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[Schreiben]Handlung wiederholen

  1. #1 Reply With Quote
    Deus Oparilames's Avatar
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    May 2004
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    ex contrariis
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    Hallo liebe Leute.

    Ich wollte euch mal fragen, wie ihr dazu steht, wenn Handlungen in einer Geschichte wiederholt werden. Und wenn dieses Stilmittel oft verwendet wird. Um zu verdeutlichen, was ich meine, ein kurzer Beispieltext:

    Wir schrieben den dritten März Zweitausenddreizehn. Frau Kertscher betrat das Büro, gedankenverloren hing sie ihren Mantel an der Garderobe auf und ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen. Ihr Interviewpartner, George saß bereits mit gefalteten Händen im Sessel gegenüber. "Sie sind zu spät" eröffnete er das Gespräch und schob ihr ein Glas zu, die Wasserkaraffe stand bereits auf dem Tisch. Eigentlich wäre es die Aufgabe Frau Kertschers gewesen, diese zu füllen. Die Mitvierzigerin blickte dem Mann mit den stahlgrauen Augen und dem sauber rasierten Schädel entgegen. Er war förmlich gekleidet und ein Namensschild prangte auf seiner Brust. "Wenn Sie dann so weit sind, ich würde gerne anfangen."

    Der Morgen hatte schon schlecht angefangen für mich. Ich war zu spät aufgewacht, musste den Kerl rauswerfen, den ich gestern mit nach Hause geschleppt habe und dann war mein Auto auchnoch vereist. Dazu kam ein Stau und so war ich spät dran. Viel zu spät. Ich gönnte mir noch nicht einmal die Morgenzigarette und betrat das Büro. Vor meinem innerlichen Auge sah ich die Person stehen, wie ich sie aus den Akten kannte. Geroge Martin Lukiaschenko Tollknien. Seltsamer Name. Aber naja, Vollbart, Sonnenbrille, legere Kleidung. So war er mir beschrieben worden. Diese Art Mann wird sicher selbst nicht die Pünktlichkeit in Person sein. Im Büro angekommen werfe ich den Mantel an den Haken und das Haar zurück. Ich versuche eilig zu sein und dennoch einen lässigen Gang zu präsentieren, dann sehe ich den Tisch. Nummer dreizehn. Dort sitzt er. Er sieht ganz anders aus. Gepflegt, komplett unbehaart, zivilisiert und sehr streng. Eine Rolex. Ich bin mehr als vierzig Minuten zu spät. Seine Hände waren gefaltet. Vermutlich hätte er sonst unablässig auf meinem Schreibtisch getrommelt. Dann bemerkte ich die gefüllte Wasserkaraffe. Das hätte ich tun sollen. Na sei es drum. Es war sei gutes Recht. Oh mist, er hatte irgedetwas gesagt, warum habe ich nicht aufgepasst? Ich hätte mich ohrfeigen können, aber davon hatte ich am Abend schon genug. "… ich würde gerne anfangen" ertönte seine Stimme und ich nickte. "Natürlich gerne. Verzeihen Sie bitte, dass Sie warten mussten."
    Was denkt ihr zu dieser Art der Handlungs-Redundanz und warum?


    Mit freundlichem Gruß
    Oparilames
    Oparilames nachdem er seinen Gesellenbrief erhalten hat:
    »Das war's mit dir, du Mistvieh!«
    Oparilames is offline

  2. #2 Reply With Quote
    Neuling mad player's Avatar
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    Ich würde gerne einen Roman mit solcher wiederholten Handlung lesen. Dieses Verfahren ermöglicht die objektive und die subjektive Realität gegenüberzustellen und somit die innere Welt der Protagonisten, insbesondere Motive ihrer Handlungen, aus zwei Blickwinkeln zu beurteilen.
    mad player is offline

  3. #3 Reply With Quote
    Held Shepard Commander's Avatar
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    Das schöne bei der Kreativität und dem Schreiben ist ja, dass du tun kannst, was immer du dabei möchtest. Ich habe mal eine ganze Geschichte geschrieben, die immer im springenden Wechsel der Perspektiven zwischen den verschiedensten miteinander sprechenden Personen stattfand. War höllisch anstrengend aber nie langweilig - und natürlich totaler Mist. Aber wenn es dir um den Spaß geht: wieso nicht?

    Gerade die schon von mad player angesprochene Chance, die Situation von zwei Seiten zu beleuchten, macht es spannend. In deinem Beispiel ist da natürlich jetzt "echte" Wiederholung der Handlung. Sie kommt herein, ist erschöpft und erklärt in Part 2, wieso. "Symptom" (Abgeschlagenheit) und "Ursache" (negative Kausalkette) passen hier zusammen. Part 2 definiert das aus Part 1. Spannend wird es vor allem dann, wenn Frau Kertscher zu spät ins Büro kommt und sich müde auf einen Stuhl fallen lässt, weil sie die ganze Nacht z.B. versucht hat den Anweisungen eines Entführers zu folgen, der ihren Sohn gekiddnappt hat und ihr sagt, sie solle sich so unauffällig wie möglich verhalten, während sie z.B. Drogenlieferungen in Gegenden abliefert, in die sie sonst nie einen Fuß gesetzt hätte.
    Das Beispiel passt in deine Geschichte vermutlich mehr als gar nicht, es ist aber ja nur ein Beispiel.

    So können beschriebene Realität und erlebte Realität total diametral zueinander stehen. Dementsprechend: passt.

    Shepard Commander is offline

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