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    Mein Tagebuch¹

    ... ein scheinbar altes, zerfleddertes Tagebuch liegt auf einem Holztisch ...

    ... ein Duft von Suppe zieht durch den Raum ...

    ~ • ~

    Nach dem sorgsamen Trocknen am Feuer hatten sich die zahlreichen, noch nicht beschriebenen Seiten als brauchbar erwiesen. Den Lederrücken hatte sie mit einem Dolch vom Papier getrennt. Die Heftfäden waren leicht zu lösen gewesen. Eine Leine, quer durch den einzigen Raum ihrer Unterkunft gespannt, hatte all die Seitenpaare aufgenommen. Holz gab es genug für ein ordentliches Feuer. Doch sie hatte es langsam angehen lassen mit der Glut, denn die Papierseiten sollten ja gerade bleiben.

    Das so wiederhergestellte, aufgeschlagene Büchlein, natürlich ohne die ersten beiden Seitenpaare, verbreitet eine raumfressende Leere. Wie wird das erste Wort lauten? Wird es weitere geben? Wird ein erster Satz allein stehen bleiben? Weil die Idee zwar willkommen, aber schlussendlich nicht umsetzbar ist?

    Gut, sie hatte Feder und Tinte in der Hütte gefunden. Sie hatten vermutlich dem vorherigen Besitzer dazu gedient, ein Willkommensgruß zu verfassen. Einen ordentlichen Tisch nebst Sitzgelegenheit gab es auch. Ebenso ein Feuer und zwei Laternen, mit denen man sich über einen Kerzenschein Licht an das Tagebuch holen konnte. Ebenso war ein Bett vorhanden. Sie mochte es in Gedanken die Dinge des Tages durchzugehen, nachzusinnen über Erlebtes, über vertane Chancen, aber auch Momente, wo das Glück auf der richtigen Seite war. Ebenso mochte sie es ihre Funde, meist Bücher aus den Tagesausflügen, hier im Bett zu lesen. Dass jetzt noch überraschenderweise der Raum bereitet war, die eigenen Gedanken festzuhalten, erfreute die Waldelfin. Sie kannte kaum jemanden, die Sitten in diesem Landstrich waren ihr fremd. Aber sich anvertrauen wollte sie schon und so kam ihr der Zufallsfund gerade recht.

    Sie hatte schon gedacht, es würde nicht reichen, doch später mit Freude ihren Irrtum erkannt. Denn das alte, zerfledderte Tagebuch war aufbereitet und lag nun frisch gebunden vor ihr. Dem Skelett, dem sie es abgenommen hatte, würde es nichts mehr nutzen. Von dem vorherigen Nutzer wusste sie nicht viel: »Ein Nord … Angstzustände aufgrund schlecht gesicherter Stollen … mehrere Tage lies man ihn graben … aber ein Nord ohne sein Met? … «

    Ein Lächeln flog über ihr Antlitz. Sie wusste, was sie zuerst in ihr Tagebuch schreiben würde. Es sollte der Bericht über den gestrigen Besuch in der »Glutsplittermine« sein.

    Mit was beginnt ein Bericht über so eine Begebenheit? Mit einem aussagefähigen, packenden Titel …

    Sie seufzte ... »Noch kein Wort geschrieben, ein Anfang, zumindest, worüber sie schreiben wollte, doch so schnell die erste Schwierigkeit?«, Gedanken schwirrten durch den Kopf. Sie legte die Feder zur Seite, schloss das Fässchen mit der Tinte. Sie ging zum Kochkessel und wollte sich vorerst um ihr Abendbrot kümmern. Dabei konnte sie alles noch mal in Gedanken nachvollziehen, was am gestrigen Tag geschehen war. Dabei und hier hellte sich ihre Mine wieder auf: »Sicher wird mir auch der Titel dazu einfallen. Es war ja eine überraschende, doch erfolgreiche Stippvisite …«, sagte sie beim Rühren mit dem hölzernen Kochlöffel in der Suppe aus Kohl, Kartoffeln und was sonst der gestrige Tag so hergegeben hatte.

    ~ • ~

    ¹ wenn die Schrift »Morpheus« installiert hat, wird Überschriften gestaltet sehen
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    »Wer hat eine Hacke?«

    Es war eine dieser typischen Verkettungen. Waldelfe sieht Eisenerzvorkommen, hat keine Spitzhacke dabei, erkennt auf der Karte ein Symbol für Bergwerk und schlussfolgert … »Dort kann ich mir sicher eine ausleihen«. So gedacht, so getan. Nur vor dem Bergwerk namens »Glutsplittermine« stand kein Bergmann, mit dem man reden konnte. Es war …

    »… ein verdammter Bandit der dort Wache und führte sich auf …«, erinnerte Gwess sich an das Eintreffen. »Zum Glück bin ich seitlich, leicht von oben …« sie musste schmunzeln, als sie die Worte gekonnte mit der Feder auf das Papier zog » … so wie ich es immer handhabe und schleichend an einen Schubkarren gekommen.«

    Sie erinnerte sich, wie sie seinen behelmten Kopf sah, den Langbogen, der erst seit wenigen Tagen ihr eigen war, von der Schulter nahm, einen Eisenpfeil einlegte und durchzog. Sie hatte die Luft angehalten und gewartet, wie bei der Jagd. Gewartet auf eine sich bessernde Schussposition. Doch das Ziel tat nicht dergleichen, wurde selbst unruhig. Gwess dachte sich nur: »Der Hase …«

    Ja, sie hatten beim Rumpirschen einen Hasen aufgeschreckt. Es war noch vieles neu, plötzlich ungeübt und schwierig. Sie konnte, so in der leichten Bekleidung eines älteren, lange Hemdes und ein paar ausgetretener Stiefel, nicht länger warten und entließ das Geschoss. Das Schlagen der Bogensehne warnte den Wachposten. Doch er lief in den Pfeil. Weil selbst nur einen Pelzhelm tragend, fand er keinen Schutz. Er kippte mit dem Pfeil nach hinten weg, doch ohne noch schreien zu können.

    »Was für ein Glück«, dachte die Waldelfe, blieb aber noch eine Weil hinter dem Schubkarren. Als sich nichts weiter rührte, schlich sie um diesen herum und schaute in den Stolleneingang. »Kein weiterer Posten«, stellte sie fest und zog den Toten zuerst in das Unterholz. Dort schaute sie nach, was er so zu bieten hatte. Viel war es nicht, doch sie hatte kaum mehr, als sie auf dem Leibe trug. Ein paar Goldstücke würde es bringen, doch sie dachte auch an das Gewicht, welches die Fellrüstung hatte.

    Sehr vorsichtig öffnete sie das Tor zur Mine und sah zuerst einen weiteren Schubkarren. Dieser stand so merkwürdig im Wege, da gab es nur einen Gedanken: »Eine Falle!« So war es auch. Quer über dem Weg, als dieser nicht mehr weiter nach unten fiel, spannte ein Seil. Vorsichtig schritt sie darüber und ärgerte sich über die ein oder andere Fackel. Doch diese zu löschen, das traute sie sich nicht. Dann vernahm sie Stimmen: »Wachposten, Angsthase, Falle … endlich schlafen …«

    Sie hatte genug gehört und in diesem Moment stieg ein weiterer Bewaffneter eine Treppe hinauf, während sich am Ende der Holzkonstruktion ein anderer lang auf eine Matte ausstreckte. Schnell war der Bogen gespannt. Sie zählte vom Fixierpunkt die Schritte, welche der eine gegangen war und wollte den Anschlag schon um das ermittelte Maß korrigieren, musste es aber nicht.

    Diese drehte sich um, ein Kriegshammer wurde am Rücken sichtbar. Scheinbar wollte er etwas sagen. Doch er kam nicht mehr dazu. Was aber alle in der Kammer des Bergwerkes hörten, war der Knall der Bogensehne. Der mit der zweihändig auszuführenden Waffe kippte vorn über und der andere versuchte von der Matte hochzukommen. Aber er schaffte es nicht bis über die Knie. Ein weiterer Pfeil riss ihn aus dem angestrebten Gleichgewicht.

    Gwess hielt inne beim Schreiben. Griff nach einem Becher und trank ein Schluck von dem Tee, den sie sich zubereitet hatte. Sie fühlte es hier am Tisch, so mit der Feder in der Hand, wie zum einen die Kälte des Berges durch ihre dünne Kleidung zog, aber gleichzeitig Schweiß den Rücken herunterlief und sich eine merkwürdige Entspannung breitmachte. Sie wusste, es würde keiner mehr kommen. Nach einem tiefen Luftholen war sie weitergeschlichen. »Den Bogen auf dem Rücken …« notierte sie in dem Tagebuch. »Man schleicht nicht mit gezogener Waffe«, sagte sie mehr zu sich und trank noch ein Schluck von dem Tee. Sie schaute kurz auf den vor ihr liegenden Text, fand die Handschrift flüssig und dachte sich: »Nun, genug Zeug hatten die beiden dabei. Es fand sich auch noch eine weitere Eisenader, aber keine Spitzhacke.«

    Dann versuchte sie tiefer in das Bergwerk zu gelangen ...
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    Gwess | Blutsplittermine • »Erst denken, dann reden …«

    Gwess hatte vor ihrem neuem Heim nach dem Rechten gesehen. Flusswald lag leicht unterhalb des von ihr genutzten Gebäudes und man konnte das Schmiedefeuer von Alvor noch gut in der Nacht ausmachen. Morgen früh würde sie hingehen und all den Kram verkaufen. Etwas fröstelnd setzte sie sich wieder an ihren Tisch, um weiter von der Glutsplittermine zu schreiben. Sicher, sie hätte eine der erbeuteten Rüstungen anziehen können. Doch warum sollte sie sich in einen Plunder zwängen, welcher noch vor Stunden Banditen getragen worden war. »Wer weiß, wann diese sich zuletzt gewaschen hatten …«, dachte sie und es schüttelte sie erneut.

    Sie wusste genau, wann sie das letzte Mal vollständig im Wasser gestanden hatte, doch das war ein Thema für ein späteres Kapitel. Sie dachte nach und dann kam es ihr wieder in den Sinn. »Ja, in einem Seitenstollen, dort habe ich das Tagebuch gefunden«, sagte sie leise vor sich hin und fuhr mit der linken Hand über die neu gebundenen Seiten. Eine erneute Stelle, aus der das Eisenerz ragte, hatte ihr beim Gehen aufgezeigt, sie hatte immer noch keine Hacke gefunden. Dafür Dolche, ein Schwert, einen Stahlstreitkolben und eben Fellrüstungen. All dieses schleppte sie nun mit sich herum und wusste nicht, wie weit es in den Berg noch gehen würde. Nur die drei Dietriche, die einer der Burschen bei sich hatte, ja, die fand sie ganz passabel.

    »Ein Behältnis, das wäre genau richtig …« Sie fand eins. Ein besseres Fass, ein paar Kohlköpfe lagerten darin, stand in einem weiteren Raum. Er schien nur einen Zweck zu dienen. »Ein Hebel, um eine Bretterkonstruktion über das Grubenwasser herabzulassen oder aufzuziehen.« Das hatte sie gedacht. Klar war der jungen Frau aber auch, dass das Poltern der aufschlagenden Behelfsbrücke sich in dem Stollen ausbreiten würde. Deshalb löschte sie in ihrem Umkreis die Fackeln. Anschließend suchte sie sich eine gute Position, von der aus der Hebel betätigt werden konnte und zu gleich der Bogen zu gebrauchen war. Einen der Pfeile nahm sie zwischen die Zähne und den anderen zum Bogen. Dann zog sie an dem Schalter und …

    »… Wer hat die Brücke heruntergelassen? Sollte nicht eine Wache vor der Mine stehen? …« Weiter kamen die beiden, die heraneilten, als die Hochzeit der beiden Wegstücke krachend eingeleitet war, nicht. Nicht in ihrem laut geführten Gespräch, aber auch nicht in ihrem Weg zur anderen Seite. Zwei Pfeile hatten rasant, in schneller Folge geschossen, sie verstummen lassen.

    Gwess atmete tief durch, tauchte die Feder erneut in das Tintenfässchen, strich einen Tropfen, der zu viel anhaftete ab und dachte daran, wie sie anschließend gewartet hatte. Aber niemand kam hinzu. So war sie langsam, ohne Hast, den Bogen auf dem Rücken über die Brücke geschlichen. Dabei immer die Sinne gespannt auf etwas Kommendes. Aber es blieb ruhig. Es war ihr zu ruhig. Sie konnte nicht glauben, dass das jetzt schon alle waren. Doch sie wollte vorsichtig bleiben. Dann sah sie einen Lichtschein den Gang erhellen. Durch einen Bretterverschlag konnte sie eine Gittertür erkennen. Und vor der Gittertür saß eine Person. Sie war froh über ihre guten Augen und über ihren Willen. Denn ein lederner Beutel, ein Buch, ein in die Tischplatte gestoßener Dolch, sowie ein paar achtlos verstreute Goldstücke hätten durch einen Spalt in der Bretterwand gut gegriffen werden können.

    Gwess richtete sich auf und schaute auf den vor ihr entstandenen Text. Es war ihr in den Sinn gekommen, dass vielleicht eine Skizze das Beschriebene illustrieren könnte. »Vielleicht ein anderes Mal, es sollte schon am Anfang stehen«, sagte sie so für sich. Die Abschweifung kam gewollt. Denn sie war eigentlich immer noch im Nachdenken, was passieren hätte können …

    »Mist, diese verdammten Fackeln. Wenn ich um den Verschlag herum bin, laufe ich dem Kerl voll in die Arme«, das hatte sie sich ausgerechnet. Sie hatte keinen Blick für die Pilze, die in der Feuchtigkeit der Kammer gut zu wachsen schienen. Um es genau zu benennen, sie hatte sie gesehen, aber keinen Nerv diese jetzt zu pflücken. Langsam, sehr langsam, im Einklang mit ihrem Atem setzte sie Schritt für Schritt. Sie schaute zuerst und prüfte dann mit der Sohle, ob sie auf einen losen Stein treten würde. Es dauerte unendlich lange. Aber egal wie sorgsam sie es angehen lies, gierig fraß das Licht alle Schatten. Es waren nur wenige Meter noch. Sie kannte nicht was auf sie zu kommen würde. »Vielleicht schläft er ja auch?« flitze so eine Idee durch ihren Kopf. Dann sah sie etwas, was das Licht an der Linken Stollenwand voraus schluckte. Sie schaute angestrengt dorthin. Schließlich erkannte sie es. Es waren Leibungen, gehauen in den Fels. Abgeschlossen, besser gesichert mit Stäben. »Vermutlich ein Verließ oder etwas in der Art«, ja, das hatte sie gedacht. »Dann ist der Sitzende ein Wächter!«

    Bei diesem Gedanken erinnerte sie sich an den aufzubringenden Willen, eine aufsteigende Hitze zu unterdrücken. Sie kannte dieses Gefühl einer kommenden Panik. Sie hatte es erst vor wenigen Tagen gefühlt. Dort wo zwischen ihrem Hals, einem Richtblock voller Blut und einem Beil nur noch wenig an Abstand war, da war es gewesen. Wie ein Raubtier hatte es Besitz ergriffen bis in alle Fasern ihres Körpers und ihres Geistes. Aber sie musste besonnen bleiben, dass hier war kein Richtblock. Sie bestimmte, ob sie nun weiter schleichen wollte oder nicht. Dieser Gedanke gab ihr Zuversicht. Doch zugleich stellte sich die Frage: Würde sie in Ruhe und Sorgsamkeit den Bogen nehmen, einen Pfeil ziehen, ihn anvisieren und noch treffsicher schießen können, wenn der Wächter aus etwa drei Meter Entfernung anrannte? Sie wusste es nicht. Entgegen ihrer Regel nahm sie den Bogen von der Schulter. Das geschah langsam. Sie war schon im Verzweifeln, denn der Stoff ihrer einfachen Bekleidung schien unendlich laut zu rascheln. Sie hielt inne. »Nichts. Auch kein Atmen war zu hören! …« »… dann wird er meinen auch nicht hören«, dachte sie und legte einen Pfeil ein und drückte sich mit durchgezogenem Bogen, in der Hocke schleichend um die letzte Ecke …
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    Gwess | Blutsplittermine • »Taten und Warten«

    Gwess hatte beim Schreiben innegehalten. Sie sah auf ihren letzten Satz. Sie las, wie sie einen Pfeil eingelegt hatte und mit durchgezogenem Bogen, in der Hocke schleichend um die letzte Ecke … »ja, die letzte Ecke!« seufzte sie. Ihr war das Gefühl, welches zu diesem Moment in ihr steckte, allgegenwärtig und greifbar. Jetzt war es das. Doch wie würde es in ein paar Tagen oder in wenigen Wochen sein? Sie schüttelte ihren Kopf und ihr kurgeschnittenes, rosenblondes Haar, gehalten von zwei sich kreuzenden dünnen Zöpfen hinter dem Kopf, wippte dazu mit.

    »Wie beschreibt man ein Gefühl?«»Wie schreibt man, dass einem die Angst bis zum Hals kriecht, man nicht um die Ecke will, aber es trotzdem tut?« ... »Wie beschreibt man das Erkennen der Situation, als der Blick frei war auf den Wächter, seinen Stuhl, auf dem er saß und die Tür dahinter?« Die Waldelfin war bei ihrem Gemurmel fast dabei an der Schreibfeder zu kauen. Doch dieses Bestreben brachte sie zurück zu ihrem Tagebuch, welches weitergeschrieben werden sollte.

    Ja, sie hatte den Wächter gesehen. Er schien etwas zu dösen oder er tat nur so. Für diese Dinge blieben keine Zeit. Gwess war bereits sofort die Sehne des Bogens nach vorn schnellen zu lassen. Sobald sie etwas sehen würde, was dieser Handlung bedurfte. Sie sah das Erschrecken in dem Gesicht, »eine Frau«. Sie spürte: »Ich werde gesehen«. Sie sah den Griff nach Schild und einer Handwaffe, etwas in der Form eines Streitkolbens. Sie sah das Bestreben aufzustehen. Sie wusste: »Ich bin entdeckt!« Sie handelte im Unterbewusstsein. Sie sah, wie der Pfeil sich löste. Fast wie in Zeitlupe stand der Pfeil in der Luft, um dann mit dem Laut des Todes in den Oberkörper einzudringen. Sie sah ein Kippen nach vorn und erkannte, wie stark der Bogen durchgezogen gewesen war. Der Pfeil ragte hinten aus der Fellrüstung heraus.

    Gwess hatte noch eine Weile gebraucht, bis sie aus der Haltung des Schleichens mit angelegten Bogen wieder herauskam. Langsam löste sich die Spannung. Sie hörte sich atmen. Erst schnell und kurz, dann später langsamer und tiefer. Ein guter Zug an Luft durch die Nase füllten ihre Lungen. Sie war bereit zu der vor ihr Liegenden zu gehen und nachzuschauen. Neben den üblichen Dingen fand sie auch einen Schlüssel. Den Schlüssel zur Blutsplittermine. Doch sie nahm ihn nicht an sich. Sie fand es zu leicht und zu vorschnell die Türen zu öffnen, um vielleicht zu gierig nach der Beute zu greifen. »Vielleicht ist die Tür auch zusätzlich gesichert!« schreib sie in ihr Buch. Sie wusste nicht, warum ihr diese Überlegung kam, doch sie war einfach da. Zu dem war die Mine noch nicht bis zu Ende abgegangen. Und jetzt sich an den Türen zu versuchen empfand sie als unnützes Risiko.

    So schaute sie sich um, löschte die Fackeln in dem Umfeld und schlich vorsichtig weiter. Nach einer weiteren Fundstelle mit Erz, weitete sich der Raum und im hinteren Teil war neben einem schlagenden Geräusch auch eine Helligkeit an den Wänden auszumachen. Das Licht wanderte an dem grob behauenen Fels entlang: »Scheint eine Schmiede zu sein«, hatte Gwess gemutmaßt. Doch bevor sie in die Richtung weiterging, untersuchte sie ein Nebengelass. Es waren zum Glück leere Buchten, in denen zum Schlafen alles vorbereitet schien. Sie schaute hinter einem der Pfeiler stehend nach unten und sah einen Mann am Amboss arbeiten. Zugleich erkannte sie eine Seilbrücke. Diese verband einen höher gelegenen Raum auf der linken Seite mit einem Aufgang oberhalb des Schmiedefeuers. Bei Beobachten sah sie, wie jemand im Begriff war über die Brücke zu gehen. Das Knirschen des Holzes, welches eingebunden war und als Auftrittsfläche diente, verdeutlichte ein langsames, eher gelangweiltes Gehen.

    »Hatten sie durch den Lärm des Schmiedens nichts mitbekommen?« fragte sie sich und beschloss zu warten. Sicher, die Kälte des Bergwerkes durchdrang den dünnen Stoff ihrer Kleidung und ein paar stete Tropfen von der felsigen Decke auf ihren Nacken machte diese Zeit des Schauens nicht angenehm. Doch sie wollte erst wissen, wer wo war, bevor der nächste Pfeil fliegen sollte. »Den am Amboss zu erst!«, sagte sie leiste zu sich. »Das war klar …«, dachte sie beim Aufschreiben in ihr Tagebuch und griff zu dem bereitstehenden Tee und trank einen Schluck. »Doch wann den, der auf der Seilbrücke war?«

    Diese Frage klärte sich nach einiges Zeit des Ausharrens auf. Zum einen pendelte der Posten zwischen dem links, oben befindlichen Raum und der anderen Seite. Es gab einen Zeitpunkt, wo sich dieser rechts drehen musste. Beim Drehen hatte sie auch einen Langbogen gesehen. Anschließend kam die Wache ein Stück zurück, um dann nach Links abzuschwenken. »Das war der richtige Zeitpunkt für zwei präzise Schüsse …«, das hatte sie sich gedacht. Doch sollte es so funktionieren?
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    Gwess | Blutsplittermine • »Endlich ´ne Hacke«

    Es war nicht so gekommen. Denn als der mit dem Bogen auf dem Rücken in ihre Richtung schritt, um später auf der Seilbrücke nach links zu schwenken, da kam ein dritter dieser Bande links am Ende der Verbindung aus Holzbohlen und starken Stricken zum Vorschein. Er blieb auf einem Podest, welches durch eine Balkenkonstruktion mit dem Fels verbunden war, stehen.

    »Mist, so ein Mist, verdammter auch …«, Gwess fluchte nicht schlecht und das ohne Grund. Denn sie saß ja in ihrer kleinen Behausung vor dem Tagebuch. Aber dieser überraschende Wechsel hatte die sonst so kühl und bedacht handelnde Waldelfin aus dem Konzept gebracht. Sie musste spontan handeln und das war eigentlich nicht ihre Vorgehensweise. Sie mochte es besonnen aus dem Verborgenen zu agieren, doch nun galt es sich zu entscheiden.

    Sofort!

    Nochmals warten oder schießen? Sie schoss, und zwar auf den, der zuletzt aus dem linken Bereich aufgetaucht war. Doch der Langbogen erwies sich zu schwach oder die Flugbahn war nicht austaxiert. Der Pfeil schlug irgendwo ein und eine Hektik verbreitete sich unter dem Rest der Banditenbande. Gwess legte nach, nahm den Pfeil, den sie bereits zwischen den Zähnen hatte, und hob das Ziel deutlich über seinen Kopf an. Es dauerte für sie ewig, bis der Pfeil drüben war. Es riss ihn immerhin noch nach hinten weg.

    Aber der zweite Schuss hatte sie verraten. So stürmte der, den sie als letzten treffen wollte, nach vorn, vorbei an einem hölzernen Geländer auf die Seilbrücke zu. Von den zwei hastig gegriffenen Pfeilen krachte der erste in die Geländerbeplankung. Aber der Rennende blieb durch das Geräusch des einschlagenden Pfeiles und die folgende Erschütterung in der Seilbrücke stehen. Das reichte Gwess. Sie konnte ihn anvisieren und traf. Die Person kippte über die Seile der Hängebrücke in die Tiefe. Dieses laute Platschen gab dem letzten der drei Banditen ebenso eine neue Richtung. Er rannte auf dem Weg, mit einem gezogenen Schwert in der Hand, eine mit Holzplanken ausgelegte Passage der Strecke zurück.

    »Was für ein Glück!«, schrieb Gwess in ihr Tagebuch und trank noch etwas von dem Tee. Sie erinnerte sich, wie sie ihren Geist bezwang. Sie hatte den Bogen weggesteckt. War für sich selbst widerstrebend, doch weil schon geübt, langsam, auf Zehenspitzen, die Luft anhaltend, in Gedanken an die gelöschten Lichtquellen sorgsam zurückgeschlichen. Meter um Meter kam sie voran. Dabei spürte sie die Kühle des nassen Felsen, dem sie sich so näherte. Sie hörte auch, wie der Bandit, der am Schmiedefeuer gewerkelt hatte, in ihre Richtung kam und redete. Sie vernahm nur zum Schluss: »Habe mich wohl geirrt, doch keiner da.«

    »Idiot!«, hatte sie gedacht. Zwei werden in seiner unmittelbaren Nähe von den Füßen geholt und er dreht um, einfach so. Doch die Waldelfin wollte das nicht ergründen und musste es auch nicht. Sie lies sich Zeit, so wie sie es immer zu tun pflegte. Dann schlich sie in der gleichen Weise nach vorn und schaute sich um und sah ihn. Er stand etwas unschlüssig am Amboss. Sie zog den Bogen, legte einen Pfeil auf, prüfte die Schusshaltung, achtete auf die Beinstellung, drückte den Bogenarm durch, zog die Sehne mit samt den Pfeil an das Kinn, brachte ihren Atem in Einklang und prüfte den Zielpunkt.

    »Plaff!«

    In diesem Moment war der Bandit hellwach. Er hatte den Bogen gehört. Doch so wie er sich umdrehte, war das Geschoss da und löschte sein Lebenslicht. Gwess musste noch immer, wie tief sie dort ausgeatmet hatte. Doch es verblieb keine Zeit. Sie begab sich zu der linken Seite, fluchte ein wenig über das knarrende Holz. Aber sie musste in diesen Raum, dort wo der Dritte der Gruppe so überraschend aufgetaucht war.

    Er war leer. »War er nicht …«, lachte Gwess vor ihrem Tagebuch. Sie sah einen Fasan, Fässer, Goldstücke, einige Edelsteine »… das Lager der Bande!« Sie schlich weiter und fand hinter wucherndem Gestrüpp, Spinnennetzen einen kleinen dunklen Tunnel. An dessen Ende war ein Lichtschein und sie schritt hindurch und fand sich unterhalb eines Ganges wieder. Neben einer weiteren Fundstelle an Eisenerz eine massive Truhe, beschlagen mit Eisenbändern und gut verschlossen. Sie zwang sich zu gehen. Auf der Seilbrücke schaute sie nach unten und sah den, der einen Bogen trug. Sie fluchte erneut, denn der Tote lag wunderbar mitten in einem Wasserloch, von denen es in Gruben genug gibt, wenn man aufhört, das steigende Wasser zu bekämpfen. »Also auch noch Badetag …« hatte sie sich gesagt. Aber ihr eigener Humor fruchtete nicht. Denn noch waren die Stollen nicht abgesucht. Sie sah nur oberhalb des Podestes ein Moos, das würde sie auf dem Rückweg mitnehmen.

    Bis auf ein paar in den Gang gehängte Knochen, vermutlich ein Signalgeber, fand sich nichts mehr in dem hinteren Bereich der Blutsplittermine. »Doch eines fand sich noch«, sagte Gwess, als sie vom Tagebuch weg auf ihr Bett schaute. »Ein zweiter Ausgang, und zwar ziemlich nah an dieser Hütte hier.« Sie war hinausgegangen, an die frische Luft. Alle Vorsicht war unbegründet, es gab keine Wache.

    ~ • ~

    Gwess setzte ihr Schlusszeichen unter den Besuch in dieser Mine. Sie war keine Buchhalterin und so vermied sie es all die Beutestücke, Waffen, das Geld, die Mühe mit den Schlössern, weil sie es so schaffen wollte ohne den Schlüssel, die gefundenen Zutaten aufzuzählen. Doch ein Postskriptum folgte noch:

    »P. S. Der mit dem Bogen, hatte im Gepäck eine Hacke und so konnte ich das Eisenerz bergen.«
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    Gwess • »Eine neue Sache, begräbt die alten«

    Gwess schaute sich um in ihrer Hütte. Sie war lange nicht hier gewesen. Sicher die letzten Tage schon, doch davor nicht. Es musste hier recht einsam gewesen sein. Was Gwess nicht sagen konnte. Doch ihr Tagebuch, einst mit Elan begonnen, dem erging es anders. Es lag gut verstaut in einer Lade eines Schrankes. Doch dann war es hervorgeholt worden. Diese Nacht. Es hatte sich etwas geändert. Gwess war im »Schlafenden Riesen« gewesen. Sie hatte erinnerte sich:

    »Ich habe schon drei Tische in der Kammer mit solchen Kringeln in der Platte«, hatte Delphine lachend zu ihr gesagt und sich ohne Aufforderung an den Tisch gesetzt. Nun sie durfte das, denn sie war die Besitzerin der einzigen Taverne in dem Flecken, der sich Flusswald nannte. Gwess hatte sie angelacht. Beide kannten sich. Wenn die Waldelfin in den beschaulichen Örtchen war, wo sich ein paar Holzfäller an einer Mühle ein Zubrot verdienten, besuchte sie auch Delphine. Diesmal war es etwas anderes gewesen. Ihr war die Einsamkeit der Hütte auf den Docht gegangen und so suchte sie mehr Öffentlichkeit. Sie dachte, das Stimmengewirr, die Musik des Barden Sven und ein Glas von dem Roten könnte, sie ablenken. Es war nicht an dem. Nicht, dass der blond gelockte Nord schlecht aufspielte. Nicht, dass es überhaupt keine Gäste in der Kneipe gab. Nein. Es war alles bestens. Sven schmetterte die alten Weisen seines Volkes mit bekannter Hingabe und Gwess entdeckte auch den Schmied und noch ein paar weitere Bewohner des Ortes an den Tischen. Trotzdem funktionierte es nicht.

    Sie war im Grübeln. Sie war in den Gedanken ganz wo anders, nicht in Flusswald. Doch ein wenig war sie auch hier. Und an dem Wenigen hatte Delphine ihren Anteil. Denn diese hatte sie gefragt, wo sie jetzt doch frei von allen Aufträgen war, wie es um ihr altes Angebot stünde? Es ging um einen Auftrag. Dieser musste für die Wirtin wichtig sein und vor allem nicht erledigt. Sonst hätte sie nicht gefragt.

    In diesem Nachgrübeln über den Sinn und den Zweck, ja überhaupt hatte Gwess begonnen in den paar Tropfen, die bei einem der Schlucke den Weg aus dem Glas, über den Rand, das Gefäß hinunter auf die dicke Tischplatte geschafft hatten, Kringel zu mahlen. Links herum oder rechts herum oder mittendurch. Es gab kein Muster, aber einen beharrlichen Finger. Das musste wohl so eine Weile gegangen sein. Wer beobachtet sich schon, wenn er so über die geschehenen oder künftigen Dinge nachdenkt?

    Bis eben die Wirtin kam und mit einem Lachen, sowie zwei Gläsern das Kringeln beendete. Gwess schaute die Nord an. Und Delphine wich dem Blick nicht aus. Die Wirtin sah den Schwermut, den immer noch nicht gewichen war, seitdem die Waldläuferin wieder hier in Flusswald war. Auch Faendal hatte sie schon versucht aufzurichten. Doch es war nur schlimmer geworden. Denn ein Bote hatte, wie auch immer wissend, dass sie sich hier aufhielt, ihr das Buch abgenommen. Dieses war ja von ihr in Weißlauf im Laden von Belethor geholt worden und sollte nach Drachenbrügge gebracht werden.

    »Komm stoß mit an und mach nicht so ein Gesicht«, sagte die Wirtin zu ihr und reichte ihr eines von den Gläsern. Gwess nahm es und versuchte zu lachen. »Mädchen«, sagte die Wirtin, »Mädchen, Du wirst Falten bekommen von dem Grübeln, willst du das?« scherzte Delphine. »Natürlich nicht. Welche Frau will Falten!« trotzte die Waldläuferin zurück. »Dann ist ja ein Anfang gemacht«, antwortete die Nord und trank einen guten Schluck. Sie wartete auf Gwess und tatsächlich begann diese zu reden.

    Gwess erhob sich von ihrem Stuhl und schaute auf ihr Tagebuch. Es war immer noch so leer, wie sie es vor ein paar Tagen wieder entdeckt hatte. Sie hatte all die Dinge mit den Khajiit-Händlern, ihr Zusammentreffen mit Quintus, diesen schweren Kampf bei dem Lager der Riesen nicht aufschreiben wollen. Sie wollte es jetzt auch nicht. Sie ging zur Tür. Dabei kam ihr in den Sinn, wie die Wirtin versucht hatte ihr den Auftrag schmackhaft zu machen:

    »Du bist nicht schuld, dass die beiden Sachen nichts geworden sind. Das weißt du auch«, hatte Delphine zu ihr gesagt. Sie waren dann doch zu der einen oder anderen Sache tiefer ins Detail gegangen. Bei dem Gwess immer und immer wieder sagte: »Ich habe versagt.« Die Wirtin gab sich alle Mühe. Sie sagte, dass es richtig gewesen wäre, beide Aufträge zu verknüpfen. »Es war ein Weg.« Sie sagte auch, dass sie das Zutrauen von Gwess bewunderte hatte, nach dem Mord in Weißlauf nochmals von Flusswald dort hinzugehen, weil sie im Wort gestanden habe. Dass die Khajiit bei ihrer Rückkehr ins Lage mit Quintus und Thaiden über alle Berge waren, dafür könne sie nichts, hatte ihr Gegenüber ebenso erklärt. »Sie schulden dir den Lohn eines Tages!« Es wurde ein langer Abend. Und es war bei Gwess immer die gleiche Weise. Egal, wenn sie Wein trank, ob nun ein wenig oder mehr, es waren zwei Gläser, dann war sie früh sehr zeitig wach. So auch heute Morgen.

    Sie öffnete die Tür ihrer Tür ihrer Hütte, um in den jungen, erwachenden Morgen zu schauen. Sie hörte noch die Stimme von Delphine, die sagte: »Eine neue Sache, begräbt die alten. Nimm den Auftrag und vergiss das davor!« »Eigentlich hat sie recht«, dachte Gwess, als sie die kühle Morgenluft spürte, die in ihre Kleidung kroch. Aber sie hatte sich noch nicht entschlossen, denn es war zu viel geschehen. Vertrauen war gegeben und Vertrauen war genommen worden. Das wog bei ihr schwer. Sie hoffte, dass der kommende Morgen Klarheit in ihre Gedanken bringen würde und trat vor ihre Hütte.
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  7. #7 Reply With Quote
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    Gwess | Ein Kreuz auf der Karte I • »Klar, warum nicht!«

    »Habt ihr Lust und Interesse?«, fragte Hulda. Gwess, der einfach so danach war, sagte in einem Schwang von Übermut: »Klar, warum nicht!« Hulda, die Besitzerin und Wirtin der Taverne »Die Beflaggte Mähre« freute sich. Denn sie hatte nicht mit einer derart schnellen Zusage gerechnet. Zumal die Waldelfin sonst in der Lage war gefühlte tausend Fragen zu stellen. Auch das Feilschen schien sie mittlerweile gelernt zu haben. Doch diesmal hatte sie nicht mal nach dem Lohn gefragt. Ihr war es recht. Denn sie musste schon sehen, wie die Aufträge an den Mann, besser an die Frau gebracht wurden. So nahm sie ein Blatt auf den Tisch und rollte es auf. Es war ein Stück aus einer Karte. Gwess schaute neugierig auf die Zeichnung. Sie tat fast so, als wenn sie noch nie so etwas gesehen hatte. Doch der Eindruck täuschte. Sie hatte bereits mehrere dieser zum Teil sehr teuren Wegbeschreibungen in der Hand gehabt. Doch meist waren die später dem Besitzer auszuhändigen. Dieses Exemplar stammte aus einem Buch. Denn man sah, dass es mit einem Messer oder einem ähnlichen Gegenstand aus einer gebundenen Sache geschnitten hatte. Es musste ein guter Foliant gewesen sein. Denn die Ränder waren in einer goldenen Farbe. Sie erkannte ein Gitternetz, mit dem der Ersteller die Fläche in gleichmäßige Vierecke eingeteilt hatte. An der einen unteren Seite waren Buchstaben. Hingegen an der rechten Seite Zahlen. Eine Windrose zeigte die Himmelrichtungen. Sie sah Straßen, Wege sowie Gewässer. Es war eine Karte, die an unteren Rand Weißlauf zeigte. Die Darstellung zeigte klar die kleineren Anwesen, wie den Pelagiahof oder die Honigbräu Brauerei in der Nähe, zeigte Flusswald …

    Hier kam Gwess ein erstes Mal ein komisches Gefühl in den Bauch.

    F l u s s w a l d!

    Delphine, die Besitzerin vom »Der schlafende Riese« oder Faendal, ein Jäger, mit dem sie sich im Bogenschießen gemessen hatte, kamen ihr in den Sinn. Und sie musste an ihre Hütte denken. »Ob sie noch steht?« fragte sie sich. Doch sie vermischte die Gedanken und ihre Blicken wanderten weiter nach Süden. Die Glutsplittermine, die Wächtersteine …

    »Gute Karte!«, sagte sie spontan zu Hulda. Die Bretonin hatte die ganze Zeit gewartet. Das stellte auch keine große Höflichkeit dar. Denn um diese Zeit war meist noch keiner gewillt sich bei ihr am prasselnden Feuer in dem hallenähnlichen Raum ein Getränk zu bewilligen. »Du kannst sie haben«, sagte sie noch und schob sie zu der Waldelfe. Die griff erfreut zu und wollte das gerade erhaltene Stück in eine ihrer Reisetaschen verstauen, da sagte die Wirtin: »Stopp! Dort musst du hin!«

    Es war eines der immer wieder gesehenen Dinge. Ein Finger platzierte sich an einer Stelle. Die Augen des anderen folgten dem Weg auf dem Blatt. Dann ein Lesen, was an der Stelle des Ruhepunktes stand. Ein Warten mit der Frage: »Geht es noch weiter?« Aber, wenn der Finger länger an der Stelle bleibt, die Blicke zu dem ein Kreuz erkennen, dann greift die Erkenntnis:

    »H e l g e n ? Dort wo der Drache …«

    »Nicht ganz, aber in unmittelbarer Nähe ist dein Treffpunkt.«, erklärte Hulda und schob die Frage nach: »Es macht dir doch nichts aus?« Anstatt zu sagen, was sie dachte, frotzelte sie: »Hab ihn ja schon mal gesehen, warum nicht wiederholen!« Das wiederum überraschte die Wirtin. »Echt?«, aber es war keine wirkliche Frage.

    Nach einer kleinen Pause setzte diese in einem eher sachlichen Ton das Gespräch fort: »Gwess, hier an dem Durchgang nach Falkenring«, sie zeigte mit dem Finger auf das Kreuz, was tatsächlich rechts neben Helgen angebracht worden, »… hier ist der Treffpunkt. Morgen! Schaffst du dass?«, fragte sie noch. Dann bückte sich die Bretonin und kam mit einem kleinen ledernen Säckchen wieder in die Gerade. Ein Klimpern verriet den Inhalt und Hulda sagte noch: »Gehört quasi zur Karte mit dazu. Dann viel Erfolg!« »Danke, werde es brauchen«, antwortete Gwess und griff sich den Beutel. Er hatte ein gutes Gewicht. Sie verabschiedete sich mit der Zusicherung am morgigen Tag dort zu sein, wo das Kreuz auf die Karte gemalt worden war.
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    Gwess | Ein Kreuz auf der Karte II • »Dann mal eher, aber mit Umweg«

    Sie hatte den Bogen zwischen ihre Beine genommen und massierte sich den linken Arm. So war alles in Ordnung, aber es würde in den nächsten Tagen eine markante Färbung geben. So wie es eben bei einem Bluterguss üblich ist. Sie seufzte und dachte sich: »Was für ein Leichtsinn!« Das war es auch gewesen, was Gwess getan hatte. Denn in der Voraussicht elfischen Denkens wollte sie den Treffpunkt ergründen, zumindest dort als Erste sein und wissen, was geschehen konnte. Ihr Weg nach Flusswald war der übliche gewesen. Sie wusste nicht mehr, wie oft sie diesen nun schon gegangen war. Sicher übte der Bach, der tosend das Wasser aus den Bergen in die Ebene trug, seinen Reiz aus. Jedes mal aufs Neue. Das Wasser war nie gleich. Doch drängelte es mit aller Kraft und Wucht in die Tiefe, verteilte Tausende von Tropfen an den Stromschnellen und füllte den Bauchlauf mit einem grandiosen Tosen.

    Das, was sie störte, war ihr Lohn. Der lederne Beutel, so hatte sie das Gefühl, wurde von Minute zu Minute schwerer. Sie wusste, so genau war der Auftrag nicht beschrieben. Oder sie hatte nicht genau, so wie sonst gefragt. Zu dem hatte sie viel zu vorschnell ja gesagt. Sie wusste nicht, was sie bei dem Wort »H e l g e n« sonst getan hätte. Es war jetzt auch egal. Doch sie ärgerte sich schon, so in einer Aufgedrehtheit, in einer Vertrautheit mit der Wirtin, einfach so aus einer Laune heraus zugesagt zu haben. Diese kleine Grübelei, die sich die Waldelfe beim Aufstieg nach Flusswald gönnte, ließen die Septime eben Stück für Stück schwerer werden.

    In dem kleinen Flecken angekommen war sie bei Delphine auf das Abendessen und sie gönnte sich um das eine wie das andere Mal die dicken Bohnen. Eine gute Scheibe Schwarzbrot gab dazu. Das war ihr Spezialgericht, wenn sie im »Schlafenden Riesen« vorbeischauen konnte. Gesprochen hatte sie mit ihr auch. Aber es war eher ein belanglosen Reden über Dies und Das. Es war lange nichts mehr geschehen. Zu dem vermied Gwess etwas von dem Auftrag zu verraten; sie fragte nicht nach Helgen. »Muss mal nach meiner Hütte schauen«, hatte sie ihr gesagt. Was ja im Großen und Ganzen auch stimmte. Sie war ja später in ihrer Hütte. Weiteren Bekannten war sie aus dem Weg gegangen. Bis auf einen. Faendal konnte man nicht aus dem Weg gehen. Aber er war nicht im Ort. Die Wirtin hatte ihr berichtet, dass er eine Gruppe von Jägern hoch in die Berge führen sollte. Es war ein Albino-Hirsch gesehen worden. Der Waldelfen war es recht. Denn außer ihrer Karte, den vorausgezahlten Lohn und wenigen Dingen, die ihr Hulda, die Besitzerin und Wirtin der Taverne »Die Beflaggte Mähre«, genannt hatte, war da auch nichts.

    Aus ihrer Hütte war sie am sehr frühen Morgen aufgebrochen. Es war noch frisch und die Kühle der Nacht drang durch die lederne Rüstung und das, was sie darunter trug. Doch sie wollte so zeitig los. Es hätten auch drei Stunden später gereicht. Denn der Treffpunkt war der Ort, denn sie damals aus Helgen kommen auch verlassen hatte. Sie sollte vor den Höhlenausgang kommen, der von einem Stollen zu der ehemaligen Festung herrührte. Doch sie lief nicht direkt dort hin. Nein sie war in Richtung der Weisenfelsen an den Hängen hochgeklettert und schaute nun in die von einem Drachen gebrandschatzte Garnison. Sie sah beide Tore. Der Zugang, wo sie hinsollte, war fast einmal um die ganze Sache herum.

    Sie sah drei Männer über den Burghof gehen und sie hörte ihr Reden. »Beute … mein Anteil … kein Aufheben«, das waren Bruchstücke, die der Wind zu ihr trug. »Banditen! Einfach Banditen!« Ihr stieg der Zorn in den Kopf, vergaß den Grund, warum sie hier oben war. Spannte den Bogen. Sie wusste, sie musste so aus der Hocke, in der sie kauerte, gut ein paar Meter über die Köpfe zielen. Noch standen die drei. Das würde sich nach dem ersten Schuss ändern. Sie zog richtig durch, visierte so lange es ging, brachte den Atem zur Ruhe und dann schnellte der Pfeil in den noch jungen Tag. »Blob!« war sein Geräusch und dann krachte einer nach hinten weg. Aber Gwess hatte keine Freude. Denn sie war jetzt hoch konzentriert. Sah, wie um einen eine bläulich schillernde Umhüllung sich bildete. »Vielleicht ein Trank oder ein Schutzzauber«, mutmaßte sie. Doch sie wartete. Weil nichts weiter passierte, gingen die beiden zu dem Getroffenen zurück. In dieser Bewegung auf ihr erstes Ziel kannte sie ja nun den Anhaltepunkt und so flog der zweite Pfeil mit gleicher Wucht und Präzision. Der Dritte quittierte das Ergebnis mit einem Brüllen und rannte auf das Tor, welches nach Flusswald führte. Er musste, wenn er so in Rage war, dann einfach an der Steinmauer um die Ecke kommen. Das tat er auch. Aber er hatte einen Sprung zur Seite getan und so flog der Eisenpfeil an die alte Stelle. Gwess handelte nun hastiger. Pfeil holen, zielen, abschießen, getroffen. »Pfuuhhh«, lies sie ihre angehaltene Luft sausen. Er war zu ihrem Glück den Berg hochgerannt. Dann ging sie langsam hinunter und schaute sie einen nach dem anderen die Beute an. Doch zuvor nahm sie noch eine von den violetten Bergblumen, die an dem geöffneten Tor wuchsen, und ihren Pfeil wieder mit. Es waren Banditen beziehungsweise Banditengesetzlose. Sie hatten Fell- oder Lederrüstung, ein paar Münzen, einfache Ringe und Schwerter bei sich. Bei denen, die sie in der Burg noch erwischt hatte, wurde sie überrascht. Da war noch einer, mit einer Eisenrüstung und Schild. Dieser kam einen Streitkolben schwingend auf sie zu. Sie verriss den Schuss. Gut er traf sein Bein, was ihn humpeln lassen sollte. Aber er war da. Stand vor ihr. Sie wollte blocken, mit dem Bogen, es gelang halbwegs. Aber dessen Schlag war trotzdem gut geführt und traf ihren beschienten linken Arm. Eben nicht ganz, aber es reichte. Sie behielt den Bogen in der Hand und auch den Pfeil. Gekonnt vollführte sie zwei Rollen. Sie spürte die alten Pflastersteine in ihrem Rücken. Doch sie braucht einen Abstand und etwas an Zeit den Bogen zu spannen. Sie blieb nach der letzten Drehung im Liegen. Sie wusste, er würde nacheilen, so gut man es eben mit einem verwundeten Bein bewerkstelligen kann. Das tat er auch, denn er vermutete wie er sie am Boden liegen sah eine leichte Beute. Doch der Pfeil krachte durch seinen Hals und weil der Bogen einen magischen Effekt aus einem Kältezauber zog, war es um ihn geschehen.

    Gwess nahm sich den Streitkolben. Er war aus Stahl. und hatte sein Gewicht, aber den konnte man schon verkaufen. Dann verlies sie die Burganlage. Sie war sich nicht sicher, ob es noch mehr an Banditen hier gab. Es stand jetzt etwas anderes auf dem Plan. In gut einer dreiviertel Stunde war der Treff. So eilte sie zu dem Höhlenausgang. Sie wusste nun über die wesentlichen Dinge in und um Helgen, doch sie ärgerte sich über den Leichtsinn. Und ein wenig schmerzte auch ihr linker Arm.
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    Gwess | Ein Kreuz auf der Karte III • »Holterdiepolter und dann die Kurve links«

    Hinter ihr rumpelte etwas. Erst ein wenig, dann lauter. Sie sprang auf und machte den Weg frei. Doch, weil sie nicht wusste, was oder wer da aus dem Höhlenloch kam, nutze sie einen der Sträucher als Deckung. Das Gerumpel verstärkte sich und dann erblickte sie einen alten Mann. Er hatte den Kopf leicht gesenkt, trug einen großen breiten Filzhut mit umgeknickter Spitze sowie einen ebenso grauen weiten Mantel. Obwohl der Filzhut Gesicht und fast die Haare verdeckte, war in ihrem Gehirn der Eindruck »alter Mann« entstanden. Sie hatte es an der Körperhaltung festgemacht und an der Art zu gehen. Die Schritte waren vorsichtig und langsam. So als wenn er Sorge hatte, dass er an dem Weg, der nach unten führte, auf einen der Kiesel treten und dadurch stürzen könnte. Doch er hatte auch Halt. Denn er zog einen Wagen, besser einen einachsigen Handkarren hinter sich her. Die beiden Griffstangen schienen ihm zu dienen. So trat Gwess hinter dem Gebüsch hervor und fragte, ohne an ihren angenommenen Auftrag zu denken: »Kann ich euch helfen?«

    Der Angesprochene sah zu ihr, hielt an und lächelte über die unerwartete Freundlichkeit zurück, sagte aber nichts. Gwess sah einen alten Mann. Graues, fast weißes Haar, aber immer noch dicht. Das Leben und das Wetter draußen hatten sein Antlitz gezeichnet. Auch seine Hände waren runzlig und hatten an einigen Stellen dunklere Flecken. Einen Ring trug er nicht. Auf dem hölzernen Aufbau, der über der Radachse eine mittlere Fläche abdeckte, standen ein paar Krüge und eine kleine beschlagene Truhe. »Ihr solltet die Krüge umwickeln, dann scheppert es nicht so«, sagte Gwess. Der Angesprochene nickte nur, sagte aber immer noch nichts. Gwess wurde etwas unruhig, denn sie war sich auch nicht so sicher, was es mit dem Mann vor ihr so auf sich hatte. Denn irgendetwas an seinen Augen störte sie. Sie wusste nur nicht, was es war. So nahm sie sich vor ihn noch einmal zu fragen und dann sollte es auch gut sein: »Kann euch geholfen werden?«

    Da richtete sich der Angesprochene doch mehr auf als gedacht und Gwess bekam einen Schrecken. Denn diese Körpergröße passte nun nicht mehr so zu der Vorstellung eines alten Mannes, den man eine Hilfe anbot. »Hast Du nicht bereits eine Aufgabe übernommen?«, fragte eine Stimme, der ein Alter nicht zuzuordnen war. Derart von dem Wissen in der Frage überrascht, antwortete Gwess: »Ja, ich sollte hier warten …« und nach einem kurzen Moment der Besinnung folgte noch: »Woher wist ihr davon?«

    »Nun …«, antwortete der Mann und schaute sich mehrfach um und sprach, als er sich wohl sicher fühlte, weiter: »Nun, ihr wartet auf mich?« Dann schwieg er. Gwess wollte es nicht glauben und erklärte: »Und das soll ich euch jetzt so abnehmen. Zumal ihr meine zweite Frage nicht beantwortet habt.« Er lächelte nur, senkte den Karren ab, den er die ganze Zeit gehalten hatte und sprach: »Weil es meine Karte ist. Die aus einem alten Folianten. Ein Blatt, an der einen unteren Seite Buchstaben und hingegen an der rechten Seite Zahlen, die Ränder mit goldener Farbe, eine Windrose darauf, einem Kreuz, da wo wir jetzt stehen …«. Er schwieg einen Moment. Denn es war klar, dass Gwess in Gedanken die Karte prüfen würde und seine Erklärungen aber nur bestätigt konnte. So fragte er abschließend: »Muss ich noch mehr erzählen?« Dabei schaute er der Waldelfin direkt in ihr Gesicht und sah Erstaunen und Verwunderung. Diese hingegen bekam durch den direkten Blickkontakt noch mehr Zweifel, wenn sie denn nun vor sich hatte. Denn er war für sie viel zu selbstbewusst, um als alter, gebrechlicher Mann, der eben mit einem Händlerkarren aus einer Höhle gekommen war, durchzugehen. Doch vielmehr beanspruchte sie die Konstellation, dass er sie nur verkohlen wollte. Und so versuchte sie selbst aus dieser komischen Situation zu kommen und erklärte: »Das glaube ich nicht. Ihr könntet die Karte in Flusswald im „Schlafenden Riese“ gesehen haben, als ich mit der Wirtin sprach.«

    Er hatte immer noch dieses gutmütige Lächeln im Gesicht. Bei dem man nie weiß, ob es jetzt wirklich ein herzensguter Zug oder eben das Wissen aus Überlegenheit ist. »Nein!«, antwortete er bestimmt. »Ihr wart bei Delphine …« Dieses Wort gab ihr einen Stich. Er kannte zumindest die Besitzerin mit Namen. Denn sie hatte ihn ja nicht genannt. Und so trat sie aus Überraschung einen halben Schritt zurück. Doch der Mann sprach weiter: »Nein! Ihr habt die Karte nicht gezeigt und nichts von dem Auftrag erzählt. Ihr habt dort nur eure Lieblingsspeise, dicke Bohnen, gegessen.«

    »Wer seit ihr, dass ihr euch so gut auskennt?« brauste Gwess nun doch auf. Ihr wurde es unheimlich und es war schon seltsam, welche Details der Fremde so wusste. Doch der Angefahrene blieb ruhig und sagte mit gleichbleibendem Ton: »Den, den ihr treffen sollt. Und wenn ihr es nicht glauben wollt. Seht am ledernen Beutel nach, dort werdet ihr ein „SBS“ finden.« Das sagte er und begann seinen Wagen wieder aufzurichten und bereitete sich zum Fortgehen vor. Gwess drehte sich um. Sie wollte jetzt nicht noch vor seiner Nase den Beutel mit den Münzen hervorholen. Doch so mit dem Rücken zu ihm und die Sinne hellwach, schaute sie dahin, wo die Bänder das Säckchen zuhielten. »Tatsächlich, eingebrannt …« gab sie ihrem Erstaunen laut Auskunft. »Sag ich doch,« war seine Antwort.

    »Ich bin Gwess und wer seit ihr?«, sagte die Waldelfin. Sie hatte allen ihren Mut zusammengenommen und sich auf ihre Tugenden besonnen. Also hatte sie sich beim Umdrehen gedacht, sage ihm, wer du bist. Doch sie bekam erneut keine Antwort, wer denn nun der Angesprochene war. Denn dieser sagte mit dem gleichen gutmütigen Gesichtsausdruck: »Ich weiß, wer du bist.« Dann griff er in den Karren und holte aus einem der Krüge eine kleine Dose und reichte sie Gwess und sagte noch: »Für deinen Arm. Doch jetzt lasse uns ein Stück gehen und dann können wir reden. Aber du kannst mir beim Ziehen des Karrens mithelfen.« Dann trat er so zur Seite, dass die Frau mit ihrer unverletzten Hand an einer der Griffstangen anfassen konnte.

    Gwess ging es nicht gut. Nein, das Geklappere der Krüge störte sie nicht. Auch nicht, dass es doch gut den Hang hinterging. Sie kam nicht darüber hinweg, wie sie so einen Auftrag annehmen konnte. Sie grübelte in sich hinein. Fragte sich, ob sie einen Fehler gemacht habe? Sein Wissen über sie war doch erschreckend. Sogar die dicken Bohnen musste er erwähnen. Doch wiederum war sie ja selbst daran schuld. »Warum so schnell zugesagt?« fragte sie sich das eine wie das andere Mal. Bei einem Knick, kurz vor dem Wegschild, welches Helgen, Falkenring oder Flusswald anzeigt, lockerte sie unbewusst den Griff. Dabei merkte sie, mit welcher Kraft der Karren gezogen wurde. Sie hielt an und sagte: »Nun raus damit, ihr seit nie und nimmer ein alter Mann!«

    Der Abgesprochene hielt auch an, senkte den Karren ab und lachte. Dann nahm er sich den Hut vom Kopf und entfernte zugleich auch diese grauen, fast weißen und doch noch so dichten Haare. Dann nahm er die Hände nach oben, drehte die Handflächen von unten nach oben und sie sah, wie die Runzeln und Flecken verschwanden. »Entschuldigt die Illusion, doch ich wollte euch noch prüfen bevor …« »Ihr wolltet mich prüfen?!«, brauste Gwess auf. »Einen großen Schrecken habt ihr mir eingejagt.« »Das hast du mir auch. Denn dein vorheriges Getümmel mit den Banditen war zwar hilfreich, doch auch sehr gefährlich.« »Ich wisst wohl alles …«, sagte erstaunt Gwess und schüttelte den Kopf, fand aber langsam zu sich. Sie sah einen Mann mittleren Alters, mit blaugrauen Augen, die schnell sich bewegten, sehr aufmerksam das Umfeld beobachteten, aber eine gute Seele verrieten. Denn es war ein warmer Blick, der sie ab und zu streifte.

    »Gwess, ich wollte euch treffen und es hat funktioniert. Ich bin hier für eine Schwurbruderschaft Tamriels. Dafür auch das Kürzel. Wenn du Interesse hast an Leuten, die für Gerechtigkeit sind, für die Gleichberechtigung der Rassen eintreten, dann besuche uns.« Gwess schaute ihn an, dachte ein wenig nach und fragte: »Wieso ich?« »Nun, wer für Khajiit eintritt, für sie auch sein Leben riskiert, ist für uns interessant.« Gwess stand da und schüttelte den Kopf. Sie wusste, was er meinte. Sie dachte an die Wache mit Do'Aahin, der einzigen Überlebenden von dem Begleitschutz der Händler. Doch sie kam nicht dazu sich in den Erinnerungen zu vertiefen. Die Stimme des Mannes holte sie zurück: »Gwess, wenn Du uns treffen willst, dann komme zu c5.« »c5?«, fragte sie zurück. »Ja, schau auf die Karte, die du hast. Da stehen die Buchstaben und Zahlen an den Rändern. Nur du musst sie in den Gitterfeldern tauschen. Und die Buchstaben dort, wo die Zahlen sind und beginne mit dem A von unten und mit der 1 neben dem A, sonst wäre es ja zu simpel.« Er schaute sie an, sah ihr Nachdenken und fügte hinzu: »Wir warten auf dich. Komm!«

    Dann griff er sich den Wagen und nahm den Weg nach Falkenring. Gwess schaute immer noch Löcher in die Welt. Sie musste das, was sie gerade erlebt hatte, doch erst mal verdauen. Irgendwer hatte ihr Leben gerade auf den Kopf gestellt. Dann nahm sie die Salbe, um den von dem Hieb des Streitkolbens getroffenen Arm zu versorgen. Sie schaute noch einmal in seine Richtung und wollte winken. Das tat er erstaunliche Weise auch und so tat sie es ihm gleich. Er rief ihr noch zu: »Gwess, sei vorsichtig. Und denke daran: Wenn eine Maus sterben will, beißt sie der Katze in den Schwanz.«
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