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#1 Dai Shi - Das Spiel beginnt!

  1. #241 Reply With Quote
    Nicashisha Shenanigans  Moku's Avatar
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    [Bild: trialava.png]Trial musste sich zugestehen, dass der Körper ein wenig ungewöhnlich war. Das Gehen war offensichtlich anders als das auf zwei Beinen, darauf war sie auch eingestellt gewesen. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte war wie schwer ihr Hinterteil war; und wie sehr sie sich zuweilen damit rumplagte gerade wenn es darum ging Gegenstände oder anderen Leuten auszuweichen. Sie wusste jetzt schon, dass der Webkörper ihre Schwachstelle sein würde an der sie unbedingt arbeiten musste.
    Gott sei dank hatte ihre langjährige Belendielerfahrung wenigstens dabei geholfen die Beine und die seltsame Rückenhaltung schnell zu meistern. Gerade die Rückenhaltung bei der sie derweilen den Drang ankämpfen musste sich nach vorn zu beugen um eine gewohnt gerade Körperlinie zu erzeugen. Es wart tatsächliche nur eine Sache von ein paar Schritten gewesen um die perfekte Balance zu finden und den Oberkörper aufrecht zu halten.
    Am Schlimmsten war jedoch das Gefühl der Spinnweben gewesen, die sie aus ihre Drüsen gedrückt hatte. Einfach und vulgär beschrieben: als würde sie einen festen, langen Strahl pinkeln. Etwas was sie nie laut sagen würde – im Gegensatz zu Jarkko, der keinerlei Schamgefühl besaß und ausplauderte was auch immer ihm in den Sinn kam.
    Sie konnte sich schon vorstellen wie er an ihre Stelle etwas wie „Hey, ich habe gerade Spinnweben gepisst!“ stolz verkündet hätte, kombiniert mit Siegerpose und hochgezogenen Augenbrauen.
    Die Spinne seufzte einmal liebevoll, schob dann jedoch sämtliche Gedanken an den Metamorph in die tiefsten Winkel ihres Bewusstseins. Sie hatte jetzt anderes zu tun: ihren ersten Skill erlernen. Danach konnte es weitergehen.
    Zwar war ihr erster Skill ziemlich passiv, bezog er sich lediglich auf eine Illusion, aber er würde sicherlich in diversen Situationen sehr hilfreich sein – vor allem da sie nicht allzu leicht wiederzuerkennen war.
    Fernernoch konnte sie sich mit diesem Skill endlich Quests beschaffen – und nichts lag ihrer mehr auf dem Herzen als so schnell wie möglich so viele wie möglich zu erledigen. Denn sie hatte eine Mission, und die war im Gegensatz zu anderen nicht der letzte stehende Mensch im Dai Shi zu sein.
    Somit wandte sie sich einem der Tore zu.
    Begrüßt wurde sie durch zwei Kämpfe, doch was ihr Augenmerk eher auf sich zog war die Wüste dahinter. Dieser Ausgang war reiner Selbstmord für die meisten, stellte sie nüchtern fest. Keine Versteckmöglichkeiten für jemanden wie sie, genug aber für Sandläufer und andere Rassen.
    Dies schienen sich auch die meisten anderen Spieler zu denken, denn es waren überraschend wenige an diesem Ausgang zufinden.
    Dass es dafür auch noch einen weiteren Grund gab, konnte Trial feststellen als binnen eines Augenblickes einem der Kämpfer auf den Dünen von einem Wesen, das blitzschnell aus dem Sand geschossen kam, der Kopf abgebissen wurde. Sie vermutete erst eine Rasse doch plötzlich kamen drei weitere solcher Wesen aus dem und verbissen sich in die Körper der anderen Kämpfer – und zogen sie dann unter gurgelnden Schreien unter die Sandoberfläche.
    Ja – es war kein Wunder, dass hier nur sehr wenige Personen verweilten. Der Ausgang war eine einzige Todesfalle.
    So weit das Auge reichte nur Sand und Dünen, und dazwischen tödliche Lebewesen die aussahen wie Aale.
    Sie tippte einmal mit ihren spitzen Beinchen auf die Erde.
    Durch die feinen Härchen an den Spitzen konnte sie kleinsten Bodenvibrationen spüren – wenn auch nicht auf großem Entfernung, waren die Härchen schließlich auf Schwingungen eines Spinnennetzes ausgelegt - aber einige Meter in ihrer unmittelbaren Umgebung waren durchaus möglich.
    Viele Menschen wussten nicht einmal wozu Spinnen möglich waren, aber ihr privates Interesse hatte sich in diesem Fall ausgezahlt. Verschrien als hässlich, eklig oder gefährlich, sah Trial selbst nur die Faszination der Tiere im realen Leben und sie hatte jauchzend auf ihrem Stuhl gesessen als sie die inerten Fähigkeiten der Rasse gelesen hatte. Kombiniert mit ihren Skills - die Illusionen und das Kämpfen mit den Fäden einschlossen - hatte sie sich eine Einmannarmee zugelegt – auch wenn sie auf Wendigkeit, Stärke und gewisse andere Vorzüge verzichten musste.
    Aber dieser erste Kill sollte durchaus machbar sein auch ohne Skills.
    Trial wartete einen Moment am Tor bis Ruhe auf dem Feld einkehrte. Wie vermutet machten die meisten anderen Spieler einen weiten Bogen um den Ausgang – war man schließlich wie auf dem goldenen Teller serviert.
    Es interessierte sich nicht einmal jemand für sie als sie ihre ersten Schritte auf dem warmen Sand zurücklegte. Einige Meter vom Tor entfernt blieb sie stehen, versuchte in sich hineinzuhorchen und die Vibrationen unter der Erde zu spüren. Tatsächlich spürte sie Bewegung – nichts Großes, weshalb sie nicht auf einen Spieler tippte. Wobei sie nicht einmal davon ausging, das Sandläufer in diesem tierischen Mienenfeld überleben konnten. Vermutlich eines dieser Aalwesen.
    Auf der Sandoberfläche war jedoch keine Bewegung zu erkennen.
    Sie presste die Augen fest zusammen, hob dann eines ihrer Beinchen – und stach in einen flinken Bewegung zu als sich etwas an die Sandoberfläche bahnte.
    Trial öffnete die Augen als sie ein Zappeln an ihrem Bein spürte, musterte dann das seltsame Wesen das sie direkt am Kopf aufgespießt hatte und nun seine letzen Atemzüge nahm.
    Es war wirklich ein großer Aal, vielleicht Sandwurm?, dessen schwarzes Blut an ihrem Bein auf den roten Sand tropfte. Angewidert schüttelte sie das ekelhafte Vieh ab, nahm dann ihre Beinchen in die Hände und sprintete zurück in die Stadt als die Vibrationen unter dem Sand rasant stärker wurden – und vor allem näher kamen. Sie wollte ihren Kopf ungern schon am ersten Tag verlieren.
    Mit Schritt 1 erledigt, folgte nun Schritt 2.
    Ausloggen.

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    [Bild: 1991.png] dragonage-game.de [Bild: 1991.png]
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    Moku is offline Last edited by Moku; 23.05.2019 at 00:03.

  2. #242 Reply With Quote
    Nicashisha Shenanigans  Moku's Avatar
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    [Bild: eosava.png]Ein leidenschaftliches, erfreutes und vorallem langanhaltendes „WuHUUUUUUUU hallte durch die Luft, gefolgt von einem genervten Seufzen. Kronk äußerte sich überhaupt nicht zu dem Geschehen und pflückte die schönsten Blumen, die er finden konnte, um daraus einen Blumenkranz zu basteln.
    „Yiiiha!“ war die ungewollte Antwort auf das Seufzen, das Eos in ihrer kindlichen Freude überhaupt nicht gehört hatte. Sie hatte nie Reiten gelernt, aber es fühlte sich so natürlich an, dass sie sich wunderte, warum andere soviel Geld in Reitstunden investierten.
    „Ey, Avon! Ich dachte du wärst der Tierbändiger! Wo ist dein Reittier?“ rief sie der dunkelhaarigen Frau zu, die sie mit vor der Brust verschränkten Armen aus dunklen Augen musterte, dann langsam und theatralisch eine Hand zur Seite nahm und auf ein totes Tier neben sich deutete.
    „Pfff,“ tat Eos die wortlose Geste ab und wandte sich stattdessen ihrem Reittier zu. Sie hatte keine Ahnung, was das genau für ein Tier war. Weder in Belendiel noch in alten Dai Shis war es vorher aufgetaucht, weshalb sie sich eine Notiz machte später nachzuforschen. Kaum hatten die drei sich von der rausstürmenden Horde abgesetzt, waren diese seltsamen Wesen auch schon mit flatternden Flügeln auf sie zugerannt als wären sie der leckerste Happen, den sie in Jahren zu Gesicht bekommen hatten.
    Kronk und Avon waren fließend dazu übergegangen die Tiere zu töten. Eos war dagegen mit Schwung auf den Rücken von einem dieser Hybriden gehopst und zog nun an den langen Ohren um es zu lenken.
    Was tatsächlich schwieriger war als die Flucht durch das Tor.
    Als sie vor dem Ausgang in Gainos angekommen waren, waren sie nicht überrascht gewesen, dass der Vorplatz überlaufen war mit Spielern, die sich gegen die bis dahin noch geschlossenen Tore quetschten. Beim Rausstürmen gingen sie ziemlich in der Menge unter und mussten trotzdem aufpassen, nicht von einer wild um sich geschlagenen Waffe getroffen zu werden. Oder von Pfeilen. Oder Giftzähnen. Oder Krallen. Es war... chaotisch gewesen.
    Kronk hatte sogar in all dem Durcheinander ausversehen seinen ersten Kill gehabt, wobei nach Aussage des Dschalut dieser das erst mitbekommen hatte, als er den zierlichen Pflanzenavatar vor Augen gesehen hatte. Vermutlich hatte er ihn beim Rauslaufen zertreten. Oder getreten. Vielleicht auch Fußball gespielt. Kronk wusste es wirklich nicht, hatte es nicht mal mitbekommen. Avon und Eos hatten auf seiner Schulter gesessen und die große Angriffsfläche, die er geboten hatte, verteidigt und deshalb sowieso nicht gemerkt, was unter ihnen los war – bis Kronk plötzlich laut aufbegehrte und irgendwas grunzte, das sich im Nachhinein wie „ERSTER“ anhörte.
    Avons erster Kill war eines dieser seltsamen Mischwesen gewesen. Katzenkopf mit Schnabel auf einem starken langen Hals, mit einem Runden Vogelkörper in rot-schwarzen Streifenmuster auf zwei haarigen Stelzen die in Pfoten endeten. Das Wesen war so surreal, dass es schon wieder unglaublich niedlich war.
    Weshalb Eos es auch nicht über das Herz brachte es einfach zu töten.
    Sie nannte es Striger.
    „Oh mein Gott, Eos. Mach hinne!“
    „Hinne womit?“ fragte die Tindómerel unschuldig und brachte Striger vor der Tierbändigerin zum Stehen. Sie konnte sich ein selbstgefälliges Grinsen nicht verkneifen. „Beeindruckend, ne? Und das ohne Skills,“ kommentierte sie nicht minder anmaßend.
    „Komm schon. Dein erster Skill ist wichtig,“ drängte Avon ohne auf ihr Gehabe einzugehen.
    „Fein,“ gab Eos nach. „Kronk?“ Der Riese sah von seinem fast fertigen Blumenkranz auf und wandte sich der Sprecherin zu. „Hast du was für mich?“
    Es dauerte einen Moment in dem der Dschalut seinen Kopf hin und her bewegte, und dann mit einem Kopfnicken in die Richtung einer Lichtung deutete. Eos drehte die Reitvogelkatze um einige Grad und schritt dann erhabenen Hauptes an Avon vorbei nur um vor Kronk stehen zu bleiben. „Leih mir mal dein Kusarigama.“
    Kronk grunzte einmal und schnarrte etwas, das sich nach „gleich“ anhörte. Die Halbelfe wartete geduldig. Stiger nicht ganz so und tapste auf der Stelle, schnappte dann mit dem spitzen Schnabel nach den Haaren des Riesen und begann darauf rumzukauen.
    Kronk reagierte nicht einmal darauf, verengte nur seine gelben Augen zu Schlitzen, während er vorsichtig die beiden Enden der Blumenreihe zu einem Kranz verband, und dann stolz hochhielt. Er musste nicht einmal aufstehen, um Stiger den fertigen Kranz auf den Kopf zu setzen, faltete dann die Hände neben seinen Kopf zusammen und seufzte einmal entzückt. Erst dann griff er zu seiner Seite und löste das Kusarigama von seinem Gürtel um es Eos quasi ins Gesicht zu werfen.
    Allerdings fing die Tindómerel die Waffe behänd, bedankte sich und ritt samt Reitvogelkatze und Blumenkranz auf die Lichtung zu.
    In der Mitte der freien Stellen befand sich ein kleiner See an dessen Rand sich entweder ein Spieler oder ein Tier tummelte. Zu ihrer Verteidigung: zuweilen war es wirklich nicht leicht die beiden auseinander zuhalten.
    „Komm, mein Kleiner,“ flüsterte sie dem Tier zu, trat einmal in die Seiten und Striger preschte los. Die Sichel in der Hand, rotierte sie die Kette mit dem Gewicht über ihren Kopf. Leider war ihre Annäherung nicht ganz so leise gewesen wie sie gehofft hatte, denn das Schuppenwesen drehte sich zu ihr um und sprang auf.
    „Hallooo Schwester,“ begrüßte Eos das Ding, wich aber nicht einmal von ihrem Kollisionskurs ab als sie bemerkte, dass das Wesen sich zum Angriff bereit machte und – völlig überraschend, lange Stachel am ganzen Körper und besonders lange aus den Fingerknöcheln herausdrückte. Da war jemand scheinbar Retro-Fan von Wolverine.
    Als Eos nah genug war das Gewicht endlich sausen zu lassen, war sie jedoch auch in der Reichweite des seltsamen Wesens gekommen. Während das Schuppending mit den langen Krallen attackierte, schlug die schwere Eisenkugel des Kusarigamas gegen dessen Schläfen.
    Sie wollte gerade siegessicher die Hand hochreißen, als es jedoch plötzlich nach unten ging und sie sich auf dem Boden wiederfand – ziemlich genau neben Schuppi. Etwas benommen richtete sie sich von dem Sturz auf, ließ dann ihrem Blick unherschweifen, um herauszufinden, was passiert war. Ihre Augen blieben an Striger hängen, der in einer Lache aus Blut zusammen gesackt war.
    Scheinbar hatte das Schuppentier Striger erwischt, bevor das Gewicht es außer gefecht gesetzt hatte.
    „Hey,“ stieß sie empört aus, hob ihren Körper samt Sichel auf als sie sich über Spieler-Schrägstrich-Monster aufbäumte. „Das war mein Haustier.“
    Schuppi öffnete mit einem Knurren die Augen als Eos wütend die Sichel in dessen Kehle rammte. Das Knurren endete schnell in einem Gurgeln und sie wandte sich von der Leiche ab. Scheinbar wirklich ein Monster, hatte sie schießlich keine Bilder vor Augen.
    Eos seufzte resigniert, ging dann auf Striger zu und streichelte einmal über das weiche Fell. Die Augen des Tieres wanderten wild hin und her und Eos holte ein Messer aus ihren Taschen hervor.
    „Wir kannten uns zwar nur ein paar Minuten und du wolltest mich auffressen, aber ich werde dich vermissen,“ flüsterte sie traurig und gab Striger dann seine Erlösung.
    Sie gab sich selbst ein paar Sekunden, bevor sie aufstand und sich zum Waldrand umdrehte.
    „Da. Jetzt hast du was du wolltest,“ brüllte sie über die Lichtung zu Avon. Die Amazone schüttelte den Kopf und drehte sich einfach von ihr ab.
    Eos warf die Hände in die Luft und stampfte dann hinter ihren Gefährten her.
    Und sie hatte so gehofft auf das Gehen verzichten zu können.

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    Moku is offline Last edited by Moku; 20.05.2019 at 12:38.

  3. #243 Reply With Quote
    Burgherrin Giarra's Avatar
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    Der Elf stand noch eine Zeit vor den Toren und lauschte mit gemischten Gefühlen dem Geschrei, dem Gejammer, dem Gebrülle und den anderen bizarren Geräuschen der vielen Avatare. Atoro interessierte das alles im Gegenteil dazu recht wenig, er bevorzugte es sich hübsch zu machen und kämmte mit den riesigen Schneidezähnen sein Fell von oben bis unten durch. Sie standen beide mit anderen, schaulustigen Avataren in der sicheren Zone, um die Situation richtig abschätzen zu können. Er fühlte sich allerdings nicht viel besser als all die lachenden und jubelnden Leute neben ihm, die sich an dem Blutbad draußen in der Steppe ergötzten und zu verdrängen schienen, dass auch sie bald in die weite Welt hinaustreten mussten. Der erste Skill war wichtig, das war selbst Rhaokyka klar.
    Viele hatten sich schon in ihren ersten Kampf gestürzt, sei es mit einem nahen Monster oder schon einem anderen Spieler, und überschätzten sich zum Teil maßlos. Ein großen Krieger rannte mit eindrucksvollem Grummeln und Brummen einem Rammbock ähnlich aus den großen offenen Toren hinaus – und wurde relativ schnell von einem kleinen Zwerg mit eindrucksvollem pinkem Bart seiner Beine entledigt. Dann seiner Arme. Rhao konnte dank der guten Sicht im Dunkeln auch die weiter entfernte Szenerie gut beobachten und wünschte sich in diesem Moment ein blinder Maulwurf zu sein. Der kleine Mann hatte neben absurd buschigen Augenbrauen und golden schimmernden Zähnen noch lächerlich große Schuhe an, deren Schönheit allerdings im Schatten des riesigen Beidhänders verschwanden. Das monströse Schwert hatte einen wunderschönen Knauf, der eine nackte Frau mit interessanten Dingen an noch interessanteren Orten zeigte und im krassen Gegensatz zu dem pinkbärtigen verschrobenem Männchen standen, das mit einer zufriedenen Miene Hackfleisch aus dem immernoch leise wimmernden Krieger machte und sich währenddessen mit einem kleinen Kunstwerk aus Blutspritzern, nein Blutpfützen schmückte. Als zusätzliches Accessoire trug er eine Kochmütze, die mindestens die Hälfte seiner Größe maß. Rhao wusste nicht, dass man ein Gesicht mit Metall eines Helmes drumherum derart zermatschen konnte und trat unwillkürlich einen kleinen Schritt weiter nach innen in den Hafen der Sicherheit als der irre Blick des Mannes selbst über diese Distanz ihn traf, während er als Abschluss mit Begeisterung und großer Sorgfalt seinen Bart auswrung.
    Mit vor Abscheu verzogenem Gesicht sah er noch kurz die Reste des Kriegers – die schimmernde Rüstung zerdellt oder zerborsten, das Gesicht fein zerhackstückelt wie Zwiebeln in einer professionellen Küche, der Brustkorb geöffnet und alles wunderschön drapiert.
    Der hat sie doch nicht mehr alle. Hat der zu viel JamieLee Lolliver gesehen?
    Und bei der Größe des Schwertes, wie klein muss dann sein...

    Seine Kinnlade klappte herunter als sah, dass noch ein kleiner Zweig, der stark an Lorbeeren erinnerte, mit nicht weniger Gewalt in den Kadaver gerammt wurde, der das ganze an ein besonders interessantes Feinschmeckergericht erinnern ließ.
    Der Elf nannte den mittlerweile verschwundenen Avatar einfach 'Den Gourmet' und setzte ihn auf die Liste derer, die er sicherlich nicht zu einer besseren Sicht auf die Dinge bekehren konnte, sondern vor denen man sich fernhalten sollte. Oder Töten. Aber von jemandem anders, er wollte sicherlich nicht als Lasagne mit hübsch drapiertem Gemüse in der Augenhöhle mitten in der Wüste enden.

    Er ertrug den Lärm der Schlacht und Zuschauer für diesen Moment nicht länger – eine wirklich hervorragende Eigenschaft inmitten eines Spieles, dessen Inhalt nur aus Morden, Töten, Meucheln, Messern, Erschießen, Verbrennen, Erdrücken, Zerbersten, Zerreißen, Beißen, Schockfrosten und eventuell sogar Avatarweitwurf bestand - und beschloss sich wieder in die Stadt zurückzuziehen. Vielleicht traf er dort auf einige verängstigte Seelen, die sich ihm anschlossen oder wenigstens seiner Sache Gehör schenken wollten.
    Eine Guerilla-Armee, eine Untergrundorganisation, eine geheime Geheimgesellschaft voller Geheimnisse und noch geheimerem Klopfzeichen - was war eigentlich genau sein Ziel? Eine berechtigte Frage, die er in seinem Hirn auf einen anderen Zeitpunkt vertagte. Er hatte schon einige Avatare um die Ecken huschen sehen und wohl auch hier und dort leises Schluchzen wahrgenommen – ob nun eingebildet oder tatsächlich wusste er allerdings nicht.
    Immer tiefer drang er vor, nur noch das Tippeln seiner Ratte an der Seite vernehmend und immer in die dunklen Ecken starrend, in denen sich jemand versteckt haben könnte. Die NPCs folgten alle ihrem programmierten Biorhythmus und schliefen zu dieser Zeit, sodass die Straßen und Gassen unnatürlich leer aussahen. Der weißhaarige Elf seufzte einmal tief und begann den ersten Stich Verzweiflung zu spüren – und das nur wenige Zeit nach Anfang des Spiels, ein neuer Rekord (da konnte man schonmal klatschen) -, da er absolut nicht mit dieser Menge an tollwütigen Irren gerechnet hatte. Sprach nur Angst aus den Leuten, hatte er hier einfach den Kaffeesatz der Gesellschaft vor Augen oder war die Menschheit tatsächlich langsam aber sicher übergeschnappt?
    I see you shiver with antici....
    Giarra is offline

  4. #244 Reply With Quote
    Provinzheld DragonGodSlayer's Avatar
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    Vor der Demonstration

    [Bild: Adcalur_klein.jpg]

    Die Spieler waren jetzt in großer Panik und noch mehr von ihnen als zuvor versuchten jetzt durch die Tore aus der Stadt zu fliehen. Dieses Treiben der dummen Spieler gefiel ihm außerordentlich gut, denn es war doch glasklar, dass jetzt niemand aus der Stadt raus kommen konnte, solange die Demonstration des Gamemasters nicht vorbei war. Und genau in diesem Moment geschah es, die Demonstration begann. Ein extrem schriller und lauter Ton war zu hören, welcher einem fast das Trommelfell zum platzen brachte. Dieses Gefühl hatte zumindest Adcalur, als er dieses Geräusch war genommen hatte und presste sofort seine Hände gegen seine Ohren und hoffte, dass dadurch der Lärm etwas reduziert werden würde und sein Gehör intakt bleibt. Der Schmerz ließ zwar etwas nach, nachdem er die Hände auf seine Ohren gedrückt hatte, allerdings war er immer noch so groß, dass er sich vor Schmerz nach vorne auf die Knie fallen ließ und sich zusammen kauerte. Da er dadurch auf den Boden sah und seine Sicht durch den Schmerz eh etwas verschwommen war, viel es ihm erst überhaupt nicht auf, es so neblig wurde, dass man nicht mal mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Dies bemerkte er erst, als die Schmerzen, welche er durch das Geräusch gehabt hatte nachgelassen hatten. Kurzzeitig war er zwar verwirrt, warum er nichts sah, konnte sich aber denken, dass dies mit dem zusammenhing, was der Gamemaster angekündigt hatte.
    Auch wenn er im Dunkeln sehen konnte, sah er trotzdem nichts, da dies mit keiner Dunkelheit zusammen hing. Auch wenn er wusste oder eher vermutete, dass er zwar jetzt noch nicht sterben könnte wollte er dem Ratschlag folgen und auf höheres Terrain gehen. Zum Glück war hinter ihm ja ein Gebäude, auf welches er klettern konnte, weshalb er sich umdrehte und an der Wand nach einem Fenster oder einer Unebenheit suchte, an der er sich abstützen konnte, um hinauf zu gelangen. Noch während er die Wand abtastete hörte er Donnergrollen, dachte sich dabei aber noch nichts. Adcalur wollte einfach nur auf das Dach dieses Gebäudes, denn egal was kommen würde, er wollte es nicht am eigenen Körper miterleben, denn dies würde ihn nur schwächen, sobald es daran ging die Stadt zu verlassen. Dann fand er eine Stelle, an der er versuchen konnte auf das Dach zu kommen, was er auch sogleich tat. Etwas schaffte er es die Wand hinauf zu kommen und er hätte es auf das Dach geschafft, wäre nicht plötzlich nur ein kleines Stück neben ihm ein Blitz eingeschlagen und er dadurch von der Wand fiel. Adcalur konnte sich nirgends abfangen und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf und dann wurde es schwarz vor seinen Augen.

    Kurze Zeit lag er ohnmächtig am Boden. Sein Bewusstsein erlangte er erst wieder, als das Wasser schon ein paar Zentimeter in den Straßen stand. Er spürte, dass alles um ihm herum nass war und glaubte kurz, dass er in einem See lag, ehe er sich wieder im Klaren wurde, wo er war. Im Dai Shi. Mit einem Ruck saß der Vampir aufrecht auf dem Boden und überall war Wasser. Erst jetzt bemerkte dieser, dass es in Strömen regnete, was noch untertrieben war. In diesem Moment wurde ihm klar, warum dieser X gesagt hatte, sie sollen höheres Terrain aufsuchen, denn sonst würden sie ertrinken. Auch in diesem Moment dachte er allerdings immer noch, dass sie bestimmt niemanden oder zumindest nicht viele durch dieses Ereignis ums Leben kommen lassen würden. Dennoch wollte er wirklich dringend auf das Gebäude kommen und sich dort von diesem Sturz und dann auch der Kletterei erholen wollte, ehe es daran ging die Stadt zu verlassen. Einmal tief durchatmend und danach stand er auf und lief nach vorne, denn dort müsste eigentlich immer noch das Gebäude stehen, sofern er sich nicht gedreht hatte, als er gefallen war. Und tatsächlich nur fünf Schritte vor ihm befand sich die Stelle, an der er zuvor versucht hatte die Wand zu erklimmen. Das Wasser stand ihm nun bis zu den Waden und er versuchte sich wieder an dem Aufstieg. Wobei Aufstieg in diesem Fall wirklich das falsche Wort war, denn sobald er an den Füßen und Händen einen sicheren Halt hatte, drückte er sich so stark nach oben, dass er eigentlich nach oben gesprungen war und konnte sich an einer Stelle weiter oben wieder festhalten. Als er diese Prozedur wiederholt hatte, konnte er sich schon beim nächsten Mal am Dachvorsprung festhalten und ganz nach oben aufs Dach ziehen.

    Oben auf dem Dach angekommen war sofort zu spüren, dass dieses sehr rutschig war, weshalb er vorsichtig, um ja nicht auszurutschen und wieder hinunter zu fallen, das Dach hinauf ging. Denn es könnte ja sein, dass das Wasser so hoch steigen würde, dass es sogar teile des Daches bedecken werden. Ohne einmal auf der Schräge auszurutschen gelang es ihm den höchsten Punkt des Daches zu erreichen, wo er sich hinsetzte und darauf wartete, dass dieses Szenario vorbei gehen würde.

    Auch wenn nicht außer Atem, war Adcalur dennoch erschöpft und sein Hinterkopf bereitete ihm auch schmerzen, weshalb er wirklich recht froh war, dass er sich nun hier ausruhen konnte, das Spiel um Leben und Tot würde erst richtig beginnen, sobald sich die Tore, welche aus der Stadt führten sich öffneten.
    Es gab in jedem Dai Shi drei Personen, an die man sich erinnerte und er wollte mindestens einer von ihnen werden. Natürlich der Sieger, allerdings würde ihm dies zu lange dauern. Die anderen beiden „Legenden“, wenn man sie so nennen wollte, wurden viel früher im Spiel bestimmt und zwar zur selben Zeit. Es war die Person, welche den ersten Kill des Spieles durchführte und der dämliche Idiot, der das erste Opfer wurde. Adcalur wollte einer der beiden werden und ganz gewiss nicht der dämliche Idiot.

    Wie er so auf dem Dach saß, kamen mit der Zeit noch einige andere Personen auf dieses hoch, welche er aber nicht groß beachtete. Nach einer gefühlten Ewigkeit, welche ihm aber gut getan hatte, lichtete sich der Nebel und es hörte auf zu regnen. Sein Blick wanderte sofort zu den Toren, welche aber noch geschlossen waren. Leider. Von seiner Position aus sah er, dass das Wasser, welches in den Straßen gestanden hatte langsam abfloss.
    Was der Gamemaster, als dessen Stimme wieder zu hören war, über die NPC erzählte, interessierte ihn nicht, er wollte nur dass sich die Stadttore öffneten und er hinausgehen konnte. Erst als er etwas von einer Anfangsquest erzählte fing er an ihm genau zuzuhören, denn wenn jeder eine bekommen würde, konnte dies nicht wirklich etwas Gutes bedeuten. Doch da hatte er sich getäuscht, als gesagt wurde, dass die Anfangsquest hieß etwas außerhalb der Stadt zu töten, musste er kurz auflachen, denn dies hatte er ja ohnehin vor. Da die Rede von etwas war, würde dies bestimmt auch auf einen Spieler bezogen sein. Schnell stand er auf und lief auf die Stelle zu, an der er auf das Dach gekommen war, denn dort würde er jetzt sofort wieder hinunter steigen, denn das Wasser war fast komplett verschwunden und darum würde es nicht mehr lange dauern, bis sie die Tore öffnen würden und diesen Moment durfte er nicht auf dem Dach verbringen, sondern musste schon auf dem Boden stehen.
    Kaum war er am Boden angekommen, wurde seine Vermutung, dass die Quest auch beendet war, wenn man einen Spieler tötete vom Gamemaster bestätigt, was ein freudiges Lächeln in sein schneeweißes Gesicht zauberte.
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  5. #245 Reply With Quote
    Burgherrin Glorichen's Avatar
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    [Bild: AvatarBlume.png]Obwohl es 'Nacht' war und nachts für gewöhnlich die Welt wesentlich stiller und friedvoller war, glich Gainos eher einem großen Platz, auf dem ein Festival stattfand. Laute Stimmen, Gebrüll, Rufe, Grunzen, Wiehern, manchmal sogar auch Lachen, vor allem aber viele Gesprächsfetzen drangen von überall her an Telmas Ohren. Aus der Richtung des großen Platzes und der Stadttore lauter als aus den Gassen und Straßen zwischen den Häusern. Sie hätte sich genauso gut auf dem Réttir in Reykjavik aufhalten können.
    Die Tore waren also geöffnet und so wie es aussah, zog es zumindest einen Teil der Spieler bereits nach draußen - oder zumindest an die Tore. Jedenfalls leerten sich die Straßen etwas, sodass Telma weniger Mühe hatte, sich ihren Weg über die gepflasterten Wege zu bahnen. Immer wieder wandte sie den Blick gen Himmel, auf der Suche nach einem Streifen Dämmerung, der ihr den Tag ankündigte. Doch es war klar, ein paar Stunden würde sie warten müssen. Bei Nacht aus dem Tor und in den Ernst dieses Spieles hinauszutreten war keine gute Idee. Zumindest nicht, wenn sie nicht mit wenigstens ein paar Kills abtreten wollte.
    Telma rechnete nicht damit zu überleben. Aber sie wollte nicht zur Schlachtbank geführt werden wie ein Schaf. Nein. Das würde Olav nicht gerecht werden.

    Der Gedanke an ihren Bruder ließ Telma mitten auf dem Weg stehen bleiben. Sein Gesicht, mit diesem charakteristischen frechen Lachen und dem Grübchen, das sich dabei auf seiner rechten Wange bildete, stieg vor ihren Augen auf und ließ die Dryade für einige Momente erstarren. Den Blick ins Nichts gerichtet stand sie da, während der Junge, den sie so sehr geliebt und verehrt hatte, durch ihren Kopf spukte und ihr völlig die Handlungsfähigkeit versagte.

    WUMMS!
    Etwas schlug mit enormer Kraft gegen Telmas Schulter und wirbelte sie herum, sodass sie den sicheren Stand verlor.
    "Pass doch auf! Vollpfosten!"
    Telma schwankte immer noch, irgendwie noch nicht bereit, um ihr Gleichgewicht zu kämpfen und sackte schließlich auf Hände und Knie. "Pffft", gackerte es über ihr und als die Dryade schließlich den Kopf etwas anhob, sah sie noch die schlanke Gestalt, die sie umgelaufen hatte, mit wippender roter Haarmähne davonhüpfen.
    Einen Moment starrte Telma ihr im Vierfüßlerstand nach und ließ sich dann ganz auf ihre Füße sinken, sodass sie nun mitten auf dem Weg saß und unbestimmt in die Richtung blickte, in die die andere verschwunden war. Dumpf spürte sie einen leichten Schmerz in der rechten Schulter, dort wo die andere in sie hineingelaufen war, doch anstatt sich darum zu sorgen hieß Telma ihn willkommen. Er war eine Verbindung zur Realität, und hatte sie etwas aus ihrer Lethargie hervorgelockt.

    Trotzdem stand sie erst auf, als beinahe ein weiterer Spieler, mit Hufen statt Füßen, über sie gestolpert wäre und ihr ein immerhin wesentlich freundlicheres "Vorsicht!" zurief, bevor auch er verschwand. Auch ihm blickte Telma einen Moment hinterher, bis sie sich wieder auf ihren Hände stützte und sich so wieder in die Aufrechte schob. Der Hain, sie musste zum Hain. Ein leises Kribbeln in ihren Fingerkuppen erinnerte sie an das angenehme Gefühl, das sie zuvor gehabt hatte, als sie den Baum dort berührt hatte.
    Doch sie ließ sich Zeit. Nichts, rein gar nichts drängte sie zur Eile. Die Nacht würde lange genug dauern und überhaupt war sie nicht einer dieser Menschen, die es eilig von einem Ort zum nächsten zog. Im Gegenteil war es ihr immer erschienen, dass der Weg immer die angenehmste Sache an der Bewegung von einem Ort zum nächsten war.
    Also setzte sie einen Fuß vor den anderen, achtete jetzt jedoch weitestgehend darauf, zu anderen Spielern mindestens ein bis zwei Meter Abstand zu halten und erreichte schließlich erneut den kleinen Hain, der mit Gras, Büschen und einigen Bäumen lockte.
    Schon einige Meter zuvor hatte sie der Geruch der Pflanzen angelockt; eine Tatsache, die ihr zuvor nie aufgefallen war. Wie gut Pflanzen doch rochen! Unwillkürlich hatten sich ihre Schritte etwas beschleunigt und jetzt da sie von den Pflastersteinen auf das Gras trat, machte sie einige große Sprünge, bis sie mittendrin stand, umgeben von Blattwerk, Zweigen, Ästen und Rascheln.
    Diesmal ließ sich Telma ganz freiwillig auf alle Viere nieder und strich mit den Händen durch das weiche, wohlduftende Gras. Dann ließ sie sich ganz auf den Bauch nieder, streckte alle Viere von sich und ließ die Halme ihr Gesicht und ihre Nase kitzeln. Hier würde sie bleiben können, bis die Sonne aufging.
    Ein kleiner Funken Frieden für ihre gequälte Seele.
    "Never be cruel, never be cowardly.
    And never ever eat pears!
    Remember, hate is always foolish,
    and love is always wise.
    Laugh hard. Run fast. Be kind."
    - 12th Doctor -


    Glorichen is offline

  6. #246 Reply With Quote
    .. loves to smile for you  BlackShial's Avatar
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    in der Wirklichkeit
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    Was bisher geschah: von Wetteinsätzen und Würfelhusten

    [Bild: AvatarKazue.png]Ruhig wanderten die Augen der Ärztin zu der mobilen Neuraleinheit herab, die sie zuvor auf dem Tisch vor sich platziert hatte. Unweit dem Blumentopf, der auch weiterhin im Glauben, sie würde es nicht bemerken, als Aschenbecher genutzt wurde.
    Wenn Sato überrascht war, dann hatte sie es sich nicht auch nur eine Sekunde ansehen lassen.
    Vollkommen unbeeindruckt von dem Geschehen auf der Projektion vor sich oder gar dem Leuchten ihrer MNE, blickte die Frau an ihrem Kollegen vorbei zur Tür. Sie schätzte ab, wie hartnäckig der unbekannte Störenfried wohl sein mochte. Insgeheim hatte sie jedoch einen Verdacht, um wem es sich dabei handeln könnte, womit die Frage der Hartnäckigkeit dieses Anrufes ohnehin irrelevant war.
    „Entschuldigen sie mich kurz, Mukuge.“
    Ohne auch nur auf eine Antwort ihres Kollegen zu warten, erhob sich die Rothaarige von ihrem Tisch und strich sich den noch während des Verlassens der Räumlichkeiten ihren Kittel wieder glatt. Man wollte immerhin nicht den Anschein erregen, unprofessionell zu sein – ganz zu schweigen von der Befriedigung des Dranges, der ihre Hände ohnehin an ihr herabwandern ließen, sobald sie auch nur eine Falte in ihrer Kleidung vermutete.
    Der ausgewählte Austragungsort folgender verbaler Auseinandersetzung war das kleine Labor, welches sich direkt neben dem Büro der Ärztin befand, dessen Tür sie mit einem blasierten Lächeln auf den Lippen hinter sich schloss. Ruhig und vor allem akkurat legte Sato die noch immer leuchtende MNE vor sich auf den Labortisch, blickte noch einmal prüfend zur Tür und nahm dann die Gesprächsanfrage des hartnäckigen Anrufers an.
    Noch bevor sich das holografische Bild überhaupt hatte aufbauen können, erklang die aufgebrachte Stimme einer noch jungen Frau, die es erstaunlicherweise wirklich gut beherrschte in jedem von ihr geformten Wort den Groll fast schon sichtbar zu präsentieren.
    „Wollen sie mich eigentlich verscheißern?!“
    Wild gestikulierend erschien die Gestalt des forsch-formulierenden Früchtchens über der mobilen Neuraleinheit, die den Anrufer über sich projizierte. Man hätte nicht einmal einen Ton benötigt, um der Mine des Mädchens abzulesen, was genau sie empfand.
    Die Augen vor Ärger zwischen dem wirren Haar hervorfunkelnd – augenscheinlich hatte es an diesem Tag noch nicht für die Haarpflege gereicht. Die Lippen heftig bebend, dabei wie bei einem Straßenköter die Zähne gebleckt und durch die Bewegung des Unterkiefers knirschend.
    „Yasui Hazel.“
    Vollkommen teilnahmslos formulierte die Rothaarige die Feststellung, wer sich hinter der unnötig geschmacklosen Aussage verbarg – nicht, dass sie es nicht ohnehin bereits erahnt hatte, noch bevor die Worte überhaupt erklungen waren.
    „Ich weiß wie ich heiße, danke!“
    Fast - aber auch wirklich nur fast - hätte sich Sato erschrocken, dass diese Göre doch tatsächlich ein Wort wie 'Danke' kannte und sogar zu benutzen wusste, abgesehen von dem noch immer unhöflich lautem Tonfall.
    „Das freut mich für sie. Wie kann ich ihnen behilflich sein?“
    Nicht, dass der Frau nicht noch unzählige andere Sätze auf der Zunge lagen – allem voran unzählige Theorien über den Geisteszustand der Oberschülerin – dennoch entschied sie sich dafür das Gespräch sofort in die Richtung zu lenken, wegen der das Mädchen überhaupt erst gestört hatte.
    „In dem sie mir erklären, was diese ganze Scheiße zu bedeuten hat!
    Noch immer nicht gewillt ihre Stimme zu senken, prustete die Dunkelhäutige den Wortschwall heraus. Gefolgt von einer schaumigen Masse – wenn auch nur in der Vorstellung der Ärztin.
    „Was, das Dai Shi?“
    Die Nachfrage war eigentlich vollkommen überflüssig, hatte Sato ohnehin nicht vor auf eine Antwort zu warten. Zu gern hätte sie das Rotzgör noch etwas zappeln lassen, wenngleich sie es kaum erwarten konnte, wie sich das Gespräch wohl noch entwickeln mochte.
    „Dachten sie etwa 'großer Tod' stände für ein Communitytreffen der Belendiel-Krabbelgruppe? Auch wenn es in vielen Fällen der Teilnehmer gewiss nicht abwegig klingen mag.“

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    Was bisher geschah: scharfzüngige Schabracke

    [Bild: AvatarHazel1.png]Die Fahlbraunhaarige schnaubte verächtlich. Sie hatte weder die Geduld, noch das Interesse daran sich auf solch ein Spiel einzulassen. Weder auf das der Ärztin, noch auf das Dai Shi.
    „Lecken sie mich doch!“
    Schnarrend verengte Hazel die Augen, wandte sich dann von der Holoübertragung ab und machte einen Schritt von ihrem Schreibtisch weg und in den Raum hinein. Die Verbindung blieb bestehen und wurde auch weiterhin von dem auf dem Tisch liegenden Holophone projiziert, zusammen mit dem kleinen Otter, der immer mal wieder hinter dem Bild der Rothaarigen hervorlugte – jedoch kaum von der Oberschülerin bemerkt wurde.
    „Wie kann man diesen kranken Bockmist bitte mit seinem Gewissen vereinbaren?!“
    Wieso fragte sie überhaupt? Es war ja kaum so, als hätte dieser rotborstige Drahtbesen so etwas wie ein Gewissen, da war sie sich mehr als nur sicher. Es hätte sie nicht verwundert, wenn diese sie ständig blendenden Schmucksteine aus Tränen unzähliger Kinder gepresst waren, denen Nonomoto Enterprises die Eltern geraubt hatte.
    „Weshalb sollte dieses Spiel das Gewissen von einem der Nonomoto-Mitarbeiter belasten? Jeder Teilnehmer hat sich freiwillig dafür entschieden, sein Leben für ein paar Minuten Ruhm wegzuwerfen.“
    Ihre Stimme klang – wie zu erwarten und wie auch schon die ganze Zeit über – erschreckend kalt. Okay, Hazel interessierte sich ebenfalls einen Scheißdreck für die anderen Spieler, hatten die es sich ja wie die Furie sagte selbst herausgesucht. In ihrem Fall sah die Sache da aber schon gänzlich anders aus.
    „Es gibt Personen, die sehen es sogar als Dienst an der Menschheit an, was wir tut. Die einen nennen es einen Zeitvertreib für jene, die sonst nur auf dumme Gedanken kommen würden. Kurz: Globale Besänftigung. Andere halten es für eine Auslese der Starken oder einfach nur die Beseitigung derer, die ohnehin niemals etwas zu einer besseren Gesellschaft beitragen könnten. Außer ihrem Ableben natürlich.“
    Abgesehen von der Tatsache, dass diese Sato tatsächlich irgendwo recht hatte; ihr Hazel wie gewohnt nur mit einem Ohr zuhörte – dieses Mal jedoch dem Rauschen verschuldet – musste die Oberschülerin schlucken.
    Sie war kein Samariter, noch sah sie einen Sinn darin sich für all die bemitleidenswerten Seelen einsetzen, die ihr langweiliges Leben einfach so wegwarfen, aber dennoch trafen sie diese Worte. Irgendwo. Sie wollte keiner dieser Zirkusaffen sein, die alles aufgaben, nur um möglichst stilvoll abgemurkst zu werden, damit es der sabbernden Masse auch wirklich gefiel.
    „Yasui Hazel?“
    Ihr Name, abermals in diesem ekelerregenden Tonfall ausgesprochen, ließ sie aufhorchen. Mit hochgezogener Augenbraue drehte sie sich auf der Stelle herum und fixierte wieder die Projektion der Älteren im Kittel.
    „Hä?!“
    Kaum das sie diese erneut im Blickfeld hatte, zog sie ihre Mundwinkel demonstrativ noch weiter herab und versuchte so genervt wie irgend möglich zu wirken. Was sich für jemanden wie sie nicht als sonderlich schwer herausstellte. Tatsächlich war sie durch das Gespräch aber abgelenkt genug, dass sie ihre Widerwilligkeit zum Teil sogar spielen musste.
    „Ich komme nicht umher mich zu fragen, ob sie in all den Jahren tatsächlich niemals verstanden haben, um was es sich bei dem Dai Shi handelt ...“
    „Nicht jeder interessiert sich für so ein abartiges Gedöns!“
    Oder für überhaupt etwas, was mit der Außenwelt zu tun hat. Aber sie musste ja nicht zugeben, dass sie rein aus Prinzip alles mied, was der Masse gefiel.
    Es machte sie rasend, dass sie sich abermals eingestehen musste, dass all diese Scheiße ihre eigene Schuld war und sie es einfach nicht schaffte, es auf irgendjemanden abzuwälzen. Nicht, dass ihr dieses Abwälzen etwas gebracht hätte, außer vielleicht einem Moment der Genugtuung, dass nicht sie es war, die sich in diese Lage gebracht hatte. Dabei wollte sie doch vor allen Dingen nur hören, dass sie einfach weitermachen konnte wie bisher. Kein nahender Tod, einfach nur das Meiden jeglicher sozialer Kontakte.
    „Ich beneide ihre kindliche Naivität, die sie sich in den 17 Jahren haben bewahren können.“
    „18 Jahre. Es sind 18 Jahre.“
    Schnaufen verbesserte die Einzelgängerin ihre Gesprächspartnerin, deren Lippen wiederum ein unheimliches Lächeln umspielte.
    Wie an einen Strohhalm klammerte sich Hazel an das Einzige, was ihr noch blieb: Die Korrektur unwichtiger Fakten.
    „Ja, natürlich. Ganze 18 Jahre der arglosen Einfältigkeit, wie habe ich das nur vergessen können.“

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    Was bisher geschah: Globale Besänftigung

    [Bild: AvatarKazue.png]„Haben sie ihre Wissbegierigkeit nun befriedigen können, oder kann ich ihnen noch mit weiteren Erklärungen über ihre ausweglose Situation aushelfen?“
    Unbewusst schnalzte die Frau mit der Zunge, lies dabei den Blick von der Jüngeren abschweifen und war für einen Moment dazu geneigt, die Augen zu verdrehen, hielt dann jedoch halb in der abwertenden Aktion inne.
    „Passt schon, ihr könnt euch eure verdammte NE abholen. Ich werde da nicht mitmachen.“
    Wie erwartet, keinerlei Gespür für die wirkliche Welt.
    „In diesem Fall werden unsere Mitarbeiter gerne Punkt 09:00 Uhr bei ihnen sein, um die Neuraleinheit wieder an sich zu nehmen und ihre Leiche zu entsorgen.“
    Die Oberschülerin blinzelte, als wäre dies die einzige Möglichkeit, die ihr noch blieb, um halbwegs bei Sinnen zu bleiben. Untermalt von einem leichten Zucken ihres linken Augenlides.
    „Was?“
    Die Reaktion auf die Tatsache ihres unvermeidlichen Todes war ebenso kümmerlich wie ihre soziale Kompetenz. Dieses Mädchen konnte einem ja fast ein wenig leid tun. Wenn man so etwas wie Mitleid für die untere Schicht zu empfinden vermochte.
    „Ich lege ihnen dringend nahe, sich das Regelwerk einmal anzusehen. Auch wenn die Fülle an schwierigen Worten sie gewiss überfordern mag.“
    Die ganze Zeit über hatte die Kittelträgerin bewegungslos vor der mobilen Neuraleinheit verharrt, bis auf das gelegentliche – wenn auch nur leichte – Entgleisen ihrer Gesichtszüge bei dem ein oder anderen infantilen Geständnis der Jüngeren. Nun aber wurde ihre Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf die untere-rechte Hälfte der Projektion gelenkt, auf der sich leicht durchsichtig die aktuelle Nachrichtenübertragung geöffnet hatte.
    Es war einfach zu perfekt um wahr zu sein.
    „Natürlich nur in der Hoffnung, dass sie daraufhin nicht den Drang verspüren sich mit einem ihrer Leidensgenossen die Sendezeit auf Tokyo News zu teilen.“
    Die Schülerin schien – welch Wunder – ihre Andeutung verstanden zu haben, zögerte aber einen kurzen Moment, nachdem sie sich herumgedreht hatte. Ungerührt folgten die eisblauen Augen der Ärztin dem Mädchen, welches sich leicht aus dem Bild bewegt hatte, um ihren Holo-TV einzuschalten.
    Es folgte eine Minute der Stille, die nur durch die gelegentlichen überdramatisierten Einwürfe der Reporterin unterbrochen wurde. Mutmaßungen über das vermutlich schwierige Leben des Spielers, der lieber den freien Fall gewählt hatte, als sich einem schmerzlichen Tod im Spiel zu stellen.
    Es hatte einen Moment gedauert, bis Sato dem eingeblendeten Namen eine Nummer zuordnen konnte und somit auch dessen Hintergrund. Einer von den Spielern, die ganz offensichtlich an enormer Selbstüberschätzung litten und dachten, in ihrem bemitleidenswerten Leben auch nur ein einziges Mal so etwas wie Ruhm zu erlangen. Nun, Nummer 1906 hatte es geschafft, das stand wohl außer Frage. Einen jämmerlichen Moment des mitleidigen Ruhmes, für einen jämmerlichen Feigling.
    „Ich entnehme ihrer Reaktion, dass sie die Fakten so weit zusammenzählen konnten, um zu verstehen, dass eine Weigerung der Teilnahme am Dai Shi ausgeschlossen ist?“
    Sie hoffte auf das Beste und somit auf das Einsparen der Zeit, die sie für eine Erläuterung benötigt hatte. Dieser Zufall war einfach zu passend gewesen. Selbst hätte sie es kaum besser planen können.
    Das störrige Gör stand noch immer wie angewurzelt vor dem Fernseher, den Mund dabei geöffnet und die Augenbrauen nach oben gezogen. Ja, es war offensichtlich, dass sie tatsächlich verstanden hatte. Gutes Mädchen.
    „Wieso tut man so etwas?“
    An der Reaktion der Schülerin lies sich ablesen, dass sie nicht den Todeswunsch des Selbstmörders in Frage stellte, sondern das ganze System, hatte sie sich immerhin mit zusammengekniffenen Augen wieder zu Sato gewandt.
    Die Ärztin hätte seufzen wollen, wenn sie nicht zu sehr darauf bedacht gewesen wäre, eine gewisse Professionalität zu bewahren.
    „An dem Event teilnehmen? Die Frage können sie sicher am besten beantworten. Sich absichern, dass man seine Marionetten nach dem Start nicht wegen verlorener Kampfesmoral verliert? Ganz offensichtlich wegen so etwas.“
    Teilnahmslos deutete die Rothaarige in die Richtung, in die ihre Gesprächspartnerin noch einen Moment zuvor gestarrt hatte.
    „Wenn wir diese Anflüge von Angst nicht vorsorglich mit einem stichfesten Vertrag und gewissen Hilfsmitteln unterbinden würden, hätten wir nun geschätzt 90 % der Spieler, die aufgrund der Einsicht, dass sie keinerlei Chance auf ihr Überleben haben, die sich wimmernd weigern würden weitererhin teilzunehmen.“
    Spätestens jetzt – und nicht zu vergessen mit der beiläufigen Bewegung ihrer Hand und dem Fingerdeut auf ihren Hals – hatte die Ältere deutlich gemacht, dass es kein Entkommen gab. Selbst für eine ebenso begriffsstutzige wie auch impertinente Person wie dieses knurrende Kind, sollte es inzwischen glasklar sein.
    „Aber ...“
    Die noch einen Moment zuvor von Wut gehärteten Gesichtszuge der Jüngeren lockerten sich und wichen einer Mine der traurigen Erkenntnis.
    „Aber ich werde sterben ...“
    „Natürlich werden sie das. Oder haben sie etwa mit ihrem nicht vorhandenen Talent etwas anderes erwartet?“
    Es gab immerhin einen Grund dafür, weshalb dieses bockbeinige Balg eine so hohe Teilnehmerzahl erhalten hatte. Keinerlei Begabung im Umgang mit einem Charakter in Belendiel und das fehlende Interesse der Zuschauer an einer so bedeutungslosen Person waren nun ausschlaggebend dafür.
    „Und das wird ihnen ...“ Ein gespielt unsicheres Schweigen folgte, einfach um die Aussage noch etwas zu unterstreichen und sich der Aufmerksamkeit der Schülerin zu vergewissern. „... erst jetzt bewusst? Wo sie sich mitten in dieser misslichen Lage befinden?“
    Ein erneutes Zucken des Augenlides war alles, was Sato im ersten Moment als Reaktion bekam. Reizlos. Mindestens ebenso wie das Gör selbst, wie sie sich wirklich gut vorstellen konnte.
    „Fahren sie doch zur Hölle ...“
    Sie hatte endlich ihre für sie gewöhnlich ordinäre Art wiedergefunden und formte mit den Lippen wieder die Drohgebärden eines ungepflegten Straßenköters.
    „Yasui Hazel. Wir alle befinden uns bereits in der Hölle, ich hatte erwartet ihnen diese kleine Tatsache mit diesem Gespräch verdeutlicht zu haben.“
    Dieses ganze Telefonat hatte sich augenscheinlich in eine gänzlich andere Richtung entwickelt, als es sich die Schülerin vorgestellt hatte. Schnaubend krallte sie ihre Hände in den Stoff ihres Oberteils, knapp über dem Gürtel und knüllte das weinrote Material zusammen.
    Eigentlich hatte Sato damit gerechnet, sich für ihre kleine Unwahrheit rechtfertigen zu müssen, als es um die Einstellung der Schnmerzempfindungen bei der Neuraleinheit ging. Doch nichts dergleichen wurde erwähnt – gut, so musste sie sich nicht mit solchen Kleinigkeiten befassen – war die Jüngere anscheinend viel zu aufgewühlt, um an solche offensichtlichen Lügen zu denken.
    Eine andere Annahme war, dass sie sich mit der Bitte der Errettung auseinandersetzen musste. Anscheinend hatte da aber jemand genug Stolz, sich nicht auf solch ein Gebettel einzulassen. Lobenswert.
    „Ich scheiße auf ihren verdammt Verein von überbezahlten Empahtieinvaliden! Irgendwann wird diese verfluchte Firma brennen und ich hoffe, dass sie es dann sind, die wimmernd in der Ecke sitzt und um Vergebung bittet!“
    Mit der Mimik eines hunrigen Shimpansens richtete sich die Spielerin zu voller Größe auf und lies es so wirken, als würde sie auf die Ärztin herabsehen. Goldig, wirklich.
    Nonomoto Enterprises würde brennen, darin bestand kein Zweifel. Keine Firma dieser Rangordnung konnte sich lange genug an der Spitze halten, ohne sich genug Feinde zu machen, die jahrelang deren Niederfall planten. Doch würde Sato ganz gewiss nicht die Person sein, die um Vergebung bat ... Nein, für sie gab es nur einen Weg, den sie beschreiten würde.
    Gerade als die Jüngere Anstalten machte, das Gespräch zu beenden, erhob die Rothaarige erneut die monotone Stimme.
    „Darf ich ihnen einen Rat geben, bevor sie sich wieder ihrem unausweichlichen Tod widmen?“
    Ein altbekanntes Schnauben erklang im Lautsprecher der mobilen Neuraleinheit.
    „Häh?!“
    Sie zeigte Einsicht, oder schien zumindest gewillt die Sache nicht in den nächsten Minuten durch eine Flucht in den Selbstmord enden zu lassen.
    „Befassen sie sich in den nächsten Stunden wieder mit ihrem kleinen Todesspiel, andernfalls wird das ganze sogar ohne ihre talentlosen Kampfversuche ein schnelles Ende finden.“
    Ohne auf eine Antwort zu warten, lies Sato die schmale Hand zu der MNE wandern und bestätigte, dass sie die Unterhaltung als beendet ansah. Ein letztes Lächeln umspielte ihre Lippen, als das Bild vor ihr verschwand und das Licht auf dem Gerät erlosch. Vielleicht war es, weil sie gern das letzte Wort haben wollte. Vielleicht war es aber auch einfach der Wunsch, den jämmerlichen Gesichtsausdruck der Schülerin nicht länger ertragen zu müssen, der eher dem eines getretenen Welpens glich, als einer bissigen Bulldogge, wie sie sich eigentlich gab.

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  9. #249 Reply With Quote
    Nicashisha Shenanigans  Moku's Avatar
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    [Bild: 5IW6noavaava.png]Jarkko hatte noch gerade so verhindern können, von den strömenden Massen aus einem der Tore getragen zu werden. Hauptsächlich weil er sich an einem sehr beeindruckenden Gemächt einer ansonsten sehr weiblichen Orkdame, die genauso wenig wie er die Tore verlassen zu wollen schien, fest gehalten hatte. Er musste zugeben, Kudos an DaiShi, dass sie dafür sorgten dass jeder sich zum Ableben in seinem oder ihrem – er wollte schließlich politisch korrekt bleiben - Körper wohl fühlte. Ebenfalls Kudos an die Spieler, die bereit waren so in Erinnerung ihrer Liebsten zu bleiben.
    Womit der Ball auch direkt zu Jarkko zurückgeschlagen wurde und er umgehend den Gedankengang wechselte.
    Er würde schließlich als geschlechts- und gesichtsloses Wesen enden und das sagte vermutlich mehr über ihn aus als der riesige Penis der Orkfrau, die ihn in diesem Moment am Nacken packte und auf Augenhöhe hielt. Also ihre Augenhöhe, nicht seine. Er hatte bekanntermaßen keine. Zumindest nicht im Gesicht.
    Jarkko versuchte es mit einem charmanten Grinsen.
    Welche Wirkung es auch immer hatte, er würde es schon früh genug rausfinden. Zu früh, wie er sofort feststellen durfte, als er in fliehenden Farben und Stimmen über die Masse an Wesen flog und hart gegen die Steinmauer abprallte. Als er aus seinem Schwindel erwachte, fand er sich in den Armen von irgendjemandem wieder.
    Es dauerte einen Moment, bevor er sich orientiert hatte, schüttelte seinen Kopf um diesen aufzuklären, hob dann den linken Arm um die Person zu begutachten, die ihn so nett aufgefangen hatte, während sein rechter sich über die Schulter und um den Hals schlang.
    Mit dem einen Auge konnte er das Gesicht des Wesens ausmachen. Spitze Zähne, die seinen Konkurrenz machten, matte einfarbige Insektenaugen, eine Hunde- oder Katzenase, abgerundete Ohren und das ganze umrahmt von Plüsch.
    Mit dem anderen AUge konnte er über die Schulter des auch dort plüschigen Wesens sehen, dass er nicht unweit der Tore war. Ziemlich genau wenige Schritte davor sogar.
    Leichen zierten den Boden, während Blut alles in Rot tränkte.
    Es war ein Gemetzel und er konnte nichteinmal sagen wieviele Tote es bereits gab, ein Versuch sie zu zählen würde sowieso scheitern. Kämpfe wurden noch immer ausgetragen, aber der Großteil stand noch in der Stadt, feuerte die Kämpfer an, feierten jeden weiteren Toten der sich zu den anderen gesellte.
    Jarkko musste feststellen, dass er zwar der Perversling war, der jemanden umbringen wollte, der spüren und genießen wollte, wie jemand seinen letzten Atem aushauchte - vielleicht liebäugelt er auch etwas mit der Nekrophilie, was in seinem Zustand allerdings auch nur als Tier ging und was waäre das für ein feuchter Traum für einen der vernachlässigstens Kinks, nekrophilie Zoophilie - aber, dass die Zuschauer und die Menschen vor den Toren einen deutlich größeren Dachschaden haben musste als er.
    Der Leichenhaufen konnte ihm nicht einmal ein entzücktes Lächeln entlocken, ganz im Gegenteil, der Anblick widerte ihn an. In diesem Moment freute er sich erneut, keine Nase zu haben, konnte er das Blut und den Urin fast auf der Zunge schmecken. Genauso wenig interessierte es ihn mit anzusehen, wie Wesen unterschiedlicher Art nach und nach verstümmelt und letztendlich erschlagen wurden.
    Was stimmte mit den Zuschauern nicht?
    Und vorallem, was stimmte mit diesem Vieh dahinten nicht, dass sich scheinbar wirklich im dem Blut suhlte?
    Ein weiches Zischen holte ihn aus seinen Gedanken und es dauerte einen peinlichen Moment bis er realsierte, dass das ihn noch immer im Arm haltende Fellmonster mit ihm sprach.
    Was auch immer das Wesen sagte, es hörte sich an wie ein romantisches Liebesgedicht.
    In dem Moment fiel ihm ein, dass er sich noch nicht einmal für die Hilfe bedankt hatte. Was er prompt nachholte indem er nun auch den anderen Arm um das Wesen legte und es fest an sich drückte, dabei glückselig „Mein Held“ hauchte.
    Eigentlich hatte er mit einer genauso rüden Reaktion wie vorher gerechnet, aber stattdessen drückte sein felllastiger Retter sogar noch fester ansich, schien dabei ein leicht schnurriges Geräusch von sich zu geben.
    Für einen kurzen Moment fühlte er sich geliebt.
    Zumindest bis die Umarmung ein wenig zu stark wurde und er bemerkte, dass der andere Spieler sich plötzlich in Bewegung setzte.
    Richtung Tor.
    Jarkko stöhnte innerlich auf.
    Wie konnte es sein, dass eine Spinne und ein Ork netter zu ihm waren als ein Kuscheltier?
    Konnte man sich in diesem Spiel denn auf gar nichts verlassen?
    Das nächste Plüschmonster, dem er über den Weg laufen würde, bekäme ohne Vorwarnung eine verdammte Kopfnuss.
    Bevor er sich jedoch mit irgendwelchen potentiellen Treffen auseinander setzen konnte, musste er erstmal aus den Fänge dieses Mistkerls kommen. Also holte er einmal Luft und biss dann mit seinen spitzen Zähnen fest in den Hals.
    Denn was hatte X gesagt?
    PvP war nicht erlaubt, aber eine Ohrfeige wegen sexueller Belästigung definitiv drin.
    Und in diesem Moment fühlte er sich extrem belästigt.
    Zwar hatte Jarkko jetzt den Mund voller Fell, aber seine langen Zähne schienen Wirkung gezeigt zu haben. Der Griff des anderen lockerte sich so sehr, dass er sich etwas in der Umarmung winden konnte, um nun einen gezielten Tritt in die niederen Regionen des hoffentlich männlichen Monsters zu setzen.
    Vielleicht nicht ganz so gezielt wie er es sich gewünscht hätte, war es schließlich schwer nur mit Körpergefühl auch nur irgendetwas zu treffen, geschweige denn zielgenau.
    Wenigstens hatte er etwas getroffen, was darin resultierte, dass er sich komplett befreien konnte. Blitzschnell kletterte er über die Schulter des Kuschelmonsters und als er dabei war auf der anderen Seite runterzufallen, stieß er sich mit den Füßen an dessen Schulter ab, genug schwung um sich von der magischen Grenze zur Außenwelt zu entfernen.
    Nett wie sämtliche Umstehende waren, traten sie einen Schritt zur Seite, sodass er wieder einmal im Staub landete.
    Er sollte das wirklich nicht zur Gewohnheit werden lassen.
    Über das Lachen der Leute, die den Sturz mit angesehen hatte, hörte er wilde Schreie und dazwischen ein wildes Fiepen
    Eine Hand nach hinten ausstreckend, konnte er durch die Gasse an Füßen den Kopf seines vermeindtlichen Retters sehen.
    Der Rest des Körper war verdeckt von anderen Spielern, die sich wie Aasgeier in der Hoffnung auf ihren ersten Kill gestürzt hatten. Die Insektenaugen weit aufgerissen, trat Blut aus Mund und Nase und Jarkko erkannte den Moment, in dem der Spieler starb nicht nur daran, dass in seinen Augenwinkel ein Bild aufflimmerte.

    Charaktername: BearHugger
    Nummer: 4.766
    Spielername Tiffany Gerome


    Neben dem Profilbild des Avatrs tauchte ein zweites Bild auf, das eine verbrauchte Brünette mit schütterm Haar anzeigte. Tiefe Augenringe zierten ihr Gesicht, ihre Lippen waren riessig, die Wangen eingefallen und ihr Blick unfokussiert.
    Jarkko erkannte sofort, was ihr Problem gewesen war - und dass ihr Tod, selbst wenn sie nicht am Dai Shi teilgenommen, in der nahen Zukunft gelegen hätte.
    Er wandte sich von dem Todes-Gangbang ab, froh darüber dass die Spieler um ihn herum genug von dem makaberen Schauspiel abgelenkt waren, dass sie ihn in Ruhe ließen.
    Der Metamorph richtete sich auf, putzte den Staub von seinen Beinen – was, hey super, Staub in den Augen! – im Nachhinein, eine echt dämliche Idee gewesen war.
    Wer kam überhaupt auf die beschissene Idee Augen an Hände zu machen? Wieso nicht an den Schultern? Oder irgendwo, wo sie nicht ganz so nutzlos waren?
    Schlimmer hätte es ja wahrlich nur sein können, wenn er sie an den Sohlen hätte.
    Jarkko beschloss, dass er erstmal genug von den Rangeleien hatte.
    Er würde sich vorerst mit den Einheimischen beschäftigen. Die waren hoffentlich weniger mordlüstern und konnten ihm sicherlich ein bisschen mehr von Gainos erzählen. Unter anderem wo er etwas Gras fand um seinen Geist etwas zu beruhigen.
    Wobei er ausnahmsweise auch nicht ‚nein‘ zu irgendetwas Alkoholhaltigem sagen würde.
    Quest gab’s ja scheinbar erst nachdem er seinen ersten Kill gemacht hätte und der lag noch weit, weit weg.

    Stand up! It gets better.
    [Bild: 1991.png] dragonage-game.de [Bild: 1991.png]
    And the silken sad uncertain rustling of each purple curtain thrilled me, filled me with fantastic terrors never felt before.
    Moku is offline Last edited by Moku; 23.05.2019 at 00:46.

  10. #250 Reply With Quote
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    Die Bühne steht

    [Bild: PatAvatar1_1.png]

    Was für eine Woche! Pat's Gefühle glichen gerade dem eines manisch-depressiven. Erst entspannter Orga-Kram, später die Charaktererstellung, in den nächsten Tagen folgten Belendiel-Trockenübungen und zum Schluss - dieses Überdimensioniertes Eröffnungsevent, welches höchstwahrscheinlich darauf ausgelegt war, Zuschauer und Beteiligte gleichermaßen über ihre Wahrnehmungsgrenzen zu treiben. Doch offenbar wurde sehr viel wert darauf gelegt, diese nur marginal nicht zu überschreiten. Das alles war für den Furry etwas zu viel. Klitschnass drehte er seinen Körper schwerfällig auf den Rücken, streckte dabei die Arme und Beine von sich und atmete schwer. Wie war das alles zustande gekommen...? Pat sammelte seine Gedanken, sein Atem wurde langsam ruhiger.

    Der Ausgangspunkt war offensichtlich der, dass er ohne großes Zögern, diese Einladung zum Dai Shi annahm. Die Gelegenheit bot sich einem ja auch nicht jeden Tag. Doch weder Ruhm, Geld oder Anerkennung trieben ihn dazu. Es war die mögliche Erfüllung eines kleines, unschuldigen Wunsches...
    Zu Aimos Überraschung klingelte keine Stunde später sein Holophone. Es war kaum zu glauben, aber in so kurzer Zeit hatte Nonomoto Enterprises wohl alles in die Wege geleitet, um ihm einen Besuch abzustatten. Das Einzige, was es jetzt noch zu klären galt, schien der Besuch bei ihm selbst zu sein, um die Dai Shi Hard-& Software zu installieren.
    Einfach unfassbar wie gut das Ganze personell und auch organisatorisch aufgestellt sein musste. Vielleicht trog der Schein. Wahrscheinlich wusste die Firma intern schon seit Langem, wann dieses weltweit zelebrierte Event beginnen sollte. Demzufolge konnte man für diese “Stoßzeit“ genügend Personal dafür abstellen. Schließlich gab es auch für Nonomoto Enterprises einen sportlichen Rahmen, von nur einer Woche, zu bewältigen. Das wievielte Mal lief dieses Todesspiel eigentlich schon an? Das zwanzigste? Dreißigste? Moment, da konnte was nicht stimmen, wenn es doch erst irgendwann um 2020 anfing. Egal. Zumindest musste der Spaß auch finanziert werden. Schlecht konnte das Geschäft nicht laufen, wenn man bedachte, wo Nonomoto überall mitmischte. Man war wahrscheinlich schneller fertig, wenn man die Firmen nannte, welche nichts mit dem Großunternehmen zu tun hatten. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Mitarbeiter, wurde ein Termin für den nächsten Tag veranschlagt.

    Sehr pünktlich kamen die Angestellten zur vereinbarten Zeit bei Aimo an. Überraschenderweise waren es insgesamt fünf Personen: zwei wurden als Techniker vorgestellt, die Dame gehörte zum medizinischen Personal und zwei sehr kräftige Typen im Anzug, blieben vor der Wohnung des Jungen stehen. Der Minijobber war begründeterweise eingeschüchtert, von diesem Aufgebot an Menschen. Nichtsdestotrotz bat er sie herein, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. Während die Techniker sich am Computer und der mobilen Neuraleinheit zu schaffen machten, erklärte ihm derweil die scheinbar nette Frau, die Einzelheiten zum Dai Shi. Nichts, was Aimo nicht schon kannte, gehört hatte oder sich hatte denken können:
    Erstens: Die Wahrnehmung wurde intensiviert – was die Reaktionen, der meisten Spieler im Game, erklärten.
    Zweitens: Man musste eine Mindestspielzeit von acht real life Stunden erreichen. Diese kamen einer ganzen Tag- bzw. Nachtphase im Spiel gleich. Logisch, ein Wettbewerb, der nur durch Offline- oder Gelegenheitsspieler glänzte, wäre nicht annähernd so populär.
    Drittens – die wohl wichtigste Regel: Wenn er starb, dann endgültig. Eine grausame Tatsache, die der ganzen Welt bewusst war. Und sie alle jubelten dem Spektakel zu. Wann hatte sich die Weltbevölkerung voller Euphorie wieder den Zeiten der Gladiatorenkämpfe zugewandt?
    Diesen Gedanken ließ Aimo einen Moment später wieder ziehen, spielte es momentan eh keine Rolle.
    Neben den wichtigsten Regeln, gab es noch kleinere Dinge, auf die er noch achten sollte. Als die grobe Aufklärung über das Todesspiel vorüber war, sollte der junge Mann sich einen kleinen Moment bequem auf seinem Sofa hinlegen. Doch warum? Diese Frage wurde sogleich beantwortet, als die Dame im weißen Kittel einen schwarzen Koffer öffnete. Daraus entnahm sie eine sterile Spritze, welche sie mithilfe unterschiedlicher Kanülen, nach und nach füllte. Die Tatsache, dass ihm gleich eine Spritze an den Hals gesetzt- und verabreicht wurde, bereitete Aimo zusehends Unbehagen, auch wenn die Ärztin ihm versicherte, dass es nur einen kleinen Pieks geben würde. Ehrlich gesagt, war er irgendwie noch nie ein Fan davon gewesen, wenn Dinge in seinen Körper eingeführt wurden.

    Es half wohl alles nichts. Augen zu und durch. Beim Aufsprühen des Desinfektionsmittel zuckte Aimo etwas zusammen. Das kühle Nass wurde gleich wieder weggewischt, nur um noch einmal an die gleiche Stelle an seinem Hals aufgetragen zu werden. Einen Augenblick später versuchte die Ärztin ihn zu beruhigen, in dem sie ihm kurz über den rechten Oberarm strich, nur um im nächsten Moment zu sagen, dass er kurz Luft holen solle. Gesagt – getan und siehe da: es war tatsächlich halb so schlimm gewesen. Der Junge entschuldigte sich inständig bei der Frau, welche daraufhin aber nur freundlich abwinkte.
    Anschließend wurden die Techniker näher gerufen. Diese machten noch für wenige Minuten ein paar Wahrnehmungstest, um zu sehen, ob auch alles ordnungsgemäß verlief. Die Prozedur war schnell vorüber und das gesamte Nonomoto-Enterprises-Personal verschwand ebenso schnell, wie es gekommen war.
    'Das war es also, hm?', dachte sich Aimo, nachdem sich die Lage beruhigt hatte. Der Anfang vom Ende. Wie sich wohl andere Spieler dabei fühlten? Für ihn wirkte es surreal , dass praktisch mit dem Beginn des Events, jeder Tag - gar jeder Moment – der letzte sein könnte. Doch sicher verdrängte man das nach ein paar Tagen, schließlich konnte man sich an vieles gewöhnen.

    Da er wohl für unbestimmte Zeit nicht mehr arbeiten brauchte, weil Nonomoto für sein Einkommen mehr als aufkam, hatte er nun vorerst ungewohnt viel Freizeit. Moment! Wieviel Umsatz machte diese lächerlich große Firma denn bitte?! Wenn man bedachte, dass sie für die finanzielle Situation von 10.000 Spielern aufkamen...Das mussten Unsummen sein! Oder vielleicht relativierte sich das Ganze auch recht schnell, da man davon ausging, dass die meisten eh in den ersten Tagen oder Wochen starben.
    Jedes mal, wenn Aimo an die veranstaltende Firma dachte, gruselte es ihm im Bezug darauf, wie perfide und vor allem sorgfältig, das ganze Unterfangen geplant sein musste.
    Naja, es gab wohl viele Bücher mit sieben Siegeln. Nonomoto Enterprises war definitiv eines davon. Und zwar die Kategorie, welche vorsorglich mit etlichen Bannzaubern versehen wurde, anschließend in den Mariannengraben versenkt wurde, nur um von einem Roboter ständig in Bewegung gehalten zu werden und der – bei Bedarf – sich in einen Hyper-Mega-Krassen-Mecha verwandelte, welcher dann bei einer unwahrscheinlichen Niederlage, sich mit einer Atombombe vom Diesseits verabschiedete. Genau so musste es sein! Ob mit Aimo die Fantasie wohl gerade etwas durchging? Wer weiß das schon...
    Oda Nonomoto war, nicht nur der Gründer der Firma, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach, der indirekt mächtigste Mann der Welt! Wenn er etwas wollte, geschah es sicherlich schon auf einen Wink von ihm. Dieser Mann könnte bestimmt ALLES sein Eigen nennen! Wenn er eben beschloss den ganzen Kontinent Afrika in seinem Vorgarten zu platzieren - dann war das halt so. Da wurde nicht groß gefragt, sondern innerhalb von 24h alles organisiert und anschließend in einen Golfplatz umfunktioniert.
    Doch ehe sich Aimo noch den ganzen Tag mit wilden Spekulationen befasste, beschloss er lieber, etwas sinnvolleres in Angriff zu nehmen. Im Zuge seiner neuer “Arbeit“, ging es nun an die Charaktererstellung. Anders als in Belendiel, musste man im Dai Shi sich Klasse, Rasse und Spezialisierung wohl überlegen, da diese nachträglich nicht abgeändert werden konnten. Im Orginalspiel war das halb so wild, da man seine Wahl später mit entsprechendem Kleingeld rückgängig machen durfte, bzw. anpassen, wenn man etwas anderes ausprobieren wollte. Doch bei dem wohl größten Event der Welt, hatte man als Spieler weitaus ernstere Sorgen, als nur einen verskillten Charakter.
    Einen kurzen Moment später, setzte er sich seine MNE auf, welche mit seinem PC verbunden war. Anders als wenn man Belendiel startete, wurde die Umgebung ganz schwarz um einen herum, keine Geräusche, keine Bewgungen, einfach nichts bekam man mehr von außen mit. Als Aimo kurz aufblinzelte , kam ihm ein weißes Licht entgegen.
    Im nächsten Moment stand er in der Mitte eines offenen Raumes. Es ähnelte einem Tempel aus dem antiken Griechenland. In der Entfernung konnte man weite, grüne Hügellandschaften erkennen. Für einen kurzen Augenblick meinte er, dass ihm eine sanfte Brise durch das Gesicht strich. Beeindruckend wie real sich das anfühlte. Vor ihm erschien ein leeres Textfeld, in dem er seinen Namen eintragen sollte. Mist, da war ja was. Darüber hatte sich der Dai Shi-Spieler noch überhaupt keine Gedanken gemacht, zudem war er so einfallsreich wie eine Scheibe Toast-Brot.

    Knappe 10 Minuten voller Ahnungslosigkeit verstrichen, bis ihm ein aus der Mode gekommener Trend einfiel. Viele Spieler erstellten damals witzige-, weniger sinnvolle- oder fast schon kreative Namen. Zudem gefiel Aimo die Idee, dass er einen Vor- und Nachnamen besitzen würde. Und überhaupt: warum machte er sich so großere Gedanken über den Namen? Man würde ihn doch eh nicht sehen, außer er würde ihn preisgeben oder...naja als Schriftzug im Anfangsgebiet auf irgend einer Tafel zieren. Vielleicht war ja auch zumindest für einen Lacher gut? Darum fiel die Entscheidung – so unkreativ sie auch sein mochte – auf Fenis, Pat Fenis. Kaum, dass der Name bestätigt war, erschienen weiße Lichter im Kreis um ihn, welche kurzerhand nach und nach alle möglichen Rassen offenbarten. Sein Blick schweifte über Elfen, Orks, Untote, Zwerge, kräftige Hünen, Elementarwesen, Dämonen, Goblins, verschiedene Mythen- und Sagengestalten. Selbstverständlich durfte die Rasse Mensch nicht fehlen, die er bis jetzt ja auch in Belendiel gespielt hatte. Da diese jedoch weder Vor- noch Nachteile besaßen, war er sich sicher, dass er im Dai Shi damit nicht weit kommen würde. Auch wenn jeder Vorzug mindestens eine Schwäche mit sich brachte, konnte man mit der Klasse und der Spezialisierung das Ganze noch etwas kompensieren. Sein Blick hielt dann plötzlich bei einem Tierwesen inne. „Nebelparder“- wie die Leuchtschrift verriet, als die Rasse angewählt wurde. Sie machte schon einen sehr schönen und sehr agilen Eindruck, doch hatte er noch nie eine Tierrasse gespielt, welche sich dauerhaft auf vier Beinen fortbewegte. Aimo seufzte. Bevor er das Fenster wieder schloss, sah er, dass das Aussehen nicht nur auf die rein animalische Variante begrenzt war, sondern sehr kleinstufige Anpassungen vorgenommen werden konnten, die auch ein rein menschliches Äußeres ermöglichten. Je humanoider der Avatar allerdings wurde, desto größer wurden auch die Abzüge der Rassenboni. Man konnte wohl nicht alles haben. Dennoch ein gut mitgedachter Aspekt seitens der Entwickler. Da er bislang ja nur Mensch gespielt hatte, entschied der junge Dai Shi-Teilnehmer sich für eine Anthro-Form seines Charakters, bei denen die Vorteile zumindest noch ein bisschen vorhanden waren. Noch etwas angepasst hier, ein nettes Tatoo dort, noch was schickes zum anziehen ausgesucht und voilà, der Furry war erstellt.

    Nun galt es die Klasse zu bestimmen. Kein einfaches Unterfangen, ging es um ein Battle Royal, bei dem man weder Terrain noch die gegnerischen Charaktere kannte. Sein Beschwörer aus Belendiel fiel raus, wusste er doch nur zu gut, dass beispielsweise ein riesiges, leuchtendes Feuerpet einem nicht immer zum Vorteil gereichte. Vor allem nachts, im Dunkeln. Schon das ein oder andere Mal wurde er dadurch leichte Beute für andere Spieler oder entfachte versehentlich einen Waldbrand. Das casten der Zauber dauerte meist auch zu lang, konnte man nach einem Präventivschlag schließlich nur noch versuchen zu reagieren. Falls man überhaupt noch dazu kam.
    Auch wenn ein Tank am ehesten dem entsprach, was er in dem Spiel anstrebte, trugen diese meist schwere Rüstungen und waren generell eher träge und langsam. Das wussten sicherlich auch viele andere, weswegen wohl nahezu niemand eine solche Klasse auswählen wird. Wohl eher würde es sehr viele flinke, agile Charaktere geben, oder die, die vorrangig auf Schaden aus waren. Eine sinnvolle Kombination, um den Tank-Nachteil auszugleichen, kam ihm aber auch nicht in den Sinn.
    Also sollte Pat ebenfalls ein eher technisch anspruchsvollerer Charakter mit Bewegungsfreiheit werden. Der erste Schritt dafür, war aufgrund der Nebelparder-Rasse, schon gemacht.
    Nach einiger Zeit des Stöberns, fand Aimo die Marionettenspieler-Klasse. Klang vielversprechend. Ein weiterer Pluspunkt der Klasse: es wäre fast wie in Belendiel – er wäre nie ganz allein unterwegs. Zugegeben, seine zukünftigen Begleiter wären deutlich...lebloser, aber dafür auch flexibler, als seine bisherige Reisegefährten.
    Als nächstes war die Spezialisierung dran. Im Wesentlichen stellte sie häufig eine Ergänzung zur Klasse dar. Zudem bot sie einem die Möglichkeit, eine andere Waffe oder Elemente zu führen, welche sich nicht aus Rasse oder Klasse ergaben. Magie fiel bei ihm schon mal flach, da der Puppenspieler diese Option automatisch sperrte. Folglich konnte er nur das Arsenal der Fern- und Nahkampfwaffen durchstöbern. Nichts schien so recht als Ausgleich-, geschweige denn zur Klasse zu passen. Ein Puppenspieler mit Schwert, Bogen, Schild, Kunai, Shuriken, Dolchen oder einer Axt sah und fühlte es sich vor allem nicht richtig an.
    Im letzten Drittel des Reiters fand er dann doch noch eine passende Waffe – den Spielkreuz-Speer. Im ersten Moment wusste Aimo gar nicht, was das für eine Art von Waffe sein soll, doch als er sie ausgerüstet sah, wusste er, dass es nur die Waffe eine werden konnte. Da er in all seinen Jahren als Spieler diese Waffe nie zu Gesicht bekam, war das Spielkreuz wohl offensichtlich auch eine Marionettenspieler-Exklusiv-Waffe. Die Strippenzieher gehörten auch in Belendiel nicht zu den beliebtesten Klassen und die meisten nutzten ausschließlich ihre Puppen oder griffen mit Fernkampfwaffen in den Kampf ein. Ein Großteil der Spielerschaft setzte aber eher auf offensivere Klassen, beziehungsweise auf Tanks, Heiler oder Supporter.
    Dann gab es schließlich noch eine Unterkategorie der breiten Masse: diejenigen, die den ganzen Tag damit verbrachten, mit Gleichgesinnten Bilder von ihren Charakteren zu schießen, die entweder Rückenschmerzen ohne Ende haben mussten oder von viel zu kleinen Mädchen, die in Unterwäsche gesteckt wurden und als “too cute“ beschrieben wurden.
    Im nächsten Schritt passte er noch die Skillbäume seines Charakters an, um die Individualisierung damit zu beenden. Ein Textfeld gratulierte ihm zur erfolgreichen Erstellung seines Avatars. Kurz darauf wurde der gesamte Tempel von einem weißen Licht förmlich getilgt. Neben dem komplett leeren Raum, verblieb nur eine Anzeige, die den Countdown bis zur Eröffnung des Events hinunter zählte. Aimo sah keinen Sinn weiter hier zu bleiben und loggte sich aus.

    Er war kurz verwirrt, sah er trotz des Ausloggens immer noch nichts. Ist ihm ein Fehler unterlaufen? War er noch im Spiel? Vorsichtig tastete der Alleinstehende sich durch die Umgebung. Wenig später erreichte er den Lichtschalter des Zimmers. 'Wann zum Teufel ist es denn so später geworden?!?', stellte der Spieler fest, als die Uhr schon Mitternacht anzeigte. Er beschloss noch eine Kleinigkeit zu essen und sich dann schlafen zu legen.

    Am nächsten Tag loggte sich Aimo in Belendiel ein, um sich weiter vorzubereiten. Mit dem von Nonomo Enterprises großzügig bereitgestellten Geld kaufte er Anpassungsscheine um die Klasse und Spezialisierung seines Dai Shi-Charakters zu übernehmen. Es konnte ja nicht schaden ein Gefühl für eine Klasse zu bekommen, die er in nächster Zeit eh spielen musste. Da sein Charakter etwas hochstufiger war, konnte er auch schon einige Skills auf den enstprechenden Bäumen neu verteilen. Der Spielkreuz-Speer war recht interessant, konnte man je nach Situation beide Speere oder auch nur einen nutzen. Ansonsten gefielen ihm auch die vereinzelten Defensiv-Skills. Schwieriger gestaltete sich indes das Führen der Marionetten. War definitiv fordernder als Elementarpets einen einfachen Befehl zu geben. Die machten im Regelfall dass, was sie sollten. Hier dagegen musste mit Präzision und Feingefühl an die Sache herangegangen werden.
    Man hätte meinen müssen, dass sein Level ihm zumindest das etwas leichter machen sollte, aber - nichts dergleichen. Anders betrachtet: Im Dai Shi würde niemand dem Furry helfen, seine Klasse spielen zu lernen, sondern ohne mit der Wimper zu zucken, ins Messer laufen lassen. In dem Sinne konnte es schließlich nur besser werden.
    Einige Zeit verging, doch auch nach mehrmaligen Wiederholungen der Tutorials ging es eher schleppend voran. So musste man sich fühlen, wenn man das Laufen verlernt hatte, um dann ganz von vorne anzufangen, mit dem entscheidenden Unterschied, dass man seinen Körper nicht spürte und ihn versuchen musste, aus der dritten Person fernzusteuern. Gott, kein Wunder, dass die Klasse niemand spielte.
    Unentwegt setzte Aimo sich mit der Klasse Tag und Nacht auseinander, verließ das Spiel nur gelegentlich, wenn der Hunger sich breit machte oder der Wocheneinkauf getätigt werden musste.

    Die Eröffnungszeromie rückte immer näher und näher, bis der verheißungsvolle Tag endlich gekommen war. Sichtlich nervös wurde die MNE aufgesetzt und dann eingeschaltet. Nun begann es also. Er versuchte sich damit zu beruhigen, dass er es in den vergangenen Tagen geschafft hatte, zumindest zwei menschengroße Marionetten gleichzeitig zu steuern, ohne dabei seine Hände zu verknoten. Danach wurde ihm schwarz vor Augen. Das Sofa war zum Glück groß genug, um nicht spontan davon herunterzukugeln.
    Das zuvor bekannte Weiß hüllte ihn nun vollends ein. Im nächsten Moment sah er, dass er nun Pranken statt Hände hatte, sowie Fell, statt Haut zu sehen war. Welch ungewohnter Anblick das doch war. Das Licht wurde, greller, sodass Aimo die Augen schließen musste. Als er sie wieder öffnete befand er sich auf einem riesigen Platz, einer wohl umfangreichen Stadt.
    Nach und nach erschienen weitere Charaktere, die zuvor in das weiße Licht gehüllt waren. Indes stiegen Pat verschiedene Gerüche in die Nase, sowie vernahmen seine Ohren Geräusche, die er wahrscheinlich vorher nie gehört hätte, auch wenn es nur Dinge waren, die aus der nahen Umgebung kamen.
    Seine Aufmerksamkeit galt ganz der Stadt. Es war... überwältigend. Ein leises „Wow...“ verließ seine Lippen. Überall gab es Unmengen von Häusern auf verschiedenen Ebenen, so weit das Auge – und vor allem die Beleuchtung- reichte. Brücken, welche wie unsinnig hohe Torbögen aussahen, durchzogen die ganze Stadt. Ein Lob an die Grafikdesigner an der Stelle. Obwohl es Nacht war, konnte man noch recht viel erkennen, war dies nicht schließlich auch dem klaren Nachthimmel und der hellen Monde zu verdanken, die es hier zu geben schien.
    Nachdem wohl alle Spieler versammelt waren, begann das Spektakel: Ein in der Ferne zu sehender Meteoritenschauer zierte das Firmament. Aus dem riesigen Gebäude, welches wohl allem Anschein nach eine Arena war kam... Lava? Was ist denn das bitte für ein Todesloch in dieser Stadt, welches flüssiges Magma abgab?!? Und alle Spieler waren hier... was-ein-Zufall...
    Gedanklich verabschiedete sich Pat schon von den anderen Spielern, als das Magma sich zu vier riesigen, separaten Elementardrachen zusammenschloss, die Feuer gen Himmel spien. Anscheinend wollte man nicht nur alle Charaktere einstampfen, sondern die ganze Stadt gleich mit. Nun erklang heroische Musik, was etwas seltsam anmutete.
    Aus der Arena erhob sich alsdann eine große Schar an Engeln, welche sich gleich auf die Feuerwesen stürzte. Ernsthaft, was haben die da gemacht? Wollte man das überhaupt wissen? Oder haben die die Lava dort platziert, nur um sich dann als Helden aufzuspielen?
    Vor allem ein Engel – der kleinste – zudem der einzige mit schwarzen Flügeln, heizte den Pseudo-Echsen mit Elementarmagie ziemlich ein. Nachdem die Bestien erschlagen waren, verstummte auch die Musik. Etwaige Schäden außerhalb der Mauern wurden durch einen Zyklon und einen Monsun unterbunden. Anschließend stellte die erwähnte Engelsgestalt sich als Gamemaster namens „X“ vor. Was wohl aus den anderen „A“-„W“ geworden war?

    Bei der darauffolgenden Fragestunde klinkte Pat sich aus, sollten doch eigentlich alle Fragen vorher beantwortet worden sein. Dabei hatte man zweierlei Möglichkeiten: entweder man hatte die vorherigen Dai Shi gesehen oder man wandte sich an den Kundendienst, welcher extra für das Großevent eingerichtet wurde.
    Das Federvieh am Himmel erklärte, mit seiner etwas zu quietschigen Stimme für Pats Ohren, die Dinge, die ohnehin schon bekannt sein sollten. Einzig der Fakt, dass es kein wirkliches User-Interface gab, bereitete dem Furry etwas Kopfzerbrechen. Auch die damit einhergehenden Wahrnehmungsbeinträchtigungen waren interessant, aber gewiss lästig. Einige Minuten verstrichen, ehe der Engel seine Laune von neutral zu sichtlich verärgert wandelte.
    Hatte es tatsächlich jemand geschafft einen GM in so kurzer Zeit zu verärgern? Bei der Masse vielleicht nicht verwunderlich, dennoch: Hut ab. Konnte man das auch als eine Art “Skill“ ansehen?
    Der GM näherte sich langsam wohl besagtem Spieler. Leider stand Pat zu weit entfernt, um näheres zu hören oder zu sehen. Dann ein erneutes Zeichen des Flattermannes...oder der Flatterfrau. So ganz wusste es Fenis nicht und legte den Kopf zur Seite.

    'Stimmt, da war noch was. Hm, höheres Terrain?'. Mit schrillen Schreien, die die Engel von sich gaben, fuhr Pat in sich zusammen, die Ohren dabei fest durch die Hände zugehalten.
    „Naaaaaargh!“ Es war so grässlich, dass man kaum seine eigenen Gedanken hören konnte. Auch wenn er selbst kein so feines Gehör hatte, wie ein rein animalischer Nebelparder, wollte er sich nicht vorstellen, wie eben solche Avatare darunter leiden mussten. Mit zusammengekniffenen Augen kniete der Furry am Boden. Als seine Lieder wieder geöffnet werden konnten, erkannte er kaum die Hand vor Augen. Alles war diesig und eher schemenhaft zu erkennen. Ehrlich gesagt, gab es neben ihm nichts, was er im Entferntesten zuzuordnen wusste. Selbst wenn man sich einbildete was es denn sein könnte, ergab nichts davon Sinn. Irgendetwas erhellte kurz in unregelmäßigen Abständen die Nebelwand. Aber auch dies blieb Pat ein Rätsel. Nicht, dass es die Sicht in etwaiger Form besser gemacht hätte. Zudem streikte sein Gehör bislang immer noch. Das würde im Verlaufe des Abends wahrscheinlich auch so bleiben.

    Warum begann es nun auch noch zu regnen? Blieb ihm denn gar nichts erspart?
    Achja...wenn es doch nur beim Regen geblieben wäre. Rasend schnell füllten sich die Gassen. Panik machte sich unter den Spielern breit, viele schrien, doch auch das hörte Pat nicht. Verzweifelt versuchte er eine nahe Hauswand emporzuklettern, rutschte aber lediglich stets beim Versuch dabei aus und versank letztlich kraftlos im umbarmheizigen, lauwarmen Wasser. In seinen vermeintlich letzten Momenten wurde alles dunkler, als es ohnehin schon war.
    'War's das? Jetzt schon?' Dabei wollte er doch wenigstens im Dai Shi etwas erreichen. Resignierend atmete Pat seine verbleibende Luft aus, um reglos auf den Boden der überfluteten Stadt zu sinken. Keinen Augenblick später durchdrang eine Wasserpeitsche die lauwarme Brühe und packte den Furry unsanft am Hals. Mit einem kräftigen Ruck wurde dieser aus dem Nass gezogen, nur um einige Sekunden, röchelnd, weiter durch die Luft getragen zu werden. In den Fängen des Engels schwebte er über die restliche Spielerschaft, der ihn letztlich zu einem Platz der höheren Ebenen brachte.
    An dem Abladen von fühlenden Spielern hätte der echt noch arbeiten können, war es aber dennoch besser, als weiter von ihm stranguliert zu werden. „Na warte...“, keuchte Pat „...wenn ich...das nächste Mal... so ein Federvieh... erwische... ist es... dran...“.
    Den Körper auf Händen und Knien stützend, hustete er das verbliebene Wasser aus seiner Lunge und rang nach Luft.
    Wider Erwarten vernahm die Großkatze ein weiteres Mal, die Stimme, des vermaledeiten Quälgeists, der zum Schluss die erste Quest verkündete, welche automatisch das Startsignal zum 8. Dai Shi wurde.

    Es war mitten in der Nacht. Als ob er nach dem Vorfall eben sonderlich erpicht wäre, irgendwo hin zu gehen. Die breite Masse schien das anders zu sehen: Viele hetzten stürmisch vom Schauplatz der Eröffnungszeremonie.
    Auch Pat richtete sich unbeholfen auf und torkelte los. Er wollte die Chance nutzen, die ihm das Adrenalin gab – oder was auch immer ihn zum Laufen bewog -, um nicht mitten auf der Straße zusammenzubrechen.
    Einen kleinen Fußmarsch weiter entdeckte er eine Wiese, welche er sogleich anstrebte. Angekommen sackte der Nebelparder auf dieser zusammen. Klitschnass drehte er seinen Körper schwerfällig auf den Rücken, streckte dabei die Arme und Beine von sich und atmete schwer. Wie war das alles zustande gekommen...? Pat sammelte seine Gedanken, sein Atem wurde langsam ruhiger.

    Erschöpft schloss er langsam die Augen.
    Towb is offline Last edited by Towb; 05.06.2019 at 20:33.

  11. #251 Reply With Quote
    Nicashisha Shenanigans  Moku's Avatar
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    [Bild: pmava.png][Bild: ttava.png]Ein Wort: Schicksal.
    Das dachte Mae als sie in die schönsten Augen blickte, die sie je gesehen hatte. Zwar musste sie für diesen atemberaubenden Anblick ihren Oberkörper auf erhöhter Position riskant zurücklehnen, aber das war es ihr definitiv wert gewesen. Soviel Emotionen spiegelten sich in darin wider, dass sie für einen Moment innehalten musste.
    Sie kannte Belendiel in und auswendig, hatte schon einiges in dem Spiel erlebt, und auch wenn Dai Shi nicht mit dem Hauptspiel gleichzusetzen war, so war sie sich sicher, dass vieles ähnlich war. Trotzdem konnte sie nicht sagen, ob das wohlig warme Gefühl, das sich in ihrem Bauch breit machte der Skill von ihrem ersten Kill war, oder von dem leidenschaftlichen Feuer, das himmelblau umrahmte entfacht wurde.
    Die Situation war skurill.
    Sie waren nicht weit von den Stadtmauern entfernt, aber weit genug, dass sich die Anzahl der Spieler stark ausgesät hatte; weit genug, dass ein Moment der Unachtsamkeit nicht unbedingt sofort mit dem Tod bestraft wurde. Aus dem Busch heraus hatte sie einen Spieler entdeckt, der, geschwächt von der Flucht vom Tor auf dem Boden gekniet hatte. Als MeMo hatte man nicht viele Chancen einen Kill ohne Skill zu machen – selbst das Töten von Ingame Monster stellte eine gewisse Schwierigkeit dar, gerade für sie mit ihrem Calum Canu. Dies war bei weitem das Beste, was sich ihr in langer Zeit bieten würde. Weshalb sie auch aus dem Busch stürmte und sich auf den Rücken des geschwächten Spielers warf, ihren Arm fest gegen seine Kehle drückte. Im selben Moment war ein Wolfsbüffel aus den Büschen ihr gegenüber gestürzt.
    Nun sah sie in Slow Motion wie der Hammer des ebenso wie sie überraschten Tirak’tirani im Bauch des anderen Spielers gerammt wurde, während sie das Knacken vom Kehlkopf hörte.
    Sie wusste nicht, wer den Kill gemacht hatte. Es war ihr in diesem Moment auch egal, denn ihr Atem stockte als ein suggestives Grinsen über die Lippen der pelzigen Wolfsbüffeldame lief, während sich ihre Blicke trafen. Das Flimmern im Augenwinkel völlig ignorierend erwiederte sie die Mimik, was, wie sie aus Erfahrung wusste, bei einem MeMo in Basisform äußerst abartig wirkte.
    Leider hatte Mae nicht lange Zeit sich in dem von entflammten Rubin umgebenden azurblau zu verlieren, konnte sie nicht nur in der Spiegelung der einzigartigen Edelsteine sondern auch durch ihr am Nacken positioniertes Auge sehen, wie jemand neues auf die kleine Lichtung stürmte und zu einem Angriff ausholte. Sie wusste, dass sie nicht beiden Spielern ausweichen konnte auch wenn ihr Knorpelkörper recht flexibel war. Ein letzter Blick auf das Geschenk Gottes, drehte sie sich mit dem noch immer im Arm verstorbenen Opfer herum, damit der Körper als Puffer agieren konnte. Genauso schnell spürte sie eine starke Hand an ihrem Oberarm, die sie auf der Stelle ankerte. Wenigstens konnte sie sich aussuchen, wer ihr das Leben aushauchte. Vielleicht würde sich der Spieler hinter diesem pelzigen Weltwunder auf ewig an sie erinnern, wenn sie von ihrer Hand starb. Das war auf jeden Fall besser als von diesem hässlichen Tentakelweib getötet zu werden, das sich scheinbar zumindest eines Kills sicher war.
    Doch statt von hinten angegriffen zu werden, wurde sie schützend zurück gezogen, während der Hammer schnell über ihren Kopf hinweg gegen den Schädel des Angreifers donnerte. Im gleichen Moment grollte das Wort „Heulwen“ aus der Schnauze der anderen Frau und durch das Geäst.
    Es war Schicksal.
    Es musste Schicksal gewesen sein.
    Wie sonst kannte dieser Wolfsbüffel ihren Belendielnamen? Und wie hatte sie Mae erkannt? Es war nicht so als hätte sie ihre Gestalt verändert, sie hatte immer noch die Basisform. Außerdem war Mae zwar eine der besten MeMos im gesamten Belendiel, aber sie war nicht ansatzweise bekannt, nicht so wie die Streamerin „KissMercy“, die mit ihren hohen diabetisverursachenden kindischen Mädchenstimme um Aufmerksamkeit bettelte. Die einzigen, die sie kennen könnten, waren Personen mit denen sie gespielt oder gegen die sie gekämpft hatte.
    „Woher kennst du meinen Namen?“ stieß sie überrascht aus. Statt einer Antwort, hörte Mae nur ein schmerzhaftes Grollen. Umgehend wanderte ihr Nackenauge zum Handrücken noch während sie ihre Hand nach hinten streckte. Ein Echsenwesen hatte sich an sie angeschlichen. Sie erkannte irgendwie ein Muster, aber es war logisch, dass die meisten ohne Skill vorerst versuchten immer aus einem toten WInkel anzugreifen. Sie hatte es auch getan.
    Der Reptilienspieler, der den Rücken der Wolfsbüffelfrau mit einer Axt angegriffen hatte, holte erneut aus. Mae fackelte nicht lange. Sie trat mit aller Kraft in die Kniekehle des Tirak’tirani und brachte diese somit glücklicherweise zum Schwanken. Mae hatte oft genug gegen Wolfsbüffel gekämpft, sie wusste wie schwer diese zu Fall zu bringen waren, was ihr nur bewusst machte, dass die erlittene Verletzung schwer abzuschütteln war – trotz des Schutzes der stärkeren Rüstung, die gerade weibliche Vertreter ihrer Rasse trugen.
    Mae nutzte den Verlust des Gleichgewichts um den Wolfsbüffel zur Seite zu drücken. Wie erhofft schlug der Angreifer daneben, während die Pelzige zu Boden ging. Die Metamorph hatte nur ihr Calon Canu als Waffe. Nutzlos ohne Skills. Der Hammer des Wolfsbüffels war zu schwer. Den konnte sie nicht anheben. Es würde vergeblich sein, aber letzten Endes blieb ihr erneut nur der eigene Körper. Also stürzte sie sich mit ihren gesamten sechzig Kilogramm auf die humanoide Echse. Ihr Kampferfahrung als Metamorph half ihr zwar ungemein in solchen Situationen, hatte sie sich gerade in der Anfangszeit nicht auf Waffen und Verwandlungen verlassen können, doch sie wunderte sich nicht, dass sie mit ihrem Fliegengewicht nicht einmal eine Inbalance herufen konnte. Dennoch griff sie nach der bewaffneten Hand und rangelte mit dem anderen Spieler um die Axt.
    Sie war eindeutig zu schwach.
    Die Tirak’tirani hatte sich jedoch wieder gefangen, drehte sich auf dem Boden um und streckte sich, um nach dem Schwanz der Echse greifen zu können, zog dann kräftig daran und brachte sie zum Schwanken. Den Gunst der Stunde nutzend, eroberte Mae nun die Axt. Die Wolfsbüffelfrau zog erneut an dem Schwanz, sodass die Echse nun auch im weichen Gras landete. Während die Echse am Boden zappelte, setzte Mae erbarmungslos die Schneide an den Hals, stemmte dann ihr gesamtes Gewicht auf die Schlagplatte und drückte. Noch während des Todeskampfes der Echse, ließ sie ein Auge wieder in ihren Nacken wandern. Einerseits um nicht wieder eine Überraschung von hinten zu erleben, andererseits um zu schauen, was die Tirak’tirani machte.
    Das Zappeln der Echse verebbte, bis es letztendlich zum Stillstand kam. Keine Sekunde später flackerte erneut ein Bild am Augenrand auf, einen Augenschlag später öffneten sich zwei Wege – ihre Skillbäume. Sie richtete nun ihre volle Aufmerksamkeit auf die Tirak’tirani, die ihren Blick sofort auffing. Die andere Frau atmete schwer, auf ihrem Gesicht zeichnete sich der Schmerz von der Wunde ab, doch auf ihren Lippen prangerte ein gewaltiges Grinsen.
    „Egal ob in Belendiel oder Dai Shi, du bist immer so verdammt schön,“ staunte sie, hauchte dann nahezu das Wort „Heulwen“ erneut. „Egal in welcher Gestalt, ich würde dich immer erkennen.“
    Sie hätte Sarkamus vermutete, wenn die Augen der anderen sie nicht so intensiv und offen und vorallem... hungrig? anstarrten. Die MeMo errötete, und ausnahmsweise wusste sie einmal nicht aus Erfahrung wie das mit dem Gesicht dieser grotesken Basisgestalt wirkte. Doch der Wolfsbüffel zwinkerte ihr nur als Reaktion verspielt zu.
    Die Nornen, Fortuna, wer auch immer – Mae musste in ihrer Gunst stehen.
    „Kannst du aufstehen?“, fragte sie um ihre Scheu zu überspielen, zog die Axt mit einigen mühsamen Rucken aus den Hals der Echse.
    „Ich denke,“ reagierte die Angesprochene etwas verzögert, dann erneut, „Heulwen“, als würde es ihr Spaß machen zu sehen wie Mae jedes Mal ein wohliger Schauer über den Rücken lief bei dem suggestiven Unterton der bei dem Namen stets mitschwang.
    „Mein Name im Dai Shi ist Mae'r_haul_yn_sugno, kurz Mae,“ erklärte sie, wandte leicht ihren Kopf ab und rieb sich verschüchtert einen Arm. Würde die Wolfsbüffelfrau weiterhin ihren Belendielnamen mit diesem Ton verwenden – ihr Herz würde das nicht lange mitmachen.
    Der Wolfsbüffel schnaubte einmal amüsiert, richtete sich dann mit einem schmerzenden Stöhnen auf. „Kommst du aus Wales?“
    „Glyn Brochan, nahe Llanidloes,“ beantwortete sie, überrascht von ihrer Ehrlichkeit, besonders in Anbetracht ihrer Situation und der Tatsache, dass sie noch immer nichts über die andere Frau wusste, während diese sie nur allzugut kannte. Außerdem hatten sie kaum Zeit für Geplänkel. Es könnte jede Sekunde ein neuer Spieler auftauchen – mutmaßlich von hinten, mit einer Tendenz zum Stürzen. Sie mussten schnellstmöglich verschwinden, den Rest könnten sie später klären.
    Es wirkte als wären die Schmerzen wie weggefegt als sich der Wolfsbüffel wie ein kleines Kind über diese Information freute. „Ohne Scheiß?! Ich komm aus Telford!“ Dem freudigen Jauchzen folgte ein schmerzhaftes Stöhnen.
    „Lass mich die Wunde sehen,“ forderte sie auf.
    „Alles für meine Menyn,“ erwiederte die andere Frau bereitwillig und drehte ihr ohne zu zögern den Rücken zu. Mae wusste nicht, was sie zu dem Verhalten sagen sollte.
    War Dai Shi heimlich eine Partnerbörse für Querulanten oder war es einfach nur ihr Karma, das endlich einmal zu ihr zurückkam und eine pelzige Göttin in ihren Schoß warf, die scheinbar genauso begeistert von ihrem Treffen war wie sie?
    „Wie heißt du?“ fragte sie, als sie sich der Tirak’tirani näherte, dann das Fell an der Wunde sanft zur Seite schob.
    „Natsï, begeistert dich zu treffen!“
    Natsï, wiederholte Mae innerlich eine Millionen mal, bereits in sämtlichen Kombinationen mit ihrem Namen um den perfekten Shipping-Namen zu finden, konnte dabei das breite Grinsen nicht unterdrücken. „Ebenfalls.“
    Sie hoffte, dass es Schicksal war.
    Sie hoffte, dass die andere ebenso dachte und es kein perfider Plan war um sie um den Finger zu wickeln.
    Doch Konzentration Mae, Konzentration! Sie kniff sich selbst einmal in die Wange, um sich zu fokussieren.
    Die Wunde war nicht sonderlich tief, auch wenn sie durchaus schmerzen musste. Vermutlich hatte sie die andere nur so schnell aus der Balance bringen können, weil diese noch dabei war sich an die Schmerzübertragung der NE zu gewöhnen. Was auch immer der Grund war, sie war froh, dass es eine Verletzung war mit der sie umgehen konnte. Sie müsste sich umschauen, ob es irgendwelche Heilkräuter in der Nähe gab, die sie bereits aus Belendiel kannte – und selbst dann, konnte sie nicht 100% sicher sein, dass es sich um die gleichen Pflanzen handelte.
    Aber vorerst brauchten sie ein sicheres Versteck.
    Eigentlich hatte sie zuerst ihr Herz leveln wollen, war ihre Waffe für sie in erster Linie wichtiger als ihre Verwandlungen, aber ihr kleiner Metamorphkörper konnte der Tirak’tirani nicht unter die Ame greifen, geschweige denn das Gewicht stemmen.
    Mit dem Pfad noch offen, entschied sie sich für ihre erste Verwandlung, der Zyra. Ein Körper, der deutlich robuster und größer war als ihr jetziger. Mithilfe der Ranken konnten sie sich im Wald verstecken. Sofern keiner wusste, dass sich hinter dem zeltähnlichen Korkenzieherästen zwei Spieler versteckten, waren sie sicher. Außerdem war ihre passive Fähigkeit der Kommunikation mit anderen Pflanzen äußerst hilfreich um Kräuter zu sammeln und vor Gefahren gewarnt zu werden.
    Mae nutzte umgehend ihre Form, ließ ihren ohnehin schon imposanten Körper noch etwas wachsen und wickelte dann ihre Ranken um die Tirak’tirani, um sie beim Gehen zu stützen. Nun musste die Wolfsbüffeldame zu ihr hinaufschauen, auch wenn sie diese nur um ein paar Zentimeter überragte. Mae musste sich eingestehen, dass dieser Blickwinkel durchaus etwas für sich hatte.
    Erneut stahl sich ein Lächeln über Natsïs Lippen, als sie sich schamlos gegen den hölzernen Körper der Zyra drückte, und sie langsam ihren Weg tiefer in den Wald suchten.
    Sie fragte sich, ob die Tirak’tirani genauso an Schicksal glaubte wie sie selbst.
    „Hey Mae,“ begann Natsï als ihre Schritte fester und sicherer wurden, schaute durch ihre langen Wimpen zu der Metamorph hoch. „Glaubst du an Schicksal?“

    Stand up! It gets better.
    [Bild: 1991.png] dragonage-game.de [Bild: 1991.png]
    And the silken sad uncertain rustling of each purple curtain thrilled me, filled me with fantastic terrors never felt before.
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  12. #252 Reply With Quote
    .. loves to smile for you  BlackShial's Avatar
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    Was bisher geschah: Ganz ohne Trennungsängste

    [Bild: AvatarMallow1.png]Mit einem tiefen Schnaufen blickte sich der Wolfsbüffel um, dabei eine gerade Haltung einnehmend, damit er die vorherigen Momente der Schwäche vielleicht wenigstens etwas ausgleichen konnte. Die Zuschauer hatten leider bereits zu viele mitbekommen, als dass er dies mit einem souveränen Stand hatte wettmachen können. Aber er würde sich dafür schon etwas einfallen lassen, sinnierte Marshmallow, als er langsam die Pranke an das Maul hob und über die geschundenen Krallen leckte.
    Urgh!
    Das war krank! Wieso konnte man in diesem Spiel sogar das eigene Blut schmecken? Und wieso, bei seinen frostigen Vorfahren, schmeckte es so süß?
    Die Leute von Nonomoto hatten eindeutig zu viel Arbeit in den Wunsch gesteckt, den Spielern das Erlebnis so real wie nur irgend möglich zu gestalten.
    „Bastarde ...“
    Ein erneutes Schnaufen später schüttelte die weiße Bestie den schweren Kopf. Er hatte nicht die Zeit dafür, sich stundenlang über eine Firma aufzuregen, die offensichtlich Freude an ihrer Arbeit hatte. Und daran kleine Kinder zu ermorden. Oder eben junge, hübsche Damen, die ihr Leben noch vor sich hatten, um nur noch hübscher zu werden.

    Langsam setzte er sich trottenden Schrittes in Bewegung. In die nächstbeste Richtung.
    Offensichtlich teilte sich die Meinung der Spieler in seiner Umgebung fast schon gleichermaßen darin auf, dass die einzigen guten Vorgehensweisen die waren, sich direkt in das Schlachtfest vor den Stadttoren zu werfen, oder die eigenen Fähigkeiten in der Arena zu erproben. Kluger Schachzug. Zumindest letzteres.
    Er sollte definitiv vorher schauen, was er mit diesem Körper alles anstellen konnte. Zumindest Kampftechnisch, alles Weitere würde sich später zeigen.
    Aber wenn er sich nun an einer der dortigen Trainingspuppen verging, würde jeder sofort merken, dass er zu unerfahren war und somit ein einfaches Ziel. Er musste es also etwas geschickter angehen. Vielleicht mit einem Trainingspartner? Oh verdammt, er hätte den Rüstungsheini nicht sofort wieder wegschicken sollen. Aber was gab es an dem schon zu trainieren? Wie man mit den Zähnen einen Dosenöffner spielte? Außerdem hätte er ihn auch nicht benutzen können, um ihn vor sich durch das Stadttor zu schieben und somit einen Unfall zu provozieren. Zu gut gepanzert, keine wirkliche Angriffsfläche, wenn er auch noch einen Helm über seinen hohlen Schädel stülpte.
    Trotz allem, durfte er auf keinen Fall zu lange damit warten die erste Quest zu erfüllen. Ein einziger Skill konnte einen gewaltigen Unterschied ausmachen, wenn es hart auf hart käme. Im Moment würden sich jedoch zu viele direkt vor den Toren tummeln und versuchen alles niederzumetzeln, was die Grenze der Sicherheit übertrat.
    Der Tirak'tirani mochte viel aushalten, aber gespickt wie ein Nadelkissen mit Pfeilen würde er nicht weit kommen. Und wenn die Spieler schlau waren, dann würden sie auf genau solch eine Gelegenheit warten, mit gespanntem Bogen im Dickicht versteckt.
    Es galt die Sache ruhig anzugehen, aber früh genug, um nicht zu weit zurückzufallen. Im besten Fall würde er eine Zeit abpassen können, zu der die Stadttore wieder frei waren und jeder, der ihm dann über den Weg lief würde denken, dass er bereits Kampferfahrung gesammelt hatte und sicherlich kein leichtes Opfer war. Außerdem würden sich sicher viele Spieler nach ihrem ersten Kill ausloggen und die Übertragungen nach leichten Gegnern durchforsten. Er musste die Quest also erledigen, noch bevor diese Aasgeier sich wieder einloggten.
    „Hrhrhrhrr~“
    Erschrockten blickte der Wolfsbüffel auf, als er das ihm inzwischen bekannte Lachen wahrnahm. Was eigentlich erschreckend war, wenn man bedachte, dass er wie lange erst in diesem Körper steckte? Eine Stunde vielleicht? Zwei, wenn es hochkam, mehr aber wohl kaum.
    „Leckerli gesichtet und bereit es zu vernaschen! Ohhh, stell dir nur vor wie sich der Zuckerguss auf deinen Lippen verteilt und die süße Füllung herausspritzt, wenn man draufbeißt.“
    Unbewusst hob Marshmallow die Pranke, um erneut die Pfote mit der fleckigen Zunge zu putzen. Er sollte einfach nicht darauf reagieren, oder? Wenn er dem Geist zeigte, wie jedes seiner Worte ihm die Haare zu Berge stehen ließen, spornte es den kleinen Widerling vielleicht nur noch an?
    Dennoch!
    Es gab Grenzen. Und genau diese Grenzen wusste sein Begleiter offensichtlich schon nach kürzester Zeit zu überschreiten.
    „Schau dir diese flauschige Delikatesse an! Hrm, ich steh ja schon echt drauf mich in feuchtem Fell zu vergraben.“
    Ein leichtes Zucken des rechten Augenlides war die einzige Reaktion des Schamanen. Zumindest so lange, bis er sich die Frage nicht mehr verkneifen konnte, die ihm förmlich unter den Krallen brannte.
    „Wenn du so drauf stehst wie du sagst, warum gräbst du mich dann eigentlich nicht an?“
    Es war gewiss nicht so, dass er unbedingt darauf bestand von einer kleinen Seelenkugel angebaggert zu werden. Eigentlich konnte er sogar getrost darauf verzichten. Ja, eigentlich betete er sogar darum, dass es eben nicht passierte.
    Aber das hübsche Mädchen in ihm ... nun ja ... fühlte sich ... gekränkt.
    Nicht nur, dass er einen wirklich ansehnlichen Tirak’tirani abgab, den man einfach lieben musste. Nein, er war auch im echten Leben so attraktiv, dass es für gewöhnlich nur selten vorkam, dass man ihm eben nicht irgendwelche Avancen machte.
    Beker verzog angestrengt das Gesicht, bleckte kurz die Zähne und schüttelte dann leicht den Kopf ... oder Körper. Was auch immer.
    „Weil ... Das ist so, als würde ich mich an meine eigene Mutter ranmachen! Nicht, dass ich nicht etwas übrig habe für ein paar Zärtlichkeiten unter Familienmitgliedern, aber in dem Schoß war ich schon.“
    Urgh!
    Widerwärtig!
    Okay, fein. Er hatte es gelernt: Er würde seinem Geisterbegleiter nie wieder etwas in dieser Art fragen.
    Und er würde sehr viel Zeit damit verbringen zu lernen, wie man diesen ersetzen konnte. Oder wenigsten für immer stummschalten.
    „Vergiss einfach, dass ich gefragt habe. Auch bei allen weiteren Fragen, die jemals folgen könnten ...“
    Mit hochgezogener Lefze und einem Augenverdrehen wandte sich Marshmallow von der gasförmigen Kugel ab und blickte zum ersten Mal seit Beginn der recht einseitigen Unterhaltung zu dem eigentlichen Gesprächsthema.
    Hm ...
    Entweder hatte Beker neben unzähligen Abarten noch eine Neigung zu Nekrophilie, oder aber der katzenartige Zweibeiner schlief.
    Mitten in der Stadt.
    Während die Zeit für die erste Quest lief.
    In einem Spiel um Leben und Tod.
    Also entweder es war ein verbuggter NPC – was er sich nur schwerlich vorstellen konnte – oder ein ziemlich gelassener Spieler. Der sich seiner so sicher sein musste, dass er sich auf einer kleinen Grünfläche in der Straße zur Arena präsentierte.
    Dreister Mitkerl ...
    Aber vielleicht wirklich ein gefundenes Fressen, wenn auch sicher nicht auf die Art und Weise, wie der Geist mit dem Namen eines Gebäcks es gern gehabt hätte. Ob er sich neben ihn setzten konnte, um ihn mit einer sanften Tatzenbewegung zu wecken? Ihm ins Ohr flüstern konnte, wie sehr er ihm imponierte, dabei zaghaft lachend? Eine flüchtige Berührung an dessen Knie, ein Augenklimpern und nicht zu vergessen das Zusammenpressen der Oberarme, während er sich leicht nach vorn beugte, dem Ziel der Zuneigung entgegen.
    „Hoho! Lass Onkel Beker mal schauen, ob die Schlange in deiner Hose genau so groß ist wie die auf deiner Brust, mein leckerer Prachtkater!“
    Nein, definitiv nein!
    Der Wolfsbüffel blieb abrupt stehen und schüttelte vehement den Kopf. Von dieser unsittlichen Gaskugel würde er sich nicht die Tour versauen lassen. Zuerst musste er endlich herausfinden, wie er den Geist effektiv in das Medaillon sperren konnte.

    [Bild: Blutlinks.png] Not even a sick game like the [Bild: MU4xeQxjjBlutDaiShi.png] can wreck my smile. [Bild: blutrechts.png]
    BlackShial is offline Last edited by BlackShial; 23.06.2019 at 16:36.

  13. #253 Reply With Quote
    Burgherrin Glorichen's Avatar
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    Anzu'Kiai


    [Bild: AvatarAnzu.png] Anzu brannte. Jedenfalls fühlte es sich so an, als stünde jede Faser ihres Körpers in Flammen: Muskeln, Lungen, Pfoten ... selbst ihre Augen, in die immer wieder kleine Fliegen und Staub flogen ... alles schmerzte, alles schien zu brüllen, doch sie wagte es nicht, das Tempo zu verringern. Angetrieben von ihren Gedanken, die "Shit, shit, shit, shit" in Dauerschleife sangen wie die Chöre der Apokalypse.
    Dabei hatte alles so ruhig begonnen. Nachdem sie sich einige Schritte vom Kadaver des Wolfes entfernt hatte, war sie zielstrebig weiter Richtung Wald gejoggt. Der dunkle Streifen am Horizont versprach viele Möglichkeiten sich zu verstecken, ihre Wunden zu lecken - im wahrsten Sinne des Wortes - und die Situation in Ruhe zu analysieren. Das Sicherheitsgefühl, das ein guter, solider Plan auslöst, hielt jedoch nur wenige Minuten an. Dann erklang hinter ihr ein Heulen. Ein Heulen, das Anzu das Blut in den Adern gefrieren ließ - denn wenn sie nicht völlig irre war, was das unmissverständlich ein Wolf gewesen. Ein Heulen, in das ein weiteres von ihrer linken Flanke her einfiel. Wäre sie nicht ohnehin bereits am Schwitzen gewesen, jetzt wäre ihr der Schweiß ausgebrochen.

    Mit der plötzlichen Erkenntnis, dass die Wölfe im Dai Shi definitiv auch in Rudeln jagten, stellte sich der Fluchtreflex ein, dem die Nekomusume in diesem Moment nur allzu bereit war, nachzugeben. So preschte sie durch das Gras, kurvte im Zickzack um kleine Felsen, Büsche und Tümpel herum, sprang über Äste und sonstige Hindernisse, während sie zielstrebig auf den Waldrand zusteuerte. Denn das war er, wie sie erkannte, je näher sie kam. "Wald bedeutete Bäume ... Bäume bedeutet klettern ... und das können Wölfe nicht ... hoffentlich ..." Abgehackte Gedanken schossen ihr in den Kopf und hätte sie den Nerv gehabt, wäre sie sicherlich stolz auf sich gewesen, dass ihr Hirn trotz der Situation immer noch funktionierte. Sie musste nur ...
    Klatsch!
    Sie spürte den Schmerz noch an ihrem Fuß, als sie auch schon mit dem Gesicht zuerst dem Boden entgegensegelte und auf der harten Erde aufschlug. Sie schmeckte Erde, krümelige, eklige Erde in ihrem Mund, der in dem Bedürfnis, so viel Sauerstoff wie möglich aufzunehmen, beim Laufen geöffnet gewesen war und sich nun mit all dem füllte, womit der Boden unter ihr gesegnet war. Für eine Sekunde war Anzu überrascht und wie paralysiert, dann erklangt erneut das Heulen und sie zuckte heftig zusammen: es war so nah, so laut und unfassbar nah. Sie hatte gerade noch Zeit, das Trommeln von Pfoten auf dem Boden zu hören, als sie sich mit den Vorderpfoten hochstemmte und mit einem Satz wieder auf den Beinen war. Sie vergeudete keinen Blick zurück, sondern scheuchte sich erneut voran, angetrieben von blankem Überlebenswillen. Nicht so, nicht jetzt!

    Sie hätte laut gebrüllt, wenn sie die Luft dazu gehabt hätte. Doch sie hatte weder Luft noch Kraft übrig, einzig ihr Wille war es, der sie vorwärtstrieb. Sie war nun so nah, sie konnte die ersten Bäume ausmachen, Äste erkennen. Hastig scannte sie den Waldrand, die Bäume, die sich vor ihr entfalteten. Zu hoch. Zu dünn. In dem bewegte sich etwas. Verzweifelt schlug sie einen Haken nach rechts, während langsam aber sicher das Trommeln der Pfoten hinter ihr näher kam und sie den rasselnden Atem der Raubtiere hören konnte. Ihr Vorsprung schmolz, langsam aber sicher, und wenn sie nicht schnell einen geeigneten Baum fand, war ihr Leben vorbei.
    Und dann sah sie ihn: einen Baum, rund zehn, zwanzig Meter vom Waldrand entfernt, mit dicken, kräftigen Ästen, die nicht zu niedrig hingen, um anderen Spielern eine Chance zu geben, schnell hochzuklettern - die aber auch nicht zu hoch hingen, dass sie für Anzu ein Problem gewesen wären. "Jetzt oder nie!" Sie griff nach der letzten Pfütze Adrenalin, die ihr Körper noch besaß, und stürmte direkt auf den Stamm zu. Die volle Geschwindigkeit nutzend, sprang sie den Baumstamm hinauf, schaffte es, die Krallen in die Rinde zu schlagen und zerrte sich ein, zwei Meter hinauf. Das, was von ihren verletzten Krallen noch übrig war, brüllte auf vor Schmerz und Anstrengung, doch Anzu ignorierte das. Sie durfte jetzt nicht loslassen. Halb zog, halb sprang sie einen weiteren, halben Meter hinauf, dann bekam sie den ersten Ast zu packen. Sie schlang ihre Arme um ihn, um ihre Krallen zu entlasten, und wollte sich gerade hochziehen, als etwas mit voller Wucht gegen den Stamm prallte, sodass sie beinahe den Halt verlor.
    Ein schneller Blick nach unten zeigte ihr, dass ihre Verfolger sie erreicht hatten. Es waren drei Wölfe, größer als der am Fluss. Offenbar hatte sie lediglich gegen ein Jungtier gekämpft. Einer von ihnen taumelte gerade vom Stamm zurück, gegen den er sich geworfen hatte, um sie herunterzuholen. "Wichser!", knurrte sie und suchte mit den Hinterpfoten Halt am Baumstamm, um sich nun auf den Ast zu schwingen. Ihre Muskeln und Glieder zitterten, doch noch durfte sie sich nicht ausruhen. Sie brauchte sicheren Halt, denn wenn sie fiel, war sie Wolfsfutter. Mit letzter Kraft zerrte sie sich auf den nächsten Ast, den nächsten und den nächsten ... bis sie schließlich in einer Gabelung von drei Ästen einen halbwegs sicheren Sitz fand.

    Sobald sie sicher war, dass sie nicht im nächsten Moment herunterfallen würde, erlaubte sich Anzu einen Blick hinab: drei Wölfe umkreisten den Baum, knurrten, schnappten in die leere Luft und begutachteten sie mit funkelnden, gelben Raubtieraugen. "Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck ...", keuchte die Nekomusume, während ihr Körper in ein unkontrollierbares Zittern überging. Sie war ... vorerst ... in Sicherheit. Sie konnten nicht klettern, diese Biester dort unten. Doch wer wusste schon, wie lange sie dort unten lauern würden. Mit viel Glück waren sie nachtaktiv und würden sich mit dem Morgengrauen verziehen. Mit viel Pech saß sie hier fest, bist die nächste Gruppe Spieler kam und sich ihnen ... und Anzu selbst ... annahm.
    "Never be cruel, never be cowardly.
    And never ever eat pears!
    Remember, hate is always foolish,
    and love is always wise.
    Laugh hard. Run fast. Be kind."
    - 12th Doctor -


    Glorichen is offline Last edited by Glorichen; 23.06.2019 at 17:48.

  14. #254 Reply With Quote
    Nicashisha Shenanigans  Moku's Avatar
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    [Bild: 5IW6noavaava.png]Die Stadt war riesig.
    Jarkko hatte gewusst, dass sie eine gewisse Größe haben müsste, wenn sie soviele Spieler auf einmal beherbergen konnte, aber nachdem ein Großteil der Spieler geflüchtet war und sich der Rest auf die Straßen verteilt hatte, bemerkte er erst, wie viel Platz sie wirklich bot. Außerdem merkte er es auch daran, dass er nur "kurz" die Stadt erkunden wollte und nach der Monduhr im Spiel zu urteilen mittlerweile seit drei Stunden herumirrte und noch immer nicht alles gesehen hatte. Seine Füße taten ihm weh. Seine Schultern noch mehr, musste er schließlich für alles die Arme hin und her bewegen. Bisher wusste er auch nicht, wie er an etwas zu Trinken kam, um seinen Durst zu stillen.
    Viele der NPC, die er angesprochen hatten, grüßten ihn zwar höflich, ignorierten ihn aber dann, sobald sie scheinbar bemerkten, dass er noch keinen Kill hatte. Manche drehte sich nahezu beleidigt weg als hätte er ihnen wertvolle Zeit gestohlen. Sie waren verdammte Pixel!
    Wenigstens reden könnten sie mit ihm, stellte er nicht minder beleidigt fest und latschte dann weiter.
    Die einzigen, die ihn gelegentlich ansprachen, waren andere Spieler. Und das auch nur, weil sie ihn scheinbar von irgendwelchen Feeds wiedererkannten. Berühmt vom ersten Tag. Herrlich. Er war sich sicher, dass die Lady mit Hörnern deutlich eher aufgefallen sein müsste als er!
    Vielleicht wurde aber auch einfach jeder Metamproh so begrüßt. Er ging davon aus, dass sie alle irgendwie gleich aussahen und niemand wirklich den Unterschied erkennen könnte. Am besten sollte er sich ausloggen und die Foren durchstöbern, recherchieren, was ihn im Spiel erwartete. Vielleicht könnte er sich auch den Kampf anderer Metamorphe anschauen, um von ihnen zu lernen. Allerdings wusste er noch immer nicht, wann sein Zeitlimit zu Ende war. Zumindest den ersten Tag müsste er überleben. Sterben nur weil er die Deadline verpasste, war einfach nur erbärmlich.
    Es muss irgendwelche NPC geben, die mit ihm sprechen wollten auch wenn er keinen Skill hatte, oder?
    Jarkko blieb an einem katzenähnlichen Wesen stehen, hob eine Hand um Blickkontakt aufzubauen. Das Wesen blinzelte ihm zu. Er blinzelte höflich zurück. Das hatte er im Tierheim gelernt!
    „Katze,“ begrüßte er das Wesen. „Ich brauche Hilfe.“
    Die Katze hob ihren Blick, rückte den Hut zurecht bevor es mit einem Grinsen die Pfoten nach ihm austreckte. Eine universelle Geste die nach der lokalen Währung oder aber nach Katzenminze fragte. Er hatte weder das eine noch das andere und winkte dementsprechend nur mit einer wegwerfende Handbewegung ab.
    Mittlerweile war er an einem recht abgelegenen Bereich der Stadt angekommen. Sein Orientierungssinn war auch schon einmal besser gewesen. Genervt sah er sich nach irgendeinem Stadtplan oder Wegweiser um. Er musste etwas stöbern und durch andere Gassen stolpern, bis er tatsächlich Schilder mit Richtungsanweisungen fand. Neben Schloss und Verwaltungssitz prangerte ein etwas größeres Schild in der Mitte mit der Aufschrift „Trainingsgelände / Arena“.
    Er schickte ein Stoßgebet zu den Göttern, an welche auch immer die Leute in dieser Welt glaubten.
    Wenn er jemanden beim Trainieren beobachten wollte, dann konnte er das sicherlich genau dort. Mit einem leichten Sprung in seinem Schritt setzte er seinen Weg fort. Dieses Mal mit einem Ziel vor Augen, seinen Durst bereits vergessen.

    Stand up! It gets better.
    [Bild: 1991.png] dragonage-game.de [Bild: 1991.png]
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  15. #255 Reply With Quote
    Lehrling Towb's Avatar
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    Schattenspiele

    [Bild: PatAvatar1_1.png] Ein Schloss, dessen Boden so weiß wie Schnee -, dessen Wände rot von Blut- und dessen Mauern so schwarz wie Ebenholz war, brannte. Aber nicht wie man denken würde wegen Feuer – nein, das war l'amour! Denn hier liebte es jemand seine tief verwurzelten Rachegelüste auszuleben. Jeden. Einzelnen. Moment.


    Ein Goblin mit zeremonieller Kriegsbemalung winkte nach kurzem Lagecheck mehrere Spieler in das Innere des Schlosses. Beide Seiten hatten schon Verluste zu verzeichnen, doch bis jetzt sah es so aus, als würden die Community des Dai Shi es wirklich schaffen.
    Durch kurze Handzeichen verständigten sich immer wieder kleinere Gruppen und griffen die fliegenden Wachen hinterrücks an, welche nur aufgescheucht umherflogen.

    Die Burgmauern waren schnell eingenommen, gab es doch nur wenige NPC's die sie hätten verteidigen können. Woran man außen gespart hatte, wurde offensichtlich im Inneren eingesetzt. Viel zu viele dieser geflügelten Ungeheuer, waren an einem Ort quasi eingepfercht, nur um heute ihren Tag der Erlösung entgegen treten zu dürfen.
    Ein – wahrscheinlich – unseeliges Ende, aber man konnte ja nicht alles haben.
    Unzählige Engel wurden bereits niedergestreckt: verbrannt, zerteilt, gespalten, zertrümmert, zerquetscht, erdolcht, stranguliert; um nur die häufigsten Todesursachen zu nennen.


    Allem voran war Pat mit einer kleinen Elitetruppe von sechs Leuten, um die Lage zu sondieren und größere Gefahren auszuschalten, während ein Großteil der Spieler kleinere Strukturen des Gemäuers sicherten.
    Erschreckenderweise gab es im Schloss mehr Monster, als in vielen anderen Biomen des Spiels. Bei genauerer Überlegung könnte man fast sagen, dass das traurig wäre. Falls man im Schlachtgetümmel überhaupt derlei Gedanken zu fassen bekam. Oder vielleicht war das eine Art der Massentierhaltung, pardon, " Vieltierpflege " wäre wohl politisch korrekter.
    Die gefiederten Wachen waren nichts neues, aber die halbnackten Hybridwesen und Tentakelmonster waren stellenweise doch eine Zumutung... Wenn auch nur optisch. Von Schlangenfrauen, Glibbermonstern, vogelähnlichen Kreaturen, bis hin zu Anthros, deren felliger Schwanz an der verkehrten Seite angebracht zu sein schien, gab es wohl alles, was den Mann mit "besonderen Bedürfnissen"glücklich machen könnte. Aber zurück zum Geschehen: auch wenn es allerlei Mischwesen in den Gängen und Räumen gab, konnten diese gegen die inzwischen gut organisierten Spielern kaum standhalten. Das war auch der Grund, weshalb die Überlebenden des Todesspiels die Festung schneller als erwartet nach und nach einnehmen konnte. Es machte schon fast den Eindruck, als hätte jemand die ganzen NPCs nur als Zierde im Schloss aufgestellt. Getreu dem Motto: " Viel hilft viel. ".

    Auch Pats Gruppe kam gut voran. Das lag weniger an ihm, sondern eher an seiner etwas ungestümen Teamkollegin Avern. Als einer der wenigen weiblichen Minotauren oder gar einzigen im Spiel, machte sie ihren Gegnern mit einer Kombination aus purer Muskelkraft und ihren Äxten, schon immer das Leben schwer. Sie waren zwar die Vorhut, aber war diese nicht im Regelfall unauffälliger? Ständig wurden im Weg stehende Wachen brachial an die Wand gedrückt, bis diese sich nicht mehr rührten. Alternativ wurden die Waffen der Stierdame kurzerhand durch den Raum geworfen. Sie arbeitete eben schnell, präzise und vor allem: laut, aber effizient! Wenn das alles vorbei war, sollte sie darüber nachdenken, eine Fleischerei zu eröffnen.
    Auch wenn ihre Vorgehensweise etwas unüblich erschien, legte keiner aus der Gruppe Einspruch ein. Wahrscheinlich wusste jeder, dass es ungesund wäre, eine Diskussion mit Avern anzufangen.
    Also folgten ihr alle stillschweigend. Nur einer nicht. Zumindest nicht aktiv. Denn Pat kam die ehrenvolle Aufgabe zu, einen Mann, den allgemein hin nur „ Captain “ nannte, auf Ozs Rücken huckepack zu transportieren. Dieser alte, faltige Mann mit braunen Haut und grauem Rauschebart war ein äußerst fähiger Magier. Solange man ihn beschützte. Und er einem nicht wegnickte. Wie jetzt gerade. Wie konnte er bei dem ganzen Lärm überhaupt schlafen?
    In brenzligen Situationen soll man sich aber auf ihn verlassen können. Heißt es zumindest. Es bleibt wohl nur abzuwarten und das Beste zu hoffen.
    Allerdings gab es ein kleines Detail, welches viele Spieler irritierte: der obere Teil des Gesicht wurde immer von einem schwarzen Schatten verdeckt, egal aus welcher Perspektive man schaute. Auch die Lichtverhältnisse schienen keine Rolle zu spielen. Ob das an der urigen Capitainsmütze lag? Der Bart macht es einem auch nicht einfacher. So ganz sicher war sich keiner, welcher Rasse er überhaupt angehörte. Die meisten gingen davon aus, dass sie einem verdammt alten, faltigen Menschen gegenüberstanden.
    Ein Kampfschrei unterbrach Pats Gedankengang. Avern hatte sich offensichtlich erfolgreich bis zu einer riesigen Tür durchgekämpft. Dem Gebrüll folgend, kamen auch ihre Teammitglieder den längeren Korridor entlang.
    Das musste sie sein.
    Der Schrecken würde bald schon ein Ende haben. Jetzt gab es nur noch eine Sache, die zwischen ihnen und dem Sieg stand. Neben der Tür, versteht sich.
    GoogleHupf – ihres Zeichens Supporterin der Gruppe - schwang feierlich ihren elegant, geschwungenen Zauberstab, der mit einem großen, ungeschliffenen Jadestein besetzt war. Es sah so aus, als würde die Nymphe einen zeremoniellen Tanz aufführen. In Wahrheit heilte sie die wenigen Verletzungen der Gruppe und erhöhte deren Elementarwiderstand. Ein Symbol nach dem anderen erschien kurzzeitig vor dem Gesicht der Gruppenmitglieder. Praktisch als Bestätigung, wogegen man jetzt gewappnet war.
    Kurz darauf sahen sich alle nochmal an und nickten, sofern eben geistig anwesend. Als nächstes schob Avern die steinernde Dreimetertür inbrünstig auf. Den Raum den sie nun betraten, war ohne Zweifel der Thronsaal des selbsterkorenen Herrschers dieser Welt. Der Saal wirkte für seine unglaubliche Größe gähnend leer. Lediglich ein roter Teppich mit goldenem Samt führte zu Stufen am Ende des Raumes. Einen mit schwarzen- und weißen Flügeln verzierte Thron offenbarte sich dem Betrachter, wenn er die vielen Treppen empor sah. Jeder, der direkt von unten hinaufblickte, würde sich wahrscheinlich noch über Nackenschmerzen freuen dürfen.
    Mit einer Faust gegen eine Schläfe gedrückt saß die zwielichtige Engelsgestalt gelangweilt auf ihrem Thron. „Ihr habt es also wirklich bis hier her geschafft?“, sprach der oberste GM verächtlich. Daraufhin schloss sich die Tür hinter ihnen mit einem quietschendem Laut.
    Indes ließ Pat Captain absetzen, der bislang von Oz getragen wurde. Er schaute, dass er seinen Kameraden noch in einen halbwegs stabilen Schneidersitz positionierte, legte eine Hand auf seine Schulter, rüttelte ihn ganz sacht und meinte: „Hey, Captain. Aufwachen. Gleich wird’s ernst.“. Während die Großkatze sich abwandte, gab Captain noch ein paar schnarchende Laute von sich, die sich in unverständliches murmeln wandelten.
    „Hrhrhrhrr~“, machte sich nun auch Snaker bemerkbar. Der übergroße Maulwurf lechze begierig gen Engel. „Leckerli gesichtet und bereit es zu vernaschen!“. Zugegeben, Snaker war schon immer etwas komisch, aber das? „...die süße Füllung... wenn man draufbeißt.“ , war selbst für ihn ein neuer Tiefpunkt. Was sich in den Augen hinter den milchigen Gläsern seiner Taucherbrille abspielte, blieb anderen verborgen. Es war wahrscheinlich auch besser so. Nichtsdestotrotz bestach er im Kampf mit einer unglaublich guten Sicht. Zudem besaß Snaker das Verständnis Lücken auszunutzen, egal ob am Tag, bei Nacht oder gar im Nebel. Seine Waffen ähnelten Schlagringen, an denen Bohraufsätze befestigt waren. Diese konnte er dann durch Manazufuhr rotieren lassen. Praktisch um sich zu vergraben, zu verstecken oder wenn man dem Gegner einen künstlichen Darmausgang verpassen wollte.
    Der Game Master erhob sich und ging ein Paar Stufen der langen Treppe hinab. „Normalerweise würde man euch wohl jetzt gratulieren oder euch einen Vorschlag unterbreiten euer Vorhaben abzublasen. Doch ihr seit in MEIN Heim eingefallen, habt MEIN Schloss verwüstet und fordert jetzt MICH heraus?! Diese Unverfrorenheit werde ICH – X, uneingeschränkter Herrscher über das achte Dai Shi – euch nicht vergeben! Darum...“, X setzte ein hämisches Grinsen auf und breite seine Flügel aus. „... unterhaltet mich!... Und unsere Zuschauer.“ Selbstgefällig schnippte der Engel mit den Fingern. Mehrere Flammensplitter erschienen augenblicklich hinter ihm und wurden durch eine absenkende Armbewegung in Richtung der Spielergruppe gefeuert. „So einfach machen wir es dir nicht!“, trat die Nymphe hervor. Mit flacher Hand schlug sie auf den Boden, wodurch sich eine zehn Zentimenter dicke Wasserwand auftat, um den Angriff abzuwehren. Die kleinen Geschosse verdampften nur unspektakulär, als sie auf das kühle Nass trafen. Noch bevor sich die Wand ganz legte schoss eine Marionette hindurch.
    Mit seinen Fäden ließ Pat Oz den Engel direkt angreifen. Noch bevor dieser sein Ziel erreichte, ließ sein Puppenspieler den linken Zeige- und Mittelfinger nach vorne schnellen, wohingegen sich die rechte Hand drehte, um den Ringfinger und den kleinen Finger anzuziehen. Folglich warf die Marionette seine Dolche. Anschließend offenbarten sich an beiden Seiten versteckte Klingen entlang der Arme und ratterte dann weiter auf den Feind zu. Es erschien so, als würden metallene Klauen den Gegner zerteilen wollen. Doch X schien recht unbeeindruckt und hob seine recht Hand gen Decke. Ein Wirbel aus Luft umhüllte ihn und lenkte so die beiden Wurfgeschosse ab. Als nächstes wurde der Wind an ein Hand gelenkt, die zugleich zur Faust geballt wurde, um die Puppe frontal auf den hölzernen Brustkorb zu treffen. Im nächsten Moment flogen Oz' Einzelteile geradezu durch den Raum. „Das war's? Mehr hattest du nicht drauf?“, sagte der Engel höhnisch. „Obwohl... ehrlich gesagt... war so ein stumpfer Angriff wie dieser genau das, was ich von so niederem Gewürm erwartet hätte.“ „Große Klappe hat er ja.“, meldete sich Lio, Drakonier und Tank der Gruppe. „Warte nur ab bis du Bekanntschaft mit meinen beiden süßen gemacht hast.“, präsentierte Avern ihre Äxte voller Stolz. „Sofern du dann noch in der Lage bist, Luft aus deinen zerdrückten Lungen zu pressen.“. Sie ging leicht in die Hocke, beugte sich nach vorne und ließ ihre Äxte um die eigene Achse schwingen. Jeder Muskel ihres durchtrainierten Körpers war angespannt – sie war definitiv bereit ein paar Schädel zu spalten. Auch wenn es im besten Fall bei einem blieb. Als hätte er die anderen beiden nicht gehört, fuhr der schwebende GM fort: „Wohlan! Keine Gnade für die Schwachen!“.
    Mit einem doppelten Klatschen der Hände, erschien unter ihm eine Art Portal, welches einen riesigen Felsen offenbarte. Der massive Stein verharrte kurz in seiner beschworenen Position, begann sich dann immer schnell zu drehen, ehe er letztlich in großer Geschwindigkeit in Richtung der Spieler raste. Lio stellte ohne zu zögern mit seinem großen, pechschwarzen Schild vor die Gruppe und meinte ruhig: „Den hab ich!“. Eine vom Schild ausgehende, immer größer werdende, blaue Projektion erschien, um die Gruppe zu schützen. Ein lautes Krachen hallte durch den Saal, als der Aufprall abgefangen wurde. Es dauerte einen Moment, eher der Felsen seine Geschwindigkeit gegenüber dem Schutzwall verlor. Als die Verteidigung wieder gesenkt wurde, zerbarst der übergroße Stein in viele kleine Teile. Mit verschmitzter Mine im Gesicht, rotierten Snaker's Bohrköpfe. „Da scheint ja jemand mächtig Druck zu haben, wenn man die Größe dieses aufgestauten Balls bedenkt. Aber keine Sorge: Mit mir kannst du dich so richtig ausleben. Nur keine falsche Scheu mein gefiederter Freund!“. „Aus dem Weg du Spinner! Mach dich lieber nützlich!“, schob ihn Avern unliebsam zur Seite. „Jetzt bin ich dran!“. Ihr Körper stieß sich mit einer großer Kraft vom Boden ab, sodass sie schon kurzerhand auf den schwarz-, geflügelten Game Master niederging. Sichtlich unbeeindruckt ließ X ein Schild aus Steinen erscheinen, um den Angriff abwehren. Gleichzeitig erschien eine Wasserpeitsche, welche sich um einen Arm des Engels wickelte. Mit kühler Mine wartete das Federvieh auf seine Gelegenheit zum Gegenschlag. „Hupfdohle, jetzt!“, schrie Avern vor der Kollision mit dem Schild. Fünf Eiszapfen, gefolgt von mehreren Bohrköpfen schossen mithilfe von Windmagie dem Schlossherren entgegen. Mit gleichgültigem Blick sah der GM nach unten. X' linke Hand derGeschosse entgegengestreckt, schleuderte ein Feuerball in dieselbigeRichtung. Währenddessen hörte man ein stumpfes Bröckeln. Nur eine Sekunde später konnte man erkennen, dass X es bereute, seine Aufmerksamkeit nicht der Nahkämpferin gewidmet zu haben. 'Aber sie hätte doch unmöglich allein mit Muskelkraft meinen Skill...?!', fuhr ihm noch durch den Kopf, als sein Blick sich auf Pat. richtete. Der Furry lächelte zufrieden, während er seine Finger angespannt ließ. Die weibliche Stierdame zerschlug den aufgebauten Schild und konnte mit der restlichen Wucht einen direkten Treffer gegen den Engel landen. Lediglich den rechten Arm konnte der GM ihr zum Schutz entgegen halten, um nicht gänzlich gezweiteilt zu werden. Nachdem X mit rasender Geschwindigkeit unsanft Bekanntschaft mit Gesteinsboden machen durfte, konnte man ihn wohl jetzt als “gefallenen Engel“ bezeichnen. Doch nicht nur dass: er hatte auch seinen rechten Arm eingebüßt, der nur unweit von ihm entfernt lag.

    X verzog seine Gesicht zu einer wütenden Fratze und knirschte mit den Zähnen. „So, ihr habt also tatsächlich einen Treffer landen können?! Glaubt aber ja nicht, dass euch das noch einmal gelingt! Ich bin noch lange nicht fertig mit euch!“. Zornig erhob der Schwarzflügel die verbleibende Hand und schlug diese zu Boden. „Versucht doch dem hier auszuweichen!“. Der ganze Saal fing an zu Beben, vereinzelt fielen auch Steine von der Decke. Pats Gesichtsausdruck wurde wieder ernster und krümmte seine Finger der rechter Hand, während er den Arm zum Brustkorb zog. Avern wurde daraufhin wieder zurück zum Rest der Gruppe gezogen, noch bevor sie von einer tektonischen Lanze erfasst werden konnte. Durch das Beben im Raum war es sehr schwer sich aufrecht zu halten. Nur der Minotaur stand weiterhin unbeeindruckt da. Wahllos schossen die steinernden Lanzen aus dem Boden und näherten sich immer weiter der Gruppe. Lio schob zaghaft seinen Schild vor, während er sich entschuldigte: „Das wird hart, ich kann euch leider nicht versprechen, dass ich das abfangen kann.“. Eine gelbliche Lichthülle , einer dünnen Aura gleich, überzog die Spieler. Damit versuchte der Echsenmann zumindest den Schaden zu begrenzen. „Ich hab vielleicht eine Idee.“, trat die Nymphe vor. Sie schritt, so gut es eben ging, ein paar Schritte vor die Gruppe, positionierte sich und begann ihren Stab in der Luft zu drehen, der sein übriges tun sollte, nachdem er den Saalboden berührte. Ehe Googlehupf ihren Plan umsetzen konnte, wurde sie von einem der Erdlanzen getroffen, welche jetzt auch fast die restliche Gruppe erreicht hatte.
    Als hätte Captain instinktiv den Schmerz seiner Gefährtin gespürt, blickte er finster in Richtung des Game Masters. Der letzte Speer stoppte direkt vor Lio, als sich ein Bannkreis mit einer großen alchemistische Rune über den gesamten Raum erstreckte. Das Beben erstarb. Nach und nach begannen die Stalagmiten zu zerfallen. Avern ließ keine weitere Sekunde vergehen, um in die Luft zu springen. Schließlich musste ja jemand die Nymphe retten. Und wenn nicht sie – wer dann? Die anderen Pappnasen würden sie doch wahrscheinlich eher auf den Boden aufkommen lassen, als ihr eine angemessene Rettung zuteil werden zu lassen. Sich weiterhin im freien Fall befindend, sah man, dass gelbe Sechsecke vom Avatar der Nymhe abblätterten.
    Die Stierdame fing mit einem Ruck das zarte Wesen auf, sodass es aussah, als hätte sie gerade eine Jungfrau in Nöten gerettet. Der gelbliche Effekt war kurze Zeit danach verschwunden und ein Beweis dafür, dass der Skill des Drakoniers sein Limit erreicht– aber auch seine Schuldigkeit getan hatte. Der größte Schaden konnte nämlich abgefangen werden. Googlehupf war zwar bewusstlos, doch erlitt sie keinen direkten Treffer, der zu eine Fleischwunde geführt hatte. Lediglich den Schmerz musste sie einstecken, auch wenn sie letztlich diesem nicht standhalten konnte. „Kümmer dich gut um sie.“, sprach Avern ungewohnt ruhig zu Captain und lehnte die Nymphe an eine Wand ab, nachdem sie wieder auf dem Boden angekommen war. „Ich muss noch eben was erledigen, bevor ich ihr wieder entgegentreten kann.“. Während der weibliche Minotaur sich wieder aufrichtete, blieb auch der sonst so lethargische Magier nicht untätig.
    Über ihm erschienen helle Lichtgeschosse, die Dornen ähnelten. Nach ihrem Erscheinen richteten sie sich diese ihrem Ziel zu – X. Dieser – noch sichtbar verärgert über seinen vereitelten Angriff – überlegte, wie er den Rest der Gruppe wohl am sinnvollsten ausschalten könnte. Schließlich galt es noch fünf Spieler aus dem Weg zu räumen. Man könnte einen Großangriff starten, gezielt nur eine Person unter Beschuss nehmen oder gar die bewusstlose Nymphe in seine Pläne einbeziehen. So viele Möglichkeiten und so wenig Zeit die beste Lösung zu finden. Denn die Gegenseite hatte trotz all seiner Bemühungen, immer Gegenmaßnahmen ergreifen können. Auch jetzt schienen sie noch lange nicht an ihre Grenzen gekommen zu sein. Vorerst galt es sich wohl zu schützen, ehe es mit Offensivmaßnahmen weitergehen konnte.
    X trat kräftig vor sich auf den Boden auf und machte mit dem linken Arm eine Defensivbewegung, als wolle er sich mit einem Schild verteidigen. Vor dem Engel erschien rasch eine hohe, breite Wand aus Granit. Im nächsten Moment hörte man die Magiegeschosse gegen die Massive Mauer aufprallen. Doch bemerkte der Game Master, dass nicht alle auf den Wall selbst gerichtet waren. An der Decke, hinter ihm und die Flanken wurde ebenfalls beschossen. All jene magiegeformten Dornen, die nicht direkt den Schutzwall angegriffen hatten, gruben sich selbstständig an Ort und Stelle ein. Aus den so entstandenen Löchern wuchsen sofort stachelähnliche Gebilde.
    Auf der anderen Seite der Mauer hörte man jetzt immer lauter werdende Bohrgeräusche.
    Einen direkter Angriff hatte konnte X dank der Steinwand nicht starten, eine Attacke mit Wasser würde durch die Risse im Boden wahrscheinlich versiegen und wenn er jetzt nach oben fliegen würde, wäre er geradezu eine Zielscheibe für den gegnerische Magier.
    Es war wohl vielleicht nicht die feine englische Art, doch blieb ihm kaum etwas anderes übrig, auch wenn das Schloss dann niederbrannte - der Skill: Feuersbrunst. Dadurch würde innerhalb kürzester Zeit der Raum in einem Flammenmeer versinken. X holte einmal tief Luft, hob Mittel- und Zeigefinger vor den Mund und spie ein Lauffeuer, welches sogleich die Wand emporstieg.
    Plötzlich bildeten die aus dem Boden gewachsenen Dornen ein violettes Energiefeld, erstickten- und unterbanden die weitere Ausbreitung des Feuers. Der Schlossherr begriff schnell: die vormals abgefeuerten Geschossen Bildeten einen Wall gegen hochrangige Magie, damit der Engel keine unerwarteten Asse aus dem Ärmel holen konnte.
    Nun, gab auch noch der Boden unter X' Füßen nach. Doch ehe er vollends wegbrach, wich die Schwarzschwinge mit beherzten Flügelschlägen zur Seite aus. Aus dem entstandenen Loch schoss Maulwurfsmensch mit seinen Bohrköpfen hervor. „Du brauchst dich doch nicht vor dem großen, attraktiven Snaker verstecken, auch wenn es mich schon ein wenig anturnt.“, lechzte Snaker. Dieser besaß einen Skill, mit dem er ungeachtet der Beschaffenheit des Bodens oder der Tiefe, sich vergraben konnte, um an einer beliebigen Stelle aus der Erde wieder herauszukommen. Somit glich diese Fähigkeit schon fast einem Teleport, wenngleich man das Ein-und Ausgraben berücksichtigen musste. „Aber egal was du zu verstecken versuchst, ich werde garantiert darauf KOMMEN.“, biss er sich schließlich dabei noch auf die Unterlippe.
    Währenddessen rammten Avern und Lio gegen die Granitwand, die vorher von ihrem Gruppenmitglied mit Bohraufsätzen präpariert worden war, um sie instabiler zu machen. Der Krafteinwirkung nicht mehr standhaltend, fiel die massive Mauer aus Stein zur Seite, welche, vom nicht ganz so blinden Maulwurf, von der anderen Seite noch rechtzeitig zertrümmert werden konnte, ehe sie auf ihn fiel.
    Lio griff nun zu seinem Schwert, welches er gleich mit Feuer anzündete. Avern warf mit voller Wucht zeitversetzt eine Axt nach der anderen, während der Drakonier auf X zustürmte. Selbst Snaker macht sich nützlich, indem er den GM weiter unentwegt zu treffen versuchte. Zwischendurch hörte man ihn immer mal irgendwas von „fest nageln“ murmeln. Sein Gesichtsausdruck konnte einem schon Angst einjagen. War das etwa so gewollt?
    Viel eher war es wohl einfach die Art des Brillenträgers. Durch zwei akrobatische Sprünge gelang es X den Äxten auszuweichen. Mit kleinen Schritten zur Seite konnte er ebenso Snakers Angriffen entgehen. Als Lio dann hinter ihm stand und das brennende Schwert niedersenkte, gelang es dem Engel, dieses mithilfe seiner Wasserfaust abzufangen. X musste kurz schlucken, als er begriff, dass diese Spieler ihn in eine brenzlige Situation gedrängt hatten, während er mit aller Kraft gegen das Schwert der Riesenechse ankämpfte.
    Aus dem Augenwinkel erfasste der GM einen länglichen Schatten, der geradewegs an ihm vorbeihuschte. Was konnte das sein? Egal. In diesem Moment galt es den Pseudo-Drachen loszuwerden, genauso wie diesen seltsamen Maulwurf, ehe die Lage noch vollkommen aus dem Ruder lief. Gerade als er das Schwert mit einem lautem Schrei wegschlagen wollte, versagte ihm die Stimme. Doch nicht nur das: Blut lief seinem Oberkörper hinab. Die Sicht trübte sich schnell. Alles war nur noch schemenhaft und verschwommen zu erkennen.
    Doch noch einen Moment der Klarheit wurde dem tyrannischem Herrscher zuteil. Wie ein Geistesblitz durchfuhr es ihn: Der Schatten! Dieser war einer der zerstreuten Teile dieser Puppe, welche er am Anfang zerschlagen hatte. 'Dieser vermaledeite Leopard!' Hatte er doch auf eine günstige Gelegenheit gewartet, als X zu sehr mit kämpfen beschäftigt war und hatte zudem noch seinen toten Winkel genutzt.
    Pat zog seinen rechten Zeigefinger in Richtung seines Körpers. Der Arm, welcher nun wieder am Rand des Schlachtfeldes lag, rührte sich nicht mehr.Die Klinge die am Ende des Gelenks ausgefahren war, klappte nun ein.
    Der Furry löste jegliche Körperspannung, kloppte noch etwas den Staub von seiner Kleidung und ging selbstsicher auf den Engel zu. X sah ungläubig in die Richtung des Anthros, auch wenn er kaum noch etwas erkannte. Sein ganzes Sichtfeld hüllte sich in ein leeres schwarz. Schon in der nächsten Sekunde glitt der Kopf von den Schultern des GMs.
    Mit einem lautem, metallischem Geräusch öffnete sich schließlich die zuvor geschlossene Saaltür, welche nun einer großen Schar an anderen Spielern Zutritt gewährte. Alle Neuankömmlinge traten rasch ein, mussten aber nach ein paar Schritten innezuhalten. Keiner vermochte sich vorstellen zu können, was hier wohl bis eben geschehen war.
    Als Pat schließlich den Leichnam des Engels erreichte, nahm er den Kopf an den Haaren, drehte sich um und verkündete: „Es ist vorbei. Wir haben gewonnen!“. Es dauerte, ehe die breite Masse die gesprochenen Worte vollends begriff, doch dann kam er: der Moment, an dem die Siegesrufe und der Jubel immer lauter wurde. Der Puppenspieler sah in die Gesichter der Spieler, die sich tapfer, Seite an Seite mit ihm gegen das System gestellt hatten. Lio sang und feierte mit den anderen, während Avern sich neben die immer noch bewusstlose Googlehupf gesetzt hatte. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte man man meinen können, dass der weiblichen Minotaur zufrieden lächelte.
    Captain war mittlerweile wieder weggenickt. Nur seinen Kameraden Snaker konnte Pat nirgendwo entdecken. Aber auch der Körper von X war plötzlich spurlos verschwunden. Allerdings begann der Arm des verblichenen GMs sich plötzlich krampfartig zu bewegen, als würde er sich heftig gegen etwas wehren.
    Kleinere Steinbröckchen brachen schließlich noch von der Decke ab und erhellten den Saal mit einem warmen, angenehmen Licht.
    Auch auf Pat legte sich ein sanfter Schein. Doch das Licht wurde immer greller und greller. Geblendet von den Sonnenstrahlen ließ Pat den Kopf fallen. Mit dem rechten Arm verdeckte er seine Augen, um nicht noch Gefahr zu laufen, zu erblinden. Vorsichtig tastete sich der Furry mit der linken Hand nach vorne, um etwas oder jemanden zu berühren.
    Mit zunehmend immer heller werdendem Licht, wurde auch die Umgebung immer dumpfer und dumpfer, bis Pat schließlich gänzlich vom Weiß eingeschlossen war.
    Towb is offline Last edited by Towb; 10.11.2019 at 01:54.

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