang zu fahren, zu vergrößern, in einer eigentümlichen Wellenbewegung. Zwei Bäuche kristallisierten sich heraus, die beide zusammen hingen und dann in großen Bögen aufeinander zu liefen, bis sie sich am unteren Ende des Flecks trafen.

    Mit einem kritischen Blick betrachtete er das pechschwarze Herz, in dem noch einige weiße Flecken des Papiers zwischen der Tinte hindurch schimmerten. Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, als er die Füllerspitze wieder in den Klecks tauchte und mit geschwungenen Worten anfing, direkt aus dem Herzen heraus zu schreiben.
    Mr Sulak ist offline

  3. #3 Zitieren
    Provinzheld Avatar von Morn
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    Schreiben um des Schreibens willen

    schreiben um sich auszudrücken
    schreiben um zu besänftigen
    schreiben um charmant zu wirken
    schreiben um zu demonstrieren
    schreiben um sich zu erklären
    schreiben um zu flirten
    schreiben um zu gefallen
    schreiben um zu helfen
    schreiben um zu innovieren
    schreiben um zu jauchzen
    schreiben um zu korrigieren
    schreiben um zu lehren
    schreiben um zu merken
    schreiben um zu nähern
    schreiben um zu öffnen
    schreiben um zu planen
    schreiben um zu quatschen
    schreiben um zu realisieren
    schreiben um zu sammeln
    schreiben um zu träumen
    schreiben um zu unterstützen
    schreiben um zu verkünden
    schreiben um zu wünschen
    schreiben um Xylophonnoten zu notieren
    schreiben um Yvonne zu gratulieren
    schreiben um zurückzukehren

    Stift und Papier. Feder und Tinte. Striche und Buchstaben. Wörter und Sätze. Texte und Schriften. All' dies sind wichtige Bestandteile des letzten Jahrtausends.
    Warum sollte man damit aufhören?
    Morn ist offline

  4. #4 Zitieren
    Ritter
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    "Sieben Sekunden. Mehr wirst du nie haben. Sieben Sekunden, um die Ewigkeit zu geniessen. Sieben Sekunden, solange braucht dein Gehirn zu realisieren, dass du dich in jenem perfekten Moment befindest - und damit alles kaputt zu machen."

    Das Schreiben machte mich wahnsinnig. Nein, nicht das Schreiben. Ihr Schreiben. Wie der Füllhalter hörbar über das raue Papier kratzte, als sie Worte und Worte und nichts als Worte aufschrieb. Es machte mich wahnsinnig. Ich versuchte mich zu entspannen, ich versuchte es ehrlich.

    Sie sagte: "Nun, Herr S., wie, wo sehen Sie Ihren Platz in dieser Welt?"
    Ich: "Wie? Mit beiden Augen." Der Füllhalter kratzte über das nackte Blatt. Ich versuchte mich zu erinnern, ob ich wusste mit welcher Farbe sie schrieb. Schwarz wahrscheinlich. Oder klassisches Blau. "Wo? Ich wäre wohl nicht hier, wenn ich das wüsste."

    Ihr Schreiben hielt inne. "Aber Sie müssen doch irgendeine Vorstellung haben, wohin Sie im Leben kommen wollen?"

    Ich: Lange Pause. Schulterzucken. Schweigen. Bis: "Keine Ahnung. Ich habs vielleicht mal gewusst. Dann wieder nicht. Und dann war ich hier."
    Sie: "Und was erwarten Sie von mir, Herr S.?"

    Ich sah nach rechts und sah sie an. Sie sah zurück. Sie hatte braune Augen, nicht ganz schulterlanges Haar. Meine Augen glitten über ihre Beine, die übereinander geschlagen waren. Rasiert. Gebräunt. Sie war zu alt für mich. An die Vierzig. Ich war noch nicht einmal dreissig.

    Sie: "Nun?"
    Ich schreckte hoch. Weg von ihren Beinen. Unmerklich, so hoffte ich auf jeden Fall. Ich: "Nun..." Seufzen.

    Sie rückte sich im Sessel zurecht. Schlug die Beine enger übereinander. Sie hatte wohl gemerkt, dass ich sie angestarrt hatte. Der Stift kratzte über das Papier. Wahrscheinlich würde ich bald einen männlichen Therapeuten haben. Sie hatte einen blauen Fleck an ihrem rechten Schienbein.

    "Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter."
    Ich runzelte die Stirn. Das konnte nicht ihr ernst sein. Laut: "Freud?"
    "Bitte?"
    "Ich hab Psychologie studiert. Das wirkt bei mir nicht."
    "Herr S., das ist keine Frage des Wirkens. Ich will nur mehr über Sie erfahren, damit ich Ihnen helfen kann."

    Helfen. Und Geld kassieren. Geld kassieren. Darum ging es doch in Wirklichkeit. Dabei ging es bei allem auf unserer Welt, dessen war ich mir sicher. Verdammt, hätte ich einen Job gehabt, hätte ich auch nicht zweimal darüber nachgedacht. Dienstleistungssektor. Ha. Die Prostitution des Lächelns. Schonmal darüber nachgedacht, warum gerade junge Frauen, halbe Mädchen, hübsche Frauen im Dienstleistungssektor gefragt sind? Das steigert die Potenz des Verkaufenden, denn Schönheit erfreut das Auge des Käufers, macht das Produkt glänzen, macht den Geldbeutel auf. Die Produktion des Lächeln zur Steigerung des Kapitals.

    "Nun, wollen Sie mir etwas über Ihre Mutter erzählen?"
    Ich seufzte. "Nein, ich habe keinen Ödipus-Komplex, nein, ich möchte nicht meinen Vater umbringen und nein, ich möchte auch nicht mit meiner Mutter schlafen. Zufrieden?"

    Der Füller kratzte wütend über das Blatt Papier. Der Zorn spiegelte sich nicht auf ihrem Gesicht wieder. Sie wirkte ganz ruhig. Der Füller war der Kanal ihres Zornes auf mich. Ich hätte es lieber gehabt, hätte sie mich angeschrien. Ich bewunderte ihre Professionalität, dich ich nie besessen hatte.

    Sie: "Herr S., so finden wir keine gemeinsame Basis. Ich will Ihnen helfen, aber wenn Sie sich nicht selber helfen wollen, dann kann ich nichts tun."

    Gut.

    Stille. Ich sah sie wieder an, doch dieses Mal erwiderte sie mir den Blick nicht. Sie hatte sich nach rechts gebeugt, wo eine kleine, gelbe Mappe lag, mit meinem Namen darauf. Sie hatte sie geöffnet und nahm einen Zettel heraus, der mit blauer Tinte beschrieben worden war. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken, denn ich konnte mich noch genau daran erinnern, was für ein Geräusch der alte Füllfederhalter gemacht hatte, als er über das Papier kratzte und die Worte schrieb, die nun in einem seltsam verblassten Blau auf dem Papier standen.

    Ich hasste sie.

    Sie sah mich lange an. Ein leichtes, ja beinahe schadenfrohes Lächeln hatte sich auf ihre Lippen gelegt und ich wusste, dass sie dachte, sie hätte gewonnen. Die Konfrontation hätte mich aus der Bahn geworfen. Das hatte sie auch. Aber ich war noch lange nicht bereit dazu, dies auch zuzugeben. Noch lange nicht, verdammt.

    "Was fühlen Sie, wenn Sie dieses Papier sehen?" Sie hielt den Brief hoch, als hätte sie eine Trophäe geholt. Ich zuckte mit den Schultern und schüttelte übertrieben lässig meinen Kopf. Nichts. Ich fühlte nichts.

    "Nichts? Ihr Körper erzählt eine andere Geschichte. Sie sind bleich. Ihre Finger krallen sich in den Sessel, auf dem Sie sitzen. Ihre Beine zittern. Nichts? Nein. Unbehagen. Angst. Sie denken, Sie wären nicht bereit, sich ihrer Entscheidung zu stellen."

    Bereit? Wann war jemand dazu bereit? Sich zu stellen hiess, alles nochmal zu erleben.

    "Warum haben Sie es gemacht?"

    Warum? "Keine Ahnung." Warum? Alles nochmal zu erleben, hiess noch einmal denselben Entschluss zu fassen. Ich war ich. Ich würde mich immer gleich entscheiden.

    "Keine Ahnung?"
    "Einfach so. Ich hatte genug."
    "Genug? Wovon?"
    Wovon? Von Leuten wie dir. Der Prostitution des Lächelns. Mein Kopf tat weh. Mein Kopf hatte lange Zeit weh getan. Ich hatte genug davon, dass alle eine Lüge lebten, die nur ich zu sehen schien.
    "Ich... weiss es nicht."
    "Sie wissen es nicht, oder wollen es mir nicht sagen?"

    Wozu willst du es wissen? Damit es du in deiner Handschrift, die durch Jahre des Schreibens und Zuhörens zu einer Klaue geworden ist, die nur noch du lesen kannst, damit es du in dieser Handschrift auf das Papier kritzeln kannst, auf das Papier, dass dann in meiner gelben Mappe landet, welches irgendwo in einer Schublade landet und dann vergessen wird? Verdammt, du wirst mich schon vergessen haben, sobald ich aus dieser Tür gehe. Wie alle anderen. Ich hatte auch alle vergessen. Alle, bis auf die sieben Sekunden, die alles verändert hatten.

    "Wovon hatten Sie genug?"
    Allem. Vor der Gewissheit, dass jedes Lächeln, dass ich bekam, ob ich am morgen in der Bäckerei einen Kaffee holte, oder am Mittag am Kiosk ein Sandwich kaufte, oder mich für meine neuen Jeans beraten liess, das jedes Lächeln, dass ich bekam, ein gekauftes war. Vor der Gewissheit, dass unter unser gespielten Tiefgründigkeit wir alle nur untiefe Tümpel waren, deren fahle Gewässer nach Lügen und Gleichgültigkeit stanken. Solange wir die Illusion leben können, dass unter der Oberfläche des Konsums, der Schönheit mehr ist, solange unsere Augen von der Illusion geschmeichelt werden, solange stört es uns nicht, dass sich darunter nur die Hässlichkeit der oberflächlichen Wirklichkeit versteckt. Und diese Hässlichkeit bin ich.

    "Wovon hatten Sie genug?"

    Lange Stille.

    Ich lehnte mich nach vorne.

    Dann sprach ich:
    "Wenn Sie eines Morgens aufwachen und... und merken, dass Sie seit sieben Tagen in ihrer Wohnung hocken und... Sie merken, dass Sie auf der Stelle vom Dach ihres Hauses springen könnten und wissen, dass die einzigen, die das stören würde, die armen Teufel sind, die ihre Reste vom Boden aufkratzen müssten, wenn Sie den Fernsehen anmachen und Nachrichten sehen, wie Menschen anderen Menschen weh tun und wenn Sie dann die Möglichkeit hätten, mit dem Schnippen eines Fingers alle diese verdammten, stinkenden, lügenden Menschen von der Erde zu fegen, würden Sie es tun?"

    Sie sah mich an. "Nein."
    Ich sah sie an. "Ich schon."


    Sie lächelte. "Sehen Sie, Herr S., es hilft doch. Sie müssen mit mir reden und ich kann Ihnen helfen. Und nun werde ich Ihnen ein Rezept ausstellen, damit Sie sich Ihre Medikamente holen können, ja? Die werden Ihnen auch helfen. Und bald schon, Herr S., werden Sie sehen, dass diese Welt kein schlechter Platz ist. Nicht im geringsten."

    Sie lächelte.
    Ceyx ist offline

  5. #5 Zitieren
    Schmetterling  Avatar von Redsonja
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    Mir fehlt einfach die richtige Feder. So sitze ich vor einem weissen Blatt, sitze hier bis es vergilbt und warte auf Worte. Die richtigen meine ich. Die Worte. Sie schweben irgendwo, lassen sich nicht greifen.
    Die Feder wäre perfekt geschwungen, die Tinte würde einen feinen Film über die Blätter ziehen, schöne, spannende, blumige, passende Sätze formen, alles einfangen. Ich schriebe einfach, bräuchte nicht abzusetzten, striche nichts durch.

    Es fliesst, wie ein Bergbach, ganz von alleine. Die Schwerkraft treibt es voran. Das natürlichste der Welt. Ich weiss es, fühle es, spüre es mit jeder Faser meines Körpers. Es möchte herausplatzen, ein grosser Schwall, der hinaussprudelt, alles überschwemmt. Es liegt im Detail. Es gibt nichts Treffenderes, bringt alles auf den Punkt. Alles in Worten.
    Redsonja ist offline

  6. #6 Zitieren
    Truhe  Avatar von Salieri
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    Er griff erneut zur Feder, nur um sie darauf hin Weg zu legen und verzweifelt durch den Raum zu gehen. Nun hatte er sie bereits zum zehnten male in der Hand gehalten und wieder weg gelegt ohne auch nur ein Wort zu Papier zu bringen. Der Anfang war doch schon getan, es fehlte nur noch etwas, was diesen unheilvollen Anfang in ein Werk von literarischer Größe verwandeln konnte. Dennoch, es war hoffnungslos, seine innere Blockade bäumte sich wie eine große Mauer immer weiter vor ihm auf, unmöglich sie zu durchdringen und die Gedanken darauf zusteuern lassen zu können, auf das, was dahinter verborgen war.
    So bemitleidete er sich selbst noch ein wenig, bis ihm ein schaurig schöner Gedanke kam. Möglicherweise ist alles, was er bisher von seinen Vorfahren lernte eine Lüge? Da hieß es doch, ein Werk wäre mit dem ersten Worte bereits im Kopfe des Autoren vollendet. Danach hatte er Jahre lang gelebt und sein Schaffen nach eben diesem Grundsatz ausgerichtet, doch womöglich war dies ein Fehler? Beinahe wollte er sich geißeln für diesen Frevel; was fiel ihm ein, die Lehre der Vorväter zu verleugnen? Schnellen Schrittes hastete er zum Fenster und riss es auf; der Gestank von Fäkalien und diversen anderen Quellen drang zum Raume herein, jedoch bemerkte er diesen Geruch beinahe gar nicht mehr. Fachwerk links und rechts und selbst vor ihm, überall. Draußen erstreckte sich eine wunderbar widerliche Welt; erdacht, gebaut und lange regiert durch eben diese Vorväter, heute gehütet durch dessen Söhne. Er wandte sich von diesem Anblick ab und sah zum Tisch herüber, das Tintenfass war umgestoßen, wie wusste er nicht, doch er setzte sich und stellte das Fässchen beiseite. Gottlob hatte er bereits die anderen Blätter beiseite gelegt und ein neues Kapitel begonnen.
    Er griff erneut zur Feder, diesmal jedoch nur um in der Tinte zu rühren, die einen großen feuchten Fleck auf dem Papier bildete. Dann begann er sie aus dem Fleck heraus zu ziehen und mit einem male traf es ihn wie ein Blitz, beinahe wäre er vom Stuhl gefallen.
    „Aus den Zweien entsteht das Dritte!“
    Es war nun gleich, ob er die Mauern durchbrochen hatte, oder unbewusst zum Ketzer geworden war, es war nun alles egal, er konnte sein Werk nun fortsetzen und so scherte es ihn nicht, denn auch der bürgerliche Leser wird sich dafür kaum interessieren. Was scherten ihn die Konventionen? Ihm war nur noch eines wichtig, nicht Anerkennung, nicht Hörigkeit, nein, nur eines: Sein Werk.
    Salieri ist gerade online

  7. #7 Zitieren
    Drachentöter Avatar von Cheetah
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    Ich setzte den Stift auf das Papier und zog wieder einmal diese kleinen Kreise und Schlaufen. Manchmal stoppte ich den Fluss aus Linien und fuhr dann in einer ganz anderen Richtung fort. Doch so konfus das meinem Auge auch erschien, alle diese kleinen Bewegungen hatten einen klaren Drang nach rechts. Etwa achtmal pro Zeile hob ich den Stift kurz an und verharrte für einen Moment, ehe ich fortfuhr. Die Bewegungen wiederholten sich schon bald. Schlaufe, Kreis, Kurve, ein Strich zurück, ein Bogen nach vorne. Langsam bildeten sich alle mir bekannten Zeichen und Formen. Immer noch ohne wissen zu wollen, was ich da eigentlich schrieb, erschienen Namen von Freunden in den Schlaufen und Erinnerungen spiegelten sich in den Kreisen wider. Fakten, Zahlen und Wissen aus den unterschiedlichsten Themengebieten flossen ungewollt aufs Papier. Allmählich wurden die Schlaufen, Striche und Bögen immer schneller und schneller. Sie liefen nicht mehr über das Papier, sondern hetzten in einer wilden Jagd mit meinen Gedanken über die weisse Fläche. Sie flohen nun ohne Unterlass, ständig gejagt. Bögen wurden zu Schlangen, Punkte wurden zurückgelassen und auf einmal bildeten sich Flecken. Zuerst nur kleine, doch schon bald waren sie zu gross und verwischten die schönen Rundungen um sie herum. Ich achtete kaum darauf, stattdessen dachte ich immer nur noch an den nächsten Strich, an die nächste Kurve. Immer schneller und schneller…
    Schliesslich hob ich die verkrampfte Hand und lies den Stift fallen. Ich lies mich in den Stuhl zurücksinken, holte tief Luft und war überrascht, wie sehr ich mich von dem Sog aus Worten hatte mitreissen lassen. Meine Gedanken beruhigten sich wieder und ich nahm das Blatt in die Hand. Ein wenig grauste mir ja davor, das zu lesen was ich geschrieben hatte. Ich war mit meinen Texten grundsätzlich unzufrieden. Doch ein anderer Teil von mir freute sich schon darauf. Mein Geist konnte manchmal, wenn ich die Zügel fahren liess, die unsinnigsten Dinge hervorbringen. Manche davon waren durchaus "gut", andere waren witzig oder regten zum Nachdenken an.
    Jedoch stellte ich mit Ernüchterung fest, dass viele der Striche zwar schön anzusehen, zugleich aber auch völlig unleserlich waren. Wenn die feinen Tintenlinien einen Sinn ergaben, verschlossen sie sich mir, ihrem Zeichner und Schreiber.
    Cheetah ist offline

  8. #8 Zitieren
    Held Avatar von Shadowblade
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    Ein Wort... was ist das eigentlich? Ein Werkzeug, geschaffen vom Menschen, notwendig zur Kommunikation. Ein Hilfsmittel, eine Idee, die Idee der Menschheit. Die Erfindung der Erfindungen? Der Urstein des Wissens? Allgemein gesagt: es ist auch nur ein Wort. Kurz und einprägsam, dennoch umfassend und allmächtig, aber alles in allem nur ein Wort.
    Ein Wort, noch ist es nicht da, doch es wartet nur auf seinen Schöpfer. Noch sind es nur Feder und Tinte, weder ein Sinn noch ein Widersinn, doch wer weiß wie, schöpft daraus eine ganze Welt. Langsam streicht die Feder über das Papier, hinterlässt Linien, Kurven, Punkte, die auf magische Weise zu einem Bild werden. Doch das Bild bleibt Schein, bleibt Schall und Rauch, bleibt vergänglich. Fehlt der Schlüssel, bleibt das Schloss verschlossen und niemand begreift das Geheimnis der Magie. Kennt man das Wort aber, so verwandeln sich die Linien und Punkte in ein Tor, das in die Welt hinter den Welten führt, wo nur die Fantasie herrscht.
    Das ist die Magie der Wörter, die wir Tag für Tag benutzen. Doch niemand kann das Wort klar beschreiben, denn schließlich nutzt er dafür nichts als das, was er erklären will: nämlich Wörter.
    Schöne Wörter, starke Wörter. Doch sie bleiben Worte.
    Verzweifelt, immer schneller kratzt die Feder über das Papier, doch ich verstehe die Sprache nicht, kenne den Schlüssel nicht. Ich sehe die Wörter nicht, erkenne keinen Sinn hinter Kurven und Punkten, bleibe ausgeschlossen aus der Welt der Wörter. Ich bin wie ein Fremder unter Eingeweihten, wie der Fisch auf dem Land, der immer wieder zurückgeworfen wird. Ich flehe dich an, doch du hütest deinen Schatz, deinen Schlüssel, sodass ich ihn niemals wissen werde.
    So kenne ich kein Geheimnis, das besser gehütet wird als die Wörter, keine Macht die stärker ist. Gleichzeitig weiß ich aber immer: es bleiben Worte. Was immer ich in der Welt der Wörter finde, es bleibt fiktiv, bleibt Illusion. Vielleicht hat sein Schöpfer sich etwas dabei gedacht, aber das Wort kennt keine Absichten, es steht, wo es zu stehen hat.
    Also sage ich das letzte, was zu sagen bleibt, wenn alle Worte gesagt wurden. Ich träume den letzten Traum, lebe das letzte Leben und liebe das letzte Wort, das da heißt: Liebe.
    Shadowblade ist offline

  9. #9 Zitieren
    Heldin Avatar von Fighting Faith
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    Blut lässt den Körper leben, doch Tinte die Seele sprechen.
    Fighting Faith ist offline

  10. #10 Zitieren
    Truhe  Avatar von Salieri
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    So, ab jetzt bitte weiter fleißig die geschriebenen Werke hier kommentieren & diskutieren.
    Am Sonntag gibt es einen neuen Begriff.
    Salieri ist gerade online

  11. #11 Zitieren
    General Avatar von KalomsZweiteFrau
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    Von Toten nur Gutes

    Marianne und Lina fahren wie jeden Mittwoch zusammen mit dem 20:16 Bus heim.

    LINA: Weißt du, was bei mir heute war?

    Marianne dreht den Kopf zu ihr und sieht sie mit demselben Ausdruck an, mit dem sie vorher die Kopfstütze vor sich betrachtet hat, nicht unfreundlich, ohne besonderes Interesse. Sie reibt die roten Flecken an ihren Handgelenken und spannt jeden Muskel. Lina zögert und rutscht im Sitz vor.

    LINA: Wie war’s bei Dir?

    Marianne hustet ohne sich die Hand vor den Mund zu halten.

    MARIANNE: Na, wie? Schweine sinds, alle, die Hackler, die Sandler, die G’stopften, keiner trifft in das Becken rein, keiner gibt dir ’was, und deppert grinsen tun’s, wennst unter ihre Haxen zam wischst.

    LINA (rasch): Bei mir war heut’ auch so einer. Der wollt’ Füllfedern ausprobieren, aber nur die mit Goldfedern. Und die teuerste, die Mont Blanc, die hat ihm gleich g’fallen. Der hat mich gleich so an wen erinnert. Heut leistet er sich’s, hat er g’sagt, er hat was Wichtiges zum Schreiben, hat er g’sagt. Dann hat er mir das Tintenfassl ausg’leert. „Verzeihen Sie, Mademoiselle“, hat er g’sagt. Das hat mir auch nix genutzt, die Sauerei hab ich putzen müssen.

    MARIANNE (kratzt sich): Willst tauschen?

    LINA: Und dann ist er komisch geworden. Ganz groß hat er mich ang’schaut, mit dunklen Augen, ganz blass, hat irgendwas g’nuschelt vom Essen. Dann hat er zum Schwitzen ang’fangen und hat ein Sackerl von dem M&M Ständer g’nommen und wollt gehen. Und wie ich’s ihm weg nehm, greift er mir am Busen, also versehentlich. Ich hab ihm natürlich trotzdem eine betoniert. Und dann ist mir eing’fallen, an wen mich der erinnert hat. Der hat genauso ausg’schaut wie der Onkel Er-

    MARIANNE: (plötzlich, laut, mit wie zum Schlagen erhobener Hand): Du, wehe!

    LINA (verschränkt die Arme und gleitet im Sitz zurück): Dann erzähl ich dir halt nicht, was der Notarzt g’sagt hat.
    KalomsZweiteFrau ist offline

  12. #12 Zitieren
    Truhe  Avatar von Salieri
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    Neuer Begriff:

    Sommer

    Sorry, dass es so spät kommt...
    Salieri ist gerade online

  13. #13 Zitieren
    Kämpfer Avatar von Zensiert
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    Sonnenstrahlen treffen mich,
    vernichten meine Zellen.
    Ich will in den Schatten flüchten,
    doch es ist zu heiß zum Rennen.
    Mein Blut wird gekocht,
    bin ein lebender Docht.
    Ich will eine Erfrischung,
    einen kühlen Drink
    doch ich bezweifle
    das er was bringt
    So heiß, es ist schon krank
    Mein Körper bereits ein eisiger Kühlschrank
    Ich muss sie ertragen
    die Qual der Hitze
    Mein Thermometer platzt bald,
    es ist an der Spitze
    Oh, Herbst, ich beschwöre dich
    Töte den Sommer, lass mich nicht im Stich
    Zensiert ist offline

  14. #14 Zitieren
    Held Avatar von Shadowblade
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    Ich sehe hin
    und doch sehe ich nicht
    was ich sehen möchte.
    Das Licht verwehrt mir die Sicht.

    Ich höre zu
    doch ich höre nicht,
    was ich zu hören verlange.
    Der Klang verhindert es.

    Ich denke nach
    doch ich erfahre nicht
    was ich zu wissen begehre.
    Die Gedanken stehen mir im Weg.

    Es ist der Sommer meines Lebens
    und doch kann ich den Herbst nicht erwarten.
    Ich liege im Licht, genieße den Klang
    doch wohin mit den Gedanken?
    Ich kann sie nicht vertreiben.

    Denn der Frühling gehörte dir
    er war beherrscht von deinem Duft
    stand in deiner Blüte
    im Sommer ernte ich deine Früchte.

    Und deine Früchte sind Trauer.
    Wirst du im Herbst zurückkehren?
    Shadowblade ist offline

  15. #15 Zitieren
    Provinzheld Avatar von Morn
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    Sommer

    ,,Ich hätte gerne diesen dort.“, beantwortete der kleine Friedrich die Frage der Frau und zeigte dabei auf eines dieser opulenten Bilder, wie sie so häufig in solchen Karten vorkamen und nur grenzwertig die Realität wiederspiegelten.. Friedrich saß im Schatten von einem dieser großen Sonnenschirme, wie sie so häufig hier an der Küste vorkamen. Die gesamte Promenade war davon gepflastert – zumindest auf Seiten der Häuser. Die Sonne schien stark, sie knallte förmlich auf das rege Treiben auf der Promenade herab. Nicht auf Friedrich, der saß schliesslich unterhalb einem der zahlreichen Leinenschirme. Mädchen lachten, während Friedrich geduldig auf die Frau wartete, die ihm seinen Wunsch bringen wollte. Eine erfrischende Meeresbrise, die das Geschehen mit einem salzigen Duft versah, wehte leicht über die Promenade.
    ,,Bitteschön.“, kommentierte die Bedienung ihre Bewegung und stellte den großen, mit Sahne überhäuften Becher voller Eis auf den Tisch.
    Nach einem kurzen ,,Danke“, machte sich Friedrich über sein großes Eis her. Es war ein Früchtebecher, der geschmückt war mit Mango und Melonen Scheiben, einem Keks und einem kleinen Schirmchen.
    Mit vom Eis verschmierter Schnute schaute er seinen Vater an und rief:,,Jetzt ist Sommer!“
    Morn ist offline

  16. #16 Zitieren
    Ritter
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    Du hast einmal gesagt, du würdest mir vergeben. All das Falsche, was ich getan habe. Und all das Richtige, was ich verursacht habe.
    Was ist das schon. Richtig. Falsch.
    Nur Worte. Ein Exzess an Buchstaben. Ein Zeitalter der Ekstase. Nichts ist mehr klein, nichts ist mehr nichtig, wir alle, sind. Wichtig.

    Ich wache auf. Ich habe geschrieen. Habe ich?
    Sie sitzt. Ein Schatten in der Dunkelheit des kalten Zimmers. An meiner Bettkante, nur ein Schatten, dessen Blick ich spüren kann. Ihre Verletzlichkeit versetzt mir einen tiefe Wunde, weil ich weiss, was dahinter steckt.

    "Wo sind wir?" Meine Frage. Meine Worte. Die Gedanken in meinem Kopf rennen gegen eine Wand, als ich versuche eine Ordnung in die Realität zu bringen.

    "Realität?" Ihre Worte. Ihre Stimme lässt mein Herz klopfen. Ein Flüstern, egal was es sagen will, kann einen Körper einhüllen und ihm sagen, dass er zu Hause ist. Das war vor einer langen Zeit. "Realität? Illusion. Solange eine Illusion, bis wir merken, dass es eine Illusion ist. Dann wird daraus nur ein Wort, dass beschreibt, was es nicht ist."

    Mein Kopf schmerzt. Ich versuche mich im Bett zu drehen, doch ich bin schwach. Das Dröhnen des dunklen Generators im Herz meines Lebens schlägt gegen das Metall der Wände. Ich will eine Pille, ein Medikamt, ein Glas Wasser von meinem Nachttisch nehmen, doch es geht nicht. Ihre Präsenz an der Kante meines Bettes ist wie ein Mahnmal, dass mich wieder in die Abgründe zurückzieht, aus welchen ich gekommen bin. Ein Traum. Alptraum.

    "Ich habe denselben Traum." Ihre Finger gleiten über meine Bettdecke. Die Wärme ihrer Haut verbrennt mich. "Jede Nacht, seit wir hier sind. Ich und Feuer. Ein Staub. Korn. Illu. Wärme. Verbrennt." Die Worte gehen verloren. Die Bedeutungsträger werden zu Symbolen. Symbolen ohne Bedeutung. Bedeutungen ohne Träger. Ich trage die ganze Welt auf meinen Schultern.

    Sie sagt, als sie mit mir im Park spazieren geht - ich kenne die Worte aus der Aufzeichnung: "Wie eine Kerze. Brennt sie zu hell, brennt sie zu schnell. Du hast viel zu hell gebrannt." Eine Pause, meint sie, alles wäre nur eine Pause. Die Welt jedoch brannte viel heller als ich, denke ich, als ich. Da. Liege. Keine Pause. Ich musste meine Ideen. Meine Ideen mussten die. Welt. Retten.

    Ein Schmerz hallt durch meinen Körper und verliere die Bindung zu allem. Ich drehe mich stöhnend um mich selbst und falle wieder. Auf das helle Licht zu. Das helle Licht. Helle auf mich zu. Schneller. Staub. Liegt. Da in der Luft und ich möchte.

    Es ist zum Kotzen. Sie hält meine Hand. Sie flackert wie beim letzten Mal. Die Kerze. Sie. Ich versinke wieder im Traum und das schlimme ist: ich weiss. Es. Viel. Zu gut. "Du hast immer versucht, einen Unterschied zu machen. Wie viele andere." Ihr Spott schmerzt viel zu stark. Das helle Licht verschwindet wieder in der Dunkelheit. "Nun machst du einen Unterschied. Indem du immer noch hier liegst." Ich rede mit mir selber. Ihre Präsenz wird zu einem durchsichtigen Flimmern. Immer noch hier liegst. Da. Draussen. Liegt.

    Ich erinnere mich: Die Asche. Der Staub. Worte. Menschen. Viele und. Dann. Viele Menschen im Exzess. Kein Normal, kein Dazwischen, keine Angst und kein Mut. Armut im Exzess. Reichtum im Exzess. Dekadenter Zerfall. Kein Mut. Wir hatten Mut, ich und meine. Die Anderen. Die Welt zu verbessern. Mit dem Exzess. An. Allem. Endlos. Ein Traum. Das Feuer zieht mich näher heran. Das Licht ist hell. Ich wache wieder auf.

    Sie sagt: "Ich habe denselben Traum. Jede Nacht. Vom hellen Licht. Aus der Vergangenheit."
    Ich sage: "Verlass mich nicht."
    Sie sagt: "Und dannn erlischt es. Alles was bleibt. Ist."
    Ich sage: "Vergib mir."
    Sie sagt: "Staub." Sie lacht. Mein Lachen. Alles ist. Wir. Sind. Wichtig. Wir. Sind. Am Leben. Und niemand. Niemand. Dann. Stirbt. Dann stirbt sie. Wieder und wieder und wieder, immer wieder an meiner Bettkante und ich.

    Ich.
    Wünschte mir. Ich konnte endlich wieder schlafen und endlich wieder träumen. Das kalte Dröhnen im Keller meines Herzens, meiner Zukunft und meiner Vergangenheit würde endlich aufhören zu schlagen. Ich stehe auf. Obwohl ich nicht kann. Ich will verbrennen, in der Kälte, in der Leere. Ich will sie töten, obwohl sie schon lange tot ist. Ich. Will.

    Ich. Bin. Also. Denke. Ich. Denke ich. Bin. War. Werde immer sein. Ein Traum. Vom hellen Licht, das erlischt, nachdem. Das Unausprechliche. Verlorene Wort. Mensch. Verloren gegangen ist. Ist.

    Ich habe geschrieen. Habe ich?
    Ich drehe mich um, bin viel zu schwach. Das rote Licht über meiner Türe, das aus der Dunkelheit leuchtet, erinnert mich an. Alles Richtige, was ich verursacht habe. An die Symbole, die wir auf dem Weg verbrannt haben. Und all das Falsche, dass ich gemacht habe. Ein Ende. Fällt. Schwer. Denke ich. Sage ich. Zu ihr. Ihre Hand berührt die meine und sich lächelt. Wie beim ersten Mal. Ich schliesse meine Augen wieder. Und schlafe ein. Träume von der.
    Ceyx ist offline

  17. #17 Zitieren
    General Avatar von KalomsZweiteFrau
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    Im Frühling: Werden. Keimende Hoffnung.
    Versprechen der Blüte. Gewissheit der Ernte.
    Im Sommer: Feuer. Glutofen und Dürre.

    Im Frühling: ein Kuss als Ziel und Erfüllung.
    Verzehrende Sehnsucht. Zum Himmel hoch jauchzend.
    Im Sommer: verzehrte, verbrannte Gewissheit.

    Im Frühling: alles! Nichts kann sie halten.
    Sie halten sich fest, zärtlich, geborgen.
    Im Sommer: alles nichts. Sie halten sich. Fest.

    Im neuen Jahr: Frühling, noch einmal, dann wieder:
    flammende Hoffnung; doch nicht für die Jünger
    der Ringelblume. Sie sterben im Sommer.
    KalomsZweiteFrau ist offline

  18. #18 Zitieren
    Mies drauf  Avatar von Mr Sulak
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    Sie saß da und überlegte. Allein der Umstand, dass sie in Gedanken war, raubte ihrem Gesicht eine feste Form, die sie wohl hätte aufbehalten können, wenn sie sich konzentrieren würde. So aber verflochten sich die immergrünen Ranken mehr und mehr, webten das komplexe Bild einer wunderschönen Frau mit tiefbraun leuchtenden Augen, gleich dunkler und im Sonnenlicht glänzender Erde, nur um sich dann wieder voneinander zu befreien und einen weiteren Anlauf zu nehmen, die Miene noch schöner, noch eindrucksvoller zu gestalten.
    Der alte Mann, der ihr gegenüber saß, lächelte sanft über diesen Anblick. Sein ergrauter Bart bot nicht wenigen undefinierbaren Wesen einen Lebensraum, wie das Quietschen, Quaken, Trompeten und Schnattern bewies, das aus dem Haar heraus drang. "Wie kann es sein, dass dich eine einzige Frage so aus der Fassung bringt, meine Liebe?"
    Ein schwacher Seufzer drang über die rasch geformten Lippen, als die Frau aufschaute und sich bedächtig durch das lebende, aus Gras, Heu und Moos geflochtene Haar fuhr. "Ich weiß es auch nicht genau..."
    "Nun, du hast den Sommer immerhin geschaffen. Du musst doch auch einen guten Grund dafür gehabt haben, oder nicht?"
    "Natürlich hatte ich einen guten Grund", giftete sie beleidigt zurück. "Ich habe immer einen guten Grund, wenn ich etwas tue, Vater. Warum hast du denn den Urknall verursacht und dieses Universum entstehen lassen, hm?"
    "Mir war langweilig." Ein vom Bart verstecktes Grinsen huschte über die Lippen des Greises, dann wurde er wieder ernst. "Ich möchte den Grund erfahren, mein Kind. Was ist so besonders am Sommer, dass wir ihn brauchen?"
    "Er ist... wichtig. Das muss doch reichen!"
    "Das reicht nicht, Natur." Mit einem strengen Blick betrachtete der Greis seine Tochter und schüttelte dabei missbilligend den Kopf. "Wenn du keine Antwort darauf hast, werde ich mich gezwungen sehen, dein Werk wieder vernichten zu müssen -"
    "Er ist wichtig, weil er glücklich macht."
    Verwundert sah der Alte auf. "So? Inwiefern das denn?"
    Ein sanftes Lächeln erschien auf ihren Lippen, als ihr Gesicht eine so wunderschöne Form annahm, dass ihr jeder Mann sofort verfallen wäre, hätte er auch nur einmal ihren Anblick vor sich gehabt. "Der Herbst bringt Sturm, Regen und Wind. Er deutet an, dass das Jahr bald zu Ende gehen wird - denn nach ihm folgt der Winter, in dem es bitterkalt wird und schneit. Im Winter kann nichts gedeihen, und so muss der Frühling folgen. Dann scheint die Sonne, gütiger Regen fällt auf die Felder, und die Welt kann blühen und gedeihen."
    "Und der Sommer?"
    "Der Sommer... er sorgt dafür, dass Wärme in das Leben der Menschen kommt. Er sorgt dafür, dass die Sonne ein ständiger Begleiter der Lebewesen wird, in ihre Herzen scheint und sie an ihrem Leben erfreut. Er lässt meine Schöpfungen aufatmen, da sie nun wahrhaftig den Winter und somit ein weiteres Jahr überlebt haben. Und er weckt verborgene Gefühle, die über die kalten Jahreszeiten gefroren waren und nunmehr auftauen können. Der Frühling beginnt zwar damit, doch der Sommer vollendet es."
    Einen Moment lang herrschte Stille, dann grunzte der Greis zufrieden. "Eine gute Antwort, mein Kind."
    Mr Sulak ist offline

  19. #19 Zitieren
    Ehrengarde Avatar von Spike Spiegel
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    Afrika, oh Afrika, nun sitz ich wieder da und denk, wie schön's doch war
    in Ghana, das Land der Ga, die Akan sind da alle da, da drüben in Ghana.

    Ach, was sie mir alles erzählt, über Afrika, und was ich so alles sah, in Afrika.
    Aber nun bin ich wieder da, weit weg von Afrika, und hör mich schreiben: blablabla.

    Die Goldküste, die Mutter Natur tausendmal küsste, ach wenn ich doch nur wüsste,
    was ich tun müsste, um zu dir zurückzukehren, meine schönste Goldküste.

    Und doch sitz ich erfüllt von allerlei Gefühl im trauten Heim,
    im altvertrauten Schreiben schwelgend,
    über Dinge die ich sah
    und dem Ding das ich seh,
    das tut ja richtig weh,
    wie der Penisfisch sich am Fleisch der Männlichkeit nährt,
    und man sich nicht mal wehrt.

    (zum Tintenkleks, nich zum Sommer, man ey >_>)
    Spike Spiegel ist offline

  20. #20 Zitieren
    Waldläufer Avatar von Sengert
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    ...womit wir allerdings nicht gerechnet hatten damals, waren diese vielen Geräusche. Fast wie in einem Taubenschlag. Ich habe mich ja dermaßen erschrocken.

    Ich verstehe.

    Tatsächlich?

    Ja. Ich denke, ich kann mich sehr gut in ihre Situation hineinversetzen.

    Das ist doch erstaunlich. Wenn man bedenkt, dass wir uns ja kaum eine Viertelstunde lang kennen? Und doch kommt es auch mir vor, als wäre es...

    Eine Ewigkeit?

    Nein, natürlich keine Ewigkeit. Das wäre doch wohl zu kitschig. Nein, es kommt mir vor, als stecke hinter unserer zufälligen Begegnung hier im Freibad beinahe eine Art höhere Bestimmung.

    Treffend formuliert. Ehrlich, ich hätte es nicht besser ausdrücken können.

    Danke sehr. Wieso tragen Sie eigentlich diesen Bundeswehrparka?

    Gefällt er Ihnen nicht?

    Doch, schon. Aber es ist doch Sommer?

    Ja, ich habe heute morgen auch extra das Teddyfell wieder hineingeknöpft.

    Ist das denn nicht schrecklich warm?

    Schon, sehr sogar. Man sieht es vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber ich schwitze doch ziemlich. Jedoch, sie tragen ja auch nur diesen Badeanzug und dieses Handtuch. Und trotzdem ist Ihnen sicher ebenfalls sehr warm hier in der Sonne?

    Da haben Sie freilich recht. Oh, schon so spät? Ich fürchte, ich muss leider gehen. Leben sie wohl Herr Sänger.

    Sengert, mein Name ist Sengert. Leben sie auch wohl, Fräulein Frederike.
    Sengert ist offline

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