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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Post [Story]ライフセーバーの歴史

    ライフセーバーの歴史

    これがための贈り物です MIMO


    Es war eine strmische Nacht gewesen, und der raue Seewind hatte den Morgennebel hinfort getrieben. Als Marashi den Balkon betrat, lagen die Inseln klar und weit vor seinen Augen, erstreckten sich bis an den Rand des Horizonts, wo ihn die aufgehende Sonne erwartete. Er schenkte den letzten schwachen Nachzglern des vergangenen Unwetters, die sein Haar erfassten, keine Beachtung, ging langsamen Schrittes zum Gelnder hinber und umfasste die oberste Querstange mit beiden Hnden. Durch gekruselte Lippen sog er die khle Luft ein und beugte sich ber die Brstung hinweg. Weit, weit unter ihm, zu Fen des Turms, bewegten sich als vereinzelte blassfarbige Flecken kaum erahnbare Menschen durch die Einkaufsstraen von Imashi-Yuku, der Hndlerinsel.
    Ein leichter Schwindel verwirrte seine Sinne, aber er lie ihn geschehen. Jedem Mann in seiner Hhe musste schwindelig werden, das war nur natrlich. Entscheidend war, dass man lernte, den Schwindel zu kontrollieren, ihn als ein wertloses Symptom zu berwindender Schwche zu begreifen und mit der Zeit ganz und gar zu tilgen. Fr ihn war dieser Schritt von umso grerer Bedeutung, wollte er doch noch weitaus hher hinaus. Hher als es ein von Menschenhand errichteter Turm berhaupt sein konnte.
    Marashi schloss die Augen und lauschte. Der Sturm mochte vergangen sein, aber er hatte seine Spuren hinterlassen. Das Mantra der Freiheit war schwcher geworden, es war nur noch eine Melodie unter vielen. Noch war sie die Prgnanteste, noch hatte sie viele Zuhrer... aber die Zahl derer, die sie in ihren Bann geschlagen hatte, schwand dahin. Es war an der Zeit, dass jemand ein neues, ein kraftvolles Lied anstimmte. Eines, das kein Sturm der Meere zerstieben konnte. Ein Lied, das im Einklang aus tausenden und abertausenden Kehlen geschmettert wurde. Marashi hatte dieses Lied bereits komponiert, und bald schon wrde er es in die Herzen und Seelen der Menschen singen. Sehr bald.
    Marashi-san.
    Schnaufend riss er die Augen auf und drehte sich herum. Er hasste es, auf dem Balkon gestrt zu werden, und jeder wusste das. Wer ihn dennoch strte, der wollte ihn offenkundig beleidigen.
    Der in ihm aufkeimende Zorn legte sich wieder, als er sah, dass es der massige Krper Joeys war, der sich im Trrahmen breit gemacht hatte. Man sah es ihm zwar nicht an, aber der Leiter seines Sicherheitsdienstes und Anfhrer von Team Kashoto war zu klug, um ihn grundlos zu beleidigen. Es musste also wichtig sein.
    Was ist?, zischte Marashi und kniff die blassen Lippen zu zwei schmalen Linien zusammen. Siehst du nicht, dass ich meditiere?
    Der muskulse Joey senkte in einer Geste der Demut den Kopf.
    Ich bitte um Verzeihung, Marashi-san. Es hat eine Strung innerhalb Eurer privaten Bereiche gegeben, und ich glaubte, Ihr wolltet darber Bescheid wissen.
    Was heit das genau? Mit funkelnden Augen machte Marashi einen Schritt auf den Leibwchter zu. Wie konntest du es berhaupt zulassen, dass jemand in meine privaten Bereiche eingedrungen ist?
    Abwehrend hob Joey die linke Hand. Die rechte ruhte stets an seinem silbernen Kumayacho-Wakizashi, das er an einer tulpenfrmigen Schlaufe seines schwarzen Grtels trug. Es waren sechs Mnner, aber sie sind nicht weit gekommen. Wir haben sie abgefangen, noch bevor sie die Plattform verlassen hatten.
    Langsam atmete Marashi die Luft aus, die sein erregtes Innerstes erhitzt hatte. Wenn sie auch nur einen Schritt weiter gekommen wren, dann htte ich dich hchstpersnlich die Brstung hinab gestoen, knurrte er. Wer waren diese Mnner berhaupt? Ich nehme doch an, dass sie inzwischen tot sind.
    Es handelte sich um sechs Angestellte aus der Zakuwake-Werkanlage, entgegnete Joey. Und einer von ihnen lebt noch. Meine Jungs wollten ihn erledigen, aber ich dachte, Ihr mchtet das lieber selbst bernehmen.
    Marashis Mundwinkel verzogen sich zu einem fratzenhaften Grinsen boshafter Vorfreude. Warum hast du das nicht gleich gesagt? Das ist genau das, was ich jetzt gebraucht habe!
    Rasch trat Joey in das oberste Turmzimmer zurck, dicht gefolgt von seinem Vorgesetzten, der die Balkontr mit einem scheppernden Knall hinter sich ins Schloss fallen lie. Es berraschte Marashi nicht, dass er bereits erwartet wurde: Einige von Joeys besten Mnnern lehnten mit verschrnkten Armen an der gegenberliegenden Wand, und sein eigener langjhriger Geschftspartner und Weggefhrte Kierkegaard bltterte gerade konzentriert in einigen Papieren herum, whrend andere Dokumente noch eingerollt unter seinem Arm klemmten. Natrlich musste auch er stehen, denn in Marashis persnlichem Arbeitsraum gab es nur einen einzigen Stuhl, und der war fr ihn selbst reserviert.
    Strammen Schrittes steuerte Marashi nun auf diesen Stuhl zu, whrend seine Augen lngst den Besucher gefunden hatten, der ihm angekndigt worden war. Vor dem breiten rechteckigen Schreibtisch, der sich in der Mitte des groflchigen roten Teppichs in der Form eines Oktagons befand, stand auf wackeligen Fen und an beiden Armen festgehalten von Ritch und Jentzen, zwei muskelbepackten Mitgliedern von Team Kashoto, ein etwa vierzig Jahre alter glatzkpfiger Mann. Als er bemerkte, wer den Raum betreten hatte, brach er in lautes Klagen aus.
    Oh Marashi-shacho! Hrt mich an, Marashi-shacho, ich wollte Euch niemals
    Schnauze, du Krte! Mit einem festen Tritt in die Magengrube bereitete Jentzen dem Gewinsel ein Ende. Der Mann ging sthnend in die Knie, wurde von seinen beiden hmisch kichernden Hschern jedoch umgehend wieder in die Hhe gerissen.
    Marashi hatte sich derweil auf seinem Stuhl niedergelassen, der ebenso schlicht gehalten war wie die brige Einrichtung seiner Rumlichkeiten. Auf den schnen Schein kam es ihm nicht an, denn alles uere lenkte blo ab vom wahren Wesen der Dinge. Er hatte schon immer spttisch auf all jene herabgeblickt, die diese einfache Wahrheit nicht erkennen wollten.
    Mit interessierter Miene musterte er den schwer atmenden Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, whrend sein Blick an der Unterseite der Tischplatte entlangfuhr. Sieben Halterungen waren dort befestigt, in denen die Griffe von sieben verschiedenen Versionen des Strahlers steckten, den der Doktor fr ihn entwickelt hatte. Vielleicht wrde er heute die siebte und neueste Variante, den Seelenzerstrer, zum ersten Mal austesten, aber er hatte sich noch nicht ganz entschieden. Es musste ein besonderer Moment sein, und er hatte seine Zweifel, ob es die ausgesprochen jmmerliche Gestalt, mit der er es hier zu tun hatte, tatschlich wert war. Der Seelenzerstrer war die ausgefeilteste Entsprechung seines Zorns, und sein Zorn erforderte einen angemessenen Widerpart.
    Wie heit du?, begann er schlielich das Gesprch.
    Krchzend erkmpfte sich der geschundene Mann seine Stimme zurck. Ich... ich heie...
    Ich sagte: Schnauze, du Krte!
    Schmunzelnd beobachtete Marashi, wie der Mann durch gezielte Tritte seiner Peiniger erneut zu Boden gebracht wurde.
    Schon gut, schon gut, wandte er sich an die beiden Elite-Prgler aus Team Kashoto. Lasst ihn sprechen. Das ist es doch, was du wolltest, nicht wahr? Mit mir sprechen? Jemand wie du wrde doch sicher nicht in meine privaten Rume eindringen wollen, um mich zu berauben? Das wre sehr dumm, weit du, und du bist bestimmt kein dummer Mann.
    Ich... nein, ich... Rchelnd bemhte sich der Gefangene um Atemluft. Ich wrde niemals
    Eins nach dem anderen. Ich habe dich nach deinem Namen gefragt.
    Ich bin... ich bin Hashuko Wayasoto, aber Ihr... werdet meinen Namen natrlich nicht kennen, Marashi-shacho. Ich bin nur ein bescheidener Arbeiter in Eurer Werkanlage auf Zakuwake.
    Kierkegaard schien auf dieses Stichwort nur gewartet zu haben und legte prompt eine Papierrolle vor den gefalteten Hnden seines Geschftspartners auf dem Schreibtisch ab.
    Das ist seine Akte. Nur, falls es Euch interessiert.
    Marashi entrollte das Papier und berflog die Zeilen.
    Nein. Es langweilt mich. Er blickte auf und schenkte seinem vor Schmerz und Panik keuchenden Gegenber ein entschuldigendes Lcheln. Ist nicht persnlich gemeint.
    Bitte, Ihr msst mich anhren!, ergriff Wayasoto mit bebender Stimme erneut das Wort. Ich wollte Euch nicht berauben, ich wollte nur es war alles Kochiros Idee, er wollte Haisuke, den Werksleiter, darum bitten, uns mehr Lohn zu zahlen... einen angemessenen Lohn, hat er gemeint. Aber Haisuke hat uns gar nicht zugehrt und gesagt, wir sollten uns an Euch persnlich wenden er wollte uns sicher nur loswerden, da bin ich mir ganz sicher doch Kochiro hat das gar nicht wahrhaben wollen, und... und er meinte, das wre vielleicht gar keine schlechte Idee, denn Ihr wsstet womglich gar nicht, wie sehr wir unter dem...
    Wayasoto rusperte sich nervs und fuhr nach kurzem Zgern fort: ...wie sehr wir unter dem niedrigen Lohn leiden. Er meinte, dass es Euch nur mal jemand persnlich sagen msste. Also sind wir alle zum Turm gezogen und ich war von Anfang an dagegen, das msst Ihr mir glauben! Aber... es ging alles so schnell, und dann... dann sind wir irgendwie auf dieses... ich wei nicht welchen Namen es trgt, auf dieses schwebende Brett gelangt, und dann waren wir auch schon oben. Ich wollte wieder fort, aber es ging nicht, ich war ja schon mittendrin und und Eure Leibwchter waren dort und Ihr msst mir glauben, Marashi-shacho, ich wollte Euch niemals etwas Schlechtes! Bitte lasst mich gehen, und ich werde weiterhin Euer ergebenster Diener sein!
    Marashi hatte sich im Stuhl zurck gelehnt und mit nachdenklicher Miene den Worten Wayasotos gelauscht.
    Du bist also nicht zufrieden damit, was ich dir zahle? Das ist dir nicht genug, wie?
    So wollte ich das nicht sagen! Wenn Ihr mich fr undankbar haltet, dann kann ich Euch versichern
    Nein, nein, keineswegs. Aufmerksam beugte sich Marashi vor. Sei bitte ganz offen zu mir, Hashuko. Ich mchte hren, was du denkst.
    Deutlich sichtbare Verunsicherung war auf Wayasotos verschwitztes Gesicht getreten.
    Nur zu. Sprich frei heraus.
    Es... ist nicht ganz leicht mit fnf Kindern, wisst Ihr... da... da htte man natrlich gern manchmal ein wenig mehr. Kaum hatte er das ausgesprochen, setzte er rasch hinzu: Aber das heit nicht, dass Ihr kein gtiger Arbeitgeber wret, oh Marashi-shacho! Ich danke Euch von Herzen fr den Reis, den Ihr mir und meiner Familie tglich ermglicht und der uns alle am Leben erhlt!
    Schon gut. Marashi machte eine wegwerfende Handbewegung. Weit du was? Ich mchte dein Problem lsen. Fnf Kinder sind in der Tat schwierig zu ernhren von deinen... sechs Yishin die Woche, oder wie viele sind es?
    Vier, mein Herr, murmelte Wayasoto.
    Vier Yishin!, rief Marashi laut aus und blickte sich im Raum um. Joey, knntest du wohl fnf Kinder mit einem Lohn von nur vier Yishin die Woche ernhren?
    Ich denke nicht, Marashi-san, erwiderte der Leibwchter mit ausdrucksloser Miene.
    Was ist mit euch?, wandte er sich an Ritch und Jentzen. Knntet ihr es?
    Breit grinsend schttelten die beiden Mitglieder von Team Kashoto die Kpfe.
    Nee.
    Ganz unmglich.
    Natrlich knntet ihr es nicht. Nicht einmal ich, Mesuke Marashi, knnte es! Wie soll es dann unser armer Hashuko hier knnen? So darf das nicht weitergehen wir mssen etwas an deiner Situation ndern, mein lieber Hashuko!
    Whrend er mit der linken Hand die Papierrolle auf den Tisch presste, ffnete Marashi mit der rechten die oberste Schublade seines Schreibtischs und zog einen roten Schreibstift hervor.
    Fnf Kinder... das sind einfach zu viele fr jemanden mit deinem Lohn.
    Ein Ausdruck grter Verunsicherung trat in die trnenden Augen Wayasotos, als er Marashi dabei beobachtete, wie er einige Wrter auf dem Papier mit dem Stift markierte.
    Was... was meint Ihr damit...?
    Ob du wohl mit zwei Kindern zurecht kmst?, erkundigte sich Marashi, nachdem er den dritten Namen in der Auflistung von Wayasotos Kindern rot unterstrichen hatte. Ach nein, gehen wir lieber kein Risiko ein, nicht wahr? Ein einziges Kind wirst du ja wohl satt gefttert bekommen.
    Aber aber nein, Marashi-shacho, bitte bitte nicht
    Nicht? Marashi hob eine Braue, whrend er den letzten Namen unterstrich. Kaum zu glauben, wie viel diese kleinen Racker verschlingen. Aber dieses Problem nehme ich dir gerne von deinen Schultern.
    Unter den entsetzten Blicken des Vaters rollte Marashi das Papier wieder ein und reichte es an Kierkegaard weiter.
    Sag dem Doktor, er wird die neuen Testsubjekte bekommen, nach denen er gefragt hat. Team Haigotcho soll sich darum kmmern.
    Der rundliche Barttrger im rot samtierten Edelwams nickte knapp und machte sich auf den Weg zur Liftu-Plattform, die sich auf der anderen Seite des Raumes befand.
    Panisch riss Wayasoto an den krftigen Hnden, die ihn festhielten. Das das drft Ihr nicht machen! Ihr wollt doch nicht etwa Ihr knnt doch nicht meine Kinder meine Kinder
    Joey lste sich von der Balkontr, an der er gelehnt hatte, deutete auf den schreienden Wayasoto und fragte: Was wird aus ihm?
    Seufzend schttelte Marashi den Kopf. Er langweilt mich. Und wer mich langweilt, ist meines Zornes nicht wrdig. Schafft ihn zurck in die Werkanlage und gebt ihm eine Doppelschicht.
    Die beiden Kashoto-Schergen wechselten enttuschte Blicke und zerrten ihr zappelndes Opfer wieder in eine aufrechte Position.
    Oh!, rief Marashi pltzlich aus, als Ritch und Jentzen den Arbeiter bereits ein Stck weit von ihm fort geschleift hatten. Das fllt mir ja jetzt erst auf!
    Einige Sekunden lang studierte er die gespannten Blicke seiner Untergebenen auch Kierkegaard war kurz vor dem Liftu stehen geblieben und hatte sich umgedreht , dann fgte er hinzu: Du hast ja blo eine Hand, Hashuko!
    Kraftlos schttelte Hashuko Wayasoto den schweigetrnkten Glatzkopf und brachte mit brchiger Stimme hervor: Das das... ist nicht wahr, Marashi-shacho...
    Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich ein dmonisches Sumpfhaigrinsen auf Marashis knochiges Gesicht geschlichen. Blitzschnell griff er unter den Schreibtisch, zog den Strahler der fnften Generation den sogenannten Schmelzer hervor und feuerte einen Strahl hochkonzentrierter Akatushi-Schmelzenergie auf Wayasotos linke Hand ab. berrascht sprangen die beiden Leibwchter zur Seite, als der Arbeiter kreischend zu Boden strzte und mit weit aufgerissenen Augen dabei zusah, wie die Finger seiner Hand dahinschmolzen, bis ihm nur noch ein dampfender Armstummel geblieben war.
    Ich sehe da nur eine einzige Hand, kommentierte Marashi schulterzuckend. Siehst du etwa zwei Hnde, Joey?
    Keineswegs, Marashi-san, gab Joey pflichtbewusst Antwort.
    Was ist mit euch?, wollte Marashi von Ritch und Jentzen wissen. Knnt ihr da irgendwo eine zweite Hand entdecken?
    Die beiden Mnner hatten sich vom kurzen Schreck bereits gut erholt und schttelten griemelnd die Kpfe.
    Nee.
    Nix zu sehen.
    Gut, dass es mir aufgefallen ist, fuhr Marashi unter anhaltendem Kopfnicken fort. Ein Arbeiter, der nur die Hlfte seiner Hnde zur Verfgung hat, der kann ja auch nur die halbe Arbeit leisten. Ich hoffe, du hast das bei der Berechnung seines Gehalts bedacht, Kierkegaard.
    Ich werde es umgehend um die Hlfte krzen, versprach der Angesprochene und notierte sich etwas auf einem losen Zettel, der inmitten des Papierrollenbndels gesteckt hatte.
    Sehr gut. Zufrieden lchelnd lehnte sich Marashi in seinem Stuhl zurck und zwinkerte den sichtlich belustigten Kashoto-Schlgern zu. Niemand soll behaupten, dass ich keinen angemessenen Lohn zahle.
    Einige Sekunden lang genoss Marashi die gute Stimmung im Raum, dann sprang er urpltzlich auf, fuchtelte rgerlich mit dem Strahler in der Luft herum und brllte: Was macht ihr Idioten denn alle noch hier? Habe ich euch keine Auftrge gegeben? Seid ihr blo hier, um meine Zeit zu verschwenden? Schafft diesen Jammerlappen aus meinen Augen und seht zu, dass Team Haigotcho noch heute ausrckt und dem Doktor seine fnf kleinen Testsubjekte besorgt! Ich brauche ihn bei guter Laune, verstanden?
    Der Doktor war unberechenbar, aber Marashi war auf ihn angewiesen. Zumindest noch eine Weile lang, bis der innere Kern erreicht und das grenzenlose Machtpotential, das darin schlummerte, auf ihn, Mesuke Marashi, bergegangen war. Bis zu jenem Tag, an dem die Welt endlich das ganze Ausma seines Zorns zu spren bekommen wrde. Dieser Tag war nicht mehr fern. Aber bis es soweit war, musste er geduldig sein. Und er durfte keine Risiken eingehen, was den Doktor betraf.
    In Gedanken schritt Marashi einmal mehr die letzten verbleibenden Wegmarken auf dem Pfad zur ultimativen Herrschaft seines Zorns ab, whrend er dabei zusah, wie sich seine Mnner hastig zur Liftu-Plattform begaben. Sie waren allesamt schwach, ganz lcherliche Kreaturen in der ihnen eigenen erbrmlichen Unterwrfigkeit. Keiner von ihnen wrde das Zeitalter des Furors berleben.
    Zwei Minuten spter war er wieder ganz allein. Nur Hashuko Wayasotos linke Hand war als kleines morastiges Hufchen auf dem Teppich verblieben.
    Mit zusammengekniffenen Lippen richtete sich Marashi von seinem Stuhl auf und schritt langsam zu einem der groen Glasfenster hin. Die Sonne wollte ihn blenden, doch sie musste scheitern. Marashi hielt dem brennenden Auge, das sie auf ihn gerichtet hielt, mhelos stand.
    Sieh dir diesen Schlammfleck ganz genau an, zischte er dem Universum da drauen in das ewig lauschende Ohr, denn wenn ich mit dir fertig bin, dann wird auch von dir, du jmmerliche Welt, nichts weiter verbleiben als ein hsslicher Fleck auf meinem Teppich. Und wenn es eines gibt, das ich ber Flecken wei, dann ist es dies...
    Marashi trat ganz nah an das Fenster heran, presste beide Hnde auf das khle Glas und behauchte es mit dem Atem des Todes.
    Flecken mssen getilgt werden.

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    Als der Mann im langen grauen Mantel die vier gedrungenen Gestalten bemerkte, hatten sie ihn bereits eingekreist.
    Ein dreckig grinsendes Rattengesicht war direkt vor ihm aus einer der schmalen schwarzen Gassen gekrochen, die im Hafenviertel von Takuze hinter jeder Huserecke lauerten. Zu seiner Rechten hatte sich ein hsslicher schwitzender Vollbarttrger von einem Hausdach abgeseilt, whrend zu seiner Linken ein nervs blinzelnder Kerl aus dem Schatten getreten war, dessen blen Krpergeruch der Manteltrger zuvor noch dem Hafenviertel im Allgemeinen zugeschrieben hatte.
    Als er ber die Schulter sah, erblickte er den Vierten: Eine gebckte Gestalt, die ihre schwarze Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte und erwartungsvoll mit einigen rostigen Wurfsternen jonglierte.
    Hey, du, krchzte das Rattengesicht zwischen seinen beiden gelben Schneidezhnen hervor, die dem Anschein nach seine einzigen verbliebenen Beiwerkzeuge waren. Ich glaub, du hast da was fr uns.
    Ne schne Tasche, ergnzte der Barttrger nuschelnd, whrend der miefige Blinzler unter asthmatischen Atemsten kommentierte: Schne Tasche, ja. Sehr schn, sehr schn!
    Nur der Wurfsternjongleur schwieg. Klackernd wanderten nach und nach smtliche Wurfsterne in seine linken Hand, bevor er mit der rechten einen einzigen heraus pflckte und wurfbereit ber die Schulter hielt.
    Ruhig wanderte der Blick des Mannes im Mantel beide Seiten der Nebenstrae ab. Nirgendwo war ein Mensch zu sehen, nur die geschftigen Gerusche vom Hafenmarkt drangen dumpf heran. Es wrde niemand kommen, und an eine Flucht war nicht zu denken.
    Gibste uns die Tasche, h?, grunzte das Rattengesicht. Gibste se uns?
    Klar gibt er sie uns, brummte der Barttrger. Ist ja nicht bld. Sieht nich bld aus, find ich. Is zwar ne schne Tasche, aber nich mehr wert alsn Leben. Denk ich mal.
    Aber schn is sie schon, fand der Blinzler. Sehr schn. Schne Tasche.
    Mit zusammengekniffenen Lippen presste der Eingekesselte die Umhngetasche an seinen Krper, als das Rattengesicht viereinhalb krumme Finger danach ausstreckte.
    Das ist meine Tasche, sagte der Mann in Grau leise, aber bestimmt. Und ihr solltet jetzt gehen.
    Die drei rudigen Straendiebe warfen sich bld grinsende Blicke zu, whrend der Kapuzenmann schweigend verharrte.
    Klar gehn wir, klar doch. Ein wahnsinniges Glhen hmischer Vorfreude flackerte in den Augen des Rattengesichts auf. Aber deine Tasche kommt mit uns!
    Pltzlich hatte es ein langes Fischmesser in der Hand, machte einen Satz nach vorne und schmiss sich unter hysterischem Geschrei auf den Manteltrger. Die schartige Klinge hatte den ungeschtzten Schdel des Mannes beinahe erreicht, da drehte sich der Angegriffene geschickt zur Seite weg, zog aus einer Innentasche seines Mantels einen etwa armlangen Holzstab hervor und wirbelte ihn einmal in der Luft herum. Die beiden Enden des Stabes fuhren heraus, und im Bruchteil eines Augenzwinkerns hatte sich der Stab um mehr als das Dreifache vergrert. Ehe das Rattengesicht wusste, wie ihm geschah, hatte ihn die Wucht des Kampfstabs bereits am Kinn getroffen und an die gegenberliegende Huserwand geschleudert, wo er wimmernd vor Schmerz im Straenmorast liegen blieb.
    Du Scheikerl!, schnaufte der Barttrger, der pltzlich noch heftiger schwitzte als zuvor. Dafr wirst du bezahlen! ANGRIFF!
    Von beiden Seiten kamen die beiden rudigen Gestalten mit gezckten Messern auf den Manteltrger zugelaufen, whrend dutzende Wurfsterne auf ihn einprasselten. Schtzend wirbelte er seinen Kampfstab vor dem eigenen Krper rasend schnell herum, um die sthlernen Projektile abzuwehren, die sich einer nach dem anderen in das Holz des Stabes eingruben. Als der letzte Wurfstern im Stab steckte und die beiden Schurken ihn beinahe erreicht hatten, drehte sich der Mann im Mantel pltzlich um die eigene Achse und reckte den Stab dabei mit einer derart ruckartigen Stobewegung von sich weg, dass sich die rostigen Wurfgeschosse wieder lsten und nach allen Seiten hin pfeilschnell durch die Luft zischten. Kreischend gingen die beiden Unholde zu Boden, als sich die spitzen Sterne in Arme, Beine und Schultern bohrten.
    Nicht schlecht fr einen Westlnder.
    Heftig atmend blickte der Manteltrger auf. Das letzte kampffhige Mitglied der Schurkentruppe hatte seine Kapuze in den Nacken gezogen und einen ber und ber ttowierten Glatzkopf offenbart. Selbst Lippen und Augenlider waren mit fremdartigen Zeichen berst, die in mehreren Schichten von roter und gelber Tinte in seine Haut eingeschrieben waren. Ohne eine Miene zu verziehen packte er einen Wurfstern, der in seiner rechten Wange steckte, zog ihn aus dem blutenden Fleisch heraus und lie ihn gen Boden fallen.
    Du hast den drei Schwchlingen eine wertvolle Lektion erteilt, Myrtanashi-san. Du hast mir bewiesen, dass sie meiner Gegenwart nicht wrdig sind. Dafr danke ich dir.
    Angespannt kniff der Manteltrger die Augen zusammen. Mit beiden Hnden hielt er den Kampfstab so heftig umklammert, dass seine Fingerknchel wei unter der Haut hervortraten.
    Aber nun ist es an der Zeit, unserem Zusammentreffen ein Ende zu setzen, sagte der Ttowierte und zog hinter seinem Rcken ein metallisch-graues Gert hervor, das an eine aus glnzendem Erz gegossene Variante der Pistolen erinnerte, die auf den sdlichen Inseln weit verbreitet waren. Mgen die Ahnen ber deine Gebeine wachen, Myrtanashi-san.
    Ein gelber, gleiend heller Lichtstrahl schoss aus der ffnung des Gerts hervor, durchschnitt in rasender Geschwindigkeit die Luft, zischte genau auf das pochende Herz des Manteltrgers zu bis er ganz unvermittelt abbrach. Klappernde und rasselnde Gerusche waren aus dem Inneren des Gerts zu hren, und als es kurz darauf Funken sprhte, lie es der Ttowierte schnaubend fallen. Einen winzigen Augenblick lang war Wut in seinen schlangenhaften Augen zu erkennen, dann zog er die Kapuze wieder ber sein Gesicht.
    Dieses Mal bist du deinem Schicksal entronnen, zischte er. Magier.
    Flink wie ein Irrlicht huschte er in eine Seitengasse davon und war im nchsten Moment verschwunden.
    Der Mann in Grau konnte ein verzweifeltes Sthnen nicht unterdrcken, als er dem Fremden hinterher sah. Keine zwei Stunden waren seit seiner Ankunft am stlichen Archipel vergangen, und schon war seine Tarnung aufgeflogen. Er wusste nicht, was ihn verraten hatte, aber der rtselhafte Ttowierte hatte ihn zweifelsohne als Magier erkannt. Und das war berhaupt nicht gut.
    Kopfschttelnd rckte er seine Umhngetasche gerade und klappte den Stab wieder ein. Den drei leise wimmernden Ganoven warf er nur noch einen kurzen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass die Wunden, die ihnen die Wurfsterne zugefgt hatten, nicht tdlich waren. Dann machte sich der Feuermagier Milten leise seufzend daran, die sprlich beleuchtete Seitenstrae raschen Schrittes wieder zu verlassen.

    Als Milten in das dichte Menschengewhl auf dem Isumi-Akamoto-Heldenplatz eintrat, beruhigten sich seine Nerven wieder ein klein wenig. Obwohl er ahnte, dass es an einem der belebtesten Pltze auf Takuze, der fnftgrten Insel des stlichen Archipels, vor Taschendieben und sonstigen Unduchten nur so wimmeln musste, empfand er es als groe Erleichterung, in der undurchschaubaren Masse der Menschen verschwinden zu knnen. Hier wrde ihm niemand Beachtung schenken, und das gab ihm die Gelegenheit, ber seine Mission und sein weiteres Vorgehen nachzudenken.
    Meine Mission..., dachte Milten und musste abermals seufzen. Pyrokar htte mir schon lngst die Teleportrune nach Khorinis in die Hand gedrckt, wenn er wsste, was gerade passiert ist.
    Der alte Magier hatte groen Wert darauf gelegt, dass sich Milten unter keinen Umstnden in Gefahr brachte. Und es gab allen Grund zu der Vermutung, dass sich ein jeder Magier auf einer der einundvierzig Inseln des stlichen Archipels in Gefahr befand, sobald er sich als solcher zu erkennen gab.
    Milten aber dachte gar nicht daran, jetzt schon aufzugeben. Nach der langen Seereise wollte er nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen, und die Gewissheit, jederzeit die rettende Rune aktivieren zu knnen, gab ihm ein gewisses Gefhl der Sicherheit. Dennoch musste er sich eingestehen, dass ihm die ganze Angelegenheit immer weiter aus dem Ruder zu laufen drohte. Schon gleich nach der Ankunft im Hafen von Takuze hatte er sich verloren und orientierungslos gefhlt, und dieses Gefhl war im Laufe der folgenden zwei Stunden, in denen er ziellos durch die Straen der Stadt gelaufen war, nur noch strker geworden. Er wusste ja nicht einmal, wo er berhaupt suchen sollte ja, es war sogar alles andere als wahrscheinlich, dass er sich berhaupt auf der richtigen Insel befand. Er brauchte mehr Informationen, gleichzeitig aber konnte ihm jede Nachforschung die Aufmerksamkeit derer bescheren, die eine Gefahr fr ihn darstellen mochten. Die seltsame Begegnung mit dem ttowierten Straenruber und dessen absonderlichem Strahlengert war vielleicht genau der Hinweis, den er gesucht hatte, aber im Augenblick konnte er keine klaren Schlsse daraus ziehen. Er brauchte Ruhe, einen Ort zum Nachdenken. Und etwas zu essen, wie ihm bewusst wurde, als sich sein leerer Magen laut knurrend bemerkbar machte.
    Wenn es stimmte, was er im Groen Almanach des stlichen Inselreiches gelesen hatte, dann gab es am Isumi-Akamoto-Heldenplatz gleich mehrere Restaurants, aber weder konnte er sich daran erinnern, welches von ihnen als besonders empfehlenswert gelten konnte, noch setzte er allzu groe Hoffnungen darauf, dass ein mehr als zweihundert Jahre altes Buch als Restaurantfhrer noch zu gebrauchen war. Es berraschte ihn bereits, dass es den Platz berhaupt noch gab.
    Sushi! Du mchtest gutes Sushi? Du bekommst gutes Sushi von mir! Das beste Sushi aller Inseln, das beste Sushi der Welt!
    Es dauerte eine Weile, bis Milten begriffen hatte, dass der dicke Mann mit dem Bauchladen voller muffig wirkender Fischrllchen unter all den vielen Leuten ausgerechnet ihn angesprochen hatte.
    h... vielen Dank, aber...
    Sushi aus Haifisch, Sushi aus Hering, Sushi aus Aal und ganz neu, Sushi aus leckerem Kugelfisch!, prsentierte der lchelnde Mann stolz seine Speisekarte. Alles mit saftigem Seetang umwickelt, frisch aus dem Meer und ganz so, wie du es von gutem Sushi erwartest! Nur fnfzehn Ka-Yishin fr einen ganzen Sushi, und fr dich nur die Hlfte beim ersten Happen!
    Das ist sehr nett von dir, bemhte sich Milten um Hflichkeit, aber ich habe wirklich keinen Hunger auf Sushi.
    Der Verkufer schaute zunchst etwas enttuscht, dann aber fasste er neuen Mut und rezitierte feierlich und mit erhobenem Zeigefinger: Kauf dein Sushi nur von Grushi denn Grushi ist der Sushi-Grushi!
    Hr mal, ich komme gerade erst von einem Schiff und habe drei Wochen lang nur von Fischen gelebt, entgegnete Milten nun etwas patziger. Wenn ich auf irgendetwas gar keinen Hunger habe, dann ist das noch mehr Fisch oder sonst irgendetwas, das aus dem Meer kommt. Nichts fr ungut.
    rgerlich zog Grushi, wenn das denn tatschlich sein brgerlicher Name war, die Unterlippe hoch und funkelte Milten aus kleinen, feindlichen uglein an. Du bist ein sehr beleidigender Mann, Reisender aus dem Westen. Mein feines Sushi ist nicht fr Mnner gemacht, die niemals die Gebote der Hflichkeit studiert haben.
    Nasermpfend wandte er sich von Milten ab und drehte sich dabei so demonstrativ von ihm weg, dass er einige arglose Passanten mit seinem Bauchladen anrempelte. Zwei oder drei Fischrllchen kullerten zu Boden, und bald darauf waren wtende Rufe zu hren. Es sah ganz danach aus, als ob ein handfester Streit im Entstehen begriffen war ein Streit, aus dem sich Milten tunlichst heraushalten wollte. Eilig bahnte er sich einen Weg zur anderen Seite des Platzes hin, als er zu seiner Rechten eine groe Kreidetafel auf einem dreifigen Aufsteller bemerkte.

    ZUR DUFTENDEN ORANGENBLTE HERBERGE UND RESTAURANT
    Wir haben alles auer Fisch!

    Im ersten Moment glaubte Milten schon, die ostarchipelagischen Schriftzeichen falsch entziffert zu haben schlielich hatte er nicht viel mehr als die drei Wochen whrend der Schiffsreise Zeit gehabt, um sich die fremde Sprache und Schrift anzueignen doch nach einigen weiteren Lesedurchgngen war er sich sicher: Dieses Restaurant war wie fr ihn gemacht. Ein Gefhl der Zuversicht stieg in ihm auf, als er dem Kreidepfeil folgte. Vielleicht hielt Innos auch in diesen fernen Gefilden noch immer ein Auge auf ihn gerichtet.

    Milten hatte in seinem Leben bisher nur selten einmal ein Restaurant betreten, und noch seltener eines, das diesen Namen auch verdiente. Die Kneipen auf Khorinis waren allesamt zweckmig eingerichtete Bretterbuden, deren einzige Dekoration aus den wenig appetitlichen berresten der letzten Nacht und vielleicht dem einen oder anderen toten Vieh an der Wand bestand.
    Die Duftende Orangenblte war von einem ganz anderen Schlag, das wurde ihm schon beim Eintreten bewusst: Ein langer, dunkelvioletter Teppich fhrte von der Tr durch einen schmalen Gang bis zu einem gerumigen Speiseraum, in dem an dutzenden quadratischen Tischen eine geruschvoll speisende und plaudernde Menge an Gsten Platz genommen hatte. Nicht blo die Tische, sondern auch die hohe Decke, die Wnde, die Sttzbalken und berhaupt jeglicher erdenkliche Freiraum war mit bunten Blten, Grsern und kleinen aus Papier gefalteten Tierfiguren in smtlichen Farben des Regenbogens verziert worden. Ein intensiver Geruch nach allem mglichen lag in der Luft bestimmt war auch der Duft einer Orangenblte darunter.
    Whrend er vergeblich nach einem freien Tisch Ausschau hielt, fiel Miltens Blick auf einen groen Glaskasten in der Mitte des Raumes, in der offenbar einige exotische Pflanzen gezchtet wurden. Als der Magier nher herantrat, bemerkte er verblfft, dass zwischen den fremdartigen grnen Gewchsen winzige, sandfarbene Echsenwesen herum hoppelten. Die seltsamen Tiere waren kaum grer als ein Zeigefinger und hpften, kaum hatten sie den Beobachter hinter der Glasscheibe bemerkt, zielstrebig auf ihn zu. Erschrocken machte Milten einen halben Schritt zurck, als die Echsen hrbar knurrend und zhnefletschend immer wieder mit dem Kopf gegen die Innenseite der Glasscheibe knallten.
    Unsere Bonsai-Snapper sind einfach zu niedlich, oder?
    Er drehte den Kopf und erkannte eine junge Frau offenbar eine der Kellnerinnen , die sich ihm mit einem Tablett voller Glser von der Seite her genhert hatte. Ihr Gesicht, das von langen braunen Haaren eingerahmt wurde, war das einer Zwlfjhrigen, doch ihre ausgeprgte Oberweite lie ein fortgeschritteneres Alter vermuten. Am aufflligsten an ihr aber war die Tatsache, dass ihr linker Arm fehlte. Das Tablett hielt sie allein mit der rechten Hand, und der linke rmel ihrer knapp bemessenen Kellnerinnenbekleidung war zu einem lustigen Rsseltier verknotet.
    Bonsai-Snapper?, entgegnete Milten verunsichert.
    Na klar!, sagte die Kellnerin frhlich und wackelte dabei so bermtig mit dem vollen Tablett herum, dass Milten in Gedanken schon das Glas splittern hrte. Du kennst doch Snapper, oder? Ganz tolle Tiere, aber in unser Terrarium wrden sie nicht gut reinpassen. Deswegen haben wir hier kleinere Snapper die sind auch viel herziger, findest du nicht?
    Milten warf den randalierenden Raubtieren einen kurzen, skeptischen Blick zu und erwiderte diplomatisch: Sie sind auf jeden Fall sehr interessant.
    Schn, dass es dir bei uns gefllt!, rief das einarmige Mdchen strahlend. Du mchtest sicher auch etwas essen, oder? Ich werde rasch einen freien Tisch fr dich suchen!
    Ehe Milten etwas darauf antworten konnte, war sie bereits davon gestrmt. Er hatte gerade seine Gedanken etwas geordnet, da tauchte sie auch schon von der anderen Seite her wieder auf.
    Das tut mir jetzt aber leid, sagte sie mit zerknirschtem Gesichtsausdruck. Ich frchte, unsere Tische sind gerade alle besetzt. Du wirst dich also noch ein klein wenig gedulden mssen.
    Schon in Ordnung, behauptete Milten, dem die schlechte Nachricht in Wahrheit ganz und gar nicht gelegen kam. Nach der Wanderung durch die Straen von Takuze und dem kurzen, aber anstrengenden Kampf gegen die Straenruber htte er sich nur zu gerne etwas ausgeruht.
    Du kannst dich zu mir setzen, wenn du mchtest, drang eine freundliche Mnnerstimme zu ihm heran. berrascht schaute Milten zu dem Tisch hin, an dem der Besitzer der Stimme sa, und blickte in das sonnengebrunte Gesicht eines Mannes, der wohl etwa zehn Jahre lter als er selbst sein musste und ganz offensichtlich nicht vom stlichen Archipel stammte.
    Also, wenn es dich nicht strt..., stammelte Milten, der sich von dem unerwarteten Angebot etwas berrumpelt fhlte.
    Ach was, mischte sich die Kellnerin ein. Der alte Samuel freut sich immer, wenn er ein bisschen Gesellschaft hat. Nicht wahr, Samuel?
    Sonst htte ich ja nichts gesagt, kommentierte Samuel und nickte Milten freundlich zu. Setz dich ruhig.
    Ich bin gleich wieder da, fltete das fleiige Serviermdchen, whrend sich Milten auf einem Stuhl gegenber von Samuel niederlie. Schau dir in Ruhe unsere Speisekarte an und such dir was Schnes aus!
    Sie zwinkerte ihm noch einmal vergngt zu und war im nchsten Moment schon wieder davongeeilt.
    Das ist wirklich nett von dir, bedankte sich der Magier und lchelte den Fremden etwas unsicher an. Ich bin brigens Milten.
    Du siehst ganz schn geschafft aus, Milten, sagte Samuel und wechselte dabei ins Myrtanische, whrend sich sein Tischgast die Umhngetasche von der Schulter nahm und zwischen den Fen auf dem Boden abstellte. Setzt dir das Klima hier zu? Du bist doch bestimmt zum ersten Mal auf dem Archipel, oder?
    Milten war froh darber, wieder in seiner Muttersprache sprechen zu knnen, in der er sich doch um einiges sicherer fhlte als im Archipelagischen, und nickte lchelnd. Ist das so offensichtlich?
    Ich hab deinen Blick gesehen, als du reingekommen bist. So gucken nur die Neuen. Aber ist ja nicht schlimm... ich war ja auch mal neu hier. Im ersten Moment ist alles vielleicht etwas seltsam, aber man gewhnt sich daran.
    Na, wenn du meinst...
    Samuel schwieg eine Weile, whrend Milten in der Speisekarte bltterte. Als der Magier zu ihm aufblickte, erkannte er, dass sein Gegenber die Stirn in Falten gelegt hatte.
    Du bist nicht wegen dem Klima so verschwitzt, oder? Hat dich jemand bedrngt? Wurdest du berfallen?
    Ich hatte ein bisschen rger mit ein paar Schurken, entgegnete Milten nach kurzem Zgern. Ich war gerade mal ein paar Stunden auf der Insel, da haben sie mich berfallen. Aber ich konnte sie abschtteln.
    rgerlich fuhr sich Samuel mit der Hand durch das kurze, dunkelbraune Haar, in dem sich bereits die ersten silbrigen Strhnen abzeichneten. Es ist wirklich eine Schande, wie das ganze Archipel vor die Fleischwanzen geht. Unduchte und Ganoven, wohin man nur schaut... und das alles blo wegen diesem verfluchten Marashi.
    Milten horchte auf. Marashi? Wer soll das sein?
    Wenn du vom Westen her gekommen bist, dann msste dein Schiff Imashi-Yuku passiert haben die Hndlerinsel. Die Insel mit dem groen Turm.
    Ja, ich erinnere mich... der war ja auch nicht zu bersehen.
    Was du gesehen hast, ist Mesuke Marashis Hyper-Turm, brummte Samuel und verschrnkte die Arme vor der Brust. Die Keimzelle alles Bsen hier auf dem Archipel.
    Er steckt hinter den Schlgern, die mich ausrauben wollten?, hakte Milten nach. Wie kannst du dir da so sicher sein? Schurken gibt es doch berall.
    Samuel schttelte den Kopf. Hier auf dem Archipel gab es sie lange Zeit nicht, oder wenigstens doch in nur sehr geringer Zahl. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Bo Leng, der Hauptmann der Wache, schon seit Monaten aus Marashis Geldbrse lebt und seitdem einen feuchten Kericht auf die Verbrechensbekmpfung gibt. Die Schurken verben eine Untat nach der nchsten, und die Wachen schauen einfach weg, weil sie viel zu beschftigt damit sind, die Drecksarbeit fr Marashi zu erledigen. Das Schlimmste ist, dass Bo Leng auch Vorsitzender der Wchterakademie ist und ganz allein darber entscheidet, wer zu den Wchtern aufgenommen wird und wer nicht. Offiziell gibt es zwar ein Gremium, aber das wird stndig ausgetauscht und hat sowieso kein echtes Mitspracherecht jeder wei das. Und weil Bo Leng ganz allein fr die Rekrutierungen sorgen kann, ist mittlerweile so gut wie jedes Mitglied der Wache ein menschenfeindlicher Widerling, der fr ein paar Mnzen den eigenen Onkel skalpieren wrde. Und Marashi ist jemand, der solche Auftrge mit Vergngen vergibt.
    Milten hatte aufmerksam zugehrt. Er sprte, dass es im uerlich so ruhig wirkenden Samuel whrend des Redens innerlich zu brodeln begonnen hatte. Offenbar ging ihm das Thema sehr nahe.
    Dieser Marashi hat also die ganze Wache aufgekauft?, versuchte sich Milten einen Reim auf Samuels Schilderungen zu machen. Aber wieso sollte er das tun? Wer ist dieser Kerl berhaupt?
    Leider ein sehr einflussreicher Mann, seufzte Samuel. Er ist vor fnf oder sechs Jahren zum ersten Mal bekannt geworden, als er Kajiro Sokuwabe zum Duell forderte.
    Milten glaubte, den Namen in einem der aktuelleren Bcher gelesen zu haben, die er sich vor der Abreise zu Gemte gefhrt hatte. Kajiro Sokuwabe er ist so etwas wie der Knig des Archipels, oder?
    Sokuwabe ist der Hajiki, korrigierte Samuel, der spirituelle Fhrer des Archipels. Er hat die Inseln in eine ra des Wohlstands und der Friedfertigkeit gefhrt. Niemand htte es jemals gewagt oder auch nur gewnscht, ihn zum Duell zu fordern und seinen Platz einzunehmen... niemand auer Marashi.
    Und Marashi hat gewonnen?
    Nein. In Samuels kristallklaren, blauen Augen blitzte es kurz auf. Adanos behte! Sokuwabe hat ihn im Zweikampf vernichtend geschlagen aber wie es seine Art ist, hat er Marashi verschont und am Leben gelassen. Niemand hat geglaubt, noch einmal etwas von Marashi zu hren, doch in den Jahren nach seiner Niederlage hat er es als Hndler zu einigem Reichtum und Einfluss gebracht.
    Und das hat ausgereicht, um einen so groen Turm zu errichten?, warf Milten skeptisch ein. Woher hat er denn so schnell all das Geld bekommen?
    Samuel schwieg, und Milten sah, dass seine Hnde zitterten.
    Den Turm hat er erst vor einem Jahr errichtet, sagte er leise, und das innerhalb nur weniger Wochen. Die Kraft des Mimo hat es ihm ermglicht. Sie ist die Quelle von Marashis Macht.
    Mimo?, wiederholte Milten. Davon habe ich ja noch nie etwas gehrt. Was soll das sein?
    Das wei niemand so genau. Fest steht jedoch, dass Marashi den Zugang dazu erlangen konnte, und dass er irgendwo auf dem Archipel einen Mimo-Reaktor errichtet hat, der ihn mit groen Mengen dieser rtselhaften Kraft versorgt.
    Whrend er Samuels Worten lauschte, erinnerte sich Milten pltzlich an ein Detail aus seinem Kampf mit den Straenrubern.
    Die Ganoven, die mich berfallen haben einer von ihnen hatte eine ganz ungewhnliche Waffe dabei. Sie sah fast so aus wie eine Pistole, aber sie hat keine Kugeln verschossen sondern... ich wei nicht, eine Art Lichtstrahl. Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Meinst du, dabei knnte es sich um dieses Mimo gehandelt haben?
    Samuel nickte. Aus dem Mimo lassen sich vielfltige Energien gewinnen, und die meisten davon eignen sich dazu, andere Menschen zu tten. Aber Marashi kmmert es gar nicht, wozu das Mimo eingesetzt wird er verkauft seine Strahler an jeden, der genug bezahlt. Dass es immer mehr Verbrecher gibt, kommt ihm nur gelegen, denn die sind ja seine Hauptkundschaft.
    Milten rieb sich die Stirn, die ihm vor Anstrengung rot angelaufen war. Er wusste nicht, ob er alles richtig verstand, was ihm Samuel erzhlt hatte, aber es war offensichtlich, dass auf dem Archipel einiges schief lief.
    Eines verstehe ich aber nicht, sagte er. Wieso lsst Sokuwabe das alles zu? Du hast gesagt, dass er fr Wohlstand und Frieden gesorgt hat wieso unternimmt er dann nichts gegen Marashi? Er hat ihn doch schon einmal besiegt.
    Das ist ja das Perfide, schnaubte Samuel. Es ist Tradition auf dem Archipel, dass jeder Hajiki alle zehn Jahre einen einjhrigen Traumschlaf, den Zushu-no-washi, abhlt. Im Traum soll der Hajiki die Weisheiten seiner Ahnen empfangen eine Art Wegweiser fr die nchsten zehn Jahre. Kein Hajiki darf sich dem Zushu-no-washi entziehen, denn ansonsten bestnde die Gefahr, dass er vom rechten Weg abkommt und die Ratschlge der Ahnen vergisst das glauben jedenfalls die Menschen hier. Aber diese dumme Tradition ist Schuld an dem ganzen Unheil, das ber das Archipel gekommen ist. Kein Mann von Ehre wrde den Zushu-no-washi ausnutzen, um sich gegen den Hajiki zu rsten, aber Marashi ist kein Mann von Ehre. Er muss seit Jahren um das Geheimnis des Mimo gewusst haben und hat nur auf das Jahr gewartet, in dem Sokuwabe ohnmchtig sein wrde, um mit der Umsetzung seiner Plne zu beginnen.
    Aber wir haben Winter, sagte Milten. Das Jahr ist fast um. Dann msste Sokuwabe ja bald zurckkehren und alles wieder ins Lot bringen?
    Entweder das, sagte Samuel mit finsterem Blick, der ihm in Verbindung mit seinem stoppeligen Bart etwas aufregend Verwegenes verlieh. Oder aber Marashi wird ihn mithilfe des Mimo in die Knie zwingen. Sokuwabe wird vllig unvorbereitet sein, wenn er erwacht. Marashi wird ihn berrumpeln und die Herrschaft ber das Archipel an sich reien und wenn es erst einmal soweit gekommen ist, dann wird er die Inseln endgltig in ein Reich des Schreckens verwandeln. Dann gibt es nichts mehr, das ihn aufhalten kann.
    Du kennst dich sehr gut aus mit der Situation hier auf dem Archipel, sagte Milten, nachdem einige Sekunden des Schweigens vergangen waren. Dabei kommst du doch aus dem Westen, oder? Du knntest einfach wieder fortgehen und den ganzen rger hier vergessen.
    Das kommt berhaupt nicht infrage, knurrte Samuel, der seine Emotionen nun nicht lnger im Zaum halten konnte und eine hbsche Blumenserviette mit der bloen Hand zu einem garstigen Knuel zerdrckte. Milten befrchtete schon, etwas Falsches gesagt zu haben, aber offensichtlich richtete sich Samuels rger nicht gegen ihn.
    Ich hatte lange Zeit keine Heimat, weit du?, fuhr Samuel fort, nachdem er sich etwas beruhigt hatte. Ich war... ich war Seefahrer, viel unterwegs, auf einer Menge Schiffe aber keines davon war meine Heimat. Ich wusste gar nicht, was berhaupt dahinter steckt, hinter diesem Wort. Heimat. Was das bedeutet, das habe ich erst begriffen, als ich hierher gekommen bin, auf das Archipel. Das war vor zwlf Jahren, als Sokuwabe gerade damit begonnen hatte, unweit der Mnchsbucht auf der Familieninsel seiner Dynastie, der Insel Zakuwake, hunderte und tausende von Husern entlang der Strae der aufgehenden Sonne errichten zu lassen, die er fr wenig Geld an die Notdrftigen und Obdachlosen vermietete. Er hatte es zu seiner Mission gemacht, dass niemand mehr auf dem Archipel ohne ein Dach ber dem Kopf leben sollte. Die Strae der aufgehenden Sonne wurde schnell zu einem Symbol fr den Eintritt in eine neue ra eine ra des respektvollen Miteinanders und der Chancengleichheit fr alle. Fr ein Leben, in dem ein jeder seinen Platz hatte. Auch ich hatte nicht viel Geld, als ich hierher kam, und hatte mich schon auf ein trostloses Dasein auf der Strae eingestellt aber auch ich als Fremder in der Stadt der Inseln bekam mein eigenes kleines Huschen an der Strae der aufgehenden Sonne. Zum ersten Mal hatte ich einen Ort, an den ich hingehrte. Ich fhlte, dass ich angekommen war dass ich endlich meinen Platz im Leben gefunden hatte. Zwlf Jahre lang war dieses Huschen, war diese Strae der Zuversicht mein Zuhause. Es war wie ein schnes Mrchen... aber ein Mrchen, das ein bses Ende genommen hat. Vor drei Monaten hat Marashi das ganze Viertel einfach abgerissen und auf den Trmmern eine gewaltige Werkanlage fr Mimo-Batterien errichtet. Meine frheren Nachbarn und ich, wir sind nun alle obdachlos und ber die Inseln verstreut. Ich habe noch genug Geld, um mich fr eine Weile hier in der Duftenden Orangenblte einzuquartieren, aber fr eine neue Wohnung reicht es nicht, denn die Mieten sind durch die neue Wohnungsknappheit rapide angestiegen. Jetzt sitze ich hier Tag fr Tag, Abend fr Abend... ohne Zukunft... ohne Heimat... und das alles nur wegen diesem verdammten Marashi!
    Die letzten Worte hatte Samuel so laut ausgespien, dass Milten auf seinem Stuhl zusammengezuckt war. Sogleich kam die einarmige Kellnerin diesmal ohne Tablett heran geeilt, beugte sich zu Samuel herab und zischte mit erhobenem Zeigefinger und in berraschend energischem Tonfall: Ich habs dir schon mehr als einmal gesagt, Samuel: Kein Gepbel hier im Restaurant! Denk an unsere lteren Gste!
    Schon gut, brummte der Gergte und faltete mit missmutiger Miene die zerknllte Serviette wieder so glatt, wie es noch mglich war.
    Die junge Frau fand nach dem kurzen Tadel rasch wieder zu ihrer gewohnten Frhlichkeit zurck, pflckte mit der Hand einen Notizblock aus ihrer Brusttasche und fuhr an Milten gewandt fort: Hast du dich denn schon entschieden? Der alte Samuel trinkt ja immer nur einen Schnaps nach dem nchsten, aber du mchtest doch bestimmt auch etwas essen, oder?
    Irritiert starrte Milten auf den Notizblock in ihrer Hand. hm, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber... also... wie willst du dir denn berhaupt etwas notieren, mit nur einer einzigen... du weit schon...
    Ach so! Mit selbstsicherer Miene stemmte die Kellnerin die Hand in die Hfte, wobei sie den Notizblock ein bisschen zerknickte. Na dann pass mal auf! Was mchtest du denn essen?
    Ehrlich gesagt habe ich die Speisekarte noch gar nicht richtig gelesen, gab Milten zu. Habt ihr vielleicht eine leckere Scavengerkeu
    Hastig schttelte Samuel den Kopf und flsterte ihm auf Myrtanisch zu: Auf gar keinen Fall! Scavenger sind hier beliebte Reittiere wer sie isst, gilt als Barbar!
    Entschuldige bitte, mein Archipelagisch ist noch nicht so gut, reagierte Milten hastig auf den erschrockenen Gesichtsausdruck der Kellnerin. Das Wort, das ich meinte, war... hm... Oktopus?
    Oktopus, natrlich!, entgegnete das Mdchen sichtlich erleichtert. Den haben wir natrlich. Wir haben ja alles, auer Fische! Mchtest du ihn zappelig oder betubt?
    Geht es auch tot?, erkundigte sich Milten etwas verzweifelt. Und wenn es keine Umstnde macht, vielleicht auch gebraten?
    Das lsst sich bestimmt machen, ich werde es mir gleich notieren, versprach die Kellnerin und schleuderte den Notizblock schwungvoll in die Luft. Ein Augenblinzeln spter hatte sie schon einen Stift hinter ihrem Ohr hervor gezogen, und whrend der Notizblock noch gen Boden fiel, kritzelte sie damit in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit ein paar archipelagische Schriftzeichen auf das Papier. Anschlieend schmiss sie den Stift in die Luft, packte den noch immer im Fallen begriffenen Notizblock, steckte ihn in die Tasche und fing gleich darauf auch den Stift wieder auf, den sie sich flott wieder hinters Ohr steckte. Das alles geschah so schnell, dass es schon wieder vorbei war, bevor Milten die Gelegenheit gehabt hatte, vor Staunen den Kiefer herunterzuklappen.
    Siehst du, geht auch mit nur einer Hand!, verkndete die Kellnerin triumphierend, zwinkerte ihm und Samuel noch einmal neckisch zu und war dann schon wieder in Richtung Kche verschwunden.
    Oktopus, hm?, kommentierte Samuel sffisant grinsend. Du legst ja gleich richtig los.
    Ich dachte, dass ich damit wenigstens niemanden beleidige, seufzte Milten. Aber eigentlich hatte ich schon etwas anderes im Sinn gehabt, als ich mir ein Restaurant ausgesucht habe, das keine Fische serviert...
    Oktopus zhlt hier nicht zu den Fischen. Aber ein Moleratbraten htte bestimmt auch niemanden beleidigt. Oder ein Wolfsschnitzel. Oder eine groe, gegrillte Schafswurst... Schmunzelnd deutete Samuel auf die Speisekarte auf Miltens Platz. Steht alles da drin httest du nur mal lesen mssen!
    Wie denn, wenn du mich die ganze Zeit vollquatschst!, erwiderte Milten mit gespielter Verrgerung.
    Pass auf, sagte Samuel und berhrte fr einen kurzen, wohligen Augenblick Miltens Hand. Wie wrs, wenn ich deinen Oktopus esse und wir fr dich noch was nicht ganz so Abenteuerliches bestellen? Du sollst dir ja nicht gleich an deinem ersten Abend auf Takuze den Magen verderben.
    Das klingt nach einer guten Idee, sagte Milten dankbar lchelnd. Aber diesmal bernimmst du besser die Bestellung.
    Gerne doch. Samuel griff sich die Speisekarte, bltterte ein wenig herum und sagte dann: Ich glaube... ich glaube, ich entscheide mich fr ein leckeres Fleischwanzenragout!

    Sthnend richtete sich Milten auf der Matratze auf, schttelte das dicke Laken ab und setzte sich auf die Bettkante. Es hatte keinen Zweck, so schnell wrde er in dieser Nacht keinen Schlaf finden. Viel zu viel spukte ihm durch den Kopf: der ttowierte Schurke, Samuels Erzhlungen ber Marashi und das Mimo, Samuel selbst... es gab zu vieles, ber das er nachgrbeln musste und das ihm keine Ruhe lie. Auerdem war es ihm trotz der winterlichen Klte, die drauen auf den Straen herrschte, unter der warmen Wolldecke schnell unangenehm hei geworden. Erst jetzt, da er nur in Unterwsche gekleidet auf dem Rand des Bettes hockte und sich die wunden Augen rieb, khlte sich sein verschwitzter Krper allmhlich wieder ab.
    Es war ein schner Abend gewesen. Samuel und er hatten auch nach dem gemeinsamen Essen noch eine ganze Weile lang am Tisch gesessen und bis in die spten Abendstunden hinein miteinander geplaudert. Die Stimmung war so gut gewesen, dass sich Milten nicht getraut hatte, das Thema Marashi noch einmal anzusprechen. Als das Restaurant schlielich geschlossen hatte, war Milten auf Samuels Vorschlag eingegangen, sich fr die Nacht ein Zimmer in der Herberge zu nehmen, die sich im Obergeschoss des Gebudes befand. An seinem Zimmer gab es auch berhaupt nichts auszusetzen: Es war sauber und zwar sprlich, aber recht hbsch eingerichtet, und auch die Matratze war vielleicht etwas zu kurz fr Miltens langen Krper geraten, aber ansonsten sehr bequem. Doch was ntzte ihm aller Komfort, wenn ihn sein eigener Kopf nicht schlafen lie?
    Er berlegte gerade, ob er einen weiteren Schlafversuch unternehmen oder vielleicht lieber etwas lesen sollte, als er aus dem Nachbarzimmer einen kurzen, gedmpften Schrei hrte.
    Erschrocken hob Milten den Kopf, pltzlich noch weiter vom Schlaf entfernt als je zuvor in dieser Nacht: Der Schrei war unzweifelhaft aus dem Zimmer gekommen, das Samuel bezogen hatte.
    Hastig griff Milten zum grauen Mantel, den er ber die Lehne des einzigen Stuhls geworfen hatte, warf ihn sich ber und knotete ihn mit einem Band an der Vorderseite zu. Er wollte gerade die Tr ffnen, als sein Blick auf die Umhngetasche fiel, die gegenber des Bettes an der Wand lehnte. Seine Zimmertr lie sich nur von innen mit einem Riegel verschlieen, und er durfte kein Risiko eingehen, die Tasche zu verlieren, also nahm er sie rasch vom Boden und hing sie sich ber die Schulter, whrend er gleichzeitig den Trgriff bettigte.
    Drauen auf dem Flur war es noch dunkler als in seinem Zimmer, das vom Licht des Vollmonds erhellt war. Kein Gerusch war zu vernehmen, und Milten begann sich schon zu fragen, ob er sich Samuels Schrei wohl nur eingebildet hatte ob er im Sitzen vielleicht doch kurz eingenickt und fr wenige Sekunden in einen flchtigen Albtraum hineingeraten war. Dann aber sah er das zittrige Licht, das unter Samuels Zimmertr hervor flackerte.
    Vorsichtig klopfte Milten zweimal an das Holz der Tr.
    Wer ist da?
    Eine Woge der Erleichterung berkam Milten, als er Samuels Stimme vernahm. Offenbar ging es ihm gut.
    Ich bin es Milten, flsterte er.
    Komm rein.
    Mglichst leise ffnete Milten die Tr und trat ein. Der Raum wurde durch eine schmale Kerze erleuchtet, die vom Tisch aus ihr gleichermaen sanftes wie unruhiges Licht verbreitete, und war ganz genauso eingerichtet wie Miltens eigenes Zimmer: Ein Bett, ein Tisch mit Stuhl, eine kleine Kommode und an der Wand ein Spiegel. Vor diesem Spiegel stand Samuel mit nacktem Oberkrper und dem halben Kinn voller weiem Schaum. In seiner Hand hielt er eine Rasierklinge.
    Ich hab dich schreien gehrt, erklrte Milten seinen spten Besuch. Da wollte ich nachschauen, ob es dir gut geht.
    Alles halb so wild, sagte Samuel und deutete auf eine Schnittwunde am Hals, aus dem ein schmales Rinnsal roten Blutes sickerte. Ich hab mich blo beim Rasieren geschnitten... war mit den Gedanken woanders.
    Du konntest wohl auch nicht einschlafen, wie?
    Samuel nickte lchelnd und wischte sich das Blut mit dem Handrcken ab, der bereits ganz rot verschmiert war. Ziemlich hartnckig, dieser Schnitt... wo krieg ich denn jetzt mitten in der Nacht noch ein Tuch her?
    Milten zgerte nur kurz. Er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie ihm Pyrokar vor der Abreise immer wieder eingeschrft hatte, seine Identitt nicht preiszugeben aber in diesem Moment waren ihm alle Vorsichtsmanahmen gleichgltig. Wenn es jemandem gab, dem er vertrauen konnte, dann war es Samuel.
    Er griff in seine rechte Manteltasche, holte einen kleinen, grauen Stein hervor und konzentrierte sich auf Samuels Verwundung. Verdutzt beobachtete der ehemalige Seemann im Spiegel, wie sich das Blut als roter Nebel von seiner Hand lste, an seinen Hals zurckkehrte und sich dort mit dem Rinnsal vereinigte. Innerhalb weniger Sekunden floss es seine Kehle wieder hinauf und kehrte in die Wunde zurck, die sich kurz darauf vollstndig schloss.
    Verblfft rieb sich Samuel mit den Fingern die zuvor noch blutige Haut an seinem nun wieder gnzlich unversehrten Hals.
    Du... du bist...?
    ...ein Feuermagier, erffnete ihm Milten leise. Aber du musst mir versprechen, dass du es fr dich behalten wirst. Eigentlich htte ich dir gar nichts davon sagen drfen.
    Aber wieso nicht?, entgegnete Samuel verblfft. Seit wann mssen sich Magier denn verstecken?
    Auf diesen Inseln mssen sie es vielleicht, sagte Milten. Auf dem Archipel leben fnf Feuermagier, aber seit einigen Monaten ist der Kontakt zu ihnen vllig abgebrochen. Wir erhalten keine Briefe mehr von ihnen, und zwei der Magier htten vor drei Wochen zu einer Feierlichkeit auf Khorinis erscheinen sollen. Die Wassermagier vermissen auch einige ihrer Leute, die zuletzt hier auf dem Archipel gewohnt haben und es wrde mich nicht wundern, wenn selbst die Schwarzmagier davon betroffen sind, aber von denen wissen wir natrlich nichts.
    Du meinst, alle Magier hier auf den Inseln sind seit ein paar Monaten verschollen?, resmierte Samuel. Ganz gleich, zu welchem Gott sie gehren?
    Es sieht alles danach aus. Hast du nichts davon mitbekommen?
    Naja... Samuel zuckte mit den Schultern und machte sich wieder daran, mit dem Rasierer die letzten schaumigen Stellen abzuarbeiten. Es ist wirklich eine ganze Weile her, dass ich einen Magier gesehen habe, aber ich hab mir nichts dabei gedacht. So viel hab ich mit denen ja nicht zu tun... also, bis gestern Abend zumindest.
    Milten erwiderte Samuels warmes Lcheln, wurde aber schnell wieder ernst. Pyrokar, der oberste Feuermagier auf Khorinis, glaubt, dass irgendjemand auf dem Archipel gezielt Jagd auf Magier macht. Und Saturas, der Anfhrer der Wassermagier, hat von einem beunruhigenden Gefhl berichtet, dass er seit Lngerem sprt: eine Bedrohung des Gleichgewichts der Magie, deren Zentrum er hier im Osten verortet hat. Wir vermuten, dass beides zusammenhngt, also hat mich Pyrokar hierher geschickt, um der Sache unauffllig auf den Grund zu gehen.
    Deshalb also die Geheimhaltung, sagte Samuel und zog mit der Rasierklinge eine gerade Linie ber die Haut. Damit du nicht selbst in Marashis Visier gertst.
    Milten betrachtete Samuels blaue Augen in seinem Spiegelbild. Du glaubst also, dass Marashi dahinter steckt? Dass er die Magier entfhrt hat... oder gar ermordet?
    Samuel lachte trocken auf. Wer denn sonst? Es passt nur zu gut zu ihm, dass er diejenigen aus dem Weg rumt, die fr eine gerechte Sache eintreten und sich ihm widersetzen knnten. Vielleicht standen die Magier seinen Plnen mit dem Mimo im Weg.
    Das ist gut mglich. Ich muss auf jeden Fall mehr ber ihn herausfinden. Milten hatte das Gefhl, dass an Samuels Verdacht tatschlich etwas dran sein konnte, aber im Augenblick fiel es ihm schwer, sich darauf zu konzentrieren. Sein Blick war gefesselt von Samuels geschmeidigen Bewegungen, in denen er die Rasierklinge ber seine Haut fahren lie, bis schlielich auch die letzte Partie seines Gesichts rasiert war.
    Samuel legte die Klinge auf dem Tisch ab, wo sie leise klackernd zur Ruhe kam, und kehrte anschlieend zum Spiegel zurck. Kurz betrachtete er sich prfend selbst darin, dann drehte er sich zu Milten um und schaute ihm unverwandt in die Augen. Er war ein Stckchen grer als Milten, der selbst nicht gerade klein war, aber der Unterschied war gering genug, dass sie sich anschauen konnten, ohne den Kopf neigen zu mssen.
    Kann ich dich um etwas bitten, Milten?, sagte er mit leiser Stimme. Wrdest du fr mich fhlen, ob meine Haut ganz glatt rasiert ist? Meine eigenen Hnde sind so rau geworden in den vielen Jahren auf See, dass sie dafr nicht mehr zu gebrauchen sind. Deine Hnde aber...
    Ja, sie sind ganz sanft. Milten sprte, wie ihm das Herz in der Brust schneller schlug, als er die Umhngetasche zu Boden sinken lie und nher an Samuel herantrat. Ein wohliger, herber Duft ging von ihm aus und weckte in Milten Erinnerungen an lngst vergangene Trume. Trume, die eine Geburt nie erfllter Sehnschte bedeutet hatten.
    Langsam hob er die rechte Hand und fhrte sie an Samuels Hals, berhrte seine gebrunte Haut, die ihre ganz eigene Form der Sanftheit besa. Ganz sachte strich Milten ber Samuels Kinn, dann ber seine Wangen, whrend sich ihre Gesichter einander nherten. Samuels Atem lag auf seiner Haut, seine Lippen waren ganz nah... und seine Augen... zwei Kristallgefe, randvoll gefllt mit flssigem Aquamarin... Milten tauchte darin ein, lie sich ganz darin fallen. Er sprte Samuels Hnde, wie sie sich um seine Schultern legten, wie sie seinen Kopf umschlangen, ihn behutsam nher zogen. Nher zu den verheiungsvollen Lippen, immer nher heran, bis er den salzigen Geschmack der See auf der Zunge hatte, bis er im Aquamarin der Augen badete, bis Samuels wilder Herzschlag sein eigener wurde.
    Samuel..., flsterte Milten in einem Sto heien Atems, als sich ihre Lippen nach einer gemeinsamen Ewigkeit wieder voneinander gelst hatten.
    Sanft strich Samuel eine Haarstrhne aus Miltens Gesicht. Du kannst mich Samu nennen.
    Bitte lass mich nie wieder los, Samu, wisperte Milten. Lass mich nie wieder allein...
    Das werde ich nicht. Niemals...
    Milten schloss die Augen, fhlte den hitzigen Puls in Samuels Lippen und verga alles andere... verga die Klte vor dem Fenster, all die Feindseligkeit da drauen... Was zhlte, war nur die Wrme, die ihm Samuel schenkte, die sein Innerstes erfllte und ihn entflammte eine Wrme, schner und feuriger als jeder Zauber, den er kannte.
    Es war eine ganz eigene, unsterbliche Form der Magie, und in dieser Nacht sprte sie Milten in jeder Faser seines Krpers.

  3. View Forum Posts #3 Reply With Quote
    Deus Laidoridas's Avatar
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    Laidoridas is offline
    Milten! Milten, wach auf!
    Unwillig murrend schmiegte sich Milten an Samuels Brust an. Lass mich nochn bisschen schlafen, Samu... nur nochn klein wenig...
    Unerwartet pltzlich richtete sich Samuel im Bett auf und Miltens Kopf plumpste auf die weiche Matratze.
    Wasn los...?
    Da drauen ist irgendwas im Gange.
    Unter Aufbietung all seiner Willenskraft hob Milten eines seiner Augenlider ein Stckchen an und beobachtete, wie sich Samuel hastig seine Unterwsche berzog. Kaum war er damit fertig, hob er Miltens Unterwsche vom Boden auf und warf sie ihm zu.
    Schnell, zieh dich an!, flsterte er. Ich hab kein gutes Gefhl bei der Sache.
    Aber was... was ist denn berhaupt...?
    In diesem Moment allerdings hrte es Milten selbst: Schroffe, harte Mnnerstimmen waren auf dem Flur zu hren, immer wieder unterbrochen durch andere, teils erschrockene, teils wtende Stimmen. Was gesagt wurde, konnte Milten nicht heraushren, aber er musste Samuel recht geben: Es klang nach rger. Entschlossen schttelte er die Schlaflosigkeit ab und schlpfte in seine Unterhose, whrend sich Samuel bereits Hose, Hemd und Mantel angezogen hatte.
    Vielleicht sollten wir einfach abwarten, raunte Milten und stlpte eine Socke ber seinen linken Fu. Das hat mit uns doch sicher berhaupt nichts zu tun. Wenn wir jetzt da raus gehen, dann geraten wir erst recht in den rger hi-
    Mit einem gewaltigen Knall platzte die Tr aus dem Rahmen, wurde meterweit durch die Luft geschleudert und blieb klappernd mitten im Raum liegen. Sechs Mnner in schwarzer Uniform strmten den Raum, und noch ehe Milten begriffen hatte, was geschah, hatte ihn einer gepackt und aus dem Bett gezerrt, whrend ihm ein anderer die Arme hinter dem Rcken verdrehte. Keuchend schielte er zu Samuel hinber, den zwei der Uniformierten an den Unterarmen gepackt hatten. Einer der beiden presste seinen Kopf mit brutaler Hrte auf die Tischplatte direkt neben die Rasierklinge, die Samuel vergeblich mit den Zhnen zu erreichen versuchte.
    Wir haben ihn! Entsetzt musste Milten mit ansehen, wie einer der Mnner seinen eigenen grauen Mantel emporhielt, der bis vor kurzem noch ber der Stuhllehne gehangen hatte, und mit der freien Hand einen Runenstein nach dem anderen aus den Taschen hervorholte. Einer von ihnen muss der Magier sein!
    Sehr gut.
    Ein weiterer Mann in voller Montur hatte das Zimmer betreten, allerdings glnzte seine Uniform in strahlendem Silber und war hier und dort mit goldenen Ornamenten verziert. Er hatte blonde, kurze Haare, und auf seinem faltigen Gesicht war sein Mund zu einem groen, halb erstarrten Grinselachen aufgerissen.
    Bo Leng..., presste Samuel hervor. Was willst du von uns?
    Ja, genau der bin ich. Der Hauptmann der Wache kam neben dem Tisch zum Stehen, wo sein Blick auf das Rasiermesser fiel. Und was ich will? Den Magier, der hier irgendwo in diesem stinkenden Drecksloch hockt. Das wirst du dann wohl du sein oder ist es vielleicht dein kleiner Freund hier?
    Er nahm sich die Rasierklinge und deutete damit breit grinsend auf den um Atem ringenden Milten.
    Wir werden dir berhaupt nichts sagen, sagte der Magier so entschlossen wie er nur konnte, whrend er verzweifelt beobachtete, wie die Stadtwache, die seinen Mantel durchsucht hatte, mitsamt seinen Runen und seinem Kampfstab den Raum verlie.
    Er hat recht, knurrte Samuel. Du verschwendest hier nur deine Zeit, Bo Leng.
    Das Grinsen verschwand aus dem Gesicht des Hauptmanns, als er die Rasierklinge in einer taschenartigen Ausbuchtung seiner Uniform verschwinden lie. Ihr beiden Witzfiguren wollt euch mir allen Ernstes widersetzen? Wisst ihr eigentlich, wen ihr vor euch habt? Ich bin Bo Leng, und ich bin das verdammte Gesetz in dieser Stadt. Man nennt mich nicht umsonst den Cop-Titanen!
    Du bist der einzige, der dich so nennt, du verbrecherischer Mistkerl!
    Kaum hatte Samuel die wtenden Worte ausgespien, zckte Bo Leng einen kurzen, schwarzen Knppel und bettigte einen quadratischen Knopf am Griff. Blaue, verstelte Lichtblitze zuckten aus der Schlagwaffe hervor und umschwirrten britzelnd den oberen Teil des Knppels. So sehr sich Samuel auch darum bemhte, keine Furcht zu zeigen Milten sah das ngstliche Flackern in seinen Augen, kurz bevor Bo Leng seinen Kopf hochriss und ihm den Knppel mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Ein entsetzliches Kreischen drang aus Samuels Kehle, als ein elektrischer Blitz seinen Krper zum Erbeben brachte. Milten hielt es nicht mehr aus, er konnte das nicht mit ansehen er wollte sich losreien, aber seine Strke lag nicht in seiner reinen Krperkraft. Ohne die Runen und ohne den Kampfstab war er machtlos.
    Hmisch grinsend beugte sich Bo Leng zum schlotternden Samuel hinab. Ich knnte dich in meinem Garten vergraben, du Arschloch. Als Kompost fr die Blumen.
    Lass ihn gehen!, keuchte Milten, als der Hauptmann unter den erwartungsvollen Blicken der brigen Wachmnner erneut den Knppel hob. Er ist nicht derjenige, den du suchst. Ich... ich bin der Magier, den du haben willst. Nimm mich mit, aber lass Samuel in Frieden.
    Eine Sekunde lang verharrte der Funken sprhende Elektroknppel in der Luft, dann schaltete ihn Bo Leng aus und drehte sich wieder langsam zu Milten um.
    Und woher soll ich wissen, dass du die Wahrheit sagst und nichts als die Wahrheit? Vielleicht ist das blo ein Trick, um den echten Magier in Sicherheit zu bringen.
    Ist es nicht, versicherte Milten verzweifelt. Ich bin ein Magier! Gib mir eine meiner Runen, und ich beweise es dir.
    Na klar Was darf es denn sein? Ein Feuerball, oder lieber gleich ein Feuerregen?
    Die korrupten Stadtwachen brachen in schallendes Gelchter auf, whrend Bo Leng ganz nah an Milten herantrat und ihm mit dem Zeigefinger die Nase nach oben drckte, bis es schmerzte.
    Du denkst vielleicht, du kannst mich verarschen, du Ratte. Aber das einzige, was du kannst, ist als Geruch aufm Fischkutter arbeiten.
    Was willst du denn noch hren?, sthnte Milten und versuchte, den Schmerz in seinem Schdel auszublenden. Du hast gefragt, wer der Magier ist, und du hast deine Antwort!
    Die Antwort interessiert mich einen Scheidreck. Endlich lie Bo Leng von ihm ab und begann damit, durch den Raum zu schlendern, whrend er den Knppel mit der Hand herumwirbelte. Ich werde euch sowieso beide abliefern wozu ein unntiges Risiko eingehen?
    Er gab seinen Leuten ein Zeichen, und die beiden Mnner, die hinter Milten standen, stieen ihn unsanft vorwrts. Auch Samuel wurde nun wieder in eine aufrechte Position gerissen.
    Wir sind hier fertig, Leute, verkndete Bo Leng. Lasst uns noch diese beiden Penner abliefern, und dann ist Feierabend.
    Die beiden Penner sind meine Gste, und ihr werdet sie auf der Stelle frei lassen!
    Breitbeinig hatte sich die einarmige Kellnerin im Trrahmen aufgestellt, in ihrer Hand ein Tablett voller Glser und Flaschen. Entschlossen trotzte sie dem spttischen Blick des Wachhauptmanns.
    Das ist echt niedlich, aber der Cop-Titan nimmt keine Befehle von einem kleinen Mdchen entgegen, sagte Bo Leng und fgte mit wollstigem Grinsen hinzu: Nicht einmal, wenn sie so dicke Dinger hat wie du.
    Dir wird das Lachen noch schnell genug vergehen, du Widerling! Unvermittelt schleuderte sie das Tablett in die Luft und verpasste ihm dabei einen solchen Dreh, dass sich die ovale Messingplatte in einem rasanten Tempo im Kreis drehte, als sie kreiselnd auf der Spitze ihres erhobenen Zeigefingers aufkam. Glser und Flaschen zerbrachen klirrend im Strudel der Geschwindigkeit und bildeten ber dem Tablett einen Wirbel aus winzigen Scherben.
    SPLITTERSTURM!, brllte das Mdchen aus vollem Halse. Entsetzt zogen die Wachen ihre Waffen, doch noch bevor sie etwas unternehmen konnten, fegte ein unerbittlicher Taifun aus scharfen Glassplittern auf sie zu. Milten sprte, wie sich der Griff der Mnner von ihm lste, und konnte sich gerade noch rechtzeitig zu Boden werfen, bevor das Inferno der Scherben ber ihn hinein brach.
    Einige Sekunden verstrichen, bevor sich Milten traute, den Kopf wieder zu heben. Erleichtert sah er, dass sich auch Samuel rechtzeitig auf den Boden gerollt hatte, whrend die meisten der Wachmnner zu spt reagiert hatten und am ganzen Krper schmerzhafte Schnittwunden erlitten hatten. Bo Leng war unter den Tisch gesprungen, hatte allerdings zuvor offenbar einige grere Scherben abbekommen und lag reglos auf dem Boden.
    Weg hier!, brllte Samuel, untersttzt von der energisch winkenden Kellnerin, und diesmal lie sich Milten nicht zweimal bitten. Er stie den Arm eines chzenden Wachmanns weg, der vom Boden aus nach ihm greifen wollte, und sprintete zur Tr. Gerade wollte er hinter Samuel und ihrer Retterin den Raum verlassen, da fiel sein Blick auf seine Tasche, die noch immer unter dem Spiegel an der Wand lehnte. Er hatte schon die Runen verloren er durfte nicht auch noch sie verlieren! Jetzt war sie wichtiger denn je. Kurz entschlossen hechtete er zum Spiegel, schnappte sich die Tasche und kehrte zum Flur zurck.
    Los, folgt mir!, rief ihnen die Kellnerin zu, die bereits am Absatz der Treppe angekommen war. Wir mssen so schnell wie mglich von hier verschwinden!
    Milten hatte gerade die oberste Treppenstufe erreicht, da hrte er hinter sich ein wtendes Schnauben. Hektisch riss er den Kopf herum und sah Bo Leng, wie er blutend und mit verbissener Miene auf der Trschwelle stand, den aktivierten Elektroknppel in der erhobenen Hand. In seiner Stirn steckte noch eine groe Glasscheibe, aber das schien ihn gar nicht zu kmmern.
    Ich werde euch zerquetschen, ihr Arschlcher! Niemand legt sich ungestraft mit dem Cop-Titanen an!
    Er hob den Knppel, stie ein tiefes, wtendes Schnauben aus und bettigte einen Schieber am Waffengriff. Sofort zuckte ein breiter, blauer Blitz aus dem Knppel hervor und schoss auf Milten zu, der sich in allerletzter Sekunde durch einen Sprung ber das Treppengelnder in Sicherheit bringen konnte. Schmerzhaft kam der Magier mit dem nackten Rcken auf dem unteren Teil der gebogenen Treppe auf und rollte die letzten Stufen hinab.
    Milten! Geht es dir gut? Groe Besorgnis lag in Samuels liebevollem Blick, als er Milten wieder auf die Beine zerrte dabei blutete er selbst stark aus der Nase und hatte einen groflchigen blauen Fleck an der Stelle, die Bo Leng mit seinem Prgel getroffen hatte.
    Milten nickte hastig und versuchte den Schwindel, der in ihm hochkam, im Keim zu ersticken. Wir... wir mssen weg hier, japste er, bevor uns Bo Leng erwischt!
    Hier entlang!, rief ihnen das einarmige Mdchen aus einiger Entfernung zu. Milten hatte alle Mhe, sie in der Dunkelheit zu erkennen, denn im Restaurantbereich waren um diese Uhrzeit wie frh oder spt es auch immer sein mochte noch alle Fenster versperrt. Eine kurze Woge der Erleichterung kam in ihm auf, als ihn Samuel am Arm packte und mit sich zerrte offenbar wusste er, wo es lang ging, und Milten war nur allzu bereit, dem Orientierungssinn des gestandenen Seefahrers zu vertrauen.
    Weglaufen ist zwecklos!, folgte ihnen Bo Lengs hssliche Stimme nach. Ein weiterer Blitz zuckte durch die Finsternis und traf auf einem Tisch auf, der umgehend in Flammen aufging. Niemand entkommt dem Cop-Titanen!
    Milten sthnte auf, als er mit dem Knie gegen einen Stuhl prallte und beinahe gestrzt wre. Panisch suchte er mit der Hand nach Samuels Arm, den er kurz verloren hatte. Zeitgleich breitete sich das Feuer in rasender Geschwindigkeit aus, whrend weitere blaue Energieblitze durch den Raum zischten. Pltzlich war ein lautes Klirren zu hren, als einer der Blitze das groe Terrarium im Zentrum des Restaurants getroffen hatte dicht gefolgt von aggressivem Knurren und Fauchen.
    Verdammt, hechelte Samuel, er hat die Bonsai-Snapper befreit!
    Die gierig um sich greifenden Flammen hatten den Raum bereits ein wenig erhellt, und als Milten einen Blick zurck wagte, konnte er ein wildes Rudel kleiner Echsen aus einem splitterigen Loch in der Glaswand des Terrariums hpfen sehen.
    Beeilt euch!, forderte die Kellnerin besorgt. Sie hatte gerade eine Tr geffnet, bei der es sich anscheinend um einen Nebenausgang handelte, und hpfte nervs von einem Bein auf das andere, whrend sie auf die beiden Nachzgler wartete.
    Milten und Samuel hatten den rettenden Ausgang fast erreicht, als Milten einen stechenden Schmerz in seinem rechten Bein sprte. Schreiend ging er zu Boden und trat mit dem anderen Fu nach dem angriffslustigen Bonsai-Snapper, der sich in seiner Wade festgebissen hatte. Geistesgegenwrtig warf sich Samuel auf ihn, packte das Biest mit beiden Hnden, riss es nach oben weg und schleuderte es zurck in Richtung Terrarium. Milten wurde vor Schmerz kurz schwarz vor Augen, aber die Wunde sah auf den ersten Blick nicht so schlimm aus, wie sie sich angefhlt hatte. Zum Glck hatten die Bonsai-Snapper auch nur sehr kleine Zhne und brauchten offenbar eine Weile, um sich damit durchzubeien.
    So viel dann also zu eurem peinlichen Versuch, mir zu entkommen.
    Entsetzt blickten Milten und Samuel auf und schauten ins schbige Grinsegesicht Bo Lengs. Um den Knppel in seiner Hand tanzten erwartungsvoll dutzende gleiend blaue Elektroblitze.
    Wisst ihr, was der Unterschied zwischen euch und einem Eimer Scheie ist? Triumphierend setzte er einen Fu auf Samuels Brust. Der Eimer!
    Er hatte gerade mit dem Knppel ausgeholt, da wich sein selbstsicheres Grinsen einem Ausdruck schmerzvoller berraschung. Drei Bonsai-Snapper hatten sich in seinen Beinen festgekrallt, und kaum hatte er sich wutschnaubend herabgebeugt, um sie wegzuschlagen, da sprang ihm ein Vierter mitten ins Gesicht. Rchelnd ging Bo Leng in die Knie, als ihm die kleine Echse mit den winzigen Krallen die Wange aufkratzte und ihre rasiermesserscharfen Mikrozhnchen in seine Nase rammte.
    Los jetzt, das mssen wir ausnutzen!
    Milten ergriff Samuels Hand und stolperte vorwrts, bis er durch die offene Tr ins Freie gelangt war und vom Sonnenlicht geblendet die Augen zusammenkniff. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und offenbar hatte er viel lnger geschlafen, als es ihn seine Schlaftrunkenheit hatte vermuten lassen aber das konnte ihnen jetzt nur gelegen kommen. Zwar war die Seitengasse, in die sie gelangt waren, vllig menschenleer, doch auf dem Isumi-Akamoto-Heldenplatz musste es um die Mittagszeit vor Besuchern lngst wimmeln, in deren Mitte sie untertauchen konnten.
    Die engagierte Kellnerin hatte allerdings offenbar andere Plne und rannte in die andere Richtung der Gasse, das leere Tablett noch immer in der Hand.
    Wo willst du hin?, rief ihr Milten zu, whrend er sich an Samuels Seite darum bemhte, Schritt zu halten.
    Zur Goldenen Teekanne!, schrie die junge Frau zurck, deren lange Haare beim Laufen wild durch die Luft gewirbelt wurden. Es ist ganz in der Nhe!
    Was zur Hlle ist die Goldene Teekanne?, brllte Milten.
    Der grte Vergngungspark auf Takuze! Vertraut mir, dort wird uns Bo Leng niemals aufspren knnen!
    Und woher sollen wir wissen, dass wir dir vertrauen knnen?, erwiderte Milten schnaufend. Heftige Stiche in seinen Seiten setzten ihm zu, und sein ganzer entblter Rcken schmerzte ihm noch immer von seinem unsanften Sturz auf die Treppe. Du httest uns vorhin beide umbringen knnen mit deiner Glasattacke!
    Habe ich aber nicht, oder? Das Mdchen warf ihm im Laufen einen schnippischen Blick ber die Schulter zu. Also sei mal nicht so undankbar!
    Am Ende der Gasse, als die schmale Seitenstrae im rechten Winkel auf eine grere Strae traf, blieb sie stehen und wartete ungeduldig auf Milten und Samuel.
    Wie heit du berhaupt?, fragte Milten und rgte sich in Gedanken selbst dafr, seine Atemnot durch das viele Gerede nur noch schlimmer zu machen.
    Yintsumi steht doch auch hier! Sie deutete auf ein kleines Schildchen, das auf Brusthhe an ihrer Kellnerinnenbekleidung angebracht war. Aber vielleicht verschieben wir die Vorstellungsrunde besser auf spter, wenn wir nicht gerade von dem da verfolgt werden!
    Yintsumi deutete mit dem Finger die Gasse hinunter, und als sich Milten umwandte, erkannte er den blutenden Bo Leng, wie er begleitet von dreien seiner ldierten Spiegesellen in ihre Richtung lief.
    Schnell, weiter!
    Milten und Samuel waren ihrer Lotsin gerade um die Ecke gefolgt, als ein blauer Blitz an der nahen Huserwand einschlug und ein klaffendes Loch zurcklie.
    Wir schaffen es nicht!, japste Milten. Wir sind zu langsam er wird uns erwischen!
    Whrend die drei Verfolgten atemlos ber die Pflastersteine der Strae hetzten und sich bemhten, dabei keinen der verdutzten Passanten umzurempeln, lste Samuel den Verschluss seines Mantels und schlug den Stoff zur Seite hin auf. Erstaunt erkannte Milten, dass an mehreren Schlaufen an der Innenseite des Mantels bauchige Flaschen befestigt waren, nach denen Samuel nun griff.
    Trinkt das hier!, rief er und warf erst Milten, dann Yintsumi jeweils eine der dicken braunen Flaschen zu.
    Schneller Hering?, las Milten das Etikett. Muss das sein?
    Vergiss den Namen!, forderte Samuel und entkorkte eine weitere Flasche fr sich selbst. Trink es einfach!
    Milten warf einen hastigen Blick zurck und erkannte entsetzt, dass Bo Leng und die drei Stadtwachen bereits um die Ecke gelaufen kamen. Rasch zog er den Korken aus dem Flaschenhals, der zu seiner Erleichterung sehr locker sa, und kippte sich den Inhalt des entsetzlich fischig schmeckenden Zeugs in den Rachen. Das offensichtlich stark alkoholhaltige Gemisch brannte frchterlich in seinem Hals, aber gleichzeitig sprte er, wie eine ungekannte Kraft in seine Beine geriet. Pltzlich fiel ihm das Laufen berhaupt nicht mehr schwer, und seine Lungen fllten sich wieder mit frischer Atemluft.
    Das ist ja fantastisch!, rief Yintsumi begeistert und pfefferte die leere Flasche mit Karacho auf die Strae, wo sie effektvoll zersplitterte. Auch Milten und Samuel lieen ihre Flaschen fallen und sprinteten mit langen Stzen die Strae hinunter, whrend das wtende Brllen Bo Lengs allmhlich leiser wurde. Am anderen Ende der Strae erkannte Milten einige bunte Buden, in der Ferne tauchte die Silhouette eines Riesenrads auf und frhliche Dudelmusik war zu hren offenbar hatten sie die Goldene Teekanne fast erreicht.
    Fr den Augenblick haben wir ihn abgehngt, rief Samuel und machte einen beherzten Sprung ber ein kleines Mdchen, dem er im Rennen nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Aber die Wirkung des Herings hlt nicht lange an wir mssen so schnell wie mglich untertauchen!
    Das Gewhl auf der Strae wurde schon jetzt immer dichter. Viele Kinder mit Plschtieren und Zuckerwattestangen in den Hnden kreuzten ihren Weg, begleitet von ihren Eltern, die vor allem dem nur mit Unterhose, halbem Sockenpaar und Umhngetasche bekleideten Milten irritierte Blicke zuwarfen. Fr Schamgefhle aber war im Augenblick kein Platz in Miltens Kopf, und obwohl das Gedrnge der vielen Menschen kein schnelles Rennen mehr zulie, bedeutete es auch einen gewissen Schutz: Bo Leng mochte ein menschenfeindlicher Fiesling sein, aber offenbar schreckte er doch davor zurck, seine todbringenden Blitze inmitten all der frhlichen Familien abzufeuern.
    Milten hatte in dem unbersichtlichen Menschengewimmel schnell die Orientierung verloren und konzentrierte sich ganz darauf, Yintsumi und Samuel nicht aus den Augen zu verlieren. Als neben ihnen die ersten Buden zu sehen waren und vor ihm ein Mann in einem lila Scavengerkostm auftauchte, ahnte er, dass sie das Zentrum der Goldenen Teekanne erreicht hatten.
    Heute groes Scavenger-Wettrennen!, brllte ihm der Vogelmann entgegen. Schliet jetzt alle eure Wetten ab und schnappt euch die wertvollsten Preise des Archipels!
    Beim Anblick des verkleideten Mannes, dessen gesamter Krper unter dem bunten Plsch verborgen war, kam Milten pltzlich eine Idee.
    Wo bekommen wir solche Kostme her?, rief er Yintsumi und Samuel zu, die sich dicht vor ihm einen Weg durch die Menschenmenge bahnten. Wenn wir uns so verkleiden, wird uns Bo Leng nicht finden!
    Die gibt es nicht zu kaufen, antwortete die Kellnerin mit bedrppeltem Gesichtsausdruck. Nicht mal zu gewinnen, glaube ich... die sind nur fr die Angestellten hier.
    Und wo ziehen sich die Angestellten um?, wollte Samuel wissen. Vielleicht finden wir da ein paar Kostme.
    Yintsumi machte ganz emprt groe Augen. Du willst doch wohl nicht den Leuten hier ihre Kostme klauen!
    Willst du etwa von Bo Leng gerstet werden?
    Na gut... ich glaube, es ist ein Zelt nicht weit von hier. Aber wir fragen vorher nett, ja?
    Jaja, brummte Samuel und warf Milten einen vielsagenden Blick zu.
    Qulend langsam arbeiteten sich die drei Flchtigen durch die Menge der Belustigungsbedrftigen, whrend sich Milten immer wieder besorgt nach Bo Leng und den brigen Stadtwachen umsah. Derzeit war noch keine Spur von ihnen zu erkennen, aber weit konnten sie nicht sein. Die Wirkung des Schnellen Herings war bereits weitestgehend verflogen und in ihrer derzeitigen Lage sowieso keine echte Hilfe mehr, was den korrupten Wchtern die Gelegenheit zum Aufholen gab. Er konnte nur hoffen, dass sie an der falschen Stelle nach ihnen suchten gro und unbersichtlich genug war der Vergngungspark dafr ja.
    Das hier ist es, verkndete Yintsumi, die gerade neben einem rot-gelb-gestreiften Zelt zum Stehen gekommen war, das mangels Beschilderung von den Parkbesuchern offenbar geschlossen ignoriert wurde. Aber ich wei nicht, ob wir da einfach so rein drfen...
    Das werden wir ja gleich merken, fand Milten und schubste rgerlich einen besonders witzigen kleinen Jungen weg, der versucht hatte, ihm die Unterhose herunterzuziehen. Los, gehen wir rein!
    Samuel zog einen Stofflappen zur Seite, der den Eingang des Zeltes verdeckt hatte, und schlpfte ins Innere. Milten und Yintsumi folgten ihm vorsichtig, und Samuel lie den Lappen wieder vor die ffnung zurckfallen.
    Im Inneren des Zeltes war es vllig menschenleer. Einige Holzbnke standen halbwegs ordentlich auf dem Boden, und entlang der Innenwnde waren einige Kleiderstnder aufgestellt, die grtenteils mit leeren Kleiderhaken versehen waren. Nur an einem einzigen Haken hing noch ein Kostm, das mit seinen vielen nesselartigen Auswchsen und dem unfrmigen blulichen Kopfteil vermutlich eine Art Qualle darstellen sollte.
    Verdammt, sthnte Milten, das reicht nur fr einen von uns.
    Dann zieh du es an. Samuel nahm das Kostm vom Haken und drckte es Milten in die Arme. Wenn du weiterhin halbnackt herumlufst, fllst du Bo Leng noch leichter ins Auge als Yintsumi und ich!
    Milten zgerte nicht lange, fr Diskussionen war keine Zeit. Er legte die Umhngetasche auf dem Boden ab und zwngte sich mit einiger Mhe in das enge Quallenkostm hinein, wobei ihm Samuel und Yintsumi hilfreich zur Seite standen. Er hatte gerade gelernt, wie er durch die Nasenlcher der Qualle nach drauen gucken konnte, da hrte er eine piepsige Kinderstimme sagen: Was macht ihr denn da? Klaut ihr etwa ein Kostm?
    Milten erkannte den kleinen Jungen, der durch die Eingangsffnung des Zeltes hineinschaute, im ersten Moment wieder: Es war der gleiche, der ihm zuvor schon an der Unterhose herum gezerrt hatte.
    Hey, raus hier!, forderte Samuel schroff und versuchte den Jungen durch energische Handbewegungen zu verscheuchen, whrend Yintsumi gerade die Umhngetasche ber Miltens mittlerweile deutliche breitere Schulter hing.
    Das Kind grinste bsartig, reckte den Kopf wieder nach drauen und schrie aus Leibeskrften: Hier sind fiese Diebe im Zelt die klauen die ganzen Kostme!
    Du kleiner Scheikerl!, fluchte Samuel und wollte den Bengel schnappen, der aber schon wieder nach drauen gelaufen war und dabei immer wieder Wachen! Wachen! Die klauen die Kostme! plrrte.
    Wir mssen hier weg!, drngte Yintsumi, doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bildete sich drauen vor der Zeltwand ein breiter Schatten ab. Der Stofflappen wurde zur Seite gezogen und ein blutverschmierter, aber gewohnt grinsender Bo Leng trat ein.
    Habe ich es mir doch gedacht, dass ihr diese Kostmdiebe seid, kommentierte er und zielte mit dem aktivierten Elektroknppel abwechselnd auf Milten, Samuel und Yintsumi, whrend neben ihm zwei Stadtwchter in das Zelt traten, deren grimmige Mienen sicherlich auch auf die vielen Schnittwunden zurckzufhren waren, die sie sich durch Yintsumis Splitterattacke zugezogen hatten.
    Ein netter Plan, fuhr Bo Leng fort, aber vor dem Cop-Titanen kann sich niemand verstecken. Eure erbrmliche Flucht findet hier und jetzt ihr Ende!
    Aus dem Knppel zuckte ein Blitz hervor und zischte genau auf Samuel zu, den Milten gerade noch rechtzeitig zur Seite schubsen konnte. Laut britzelnd traf der Elektrostrahl an der Zeltwand hinter ihnen auf und brannte in krzester Zeit ein Loch hinein.
    Lauft!, rief Yintsumi und riss an den Armen von Milten und Samuel, die ihr voller Panik durch die gerade entstandene ffnung folgten. Schnaubend nahmen Bo Leng und seine Schergen die Verfolgung auf.
    Aber wohin?, brllte Milten der Kellnerin durch seinen Quallenkopf hindurch ins Gesicht. Die werden uns kriegen!
    Dorthin!, schrie Yintsumi zurck und deutete auf ein groes Schild, auf dem in archipelagischen Schriftzeichen die Worte Scavenger-Wettrennen geschrieben standen. Direkt hinter dem Schild befand sich eine Rennstrecke, auf der bereits laut gackernd ein gutes Dutzend groer Laufvgel unterschiedlichster Art galoppierten und dabei von konzentriert dreinschauenden Reitern mit Zgeln gelenkt wurden. Offenbar hatte man fr das Wettrennen Scavenger aus aller Gtter Lnder hergebracht, denn schon auf den ersten flchtigen Blick erkannte Milten sowohl den ihm besonders vertrauten Khorinis-Scavenger als auch den roten myrtanischen Festlandscavenger und den grnlichen Graslandscavenger, dem er einmal bei einem Ausflug nach Jharkendar begegnet war.
    Yintsumi hielt auf einen lnglichen Holzschuppen zu, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Rennstrecke stand. Milten und Samuel waren dicht hinter ihr und quetschten sich keuchend zwischen die widerspenstigen Krper der Parkbesucher hindurch, was besonders Milten in seinem sperrigen Kostm nicht leicht fiel. Bo Leng schien sie im Gewusel fr den Moment aus den Augen verloren zu haben, aber Milten ahnte bereits, dass er sie nur allzu bald wieder aufgesprt haben wrde. Hoffentlich hatte Yintsumi einen guten Plan.
    SCHLOSSKNACKER!
    Die Kellnerin wirbelte ihr Tablett in der Luft herum und lie es auf das groe Vorhngeschloss niederfahren, das an der breiten Holztr des Schuppens befestigt war. Klirrend fiel das zerteilte Schloss zu Boden und Yintsumi winkte ihren beiden staunenden Begleitern zu, die sich beeilten, ihr in das Innere des Gebudes zu folgen.
    Was ist das hier? Verwirrt sah sich Samuel in dem muffigen Schuppen um. An beiden Lngsseiten befanden sich hlzerne Kabinen, die mit etwa brusthohen Tren abgesperrt waren. Am gegenberliegenden Ende befand sich eine weitere, sehr breite Tr, die weit offen stand und offenbar zur Rennstrecke fhrte. Ein... ein Stall?
    Der Stall, in dem die Reitscavenger gehalten werden, besttigte die junge Frau strahlend. Wir schnappen uns einen Scavenger und dsen auf die Piste so wird uns Bo Leng niemals erwischen!
    Warte mal, unterbrach sie Milten skeptisch. Vorhin warst du noch dagegen, dass wir uns ein paar Kostme ausborgen, und jetzt willst du den Reitern ihre Scavenger klauen?
    Das ist ein Notfall!, behauptete Yintsumi, bevor ihre Augen wieder zu leuchten begannen. Auerdem wollte ich schon immer mal auf einem echten Turnierscavenger reiten!
    Das ist ja schn fr dich, aber ich habe keine Ahnung, wie man so ein Vieh berhaupt bedient, erwiderte Samuel, der immer wieder nervse Blicke zur Tr hinber warf und dort offenbar ebenso wie Milten in jedem Moment Bo Lengs widerwrtiges Grinsegesicht erwartete. Du etwa, Milten?
    Der Magier schttelte den Kopf. Aber wir mssen es wohl versuchen.
    Dann los!, forderte Yintsumi. Durchsucht die Stallkabinen die meisten Scavenger sind natrlich drauen auf der Rennstrecke, aber es sind nie alle auf einmal im Rennen!
    Hektisch machte sich Milten daran, eine Stalltr nach der anderen zu ffnen, aber erst beim fnften Versuch hatte er Glck: Ein verwundert gackerndes Vogelgesicht schaute ihm entgegen, das zu einem grauen Khorinis-Scavenger gehrte. Instinktiv stellte sich Milten auf einen Angriff ein, aber der groe Laufvogel war gut gezhmt. Als er erkannte, dass ein Mensch in seine Kabine getreten war, beugte er den langen Hals herab und ging etwas in die Knie, um Milten das Aufsteigen zu ermglichen. Der Magier fhlte sich alles andere als gut dabei, dem Wohlwollen eines Tieres ausgesetzt zu sein, das er in seinem Leben bislang nur als hoch aggressiv kennengelernt und dessen Artgenossen er hufig genug zwischen den Zhnen gehabt hatte, aber zum Zaudern blieb jetzt keine Zeit alles war besser, als dem teuflischen Hauptmann und seinem Elektroknppel in die Hnde zu fallen. Vorsichtig stieg er auf den Rcken des Tieres, das glcklicherweise bereits gezumt war, und ttschelte unsicher sein strahlend rotes Federkleid, bevor er die Zgel in die Hand nahm. Beim Versuch, aus der Kabine zu reiten, zog er allerdings etwas zu hastig an den Zgeln, sodass der Scavenger verwirrt im Kreis herumlief. Erst nach einer guten Minute hatte er das Tier soweit im Griff, dass er es langsam in den Hauptbereich des Stalls bugsieren konnte, wo Samuel auf einem bunt gefiederten Sdsee-Scavenger bereits auf ihn wartete. Seinem Gesichtsausdruck und den merkwrdigen Wackelbewegungen des Tieres war zu entnehmen, dass der ehemalige Seefahrer nicht weniger Probleme mit der Kontrolle des Tieres hatte als Milten.
    Schaut euch nur dieses Tier an! Samuel und Milten wandten ihre Kpfe zu Yintsumi hin, die gerade aus einer Kabine am anderen Ende des Stalls geritten kam. Es ist einfach wunderwunderschn, oder?
    Es bereitete ihr offenbar keine Probleme, die Zgel einhndig zu halten, und auch das unter den Arm geklemmte Tablett schien sie nicht zu stren. Was Milten allerdings am allermeisten ins Auge fiel, war der Vogel, den sich Yintsumi ausgewhlt hatte: Das Tier hatte die Statur eines ganz gewhnlichen Scavengers, aber es erstrahlte von oben bis unten und bis in die Federspitzen hinein in einem gleienden, leuchtenden Gold.
    Ein goldener Scavenger?, entfuhr es Milten. Ich fass es nicht...
    Hltst du es wirklich fr eine gute Idee, ausgerechnet den zu nehmen?, warf Samuel ein. Ich meine, dieser Scavenger muss sehr wertvoll sein und...
    Da sind sie!
    Erschrocken starrte Milten zur Trschwelle, in der einer der Stadtwchter erschienen war und mit dem Finger auf sie deutete.
    Das diskutieren wir spter aus, entschied Yintsumi frech grinsend und zog die Zgel an. Auf gehts!
    Der goldene Scavenger lie sich nicht zweimal bitten und galoppierte freudig gackernd auf das offene Stalltor zu. Kaum hatte Milten energisch am Zgel gezogen, schon preschte auch sein eigener Scavenger los und erreichte an der Seite von Samuels hnlich lauffreudigem Reittier das Freie.
    Aus dem Weg, verdammt! Aus dem Weg!
    Reflexartig zerrte Milten an den Zgeln, als von der Seite pltzlich ein zornig brllender Reiter auf einem Graslandscavenger seinen Weg kreuzte. Gerade noch rechtzeitig machte Miltens eigenes Tier eine Drehung zur Seite und entging so einem Zusammensto. Nach einer Sekunde der Orientierungslosigkeit hatte Milten Yintsumi und Samuel wiederentdeckt, die schon ein Stckchen weiter entlang der Rennstrecke geritten waren, und machte sich daran, wieder zu ihnen aufzuschlieen.
    Ja, meine Damen und Herren, das ist ja unglaublich, was wir hier sehen!, plrrte die krftige Stimme eines Rennkommentators ber die Strecke. Drei neue Teilnehmer haben berraschend die Strecke betreten und mischen jetzt krftig mit! Regelkonform ist das bestimmt nicht, aber es ist atemberaubend, es ist unerwartet kurz: es ist ein Scavengerrennen, wie wir es alle lieben!
    Milten wurde ganz schwindelig von der irrsinnigen Geschwindigkeit, die der Vogel unter ihm an den Tag legte, und musste sich anstrengen, um nicht vom Rcken des Tieres zu rutschen. Lngst hatte er das Gefhl, dass er den Scavenger gar nicht mehr steuerte, sondern der Laufvogel vielmehr seinen eigenen Willen durchsetzte vermutlich hatte er bereits erkannt, dass sein gegenwrtiger Reiter keine Ahnung hatte von dem, was er da tat, und hielt es fr eine gute Idee, das Lenken lieber selbst zu bernehmen.
    Und als ob das nicht alles schon unglaublich genug wre, meine sehr verehrten Zuschauer und Zuschauerinnen, handelt es sich bei einem der neuen Teilnehmer offenbar um eine gigantische Qualle in Menschengestalt! Ja, wo hat es denn so etwas schon gegeben? Da wird ja der Wolf in der Pfanne verrckt!
    Milten hatte inzwischen die Hhe von Samuel und Yintsumi erreicht und brllte den beiden zu: Was sollen wir jetzt tun? Wir knnen doch nicht immer weiter im Kreis reiten! Bo Leng wei bestimmt lngst, dass wir hier sind!
    Wir mssen das Rennen gewinnen!, rief Yintsumi zur Antwort zurck, und strahlte dabei immer noch ber beide Ohren, was Milten fast wahnsinnig machte. Wer das Scavengerrennen gewinnt, ist ein Volksheld nicht einmal Bo Leng kann es wagen, uns dann noch in aller ffentlichkeit etwas anzutun!
    Das ist ein vllig idiotischer Plan!, beschwerte sich Samuel von der anderen Seite. Wir waren doch nicht mal von Anfang an dabei, wie sollen wir das Rennen dann gewinnen knnen?
    Aber... aber... es wrde auf jeden Fall Spa machen!, verteidigte sich Yintsumi.
    Wenn ich das von meinem Platz aus richtig erkennen kann, dann ja, das setzt dem ganzen Tohuwabohu, diesem Festival des Wahnwitzes ja die Krone auf! Einer unserer drei Neueinsteiger eine Dame, wenn ich das richtig sehe dieses junge Mdchen reitet doch tatschlich auf dem legendren goldenen Scavenger von Kyo Sotooka! Ho ho ho! So viel Dreistigkeit ist mir ja in meiner gesamten Ttigkeit als Kommentator dieses Wahnsinnsereignisses noch nicht untergekommen da fehlen mir jetzt glatt die Worte! Was wohl Kyo dazu sagen wird? Wir wissen ja alle, dass er sich fr die letzten zehn Jahre aus dem aktiven Renngeschft zurckgezogen hat, nur um dieses Prachtexemplar zu zchten!
    Habt ihr das gehrt? Milten hielt die Zgel kurz einhndig, um sich mit der anderen Hand die Haare zur Seite zu wischen, die ihm der Fahrtwind vor die Augen geweht hatte. Das klang aber gar nicht gut...
    Wir werden noch mchtigen rger bekommen, weil du dir unbedingt den goldenen Scavenger nehmen musstest!, fgte Samuel rgerlich hinzu.
    Ich glaube, den rger haben wir jetzt schon, erwiderte Yintsumi und deutete mit dem Daumen hinter sich. Als Milten selbst einen Blick zurck warf, wre er fast vom Vogel gekippt: Von der Seite der Rennstrecke kam niemand anderes als Bo Leng heran gerannt, strmte auf einen groen Festland-Scavenger zu und sprang mit einem gewaltigen Satz auf den Rcken des Vogels, wo er gleich hinter dem verdutzten Reiter landete. Im nchsten Moment hatte der Hauptmann den Elektroknppel gezckt und verpasste dem Reiter damit einen solchen Schlag ins Gesicht, dass er seitlich von seinem Vogel fiel und zuckend im Sand der Rennstrecke liegen blieb. Bo Leng schob sich auf dem Scavengerrcken nach vorne und packte mit der freien Hand die Zgel, whrend der Laufvogel unbeirrt weiter rannte.
    Allmhlich fangt ihr an, mir auf die Nerven zu gehen, ihr kleinen Scheier!, gellte Bo Lengs verhasste Stimme ber den Rennplatz. Er zielte mit dem Elektroknppel und feuerte drei Blitzstrahlen auf Milten ab, die ihn nur knapp verfehlten.
    Also, das ist doch meine Gte, ich kann es kaum in Worte fassen, was sich hier vor unseren weit aufgerissenen Augen gerade abspielt! Offenbar begibt sich Bo Leng, der Hauptmann der Wache, jetzt hchstpersnlich auf die Jagd nach den Scavengerdieben! Die Methoden, die er dabei anwendet, erscheinen mir allerdings ein wenig zweifelhaft... aber ich bin ein einfacher Sportkommentator und, hm, ich mchte mir natrlich nicht anmaen, unsere Stadtwache zu kritisieren, die Tag fr Tag ihren Mann steht, um uns, die einfachen und friedliebenden Brger von Takuze aber halt, was ist das? Da ist ja Kyo Sotooka, er er luft wie ein Besessener auf die Rennstrecke und oha, ich habe ihn noch nie so wtend gesehen!
    Yintsumi! Pass auf!, schrie Milten, doch seine Warnung kam zu spt: Im gleichen Augenblick erklomm ein langhaariger Mann mit hochrotem Kopf, bei dem es sich offenbar um den vom Kommentator angekndigten Kyo Sotooka handelte, Yintsumis Laufvogel und ging ihr an die Gurgel.
    Das ist mein goldener Scavenger, du respektlose Diebin!, keifte er und stie sie vom Rcken des Tieres. Yintsumi konnte sich gerade noch so an einem Zgel festhalten, wobei sie das herabfallende Tablett mit den Zhnen auffing. Der Scavenger legte den pltzlichen Zug im Zgel als eindeutiges Signal aus, machte eine scharfe Kehrtwende und preschte durch die hlzerne Absperrung der Rennstrecke mitten ins kreischende Publikum. Milten und Samuel warfen sich einen erschrockenen Blick zu und steuerten kurz entschlossen ihre eigenen Scavenger ebenfalls auf das entstandene Loch in der Absperrung zu. Panisch sprangen die schaulustigen Parkbesucher zur Seite, als nacheinander drei Scavenger durch ihre Mitte pflgten dicht gefolgt von einem vierten Vogel, von dessen Rcken aus Bo Leng zischende Blitze verschoss.
    Milten! Zur Seite!
    Auf Samuels Zuruf hin drehte sich Milten um fr den Bruchteil einer Sekunde sah er den blau glhenden Blitz vor seinen Augen, bevor der Elektrostrahl seinen Kopf erreichte.
    Aaargh!
    Milten! Milten, geht es dir gut?
    Mit Mhe und Not schaffte es Milten, sich auf dem Rcken des Scavengers zu halten, whrend um ihn herum die verkohlten Fetzen des plschigen Quallenkopfes durch die Luft flogen.
    Alles in Ordnung, keuchte der Magier und schenkte Samuel ein kurzes Lcheln. Ein Glck, dass dieses Kostm so einen dick ausgepolsterten Kopf hat!
    Hatte, korrigierte Samuel besorgt und lenkte seinen Vogel in einer harten Kurve um eine gut besuchte Tombola-Bude herum, immer dem goldenen Scavenger nach, der in chaotischen Schlangenlinien durch den Vergngungspark rannte. Lass dich blo nicht noch einmal erwischen!
    Ich geb mir Mhe, versprach Milten, aber erst einmal mssen wir Yintsumi helfen!
    Er zog die Zgel etwas strker an und hoffte, sein Reittier dadurch zu einem noch schnelleren Galopp anzustacheln, doch der Vogel protestierte durch emprtes Gegacker. So sehr sich Milten auch bemhte, er konnte ebenso wenig zu Yintsumi aufschlieen wie Samuel und musste hilflos mit ansehen, wie die junge Frau vor seinen Augen um ihr Leben kmpfte. Wenn sie erst einmal zu Boden gestrzt war, da war sich Milten sicher, wrde sie ein leichtes Ziel fr den kaltbltigen Bo Leng abgeben wenn sie nicht zuvor von einem der Laufvgel zertrampelt wurde, die in ihrem derzeitigen Tempo wohl kaum zu bremsen waren.
    Niemand auer mir hat das Recht dazu, meinen goldenen Scavenger zu berhren! Verbissen versuchte Kyo Sotooka vom Rcken des Tieres aus, die junge Frau zu Boden zu stoen, aber die taffe Kellnerin hielt sich selbst nach mehreren energischen Futritten ins Gesicht noch mit ihrer einzigen Hand am Zgel fest, wenngleich ihre Fe dabei ber den Boden schrammten. Er ist mein goldener Scavenger! Ganz allein meiner, hrst du! Er gehrt mir, mir ganz allein!
    Pltzlich hrte Milten hinter sich ein lautes Britzeln und kauerte sich erschrocken auf dem Scavengerrcken zusammen einen Sekundenbruchteil spter schoss ein Blitzstrahl ber seinem Kopf hinweg, durchschnitt die Luft und hielt genau auf den goldenen Scavenger zu. Verwundert starrte Kyo Sotooka das blaue Britzeln an, das auf ihn zugeflogen kam, bevor es ihn am Brustkorb erwischte und vom Rcken des Vogels schleuderte. Schreiend landete er inmitten einer Dosenwurfbude und wurde kurz darauf von dutzenden Bllen am Kopf getroffen.
    Yintsumi schwang sich derweil geschmeidig hinter den Hals des Reittieres zurck und lie es wieder in einer geraden Bahn galoppieren.
    Alles in Ordnung?, rief Samuel ihr zu, und Yintsumi antwortete ihm mit euphorischem Nicken.
    Na sischer!, nuschelte sie, das Tablett noch immer zwischen den Zhnen. Isch reite einen goldenen Schcavenscher, ischt dasch nischt fantaschtisch?
    Wir werden aber immer noch von Bo Leng verfolgt, falls du es noch nicht mitbekommen hast!
    Sie hatten die Goldene Teekanne nun hinter sich gelassen und ritten eine belebte Geschftsstrae entlang, in der ihnen immer wieder Marktkarren, Verkaufsstnde und groe Heuhaufen im Weg standen. Whrend sich Milten, Samuel und Yintsumi nach Krften bemhten, um alle Hindernisse einen groen Bogen zu schlagen, brutzelte Bo Leng hinter ihnen einfach alles mit dem Elektroknppel zu Asche, was vor den Schnabel seines Scavengers geriet.
    Ihr habt meine Geduld lange genug strapaziert!, drohte ihnen der Hauptmann und feuerte einen Blitzstrahl auf Samuel ab, der knapp neben den Krallen seines Reittiers ein tiefes Loch in das Pflaster schlug. Ich werde euch pulverisieren!
    Yintsumi lie den Zgel los und wirbelte auf dem Vogelrcken herum, bis sie umgekehrt darauf zum Sitzen kam. Mit entschlossenem Lcheln nahm sie ihr Tablett aus dem Mund und drckte auf einen unauffllig an der Unterseite angebrachten Knopf. Umgehend schossen dutzende scharfer Klingen aus den Seiten des Tabletts hervor und lieen nur eine schmale Stelle frei, an der Yintsumi die Waffe gepackt hielt.
    Zeit, dich abzuservieren, du Mistkerl!, rief sie triumphierend und schleuderte das Klingentablett von sich weg, direkt auf Bo Leng zu. BUMERANG DER SCHMERZEN!
    Der Hauptmann stie ein wtendes Schnauben aus und riss die Zgel herum. Sein Scavenger machte eine abrupte Linkswendung, whrend das Tablett direkt neben Bo Lengs rechtem Ohr vorbeisauste und dabei einige blonde Haarbschel abrasierte.
    Bo Leng wollte gerade sein Maul zu einem gewaltigen siegessicheren Grinsen aufreien, da fiel sein Blick nach unten auf die Strae. Entsetzt versuchte er den Vogel ein weiteres Mal zur Seite zu lenken, doch kaum hatte er die Zgel angezogen, war der Scavenger auch schon ber das groe Loch gestolpert, das der Hauptmann gerade erst selbst mit seinem Elektroknppel in den Boden gerissen hatte. Lauthals krhend verlor der Scavenger den Halt und fiel der Lnge nach hin. Brllend vor Zorn und berraschung rutschte Bo Leng ab und strzte auf die Strae, whrend ihm der Elektroknppel aus der Hand glitt und direkt vor dem Kopf des Scavengers liegen blieb. Der Vogel rappelte sich gurrend wieder auf, schnappte sich den Knppel am Griff und lief unter heftigem Geflatter in eine Seitengasse davon.
    Lass das hier, du verdammtes Scheivieh! Fluchend kmpfte sich der Hauptmann wieder auf die Beine und nahm humpelnd die Verfolgung des diebischen Federtiers auf.
    Yintsumi hatte das Tablett, das in einem groen Bogen zu ihr zurckgeflogen war, derweil wieder aufgefangen und die Klingen durch einen weiteren Druck auf den geheimen Knopf eingefahren.
    So, den wren wir los!
    Du hast es wirklich drauf, Yintsumi, lobte sie der erleichterte Milten, whrend sie ihren Ritt mit etwas gemigterer Geschwindigkeit fortsetzten. Wo hast du das nur alles gelernt?
    Naja, ich bin eben schon eine ganze Weile lang Kellnerin, behauptete sie schulterzuckend. Da lernt man dann mit der Zeit eben, mit so einem Tablett umzugehen.
    Wohin sollen wir jetzt gehen?, lenkte Samuel das Gesprch wieder auf das Wesentliche zu. Bo Leng sollte zwar fr den Moment abgelenkt sein, aber wenn wir nicht schleunigst ein gutes Versteck finden, werden uns die Stadtwchter frher oder spter erwischen.
    Vielleicht kann uns meine Schwester helfen, sagte Yintsumi nach kurzem berlegen und kraulte den Scavenger liebevoll am goldenen Kopf. Yantsumi arbeitet im Badehaus, das im Winter immer geschlossen ist. Wenn sie uns hineinlsst, dann wird uns dort bestimmt niemand suchen.
    Ich wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast, sagte Samuel. In der Duftenden Orangenblte habe ich sie noch nie gesehen.
    Wir haben auch nicht so viel Kontakt, gab die Kellnerin zu. Aber wenn es drauf ankommt, dann kann ich auf sie zhlen. Sie ist ja immerhin meine Schwester!
    Wo wohnt sie denn?, erkundigte sich Milten.
    Am nrdlichen Ende von Takuze. Aber so weit mssen wir nicht reiten. Ich werde ihr einfach Bescheid geben, und dann treffen wir uns direkt beim Badehaus, das ist ein ganzes Stck weiter sdlich. In einer knappen Stunde mssten wir da sein.
    Du wirst ihr... Bescheid geben?, wiederholte Samuel und zog eine Braue hoch. Wie willst du das denn machen?
    Hiermit! Aus einer Tasche ihrer Kellnerinnenbekleidung hatte Yintsumi ein kleines, weies Medaillon hervorgeholt, das mit einem langen Bndchen versehen war.
    Milten und Samuel bemhten sich, von ihren Scavengern aus einen Blick auf das seltsame Schmuckstck zu erhaschen.
    Was ist das?
    Yantsumi ist nicht nur meine Schwester, msst ihr wissen, sondern sogar meine Zwillingsschwester. Als wir geboren wurden, waren zwei unserer Arme zu einem einzigen Arm zusammengewachsen. Unser... hm... Sie biss sich auf die Lippen und zgerte kurz, bevor sie fortfuhr: Ein... ein weiser Mann hat uns getrennt, aber dabei musste der zusammengewachsene Arm entfernt werden. Deswegen hat jetzt jede von uns nur noch einen einzigen Arm. Aus den Knochen unseres gemeinsamen Arms wurden zwei Seelentalismane geschnitzt, eines fr Yantsumi und eines fr mich. Sie geben uns die Kraft, auch ber groe Entfernung hinweg auf mentalem Wege zu kommunizieren.
    Sie schaute auf, sah die sprachlosen Gesichter von Samuel und Milten und ergnzte strahlend: Das ist echt klasse, oder?
    Also kannst du ihr damit jetzt... in Gedanken sagen, dass wir uns am Badehaus treffen?, schlussfolgerte Samuel.
    Genau genommen hab ich das gerade schon getan, verkndete Yintsumi. Sie ist einverstanden und macht sich gleich auf den Weg.

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Als Marashi die Liftu-Plattform auf der untersten Laborebene verlie, erwartete ihn Dr. Dojo bereits. Der Forscher war gerade dabei, mit einem kleinen Strahler an einem unfrmigen rtlichen Klumpen herumzufuchteln, der seitlich aus einem Loch in der sthlernen Wand heraus wuchs, und schaute erst auf, als sich Marashi vernehmlich rusperte.
    Ah, Marashi-san! Ich habe schon auf Euch gewartet! Zum Zeitvertreib habe ich diesen Gobanashu-Kiemenpilz mit einem doppelt reversierten Traktorstrahler molekularvaporisiert, aber das... das interessiert Euch wohl nicht, wie?
    Was hat das hier zu bedeuten, Doktor? Marashi ignorierte das Geschwtz des Wissenschaftlers und wies auf einen kleinen Metallkasten, der direkt neben der Kontrollleiste mit den Etagenknpfen an der Liftu-Plattform angebracht worden war. In der Mitte des Kstchens war eine schlitzartige Vertiefung in das Metall eingelassen.
    Schn, dass Ihr es bemerkt habt, freute sich Dr. Dojo, griff in eine der ausgeleierten Taschen seines ursprnglich einmal weien, mittlerweile aber durch den Kontakt mit allerlei toxischen Substanzen grnlich-braunen Kittels und zog eine blaue Karte heraus, die ungefhr so lang war wie sein Zeigefinger.
    Ich habe von Joey erfahren, dass sich Unbefugte Zugang zu Euren privaten Rumlichkeiten verschafft haben, Marashi-san, erluterte der Forscher und rckte sich mit zittrigen Fingern die Brille auf der Nase gerade. Damit so etwas nicht noch einmal passiert, habe ich ein ausgeklgeltes Sicherheitssystem fr den Liftu konzipiert, prototypisiert und implementiert. Ein Sicherheitssystem, das es nur noch Euren befugten Untergebenen erlaubt, die fr sie zugnglichen Stockwerke zu besuchen. Jeder bekommt eine solche Schlsselkarte seht ihr? , die in den Schlitz am von mir neu installierten Leseapparat eingefhrt wird. Je nach Farbe knnen damit unterschiedliche Stockwerke erreicht werden. Ihr selbst, Marashi-san, braucht Euch darber natrlich keine Gedanken zu machen, denn die normalen Etagenknpfe reagieren zustzlich ab sofort auf Euren Fingerabdruck und bringen Euch wie gewohnt in jedes Stockwerk, das Ihr besuchen mchtet. Ich habe Joey bereits die Schlsselkarten gegeben, und ich nehme an, dass er sie im Moment an alle Mitarbeiter des Turms verteilt.
    Was soll der Unsinn?, schnaubte Marashi, riss dem Doktor die Karte aus der Hand und bog sie auf so brachiale Weise, dass sie in zwei Stcke zerbrach. Wenn die Leute unbefugt in meine Privatgemcher kommen, dann werden sie eben von mir beseitigt!
    Nun, ich... Dr. Dojo rusperte sich verlegen und knetete am Kragen seines Kittels herum. Ich dachte, es... hm... ich habe es eben fr sinnvoll gehalten. Aber vielleicht berzeugt Euch ja diese neue Erfindung von mir, Marashi-san!
    Der Doktor beugte sich zu einer groen Kiste hinab, in der allerlei Plunder lag, und kramte ein schmales, kreisfrmiges Band heraus, das offenbar aus mattem Silber oder einem hnlichen Metall bestand, und drckte es Marashi in die Hand.
    Wenn Ihr dieses Stirnband einem Menschen aufsetzt, dann knnt Ihr durch unbewusste mentale Suggestion seine Hirnstrme ganz nach Eurem Willen formen und kontrollieren.
    Missmutig drehte Marashi das schmucklose Stirnband in seiner Hand. Es war von einer stndigen leichten Vibration erfasst und ein kaum hrbares Brummen ging von ihm aus.
    Und was heit das konkret?
    Das heit, dass diese Person zu Eurer willigen Marionette wird. Sie wird immer genau das tun, was Ihr von ihr mchtet, selbst wenn Ihr sie gerade nicht bewusst kontrolliert. Es ist, als httet Ihr einen zweiten Krper!
    Marashi stie einen zornigen Schrei aus, schleuderte das Band zu Boden und zckte den Seelenzerstrer, den er an einer Grtelschlaufe befestigt hatte. Er bettigte den Entsicherungsknopf und hielt dem Doktor die hyperaktiv piepsende Waffe direkt vor das Gesicht.
    Du nutzloser Idiot!, fauchte Marashi dem nervs schwitzenden Doktor entgegen. Ich sollte dich hier und jetzt eliminieren, da du ja ohnehin nur meine Zeit verschwendest! Wozu brauche ich diesen ganzen lcherlichen Plunder, wenn ich die Macht ber alles und jeden haben kann? Du wirst ab sofort nicht eine einzige Sekunde mehr an deine schwachsinnigen Erfindungen verschwenden, hast du das verstanden? Du wirst ausschlielich ich sagte: ausschlielich! daran arbeiten, einen Weg in den inneren Kern zu finden! Hast du das verstanden?
    J...ja, Marashi-san..., murmelte Dr. Dojo mit wegbrechender Stimme.
    Ich sagte: Hast du das verstanden?!, brllte Marashi und presste das Ende des Strahlers auf die glnzende Stirn des Doktors.
    Ja, Marashi-san! Ja, ja, ja!, keuchte Dr. Dojo. Aber ich bitte Euch, nehmt die Waffe von meinem Gesicht weg, in Ordnung?
    Habe ich das gerade richtig verstanden?, flsterte Marashi mit pltzlich ganz leiser, eisiger Stimme. Du willst mir allen Ernstes vorschreiben, wie ich den Seelenzerstrer zu benutzen habe?
    D...die wissenschaftlich k...korrekte Bezeichnung des Strahlers lautet Ionen-
    Wissenschaft interessiert mich nicht!, rief Marashi in den Raum hinein und lste die Waffe von Dr. Dojos Stirn, um damit ausladende Gesten in der Luft zu vollfhren. Mich interessiert nur die Macht, die sie mir bringt die Macht, die du mir bringen wirst, Doktor!
    Natrlich, Marashi-san, seufzte Dr. Dojo erleichtert auf. Ich bin Euch ganz und gar zu Diensten.
    Marashi beschloss, seinen Zorn fr den Augenblick zu bndigen. Er musste ihn fr den groen Kampf aufsparen, der ihm bevorstand. Den Schicksalskampf, fr dessen Gelingen die Arbeit des Doktors von wesentlicher Bedeutung sein wrde.
    Wie lange brauchst du noch, um zum inneren Kern durchzudringen? Es wird nicht mehr lange dauern, bis Sokuwabe aus dem Zushu-no-washi erwacht. Wenn du es nicht rechtzeitig schaffst...
    Ich arbeite ja daran, versicherte Dr. Dojo. Aber es ist ein schwieriger Prozess. Und vielleicht kein ungefhrlicher. Es knnte... Gegenreaktionen geben.
    Marashi kruselte die Stirn. Was fr Gegenreaktionen?
    Ich wei es nicht, gestand der Doktor. Meine Versuchsreihen sind noch nicht abgeschlossen, es gibt... unvorhersehbare Parameter...
    Tu es einfach, forderte Marashi. Wir haben keine Zeit fr Vorsicht.
    Vielleicht... vielleicht gengen ja auch die Apparate, die ich mit dem Mimo der ueren Schichten produzieren und betreiben konnte? Wenn Ihr Sokuwabe mit einem Strahler der letzten beiden Generationen erwischt, dann wird ihm all seine Kampfkunst nichts ntzen. Er ist nur ein Mensch.
    Ich werde nicht den Fehler begehen, meinen Gegner zu unterschtzen. Marashis Stimme war ein weiteres Mal leiser, aber dadurch umso gefhrlicher geworden. Dieser Fehler ist mir schon einmal unterlaufen, und ich werde ihn nicht wiederholen.
    Natrlich. Dr. Dojo nahm die Brille von der Nase und putzte sie mit dem unteren Saum seines Kittels, was die groen runden Glser allerdings nur noch etwas schmutziger machte. Ich meine nur, dass... dass es das Risiko vielleicht nicht wert ist...
    Ich habe dir den halben Turm fr deine Experimente zur Verfgung gestellt! Ich habe Unmengen von Yishin fr dich ausgegeben und versorge dich seit Monaten mit frischen Versuchssubjekten jetzt erwarte ich Ergebnisse! Wenn du keinen Weg in den inneren Kern findest, dann bist du nutzlos fr mich.
    Er beugte sich vor und starrte dem Doktor unverwandt in die trnigen Augen, in deren gerteten Augpfeln die Adern deutlich sichtbar hervortraten. Und ich muss dir sicher nicht sagen, was das fr dich bedeuten wrde.
    N... natrlich nicht, Marashi-san!, stammelte Dr. Dojo und setzte sich die Brille hastig wieder auf. Ich werde alles daran setzen, Euch nicht zu enttuschen!
    Worauf wartest du dann noch? Zurck an die Arbeit!
    Marashi scheuchte den Wissenschaftler mit ein paar bedrohlichen Bewegungen des Strahlers fort und drehte sich wieder zum Liftu um. Erst jetzt bemerkte er, dass die Plattform whrend seines Gesprchs mit dem Doktor auf eine andere Ebene gefahren war. Er drckte den Rufknopf an der Wand und wartete ungeduldig darauf, dass die Plattform das Stockwerk erreichte. Wenn die Diktatur seines Zorns erst einmal begonnen hatte, dann wrde es keine strenden Wartezeiten mehr fr ihn geben. Er wrde alles und jeden vernichten, der es wagte, ihn, Mesuke Marashi, warten zu lassen. Diese glorreichen Tage waren nicht mehr weit... er musste jetzt blo konzentriert bleiben und den letzten, entscheidenden Schritt bewltigen.
    Ein lauter werdendes Brummen kndigte die Ankunft der Liftu-Plattform an. Als sie in der Laboretage zum Stehen kam, erkannte Marashi, dass sie mit drei Mnnern besetzt war: Einer von ihnen war Kierkegaard, ein weiterer trug die Uniform der Stadtwache und der dritte war ganz in eine schwarze Kutte gekleidet, aus der nur sein Kopf hervorschaute: ein haarloser Kopf, der vollstndig von roten und gelben Mustern berst war.
    Ah, hier seid Ihr. Kierkegaard bedeutete seinen beiden Begleitern, die Plattform zu verlassen, und folgte ihnen anschlieend nach. Wir waren auf dem Weg zu Euch nach oben.
    Was gibt es?, erkundigte sich Marashi knapp und musterte die beiden Fremden misstrauisch.
    Es gibt einen neuen Magier in der Stadt, berichtete Kierkegaard. Die Stadtwachen haben ihm seine Runen abgenommen, aber der Magier selbst ist noch auf der Flucht. Bo Leng ist persnlich an der Sache dran.
    Die Runen... wo sind sie?
    Kierkegaard nickte dem Wchter zu, der einen Schritt auf Marashi zu machte und ihm ein kleines Kstchen aus schwarzem Metall in die Hand drckte ein magieundurchlssiges Metall, wie Marashi wusste. Er bewahrte smtliche Runen, die er von den Magiern erbeutet hatte, in solchen Behltern auf, die in einer seiner Werkanlagen eigens fr diesen Zweck hergestellt wurden.
    Da ist noch etwas, fuhr Kierkegaard fort. Dieser Mann hier hat den Magier bis zu der Herberge verfolgt, in der die Wachen ihn aufgegriffen haben und Bo Leng den entscheidenden Hinweis gegeben. Er mchte eine Belohnung.
    Ein kurzes, giftiges Lcheln zuckte um Marashis Mundwinkel. Eine Belohnung, so so... Wer bist du berhaupt? Wie lautet dein Name?
    Der Ttowierte vollfhrte eine kaum merkliche, angedeutete Verbeugung. Ich trage keinen Namen, Marashi-san. Ich bin nur ein namenloser Schatten in der Nacht, der weitere Schatten um sich schart.
    Marashi nickte. Einer der lokalen Bandenfhrer also, derer es seit Kurzem so viele gab und jeder von ihnen hielt sich fr einen kleinen Gott. Dabei existierten sie alle nur zu dem einen Zweck, ihn, Mesuke Marashi, im Gegenzug fr den Zugang zu seiner fortschrittlichen Mimo-Waffentechnologie mit finanziellen Mitteln zu versorgen.
    Und du mchtest also eine Belohnung, wie? Obwohl der Magier, den du verraten hast, noch immer da drauen herumluft?
    Bo Leng sagte mir, ich wrde meinen Lohn von Euch erhalten, erwiderte der Kuttentrger mit ausdrucksloser Miene.
    Nun, wenn Bo Leng es versprochen hat... Marashi berlegte kurz, dann fiel sein Blick auf das runde Metallband am Boden. ...dann sollst du deine Belohnung erhalten.
    Er bckte sich nach dem Band, hob es vom Boden auf und schritt langsam auf den ttowierten Mann zu, bis er direkt vor ihm stand.
    Ich schenke dir eine Bestimmung, verkndete Marashi, legte das Stirnband auf den Kopf des Mannes und drckte es gewaltsam hinab, bis es sich tief in sein rtlich-gelbes Fleisch geschnitten hatte. Vielfarbige, schneidende Lichter blitzten rund um das Metallband auf und der Ttowierte ging sthnend in die Knie, whrend sich seine Pupillen in das Innere kehrten. In einem letzten Akt des Aufbumens seines Willens versuchte er, sich das Stirnband wieder vom Kopf zu reien, doch seine schlotternden Hnde gehorchten ihm nicht mehr und fielen auf halbem Wege kraftlos herab. Seine Gesichtszge waren erschlafft und in den Augen war nur noch das Weie zu erkennen.
    Und ich schenke dir einen Namen, sagte Marashi. Ab dem heutigen Tage wirst du auf den Namen Drone hren.

    ...und dann ist er dem Scavenger wie ein Irrer hinterhergelaufen der war ganz schn angefressen, das kann ich dir sagen! Geschieht ihm aber recht, dem Mistkerl. Der hat bekommen, was er verdient! Zufrieden schob sich Yintsumi einen der Gobu-Krcker in den Mund, die sie kurz nach der Freilassung ihrer Reitscavenger auf dem Weg zum Badehaus an einem Marktstand gekauft hatten, und lehnte sich auf ihrem improvisierten Stuhl zurck, der aus ein paar Brettern und einem Sack voller Chlorpulver bestand. Das ganze Konstrukt sah nicht sehr bequem aus, aber viel mehr gab der Inhalt des Lagerraums nicht her, und Yintsumi schien sich ohnehin nicht daran zu stren. Ihre Schwester Yantsumi hatte ihnen versichert, dass der eigentliche Baderaum mit seinen glatten Fliesen einen noch ungemtlicheren Unterschlupf abgegeben htte und sie daher direkt in den Abstellraum gefhrt, der auch deutlich kleiner und aus diesem Grund, so vermutete Milten, nicht ganz so kalt war.
    Yantsumi selbst war ihrer Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten: Die einzigen uerlichen Unterschiede bestanden darin, dass sie ihr Haar etwas krzer trug und ihr der rechte statt der linke Arm fehlte. In jeglicher anderer Hinsicht aber, das war Milten schon nach wenigen Minuten klar geworden, htte sie unterschiedlicher gar nicht sein knnen. Whrend Yintsumi aus dem Quasseln und Plaudern gar nicht herauskam, war ihre Schwester eine sehr stille Person, die sich nur dann einmal zu Wort meldete, wenn es wirklich notwendig war. Sie war zwar keineswegs unfreundlich und hatte auch dann und wann einmal ein knappes Lcheln angedeutet, aber machte auf Milten einen sehr verschlossenen Eindruck. Er konnte sich gut ausmalen, wie sehr Yintsumi ihrer Schwester in der Zeit ihrer gemeinsamen Kindheit auf die Nerven gefallen sein musste jetzt allerdings lie sich Yantsumi nichts anmerken und lauschte aufmerksam ihren Erzhlungen, die gerade ihr Ende gefunden hatten. Es behagte Milten nicht recht, dass Yintsumi freimtig jedes Detail ihrer zurckliegenden Flucht ausgeplaudert und nicht einmal um seine Identitt als Magier einen Hehl gemacht hatte. Zwar hielt er es fr unbedenklich, wenn ihre Schwester davon erfuhr, die ihren guten Willen ja bereits durch ihre schnelle Hilfe unter Beweis gestellt hatte, aber ob sich die unbedarfte Kellnerin im Gesprch mit weniger vertrauenswrdigen Menschen zurckhalten konnte, musste sich erst noch zeigen.
    Tja, das war also unser Tag, schloss Yintsumi ihren Bericht ab. Unglaublich, oder? Das war fast so verrckt wie der Tag, als dieser furchtbar wichtige Restauranttester in die Orangenblte gekommen ist der Kerl zieht das Chaos an wie das Licht die Motten, das glaubt ihr gar nicht! Wie hie er noch gleich? Con... Cor...
    Das spielt doch jetzt keine Rolle, schnitt ihr Samuel, der im Schneidersitz gleich neben Milten auf dem Boden Platz genommen hatte, das Wort ab und sprach dem Magier damit aus der Seele. Wir sollten uns lieber berlegen, was wir als nchstes unternehmen. Die Stadtwachen suchen immer noch nach uns, und wir werden uns nicht ewig verstecken knnen.
    Wenn ich doch blo nach Khorinis zurckkehren und den anderen Magiern Bescheid sagen knnte, seufzte Milten und legte den Kopf auf Samuels Schulter. Yintsumi, die natrlich lngst erkannt hatte, wie nah sich die beiden standen, bemhte sich vergeblich, ein Kichern zu unterdrcken.
    Wenn es stimmt, was du mir erzhlt hast, Samu, und Bo Leng tatschlich mit Marashi unter einer Decke steckt, dann hat der Angriff auf mich wohl eindeutig bewiesen, dass Marashi fr das Verschwinden der Magier verantwortlich ist, legte Milten seine Gedanken dar. Wenn ich den anderen Magiern berichten knnte, was hier vor sich geht, dann wrden wir Marashi und seine Verbndeten mit einem gemeinsamen Angriff berwltigen knnen. Vielleicht wrde der Knig sogar eine Kompanie seiner Paladine schicken... selbst jemand wie Marashi knnte gegen eine solche Streitmacht nichts ausrichten. Aber ohne meine Teleportrune komme ich hier nicht so schnell weg. Es wrde Wochen dauern, mit dem Schiff zurckzukehren, und dann wre es vielleicht schon zu spt. Was immer es auch ist, das dieser Marashi im Sinn hat, es muss etwas wirklich Bedrohliches sein, wenn es schon jetzt zu einer Verschiebung des Gleichgewichts der Magie gefhrt hat. Ich wnschte, wir wssten etwas Genaueres...
    Dazu mssten wir schon in Marashis Hyper-Turm eindringen, sagte Samuel. Aber das wre Wahnsinn. Im Augenblick knnen wir nur abwarten.
    Wieso das denn? Yintsumi war aufgesprungen und wirbelte in breitbeiniger Kmpferpose ihr Tablett in der Luft herum. Wir sind ein perfektes Team wenn es jemand schaffen kann, dann sind wir es!
    Es ist wirklich nett, dass du dich so fr uns einsetzt, Yintsumi, sagte Milten. Aber ich kann dich nicht noch weiter in diese Sache mit hereinziehen. Euch alle nicht. Diese Mission wurde mir allein aufgetragen, und ich sollte sie auch allein bewltigen. Wenn einer von euch zu Schaden kommt... ich knnte es mir niemals verzeihen.
    Samuel nahm seine Hand und drckte sie fest, whrend er ihm liebevoll in die Augen schaute. Ich werde dich niemals im Stich lassen, Milten. Was immer deine Entscheidung sein wird, ich werde bei dir sein. Erst recht, wenn es darum geht, Marashi zu bekmpfen. Er hat mir alles genommen, was ich hatte, bevor ich dich getroffen habe.
    Und mich werdet ihr auch nicht so schnell los, ihr beiden Turteltubchen!, gab Yintsumi mit frhlicher Feierlichkeit bekannt. Wenn es gegen diesen Fiesling Marashi geht, dann bin ich dabei!
    Danke, meine Freunde, sagte Milten. Obwohl er alles ernst gemeint hatte, was er zuvor gesagt hatte, war er glcklich darber, in seiner aussichtslos erscheinenden Lage wenigstens nicht allein zu sein. Trotzdem hat Samu recht damit, dass wir nicht einfach so in diesen Turm marschieren knnen. Es wird dort sicherlich ausgeklgelte Sicherheitsvorkehrungen geben.
    Wir mssen es eben geschickt anstellen, gab Yintsumi zurck. Wenn wir es schaffen, uns irgendwie rein zu schleichen, sind wir mit den brisanten Informationen im Gepck vielleicht schon wieder drauen, bevor jemand etwas mitbekommen hat.
    Oder wir werden von Marashi hchstpersnlich erwischt und aus dem obersten Stockwerk geworfen, brummte Samuel. Das ist einfach zu gefhrlich. Es muss einen anderen Weg geben.
    Bitte seid vorsichtig. Alle Kpfe drehten sich zu Yantsumi, als sie sich zum ersten Mal seit einer gefhlten halben Stunde wieder zu Wort gemeldet hatte. Auch du, Schwester. Ich mchte nicht, dass dir etwas zustt.
    Ach, bisher hab ich mich doch auch ganz gut durchgeschlagen, oder?, erwiderte Yintsumi auf ihre gewohnt heitere Art, konnte dabei aber nicht ganz verbergen, dass sie die Besorgnis ihrer Schwester berhrt und vielleicht auch ein wenig berrascht hatte. Ich passe schon auf mich auf.
    Bevor ihr eine Entscheidung trefft, solltet ihr schlafen, riet ihnen Yantsumi und erhob sich von der Kiste, auf der sie gesessen hatte. Ihr seid noch ganz wirr von den Ereignissen des Tages. Gebt euren Krpern die Ruhe, nach denen sie verlangen. Horcht auf eure Trume. Dann werdet ihr die richtige Entscheidung treffen.
    Danke fr deine Hilfe, Yantsumi, sagte Milten, und die anderen nickten zustimmend. Ich werde das nicht vergessen.
    Ein kurzes Lcheln flackerte in Yantsumis Gesicht auf, dann wandte sie sich ab und schritt zur Tr. Bevor sie die Klinke herunterdrckte, drehte sie sich noch einmal um und sagte: Wenn es Probleme geben sollte, oder wenn ihr Sorge habt, dass jemand euer Versteck herausgefunden hat, dann ruf mich gleich ber das Medaillon, Schwester. Ich werde kommen, so schnell ich kann.
    Na klar, versprach Yintsumi. Mach ich.
    Yantsumi nickte knapp. Schlaft gut.
    Dann war sie in den Korridor getreten und hatte die Tr hinter sich geschlossen.

    Bist du auch noch wach, Samu?
    Hmm, machte Samuel und glitt mit der Hand unter die Schicht Stoff an Miltens Rcken, dem die niedrigen Temperaturen in der Abstellkammer eine Gnsehaut bereitet hatten. Beinahe bereute Milten die Entscheidung, das halb zerstrte Quallenkostm gegen die billige Stoffkleidung zu tauschen, die er an einem der Marktstnde erstanden hatte. Das Kostm war zwar nicht besonders bequem, aber auf jeden Fall sehr warm gewesen.
    Eigentlich dachte ich, dass ich gelernt htte, in allen Situationen einzuschlafen, brummelte ihm Samuel ins Ohr. Sogar bei starkem Wellengang, oder wenn eine Seeschlacht mal was lnger dauert. Aber heute gehts irgendwie nicht.
    Seeschlacht?, flsterte Milten. Du hast wohl einiges mitgemacht als Seemann.
    Kann man wohl sagen.
    Samuel schwieg, und es dauerte eine Weile, bis Milten wieder das Wort ergriff.
    Samu?
    Hmm?
    Ich... ich mchte dir etwas zeigen.
    Hier? Es ist so duster, da seh ich doch sowieso nichts. Und wenn wir eine Kerze anmachen, wecken wir Yintsumi auf.
    Milten hatte den Verdacht, dass das lautstarke Schnarchen der Kellnerin nicht ganz unschuldig daran war, dass die beiden Mnner so ihre Probleme mit dem Einschlafen hatten. Nachdem das Mdchen aber am vergangenen Tag so viel fr sie getan hatte, htte er sich mies dabei gefhlt, auch nur ein einziges schlechtes Wort ber sie zu verlieren.
    Dann lass uns nach drauen gehen. Komm.
    Nach drauen? Was ist, wenn uns jemand sieht?
    Nicht aus dem Gebude raus... nur in den Eingangsraum, der mit den Fenstern. Da msste es hell genug sein.
    Na gut.
    Die Neugierde hatte Samuel nun offenbar endgltig gepackt. Er richtete sich auf und tastete sich an der Seite von Milten langsam und so geruscharm, wie es nur ging, zur Tr hin. Es quietschte leise in den Angeln, als sie die Tr ffneten, aber Yintsumis unbeirrt ausgestoene Schnarchlaute gaben ihnen die Gewissheit, die junge Frau nicht geweckt zu haben.
    Durch den kurzen Korridor schlichen sie in den Eingangsraum, dessen groflchige Glasfenster den hellen Mondschein hinein lieen. Zwei weitere Fenster an der Wand zum Baderaum sollten im Sommer, wenn das Badehaus geffnet war, vermutlich den Blick auf die munter planschenden Gste ermglichen, waren aber derzeit mit Brettern vernagelt.
    Was ist es denn nun, das du mir zeigen willst?, erkundigte sich Samuel und konnte ein herzhaftes Ghnen nicht unterdrcken, das aber sicherlich kein Zeichen von Desinteresse war.
    Ich mchte dir etwas zeigen, das ich von Khorinis hergebracht habe.
    Milten legte die Umhngetasche, die er aus dem Lagerraum mitgenommen hatte, auf dem Boden ab und lste die beiden Schnallen an der Vorderseite. Nachdem er die Tasche geffnet hatte, holte er aus ihrem Inneren eine Schatulle hervor und klappte vorsichtig den Deckel hoch. Gebettet auf dunkelgrnem Samt war in der Mitte der Schatulle ein kleiner, silberner Ring an einem Haken befestigt. Milten lste ihn heraus und legte ihn auf die offene Handflche.
    Deswegen schleppst du die ganze Zeit ber diese Tasche mit dir rum?, flsterte Samuel irritiert. Wenn du ihn dir schon nicht anziehen willst, httest du den Ring dann nicht einfach in eine deiner Manteltaschen packen knnen?
    Dann wre er jetzt weg, entgegnete Milten. Saturas, der oberste Wassermagier, hat ihn mir fr den Notfall mitgegeben. Er hat darauf bestanden, dass ich ihn nur dann aus der Schatulle nehme, wenn ich ihn wirklich brauche.
    Ist er denn so wertvoll?
    Er ist ein mchtiges Artefakt, und eine mchtige Waffe... wenn man ihn richtig einsetzen kann.
    Und das kannst du?, fragte Samuel.
    Nachdenklich betrachtete Milten den glatten, matt glnzenden Ring in seiner Hand. Ich wei es nicht. Die Macht dieses Rings beruht nicht auf dem Glauben an die gttliche Kraft wie eine Rune oder ein magisches Artefakt, sondern auf dem Glauben an die Kraft, die in jedem einzelnen von uns steckt. Der Ring an sich hat keine Macht, aber er ermglicht es, die Krfte in uns selbst zu vervielfachen und nach auen zu tragen, um die Beschaffenheit der Welt zu verndern. Wer den Ring trgt, kann seinen Willen dazu einsetzen, Materie zu schaffen, zu formen oder zu zerstren. Aber das gelingt nur sehr wenigen Menschen.
    Vielleicht bist du einer von ihnen, flsterte Samuel.
    Milten stie einen tiefen Seufzer aus. Der letzte, der den Ring erfolgreich eingesetzt haben soll, ist seit mehr als einhundert Jahren tot, Samu. Vielleicht ist es nur eine schne Geschichte, um einen Ring interessant zu machen, der eigentlich gar nichts Besonderes ist.
    Ich hatte auch einmal mit Saturas zu tun, vor langer Zeit, sagte Samuel nach kurzem Schweigen, und ich hatte nicht den Eindruck, dass er jemand ist, der auf Mrchengeschichten hereinfllt.
    Du bist Saturas begegnet?, erwiderte Milten berrascht. Wie ist es denn dazu gekommen? Bist du sicher, dass wir den gleichen Saturas meinen?
    Samuel nickte schmunzelnd, doch Milten hatte das Gefhl, dass ihm das Thema nicht behagte. So oft gibt es den Namen ja wohl nicht. Aber das ist... eine lange Geschichte. Wir knnen spter darber reden.
    Na gut. Milten sah ein, dass es im Augenblick Wichtigeres zu tun gab als Anekdoten aus der Vergangenheit auszutauschen. Du meinst also wirklich, an den Krften des Rings knnte etwas dran sein?
    Du als Magier solltest doch am besten wissen, dass die Welt, in der wir leben, ein Wunderland ist. Wenn du daran glaubst, dann ist es mglich.
    Zgerlich nahm Milten den Ring mit den Fingern der anderen Hand auf und betrachtete ihn von allen Seiten.
    Ich wei nur nicht, ob... ob ich dazu bereit bin...
    Fr manche Dinge kannst du niemals bereit sein, sagte Samuel und legte seine Hand auf Miltens Schulter. Du musst sie einfach tun.
    Milten atmete tief ein und aus, dann gab er sich einen Ruck und steckte den Ring auf seinen rechten Zeigefinger. Einige angespannte Sekunden lang wartete er darauf, dass etwas geschah, aber das unscheinbare Schmuckstck wirkte ebenso gewhnlich wie zuvor, und in seinem Innersten regte sich auch nichts einmal abgesehen vom dumpfen Geblubber in seinen Gedrmen, das aber wohl eher auf den bermigen Verzehr von Gobu-Krckern am Vorabend als auf bernatrliche Phnomene zurckzufhren war.
    War wohl nichts. Miltens Stimme war die Enttuschung deutlich anzuhren.
    Das hat doch nichts zu bedeuten, munterte ihn Samuel auf und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Vielleicht wird seine wahre Macht ja erst entfaltet, wenn es wirklich darauf ankommt. Du musst einfach darauf vertrauen.
    Mir bleibt ja auch nichts anderes brig, seufzte Milten. Ohne Runen und ohne Kampfstab bin ich vllig aufgeschmissen. Da htten Pyrokar und Saturas genauso gut ein hinkendes Schaf zum Archipel schicken knnen.
    Samuel musste grinsen. Also, wenn ich das richtig verstanden habe, was du mir gerade erzhlt hast, dann ist das schon mal die ganz falsche Einstellung, damit der Ring funktioniert.
    Ach, Samu... Milten umschlang den Hals seines Geliebten mit beiden Armen und kuschelte sich an seine warme Brust an. Wenn wir uns doch blo in einer anderen Situation getroffen htten... ohne all die Schurken, die uns umbringen wollen, und ohne die wichtige Mission, die auf mir lastet... wir htten gemeinsam glcklich werden knnen. Wir htten zusammen alt werden knnen.
    Das knnen wir noch immer, Milten, wisperte Samuel, und seine Stimme war voller ehrlicher Zuversicht. Wir stehen das durch, gemeinsam.
    Hauptsache, du bist an meiner Seite, flsterte Milten und schenkte Samuel einen zrtlichen Kuss.
    Ich bleibe immer an deiner Seite, versprach Samuel. Ich mchte, dass du weit, dass ich auf ewig dein bin.
    Das wei ich, Samu. Das wei ich.
    In einer kleinen Weile, die der Ewigkeit gewidmet war, standen Milten und Samuel eng umschlungen im Mondlicht und verschmolzen in der Gemeinsamkeit ihrer leidenschaftlichen Ksse. Als sie sich schlielich wieder voneinander gelst hatten, sagte Milten: Lass uns noch nicht wieder in den Lagerraum gehen. Wie wre es, wenn wir eine Runde im Mondschein schwimmen?
    Wie denn?, entgegnete Samuel. Der Baderaum ist doch geschlossen. Und wahrscheinlich ist nicht mal Wasser im Becken.
    Vielleicht doch. Komm, lass uns nachschauen!
    Milten nahm Samuel bei der Hand und zog ihn zur Tr zwischen den beiden verrammelten Fenstern hin, die zum Badebereich hin fhrte. Enttuscht bemerkte er, dass an der Tr ein massives Vorhngeschloss angebracht war, das sich mit bloer Hand beim besten Willen nicht lsen lie.
    Hab ich doch gleich gesagt, brummte Samuel. Da kommen wir nicht durch.
    Tja, wenn ihr schwimmen gehen wollt, dann msst ihr mich schon mitnehmen!
    berrascht drehten sie die Kpfe, als Yintsumis lautes Organ die Stille durchbrach.
    Yintsumi!, entfuhr es Milten. Wie lange hast du denn schon... h...
    Gar nicht so lange, behauptete sie schmunzelnd und schob die beiden Verliebten zur Seite, whrend sie damit begann, ihr Tablett in der Luft kreisen zu lassen.
    hm, vielleicht wre es besser, wenn du diesmal nicht ganz so laut...
    SCHLOSSKNACKER!, schrie Yintsumi unbeirrt in die nchtliche Stille hinein und zerschmetterte das Schloss mit der Wucht ihres kreiselnden Multifunktionstabletts. Worauf wartet ihr noch? Wer zuerst im Wasser ist!
    Schon hatte das quirlige Mdchen die Tr aufgestoen und war in den Baderaum geschlpft. Milten und Samuel tauschten einen belustigten Blick und folgten ihr nach.
    Der Badebereich war um ein gutes Stck grer, als es Milten angesichts der von auen sichtbaren Dimensionen des Gebudes vermutet hatte. Um ein rechteckiges Schwimmbecken herum waren mehrere eingeklappte Sonnenschirme aufgestellt, die angesichts des Glasdachs im Sommer wohl notwendig wurden, whrend in einer leicht verstaubten Ecke die polsterlosen Gerippe von Liegesthlen gelagert wurden. Milten hatte von all dem bisher nur in Erzhlungen gehrt. Er hatte sich lngst eingestanden, dass die Berichte von der Wunderlichkeit der stlichen Inseln bei Weitem nicht so bertrieben waren, wie er es im Vorfeld seiner Reise vermutet hatte.
    Zu seiner berraschung war Yintsumi noch nicht kopfber ins Becken gesprungen, sondern am Rand stehen geblieben. Ratlos schaute sie Samuel und Milten an und deutete mit dem Tablett in Richtung Becken.
    Was... was ist das denn da fr ein komisches Zeug?
    Als Milten sich dem Becken nherte, konnte auch er es erkennen: Anders als es Samuel vorhergesagt hatte, war das Schwimmbecken zwar keinesfalls leer gewhnliches Wasser war es allerdings auch nicht, das sich darin befand. Bis knapp unter den Rand war es mit einer milchigen, dickflssig wirkenden Substanz gefllt, die ohne erkennbare Ursache von einem bestndigen nervsen Wellengang erfasst war und dabei ein leises Surren ausstie. Milten ging vorsichtig in die Hocke und erkannte bei nherer Betrachtung, dass an der Oberflche der rtselhaften Flssigkeit immer wieder winzige Funken empor stieben.
    Hat dir deine Schwester davon erzhlt?, wandte sich Samuel an Yintsumi, die entgeistert den Kopf schttelte.
    Sie hat so was nie erwhnt. Ich... verstehe es auch nicht...
    Dann will ich es dir erklren, Schwester.
    Yantsumi hatte den Baderaum betreten, aber sie war nicht allein: Hinter ihr schlten sich fnf schmale Gestalten in dunklen Gewndern aus der Finsternis und zckten klirrend ihre Katanas.
    Was was hat das zu bedeuten, Yantsumi?
    Was es zu bedeuten hat?, wiederholte die Zwillingsschwester mit kalter Stimme. Es bedeutet, dass ich mir endlich nehme, was mir zusteht. Und Mesuke Marashi hilft mir dabei.
    Du... du arbeitest fr Marashi?, keuchte Yintsumi und warf Milten einen hilflosen Blick zu. Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist! Wie kannst du nur mit so jemandem gemeinsame Sache machen?
    Ich erwarte nicht, dass du es verstehst, Schwester. Yantsumi gab ihren Leuten ein Zeichen, und die Kmpfer stellten sich in einer geraden Reihe hinter ihr auf. Du hast ja dein ganzes Leben an der Sonnenseite verbracht du wirst niemals das Leid nachempfinden knnen, das ich erleiden musste. Die Gtter haben ihren Gefallen daran gefunden, mich zu verspotten. Sie haben mich als erbrmlichen Krppel auf diese Welt geschickt, damit ich an mir selbst verzweifle. Aber sie haben lange genug ihren Spa mit mir gehabt die Zeit meiner Rache ist nah. Sehr nah!
    Wovon redest du denn da? Yintsumis ohnehin schon hohe Stimme kippte in ein schrilles Kreischen ab. Wir haben doch beide einen Arm verloren das ist doch nichts, woran man verzweifeln muss!
    Ja, du hast recht, wir haben beide einen Arm verloren, wiederholte Yantsumi in gedehnten Worten. Aber du hast deinen linken Arm verloren und ich meinen rechten und wie du sicher weit, sind wir beide Rechtshnder!
    Das... darber... habe ich mir nie so richtig Gedanken gemacht...
    Ich habe auch nichts anderes von dir erwartet, zischte Yantsumi. Wann hattest du jemals etwas anderes im Kopf als dein Vergngen? Du warst schon immer blind fr das Leid der anderen fr das Leid deiner eigenen Schwester, die Jahr fr Jahr in einer trostlosen Badehalle kauert und den Leuten ihr Handtuch reicht, weil sie zu nichts anderem in der Lage ist. Aber es kmmert mich nicht mehr, was du denkst, Schwester. Mit dir habe ich schon lange abgeschlossen. Du bist ja auch nichts anderes als ein Witz der Gtter, nur dass du es bis heute nicht mitbekommen hast, leichtglubig wie du bist. Ich werde dich verschonen, wenn du Marashis Plnen nicht lnger im Weg stehst.
    Das kannst du vergessen!, schmetterte ihr Yintsumi ihre entschiedene Antwort entgegen. Marashi ist ein entsetzlicher Fiesling! Ich kann nicht glauben, dass du dich dazu herabgelassen hast, mit diesem Scheusal gemeinsame Sache zu machen!
    Ruhig schritt Yantsumi vor der Reihe ihrer Kmpfer auf und ab. Marashi ist ein einflussreicher Mann, und er belohnt bedingungslose Treue. Er hat mich zur Anfhrerin von Team Haigotcho ernannt, seiner wichtigsten Elitetruppe von erbarmungslosen Killern. Diese fnf Mnner sind nur ein kleiner Teil dieser mchtigen Gruppierung, und sie alle gehorchen mir aufs Wort. Aber es ging mir nie um Macht, Schwester. Ich habe mich Mesuke Marashi nur aus einem einzigen Grund angeschlossen...
    Yantsumi blieb stehen und durchbohrte ihre Schwester mit einem Blick voller unnachgiebiger Eisesklte.
    Um ihm dabei zu helfen, die Gtter zu tten.
    In Miltens Kopf rasten die Gedanken. Wenn es stimmte, was Yintsumis verrckte Zwillingsschwester behauptete, dann war Marashis Plan noch viel grenwahnsinniger, als er befrchtet hatte. Pltzlich stand so viel auf dem Spiel, dass ihm schwindelig wurde.
    Bitte, Yantsumi, denk noch einmal nach ber das, was du da tust, flehte die verzweifelte Kellnerin. Denk daran... was Vater sagen wird, wenn er davon erfhrt...
    Ich habe lange genug auf unseren Vater gehrt diese Zeiten sind vorbei. Marashi wird seiner Schwche ein Ende bereiten.
    Du kannst doch nicht wirklich glauben, was du da sagst! Du... du bist doch meine Schwester!
    Das war ich einmal. Yantsumi schmetterte ihr Knochenmedaillon zu Boden und trat die Splitter mit dem Fu von sich. Dann wandte sie sich an ihre Untergebenen: Betubt sie alle und schafft sie in den Turm! Marashi soll entscheiden, was mit ihnen geschieht.
    In einer synchronen Bewegung steckten die Kmpfer ihre Katanas zurck in die Scheiden und holten dnne, lange Rohre hervor, in die sie kleine Pfeile steckten.
    Von lhmender Panik ergriffen suchte Milten nach einer Mglichkeit der Gegenwehr, aber ohne Runen und Kampfstab war er den Angriffen der Schurken hilflos ausgeliefert. Auch Samuel war unbewaffnet. Vielleicht hatte er noch den einen oder anderen Schnellen Hering unter seinem Mantel versteckt, aber es gab keine Richtung, in die sie davonlaufen konnten. Sie waren den Elite-Killern von Team Haigotcho rettungslos in die Falle geraten.
    Yintsumi!, rief er in einem letzten verzweifelten Versuch, einen Gegenangriff zu starten. Setz dein Tablett ein!
    Aber die junge Frau, die nun mehr denn je wie ein kleines Mdchen wirkte, rhrte sich gar nicht mehr. Wie versteinert blickte sie in das harte Gesicht ihrer Schwester. Das Tablett rutschte ihr aus der regungslosen Hand und kam klappernd auf den Fliesen auf.
    Milten fhlte sich wie einem Albtraum gefangen, als die fnf Kmpfer ihre Blasrohre zum Mund hoben. Ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gab.
    Auer vielleicht...
    Der Ring! Der Ring war die Rettung!
    Mit aller Macht konzentrierte er sich auf das silberne Artefakt an seinem Finger, sammelte die inneren Krfte, sprte, wie ein loderndes Feuer des Widerstands in ihm erwachte
    Fast lautlos versenkte sich die dnne Spitze des kleinen, gefiederten Pfeils in seiner Schulter. Kaum hatte Milten begriffen, was geschehen war, da sprte er bereits, wie ihm die Kraft aus den Beinen schwand. Er wollte sich den Pfeil aus der Haut reien, er wollte voran strmen und mit bloen Hnden auf die Haigotcho-Killer losgehen, aber stattdessen fhlte er blo eine groe, berwltigende Mdigkeit in sich aufsteigen. Zwischen zitternden Augenlidern nahm er wahr, wie auch Yintsumi von einem Pfeil getroffen wurde und umgehend in sich zusammensackte. Und Samuel
    Der Pfeil traf ihn ins Gesicht, er strauchelte, stolperte ber die eigenen Beine und fiel rcklings in das Becken hinein. Von einer Sekunde auf die andere hatte ihn die milchige, Funken sprhende Flssigkeit verschluckt.
    NEIIIIIIIN!, brllte Milten die letzten Krfte heraus, die ihm noch geblieben waren.
    Schlaff und leblos knickten seine Beine ein.
    SAAAMUUUUUUU!
    Und dann
    Nichts mehr.

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Ein tiefes, bestndiges Brummen war der erste Laut, der als Wahrnehmung einen Weg in Miltens wiedererwachendes Bewusstsein fand.
    Sein Kopf ruhte auf etwas Warmem und angenehm Weichem, whrend der Rest seines Krpers, in den allmhlich die Schmerzen zurckkehrten, auf einem harten Untergrund auflag. Eine ganze Weile lang schien der sonore Brummton das einzige verbliebene Gerusch des Universums zu sein, bis Milten nach einer gefhlten Ewigkeit leise Atemgerusche dahinter erkannte. Er schlug die Augen auf und blickte in das groe, traurige Gesicht Yintsumis, das auf ihn herabschaute.
    Milten! Sofort kam Leben in ihre Gesichtszge. Endlich bist du wach!
    Sthnend hob Milten den drhnenden Kopf, der gerade noch in Yintsumis Scho gelegen hatte, und brachte sich mit der Untersttzung des Mdchens in eine Sitzposition, indem er sich an der Wand anlehnte, an der auch Yintsumi hockte.
    Was... was ist passiert?, murmelte er. Eine pltzliche, heftige Kopfschmerzattacke zwang ihn, die Augen fr einige Sekunden wieder zu schlieen.
    Wir wurden gefangen genommen, Milten. Nie zuvor hatte Yintsumis sonst so lebendige Stimme derart trostlos geklungen.
    Und Samu... wo... wo ist Samu...?
    Traurig schttelte Yintsumi den Kopf. Es tut mir so leid, Milten...
    Mit brutaler Pltzlichkeit kehrten die Erinnerungen an die letzten Minuten im Badehaus zurck. Vor seinem inneren Auge sah Milten den Geliebten ein weiteres Mal strzen, sah sein sanftes Gesicht mit den wundervollen blauen Augen ein weiteres, furchtbares Mal in der abscheulichen brodelnden Substanz verschwinden.
    Es ist meine Schuld, presste Milten aus seiner trockenen Kehle hervor. Es war mein Vorschlag, in den Baderaum einzudringen... wenn uns deine Schwester im Lagerraum aufgegriffen htte, dann wre Samu niemals in den Tod gestrzt. Dann wre er jetzt noch bei uns.
    Hr auf damit, dir sowas einzureden, flsterte Yintsumi eindringlich, legte den Arm um Miltens Schulter und drckte ihn fest an sich. Samuel wrde nicht wollen, dass du dir seinetwegen Vorwrfe machst. Wenn irgendjemand eine Schuld daran trgt, dann bin ich es. Ich habe meiner Schwester vertraut... ich habe uns direkt in Marashis Arme getrieben.
    Milten schttelte den Kopf nur leicht, doch die stechenden Schmerzen in seinem Schdel lieen es ihn im nchsten Augenblick bereuen. Dich trifft keine Schuld. Wer wrde schon die eigene Schwester eines solchen Verbrechens verdchtigen?
    Ich htte Verdacht schpfen mssen... sie war so unnahbar in letzter Zeit, viel mehr noch als frher... In Yintsumis Augenwinkeln bildeten sich kleine Trnchen. Aber... aber ich habe doch nicht gedacht, dass sie... dass sie... Oh, ich habe Vater so enttuscht!
    Euer Vater, sagte Milten und dachte an das Streitgesprch der beiden Schwestern im Badehaus zurck. Ist er etwa...?
    Kajiro Sokuwabe, besttigte Yintsumi seine Vermutung. Milten wusste nicht, was ihn mehr verblffte: Dass die beiden Tchter des offenbar wichtigsten Mannes des stlichen Archipels als Kellnerin und Angestellte eines Badehauses arbeiteten, oder dass es Yintsumi tatschlich geschafft hatte, dieses Geheimnis so lange fr sich zu behalten.
    Ich sollte fr ihn ein Auge auf die Geschehnisse auf dem Archipel haben, whrend er schlft, erzhlte das einarmige Mdchen. Aber ich... ich habe nicht gedacht, dass wirklich etwas passieren knnte, weit du? Natrlich habe ich auch gemerkt, dass es immer mehr Verbrecher gab, und dass Marashi daran Schuld war. Aber ich dachte, dass Vater das schon alles wieder in Ordnung bringen wrde, wenn er erst einmal aus dem Zushu-no-washi erwacht ist. Ich... ich war so bld! Wenn es stimmt, was Yantsumi gesagt hat, dann ist es bis dahin vielleicht schon viel zu spt.
    Kannst du nicht irgendwie versuchen, Kontakt zu deinem Vater aufzunehmen? So wie du es mit Yantsumi getan hast?
    Das ist nicht so einfach, wie du es dir vielleicht vorstellst. Auerdem ist es ein gewaltiges Verbrechen, einen Hajiki aus dem Zushu-no-washi zu wecken. Nur die Ahnen haben das Recht dazu.
    Auf die wrde ich nicht wetten wollen, seufzte Milten. Dann sind wir wohl auf uns allein gestellt.
    Es tut mir leid, Milten. Mit zitternden Lippen schnappte Yintsumi nach Luft, whrend sich die Trnen ihren Weg bahnten. Wegen mir sitzen wir jetzt in diesem furchtbaren Kerker fest, und... und... Samuel ist tot, und...
    Es bringt uns nicht weiter, die Schuld bei uns selbst zu suchen, entschied Milten und bemhte sich, trotz des allgegenwrtigen, erdrckenden Gedankens an Samuels Tod einen klaren Kopf wiederzugewinnen. Marashi und Yantsumi sind es, die ihn auf dem Gewissen haben. Wir mssen jetzt alles daran setzen, sie nicht damit durchkommen zu lassen.
    Aber wir kommen hier nie raus!, klagte Yintsumi, der die Hoffnungslosigkeit ins gertete Gesicht geschrieben stand. Ich habe mir die Strahlen an der Tr schon so oft angesehen, als du noch geschlafen hast... da ist nichts zu machen.
    chzend richtete sich Milten auf. Der Raum, in dem sie sich befanden, war gerade einmal gro genug, dass sie beide darin liegend Platz finden konnten, und die niedrige Decke zwang den gro gewachsenen Milten dazu, den Kopf etwas einzuziehen. Der einzige Ausgang aus ihrem Gefngnis war eine trfrmige Lcke in einer der Wnde, die von einem guten Dutzend roter Strahlen versperrt wurde. Die quer verlaufenden Lichtbndel bildeten eine grell leuchtende Barriere und waren auch fr das tiefe Brummen verantwortlich, das Milten schon beim Erwachen bemerkt hatte.
    Der Magier trat nher und begutachtete die glhende Vorrichtung aus sicherer Entfernung heraus. Schnell wurde ihm klar, dass Yintsumis Resignation ihre Grnde hatte: Die Lcken zwischen den Strahlen waren so schmal, dass sie unmglich einen Arm hindurch bewegen konnten, geschweige denn ihren ganzen Krper. Drauen vor der Tr herrschte Dunkelheit, und auch ihre eigene Gefngniszelle wurde nur vom Rot der Lichtbarriere erhellt.
    Wo sind wir hier blo gelandet?, seufzte Milten. Meinst du, das ist dieser Hyper-Turm?
    Ich denke schon, erwiderte Yintsumi, die noch immer zusammengekauert am Boden hockte, und zwang sich ein bitteres Lcheln auf die Lippen. Genau da, wo wir hinwollten.
    Dann sind wir ganz nah am Ziel. Es muss doch einen Weg geben, an diesen Strahlen vorbeizukommen...
    Grbelnd wandte sich Milten wieder der Barriere zu, als auf der anderen Seite der Tr pltzlich ein bluliches Licht aufflackerte. berrascht hob Milten den Kopf und erkannte mehrere runde Kugeln an der Decke, aus denen es blau hervor leuchtete und die offenbar gerade erst von jemandem aktiviert worden waren. Anschwellende Schrittgerusche kndigten an, dass sich dieser Jemand auf sie zu bewegte. Miltens Blick fiel auf die gegenberliegende Wand, die nun vom blauen Licht erhellt wurde und mehrere kompliziert wirkende Metallapparaturen offenbarte. Inmitten der vielen rtselhaften Kstchen und Drhte befand sich ein kleiner, brauner Kippschalter, der in Milten wilde Hoffnungen weckte. Fieberhaft suchte der Magier nach einer Mglichkeit, ihn aus der Ferne zu bettigen, aber noch bevor ihm auch nur der Ansatz einer ersten guten Idee gekommen war, wurde seine Sicht auf den Schalter von der langen Gestalt des Besuchers verdeckt, der direkt vor der Lichtbarriere zum Stehen gekommen war.
    Ah, ihr seid also wach. Herzlich Willkommen in meinem Hyper-Turm!
    Unter einer schwarzen Kapuze, die zu einer ebenso schwarzen Kutte gehrte, schaute ein bekanntes Gesicht hervor. Die lngliche Wunde, die der Wurfstern in seiner Wange hinterlassen hatte, war gerade erst dabei, zu verkrusten.
    Du?, warf Milten dem Ttowierten berrascht entgegen. Du bist Mesuke Marashi?
    Nein und ja, erwiderte der Kuttentrger krampfartig grinsend. Der Mann, den du vor dir siehst, ist Drone, mein gefgiger Diener. Ich bin gerade leider zu beschftigt, um persnlich mit euch zu plaudern und habe mir deshalb seinen Krper dazu ausgeliehen.
    Milten runzelte die Stirn. Der Fremde mit den unzhligen Ttowierungen sprach in der Tat auf eine ganz andere Weise als bei ihrer ersten Begegnung in den Gassen von Takuze. Seine Augen waren pupillenlos und leer. Offenbar war er mittlerweile in die Fnge von Marashi geraten, dem es eine teuflische Macht erlaubte, durch seinen Mund zu sprechen.
    Was willst du von uns, du Scheusal? Yintsumi war aufgesprungen und stellte sich mit grimmiger Miene an Miltens Seite. Offenbar hatten die selbstsicheren Worte Marashis zumindest einen kleinen Teil ihrer kmpferischen Natur zu neuem Leben erweckt.
    Von ihm da will ich berhaupt nichts, formten Drones Lippen, indem er mit einem ttowierten Finger auf Milten wies. Ich werde ihn Dr. Dojo, einem weiteren meiner treuen Diener, berlassen. Er hat sein ganz eigenes Interesse an Magiern. Du aber, Yintsumi... du bist meine Trumpfkarte!
    Wovon redest du da?, knurrte Yintsumi. Ich werde einen Teufel tun, dich bei deinen Machenschaften zu untersttzen!
    Keine Sorge, das musst du gar nicht, entgegnete Drone grinsend. Alles, was du tun musst, ist im richtigen Augenblick sterben. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, und sehr bald schon wird es zum unvermeidlichen Duell zwischen mir und dem Hajiki kommen. Natrlich wird dein Vater meiner unvorstellbaren Macht ohnehin nichts entgegensetzen knnen, aber es schadet nie, ein Ass im rmel zu haben... und glaubst du wirklich, dein Vater wird mir noch Widerstand leisten, wenn er sieht, wie ich seine eigene Tochter vor seinen Augen pulverisiere? Sein Schmerz wird unendlich sein, er wird ihn berwltigen und ich werde es sein, der seinem Leiden ein Ende setzen wird!
    Du ekelhafter Mistkerl!, fauchte Yintsumi und musste sich offenbar sehr zurckhalten, um Drone nicht in einem selbstmrderischen Sprung durch die Strahlenbarriere anzufallen. Du irrst dich, wenn du glaubst, gegen meinen Vater ankommen zu knnen! Deine ganzen miesen Tricks und dein ganzer blder Mimo-Schnickschnack werden dir berhaupt nichts gegen ihn ntzen er ist der mchtigste Kmpfer des Archipels, und er ist der rechtmige Hajiki!
    Nur so lange, bis er vom nchsten rechtmigen Hajiki gettet wird. Drones Gesichtszge waren erstarrt. Und dieser Hajiki werde ich sein! Dr. Dojo arbeitet seit Jahren fr mich an der Erschlieung des Mimo und hat mir die mchtigsten Waffen zur Verfgung gestellt, die diese Welt jemals gekannt hat Waffen, die mhelos jeden Drachen in ein erbrmliches Klmpchen Dreck verwandeln knnen. Und er ist kurz davor, mir den Zugang zu einer noch tdlicheren Dimension dieser Machtquelle zu gewhren.
    Von welcher Machtquelle redest du da?, wollte Milten wissen. Was ist dieses Mimo berhaupt?
    Glaubst du wirklich, dass du in der Position bist, mir solche Fragen zu stellen?, stie Drone die Worte Marashis aus. Ich sollte dich fr diese Dreistigkeit zerquetschen wie eine widerspenstige Fleischwanze aber weil ich gerade bei guter Laune bin, will ich deine Neugier befriedigen, Magier. Die Machtquelle, die Dr. Dojo fr mich entdeckt hat, ist nichts anderes als die Sphre der Gtter selbst. Seit Monaten saugt er in meinem Auftrag die kosmischen Energien der gttlichen Sphre ab und manifestiert sie in unserer Welt als das Mimo eine Kraft, die es ihrem Anwender gestattet, gttliche Fhigkeiten zu nutzen. Aber all das, was ihr gesehen habt die Strahler, die Blitze, die rote Energiebarriere vor eurer Zelle all das ist nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was im inneren Kern der gttlichen Sphre ruht. Der Doktor ist kurz davor, in diesen Kern einzudringen, und wenn es erst einmal soweit ist, dann wird die Macht der Gtter selbst auf mich bergehen dann werden die alten Gtter vernichtet sein, und ich werde ihr Erbe antreten. Zuerst werde ich mich selbst zum Hajiki ernennen und die Herrschaft ber das Archipel an mich reien, dann werde ich den Rest der Welt okkupieren. Und ich gedenke nicht, an diesem Punkt aufzuhren... ich werde nicht eher ruhen, bis das ganze Universum meinem grenzenlosen Zorn Untertan ist. Es steht eine Zeit bevor, in der es nur noch einen einzigen, ewig zrnenden Gott der Gnadenlosigkeit geben wird und dieser Gott werde ich sein, Mesuke Marashi!
    Du bist verrckt!, keuchte Milten, der nicht fassen konnte, was er da gerade gehrt hatte. Damit wirst du niemals davonkommen. Niemand legt sich ungestraft mit den Gttern an!
    Von einem kleingeistigen Magier wie dir hatte ich kein anderes Urteil erwartet, sagte Drone abschtzig. Du bist es dein Leben lang gewohnt, ein Sklave der Gtter zu sein. Ich hingegen wurde geboren, um zu herrschen. Es ist meine Bestimmung.
    Milten wusste nicht, was er noch sagen sollte mit Worten allein, so viel war ihm klar, war Marashi nicht umzustimmen. Er war von seinem irrsinnigen Plan offenbar durch und durch berzeugt.
    Ich habe schon zu lange mit euch geplaudert, lie Marashi den Ttowierten sagen. Es besteht die Mglichkeit, dass Drone schon sehr bald anderswo gebraucht wird. In naher Zukunft werden wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenber stehen... bis dahin macht es euch gemtlich und versucht, nicht zu verdursten, bis ich euch bentige. Vielleicht bringt euch jemand ein Glas Wasser, aber versprechen kann ich es nicht. Wir sind gerade alle sehr beschftigt.
    Ein bsartiges, ferngesteuertes Grinsen breitete sich auf Drones rtlich-gelbem Gesicht aus, bevor sich Marashis Marionette umdrehte und den Rckweg antrat. Kurz darauf waren seine Schritte verhallt, und die beiden Gefangenen blieben allein in ihrer Zelle zurck.
    Yantsumi hat also wirklich die Wahrheit gesagt, ergriff das Mdchen als erste wieder das Wort. Marashi hat allen Ernstes vor, die Gtter zu tten.
    Wir drfen das unmglich zulassen, sagte Milten entschieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihm gelingen wird, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, aber jeder Versuch knnte die Welt in ein unvorstellbares Chaos strzen. Wenn wir nichts dagegen unternehmen, dann wird das schreckliche Folgen haben.
    Aber was sollen wir schon tun? Von hier aus knnen wir berhaupt nichts ausrichten.
    Deswegen mssen wir so schnell wie mglich aus dieser Zelle entkommen. Milten deutete mit dem Finger auf den Schalter an der gegenberliegenden Wand. Ich wette, dass dieser Schalter da drben die Barriere deaktivieren kann. Wir mssen es nur irgendwie schaffen, ihn umzulegen.
    Vielleicht hast du recht, sagte Yintsumi. Blderweise ist der Schalter auf der anderen Seite der Barriere.
    Denk nach, Yintsumi!, forderte Milten, whrend er sich selbst den Kopf zermarterte. Es muss doch eine Mglichkeit geben, ihn von hier aus zu bettigen das Schicksal des ganzen Universums hngt davon ab!
    Das hilft mir aber leider auch nicht beim Nachdenken, seufzte Yintsumi und wanderte auf hibbeligen Fen im Raum herum.
    Je lnger er grbelte, desto schneller wuchs der furchtbare Gedanke in Milten heran, dass es in der Tat keinen Ausweg gab, dass alles Nachdenken nichts ntzen wrde und sie nur hilflos abwarten konnten, whrend Marashi seinen unvorstellbar grenwahnsinnigen Plan verfolgte. Nie hatte er sich so nach einer Telekinese-Rune gesehnt wie in diesem Augenblick, aber das rettende Steinchen stand ihm ebenso wenig zur Verfgung wie seine brige Ausrstung. Er war ganz auf sich selbst angewiesen, hatte nichts auer...
    Der Ring!
    Blitzartig zuckten Miltens Pupillen zu seinem rechten Zeigefinger hinunter, an dem zu seiner Erleichterung noch immer der silberne Ring steckte, den er Samuel kurz vor dessen Tod noch gezeigt hatte. Die Schmucklosigkeit des unaufflligen Rings erwies sich nun als groer Vorteil: Auch Marashis Schergen hatten ihn offenbar bersehen, nichts ahnend dass sie ihrem Gefangenen dabei ein mchtiges Werkzeug gelassen hatten. Milten erinnerte sich noch gut an den Augenblick im Badehaus, als er kurz davor gewesen war, die Macht des Artefakts zu entfesseln vielleicht hatte er es sich nur eingebildet, aber es hatte sich ganz so danach angefhlt, als ob der Ring tatschlich etwas in ihm ausgelst hatte. Wenn er wirklich ber die immensen Krfte verfgte, die man ihm nachsagte, dann musste er es auch ermglichen, aus der Entfernung einen kleinen Schalter umzulegen das war ja schlielich keine groe Sache im Vergleich zu den Wundertaten, von denen Milten in den alten Schriften gelesen hatte. Es kam jetzt nur darauf an, dass er sich konzentrierte... dass er auf die Krfte in seinem Innersten vertraute, sie kanalisierte und
    Du hast recht, das ist ja genau das was wir brauchen!
    Strahlend packte Yintsumi Miltens Finger, zog ihm den Ring ab und pfefferte das kleine runde Silberbndchen ohne den Hauch eines Zgerns auf die Trffnung zu. Der Ring schoss zielgenau durch die Lcke zwischen zwei Energiestrahlen hindurch, prallte von einem grauen Kasten an der Wand ab und flog nach oben an die Decke, wo er eine der blauen Leuchtkugeln zerschmetterte, um anschlieend wieder in schrgem Winkel gen Boden herab zu preschen, von wo aus er zurck in Richtung Wand geschleudert wurde und dort den kleinen Schalter mit einer solchen Wucht traf, dass er fnf Mal hin und her klackerte, bis er schlielich in deaktivierter Position verblieb. Die roten Lichtstrahlen flackerten kurz auf, dann waren sie erloschen.
    Bist du wahnsinnig?, entfuhr es dem entsetzten Milten. Dieser Ring ist unermesslich wertvoll, und wenn du nicht getroffen httest
    Hab ich aber, entgegnete Yintsumi schulterzuckend. Du knntest dich ruhig ein bisschen freuen, immerhin sind wir jetzt aus diesem furchtbaren Gefngnis raus!
    Milten trat auf den Gang hinaus und hob den Ring vom Boden auf. Zum Glck hatte er Yintsumis spontane Aktion offenbar unbeschdigt berstanden.
    Wir knnten jederzeit wieder von einem Schergen Marashis geschnappt werden, gab Milten mit leiser Stimme zu bedenken und steckte sich den Ring wieder an den Zeigefinger. Bitte lass uns vorsichtig sein.
    Ich bin immer vorsichtig, behauptete Yintsumi und hpfte, endlich wieder ganz sie selbst, aufgeregt von einem Bein auf das andere. Und jetzt lass uns den ganzen Turm auf den Kopf stellen und diesem schurkischen Marashi zeigen, wo der Hammer hngt!
    Einen Hammer knnten wir jetzt selber gut gebrauchen, seufzte Milten. Oder sonst irgendetwas, womit wir uns wehren knnen. Im Augenblick sind wir doch jedem schutzlos ausgeliefert, dem wir ber den Weg laufen.
    Yintsumi schenkte ihm ein ermutigendes Lcheln. Wir finden schon was. Lass uns jetzt keine Zeit mehr verschwenden!
    Schon nach wenigen Schritten durch den engen und in unheimlichem Blau beleuchteten Gang, in dessen Verlauf sich eine leere Gefngniszelle an die nchste reihte, wurde Milten bewusst, dass sich der Hyper-Turm radikal von allen anderen Gebuden unterschied, die er kannte. Die Wnde waren aus einer metallischen Substanz gefertigt und schienen ganz aus einem Guss zu sein, was mit Sicherheit auf eine Produktionstechnik zurckzufhren war, die durch das Mimo ermglicht wurde. Immer wieder befanden sich flache Ksten an den Wnden, an denen manchmal kleine Lmpchen unruhig blinkten, und die durch vielfach verzwirbelte Drhte miteinander verbunden waren. Milten musste sich eingestehen, dass die rtselhaften Mimo-Konstruktionen trotz ihres frevelhaften Ursprungs eine gewisse Faszination auf ihn ausbten.
    Da vorne ist der Gang zu Ende, verkndete Yintsumi, nachdem sie eine Weile lang nichts als menschenleere und unverschlossene Gefngniszellen passiert hatten. Tatschlich schien der Korridor in einigen Schritten Entfernung in einen greren Raum zu mnden.
    Wir mssen jetzt ganz leise sein, flsterte Milten. Wenn sich jemand in dem Raum befindet, dann gehen wir nicht hinein, klar?
    Klar, besttigte Yintsumi und Milten hoffte instndig, dass sie sich im Ernstfall an dieses Versprechen erinnern wrde.
    Vorsichtig nherten sie sich dem Durchgang zum nchsten Raum, der sich im nchsten Augenblick als eine gewaltige Halle mit zwar noch immer eher niedriger Decke, aber in die Lnge und Breite hinein schier unberschaubaren Dimensionen entpuppte. Milten musste sich unwillkrlich fragen, wie gro der Hyper-Turm eigentlich war, den er ja bisher nur vom Schiff aus in weiter Ferne hatte sehen knnen, aber erstaunlicher noch als ihre Gre war der Inhalt der Halle: Zu allen Seiten hin erstreckten sich auf metallenen Stndern zahllose Reihen von lnglichen Glasrhren, die teils leer, meist aber mit vielfarbigen blubbernden Flssigkeiten gefllt waren. Als Milten sich nach kurzem Zgern nher heran wagte und eine der Sulen aus der Nhe betrachtete, erkannte er, dass darin eine entsetzlich deformierte Gestalt trieb, die der groben Form nach vielleicht einmal ein Mensch gewesen sein mochte, aber keine klaren Konturen und Krperteile erkennen lie. Nur an wenigen Stellen ragten aus dem schleimigen Gewebe verhrtete Ausbeulungen hervor, die entfernt an Zhne und Fingerngel erinnerten.
    Das ist so scheulich!, wisperte Yintsumi, whrend sie an Miltens Seite zwischen zwei Reihen der Glasbehlter den Raum durchquerte. Im berwiegenden Teil der durchsichtigen Sulen, die sie passierten, befand sich etwas, das man im weitesten Sinne ein Lebewesen nennen konnte, doch lngst nicht jeder der meist vllig unfrmigen Gewebeklumpen hatte hnlichkeit mit einem Wesen, das Milten bekannt war. Meinst du, das waren mal Menschen? Oder Tiere? Hat dieser Dr. Dojo ihnen das angetan?
    Gut mglich, antwortete Milten mit leiser Stimme, whrend sie an einem Behlter vorbei gingen, dessen Inhalt Milten ein wenig an ein Molerat erinnerte. Vielleicht hat er auch versucht, neue Lebewesen aus dem Mimo heranzuzchten. Marashi hat gesagt, dass das Mimo ein Teil der gttlichen Sphre ist, also knnte es auch dazu in der Lage sein, Leben zu schaffen.
    Das ist doch kein Leben, kommentierte die entsetzte Yintsumi. Das ist einfach nur krank! Wir mssen Marashi und diesen Doktor unbedingt aufhalten!
    Milten fragte sich, welche Scheulichkeiten der Turm wohl noch fr sie bereit halten wrde. Es wurde immer deutlicher, dass Marashi jeglichen Respekt vor der gttlichen Schpfung und dem Gttlichen selbst verloren hatte.
    Milten! Ich glaube, ich habe was gehrt!
    Sie waren gerade am anderen Ende der Sulenreihen angelangt, die zunchst endlos gewirkt hatten, und konnten nun erstmals die gegenberliegende Hallenwand in ihrer Gnze einsehen. Ein rasch lauter werdendes Brummen drang aus einem senkrechten Schacht, der in einer Ausbuchtung der Wand eingelassen war, zu ihnen nach oben. Etwas oder jemand nherte sich ihnen mit rasender Geschwindigkeit.
    Schnell, wir mssen uns verstecken!, raunte Milten seiner Gefhrtin zu und zerrte sie zurck in das unbersichtliche Dickicht der Glassulen keine Sekunde zu frh, denn schon war das Brummen verklungen und laute Mnnerstimmen waren in unmittelbarer Entfernung zu hren.
    Und du bist dir ganz sicher, dass du die Karte auf dieser Ebene verloren hast, Ritch? Ich hab echt keinen Bock, hier fr nix und wieder nix rumzusuchen, weite?
    Ja, Mann, ich schwrs dir, es war hier! Also, muss es ja gewesen sein, weil als ich zum letzten Mal hier war, da hatte ich das Scheiteil noch. Wei ich ganz genau. Hundert Pro.
    Das muss ja nix heien. Du kannst sie ja auch spter noch verloren haben, irgendwo anders halt.
    Hab ich aber nicht, klar? Und jetzt halt deine Scheifresse und fang an zu suchen, Jentzen. Ich hab dich nicht frs Scheie labern mitgenommen.
    Zu Miltens Entsetzen kamen die Stimmen immer nher. Er gab Yintsumi ein Zeichen und schlich sich, so leise es nur ging, weiter dem Mittelpunkt der Sulenansammlung entgegen. Das Mdchen folgte ihm geschwind und warf ihm einen hastigen Blick zu, aus dem grte Anspannung sprach.
    Wir sollten uns einfach vom Doktor eine Neue holen, maulte die etwas hellere der beiden Mnnerstimmen, die offenbar zu einem Kerl namens Jentzen gehrte. Geht doch viel schneller als uns hier bekloppt zu suchen.
    Du hast Marashi doch gehrt, Mann. Keiner soll den Doktor nerven, der arbeitet an irgendner wichtigen Scheie in einer der geheimen Laboretagen und da kommen wir ohne meine Karte eh nicht hin. Ich hab aber sowieso keinen Bock drauf, mich von dem Deppen wieder anscheien zu lassen, nur weil ich seine ranzige Karte verloren habe. Der soll sich auf seinen Kram mal blo nicht so viel einbilden. Nach dem ganzen neuen Schei im Liftu hat doch keiner gefragt.
    Du kannst echt froh sein, dass ich meine Schlsselkarte nicht auch verloren habe, du Penner. Ansonsten knnten wir jetzt nmlich berhaupt nicht mehr mit dem Liftu fahren.
    Deine Karte bringt uns aber einen Scheidreck, wenn wir in die oberen Ebenen wollen. Also finden wir das Teil jetzt und gut ist. Klar, Jentzen?
    Jaja...
    Die Stimmen der beiden Mnner hatten sich zu Miltens Erleichterung wieder ein wenig entfernt. Ihm war jedoch sehr bewusst, dass ihr Versteck ein alles andere als sicheres war: Weil die Sulenbehlter in geraden Reihen aufgestellt waren, konnte man entlang jeder Reihe von einem Ende der Halle zur anderen schauen. Sie konnten also jederzeit entdeckt werden, wenn sie nicht schnell genug zu einer anderen Reihe wechselten.
    Hey, Ritch.
    Was ist denn?
    Meinst du, die Karte ist magnetisch?
    Was wei denn ich, Mann? Was fragst du denn mich, ob die Scheikarte magnetisch ist, Mann?
    Unsere neuen Terrorklingen haben doch diese Magnetfunktion. Vielleicht knnen wir die Karte damit magnetisch anziehen, und dann mssen wir gar nicht danach suchen, weite? Dann kommt sie einfach zu uns geflogen.
    Das ist eine ranzige Scheiidee, Jentzen. Wie jede deiner beschissenen Ideen. Aber wir knnens ja mal versuchen.
    Ein leises Klick hallte von den Wnden wider, und ein hohes, kreiselndes Surren war zu hren. Pltzlich sprte Milten, wie etwas sehr Starkes mit Nachdruck an seinem Zeigefinger zog. Verwirrt blickte er auf seine Hand herab und begriff einen Moment zu spt, was geschah: Der Ring lste sich von seinem Finger und zischte, angezogen von einer unsichtbaren Kraft, quer durch die Luft, bis er klirrend am Glas einer Sule aufkam und dort haften blieb. Es klickte ein weiteres Mal, und der Ring fiel wieder zu Boden, wo er unter lautem Klimpern liegen blieb.
    Da war doch was, oder? Meinste, das war die Karte?
    Klang nicht danach. Aber lass mal nachsehen.
    In Milten kochte die nackte Panik hoch er durfte den Ring unter gar keinen Umstnden Marashis Handlangern berlassen! Kurz entschlossen sprintete er los, bckte sich nach dem Ring und
    Hey, wer zum Teufel bist du denn?
    Milten erstarrte in der Bewegung und hob langsam den Kopf. Die beiden Mnner, zwei bullige Kerle in roten Lederrstungen, hielten genau auf ihn zu.
    Ich... ich, h...
    Lasst uns blo in Frieden, ihr Mistkerle!
    Innerlich sthnte Milten auf, als er Yintsumis Stimme hinter sich hrte. Vermutlich wre ihm ohnehin keine gute Geschichte eingefallen, aber nun war jeder Versuch zwecklos, den beiden Schergen etwas vorzumachen.
    Was machst du denn hier, Yantsumi?, wunderte sich Ritch und warf seinem Kollegen einen fragenden Blick zu.
    Das ist nicht Yantsumi, du Idiot!, begriff Jentzen und zckte ein einhndiges Schwert, dessen lange Klinge einen kurzen Knopfdruck spter damit begann, bedrohlich surrend zu vibrieren. Das ist ihre Schwester und der Kerl da muss der verdammte Magier sein, der gestern mit ihr geschnappt wurde! Die beiden sind aus dem Knast geflohen!
    Scheie, fluchte Ritch und hielt nun ebenfalls seine Terrorklinge einsatzbereit in der Hand. Rhrt euch nicht vom Fleck, verstanden? Wir bringen euch wieder in eure Zelle zurck, da wo ihr hingehrt!
    Langsam wich Milten nach hinten zurck und steckte sich mglichst unauffllig den Ring auf den Finger zurck. Sie mussten schleunigst verschwinden, aber wohin? Die Flucht zurck in den Gefngnisbereich war eine Sackgasse, und was immer dieser Liftu, mit dem die beiden Mnner hergekommen waren, auch genau sein mochte es war aus ihrem Gesprch eindeutig hervorgegangen, dass er sich nur mit einer bestimmten Karte bedienen lie.
    Wir werden euch nirgendwohin folgen, ihr Schurken! Breitbeinig hatte sich Yintsumi zwischen zwei Glassulen aufgestellt, in denen mehrere verwachsene Fellknuel schwammen. Ergebt euch oder macht euch fr euren Untergang bereit!
    Ritch und Jentzen warfen sich belustige Blicke zu und brachen kurz darauf in schallendes Gelchter aus.
    Mach du den Magier fertig, wandte sich Ritch mit fiesem Grinsen an seinen Kumpanen. Ich kmmer mich um das kleine Miststck!
    Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, hob Ritch mit einem gewaltigen Satz vom Boden ab und sauste mehrere Meter weit durch die Luft. Gleichzeitig riss er die Terrorklinge empor und lie sie im Landen auf Yintsumi niederfahren, die gerade noch rechtzeitig ausweichen konnte. Surrend sbelte die Klinge ein langes Loch in den Boden, bevor sie von Ritch wieder nach oben gezogen wurde. Bevor er erneut ausholen konnte, hatte ihm Yintsumi bereits einen Tritt ins Gesicht verpasst, bevor sie einmal um die eigene Achse wirbelte und den Angriff mit einem krftigen Kinnhaken abschloss.
    Argh!, schnaufte Ritch und torkelte zurck. Ich mach dich fertig, du Gre!
    Keuchend packte er sein Schwert mit beiden Hnden und schmiss sich brllend auf Yintsumi. Erst in letzter Sekunde konnte sich das Mdchen zur Seite wegrollen die vibrierende Klinge durchschnitt die Glassule hinter ihr, die splitternd in sich zusammenbrach und eine violette Flssigkeit ber den Boden ergoss.
    Unbeirrt preschte Jentzen ber die sprudelnde Substanz hinweg und hielt direkt auf Milten zu, der mit wild klopfendem Herzen in die andere Richtung flchtete.
    Ja, lauf ruhig weg, Magier!, brllte ihm Jentzen hinterher. Das ist ja auch das einzige, was du ohne deine Runen kannst, du erbrmlicher Feigling!
    Panisch schnappte Milten nach Atem, als ihm heftige Stiche in den Seiten und seine in alter Strke zurckgekehrten Rckenschmerzen das Weiterlaufen zur Qual machten. Er wusste nicht, wie lange er noch durchhalten konnte, aber wenn ihn Marashis Scherge erreichte, dann war es sein sicherer Tod. Yintsumi war ganz mit ihrem eigenen Kontrahenten beschftigt und konnte ihm nicht zu Hilfe eilen. Und er selbst hatte nichts, womit er sich verteidigen konnte. Nichts... auer den Ring.
    Entsetzt hielt der Magier inne, als Jentzen pltzlich ber seinen Kopf hinweg sprang, sich im Flug um die eigene Achse drehte und im nchsten Moment direkt vor seiner Nase mit beiden Beinen auf dem Boden landete. Aggressiv und blutdurstig surrte die vibrierende Terrorklinge in Jentzens rechter Hand.
    Milten sprte, wie sein rasender Puls durch smtliche Glieder donnerte, als er versuchte, all seine Energien auf den Ring am Zeigefinger zu lenken als er alles auf seine letzte verzweifelte Hoffnung setzte, die nur darin bestehen konnte, die Macht des Rings freizusetzen und damit die Macht, die in ihm selbst schlummerte. Er wusste, dass er diese Macht in sich barg, er hatte es doch schon einmal kurz gesprt, er musste sie blo erneut wecken, und diesmal rechtzeitig und vollstndig es war mglich, er wusste es
    Aber nichts geschah. Er fhlte nichts als nackte Angst.
    Du httest dich besser nicht mit Marashi anlegen sollen, Magier. Dreckig grinsend hob Jentzen das todbringende Langschwert. Ich werde dich ihm in kleinen Scheibchen zurckbringen!
    Schreiend machte Milten einen Satz zurck, als der muskulse Kmpfer mit der Waffe nach ihm schlug. Das Schwert durchfetzte die Luft, und Milten stolperte einen weiteren, hastigen Schritt rckwrts. Als er dem nchsten Hieb des Schergen ausweichen wollte, kam er ins Straucheln, prallte mit dem Rcken gegen eine der Sulen und strzte zu Boden.
    Langsam und gensslich trat Jentzen an ihn heran und grinste hmisch auf ihn herab, whrend er die Terrorklinge voller Vorfreude in der Luft kreisen lie.
    Milten wusste, dass er verloren hatte. Seine allerletzte Hoffnung hatte sich als Tuschung erwiesen: der Ring war nichts als ein nutzloses Stck Metall. Er war gescheitert, die Mission fehlgeschlagen. Das Vertrauen, das Pyrokar und Saturas in ihn gesetzt hatten er hatte es enttuscht. Wenigstens wrden sie wohl niemals von seinem Scheitern erfahren, denn ab heute wrde er nichts als ein weiterer verschollener Magier sein. Und bald schon, sehr bald, wrde das Chaos, das auf dem Archipel geschaffen wurde, auch den Rest der Welt heimsuchen und ins Unglck strzen. Vielleicht hatte es eine Mglichkeit fr ihn gegeben, all das zu verhindern aber jetzt, in diesem Augenblick, war jeder dieser Gedanken hinfllig. Er hatte versagt.
    Die Terrorklinge brummte vor seinem Gesicht und Jentzen verpasste ihm einen Tritt in die Magengrube, so heftig, dass ihm schwarz vor Augen wurde. Schlierenhaft und verschwommen kehrte seine Sicht zurck, whrend ihm das hhnische Lachen seines baldigen Mrders in den Ohren klirrte. Miltens Kopf war wie in Watte getaucht, als er seinen Blick schweifen lie, wohlwissend, die letzten Atemzge seines Lebens zu tun. Der betubende Gedanke kam in ihm hoch, dass die entstellten Kreaturen in den Sulen das letzte sein wrden, das er im Leben zu sehen bekommen sollte: Ein lnglicher Fleischklumpen, aus dem eine einsame Hand hervorragte... vier grnliche Schleimbatzen, die durch eine dnne Membran miteinander verbunden waren... ein groes Bschel wuchernder Haare auf einem zungenfrmigen Gewebestck... und dann...
    Milten stockte der Atem, als er erkannte, was in der hellblulichen Flssigkeit des nchsten Glasbehlters trieb. Es war ein Mann, nackt und ohne jede erkennbare Deformation, und er war offenbar bei Bewusstsein, denn seine Augen waren weit aufgerissen und direkt auf Milten gerichtet. Die Haut war ungewohnt straff und blass wie bei einem Nordlnder und die Haare erstrahlten in einem hellen Blond, aber die leuchtend blauen Augen wie von flssigem Aquamarin, die in liebevoller Besorgnis auf ihn gerichtet waren, diese Augen htte Milten unter Tausenden wiedererkannt.
    Samu!
    Er lebte! Samu lebte er war nicht verloren, nichts war verloren, es gab noch eine Zukunft fr sie beide er durfte unmglich sterben, nicht jetzt, nicht in dem Augenblick, in dem er Samu wiedergefunden hatte!
    Zischend sauste Jentzens vibrierendes Schwert auf ihn herab und prallte klirrend von einer silbrig glnzenden Klinge ab, die sich dicht ber Miltens Krper aus der leeren Luft geschlt hatte.
    Was wie... wie ist das mglich?, stammelte Jentzen und machte einen berhasteten Schritt zurck, als Milten die Klinge auf ihn zurasen lie. Keuchend parierte er erst einen Schlag des schwebendes Silberschwerts, dann einen weiteren, dann noch einen... Immer weiter wurde er zurckgetrieben, whrend sich Milten aufrichtete und ihm langsamen Schrittes folgte, ohne von seiner Konzentration auf das fliegende Schwert abzulassen.
    Als Jentzen gerade zu einem weiteren verzweifelten Schlag ausholte, lie Milten die eigene Klinge vorpreschen und schlug dem Schurken die Terrorklinge aus der Hand. In hohem Bogen segelte die Waffe durch den Raum und durchschnitt dabei drei Glassulen, die ihren Inhalt sprudelnd und schumend ber den Boden verteilten.
    Schockiert sah sich der Kmpfer nach dem Verbleib seiner Waffe um, als Milten das Silberschwert einmal um die eigene Achse drehte und dem Schurken mit dem Knauf gegen die Stirn schlug. Sthnend sackte Jentzen in sich zusammen und blieb bewusstlos auf dem Boden liegen. Einen kurzen Gedanken spter war das Schwert wieder verschwunden, und Milten warf dem unscheinbaren Ring an seinem Finger einen anerkennenden Blick zu.
    Milten?, hrte er Yintsumis sich nhernde Stimme. Ich hab den Fiesling ordentlich plattgemacht, Milten! Ist bei dir alles in Ordnung?
    Keine Sorge, mir geht es gut.
    Glcklich strmte ihm Yintsumi entgegen und fiel dem Magier um den Hals, der sie aber rasch wieder abschttelte und aufgeregt auf die Sule deutete, in der Samuel trieb.
    Samuel! Das Mdchen machte groe Augen. Ich... ich kann es gar nicht glauben...
    Wir mssen ihn so schnell wie mglich da raus holen. Wer wei, was das fr ein Zeug ist, in dem er da schwimmt!
    Vielleicht hiermit? Yintsumi zeigte ihm aufgeregt eine Terrorklinge, die sie offenbar dem besiegten Ritch abgenommen hatte. Du musst nur den Knopf da unten drcken, dann zerschneidet die Klinge alles mgliche!
    Behalt das Schwert ruhig, sagte Milten und konzentrierte sich wieder darauf, seine inneren Krfte durch den Ring zu kanalisieren. Ich versuche es auf meine eigene Art.
    Er richtete seine mentale Aufmerksamkeit ganz auf die fragile Beschaffenheit des Sulenglases, breitete sein inneres Selbst in ihr aus und lie das Glas mit einem einzigen machtvollen Gedanken zerbersten. Die bluliche Flssigkeit ergoss sich in einer kleinen Flutwelle ber den Boden und spritzte auch Milten und Yintsumi nass, die den zu Boden sinkenden Samuel rechtzeitig auffangen konnten und gemeinsam sttzten.
    Prustend und rchelnd spuckte Samuel unter den besorgten Blicken seiner Freunde das blaue Wasser aus seiner Lunge, bis er nach einer Weile wieder zu einem rasselnden Atem zurckfand.
    Milten..., brachte er mit zittriger Stimme hervor. Ich dachte... ich dachte wirklich, dieser Kerl wrde dich umbringen...
    Er war auch kurz davor, gab Milten zu. Aber dann habe ich dich gesehen und der Ring hat funktioniert, Samu! Er funktioniert wirklich!
    Ich habe es dir ja gesagt, erwiderte Samuel lchelnd und schaffte es nun wieder mit etwas Anstrengung, sich ohne Hilfe auf den eigenen Beinen zu halten. Es lohnt sich immer, auf die Strke zu vertrauen, die ins uns selbst schlummert.
    Oh Samu! bermannt von seinen Gefhlen nahm Milten das verloren gewhnte Gesicht Samuels in beide Hnde und schenkte dem Geliebten einen innigen Kuss. Bitte lass mich nie mehr glauben, dass du tot bist, ja?
    Nie mehr, sagte Samuel mit sanfter Stimme. Ich verspreche es.
    Du solltest dir lieber schleunigst etwas anziehen, durchbrach Yintsumi die romantische Stimmung der beiden Liebenden. Ansonsten muss ich ja die ganze Zeit aufpassen, dass ich dir nichts weggucke!
    Vielleicht passt dir ja die Kleidung von dem da. Milten deutete auf den bewusstlos am Boden liegenden Jentzen, dessen rote Lederkleidung auf den ersten Blick ungefhr Samuels Gre zu haben schien.
    Lassen wir es mal auf einen Versuch ankommen, sagte Samuel und machte sich daran, dem ausgeknockten Schurken die Kleidung vom Leib zu ziehen. Whrend Milten ihn dabei beobachtete, wurde ihm wieder bewusst, wie sehr sich Samuels ueres Erscheinungsbild verndert hatte. Er schien um gut zehn Jahre verjngt, und sowohl die helle Haut als auch die blonden Haare erinnerten Milten an die Clanmitglieder Nordmars, die er whrend seines Aufenthalts im dortigen Kloster des Feuers kennengelernt hatte. Samus Gesichtszge allerdings, in denen noch immer ein guter Teil des alten Samuels steckte, waren viel feiner und weicher gezeichnet als die oft groben Gesichter der Nordmnner. Es war zwar sehr ungewohnt fr Milten, seinen Geliebten so verndert zu sehen, doch gleichzeitig musste er zugeben, dass ihm die Vernderungen gar nicht schlecht gefielen.
    Was ist mit dir geschehen, nachdem du in dieses weie Zeug hinein gefallen bist?, wollte Milten wissen. Wir waren uns beide sicher, dass du es nicht berlebt hast.
    Samuel war gerade in Jentzens Hose geschlpfte und nahm sich nun das Oberteil der Lederrstung vor. Als ich aufgewacht bin, war ich in einer Gefngniszelle eingesperrt. Es hat aber nicht lange gedauert, bis mich ein Wissenschaftler, der fr Marashi arbeitet, wieder herausgeholt hat.
    Das muss dieser Dr. Dojo gewesen sein, vermutete Yintsumi. Was hat er blo mit dir angestellt?
    Er hat mich erst nur untersucht... Wenn es stimmt, was er gesagt hat, dann war das Zeug, in das ich gefallen bin, verflssigtes Mimo in seiner reinsten Form. Es ist durch die Haut in meinen Krper eingedrungen und hat mich... verndert. Ihr seht es ja selbst.
    Flssiges Mimo? Yintsumi legte die Stirn in Falten. Wieso hat meine Schwester denn so etwas in das Badebecken gefllt?
    Der Doktor hat nicht viel darber gesagt, erzhlte Samuel weiter. Aber ich glaube, dass man einen Teil der Eigenschaften des Mimo aufnimmt, wenn man in ihm badet.Vielleicht war es das, was Yantsumi im Sinn hatte.
    Dann hast du jetzt auch das Mimo in deinem Krper?, erkundigte sich Milten besorgt. Fhlt es sich sehr schlimm an?
    Samuel schttelte den Kopf und drehte Milten den Rcken zu, damit er das Oberteil der Rstung mit einigen daran befestigten Bndchen zuschnren konnte. Es geht mir gut. Vielleicht ist das Mimo auch schon wieder fort... der Doktor hat mich in diesen Glasbehlter gesperrt und in eine Flssigkeit getaucht, die das Mimo meinem Krper wieder entziehen sollte. Er wollte mich danach wohl fr eines seiner Experimente einsetzen.
    Dieser durchgeknallte Wahnsinnige!, entfuhr es Yintsumi. Gut, dass wir dich befreit haben.
    Samuel, der nun vollstndig angekleidet war, hpfte probeweise ein bisschen auf der Stelle herum und reckte die Glieder.
    Passt doch ziemlich gut, fand er. Oh, was ist denn das hier?
    Er bckte sich nach einem kleinen grnen Krtchen, das zu Boden gefallen war.
    Das muss eine der Schlsselkarten fr dieses Liftu-Gert sein, erkannte Milten. Jentzen hier und sein Komplize waren gerade dabei, nach einer davon zu suchen, als sie uns ber den Weg gelaufen sind. Wenn ich die beiden richtig verstanden habe, dann msste diese Karte hier den Zugang zu den unteren Ebenen des Turms ermglichen.
    Und die Karte fr die oberen Ebenen msste hier auch noch irgendwo herum liegen, ergnzte Yintsumi. Naja, wenn die beiden Schurken denn berhaupt am richtigen Ort gesucht haben.
    Wir haben jetzt keine Zeit, hier alles abzusuchen, sagte Milten. Es wird sicher noch mehr Leute im Turm geben, die solche Karten haben. Und wir wissen ja noch nicht einmal, in welcher Ebene sich Marashi berhaupt aufhlt.
    Was habt ihr denn vor?, wollte Samuel wissen. Ihr habt mir noch gar nicht erzhlt, was ihr eigentlich in der Zwischenzeit herausgefunden habt.
    Tja, dann halt dich mal fest: Das Mimo ist nichts anderes als die Energie der gttlichen Sphre, die von Dr. Dojo abgesaugt wird, brachte ihn Milten auf den neuesten Stand, whrend sich die drei Gefhrten in Bewegung setzten und auf den Liftu-Schacht zuhielten. Marashi plant, in den inneren Kern der Sphre einzudringen und die Gtter zu vernichten, indem er ihre Energien in sich aufnimmt. Was er vorhat, wird die ganze Welt aus den Angeln heben wir mssen ihn unbedingt stoppen!
    Nur wir drei, allein gegen den ganzen Turm?, entgegnete Samuel skeptisch.
    Wir haben keine andere Wahl. Wenn wir nichts unternehmen, haben wir schon verloren.
    Sie hatten den Schacht erreicht und stellten sich im Halbkreis um die seltsame quadratische Plattform auf, die in der ffnung im Boden schwebte und offenbar dazu in der Lage war, sie zu anderen Ebenen des Hyper-Turms zu transportieren. An der metallenen Plattform war eine senkrechte, silbrige Leiste befestigt, auf der eine Vielzahl kleiner Knpfe angebracht war. Daneben befand sich ein lnglicher Kasten mit einem Schlitz, gerade breit genug, um die Schlsselkarte hineinzustecken.
    Also gut, seufzte Milten. Ich wei, wir sind alle ganz schn ldiert von den vielen Anstrengungen, die schon hinter uns liegen. Aber wenn wir Marashi aufhalten wollen, dann mssen wir jetzt ein letztes Mal unsere Krfte zusammennehmen. Seid ihr dazu bereit?
    Mit einem zuversichtlichen Lcheln nahm Samuel Miltens Hand. Du weit schon, fr manche Dinge kann man niemals bereit sein. Aber mit vereinten Krften knnen wir es schaffen.
    Natrlich schaffen wir es! Frhlich legte Yintsumi den Arm um beide Freunde gleichzeitig und drckte sie so fest an sich, dass Milten japsend nach Atem rang. Uns drei zusammen kann niemand aufhalten gemeinsam sind wir eine Wucht!
    Nachdem Yintsumi ihre Knuddelattacke beendet hatte, traten die drei Gefhrten nacheinander auf die schwebende Plattform. Milten hatte kein besonders gutes Gefhl dabei, sich auf Gedeih und Verderb den unheilvollen Krften des Mimo auszusetzen, denn ein Sturz in die Tiefe des Schachts konnte womglich tdlich enden, aber der Liftu schien die einzige Mglichkeit zu sein, zwischen den unterschiedlichen Ebenen des Turms zu wechseln.
    Als Samuel die grne Schlsselkarte in den Schlitz gesteckt hatte, leuchteten elf der Knpfe auf. Der erste Schalter war mit dem Buchstaben E beschriftet, die brigen mit den Zahlen von eins bis zehn. Whrend der Knopf mit der Zahl drei in einer grnlichen Farbe leuchetete, erstrahlten die brigen Tasten in einem gelben Farbton.
    Anscheinend befinden wir uns gerade im dritten Stockwerk, vermutete Milten.
    Dann lasst uns am besten erst einmal eine Etage nach oben fahren, schlug Samuel vor. Milten hatte selbst keinen besseren Vorschlag und drckte die Taste mit der Zahl vier. Sogleich kam Leben in die Plattform unter ihren Fen, die sich rumpelnd und brummend nach oben in Bewegung setzte.
    Die drei Freunde tauschten mulmige Blicke, als sie vom Liftu durch einen dunklen Schacht gefhrt wurden, ohne zu wissen, was sie auf der nchsten Etage erwarten wrde. Die Mglichkeit, dass sie Marashis Schergen direkt in die Falle liefen, war Milten nur allzu bewusst und brachte seinen Puls zum Rasen. Er rechnete mit dem Allerschlimmsten, aber was er tatschlich zu Gesicht bekam, als die Plattform in der vierten Etage zum Stillstand kam, hatte er nicht erwartet.
    Was ist denn das?, entfuhr es Yintsumi verblfft. Ein Gewchshaus?
    Tatschlich sahen sie sich mit einem groen Raum konfrontiert, in dem es an allen Ecken grnte und blhte. Gewaltige Blumen mit leuchtend gelben und blauen Blten reckten sich in die Hhe, grer als Milten und Samuel zusammen, und wurden von einer roten Hecke umsumt, deren Dornen so lang wie drei hintereinander gelegte Finger waren. Am aufflligsten aber waren die gigantischen Pilze, die berall aus dem erdigen Boden schossen und Milten an die Dunkelpilze erinnerten, die er von Khorinis kannte nur dass sie um ein Vielfaches grer waren.
    Ob Dr. Dojo auch hierfr verantwortlich ist? Vorsichtig machte Yintsumi einen Schritt in das Gewchshaus hinein.
    Gut mglich, sagte Milten, der ihr an der Seite von Samuel nachfolgte. Anscheinend hat er mit dem Mimo Experimente auf vielfltigen Gebieten betrieben.
    Milten berlegte gerade, ob sie in diesem Stockwerk wohl etwas finden wrden, das ihnen weiterhelfen konnte, als pltzlich ein tiefes, missgestimmtes Grollen durch den Raum hallte. Verblfft erkannte Milten, dass in den Riesenpilz, neben dem er stand, Bewegung geraten war. An der breiten Kappe des Pilzes klappten zwei ledrige Krusten hoch und entblten wild starrende rote Augen, whrend sich am Stamm ein riesiges, geiferndes Maul aufriss, in dem zwei Reihen spitzer Reizhne steckten.
    Weg hier!, brllte der Magier, als um sie herum weitere Pilze ihre Muler ffneten und blutrnstig glotzend auf sie zu stapften. Zurck zur Plattform!
    Panisch flchteten sich die drei Freunde zurck auf den Liftu, whrend ihnen die zornigen Rufe der aggressiven Pilze nachfolgten. Kaum hatten sie die Plattform erreicht, da drckte Samuel hastig den Knopf mit der Zahl fnf. Der Liftu setzte sich wieder nach oben in Bewegung, und der Pilz, der ihnen am nchsten gekommen war, schaute ihnen mit rgerlich funkelnden Riesenaugen hinterher.
    Das war knapp, chzte Samuel und wischte sich den Schwei von der Stirn.
    Killerpilze!, japste Yintsumi. Dieser Doktor muss vllig verrckt sein!
    Hoffentlich haben wir in der nchsten Etage mehr Glck. Sptestens jetzt war Milten klar, dass sie sich im Hyper-Turm niemals sicher fhlen durften: Selbst ein harmloses Gewchshaus hatte sich innerhalb von Sekunden in einen Ort des Terrors verwandelt.
    Als der Liftu im fnften Stockwerk zum Stehen kam, traute sich zunchst niemand von der Plattform. Misstrauisch spinksten die Freunde in den Raum hinein, der ber und ber mit Kfigen gefllt war. Manche der Kfige waren sehr gro, andere, kleinere, waren in mehreren Trmen aufeinandergestapelt, die sich teils in einer bedrohlichen Schieflage befanden. Die unterschiedlichsten Tierlaute waren in einem ohrenbetubenden Durcheinander zu hren, und ein intensiver, slicher Geruch stieg in Miltens Nase, als er sich nach einigem Zgern von der Plattform wagte und nher an die Kfige herantrat. In jedem der Behlter befand sich ein anderes Tier: Bunte Vgel flatterten in ihrer engen Behausung umher, kleine Echsen krochen in Glasgefen herum und in einem groen Zwinger presste ein ausgewachsenes Wildschwein die Nase durch das Gitter und schnffelte aufgeregt dem vorbeigehenden Magier und seinen beiden Begleitern nach. Einige der Tiere sahen allerdings auch sehr fremdartig aus, und Milten konnte sich nicht daran erinnern, jemals auch nur von ihnen gelesen zu haben.
    Noch mehr Opfer von Dr. Dojos Experimenten, sagte Yintsumi traurig, als sie an einem Kfig vorbei gingen, in dem ein hbscher Kanarienvogel mit nach oben von sich gestreckten Krallen leblos auf dem Rcken lag. Dieser Mistkerl ist so ein Widerling!
    Offenbar macht er vor nichts und niemandem Halt, stimmte ihr Milten zu.
    Ich glaube, wir sollten besser wieder gehen, meldete sich Samuel zu Wort. Ich glaube nicht, dass wir hier eine weitere Schlsselkarte finden werden. Und Marashi selbst wohl schon mal gar nicht.
    Milten nickte seufzend. Die Befrchtung, dass sie mit ihrem Streifzug durch die Stockwerke nur ihre ohnehin schon knappe Zeit verschwendeten, wurde immer strker in ihm.
    Sie hatten sich gerade umgedreht und die ersten Schritte auf die Liftu-Plattform zugemacht, als sie eine laute Stimme vernahmen: Hey! Ihr da! Haut nicht ab!
    Verblfft blickte sich Milten nach allen Seiten um, aber er konnte niemanden erkennen um sie herum waren nur die gefangenen Tiere.
    Hier bin ich! Hier unten ja, genau, in dem groen, rostigen Kfig direkt vor eurer Nase!
    Milten traute seinen Augen kaum: Die Stimme war in der Tat aus einem Kfig ganz in ihrer Nhe gekommen und gehrte einem Tier mit struppigem braunen Fell, das ihn entfernt an einen Wolf erinnerte.
    Das ist ja fantastisch! Strahlend rannte Yintsumi auf den Kfig zu, um das Wesen aus der Nhe zu betrachten. Ein Wolf, der sprechen kann sowas hab ich ja noch nie gesehen!
    Ich bin kein Wolf, korrigierte sie das gesprchige Tier geduldig. Jedenfalls nicht nur. Dr. Dojo hat mich aus einem Schattenlufer, einem Bluthund, einem Warg und einem Wolf gekreuzt. Und... naja, und ein bisschen Riesenratte ist auch mit drin. Keine Ahnung, warum das unbedingt noch sein musste.
    Aber wieso kannst du sprechen?, wollte Yintsumi wissen, whrend sich der Mischling mit der Pfote hinter dem Ohr kratzte.
    Dr. Dojo hat mein Blut mit Mimo verdnnt und mir ein bisschen was vorgelesen. Tja, und dann konnte ich es eben. Ich bin echt froh, dass ich sprechen kann, das kann ich euch sagen... will nicht wissen, wie langweilig es in diesem blden Kfig ohne die stndigen Selbstgesprche wre!
    Du weit ber das Mimo Bescheid?, wunderte sich Milten. Hast du viel mitbekommen von dem, was hier vor sich geht?
    Na klar! Das sprechende Wolfswesen nickte begeistert mit der Schnauze. Ich kann euch alles erzhlen, was ihr wissen wollt also, zumindest, wenn es der Doktor hier in meiner Gegenwart ausgeplaudert hat. Aber er hat eine ganze Menge ausgeplaudert, so viel kann ich euch versprechen. Wenn ihr mich hier raus holt, dann werde ich euch alles erzhlen!
    Milten wechselte einen misstrauischen Blick mit Samuel.
    Woher sollen wir wissen, dass wir dir vertrauen knnen?, sprach er seine Bedenken offen aus. Immerhin bist du ein Geschpf des Doktors. Du knntest mit ihm unter einer Decke stecken und uns bei der erstbesten Gelegenheit verraten.
    Samuel nickte. Ich wei auch nicht, ob wir dieses Risiko eingehen knnen.
    Nun kommt schon, das kann doch nicht euer Ernst sein!, emprte sich das sprechende Tier. Wrdet ihr etwa mit jemandem zusammenarbeiten, der euch in einen Kfig steckt und da einfach versauern lsst und dann auch noch in so einen rostigen wie diesen hier, in dem man nicht mal richtig mit dem Schwanz wedeln kann, ohne sich irgendwo anzustoen? Der Doktor interessiert sich doch einen feuchten Kericht fr mich! Wenn ihr nicht gekommen wrt, htte der mich glatt verhungern lassen!
    Keine Sorge, natrlich holen wir dich da raus, versprach Yintsumi etwas voreilig und warf Milten und Samuel aus groen Kulleraugen einen flehenden Blick zu. Das tun wir doch, oder?
    Wo willst du denn berhaupt hin?, wandte sich Milten wieder an das eingesperrte Wesen. Du wirst niemals aus dem Turm herauskommen, ohne von einem Schergen Marashis gefasst zu werden. Ehe du dich versiehst, steckst du sowieso wieder in einem Kfig.
    Wer sagt denn, dass ich sofort aus dem Turm raus will? Das Wolfstier hielt sich mit zwei Pfoten am Gitter fest und brachte sich so in eine halb aufrechte Position. Wenn ihr es mit Marashi aufnehmen wollt, dann komme ich natrlich mit euch, das ist ja wohl selbstverstndlich!
    Woher weit du denn...?
    Also wirklich, jetzt haltet mich bitte nicht fr dumm! Das war aus eurem Gesprch vorhin doch ganz klar herauszuhren. Auerdem bist du er nickte mit der Schnauze in Richtung Yintsumi ganz offensichtlich Yantsumis Zwillingsschwester, die gestern gefangen genommen wurde. Da muss ich doch nur eins und eins zusammenzhlen, um zu wissen, was hier luft! Und bevor ihr fragt: Das Rechnen hat mir Dr. Dojo auch beigebracht.
    Na schn, gab Milten nach. Fr lange Diskussionen hatten sie keine Zeit, und das plauderfreudige Tier schien alles ernst zu meinen, was es sagte. Dann mssen wir jetzt nur irgendwie deinen Kfig aufbekommen.
    Er deutete auf das groe Vorhngeschloss, das an der Gittertr angebracht und im Gegensatz zum restlichen Kfig leider nicht von zersetzendem Rost betroffen war.
    Das ist doch kein Problem!, rief Yintsumi aus und scheuchte die beiden Mnner zur Seite. Alle zurcktreten!
    Konzentriert lchelnd hob sie die Terrorklinge, aktivierte per Knopfdruck die Vibration und sbelte das Vorhngeschloss mit einem rasanten Hieb in zwei Teile, die unter leisem Geklapper zu Boden fielen. Sogleich hatte das befreite Tier mit der Schnauze die Tr aufgestoen und machte einen groen Satz in die Freiheit, wo es begeistert mit dem Schwanz wedelte und um seine drei Befreier herum hpfte.
    Danke, Leute! Ohne euch htte ich wohl mein ganzes Leben in diesem furchtbaren Kfig verbringen mssen. Und dann auch noch das stndige Geschwafel von Dr. Dojo... das kann einen auf Dauer wirklich zermrben!
    Yintsumi beugte sich zu ihm herab und kraulte dem behaglich brummenden Mischling den Kopf.
    Jetzt bist du ja endlich frei. Wie heit du denn berhaupt?
    Naja... so einen richtigen Namen habe ich nicht, gab der Fnftelschattenlufer zu. Der Doktor hat mich immer nur bei meiner Bezeichnung in seinem komischen Klassifizierungssystem gerufen: Magenta 32. Am besten sucht ihr einfach einen neuen Namen fr mich aus einen richtigen!
    Magenta 32 ist schon in Ordnung, fand Milten. Bleiben wir erst mal dabei.
    Enttuscht lie das Tier die Schnauze sinken. Oh... na gut. Ich hatte gehofft, ihr httet euch etwas Neues ausgedacht. Vielleicht etwas... Persnlicheres...
    Dazu ist jetzt keine Zeit, entschied Milten. Wir mssen so schnell wie mglich zu Marashi gelangen, bevor er seinen Plan in die Tat umsetzt und das ganze Universum in Gefahr bringt!
    Das klingt aber bedrohlich, sagte Magenta 32. Dann sollten wir uns wohl wirklich besser beeilen. Marashi ist die meiste Zeit in seinen Privatrumen in den obersten Stockwerken des Turms. Aber nur Kierkegaard, Dr. Dojo und die Anfhrer von Team Kashoto und Team Haigotcho haben eine Schlsselkarte fr diese Etagen. Naja, und Marashi selbst kommt natrlich sowieso berall hin.
    Wer ist denn dieser Kierkegaard? Milten konnte sich nicht daran erinnern, den Namen schon einmal gehrt zu haben.
    Ein alter Bekannter von Marashi, berichtete Magenta 32 und leckte dabei emsig mit der labberigen lila Zunge an Yintsumis Handrcken herum. Er hat ihm das Geld gegeben, das er gebraucht hat, um mit der Erforschung des Mimo berhaupt beginnen zu knnen. Ohne Kierkegaard wre Marashi jetzt wohl noch immer genauso machtlos wie er es nach seiner ersten Niederlage gegen Sokuwabe war.
    Du kennst dich aber wirklich gut aus, kommentierte Samuel erstaunt.
    Na klar! Ich hab ja auch ewig lange nichts anderes zu tun gehabt als zuzuhren. Da merke ich mir sowas eben.
    Also mssen wir entweder Dr. Dojo, Kierkegaard oder einen von diesen Teamanfhrern finden?, fasste Milten zusammen. Weit du denn, wo sich diese Leute gerade aufhalten?
    Hmm. Magenta 32 setzte eine grblerische Miene auf, soweit es ihm sein Wolfsgesicht ermglichte. Kierkegaard und Joey, der Anfhrer von Team Kashoto, sind die meiste Zeit ber in einer der obersten Etagen... da kommen wir ohne die passende Karte nicht hin. Wo deine Schwester gerade steckt, wei ich leider auch nicht, aber Dr. Dojo ist gestern Nachmittag zur Reaktorebene abgehauen und seitdem nicht mehr wiedergekommen. Mit ein bisschen Glck ist er immer noch dort.
    Warte mal... es gibt eine Reaktorebene?, fiel ihm Milten aufgeregt ins Wort. Heit das etwa, dass sich der Mimo-Reaktor hier im Turm befindet?
    Na sicher, besttigte Magenta 32. Allerdings... naja, da gibt es noch ein Problem. Zur Reaktorebene haben nmlich noch weniger Leute Zugang als zu Marashis Privatgemchern.
    Sthnend vergrub Milten das Gesicht in den Hnden. Wir drehen uns doch im Kreis!
    Nein nein!, versicherte ihm das Wolfstier. Dr. Dojo lsst sich sein Essen immer zur Arbeit bringen, deswegen hat er dem Kantinenchef eine blaue Schlsselkarte fr den Zugang zum Reaktor gegeben. Und wenn ihr hierher gekommen seid, dann msstet ihr eigentlich auch den Zugang zur neunten Ebene haben, wo sich die Kantine befindet.
    Ja, den haben wir wirklich, sagte Samuel, und auch Milten erinnerte sich noch gut an die leuchtende Zahl Neun auf einem der Knpfe.
    Na also, worauf warten wir dann noch? Begeistert schleuderte Yintsumi das vibrierende Schwert in die Luft, wo es sich mehrfach berschlug, und fing es unter den entsetzten Blicken der Umstehenden frhlich grinsend am Griff wieder auf. Ab in die Kantine!
    Im nchsten Moment war Yintsumi schon auf den Liftu-Schacht zu gerannt und wurde auf halbem Wege vom bermtig losstrmenden Magenta 32 berholt. Milten konnte es gut verstehen, dass es das Tier, das sein ganzes bisheriges Leben in Gefangenschaft verbracht hatte, gar nicht abwarten konnte, die Vorzge seiner neu gewonnenen Freiheit auszukosten. Ein wenig schmte er sich fr sein anfngliches Misstrauen und seinen Vorschlag, ihren nun so frhlich herumtollenden neuen Gefhrten einfach in seiner Zelle zurckzulassen. Yantsumis Verrat war ein harter Schlag fr sie alle gewesen, aber er durfte sie nicht dazu verleiten, eine Hartherzigkeit zu entwickeln, wo frher Herzensgte und Hilfsbereitschaft gehaust hatten.
    Milten trat als Letzter auf die Plattform und beobachtete, wie Samuel die grne Karte erneut in den Schlitz schob. Ein weiteres Mal flammten die Liftu-Tasten auf, und er wollte gerade die Taste mit der Zahl Neun drcken, da bemerkte er, dass sich Yintsumis Gesichtsausdruck verndert hatte.
    Ungewohnt ernst starrte sie an die Wand des Schachts und war offenbar vllig in sich gekehrt.
    Yintsumi?, sagte er vorsichtig. Alles in Ordnung?
    Als das Mdchen antwortete, sah Milten, dass ihre Mundwinkel zitterten.
    Ich... habe etwas gesprt...
    Besorgt beugte sich Milten zu der jungen Frau hinab, die mehr als einen Kopf kleiner war als er.
    Was hast du gesprt, Yintsumi?
    Yintsumi schwieg, dann fasste sie zaghaft Miltens Arm und blickte zu ihm hoch.
    Er ist hier, flsterte sie. Mein Vater ist hier.

  6. View Forum Posts #6 Reply With Quote
    Deus Laidoridas's Avatar
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    Gelangweilt bltterte Marashi durch die Papiere des Wochenberichts, den ihm Kierkegaard auf den Schreibtisch gelegen hatte: In der Metallgieerei auf Onai hatte es eine Schlgerei zwischen mehreren Arbeitern gegeben, in der Werkanlage auf Zakuwake waren zwei Shitane-Antriebe und ein Akatushi-Schmelzer fr den Produktionseinsatz aus dem Lager verschwunden, auf Kyuko war ein unautorisierter Schwarzmarkt fr Mimo-Strahler aufgeflogen... Irgendwann sah Marashi kaum noch richtig hin. All diese lcherlichen Kleinigkeiten hatten keine Bedeutung fr sein wahres Vorhaben, sie waren es nicht im Geringsten wrdig, von ihm mit Aufmerksamkeit studiert zu werden. Fast wurde er ein wenig rgerlich auf Kierkegaard, der ihn mit seinem berflssigen Bericht leichtsinnig von seiner Konzentration auf das Wesentliche abgelenkt hatte.
    Marashi klappte den Ordner zu, schob ihn auf dem Schreibtisch zur Seite und
    Mitten in der Bewegung hielt er inne. Er sprte, dass er nicht mehr allein war. Langsam, sehr langsam hob Marashi den Kopf, innerlich schon vorbereitet auf den Anblick, der ihn erwartete. Er hatte diese Mglichkeit jederzeit in Betracht gezogen, auch wenn er darauf gehofft hatte, dass es nicht dazu kommen wrde. Aber jetzt, da er den Blick nach vorne gerichtet hatte, wusste er, dass diese Hoffnung umsonst gewesen war.
    Der alte Mann war in einfachen, anthrazitfarbenen Stoff gekleidet und hatte sich einen schmucklosen Wollmantel bergeworfen. Die grauen Haare wuchsen ihm in vier langen Zpfen zu beiden Seiten seines faltigen Gesichts bis weit ber die Schultern hinaus. Mit verschrnkten Armen stand er im Zentrum des roten Teppichs und blickte Marashi direkt in die Augen.
    Was hat das alles zu bedeuten, Mesuke Marashi? Kajiro Sokuwabe spie seinen Namen in die Luft wie ein bses Gift. Erklre dich!
    Marashis rechte Hand wanderte unter seinen Schreibtisch, suchte den kleinen Knopf, der ganz rechts an der Unterseite der Tischplatte gleich neben den sieben Strahlern in das Holz eingelassen war, und drckte ihn dreimal kurz hintereinander: das Signal fr den ultimativen Alarm. Jeder seiner engsten Vertrauen wusste nun von Sokuwabes Ankunft und wrde die ntigen Schritte einleiten, ganz wie er es ihnen aufgetragen hatte. Nur Dr. Dojo wrde nichts unternehmen knnen er hatte den inneren Kern nicht rechtzeitig erreicht. Er hatte versagt, und Marashi wrde ihn dafr ben lassen, wenn er erst einmal mit Sokuwabe abgerechnet hatte.
    Was tust du hier, alter Mann?, sagte Marashi in gedehnten Worten. Solltest du nicht schlafen?
    Sokuwabes Brauen senkten sich. Die Ahnen haben mich im Traum gewarnt. Sie haben den Zushu-no-washi unterbrochen, damit ich dir Einhalt gebiete.
    Marashis Blick wanderte hinab zu Sokuwabes Hfte, an dessen rechter Seite sein Tachi befestigt war. Jeder Hajiki musste zum Zeitpunkt seiner Berufung eine Waffe whlen, die er bis zu seinem Tod zu fhren bereit war, und Sokuwabe hatte sich fr das Tachi seines Groonkels entschieden: ein sehr altes Schwert, das einst von Sokuwabes Urgrovater im Feuer von Sai-Gunchu geschmiedet worden war. Sentimentaler Unsinn, fr den Marashi nichts brig hatte. Er wrde den Seelenzerstrer whlen, eine tausendmal tdlichere Waffe als jedes Schwert, das jemals von Menschenhand geschaffen worden war.
    Die Ahnen haben dich umsonst aus deinem Schlaf geweckt, sagte Marashi und tastete auf der Unterseite der Tischplatte nach dem Griff des mchtigsten aller Strahler. Ich habe nichts Unrechtes getan, Hajiki. Oder ist es etwa verboten, auf dem Archipel einen Turm zu errichten?
    Es ist zwecklos, mir etwas vorzumachen. Sokuwabes Stimme war fest und entschlossen. Du hast das spirituelle Gleichgewicht aller Sphren ins Wanken gebracht, und ich spre die gemarterten Seelen der Unschuldigen, die du in deinem Turm gefangen hltst. Wenn du in deinem unheilvollen Bestreben fortfhrst, dann wirst du jeden Menschen auf dem Archipel und darber hinaus ins Verderben strzen. Du wirst die gttliche Essenz in unserer Welt vernichten, und das wird sie nicht berleben.
    Was du beschreibst, hrt auf den Namen Fortschritt. Ein selbstsicheres Grinsen war auf Marashis Gesicht getreten. Du kannst es nicht aufhalten, alter Mann. Es wird Zeit, dass du lernst, dich dem Lauf der Zeit zu beugen.
    Schluss mit dem verlogenen Geschwtz!, rief Sokuwabe mit berraschend lauter Stimme. Mesuke Marashi, als Hajiki der einundvierzig Inseln fordere ich dich auf, all deinen Besitz abzugeben, deine Gefangenen zu befreien und das Archipel noch heute zu verlassen. Du wirst nie wieder einen Fu auf eine der Inseln setzen, oder es wird dein sicherer Tod sein.
    Marashi rieb sich in grblerischem Gestus das Kinn, schwieg eine Weile und sagte dann: Nun gut, ich gebe mich geschlagen. Ich werde mich dem Willen des Hajiki beugen.
    Zufrieden beobachtete Marashi, wie ein Ausdruck von berraschung in den Augen des alten Mannes aufblitzte. Im nchsten Moment hatte er den Seelenzerstrer gepackt, riss ihn nach oben ber die Kante des Schreibtischs und feuerte einen tdlichen Strahl auf Sokuwabe ab. Blitzschnell zuckte die Hand des Hajiki zum Griff seines Tachis, riss das Schwert aus der Scheide und lenkte das glhende Geschoss mit der blitzenden Klinge ab. Die zerstrerische Energie traf zischend an der Decke auf und frste in Sekundenschnelle ein groes Loch hinein.
    Hast du das wirklich geglaubt, du einfltiger Dummkopf?, brllte Marashi, sprang von seinem Stuhl auf und feuerte drei weitere Strahlen auf seinen Erzfeind ab. Ich musste mich dir schon einmal beugen aber diese Zeiten sind vorbei!
    Sokuwabe lie das Schwert in rasend schnellen Bewegungen vor seinem Krper kreisen und wehrte damit die Schsse des Seelenzerstrers ab, die daraufhin Wnde und Decke durchlcherten.
    Du bist verloren, Mesuke Marashi.
    Er packte das Tachi mit beiden Hnden, strmte auf den Schreibtisch los und hob vom Boden ab.

    Und du bist dir ganz sicher, dass du den richtigen Weg kennst?
    Die neunte Etage des Hyper-Turms bestand aus einem verwinkelten Labyrinth von Korridoren, das fr Milten wohl selbst dann schwer zu berblicken gewesen wre, wenn er ber einen Lageplan verfgt htte. Er konnte sich kaum vorstellen, dass es ihrem Lotsen gelingen mochte, den Weg zur Kantine allein durch seine Erinnerungen an die belauschten Gesprche Dr. Dojos zu ermitteln.
    Naja, ich gehe einfach immer dem Essensgeruch nach, gab Magenta 32 zurck und machte ein paar Schnffellaute. Der ist ja wohl nicht zu berriechen, oder?
    h... klar doch.
    Bislang waren sie in dem Stockwerk noch niemandem ber den Weg gelaufen. Immer wieder passierten sie verschlossene Tren und hrten von Zeit zu Zeit dumpfe Stimmen, aber auf den Verbindungskorridoren war es menschenleer.
    Was sind das hier berall fr Rume?, erkundigte sich Samuel. Wohnt hier jemand?
    Magenta 32 blickte im Laufen zu Samuel hoch und sagte: Ich glaube, das sind Unterknfte fr Marashis Gste. Wenn er oder einer seiner engsten Vertrauten einen Besucher auf lngere Zeit empfangen will, dann kommt er hier in einem der Zimmer unter. Die Kantine ist aber auch in dieser Ebene untergebracht. Ich glaube, wir mssten gleich angekommen sein.
    Mittlerweile konnte auch Milten den Geruch nach warmen Speisen riechen, der durch den Gang strmte. Nachdem sie um eine Ecke gebogen waren, erkannte er am anderen Ende des Korridors eine weit offene Doppeltr, hinter der sich ein groer Raum mit vielen rechteckigen Tischen ausmachen lie.
    Also gut, dann wollen wir mal, was?, sagte Magenta 32 und wandte sich kurz vor dem Durchgang zur Kantine noch einmal nach den anderen um.
    Gehen wir rein, entgegnete Samuel, und Yintsumi nickte energisch. Dass ihr Vater vermutlich gerade dabei war, mit Marashi einen Kampf auf Leben und Tod auszufechten, belastete sie sichtlich, aber sie war fest dazu entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen.
    Schon auf den ersten Blick erkannte Milten, dass in der Kantine offenbar gerade erst gegessen worden war: Auf den Tischen stand noch das dreckige Geschirr herum, aber die Gste waren alle schon gegangen. Hinter einer langen Holztheke befand sich neben drei groen Regalen voller Flaschen eine Schwingtr, die in diesem Augenblick weit aufgestoen wurde. Ein braun gebrannter, brtiger Mann mit einer beachtlichen Wampe betrat den Raum und brllte: Kantine ist geschlossen, ihr seid zu spt dran!
    Wir sind auch nicht zum Essen gekommen, verkndete Milten und trat gemeinsam mit den anderen nher.
    Das gibts ja nicht!
    Der Mann hinter der Theke brach zu Miltens Unverstndnis pltzlich in ein lautstarkes, plrrendes Gelchter aus und zeigte mit dem Finger auf Samuel, der vom Anblick des Fremden schockiert schien.
    Samuel!, johlte der Dicke und klatschte vor Begeisterung in die Hnde. Ich htte nicht gedacht, dass ich dich noch einmal wiedersehe erst recht nicht hier, am Ende der Welt!
    Ich auch nicht, knurrte Samuel. Ich dachte, du wrst tot, Lou. Gefressen von einem Sumpfhai, so hie es doch damals.
    Ha ha ha! Lou hielt sich den Bauch vor Lachen. Das dachten sie alle, ja! Aber einen Schnapsbrenner haut so schnell nichts um, so ein dmliches Vieh schon mal gar nicht!
    Wer ist dieser Kerl?, wollte Milten von Samuel wissen, doch es war Lou, der zuerst antwortete.
    Ich bin Samuels Erzrivale aus unserer Zeit in Jharkendar, erluterte der Schnapsbrenner. Ich war einer von Ravens Banditen, und Samuel, na, der war schon damals der versoffene Pirat, der er wahrscheinlich immer noch ist! Unsere Kumpels haben sich stndig die Kpfe eingeschlagen, doch wir beide, wir haben immer nur versucht, uns im Schnapsbrennen zu berbieten. Aber wenn du ehrlich bist, Samuel, dann war ich schon immer der bessere von uns beiden du httest es mir niemals ins Gesicht sagen knnen, aber mein Doppelhammer hat dich damals von den Socken gehauen!
    Was hat das zu bedeuten, Samu? Entsetzt starrte Milten den Mann an, den er so gut zu kennen geglaubt hatte, und der ihm nun nicht einmal mehr ins Gesicht blicken konnte. Du bist ein... Pirat?
    Ha ha ha!, grlte Lou und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen, dass es knallte. Du hast deinen neuen Freunden wohl lieber nichts von deiner Vergangenheit erzhlt, was? Kommt halt nicht bei jedem so gut an, wenn man ein paar Galeeren voller Unschuldiger auf dem Gewissen hat! Sag mal, wie siehst du denn eigentlich aus, Samuel? Bist du in einen Eimer Kreide gefallen oder was?
    Samu!, schrie Milten dem reglos zu Boden blickenden Geliebten ins Gesicht. Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist!
    Traurig schttelte Samuel den Kopf. Es tut mir leid, Milten... ich... ich habe es dir sagen wollen... aber... ich hatte solche Angst, dich zu verlieren...
    Und ich habe dir vertraut! Schockiert machte Milten einen Schritt von Samuel weg. Ich habe dir vertraut, und du du warst die ganze Zeit ber ein ruchloser Mrder!
    Frher einmal war ich ein schlechter Mensch, Milten, das stimmt, versuchte sich Samuel verzweifelt zu erklren, und ich habe einst viele Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin. Es gibt nichts in der Welt, das die Fehler von damals wieder gut machen kann, das wei ich. Aber ich habe mich vor Jahren schon ganz bewusst dazu entschlossen, mit meinem Leben als Seeruber abzuschlieen und diese Fehler nicht noch einmal zu begehen. Ich habe mich dafr entschieden, ich selbst zu sein. Und diese Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.
    Milten wusste nicht, was er von all dem halten sollte, was ihm Samuel erzhlte. Vielleicht stimmte es, dass er mittlerweile ein anderer Mensch geworden war, aber ob er jemanden lieben konnte, der offenbar so viel Unheil angerichtet hatte, das vermochte er sich im Augenblick selbst nicht zu beantworten.
    Hey, wartet mal! Lous Gesichtsausdruck hatte sich verfinstert und er deutete mit dem Finger auf Yintsumi, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Du bist doch Yantsumis Schwester du solltest eigentlich im Gefngnis verrotten!
    Tut sie aber nicht, entgegnete Milten grimmig. Er konnte spter ber die Sache mit Samuel nachsinnen jetzt galt es erst einmal, Marashi aufzuhalten. Wir sind hier, um uns die blaue Schlsselkarte zu holen.
    Ach, meint ihr die hier? Grinsend zog Lou ein blaues Krtchen hervor und wedelte damit ber der Theke in der Luft herum, bevor er es sich wieder in die Hosentasche steckte. Die bekommt ihr aber nicht. So viel kann ich gar nicht saufen, dass ich bld genug wrde, um euch miesen kleinen Ratten den Zugang zum Reaktor zu gewhren!
    Dann werden wir sie uns eben mit Gewalt nehmen!, rief Yintsumi und lie die Terrorklinge surren. Wir werden alles tun, was ntig ist, um Marashi in die Knie zu zwingen!
    Yintsumi wollte vorpreschen, aber Samuel hielt sie zurck.
    Nein. Das ist eine Sache zwischen mir und ihm.
    Er nahm die Terrorklinge aus Yintsumis Hand und schritt langsam zur Theke.
    Ahh, endlich... Breit grinsend verschrnkte Lou die Arme. Endlich kommt es zur Konfrontation, auf die wir unser ganzes Leben lang gewartet haben Bandit gegen Pirat, Schnapsbrenner gegen Schnapsbrenner!
    Zieh deine Klinge, du Mistkerl, schnaubte Samuel und sbelte mit einem rabiaten Hieb eine Ecke der Theke ab. Bringen wir es endlich hinter uns!
    Eine Klinge? Lachend griff Lou in das Regal hinter seinem Rcken. Wozu brauche ich eine Klinge, wenn ich das hier haben kann?
    Er packte eine der bauchigen Flaschen, entkorkte sie mit den Zhnen und spuckte den Korken zu Boden, um sich den Inhalt der Flasche anschlieend gurgelnd in den Mund zu kippen. Kaum hatte er ausgetrunken, schmetterte er die Flasche zu Boden und brllte aus vollem Halse: DOPPELHAMMER!
    Innerhalb von Sekundenbruchteilen vergrerte sich seine rechte Hand um das Zweifache, und die Hautfarbe seiner Finger nahm einen sthlernen Ton an. Grlend ballte der Dicke die riesige Hand zur Faust und schlug damit nach Samuel, der im letzten Moment ausweichen konnte. Die Wucht des Faustschlags traf stattdessen die Theke und lie das Holz zerbersten.
    Oh ja, Samuel, ich hatte in den letzten Jahren viel Zeit, meine Rezepte zu perfektionieren und Marashi hat mich mit den ntigen Zutaten versorgt! Aber das ist noch lngst nicht alles, was ich in Petto habe...
    Er wollte mit der linken Hand ein weiteres Mal in das Schnapsregal greifen, doch Samuel kam ihm zuvor und ging mit der Terrorklinge auf ihn los. Drhnend traf die vibrierende Klinge auf Lous geballter Stahlfaust auf und sprhte rote Funken in die Luft. Mit vor Anstrengung glhender Stirn presste der Kantinenchef das zuckende Schwert von sich weg und lie einen weiteren Fausthieb auf Samuel zuschnellen, der sein Ziel jedoch verfehlte und eines der Regale traf. Holzsplitter segelten durch die Luft und dutzende Flaschen kugelten zu Boden, wo sie teils zerbrachen, teils unversehrt in eine Ecke kullerten.
    Hastig griff sich Lou eine der am Boden liegenden Flaschen, riss den Korken heraus und lie den Schnaps gierig seine Kehle hinunter gluckern. Mit einem lauten Schrei schleuderte er die leere Flasche auf Samuel zu, der sie mit der Terrorklinge in der Luft zersplitterte.
    TRIPLEHAMMER!
    Entsetzt beobachtete Milten aus der Entfernung, wie Lous Faust auf die dreifache Gre anwuchs, bevor sich der Schnapsbrenner ein weiteres Mal auf Samuel strzte. Mit Mhe und Not konnte der ehemalige Seeruber den Angriffen des wahnsinnigen Kantinenchefs standhalten, wurde aber immer weiter zurckgedrngt.
    Ihr schon wieder ich htte mir gleich denken knnen, dass ihr hinter dem ganzen Lrm steckt!
    berrascht drehten sich Milten, Yintsumi und Magenta 32 um und blickten in das von Scherbenschnitten und Snapperbissen gezeichnete Gesicht von Bo Leng, der begleitet von zwei uniformierten Stadtwachen die Kantine betreten hatte.
    Wann werdet ihr kleinen Qulgeister endlich damit aufhren, mir auf die Nerven zu gehen? Der Hauptmann zckte seinen Elektroknppel und lie per Knopfdruck die Blitze zucken. Ihr seid wie eine Wolke: Wenn ihr euch verzieht, knnte es noch ein schner Tag werden.
    Darauf kannst du lange warten, du elender Fiesling!, rief ihm Yintsumi kmpferisch entgegen. Wir werden nicht tatenlos dabei zusehen, wie Marashi seine schurkischen Plne in die Tat umsetzt!
    Es ist mir vllig egal, was Marashi vorhat, gab Bo Leng offen zu. Solange er mich besser bezahlt als ihr, werde ich euch mit Vergngen fr ihn zur Strecke bringen. Macht sie fertig, Mnner!
    Auf Bo Lengs Befehl hin zogen die beiden Stadtwchter ihre Schwerter und strmten auf Yintsumi und Magenta 32 zu, whrend der Hauptmann mit dem Elektroknppel nach Milten schlug. Kurz bevor ihn die britzelnde Waffe erreicht hatte, materialisierte Milten einen Schild aus schillerndem Titan vor seinem Krper, der den wuchtigen Schlag abfing und die elektrische Energie absorbierte.
    Kurz flackerte Erstaunen auf Bo Lengs Gesicht auf, dann kehrte die gewohnte Selbstgeflligkeit zurck. Der Magier hat wohl ein paar neue Tricks gelernt, was?
    Gib dir keine Mhe, Bo Leng!, rief Milten und verformte den Schild zu einem lnglichen Spie, mit dem er nach dem Hauptmann stie. Mit meinen Krften kannst du es nicht aufnehmen!
    Bo Leng sprang behnde zur Seite, packte den Spie mit beiden Hnden und schleuderte ihn zur Seite weg, wo er die Teller von einem Tisch fegte. Welche Krfte? Wenn ich mir morgens einen Pickel ausdrcke, dann hat das mehr Power als du!
    Yintsumi hatte sich derweil ein Tablett gegriffen, das auf einem der Tische gelegen hatte, und schleuderte es dem Wchter entgegen, der auf sie zugelaufen kam. Der Mann schrie vor Schmerz auf, als ihn die Metallscheibe an der Stirn erwischte und torkelte ein Stck rckwrts, bevor er mit zornigem Gebrll erneut auf das Mdchen zustrmte. Er holte gerade mit dem Schwert nach ihr aus, da kam Magenta 32 von der Seite angeflogen, berschlug sich whrend des Sprungs in einem mehrfachen Salto und warf den Wchter zu Boden, der im Fallen mit dem Kopf an einer Tischkante aufkam und bewusstlos liegen blieb.
    Whrend sich Milten mit einem neu geschaffenen Titanschild gegen die auf ihn einprasselnden Attacken Bo Lengs wehrte, beobachtete er aus dem Augenwinkel, wie Samuel unter zunehmender Erschpfung die erbitterten Angriffe des Schnapsbrenners parierte. Lou hatte gerade eine weitere Flasche geleert, die er achtlos zur Seite schmiss, bevor er aus heiserer Kehle brllte:
    QUADROHAMMER!
    Die Faust des dicken Mannes schwoll auf eine entsetzliche Gre an und wurde so schwer, dass sie von Lou wie eine Abrissbirne geschleudert werden musste. Als sich Samuel unter einem Angriff wegduckte, preschte die gewaltige Stahlfaust in die Wand hinter ihm und schlug ein breites Loch hinein. Nach dem ersten Moment der Besorgnis um Samuel kehrte in Milten wieder die Erinnerung an das furchtbare Geheimnis zurck, das ihm Lou vor wenigen Minuten enthllt hatte. War es berhaupt gerecht, dass Samuel berlebte, nach allem was er getan hatte? Verdiente er es, zu leben und geliebt zu werden?
    Das wars dann wohl mit deiner tollen Magie, was?
    Als Milten begriffen hatte, dass der Titanschild verschwunden war, hatte ihn der Elektroknppel schon am Kinn getroffen. Ein unbeschreiblicher Schmerz durchzuckte seine Glieder, als die elektrischen Mimo-Energien jede Zelle seines Krpers zum Beben brachten. Schreiend verlor er den Halt und strzte mit dem Rcken auf einen Tisch, wo er zwischen Glsern und Tellern liegen blieb.
    Du hast einfach nichts drauf, Magier. Bo Leng beugte sich ber seinen schlotternden Krper und riss den Mund zu einem breiten, halb erstarrten Lachen voller selbstgeflliger berheblichkeit auf. Auer vielleicht Zahnbelag!
    Erneut holte er mit dem Elektroknppel aus, als ihn pltzlich ein kreiselndes Tablett am Kopf erwischte und ins Wanken brachte.
    Spar dir deine blden Sprche fr die Leute auf, die sie hren wollen, du Ekelpaket!, rief Yintsumi, whrend sich ihr von hinten der zweite Stadtwchter mit erhobenem Schwert nherte.
    Yintsumi!, brllte Milten und rappelte sich keuchend wieder auf. Hinter dir!
    Das Mdchen wirbelte herum und verpasste dem siegessicheren Wchter einen solchen Tritt unter das Kinn, dass ihm das Schwert aus der Hand rutschte und zu Boden fiel. Gleich darauf wurde es von Yintsumi weg getreten und schlitterte ber den Boden bis zur halb zerstrten Theke. Panik zeichnete sich im jungen Gesicht des Stadtwchters ab, als die Kellnerin mit dem Tablett auf ihn zielte. Er drehte sich um und rannte so schnell er konnte auf den Korridor hinaus.
    In meiner Stadtwache gibt es keine Deserteure!, brllte Bo Leng, bettigte den Schieber am Elektroknppel und pfefferte dem flchtenden Wchter einen blauen Blitz hinterher, der ihn am Rcken erwischte und zu Boden schleuderte.
    Gib auf, Bo Leng!, rief ihm Milten zu. Sogar deine eigenen Leute laufen dir schon davon!
    Ich brauche sie sowieso nicht!, behauptete Bo Leng mit zornesrotem Kopf. Mit euch kleinen Scheiern wird der Cop-Titan auch alleine fertig!
    Unter manischem Gelchter feuerte er eine Salve Blitze auf Yintsumi ab, die gerade noch rechtzeitig hinter einen umgestrzten Tisch in Sicherheit sprang. Holzsplitter segelten durch die Luft, als die Tischplatte von der brachialen Wucht der Elektroattacken zerfetzt wurde.
    Yintsumi war nun vllig schutzlos und schleuderte dem Widersacher verzweifelt ihr Tablett entgegen, das der Hauptmann mit der linken Hand auffing und grinsend beiseite warf. berheblich lachend zielte Bo Leng mit dem Elektroknppel auf die verngstigte Kellnerin, bettigte den Schieber und
    Ein lauter Schrei entwich der Kehle des Hauptmanns, als sich zwei Reihen scharfer Wargzhne in seine Wade bohrten. Vergeblich trat er mit dem anderen Bein nach dem zuschnappenden Magenta 32 und strzte zu Boden. Im gleichen Augenblick hatte es Milten endlich geschafft, seine innere Strke neu zu bndeln und lie eine silberne Klinge in der Luft erscheinen, die zu Bo Leng hinab schwebte und sich an seine Kehle legte.
    Ihr habt gewonnen, keuchte Bo Leng und schielte mit den Augen auf die schwebende Schneide hinab, die an seiner Haut kitzelte. Ihr habt den Cop-Titanen geschlagen seid ihr jetzt zufrieden? Lasst mich gehen und dann macht was ihr wollt... Marashis Kohle ist diesen ganzen Schei nicht wert.
    Wieso sollten wir dich gehen lassen?, entgegnete Milten mit zusammengekniffenen Augen. Du wirst uns doch niemals in Frieden lassen.
    Ha, du willst mich doch nicht etwa tten? Ein spttisches Grinsen trat auf Bo Lengs fieses Gesicht. Was wrde denn wohl dein Gott dazu sagen, wenn du einen wehrlosen Mann um die Ecke bringst? So viel Mumm hast du nicht in den Knochen!
    Wenn es sein muss, dann
    Ein pltzlicher, heftiger Aufprall riss Milten von den Fen. Sthnend traf der Magier auf dem Boden auf und schob den langen, schweren Krper von sich weg, der auf ihm gelandet war. Erst als er sich schon wieder aufgerappelt hatte, erkannte er, dass es Samuel war, der ihn umgerissen hatte. Lou hatte ihn vom anderen Ende des Speiseraums mit seiner Faust herber geschlagen und leerte gerade die nchste Flasche Schnaps, auf deren Etikett ein groer roter Totenkopf abgebildet war.
    ULTIMAHAMMER!
    Die Faust des Schnapsbrenners wlbte sich zu einem gigantischen, hammerfrmigen Gebilde aus schwarzem Stahl aus und brachte den Turm zum Erbeben, als sie mit einem mchtigen Schlag zu Boden prallte. Tiefe Risse durchfetzten den Kantinenboden, und von der Decke brckelten kleine Steinchen herab.
    Hammermig!, kommentierte Bo Leng anerkennend, bevor sich ein neu beschworenes Silberschwert an seine Kehle presste und ihn zum Verstummen brachte.
    Besorgt beugte sich Milten ber den ldierten Samuel und rttelte ihn wach.
    Samu! Alles in Ordnung, Samu?
    Argh... ja... geht schon. Sthnend erfasste er Miltens Hand und lie sich von ihm in die Hhe ziehen. Ich habe, was wir brauchen, also lasst uns zusehen, dass wir von hier verschwinden.
    Er griff in seine Hosentasche und holte die blaue Schlsselkarte daraus hervor.
    Was?!, brllte Lou und verzerrte sein Gesicht zu einer unglubigen Fratze der Wut. Wie hast du es geschafft... wie konntest du...?
    Das kommt davon, wenn man zu sehr mit sich selbst beschftigt ist, kommentierte Samuel. Du hast gar nicht bemerkt, wie ich sie dir aus der Tasche gezogen habe, weil du auf nichts anderes als deine Faust geachtet hast.
    Das wirst du bereuen, Samuel! Mein Hammer wird dich zerquetschen wie eine faulige Goblinbeere!
    Lous Gesichtszge explodierten beinahe vor Anstrengung, als er versuchte, seine zum riesigen Hammer angeschwollene rechte Hand vom Boden zu heben, doch selbst nach mehreren Versuchen gelang es ihm nicht. Fauchend und schnaubend versuchte er, Samuel zu erreichen, doch das Gewicht seiner Faust verhinderte, dass er sich mehr als einen Schritt weit vom Fleck bewegen konnte.
    Ein Schnaps ist immer nur so gut wie derjenige, der ihn trinkt, sagte Samuel und warf Lou einen mitleidigen Blick zu. Eines Tages wirst du das vielleicht verstehen.
    Kommt, Leute, lasst uns keine Zeit mehr verschwenden!, drngte Magenta 32 und hpfte aufgeregt auf der Stelle herum.
    Ja, auf zum Reaktor!, stimmte ihm Yintsumi zu. Je schneller wir dort sind, desto grer ist die Chance, dass wir Dr. Dojo noch stoppen knnen!
    Milten blieb im Raum, bis die anderen schon ein Stck weit auf den Korridor hinausgetreten waren, und sagte an den erschpft schnaufenden Hauptmann gerichtet: Und du rhrst dich nicht von der Stelle, klar?
    Verschwindet schon, knurrte Bo Leng. Ich werde den Teufel tun, mir noch einmal von euch den Tag versauen zu lassen.
    Milten warf ihm einen letzten skeptischen Blick zu, dann lie er das Silberschwert verschwinden und folgte seinen Freunden nach.

    Zischend glitt die uralte Klinge Sokuwabes durch die Luft, verfehlte Marashis linke Hand um Haaresbreite und bohrte sich in das Holz des Schreibtischs. Marashi stie einen zornigen Schrei aus, umklammerte den Seelenzerstrer mit beiden Hnden und lie einen Hagel von Energiestrahlen auf seinen Widersacher niederprasseln, der den Schssen entging, indem er einen Salto in der Luft vollfhrte. Mit beiden Beinen landete Sokuwabe nach seinem tollkhnen Sprung auf der Platte des Schreibtischs, die krachend in sich zusammenbrach. Dutzende Papiere segelten durch die Luft, whrend Kierkegaards Wochenbericht und das Kstchen mit den Runen des letzten gefangenen Magiers gemeinsam mit den Strahlern an der Unterseite der zerborstenen Tischplatte in den Trmmern versanken.
    Du wirst fr all das bezahlen!, schnaubte Marashi und wich zurck, als der Hajiki mit dem Tachi nach ihm schlug. Mein Zorn wird dich auslschen nichts wird von dir zurckbleiben, nicht das kleinste Staubkrnchen!
    Zorn ist ein schlechter Ratgeber, erwiderte Sokuwabe und beschrieb mit seinem Langschwert kunstvolle Linien in der Luft. Ein Mann, der sich von ihm leiten lsst, ist taub fr die Stimme seines Herzens.
    Mit strengem Blick hob Sokuwabe das Tachi zu einem weiteren Schlag, als er unvermittelt zusammenzuckte und ein dumpfes Sthnen ausstie. Als er sich um die eigene Achse drehte, sah Marashi den Wurfstern, der sich in die Schulter des Hajiki gebohrt hatte.
    Mit festem Blick starrte Sokuwabe den ttowierten Mann in der schwarzen Kutte am anderen Ende des Raumes an und hob das Tachi, von dem in der gleichen Sekunde ein weiterer Wurfstern abprallte. Rasend schnell lie er seine Klinge um den eigenen Krper wirbeln, um die nchsten Geschosse zu parieren, mit denen ihn Drone von der anderen Seite des Raumes her attackierte, whrend er gleichzeitig die Energieste des Seelenzerstrers abwehrte, die Marashi mit energisch zusammengebissenen Zhnen auf seinen Rcken abfeuerte. Als Drone das letzte seiner Geschosse geworfen hatte, zog er sein Kogatana, strmte auf Sokuwabe los und warf sich auf ihn.
    Schnaufend stie ihn der alte Mann von sich, bevor der Kuttentrger die Messerklinge in seinem Hals versenken konnte, und musste fr einen winzigen Augenblick seine Aufmerksamkeit von Marashis Angriffen abwenden. Ein Strahl des Seelenzerstrers zischte dicht an seinem Kopf vorbei und durchschnitt dabei einen seiner Zpfe. Gerade noch rechtzeitig riss er das Tachi in die Luft, lenkte mit der gleienden Klinge einen weiteren Energiestrahl ab, der eines der groen Glasfenster zersplittern lie, und versetzte dem Ttowierten einen so heftigen Futritt, dass er bewusstlos zu Boden strzte.
    Als sich Sokuwabe zu Marashi umwandte, war sein Blick voller Verachtung.
    Du bist ein Mann ohne Ehre, Mesuke Marashi. Aber Ehre ist es, die einen Krieger erst zu einem solchen macht. Ein Hajiki ohne Ehre ist das Blut nicht wert, das durch seine Adern strmt.
    Die grospurigen Worte des Alten machten Marashi rasend. Er wollte die verhasste Stimme endlich zum Verstummen bringen, wollte die Prsenz des letzten Menschen auslschen, der ihn noch abhielt von der Erfllung all seiner Plne und Absichten, von der Erfllung seiner Bestimmung. Blo ein einziges Mal musste der Seelenzerstrer sein Ziel finden, dann war er am Ende seiner langen Reise angelangt. Blo ein einziges Mal
    Tosend schnell kam die Klinge herab geschossen und erreichte Marashis Hand, bevor er sie wegziehen konnte. Ein blutiger Nebel sprhte durch die Luft, als der Seelenzerstrer zur Seite geschleudert wurde und Marashi auf die Trmmer des zerstrten Schreibtischs strzte, whrend er sich brllend die verstmmelte Hand hielt. Das vorderste Glied seines Daumens war abgetrennt worden, und ber die brigen Finger zog sich eine blutige Scharte.
    Ich fordere dich ein letztes Mal auf: Verlasse das Archipel und kehre niemals zurck, Mesuke Marashi! Sokuwabe reckte das Tachi ausgestreckt von sich und richtete die Spitze auf die Stirn seines Kontrahenten. Jede andere Entscheidung wird dein Untergang sein.
    Fieberhaft glitt Marashis Blick ber die am Boden verstreuten Trmmer hinweg, bis er zu seiner Rechten, dicht neben ihm, einen Strahler fand, der aus seiner beschdigten Halterung gefallen war. Es war ein einfacher Schmelzer, ein Exemplar der fnften Generation, und lange nicht so vernichtend wie der Seelenzerstrer, doch ein gut gezielter Schuss auf die richtige Krperregion konnte tdlich sein. Marashi war kurz davor, nach dem Strahler zu greifen, hielt sich aber im letzten Augenblick zurck. Er wusste, dass er niemals schnell genug sein konnte, dass ihn der Hajiki beim ersten Zucken seiner Hand niederstrecken wrde. Die rettende Waffe war so nah, aber sie war nutzlos fr ihn, solange Sokuwabes Schwertspitze dicht vor seiner Stirn zitterte.
    Ich bin hier, Marashi-san, drang pltzlich eine weibliche, wohl bekannte Stimme an sein Ohr. Er drehte die Pupillen an den uersten Rand seiner Augpfel und erkannte Yantsumi, die gerade mit der Liftu-Plattform die oberste Etage erreicht hatte.
    Yantsumi? Sokuwabes Mundwinkel zitterten, aber er hielt den Blick starr auf den reglosen Marashi gerichtet. Was machst du hier?
    Sie arbeitet fr mich, zischte Marashi und musste grinsen, als er den schmerzvollen Ausdruck auf dem Gesicht des alten Mannes sah. Oh ja, deine eigene Tochter arbeitet fr mich. Und deine andere Tochter, die liebreizende Yintsumi, ist meine Gefangene.
    Lgen!, presste Sokuwabe hervor. Dicke Schweitropfen perlten von seiner faltigen Stirn. Ich habe dich besiegt und du versuchst noch immer, meinen Geist mit deinen elenden Lgen zu verwirren!
    Er sagt die Wahrheit, Vater.
    Yantsumi schritt auf den roten Teppich zu, in dessen Mitte sich der zertrmmerte Schreibtisch befand. Hinter ihr tauchten die Kpfe Joeys und Kierkegaards auf, die sich mit ausdruckslosen Mienen im Hintergrund hielten.
    Was hat das zu bedeuten, Tochter? Sokuwabes Schwei tropfte auf Marashis Gesicht herab, als der Hajiki die Position angestrengt aufrecht erhielt. Wieso machst du mit diesem ehrlosen Verbrecher gemeinsame Sache? Mesuke Marashi ist ein Feind des Archipels!
    Im Gegensatz zu dir hat er mich verstanden, Vater, sagte Yantsumi und kam kurz vor dem Trmmerhaufen zum Stehen. Er hat verstanden, was es heit, von den Gttern verspottet zu werden. Und er hat einen Weg gefunden, es ihnen heimzuzahlen.
    Vergeblich schaute sich Marashi mit den Augen nach Yintsumi um. Er hatte erwartet, dass Yantsumi ihre Schwester hergebracht hatte, wie es ihr fr den Fall eines dreifachen Alarms aufgetragen worden war, aber er konnte sie nirgends ausmachen.
    Wo ist Yintsumi?, rief ihr Marashi mit gepresster Stimme zu. Bring sie her!
    Yintsumi ist geflohen, Marashi-san, sagte die Anfhrerin von Team Haigotcho. Sie und der Magier sind aus dem Gefngnis ausgebrochen.
    Eine Welle des Zorns berkam ihn, als Marashi erkannte, dass ihn auch Yantsumi enttuscht hatte. Aber was nderte das schon an seinem Plan? Wenn ihn Yantsumi um sein Ass im rmel gebracht hatte, dann musste sie selbst zum Ass werden.
    Joey tte Yantsumi, auf der Stelle!
    Ohne zu zgern riss der Leibwchter das Kumayacho-Wakizashi aus seiner Grtelschlaufe und schleuderte es auf das Mdchen zu. Sie konnte gerade noch einen berraschten Schrei ausstoen, dann spaltete die Klinge des Kurzschwerts ihren Schdel und sie sackte leblos in sich zusammen.
    Yantsumi nein!
    Sokuwabe wirbelte herum, rannte auf seine blutberstrmte Tochter zu und strzte auf halbem Weg zu Boden, als ihn die gebndelte Akatushi-Schmelzenergie im Rcken traf. Scheppernd kam das Tachi neben dem zuckenden Krper des alten Mannes auf, in dessen Rcken ein handtellergroes, dampfendes Loch klaffte.
    Marashi richtete sich auf, lie den Schmelzer aus der blutenden Hand zu Boden sinken und schttelte sich die Holzspne von der Kleidung. Langsam humpelte er zu einem der Fenster hinber und hob den Seelenzerstrer auf, der vor der Glasscheibe am Boden lag.
    Der Tag ist gekommen, sagte er und lie seinen Blick ber das Archipel schweifen, das von der abendlichen Sonne in ein rtliches Licht getaucht wurde. Ich, Mesuke Marashi, trete zu dieser Stunde die Nachfolge von Kajiro Sokuwabe als Hajiki der stlichen Inseln an.

    Wir mssen vorsichtig sein, raunte Milten, als er hinter Yintsumi, Samuel und Magenta 32 die Liftu-Plattform auf der siebzehnten Ebene verlie. Es ist gut mglich, dass der Doktor hochgefhrlich ist. Seine Experimente sind es jedenfalls, wie wir wissen.
    Dankeschn, kommentierte Magenta 32 schwanzwedelnd. Ich tu, was ich kann.
    Beinahe noch mehr als die bevorstehende Konfrontation mit Dr. Dojo beunruhigte es Milten, dass sie den Liftu bei ihrer Rckkehr zum Schacht erst per Knopfdruck hatten rufen mssen. Offensichtlich war er zwischenzeitlich von anderen Leuten benutzt worden, die mit Sicherheit zu Marashis Spiegesellen zhlten. Es war also gut mglich, dass ihre Flucht aus dem Gefngnis schon entdeckt worden war, was ihren Zeitdruck nur noch verstrkte.
    Hrt ihr das?, flsterte Yintsumi und krallte ihre Finger nervs um das Tablett, das sie aus der Kantine hatte mitgehen lassen. Ist das schon der Reaktor?
    Ein dumpfes Rattern und Tosen war aus dem benachbarten Raum zu hren. An der geschlossenen Tr war ein kleiner, handbekritzelter Zettel mit der schwer leserlichen Aufschrift Auf keinen Fall stren! Ausnahme: Lou angebracht.
    Finden wir es heraus, sagte Milten und drckte die Klinke herunter.
    Der Raum, der sich jenseits der Tr erstreckte, war eine einzige Ansammlung aus allem mglichen und unmglichen Germpel, aus dutzenden miteinander verdrahteten, blinkenden, rappelnden und quietschenden Gertschaften, aus blubbernden Glasphiolen und dampfenden Kesseln, und aus kreuz und quer herumliegenden Bchern, die teils aufgeschlagen, teils zugeklappt und teils qualmend und verkohlt waren. Am aufflligsten aber war die monumentale Apparatur, die sich in der Mitte des chaotischen Durcheinanders befand: Von einem kreisrunden Metallkonstrukt, das nach oben hin die Form eines halben Kegels annahm, gingen drei gebogene silberne Zacken aus, die aufeinander zuliefen und sich an ihren Spitzen beinahe berhrten. Im Freiraum zwischen diesen Spitzen war eine glhende, bluliche Kugel angebracht, die in einer bronzefarbenen Fassung steckte und die Luft um sie herum zum Flimmern brachte.
    Vor dem Reaktor hockte ein Mann in einem beispiellos verdreckten Kittel und bltterte in einigen Papieren herum, die stapelweise zu Fen des Apparats ausgebreitet waren. Er hatte ihnen den Rcken zugekehrt und war sich der Neuankmmlinge ganz offensichtlich noch gar nicht bewusst.
    Dr. Dojo, nehme ich an, ergriff Milten das Wort. Dreh dich jetzt ganz langsam um und keine falsche Bewegung.
    Einige Sekunden lang verblieb der Doktor in der Hocke erstarrt, dann reckte er die zittrigen Hnde ber den Kopf und erhob sich, wobei sein schmaler Krper bedenklich hin und her schwankte. Vorsichtig drehte sich der Mann um die eigene Achse und starrte die vier Gefhrten durch die runden Glser seiner Brille aus groen Augen an.
    Milten hatte mit Vielem gerechnet er hatte ein Monster erwartet, einen kaltbltigen Killer, dessen Gewissenlosigkeit aus jeder Pore seiner Haut dnstete. Aber er hatte nicht damit gerechnet, ein bekanntes Gesicht zu sehen.
    Pedro?, entfuhr es ihm, als er das zwar deutlich gealterte, aber nach wie vor unverwechselbare Gesicht seines frheren Klosterbruders erkannte. Was... was bei Innos machst du hier?
    Bei der Erwhnung seines Namens zuckte der Mann zusammen und verzog den Mund zu einer Grimasse. So heie ich nicht, kam es heiser aus seinem Mund. Mein Name ist Dr. Dojo.
    Du bist Pedro!, beharrte Milten und starrte den Doktor entgeistert an. Erinnerst du dich nicht an mich? Ich bin es, Milten!
    Dr. Dojo schwieg eine oder zwei Sekunden lang, dann sagte er langsam: Pedro... Milten... das sind Namen aus einer Zeit, die ich hinter mir gelassen habe. Ich lebe nicht mehr in der Vergangenheit, ich lebe der Zukunft. Ich bin die Zukunft.
    Aber... wieso tust du das alles? Wieso untersttzt du Marashi bei seinem wahnsinnigen Plan? Du warst doch einer von uns, ein Diener Innos! Ich kann nicht glauben, dass du versuchen willst die Gtter zu tten!
    Ach nein? Ein verbitterter Ausdruck trat auf das Gesicht des Doktors, als er sich mit bebenden Fingern die Brille auf seiner Nase zurecht schob. Was haben die Gtter denn jemals fr mich getan? Beliar hat gewaltsam Besitz von mir ergriffen, hat mich dazu gebracht, Verrat an den Menschen zu begehen, die damals meine engsten Freunde waren und als er mich soweit hatte, hat er mich in einer Festung voller Orks verrotten lassen, fr die ich nichts als ein wertloser Morra war. Und Innos? Fr ihn habe ich jahrelang vor einem Holztor gestanden, aber was war der Dank? Ihr Feuermagier habt mich alle mit Verachtung gestraft, nachdem ich von Irdorath zurckkehrte. Niemand hatte fr mich Verstndnis ihr habt alle nur den Verrter in mir gesehen, als ob es eine Entscheidung gewesen wre, die ich ganz bewusst getroffen habe. Ich habe so oft zu Innos gebetet, Tag fr Tag, Nacht fr Nacht... doch auch fr den Gott der Gerechtigkeit war ich nichts als ein Verrter. Adanos aber... Adanos ist der scheulichste aller Gtter. Ihm war mein Leid schon immer ganz gleichgltig, weil ihm die ganze Welt gleichgltig ist. Keiner dieser Gtter ist es wert, dass ihm auch nur eine einzige Trne nachgeweint wird. Was sie fr mich getan haben? Sie haben mich benutzt, sie haben mein Leben verpfuscht und sich von mir abgewendet und jetzt werde ich es ihnen heimzahlen! Die Kraft der Wissenschaft ist um ein Vielfaches strker als die Kraft der Magie. Sie hat es mir ermglicht, ein Portal zur gttlichen Sphre zu erschaffen und die gttlichen Energien in eine Substanz zu transformieren, die sie fr den Menschen nutzbar macht: das Mimo! Mithilfe des Mimo wird sich die Menschheit ein fr alle Mal von der Tyrannei der Gtter lsen knnen ich werde sie vernichten und mich fr die Qualen rchen, die sie mir zugefgt haben!
    Dr. Dojo hatte sich in Rage geredet, und als er nun pltzlich verstummte, fiel es Milten schwer, eine angemessene Reaktion auf seine zornigen Worte zu finden.
    Pedro
    Nenn mich nicht bei diesem Namen!, brllte der Doktor und krmmte krampfartig beide Hnde zusammen. Mein Name ist Doktor Dojo!
    Es stimmt, dass du damals viel mitgemacht hast... Dr. Dojo, erwiderte Milten. Und vielleicht haben wir Feuermagier dich nicht immer so behandelt, wie es angemessen gewesen wre... vielleicht habe auch ich Fehler gemacht. Aber ist das etwa eine Entschuldigung fr all das Leid, das du nun anderen Unschuldigen zufgst? Was ist mit den Magiern, die Marashi hat entfhren lassen? Was hast du ihnen angetan?
    Mhsam hatte sich der Doktor wieder unter Kontrolle gebracht und starrte Milten aus seinen kleinen, funkelnden uglein an. Es hat sich schnell herausgestellt, dass die im Mimo gespeicherten Energien neutralisiert werden, sobald sich in der Nhe magisch aktives Material befindet... etwa ein Runenstein oder eine Schriftrolle, auf der ein Zauber festgehalten ist. Wir mussten also die Magier allein schon aus diesem Grund aus dem Weg rumen.
    Und wo sind sie jetzt?, wollte Milten wissen. Sind sie... tot?
    Oh nein. So einfach wollte ich sie nicht davonkommen lassen. Ich habe sie in meine Albtraumgeneratoren eingespannt, wo sie fr den Rest ihres Lebens erfahren mssen, was ich am eigenen Leib durchlitten habe das abscheuliche Gefhl, von der Welt gehasst zu werden.
    Wo stehen diese Albtraumgeneratoren?, fiel ihm Yintsumi ins Wort. Wir werden die Magier befreien und deinem schurkischen Treiben ein Ende setzen!
    Dr. Dojo zog die Lippen ein. Ich werde euch berhaupt nichts mehr sagen.
    Samuel machte drei rasche Schritte nach vorne, schaltete die Terrorklinge ein und hielt dem Doktor das vibrierende Schwert direkt unter die Nase.
    Ich wrde diese Entscheidung lieber nochmal berdenken.
    Vi... vierzehntes Stockwerk, stotterte Dr. Dojo und starrte mit trnenden Augen auf die surrende Waffe knapp vor seinem Gesicht. Aber ihr werdet sowieso nicht weit kommen. Es sind nicht nur die Magier, die an die Albtraumgeneratoren angeschlossen sind, sondern auch dutzende Kinder. Ihr werdet niemals mit so vielen Menschen aus dem Hyper-Turm fliehen knnen, ohne von Marashis Mnnern aufgegriffen zu werden.
    Samuel deaktivierte die Waffe wieder und kehrte zu den anderen zurck.
    Kinder?, entfuhr es derweil der entsetzten Yintsumi. Du bist so scheulich!
    Moral ist keine Kategorie, die mein Handeln beeinflusst, erklrte Dr. Dojo sachlich. Ich brauche Kinder, um die Gerte neu zu kalibrieren. Ihre Hirnstrme sind noch nicht so stark von Erinnerungen kontaminiert wie die der erwachsenen Probanden. Dass sie nach der Kalibrierung in der Maschine verbleiben mssen, hngt mit dem induktiven Spannungsabfall des stratoskopischen Emulationsparameters zusammen aber ich erwarte nicht, dass ihr das versteht.
    Mit all dem ist jetzt Schluss, sagte Milten entschieden und deutete mit der Hand auf die glhende blaue Kugel an der Spitze des Reaktors. Du wirst den Mimo-Reaktor auf der Stelle ausschalten.
    Das... das knnt ihr nicht verlangen! Dr. Dojo hob abwehrend beide Hnde. Das Mimo ist mein Lebenswerk ich werde nicht zulassen
    Magenta 32 lie ein tiefes Knurren vernehmen und Samuel aktivierte die Vibrationsfunktion der Terrorklinge ein weiteres Mal.
    Schon... schon gut... ich... schalte ihn ab.
    Nervs eilte Dr. Dojo auf eine tragbare Leiter zu, die neben einem fiepsenden Apparat an der Wand lehnte, lief damit zum Reaktor zurck und richtete sie an ihm aus. Auf wackeligen Beinen erklomm der Doktor unter den misstrauischen Blicken seiner vier ungebetenen Besucher die Leiter und griff nach der leuchtenden Kugel, die er an ihrer Fassung packte und mit einem leichten Ruck von der Spitze des Apparats lste. Sofort brach das Rattern innerhalb des Reaktors ab und die vielen Gertschaften im Raum erstarben. Nur einige wenige Apparate, die offenbar nicht direkt vom Reaktor, sondern aus einem Energiespeicher mit Mimo gespeist wurden, hielten ihren Betrieb noch mit blinkenden Lichtern aufrecht.
    Was ist das fr eine Kugel?, fragte Samuel in die pltzliche Stille hinein.
    Der Portalstein, antwortete Dr. Dojo, als er wieder bei ihnen angekommen war. Er kanalisiert die Energien der gttlichen Sphre in unsere Dimension. Und es tut mir leid, aber ich kann ihn euch leider nicht berlassen.
    Dr. Dojo griff in eine Tasche seines Kittels und schleuderte ein Pulver in die Luft im nchsten Moment stiegen Milten die Trnen in die Augen, die so hllisch zu brennen begannen, dass er sie zukneifen musste.
    Ihr seid zu spt gekommen! Die Stimme des Doktors berschlug sich hysterisch, als er an ihnen vorbei aus dem Raum rannte. Ich bin kurz davor, den inneren Kern zu erreichen in wenigen Minuten werden die Gtter nur noch eine ble Erinnerung sein!
    Sthnend rieb sich Milten die Augen, bis er wieder etwas erkennen konnte. Samuel und Yintsumi lehnten heftig schnaufend an einer Wand, whrend sich Magenta 32 jaulend auf dem Boden zusammengerollt hatte. Mhsam kmpfte sich Milten zum Flur, konnte aber nur noch ohnmchtig mit ansehen, wie Dr. Dojo mit dem blauen Portalstein in den Hnden auf der Liftu-Plattform nach oben davon sauste.
    Verdammt!, fluchte er ungehalten. Dieser Idiot wird sich die alten Gtter noch zurckwnschen, wenn Marashi erst einmal einer geworden ist!
    Irgendwann musst du mir mal erklren, was es mit dem Kerl genau auf sich hat, murmelte Samuel, der in Begleitung des winselnden Wolfsmischlings aus dem Reaktorraum wankte. Ich hab grade jedenfalls nur die Hlfte verstanden.
    Das ist eine lange Geschichte, entgegnete Milten. Aber wenn wir die nchsten paar Minuten berleben, dann erzhl ich sie dir gerne mal in aller Ruhe.
    Hmm, machte Samuel, dessen sonst so prchtige blaue Augen ganz gertet waren. Wohin ist er geflohen?
    Auf eine der oberen Ebenen, berichtete der Magier. Seine erfolglos gebliebenen Versuche, sich den Juckreiz aus den eigenen gereizten Augen zu zwinkern, hatte er bereits aufgegeben.
    Dann will er zu Marashi, sagte Magenta 32. Die Ebenen ber uns sind allesamt sein Privatbereich. Wenn ich raten msste, dann wrde ich sagen, dass Marashi gerade an seinem Schreibtisch in der obersten Turmetage hockt. Da ist er immer am liebsten.
    Milten fragte sich gar nicht erst, wie das sprechende Tier das nun schon wieder so genau wissen konnte, sondern widmete sich einer viel drngenderen Frage: Und wie sollen wir dorthin gelangen, ohne die passende Schlsselkarte? Mit der ist Pedro ja gerade erst abgehauen!
    Meinst du eine von denen hier?
    Yintsumi kam mit einer kleinen Pappschachtel in der Hand herein gelaufen und hatte trotz ihres vertrnten Gesichts ein allerdings sehr geqult wirkendes Lcheln aufgesetzt. Sie hielt den anderen die Schachtel hin, und Milten erkannte Dutzende der kleinen Krtchen in einer Vielzahl von Farben.
    Offenbar hat er ganz schn viele von den Dingern auf Vorrat produziert, vermutete die Kellnerin und fischte ein karmesinrotes Exemplar heraus. Ist diese hier vielleicht die Karte fr die oberste Etage? Oder... halt! Das hier muss sie sein!
    Sie hatte eine Karte hervorgeholt, die in einem beinahe so schnen Gold schimmerte wie der Scavenger, auf dem sie vor Kurzem noch so begeistert geritten war.
    Sieht auf jeden Fall vielversprechend aus, fand Samuel und drckte den Liftu-Rufknopf. Nach einer guten halben Minute kehrte die leere Plattform von den oberen Stockwerken zu ihnen zurck. Los, steck sie rein, Yintsumi! Wenn Dr. Dojo seine Drohung wahrmachen will, dann haben wir nicht mehr viel Zeit!
    In Windeseile hatten sie alle vier auf der Plattform Stellung bezogen, und das Mdchen versenkte die goldene Schlsselkarte im dafr vorgesehenen Schlitz. Eine Sekunde spter glhten smtliche Knpfe auf, und auch der oberste Knopf mit der Zahl einundzwanzig leuchtete gelb.
    Worauf warten wir noch?, rief Yintsumi kampfeslustig und schleuderte ihr Tablett in die Luft, um es kurz darauf wieder aufzufangen. Es wird Zeit, dass es Marashi und Dr. Dojo endlich an den Kragen geht!
    Milten atmete noch einmal tief durch, dann drckte er die Taste. Rumpelnd setzte sich das Gefhrt in Bewegung.
    Niemand sprach ein Wort, whrend sie die Plattform nach oben befrderte. Jeder versuchte, sich auf seine eigene Weise auf die bevorstehenden Ereignisse vorzubereiten: Samuel hatte einen konzentrierten Blick aufgesetzt, Yintsumi war in Gedanken wohl bei ihrem Vater, Milten fokussierte sich auf seine inneren Krfte und Magenta 32 leckte sich aufgeregt am Hintern. Jedem der vier Streiter der Gerechtigkeit war bewusst, dass sich der Ausgang ihrer kommenden Auseinandersetzung mit Marashi auf die Geschicke des gesamten Universums auswirken konnte. Sie blickten einem Kampf entgegen, der das Schicksal verndern wrde.
    Mit angehaltenem Atmen registrierte Milten, dass der Liftu an Geschwindigkeit verlor. Das Rattern des Transportgerts ebbte langsam ab, und die Plattform kam in der obersten Ebene zum Stillstand.
    Das hchste Stockwerk des Hyper-Turms bestand aus einem einzigen kreisrunden Raum, an dessen gegenberliegender Wand eine Reihe groflchiger Glasfenster einen Ausblick ber weite Teile des Archipels erlaubten. Drei der Fenster waren zersplittert, und khle Abendluft strmte zwischen den Resten der zerbrochenen Glasscheiben hindurch in den Raum hinein, wo sie einige lose Papiere aufwirbelte. Dutzende Lcher klafften in Decke, Wnden und Boden, aber das deutlichste Zeugnis des vergangenen Kampfes befand sich auf dem achteckigen, roten Teppich: Neben einem vllig zerstrten Holzschreibtisch und einem umgestoenen Stuhl lag der blutberstrmte und reglose Krper Yantsumis, in deren aufgerissenem Schdel ein Kurzschwert steckte. Fassungslos starrte Yintsumi auf die Leiche ihrer Schwester herab, als sie den alten Mann bemerkte, der ganz in ihrer Nhe auf dem Boden lag.
    Vater! Mit weit aufgerissenen Augen strmte Yintsumi auf Sokuwabe zu, ging vor ihm zu Boden und strich mit der Hand ber seine bleiche Wange.
    Yintsumi... Ein zittriges, mattes Lcheln zeichnete sich auf Sokuwabes Lippen ab, als er seine Tochter erkannte. Ich... ich bin so froh, dich zu sehen...
    Du bist verletzt, Vater!, brachte die entsetzte Yintsumi beim Anblick des groen, dampfenden Lochs im Rcken ihren Vaters hervor. Du musst zu einem Heiler das... das muss schleunigst verbunden werden...
    Sokuwabe schttelte traurig den Kopf. Meine Zeit ist vorbei, Yintsumi. Ich habe Marashi nicht aufhalten knnen.
    Du darfst nicht sterben, Vater... du bist der Hajiki... du du darfst einfach nicht sterben! Trnen hatten sich in den Augen des Mdchens gebildet.
    Marashi ist nun der neue Hajiki, erwiderte Sokuwabe kraftlos. Ich habe... versagt...
    Dafr wird er bezahlen! Yintsumi wischte sich zornig die Trnen von der Wange. Ich werde dich rchen ich werde ihn dafr ben lassen, was er dir angetan hat!
    Nein, meine Tochter... tu das nicht. Sokuwabe schaute ihr noch einmal eindringlich in die Augen, bevor er die schweren Lider vor Erschpfung wieder schlieen musste. Bitte whle nicht... den Weg der Rache. Er fhrt nur zu weiterem Schmerz, Yintsumi. Du musst... du musst die Unschuldigen retten, die in diesem Turm gefangen werden.
    Aber Vater! Ich ich kann doch Marashi nicht einfach ungestraft davon kommen lassen!
    Marashi wird seine gerechte Strafe erhalten..., murmelte der alte Mann, dessen Stimme immer leiser und schwcher wurde. Schon sehr... sehr... bald.... wird dieser ganze Ort... zugrunde gehen. Du musst... du musst... sicherstellen, dass die Gefangenen... dass sie rechtzeitig fliehen knnen, Yintsumi.
    Vater Vater, bitte bleib bei mir!, jammerte das Mdchen und rttelte verzweifelt an seiner Schulter. Pltzlich war ein lautes Zischen zu hren, ein Energiestrahl fegte durch den Raum und traf Sokuwabe am Kopf. Im Bruchteil einer Sekunde lste sich der alte Mann auf und verdampfte vor den Augen seiner Tochter, bis nichts mehr von ihm brig war.
    Ich habe doch nicht etwa euer herzergreifendes Abschiedsgesprch unterbrochen?
    Eine Tr zwischen zwei Fenstern, die nach drauen auf einen Balkon fhrte, stand weit offen, und ein schwarz gekleideter Mann mit schulterlangen, dunklen Haaren schritt ber die Trschwelle. Seine dnnen Lippen hatten sich zu einem spttischen Lcheln verzogen und in der blutigen Hand hielt er eine Strahlenpistole, aus deren Lauf graue Qualmschwaden ausstiegen.
    Das tut mir aber leid, fuhr er gehssig grinsend fort. Leider wird es auch keine Beerdigung geben, denn mein Seelenzerstrer hat nicht einmal einen winzigen Staubkrmel von deinem Vater brig gelassen, der sich bestatten liee. Aber nimm es nicht so schwer, Mdchen... wenigstens wirst du kein Geld fr Blumen ausgeben mssen!
    Hinter ihm betraten drei weitere Mnner den Raum: Einen von ihnen erkannte Milten sofort als Drone wieder, der zweite war ein muskelbepackter Hne und der dritte ein flliger, lterer Mann in einem roten Wams. Von Dr. Dojo war nichts zu sehen.
    Bist du Mesuke Marashi?, ergriff Milten das Wort und schritt gemeinsam mit Samuel und Magenta 32 auf den Mann zu, whrend Yintsumi schockiert ins Leere starrte. Du steckst hinter all dem Bsen, von dem das stliche Archipel heimgesucht wird?
    Der Mann blieb kurz vor dem Teppich stehen und verschrnkte die Arme. Ahh, der Magier... jetzt stehen wir uns also wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenber. Und wer sind die lcherlichen Gestalten, die du mitgebracht hast? Ein blonder Schnling und ein rudiger Kter sind das etwa die Helden, die mich, Mesuke Marashi, aufhalten sollen? Ich bin der rechtmige Hajiki des Archipels, und kein Sterblicher kann es mit mir aufnehmen!
    Das sind groe Worte, erwiderte Milten mit entschlossenem Blick, aber am Ende wird die Gerechtigkeit siegen.
    Gerechtigkeit?, wiederholte Marashi verchtlich. Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt nur meinen alles vernichtenden Ingrimm, der jede Kreatur mit der gleichen Unerbittlichkeit zerschmettert. Ich werde das Mantra des Zorns anstimmen und das Zeitalter des Furors einluten! Das Universum wird vor mir erzittern!
    Dein Grenwahn wird dich zu Fall bringen, sagte Samuel und packte die Terrorklinge mit beiden Hnden. Wir werden dich mit all dem nicht durchkommen lassen.
    Genau, besttigte Magenta 32 und machte einen Luftsprung. Wir sind nmlich Freunde, und wenn Freunde ganz fest zusammenhalten, dann sind sie unbesiegbar!
    Nach kurzem Zgern fgte er an Milten und Samuel gewandt hinzu: h, wir sind doch Freunde, oder? Ich meine, wir kennen uns noch nicht so lange, aber ich mag euch wirklich gerne und...
    Na klar sind wir Freunde, beruhigte ihn Milten. Und wir werden dem Unheil, das ber diese Inseln gekommen ist, ein fr alle Mal ein Ende bereiten!
    Marashi stie einen Wutschrei aus. Ihr wagt es, euch dem Hajiki in den Weg zu stellen? Dafr werdet ihr mit euren Seelen bezahlen!
    Er presste die Zhne zu einer scheulichen Fratze zusammen und feuerte eine Salve tdlicher Strahlen auf seine Feinde ab doch noch bevor sie ihr Ziel erreicht hatten, prallten sie von dem groen Titanschild ab, der direkt vor den Freunden in der Luft erschienen war.
    Yintsumi war aufgestanden, das Gesicht zornesrot, und schleuderte fauchend ihr Tablett nach Marashi, der sich unter dem Geschoss geschickt wegducken konnte.
    Ich werde meinen Vater rchen!, schrie sie mit Trnen in den Augen und fing das Tablett wieder auf. Ich ich werde
    Yintsumi!, rief Milten zum Mdchen hinber. Tu, was dein Vater dir gesagt hat! Rette die Kinder, rette die Magier!
    Mit verzweifelter Miene blickte Yintsumi zu ihm auf. Aber... ich... ich muss Vater rchen... ich muss Marashi vernichten...
    Yintsumi!, brllte Milten, whrend er den Schild schweigebadet aufrecht erhielt und fnf weitere Todesstrahlen abwehrte. Es war der letzte Wunsch deines Vaters! Geh ins vierzehnte Stockwerk und hol die Gefangenen da raus wir kmmern uns um Marashi, ich verspreche es dir!
    Die Kellnerin zgerte noch einen winzigen Augenblick lang, dann hatte sie ihre Entscheidung getroffen und rannte auf die Liftu-Plattform zu. Zu spt bemerkte Milten, dass Marashi mit dem Strahler nun auf die davon laufende Yintsumi feuerte und schaffte es nicht mehr, sie mit dem Schild zu schtzen.
    In letzter Sekunde sprang Samuel zwischen Yintsumi und das Energiebndel und wehrte den Strahl mit der drhnenden Terrorklinge ab. Das Mdchen erreichte den Liftu, presste hastig die Hand auf eine Taste und fuhr mit der Plattform nach unten davon.
    Zornig drehte sich Marashi zum muskulsen Mann hinter seinem Rcken um. Worauf wartest du noch, Joey? Schaff mir diese Wanzen endlich vom Leib!
    Der massige Hne deutete eine Verbeugung an, betrat den Teppich und zog das Kumayacho-Wakizashi aus Yantsumis gespaltenem Schdel.
    Wie Ihr befehlt, Marashi-san.
    Mit gezckter Klinge strmte der Leibwchter auf Milten, Samuel und Magenta 32 zu, hob mit einem enormen Satz vom Boden ab und sprang ber Miltens schtzenden Titanschild hinweg. Mitten zwischen den Freunden kam er auf dem Boden auf, wirbelte in einer flieenden Bewegung um die eigene Achse und lie das Wakizashi dabei durch die Luft zischen. Erschrocken sah Milten, dass sich Joeys Kurzschwert seinem Hals nherte, lie den Titanschild verpuffen und parierte den Hieb im letzten Moment mit einer neu beschworenen Silberklinge. Im gleichen Augenblick strmte Drone heran und schleuderte im Laufen seine Wurfsterne nach ihnen. Magenta 32 jaulte laut auf, als zwei der Geschosse auf seinem Rcken aufkamen, das Fell durchfetzten und sich tief in sein Fleisch bohrten.
    Brllend lief Samuel dem Ttowierten mit erhobener Terrorklinge entgegen und lie die vibrierende Schneide auf ihn niederfahren. Drone wich dem Schlag zur Seite aus, zckte sein Kogatana und presste es an Samuels Klinge, der rchelnd in der Bewegung erstarrte.
    Zeit zu sterben, Blondie!, kam es gleichzeitig aus Drones und Marashis Mund. Der Ttowierte wollte gerade Samuels Kehle durchschneiden, da wurde er vom wtend bellenden Magenta 32 angefallen und zu Boden gestoen. Schnaufend packte Drone den Kopf des Wolfstiers und presste ihn von sich weg, whrend Magenta 32 mit dem Maul nach ihm schnappte. Im verbissenen Bestreben, die Oberhand zu gewinnen, rollten die beiden Widersacher ber den Teppich und gingen mit Krallen und Fingerngeln aufeinander los. Samuel hatte sich gerade von der bedrohlichen Situation erholt, da wurde er von Marashi mit zischenden Energiesten aus dem Seelenzerstrer befeuert und riss entsetzt die Terrorklinge in die Hhe, um die mrderischen Strahlen abzuwehren.
    Zeitgleich lieferten sich Milten und Joey ein erbittertes Duell. Der Anfhrer von Team Kashoto war ein Meister des Schwertkampfs und lie seine Klinge so behnde kreisen, dass Milten alle Mhe hatte, mit seinem schwebenden Silberschwert die furiosen Attacken zu parieren, die ohne Unterlass auf ihn einprasselten. Immer weiter wurde er zurckgedrngt, bis er mit dem Rcken zur Wand stand und das breite, gefhlskalte Gesicht des Leibwchters unmittelbar vor sich hatte.
    Du begehst einen furchtbaren Fehler, wenn du fr Marashi kmpfst!, keuchte Milten.
    Funken sprhten, als sich die beiden Klingen in der Luft trafen.
    Dein Boss wird die ganze Welt ins Verderben strzen wir werden alle sterben, wenn er sein irrsinniges Vorhaben in die Tat umsetzt!
    Es ist nicht meine Aufgabe, Marashis Taten zu beurteilen, erwiderte Joey mit emotionsloser Stimme. Ich bin sein Leibwchter und habe geschworen, jeden tten, der sich ihm in den Weg stellt.
    Aber verstehst du denn nicht? Dann wirst du selbst sterben! Ruckartig zuckte Miltens Kopf zur Seite, kurz bevor Joeys Wakizashi an der Wand neben ihm abprallte und eine Wolke aus Staub und Putz aufwirbelte.
    Einen Schwur zu brechen ist schlimmer als der Tod. Der Hne zog das Schwert zur Seite und zwang Milten dazu, den Kopf einzuziehen. Lieber sterbe ich, als meine Ehre zu verlieren.
    Du arbeitest fr Marashi und redest von Ehre?, entfuhr es dem schwitzenden Magier. Er ist ein Mann, der Kinder entfhren lsst und Menschen um ihre Behausung bringt!
    Unerbittlich presste Joey die Klinge seines Kurzschwerts gegen die silberne Schneide, die vor Miltens Krper schtzend in der Luft schwebte.
    Deine Worte sind vergeblich, Magier, knurrte er. Du kannst mich nicht umstimmen.
    Dann mach dich auf deinen Untergang gefasst!
    Unter immensen geistigen Anstrengungen verstrkte Milten die Energie der Silberklinge und stie Joey mit einem gewaltigen Ruck von sich weg. berrascht stolperte der Leibwchter rckwrts und schaffte es gerade noch so, sich auf den Beinen zu halten.
    Du verschwendest zu viel Zeit mit diesem Magier, Joey.
    Pltzlich stand Marashi ganz dicht bei ihnen und zielte mit dem Seelenzerstrer zwischen Miltens Augen.
    Ich werde die ganze Angelegenheit ein wenig abkrzen.
    Von Panik erfasst schleuderte Milten das Schwert in der Luft herum, versuchte verzweifelt, es zwischen sich und den todbringenden Strahl zu bringen und wusste gleichzeitig vom allerersten, schrecklichen Moment an, dass er es nicht mehr rechtzeitig schaffen wrde. Er hatte sich von Marashi berrumpeln lassen und war der alles zersetzenden Kraft des Seelenzerstrers schutzlos ausgeliefert.
    Einen schier endlosen Augenblick lang starrte er in den Lauf der teuflischen Waffe. Dann bettigte Marashi den Auslser und Milten schloss die Augen.
    Klick.
    Verflucht!
    Verblfft, noch am Leben zu sein, schlug Milten die Augen wieder auf. Unter wtendem Schnauben schleuderte Marashi den Seelenzerstrer achtlos in die Ecke.
    Ausgerechnet jetzt ist die verdammte Mimo-Batterie leer!
    Der selbsternannte Hajiki hastete zu den Trmmern des Schreibtischs, in deren unmittelbarer Nhe sich Drone und Magenta 32 noch immer auf dem Teppich wlzten, und whlte unter den zerborstenen Brettern einen weiteren Strahler hervor. Mit wahnsinnigem Grinsen reckte er die Waffe in die Hhe und feuerte mehrere glhende Strahlen wahllos in den Raum hinein.
    Der Ultraschmelzer wird dich vaporisieren!, brllte Marashi dem Magier entgegen und rannte wild feuernd auf ihn zu.
    Hastig wich Milten den Strahlen aus und achtete nicht darauf was hinter ihm geschah zu spt bemerkte er, dass sich ihm Joey unbemerkt von hinten genhert hatte und das Wakizashi auf seinen ungeschtzten Rcken niedersausen lie.
    Eine Blutfontne ergoss sich ber Miltens Rcken, als die vibrierende Terrorklinge durch Joeys rechten Arm schnitt und ihn vom Krper trennte. Die Finger der Hand waren noch immer um das Heft des Wakizashis verkrampft, als der Arm wie ein toter, schwerer Ast zu Boden fiel. Kurz versuchte Joey noch, sich mit der linken Hand nach der Waffe zu bcken, dann kippte er zur Seite weg und blieb mit weit geffneten Augen rcklings auf dem Teppich liegen.
    Alles in Ordnung, Milten?, erkundigte sich Samuel und warf dem besiegten Gegner einen letzten, prfenden Blick zu.
    Das war ganz schn knapp, Samu!, rief ihm Milten zu. Aber mir geht es
    Etwas unermesslich Heies traf seinen Brustkorb, riss Haut und Gewebe auf und fra sich einen Weg in sein Innerstes. Wie gelhmt schaute Milten in das triumphierende Gesicht Marashis, der mit erhobenem Ultraschmelzer dabei zusah, wie die unertrglich heie Akatushi-Energie den Krper des Magiers verflssigte.
    Milten! MILTEN!
    Wie aus weiter Ferne drangen die Rufe des Geliebten in Miltens schwindendes Bewusstsein ein, bevor sein Gehirn zerschmolz und der letzte, zrtliche Gedanke an Samu in der Luft verdampfte.

    Gensslich beobachtete Marashi, wie der Blondschopf mit unglubiger Miene neben der zerschmolzenen Gewebepftze zu Boden ging. Von dem aufmpfigen Magier, der sich seinen Plnen so dreist in den Weg gestellt hatte, war nichts weiter als ein kleines Hufchen Modder brig geblieben.
    Damit hat euer lcherlicher Aufstand dann wohl sein Ende gefunden, kommentierte Marashi und zielte mit dem Ultraschmelzer auf das von Qualen ergriffene Gesicht des blonden Mannes. Nun steht der absoluten Herrschaft meines Zorns nichts mehr im Wege.
    Zorn? Du weit nicht das Geringste ber Zorn, Mesuke Marashi!
    Verwundert wirbelte Marashi herum. Vor einem der zerbrochenen Fenster schwebte ein glatzkpfiger Mann in der Luft. Zwei metallene Shitane-Antriebe waren an seinem Rcken festgeschnallt, aus deren unteren ffnungen fauchende Stichflammen schossen und ihren Trger in der Schwebe hielten. Dort, wo eigentlich seine linke Hand htte sein sollen, war nur ein Stummel zu erkennen, an dem mithilfe eines dichten Knuels aus Drhten und Klammern ein fr den Herstellungsbetrieb von Mimo-Batterien vorgesehener Akatushi-Schmelzer festgezurrt war, wie er in Marashis eigenen Werkanlagen eingesetzt wurde.
    Wer bist denn du schon wieder?, warf Marashi dem Fremden spttisch entgegen. Er hatte die leise Ahnung, sein Gesicht schon irgendwann einmal gesehen zu haben, aber an einen Namen konnte er sich nicht erinnern die wenigsten Namen waren es wert, einen Platz in seinem Kopf einzunehmen.
    Du hast mich schon wieder vergessen, wie?, fuhr der Glatzkpfige mit erregter Stimme fort, als er durch die ffnung ins Innere des Raums schwebte. Du hast mich verkrppelt, du hast meine Kinder entfhrt und du kannst dich nicht einmal mehr daran erinnern! Du redest von Zorn, Mesuke Marashi, aber du bist nichts weiter als ein erbrmlicher Sadist, der glaubt, die Leben anderer Menschen zur eigenen Belustigung zerstren zu knnen. Ich habe mir schon Vieles von dir gefallen lassen aber es war ein Fehler von dir, mir meine Kinder zu nehmen. Mein Name ist Hashuko Wayasoto, und ich werde dich lehren, was wahrer Zorn bedeutet!
    Das Grinsen verschwand aus Marashis Gesicht, als er begriff, was der Glatzkopf vorhatte. chzend schmiss er sich zur Seite, als Wayasoto die Hand hob und aus dem Schmelzgert an seiner Hand einen leuchtenden Akatushi-Strahl hervorschieen lie. Der Strahl traf die Waffe in Marashis Hand und brachte sie innerhalb von Sekundenbruchteilen zum Schmelzen. Schnaubend schttelte er das heie, flssige Metall von seiner blutverschmierten Hand, aus deren Haut groe Brandblasen hervorschossen, und ging vor der nchsten Attacke Wayasotos in Deckung, die ein qualmendes Loch in seinen Teppich brannte.
    Du kannst mich nicht tten!, brllte Marashi dem Angreifer entgegen, als der fliegende Mann ber seinem Kopf durch die Luft sauste. Ich bin Mesuke Marashi! Ich bin der Hajiki der einundvierzig Inseln, und du bist nichts weiter als ein unbedeutender Arbeiter! Du bist der Dreck unter meinen Schuhsohlen! Glaubst du wirklich, dass du es allein mit mir aufnehmen kannst?
    Er ist nicht allein.
    Verblfft drehte Marashi den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Yantsumi stand aufrecht auf dem halb zerfetzten Teppich. Der tiefe Spalt in ihrem Schdel war vollkommen verheilt.
    Wie... wie ist es...
    Hast du wirklich geglaubt, dass ich so leicht umzubringen bin?, zischte Yantsumi. Ich habe jeden Morgen und jeden Abend in reinem Mimo gebadet, beinahe drei Monate lang. Du httest wissen mssen, dass mich eine Schwertklinge nicht tten kann.
    N... natrlich, stammelte Marashi und warf einen nervsen Seitenblick in Richtung des schwebenden Wayasoto, der knapp unter der durchlcherten Decke in der Luft hing und den Akatushi-Schmelzer direkt auf ihn gerichtet hielt. Das das wusste ich selbstverstndlich. Das war ja gerade der Trick an der Sache, verstehst du? Ich wusste, dass du berleben wrdest, und deshalb habe ich, um deinen Vater zu tuschen
    Schweig!, schnitt ihm Yantsumi das Wort ab. Du bist keinen Deut besser als mein Vater oder meine Schwester. Viel zu lange bin ich auf deine Lgen hereingefallen, aber du hast mir hchstselbst die Augen geffnet. Es ist an der Zeit, dass du die Kraft des Mimo am eigenen Leib zu spren bekommst!
    Yantsumis Augenfarbe verwandelte sich in ein gleiend helles Wei. Im nchsten Moment erstrahlte ihr ganzer Krper in einem blendenden, weien Licht. Aus ihrer rechten Schulter schoss ein langes glhendes Gebilde hervor, von dem sich fnf feingliedrige Finger abspalteten und kaum war Yantsumis neuer Arm ganz ausgewachsen, da bildeten sich aus beiden Seiten ihres Krpers weitere Arme heraus, in deren Handtellern glhende Energiekugeln aufflackerten.
    Wie kannst du es wagen?, fauchte Marashi, der seine berraschung wieder in den Griff bekommen hatte. Ich werde dich in den Staub treten, du intrigantes Miststck! Drone, Angriff!
    Doch noch whrend er nach seiner willigen Marionette rief, wurde ihm bewusst, dass er keine Kontrolle mehr ber Drone besa. Seine mentale Verbindung zu ihm war abgebrochen.
    Ich werde niemals mehr in Eurem Namen angreifen, Marashi-san.
    Langsam richtete sich der Ttowierte mit zurckgeschlagener Kapuze vom Boden auf. Das Schohndchen des Magiers hockte neben ihm auf dem Teppich und hielt den metallenen Stirnreif zwischen den Zhnen.
    Ihr habt meinen Geist versklavt, und die Strafe dafr ist der Tod, stie der Kuttentrger mit brodelnder Stimme aus und stellte sich kampfesbereit neben Yantsumi auf. Mgen Euch die Ahnen gndig sein, Marashi-san.
    Dem neuen Hajiki lief der Schwei in Sturzbchen von der Stirn, als er sich von allen Seiten umstellt sah.
    Ihr elenden Feiglinge!, keifte er und blickte sich hilfesuchend im Raum um. Kierkegaard, was ist mit dir? Komm her und kmpfe an meiner Seite!
    Der rundliche Mann in der feinen, roten Samtkleidung wrdigte Marashi nur eines kurzen, abschtzigen Blickes und schritt an ihm vorbei auf die Liftu-Plattform zu.
    Nein danke, ich steige aus. Diese Investition hat sich nicht ausgezahlt.
    Du elender Verrter!, brllte Marashi. Ihr seid allesamt Verrter aber das werdet ihr mir ben! Mein Zorn wird euch niederschmettern, das Zeitalter des Furors wird euch verschlingen ich werde euch alle in eine Dimension unendlichen Schmerzes verbannen!
    Gib auf, Marashi. Der blonde Mann warf ihm aus seinen stechend blauen Augen einen kmpferischen Blick zu. Du kannst nichts ausrichten gegen Menschen, die an ein Leben in Freiheit glauben gegen Menschen, die an die Liebe glauben.
    Er bckte sich nach etwas, das inmitten des zerschmolzenen Magiers am Boden lag ein kleiner, schmuckloser Ring, den er aufhob und sich an den Zeigefinger steckte.
    Liebe ist strker als der Zorn!
    Pltzlich kam Bewegung in das kleine Hufchen auf dem Boden. Brodelnd schwoll die zhflssige Masse an, wuchs in die Hhe und bildete lange Glieder aus, die sich zu Armen und Beinen verformten, whrend aus der Mitte ein Kopf mit dunkelbraunen Haaren hervorschoss. Der ganze Prozess vollzog sich im Bruchteil von Sekunden, und schlielich stand der Magier wieder in seiner grauen Stoffkleidung vor ihnen, genauso wie er es vor Marashis tdlichem Angriff getan hatte.
    Samu!, rief er aus und warf sich dem Blondschopf an den Hals. Ich... ich dachte schon... ich dachte, es wre vorbei...
    Nichts ist vorbei. Ich konnte deinen Tod unmglich akzeptieren, Milten. Unsere Liebe ist dafr gemacht, die Ewigkeit zu berdauern.
    Oh, Samu...
    Der Mann, der ihn zurck ins Leben geholt hatte, zog den Ring wieder von seinem Finger und reichte ihn dem Magier. Du solltest ihn tragen. Ich habe ihn mir nur von dir geliehen.
    Schluss mit diesem Unsinn!, brllte Marashi und lie seinen Blick hektisch durch den Raum gleiten. Yantsumi hatte zehn Hnde voller glhender Mimo-Geschosse auf ihn gerichtet, Drone zielte mit einem Wurfstern auf ihn, Wayasoto schwebte mit erhobenem Schmelzgert ber seinem Kopf und die beiden aufmpfigen Wanzen, die mit dem ganzen rger berhaupt erst begonnen hatten, stellten sich gemeinsam mit ihrem hechelnden Kter kampfbereit vor ihm auf. Er war umstellt aber er war nicht bereit, aufzugeben.
    Ihr knnt euch meinem Schicksal nicht in den Weg stellen!, fauchte er. Seit dem Tag meiner Geburt wurde ich auf das Leben eines Hajiki vorbereitet ich habe meine ganze Jugend damit verbracht, mich fr diese Aufgabe zu rsten! Aber ihr alle, das ganze elende Archipel, ihr wolltet immer nur euren schwchlichen Sokuwabe... Ihr habt von mir verlangt, dass ich mein Leben wegwerfe, dass ich mein Schicksal verleugne aber ich werde nicht zulassen, dass all meine Qualen umsonst waren! Ich, Mesuke Marashi, muss der Hajiki der einundvierzig Inseln sein. Es ist meine Bestimmung!
    Du irrst dich, Marashi, sagte der blonde Mann. Ergib dich uns, und wir werden dein Leben schonen.
    Niemals! Mit einem gewaltigen Sprung setzte sich Marashi in Bewegung und hechtete auf die offene Balkontr zu, whrend zischende Strahlen, Wurfsterne und Mimo-Geschosse zu beiden Seiten an ihm vorbeischossen. Er strmte auf den Balkon hinaus, an dessen Gelnder der leuchtend blaue Portalstein befestigt war, packte den berraschten Dr. Dojo am Kragen und brllte ihm ins Gesicht: Durchbrich den inneren Kern JETZT!

    Yintsumi hatte den Liftu gerade verlassen, da setzte sich die Plattform schon wieder in Bewegung und schwebte auf die unteren Ebenen zu. Offenbar herrschte im Hyper-Turm gerade in smtlichen Stockwerken rege Aktivitt, aber Yintsumi hatte keine Zeit, darauf auch nur einen einzigen berflssigen Gedanken zu verschwenden. Sie fhlte sich noch immer wie betubt von den schrecklichen Minuten, die hinter ihr lagen, aber sie durfte es unmglich zulassen, dass sie ihre Gefhle jetzt bermannten die vielen unschuldigen Menschen, die Marashi in seine Gewalt gebracht hatte, mussten um jeden Preis gerettet werden, so wie es der letzte Wille ihres Vaters gewesen war.
    Vor einer groen, sthlernen Doppeltr waren drei gusseiserne Vorhngeschlsser angebracht. Yintsumi kniff die Augen zusammen, hob das Tablett und zerschmetterte die Schlsser in einem einzigen, kraftvollen Hieb. Sie stie die rechte der beiden Trhlften auf und trat in die dahinter liegende Halle ein.
    Natrlich hatte sie sich bereits auf das Schlimmste gefasst gemacht, aber der Anblick, der sich ihr bot, raubte ihr dennoch fr einen Augenblick den Atem: Dutzende Metallleinen waren kreuz und quer durch die Halle gespannt, von denen senkrechte, elektrisch britzelnde Drhte nach unten weg fhrten. Die Drhte mndeten in groe, rechteckige Metallkisten am Boden, in denen zusammengequetschte, halbnackte Menschen kauerten. An ihren Kpfen waren dicke Saugnpfe angebracht, die mit den drhnenden Maschinen verbunden waren und in regelmigen Abstnden pulsierten. Ernhrt wurden die Gefangenen offenbar durch lange Schluche, deren Endstcke in ihren Mndern steckten und ein blubberndes, braunes Zeug aus einem von vier gigantischen Kanistern pumpten, die in den Ecken der Halle aufgestellt waren.
    Yintsumi eilte zu dem Albtraumgenerator, der ihr am nchsten stand, und musterte den alten, grauhaarigen Mann, der darin gefangen war, mit groer Besorgnis. Sein unnatrlich bleiches Gesicht war zu einer qualvollen Grimasse verzerrt und hinter den geschlossenen Lidern zuckten unablssig die Augen hin und her. Sie suchte gerade nach einer Mglichkeit, die Maschine zu deaktivieren, als sie hinter sich das Rumpeln des Liftus hrte. Erschrocken drehte sie sich um und erkannte Bo Leng, der bei ihrem Anblick von der fahrenden Plattform sprang und ihr einen seiner typischen Grinseblicke zuwarf, bei der sein Mund in weit aufgerissener Position verharrte.
    Du schon wieder!, schnaufte Yintsumi voller Abscheu. Ich htte mir gleich denken knnen, dass du frher oder spter wieder auftauchen wrdest!
    Versuchst du etwa immer noch, dich Marashis Plnen zu widersetzen? Der Hauptmann trat ber die Trschwelle und grinste sie mit anzglichem Blick an. Du bist ein hbsches Mdchen, du kannst doch auch was anderes machen.
    Verschwinde, du ekelhafter Widerling!, fauchte Yintsumi und lie ihr Tablett in der Luft kreisen. Wie kannst du nur fr jemanden wie Marashi arbeiten und dich auch noch gut dabei fhlen?
    Ach, das ist ein Job wie jeder andere, behauptete Bo Leng und fgte schulterzuckend hinzu: Marashi zahlt eben gut.
    Yintsumi funkelte ihn bse an. Und fr ein bisschen Geld hilfst du ihm dann dabei, alte Mnner und kleine Kinder zu entfhren?
    Der berlegene Ausdruck verschwand aus Bo Lengs Gesicht. Was soll das heien... Kinder entfhren?
    Sieh doch selbst! Yintsumi deutete auf einen der Apparate ganz in ihrer Nhe, in der neben einem lteren Mann auch ein vielleicht sieben- oder achtjhriges Mdchen eingesperrt war. Du willst mir doch nicht etwa erzhlen, dass du damit nichts zu tun hattest!
    Eine ganze Weile lang starrte Bo Leng schweigend auf das kleine Mdchen, das in ihrem unruhigen Schlaf vor sich hin wimmerte.
    Davon wusste ich nichts, sagte er dann leise und lie seinen Blick durch den Raum schweifen. All diese Kinder... sie knnten alle meine eigenen sein.
    Yintsumi zog eine Braue hoch. Alle?
    Ich habe eine ganze Menge Kinder, besttigte Bo Leng.
    Dann solltest du jetzt ja wohl endlich begreifen, mit welchem Menschenfeind du dich da eingelassen hast!, wetterte Yintsumi und stemmte die Hand in die Hfte. Also hr endlich auf, weiterhin die Drecksarbeit fr diesen Mistkerl zu machen und hilf mir lieber dabei, die Gefangenen zu befreien!
    Bo Leng nickte, erst zgerlich, dann mit groer Entschlossenheit.
    Du hast recht, sagte er und blickte Yintsumi ernst an. Kein Geld der Welt ist es wert, bei so einem Schei mitzumachen. Es wird Zeit, dass sich der Cop-Titan an seine Wurzeln erinnert!
    So gefllst du mir schon gleich viel besser, entgegnete Yintsumi strahlend und fasste den Hauptmann bei der Hand. Also los, worauf warten wir noch? Befreien wir diese armen Leute aus ihren Albtrumen!

    Er will zum inneren Kern durchdringen! Schnell, zum Balkon!
    Samuel packte Milten am Arm und riss ihn mit sich. Magenta 32 war bereits voran geprescht, und auch Yantsumi, Drone und Wayasoto hatten die Verfolgung Marashis aufgenommen. Milten fhlte sich nach seinem zwischenzeitlichen Tod und seiner unerwarteten Wiederbelebung zwar immer noch etwas wackelig auf den Beinen, erkannte aber die drohende Gefahr und bemhte sich nach Krften, mit Samuel und den anderen Schritt zu halten.
    Sie hatten die Balkontr beinahe erreicht, als sie mit einem Mal von einer gewaltigen Druckwelle erfasst wurden. Smtliche Glasscheiben zersplitterten, Holz und Papiere fetzten durch die Luft und Magenta 32, der den Balkon bereits erreicht hatte, wurde zurck ins Innere geschleudert, wo er winselnd vor dem strzenden Milten auf dem Boden aufkam. Hastig rappelte sich Milten wieder auf und stolperte zur Balkontr.
    DU KOMMST ZU SPT, MAGIER. DIE GTTLICHE SPHRE IST DURCHBROCHEN.
    ber der Brstung des Balkons schwebte Marashi, bestrahlt vom feuerroten Abendhimmel, und hielt den blauen Portalstein mit beiden Hnden vor der Brust umklammert. Pulsierende Energiewellen stieen aus dem Inneren des Artefakts hervor, und die Luft flimmerte so stark, dass Milten keine klaren Konturen erkennen konnte Marashis Umrisse verschwammen im Tosen der entfesselten Macht. Dr. Dojo kauerte in einer Ecke des Balkons, in der Hand einige lose Drhte, und starrte den schwebenden Marashi mit einer Mischung aus begeistertem Erfinderstolz und eingeschchtertem Entsetzen an.
    DIE MACHT DER GTTER LIEGT MIR ZU FSSEN, donnerte es wie eine Lawine aus Marashis aufgerissenem Mund. DAS ZEITALTER DES FURORS HAT BEGONNEN!
    Eine starke Brise war aufgekommen. Als Milten in die Ferne hinausblickte, bemerkte er, dass unruhige Wellen brausend an der Kste von Imashi-Yuku auftrafen. Das tiefdunkle Rot am Himmel hatte einen unnatrlichen, gleienden Farbton angenommen und feuerrote Lichter glhten zwischen den Wolkenfetzen auf, als ein heftiges Beben pltzlich den gesamten Turm erfasste und den Magier beinahe von den Fen riss. Erschrocken hielt er sich an Samuel fest, hinter dem Yantsumi, Drone und Wayasoto aufgetaucht waren und besorgte Blicke nach drauen warfen.
    Unruhig sprang Magenta 32 an seinen Beinen nach oben. Was passiert hier grade, Milten?, rief er. Das sieht alles berhaupt nicht gut aus!
    Das ist es auch nicht, entgegnete der Magier mit bebender Stimme. Marashi hat den Zorn der Gtter auf das Archipel gelenkt!
    Er hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da fielen die ersten lodernden Feuerblle vom Himmel herab. Leise drangen die Schreie der Menschen auf den Pltzen rund um den Turm zu ihnen hinauf, als sich die Bewohner von Imashi-Yuku vor dem heranbrechenden Inferno in Sicherheit bringen wollten.
    ES GIBT KEINE GTTER MEHR!, schmetterte Marashi. ES GIBT NUR NOCH MICH, MESUKE MARASHI!
    Weg hier!, schrie Milten den anderen zu, als ein riesiger Feuerball genau auf den Balkon zuhielt.
    So schnell sie konnten, rannten sie wieder in den Innenraum des obersten Turmgeschosses hinein. In der gleichen Sekunde wurde das Gebude von einem weiteren Beben durchgerttelt, das gar nicht mehr nachlassen wollte. Als Milten einen Blick zurck warf, sah er, wie der Feuerball gleich neben Marashi auf dem Balkon auftraf und in einem gleienden Flammensturm explodierte. Marashi war offenbar vllig unverletzt geblieben, aber der Kittel des Doktors stand lichterloh in Flammen. Schreiend sprang der Forscher auf und schlug mit bloen Hnden auf die zngelnden Flammen ein, die seine Haut verschmorten.
    Hilfe! Ich brenne!, brllte Dr. Dojo, schmiss sich kreischend vor Schmerz ber die Brstung und strzte in den sicheren Tod. AHHHHHHHHHH!
    Im gleichen Moment stie ein schwarzer, dampfender Felsbrocken durch die Turmdecke ber Miltens Kopf und versenkte sich krachend im Etagenboden. Fnf gepanzerte Skelettkrieger, die auf dem Fels gehockt hatten, sprangen ab und gingen mit rostigen Klingen auf Milten, Samuel und Magenta 32 los. Keuchend parierte Milten den wuchtigen Schlag eines Skeletts mit einem hastig materialisierten Silberschwert, whrend sich Samuel mit der Terrorklinge gleich drei Skeletten auf einmal erwehren musste.
    Kannst du deinen Gttern nicht sagen, dass wir mit dem ganzen Mist hier berhaupt nichts zu tun haben?, brllte Samuel dem Magier zu und brach mit einem krftigen Futritt einige zersplitternde Knochen aus dem Brustkorb eines untoten Angreifers.
    Ich wnschte, es wre so einfach!, chzte Milten, der seinem Gegner gerade den beharrlich grinsenden Totenschdel von den Schultern geschlagen hatte. Im hinteren Teil des Raums traf ein weiterer schwarzer Fels auf, von dem mehrere untote Krieger herunter rutschten und auf Yantsumi, Wayasoto und Drone zuliefen. Ich habe keine Ahnung, wie wir das alles stoppen knnen!
    Magenta 32 hatte das Skelett, das ihn angegriffen hatte, bereits in alle Einzelteile zerlegt, machte einen groen Sprung und krachte nach einer doppelten Rolle in der Luft mitten in die drei Skelette hinein, von denen Samuel gerade bedrngt wurde. Knochen stieben nach allen Seiten durch die Luft, und die klapperigen Reste der wandelnden Gerippe brachen in sich zusammen.
    Samu! Zur Seite!
    Auf Miltens Zuruf machte Samuel gerade noch rechtzeitig einen Schritt nach links, um nicht von dem donnernden Feuerball erwischt zu werden, der durch die lngst zerbrselte Decke geschmettert kam und die Reste des Schreibtischs in Brand setzte. Rasch griffen die Flammen auch auf den ramponierten Teppich ber.
    Im selben Augenblick schoss ein riesiger, geflgelter Dmon von oben herab, sauste auf Yantsumi zu, die gerade mit einem Skelett beschftigt war, und schlug sie mit seinen Klauen in wei glhende Fetzen, die sich in der Luft zu glimmenden Lichtern zerstubten. Gleich darauf strzte er sich auf Wayasoto, der im letzten Augenblick seinen Antrieb aktivieren konnte und durch die Turmdecke davon flog. Der Dmon suchte sich fauchend ein neues Opfer und hielt genau auf die drei Freunde zu, die vom heftiger werdenden Erdbeben gegen die brselige Zimmerwand geschleudert wurden.
    Sthnend rutschte Milten zu Boden und sah durch die zerstrten Fenster hindurch, wie der schwebende, in der Luft pulsierende Marashi eine Horde herbei strmender Skelette mit einer einzigen Armbewegung ber die Brstung schleuderte.
    IHR KNNT MICH NICHT AUFHALTEN!, drhnte seine voluminse Stimme durch das Getse des Infernos. NIEMAND KANN MICH AUFHALTEN! ICH BIN MESUKE MARASHI, HAJIKI DER EINUNDVIERZIG INSELN
    Fauchend zerschmetterte er einen auf ihn einstrmenden Dmonen.
    ALLEINIGER GOTT SMTLICHER SPHREN
    Er schlug mit der Hand nach einem auf ihn niederfahrenden Eiskristall, der in der Luft in tausende Teilchen zersplitterte.
    UND ULTIMATIVER HERRSCHER DES UNIVERSUMS!
    Pltzlich durchdrang ein entsetzliches, vibrierendes Zittern die Luft, als sich am Himmel ein groer, glhender Komet abzeichnete. Drei Auren aus lodernden Flammen, eisigen Strmen und dunkler Energie umtosten ihn, als er zielgenau auf den Balkon des Hyper-Turms zuhielt. Ein letztes Mal hob Marashi den Blick und ein Ausdruck unglubiger Verwirrung zeichnete sich auf seinem flimmernden Gesicht ab, als ihn der Komet durch den zerberstenden Boden des Balkons rammte und bis in die unteren Ebenen des Turms mit sich riss.
    Mit zusammengebissenen Zhnen bohrte Samuel die Terrorklinge durch die Brust des heranstrmenden Dmonen. Fauchend und kreischend erhob sich die verwundete Kreatur mit ihren ledrigen Schwingen in die Lfte und nahm das Schwert mit sich. Milten hatte sich derweil mhsam wieder vom Boden aufgerappelt, wurde aber von der nchsten, noch strkeren Welle des Bebens wieder von den Fen gerissen. Ein bedrohliches Schwanken war in den Turm geraten, der vom Einschlag des gttlichen Kometen schwer mitgenommen sein musste.
    Der Turm strzt ein!, brllte Milten. Wir mssen hier irgendwie raus!
    Aber wie?, erwiderte Magenta 32 und deutete mit der Pfote in Richtung des Schachts, in dem ein groer Felsbrocken feststeckte und schwarzen Qualm ausstie. Den Liftu knnen wir uns schon mal abschminken, wenn ihr mich fragt!
    Vergeblich bemhte sich Milten, einen Ausweg zu finden, als ihn Samuel pltzlich an der Schulter packte.
    Deine Runen!, rief er und zeigte mit der Hand auf ein geffnetes Kstchen, das neben den brennenden Teppich gefallen war und eine Vielzahl von Runensteinen um sich herum auf den Boden verteilt hatte. Du musst die Teleportrune finden und von hier verschwinden!
    Milten starrte Samuel entgeistert an. Aber... ich kann keinen von euch mitnehmen... die Rune funktioniert immer nur fr den Magier, der sie benutzt...
    Dann benutz sie!, forderte Samuel und blickte den Magier eindringlich an, whrend hinter ihm eine glhende Flammenkugel die Wand zum Bersten brachte. Bring dich in Sicherheit, Milten!
    Ich kann dich nicht einfach im Stich lassen, Samu!
    Ein warmes Lcheln trat auf Samuels weiche Lippen, als er Miltens Gesicht sanft streichelte und ihm einen zrtlichen Kuss gab. Bitte, Milten. Ich mchte, dass du lebst.
    Einen kurzen Moment lang, der sich nach einer wundervollen Ewigkeit anfhlte, umarmte Milten den Geliebten und schaute ihm tief in die kristallklaren, reinen Aquamarinaugen.
    Ich liebe dich, Samu, sagte Milten mit brchiger Stimme. Die Worte kamen ganz selbstverstndlich aus seinem Mund, und im gleichen Augenblick wusste er, dass fr ihn nicht mehr zhlte, wer Samuel in einem frheren Leben einmal gewesen sein mochte. Nur noch das Hier und Jetzt war von Bedeutung.
    Und ich liebe dich, Milten, hauchte Samuel. Ich werde dich immer lieben.
    Ein lautes Donnern war zu vernehmen, als der linke Teil des Bodens in sich zusammenkrachte und auf die darunter liegende Ebene strzte. Flammende Teppichfetzen stieben Funken sprhend durch die Lfte.
    Geh, Milten! Samuel stie ihn von sich, aber seine Augen waren voller Liebe. Geh, und leb dein Leben fr mich mit behalte mich in deinem Herzen, und ich werde immer an deiner Seite sein!
    Einen kurzen Augenblick lang zgerte Milten noch, dann wandte er sich ab, ttschelte ein letztes Mal die Schnauze des traurig blickenden Magenta 32 und begann damit, auf das Runenkstchen zuzukriechen.
    Kaum hatte er es erreicht, hrte er ber sich einen lauten Schrei und Drones lebloser Krper traf mitten auf dem Runenhaufen auf. Der glimmende Rcken des ttowierten Mannes war verkohlt von dem Feuerball, der ihn getroffen hatte.
    chzend schob Milten den massigen Krper zur Seite und durchwhlte die Ansammlung der Steinchen nach der Teleportrune, die er kurz darauf in den Hnden hielt. Er umfasste sie mit der rechten Hand und drehte sich noch einmal zu Samuel um, der ihm tapfer lchelnd zunickte.
    In seinem Kopf toste es noch lauter als um ihn herum, als er seine inneren Krfte sammelte. Schon hatte er sie fokussiert, lie sie in seine Hand fahren und um den Runenstein zirkulieren, der ihn von hier wegbringen konnte, der ihn aus all dem Chaos zurck nach Khorinis schicken wrde, zurck in die friedliche, vertraute Heimat, dorthin, wo der gttliche Zorn nicht gewtet hatte... wo er in Sicherheit war...
    Er sprte, wie seine Energien um den Stein kreisten, wie sie bereit dazu waren, die Magie in ihm freizusetzen...
    und leitete sie in den Ring an seinem Finger um.
    Was... was ist denn das?, entfuhr es Magenta 32, als er die lngliche, silbrige Platte mit den beiden groen Tragflchen sah, die durch die zerstrte Decke zu ihnen herab segelte.
    Unsere Rettung!, rief Milten durch den drhnenden Wind hinweg, steckte die Teleportrune in die Hosentasche und hechtete zu Samuel und dem Wolfsmischling hinber. Als er Samuels Blick sah, fgte er hinzu: Vergiss es, ich lass dich nicht allein wir werden das hier alle gemeinsam durchstehen! Los, steigt auf!
    Magenta 32 hatte die Platte bereits betreten, und Samuel folgte ihm rasch nach. Als letzter stieg Milten auf und lie das Fluggert vom Boden der Etage hochsteigen keine Sekunde zu frh, denn schon im nchsten Moment krachten auch die letzten verbliebenen Reste des obersten Stockwerks in sich zusammen.
    Mit einer waghalsigen Drehung steuerte Milten das Gefhrt zwischen zwei herab schieende Eiskristalle hindurch und wich im letzten Moment einem Felsbrocken aus, auf dem ein Skelett in der dunklen Rstung eines Schattenlords ritt.
    Seht nur, was Marashi angerichtet hat, sagte Magenta 32 beklommen und schaute aus groen Bluthundeaugen auf die brennenden Huser von Imashi-Yuku herab. Auf den Straen herrschte ein heilloses Chaos: Wer noch nicht zur Eissule erstarrt oder von einem Feuerball bei lebendigem Leibe gerstet worden war, rannte panisch schreiend um sein Leben, verfolgt von untoten Bestien und dmonischen Kreaturen, die mit ihren tdlichen Klauen um sich schlugen. Dutzende Huser waren schon bis auf die Grundmauern ausgebrannt und viele weitere nach dem Einschlag eines schwarzen Felsbrockens in sich zusammengestrzt.
    Achtung, Milten da vorne!
    Drei fliegende Knochengerste in zerrtteten Roben schossen von unten zu ihnen herauf und schleuderten Geschosse aus dunkler Energie nach ihnen, denen Milten nicht rechtzeitig ausweichen konnte. Zwei der magischen Geschosse kollidierten mit einer Tragflche und brachten das Fluggert zum Trudeln. Mit Mhe und Not schafften es die drei Passagiere, sich am glatten Boden der silbernen Platte festzuhalten.
    Milten!, keuchte Magenta 32. Lass uns blo nicht abstrzen, hast du verstanden?
    Ich geb mir Mhe!, brllte Milten durch das Tosen des Sturms zurck, der vom Meer her auf sie eindrang, und versuchte, das Gefhrt trotz des starken Gegenwindes wieder zu stabilisieren. Die Skelettmagier warfen ihnen noch ein paar schwarze Energiekugeln hinterher, konnten aber nicht mit der Geschwindigkeit ihres Fluggerts mithalten und suchten sich ein anderes Ziel.
    Sie hatten nun das Hafenviertel der Hndlerinsel erreicht, das von einer massiven Sturmflut in seine Einzelteile zerlegt wurde. Riesige Wellen preschten auf die Ksten der Insel ein und bersplten die Straen der Stadt, whrend die Bewohner verzweifelt versuchten, sich schwimmend ber Wasser zu halten oder sich auf die Dcher ihrer Huser zu retten, bevor auch diese von den zerstrerischen Wassermassen unter sich begraben wurden.
    Fassungslos blickten die drei Freunde auf die schrecklichen Folgen von Marashis irrsinnigen Taten hinab, whrend sie die Kste von Imashi-Yuku hinter sich lieen und ber das strmische Meer hinweg sausten.
    Schaut nur!, rief Magenta 32 aufgeregt. Der Turm!
    Milten drehte den Kopf gerade noch rechtzeitig, um mit anzusehen, wie die zerklfteten Strukturen des Hyper-Turms nachgaben, und das ganze riesige Gebude in einer gewaltigen Wolke aus Schutt und Asche in sich zusammensackte. Ein blauer Lichtblitz zuckte aus der Mitte des dichten Qualms hervor, und fr den kurzen Moment eines Augenblinzelns war eine nach oben weg zischende Energiewelle zu erkennen, die in den Himmel hinauf fuhr.
    Schon wenige Sekunden spter sprte Milten, wie der Wind deutlich nachlie. Der Himmel frbte sich allmhlich in ein natrliches Schwarz und es kamen keine weiteren Geschosse mehr vom Himmel zu ihnen herab geflogen. Auch der Wellengang legte sich deutlich, whrend das Wasser allmhlich wieder aus den Straen des Hafenviertels in das Meer zurckfloss.
    Haben wir es berstanden?, fragte Samuel nach einer Weile vorsichtig.
    Ich glaube schon, erwiderte Milten und lie eine Welle der Erleichterung zu. Die Gtter haben ihren Zorn gezgelt. Sie haben ihre eigene Macht gebndigt und eine Gre bewiesen, die Marashi immer fremd geblieben ist.
    Samuel atmete tief aus und kuschelte sich an die Seite seines Geliebten, der das fliegende Gefhrt kraft seiner Gedanken unter einem klaren Nachthimmel ber die sich beruhigende See steuerte.
    Ich htte nicht gedacht, dass wir das alles berleben, seufzte er und nahm Miltens Hand. Ich habe es nicht gewagt, auf mehr zu hoffen, als auf deine Sicherheit, Milten. Aber du hast bewiesen, dass es immer richtig ist, an den ganz groen Hoffnungen festzuhalten. Du bist unser aller Lebensretter.
    Du hast wirklich ein Talent dafr, die Dinge in schne Worte zu kleiden. Lchelnd gab ihm Milten einen Kuss. An dir ist ein Poet verloren gegangen, oder ein Barde.
    Worte sind Tore in unsere Seele, erwiderte Samuel sanft. Alles, was ich mit meinen Worten erreichen mchte, ist dir einen Einblick in die Tiefen meiner Seele zu gewhren.
    Ach, Samu..., flsterte Milten und drckte die Hand des Geliebten. Jetzt, da alles berstanden ist, knnte ich ewig so an deiner Seite unter diesem wundervollen Sternenhimmel durch die Lfte sausen...
    Hey, Leute!, meldete sich Magenta 32 auf einmal zu Wort. Ich will eure pltzliche romantische Stimmung ja nur ungern unterbrechen ist ja wirklich schn, dass ihr so schnell umschalten knnt aber da drben auf der Insel kmpfen gerade immer noch jede Menge verzweifelte Menschen um ihr Leben! Und habt ihr vielleicht mal einen Gedanken an Yintsumi verschwendet? Gut mglich, dass sie jetzt da drben unter den Trmmern des Turms begraben liegt... und selbst wenn sie es noch rechtzeitig raus geschafft hat, dann wre es vielleicht ganz nett, ihr mal guten Tag zu sagen!
    Peinlich berhrt drehten sich Milten und Samuel zu ihm um.
    h... ja... du hast natrlich recht, gab Milten kleinlaut zu. Ich wrde sagen, wir... schauen dann mal gleich nach, was?
    Gute Idee, pflichtete ihm Samuel unter eifrigem Kopfnicken bei.
    Magenta 32 rollte sich auf der Flugplattform zusammen und verdrehte die Augen.
    Ihr seid mir ja schne Freunde...

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Als die erwachende Sonne am ersten Morgen des Frhlings ber den Horizont hinaus stieg und ihre lebensspendende Wrme ber der Insel Zakuwake ausbreitete, war auf den Baustellen unweit der Mnchsbucht bereits emsiges Gehmmer zu vernehmen.
    Rumpelnd glitt die Schubkarre ber die Pflastersteine der Strae der aufgehenden Sonne, als Milten eine neue Ladung Baumaterial zu dem halb fertigen Haus transportierte, an dem gerade gearbeitet wurde.
    „Na endlich!“, rief ihm Yintsumi schon von Weitem entgegen und winkte ihm frhlich zu. „Ich hab mich schon seit mindestens drei Minuten frchterlich gelangweilt!“
    „Guten Morgen, Yintsumi“, sagte Milten lchelnd, als er die Baustelle erreicht hatte, und kippte den Inhalt der Schubkarre vor ihren Fen ab. Euphorisch hob das Mdchen einen Backstein nach dem nchsten auf, stapelte sie auf ihrer Hand und wirbelte dann als rasend schneller Kreisel um die eigene Achse, whrend sie die Steine von sich weg schleuderte. Passgenau blieben die Backsteine an den richtigen Stellen in den halb fertigen Wnden stecken.
    „Guten Morgen, Schatz“, begrte ihn Samuel, legte den Hammer zur Seite und umarmte den Magier liebevoll. „Ich hoffe, du hast gut getrumt. Vorhin habe ich es nicht bers Herz gebracht, dich zu wecken... du sahst so friedlich aus, als du geschlafen hast.“
    „Ich habe von dir getrumt, Samu“, raunte Milten und hauchte einen Kuss auf die sanften Lippen seines Liebsten. „Ich trume jede Nacht nur von dir.“
    „Das ist kein Traum“, wisperte Samuel. „Das ist unser Leben.“
    „Jetzt geht das schon wieder los!“, drang das Genle von Magenta 32 zu ihnen hinauf. Mit einem gewagten Sprung hpfte das flinke Tier aus dem schon fast fertig gestellten Kellergeschoss nach oben und lie sich von Yintsumi den Kopf kraulen. „Knnten wir uns nicht vielleicht drauf einigen, dass ihr euch eurem Geschmachte hingebt, wenn ihr alleine seid? Dann hren auch nicht die ganze Zeit so viele Leute zu, wisst ihr?“
    „Ach, ich finde das eigentlich ganz s“, warf Yintsumi kichernd ein. „Die beiden sind doch einfach ein superschnuckeliges Prchen, findest du etwa nicht?“
    „Tja“, sagte Magenta 32 ratlos. „Ich glaube, ich knnte das besser beurteilen, wenn sie ein Fell und ein paar Pfoten htten.“
    „Ich glaube, ich htte da sogar den passenden Verwandlungsspruch auf Lager“, erwiderte Milten grinsend.
    „Ach nein, lass mal lieber“, wehrte der Mischling ab. „Am Ende verliebe ich mich noch in einen von euch, und das wrde mir nun wirklich das Herz brechen!“
    „Was ist denn hier los? Wird hier auch mal gearbeitet oder nur gelabert?“
    Mit weit aufgerissenem Grinsemund betrat Bo Leng die Baustelle und lud eine Schubkarrenladung Sand ab.
    „Das sagt derjenige, der sich ein ganzes Jahr lang von Marashi hat durchfttern lassen!“, entgegnete Milten und stie mit einer Schaufel in den vom Hauptmann abgeladenen Sandhaufen hinein.
    „Das werdet ihr mir aber auch ewig vorhalten, oder? Erinnert euch mal lieber daran, wie ich Yintsumi dabei geholfen habe, die ganzen Leute noch rechtzeitig aus dem Turm zu schaffen – das htte sie ohne den Cop-Titanen bestimmt nicht mehr hinbekommen, bevor alles eingestrzt ist!“
    „Stimmt!“, rief Yintsumi und warf einen Backstein in die Luft, um ihn anschlieend mit der Nase aufzufangen und herum zu balancieren. „Und beim Plattmachen der Skelette und der ganzen anderen fiesen Viecher, die noch auf der Insel rumliefen, hast du ja auch tatkrftig mitgeholfen!“
    Samuel legte eine Hand auf Bo Lengs Schulter und schenkte ihm ein anerkennendes Lcheln. „Ich habe dich immer fr einen gewissenlosen Schuft gehalten, aber am Ende hast du das Richtige getan, und darauf kommt es an. Wir sind dir alle sehr dankbar dafr, dass du den Wiederaufbau auf Imashi-Yuku organisierst und uns bei der Neuerrichtung der Huser entlang der Strae der aufgehenden Sonne sogar persnlich untersttzt.“
    „Das ist wohl das mindeste, das ich tun kann, um den Schaden wiedergutzumachen, den ich angerichtet habe“, sagte Bo Leng. „Geld zu verdienen ist ja schn und gut, aber am Ende sind es doch andere Sachen, auf die es ankommt. Das habe ich jetzt erkannt.“
    ber ihren Kpfen nherte sich ein rasch lauter werdendes Brummen. Gleich darauf kam ein dickes Pckchen aus der Luft geflogen und landete direkt vor Yintsumis Fen.
    „Hier ist eure Verpflegung fr heute!“, rief Hashuko Wayasotos drittltester Sohn zu ihnen herab und winkte ihnen freundlich zu, bevor er vollen Schub auf seine fnf Shitane-Antriebe gab und mit einem wahnwitzigen Krallenaffenzahn davonflitzte. „Viel Spa noch bei der Arbeit!“
    „Dankeschn!“, rief ihm Yintsumi hinterher und winkte frhlich zurck, bevor sie sich ber den Inhalt des Pakets hermachte.
    Als das Brummen der Antriebe verhallt war, rusperte sich Bo Leng vernehmlich und sagte feierlich: „Samuel, ich habe dir ein Angebot zu machen.“
    berrascht hob Samuel die blonden Brauen. „Worum geht es denn?“
    „Sei ein Teil meines Gremiums zur Rekrutierung neuer Stadtwachen. Die Zeiten, in denen ich allein entschieden habe, sind jetzt vorbei. Ab sofort wird das alles in einem fairen und ehrlichen Prozess geregelt. Du hast das Herz eines echten Kmpfers und weit auch, wie man mal so richtig hammermig auf die Pauke haut – du bist der Richtige fr den Job!“ Erwartungsvoll blickte ihn Bo Leng an. „Na, was sagst du?“
    Samuel war gerhrt. „Ich... wei gar nicht, was ich sagen soll. Das ist eine groe Ehre, Bo Leng. Ich bin natrlich dabei, keine Frage!“
    „Dann sind wir ab sofort Gremiumskollegen!“, freute sich der Hauptmann und schlug in Samuels Hand ein. „Gemeinsam werden wir das Archipel zu einem sicheren Ort fr alle Menschen machen.“
    „Aber erst helft ihr noch schn hier beim Aufbauen mit, damit am Ende alles noch viel grer und toller ist, als es vorher war!“, rief Yintsumi und vollfhrte mit der Hand ausladende Gesten in der Luft. „Ganz Zakuwake soll den Armen und Obdachlosen zur Verfgung stehen, und niemand soll jemals wieder auf der Strae hausen mssen!“
    „Sag mal, Yintsumi“, wandte sich Milten an das Mdchen, das sich gerade eine besonders dicke Utsu-Dumai-Nudel aus dem reichen Vorrat des Proviantpakets in den Mund schob. „hast du eigentlich berhaupt die Zeit dazu, uns hier auf der Baustelle zu helfen? Immerhin bist du ja jetzt der neue Hajiki und hast bestimmt eine Menge um die Ohren.“
    Die Hajiki!“, korrigierte Yintsumi mit stolzem Lcheln und unter schmatzenden Kaugeruschen. „Ich bin die erste weibliche Hajiki des stlichen Archipels! Das soll mir erst mal einer nachmachen!“
    Milten konnte sich noch gut an die feierliche Zeremonie erinnern, in der Yintsumi die Nachfolge ihres Vaters angetreten und das Mantra der Heiterkeit angestimmt hatte. Begeistert hatten ihr die Leute auf den Straen zugejubelt und bunte Bltenbltter in die Luft geschleudert, als sie die anfangs sehr feierliche, spter auch durchaus anstrengende traditionelle Prozession ber die einundvierzig Inseln begangen hatte.
    „Du wirst eine groartige Hajiki sein“, sprach ihr Samuel sein Vertrauen aus. „Dein Vater wre sehr stolz auf dich, wenn er dich jetzt sehen knnte.“
    „Na klar, ich krieg das schon alles irgendwie auf die Reihe“, zeigte sich auch Yintsumi selbst zuversichtlich. „Ich muss nur zusehen, dass ich in den nchsten zehn Jahren irgendwie diesen blden Zushu-no-washi abgeschafft bekomme... ich meine, ein ganzes Jahr lang schlafen? Wie langweilig ist das denn!“
    „Das solltest du am besten mit den Ahnen persnlich regeln“, schlug Milten schmunzelnd vor. „Die haben da bestimmt Verstndnis.“
    „So, jetzt aber wieder ran an die Arbeit!“, kommandierte Bo Leng. „Vom Schwafeln allein wird hier jedenfalls gar nix fertig!“
    Diesmal lieen sich die Freunde nicht lange bitte und machten sich umgehend wieder ans Werk. Auch Milten schnappte sich seinen Hammer und begann damit, Ngel in einem Brett zu versenken, whrend er in Gedanken noch einmal die Zeilen des letzten Briefes durchging, den er nach Khorinis geschickt hatte. Er hatte Pyrokar darin von seiner Entscheidung unterrichtet, nicht mehr in das Kloster zurckzukehren, das lange Jahre seine Heimat gewesen war. Im Herzen wrde er immer ein Feuermagier bleiben, das wusste er genau, aber sein Platz war nun hier auf dem Archipel, an der Seite von Samuel. Pyrokar wrde das hoffentlich verstehen.
    „Das sind sie!“, hallte pltzlich eine wtende Stimme zu ihnen herber. „Da drben, auf der Baustelle!“
    Erschrocken lieen die Freunde ihr Werkzeug sinken. Auf der Strae hatte sich eine Horde grobschlchtiger Mnner aufgestellt, in deren Hnden dicke Knppel und lange Harken ungeduldig auf ihren Einsatz warteten. In der Mitte der Gruppe stand ein langhaariger Mann, dessen hochroter Kopf vor Zorn glhte, und deutete mit dem Finger auf Milten, Samuel, Yintsumi und Bo Leng.
    „Genau die vier da!“, rief Kyo Sotooka anklagend. „Das sind die Mistkerle, die meinen goldenen Scavenger geklaut haben!“
    Milten, Samuel und Bo Leng tauschten schockierte Blicke, whrend das Mdchen selbstbewusst die Hand in die Seite stemmte.
    „Ich bin die Hajiki des stlichen Archipels und ihr werdet nicht auf diese Weise mit mir –“
    „Ist mir doch scheiegal, wer du bist!“, plrrte der wtende Mann. „Du und deine Freunde habt meinen goldenen Scavenger gestohlen und werdet ihn mir auf der Stelle zurckgeben!“
    „hm...“ Mit leiser Stimme wandte sich Milten an seine Freunde. „Meint ihr, es ist eine gute Idee, ihm zu sagen, dass wir seinen Scavenger damals auf Takuze einfach freigelassen haben und der gerade so ziemlich berall sein knnte?“
    „Ich glaube nicht“, raunte Samuel zurck. „Wie wre es, wenn wir eine kleine Runde ber die Insel drehen? Und... anschlieend vielleicht noch zur nchsten Insel rber schwimmen? Und das alles so schnell wir knnen?“
    „Klingt nach einem Plan, Samu!“
    „Na sicher, das wird bestimmt superlustig!“
    „Der Cop-Titan ist einverstanden!“
    „Tja, Leute... Ich hab zwar mit der ganzen Sache berhaupt nichts zu tun, aber wenn es eine Verfolgungsjagd gibt, dann bin ich natrlich dabei!“
    „Alles klar“, flsterte Samuel. „Dann auf drei. Eins... zwei... WEG HIER!
    Hastig lieen sie ihr Werkzeug fallen und strmten drauf los. Ihre Hscher schauten einen Moment lang verdutzt aus der Wsche, dann wedelten sie zornig mit den Harken nach ihnen und nahmen die Verfolgung auf.
    Laut hallten die Schritte der fnf Freunde von den Pflastersteinen zu ihren Fen wider, whrend sie ber die lange, gerade Strae davon liefen, immer der aufgehenden Sonne entgegen.

    終わり!

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