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    Post [Story]Der Lord-Report

    Der Lord-Report


    „...siebenfache Brandstiftung, zweiundzwanzigfacher Überfall von Transporten im gesamten Umland der Stadt, Diebstähle in Höhe von mehreren tausend Goldstücken, Planung und Durchführung von insgesamt vierzehn Auftragsmorden an teils angesehenen Bürgern der Stadt, Beleidigung eines Paladins...“
    Die nächsten Worte des Herolds drangen nur dumpf an Egons Ohren, als er sich zwischen zwei massigen Körpern hindurchzwängte und ihm aus beiden Richtungen ebenso robuste Ellenbogen ins Gesicht stießen. Kaum hatte er die beiden empört schimpfenden Schaulustigen hinter sich gelassen, baute sich bereits die nächste dicht an dicht gedrängelte Menschenschar vor ihm auf.
    „...Goldfälscherei im großen Stil, exzessiver Sumpfkrauthandel und -konsum, Besitz und Verbreitung schwarzmagischer Schriften, Raubschur einer Schafherde mittlerer Größe...“
    Hektisch warf Egon einen Blick über die Schulter und erkannte zu seiner Beruhigung, dass es auch Konstantin irgendwie an den beiden großen Kerlen vorbei geschafft hatte.
    „Siehst du, ich hab dir ja gleich gesagt, dass der Herold ewig schwafeln wird“, rief er seinem Zeichner durch das aufgeregte Gebrüll der Masse zu. „Wir sind also quasi noch ganz pünktlich!“
    „Wenn wir pünktlich hier gewesen wären, würden wir jetzt da vorne in der ersten Reihe stehen“, knurrte Konstantin und schob augenrollend eine hysterisch wedelnde Frauenhand beiseite. „Diesmal kannst du es vergessen, Egon. Du weißt, dass ich mindestens fünf Minuten für eine Zeichnung brauche. Zehn, wenn es eine vernünftige sein soll.“
    „...Veranstaltung illegaler Würfelspiele über vier Jahre hinweg, mutwillige Beschädigung eines frisch gezimmerten Marktstandes, provokatives Tragen einer Banditenrüstung...“
    „Keine Sorge, der Kerl hat so einiges auf dem Kerbholz“, brüllte Egon, während er sich einen Weg an einer schrill pfeifenden Horde alkoholisierter Tagelöhner vorbei bahnte. „Bis es da mal richtig zur Sache geht, bist du dreimal fertig mit deiner Zeichnung!“
    „...nächtliche Ruhestörung, Gebrauch unangemessenen Vokabulars in Gegenwart eines Geweihten Innos’...“
    „Wenn du mich fragst, geht es so langsam dem Ende entgegen!“, schrie Konstantin zurück, aus dessen hochrotem Gesicht der Ärger auf seinen Kollegen unschwer herauszulesen war. Egon wusste nur zu gut, dass dieser Ärger gerechtfertigt war – immerhin war er es gewesen, der den halben Morgen verschlafen hatte und erst durch Konstantins energisches Türklopfen allmählich aus seinen kopfschmerzreichen Träumen erwacht war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auf dem Galgenplatz längst halb Khorinis versammelt und dabei sämtliche Stellen besetzt, die einen guten Blick auf das Geschehen boten. Noch aber war nicht alles zu spät: Die Hinrichtung an sich hatte ja noch nicht stattgefunden, und Egon war fest entschlossen, noch rechtzeitig bis ganz nach vorne zu gelangen. Für ein schlechtes Gewissen war später ja immer noch genug Zeit.
    „Pack mich nicht an, du blöde Riesenratte!“ Im letzten Moment zog Egon den Kopf ein, bevor ihn die Faust des schnauzbärtigen Mannes erwischte, den er gerade zur Seite hatte drücken wollen.
    „Tut mir leid, ich – ich muss bloß wirklich ganz dringend nach vorne!“, beteuerte Egon und versuchte vergeblich, auf Zehenspitzen einen raschen Blick auf den Galgen zu werfen. Dem Verurteilten musste man den Strick längst um den Hals gelegt haben. „Komm schon, lass mich vorbei, ich bin von der Zeitung!“
    „Und ich bin von der Schmiede, na und?“, schnaufte der Streitsüchtige und fixierte Egon aus eng zusammengekniffenen schwarzen Äuglein. „Du bleibst mal schön da, wo du bist, Freundchen! Wer drängelt, kriegt eins auf die Fresse, kapiert?“
    „...mangelnde Hygiene, Beeinträchtigung des Stadtbildes, Belästigung unbescholtener Bürger durch bloße Anwesenheit...“
    „Gleich ist er fertig, ich hab’s ja gesagt“, brummte Konstantin und wischte sich den Schweiß von den Schläfen. „Die Zeit reicht nie und nimmer, nicht mal für eine Skizze, nicht mal für eine verdammt schlechte Skizze. Diesmal hast du’s vergeigt, Egon.“
    Panisch blickte sich Egon nach allen Seiten um. An diesem sturen Idioten mit dem Schnurrbart kam er so schnell nicht vorbei, aber vielleicht... Ja genau, das musste gehen! Er vergewisserte sich rasch, dass Konstantin noch immer direkt hinter ihm war, dann ging er in die Hocke, krabbelte zwischen den Stiefeln eines breitbeinig dastehenden jungen Mannes hindurch und zwängte sich anschließend inmitten eines Trupps biertrinkender Milizsoldaten wieder in die Höhe.
    „...Anpöbeln eines Molerats.“ Der Herold machte eine kurze Pause, in der er, so vermutete Egon, nach Luft schnappte, und räusperte sich anschließend in beeindruckender Lautstärke. „Werte Bürger von Khorinis! Dieser Mann vor euren Augen – der berüchtigte, der teuflische, der abscheuliche Knacker-Ede – hat sich all dieser Verbrechen schuldig gemacht und wurde dafür zurecht vor unserem Herrn Innos und im Namen des ehrenwerten Statthalters Decesso zum Tode durch den Strang verurteilt. Werdet nun Zeuge, wie das Urteil zu unserer aller Erleichterung und Genugtuung sowie zur Vergeltung seiner Untaten vollstreckt wird!“
    Die Stimme des Herolds war jetzt schon deutlicher zu vernehmen, und Egon sah die Spitze des Galgens nicht weit von ihm über den Köpfen der Menschenmenge aufragen. „Bald haben wir’s – wir sind gleich da!“
    „Es ist doch jetzt schon zu spät“, konstatierte Konstantin kopfschüttelnd. „Hast du’s nicht selber gehört? Sie fangen in diesem Moment an. Selbst wenn wir jetzt schon ganz vorne wären, wär’s zu spät. Aber wir sind nicht ganz vorne, also können wir’s komplett knicken. Die Sache ist gelaufen, Egon.“
    „Immer mit der Ruhe, das war doch erst der Anfang!“, keuchte Egon, der genervt feststellen musste, dass die Leute immer ungerner zur Seite wichen, je weiter vorne sie standen. „Das Gelaber geht – hey, verdammt, lass mich durch, ich bin Reporter, ich bin – ja, ich bin von der Zeitung, ich habe das Recht, hier vorbei zu dürfen, also lass mich – geht doch! Also, das... ja, das Gelaber geht noch ewig, Konstantin, warte nur ab! So ist das doch immer, vertrau mir!“
    „Wie ihr wisst, werte Bürger von Khorinis“, fuhr derweil der Herold fort – seine Stimme war jetzt schon ganz nah! –, „hat nach dem jüngsten Erlass seiner Majestät, unseres geliebten Königs Rhobar, jeder zum Tode Verurteilte vor der Vollstreckung seines Urteils einen letzten Wunsch frei. Unser heutiger Verurteilter Knacker-Ede hat auf die Nachfrage des zuständigen Richters einen eher ungewöhnlichen Wunsch geäußert. Er wünscht sich nämlich, werte Bürger von Khorinis, dass –“
    „Dass die ganze Scheiße hier so schnell wie möglich vorbei ist!“, keifte plötzlich eine raue Stimme drauf los, die unverkennbar Knacker-Ede gehörte. „Also mach schon hinne, verdammte Hacke! Es ist mein beschissener letzter Wunsch, also häng mich endlich auf und erspar mir das Geschwafel!“
    „Nein, nein, nein...“ Entsetzt drängte Egon weiter voran, doch schon waren die schweren Stiefeltritte des Henkers auf dem hohlen Bodenholz des Galgengerüstes zu hören. „Das darf doch wohl nicht wahr sein! Wieso um alles in der Welt wünscht sich der Idiot ausgerechnet – Lass mich durch, ich bin von der Zeitung!
    Dröhnend kippte sein Schädel nach hinten weg, als ihm ein bulliger Glatzkopf einen deftigen Kinnhaken verpasste.

    „Lass mich... lass mich durch, ich...“
    „Gib dir keine Mühe mehr, Egon. Die Sache ist gelaufen.“
    Stöhnend blinzelte sich Egon die Farbe zurück ins Leben. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte ihn ein schwarzer Troll in die Pranken genommen und ordentlich durchgeknuddelt.
    „Was soll das heißen... die Sache ist gelaufen?“ Allmählich bildeten sich aus den nebligen Schlieren vor seinen Augen die vornehmen, aber auch immer etwas hochnäsigen Gesichtszüge seines Stammzeichners heraus. Es dauerte noch einige Sekunden länger, bis Egon begriff, dass er direkt vor dem Galgenkonstrukt auf dem nackten Steinboden lag, und dass außer ihm und Konstantin niemand mehr hier war.
    „Mehr konnte ich wirklich nicht draus machen.“ Mit müder Miene hielt ihm Konstantin ein eingerahmtes Blatt Papier vor die Nase. Vor Egons brennenden Augen flimmerte das mit Graphitstift gezeichnete Bild eines verwahrlost wirkenden Mannes, der ihn aus weit aufgerissenen Glubschaugen wild anstarrte und die Schlinge um seinen Hals dabei mit beiden Händen umklammerte.
    „Du hast es also doch noch rechtzeitig geschafft?“ Vorsichtig versuchte Egon, sich aufzurichten, ging dann aber angesichts des prompt eintretenden Schwindels rasch wieder in eine Sitzposition über. „Das ist ja großartig!“
    Konstantin lächelte matt. „Natürlich habe ich es nicht rechtzeitig geschafft. Wie denn auch, hm? Ich habe dir ja gleich gesagt, dass die Zeit nicht reichen würde. Bis ich dich beiseite geschafft hatte, war der Platz schon wieder halb leer und der Galgen fast abgeräumt.“
    „Aber, was...“ Verständnislos wies Egon auf das Bild, das Konstantin gerade in seiner flachen Ledertasche verstaute. „Was hast du dann gezeichnet?“
    „Na, was wohl?“, entgegnete der Illustrator schulterzuckend. „Die Hinrichtung. So ähnlich wird sie schon ausgesehen haben, hm?“
    „Warte mal – so ähnlich?“ Jetzt war Egon doch aufgestanden und hielt sich mühsam auf den Beinen. „Du fängst doch nicht schon wieder damit an...? Ich habe dir schon so oft gesagt, dass ich auf diese Weise nicht arbeite! Als Reporter haben wir eine Verantwortung unseren Lesern gegenüber, und ich werde es unter gar keinen Umständen zulassen, dass wir ihnen eine Hinrichtung zeigen, die so niemals stattgefunden hat!“
    „Okay.“ Konstantin kramte ein wenig in seiner Tasche, dann zog er einen ziemlich knitterigen Zettel hervor und drückte ihn Egon in die Hand. „Ich hab mir gedacht, dass du sowas sagen würdest. Also hab ich noch eine Zeichnung nach deinem Geschmack angefertigt. Bitteschön.“
    Mit gerunzelter Stirn beäugte Egon die im Vergleich zur ersten Zeichnung eher hingeschludert wirkende Skizze eines leeren Galgens, von dem gerade der Strick entfernt wurde.
    „Gut“, murmelte er knapp und bemühte sich, eine feste Stimme zu bewahren. „Das nehme ich.“
    Konstantin warf ihm einen letzten ausdruckslosen Blick zu, dann wandte er sich zum Gehen ab. „Mach was du willst. Ich hab jetzt Feierabend.“

    Zwei längliche Splitter lösten sich von der Scheibe, als sich die eiserne Spitze des Pfeils in das weiche Holz bohrte und mitten in der großen schiefen Neun stecken blieb, deren rötliche Farbe im schummrigen Kneipenlicht nur noch mit Mühe zu erkennen war. Trotzdem brauchte die versammelte Stammkundschaft von Douglas’ Hafenschenke keine halbe Sekunde, um den Treffer unter gewaltigem Gejohle und mit hochgereckten Bierkrügen zu bejubeln.
    „Mensch, das is’ ’ne Neun! Ja kraul mir doch einer ’ne Riesenratte, da hasse aber einen aufs Brett gelegt, Donnerwetter!“ Anerkennend klopfte Schmitti dem strahlenden Egon auf die Schulter, während es der strunzbesoffene Karlo mit Mühe und Not schaffte, den neuen Punktestand mit zittrigen Kreidestrichen an die Wand zu schmieren: Vierundsiebzig zu vierundsiebzig. Und jeder hatte nur noch einen Wurf.
    Die ausgelassene Stimmung nach dem Glückstreffer, mit dem sich Egon nach langem Rückstand gerade wieder erfolgreich nach oben gekämpft hatte, wich rasch einer großen Anspannung unter den versammelten Freunden des gepflegten Dartspiels. Aufgeregt wurden letzte Wetten abgeschlossen und Bierkrüge am Tresen aufgefüllt, um den Bedarf für das große Finale zu decken. Nervös kaute Egon ein kleines Stückchen Haut aus seiner Unterlippe heraus, als er sich daran erinnerte, was auf dem Spiel stand: Wer verlor, musste die ganze nächste Woche lang jeden Abend eine Runde schmeißen. Die nächsten Minuten würden also darüber entscheiden, wie es in den kommenden Tagen um seinen Geldbeutel und damit auch um den Haussegen bestellt war.
    Nicht ohne ein gewisses Unbehagen beobachtete Egon seinen großen Dartspiel-Erzrivalen Fred bei dessen abschließenden Vorbereitungen auf den so wichtigen Wurf. Der bärtige alte Mann schien wie immer die Ruhe selbst zu sein und wog den letzten seiner verbleibenden Dartpfeile lässig in der Hand. Als unerschütterlicher Saufgenosse, dem er an der Theke zu jeder Zeit sein Herz ausschütten konnte und der immer ein offenes Ohr für ihn hatte, war er schnell zu einem echten Freund geworden. Als Dartspieler aber, so wusste Egon, war Fred ein Teufelskerl, ausgefuchst wie kein Zweiter. Seit er vor knapp einem Jahr zum ersten Mal in der Kneipe aufgetaucht war, hatte er jedes einzelne der monatlichen Turniere für sich entschieden und galt damit längst als eine Art lebende Legende. Wer ihn bezwang, der würde hier in Douglas’ Kneipe zweifellos noch viele Wochen lang als großer Held gefeiert werden.
    „Versperr den Leuten nicht die Sicht, Junge!“, drang Douglas’ griesgrämige Stimme durch das allgemeine Geplapper, nachdem sich sein kleiner Sohn einen Schritt zu weit in Richtung der pfeilgespickten Dartscheibe vorgewagt hatte. Bald schon hatte ein Sumpfkrautpfeife paffender einbeiniger Zuschauer den neugierigen Jungen beiseite genommen.
    Ein Raunen ging durch die Menge, als Fred den Pfeil in die Höhe nahm und die im Vergleich zum voluminösen Rauschebart sowieso schon kleinen Äuglein zu engen Schlitzen verengte. Gespannt richteten sich jetzt alle Blicke abwechselnd auf den regungslos dastehenden Fred und die ramponierte Holzscheibe, in der sich in wenigen Sekunden der vorletzte Dartpfeil des Abends einfinden würde.
    Egon hielt den Atem an. Würde er das wirklich? Auch Fred konnte mal einen Fehler machen, oder? Es war zwar schon seit Monaten nicht mehr vorgekommen, aber ein- oder zweimal hatte selbst der ungeschlagene Champion unter all den Dartvirtuosen des Hafenviertels die Scheibe tatsächlich verfehlt. Vielleicht hatte Egon ja Glück und heute war mal wieder so ein Tag. Selbst dem größten Profi konnte mal ein Pfeil aus der Hand rutschen, und es war ja nicht auszuschließen...
    „Wo gibt’s denn sowas – ’ne Neun! Noch ’ne Neun! Ja laus mir doch einer ’nen Schattenläufer, was’n Spektakel!“ Vor lauter Begeisterung kippte sich Schmitti den halben Bierkrug über die ohnehin schon fleckige Hose, während um ihn herum das große Gegröle wieder einsetzte, ohrenbetäubender denn je. „Was’n Spektakel!“
    „Tja, sieht so aus, als bräuchteste jetzt eine glatte Zehn, Egon!“, sprach der fette Schorsch aus, was sich Egon soeben selbst im Kopf zusammengerechnet hatte. „Dann mal viel Glück, wa?“
    Ein dicker Kloß hatte sich in Egons Hals gebildet. Mitten ins Auge der Blutfliege, wie man unter Dartspielenthusiasten zu sagen pflegte, hatte er noch nie getroffen, und es galt auch als praktisch unmöglich. Nicht einmal Fred hatte das je hinbekommen. Im Holz der hiesigen Dartscheibe befand sich genau in der Mitte ein dickes, festes Geschwulst, von dem jeder Pfeil hoffnungslos abprallte – die Neun war deshalb faktisch die höchste erreichbare Punktzahl und die Kunst bestand darin, das Zentrum knapp zu verfehlen. Im Grunde, überlegte Egon, hatte er nur zwei Möglichkeiten: Entweder er versuchte, den Pfeil mit einer solchen Wucht in die Scheibe zu pfeffern, dass er selbst in der harten Stelle stecken blieb – das hatte zwar noch niemand hinbekommen, aber es war auch noch nicht allzu häufig versucht worden –, oder aber er bemühte sich, vorerst ein Unentschieden zu erreichen und eine Verlängerung herauszuschlagen. Egon wusste genau, dass diese zweite Möglichkeit die einzig vernünftige war. Es war schon schwierig genug, mit der üblichen Wurftechnik einen guten Treffer zu landen, und vielleicht würde Fred in einem zusätzlichen Durchgang ja endlich mal Nerven zeigen. Ihm blieb jedenfalls nichts anderes übrig, als alles auf diese eine Karte zu setzen, wenn er seine letzte Chance nicht leichtfertig verspielen wollte.
    Das Herz schlug ihm bis in den Hals hinein, als er schweren Schrittes auf den Abwurfpunkt zuging, der mit einem blassen Kreidekreuz am Boden markiert war und um den sich der dartbegeisterte Teil der Kneipenkundschaft im Halbkreis aufgestellt hatte. Egon hoffte, dass seine Kumpels nicht bemerkten, wie sehr er schnaufte und wie rot seine Wangen angelaufen waren – aber Fred zumindest hatte es sicher sowieso längst bemerkt, da konnte kaum ein Zweifel bestehen. Tiefenentspannt wie immer stand er jetzt mit einem Bierkrug in der Menge und zwinkerte Egon süffisant zu, als sich ihre Blicke kreuzten.
    „Ruh... Ruhe, verdammt!“, polterte plötzlich der hackedichte Karlo drauf los, als eine Gruppe plauderfreudiger junger Hafenarbeiter die Schenke betrat. „Seht ihr nich’, dasses hier grad... unfassbar schpannend is’? Dasses hier grad so... so rischtisch um was geht, hä? Könnt ihr nich’ alle mal die drissische Schnauze halten?!“
    „Ja, Karlo hat recht!“, pflichtete ihm Schorsch bei und nippte zustimmend an seinem Bier. „Seid doch bitte mal alle ruhig – auch ihr da drüben, genau! Egon muss sich konzentrieren, Mensch!“
    Die übrigen Kneipengäste zeigten sich von derlei Aufforderungen seitens der Dartgesellschaft allerdings völlig unbeeindruckt. Stattdessen stieg der allgemeine Plauderpegel nur noch weiter an, denn der Strom neuer Gäste schien gar kein Ende zu nehmen. Verwunderlich war das nicht, dachte Egon, schließlich rühmte sich Khorinis nur zu gerne damit, den geschäftigsten Hafen des ganzen myrtanischen Reiches zu besitzen – und Douglas’ Kneipe war nur einen Snappersprung von den Anlegestellen entfernt, an denen die großen Handelsschiffe vor Anker lagen.
    „Was woll’n diese... diese ganschen Leute denn überhaupt hier, hä?“, maulte Karlo unbeirrt weiter und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, um nicht umzukippen. „Merken die nich’, dasse hier unser...unser Dingens, unser Turnier schtören? Sach mal, Douglasch, wieso schtells’ du nich’ einfach so’n Typen vorre Tür, der jedem eins auffe... auffe Fresse haut, der hier rein will, hä?“
    Douglas, der gerade dabei war, nach alter Kneipenwirttradition mit einem schmutzigen Lappen über den nicht minder schmutzigen Tresen zu wischen, würdigte Karlo keines Blickes. „Hör da bloß nicht hin, Junge“, knurrte er stattdessen seinem vorbei hüpfenden Sohn zu. „Das kannste dir schon mal für später merken, wenn du den Laden hier schmeißt: Leute vor die Tür stellen, die alle Besucher erstmal vermöbeln – sowas ist einfach nicht gut fürs Geschäft. Kannste mir glauben, hab ich alles schon ausprobiert.“
    „Ja, Papa!“, rief der kleine Kardif zurück und war schon wieder zur Dartgemeinschaft herübergeeilt, die sich längst in höchster Erwartung auf den alles entscheidenden Wurf befand.
    Egon hatte den Pfeil mittlerweile angehoben und die Zielscheibe fest im Blick. Angestrengt bemühte er sich, einen ruhigen Atem zu bewahren und das lautstarke Geplärre um sich herum möglichst auszublenden. Wieso nur musste seine verdammte Hand eigentlich so sehr schwitzen, dass er fürchtete, der Pfeil könnte ihm jeden Augenblick durch die Finger rutschen? Und wieso tränten ihm ausgerechnet jetzt die Augen von diesem dichten Dunst aus Bier, Tabak und Sumpfkraut, der ihm sonst so wenig ausmachte? So lange hatte er auf diesen Moment hingearbeitet, so viele Abende lang hatte er an seiner Wurftechnik gefeilt – nun war es an der Zeit, dass sich all diese Mühen auszahlten, dass er bewies, was wirklich in ihm steckte. Er hatte es jetzt buchstäblich in der Hand, er konnte Fred entthronen und für alle Zeiten in die Annalen des Hafenkneipendartturniers eingehen. Aber er musste sich dazu konzentrieren, um Innos’ Willen!
    Innerhalb der Dartrunde sagte jetzt niemand mehr ein Wort. Nicht einmal die Humpen wurden noch gehoben, weil es niemand riskieren wollte, den schicksalhaften Wurf durch einen Schluck Bier im falschen Moment zu verpassen. Auch der kleine Kardif rührte sich nicht mehr vom Fleck und schaute gebannt zur Zielscheibe hinüber, während sein Vater eine kurze Wischpause eingelegt hatte, um den entscheidenden Pfeilflug von der Theke aus zu verfolgen.
    Ein Kribbeln stieg von Egons Beinen bis in den Kopf auf. Er fühlte sich wie von einer unbekannten Macht ergriffen, wie von der Hand der Götter gestützt. Der Hauch des Schicksals hatte ihn umweht, und mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass dies kein gewöhnlicher spannender Augenblick im spektakulären Finale eines aufwühlenden Dartturniers war. Es war viel, viel mehr als das: Es war der Moment, um Geschichte zu schreiben. Der Moment, mitten ins Auge der Blutfliege zu treffen.

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    Ein ganzes Nest voller Blutfliegen schien in Egons dröhnendem Kopf zu stecken, als er sich am nächsten Morgen schwankend und stöhnend den Korridor entlang schleppte. Aus müden Augen blickte er durch eines der schmalen Fenster an der rechten Seite, hinter dem die Schreiber und Abpausgehilfen bereits dabei waren, die heutige Zeitungsausgabe in großen Mengen zu vervielfältigen. Um diese Zeit mussten die ersten Exemplare eigentlich schon fertig sein, vermutete Egon – aber weder wusste er über den Ablauf der Zeitungsproduktion bis ins letzte Detail Bescheid, noch war er sich ganz sicher, was die aktuelle Tageszeit anging. Es war gut möglich, dass er schon wieder verschlafen hatte. Besonders dramatische Folgen würde das heute aber wohl nicht nach sich ziehen, denn an diesem Morgen war er ja glücklicherweise nicht mit seinem Zeichner zu einer gemeinsamen Reportage verabredet. In diesem Punkt war er sich sehr sicher, schließlich hatte ihn niemand aus dem Bett geklopft.
    „Morgen, Egon! Alles in Ordnung bei dir?“
    „Hallo, äh...“ Verwirrt drehte sich Egon zur Person um, die ihn gerade im Vorbeigehen gegrüßt hatte, aber jetzt schon zu weit entfernt war, um noch von Egons schmerzenden Augen einwandfrei identifiziert zu werden. Im unangenehm gleißenden Sonnenlicht, das durch die Türöffnung herein schien, konnte Egon nur noch die Silhouette des Mannes ausmachen. War das womöglich der Geldleiher Mahler gewesen? Da ein Großteil des Verlagsvermögens bei ihm gehortet wurde, kam er häufiger mal auf einen Besuch beim Chef vorbei. Dass es allerdings tatsächlich Mahler gewesen war, der ihn erkannt und gegrüßt hatte, erschien ihm in der nächsten Sekunde doch wieder sehr unwahrscheinlich – zwar hatte Egon als leitender Redakteur die Befugnis, im Namen des Betriebs Schuldscheine über kleinere Summen auszustellen, persönlich hatte er mit dem Geldleiher allerdings nur selten zu tun gehabt. Und überhaupt: Ein ganz ohne Hintergedanken freundlich grüßender Geldleiher, gab es so etwas überhaupt?
    Ächzend drehte sich Egon wieder um und rang sich die letzten Schritte bis zur Bürotür ab. Nachdem er eine Weile mit der Lösung der in seinem Zustand gar nicht so einfachen Aufgabe verbracht hatte, das Schloss mit dem Schlüssel zu treffen und diesen dann auch noch in die richtige Richtung zu drehen, schlurfte er erleichtert in sein Büro, schlug die Tür hinter sich zu und ließ sich seufzend auf den schlichten, aber bequemen Holzstuhl sinken, auf dem er für gewöhnlich den Großteil seiner Arbeitszeit verbrachte.
    Sein Schreibtisch quoll wie immer über vor Notizen, halb fertiggestellter Artikel und natürlich den akribisch festgehaltenen Testergebnissen seines großen Bierreports, aber die große Tasse Kaffee hatte Egon dennoch in Windeseile inmitten des Gewühls entdeckt und mit der Hand gepackt. Als er neu hier gewesen war, hatte er es zunächst sehr fragwürdig gefunden, dass die Chefsekretärin einen Generalschlüssel für die Büros sämtlicher Redakteure besaß. Mittlerweile aber hatte er eingesehen, dass so ein Generalschlüssel eine sehr gute Sache war, wenn er dazu eingesetzt wurde, jeden Morgen frisch gekochten Kaffee in den Büros zu verteilen. Und wenn er jemals dringend eine Tasse heißen Kaffees benötigt hatte, dann war das ohne Zweifel an diesem Morgen!
    Umso größer war die Enttäuschung, als er beim ersten Schluck feststellen musste, dass der Kaffee zwar das übliche leckere Aroma der nicht nur bei Zeitungsredakteuren beliebten Schwarzbohnen von den südlichen Inseln verströmte, aber nur noch als lauwarm zu bezeichnen war – und auch das nur mit viel gutem Willen. Er hatte also tatsächlich verschlafen.
    Mit leerem Blick starrte er auf den übervollen Schreibtisch hinab. Nur zu gerne wäre er direkt wieder nach Hause zurückgekehrt und hätte den ganzen Tag und die ganze Nacht lang geschlafen, aber gleich zwei Dinge machten ihm das unmöglich: Erst einmal musste er natürlich seinen täglichen Artikel abliefern. Heute standen leider keine schlagzeilenträchtigen Großereignisse an, sodass er wohl oder übel eine eigene Idee für einen Artikel entwickeln musste. Eine Bürgerbefragung zu den jüngsten Gerüchten über einen anstehenden Krieg mit den Orks hatte er jetzt schon seit einer ganzen Woche im Hinterkopf gehabt, doch nachdem erst gestern eine offizielle Meldung des Königshauses vom Festland herüber gekommen war, der zufolge sämtliche Spekulationen frei erfunden waren, konnte er diesen Plan wohl vorerst zu den Akten legen. Selbst wenn es einen Anlass gegeben hätte, an den Worten des Königs zu zweifeln – und einen solchen gab es nicht –, so war ihm nicht ganz wohl dabei, wenn er die Leute dazu brachte, schwarz auf weiß den Aussagen eines Alleinherrschers zu widersprechen. Er würde sich also etwas anderes einfallen lassen müssen. Vor einiger Zeit schon waren ihm Gerüchte über ein magisch begabtes Kind zu Ohren gekommen, das in einer besonders heruntergekommenen Ecke des Hafenviertels sein Unwesen treiben sollte – vermutlich steckte nicht viel dahinter, doch wenn sich nichts Besseres fand, war die Geschichte womöglich einen Blick wert. Vielleicht aber, so überlegte Egon gähnend, hatte ja auch Konstantin eine Idee für ein hübsches Motiv, zu dem er selbst dann bloß noch ein paar belanglose Worte formulieren musste. Östliches Stadttor bei Sonnenuntergang: So schön ist unser herrliches Khorinis, oder etwas in der Art. Egon hatte zwar nicht das Gefühl, dass er mit derartigen Artikeln den eigenen Ansprüchen an seine Reporterehre gerecht wurde, aber an manchen Tagen kam es eben vor allem darauf an, dass am Abend ein fertiger Text auf dem Tisch lag. Und da er mit dem Bericht über die Hinrichtung ja erst am vergangenen Tag einen Artikel abgeliefert hatte, der es todsicher auf das Titelblatt geschafft hatte, konnte er es heute ruhig mal etwas gemütlicher angehen lassen.
    Ein größeres Ärgernis war da schon der zweite Grund, der ihn vom Durchschlafen abhielt: Er musste heute Abend natürlich in Douglas’ Kneipe sein, um allen ein Bier auszugeben. Das würde nicht nur ein Loch in seine ohnehin schon unzureichend gefüllte Kasse fräsen, das in den folgenden Tagen nur noch weiter anwachsen sollte, er würde sich darüber hinaus auch unzählige blöde Kommentare über das fürchterlich schiefgegangene Dartfinale anhören müssen. Und von besonderem Interesse war dann mit Sicherheit wieder seine Antwort auf die Frage, warum um alles in der Welt er den entscheidenden Pfeil wie ein stumpfsinniger Berserker zwei Meter neben die Zielscheibe an die Wand gepfeffert hatte, anstatt durch einen besonnenen und gut gezielten Wurf auf die Neun die durchaus reale Chance auf ein vorläufiges Unentschieden mit Verlängerung zu nutzen. Egon ahnte, dass man sich tatsächlich noch lange an seinen schicksalhaften Wurf erinnern würde – nur leider nicht so, wie er sich das vorher gerne ausgemalt hatte. Im nächsten Monat, nahm er sich vor, würde die Sache allerdings ganz anders ausgehen. Er war so nah am Sieg gewesen wie nie zuvor, und er wusste genau, dass er Fred mit ein bisschen mehr Übung bezwingen konnte. Der nächste Turniersieg würde an ihn gehen, und wenn er dann eine ganze Woche lang nicht für sein Bier bezahlen brauchte, sah es ja auch finanziell schon wieder etwas besser aus.
    Als der letzte kalte Tropfen Kaffee vertilgt war, kehrte allmählich die gewohnte Tatkraft zurück. Seine Dartkarriere mochte zwar einen vorläufigen Knick erlitten haben, aber so leicht gab er sich nicht geschlagen: Noch am gleichen Abend würde er mit ein paar Übungsrunden weiter an seiner Technik feilen. Und wenn er sich jetzt rasch einen einigermaßen brauchbaren Artikel überlegte, dann konnte er den Rest des Tages mit der weiteren Ausarbeitung seines bahnbrechenden Bierreports verbringen, dessen Veröffentlichung er für den nächsten oder übernächsten Monat geplant hatte. Vielleicht konnte er den Chef ja dazu bringen, ihm eine kleine Sonderbeilage dafür zu genehmigen – davon hatte er schon immer geträumt, und durch die hervorragende und gewissenhafte Arbeit, die er bei aller Bescheidenheit unzweifelhaft jeden Tag aufs Neue leistete, war so ein kleines Extra bestimmt nicht zu viel verlangt.
    Egon hatte sich gerade daran gemacht, in seinen Notizen nach einer Idee für den heutigen Artikel zu wühlen, als unvermittelt die Tür geöffnet wurde. Überrascht blickte er auf und erkannte seinen Reporterkollegen Sebastiano mit einem dicken Papierbündel in den Händen.
    „Guten Morgen, Egon!“
    Ehe Egon sich versah, hatte Sebastiano den Stapel auf seinem Schreibtisch abgelegt und war schon wieder draußen auf dem Gang.
    „Hey, was – was soll das werden?“ Irritiert war Egon aufgesprungen, was er aber gleich im nächsten Moment bitterlich bereute: Die Blutfliegen hatte er damit wieder aus dem Nest gescheucht und die Kopfschmerzen, die gerade erst etwas abgeklungen waren, meldeten sich sogleich mit voller Kraft zurück. „Du bringst ja alles völlig durcheinander! Und überhaupt, was soll ich mit dem Zeug?“
    Sebastiano setzte seinen Weg zunächst unbeirrt fort, kehrte aber kurz darauf mit einer großen offenen Holzkiste zurück, in der sich neben einer gepflegt wirkenden Topfpflanze und einigen Büchern auch ein ganzer Satz Schreibutensilien befand.
    „Du sollst gar nichts damit machen“, erwiderte er nun und strich sich zufrieden lächelnd über sein dünnes schwarzes Oberlippenbärtchen. „Das sind ja schließlich alles meine Sachen.“
    „Ja, aber – warum bei allen Tempeln Beliars schleppst du den Plunder dann in mein Büro?“ Nach all dem Ärger war Egon froh, ein bisschen Dampf ablassen zu können, aber die Verwirrung über das seltsame Verhalten des Kollegen minderte das natürlich nicht.
    „Oh, du weißt es noch gar nicht?“, entgegnete Sebastiano mit gespieltem Erstaunen. „Aber natürlich, ich vergaß: Du hast ja vorhin in der Redaktionskonferenz gefehlt! Eine absolut einmalige Ausnahme, wie du mir bestimmt gleich versichern wirst. Nun, dann konntest du natürlich noch nichts davon mitbekommen, dass ich dein Büro übernehme.“
    „Dass du... wie bitte?“ Egon war so verblüfft, dass er sich nicht einmal so richtig über Sebastianos blöd grinsende Fresse ärgern konnte. „Das muss ein Missverständnis sein, ich habe gar nicht um ein anderes Zimmer gebeten!“
    „Bestimmt nur ein Missverständnis, ja“, pflichtete ihm Sebastiano bei, ohne dabei von seinem ekelhaften Grinsen abzulassen. „Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn ich mich trotzdem schon ein wenig einrichte? Ach, übrigens... einen ziemlich netten Artikel hast du da über die Hinrichtung von Knacker-Ede geschrieben. Warte, wo war er denn noch gleich...?“
    Rasch hatte Sebastiano in die Kiste gegriffen und zwischen zwei Büchern ein frisch verfertigtes Exemplar der Gothschen Zeitung hervorgezogen, in dem er nun mit angestrengt gerunzelter Stirn herumblätterte. „Ah, auf Seite 19, genau! Ich finde ja, er hätte schon mehr als nur eine Viertelseite verdient gehabt, aber in der Kürze liegt die Würze, nicht wahr?“
    Er hatte kaum ausgesprochen, da riss ihm Egon die Zeitung schon aus den Händen. Ungläubig starrte er auf den kläglichen Textrest, zu dem man seinen ursprünglich anderthalbseitigen Artikel über die Hinrichtung zusammengekürzt hatte. Von Konstantins Zeichnung fehlte jede Spur.
    Das muss mir der Chef erklären!“, fauchte Egon und stieß Sebastiano unwirsch mit dem Ellenbogen beiseite, während er strammen Schrittes zur Tür eilte. „So ist der zum letzten Mal mit mir umgesprungen, das verspreche ich dir!“

    Geräuschvoll knarrend fiel die massive Eichenholztür hinter Egon ins Schloss. Es war natürlich bei Weitem nicht das erste Mal, dass er das Büro seines Chefs betrat und es missfiel ihm zutiefst, dass er sich durch derart billige Tricks beeindrucken ließ, doch die gewaltige Größe des Raumes mit dem riesigen, elliptisch geformten Schreibtisch in der Mitte und den vielen eingerahmten Urkunden, Sonderausgaben und sonstigen wichtigen Schriftstücken an den edel tapezierten Wänden übte auch diesmal wieder eine gewisse einschüchternde Wirkung auf ihn aus. Zudem war durch die lange Zeit, in der er auf den Gesprächstermin mit seinem Chef hatte warten müssen, die Müdigkeit allmählich zurückkehrt, sodass er sich nun ganz bewusst daran erinnern musste, dass er noch immer vor Wut schäumte.
    Theophilus van Goth war gerade dabei, mit einer prächtig schimmernden Schreibfeder vom roten Festlandscavenger einige Notizen auf einem glatten Blatt Papier anzufertigen, das einsam und allein auf der ansonsten weitgehend leeren Tischplatte ruhte, und blickte erst auf, als Egon den langen Weg zum Schreibtisch bereits fast vollständig zurückgelegt hatte.
    „Ah, Egon!“, begrüßte er seinen Mitarbeiter mit gewohnt polternder Stimme und lehnte sich lächelnd in seinem Sessel zurück, wodurch sein schicker Wams aus feinstem Satin besonders gut zur Geltung kam. „Das trifft sich ja gut, ich wollte ohnehin gern ein, zwei Wörtchen mit dir reden. Setz dich doch!“
    Egon dachte einen kurzen Moment darüber nach, der Aufforderung nicht nachzukommen, um das Ausmaß seiner Verärgerung dadurch vielleicht noch eindrucksvoller zu verdeutlichen. Schließlich aber gab er seinen schwachen Gliedern nach und nahm auf dem schmalen Besucherstuhl Platz. Umso entschlossener aber war er, sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen und gleich selbst das Wort zu ergreifen.
    „Herr van Goth“, begann er mit möglichst fester Stimme und legte die tagesaktuelle Zeitungsausgabe auf den Tisch, die er Sebastiano abgeluchst hatte, „ich bitte um eine Erklärung dafür, wieso mein Artikel über die Hinrichtung eines stadtbekannten Topkriminellen auf eine der hintersten Seiten verbannt wird – und dazu noch bis zur Entstellung gekürzt! –, während auf der Titelseite... das da landet!“
    Egon deutete mit dem Zeigefinger auf die oberste Seite der Zeitung, wo in fetten schwarzen Lettern die Schlagzeile aufgepinselt war: VERBRECHEN LOHNT SICH WIEDER! Wieso dem König die Wünsche von Mördern und Dieben wichtiger sind als die des ehrlichen Bürgers – mehr dazu auf Seite 2 und 3.
    Van Goth zuckte kurz mit den Schultern. „Wo liegt das Problem? Das ist eine sehr gute Schlagzeile und überhaupt ein ganz hervorragender Artikel, den Sebastiano da geschrieben hat. Spricht den Leuten direkt aus der Seele!“
    „Aber... das ist doch kompletter Unsinn!“, ereiferte sich Egon. „Ich meine...Verbrechen lohnt sich wieder? Diese Leute werden hingerichtet , welchen Unterschied macht es denn da, wenn sie vorher einen kleinen Wunsch erfüllt bekommen? Und überhaupt, es ist ja nicht so, als ob man sich dabei alles wünschen könnte – es gibt bestimmte Grenzen, was ja auch nur einleuchtend ist, was aber im Artikel mit keinem Wort erwähnt wird. Es ist alles so... einseitig!“
    „Eigentlich ist es ja ein Zweiseiter“, sagte van Goth und schmunzelte ein wenig über seinen eigenen überflüssigen Witz, bevor er sich plötzlich vorbeugte und damit begann, ungeduldig mit den Fingern auf der Tischkante herumzuklopfen. „Sieh mal, Egon: Die Leute fühlen sich nun mal zu jeder Zeit und immer ungerecht behandelt vom König, von den Landesherren, vom Statthalter, von allen, die ein bisschen reicher und mächtiger sind als sie selbst... und deshalb lesen sie sowas eben auch gerne in der Zeitung!“
    „Das erklärt immer noch nicht, wieso mein Artikel auf Seite 19 gelandet ist“, entgegnete Egon trotzig – so leicht wollte er sich von seinem Chef nicht unterbuttern lassen. „Diese ganze Wunschgeschichte ist doch schon seit Längerem bekannt, aber meine Hinrichtung war topaktuell!“
    „Na und? Es hat doch sowieso schon die halbe Stadt dabei zugesehen. Wieso glaubst du, dass sie unbedingt noch einmal in der Zeitung davon lesen wollen? Und alles Wesentliche steht ja immer noch drin.“
    „Soll das ein Witz sein?“ Aufgebracht blätterte Egon im Zeitungsexemplar herum, bis er die entsprechende Seite gefunden hatte. „Es stehen ja nicht einmal mehr sämtliche Verbrechen drin, wegen denen Knacker-Ede verurteilt wurde! Wie soll sich man sich als Leser denn da überhaupt ein eigenes Bild machen? Und apropos Bild – dass die wirklich ganz tadellosen Illustrationen meines Zeichners Konstantin nun schon zum wiederholten Male auf eine der hintersten Seiten verwiesen oder wie diesmal gar ganz außer Acht gelassen wurden, das ist wirklich eine reine Schande für das gesamte Blatt!“
    Egon hatte erwartet und insgeheim auch ein wenig gehofft, dass van Goth angesichts dieser Vorwürfe endlich einmal ein wenig ungehalten reagierte. Stattdessen aber faltete er die Hände auf dem Tisch zusammen und nickte.
    „Allerdings, das sehe ich ganz genauso! Konstantin ist einer unserer besten Zeichner, ein Mann für die Titelseiten. Du weißt, ich bin ein Freund der offenen Worte, Egon, deswegen sage ich es dir gerade heraus: An deine Artikel ist Konstantin verschwendet. Aus diesem Grund wird er ab sofort mit Sebastiano zusammenarbeiten, der mit ebenfalls sofortiger Wirkung dein Büro und deine Position als leitender Redakteur übernimmt. Du wirst deine Arbeit natürlich als Unterredakteur mit entsprechender Bezahlung an einem angemessenen Arbeitsplatz fortsetzen können.“
    Es dauerte einige Sekunden, bis die Tragweite dieser Nachricht bei Egon angekommen war. Fassungslos starrte er ins glänzende Gesicht seines Chefs, der einen sehr halbherzigen und wenig überzeugenden Versuch einer entschuldigenden Miene aufgesetzt hatte.
    „Aber das... das könnt Ihr nicht machen!“, entfuhr es ihm schließlich mit heiserer Stimme. Alles schien sich um ihn zu drehen, und das lag mittlerweile nicht mehr ausschließlich am vergangenen Abend. „Ich habe Frau und Kind! Meine kleine Tochter, soll sie etwa in Armut aufwachsen? Seit Monaten kratze ich jedes Goldstück zusammen, um irgendwann aus dem Hafenviertel fortziehen zu können und mir eine ordentliche Bleibe für meine Familie zu kaufen, am Marktplatz vielleicht oder bei den Handwerkern – und jetzt das? Das könnt Ihr einfach nicht machen!“
    Gelangweilt zog van Goth die Augenbrauen hoch. „Nach all dem, was mir so zu Ohren kommt, gehen die meisten deiner Ersparnisse in der Hafenkneipe flöten. Hast du nicht erst gestern einen Termin mit Konstantin verschlafen, weil du die Nacht davor wieder einen drauf gemacht hast, hm?“
    Egon erschrak ein wenig, als ihm bewusst wurde, dass es mit Konstantins Loyalität offenbar längst nicht so weit her war, wie er bisher immer angenommen hatte. Über einen Mangel an schlechten Nachrichten konnte er sich nun wirklich nicht beschweren, doch solange er noch in van Goths Büro saß, durfte er nicht zu sehr darüber nachgrübeln – vorerst galt es, seinem Chef mit aller verbleibenden Kraft Paroli zu bieten, so gut es ging.
    „Ich habe bloß ein wenig den Geburtstag meiner Tochter gefeiert“, verteidigte er sich daher in empörtem Tonfall. „Das wird ja wohl noch erlaubt sein, oder etwa nicht?“
    „Warte mal, wann wurde deine Tochter noch gleich geboren? War das nicht vor... zwei Monaten?“
    „Genau“, bestätigte Egon unbeirrt. „Ich habe ihren zweimonatigen Geburtstag gefeiert.“
    „Na schön“, seufzte van Goth. „Und in der vergangenen Nacht, was hast du da gefeiert? Du hast die Redaktionskonferenz verschlafen, und die Fahne rieche ich bis hier.“
    „Naja...“, mühte sich Egon eine Antwort ab. „So ganz am Anfang eines neuen Lebens, da ist ja irgendwie jeder Tag ein kleines Jubiläum!“
    Mit abschätziger Miene schüttelte der Zeitungsmogul den Kopf. „Ernsthaft, Egon: Wenn dir das Gold fehlt, dann lass das ständige Gesaufe sein. Glaubst du etwa, ich hätte es so weit gebracht, wenn ich jedes sauer verdiente Goldstück gleich wieder für ein Bier verbraten hätte? Glaubst du, ich hätte auf diese Weise einen ganzen verdammten florierenden Zeitungsbetrieb aufgebaut – aus dem Nichts aufgebaut? Glaubst du das wirklich?“
    „Nein, nein, natürlich nicht“, lenkte Egon ein und hob beschwichtigend beide Hände. „Ich gebe zu, dass sich die Feiern in letzter Zeit ein bisschen gehäuft haben, aber das wird in Zukunft ganz anders sein! Bitte, Herr van Goth, dem Betrieb geht es doch gut und die paar Münzen mehr oder weniger werden da gar keinen Unterschied machen... Ich möchte bloß meiner Tochter ein ordentliches Leben ermöglichen – ich kann doch nicht zulassen, dass sie ein erbärmliches Leben im Hafenviertel führen muss, dass sie später irgendwelchen Ramsch auf der Straße verkauft, um sich durchzuschlagen, und dass sie am Ende noch eine dieser widerlichen Hafengestalten heiratet, einen elenden Hehler oder, was weiß ich, einen schmierigen Fischhändler... nur um irgendwie durchs Leben zu kommen...“
    „Was hast du gegen Fischhändler?“, fiel ihm van Goth ins Wort. „Du angelst doch selber. Die Hälfte deiner Kolumnen handelt davon.“
    „Das ist etwas völlig anderes“, brummte Egon. „Ich verkaufe die Fische ja nicht.“
    „Wie dem auch sei, die Antwort ist nein.“ Dem Chefredakteur und Verleger in Personalunion war deutlich anzumerken, dass seine Geduld schon weit über das angebrachte Maß hinaus strapaziert worden war und er kein Interesse an einer Fortsetzung des Gesprächs hatte. „Nenn mich ruhig kaltherzig, aber ich bezahle niemanden dafür, dass er mir rührselige Geschichten über seine Tochter erzählt – naja, außer natürlich, sie geben einen brauchbaren Artikel ab. Wenn du mehr Gold willst, dann hör auf, mich anzubetteln wie ein Goblin ohne Stock und fang an, bessere Artikel zu liefern!“
    Van Goth glaubte vermutlich, damit alles gesagt zu haben und setzte umgehend seinen Was denn jetzt noch?-Blick auf, als Egon noch immer keine Anstalten machte, sich zu erheben.
    „Aber... was ist denn überhaupt so schlecht an meinen Artikeln?“, fragte er und klang dabei verzweifelter, als es ihm lieb war. „Sie sind alle sorgfältig recherchiert, sämtliche relevanten Fakten werden genannt...“
    „Fakten?“ Van Goths massive Faust donnerte auf den Tisch. „Mich interessieren aber keine Fakten! Was ich will ist Action, Action, Action! Wenn du es genau wissen willst: Deine Artikel sind so stinklangweilig wie dein Name! Nehmen wir nur mal deinen lächerlichen Artikel über die Fleischwanzenplage im neu eröffneten Hotel am Marktplatz –“
    „Es war keine richtige Fleischwanzenplage“, murmelte Egon leise, aber bestimmt. „Es waren ja gerade mal zwei Tierchen, und eins von denen war schon tot, als ich ankam.“
    „Siehst du, genau das meine ich!“, bollerte van Goth lautstark drauf los. „Wen interessieren denn schon zwei Fleischwanzen, von denen eine nicht mal richtig zählt, hm? Glaubst du, so ein Artikel lockt irgendwen hinter dem Ofen hervor? Glaubst du, ich würde heute hier sitzen, mit einem verdammten Imperium im Rücken, wenn ich damals in den Anfangstagen, als ich mir jeden einzelnen Brotkrümel beinhart erkämpfen musste, wenn ich mir damals solche lahmarschigen Artikel zusammengestümpert hätte? Glaubst du das wirklich?“
    Zwar war Egon noch immer etwas eingeschüchtert vom schlussendlich doch noch eingetretenen Wutanfall seines Vorgesetzten, doch allmählich kehrte auch der alte Ärger wieder zurück. Er begriff einfach nicht, was ihm hier überhaupt zum Vorwurf gemacht wurde. „Wenn es eben nun mal so war“, entgegnete er patzig. „Mehr Wanzen waren einfach nicht zu holen, was soll ich also Eurer Meinung nach machen? Mir welche ausdenken oder was?“
    „Ja!“, brüllte van Goth. „Ja! Genau! Genau das sollst du tun! Vor allem sollst du dich verdammt nochmal für eine Seite entscheiden! Wenn du einen Artikel über eine Fleischwanzenplage in einem frisch eröffneten Hotel bringst, dann hast du genau zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt diese Fleischwanzenplage, und sie ist fürchterlich, schockierend, von monströsen Ausmaßen und auf ganz groteske Weise wirklich, wirklich ekelerregend – oder aber es gibt nicht die kleinste Spur einer Fleischwanze in diesem tadellosesten aller blitzblank geputzten Hotels, und das wiederum bedeutet, dass es ein geheimes Komplott geben muss, eine Verschwörung gemeiner Neider und Konkurrenten, die das gehässige Gerücht von der Fleischwanzenplage in die Welt gesetzt haben, um das schöne Hotel schon kurz nach der Eröffnung in den Niedergang zu zwingen! Das, Egon, genau das sind deine beiden Möglichkeiten – anderthalb verdammte langweilige Schnarchnasenfleischwanzen sind keine davon!“
    Egon schwieg eine ganze Weile, während der Verleger schnaufend Luft holte. Dann bedachte er van Goth mit dem eisigsten Blick, zu dem er fähig war, und sagte: „Nein. Sowas mach ich nicht.“
    „Schön.“ Offenbar hatte der füllige Mann, dessen feine Kleidung durch die großflächigen Schweißflecken inzwischen deutlich an Prestige eingebüßt hatte, keine Lust auf weitere Schimpftiraden. „Dann sei zufrieden mit deinen Viertelseitern auf Seite weißnichtwo oder such dir ein paar Nachrichten, die so dermaßen aufregend sind, dass du bei der Wahrheit bleiben kannst, ohne deine Leser zu Tode zu langweilen – dann aber mal viel Spaß bei der Suche. Und jetzt raus aus meinem Büro, bevor ich es mir anders überlege und du ab morgen damit anfangen kannst, deine Fische zu verkaufen.“

    „...und dann hat er sich sogar noch über meinen Namen beschwert.“ Missmutig schlürfte Egon die letzten Reste Bier aus dem bedenklich versifft wirkenden Messingkrug und schielte vorsorglich schon einmal zu Douglas herüber. Der Laden war wieder einmal proppenvoll und es konnte durchaus eine Weile dauern, bis einem bierbedürftigen Kunden nachgeschenkt wurde.
    „Über deinen Namen?“, brummte es aus Freds wuscheliger Bartwolke hervor. „Was’n so verkehrt an Egon? Ist doch okay, der Name.“
    „Sag das mal lieber meinem Chef“, erwiderte Egon. „Der findet nämlich, mein Name sei langweilig. Dass er meine Artikel nicht leiden kann ist ja eine Sache, aber was hat denn nun mein Name damit zu tun? Es kann halt nicht jeder Sebastiano heißen, oder Theophilus van Goth! Wenigstens brauche ich keine Viertelstunde, nur um mich vorzustellen!“
    „Ich nehm mal an, ihr habt euch beide ’n bisschen in die Haare gekriegt, kann das sein?“ Fred hatte die Ellenbogen auf der Theke aufgestützt, den Kopf in die Hände gelegt und guckte seinen Gesprächspartner aus sanften, verständnisvollen Augen an. „Vielleicht solltet ihr beide noch mal in Ruhe miteinander reden. Das mit dem Namen, das hat er bestimmt gar nich’ so gemeint.“
    „Klar hat er das so gemeint“, sagte Egon und starrte frustriert ins gähnend leere Innere seines miefigen Humpens. „Und viel schlimmer ist ja sowieso, dass er mich zum Unterredakteur degradiert hat. Da verdiene ich ja grade mal die Hälfte, wenn’s hoch kommt – und das ausgerechnet jetzt, wo meine Frau sowieso schon jeden Tag Unsummen für irgendwelche Latzhöschen aus dem Fenster wirft! Da wären wir ja auch schon beim nächsten Problem, wie soll ich das alles denn bitteschön meiner Frau erklären? Ach Fred... seit gestern Abend ist in meinem Leben irgendwie der Sumpfhai drin...“
    Fred tätschelte ihm freundschaftlich den Arm. „Hör mal, Egon, wenn du Probleme hast wegen dem Bier un’ so, was du jetzt jeden Abend bezahlen musst...“
    „Nein, nein, das – das ist schon in Ordnung!“, versicherte Egon rasch. Dass er den Pflichten eines Dartturnierzweitplatzierten nicht nachkam, wollte er sich nun wirklich nicht nachsagen lassen.
    „Nee, jetzt mal ehrlich.“ Fred versicherte sich kurz, dass die Kneipengäste, die sich gerade in der unmittelbaren Nähe befanden, allesamt mit ihren eigenen Gesprächen beschäftigt waren, und rückte dann noch ein Stückchen näher an Egon heran. „Bevor dir das Ärger macht, geb ich dir das Geld nachher gerne wieder. Wenn dein kleines Töchterchen hungern muss, nur weil ich dich beim Dart plattgemacht hab, dann krieg ich am Ende noch’n schlechtes Gewissen, und das muss ja nich’ sein.“
    „Keine Sorge, die Kleine muss schon nicht hungern...Muttermilch gibt’s ja zum Glück umsonst“, lehnte Egon grinsend ab, ärgerte sich dabei aber ein wenig über sich selbst. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, waren die täglichen Freirunden natürlich ein gewaltiges Problem, das er nur zu gerne aus der Welt geschafft hätte. Aber Fred sah in seinen verlotterten und viel zu weit geratenen Hafenarbeiterklamotten auch nicht gerade danach aus, als hätte er besonders viel zu verschenken. Vor allem aber hatte Fred den Wettbewerb gar nicht verloren, und Egon wollte nicht, dass sich sein bester Kumpel aus reiner Freundlichkeit für ihn in Unkosten stürzte, die er von Rechts wegen gar nicht ableisten musste.
    „Hm.“ Fred schien mit seiner Antwort nicht ganz zufrieden, aber sah wohl ein, dass es keinen Zweck hatte, weiter auf seinem Angebot zu beharren. Vielleicht, so dachte Egon, war er ja insgeheim doch ganz froh darüber, dass er keine Taten folgen lassen musste. „Also, wenn’s doch noch ’n bisschen knapp werden sollte in der Kasse, dann sag einfach Bescheid, hm?“
    „Wird’s schon nicht“, behauptete Egon. „Aber danke für das nette Angebot. Wenigstens auf dich ist noch Verlass, Fred. Weißt du... ich dachte immer, dass Konstantin und ich, dass wir auch so richtig gute Freunde wären, oder – naja, zumindest ganz gute Kumpels, jedenfalls mehr als nur Kollegen. Ich meine, wir sind jeden Tag zusammen durch die Stadt gelaufen auf der Suche nach einem guten Motiv, haben uns im Büro die Köpfe zerbrochen über Formulierungen und Seitenaufteilungen, haben uns gemeinsam Ideen für Artikel ausgedacht... und jetzt, nach all der Zeit, muss ich erfahren, dass er mich hinter meinem Rücken beim Chef als eine Art verantwortungslosen Saufkopf angeschwärzt hat! Ist das etwa Kollegialität, wenn man gleich zum Obermacker rennt, nur weil jemand mal ein paar Minuten verschläft?“
    „Nee“, murmelte Fred. „Find ich auch nich’ okay, sowas.“
    „Gut, dass ich diesen treulosen Verräter los bin!“ Energisch winkte Egon mit dem Bierkrug herum, bis er den Kneipenwirt endlich erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Noch ein Bier, Douglas! Und diesmal aus einem sauberen Krug, wenn’s geht!“
    „Kann ich nicht versprechen“, knurrte Douglas und verzog sich wieder in Richtung Bierfass.
    Fred rieb sich derweil gedankenverloren über das graubärtige Kinn. „Und dein neuer Kollege, der ab jetzt für dich zeichnet? Wie is’ der so?“
    „Tja... keine Ahnung“, entgegnete Egon. „Morgen arbeite ich das erste Mal mit ihm zusammen. Aber ich sag dir eins, Fred: Konstantin werde ich garantiert nicht hinterher weinen, keine einzige Träne weine ich dem Mistkerl nach – so schlimm kann der Neue gar nicht sein!“
    „Das ist ’ne gute Einstellung, immer nach vorne schauen“, fand Fred und nickte Douglas zu, der gerade Egons frisches Bier in einem nicht ganz so frischen Krug auf dem Tresen abstellte. „Pass mal auf, gleich morgen wirst du deinem Chef ’n richtig erstklassigen Artikel auf’n Tisch legen, und dann wird der sich die ganze Sache mit’m Herabstufen gleich wieder anders überlegen.“
    „Wenn das nur so einfach wäre“, seufzte Egon, nachdem er die Schaumkrone vom Bier gesaugt hatte. „Van Goth ist ja mit gar nichts zufrieden, was ich schreibe... alles ist ihm zu langweilig, zu gewöhnlich...“
    „Da hat er ja auch recht“, meldete sich Douglas in seiner unnachahmlich ehrlichen Art zu Wort. „Die ganzen Geschichten aus dem Hafenviertel, von den Handwerkern, vom Marktplatz... die kriegt doch jeder selber mit! Wenn du was wirklich Spannendes abliefern willst, dann bring doch mal ’ne Reportage aus dem oberen Viertel. Da kommen die meisten Leute gar nicht rein, weißte?“
    „Leute wie ich zum Beispiel.“ Egon verdrehte die Augen. „Oder kannst du mir etwa sagen, wie ich an den Torwachen da vorbeikommen soll, hm?“
    „Nee. Ist ja auch nicht mein Problem.“ Douglas wischte mit dem muffigen Lappen eine halb angetrocknete Bierlache vom Tresen und beugte sich dann mit verschwörerischer Miene zu ihnen heran. „Aber wenn du es hinbekommst... dann hast du die Geschichte deines Lebens vor der Nase. In zwei Tagen sind nämlich die Reichen und Mächtigen aus ganz Myrtana und sonstwoher im oberen Viertel. Dann verziehen die sich wieder stundenlang ins Rathaus zu einer streng geheimen Zusammenkunft, und keiner weiß, was die da alles besprechen...“ Er senkte die Stimme zu einem gedämpften Flüstern. „Den Bilderbuch-Zirkel nennen sie das.“
    „Bilderbuch-Zirkel!“, griemelte Fred. „Klingt ’n bisschen harmlos für so ’n dolles Geheimtreffen.“
    „Alles nur Tarnung!“, zischte Douglas und ließ den Blick auf der Suche nach möglichen Mithörern aufmerksam im Raum schweifen. „Ich sag’s euch: Auf diesen Treffen werden die Geschicke unserer Welt bestimmt. Die ganzen stinkreichen Großhändler und machtgierigen Grundbesitzer, die hocken da zusammen und ziehen die Strippen – angeblich soll sogar der König selbst nur eine Marionette von denen sein!“
    Egon wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Die ganze Sache kam ihm ziemlich weit hergeholt vor, aber Douglas schien es offensichtlich ernst zu meinen.
    „Und woher weißt du überhaupt davon, wenn das alles so geheim ist?“
    „Na, weil jeder dieser Großhändler auch ein großes Handelsschiff mitgebracht hat... und jetzt kannste mal lange raten, in welcher Kneipe die ganzen Schiffsjungen und Matrosen abends ihr Bier wegkippen“, wisperte Douglas. „Ist euch doch selber aufgefallen, dass es in den letzten Tagen verdammt voll geworden ist. So viele Schiffe wie jetzt lagen schon seit Monaten nicht mehr im Hafen, und mit jedem Tag werden es mehr... Ich sag’s euch: Der Bilderbuch-Zirkel findet zusammen, hier in Khorinis!“
    „Hm...“ Egons Kopf begann sich vor lauter Verschwörungen und Bier zu drehen. „Würde schon einen ziemlich guten Artikel abgeben, sowas.“
    „Einen ziemlich guten Artikel?“ Douglas schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Der Artikel deines Lebens wär das! Ist nur ein gut gemeinter Ratschlag von mir, Egon – musste selber wissen, was du damit anfängst.“
    Douglas stürzte sich mit einem Humpen Bier in jeder Hand wieder ins Kneipengetümmel, und Egon warf seinem Thekengefährten einen ratlosen Blick zu.
    „Schlag dir das mal lieber aus’m Kopf“, lautete Freds prompte Antwort auf die wortlose Frage. „Wenn du versucht, ins obere Viertel zu den ganzen reichen Schnöseln zu kommen... das gibt nur Ärger, sowas lässt du besser gleich sein. Ist es einfach nich’ wert. Hast du denn nich’ noch irgendwas anderes in der Schublade, wofür du dich nich’ gleich mit’n Behörden anlegen musst, hm?“
    „Tja, wahrscheinlich schon...“ Egon sah ein, dass Fred recht hatte. Noch mehr Ärger konnte er zurzeit wirklich nicht gebrauchen, und ein unbefugtes Eindringen in das hermetisch abgeriegelte Territorium der khoriner Oberschicht würde ihn am Ende womöglich noch vollends seine Anstellung bei der Gothschen Zeitung kosten. „Ich glaub, ich hab da wirklich noch was anderes... eine Sache hier aus dem Hafenviertel, der ich schon länger mal nachgehen wollte. Vielleicht hab ich ja Glück und muss gar nicht ins obere Viertel für eine richtig gute Geschichte.“
    „Klingt nach’m Plan“, fand Fred. „Dann mal’n Prost drauf!“
    Klirrend stießen die beiden Humpen aneinander. „Prost, Fred!“

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Der unangenehme Gestank erkalteter Asche lag in der Luft und brachte es fertig, den im abgelegeneren Teil des Hafenviertels allgegenwärtigen Mief gammeligen Fisches an Übelkeit erregender Intensität sogar noch zu übertreffen. Vor der schief gezimmerten Hütte mit dem mehr schlecht als recht geflickten Dach standen die kümmerlichen Reste eines größtenteils verkohlten Bretterzauns, der wohl früher einmal die verdorrte Rasenfläche vor der Hausfront vom Nachbargrundstück abgegrenzt hatte. Wenn man dort auf der kleinen Gartenruine tatsächlich einmal Feldknöterich oder Rüben angebaut hatte, wie es im Hafenviertel nicht unüblich war, dann deutete jetzt allerdings nichts mehr darauf hin. Der ganze Ort wirkte dermaßen öde und lebensfeindlich, dass Egon im ersten Moment die Befürchtung kam, die falsche Adresse erwischt zu haben. In der gleichen Sekunde aber erinnerte er sich daran, weshalb er eigentlich hier war und befand, dass der Zustand des Wohnhauses im Grunde ein gar nicht so schlechtes Omen war. Offenbar war an der Geschichte mehr dran, als er zunächst vermutet hatte.
    „Dieses Wunderkind ist wohl ein kleiner Feuermagier, was?“ Egons klein gewachsener und ziemlich segelohriger Begleiter hatte ein zerknittertes Blatt Papier hervorgezogen und deutete mit der freien Hand auf den großen schwarzen Rußfleck, der die Seitenwand der benachbarten Bretterhütte schmückte. „Die Nachbarn werden ja bestimmt begeistert sein. Also, wie sieht’s aus, soll ich das zeichnen?“
    Mit skeptischer Miene beobachtete Egon, wie sein neuer Zeichner auf beachtlich umständliche Weise sämtliche Hosentaschen nach seinem Graphitstift durchsuchte. „Später vielleicht. Erst einmal müssen wir herausfinden, ob sich aus der ganzen Sache überhaupt ein vernünftiger Artikel stricken lässt.“
    „Ach komm schon“, grinste Marten und musterte zufrieden die stumpf wirkende Spitze des soeben erfolgreich geborgenen Stiftes. „Du hast doch selbst erzählt, dass du nur noch Achtelseiter schreiben darfst, oder wie war das? Dafür wird’s doch wohl reichen, was?“
    Egon warf dem Zeichner einen giftigen Blick zu. „So habe ich das nie gesagt! Wenn der Artikel gut ist, dann wird ihm van Goth auch den gebührenden Platz einräumen, da bin ich mir sicher.“
    „Schön, worauf warten wir dann noch?“ Marten hatte schon fast die Tür erreicht, als ihn Egon rüde an der Schulter packte.
    „Hey, nicht so schnell! Ich übernehme das, klar? Du wirst nur daneben stehen und zeichnen.“
    „Okay, okay, schon klar“, versicherte Marten und machte hastig einen Schritt zur Seite. „Ich werde einfach nur zeichnen. Was genau soll ich denn eigentlich zeichnen?“
    Gequält aufseufzend rieb sich Egon die schmerzenden Schläfen. In seinem Schädel schien eine ganze Minecrawlerkolonie mit den Fühlern zu klackern – und als ob das allein nicht schon zermürbend genug gewesen wäre, wurden seine armen Nerven nun auch noch von den dümmlichen Fragen seines mehr als anstrengenden neuen Partners strapaziert.
    „Na, diesen zaubernden Jungen natürlich! Vielleicht kannst du ihn ja zeichnen, wenn er grade einen Feuerball über der Hand schweben lässt, oder was auch immer er so Magisches anstellt...“
    „Okay, alles klar“, behauptete der kleine Mann mit den kurzen blonden Struppelhaaren und wackelte aufgeregt mit dem Graphitstift zwischen den Fingern herum. „Ich werd’s mir merken: magischen Zauberjungen zeichnen, mit Feuerball über der Hand. Wird gemacht!“
    „Gut. Und denk dran, überlass das Reden mir!“
    Egon wartete noch einen Moment, dann hob er die Hand und klopfte zweimal an die Tür. Das alte Brettergestell wirkte dermaßen instabil, dass er fürchtete, es allein durch sein Klopfen aus den Angeln zu reißen, doch zu seiner Erleichterung zeigte sich das morsche Holz der Herausforderung gewachsen. Eine kaputte Tür mehr oder weniger mochte an dieser Stelle zwar kaum noch einen echten Unterschied machen, aber Egons Erfahrungen nach verloren die meisten Leute schnell das Interesse, wenn man eine Befragung damit begann, ihr Eigentum zu zerlegen.
    „Scheint niemand da zu sein, was?“, meldete sich Marten nach einer knappen Sekunde der Ereignislosigkeit zu Wort. „Wie wär’s, wenn ich einfach diesen Rußfleck da abzeichne? Ich glaube, das kriege ich hin.“
    „Still jetzt!“, zischte Egon. „Ich habe was gehört.“
    Tatsächlich öffnete sich die Tür im nächsten Moment einen Spalt breit und ein kleines rötlichbraunes Augenpaar stierte sie an.
    „Was wollt ihr?“, plärrte ihnen eine schlecht gelaunte Kinderstimme aus dem Inneren der Hütte entgegen. „Wenn euch mein Onkel schickt, dann könnt ihr ihm sagen –“
    „Nein, nein!“, fiel ihm Egon rasch ins Wort. „Mein Name ist Egon, Reporter der Gothschen Zeitung, und das hier ist mein, äh, Kollege Marten. Wir möchten uns bloß kurz mit dir unterhalten.“
    Das Augenpaar zwinkerte im Dunkeln. Offenbar herrschte im Inneren des Hauses völlige Finsternis.
    „Worüber wollt ihr euch mit mir... unterhalten?“
    „Uns ist zu Ohren gekommen, dass du über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügst“, erklärte Egon, der vermutete, dass es Magier jeden Alters gerne hatten, wenn man ihnen ein bisschen Honig ums Maul schmierte. „Es wäre schön, wenn du uns ein paar Fragen beantworten könntest und uns vielleicht eine Kostprobe deiner Künste gibst – nur wenn du möchtest, versteht sich! Es wird nicht lange dauern, und wenn es dir irgendwann zu viel werden sollte, dann kannst du uns das jederzeit sagen und wir sind direkt wieder weg. Versprochen!“
    „Gut. Tschüss dann.“
    „Hey, nein – jetzt doch noch nicht!“ Hastig schob Egon einen Fuß in den Türspalt. „Ein paar kurze Fragen werden ja wohl erlaubt sein. Wo sind denn eigentlich deine Eltern, hm? Vielleicht ist es dir lieber, wenn sie mit dabei sind?“
    Eine Weile lang schwieg die Stimme hinter der Tür, während Egon von zwei kleinen Augen nachdenklich gemustert wurde. Dann öffnete sich die Tür plötzlich vollständig und gab den Blick frei auf einen vielleicht elf- oder zwölfjährigen Jungen in halb zerrissener und stellenweise stark versengter Leinenkleidung, der sich erst kürzlich wenig sorgfältig von einer großen Menge Ruß im Gesicht und an den Armen gesäubert zu haben schien.
    „Na gut“, murmelte er und drehte ihnen den Rücken zu, während er ins Innere des Raumes zurück schlurfte. „Ihr kommt wohl wirklich nicht von meinem Onkel.“
    Nach kurzem Zögern folgte Egon dem seltsamen Jungen und hielt dabei vergeblich nach einer Sitzgelegenheit Ausschau: Das Hütteninnere verfügte über keinerlei Mobiliar, stattdessen waren hier und da einige große Aschehäuflein auf dem großflächig angekokelten Holzboden zu erkennen. Auch die Wände waren dermaßen verkohlt, dass sich Egon unwillkürlich die Frage stellte, wie es wohl eigentlich um die Stabilität der Hütte bestellt war. Dass sie überhaupt noch stand, war erstaunlich genug.
    Als Egon mangels eines Sitzplatzes etwas unschlüssig einen halben Meter vor dem Jungen mitten im Raum stehen geblieben war, vernahm er neben sich plötzlich ein verhaltenes Räuspern. „Ähm, ich... ich weiß, ich soll nichts sagen, Egon, und ich werd mich auch dran halten, ehrlich! Aber...“
    Innerlich stöhnte Egon auf. „Aber was?“
    „Ich kann so unmöglich zeichnen“, erklärte Marten und wackelte dabei hektisch mit den kurzen Armen. „Es ist einfach viel zu dunkel hier! Ich kann ja nicht mal richtig mein Papier erkennen, vom Motiv ganz zu schweigen. Und der Feuerball ist auch nicht da – es sollte doch ein Feuerball mit drauf, weißt du noch?“
    „Vergiss den Feuerball, aber, äh...“ Egon wandte sich an den teilnahmslos ins Leere starrenden jungen Mann und bemühte sich, seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. „Ein bisschen dunkel ist es hier wirklich, da hat mein Kollege schon nicht ganz unrecht. Könntest du vielleicht, ich weiß nicht... eine Kerze anzünden?“
    Der Junge antwortete nicht. Stattdessen blitzte zwischen den Fingern seiner rechten Hand urplötzlich ein gleißend weißer Lichtpunkt auf, vergrößerte sich rasch zu einer Kugel von der Größe eines Feldräubereis und schwebte dann allmählich zur Zimmerdecke hinauf. Von dort aus tauchte es den ganzen Raum in ein unnatürlich grelles und damit ziemlich unangenehmes Licht, dem es an Helligkeit aber mit Sicherheit nicht mangelte.
    „Ah, danke!“, freute sich Marten begeistert und begann im nächsten Augenblick bereits damit, emsig auf seinem Zettel herumzukritzeln.
    „Ja, ähm, danke“, stammelte Egon irritiert und kniff seine schmerzenden Augen zusammen, die angesichts seiner heftigen Kopfschmerzen schon mit dem gewöhnlichen Tageslicht draußen vor der Tür überfordert gewesen waren. Nachdem sich der anfängliche Lichtschock gelegt hatte, zog er blinzelnd seine Notizpergamentrolle hervor und zückte seinen eigenen sorgsam angespitzten Graphitstift. „Also, Junge... ich nehme an, dass du deine Eltern nicht mit dabei haben möchtest?“
    Der kleine Magier stierte ihn so lange an, bis Egon entnervt wegsah.
    „Nein.“
    „Gut, dann... hätten wir das ja geklärt.“ Egon hatte plötzlich das starke Bedürfnis, die Befragung so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Gleichzeitig ahnte er aber auch, dass ein gar nicht übler Artikel aus der Sache herausspringen würde. „Bevor wir uns näher mit deinen wirklich ganz außergewöhnlichen magischen Kräften befassen, sag uns doch bitte erst einmal wie du heißt.“
    Wieder verfiel das Wunderkind in Schweigen, sodass sich Egon schon zu fragen begann, ob dem Jungen die eigentlich ganz harmlose Frage womöglich nicht gefiel. Als er schließlich doch zu sprechen begann, klang seine Stimme aber umso bestimmter.
    „Meine Eltern haben mich Hendrik genannt. Mein wahrer Name aber ist Pyrokar.“

    „Meine Güte, was war das denn?“ Martens Stimme überschlug sich fast vor Aufregung, als er auf dem Rückweg zum Verlagsgebäude auf Egon einredete. „Ich meine – der Junge war ja völlig durchgeknallt! Wirft mit Feuerbällen um sich als wär’s nix! Und dann nennt der sich auch noch Pyrokar, wie so ein richtiger Magier, über die man immer so liest – einfach unglaublich, was? Was sagst du, Egon – eine irre Geschichte, oder? War das nicht der reinste Wahnsinn?“
    Egon zupfte sich noch immer letzte Aschekrümel aus dem Haar und formulierte als Antwort ein mäßig enthusiastisches Brummen. Im Grunde war er auch alles andere als unzufrieden mit dem Ergebnis der Befragung, doch nach dem gestrigen Gespräch mit seinem Chef hatte die Begeisterung für seine Arbeit einen starken Dämpfer erlitten. Wahrscheinlich hätte der kleine Pyrokar das halbe Hafenviertel abfackeln können, dachte Egon, und es wäre van Goth noch immer nicht spektakulär genug gewesen.
    „Der Junge wird bestimmt mal ein echter Tyrann, was meinst du, Egon? So wie der jetzt schon drauf ist, wird er in ein paar Jahren garantiert die ganze Insel unterjochen und den Leuten Skelette und Dämonenlords und sowas auf den Hals jagen – und wir sind dann diejenigen, die ihn als erste groß rausgebracht haben!“
    „Hm, ich weiß nicht“, murmelte Egon. „So grausam kam er mir eigentlich gar nicht vor. Weißt du noch, wie er vorhin erzählt hat, dass er schon immer gerne ins Kloster der Feuermagier wollte, aber dass ihn seine Eltern nicht dorthin lassen wollten?“
    „Da kann man den Eltern keinen Strick draus drehen“, warf Marten ein, während die beiden Kollegen ins dicht bevölkerte Gewühl der Handwerkergasse einbogen. „Wer kann sich im Hafenviertel denn schon ein ganzes Schaf leisten? Von tausend Goldstücken mal ganz zu schweigen, was?“
    „Tja, ich glaube nicht, dass unser kleiner Pyrokar dafür so viel Verständnis aufgebracht hat.“ Egon trat beiseite, als eine kleine Handkarrenkarawane über die Pflastersteine rollte, begleitet von einer Gruppe hübsch gekleideter Marktfrauen. „Wenn du mich fragst, ist der Junge einfach verwirrt, orientierungslos. Was soll er denn auch Sinnvolles anstellen mit seinen Feuerbällen, in seiner ranzigen Hütte im Hafenviertel? Vielleicht... hm, vielleicht sollten wir einen Spendenaufruf starten. Du weißt schon, an das Mitgefühl der Leute appellieren und ein bisschen Gold sammeln lassen, damit ein aufstrebender junger Magier im Kloster seine Bestimmung finden und den Dienst Innos’ verrichten kann. Kommt bestimmt gar nicht schlecht an, sowas.“
    „Also, du bist der Reporter von uns beiden, keine Frage, aber... äh... sicher, dass das unserem Chef gefällt?“
    Schnaubend trat Egon eine leere Wacholderflasche beiseite. „Natürlich nicht! Wenn’s nach dem geht, müsste ich einen irren Erzschurken aus dem Kleinen machen – eine Gefahr für ganz Khorinis, eine Ausgeburt Beliars, das reine Böse in Menschengestalt... Aber das ist er nicht. Und solange ich noch einen letzten Rest Reporterehre im Leib habe, werde ich das auch nicht behaupten!“
    „Schon gut, Egon, ich wollt’s ja nur mal gesagt haben!“, bemühte sich Marten klarzustellen, um anschließend eifrig nickend zu versichern: „Wir machen natürlich alles so, wie du das sagst. Du bist ja schließlich der Profi!“
    „Hmm“, machte Egon. „Ich wünschte nur, ich würde einmal einen Artikel zustande bringen, der es nicht einmal in van Goths Augen nötig hat, verfälscht zu werden. Irgendetwas uneingeschränkt Spannendes. Etwas wirklich... Sensationelles.
    „Entschuldigung, die Herren?“
    Ganz vertieft in seine Überlegungen hatte Egon kaum noch auf seine Umgebung geachtet und auch den schlanken Mann mittleren Alters nicht bemerkt, der sich ihnen von der Seite genähert hatte und nun zum Gruße seinen Hut zog.
    „Lord Ottfried von der Wyrm mein Name“, stellte sich der höfliche Unbekannte vor und setzte den Hut wieder auf seinen Platz. Es handelte sich um ein auffällig exotisches Exemplar: Auf dem Kopf des Mannes saß eine Art schiefer Zylinder in mattem Violett, um den sich wie eine ausgemergelte Schlange ein goldlackiertes kariertes Bändchen kringelte. Dazu waren hier und da kleine glitzernde Filznoppen angebracht worden. Egon wusste nicht recht, ob ihm der Hut tatsächlich gefiel, aber es war nicht leicht, den Blick davon abzuwenden.
    „Guten Tag, Herr... Wyrm“, formulierte der überrumpelte Egon eine etwas ungelenke Begrüßung. „Was, ähm, können wir denn für Euch tun?“
    Lord von der Wyrm fasste sich an die ausladende Hutkrempe und deutete eine knappe Verbeugung an. „Ich hoffe, die Herren werden entschuldigen, dass ich im Vorübergehen versehentlich ihr Gespräch belauscht habe. Zuweilen lässt sich Derartiges nicht gänzlich vermeiden, und in diesem besonderen Fall mag sich dieser Umstand beizeiten gar noch als vorteilhaft erweisen! Aber lasst mich Euch nicht mit ausschweifenden Entschuldigungen langweilen: Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Herren von der Zeitung sind?“
    „Von der Gothschen Zeitung, genau“, bestätigte Marten stolz. „Die größte und einzige Zeitung von Khorinis!“
    „Ganz vortrefflich!“, freute sich der Lord. „Und ich durfte ebenfalls erlauschen, dass sich die Herren auf der Suche nach einer Veröffentlichung von besonderem allgemeinem Interesse befinden?“
    „Kann man so sagen“, antwortete Egon dem Hut.
    Lächelnd tippte sich Ottfried auf die perlengespickte Spitze seines exquisiten Kopfschmucks, auf der ganz oben eine kleine flauschige Plüschkugel saß. „Unter diesen Umständen habe ich den Herren ein wirklich ganz superbes Angebot zu unterbreiten!“
    „Nur zu“, forderte Egon den freundlichen Adligen stirnrunzelnd auf. „Worum geht es denn genau?“
    „Aber, aber!“, lachte Lord von der Wyrm. Egon kam nicht umhin, zu bemerken, dass der Hut dabei bedenklich schwankte und sich zumindest dem Anschein nach nur noch mit Mühe auf dem erlauchten Haupte seiner Lordschaft hielt. „Wer wird denn solcherlei Angelegenheiten mitten auf der Straße besprechen wollen! Darf ich die Herren zu einem Glas Rotwein in einem sehr empfehlenswerten kleinen Etablissement am hiesigen Marktplatz einladen?“
    Egon zögerte. Es war noch mitten am Tag und somit im Grunde ein wenig früh für den Genuss alkoholischer Getränke. Seine Frau jedenfalls, da war er sich ziemlich sicher, würde alles andere als begeistert sein, wenn sie erfahren sollte, dass er jetzt schon zur Mittagszeit mit den Besäufnissen anfing. Andererseits, erinnerte er sich selbst, ging es ja nicht ums Vergnügen, sondern in allererster Linie um seine Arbeit, mit der er das Geld ins Haus brachte – und beim Gedanken daran, wie er Fred später mit schwärmerischen Erzählungen vom erlesenen Bouquet ausgesuchter Weine neidisch machen würde, zog er ein Nein ohnehin nicht mehr ernsthaft in Betracht.
    Entschlossen schob Egon seine Bedenken beiseite. Wann bot sich jemals eine solche Gelegenheit? Und überhaupt: Wie betrunken konnten ein oder zwei Gläser Wein denn schon machen?

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    „Argh, verdammt...“ Egons Gesichtszüge zogen sich zu einer schmerzverzerrten Fratze zusammen, als sein Kopf mit der viel zu tief liegenden oberen Ecke des Türrahmens kollidierte. „Dieses vermaledeite Zwergenbüro wäre ja jedem kleinwüchsigen Goblinbaby zu eng!“
    Auf seinen Hirnwindungen schien ohnehin schon eine ganze Wollbisonherde herumzutrampeln, und die Kollision mit der hinterhältig platzierten Holzkante hatte es natürlich auch nicht gerade besser gemacht. Vergeblich bemühte er sich, die überall aufblitzenden weißen Pünktchen wegzublinzeln und torkelte stöhnend zu seinem Stuhl herüber, der zu seiner Überraschung aber bereits besetzt war.
    „Morgen, Egon!“, begrüßte ihn Marten und winkte ihm freudestrahlend mit einer Kaffeetasse zu. „Ich war ja ganz schön zerdeppert, als ich vorhin aus dem Bett kam, aber nach dem Kaffee hier geht’s mir gleich wieder besser!“
    „Das ist mein Kaffee, verdammt!“, knurrte Egon und setzte sich notgedrungen auf die Schreibtischkante. „Wie zum Henker bist du überhaupt hier reingekommen?“
    „Na, durch die Tür“, erläuterte Marten, nicht ohne die Aussagekraft seiner Worte durch eine hilfreiche Geste mit der Hand zu unterstützen.
    „Und wieso war die nicht...?“ Resigniert vergrub Egon das Gesicht in den Händen, als er der Tür erstmals einen genauen Blick schenkte. Sein neues Büro hatte nicht einmal ein Türschloss. „Schon gut, vergiss es.“
    Nachdem er endlich einen Sitzplatz gefunden hatte, konnten Egons wunde Augenlider der übermächtigen Müdigkeit nicht mehr standhalten und klappten willenlos zu. Er spürte schon, wie er allmählich wegdämmerte und dachte gar nicht daran, irgendetwas dagegen zu unternehmen, als ihm urplötzlich bewusst wurde, dass ihm der gesamte gestrige Tag fehlte. Erst im zweiten Moment kehrten ein paar schwache Erinnerungen an die Befragung des magisch begabten Jungen und die Begegnung mit dem freundlichen Hutträger zurück.
    „Marten, was...“ Mühsam zwang er seine protestierenden Lider wieder nach oben. „...was genau haben wir gestern eigentlich später noch gemacht? Du weißt schon, nachdem uns dieser... dieser Lord mit in die Edeltaverne genommen hat?“
    „Wieso fragst du mich das?“, wunderte sich Marten und schlürfte hingebungsvoll den Bodensatz aus der Tasse. „Du warst doch viel länger dort als ich. Er hat uns ein paar Gläser Wein ausgegeben, und dann hast du mich weggeschickt, weil du das Geschäftliche lieber allein mit ihm regeln wolltest. Sag bloß, du kannst dich nicht mehr erinnern!“
    „Das... Geschäftliche?“, presste Egon entsetzt hervor, dem allmählich der ganze Umfang seines Bilderreigenrisses bewusst wurde. Alles sprach dafür, dass er den Rest des bewusst erlebten Tages in der Marktplatztaverne verbracht hatte, und das wiederum bedeutete, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach weder seinen täglichen Artikel fertig gestellt noch die Freirunde geschmissen hatte, die er den Dartfreunden in Douglas’ Kneipe schuldig war. „Was ist gestern überhaupt passiert? Bitte sag mir, dass wir den Artikel über diesen Magierjungen noch abgegeben haben!“
    „Hm, nein, Egon, nicht dass ich wüsste...“ Marten hob entschuldigend die Arme, dann stellte er in einem plötzlichen Anfall eifriger Betriebsamkeit die Tasse ab und kramte nach einigem angestrengten Suchen einen zerknitterten Zettel aus einer seiner Hosentaschen hervor.
    „Aber meine Zeichnung, die habe ich fertig gekriegt! Na, was sagst du? Für den Anfang gar nicht mal so übel, was?“
    Fassungslos starrte Egon auf das Stück Papier, das ihm von Marten unter die Nase gehalten wurde. Er brauchte einige Sekunden, um seine Empfindungen zu ordnen, und dann wusste er immer noch nicht, wo er anfangen sollte.
    „Du bist ja ganz sprachlos“, freute sich Marten und ergänzte die Zeichnung spontan durch ein paar beherzte Striche mit dem Graphitstift.
    „Ähh...“ Egon rieb sich energisch die Stirn, aber gegen die Verzweiflung half das wenig. „Für wen hast du eigentlich bisher so gezeichnet?“
    „Bisher war ich bloß in der Abpausabteilung“, erzählte der gut aufgelegte Illustrator. „Aber das war nicht so mein Fall, immer nur durchdrücken und abzeichnen... ich bin mehr so der kreative Typ, weißt du? Ich brauche meine künstlerischen Freiheiten! Und, wie findest du es?“
    „Tja, was soll ich sagen...“ Egon suchte eine Weile nach den richtigen Worten, dann gab er auf. „Du hast den Feuerball vergessen.“
    „Klar hab ich das. Du hast ja auch ausdrücklich gesagt, ich soll den Feuerball vergessen. Ich weiß es noch genau: Vergiss den Feuerball! hast du gesagt, und da hab ich mich natürlich dran gehalten!“
    „Ach, schon... schon okay.“ Egon entschied, dass die zweifelhaften Kompetenzen seines Zeichners gegenwärtig eines seiner weniger drängenden Probleme waren. Er musste so schnell wie möglich den Artikel fertig bekommen, und am besten gleich noch einen zweiten als Ausgleich für seinen unverzeihlichen Ausfall am gestrigen Tag – selbst dann war es allerdings noch alles andere als ausgemacht, dass ihm van Goth die ganze Geschichte einfach so durchgehen lassen würde. Und außerdem war da natürlich noch die Sache mit Lord von der Wyrm...
    Ein wenig fürchtete sich Egon vor der Antwort, die ihn erwarten würde, doch fragen musste er trotzdem.
    „Sag mal... was genau waren das für geschäftliche Angelegenheiten, die ich gestern mit diesem Adligen besprochen habe?“

    „Zwanzigtausend Goldstücke!“ Mit hochrotem Kopf versprühte Theophilus van Goth eine dichte Speichelwolke über dem Schreibtisch, während er das bedauernswerte Möbelstück gleichzeitig bei jeder Silbe mit einem donnernden Schlag seiner bebenden Faust malträtierte. „Zwanzigtausend Goldstücke!
    Unruhig wackelte Egon auf dem wenig bequemen Gästestuhl herum. Wenn eine Unterredung beim Chef mit einem Wutanfall begann, dann war das selten ein gutes Zeichen.
    „Du, Egon, wirst mir jetzt einiges zu erklären haben!“, setzte van Goth seine inbrünstig vorgetragene Schimpftirade eindrucksvoll fauchend fort. „Gerade eben war Geldleiher Mahler hier und erzählt mir, dass gestern Abend ein komischer Typ mit seltsamem Hut einen Schuldschein bei ihm eingelöst hat. Einen Schuldschein, ausgestellt gestern Nachmittag, unterschrieben von dir und in Höhe von unfassbaren –“
    „...zwanzigtausend Goldstücken, schon verstanden“, half ihm Egon auf die Sprünge und legte dabei eine Patzigkeit an den Tag, die er im nächsten Moment schon wieder bereute.
    „Achja?“, keifte van Goth wie von Sinnen. „Dann erklär’s mir nochmal, denn ich habe es nicht verstanden! Was bei allen Höllen Beliars hast du dir bloß dabei gedacht?“
    Egon wusste, dass er nicht in der Position war, große Reden zu schwingen, aber es gefiel ihm nicht, wie sein Chef mit ihm umging. Da seine Erinnerungen an den gestrigen Nachmittag mittlerweile zumindest zum größten Teil wieder zu ihm zurückgefunden hatten, war er sich sicher, nichts Falsches getan zu haben.
    „Ich weiß wirklich nicht, wo das Problem liegt“, erwiderte er in möglichst sachlichem Tonfall und bemühte sich mit mäßigem Erfolg, seinem wutschnaubenden Vorgesetzten dabei ruhig in die Augen zu schauen. „Es war ja nicht das erste Mal, dass ich Verträge im Namen des Verlags abgeschlossen habe. Ich gebe zwar zu, dass die Summe diesmal etwas höher ausgefallen ist, aber...“
    „Darf ich dich daran erinnern, dass du verdammt nochmal degradiert wurdest!“, brüllte ihm der Verleger in einer solchen Lautstärke ins Gesicht, dass es in Egons Ohren zu fiepen begann. „Du hast überhaupt keine Verträge mehr abzuschließen – du hast keinen einzigen Schuldschein mehr auszustellen, und wenn es dabei nur um einen halben Käse gegangen wäre, Herrinnosnochmal! Und was für ein Vertrag soll das denn überhaupt gewesen sein, hä? Was rechtfertigt eine Ausgabe von zwanzigtausend verdammten Goldstücken?
    Egon war froh, dass van Goth endlich zum wesentlichen Kern der Sache vorgedrungen war. Wenn er erst einmal die andere Seite der Medaille kannte, so hoffte Egon, dann würde sich sein Ärger sicherlich schnell legen.
    „Nun, der sehr ehrenwerte Lord Ottfried von der Wyrm ist mit einem Angebot auf mich zugekommen, das auch Ihr, Herr van Goth, bestimmt nicht abgelehnt hättet. Für die zwanzigtausend Goldstücke wird er eine ganze Reihe von mir formulierter Fragen an niemand Geringeren als den König von Myrtana höchstpersönlich weiterleiten, um mir bei seiner Rückkehr nach Khorinis im nächsten Monat Rhobars Antworten zu übermitteln. Eine hochexklusive Befragung Seiner Majestät König Rhobar in der Gothschen Zeitung – das ist es, worum es geht, und das rechtfertigt zweifellos jede noch so hohe Ausgabe. Auf der ganzen Insel wird es niemanden geben, der das nicht lesen will!“
    Ein selbstsicheres Lächeln schlich sich auf Egons Lippen. Jetzt hatte er van Goth wieder auf seiner Seite, da konnte kein Zweifel bestehen.
    „Wie wäre es, wenn du erst einmal etwas liest, Egon?“ Mit einem raschen Handgriff öffnete der Chefredakteur eine Schublade an seinem Schreibtisch und zog eine Ausgabe der Gothschen Zeitung heraus, die er sogleich mit Schmackes auf den Tisch pfefferte. „Die Artikel deines Kollegen Sebastiano zum Beispiel!“
    Egons Lächeln verkrampfte zunehmend, als er einen Blick auf das Titelblatt warf. Es handelte sich um eine Ausgabe von letzter Woche, die auf der ersten Seite das großformatige Portrait eines Mannes zeigte, dessen Haupt ein geradezu absurd breiter und durch vielerlei Schleifen und Knöpfe verzierter Schlapphut schmückte. Darüber prangte die Zeile: WER SCHÜTZT KHORINIS VOR DEM IRREN SUPERBETRÜGER? Pleiten-Paule ist wieder in der Stadt, und die Miliz schaut weg! – Mehr dazu auf Seite 2.
    „Pleiten-Paule?“ Irritiert zog Egon die Augenbrauen hoch. „Wer bitteschön soll das sein?“
    Schnaubend riss van Goth den obersten Knopf seines Gewandes aus dem Loch. „Dein toller Lord natürlich! ,Ottfried von der Wyrm’ – was soll das überhaupt für ein Name sein, hä? Wenn schon, dann müsste es ja wohl ,von dem Wyrm’ heißen! Aber das ist dir natürlich nicht aufgefallen! Weißt du, was du getan hast, Egon? Du hast zwanzigtausend Goldstücke einem landesbekannten Trickbetrüger in die Klauen gedrückt!“
    Wieder prallte van Goths Faust auf dem Tisch auf, und diesmal glaubte Egon, dabei ein bedenkliches Knacken vernommen zu haben. „Meine zwanzigtausend Goldstücke! Glaubst du etwa, ich hätte es bis hierhin geschafft, wenn ich mein Vermögen damals in den ersten Tagen jedem dahergelaufenen Kleinkriminellen zugeworfen hätte, der mich nett danach fragt? Wenn ich jedem kackdreisten Bauernfänger auf den Leim gegangen wäre, der mir einen von Rhobar erzählt? Glaubst du das etwa? Glaubst du das wirklich?“
    „Aber...“ Widerstrebend deutete Egon auf Pleiten-Paules Antlitz auf dem Titelblatt. „Aber das da ist doch gar nicht Lord von der Wyrm! Er hatte einen ganz anderen Hut auf.“
    „Der Mann ist ein Trickbetrüger!“, rief van Goth. „Hüte wechseln ist eine seiner leichtesten Übungen!“
    „Ich... ich verstehe nicht, wie Ihr Euch so sicher sein könnt...“
    „Wenn du den Artikel gelesen hättest, dann wüsstest du es. Die ganze Nummer passt zu Pleiten-Paule wie das Horn zum Schattenläufer! Dieser Mistkerl stellt sich seinen Opfern immer als der nette Adlige von nebenan vor und zockt sie dann gnadenlos ab, um sich anschließend klammheimlich auf eine andere Insel abzusetzen. Deswegen nennt man ihn ja auch Pleiten-Paule – weil jeder, der ihm die Hand schüttelt, kurz danach Pleite geht!“
    „Naja, aber in diesem Fall... ich meine... zwanzigtausend Goldstücke sind eine Menge Geld, keine Frage, aber... Ihr werdet wohl kaum deswegen Pleite gehen...“
    „Nein, werde ich nicht!“, dröhnte es aus van Goths Kehle hervor. „Weil du mir mein Geld zurückbringen wirst!“
    „Natürlich werde ich das“, versicherte Egon rasch. Es schien sich allmählich abzuzeichnen, dass er tatsächlich einen ärgerlichen Fehler gemacht hatte, und er war froh um jede Möglichkeit, ihn wieder gutzumachen. „Wo hält sich dieser Paule denn zurzeit auf?“
    „Woher soll ich das wissen?“, entgegnete van Goth. „Ich würde aber meine linke Brustwarze drauf verwetten, dass es sich dieser Blutsauger irgendwo im oberen Viertel gemütlich gemacht hat, wo er sich bequem unter den anderen feinen Hutträgern verstecken kann. Zumindest bis er die Gelegenheit bekommt, mit einem Schiff von hier zu verschwinden – aber weiß der Geier, welches das sein wird. Das alles spielt aber sowieso keine Rolle, weil du ihn nie im Leben erwischen wirst. Der Kerl ist ein Profi, und wenn der erst einmal zwanzigtausend Goldstücke in den Fingern hat, dann wird er die so schnell nicht mehr hergeben.“
    Verwirrt zog Egon die Schultern hoch. „Und wie soll ich dir dann dein Geld zurückbringen?“
    „Das ist mir doch egal!“, wetterte der Verleger und stierte den gegenwärtig meistgehassten Unterredakteur der Gothschen Zeitung unverhohlen feindselig aus zornessprühenden Augen an. „Die Sache ist ganz einfach: Entweder auf diesem Tisch hier liegen bis morgen früh zwanzigtausend funkelnde Goldstücke, oder du hast dein biederes Geschmiere zum letzten Mal in meiner Zeitung veröffentlicht!“

    „Zwanzigtausend Goldstücke... zwanzigtausend Goldstücke...“ Nachdem er seinen neuen und unzumutbar kleinen Schreibtisch zum mittlerweile zwölften Mal umrundet hatte, blieb Egon abrupt stehen, riss verzweifelt die Arme in die Höhe und wechselte die Laufrichtung. „Wo zum Henker bekomme ich bis morgen früh zwanzigtausend Goldstücke her? Das ist doch völlig aussichtslos! Und van Goth weiß das am allerbesten – er hat mich doch bloß deshalb nicht direkt rausgeworfen, weil er mich so noch einen Tag länger schikanieren kann!“
    Marten war gerade dabei, eine detailgetreue Abzeichnung eines länglichen und ziemlichen feuchten Schimmelflecks anzufertigen, der direkt gegenüber der Tür an der maroden Bürowand klebte, und schenkte seinem designierten Ex-Kollegen ein aufmunterndes Lächeln.
    „So unmöglich ist das gar nicht, über Nacht an zwanzigtausend Münzen zu kommen“, behauptete er, während er sich bemühte, der Übelkeit erregenden Schleimigkeit des Schimmelflecks durch eine besonders ausgefeilte Schraffurtechnik gerecht zu werden. „Du erinnerst dich doch bestimmt noch an den Tag, als letztes Jahr im Sommer einmal Freibier auf dem Galgenplatz ausgeschenkt wurde. Weißt du, was mein Vetter Frank gemacht hat? Der hat sich ein Bier geschnappt, ist damit rüber auf den Marktplatz gestiefelt und hat es einem der Händler verkauft! Für fünf Goldstücke! Da hat er noch wochenlang von erzählt – naja, und jedenfalls meinte er, dass man auf die Weise ein ordentliches Vermögen machen könnte, wenn man das nur oft genug machen würde.“
    „So viel Zeit habe ich nicht“, erwiderte Egon ärgerlich und nahm nach einem plötzlichen Schwindelanfall vorsichtshalber wieder auf dem Stuhl Platz. „Außerdem gibt es zurzeit doch überhaupt keinen Freibierstand in der Stadt!“
    „Na, warum wohl, hm? Ich könnte mir vorstellen, beim letzten Mal hat das ganze Freibier die Stadtwirtschaft in eine ganz schöne Krise gestürzt, was?“
    Nervös wackelte Egon auf zwei Stuhlbeinen hin und her. Er brauchte dringend eine zündende Idee, ansonsten war er ab morgen arbeitslos – dann konnte sich seine Frau schon mal nach einem neuen Vater für seine kleine Tochter umschauen. In ein paar Wochen schon würde in Khorinis wieder das traditionelle Winterfest zelebriert werden, und das einzige Geschenk, das er seinen Lieben dann machen konnte, war eine vollumfängliche Bankrotterklärung: als Reporter, als Familienvater und als Mensch ganz im Allgemeinen. Zu allem Überfluss würde auch der große Bierreport der Öffentlichkeit auf ewig vorenthalten bleiben. Egon wusste, dass er es nicht so weit kommen lassen durfte, aber er wusste auch, dass es schon kriminelle Energien von den Dimensionen eines Pleiten-Paulschen Coups brauchte, um über Nacht an eine derart hohe Summe zu gelangen. Ein Krimineller aber, da war sich Egon ganz sicher, war er nicht und wollte er auch nicht sein. Ein einziger Pleiten-Paule war schon mehr als ausreichend für diese Welt.
    „Es gibt nur diese eine Möglichkeit“, sagte er schließlich mehr zu sich selbst als seinem wenig hilfreichen Illustrationsbeauftragten. „Ich muss mir das Geld von Paule zurückholen.“
    „Alles klar!“, rief Marten und packte freudig das Zeichenmaterial weg. „Dann mal los, was?“
    „Wenn das mal so leicht wäre“, seufzte Egon. „Paule lungert doch irgendwo im oberen Viertel rum. Da kommen wir nie rein, der Bezirk ist besser bewacht als die myrtanischen Kronjuwelen.“
    „Wenn das so ist, wieso klauen wir dann nicht einfach...?“
    „Nichts da!“, grummelte der frustrierte Redakteur und funkelte Marten verstimmt an. „Wir werden überhaupt niemanden beklauen außer den Dieb selbst. Wenn wir doch bloß in dieses verdammte Luxusviertel kämen, dann könnten wir das Geld wiederbeschaffen und gleichzeitig die Reportage unseres Lebens abliefern!“
    „Was meinst du denn damit?“
    „Na, den Bilderbuch-Zirkel, der heute Abend im Rathaus zusammenkommt“, erläuterte Egon. „Es wundert mich nicht, dass du noch nichts davon gehört hast – die ganze Sache ist ja auch streng geheim! Die reichsten und mächtigsten Personen aus der ganzen Welt treffen sich heute in Khorinis, um ihre, naja, streng geheimen Botschaften auszutauschen und so das Schicksal aller Menschen zu lenken. Ich persönlich glaube ja, dass sogar Rhobar nur eine Marionette von denen ist. Wer das alles an die Öffentlichkeit bringt, der landet damit nicht bloß auf der Titelseite – der wird zur Ikone aller Reporter!“
    Marten starrte ihn kurz verwirrt an, dann fragte er: „Und Bilderbücher gibt es dort auch?“
    „Natürlich nicht!“, stöhnte Egon auf. Konstantin mochte zwar ein intriganter Verräter und ein moralisch hoffnungslos fehlgeleitetes Individuum sein, aber man hatte ihm wenigstens nicht alles zweimal erklären müssen. „Alles nur Ablenkung! So eine Veranstaltung nennt doch niemand Weltverschwörungszirkel, der noch alle Lurker im Teich sitzen hat! Aber das alles ist sowieso ohne jede Bedeutung, solange wir keinen Weg finden, an den Torwachen vor dem oberen Viertel vorbeizukommen...“
    „Ach, weißt du, mein Vetter Frank hat immer gesagt: Es ist alles eine Frage des Willens!“, verkündete Marten feierlich. „Wenn man etwas wirklich schaffen will, dann schafft man das auch.“
    „Und was heißt das jetzt konkret?“, grummelte Egon, ohne sich Hoffnungen auf eine gewinnbringende Antwort zu machen. Marten aber hatte dem Anschein nach tatsächlich einen Gedankenblitz gehabt, oder zumindest etwas, das er dafür hielt.
    „Naja, wir gehen einfach zu den Torwachen und sagen, dass wir zwei Adlige sind, die ins obere Viertel wollen – Barone oder Lords oder sowas“, legte der Zeichner mit sichtlichem Erfinderstolz seinen ausgeklügelten Plan dar. „Wenn wir überzeugend genug sind, dann wird das schon klappen. So einem Baron widerspricht doch niemand, und solange die Wachen glauben, dass wir echte Adlige sind, werden sie es bestimmt nicht wagen, uns in den Weg zu treten.“
    „Die werden höchstens glauben, dass wir uns auf dem Weg zur Kanalisation verlaufen haben“, murmelte Egon kopfschüttelnd. „Wer soll uns denn schon für Edelmänner halten?“
    „Mein Vetter Frank...“
    „Hör mir mit deinem blöden Vetter Frank auf!“ Völlig entnervt war Egon aufgesprungen und hatte dabei beinahe den klapprigen Stuhl umgeworfen. „Der hat doch mit meinem ganzen Problem überhaupt nichts zu tun!“
    „Jetzt hör doch erst mal zu!“, forderte Marten. „ Mein Vetter Frank arbeitet nämlich im Theater am Tempelplatz. Der kann uns bestimmt ein paar erstklassige Verkleidungen besorgen! Die meisten Stücke drehen sich doch sowieso immer um so feines Volk. Ich wette, diese Theaterleute wissen gar nicht wohin mit ihren ganzen Adligenkostümen – wahrscheinlich sind die froh, wenn sie mal eins oder zwei davon loswerden, was meinst du?“
    Egon unterdrückte den Drang, seiner inneren Anspannung durch einen weiteren kleinen Wutanfall ein Ventil zu verschaffen und dachte nach. Der Plan klang idiotisch und würde wohl im besten Fall dazu führen, dass den diensthabenden Stadtwachen ein bisschen Ablenkung von ihrem bemitleidenswert uninteressanten Tagwerk verschafft wurde – aber welche Alternative hatte er schon? Er musste sich eingestehen, dass die Idee, obwohl sie aus Martens Mund kam, tatsächlich besser war als jede, die ihm selbst innerhalb der letzten Viertelstunde eingefallen war. Vermutlich schlug sie sogar seinen bisherigen Favoriten, nämlich den durchaus riskanten Plan, heute Abend in Douglas’ Kneipe ein vorgezogenes Darttunier mit absurd hohen Einsätzen anzuregen und anschließend ordentlich abzuräumen. Und war nicht alles besser als bloßes Nichtstun?
    „Wie schnell kannst du diese Kostüme beschaffen?“
    Überrascht riss sich Marten von einer intensiven Betrachtung der grünlichen Ablagerungen unter seinen Fingernägeln los. „Du meinst, wir... wir machen es wirklich? Du findest meine Idee also so richtig gut?“
    „Zumindest ist sie einen Versuch wert“, versuchte sich Egon um ein Kompliment herumzureden. „Also, wann kannst du mit den Kostümen zurück sein?“
    „Es wird ganz schnell gehen!“ Wie ein aufgescheuchter Scavenger eilte Marten zur Tür und kam dabei aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. „Das Theater ist ja nur ein paar Straßen weiter, und mein Vetter Frank ist um diese Zeit bestimmt dort – ich werde schnell etwas raussuchen und bin dann gleich wieder zurück! Vertrau mir, in einer halben Stunde wirst du dich selbst für einen Grafen halten!“
    Seufzend warf Egon dem Schimmelfleck einen leeren Blick zu. War es wirklich eine weise Entscheidung gewesen, seine ganze Zukunft in die Hände eines Mannes zu legen, der mit Pauken und Trompeten an der Aufgabe gescheitert war, einen direkt vor seiner Nase stehenden Menschen mit der korrekten Augenzahl abzuzeichnen?
    Wenn Marten mit seiner Einschätzung Recht gehabt hatte und tatsächlich so schnell zurück war, erkannte Egon mit einem leichten Anflug von Panik, dann blieb ihm jedenfalls nur noch eine halbe Stunde Zeit, um sich auf seine Rolle vorzubereiten – und diese Zeit, daran konnte kein Zweifel bestehen, musste er nutzen.

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    Douglas’ Kneipe mochte in den Abendstunden der beliebteste Treffpunkt des Hafenviertels sein; solange die Sonne noch hoch am Himmel stand, war sie jedoch ebenso leergefegt wie jedes andere Bierlokal der Insel. Der einzige Gast lehnte, nervös an seinem lauwarmen Gerstensaft nippend, an der Theke und schaute dem kleinen Kardif dabei zu, wie er ganz begeistert das Auf- und Zudrehen der gusseisernen Zapfhähne an den großen Bierfässern übte, die sein Vater hinter dem Tresen lagerte. Douglas hingegen schien die Begeisterung seines Sprösslings nicht zu teilen, was sicherlich auch daran lag, dass der engagierte Nachwuchswirt das Aufdrehen deutlich besser beherrschte als das Zudrehen.
    „Ich mach’s.“
    Douglas hatte Kardif gerade mit dem klatschnassen Wischlappen aus dem Thekenbereich fortgescheucht. Wenig interessiert drehte er sich nun zu seinem Stammkunden um.
    „Du weißt schon, die Reportage über den Bilderbuch-Zirkel“, setzte Egon hinzu. „Ich werde mich ins obere Viertel schleichen und alles an die Öffentlichkeit bringen. Die Menschen haben es verdient, die Wahrheit zu erfahren!“
    „Einen Scheiß haben die verdient“, knurrte Douglas. „Find ich aber gut, dass du das durchziehst. Hätte ich dir nicht zugetraut, ehrlich gesagt.“
    „Was soll das denn heißen?“, empörte sich Egon. „Was wäre ich denn für ein Reporter, wenn ich so einer Sache nicht nachgehen würde!“
    „Jaja. Wie willst du es denn anstellen?“
    Nötig war es zwar wirklich nicht, doch rein aus Gewohnheit und weil es der Anlass einfach erforderte, sah sich Egon trotzdem noch einmal verstohlen im menschenleeren Raum um, bevor er dem Wirt mit gesenkter Stimme offenbarte: „Ich werde mich als Adliger verkleiden – das ist ein todsicherer Plan, so werden mich die Wachen nie im Leben aufhalten!“
    „Hm.“ Douglas wirkte noch nicht so recht angetan von seinem Vorhaben, fand Egon. Womöglich lag das aber auch bloß daran, dass der Blick des Kneipenbesitzers gerade auf die hilflos zappelnde Fleischwanze gefallen war, die ein vermutlich nicht allzu weit entfernter minderjähriger Unhold in einen der Zapfhähne gestopft hatte. „Und wie willste dich dann nennen, so als Adliger?“
    Egon überlegte. Darüber hatte er sich noch gar keine richtigen Gedanken gemacht. „Tja, äh... wie wär’s mit... Lord... Lord Egon?“
    „Nee, du“, brummte der Wirt, während er die bedauernswerte Wanze aus dem Metallrohr pulte. „Das kannste mal gleich knicken. Die Deppen von der Miliz haben zwar alle einen an der Klatsche, aber so behämmert sind die nun auch wieder nicht. Denk dir mal lieber was Vernünftiges aus.“
    „Meinst du wirklich? Ein ganz neuer Name? Das grenzt ja an Betrug...“
    Douglas machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach was. Alle wirklich guten Namen sind doch bloß ausgedacht. Dieser junge Schwarzmagier, der gerade in Varant ordentlich aufräumt...“
    „Du meinst Zuben?“, half ihm Egon auf die Sprünge. Erst drei Wochen zuvor hatte er eine mehrseitige Reportage über den selbsternannten Propheten geschrieben, die es sogar auf die Titelseite geschafft hatte – wenngleich die entsprechende Schlagzeile eher die Größe einer Fußnote gehabt hatte.
    „Genau den. Tja, weißte, wie dieser Zuben eigentlich heißt?“ Triumphierend entsorgte Douglas die Wanzenreste in einer uneinsehbaren Ecke hinter der Theke. „Willi!“
    „Willi? Ach komm.“
    „Glaub’s oder glaub’s nicht – aber so isses! Keine Mutter der Welt nennt ihr Kind Zuben, oder... was weiß ich, Theophilus van Goth. Wer so einen Namen haben will, der muss schon selber dafür sorgen.“
    Egon traute seinen Ohren kaum. „Willst du damit etwa sagen, mein Chef...?“
    „Du dachtest doch nicht ernsthaft, der heißt wirklich so!“, schnaufte der Kneipenwirt. „Den Namen hat er sich natürlich nur gegeben, weil sich sowas Großspuriges im Titel der Zeitung besser macht. Von Geburt her heißt er Mirko.“
    „Mirko?“ Egon riss entgeistert die Augen auf.
    „Genau“, bestätigte Douglas. „Mirko.“
    „Und... weiter?“
    „Nichts weiter. Einfach nur Mirko.“
    Irritiert kratzte Egon mit den Fingernägeln an der Schmutzkruste des Bierkrugs herum. War es wirklich so leicht, sich eine völlig neue Identität zuzulegen? Er musste an den kleinen Pyrokar denken, der schon im Kindesalter auf diese Idee gekommen war. Zwar war er selbst kein angehender Erzmagier, doch der Namenstausch an sich war ja bei genauerer Betrachtung alles andere als Zauberei.
    „Pass auf, wenn du so einen Schiss davor hast, dir einen neuen Namen zuzulegen, dann behalt ihn halt einfach und bau noch was drum herum“, schlug Douglas vor. „Du weißt schon, ein Buchstabe hier... einer dort... und fertig. Diese Adelsnamen sind doch immer so verschnörkelt, da steckt eh nix hinter als ein bisschen wichtigtuerisches Geschwurbel.“
    „Hm, wie wäre es mit...“ Der Reporter nahm einen tiefen Schluck aus dem Humpen. Vielleicht half ihm das beim Nachdenken. „...Lord Begon! Ja, das ist es! Oder, warte, vielleicht doch lieber Tegon? Regon klingt auch nicht schlecht...“
    „Regon ist ganz brauchbar“, fand Douglas. „Aber das allein reicht nicht. Die Lunte riecht ja’n verschnupftes Molerat aus drei Meilen Entfernung.“
    „Dann häng ich eben noch was dran“, entgegnete Egon schulterzuckend. „Lord... Regonicus! Na, was sagst du dazu?“
    „Lass mal lieber.“
    „Dann eben... Lord Regonelot! Klingt gar nicht übel, oder?“
    „Vergiss es.“
    „Na gut. Und wie wäre es mit Lord... Lord Regono... Regona... Regonivald?“
    „Nee.“
    „Du bist aber auch mit gar nichts zufrieden!“ Säuerlich riss Egon die Arme nach oben, ohne dabei zu bedenken, dass er noch immer den Bierkrug in der rechten Hand hielt. Laut platschend ergoss sich ein großer Teil der klebrigen Flüssigkeit über den zumindest für die hiesigen Verhältnisse blitzblank geputzten Tresen.
    „Na herzlichen Dank auch“, grummelte Douglas und fischte seinen einzigen Putzlappen vom Boden auf. „Da wisch ich den ganzen Driss grade erst weg und du machst alles wieder nass!“
    Egon hatte bereits zu einer wortreichen Entschuldigung angesetzt, doch bei den Worten des Wirtes horchte er auf.
    „Warte mal... Was hast du gerade gesagt?“
    „Ich sagte –“
    „Nass! Das ist es!“ Begeistert richtete sich Egon zu ganzer Größe auf, nahm eine senkrechte Haltung an und deklamierte voller Stolz: „Gestatten, Lord Regonas!“
    Angewidert tunkte Douglas den ohnehin schon tropfenden Lappen in die Bierlache, deren Ausläufer bereits an beiden Seiten des Tresens in dünnen Strömen herunterflossen. Nur kurz wandte er den Blick von der stinkenden Überschwemmung ab.
    „Meinetwegen. Besser als Egon ist das allemal.“
    Zufrieden schlürfte der frischgebackene Lord die wenigen verbliebenen Bierreste aus dem Humpen.
    „Danke für deine Hilfe, Douglas. Ohne dich wäre ich nie auf die Idee mit dem neuen Namen gekommen – und auf die Sache mit der Bilderbuch-Verschwörung schon mal gar nicht! Nicht jeder hätte solche Informationen einfach so preisgegeben, und dann auch noch ganz umsonst.“
    „Keine Ursache“, winkte Douglas ab. „So weit kommt’s noch, dass ich meine Stammkunden für ein bisschen Gelaber abzocke. In manchen Kneipen musst du ja schon blechen, wenn du bloß kurz nach der Uhrzeit fragst – aber das ist mir echt ’ne Nummer zu dreist. Haste gehört, Kardif? Nicht dass du mir später mal so ein räudiger Abzocker wirst, wenn du den Laden hier übernimmst!“
    Kardif, der die vergangenen Minuten damit verbracht hatte, sich mit einem herumliegenden Dartpfeil Ohrlöcher zu stechen, rannte gerade aufgeregt zur Tür hinüber und ließ dabei ein beiläufiges „Ja, Papa!“ vernehmen.
    Erst im zweiten Moment erkannte Egon, was den Jungen zum Kneipeneingang gelockt hatte. In der Tür stand ein kleiner segelohriger Blondschopf mit einem großen Leinensack in jeder Hand.
    „Hier steckst du also, Egon!“, rief er und klang dabei mehr erfreut denn vorwurfsvoll. „Du hättest ja ruhig sagen können, dass du hier auf mich wartest – aber naja, jetzt habe ich dich ja gefunden!“
    Egon ließ den leeren Krug mit lautem Klappern auf den Tresen fallen. „Verdammt, Marten! Was machst du hier? Du wolltest doch ins Verlagsgebäude zurückkommen!“
    „Da war ich ja auch“, berichtete Marten und legte die Säcke erleichtert auf dem schmutzigen Kneipenboden ab. „Aber nachdem du nicht mehr da warst und auch nach einer ganzen Stunde nicht aufgetaucht bist... naja, irgendwie musste ich mir ja die Zeit vertreiben, also hab ich ein bisschen in deinem Bierreport gestöbert und mir gedacht –“
    „Nach einer Stunde?“ Erschrocken blickte Egon zum Wirt hinüber. „Wie lange bin ich überhaupt schon hier?“
    „Lange genug, um mir alles vollzusiffen“, grantelte Douglas, während er die Bierpfütze mit dem triefnassen Lappen in die Breite zog. „Keine Sorge, den Bilderbuch-Zirkel haste garantiert noch nicht verpasst. Die fangen immer erst gegen Abend an. Aber an deiner Stelle würde ich mich lieber ranhalten.“
    „Na, dann mal los, was?“ Mit erwartungsfrohem Lächeln machte sich Marten daran, den ersten Sack aufzuschnüren, wurde allerdings von einem aufgebrachten Egon unwirsch unterbrochen.
    „Doch nicht hier!“, zischte er erzürnt. „Wenn uns irgendwer in Edelklamotten aus der Kneipe gehen sieht, ist unsere Tarnung doch schon aufgeflogen, bevor wir uns dem oberen Viertel auch nur genähert haben!“
    „Ach, naja... nur weil man reich und adlig ist, heißt das ja noch lange nicht, dass man nicht ab und zu auch mal in eine Kneipe geht, oder?“
    „Schön wär’s“, kommentierte Douglas und pfefferte das hoffnungslos durchnässte Wischtuch frustriert in die Ecke.
    Egon hatte sich derweil kurzerhand einen der Säcke geschnappt. Entschlossen packte er den verwirrten Zeichner beim Arm, zog ihn zurück auf die Straße und rief dem Kneipenwirt noch eine hastige Verabschiedung hinterher, bevor er blinzelnd in das warme Sonnenlicht des ausgehenden Nachmittags eintauchte. Im oberen Viertel mussten in diesen Augenblicken bereits die letzten Vorbereitungen für die geheime Versammlung getroffen werden. Und irgendwo zwischen all den parfümierten Trüffelgourmets und passionierten Münzsammlern musste sich in diesen Sekunden auch Egons ganz persönliche Nemesis aufhalten.
    „Auf geht’s, Marten! Zeigen wir Pleiten-Paule und dieser ganzen verkommenen Oberschicht, mit wem sie sich angelegt haben!“

    Vorsichtig lugte Egon um die Ecke, um einen nervösen Blick auf die angrenzende Hauptstraße des Handwerkerviertels zu werfen. Die kleine Seitengasse, in die sie sich zurückgezogen hatten, befand sich fast direkt gegenüber der großen Steintreppe, die zum oberen Viertel hinaufführte, und bot gleichzeitig Schutz vor den neugierigen Blicken der passierenden Bürger. Sie war somit der perfekte Ort, um die Metamorphose des Unterreporters Egon zum blaublütigen Lord Regonas zu vollziehen – zumindest solange niemand anderes auf die Idee kam, die Gasse zu betreten.
    Während Marten bereits damit beschäftigt war, die smaragdförmigen Knöpfe seines glitzernden Paillettenhemds zuzuknöpfen, hatte es Egon gerade erst geschafft, sich die verfilzte rote Plunderhose anzuzwängen, die es irgendwie schaffte, an der Taille viel zu eng zu sein und gleichzeitig mit den unteren Hosenbeinen über den Boden zu schleifen, sobald er einen Schritt tat. Die hochhackigen Stöckelschuhe mit Blümchenmuster erwiesen sich rasch als eine ebenso große Herausforderung.
    „Bist du dir sicher, dass Adlige sowas tragen?“, hakte Egon bei seinem Bekleidungsbeauftragten nach. „Das kommt mir ziemlich unpraktisch vor.“
    „Naja, das waren die seltsamsten Schuhe, die mein Vetter Frank auf Lager hatte“, entgegnete Marten. „Die anderen sahen alle viel zu gewöhnlich aus, sowas ziehen sich die Leute im oberen Viertel bestimmt nicht an.“
    Egon beschloss, dass es keinen Sinn mehr hatte, sich zu widersetzen. Unter den überlangen Hosenbeinen waren die Schuhe vermutlich ohnehin kaum noch zu erkennen, und obendrein stellte dieses Kostüm seine einzige Chance dar. Um ein neues zu beschaffen, fehlte ihnen schlichtweg die Zeit, sofern sie noch pünktlich zur Zusammenkunft des Bilderbuch-Zirkels erscheinen wollten.
    Nachdem er die Schuhe erfolgreich bezwungen hatte, zog Egon das letzte Kleidungsstück aus seinem Sack hervor. Es handelte sich um eine zugeknöpfte Weste aus billigem Seidenimitat, an deren Ärmeln zwei weiße Handschuhe angenäht waren. An einem der Handschuhe war ein großer Gehstock aus Holz befestigt, dessen blass gelbliche Farbe an einigen Stellen bereits abgeblättert war, und der sich auch durch heftiges Gerüttel nicht vom Handschuh lösen ließ.
    „Was soll das?“, beschwerte sich Egon. „Der blöde Stab ist ja festgeklebt!“
    Aufgeregt winkte Marten mit den Händen vor seinem Gesicht herum. „Bloß nicht abmachen! Du weißt ja, das ist alles nur geliehen, und wenn irgendwas nicht ganz in Ordnung ist, dann bekommt mein Vetter Frank am Ende noch Ärger wegen uns.“
    Vergeblich suchte Egon nach einem zerstörungsfreien Weg, den Stab oder den ganzen Handschuh vom Gesamtkonstrukt zu lösen. „Aber... ich kann doch nicht die ganze Zeit über mit diesem bescheuerten Gehstock in der Hand herumlaufen! Was, wenn mir jemand die Hand geben will?“
    „Dann hältst du ihm am besten die andere Hand hin, würde ich sagen.“
    „Wieso ziehst du eigentlich nicht...?“
    „Ich muss beide Hände zum Zeichnen frei haben!“, stellte Marten unverzüglich klar und prüfte bei der Gelegenheit, dass er Stift und Papier in den kleinformatigen Hosentaschen gut verstaut hatte.
    Seufzend fand sich Egon mit seinem Schicksal ab und wollte die Weste gerade anziehen, als ihm auffiel, dass sich die Knöpfe gar nicht aus den Löchern lösen ließen. Stattdessen fehlte dem Hemd, wie er beim Umdrehen feststellte, die komplette Rückseite, sodass er von hinten in die Ärmel hinein schlüpfen musste.
    „Bitte sag mir, dass das nicht dein Ernst ist! Ich soll mit einem halben Hemd herumlaufen, und die Leute sollen mich dabei für reich halten?“
    Wie auf Kommando griff der Illustrator in seinen eigenen Sack und zog einen zusammengeknüllten dunkelroten Stoffmantel daraus hervor.
    „Den hat mein Vetter Frank vorhin erst aus einem alten Theatervorhang geschneidert“, erläuterte Marten und klang dabei, als wiese er auf ein besonderes Qualitätsmerkmal hin. „Wenn du ihn dir überhängst, wird niemand mehr bemerken, dass du nur ein halbes Hemd anhast. Siehst du, ich habe an alles gedacht!“
    Verstört starrte Egon das staubige Knäuel an, das nur mit besonders viel Fantasie überhaupt als Kleidungsstück durchgehen konnte. Er musste wahnsinnig sein, dass er der ganzen hoffnungslosen Aktion nicht spätestens jetzt ein Ende setzte, aber solange noch der Hauch einer Chance bestand, dass er in dieser Aufmachung für einen Mann von edlem Geschlecht gehalten wurde, wollte er nicht aufgeben. Und wenn er sich an den Hut erinnerte, den der geniale Trickbetrüger Pleiten-Paule in seiner eigenen Adligenverkleidung getragen hatte, wuchs sein Vertrauen in diese Chance gleich wieder ein wenig mehr.
    „Ein Hut... es ist gar kein Hut drin“, stellte Egon bei einem erneuten Blick in den mittlerweile vollständig geleerten Sack fest. „Sollten wir als Lords nicht Hüte tragen?“
    „Ach, ich habe etwas viel Besseres“, behauptete Marten und zückte ein kleines Döschen, in dem sich eine weiße, talgartige Masse befand. „Echtes Moleratfett! Mein Vetter Frank sagt, das benutzen sie im oberen Viertel auch immer für ihre Frisuren.“
    Ehe sich Egon versah, hatte ihm Marten auch schon einen dicken Klumpen der unangenehm riechenden Substanz in die Haare gedrückt und damit begonnen, aus den fettigen Haaren eine möglichst aalglatte Frisur zu formen. Egon ließ alles geduldig über sich ergehen. Erst als er den Zeichner dabei beobachtete, wie er die gleiche Prozedur an sich selbst durchführte, dämmerte es ihm, was Marten mit seiner Kopfbehaarung angestellt hatte.
    „Alles fertig soweit?“, erkundigte er sich, nachdem sein Komplize die Fettdose wieder in einem der Leinensäcke verstaut hatte. Egon beschloss, die ganze Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Wenn er noch länger darüber nachdachte, so fürchtete er, würde er am Ende doch noch einen Rückzieher machen.
    Marten versteckte die Säcke, in denen sich nun ihre abgelegte Kleidung befand, in einer dunklen Ecke und kehrt anschließend mit erwartungsvoller Miene zu seinem Kameraden zurück.
    „Alles bereit, kann losgehen!“
    Mit zittrigen Fingern fuhr sich Egon durch das ekelerregend schmierige Haar, rückte den improvisierten Umhang gerade und atmete ein letztes Mal tief durch. Die folgenden Minuten, so viel stand fest, würden darüber entscheiden, ob sein Leben noch einen Sinn hatte.
    „Gut. Und denk dran: Ab jetzt bin ich Lord Regonas.“

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Kerzengerade und in voller Montur standen die zwei Wachen unter dem großen steinernen Torbogen, hinter dem sich das obere Viertel erstreckte. Egon spürte, wie sich die aufmerksamen Blicke der durchtrainierten Männer auf ihn und Marten richteten, während die beiden schick herausgeputzten Neuadligen die breite Treppe empor schritten. Ob die Wächter den Mummenschanz bereits durchschaut hatten? Mit jeder Stufe drängte sich der Wunsch, auf der Stelle kehrt zu machen und den ganzen irrsinnigen Plan zu den Akten zu legen, in Egons Kopf weiter und weiter in den Vordergrund. Aber dann, noch ehe er sich zu einer Entscheidung durchringen konnte, hatte er auch schon die oberste Stufe erreicht und wusste, dass es kein Zurück mehr gab. Krampfhaft schlossen sich seine behandschuhten Finger um den festgeklebten Gehstock, als er versuchte, eine möglichst herrschaftliche Haltung einzunehmen. Er wusste, dass er etwas sagen musste, aber die hochkochende Panik schnürte ihm die Kehle zu, und die unbeirrbar starrenden Augen der beiden abgebrühten Stadtwachen durchbohrten ihn wie brennende Armbrustbolzen. Egon wusste, dass er diesen Männern nichts vormachen konnte, dass sie nur darauf warteten, ihm mit brutaler Härte die Arme auf den Rücken zu drehen und ihn wegen versuchten Betrugs in den Kasernenkerker abzuführen, wo die Ratten und Wanzen ihn bereits erwarteten. Seine ganze Verkleidung war lächerlich, und dass auf den Gesichtern der beiden Milizen nicht der Hauch eines Schmunzelns zu erkennen war, konnte einzig und allein daran liegen, dass ihnen der Humor dazu fehlte. Sie wurden nicht zum Lachen bezahlt, sondern zum Identifizieren und effektiven Kaltstellen unbefugter Eindringlinge – und so einer war Egon in den Augen der Wachen zweifellos. Ein Eindringling, den es zu beseitigen galt.
    „Ich...“ Hastig schnappte Egon nach Luft, als ihm vor lauter Nervenflattern schon das zweite Wort im Halse stecken blieb. „Ich bin Lord Regonas, und das hier ist...“
    Entsetzt wurde Egon bewusst, dass sie sich gar keinen falschen Namen für Marten ausgedacht hatten – wie um alles in der Welt hatte er das nur vergessen können!
    „Das hier ist, ähm, mein... mein Knappe...“
    „Schon gut“, nuschelte die linke der beiden Wachen. „Bilderbuch-Zirkel, richtig? Dann mal rein mit Euch.“
    Mühsam versuchte Egon seine Verwirrung durch ein erzwungenes Lächeln zu überspielen. „Äh, ja, genau... wir, wir möchten zum...“
    „Ja, worauf wartet Ihr dann noch?“, schnauzte sie der rechte Wachmann augenrollend an. „Da drin gibt’s bestimmt mehr als genug Leute, die Ihr zutexten könnt.“
    „Ja... ja, natürlich! Einen, ähm, gediegenen Tag wünsche ich den Herren noch!“
    Seite an Seite schritten Egon und Marten an den beiden Milizen vorbei durch das große Tor. Vor ihnen erstreckte sich ein großer kreisförmiger Platz aus spiegelglatt geschliffenen Pflastersteinen, in dessen Mitte sich die gewaltige Statue eines stolzen Kriegerhelden gen Himmel streckte, der Egon zwar auf den ersten Blick unbekannt war, aber sich seinen Platz inmitten der erlauchtesten Gesellschaft von Khorinis zu Lebzeiten mit Sicherheit redlich verdient hatte.
    „Wir haben’s wirklich geschafft“, wisperte er Marten fassungslos zu. „Wir sind im oberen Viertel! Ich kann’s immer noch nicht so richtig glauben.“
    „War gar nicht mal so schwer, was?“, freute sich Marten. Schon hatte er Stift und Papier hervorgeholt und machte sich daran, die Statue abzuzeichnen.
    „Pack das weg!“, zischte Egon erschrocken. „Du bist jetzt ein Adliger und kein Illustrator mehr! Mit dem Zeichnen kannst du anfangen, wenn wir den Bilderbuch-Zirkel gefunden haben – und auch dann nur so, dass es keiner mitbekommt.“
    Während Marten das Zeichenmaterial mühsam wieder in den Taschen verstaute, ließ Egon den Blick nachdenklich über die Häuserfront des oberen Viertels streifen, die sich rings um den Platz herum erstreckte. Dieser Teil der Stadt war zwar längst nicht so belebt wie die ihm vertrauten Straßen des Handwerker- oder Hafenviertels, aber hier und dort hatten sich einige kleinere Menschengrüppchen versammelt, während andere schick gekleidete Lords und Ladys gerade erst die prunkvoll verzierten Eingangspforten ihrer Häuser öffneten, um hinaus ins Freie zu treten. Auffällig viele Leute zog es zu einem großen Gebäude hin, das sich direkt gegenüber des Tores auf der anderen Seite des Hauptplatzes befand und von einem penibel gepflegten Ziergarten umgeben war, der mit seiner beeindruckenden Vielzahl von Dornenhecken und Distelgewächsen gleichermaßen einen wirksamen Einbruchsschutz darstellte.
    „Das da drüben muss das Rathaus sein – das Gebäude, in dem sich der Bilderbuch-Zirkel trifft“, vermutete Egon. „Ob wir dort wohl auch Pleiten-Paule finden?“
    Ratlos hob Marten beide Arme. „Wir können ja mal nachsehen.“
    „Aber wie? Wenn wir uns einfach unter die Leute mischen, fliegt unsere Tarnung doch sofort auf. Die Mitglieder des Zirkels kennen sich bestimmt alle untereinander, da können wir nicht einfach so reinplatzen. Und wenn wir mitten unter ihnen sitzen, dann werden wir am Ende noch um unsere Meinung zum Schicksal der Welt befragt – das wäre mir nun wirklich zu viel Verantwortung!“
    „Ach naja, zur Not behaupten wir einfach, wir haben uns in der Tür vertan“, schlug Marten vor. „Die Ausrede ist wirklich Gold wert, das kannst du mir glauben, Egon!“
    Grübelnd verfolgte Egon aus der Distanz, wie ein Privilegierter nach dem anderen das Rathaus durch den breiten Eingang betrat. Auch die wenigen verbliebenen Gesprächsgruppen, die sich rund um die Statue versammelt hatten, setzten sich allmählich in Bewegung. Wenn sie tatsächlich mit einem hochriskanten Manöver alles auf eine Karte setzen und sich ganz offen in den Kreis der Bilderbuch-Verschwörer begeben wollten, dann mussten sie es jetzt tun, solange sie noch im Hauptstrom der eintreffenden Teilnehmer mitschwimmen konnten. Ein verspätetes Eintreffen würde viel zu viel Aufmerksamkeit verursachen, und die konnten sie gerade am allerwenigsten gebrauchen.
    In Egons Kopf rasten die Gedanken. War das wirklich der richtige Weg? In die vordere Front des Rathauses waren mehrere große Fenster eingelassen, durch die sich der Innenraum bestimmt problemlos von außen einsehen ließ. Andererseits: Würde er durch das Glas hindurch überhaupt verstehen können, was die Verschwörer planten? Und war es wirklich so unauffällig, sich mit Mühe und Not durch die Dornenhecken des Rathausgartens zu schlagen und anschließend neugierig durch das Fenster zu glotzen? Verzweifelt ging Egon die Alternativen ein ums andere Mal durch. Er hatte immer angenommen, dass die größte Schwierigkeit darin bestand, überhaupt ins obere Viertel zu gelangen – nun aber stellte sich heraus, dass die tatsächlichen Probleme gerade erst angefangen hatten.
    „Ich glaube... ich glaube, ich weiß, was wir machen. Wir werden –“
    Egon brach mitten im Satz ab, als er hinter sich die Stimmen der beiden Wachmänner vernahm. Er wandte den Kopf und bemerkte zwei Neuankömmlinge, denen die Wachen offenbar gerade die Passage gestattet hatten – und erstarrte, als er begriff, um wen es sich dabei handelte. Sebastianos widerwärtiges Lächeln hätte er unter Tausenden erkannt.
    „Weg hier!“, raunte er seinem Kostümpartner entsetzt zu, als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. „Sofort!
    Ehe Marten überhaupt reagieren konnte, hatte ihn Egon schon am Arm gepackt und war in die erstbeste Richtung gerannt, die ihm in den Sinn gekommen war. Er konnte nur beten, dass ihn Sebastiano und sein neuer Spießgeselle Konstantin nicht bereits erkannt hatten – wenn doch, dann würden sie bestimmt nicht lange zögern, seine falsche Identität mit einem breiten Grinsen im Gesicht platzen zu lassen. Hektisch suchten Egons Augen nach einem geeigneten Versteck, um den unheilvollen Blicken der unliebsamen Kollegen zu entgehen. Wieso nur musste das verdammte Viertel aus gerade mal einem einzigen Platz bestehen, der noch dazu an jeder Stelle von überall her hervorragend einsehbar war? Es war unmöglich, hier draußen stehen zu bleiben – Sebastiano und Konstantin würden sich schon sehr anstrengen müssen, um ihn dann noch zu übersehen. Die einzige Möglichkeit bestand darin...
    „Rein da!“ Egon deutete mit der rechten Hand auf eine offene Tür an einem vergleichsweise schlicht gestalteten Haus und hätte dem verwirrten Zeichner dabei beinahe ein paar Zähne mit dem kurzzeitig in Vergessenheit geratenen Gehstock ausgeschlagen. Dafür, dass er ihm die verdammten Stöckelschuhe angedreht hatte, auf denen es sich kaum gehen und erst recht nicht vernünftig rennen ließ, hätte er das durchaus verdient gehabt, fand Egon. Dankbar war er Marten allerdings dafür, dass er sich mit langen Gegenfragen nicht aufhielt, sondern einfach tat, was er von ihm verlangt hatte. Keuchend und mit hochroten Gesichtern kamen die beiden schließlich am Hauseingang an. Egon schlüpfte direkt hinter Marten hindurch und knallte erleichtert die Tür hinter sich zu.
    „Was sollte das?“, erkundigte sich Marten schnaufend. „Wovor sind wir da überhaupt weggelaufen, Egon?“
    Der Angesprochene brauchte ein paar Sekunden, bis er sich in einem solchen Maße von den Strapazen des kräftezehrenden Sprints erholt hatte, dass er zu einer Antwort fähig war.
    „Das war Sebastiano“, brachte er unter Keuchen und Husten hervor. „Der Mistkerl hat mir meine Stelle als leitender Redakteur weggeschnappt! Und der andere ist Konstantin – der miese Denunziant, der früher für mich gezeichnet hat.“
    „Die beiden sind auch von der Gothschen Zeitung?“, kombinierte Marten geschickt. „Was machen die denn hier?“
    Egon wischte sich mit finsterer Miene den Schweiß von der Stirn. „Es wird wohl kaum ein Zufall sein, dass sie ausgerechnet zur Tagung des Bilderbuch-Zirkels hier auftauchen. Ich kann daraus nur einen Schluss ziehen...“
    „Du meinst... sie wollen auch einen Artikel darüber schreiben?“
    „Waren sie etwa als Adlige verkleidet?“, entgegnete Egon. „Nicht mal Sebastiano kommt einfach so ins obere Viertel, da kann er noch so fein tun. Wenn er trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken reingelassen wird, dann kann das nur eines bedeuten...“
    „Er... hat die Tochter eines Großhändlers geheiratet?“
    „Davon träumt er vielleicht“, knurrte Egon. „Nein, wenn du mich fragst, dann hängen die beiden knietief in der ganzen Sache mit drin. Sebastiano ist nicht hier, weil er über den Bilderbuch-Zirkel berichten will – er ist ein Teil des Zirkels! Und Konstantin, der wird ab heute vermutlich auch einer sein.“
    Erschrocken hielt sich Marten die Hand vor den Mund. „Du meinst doch nicht... unsere Zeitung...“
    „Ich fürchte schon. Es würde mich nicht wundern, wenn van Goth selbst in die Angelegenheit verwickelt ist. Medien sind ein gefährliches Werkzeug zur Beeinflussung von Menschen, Marten. Wenn die Verschwörer die Gothsche Zeitung im Griff haben, dann haben sie die Meinung der Öffentlichkeit im Griff. Und dann wiederum ist es für sie ein Leichtes, die Gedanken und den Willen der ganzen Menschheit zu formen wie meine Frisur nach einer Moleratfettbehandlung!“
    „Wahrscheinlich... wahrscheinlich hat dich der Chef deswegen degradiert!“, platzte es aufgeregt aus dem verschwitzten Zeichner heraus, der unter seinem luftundurchlässigen Paillettenhemd vermutlich im eigenen Saft stand. „Weil du zu viel wusstest, verstehst du? Er wollte dich mundtot machen!“
    „Ja, ähm... das – das ist sogar gut möglich!“
    „Aber wo bringen wir dann überhaupt unseren Artikel raus?“, dachte Marten die desaströse Kette der Konsequenzen bis zum ernüchternden Schluss zu Ende. „Der Chef wird sich doch nicht selber auf der Titelseite als Verschwörer enttarnen, oder was meinst du?“
    Egon wusste nicht, was er sagen sollte. Marten hatte natürlich recht, aber welche Schlüsse sollte er daraus ziehen? Er konnte doch nicht einfach den Langbogen ins Korn werfen und alles auf sich beruhen lassen, nur weil die Verschwörung ganz offensichtlich von noch gewaltigeren Ausmaßen war, als er je zu ahnen gewagt hatte. Außerdem mussten sie noch immer das Geld von Pleiten-Paule zurückholen, und wenn es bloß der Gerechtigkeit wegen war.
    „Wir werden den Artikel wohl auf eigene Faust veröffentlichen müssen, oder... oder... ach, ich weiß nicht, das überlegen wir uns später!“
    Egon wollte gerade dazu übergehen, sich nähere Gedanken über das Jetzt zu machen, als er dumpfe, polternde Schritte über seinem Kopf vernahm. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass sie unbefugt in das Wohnhaus eines schwerreichen Stadtbürgers eingedrungen waren und dass sich eben jener Hausbesitzer gerade direkt über ihnen im oberen Stockwerk aufhielt. Zweifellos war er durch ihre lautstarke Diskussion auf die beiden Invasoren aufmerksam geworden und war in diesen Sekunden auf dem Weg zu ihnen.
    „Wir müssen hier raus, schnell!“, flüsterte Egon dem Zeichner zu, doch der schüttelte energisch den Kopf.
    „Dann laufen wir doch direkt deinen Kollegen in die Arme!“
    „Aber hier können wir auch nicht bleiben“, erwiderte Egon und deutete auf die gewundene Treppe direkt vor ihren Augen, auf der von ganz oben bereits erste Schritte zu hören waren. „Komm mit!“
    Schnell huschte er durch einen offenen Durchgang zu ihrer Linken in den nächsten Raum hinein, verlor dabei aber auf den wackeligen Stöckelschuhen in der Hektik das Gleichgewicht und knickte mit dem rechten Fuß um. Mühsam unterdrückte er ein Stöhnen, biss die Zähne zusammen und rappelte sich wieder hoch. Es war ein ziemlich unpassender Zeitpunkt, um einen ausgedehnten Wutanfall zu bekommen, aber er würde Marten später mit Sicherheit noch einen umfassenden Vortrag darüber halten, was er von seiner Schuhauswahl hielt.
    Egon schüttelte den Schmerz ab und sah sich im Raum um. Offenbar handelte es sich dabei um das Schlafzimmer – oder, wenn er die hemmungslose Extravaganz der Oberviertler richtig einschätzte, zumindest eines der Schlafzimmer. Neben einem großen weiß bezogenen Bett waren zwischen vielerlei Gemälden von Leuchttürmen und rauen Küstenlinien gleich drei geräumige Kleiderschränke an den Wänden aufgestellt. Egon presste sich heftig atmend neben dem Durchgang an die Wand und beobachtete, wie es ihm Marten auf der anderen Seite des Raumeingangs gleich tat. Für den Moment war das ein brauchbares Versteck, aber das galt natürlich nur unter der wenig wahrscheinlichen Voraussetzung, dass der nahende Hauseigentümer auf seiner Suche nach den fremden Stimmen in seiner Wohnung keinen Blick ins Schlafzimmer warf. Im ungünstigsten Fall konnte sich ihr Versteck in kürzester Zeit zu einer Falle entwickeln, aus der es keinen Ausweg mehr gab – dann waren sie dem unbekannten Adligen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.
    Mit fiebrig pochendem Herzen hielt Egon den Atem an. Die Schritte auf der Treppe waren jetzt ganz nah. Der eher gemächlichen Gangart nach schien es der Fremde gar nicht so eilig zu haben, die Einbrecher dingfest zu machen. War er wirklich so abgeklärt oder hatte er am Ende gar nichts von ihrem Gespräch mitbekommen? Aber wie war das möglich, wenn er sich direkt über ihren Köpfen aufgehalten hatte? Das Bild eines altersschwachen Greises, halb taub und blind, tauchte vor Egons innerem Auge auf. Hatten sie womöglich gar nichts von ihm zu befürchten? Schließlich wurde ihm die wachsende Neugier derart unerträglich, dass er sich nicht mehr zusammenreißen konnte, den Kopf leicht vorbeugte und vorsichtig um die Ecke spinkste.
    Egon hatte mit vielem gerechnet, aber sicher nicht mit einem bekannten Gesicht. Und erst recht nicht hatte er mit einem Gesicht gerechnet, dem er in unzähligen alkoholseligen Nächten die allertiefsten Abgründe seiner Seele offenbart hatte – ein vollbärtiges, faltenzerfurchtes Gesicht auf einem rundlichen, gemütlichen Körper, der nun im dunkelblauen Prachtgewand eines vermögenden Edelmannes steckte.
    Ein kalter Schlag durchzuckte Egon wie ein Kugelblitz, als er den Kopf zurück riss. Seine bebenden Lippen formten ein lautloses Wort: „Fred.“
    Fred war einer von ihnen.
    Mit einem Mal wurde Egon alles klar – das entscheidende Puzzleteil war hinzugekommen und hatte das Gesamtbild auf den Kopf gestellt. Deshalb also war Fred damals so plötzlich in Douglas’ Hafenschenke aufgetaucht, ohne dass zuvor jemand etwas von ihm gehört hatte. Deshalb also hatte er stets zurückhaltend und ausweichend reagiert, wenn es um sein Leben außerhalb der Kneipe ging. Und deshalb war er kürzlich so bemüht darum gewesen, ihm einen Besuch im oberen Viertel nach Kräften auszureden. Fred hatte ihm etwas vorgespielt, ein ganzes Jahr lang, Abend für Abend – hatte sich in die Dartrunde eingeschlichen, nur um seine Fühler nach demjenigen Mitarbeiter der einflussreichsten Zeitung des myrtanischen Reiches auszustrecken, den er für besonders manipulierbar hielt. Als abgesandter Spion des Bilderbuch-Zirkels hatte er auf ihn eingewirkt, hatte versteckte Botschaften gestreut, ihn geblendet und von der Wahrheit abgelenkt. Ein unsagbarer Schmerz regte sich in Egon, als all diese Wahrheiten wie ein Sperrfeuer der Grausamkeiten auf ihn einprasselten. Er hatte Fred für seinen besten Freund gehalten und war für ihn doch bloß eine Marionette gewesen.
    Die Schritte kamen näher und näher. Fred hatte die Treppe verlassen und war auf direktem Weg zu ihnen.
    Egons dröhnender Schädel quoll über vor Gedankenfetzen. Wenn ihn Fred erkannte, dann würde er erkennen, dass seine Tarnung aufgeflogen war. Und er würde nicht zögern, den unliebsamen Mitwisser auf schnellstem Wege aus dem Verkehr zu ziehen. Panisch suchte Egon das Zimmer nach möglichen Verstecken ab: Der Raum unter dem Bett war zu eng, um sich darunter zu verstecken, aber vielleicht...
    Er gab Marten ein knappes Handzeichen, machte ein paar Schritte hin zum nächsten Schrank und öffnete die Türen, so leise es ging. Auf der linken Seite des Schrankinneren hingen ein paar ausgesprochen modische Hosen an metallenen Haken, der Großteil des Schranks war jedoch leer. Offenbar waren nicht einmal die Leute im oberen Viertel so verschwendungssüchtig, dass sie gleich drei riesige Kleiderschränke vollständig mit ihren Klamotten füllen konnten, und Egon war das gerade nur recht.
    Heftig grimassierend verwies er den begriffsstutzigen Marten auf einen der anderen Schränke und zwängte sich gleichzeitig gebückt in den Innenraum des hölzernen Möbelstücks hinein. Er wollte sich gerade ein bisschen darüber freuen, dass sein Versteck in Anbetracht der Umstände überraschend bequem war, als vor der offenen Schranktür plötzlich Martens Gesicht auftauchte.
    „Verschwinde!“, zischte Egon so leise wie möglich. „Ein anderer Schrank – nimm einen anderen Schrank, verdammt!“
    Aber da hatte sich Marten bereits in den schmalen Zwischenraum gequetscht, der zwischen Egon und den Hosen noch verblieben war und den aufstöhnenden Redakteur dabei an die linke Schrankwand gedrückt. Egon sah ein, dass keine Zeit mehr für einen erneuten Umzug blieb, riss die Tür zu und bemerkte im nächsten Moment entsetzt, dass der Gehstock noch in der Spalte klemmte. Hastig bemühte er sich, das ungeliebte Utensil nach hinten weg zu ziehen, aber im Schrank war so wenig Platz, dass er die Hand mit dem angeklebten Stock über seinen Kopf heben musste, um den langen Holzstab vollständig ins Innere des Schranks zu bugsieren. Als es endlich geschafft war und sie eine nur durch den Lichteinfall der Türspalte erhellte Dunkelheit umgab, waren bereits Freds Schritte im Schlafzimmer zu hören.
    „Meinst du, er weiß, dass wir hier sind?“, tuschelte Marten mit gepresster Stimme und erntete dafür einen ärgerlichen Fußtritt von seinem Schrankgenossen. Jeder Laut konnte jetzt verräterisch sein, und als der perfekt ausgebildete Topspion, der Fred ganz offensichtlich war, verfügte er vermutlich auch über dementsprechend gut geschulte Sinne. Egon wusste, dass sie sich nicht den allerkleinsten Fehler erlauben durften, wenn sie ihre letzte verzweifelte Hoffnung, noch heil aus der ganzen Sache herauszukommen, nicht zerstören wollten.
    Deutlich hörte er, wie Fred draußen im Raum umher ging. Sah er wohl gerade unter dem Bett nach? Wenn er das tat, dann war alles verloren – dann würde er auch in den Schränken nachsehen, das war anders gar nicht denkbar. Aber wenn er sie nicht gesehen hatte, dann konnte er auch nicht sicher sein, dass sie hier waren, dass sie überhaupt noch im Haus waren. Vielleicht würde er gleich fort eilen, die Haustür aufreißen und draußen nachsehen, solange sie noch nicht weit geflohen sein konnten. Diese Gelegenheit konnten sie dann nutzen, um...
    „Egon?“, flüsterte Marten mit Blick auf den Fuß, der ihn gerade getreten hatte. „Wo ist eigentlich dein rechter Schuh hin?“
    Entsetzt senkte Egon den Blick. Selbst bei den schlechten Lichtverhältnissen war es eindeutig zu erkennen, und jetzt, da ihn Marten darauf aufmerksam gemacht hatte, fühlte er es sowieso: Während an seinem linken Fuß noch immer einer der ungeliebten Stöckelschuhe steckte, trug er am rechten nur noch seinen alten Socken.
    „Ich... ich muss ihn verloren haben, als ich eben gestolpert bin“, hauchte Egon. „Er – er muss irgendwo da draußen rumliegen...“
    Egon und Marten warfen sich einen schockierten Blick zu, dann wurde mit einem Mal die Schranktür aufgerissen und Freds kleine Äuglein blinzelten ihnen aus dem dichten Wollknäuel seines Bartes entgegen. In den Händen hielt er den blümchenbemusterten Schuh.
    „Fred – ich, ich werde dicht halten, ich versprech’s, aber – aber bitte tu mir nichts an!“, stammelte Egon hemmungslos drauf los. „Denk doch an all die lustigen Dartabende, die wir gemeinsam verbracht haben – und, und ich schulde den Jungs noch immer ein paar Freirunden, lass mich wenigstens die noch ableisten! Du weißt doch wie sehr sie sich drauf gefreut haben, tu ihnen das nicht an!“
    Egon war sich sicher, dass Fred im nächsten Moment den Schuh heben und ihm mit voller Wucht eins damit überbraten würde, aber in den Augen des alten Mannes war kein durchtriebener Killerinstinkt, sondern vielmehr der Ausdruck großer Bestürzung zu erkennen.
    „Egon, was... was machs’n du hier, ich...“ Fred machte einen kleinen Schritt zurück und kratzte sich mit einer Nervosität, die Egon bis dahin nicht an ihm gekannt hatte, am Kopf. „Ich... ich wollte nich’, dass du mich so siehst...“
    Egon hatte bereits zu einem letzten Stoßgebet um sein Seelenheil angesetzt und blickte den kleinlaut herumdrucksenden Fred nun verwundert an. „Was soll das denn heißen? Du willst mich gar nicht beseitigen?“
    „Beseitigen?“ Erschrocken schüttelte Fred den zotteligen Kopf. „Wie kommst du’n auf solche Sachen... Ich bin doch dein Freund!“
    Vorsichtig tat Egon einen Schritt aus dem Schrank heraus und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Marten ihm zögerlich nachfolgte.
    „Das dachte ich ja auch“, entgegnete der Reporter und spürte jetzt, da keine unmittelbare Todesgefahr mehr absehbar war, zum ersten Mal ein wenig Zorn auf den Mann, der sich in die seit Kurzem bedenklich anwachsende Riege der verräterischen Freunde begeben hatte. „Aber was machst du dann hier in dieser Prachtvilla, in so einem Aufzug? Du hast mir doch all die Zeit lang nur was vorgemacht!“
    „Das ist leider so, da kann ich mich nich’ von freisprechen.“ Beschämt senkte Fred den Kopf. „Aber du musst mir glauben, dass ich es nich’ mit böser Absicht getan hab, Egon!“
    „Aber... was genau hast du denn überhaupt getan?“, wollte Egon wissen, dem der Groll angesichts der zerknirschten Reaktion seines Freundes schon wieder zu einem guten Teil vergangen war. „Gehört das Haus hier etwa wirklich dir?“
    Der alte Mann nickte. „Fred ist nur so ’ne Abkürzung. Mit vollem Namen heiß ich Lord Frederique.“
    Egon traute seinen Ohren kaum. „Du bist ein echter Lord? So richtig... adelig?“
    „So isses, ja“, murmelte der Blaublüter und setzte eine entschuldigende Miene auf. „Meine Eltern haben mir das damals alles hier vermacht, weißt du? Und, hm, ja, ich hab selber auch nich’ so übel verdient... war jahrelang Berater vonnem alten Decesso...“
    „Vom... vom Statthalter persönlich?“ Eigentlich war es nicht verwunderlich, dachte Egon, dass auch andere Menschen Freds Rat zu schätzen wussten. Im Augenblick fiel es ihm trotzdem schwer, sich seinen liebgewonnenen Saufkumpanen als einflussreichen Berater eines mächtigen Stadtoberhaupts vorzustellen.
    „Ja, bis vor ’nem Jahr jedenfalls“, berichtete Fred, der sich mittlerweile auf der Bettkante niedergelassen hatte. „Dann bin ich in Pension gegangen... ist so üblich in dem Alter, weißte? Naja, hatte mich eigentlich sogar ’n Bisschen drauf gefreut. Dachte mir immer: Machste dir mal ’n schönen Lebensabend, wenn’s dann so weit ist. Aber nach’n paar Wochen... viel los ist hier oben ja nich’ grade, und wenn man’s nich’ so mit’m Trophäensammeln oder Gräserzüchten hat, dann kann’s einem schon mal ganz schön langweilig werden. Den Tag über ist es noch auszuhalten, aber nachts ist hier tote Hose, das kann ich dir sagen... Die ganzen anderen Schnösel geh’n alle spätestens um Neun in die Kiste, und dann hat man nich’ mal mehr einen zum Plaudern. Da hatte ich ja kaum ’ne andere Wahl, als mich mal in den anderen Vierteln umzugucken. Ja, und als ich dann erstmal unsere Kneipe entdeckt hatte, mit dir und Schorsch und Douglas und den andern... naja, da wusst’ ich plötzlich, wo ich meinen Lebensabend wirklich verbringen wollte.“
    „Aber warum hast du denn nie was gesagt?“, beklagte sich Egon. „Anstatt mir zu helfen, ins obere Viertel zu kommen, wolltest du mich davon abhalten!“
    Fred wischte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich wollte doch nich’, dass du und die andern... dass ihr mich für so’n piefigen Fatzke haltet, wenn ihr rauskriegt, wer ich wirklich bin. Du hast doch selber oft genug gemeint, dass du so’n stinkreichen Bonzen mit’m Arsch nich’ angucken würdest.“
    „Naja... da wusste ich ja auch noch nicht, dass du einer bist!“
    „Es tut mir wirklich, wirklich leid, Egon.“ Freds Stimme klang brüchig. „Bitte sei mir nich’ zu böse und... und sag den andern nichts davon. Ihr seid doch meine einzigen richtigen Freunde.“
    Egon wusste noch nicht, was er von all dem halten sollte. Zwar war er froh darüber, dass ihm Fred offenbar nach wie vor nicht ans Leder wollte, letzten Endes blieb er allerdings ein Bewohner des oberen Viertels – und dass er als solcher nicht in die Verschwörung des Bilderbuch-Zirkels verwickelt war, erschien ihm unwahrscheinlich.
    Mit einem unguten Gefühl im Bauch erinnerte sich Egon daran, dass die Versammlung des Zirkels in diesen Minuten bereits ihren Anfang nehmen musste – wenn sie nicht längst in vollem Gange war. Wollten sie davon noch etwas mitbekommen und womöglich Pleiten-Paule abpassen, so mussten sie sich beeilen. Er beschloss, alles auf eine Karte zu setzen.
    „Wenn du wirklich noch der Fred bist, den ich zu kennen glaubte“, ergriff Egon nach kurzem Schweigen wieder das Wort, „dann hast du jetzt die Gelegenheit, es unter Beweis zu stellen. Pleiten-Paule hat uns zwanzigtausend Goldstücke gestohlen und versteckt sich irgendwo hier im Viertel. Wenn du mich fragst, dann hat er sich mitten in die Höhle des Schattenläufers begeben, dorthin, wohin wir ihm nicht ohne Weiteres folgen können – in die geheime Konferenz des Bilderbuch-Zirkels.“
    „Der Bilderbuch-Zirkel, hm?“, brummelte Fred. „Hör mal, Egon...“
    „Wir haben jetzt wirklich keine Zeit dafür“, schnitt ihm der Reporter das Wort ab. „Wenn wir nicht schnellstmöglich einen Weg finden, unbemerkt Einblick in den Versammlungsraum zu erhalten, dann ist es vielleicht schon zu spät!“
    Nachdenklich wuschelte sich Fred durch den dichten Bart. „Hm... ich glaub’, ich wüsste da vielleicht so’n Weg...“

    Ein leises Klicken war zu hören, als sich der kleine Schlüssel im Schloss drehte. Kurz darauf wurde er von dicken Fingern wieder herausgezogen und in der Tasche eines schicken blauen Satinkleides verstaut. Als die Tür anschließend behutsam aufgedrückt wurde, stieg aus der dahinter liegenden Dunkelheit der muffige Geruch alter Sägespäne hervor.
    „Einfach die Leiter rauf“, gab Fred seinen beiden Begleitern halblaut letzte Instruktionen. „Vom Dachboden aus ist es ’ne Kleinigkeit, nach unten in den Versammlungsraum zu gucken. Aber besser nich’ zu viel bewegen, das Holz is’n bisschen morsch geworden seit’n paar Jahren.“
    „Danke, Fred.“ Freundschaftlich klopfte Egon dem alten Mann auf die Schulter. Trotz allen gebotenen Misstrauens war er mittlerweile überzeugt davon, dass es Fred mit seiner Entschuldigung wirklich ernst gemeint hatte. Und angesichts des mehr als günstigen Zufalls, dass er aus seiner Zeit als Berater des Statthalters noch immer einen alten Schlüssel zur Hintertür des Rathauses besaß, hatte Egon sogar wieder ein wenig Zutrauen in sein eigenes Schicksal gefasst. Vielleicht meinten es die Götter ja doch nicht ganz so schlecht mit ihm und es ging ab jetzt wieder aufwärts.
    „Dann mal rein mit euch“, verabschiedete sie Fred und nickte ihnen beim Eintritt in die stickige Rumpelkammer auf der hinteren Gebäudeseite aufmunternd zu. „Ich werd zusehen, dass euch keiner hinterher kommt.“
    Egon hatte sich noch gar nicht richtig im schummrigen Licht des Abstellraums zurechtgefunden, als er bereits dumpfe Gesprächsfetzen bemerkte, die von der anderen Seite der Wand an seine Ohren drangen. Offenbar war die Versammlung bereits in vollem Gange.
    „Ich soll bestimmt gleich anfangen zu zeichnen, oder?“, erkundigte sich Marten aufgeregt. „Du sagst mir dann aber noch, was genau ich so zeichnen soll, ja?“
    „Jaja.“ Seufzend blickte Egon zur kleinen offenen Luke in der Holzdecke empor. „Sag mir lieber erstmal, wie ich mit dem blöden Gehstock in der Hand die Leiter hochklettern soll!“
    „Das geht schon. Wenn du die Hand so nach außen drehst, und dann mit dem kleinen Finger...“
    „Lass los, verdammt!“, fuhr ihn Egon an, der auch ohne die Nervensäge an seiner Seite angespannt genug gewesen wäre. „Geh schon auf die Leiter, ich komm dann irgendwie nach.“
    Egon hatte zwar zunächst seine Bedenken, was die Stabilität der Trittbretter anging, aber nachdem er die ersten Sprossen mit Mühe und Not bewältigt hatte, beschloss er, keinen Gedanken mehr an das mutmaßlich hohe Alter der Leiter zu verschwenden und kämpfte sich mit eisernem Willen nach oben. Schließlich war er an der Öffnung angelangt und zog sich direkt hinter Marten auf den Speicher hoch.
    Das erste, das ihm am Dachboden auffiel, war seine gewaltige Leere: Staub, Schmutz und ein paar vereinzelte Spinnweben waren das einzige, das auf den knarrenden Dielen gelagert wurde. Egon fragte sich unwillkürlich, wozu es überhaupt einen Dachboden brauchte, wenn er gar nicht benutzt wurde. Einen größenwahnsinnigen Augenblick lang kam es ihm beinahe so vor, als hätten die Götter selbst den Dachboden erschaffen – nur für ihn, nur für diesen einen Augenblick.
    Marten hatte sich bereits flach auf den Boden gelegt und das Auge über einer der breiten Lücken zwischen den Bodenbrettern positioniert, um einen Blick auf die Versammlung unter ihren Füßen zu werfen.
    „Da ist er!“, wisperte er seinem Kollegen zu, als der sich neben ihn legte und dabei penibel darauf achtete, keine verräterischen Geräusche mit dem Gehstock zu erzeugen. „Ganz rechts in der Ecke!“
    Erwartungsvoll presste Egon seine rechte Gesichtshälfte an einen besonders großen Spalt im Boden. Jetzt endlich würde er den Bilderbuch-Zirkel mit eigenen Augen zu sehen bekommen!
    Der Versammlungsraum des Rathauses war kleiner, als er es von außen her erwartet hatte. Um einen rechteckigen Marmortisch, der den größten Teil des Raumes einnahm, saßen eng aneinander gerückt ungefähr dreißig oder vierzig Männer und Frauen und waren gerade dabei, mit funkelnden Messern und glänzenden Gabeln die letzten Überbleibsel einer Vielzahl erlesenster Speisen von goldumrandeten Tellern zu verzehren, was sie nicht daran hinderte, gleichzeitig ein angeregtes Gespräch zu führen. Das Geplapper dutzender Stimmen ging derart durcheinander, dass Egon kaum ein Wort dabei verstehen konnte – wenn so das Schicksal der Welt bestimmt wurde, dachte er, war es ja kein Wunder, dass alles vor die Bluthunde ging. Es verwunderte ihn nicht, nach kurzer Suche auch Sebastiano und Konstantin unter den Anwesenden auszumachen: Ein gutes Mahl, dachte er grimmig, war ihr Lohn für den Verrat an der Menschheit. Von Sebastiano hatte Egon nichts anderes erwartet, aber er war noch immer fassungslos, wenn er daran dachte, wie tief sein früherer Weggefährte Konstantin gesunken war. Die Aussicht auf Macht und ein Leben im Überfluss konnten offenbar selbst die besten Menschen vom rechten Weg abbringen.
    Egon ertrug den Anblick der beiden schwarzen Schafe seiner Zunft nicht länger und wandte sich ab. Soweit es ihm von seiner Position aus möglich war, ließ er den Blick durch die kleine Halle schweifen, um einen Überblick über den Versammlungsraum zu gewinnen. In jeder der vier Ecken des Saales stand eine gewaltige, silberne Engelsstatue – das strahlend leuchtende Abbild eines jener legendären Sagenwesen, die dem Mythos nach die Botschaft Innos’ verkündeten. Eines musste man den Leuten im oberen Viertel wirklich lassen, dachte Egon beeindruckt: Geschmack hatten sie.
    „Und, hast du ihn gesehen?“, drang Martens gedämpfte Stimme an sein Ohr. „Er sitzt da rechts an der Tischecke!“
    Jetzt erkannte auch Egon, was der Zeichner gemeint hatte, und musste sich wundern, dass er den geradezu bizarr großen Hut, der direkt neben einer der Engelsstatuen aus der Teilnehmermasse herausragte, nicht sofort bemerkt hatte: Es war der gleiche, den Pleiten-Paule bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Unbeschwert plaudernd und lachend saß der skrupellose Superbetrüger unter all den Adligen und Großverdienern, als sei dies seit jeher sein angestammter Platz gewesen. Zornig kniff Egon die Augen zusammen, als er daran dachte, dass dieser aufgeblasene Wichtigtuer allein für all den Ärger verantwortlich war, den er in letzter Zeit hatte erleiden müssen – oder zumindest doch für einen beträchtlichen Teil davon.
    „Ich fange jetzt an zu zeichnen, okay?“, raunte ihm Marten zu und kratzte bei seinen Bemühungen, Stift und Papier hervorzuziehen, bedenklich laut über das ohnehin schon bei jeder Bewegung knirschende Dielenholz. „Ich zeichne einfach die ganzen Leute ab, ja?“
    Der Reporter nickte knapp. „Mach das. Aber vergiss die Engel nicht! Das ist ein großes Symbol, verstehst du? All die Dämonen zwischen diesen Engeln... das... das ist ganz schön bedeutsam!“
    „Alles klar! Engel, Dämonen, das kriege ich hin.“
    In Egons Fantasie regten sich bereits schlimme Vorahnungen, was das Ergebnis von Martens künstlerischem Schaffensprozess anging, doch im Augenblick richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Versammlungssaal. Nachdem das Festmahl soeben sein Ende gefunden hatte, betraten einige Diener den Raum und machten sich daran, Teller, Tassen und Besteck abzuräumen und auf einem kleineren Abstelltisch an der Fensterseite zu deponieren. Als die Arbeit verrichtet war und sich die Bediensteten wieder entfernt hatten, erhob sich am gegenüber der Eingangstür gelegenen Kopfende des Tisches ein grauhaariger älterer Mann mit spitzer Hakennase und glühenden, dunkelgrünen Augen. Gebannt verfolgte Egon aus seinem Versteck heraus, wie die Gespräche der Verschwörer verstummten und sich alle Blicke auf den verschlagen lächelnden Kopf des Bilderbuch-Zirkels richteten. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass der brisante Teil der Veranstaltung unmittelbar bevorstand – der Teil, in dem geheime Abkommen geschmiedet, heimtückische Fallen gestellt und über die Zukunft einer ganzen Welt verhandelt wurde.
    „Liebe Anwesende“, begann der Vorsitzende mit täuschend träger Stimme. „Ich hoffe, Ihr habt Euer Mahl genossen und konntet Euch so ein wenig von den Strapazen der langen Anreise erholen, die einige in unserer Mitte hinter sich haben. Lasst uns gemeinsam darauf hinwirken, dass diese Mühen für jeden einzelnen von uns belohnt werden, wenn wir nun zu jenem Teil unseres Beisammenseins übergehen, der uns alle hergeführt hat.“
    Egon wagte es nicht zu atmen, als er den Worten des Oberverschwörers lauschte. War er wirklich bereit dazu, die schrecklichen Wahrheiten zu empfangen, die gleich unvermeidlich ihren Weg in seine Ohren finden würden?
    Feierlich riss der Zirkelleiter beide Arme nach oben.
    „Also dann! Bilderbücher raus und losgetauscht!“
    Er hatte die Worte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da hatten seine Zuhörer bereits eine Vielzahl kleiner Bücher und Heftchen aus ihren Taschen gezogen. Innerhalb weniger Sekunden stapelten sich auf dem Tisch die Bilderbücher und das ausgelassene Geplauder begann von Neuem, diesmal noch lauter und chaotischer als zuvor.
    „Ich hab hier Ulf, der kleine Ork im Angebot! Hat irgendwer Interesse?“
    „Ein niegelnagelneues Exemplar von Das Schoßhündchen, kaum gebraucht, nur ein paar Bissspuren – lohnt sich wirklich!“
    „Kennt irgendwer Mein allererstes Gesangsbuchs zu Ehren Innos’? Meine Frau sagt, das wäre gut für die Erziehung. Ihr wisst schon, Demut vor den Göttern und so... nein? Schade.“
    „Ich nehm den Ulf! Ja, ich – nee, nicht Troggos Geschichte, was soll ich denn damit? Meine Tochter ist letzte Woche immerhin schon fünf geworden, aus dem Alter ist die raus! Den Ulf will ich, den – den Ulf, zum Donnerwetter!“
    Kurt der Keiler gegen Ingo das Irrlicht? Einverstanden, der Deal ist perfekt!“
    „Den Ulf hab ich mir schon ausgeguckt – passt auf, ich biete Wolli das Schaf und Eine Fleischwanze kommt selten allein für den Ulf! Zwei für eins, das ist ein unschlagbares Angebot!“
    „Wer hat Brutus der Killerzombie dabei? Mein Jüngster hat sich das zum Winterfest gewünscht, und was mein kleiner Gomez haben will, das bekommt er auch!“
    „Ich bin doch nicht den ganzen Weg von Kap Dun hergekommen, damit mir der Ulf jetzt von irgendeiner Bäuerin weggeschnappt wird!“
    „Ich verbitte mir solche Unterstellungen mit allem gebotenen Nachdruck! Bloß weil ich Wolli das Schaf dabei habe, bin ich noch lange keine Bäuerin!“
    „Möchte denn niemand das Schoßhündchen? Der ganze Sabber ist längst eingetrocknet, ehrlich!“
    Egon verfolgte das konfuse Treiben eine Weile lang, bevor er schließlich den Kopf hob, um mit seinem Zeichner einen verstörten Blick zu wechseln.
    „Sie... tauschen einfach Bilderbücher, was?“, flüsterte Marten. „Darum geht es hier in Wahrheit, oder?“
    „Aber – das ist unmöglich! Das alles muss ein ausgeklügeltes Ritual sein, mit dem sie ihre Botschaften austauschen... ein geheimer Code... Wer weiß, was wirklich in all diesen Büchern steht!“
    „Soll ich das also immer noch zeichnen?“, erkundigte sich Marten mit skeptischer Miene.
    „Ich... ich weiß nicht...“
    Egon fühlte sich durch das grenzdebile Verhalten der Verschwörer völlig vor den Kopf gestoßen und suchte noch nach einer schriftreiferen Antwort, als der Illustrator plötzlich die Stirn zusammenkräuselte und mit dem Zeigefinger auf einen der schiefen Dachbalken über ihren Köpfen deutete. Egon folgte der Geste mit den Augen und erkannte einen kleinen Zettel, den jemand mit einem rostigen Nagel in das Holzstück geschlagen hatte. In den vergangenen Minuten hatte er seine ganze Aufmerksamkeit auf das Geschehen im Versammlungssaal gerichtet, sodass er die Botschaft nun zum ersten Mal wahrnahm. In einer einzigartig krakeligen Sauklaue hatte dort jemand ein paar hastig hingekritzelte Worte hinterlassen:

    Dachboden wegen Einsturzgefahr außer Betrieb
    Nichts abstellen – nicht betreten – auf gar keinen Fall abstauben
    LEBENSGEFAHR!!!

    Entgeistert starrte Egon die Nachricht an. Besonders die letzte Zeile mit den vielen Ausrufezeichen hatte sein Interesse geweckt.
    „Scheiße, wir – wir müssen hier runter, auf der Stelle!“
    Sogleich wollte Egon zur Seite robben, wieder auf die Luke zu – und schrie entsetzt auf, als sein rechter Arm plötzlich nicht mehr mit wollte. Rasch drehte er den Kopf zurück und erkannte, dass sich der unliebsame Gehstock in einer Dielenritze verklemmt hatte. So angestrengt er auch mit dem Arm herumwackelte, der Stab bewegte sich weder vor noch zurück – und mit der anderen Hand kam er auch nicht daran, ohne sich mindestens eines seiner Gliedmaßen auszukugeln.
    „Hilf mir mal, Marten – mach schon, du musst das verdammte Teil rausziehen!“
    Augenblicklich kroch Marten zu ihm heran, packte den Stock mit beiden Händen und zog ihn mit aller Kraft wie einen Hebel nach oben. Holzsplitter durchfetzten die dichte Luft, als die ganze Bodenlatte in der Mitte durchbrach – schreiend rutschte Marten ab, verlor den Halt und konnte sich nur mit Mühe an einer weiteren Planke festhalten, die zunächst mit einem schier ohrenbetäubenden Knirschen reagierte und anschließend ebenfalls splitternd den Dienst quittierte. In seiner Panik griff der Zeichner nach dem Erstbesten, das sich in Reichweite befand.
    „Marten, was – nicht mein Bein!
    Egon spürte, wie er nach hinten weggerissen wurde und krallte sich verzweifelt mit den Fingernägeln in einer heilen Diele fest – doch schon im nächsten Augenblick knackte und knirschte es unter ihm gewaltig, bis schließlich der ganze Boden wegbrach. Gemeinsam mit seinem japsenden Kollegen, einer Vielzahl von Holzstücken und einer monströsen Staubwolke stürzte er hinab und prallte nach kurzem Flug auf dem erwartungsgemäß unbequemen Marmortisch auf. Ein schwarzer Lichtblitz flackerte vor Egons Netzhaut auf, als um ihn herum die versammelte Gesellschaft von den Stühlen sprang.
    „Ach du meine Güte!“
    „Heiliger Herr Innos im Himmel!“
    „Zu Hilfe! Zu Hilfe!“
    Ächzend krümmte sich Egon neben dem wimmernden Marten auf der kalten Tischplatte zusammen und betastete mit zitternden Fingern die schmerzhaft pulsierende Stelle am Kopf, die gerade Bekanntschaft mit dem harten Stein gemacht hatte. Als er die Hand wieder zurückzog, war sie von feuchtem Blut benetzt.
    „Was geht hier vor?“, drang aus nächster Nähe die Stimme des alten Mannes zu ihm heran, der zuvor noch die Sitzung des Bilderbuch-Zirkels eröffnet hatte. „Wer seid Ihr – und, äh, wieso platzt Ihr derart ungestüm in unsere Versammlung hinein?“
    Erst im zweiten Anlauf schaffte es Egon, sich mit dem Oberkörper aufzurichten und einen verschwommenen Blick in die Runde der gewissenlosen Geheimbündler zu werfen, die sich rings um ihn herum aufgestellt hatten. Er zwang sich dazu, nicht dem Drang nachzugeben, gleich wieder umzukippen – er mochte sich zwar eine gefährliche Verletzung zugezogen haben, und sein Kopf fühlte sich an, als ob sich die versammelte Fauna von Myrtana darin ausgetobt hätte, aber das hieß noch lange nicht, dass er den Schergen des Bilderbuch-Komplotts, denen er nun schutzlos ausgeliefert war, kein Paroli bieten würde.
    „Ich bin hier... ich bin hier, um eurem entsetzlichen Treiben wider die Menschheit ein Ende zu bereiten!“, krächzte er hervor und blickte die Verschwörer so herausfordernd an, wie es einem Mann möglich war, der sich unmittelbar vor der Ohnmacht befand. „Ich weiß nicht, was ihr mit eurer Bilderbuch-Maskerade bezweckt, aber mich könnt ihr damit nicht täuschen! Wir wissen doch alle, worum es hier wirklich geht: Die Versklavung und Ausbeutung der ganzen Welt! Aber damit werdet ihr nicht durchkommen – ich werde alles an die Öffentlichkeit bringen, ich werde...“
    „Ruhig Blut, ruhig Blut“, ging der verwirrt guckende Meisterkonspirant dazwischen. „Ihr solltet wohl erst einmal Eure Verletzung behandeln lassen. Ich bin mir sicher, wir können das Missverständnis später in aller Ruhe aufklären.“
    „Es gibt kein Missverständnis, und ich werde mich ganz bestimmt nicht von euch einlullen lassen!“, kreischte Egon heiser. „Du bist ja der Kopf der ganzen Verschwörung!“
    „Das ist doch Unsinn“, brummte der Alte in etwas ärgerlichem Tonfall. „Ich bin Statthalter Decesso, und du bist hier bei keiner Verschwörung gelandet, sondern beim Bilderbuch-Zirkel.“
    „Aber... der Bilderbuch-Zirkel ist doch die Verschwörung! Oder etwa nicht?“, erwiderte Egon und konnte dabei seine zunehmende Unsicherheit zu seinem eigenen Ärger nicht vollends verbergen.
    Decesso kratzte sich ratlos am Kopf. „Wir tauschen hier bloß Bilderbücher untereinander aus. Das sagt doch eigentlich schon der Name, nicht wahr?“
    „Du... du hältst mich wohl für sehr naiv, oder?“, wehrte sich Egon mit Händen und Füßen gegen die beschämende Vorstellung, dass es überhaupt keine Verschwörung gab. „Ihr seid alle reich! Stinkreich! Euch quillt das Geld aus Nasen und Ohren, dass ihr kaum noch atmen könnt! Auf solche blödsinnigen Tauschaktionen seid ihr doch überhaupt nicht angewiesen!“
    Der Statthalter zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Tja, leider doch. Ihr wisst ja sicher selbst, wie teuer so ein ordentlich gebundenes Buch leicht werden kann, und wenn dann auch noch auf jeder Seite diese bunten Bildchen drauf sind... Da lohnt es sich einfach nicht, jedes Mal ein ganz neues Buch anzuschaffen, sobald unsere lieben Kleinen wieder eins durchgelesen haben – und besonders lange, muss man sagen, dauert das bei den dünnen Dingern ja meistens nicht gerade!“
    „Aber wenn es hier wirklich nur um Bilderbücher geht... was haben dann die beiden dort bei dieser Veranstaltung zu suchen?“ Anklagend deutete Egon auf Sebastiano und Konstantin, denen das Erstaunen über die unerwartete Ankunft ihrer Kollegen deutlich anzusehen war, und triumphierend rief er mit fester Stimme aus: „Die haben doch überhaupt keine Kinder!“
    „Die beiden Herren sind von der Gothschen Zeitung“, bemerkte Decesso überflüssigerweise. „Ich habe sie persönlich dazu eingeladen, an unserer Runde teilzuhaben, um später einen Bericht in Gestalt eines Zeitungsartikels darüber zu verfassen. Wisst Ihr, viele Menschen in Khorinis glauben, dass wir Bewohner des oberen Viertels verschwenderisch und gewissenlos mit unseren Gütern verfahren – ich erachte es nur als wünschenswert, diesen Leuten eine andere Seite unserer Gemeinschaft zu zeigen. Sie sollen erfahren, dass wir mit dem Geschenk des Reichtums, das wir erhalten haben, durchaus verantwortungsbewusst umgehen.“
    Spätestens jetzt war Egon nicht mehr bloß vom Dachboden, sondern viel stärker noch aus allen Wolken gefallen. Dass sein Umhang, wie er beiläufig feststellte, ganz oben an einem der zerstörten Holzbretter hängen geblieben war und er nun also mit nacktem Rücken zwischen all den erlauchten Herrschaften hockte, kümmerte ihn da kaum noch – viel stärker machte ihm zu schaffen, dass die ganze schöne Verschwörung, von der ihm Douglas so eindringlich berichtet hatte, gerade in der Luft zerplatzt war wie eine lebensmüde Sumpfgasdrohne. Den Traum vom Weltruhm in der Reporterszene konnte er sich ebenso abschminken wie eine Rückbeförderung in seine alte Position, so viel stand fest. Aber da war ja noch etwas anderes... der Grund, aus dem er eigentlich hier war...
    „Pleiten-Paule!“ Ohne jede Rücksicht auf seinen geschundenen Körper schreckte er blitzartig in die Höhe, als ihm der verruchte Betrüger erstmals wieder in den Sinn kam. Fieberhaft blickte er sich nach allen Seiten um, doch der extravagante Hut und sein Besitzer waren nirgends auszumachen.
    „Pleiten-Paule ist hier? Der Superbetrüger?“, entfuhr es dem überraschten Decesso, während sich seine Gäste panische Blicke zuwarfen.
    „Ihr kennt ihn wahrscheinlich als Lord Ottfried von der Wyrm“, beeilte sich Egon zu erklären. „Auf dem Kopf trägt er einen riesigen Zylinder mit so einem Kringel drum herum – ihr müsst ihn doch bemerkt haben, er saß gerade noch da drüben!“
    „Der Mann mit dem Hut war Pleiten-Paule?“, meldete sich eine hohe Frauenstimme zu Wort. „Er hat gerade erst den Raum verlassen!“
    Nun hielt es niemanden mehr auf seinem Platz. Während Egon noch versuchte, vom Marmortisch herabzusteigen, waren einige aufgebrachte Adlige bereits zur Eingangstür gelaufen und rüttelten vergeblich an der Klinke.
    „Die Tür ist versperrt“, vermeldete ein dicker Mann im Waranlederwams unter heftigem Schnaufen. „Paule muss sie hinter sich verschlossen haben!“
    Statthalter Decesso griff sich erschrocken in die Hosentasche und erbleichte. „Er – er hat meine Schlüssel genommen!“
    Wilder Zorn flammte in Egon hoch, als er begriff, dass ihn Pleiten-Paule einmal mehr ausgetrickst hatte: Der Schurke hatte die Konfrontation gescheut und sich aus dem Staub gemacht, solange die Gelegenheit noch günstig war. Aber weit konnte er nicht gekommen sein – und in jedem Fall hatte er die Rechnung ohne die eiserne Beharrlichkeit eines echten Reporters gemacht!
    Schon hatte sich Egon auf wackeligen Beinen einen Weg durch die aufgescheuchte Menge der Oberviertler gebahnt und legte stolpernd die letzten Schritte zu einem der großen Fenster zurück. Gereizt schob er den Abstelltisch beiseite, den man vor dem Fenster aufgestellt hatte, wischte sich anschließend einen Schwall warmen Blutes aus dem Gesicht, der ihm das linke Auge zu verkleben drohte, und starrte schließlich durch das Fenster auf den Platz hinaus.
    „Pech für dich, dass man sich im oberen Viertel unmöglich verstecken kann, Paule“, mumelte er halblaut zu sich selbst. „Erst recht nicht, wenn man einen dermaßen bescheuerten Hut trägt.“
    Tatsächlich hatte es keine Sekunde gedauert, bis er den flüchtigen Betrüger entdeckt hatte: Gebückt presste er sich im Schatten eines vorstehenden Daches an einer Hauswand entlang und hatte sich wohl Hoffnungen gemacht, auf diese Weise nicht entdeckt zu werden.
    Entschlossen packte Egon den Gehstock mit beiden Händen, holte weit aus und zerschmetterte mit kräftigem Schwung das Fensterglas. Schnaubend schüttelte er sich einige Glasscherben vom Leib und wollte bereits nach draußen springen, als ihm die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens bewusst wurde: Bis er sich erst einmal durch die erschreckend stacheligen Dornenhecken da draußen gekämpft hatte, war Paule mit Sicherheit längst über alle Berge – und falls nicht, so hatte er selbst, blutend und schwankend wie er war, bestimmt nicht die besten Erfolgsaussichten bei einer Verfolgungsjagd. Auf diese Weise konnte er nicht gegen Pleiten-Paule ankommen, begriff Egon, und beobachtete unruhig, wie der Superverbrecher sich Schritt für Schritt von ihm entfernte. Was er jetzt dringend brauchte, war eine Möglichkeit, Paule aus der Entfernung aufzuhalten.
    Hastig zwängte sich Egon aus der halben Weste hervor, schmiss das verhasste Kleidungsstück mitsamt des arg ramponierten Gehstocks achtlos zu Boden und wirbelte anschließend zum Abstelltisch herum. Er suchte den Tisch kurz mit den Augen ab und griff sich in der nächsten Sekunde ein soßenverschmiertes Messer von einem der schmutzigen Teller. Es war gegen seine Prinzipien, andere Menschen zu verletzen, aber wenn er die Liebe des Betrügers zu seinem monströsen Hut richtig einschätzte, dann war es womöglich gar nicht erforderlich, Paule selbst zu erwischen.
    Egons Finger vibrierten, als er die Hand mit dem Messer hob. Er musste sich jetzt konzentrieren, seinen Atem entschleunigen, das war das Allerwichtigste. Selbst auf die große Entfernung war noch gut zu erkennen, dass der Hut aus festem Material bestand, das sich von einem einfachen Messer bestimmt nicht widerstandslos durchbohren ließ. Aber ganz oben, auf der Spitze, saß ja noch der kleine runde Plüschbommel...
    Ein Kribbeln stieg von Egons Beinen bis in den Kopf auf. Jetzt kam alles auf diesen einen Wurf an, auf diesen einen Moment. Es war der Moment, um Geschichte zu schreiben, auch wenn niemand dabei zusah. Der Moment, mitten ins Auge der Blutfliege zu treffen.

    Als Egon und Marten humpelnd, dornengespickt und in Egons Fall halbnackt das Wohnhaus erreichten, war ein verzweifelter Pleiten-Paule noch immer dabei, mit beiden Händen an dem dreckigen Silbermesser zu zerren, mit dem Egon die Spitze seines Hutes an der hölzernen Randverzierung der Hauswand festgetackert hatte. Noch bevor der Betrüger das zweckentfremdete Besteckstück endlich aus dem Holz gelöst und sich den Hut behände wieder auf den Kopf gesetzt hatte, war ihm der Fluchtweg von den beiden Zeitungsangestellten versperrt worden.
    „Ihr... ihr könnt mir gar nichts!“ Nervös wanderten Paules schreckgeweitete Pupillen von Egon zu Marten und wieder zurück, während er mit dem Messer vor seiner Brust herumfuchtelte. „Ich bin bewaffnet und gefährlich!“
    „Wenn ich gewollt hätte, dann hätte ich dich gerade töten können“, stellte Egon klar und gab sich alle Mühe, dabei so abgebrüht wie möglich zu klingen. „Aber daran habe ich kein Interesse. Wir wollen nur unser Geld zurück.“
    „Euer Geld?“, stammelte Paule. „Ich... weiß gar nicht, wovon...“
    Wütend deutete Egon über seinen Rücken in Richtung Rathaus. „Hör mal, du kannst uns entweder unsere zwanzigtausend Goldmünzen zurückgeben, oder wir bleiben hier alle drei stehen und warten, bis Statthalter Decesso mit seinen Leuten bei uns angekommen ist. Lange werden die bestimmt nicht mehr brauchen, bis sie die Tür aufbekommen haben.“
    Aus Paules rastlosen Augen war unschwer herauszulesen, dass er angestrengt nach einem Weg suchte, seinen beiden Häschern wieder zu entschlüpfen. Schließlich sah er wohl ein, dass er in der Falle saß, und setzte eine zerknirschte Miene auf.
    „Hört mal, ich würde euch das Geld ja zurückgeben, ehrlich! Bloß, naja, habe ich es leider nicht mehr.“
    „Was soll das heißen, du hast es nicht mehr?“, donnerte es aus Egon hervor. „Weißt du eigentlich, wie viele Scherereien ich wegen dir heute schon hatte? Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, meine Freiheit und meine Würde, nur um dich zu finden – und du, du sagst mir, du hast das verdammte Geld nicht mehr?!
    „Hey, jetzt reg dich aber mal wieder ab!“ Ärgerlich stemmte Pleiten-Paule die Hände in die Hüften. „Wegen euch beiden und eurer bescheuerten Zeitung musste ich mir das Geld doch überhaupt erst beschaffen! Habt ihr auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was ihr mir damit antut, meinen Hut auf eurer Titelseite abzubilden? Ganz Khorinis kennt jetzt meinen alten Hut – was bleibt mir denn da anderes übrig, als mir einen neuen zuzulegen, hm? Und hast du auch nur den Hauch einer Ahnung, wie teuer so ein Hut ist? Weißt du, da bin ich gerade mal einen Tag lang auf Khorinis und steh schon beim Hutmacher in der Kreide – herzlichen Dank, sag ich da nur. Herzlichen Dank! Tja, und als ich mir so überlegt habe, wie ich an den Zaster rankomme, um den neuen Hut abzubezahlen, da dachte ich mir: Wieso nimmst du es nicht einfach von den Typen, die dir den ganzen Ärger überhaupt erst eingebrockt haben? Ausgleichende Gerechtigkeit ist das. Ich hab mir also nur zurückgeholt, was ihr mich mit eurer idiotischen Titelseite vorher gekostet habt!“
    „Aber damit hatten wir doch überhaupt nichts zu tun“, verteidigte sich Egon. „Das war mein schmieriger Kollege Sebastiano! Und nennst du es etwa gerecht, wenn ich jetzt meine Anstellung verliere, nur weil du dir unbedingt einen völlig überteuerten Hut kaufen musstest?“
    „Der Hut ist wichtig!“, entrüstete sich der eingekesselte Betrüger. „Wenn ich keinen Hut aufhabe, dann fangen die Leute nachher noch an, sich mein Gesicht zu merken – und dann kann ich meinen Job auch gleich an den Nagel hängen!“
    „So wie ich, meinst du? Ich habe Frau und Kind! Du... du hast eine ganze Familie in den Abgrund gestürzt!“
    „Tut mir leid“, murmelte Paule und wirkte dabei fast ein wenig ehrlich. „Aber ich habe auch Frau und Kind, und die haben bestimmt größere Ansprüche als deine.“
    Egon fixierte den Schurken mit einem eisigen Blick. „Ihre Ansprüche werden sie herunterschrauben müssen, wenn das Familienoberhaupt demnächst im Kerker verrottet. Decesso wird bestimmt ein hübsches Plätzchen für dich reservieren, wenn er gleich hier ist.“
    „Hey, warte – warte, nein!“ Hektisch wedelte Paule mit den Armen in der Luft herum und schmiss dabei, absichtlich oder nicht, das Messer beiseite. „Pass auf, den Hut krieg ich nicht wieder verkauft, erst recht nicht mit dem Loch im Bommel, das dank dir jetzt drin ist – aber, ich – ich geb dir alles, was von den Zwanzigtausend noch übrig ist, okay? Das sind... sieh mal... tausend Münzen und... und, ich glaube, sogar noch ein paar mehr!“
    Paule hatte aus einer gut verborgenen Innentasche seines Mantels einen kleinen Stoffbeutel hervorgezogen und drückte ihn Egon eifrig nickend in die Hand.
    „Und... hey! Du hast ein kleines Kind, hast du gesagt? Dann, dann – pass auf, dann lege ich das Bilderbuch, das ich vorhin erhandelt habe, auch noch obendrauf! Was sagst du?“
    Egon runzelte skeptisch die Stirn, als ihm ein schafsförmig ausgestanztes Bilderbuch mit wollüberzogenem Einband names Wolli das Schaf gereicht wurde.
    „Komm schon, lass mich gehen – was hast du denn davon, wenn ich im Knast lande, hm? Davon bekommst du dein Geld auch nicht wieder zurück!“
    „Und was habe ich davon, wenn ich dich gehen lasse?“, entgegnete Egon forsch.
    „Du, ähm... du...“
    „Siehst du.“
    „Lass mich doch erstmal aussprechen!“ Immer wieder blickten die Augen des gescheiterten Meisterverbrechers zum Rathaus herüber, und in seiner offensichtlichen Todesangst tat er Egon beinahe leid. „Die – die Befragung, du weißt schon... die Fragen, die du Rhobar stellen wolltest, für die Zeitung! Ich schwöre dir, wenn ich jemals eine Gelegenheit bekommen sollte, sie dem König vorzulegen, dann –“
    Egon schüttelte seufzend den Kopf. Es war offensichtlich, dass aus Paule nichts mehr herauszubekommen war.
    „Hau schon ab.“
    „Wi... wirklich?“ Pleiten-Paule strahlte dankbar über das ganze Gesicht. „Das werd ich dir nicht vergessen, Mann! Ehrlich nicht!“
    Mit einer flinken Handbewegung rückte er den Hut gerade, winkte noch einmal kurz zum Abschied und war im nächsten Augenblick auch schon in Richtung der Treppe zu den unteren Bezirken entschwunden.
    Egon sah ihm kurz nach, dann ließ er sich zu Boden sinken, legte Geldbeutel und Bilderbuch auf dem Boden ab und schlang resigniert die Arme um seinen zitternden nackten Oberkörper. In der Abendkälte des beginnenden Winters würde er sich zusätzlich zur Gehirnerschütterung, die er vermutlich sowieso schon erlitten hatte, zweifelsohne auch noch eine furchtbare Erkältung einfangen. Aber vielleicht war es ja besser so, wenn er die Nacht nicht überlebte.
    „Das war’s dann wohl, Marten“, wandte er sich leise seinem Zeichner zu, der noch immer etwas benommen schien vom Sturz aus dem Speicher. „Es gibt keine Verschwörung, über die wir berichten könnten, und das Geld haben wir auch nicht bekommen. Van Goth wird sich nie im Leben mit tausend Münzen zufrieden geben... Ob wir ihm das abliefern oder gar nichts, das läuft aufs Gleiche hinaus.“
    Marten guckte ihn eine Zeit lang aus leeren Augen an, dann regte sich plötzlich etwas in ihm und sein Blick richtete sich auf den Geldsack und das Bilderbuch zu Egons Füßen.
    „Wenn das so ist... siehst du auch, was ich sehe?“
    Egons Stimme war kraftlos, als er sich zu einer Antwort durchrang. „Was denn?“
    „Naja...“, sagte Marten. „Tausend Goldmünzen und ein Schaf.“

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    Theophilus van Goth hatte beide Arme über der Brust verschränkt und blickte seinen Gast aus zusammengekniffenen Augen an wie eine lästig gewordene Riesenratte, die sich einmal zu oft aus der Kanalisation an die Oberfläche hervorgewagt hatte.
    „Guten Morgen, Egon“, begrüßte er den Reporter mit betont ruhiger, lauernder Stimme. „Ich nehme an, du bringst mir mein Geld zurück?“
    Egon zog geräuschvoll schniefend eine Ladung Schleim die Nase hoch und sank auf dem unbequemen Besucherstuhl noch ein kleines Stückchen weiter in sich zusammen.
    „Nein, Herr van Goth“, murmelte er. „Es war nicht möglich. Pleiten-Paule hat bereits alles ausgegeben.“
    Einen kurzen Augenblick lang sah van Goth so aus, als plante er einen neuerlichen Wutanfall, dann allerdings entschied er offenbar, dass Egon die Mühe nicht mehr wert war.
    „Und du wagst es trotzdem, mir nach alledem noch unter die Augen zu treten“, stellte der Verleger in sachlichem Tonfall fest. „Möchtest du mich jetzt anbetteln, dich weiterhin zu beschäftigen, nachdem du ein ums andere Mal deine völlige Unfähigkeit in sämtlichen denkbaren Belangen unter Beweis gestellt hast? Hast du dir deshalb diesen erbärmlichen Kopfverband anlegen lassen? Sitzt du deinem Vorgesetzten deshalb mit einer widerwärtigen tropfenden Nase gegenüber? Es wundert mich bloß, dass du deine niedliche kleine Tochter nicht auf dem Arm hältst!“
    „Ich... Herr van Goth...“
    „Glaubst du etwa, ich wäre hier und jetzt der Kopf des größten Zeitungsbetriebes der bekannten Welt, wenn ich Menschen für mich arbeiten ließe, nur weil sie mein Mitleid erregen? Wenn ich meine ersten Mitarbeiter damals nicht nach ihren Fähigkeiten als Reporter, Zeichner und Abschreiber eingestellt hätte, sondern einzig und allein nach dem Kriterium ihrer Erbarmungswürdigkeit? Glaubst du das etwa, Egon? Glaubst du das wirklich?“
    „Nein... nein, Herr van Goth.“
    „Dann sind wir uns ja einig“, entschied der Zeitungsmogul. „Du kannst dir sicher sein, dass ich deine Dienste nicht länger benötigen werde. Siehst du das hier?“
    Mit großer Geste zog er die Scavengerfeder aus dem Tintenfass heraus und setzte seine ausladende Unterschrift unter ein Dokument, das neben einigen anderen Blättern auf seinem Schreibtisch lag.
    „Ich habe gerade deinen Nachfolger eingestellt“, erläuterte er. „Der Mann hat alles, was dir, Egon, völlig abgeht: Raffinesse, ein Gespür für gute Schlagzeilen und nicht zuletzt Einblick in Lebensbereiche, die einem typischen khoriner Kleinbürger wie dir ganz und gar unbekannt sind.“
    Mit seinen groben Händen klaubte van Goth ein paar der Blätter vom Tisch auf und hielt sie dem frisch entlassenen Redakteur unter die Nase. Egon entzifferte auf einem davon die Schlagzeile: PRUNKVOLLE ENGELSSTATUEN VERSTAUBEN IM RATHAUS VON KHORINIS – Zahlen wir dafür etwa unsere Steuern? Auf einem anderen erkannte er die Überschrift: NEUER ÄRGER UM LADY CATHALINES UNEHELICHES KIND – Alles zum erbitterten Erbstreit um die Vaterschaft.
    „Diese beiden Probeartikel hat er mir heute Morgen vor die Tür gelegt – und beide sind sie um Welten besser als all das erbärmlich langweilige Zeug, das du in den vielen Jahren, da ich dich Tag für Tag durchgefüttert habe, je zustande gebracht hast! Nimm nur allein den Artikel über die Eheprobleme der Lady Cathaline – nie zuvor hatten die Menschen Gelegenheit, solchen Anteil an der intimsten Sphäre der Reichen und der Schönen zu nehmen. Die Texte dieses Virtuosen sind revolutionär – eine völlig neue Art von Nachricht! Er hat darüber hinaus sogar schon eine wöchentliche Serie über das Leben eines frischgebackenen Klosterschülers angekündigt: Vom Hafenjungen zum Feuerpriester – das wird einschlagen wie eine Windfaust! Dieser Mann überwindet sämtliche Mauern, die uns zuvor undurchdringlich schienen! Und jeden seiner Artikel – hörst du, Egon? – unterschreibt er bloß mit Der Lord. Das ist schmissig, das hat Pepp, das wird in wenigen Wochen Kult sein! Dieser Mann, dieser Lord Regonas ist ein echter, ein wahrer Reporter nach meinem Geschmack. Und ab heute wird er als leitender Redakteur für mich arbeiten!“
    Als van Goth geendet hatte, richtete sich Egon auf und schüttelte dem verdutzten Chefredakteur lächelnd die Hand.
    „Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Herr van Goth. Es wird mir eine Freude sein, mit Euch zusammenzuarbeiten.“
    Van Goth starrte ihn einen kurzen Moment lang entgeistert an, dann begriff er, dass er die Hand des Mannes geschüttelt hatte, den er eigentlich auf möglichst lässige Weise hatte entlassen wollen und ließ sie erschrocken wieder los.
    „Was soll der Unsinn, Egon?“, schnaubte er ärgerlich. „Du willst mir doch nicht einreden wollen, dass du dieser Lord Regonas bist? Das ist lächerlich!“
    „Ein wenig mehr journalistischen Spürsinn hätte ich Euch ja schon zugetraut“, gönnte sich Egon eine kleine Stichelei. „Regonas, das ist bloß mein Name mit ein paar zusätzlichen Buchstaben drum herum. Mit Verlaub, die Lunte riecht doch ein verschnupftes Molerat aus drei Meilen Entfernung.“
    „Und wie willst du bitteschön an all die Informationen herangekommen sein? Du bringst es doch nicht mal übers Herz, dir eine zusätzliche Fleischwanze auszudenken – wie kommst du also auf einmal dazu, dir die Lebensgeschichte einer ganzen Adelssippe zusammen zu fantasieren, hä?“
    Gut gelaunt hob Egon die Arme. „Naja... das habe ich ja nicht. Es ist eben alles wahr. Ich habe da so meine Quellen.“
    Die breiten Falten auf van Goths Stirn kräuselten sich zu tiefen Tälern. „Egon, wenn ich herausbekommen sollte, dass du versuchst, mich über den Tisch zu ziehen...“
    „Ich gebe Euch mein Wort drauf, dass ich die Wahrheit sage“, versicherte Egon. „Ich bin Lord Regonas.“
    „Hmm.“ Grübelnd musterte van Goth seinen jüngst wiedereingestellten Mitarbeiter. „Du wirst sicher deinen alten Zeichner zurückhaben wollen, oder?“
    Egon hob mit stolzer Miene die Hand zum Zeichen der Abwehr „Auf gar keinen Fall werde ich mich noch einmal mit diesem hinterhältigen Mistkerl abgeben!“
    „Wie du möchtest. Wenn du der Meinung bist, dass Marten eine angemessene Leistung abliefert, dann werde ich dir in diesem Punkt nicht reinreden.“
    „Wisst Ihr, Marten mag als Zeichner vielleicht nicht perfekt sein, als Mensch jedoch...“ Egon hielt einen Moment inne, dann wurde ihm bewusst, was er da eigentlich von sich gab. „Wisst Ihr was? Ich nehme Konstantin zurück!“
    Sein Vorgesetzter nickte langsam und blickte Egon nachdenklich an.
    „Ich weiß nicht, wie genau du an all diese Nachrichten kommst, Egon. Aber wenn du deine Sache gut machst, dann muss es mich auch nicht weiter interessieren.“
    Van Goth beugte sich vor und reichte Egon nach kurzem Zögern die Hand.
    „Nun denn. Auf gute Zusammenarbeit... Lord Regonas.“
    Egon ergriff die ihm angebotene Hand, schüttelte sie energisch und schenkte dem Verleger ein breites Lächeln.
    „Auf gute Zusammenarbeit... Mirko.“

    „Ein Hoch auf Egon!“
    „Er lebe hoch! Hoch! Hoch!“
    Nur höchst selten war die Stimmung in Douglas’ gemütlicher Hafenkneipe derart ausgelassen wie an diesem bierseligen Winterabend. Begeistert schwenkten selbst jene Gäste, die mit der Dartgemeinschaft sonst nicht besonders viel am Hut hatten, ihre übervoll gefüllten Humpen und prosteten dem spendablen Helden des Abends zu, der die vielen Bravorufe und Lobeshymnen fröhlich grinsend zur Kenntnis nahm.
    „Dass... dassich das noch erleben darf“, nuschelte der euphorisierte Karlo im Freudentaumel drauf los, der schon besoffen gewesen war, noch bevor Egon die größte Freirunde in der Geschichte der Kneipe geschmissen hatte. „Sowas Schpek... Schpektakuläres is’ mir im Leben noch nich’ untergekommen!“
    „Und du bist dir auch ganz sicher, dass du dir das leisten kannst?“, erkundigte sich Egons Tresennachbar Fred besorgt. „Nich’ dass du dich hier noch irgendwie in Schwierigkeiten bringst...“
    „Keine Sorge, ich kann mir das leisten“, erwiderte der glückliche Reporter, beugte sich zu seinem Freund herüber und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Dank dir.“
    Fred zwinkerte ihm vergnügt zu. „Ich bin’m alten Freund wie dir doch immer gern mit’m kleinen Gefallen behilflich. Und wenn’s bloß darum geht, ’n bisschen Tratsch und Klatsch zu verbreiten, dann ja wohl erst recht.“
    „Danke, Fred.“
    Egon genoss den Jubel und die Dankbarkeit seiner Mitmenschen, doch als die erste Welle der allgemeinen Begeisterung ein wenig abgeebbt war, erinnerte er sich daran, dass er nicht nur deshalb hergekommen war, um die beiden ausgefallenen Freirunden wieder wett zu machen. Er hatte etwas zu verkünden.
    Als er spürte, dass die richtige Zeit gekommen war, erklomm er unter Douglas’ missbilligenden Blicken die Theke und hob seinen Bierkrug, um zu signalisieren, dass er eine Rede halten wollte. Es dauerte zwar ein wenig, aber schließlich waren die meisten Gespräche verstummt und ein Großteil der anwesenden Augen richtete sich auf den Sponsor des heutigen Abends.
    „Meine lieben Freunde“, begann Egon und fühlte sich dabei plötzlich sehr seltsam. Er hatte sich die Worte im Voraus zwar genau zurechtgelegt, doch jetzt, da er sie kundtun musste, fühlten sie sich mit einem Mal so bedeutsam an, dass er Angst vor seiner eigenen Entscheidung bekam. „Ihr wisst ja alle, dass ich... dass ich seit geraumer Zeit täglich herkomme. Ich fühle mich hier zuhause, werde respektiert und – naja, es gibt hier Menschen wie mich selbst. Die Hafenkneipe von Khorinis!“
    Erneut brandete großer Jubel aus, aber die Neugier auf den Rest der Botschaft ließ die Menge bald wieder in Schweigen verfallen.
    „Ihr habt euch immer Zeit genommen, um mir zuzuhören. Wir hatten gemeinsame, amüsante und schöne Stunden... ja, hier waren und sind noch immer ein Großteil meiner Freunde. Doch seit den frühen Tagen hat sich einiges verändert. Mittlerweile habe ich eine wunderbare Frau und eine gut bezahlte Arbeit, die mir seit Kurzem sogar auch noch eine Menge Spaß macht. Was früher unwichtig schien, das ist nun schon seit einiger Zeit weitaus wichtiger geworden als alles andere. Und – und kürzlich, ja, da ist mir klar geworden, dass ich meiner Familie niemals ein besseres Leben werde ermöglichen können, wenn ich jeden Abend bei euch sitze und mein Geld für Bier und Dartwetten verprasse. Wisst ihr, ich habe Träume: In einem oder vielleicht zwei Jahren könnte ich genug Geld gespart haben, um mir eine Wohnung in einem der besseren Viertel von Khorinis zu leisten. Meine Tochter ist noch klein, aber wenn sie erst einmal etwas älter geworden ist, dann hat sie eine gute Schulbildung verdient und ein angemessenes Umfeld. All die versoffenen Gestalten hier im Hafenviertel, die sind kein ordentlicher Umgang für sie.“
    Unter seinen Zuhörern regte sich plötzlich leichter Unmut, und als er sich daran erinnerte, vor wem er eigentlich gerade seine Rede hielt, fügte Egon hastig hinzu: „Anwesende natürlich ausgeschlossen! Nun – was mir bleibt, das sind Erinnerungen. Erinnerungen an eine wirklich tolle Zeit... an wirklich tolle Menschen, denen ich danken möchte. Das hier soll kein Abschied werden, keineswegs – ich werde euch natürlich noch ab und an besuchen, ein oder zweimal im Jahr vielleicht. Aber das muss es dann auch gewesen sein, und ich bitte euch von ganzem Herzen, diese Entscheidung zu akzeptieren und mich nicht dafür zu verurteilen. Denn in einem, da könnt ihr euch gewiss sein: Ganz tief in mir drin, in der größten und goldensten Kammer meines Herzens, da wird auf ewig ein Platz an der Sonne für euch reserviert sein.“
    Er atmete noch einmal tief durch, dann setzte er mit heiserer Stimme hinzu: „Ich danke euch.“
    Die Kneipenbesucher wussten ganz offensichtlich nicht so recht, wie sie auf diese Ankündigung reagieren sollten. Applaus brandete auf, hier und da wurde gejubelt und ein paar Buhrufe waren auch zu hören.
    „Was war denn das bitte für eine pathetische Scheiße?“, fuhr Douglas seinen Stammkunden an, als der von der Theke wieder heruntergestiegen war. „Länger als zwei oder drei Tage hältst du das doch sowieso nicht durch.“
    Ein wissendes Lächeln schlich sich auf die Lippen des Redakteurs. „In diesem Fall täuschst du dich, Douglas. Meine Entscheidung steht fest – und meine Tochter wird es mir später einmal zu danken wissen.“
    „Hm. Na dann.“ Missmutig kippte Douglas zwei stehen gelassene, halbvolle Krüge Bier zu einer frischen Portion zusammen. „Ich hoffe, du hast wenigstens ein schlechtes Gewissen, wenn du in ein paar Wochen hörst, dass ich Pleite gegangen bin. Ich hab ja schließlich auch einen Sohn, weißte?“
    „Du und dein Sohn, ihr kommt schon ohne mich klar“, sagte Egon und nippte an seinem letzten Bier für eine lange, lange Zeit. „Aber meine Tochter, die braucht mich. Und ich... ich werde immer für sie da sein.“

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    Fenias Zähne klapperten, als sie den Schal um ihren Hals noch etwas fester zog und sich so gut es ging in ihren viel zu knapp bemessenen Wollmantel einmummelte. Der Abend war schon angebrochen und die Händler auf dem Marktplatz hatten sich bestimmt längst in ihren gemütlichen Häusern unter ihre wohligen Decken gekuschelt, aber Fenia konnte es sich nicht leisten, vorzeitig Feierabend zu machen. So unwahrscheinlich es war, dass sich um diese Uhrzeit noch Kunden an ihren Stand verirrten, so unangenehm war der Gedanke, dass die wenigen Münzen in der Tonkaraffe neben dem Gemüsekorb tatsächlich die gesamten Einnahmen des heutigen Tages bedeuten sollten. Halvor, so vermutete sie, war es bestimmt auch nicht viel besser ergangen, denn im Winter bissen die Fische ähnlich schlecht wie das Gemüse wuchs und die paar fahlen Gerippe, die ihr Ehemann im Angebot hatte, würden sich wohl nicht viel besser verkaufen als ihr eigenes bitteres Unkraut. Mit Wehmut dachte Fenia daran, dass die größten Sorgen anderer Menschen um diese Jahreszeit darin bestanden, ein paar gute Ideen für die Geschenke zum Winterfest aufzutreiben. Ideen hatte sie im Überfluss, bloß konnte sie keine einzige davon finanzieren.
    Kleine weiße Wölkchen bildeten sich in der eisigen Luft, als Fenia bibbernd ausatmete. Leise ächzend rubbelte sie sich den Frost von den steifen Fingern und bemerkte dabei einen unangenehm stechenden Schmerz im Handgelenk, der ihr in den vergangenen Tagen schon häufiger aufgefallen war. Sie konnte bloß hoffen, dass er gemeinsam mit dem Winter wieder verschwinden würde.
    „Frau Fenia Helen Regonas?“
    Die Händlerin schreckte hoch, als sie so unvermittelt beim Namen gerufen wurde. Es war ja gar kein Wunder, dachte sie ärgerlich, dass es ihr an Kunden mangelte, wenn sie die wenigen, die es gab, einfach übersah, um stattdessen lieber wie blöde auf ihre eigenen Hände zu starren! Der Mann, der sie gerade angesprochen hatte und die beneidenswert mollige Pelzkleidung eines städtischen Bediensteten trug, war allerdings zu Fenias Bedauern kein Kunde, wie sie sogleich bemerkte. In der Hand trug er einen hellgrauen, versiegelten Umschlag, auf dem sich bereits geringe Frostspuren abzeichneten.
    „Ja, die bin ich“, antwortete Fenia ihrem Besucher knapp. Er musste erst kürzlich in den Botendienst eingetreten sein, denn sie hatte den jungen Mann noch nie zuvor gesehen. Außerdem hatte sie allen anderen Boten bereits beigebracht, dass der Künstlername ihres Vaters nicht gleichzeitig ihr Nachname war.
    „Ihr habt die Ankunft des Schiffes aus Vengard heute Morgen ja sicher selbst verfolgt, nehme ich an?“
    Fenia nickte. Es war auch schier unmöglich gewesen, nichts davon mitzubekommen – jedes etwas größere Stück Treibholz, das in den eingeschlafenen Hafen von Khorinis geschwemmt wurde, war ja bereits ein Großereignis.
    „Dieser Brief hier ist mit dem Schiff gekommen. Er ist an Lord Regonas adressiert, aber da Euer Vater... nun, Ihr wisst schon...“ Betreten blickte der junge Mann zu Boden. „...da sich Euer Vater an einem Ort aufhält, der... der sich außerhalb meiner Zustellungsgewalt befindet...“
    „Schon gut“, erlöste Fenia den armen Jungen. „Ich nehme ihn.“
    Erleichtert reichte ihr der Bote den Brief herüber und nickte ihr noch einmal zum Abschied zu.
    „Ich wünsche Euch ein frohes Winterfest, Frau Regonas!“
    Fenia brummte etwas Unverständliches und sah dem Boten hinterher, wie er durch den Schnee in Richtung des oberen Viertels davon stapfte.
    Missmutig blickte sie den dicken Brief in ihrer Hand an. In den kleinen Umschlag hatte der Absender offenbar einiges hineingestopft. Sie betrachtete das Kuvert noch kurz von beiden Seiten, dann brach sie das Siegel und hob die Lasche an. Verwundert zog sie ein ganzes Bündel eng beschriebener Papiere hervor, dem eine kleinere zusammengeklappte Notiz in einer anderen Handschrift beigelegt war. Fenia entfaltete das Papier und las:

    Hallo Egon – oder Lord Regonas, ganz wie es dir lieber ist!

    Ich gebe zu, sie haben ein bisschen auf sich warten lassen, und ich müsste wirklich lügen, um zu behaupten, dass ich mit den Umständen ganz und gar einverstanden bin, aber anbei findest du die ausführlichen Antworten König Rhobars auf deine fünfunddreißig Fragen. Es ist zwar mittlerweile ein anderer Rhobar, und die Frage nach seinem Lieblingsbier hat er ziemlich ausweichend beantwortet, wenn du mich fragst – aber alles in allem ist es immer noch eine Befragung des Königs, richtig? Und du solltest besser verdammt zufrieden damit sein, denn ich habe die Gelegenheit auf eine letzte leckere Mahlzeit dafür sausen lassen!

    Mit den besten Grüßen an dich und deine Familie,
    Pleiten-Paule

    Fenia blätterte die folgenden Seiten nur kurz durch, dann packte sie alles wieder in den Umschlag. „Pleiten-Paule“, murmelte sie leise zu sich selbst. „Typisch Papa...“
    Einige Minuten lang stand sie etwas unschlüssig hinter ihrem Stand herum. Dann entschied sie, dass es für heute ohnehin keinen Zweck mehr hatte, noch länger auf eine Kundschaft zu warten, die es um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter gar nicht mehr gab, und machte sich daran, ihren spärlichen Warenbestand in einen einzigen Korb zusammenzuräumen. Nachdem alles gut verstaut war, legte sie zuletzt die Geldkaraffe hinzu und trat, den Korb in der einen und den Brief in der anderen Hand, auf die verschneite Straße hinaus.
    Sie wusste, was ihr nun bevorstand, und sie hasste es.
    Irgendwann, nahm sie sich vor, würde sie Moe ordentlich dafür in die Eier treten, dass er nicht einmal die Postboten durchließ.
    Mit einem lautlosen Fluch auf den Lippen machte sich Fenia auf den Weg zu Kardifs Kneipe.


    Ende

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