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  1. View Forum Posts #21 Reply With Quote
    Lehrling
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    Shenkt is offline
    Ferlia die Furie. Den Beinamen hatte Shenkt ihr im Stillen gegeben, keine Horde blutrünstiger Dämonen würde ihn jedoch dazu kriegen, ihn auch nur leise zu flüstern. Die Frau war der menschgewordene Zorn, eine Göttin der Wut in der einfachen Gewandung einer Bäuerin. Es hatte einen Abend gegeben, da Shenkt von der Arbeit völlig erschöpft war, und im Einschlafen etwas gemurmelt hatte, das ähnlich klang wie Hätte dieses Weib einen Schnurrbart, wäre es Hauptmann. Ferlia, die wohl mit den Ohren eines Luchs gesegnet war, hatte ihm nur einen Eimer an den Kopf geworfen, dass er vom Strohsack fiel und leise fluchte.
    "Wenn du noch mosern kannst, Bursche", hatte sie gezischt, "dann bist du offensichtlich nicht müde. In die Scheune, die Kuh tränken und alles ausmisten, verstanden?"
    Shenkt hatte nur ergeben genickt und war gramgebeugten Hauptes aus dem Haus verschwunden und erst zwei Stunden später zurück gekommen, nach Mist riechend wie ein Betrunkener, der in den Misthaufen gefallen ist.
    "Du stinkst.", war Ferlias einzige Bemerkung gewesen. Obwohl es nach Mitternacht gewesen war, hatte die Frau am Tisch gesessen und im Kerzenschein ein Buch gelesen. Sie war also nicht nur die Göttin des Zorns, sondern auch die des Wissens, wie es ihm schien. Und was ihn überrascht hatte: Eine belesene Bäuerin.

    "Wohin starrst du?", fragte Ferlia, "Hat dich der Schlag getroffen? Bitte nicht, ich habe ehrlich gesagt wenig Lust, einen sabbernden Tropf durchzufüttern."
    "Nein, Frau Ferlia", murmelte Shenkt nur, "ich war in Gedanken."
    "Wie so oft. Du sollst das Holz hacken. Wie ich's dir gezeigt habe."
    "Ja, Frau Ferlia."

    Die Bäuerin funkelte den Mann an. "Lass dieses elende Frau Ferlia sein, klar? Ferlia reicht völlig. Und Ja und Amen musst du nur in der Kirche sagen. Ich zwinge dich zu nichts. Wenn du willst, dann geh. Bist ja nicht mein Leibeigener.", knurrte sie, "Du bist hier untergekommen, also tust du was dafür. Klare Abmachung, oder?"
    "Ja ... Ferlia."
    Die alternde Frau seufzte. "Bei Innos, genau wie mein Mann. Ein Riese war er, reichte locker bis zum Deckenbalken im Haus. Hat im Krieg gekämpft, weißt du? Im Ersten. Hat Orks noch und nöcher erschlagen."
    "Erster Krieg?", fragte Shenkt langsam.
    "Kommst du von so weit weg? Nun, wir ... Menschen haben zwei Kriege mit den Orks geführt. Einen, da waren sie noch eine verlauste Bande Höhlenbewohner. Und, ja, den zweiten. Da waren sie besser gerüstet und ausgebildet. Haben Myrtana erobert und jahrelang besetzt. Zu der Zeit lebte ich mit meinem Mann und meinem Sohn schon hier auf Khorinis. Nun, der Krieg kam hier her ... die Wirren eines solchen Konflikts sind unschön. Ich habe ihn verloren, fand ihn kurzzeitig wieder und hab ihn dann ganz verloren. Also kehrte ich irgendwann hier her zurück, als alles ruhiger geworden war." Sie blickte fast verträumt zu dem Haus hin. "Das hier ist mein Heim. Hier durfte ich lange meinen Traum leben, mein eigenes Paradies. Deswegen" - nun war da wieder der Blick der Zorngöttin - "kann Skarlof meinetwegen einen Höhlentroll schicken, um mich zu töten. Er. wird. es. nicht. kriegen."
    Shenkt hatte der Frau interessiert gelauscht. "Ich verstehe dich, Ferlia.", murmelte er kurz, "Und weißt du, ich fühle mich schlecht. Schlecht, weil ich einen Augenblick dachte, dass Skarlofs Anspruch irgendwo gerecht war. Aber ... ach egal, Ferlia. Ich hacke weiter das Holz."
    Mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen musterte die Bäuerin Shenkt einige Sekunden, ehe sie seufzte. "Oh bei Innos, gib mir die Axt. Du hackst dir noch das Bein in Stücke. Los, trink etwas Wasser und schau dann nach der Kuh, ja? Bei der Hitze brauch sie ebenfalls viel Wasser."

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    Shenkt is offline
    Shenkt schluckte schwer, versuchte irgendwie den Kloß im Hals loszuwerden und den Schrecken zu vertreiben, der sich in seinen Eingeweiden breit machte und heiß und unangenehm war. Entweder war dies neben dem kalten Schweiß auf der Stirn ein Anzeichen für eine ordentliche Magenvergiftung ... oder der instinktive Wunsch, die Beine in die Hand zu nehmen und die Flucht zu ergreifen. Warum er es nicht tat, konnte sich der Mann nicht erklären. Aber wahrscheinlich hatte es mit dieser Zorngöttin an seiner Seite zu tun, Ferlia der Vettel. Die stand nur da, locker ein Breitschwert geschultert und die fünf Mann abschätzig musternd.
    "Äh, Ferlia ... ich respektiere deinen Mut und deine Stärke, aber nun, äh, das sind ... echt viele.", murmelte Shenkt langsam.
    "Fünf Kerle", die Vettel sah ihn scheel an, "Da wäre mein Mann mit dem Bierkrug in der einen und dem Schwert in der anderen Hand durchgefahren, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten." Sie lächelte wölfisch. "Also ist es machbar."
    Shenkt nickte langsam, so wie wenn man nickt, wenn ein Wahnsinniger einem eine Armbrust auf die Brust setzt, wahnsinniges Zeug erklärt und mit fiebrig glänzenden Augen fragt, ob man nicht seiner Meinung sei. Denn das war Ferlia: wahnsinnig. Irgendwie überlegte Shenkt einen Augenblick, wie er gefahrlos die Seiten wechseln konnte, gleichwohl ihn Skarlof und seine Art ankotzten. Aber der Tod würde ihn nocht vielmehr ankotzen, das war sicher.
    "Ja gut, Ferlia, nun ..."
    "Bleib zurück."

    Der Tanz, der auf den Befehl folgte, war zwar nicht perfekt aber er war wirkungsvoll. Natürlich musste man zugeben, dass die fünf Männer, die Skarlof geschickt hatte, keine Waffenmeister oder Veteranen unzähliger Schlachten waren. Eher waren sie eine Bande verlauster Penner, die der Verbrecher aus dem Rinnstein geklaubt und ihnen ein paar Nagelkeulen in die Hände gedrückt hatte. Einem echten Schwert, wahrscheinlich sogar bester Herkunft, konnten die nichts entgegen setzen. Ferlia war flink und wendig, führte zwar keine knochenbrechenden Schläge, jedoch schnelle und präzise Hiebe. Sie stach und schnitt und ließ ihr Land Blut kosten. Zwei Männer starben, einer verlor seine Hand und zwei türmten mit ihrem verletzten Kumpan. Es waren vielleicht fünf Minuten vergangen.
    Schwer atmend kam Ferlia wieder zu Shenkt. "Schnapp dir die beiden und schaff sie in die Jauchegrube zu ihrem Freund, diesem zungenlosen Mistkerl. Ich muss mich ausruhen."
    Mit diesen Worten marschierte sie an ihm vorbei. Der Chronist blickte noch einige Augenblicke auf die zugerichteten Leichname, ehe er die Hände auf die Knie stützte, sich vorbeugte und herzhaft übergab.

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    Shenkt is offline
    Irgendwo am Rande des Hofes saß Shenkt auf einem Baumstamm und blickte in die Ferne. In seinem Magen rumorte es bei dem Gedanken an das kurze Schlachten wieder, Galle stieg ihm auf, schien seinen Mund auszufüllen und fast wieder ausbrechen zu wollen. Er wollte Ferlias Nähe nicht, sich im Moment nicht im gleichen Haus mit ihr aufhalten. Die Leichtigkeit, mit der sie die Männer getötet und verwundet hatte, schockierte ihn zutiefst. Sicherlich, sie hatte ihre Gründe, hat im Leben Erfahrungen gemacht, die sie kalt und gnadenlos werden ließen. Aber trotzdem ... schon beim Zungenlosen war sie entschieden vorgegangen.
    "Ich habe meine Heimat verlassen, weil ich die Teilnahmslosigkeit meines Volkes verabscheue", murmelte er vor sich hin, "Die ewige Dekadenz, die keine Tage oder Jahre sondern Generationen zählt, Dynastien vorüber ziehen sah und sich niemals änderte. Vom Gründer des Reiches bis hin zu meinen nächsten Verwandten ... sie sind kalt, arrogant und geistesabwesend."
    Shenkt hatte die Methoden seines Volkes schon immer verachtet. Sklaven und Leibeigene, die zur Freude hingerichtet wurden, die mehr Objekt als Lebewesen waren. Bis zu seiner Ankunft in Khorinis hatte er wirklich gedacht, die niedersten Menschen können nur die Adeligen und Herrschenden seiner Heimat sein, ehe er merkte, dass dies Triebe sind, die in allen Menschen lauern, egal welcher Herkunft, welche Macht sie besaßen oder welche Farben sie trugen. In jedem Menschen lauerte das Böse, Skarlof war ein Paradebeispiel ... ebenso wie Ferlia.
    "Und du, Shenkt?", sein Blick ging gen Himmel, "Bist du besser? Dein Körper merkt langsam, dass du gewisse Medizin nicht mehr genommen hast, gewisse Drogen, die seit deiner Geburt in dich gepumpt wurden ... fehlen. In der Heimat tapfer, gerecht, ehrlich. Hier? Verlässt dich der Mut, wirst du kriecherisch und feige. Du musst dich an diese Welt anpassen ... oder sie verschlingt dich mit Haut und Haaren."
    Der Mann erhob sich. Anpassen, Akzeptieren das es schlechte und böse und widerwärtige Menschen gibt, mit ihnen auskommen ... Er würde zu Ferlia gehen. Sie sollte ruhig merken, dass er ihre Tat nicht gut hieß, ja das er sie verabscheute, aber das er trotzdem an ihrer Seite stehen würde.

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    Shenkt is offline
    "Ah, sieh an ... keine vorwurfsvollen Blicke mehr? Keine unterschwellige Abneigung in den Augen, als hätte ich dein Lieblingsspielzeug zwar nicht zerstört, aber zumindest auf ein Regal getan, an das du nicht mehr heran kommst?" Ferlia schnaubte. "Kenne ich zu gut, diese Blicke. Meist von meinem Sohn, manchmal von meinem Mann."
    Shenkt schluckte kurz, ehe er knapp antwortete: "Bitte vergleiche mich weder mit dem einen noch mit dem anderen. Ich bin weder dein Sohn noch dein Mann. Was uns zusammen geführt hat, Ferlia, sind Schicksal ... und meine eigenen Verfehlungen."
    Die Frau lachte einen Moment hart, ehe sie kopfschüttelnd zur Tür wies. "Bitte, das Schicksal wird nichts dagegen haben, wenn du gehst. Ich übrigens genauso wenig. Du frisst nur, deine Arbeit ... kann ich selber auch machen. Und im Kampf? Ach, da reden wir nicht drüber. Am Ende kotzt du alles voll, das habe ich gesehen."
    Einen mutigen Moment lang dachte Shenkt wirklich darüber nach. Aufstehen, den Hof verlassen, irgendwo nach Süden gehen zu dem Ort namens Drakia, eine Überfahrt mieten und sich irgendwie in Gorthar durchschlagen, ein Leben aufbauen. Das wäre der einfachere Weg. An Ferlias Seite zu bleiben, Skarlof zu bezwingen ... das wäre der schwere, gefährliche und letztendlich vielleicht sogar tödliche Weg.
    "Nein. Ich bleibe, Ferlia. Weiß der Beliar warum, vielleicht erinnerst du mich an meine Mutter, Großmutter oder irgendeine Tante. Der Gedanke, dass Skarlof hier alsbald mit einer Privatarmee einfällt und dich massakriert ... nein, das will ich verhindern. Irgendwie."
    Wieder sah die Frau ihn lange an, ehe sie langsam nickte. Dann ließ sie ihren Blick doppelt so lang durch den Wohnraum schweifen, einen Moment verharrte er an einem Balken, an dem drei Letter geritzt waren "T + C + N". Tränen schienen in Ferlias Augen zu glitzern, ehe sie wieder zu Shenkt sah.
    "Weißt du. Eigentlich ... eigentlich ist es egal. Der Hof, seine Geschichte ... die Vergangenheit, alles. Wir packen, Shenkt. Wir packen und verschwinden. Mein Mann würde mir gehörig die Leviten lesen, würde er mich hier sehen. In zwei Stunden brechen wir auf, verstanden?"
    Shenkt lächelte leicht. "Verstanden, Ferlia."
    Ehe sich die Frau abwandte, räusperte sie sich noch einmal. "Erinnere ich dich wirklich an deine Mutter?", fragte sie langsam.
    "Bei den Göttern, nein. Meine Mutter ist ein arrogantes, dekadentes Miststück. Wie der Rest meiner Familie. Ich würde dich zum Sterben zurücklassen, wärst du wie sie. Ich habe das nur gesagt, weil ... na ja, du halt so mütterlich wirkst."
    Erneut ein langer Blick, ehe sie sich schüttelte. "Innos, bei dem Gedanken, dass du mein Sohn wärst ... schüttelt es mich. Und die Lust, mich ins Schwert zu stürzen, wächst."
    "Danke, Ferlia. Du bist ein wahrer Schatz, wirklich."

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    Shenkt is offline
    "Gut, Ferlia. Wir sind aufgebrochen. Ich ... kann mir vorstellen, dass es einiges an Überwindung erfordert, das eigene Heim zu verlassen und ins Unbekannte zu ziehen. Mutig, heldenhaft sogar. Aber ... wo hin? Weil, ich weiß nicht, ich das Gefühl habe, dass du uns direkt in die Hafenstadt führst. Khorinis. Drakia, glaub ich, ist doch südlich von hier. Durch dieses Minental.", plapperte Shenkt und lief neben der Frau her. Ein seltsames Paar. Eine kleine Frau mit angegrautem Haar, streng zum Zopf gebunden. Sie trug ein Schwert auf dem Rücken und einen Lederbeutel über der Schulter. Nebenher lief ein Mann, der auf den ersten Blick wie ein Prinz aus dem Märchenbuch aussah. Groß, adrett, ebenmäßige, fast perfekte Gesichtszüge. Das Haar von fast königlichem Weißblond. Aber mit dem Ausdruck eines Angsthasen im Gesicht, eines feigen Trottels, der schüchtern und sinnlos plapperte und plauderte und nuschelte. Ferlia machte nur eine abhackende Handbewegung.
    "Mach den Mund zu, Shenkt, wenn da nichts Nützliches herauskommt", knurrte sie entschieden, "Warst du schon im Minental?"
    Der geflohene Prinz schüttelte langsam den Kopf.
    "Das merkt man. Dort leben Kreaturen und Monster und Orks. Trolle, Echsenmenschen, Drachen ... einfacher ist es da, ein Seil an einem schweren Stein festzumachen, dann an deine Füße zu binden und sich damit ins Meer zu stürzen. Das Tal ist eine Todesfalle, Beliars verfluchte Spielwiese auf Erden!", zischte sie und schritt danach wortlos weiter. Shenkt seufzte nur und folgte ihr. Es dauerte wahrlich nicht lange, ehe er weiter plauderte.
    "Aber Khorinis ... Skarlof wird uns dort auflauern. Dort ist er im Vorteil, das ist sein bekanntes Terrain!"
    Die Frau seufzte genervt. "DU wirst dort auf ein Schiff gehen und verschwinden. Ich hingegen folge dem Weg meines Mannes, der Kämpfe selten gescheut hat. Ich werde bei Skarlof anklopfen und ihn zu einem Duell auffordern. Du musst wissen, Shenkt, dass die Gauner in Khorinis von einem gewissen Ehrgefühl geleitet werden. Es gibt genügend Männer, die es diesem Aas übel nehmen, dass es mich ermorden lassen will. Entweder, sagen sie, führt der Arsch selbst den Dolch oder er lässt es gut sein. Und vor seinen Leuten will Skarlof ja auch nicht das Gesicht verlieren. Heißt: Es wird mit dem Schwert entschieden. Und Skarlof ist bekanntermaßen zwar ein kluger Taktiker, aber ein miserabler Schwertkämpfer. Danach werde auch ich meiner Wege gehen, ganz einfach."
    Lange sah Shenkt zu Ferlia hin, ehe er langsam nickte. Er teilte ihr nicht seine Meinung, seine Gedanken mit. Das sie den einfachen, ehrbaren Weg sah. Jedoch nicht den komplexen, mitunter dreckigen Arbeitsprozess, in dem die Hafenstadt funktionierte. In dieser Hinsicht - obwohl Shenkt ihren Mann nie gekannt hatte - eiferte sie ihrem verstorbenen Gatten zu sehr nach. Und, das wusste Shenkt, das würde sie später noch bereuen.

  6. View Forum Posts #26 Reply With Quote
    Lehrling
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    Shenkt is offline
    Die Wachen am Tor versuchten lange Minuten, den beiden Reisenden einiges an Gold abzuknüpfen. Erst als Ferlia zu einer Schimpftirade ansetzte, die den Wachhabenden auf den Plan rief - einen Mann, der in dieser Stadt einer der wenigen Menschen war, die noch einen Funken Ehre besaßen - ließ die Miliz sie passieren. Shenkt hatte eigentlich erwartet, dass man sie fortjagte und einen Augenblick lang hatte er sogar darauf gehofft, das dies geschehen würde. Sein Blick ging zu Ferlia, die stoisch und entschieden über den Marktplatz schritt. Das man sie in die Stadt gelassen hatte, war ein weiterer Nagel in ihrem Sargdeckel. Der selbsternannte Chronist schluckte schwer und folgte der Frau weiter durch den Ort.

    Früher einmal - so hatte man Shenkt es erklärt - war die Stadt auch vom Äußeren in drei Bereiche unterteilt gewesen. Das Obere Viertel war grün gewesen, mit frisch getünchten Fassaden und netten Fachwerkbauten. Das Pflaster war sauber gewesen, Müll fast gar nicht zu sehen. Das Handwerkerviertel, in dem viele mittelständische Bürger gelebt hatten, war ebenfalls schön anzusehen gewesen. Das Hafenviertel, nun, das war früher schon kein angenehmer Ort gewesen, dreckig und mit wachsenden Müllbergen in den Nebengassen. Jetzt ... nun, sah alles gleich dreckig aus. Der Bewohner des Oberen Viertels konnte ein genauso verlauster Kerl sein wie der Bursche vom Hafen.
    Ein solcher hielt dann auch Shenkt und Ferlia auf. "Hey, bleibt stehen.", forderte er, "Du bist Shenkt, oder? Klar, hier rennt nur einer mit solcher Frisur rum. Ich führe dich und deine ... Freundin zu Skarlof."
    Ferlia nahm dies lächelnd auf, stieß ihren Begleiter mit dem Ellenbogen an. "Ja, äh ... klar, wir folgen dir.", murmelte dieser nur.

    "Skarlof, hier sind deine Gäste. Der Schreiberling und eine Frau."
    Der kleingewachsene Verbrecher sprang vom Stuhl auf, breitete die Arme aus und lachte entzückt. "Ah ja, mein lieber, teurer Shenkt! Oh, und da die schöne, jung gebliebene Ferlia." Er machte eine spöttische Verbeugung. "Soll ich dein Ziehtöchterchen holen? Der alten Zeiten wegen?"
    Die Bäuerin hob die Schultern. "Du kannst auch einfach Scheiße fressen, Skarlof.", antwortete sie trocken. "Ich will dich herausfordern."
    Shenkt schluckte schwer und trat einen Schritt zur Seite, bereute es zwar ein Stück weit, aber empfand dies als sicheren Plan.
    "Herausfordern? Mich? Du? Eine Frau? In einem Backwettbewerb?", fragte er grinsend.
    "Nein. Mit dem Schwert. Ein ehrliches Duell."
    Erneut lachte der Verbrecher. "Das Duell wäre nicht ehrlich. Wir sind grundverschieden. Wie sieht das denn aus? Dann heißt es überall: Skarlof kämpft nur gegen Weiber, der Feigling."
    Ferlia blickte ihn unverwandt an. "Scheiß auf die Meinung der anderen. Du bist ein Feigling, da du den Kampf scheust. Du hast Angst zu verlieren. Gegen eine Frau." Sie blickte zu einigen anderen Schurken in der Taverne. "Das ist also euer Boss? Der Angst hat, eine Frau zu duellieren, die ihn dazu drängt gegen sie zu kämpfen? Ein Feigling wäre er ja nicht, würde er annehmen, da ich es ja selbst will. Er würde mir nur eine Lektion erteilen." Nach den Worten schwieg sie, hob die Schultern und sah sich erneut um.
    Ein narbenübersäter Riese knurrte leise, ehe er sprach: "Skarlof. Die Vettel will es, also gib es ihr. Du hast 'ne Klinge, sie hat 'ne Klinge. Aber mach die Olle nicht kaputt. Danach will ich ihr noch zeigen, was ich alles kann ..." Lachen in der Taverne. Ferlias Augen glitzerten, da sie wusste, das ihr Plan funktionierte.
    Shenkt stand dort wie ein Matrose, der tatenlos zusieht, wie das eigene Schiff in einem Mahlstrom zerfetzt wird. Er hatte ein ganz miserables Gefühl.

  7. View Forum Posts #27 Reply With Quote
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    Shenkt is offline
    Man traf sich an einem relativ großen Platz zwischen den ganzen baufälligen, einfachen Holzhütten, die dem Hafenviertel seinen unschönen, armseligen Charme verliehen. Innerlich spürte Shenkt sich ausbreitende Kälte, während sein Blick über die versammelten Menschen fuhr. Wie ein kleines Fest, ein Spektakel für die Familie. Väter mit ihren verlausten Söhnen, Mütter mit ihren Töchtern. Auf den Dächern, aus den Fenstern der Hütten. Gut und gerne mochten hier an die fünfzig Menschen zusammen gekommen sein, um das Duell zu sehen. Jenes Duell von dem Skarlof sich wenig versprach außer dem Erhalt seiner Macht, Ferlia hingegen setzte auf das Ende des Verbrechers und ihren Frieden. Die Buchhalter erfassten die allgemeine Meinung und machten sie zu Gold. Und Shenkt, nun, Shenkt stand nach wie vor da. Als wäre er in Treibsand getreten, weit und tief genug, dass ein Entkommen nicht möglich war und jede Bewegung ihn nur noch näher an den Tod bringen würde. Er schluckte schwer, versuchte den Kloß im Hals los zu werden.

    Der Schreiber stand auf einer Seite des Rings neben Ferlia, die ihre Klinge schon gezogen hatte und sie anscheinend fachmännisch prüfte. Sie führte einige Hiebe durch die Luft aus, ehe sie zufrieden nickte. Sie wandte sich halb zu Shenkt um ... und lächelte. Sie lächelte wirklich. Etwas, das er seht selten in ihren wenigen gemeinsamen Tagen gesehen hatte. Ein zufriedenes, glückliches Lächeln. Als wüsste sie, dass der Sieg ihrer war. Und in diesem Lächeln steckte auch Aufmunterung. Als würde sie ihm damit sagen wollen: Kopf hoch, Shenkt, bald sind wir hier durch und können tun, was wir wollen. Und dieses Lächeln war es, das einen eisigen, eisernen Pfahl in seine Brust jagte. Als hätte das Schicksal ihm und nur ihm alleine einen kurzen Blick hinter den Vorhang der Zukunft gewährt. Und Ferlias Tod auf diesem Platz gezeigt. Sein Herz raste, Übelkeit machte sich breit. Irgendwo erklang eine Glocke. Ferlia trat vor.

    So wie Skarlof. Der kleine Mann trug ein Rapier. Relativ edel, gute Fertigung, soweit Shenkt das mit seinem ungeschulten Auge beobachten konnte. Dagegen wirkte Ferlias Schwert grobschlächtig und primitiv, wie ein Artefakt aus der Vergangenheit. Während Ferlia ihr Schwert locker gen Boden richtete, wohl um in einem schnellen Aufwärtshieb zuzuschlagen, stellte sich Skarlof in eine klassisch anmutende Fechtposition. Und verharrte. Ferlia hob die Augenbraue.
    "Worauf wartest du, Skarlof? Ich lass dir den ersten Schlag?", spottete sie. Doch der Verbrecher schaute sie nur an, die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen gepresst. Schweiß lief ihm bereits über die Stirn. "Nun, wenn du nicht willst, dann komme ich."
    Ihren eigentlichen Hieb führte sie nicht, sondern hob ebenfalls ihre Klinge, nutzte des Gewichts wegen jedoch beide Hände, erhielt so aber auch einen besseren Halt am Griff. Sie stieß vor, schlug zu, als wollte sie die dünne Klinge des Rapiers zur Seite schlagen. Und Skarlof? Wich aus wie ein Blitz, wie ein Gott der Gewandtheit. Obwohl er einige Pfunde zu viel besaß, bewegte sich der Verbrecher mit einer spielerischen Geschwindigkeit und Sicherheit. Da kam Shenkt wieder in den Sinn, was Skarlof dereinst gewesen war, ehe es ihn nach Khorinis verschlagen hatte. Er war Pirat gewesen. Das Kämpfen auf nassem, rutschigen und unsicheren Untergrund gewohnt. Ferlia bemerkte ihren Fehler erst, als die spitze Klinge des Rapiers ihr das rechte Hosenbein aufschlitzte, ebenso wie die Haut und das Fleisch darunter. Blut lief aus der Wunde, tropfte auf den Boden. Unglauben beherrschte ihre harten Züge, ehe sie herumwirbelte, dem Fechter folgte und schreiend zum frontalen Angriff überging. Bei den fünf Lumpen war dies möglich gewesen, da die absolut keinen Schimmer vom Schwertkampf gehabt hatten. Skarlof hingegen - das begriff Shenkt langsam - war ein Fechtmeister. Er tänzelte weg, während Ferlia nach ihm schlug, wich ihren Schlägen, Hieben und Stichen aus. Verpasste ihr immer wieder kleinere oder größere Streiche, bis ihre Kleidung dunkel war vor Blut. Die Kontrahenten lösten sich voneinander, bewegten sich in ihre Ecken.

    Ferlia atmete schwer, spuckte aus. Skarlof schwitzte zwar und atmete etwas schneller, wirkte aber ansonsten völlig ruhig. Seine Züge waren immer noch verbissen, als er sprach.
    "Ferlia. Nutze die Chance. Gib auf. Meinetwegen darfst du in der Laterne arbeiten oder hier irgendwo putzen, mir ist es einerlei. Hauptsache ich bekomme dein Land. Klar?", zischte er und sah sie durchdringend an. "Sonst verspreche ich dir ..."
    Ächzend lachte die Vettel. "Was sonst? Ich werde dich erwischen. Wenn du des Tanzens müde bist, wenn deine Beine aufgeben. Dann werde ich dir mit dieser Klinge den Schädel spalten.", fuhr sie ihn an. Dann drang sie wieder auf den Kampfplatz und ihren Gegner zu. Skarlof schien ernsthaft bedauernd zu seufzen, ehe er einige Schritte vor machte, sich um keine Verteidigung scherte, seine Geschwindigkeit nutzte und der Frau die Spitze des Rapiers direkt in den Kehlkopf rammte. Mit einem Geschick, dass er auch eine Münze hätte aufspießen können. Die Überraschung in Ferlias Augen war riesig. Sie versuchte etwas zu sagen, jedoch drang nur Blut aus ihrem Mund und um die Rapierspitze herum aus der Wunde. Das Schwert entglitt ihren Händen, während Skarlof den Rapier zurück zog, sich mit der blutigen Spitze über die Hose fuhr und sie so säuberte, ehe er die Waffe wieder in ihre Halterung steckte. Ferlia griff sich an die Kehle, Blut floss zwischen ihren Händen, während sie auf ihre Knie fiel, zur Seite umkippte und verblutete. Die Menge jubelte nicht, die Menge feierte nicht. Warum auch? Skarlof hatte irgendeiner Bäuerin nur eine Lektion erteilt. Da sollte man keine Feste feiern.

    Als Ferlia sich nicht mehr rührte, trat Skarlof an Shenkt heran. "Danke, Schreiberling. Nun gehört mir ihr Hof.", grunzte er, "Eigentlich müsste ich dich an die Fische verfüttern, da mir dieser Sieg hier" - er deutete mit dem Kopf auf Ferlias Leichnam - "keine Ehre und keine Sympathie einbringen wird. Aber ... letztendlich hast du getan, worum ich dich gebeten habe. Ferlia zu überzeugen, mir den Hof zu überlassen. Ihr Land. Wohl durch die Ermunterung, dieser Sache ein Ende zu machen. Ah, lieber Shenkt, du bist schon ziemlich perfide, weißt du das? Na, wie dem auch sei. Es geht ein Schiff nach Argaan. Stewark, wohlgemerkt. Du kriegst ein Säckel Gold, etwas Proviant und kannst dich dorthin verpissen." Er klopfte dem Schreiber auf die Schulter, griff dann danach und zog ihn näher heran. Flüsterte ihm ins Ohr: "Und sehe ich dich hier jemals wieder, du Ratte, steche ich dich persönlich ab. Und jetzt verschwinde."

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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
    Cotton Gray is offline
    „Keine Sau an Deck“, knurrte Cotton und zog die kalte Morgenluft zwischen seinen Zähnen durch. Er spuckte aus und schniefte. Warum musste die Nase nach dem Aufstehen immer zu sein? Er fühlt sich latent kränklich, was sich jedoch nach ein paar Minuten auf den Beinen wieder gab. Cotton klappte den Kragen seines Wollmantels hoch und kniff sein rechtes Auge zusammen. Vor ihm lag die Küste von Khorinis, vom grauen Morgendunst noch verschleiert. Schemenhaft konnte er an Land ein paar Gestalten ausmachen, Fischer vermutlich, die ihre Boote auf den Tag vorbereiteten.
    Sein eigenes Schiff, die Maera, ankerte ein paar hundert Meter vor dem Pier und schaukelte bei dem mäßigen Wellengang rhythmisch, wie die Wiege eines Neugeborenen, die von der Mutter beiläufig bewegt wird. Im Frachtraum befanden sich gut hundertfünfzig Fässer mit allerlei Gewürzen und Heilkräutern, die sie vom Festland auf die Insel befördern sollten. Die Entlohnung dafür war nur ein schmaler Taler, doch die Auftragslage gab ihnen kaum andere Optionen. Ihr Zahlmeister Ivo hatte in der Vergangenheit schon besseres Verhandlungsgeschick bewiesen, als bei diesem Auftrag. Doch mussten Verpflegung und Besoldung der Mannschaft hart kalkuliert werden. Sechs Monate zuvor gab es keine andere Möglichkeit, als den Sold für eine Zeit mehr als zu halbieren. Einen Bootsmann ließen sie in Setarrif zurück und Rallack, ihr Waffenmeister, verblieb auf eigenen Wunsch bei einer Söldnertruppe in der nördlichen Gebirgsregion.
    Alsbald erhielt Cotton jedoch in Setarrif die Nachricht einer Brieftaube, dass die Söldner noch beknackter und kniepiger seien, als die Idioten vom Schiff, zusammen mit Rallack`s Bitte, wieder zurückkehren zu dürfen. Ein Wunsch, der die Besatzung nachts ruhiger schlafen ließ. Als Matrosen und Händler war keiner von ihnen in dem Umgang mit der Waffe ausgebildet. Umso tragischer, den Waffenmeister zu verlieren, der sie zu regelmäßigem Training verpflichtete und im Falle eines Angriffs in der ersten Reihe stand.
    Die Holzdielen knackten, als der Koch Ido und Rallack, eben dieser, das Deck betraten. Letzterer setzte sich auf den Boden, lehnte sich an den Hauptmast und begann, mit einer Feile, Lappen und einem Fläschchen Leinöl ausgestattet, die Gebrauchsspuren seiner Armbrust auszubessern.
    „Ah… was ein schöner Morgen heute“, sagte Ido und rieb sich über den Bauch, der sein Leinenhemd in der Beckenregion auf Spannung hielt.
    „Das sagst du jeden gottverdammten Tag“, grunzte Rallack und schüttelte den Kopf.
    „Is aber so.“ Ido grinste, streckte die Arme nach vorne und vollführte eine, dann zwei Kniebeugen, bevor er sich erinnerte, dass er gänzlich unsportlich war und auch keine Ambitionen besaß, das zu ändern.
    „Hauptsache keinen Regen“, murrte Cotton und schielte auf die grauen Wolken, die am Horizont sichtbar waren. „Ich würde gerne mal ohne Schwierigkeiten den Krempel aus dem Frachtraum verladen können.“
    „Als wenn du beim Verladen helfen würdest“, raunte Rallack. Er hatte sich etwas von dem Leinöl in den Bart geschmiert, merkte am penetranten Geruch des Öls allerdings direkt, dass das keine clevere Idee war. Der Schiffsbarbier hatte ihm den Tipp gegeben, mehr auf Körperhygiene zu achten. So wie die einen ihre langen Haare pflegten, sollte er seinen Bart kämmen und ölen. Näher erläutert wurde dieser Tipp jedoch nicht.
    „Wie geht es unserem Gast?“, fragte Cotton und schaute sich auf Deck um. Es hatte sich mittlerweile mit gähnenden und sich streckenden Matrosen gefüllt.
    „Der Schmied?“ Ido lachte. „Der pennt noch. Wird er auch wohl nochn Zeitchen. Cortez hat gestern seinen Zwiebelschnaps ausgepackt.“
    „Ich dachte die Rotze wäre langsam mal alle!“ Cotton musste sich ob der Erinnerung schütteln.
    „Will ja keiner trinken den Mist.“
    „Wollte der Schmied auch nicht. War mir aber egal“, klang Cortez`s Stimme schallend aus der Mannschaftskajüte.
    An Deck schüttelte der Waffenmeister wieder den Kopf und fuhr mit der Hand prüfend über das glattpolierte Holz seiner Armbrust. Er grinste.
    „Das isn Haufen hier.“

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    Das Königreich Argaan im Forenrollenspiel
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    „Du bist zu ungeduldig“, hörte er Melaine in seinen Gedanken sagen. Geduldig, ungeduldig… wer vermag schon zu sagen, was genau das richtige Maß ist. Wobei das Wort „richtig“ in diesem Zusammenhang nicht angebracht ist. Jeder Mensch ist verschieden, hat seine eigene Toleranzgrenze, die ihn entweder schneller oder langsamer zu seinem Ziel führt. Für Cotton war diese Schwelle in der Tat recht niedrig angesetzt. Als Kapitän hatte seine Erfahrung ihn gelehrt, dass zumindest an Deck zu lange Fackeln mehr Schlechtes als Gutes hervorbrachte. Wenn er jemandem etwas zeigte, erwartete er eine schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, es ihm schnell nach zu tun. Seine Ansprüche waren hoch. Umso mehr verärgerte ihn die Feststellung, dass Magie etwas komplizierter war, als Knoten in Taue zu binden. Einmal zeigen, dann nachmachen, funktionierte nicht. Und obwohl er die Handvoll Zauber von Melaine mittlerweile spielend umsetzen konnte, gelang es ihm nicht, über diese Grenzen hinaus Neues zu erschaffen.
    Wie ein Instrument, auf dem einige Lieder ohne Nachdenken gespielt werden konnten, jedoch der Sinn für Improvisation oder Kreation fehlte. Die Magie verwehrte ihm dieses intuitive, vertraute Gefühl, das Spielerische, das er empfand, wenn er sein Schiff navigierte.
    Mit Fünfundfünfzig dachte er, dass er aus dem Alter sei, sich einen Lehrmeister zu suchen. Doch Irren ist menschlich.
    „Was hast du von unserer ersten Lektion behalten?“, fragte Yuran, ein junger Blondschopf von hagerer Natur. Er setzte sich neben den Kapitän und ließ seine Finger spielerisch durch seine Haare gleiten. Cotton blies seine Wangen auf und ließ die Luft mit einem Prusten entweichen.
    „Ehm…“, brummte er. „Die Grenze des Möglichen ist die Grenze unseres eigenen Verstandes, oder sowas.“
    Yuran lachte und klatschte in die Hände.
    „Genau! Aber es zu sagen alleine reicht nicht. Du musst es in deinen Gedanken sehen, du musst es fühlen, du musst nichts anderes als deine Vorstellung als einzige Realität akzeptieren. Egal wie unmöglich es dir erscheint. Wir agieren innerhalb der Grenzen, die wir kennen und zulassen. Mach dich frei von deinen alten Vorstellungen.“
    „Wie alt warst du nochmal?“, fragte Cotton und zog seinen linken Mundwinkel hoch.
    „Pfft, ist doch egal. Schau einfach her.“
    Der junge Magier stand auf und stellte sich an die Reling. Seine Handflächen zeigten nach oben und sein Blick war auf die See gerichtet. Feuchter Nebel sammelte sich knapp über der Wasseroberfläche und wuchs stetig nach oben, bis das ganze Schiff von dichtem Nebel umhüllt war.
    „So`n Scheiss“, brüllte der Mann im Ausguck.
    Yuran lächelte und machte mit seinen Händen eine teilende Bewegung. Der Nebel auf der Steuerbordseite verwandelte sich in dicke Regentropfen, die platschend zurück auf das Wasser fielen. Der Nebel auf der anderen Seite vereinte sich zu faustgroßen Eiskristallen, die mit noch mehr Getöse herab fielen, bevor sie ein paar Sekunden an Ort und Stelle verweilten.
    „Das war ohne Mühe“, sprach der junge Magier und hob ein Stück Eis auf, das an Bord gefallen war.
    „Stell dir vor, wozu jemand möglich ist, der seiner Vorstellung keine Grenzen auferlegt.“
    „Beeindruckendes, Gutes oder Schlechtes.“ Cotton rieb sich sein Kinn. Er mochte zu viel Gerede nicht und Yuran war für den Kapitän ein harter Test für seine Toleranzgrenze. Doch es drängten sich ihm ernste Gedanken auf, die er aussprechen musste.
    „Ich meine, ist das denn fair? Warum können Magier so mächtig sein? Mit der richtigen Ausbildung können sie enorm viel Unheil anrichten. Selbst geübte Krieger müssen auf Schwertlänge kommen, um Schaden anzurichten. Was sollen sie gegen einen wütenden Zauberfutzi ausrichten? Wo ist da die Balance, von der ich immer höre?“
    „Sind das wirklich Fragen, die du an einem so schönen Vormittag beantwortet haben willst? Machen wir das später, ok? Aber jetzt du. Aber wir fangen ganz ganz klein an.“

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    Seine Hände schwebten über dem Wassereimer, als eine Schweißperle über seine Stirn rollte und tropfend im Eimer landete.
    „Probiere es einfach. Du kannst schon Wasser aus dem Nichts erzeugen, deswegen sollte es ein Leichtes für dich sein, dieses Wasser dort nur in seiner Konsistenz zu verändern. Nebel ist Wasser in anderer Form.“
    Der Kapitän schloss seine Augen und seufzte. Er spürte es nicht. Was er jedoch spürte war sein Herzschlag, den Wind auf seinen behaarten Armen. Er schmeckte die salzige Luft auf seinen Lippen und in seinem Schweiß. In seinen Gedanken sah er das Wasser in dem Eimer und konnte sich vorstellen, wie es sich auflöste und zu Nebel wurde. Er spürte die Fertigkeiten seiner Hände, Magie zu konzentrieren, genau wie er es tat, als er Wasser erschaffen gelernt hatte.
    „Es passiert nichts“, grummelte er.
    „Versuch weniger, etwas Neues zu erschaffen, sondern etwas Vorhandenes zu manipulieren. Genau wie du es tust, wenn du Gegenstände mit deinen Gedanken bewegst.“
    Das könnte helfen, dachte Cotton und besann sich auf seine Hände. Er öffnete seine Augen und starrte auf das Wasser, das schuldlos im Takt des Schiffes schaukelte.
    Minuten vergingen.
    Yuran beugte sich nach vorne und lugte in den Eimer. Über der Wasseroberfläche schwebte etwas Dampf und kroch langsam den Rand des Eimers empor.
    „Futter ist fertig, Leude!“, rief der Smutje Ido, der seinen Kopf aus der Kombüse stecke. „Kommt ran.“
    Sofort löste sich der Dampf unter Cottons Händen in Luft auf.
    „Verdammt noch mal!“ Er stieß den Eimer um.

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    „Pull! Pull!“
    Langsam näherte sich das kleine Ruderboot der Maera und Rallacks breite Statur war im Schein der Fackeln an Bord zu sehen.
    „Ahoi“, rief der Zahlmeister Ivo, der wie ein spielendes Kind auf der Reling saß und seine Beine munter baumeln ließ. Er beobachtete das sich nähernde Boot und versuchte seine vergnügte Miene aufrecht zu halten. Tatsächlich war er aufgeregter als es den Anschein erregte. Er hatte einen Teil der Crew an Land gesandt, um in der Stadt Khorinis die Lage aus zu kundschaften, sowie ihren – nur per Brief – bekannten Wirt Kardiff aufzusuchen, der für mehr als nur eine Handvoll Taler bei ihm Gewürze bestellt hatte. Sie lagerten mehr oder weniger trocken im Frachtraum, auch wenn man sich nicht sicher sein konnte, dass alles was sich dort befand, nach kurzer Zeit eine muffige Note bekam.
    Rallacks Stiefel stieß beim Besteigen der Strickleiter bei jedem Schritt mit einem Klonk gegen die Bordwand.
    „Was für ein Drecksloch“, sagte er und kniff angewidert die Augen zu.
    „Das sagst du zu jedem Ort, du verwöhnter Möchtegernheld.“ Der Bootsmann Cortez folgte ihm auf dem Tritt und schwang sich an Deck. Er schlug dem Waffenmeister nicht gerade sanft auf die Schulter. Dieser schien den Schlag nicht einmal wahr zu nehmen.
    „Selbst deine Mutter kann kräftiger zupacken als du, Cortez.“
    „Du kennst meine Mutter nicht.“
    „Wenn du wüsstest…“
    „Wow wow, Freunde.“ Ivo sprang von der Reling und hob beschwichtigend die Hände. Als Mann mit einem deutlichen höheren Bildungsgrad als der Rest von ihnen, überhörte er das Aufplustern der Matrosen so oft es ihm möglich war. Er mischte sich nur ungerne ein, denn Diskussionen endeten an Bord häufig mit Geschrei, Alkohol oder blanken Fäusten.
    „Ihr seid bestimmt müde von der Fahrt. Nehmt euch was zu trinken und haut euch danach hin. Ach sag, Rallack, was hat Kardiff zu der Lieferung gesagt? Nimmt er die Ware, wie abgesprochen?“
    „Cortez…“ Rallack tippte mit seinem Zeigefinger auf dessen Brust und schaute zu ihm herab. „Wenn ich mich recht an deine Mutter erinnere, verstehe ich gar nicht, warum aus dir so ein hässlicher Vogel geworden ist. Sie war recht ansehnlich und hatte die weichsten aller Lippen.“
    „Duuu!“ Cortez schlug die Hand auf seiner Brust fort und baute sich vor ihm auf. „Meine Mutter war überhaupt nicht so hübsch wie du sagst. Hatte so ne fette Warze über dem Mund. Du hast sie doch nie gesehen.“
    Die Matrosen schauten sich grinsend an.
    „Was hat Kardiff nun gesagt?“, fragte Ivo und klang immer verzweifelter.
    „Deine Mutter konnte es nie erwarten, mich wieder zu sehen.“ Rallack formte mit seinen Händen den Körper einer Frau. „Mit ihren blonden langen Haaren…“
    „Ha! Sie hatte ne Glatze! Du lügst“ Cortez sprang lachend von einem Bein auf das andere.
    Indes war Ivo unter Deck gegangen. Er konnte sich den Blödsinn nicht länger anhören.
    „Was hasn du für ne Mutter?“ Rallack schüttelte den Kopf.

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    In einem Hinterzimmer der Taverne saßen Cotton und Ivo zusammen zu Tische mit dem Wirt Kardiff, der zwischen seinen Fingern etwas Majoran verrieb und daran roch.
    „Wo kommt das her?“
    „Es ist von einem kleinen Anbaugebiet auf Feshyr, wenn ich mir recht entsinne“, sprach Ivo und befeuchtete seine Lippen. „Gefällt es Euch?“
    „Besser als das örtliche Zeug ist es auf jeden Fall. Ich nehme alles, wie abgesprochen. Aber ich muss doch nicht jedes der Fässer öffnen und mich von seinem Inhalt überzeugen, oder?“
    „Glaubt Ihr wirklich, wir würden unseren Ruf so leichtfertig aufs Spiel setzen?“ Ivo sah ihn scharf an. „Wir sind in einer fremden Stadt“, fuhr er fort, „umgeben von fremdem Menschen, von denen wir nicht wissen, wie sie ticken oder was sie beisammen hält. Es wäre äußerst unklug von uns, hier einen Aufstand zu riskieren.“
    „Schon gut, schon gut.“ Kardiff stand mit einem Ächzen auf. „Ich hol das Gold.“
    Er verschwand aus dem Zimmer und ließ die beiden alleine zurück. Cotton sah den Zahlmeister an und nickte. Er vertraute Ivo voll und ganz. Als Zahlmeister besaß dieser ein deutlich größeres Geschick, die richtigen Aufträge auszuwählen und die Route so zu planen, dass das Geld ausreichte, um die Mannschaft mit Proviant zu versorgen, sowie ihren Sold zu zahlen. Was danach übrig blieb, wurde in der Regel darauf verwandt, die Maera in Stand zu halten. Auf einem Schiff ging regelmäßig Zubehör zu Bruch. Zudem musste die Unterseite dringend von Muscheln und Algen gereinigt werden.
    Der Wirt kehrte mit einem schweren Sack in der Hand zurück und knallte ihn auf den Tisch. Daneben stellte er eine drei Flaschen mit einer bräunlichen Flüssigkeit.
    „Da habt ihr es. Und ein kleines Dankeschön für eure Mühen. Mein bester Selbstgebrannter.“
    Ivo nahm den Sack und wog ihn in der Hand.
    „Ich muss ihn doch nicht öffnen und mich von seinem Inhalt überzeugen, oder?“, fragte er.
    „Selbst in einer Stadt wie Khorinis gibt es einen Ruf zu verlieren… es ist alles da, das versichere ich Euch“, sagte Kardiff, spuckte in seine Hand und hielt sie je Ivo und Cotton hin, die sie kräftig schüttelten.

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    Cotton tropfte etwas Wasser auf seine linke Handfläche und schaute gebannt darauf. Mit fokussierten Gedanken auf das Nass, hielt er seine rechte Hand offen darüber und verfolgte, wie es sich zusehends verflüchtigte und in einer kleinen Nebelwolke sammelte und dort andächtig schweben blieb. Ein paar mal war ihm dies gelungen, auch wenn es seine vollste Konzentration verlangte.
    Yuran war indes auf Erkundungstour in Khorinis und ließ dem Kapitän somit Zeit, für sich alleine zu üben. Die ständige Beobachtung machte den Schüler mürbe, selbst wenn der Meister nie zu harsch auf sein Scheitern reagierte. Die Fähigkeiten eines Magiers konnte Yuran ohne Anstrengung und sichtbare Mühe demonstrieren, doch über die Position der Magie Adanos‘ in dieser Welt hatten die beiden sich bisher wenig ausgetauscht. Cotton hatte Yuran nicht umsonst nach seinem Alter gefragt. Der Knabe mochte nicht älter als Ende Zwanzig sein und schritt so unbesorgt durch sein Leben, als sei das Schlimmste, das ihm bisher widerfahren wäre, seine eigene Geburt gewesen. Es sei denn, er kaschierte seine Vergangenheit absichtlich mit lebhafter Freude, um alte Dämonen in Schach zu halten. Adanos war der Gott, der zwischen Chaos und Ordnung navigierte. Cotton hatte viele seiner Priester als reserviert, jedoch keineswegs gefühllos empfunden. Es blieb eine Kunst, in dem tobenden Sturm des Lebens, den Kurs zu halten und dem unerlässlichen Rufen der Sirenen kein Gehör zu schenken. Vielleicht war Yuran im Besitz eines starken Geistes, oder aber, die Naivität seiner behüteten Kindheit war noch nicht durch ernsthafte Prüfungen herausgefordert worden.
    Mit einem Streichen seiner Hand ließ der Kapitän die kleine Nebelwolke durch die Luft gleiten, genau vor Ivos Nase, der diese wegzuwischen versuchte und anschließend – für seine leise Stimme überraschend laut nieste.
    Cotton lachte dreckig und schlug ihm verspielt mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Einen Moment funkelte Unverständnis in den Augen des Zahlmeisters, bevor er sich von dem Lachen anstecken ließ.

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    Hafenstadt Khorinis

    Myxir hatte noch eine ganze Weile von seinen Erlebnissen in der Barriere erzählt, von den Anfängen des Adanosordens, wie man ihn hier kannte, und von den ersten Tagen des Klosters der Heiligen Allianz. Es waren interessante, spannende, teils lustige Geschichten und eine rein anekdotische Aufzählung, die man in Zukunft noch weiter vertiefen könnte, doch gaben sie beiden einen bereits ganz guten Eindruck in das, was Khorinis einst ausgemacht hatte. Tinquilius steuerte auch ein paar Anekdoten bei, berichtete von Khorinischen und Jharkendarischen Spielen, von dem Leben im Kloster und auch in Jharkendar. All diese Geschichten führten dazu, dass der Oberste Magier sich mehr und mehr darauf freute, die Insel bald wieder zu betreten – und gleichzeitig führte sie zu einer bitteren Enttäuschung, als sie sich dem Hafen näherten.
    „Das ist Khorinis? Die große Hafenstadt, die für den Erztransport so wichtig war?“, fragte Askala.
    Myxir und Tinquilius reagierten beide zunächst nicht, sondern schauten entsetzt auf die heruntergekommenen, dreckigen Gebäude im Hafenviertel, sahen die Menschen, die sich dort herumtrieben. Tinquilius war einige Male im Hafenviertel gewesen, er hatte es aber nicht ansatzweise so dreckig in Erinnerung. Und dazu diese zwielichtigen Menschen, die nun auch am Tag herumliefen. Das hätte es früher nicht gegeben. Er ließ den Blick weiter nach oben schweifen, wollte etwas von den schöneren Teilen der Stadt sehen, doch auch dort schien nichts mehr so wie früher, zumindest von den Gebäuden, die er soweit sehen konnte. Das Oberviertel konnte er zwar noch nicht erkennen, doch auch die Mauer, die dieses vom Rest der Stadt abgrenzte, wirkte weniger imposant.
    „Es ist… Ich weiß gar nicht…“, begann Myxir, hielt aber wieder inne.
    „Ja, es ist traurig“, meitne Tinquilius nur nüchtern, konnte seine Enttäuschung aber kaum in seiner Stimme verbergen.
    Das Schiff kam näher und legte alsbald im Hafen an. Es ließ den Anker herunter und die Matrosen legten eine Planke an die Reling, die dann das Schiff mit dem Steg verband. Die drei Diener Adanos‘ hatten ihre Sachen bereits zusammen und standen weiter an der Reling. Die frische Meerluft, die sie all die letzten Tage begleitet hatte, war einer Luft gewichen, die er als fischig bezeichnen würde. Na toll, und darauf habe ich mich so lange gefreut? Während Myxir noch die letzten Dinge mit dem Kapitän klärte, verließen Tinquilius und Askala bereits das Schiff. Einige Bewohner der Stadt hatten sich um das Schiff versammelt, hatten Waren mitgebracht oder holten diese nun von den Matrosen ab, andere standen mit kleinen provisorischen Ständen am Steg und preisten ihre Waren mehr oder minder offensiv an. Gerade bei Askala und Tinquilius schienen sie Gold zu vermuten, riefen nicht nur lauter und energischer, als die beiden vorbeigingen, sondern kamen teils auch hinter ihren Ständen hervor und blockierten ihren Weg.
    „Die schönsten Muscheln“, meinte eine ältere Frau mit verschmutzten Händen, „nur hier bei mir.“
    „Nein, Danke, brauchen wir gerade nicht“, meinte Tinquilius abweisend, sah sich dann einem Pfannenhändler gegenüber, der ihnen seine pfannen direkt ins Gesicht hielt. „Nein, wir brauchen auch keine Pfannen. Vielen Dan für das Angebot“, sprach er ruhig aber energisch. „Pass auf deine Tasche auf“, meinte er sogleich zu Askala. „Es hat schon immer Taschendiebe hier gegeben, so wie die Lage aber jetzt erscheint, sollten wir noch mehr auf unsere Sachen aufpassen.“
    Die junge Frau nickte und zog ihre Tasche näher, wies dann viel energischer als er einige Händler zurück, die ihr nicht nur ihre Waren anboten, sondern auch mit ihr um ihren Körper – zumindest einen Kuss – feilschen wollten. Männer, die scheinbar seit Tagen kein Wasser mehr gesehen hatten und bereits auf ein paar Metern Entfernung einen unangenehmen Duft verbreiteten. „Ich sagte Nein“, brach es aus der Hohen Wassermagierin heraus, als jemand ihr auf die Schulter getippt hatte. Zu ihrem Erschrecken stellte sie fest, dass es sich dabei um Myxir handelte. „Oh, Myxir, es tut mir Leid.“
    Der alte Magier wiegelte mit einer beschwichtigenden Geste ab. „Alles gut. Lass uns hier aus dem Pulk heraus in das Hafenviertel kommen und dann schnell hoch in die Mittelstadt. Das habe ich ja noch nie so schlimm erlebt.“
    Myxirs Worte waren leichter gesagt als getan. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis sie den Steg endlich hinter sich hatten lassen konnten und sich endlich im Hafenviertel befanden. Und die Lage vor Ort war noch trüber als schon vom Schiff aus zu erahnen: heruntergekommene, schmutzige Gebäude, teilweise eingestürzte Dächer oder Holzwände mit Löchern darin. Der Boden war schmutzig, alles roch nach Fisch und dazu nach Muff, total abgestanden.
    „Passt hier auf euch auf“, meinte Myxir. „Die meisten hier sehen mir nicht vertrauensselig aus.“
    Und Myxir hatte Recht: Die meisten Menschen, die ihnen entgegen kamen, die an den Rändern der Wege und vor den Häusern standen und saßen waren heruntergekommen, hatten eingefallene Gesichter, schmierige Haare und dreckige Kleidung, die an vielen Stellen verschlissen waren. Das Hafenviertel war wirklich immer schon ein Ort für zwielichtige Gestalten, es gab aber auch immer noch andere Menschen dazu. Das war nun anders. Alle wirkten sie verarmt, krank oder beides.
    Schnellen Schrittes verließen deshalb das Pier und schritten den Weg hoch, der zu den Vierteln der Handwerker und Händler führte. Dabei schritten sie erhobenen Hauptes und eindeutig zeigend, dass sich niemand mit ihnen anlegen sollte. Die meisten Menschen, davon ging Tinquilius aus, hatten in den letzten Jahren wenige oder gar keine Wassermagier gesehen, dennoch mussten die meisten wohl noch wissen, dass Magier nicht einfach nur Gelehrte waren, sondern durch ihre Magie auch ein gewisses Potential hatten sich zu verteidigen. Zwei- oder dreimal glaubte er, dass sich ihnen jemand nähern wollte, doch jeder von diesen drehte wieder ab, als er die entschlossenen Gesichter der drei Magier sah.
    So erreichten sie nach einer Weile den Bereich der Stadt, in dem die Händler und Handwerker nicht nur ihre Läden, sondern auch ihre Häuser hatten. Dieser Ort war zwar früher nicht vergleichbar gewesen mit dem Oberviertel, wenn er sich recht erinnerte, doch war er ansehnlich genug gewesen. Dazu hatte man auch immer eine Stadtwache in Sichtweite gehabt, meist eher mehrere. Von letzteren sah er nur einen jungen Mann, der wenig bedrohlich wirkte. Und die Ansehnlichkeit des Viertels hatte, nun ja, auch sehr gelitten. So sehr tatsächlich, dass es fast so wirkte, als wäre man noch im Hafenviertel, zumindest so wie es damals gewesen war. Dennoch war es noch nicht so schlimm und es schien so manch einen Bürger hier zu geben, der mit aller Macht versuchte den Verfall aufzuhalten. Dazu sah er auch weniger Menschen, die er als zwielichtig bezeichnen würde.
    „Das ist schon etwas ansehnlicher“, meinte Askala nüchtern, „wenn auch nicht mit euren Geschichten vergleichbar.“
    „Nein, das ist es nun wirklich nicht“, meinte Tinquilius und bat die beiden weiter mitzukommen. Er fürhte sie an mehreren Läden vorbei hin zu dem kleinen Platz, an dem einst Vatras gestanden und zu den Menschen gepredigt hatte – und wo sich der Widerstand gegen die dämonischen Ausgeburten versteckt gehalten hat in meinen Träumen. „Hier stand Vatras immer und hat seine Predigten gehalten, sich mit den Bürgern der Stadt beschäftigt, mit Neuankömmlingen aus dem myrtanischen Reich. Einfach mit allen, die Rat und Hilfe benötigten.“
    Myxir trat an seine Seite und nickte. „Er hat hier immer gerne gestanden und sich den Kummer der Menschen angehört und versucht, ihnen wenigstens ein bisschen über den Adanosglauben versucht näher zu bringen und aber auch die anderen Glaubensrichtungen nicht verteufelt, sondern die Menschen aufgeklärt, wenn sie es denn wollten. Lange ist es her. Und nun läuft er mit Hurit durch die Wüste.“ Der alte Magier schüttelte den Kopf, ein breites Grinsen auf den Lippen. „Vielleicht wird es Zeit, dass sich hier mal wieder ein Prediger oder eine Predigerin aufhält und den Menschen etwas Hoffnung gibt. Wie mir scheint, können die Menschen es hier derzeit ganz gut gebrauchen.“
    Tinquilius wandte sich bereits einem der Gebäude zu, welches in der Nähe stand. „Dort war früher eine Herberge, vielleicht ist es heute auch noch eine?“
    Gemeinsam gingen die drei zu eben jenem Haus und fanden oberhalb dessen ein Schild hängen, welches klar auf eine Taverne deutete. So traten sie hinein und wurden sogleich von dem üblichen Geruch einer Schenke überrascht. Stickige, feucht-warme Luft, leises Geschwätz hier, lauteres Gelächter dort. Sie traten an die Theke und fragten nach drei Zimmern. Nicht ganz zufällig gab es tatsächlich noch drei Zimmer – Tinquilius ging davon aus, dass noch einige mehr frei waren – und der Wirt ließ sich stattlich dafür entlohnen, dass sie diese zunächst ein paar Tage nutzen konnten.
    „Ich würde mich kurz frisch machen gehen, dann könnten wir uns vielleicht hier etwas zu essen besorgen und schauen, was wir noch schaffen heute?“ Die anderen beiden nickten. „Gut, dann lasst uns mal losgehen.“

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    Hafenstadt Khorinis

    Gemütlich saß der Oberste Wassermagier auf einer Bank in der Nähe des Marktes im Nordosten der Stadt und biss in einen Apfel, während er das geschäftige Treiben um sich herum beobachtete. Auch wenn die Stände hier bereits einige Schönheitsfehler besaßen und alt wirkten, so waren die Händler doch relativ normal gekleidet und wirkten zudem nicht wie zwielichtige Gestalten, zumindest der Großteil von ihnen. Ihre Kundschaft hingegen war durchwachsener. Einige waren eindeutig selbst Händler, Handwerker oder andere geschäftige Menschen der Mittel- und Oberstadt, vielen konnte man ihren Status aber auch nicht ansehen oder vermutete, dass sie Teil des Hafen- und Armenviertels waren. Nachdem er aber gestern Abend und heute Morgen noch mehr von der Stadt gesehen hatte, war er sich nicht mehr so sicher, dass diese Einteilung so funktionierte. Viele der hier oben ansässigen sahen nicht besser aus als diejenigen, die sie im Hafenviertel erblickt hatten. Er hatte gar einige in zerschlissener Kleidung und eingefallenen Gesichtern ins Oberviertel gehen sehen, keine Wache hatte sich ihnen in den Weg gestellt.
    Diese Stadtwachen wirken auch weniger vertrauenswürdig als noch damals zu der Zeit, wo ich hier gelebt habe. Sie wirken nicht wie Halunken, die meisten derer wenigstens, die ich bislang hier gesehen habe, aber sie wirken auch nicht so als würden sie wirklich etwas für die Sicherheit tun. Ich möchte aber auch nicht in ihrer Haut stecken, wenn sie hier ohne Unterstützung der Ritter und Paladine Innos‘ die Ordnung aufrechterhalten müssen. Der Bürgermeister Elvrich hat sicherlich alle Hände voll zu tun, die Stadt irgendwie am Leben zu halten. Gerade wenn auch kein Gold mehr fließt durch den Erzabbau ist vollkommen logisch, dass das Myrtanische Reich kein Interesse mehr hat und auch kein Gold mehr investiert – sonst aber eben auch niemand.
    „Und, schon mehr gelernt?“, kam es plötzlich von rechts und er drehte sich zur jungen Magierin Askala um.
    Er bat sie, sie sich zu setzen und antwortete dann auf ihre Frage: „Ja, doch.“ Er hielt inne und sie schaute ihn gespannt an. „Khorinis ist zu einer Stadt geworden, die nicht mehr viel zu bieten hat. Es scheint mir, dass es hier kaum noch Recht und Ordnung gibt, auch wenn sich einige noch wehrhaft dagegen stemmen und versuchen einen Teil der Ordnung zu erhalten. Und vor allem habe ich gelernt, dass es auch nur noch wenige gibt, die wirklich dem Innosglauben nachgehen.“
    „Und das wundert dich? Das hätte ich dir gleich sagen können“, meinte die junge Frau. „So wie die Menschen sich hier verhalten und wie sie abgestempelt wurden, ist nur verständlich, dass sie nicht mehr solche Gläubigen sind wie zuvor. Und was bringt uns das?“
    „Hmm, nicht viel“, kam es nur von ihm. „Aber vielleicht können wir etwas für sie tun?“
    „Und das wäre?“
    „Sie wieder an Moral und Ordnung zu erinnern? Ihnen etwas zu denken geben und ihnen durch positivere Gedanken und eine hoffnungsvollere Sicht auf die Welt bieten, die ihnen als Gemeinschaft hilft, aus ihrer misslichen Lage wieder herauszukommen?“ Er schaute erwartungsvoll in ihr Gesicht, hoffte eine Regung zu sehen, die nicht verdutzt oder ablehnend war – und wusste nicht zu deuten, was er sah. „Du siehst das anders?“
    Nach einem Moment schüttelte sie den Kopf. „Nicht wirklich. Es wäre wünschenswert, aber dein Plan hat mehrere Probleme.“
    „Die da wären?“
    „Wir sind nur drei Menschen, die zudem auch nur auf der Durchreise sind. Wie willst du einen solchen Funken Hoffnung säen, wenn wir in ein paar Tagen abreisen? Es bedarf einer ständigen Präsenz. Und die wirtschaftliche Lage ist nun auch nicht wirklich eine andere als gestern oder in zwei Wochen. Wie sollen sie Hoffnung haben, wenn die Realität sie enttäuscht?“ Sie hielt inne und schaute zu den Menschen. „Vielleicht wollen einige auch gar nicht, dass es so wird wie früher. Es mag befremdlich und falsch auf uns wirken, heruntergekommen, für viele könnte es aber auch eine Gelegenheit sein aufzusteigen.“
    „Berechtigte Einwände“, antwortete er nach einem Moment des Überlegens und strich sich nachdenklich über das Kinn. „Aber Nichtstun sehe ich auch nicht als Lösung an.“
    Sie legte eine Hand auf seine. „Ich sehe schon, dass ich dich nicht überzeugen kann. Was kann ich also tun, um dir zu helfen?“
    Kurzerhand erzählte er ihr von seinem Plan, am Nachmittag am Adanosschrein eine kurze Predigt zu halten. Dafür waren aber natürlich Zuschauer vonnöten und er könnte da auf ihre Hilfe bauen. Auch wenn sie weiterhin nicht überzeugt war, dass er wirklich etwas erreichen würde, versprach sie ihm zu helfen. Sie mussten eh auf Myxir warten, der Informationen einhielt bei alten Kontakten.
    Vielleicht hat Adanos mich ja auch hierhergeschickt, damit ich den Menschen helfen kann und nicht nur mir selbst? Wer weiß das schon?

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    Hafenstadt Khorinis

    Tinquilius kniete vor der Statue Adanos im kleinen Adanosschrein der Hafenstadt Khorinis, hatte die Augen geschlossen und betete still in sich hinein und versuchte dabei, ein wenig Ruhe zu finden, bevor er gleich vor die Menschen treten wollte. Seine Gedanken schweiften zunächst um seinen Dank Adanos gegenüber, dann um seine Bitten. Nachdem er zu Ende gebetet hatte, konzentrierte er sich noch mehr auf sich selbst, schloss alles um sich herum weg und fand einen Moment der Ruhe, wie er ihn selten hatte. So zuckte er auch kurz zusammen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.
    „Ich denke, voller wird es nicht“, meinte Askala ruhig. „Und wenn du zu lange wartest, verschwinden sie wieder.“
    Tinquilius öffnete seine Augen und nickte, dann stand er auf. Als er sich zu Askala umdrehte, sah er, dass wenigstens eine Handvoll Menschen erschienen waren. Nicht die Mengen, die Vatras vor sich versammeln, doch eine Handvoll waren mehr als er erhofft hatte. Askala hatte gute Arbeit geleistet: Tinquilius war zwar früher ab und an einmal hier gewesen in der Stadt, das aber auch nur selten und vor allem vor sehr vielen Jahren. Man erinnerte sich hier sicherlich nicht mehr an ihn, da waren diese wenigen Menschen ein guter Anfang.
    Vielleicht werden es ja mehr, wenn ich sie heute überzeugen kann. Oder weniger, wenn alles schiefgeht. Das weiß wohl nur Adanos.
    „Gute Arbeit, liebe Askala“, sprach er mit einem Lächeln. „Dann hoffe ich mal, dass ich wenigstens ihre Herzen etwas leichter machen kann.“
    Sie lächelte zurück. „Du wirst sie schon dort treffen, wo es zählt und ihnen zumindest ein wenig Hoffnung geben, so viel kann ich dir jetzt schon einmal sagen.“
    Er hörte ihre mutmachenden Worte, merkte aber zugleich auch, dass sie weiter nicht glaubte, dass er einen dauerhaften Effekt erzielen könnte. Nun ja, das ist ihr gutes Recht. Ich bin ja selbst nicht davon überzeugt, hoffe es vielmehr lediglich. Und lieber scheitere ich, als dass ich es gar nicht erst versuche und mir immer die Frage stelle, ob ich nicht etwas mehr hätte tun können.
    Er nickte ihr noch einmal kurz dankend zu, dann trat er nach vorne. Es waren vier Frauen mittleren Alters und ein Mann höheren Alters erschienen, dazu zwei Kinder, die vielleicht schon zehn, möglicherweise aber auch noch jünger waren, und bei ihren Müttern standen. Sie boten kein ansehnliches Bild mit ihren abgelaufenen Schuhen, ihren zerschlissenen und teils dreckigen Kleidungen, doch sie schauten gespannt zu ihm und das war es, was zählte.
    „Meine lieben Bewohner, meine lieben Brüder und Schwestern im Glauben, meine lieben Interessierten, willkommen und herzlichen Dank, dass ihr es jetzt zu dieser Stunde hierhin geschafft habt“, begann er mit kräftiger Stimme, etwas, was er über viele Jahre erst hatte erlernen müssen. „Mein Name ist Tinquilius und ich bin ein Priester Adanos‘, der früher einmal hier auf Khorinis gelebt hat und mittlerweile auf der Insel Argaan lebt“, fuhr er weiter fort, um sich wenigstens kurz vorzustellen. „Ich weiß nicht, ob sich von euch noch welche an Meister Vatras erinnern können.“ Er sah zwei der Frauen nicken. „Vatras ist ein Priester Adanos‘ so wie ich, der nun in der Wüste Varants auf dem Festland lebt, und er stand viele Jahre tagein und tagaus hier vor diesem Schrein und sprach zu euch oder zumindest zu denjenigen, die seine Worte hören wollten. Ich bin bei weitem nicht so gut darin zu predigen, aber ich möchte dennoch heute zu euch sprechen und freue mich sehr, dass es doch einige von euch hierher geschafft haben.“ Erneut hielt er kurz inne und versuchte seine Gedanken ein wenig besser zu ordnen, seine Predigt eine wirkliche Predigt werden lassen. „Ich möchte meine Predigt mit einer kleinen Geschichte beginnen: nachdem ich einige Jahre hier auf Khorinis und dann danach in Varant auf dem Festland verbracht habe, verschlug es mich auf die Insel Argaan, genauer in die Stadt Setarrif. Ein Juwel einer Stadt. Mit Gold verzierte Dächer, reiche Geschäfte und Viertel, ein großes Heilerhaus, viele Menschen und einem König direkt vor Ort. Wir lebten viele Jahre glücklich dort, könnten als Diener Adanos‘ Menschen in und mit vielen Dingen helfen – und doch war es uns nicht vergönnt, lange dort weiterzuleben. Ein mächtiger Drache erhob sich und zerstörte die Stadt. Wir konnten zwar viele Menschen retten, viele mussten aber in provisorischen Hütten entlang einer Burg auf der anderen Seite der Insel leben. Die Verhältnisse waren schlecht, die Situation nach Monaten, gar Jahren untragbar.“ Er hielt inne und musterte die Anwesenden. Niemand schien gelangweilt, er sah aber auch noch nicht die Erkenntnis in den Gesichtern widerspiegeln, weshalb er die Geschichte erzählte. „Und so entschieden wir uns nach Stewark, einer Baronie in der Nähe, umzuziehen, die zuvor an das Myrtanische Königreich gefallen war und nun wieder übernommen wurde. Endlich, nach Jahren der Entbehrung, hatten wir wieder einen Ort, den wir Zuhause nennen konnten, eine schöne Stadt mit ausreichend Platz für alle, die in solch widrigen Umständen leben mussten. Und nun bin ich hier, bei euch, und ihr fragt euch gewiss, wieso ich diese persönliche Geschichte erzählt habe.“ Es gab ein zögerliches Nicken hier und da, nur der ältere Mann blieb weiter starr stehen. „Ich kenne Khorinis, habe es in besseren Zeiten schon gesehen und weiß aber nun auch, wie es um diese so tolle Hafenstadt steht“, fuhr er fort. „Auch wenn es derzeit Entbehrungen gibt, auch wenn es derzeit nicht danach aussieht, dass es besser wird nach all den Strapazen, nach all den Problemen und dem Verlust der Einnahmen, so weiß ich, dass es besser werden wird. Es wird vorangehen, es wird wieder bergauf gehen, davon bin ich überzeugt. Und wieso bin ich davon überzeugt? Weil ich auf Adanos vertraue. Adanos ist hier, ist überall und zu jeder Zeit bei uns. Adanos schützt uns, gibt uns Möglichkeiten, uns zu entwickeln, uns aber auch geborgen zu fühlen. Und auch wenn ich weiß, dass die meisten hier sicherlich zu Innos beten, und auch wenn ich niemanden bekehren möchte, so möchte ich doch euch allen aufzeigen, dass die Götter für uns da sind. Das mag oft nicht direkt sichtbar sein, ist sicherlich vielfach auch versteckt und nur in Kleinigkeiten. Es kann ein Laib Brot sein, der einem geschenkt wird, oder ein ausgegebenes Getränk in eine Taverne. Es kann aber auch eine neu gefundene Arbeit sein oder etwas anderes. Aber wir dürfen dabei eines nicht vergessen: die Götter können uns zwar immer etwas geben, aber wir sind doch für uns selbst auch zuständig. Das fängt im Kleinen bei jedem Einzelnen von uns an, vor allem aber betrifft es die Gemeinschaft. Denn nur zusammen sind wir stark genug, um wirklich etwas zu vollbringen. Der Erzhandel mag weggefallen, die Paladine abgezogen und die Stadtwache geschwächt sein, doch wir alle, wenn wir zusammenarbeiten, können dafür sorgen, dass es bergauf geht.“
    Er hielt inne und schaute in die Runde. Naja, rhetorisch war dies keine wirklich gute Rede. Ein paar beschwörende Worte hier und da, ein paar gut gemeinte Ratschläge dort. Nicht das, was er von Vatras kannte. Mir fehlt schlichtweg die Übung. Aber vielleicht komme ich da ja noch hin.
    „Ich weiß, dass dies viele Worte waren, vielleicht auch eine zu lange Geschichte, doch ich möchte es auf das Wichtigste herunterbrechen: Helft euch gegenseitig, unterstützt euch wo es nur geht und es wird besser werden. Khorinis wird wieder aufblühen, vermutlich anders als zuvor, aber das muss nichts Schlechtes sein. Und nun haben wir für alle Anwesenden in der Taverne dort vorne Bort und Suppe geordert. Ihr könnt euch alle den Bauch vollmachen und vielleicht haben wir auch die Gelegenheit, uns ein wenig auszutauschen. Ich möchte von euch hören, wie es euch geht und was wir für euch tun können. Wir sind nur wenige Diener Adanos‘, auch nicht für ewig hier, aber vielleicht gibt es jedoch Etwas, womit wir helfen können. Und morgen werde ich wieder sprechen, auch die nächsten Tage. Nun möchte ich heute aber mit einem Segen enden:
    Möge Adanos euch schützen, möge er uns allzeit in seinem Schoß wiegen, uns Hoffnung und Mut aber auch Speis und Trank bringen. Möge er uns gesund halten, Krankheiten schnell heilen und uns in den schwersten unserer Stunden beistehen. Möge Adanos euch schützen.“
    Er verbeugte sich vor den Anwesenden, dann schaute er mit einem Lächeln auf, als er sah, dass die ersten sich bereits auf den Weg in die Taverne machten. Ein junger Mann, der zwischendrin dazugestoßen war, schritt schnell wieder fort, die Frauen aber schienen ihm zumindest bis zum Ende gelauscht zu haben und nun hungrig zu sein. Der alte Mann hingegen stand weiterhin ruhig an seiner Stelle und starrte ihn an.
    Als er sich zu Askala umdrehte, lächelte er noch mehr. „Das war anstrengend und sicherlich auch nicht perfekt. Aber war es okay?“
    Die junge Magierin nickte lächelnd. „Es war gut. Und mit etwas Übung wird es auch noch besser.“ Ob seines verdutzten Blickes, der eindeutig anzeigen sollte, dass er sich mehr Zuspruch erhofft hatte, lachte sie nur lauthals. „Manche sind eben Naturtalente, andere müssen üben – und du bist wohl dazwischen.“
    „Na danke, das ist ja nett“, meinte er gespielt verstimmt. „Wer solche Freunde hat, also echt.“
    Während die beiden noch weiter herumscherzten, hatte sich der alte Mann zu ihnen in Bewegung gesetzt. Er räusperte sich kurz und wartete darauf, gehört zu werden. „Meister Tinquilius, habt ihr wohl eine Minute?“
    Der Oberste Magier wandte sich lachend von Askala ab und dem Mann zu. „Aber natürlich“, meinte er und ließ das Lachen sogleich verstummen. „Wie kann ich euch helfen?“
    „Ihr erinnert euch sicherlich nicht mehr an mich. Es müssen bald 16 Jahre her sein, ihr wart ein junger Barbier und habt hier in Khorinis gelebt. Als ich mir eines Tages ein Bein brach, habt ihr es mit geschient und einige Salben und Tinkturen gegeben, die meine Heilung verbessert haben.“ Der alte Mann bückte sich und zog ein Hosenbein hoch. Tinquilius konnte eine Narbe sehen, die wirklich gut verheilt war.
    „Ich erinnere mich an viele Beinbrüche und Behandlungen als Barbier, auch noch in den Zeiten, wo ich schon im Kloster gewohnt habe, aber ich muss gestehen, wenn ich ehrlich bin, dass ich mich nicht mehr an euch erinnern kann.“
    Der alte Mann lächelte. „Keine Sorge, das hatte ich auch nicht erwartet. Ich wollt euch auch nicht bloßstellen, gerade nach eurer Predigt. Wenn aber die Möglichkeit bestünde, könntet ihr vielleicht nach meiner Frau sehen? Ihr geht es nicht so gut und die hiesigen Barbiere wissen nicht, was sie machen sollen. Sie meinen, sie wäre alt, da wäre das so. Aber ich weiß, dass etwas anderes nicht stimmt. Natürlich nur, falls ihr euch noch mit der Heilung beschäftigt.“
    Der Oberste Magier schaute ihn freundlich an. „Aber natürlich helfe ich eurer Frau. Sollen wir direkt aufbrechen? Wohnt ihr hier in der Stadt?“
    Der alte Mann nickte. „Aber ihr wollt doch sicherlich auch essen und euch unterhalten?“
    „Wir können uns Portionen mitnehmen, dann kriegt eure Frau auch etwas. Und außerdem ist Askala hier eine gewandte Rednerin, die kann sich bestimmt auch gut mit den anderen unterhalten, nicht wahr?“ Die junge Magierin grinste und nickte. „Gut, dann lasst uns schnell etwas zu Essen holen und dann gehen wir zu euch.“
    „Oh, habt Dank, habt Dank!“
    Auch wenn die Predigt nicht so war, wie er es sich erhofft hatte, nun war er wieder in seinem Element. Danke Adanos, das nehme ich als ein Zeichen.

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    Hafenstadt Khorinis

    „Bevor wir zu ihr kommen, könnt ihr mir vielleicht kurz berichten, was eure Frau denn hat?“
    Tinquilius und der alte Mann, der sich als Joseph vorgestellt hatte, hatten vom Wirt der Taverne einen kleinen Topf mit Suppe und einen halben Laib Brot mitbekommen und waren nun auf dem Weg zu der Hütte des Mannes. Er war ein Handwerker, ein Tischler, und es dadurch zu einem akzeptablen Wohlstand gebracht. Dennoch lebte er mit seiner Frau im Hafenviertel, wenn auch am Rand zum Handwerkerviertel. Seine Lage war also angespannt, jedoch nicht so wie für viele andere, die noch tiefer im Hafenviertel wohnten.
    „Sie fühlt sich schon seit ein paar Wochen matt, hat immer mal wieder Schmerzen, gerade im unteren Rücken und hustet nun seit einer Woche. Anfangs meinten die Barbiere noch, es könnte sich um eine einfache Infektion handeln, die sie schnell überwinden wird, nun meinten sie aber, dass sie zu alt sei und es der Lauf der Dinge sei. Einer der Barbiere hat vorgestern einen Aderlass versucht, seither geht es ihr aber noch schlechter.“
    „Aderlass?“, fragte der Oberste Magier ungläubig. Oh man, wie vor hundert oder mehr Jahren. Dabei müssten doch mittlerweile alle wissen, dass dies nicht hilft und Kranke eher schwächt. Aber hätte ich das als einfacher Barbier gewusst, der bei einem Barbier in der Lehre war? Vermutlich nicht. „Eine Methode, die ich nicht befürworte. Aber macht euch zunächst einmal keine Sorgen, wir werden schon herausfinden, was ihr fehlt. Hat sie denn auch ein Fieber?“ Der alte Mann nickte. „Und Nachtschweiß?“
    „Nachtschweiß?“
    „Ja, schwitzt sie nachts beim Schlafen und wacht schweißgebadet auf?“
    „Hmm“, murmelte der alte Joseph, „ich glaube nicht. Sie scheint aber eh nicht zu schwitzen derzeit, auch wenn sie das sonst oft tut.“
    Das klingt wiederum nicht gut, dachte sich der Heiler. Nach einer kurzen Weile waren sie wieder im Hafenviertel angekommen. Es ging direkt links hinunter in eine Gasse, in der die Häuser zwar alt und leicht heruntergekommen wirkten, in der diese aber nicht wirklich dreckig waren. Hier und da waren Planken auf Löcher gehämmert, andernorts blieben diese offen und nur von innen abgedeckt. Auch die Dächer, soweit er sie sehen konnte, waren löchrig. Alles in allem aber waren die Häuser hier alt und billig, keinesfalls aber dreckig und heruntergekommen wie direkt unten am Hafen.
    Sie mussten noch ein Stückchen gehen, dann standen sie vor einer kleinen Hütte, die an die Mauer gebaut war und so nicht nur ein Erdgeschoss besaß, sondern gar ein Obergeschoss. „Meine Frau liegt hier unten in der Küche“, meinte Joseph, als sie eintraten. Sogleich eilte er zu seiner Frau, die unter eine Bettdecke gehüllt auf einem provisorischen Bett neben dem Ofen lag. Da hatte sie es wenigstens warm, dachte sich Tinquilius. „Schatz, Liebling? Ich habe einen Heiler gefunden. Er wird dir helfen.“ Sie alte Frau, deren Namen Sophia war, wie Joseph ihm vorhin erzählt hatte, schaute kurz durch halb verschlossene Augen zu Tinuqilius herüber, dann drehte sie sich stöhnend wieder zur Seite. „Seht ihr? Es geht ihr immer schlechter.“ Wie auf Kommando hustete die Frau und zog danach die Bettdecke höher. „Bitte helft ihr!“
    Der Oberste Magier schritt zum Ofen und stellte den Suppentopf darauf, dann wandte er sich den beiden zu. „Ich werde mein Bestes geben, Joseph. Ihr müsstet mir aber kurz etwas Platz geben, damit ich eure Frau untersuchen kann.“ Der alte Mann küsste seine Frau noch kurz, dann trat er zurück und setzte sich auf einen nahestehenden Stuhl. Tinquilius ging nun in die Hocke neben dem Bett und betrachtete Sophia. Ihr Gesicht war aschfahl, kein bisschen Schweiß zu sehen, dafür kleine, rote Punkte. Ihre Haare wirkten dünn und brüchig, ihre Atmung schwach und rasselnd. „Hallo, Sophia. Ich bin Tinquilius, ein Heiler und Magier. Ich würde euch gerne etwas untersuchen und hoffe, dass dies in Ordnung ist.“ Als die Frau nicht reagierte, fühlte er ihre Stirn. Sie hatte eindeutig Fieber, stark genug, dass sie vermutlich immer wieder einschlief und nur für kurze Momente wach wurde. Er hob ihre Augenlider an und schaute in ihre Augen, dann öffnete er vorsichtig ihren Mund und schaute auf Zähne und Zunge. Ein süßlicher Duft kam ihm entgegen, was ihn verwunderte, zugleich aber auch ein Indiz war, was ihr fehlte. Dann legte er seinen Kopf auf ihre Brust und hörte ihre Lunge – sie rasselte laut – und ihr Herz ab, welches schneller schlug als es sollte und dabei einige Sprünge machte. Dann zog er die Decke etwas herunter und schaute auf ihre Arme und Hände, ihre Beine und Füße. Ihre Haut war überall aschfahl und sehr trocken, ihre Gliedmaßen dazu auch noch geschwollen. „Wie viel trinkt sie etwa?“, meinte er zu Joseph.
    „Ich versuche ihr so viel zu geben, wie es geht. Vielleicht drei oder vier Becher am Tag? Mehr kriegt sie nicht herunter.“
    Der Oberste Magier nickte. „Hmm, ich habe eine Ahnung. Habt ihr zufällig den Betttopf noch nicht geleert?“ Der alte Mann nickte. „Dürfte ich ihn sehen?“ Joseph deutete auf den unter dem Bett stehenden Topf. Tinquilius wappnete sich ob des Gestanks und öffnete den Deckel leicht. Ein beißender, süßlicher Uringeruch kam ihm entgegen. Nach einem Moment öffnete er ihn weiter und schwenkte ihn etwas hin und her. Der Uringeruch war sehr intensiv und vor allem sehr süßlich, die Farbe des Urins dunkel und nicht so rein, wie er sein sollte. Schnell schloss er den Deckel wieder und schaute zu Joseph. „Sagt mir, hatte sie davor schon öfter mal Rückenschmerzen im unteren Rückenbereich?“
    „Ja“, meinte der alte Mann. „Und viel Durst. Das hat sich nun alles eingestellt.“
    Tinquilius schüttelte den Kopf. Er wusste genau, was sie hatte und hoffte nur, dass er noch rechtzeitig hier war. „Ich werde nun ihren Bauch freimachen und mit meiner Heilungsmagie versuchen ihre Nieren zu behandeln.“
    „Nieren? Ihre Organe?“
    „Ja, genau, die Organe, die sie benötigt, um Urin zu produzieren. Wenn ich richtig liege, dann hat sie Nierensteine, die die Niere nun fast vollständig blockiert haben. Das ist in der Regel behandelbar, ich möchte aber darauf hinweisen, dass sie nun schon in einem sehr fortgeschrittenen Stadium ist und ich nicht weiß, ob ich ihr noch helfen kann. Ich werde es versuchen, ich möchte nur, dass ihr vorbereite seid auf alle Eventualitäten. Selbst wenn ich die Steine entfernen kann, wird sie eine ganze Weile brauchen, bis es ihr besser geht. Sie braucht dann besonders viel Flüssigkeit, viel Haferschleim und andere leichte, gut verdauliche Mahlzeiten, auf keinen Fall zu viel Fett und auch nur mäßig Fleisch.“
    Der alte Mann nickte. „Das können wir uns eh kaum leisten.“
    Tinquilius lächelte müde. „Sie wird vermutlich aufstöhnen und sich etwas winden, seid darüber aber nicht besorgt. Die Prozedur ist leider etwas schmerzhaft, es sollte ihr danach aber besser gehen. Würdet ihr währenddessen den Eimer schon einmal ausleeren und auch Wasser zum Trinken bereitstellen? Sie wird viel trinken müssen und dementsprechend auch viel auf Toilette.“
    Tinquilius öffnete die Schnürung ihres Oberteils am Bauch und machte diesen etwas frei, dann legte er seine Hände links und rechts auf diesen und schloss seine Augen. Er benötigte einen Moment, um herunterzukommen und still zu sein, dann spürte er auch schon seine Magie durch seinen Körper pochen. Er sammelte die benötigte Kraft in seinen Fingern und sandte seine magischen Fühler aus. Sophia war keine magisch besonders begabte Frau, weshalb er sich schnell mit ihr verbinden konnte. Sogleich entsandte er seine Magie in ihre Nieren. Vor seinem inneren Auge zeichneten sich die beiden kranken Organe ab. Ihre Aura war geschwächt, Zuckungen und Schmerzen eindeutig sichtbar für ihn, doch die Organe waren allem Anschein nach noch nicht zu sehr geschädigt. Und dann spürte er die Steine. Es waren einige in beiden Nieren. Da sie zu groß waren, als dass sie weggespült werden konnten, konzentrierte er sich auf jeden Stein einzeln und entsandte einen kleinen Strahl seiner Magie, der den jeweiligen Nierenstein zerplatzen ließ. Er spürte, wie sich die alte Frau unter seinen Fingern windete, er wusste aber auch, dass es nicht anders ging.
    „Pscht, ganz ruhig. Ich weiß, dass ihr Schmerzen habt, aber gleich wird es besser.“
    Dann fuhr er fort. Es dauerte ein paar Minuten bis er alle Steine soweit zerkleinert hatte, dass er glaubte, dass sie nun herausgespült werden konnten. Aus diesem Grund regte er ihre Urinproduktion an. Als er die Augen öffnete, sah er schon einen Becher Wasser neben dem Bett stehen, dass er sogleich nahm. Er hob ihren Kopf an und legte den Becher an den Mund, dann flößte er ihr langsam den Inhalt des gesamten Bechers ein. „Wir brauchen noch einen“, meinte er zu Joseph, der sogleich eine Kanne heranhielt und den Becher auffüllte. Auch diesen Becher flößte er ihr ein, dann fühlte er noch einmal ihre Stirn und schaute in ihre Augen. „So, das Schlimmste scheint überstanden. Ihre Nierensteine sind, so hoffe ihr, bald Geschichte. Gebt ihr heute mindestens noch drei Becher, gerne mehr, damit ihre Nieren komplett durchgespült werden. Auch die nächsten Tage sollte sie viel trinken.“
    „Aber sie wird wieder gesund?“
    „Ich gehe davon aus. Es wird ein steingier Weg, aber mit eurer Fürsorge wird sie wieder. Ich werde ihr noch einen kleinen Trank gegen Schmerzen hier lassen, den ihr ihr die nächsten Tage immer mal wieder geben könnt, damit sie auch gut schlafen kann. Es kommt aber wirklich darauf an, dass sie nun genug trinkt. Darauf müsst ihr achten. Ich werde aber auch die Tage und wenn ich dann nach einer Reise wieder hier bin nach ihr schauen.“
    „Danke, oh Danke“, rief der Mann vor Freude aus und drückte den Obersten Magier kräftig. Dieser lachte und erwiderte die Umarmung. „Ich habe leider nicht viel, was ich euch geben kann“, meinte Joseph dann nach einem Moment und lief sogleich zu einer Truhe und fing an darin zu suchen.
    „Ihr schuldet mir gar nichts, solange ihr euch um eure frau kümmert und nun mit mir einen Teller Suppe esst.“
    „Kann sie auch schon?“
    „Ich würde noch etwas warten, aber ihr könnt die Suppe ja für sie aufwärmen. Aber ihr braucht auch Kraft und ihr könnt mir vielleicht noch ein wenig mehr von euch und Khorinis erzählen. Ich war viele Jahre nicht mehr hier und war, so muss ich gestehen, geschockt über den Zustand. Ich habe zwar schon ein paar Sachen gehört, mich würde aber eure Meinung interessieren.“
    Und so blieb der Oberste Magier noch eine ganze Weile an diesem Abend bei dem alten Pärchen, lauschte Josephs Geschichten und berichtete selbst auch auf Nachfrage von der großen, weiten Welt.
    Bei Adanos, so sollte es doch sein.

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    Hafenstadt Khorinis

    Während er zwischen den Marktständen herumschritt und sich die verschiedenen Waren anschaute, die die Hafenstadt Khorinis hier zu bieten hatte, betrachtete er auch mal wieder die Bewohner der Stadt, die sich hier herumtrieben. Es waren vor allem Handwerker und einfache Händler, die er an ihren einigermaßen sauberen und ganzen Kleidungen zu erkennen glaubte, und die sich hier mit den nötigsten Lebensmitteln und Materialien für den Tag eindeckten. Auch ein paar Bauern und deren Gefolge konnte er sehen, es waren aber bei weitem nicht so viele wie Bewohner der Stadt. Nicht verwunderlich, waren die nächsten Höfe doch bereits ein Stückchen entfernt und die größeren Höfe wie der vom Bauern Onar – ob dieser ihm wohl noch gehört? – lagen zu weit entfernt, als dass man einmal kurz in die Stadt reisen konnte. Ein paar der Menschen, die in den letzten Tagen zu seinen Reden oder Predigten gekommen waren, nickten ihm freundlich zu, einige sprachen ihn sogar an und fragten, ob es heute wieder eine Predigt geben würde, was der Oberste Magier natürlich bejahte. Viele kannte er aber auch gar nicht. Sein Publikum war zwar etwas angewachsen, doch es war noch lange fern der Zahlen, die Vatras früher vor sich versammelt hatte.
    Das mag sicherlich zum Teil an der Situation der Stadt liegen, aber ich muss auch einfach gestehen, dass Vatras ein besserer Redner ist. War er schon immer und wird er vermutlich auch immer bleiben. Der alte Priester hat dazu auch noch viel mehr Lebenserfahrung als ich, da ist es nur klar, dass er viele der Menschen besser ansprechen kann. Aber ich glaube, ich bin zumindest zu ein paar von ihnen durchgedrungen, und was kann ich mir mehr erhoffen als das? Gerade, weil ich in ein paar Tagen schon wieder abreise?
    Er blieb vor einem Obststand stehen und kaufte sich drei Äpfel, dann drehte er sich um und verließ den Marktplatz und sein geschäftiges Treiben wieder in Richtung des kleinen Tempelplatzes. Dort warteten auch schon Myxir und Askala auf ihn, hatten in ihrer Herberge drei Schüsseln Haferschleim besorgt. Er reichte beiden jeweils einen Apfel und sie begannen diese gemeinsam mit dem Haferschleim zu essen.
    „Gestern waren so viele Menschen da, wie noch nie zuvor“, meinte Askala nach einer Weile. „Du scheinst mehr Bekanntheit zu erlangen.“
    Tinquilius musste unweigerlich lachen und verschluckte sich fast an einem Stück Apfel. „Naja, es waren zehn Menschen dort. Das ist zwar nett und freut mich sehr, viele sind das aber noch nicht. Vatras hatte manchmal dreißig oder vierzig Menschen. Seine Abschlusspredigt wurde von noch mehr Menschen verfolgt.“
    Die junge Frau schaute etwas ungläubig zwischen den beiden älteren Magiern hin und her, dann nickte Myxir. „Vatras hatte anfänglich weniger als du und sich seine Zuhörerschaft erst langsam aufgebaut. Innerhalb so weniger Tage bereits zehn Menschen zu haben, die dir zuhören, ist bemerkenswert. Es wäre nur schön, wenn auch noch mehr der Obrigkeit da wären, sodass sie auch den Willen derer sehen, die hierher kommen.“
    Tinquilius nickte. „Vielleicht kommt das noch. Soweit ich mich erinnere, war es früher aber auch nicht anders.“ Myxir schüttelte den Kopf. „Die meisten aus der Obrigkeit werden entweder Diener Innos‘ sein oder aber keinem Gott huldigen.“
    „Beliar betet hier niemand an?“
    Sofort schüttelte der Oberste Magier den Kopf, beinahe hätte er sie sogar aufgefordert, nicht so laut darüber zu sprechen, doch die Zeiten schienen andere zu sein, seitdem der Orden Innos‘ abgezogen war. „Es mag sicherlich ein paar wenige hier geben, die heimlich Beliar anbeten, aber der Beliarglaube war hier nie wirklich akzeptiert, die Stadt immer schon innosgläubig, früher noch vielmehr als heute. Wenn man sich öffentlich zum Beliarglauben bekannt hätte, wäre man gewiss in den Kerker gekommen, wenn einem nicht etwas Schlimmeres passiert wäre. Und seitdem das Kastell auch hier weggezogen ist, wird es vermutlich auch keine Schwarzmagier hier mehr geben.“
    „Das Kastell war mal hier? Ich dachte, es steht eins auf Argaan?“
    „Mittlerweile ist es dort, zuvor war es aber in Varant und davor hier auf der Insel.“
    „Und… wie?“, begann sie zu fragen, schüttelte dann den Kopf. „Magie.“
    „Magie. Frag mich nicht, wie es zustande kam, aber das Kastell ist ein wirklich magischer Ort. In der Bibliothek muss man nur an ein Buch denken und es schwebt zu einem hin. Genauso im Refektorium oder wie das da bei ihnen nochmal hieß. Das Essen erscheint einfach. Und die Magier haben viel mehr Möglichkeiten für Experimente jedweder Art als die Feuermagier oder auch wir.“
    „Das klingt sehr verlockend.“
    Er grinste. Myxir hingegen schwieg eine ganze Weile, bis er dann meinte: „Bei manchen Sachen ist es auch gut, dass wir die Experimente nicht machen können. Ich komme zwar mit ein paar Schwarzmagierinnen und Schwarzmagiern aus, aber sie sind schon… besondere Gestalten.“ Er schüttelte den Kopf. „Aber sie sind definitiv diejenigen Beliaranhänger, mit denen wir am besten ausgekommen sind, zumindest wenn man diejenigen sich anschaut, die im Kastell leben. Viele andere aus Varant oder aber auch die Orks und ihre Schamanen sind eindeutig unfreundlich oder sogar feindlich gesinnt. Mit ihnen war keine Verständigung möglich.“
    „Deshalb werden wir auch nicht ins Minental gehen“, meitne Tinquilius daraufhin bestätigend. „Der Rest der Insel sollte ja aber sicher sein.“
    „Ich wäre dennoch froh, wenn wir Ulbert bald antreffen würden. Ein Jäger, der die derzeitige Situation der Insel besser kennt als wir, wäre ein guter Weggefährte und Ulbert ist zuverlässig. Er war auch früher oft in Jharkendar und kennt sich dort besonders gut aus.“
    Die anderen beiden nickte. „Aber im Grunde kennen wir beide uns auch ganz gut aus. Wir haben hier ja schließlich auch einige Jahre gewohnt“, meinte Tinquilius.“
    Der alte Magier nickte. „Aber so wie sich Khorinis Stadt verändert hat, wird sich auch der Rest des Landes verändert haben. Da wäre es besser, wir hätten einen Fährtensucher und Führer, der auf dem aktuellsten Stand ist. Und solche Eile haben wir ja nicht. Wir warten ja auch noch auf ein paar Ingredienzien hier.“
    Wieder nickten die anderen beiden, dieses Mal sprach aber niemand, sondern sie aßen in Stille ihren Haferschleim weiter. Nachdem dieser auf war, schaute Askala Tinquilius eindringlich an. „Hast du deine Predigt schon fertig?“
    „Beinahe.“
    „Na, dann lass mal hören. Vielleicht können wir dir noch ein paar Tipps geben.“
    Während Askala breit grinste, fing Tinquilius mit der Probe seiner Predigt an, die er am Nachmittag halten wollte. Ob er heute wohl noch mehr Menschen überzeugen konnte?

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    Hafenstadt Khorinis

    „Atmet tief ein und aus, mehrere Male bitte“, sprach der Oberste Magier, während er sein tragbares Stethoskop auf den Brustkorb des jungen Mannes gelegt hatte und ein Ohr daran hielt. Während der Mann ein- und ausatmete, rutschte er mehrfach hin und her, hörte die Lunge und aber auch das Herz an mehreren Stellen ab. Nach einem Moment löste er sich wieder vom Stethoskop. „Euer Herz klingt sehr gut, eure Lunge hingegen weniger. Es scheint mir, ihr habt euch eine Bronchitis eingefangen.“
    „Bron… Bronchi… tis?“, fragte der junge Mann, er war noch keine zwanzig Jahre alt, abgehackt durch rasselnde Hustanfälle. Dieses Rasselgeräusche war auch während des normalen Einatmens zu hören und bedeutet nichts Gutes, das wusste Tinquilius ganz genau.
    „Ein Husten, der sich im oberen Teil eurer Lunge festgesetzt hat. Den rasselnden Geräuschen nach habt ihr schon länger husten und es wurde von Tag zu Tag schlimmer?“ Der andere nickte langsam. „Ihr hättet euch mehr ausruhen sollen. Der Husten ist anscheinend weiter nach unten gewandert und hat sich in euren Bronchien festgesetzt und sich verschlimmert.“ Tinquilius kramte in seiner Heilertasche herum und holte ein paar trockene Kräuter hervor, dazu ein kleines Döschen, in dem sich eine Salbe befand. „Schmiert diese Salbe dreimal täglich auf eure Brust und löst einen Fingerbreit dieser Kräuter in heißen, aber nicht kochenden Wein auf, mindestens zehn Minuten. Dann könnt ihr das Gebräu trinken. Dazu müsst ihr euch nun wirklich ausruhen. Wenn ihr das tut, seid ihr in einer Woche wieder fitter, in zweien vermutlich wieder arbeitsbereit.“
    „Aber… aber er kann doch nicht Zuhause bleiben, er muss arbeiten“, kam es von der jungen Frau, die auch an dem Bett saß und die Frau des Mannes war.
    „Ich weiß, dass es nicht einfach wird, aber wenn er nicht auf sich Acht gibt, dann wandert die Entzündung noch tiefer und befällt die untere Lunge. Dann hat er eine Lungenentzündung und die bedeutet noch mehr Bettruhe und ist zudem sehr gefährlich.“ Er wandte sich wieder an den jungen Mann. „Ihr seid jetzt schon sehr geschwächt, habt ein Fieber und Atemnot. Wenn ihr jetzt noch eine Lungenentzündung bekommt, kann es sein, dass ihr daran sterben werdet.“ Nun schauten beide geschockt zum Heiler. „Ich kann euch ein paar Münzen da lassen, damit ihr zumindest eine bessere Chance habt über die Runden zu kommen. Ihr müsst euch aber wirklich ausruhen, strenge Bettruhe für mindestens vier oder fünf Tage. Und viel fette Suppe, damit ihr wieder zu Kräften kommt.“
    Er gab den beiden einen kleinen Beutel Gold, dann verabschiedete er sich vom jungen Paar und hoffte, dass sie auf seine Worte hören würden. Mehr konnte er leider nicht tun. Er verließ die kleine Hütte im Hafenviertel und begegnete sogleich Askala, die einen älteren Mann im Schlepptau hatte. Seine Stimmung, die gerade noch getrübt war, hellte sich sogleich auf bei ihrem Anblick. Auch auf ihren Lippen war ein Lächeln zu sehen, als sie seine Reaktion bemerkte.
    „Ich wollte nicht einfach hineinstürzen“, meinte sie als Erklärung, wieso sie hier draußen stand. „Das hier ist Siegfried, ein Schmied. Sein Sohn hat sich bei der Arbeit die Hand gebrochen und er fragte, ob du dir diese nicht einmal anschauen könntest? Die Barbiere haben die Hand nur verbunden.“
    „Eine gebrochene Hand? Wie ist das denn geschehen? Hat er sie sich eingeklemmt?“
    Siegfried schüttelte mit dem Kopf. „Nein, werter Heiler, er hat mit einem Schmiedehammer daneben und damit direkt auf die Hand gehauen. Sie ist nun dick angeschwollen und schmerzt.“
    „Nun gut, dann führt mich zu euerm Sohn, ich werde ihn mir einmal anschauen.“
    Der alte Mann ging sofort vorweg, Askala und Tinquilius folgten kurz dahinter. „Konntest du hier helfen?“, fragte sie. „Seine Frau war wirklich beinahe hysterisch.“
    „Verständlich. Er hat eine schwere Bronchitis. Wenn er weiter nicht Acht auf sich gibt, dann war es das mit ihm.“ Der Heiler schüttelte den Kopf. „Die Situation der meisten Menschen hier ist wirklich grauenhaft. Es ist viel schlimmer als damals. Viel schlimmer.“
    „Du tust was du kannst, mehr geht nicht.“
    Er nickte. „Da hast du Recht. Ist Ulbert schon aufgetaucht?“ Die junge Magierin schüttelte den Kopf. „Na gut, dann haben wir ja noch Zeit für mehr Hilfe. Und später wieder eine Predigt.“
    Sie grinste und schaute zu Boden. Als sie beim Haus des Schmiedes ankamen, verabschiedete sie sich von den beiden. Tinquilius schaute ihr noch einen ganzen Moment lang nach, wunderte sich darüber, wie so jemand wie Askala, die eigentlich so forsch und energisch war, sich zu einer solch ruhigen Person wandeln konnte, dann folgte er dem Schmied ins Haus.
    Auf ein Neues.

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    Hafenstadt Khorinis

    „Und so begab es sich“, fuhr der Oberste Magier in seiner Predigt fort, „dass die beiden Brüder Innos und Beliar, die so lange versucht hatten, die Menschen auf ihre Seite zu ziehen, von Adanos aus dieser Sphäre verbannt wurden. Adanos entschied sich nicht leichtfertig dazu, wog mehrere Optionen ab und kam dann doch zu dem Entschluss, dass es keine andere Möglichkeit gab. Dies bedeutet aber nicht, dass Adanos nun mehr Macht auf diese Sphäre hat oder seine beiden Brüder gar keinen Einfluss mehr haben“, meinte er sogleich und schaute in die Gesichter der vor ihm versammelten Menschen – heute sogar ein Dutzend Männer und Frauen, ein neuer Rekord. „Durch Gebete, durch heilige Gegenstände, durch die Magie können Innos und Beliar weiterhin Einfluss nehmen, so wie es auch Adanos tut. Wir, die ihnen dienen, haben dabei aber nun mehr Freiheiten als zuvor. Wir können den Göttern dienen, wir können unser Leben nach ihren Prinzipien ausrichten, wir können dies aber auch lassen und müssen keine Strafe fürchten.“
    Er hielt inne und ließ seinen Blick zwischen den Menschen schweifen. Einige der Gesichter kannte er nun schon, wusste von ein paar sogar, dass sie Adanosdiener waren und auch früher schon Vatras‘ Worten gelauscht hatten. Andere schienen einfach so ein Interesse an den Göttern zu haben oder aber auch an seinen teils politischen Ausführungen.
    „Freiheit bedeutet aber immer auch, dass wir jedem und jeder diese Freiheit gewähren. Wir sind alle gemeinsam auf dieser Welt, sind allesamt Brüder und Schwestern, auch wenn wir manchmal andere Meinung sind, auch wenn wir einem anderen Glauben angehören, auch wenn wir Mitglieder unterschiedlicher Reiche sind. Wir sind nur so lange frei, wie wir gemeinsam frei sind. Wir dürfen von allen erwarten, dass sie ihr Bestes geben, dass sie Fehler einsehen und nachher neu, besser handeln. Wir können erwarten, dass wir uns gegenseitig achten, gegenseitig unterstützen. Und wenn es dazu kommt, dass manch eine Person bevorzugt wird, eine andere hingegen immer nur Benachteiligungen erhält, so müssen wir gemeinsam daran arbeiten, dass wir das ausgleichen und es allen gut geht. Denn nur das Gleichgewicht kann wirklich zu einem friedvollen, freundschaftlichen Zusammenleben führen.“
    Er seufzte kurz und lächelte dann in die Runde. Er sah nun auch Siegfried den Schmied, dessen Sohn er vorhin durch seine magischen Heilfähigkeiten geheilt hatte, der ihm freundlich zu nickte.
    „Lasst mich deshalb mit einem Appell schließen: kümmert euch gegenseitig umeinander, bittet um Hilfe und gewährt diese aber auch anderen, bietet Hilfe von selbst an und seht nicht immer nur euren eigenen Nutzen. Aber vergesst auch nicht, dass wir alle nur einfache Menschen sind, egal wie wir aussehen, egal was wir tragen oder in welcher Stellung wir sind. Wir machen alle Fehler und sollten alle die Möglichkeit haben, diese zu begleichen.“ Er hielt kurz inne und schloss seine Augen, dann hob er beide Hände zum Segen hoch. „Möge Adanos euch schützen, euch ewig in seinem Schoß wiegen und möget ihr allzeit seine Gunst erhalten.“
    Damit beendete er seine heutige Predigt. Manche der Menschen nickten ihm zu und gingen dann, andere verließen den Platz ohne eine Regung ihm gegenüber. Ein Mann, dessen Alter er nicht einschätzen konnte und der in einer zerkratzten aber immer noch gut in Schuss gehaltenen Lederrüstung gehüllt war, trat an ihn heran. „Meister Tinquilius, mein name ist Ulbert. Ich hörte, ihr sucht nach mir?“
    Bevor Tinquilius etwas antworten konnte, kam schon ein lautes, „Ulbert“, von Myxir, der neben dem Platz gesessen hatte und nun auf den Jäger zuging. „Nun sehen wir uns endlich wieder.“ Die beiden drückten ihre Hände kräftig. „Ich hatte dich schon vor einer Woche zurückerwartet.“
    Der Jäger löste sich aus dem Händedruck. „Ich wurde aufgehalten, Kupruk und seine Orks hatten sich so im Pass aufgehalten, dass ich nicht schneller wieder aus dem Minental aufbrechen konnte. Aber nun bin ich ja hier.“ Er schaute zwischen Myxir und Tinquilius hin und her. „Worum geht es denn? Deine Botschaft war kryptisch.“
    Der alte Magier lachte. „Entschuldige, ich wollte einfach nicht zu viel preisgeben. Es geht um Folgendes: Wir wollen nach Jharkendar, wissen aber nicht so gut über die derzeitige Situation Bescheid und brauchen deshalb jemand Kundiges, der die derzeitige Lage kennt und uns auch dorthin führen kann.“
    Der Jäger lachte nun und Tinquilius sah einige Falten um dessen Augen und auf seiner Stirn. Älter als ich, bestimmt zehn Jahre älter. „Ihr wollt nach Jharkendar und braucht Geleitschutz? Kann euch eure Magie nicht beschützen?“
    „Es ist weniger Schutz, den wir brauchen, als vielmehr Informationen und Hilfe bei der Proviantbeschaffung unterwegs. Da wäre ein Jäger, der sich auch noch in Jharkendar auskennt, ein guter Führer.“
    Ulbert schaute zwischen den beiden hin und her. „Nur ihr beide?“
    „Noch eine weitere Magierin. Das wäre es aber. Was sagst du dazu?“
    „Wann wollt ihr denn aufbrechen?“, fragte der andere grübelnd.
    „Sobald es geht, sobald du dich ausgeruht hast beziehungsweise sobald du Zeit hast.“
    „Ich mag zwar nun älter sein als bei unserem Treffen, körperlich ist es aber kein Problem. Wenn es danach ginge, könnten wir gleich aufbrechen. Ich habe aber Sekob versprochen, dass ich ihm bei einem Problem helfe. Das könnte ein paar Tage in Anspruch nehmen.“ Er schaute zuerst Myxir eindringlich an, dann Tinquilius. „Wenn euch das zu lange dauert, kann ich sicherlich wen anders empfehlen für eure Reise.“
    Der alte Magier wiegelte mit einer Handbewegung ab. „Das passt alles. Wunderbar, dann sobald du wieder da bist.“
    Tinquilius, der die ganze zeit still gewesen war, räusperte sich nun. „Kann man euch denn helfen bei dem, was ihr noch tun müsst? Und ich frage nicht, damit es schneller geht, sondern schlichtweg aus dem einfachen Grund, ob ihr Hilfe braucht.“
    Der Jäger schaute ihn regungslos an, dann brach er in Gelächter aus. „Nein Nein, ich werde schon alleine damit fertig. Wie soll es außerdem aussehen, wenn ich von einem Wassermagier bei einer einfachen Aufgabe unterstützt werde, mein Ruf wäre dahin. Nein, Nein. Danke für das Angebot, aber Nein Danke.“ Tinquilius lächelte und nickte. Gut. Bevor ich aber zu Sekob aufbreche, könnt ihr beiden mir ja mehr erzählen? Vielleicht bei einem guten Essen?“
    Myxir grinste. „Natürlich. Und das geht natürlich auf uns.“
    Und so schritten die drei sogleich in ihre Taverne und aßen dort gemeinsam mit Askala, die sich dorthin zurückgezogen hatte, ihr Abendessen. Dabei berichteten sie dem Jäger zumindest von einigen Details der Reise.
    Er wirkt ja ganz nett, ist er aber auch so kompetent wie Myxir meint? Ich hoffe es.

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