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  1. #1 Reply With Quote
    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    May 2007
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    Anno Ignis 932, 3.8.
    Innos‘ Sonne strahlte über uns, als wir den Hafen von Ferencia verließen. Keine Wolke war am Himmel zu sehen. Ein gutes Omen, so glauben die Matrosen. Sollen sie, wenn es ihnen Mut macht. Denn den werden sie brauchen auf dieser Fahrt ins Ungewisse.
    195 Mann sind wir auf dieser Expedition. 90 davon hier auf der Santa Isabella, weitere 65 auf der Fuego und schließlich 40 an Bord der Espada. Keiner von uns war je auf den Südlichen Inseln, doch es sind viele erfahrene und tüchtige Seeleute unter den Männern. Viele von ihnen haben schon früher auf Schiffen der Alonsos gedient und haben schon so manche Fahrt bis zum Östlichen Archipel hinter sich. Ein paar der Männer, so sagte man mir, seien sogar auf früheren Fahrten schon bis zum Varantmeer gesegelt. Don Francisco versicherte mir, dass die Matrosen zuverlässig seien. Er selbst hat sie mit Hilfe seiner Brüder angeheuert. – Ich muss gestehen, er hat mit einem Elan für diese Fahrt geworben, als hätte man ihm persönlich alle Länder und Schätze zugesprochen, die wir entdecken werden.
    Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Alonsos von meinen Plänen überzeugen konnte. Seine Hoheit Herzog Enrique mag mir die Santa Isabella gestellt und mich sowohl finanziell als auch durch seine Berater unterstützt haben, aber ich bin doch froh, nun noch zwei weitere Schiffe auf diese Reise mitzunehmen. Ganz zu schweigen von der Expertise der Alonsos beim Anheuern zuverlässiger Männer. Und nicht zuletzt hätte ich seine Hoheit den Herzog ohne den Einsatz der Alonsos und anderer einflussreicher Familien möglicherweise niemals für meine Pläne gewonnen. Es scheint leichter, Kaufherren zu überzeugen als Fürsten. Ich danke Innos, dass das ewige Vorsprechen, das ewige Warten, das ewige Bangen, das ewige Werben und Umherreisen nun endlich ein Ende hat. Noch kann ich es kaum fassen, doch wir fahren tatsächlich auf den Wassern des Myrtat. Westwärts. Noch vor Ende des Jahres sollten wir zurück sein, vollbeladen mit Gold, Seide und Gewürzen.
    Möge Innos seine schützende Hand über diese Fahrt halten! Und möge Adanos uns eine ruhige See, gute Winde und eine sichere Reise bescheren.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 7.8.
    Mein Unbehagen wächst, je mehr wir uns der Mündung des Myrtat näheren. Jeden Moment fürchte ich die Segel der Helene am Horizont zu sehen. Ich vertraue indes darauf, dass auch ein nordmarer Barbar wie der Seewolf keinen Verband von drei Schiffen angreifen wird. Doch hat sich die Espada mittlerweile als etwas langsamer als die Santa Isabella und die Fuego erwiesen. Eine kleine Karavelle wie sie wäre für diesen Piraten leichte Beute. Und wenn sie zu weit hinter uns zurückbleibt, könnte er sich auf sie stürzen, sie entern und wieder in Richtung Bakaresh verschwinden, noch ehe Don Francisco und ich beidrehen können.
    Am Hofe von Trelis berichtete man mir, dass abermals zwei Naos ausgesandt wurden, um den Seewolf aufzuspüren und seinem Treiben ein Ende zu machen. Allerdings zweifle ich am Erfolg dieses Unterfangens, und Don Hernandez und Don Martínez teilten meine Zweifel. Solange der Seewolf mit einem Kaperbrief Zubens segelt, wird er sich stets nach Bakaresh zurückziehen können.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 9.8.
    Im Dunkel der Nacht haben wir die Mündung des Myrtat passiert. Im Süden konnten wir das Licht des großen Leuchtturms von Bakaresh sehen. Vom Seewolf keine Spur. Die Matrosen haben zum Dank an Adanos etwas Salz als Opfergabe ins Meer gestreut. Ich habe den Matrosen, der diese Idee hatte, auspeitschen lassen und der versammelten Mannschaft der Santa Isabella einen strengen Vortrag über den Unsinn solchen Aberglaubens gehalten. Niemand weiß, wie lange diese Reise dauern wird. Das letzte was wir uns da leisten können, ist, unsere Vorräte ins Meer zu werfen. Und dann noch Salz. Wahrlich, als mangelte es dem Meer an Salz!
    Dennoch bin auch ich erleichtert und dankbar, nun da wir Bakaresh passiert haben, und hoffe, dass unsere Reise auch weiterhin so glimpflich verlaufen wird.
    Nun also sind wir auf dem offenen Meer. Wir segeln nicht nach Süden, entlang der varantinischen Küste, wie es vor der Errichtung dieses gottlosen Reiches so viele taten. Noch fahren wir nach Westen wie die Schiffe, die die Khor-Inseln oder das Östliche Archipel dahinter ansteuern. Unsere Route führt nach Südwesten.
    Südwesten. Nicht hin zu den Südlichen Inseln, sondern weg von ihnen. So zumindest murmeln die Matrosen. Viele von ihnen, so habe ich den Eindruck, scheinen nicht zu verstehen, was das Ziel dieser Fahrt ist, geschweige denn ihre große Bedeutung zu erfassen. Sie sind hier, weil sie dafür bezahlt werden. Sie würden ebenso gut nach Khorana, nach Laran oder nach Vengard segeln, wie sie nun eben nach Jazirat al-Muluk segeln, solange sie dafür ihre Heuer ausgezahlt bekommen. Kaum einer von ihnen scheint zu begreifen, worum es hier geht. Um einen neuen Seeweg zu den Südlichen Inseln. Einen Seeweg, der nicht an Varant vorbeiführt. Um neue Handelsrouten und Kolonien.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 12.8.
    Die Espada verzögert weiterhin unsere Fahrt. Immer wieder vergrößert sich der Abstand zwischen der Santa Isabella und der Fuego und der Espada und wir müssen die Segel einholen, um ihr die Möglichkeit zu geben, wieder zu uns aufzuschließen.
    Ich ließ mich auf einem der Beiboote zur Espada hinüberfahren, um mit ihrem Kapitän zu sprechen. Don Pinzo teilt meine Einschätzung, dass das Lateinsegel nur wenig geeignet ist, die Winde von achtern aufzufangen. Doch das Segel auszutauschen, ist hier auf hoher See kaum möglich, selbst wenn wir die nötigen Materialien hätten. Ich bin noch unschlüssig, was in dieser Sache zu tun ist, doch so kann es unmöglich die ganze Fahrt über weitergehen.
    Während meiner Abwesenheit haben die Matrosen Makrelen geangelt. Pedro hat ein wahres Prachtexemplar von einem blauen Marlin gefangen. Habe ihn mit einer Extraration Rum belohnt. Akaso bereitet ihn nun für mich zu.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln

    Nachtrag: Dunkle Wolken am Horizont. Ein Sturm scheint aufzuziehen. Habe alles vertäuen und die Segel einholen lassen.



    Anno Ignis 932, 13.8.
    Die ganze letzte Nacht tobte der Sturm. Nun hat sich die See wieder beruhigt. Die Männer sprechen Dankgebete zu Adanos, verzichten aber diesmal auf Opfergaben. Glücklicherweise war der Sturm nicht allzu stark. Wir sind ohne Verluste oder Schäden am Schiff davongekommen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln

    Habe mich zu früh gefreut. Das Steuerruder der Fuego ist im Sturm gebrochen. Nun haben wir also neben einem langsamen, für die hiesigen Winde nicht gerüsteten Schiff auch noch ein manövrierunfähiges.
    Ich habe beide Alonsos auf die Santa Isabella beordert. Lange haben wir nicht debattiert. Auf diese Weise können wir die Reise unmöglich fortsetzen. Wir werden also einen Umweg machen und für Reparaturen und Ausbesserungen an Land gehen müssen. Das nächste Land von hier aus sind die Islas Olvidadas. Ich habe also Kurs nach Nordost nehmen lassen. Die Fuego haben wir mit Seilen an der Santa Isabella und der Espada vertäut.



    Anno Ignis 932, 18.8.
    Gestern Abend liefen wir in Los Pies de Faranga ein. Die Stadt ist nicht allzu groß und man sieht ihr deutlich an, wie jung sie ist. Im Hafen liegen vornehmliche Fischerboote und einige kleinere Schaluppen. Das einzige Kriegsschiff im Hafen ist eine Karavelle etwa von der Größe der Espada. Entsprechend erregten wir viel Aufsehen. So große und so viele Schiffe auf einmal sehen die Bewohner von Los Pies wahrscheinlich nicht oft.
    Der Gouverneur empfing uns mit dem ganzen kleinen Aufgebot der Stadtwache am Hafenkai. Don Gerónimo Cortez de Espara zeigte sich über unsere Ankunft überrascht. Als ich ihn jedoch über unsere Expedition unterrichtete und ihm das Schreiben seiner Hoheit zeigte, hieß er uns auf seiner Insel willkommen und geleitete mich und die Gebrüder Alonso zu seinem Sitz.
    Der Gouverneur residiert in einem Kastell am Fuße des Berges, auf dessen Spitze jene seltsamen Füße aufragen. Dieses Kastell sei das älteste Bauwerk der Stadt, so berichtete mir der Gouverneur, welcher sehr redselig wirkt, auf dem Weg den Berghang hinauf. 34 Jahre sei es alt. Von hier aus hätten die Entdecker im Dienste Herzog Enriques die Insel erkundet. Die Stadt sei später rund um das Kastell gewachsen. Dann berichtete er uns beim Abendessen – man servierte uns die nur hier auf den Islas Olvidadas beheimateten Seegeier, welche den gemeinen Scavengern in Aussehen und Geschmack nicht unähnlich sind – von den zahlreichen alten Burgruinen der Insel, von dem angeblichen Fluch, der ihre Bewohner das Leben gekostet haben soll, von der örtlichen Geographie, der Flora und Fauna und der hiesigen Folklore, die neben dem Fluch der Burgherren vor allem um einen Kinderschreck namens Girga kreist. Ich erwähnte die Redseligkeit des Gouverneurs bereits, und sie schien kein Ende zu nehmen. Don Gerónimo scheint sich über die Abwechslung und die Gelegenheit, einmal mit neuen Leuten zu sprechen, sehr zu freuen. Während der Volksaberglaube mich weniger interessiert, gebe ich zu, dass die einzigartige Tierwelt dieser Inseln eine gewisse Faszination auf mich wie auch auf meine Begleiter ausübt. Der Gouverneur zeigte uns einen der hier heimischen Gnome, den er sich an seinem kleinen Hof hält. Ein putziges Tierchen, das entfernt an einen Goblin erinnert, wenn es auch weit rundlicher und mit viel größeren Augen und einem enormen Schweinerüssel versehen ist. Des Gouverneurs Gattin, Doña Juanita, ließ das kleine Kerlchen einen Trick vollführen, bei dem er Don Pinzo seine Uhr aus der Tasche stahl, ohne dass dieser es bemerkte. Man erklärte uns, dass diese Gnome notorische und unheimlich geschickte Diebe und als solche für die Bauern außerhalb der Stadt eine wahre Plage seien.
    Nach einem ausgiebigen Frühstück und weiteren Erzählungen des Gouverneurs habe ich mich zu den Bootsbauern und Zimmerleuten von Los Pies bringen lassen, um


    „Capitán! Ein Schiff hält auf uns zu!“
    Er ließ die Aufzeichnungen, in denen er die letzten Stunden über gelesen hatte, sinken und schaute auf. In der Tür seiner Kajüte stand der Schiffsjunge Antonio, sichtlich abgehetzt und mit bangem Ausdruck im Gesicht.
    „Piraten, Capitán!“
    Sofort war er auf den Beinen.
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  2. #2 Reply With Quote
    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    „Es ist klug von euch, euch zu ergeben.“ Der Kapitän der Piraten marschierte über die Planke, die sein Schiff mit der Ameriga verband. Große, schwere Schritte trugen ihn auf das Schiff, das soeben seine Beute geworden war. Eine seiner Hände ruhte auf dem Knauf des großen Säbels an seinem Gürtel, den Daumen der anderen hatte er lässig in eben jenen Gürtel eingehakt. Inmitten seines wilden schwarzen Bartes ließ ein selbstgefälliges Grinsen Zähne in Gold und diversen Braunschattierungen blitzen. Gang, Haltung und Gesichtsausdruck: das ganze Gebaren dieses Mannes sprach Bände: Es war das Gebaren eines Siegers.
    Am Ende der Planke angelangt, sprang der Pirat aufs Deck hinab. Mehrere seiner Männer folgten ihm. „Mitja“, wies er einen seinen Untergebenen an, „durchsucht das Schiff nach allem, was von Wert ist.“ Der Angesprochene nickte und machte sich mit einigen seiner Kumpane sofort auf den Weg unter Deck.
    Puccio nahm all seinen Mut zusammen und trat einen Schritt nach vorne. „Kapitän. Ich bin Puccio Vasquez Gellano da Vegama, Kapitän dieses Schiffes. Wie Ihr sehen könnt“ – ohne den Blick von dem Piraten zu nehmen, wies er nach oben zur Spitze des Hauptmasts, wo unter der weißen Fahne noch immer die Flagge von Catagón wehte; die Augen des Piraten blieben auf ihn gerichtet und folgten seinem Finger nicht – „segeln wir im Dienste seiner Hoheit Herzog Ferdinand II. von Catagón. Ich habe hier ein Schreiben seiner Hoheit, das bestätigt, dass er bereit ist, im Falle einer Gefangennahme Lösegeld für mich und meine Männer zu bezahlen – vorausgesetzt, uns wird kein Haar gekrümmt.“
    Der Pirat nahm das Pergament entgegen, noch immer ein selbstsicheres Grinsen im Gesicht. Er warf einen flüchtigen Blick auf das Siegel, dann fixierte er wieder Puccio, während er das Schreiben entrollte. „Wenn wir uns schon vorstellen – bevor man mir noch nachsagt, ich wäre unhöflich: Ich bin Ivan Michail Nikolaj Igor Romanov, der größte Pirat des Myrtanischen Meeres.“ Puccio hatte noch nicht mit vielen Seeräubern zu tun gehabt, hatte jedoch den unbestimmten Verdacht, dass jeder von ihnen der größte Pirat des Myrtanischen Meeres war. Romanovs Augen fuhren über das Pergament. „Das sieht doch gut aus“, raunte er zufrieden. „Müsst ja wichtige Leute sein“, fügte er an Puccio gewandt hinzu. Dann richtet er das Wort an seine Leute: „Männer! Dass mir unsere Gefangenen ja anständig behandelt werden! Wer irgendjemandem hier ein Haar krümmt, und sei’s einem Schiffsjungen, der wird sich bald wünschen, er hätte nie bei mir angeheuert!“
    Die gute Stimmung des Piraten erlitt einen Dämpfer, als die Männer, die er unter Deck geschickt hatte, zurückkehrten und ihm eröffneten, was auch Puccio ihm inzwischen erzählt hatte: Dass es keine wertvolle Fracht gab. Dann jedoch erinnerte Romanov sich anscheinend des Zettels, den er noch immer in seinen Händen hielt, und seine Laune schien sich wieder zu bessern. Schließlich hatte er doch wertvolle Beute gemacht, wenn auch lebendige.
    Romanov gab einem seiner Offiziere das Kommando über die Ameriga und schickte die Hälfte seiner Mannschaft mit diesem auf das gekaperte Schiff. Ein Teil von Puccios Mannschaft wurde abkommandiert, den Piraten auf beiden Schiffen zur Hand zu gehen. Beide Gruppen wurden jedoch vorsorglich so klein gehalten, dass sie der jeweiligen Piratenmannschaft nicht gefährlich werden konnten. Der Rest der Besatzung der Ameriga wurde unter Deck gesperrt. Puccio schloss man in die Kapitänskajüte. Bald darauf wurde die Tür wieder geöffnet und man brachte einige weitere Leute hinein.
    Da war Rapetti, sein erster Maat, schweigsam wie immer. Cortez, der Kommandant der Soldaten an Bord. Der Schiffsarzt Peysing. Und Alexander, der Gelehrte und Kenner der Südlichen Inseln, der ihn auf dieser Reise mit seinem Wissen hatte unterstützen und der später auch als Dolmetscher hatte dienen sollen. Auf ihre Gesichter waren verschiedene Stufen von Angst, Bestürzung, Unsicherheit und Wut geschrieben, doch sie alle wirkten unversehrt.
    „Wir hätten uns nicht ergeben dürfen!“, bellte Cortez, kaum dass man die Tür hinter ihnen wieder zugesperrt hatte. „Hätten wir gekämpft, hätten wir gewinnen können!“
    „Mit vierzehn Mann?“ Ebert Peysing hob skeptisch eine Augenbraue.
    „Die Matrosen hätten wir bewaffnet. Mit ein paar Armbrüsten in die Takelage geschickt. Und an die Kanonen. Wenn wir sie früh genug mit unseren Kanonen empfangen hätten und ihr Deck mit Bolzen gespickt hätten, wäre es vielleicht gar nicht zum Nahkampf gekommen. Ein paar gut gezielte Schüsse auf die Masten...“
    „Und ein paar gut gezielte Schüsse auf unsere Masten und wir hätten keine Möglichkeit zur Flucht mehr gehabt.“
    „Was wisst Ihr schon vom Kriegshandwerk, Doktor? Ich habe sechs Jahre zur See gegen die Orks gekämpft!“
    „Das weiß ich. Aber ich hoffe, ich muss Euch nicht erinnern, dass Ihr nicht der einzige seid, der im Orkkrieg gedient hat. Ich mag vom Kriegshandwerk nicht viel verstehen, aber ich verstehe umso mehr von Verwundungen und Tod. Und ich verstehe etwas davon, was passiert, wenn Bolzen, Klingen und Holzsplitter auf Fleisch treffen.“
    „Ihr habt richtig gehandelt, wenn Ihr meine Meinung wissen wollt“, sagte Wilhelm Alexander mit seiner ruhigen Stimme und ließ sich in den Sessel neben Puccio sinken. Das Streitgespräch zwischen dem Arzt und dem Soldaten ignorierte er dabei.
    „Hm.“ Auch Puccio saß in einem Sessel. Das Kinn hatte er auf die Handrücken gestützt.
    Alexander sah wohl, dass es dem Kapitän schwerfiel, sich mit ihrer Lage abzufinden. „Selbst wenn wir ihnen hätten entkommen können – und ehrlich gesagt, bezweifle ich das, auch wenn ich mich keiner militärischen Expertise rühmen kann und den Krieg nicht auf den Schlachtfeldern zugebracht habe, auch nicht als Arzt, sondern vorwiegend in den Hörsälen – unter welchen Verlusten? Es gibt Wichtigeres als unsere Mission. Das Leben der Männer. Als Kapitän seid Ihr für dieses Leben verantwortlich.“ Der Gelehrte schwieg für einen Augenblick, dann schloss er, indem er wiederholte: „Ihr habt richtig gehandelt.“
    „Das Leben der Männer.“ Rodrigo Cortez schnaubte. „Und Ihr seid natürlich einer dieser Männer. Ihr seid froh, Eure Haut zu retten.“
    Alexander verzog keine Miene. „Selbstverständlich bin ich froh, wenn mir kein Leid geschieht. Ich halte den Selbsterhaltungstrieb für einen recht natürlichen menschlichen Instinkt. Und mein Beruf, im Gegensatz zu dem Euren, werter Comandante, verlangt es nicht von mir, mich im Zweifelsfall für meinen Herrn umbringen zu lassen. Ich will also nicht verhehlen, dass ich auch ein ganz persönliches Interesse an der Vermeidung eines Kampfes hatte und meine Bewertung der Entscheidung unseres Kapitäns sicherlich nicht völlig objektiv ausfällt. Allerdings“ – und hier beugte der Gelehrte sich etwas vor und sein Gesicht nahm einen ernsteren, ja scharfen Ausdruck an – „verbitte ich mir jegliche Unterstellung, ich sei zufrieden mit diesem Ausgang unserer Fahrt. Das bin ich ganz und gar nicht. Glaubt nicht, es verdrieße mich nicht, dass unsere Fahrt nun ein so jähes Ende nehmen soll. Ganz im Gegenteil. Ich wage sogar zu behaupten, dass mir noch weit mehr daran gelegen war, unser Ziel zu erreichen als Euch, Comandante. Denn mein Interesse an dieser Fahrt war auch persönlicher Natur. Während das Eure, so will ich behaupten, ohne Euch damit zu nahe treten zu wollen, lediglich das Interesse eines Soldaten an der Pflichterfüllung und der korrekten Ausführung seiner Befehle ist.“
    Peysing lachte. „Wenn Herr Doktor Alexander sagt, er bedaure den Ausgang dieser Fahrt mehr als jemand anders, dann sollten wir ihm lieber glauben, meine Herren. Cortez, Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie wild unser guter Alexander darauf war, mit ein paar Molukken zu plaudern und Gesteinsformationen zu begutachten.“
    Kommandant Rodrigo Cortez spuckte aus.
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  3. #3 Reply With Quote
    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    „Der Kapitän soll mitkommen.“
    Puccio blickte von seinem Kartenspiel mit Doktor Peysing auf. Auch Doktor Alexander, der wieder in einem der Sessel saß und der die Aufzeichnungen Kapitän Arboreos aufgeschlagen hatte, hob den Kopf, während Cortez sich von dem Fenster, durch das er nun schon seit längerem auf den Hafen blickte, ab- und der Tür zuwandte. Rapetti, der auf dem Boden schlief, schnarchte unbeirrt weiter.
    „Was gibt es denn?“, fragte Puccio und legte seine Karten verdeckt auf den Tisch.
    „Der Don will Euch wohl sehen.“ Der Pirat zuckte die Schultern. „Kommt Ihr jetzt?“
    Als Puccio nach draußen aufs Deck trat, empfing ihn eine angenehm kühle Brise. Am Horizont senkte sich die Sonne langsam herab und tauchte das Meer in goldenes Licht. Am Fuße der Planke, die von der Amerigo auf den Hafenkai hinabführte, wartete ein junger Mann in einer braunen Lederrüstung. Sein schmales Gesicht mit der langen Nase, das unter anderen Umständen wohl recht gewöhnlich gewesen wäre, erhielt etwas leicht Verwegenes durch die Narbe über seinem linken Auge.
    „Ihr seid der Cpitán?“, fragte er.
    „Puccio da Vegama.“
    „Ich bin Fincher. Kommt mit.“
    Leicht unsicher schloss Puccio sich dem Mann an, als dieser sich umdrehte und den Kai hinabging. Der Pirat, der ihn aus der Kajüte geholt hatte, hatte sich ebenfalls umgedreht und war übers Deck verschwunden, ohne einen weiteren Blick auf Puccio zu werfen. Er wertete dies als Zeichen, dass er das Schiff verlassen durfte.
    „Wohin gehen wir?“
    „Zur Villa des Don.“ Fincher wies aufs andere Ende des Hafenbeckens zum, soweit Puccio das ausmachen konnte, größten Gebäude der Stadt.
    „Wer ist dieser Don?“
    „Don Esteban. Er ist der Herr von Faranga. Ihr solltet ihm mit dem entsprechenden Respekt begegnen.“
    Puccio nickte, auch wenn Fincher, der einige Schritte voraus ging, das wohl kaum sehen konnte. Er wusste natürlich, dass ein reicher Kaufmann aus Los Pies die Wirren des Orkkriegs, in dessen Zuge die ohnehin wenigen Soldaten von den Islas Olvidadas abgezogen worden waren, genutzt hatte, um die Macht auf der Insel an sich zu reißen und sich von Myrtana loszusagen. Das musste dieser Don Esteban sein. Dass dieser Ganove offenbar Beziehungen zu Piraten unterhielt, überraschte ihn wenig.
    Sie gingen die Kaimauer entlang, vorbei an den weiß verputzten Häusern mit den roten Ziegeldächern, die das Bild der kleinen Hafenstadt prägten. Puccios Blick wanderte nach oben zur Spitze des Berges, der im Rücken der Stadt aufragte. Von hier unten waren die gewaltigen steinernen Füße kaum noch zu sehen, die seine Spitze zierten. Doch als sie sich der Insel genähert hatten, hatten sie sie von den Fenstern der Kajüte aus betrachtet. Die Füße waren treffenderweise das erste, was man sah, wenn man auf Los Pies zuhielt.
    Wenigstens ein Wunder habe ich auf dieser Reise zu Gesicht bekommen, dachte er bei sich. Er verfluchte noch immer sein Glück, dass er ausgerechnet diesen Piraten in die Arme gefahren war. Nun würde diese Reise enden, noch bevor sie wirklich begonnen hatte. Doktor Alexander hatte Recht, ihr aller Wohl war im Zweifel wichtiger als diese Fahrt. Und dennoch wurmte es ihn über die Maßen, dass sie noch nicht einmal die bekannten Gewässer verlassen hatten.
    Ihr Weg führte sie erst an der Kneipe, dann am Bordell der Stadt vorbei. In beidem hatten sie durch die Fenster vom Schiff aus mehrere von Romanovs Piraten verschwinden sehen. Hinter dem Freudenhaus begann eine gepflasterte Promenade, stieg ein wenig an, führte am Leuchtturm vorbei und dann in eine etwas erhöhte und ganz offensichtlich bessere Gegend der Stadt. An einem Platz, in dessen Mitte ein großer Brunnen stand, erhob sich die Villa Don Estebans, auch sie weiß verputzt und mit rotem Ziegeldach.
    Fincher führte ihn in einen Speisesaal mit großen Fenstern im ersten Stock des Gebäudes. Auf Kommoden an den Wänden standen silberne und goldene Kerzenständer. Eine große Tapisserie hing gegenüber den Fenstern. An der Tafel, die den größten Teil des Raumes einnahm, saßen zwei Männer und aßen. Der eine war Kapitän Romanov, der seinen Säbel abgelegt und seinen Hut auf dem freien Platz neben sich platziert hatte. Der andere, welcher am Kopfende der Tafel in einem kunstvoll geschnitzten Holzthron saß, war von stattlicher Statur, mit breiten Schultern und großen, groben Händen, in denen das Silberbesteck deplatziert wirkte. Kleine gierige Augen blitzten aus einem knochigen Gesicht hervor. Puccio nahm all das nur mit einem flüchtigen Blick wahr. Seine Augen wurden angezogen von der dritten Gestalt im Raum, dem Oger, der hinter dem Thron stand und dabei mit dem Kopf fast an die Decke stieß.
    „Ah, der Capitán!“, stieß der Mann am Ende der Tafel aus, als sie eintraten, und ließ Messer und Gabel sinken. „Da Vegama war der Name, nicht wahr?“ Puccio nickte. „Bitte, setzt Euch, setzt Euch! Fincher, ich brauche dich vorerst nicht mehr.“ Fincher nickte und machte sich von dannen. Puccio ließ sich an der Tafel nieder, jedoch in sicherem Abstand zu dem Oger.
    „Wegen Karakos macht Euch keine Sorgen“, sagte sein Gastgeber, der Puccios Blick bemerkte. „Der tut Euch nichts, solange Ihr ihm keinen guten Grund dazu gebt.“
    Puccio nickte, nahm die Augen jedoch nur zögernd von dem Oger. Natürlich hatte er schon mit Ogersklaven zu tun gehabt, und auch Herzog Fernando hielt sich einen Hofoger. Doch während der Herzog seinen Oger in feine Gewänder kleidete, war dieser hier wie die meisten seiner wilden Artgenossen nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Dieses wilde Aussehen gepaart mit der Tatsache, dass Puccio hier der Gefangene von nur teilweise berechenbaren Verbrechern war, war es wohl, was ihm beim Anblick dieses Ogers ein gewisses Unbehagen einflößte.
    „Ich bin Don Esteban“, stellte sich sein Gastgeber nun vor. „Ich wollte Euch persönlich auf meiner Insel willkommen heißen.“
    „Ich weiß die Ehre zu schätzen, auch wenn ich wünschte, sie wäre mir unter anderen Umständen zuteilgeworden.“
    Esteban lachte. „Das glaube ich Euch gerne. Aber der gute Romanov sagte mir, dass Ihr einiges wert seid. Macht Euch also keine allzu großen Sorgen, Euch wird nichts passieren.“
    Puccio verzog das Gesicht zu einem gequälten Grinsen. „Ich vertraue darauf, dass der Capitán ein Ehrenmann ist – und ein guter Geschäftsmann.“
    Es war an Romanov, zu grinsen. „Worauf Ihr Euch verlassen könnt“, zischte der Pirat über den Rand des Weinglases hinweg, an dem er gerade nippte.
    „Nur hätte ich es vorgezogen, meine Reise fortzusetzen.“
    „Eure Reise, natürlich.“ Der Hausherr hatte wieder zu seinem Besteck gegriffen und zerschnitt ein Stück Fleisch auf seinem Teller. „Darum seid Ihr hier. Aber greift zu, es ist genug da!“
    Puccio, dem der Magen knurrte, lies sich das nicht zweimal sagen, griff zu der Schüssel, die in der Mitte des Tisches stand, und tat sich ein großes Stück Fleisch auf den Teller, der bereits vor ihm lag. „Was ist das?“
    „Rind“, schmatzte Esteban. Dann schluckte er den Bissen, den er gerade im Mund gehabt hatte, herunter und fügte angesichts von Puccios leicht enttäuschtem Gesichtsausdruck hinzu: „Was ist? Mögt Ihr kein Rind?“
    „Doch“, entgegnete Puccio, der sich gerade etwas Soße über den Teller goss. „Aber ich hätte gerne einmal Seegeier probiert, wenn ich schon auf den Olvidadas bin.“
    „Da habt Ihr nicht viel verpasst“, brummte Romanov. „Schmeckt wie Scavenger.“
    Don Esteban griff zu seinem Weinglas. „Romanov sagt mir, Ihr habt Soldaten an Bord“, erwähnte er wie beiläufig.
    „Vierzehn Stück, das ist richtig.“
    „Vierzehn Stück, das sagt Ihr.“ Ein neuer Ausdruck trat in das Gesicht Don Estebans und mit einem Mal hatte Puccio eine Ahnung, wie dieser Mann die Insel hatte an sich reißen können. „Ich warne Euch“, sagte der Don leise und zeigte mit der Gabel auf Puccio. „Ihr seid hier auf meiner Insel, in meiner Stadt, in meinem Haus. Ihr tätet gut daran, mich nicht anzulügen.“
    „Wie kommt Ihr darauf, ich würde Euch belügen? Was hätte ich davon?“, fragte Puccio, bemüht, nicht allzu eingeschüchtert zu wirken.
    „Ihr dient dem Herzog von Catagón. Und diese Insel gehörte bis vor wenigen Jahren zur Westmark. Soll ich das für einen Zufall halten?“
    Daher wehte der Wind. „Die Westmark gibt es nicht mehr. Markgraf Heron ist tot oder versteckt sich. Ein orkischer Kriegsherr residiert jetzt in Trelis.“
    „Aber der Herzog von Catagón hat seine Territorien offensichtlich behalten.“
    Puccio zuckte mit den Schultern. „So wie alle Fürsten, die sich den Orks unterworfen haben.“
    „Und was nun? Will er meine Insel erobern?“
    „Nein, deshalb sind wir nicht hier.“
    Esteban verzog unwillig das Gesicht. „Das behauptet Ihr. Aber Ihr würdet mir wohl kaum sagen, wenn es anders wäre. Ihr sagt, an Bord sind nur vierzehn Soldaten. Ich frage mich aber, wieso überhaupt Soldaten an Bord sind. Und wer sagt mir, dass Eure Matrosen keine Soldaten oder Söldner sind?“
    Puccio versuchte Ruhe zu bewahren und so glaubwürdig zu klingen wie nur möglich bei seinen nächsten Worten. „Don Esteban, ich schwöre bei Innos und bei Adanos, wir sind nicht hier, um Eure Insel wieder für die Westmark in Besitz zu nehmen. Wenn meine Matrosen Soldaten wären, müssten sie Waffen haben. Habt Ihr vielleicht an Bord irgendwelche Waffen gefunden, außer denen der Soldaten und der üblichen Bewaffnung, die man auch von einem zivilen Schiff erwarten kann?“
    Esteban blickte fragend zu Romanov. Der schüttelte den Kopf. „Nicht viel Beute und auch nicht viele Waffen auf dem Kutter.“
    „Wir wollten Eure Insel nicht einmal ansteuern“, fuhr Puccio fort, ermutigt von den leichten Zweifeln, die er in Estebans Gesicht zu erkennen glaubte. „Capitán Romanov, sagt mir, hielten wir vielleicht auf die Islas Olvidadas zu, als Ihr uns abfingt?“
    Romanov, der gerade zur Weinflasche griff, um sich nachzuschenken, wandte sich an Esteban. „Das haben sie wirklich nicht. Wären sie auf ihrem Kurs weiter gefahren, wären sie südlich an den Inseln vorbeigefahren. Hab mich ehrlich gesagt gefragt, was das soll.“
    Don Esteban verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn Ihr nicht zu den Olvidadas wolltet, was wolltet Ihr dann? Südlich an den Inseln vorbei? Diese Inseln sind der verdammte Rand der Welt. Dahinter gibt es nichts.“
    Puccio hob einen Finger. „Nichts, von dem wir wissen“, berichtigte er. „Oder vielmehr nichts, von dem wir sicher wissen.“
    „Erklärt Euch.“
    „Sagt euch der Name Arboreo etwas? Capitán Innossero Arboreo.“
    „Nein.“
    „Aber Herzog Enrique ist Euch ein Begriff?“
    „Der Seefahrer? Natürlich. Jeder hier auf den Olvidadas kennt ihn. Er hat immerhin die Inseln wiederentdeckt.“
    „Männer in seinem Auftrag zumindest. Man nennt ihn zwar den Seefahrer, aber Herzog Enrique ist persönlich nie weiter gesegelt als bis Vengard.“
    Esteban machte eine wegwerfende Handbewegung. „Meinetwegen. Ich kenne ihn jedenfalls. Wir haben eine Statue von ihm hier stehen. Ganz hübsch das Ding.“
    „Gut, Ihr wisst also, dass er großes Interesse an der Seefahrt hatte. Dass er die Flotte der Westmark aufrüstete, was sich später im Varantkrieg als nützlich erwies. Und vor allem, dass er verschiedene Expeditionen aussandte, um die Meere zu erkunden. Unter anderem die, die den Hinweisen mittelalterlicher Berichte folgte und diese Inseln wieder entdeckte. Nun, Capitán Arboreo war einer jener Entdecker im Dienste des Herzogs.“
    Esteban zog die Brauen zusammen. „Einer von denen, die die Olvidadas entdeckt haben?“
    „Nein, nein. Arboreos Fahrt liegt gerade einmal um die vierzig Jahre zurück. Die Wiederentdeckung der Olvidadas schon achtzig, wie Ihr sicher wisst. Herzog Enrique war bereits ein alter Mann, als Arboreo ihn von seinem Vorhaben überzeugte.“
    „Und was für ein Vorhaben war das?“
    „Er wollte eine neue Route zu den Südlichen Inseln finden.“
    Romanov lachte auf. „Was soll man da für andere Routen nehmen? Man segelt nach Süden.“
    „Nach Südwesten“, korrigierte Puccio. „Die östlichsten der Südlichen Inseln liegen ungefähr auf dem Längengrad von Ishtar. Weshalb man für eine Reise dorthin in der Regel erst die varantinische Küste hinabsegeln muss. Schiffe stechen für gewöhnlich erst vom Golf von Varant aus nach Süden in See. Eben deshalb verlief der Handel zwischen Myrtana und den Südlichen Inseln stets über varantinische Zwischenhändler. Das war schon immer kostspielig. Aber dann kam Zuben an die Macht. In den beiden Jahrzehnten vor Ausbruch des Varantkriegs kam der Warenfluss von den Südlichen Inseln fast völlig zum Erliegen. König Rhobar I. und Zuben verboten ihren Untertanen den Handel miteinander. Varant blockierte den Seeweg zu den Südlichen Inseln. Es wurde immer schwerer, in Myrtana noch an Seide, Porzellan, südländische Gewürze, ariabische Edelsteine und so weiter zu kommen. Dieses Problem löste sich dann natürlich durch den Varantkrieg. Aber Arboreo wurde noch mehrere Jahre vor dem Varantkrieg losgeschickt. Das Ziel seiner Reise war, einen Weg zu finden, um Varant zu umgehen und direkten Handel mit den Südlichen Inseln treiben zu können.“
    „Und wie sollte der aussehen?“ Esteban hatte sein Mahl inzwischen beendet und wischte sich mit einer Serviette über den Mund. Ein wenig Fett glänzte in seinem schwarzen Bart.
    „Arboreo segelte nach Süden. Allerdings nach Südosten. Er wollte die Welt umrunden und die Südlichen Inseln von der anderen Seite erreichen. Sein Ziel war, die nordwestlichste der Südlichen Inseln zu erreichen. Die Varantiner nennen sie Jazirat al-Muluk. Das heißt wohl so viel wie Insel der Könige.“
    „Die Welt umrunden?“ Esteban machte ein ungläubiges Gesicht.
    „Arboreo scheint diese Idee schon mehr als ein Jahrzehnt vor Antritt seiner Fahrt gehabt zu haben, soweit seinen Aufzeichnungen zu entnehmen ist. Sie war auch keineswegs neu. Schon Agathophanes schreibt von dieser Möglichkeit. Auch in neuerer Zeit haben Gelehrte diese Option debattiert. Und es scheint offensichtlich, dass Arboreo ihre Debatten verfolgt hat. Auch eine Korrespondenz zwischen ihm und Paonelli scheint es gegeben zu haben.“ Puccio, der sich ein wenig von seiner Begeisterung für Arboreo und dessen Fahrten hatte hinreißen lassen, hielt inne, denn er hatte den Verdacht, dass dieser Don Esteban sich wenig für antike Philosophen wie Agathophanes interessierte. Ein Verdacht, der durch den Gesichtsausdruck des Dons bestätigt wurde. „Wie auch immer, der Grundgedanke existierte jedenfalls schon lange“, fuhr er fort. „Aber natürlich wurde es vor Arboreo niemals versucht, da man es gemeinhin für praktisch unmöglich hielt. Die Reise wurde auf Grund des kalkulierten Umfangs des Globus für viel zu lang gehalten.“
    „Was sie vermutlich auch ist.“ Nun grinste Esteban wieder. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und begann sich mit dem Messer zwischen den Zähnen zu pulen. „Sonst hätte dieser Arboreo ja Erfolg gehabt.“
    „Oh, den hatte er“, entgegnete Puccio. „Arboreo will Jazirat al-Muluk tatsächlich erreicht haben.“
    „Dann hat er eben gelogen“, ließ sich Romanov vernehmen.
    Puccio unterdrückte den geringschätzigen Blick, den er dem Piraten zuwerfen wollte, und hielt die Augen auf Esteban gerichtet. „In dem Fall hätte er sehr viel Zeit darauf verwandt, diese Lüge in seinen Aufzeichnungen auszuschmücken. Er hätte seine Männer und Begleiter angestiftet, seine Lüge zu unterstützen. Und er hätte die an die dreihundert Molukkensklaven, die er von seiner zweiten Fahrt mitbrachte, aus den Tiefen des Meeres gefischt. Nein, es kann wohl als gesichert betrachtet werden, dass er auf Land stieß. Der Herzog hatte auch keinen Zweifel an Arboreos Bericht und entsandte ihn auf eine zweite Fahrt. Diesmal gab er ihm siebzehn Schiffe mit, während er beim ersten Mal mit nur dreien gesegelt war. Arboreo stieß auf weiteres Land, und wie gesagt, er brachte beim zweiten Mal viele Sklaven mit. Der Grund, dass es keine dritte Fahrt gab, weder unter Führung Arboreos, noch eines anderen, ist schlicht, dass die beiden ersten Fahrten wirtschaftlich nicht sehr erfolgreich waren. Arboreo hatte dem Herzog große Goldschätze versprochen. Ein wenig Gold und Jade brachte er wohl auch zurück nach Myrtana, aber nicht annährend genug, um den Aufwand dieser Expeditionen zu rechtfertigen. Nun, und dann folgte bald der Varantkrieg. Damit konnte die Westmark vorübergehend kein Geld und keine Schiffe mehr entbehren. Und als Varant dann erobert wurde, stand der herkömmliche Weg zu den Südlichen Inseln wieder offen, diesmal sogar ohne teure Zwischenhändler. Dann verstarb auch noch Herzog Enrique. Und sein Nachfolger teilte dessen Interesse an der Seefahrt nicht. Kurz, Arboreos Fahrten gerieten weitgehend in Vergessenheit. Er verbrachte den Rest seines Lebens mit dem Versuch, den neuen Herzog, andere Fürsten und diverse Kaufherren für weitere Fahrten zu gewinne, scheiterte aber. Schon vor seiner ersten Fahrt hatte er über acht Jahre um Unterstützung werben müssen. Er hatte es beim Markgrafen der Westmark versucht, beim Herzog von Catagón, beim Herzog von Tymoris, sogar beim König. Es war schwer genug gewesen, den Herzog überhaupt zu überzeugen. Und noch einmal fand Arboreo keine Unterstützer.“
    „Ich denke, ich verstehe. Herzog Fernando hat sich an diese Expedition seines Großvaters zurückerinnert und will es auf einen neuen Versuch ankommen lassen.“
    „Mehr oder weniger. Varant ist wieder in der Hand der Assassinen. Die Südlichen Inseln sind auch keine Kolonie Myrtanas mehr. Durch das vorübergehende Bündnis zwischen Assassinen und Orks ist der Handel zwar nicht derart blockiert wie vor dem Varantkrieg, aber eine alternative Route zu den Südlichen Inseln gewinnt dennoch neuerlich an Attraktivität. Allerdings bezweifle ich, dass wir die Südlichen Inseln erreichen könnten. Die Entfernung ist auf der Ostroute wahrscheinlich zu groß.“
    Don Esteban runzelte die Stirn. „Ich dachte, Arboreo hat es auch geschafft.“
    „Eben das ist die Frage, der wir nachgehen wollten.“
    „Ich verstehe nicht.“
    „Wie ich schon sagte, die meisten Gelehrten waren überzeugt, dass eine Umrundung der Welt praktisch unmöglich wäre, weil die Entfernung zu groß sei. Die meisten von ihnen berechneten, dass man zwischen achtzehn- und neunzehntausend Kilometern segeln müsste. Arboreo hatte jedoch Grund zur Annahme, dass die Gelehrten sich irrten. Es gab da ein Handelsschiff, das auf dem Weg zu den Olvidadas gewesen, aber im Sturm weit nach Süden abgetrieben war und dort im Wasser ein Stück seltsames rotes Holz entdeckte. Und nicht nur irgendein Stück Treibholz; ein bearbeitetes Stück Holz. Als Herr von Faranga wisst Ihr sicher auch, dass hier auf den Olvidadas mitunter Pflanzen und Hölzer von Süden angespült werden. Wie sollte das möglich sein, wenn es dort nicht in relativer Nähe Land gäbe? Zu Arboreos Zeiten kursierten sogar Gerüchte über zwei Leichen, die in Gaurus angespült worden sein sollen. Angeblich hatten sie braune Haut wie die Bewohner der Südlichen Inseln. Diese Indizien überzeugten Arboreo von der Ansicht du Pierres, der berechnet hatte, dass man nicht achtzehn-, sondern lediglich viereinhalbtausend Kilometer bräuchte, um die Südlichen Inseln auf dieser Route zu erreichen.“
    „Aber?“ Don Esteban sah aus, als hätte er den Faden verloren.
    „Aber in Wahrheit dürften es wohl eher zwanzigtausend sein. Die Wissenschaften haben einige Fortschritte gemacht in den letzten Jahrzehnten und wir können die Strecke mittlerweile recht sicher berechnen. Du Pierre hat eine völlig falsche Größe für die Südlichen Inseln angenommen und auch einen viel zu großen Abstand zwischen den einzelnen Inseln und damit eine zu große Westausdehnung des Archipels. Arboreo konnte nicht auf die Südlichen Inseln stoßen. Seine Vorräte hätten für diese Reise niemals ausgereicht.“
    „Aber eben sagtet Ihr, es muss Land hier in der Nähe geben.“
    Puccio lächelte, spießte ein Stück Fleisch auf seine Gabel und führte es zum Mund. „Nun, das kann nur eines bedeuten, nicht wahr? Zwischen uns und den Südlichen Inseln muss ein bisher gänzlich unbekanntes Land liegen.“ Er ließ das Fleisch in seinem Mund verschwinden und erlaubte dem Don, die Worte sacken zu lassen.
    Eine Weile aß er schweigend. Don Esteban und Kapitän Romanov, die bereits vor seiner Ankunft mit ihrem Mahl begonnen hatten, waren schon fertig. Romanov ließ sich von einem Diener des Dons einen Rum bringen, den er nun anstatt des Weines trank. Der Hausherr schien zu grübeln. Puccio vertiefte sich ganz in sein Essen und begutachtete nebenbei schweigend den Wandteppich, der diverse reale und mythische Tiere, eingerahmt von goldenen Ranken und Blättern darstellte. Er versuchte gerade, zu bestimmen, ob es sich um eine Arbeit aus den Manufakturen von Geldern handelte, als Don Esteban wieder das Wort ergriff.
    „Was passiert, wenn Ihr dort tatsächlich neues Land entdeckt?“
    „Wir sollen es erkunden, feststellen, ob es tatsächlich neues Land ist oder sich doch um die Südlichen Inseln handelt, und dann im Namen des Herzogs in Besitz nehmen. Und dann“ – Puccio zuckte mit den Schultern – „nun, das liegt im Ermessen des Herzogs, nicht in dem meinen. Aber sollte sich das wirtschaftlich und militärisch lohnen, wird es wohl zu einer weiteren Kolonisierung kommen. Und es würden neue Handelsrouten entstehen. Die Olvidadas sind im Moment sehr abgeschlagen. Das könnte sich damit ändern. Wenn dieses neue Land ungefähr dort ist, wo wir es vermuten, müsste jeder, der von dort zu den Khorinseln oder zum Östlichen Archipel will, sie passieren. Und sie könnten auch eine wichtige Zwischenstation zwischen dem neuen Land und dem Festland werden.“ Puccio sagte all dies möglichst beiläufig, aber deshalb doch nicht ohne Hintergedanken. Er hatte hier nicht viel zu verlieren, aber eine ganze Menge zu gewinnen. Wenn eine noch so kleine Chance bestand, die Reise fortzusetzen, dann wollte er sie ergreifen.
    Und tatsächlich war ein gieriges Funkeln in die kleinen Augen Don Estebans getreten. „Das könnte für diese Inseln großen Reichtum bedeuten“, sagte er langsam.
    „Unbedingt“, bestätigte Puccio. „Ganz davon abgesehen wäre Euch die Dankbarkeit des Herzogs sicherlich gewiss, wenn Ihr seine Expedition unterstützt. Sie zu behindern und gefangen zu nehmen und von ihm Lösegeld zu erpressen, könnte er stattdessen als kriegerischen Akt werten. Er könnte am Ende noch auf die Idee kommen, diese Insel zurückzuerobern, die bis vor kurzem ihm gehörte und nun Piraten Zuflucht gewährt.“ Er hoffte, er war nun nicht zu weit gegangen.
    „Herzog Fernando hat kein Interesse an den Olvidadas“, sagte Esteban selbstsicher. „Sonst hätte er nicht eine Expedition zu diesem neuen Land, sondern eine Kriegsflotte zu uns finanziert. Diese Inseln sind arm und haben nicht viel zu bieten. Sie zurückzuerobern, wird sich für ihn nicht lohnen. Und noch was, da Vegama“ – Don Esteban deutete auf seine Brust – „Ich habe diese Insel im Orkkrieg beschützt. Ich habe hier die Ordnung aufrechterhalten. Euer Herzog hat uns im Stich gelassen. Was, wenn die Orks gekommen wären? Die Leute haben mich praktisch angefleht, die Herrschaft zu übernehmen und mit meinen Männern für ihren Schutz zu garantieren. Die Westmark hat jedes Anrecht auf Faranga und Los Pies verwirkt.“
    Puccio unterließ es, darauf hinzuweisen, dass die Orks noch weit weniger Interesse an den Islas Olvidadas hatten als der Herzog von Catagón und ein Orkangriff zu keinem Zeitpunkt des Krieges auch nur minimal wahrscheinlich gewesen war. Genauso unterließ er es besser, nachzuhaken, ob die Leute Esteban wirklich alle als ihren Retter und Beschützer verehrten und diesen Putsch tatsächlich herbeigesehnt hatten. Stattdessen sagte er: „Ich kann natürlich nichts versprechen, aber wenn der Herzog erführe, dass der neue Herr von Faranga seine Expedition unterstützt hat... Nun, wie Ihr selbst sagt, er hat im Moment kein Interesse an dieser Insel. Solange Ihr ihm keinen guten Grund gebt, sie wieder in Besitz zu nehmen, könnte er geneigt sein, Euren Anspruch auf sie zu bestätigen.“
    Und da war es wieder. Das gierige Glimmen in den Augen Don Estebans.
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    Anno Ignis 932, 16.9.
    Endlich stechen wir wieder in See. Der Aufenthalt auf Faranga und die Reparaturen haben länger gedauert, als von mir geplant, doch dieser Monat an Land wird sich hoffentlich auszahlen. Das Ruder der Fuego ist repariert. Und die Espada hat dank der Arbeit der Matrosen und der Mithilfe der Bootsbauer von Faranga nun ein größeres Rahsegel. Schon jetzt ist deutlich, dass unser Verband dank dieses quadratischen Segels deutlich schneller vorankommt. Ich bin dahingehend also zuversichtlich, was den weiteren Verlauf unserer Fahrt angeht. Auch auf der Rückfahrt sollte uns dieses neue Segel der Espada noch nützlich werden, wenn meine Kalkulationen der Winde stimmen.
    Der Gouverneur hat uns mit zusätzlichem Proviant versorgt. Weit mehr als wir benötigen werden, falls meine Berechnungen zutreffen, genug, um noch eine gute Weile auszuharren, falls sie zu optimistisch waren.
    Der Moral der Mannschaft scheint der einmonatige Landgang nicht bekommen zu sein. Die Männer murren, weil sie das Wirtshaus und das Freudenhaus hinter sich lassen sollen. Was aber noch viel schlimmer ist: Durch den Verkehr mit den Bewohnern von Los Pies scheinen sie ängstlich und noch abergläubischer geworden zu sein. Die gemeinen Menschen von Faranga sind offenbar einhellig der Meinung, dass es Wahnsinn sei, über den Rand der Welt in unbekannte Gewässer zu segeln. Und sie haben den Männern allerhand Flausen in den Kopf gesetzt. Der Girga, dieses angebliche Untier, das die Gnome befehligen soll und vor dem die hiesigen Bauern zittern, sei einst von jenseits des Meeres im Süden nach Faranga gekommen, erzählen sich die Menschen. Und nun fürchten ihn die Matrosen mehr als den Klabautermann. Schien es den Männern bisher völlig gleich, wohin sie segeln, solange man sie nur bezahlt, wird ihnen plötzlich angst und bange, kaum dass wir endgültig bekannte Gewässer verlassen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 17.9.
    Am Horizont wurde Rauch gesichtet. Die Matrosen sind darüber sehr aufgeregt und deuten es als böses Omen und Zeichen der Götter. Ich habe ihnen versichert, dass dies nur der Vulkan von Gaurus sein kann, von dem der Gouverneur mir erst vorgestern berichtete, dass er derzeit aktiv sei.
    Indem wir den Rauch hinter uns lassen, lassen wir nun auch die Islas Olvidadas und damit die der innostrischen Seefahrt bekannten Gewässer hinter uns.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 18.9
    Einige der Matrosen haben im Wasser einen Schatten gesehen, der sich backbord am Schiff vorbeischob. Nun sind sie alle in großer Angst. Ich habe den Schatten selbst nicht zu Gesicht bekommen, vermute aber, dass es sich um einen Wal, vielleicht einen Leviathan handelte. Eben das sagte ich auch den Männern. Diese aber sind überzeugt, dass es sich um eine Kreatur Beliars handelt, die dieser aus den Tiefen emporschickt, um uns alle hinabzuziehen. Sie reden von einem Seedrachen oder einem riesigen Kraken. Ich kann nur hoffen, dass wir bald auf Land stoßen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 19.9.
    Einer der Männer hat einen unbekannten Fisch gefangen. Ein großes Tier mit Barteln um das breite Maul. Seine Haut schimmerte in einem seltsamen Gelb, wie ich es noch bei keinem Fisch gesehen habe. Hernán verkündete, das sei eine widernatürliche Kreatur und keines von Adanos‘ Geschöpfen. Um den Männern ihren Aberglauben zu nehmen, habe ich befohlen, das Tier zuzubereiten und mir zum Abendessen zu servieren. Doch die Männer haben den Fisch aus Furcht über Bord geworfen. Ich habe die drei Hauptverantwortlichen auspeitschen lassen und die gesamte Mannschaft ermahnt, Disziplin zu bewahren.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 20.9.
    Am Horizont zucken Blitze. Die Winde werden stärker. Aber wenn im Süden ein Sturm tobt, so bewegt er sich nicht in unsere Richtung. Die Männer glauben wieder an eine Beliarei. Ich habe sie zur Ordnung gerufen und alles für einen eventuellen Sturm vorbereiten lassen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln

    Nachtrag: Wir haben Land entdeckt! Ein bergiges und zerklüftetes Land, umgeben von schroffen Felsen, die aus dem Meer ringsum aufragen. Die See ist leicht aufgewühlt, jedoch nicht stürmisch. Der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt und Blitze zucken über ihn hinweg, doch es gibt keinen Regen und nur mäßigen Wind. Aus Vorsicht vor den Klippen habe ich die Schiffe in einiger Entfernung zum Ufer vor Anker gehen lassen. Dann ließen wir die Boote zu Wasser und gingen an Land. Ich nahm dreißig Männer mit mir. Don Francisco ruderte mit weiteren zehn von der Fuego zum Ufer. Wir gingen in einer sehr kleinen Bucht an Land. Zu klein für die Schiffe, selbst wenn die Felsen nicht wären. Direkt vor uns gräbt sich eine Schlucht zwischen den Bergen hindurch. Ansonsten ist die Bucht von steilen Felsen umgeben.
    Die Männer jubelten, doch ich musste ihre Freude etwas bremsen. Dieser Fund ist zwar ein erster Erfolg unserer Reise, aber dies kann unmöglich Jazirat al-Muluk sein, noch irgendeine andere der Südlichen Inseln. Dafür sind wir noch viel zu nah an den Islas Olvidadas.
    Ich habe einige Männer ausgeschickt, um diese Insel zu erkunden. Viniera führt fünf Mann die Schlucht entlang. Weitere drei habe ich unter dem Kommando von Ramírez einen Pfad hinauf geschickt, der in die Berge zu führen scheint. Ich habe jedoch beiden Gruppen befohlen, sich nicht zu weit zu entfernen und bis zum Sonnenuntergang zurückzukehren.


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    Anno Ignis 932, 21.9.
    Wir sind heute Morgen ostwärts an der Küste der Donnerinsel – so nennen die Matrosen dieses Eiland, denn der Donner hat nicht aufgehört – entlanggesegelt. Nachdem wir einen Ausläufer der Berge umrundet hatten, tat sich vor uns ein weiterer Strand auf, der dem ersten glich, und wir erblickten das andere Ende der Schlucht. Viniera und seine Männer hatten es schon gestern erreicht und uns berichtet, dass die Schlucht nicht sehr lang und die Insel – wenigstens an dieser Stelle – nicht sehr breit ist. Die Männer um Ramírez haben in den Bergen westlich der Schlucht ein hochgelegenes Tal entdeckt, das sie mir als dicht bewaldet beschreiben. Hier unten zwischen den Felsen wächst nur spärliches Gras, in der Schlucht einige Palmen. Wir segelten noch weiter, bis wir einen längeren Strandabschnitt auf der Ostseite der Insel erreichten. Die Berge sind hier niedriger und weniger schroff, jenseits des Strandes liegen Wiesen. Auf dieser Seite der Insel scheint es weniger gefährliche Felsen zu geben. Wir sind hier abermals vor Anker gegangen. Diesmal habe ich ungefähr die Hälfte der Mannschaften auf die Insel geholt. Dieser Platz scheint mir geeignet, um ein Lager errichten zu lassen.
    Ich habe abermals Gruppen ins Inland geschickt. Wenn es hier Menschen gibt, will ich sie finden. Und ich wüsste gerne um die genaue Größe dieser Insel.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 22.9.
    Einige der Männer klagen, dass einige ihrer Habseligkeiten verschwunden sind. Auch an einer der Proviantkisten, die wir an Land gebracht haben, scheint sich jemand zu schaffen gemacht zu haben. Ich lasse Cesare eine Liste der verschwundenen Gegenstände aufstellen und habe die Wachen rund um unser Lager verdoppelt. Die Männer flüstern derweil, dass das nicht mit rechten Dingen zugehe.
    Die Männer, die ich aussandte, haben keine Menschenseele gefunden. Dafür entdeckten sie einen Pfad, der durch die Berge ins Inland zu führen scheint. Diejenige Gruppe, die ich nach Süden entsandte, fand dort an einem weiteren Strand eine kleine vorgelagerte Insel, die man bei Ebbe zu Fuß erreichen können soll, auf der jedoch augenscheinlich nur ein paar Möwen nisten. Werde morgen eine größere Gruppe über die Berge schicken.


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    Anno Ignis 932, 23.9.
    In der Nacht wurde trotz der Wachen weiteres gestohlen. Die Männer sind in Aufruhr. Sie flüstern, dass die Insel verflucht sei, dass von diesem Fluch auch der nicht endende Donner stamme. Einige habe ich vom Girga sprechen hören; dass er von dieser Insel komme, dass dies die Heimat der Girga sei und im Innern der Insel ganze Scharen von ihnen warteten.
    Die Gruppe, die ich ins Inselinnere sandte, kehrte früher zurück, als erwartet. Sie sind in den Bergen auf eine Höhle gestoßen, aus der sie eine Kreatur wie direkt aus Beliars Reich angefallen habe. Ein schreckliches missgebildetes Etwas soll das gewesen sein, mit Flügeln, schwarz wie die Nacht, und scharfen Zähnen. Sie beschreiben es als riesenhafte Fledermaus. Ramírez ist sich sicher, es handle sich um einen Vampir. Ich habe ihn streng zurechtgewiesen, solcherlei abergläubischen Unsinn für sich zu behalten, doch die Geschichte hat sich bereits unter den Männern verbreitet. Nun will niemand mehr einen Fuß ins Innere der Insel setzen.
    Don Francisco hat die Männer zur Ordnung gerufen. Er hat ein Händchen dafür, sich Autorität zu verschaffen, das muss ich ihm lassen. Er und sein Bruder raten jedoch, die Insel dringen zu verlassen. Es scheint nicht, dass sie Menschen oder irgendwelche Schätze beherbergt und es ist wohl besser, die Moral der Männer nicht noch weiter auf die Probe zu stellen und uns stattdessen wieder dem eigentlichen Ziel unserer Reise zuzuwenden. Ich pflichte ihnen bei und habe Befehl zur Abreise gegeben.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln


    „Capitán!“
    Puccio hob die Augen von den Aufzeichnungen Arboreos, die er nun sicher zum hundertsten Mal las.
    „Wir haben Land gesichtet!“
    Wie zur Bekräftigung der Worte des Matrosen rollte ein Donnern über den Himmel.
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  5. #5 Reply With Quote
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    „Eine wirklich faszinierende Kreatur.“
    Puccio grinste. „Eine wirklich hässliche Kreatur.“
    „Das eine schließt das andere nicht aus“, entgegnete Ebert Peysing, ohne von dem toten Geschöpf aufzusehen.
    „Es ist jedenfalls zweifellos die Kreatur, von der Arboreo schreibt“, stellte Puccio fest. Die großen ledrigen Flügel an den bizarr langen Armen, der dreieckige, fledermausartige Kopf, der dünne, knorrige und völlig schwarze Leib. Ja, es konnte sich nur um dasselbe Tier handeln, das Arboreos Männer angefallen hatte.
    „Nun, dass es sich um einen Vampir handelt, können wir wohl ausschließen.“ Dem Arzt war seine gute Laune deutlich anzuhören. Vor zwei Tagen hatten sie am Strand eine unbekannte Schildkrötenart entdeckt, die er mit allem Eifer studiert hatte. Zwei neue Vogelarten hatte er ebenfalls schon ausfindig machen können. Und er war auf mehrere fremde Pflanzen gestoßen. Aber dieses Wesen stellte ein paar Schildkröten, Vögel und Pflanzen deutlich in den Schatten.
    Puccio überließ den Doktor seinem Steckenpferd. Er streifte durch das Lager auf der Suche nach Rapetti. Zelte und Stapel von Fässern und Kisten säumten den Strand. Hie und da musste man Feuerstellen ausweichen. Die Männer saßen umher, plauderten und lachten. Einige flickten ihre Kleidung, andere waren mit dem Flicken des Segels beschäftigt. Eine Gruppe spielte Boule. Er fand Rapetti bei den Booten, wo er mit dem Schiffszimmermann die letzten Ausbesserungen am Rumpf besprach.
    „Cortez ist soeben zurückgekehrt“, eröffnete Puccio ihm.
    Sein Maat antwortete, indem er sich zu ihm umdrehte und ihn stumm anstarrte.
    „Sie haben ein einheimisches Tier erlegt. Doktor Peysing wird es nun sicherlich sezieren. Aber Menschen haben sie wieder keine entdeckt. Ich denke, es wird Zeit, weiterzusegeln.“
    „Soll ich also das Lager abbrechen?“
    „Ja. Aber wir werden die Insel noch nicht sofort verlassen. Ich will eine letzte Expedition starten. Und diesmal werde ich selbst gehen. Ich will sehen, wie groß die Insel ist und wohin der Fluss führt. Ich übergebe dir das Kommando über das Schiff und alle Männer, die ich hier zurücklasse. Füllt die Wasservorräte ein letztes Mal bei den Terrassen auf, dann segelt westwärts an der Küste entlang. Früher oder später müsst ihr ja auf die Flussmündung stoßen. Dort treffen wir uns wieder.“
    Er nahm Cortez und zehn seiner Soldaten auf diese letzte und größte Erkundungsmission mit. Dazu zehn weitere Männer aus den Reihen der Matrosen. Schließlich schlossen sich noch er selbst und die Doktoren Wilhelm Alexander und Ebert Peysing der Expedition an. Während er Alexander selbst gebeten hatte, sie zu begleiten, hatte er den Arzt zunächst auf dem Schiff lassen wollen. Dieser hatte jedoch darum gebeten, mitkommen zu dürfen. Als Puccio sich überrascht gezeigt hatte, dass Peysing die Zeit nicht lieber mit dem Dunkeldürrer zubringen wollte, wie er die neuentdeckte Spezies getauft hatte, hatte dieser abgewunken. „Der Dunkeldürrer ist tot, er wird mir also kaum davonlaufen. Ich habe jetzt tagelang am Strand herumgesessen, Kapitän. Nicht dass es dort nicht einiges zu entdecken gegeben hätte. Aber wenn ich daran denke, was sich im Inselinneren noch alles für unbekannte Arten verbergen mögen... Vegama, ich kann diese Insel unmöglich guten Gewissens verlassen, ohne wenigstens einen richtigen Blick auf ihre Flora und Fauna geworfen zu haben.“ Zudem, so hatte der Arzt argumentiert, war die Wahrscheinlichkeit, dass seine medizinischen Kenntnisse auf dieser Expedition gebraucht würden, größer als die, dass es während seiner Abwesenheit vom Schiff dort zu einem akuten medizinischen Notfall kommen würde. Puccio hatte nichts einzuwenden gehabt.
    Sie gingen bei Ebbe los. Der Strand, an dem sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, war von hohen Klippen umgeben. Wollte man ins Innere der Insel gelangen, musste man dies von einem anderen, einige hundert Meter entfernten Strand tun, der bei Flut nur per Boot, bei Ebbe jedoch auch bequem zu Fuß zu erreichen war. Ein großer natürlicher Torbogen führte von diesem zweiten Strand in ein sich nach Süden hin ausweitendes Tal, das von saftigem Gras bewachsen wurde. Zur Linken stieg der Berg stufenförmig an. Das Wasser, das seine Quelle irgendwo hoch oben haben musste, und in mehreren Wasserfällen diese Stufen hinabfloss, fing sich in natürlichen Becken, von wo es sich den Weg weiter hinab in tiefer gelegene und größere Becken bahnte. Puccio hatte bereits früher einen Blick auf diese natürlichen Terrassen geworfen, war jedoch auch dieses Mal von der ganz eigenen Schönheit jenes Naturschauspiels entzückt.
    Sie trennten sich hier von denjenigen Matrosen, die nur zum Wasserholen gekommen waren und die sogleich zum Lager zurückkehren würden. Nun stießen sie in jene Teile der Insel vor, die bisher nur die Soldaten auf ihren Erkundungstouren gesehen hatten.
    Cortez‘ Männer waren mit Piken bewaffnet. An ihren Gürteln hingen Rapiere, auf ihren Rücken Armbrüste. Sie marschierten in geordneter Formation und boten auch sonst ein recht uniformes Bild: Jeder von ihnen war in das Blau der Westmark gekleidet und trug dazu silberne Arm- und Beinschienen, Brustpanzer und Halsberge und schließlich auf dem Kopf einen Morion. Die Matrosen hingegen bewegten sich unorganisiert und waren in vielfarbige und unterschiedliche Stoffe gehüllt, wie das für Matrosen üblich war. Bewaffnet waren aber auch sie. Puccio hatte darauf bestanden, dass jeder von ihnen einen Säbel erhielt. Einige trugen auch Armbrüste oder Bögen. Auch Puccio und die beiden Doktoren hatten vorsorglich ihre Degen mitgenommen. Er rechnete nicht mit großen Gefahren. Bisher war der Dunkeldürrer das Gefährlichste gewesen, was sie auf der Insel erwartet hatte. Aber dies war noch immer ein unbekanntes Land und er ging lieber auf Nummer sicher.
    „Ich bin mittlerweile der Ansicht, dass diese Gipfel für das Donnern mitverantwortlich sind“, erklärte Alexander mit Blick auf die umliegenden Berge. „Wir sind hier sehr dicht am Äquator. Ich vermute, dass hier größere kalte und warme Luftschichten aufeinandertreffen. Diese Berge“ – er beschrieb mit dem ausgestreckten Finger einen Bogen über den Horizont, wo ringsum die zerklüfteten Gipfel aufragten – „bilden eine natürliche Barriere. Und die hier in Äquatornähe vorherrschenden Winde treiben die heiße und kalte Luft von Norden und Süden auf diese Barriere zu.“
    Das Gras wurde dichter, je mehr sie sich vom Strand entfernten. Es dauerte nicht lange, da rief Peysing aus: „Seht nur!“ Puccio hatte kaum erkannt, worauf der Arzt zeigte, da war der prächtige rote Vogel auch schon von dem Felsen emporgeflattert, auf dem er gesessen hatte. „Das ist noch eine völlig unbekannte Art! Verflixt, ich wünschte, er wäre nicht sofort davongeflogen.“
    Cortez lachte. „Ihr habt doch schon Eure Schildkröte und jetzt dieses tote Fledermausvieh, die Ihr in Geldern vorzeigen könnt.“
    „Die Fachwelt wird gewiss so begeistert sein wie ich“, antwortete der Arzt abwesend, während er sich bereits in seinem Block, den er sofort aus der Brusttasche gezogen hatte, Notizen machte. „Aber sie wäre gewiss noch begeisterter, wenn sie noch mehr der neuen Arten zu Gesicht bekäme. Was würdet Ihr sagen“, fügte er an die gesamte Gruppe gewandt hinzu, ohne dabei aufzublicken, „er war ungefähr so groß wie eine Taube, nicht?“
    „Eher eine Meise, Doktor“, antwortete einer der Matrosen.
    „Die Meise hast ja wohl du“, entgegnete ein Soldat. „Das Vieh war groß wie ein Sperber.“
    „Bestenfalls ein Spatz“, befand ein anderer Soldat.
    Peysing seufzte. „Ich notiere Taube.“
    Sie kamen nur langsam voran, denn der Arzt entdeckte noch einen ihm unbekannten, großen und schillernden Käfer, zwei Blumen und ein zumindest für ihn überaus interessantes Moos, wobei sie jedes Mal anhielten. Das Verständnis der meisten der Männer für derlei war eher gering. „Ist doch nur Moos“, hörte Puccio einen Matrosen leicht ratlos in seinem Rücken murmeln. „Moos gibt’s auch zuhause.“ Allerdings schienen die Männer stumm übereingekommen zu sein, dass ein gelehrter Mann nun einmal seine Marotten hatte, und sich daran nicht allzu sehr zu stören. Überhaupt ließ die Mannschaft Peysing einiges durchgehen, was sie womöglich von Seiten ihres Kapitäns oder des anderen Doktors eher genervt hätte. Er erklärte sich die Beliebtheit des Arztes damit, dass er eben Arzt war und sich schon um so einige Krankheiten und Wehwehchen der Männer gekümmert hatte, wobei er nicht ausschloss, dass Charakter und Art Ebert Peysings ebenfalls dazu beitrugen.
    Schließlich erreichten sie den Rand des Waldes. Das Tal fiel nach Südwesten hin weiter ab und verlief sich in zahllosen schmalen und bewaldeten Schluchten. Hier nun musste Puccio dem Arzt doch Einhalt gebieten. Dieser schien schon am Waldrand ein ganzes Dutzend unbekannter Pflanzenarten auszumachen. Puccio befürchtete, den Wald nie mehr zu verlassen, wenn er dem wissenschaftlichen Eifer seines Begleiters einmal nachgab. Davon abgesehen hatte er sich für diese Mission ein festes Ziel erkoren, von dem er nicht abzuweichen gedachte. Am Ende würden sie sich im Wald nur verlaufen. Sie wählten also einen Pfad, der entlang der Felswand oberhalb des Waldes verlief. Von hier hatten sie eine gute Aussicht auf die Wipfel unter ihnen. Und Peysing konnte immerhin einige unbekannte Bäume und auch den einen oder anderen Vogel erspähen.
    Puccio wandte sich derweil an Alexander. „Ich habe nachgedacht. Wegen der Dinge, die seit unserer Ankunft aus dem Lager verschwunden sind. Was, wenn Arboreos Männer gar nicht so Unrecht hatten? Vielleicht gibt es hier Gnome ähnlich wie auf den Olvidadas. Vielleicht sind sie gar tatsächlich einst von hier gekommen.“
    „Von hier – oder von noch weiter südlich.“ Alexander fuhr sich durch den Bart. „Ich hatte bereits einen ähnlichen Gedanken, ja. Es würde sicherlich erklären, was sowohl Kapitän Arboreo als auch uns widerfahren ist, und sich so weit mit dem decken, was wir über die Gnome der Vergessenen Inseln wissen. Ich bin jedoch vor allem gespannt, ob es weiter südlich ebenfalls Gnome gibt.“
    „Wieso das?“
    „Weil wir mit Sicherheit wissen, dass es auf den Südlichen Inseln keine gibt. Oder sagen wir, mit ziemlicher Sicherheit, wenn wir in Betracht ziehen, wie wenig unsere Wissenschaft selbst in unseren Tagen noch von den Südlichen Inseln weiß, und wenn wir darüber hinaus bedenken, dass selbst die Südländer nicht alle Geheimnisse ihrer Inseln kennen und ein Großteil der dortigen Natur so unberührt wie unzugänglich ist.“
    „Gehen wir davon aus, dass unser Wissen über die Südlichen Inseln in diesem Punkt zutrifft“, sagte Puccio und überging die letzten Ausführungen des Gelehrten. „Gnome wären dann ein recht sicheres Indiz dafür, dass wir es nicht mit den Südlichen Inseln zu tun haben. Darauf wollt Ihr doch hinaus, nicht wahr?“
    „Das war mein Gedanke.“
    Sie schlugen ihr Lager an diesem Abend am Fuße der Klippe auf. Bald schon brutzelte Fleisch über dem Feuer, Alexander hatte sich in Woykenecks Gesambte Menscheits-Geschichte von den Anfängen bis an die Vereynigung der Vier Reyche vertieft und Peysing begutachtete durch eine Lupe das von ihm gepflückte Moos und machte sich nebenbei Notizen. Paolo, einer der Matrosen, der mit einer wirklich schönen Stimme gesegnet war, stimmte eine alte westmärkische Weise an. Später dann schmetterten Matrosen und Soldaten abwechselnd Seemanns- und Marschlieder.
    Der nächste Tag glich im Wesentlichen dem vorherigen: Sie setzten ihren Weg fort und wurden dann und wann durch die Entdeckungen des Schiffsarztes auf ihrem Weg unterbrochen. Schließlich erreichten sie den See. Cortez hatte ihm bereits ausführlich von diesem Gewässer berichtet, und so fand er genau das vor, was er erwartet hatte: Einen nicht allzu großen See mit einer kleinen Insel in der Mitte, der durch Wasserfälle aus dem Berg am anderen Ufer gespeist wurde und dessen Wasser als Fluss nach Südwesten weiterfloss. Puccio ließ hier ihr nächstes Nachtlager errichten. Sie füllten ihre Wasservorräte auf, und einige der Männer nutzten die Gelegenheit für ein Bad.
    Die Männer hatten sich mittlerweile angewöhnt, Peysing bei seiner Suche zu helfen, und schienen sogar Spaß daran zu empfinden. So überraschte es Puccio wenig, als ein Matrose den Arzt herbeirief und ihm Fußabdrücke in der feuchten Erde des Ufers zeigte. Auch er selbst schlenderte herbei, um sie zu begutachten.
    „Ein zweibeiniges Tier, glaube ich“, murmelte der Arzt, der neben den Spuren auf die Knie gegangen war und sich offenbar nicht darum scherte, dass seine Hosen schmutzig wurden.
    Die Spuren stammten nicht von Hufen, Krallen oder Tatzen, sondern von Füßen. Sie waren groß und breit mit nur drei Zehen, und dennoch glichen sie in der Form annährend denen eines Menschen.
    Puccio ließ in dieser Nacht zusätzliche Wachen aufstellen.
    Am nächsten Morgen begannen sie, dem Verlauf des Flusses zu folgen. Und es war an jenem Tag, dass sie den Gnom entdeckten.
    Die Kreatur kniete gerade am Ufer und schöpfte Wasser mit einer langfingrigen Hand. Sie hatte einen rundlichen, unförmigen Körper, dessen Arme im Verhältnis viel zur dürr schienen, und ein Gesicht, das beinahe nur aus dem breiten Maul und der enormen Nase bestand. Das Wesen schrie auf, als es ihrer gewahr wurde, und rannte davon. Doch auf seinen kurzen Stummelbeinen war das ein aussichtsloses Unterfangen. Schnell hatten ein Soldat und ein Matrose die Kreatur gepackt und zerrten das zappelnde Etwas vor sie. Puccio stellte fest, dass das Wesen mit lauter offenbar aus Schilfgras geflochtenen Taschen und kleinen Körben behangen war.
    „Ich bin mir ziemlich sicher, dass das ein Gnom ist“, sprach Peysing aus, was Puccio bereits gedacht hatte. „Zu dumm, dass wir keine Gelegenheit hatten, auf den Olvidadas welche zu Gesicht zu bekommen. Dann könnten wir es mit Sicherheit sagen. Aber ich denke, wir können uns auch so recht sicher sein.“
    „Lehrt ihm die Taschen“, befahl er.
    Die Männer hatten einige Mühe, den Befehl auszuführen, so sehr zappelte ihr Gefangener. Tatsächlich schien der Gnom sich noch mehr zu wehren, kaum dass er merkte, was sie vorhatten. Er zappelte und schrie, als würde er gefoltert. „Dingi! Dingi!“, stieß er immer wieder verzweifelt aus, während die Männer seine Habseligkeiten aus den Taschen zerrten. Allerhand Gegenstände, die der Gnom auf der Insel gesammelt haben musste, waren darunter: Einige Kiesel und andere Steine, ein besonders ungewöhnlich geformter Zweig, die Blüte einer Blume, einige Beeren, zwei Vogeleier, von denen eines angeknackst war und die Gegenstände, die mit ihm in derselben Tasche gelegen hatte, mit klebrigem Eiweiß überzogen hatte, Muscheln vom Strand und vieles mehr. Aber da waren auch Sachen, die ganz eindeutig von ihnen stammten: Nadeln, ein Hammer, drei Schachfiguren aus Alexanders Spiel, ein Fernrohr, einige Münzen, ein Taschenmesser, eine Schnapsflasche mit einem letzten Schluck darin, eines von Peysings Skalpellen und schließlich eine goldene Taschenuhr. Der Gnom grunzte, quiekte und schrie, als Puccio sie an sich nahm. „Nee, nee! Auri Culci! Pleso, shona! Nix Auric Culci grabba!“
    „Damit ist das Rätsel um die verschwundenen Dinge wohl gelöst“, stellte Puccio fest und verstaut seine Taschenuhr, die er bereits vermisst hatte, in seiner Brusttasche, während der Gnom immer wieder verzweifelt die Worte „Auri Culci! Auric Culci!“ wiederholte. Er wandte sich an Peysing: „Wollt Ihr ihn mitnehmen?“
    „Das kleine Mistvieh würde uns auf dem Schiff mehr Ärger machen als alle Klabauter zusammen“, protestierte ein Matrose, noch ehe der Doktor antworten konnte. „Man wird ja ständig um sein Hab und Gut zittern müssen!“
    „Nicht, wenn wir’s abmurksen“, warf einer der anderen ein.
    Peysing schüttelte den Kopf. „So interessant diese Kreaturen sind, eine unbekannte Art sind sie kaum. Und ich fürchte, wir können aus dem Schiff keinen Tierpark machen. Ich kann nicht jedes Tier mitnehmen, das ich gerne mitnehmen würde.“
    „Dann machen wir den kleinen Dieb einfach kalt?“, fragte einer der Soldaten.
    Puccio starrte auf den Gnom herab. Ein ausgesprochen hässliches Tier war das. Und dennoch hatte er ein gewisses Mitleid mit der Kreatur, als er in ihre großen Augen blickte. Das Stehlen schien eindeutig in der Natur dieser Art zu liegen. Besonders großen Schaden hatte der Gnom nicht angerichtet. Und da sie die Insel nun ohnehin zu verlassen gedachten, würden er oder seine Artgenossen ihnen auch keine Scherereien mehr machen können. „Lasst ihn frei“, befahl er.
    Kaum ließen sie den Gnom los, rannte er auf seinen kurzen Beinchen auch schon Hals über Kopf ins nächste Gebüsch. Sie nahmen sich von seinem Diebesgut, was sie brauchten. Peysing nahm sein Skalpell an sich, Alexander die Schachfiguren, einer der Soldaten trank den verbliebenen Schluck aus der Schnapsflasche. Dann setzten sie ihren Weg fort.
    Als Puccio sich nach einer Weile noch einmal umdrehte, sah er, dass der Gnom sich aus dem Gebüsch gewagt hatte und aufsammelte, was von seiner Habe noch immer auf dem Boden verstreut lag.
    In dieser Nacht lagerten sie am Ufer des Flusses. Auch am nächsten Tag folgten sie weiter dem Verlauf des Stroms, der recht geradlinig nach Süden führte. War das Ufer bisher flach und leicht zugänglich gewesen, erhoben sich nun langsam Felswände zu beiden Seiten des Flussbetts und ihr Weg stieg ein wenig an.
    Das bedeutsamste Ereignis dieses Tages war, als einer der Soldaten Peysings roten Vogel wiederentdeckte, der auf einem niedrigen Ast saß und auf sie herunterschaute. „Hey Doktor, ist das nicht Euer Vogel?“, ließ er sich vernehmen.
    „Ja, ja, das ist er wirklich!“, zischte Peysing entzückt, als er ihn erblickte. Mit einer Handbewegung hieß er sie ruhig sein. Langsam schlich er sich näher an den Baum heran, den Notizblock gezückt.
    „Ungefähr wie ’ne Meise, sag ich doch“, ließ sich hinter Puccio einer der Männer vernehmen.
    Dann plötzlich öffnete der Vogel den Schnabel und begann zu singen. Und die Männer wurden noch ruhiger. Der Vogel hatte eine wundervolle, melodische Stimme. Sein Gesang war schön wie der der Nachtigall. Andächtig lauschten sie, während Doktor Peysing in seinem Block Notizen machte und eine genaue Zeichnung des Tieres anfertigte. Plötzlich hüpfte der Vogel von seinem Ast und flatterte auf den Boden kurz vor ihnen, wo er begann, im Gras herumzupicken.
    „Das ist unsere Chance!“, flüsterte Peysing und winkte den Männern, den Vogel zu umstellen. Alle waren sie bedacht, keine lauten Geräusche oder schnellen Bewegungen zu machen. Zumindest nicht, bis sie den Vogel gänzlich umstellt hatten. Dann sprangen sie auf ein Zeichen Peysings zugleich nach vorne.
    Einige Köpfe stießen aneinander und ein rotes Etwas flog gen Himmel.
    Die folgende Nacht sollte ihre letzte auf der Insel sein. Am nächste Tag, noch vor Mittag, erreichten sie das Ende des Flusses. Dieser ergoss sich jedoch nicht ins Meer, sondern verlor sich in einem sumpfigen Mangrovenhain. Sie mussten umdrehen und wieder ein Stück weit flussaufwärts marschieren, bis sie an eine Stelle kamen, wo sie ihn überqueren konnten. An seinem Ostufer angekommen, folgten sie dem Verlauf der Berge nach Süden, wo sie nach einigen Stunden auf den Strand stießen.
    Die Amergio schaukelte ruhig im Wasser am Rande der Mangroven.
    Ein erschöpftes, aber zufriedenes Lächeln trat auf Puccios Gesicht. Sie hatten die Donnerinsel – oder Taranis wie Alexander das Eiland in Anlehnung an irgendeinen Donnergott der antiken Stämme Myrtanas getauft hatte, von dem außer ihm niemand unter ihnen je gehört hatte – überquert, waren einmal von Norden nach Süden marschiert. Damit hatten sie nun ein halbwegs zuverlässiges Bild der Insel und ihrer Größe. Sie konnten mittlerweile recht sicher sein, dass es hier keine Menschen gab. Und sie hatten herausgefunden, was es mit dem Verschwinden von Dingen auf dieser Insel auf sich hatte.
    Und nicht zuletzt hatte er seine Uhr wieder. Puccio griff sich zufrieden an seine Brusttasche.
    Die Tasche war leer.
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    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Noch bevor sie Land sahen, sahen sie die Vögel. Riesige Schwärme, die vor ihnen in die Luft stiegen und die hoch über den Masten der Ameriga kreisten. Rote, blaue, grüne und schwarze Vögel, so zahlreich, dass das ganze Schiff in ihren Schatten getaucht wurde, wenn ein Schwarm über sie hinweg flog.
    Dann tauchten niedrige Berge vor ihnen auf. Und bald schon tat sich vor ihnen eine Bucht auf, aus der ein Wasserfall sich ins Meer ergoss. Puccio wählte eben jene Bucht, um dort vor Anker zu gehen.
    Die Bucht entsprach der Beschreibung, die er aus den Aufzeichnungen von Kapitän Arboreos zweiter Reise kannte, und der Breiten- und Längengrad stimmten auch mit dem überein, was der Entdecker vor vierzig Jahren notiert hatte. Dies musste die Insel sein, auf die Arboreo auf seiner zweiten Fahrt gestoßen war und die er Takarigua getauft hatte. Puccio hatte die Beschreibungen der Insel und ihrer Erkundung studiert. So wusste er auch, dass Arboreo sie sehr gründlich durchkämmt und nirgendwo lebendige Menschen gefunden hatte.
    „Aber ihre Überreste“, erinnerte Alexander ihn. „In Arboreos Aufzeichnungen ist von alten Bauwerken die Rede. Und die könnten uns einige Aufschlüsse geben. Ich würde sie gerne einmal untersuchen.“
    Puccio stimmte zu, einige Tage auf der Insel zu verweilen. Und während Wilhelm Alexander sich daran machte, die alten Bauten von Takarigua zu untersuchen, und Ebert Peysing, überwältigt von der Artenvielfalt hier, sich abermals seinem Steckenpferd widmete, vertiefte Puccio sich wieder in die Aufzeichnungen des Mannes, in dessen Fußstapfen sie sich bewegten.

    Anno Ignis 932, 24.9.
    Die Insel mit ihrem seltsamen Donner haben wir hinter uns gelassen, doch nun ereignet sich etwas, das auch mich beunruhigt: Die Kompassnadel zeigt nicht mehr nach Norden. Und es scheint, dass, je weiter wir fahren, sie stärker vom Nordstrich abweicht. Ich habe niemandem hiervon erzählt, um die Männer nicht noch weiter zu beunruhigen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 26.9.
    Die Offiziere haben die Abweichung der Kompassnadel mittlerweile ebenfalls bemerkt und mich zur Rede gestellt. Die Mannschaft ist nun in heller Aufregung und überzeugt, dass wir in Gefilde vorgedrungen sind, in denen die Grundgesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind. Ich konnte die Männer vorläufig beruhigen: Ich erzählte ihnen, dass die Nadel nicht, wie sie glaubten, vom Nordstern angezogen werde, sondern von einem Punkt hier auf unserer Erde. Ich bin selbst nicht ganz sicher, was diese Erklärung anbetrifft. Doch mein Ruf als geschulter Astronom verlieh ihr die nötige Autorität und konnte die Mannschaft vorerst beruhigen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 29.9.
    Die Stimmung an Bord wird schlechter mit jedem Tag, der verstreicht, ohne dass wir Land entdecken. Mittlerweile werden selbst die Offiziere immer unruhiger. Ramírez, Juarez und Ferone haben mich heute beschworen, umzukehren. Wir hätten zumindest die Donnerinsel entdeckt, argumentierten sie. Wir würden also nicht völlig ohne Erfolge zurückkehren. Doch was ist schon die Donnerinsel? Ein kleines, götterverlassenes Eiland inmitten des riesigen Ozeans. Können wir zurückkehren, vor den Herzog und vor die Menschen treten, solange wir nicht mehr vorzuweisen haben, als diese einsame Insel? Ich bin sicher, dass es nicht mehr weit ist. Jeden Tag rechne ich damit, dass wir die Südlichen Inseln endlich erreichen. Erst gestern trieb ein Ast an uns vorbei. An diesen erinnerte ich auch die Offiziere. Er ist ein sicheres Zeichen, dass die Küste nicht weit von hier entfernt sein kann.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 3.10.
    Nun dreht auch noch der Wind. Unsere Fahrt wird dadurch weiter verlangsamt. Zumindest, solange wir nach Süden segeln, bemerkte Ramírez. Segelten wir hingegen nach Norden, kämen wir schneller voran denn je. Einige der Männer halten dies für ein sicheres Zeichen der Götter. Es sei Menschen nicht bestimmt, in diese Gefilde vorzudringen, sagen sie, die Götter wollten unsere Umkehr. Habe derartiges Gerede bei Androhung der Peitsche untersagt.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 4.10.
    Weiterhin kein Land in Sicht. Die Männer werden immer unruhiger. Unsere Vorräte sind zwar noch mehr als ausreichend, dennoch scheinen sie überzeugt, dass wir früher oder später alle hier draußen auf dem endlosen Ozean umkommen werden.
    Wieder zog ein Schatten am Schiff vorbei. Diesmal habe ich ihn auch gesehen und bin sicher, dass es sich um einen Wal handelt. Doch die Männer hat er sehr erschreckt.
    Ich kann nur immer wieder auf die Äste von Bäumen und anderen Pflanzen hinweisen, die mitunter an uns vorbeitreiben, und hoffe, dass dies die Männer überzeugt, dass wir schon bald auf Land stoßen werden.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 7.10.
    Don Pinzo war fest überzeugt, von der Espada aus Land zu sehen. Wir wollten schon aufatmen, doch es scheint sich bloß um eine niedrig hängende Wolkenbank gehandelt zu haben. Nun sind die Männer wieder niedergeschlagen und entmutigt.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 10.10.
    Ich bin fasziniert von dem völlig neuen Sternenhimmel, der sich über uns aufgetan hat. Welch eine Vielzahl unbekannter Gestirne und Konstellationen! Eine von ihnen scheint einer Flamme zu gleichen. Das Feuer des Südens haben die Männer sie getauft. Sie halten dies für ein Zeichen Innos‘. Nun, sollen sie, wenn es ihnen Mut macht!


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 17.10.
    Schon seit gestern ist die Mannschaft ausgesprochen unruhig. Matrosen wie Offiziere haben heute von mir verlangt, umzukehren. Sie schienen nur kurz vor einer Meuterei zu stehen. Ich habe Don Francisco, der schließlich immer gut mit den Männern umgehen konnte und ein Händchen dafür hatte, sie zur Ordnung zu rufen, gefragt, was seiner Meinung nach zu tun sei. Er riet mir, ein halbes Dutzend der Männer aufknüpfen und ins Meer werfen zu lassen und die übrigen daran zu erinnern, dass wir einem großen Fürsten dienen und es sich nicht geziemt, diesen so schmählich zu enttäuschen. Ich habe über diesen Vorschlag nachgedacht. Noch scheint ein nicht unbeträchtlicher Teil der Mannschaft uns die Treue zu halten, besonders unter denjenigen Matrosen, die beim Handelshaus der Alonsos angestellt sind. Und der übrige Teil scheint noch nicht derart verzweifelt, dass er eine Meuterei um jeden Preis wagen würde. Es ist möglich, dass diese Tat sie für einige weitere Tage oder Wochen einschüchtern würde. Doch was dann? Wenn die Gemüter sich einmal genug erhitzt haben und die Verzweiflung erst groß genug ist, wird auch solches die Männer nicht mehr zurückhalten. Im Gegenteil, einige der ihren zu erhängen, könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, und eine offene Meuterei provozieren.
    Innos selbst hat meine Gebete erhört, so scheint es. Just da die wütenden Männer auf mich einredeten und ich sie zur Räson zu bringen versuchte, flog ein Vogel über unsere Köpfe hinweg. Ich wies auf ihn und setzte den Männern in aller Eindringlichkeit auseinander, dass ein Vogel sich niemals allzu weit von einer Küste entfernen würde. Das scheint sie überzeugt zu haben, und ein jeder ging wieder auf seinen Posten. Doch wenn wir nun nicht innerhalb der nächsten Tage Land entdecken, fürchte ich das Schlimmste.
    Wenngleich ich Don Franciscos Rat in Bezug auf die Mannschaft vorerst nicht gefolgt bin, so folge ich ihm doch jetzt, da er mir auf Grund der Richtung, aus der die meisten Zweige an uns vorbeitreiben, zu einer Kursänderung rät. Möge diese uns endlich zur ersehnten Küste bringen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 20.10.
    Ich danke Innos, dass ich abermals eine Meuterei abwenden konnte. Und doch fürchte ich, dass es das letzte Mal gewesen sein wird. Es ist mehr als einen Monat her, dass wir die Islas Olvidadas verließen. Und abgesehen von der Donnerinsel haben wir seitdem kein Land gesehen. Niemand auf dieser Fahrt hat jemals so viel Zeit auf dem offenen Meer verbracht, ohne wenigstens am Horizont dann und wann Land gesehen zu haben. Die Männer sind erschöpft und entmutigt. Sie wollen nachhause, sprechen mit Sehnsucht von ihren Frauen und Kindern. Ich habe auf sie eingeredet und ihnen erklärt, wie nutzlos alles Klagen und Murren sei. Außerdem habe ich versucht, ihnen das Land, das wir, so Innos will, bald finden werden, möglichst schmackhaft zu machen, habe von den großen Schätzen, den köstlichen Früchten und den schönen Frauen gesprochen, die uns auf den Südlichen Inseln erwarten werden, habe ihnen auch versichert, dass das Land nicht mehr weit entfernt sein kann, während eine Umkehr zum jetzigen Zeitpunkt einen weiteren Monat auf offener See hieße, bevor wir auch nur die Donnerinsel erreichen würden. Mithilfe der Alonsos, die mir zur Seite standen, und einiger der Offiziere konnte ich alle überzeugen, mir eine Frist von weiteren drei Tagen einzuräumen. Sollten wir binnen dieser Zeit kein Land sichten, so versprach ich den Männern, würden wir umkehren.


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    Anno Ignis 932, 21.10.
    Seit heute Morgen ist der Wellengang stärker, jedoch ohne dass es Anzeichen für einen Sturm gäbe. Die unruhige See hat weiteres Treibgut in unsere Richtung getrieben. Blühende Zweige. Sogar ein eindeutig von Menschenhand bearbeiteter Stab. Wir müssen den Südlichen Inseln nun sehr nahe sein! Gegen Abend tauchte Schilfgras vor uns auf. Ich gab Befehl, das Lot herabzulassen. Das Wasser ist nicht mehr tief.
    Nun glaubt jeder, dass das Land unmittelbar vor uns sein muss. Der Unmut und die Angst der Männer sind wie weggeblasen. An ihre Stelle sind Freude und gespannte Erwartung getreten. Jeden Moment könnte nun der Ruf erschallen, dass jemand Land gesichtet hat.
    Am Abend hielt ich eine Rede vor versammelter Mannschaft. Ich erinnerte sie an die Bedeutung unserer Reise. Was es für die Westmark und für ganz Myrtana heißen wird, eine neue Route zu den Südlichen Inseln zu finden. Und ich ermahnte jeden, der die Wache hat, diese ernst zu nehmen. Demjenigen, der zuerst Land sichten würde, versprach ich eine große Prämie.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 22.10.
    Gepriesen sei Innos, der Barmherzige und Gerechte! Um zwei Uhr in der Nacht erklang der Ruf vom Bug der Fuego, die zu vorderst fuhr. Der Matrose Triano Rodriguez hatte Land gesichtet.
    Und was für ein paradiesisches Land dies ist! Ein Strand so weiß wie die Unschuld, saftiges grünes Gras, hohe Palmen und eine Unzahl von Vögeln in allen Farben des Regenbogens. Die Männer jubelten und priesen Innos, dass er über uns gewacht hat, und Adanos für die sichere Fahrt. Wir fanden Bananen und andere, uns gänzlich unbekannte, aber ausgesprochen schmackhafte Früchte. Ich lasse die Männer nun mit diesen unsere Vorräte auffüllen. Auch einige der Vögel hier konnten wir schießen. Und einige der Männer haben in dem ungewöhnlich klaren Wasser, durch das man mühelos auf den Grund schauen kann, Fische gefangen. Einzig Wasser fehlt uns noch. Doch noch reichen unsere Vorräte für eine lange Zeit, ich bin also zuversichtlich, dass wir rechtzeitig eine Quelle finden werden, jetzt da wir auf Jazirat al-Muluk sind.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln

    Nachtrag: Wir sind auf Menschen gestoßen. Sie haben dunkle Haut, was mich noch einmal versichert, dass wir tatsächlich auf den Südlichen Inseln sind. Offenbar haben sie uns schon eine Weile lang heimlich beobachtet. Sie wirken scheu, doch zugleich neugierig. Als wir sie entdeckten, zogen sie sich zunächst weiter zwischen die Bäume zurück, da wir jedoch keine Aggressionen zeigten, kamen sie wieder hervor. Die Molukken scheinen ihre Körper mit weißer Farbe zu bemalen und sich mit Federn zu schmücken. Kleidung tragen sie kaum. Und so waren sie von der unseren, ebenso wie von unseren Waffen und den Schiffen höchst beeindruckt. Zwar verstehen sie kein Wort von dem, was wir sagen, doch sie wiederholen vieles und scheinen begierig sein, zu lernen. Schon jetzt haben wir ihnen durch zeigen erste Wörter beigebracht. Sie werden der myrtanischen Krone gefügige Untertanen sein.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 23.10.
    Die Wilden haben uns einen Bach gezeigt, der ungefähr drei Meilen westlich von hier ins Meer fließt. So konnten wir unsere Wasservorräte wieder füllen.
    Ich habe ihnen von den Geschenken gegeben, die wir mitgebracht haben. Natürlich nicht von den richtigen Geschenken, jenen, die seine Hoheit Herzog Enrique dem Mogul von Ariabia und der Ariabischen Liga entsendet. Stattdessen gaben wir ihnen Glasperlen, Messingglöckchen und bunte Mützen. Die Wilden, nicht fähig, den Wert einer Sache zu erkennen, wirkten über die Maßen entzückt und gaben uns im Gegenzug Gold, Jade, Baumwolle, zahme Papageien und hühnerartige Vögel, von denen ich einen braten ließ, welcher ganz vorzüglich schmeckte. Das Gold ist wenig, und doch ist es ein Zeichen der Schätze, die hier auf den Südlichen Inseln unserer harren mögen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 24.10.
    Ich habe beschlossen, hier nicht lange zu verweilen, sondern ostwärts entlang der Küste zu segeln. Ich will sehen, ob es auf dieser Insel mehr gibt als bloß Wilde, und andernfalls zur nächstgelegenen Insel des Archipels aufbrechen. Ich habe beschlossen, sechs der hiesigen Molukken mitzunehmen, auf dass sie die Sprachen der Westmark und Myrtanas lernen und wir sie seiner Hoheit dem Herzog präsentieren mögen. Das Volk der Molukken ist ein fügsames Volk von schlichtem Gemüt. Sie werden gute Sklaven abgeben, wenn die Krone dieses Land dereinst erobert, und es dürfte nicht schwer sein, sie zu Innos zu bekehren, denn nicht nur sind sie gefügig, sie scheinen auch keine Religion zu haben, die man ihnen austreiben müsste.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln
    Jünger des Xardas is offline Last edited by Jünger des Xardas; 04.10.2015 at 22:33.

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    Der Wind trug ihm die Klänge von Ich hab ein Mädchen in Trelhaven und ein Mädchen in Laran entgegen, einem beliebten Seemannslied, dessen Text mittlerweile sicher jeder Teilnehmer ihrer Expedition auswendig kannte, als man ihn vom Schiff an den Strand ruderte.
    Kommandant Cortez wartete bereits auf ihn. Er rief ihm etwas zu, noch bevor das Boot das Ufer erreicht hatte, doch seine Worte gingen im lauten Grölen von „Ich hab ein Mädchen in Khorana, die hat nur noch ein Bein. Doch Brüste hat sie zweie, drum ist hier alles fein!“ unter.
    „Gut, dass Ihr endlich kommt, Capitán“, empfing Cortez ihn, als der Bug des Bootes sich in den Sand grub und Puccio ins nur noch knöcheltiefe Wasser sprang.
    „Ich hab ein Mädchen in Kavaros, die hat’n hässliches Gesicht. Ich nehme sie von hinten, dann sehe ich es nicht!“
    Der Soldat machte ein zerknirschtes Gesicht. „Sie haben schon sämtliche Städte des Festlands durch.“
    Puccio lachte. „Dann brechen wir lieber rasch auf, bevor wir auch noch alle Inseln zu hören kriegen.“
    „Ich hab ein Mädchen in Talais, die hat keine Zähne mehr. Dafür hat sie ’ne Zunge, das freut das Herz doch sehr!“
    Sie schritten durch das Lager. Der Geruch eines frisch gebratenen Warzenschweins stieg Puccio in die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, auch wenn er selbst gerade erst sein Mahl beendet hatte. Sie hatten dieses Tier, von dem schon Arboreo in den Aufzeichnungen seiner zweiten Reise berichtete, hier auf Takarigua gefunden und schnell angefangen, Jagd auf es zu machen.
    „Ich hab ein Mädchen in Khorelius, die hat noch ihre Unschuld. Ich steck ihn in die andre Spalte, auf dass sie sie behalte!“
    Als sie an dem Feuer vorbeigingen, entdeckte Puccio ein rundes braunes Etwas, das unter dem Schwein in den Flammen lag. Wollten sie jetzt also sehen, ob Feuer die Schale zum Platzen brachte?
    Diese Nüsse hatten sie an einigen Bäumen der Insel gefunden. Erst hatten sie sie probieren wollen, da sie äußerlich ein wenig Kokosnüssen glichen, doch es hatte sich herausgestellt, dass sie im Gegensatz zu Kokosnüssen steinhart und die Schalen nicht zu knacken waren. Peysing hatte das fasziniert und er hatte sich einige Notizen gemacht. Für Puccio war die Sache damit erledigt gewesen. Einige der Männer aber hatten sich als stur erwiesen und weiterhin versucht, die Nuss zu knacken. Akasso, der stärkste Mann an Bord, der noch jeden im Armdrücken besiegt hatte, hatte es versucht – außer dass sein Kopf sich vor Anstrengung rot gefärbt hatte, war nichts passiert. Sie hatten mit einem Hammer auf die Nuss eingeschlagen – der Hammer war kaputt gegangen. Jemand war auf einen der umliegenden Felsen geklettert und hatte die Nuss herabgeworfen – der Fels hatte einen Riss, wo sie aufgeschlagen war, doch mehr war nicht geschehen. Es schien, dass jeder fehlgeschlagene Versuch den Ehrgeiz der Männer nur weiter anfachte. Puccio hatte mit einigem Befremden mitbekommen, dass sie mittlerweile Wetten abschlossen und demjenigen, der sie knackte, ein Preis winkte.
    Am Rande ihres Lagers hielten zwei von Cortez‘ Männern Wache. Ihre Eskorte bestand aus weiteren zwei Soldaten, die das Gespräch mit ihren Kameraden nun unterbrachen und sich ihnen anschlossen.
    „Es ist gut, dass wir endlich weitersegeln“, befand Cortez. „Auf dieser Insel gibt es rein gar nichts.“
    „Alexander und Peysing sehen das anders.“
    „Gelehrte Männer.“ Rodrigo Cortez spuckte aus. „Nichts für ungut“, fügte er dann hinzu. Zweifellos hatte er sich erinnert, dass sein Kapitän auch nicht völlig ohne Bildung und nicht bloß ein Hidalgo und Ritter, sondern auch ehemaliger Student der Universität von Cadua war. „Aber für mich ist das alles Zeitverschwendung. Der eine rennt irgendwelchen Tieren über die halbe Insel nach und jetzt begafft der andere auch noch irgendwelche heidnischen Tempel.“
    „Vergesst nicht, dass das Begaffen heidnischer Tempel wesentlicher Bestandteil unserer Mission ist, Comandante“, ermahnte Puccio den Soldaten. „Doktor Alexander ist ein Experte, was die Südlichen Inseln angeht. Vor dem Orkkrieg war er selbst eine Zeit dort und diente unter Vizekönig von Trelis und Vizekönig Hohenbergen. In den letzten Jahren hat er an der Gelderner Universität über Sprache und Kultur der Südlichen Inseln doziert und sich sehr um die Übersetzung der kitaischen Mystiker bemüht. Und seine Hoheit hat ihn uns genau wegen dieser Expertise mitgegeben. Wenn jemand feststellen kann, ob wir uns hier auf den Südlichen Inseln befinden oder nicht, dann er. Und dafür muss er nun einmal heidnische Tempel begaffen, wie Ihr euch auszudrücken beliebt.“
    Sie sammelten zuerst Ebert Peysing auf. Der Arzt hatte sein Lager ungefähr vier Wegstunden von ihrem Hauptlager entfernt aufgeschlagen. Einer von Cortez‘ Männern beschützte ihn und er wurde zudem von einem Matrosen und zwei der Schiffsjungen begleitet, die ihm bei der Arbeit zur Hand gingen. Schon von weitem war das kleine Camp leicht auszumachen, denn von dort drang das laute Rufen, Kreischen, Schnattern und Krächzen zahlloser Tierstimmen an ihre Ohren. Rund um die zwei Zelte und das Lagerfeuer standen diverse hölzerne Käfige. Darin hockten Vögel in allen Farben, ein kleines weißes Äffchen, Echsen und kleine Nager.
    „Ich sehe, Ihr wart fleißig“, begrüßte Puccio den Arzt.
    Peysing erhob sich vom Boden, wo er mit der Lupe einen in einem Glas gefangenen Schmetterling begutachtet hatte. „Es ist unglaublich, wie viele unbekannte Arten es hier gibt. Ich kann kaum erwarten, mit meinen Erkenntnissen nach Geldern zurückzukehren.“
    „Ich hoffe, Ihr plant nicht, all diese Tiere mitzunehmen. Wir können das Schiff nicht in einen Tierpark verwandeln.“
    Peysing seufzte. „Es ist ein Jammer. Aber nein, mir ist natürlich klar, dass wir die meisten von ihnen freilassen müssen. Und ob die, dir wir mit uns nehmen, bis Myrtana durchhalten, ist auch fraglich. Die meisten werden an Bord wohl eingehen. Dennoch, der Erkenntnisgewinn ist enorm. Und schon eine einzige neue Art wäre in Geldern eine Sensation.“
    Die Tiere machten sich kreischend, schreiend, schnatternd und krächzend davon, als sie die Käfige öffneten und sie in die Freiheit entließen. Peysing behielt lediglich den Affen, einige Käfer und zwei bunte Papageien.
    Auf dem Rückweg machten sie einen Umweg, der sie zu der Ruine führte, die Doktor Alexander nun seit drei Tagen untersuchte.
    Es war ein nicht allzu großes Gebäude. Eckig, mit flachem Dach und an den Berg in seinem Rücken geschmiegt. Die Wände waren behauen und von Reliefs verziert, die menschenähnliche Figuren, Tiere und Fabelwesen zeigten. Welches Volk auch immer diesen Bau errichtet haben mochte, seine Kunst war eine klobige und grobe, der Puccio nicht viel abgewinnen konnte und die nichts von dem Realismus und den eleganten Formen der klassischen Myrtatkunst hatte.
    Die beiden Soldaten, die zu Alexanders Schutz abgestellt waren, hockten gelangweilt an einem Feuer etwas abseits des Gebäudes. Der Gelehrte dagegen untersuchte die Steinplatte, die den Eingang verschloss, während er sich seinen Zwicker vor die Augen hielt. Eine humanoide Figur mit um den Körper geschlungenen Armen und einem Kopf, der einem Totenschädel glich, war in den Stein gemeißelt.
    Wilhelm Alexander blickte auf, als sie sich näherten. „Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass wir in Bälde aufbrechen?“, fragte er. „Oder was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?“
    „Eure Annahme ist ganz richtig“, bestätigte Puccio. „Es ist an der Zeit, dass wir endlich wieder in See stechen und die Costa Espada ansteuern. Ich glaube nicht, dass wir noch viel mehr Erkenntnisse gewinnen werden, wenn wir noch länger hier bleiben.“
    Alexander schüttelte den Kopf, während er den Zwicker in seine Brusttasche schob. „Davon ist nicht auszugehen. An dem, was ich Euch vorgestern bei Eurem letzten Besuch sagte, hat sich nichts geändert: Dieser Stil ist mir gänzlich unbekannt. Ich wünschte, ich könnte einige der Schriftzeichen übersetzen. Das wäre gewiss sehr aufschlussreich. Aber einige Tage länger hier zu verbleiben, würde mich einer Übersetzung auch nicht näher bringen.“
    „Aber Ihr seid sicher, dass dieser Bau nicht von Südländern errichtet wurde?“
    Alexander hob abwehrend eine Hand. „Das habe ich nicht gesagt. Ihr habt keine Vorstellung von der Größe und Diversität der Südlichen Inseln. Antike Autoren wie Agatophanes oder Eupokrates bezeichnen sie als die Südlichen Kontinente, und mit gewissem Recht, will ich meinen. Die kulturellen Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden Ariabias oder zwischen Kitai und Suma sind so groß wie die zwischen Nordmar und Myrtana, womöglich größer. Dass dieses Bauwerk keinem gleicht, das ich kenne, kann also bestenfalls ein Indiz sein.“
    Puccio nickte versonnen. „Gut, ein Indiz also. Aber es kommen mehr und mehr davon zusammen, nicht wahr?“
    „Oh, zweifellos. Apropos, was machen Eure Indizien, Doktor Peysing?“ Mit interessiertem Gesicht wandte Alexander sich dem Arzt zu.
    „Wenn Ihr damit die neuen Arten meint, ich zähle bisher sieben, bei denen ich mir recht sicher bin. Dann sind da noch weitere Tiere, die der Wissenschaft definitiv gänzlich unbekannt sind, aber bei denen ich mir noch unsicher bin, um wie viele unterschiedliche Arten es sich wirklich handelt. Ich habe da zwei Vögel gefangen, die ich zunächst für völlig unterschiedliche Spezies hielt, bei denen es sich aber offenbar bloß um Männchen und Weibchen handelt. Ähnlich verhält es sich mit vielen der Insekten, die wir einfingen. Es ist schwierig, festzustellen, ob man beispielsweise zwei Arten von Ameisen oder Arbeiter und Krieger ein und derselben vor sich hat. Und natürlich konnten wir nicht alles einfangen und genauer untersuchen, was wir entdeckten. Wenn ich allein an alle Insekten oder Vögel zurückdenke, die ich in den letzten Tagen gesehen habe... Innos weiß, wie viele Arten es hier genau gibt.“
    Alexander nickte versonnen. „Und keine dieser Arten ist von den Südlichen Inseln bekannt.“
    „Die Wissenschaft weiß leider viel zu wenig, über die Südlichen Inseln“, gab Peysing zu bedenken. „Das allein muss noch nichts heißen.“
    „Allein nicht, aber wir können es als weiteres Indiz verbuchen. Insbesondere da ich selbst während meines eigenen Aufenthalts auf den Südlichen Inseln die hiesigen Geschöpfe weder gesehen, noch von ihnen gehört habe.“
    „Vielleicht gibt es sie nur auf dieser Insel?“, warf Paco ein, einer der Schiffsjungen. „Also“, fügte er rasch hinzu, als sich ihm die Blicke zuwandten, „nicht auf den anderen Südlichen Inseln. Und darum habt Ihr sie nicht gesehen.“
    „Eine Möglichkeit, die wir in Betracht ziehen müssen“, stimmte Doktor Peysing nickend zu. „Nach allem, was wir wissen, unterscheiden sich Flora und Fauna der einzelnen Südlichen Inseln teilweise sehr stark. Allerdings ist Takarigua zu klein für eine derart einzigartige Tierwelt. Speziell größere Tiere wie die Warzenschweine... Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich einzig hier auf dieser Insel entwickelt haben. Wahrscheinlicher ist, dass wir zumindest auf den benachbarten Inseln auf dieselben Tiere stoßen werden.“
    „Da Ihr gerade von denselben Tieren auf anderen Inseln sprecht“, setzte Alexander an und lenkte damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Wir haben Spuren entdeckt, bei denen ich mich doch sehr täuschen müsste, wenn es sich nicht um die eines Gnoms handelt.“
    Puccio runzelte die Stirn. „Ihr meint, es gibt sie hier auf Takarigua? Arboreo hat die Insel damals recht gründlich durchkämmt und keine gefunden.“
    „Und was vielleicht noch wichtiger ist“, fügte Peysing lachend hinzu, „bisher hat sich noch niemand an unseren Habseligkeiten zu schaffen gemacht.“
    „Was mich zu dem Schluss bringt, dass die Gnome nicht auf dieser Insel beheimatet sind, dafür aber eventuell auf einer anderen, nahegelegenen. Da Gnome sowohl auf den Vergessenen Inseln, als auch auf Taranis vorkommen, müssen wir wohl davon ausgehen, dass sie zur See fahren oder doch wenigstens einst zur See gefahren sind. Es ist damit durchaus denkbar, dass einzelne Gnome sich vorübergehend auf dieser Insel aufgehalten haben, ohne dass es hier einen ihrer Stämme geben muss. Wenn ich mich nicht sehr täusche, ist die Spur, die wir fanden, bereits älter, könnte der Gnom also schon vor einiger Zeit hier vorbeigekommen sein und die Insel bereits wieder verlassen haben.“
    Ebert Peysing legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. „Es wäre durchaus möglich, dass die Gnome ein weiteres Indiz sind. Bisher glaubte die Wissenschaft, diese Kreaturen kämen nur auf den Vergessenen Inseln vor. Dass das falsch ist, haben wir bereits festgestellt. Es wäre durchaus möglich, dass ihre ursprüngliche Heimat hier auf diesen Inseln oder noch weiter südlich liegt und dass sie sich im Laufe der Zeit immer weiter nach Norden ausgebreitet haben. Wo habt Ihr die Spuren gefunden?“
    „Oh, gleich hier drüben.“ Alexander wies auf einen hohen und dichten Busch, der an einem Ende der Mauer emporwuchs. „Es würde mich wenig überraschen, wenn der Gnom diesen Bau nach Stehlbarem abgesucht hätte“, führte er weiter aus, während er Peysing und die anderen zu dem Busch hin führte. „Hier...“ Wilhelm Alexander schob die Zweige mit einer Hand beiseite. Im nächsten Moment stürzten er und Peysing zurück und ein großer grauer Felsblock stürzte ihnen brüllend nach.
    Sie alle stoben auseinander, als der Felsblock, der gar keiner war, wütend aus dem Gebüsch hervorgerannt kam, mit panischem Brüllen vor dem Lagerfeuer bremste, herumfuhr und dann wieder direkt auf sie zutrampelte. Puccio schlug schmerzhaft auf der harten Erde auf, als er sich zur Seite warf und nur um Haaresbreite dem mächtigen Horn auf der Schnauze des Tieres entging.
    Man musste Kommandant Cortez zugutehalten, dass er sofort zwischen das Tier und Peysing sprang und es mit seiner Pike von dem Arzt fernhielt, während er zugleich Befehle an seine Männer bellte. Diese brauchten einige Augenblicke länger, um sich aufzurappeln und in den Kampf zu stürzen. Dann aber kamen auch sie herbeigerannt und drängten den Koloss mit ihren Piken gegen die Wand des Gebäudes hinter ihm. Das Tier brüllte, stampfte und warf den klobigen Kopf in alle Richtungen.
    Puccio glaubte schon, die Soldaten hätten die Kreatur im Griff, da rammte einer von ihnen dem Wesen seine Pike in die Flanke. Es schrie und warf sich so heftig herum, dass dem Soldaten seine Waffe aus der Hand gerissen wurde. Der Schaft einer anderen Pike zerbrach, als das Wesen sich blindlings dagegen warf. Es brüllte abermals auf, als die Spitze seine dicke Haut aufriss. Angstvoll wichen die Soldaten zurück.
    „Nehmt die Armbrüste!“, brüllte Cortez seine beiden entwaffneten Männer an. Diese rannten zurück, um einigen Abstand zwischen sich und ihren Gegner zu bringen, gingen dann in die Hocke und luden ihre Armbrüste. Cortez versuchte derweil mit den anderen Männern, die immer wildere Bestie in Schach zu halten.
    Puccio wollte etwas tun, irgendwie helfen. Doch mit seinem Degen auf das Ungetüm loszugehen, wäre Wahnsinn gewesen. Sein Blick zuckte in alle Richtungen. Dort stürmte der Schiffsjunge Emilio davon, offenbar nur bestrebt, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und das Monstrum zu bringen. Hier kauerte Doktor Alexander am Boden und hielt sich die Seite, den Blick starr auf den Kampf geheftet. Und dort, dort lag Paco und rührte sich nicht.
    Puccio stürmte zu ihm. In seinem Rücken brüllte das Untier abermals auf. Die Soldaten schrien und riefen durcheinander. Er warf sich neben dem Jungen auf den Boden. „Paco! Paco, hörst du mich?!“ Wieder erklangen Schreie und Rufe in seinem Rücken. „Verdammt noch mal, Paco, sag etwas!“ Er schüttelte ihn. „Peysing! Peysing, wo seid Ihr?!“
    Der Arzt kam tatsächlich angerannt, als er ihn rief. Jedoch nicht, um nach dem Jungen zu sehen. „Zur Seite!“, brüllte er, stürzte sich auf Puccio und riss ihn um. Keine Sekunde zu spät, denn schon stürmte das Ungetüm über die Stelle, an der er eben noch gekniet hatte, wobei nicht viel gefehlt hätte und sowohl Puccios Bein als auch Pacos Hand wären unter einem der schweren Füße zerquetscht worden.
    Die Bestie war endgültig rasend geworden. Und als Puccio aufsah, erkannte er, warum: Ein Bolzen ragte ihr aus dem Auge. Er griff sich benommen an die Schläfe, mit der er auf dem Boden aufgeschlagen war und die nun schmerzhaft pochte. Blut klebte an seinen Fingern, als er sie wieder vors Gesicht führte. Dann fiel sein Blick wieder auf den Schiffsjungen. Peysing kniete bereits über Paco und schien seine Seite zu befühlen.
    „Ist er am Leben?“, fragte Puccio, indem er sich aufrichtete und wieder herbeistürzte.
    Ein Stöhnen des Jungen beantwortete seine Frage. Beinahe sofort wurde es von einem lauten Brüllen, einem letzten verzweifelten Todesschrei übertönt. Puccio riss den Kopf herum und sah, dass das kolossale Tier zusammengebrochen war. Noch immer ragte eine Pike aus seiner Seite. Dazu hatten sich fünf Bolzen in seinen Körper gebohrt, einer davon mitten durchs Auge. Über dem grauen Fleischberg stand Kommandant Cortez und keuchte, sein Rapier hatte er durch den Hals des geschwächten Ungetüms gebohrt.
    „Das sieht nicht gut aus“, murmelte Peysing, der den Blick nicht von seinem Patienten abgewandt hatte. Ebenso wie dem Kommandanten musste man dem Schiffsarzt seine Professionalität zugutehalten. Er verschwendete keinen Blick an das fremde Tier, untersuchte es nicht eifrig und verkündete auch erst Tage später rückblickend, dass sie es seiner Meinung nach mit einem Verwandten des gemeinen myrtanischen Hornrammers zu tun gehabt hatten. In diesem Moment widmete er sich ganz und gar Paco. Der Schiffsjunge war von dem Monstrum umgerannt worden und hatte zahlreiche gebrochene Rippen.
    Peysing ließ sich seine Tasche bringen, flößte dem Jungen einen starken Heiltrank ein, verband ihn und schickte die Männer aus, um Äste von den umliegenden Bäumen zu schneiden und eine notdürftige Trage zu bauen.
    Puccio sprach unterdessen mit Kommandant Cortez über den zurückliegenden Kampf. Beide kamen überein, dass sie sich nicht noch einmal derartig überrumpeln lassen durften. Dieses fremde Land, das sie erforschten, war nicht ungefährlich, das war ihnen überdeutlich vor Augen getreten.
    Die Sonne verschwand bereits hinterm Horizont, als sie endlich aufbrachen. Zwei der Soldaten trugen Pacos Trage, die übrigen Männer schleppten die Tierkäfige und die Ausrüstung der beiden abgebrochenen Lager. Der Marsch zurück war ein schweigsamer, die Stimmung eine völlig andere als noch am Morgen. Peysing hatte vorerst getan, was möglich war. Doch ob Paco durchkomme, sei noch völlig ungewiss, erklärte er. Und so erleichtert ein jeder war, heil davongekommen zu sein, hing doch die Sorge um den Schiffsjungen den ganzen Weg über über ihnen.
    Als sie die kurze Schlucht erreichten, die zu ihrer Bucht führte, wurden sie von einem lauten Knall begrüßt.
    Die Männer hatten die steinharte Nuss mit einer Kanone gegen den Berg gefeuert.
    Jünger des Xardas is offline

  8. #8 Reply With Quote
    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Die Stimmung an Bord hatte durch Pacos Unglück einen deutlichen Dämpfer erfahren. Während Ebert Peysing versuchte, das Leben des Schiffsjungen zu retten, verbrachte Puccio die meiste Zeit auf der Fahrt von Takarigua zur Schwertküste damit, die Aufzeichnungen Kapitän Arboreos zum wiederholten Male durchzublättern, wobei er jedoch immer wieder Passagen nur überflog oder ganz ignorierte.

    Anno Ignis 932, 21.11.
    Wir kommen weiterhin langsam voran. Immer wieder lasse ich vor Anker gehen und für einen Tag oder zwei das Land erkunden. Auf Molukken sind wir nur selten gestoßen; die Insel scheint nicht dicht besiedelt zu sein. Dafür entdecken wir umso mehr wunderliche Tiere. Angesichts der vielen Tiere und Früchte sind unsere Vorräte stets gut gefüllt. Auch Wasser finden wir immer wieder, denn es gibt hier zahlreiche Quellen und Flüsse, die ins Meer fließen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 22.11.
    Wie schon fast einen Monat lang sind wir auch heute entlang der Küste nach Osten gesegelt. Heute jedoch erreichten wir ein Kap. Die Küstenlinie verläuft weiter nach Süden. Ich gab Befehl, das Kap zu umsegeln und der Küste weiter zu folgen, doch Francisco hat meinen Befehl ignoriert und die Fuego aufs offene Meer hinausgesteuert.
    Sein Bruder versichert mir, Francisco habe gewiss bloß das Kommando übersehen, doch warum sollte er seinen Kurs dann gehalten und nicht beigedreht haben, als er erkannte, dass die Santa Isabella und die Espada ihm nicht folgen? Francisco Alonso hat offenen Verrat begangen! Und er wird sich dafür verantworten müssen, wenn die Zeit kommt. Doch nicht heute. Ich habe beschlossen, ihn nicht zu verfolgen, sondern weiter dieses Land zu erkunden.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 23.11.
    Ich traue Don Pinzo nicht. Er ist zwar nicht davongesegelt wie sein Bruder, aber ich fürchte, dass die Alonsos unter einer Decke stecken.
    Meine Wut über Franciscos Verrat ist noch immer nicht abgeklungen. Im Gegenteil, sie ist nur gewachsen. Es war ganz sicher Verrat! Kein Wind, keine Strömung, kein schlechtes Wetter hat ihn auf diesen Kurs gebracht. Er hat ohne jede Not einen Befehl verweigert. Und das aus keinem anderen Grund als Gier! Einer der Molukken, die ich ihn auf seiner Karavelle mitnehmen ließ, berichtete von einer Insel, auf der die Toten bestattet werden, voll von kostbaren Grabbeigaben. Ich gehe jede Wette ein, dass das das Ziel ist, das Francisco ansteuert.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 30.11.
    Wir stießen auf ein kleines Fischerdorf am Ufer. Keinerlei Reichtümer. Nichts von dem versprochenen Gold oder der Jade. Auch keine südländischen Gewürze oder Seiden. Die Molukken haben uns jedoch reichlich von ihrem Fisch geschenkt. Ich habe einen der Dorfbewohner mit uns genommen. Angeblich soll es weiter im Osten mehr und größere Siedlungen geben. Ich gedenke, diese anzusteuern. Trotzdem kann ich den Gedanken nicht abschütteln, dass wir hier auf dieser Insel unsere Zeit verschwenden.
    Ich muss wieder an diesen verfluchten Francisco denken. Was er wohl gerade für Schätze bergen mag? Oder was, wenn es gar nicht Schätze sind, die er sucht? Was, wenn er längst die Heimreise angetreten hat? Was wenn er mich verlassen hat, um vor mir in Myrtana anzukommen und um als derjenige gerühmt zu werden, der als erster diese neue Passage zu den Südlichen Inseln gefunden hat? Ich sehe ihn schon vor mir, wie er Lügen über mich und meine Leitung dieser Expedition verbreitet, um mich bei Hof zu diskreditieren und um die künftige Statthalterschaft über die Südlichen Inseln zu gewinnen, die mir zugesprochen wurde. Ich überlege, ob es nicht das Beste wäre, beizudrehen und die Heimfahrt anzutreten. Zwar kämen wir ohne die Reichtümer zurück, die ich seiner Hoheit versprach, doch das Wichtigste ist geschafft: Wir haben die Südlichen Inseln gefunden und bewiesen, dass es möglich ist, sie auf diesem Wege zu erreichen. Gewiss könnte seine Hoheit überredet werden, mir für eine neue Fahrt und eine genauere Erkundung dieser Inseln mehr Schiffe zu geben. Vielleicht wird nach diesem ersten Erfolg gar seine Majestät der König auf mich aufmerksam werden.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 6.12.
    Als die Männer heute Abend von der viertägigen Erkundungstour ins Inland (der längsten bis jetzt) zurückkehrten und außer etwas Baumwolle und zwei dieser Hühner, die die Molukken halten, nichts mitbrachten, schlug Pinzon vor, diesem Eiland den Rücken zu kehren. Ich sehe es seinem Blick deutlich an: Er ist unzufrieden. Es ist die enttäuschte Gier, die aus ihm spricht.
    Ich hätte mich nie auf diese Zusammenarbeit einlassen dürfen. Von Anfang an war es nichts als die Gier, die die Alonsos antrieb. Zu keinem Zeitpunkt wussten sie die Ehre zu schätzen, unter den ersten zu sein, die diese neue Passage besegeln, oder seiner Hoheit dem Herzog zu dienen. Für sie diente diese Fahrt von Anfang an nur den Interessen des Handelshauses Alonso. Und wie oft haben sie mir während dieser Fahrt schon widersprochen? Wie viele Beleidigungen und wie viel Ungehorsam musste ich von ihnen schon hinnehmen? Aber hier ist nicht die Zeit oder der Ort für Strafen. Ich muss all die Ungerechtigkeiten still über mich ergehen lassen. Was sonst bleibt mir übrig, wenn ich diese Reise nicht gefährden will?


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 21.12.
    Heute lief die Espada auf Grund. Und das am Tag des Lichterfests. Ein böses Omen, sagen die Männer. Doch dieses Desaster ist kein Werk der Götter, sondern einzig die Schuld von Francisco Alonso. Wäre er mit der Fuego noch bei uns, wäre das niemals geschehen. Vor allem aber hätten wir dann die gesamte Besatzung der Espada auf die beiden verbliebenen Schiffe verteilen können. Die Santa Isabella allein ist zu klein, um 130 Mann zu transportieren. Immerhin konnten wir die gesamte Besatzung retten. Pinzon hat einen Teil seiner Männer eigenständig mit den Booten ans nahe Ufer gebracht. Die Männer, die ich mit der Santa Isabella gerettet habe, habe ich ebenfalls dort abgesetzt. Zwar ist vorerst ein jeder wohlauf, doch mir ist schleierhaft, wie ich mit einem einzigen Schiff beide Mannschaften wieder nach Myrtana bringen soll. Habe vorerst die meisten Männer von Bord geschickt und befohlen, ein Lager am Ufer zu errichten.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln

    Nachtrag: Vasco hat mich darauf hingewiesen, dass eine besonders große Zahl von Molukken uns schon seit Stunden beobachtet. Sie haben wohl gesehen, wie die Espada auf die Sandbank aufgelaufen ist, und dann ihre Evakuierung beobachtet. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Bisher waren alle Molukken, denen wir begegneten, friedlich. Doch bisher haben wir sie auch stets in Staunen und Ehrfurcht versetzt. Einige von ihnen mögen uns gar für Götter gehalten haben. Es schmeckt mir nicht, dass sie gesehen haben, dass auch wir bloß Menschen und verwundbar sind. Ich habe daher befohlen, das Wrack der Espada von der Santa Isabella aus zu beschießen. Das Donnern und die Durchschlagskraft der Kanonen scheinen dann auch tatsächlich den gewünschten Eindruck gemacht zu haben. Die Molukken haben sich aufgeschreckt zwischen die Bäume zurückgezogen. So Innos will, glauben sie uns nun im Besitz mächtiger Magie und werden sich zweimal überlegen, uns jemals anzugreifen. Wenn sie auch noch denken sollten, wir hätten die Espada absichtlich aufgegeben und in Stücke geschossen, umso besser!
    Am Abend haben wir trotz des heutigen Fiaskos unsere Kerzen entzündet, und die Innostrier unter uns haben dem Herrn für seinen Sieg über Beliars Finsternis und für sein Licht gedankt.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 22.12.
    Ich habe mehrere Trupps ausgesandt, um diese Küste zu erkunden. La Costa de la Espada haben die Matrosen sie getauft. Der Trupp unter Viniera kehrte schon bald mit einer ganzen Prozession aus Molukken zurück. Sicher vierzig oder mehr Wilde waren es. Ihr Anführer war leicht als solcher erkennen. Zwar ist er nackt wie die anderen, doch er ist mit zahlreichen Kleinodien behangen, mit goldnen Ringen, Ketten von Jade und Türkisen. Und er trägt einen prächtigen Federschmuck auf dem Kopf. Sein Name scheint Canagari zu sein. Doch seine Untertanen nennen ihn Kazike. Ich vermute, dass dies Fürst oder König in ihrer Sprache bedeutet. Ich habe mich mit diesem Kaziken unterhalten. Diejenigen Molukken, die wir schon vor einem Monat an Bord nahmen, fungierten dabei als Dolmetscher. Das Volk hier an der Costa de la Espada nennt sich selbst Shaganumbi. Offenbar gibt es viele Dörfer dieses Volkes hier an der Küste. Canagari und seine Männer stammen aus dem nächstgelegenen. Weiter im Landesinneren soll es Berge mit reichen Goldvorkommen geben.
    Ich habe meinen Männern befohlen, ein Fort samt Turm hier an unserer momentanen Anlegestelle zu errichten. Nicht dass ich die Wilden fürchte. Sie sind nackt, feige, unorganisiert und nur mit Speeren und Schleudern bewaffnet. Mit fünfzig gut gerüsteten Männern wäre mühelos die ganze Insel zu unterwerfen. Doch es ist gut, sicherzugehen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 23.12.
    Die Arbeiten gehen schnell voran. Der Kazike hat uns seine Hilfe angeboten. Und die Wilden erweisen sich als gelehrig und sind den Matrosen eine große Hilfe. Es wird wahrlich ein Leichtes sein, dieses Volk zu unterwerfen und zu gehorsamen Untertanen und frommen Gläubigen zu erziehen, wenn wir erst einmal mit mehr Schiffen und mehr Männern zurückkehren. Das Baumaterial für das Fort bietet uns das Wrack der Espada. Vielleicht war es Innos‘ Fügung, die sie hier auf Grund laufen ließ. So bin ich gezwungen, eine erste myrtanische Siedlung hier auf den Südlichen Inseln zu errichten. Möglicherweise werde ich gar gezwungen sein, einige der Männer zurückzulassen. Das Fort, das wir hier errichten, mag schon bald der Ausgangspunkt der Unterwerfung dieses Archipels werden. Der Hafen der Isabella mag schon bald der Hafen vieler weiterer Schiffe werden, der Hafen, von dem aus wir das Gold dieser Länder nach Myrtana tragen. Puerto Isabella, das ist auch der Name, den ich diesem Fort gegeben habe, vor dem unser letztes verbliebenes Schiff vor Anker liegt.
    Die Wilden bringen uns wieder Baumwolle, zahme Papageien, diese Warzenschweine und Truthähne, die sie sich alle zu halten scheinen, große, wohlschmeckende Früchte mit einem Schopf aus Blättern, die sie Nanas heißen, und anderes: Schmuck aus Tierknochen, Steindolche und mehr. Sie machen uns all das zum Geschenk oder tauschen es gegen Tand wie Glasperlen, Kupfermünzen, Glöckchen und derlei. Ich habe die Männer angewiesen, auch die wertlosen Geschenke anzunehmen, um die Molukken nicht zu beleidigen.
    Auch die Weiber der Molukken kommen an den Strand, um ihre Neugier zu befriedigen oder mit uns zu handeln. Sie erfreuen sich wie Kinder an den Glöckchen, die wir ihnen geben. Sie berühren kichernd unsere helle Haut und unser glattes Haar. Die Frauen dieses Volkes sind von ausgesprochener Schönheit und von ebenso großer Schamlosigkeit. Wie ihre Männer sind sie nackt. Und ich merke, wie sie den Matrosen die Köpfe verdrehen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 24.12.
    Canagari hat mich in sein Dorf geladen. Ich habe dreißig gut bewaffnete Männer mit mir genommen. Doch diese Sicherheitsmaßnahme wäre kaum nötig gewesen. Die Molukken haben die Gemüter von Kindern. Sie sind stets fröhlich und hilfsbereit, sie kennen kein Arg und keine Tücke.
    Canagaris Dorf liegt einige Wegstunden landeinwärts. Es ist eine Ansammlung einfacher Hütten, gewebt aus Schilf. Vielleicht hundert Leute mögen hier leben, oder noch einmal so viele. Sie alle haben uns neugierig beäugt. Offensichtlich hat keiner von ihnen je einen Menschen mit weißer Haut gesehen. Dann wurden wir auf dem Dorfplatz gespeist. Man behandelte uns wie Könige, brachte uns allerhand Früchte, Fisch und Fleisch. Die Molukken würzen ihre Speisen mit einem scharfen Pulver, gewonnen aus einer roten Frucht. Ich glaubte zuerst, es sei Tränenpfeffer, doch es muss sich um irgendein anderes, dem Pfeffer ähnliches Gewürz handeln, das in Myrtana unbekannt ist. Zu trinken gab man uns Wein, der aus den Nanas gewonnen scheint, und ein anderes Getränk, das Xocólatl heißt. Es ist von dunkler Farbe, bitter und scharf (offenbar würzen sie auch dieses mit ihrem roten Pfeffer), doch dabei ausgesprochen schmackhaft und von belebender Wirkung. Canagari selbst trinkt, so stellte ich fest, nichts anderes.
    Offenbar haben die Shaganumbi einen König, den Chaka, der weiter landeinwärts in einem großen Dorf lebt. Ihm sind fünf Herzöge untertan, oder Kaziken, wie sie sich selbst nennen, von denen ein jeder mehrere Dörfer regiert. Die Domäne Canagaris ist dabei dieser Küstenabschnitt.
    Während wir speisten, tanzten die Männer und Frauen des Dorfes um ein großes Feuer. Später vollführten die Männer Schaukämpfe mit ihren Speeren zu unserer Unterhaltung. Die Molukken musizierten, indem sie Trommeln schlugen und in Muscheln und Hörner bliesen. Ihre Kultur ist offensichtlich eine primitive. Niemals haben sie das Wort und das Gesetz unseres Herrn vernommen, niemals die Errungenschaften der Zivilisation gekannt. Ganz offensichtlich verbringen sie ihre Tage mit Müßiggang, geben sich Festen und Ausschweifungen hin. Doch sie sind freundliche und offenherzige Gastgeber.


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    Anno Ignis 932, 26.12.
    Die Arbeiten am Fort gehen mit der Hilfe der Molukken weiter gut voran. Wir haben einige Bäume gefällt, sowohl um Platz zu schaffen für das Lager, als auch um zusätzliches Bauholz zu gewinnen.
    Der Handel mit den Molukken floriert weiterhin. Und der Verkehr zwischen unserem Lager und ihrem Dorf (wie auch anderen, nicht allzu weit entfernten Dörfern) wird immer größer. Ich habe meinen Männern erlaubt, eigenständig die Dörfer der Molukken zu besuchen, solange sie innerhalb eines Tages zurückkehren und solange sie keinen Streit anfangen, vorausgesetzt sie haben keine Aufgaben im Lager zu erfüllen. Der Verkehr scheint besonders Rege dank der Offenheit der Molukkenfrauen. Sie haben offensichtlich Gefallen an uns gefunden, und die Männer wiederum an ihnen. Es ist ebenso offenkundig, dass die Molukken nicht nur von der naiven Schamlosigkeit der Kinder, sondern ganz und gar unzüchtig sind. Den heiligen Bund der Ehe scheinen sie nicht zu kennen. Ihre Frauen liegen heute bei dem einen, morgen bei dem anderen, wie die Tiere, und es geschieht oft, dass sie sich mit den Matrosen in die Büsche schlagen.
    Die Molukken haben uns ihre Jagdgründe gezeigt. Und ebenso Bäume und Büsche, deren Früchte und Beeren wir bedenkenlos pflücken können. Für unsere Versorgung ist also gesorgt. Was aber viel wichtiger ist: Sie konnten uns auch Gold in einem nahen Fluss zeigen. Viel ist es nicht, bloß einige Krümel. Größere Vorkommen soll es, so sagen sie, nur in den Bergen im Süden geben. Doch es ist ein Anfang und wird im Zweifelsfall hoffentlich genügen, seine Hoheit zu bewegen, mich mit mehr Männern zurückzuschicken.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 27.12.
    Die Arbeiten an Puerto Isabella sind vollendet. Das Fort würde einem richtigen Sturm niemals standhalten, doch für unsere derzeitigen Zwecke ist es mehr als ausreichend. Die Wilden werden uns wohl kaum jemals angreifen.
    Bedrohlicher sind da die wilden Tiere. Gestern sind drei der Männer im Urwald auf eine große gefleckte Raubkatze gestoßen. Zwar hat sie sich ins Unterholz zurückgezogen, doch ich habe die Männer ermahnt, sich nicht ohne Waffen vom Lager zu entfernen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 932, 29.12.
    Ich habe beschlossen, noch einige Tage hier zu verbleiben. Die Männer sollen sich von den Strapazen der bisherigen Reise und der Arbeit am Fort erholen. Derzeit sind sie guter Dinge. Die Speisen und die Frauen der Molukken beleben die allgemeine Moral. Ich halte es für das Beste, das neue Jahr hier zu feiern und erst im kommenden Jahr aufzubrechen. Außerdem bleibt so Zeit, alle notwendigen Vorkehrungen zu treffen, um Puerto Isabella zu bemannen.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln


    Anno Ignis 933, 1.1.
    Heute habe ich noch einmal Canagari in seinem Dorf besucht. Dieses Mal kamen wir, ohne geladen zu sein, doch wir wurden nicht minder herzlich empfangen als beim letzten Mal. Wieder ließ der Kazike uns zu Ehren ein großes Fest ausrichten. Ich sprach mit ihm über meine Pläne, einige der Männer auf seinem Land zurückzulassen. Er ist einverstanden. Ich ließ ihm weitere Geschenke überreichen. Nur den üblichen Tand. Ich glaube nicht, dass wir Agadir auf dieser Reise noch erreichen werden. Dennoch möchte ich die Geschenke an den Mogul und die Liga nicht an diese Wilden verschwenden. Seine Hoheit wird gewiss gutheißen, wenn ich sie stattdessen wieder mitbringe.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 933, 4.1.
    Heute brachen wir auf. Der Kazike und viele seiner Untertanen sahen uns vom Ufer aus zu und winkten uns, als wir ihr Land hinter uns ließen. Zuvor haben sie uns abermals mit Geschenken überhäuft, haben uns Blumenketten umgehängt, und einige haben uns sogar mit ihren Kanus ein Stück weit begleitet.
    Ich habe 39 Mann in Puerto Isabella zurückgelassen. Luis Ramírez hat das Kommando über die Siedlung. So Innos will, werden wir und andere schon bald aus Myrtana zurückkehren, um sie abzuholen, aber auch um weitere Menschen hierher zu bringen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Puerto Isabella schon heute zur Stadt heranwachsen. Und gewiss werden ihr noch viele weitere Städte folgen, die wir hier auf den Südlichen Inseln errichten werden. Ich hege die Hoffnung, dass Ramírez und seine Männer bei unserer Rückkehr bereits auf die reicheren Goldvorkommen dieser Insel gestoßen sein werden. Die Molukken sind weiterhin unterwürfig und hilfsbereit; gewiss werden sie ihn unterstützen. Ich habe ihn und seine Männer bewaffnet, bevor wir abfuhren, und auch eine der Kanonen der Santa Isabella in Puerto Isabella zurückgelassen. Er sollte also keine Schwierigkeiten haben, sich der Gefahren des Dschungels zu erwehren oder die Molukken mit Gewalt gefügig zu machen, sollten sie einmal nicht kooperieren.
    Wir segeln nun weiter entlang der Costa de la Espada nach Osten. Ich habe die Hoffnung, doch noch Francisco und die Fuego wiederzufinden.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln



    Anno Ignis 933, 6.1.
    Heute Morgen begegneten wir der Fuego, die sich von Osten näherte. Ich habe ihren Kapitän sofort zu mir an Bord beordert. Jedoch sah ich mich vor, ihn nicht zu harsch zur Rede zu stellen. Er hat schließlich bereits bewiesen, dass er keinen Respekt vor meiner Autorität und keine Furcht vor meiner Gewalt hat. Und hier an Bord befinden sich sein Bruder und viele Männer, die von den Alonsos angeheuert wurden. Ich werde den Ungehorsam Franciscos nicht vergessen. Ebenso wenig wie all die kleinen und großen Beleidigungen, die ich auf dieser Reise von ihm und seinem Bruder erfahren musste. Und ich werde mich bei seiner Hoheit beklagen, sobald wir wieder in Myrtana sind. Für den Moment aber schweige ich, um des Friedens und der sicheren Heimkehr willen.
    Francisco war sehr erbost, als er hörte, dass ich 39 Männer hier in diesen fremden Landen zurückgelassen habe. Vor versammelter Mannschaft warf er mir vor, ich hätte sie zum Sterben zurückgelassen, und forderte, dass wir sofort umkehren. Er war taub für alle Vernunft. Sicher über eine Stunde haben wir uns gestritten und angebrüllt. Ich war kurz davor, es auf eine Eskalation ankommen zu lassen und den Männern zu befehlen, ihn aufzuknüpfen. Schließlich jedoch hat er doch noch eingelenkt.
    Nun also segeln wir mit unseren beiden verbliebenen Schiffen wieder nach Norden und nehmen Kurs auf Myrtana.


    Innossero Arboreo, Kapitän der Santa Isabella, Admiral der Weltmeere, Statthalter der Südlichen Inseln
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    Als er die verkohlten Überreste am Ufer sah, wusste er, dass sie Puerto Isabella gefunden hatten.
    Er ließ die Ameriga vor der Küste vor Anker gehen. Dort, wo vor vierzig Jahren die Santa Isabella gelegen haben musste. Dann übergab er das Kommando des Schiffes an Rapetti und befahl, die Boote zu Wasser zu lassen.
    Die Schwertküste glich mit ihrem weißen Sand, den dichten Palmen und den vielen bunten Vögeln, die vor ihnen aufstiegen, dem nahen Takarigua. „Was ist hier geschehen?“, fragte ihn Cortez, der neben ihm im Bug des Bootes saß, und deutete auf die Überreste eines eingestürzten Wachturms, die am Ufer auszumachen waren.
    „Als Arboreo auf seiner zweiten Reise nach Puerto Isabella zurückkehrte, fand er das Fort zerstört und verlassen vor. Und in den Trümmern stieß er auf die Leichen elf seiner Männer. Wenn wahr ist, was ihm die Molukken erzählten, behandelten Arboreos Männer sie nach seiner Abreise immer schlechter. Sie nahmen sich, was immer sie wollten, ließen die wilden wie Sklaven für sich arbeiten und vergriffen sich an ihren Frauen. Sogar zwei Frauen ihres Fürsten, Canagari, sollen sie in ihre Gewalt gebracht haben.“
    Cortez hörte mit ernster Miene zu. „Und dann hat dieser Fürst ihnen den Krieg erklärt“, schloss er.
    „Nicht er. Dieser Canagari scheint ein schwacher Fürst gewesen zu sein. Vielleicht der Grund, weshalb es überhaupt so weit kam. Aber der König dieses Volkes hat Puerto Isabella niedergebrannt und Arboreos Männer umbringen lassen. Canagari soll sich sogar dagegen ausgesprochen haben, trotz der Behandlung, die ihm widerfahren war. Dafür wurde sein Dorf ebenfalls zerstört. Er selbst soll in die Berge im Hinterland geflohen und dort gestorben sein. So steht es zumindest in den Aufzeichnungen von Arboreos zweiter Reise hierher.“
    „Dann sollten wir auf der Hut sein“, sagte der Kommandant grimmig. „Offensichtlich hat Arboreo die Gefahr, die von diesen Wilden ausgeht, unterschätzt.“
    „Zumindest beim ersten Mal. Als sie ihm bei seinem zweiten Besuch an dieser Küste erzählten, was geschehen war, hat er eine Strafexpedition gegen sie gestartet. Er hat ein Dutzend Dörfer hier an der Küste verwüsten und unzählige Molukken versklaven lassen. Einen Großteil der Sklaven hat er mit nach Myrtana genommen. Auch wenn über die Hälfte auf der Fahrt umgekommen sind.“
    „Nur ein Grund mehr, vorsichtig zu sein. Diese Molukken könnten sich noch daran erinnern, was damals passiert ist.“
    „Denkt daran, dass wir hier nicht auf einem Feldzug sind“, ermahnte Puccio. „Wir werden vorsichtig sein und ihr solltet Wachen aufstellen, sobald wir am Ufer sind. Aber wir wollen die Wilden nicht provozieren und Auseinandersetzungen vermeiden, wenn möglich.“
    „Ihr habt das Kommando. Aber wenn einer dieser Molukken-“
    „Hey, seht mal!“ Einer der Matrosen, die weiter hinten im Boot saßen, deutete ans Ufer und unterbrach damit sämtliche Gespräche.
    Puccio folgte dem Finger des Mannes mit den Augen und erkannte, worauf er zeigte: Dort, in den verkohlten Überresten von Puerto Isabella stolzierte ein Vogel umher. Er erinnerte ihn sofort an einen Scavenger. Doch anstelle des grauen Flaums der Weibchen oder rötlichen Federkleids der Männchen hatte er die ledrige Haut einer Echse. Einzig an seinem Schwanz und auf Kopf und Hals prangten einige prächtige leuchtendorange Federn. Der Vogel schien sie ebenfalls bemerkt zu haben und beäugte misstrauisch die drei näherkommenden Boote.
    „Was für ein herrliches Geschöpf!“, flüsterte Peysing hinter ihm. „Eine Abart des Scavengers möglicherweise.“
    „Auch eine neue Art?“, fragte Puccio.
    „Ganz gewiss. Die einzigen großen Laufvögel auf den Südlichen Inseln, von denen wir wissen, sind Strauße. Und das hier ist eindeutig keiner.“
    Der Vogel krächzte einmal laut und bedrohlich in ihre Richtung, dann wandte er sich um und verschwand im Dickicht. Als die Boote auf dem Ufersand aufliefen, fehlte von ihm bereits jede Spur.
    Cortez machte sich sofort daran, mit seinen Männern die Umgebung zu sichern und Wachen aufzustellen. Puccio überwachte den Aufbau des Lagers. Die Männer stapelten sofort die Kisten und Fässer mit Proviant, die sie mit sich gebracht hatten, und errichteten die ersten Zelte. Einige der verkohlten Balken, die alles waren, was von Puerto Isabella geblieben war, wurden zur Seite geräumt, einige der Farne und Büsche, die sie längst überwuchert hatten, entfernt. Ebert Peysing kümmerte sich zusammen mit zwei Helfern um seinen Patienten. Sie hatten Paco mit sich an Land genommen, und nun wurde er in einem kleinen Zelt aufgebahrt. Der Zustand des Schiffsjungen hatte sich in den drei Tagen, die seit dem Kampf mit dem Rammer vergangen waren, stetig verschlechtert. Peysing tat, was er für ihn tun konnte. Doch alle Medikamente und Heiltränke schienen wirkungslos. Paco fieberte. Und seit zwei Tagen hatte er außer gelegentlichem Stöhnen nichts mehr von sich gegeben. Die Mannschaft nahm großen Anteil am Leiden des aufgeweckten Schiffsjungen und half Peysing, wo immer sie konnte. Doch im Vertrauen hatte der Arzt Puccio bereits gestern mitgeteilt, dass er sich keine Hoffnungen mehr machte. Auch ihn auf festes Land zu bringen, würde nichts mehr am Unausweichlichen ändern.
    Einer von Cortez‘ Wachposten entdeckte elf Gräber unweit ihres Lagerplatzes. Sicherlich die Gräber, die Arboreo auf seiner zweiten Fahrt für die verbliebenen Leichen seiner Männer hatte ausheben lassen.
    Es vergingen ungefähr drei Stunden, ehe Puccio abermals von einem der Soldaten aufgesucht wurde, diesmal in Begleitung des Kommandanten, der ihm mit gesenkter Stimme mitteilte, dass sie beobachtet wurden.
    Aber es sollte noch ein ganzer Tag vergehen, bevor die Molukken sich zwischen den Bäumen hervortrauten und ihr Lager betraten.
    Ein Blick reichte aus, und Puccio war sich sicher, dass die sechs Männer, die dort zwischen den Bäumen hervortraten, keine Südländer waren. Ihre Haut war dunkel, gewiss. Doch es war nicht das Braun, das er von den Bewohnern der Südlichen Inseln kannte. Die Haut der Molukken hatte einen rötlichen Ton, als wären sie aus Bronze gegossen. Die weiße Farbe, mit der sie ihre Körper bemalten, akzentuierte ihre dunkle Haut noch stärker. Wie Arboreo es in seinen Aufzeichnungen beschrieb, waren sie fast nackt, doch mit bunten Federn geschmückt. Die krausen schwarzen Haare waren zu Zöpfen gebunden, Tierknochen, Jadebröckchen und Türkise schmückten sie.
    „Ich grüße Guchos!“, verkündete ein junger mit Goldreifen geschmückter Mann an der Spitze der kleinen Gruppe, zweifelsohne ihr Anführer. „Ich Bakir, Tonka von Shaganumbi, Sohn von Hutabo, Chaka von Shaganumbi.“
    Puccio hatte zwar nur die Hälfte verstanden, doch offensichtlich waren ihnen die Eingeborenen nicht völlig feindlich gesinnt. Er hielt es für das Beste, sofort an diese Begrüßung anzuknüpfen und sich ebenfalls vorzustellen. Also trat er vor und neigte leicht den Kopf. „Ich bin Puccio Vasquez Gellano da Vegama, Kapitän der Ameriga, hier im Auftrag seiner Hoheit Herzog Ferdinands II. von Catagón.“
    Der junge Mann namens Bakir hörte ihm stumm zu, den Blick unverwandt auf ihn gerichtet. Er blinzelte nicht einmal, während Puccio sprach. „Ihr kommt in Dorf“, sagte er dann.
    „Ihr ladet uns ein?“, fragte Puccio, um sicherzugehen, dass er verstanden hatte.
    „Vater will Guchos sehen. Chaka von Shaganumbi.“
    Puccio wandte sich leicht unsicher um. Viele seiner Gefährten waren hinzugetreten. Andere beobachteten den Austausch mit den Wilden aus sicherer Entfernung. Aber ein jeder am Strand hatte seine Arbeit unterbrochen. Selbst Peysing steckte den Kopf aus Pacos Zelt.
    Viel Zeit, um zu überlegen, blieb ihm nicht. Die Wilden hätten das als unhöflich auslegen können. „Wir fühlen uns geehrt“, antwortete er also. „Aber wir werden ein wenig brauchen, bevor wir aufbrechen können.“
    „Chi. Wir warten.“
    Puccio wählte zweiundzwanzig Mann, um ihn zu begleiten. Darunter Cortez und zehn seiner Männer. Er glaubte nicht, dass man ihnen Böses wollte. Wenn er sich Bakirs Männer so besah, die sie aufmerksam, aber völlig arglos beobachteten, dann wirkten sie eher neugierig als feindselig. Und Arboreo hatte immer wieder über die Gutmütigkeit der Molukken geschrieben. Seine Männer waren erst angegriffen worden, als sie diese Gutmütigkeit überstrapaziert hatten. Aber dennoch: Obwohl dieser Vorfall vierzig Jahre zurücklag, war möglich, dass die Molukken sich an das Geschehene erinnerten. Also ging er lieber auf Nummer sicher und bestand darauf, dass nicht nur die Soldaten ihre Waffen mitnahmen, sondern auch die Matrosen Säbel, sowie Bögen und Armbrüste trugen. Derart ausgerüstet würden sie es im Zweifelsfall sicherlich mit den Wilden aufnehmen, immerhin waren diese nackt und, soweit Puccio sehen konnte, lediglich mit Speeren bewaffnet, deren Spitzen im Feuer gehärtet waren oder aus Stein bestanden.
    Als alle Männer, die ihn begleiten sollten, zusammengetrommelt waren – Puccio nahm auch Doktor Alexander mit sich, handelte es sich doch um eine hervorragende Gelegenheit für diesen, die Menschen hier und ihre Kultur zu erforschen – und Puccio an Bakir herantrat, deutete dieser jedoch auf Pacos Zelt, dessen Plane zur Seite geklappt war und den Blick auf den verwundeten Schiffsjungen freigab. „Einer von ihr ist krank?“, fragte der Molukke.
    „Ein Tier hat ihn angefallen. Ein großes Biest mit einem Horn auf der Nase.“
    „Rinosu. Chi, sehr groß, sehr gefährlich. Er braucht Heilung.“
    „Wir haben schon alles versucht.“
    „Ihr versucht Voodoo?“
    „Was?“
    Bakir legte die Stirn in Falten. „Voodoo ist...“ Er schien zu überlegen. „Kraft? Kraft von Tiwas.“
    „Möglicherweise spricht er von Magie“, raunte Alexander, der herbeigetreten war, Puccio zu.
    Magie. Puccio überlegte. War es denkbar, dass ein derart primitives Volk Magie besaß? Arboreo hatte nichts dergleichen aufgezeichnet.
    „Er kommt mit in Dorf“, schlug Bakir vor. „Kikis heilen.“
    Puccio warf einen skeptischen Blick über die Schulter auf Doktor Peysing, der inzwischen aus Pacos Zelt herausgetreten war und sich mit einem Tuch über die von der Hitze dieser Küste nasse Stirn wischte. „Haltet Ihr das für eine gute Idee?“
    Der Arzt verzog das Gesicht. „Ich bin da sehr skeptisch. Ich habe bereits alles getan, was ich konnte. Ich habe Paco mehrere Heiltränke verabreicht. Was auch immer die Molukken mit ihm vorhaben, ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Medizin aus mehr als ein paar Kräutern besteht. Und die werden wohl kaum helfen, wo unsere Heiltränke versagen. Und dieses... wie nennen sie es? Voodoo? wird im besten Falle irgendeine Geisterbeschwörung oder ein anderer Aberglaube sein. Die Molukken beherrschen sicher keine Heilzauber.“
    „Aber Ihr sagt doch, Ihr könnt nichts mehr tun, Doktor“, warf der starke Akasso ein, ein sehr kleiner, aber stämmiger Mann mit enormen Armen. Etwas Flehendes lag in seinem Gesicht. Auch einige der anderen Männer schauten verzweifelt oder niedergeschlagen drein. Paco war ohnehin bei der Mannschaft beliebt gewesen. In den letzten Tagen aber hatte sich diese Sympathie bei vielen in solche Anteilnahme gesteigert, dass man hätte meinen können, der Schiffsjunge sei der leibliche Sohn jedes einzelnen Matrosen. „Wenn er sowieso sterben muss... Na ja, können wir‘s nicht auf einen Versuch ankommen lassen?“
    Peysing schüttelte resigniert den Kopf. „Es tut mir aufrichtig leid. Aber es wird nicht-“
    „Wir nehmen ihn mit“, schnitt Puccio ihm das Wort ab.
    Und damit war die Sache entschieden.
    Paco wurde auf eine Trage geladen. Auch Ebert Peysing schloss sich nun ihrem Zug an, denn der Arzt wollte seinen Patienten nicht allein lassen. Und so waren sie am Ende fünfundzwanzig Mann, die in den Urwald zogen, geführt von den sechs Molukken.
    „Wie kommt es, dass ihr unsere Sprache sprecht?“, fragte Puccio Bakir, als sie aufbrachen. Die beiden marschierten voran, der Molukke mit seinem Speer in der Hand.
    „Andere Guchos sind hier vor ihr. Viele Shaganumbi von sie lernen. Andere Guchos alle tot oder gehen. Aber Vater von Vater von Bakir sagt, wir erinnern Sprache von Guchos für Tag, wo Guchos kommen zurück.“
    „Dein Großvater scheint ein weiser Mann gewesen zu sein.“
    Der Wald an der Schwertküste glich keinem, den Puccio je gesehen hatte. Palmen und hohe Tropenbäume mit grünem Holz dominierten ihn. Farne und Moos wuchsen auf dem Boden. Hie und da blühten herrliche Blumen in den leuchtendsten Farben. Ein dichtes Gestrüpp aus Zweigen, Ästen, Blättern und Lianen versperrte scheinbar jeden Weg. Und doch fanden die Molukken immer wieder Pfade, zwängten sich hier zwischen zwei Stämmen durch, duckten sich dort unter einem Ast hinweg und schlängelten sich mühelos auf Wegen durch den Dschungel, die Puccio nicht einmal als solche erkannt hätte. Ohne ihre einheimischen Führer hätten sie wohl alle paar Schritt anhalten und sich mit ihren Säbeln einen Weg durchs Unterholz hacken müssen.
    Als es Abend wurde, machten sie Halt auf einer Lichtung. Die Molukken pflückten Früchte, Beeren und Pilze in der Umgebung, und einer von ihnen verschwand zwischen den Bäumen und kehrte bald darauf mit einem toten Äffchen zurück, das er wohl in einer Falle gefunden hatte. Bakir erklärte Puccio, dass sein Volk viele Fallen im Wald ausgelegt hatte. Puccio lehnte das Fleisch des Affen jedoch dankend ab und hielt sich lieber an die mitgebrachten Vorräte.
    Es wurde dunkel. Molukken wie Myrtaner legten sich schlafen. Als Puccio vom Rand der Lichtung wiederkehrte, wo er sich erleichtert hatte, begegnete er Doktor Alexander, der das Lager gerade verließ, wahrscheinlich mit demselben Vorhaben. Er nutzte die Gelegenheit, mit dem Gelehrten unter vier Augen und in Abwesenheit ihrer Führer zu sprechen: „Das sind doch keine Südländer, oder?“
    Alexander schüttelte den Kopf. „Sie unterscheiden sich ausreichend von Ariabiern, um keine zu sein. Wie Bewohner Kitais sehen sie auch nicht aus. Und andere Ethnien der Südlichen Inseln können wir ohnehin gänzlich ausschließen. Was indes ihre Sprache angeht, so kann ich natürlich noch wenig von Substanz aussagen. Aber es ist keines der mir bekannten Idiome. Und ausgehend von dem wenigen, was ich bisher hören durfte, würde ich dazu tendieren, dass diese Sprache auch nicht zur kitaoariabischen Sprachfamilie gehört.“
    „Wie konnte Arboreo die Molukken damals für Südländer halten? Und die Menschen in Myrtana, als er seine Gefangenen mitbrachte. Warum hat niemand etwas gemerkt?“
    „Es war eine andere Zeit“, gab Doktor Alexander lapidar zur Antwort. „Vergesst nicht, nach dem Varantkrieg und erst recht nach der Eroberung der Südlichen Inseln, kamen viele Südländer nach Myrtana, um im Erzhandel und später, als dieser zum Erliegen kam, als Tagelöhner auf dem Land zu arbeiten. Heute werdet Ihr kaum einen Menschen finden, der schon einmal in Tymoris oder Vengard oder auf Khorinis war, der noch nie einen Südländer gesehen hätte. Außerdem wissen wir heute so viel mehr über die Südlichen Inseln, nicht zuletzt, weil wir sie mehrere Jahre lang besetzt hielten. Doch zu Lebzeiten Arboreos hättet ihr wahrscheinlich in ganz Myrtana keine hundert Männer gefunden, die je einen Fuß auf die Inseln gesetzt hatten. Sämtliche Güter und sämtliches Wissen von dort erreichten Myrtana nur über die Vermittlung Varants. Die Südlichen Inseln waren damals noch Stoff von Märchen und Mythen. Man glaubte, es gäbe dort noch Drachen. Noch im Varantkrieg haben einige – eine Minderheit zwar, aber doch eine signifikante Minderheit – fest daran geglaubt, der Priesterkönig Innostian werde Myrtana mit seinem Heer von den Südlichen Inseln zu Hilfe kommen. Kurzum, man wusste nicht viel mehr, als dass die Haut der Südländer dunkel sein sollte. Und Arboreo brachte Gefangene mit dunkler Haut.“
    Nachdenklich blickte Puccio zum gestirnten Himmel hinauf. Nichts war ihm je beständiger und unveränderlicher erschienen als die Sterne. Er war vom Knaben zum Manne gereift; die Sterne waren jede Nacht dieselben geblieben. Myrtana war im Laufe seines Lebens von König Rhobar dem Heiligen an König Rhobar den Eroberer und nun an die Orks aus dem hohen Norden gefallen; die Sterne waren jede Nacht dieselben geblieben. Hier aber in diesen Gefilden war alles anders. So sehr er auch suchen mochte, nirgendwo würde er den Nordstern finden oder den Gürtel des Akascha, nirgends das Bild des Ochsen oder das des Schwertmeisters. Ein gänzlich anderer Himmel breitete sich über ihm aus, als wäre er in eine gänzlich andere Welt gesegelt. „Das hier sind nicht die Südlichen Inseln.“
    „Nein“, stimmte Alexander zu. „Das hier ist eine völlig neue Welt.“
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    Es waren drei Tage von der Küste bis in Bakirs Dorf. Die Siedlung der Molukken lag jenseits eines breiten Flusses, aber nahe einer Furt, an der er leicht zu überqueren war. Nach den Beschreibungen Arboreos hatte Puccio mit einer Ansammlung primitiver Hütten gerechnet. Die primitiven Hütten, gewebt aus Schilf, die Dächer mit Palmblättern gedeckt, fand er auch vor. Doch mit den steinernen Bauten an den Berghängen hinter dem Dorf, die dem auf Takarigua glichen, aber um ein Vielfaches größer waren, hatte er nicht gerechnet. Ebenso wenig mit dem großen gepflasterten Platz in der Mitte des Dorfes oder den steinernen Stufen und Bänken, die ihn umgaben.
    Die Molukken kamen aus ihren Hütten, als sie das Dorf betraten, und musterten sie mit unverhohlener Neugierde. Puccio stellte fest, dass Arboreo nicht gelogen hatte, was die Schönheit ihrer Frauen betraf. Oder deren Nacktheit.
    Hutabo, der König der Shaganumbi, war an seinem prächtigen Gold- und Federschmuck und der aufwändigen Körperbemalung leicht zu erkennen. Er hieß sie feierlich willkommen. Sofort trat Bakir an ihn heran und redete schnell in der Sprache der Molukken auf ihn ein. Er musste seinem Vater von Paco erzählt haben, denn der Molukkenkönig ließ alles Zeremoniell fahren und gebot ihnen, den Jungen die Steintreppen hochzutragen, während er Bakir und dessen Männer fortschickte.
    Oben auf den Treppen stand eine Art Altar. Eine etwa lebensgroße Statue wuchs aus dem Altar heraus. Der Oberkörper eines Wesens, das einem Menschen glich, jedoch vier Arme besaß, die es weit ausgestreckt hatte, und dazu eine grässlich verzerrte Fratze, es mochte vor Schmerz oder vor Ekstase sein. Ein kalter Schauer lief Puccio den Rücken hinab, als er die Statue sah, und ihm war nicht ganz wohl, als Hutabo sie anwies, Paco davor aufzubahren.
    „Das gefällt mir nicht“, sprach einer der Soldaten aus, was Puccio dachte.
    Und einer der Matrosen flüsterte etwas von Hexerei und schwarzen Götzen. Mehrere Männer beflammten sich.
    Bakir und seine Leute kehrten mit einer Reihe von Frauen aller Altersgruppen zurück. Hier war eine Jungfrau, die keine sechzehn Lenzen zählen mochte, dort eine Greisin, deren Haar alle Farbe verloren hatte. Doch sie alle unterschieden sich deutlich von den üblichen Frauen des Dorfes. Sie waren mit Gold und Tierknochen geschmückt. Zwei von ihnen trugen Masken, von denen die eine einen Affen darstellen mochte, während die andere entfernt an einen Vogel erinnerte. An Armen und Beinen trugen sie Schienen aus Holz und Jade, in die abstoßende Fratzen geschnitzt waren.
    „Das sind Kikis von Dorf“, erläuterte Hutabo, als wäre damit alles erklärt. „Sie haben starkes Voodoo. Sie heilen Junge.“
    Puccio begann mehr und mehr, an seiner Entscheidung zu zweifeln. Eine der Kikis, wie der König der Molukken sie genannt hatte, trat vor und schnitt Paco mit einem steinernen Messer ein Büschel Haare ab. Eine andere reichte ihr eine etwa handgroße Puppe, in deren Brust ein kleiner Jadebrocken prangte. Die Haare wurden am Kopf der Puppe befestigt. Und dann begann die Kiki, die Seite der Puppe zu drücken und zu massieren, gerade dort, wo die Rippen in Pacos Körper gebrochen waren. Und mit einem Mal stöhnte der Schiffsjunge laut, bäumte sich auf und begann, sich herumzuwinden.
    „Innos steh uns bei“, murmelte jemand hinter ihm.
    „Capitán, das ist schwarze Magie“, flüsterte jemand anders. „Sie wollen ihn Beliar opfern.“
    Die übrigen Kikis hatten einen lauten Singsang angestimmt und einige von ihnen tanzten, während eine andere ein Zepter in ihrer Hand herumschwenkte, auf dessen Spitze ein Kopf steckte. Der Kopf eines Äffchens, glaubte Puccio zu erkennen, auch wenn er vertrocknet und völlig verschrumpelt war. Eine der Frauen legte eine Tonschale auf dem Altar ab, in der ein Feuer brannte. Eine andere trat an Paco heran, hob seinen Kopf vorsichtig an und flößte ihm irgendein Getränk ein.
    Puccio beobachtete dieses ganze Treiben mit wachsendem Grauen und wollte ihm schon Einhalt gebieten, da kulminierte der Gesang der Kikis in einer lauten, dreimal wiederholten Beschwörung und die Frau mit der Puppe in der Hand warf sie ins Feuer. Paco zuckte einmal heftig, dann entwich seinen Lippen ein leises Seufzen und er lag ruhig da.
    „Was habt ihr getan?“, entfuhr es Alexander an Puccios Seite.
    Peysing stürzte herab und befühlte Pacos Puls. „Er lebt“, teilte er ihnen erleichtert mit. Dann griff er nach seiner Stirn. „Und er scheint kein Fieber mehr zu haben.“
    „Er geheilt“, verkündete Hutabo. „Er wacht bald auf.“
    Die Worte des Arztes hatten sie alle beruhigt. Und Puccio erlaubte sich selbst, zu hoffen, dass, was immer die Molukken da gerade getan hatten, Paco vielleicht wirklich geheilt hatte.
    Nun ließ man sie sich auf den Steinbänken rund um den zentralen Platz des Dorfes niederlassen. Und bald darauf brannte in ihrer Mitte ein großes Feuer und alles war, wie Arboreo es geschildert hatte: Männer und Frauen tanzten um das Feuer herum. Es war kein gemessener und ruhiger Tanz mit festen Schrittfolgen, wie man ihn an den Höfen Myrtanas pflegte, sondern ein ausgelassenes Hüpfen und Springen, ein wildes Rudern mit den Armen und Beinen, ein ekstatisches Hochwerfen der Glieder. Andere Molukken spielten Musik. Ihre Trommeln waren mit Häuten von Tieren bezogen oder bestanden aus aufgebrochenen Kokosnüssen, ihre Hörner hatten sie aus denen von Tieren oder aus Muscheln gefertigt.
    Man brachte ihnen allerhand Speisen: Fleisch von Warzenschweinen und den schwarzen hühnerartigen Tieren, die Puccio schon im Dorf hatte herumlaufen sehen und die Arboreos Leute dereinst Truthähne getauft hatten, gewürzt mit einem Pulver scharf wie Pfeffer, das sie offenbar aus roten, länglichen Schoten gewannen. Rote Beeren, die die Molukken Maki nannten, Bananen und große Früchte, aus denen Schöpfe grüner Blätter emporsprossen und bei denen es sich nur um die von Arboreo erwähnten Nanas handeln konnte. Man brachte ihnen auch rote Früchte, die entfernt an Äpfel erinnerten und deren Name – Xitomatl, soweit Puccio das verstanden hatte – von ihnen niemand aussprechen konnte, sowie große gelbe Knollen, deren Name noch viel fürchterlicher war, sodass sie sie kurzerhand Trüffel nannten, da sie diesen entfernt glichen und, wie ihnen die Molukken mitteilten, ebenfalls aus der Erde kamen.
    Schließlich teilten die Eingeborenen Schalen mit einem dunklen, braunen Getränk darinnen aus. Puccio hielt sie erst für aufgeschnittene Kokosnüsse, bis er selbst eine in die Hand bekam. „Wie habt ihr die aufbekommen?“, fragte er Hutabo überrascht.
    „Was?“
    „Diese Nuss. Ist die nicht steinhart?“
    „Gaga.“
    „Gaga? Nennt ihr diese Nüsse so?“
    Doch der Chaka lachte nur. „Trink, trink!“, forderte er dann auf.
    Puccio trank. Und was er da trank, gefiel ihm gut. Er schmeckte diesen roten Pfeffer und auch noch ein anderes Gewürz. Aber vor allem schmeckte das Getränk bitter und herzhaft.
    Die Tänze und die Musik wurden unterbrochen, als eine besonders alte Kiki vor den Altar trat, ihr Affenkopfzepter schwenkte und dann in eine Art Trance zu verfallen schien. Plötzlich war alles still. Selbst das Prasseln des Feuers schien gedämpft, als die Greisin mit lauter, über den ganzen Platz hallender Stimme sprach. Puccio verstand nicht ein Wort ihrer Sprache. Und doch verstand, nein fühlte er, dass das, was sie sagte, wichtig – und dass es schrecklich war. Und ihn schauderte.
    Als die Rede der Kiki vorbei war, sackte die Alte erschöpft in sich zusammen und musste von zwei jüngeren Frauen gestützt werden. Was zurückblieb, war die Stille.
    Wilhelm Alexander beugte sich an Puccio vorbei und fragte Hutabo, was die Kiki da gerade gesagt hatte.
    „Sie sagt...“ Der Chaka schien für einen Moment nachzudenken und nach den passenden Worten zu suchen. „Guchos sind Boten von Tiwas.“
    „Tiwas?“ Der Doktor runzelte die Stirn. „Bakir erwähnte dieses Wort bereits. Sind das... Götter?“
    „Tiwas.“ Es war nicht klar, ob das eine Bejahung oder eine bloße Wiederholung war, doch es war offenbar alles, was Hutabo dazu zu sagen hatte.
    „Und diese Tiwas sollen uns gesandt haben?“, fragte Puccio.
    „Tiwas kehren zurück. Guchos sind Zeichen. Zeichen für Tiwas kehren zurück. Tiwas gefangen. Aber jetzt Tiwas wieder frei. Und wenn Tiwas frei, dann...“ – wieder schien Hutabo nach Worten zu suchen – „dann Jahre von kaputt machen. So sprechen Ahnen.“
    „Jahre von kaputt machen“, wiederholte Alexander versonnen und strich sich durch den Bart. „Das Zeitalter der Zerstörung.“
    „Ja, Zeit von zerstören!“, pflichtete Hutabo bei.
    Die Molukken nahmen das Tanzen und Musizieren bald wieder auf. Und wann immer Puccio und seine Männer eine Schale mit Essen geleert hatten, brachte man ihnen neue Speisen, bis er schier glaubte, platzen zu müssen. Einzig Alexander blieb nachdenklich.
    Das Fest dauerte bis spät in die Nacht. Schließlich wies man ihnen eine große Hütte zum Schlafen zu. Doch ans Schlafen dachte vorerst noch niemand. Stattdessen redeten die Männer angeregt über ihre Eindrücke, tauschten sich über die Eigentümlichkeiten der Molukken, über den Geschmack der vielen unbekannten Speisen und vieles mehr aus oder spülten das Festmahl vor dem Schlafengehen mit ein paar Schlucken aus ihren mitgebrachten Schnapsflaschen runter.
    „Was sagtet Ihr da vorhin von einem Zeitalter der Zerstörung?“, fragte Puccio Alexander, als die Molukken sie verlassen hatten und sie unter sich waren.
    „Im Weltbild der Kitaier ist die Geschichte ein sich ewig drehendes Rad, wobei jede Speiche ein kosmisches Zeitalter, ein Yuga, bezeichnet, sodass sich eine ewige Abfolge der immer gleichen Yugas ergibt. Eines dieser Yuga wird das Zeitalter der Zerstörung genannt und seine Wiederkehr mit großem Schrecken erwartet.“
    „Hm.“ Puccio nahm seinen Hut ab und legte ihn neben sich zu Boden. „Meint Ihr etwa, wir sind doch auf den Südlichen Inseln?“, fragte er, während er begann, sein Hemd aufzuknüpfen.
    „Was das angeht, so bin ich mehr und mehr vom Gegenteil überzeugt. Nicht zuletzt nach diesem Ritual, dem wir beiwohnen durften. Ich bin selbstverständlich kein Experte in arkanen Fragen, doch ich halte es für eindeutig, dass dort Magie im Spiel war, und glaube doch, mich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich konstatiere, dass das eine uns gänzlich unbekannte Form der Magie war. Auf den Südlichen Inseln ist die Alte Magie ausgesprochen weit entwickelt, weiter als in Varant, von Myrtana ganz zu schweigen. Aber die Alte Magie zeichnet sich gerade durch den Verzicht von Hilfsmitteln aus, wohingegen diese Kikis sich ihrer Zepter und jener Puppe bedient zu haben scheinen.“
    „Wie erklärt Ihr Euch dann das mit diesem Zeitalter der Zerstörung?“
    „Nun, mein Fachgebiet sind eher die Südlichen Inseln, doch nach allem, was wir wissen, gibt es ähnliche Vorstellungen auch bei den Nomaden Varants. Und auch in der alten Kultur von Calador soll es sie gegeben haben. Schließlich wären da die Mythen Treliums und anderer antiker Myrtatkulturen. Es ist natürlich teilweise schwer zu entscheiden, ob nicht all diese Mythen gemeinsamen Ursprungs sind. Immerhin dürfen wir nicht außer Acht lassen, wie sehr die agadirische Gefangenschaft auf den Südlichen Inseln die Kultur und die Mythologie der Nomaden geprägt hat, welche wiederum in die Kultur der aus ihnen hervorgegangenen alten Varanter einflossen, die schließlich die Völker rund um den Myrtat unterwarfen. Dennoch, wenigstens Calador geht dieser Unterwerfung und, soweit wir wissen, selbst der agadirischen Gefangenschaft weit voraus. Es wäre sowohl denkbar, dass Arboreo doch nicht der erste ist, der diese Länder entdeckt hat, und dass es vor langer Zeit einen Kontakt zwischen dem Volk der Molukken und dem der Südlichen Inseln, womöglich sogar eine Besiedelung in die eine oder andere Richtung gab, als auch, dass sich dieser Mythos vom kommenden Zeitalter der Zerstörung unabhängig voneinander in verschiedenen Kulturen herausgebildet hat, was freilich die Frage nach seinem Ursprung aufwerfen würde. So oder so würde ich aber meine Hand dafür ins Feuer legen, dass dies hier nicht die Südlichen Inseln sind. Gewisse kulturelle wie ethnische Verbindungen zu diesen sind natürlich nicht auszuschließen, sollte meine erste Hypothese-“
    „Er wacht auf!“ Das war die Stimme Peysings. Sofort versammelten sich alle um Pacos Lager. Und tatsächlich, der Schiffsjunge hatte die Augen geöffnet und schaute etwas verträumt in die Runde. „Wie geht es dir, Junge?“
    „Gut“, antwortete Paco. Seine Stimme klang noch etwas matt. „Ich habe ein bisschen Hunger, glaube ich. Was ist passiert?“
    „Er hat Hunger!“ Akasso drängte sich aus dem Kreis der anderen heraus. „Lasst mich durch, ich geh zu den Molukken und besorg ihm was zu essen!“
    Puccio sah lächelnd auf den Schiffsjungen herab und murmelte innerlich ein stummes Dankgebet. Die Magie der Molukken hatte tatsächlich funktioniert. Und Adanos, so schien es, gewährte ihm doch noch, seine gesamte Mannschaft sicher und wohlbehalten nachhause zurückzubringen. „Ich kann dir sagen, was passiert ist, Paco“, sagte er und sank neben dem Lager des Jungen auf die Knie. „Wir haben ein unbekanntes Land entdeckt. Eine völlig neue Welt. Und du warst dabei! Die Geschichtsbücher werden eines Tages von uns schreiben!“
    Paco lächelte. Dann, mit einem Mal, schien ihm ein Einfall zu kommen: „Wenn das eine neue Welt ist, braucht sie einen Namen, oder Capitán?“
    Puccio lächelte. „Ja, das ist wohl richtig. Hast du denn einen Vorschlag?“
    „Capitán?“
    „Ja?“
    „Ich finde, dieses Land sollte nach seinem Entdecker heißen.“
    „Ja, du hast Recht.“ Puccio hatte den Verdacht, dass er selbst gemeint war. Aber er hatte das Gefühl, dass das zu viel der Ehre gewesen wäre. Was hatte er schon Großes getan, außer den Spuren eines anderen zu folgen? Er hatte nicht ins Ungewisse fahren, hatte keine neue Passage finden, hatte nicht bangen und hatte auch keine Meuterei einer Mannschaft fürchten müssen, die davor zitterte, dorthin zu fahren, wohin niemand zuvor gefahren war. „Die neue Welt soll Arborea heißen, nach ihrem Entdecker! Und ich sage euch“ – hier wandte er sich nun an alle versammelten Männer – „wir haben nicht nur eine neue Welt entdeckt, wir haben auch die alte für immer verändert. Ja“, fuhr er, einer plötzlichen Eingebung folgend, fort, „wir haben die alte Welt zerstört und an ihre statt eine neue gesetzt. Nie wieder werden Menschen unsere Welt mit den gleichen Augen sehen, wie bisher. In Zukunft wird man sich an unsere Fahrt als an den Beginn eines neuen Zeitalters zurückerinnern!“
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    Sapere aude  Jünger des Xardas's Avatar
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    Auszug aus „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der arboreaischen Länder“ von Bartolomé de Las Cabañas:

    [...]

    Mit meinen eigenen Ohren hörte ich diese Begebenheit, mit meinen eigenen Augen sah ich es: Als man Hutabo, den König der Shaganumbi, zum Schafott führte, forderte einer der Magier vom Kreis des Feuers ihn auf, die Beichte abzulegen und das Bekenntnis zur Flamme zu sprechen, auf dass er nach seiner Hinrichtung in Innos‘ Reich Aufnahme finde. Hutabo dachte ein wenig nach und fragte dann, ob Innostrier in Innos‘ Reich kämen. Der Mönch sagte: ja, wenn es gute Innostrier sind. Darauf sagte der Chaka ohne weiteres Nachdenken, dann wolle er nicht in Innos‘ Reich, sondern in Beliars Reich, nur um derartige grausame Menschen nicht sehen und mit ihnen zusammensein zu müssen.

    [...]

    Die sogenannten Innostrier, welche hier landeten, wählten zwei ganz untrügliche Mittel, diese bejammernswürdigen Nationen auszurotten, und sie gänzlich von der Oberfläche der Erde zu vertilgen. Fürs Erste bekämpften sie dieselben auf die ungerechteste, grausamste, blutgierigste Art; und zweitens brachten sie alle diejenigen ums Leben, von denen sie fürchteten, dass sie nach Freiheit seufzen, danach schmachten, nur daran denken, oder den Martern, welche sie erdulden mussten, entspringen möchten. So verfuhren sie mit allen den Großen des Landes und allen freigeborenen Untertanen: Im Kriege aber ließen sie überhaupt nur Weiber und Kinder am Leben. Sie bürdeten denselben die härtesten, schwersten, drückendsten Lasten auf, die nicht einmal Vieh ertragen kann, geschweige denn Menschen. Unter diese zwei Hauptarten mehr als beliarischer Tyrannei lassen sich alle übrigen mannigfaltigen und unzählbaren Qualen, gleichsam als untergeordnete Gattungen bringen, wodurch sie jene Völker zu vertilgen suchten.
    Die einzige und wahre Grundursache, warum die Innostrier eine so ungeheure Menge schuldloser Menschen ermordeten und zugrunde richteten, war bloß diese, dass sie ihr Gold in ihre Gewalt bekommen wollten ...
    Die Costa Espada war es, wo die Innostrier zuerst landeten. Hier ging das Metzeln und Würgen unter den unglücklichen Leuten an. Jene Küste war die erste, welche verheert und entvölkert wurde. Die Innostrier fingen damit an, dass sie den Molukken ihre Weiber und Kinder entrissen, sich ihrer bedienten, und sie misshandelten. Sodann fraßen sie alle ihre Lebensmittel auf, die sie mit viel Arbeit und Mühe sich angeschafft hatten.

    [...]

    Nun fingen die Molukken an, auf Mittel zu sinnen, vermittelst deren sie die Innostrier aus ihrem Land jagen könnten. Sie griffen demnach zu den Waffen, die aber sehr schwach sind, nur leicht beschädigen, wenig Widerstand leisten, noch weniger aber zur Verteidigung dienen. Die Catagónier und die Myrtaner hingegen, welche zu Pferde und mit Schwertern und Lanzen bewaffnet waren, richteten ein gräuliches Gemetzel und Blutbad unter ihnen an. Sie drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf, und hieben alles in Stücke, nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe, die in ihre Hürden eingesperrt wäre. Sie wetteten untereinander, wer unter ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten voneinander hauen, ihm mit einer Pike den Kopf spalten oder das Eingeweide aus dem Leib reißen könne. Neugeborene Geschöpfchen rissen sie bei den Füßen von den Brüsten ihrer Mütter und schleuderten sie mit den Köpfen wider die Felsen. Sie machten auch breite Galgen, so dass die Füße beinahe die Erde berührten, hingen zu Ehren und zur Verherrlichung des Erwählten und der fünf Stämme je 6 und 6 Molukken an jedem derselben, legten dann Holz und Feuer darunter und verbrannten sie alle lebendig.

    [...]

    Alle diese beschriebenen Gräuel, und noch unzählige andere, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.

    [...]

    Und so ist es gekommen, dass die Molukken, schlecht behandelt und noch schlechter verpflegt und sehr abgearbeitet, sich vermindert haben von einer Million Seelen, die es an der Costa Espada gab, auf fünfzehn- oder sechzehntausend, und sie werden alle sterben, wenn nicht schnellstens geholfen wird.

    [...]

    Mit welchem Recht und welcher Gerechtigkeit haltet ihr diese Molukken in einer so grausamen und schrecklichen Knechtschaft? Mit welcher Befugnis habt ihr diese Völker blutig bekriegt, die ruhig und friedlich in ihren Ländern lebten, habt sie in ungezählter Menge gemartert und gemordet? Ihr unterdrückt sie und plagt sie, ohne ihnen zu essen zu geben und sie in ihren Krankheiten zu heilen, die über sie kommen durch die maßlose Arbeit, die ihr ihnen auferlegt, und sie sterben – oder besser gesagt: ihr tötet sie, um Tag für Tag Gold zu gewinnen.
    Jünger des Xardas is offline

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