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    Schwertmeister Nienor's Avatar
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    Nienor is offline
    Ein enttäuschtes Raunen ging durch die Menge. Nur fünf Freiwillige hatten die Priester diesmal ausgewählt. Das versprach wahrlich ein kurzer Kampf zu werden. Und wie Nienor auf den ersten Blick erkannte, war einer der Fünf dazu noch schwächlich gebaut. Er war wohl schon längere Zeit bei schlechter Verpflegung im Verließ gewesen. Nienor konnte nur vermuten, auf welche Weise man an die Möglichkeit gelangte, um seine Freiheit kämpfen zu dürfen – und dabei von einer johlenden Menge begafft zu werden.
    Alle Kämpfenden hatten Kurzschwerter erhalten. Eine schützende Rüstung gab es nicht, ebenso fehlten Schilde. Einer der Priester hielt eine kurze Ansprache, wies auf die Gnade hin, die Innos hier gewährte und ermahnte den bald feststehenden Sieger, sich in Zukunft nicht vor Innos zu versündigen, auf daß er nicht erneut in den Verliesen lande. Ein Gong ertönte und die Kämpfe begannen augenblicklich.
    Und tatsächlich bildeten sich, wie vorausgesagt, zwei Gruppen. Der schwächlich wirkende sprang erstaunlich behende zu einer der entstehenden Gruppe und verstärkte diese dadurch.
    »Sagt, sind eigentlich Wetten erlaubt bei diesen Kämpfen?«, fragte Nienor leise ihren Begleiter.
    »Wo denkt Ihr hin! Diese Kämpfe sind gleichwertig mit einem Gerichtsurteil und dort kommt auch niemand auf die Idee, für oder gegen einen Angeklagten zu wetten. Es ist zwar schon hin und wieder vorgekommen, daß waghalsige Geschäftsleute Wettringe gegründet haben, um durch die Gottesurteile zu Reichtum zu gelangen, jedoch wird dies von den Priestern seit jeher streng unterbunden. So mancher, der sich mit Wetten eine goldene Nase verdienen wollte, fand sein Ende dann selbst in einer dieser Arenen.«
    Unterdessen hatte der Kampf einen ersten Höhepunkt erlebt. Die beiden Kämpfer der kleineren Gruppe hatten sich überraschend auf den breitschultrigsten Gegner geworfen und durch einen gemeinsamen Angriff versucht, diesen auszuschalten. Doch der schmale, von Nienor zuerst als wenig aussichtsreicher Kämpfer angesehene hatte das Manöver augenblicklich durchschaut und sprang mit dem Schwert dazwischen, so daß einer der Gegner von seijem Vorstoß abgehalten wurde. Stattdessen klirrten die beiden Schwerter hell aufeinander. Nun waren die beiden Männer der kleineren Gruppe getrennt. Einer kämpfte gegen den Breitschultrigen, der andere hatte den Schmalen und den dritten Kämpfer gleichzeitig gegen sich. Der Breitschultrige drang entschlossen auf seinen Gegner ein, dem nicht viel übrig blieb, als sich zurückzuziehen. Zeitgleich versuchte der andere Kämpfer, sich gegen seine beiden Gegner zu behaupten. Während er den einen gut auf Distanz hielt, indem er weite Streiche austeilte, war der Schmale fast zu flink für ihn. Er wartete jedesmal in sicherer Entfernung den Streich ab und sobald das Schwert an ihm vorbeigeschossen war, setzte er zum Stoß, Schlag oder Hieb an. So blieb seinem Kontrahenten nicht viel übrig, als den Abwehrstreich, der sonst vielleicht in einen Angriff gemündet wäre, abzubrechen, und den Angriff des Schmalen seinerseits zu parieren. Bei beiden Gruppen trafen immer wieder die Schwerter aufeinander. Jetzt strauchelte der Kämpfer, der von dem Breitschultrigen attackiert wurde. Sein Gegner nutzte diesen Vorteil ohne zu zögern aus. Sofort war er mit dem Schwert über ihm und stach zu, noch ehe sich der am Boden liegende wegwälzen konnte. Doch er traf ihn nur an die Seite des Bauches. Ein Schrei gellte aus dem Mund des Getroffenen, Blut quoll hervor und Nienor beobachtete, wie der Breitschultrige sich verstohlen für einen kurzen Augenblick umsah, ob ihn ein Priester beobachtete. Leider schauten sogar mehrere auf ihn, so daß er – so vermutete Nienor – den verbotenen Gnadenstoß unterließ. Stattdessen wandte er sich nun auch gegen den verbliebenen Gegner. Der schwer am Bauch Verletzte wurde unterdessen von zwei Helfern aus der Arena gezerrt. Nienor gab ihm, sofern die Heilkunst in Haruthar nicht ungewöhnlich hoch stand oder die Priester magische Heiler einsetzten, noch wenige Stunden. Dann würde sich der Bauchraum mit Blut gefüllt haben und er würde unter entsetzlichen Schmerzen sterben. Das Gottesurteil war eben doch nur eine ungerechte Metzelei einiger Besessener, die aufgrund eines Freiheitsversprechens besonders rücksichtslos kämpften.
    Und genau darauf zählten die Zuschauer. Nienor sah sich die Gesichter der Menge an, die den Kampf gespannt verfolgte. Einige hatten die Arme hochgerissen, um ihren jeweiligen Liebling anzufeuern, andere saßen mit versteinerter Miene da und beobachteten genau jeden Hieb, jede Bewegung. Dritte wiederum scheinen in Gedanken mitzukämpfen, denn bei jedem mißglückten Angriff verzogen sie das Gesicht und ballten die Fäuste wie im Ärger. Wieder andere hingegen jubelten nur einmal bisher, nämlich dann, als der erste Getroffene vor Schmerz brüllte. Das waren die abgestumpftesten, die nur der Gewalt wegen hier waren. Sie ekelten Nienor an. Wie konnte man nur so sein, so werden? Sie war sich sicher, daß sie nie so werden würde. Doch plötzlich stockte ihr das Herz, denn sie dachte auf einmal an den Kampf am Ufer des Gelab und wußte, daß sie längst genauso war und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es dazu gekommen war. Wild auf Blut, beherrscht vom Verlangen, zu töten. Schmerz zu sähen und zu sehen. Und sich daran zu weiden. So war es dort gewesen. Und in diesem Moment haßte sie sich selbst, schämte sich ihrer schrecklich. Doch ein Funken Hoffung blieb, denn sie wußte, daß es falsch war, daß es nicht ihr eigenes Selbst war, daß sie zu solchen Dingen und Empfindungen getrieben hatte oder daß zumindest etwas Fremdes ihre Emotionen in diesen Momenten beherrscht hatte. Sie hatte sich wie ein wildes Tier gefühlt, ohne Maß in Emotionen und Instinkte verstrickt, die sie überwältigten.
    Und dann brandeten die Kampfgeräusche wieder an Nienors Ohren und sie bemerkte, wo sie sih befand. Noch immer auf den Zuschauerrängen der Arena. Mittlerweile lag der zweite der Kämpfenden im Staub. Nun war die erste Gruppe ausgeschaltet. Nur wenige Augenblicke waren vergangen, seit sie in ihre düsteren Gedanken verunken war. Die Sadisten unter den Zuschauern jubelten ein zweites mal, auch wenn die anscheinend um einen möglichst zeremoniellen und würdigen Rahmen besorgten Priester des Innos wachsame Blicke in die Zuschauerränge warfen. Dem zweiten Besiegten war es nicht besser als dem Ersten gegangen, eher noch schlimmer. Ein wuchtiger Schwerthieb des dritten Mannes war ihm ins Bein gefahren und hatte, da die Kämpfer keinerlei Schutz trugen, den Oberschenkelknochen zum Bersten gebracht. Während die Knochen knackten, fuhr die Schwertklinge schmatzend aus dem Fleisch heraus. Der Verletzte stürzte wie ein Sack voll Getreide auf der Stelle hin und fiel so unglücklich, daß er sich das schwer verletzte Bein völlig verdrehte. Falls es der Wille der Priesterschaft war, daß er überleben sollte, würde es ihm amputiert werden müssen. Das käme wohl einer Strafe am Leib gleich und somit hatte dieser Kämpfer überhaupt nichts gewonnen. Doch ein Raunen, das durch die Menge ging, ließ Nienor bemerken, daß sich noch etwas getan hatte. Irgendeiner der Kämpfer, Nienor wußte nicht, welcher, hatte dem so schwer Verletzten im allgemeinen Tumult des Kampfes den Todesstoß gegeben.
    »Was ist passiert? Konntet Ihr sehen, wer ihm den Tod gab?«, fragte sie den Gesellen Tankreds.
    »Nein, nicht genau, es kam so überraschend. Vermutlich der Schmale, Flinke. Der tänzelt die ganze Zeit schon so herum, daß man kaum weiß, wo er als nächstes auftaucht. Wenn die beiden anderen klug sind, verbünden sie sich gegen ihn. Er scheint mir fast der gefährlichste zu sein.«
    Doch die beiden waren nicht klug. Der Schmale und der Dritte kämpften nun gemeinsam gegen den breitschultrigen. Da der schon sehr bullig wirkte, machte er natürlich auch auf den ersten Blick den gefährlicheren Eindruck. Doch hatte Nienor schon bemerkt, daß seine einzige Gefährlichkeit in der Kraft seiner Schläge und Hiebe bestand. Gerade griff er den Flinken a, den er wohl aufgrund seiner Schmächtigkeit als einfachstes Ziel anah. Eine kolossale Fehleinschätzung, wie sich bald zeigte. Anfangs begnügte sich der Schmächtige, dem Bulligen einfach nur auszuweichen. Dabei vermied er es auch, die Hiebe des anderen zu blocken, da ihm, so vermutete Nienor im Stillen, dabei wohl das Schwert aus der Hand geflogen wäre. Der Dritte hingegen machte wie auch schon in den vorangegangenen Kämpfen einen eher harmlosen Eindruck. Hin und wieder versuchte er, einen Stich anzubringen, doch fegte der Bullige sein Schwert jedesmal beiseite. Da der Schmächtige sich auch nur aufs Ausweichen konzentrierte, blieb genug Zeit dazu. Unterdessen wurde die Leiche des zweiten Besiegten von einem Gefängniswärter mit Hilfe eines groben Hakens aus der Arena geschleift.
    »Der Dritte wird gewinnen«, meinte Nienor plötzlich. »Oder um es angemessener zu sagen: Innos wird dem Dritten den Sieg schenken und damit seine Unschuld beweisen.«
    Verwundert sah der Bärtige sie von der Seite an. »Wie kommt Ihr denn darauf? Dieser Kämpfer ist bis jetzt völlig blaß geblieben.«
    »Ja, genau das ist sein Trick. Der Bullige reibt sich im Kampf auf, bis ihn entweder seine Kräfte verlassen, was zugegebenermaßen lange dauern wird oder bis er ungeduldig wird und Fehler macht. Der Schmächtige hingegen tänzelt herum, weicht dem Bulligen aus und reizt ihn damit noch mehr. Doch wird er dabei auch immer schwächer. Als nächstes fällt also entweder der Bullige oder der Schmächtige. Der Dritte, der sich die ganze Zeit zurückgehalten hat, ist fast genauso agil, wie der Schmächtige, besitzt jedoch mehr Kraft. Das sieht man daran, daß er die sehr kräftigen Schläge des Bulligen ohne einzuknicken pariert.«
    Der Geselle erwiderte nichts.
    Der Kampf wogte unterdessen hin und her. Bald sah man, daß sich eigentlich nur der Bullige und der Schmächtige bekämpften. Nach mehreren vergeblichen, weil zu plumpen Angriffen des Bulligen ging der Schmächtige zum Gegenangriff über und durchbrach mit einem ausfallschritt die ohnehin schwache Deckung des Bulligen. Er traf ihn mit dem Schwert am linken Unterarm, den der Getroffene instinktiv wegzog – jedoch zu spät. Blut troff aus der Wunde. Doch der Mann kämpfte weiter, es war nur ein einfacher Stich. Doch sofort setzte der Wendige nach, ermutigt durch deinen ersten Erfolg. Und dann war plötzlich alles vorbei, fast ging es zu schnell, um alle Eindrücke auf einmal aufzunehmen. Der Bullige brachte einen letzten gewaltigen Hieb an, der Schmächtige konnte dem nichts entgegensetzen, denn gerade war er – jetzt mutig geworden - bei einer neuerlichen Attacke. Der Hieb fuhr ihm von oben in den Schädel bis zum Auge und zertrümmerte ihm die Hirnschale. Knochen knirschten, als der Schädel in Splitter zertrümmert wurde. Der Mann war sofort tot. Rot und weiß spritzte es in den Dreck der Arena. Und fast im gleichen Augenblick traf ein Stich den Breitschultrigen in die Brust. Der dritte Mann hatte den gesamten Kampf über abgewartet und sich kaum ernsthaft an den Fechtereien beteiligt, er hatte es immer verstanden, sich so zu gruppieren, daß zwei andere kämpften. Jetzt zahlte sich diese Voraussicht aus. Über der entstellten Leiche des Dünnen fiel wie ein Felsblock der breite Körper des Stämmigen.
    Niemand hatte mit einem so plötzlichem Ende gerechnet. Der Sieger stand fest. Seine Unschuld war durch Gottesurteil entschieden. Alle gegen ihn erhobenen Anklagen wurden fallengelassen und er verließ die Arena als bewiesenermaßen freier Mann, unbescholten und in voller Ehre.
    »Ich bin wirklich erstaunt, wie genau Ihr das Ende vorausgesagt habt«, gab der Plattnergeselle unumwunden zu, während sie die Arena verließen.
    »Aber daß es so schnell geschehen würde, hätte ich nicht für möglich gehalten«, meinte Nienor. »Hoffen wir, daß der Sieger nicht einfach nur ein guter Fechter war, der seine Kunst womöglich in Überfällen auf Unschuldige erlernt und perfektioniert hat.«
    »Aber das ist doch völlig egal!«, widersprach ihr Begleiter. »Weswegen auch immer er angeklagt war, in diesem Fall war er eindeutig unschuldig. Sonst hätte er nicht gewonnen.« Ehrlicher Glauben sprach aus den Worten des Mannes. Nienor hatte tiefe Zweifel an der Richtigkeit dieser Interpretation, doch sagte sie nichts, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Wer konnte schon wissen, wie die Leute hier reagierten, wenn man eine der Grundfesten ihres Glaubens anzweifelte. Sicher nicht freundlich.
    »Ich bringe Euch jetzt ans Nordtor«, bestätigte der Bärtige hingegen sein Versprechen, das er vor dem Kampf abgegeben hatte. »Es sind nur wenige Straßen, wenn wir durch das Viertel der Tagelöhner gehen, kürzen wir sogar noch etwas vom Weg ab.«
    Nienor war mit diesem Vorschlag einverstanden.

  2. View Forum Posts #82
    Archipoeta Dumak's Avatar
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    nur in der Phantasie
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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
    Dumak is offline
    Dumak hatte den Markt hinter sich gelassen, eine breite Straße, wohl eine der Hauptstraßen dieser Stadt, führte ihn in westliche Richtung. Er war sich sicher, daß er hier ein Gasthaus entdecken würde. Doch das Glück war nicht mit ihm. Oder waren die in anderen Gegenden üblichen Schilder, die über den Eingängen von Wirtshäusern hingen, hier nicht bekannt? Er beschloß, es abseits dieser großen Straße zu versuchen und gelangte bald in das Gassenwirrwar, das er schon einmal durchquert hatte. Oder waren es nur ähnliche Gassen gewesen. Alles sah hier so gleich aus. Vermutlich würde das auch ein Besucher aus Haruthar in Vangard so empfinden. Wobei Dumak zugeben mußte, daß die myrtanische Hauptstadt nicht annähernd so groß wie Badajoz war. Überhaupt war Myrtana ein recht kümmerliches Reich gegenüber Haruthar, hatte Dumak das Gefühl. Er lachte innerlich über sich bei dem Gedanken, daß ihm ausgerechnet Myrtana früher als der Nabel der Welt erschienen war. Ein bisschen konnte er schon das Desinteresse der Menschen hier an fremden Ländern verstehen. Doch man kennt eben nur das, was man gesehen hat. Das galt für jeden.
    Versunken in diese Art von Gedanken über seine Reisen in die verschiedenen Gegenden der Welt – vielleicht noch als Nachwirkung seines nicht ganz ernst gemeinten Liedes über die Gefahren, die die vier Himmelsrichtungen bereit hielten, vergaß er ganz, auf den Weg zu achten und ehe er sichs versah, fand er sich in einem Viertel mit ärmlichen Hütten wieder. Hier waren nur die wenigsten Häuser weiß getüncht und wenn doch, dann war die Farbschicht alt, stumpf und blätterte ab. Doch die weitaus meisten Hütten waren lediglich aus groben Holzbrettern zusammengezimmert worden. Schmale Gassen zogen sich durch dieses Viertel. Und Dumak erkannte: Eine Stadtarmut gab es wohl überall. Diejenigen, die eben Pech gehabt hatten im Leben, bei irgendeiner Unternehmung oder die schon in Armut geboren worden waren, lebten hier. Alle diejenigen, die aufgrund ihres Standes sowieso nirgendwo anders hingehörten, lebten hier. Alle, die niemand haben wollte, lebten hier.
    Der Barde hastete über die staubigen Wege, die sich bei Regen sicher in knöcheltiefen Morast verwandelten. Hämmern drang von irgendwo links, Schleifen von rechts. Irgendwo anders quietschte eine Winde. Vielleicht ein Brunnenrad. Dumak war es egal. Doch die Geräusche wurden jäh übertönt, als er um einen scharfen Knick des Weges bog. Einige Leute, ja sogar ein Trupp in glitzernden Rüstungen und mit Waffen versperrte den weiteren Weg.
    Gerade pochte einer der Gepanzerten an die Tür eines der niedrigen, sich an die Erde duckenden Häuser. Dumak stoppte und schloß sich dann der schaulustigen Menge aus vielleicht zehn oder einem Dutzend Menschen an, die neugierig beobachteten, was hier vor sich ging.
    »Aufmachen! Im Namen der Leuchtenden Sonne!«, rief der Soldat – denn um solche handelte es sich bei den Bewaffneten – gegen die verschlossene Tür.
    Dann schaute er sich um, als ob er Hilfe suchen würde. Vielleicht war ihm nicht ganz wohl, weil er einen gefährlichen Feind in dem Haus vermutete.
    Die Gespräche der Menge schwanden zu einem Murmeln und dann erstarb auch dies.
    »Scheue dich nicht, mein Sohn, denn Innos ist mit dir«, sagte eine irgendwie beruhigend klingende Stimme. Sie gehörte einem Glatzkopf in roter Robe. Ah, wohl einer der Innospriester. Da hatte wohl jemand ziemliche Schwierigkeiten, vermutete der Barde. Galt die Ermunterung nun dem Soldaten oder demjenigen, der in der Hütte war?
    Der Bewaffnete winkte seinem Trupp und jeweils zwei nahmen links und rechts der windschiefen Tür Aufstellung.
    Doch noch ehe er seine Aufforderung, die Tür zu öffnen, wiederholen konnte, knirschte drinnen ein Riegel und mit einem leisen Knarksen, das nur gehört wurde, weil die Zuschauer, die sich unmerklich ein paar Schritt zurückgezogen hatten, immernoch still waren, schwang die Tür ins innere des Hauses. Heraus kam ein weißhaariger Mann mit ebenso weißem Vollbart. Er trug ein abgewetztes Übergewand, das ihm bis über die Knie reichte. Darunter eine Art Robe oder Kutte die bis zum Boden herabfiel, dunkel, einstmals vielleicht schwarz oder dunkelblau, doch nun verblichen und eher grau. Fast wirkte er wie ein gütiger Priester aus einem Märchen.
    »Was wünscht die Stadtwache von mir?«, fragte er. Es wirkte ernsthaft und gefasst.
    Doch statt dem Anführer des Wächtertrupps, der nun bärbeißig dreinschaute, beschied ihm der Innospriester, was man von dem Alten wollte.
    »Du bist der Ketzerei angeklagt«, leierte dieser emotionslos herunter. »Es wird behauptet, daß du die Einzigartigkeit Innos’ in Frage stellst. Ja daß du stattdessen den Umgang mit Götzen, die du andere Götter nennst, pflegst. Und noch schlimmer: Auch andere, rechtschaffene Bürger sollst du versucht haben, von deinem Irrglauben zu überzeugen. Zur Klärung dieser Anschuldigungen, hervorgebracht von durchaus glaubhaften Personen, wirst du nun in die Zitadelle des Lichts gebracht.«
    Die Gaffer hatten bei diesen Worten alle erschrocken dreingeschaut. Ein paar Frauen schlugen bestürzt die Hände vor den Mund und murmelten dann verwundert: »Wie konnte das nur passieren? Ein Abtrünniger mitten unter uns. Innos bewahre uns.«
    Und sie blickten zum Himmel, so als ob ihnen dort Innos persönlich erscheinen würde, um sie darüber aufzuklären, warum das passieren konnte.
    Dumak hatte sich unter die Menge gemischt, die mittlerweile auch auf gut das Doppelte angeschwollen war. Verstohlen schaute sich der Barde um. Einige der Zuschauer sahen aus, als wären sie froh, nicht selbst das Opfer der Staatsmacht geworden zu sein.
    »Nicht andere Götter, nur ein anderer Gott«, erwiderte der auf diese Art Angeklagte nun plötzlich mit tiefer Stimme. »Adanos ist sein Name und er besteht ewig, egal, ob ich oder du oder irgendjemand an ihn glaubt. Er ist der Bewahrer des Lebens, nicht Innos«, stellte er fest, so wie ein Lehrer einen Schüler, der Falsches spricht, berichtigt. »Innos bringt Tod durch immerwährende, gleißende Hitze.«
    Ein erneutes Seufzen ging durch die Menge. So eine Beleidigung Innos’ hatten die meisten hier noch nie gehört. Dumak schien es, als ob einige der Frauen fast in Ohnmacht fallen wollten. Diese Worte waren gar zu ketzerisch.
    Doch das war nur ein Nebenschauplatz, der den Priester der Leuchtenden Sonne und seine Soldaten nicht interessierte. »Du gibst es also zu?«, bellte er, schnappte fast über und trieb die Soldaten mit einer herrischen Geste dazu an, den Mann sofort in Fesseln zu legen.
    »Wieso leugnet dieser Dummkopf nicht einfach alles«, hörte Dumak jemanden sagen. Dann erst merkte er, daß er selbst das gesagt hatte. Erschrocken hielt er inne. Doch niemand antwortete ihm. Stattdessen wieder die Stimme des Innospriesters: »Na los, fesselt ihn«, schnarrte er. »Habt keine Angst, er kann euch nichts tun mit seinen machtlosen Zaubern, Innos wacht über euch!«
    Die Wachen waren sich da anscheinend nicht so sicher. Nur zögerlich wagten sie sich an den als Magier eines anderen Gottes Ertappten heran. Dieser jedoch machte keine Versuche, durch Magie seine Lage zu verbessern oder zu fliehen. Stattdessem schaute er dem Priester der Leuchtenden Sonne unverwandt in die Augen, während ihm einer der Soldaten die Hände auf dem Rücken band. Seltsamerweise ließ er das völlig ruhig geschehen. Baute er darauf, daß ihn sein Adanos retten würde? Dann setzte sich der Zug in Bewegung in Richtung auf die Zitadelle in der Stadtmitte. Ein paar der Gaffer folgten ihm, vor allem Jüngere und Kinder, die sich nun auch eingefunden hatten. Ein ganz Kleiner wollte sich gerade vom Rockschoß seiner Mutter lösen und hinterher laufen, als diese ihn am Schopf packte und an sich drängte. »Das ist noch nichts für dich«, meinte sie, nahm ihren Sprößling auf den Arm und wandte sich dann ab.
    »Recht so«, meinte einer, der gerade an Dumak vorbei ging. »Es geht nicht an, daß uns Fremde mit ihren ketzerischen Ideen unsere Art zu Leben kaputt machen.«
    »Unsere Art zu leben?«, meinte ein anderer gallig. » Ach, du meinst, tagein, tagaus am Markt zu stehen, in der Hoffnung für ein paar Viertelfarsi vielleicht für einige Stunden als Lastenträger für einen der Kaufherren buckeln zu dürfen oder sich am Innostag geduldig in die Schlange bei der Armenspeisung einzureihen, um die Kinder wenigstens einmal im Monat satt zu bekommen? Dieses Leben? Ja, was für ein Schuft, daß er uns dieses schöne Leben kaputt machen wollte.«
    »Dein Lästermaul bringt dich noch einmal in die Verliese, Rimar«, wisperte ein altes Mütterchen und schüttelte den Kopf. »Innos hat jedem von uns sein Los zugeteilt. Auch dir.«
    Der Jungspund, der die bitteren Worte gesprochen hatte, winkte jedoch nur lachend ab und ging dann seines Wegs. Hier gab es nichts mehr zu sehen.
    Derjenige, der das Gesrpäch angefangen hatte, ging pikiert in eine andere Richtung davon.
    »Möchte mal wissen, wer den angeschwärzt hat«, hörte Dumak auf einmal eine leise Stimme neben sich. Ein Mann, fast zahnlos, dünnes Haar und durch diese Erscheinung älter wirkend, als er es tatsächlich war, stand wie zufällig plötzlich neben dem Barden und zwinkerte ihm zu, als ob man sich kennen würde.
    »Wieso angeschwärzt?«, fragte er.
    »Na Jungchen, was glaubst du wohl, wie die ausgerechnet hier, wo sich sonst niemand von der Obrigkeit blicken läßt, diesen Fang gemacht haben. Da hat sich einer als ein rechter Kelvar erwiesen.«
    Dumak verstand. Kelvar kannte jeder Mensch. Er war einer der Getreuen von Rivelin, einem der größten Helden der Vorzeit. Doch Kelvar hatte ihn schmählich verraten. Er hatte aus Eifersucht König Kan erzählt, wo sich Rivelin versteckt hielt, als er nach dem Kampf am Morfarat schwer verwundet darniederlag. Doch Kelvar wurde um seinen Verräterlohn betrogen und stürzte sich letztendlich, von Gewissensbissen gequält, in den Schlund des Zel Darain. Dumak hatte auch einmal ein Lied, ein Versepos über Rivelin, den strahlenden Helden, angefangen, zu dichten:

    Wie jeder von euch Herren weiß
    und niemals könnte es vergessen,
    muß unser Volk seit Jahr und Tag
    mit dunklen Feinden stets sich messen.
    Durch Götter Launen aufgeschreckt
    aus unbekannten Bergestiefen,
    dringen zahllos sie hervor,
    warn’s Schicksals Kräfte, die sie riefen?
    Selbst Meeres Wogen können nicht
    der Feinde Horden Halt befehlen
    und hinter Schiffes hohem Bord
    sich Sklaven an den Rudern quälen.
    Mit ihrem mächtig Kriegsgerät,
    das wie des Todesfürsten Waffen,
    die Orks erobern Land für Land,
    so manches Reich sie an sich raffen.
    Drum will in dieser düst’ren Zeit
    ich eine alte Mär erzählen,
    von Tapferkeit und großem Mut
    Verrat und Schmach wird auch nicht fehlen.
    Denn wenn die Zeiten schlecht auch sind,
    so gabs doch immer an’dre Leute
    und manchen schlimm’res widerfuhr
    als uns mag droh’n im Hier und Heute.
    So lebte einst, schon lang ist’s her,
    ein Held, von dem wir heut noch singen.
    Und offnen Herzens geb ich’s zu:
    Die Lieder mögen nie verklingen.
    Von Rivelin, dem strahlend Held,
    der alle Gegner hat bezwungen,
    durch Klugheit, Mut und Tapferkeit
    die höchsten Ehren er errungen.

    Und so weiter und so fort. Viel mehr als der Anfang und dazu noch einige Ausschmückungen war Dumak allerdings bis jetzt noch nicht eingefallen. In letzter Zeit war allerdings sowieso zu viel los, um in Ruhe zu reimen. Seit er sich Nienor angeschlossen hatte, ging alles Hals über Kopf.
    »Du meinst...«
    »Ja, genau!«, nickte der Alte. »Dieser Priester-Magier ist hier vor einigen Wochen aufgetaucht und hat um eine Unterkunft gebeten. Und er hat Dinge repariert. Obwohl er gar kein Handwerker war. Verstehst du?«
    Dumak war sich nicht so ganz sicher, aber er nickte.
    »Da, der alten Gumbke«, er zeigte auf eine alte, gebeugte Frau, die ganz in der Nähe über einen Stock gebeugt über die Gasse schlurfte, »hat er die fast zerfallene Hütte gerichtet. Oder jedenfalls war sie eines Tages wieder repariert. Ganz plötzlich. Doch es mußte ja heraus kommen. Denn er fing an, von seinem Götzen zu reden und versuchte, andere zu seinem Glauben zu bekehren. Das konnte nicht gut gehen. Nein, ganz und gar nicht. Das ging nicht, nein nein...«
    Der Mann schüttelte den Kopf und brabbelte etwas in sich hinein, das Dumak nicht verstand. Stattdessen meinte er: »Ah, verstehe.«
    Dumak verstand jedoch noch etwas ganz anderes. Er war auf der Hut. Wieso sollte ihm ein Fremder das alles erzählen wollen? Doch nur, um herauszufinden, wie er über den Festgenommenen dachte. Und um dann aus diesem Wissen einen Vorteil für sich zu schlagen. Vielleicht bei den Innospriestern. Die interessierte mit Sicherheit, wie das Volk zu Innos stand.
    »Ich frage mich wirklich, warum er nicht einfach alle Anschuldigungen geleugnet hat«, nuschelte der Mann nun betrübt.
    Dumak wurde noch vorsichtiger. Hatte der Kerl doch seinen laut ausgesprochenen Gedanken von vorhin mitbekommen und versuchte nun, ihm noch unvorsichtigere Aussagen zu entlocken. Darum erwiderte er im Brustton der Überzeugung: »Weil das nichts genützt hätte. Innos sieht alles, er sieht auch die Lüge im Herz eines Menschen.« Und dabei schaute er den alten Mann mit einem liebenswürdigen und unschuldigem Lächeln an.
    »Und Innos haßt Lügen. Denn er steht für das Licht der Wahrheit und für Gerechtigkeit.«
    War der Alte eben unmerklich zusammengezuckt oder war das bloß eine Einbildung gewesen? Dumak jedenfalls griff sich an die nicht vorhandene Hutkrempe, um einen Abschiedsgruß anzudeuten, beschleunigte seinen Schritt und löste sich von dem Nichtsnutz, der womöglich nur auf einen Fehler in Dumaks Aussagen gelauert hatte. Nur weg hier, diese Stadt war ein gefährliches Pflaster. Die Vorfreude auf einen Tavernenbesuch mit anschließendem Bad in einem möglichst großen Zuber, am besten mit ein paar drallen, jungen Bademägden, war dem Schwarzhaarigen gründlich verleidet. Er beschloß deswegen, ins Lager der Thurg’arsi zurückzukehren. Auch dort würde er sich etwas zu essen kaufen können.

  3. View Forum Posts #83
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    Nienor is offline
    Die Straßen waren zu Gassen geworden und die Häuser zu Hütten. Nienors Begleiter hatte sie in das Viertel derjenigen geführt, die ihre Arbeitskraft jeden Tag aufs neue feil boten, in die Gassen der Tagelöhner.
    »Das Stadttor ist nicht mehr weit entfernt. Ich kann schon die Landluft riechen«, meinte der Geselle des Schmieds plötzlich.
    Nienor wußte nicht, ob er das ernst meinte oder im Scherz gesagt hatte. Wenn es tatsächlich so war, dann mußte er eine feine Nase haben. Jedenfalls wußte sie nicht, was sie darauf antworten sollte.
    »Wie lange arbeitet Ihr schon bei Meister Tankred?«, fragte sie stattdessen, um das Gespräch nicht wieder ersterben zu lassen.
    »Seit mehr als sieben Jahren.«
    »Und wollt Ihr nicht Eure eigene Werkstatt haben?«
    »Dazu bräuchte ich ein Vermögen. Fast mittellose Gesellen haben dazu keine Chance. Nein, bei Tankred geht’s mir sogar noch gut. Die Geschäfte laufen und er bezahlt seine Arbeiter ordentlich. Außerdem ist er kein Schinder. Es gibt noch ganz andere Meister in der Straße...« Er verstummte.
    Nienor nickte.
    Plötzlich bog eine Rotte Soldaten vor ihnen in die Gasse ein, in der Mitte ein weißbärtiger Mann. Der Trupp marschierte schnellen Schritts auf sie zu. Die junge Frau und ihr Begleiter drückten sich schnell an die Wand des nächsten Hauses, um die Bewaffneten in der engen Gasse durchzulassen. Hinter der Schar schritt ein Innospriester drein. Nienor erkannte ihn an der roten Robe. Genausolche Roben hatten die Priester beim Gottesurteil getragen. Hinter ihm wiederum liefen einige Schaulustige, Jugendliche, Kinder. Und dann waren die Menschen, so unvermittelt, wie sie alle aufgetaucht waren, wieder verschwunden.
    »Die Wache hat irgendeinen Übeltäter gefasst«, meinte der Geselle achselzuckend. »Ich frage mich nur, weshalb sie dazu einen Innospriester brauchten, die kümmern sich eigentlich nicht um derlei Fälle.«
    »Worum dann?«, nahm Nienor den Faden des durch die plötzliche Unterbrechnung versiegten Gespräch wieder auf.
    »Nur um Glaubensfragen und darum, daß die Ordnung im Reich nicht in Frage gestellt wird. Also wenn die Macht des Königs bedroht wird von äußeren oder inneren Feinden, ruft das die Leuchtende Sonne auf den Plan. Der König läßt sich natürlich von ihnen beraten«, erklärte er, als sei dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Was es für ihn wohl auch war.
    Was Nienor da hörte, vervollständigte das Bild, das sie sich bis jetzt von den Innospriestern in diesem Land gemacht hatte: Eine Kaste, die den Staat beherrschte, womöglich ein Staat im Staate mit eigenen Regeln und niemandem unterstellt.
    »Da, das Stadttor – wie ich es gesagt habe.« Der Schmiedegeselle zeigte auf die hohen Doppeltürme, zwischen denen sich der Torbogen wölbte, groß genug, um hoch beladene Wagen hindurch zu lassen oder zwei gepanzerte Reiter nebeneinander. Es war dämmrig geworden und die tortürme warfen lange Schatten. Die Tordurchfahrt lag in tiefer Dunkelheit
    Die Torwache öffnete wieder die Pforte, um die beiden Fußgänger passieren zu lassen, doch der Schmied verabschiedete sich von Nienor.
    »Ich will nicht mit hinaus, sonst komme ich ja erst morgen früh wieder in die Stadt«, wehrte er ab. Die Stadttore standen nur für Personen, die Badajoz verlassen wollten, offen. Wer hinein wollte, konnte das nur zu den üblichen Tagesstunden. Dem Torwächter war dies egal. Schulterzuckend schloß er das Tor wieder hinter der Frau. Krachend fiel der Riegel der Pforte in sein Schloß, als das Tor wieder geschlossen wurde.
    »Lebt wohl und übermittelt Meister Tankred meinen Gruß«, hatte Nienor zum Abschied gesagt, dann hatte sie die Stadt verlassen. Und sie konnte nicht sagen, daß sie darüber nicht froh gewesen war. Erst zu spät hatte sie gemerkt, daß sie den Gesellen gar nicht nach seinem Namen gefragt hatte.
    Das Lager der Thurg’arsi war für die Kriegerin schon von weitem zu erkennen. Der mittlerweile vertraute Schein der vielen Feuer wies ihr zuverlässig den Weg. Die Punkte, an denen die Wachen standen, kannte sie nach den letzten Wochen auch. Es waren immer die gleichen. Es war gefahrloser, sich direkt einer der Wachen zu zeigen, so daß sie am Gesicht erkennen konnten, um wen es sich handelte, denn dann würde Nienor nicht als unbekannter Eindringling angesehen werden und entfachte keine unnötige Unruhe im Lager.
    Als die junge Frau an den Platz kam, an dem sie ihr restliches Gepäck niedergelegt hatte, bemerkte sie, daß Dumak ebenfalls hier war. Sie ließ das Bündel mit der reparierten Rüstung – und natürlich dem Horn des Seeungeheuers, daß sie nie herumliegen ließ – niedergleiten und setzte sich dann selbst an die Feuerstelle, die nur noch aus rotleuchtender Glut bestand.
    »Ein seltsames Reich«, meinte sie dann, nachdem sie einige Zeit schweigend in die Glut geschaut hatte.
    »Eine seltsame Stadt«, bestätigte Dumak und reichte ihr ein Stück von dem Huhn, daß er sich im Lager von seinen Einnahmen als Sänger gekauft und zubereitet hatte.
    Nienor nahm dankbar an und horchte auf. »Hast du etwa auch merkwürdige Dinge erlebt?«
    Dumak erzählte von seinem Erlebnis im Armenviertel. Auch den seltsamen Kerl vergaß er nicht, zu erwähnen. Danach berichtete Nienor, daß sie wohl den gleichen Soldaten begegnet war. Und sie erzählte von dem Arenakampf, den Dumak nicht miterlebt hatte, dem so genannten Gottesurteil, das die Leuchtende Sonne veranstaltet hatte.
    Am Ende waren sich beide einig, daß sie den morgigen Tag, an dem die Thurg’arsi ihre Wolle verhandeln wollten, lieber im Lager verbringen würden. Zu fremd war ihnen diese Stadt und die Leute, die darin lebten. Nienor wollte ihre Rüstung ausprobieren, vor allem natürlich die reparierte Stelle und Dumak fand sowieso immer irgendeine Beschäftigung. Und am übernächsten Tag sollte sich nach den Worten Sechabs der Aufenthalt in Badajoz seinem Ende zuneigen, denn dann wollte die Karawane wieder aufbrechen. Nach Coïmbra, der prächtigen Hauptstadt des Reiches Haruthar. Dem glänzenden Coïmbra.

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    Tatsächlich war der nächste Tag schnell vorüber gegangen. Ein kleiner Strom aus Kaufwilligen hatte sich in das Lager der Wüstenhändler ergossen. Und zwar lief der Handel folgendermaßen ab: Der Durghari fragte, was der Käufer für eine Art Wolle benötigte und wieviel. Hatte er die nötigen Antworten, schickte er den Käufer weiter zu dem Händler, der ihm am besten geeignet erschien. Selbst Dumak erkannte, daß dies ein wichtiger Posten mit viel Verantwortung war.
    »Habt Ihr nicht Angst, einen Eurer Stammesbrüder zu verärgern, weil er sich benachteiligt fühlt?«
    Sechab erklärte dem Barden daraufhin die Zusammenhänge. Der Durghari wurde vor dem Beginn der Reise gewählt. Alle Teilnehmer verflichteten sich, seinen Urteilen zu vertrauen. Der Durghari seinerseits bemühte sich, die Kaufwilligen in den verschiedenen Städten möglichst gerecht auf die verschiedenen Teilnehmer der Karawane zu verteilen. Wobei es dort wieder feine Unterschiede gab. Einige Rukhori waren auf Geheiß reicher Händler losgeschickt worden, bezahlte Gehilfen steuerten diese Tiere und wickelten den Verkauf der von ihnen transportierten Wolle ab. Andere hingegen gehörten kleineren Händlern. Diese kamen meist selbst mit auf die Reise, da sie sich nicht die hohen Kosten für Gehilfen zumuten wollten. Und dann gab es noch Rukhori, die den Wollbauern direkt gehörten. Meist schlossen sich einige von ihnen zusammen, um einige der Tiere zu bezahlen. Einer der Bauern kam dann stellvertretend für die anderen mit und versuchte, die Wolle der anderen und seine eigene möglichst vorteilhaft zu verkaufen. Alle diese Gruppen hatten andere Ansichten über den richtigen Verkauf ihrer Waren. Und allen diesen Ansichten mußte ein Durghari gerecht werden. Nur wenn ein Durghari für drei Jahre in Folge gewählt wurde, dann galt er als erfolgreich. Und gewählt wurde er nur, wenn ihm die Karawanenteilnehmer vertrauten. Die Belohnung für diese Mühen war ein im Alter fast sicherer Platz im großen Rat der Thurg’arsi. Und das versprach Ansehen und Einfluß. Darum gab es immer genug Anwärter auf diesen zwar schwierigen, doch letztendlich ehrenvollen Posten.
    Dumak beobachtete den Ablauf der Verkäufe. Meist lief alles gleich ab. Zuerst wurde der Kunde zu einem der Händler geführt, der zeigte ihm seine Ware. Der Kunde - meist einer der Tuchhändler aus Badajoz - zeigte sich davon üblicherweise nicht im geringsten beeindruckt, denn das gehörte zum Verkaufsritual, und danach begann das Verhandeln. Dabei kam man ganz ohne Dolmetscher aus. Jeder Thurg’aur hatte ein Wachstäfelchen, auf daß er seine Preisvorstellungen schrieb. Der Kunde schaute sich das an und revidierte den Preis. Dann machte der Händler ein neues Angebot und so weiter. Irgendwann einigten sich die beiden oder der Kaufwillige verließ das Lager ohne Wolle. Aber das kam nur selten vor. Denn es gab Wolle für jeden Geschmack und fast jeden Geldbeutel. Teure, besonders feine und edle, billige Massenware und viele Abstufungen dazwischen. Ja es gab sogar Wolle, die schon verschiedene, natürliche Farbtöne hatte, so daß der Weber die Wolle nicht mehr färben mußte oder höchstens zur Verstärkung der natürlichen Farbe. Farbige Wolle gehörte natürlich zu den besonders teuren. Am billigsten war eine schmutzigweiße, langfasrige, etwas grobe Sorte. Diese wurde meist von den kleinen Bauern angebaut, die sich dann zusammentaten und einen der ihren als Händler für alle mit der Karawane los schickten.
    So verging der Tag. Von Nienor war nichts zu sehen. Dumak wußte nicht, wohin sie sich zurückgezogen hatte, um ihre Rüstung zu überprüfen. Der Barde aß gemeinsam mit den Händlern und lauschte ihren Gesprächen, die vermutlich um die Geschäfte des Tages kreisten. Leider verstand er fast überhaupt nichts davon, zu dürftig waren seine Kenntnisse in der unbekannten Sprache, zu fremd klangen die Worte für seine Ohren.
    Dumak hatte sich dem Koch als Gehilfe angeboten und trotz der Verständigungsschwierigkeiten klappte die Zusammenarbeit. So kam es, daß er zu einer kostenlosen Mahlzeit kam, die aus den reichlichen Resten bestand. Allmählich brach der Abend herein und die letzten Käufer aus Badajoz verließen das Lager, um in die Stadt zurückzukehren. Zuletzt trotteten einige Esel, hoch beladen mit den gekauften Wollballen, in Richtung Stadttor. Sie brachten die Ware zu den einzelnen Tuchhändlern in Badajoz oder gleich zu einigen Webern, die den Umweg über die Tuchhändler vermieden hatten und direkt gekauft hatten. Dumak vermutete, daß dies den Tuchhändlern der Stadt ein Dorn im Auge war. Schließlich verdienten sie am Weiterverkauf, da sie die Wolle teurer verkauften, als sie sie bei den Thurg’arsi eingekauft hatten. Meist warteten sie einige Monate mit dem Verkauf, bis sich die Lager der Weber geleert hatten und die Preise durch die Verknappung in die Höhe stiegen, erfuhr Dumak von einem der Wollweber. Und der Durghari erklärte ihm, daß sie Tuchhändler härter feilschten, als die Weber, da sie mehr am Gewinn durch den Weiterverkauf interessiert waren und deshalb natürlich so billig wie möglich einkaufen wollten. So mäkelten sie an der Qualität der Ware herum, erzählten etwas davon, daß sie es ja eigentlich gar nicht nötig hätten, überhaupt etwas zu kaufen, da ihre Lager voll seien, barmten herum, daß die Preise jedes Jahr höher klettern würden – was übrigens gar nicht wahr war – und suchten noch vielerlei andere Ausflüchte, um den Wert der Ware zu drücken. Manch ein Durghari hatte sich in der Vergangenheit schon einen bösen Spaß damit erlaubt, die schlimmsten Feilscher an diejenigen Händler weiterzuvermitteln, die auf der Reise am meisten aufgefallen waren durch Unzufriedenheit mit Dingen, die niemand ändern konnte. Doch Sechab ir Khufs waltete mit Bedacht seines Amtes. Stoisch hörte er sich an, was die Händler zu sagen hatten, blieb immer gefasst und zuvorkommend, auch wenn sich einer über etwas beschwerte und versuchte dann, den Streit immer gütlich zu beenden.
    Dumak suchte sich ein Nachtlager und war froh, daß die Reise am nächsten Tag fortgesetzt werden würde. Er fieberte neuen Eindrücken entgegen. Mit jedem Schritt würde er sich weiter von Myrtana und Khorinis entfernen und neue, unbekannte Gegenden kennenlernen. Was würde er wohl in der Hauptstadt Haruthars erleben?

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    Badajoz lag hinter ihnen, die Karawane hatte sich am Morgen des nächsten Tages zum Aufbruch fertig gemacht. Die Tiere waren beladen worden und die Gatter, in denen sie zusammengetrieben waren, wurden abgebaut. Die letzten Feuerstellen wurden mit Sand und Erde gelöscht und bald standen die Rukhori in einer langen, imposanten Reihe. Nienor wie immer im hinteren Teil auf ihrem mittlerweile vertrauten Reittier. Es war einer der Rukhori, deren Fracht schon in Gorthar verkauft worden war, so daß es frei war, um andere Dinge zu transportieren. Oder eben Menschen. Vor ihr saß Dumak auf seinem Reittier. Sein Hund, der sich mittlerweile an das Lagerleben gewöhnt hatte und manchmal von einigen besonders gewitzten Thurg’arsi zum Zusammentreiben der Rukhori verwendet wurde, trabte die gesamte Länge der Karawane entlang. Von der Spitze bis zum Ende. Vor einiger Zeit hatte Nienor die Tiere einmal gezählt. Es waren zweihundertundvier. Sechab hatte ihr verraten, daß es einige Male auch schon größere Karawanen gebeben hatte, bis zu fünfhundert Tiere, doch mit der Anzahl der Rukhori in der diesjährigen Karawane bewegten sie sich im Mittelfeld. Nach Kriegszeiten waren die Karawanen immer besonders klein. Einmal sollen nur fünfunddreißig Rukhori losgeschickt worden sein, die jedoch durch die Wollknappheit ungeheure Preise erzielt hätten. Doch das war schon lange her, mehrere Generationen und davon berichteten nur noch die Geschichten, die die Thurg’arsi im Gedächtnis behielten.
    Wieder bewegte sich der lange Zug der Karawane auf der Straße gen Süden entlang. Es hatte wie immer fast eine viertel Stunde gedauert, ehe sich das Ende des Zuges in Bewegung setzte. Die Landschaft unterschied sich nicht von der, die sie zwischen dem Gelab und der Stadt Badajoz erlebt hatten: Weite Gebiete mit vielen kleinen Feldern, mittlerweile meist abgeerntete Stoppeln, wechselten sich mit Obsthainen oder kleinen Waldstücken ab. Wiesen durchzogen die Landschaft, doch war das Gras auf ihnen verbrannt von der Hitze und trocken. Hier und da lagen kleine Dörfer geduckt in Senken, in denen schmale Bäche entlang flossen. Viele von ihnen waren während des heißen Sommers ausgetrocknet oder zu kleinen Rinnsalen verkümmert. Vereinzelt weideten kleine Rinderherden auf den vertrockneten Wiesen. Die Tiere drängten sich meist im Schatten einzelnstehender Bäume, unter deren breiten Kronen sie widerkäuend in der Hitze lagen und vor sich hin dösten.
    So ging es drei Tage. Während die Karawane tagsüber durch die gleichförmige Landschaft zog. Schlugen sie nachts ihr Lager abseits des Weges auf einer großen Wiese oder Waldlichtung auf. So gleichförmig vergingen diese Tage, daß Nienor fast schon Mühe hatte, sich zu erinnern, wie lange sie genau seit Badajoz unterwegs waren. Verkehr gab es auch kaum. Nur ein oder zweimal kamen ihnen niedrige Gespanne, von Eseln oder Maultieren gezogen, entgegen. Es waren wohl Bauernwagen, deren Führer sicher irgendetwas auf den umliegenden Feldern zu tun hatten. Hin und wieder waren der Zug der Rukhori auch durch eines der kleinen Dörfer gekommen. Gleichförmig nickten die großen Tiere mit ihren langen Hälsen. Die Kinder des Dorfes waren jedesmal eine Weile mitgelaufen, um die Fremden noch etwas länger zu begutachten, doch irgendwann war auch der neugierigste Lümmel stehengeblieben und schließlich zurück in sein Dorf getrottet. Vielleicht hatten die Kinder auch auf irgendwelche Dinge gehofft. Geschenke der Händler. Doch die hatten nur ihre Wolle und dachten gar nicht daran, etwas an irgendwelche nichtsnutzigen Bengel zu verschenken. Zumal diese mit der fremdartigen Handelsware auch gar nichts hätten angfangen können. Die Bauern verarbeiteten lediglich die Wolle ihrer Schafe zu einem groben, kratzigen Stoff. Manche bauten Lein an, doch die daraus gewebte Leinwand war nur etwas für reichere Leute, Herrschaften. Kleider daraus fielen steif und mit schweren Falten. Die Wolle der Thurg’arsi hingegen gab zu Stoff verwebt ein leichtes, sanft fallendes und den Körper umspielendes Material ab, das nicht kratzte und doch widerstandsfähig war. Doch war der Stoff so selten, daß wohl die meisten Bauern noch nicht einmal davon gehört hatten bisher.
    Doch am vierten Tag geschah endlich etwas unerwartetes. Von Norden her überholte ein Zug Soldaten die Karawane, begleitet von einigen Priestern der Leuchtenden Sonne und einem großen Wagen, gezogen von einem Doppelgespann aus jeweils zwei Pferden. Zuerst bemerkte sie niemand, da die Aufmerksamkeit der Karawanenmitglieder nach vorne gerichtet war. Erst als einer der Soldaten in ein großes, gewundenes Signalhorn stieß, das daraufhin einen tiefen, durchdringenden Ton, der weit über das Land hallte, von sich gab, steuerten die Thurg’arsi , nun endlich aufmerksam geworden auf ihre unfreiwilligenVerfolger, ihre Tiere an den Rand der Straße.
    Die staubbedeckten Soldaten marschierten schweigend vorbei, Speere geschultert und Schilde auf dem rücken tragend. Die Schilde zeigten das Symbol der Leuchtenden Sonne. Hatten die Preister etwa auch eine eigene Armee oder war das Wappen Haruthars zufällig ebenfalls die leuchtende Sonne? Nienor wunderte dies.
    Nachdem der erste Zug Bewaffneter vorüber war, folgte der große, von vier Pferden gezogeneWagen. Vorn und hinten saßen jeweils vier Bewaffnete auf, zwei von ihnen mit aufgepflanzten Speeren und daran befestigten Bannern. Der Wagen selbst jedoch war von ganz seltsamer Machart. Während er wie jeder Pferdewagen mit zwei Achsen und dementsprechend vier rädern bestückt war, saß in der Mitte zwischen den beiden Achsen eine Art bläulich leuchtende Kugel auf. Oder vielmehr schwebte sie einige Handbreit über einer in ihrer form dieser Kugel angepassten Mulde. Die Kugel selbst war durchsichtig und schien auf magische Art erzeugt worden zu sein, denn die Oberfläche pulsierte ständig und es zog sich etwas in ständig wehselnden Mustern darüber, daß Nienor an kleine Blitze erinenrte. Die Kugel wrikte wie die Glocke der Barriere damals über dem Minental. In der Kugel jedoch stand, gefesselt an zwei X-förmig aufgestellten Balken ein Mann. Nienor erkannte ihn, es war der jenige, der ihr und dem Schmiedegesellen im Armenviertel von Badajoz entgegen gekommen war. Er hatte nun einige Striemen auf dem Gesicht und sein Gewand sah zerrissen aus.
    »Was hat er getan und wo bringt ihr ihn hin?«, rief die Kriegerin die Wachen an, doch diese antworteten ihr nicht, sondern starrten weiter geradeaus. Der Kutscher knallte mit den Zügeln und die Pferde zogen an und trabten davon. Und schon war der Wagen vorbei. Nur der Staub, den die robusten Speichenräder aufwirbelten, blieb als unerwünschtes Andenken und verklebte Augen, Nase und Mund.
    Hinter dem Wagen jedoch ritten einige Priester. Einer hatte die an die Soldaten gerichtete Frage anscheinend gehört und rief Nienor zu: »Nach Coïmbra. Dort wird öffentlich Gericht über ihn gehalten und das Urteil vollstreckt. Jeder soll sehen, was mit denen geschieht, die die Herrlichkeit Innos’ leugnen. Er ist ein Leugner.«
    Und dann waren auch die Priester weitergeritten. Es folgten noch einige weitere Soldaten, Nienor schätzte ihre Gesamtzahl auf etwa vier Dutzend. Wenn so viele Wachen aufgeboten wurden, mußte es sich um einen wichtigen Feind handeln, der der Leuchtenden Sonne ins Netz gegangen war, überlegte sie.
    Auch Dumak hatte den Mann in dem magischen Gefängnis erkannt. Er ritt wie immer direkt vor ihr und drehte sich kurz um, doch als er Nienor wissend nicken sah, blieb er stumm. Bald hatte sich die Staubwolke der Soldaten und Priester verzogen und ihr Zug war hinter einer Biegung der Straße, die am Horizont unsichtbar hinter einem bewaldeten Hügel nach Süden weiterlief, verschwunden. Nur noch die eigene, von den Hufen jedes einzelnen der etwa einhundertachzig Walzensnappern vor ihr aufgewirbelte Staubwolke blieb erhalten und zwang weiterhin zum Blinzeln. Nienor verstand, weshalb sich die Thurg’arsi das Gesicht mit Tüchern verhängten. Sie schützten Mund und Nase vor Staub. Wenn es etwas genützt hätte, hätten sie sich sicher auch noch die Augen verhängt.

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    Am Abend des Tages kam in der Ferne trotz der staubigen, diesigen Luft ein Gebirge in Sicht. Schroff ragten Felsklüfte empor und schienen fast an den wenigen kleinen Wolken zu kratzen, die sich auf den Himmel trauten. Ewiger Schnee glitzerte an den Abhängen und schien nur noch das Majestätische der fernen Berge zu unterstreichen. Schnee, der selbst dieser elenden Sommerhitze trotzte, mußte wirklich etwas besonderes sein.
    »Ist das die Grenze Haruthars?«, fragte Dumak den Dolmetscher, doch Sechab meinte nur, daß dieses Gebirge mitten in Haruthar liegen würde. Das Reich wäre sehr groß und es würde noch viele Tage, Wochen gar dauern, bis es die Karawane hinter sich gelassen hätte.
    »Du wirst dich noch zurücksehnen an die ereignislose, friedliche Zeit, die wir jetzt genießen. Je weiter wir nach Süden kommen, desto gefährlicher wird es werden. Und umso heißer«, fügte er dann noch an.
    Und über das Gebirge in der Ferne wußte er nur zu berichten, daß dort angeblich Drachen leben sollten. »Aber ich bin froh, wenn ich niemals einem von ihnen begegne. Drachen sind nichts, das man mutwillig suchen sollte. Haruthar soll angeblich einige wenige Drachen als Kriegsdrachen gezähmt haben, aber das sind fast schon Sagen und Legenden und wir Händler hören nur wenig aus desem Land hier, da wir nur gelitten, aber nicht willkommen sind. Es wird berichtet, daß sie in einigen wenigen entscheidenden Schlachten der Vergangenheit eingesetzt wurden, doch wie die Harutharer sie bezwingen und sie ihrem Willen unterordnen, weiß ich nicht. Und ich will es auch nicht wissen, denn ich bin froh, wenn das alles nur eine ferne Legende für mich bleibt.«
    Und das war alles, was der Durghari dazu zu sagen hatte. Nienor klärte den neugierigen Barden noch ein wenig über die gefährlichen Dinge auf, von denen Sechab orakelt hatte. Sie erwähnte die vierscherigen Riesenskorpione, die Menschen durchschneiden können sollten und die wilden Bergorks. Von den Verwicklungen der Grenzgrafen erzählte sie vorerst nichts. Dumak war bei der Beschreibung der Scorpione schon blaß genug geworden.
    »Und wie wollen sich die Thurg’arsi dagegen schützen? Und gegen irgendwelche Bergorks?«, fragte er entgeistert. Zum ersten Mal erschien ihm diese ganze Reise als gefährliches Wagnis. Der Spaziergang, der es bisher gewesen war, würde wohl tatsächlich bald der Vergangenheit angehören.
    »Ich weiß nicht, wie die Händler diesen Gefahren begegnen wollen, doch ich bin mir sicher, daß sie sich damit auskennen, schließlich gibt es jedes Jahr aufs neue eine Karawane der Thurg’arsi. Also mach dir nicht zu viele sorgen«, erwiderte sie mit der Abgebrühtheit, wie sie nur Menschen entwicklen, die oft genug dem Tod ins Auge geblickt haben.
    »Keine Sorgen machen?« Dumak schüttelte nur verständnislos den Kopf. »Als ich damals sagte, daß ich mitkomme, konnte ich ja nicht wissen, daß es so gefährlich werden würde.«
    »Was hast du geglaubt? Daß es ein reiner Spaziergang werden würde? Ein bisschen herumreiten, schöne Landschaften ansehen, sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen?«
    »Ja... Nein... ach, keine Ahnung. Ich hab nicht an solche Dinge gedacht.« Dumak hob resigniert seine Schultern und erklärte das Gespräch damit für beendet. Er konnte ja nun doch nichts mehr ändern. Er beschloß vielmehr, den kommenden Aufenthalt in Coïmbra in vollen Zügen zu genießen, anders als den in Badajoz. Diesmal würde er sich in nichts einmischen und einfach nur einen Gasthof aufsuchen und es sich ein oder zwei Tage dort gemütlich machen. Und danach konnte der Himmel über ihm zusammenfallen. Er kraulte seinen Hund, der sich inzwischen neben ihm eingefunden hatte, zwischen den Ohren. Dieser ließ es sich hechelnd mit heraushängender Zunge gefallen.
    »Sechab hat mir gesagt, daß wir noch eine Woche brauchen bis nach Coïmbra«, wechselte er das Thema auf Dinge, die ihn nun mehr beschäftigten.
    »Ja, ich weiß.«
    »Die Stadt soll die schönste des ganzen Königreiches sein. Kein Wunder, sie ist ja die Hauptstadt, der Sitz des Hochkönigs. Sie soll Tore aus purem magischen Erz besitzen«, erklärte der Barde weiter.
    »Und die Gebäude sollen ganz weiß sein. Und zwar nicht so wie in Badajoz, wo sie nur mit Kalk getüncht waren, sandern sie sind ganz aus weißem Stein erbaut.«
    Er schwieg kurz, dann mußte er an die Begegnung auf der Landstraße denken. »Was sie wohl mit ihm vor haben?«
    Nienor wußte, wen Dumak meinte.
    »Verurteilen und töten, der Priester hat es uns doch gesagt«, erinnerte sie den Barden.
    »Ja, schon, aber man kann einen Menschen entweder einfach töten oder man kann ihm auch vorher Schmerzen zufügen, so sehr, daß er sich wünscht, zu sterben. Das ist ein Unterschied.«
    Dann bemerkte er, daß Nienor nur mit halbem Ohr zu hörte.
    »Was ist? Geht’s dir nicht gut?«

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    »Nein nein, ich bin nur müde, laß uns den heutigen Tag beenden«, bat die junge Frau. Sobald die Müdigkeit sie am Ende eines Tages übermannte, drängten die Albtraumwesen wie eh und je in ihre Gedanken und raubten ihr so jede Ruhe. Sie fingerte nach dem Fläschchen mit dem Schlafmittel, das ihr der Heiler in Gorthar gegeben hatte. Dies war die einzige Waffe, die ihr gegen die quälende und von ihr sonst nicht steuerbare Unruhe ihres Geistes half. Um es einfacher einzunehmen, hatte sie das urspüngliche Pulver in etwas Wasser gelöst und nahm nun jeden Abend einige Tropfen davon. Noch war die kleine Flasche bis zum Hals gefüllt, doch wie lange noch? Die Reise konnte nicht ewig dauern, irgendwann einmal war auch dieses Mittel zur Neige gegangen. Sie wußte, daß sie damit nur das Unvermeidliche hinauszögerte. Doch solange sie sich nicht darüber im Klaren war, worin das Unvermeidliche bestand, war sie froh über jede Verzögerung.
    Tatsächlich war die Karawane noch eine ganze Woche unterwegs. Am nächsten Tag waren sie dem kalt glitzernden Gebirge noch etwas näher gekommen und konnten tiefe Spalten in den sich hoch auftümenden Felswänden erkennen, am übernächsten Tag, dem sechsten seit ihrem Aufbruch von Badajoz, verlor es sich dann entgültig im Dunst der Ferne. Noch einen Tag später veränderte sich langsam die Landschaft. Die Dörfer wurden seltener, mit ihnen die Felder und Wiesen. Dafür nahm der Wald wieder zu und schloß die Straße bald vollständig ein. Jetzt hatte auch der ohnehin sehr spärliche Verkehr ganz aufgehört. Die Straße führte über Hügel und manchmal konnte man sehen, daß sich die Karawane durch ein sanft gewelltes Bergland bewegte. Nachts, wenn sie auf einer Lichtung rasteten, hörten die Reisenden die Rufe von wilden Tieren, doch wurde die Karawane nicht angegriffen. Lediglich der eine oder andere Rukhoa schnaubte nervös und schubberte seinen Hals an den Rückenplatten des Nachbarn. Einmal, Nienor wollte noch etwas die Kühle der Dämmerung genießen und streifte von Wachposten zu Wachposten – die ihr scheu nachschauten - am Rand des Lagers entlang, da war ihr, als würden sie aus dem Dunkel des Waldes gelbe Augen anblicken. Doch noch ehe sie genau hinsehen konnte, waren sie verschwunden. Der Dhurgari meinte jedoch, daß hier nichts besonders Gefährliches hauste, an größeren Raubtieren nur Luchse, Wölfe und Bären, die aber alle menschenscheu wären und sicher nur im Winter, wenn sie hungerten, aus Verzweiflung Menschen angreifen würden. Außerdem sollten hier noch Auerochsen leben, urtümliche Rinder, größer als diejenigen, die bei den Bauern auf der Weide standen, mit weit ausladenden Hörnern, breitem Nacken und zotteligem Fell. Vor einigen Jahren hätte eine Karawane einige dieser Tiere gesichtet, als sie durch diesen Wald gezogen sei, doch sei es ihnen nicht gelungen, eines davon zu erlegen, da die Tiere bald im Wald verschwunden waren und sich die Männer nicht zu weit von ihren Leuten entfernen wollten. Der Wald war groß und unbewohnt und niemand der Thurg’arsi kannte sich hier, in diesem fremden Land absreits der großen Nord-Süd-Handelsstraße besonders gut aus.
    Am sechsten Tag nach der Begegnung mit dem Gefangenentransport lichtete sich der Wald wieder und plötzlich trat die Karawane wie durch ein Tor, gebildet aus Baumriesen, die ihre Kronen über dem Weg schlossen und die Reisenden unter ihrem Dach hindurch ließen.
    Vor den Blicken Dumaks und Nienors offenbarte sich nun eine weite Ebene, durchzogen von einigen wenigen niedrigen Hügelketten. Das geschlossene Waldgebiet lag hinter ihnen. Ganz in der Ferne schien irgendetwas zu funkeln und keiner der beiden wußte, was dies sein könnte.
    »Ein Fluß, in dem sich das Sonnenlicht spiegelt«, vermutete die Kriegerin.
    »Schnee an fernen Berghängen, der in der Sonne glänzt«, riet der Barde.
    Doch als am Abend das Lager aufgeschlagen wurde und sie ihre Reittiere zu ihren Pferchen führten und danach Sechab aufsuchten, um ihm ihre Entdeckung mitzuteilen, lächelte er unter seinem das Gesicht verhüllenden Tuch und meinte dann: »Das, was ihr in der Ferne glitzern seht, ist das glänzende Coïmbra. Übermorgen werdet Ihr es von Nahem sehen.«
    »Erst übermorgen? Werden wir denn morgen nicht weiter reisen?«
    »Doch, wir reisen wie jeden Tag. Doch die Stadt ist noch zu weit entfernt, als daß wir sie morgen schon erreichen würden. Sie leuchtet nur weithin, so daß man glaubt, sie wäre ganz nah.«
    Nienor und ihr Begleiter waren verwundert. Der Durghari indes wandte sich wieder seinen Aufgaben zu. Für ihn war dieses Phänomen nichts neues. Die beiden Reisenden suchten sich ein Feuer für die zweite und letzte Mahlzeit des Tages. Es gab nur morgens, vor dem Aufbruch etwas zu essen und abends, nachdem das Lager errichtet war. Dumak hatte die Verpflegung bis Coïmbra aus seinen spärlichen Einnahmen vom Auftritt in Badajoz bezahlt, Nienors Geldbeutel hingegen war noch gut gefüllt, denn sie hatte ihre gesamte Barschaft aus Drakia mitgenommen, so daß es ihr nichts ausmachte, sich ihre Verpflegung mit Hilfe des Dolmetschers bei den Thurg’arsi zu kaufen.
    Der Barde und die Kriegerin ließen sich dort nieder, wo sie einige vertraute Gesichter erblickten. Einige der Thurg’arsi kannten sie mittlerweile mit Namen. Da waren Hamed, Aksad, Garmal, drei Kleinbauern aus verschiedenen Dörfern, die ihre Ernte und die von Dorfgenossen verkaufen sollten. Daneben saß der stille Mechsef, er war ein Dienstjunge eines großen Handelsherren, der viele Rukhori zur Karawane beigesteuert hatte. Er sagte nicht viel, doch seine Augen waren immer wachsam und schweiften umher, so als wolle er ja nichts verpassen. Er war erst siebzehn Sommer alt, hatten die anderen Nienor mit wortreichen Gesten zu vermitteln versucht. Diese Leute und einige andere hatten die schau, die die meisten der Thurg’arsi seit dem Vorfall im vergessenen Wald empfanden, überwunden und hießen Nienor und auch Dumak in ihrem Kreis jeden Abend aufs neue willkommen. Ein paar Brocken der so fremd klingenden Sprache dieser Menschen kannte die junge Frau mittlerweile. Ahf’s hieß zum Beispiel ja, kot’ch hieß nein, geseb hieß Hunger und dotsh war der Durst. Mit diesen und anderen Worten konnten sich Nienor und Dumak bruchstückhaft verständigen. Wie so oft endete der Abend an der Glut des herabgebrannten Feuers mit den Erzählungen der Thurg’arsi, von denen die beiden so gut wie nichts verstanden. Dafür reichten ihre paar Brocken Besbiri, wie sich die Sprache der Thurg’arsi nannte, noch lange nicht aus. Vermutlich erinnerten sich die Leute gegenseitig an zu Hause; an das, was sie auf dieser langen Reise zurückgelassen hatten, erzählten sich Geschichten aus ihrer Heimat. Auch sie waren fern von ihren Häusern und Hütten, ebenso wie Dumak und Nienor, doch hatten sie das Glück, gerade auf der Heimkehr zu sein, während das Abenteuer Ferne für Nienor und ihren Begleiter noch im Anfang begriffen war.

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    Tatsächlich erreichten sie am nächsten Tag Coïmbra noch nicht. Doch der Glanz, der zuerst nur von einem Punkt ausgegangen war, verbreiterte sich zu einer Linie. Am Tag darauf, sie waren gerade erst aufgebrochen, bemerkte Dumak eine Staubwolke in der Ferne, die sich auf der Straße, die die Händler entlang zogen, auf die Karawane zu bewegte. Die Spitze der Karawane mußte angehalten haben, denn nun stoppte auch der hintere Teil nach und nach und die Tiere hielen in ihrem langsamen, doch stetigem Lauf inne und beugten ihre langen Hälse hinab, um ein paar grüne Blätter am Wegesrand zu finden.
    Bei der Staubwolke hatte es sich um eine Abteilung Bewaffneter gehandelt. Jeder größere Trupp, der sich Coïmbra näherte, wurde auf diese Weise gestoppt und untersucht. Bei den Thurg’arsi schien die Untersuchung besonders lange zu dauern. Dumak fragte sich, was die Weiterreise wohl so sehr verzögerte. Die Karawane kam doch jedes Jahr um diese Zeit her entlang und das schon seit Jahrhunderten, wenn er den Erzählungen Sechabs glaubte. Und es bestand kein Grund, das nicht zu tun. Der Barde hatte das Gefühl, daß es sich lediglich um eine Schikane handelte, mittlerweile hatte er ja mehr als deutlich mitbekommen, daß Fremde in Haruthar nicht sonderlich gut gelitten waren. Selbst mit den eigenen Bürgern wurde merkwürdig umgegangen. Er erinnerte sich an den großen Käfig am Gelab, an der Nordgrenze, wo Reisende, die das Land verlassen wollen, einfach eingesperrt wurden. Dumak glitt von seinem Rukhoa hinab und lief die gesamte Reihe der Tiere entlang bis zur Spitze. Sein großer schwarzer Hund folgte ihm und man sah, daß der Zweibeiner mehr Mühe hatte, sein anfängliches Tempo zu halten, als der Vierbeiner, für den das alles wohl ein großer Spaß war.
    Japsend gelangte Dumak an die Spitze. Dort standen die drei Karawanenführer, Cheleb ben Farsi, Chatab jub Hamsad und Hargura und bei ihnen war Sechab, der Durghari. Die drei alten Männer diskutierten untereinander, während Sechab sich mit dem Anführer der Soldaten unterhielt. Dumak blieb in gebührender Entfernung stehen und beobachtete. Schließlich nickte der Durghari, wandte sich den drei Führern zu und berichtete dann in ihrer Sprache, was ihm der Kentarch der Bewaffneten mitgeteilt hatte. Worum es sich dabei handelte, erfuhr der Barde jedoch erst am Abend, als das Lager errichtet wurde. Die alten Männer schüttelten den Kopf, verständnislos, wie es schien und fügten sich dann in Ihr Schicksal. Sie gaben das Zeichen zum Aufbruch und ließen sich auf ihre an der Spitze des langen Zuges stehenden Tiere helfen. Dumak rannte fast die gesamte Karawane entlang wieder zurück, wobei ihn wieder mit wedelndem Schwanz sein Hund begleitete. Ihm schien die ganze Rennerei gar nichts auszumachen. Dumak kletterte mit letzter Kraft auf seinen Rukhoa und rief Nienor, die wie immer direkt hinter ihm ritt und ihn fragend ansah, ein paar Worte zu, die erklärten, was er gesehen hatte, daß es wohl irgendwelche Schwierigkeiten gäbe und daß er auch nicht mehr wüßte. Dann ruckte die Karawane schon wieder an. Die Bewaffneten an der Spitze begleiteten sie.
    So näherten sie sich Coïmbra und dann, kurz nach Mittag, so schätzte der Barde, erkannte er, woher das Glitzern, Funkeln und Leuchten stammte. Die Stadt, die sich weit hinzog über mehrere Hügel und gespickt war mit Türmen und Spitzen, war von einer hohen Mauer umgeben. Und ebendiese Mauer war es, die das Licht der Sonne auffing und reflektierte, wie ein Spiegel. Und seltsamerweise wurde das Licht nicht nur in die Richtung zurückgeworfen, aus der die Sonne schien, sondern ringsum, die gesamte Länge der Stadtmauer entlang. Ein Schauspiel, so wunderbar hatte Dumak es noch nie gesehen. Der Mund blieb ihm offen stehen, als er erkannte, welch wunderbare Quelle das Leuchten hatte. Und als die Sonne sich dem Ende ihres Tageslaufes zuneigte und der Himmel sich dort, wo sie versinken würde, rot färbte, da färbte sich auch das glänzende Band, das die Stadt umgab, leuchtend rot, immer dunkler und am Ende flammte es glutrot auf. Darüber erhoben sich die weißen Häuser, Kirchen, Tempel und Paläste der Stadt, die die Hügel bedeckten, Wimpel und Flaggen flatterten im Abendwind und Dumak konnte sich gar nicht satt sehen an diesem wunderbaren Schauspiel. Und es wirkte auf ihn, als wenn weiße Gischt ein blutrotes Meer bedecken würde, denn das Band der Mauer um die Stadt war wie das Meer und die weißen Hügel waren wie schaumbedeckte Wogen und die Fahnen waren wie Möwen, die darüber hinwegflogen. Und so zog Dumak vor das glänzende Coïmbra, staunend wie ein Kind ob all der leuchtend schönen Pracht und stumm, denn er wußte nichts darauf zu sagen, denn selbst ihm waren die Worte weggeblieben.

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    Die Karawane hielt etwa eine Meile vor der Stadt an und ihr wurde auf einer großen freien Fläche, die in der Nähe eines ummauerten Landgutes lag, in dem wohl ein reicher Kaufherr oder Adliger die Ruhe des Landlebens genoß, wenn er der Enge der Stadt entkommen wollte, ein Lagerplatz zugewiesen. Dann verließen die Soldaten die Thurg’arsi und marschierten zur vor dem nächsten Stadttor gelegenen Truppenunterkunft, die selbst ummauert war wie eine Burg.
    Sofort nachdem das Lager im verblassenden Schein der Stadtmauer eingerichtet war, stürmten Nienor und Dumak zu den Zelten der drei Führer, denn hier war für gewöhnlich auch Sechab zu finden.
    »Was wollte der Kentarch mit seiner Truppe?«, fragte Nienor mit für sie ungewöhnlicher Direktheit den Durghari. Doch war auch die Diskussion der Führer mit den Soldaten ungewöhnlich, so daß Sechab ihre Neugier wohl verstehen würde.
    »Wie Euch sicher noch im Gedächtnis ist, oh Wissensdurstige, ist es uns verboten, die Städte in Haruthar zu betreten. Dieses Verbot wurde noch einmal bekräftigt. Dann wurde uns das Geleit, daß jede größere Gruppe Reisender in der Nähe der Hauptstadt zuteil wird, gewährt.«
    Nienor schaute Sechab schief an. Das war doch nicht alles?
    Dumak sprach es offen aus. »Das wird doch kaum der Grund für die Diskussion gewesen sein, in die unsere Karawanenführer verstrickt waren, oder?« Er sagte tatsächlich ›unsere Karawanenführer‹ und nötigte Sechab damit ein kurzes Lächeln ab, das natürlich wegen des Gesichtszuches unbemerkt blieb, aber anscheinend betrachtete sich der Barde mittlerweile wirklich als Teil der Karawane und nicht mehr als Gast. »An diesem Verbot ist doch nichts Neues«, fuhr er dann fort. »Und wenn es jemandem bekannt ist, dann doch mit Sicherheit den Führern.«
    Der Dhurghari nickte unglücklich. »Ihr habt recht, dies ist auch nicht der wirkliche Grund für meine Betrübnis. Desweiteren hat man uns nämlich jeglichen Handel mit den Bewohnern Coïmbras verboten. Unser Lager hier wird nutzlos sein, deshalb werden wir auch nach einem Tag Aufenthalt schon weiterziehen. Denn wozu sollte ein längerer Aufenthalt unter diesen Umständen schon gut sein?«
    »Das ist ungerecht«, befand Nienor mit gerunzelter Stirn. »Es ist schon ungerecht, daß Ihr immer vor den Städten handeln müßt, wo Euch sicher viel weniger Eurer Kundschaft erreichen, anstatt direkt auf den Marktplätzen, wo alle anderen Händler ihre Waren feil bieten. Doch es ist noch viel ungerechter, daß Euch nun der Handel vollkommen verboten wird.«
    »Aber wir können nichts dagegen tun und werden uns also fügen«, meinte Sechab. Ein leiser, resignierter Unterton schwang in seinen Worten mit. »Vielleicht müssen wir Ad’hos dafür danken, daß wir überhaupt unbehelligt durch Haruthar ziehen dürfen«, meinte er dann vieldeutig, ehe er Dumak und Nienor sich selbst überließ.
    Nienor wandte sich Dumak zu. »Ich glaube, ich werde etwas dagegen unternehmen.«
    »Oh, bloß keine Schwierigkeiten«, bat der sie. Die Erinnerung an die gefährlichen Ereignisse in Badajoz waren ihm noch zu gut im Gedächtnis. In diesem Land regierte die Priesterschaft des Innos. Und zwar mit aller Gewalt.
    »Ach, Dummkopf«, lachte die Kriegerin. »Ich werde das ganz unblutig regeln. Du wirst schon sehen.«
    »Na da bin ich aber mal gespannt«, brummte der Barde und verschwand dann an sein Stammlagerfeuer, das, wie er sah, gerade aufflammte. Es war also Essenszeit und sein grummelnder Bauch würde endlich Genugtuung in Form eines scharfen Eintopfes bekommen. Wenn man nur zweimal am Tag etwas Ordentliches zwischen die Zähne bekam, wurden die Mahlzeiten plötzlich zu etwas wirklich Wichtigem. Einige Steinwürfe weit weg blökten die Rukhori. Auch sie bekamen nun endlich jede Menge Futter in ihre weiß-Innos-wieviele Mägen; grünes, saftiges Gras. Rund um Coïmbra war die Natur frisch und die Bäume und Pflanzen voller Saft. So wie im Frühling. Und es war lange nicht so trocken, wie bisher. Diese Gegend war wirklich gesegnet und die im Hintergrund funkelnde Hauptstadt setzte dem Ganzen nur die Krone auf. Denn auch im Licht der Sterne glitzerte Coïmbra geheimnisvoll.

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    Die Morgensonne schien durch einen Spalt zwischen den Stoffbahnen, die den Eingang des Zeltes bildeten und mahnte alle, die noch nicht auf den Beinen waren, sich zu sputen, wenn, es sei denn sie wollten den Tag verpassen. Wie alle mit der Karawane reisenden Thurg’arsi hatten auch Dumak und Nienor Platz in den einfachen Zelten gefunden. Sie waren schnell aufgestellt, einige Holzpfosten hielten eine flach darüber gespannte große Stoffbahn so weit in der Höhe, daß man sich unter ihr zumindest gebückt bewegen konnte. Der Boden des so entstandenen weitläufigen Zeltes wurde mit den Schlafmatten und einigen seltsam gemusterten einfachen Teppichen der Wüstenhändler bedeckt, in der Mitte wurde etwas Platz freigelassen. An einer Seite war die Stoffbahn geschlitzt und man konnte sie zurückwerfen, um hier das Zelt zu betreten oder zu verlassen.
    Jetzt verließ Nienor das Zelt, in dem sie die Nacht verbracht hatte. Sie trug ihre Rüstung mit all ihren Teilen, das Schwert an der Seite und die Thurg’arsi, die ihren Weg kreuzten, bemerkten verwudnert, daß sie sich aufgeputzt hatte. Alle Lederteile waren frisch gewachst, die metallenen Kanten und Verzierungen der Rüstung leuchteten im Morgenlicht auf und ihre langen, hellblonden, fast weißen Haare hatte sie mit einem Band aus der Stirn gebunden. Zielstrebig suchte sie das Zelt auf, das dem Barden für gewöhnlich als Nachtlager diente.
    »Dumak, wach auf. Wir haben heute etwas Wichtiges vor.«
    »Achja?«, kam die Antwort verschlafen aus dem Inneren des Zeltes. »Und was soll das sein?«, brummte der so unsanft aus seinen Träumen gerissene Barde.
    »Der König erwartet uns. Er weiß es zwar noch nicht, aber bald wird er es erfahren.«
    Das saß. Im Zelt wurde es laut, irgendein Gefäß wurde umgestoßen und Dumak fluchte ganz gotteslästerlich. Zum Glück war hier kein Innospriester in der Nähe. Dann wurde die Zeltbahn zur Seite gerissen und der Barde stürmte, das Wams noch im Gehen anziehend, heraus.
    »Du meinst den Hochkönig von Haruthar? Weshalb sollte der uns empfangen wollen?« Sein Gesicht drückte Unglauben aus. Er hatte die Unterlippe zwischen die Zähne genommen, die Augenbrauen waren nach unten gerutscht und er sah Nienor schief von unten an.
    »Ganz einfach. Weil ich etwas habe, was er gerne wiederhaben möchte. Ich werde es ihm bringen und du wirst mich begleiten. Also kämm dir deine Haare, schneid dir die Bartstoppeln aus dem Gesicht und richte deine Kleidung. Ich will nicht, daß du schon einen schlechten Eindruck machst, bevor du überhaupt den Mund aufgemacht hast«, erwiderte die junge Frau spitz.
    Dumak ging gar nicht darauf ein. In seinem Hirn arbeitete es. Dann kam ihm die Erleuchtung. »Ah, die merkwürdige Formel, nicht wahr? Ist sie denn so wichtig, daß dich der König dafür empfangen wird?« Neugierig hing er an Nienors Lippen.
    »Ich hoffe es«, meinte die Kriegerin. »Schließlich wurde selbst in Badajoz ausgerufen, daß derjenige, der sie wieder zurück bringt, eine Belohnung erhält. Ich hoffe, du kommst jetzt nicht auf dumme Gedanken.« Sie kniff die Augen ein wenig zusammen und schaute den Dieb abschätzend an.
    »Was meinst du denn damit?«, wunderte sich dieser, ehe er begriff, was Nienor sagen wollte. »Achso... also!«, tat er entrüstet. »Niemals. Die vermaledeite Formel ist nun dein Eigentum und du kannst darüber verfügen. Ist zwar schade, daß ich nichts mehr davon haben werde, aber wie sagt doch ein altes Sprichwort? Wie gewonnen, so zerronnen. Das gilt vor allem für Gauner wie mich.« Er zuckte mit den Schultern.
    »Wahrscheinlich hätte ich mir sowieso nur irgendwelchen Tand gewünscht und diesen innerhalb einer Woche wieder verprasst. Ich bin nunmal so, daß ich nur für den heutigen Tag lebe.« Freimütig klang diese Selbstbeschreibung.
    »Ich bin gespannt, wie dein Wunsch lautet, denn ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, was du möchtest.«
    Nein, daß hast du wirklich nicht, sagte sich Nienor in Gedanken, dachte dabei an ihren von Streiflichtern des Wahns gepeinigten Geist und die Befreiung von diesem nicht endenwollenden Albtraum, sagte dann aber laut »Du wirst dich noch etwas gedulden müssen, dann erfährst du es. Und nun mach dich fertig. Ich warte am Ausgang des Lagers auf dich.«

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    Nienor mußte nicht lange warten. Mit bemerkenswerter Schnelligkeit brachte Dumak seine Kleidung und sein Erscheinungsbild in einen respektablen Zustand, band die schwarzen Haare zu einem Zopf zusammen, wischte zum Abschluß noch einmal mit einem Grasbüschel über die Stiefel, die daraufhin, vom Staub der Straße befreit, wenigstens ein wenig glänzten und suchte Nienor auf.
    »Ich bin bereit, laß uns gehen.«
    Sein Hund schaute ihm aus klugen Augen aus dem Lager nach.
    Dumak und Nienor folgten der ganz in der Nähe vorbeiführenden Straße, passierten das Landgut, das auch vom Lager aus zu sehen war, durchschritten eine flache Talmulde, auf deren Sohle ein kleiner Bach rauschte und überquerten diesen auf einer steinernen Bogenbrücke. Bis nach Coïmbra war es vielleicht eine Stunde Fußmarsch. Die beiden liefen an einem lichten Wäldchen vorbei, folgten dem weiteren Straßenverlauf durch Felder voller sanft im Wind wippender Ähren und gelangten so immer näher an die Stadt. Nun endlich konnten sie erkennen, woher das Glitzern stammte. Die hohe, mit vielen Türmen besetzte Mauer, die die Stadt umgab, war von oben bis unten mit Platten aus Metall verkleidet, glatt poliert und spiegelnd.
    »Kein normales Eisen würde so aussehen, wenn es nur eine Nacht im Regen verbracht hätte«, wunderte sich Dumak.
    »Nein, normales Eisen nicht, aber wenn es aus magischem Erz gemacht wurde, schon«, klärte ihn Nienor auf.
    »Eine ganze Stadtmauer aus magischem Erz«, hauchte der Barde. »Damit könnte König Rhobar den Krieg gleich mehrfach gewinnen. Was für ein Reichtum.« Dumak war beeindruckt und zeigte das auch.
    Nienor hingegen schwieg.
    Mittlerweile war die Straße belebter geworden. Um Coïmbra herum lagen viele Dörfer und Landgüter zur Versorgung der Stadt und dadurch war auf den Straßen ringsum ein lebhafter Verkehr im Gange. Ochsenkarren mit Bauholz, Eselskarren mit Getreidesäcken, Handkarren mit Gemüse, Pferdewagen mit Wein, dazwischen Fußgänger mit Bündeln und Tragegeschirren, Reiter, Bewaffnete, Pilger, Priester in ihren roten Kutten, Bauern, Handwerker, ehrliche Leute und Gauner, Männer, Frauen, Kinder... alles strebte nach Coïmbra, dem Zentrum des Reiches. Hier, am Nabel ihrer Welt erhofften sie sich einen Neuanfang oder bessere chancen. Viele wollten auch nur auf den täglich außer an den Feiertagen zu Ehren Innos’ stattfindenden Märkten ihre Erzeugnisse verkaufen. Einige wenige waren zum Geldausgeben gekommen, wieder andere besuchten vielleicht Verwandte oder Freunde. Der eine oder andere kam womöglich mit einem finsteren Plan. Nienor und Dumak reihten sich ein in den Strom der Menschen ein und gelangten so die letzte Wegstrecke in der Menschenmenge vor die Stadt. Merkwürdigerweise erhob sich keine Siedlung vor den Toren, keine Vorstadt, kein außerhalb der Mauern gelegenes Stadtviertel. Es schien, als hielten es die Herrscher für besser, Coïmbra frei emporragen zu lassen, es nicht von Bauten, die außerhalb gelegen waren, zu verdecken, abgesehen von einer flachen, mit Zinnenmauer und breiten Türmen umgebenen Kaserne einige Steinwürfe vom Stadttor entfernt, an der die beiden Besucher inmitten der Menschen vorbeigeschoben worden waren. Nienor hielt die fehlende Bebauung vor der Stadt, wie sie so oft in anderen Gegenden üblich war, für militärische Vorsicht. Ein Gegner konnte sich nicht vor der Stadt verschanzen, sondern stand im freien Feld, wo er von den Mauern herab viel einfacher und wirkungsvolelr getroffen werden konnte.
    Dumak und Nienor gelangten auf eine breite, herabgelassene Zugbrücke, so breit wie die Straße vorher, so daß auf ihr sogar zwei Gespanne aneinander vorbei fahren konnten. Die Zugbrücke überspannte einen breiten Wassergraben und war an einem aus dem Graben ragenden turmartigen Torbau befestigt. Der Turm endete in einem Zinnenkranz und von Ferne hatte man erkennen können, daß Wächter auf ihm patroullierten. Die Straße führte weiter durch das breite Tor dieses einzeln stehenden Turmes auf die nächste Brücke. Die Torflügel jedoch, die so weit offen standen, daß sie bis an die Wände des Turdurchgangs gelehnt waren, bestanden aus purem magischen Erz, es waren nicht nur aufgenagelte dünne Platten. Durch ihr deshalb außergewöhnliches Gewicht liefen sie auf mehreren breiten Rollen, deren Bahnen sich als eingetiefte Spurrinnen in Form von Viertelkreisen im Straßenpflaster abzeichneten.
    Immernoch überquerten die Reisenden den selben tief unter ihnen liegenden, wassergefüllten Graben. Die zweite Zugbrücke war ebenso lang, wie die erste und endete auch an einem Torturm, diesmal war dieser jedoch ein Zwillingsturm mit spitzen Hauben und hohen Fahnenspitzen mit langen weißen Bannern mit roter, strahlender Sonne darauf, dem Zeichen Haruthars. Die Doppeltürme waren Teil der Stadtmauer und überragten diese im Gegensatz zu den niedrigeren Türmen entlang des Mauerverlaufs um einige Stockwerke. Erker mit Schießscharten und Löchern für siedendes Öl, Pechnasen und Zinnenkränze über vorkragenden Stockwerken bestimmten das Bild der Tortürme. Nienor hob den Kopf imemr weiter und ließ den Blkick am Ende senkrecht nach oben gleiten, während sie auf den Torbogen zusteuerten. Auch hier wieder die haushohen erzenen Tore, so dick, wie ein Arm lang war und ungeheuer schwer. Doch die Menge schob die beiden einfach weiter, noch ehe sie die Tore bestaunen konnten. Sie hatten Coïmbra betreten.
    Zwei Reihen von Soldaten bewachten die Tordurchfahrt, indem sie links und rechts Spalier standen, die Hellebarden, Gleven und Wimpellanzen aufgepflanzt. Nienor und ihr Begleiter jedoch wurden einfach in die nächste Straße mitgerissen und ihnen blieb nichts anderes übrig, als mit der Menge zu laufen. Neben, vor und hinter ihnen gingen Bauernsfrauen mit Körben volelr Gemüse, ein Holzschnitzer mit einer kiepe auf dem rücken, volelr Holzlöffel, Becher, Quirle und anderer kleiner Gerätschaften. Ein Reiter drängte auf seinem Pferd vorbei. Alle machten Platz, denn unter die Hufe des Gauls wollte keiner gelangen. Weiter hinten rumpelte ein Ochsenkarren langsam durch die Straße. Der Menschenstrom floß rings um ihn, wie ein Fluß, das um eine Insel flutet, sich teilt und wieder schließt. Die beiden gelangten auf einen größeren Platz. Es handelte sich um einen der zahlreichen Märkte von Coïmbra. Er war übersät von Verkaufsständen, Buden und einfachen Tischen. Die Menge ergoß sich auf den Platz und obwohl er voll zu sein schien und nichts und niemand mehr darauf zu passen schien, barsten die Häuser an seinem Rand doch nicht, sondern bleiben einfach stehen und hielten dem Druck der Menschenmassen stand. Nienor und Dumak waren auf dem Kornmarkt gelandet. Hier wurde allerdings nicht nur Korn, sondern jedes denkbare Gewächs aus den Bauerngärten und Feldern der Dörfer rings um die Hauptstadt feil geboten.
    »Wie sollen wir denn hier nur den Palast des Königs finden?«, seufzte Nienor.

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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
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    »Keine Ahnung«, meinte Dumak schulterzuckend. Er machte sich keine großen Sorgen. Zur Not würde er sich eben durchfragen. »Ich will jedoch zuerst noch einen Barbier aufsuchen, der soll mir den Bart von Kinn und Wangen kratzen. Schließlich werde ich vor den König treten.«
    »Dort vorn hängt ein Barbierschild.« Nienor wies auf die Darstellung eines Rasierpinsels, den ein Rasiermesser kreuzte. »Ich warte hier.«
    »Na sowas. Ein glücklicher Zufall«, kommentierte Dumak das schnelle Auffinden eines Barbiers. Doch so zufällig war es nicht, denn wo immer sich viele Menschen trafen, da tauchten auch Quacksalber, Knochensäger, Alchimisten und Barbiere auf. Leider war Dumak kein Kunde, dessen Behandlung einem Publikum vorgeführt werden konnte. Der Barbier – jedenfalls nannte er sich so – entfernte auf einer kleinen Bühne gerade einem bemitleidenswerten Patienten einen vereiterten Backenzahn und begleitete seine Operation mit wilden Geschichten über Zähne von irgendwelchen Persönlichkeiten, die, weil sie nicht rechtzeitig behandelt wurden (was wohl entfernt wurden bedeutete), die unwahrscheinlichsten Sachen anstellten. Dumak hielt alles, was er hörte, für erstunken und erlogen. Die kruden Geschichten des Barbiers wurden von den gurgelnden Lauten des Patienten unterbrochen, der sich vergeblich befreien wollte. Doch er saß fest im Schraubstock der Arme des geübten Zähneziehers. Das Publikum begleitete die morbide Schau mit teils ehrfürchtigen, teils angewiederten Ooohs und Aaahs. Dumak kämpfte sich bis an die Bühne vor.
    »Bart scheren?«, fragte er einen am Bühnenrand herumlungernden Assistenten. Der wies mit gelangweilter Miene wortlos nach links, wo sich ein durch Stoffvorhänge abgeteilter Raum befand. Dumak schob sich an mehreren Zuschauern vorbei, um zu dem bezeichneten Platz zu gelangen, hob dann den Vorhang und schlüpfte hinein.
    »Eine Rasur, wenns genehm ist.«
    Ein weiterer gelangweilter Kerl wies stumm auf einen Hocker, holte Schüssel, Pinsel und Messer hervor und begann dann, Schaum anzurühren. Als Dumak sich hingesetzt hatte, fing er an, ihn einzukleistern. Plötzlich hörte er Stimmen. Zwei Männer scheinen sich zu streiten.
    »Nein, nein, nein und nochmal nein. Wenn du es nicht machst, dann such ich mir eben einen anderen.«
    »Aber ich wills ja weiter machen, Ihr müßt nur endlich mal besser arbeiten.«
    »Was soll das denn heißen? Hast du sieben lange Jahre an der Hohen Schule in Cantamara studiert oder ich?« Die Stimme gehörte dem Barbier auf der Bühne.
    »Das wart Ihr, aber als das Zähneziehen gelehrt wurde, habt Ihr vermutlich gefehlt. Oder liegts am zählen?«
    Ah, das war wohl der Patient. Der Gehilfe, der Dumak eingeseift hatte, fing nun an, ihm den Bart abzukratzen.
    »Was faselst du da für Frechheiten, Kerl?«, grollte der gelehrte Barbier. »Ich sollte dir mit der großen Zange, mit meiner gefräßigen Luzie, eins überziehen, du frecher Hund.«
    »Ihr wolltet den zweiten Backenzahn von vorne ziehen, nicht den dritten. Der Dritte war doch noch völlig heil!«, Wenn jemals ein Satz vorwurfsvoll geklungen hatte, dann dieser.
    »Der zweite war der präparierte, der Zahn aus Holz mit Blut gefüllt, Schweineblut. Jetzt habt Ihr mir völlig unnütz einen gesunden Zahn gezogen und dafür bekomme ich gerademal einen halben Farsi von Euch. Meine schönen Zähne«, jammerte der vermeinjtliche Patient, der sich nun als bestellter Schauspieler entpuppte. Die Vorstellung eben sollte wohl Kunden anlocken.
    »Und warum hast du nichts gesagt?«
    »Ha! Wie denn? Ihr hattet mich doch fest in der Klammer Eures eisernen Griffes.«
    »Ich dachte, dein Zappeln gehört zu deiner Schauspielkunst.«
    »Ich glaube, Ihr steht dem Wein zu nahe. Eure Fahne reicht man von hier bis zum Königspalast.«
    Na also, da war ja schon einer, den Dumak hätte fragen können – wenn der Bartschneider nicht gerade an seiner Gurgel herumfuhrwerkt hätte.
    »Stillhalten«, knurrte er und Dumak hielt die Luft an. Davon, daß er bei durchgeschnittener Kehle sein Geld zurück bekam, hatte er dann auch nichts mehr.
    »Das geht dich überhaupt nichts an, Kerl«, zeterte der Barbier indessen.
    »Nun, gebt mir meinen versprochenen Lohn, dann lasse ich Euch alleine mit Eurem Freund, dem Wein. Und ich werde mich hüten, noch einmal das Angebot eines windigen Barbiers anzunehmen, für ihn irgendetwas darzustellen.«
    Die Erkenntnis war allerdings reichlich spät gekommen, fand Dumak im Stillen. Die beiden Männer entfernten sich. Und der Bartscherer war auch fertig. Mit einem groben Tuch putzte er die Reste des Rasierschaumes weg.
    »Macht einen halben Farsi.«
    »Donnerwetter, das sind ja königliche Preise«, staunte Dumak.
    »Ja, wir sind ja auch in der Stadt des Königs. Wenn du es billig haben willst, such dir ein Dorf irgendwo an der Reichsgrenze«, brummte der Mann schlecht gelaunt.
    Dumak fingerte in seinem schmalen Geldbeutel herum und warf dem Gierhals dann das Geld zu. Danach verließ er grußlos den Stand des weinliebenden Barbiers und seiner Halsabschneider und trat wieder zu Nienor, die sein neues Aussehen mit einem anerkennenden Nicken quittierte.

  13. View Forum Posts #93
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    Nienor is offline
    »Gehen wir«, forderte sie Dumak dann auf.
    »Diese Straße da.«
    »Bist du sicher?«
    »Ich habe mich erkundigt«, erwiderte sie knapp und begann, sich durch die Menschenmenge zu arbeiten, deren bevorzugte Laufrichtung gerade quer zu der von Nienor eingeschlagenen verlief. Doch die junge Frau ließ sich nicht davon beirren. Zielstrebig überquerte sie den großen Platz und tauchte wenige Minuten später in den Schatten hoher Häuser ein, die beide Seiten der Straße säumten. Weiße Wände ragten empor und nur in den höheren Stockwerken, waren Fenster, Balkone und Erker zu entdecken, so daß die Bewohner auf den sich durch die Straße wälzenden Trubel herabblicken konnten, wenn sie wollten. Doch nirgendwo zeigte sich eine Gestalt, geschweige denn, ein Gesicht. Zu gewöhnlich war der Lärm der Menschen, der Tag für Tag durch die Straßen brandete. Und wenn man die Straße entlang sah, konnte man die Dächer, Kuppeln und Terrassen der Häuser in der Ferne sehen, wie sie am Hang eines Hügels aufstiegen. Auf manchen dieser Häuser flatterten Fahnen, manche kurz, andere so lang und schmal, daß man ein ganzes Zelt aus dem Stoff hätte nähen können. Silbern und golden glänzte es von einigen wenigen Kuppelgewölben. Vermutlich Tempel und Kirchen, zum Ruhm und zur Preisung Innos’.
    Ein windschiefes, durch seine Höhe jedoch trotz seines beträchtlichen Alters noch immer imposantes Haus schob sich mit einer spitzen Ecke in den Lauf der Straße, die sich daraufhin teilte. Ein dicker Stein schützte die spitze Ecke, an der sich die Straße teilte vor den Radnaben zu dicht fahrender Karren und Wagen. Nienor hielt sich an dieser Abzweigung links. An beiden Seiten der Straße, die sie nun entlang gingen, zweigten in unregelmäßigen Abständen weitere Straßen und Gassen ab. Der Weg begann, leicht anzusteigen. Sie liefen auf einen der Hügel, auf denen die Stadt erbaut war, zu. Nach etwa einer Achtelmeile, gerade waren sie an einem Haus mit Turm und flatterndem Banner auf seiner Spitze entlang gelaufen, bog Nienor plötzlich nach rechts in eine kleine Gasse ein. Hier versiegte der Menschenstrom und sie waren fast unter sich. Nur hin und wieder eilte ein Einwohner durch die Gasse, verschwand in einer Haustür oder in einer abzweigenden Straße. Der Weg stieg noch mehr an, so daß nun flache Stufen weiter führten. Doch noch immer war die Gasse lückenlos von Häusern gesäumt.
    »Du scheinst dich gut auszukennen«, bemerkte Dumak, nur um etwas zu sagen in der plötzlichen Stille, die sie, seit sie in diese Gasse eingebogen waren, begleitete. Ungewohnt war die Ruhe nach all dem Lärm und den vielen Menschen bisher.
    »Man hat es mir gut erklärt«, erwiderte Nienor knapp, ohne den Barden anzusehen. In Gedanken war sie schon viel weiter.
    »Es ist eine Abkürzung«, erklärte sie dann doch noch. »Gleich gelangen wir wieder auf eine Hauptstraße und diese führt uns direkt zum großen Platz vor dem Palast des Königs.«
    Und so war es dann auch. Die Stufen hörten nach einer Weile auf und nach einigen Windungen endete auch die Gasse in einer stark belebten, breiten Straße. Erneut umbrandete sie Lärm. Sie folgten dieser Straße nach links und nach einem weiteren, Dumak schon endlos erscheinendem Marsch wurden sie mitsamt den anderen Menschen auf einen wahrhaft riesigen Platz gespült. Dies war der Mittelpunkt der Stadt.
    »Noch mehr von dieser Lauferei, und ich brauch ein schattiges Plätzchen«, verkündete Dumak. »Ein Krug Bier wäre auch nicht schlecht.«
    »Wir sind gleich da. Du wirst dich hinterher in einem Gasthaus vollaufen lassen können.«
    »Ich sprach von einem Krug Bier, nicht von besinnungslos saufen.« Dumak tat, als hätte ihn Nienors Unterstellung tief gekränkt. Da diese jedoch nicht darauf einging, fuhr er im Plauderton fort. »Wie groß ist diese Stadt eigentlich? Wenn ich mir diese endlosen Wege anschaue, dann wundert mich nicht mehr, daß sie hier verschiedene Märkte haben.«
    »Sechab sagte, daß hier mindestens einhunderttausend Menschen wohnen. So genau weiß es keiner, weil täglich neue hinzukommen. Ganz Haruthar strebt nach Coïmbra, denn in der Hauptstadt, so lautet ein hiesiges Sprichwort, bekommt jeder das Angebot seines Lebens, doch nur wenige nutzen es.«
    Dumak dachte feixend an den Schauspieler und den Barbier. Ersterer hatte es genutzt und dabei einen gesunden Zahn verloren. Doch vielleicht war es ja gar nicht das Angebot gewesen. Die Schwierigkeit bestand wohl vor allem darin, das zu erkennen. Hinterhältige Leute, diese Haruthaner...
    Der große Platz war merkwürdigerweise, so fand zumindest Dumak, fast vollkommen frei von irgendwelchen Märkten, nur an einer Seite waren etliche Buden aufgebaut, doch weder Nienor noch Dumak konnten aus der Ferne erkennen, was dort dem wohlwollenden Käufer angeboten wurde. Ihr Ziel lag jedoch nicht an diesen Verkaufsständen, sondern direkt vor ihnen: Der Königspalast. Ein durch eine hohe Mauer umgebenes Areal, das die gesamte Westseite des Platzes einnahm. Unterbrochen war die Mauer von mehreren Türmen, die größten an den Ecken und links und rechts neben dem Tor. Das Tor lag etwas eingerückt auf halber Höhe der Mauer. Empor führte eine breite, freie Treppe, die in einer kurzen, dreireihigen Säulenhalle mündete, an derem Ende sich das eigentliche Tor befand. Auf den Türmen wehten an langen auf die Dächer gesetzten Fahnensspitzen lange Banner, manchmal trug ein Windstoß das knatternde Geräusch der unablässig hin und herschwenkenden Stoffbahnen bis an die Ohren Nienors.
    »Bist du sicher, daß uns der König einfach so empfängt«, hörte sie Dumaks Frage, wie aus weiter Ferne. Der Anblick der ehrfurchtgebietend hoch aufsteigenden Palastmauer mit ihren abwehrend hervorkragenden türmen und der breiten Treppe, auf der Menschen so klein wirkten, hatte sie für ein paar Wimpernschläge in Gedanken versinken lassen.
    »Nein, das bin ich nicht. Aber irgendwer wird uns empfangen. Irgendjemand, der zumindest wichtig ist und in der Lage, die Echtheit des Zettels überprüfen zu lassen.«
    Sie fasste kurz an den Knauf ihres Schwertes und kam dabei an das ebenfalls an ihrem Gürtel befestigte Horn, das fast wirkte wie ein zweites Schwert. Fast schien es, als gäbe ihr diese Berührung Kraft, denn augenblicklich straffte sich Nienors Gestalt.
    »Gehen wir!«, fast befehlend klang es.

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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
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    Die Stufen der Treppe waren breit und ausgetreten. Dumak bemerkte einige abgehärmte Gestalten, die mit Reisigbesen die Stufen fegten. Vielleicht Bettler, die sich mit dieser Arbeit ein paar Münzen verdienten, vermutete er. Die Treppe zog sich. Und das vo einer Art Säulenhalle eingefasste Tor zum Palast wuchs imemr höher, ja die säulen beschleunigten diesen Eindruck noch. Hier kam sich jeder klein und unbedeutend vor. Doch Nienor schritt unbeirrt weiter auf das Tor zu, dessen Durchgang von einer Reihe Soldaten gesperrt war. Dumak ging ihr mit ein, zwei Schritt Abstand hinterher bis sie vor der Wache stehen blieb und laut fragte: »Ich möchte den Fund der Formel melden, deren Verlust im gesamten Reich ausgerufen wurde. An wen muß ich mich dafür wenden?«
    Kein Soldat rührte sich. Stattdessen erschien aus einer in der Seite des Torbogens eingelassenen Tür ein – wie Dumak an der aufwendig verzierten Rüstung zu erkennen glaubte – Offizier, mindestens ein Kentarch.
    »Ihr glaubt, die Formel zu besitzen?« Doch er stellte die Frage mehr an die Allgemeinheit (die aus etwa einem Dutzend Wachsoldaten, ihm, Nienor und Dumak bestand), als an Nienor. Er gab ein Handzeichen in die Richtung der Tür, aus der er getreten war. Ein schon nicht mehr ganz junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren, glatt rasiertem Gesicht in roter Robe trat heraus und eilte zu den Dreien.
    »Zeigt ihm die Formel. Er wird sie prüfen«, befahl der Kentarch eher gelangweilt und nicht sonderlih dienstbeflissen. ›Wer weiß, wieviele Leute schon mit angeblichen Formeln hierher gekommen sind‹, dachte sich der Barde insgeheim.
    Der Gelehrte – oder war es ein Priester? Die rote Robe ließ es fast vermuten – zog zu Dumaks Erstaunen etwas Seltsames hervor: Zwei runde Glaslinsen, geschliffen und in eine Fassung aus Holz eingefügt. Dieses merkwürdige Ding hielt sich der Priester vor die Augen, fingerte an dem Pergamentstreifen herum, den ihm Nienor gegeben hatte und murmelte dabei irgendwelche für Dumak unverständlichen Worte.
    Dann ein kurzes Nicken. Der Priester gab das Pergament dem Wachoffizier. Der schaute erst einen Moment erstaunt. War irgendetwas nicht in Ordnung? Ein mulmiges Gefühl kroch in Dumak hoch. Die wirbelsäule eigente sich dazu hervorragend. Wirbel für Wirbel krallte sich die Angst an ihm fest und gelangte imemr weiter nach oben, Richtung Kopf. Was wäre, wenn das nur irgendeine miese Fälschung wäre? Irgendeine Falle?
    Der Offizier drehte sich um.
    Dann bellte er laut: »Wach-Eskorte!«
    Dumak zuckte zusammen. Jetzt war es vorbei. Man würde sie in Ketten legen und in irgendein tiefes Verließ stürzen. Und die Formel würde man ihnen einfach abnehmen und fertig. Wozu sich mit irgendwelchen Belohnungen herumquälen? Und im Kerker würde man ihn foltern, um zu erfahren, wie er an diese Formel gekommen war. Und vielleicht, wenn noch mehr als nur ein blutiges Bündel zuckenden Fleisches von ihm übrig geblieben war, nachdem die Henkersknechte mit ihm fertig waren, würde man sie voller Hohn eines fernen Tages gegeneinander im Gottesurteil antreten lassen. ›Gegen Nienor hab ich doch keine Chance‹, ging es dem Dieb panisch durch den Kopf, als der Albtraum seiner unmittelbaren Zukunft sich vor ihm abspulte, ohne daß er ihn stoppen konnte. Immer angsterfüllter schaute er den Bildern in seinem Kopf zu, kauerte sich gruselnd in eine Ecke seines Bewußtseins.
    »Träum nicht!«, weckte ihn die laute Stimme der Kriegerin plötzlich.
    Er schreckte hoch. Und bemerkte, daß Nienor und er von einer Eskorte aus sechs Wachsoldaten, die wohl auch aus dem gleichen Raum wie der Kentarch gekommen sein mußten, umringt waren und man wohl nur auf ihn wartete, um zu gehen.
    »Was... wo? Wir...«
    Dann verstummte er unter dem funkelnden Blick Nienors. Anscheinend machte er im Moment nicht gerade einen bemerkenswerten Eindruck. Sie waren nicht verhaftet. Ein Glück...
    Stattdessen brachte man sie durch das Tor in den Palastbezirk, wo sie über geplasterte Straßen, an Alleen kunstvoll geschnittener Bäume vorbei, über fragile Brücken, die künstliche Bachläufe überspannten und durch kühle Säulengänge mit komplizierten Gewölbekonstruktionen liefen. Der Palast war nicht einfach nur ein Palast, es war eine ganze Stadt für sich. Richtige Straßen verbanden die einzelnen Teile. Verschiedene Flügel waren aneinander gebaut, zweigten voneinander ab, bildeten Innenhöfe, wurden von Türmen, die an die Nähe der Außenmauer gemahnten, überragt. Die kleine Gruppe durchquerte mehrere Höfe, durchschritt weitere Tordurchfahrten und marschierte offene Galerien entlang. Es kam Dumak so vor, als würde man sie in einen älteren Teil des Palastes bringen, denn er bemerkte nun hin und wieder die Spuren von Ausbesserungsarbeiten. Da oben waren Fenster zugemauert worden, daneben waren kleinere eingesetzt und der Rest mit nicht zum ursprünglichen Granitmauerwerk passenden Ziegeln aufgefüllt worden. Einzelne Dachziegel hatten hellere Farben, als der Rest. Kein Zweifel, das hier mußte ein alter Teil des Palastes sein. Könige bevorzugten doch eher die neuen, großartigen, besonderen Dinge, glaubte der Barde zu wissen.
    Der Begleitschutz aus Wachsoldaten blieb urplötzlich stehen. Sie waren vor ein kleines Tor gelangt, das in die Gebäude einer dreiflügeligen, einen eher schmalen Innenhof umgebenden Anlage führte. Diese war über eine heruntergelassene Zugbrücke, die über einen trockenen Graben führte, erreichbar. Die Anlage wirkte isoliert. Wie eine Burg in der Burg. Obwohl sich auch andere Gebäude um Höfe gruppiert hatten und die Offenheit der Gärten, die am Anfang des Wegs zu sehen gewesen war, schon lange verschwunden war, so wirkten diese Gebäude noch kompakter, so als ob sie sich vom Rest der Bauten zurückzogen. Aus dieser burgartigen Anlage ragte wuchtig ein altertümlicher, klobiger Wohnturm empor. Er schien mit jedem seiner buckeligen Steine sagen zu wollen: »Ich bin alt, ich habe alle diese Bauten um mich herum entstehen sehen.« Der Turm besaß nur einige schießschartenartige Fenster. Im obersten Stockwerk, weit oben konnte man ein Doppelbogenfenster erkennen. Licht schien aus dem Fenster. Die restlichen Gebäude besaßen einige Rundbogenfenster, manche mit einer verzierten Säule zu Doppelgruppen zusammengefasst. Ein sehr altertümliches Gemäuer.
    Einer der Soldaten trat vor und ließ den Türklopfer gegen das Tor wummern. Zweimal, dreimal. Dann trat er wieder zurück. Ein kleines Fenster direkt im Tor wurde geöffnet und eine befehlsgewohnte Stimme, die zu einem unsichtbar bleibenden Gesicht gehören mußte, fragte: »Wer da? Der Marschalk des Reiches empfängt zu dieser Stunde niemanden.«
    »Ein Formelkandidat«, beschied der Soldat knapp.
    »Achso. Recht seltener Besuch«, kommentierte die Männerstimme hinter dem Tor.
    »Wird eingelassen.« Und er öffnete einen Torflügel trat aus dem Schatten des Tores.
    Nienor schaute auf die Wach-Eskorte, doch die machte keine Anstalten, weiterzugehen. Also trat sie durch das Tor, ehe die Pause zu lang wurde.
    »Nun komm, Dumak«, zischte sie nach draußen, ungeduldig auf den Barden wartend, der sich noch umschaute. Eben glaubte er, Pferdeställe errochen zu haben, die sich irgendwo links von ihnen befinden mußten, da wurde er von Nienor hinein gezogen.
    »Jajaa... ich komm ja schon«, schimpfte Dumak stolpernd.
    Einer der Soldaten übergab der Torwache den Zettel mit der Formel, dann entfernten sie sich mit einem kurzen Nicken. Der Torwächter entpuppte sich als ganz normaler Bediensteter. Jedenfalls trug er weder sichtbare Rüstung noch Waffen.
    »Folgt mir«, winkte er. »Für Leute, die so weit gekommen sind, hat der Marschalk sicher Zeit. Ich bin nur dazu da, Bittsteller und vor allem Leute mit Forderungen abzuwimmeln. Forderungen geldlicher Art, wenn ihr versteht, was ich meine.«
    Dumak verstand. Nienors Miene zeigte keine Regung.

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    Nienor is offline
    »Wie lange wird die entgültige Prüfung der Echtheit dauern?«, fragte sie stattdessen.
    »Oh, du hast es eilig«, meinte der Mann süffisant. Nienor mochte ihn auf Anhieb nicht. Schon allein, daß er sie ungeniert duzte, zeigte, daß er nur wenig von Respekt anderen gegenüber hielt. Sie runzelte unmerklich die Stirn.
    »Also, die Prüfungen bisher waren unterschiedlich lang«, leierte er gelangweilt herunter. »Je nachdem, wie offensichtlich die Fälschung war. Aber die meisten von den wenigen, die es bis hierher geschafft hatten, waren schon nach wenigen Minuten wieder draußen. Doch wer weiß, wie lange sie prüfen, wenn sie tatsächlich den echten Wisch in die Finger bekommen?« Er hob in einer fragenden Geste die Arme, während er weiter ging.
    Nienor und Dumak folgten ihm über eine breite Treppe auf eine Galerie hinauf, dann über einen schmalen Gang in einen kleinen Flur, von dem eine schmale Wendeltreppe abzweigte, die sich steil nach oben zwirbelte, umgeben von grobem Mauerwerk. Sie waren in dem alten Wohnturm. Nach mehreren Etagen - es zweigte jedesmal von einem Sims eine Tür ab - endete die Wendeltreppe. Der Torwächter drehte sich um und meinte: »Ihr beiden tretet jetzt vor Romuald de Zuntaga, den Marschalk Haruthars. Er ist einer der mächtigsten Herren des Reiches, also benehmt euch dementsprechend.« Scheinbar hielt er Nienor für eine Idiotin oder etwas in der Art. Sie biß sich verärgert auf die Unterlippe.
    Der Torwächter stieß die Tür auf, verbeugte sich und rief »Sire, ich habe sie hergebracht.«
    Man hatte sie wohl schon erwartet. Dann trat er ein, scheinbar war ihm bedeutet worden, daß er hereinkommen dürfe.
    Nienor und danach Dumak folgten. Derjenige, der sie hergebracht hatte, übergab den Zettel mit der Formel an einen Mann mit Vollbart und schwarzer Kutte. Neben ihm stand ein weiterer Bärtiger, jedoch mit roter Robe. In einem Sessel weiter hinten im Raum saß ein Mann im besten Alter, mittelgroß, schlank, aber nicht dünn, kurzes dunkles Haar, kostbar gekleidet, einen verzierten Dolch an seiner Seite.
    »Du kannst gehen, Sardak«, sagte er mit befehlsgewohnter Stimme, während sich die beiden Robenträger schon mit dem Zettel beschäftigten. Das mußte der Marschalk sein.
    »Und Ihr und Euer Knappe kommt näher und setzt euch dorthin, nachdem ihr den Wachen Eure Waffen zur Verwahrung gegeben habt.« Er wies auf zwei geschnitzte Sessel, gepolstert mit weichen Kissen. Nienor schnallte ihr Schwertgehänge ab, an dem lediglich ihr Dolch hing, und übergab es einer der beiden Wachen, die links und rechts neben der Tür standen. Ihr Bogen lag wie ihr Schwert im Lager der Thurg’arsi immer noch unter Verwahrung. Den Gürtel, an dem das Horn der Seeschlange hing, behielt sie um. Dumak hingegen hatte gar keine Waffen bei sich. Den Hinweis, daß er kein Knappe war, verkniff er sich lieber. Die beiden durchmaßen den Raum, während Sardak wieder verschwand und die Tür hinter sich schloss.
    Das Zimmer war mit Parkett ausgelegt und bis zur Decke mit Holz getäfelt. Zwei Fensteröffnungen auf der linken Seite bildeten das Doppelbogenfenster direkt unter den Turmzinnen, das vom Tor aus zu erspähen gewesen waren. Der thronartige Sessel des Marschalks ragte gegenüber der Tür empor. Rechts von ihm befand sich das Fenster, links ein - jetzt allerdings leerer – Kamin. Die beiden Magier oder Priester oder was immer sie waren, gingen zu einem Tisch, der etwas abseits stand und einiges kompliziert aussehendes Gerät enthielt, mit dem sie hantierten. Leise klirrte oder klapperte hin und wieder etwas davon.
    »Wie lautet Euer Name?«, wurde Nienor gefragt. Es klang nach höflicher Floskel, jedoch nicht unfreundlich.
    Nienor verbeugte sich. »Ich bin Nienor de Brethil, Sire Romuald, eine Kriegerin aus Myrtana. Neben mir steht Dumak. Er ist Barde und begleitet mich. Wir sind von Gorthar zusammen mit einer Händlerkarawane hierher gekommen und möchten noch weiter nach Süden reisen. Bis in die Heimat der Händler, die eine Wüste sein soll, so wurde mir gesagt«, beantwortete Nienor diese und die kommenden Fragen gleich mit.
    Der Marschalk nickte kurz und zufrieden.
    »Wie lange braucht ihr mit der Formel?«, rief er dann an Nienor und Dumak vorbei den beiden Männern am Labortisch zu. Die beiden berieten sich kurz und einer antwortete dann, daß sie die Studien woanders fortsetzen würden, es jedoch nicht länger als ein oder zwei Stunden dauere. Der Marschalk entließ sie mit einem gnädigen Winken.
    »Setzt euch und Ihr erzählt mir, wie Ihr an die Formel gelangt seid.«
    Die beiden taten, wie verlangt und dann berichtete Nienor, was sie wußte. Sie teilte nur die wichtigsten Dinge mit, wie die Formel in Gorthar in Dumaks Besitz gelangte und welche Abenteuer er deswegen zu bestehen hatte, dann schloss sie damit, daß er ihr die Formel gegeben habe, da er damit nichts hätte anfangen können.
    »Er hat sie Euch einfach so gegeben?«, fragte der Marschalk mißtrauisch.
    »Ja, Sire Romuald«, war die einfache, aber feste Antwort Nienors. Die näheren Umstände gingen ihn gar nichts an, fand sie.
    »Dauerte die Prüfung bei den Fälschungen auch so lange?«, fragte sie stattdessen.
    Jetzt lächelte der Marschalk amüsiert. »So ungeduldig? Ist die Belohnung denn alles, was Euch interessiert?«, gab er in leicht tadelndem Tonfall zurück.
    »Nein, die Belohnung – gesetzt den Fall, die Formel ist echt - ist nicht einmal für mich. Aber ich habe noch eine weitere Frage, Sire, wenn Ihr gestattet.«
    Sire Romuald nickte gnädig.
    »Ist es ungewöhnlich, wenn eine Frau in Eurem Reich zum Ritter geschlagen wird?«
    Die Nasenflügel des Marschalks zitterten für einen winzigen Augenblick ein ganz klein wenig. Doch es hatte ausgereicht, damit Nienor es bemerkte.
    »Ja«, antwortete er dann langsam. »Doch dies wird allein das Problem des stiftenden Ritterordens sein. Der Orden von Cascadun war sich im Vorfeld des Risikos bewußt. Und wie ich seinen Großmeister kenne, wird er dieses auch mit Zufriedenheit tragen, solange er damit seine Unabhängigkeit gegenüber der Leuchtenden Sonne zeigen kann...«
    »Ich verstehe nicht ganz, Mylord«, gab Nienor zu.
    Der Marschalk lachte, zum ersten mal. Plötzlich wirkte er entspannt, amüsiert. »Ohne zuviel verraten zu wollen«, begann er seine Erklärungen, »denn das wird Sanchon Korsun, der Großmeister, schon selbst besorgen, gebietet mir die Höflichkeit, daß ich Euch wohl darauf hinweisen muß, daß diese Mitgliedschaft im Orden von Cascadun vor allem deswegen gestiftet wurde, damit dieser Orden zeigen kann, daß ihm ebenfalls am Wohle des Reiches gelegen ist und nicht nur den Priestern der Leuchtenden Sonne. Dieser Platz im Orden muß nicht, wie sonst von der Leuchtenden Sonne beglaubigt werden. Er ist also unabhängig von den Priestern. Ihnen damit ein Schnippchen zu schlagen, hat den alten Sanchon wohl gereizt. Ich glaube fast, daß Ihr eine Frau seid, wird ihn noch mehr freuen, wettert doch die Sonne ständig gegen Frauen, die Waffen führen. Doch nehmt es ihm nicht krumm.«
    Der Marschalk lächelte versonnen. Fast wirkte er zufrieden. Scheinbar war er eher Sanchons Meinung, als der der Innospriester.
    »Warum erzählt Ihr uns das alles? Was ist, wenn die Formel falsch ist?«, fragte Dumak plötzlich.
    »Ganz einfach: Ist die Formel eine Fälschung, kommt ihr beide ins Verlies und werdet das Tageslicht nur noch aus den Erzählungen neuer Gefangener kennen lernen. Doch ich glaube inzwischen, daß Eure Formel tatsächlich echt sein wird, denn so viel Zeit haben die Gelehrten noch nie mit einer davon verbracht und deshalb kann ich es Euch gleichwohl sagen. Ich fürchte also, Ihr seid ein Spielball politischer Intrigen. Da trifft es sich gut, daß Ihr weiterzureisen gedenkt. Man wird Euch in der Hauptstadt sicher bald vergessen haben und für Eure Sicherheit wird es auch besser sein, nicht zu lange in Coïmbra zu verweilen. Verlierer können manchmal sehr rachsüchtig sein. Je nachdem, wieviel sie verlieren.«
    Er lächelte noch einmal hintergründig. Weder Nienor noch Dumak verstanden diese Anspielung. Doch noch ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, flog die Tür auf und die beiden Kuttenträger stürmten herein. »Sie ist es, sie ist es, Innos sei Dank«, jubelten sie atemlos. Scheinbar hatten sie den ganzen Turm im Laufschritt erklommen.
    »Es ist die wahre Formel, alle Zeichen der Echtheit wurden gefunden.«
    Der Marschalk hatte sich erhoben und war den beiden Priestern entgegen gekommen. Nun nickte er nur und ließ sich das Papier geben.
    »Danke, ihr könnt euch nun zurück in eure Räume begeben. Man wird euch entlohnen.«
    Die beiden verbeugten sich knapp und schlossen dann die Tür hinter sich.
    »Ihr und Euer Barde hingegen«, er wandte sich wieder an Nienor und Dumak, »werdet von den Leuten des Großmeisters abgeholt. Ihr seid Gäste im Stadthaus des Ordens. Morgen, am Tag der Bittsteller, werdet Ihr zum König gebracht, der den Ritterschlag durchführt und die von der königlichen Kanzlei angefertigte Urkunde mit der Bestätigung Eures Wunsches unterzeichnet und an Euch überreicht.«
    Auch Nienor und Dumak wandten sich zur Tür, da reif sie Sire romuald noch einmal: »Ach, ehe ich es vergesse: Wie lautet Euer Wunsch Mylady Nienor.«
    Nienor drehte sich langsam um, schaute den Marschalk an und sagte: »Mein Wunsch lautet, daß den Thurg’arsi der Handel wieder erlaubt werde...«
    »Mhm, ungewönlich, aber kein Problem.«
    »... und zwar innerhalb der Mauern aller Städte des Reiches Haruthar, die sie zu bereisen gedenken. Sie sollen frei nach ihrem Willen wie jeder andere Besucher alle Straßen und Plätze betreten können und Handel treiben an allen dafür vorgesehenen Plätzen, so wie jeder Bürger Haruthars.«
    Dem Marschalk blieb das Wort im Hald stecken.
    Dann lachte er plötzlich lauthals los. Er freute sich unbändig.
    »Hahahahaha. Das ist gut! Das ist sehr gut!«, grinste er. »Sanchon wird sich die Hände reiben, wenn er das hört und der Leuchtenden Sonne wird es schlaflose Nächte bereiten. Da hat sich der Großmeister ja vielleicht etwas eingebrockt mit Euch. Hahahaha. Aber keine Sorge, ich werde es veranlassen. Der König wird zu seinem Wort stehen. Der König steht immer zu seinem Wort.«
    Und so verließen sie einen lachenden Marschalk, der plötzlich so gute Laune hatte, wie schon lange nicht mehr. Im Hof warteten schon einige Bewaffnete, die sich als Angehörige des Ordens von Cascadun zu erkennen gaben und darum baten, Nienor und ihre Begleitung ins außerhalb des Palastes gelegene Ordenshaus bringen zu dürfen.

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    Nienor is offline
    »Willkommen in der Herberge unseres Ordens in Coïmbra«, scholl es Dumak und Nienor entgegen. Ein etwas untersetzter Mann im von einem Waffenrock verdeckten Kettenhemd, schon nicht mehr ganz jung, lief ihnen eine Treppe hinab entgegen. Sie standen im Innenhof des Ordenshauses, einer vierflügeligen Anlage, deren Zugang durch einen gewölbten Gang führte. Im Innenhof stieg die Treppe, die der Ritter gerade hinabstieg, zu einer Galerie hinauf, die zu den Zimmern des Obergeschosses führte. Das Prunkstück des gepflasterten Hofes war ein kunstvoller Springbrunnen. So etwas Schönes hatte Dumak noch nie gesehen. Staunend betrachtete er die lebensechten Gestalten. Ein steinerner Drache spie eine wässrige Fontäne aus seinem weit geöffneten Maul. Die Schwingen hatte er furchterregend ausgebreitet. Ein Ritter schützte sich mit seinem Schild gegen den Wasserstrahl und so perlte das Naß davon ab und gelangte in ein flaches Becken, dessen Mitte eine Felseninsel mit dem Drachen darauf bildete.
    Der Ritter, der sie begrüßte, achtete nicht darauf. Er sah diesen Brunnen vermutlich jeden Tag. »Willkommen in unserem Ordenshaus«, wiederholte er. »Ich bin Elias, Sire Sanchons Adjutant. Der Großmeister erwartet Euch. Doch keine Sorge, die Unterredung wird nicht allzulange dauern, danach könnt Ihr Euch ausruhen. Erst am späten Abend wird er Euch noch einmal sehen wollen. Folgt mir.«
    Nienor stieg die Stufen empor. Dumak folgte ihr in einigem Abstand. Ein Ritter aus der Gruppe, die sie hierher geleitet hatte, ging hinter ihm und schloß so den kurzen Zug. Der Adjudant führte sie die Galerie entlang bis zu dem Gebäudeteil, der über der Tordurchfahrt lag. Sie traten ein und fanden sich in einem weiten Saal wieder.
    »Nienor de Brethil und ihr Begleiter Dumak«, rief der Ritter, der hinter dem Barden noch in den Saal getreten war, die Besucher aus.
    »Sire Sanchon Korsun, der Großmeister des Ordens von Cascadun«, fuhr er fort und stellte sich dann mit einem stampfenden Schritt und klirrender Rüstung neben den Eingang. Sire Elias setzte sich an einen weiter entfernt stehenden Tisch und beugte sich über einige Papiere.
    Ein Mann drehte sich von der Fensterfront weg und schaute sie an. Er war hochgewachsen, vielleicht um die vierzig, mit Schnauzbart und ein paar grauen Strähnen. Über seinem Waffenrock tzrug er einen weiten Umhang. Einen Ordensmantel, wie Nienor annahm. Er hatte den großen Platz beobachtet, der vor dem Schloß lag und den Nienor und Dumak heute schon zweimal überquert hatten. Von den Fenstern dieses Saales hatte man eine schöne Sicht über den Platz hinweg. Die Händler, die sie vor einigen Stunden beim Vorbeilaufen beobachtet hatten, packten gerade ihre Ware ein.
    »Ich grüße Euch«, ließ sich der Mann vernehmen. »Ihr habt also diese angeblich so wichtige Formel aus den Händen unserer Feinde wiederbeschafft?«
    Er strich sich nachdenklich den Bart.
    »Ich verstehe nicht, Sire«, fing Nienor fragend an, zu sprechen. »Was meint Ihr mit angeblich
    »Versteht Ihr wirklich nicht? Ich weiß nicht, was in dieser Formel stand, aber sie enthielt sicher nicht das Geheimnis der Bearbeitung des magischen Erzes. Ich dachte, das wurde Euch schon eröffnet? Bei der ganzen Sache ging es vielmehr darum, jemandem nachzuweisen, daß er versuchte, Haruthars Geheimnisse an den Feind zu verraten. Ich hoffe, ich enttäusche Euch nicht allzusehr, wenn ich Euch eröffne, daß die Formel selbst wertlos war.«
    Dumak atmete laut aus. Das kontne doch nicht wahr sein! Er riskierte mehrfach sein Leben wegen dem Ding und dann war es nur irgendein wertloser Wisch Pergament?
    Der Großmeister schien Gedanken lesen zu können, denn er sagte: »Die Formel war womöglich wertlos, jedoch nicht der Zettel, denn er hat uns dabei geholfen, Haruthas Sicherheit zu gewährleisten. Haruthar steht also in Eurer Schuld, Mylady Nienor. Und deswegen ist es nur recht und billig, Euch zum Ritterschlag zu verhelfen.«
    »Und vielleicht auch angenehm für Euch, den Innospriestern eins auszuwischen?«, erwiderte Nienor spitz.
    Im Ersten Moment war der Großmeister überrascht.
    »Bei Innos, woher...«, doch dann ahnte er, woher der Wind wehte.
    »Romuald hat Euch da etwas gesteckt, oder?«, mutmaßte er.
    Nienor verbeugte sich leicht. »So ist es und weder Ihr noch ich müssen uns deswegen Vorwürfe machen«, versuchte sie, ihn zu beruhigen. »Ich verstehe die Lage und sehe meine Belohnung als teures Geschenk an, egal, wie die wahren Umstände lauten mögen.«
    »Das ist prächtig«, strahlte der Großmeister.
    »Wißt Ihr, die Pfaffen mischen sich schon viel zu sehr in jeden erdenklichen Bereich ein. Früher hat der Orden – wie alle Ritterorden – seine Ritter selbst ausgesucht, jetzt muß jeder Zugang durch die Innospriester bestätigt werden. Woanders ist es genauso. Ständig muß man den Rat und die Erlaubnis dieser Betbrüder einholen. Wo soll das noch hinführen?«, fragte er und meinte wohl ›Wo soll das Haruthar noch hinführen?‹
    »Und was, wenn ich eine Pfaffenfreundin wäre und eure Reden den Innospriestern hinterbringen würde?«, fragte Nienor lauernd.
    Doch dieses Argument beeindruckte den Großmeister nicht im Geringsten.
    »Ihr reist mit den Thurg’arsi. Das allein reicht, um Euch in ihren Augen als unwürdig dastehen zu lassen, sollte man es im ihnen richtigen Augenblick zu bedenken geben. Nein, nein, ihre Schwäche ist ihre Dünkelhaftigkeit, sie geben sich nicht mit Leuten ab, die nicht einmal ihre Regeln befolgen.«
    »Ihr habt recht, Sire Sanchon. Ich wollte nur prüfen, wie ihr reagiert«, gab die Kriegerin zu.
    »Ihr seid nicht auf den Mund gefallen, das muß ich wahrlich zugeben. Doch wie sieht es mit Euren Kampffertigkeiten aus? Als Ritter des Ordens von Cascadun solltet ihr wenigstens ein Schwert halten können, um Euch nicht zum Gespött der Leute zu machen«, wechselte Sanchon Korsun das Thema.
    »Mit dem Schwert kann Lady Nienor trefflich umgehen, versichere ich Euch.« Dumak war plötzlich vorgesprungen und fing nun an, eine Strophe zu rezitieren:

    »Wild zum Hals das Herze schlägt, der Tod brüllt laut,
    gepanzert zieht die Kriegerin, Verderbens Braut,
    ihr'n blitzend Stahl, des' heller Schein gelöscht vom Blut,
    wenn tief versenkt das Schwert im Herz der Höllenbrut.

    Diese Strophe habe ich für sie geschrieben.«
    Sire Sanchon klatschte anerkennend. »Du scheinst wirklich ein Dichter und Sänger zu sein, wie mir scheint. Komm nach dem Abendläuten wieder in diesen Saal, und trage mir und meinen Rittern zur Unterhaltung eines deiner Lieder vor. Und Lady Nienor natürlich ebenfalls.«
    Dumak verbeugte sich galant und auch Nienor nickte zum Abschied, dann führte sie der Ritter, der sich an der Tür postiert hatte, wieder nach draußen und zu ihren Quartieren. Nienor hämmerte der Schädel seit den Worten Dumaks. Ja, der Tod brüllte laut – in ihren nächtlichen Träumen. Sie war der Tod, sie war Verderben und Verdammnis in einem. Vorsichtig umschloß sie mit der Linken die an einem dünnen Lederriemen um ihren Hals baumelnde Phiole.

  17. View Forum Posts #97
    Archipoeta Dumak's Avatar
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    Nur wenige Stunden später, das Abendläuten war noch nicht verklungen, fanden sich Nienor, Dumak und verschiedene Herren im Saal des Großmeisters ein. Eine Tafel war aufgebaut worden und es wurde aufgetragen. Auch an Bier fehlte es nicht. Doch Dumak kam nicht so schnell dazu, sich am Geschmack des Getränks zu erfreuen, denn Sire Sanchon hatte seinen Auftrag an ihn von vorhin nicht vergessen.
    »Und nun Dumak, erzähle uns eine Geschichte aus deiner Heimat oder von anderswo.«
    Der Barde ließ sich nicht lange bitten und setzte sich auf den bereitgestellten Hocker, der erhöht in einer Ecke des Saales stand. Er hatte seine Laute bei sich.
    »Es mag den Herren vielleicht einfältig und einfach erscheinen, was ich singe«, entschuldigte er sich im voraus, denn er hatte lange nicht mehr vor so erlauchten Zuhörern gespielt.
    »Doch auch die einfachen Dinge enthalten einen wahren Kern, den es herauszufinden gilt. So hört denn zu:

    Der Prinz und der Drache

    Ein neuer Tag die Welt erreicht,
    die Dunkelheit dem Lichte weicht.
    Was gestern hoffnungslos erschien,
    wird heute schnell vorüber ziehn,
    hat Platz zu machen neuen Dingen,
    von manchen werde ich nun singen.

    Vor vielen Jahren, fern von hier,
    in einer Zeit, als Mensch und Tier
    noch sprachen mit der selben Zung
    und die Welt noch schön und jung,
    wuchs auf in einem fernen Reich
    ein Jüngling, klug und schön zugleich.

    Sein Name ist mir nicht bekannt,
    auch der von jenem fernen Land,
    des’ Thron sein Vater einst besessen,
    ist heutzutage längst vergessen.
    Nur noch ein ferner Widerhall
    dringt durch des Vergessens Wall.

    Doch alles ist noch nicht verklungen,
    von alten Taten wird gesungen
    und solang noch Menschen leben,
    wird es diese Lieder geben.
    Denn viele Dinge sind es wert,
    daß man sie auch in Zukunft hört.

    So laßt mich denn mein Lied erzählen,
    nicht länger soll euch Neugier quälen.
    Es geht um Liebe, Schmerz und Leid,
    um Trauer und um Einsamkeit,
    doch auch für Freude ist hier Platz
    und gutem End’ im letzten Satz.

    Der Königssohn, von dem ich sprach,
    ihn plagte einst ein Ungemach.
    Zu eng das Schloß des Vaters schien,
    so bat er ihn: ›Oh laß mich ziehn,
    zu sehn, was in der Welt passiert,
    mein Herz nach Abenteuern giert.‹

    Des Königs Herz jedoch fast brach
    und unter großem Weh und Ach,
    es hätt den Kummer nur vermehrt,
    wenn er den Wunsch ihm hätt verwehrt,
    ließ er ihn voller Trauer gehen.
    Würd er ihn jemals wiedersehn?

    Den Jüngling jedoch focht das nicht,
    die Freude stand ihm im Gesicht.
    Er schnallte um das Schwertgehänge,
    stieg auf sein Roß und mit Gepränge
    ritt er zum Tore dann hinaus
    und verließ der Jugend Haus.

    Lange führte ihn sein Weg
    über manchen schmalen Steg,
    hörte Wind in Wäldern rauschen,
    tat so manchem Vöglein lauschen,
    ritt über Brücken, schwamm im Fluß,
    setzt’ hier- und dorthin seinen Fuß.

    Erfuhr die größte Einsamkeit,
    traf keinen Menschen weit und breit,
    mußte gar in großen Städten
    sich vor dem Gewimmel retten,
    ritt über Wiese, Flur und Feld,
    lernte kennen so die Welt.

    Doch die Lust auf Abenteuer
    brannte in ihm wie ein Feuer,
    noch war nicht gelöscht die Glut,
    die ständig nährte seinen Mut
    und ihn trieb auf diese Weise
    zu seiner langen, fernen Reise.

    Und als er ruht auf einem Steine,
    schlägt übernander Bein auf Beine
    und er seine Rüstung lupft –
    das Roß derweil an Gräsern zupft -
    sein Schwert hell in der Sonne blinkt,
    ein Vogel ihm ein Liedlein singt.

    Da läßt er einen Seufzer fahren:
    ›Ach, nach wieviel langen Jahren
    soll ich denn nach Hause gehen,
    kein einz’ges Wunder ich gesehn?
    Meine Reise war vergebens,
    nur Verschwendung meines Lebens.‹

    Da des Vogels Lied erklingt
    und er in klaren Worten singt.
    Der Prinz versteht es Satz für Satz,
    wie er erzählt von einem Platz
    umrahmt von Bergen hoch und steil,
    nicht zu erklimmen ohne Seil.

    Dort in einem tiefen Tal,
    die Berge ringsum sind ganz kahl,
    lebt ein Drache, alt und schlau,
    gefangen hält er eine Frau,
    ein einsam Mädchen, jung und schön,
    läßt sie niemals von sich gehen.

    Traurig klingen ihre Lieder,
    doch sie singt sie immer wieder,
    wenn ihr goldnes Haar sie kämmt
    und die Spangen sie sich klemmt,
    sitzt sie an eines Baches Quell
    und ihre Stimme klingt so hell.

    Der Jüngling hörte ganz gebannt,
    dies Gefühl er nie gekannt,
    lang schon war der Vogel fort,
    doch er saß noch an diesem Ort.
    Er ans Mädchen nur noch dachte
    und sich auf die Suche machte.

    Tags er suchte nach der Stelle
    mit der ihm beschrieb’nen Quelle,
    nachts er fiebrig von ihr träumte.
    Unter ihm sein Roß sich bäumte,
    wenn er es hastig trat mit Sporen.
    War die Hoffnung schon verloren?

    Schließlich er im Bergland stand,
    keinen Weg von hier er fand,
    irrte tagelang umher
    ›Nach Hause find ich nimmermehr.‹
    Und sein Kopf sank in die Hände,
    er erwartete sein Ende.

    Stunden rannen, ungezählt,
    lange er sich hat gequält
    und sich nach Erlösung sehnte,
    endlich sich im Himmel wähnte.
    Sein Körper lag auf weichem Moos,
    der Kopf auf eines Mädchens Schoß.

    Lieblich einer Quelle Klang
    plätschernd an sein Ohre drang.
    Und das Mädchen sprach zu ihm:
    ›Eile dich, du mußt schnell fliehn,
    verweile nicht und lauf schnell fort,
    dies ist ein verfluchter Ort.‹

    Ungläubig und voller Staunen
    hört’ er sie die Worte raunen.
    ›Du schönes Mädchen, sage mir,
    an welchem Orte bin ich hier?
    Ich will nicht ohne dich mehr gehen,
    so lange bleib ich bei dir stehn.‹

    Und er sprang auf und sah sie an,
    so wie man es nur tun kann,
    wenn man im Innersten entzückt
    und die Seele ganz entrückt.
    ›Oh komm doch mit mir, Schönste mein
    und Königin wirst du bald sein.‹

    Da sagte sie: ›Ich kann nicht weg,
    gefesselt bin an diesen Fleck.
    Von einem Drachen wohl bewacht
    bin ich eingesperrt bei Nacht.
    Und aus den Augen läßt er nicht
    mich auch beim hellsten Tageslicht.‹

    ›Ich will das Ungeheuer töten
    und dich befrein aus deinen Nöten‹,
    sprach beherzt der Königssohn.
    Und auf sein treues Pferd er schon
    stieg auf und legt die Rüstung an,
    nimmt seine Lanze an sich dann.

    Das Mädchen warnt ihn: ›Fürchte dich,
    der Drache ist gar heimtückisch.
    Vor seiner List kein Mensch gefeit,
    stets zu Ränken er bereit,
    die du nicht hast vorhergesehn
    nie läßt er dich lebend gehen.‹

    ›Hab keine Angst, mein schönes Kind,
    wir bald wieder zusammen sind.
    Ich habe keine Furcht vorm Drachen,
    werde ins Gesicht ihm lachen,
    schlag mit dem Schwerte auf ihn drauf,
    spieß ihn mit meiner Lanze auf.‹

    Da schlug die Maid die Augen nieder
    ›Ich hoffe sehr, ich säh dich wieder.
    Nimm diesen Ring und noch den Rat,
    wenn du reitest nun zur Tat,
    Drachen niemals Tränen weinen,
    selbst wenn sie noch so menschlich scheinen.‹

    Und so ritt er zum Drachen hin,
    ihn zu töten, stand sein Sinn.
    In der Höhle Windung tief
    auf einem goldnen Schatze schlief,
    der angehäuft mit großer Gier,
    das garstig schöne Schuppentier.

    Mit langem Schwanz und großen Schwingen
    lag er auf all den prächtig Dingen,
    Pokalen, Silber, Gold, Geschmeide,
    es war die reinste Augenweide.
    Ein großes Glitzern und ein Funkeln,
    man sahs von Weitem schon im Dunkeln.

    Und ohne noch zu zögern lang,
    um des Pferdes Zügel schlang
    die Faust, gepanzert, voller Mut,
    der Prinz, und dann mit grimmer Wut
    er sein Roß zum Angriff lenkt,
    zum Stoß die Lanze niedersenkt.

    Jetzt war der Drache aufgewacht,
    im Rachen seine Glut entfacht,
    das Maul aufreißt, die Zähne blitzen
    mit ihren messerscharfen Spitzen,
    die krall’nbewehrten Pranken hebt,
    auf daß die ganze Höhle bebt.

    Der Drache war ein Ungeheuer,
    verbrannt den Prinz mit heißem Feuer,
    daß des Ritters Schutzschild schmolz,
    als wäre es aus morschem Holz.
    Doch der Jüngling nicht verzagt
    Und mutig er den Angriff wagt.

    Gegen das Untier reitet an,
    hebt die Lanze er und dann
    einen Stich mit voller Kraft,
    daß in des Drachens Körper klafft
    eine Wunde tief und schwer
    er bringt ihm bei mit seinem Speer.

    Ein letztes Mal der Atem rasselt
    und die Flammenhitze prasselt,
    dann der Drache ist besiegt
    und er geschwächt am Boden liegt.
    ›So laß mir wenigstens mein Leben,
    ich will dir auch die Jungfrau geben.‹

    Und so kriecht er denn auch fort,
    läßt zurück nur seinen Hort,
    an dem der Prinz sich gütlich tut
    und ihn auf sein Streitroß lud.
    Dann er zu dem Mädchen eilt,
    sie erscheint ihm seltsam kalt.

    Hebt auf sein Roß sie unverzagt,
    dann er mit ihr von dannen jagt.
    Findet nun mit etwas Glück
    den Weg nach Hause er zurück.
    Die Menschen dort die Straßen säumen
    vor Freude jubelnd überschäumen.

    Der Prinz vor seinen Vater tritt
    ›Ich bringe meine Frau dir mit.
    Sie soll die Königin hier werden,
    wenn wir dein Königreich einst erben.‹
    Der König sagt: ›So soll es sein,
    sie sei mir lieb als Töchterlein.‹

    Doch das Glück, das einst gewonnen,
    ist nach kurzer Zeit zerronnen:
    Im Königreich der Tod geht um,
    die Menschen werden still und stumm.
    Jung oder alt, ob arm, ob reich,
    vorm Schwarzen Tod sind alle gleich.

    Er macht nicht halt vor hohen Mauern,
    kann hinter jeder Ecke lauern
    und seine lange Knochenhand
    zerreißt nun auch das Lebensband
    des Königs, der voll Gram regiert,
    das Volk die Hoffnung nun verliert.

    Und in all den trüben Tagen
    hört die Prinzessin man nie klagen,
    nie traurig ihre Worte klangen,
    nie Tränen netzten ihre Wangen.
    Als tapfer dies Benehmen galt,
    doch war ihr Herz wie Stein so kalt.

    Doch schon das nächste Unglück droht,
    es folgte eine Hungersnot.
    Das Korn verdorrte auf dem Feld,
    Brot gabs bald nur für teures Geld.
    So mußten viele Menschen darben.
    und sie zuletzt vor Hunger starben.

    Des Prinzen Last ward immer mehr,
    der Kummer drückte ihn gar sehr,
    doch die Prinzessin focht das nicht,
    nie Tränen netzten ihr Gesicht.
    Hartherzig der Prinzessin Tun
    schien manchen, die sie sahen, nun.

    Ob zweie nicht genügend sein,
    die nächste Plage brach herein:
    Ein Heer die Grenzen überrennt
    und alle Dörfer niederbrennt.
    Der Königssohn die Schlacht verliert,
    der Feind nach noch mehr Beute giert.

    Der Prinz sodann in wilder Flucht
    die Rückkehr in sein Schloß versucht.
    Als er im Hof vom Pferde steigt,
    kein Rühren die Prinzessin zeigt.
    Da merkt auch er: Etwas nicht stimmt
    und er auf eine Prüfung sinnt.

    So zeigt er ihr den goldnen Ring,
    den er einst von ihr empfing.
    ›Wo hab ich diesen Ring hier her?‹
    Sie sagt: ›Das weiß ich nimmermehr.‹
    Nun endlich er den Fehler findet:
    Vor ihm sich der Drache windet.

    Beherzt sein scharfes Schwert er zückt,
    dem Drachen schnell zu Leibe rückt,
    genug hat der ihn nun getäuscht,
    nicht nochmal er ihm entfleucht.
    Der Zorn ihm alle Sinne raubt,
    flugs spaltet er des Mädchens Haupt.

    Und noch im Todeskampf verwandelt,
    des Drachens Leib den Hof verschandelt.
    Der Prinz des klugen Rats gedenkt,
    den die Maid ihm einst geschenkt:
    ›Drachen niemals Tränen weinen,
    auch wenn sie noch so menschlich scheinen.‹

    Schnell auf sein treues Roß er springt,
    den Feind dann mutig niederringt,
    und danach gleich voller Hast
    zur Drachenhöhle ohne Rast
    reitet er in einem fort,
    denn er weiß das Mädchen dort.

    Und als er dann das Tal erreicht,
    findet er sie dort ganz leicht,
    sieht der Prinz sie traurig sitzen,
    in ihren Augen Tränen blitzen.
    ›Der Drache ist nun endlich tot,
    zu Ende ist jetzt unsre Not.‹

    Und er nimmt sie bei der Hand,
    führt sie nach Hause in sein Land,
    und ganz plötzlich kommt zurück
    in sein Königreich das Glück.
    So lebten sie noch viele Jahr
    Als hochgeliebtes Königspaar.«

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    Schwertmeister Nienor's Avatar
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    Im verborgenen Königreich
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    Das Lied war aus.
    Verblüfft meinte der Großmeister: »Woher hast du gewußt, daß der Orden von Cascadun auch der Drachenorden genannt wird? Oder wie soll ich mir sonst erklären, daß du ausgerechnet ein Lied über einen Drachentöter zum Besten gibst? Du bist ein Schlitzohr, gibs zu!«
    »Ich hatte keine Ahnung, Mylord. Das versichere ich Euch«, wehrte Dumak ab. Und so war es auch tatsächlich.
    »Ich habe dieses Lied vielmehr deswegen ausgewählt, weil ich daran gedacht habe, wie ich vor einigen Tagen in der Ferne ein Gebirge sah, in dem - so wurde mir erklärt - Drachen leben würden. Und außerdem zeigt es, daß es nicht immer leicht ist, falsche Schlangen zu erkennen, weil sie sich tarnen und Tricks anwenden. Man muß deswegen immer auf der Hut sein.«
    »Recht gesprochen, Barde«, schaltete sich einer der Ritter ins Gespräch ein. »Wir wissen schon, wo die Schlangen sitzen.«
    »Leider wissen die das aber auch«, meinte ein anderer. Gelächter ertönte. Dumak war sich nicht sicher, ob es noch um Drachen ging oder nicht doch um irgendetwas anderes. Anspielungen, in deren tieferen Sinn er nicht eingeweiht war.
    »Nienor«, wechselte der Großmeister dann sowohl Thema als auch Gesprächspartner. »Ich fragte Euch vor einigen Stunden, ob ihr mit den Waffen eines Ritters umgehen könnt, worauf Euer Barde mir mit seinem Können das Eure offenbarte. Doch wie steht es mit den Waffen abseits des Schwertes. Dem berittenen Lanzenkampf?«
    Nienor schluckte. »Ich muß zugeben, daß ich darin nicht bewandert bin«, antwortete sie dann. »Auch wenn ich zum Ritter geschlagen werde, bin ich doch in Wirklichkeit keiner.«
    Sanchon strich sich nachdenklich den Bart bei diesen Worten. »Eure Bescheidenheit ehrt Euch, Nienor.«
    Er straffte sich und schaute die junge Frau an. »Ich denke, wir werden diesem Umstand abhelfen. Ich gebe Euch einen Brief mit an Graf Pelayo von Sabugal. Pelayo ist ebenfalls mitglied unseres Ordens. Kein Wunder, ist unsere Hauptaufgabe doch der Schutz des Reiches und das kann man in dieser Zeit nirgends so gut schützen, wie an den südlichen Grenzen. Die Straße in die südlichen Länder führt durch Sabugal und wenn Ihr weiterhin mit dieser Karawane zieht, werdet ihr also unzweifelhaft Burg Sabugal ansteuern. Ich werde Euch Graf Pelayo empfehlen, er solle sich doch darum bemühen, Euch das Handwerk eines Ritters beizubringen. Bleibt also einige Zeit bei ihm und laßt Euch von seinen Waffenmeistern unterweisen.«
    Nienor schaute überrascht auf. »Das ist sehr großzügig von Euch, Großmeister. Aber ich weiß nicht, ob ich lange genug in Sabugal bleiben werde.«
    Sanchon Korsun lachte belustigt. »Ach, man merkt schon, daß Ihr noch kein echter Ritter Haruthars seid. Eure schonungslose Ehrlichkeit ist einfach zu erfrischend. Ich wünschte, einige von meinen Leuten hätten diesen Zug auch in sich. Gewöhnt Euch das niemals ab, Nienor, niemals. Es mag Euch manchmal in Schwierigkeiten bringen, doch das ist nichts gegen die Schwierigkeiten, aus denen es Euch heraushält.«
    »Ich werde es beherzigen, Sire.«
    »Gut, gut. Morgen früh wird Euch mein Adjutant in alles Nötige einweihen. Er wird Euch auch mein Schreiben für Graf Pelayo bringen. Die Audienz beim König findet am Nachmittag statt. Von ihm erhaltet Ihr sowohl den Ritterschlag und die dazugehörige Urkunde aus der Kanzlei, sowie auch die Urkunde über die Erfüllung Eures merkwürdigen, doch durchaus interessanten Wunsches. Gesiegelt und mit Unterschrift des Königs. Sie mag den Wüstenhändlern als offizielles Schreiben dienen bei ihren Reisen durch Haruthar. Bis zur morgigen Audienz jedoch seid Ihr und Euer Barde die Gäste des Ordens.
    Die Tafel ist hiermit aufgehoben.«
    Das war das Zeichen für die Anwesenden, gehen zu können, wenn sie es denn wünschten. Einige machten davon auch Gebrauch und verließen den Saal. Andere rückten zu kleinen Gruppen zusammen und besprachen irgendwelche Dinge, in die weder Dumak noch Nienor einen Einblick hatten. Diese Welt hier war ihnen fremd. Trotzdem war Nienor dankbar für die freundliche und aufmerksame Aufnahme hier. Sie machte vergessen, daß es wohl nur um eine Demonstration politischer Macht ging bei ihrer Erhebung zur Ritterin.

  19. View Forum Posts #99
    Archipoeta Dumak's Avatar
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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
    Dumak is offline
    Elias, der Adjutant, war am nächsten Morgen tatsächlich gekommen und hatte Nienor den Brief an den Grafen Pelayo von Sabugal gegeben. Und für Dumak hatte er einen Beutel mit Münzen. Für die Mühen des Barden und als Anerkennung für seinen Auftritt, wie es hieß. So reich war dieser bisher nur selten entlohnt worden. Mit äußerst guter Laune verbrachte er deshalb den Vormittag im großen Saal, von dem aus man eine wunderbare Sicht auf große Teile der Stadt hatte. Das Anwesen in dieser Lage hatte sicher ein Vermögen gekostet. Doch wer, wenn nicht ein Orden konnte sich das leisten?
    Man sah, obwohl sich der Saal nur im ersten Obergeschoss befand (es folgte auch kein weiteres Stockwerk), über die Dächer der meisten anderen Häuser hinweg, da sich der Königspalast und auch der Platz davor, an dem sich das Ordenshaus befand, auf der breiten Kuppe des höchsten Hügels befanden. Die Stadtteile auf anderen Hügeln waren demzufolge niedriger gelegen.
    Auf dem Platz vor dem Palastbezirk hatte sich heute trotz der frühen Morgenstunde eine große Menschenmenge versammelt. Neugierig stellte sich Dumak an eines der großen Fenster und schaute zu, wie sich der Platz weiter füllte. Lange Schatten der Häuser ringsum bedeckten noch den gesamten Platz, da die Sonne noch sehr tief stand. Ob hier wieder Gottesurteile ausgetragen wurden? Zumindest hätte er heute eine etwas bessere Sicht. Doch hier auf dem Hauptplatz wurde ein gänzlich anderes, doch nicht minder grausames Schauspiel - jedenfalls für Leute, die dem Tod, wie er unter den Menschen wütete, ausgelöst von ihnen selbst als seine gelehrigsten Schüler, noch nicht allzu oft begegnet waren - aufgeführt: Die Bestrafung eines Ketzers, der die allumfassende Kraft Innos' geleugnet hatte und stattdessen falsche Götzen anbetete. Innos' Feuer würde ihm die Macht des Sonnengottes zeigen. Davon wußte Dumak jedoch nichts, als er über den Platz schaute, doch seit seinen Erlebnissen in Badajoz war er vorsichtig, was öffentliche Veranstaltungen betraf. Hier wurde der Tod zu oft zum Spektakel für die Massen erhoben.
    Langsam nahm der hölzerne Bau, um den sich die Menschen gruppierten, immer klarere Konturen an. Es handelte sich um ein großes Podest, in dessen Mitte ein hoher Pfahl aufgestellt worden war. Während immer mehr Menschen auf den Platz strömten und bald den hölzernen Bau dicht umlagerten, so daß keine freie Stelle mehr blieb, trugen die Arbeiter, die das Gerüst für das Podest errichtet hatten, große Bündel von Reisig heran und stapelten sie um den Pfahl. Dumak hielt einen Moment den Atem an und murmelte dann leise »Sie werden doch nicht etwa...«, während seine Hände das Geländer, mit dem die Fensterbrüstung abschloß, fester umklammerten. Dumak hatte bisher nur aus Erzählungen anderer von Verbrennungen gehört. In Myrtana war so etwas nur äußerst selten vorgekommen und so starrte er mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen auf den Platz. Seine Gedanken drehten sich um das Opfer, das sicher bald an den Pfahl gebunden, der Flammenhitze ausgesetzt, unter entsetzlichen Schmerzen bei lebendigem Leibe verbrannt werden würde.
    »Ah, heute schicken sie wieder irgend so einen Kerl zu Innos«, hörte er plötzlich eine Stimme neben sich. Es war der Adjutant, der neben ihn getreten war, um vielleicht die milde Luft zu genießen. Er klang gelangweilt.
    »Diese Priester immer mit ihren komischen Veranstaltungen. Ich hoffe nur, es dauert nicht zu lange, immerhin müssen wir ja noch zum König. Sie werden immer schlimmer. Nicht nur, daß sie solche Mätzchen überhaupt veranstalten. Als ob es nicht reichen würde, Verbrecher einfach so zu töten, nein sie müssen aus allem eine Machtdemonstration machen. Und die Leuchtende Sonne muß diesen Hokuspokus natürlich auch noch genau am Audienztag des Königs veranstalten. Diese kleinen schlauen Schlitzohren. Zuvorderst kommt Innos - mit anderen Worten also die Priester selbst, danach erst kommt der König. Das ist ihre Wunschvorstellung, ihre Reihenfolge. Mit dieser Inszenierung da unten üben sie schon einmal kräftig.«
    »Laß dir die Laune nicht verderben, Elias«, rief ein anderer Ritter, der gerade in den Saal gekommen war und nicht umhin kam, die Tirade des Adjutanten mit anzuhören. »Laß sie doch spielen wie Kinder.«
    »Wie Kinder? Pah!«, ereiferte sich der bis vor seinem Gemütsausbruch so ruhig erschienene Elias weiter. »Wart's nur ab, heute spielen sie mit dem Volk und bald spielen sie mit uns. Und am Ende spielen sie mit dem König.«
    Dann wandte er sich noch einmal an Dumak. »Kommt in einer Stunde in den Alkoven der Ordenskanzlei. Dort wird Euch und der Herrin Nienor das Audienz-Protokoll erklärt.«
    Und nach diesen Worten stiefelte er immer noch erregt von dem kurzen Disput über die Innos-Priester davon. Der andere Ritter schüttelte nur mild mit dem Kopf über Elias' Gefühlsausbruch und wandte sich ebenfalls anderen Dingen zu. An denjenigen, der nach dem Willen der Leuchtenden Sonne sein Leben heute geben mußte, hatten sie beide keinen Gedanken verschwendet. Es war nur irgendein gemeiner Verbrecher.
    Mittlerweile war der Scheiterhaufen, denn um nichts anderes handelte es sich, fertig. Die Menge auf dem Platz, die unruhig hin und her wogte und deren Gespräche nur als Meer aus unentwirrbarem Stimmengewirr nach oben an Dumaks Altan brandete, erregte es noch mehr, als sie von einer Reihe Bewaffneter dazu genötigt wurde, eine Gasse zu bilden, in der mit feierlichem Gebahren eine kleine Gruppe Rotgewandeter dahin schritt. Es waren Priester, wie man an den langen Roben erkennen konnte. Langsam näherten sie sich dem Podest, stiegen an einer Treppe an dessen Seite gemessenen Schrittes hinauf und stellten sich in einer Reihe entlang der Kanten des Podestes auf. Am Rand des Platzes erschien ein Karren, gezogen von einem müde dahintrottendem Pferd. Selbst aus der Entfernung konnte Dumak von seinem Platz aus erkennen, daß es eine rechte Mähre sein mußte, die vor den Wagen gespannt war. Ob das zum Ritual dieser Inszenierung gehörte? Einen der Ritter, von denen sich ein paar hinter ihm im Saal an den Tischen und in verschiedenen Fensternischen, wo sie sich auf die steinernen Bänke niedergelassen hatten, um ihren Gesprächen nachzugehen, wollte er nicht fragen. Wie ihm das Gespräch eben bewiesen hatte, war das Interesse dieser Männer an den Vorgängen auf dem Platz nur sehr gering.
    Auf dem Karren konnte der Barde jetzt einen an einen Pfahl gefesselten Mann erkennen. In diesem Augenblick erhob sich die Sonne über die Dächer und begoß den Platz mit ihrem Licht. Die Priester auf dem Podest standen inmitten des Lichtes, während die tiefer stehenden Volksmassen noch im Schatten verharrten. Einer der Priester hub zu sprechen an, doch verstand Dumak nur einzelne Fetzen, wie sie der schwache Wind gerade herüber wehte. Die Schindmähre mit ihrem klapprigen Karren bewegte sich ganz alleine auf dem von den Soldaten freigehaltenen Weg voran, bis sie endlich vor dem Podest stehen blieb. Entweder war das Pferd dazu abgerichtet, dies zu tun, oder die Priester-Magier beherrschten das Tier und steuerten es. Soldaten zerrten den auf dem Wagen Gefesselten grob hinab, während der Priester weiter sprach. Dumak verstand nur wenige Worte: »Innos... hergebracht... Gnade... Macht... Götzen... reinigendes Feuer...« Dann schien der Wind entgültig gedreht zu haben und Dumak hörte nichts mehr, außer das allgegenwärtige Murmeln der Menschenmasse deren Ausläufer sich auch unter den Fenstern des Ordensquartieres befanden. Dumak glaubte, den Mann auf dem Karren trotz der Entfernung erkannt zu haben. Es war der Adanospriester, der in Badajoz festgenommen worden war und der ihm noch einmal mit dem Gefangenentransport, der die Karawane zwischen ebendieser Stadt und der Hauptstadt überholt hatte.
    Plötzlich kam Bewegung in die Menschenmenge. Irgendetwas geschah dort unten. Stimmen wurden laut. Jemand rief etwas. Der Verurteilte, der von Soldaten zum Podest geschleift wurde, wurde plötzlich von einer Schar Menschen umringt, es sah wie ein Handgemenge aus, doch noch ehe man in dem unerwarteten Gewühl etwas erkennen konnte, war es schon wieder durch die schnell herbeigeeilten Soldaten aufgelöst und die Ordnung war wieder hergestellt. Es war wie ein Spuk gewesen, denn es war, als sei nichts passiert. Schnell hatte sich die Menge wieder beruhigt. Ein Soldat näherte sich dem am Boden liegenden Ketzer und riß ihn grob hoch, um mit ihm den Weg fortzusetzen. Von den Verursachern des aus heiterem Himmel hereingebrochenen Tumultes war hingegen merkwürdigerweise nichts mehr zu sehen. Die Menschen auf dem großen Platz standen dicht an dicht, so als ob gar nichts gewesen wäre.
    Die Hinrichtung ging ihren Gang. Der Verurteilte wurde anscheinend von einem Priester befragt, aber entweder antwortete er nicht, oder er tat es so leise, daß Dumak hoch am Fenster und weit weg vom Zentrum des Platzes nichts davon hörte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, in der nichts passierte, außer das vermutete Gespräch zwischen dem Verurteilten und den Priestern. Erst nach einer ganzen Weile wurde der Mann an den Pfahl gekettet. In einem stillen Augenblick hörte selbst Dumak für einen Moment das Rasseln der eisernen Kettenglieder. Und dann wurde Feuer an den Reisighaufen gelegt, indem einer der Priester ohne sichtbares Hilfsmittel zwei Fackeln, die ein anderer in den Himmel hielt, entzündete, sicher auf magische Weise, und diese Fackeln in den Haufen steckte. Rauch stieg auf und erhob sich zu einer hohen Säule, die sich immer weiter in den Himmel schraubte. Dumak hielt sich noch immer mit eisernem Griff an der Balustrade fest, innerlich zerrissen zwischen dem Wunsch, sich zu entfernen, um das nicht mit ansehen zu müssen und dem fatalen Verlangen, diesem ungewöhnlichem Schauspiel beizuwohnen. Doch da befreite ihn ein Ruf von der Notwendigkeit, eine Entscheidung treffen zu müssen.

  20. View Forum Posts #100
    Schwertmeister Nienor's Avatar
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    Nienor is offline
    »Dumak! Wo bleibst du denn?«
    Nienor, wegen der heutigen Audienz gekleidet in ihre funkelnde Rüstung, war unbemerkt in den Saal getreten, hatte ihn durcheilt und zog den Barden nun vom Fenster weg, ohne überhaupt auf das Schauspiel draußen auf dem Platz zu achten.
    »Jetzt komm endlich und starr hier keine Löcher in die Luft.«
    Dumak erwachte wie aus einer Trance und beeilte sich, Nienor zu folgen. Hinter ihm stieg der Geruch verbrannten Fleisches in den Himmel und wurde von einem hinterhältigen Windstoß genau in die Richtung des Ordensquartieres geblasen.
    »Sie verbrennen draußen gerade einen Menschen«, versuchte er, ihr zu erklären, während ihn der Geruch kurz streifte und für einen Moment Übelkeit verursachte.
    »Und das wolltest du dir natürlich nicht entgehen lassen, ja?« Ein vorwurfsvoller Unterton schwang in Nienors Stimme bei dieser Frage mit.
    »Nein... Ja... Ach, ich weiß nicht.« Und das tat er tatsächlich nicht. »Eigentlich war es schrecklich. Und doch mußte ich zwanghaft hinschauen. Seltsam, früher hab ich mir über Grausamkeiten nicht viele Gedanken gemacht. Sie passierten einfach. Gehörten eben zum Leben dazu. Du weißt schon, eines der üblichen Risiken. So wie wilde Bestien in den Wäldern oder die Orks. Wer Pech hatte, begegnete eben den falschen Leuten.«
    »Aber?« hakte Nienor nach, während sie den Saal verließen und in den Gang, der zur Kanzlei führte, einbogen.
    »Jetzt finde ich es grausam. Also ich meine, ich finde Grausamkeiten nicht gut. Das Leben ist unsicher genug. Die Menschen müssen es sich nicht gegenseitig noch beweisen, dass sie... ach, laß uns nicht darüber reden. Bringen wir das hier alles schnell hinter uns.«
    Beide gingen schweigend den langen Gang entlang, an dessen Ende sie die Kanzlei betraten.
    »Nun, hier sind wir«, begrüßte Nienor die Anwesenden, unter ihnen den Schreiber, einen Mann mit kurzen schwarzen Haaren, einem Spitzbart und von Tinte schwarz gefärbten Fingerkuppen.

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