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    Post [Story]Laidoridas und die ominösen Stichwerkfrauen

    Laidoridas
    und die ominösen Stichwerkfrauen
    Last edited by John Irenicus; 16.08.2019 at 00:12.

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    Auf einer Anhöhe eine Plattform und auf dieser ein Raum, in den eine ansteigende Felsrampe von draußen hineinführte, die nicht einmal besonders lang war, und der Raum selbst war vielleicht gar kein richtiger Raum, denn es gab zwar Seitenwände, aber sie waren dreieckig mit scharfen Spitzen und schlossen nicht ganz ab, gaben den Blick auf die dunkle Steinwüste frei, die die Anhöhe umgab und die in der Ferne im Nichts mündete. Eine Decke hatte der Raum auf der Anhöhe eigentlich auch nicht, und so war der Sternenhimmel gänzlich freigegeben. Das orangene Licht fremder Planeten aus dem All mischte sich mit dem bläulichen Schimmern diverser Instrumente und Konsolen am Boden. Es gab nicht viel zu sehen und genau deshalb war die Beleuchtung gerade ausreichend. Ein besonders heller Stern, vielleicht der Polarstern, ließ sein Licht auf einem Visier reflektieren. Das Visier gehörte zu einem großen, runden Helm, der Helm gehörte zu einem großen, weißen Anzug, und der Anzug wiederum gehörte einem Jemand, der nun langsam auf die Rampe zu schritt. Er hätte den Anzug noch nicht tragen müssen, aber er wollte sich frühzeitig an ihn gewöhnen. Ängste, Sorgen, Wünsche und Befürchtungen überwarfen sich in ihm, von denen manche entscheidend, geradezu existentiell waren, von denen andere wiederum im Vergleich trivial schienen, dabei aber trotzdem hartnäckig in dem Orbit kreisten, den man so leichtfertig Verstand nannte. Eine Sorge davon war gewesen, dass der Anzug unbequem oder gar beklemmend sein würde. Aber das war er nicht. Der Anzug war schwer, das war alles. Ein bisschen zu schwer. Aber das war er nur auf der Erde, nicht im All.
    Am Ende der Rampe war eine Rakete aufgestellt. Nur eine weiße Rakete, kein Shuttle. Sie war nicht groß, eher klein. Sie ragte auf in der Höhe zweier erwachsener Menschen und war dabei in etwa so breit wie ein geräumiger Fahrstuhl. Gehalten, nein geführt wurde sie von einem Gestell, das sicherlich aus Stahl, dabei aber so dünn wie Draht war. Von weiter weg konnte man es für eine Kunstinstallation halten. Ebenso machten die endlosen, dunklen Weiten rund um die Plattform und das Sternenfirmament, das alles zusammenhielt, eher den Eindruck von Darstellungen in einem Planetarium als den eines wirklichen, wahrhaftigen Ortes. Eine Projektion oder ein Bild, futuristische Fantasien eines unbekannten Malers. Aber egal, wie es aussehen oder erscheinen mochte: Dieser Ort war echt, es gab ihn.
    Die Klaviermelodie aus der Ferne war dagegen reine Einbildung. Wenn sie überhaupt irgendwoher kam, dann aus der Ferne seines eigenen Gedächtnisses. Es war nicht schlecht und auch nicht das erste Mal, dass in seinem Kopf Melodien erwachten, wenn der Moment es erforderte. Wenn er sie benötigte, um Nervosität in souveräne Anspannung oder Langeweile in geheimnisvolles Abwarten umzudeuten. Es war die musikalische Untermalung in seinem Kopf, die so manches Geschehen erst aushaltbar machte.
    Die Melodie dieses Mal aber klang nach Abschied. Und das, obwohl er längst alleine war. Er war allein an die Startrampe gekommen und würde sie auch allein wieder verlassen. Kein Mensch würde sein Verschwinden bemerken, kein Mensch würde Notiz davon nehmen, wie er in die Rakete steigen und wenige Augenblicke später gen Sternenhimmel hinauffahren würde. Und so würde eine spektakuläre Reise ins All zum allerersten Mal ein heimlicher Akt sein, die versteckte Tat eines Einzelnen, so unbemerkt und banal wie ein nächtlicher Spaziergang. Still, ruhig und im Dunkeln. Für die Reise ins All benötigte er keine fremde Hilfe und keine Beobachter. Sobald er in die Kapsel getreten sein würde, würde sich die Tür hinter ihm schließen und der Start würde beginnen. Das Steuern würden die Maschinen übernehmen, alles war vorbereitet.
    In diesem Moment wurde ihm erst so richtig klar, wie wenig Bedeutung es hatte, dass er diese Reise am liebsten gar nicht unternommen hätte. Aber er musste sie unternehmen, er musste in diese Rakete steigen und ins All, denn es gab niemand anderen, der es machen konnte oder wollte. Niemand anderen, der überhaupt wusste, worum es hier ging. Vielleicht hätte es, unter anderem Umständen und einem anderen Verlauf der Dinge, jemanden gegeben. Dann stünde er jetzt nicht im Raumanzug vor der versiegelten Einstiegsluke der Rakete, dann wäre er jetzt nicht in dieser dunklen, verlassenen Steinwüste, sondern irgendwo ganz anders, wo die Welt noch hell war. Und jemand anderes wäre an seiner Stelle.
    Er atmete noch einmal tief in sich und seinen Anzug hinein. Die ganzen hypothetischen Geschehensverläufe, die er durchspielte, brachten nichts, nicht einmal Trost. Es war jetzt an ihm. Wenn er die Einstiegsluke der Rakete öffnen, sich hineinsetzen und die Luke wieder schließen würde, dann würde das automatische Startprogramm das entscheidende Signal bekommen. Es würde alles funktionieren, denn das hier war Technik, die nicht versagte. Der einzige, der versagen konnte, war er selbst. Aber was immer ihn dort oben auch erwartete – er würde alles daran setzen, seine Mission zu einem erfolgreichen Ende zu führen.

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    Ein Strudel riss alles fort. Einen Augenblick später lief kühles Nass aus einem Wasserhahn, mit dem Laido nicht nur seine Hände, sondern auch die Handgelenke benetzte, denn er hatte vor langer Zeit mal in einem Arztwartezimmer in der Apotheken-Umschau gelesen, dass das bei heißem Wetter besonders wohltuend war. Und es war heiß, äußerst heiß, schon seit Wochen. Laido sah kurz in den Spiegel. Seine Haare klebten leblos an seiner Stirn, seine Haut hatte bereits ein paar kleine Pickel gebildet, wo er sich kurz zuvor noch rasiert hatte. Das war die hohe Luftfeuchtigkeit. Das dauerfeuchte Badezimmer machte es nicht besser. Ein Blick in die Ecke über der Dusche. Der Schimmel war nicht weiter gewachsen, aber vielleicht sollte er etwas gegen ihn tun, bevor er sich weiter ausgebreitet hatte, und nicht erst danach. Sonst war das Badezimmer schön: Hell, freundlich, und er hielt es strikt sauber. Ans Bad hatte er sich bei seinem Einzug ins Apartment am schnellsten gewöhnt. Vieles andere ließ dagegen bis heute auf sich warten und würde vielleicht auch niemals kommen.
    Laido trat aus dem Badezimmer in den Flur. Es war eigentlich kein wirklicher Flur, allenfalls ein Gang. Laido dachte darüber als den Rest zwischen den Räumen. Der Teil an Wohnfläche, der von den anderen Zimmern zerstückelt war und keinen Platz mehr für einen eigenen Raum ließ, sondern allenfalls für die schmale Garderobe mit dem kleinen Fach für seine Schuhe und die größtenteils unbenutzte Kommode. Der Bodenbelag war PVC in Holzoptik. Das war eine der Sachen, an die sich Laido wohl nicht gewöhnen würde, denn es sah hässlich aus und fühlte sich hässlich an. Aber es war ja nur der Flur.
    Das Wohnzimmer lag im Halbdunkel, als er es betrat, aber das war nicht immer so und in diesem Falle außerdem gewollt. Laido mochte dieses schummerige Licht zwar nicht, aber die Rolladen herunterzulassen war die einzige Möglichkeit, wenigstens ein bisschen der Hitze draußen zu halten. Dennoch war es im Wohnraum viel zu warm, und die hohe Luftfeuchte machte es hier drin auch einen Tick muffig.
    Sein Blick streifte den hellen runden Tisch, der in etwa in der Mitte des Raumes stand und um den herum eine kleine Sitzgruppe drapiert war, bestehend aus einem Sessel, einem Stuhl und einem Sofa, die alle drei nicht zusammenpassten. Dafür sah es aufgeräumt aus, als wäre Laido erst vor einem Tag hier eingezogen. Er selber saß lieber an seinem Schreibtisch, und andere Leute lud er nicht ein – er wollte das nicht und durfte das auch gar nicht. Während dieser Umstand bei anderen Leuten in anderen Wohnungen der Freifahrtsschein für endloses Chaos gewesen wäre, war die Konsequenz hier in Laidos Behausung unberührte Ordnung. Es kam selten genug vor, dass er überhaupt einmal ein Glas auf diesem Tisch abstellte.
    Die Dielen knarzten, als Laido zu seinem Schreibtischstuhl herüberging, und dieser wiederum machte ein, zwei dumpfe Geräusche, als er sich auf ihm niederließ. Dann ein anderes Geräusch, ein Rollgeräusch: Schublade auf. Der Blick ging kurz an die Pinnwand, an der ein Zettel hing, auf dem Laido das WLAN-Passwort hatte notieren wollen, bevor man ihm gesagt hatte, dass es hier kein WLAN gab. Kein WLAN, aber doch so etwas wie Internet. Hier lief alles ein bisschen anders, doch immerhin lief es.
    Seinen Laptop benötigte Laido gerade aber nicht. Stattdessen zog er ein blau-weißes Schreibheft hervor, das auch hier, wie in Deutschland, Collegeblock genannt wurde, obwohl es zumindest in Deutschland gar keine Colleges gab. Laido war dazu übergegangen, wichtige Dinge handschriftlich niederzulegen, und man hatte es ihm für manche Dinge sogar besonders angeraten.
    So zum Beispiel für sein Traumtagebuch. Zu führen handschriftlich und am besten nicht allzu lange nach dem Aufstehen, weil die Traumerinnerung sonst verfloss oder verfälscht wurde. Deshalb hatte Laido bereits einen der vielen Kugelschreiber aus dem grauen Döschen vom Schreibtisch geangelt und die linierten Seiten des Blocks aufgeschlagen. Die Nummer des Tages notiert, dann das Datum an den Rand, beides unterstrichen mithilfe einer kleinen Pappe, die er sich in Ermangelung eines Lineals entsprechend zurechtgeschnitten hatte. Hatte er sich anfangs noch zumindest innerlich dagegen gewehrt, seine persönlichen Träume niederzuschreiben, um sie dann mit jemand anderem zu besprechen, so genoss er jetzt zumindest den Akt des Schreibens selbst, denn er schien ihn innerlich aufzuräumen.
    Laido hatte eine Zeile unter Datum und Tagesangabe freigelassen und wollte den Stift gerade wieder aufsetzen, da klopfte es an der Tür. Zweimal ans Türblatt, einmal sachte gegen das kleine Milchglasfenster am oberen Ende. Laido erkannte das Klopfen.
    Er drückte einmal auf den Kugelschreiber – er mochte es nicht, wenn Leute Kugelschreiber offen herumliegen ließen – und stand auf. Den Block ließ er geöffnet, er hatte eine neue Seite angefangen, da stand also nichts weiter, was jemand beim Drüberschauen hätte lesen können. Als er an der Tür seines Apartments war, begann sein Besucher erneut mit dem Klopfsignal, aber Laido unterbrach es mittendrin, indem er öffnete.
    „Laido, ich grüße dich!“, sagte der mittelgroße Mann mit den mittelkurzen, schwarzen Haaren. Sie waren leicht lockig und mit etwas Gel gezähmt und zurückgekämmt. Sein Gesicht – sonnengebräunter Teint auf ohnehin schon naturbrauner Haut – verzog sich zu einem gewinnenden Lächeln, das kleine Muttermal auf dem Nasenrücken tanzte dabei auf und ab.
    „Hallo, Andrés“, begrüßte Laido ihn, wie immer ohne Handschlag, das war zwischen den beiden so üblich. Er machte einen kleinen Schritt zur Seite und ließ Andrés an ihm vorbei. Es war ein eingespieltes Ritual, sie machten das nicht zum ersten Mal. Während Laido die Tür wieder verschloss – er musste sich beim Zumachen von innen einmal kräftig an genau der richtigen Stelle mit der Hüfte gegenstemmen, damit sie einrastete, andernfalls hätte er sie zuknallen müssen – war Andrés bereits in die Mitte des Wohnzimmers geschritten. Dort blieb er wie angewurzelt stehen. Andrés hatte sich hier noch nie gesetzt, wahrscheinlich setzte er sich nie irgendwo hin, er war einfach ein Steher.
    „Schön warm hier“, sagte er und meinte es vermutlich ernst. Die Dielen bogen sich unter seinem Gewicht. Man sah es Andrés nicht an, doch er musste sehr schwere Knochen haben.
    Andrés Fabián Isidro. Das war sein voller Name, und bei Isidro hatte Laido natürlich aufgemerkt, als man sie einander vorgestellt hatte. Mittlerweile sah er über diese und andere Zufälle aber mit großer Gelassenheit hinweg.
    „Was gibt’s denn?“ Erst jetzt bemerkte Laido, dass Andrés eine unscheinbare Plastiktüte mit sich trug, die wie festgewachsen an seiner Hand war.
    Andrés, der auf die Rolladen geschaut hatte, wandte sich zu Laido um und lächelte. Er war ein gutaussehender Typ, aber nicht so spektakulär gutaussehend, dass er unter den anderen jungen Männern in Argentinien zu sehr aufgefallen wäre.
    „Eigentlich nichts“, sagte er. „Ich habe nur ein paar Besorgungen gemacht, und ich dachte mir, ich schaue auf dem Weg zurück einfach mal bei dir vorbei.“
    „Du schaust einfach mal bei mir vorbei“, wiederholte Laido skeptisch. „Das machst du doch sonst nie.“
    Andrés zuckte mit den Schultern. „Einmal ist immer das erste Mal. Wenn es dich stört …“
    „Nein, es stört mich nicht“, sagte Laido, und das stimmte, denn er hatte Andrés von Anfang an zwar als etwas zu geheimnisvolle, aber doch sehr angenehme Person empfunden. Andrés arbeitete für die gleichen Leute wie er, hatte dabei aber nicht spezifisch mit Laido und seinen Tätigkeiten zu tun, was für Laido sehr entlastend war. Andrés wusste Bescheid, ohne aber zu viel Bescheid zu wissen, er sprach, ohne zu viel nachzufragen und konnte einen so ganz nebenbei auch mal aufmuntern. Andrés war Bote, Kurier und Organisator in einem, das brachte ganz automatisch eine gewisse Diskretion mit sich. Er hatte auch dabei geholfen, Laidos Apartment einzurichten.
    „Was für Besorgungen denn?“, fragte Laido dann, bevor das Schweigen zu lang wurde.
    „Für Gomi“, antwortete Andrés nur.
    „Ich ahne Schlimmes“, entgegnete Laido mit halb gespieltem, halb ernstem Befürchten. „Ich habe heute noch Sitzung bei ihm. Kannst du ihm nicht sagen, du hättest die Räucherstäbchen diesmal nicht bekommen?“
    Andrés grinste breit und stumm, das war seine Art zu lachen, und selbst die war diskret.
    „Fürs Lügen bin ich nicht geschaffen.“
    „Na komm, einmal ist immer das erste Mal …“
    Laidos Blick schweifte auf die Tüte in Andrés' Hand. Sie war weiß, es hätte alles Mögliche in ihr drin sein können. Eine Ausbeulung an ihr aber war unverkennbar.
    „Du hast auch Toilettenpapier gekauft“, stellte Laido fest. „Kannst du mir da vielleicht eine Rolle abgeben? Ich habe zwar noch welches, aber ich habe lieber eine etwas größere Reserve im Haus, weißt du?“
    Jetzt setzte Andrés seinen skeptischen Blick auf.
    „Spielt deine Verdauung denn etwa immer noch verrückt? Wie lange bist du jetzt schon hier? Einen Monat, zwei Monate, noch länger? Solltest du dich da nicht … wie sagst du immer? Akklimatiert haben?“
    „Naja … meine Verdauung ist jetzt eher ein seltsames Gesprächsthema, oder?“
    „Ich mein ja nur. Laido, nichts für ungut, aber der ganze Kram hier ist für Gomi. Morgen oder übermorgen gehe ich für dich einkaufen, da packe ich dir extra nochmal was ein, in Ordnung? Wenn du sagst, du hast ja noch welches …“
    „Ja, ja, ist gut“, lenkte Laido ein. „War nur so ein Gedanke. Aber wenn ich dann noch eine Bestellung aufgeben dürfte: Bitte ein Ventilator. Es ist hier kaum auszuhalten.“
    Andrés sah sich ein wenig im Raum um, als wüsste er nicht, was es hier nicht auszuhalten gäbe, nickte dann aber. „Ich werd' sehen, was sich machen lässt.“
    „Danke.“
    Sie schwiegen eine Weile. Laido steckte die Hände in die hinteren Taschen seiner Hose und machte mit den Beinen ein paar Verlegenheitsdehnübungen. Andrés stand einfach weiterhin starr im Raum herum. Als Laido gerade noch etwas sagen wollte, nichts Wichtiges, brach sein Besucher die Starre wieder.
    „Dann geh ich mal hoch“, kündigte Andrés an.
    „Mach das.“
    Andrés lächelte ihm zu, stapfte in den Flur zur Tür und verließ die Wohnung wieder. Es war ein seltsamer Besuch gewesen, aber mit Andrés wurde es gerne mal etwas seltsam. Laido mochte ihn, keine Frage, aber er kannte ihn gar nicht so richtig. Andrés hatte eine Art, jegliche Fragen, die andere Leute über ihn hatten oder haben könnten, von ihm abzuschirmen, noch bevor sie überhaupt ausgesprochen waren, vielleicht sogar bevor sie überhaupt gedacht waren. Wahrscheinlich war das auch Teil seines so diskreten Verhaltens. Andrés war wirklich wie gemacht für seine Tätigkeit.
    Obwohl sie gar nicht so viel gesprochen hatten, kam es Laido mit Andrés Abwesenheit nun auf einmal sehr still vor. Er hatte das schon häufiger erlebt. In seinen bisherigen Wohnungen war es immer still gewesen, er war nunmal kein lauter Mensch, aber immer, wenn dann doch mal jemand bei ihm gewesen war, wirkte es nach dem Ende des Besuchs noch einmal viel stiller. Oder anders still, es war immer eine andere Stille, ein anderes Schweigen als zuvor.
    Laido schüttelte den Gedanken ab und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sein Blick fiel auf seinen Schreibtisch. Ihm wurde mal wieder nachdrücklich bewusst, warum Gomi so sehr darauf beharrte, dass Laido seine Träume möglichst direkt nach dem Aufwachen niederschrieb: Jede Minute, die seit dem Ende des Traums verging, noch dazu solche, in denen man sich mit ganz anderen Sachen beschäftigte, drohte die Erinnerung zu verfälschen, zu verkleinern oder sogar gänzlich auszuradieren. Laido hatte von Gomi zwar gewisse Techniken beigebracht bekommen, um die Träume zu erhalten und seine Erinnerungen zu bewahren, aber ganz immun war er gegen den natürlichen Erinnerungsverlust nicht. Und so fiel es ihm jetzt schon schwer, die vielen kleinen Details seines Traums zusammenzubekommen. Das Grundgerüst seiner Erinnerung stand aber noch, und wenigstens das wollte er zu Papier bringen.
    Laido hatte sich gerade wieder vor seinem Schreibtisch niedergelassen, als ihn ein merkwürdiges, fremdes Geräusch zusammenfahren ließ. Er dachte zuerst an eine Art Hausalarm, wohlwissend, dass es so etwas in diesem Gebäude vermutlich gar nicht gab. Dann klingelte es bei ihm – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Geräusch kam ihm so merkwürdig vor, weil er ewig keinen Anruf mehr bekommen hatte. Laido nahm den weißen Hörer ab.
    „Hallo?“
    „Hey, Tommy, bist du das?“
    Laido erkannte die Stimme sofort.
    „Darauf darf ich doch gar nicht antworten, wurde mir gesagt. Ich soll mich doch extra nicht mit meinem Namen melden.“
    „ … Ja, war nur ein Test! Hey, Tommy, ich bin es, Jacob! Schön, dich mal wieder zu hören!“
    „Das sagt der Richtige“, antwortete Laido mit milder Verärgerung. Wäre es ihm nicht so drückend warm gewesen, er hätte Lust gehabt, etwas von seinem angestauten Zorn hochkochen zu lassen. Jacob war, kurz nachdem er Laido nach Argentinien gebracht – oder besser gesagt entführt – hatte, spurlos verschwunden. Er hatte ihn mit diesen Leuten zurückgelassen, mit Andrés und diesem Gomi und zwischenzeitlich noch anderen, fremde Leute, teils welche, mit denen er sich nicht einmal richtig verständigen konnte. Erklärt hatte man ihm nur das Nötigste, und vor allem hatte man ihm über die Rolle Jacobs in dem Ganzen unklar gelassen, und ein ums andere Mal hatte Laido das Gefühl gehabt, sie wollten Jacob bewusst schützen. Mittlerweile hatte Laido herausbekommen, dass Jacob irgendwie für diese mysteriöse Organisation arbeitete, aber in welcher Funktion genau und ob er ihr überhaupt wirklich angehörte, das wusste er nicht. Laido war sich nicht einmal sicher, ob dieses Gebilde, das irgendwo zwischen Unternehmensmafia und esoterischem Zirkel anzusiedeln war, derartige Hierarchien überhaupt kannte. Alles war lose, alles war im Fluss, verbindlich unverbindlich. Wenn Laido es sich recht überlegte, dann war es kein Wunder, dass Jacob gerade mit diesen Leuten angebandelt hatte.
    „Hey, Tommy, das tut mir ja auch leid, dass es so laufen musste, und ich bin auch gerne bereit, mich von dir zu gegebener Zeit dafür ordentlich zur Sau machen zu lassen, aber es gibt jetzt Wichtigeres!“
    „Achja?“
    „Ja, hör zu! Hast du gerade den Fernseher laufen?“
    Laidos Blick glitt zum kleinen dunkelgrauen Röhrenfernseher auf dem ältlich daherkommenden Teakholz-Schränkchen. Er hatte ihn nur einmal angehabt und dann schnell wieder ausgemacht. Es war natürlich alles auf Spanisch gewesen, Spanisch, wie man es in Argentinien sprach, und da war Laido mit seinem längst vergessenen Schulspanisch aus der Mittelstufe natürlich nicht mitgekommen.
    „Nein, wieso? Soll ich ihn anmachen?“ Laido drückte ihn an, suchte nach der Fernbedienung, erinnerte sich dann aber, dass lediglich die Knöpfe am Fernseher selbst funktionierten. Es war eine hakelige Angelegenheit, das Telefon war nicht kabellos und der Hörer reichte nicht weit.
    „Ja, schalt mal schnell auf Canal 7, den müsstest du auf jeden Fall empfangen. Die haben da gerade in so eine Menschenmenge reingefilmt wegen irgendwas Belanglosem, und dann war da ein Café und …“
    „Auf welchem Programmplatz denn?“, fragte Laido dazwischen. Es gab neunundneunzig auf diesem Fernseher, aber außer einer Wettervorhersage und einer Kochshow war Laido bisher nur auf Schnee und Rauschen gestoßen.
    „Das weiß ich doch nicht, ist das dein Fernseher oder meiner? Probier mal die eins, ansonsten … ja, sieben halt. Aber … verdammt.“
    „Was ist denn?“, fragte Laido, während er immer hektischer durch die Programme schaltete.
    „Jetzt ist es gerade wieder weg, jetzt geht es um irgendwelche Bars und sie befragen Leute zu irgendwas. Mein Spanisch ist auch nicht das allerbeste. Aber warte, vielleicht zeigen sie ihn gleich nochmal. Canal 7, hörst du? Vielleicht zeigen sie ihn nochmal.“
    „Wen denn?“
    Es folgte eine Weile, in der Jacob nichts mehr sagte und Laido stumm und rhythmisch auf den Programmwahlknopf am Fernseher drückte. Es war hartes Plastik, es klackerte immer, wenn es eins weiterschaltete.
    „Was zeigen sie denn jetzt gerade?“, fragte Laido dann. „Hier ist sowas mit Bars oder so ähnlich. Und … so Frauen. Wen hast du denn gesehen?“
    „Nein, ist schon vorbei, sie zeigen ihn nicht mehr“, schrachelte es durch den Hörer. „Mist.“
    „Wen denn, verdammt nochmal?“
    Geraschel am anderen Ende der Leitung, dann ein versehentliches Pusten in die Sprechmuschel.
    „Tommy, ich glaube, sie haben Daniel gezeigt. Er ist hier.“
    „Was?“
    „Du selber wirst es am besten beurteilen können. Pass auf, ich habe sofort auf Aufnahme gedrückt, als sie ihn zum ersten Mal gezeigt haben, danach kam er noch ein paarmal, ich überspiele das Video bis heute Abend und sende es dir dann, okay?“
    „Wo bist du denn eigentlich? Wenn du argentinisches Fernsehen schauen kannst, bist du doch wohl hier? Kannst du nicht -“
    „Sorry Tommy, ich muss jetzt wirklich los. Wir sprechen uns später, okay? Schau dir das Video heute Abend an, ich melde mich dann die Tage nochmal. Adiós!“
    „Jacob, ich -“
    Freizeichen. Laido nahm den Hörer vom Ohr und starrte ihn verärgert an, stellvertretend für Jacob. Der Hörer war gar nicht richtig weiß, er war nur mal weiß gewesen und war in ein unappetitliches Beige nachgedunkelt. Laido bekam eine leichte Gänsehaut beim Gedanken, dass er sich dieses Ding, das vielleicht schon an hundert fremden Gesichtern geklebt hatte, an sein Ohr gehalten hatte. Aber an sowas musste er sich in dieser Wohnung wohl gewöhnen.
    Er legte den Hörer auf und hielt sich davon ab, zu einem der bereitgelegten Desinfektionstücher zu greifen. Ein bisschen musste er mit ihnen haushalten, außerdem hatte er damals bei seinem Studentenjob an der Universität – all das schien ihm gerade so fern zu sein, wie aus dem Leben eines anderen erzählt – eine Kollegin gehabt, die derart vehement mit flüssigem Desinfektionsmittel agiert hatte, dass es auf ihrem beständig feuchten Schreibtisch erst angefangen hatte zu schimmeln und sie schließlich an ihren Händen einen furchtbaren Ausschlag bekommen hatte. Auf so etwas konnte Laido gut verzichten.
    Jacob Martini. Der Mann, der ihn erst in diese Lage gebracht hatte. Auch eine Studienbekanntschaft, bei der er damals natürlich gar nicht abgesehen hatte, welche Rolle sie später noch für sein weiteres, sein anderes, sein neues Leben haben würde. Jacob, damals Jurastudent und nun schon seit einiger Zeit Anwalt, war derjenige, der ihn aus dem Gefängnis befreit hatte. Aber er war auch derjenige, der ihn in diese neue Lage gebracht hatte, gegen oder besser gesagt ohne seinen Willen. Laido scheute sich davor, hier nun auch von einem Gefängnis zu sprechen, denn seine paar Tage in Untersuchungshaft in Deutschland waren eindrucksvoll genug gewesen, um ihn wissen zu lassen, dass eine Wohnung niemals ein Gefängnis war. Und wenn Jacob ihn nicht nach Argentinien gebracht hätte, dann säße Laido vielleicht immer noch oder schon wieder in Untersuchungshaft, wenn nicht sogar aufgrund einer Verurteilung wegen Mordes lebenslang im Knast. Von daher konnte er nur froh sein, dass er gerade in einer Behausung saß, bei der die Tür auch von innen eine Klinke hatte. Nur: Wirklich frei fühlte er sich hier eben auch nicht.
    Laido war nicht nur in Gedanken, sondern mittlerweile auch insgesamt ein wenig in sich zusammengesunken. Er hockte auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch, den Blick auf die kahle Tischplatte gerichtet, und massierte sich die Schläfen. Hätte ihn jetzt jemand beobachtet – und trotz gegenteiliger Beteuerungen Andrés' hatte Laido noch immer nicht ganz ausgeschlossen, dass irgendwo in dieser Wohnung Kameras zu seiner Überwachung installiert waren –, dann hätte Laido wohl ein ziemlich verzweifeltes, vielleicht sogar jämmerliches Bild abgegeben. Beobachtung hin oder her: Das wollte er nicht. Er setzte sich auf und erinnerte sich daran, dass er ja noch sein Traumtagebuch fortführen musste. Er hatte den Schreibblock gerade wieder zu sich herangezogen und suchte nun nach dem Kugelschreiber, da streifte sein Blick die digitale Anzeige des kleinen Geräts hinten am Schreibtisch, das manche hochtrabend Wetterstation nannten. Die Temperaturanzeige hatte bereits den Geist aufgegeben und war bei unrealistischen 21,5 Grad Celsius stehengeblieben, aber die 67% Luftfeuchtigkeit passten locker. Was Laido aber vor allem interessierte, war die Uhrzeit. In einer Minute hatte er Sitzung, oben im siebten Stockwerk bei Gomi. Hektik stieg in Laido auf. Ihm war nicht wohl, wenn er daran dachte, wie sehr er schwitzen würde, wenn er die Treppen hochhetzte – der Aufzug im Haus war defekt und wurde nicht mehr instand gesetzt. Zu spät kommen wollte er aber auch nicht. Er packte den Block, suchte noch schnell seinen Wohnungsschlüssel, fand ihn in dem kleinen Tonschälchen im Flur auf der Kommode und eilte dann hinaus.
    Last edited by John Irenicus; 18.08.2019 at 23:29.

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