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Zetubals "Impressions"-Thread

  1. #21 Reply With Quote
    Irregular  Zetubal's Avatar
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    It's that time of the month again...und ich habe eine Impression zu einem Manhua, auf dessen Titelblatt in schwungvollen Pinselstrichen Blood and Steel steht.

    Worum es geht
    Der Qin-Cheng-Stil zählt zu den besten Kampfkunstschulen des feudalen Chinas. Er ist ruhmreich, mächtig und angesehen. Und doch muss Yan Heng, der neueste Schüler des Stils, hilflos mit ansehen, wie die konkurrierende Wudang-Sekte seinen Meister tötet, seine Mitschüler massakriert und die Schule dem Erdboden gleichmacht. Yan schwört Rache und zieht mit einer bunten Truppe aus Kämpfern, die ihre eigene Rechnung mit Wudang offen haben aus, um der Sekte das Handwerk zu legen.

    Eindrücke:
    Blood and Steel ist der Debüt-Manhua von Autor Qiao Jingfu & Zeichner Meng Ma Gong Zuo Shi und fällt in das populäre chinesische "Wuxia"-Genre, in dem Kampfkunst & Fantasy in "epischen" Heldengeschichten verbunden werden. Über weite Strecken ist Wuxia ein Buch mit sieben Siegeln für mich. Die einzelnen Bestandteile (also feudales Setting, Kampfkunst, Fantasy-Einschläge) mag ich zwar, aber Wuxia hat zwei Eigenheiten, über die ich nicht so recht hinwegkomme. Einerseits neigen Wuxia-Geschichten extrem zur Überzeichnung und Theatralisierung von Charakteren oder Geschehnissen. Das mag in Maßen ein effektives Stilmittel sein, in der Intensität und Häufigkeit, wie es in Wuxia Anwendung findet, ist es mir zu viel. Die zweite Sache hat mit dem Erzählen zu tun. Wuxia hat oft eine Erzählstimme, die das Geschehen im Präsens kommentiert. Etwa so wie ein Fantasy-Sportkommentator. In Film und Manga empfand ich das bisher immer kontraproduktiv, weil ich das Bildgeschehen ja sowieso "live" erlebe und es für Gedanken der Figuren ja Gedankenblasen gibt. Erzähler in Manga ist unnötig.

    Blood and Steel weist beide Eigenarten auf, ist aber trotzdem ein toller Manhua. Oder gerade deswegen. Großes, theatralisches Drama gibt es zwar auch, aber das spart sich die Geschichte für Momente auf, wo es angebracht und nachvollziehbar ist. Zwischendurch werden die Charaktere aber auch menschlich, teilweise humorvoll und ohne unnötige Überspitzungen dargestellt. Das macht es leichter, mit ihnen mitzufühlen, wenn es ernst wird und sorgt obendrein dafür, dass man Sympathien und Antipathien aufbaut. Und es legt das emotionale Fundament der Geschichte.
    Die Erzähler-Sache löst Blood and Steel klug, indem der Erzähler nicht bloß kommentiert, was sich auf den Panels abspielt, sondern vor allem Hintergrundinfos liefert über die Moves, die die Charaktere benutzen. Das entschleunigt die Kämpfe zwar, macht sie dadurch aber auch übersichtlicher. Grundsätzlich entsteht der Eindruck sehr kalkulierter Duelle, in denen Technik mit Technik beantwortet wird und derjenige siegt, der besser taktiert. Ist definitiv eine Abkehr vom wilden Actionvielerlei, das man aus japanischen Manga kennt und insofern eigenwillig - ich fand es aber ansprechend, weil es den Techniken und Stilen Charakter und Tiefe einhaucht.
    Die Hauptgeschichte wiederum gewinnt keinen Blumentopf. Talentierter, aufrichtiger junger Mann erlebt Traumatisches, sinnt auf Rache, trainiert, schart eine Nakama-Truppe aus Misfits um sich...viel schablonenmäßiger kann man in dem Genre kaum erzählen. Andererseits muss man Blood and Steel zugute halten, dass die Wudang Sekte nicht aus eindimensionalen Baddies besteht, die einfach nur muhaha-evil sind. Ohne viel zu spoilern, klärt sich schnell, dass Wudang lediglich eine Philosophie vertritt, die radikal inkompatibel mit den anderen Schulen ist, wodurch der Konflikt vorprogrammiert erscheint. Generell haben viele Haupt- und Nebenfiguren eine eigene Agenda, was ein wenig hilft, die klischeebeladene Haupthandlung aufzulockern.

    Der weitaus offensichtlichere Grund, weshalb man Blood and Steel lesen sollte, sind aber die Zeichnungen. Der Manga glänzt mit immenser Detailverliebtheit, die von den Accessoires an Kleidung von Charakteren bis hin zu prunkvoll verziertem Rauminterieur reicht. Einprägsam ist außerdem der Einsatz von Pinselzeichnungen und eine (für Manga-Fans) ungewohnt dicke, druckvolle Linienführung. Die sorgt dafür, dass das Bildgeschehen oft sehr wuchtig wirkt, was die Handlungsorte imposanter und die Kämpfe kinetischer macht. Grundsätzlich liefert Zeichner Meng hier phänomenale Arbeit ab, die sich sowohl in Sachen Detailreichtum, als auch in puncto Konsistenz, Stilsicherheit, Übersichtlichkeit und so ziemlich jedem anderen Aspekt mit den Größen der Manga/Manhua-Welt messen kann.

    Für wen es sich lohnt:
    Fans von Wuxia (z.B. Storm Riders, Ashes of Time, Saint, Weapons of the Gods, Feng Shen Ji, Legend of Emperors...)
    Fans von großartigen Zeichnungen mit Wiedererkennungswert
    Leute, die Martial Acts Action mögen

    Wer sich fernhalten sollte:
    Leute, die allergisch gegen Theatralik und Kitsch sind
    Leute, die sich am eigenwilligen Wuxia-Erzählstil stören
    Leute, die unverbrauchte Plots suchen

    Werde ich weiterlesen? Ja, gesetzt den Fall, dass ich es mal schaffe, weitere Bände aufzutreiben. Die sind nämlich mangels Lizenzierung außerhalb von China und Japan ziemlich schwer zu kriegen. Und teuer obendrein.

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    Zetubal is offline Last edited by Zetubal; 25.06.2018 at 22:54. Reason: Typos

  2. #22 Reply With Quote
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    so wie es aussieht, bin ich das Jahr eh bald wieder in China für paar Wochen.
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  3. #23 Reply With Quote
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    Dann nutz die Gelegenheit
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  4. #24 Reply With Quote
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    und mir viel Zeugs kaufen, worüber ich mich später wundern werde?
    Das mach ich schon hier in Mexico ausreichend
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    Wenn der Internetexplorer mutig genug ist, dich zu fragen, ob er dein Standardbrowser sein darf, bist du auch mutig genug, das Mädel nach nem Date zu fragen ~ Abraham Lincoln (1863)
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  5. #25 Reply With Quote
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    Quote Originally Posted by one-cool View Post
    und mir viel Zeugs kaufen, worüber ich mich später wundern werde?
    Das mach ich schon hier in Mexico ausreichend
    du kommst ja viel rum.
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  6. #26 Reply With Quote
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    Und schon wieder geht ein Monat zu Ende. Höchste Zeit also, eine neue Impression zu schildern. Regelmäßigkeit und so - ihr wisst schon. Heute soll es um Mori Kouji's Suicide Island gehen.

    Worum es geht:
    Das japanische Gesundheitswesen hat die Nase gestrichen voll von jungen Leuten, die wiederholt versuchen, sich das Leben zu nehmen. Mal um mal müssen sie nach gescheiterten Versuchen aufgepäppelt werden, nur damit sie eine Weile später wieder auf der Matte stehen. So nicht, denkt sich das utilitaristische Japan. Den neuen Kurs kriegt Sei, ein depressiver Teenager, am eigenen Leib zu spüren, als er nach einem gescheiterten Selbstmordversuch auf einer Tropeninsel aufwacht. Auf solche verlassenen Eilande werden nämlich fortan er und andere gescheiterte Selbstmörder verfrachtet. Die Devise: Macht dort was ihr wollt. Wenn ihr sterben wollt, tut das unseretwegen, wenn ihr wider Erwarten doch leben wollt, kümmert euch gefälligst selber drum.
    Also heißt es für Sei und die anderen fortan "Kampf ums Überleben" ... Sofern sie denn überhaupt leben möchten.

    Eindrücke:
    Seitdem ich vor etlichen Jahren Moris Martial Arts Seinen Holyland entdeckte, bin ich großer Fan seiner Werke. Mori versteht sich auf sehr persönliche Erzählungen über Menschen, die abseits der Gesellschaft stehen bzw. um ihre Daseinsberechtigung in einer Gesellschaft kämpfen müssen, von der sie abgelehnt werden. Auch Suicide Island wählt solche Figuren, macht dabei aber noch einen so großen Haufen weiterer Dinge, dass ich kaum weiß, wo ich anfangen soll.
    Suizidgedanken und -versuche unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind ein denkbar heikles Thema, das von Mori mit dem größtmöglichen Feingefühl angegangen wird. Jede einzelne Figur hat ihre eigenen Gründe, zu dieser drastischen Entscheidung gelangt zu sein, wobei Mori betont Abstand davon nimmt, zu urteilen. Obwohl Suicide Island im Kern davon handelt, Lebensmut zu schöpfen, scheut die Geschichte nicht davor zurück, Charaktere zu grundlegend anderen Schlüssen gelangen zu lassen und deren Konsequenzen werden als gleichwertig dargestellt.
    Zu dieser nuancierten, facettenreichen Charakterzeichnung gesellt sich ein Plot, der beizeiten stark an Lord of the Flies (oder in Anime-Terms Infinite Ryvius) erinnert. Den Kampf ums Überleben bricht Mori in die kleinsten Nickligkeiten auf: Wie besorgt man sich Nahrung, wie macht man sie haltbar, wer übernimmt welche Pflichten, wie wird für Sicherheit gesorgt, wie organisiert sich eine Gruppe (gibt es einen Anführer, braucht es überhaupt einen?) usw....Faszinierend finde ich dabei, wie Mori es schafft, aus solchen vermeintlich mundänen Themen Konflikte entstehen zu lassen, die sowohl nachvollziehbar als auch interessant sind. Der Clou ist nämlich, dass Mori hier Momente schafft, an denen Menschen unterschiedlichster Meinungen aufeinanderprallen. So vereint die Geschichte plot progression und Charakterisierung. Eigentlich ist das Writing 101, dennoch geschieht es in Manga selten so gekonnt wie hier.
    Im Endeffekt wird Moris Suicide Island dadurch ein Manga, der auch nie langweilig wird, weil es gefühlt unendlich viele Themen zu behandeln gibt. Mal geht es kapitelweise um psychische Krankheiten, dann geht es um Survival, um den Bau von Verteidigungsanlagen, darum wie man eine Falle legt, danach gibt es einen eigenen Arc über die Diplomatie zwischen zwei Gruppen, sogar um Liebe und den Wert von Partnerschaften geht es teilweise über mehrere Kapitel. Ihr merkt, warum die Beschreibung schon beim bloßen Aufzählen ausufert.

    Moris Zeichnungen indes haben immensen Wiedererkennungswert. Die Welten, die er aufs Blatt bringt, sind aufgeräumt und nüchtern dargestellt, dabei aber weder überladen, noch effekthaschend, sondern fokussiert auf einzelne wichtige Bildelemente. Ein wiederkehrendes Thema in Suicide Island ist die Schönheit der unberührten Natur, die zweckdienlich in den schönsten einzelnen Zeichnungen des Manga eingefangen wird. Als besonders förderlich für die Erzählung erweist sich außerdem der Umstand, dass Mori eine große Vielfalt an unterschiedlichen Charakter-Designs bereithält, sodass man kaum rätseln muss, wer denn nun nochmal “der da” oder “die da” ist. Das geht sogar so weit, dass er charakteristische Körpersprache für viele Figuren einfließen lässt, die obendrein Schlüsse auf die Psyche der teils labilen Charaktere zulässt.

    Für wen es sich lohnt:
    Leute, die auf gut geschriebene Charaktere wert legen
    Leute, die sich für psychische Krankheiten, Außenseiterstories und dergleichen interessieren
    Fans von Survival-Geschichten
    Fans von nüchternen Erzählungen
    Fans von Lord of the Flies

    Wer sich fernhalten sollte:
    Leute die durchgehend rasante, kurzweilige Geschichten suchen
    Leute die von Suizid, Missbrauchsgeschichten usw. getriggert werden könnten
    Leute, die klassische Gut/Böse-Konflikte suchen
    Leute, die einen einzigen zentralen Plot, der sich durch das Werk durchzieht, suchen

    Werde ich weiterlesen? Mit absoluter Sicherheit. Wobei ich einschränken würde, dass Suicide Island manchmal aufs Gemüt schlagen kann. Ist also kein Manga, den ich immer und zu jeder Zeit auskramen würde.

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    Zetubal is offline Last edited by Zetubal; 09.07.2018 at 19:38.

  7. #27 Reply With Quote
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    oh, das klingt interessant.

    wie fortgeschritten ist die Geschichte aktuell schon? In welchen Sprachen lesbar?
    Ein zugedröhnter, rosa Hase schlägt alle Hunde aus dem Feld respektive Zwinger - Old Ass Bastard
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  8. #28 Reply With Quote
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    Quote Originally Posted by one-cool View Post
    oh, das klingt interessant.

    wie fortgeschritten ist die Geschichte aktuell schon? In welchen Sprachen lesbar?
    Der ist in 17 Bänden abgeschlossen. Auf französisch über Kazé kann man die auch schon alle kaufen. Ansonsten gibt es glaube ich noch eine italienische Übersetzung, aber keine englische soweit ich weiß. Ich habe zum Zeitpunkt, als ich das schrob, 12 gelesen.
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  9. #29 Reply With Quote
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    Uiuiui, beinahe den Monat verdaddelt. Für heute habe ich etwas ausgepackt, was hier bisher noch gar nicht zur Sprache kam: Ein Sport-Manga. Wir reden von Rikudou Shuusais Rikudou. Ja, der Mangaka heißt wie die Hauptfigur. Nein, das hat keinen erkennbaren Grund.

    Worum es geht:
    In Rikudou geht es um Riku Azami, einen jungen Mann, der sich fanatisch ins Boxen hineinsteigert, um so einen Weg zu finden, seine von Missbrauch geprägte Kindheit aufzuarbeiten.

    Eindrücke:
    In „Psychological Sports“-Animanga geht es eigentlich immer um getriebene Protagonist*innen, die entweder Sport nutzen, um irgendetwas belastendes zu verarbeiten oder vom Sport selber getrieben sind. Manchmal beides. Spannende Idee, wie ich finde, die in den letzten 15 Jahren zahlreiche extrem hochwertige Geschichten hervorgebracht hat.
    Rikudou ist ein weiterer Beitrag in diesem Genre und gilt seit einigen Jahren schon als „Geheimtipp“. Ich bin geneigt zuzustimmen.

    Nun aber zum Inhaltlichen. Der Manga beginnt mit ziemlich hartem Tobak, indem er drei aufeinanderfolgende Abschnitte in Rikus Jugend behandelt, in denen er Traumata bzw. Misshandlung erfährt. Zu dem Zeitpunkt wie auch im späteren Verlauf gehört dabei erwähnt, dass Rikudou absolut kein zimperlicher Manga ist. Gewalt, auch sexualisierte, wird mitunter recht explizit gezeigt. Triggerwarnung und so.
    Diesen „Schwenk“ aus Rikus Jugend benutzt der Manga als Grundlage, um direkt zu erklären, weshalb der Protagonist als junger Erwachsener emotional beinah komplett verschlossen ist. Das mag wenig subtil sein, vermittelt einem aber dafür ein sehr greifbares Gefühl für die Größe des Traumas, das es im Folgenden zu verarbeiten gilt.

    Damit hätten wir einen Stützpfeiler der Geschichte, die Traumata des Protagonisten. In narrativer Sicht wird daraus ein Schuh als Riku das Boxen für sich entdeckt. Und damit wären wir beim zweiten Kernelement.

    Boxen ist in Rikudou zu jeder Zeit in Doppelfunktion zu sehen: Einerseits geht es um den Sport, seine technischen Finessen, Physis, Training und den ganzen good stuff, den man eben so kennt. Andererseits sind die Motivationen in bzw. um die Kämpfe herum eigentlich immer tiefschürfenderer Natur. Für Riku sowie überraschenderweise auch seine Gegner geht es oft darum, emotionale Barrieren abzubauen. Das bringt die Geschichte trotz oberflächlicher Parallelen sehr viel näher an Ping Pong als an Ippo. Gefällt mir persönlich sehr gut, auch wenn es bei Zeiten tough shit ist. In jedem Fall wirkt es unverbrauchter, als der xte Sporty, in dem unser Held irgendwann den Champion schlagen möchte, um die Anerkennung seines Dorfs zu kriegen. Oder so.
    Wenn ich hier etwas kritisieren müsste, wäre es, dass Rikus Charakterzeichnung außerhalb von Boxkämpfen manchmal dazu tendiert, ihn als typischen naiven Shounen-goody-two-shoes darzustellen. Da bin ich mir allerdings unschlüssig, ob mehr dahintersteckt.

    In zeichnerischer Hinsicht kann sich Rikudou sehen lassen. Der Stil ist an vielen Stellen pseudo-realistisch gehalten, was gerade den sehr kinetischen Boxkämpfen zugutekommt. Weniger überzeichnet als Ippo, aber durch den Pseudorealismus greifbarer. Ein klar strukturiertes Panel-Layout hilft außerdem, gerade im hektischen Geschehen der Actionszenen stets den Überblick zu behalten. Die Tugend setzt sich auch außerhalb der Kämpfe fort, sodass Rikudou zu jeder Zeit ein übersichtlicher, ansehnlicher Manga ist. Zwar nicht hübsch, aber hey.

    Gibt’s sonst etwas zu meckern? Ja, das Frauenbild. Für einen Manga, der sich so viel Mühe mit dem Aufarbeiten der Psyche mancher Figuren gibt, sind die Frauen geradezu sträflich unterbeleuchtet. Die wenigen weiblichen Charaktere, die bisher aufgetreten sind, werden von den leidigsten Tropes des Genres geplagt: Love Interests, emotionaler Support oder Opfer ihrer Umstände. Charaktere, die praktisch nur insofern relevant sind, als sie Effekt auf Riku haben.

    Für wen es sich lohnt:
    Fans von Ping Pong, Teppuu, Real & Co.
    Fans von gut inszenierten Boxkämpfen
    Leute die am Trauma-Thema interessiert sind
    one-cool

    Wer sich fernhalten sollte:
    Leute die von Missbrauchsgeschichten getriggert werden könnten
    Leute, die partout kein Interesse an Sport-Stories haben
    Leute, die auf starke weibliche Charaktere bestehen


    Werde ich weiterlesen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit, ja. Rikudou ist auf genau die Art und Weise sperrig, die ich motivierend finde. Die vorhandenen Schwächen oder eher die, die sich andeuten, könnten mich aber langfristig doch dazu bringen, den Manga zeitweilig auf Eis zu legen.

    Randinfos: Ich habe 14 von bisher 15 in Japan veröffentlichten Bänden gelesen. Anderswo bzw. in einer anderen Sprache könnt ihr Rikudou bisher nicht kaufen.

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    Zetubal is offline Last edited by Zetubal; 07.08.2018 at 12:28.

  10. #30 Reply With Quote
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    Triggered!

    Kenn ich schon
    Aber nach 3-5 Kapiteln damals entschieden, dass es irgendwie ned passt für mich.
    War nicht so in der richtigen Stimmung dafür.

    Vllt muss ich es doch nochmal angehen
    one-cool is offline Last edited by one-cool; 01.08.2018 at 11:03.

  11. #31 Reply With Quote
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    Triggered!

    Kenn ich schon
    Aber nach 3-5 Kapiteln damals entschieden, dass es irgendwie ned passt für mich.
    War nicht so in der richtigen Stimmung dafür.

    Vllt muss ich es doch nochmal angehen
    Der erste Band bzw. die ersten sind nicht so richtig repräsentativ für die Serie as it is, weil es ja kaum um den Boxsport geht. Für dich vielleicht insofern relevant zu wissen, dass der Sportaspekt mit fortschreitender Dauer immer mehr in den Vordergrund rückt.
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  12. #32 Reply With Quote
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    Naja, ich bin derzeit eher von Akira Amano's Hot getriggert.
    Den fand ich irgendwie gut für ne Serialization.
    Dass Robot x Laserbeam aufhörte... ist schade

    irgendwie muss ich über diese Tragik nun hinwegkommen und mir was neues suchen.

    Hast du eigentlich endlich Wind Breaker angefangen?
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  13. #33 Reply With Quote
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    Naja, ich bin derzeit eher von Akira Amano's Hot getriggert.
    Den fand ich irgendwie gut für ne Serialization.
    Dass Robot x Laserbeam aufhörte... ist schade

    irgendwie muss ich über diese Tragik nun hinwegkommen und mir was neues suchen.

    Hast du eigentlich endlich Wind Breaker angefangen?
    Akira Amano von Katekyo Hitman Reborn? Uahhh...Wind Breaker habe ich tatsächlich neulich auf deine Empfehlung als Zeitvertreib für die Reise rausgesucht (ist ja glücklicherweise komplett in der Line App hinterlegt), was letztlich darin mündete, dass ich den kompletten ersten Part las. War anfangs skeptisch, weil zB Yowamushi Pedal nie so richtig zünden wollte bei mir. Aber doch tatsächlich ein ziemlich unterhaltsamer Webtoon.
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  14. #34 Reply With Quote
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    Der Monat ist mal wieder vorbeigerast und ich setze mit minimaler Verspätung die allmonatliche Impression ab. Diesmal habe ich einen Manga im Schlepptau, der sich redlich das Prädikat weird verdient. In römischer Schrift heißt das gute Stück Jagaaaaaan, da die Katakana im Japanischen Original aber nur "Jagan" sagen und die langgezogene Variante doof aussieht, belasse ich es fortan bei der Kurzform.

    Worum es geht:
    Shintarou Jagasaki lebt den Biedermeier-Traum: als Polizist in einer kleinen Vorstadt ist das schlimmste, worüber er sich gelegentlich mal den Kopf zerbrechen muss, eine Gruppe Teenies, die vor dem Discounter Schnaps saufen, während ihn zu Hause seine hübsche, fürsorgliche Freundin erwartet, die bereits eifrig Hochzeitspläne schmiedet und von der Familiengründung träumt. Ein nimmer endender Albtraum für Shintarou. Hinter der sorgsam konstruierten Fassade eines ordinären Vorstadtspießers ist Shintarou nämlich ein Bilderbuch Soziopath, der ständig zwischen Narzissmus, Gewaltphantasien, Nihilismus und Apathie schwankt.
    Shintarou sehnt sich (wie jede Disneyprinzessin) insgeheim nach Abenteuer, nach etwas Außergewöhnlichem, das ihm die Chance gibt, zu zeigen wie außergewöhnlich er ist.
    Während unser Protagonist über diese First World Problems sinniert, passiert etwas Eigenartiges (wer hätte das gedacht). In der U-Bahn vor ihm verwandelt sich ein Mann in ein Monster und massakriert in sekundenschnelle das gesamte Abteil. Doch bevor das Untier auch Shintarou zerhackstückeln kann, erscheint ihm eine kleine sprechende Eule, die ihn darauf aufmerksam macht, dass Shintarou nun seinen Arm in eine Kanone verwandeln kann. Shintarou folgt den Anweisungen der sprechenden Eule, die übrigens eine Fliegerbrille trägt, schießt einen Energiestrahl aus seinem Arm, der nun eine "Fleischkanone" ist, und tötet damit das Monster. Dann springt aus dem Kadaver des Monsters ein Frosch, den die sprechende Eule sogleich wegsnackt. Danach bekommt Shintarou einen heilsamen Eulenköttel zum Naschen, damit ihn die Nachwehen seines Kanonenschusses nicht umbringen.
    Von hier an wird es nur noch merkwürdiger...

    Eindrücke
    Hm...an irgendeinem Punkt in der Inhaltsangabe wird es komisch, ne.
    Das liegt glaube ich weder an euch, noch an meiner ungelenken Schreibe, sondern daran dass Jagan ein ziemlich eigenartiger Manga ist. Die beste Art, wie ich Jagan einem Fremden erklären kann ist, dass er sich liest, als hätte man Hiroya Oku damit beauftragt, Parasyte mit dem Oeuvre von Go Nagai zu kreuzen.

    Jagan werden in meiner Wahrnehmung 2 Selling Points zugeschrieben. Zum einen ist der Manga eine Action-Splatter-Extravaganza, in der alle Nase lang irgendwer effektvoll tranchiert, flambiert, zermatscht oder sonstwie unlebendig gemacht wird. Wer schon Devilman oder Gantz wegen dieser Gewaltexzesse mochte, wird an Jagan seine helle Freude haben – daran ist nicht viel zu rütteln.
    Der zweite Selling Point ist das, was snobbige Manga-Afficionados als „psychologischen Tiefgang“ bezeichnen dürften. Der Tenor hierzu lautet „Shintarou ist ein spannender ambivalenter Antiheld“, „Jedes Monster verkörpert eine tiefenpsychologische Neurose (it‘s sooooo deep)“, „die Monsterdesigns reflektieren Aspekte der Psyche“, und – mein Lieblingsargument zu Jagan - „die Romanze ist echt und unverbraucht“. Allesamt Lobpreisungen, denen ich nicht zustimmen würde.
    Der Reihe nach: Shintarou ist, meiner bescheidenen Ansicht nach, ein misslungener Protagonist. Die stark soziopathischen Züge kommen ihm schon nach dem ersten Band abhanden und weichen zusehends einer austauschbaren Shounen-Story darüber, wie Shintarou lernt zu lieben, die Interessen anderer über die eigenen zu stellen etc, pp. Es gibt zwar gelegentlich ein paar Spannungsmomente, wenn er sich ziert, eine Lektion anzunehmen, aber auch das ist im Wesentlichen Teil einer stinknormalen Hero‘s Journey.
    Die Monsterdesigns repräsentieren zwar tatsächlich irgendwelche krankhaften seelischen Aspekte der Menschen, die sie vormals waren, allerdings sind die Metaphern schmerzhaft offensichtlich. Als ich den Vergleich las, Jagan sei wie Homunculus nur mit Splatter garniert, hätte ich beinah meinen Kaffee ausgespuckt. Denn wo Homunculus tatsächlich mit innovativen Repräsentationen arbeitet, die chic aussehen UND deren Interpretation ein bisschen zum Nachdenken anregt, reden wir bei Jagan von allerlei random zusammengewürfelten Monstern, teilweise lose an mythologische Fabelwesen angelehnt, die explizit aussprechen, was sie repräsentieren sollen. Das, gepaart mit dem nicht enden wollenden Splatter, sorgt für einen sehr vulgären, flachen Manga.
    Zuletzt zur Romanze. Es geht, überraschend vordergründig, um Liebe in Jagan, was ich erstmal ganz nett finde. Was weniger nett ist, ist die Fülle an Klischees und Plattitüden, mit denen die Romanze hier gespickt ist. Jagan zeichnet ein erzkonservatives Frauenbild, nach dem alle relevanten weiblichen Charaktere devote, reaktionäre Liebchen sind, während drumherum eine Fülle ein „Dummchen“ auftaucht, die nur als fame/sexgeile Groupies/Fanservice eine Daseinsberechtigung in Jagan haben. Frauen in allen Rollen sind zuallererst Sexobjekte, die ständig auf ihre Körper reduziert werden, Beziehungen, die Frauen zu Shintarou haben, sind eigentlich immer darüber definiert, ob bzw. dass sie ihn lieben/begehren. Dieser Eindruck wird auch dadurch zementiert, dass es einen Subplot gibt, bei dem es hauptsächlich darum geht, wie ein Bösewicht seine Superkräfte nutzt, um reihenweise Frauen sexuell zu missbrauchen.
    Jagan ist also aus erzählerischer Sicht absoluter Driss. Die zugeschriebenen Stärken erweisen sich beim genaueren Hinschauen als substanzloses Geschwalle, das Frauenbild ist abstoßend, die ständig präsente Gewalt reiner Selbstzweck.

    Bleibt abschließend das Zeichnerische zu kommentieren. In der Hinsicht erinnert Jagan ebenfalls an Manga von Oku, speziell wohl an Gantz. Die Zeichnungen von Künstler Kensuke Nishida sind durchgehend solide, allerdings ohne in irgendeinem Bereich spektakulär zu sein (ein paar einzelne sehr detailreiche Panels mal ausgenommen). Dem Sujet entsprechend gibt es eine Menge schräge Charakter, denen jeweils sehr einprägsame Charakterdesigns verliehen werden. Nishida versteht sich gut darauf, durch Deformierung bzw. Überzeichnungen bestimmter Körpermerkmale (vor allem Augen und Gesichtszüge) Charaktere zu erschaffen, die direkt beunruhigend wirken. Optisch spiegelt der Manga so gut wieder, dass in der Psyche der meisten Figuren einiges im Argen liegt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch haufenweise Figuren – vor allem Frauen, die einen generischen übertrieben auf Schönheit/Ästhetik getrimmten Einheitslook haben. Das ist prinzipiell zwar nichts Schlimmes, nimmt dem Manga aber Originalität.
    Die Action-Sequenzen sind mäßig bis ordentlich dargestellt, wobei Jagan einer dieser Manga ist, der hässlicher wird, je mehr in einem einzelnen Panel drinsteckt.

    Für wen es sich lohnt
    Fans von Oku/Gantz & Co.
    Fans von Body-Horror
    Gorehounds
    Fans von Antihelden
    Leute, die Eulen süß finden(?)
    Chauvis?

    Wer sich fernhalten sollte
    Biedere Typen
    Leute, die konventionelle Stories suchen
    Leute, die Wert auf ein zeitgemäßes Frauenbild legen
    Leute mit schwachem Magen
    Leute, die Geschichten mit Tiefgang suchen

    Werde ich weiterlesen? Nein. Jagan ist im Wesentlichen ein splatteriger Action-Seinen mit skurrilen Ideen, der mit allerlei (zwischen-)menschlichen Abartigkeiten durchsetzt ist. Das Frauenbild (auch wenn es an 1-2 Stellen gar nicht mal so unklug subvertiert wird), ist Chauvi-Gold, ständig geschieht absehbar Kram, der nur für maximales Shock-Value hingezweckt wird usw. usf.
    Momentan ist der beste Grund, Jagan zu lesen, die einmalige Chance, später mal sagen zu können: "Ich habe diesen Manga gelesen, in dem Superhelden Vogelkot fressen".

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    Zetubal is offline Last edited by Zetubal; 02.09.2018 at 18:38.

  15. #35 Reply With Quote
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    Damn. Jetzt habe ich promised Neverland angefangen und in einem Stück bis zum aktuellsten chapter gelesen. Ich bin beeindruckt.

    Bist du auch noch am lesen? Ich bin massiv überrascht worden. Also positivst überrascht.

    Auch wie sich die Story nach dem Waisenhaus entwickelt, ist immens beeindruckend, und ich Frage mich, wie du über den ersten großen plottwist dann aufgenommen hast.

    Auch das hxh artige umgehen mit den Charakteren finde ich klasse
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  16. #36 Reply With Quote
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    Kann dir da nur zustimmen. Ich lese auch regelmäßig weiter und bin mittelschwer begeistert. Gerade bei den Charakteren hatte ich letztes Mal ja noch leise Zweifel geäußert und bin nun doch überrascht worden. Aber welchen der Twists meinst du denn genau? Gibt ja so einige.
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  17. #37 Reply With Quote
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    Alle Plotveränderungen rund um den Charakter Norman.
    Auch die beiden Erwachsenen Charaktere und deren Entwicklung fand ich immens schade.

    Das schöne ist auch, dass es mir lange Zeit unklar war, wo es hinging.

    und Jagaaaaaaan hab ich genauso effektiv gedropped wie du, und derzeit hängt Chainsawman am gleichen seidenen Faden
    one-cool is offline

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