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    HASS Stonecutter's Avatar
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    Post [Story]Teenage Mutant Ninja Söldners

    [Bild: zbDASGV0tmns.PNG]
    © 2009 by Laidoridas & Stonecutter


    Für Oskar.



    „Sind wir bald da?“, ertönte Cords Stimme zum gefühlt zwanzigsten Mal auf dieser Wanderung.
    „Jo und jetzt sei endlich ruhig“, fuhr Gorn ihn genervt an. „Quengeln bringt uns auch nicht schneller ran. Guck mal, Dar nörgelt auch nicht dauernd herum so wie du!“
    „Das ist auch kein Wunder“, protestierte Cord. „Der ist schon so bekifft, dass er den Mund nicht aufbekommt, aber wenn er es könnte, würde er auch-“
    „Ruhe!“, polterte Lee los. „Das ist ja nicht auszuhalten mit euch... Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen, mit euch Kleinkindern zu gehen. Seht, da vorne ist doch schon die Mine!“
    Der Söldner deutete mit der Hand auf den Eingang, einen schwarzen Schlund, der mitten in den Berg führte. Lee hatte an jenem Morgen beschlossen, mit einem Trupp seiner Söldner die verlassene Mine hinter dem ehemaligen Banditenlager, das auf einem Berg unweit Onars Hof aufgeschlagen worden war, zu untersuchen. Es wurde von seltsamen Gasen gesprochen, die offenbar dort ihren Ursprung hatten. Er war der Meinung, das Phänomen selbst erforschen zu wollen, hatte sich sofort auf den Weg gemacht und die erstbesten Söldner, die seine Route kreuzten, mitgenommen. Es handelte sich dabei um Gorn, Cord und Dar, dessen feinmotorische Fähigkeiten allerdings schon um diese Uhrzeit stark begrenzt waren. Und aus irgendeinem Grund, den Lee sich nicht erklären konnte, folgte ihnen auch der Bauer Bodo.
    „Cord, du gehst zuerst rein. Und vergiss nicht, keine Fackel anzünden, sonst fliegen wir alle in die Luft!“
    Mit einem Grummeln und Gorn böse Blicke zuwerfend stapfte der Söldner los. Dar taumelte hinterher, Gorn schloss direkt auf. Lee nickte und betrat schließlich ebenfalls die Mine, gefolgt von Bodo, der auch noch bei ihnen war – warum auch immer.
    Bereits nach zehn Metern wurde der größte Teil des Sonnenlichts verschluckt, lediglich Erzadern in den Wänden sorgten für ein wenig magische Beleuchtung. Vorsichtig setzten die vier Männer (und Bodo) einen Schritt nach dem anderen und tasteten sich langsam den abfallenden Schacht entlang.
    „Und? Ist da vorne schon irgendwas Ungewöhnliches?“, rief der Anführer der Söldner durch den Stollen.
    „Nichts, Lee, nur 'ne Fleischwanzenkolonie, die Viecher sind hier überall“, antwortete Cord aus der Dunkelheit.
    „Kein auffälliger Geruch?“
    „Nein, ich rieche hier nur Dar!“
    „Tja, dann müssen wir wohl weiter rein!“ Lee weigerte sich, umzukehren – immerhin war er hier, um das Gas zu erforschen. Zwar verfügte er weder über das theoretische Wissen über Gase noch über die Ausrüstung, um sie wissenschaftlich zu untersuchen, aber ihm würde sicherlich etwas einfallen, wenn es so weit war.
    Nach einigen Minuten durchbrach Cord die Stille. „Ich glaube, ich rieche etwas... Es riecht hier nach... Eintopf!“
    Gorn stutzte. „Gas, das nach Eintopf riecht? Da ist doch irgendwas faul. Lee, ich schlage vor, dass wir-“
    Er wurde unterbrochen, als plötzlich ein hoher Schrei ertönte, gefolgt von einem dumpfen Poltern. Bodo, dessen Motive für die Begleitung der Söldner noch immer unklar waren, war offenbar falsch aufgetreten, gestürzt und rollte nun die Mine hinunter. Ein kurzer Ton der Überraschung aus Lees Mund ließ darauf schließen, dass Bodo ihn bereits erreicht hatte, kurz darauf stieß die menschliche Kugel mit Gorn zusammen und riss ihn von den Beinen. Wenige Sekunden später gesellten sich auch Dar und Cord hinzu.
    Der Rutsch endete abrupt, als der abfallende Stollen endete und die vier Männer (und Bodo) schließlich in einer Art Kammer landeten.
    „Jungs, alles in Ordnung mit euch?“, fragte Lee, der zwischen Dar und Gorn eingeklemmt war. Kurzzeitig wuchs in ihm plötzlich die Befürchtung, dass er blind sei, bis er feststellte, dass sich lediglich Gorns Hintern auf seiner oberen Gesichtshälfte befand.
    „Mehr oder weniger“, antwortete Cord. „Aber ich glaube, wir haben dein Gas gefunden.“
    Als sich Gorn von Lee herabrollte, erkannte der Söldnerchef, was Cord meinte. Die gesamte Kammer war mit einem giftgrün leuchtenden Gas gefüllt.
    Last edited by Stonecutter; 24.11.2013 at 15:15.

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    „Endlich!“ Mit breitem Grinsen erhob sich Lee und streckte die Arme weit gen Höhlendecke – welch erhabenes Gefühl es doch war, in einem großen Felsraum voll von leuchtendem Gas zu stehen! „Nach all der Zeit!“
    Eigentlich hatte Lee gestern Nachmittag das erste Mal vom rätselhaften Dunst in der Banditenmine gehört, doch das musste ja nicht jeder wissen. Immerhin hatte er einen ganzen Tag für diese Erkundungsmission geopfert, da war es sein gutes Recht, sich über den Lohn seiner Mühen zu freuen.
    „Und jetzt?“, nölte Cord. „Können wir jetzt wieder gehen?“
    „Natürlich nicht!“, schnaubte Lee. „Jetzt, wo wir das Gas gefunden haben, können wir es genauesten Untersuchungen unterziehen, um sein lang gehütetes Geheimnis zu lüften. Irgendwie.“
    „Soll das heißen, wir stehen jetzt herum und langweilen uns, während du deinen Spaß mit dem Gas hast?“, schlug sich Gorn knurrend auf Cords Seite. „Ich hatte mir das etwas anders vorgestellt, Lee!“
    „Hört zu, kein Streit bitte…wir sind doch Freunde!“, erinnerte sie Lee. „Von Bodo jetzt mal abgesehen.“
    Lee wollte sich gerade zum wiederholten Male fragen, warum Bodo eigentlich mitgekommen war, als sein Blick auf Dar fiel.
    „Verdammt, was machst du da?!“
    „Dar, NEIN!“
    „Lass die verfluchte Kippe aus!“
    „Hä?“
    Einen kurzen Augenblick lang sah Lee ins ausdruckslose Gesicht Dars, dann schleuderte ihn die Druckwelle nach hinten und die Welt um ihn herum ging in einer großen, giftgrün strahlenden Explosion auf.

    Lee fühlte sich seltsam frisch, als er wieder zu sich kam. Er wollte sich zwar nicht beschweren, durch die Explosion nicht zu Tode gekommen zu sein, dennoch hatte er das Gefühl, sich nach einer solchen Katastrophe eigentlich ein wenig lädierter vorkommen zu müssen.
    Erstaunlich leichtfüßig stand er auf und bemerkte überrascht, dass er sich unter freiem Himmel befand. Die mysteriöse Explosion hatte doch glatt die komplette Mine in Beliars Reich gesprengt – sofern es in Beliars Reich denn eine Abteilung für verblichene Bergwerksstollen gab.
    „Junge, Junge…wer hätte gedacht, dass Dar noch dazu in der Lage ist, dermaßen viel Schaden anzurichten?“ Gorn humpelte mit schiefem Grinsen auf den Anführer der Söldnertruppe zu, Cord und den schuldbewusst dreinblickenden Dar im Schlepptau.
    Lee wollte gerade sein Erstaunen kundgeben, dass sie eine solch mächtige Explosion allesamt schadlos überstanden hatten, als ihm etwas an seinen Freunden auffiel.
    Aufmerksam musterte er jeden einzelnen…irgendetwas kam ihm verdammt ungewöhnlich an ihnen vor. Dann plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen eines Fisches:
    „Ihr…ihr seht ja alle aus als wärt ihr gerade erst in die Pubertät gekommen!“
    „Das tust du auch“, knurrte Cord. „Aber Gorn und ich haben wenigstens den Stimmbruch schon hinter uns.“
    „Ich habe dafür nicht so viele Pickel im Gesicht wie ihr beide!“, verteidigte sich Lee und prüfte rasch nach, ob das wirklich stimmte.
    „Ob die Explosion daran schuld ist?“, mutmaßte Gorn. „Ich meine, so ein seltsames grünes Gas kann bestimmt eine ganze Menge unlogischer Dinge mit einem anstellen!“
    „Tja, da ist was dran…“ Lee bemerkte enttäuscht, dass mit den Lebensjahren auch sein attraktiver Drei-Tage-Bart verschwunden war. „Nun, zumindest haben wir damit das dunkle Geheimnis des Gases entdeckt. Jetzt müssen wir nur noch die Mine finden, in der sich das Gegenstück dieses Gases befindet, dann sind wir wieder genauso alt wie vorher!“
    Lee war mächtig stolz darauf, in einer solchen Ausnahmesituation bereits nach wenigen Minuten einen neuen Plan gefasst zu haben, doch seine jungen Söldnerkollegen beäugten ihn eher misstrauisch.
    „Vergiss es“, murrte Cord. „Mit dir gehe ich in gar keine Mine mehr…erst langweilt man sich zu Tode und dann wird man auch noch zum Jugendlichen! Wer nimmt denn jetzt noch Schwertkampfunterricht von mir?“
    „Ich kann nicht einmal mehr meine eigene Axt halten“, erkannte Gorn enttäuscht. „Und Dar ist jetzt zu jung zum Kiffen.“
    „So’n Mist“, nuschelte Dar. „Danke, Lee!“
    „Wie bitte? Wenn hier jemand Schuld hat, dann ist das Dar – er hat das mysteriöse Gas zum Explodieren gebracht!“, stellte Lee klar. „Und außerdem seid ihr doch alle freiwillig mitgegangen.“
    „Hattest du nicht gedroht, uns den Sold zu kürzen, wenn wir nicht mitkommen?“
    „Nunja…ich habe euch immerhin eine Wahl gelassen!“
    „Hey, Schluss mit dem Kleinkrieg.“ Gorn runzelte misstrauisch die Stirn. „Wo ist eigentlich Bodo abgeblieben?“

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    HASS Stonecutter's Avatar
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    „Bodo?“, fragte Dar stirnrunzelnd. „Welcher Bodo?“
    „Na, der Typ, der uns die ganze Zeit gefolgt ist, bis in die Mine hinein“, entgegnete Lee seufzend.
    „Moment mal.“ Dar sah aufrichtig erschüttert aus. „WIR waren in einer MINE?“
    „Bei Innos, wie zugedröhnt bist du denn gewesen?“, kommentierte Gorn spottend.
    „Halt die Klappe, Pickelgesicht, oder ich-“
    „Haltet den Mund. Alle.“ Wie ein Schwert zerschnitt eine fremde Stimme den Streit der Söldner. Langsam wandten sie sich der Quelle zu.
    „Heiliger Rhobar...“, flüsterte Dar ehrfürchtig. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, dass da vorne eine menschengroße sprechende Fleischwanze sitzt und uns anstarrt!“
    „Lee...“, begann Gorn. „Ich habe auch den Eindruck, dass wir von einer menschengroßen sprechenden Fleischwanze angestarrt werden.“
    „Eure Augen trügen euch nicht“, begann die Kreatur, die auf einem Stein saß und die streitenden Männer offenbar beobachtet hatte. „Mein Name ist Splatter und ich bin ein Meister der fernöstlichen Kampfkünste.“
    „Einen Augenblick“, meinte Lee argwöhnisch. „Fernöstliche Kampfkunst? Kommst du aus dem östlichen Beliartempel oder was?“
    Für einen Moment sah die Fleischwanze verwirrt aus – falls man bei einem Insekt, das über keinerlei Gesichtszüge verfügte, überhaupt von einem Gesichtsausdruck sprechen konnte.
    „Und wie kommt es, dass du sprechen kannst?“, fügte Cord hinzu.
    „Lasst es mich erklären“, erwiderte Splatter. „In der Mine, die ihr heute gesprengt habt, wurde ursprünglich das magische Erz abgebaut. In den Tiefen des Berges jedoch stießen die Minenarbeiter auf weitere Elemente, vor allem auf Uran. Die hohe Radioaktivität dieses Metalls ist aufgrund der resultierenden Strahlung für Menschen äußerst gefährlich, für uns Fleischwanzen besteht jedoch keine Gefahr. Somit musste die Mine von den Menschen verlassen werden. Im Laufe der Zeit reagierte die magische Abstrahlung des Erzes auf verschiedene Weisen mit den anderen radioaktiven Elementen der Mine. Dies äußerte sich in dem giftgrünen, nach Eintopf riechenden Gas, das als Produkt aus einer Reihe komplexer chemischer Reaktionen hervorging, allerdings nicht minder gefährlich ist. Als ihr das Gas angezündet habt, wurde erneut etwas ausgelöst: dies war der Beginn einer äußerst komplizierten Kettenreaktion, bei der radioaktive Atomkerne künstlich gespalten wurden, was innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einer nuklearen Explosion führte. Glücklicherweise wirkte die magische Eigenschaft des Erzes dieser Kraft entgegen und beschränkte die Explosion auf lokale Ebene – will heißen, dass tatsächlich lediglich der Berg betroffen war, selbst euer Bauernhof wird keine Verstrahlung befürchten müssen.
    Ihr jedoch wart – genau wie ich – der Radioaktivität direkt ausgesetzt. Die massive Gammastrahlung drang in eure Körperzellen ein und verursachte dort massive Veränderungen. Insbesondere eure DNS wurde zum Großteil umgeschrieben, was unter anderem bewirkte, dass Hormone produziert worden, die einen Verjüngungseffekt zur Folge hatten. Sicherlich könnt ihr bald noch viel mehr Veränderungen an euren Körpern feststellen. Ich erlitt ebenfalls eine Mutation meiner DNS, in meinem Fall bewirkte sie ein immenses Wachstum und die Fähigkeit zu sprechen.
    Nun, ich hoffe eure Fragen damit gelöst zu haben.“
    Erwartungsvoll sah Splatter die jungen Männer an, die allerdings nicht so wirkten, als hätten sie die Erklärungen nachvollziehen können. Wortlos starrten die Söldner die Fleischwanze an, bis Lee schließlich das Wort ergriff.
    „Und... du bist dir sicher, dass dieser Kram eingetreten ist?“
    „Nun...“ Splatter sah schuldbewusst zu Boden. „Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung, was soeben passiert ist und habe mir auf die Schnelle etwas ausgedacht, in der Hoffnung, es würde euch zufriedenstellen.“
    „Aber was tun wir jetzt?“, fragte Gorn mit säuerlichem Gesichtsausdruck. „Sieh doch, wie jung wir geworden sind! Wir werden doch nicht mehr als echte, harte Söldner akzeptiert!“
    „Oh, ihr irrt euch“, entgegnete Splatter. „Ihr habt euch verbessert und seid nun echte jugendliche Mutanten-Söldner!“
    „Jugendliche Mutanten-Söldner“, wiederholte Cord nachdenklich. „Irgendwas fehlt da aber noch, das ist doch sonst so ein Standard-Name.“
    „Genau!“, rief die Fleischwanze. „Ich selbst werde euch künftig in der hohen Kunst des Ninjutsu unterrichten, damit ihr euch fortan als ,jugendliche Mutanten-Ninja-Söldner' bezeichnen könnt!“
    „Ein fantastischer Plan!“, stimmte Dar zu.
    „Ein Hoch auf Splatter!“, ergänzte Gorn.
    „Wir werden echte Helden sein!“, jubelte Cord.
    „Meinetwegen“, grummelte Lee, der nicht glücklich darüber war, dass seine Leute die Fleischwanze offenbar höher schätzten als ihn.
    „Sehr gut“, fasste Splatter zusammen. „Dann benötigen wir nur noch ein geheimes Versteck, in dem ich euch ausbilden kann.“
    Gemeinsam machte sich die Truppe auf den Weg, auch wenn sie noch nicht wusste, wo ihr Ziel lag. Doch lediglich Gorn fragte sich insgeheim, was mit Bodo wohl geschehen sein konnte.
    Last edited by Stonecutter; 31.10.2013 at 18:01.

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis Lee die entscheidende Frage stellte.
    „Sagt mal…wohin gehen wir gerade eigentlich?“
    „Du bist doch unser Anführer“, erinnerte ihn Gorn, der seine Axt zu seinem eigenen Erstaunen mittlerweile wieder problemlos tragen konnte. „Also sag du es uns.“
    „Wenn ich das richtig sehe, dann laufen wir aber gerade alle dieser großen, mutierten Fleischwanze hinterher“, brummte Lee, noch immer verstimmt über das offensichtliche Loyalitätsdefizit seiner Männer – wobei „Jungs“ wohl der mittlerweile passendere Ausdruck für sie war.
    „Splatter, dann sag du es uns eben…wo gehen wir hin? Und vor allem, wann sind wir endlich da?“ Cords nervig nölige Stimme ging Lee mittlerweile ebenso auf den Geist wie der hibbelige Dar, der nun bereits seit mindestens einer Stunde kein Sumpfkraut mehr konsumiert hatte und als dementsprechend hyperaktiver Flummi an der Seite der jugendlichen Mutanten-Söldner entlang hüpfte.
    „Das ist doch völlig klar“, behauptete Splatter. „Ich führe euch zu eurem Geheimversteck!“
    „Und wo liegt dieses Geheimversteck?“, hakte Dar nach und unterstrich seine Worte mit einem nervösen Hustenanfall.
    „Nunja, es gibt da ein kleines Problem“, gestand die Mutantenwanze. „Da es sich um ein Geheimversteck handelt, kann ich natürlich gar nicht wissen, wo es sich befindet – sonst wäre es ja kein besonders geheimes Geheimversteck, oder?“
    „Sollte so ein Geheimversteck eigentlich nicht bloß für den Rest der Welt geheim sein?“, gab Gorn zu bedenken. „Immerhin können wir uns schlecht in einem Versteck verstecken, das wir noch gar nicht gefunden haben!“
    „Äh…ich will euren Enthusiasmus ja nicht dämpfen, was dieses Versteck betrifft…“, meldete sich Lee zu Wort. „Aber vor wem oder was sollen wir uns eigentlich verstecken?“
    „Vor den hämischen Blicken der restlichen Söldner vielleicht?“
    „Vor weiteren Minen mit Gasen drin?“
    „Oder eher vor…Bodo dem Bauern?“
    Mit einem Mal hielten alle inne. Sämtliche Blicke waren auf Gorn gerichtet, der die schicksalhaften Worte ausgesprochen hatte.
    „Bodo der Bauer?“, wiederholte Cord langsam. „Wieso sollten wir uns vor Bodo verstecken?“
    „Ähm, gute Frage“, gestand Gorn. „Nunja, er ist seit unserer Mutation spurlos verschwunden…aber ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, wie ich darauf gekommen bin. Ich meine, es wäre natürlich theoretisch durchaus möglich, dass Bodo durch die atomare Strahlung der nuklearen Explosion, von der uns Splatter vorhin eine Menge unwichtiges Zeug erzählt hat, zu einem finsteren Superschurken mutiert ist, der es sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche jugendlichen Mutanten-Söldner auszurotten – dann wäre das schon ein guter Grund, sich zu verstecken, denke ich. Aber vermutlich habt ihr recht…es ist doch nur Bodo der Bauer!“
    „Du sagst es, es ist doch bloß Bodo!“
    „Bodo und ein Superschurke – hahaha.“
    „Welch abstruse Vorstellung fern jeder Realität!“
    Erleichtert lachten sie alle auf und amüsierten sich eine Weile, bis Splatter sie wieder an den Ernst der Lage erinnerte.
    „Die Zeit, die süßen Früchte des Lebens zu genießen, wird noch kommen, da könnt ihr euch sicher sein“, eröffnete er den Söldnern. „Nun sollten wir uns aber erst einmal eurem Geheimversteck widmen.“
    „Geheimversteck, Geheimversteck…“, jammerte Cord. „Lasst uns lieber erstmal ordentlich was essen! Das letzte Mal, als ich was zwischen die Kiemen bekommen habe, war ich noch erwachsen!“
    Erschrocken drehte sich Lee zu ihm um.
    „Kiemen?“
    „Das war nur eine Redensart, Lee.“ Unsicher fühlte Cord hinter seinen Ohren nach. „Äh, zumindest hoffe ich das…“
    „Wir sollten jedenfalls wirklich etwas essen“, stimmte Gorn zu. „Ich hätte wirklich Appetit auf…ja, was zur Hölle ist das eigentlich?“
    „Habt ihr auch gerade dieses innere Bild einer unglaublich leckeren Speise vor Augen, die ihr noch nie zuvor gesehen habt?“, erkundigte sich Dar. „Sowas wie…ein platter Kuchen mit rot gefärbtem Fleischwanzenragout drauf?“
    „Genau das ist es!“, stimmte Lee erstaunt zu. „Sieht wirklich aus wie…die zerquetschten Innereien einer riesigen Fleischwanze.“
    „Nur etwas röter“, ergänzte Cord. „Aber vielleicht kommt das vom vielen Blut.“
    „Glaubst du wirklich, es gibt so viel Blut in einer riesigen Fleischwanze?“
    „Hey, kommt jetzt nicht auf dumme Gedanken!“, warnte sie Splatter. „Wenn ihr mich verspeist, werdet ihr niemals die Künste des Ninjutsu erlernen und auf ewig mit einem Namen herumlaufen, der euch nicht zufrieden stellt! Außerdem ist das kein Fleischwanzenragout, was ihr da seht…es sind pürierte Tomaten. Das Ganze nennt sich übrigens Pizza.“
    „Pizza?“, nuschelte Cord. „Verdammt, ich habe wirklich Hunger auf Pizza! Meint ihr, Orlan hat ein paar Pfund davon auf Lager?“
    „Hm, ich schätze, das könnte ein Problem werden“, verkündete Splatter mit trauriger Fleischwanzenmiene. „Es gibt auf Khorinis keine Pizza.“
    „Los, reisen wir aufs Festland!“, forderte Cord. „Worauf wartet ihr noch?“
    „Ich sage euch das ja nur sehr ungern, aber auf dem Festland gibt es ebenfalls keine Pizza.“
    „Verflucht“, knurrte Gorn. „Dann müssen wir wirklich die beschwerliche Reise zu den südlichen Inseln auf uns nehmen?“
    „Auch wenn ich mich in der Rolle des Hiobsbotschafters mittlerweile äußerst unwohl fühle, muss ich euch leider darauf hinweisen, dass es auch auf den Südlichen Inseln keine Pizza gibt.“
    „Wozu sind wir denn angehende Ninjas?“, rief Dar in die Runde. „Lasst uns die legendären Beliartempel finden, die vor Jahrzehnten verschollen sind – dort muss es Pizza geben!“
    „Nein, nein, nein!“ Verzweifelt wedelte Splatter mit seinen niedlichen Wanzenärmchen herum. „Es gibt überhaupt keine Pizza, nirgends und nie! Es muss sich um eine unangenehme Nebenwirkung der atomaren Verstrahlung handeln, der ihr ausgesetzt wart…als Folge dieser Nebenwirkung habt ihr nun Heißhunger auf eine Speise, die gar nicht existiert.“
    „Hast du dir das gerade wieder ausgedacht, Splatter?“, murrte Gorn voller Misstrauen.
    „Also wirklich!“, empörte sich die Wanze. „Für wen haltet ihr mich eigentlich? Vergesst nicht, dass ich euer Mentor bin, dem ihr bedingungslos vertrauen könnt! Und diesmal bin ich mir wirklich sicher, was meine Mutationstheorie angeht – anders kann es doch gar nicht gelaufen sein, schätze ich.“
    „Dabei dachte ich schon, wir wären mit unserer Verjüngungskur genug gestraft“, seufzte Lee. „Kann uns nicht einmal ein Schwarzmagier eine Armee untoter Pizzen aus einer fremden Dimension herbei teleportieren?“
    „Fantastisch!“, freute sich Splatter und wackelte begeistert mit den übergroßen Beinchen herum. „Die Nuklearexplosion hat euch nicht nur das Verlangen nach dem Genuss einer Pizza, sondern auch die korrekte Pluralform derselben beigebracht! Wirklich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass es bloß ein leuchtendes Gas war, oder? Achso…ja, das mit der Beschwörung dürfte klappen.“
    „Hm.“ Gorn schien nicht zufrieden, und dem Rest der Truppe erging es ganz ähnlich. „Eigentlich habe ich aber keinen Hunger auf untote Pizzen. Sie sollten schon…äh, lebendig sein.“
    „Frisch, meinst du“, korrigierte Lee. „Aber ansonsten hast du recht. Wir können uns doch unmöglich auf unsere Ninjaausbildung konzentrieren, wenn wir die ganze Zeit über an eine leckere, saftige Pizza denken müssen!“
    Splatter setzte einen Blick auf, der bei jeder anderen Kreatur von unermesslicher Weisheit gezeugt hätte. „Euch wurde eine schwere Bürde auferlegt, fürwahr. Doch ich bin überzeugt davon, dass jedem Menschen – und jeder Wanze im Übrigen auch, da möchte ich mich gar nicht ausschließen – nur jene Hindernisse in den Lebensweg gelegt werden, die er auch zu überwinden imstande ist. Ihr werdet all eure Willenskraft aufbringen müssen, ihr werdet standhaft bleiben müssen, wo andere keuchend in die Knie gehen – doch ich spüre, dass ihr die Kraft in euch habt, eurer unstillbaren Leidenschaft zu widerstehen und den Pfad des Ninjas mit geradem Blick und frohen Herzens auf euch zu nehmen.“
    Ein erhabener Moment der Stille trat ein, in dem die Mentorenwanze jedem der Söldner lange und tief in die Augen sah.
    „Es mag hart sein, doch es ist…“ Dunkles Donnergrollen ertönte in der Ferne, als eine einsame Krähe bedeutungsschwanger krächzend ihre Bahnen über den vier Helden zog. „…euer Schicksal.“

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    „Jau, lasst uns ihnen in den Arsch treten!“, setzte Gorn die Erhabenheit dieses mystischen und theatralischen Augenblicks fort und riss dabei die Arme in die Luft.
    „Wer sind denn ,sie', wem sollen wir in den Arsch treten?“, fragte Cord stirnrunzelnd. „Und wo kam gerade überhaupt dieser Donner her? Weder gab es vorher einen Blitz, noch ist irgendwo eine Wolke am Himmel zu sehen. Das widerspricht sämtlichen Naturgesetzen, so was ist völlig unmöglich!“
    „Korrekt“, bestätigte die übergroße sprechende Fleischwanze strahlend. „Dies lässt sich mit keiner physikalischen Gesetzmäßigkeit vereinbaren. Daher gibt es dafür logischerweise nur eine Erklärung: der Verursacher des Donners war...“ Er ließ eine überaus dramatisch wirkende Pause. „Bodo der Bauer. Womit auch die Frage nach Gorns ,sie' geklärt wäre, auch wenn in diesem Fall ,er' das angebrachtere Personalpronomen gewesen wäre. Das ist ein Grund mehr, warum wir so schnell wie möglich mit eurer Ausbildung beginnen sollten. Wobei ich euch leider mitteilen muss, dass Tritte in die Glutealregion eine eher unübliche Technik des Ninjutsu darstellen.“
    „Schade“, murmelte Gorn enttäuscht, während Dar damit begann, hektisch Grasbüschel aus dem Boden zu rupfen und in heruntergefallenes Laub einzurollen.
    „Um uns vor den dunklen Machenschaften Bodos zu schützen, sollten wir nun endlich unser Geheimversteck aufsuchen“, schlug Cord vor. Seine jugendlichen Augen wanderten dabei von Lee zu Splatter.
    Lees Gedanken fingen an sich zu überschlagen. Der drohende Machtverlust, der immer mehr sein Denken beherrschte, verhinderte das Erfassen klarer und guter Ideen, doch nun musste er schnell eine Entscheidung treffen – irgendeine, um weiterhin das Vertrauen und den Respekt seiner Jungs zu sichern. „Alles klar, wir gehen... wir gehen in die Kanalisation von Khorinis!“, spie er schließlich aus. Im nächsten Moment verzerrte sich sein Gesicht. Hatte er soeben tatsächlich den versifften, rattenverseuchten Untergrund, in den sämtliche Bewohner einer Stadt, deren Führung den Söldnern zudem noch feindlich gesinnt war, ihre Abfälle und weitere unappetitliche Hinterlassenschaften verschwinden ließen, vorgeschlagen? Ja, das hatte er.
    Auch seine Freunde schienen ihren Gesichtsausdrücken zufolge von diesem Geheimversteck nicht gerade begeistert zu sein. Zumindest auf Gorn und Cord traf dies zu, Dar hingegen schien nichts mitbekommen zu haben und fragte mit einem seiner neuen Grasrollen im Mund Splatter freundlich, ob er Feuer für ihn habe. Lee dachte nach. Er hatte soeben eine Entscheidung gefällt, die sowohl ihm als auch seinen Leuten nicht gefiel, doch was würde es über ihn aussagen, wenn er sie jetzt wieder zurücknähme? Er konnte sich keine weitere Einbußen seiner Autorität leisten. „Ja, ihr habt richtig gehört. Wir gehen in die Kanalisation!“, verstärkte er schließlich seinen Entschluss mit verschränkten Armen und hoher, jugendhafter Stimme. Er hoffte, dass der Stimmbruch nicht mehr allzu lang auf sich warten ließ.
    „Aber die ist versifft und rattenverseucht!“, rief Cord verzweifelt.
    „Und alle Bewohner lassen da ihre Abfälle und stinkenden Hinterlassenschaften verschwinden!“, fügte Gorn mit Tränen in den Augen hinzu.
    „Nicht zu vergessen, dass uns die Stadtführung feindlich gesinnt ist“, quiekte Dar, der irgendwie Anschluss an das Gespräch gefunden zu haben schien, während er auf seinem improvisierten Stängel herumkaute, da Splatter ihm leider kein Feuer anbieten konnte.
    „Die Idee ist gar nicht schlecht“, erklärte die Wanze plötzlich. „Dort wird euch niemand vermuten, nicht einmal Bodo. Dort kann ich euch abgeschottet von der Außenwelt trainieren, nur dort könnt ihr ungesehen und ungehindert eure Kampfkunst und Techniken perfektionieren, bis ihr schließlich bereit sein werdet, euch dem furchtbaren dunklen Bauern entgegenzustellen. Außerdem bin ich immer noch eine Wanze – mir gefällt das Ambiente da.“
    „Wenn's da wenigstens diese Pizza geben würde“, meinte Gorn traurig. „Meint ihr, dass wir einen Bäcker dazu bringen könnten, so was mal herzustellen, wenn wir ihn lieb fragen?“
    „Versuchen können wir –“, setzte Lee an, doch er wurde von Splatter unterbrochen.
    „Nein, unter keinen Umständen dürft ihr derartiges ausprobieren!“, rief dieser und wedelte hektisch mit den Armen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Versteht ihr denn nicht, ihr würdet eure geniale Tarnung für eine Speise riskieren, die ihr nicht einmal kennt und die ohne Italien wahrscheinlich nie existieren wird!“
    „Was ist ein Italien?“, hakte Cord neugierig nach. „Hört sich an, als hätte es was mit Stiefeln zu tun.“
    „Unwichtig, da es nicht existiert“, erwiderte Splatter unwirsch. „Wir müssen uns jedenfalls etwas einfallen lassen, um eure Identitäten zu schützen. Euer neues jugendliches Aussehen, durch das ihr wie eine Bande herumlungernder Halbstarker aussieht, ist dabei schon sehr hilfreich, aber das wird nicht genügen. Es gibt nur eine Möglichkeit: ihr werdet neue Namen und damit auch neue Identitäten erhalten.“
    „Krass!“, jauchzte Dar und hüpfte fröhlich von einem Bein aufs andere; es erschien den anderen unklar, ob er sich lediglich freute oder es sich um eine weitere Entzugserscheinung handelte. „Dann will ich Xardas-Merlin heißen, damit ich endlich mit dem nötigen Respekt behandelt werde!“
    „Ich glaube kaum, dass dieser Name unbedingt unauffälliger ist“, bemerkte Cord und wurde dabei von ihrem neuen Lehrmeister unterstützt, der heftig den Kopf nickte – was im Falle einer halslosen Fleischwanze so aussah, als hebe er den gesamten Körper auf und wieder herab.
    „Ihr benötigt andere Namen. Namen, die würdevoll klingen. Namen, die euren Fertigkeiten als zukünftige Ninjutsu-Meister entsprechen. Namen, die von allen wehrlosen und unbescholtenen Bürgern mit Ehrfurcht ausgesprochen werden. Namen, die Bodo voller Zorn und mit blindem Hass ausrufen wird, während er verzweifelt seine Faust gen Himmel reckt, wenn ihr seine Pläne vereitelt haben werdet. Und der wichtigste Punkt: Namen, die sich in keiner Weise auf euch zurückführen lassen!“
    Gebannt und von der Magie des Augenblicks vollständig eingefangen starrten die jugendlichen Mutanten-Söldner ihren Mentor an.
    „Dies ist ein enorm wichtiger Moment für euch. Ihr lasst alles, was euch einst auszeichnete, hinter euch zurück. Von nun an nennt ihr euch...“
    Er wies mit einem Stummelärmchen majestätisch auf Lee. „Leeonardo!“
    Anschließend deutete er erhaben auf Gorn. „Gornatello!“
    Cord bedachte er mit einem huldvollen Nicken. „Michelangecord!“
    Und schließlich gelangte er dramatisch zu Dar. „Darael!“
    Die jungen Männer sahen sich etwas verlegen an. „Nunja“, begann Gorn sich am Kopf kratzend mit zweifelnder Stimme. „Ich weiß nicht, ob es mir nur so vorkommt, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Namen auf den letzten von dir genannten Punkt unbedingt zutreffen...“
    „Schweig, Schüler. Denke nicht mehr an dein früheres Ich, konzentriere dich auf das, was vor dir liegt! Du hast keine Wahl und bist nun Gornatello, angehender jugendlicher Mutanten-Ninja-Söldner.“
    „Okay, ist ja gut“, grummelte Gornatello mürrisch.
    „Dann lasst uns mal aufbrechen!“, rief Leeonardo und reckte die Faust in die Luft. „Es wird Zeit, dass wir weiterziehen in Richtung Khorinis, damit die Geschichte endlich mal in Schwung kommt!“
    „Welche Geschichte?“, fragte Michelangecord verwirrt.
    „Na, das alles hier“, antwortete der Anführer verdutzt. „Was wir hier eben so machen. Kann ja sein, dass irgendwann mal ein Schwachkopf etwas über unsere Abenteuer und unseren ewigen Kampf gegen Bodo den Bauern schreibt, oder?“
    Darael nickte heftig. Jubelnd setzte sich die Truppe wieder in Bewegung und zog dem Sonnenuntergang und ihrem Schicksal entgegen.

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    „...ein Drachenei, ein Keilerfell, eine Banditenrüstung, einen Erzbrocken, eine Bürste, ein... hm, einen... Blutkelch...?“
    „Ha! Du hast die Steintafel vergessen!“ Schadenfroh puffte Mika seinem ärgerlich grummelnden Kollegen mit der Faust in die Seite. „Das macht dann den dritten Sieg in Folge – aber mach dir nichts draus, die Nacht ist ja noch jung. Also, auf ein Neues: Ich schnüre meinen Lederbeutel und nehme mit...“
    „Vergiss es, den Scheiß kannst du alleine weiterspielen“, knurrte Rangar, noch bevor sich der triumphierende Gedächtniskünstler Mika einen frischen Gegenstand hatte ausdenken können. „Hab die Schnauze gestrichen voll davon. Wie soll man sich bei der beschissenen Kälte denn überhaupt konzentrieren können, hä?“
    Mikas gute Laune hatte einen deutlichen Dämpfer erlitten. „Aber wir können doch nicht die ganze Nacht lang hier rumstehen und gar nichts tun. Da langweilen wir uns doch zu Tode!“
    „Klar tun wir das.“ Mit grimmigem Gesichtsausdruck rieb sich Rangar die feuchten Stellen auf der steifen Nase. „Ohne Langeweile wäre es ja auch keine verdammte Nachtschicht! Mann, wie ich diesen Rotz hasse...“
    Rangar hasste so ziemlich alles an seiner Arbeit, aber die Wachschichten an einem der Stadttore hasste er mit großem Abstand am meisten. Nachdem vor wenigen Stunden aus der Ferne ein beunruhigender Knall zu hören gewesen war, hatte er schon gehofft, dass er zur Untersuchung des Vorfalls mit einem Milizentrupp weggeschickt werden würde, aber offenbar hatte das seltsame Geräusch niemand ernst genug genommen, um etwas Derartiges zu veranlassen. Und jetzt stand er sich hier ein weiteres Mal am östlichen Stadttor die Beine in den Bauch und zählte die Minuten bis zum Sonnenaufgang, der aber natürlich noch in weiter Ferne lag.
    „Ich hasse das hier genauso wie du“, beteuerte Mika. „Aber wenn wir die ganze Zeit hier rumstehen und uns anschweigen, dann macht es das ja auch nicht grade besser! Sicher, dass du keine Lust hast...?“
    Rangar warf seinem jüngeren Leidensgenossen einen finsteren Blick zu. „Ganz sicher.“
    „Okay...“ Mika sackte ein kleines Stückchen in sich zusammen. „Dann stehen wir eben hier herum und... ja, weiß auch nicht... stehen hier... und...“
    „Was zu essen wäre gut“, bemerkte Rangar. „Mann, wenn wir doch wenigstens was zu futtern hätten! Ist ja nicht auszuhalten hier...“
    Mika nickte traurig. „Stimmt. Ein Apfel wäre nett. Oder ein Stück Brot. Oder...“
    „Eine – eine riesige Fleischwanze!“
    „Naja. Ist das wirklich das Leckerste, das dir so einfällt?“
    Rangar hatte die Augen weit aufgerissen und unwillkürlich einen Schritt zurück gemacht. „Ich fass es nicht – da hat grade eine riesige Fleischwanze hinter dem Baum hervorgeglotzt!“
    „Ach komm. Die kannst du doch von hier aus in der Dunkelheit gar nicht gesehen haben.“
    „Hör mir doch mal zu!“, forderte Rangar ungehalten. „Die Fleischwanze war riesig! Größer als du und ich!“
    „Das ist unmöglich“, entschied Mika. „Du hast dich bestimmt verguckt.“
    „Hab ich nicht. Die Wanze hat mir sogar zugewunken!“
    „Na klar“, grinste Mika. „Ne winkende Fleischwanze. Du suchst doch nur nach einem Grund, dich auf die Schnelle noch vom Dienst suspendieren zu lassen.“
    Abwehrend wedelte Rangar mit den Armen, auf deren braungebrannter Haut sich sämtliche Härchen aufgestellt hatten. „Ich schwörs dir, Mann, die Fleischwanze war da! Und sie hat mir echt zugewunken!“
    „Weißt du was?“ Ohne von seinem belustigten Gesichtsausdruck abzulassen, setzte sich Mika plötzlich in Bewegung. „Ich werd deiner Fleischwanze mal einen Besuch abstatten. Vielleicht hat die ja mehr Lust auf eine Runde Lederbeutel schnüren als du.“
    „Geh da nicht hin, um Innos Willen!“, zischte der panische Rangar. „Das Biest ist riesig, das macht dich platt wie nix! Mika, bleib hier – Mika! … Hört du? Mika? Verdammt!“
    Der muskulöse Körper des Torwächters war schon nach wenigen Augenblicken hinter der breiten Eiche verschwunden, die der monströsen Wanze offensichtlich als Versteck diente. Rangar hielt den Atem an und starrte angestrengt auf das dichte Gebüsch rund um den verdächtigen Baum. Die Sekunden verstrichen, ohne dass sich Mika oder die Wanze zeigten. Vergeblich versuchte Rangar, Ruhe zu bewahren – nur zu gut konnte er sich ausmalen, was seinem armen Kollegen durch die gewaltige Wanze Abscheuliches widerfahren sein mochte.
    Unsicher trat Rangar von einem Bein auf das andere. Ob er wohl nachsehen sollte?
    „Nein“, murmelte er im nächsten Moment leise zu sich selbst. „Mika würde nicht wollen, dass ich auch noch dabei draufgehe. Ich gehe zurück zur Kaserne und werde Andre alles erzählen. Das mache ich, genau... das ist das einzig Vernünftige...“
    Rangar warf noch einen letzten ängstlichen Blick in die Dunkelheit hinein, dann drehte er sich um. Er wollte durch das Stadttor treten, doch etwas Kolossales versperrte den Weg. Kurz blickte er direkt ins fleischige Antlitz der Wanze, dann traf ihn ein dürres Beinchen im Gesicht und beförderte ihn schnurstracks ins Reich der Träume.

    „Das war unglaublich“, kommentierte Michelangecord begeistert, nachdem er gemeinsam mit den anderen drei jugendlichen Mutanten-Söldnern aus ihrem Versteck herausgetreten war. „Du hast die beiden Wachen ja einfach so umgetreten, Splatter!“
    „Ja, und irgendwie hast du es sogar geschafft, dich hinter den Wächter hier zu schleichen, obwohl er die ganze Zeit direkt vor dem Stadttor stand“, ergänzte Gornatello unter anerkennendem Nicken.
    Eine Art selbstzufriedenes Lächeln schlich sich auf das Gesicht der Fleischwanze. „Das, meine Freunde, ist die Macht des Ninjutsu.“
    „Hattest du nicht vorhin noch behauptet, dass man als Ninja keine Leute tritt?“, entgegnete Leeonardo verwundert. „Das passt jetzt aber nicht so richtig zu dem, was du hier grade veranstaltet hast.“
    „Du musst lernen, richtig zuzuhören“, ermahnte Splatter seinen Schüler. „Nur Tritte in das Hinterteil unterbietet der Ninjakodex, Tritte ins Gesicht gehen natürlich völlig in Ordnung. Präge dir diese Dinge gut ein, denn das Wissen um derlei Feinheiten ist es, das den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Ninja und einem wahren Meister ausmacht! Und nun, meine Schützlinge, helft mir, den Wächter hier hinüber ins Gebüsch zu seinem Kollegen zu bringen. Es soll ja niemand Verdacht schöpfen.“
    Mit missbilligender Miene beobachtete der ehemalige Söldnerführer, wie Michelangecord und Darael den Anweisungen der Wanze bereitwillig Folge leisteten und den bewusstlosen Milizionär in Richtung der großen Eiche davon trugen.
    „Mir gefällt das alles nicht“, brummte er. „Wir hätten einfach ganz normal in die Stadt gehen sollen. Wenn wir uns etwas anderes angezogen hätten als unsere sowieso viel zu weiten Rüstungen, dann hätte uns auch niemand als Söldner erkannt und die Wachen hätten uns bestimmt durchgelassen.“
    „Du solltest niemals dein wahres Selbst verleugnen“, belehrte ihn Splatter sogleich. „Außerdem ist Heimlichkeit das oberste Gebot eines jeden Ninjas. Mal ganz davon abgesehen, dass ich als riesige Wanze ja auch irgendwie in die Stadt gelangen möchte, und das klappt bestimmt nicht, wenn ich nett frage!“
    „Jaja“, murmelte Leeonardo. „Ich hoffe bloß, dass wir wegen dir nicht alle noch im Kerker enden...“
    „Das werden wir nicht“, versprach Splatter mit sanfter Stimme. „Vertrau mir. Unter meiner Führung werden wir uns alle in Windeseile bis zur Kanalisation geschlichen haben!“

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