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[RPG - Zum Blauen Reiher] - Die Geschichte

  1. #1 Reply With Quote
    Knight Commander Dèna'dul's Avatar
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    [RPG - Zum Blauen Reiher] - Die Geschichte
    Der Geschichten Thread des Foren-RPG "Zum Blauen Reiher"

    Dèna'dul is offline Last edited by Sercil; 18.03.2018 at 19:19.

  2. #2 Reply With Quote
    Ritter Mordry's Avatar
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    Der seichte Nieselregen prasselte sanft auf die düstere Stadt. Das Mondlicht gleitete durch die nassen, dreckigen Straßen des Hafens. In den entferntesten Ecken erhallten Betrunkene, Geflüster und plätschernde Fußschritte die Gegend. Zwielichtige Gestalten trieben sich an Kneipen, Straßengassen und an verdächtigen Orten herum. Inmitten des Ganzen, harmlose Bürger die nichtsahnend durch die Nacht schlenderten.
    Einer dieser Bürger wurde von einem Mann in einem schwarzen Umhang verfolgt.

    ,,Sobald ich Mirks Geheimnisse finde, verdienen wir uns mit der Beute einige Wochen ohne Arbeit...“

    Die Schritte des Verfolgers waren leise. Nur ein leises Echo, welches im gleichen Rhythmus von den kräftigeren Fußstapfen des Ahnungslosen übertönt wurde, war zu hören.
    Die Lichter der einzelnen, noch aktiven Laternen waren jederzeit eine Gefahrenzone für einen unerfahrenen Schatten, doch für jemanden mit etwas mehr Erfahrung war die Umgehung eines solchen Hindernisses ein Kinderspiel.
    Durch kleine Seitengassen und unübliche Wege über große Kisten und durch Kneipen. Jede solcher Wege barg Gefahr, das Ziel zu verlieren, darum musste deren Einsatz wohlüberlegt sein. Doch war die folgende Seitengasse zu offen als das der Schatten dieses Risiko nehmen mochte. Über eine blockierte Gasse, welche mit stabilen, feuchten Holzkisten jeglicher Art vollgestellt war, kletterte er und hoffte darauf, dass Mirk ebenfalls diese Route nehmen würde. Zu seinem Glück stapfte schon bald Mirk durch die Straße. Er versteckte sich noch eine Weile hinter den Kisten bis sein Ziel eine gewisse Distanz zurückgelegt hatte.

    Mordry ließ sich von der mit Kisten gestapelten Karawne herunter und ein unvorsichtiges lautes Platzen der Wasserpfütze ertönte. Mirk drehte sich erschrocken um, doch Mordry gelang es gerade noch so, mit der Glätte der nassen Steine hinter eine Bank rechts vor ihm zu rutschen.
    Er atmete schwer, doch zwang er sich bald kontrolliert zu atmen und wartete ab, bis Mirk sich erneut bewegte. Das Wasser sog sich langsam in die rechte Seite von seiner Hose und seinem Umhang, wie ein kalter Hauch drangen sie langsam zur Haut vor. Er durfte nicht zittern, er durfte keinen Laut mehr machen.
    Mirk grunzte kurz und führte seinen alten Weg fort, nur um einige Schritte später erneut zu stoppen und erneut zur Quelle des Geräusches zurückzublicken. Mit zugekniffenen, fokussierten Augen inspizierte er die Gegend, nur um mit einem beunruhigten Blick davon zu gehen, beschleunigten Schrittes.

    Der Dieb zögerte, ob er ihn weiter verfolgen sollte. Jede Bewegung wurde schwerer, Mirk lief unregelmäßig, seine durchnässten Klamotten wurden lauter.
    Langsam richtete er sich auf und nahm die Verfolgung erneut auf. Zuerst sehr langsame Schritte, um leiser zu sein und sich an den Schrittrythmus anzupassen, welcher immer wieder spontan variierte. Mordry entwickelte einen Tunnelblick, fokussiert auf den Rhythmus der Fußschritte. Doch um eine Ecke folgte er ihm nicht. Über die Straßenecke lauschte Mordry vorsichtig den Geräuschen der Unterführung. Mirk wurde langsamer, er wühlte in seinen Taschen, aus denen ein metallenes Klimpern zu hören war und steckte einen der vielen Schlüssel am Metallring in die Haustür. Er zog den Schlüssel wieder raus, murmelte etwas und untersuchte jeden Schlüssel einzeln nacheinander, während der Umhüllte um die Ecke spähte und ihn beobachtete.
    Mirk steckte den Schlüssel in die Metalltür und stieß diese mit einem leichten Ruck auf. In diesem Moment bewegte sich Mordry langsam und rammte Mirk mit einem Stoß ins Haus. Schnell trat der Dieb ein und verschloss die Tür.
    Mirk war benebelt, doch verlor er bald das Bewusstsein durch Mordrys violettes Tuch, welches er in sein Gesicht drückte. Der Dieb wusste nicht, wie man Schlösser knacken konnte, weswegen er auf solche Risiken angewiesen war.

    ,,Schritt 1 ist fertig... auch wenn dieser ein paar Stunden länger dauerte als ich dachte. Was muss er auch so lange in diesem Schuppen saufen?“
    Der Dieb stapfte langsam die Truppen des vermüllten, abgedunkelten und leicht schimmeligen Hauses hoch. Durch vorherige Recherche konnte er herausfinden, dass Mirk alleine lebte und nur manchmal von Dirnen besucht wurde.
    ,,Hoffentlich ist Sylvia nicht schon lange abgehauen.“
    Im zweiten Geschoss öffnete der Durchnässte die Fenster. Er starrte auf die Stadt, die von den hellen Laternenlichtern und dem Mondschein erhellt wurde. Die Tropfen des Regens, die ihn zuvor durchnässten, fielen von seinem Gesicht und platschten auf dem Dach unter ihm auf. Mordry mochte diese Metropole der Korruption, doch fühlte er sich ein wenig melancholisch bei dem Anblick der Straßen, wusste jedoch nicht warum. Er verlor sich in der Aussicht auf die Stadt, dessen Lichter vom grieseligen Schauer verschwommen wirkten. Jedoch spürte er plötzlich einen unangenehmen Schmerz in seinem Kopf, nach und nach pulsierte sein Kopf und er vergaß alles um sich herum. Er verlor sich in einem dunklen Strudel, der seinen Blick verengte. Doch schreckte er dann auf.
    ,,JETZT bist du da?!?“
    Eine Frau mit demselben Umhang wie Mordrys, mit einer femininen doch rauen Stimme, rief vom Nachbarsdach zu ihm.
    „Weißt du eigentlich, wie lange ich hier schon warte?“
    ,,Alkoholiker, billige Kneipe.“
    „Er hatte wohl nichts mehr was?“
    „Sonst wäre es uns aufgefallen. Komm rein, bevor uns noch jemand sieht.“

    Das Duo schlich durch das weniger angenehme Haus, sich kurze Zeit später aufteilend. Mordry durchstöberte das Schlafzimmer, doch Sylvia rief ihn vom Dachboden zu sich. Über eine Holzleiter kletterte Mordry hinauf. Es war wie eine dunkle Kammer, nur ein bescheidenes Licht, bestehend aus nur einem kleinen Fenster welches seit einer langen Zeit verschlossen schien, erleuchtete den staubigen Raum. Er sah, wie Sylvia vor einer Truhe mit Gemälden saß und diese mit Freude betrachtete.
    ,,Guck mal, der hat sogar Gemälde auf dem Schwarzmarkt gehandelt!“
    Mordry seufzte:,,Und deswegen hast du mich extra gerufen?“
    Der Dieb war wieder dabei, herunterzugehen, bis ihm auf der anderen Seite des Dachbodens etwas seltsames auffällt.
    ,,Warum ist dann dieses Gemälde so abgesondert?“
    Mordry hiefte sich von der Leiter und ging näher, auf den knarschenden Holzbalken, an das seltsame Gemälde heran.
    ,,Das ist mir auch schon aufgefallen, aber ich habe von diesem Künstler oder überhaupt diesem Bild noch nie etwas gehört.“
    ,,Dieses Bild wurde sorgfältig dort aufgehängt,“, er strich mit dem Finger über den Rahmen, ,es wird regelmäßig abgestaubt. Was ist das überhaupt für ein Motiv?“
    ,,Ein... Mensch? Nein, eher ein Skelett welches eine Art Trank zu brauen scheint.“
    Mordry führte seine zitternde Hand zum Gemälde und strich sanft an der Oberfläche.
    ,,Da steht irgendwas geschrieben, aber... ich kann die Zeichen nicht entziffern.“
    Sylvia drückte ihn zur Seite und fühlte ebenfalls das Gemälde ab.
    ,,Es muss eine andere Sprache sein, ich habe solche Zeichen noch nie gesehen...“
    ,,Das gefällt mir gar nicht falls Magie im Spiel ist! Lass uns einfach nur die Kohle schnappen und wie nichts weg von hier.“
    Hastig drehte sich Mordry um und kletterte wieder in das untere Stockwerk. Doch dieses Bildmotiv ging nicht aus seinem Kopf. Es fühlte sich... unvollständig und bizarr an. Egal was es war, er wollte als Letzter etwas damit zu tun haben.

    Das Duo schnappte sich das Gold und wanderte, nach einem Ausstieg aus dem Fenster, direkt nach Hause. Sie selbst lebten im Erdgeschoss im Haus eines alten Ehepaares, welches abgesondert in einer Gasse lag.
    ,,Kannst du schnell die Miete bei den Greisen einstecken und uns etwas zu Essen holen?“
    ,,Na schön, immerhin hast du uns die Information über Mirk beschafft.“
    Nachdem Mordry sich andere Klamotten anzog, ein etwas zu kurzes Oberteil, leicht zerrissene Hosen und gepflegte Stiefel, und seine Aufgaben erledigte, wurde er von einer unangenehmen Stille empfangen. Sylvias Zimmertür war verschlossen, dies geschah nicht einmal wenn sie schlief. Nur ein leises hochziehen der Nase war immer mal wieder zu hören.
    Mordry stand vor der Tür und lehnte sich mit dem Rücken an.
    ,,Ich habe es dir versprochen, richtig? Farin ist ein zäher Hund, wenn es irgendjemand schaffen kann, für sieben Wochen ohne Lebenszeichen zu überleben, dann ist er es.“
    Keine Antwort erfolgte. Doch Mordry wusste selbst nicht, was er noch tun sollte. Farin war der Verlobte von Sylvia, welche für Mordry seit Jahren wie eine Schwester war.
    Mordry durchschnitt das feste Brot und verzehrte ein Viertel des trockenen Laibes, bevor er sich zu Bett begab.
    ,,Ich habe keine Ahnung, wo ich suchen soll. Wir haben keine Forderungen erhalten, er wurde einfach nur... mitgenommen...“
    Er windete sich im Bett wenn er an den Abend vor sieben Wochen dachte. Sylvia, Farin und Mordry haben die Verlobung gefeiert und hatten den besten Abend ihres Lebens, doch wurden sie später von vermummten Angreifern überfallen. Sie nahmen Farin mit, während Sylvia und Mordry auf der Straße zurückgelassen wurden.

    Nach einer unruhigen Nacht, fand Mordry Sylvia am Morgen nicht vor, vermutlich wieder um etwas zu trinken und den Schmerz zu vergessen. Mordry nahm erneut einen Viertel Laib des Brotes und betrat das Leben der Stadt, weiterhin ohne ein Hinweis seiner Reise. Er griff sich das trockende Brot, biss hinein und ging erneut seiner Wege durch die nassen, strahlenden Straßen unter der scheinenden Sonne, auf eine Suche ohne Anhaltspunkte.
    Mordry is offline

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    Moderator Mareju's Avatar
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    Die großen Augen der Katze leuchteten im schwachen Licht auf, welches der Mond auf die Straßen warf. Mareju streckte seine Hand zu ihr hin, doch mit einer schnellen Wende verschwand sie unter den Balken des Schuppens. Mareju richtete sich auf, und schaute sich um. Es war nicht spät, doch es war kaum jemand auf den Straßen unterwegs, was wohl dem Wetter geschuldet war. Ein paar Händler brachten ihre Waren in Sicherheit vor dem stärker werdenden Regen. Er schaute noch einmal dorthin, wo die Katze verschwunden war, dann machte auch MAreju kehrt und lief Gedankenverloren in die nächste Gasse.

    Eine Möwe, die vor ihm in die Luft stieg, schrecke ihn aus seinen Gedanken. Er war am Hafen angelangt, ohne zu wissen, wo er hin lief. Hier war noch reger Betrieb. Dayport, stand an einem Straßenschild. Die Matrosen achteten gar nicht auf Mareju. Dieser ging zu ein paar großen Frachtkisten, und setzte sich darauf. Regen lief jetzt in kleinen Rinnsalen seiner Kapuze und seinem Mantel herunter. Von der schönen roten Farbe war nichts mehr zu erkennen. Einst war er ein Beutestück von einem Wohlhabenden Händler, nun ein brauner, schmutziger und löchriger Mantel. Mareju griff in die großen Seitentaschen. Ein paar kleinere Münzen ließ er in der Hand klimpern, dann seufzte er. Sein letzter Einbruch war eine Weile her, dies war sein ganzer Rest, den er noch hatte. Bald müsse er wieder zu Geld kommen, wenn er nicht hungern wollte. Jedoch kannte er sich in der Stadt nicht aus. Er wollte gar nicht hier sein, durch einen Zufall landete hier. Ihm blieb wohl keine andere Wahl, als jemandes Börse zu erleichtern. Schwungvoll sprang er auf, und ging in die Nähe der Docks. Ein paar Matrosen löschten die Ladung eines kleinen Schiffes. Durch den Regen und die Schreie der Arbeiter bemerkte niemand den Taschendiebstahl, und ehe der Aufseher seinen Verlust bemerkte, war Mareju schon längst in den Schatten verschwunden…

    Zügig verlies Mareju das Hafenviertel. Das Wasser der Pfützen spritzen seine Beine hoch, allmählich fror es ihn. Er brauchte eine Unterkunft, wenn er die Nacht überstehen wollte. Im schnellen Schritt durchquerte er Downtowne und das alte Viertel. Auf einer alten Steinbrücke über den Fluss blieb er stehen. Er zock das kleine Lederbeutelchen aus der Tasche und griff hinein. Die zerkratzen Münzen reflektierten das Licht der vielen Lichter entlang des Flusses. Es sollte zumindest ein paar Tage reichen, dachte er. Er zog seine Hand zusammen und lies die Münzen wieder in den Beutel fallen. Er dachte an früher, als er noch jung war. Seine Eltern waren Artisten in einem Wanderzirkus, und brachten auch ihm Kunststücke bei. Er wäre wohl auch Artist geworden, wäre er nicht bei einer Probe ungünstig gestürzt. Mareju griff an seine Schulter und drückte sie. Es schmerzte bei manchen Bewegungen immer noch. Er seufzte erneut. Das war schon Jahre her, heute verdiente er seinen Lebensunterhalt durch kleinere Einbrüche oder Diebstähl, inzwischen war er sogar ganz gut, um nicht erwischt zu werden. Er blieb noch einige Momente dort stehen, auf dem Steingeländer gestützt, und blickte den Fluss entlang. Tagsüber war recht viel los an den Straßen des Flusses, jetzt war nur noch das prasseln des Regens zu hören.

    Auf einmal wurde die Tür neben ihm aufgerissen, und ein großer, stämmiger Mann fiel vor seinen Füßen auf den nassen Steinboden. Erschrocken wich Mareju zur Seite. Vor ihm befand sich ein großes Haus. Im Licht der Laterne neben dem Eingang stand : „zum Blauen Reiher“. Die Tür wurde laut zugeschlagen, dass die Laterne zu scheppern begann. Der Mann richtete sich langsam auf, murmelte etwas, und torkelte die Straße hinunter, laut fluchend verschwand er hinter der nächsten Biegung. Mareju hätte wohl nie die Gaststätte bemerkt, doch sie kam ihm ganz gelegen. Hier könne er erstmals die Nacht verbringen und sich erholen. Durch die Tür klangen viele Stimmen, Bierkrüge die aneinander stießen und reges Gelächter. Mareju griff an die Türklinge, und betrat die warme Stube….
    Mareju is offline

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    Ritter Mordry's Avatar
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    Der Kerzenschein flackerte auf den gewölbten Papieren. Die seltsamen Zeichen auf den Papieren hatten eine seltsame Aura an sich.
    ,,Du weißt, was das ist?“
    ,,Sieht nach Heidenwerk aus. Ich will mit Magie nichts zu tun haben, wir werden weitersuchen.“
    ,,Es ist der einzige Hinweis den wir haben!“
    ,,Und woher hast du den?“
    Sylvia atmete tief durch. ,,Von einem Freund, den ich hier über die Tage kennen gelernt habe.“
    ,,Dieser... Freund... warum vertraust du ihm?“
    ,,Er handelt mit Informationen. Er sagte zu mir, diese Papiere sind das, was seine Quellen ausgespuckt haben.“
    Mordry trat näher an die Dokumente und drückt mit zwei Fingern auf die Kante eines Schriftstückes.
    ,,Sylvia, nicht einmal das fühlt sich normal an. Ich will Farin auch wieder zurückholen, wo auch immer dieser ist. Aber selbst du musst doch erkennen, das wir allgemein der Magie, mal abgesehen von den Heiden, nicht gewachsen sind!“
    Sylvia blieb eine Weile sprachlos während sie ihm direkt in die Augen starrte.
    ,,Aha.“
    Ein beunruhigtes Gefühl stieg in Mordry auf während er den Blickkontakt erwiderte. Sylvia umging den Tisch und hielt ihre Hand vor seinem Gesicht, ihren Verlobungsring vorzeigend.
    ,,Dann gehe ich halt alleine. Im Gegensatz zu dir, werde ich mein Versprechen halten.“
    Es dauerte nicht lange bis Sylvia in voller Ausrüstung fertig war. Zu ihrem Erstaunen, bereitete Mordry sich ebenfalls vor. Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, verließen beide ihren Unterschlupf.
    ,,Weißt du überhaupt, wohin es geht?“
    ,,So funktioniert das leider mit ihm nicht. Das wären schließlich zwei Informationen.“
    ,,Also müssen wir zu ihm und nach dem Weg fragen?“
    ,,Ich habe es mir auch nicht ausgesucht.“

    Es war eine klare Nacht. Nach dem Dauerregen in letzter Zeit war es eine willkommene Abwechslung. Die kalte Nachtluft zog durch die Stadt, der Geruch von Meersalz und Industrie gab dem Ort ein Gefühl von Heimat. Heimat von Seemännern, Heimat von Händlern, Heimat von Dieben.
    Die Beiden wandern durch einige kleinere Straßen bevor sie letztlich an einer Sackgasse ankommen, der Dampf einiger Rohre, die unter der Straße hindurchführten, bedeckte die Luft wie ein dichter Nebel.
    Das Echo der Schritte wurde von dem pfeifendem Dampf übertönt.

    ,,Und hier soll dieser jemand sein?“
    ,,Das hier ist sein Ort. Er hat die Dampfrohre von irgendeinem Gebäude hier angeschlagen um möglichst ungesehen zu bleiben.“
    ,,Hm, keine Langzeitlösung aber gut um ungesehen zu bleiben... zumindest bis es jemand bemerkt."

    ,,Nur, wenn es jemanden beeinträchtigt.“
    Eine Stimme kam aus dem Nebel. Es war nicht schwer miteinander zu sprechen, doch es war schwer den verstellten, rauen Ton einzuordnen.
    ,,Da bist du ja!“
    ,,Machen wir es kurz: Die Papiere, woher kommen die?“
    ,,Was kriege ich dafür?“
    ,,Noch mehr Informationen.“
    ,,Nicht gut genug.“
    „Ist das nicht dein Geschäft?“
    ,,Kannst du mir denn versprechen, mir Informationen zu geben, die ich noch nicht habe?“
    ,,Woher soll ich das wissen?“
    Keine Antwort erfolgte, bis Mordry bemerkte, worauf die Person hinaus wollte.
    ,,Können wir uns nicht einfach auf das Übliche einigen?“ Fragte Sylvia plötzlich.
    Eine Weile lang erfolgte keine Antwort. Die Beiden schauen sich nach einer Weile an und fragen sich, ob es das war. Als sie gerade zurückgehen wollten, hielt sie die Stimme erneut auf.
    ,,Ja.“
    Genervt richten die Beiden ihre Konzentration erneut darauf, die Stimme zu verstehen.
    „Die Dokumente stammen von einem kleinen Außenposten der Heiden, ihr werdet es hiermit finden.“
    Eine zusammengerollte Karte, die mit einem Strick gehalten wurde, flog aus dem Nebel und landete vor Sylvias Füßen. Sie signalisierte Mordry, zu verschwinden, das Gespräch war vorbei.
    Nachdem sie sich zurück auf einer normalen Straße befanden und durch diese wanderten, fragte er: ,,Sag mal, was ist „das Übliche“?“
    „Das, was er am meisten möchte, sind nicht Informationen, sondern meistens das, was seine Informationen beinhalten. Diebe, die ihn kennen, können bei Gelegenheit gute Aufträge bei ihm bekommen, doch bleibt er meistens eher Bodenständig und hält sich aus größeren Raubzügen heraus. Für einen Gefallen kann man Informationen ebenfalls erhalten, sofern es etwas gibt, was er haben möchte.“
    „Seltsamer Typ. Wie nennt man ihn eigentlich?“
    ,,Er hat keinen Namen, wir müssen uns wohl einen ausdenken.“
    ,,Hm... Trueman?“
    ,,Foggy?“
    ,,Der Dampfdealer?“
    Die Beiden blieben auf der Stelle stehen, blickten sich an und fingen an zu schmunzeln. Sylvia schüttelte den Kopf.
    ,,Lass uns einfach einen Blick auf die Karte werfen.“
    Sie stellten sich unter eine der Laternen und rollten sie aus. Eine sehr schlampige Nachzeichnung einer Karte war auf dem Papier gekritzelt doch genug, um zu wissen was gemeint war.
    ,,Das ist gar nicht so weit von hier...“ Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken.
    ,,Dann lass uns keine Zeit verlieren!“
    ,,Können wir nicht nochmal darüber reden?“
    ,,Was gibt es da zu reden? Farin ist da drin und er braucht Hilfe.“
    ,,Sylvia, es sind Heiden! Ich kann es nicht erklären aber ich habe ein schreckliches Gefühl bei der Sache.“
    ,,Magie hin oder her, wir müssen los!“
    Mit diesen Worten machte sie sich auf den Weg, er war sich nicht sicher, was er tun sollte. Er blieb eine Weile stehen doch als er sie gehen sah, beschloss er, sein Wort einzuhalten und folgte ihr.

    Die Beiden kamen an einem Kanalisationsgitter an. Sylvia inspizierte frustriert auf die Karte: ,,Und keine Anweisungen, wie man das Öffnen soll.“
    Mordrys Kopf fing an zu schmerzen. Je länger es anhielt, desto schlimmer wurde es. Den Schmerz bekämpfen hatte diesen nur noch verstärkt. Er ging zu einem Busch, hinter dem sich eine Holzlucke befand.
    ,,Woher wusstest du das?“ Fragte Sylvia verwundert.
    Mordry konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, seine Gedanken blitzten durch seinen Kopf. Bilder, Geräusche, Gefühle.
    ,,M-Mein Kopf... Warte... Ich...“
    Sylvia trat einen Schritt näher, doch dann wurde sie von einem seltsamen grünen Schleier umhüllt und sie begann gekrümmt zu schreien. Ihr Schreien bohrte sich in seinen Verstand wie Messerstiche und er fiel zu Boden. Ihre Haut wurde grau, ihr anfängliches Schreien wandelte sich bald in sterbendes Keuchen, ihr Fleisch fiel ihr von den Knochen. Der Zauber leuchtete auf, doch nachdem dieser erlosch, war Sylvia verschwunden.
    Der Todesangst ins Gesicht starrend, hiefte sich Mordry auf und hatte nur noch ein Ziel: Flucht.

    Er sprintete in Panik durch die Straßen, direkt zu seinem Unterschlupf. Doch in dem Moment, an dem er einen Schritt in seine Wohnung gesetzt hatte, brach er zusammen und verlor das Bewusstsein. Das Letzte was er gesehen hatte, war das Skelettgemälde vor seinem geistigen Auge.
    Mordry is offline

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    Hobby Hochstapler  Sercil's Avatar
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    Der letzte Blackjack-Dealer öffnete noch alle Kellerfenster, um den Dampf, den die Spielhausgäste zurückgelassen hatten, mit der angrenzenden Gasse Stonemarkets zu teilen: Ein Gemisch aus Tabak-Qualm, Trost-Whiskey und Stress-Ausdünstungen. Soviel Zeit musste sein. Doch die halbleeren Tabletts mit verwaisten Weintrauben, die umgekippten Kelche, ungeordneten Karten und Spielchips auf den Spieltischen würde er erst beim nächsten Schichtbeginn aufräumen, denn er spürte die Blicke seines Chefs und dessen edler Begleiterin. Sehr viel mehr durfte er Lord Baffords Geduldsfaden nicht zumuten. Er verschwand wortlos.

    „Sheila, Sheila, Sheila, du weißt, dass ich Hinterzimmer für solche Unterredungen habe?“
    Das wusste sie nicht, aber wenn sie das zugab, kam sie vollends hilflos rüber.
    „Sheila, ich gebe dir ein wenig Blackjack-Nachhilfe, und du“, krächzte Bafford, „wirst das säuerliche Gesicht los. Hat dich der Herr Gatte mit Lord Ashcroft im Bett erwischt, oder was ist los?“
    Sheila von Lornwells Liste von Dingen, die sie sich nicht anmerken lassen durfte, wuchs um einen weiteren Eintrag: Überraschung darüber, dass Lord Bafford von ihrem geheimen Liebhaber Trevor Ashcroft wusste. Allmählich zog sie in Erwägung, nach Nachhilfe für ihr Pokerface zu bitten.
    „Woher weißt du denn von Ashcroft?“
    „HA! Ich hab geraten!“
    „Der Herr Gatte weiß nichts, und das soll so bleiben. Wenn ihm ein gewisser Jeremy Coil nicht davon erzählt. Sagt dir der Name was?“

    Bafford sortierte fingerfertig die Karten. „Lord Coil? Colonel Coil? Graf, Doktor, General…?”
    “Kein Titel, von dem ich weiß.”
    „Ach, dann soll ich mir jetzt neben sämtlichen Lordschaften, Grafschaften, Barons, Priestern und Kartenspielregeln auch noch die Namen aller Bauern und Schafhirten merken, oder was?“
    „Nenn ihn Professor, wenn es dir hilft. Er kleidet sich wie einer. Dünner Bursche, Bandage überm linken Auge, wohl Anfang zwanzig. Behauptet, ehemaliger Lehrling von Tresormeister Colton zu sein.“

    Bafford verzog das Gesicht. „Cooolton. Die Koryphäe aus Auldale! Kenn ich. Der wusste genau, dass er mich nach dem Diebstahl an meinem Zepter in einem schwachen Moment erwischt hat. Dann schwatzte er mir ein Schloss für JEDE Tür in meinem Anwesen auf. Hätten sie diesen Dreckskerl abgehalten, der mein Anwesen blank geräumt hat, dann hätten sie sich ausgezahlt, dachte ich mir. Da fragt Meister Colton, ob ich die normale oder die einbrechersichere Variante will. Ich lach mich halb kaputt! Dass er das ernst meint, und dass die einbrechersichere Variante das Fünffache kostet, erfahre ich, als schon die Hälfte eingebaut ist.“, er biss sich auf die Lippe. „Sagt der mir, ich hätte an meinem Wachpersonal gespart und darum ist mein Zepter weg. Bitte? Hast du mal ihre prachtvollen Uniformen und ihren goldenen Gong gesehen? Ich verhätschele diese versoffene Bande doch!“
    „Und Coltons Lehrlinge?“, Sheila schaute geradewegs durch die Karten hindurch, die Bafford austeilte.
    „Die wuselten tagelang herum. Wenn sie eine Elle Holz fanden, haben sie ein Schloss drauf geschraubt. Einer hat eins ungefragt in meine Truhe gebaut, wo ich meine privaten Aufzeichnungen, Briefe, Schuldscheine und sowas aufbewahre. Das war so ein widerlicher Bursche, dem die Sonne aus dem Arsch scheint. Wer weiß, was der da drin gelesen hat. Zu seinem Pech war er ein Lustmolch, und meine Schwester Olivia kam zu Besuch.“, Bafford grinste verschlagen. „Mein Leibwächter Cedric hat die Sache geregelt.“
    Sheila kannte Olivia. Sie war Baffords Schwester.

    „An diesem Abend hatte Olivia einen 'Gast' auf ihrem Gemach. Schau nicht so, sie erzählt dir sowieso alles. Da verhaut Cedric diesen Grinsi-Lehrling und schleppt ihn zu mir. Weil der Lump durchs Schlüsselloch gegafft hat!“
    „Arme Olivia! Hat er wirklich...?“
    „Vielleicht, vielleicht nicht! Meine Bücher HAT er begafft! Mit dem Wissen kann ich ihn nicht gehen lassen! Also ließ ich die Hammeriten kommen, die brachten ihn zur Züchtigung nach Cragscleft… und ich hatte einen Gefallen bei einem der Priester gut. Also ließ ich den Jungen aus ihren Büchern streichen. Sie können ihn nicht freilassen, wenn sie nicht wissen, wann.“, Bafford nickte. „Cragscleft ist ein Ort für Männer. Und auch die erleben ihre Entlassung nicht immer. Dieser Specht machte es keine Woche, will ich wetten.“

    „Und sein Name?“, fragte Sheila, die so tat, als zähle sie die Blackjack-Karten ab.
    „Hatten wir das nicht schon? Schau, du könntest viel besser rechnen, wenn du dein Hirn nicht mit Namen des Gemeinvolks vollstopfen würdest. Oder mit ulkigen Pflanzennamen für deinen Garten. Dafür gibt’s Gärtner.“
    „Gab es in Cragscleft nicht einen Einbruch, bei dem etliche Zellen geöffnet wurden? Trevor sagte das.“
    Bafford prustete, dass Sheila seinen Speichel auf ihre Wange spritzen fühlte. „Trevor wieder! Niemand bricht in ein Hammeritengefängnis ein! Das war nur ein Defekt an ihren neumodischen Ratterratter Maschinen. Wer da nicht brav in seiner Zelle blieb, der verließ Cragscleft bestenfalls als roter Matsch im Ausguss. Hammeriten sind Kerle wie Stiere!“, er erklärte Sheila anhand von 21 Weintrauben, wie man Blackjack spielt. Ihr Problem war, dass sie gerade ganz andere Probleme hatte, als Baffords Lieblingsspiel. „Wo war ich stehengeblieben? Dieser Lehrling teilte meine Geheimnisse nur mit den Würmern. Selber schuld. Meister Colton war so blamiert, dass er sich seine Rechnung sonstwohin stopfen konnte.“, er grinste stolz. „Siehst du, was man mit seinem Hirn erreichen kann, wenn man es schön frei von unnützem Kram hält?“

    Sheila seufzte. „Wir sind abgeschweift. Zu meinem Problem. Ich… hatte letzten Abend Besuch von Lord Trevor Ashcroft, da mein Mann ja außer Landes ist. Wir entspannten uns in der Sauna in meinem Garten.“
    Bafford lächelte schmierig.
    „Da greift Trevor nach dem Hausschlüssel und denkt nicht daran, wie sehr sich Metall in einer Sauna erhitzt. Er schmeißt das Ding schreiend an die Wand und zerbricht ihn. Im Garten liegt Schnee, wir haben nur ein paar Fetzen Stoff am Leib, sind patschnass, das Feuerholz für die Sauna ist alle, und wir kommen nicht ins Haus. Wir können keine Hilfe holen oder Fenster einschlagen, da die Nachbarn sonst von Trevor erfahren. Die Stadtwache ist ja genau gegenüber von uns. Der Schweiß gefriert auf meiner ertaubten Haut. Ich erfriere…“
    „Keine Angst. Du hast überlebt.“
    „Ha ha. Da fragt so ein Bursche durch die Hecke, ob er helfen kann. Er sei Schlossschmied, habe bei Colton gelernt und schonmal bei dir gearbeitet. Gute Manieren, gute Kleidung. Einen riesigen Werkzeugkoffer hat er dabei. Schwerer als er selbst, könnte man meinen. Nannte sich Jeremy Coil. Wie konnte ich ablehnen?“
    „Wart ihr nicht halbnackt?“
    Sie knurrte. „Er möchte, dass ich das kaputte Schlüsselstück bringe, damit er daraus eine Kopie gießen kann, aber bis ich zurück bin, hat er die Tür offen! Er feilt an irgendwas. Trevor und ich werfen im Haus ein paar Kleider über und Trevor meint, der Bursche habe sein Gesicht gesehen und könne uns beide ruinieren. Aber ich möchte nicht, dass jemand in meinem Haus er…“, sie flüsterte, „ermordet wird. Sonst spukt es dort, wie in Ashcroft Manor. Mittlerweile gelang es dem Burschen, einen Ersatzschlüssel nachzufeilen, der auch noch funktioniert! Den hat ihm der Waldfürst doch persönlich untergejubelt! Weil Jeremy keinen Viertel-Glockenschlag gearbeitet hat, bezahle ich ihm natürlich nur einen Bruchteil eines Stundenlohns. Nach dem Ersatzschlüssel habe ich nicht verlangt, also bezahle ich dafür nicht. Da hält mir dieser sirup-süß lächelnde, manierliche, verschüchterte Kerl plötzlich eine Standpauke über Anstand und ehrliche Arbeit!“
    „Klingt ja nach Meister Colton höchstselbst. Hast du bezahlt?“
    „Was blieb mir denn?“
    Bafford kicherte. „Hatte er Gelegenheit, was zu klauen? Und hat er sie ergriffen?“
    „Das gute Silber stand offen in der Wohnstube, als wir oben waren. Das war noch vollständig. Das hätte er nehmen können. Aber er ist ein Anständiger. So anständig, dass er bestimmt gar nicht auf die Idee kam, Trevor könne jemand anderes als mein Ehemann sein. Oder?“
    „Uuuh. Nein, Liebes. Genau das sind die Schlimmsten! Darum hab ich diesen Lehrling damals nach Cragscleft befördert, denn ich erkannte gleich, dass er zu der Sorte gehört, die sich nicht kaufen lässt. Das sind die Leute, die nicht ruhig schlafen können, wenn sie Zeuge von etwas werden, das über ihr simples Anstandsgefühl hinausgeht. Da muss man schnell handeln! Beim Erbauer, und du sitzt den ganzen Abend hier und sagst nichts davon, bis alle weg sind!“

    Sheila wimmerte. Es war aus für sie! Wäre sie bloß in ihrem Garten zur Eisskulptur erfroren. An Trevor festgefroren. Dann hätte sie ihren Untergang nicht mehr erleben müssen.


    Bafford warf die Karten fort und kramte ein Stück Pergament und ein Stück Kohle aus der Weste. „Ich muss den Kopf freihalten. Darum schreibe ich solche Dinge auf.“, erklärte er. „Wie hieß dieses Scheusal?“
    „Jeremy Coil.“
    „PROFESSOR Coil! Weil er sich kleidet wie einer. Und sonst?“
    „Er hat eine Bandage über der linken Gesichtshälfte, und sein Werkzeugkoffer hat einen eigenartigen Verschluss. Es rasselt wie verrückt. Riesenkiste. Augenfarbe weiß ich nicht mehr! Haarfarbe ist…“
    Bafford quetschte alles auf das schmale Pergamentstück. „Liebes, so ein Kram passt hier nicht drauf. Diesmal wird es schwieriger, weil wir keine Hammeriten da haben, um ihn wegzusperren. Hat Coil was über seine Werkstatt, seinen Wohnort oder seine Zunft gesagt? Weine nicht, Sheila, wir regeln das.“
    Sie dachte angestrengt nach, ihre Tränen quollen hervor. „Ich… ich glaube, er sagte, er bezieht im… Gasthaus zum Grünen… Blauen Reih…erer Quartier.“
    „Hm… klingt fast nach Lord Julians Lieblingshaus…“
    „Ich weiß nicht! Nach der Schelte wegen der Bezahlung pochte mein Herz lauter, als er sprechen konnte. Eine piepsige graue Maus ist das!"

    Der Lord nickte und fasste Sheila an die zittrige Hand.
    „Und was passiert jetzt?“, fragte sie, „Malen wir ein paar Steckbriefe, schreiben eine Belohnung drauf und warten? Ich weiß nicht, ob ich ihn gut malen kann.“
    „Nicht doch. Wenn man Lord Julian glauben kann, und das tue ich ausnahmsweise, dann ist der Blaue Reiher der ideale Ort. Wenn dich jemand schlecht behandelt, dann schickst du einen Mittelsmann, der den Stammgästen des Reihers ein Goldsäckel hinhält, und sie kümmern sich um den Kerl. Besonders weit haben sie es ja nicht. Ich lasse Lord Julian alles einfädeln. Bei einem Niemand wie 'Professor' Coil kostet das noch weniger Geld, als du heute Abend verzockt hast.“
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    Schwertmeister Rotfront's Avatar
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    Rick seufzte leise und blickte seinem Gegenüber tief in die vom Alkohol getrübten Augen. „Wenn ich es euch doch sage, ihr dürft das Tor nicht passieren. Nach 24 Uhr gibt es kein Einlass mehr nach Downtowne, ihr solltet eigentlich auch überhaupt nicht hier sein. In eurem Ausweis steht, dass ihr nicht in Downtowne wohnt. Was wollt ihr also in der Gegend?“ Der betrunkene Mann, seiner Kleidung nach ein mittelständiger Bürger, machte ein paar koordinationslose Schritte nach hinten und blickte Rick verwirrt an. „Downtowne? Nein, nein, nein guter Mann, ich möchte zu den Wayside Docks.“ Rick gab dem Mann seinen Ausweis zurück und schloss entnervt die Augen. „Das hier ist das Nordtor, zu den Docks müsst ihr zum Westtor. Diese Straße runter und immer rechts halten.“ Der Mann bedankte sich für die Auskunft und torkelte in die Richtung Westtor. „Na wenn der das schafft fress ich einen Besen.“, spottete Wedge. Rick zuckte mit der Schulter und ging in das Wachhäuschen, welches neben dem Tor eingerichtet war. Es war ein kleines aber gemütliches Gemäuer, drin stand ein stabiler Holztisch mit vier dazu passenden Stühlen. An der Wand wurden Waffenhalter angebracht und ein Wappenschild zwecks Dekoration. In einer Ecke stand ein massives Regal welches mit Allerhand Küchengeräten und Kerzen gefüllt wurde. Eine Holzleiter führte auf das Dach der Wache damit der diensthabende Armbrustschütze eine übersichtlichere Position einnehmen konnte. Rick nahm am Tisch platzt und schaute verdrossen in seine Spielkarten, welche er zurückließ um dem verirrten Betrunkenen zu helfen. Er hatte ein denkbar schlechtes Blatt auf der Hand, dem spöttischen Grinsen von Debb konnte er entnehmen, dass er sein Blatt mit seiner düsteren Miene verraten hatte. Resigniert nahm er drei Eisenmünzen aus der Tasche und warf sie auf den Tisch. „Ohne mich ihr Hunde, da kann ich das Geld gleich versaufen.“ Mit schweren Schritten lief er aus dem Wachhaus hinaus und blieb auf der Straße stehen. Als er die Augen schloss spürte er den kalten Wind im Gesicht. Dies war einer der längeren Nächte, um genau zu sein war sie totlangweilig. Der Betrunkene war die einzige Person, mit der er es in dieser Schicht zu tun hatte und die war erst zur Hälfte vorbei. Zu gerne würde er einfach seinen Posten verlassen und einen kühlen Krug Bier in einer geselligen Taverne genießen. Er blickte in die leeren Straßen, die Pflastersteine waren noch nass von einem Platzregen welcher im späten Abend die Stadt überrascht hatte. Ein paar Fässer hier und da, gestapelte Kisten und ein paar wenige Handkarren, beleuchtet im warmen, flackernden Licht der Gaslaterne. Rick war froh darüber, dass es noch Gaslampen waren. Die neuen, flammenlosen Lichter, welche die Stadt fieberhaft baute, machten ihm nur Kopfschmerzen, oder vielleicht bildete er sich das nur ein?
    Rick versank in seinen Gedanken, jedoch wurde er gleich wieder daraus gerissen. Ein metallener Gegenstand ist in der Straße zu seiner rechten auf den Boden gefallen und ein heller Klang durchriss die Stille der Nacht. Angestrengt suchte er nach der Quelle des Krachs, konnte auf den ersten Blick jedoch nichts erkennen. „Ist da jemand?“ Ricks Hand wanderte instinktiv zu seinem Schwert, er ließ es jedoch in der Scheide stecken. „Gibt’s draußen Probleme?“, erkundigte sich Wedge vom Inneren des Wachhauses. Rick hielt es nicht für notwendig Verstärkung zuzuziehen und verneinte. Im Normalfall würde er eine Fackel nehmen um sich besser Umsehen zu können, jedoch hatte er keine Lust wegen einer Katze oder ähnliches den Dummen zu spielen. „Verdammte Mistviecher!“, murmelte er, während er wieder zurück zu den beiden zurücktrottete. Und da war der Lärm an derselben Stelle wieder zu hören, gefolgt von einem Grunzen was unmöglich von einem Tier stammen konnte. „Wedge zu mir, Debb auf deine Position!“, bellte Rick in die Nacht. Beide waren schnell zur Stelle, Wedge nahm sich eine Fackel aus einer Halterung. Mit gezogenen Klingen gingen sie langsam die Straße entlang. Rick spürte, wie sein Blut in Wallung kam. Die letzte Rauferei lag schon einige Monate zurück, vielleicht war jetzt der Moment gekommen dieser Sterbenslangeweile zu entsagen. Langsam erreichte der Lichtschein der Fackel die besagte Stelle, ein verbeulter Metalltopf lag auf den Pflastersteinen der Straße. Hinter einer Kiste konnte er einen hellbraunen Schuh erkennen. Plötzlich blieben Wedge und Rick wie angewurzelt stehen. Hinter der Kiste war ein kratziges Geräusch zu hören, zuerst leise und kaum hörbar, doch dann wurde es immer lauter. „Schnarcht da einer!?“, fragte Wedge und schaute Rick an. „Ehm… ja ich denke schon…“ Die beiden riskierten einen Blick hinter die Kiste. Und tatsächlich saß dort jemand auf dem Boden, den Rücken an eine Kiste gelehnt und schlief tief und fest. „Oh nein“, Rick musterte das Gesicht der Person, „nicht schon wieder der Typ!“ Wedge lachte lauthals auf. „Na der hat es nicht gerade weit geschafft, mhh?“ Rick sah verständnislos auf den Bürger, den er vor einigen Minuten noch zum Westtor schickte. „Wedge, bitte tu‘ mir den gefallen und bring ihn zum Westtor, sollen die sich mit ihm beschäftigen.“ Wedge nickte und weckte den Schlafenden mit einem leichten Tritt gegen den Schuh. Dieser wachte nur wiederwillig auf und stammelte vor sich hin. Rick lief währenddessen wieder zurück zum Wachposten und Debb ein Zeichen der Entwarnung. „Diese verdammte Nacht wird wohl nie vorbei gehen…“
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    Ritter Mordry's Avatar
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    Das Sonnenlicht schimmerte in das dunkle Kellerzimmer. Mordry griff nach der Blitzbombe, er fühlte für einen Moment die raue Oberfläche des runden Objektes ab. Das Glasauge der Bombe reflektierte matt den Schein in den verstaubten Raum. Einzelne Speicheltropfen bedeckten die kratzige Textur, die Augenringe standen dem Dieb tief im Gesicht. Unfähig Sinn zu erschließen, war er Nacht für Nacht mit Albträumen geplagt. Er konnte nicht zurück zu den Heiden, seine Haare sträubten sich bei dem bloßen Gedanken an die Erfahrung. Sylvia war seitdem nicht zurückgekehrt.

    Er griff sich die Bombe und hielt diese versteckt unter seinem Umhang. Seinen Knüppel drückte er zwischen sich und seinen Gürtel, sehr unangenehm und nicht für lange Zeit geeignet, aber es ermöglichte einen schnellen Zugriff. Die vermoderte Tür knirschte laut beim öffnen. Der Dieb stützte sich ein letztes Mal an der Tür ab und atmete tief durch. Sein Körper war müde, jede Bewegung musste erzwungen werden und jede Pause konnte zu einem weiteren Albtraum führen. Seine Augenlieder fielen zu, die Schwärze war angenehm und ein lösendes Gefühl strömte durch seinen Körper. Erschöpft öffneten sich die Augen, doch waren diese nur halb geöffnet, zu mehr war er nicht fähig. Er füllte seine Lunge erneut mit der frischen Nachtluft, stieß diese langsam aus und machte sich auf den Weg.

    Das Skellettgemälde von Mirk, es ging ihm nicht aus dem Kopf. Der Säufer hatte sich nach dem letzten Überfall zwei Leibwächter angeschafft. Trotz dem Zustand seines Heimes hatte er scheinbar ein höheres Einkommen. Die zwei Leibwächter konnten sehr problematisch werden, doch während Mirk unterwegs war, blieb einer immer im Haus. Einer war, so dachte er sich, mit den richtigen Überzeugungsmitteln kein großes Problem.
    Er wartete geduldig, mit seinen Schlafattacken kämpfend. Er wartete auf den Moment, den einen von zwei Abenden in der Woche in der Mirk sich in den Kneipen besäufte. Die Tür öffnete sich, Mirk und sein Leibwächter traten heraus, während die Tür von innen zuging.
    ,,Diese dicke Lederrüstung... Burrickleder. Vermutlich sind sie auch noch Stolz darauf...“
    Burrickleder wurde in seiner Heimat verarbeitet, doch die Frage war, ob die Leibwächter wussten, warum niemand solche Rüstungen trug.

    Mirk war außer Reichweite, je früher desto besser, dachte sich der Dieb. Die umgehenden Passanten waren jedoch trotz der Uhrzeit ein Problem. Seine Idee war riskant, denn sollte eine Stadtwache kommen, war sein ganzer Plan ruiniert, doch musste er das Risiko eingehen. Es sollte nicht einmal eine Minute dauern.

    ,,Beim Erbauer, der Mann in dem Haus ist zusammen gebrochen! Wir müssen ihm helfen!“ Schrie der Dieb in die Menge hinaus. Die Bewohner schauten zunächst nur verdutzt, doch nach ein wenig Schauspielerei seitens Mordry sammelten sich die wenigen Menschen an der Tür und versuchten die Tür einzuhämmern. Es passierte innerhalb von Sekunden und es dauerte nicht lange, bis die Wache wütend die Tür aufriss und die Menge anschrie. In dem Moment zückte der Dieb seine Blitzbombe, bedeckte seinen Augen mit der anderen Hand und aktivierte sie. Die Menge war geblendet, er sprintete ins Haus, zückte seinen Knüppel, schlug die Wache nieder und schleifte sie schnell ins Haus, bevor er die Tür zuknallen ließ. Die Wache bewegte sich noch, die Hand um den Knüppel zitterte. Er wusste, was er tun musste, doch konnte er nicht den Mut aufgreifen, es zu beenden. Er griff nach einer Kerze, zündete einige alte Schriftstücke an, die als Müll herumlagen und warf diese auf die Wache. Die Rüstung der Wache ging in Flammen auf und er rollte sich instinktiv hin und her.
    ,,Burrickleder ist wirklich kein schlechtes Material für eine Rüstung, bis auf ein Problem. Das Gas des Burricks verschwindet nicht ganz bei der Anfertigung und wie jeder weiß, ist das Gas eines Burricks brennbar. Burrickleder wird aus gutem Grund üblicherweise nur zu Dekorationszwecken verwendet.“
    In einem hastigen Tempo eilte er die Treppen herauf und fand sich bald auf dem Dachboden wieder, während die verwirrten Wutschreie der Wache und die tobende Menge das Haus erhallten.

    Er sank auf seine Knie herab und fing an zu kichern. Das Gemälde, es war weg. Sein einziger Hinweis auf des Rätsels Lösung verschwand einfach so. Die Wache öffnete die Eingangstür, die dumpfen Fußschritte von vielen Leuten ertönten bis in den Dachboden hinauf. Mordry fasste sich zusammen und kletterte die Treppe herunter. Er öffnete das Fenster, während die ersten Bewohner oben ankommen und sprang heraus. Er rannte über die Dächer bis er sich in eine Seitengasse herunterließ, außerhalb der neugierigen Blicke der Menge.

    Der Dampf windete sich um die Füße des Diebes, während er in eine kleine Sackgasse ging.
    ,,Wenn man weiß, wie man suchen soll, findet man dich recht schnell.“, sagte der Dieb monoton in die Nacht hinaus.
    ,,Es ist eine Frage des Timings.“
    Die Stimme des ,,Nebeldealers“ ertönte irgendwo aus dem Dampf.
    ,,Ich suche das Skellettgemälde.“
    ,,Es gibt viele Gemälde.“
    ,,Eines, welches neulich zufällig von dem Hehler Mirk gestohlen wurde?“
    Schweigen erfolgte.
    ,,Eventuell habe ich davon gehört.“
    ,,Brauchst du zufällig noch etwas von den Heiden?“
    ,,Die Heiden?“
    ,,Sicherlich nicht die Hammeriten.“
    ,,Vielleicht habe ich etwas zu tun, aber vielleicht ist es etwas zu schwierig für jemanden wie dich.“
    ,,Skellettgemälde gegen was auch immer.“
    ,,Deal. Ich suche die Hand eines Zombies. Hier ist gesegnetes Wasser und eine Axt.“
    Eine Phiole rollte gegen den Stiefel des Diebes, kurz darauf rutschte eine Axt herüber.
    ,,Die Hand... eines Zombies...“
    ,,Deal ist Deal.“
    Mordry blickte entgeistert auf die Gegenstände, schnaufte einmal durch und nahm die Phiole und die Axt an sich.
    ,,Du hast zwei Wochen Zeit.“
    ,,Keine Sorge, ich brauche nur eine. Ich habe nicht vor, mehrere Besuche abzustatten.“
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    Hobby Hochstapler  Sercil's Avatar
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    Der Zimmerschlüssel passte nicht ins Schloss, und Jeremys Vorstellung machte sich selbstständig. Vor seinem geistigen Auge baute sich sein Türschloss auseinander und gewährte ihm Einblick auf die innenliegenden gewundenen Metallstücke, die kleinen gefederten Zylinder, Haken und Riegel. Er bewegte den Schlüssel sachte, horchte und fühlte. Das Bild klärte sich. Etwas musste zwischen den Zylindern stecken.
    Jeremy hievte seinen gewaltigen Koffer vom Rücken. Mit ein paar Handgriffen löste er dessen Verriegelung. Schubladen klappten kaskadenartig heraus, jede offenbarte eine andere Sammlung von Werkzeugen. Hämmer, Zangen, Feilen, Sägen, Bohrer, Ölfläschchen, etliche spitze Metallwerkzeuge mit jeder erdenklichen Spitzenform, Vorhängeschlösser in jeder Größe, Einbauschlösser und hunderte Schlüssel. Er nahm eine feine Zange und setzte sie ans Schlüsselloch.
    Am Korridorende kam jemand aus der Tür. Er fasste sich kurz ans Gesicht, um zu prüfen, ob seine Augenklappe richtig saß. Dann ignorierte er seinen langsam vorbeischlurfenden Zimmernachbarn.

    Jeremys Zange befreite eine nadelartige, gebogene Metallspitze aus dem Schlossinneren. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Es handelte sich um eine Dietrichspitze, kein Zweifel, und wer auch immer sie im Schloss abgebrochen hatte, hatte es weit geschafft. Doch als die Tür trotzdem nicht entriegelte, musste derjenige es mit Gewalt versucht und dabei sein Werkzeug ruiniert haben.

    "Ruhig Blut.“, dachte er. „Sowas gibt’s halt. Selbst im Blauen Reiher. Ohne solche Leute wäre ich arbeitslos.“

    Er legte die Zange zurück und nahm ein Stück Erz aus dem untersten Kofferfach. Schrauben und Federn klebten an diesem Metallklumpen. Einige seiner Werkzeuge zitterten auf, als er ihn vorbeibewegte. Er hielt den Klumpen ans Schloss, bis dieser wie von selbst dagegenschnappte. Dann zog er ihn eine Daumenbreite nach oben und hörte ein Klacken im Innern. Entriegelt.
    Das war ein innenliegender Haken, der zuschnappte und den Schlossriegel festhielt, wenn jemand mit etwas anderem als dem Schlüssel ins Schloss stocherte. Der Zauberklumpen war im Stande, diesen Haken durchs Gehäuse hindurch zu bewegen. Eine andere Möglichkeit kannte auch Jeremy nicht, und er hatte diese kleine Eigenkreation selbst ins Schloss verbaut. Und zwar ohne Wissen des Gasthofbesitzers.

    Die Zimmertür drückte sich gegen seine Hand, als schob jemand vom Innern dagegen. Tödlich eisiger Wind bließ daraus hervor. Seine Fensterläden standen offen.
    Jeremy bemerkte als nächstes, dass sein Schrank umgekippt zur Seite lag, umgeben von seinen Kleidern und Holzsplittern, fast wie ein ausgeweidetes Tier.
    Er sprang auf und seine schlimmste Sorge bewahrheitete sich. Das Brett an der Oberseite lag herausgebrochen daneben, und das zweite Brett darunter fehlte komplett. Nur noch wenige Splitter blieben ihm davon. Auf diesem Brett hatte Jeremy eine Schatulle verschraubt, die jetzt fort war.
    Die Schatulle enthielt sämtliche Verdienste des letzten halben Jahrs. Als der Berg Silbermünzen im Innern anwuchs, hatte er die Schatulle immer besser gepanzert, abgesichert und immer bessere Verstecke gewählt, bis er die doppelte Decke im Schrank fand. Und selbst dort hatte er sie innen ans Holzbrett festgeschraubt. Doch dieser Fuchs von einem Dieb hatte gleich das komplette Brett mitgenommen.

    Sein Herz hatte einige Momente zuvor zu schlagen ausgesetzt, holte die fehlenden Schläge jedoch im Nullkommanichts nach. Der Wind schien ihm das Innere seiner Brust zu gefrieren.
    Mit butterweichen Knien stakste er zu den offenen hölzernen Fensterläden. Der kleine Metallverschluss, der die Bretter zusammenhalten sollte, war gebrochen. Hier hatte der Schlossergeselle keine heimlichen Umbauten vorgenommen, da es ihm reichlich albern vorkam, einen Stahlriegel an seine Fensterläden zu nageln. Denn er wohnte im obersten Stock des Reihers.
    Er blickte hinaus. Die menschenleere Straße lag tief genug darunter, dass man sich bei einem Sprung beide Beine brach. Der eisige Wind ließ ihm Stirn und Finger ertauben. Überall lag granitartig gefrorener Schnee, auf dem man nicht mal mehr Spuren hinterließ.

    Neben ihm baumelte ein Seil im Wind. Es führte unter den Dachgiebel, wo es an einem dicken Pfeil hing. Man kam unmöglich an ihn ran.


    Es war umsonst. Die letzten Monate, die bis zum Fleisch aufgeschürften Hände, der ruinierte Rücken vom Schleppen seines Werkzeugkoffers, die blutenden Füße, die endlosen Nachtschichten, die Träumereien von der Schuldenfreiheit und dem Handwerker-Imperium. Jede Hoffnung, einmal auszuspannen oder sorglos zu schlafen. Weder Werkzeuge noch Kleidung gehörten wirklich ihm. Sie stammten aus einem Darlehen, das er beinahe zurückgezahlt hatte.
    Wut und Hoffnungslosigkeit lähmten ihn, aber er durfte nicht untätig bleiben.

    Er verstaute seinen Werkzeugkoffer, der jetzt drei Zentner schwerer schien. Er riss seine Zimmernachbarn aus dem Bett, doch die schwörten, sie hätten nichts bemerkt. Er suchte den Gasthausbesitzer, doch der war außer Haus. Er suchte die komplette Straße ab und betrachtete sein Fenster von unten. Das Seil hörte zwei Klafter über dem Boden auf, da kam man von unten gar nicht ran. Und der Dieb hatte es rein und mit einem riesigen Holzbrett wieder raus geschafft. Leider ohne sich das Genick zu brechen.

    Er rannte zur Stadtwache.
    Einige Formulare und mehrere Warteräume später schaffte er es in ein Büro, das an eine Besenkammer erinnerte. Die Leute mochten Jeremy immerhin für voll nehmen, solange er sich wie ein Handwerker der obersten Riege anzog. Doch der Officer, der ihn empfing, wirkte wie ein Knabe, der die Uniform seines Vaters trug und vor einer Schulbank hockte.
    Jeremy schilderte ihm den Fall bis ins Detail und bemerkte kaum, dass der Officer ihm abwechselnd dieselben Fragen stellte. Er war zu aufgewühlt.
    Der Knabe kritzelte seinen Bericht auf Papiere.
    "Schicken Sie jeman vobei, dern Tatort absuchd?", bekam Jeremy grade noch heraus.
    "Der Blaue Reia fällt in mein Zuschändigkeitsbreich.", nuschelte der Knabe zurück. "Das schau ich mir ma selber an. Bald. Varsprochn."


    Mehr konnte er nicht tun. Nun musste er überlegen, wie er es seinen Gläubigern beibrachte. Ihm blieben nur ein paar Kupfermünzen, und die brauchte er, damit der Blaue Reiher ihn nicht auf die Straße schmiss. Selbst die Heiden wussten bei dieser Kälte nicht mehr im Freien zu überleben.
    Und bevor er das Werkzeug verkaufte, verkaufte er eher noch die Klamotten. Er würde sowieso riesige Verluste machen und bestenfalls die Hälfte zurückbekommen. Und er wäre erwerbslos.

    Doch er war sicher, dass seine Kreditgeber Verständnis zeigen und die Frist nochmal verdoppeln würden. Wer einem entflohenen Cragscleft-Sträfling so viel Gold lieh, musste ein aufgeschlossener und mitfühlender Mensch sein.
    Sercil is offline

  9. #9 Reply With Quote
    Ritter Mordry's Avatar
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    Der Dieb atmete die feuchte, riechende Luft tief ein. Es war soweit, das Kanalisationsgitter war direkt vor ihm. Er schmunzelte, da er nun endlich wusste, wie man es öffnen konnte. Er hatte keine Ausflüchte mehr. Er beugte sich und zog einen nur schwer erkennbaren Hebel aus dem Erdboden heraus. Der Hebel sah wie ein altes Stück Rohr aus, welcher im Boden nicht hervorstach. Ein lautes Knacken war zu hören, der Hebel war eingerastet, das Gitter öffnete sich.
    ,,Hat auch lange genug gedauert.“ Murmelte Mordry vor sich hin und richtete sich auf. Die Axt, die er fast an seinen Oberschenkel gebunden hatte, drückte bei jeder Bewegung gegen sein Bein. Der Dieb war nicht gewohnt, solche Waffen zu führen. Der Hebel sank langsam hinab und das Gitter begann sich zu schließen, doch es war mehr als genug Zeit für ihn hindurchzugehen.

    Gebeugt stand er in der niedrigen Dunkelheit. Die Kanalisation erstreckte sich vor ihm. Der Geruch, eine Mischung aus Kloake und Verfaulung, bließ dem Dieb entgegen. Er ging schnell hinein. Das Gitter schloss sich, das Echo des Metalls vibrierte durch den Gang.
    Er zögerte für einen Moment. Er bewegte seine Beine kontrolliert nach vorne und testete, wie stark er auftreten kann. Keine zwei Schritte weiter übergibt er sich, sein Durchhaltevermögen war stark strapaziert. Das seichte, schmutzige Wasser war dabei keine Hilfe, jeder Schritt musste auf leichtem Fuße getan werden. Langsam bewegte er sich nach vorne. Das Licht der Nacht weichte früh der Schwärze und jeder Schritt ohne Sicht fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Das leise plätschern des Wassers wurde nur geringfügig von seinen Schritten übertönt.
    In der tiefsten Dunkelheit im feindlichen Gebiet war alles anders.
    Er verlor das Gefühl über Zeit. Wie lange war er bereits dort?
    Er verlor das Gefühl der Orientierung. Lief er den richtigen Weg, obwohl er die Karte studierte?
    Er verlor das Gefühl der Sicherheit. Hatte er überhaupt eine Chance?
    Er verlor das Gefühl des Mutes. Er spürte seinen Herzschlag wie Gongschläge in seinem Kopf.

    Ein grünes Licht riss ihn aus seinen Gedanken. Die Schweißperlen auf der Stirn reflektierten das grelle, sumpfig grün schimmernde Licht. Es kam näher. Mordry trat näher und näher an das Licht heran. Ihm war bewusst, dass er gegen dieses Licht nichts ausrichten könnte. Das Licht schmerzte zu sehr in der dunklen Kanalisation. Er presste die Augen zu, war dies bereits das Ende? Der weiße Schleier hinter den Augenlidern schwand zugunsten der Dunkelheit und der Dieb blickte zurück. Das Licht ignorierte ihn.

    Der Geruch des Wassers wich mehr und mehr einem modrigen Duft, welcher schwer in der Luft lag. Das Ende des Tunnels war in Sicht. Der Ausgang war unbewacht. Rechneten die Heiden nicht damit, dass Leute diesen Weg finden würden? Warum dann das Licht?
    Ein dünner Nebel erstreckte sich vor dem Kanalisationsausgang. Bäume, Schlamm und vereinzelte Pflanzen bestimmten den undurchsichtigen Weg voraus.
    Er bewegte seinen Fuß nach vorne und blieb direkt mit seinem Fuß stecken. Der Boden machte es unmöglich, sich schnell geschweige denn leise zu bewegen. Der Dieb stapfte durch, schwer atmend je weiter er voran ging. War dieser Wald in Wirklichkeit ein Labyrinth?

    Das klaghafte Schleichen wurde zum mühsamen Wandern. Die natürliche Umgebung, ein für den Dieb komplett unbekanntes Terrain, raubte ihm mehr und mehr Kraft. Er konnte nicht mehr, er verstand nicht, warum Matsch von allen Dingen sein bisher größtes Hindernis war. Er sank auf die Knie, die dreckigen Spritzer sprangen bis an seine Haare. Lediglich eine kleine Pause, dachte er sich. Doch ehe er sich versah, tauchten Heiden hinter den Bäumen hervor. Eine Keule schnellte ihm entgegen.

    Das Gefühl machte sich im Körper von Mordry breit. Ein unangenehmes Kribbeln, welches den tauben Körper langsam belebte. Seine Arme, sie waren angespannt, an etwas angebunden. Er hatte Probleme zu atmen, er lag auf dem Bauch. Unklare Stimmen hallten durch seinen Kopf. Er realisierte sie, doch konnte er nicht verstehen was sie sagten. Es waren Wörter die er kannte, doch sie verstummten ohne Bedeutung. Langsam öffneten sich seine Augen, um einen verschwommenen Brei aus Grün und Schwarz zu erblicken.

    ,,Ok, zuerst... aufstehen...“ Murmelte der benebelte Dieb. Schleifend richtete er sich auf seine Knie, doch seine Muskeln waren noch kraftlos. Er versuchte sich auf seinem Kopf abzustützen, doch bemerkte er nun die pochende Platzwunde an seiner Stirn, die ihn sofort zusammenbrechen ließ.

    ,,E-he-s ist lustig, Marionetten.“

    Mordry erkannte einen mit seltsamen Fellen bekleideten, ausgedürrten Mann vor ihm stehen. Er hatte einen starken Akzent, es war offensichtlich, dass er Probleme zu sprechen hatte. Sein starker Bluthusten verhinderte einen klaren Satz. Ein unterschwelliges Gurgeln war hinter der rauchig, kratzenden Stimme zu hören.

    ,,Flu-uch... am Schwinden. Hartnä-hä-ckiger.“
    ,,Ich bin hier für Farin und Sylvia!“
    ,,Farn? Si-hilber?“
    ,,Ich erinnere mich an dich... Farin hat von dir erzählt. Stelle dich nicht du-“
    Ein Heide biss in dem Moment, von hinten, in Mordrys Oberarm, am Fleisch zehrend und ziehend, doch ohne zu reißen oder zu kauen. Der Schmerz drang durch den Körper des Diebes, seine Schreie fokussierten die Gedanken auf das Aktuelle, Blut floss aus der Bisswunde. Der Heide wich zurück und grinste die verzogene, dreckige Visage seines Opfers an.
    ,,Ihr verfluchten Kannibalen!“
    ,,Suche-eh-n?“

    Er verstand nicht. War er senil? Laut Farin war er ein Mann, der nach der Beschreibung ähnlich wie dieser war, angeblich der Drahtzieher dieser Splittergruppe. ,,Splittergruppe?“
    Wie eine sich stückweise öffnende Tür strömten langsam mehr und mehr Erinnerungen an Mordrys geistigem Auge entlang. Doch hatte dieser keine Zeit sich mit diesen zu befassen, denn er wurde kurzerhand von zwei Heiden aufgehoben und in ein Loch geworfen. Es war ein steiler Hang, er versuchte sich irgendwie festzuhalten doch die auf ihn wirkenden Kräfte waren zu stark. Nach wenigen Sekunden endete die Rutschbahn und er landete in einer Höhle.
    Seine Orientierung war noch nicht zurückgekehrt, ein leichter Schimmer des Mondscheins drang in die Grube. Der Gestank von Gammel und Tod erfüllte die Umgebung. Noch während er versuchte sich aufzurichten, gefrierte sein Blut zu Eis. Ein lautes, leidvolles Stöhnen. Eine weibliche Stimme. Raschelnde Geräusche ertönen, jemand stand auf.

    Mordry tastete hastig seinen Körper ab. Seine Waffen waren weg, doch die Phiole war noch da. Er kannte die Umgebung nicht, gab es hier Fallen? War das hier eine Arena? Warum war dieser Ort überhaupt hier? Ein blasser Schimmer enthüllte die anschlurfende, faulende Untote. Es war Sylvia, welche als Zombie in der Grube gammelte. Mordry zückte seine Blitzbombe und begann sich vom Eingang zu entfernen um sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen.
    Unter normalen Umständen, wäre er wohl einfach in seiner Starre verblieben und hätte sich hilflos von Sylvia töten lassen, doch Unterbewusst wusste er bereits, dass seine Freunde tot waren. Ihm waren Zombies bekannt, aus Gerüchten und Monstergeschichten, doch dem Wesen direkt gegenüber zu stehen war etwas komplett anderes. Das Gerücht wurde zur Wirklichkeit. Eine Erinnerung kam in Mordry empor.

    Es war das erste und letzte Mal, dass Sylvia und Mordry zusammen nach Farin bei den Heiden gesucht hatten, doch sie teilten sich an der Kanalisation auf, sie kannten den Weg nicht. Mehrere Stunden später kam Mordry endlich unentdeckt bei den Heiden an, nur um mit anzusehen, wie sie Sylvia mit einem Fluch belegten. Derselbe Fluch, der sie zu einem Zombie verwandelte. Die Verwandlung war direkt, mit unheiliger Magie durchdrungen. Sie hatte keine Chance auf Rettung, ihre Verwandlung im grünen Licht war ein Akt der Brutalität und des Sadismus. Die perversen Aggressionen eines kranken Heidenpriesters.

    Das Monster stapfte langsam gezielt auf Mordry zu, unermüdlich. Ihm war bewusst, dass der Nahkampf ohne Waffen gegen einen Zombie unweigerlicher Selbstmord waren, doch ohne Risiko würde er Sylvia nicht befreien können. Doch in der tiefen Dunkelheit konnte der Dieb nicht sehen, wohin er trat und fiel über eine Ranke, die sich aus dem Boden erhebte. Der Zombie zögerte keine Sekunde und setzte zum Angriff an, doch der Dieb verdeckte seine Augen und zündete die Blitzbombe. Von oben hörte man die Verwirrung einiger Heiden über die plötzliche Helligkeit. Der Zombie blieb auf der Stelle stehen und Mordry nutzte die Gelegenheit. Er zog seine Phiole aus der Tasche, öffnete diese und rammte sie mit seiner Hand in Sylvias faulenden Mund. Das gesegnete Wasser strömte durch ihren Körper. Doch der Dieb zog seine Hand nicht rechtzeitig heraus und riss seine Hand an den sich schließenden Zähnen des Zombies auf. Sie fiel zu Boden, mit einem letzten Stöhnen löste sie sich in Staub auf.
    Er wich zurück und versuchte die strömende Wunde mit seiner Kleidung zu verbinden, doch die kleinen Fetzen stoppten die Blutung nicht. Er hatte keine Erfahrung mit der Behandlung von Wunden und sein Verständnis von Medizin war beschränkt, nicht existent doch das würde er nicht zugeben.

    Der Dieb sank am Boden zusammen. Was nun? Würde er hier verbluten?
    Minute über Minute vergeht, Stunde über Stunde. Er lag am Boden, erschöpft, es wurde kälter.
    Etwas, was sich wie ein Gitter anhörte, öffnete sich am anderen Ende des Raumes. Feste, gezielte Fußschritte kamen näher und wurden lauter.
    ,,Schicken sie noch mehr?“ Er richtete sich, zitternd, erneut auf. ,,Ich kann nicht mehr viel tun...“ Er setzte sich erneut hin. Seine beiden Arme waren verwundet, er hatte keine Kraft mehr übrig. Doch ein Schauer des Grauens überkam ihn, als er ihn erkannte.
    Es war der bissige Heide, erkennbar anhand des blutverschmierten Mundes, der weißen Koteletten und der Kurzhaarfrisur. Ohne Worte schnappte sich dieser Mordry's Arm und zerrte ihn durch einen Tunnel. Ein erschreckender Schmerz knechtete den Dieb als die Wunde noch stärker zu bluten begann.
    ,,Komm mit oder ich ziehe dich.“
    Ein pechschwarzer Tunnel lag voraus, Mordry sah nichts doch konnte er nichts ausrichten. Er folgte einfach der Ziehkraft und hoffte auf das Beste.

    Ein schummriges, grünes Licht erschien am Ende des Tunnels. Wieder am Tageslicht angekommen waren sie am selben Ort, wo Sylvia vor Monaten verwandelt wurde. Der Ort, wo auch Farin seinem Fluch erlag. Mordry erinnerte sich, Farin stahl ein seltsames Bild von dieser Splittergruppe, für die er arbeitete. Er brauchte Geld um seinen Verlobungsring für Sylvia zu kaufen, so kam er in Kontakt mit Mirk. Doch Mirk war käuflich, er brachte das Gemälde zurück zu den Heiden und verdiente eine Menge mit der Information und dem Diebesgut. Mirk konnte sich darauf nie wieder bei den Heiden blicken lassen, doch Farin war nun ihr Ziel, ein Verräter.
    Als Farin nicht mehr zurückkam, machten sich Sylvia und Mordry auf den Weg ihn zu retten, doch konnten sie nichts tun außer mit anzusehen, wie der gestörte Priester, der damals noch bei Sinnen war, Farin mit einem ähnlichen Fluch, mit dem er Sylvia belegte, in ein Gemälde bannte. Innerhalb von Sekunden löste sich das Fleisch von Farins Knochen und sein Skelett verschwand im Gemälde, um dieses auf immer zu schmücken.

    Der Heidenpriester trat hervor. Er beugte sich und hustete sein Blut in die Wunden des Diebes. Er sprach seltsame Wörter und die Wunden begannen grün zu leuchten. Mordry geriet in Panik und versuchte sich noch zu befreien, doch wurde er erneut nieder geschlagen.

    ,,Bist du endlich wach?“
    Mordry öffnete langsam die Augen. ,,Ich bin völlig fertig...“
    ,,Das ist kein Wunder.“ Der bissige Heide, nun ausgestattet mit bürgerlichen Klamotten, löste die Verbände von den Wunden.
    ,,Das war knapp.“
    ,,Hast du mich geheilt?“
    ,,So gut es ging. Doch es ist noch nicht vorbei.“
    ,,Was meinst du?“
    Mordry hiefte sich auf, er lag auf einem harten Bett, vermutlich war es gefüllt mit Stroh und Stein. Der Mann zeigte auf die Wunden. Seltsame Heidenzeichen bedeckten die Wunden wie schwarze Narben.
    ,,Noch bevor ich dich hierher gebracht habe, hat dein neuer Fluch seine Form angenommen.“
    ,,Fluch?“
    ,,Zeon war vermutlich nicht sehr glücklich mit seiner bisherigen Arbeit, darum hat er nachgesetzt.“
    ,,Warte mal, ich verstehe ni-“
    ,,Du warst nicht mehr bei Bewusstsein. Scheint bei dir eine Tradition mit Heiden zu sein, ich bin überrascht, dass du nicht bereits hirntod bist wenn wir bedenken, wie oft wir dir auf den Schädel geschlagen haben.“
    ,,Was habt ihr mit mir gemacht?“
    ,,Zeon, der kranke alte Narr, hatte dich, nachdem wir mit Sylvia fertig waren, ebenfalls mit einem Fluch belegt. Jedoch war dein Fluch keiner zur Bestrafung, deiner war zur Belustigung.“
    ,,Zeon hat mich verflucht weil... er es lustig fand!?“
    ,,Zeon war schon damals kein Mensch mit nachvollziehbaren Motiven. Er nutzte deine traumatische Erfahrung, um dich in einer Illusion der Vergangenheit einzusperren.“
    ,,Zeon... Das ist also Spaß für ihn...“
    ,,Dieser Abend war jedoch auch sein eigener Untergang, oder zumindest wird es dieser werden. Je öfter Zeon zaubert, desto instablier wird er.“
    ,,Warum folgt ihr dann diesem Psychopathen?“
    ,,Wie du bereits weißt, wir sind eine Splittergruppe. Die Experimente, die Zeon mit seiner Magie durchführte, wurden von anderen Heiden als zu gefährlich angesehen. Sie behielten Recht, denn Zeons Magie verzehrt die mentale Gesundheit. Dies ermöglicht einige Perversionen der Magie doch beschränken sich diese auf kleinere Späße wie Menschen töten und ihn Gemälde einzusperren.“
    ,,Warum nutzt er die Magie dann?“
    Der Mann stieß ein lachen aus.
    ,,Du hast meine Frage nicht beantwortet.“
    ,,Die Anderen dieser Splittergruppe sind Ausgestoßene oder wissen nicht viel über Zeon.“
    ,,Meine Frage ignorieren... Was ist mit dir?“
    ,,Ich folge niemandem.“
    ,,Und wer bist du dann?“
    ,,Hm... Heidenspion bei den Hammeriten? Hammeritenspion bei den Heiden? Vielleicht beides?“
    ,,Was zum... Wie soll das denn funktionieren?“
    ,,Ich bin ein Spion für alles und nichts.“
    ,,Das macht keinen Sinn.“ Mordry war sichtlich verwirrt. War der Mann bei klaren Sinnen?
    ,,Das ist für dich nicht wichtig, doch musst du mir einen Gefallen tun.“
    ,,Du hast mir wohl das Leben gerettet, was kann ich tun?“
    ,,Nicht sterben.“
    ,,O....k?“
    ,,Es ist keine Frage, dass Zeon eine Gefahr für alle ist, ist offensichtlich. Ihm waren selber die Konsequenzen seiner Magie nicht bewusst, doch könnte er noch einige Interessante Dinge in seinem Wahn hervorbringen. Dein Fluch ist eines dieser Dinge.“
    ,,Was ist dieser Fluch?“
    ,,Ich muss ehrlich sein, ich habe keine Ahnung. Ich vermute der Fluch wird deine Wunden schließen und dich am Leben erhalten. Doch darfst du den Fluch nicht aktivieren lassen.“
    ,,Und wie soll ich das machen?“
    ,,Ich weiß es nicht, ich habe einen solchen Fluch noch nicht gesehen. Diese Zeichen sind mir unbekannt.“
    ,,Du weißt also alles, hm?“
    ,,Viele vertrauen meinen Informationen.“

    Der Mann stand vom Bett auf und öffnete die Eingangstür.
    ,,Es ist Zeit, für dich zu gehen. Ich muss zur Arbeit.“
    Mordry schmunzelte: ,,Und wie soll ich dich finden?“
    ,,Ich dachte, war es nicht leicht mich zu finden?“
    Er hatte mehr Fragen als vorher. Doch schüttelte er seinen Kopf und stand auf, doch konnte er keinen Schritt setzen. Er war zu Erschöpft.
    ,,Ach, richtig.“ Der Mann ging zu einer Flasche mit einer roten Flüssigkeit.
    ,,Trink, das sollte dir wieder Kraft geben.“
    ,,Was ist das?“
    ,,Etwas gutes.“ Er grinste. Mordry setzte an und trank, der Geschmack war ein ekliges Gemisch aus Kräutern und schrecklicher Medizin.
    ,,Was ist das denn?“
    ,,Das nennt man einen Heiltrank. Die beste Medizin ist die, die man nicht nehmen möchte.“
    Der Heiltrank war leer und gab ihm Kraft, doch der Verfluchte wollte nie wieder auch nur einen Tropfen davon schlucken.
    ,,So, können wir?“ Wies der Mann ihn an.
    Mordry ging in den Holzflur und widmete sich wieder zur Tür. Der fade Kerzenschein eines Tisches am Ende des Raumes gab dem Flur eine etwas angespannte Atmosphäre, gerade nach dem eben erlebten.
    ,,Ähm... ja... bis dann... schätze ich...“ Stummelte der Dieb und ging zur Eingangstür.
    ,,Denk daran, nicht sterben!“ Lachte der Mann von hinten, und führte eine Winkbewegung mit einer grauen, abgehackten, gammeligen Hand aus.
    ,,Moment mal, du verdammter Mistkerl...“
    Der Mann lachte noch einmal laut und schloss die Tür.
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    Schwertmeister Rotfront's Avatar
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    Geistesabwesend, das Kinn auf die Hände abgestützt, dachte Rick über die Ereignisse in der letzten Arbeitswoche nach, um seinen Abschlussbericht schreiben zu können. Da in dieser Woche nichts wirklich Erwähnenswertes vorkam, fiel es ihm alles andere als leicht. Es gab nachts keinen Warenaustausch und somit konnte man keine eingenommenen Zoll im Buch vermerken. Manchmal fragte er sich, ob er die Sache mit dem Dienstbuch nicht doch etwas zu ernst nahm. Er sah auf und beobachtete eine Weile Debb, welche sich mit einem Dolch den Dreck unter den Fingernägeln wegschabte. „Gottverdammt ich lass es sein“, brummte Rick in sich hinein und klappte das Buch zu. Mit einem lauten Gähnen ließ er sich in den Stuhl sacken und streckte die Arme aus. Nachdem er kurz die Augen geschlossen hatte, hörte er plötzlich von weitem her das Klappern von Hufen auf der Straße. Darauf stand er auf und rückte sein Schwertgurt zurecht. „Verdammte Scheiße! Welcher Idiot muss mitten in der Nacht seinen Gaul ausführen?“ In diesem Moment kam Wedge hinein, aus seiner Miene konnte Rick nichts Gutes herauslesen. „Was ist los Wedge? Was soll der Krach?“ Wedge salutierte und just in diesem Moment betrat Feldwebel Ewein von Lettard das Wachhaus.

    Ewein galt in Kreisen der Stadtwache als extrem harter Hund. In seinen Rang als Feldwebel wurde er nicht hineingeboren, er musste ihn sich erarbeiten. Als Sohn eines Müllers begann er seine Karriere wie Rick, doch war er der geborene Anführer und Taktiker. Als er noch auf den Straßen der Stadt aktiv war entgegnete man ihn mit Angst und Respekt. Bei der Jagd auf Gesetzesbrecher heizte Ewein so sehr die Stimmung seiner Männer auf, dass mehr Gräber ausgehoben als Zellen geöffnet werden mussten. Der damals im Dienst stehende Sheriff profitierte ungemein von Eweins Vorgehen, die Stadtwache hatte durch ihn wieder einen Namen, einen Ruf welchen man besser nicht in den Schmutz zog, wenn einem sein Leben lieb war. Auch machte das unausgesprochene Gerücht die Runde, dass sich Ewein Konkurrenten innerhalb der Stadtwache mit gesetzeswidrigen Mitteln entledigte. Doch es war nicht mehr als ein Gerücht und keiner hätte je den Mut aufgebracht Ewein anzuprangern.

    Rick sprang hastig auf, zog die Hacken zusammen und salutierte. „Feldwebel von Lettard, wie kann ich euch dienen?“ Der Feldwebel musterte ihn von oben bis unten und machte einen schlaksigen Militärgruß. „Setzt euch Unteroffizier, wir haben einiges zu bereden“, er drehte seinen Kopf und beäugte Wedge und Debb, „unter vier Augen.“

    Nachdem Wedge die Holztür des Wachhauses hinter sich schloss, widmete sich Ewein wieder Rick.

    „Nun, bevor wir fortfahren, benötige ich eure Zusicherung, dass nichts von dem was hier besprochen wird in irgendeiner Form an Personen geht, die ich nicht persönlich mit einbeziehe. Haben wir uns verstanden?“

    Rick wurde etwas mulmig zumute. Bis jetzt wollte er nichts mit der Geheimniskrämerei der oberen Hierarchien zu tun haben, für ihn bedeutete das nur zusätzlichen Ärger. Würde er aber ablehnen, wäre ihm der Ärger garantiert. Der durchdringende Blick des Feldwebels ließ ihm keine Option für die falsche Antwort.

    „Ja Feldwebel von Lettard“

    Ewein lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Eigentlich hätte er diese Frage nicht stellen müssen, da er die Antwort schon von vorhinein wusste.

    „Nun denn, Unteroffizier Tarkus. Ich habe von Oben eine Order bekommen, dem dunklen Treiben innerhalb von Dayport endgültig den gar auszumachen. Die Herrschaften verlangen eine radikale Vorgehensweise außerhalb der Augen der rechtschaffenen Bürger. Die Devise sollte lauten: Schnell rein, alles kurz und kleinschlagen und wieder raus.“

    „Nun, weshalb kommt ihr zu mir Herr Feldwebel? Ich bin nur die Wache eines Tores und die Stadtwache verfügt doch sicher über genügend kräftige Männer um die Sache zu erledigen. Ich hingegen…“

    Ewein schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. Rick fragte sich, ob er zu weit gegangen war. Durfte man die Befehle eines Mannes von seinem Schlag bezweifeln?

    „Ich weiß, ihr habt nicht genügend Personal, ihr werdet eure Gefreiten auch nicht einweihen. Ich stelle euch meine eigenen Männer zur Verfügung. Wie gesagt, behandle ich diese heikle Mission unter strenger Verwahrung. Ich möchte, dass ihr einen Plan erstellt und meine Männer führt. Ihr seid schon Jahrelang in Dayport unterwegs, ob als Patrouille oder Torwache, ihr kennt euch in der Gegend hervorragend aus. Zudem sagte man mir, dass ihr ein geduldiger Mann seid, der etwas von Taktik versteht. Oder irre ich mich etwa? Damit die Mission geheim bleibt, müssen alle Aktionen nachts erfolgen, ihr seid beinahe jede Nacht im Dienst. Wer könnte also geeigneter sein?“

    Rick ließ sich Eweins Argumente durch den Kopf gehen. Bis jetzt hatte er nur Debb und Wedge befehligt. Die Offiziersschule lehrte ihn zwar den Umgang mit größeren Abteilungen, aber Theorie und Praxis waren meist weit voneinander entfernt. Er sah Ewein in die Augen und nickte.

    „Gut, ich werde eurem Befehl Folge leisten. Um wen oder was geht es?“

    Ewein nahm eine Papierrolle aus seinem Mantel und rollte sie vor Rick auf dem Tisch auf. Es war eine Karte von Dayport. Auf drei Gebäuden befanden sich dicke rote Kreuze. Alle drei Gebäude befanden sich in der Nähe des Hafens, keine Gegend die man nachts gerne besuchen wollte. Die Häuser standen im ärmlichen Teil des Viertels. Zwar war es nicht so schlimm wie in den Wayside Docks, doch gab es auch hier Hurenhäuser, miese Spelunken und eine ganze Menge an Halsabschneidern. Der Feldwebel deutete auf die mit Kreuzen markierten Häuser.

    „Hier, hier und hier wird zugeschlagen. Eine Nacht, drei Teams. Wie gesagt, soll es schnell gehen. Keine Zeugen. Bei den Zielpersonen handelt es sich um Bandenmitglieder einer Organisation, die sich selbst Raben der Nacht nennen. Wenn ihr mich fragt, ein Haufen Spinner. Da sie aber die Stadt mit Drogen versorgen und Menschen aus der Stadt schmuggeln um sie auf dem Sklavenmarkt zu verhökern, sind sie in das Fadenkreuz der Stadtwache gelangt. Diese Organisation hat hier und hier ihren Sitz. Die zweite Zielgruppe sind Heiden, ein wahrhaft abscheulicher Haufen. Es gehen Gerüchte in der Stadt um, dass sie in der Stadt Wurzeln schlagen wollen. Wir sind hier, um diesem Vorhaben Einhalt zu gebieten. Schlachtet alle Heiden ab, es soll eine eindeutige Warnung sein, dass die Dreckfresser nichts in der Zivilisation zu suchen haben. Bei den Raben brauchen wir jedoch eine Person, welche Infos über die Verteilungsrouten der Substanzen und der Kontaktmänner hat. Haltet Ausschau nach Personen, die sich mit vollgeschissenen Hosen ergeben, das werden schon die richtigen sein. Ansonsten keine Gefangenen. Vielleicht bemerkt ihr jetzt, warum die Sache sauber durchgeführt werden muss. Unter den Bürgern soll nicht das Gerücht umhergehen, dass die Stadtwache ein Metzgerverein ist.“

    Rick nickte nachdenklich und schaute sich die Karte an. Es hab ein viertes Gebäude im Inneren des Viertels, nur war auf diesem kein rotes Kreuz, sondern ein Fragezeichen in demselben rot. Rick konnte das Gebäude nicht genau zuordnen, doch hatte er eine Ahnung.

    „Was bedeutet das Fragezeichen auf diesem Gebäude, Herr Feldwebel?“
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  11. #11 Reply With Quote
    Hobby Hochstapler  Sercil's Avatar
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    Als ein Spaziergänger um die Ecke kam, richtete sich die behäbige ältere Dame schnell auf und schaute das Gemäuer hinunter in den Stadtkanal. Sie lächelte und warf imaginären Enten imaginäre Brotkrumen zu, während sie aus den Augenwinkeln über die Metallbrücke schaute.
    Coil hatte soeben den Park hinter der Brücke betreten. Er war langsam, weil er einen großen Koffer trug. Coils kapuzentragender Verfolger stand vorm Parkeingang in Deckung und blickte heimlich um die Ecke. Keiner der beiden hatte sie bemerkt, also duckte sie sich wieder hinters Gemäuer, als der Spaziergänger an ihr vorbei war.
    Diese Metallbrücke kam ihr nicht gelegen. In ihren Stiefeln würde sie nicht darüber kommen, ohne die Aufmerksamkeit des Kapuzenträgers auf sich zu ziehen. Der Park kam ihr ebensowenig gelegen. Auf Coil stand ein Kopfgeld. Ein kümmerliches zwar, wenn man mit einrechnete, dass er einer der Diebesgilden eine große Summe Geld schuldete, sodass sie im Falle eines Mords zweifellos das Geld vom Killer holten. Das bedeutete nur, dass jeder käufliche Mörder, der es trotzdem versuchte, entweder ein ahnungsloser Grünschnabel oder ein betagter Profi war, der die Gilden nicht fürchtet.
    In welche Kategorie der Kapuzenträger fiel, fiel ihr schwer zu sagen, doch es spielte keine Rolle. Beide Gruppen hätten ihr Opfer im Park umgebracht. Dunkel. Vermutlich keine Zeugen. Keine klare Sicht. Man kann über den Rasen rennen, ohne dass das Opfer es sofort merkt. Sie musste dieses Rennen gewinnen, aber einen gewissen Stolz hatte sie auch.

    Sie schloss die Augen, kroch auf den Boden und rollte sich seitlich über die Metallbrücke. Bei ihrer Figur musste das bescheuert aussehen, aber zumindest machte es kaum Geräusche. Auf der anderen Seite kroch sie hinter einen kleinen Zaun und robbte dahinter weiter, um außer Sicht zu bleiben.
    Sie lugte hervor. Coils Verfolger sprang seitlich in den Park. Sie rappelte sich auf und rannte, jedoch nicht direkt in den Park, sondern links drum herum. Der Park hatte an jeder Seite einen Eingang, und Coil würde sie von links schlechter kommen sehen. Links war er blind.

    Einer der Blauröcke bog vor ihr um die Ecke und sie machte abrupt Halt. Seinen Blicken nach zu urteilen hatte er bemerkt, dass sie gerannt war. Sie dachte schnell nach.
    „Herr Wachmann! Da ist grade so ein Kerl in den Park geflüchtet, der hat… so ein Lümmel, der!“, sie erkaufte sich etwas Zeit zum Nachdenken.
    „Beruhigt Euch. Hat er Euch ein Leid zugefügt?“
    „Mir nicht. Er hat vorn bei der Mechanistenkapelle in ein offenes Fenster gepinkelt! So ein unrasierter Rüpel mit einer Kapuze!“, krächzte sie. „Ihr erwischt ihn bestimmt noch! Er ist grade in den Park! Lungert zwischen den Büschen herum und verkauft weiß der Erbauer was!“
    „Wartet hier, er könnte gefährlich sein. Den greife ich mir!“, sagte der Wachmann und eilte los.

    Sie sah dem Wachmann hinterher, wie er seitlich in den Park stürmte. Das erkaufte ihr etwas Zeit. Sie sprintete behäbig der Mauer entlang, verringerte am Ende ihre Geschwindigkeit und vergewisserte sich, dass sie keiner sah. Dort sprang sie die Mauer hoch, griff zu und zog sich zittrig das Gemäuer hoch. Ein Stück zumindest. Für den Bruchteil einer Sekunde erfasste sie eine schwer bepackte Gestalt, die sie für Coil hielt und die auf den Ausgang auf ihrer Seite zukam. Weiter hinten lief der Wachmann herum, aber sie glaubte nicht, dass er sich hierher bewegte.
    Sie eilte zum Parkeingang und zählte im Kopf die Sekunden herunter. Dann griff sie in ihren Mantel und sprang hinein.

    Die beiden krachten zusammen. Coil stolperte zurück, das Gewicht des Koffers zog ihn nach hinten. Er stürzte. Sein Koffer klang, als bräche darin eine Lawine aus Hämmern und Schrauben los. Er lag auf dem Rücken und versuchte, sich aus den Gurten zu befreien.
    „Oh, beim großen Erbauer, ich Tollpatsch!“, sie eilte auf ihn zu. „Es ist doch nichts zu Bruch gegangen?“
    Er schlüpfte aus den Gurten, rückte seine Augenklappe zurecht und blickte drein wie ein Dackel.
    „Das ist nicht Eure Schuld! Habt Ihr Euch…“
    Sie winkte ab. Für einen Moment dachte sie, sie hätte ihn wesentlich zu kräftig angerempelt. Coils Lippe war aufgeplatzt, seine Nase war blutig und dem Anschein nach gebrochen, sein Kragen stand zerknittert nach oben, er rieb sich die Seite. Seine Haut war käsig weiß, selbst für diese Jahreszeit.
    „Was ist mit Eurem Gesicht passiert?“
    „Gar nichts, gar nichts! Ich hatte nur ein Missverständnis mit ein paar Geschäftspartnern. Bei Gold gehen die Gemüter mit manchen Leuten durch.“
    Er schaute auf seinen Koffer, als wäre es sein eigener kleiner Sohn, der ihm von den Schultern gestürzt war, und versuchte ihn aufzuheben. Die Frau witterte eine Gelegenheit und kam von der linken Seite auf ihn zu.
    „Bitte, bemüht Euch nicht.“, sagte er, doch sie ignorierte ihn. Sie ächzte, als sie die Kiste zusammen aufsetzten.
    „Beim Erbauer, Ihr ruiniert Euch den Rücken. Was schleppt Ihr dort mit Euch herum? Was steht da? Coil Locksmiths?“
    Er stellte sich aufrecht hin und betete all seine Dienstleistungen herunter. Sie nickte interessiert.
    „Vielleicht komme ich auf Euch zurück. Werfen wir einen Blick hinein, ob alles noch ganz ist?“
    „Ohne Zweifel. Was nützt ein Schloss, das zu Bruch geht wie Glas?“
    „Meister Coil, macht auf, sonst geht mir das den ganzen Abend nach.“
    Zögerlich griff er nach dem Verschluss und die Schubladen klappten versetzt auf, wie bei einem übergroßen Nähkästchen. „Normalerweise ist das nicht so chaotisch...“
    „Was für eine Sammlung! Wisst Ihr, Meister, wenn wir schonmal die Gelegenheit haben, hätte ich eine Frage. Habt Ihr zufällig ein kleines Vorhängeschloss dabei? Eines, das man an ein Tagebuch hängen kann?“, sie schwadronierte über neugierige Enkel und halbzerfallene Liebesbriefe.
    Er nickte und suchte in dem Sammelsurium aus Schlössern in einer tiefen Schublade. Sie griff in ihre Tasche und steckte ein kleines Pergamentstück zwischen eine Feile und einen Hammer. Jeremy richtete sich auf.
    „Das hier könnte Euch gefallen.“
    Sie schwärmte überschwänglich, kaufte es ihm ab und verabschiedete sich. Coil stapfte mit seinem Koffer über die nächste Metallbrücke, die über den Kanal auf dieser Seite des Parks führte. Vielleicht lag es ja an der schweren Last und seinem leicht humpelnden Gang, aber dieser Metallboden hallte ziemlich laut nach. Trotzdem bot sich die Brücke für einen schnellen Mord an.
    Sie warf einen unauffälligen Blick in den Park, dann verschwand sie um die Ecke des Eingangstors. Dort kundschaftete sie die umliegenden Straßen aus. Ein Mann lief am anderen Ufer vorüber, aber er schaute nicht direkt zur Brücke.

    Der Kapuzenträger eilte mit fuchsartigen Schritten aus dem Park und reckte den Kopf in Coils Richtung, doch dieser war schon zwei Steinwürfe weit entfernt. Für einen Grünschnabel trat dieser Mann zu sauber auf. Seine Bewegungen hatten etwas von einem Tänzer.
    Sie folgte dem Mann und achtete auf seinen Schrittrhythmus. Wenn sie exakt gleichzeitig auftrat wie er, würden sich die Schrittgeräusche überdecken. Bei diesem Tempo hätte auch der beste Dieb Mühe gehabt, so nahe unbemerkt heranzuschleichen, und sie wollte ihn erst auf der Metallbrücke einholen.
    Jeder Schritt der beiden hallte metallisch, aber sie hielt den gleichmäßigen Rhythmus des Mannes exakt ein. Der Kapuzenträger lief wenige Meter vor ihr geradeaus weiter, aber das Tempo machte ihr Mühe. Sie zog ihren Dolch und erhöhte die Schrittlänge.
    Plötzlich schnappte der Mann seinen Kopf zur Seite. Hatte er sie gehört? Sie folgte seinem Blick. Der Spaziergänger an der Uferseite schaute zu ihnen herüber. Genauer gesagt schaute er auf sie.

    Sie hörte ihr eigenes, hallendes, einsames Schrittgeräusch. Das des Kapuzenmanns blieb aus, denn er war stehen geblieben. Als nächstes hörte sie das metallische Zischen einer Klinge, die aus der Scheide gezogen wurde.
    Innerhalb eines Wimpernschlags wirbelte der Mann herum, als hätte er das von Kindesbeinen an getan. Sie sah eine Klinge wie einen Blitz auf ihre Augenpartie zuschießen. Nur für eine kleine Gewichtsverlagerung nach hinten blieb Zeit, nur noch wenige Handbreit konnte sie den Kopf zurückwerfen. Dann spürte sie etwas über ihr Gesicht streifen. Einen Luftzug.
    Hätte sie in dem Moment, als sie die Klinge gehört hatte, zu blinzeln begonnen, dann wäre das nächste, was ihre Augen gesehen hätten, ihre Hand gewesen, die ihren Dolch in der Kieferunterseite des Mannes versenkt hatte. Er starrte sie an und musste gerade verstehen, dass er gleich tot war.
    Der Mann stand verdreht und still wie eine Statue. Die Dame hob ihn am Gürtel an und warf ihn über die Brücke. Ein lautes Platschen. Sie widerstand nicht der Versuchung, dem Zeugen an der Uferseite ins Gesicht zu sehen. Er starrte zurück und warf sich die Hände vor den Mund. „Dein Glück, dass ich mich nicht um Augenzeugen zu scheren brauche“, dachte sie sich und rannte los.

    Ihre Brust verkrampfte, ein Nackenwirbel hatte sich verschoben, aber sie grinste. Ihr Körper war wie ein Uhrwerk. Er vergaß nichts. Ihre Bewegungen mochten an Geschwindigkeit eingebüßt haben, aber nicht an Präzision. Sicher, ihr Plan hatte nicht vorgesehen, ihre Umgebung aus den Augen zu verlieren, gesehen zu werden, in einen offenen Kampf verstrickt zu werden, und schon gar nicht, derart angeberisch knapp auszuweichen. Aber am Ende würden sie alle nur von ihrer Schnelligkeit sprechen und davon, wie übermenschlich sie in ihrer Blüte sein musste.
    Und das sicherte ihr einen üppigen Bonus, den man nicht mit Gold aufwiegen konnte.
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  12. #12 Reply With Quote
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    Rick fühlte sich nicht wohl. Die Bank auf der er saß war hart, die Menschen um ihn herum fremd. Die Luft war stickig, schwer einzuatmen, sie hinterließ bei jedem Atemzug eine weitere Fußnote in den Lungenflügeln. Die Menschen um ihn herum hatten eingefallene, mit dunklen Rändern umrundete Augen. Sollte dies nicht ein Ort der Hoffnung und der guten Versprechungen sein? Rick ertappte sich bei seinen utopischen Gedanken. In dieser Stadt gab es keine Hoffnungen, jedes Versprechen hatte nur mit demselben Gewicht an Gold eine Daseinsberechtigung.

    Immer mehr Menschen setzten sich neben Rick. Es war offensichtlich, dass hier kein Platz für die gehobene Klasse war. Während immer mehr Bürger einen Platz einnahmen versuchte eine junge Mutter ihr Kind ruhig zu halten. Sie wiegte es in ihren Armen und beruhigte es mit ihrer eindringlichen Stimme. Kleine Taschenbücher wurden aus den schweren Wollmänteln hervorgezogen. Die Buchseiten waren gespickt mit Lesezeichen, manches Buch hatte ein wunderschönes, glänzendes rotes Seidenband. Rick hoffte nicht aufzufallen, er hatte kein heiliges Schriftstück zur Hand.

    Die Luft füllte sich immer mehr mit schweren, würzigen Gerüchen. in der großen Halle des Erbauers kehrte Ruhe ein. Im fahlen Licht der groben Wachskerzen kamen sie den Gang entlang. Ihre Arm- und Beinschienen klapperten metallen, knarzend. Die Menschen auf den Bänken, darunter Rick, blickten dem monotonen Tross nach. Im Schein der Kerzen sahen ihre Brigantinen herrlich aus. Sie hatten einen Hauch von göttlichem. Rick kam nicht darum herum sich selbst in einer so prächtigen Rüstung zu sehen. Glänzend im Sonnenlicht, gepolstert, schwer, vielleicht undurchdringbar. Nachdem die schweren Kampfstiefel die Holztreppen trafen gab es außer den krächzenden Dielen der Stufen keinen Laut mehr in der mächtigen St. Tyrael Kathedrale. Ein älterer Herr befreite sich aus dem Pulk von Kriegern und betritt das Pult aus hartem Eichenholz. Seine Leibwächter positionieren sich neben ihn, der stählernde Hammerkopf ihrer Waffe starr vor ihrem Gesicht. Der Mann war sich seiner Macht bewusst, er ließ die Menschen vor sich warten, strafte sie mit seinen durchdringenden Blicken, ließ sie wissen, dass sie trotz ihres ehrlichen Lebensweges nur eine Herde von Sünder waren. Und die Menschen vor ihm merkten das, verinnerlichten es, bevor er überhaupt erst angefangen hatte zu sprechen.

    Warum Rick hier war? Er war noch nie in den Hallen des Erbauers oder in den Hallen der Mechanisten. Religion lag ihm nicht. Doch nach der Unterredung mit Von Lettard war ihm danach. Rick hatte in seiner Kindheit Blutvergießen erlebt und wollte es dabei belassen. Er hatte sich um die niedrige Stelle eines Wachmanns am Tore bemüht. Vor seinem geistigen Auge stürmten die dick gepanzerten Hünen in die Räume, Hinterlassenschaften von Blut und Innereinen. Der Geruch von Metall in der Kathedrale bestärkten seine Gedanken.

    Doch ein greller Schein schnitt seine Gedanken von Tod und Verderben ab. Aus einer glühenden Esse strömte gleisendes Metall in eine hammerförmige Gussform. Die Gesichter der Teilnehmenden brannten in Angesicht des lodernden Metalls. Zahlreiche Augen ergötzten sich an der rohen Fertigung eines Hammers. Nachdem das Metall mit Wasser gekühlt wurde, setzte der dumpfe Chor der Hammeriten an. Die ganze Atmosphäre gab Rick ein wohliges Gefühl ein Teil eines Ganzen zu sein.

    Heute Abend, nach der Messe wollte er sich zum blauen Reiher begeben. Von Lettard wusste nicht was genau in diesem Schuppen vorging, deshalb sollte Rick diskret handeln. Irgendwelchen Gerüchten vertrauen war in diesem Falle nicht sonderlich hilfreich. Er musste das Etablissement kontrollieren, sich mit seinen eigenen Augen ein Bild machen. Er würde sich für eine oder mehrere Nächte ein Zimmer mieten, ein und ausgehende Bürger beobachten und wenn es nötig wäre versuchen in das ein oder andere Zimmer zu gelangen. Beim dem letzten Gedanken war ihm überhaupt nicht wohl dabei. Er konnte die Zimmer nicht mit lautem Getöse eindringen. Bei dieser Aktion ihm Reiher war er nicht offiziell im Auftrag der Stadtwache unterwegs. Eine Absicherung, damit Von Lettard nicht in Schwierigkeiten kommen könnte, sollte etwas schief laufen.

    Der frisch geschmiedete Hammer wurde von der Masse bestaunt wie der Leib des Erbauers selbst. Für Rick war die Vorstellung zu ende. Die strafenden Blicke, die ihn zum Ausgang der Kathedrale folgten, kümmerten ihn nicht. Nachdem er die schweren Torflügel hinter sich gelassen hatte atmete er die frische Nachtluft der Stadt ein. Zum blauen Reiher war es nur ein kleiner Spaziergang. Es war noch nicht zu spät ein Zimmer zu beziehen und ein kühles Bier zu trinken. Umhüllt von einer schwarzen, ausgebleichten Robe ging er die Straße entlang. Selbst die Männer der Stadtwache, welche um diese Zeit ihrer Patrouille nachgingen wussten nichts von Ricks Auftrag, das machte seine Aufgabe aber nicht schwerer. Er wusste, welches Profil er annehmen musste, um dem Auge der Stadtwache nicht auffällig zu erscheinen.

    Als er den kunstvoll verzierten Türknauf der Tür zum blauen Reiher in der Hand hatte, dachte er darüber nach, ob es eine kluge Idee war den Auftrag durchzuführen…
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  13. #13 Reply With Quote
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    Mit einem Ruck gab die Tür nach. Eine Wolke von saurem Schweiß und gebratenem Fleisch schlug ihm ins Gesicht. Nach einem kurzem Blick durch die Runde bermerkte er, dass die übrigen Gäste einen Scheiß auf seine Anwesenheit gaben. All seine Gedanken, mit denen er vor ein paar Stunden geringt hatte, schienen ihm vergebens. Hier schien er ein niemand zu sein. Und wenn ihn jemand beachtete war er nur ein Reisender, welcher sich nach einem harten Tag ein Bier genemigen würde. Die schwere, lederne Kapuze, welche tropfnass an seinen Wangen klebte, verdeckte sein Gesicht vor Kerzenschein und neugierigen Augen. Als eine rustikale und durchweg energische Frau zu ihm marschierte, bestellte er mit einem Hauch von Respekt einen Doppelten. Wie sollte er beginnen? Am anderen Ende der Taverne hatte sich eine Traube von Menschen versammelt, sie bieteten immer höhere Beträge über zwei Dehagta-Spieler, welche sich mit ihren geschnitzten Figuren auf einem hölzernen Spielbrett konzentrierten. Der eine Spieler war ein Jungspund, welcher sich in einer schnellen und ruhmreichen Schlacht beweisen wollte. Der andere war ein alter Mann, gekleidet in einer dunklen Robe. Seine Taktik lag darin, den Gegner zu provozieren, um ihn in einen Hinterhalt zu locken. Doch das Spiel lief zugunsten des jungen Mannes, seine Übermacht zermalmte die Holzfiguren des gichtkranken Greises. Der Lauf der Natur. Weisheit ist durch und durch angebracht, aber die nackte Gewalt hatte schon immer etwas... Überzeugendes. Die Traube löste sich auf, Rick bekam im Gegenzug von einem Kupferstück einen faustgroßen Zinnbecher mit einer in der Nase stechenden Flüssigkeit. Auf die Götter! Welche uns hier in einem Sumpf aus Habgier und Scheiße zurückließen, damit wir uns zu ihrer Freude selbst bekämpfen Er setzt den Becher an die Lippen und lies den brennden Odem über seinen Hals schleichen. Er musste Husten, das zehnmalgeflickte Kettenhämmt rasselte als er schleimigen Speichel über den verdreckten Holztisch schleuderte. Aus einer Ecke löste sich ein Schatten. Ein glasiges Paar Augen schien ihm aus einer dunklen Ecke anzustarren. Rick's Hand befand sich an seinem Schwertknauf, taste sich langsam an den Parierstangen entlang und Traf auf den Anfang der Schneide seiner Klinge. Sollte man ihm entgegenkommen, würde Blut fließen. Er hatte getrunken, seine Finger testeten die frisch gewetzte Schneide seines Schwertes. Zufrieden beachtete er den Tropfen Blut auf seinem Daumen. Davon kann sich Van Lettard eine Scheibe abschneiden!
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