El Toro


Mein lieber Neffe,

es freut mich ganz außerordentlich, dass auch die jüngste der Geschichten, die ich dir in den letzten Wochen mitgeteilt habe, dein Gefallen finden konnte. Wenngleich du schon durch mein vorangegangenes Schreiben erfahren musstest, dass sie die letzte Geschichte bleiben soll, da mein Vorrat aufgebraucht, meine Quelle versiegt ist, muss ich mir in dieser Sache doch eine kleine und hoffentlich verzeihliche Ungenauigkeit eingestehen: Wie du weißt, darf keine der vergangenen Erzählungen für meine eigene Erfindung gehalten werden, und die Arbeit eines Kopisten ist die einzige, die ich jemals an diesen Werken verrichtete – zu deinem Vergnügen, wie ich hoffe! Überhaupt ist es fraglich, ob all diese Geschichten aus ein und der selben Feder stammen, aber durch viele zieht sich, wie dir nicht entgangen sein wird, ein sehr charakteristischer Stil, der mich gehörig an die Person erinnert, aus deren Besitz ich die Sammlung erhalten habe und von der ich dir in diesem heutigen Schreiben erzählen möchte. Ja, tatsächlich, eine allerletzte Geschichte verbleibt: eine noch ungeschriebene Geschichte, die nie ein Teil der Sammlung war, die dir jetzt so gut bekannt ist, aber die dennoch in meinem Empfinden untrennbar mit ihr verbunden bleibt.
Du wirst dich vielleicht fragen, wieso ich erst jetzt davon spreche, und vielleicht hätte ich dir tatsächlich gleich zu Beginn unseres Briefwechsels von dieser seltsamen Begebenheit, dieser mir noch immer sehr unheimlichen Anekdote aus einer lange vergangenen Zeit berichten sollen. Offen gesagt, mein lieber Neffe: die Hauptperson meiner Geschichte ist der Grund. Noch in den Augenblicken, da ich diese Sätze forme, bin ich mir im Ungewissen darüber, ob es mir gelingen mag, das Wesen der rätselhaften Erscheinung recht in Worte zu fassen, die mir in all den Jahren nie ganz aus dem Kopf gegangen ist. Jegliches Wort, das ihr durch meine Finger in den Mund gelegt wird, muss jedem schal und schwach erscheinen, der ihre tatsächliche Gegenwart erfahren durfte – und wenn du nun glaubst, dass ich mich selbst zumindest doch zu diesen Menschen zähle, so kann ich nur ratlos mit den Schultern zucken und dich nach der Lektüre selbst urteilen lassen, ob ich dir von einem Menschen oder einem Phantom berichtet habe.
Du wirst die Unsicherheit und das Zaudern in meinen Worten spüren können, Neffe, aber in einem sei ganz gewiss: Jedes Wort der Geschichte ist wahr, denn mir selbst ist sie vor vielen Jahren so widerfahren.

Wer sich heute an einem klaren Morgen auf die Stadtmauern von Khorinis begibt und den Blick nach Süden hin richtet, dem wird wohl gleich der unheilvolle schwarze Turm des Magiers ins Auge fallen, der sich dort in den Himmel reckt. Keiner dieser Beobachter wird dem kleinen, halbrunden Hügel viel Beachtung schenken, auf dem der Magier seine Behausung errichtet hat, und der schon seit einem ganzen Jahrhundert durch einen längst überwucherten Pfad mit der nahen Stadt verbunden ist. Für mich aber ist es eben dieser Hügel, der ins Auge fällt, denn auf ihm habe ich einen großen Teil meiner Kindheit verbracht: Zu der Zeit, als ich noch jung und Khorinis ein Ort war, an dem man Kinder großziehen konnte, stand dort eine Schule.
Es muss im fünften oder sechsten Jahr nach meiner Einschulung gewesen sein – ich weiß noch, dass meine kleine Schwester erst seit kurzer Zeit am Unterricht teilnahm – als mein alter Lehrer für Wunder und Magie, der eigentlich schon pensionierte Meister Brugel, eines plötzlichen und wohl sehr unangenehmen Todes starb. Ich habe nie genau erfahren, was ihm widerfahren ist, denn die Eltern machten stets ein großes Geheimnis daraus, indem sie sich in unserer Anwesenheit darauf beschränkten, einander betroffene Blicke zuzuwerfen und uns mit allgemeinen Sprüchen über die Unvermeidlichkeit des Todes und das erfreuliche Nachleben in Innos' warmem Sonnenreich abzuspeisen. Hätte ich nicht während der Beerdigungszeremonie einen kurzen Blick in den Sarg werfen können, dessen Deckel, wohl aufgrund schlechter Verarbeitung, nicht richtig eingerastet war, dann hätte ich sicherlich nie vermutet, dass der alte, langweilige Meister Brugel einen so gewaltsamen Tod erlitten haben könnte. Die zufällige Beobachtung ließ mich nun allerdings eine Weile grübeln, und bestimmt tat auch die bleibende Erinnerung an den gruseligen Anblick des Leichnams ihr Übriges dazu bei, meinen Lehrer und sein merkwürdiges Schicksal nicht so bald aus den Gedanken zu verlieren. Nie zog ich jedoch in Erwägung, dass dem Meister ein Wunder oder gar Magie zum Verhängnis geworden sein konnte, denn das Unterrichtsfach trug seinen Namen bloß als Deckmantel für die immer gleichen ermüdenden Erzählungen über die drei Götter, ihre Lehren und eine unüberschaubare Anzahl wenig aufregender Priester, zu denen Meister Brugel natürlich nie gehört hatte. Niemand von uns hatte ihn je zaubern sehen, und es war ja für die Unterrichtung eines solchen Faches auch überhaupt kein tatsächlicher Magier nötig. So gering mein Interesse an Brugel und seinem Unterricht immer gewesen war, so sehr beschäftigte mich der alte Lehrer nun nach seinem Tod, und vielleicht hätte ich durch mein beständiges Fragen und hartnäckiges Nachforschen, das ich als kleiner Junge schon sehr gut betreiben konnte, irgendwann tatsächlich die Wahrheit erfahren, wenn nicht ganz unvermittelt ein neues, größeres und wesentlich eindrucksvolleres Rätsel erschienen wäre und alles übrige mit Macht beiseite gedrängt hätte.
Es mussten ungefähr zwei Wochen seit der Beerdigung vergangen sein, der Herbst war gerade in die volle bunte Blüte seines Laubes getreten, als man uns benachrichtigte, dass man sich erfolgreich um eine geeignete Nachfolge bemüht habe und der Unterricht in Wunder und Magie fortgesetzt werden könne. Am nächsten Tag saßen wir alle sehr gespannt im Klassenraum und redeten uns die Münder fusselig über die Person, die da wohl gleich kommen mochte. Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei natürlich die Frage, ob uns nun womöglich endlich ein vollwertiger Magier unterrichten würde, der vielleicht auch einmal etwas Magisches anstellen oder zumindest das eine oder andere kleine Wunder wirken wollte. Insgeheim hatte ich mich allerdings schon darauf eingestellt, dass man uns einen weiteren greisen Langweiler zuzustellen gedachte, der seinen Vorgänger an Gewöhnlichkeit vielleicht gar noch übertraf; und auch bei meinen Mitschülern galt es als eine Selbstverständlichkeit, dass unser neuer Lehrer in jedem Fall weißhaarig und zumindest ein klein wenig faltig im Gesicht sein musste. Es dauerte daher eine Weile, bis wir alle begriffen hatten, dass die junge Frau mit den langen, schwarz glänzenden Haaren, die gerade sehr unauffällig und im ersten Moment wohl von den meisten unbemerkt in den Raum gefunden hatte, tatsächlich als Nachfolgerin unseres alten Meister Brugel angetreten war.
Alles schwieg, ganz gebannt schauten wir zu der schmalen, blassen Schönheit empor – und als sie zurücksah, da schwenkte sie den Blick nicht etwa frei im Raum herum, um sich einen Überblick zu verschaffen oder alle gleichermaßen zu begrüßen, nein: da sah sie bloß mir allein ins Auge, mit einem ganz seltsamen ruhigen Blick, in dem aber auch etwas Flehendes steckte, so als wollte sie mich wortlos um etwas bitten, das nicht ausgesprochen werden durfte. Noch immer erinnere ich mich sehr genau an diesen Blick, und er ist es auch, den ich vor Augen habe, wenn ich mich heute an Elionora erinnere. Ihre ersten Worte hingegen sind mir entfallen, jedenfalls dem genauen Wortlaut nach.
„Hallo Kinder“, wird sie wohl gesagt haben, „ich bin eure neue Lehrerin. Ich heiße...“ – und damit schrieb sie ihren Namen in großen rundlichen Kreidelettern an die frisch geputzte Schiefertafel – „...Elionora. Ja, es ist bloß Elionora, so dürft ihr mich ansprechen. Ihr müsst mich nicht Meisterin nennen, denn ich bin kein Mitglied des Ordens, so wie es euer früherer Lehrer gewesen ist.“
Mehr sagte sie nicht über Meister Brugel, und zu meiner großen Überraschung wurde auch in den nachfolgenden Tagen und Wochen kein Wort im Unterricht über die Notwendigkeit des Todes und das von den Göttern so hervorragend erdachte Zusammenspiel von Diesseits und Jenseits verloren. Nicht einmal die schon bei der Beerdigung häufig gegebene Information, der Meister befinde sich jetzt an einem besseren Ort, wurde uns von Elionora zum Trost über den, so muss ich leider in aller Ehrlichkeit eingestehen, ja auch nicht allzu großen Verlust mitgegeben. Vielleicht, so dachte ich schon damals, wollte sie dergleichen nicht sagen, weil sie es besser wusste.
Elionora wusste nämlich eine ganze Menge, und hätte sie mich nicht gleich am ersten Tag mit ihrem rätselhaften Blick voll und ganz vereinnahmt, so wäre es ihr durch ihre vielen klugen, aber für uns Kinder natürlich gänzlich unverständlichen Bemerkungen mit Leichtigkeit gelungen. Nicht bloß kannte sie eine Menge fremder Namen, sie wusste in vielen Fällen sogar über die Leute hinter diesen Namen bescheid und über das, was sie in ihrem Leben gesagt und geschrieben hatten. Und wenn Elionora einen fremden Namen erwähnte, dann steckte mit Sicherheit kein verkalkter Priester dahinter, sondern – so fand ich nach einigem Herumfragen bei meinen Eltern und den Nachbarn heraus – auch schon einmal ein gefürchteter Schwarzmagier aus früheren Tagen oder der Kopf einer unter Fachkreisen und jungen Männern gerade sehr populären Bardentruppe. Elionoras Wissen war nicht bloß auf das Fach beschränkt, das sie unterrichtete, und das unter meinen Mitschülern in kürzester Zeit gewaltig an Beliebtheit gewonnen hatte; vielmehr schien sie jederzeit bereit zu sein, ein beliebiges unter hunderten verschiedenster denkbarer Schulfächer zu unterrichten, oder verstand es doch zumindest, diesen Eindruck bei uns Kindern zu erwecken.
Elionora war also bereits nach kürzester Zeit zu meiner unangefochtenen Lieblingslehrerin geworden, aber allein das hätte sicherlich nicht ausgereicht, um die Erinnerung an sie über Jahrzehnte hinweg unentwegt in meinen Gedanken festzuhalten, zumal ich der Ehrlichkeit zuliebe auch hinzufügen muss, dass ihre Konkurrenz in der damaligen Lehrerschaft nicht eben beträchtlich war. Sie wäre also vielleicht nichts weiter als eine fähige, freundliche und natürlich auch nett anzusehende Lehrerin für mich gewesen, hätte sich alles auf diese Weise fortgesetzt und hätte ich nicht von Beginn an das Gefühl gehabt, dass sich noch eine andere Seite in ihr verbarg.
Wenn sie uns eine Aufgabe erteilt hatte und sich hinter das Pult setzte, um in einem Buch zu blättern, dann war nicht selten gut zu erkennen, dass sie die Augen gar nicht auf das Papier gerichtet hatte, sondern gedankenverloren ins Leere blickte oder aber die Lider in aller denkbaren Unauffälligkeit geschlossen hielt, als laste eine große, erdrückende Müdigkeit auf ihr. Andere Lehrer hätten sich derartige Phasen der Unaufmerksamkeit um keinen Preis erlauben dürfen, Elionora hingegen wurde nicht einmal von den umtriebigsten und ungezogensten meiner Mitschüler in irgendeiner Weise behelligt. Ich fragte mich manchmal, ob ich vielleicht der einzige war, dem dieses seltsame Verhalten überhaupt auffiel und war bereits mehrmals kurz davor, einen meiner Kameraden darauf anzusprechen. Die Überlegung, dass Elionora durch meine Schuld Ärger bekommen und womöglich gar ihre Anstellung an der Schule verlieren konnte, hielt mich jedoch immer davon ab – ich hielt zwar diese kurzen Momente des Halbschlafs, wenn es denn überhaupt solche waren, für gar nicht verwerflich, zumal sie ja offenbar auch jedem außer mir selbst entgangen waren, aber das Risiko, Elionora in irgendeiner Weise zu schaden, wollte ich nicht eingehen.
Immer wieder zermarterte ich mir daher das kleine Köpfchen darüber, was es mit dieser mir so auffälligen Mattigkeit Elionoras auf sich haben konnte. Kam sie tatsächlich nachts nicht zur Ruhe? Oder waren es vielmehr die Spuren einer tief sitzenden Traurigkeit, die sich in diesen Momenten, in denen sie sich weniger beobachtet fühlte, offenbarten? Auch der eigentümliche Blick, den sie mir bei der ersten Begegnung im Klassenraum zugeworfen hatte, wiederholte sich noch mehrmals in ähnlicher Form, und ein ums andere Mal fragte ich mich in großer Verwirrung, ob meine Lehrerin mich tatsächlich stumm um Hilfe bat zur Bewältigung einer geheimen, unaussprechlichen Bürde.
Die letzten Herbstwochen zogen vorüber, ohne dass sich weitere Eigentümlichkeiten ergaben, und ich sah wohl allmählich ein, dass ich mir eine wie auch immer geratene versteckte Botschaft Elionoras nur eingebildet haben musste. Es ging nämlich aus einigen anderen Situationen deutlich hervor, dass ich für sie doch bloß ein nicht weiter bemerkenswerter Schüler war. So ermahnte sie mich etwa nach einigem angeregten Gequassel meinerseits mit meinem damaligen Sitznachbarn – dem alten Lobart Senior, der heute auf dem Friedhof an der Brücke begraben liegt – zur Ruhe und setzte dabei eine Miene auf, die mich in ihrer Ärgerlichkeit sehr enttäuschte. Ich hatte mir also wohl, so dachte ich, angesichts der aufregenden neuen Lehrerin bloß etwas zurechtgereimt, um sie mir noch aufregender ausmalen zu können, ohne dass es tatsächlichen Anlass dazu gegeben hätte. Und wenn es dennoch etwas geben mochte, das ihr auf der Seele lag, dann war mit Sicherheit nicht ich, ein Schüler, ein fremdes Kind, derjenige, der sich ihrer annehmen sollte. So dachte ich eine Weile lang, bis mein Interesse an Elionoras geheimem Wesen an einem der ersten kalten Wintertage von Neuem entbrannte.

Es stand an besagtem Tage kein Unterricht in Wunder und Magie auf dem Lehrplan, und nach zwei Stunden Naturkundeunterricht, in der die nicht weiter bemerkenswerte Anatomie der gewöhnlichen Khorinis-Blutfliege zur Diskussion gestanden hatte, musste ich nur noch einige ungeliebte Rechenübungen über mich ergehen lassen, bevor ich den Rest des Tages für mich hatte. Ich ging allerdings nicht direkt nach Hause, denn meine Schwester und ich hatten beide noch unsere jüngst zurück erhaltenen und mittlerweile von uns korrigierten Arbeiten aus Elionoras Unterricht im Gepäck, die eine gar nicht schlechte Benotung erhalten und von unseren Eltern daher sehr gerne unterschrieben worden waren. Elionora hatte darum gebeten, sie uns nach Möglichkeit schon vor der nächsten Unterrichtsstunde einzureichen, die ja erst nächste Woche stattfinden würde, und da es ohnehin nicht viel zu korrigieren gegeben hatte, war es uns beiden nicht schwer gefallen, dieser Bitte nachzukommen.
„Hast du alles verstanden, was sie dir drunter geschrieben hat?“, fragte mich meine Schwester nicht zum ersten Mal an diesem Tag, als wir aus dem Unterrichtsraum in Richtung des Lehrerzimmers gingen und packte mich dabei wohl auch in ihrer üblichen quengeligen Art am Arm.
„Das musst du auch noch nicht alles verstehen“, sagte ich ausweichend, denn als älterer Bruder konnte ich schlecht zugeben, ähnlich ahnungslos zu sein wie meine kleine Schwester, „wenn du mal größer bist, wirst du auch nach und nach die schwierigeren Fremdwörter lernen, die unsere Lehrer so gerne benutzen.“
„Aber du bist doch größer!“, rief sie und hielt mir ihre Arbeit unter die Nase, unter der ein ungefähr doppelt so umfangreicher, fein säuberlich verfasster Kommentarblock unserer Lehrerin prangte. „Was meint sie denn zum Beispiel damit, dass ich immer so gerne das kriegsromantische Kalenderbild bediene? Oder warum schreibt sie hier, dass sie ein Veilchen im Schatten der Rose sei – und was hat denn das überhaupt mit meiner Arbeit zu tun?“
Darauf wusste ich natürlich auch nichts zu erwidern, schließlich hatte ich mir ja selbst bereits erfolglos den Kopf zerbrochen über Elionoras zahlreiche und rätselhafte Anmerkungen. Die Neugier ist der Katze Tod, liest man öfters in myrtanischen Romanen, stand etwa unter meinem jüngsten Aufsatz, gefolgt von den in dicker Tinte gezeichneten Worten: Gut, dass ich keine Katze bin! Dahinter hatte sie ein kleines lächelndes Gesicht gemalt.
„Leise jetzt, wir wollen ja die Lehrer nicht zu sehr stören“, nahm ich dankbar die günstige Gelegenheit zum Themenwechsel auf und klopfte ganz vorsichtig an die Tür zum Lehrerzimmer, die zwar nur angelehnt war, aber natürlich trotzdem auf keinen Fall ohne Erlaubnis eines Lehrers passiert werden durfte. Es gab aber gar keinen Anlass zur Sorge, irgendjemanden in seiner Arbeit zu behindern, denn auch auf ein weiteres, mutigeres Klopfen hin zeigte sich niemand an der Tür.
„Ist wohl niemand da, was?“ Meine kleine Schwester zupfte mir jetzt wieder ungeduldig am Ärmel herum und konnte es offenbar gar nicht erwarten, endlich aus dem muffigen Schulgebäude herauszukommen. „Lass uns die blöde Arbeit einfach morgen abgeben, ja? Hörst du? Es ist dann ja immer noch Zeit. Wir sind ja eigentlich viel zu früh dran, wahrscheinlich sind wir die allerersten, und das muss ja nicht sein.“
Eigentlich war das auch mein Gedanke gewesen, aber nachdem ich ein letztes Mal vergeblich angeklopft hatte, fasste ich einen kühnen Entschluss. „Es ist offen, und es ist niemand hier, den wir stören könnten. Wieso gehen wir nicht einfach hinein und legen ihr die Arbeiten auf den Tisch?“
„Bist du verrückt?“, zischte sie erschrocken. „Das können wir doch nicht machen! Weißt du nicht mehr, wie Riko drei Wochen lang jeden Tag nachsitzen musste, weil er einfach so ins Lehrerzimmer gegangen ist?“
„Im Gegensatz zu ihm haben wir aber kein Molerat dabei“, erinnerte ich sie und hatte die Tür schon aufgemacht. „Es wird bestimmt niemand etwas dagegen sagen, und es geht ja auch ganz schnell.“
Schon hatte ich mich von meiner Schwester losgerissen und mich in den menschenleeren Raum hineinbegeben. Ich kannte ihn schon von früheren kurzen Besuchen her, die aber natürlich alle im Beisein mehrerer Lehrer verlaufen waren, und hatte auch noch gut in Erinnerung, an welchem der vielen kleinen Tische, die überall im Raum verteilt waren, Elionora ihren Arbeitsplatz hatte. Es war ein sehr sauberer Tisch, der den Eindruck machte, erst vor kurzem frisch gezimmert worden zu sein und den man vielleicht eigens für die neue Lehrerin angeschafft hatte. Er war über und über mit Büchern und Schriften beladen, so dass es sich als eine nicht ganz einfache Aufgabe herausstellte, einen freien Platz zur Ablage meiner korrigierten Arbeit zu finden. Während ich noch suchte, fiel mein Blick auf einen dicken Wälzer mit dunkelbraunem, verschlissenem Einband, der dem Anschein nach im Laufe seines offenkundig nicht eben kurzen Lebens schon so einige Male erneuert und ausgebessert worden war. Ein so altes Buch hatte ich noch bei keinem Lehrer gesehen, und nachdem ich mich, nun doch etwas unruhig geworden, kurz über die Schulter zu meiner hibbeligen Schwester umgedreht hatte, hob ich die darauf liegenden Bücher zur Seite weg und zog das Werk mit zittrigen Händen hervor.
Auf dem Einband stand kein Titel, dort prangte bloß ein kleines schwarzes Symbol: Es sollte wohl einen Kopf darstellen, aber keinen gewöhnlichen Menschenkopf, sondern einen seltsam in die Breite gezogenen, dem mehrere große spitze Hörner an beiden Seiten aus der Stirn ragten. Nach kurzem Zögern begann ich damit, einige Seiten des Buchs aufzuschlagen, begriff aber rasch, dass es in einer mir völlig unbekannten Symbolschrift verfasst war, die ich noch nie zuvor erblickt hatte. Die Illustrationen allein genügten aber schon, um mir einen gehörigen Schrecken einzujagen: Scheußliche gehörnte Dämonen waren da zu sehen, aufgequollene hässliche Gestalten, die umrahmt waren von gebückt auf allen Vieren kauernden dürren Scheusalen. Andere Bilder zeigten große Ziegen mit zerrupftem Fell, aus deren Oberkörpern die halben Leiber finsterer Menschen herausragten, während sich andere auf die durch viele Schnörkel und Schattierungen ergänzte Darstellung mir unverständlicher Anordnungen von Kreisen und Runen beschränkten.
„Was liest du denn da?“, hörte ich plötzlich eine Stimme an meinem Ohr, und ich hatte das Buch schon erschrocken wieder zusammengeklappt, bevor ich erleichtert bemerkte, dass es bloß meine Schwester gewesen war, die sich an mich herangeschlichen hatte.
„Ich...ich weiß nicht“, murmelte ich, noch immer ganz ergriffen vom schauerlichen Inhalt des fremdartigen Buchs. „Hör mal, sag das niemandem weiter, aber ich glaube fast, sie...naja, ich glaube, das hier hat irgendwas mit Beliar zu tun!“
„Kann doch sein“, sagte sie schulterzuckend und hatte ihre immer nur sehr flüchtige Aufmerksamkeit längst schon den anderen Schriften auf dem Tisch zugewandt. „Sie muss doch über alle drei Götter bescheid wissen, das gehört ja zu ihrer Arbeit.“
„Schon, aber...“ Sehr vorsichtig legte ich das Buch an die Stelle zurück, an der es zuvor geruht hatte und bemühte mich, auch die Position der übrigen Bücher so anzuordnen, wie ich sie vorgefunden hatte. „Ich weiß nicht, ob sie sich unbedingt so damit beschäftigen sollte. Sowas würde ich bei einem Schwarzmagier vermuten, aber bei einer Lehrerin?“
„Elionora liest ja wirklich komische Sachen“, erkannte jetzt auch meine Schwester, meinte aber etwas ganz anderes damit. „Das ist doch ein Buch über Sumpfkraut, oder?“
„Ach was, das ist bloß ein harmloses Gärtnerhandbuch“, sagte ich, ohne mir selbst ganz sicher zu sein, und nahm das Werk mit dem Titel Kraut und Rüben in die Hand – nicht ohne mich vorher rasch zu vergewissern, dass sich noch immer niemand im Flur hören ließ.
„Oh, sieh mal!“, rief da meine Schwester, viel zu laut für mein Empfinden, und zeigte auf ein Bündel handbeschriebener Papiere, die ich durch das Wegnehmen des vermeintlichen Gartenratgebers freigelegt hatte. „Was ist denn das – das hat doch sie geschrieben, oder?“
Tatsächlich war der gesamte Text, soweit wir das in der gebotenen Eile überblicken konnten, in der uns mittlerweile sehr gut bekannten Handschrift Elionoras verfasst. Allein der Anblick des perfekten Schriftbilds, in das sich kein einziger Schreibfehler, keine noch so geringe Unregelmäßigkeit und keine einzige nachträgliche Korrektur eingeschlichen hatte, genügte, um meine Neugier zu wecken. Wie viel größer wurde sie, als ich bemerkte, dass das Schriftstück auf dem Deckblatt ganze vier Überschriften trug!
Khorinis: Legenden einer Großstadt hatte Elionora ganz an den oberen Rand geschrieben, direkt gefolgt vom Zusatz Moderne Mythen und mündliche Poesie, dem sich weiter unten die seltsame Frage anschloss: Kennt Ihr die Geschichte von der toten Riesenratte im Bierkrug? Diese Frage war nicht die einzige auf dem Papier, denn ganz unten erstrahlten in einer hellroten Tinte als letzter Titel die Worte: Findet Ihr nicht auch, dass es mehr Menschen wie Johannes den Dicken geben sollte?
Auch im eigentlichen Text tauchten immer wieder kleine Überschriften auf, und wir erkannten rasch, dass wir eine Art Geschichtensammlung vor uns hatten, deren Schauplatz zwar zumeist Khorinis war, aber bekannte Namen auf den ersten Blick völlig vermissen ließ.
„Meinst du, sie ist eine Geschichtenschreiberin?“, flüsterte mir meine Schwester zu.
„Ich weiß nicht. Vielleicht hat sie es auch bloß von irgendwoher abgeschrieben, das ist ja auch möglich.“ Rasch legte ich alles wieder an seinen Platz zurück und ergänzte die bestehende kleine Bibliothek durch unsere beiden Arbeiten. „Lass uns jetzt lieber verschwinden – wir hätten nicht so viel herumschnüffeln sollen, am Ende bekommen wir doch noch Ärger.“
Und wir verließen den Raum wieder so leise, wie wir ihn betreten hatten.

In der folgenden Nacht fiel es mir sehr schwer, einen ruhigen Schlaf zu finden. Während meine Schwester, mit der ich mir ein Zimmer im oberen Stockwerk unseres nah an der Stadtmauer gelegenen Elternhauses teilte, die heimlichen Untersuchungen des Schreibtisches schon nach kurzer Zeit wieder vergessen hatte, grübelte ich noch lange über die seltsamen Funde an Elionoras Arbeitsplatz nach. Wer war diese undurchdringliche Frau wirklich, deren Lektüre in so viele unterschiedliche Richtungen denken ließ? War sie vielleicht eine Künstlerin? Schrieb sie tatsächlich an einem Buch, an einer Sammlung selbst erdachter Kurzgeschichten? Oder verbrachte sie ihre Zeit damit, sich den Schädel mit den schädlichen Sumpfkrautdämpfen zu verkleben, vor denen uns die Eltern nie hatten warnen müssen, weil uns der rauchende Vetter, der weithin als schwarzes Schaf der Familie galt, in all seiner trägen Döseligkeit ein lebendes Mahnmal war? Dass Elionora rauchte, schien aber unvorstellbar – viel beunruhigender war mir daher die Vorstellung, dass sie womöglich mit schwarzer Magie herumhantierte und vielleicht gar mit grässlich verwachsenen dämonischen Gestalten auf Du und Du war.
Irgendwann musste ich über all diesen Überlegungen doch eingeschlummert sein, denn meine nächste Erinnerung ist ein fürchterliches grelles Kreischen, ein markerschütterndes jämmerliches Heulen, das mich aus dem Traum riss und aus dem Bett stolpern ließ.
Meine Schwester war bereits nicht mehr im Zimmer, und in einer noch halb der Traumwelt zugehörigen Ahnung, ihr könne durch die krallenbewehrte Hand abscheulicher Teufel etwas Fürchterliches zugestoßen sein, hastete ich kaum bekleidet die Treppe hinunter in den Wohnraum. Wie sehr erschrak ich, wie heftig zog sich alles in mir zusammen, als ich mit einem Mal den bleichen dünnen Körper Elionoras vor mir hatte – die Augen müde gesenkt, und in den Armen zwei kleine rote Wesen mit verquollenen Gesichtern, fürchterlich schreiend und die winzigen Ärmchen mit den gierig in die leere Luft hineingrabschenden Händen nach allen Richtungen hin weit ausfahrend.
„Oh, hallo“, begrüßte sie mich etwas verlegen. „Ich hätte mich vielleicht doch vorher ankündigen sollen.“
„Nein, ach nein, es ist schon alles in bester Ordnung so“, beruhigte sie meine Mutter, die sie sehr freundlich ansah und jetzt vorsichtig aus ihren Armen die beiden kleinen Gestalten entgegen nahm. „Ich habe ja gesagt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn du nicht weißt, wo du deine Kleinen lassen sollst.“
„Es ist mir trotzdem etwas unangenehm, dass es jetzt so plötzlich kommt.“ Elionora schien mich kaum noch zu beachten, was mich sehr ärgerte, obwohl es mir eigentlich nur recht sein konnte – ich war ja schließlich nur sehr spärlich bekleidet und damals schon alt genug, um mich vor Frauen in solchen Situationen ein wenig zu genieren.
„Meine eigentliche Tagesmutter möchte sie nicht mehr nehmen“, fuhr meine Lehrerin fort, während sie sich die Augen rieb, „und ich kann es auch, wenn ich ehrlich bin, gut verstehen. Sie sind beide sehr, sehr anstrengend... Ich glaube, die meisten Menschen wissen gar nicht, wie es ist, am Bettchen eines kleinen Kindes zu stehen, das nach vielen, vielen Stunden Gebrüll endlich einmal eingenickt ist, nur um genau zu wissen, dass es bloß zwanzig oder vielleicht sechzig Minuten der Ruhe sein werden, bis alles wieder von vorne losgeht.“
„Ich weiß das leider nur zu gut.“ Lachend deutete die Mutter in meine Richtung, aber Elionora antwortete darauf nur mit einem matten Lächeln.
„Wir werden schon gut miteinander auskommen“, versicherte ihr meine Mutter. „Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich Kinder beaufsichtige, und bisher konnte ich auch die quengeligsten immer irgendwann beruhigen.“
„Vielleicht hast du ja tatsächlich ein besseres Händchen“, sagte Elionora, aber sie klang nicht sehr überzeugt dabei. „Ich glaube aber, sie werden auch dich schnell in den Wahnsinn treiben: Ist der eine still, dann jammert der andere nur umso lauter. Was würde ich darum geben, wenn sie bloß eine einzige Nacht lang Ruhe geben würden!“
Den letzten Satz hatte sie zwar in einem etwas belustigten Tonfall gesagt, doch es war gut zu erkennen, dass sich ein tief empfundener Wunsch hinter diesen Worten verbarg. Sie sprach noch einige belanglose Sätze mit meiner Mutter, wünschte ihr schließlich einen guten Tag und verabschiedete sich auch kurz von mir mit dem eigentlich unnötigen Hinweis darauf, dass wir uns ja in Bälde während des Unterrichts wiedersehen würden.
Nachdem die erste Überraschung vorüber war, stellte sich bald eine gewisse Enttäuschung ein. Der Grund für ihre Müdigkeit war nun sehr offensichtlich und dabei gleichzeitig lange nicht so aufregend, wie ich ihn mir ausgemalt hatte. Dass eine Mutter zweier Kinder mit dämonischen Mächten im Bunde stand, erschien mir nun noch unwahrscheinlicher als zuvor, und auch als Krautsympathisantin oder passionierte Geschichtenschreiberin konnte ich sie mir nicht mehr recht vorstellen.
Ein nicht ganz unbedeutender Vorteil entwickelte sich allerdings doch noch aus dieser Begebenheit heraus, denn bei einer einmaligen Übernahme der Kindesbeaufsichtigung blieb es nicht. Elionora kam jetzt jeden Morgen bei uns vorbei, um ihren Nachwuchs in die Obhut meiner Mutter zu geben, die zwar entgegen ihrer ursprünglichen Versicherungen einige Mühe mit den tatsächlich außergewöhnlich anstrengenden Kindern hatte, aber für ihren Dienst von Elionora nun regelmäßig eine kleine Menge Gold bekam, die ihr den ganzen Ärger wohl wert war.
Diese häufigen Besuche waren mir sehr recht, weil ich auf diese Weise immer wieder mit der jungen Frau ins Gespräch kam, die natürlich nach wie vor durch ihr ganzes Wesen großen Eindruck auf mich machte. Besonders meine Mutter hatte sich aber über die geschäftlichen Beziehungen hinaus schnell mit ihr angefreundet und lud Elionora schließlich sogar dazu ein, an einem Abend mit uns gemeinsam zu speisen.
Mein Vater, der als Nachtwächter um die Uhrzeit, an der Elionora ihre Kinder vorbeibrachte, nie im Haus war, lernte sie bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal kennen. Ich spürte gleich einen gewissen Widerwillen, den ich mir aber nur dadurch erklären konnte, dass die alles andere als geräuschlosen Kinder seinen dringend nötigen Tagesschlaf oft beträchtlich störten und er diesen Ärger nun unwillkürlich oder vielleicht auch absichtlich auf Elionora selbst übertrug.
„Nichts von dem Fleisch, nein danke“, lehnte sie freundlich ab, als meine Mutter Anstalten machte, ihr ein großes Stück von der saftigen Scavengerlende auf den Teller zu hieven. „Ich nehme nur etwas von dem Salat, wenn es recht ist.“
Mein Vater zog misstrauisch die Stirn kraus. „Stimmt denn was nicht mit unserer Scavengerlende? Ich habe das Fleisch erst heute Morgen beim Jäger eingekauft, es ist sehr frisch.“
„Darum geht es mir nicht“, sagte Elionora. „Es ist bloß so, dass ich ganz grundsätzlich kein Fleisch esse.“
Erschrocken hielt sich meine Mutter die Hand vor den Mund. „Oh – aber warum hast du denn nichts gesagt, Liebes! Ich hätte doch etwas anderes gekocht, wenn ich das geahnt hätte.“
„Das kann ja auch keiner ahnen, sowas“, knurrte mein Vater, der sich das eigentlich meiner Lehrerin zugedachte Stück Fleisch jetzt auf den eigenen Teller gelegt hatte. „Das sind ja auch Sitten.“
„Ich möchte wirklich keine Umstände machen“, versicherte Elionora. „Ist das Blauflieder im Salat? Den mag ich sehr gern.“
Es war tatsächlich Blauflieder, und da ihr der Salat einigermaßen zu schmecken schien, war wenigstens meine Mutter beruhigt. Selbst mein Vater taute im weiteren Gespräch ein wenig auf, wohl auch weil er spürte, wie sehr nicht nur die Mutter, sondern auch wir Kinder Elionora lieb gewonnen hatten. Der Abend lief einem versöhnlichen Ende entgegen, und nur die beständig plärrenden Sprösslinge Elionoras brachten es zustande, unsere ruhige Geselligkeit immer wieder von Neuem auf eine harte Probe zu stellen. Es war der Lehrerin in den vergangenen Tagen deutlich anzumerken gewesen, wie stark ihr die Quengeleien der eigenen Nachkommenschaft zugesetzt hatten – was nur allzu verständlich war, denn selbst meine eigene Mutter wirkte ja zunehmend erschöpfter, seit sie an jedem Tag einige Stunden mit den kleinen Quälgeistern verbrachte. Ich ahnte wohl damals schon, dass die ganze Geschichte auf kein gutes Ende hinauslaufen konnte, denn eine Besserung im Verhalten der Kleinkinder war beim besten Willen nicht zu erkennen und Elionoras zartem Körper konnte unschwer angesehen werden, dass er an den Grenzen seiner Belastbarkeit angelangt war. An diesem Abend aber wirkte sie ungewöhnlich heiter und ausgeglichen, fast so, als sei eine große Last von ihr gefallen, als seien diese unbeirrt schreienden Kinder gar nicht mehr ihre eigenen und sie selbst jeder Verantwortung entzogen. Es war der letzte Abend, an dem ich Elionora so wahrnahm, wie ich sie kennengelernt hatte, nämlich als einen eindeutigen Menschen.

Am nächsten Morgen fiel der Unterricht aus. Elionora, so hieß es, war krank. Das kam sehr unerwartet, denn am Abend zuvor hatte sie so gesund auf mich gewirkt wie selten zuvor, und sie schien mir keine Person zu sein, die den leichten Anflug einer Erkältung zum Anlass nahm, nicht in der Schule zu erscheinen. Auch am Morgen war sie nicht zur Übergabe der Kinder zu uns nach Hause gekommen, was ich allerdings erst jetzt als ein weiteres bedenkliches Zeichen erkannte, denn es konnte an Tagen, an denen ihr Unterricht erst später begann, schon einmal vorkommen, dass ich zum Zeitpunkt ihres Besuchs bereits in der Schule war.
Für meine Beunruhigung hatten die Schulkameraden natürlich kein Verständnis; als ich Lobart davon berichtete, wie ungewöhnlich mir diese plötzliche Krankheit erschien, da lachte der mich bloß aus und erzählte überall herum, dass ich wohl in unsere Lehrerin sehr verliebt sein müsse, wenn ich nicht einmal einen einzigen Morgen ohne sie verkraften könne. Nur meine Schwester verstand meine Sorgen, maß ihnen aber keine große Bedeutung zu.
Ärgerlich und unruhig kehrte ich schließlich nach Hause zurück, Elionora war tatsächlich nicht dort gewesen. Meine Mutter spielte mit dem Gedanken, bei ihr vorbeizuschauen, fühlte sich aber schlussendlich doch nicht wohl dabei und beschloss, den nächsten Morgen abzuwarten. Der Tag verging ohne einen weiteren Hinweis auf Elionoras Verbleib.

Es musste weit nach Mitternacht sein, als ich in dieser Nacht erwachte. Ein fernes Geräusch hatte mich geweckt, ein ungewohnter Laut, der aber nun, da ich mich aufgerichtet hatte und horchte, nicht mehr auftauchen wollte. Im Bett meiner Schwester bebte ruhig ihr kleiner Körper, und ich bemühte mich, sie beim Aufstehen nicht in ihrem Schlaf zu stören, der aber schon immer ein tieferer gewesen war als der meine.
Ich trat zum Fenster hin, durch das ein heller, runder Vollmond strahlte, und schaute hinaus. Von meinem Zimmer aus hatte ich einen wenig aufregenden Blick auf die Stadtmauer, konnte aber darüber hinaus auch den obersten Gipfel des weiter entfernten Weidenhügels erkennen, auf dem die Schafhirten noch heute ihre Tiere grasen lassen. Es war allerdings nicht der Umriss eines Schafs, der sich in dieser Nacht dort oben abzeichnete. Im ersten Augenblick glaubte ich, bloß auf einen großen Felsen zu starren, oder vielleicht auf einige aufgetürmte Baumstämme oder sonstiges Gerümpel, das jemand dort über Nacht zum Lagern hinterlassen hatte. Gerade in der Sekunde aber, in der ich mich abwenden wollte, um einen Versuch zu wagen, in den Schlaf zurückzufinden, da richtete es sich mit einem Satz zu voller Größe auf. Es war ein großes massiges Geschöpf auf vier Beinen, und so schwer es mir fiel, die genauen Konturen der Kreatur über die Ferne hinweg auszumachen, so deutlich stachen doch die zwei langen, gebogenen Hörner hervor, die das Wesen in einer bedrohlichen Geste empor reckte. So verharrte es eine Weile, ganz als wollte es sicherstellen, dass ich es auch in ausreichendem Maße bestaunt hatte – und das hatte ich in der Tat! –, dann rannte es in vollem Lauf davon und stieß dabei ein tiefes Schnauben aus, das dumpf bis in mein Zimmer hineindrang und das ich gleich als das Geräusch erkannte, welches mich so plötzlich aus dem Schlaf gerissen hatte.
Im nächsten Augenblick war die Kreatur verschwunden. Außer dem bekannten, leisen Schnarchen meiner Schwester war alles still, und nichts deutete mehr darauf hin, dass draußen vor den Toren der Stadt ein brüllendes gehörntes Ungetüm umherging. Angesichts der unheimlichen Beobachtung fiel es mir schwer, mich wieder ruhig in mein Bett zu legen, geschweige denn einzuschlafen; es fehlte nicht viel und ich wäre die Treppe hinunter ins Schlafzimmer der Eltern gelaufen, um meine Mutter wachzurütteln. Aber ganz klein war ich zu dieser Zeit ja nicht mehr, und ich war klug genug, um genau zu wissen, dass meine Mutter nicht in der Lage war, mich vor einer solchen Bestie zu schützen – sehr wohl konnte aber mein Vater in der Lage dazu sein, und der war ja bereits dort draußen und tat sein Bestes, die Stadt gegen nächtliche Bedrohungen aller Art abzusichern.
Ich begriff wohl, dass ich zumindest für den Moment keine Angst haben brauchte, denn es stand nicht zu befürchten, dass die gehörnte Kreatur einen Weg in das Kinderzimmer finden konnte. Die wieder an die Oberfläche getriebenen Erinnerungen an das Dämonenbuch Elionoras aber waren es, die mich in dieser Nacht noch lange wachhielten, und die scheußliche Ahnung, dass eine der teuflischen Gestalten aus dem Buch herausgestiegen sein mochte, um dort draußen vor den Mauern der Hafenstadt einem ungewissen Treiben nachzugehen.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, war mein Vater bereits von der Arbeit zurückgekehrt. Ich hielt mich nicht lange damit auf, nach dem Grund für seine verfrühte Wiederkunft zu forschen und platzte gleich heraus mit meiner Nachricht von der unheimlichen Beobachtung, die ich in der vergangenen Nacht gemacht hatte.
„Das ist ja wohl die Höhe“, entfuhr es meinem Vater, noch bevor ich meinen Bericht ganz abgeschlossen hatte, und mehr an meine Mutter gewandt fügte er in ärgerlichem Tonfall hinzu: „Wenn dieser Carroza schon meint, er müsste uns seine Viecher anschleppen, dann soll er doch gefälligst auch drauf aufpassen, dass ihm die Mistdinger nicht sonstwohin rennen!“
Ich verstand zwar nicht auf Anhieb, wovon mein Vater sprach, aber dass er über die Kreatur, von der ich geglaubt hatte, sie sei mir als einzigem erschienen, offenbar längst bescheid wusste und darin gar nichts Übernatürliches erkennen konnte, das begriff ich sehr wohl und war direkt ein wenig enttäuscht darüber.
„Carroza ist ein Tierbändiger, der vor ein paar Tagen mit einem Schiff angekommen ist“, erklärte mir meine Mutter, die natürlich nachvollziehen konnte, wie wenig mich die Worte meines Vaters zufriedenstellten. „Er hat eine ganze Menge Tiere aus dem Land mitgebracht, aus dem er stammt. Das ist ein Land sehr weit im Süden, und es leben dort Tiere mit großen Hörnern, die hat er mit hergenommen. Eines von denen musst du wohl gesehen haben, und es ist ja nur natürlich, dass dich das sehr erschreckt hat.“
„Es hat mich gar nicht so sehr erschreckt“, stellte ich ein wenig trotzig klar. „Ich dachte nur, dass es da draußen vielleicht jemanden anfallen könnte, und dass ich lieber bescheid sage.“
„Richtig so, Junge!“, brummte mein Vater und klopfte mir ein paar Mal auf die Schulter. „Dem Carroza werde ich was erzählen. Da kann ja wer weiß was passieren, wenn's nicht schon längst passiert ist. Der glaubt sowieso, er könnte sich hier einnisten wie er gerade lustig ist, aber das könnte dem so passen.“
Im weiteren Gespräch erfuhr ich, dass der frisch eingereiste Fremdländer einigen harpyienäugigen und plauderfreudigen Nachbarn zufolge direkt nach seiner Ankunft einen ganzen großen Stall beim Tischler in Auftrag gegeben hatte, der auch mittlerweile fertig gestellt war. Carroza musste wohl nicht schlecht gezahlt haben, denn nach nur zwei Tagen hatte der Tischler seine Arbeit vollendet. Der fertige Stall war mittlerweile schon außerhalb der Stadt in der Nähe des Bauernhofes errichtet worden, der Ranulf, dem Vater meines Mitschülers Lobart, gehörte und der auch heute noch im Besitz der Familie ist. Nach all diesen Erklärungen kam mir die noch Minuten zuvor so aufregend unergründliche Erscheinung der letzten Nacht plötzlich sehr durchschaubar vor: Angesichts der großen Eile konnte eine gewisse Schludrigkeit beim Zimmern des Stalls beileibe nicht ausgeschlossen werden, und es war nur allzu leicht denkbar, dass ein so gewaltiges und starkes Tier, das sich auch bestimmt nicht gerne einsperren ließ, jeden noch so kleinen Makel in der Verriegelung ausnutzte, um sich unter Einsatz des ganzen massigen Körpers gewaltsam einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Der Weidenhügel lag zwar in einer gewissen Entfernung von Ranulfs Hof, konnte aber von einem solchen Tier, das seine wiedergewonnene Freiheit natürlich in vollen Zügen ausnutzen wollte, sicherlich mühelos in kürzester Zeit erreicht werden.
An dieser Lösung des Rätsels konnte ich mich leider nicht recht erfreuen. So nippte ich an diesem Morgen während des gemeinsamen Beisammenseins bei Tisch etwas griesgrämig an meiner Frühstücksmilch, was wohl wenigstens meiner Mutter auch aufgefallen sein musste, denn immer wieder warf sie mir ein aufmunternd gemeintes, aber letztlich fruchtlos bleibendes Lächeln zu. Erst ein plötzliches Klopfen an der Tür konnte mich aus meiner Verstimmung herausreißen.
„Elionora“, begrüßte meine Mutter die Lehrerin an der Tür, „wir hatten uns schon Sorgen gemacht!“
„Nein, ach, es ist doch alles in bester Ordnung“, sagte Elionora, sah aber überhaupt nicht danach aus. Breite dunkle Schatten hatten sich unter ihre geröteten Augen gelegt, und über der bleichen Haut hingen die augenscheinlich ungewaschenen Haare in dichten fettigen Bündeln herab.
„Du siehst aber gar nicht gut aus, Liebes“, stellte meine Mutter fest und bat ihre Freundin herein. „Sag bloß nicht, dass du heute schon wieder unterrichten willst. Du musst dich erstmal richtig auskurieren!“
Verwundert zog Elionora die Brauen zusammen. „Aber ich bin doch überhaupt nicht krank.“ Und an mich gewandt fügte sie hinzu: „Was haben sie euch denn erzählt in der Schule? Meine Kinder waren es, die krank waren, nicht ich.“
Erst in diesem Augenblick, da sie die Kinder erwähnte, fiel mir überhaupt auf, dass sie sie mitgebracht hatte. Ungewohnt still lagen die beiden nämlich in ihren Armen, die kleinen Lider geschlossen wie im Tode und auch sonst bis auf ein leichtes Heben und Senken des Brustkorbs ganz und gar bewegungslos.
„Ich war erneut mit ihnen bei einem Heilkundler“, erzählte Elionora und fuhr sich dabei immer wieder mit der zittrigen Hand über spröde, aufgerissene Lippen, „weil ich einfach nicht glauben wollte, dass Kinder grundlos so viel herumschreien. Ich hatte immer das Gefühl, dass ihnen irgendein Leiden zu schaffen macht, und dass sie nur deshalb Tag und Nacht keine Ruhe finden, denn es mangelt ihnen ja an nichts.“
„Und der Heiler hat wirklich etwas herausgefunden?“, erkundigte sich meine neugierige Mutter, die aus Elionoras Armen bereits beide Kinder entgegengenommen hatte und sie in ihrer erstaunlichen Ruhe mit einer gewissen Ungläubigkeit beobachtete.
Die Lehrerin nickte. „Ich bin ja diesmal zu einem anderen Heiler gegangen. Es war wohl etwas am Hals, bei beiden gleichermaßen, Genaueres weiß man nicht. Es ist mir auch im Augenblick nur wichtig, dass sie endlich, endlich gesund sind, und sie haben ja wirklich die ganze letzte Nacht durchgeschlafen.“
„Innos sei Dank, das wurde aber auch Zeit“, freute sich meine Mutter und wiegte die beiden lethargischen Kleinkinder lächelnd hin und her, was jetzt doch eigentlich gar nicht mehr erforderlich gewesen wäre. „Ich hoffe bloß, dass du mir nicht die Besoldung kürzt, wenn ich in Zukunft keinen Finger mehr für mein Geld rühren muss!“
Elionora reagierte gar nicht richtig auf den kleinen Witz und brachte nach der nun erfolgten Erklärung für ihr kurzfristiges Verschwinden, deren Äußerung sie wohl große Mühe gekostet hatte, kaum noch ein Wort heraus. Sie nickte bloß noch ein wenig zu den gut gelaunten Erzählungen meiner Mutter, grüßte, als sich die Gelegenheit ergab, mit einer knappen Geste meinen Vater und verabschiedete sich schließlich bei mir mit den üblichen Worten: „Wir sehen uns ja gleich in der Schule.“

Der Winter hatte sich inzwischen endgültig in Khorinis breitgemacht und eisige Winde mit sich geführt, wie ich sie in den Jahren zuvor nie erlebt hatte. Dennoch wollte aber noch immer kein Schnee fallen, was vor allem die Laune meiner Schwester beträchtlich dämpfte. Umso begeisterter war sie allerdings an diesem Morgen, als wir beim Verlassen des Hauses feststellen konnten, dass in den Straßen des Handwerkerviertels die Vorbereitungen für das alljährliche Winterfest bereits in vollem Gange waren.
Zur damaligen Zeit war es nämlich üblich, dass die ganze Stadt um das Jahresende herum mit allerlei dekorativem Geschmeide verziert wurde; eine Tradition, an der sich die reichen Händler im oberen Viertel ebenso beteiligten wie die einfachen Fischer am Hafen, und wenngleich sich zwischen den Stadtteilen natürlich gewaltige Unterschiede in der Beschaffenheit und auch der Sauberkeit des Schmucks ergaben, war es doch in jedem Jahr aufs Neue schön anzusehen, wie eine ganze Stadt zusammenarbeitete, um Häuser und Straßen in die warmen Farben des Winterfestes zu tauchen.
„Komm, lass uns mal sehen, was sie am Marktplatz machen“, schlug meine aufgeregte Schwester vor und hatte mich schon am Ärmel gepackt, um mich in die von ihr gewünschte Richtung zu zerren. „Wir haben ja noch Zeit, bevor die Schule anfängt.“
Auch mir war das natürlich nicht entgangen, meine Pläne sahen allerdings anders aus.
„Das können wir auch später noch machen. Willst du denn nicht auch wissen, wie die seltsamen Tiere aussehen, die dieser Carroza mitgebracht hat?“
„Die mit den Hörnern?“ Sie setzte ihren mir natürlich sehr vertrauten skeptischen Blick auf, von dem ich aber wusste, dass er sehr schnell in leuchtende Begeisterung umschlagen konnte. „Papa hätte das sicher nicht gerne, wenn wir zu denen hingehen. Und wir können ja auch nicht einfach so zum alten Ranulf auf den Hof gehen, am Ende denkt er noch, er wird von Banditen überfallen!“
„Naja“, erwiderte ich mit einem schmunzelnden Blick auf meine nicht eben bedrohliche Schwester, „von Goblins vielleicht. Aber das ist doch alles Unsinn – ich war ja schon öfters auf seinem Hof, um Lobart zu besuchen, und eigentlich war Ranulf nie so griesgrämig, wie immer alle sagen. Es kann uns ja auch gar nichts passieren, die Tiere sind schließlich eingesperrt.“
Dass es gerade daran berechtigte Zweifel gab, behielt ich lieber für mich, und meine Schwester hatte wohl während des morgendlichen Gesprächs mit den Eltern auch nicht aufmerksam genug hingehört, um diesen kleinen Fehler in meiner Argumentation aufzudecken. Nachdem ich ihr das ganz und gar erstaunliche Erscheinungsbild der wunderlichen Tierwesen noch einige Male in den buntesten Farben ausgemalt hatte, brauchte es schließlich keine großen Worte mehr, um sie zum Mitgehen zu überreden.
Der neue Stall war vom Weg aus nicht gleich auf Anhieb zu erkennen, und seiner etwas versteckten Lage hinter der Scheune war es wohl auch zuzuschreiben, dass wir ihn bislang stets übersehen hatten, obwohl wir jeden Morgen auf dem Weg zur Schule an Ranulfs Hof vorübergingen. Es war weit und breit niemand zu sehen, auch aus dem Wohnhaus drangen keine Geräusche. Nun war mir doch nicht ganz wohl dabei, wie ein hinterlistiger Rübendieb auf einen verlassenen fremden Hof zu schleichen, aber da ich meine Schwester schon für die Idee gewonnen hatte, kam ein Rückzug natürlich nicht infrage.
Rasch waren wir beim Stall angelangt, aus dem ganz leise die dumpfen Geräusche zu hören waren, die ich auch schon in der Nacht vernommen hatte – jetzt bei Tageslicht, aus nächster Nähe und lange nicht mit einer solchen Inbrunst ausgestoßen, wirkte dieses tiefe, gemächliche Seufzen allerdings kein bisschen fremdartiger als das Grunzen eines Molerats. Der Stall jedoch war anders aufgebaut, als ich ihn mir der Erzählung nach vorgestellt hatte: Er besaß viel größere Ähnlichkeit mit einem holzumrahmten Gitterkäfig als mit einem tatsächlichen Stall und bestand, wie ich nun von der Seite her gut erkennen konnte, aus mehreren gleichmäßig eingeteilten vergitterten Bereichen, durch die sich in der Mitte ein mit Holzplanken ausgelegter Durchgang zog. So war es möglich, zwischen den Tieren umherzugehen und sie vielleicht auch zu füttern oder auf andere Weise mit ihnen umzugehen, ohne sich dabei in Gefahr zu begeben, denn es war ja immer noch ein schützendes Metallgitter zwischen der Kreatur und dem eigenen verletzlichen Körper. Es musste also auch ein Schmied an der Herstellung des Konstrukts beteiligt gewesen sein, und Carroza musste ihn gut bezahlt haben, wenn er so viele solcher feingliedrigen Gitter in der kurzen Frist für ihn hatte anfertigen sollen.
„Das sind sie?“ Zu meinem Ärger klang meine Schwester etwas enttäuscht, und zu meinem noch größeren Ärger war ich es selbst auch. Die Tiere lagen träge in ihren engen Kabinen, schliefen zumeist und bewegten höchstens einmal den Kopf mit den beiden großen Hörnern ganz gemächlich von einer bequemen Position in eine andere. Nur eines von ihnen schien von unserer Anwesenheit überhaupt Notiz zu nehmen, ließ sich das aber auch nicht durch mehr als einen gelangweilten Blick anmerken, den es uns aus der Ereignislosigkeit seines tristen Gefängnisses heraus zuwarf.
„Ja, das sind sie wohl“, sagte ich und sah jetzt endgültig ein, dass ich die Erstaunlichkeit der Tiere gehörig überschätzt hatte. „Aus der Ferne kamen sie mir spannender vor.“
„Aha! Spannender, wie?“
Panisch nach Luft japsend wirbelte ich herum – eine große bräunliche Hand hatte sich von hinten auf meine Schulter gelegt und mir einen heftigen Schrecken eingejagt.
„Ihr findet meine Stiere wohl nicht aufregend genug, Kinder? Sind sie euch zu müde?“
Der Mann, der sich vor uns aufgebaut hatte, war zwar kaum größer als ich, aber brachte es durch seinen muskulösen Körperbau und das faltige, dunkle Gesicht mühelos fertig, mir einigen Respekt einzuflößen. Im ersten Moment kam er mir sehr alt vor, aber vielleicht täuschte mich auch die ungewohnte braune Gesichtsfarbe und ganz allgemein die wettergegerbte, verbrauchte Haut, die schon viele raue Seefahrten überstanden haben musste. Ein schwerer, süßlicher Geruch ging von ihm aus, der mir sehr unangenehm in die Nase stieg und mir seine Gegenwart von Beginn an leidig machte.
„Bist du Carroza?“, fragte meine Schwester offen heraus, während ich noch damit beschäftigt war, den Fremden anzustarren. „Kommst du wirklich von den südlichen Inseln?“
„Ja, der bin ich“, sagte Carroza und tätschelte die Wange meiner Schwester, was ich gar nicht gerne sah, aber natürlich auch schlecht unterbinden konnte. „Aber ich komme nicht von den südlichen Inseln, sondern von noch viel, viel weiter südlich. Ich glaube nicht, dass ihr von meiner Heimat jemals gehört habt, denn auch ich habe viele Jahre lang nichts von Khorinis oder Myrtana gewusst, bevor ich mich dazu entschloss, die Meere zu bereisen. Aber sagt nun, was haltet ihr von meinen Stieren?“
Darauf wusste ich nicht viel zu sagen, denn unsere ehrliche Meinung hatte er ja dem Anschein nach bereits erlauscht. Ich versuchte es daher mit einer ausweichenden Antwort, hinter der aber durchaus auch ein gewisses tatsächliches Interesse steckte: „Wieso hast du die vielen Tiere überhaupt mitgenommen? Was hast du denn hier mit ihnen vor?“
Auf eine solche Frage schien der seltsame Südländer nur gewartet zu haben, denn lachend sagte er: „Oh, das werdet ihr schon bald mit eigenen Augen sehen, Kinder! Ich bereise die Weltmeere nicht ohne Grund, müsst ihr wissen. Jeden Ort, den ich besuche, lasse ich zum Zeugen eines einzigartigen Spektakels werden, das in meiner Heimat schon eine lange Tradition hat und durch den alten Carroza auch in der übrigen Welt bekannt gemacht werden soll – dafür will ich Sorge tragen, solange ich lebe!“
„Was denn für ein Spektakel?“, wollte meine Schwester wissen, und es war ihr deutlich anzusehen, dass sie dem undurchsichtigen Kerl genauso wenig traute wie ich. „Die Stiere machen doch gar nichts. Sie dösen nur rum.“
„Ha!“, lachte Carroza heftig auf, und der plötzliche, harte Laut ließ mich unwillkürlich zusammenzucken. „Dann solltet ihr mal aufpassen, wie fuchsteufelswild diese Ungetüme werden, wenn es erst einmal um Leben und Tod geht, wenn der Kampf beginnt – Mensch gegen Bestie, Carroza gegen Stier! Wenn sie erst einmal die leuchtende Farbe des Blutes vor Augen haben, dann rasen sie bis aufs letzte Fleisch, und ohne Unterlass stemmen sie all ihre Kraft und ihre aufgeschäumte Wut, die sie jetzt noch so gut verbergen können, gegen den alten Carroza – aber der hat noch immer das letzte Wort behalten, und ein Tag, an dem Carroza einen Stierkampf begeht, ist immer auch ein Tag, an dem ein aufgespießter Stier vor den Toren der Stadt liegt!“
Diese Rede des seltsamen Fremdländers hatte mich nun endgültig irritiert. Wieso transportierte er diese doch augenscheinlich gar nicht derart aggressiven Tiere durch aller Götter Länder, nur um ihnen dann eigenhändig das Leben zu nehmen?
Als ich ihn das fragte, verschwand das übermütige Lachen aus seinem zerknitterten Gesicht, und er beugte sich mit ernster Miene zu uns herab, um mit gedämpfter, rauer Stimme zu antworten: „Wieso ich die Stiere töte? Aus dem gleichen Grund, warum mein Volk schon immer Stiere getötet hat. Weil sie, egal was man euch auch sagt, und ganz gleich was euch euer erster Eindruck raten mag, keine Tiere sind.“
Plötzlich wurde mir der Mann sehr unheimlich, und auch der üble Geruch lag mir jetzt wieder allzu störend in der Nase. Ich überlegte kurz, ob ich unter einem Vorwand meine Schwester beim Arm fassen und mit ihr zur Schule fortgehen sollte. Die Neugier jedoch war stärker, und ich erinnerte mich zu meiner Beruhigung daran, dass ich zumindest keine Katze war.
„Immer wieder gibt es Menschen, die glauben, dass ihnen selbst die höchsten Mächte des Himmels und des Schattenreiches nicht gewachsen sind, und dass sie es fertig bringen, den Herrn über Leben und Tod selbst zu überlisten“, fuhr Carroza mit ruhiger Stimme fort und ging vor uns beiden in die Hocke, um auch meiner Schwester direkt in die Augen sehen zu können. „Ebenso gibt es Menschen, die an einem Unglück von solch erdrückenden Ausmaßen verzweifeln, dass sie zur Linderung ihrer Qualen den allergrößten ihrer Schätze aufgeben. Ob sie es nun aus Leichtsinn oder Verzweiflung tun, das Ergebnis bleibt das gleiche: Am Ende des unseligen Handels tragen sie einen kleinen, unbedeutenden Vorteil davon – ihre unsterbliche Seele jedoch gehört nun Beliar, dem Schattenfürsten, der mit einem so gewonnenen Gut verfahren kann, ganz wie es ihm beliebt. Viele Menschen wissen den Wert ihrer Seele nicht zu schätzen. Sie denken: Ich habe nie etwas von einer Seele bemerkt, werde ich es also bemerken, wenn sie fort ist? Wird nicht alles sein wie zuvor, besser als zuvor, bereichert nämlich um den erhandelten Vorteil, der einen gar nicht wahrnehmbaren Verlust schnell vergessen lässt?“
Carroza machte eine kurze Pause, als wollte er abwarten, bis wir selbst eine Antwort auf diese Fragen gefunden hatten. Ich konnte jedoch nur an seinen üblen Atem denken, der mich beengte, und daran, dass ich mich jetzt nur zu gerne mit meiner Schwester auf dem Marktplatz befunden hätte, um ein paar harmlose Dekorationen zu bewundern.
„Diese Menschen irren sich. Die Seele ist zwar etwas Körperloses, Unsichtbares, aber sie ist auch untrennbar mit dem sichtbaren Körper verbunden, und jede winzige Schwankung in ihrer Struktur schlägt sich sogleich in fürchterlichen Veränderungen des Leibes nieder. Beliar blickt mit Abscheu auf jeden herab, der töricht genug ist, ihm die Gewalt über seine Seele freiwillig zu überlassen, und indem er eine so mühelos erhaltene Seele mit der göttlichen Kralle durchstößt, quillt das Fleisch des Körpers zu dunklen Schlieren auf, kleine spitze Borsten durchstoßen vom Knochen her die schmelzende Haut und der verdammte Mensch krümmt sich auf alle Viere zusammen, während ihm die Muskeln anschwellen zu einem aufgeblähten, ledrigen Körper, der nichts mehr spüren kann als das ganze Elend seiner leeren Existenz – oder aber den entfesselten, grenzenlosen Zorn der Höllen Beliars selbst. All das aber, was den Menschen einmal ausgemacht hat, sein ganzes Wesen, und also auch der Teil seiner selbst, der ihn den verhängnisvollen Handel hat abschließen lassen, stößt in zwei gewaltigen grauen Fontänen aus seinem Schädel heraus, um in der gleichen Sekunde in der Luft zu versteinern und als gebogene Hörner bis ans Ende seines Daseins mitgeschleppt zu werden, als traurige Erinnerung an sein früheres Leben als Mensch. Einem solchen Menschen, der zum Stier geworden ist, bleibt nichts übrig, als ziellos umherzustreifen auf der Suche nach einem Ausweg aus der selbstverschuldeten Verdammnis, in die er so unnötig geraten ist, nach einem Ausweg, den er aber niemals finden kann, da er nichts kennt als die Leere und den Zorn, und beide führen nirgendwohin.“
Carroza verblieb noch eine Weile vor uns in der Hocke und blickte ernst und schweigend in unsere rot glühenden Gesichter. Dann richtete er sich unter leichtem Ächzen wieder auf.
„Seht ihr jetzt, Kinder, warum ich die Stiere töten muss? Der einzige Ausweg, der ihnen bleibt, ist einer, der von außen kommt, und ich bin derjenige, der ihn bringt.“ Mit seinem zurückgekehrten Lächeln fügte er hinzu: „Ihr könnt also ruhig allen euren Freunden und auch euren Eltern von meinem Stierkampf erzählen, der schon sehr bald stattfinden wird, und für nur wenige Goldmünzen könnt ihr alle dabei zusehen, wie der alte Carroza sein Bestes geben wird, um einem dieser armen Geschöpfe unter vollem Einsatz seines Lebens den ersehnten Frieden zu bringen!“
Nach dem Vortrag fühlte ich mich wie betäubt. Auch meine Schwester rührte sich nicht und sagte gar nichts. Die stumpfsinnigen Blicke der Stiere hatten nun mit einem Mal etwas Gruseliges an sich, selbst eine plötzlich aus ihnen hervorbrechende Tollwut hielt ich für gar nicht mehr undenkbar. Allmählich kehrte mir aber auch das Bewusstsein des in Kürze beginnenden Unterrichts wieder zurück, und der Gedanke, Elionora durch eine unentschuldbare Verspätung zu enttäuschen, wovon womöglich auch noch die Eltern erfahren würden, kam meinen damaligen Vorstellungen von Beliars ewigen Höllenqualen schon sehr nahe. Eines allerdings wollte ich zuvor noch in Erfahrung bringen.
„Carroza“, begann ich, und bemerkte erst jetzt, wie heiser meine Stimme plötzlich geworden war – es war ja aber auch sehr kalt draußen, und wir standen nun schon eine ganze Weile hier im Freien –, „kann es sein, dass dir einer deiner Stiere abhanden gekommen ist? Dass dir einer entwischt ist, und jetzt frei im Umland herumläuft?“
Der Stierkämpfer schien das überhaupt nicht gerne zu hören, und im ersten Moment fürchtete ich schon, ihn mit meiner Frage ärgerlich gemacht zu haben. Dann aber sagte er nur in seinem gewöhnlichen rauen Tonfall: „Nein, das ist ganz und gar unmöglich. Es sind alle hier.“
Ich wollte noch einmal neu ansetzen, vor allem da ich bemerkt hatte, dass eine der hinteren Parzellen des Stalls leer war, aber den nötigen Mut dazu brachte ich angesichts der vielleicht zum Schlechten hin veränderten Stimmung dieses unberechenbaren fremden Mannes nicht auf.
Als wir uns verabschiedet hatten, sah uns Carroza noch eine Weile hinterher, während wir über das halbgefrorene Gras der Wiese dem Pfad entgegeneilten, der den Schulhügel hinaufführte. Ich wagte einen kurzen Blick über die Schulter, und da schaute er noch immer herüber mit seinen kleinen kastanienbraunen Augen, von denen es schien, als könnten sie uns beide überall hin verfolgen, selbst bis in die sicheren Mauern der Schule hinein.

Als wir den Klassenraum betraten, hatte der Unterricht bereits begonnen. Zwar konnte unsere Verspätung nur sehr geringfügig ausgefallen sein – Elionora war gerade noch dabei, die Anwesenheit der Schüler zu prüfen –, sehr unangenehm war mir dieses deutliche Anzeichen von Unzuverlässigkeit dennoch, besonders natürlich vor Elionora. Sie sagte zwar nichts dazu und fuhr ungerührt mit dem Aufrufen der Namen fort, doch ein kurzer und erschreckend scharfer Blick in meine Richtung war mir Strafe genug.
Was sich schon am Morgen angedeutet hatte, setzte sich im Unterricht in einer noch ausgeprägteren Weise fort: Elionoras geruhsame Nacht ließ sich ihr in keinster Weise anmerken, vielmehr wirkte sie aufgewühlter und zerrütteter denn je. Immer wieder wanderte sie voller Unruhe von einer Ecke des Raums in die andere, suchte oft lange Zeit nach den Worten, derer sie sich vormals stets so mühelos bedient hatte, und wurde im Reden immer wieder unvermittelt langsamer, bis sie schließlich ganz abbrach, um ihre ausdruckslos gewordenen Augen für eine Weile ins Leere zu richten. Nachdem sie uns die Aufgabe gegeben hatte, einen kurzen Aufsatz über zwei bedeutsame Heilige zu schreiben, die ich von Meister Brugels Schulstunden her noch in vager Erinnerung hatte, setzte sie sich wie gewohnt an ihr Pult, versuchte aber diesmal gar nicht erst, ihren kurzen Schlummer irgendwie zu verbergen und sackte mit dem Kopf auf ihr geschlossenes Buch herab, während sich die dürren Finger in das fettig schimmernde Haar wühlten. Davon nahmen jetzt natürlich auch meine Kameraden Notiz, und nur dem eigentlich hohen Ansehen Elionoras bei den Schülern war es wohl zu verdanken, dass sich auch die größten Rabauken mit üblen Streichen zurückhielten, um sich auf ein verhaltenes, aber angesichts des seltsamen Gebarens der Lehrerin durchaus auch etwas irritiertes Gelächter zu beschränken.
Im späteren Verlauf der Unterrichtsstunde schlug Elionoras Stimmung allmählich in eine so noch nicht gekannte Unleidlichkeit um. Immer wieder unterbrach sie meine Mitschüler mitten im Satz, während die gerade aus ihren Aufsätzen vorlasen, und hatte an allem, das ihr dargeboten wurde, etwas oft gar nicht Nachvollziehbares auszusetzen. Niemand schien es ihr recht machen zu können, und in dem gleichen Maße, in dem sie früher stets an jeder Kleinigkeit einen Grund zu überschwänglichem Lob gefunden hatte, trieb sie jetzt selbst den hartgesottensten Jungs mit ihrer harschen Kritik die Tränen in die Augen.
„Was erzählst du da bloß für einen Unsinn!“, keifte sie etwa urplötzlich los, nachdem Riko gerade erst damit begonnen hatte, aus seinem Aufsatz über die beiden Heiligen zu rezitieren. „Hast du auch nur eine einzige Sekunde lang darüber nachgedacht, was du da geschrieben hast? Brüder waren sie, Brüder!“ Und schon hatte sie mit zornsprühenden Augen dem armen Riko das Schreibpapier aus der Hand gerissen, um es in einer einzigen unbeherrschten Handbewegung in der Luft zu zerfetzen. „Jeder verlauste Straßenjunge weiß, dass Trevonius und Motos Brüder waren – das bringen sie jedem Kleinkind als allererstes in der Schule bei, niemand von euch kann mir etwas anderes weismachen!“
Noch ausfallender wurde Elionora in der Pause, als sich die kleine Luisa, die eine gute Freundin meiner Schwester war, ihre wohl gerade erst von den Eltern erhaltene Stoffmütze aufsetzen wollte. Das flauschige Häubchen, das in den schönsten Rottönen des Winterfestes erstrahlte, hatte sie gleich zu Beginn der Pause eiligst aus ihrer Tasche hervorgekramt und zog es sich nun über den Kopf, um es stolz den Sitznachbarinnen zu präsentieren. Völlig unvermittelt sprang die Lehrerin da von ihrem Pultsessel hoch, wo sie zuvor in großer Unruhe zusammengekauert gesessen hatte, und machte einen gewaltigen Satz auf die nichts Böses ahnende Luisa zu. „Nimm auf der Stelle das idiotische Ding vom Schädel, du blödsinnige Göre!“, schrie sie wie von Sinnen und krallte sich mit den Fingern an Luisas Tisch fest. Ganz nah beugte sie sich heran, senkte den Kopf zu ihr herab und trat in äußerster Anspannung immer wieder von einem Fuß auf den anderen, so als müsste sie sich in allerhöchstem Maße zusammennehmen, um das bedauernswerte Mädchen nicht auf der Stelle anzufallen. „Was denkst du dir dabei, im Klassenraum eine Mütze anzuziehen – hat dir denn niemand beigebracht, was Höflichkeit bedeutet?“
Panisch zupfte sich Luisa die Mütze vom Kopf, und als sie gleich darauf ganz hysterisch in Tränen ausbrach, weil sie gar nicht begreifen konnte, wie aufgebracht die sonst so freundliche Lehrerin mit einem Mal gegen sie war, da drehte sich Elionara schnaubend weg und rief: „Welchen Sinn hat es, solche Menschen zu unterrichten? Wie soll ich denn denen etwas beibringen, in deren Köpfen nicht einmal die einfachsten Grundsätze Platz haben? Ich bin es leid!“ Mit voller Wucht trat sie gegen ihr Pult, dass das Holz nach innen wegbrach, und rief erneut: „Ich bin es leid! Fortscheuchen sollte man euch, allesamt!“

Nicht an jedem Tag in der folgenden Zeit befand sich Elionora in einer derart schlechten Verfassung: Immer wieder kam auch ihr altes Wesen zum Vorschein, wenn sie etwa einem von uns zur Begrüßung ein zaghaftes, aber freundliches Lächeln schenkte oder sich so sehr über einen gelungenen Vortrag freute, dass sie uns allen die Hausaufgaben für diesen Tag erließ. Zu Wutausbrüchen hingegen ließ sie sich kaum noch hinreißen. Niedergeschlagen und ausgezehrt aber erschien sie mir immer, und kaum einmal sah sie einem von uns Schülern direkt in die Augen, weil ihr unruhiger Blick zu jeder Zeit rastlos suchend im Raum umherwandeln musste.
Immer wieder fragte ich mich, was ihr jetzt noch auf der Seele lasten mochte, was ihr nach wie vor den Schlaf raubte – denn übermüdet war Elionora ja ganz offensichtlich über alle Maßen. Ihre Kinder kamen als Ursache ihres besorgniserregenden Zustands nicht mehr in Frage; ich sah ja bei vielfältigen Gelegenheiten mit eigenen Augen, wie vorbildlich ruhig und unkompliziert sich die beiden Kleinen mittlerweile zu verhalten wussten. Auch meine Mutter musste die Veränderungen im Gemüte Elionoras bemerkt haben, aber auf meine Fragen und Erzählungen aus dem Unterricht ging sie nie richtig ein und wies nur gelegentlich darauf hin, dass auch Erwachsene einmal einen schlechten Tag haben konnten. Das wusste ich natürlich längst, aber den Kern der Sache traf eine solche Feststellung leider nicht im Entferntesten. Ob meine Mutter damals nun mehr wusste als ich oder viel, viel weniger – in jedem Fall lag erneut ein Geheimnis in der Luft, und diesmal war es womöglich eines, das sich nicht durch den gesunden Menschenverstand erklären ließ.

Mit den letzten Tagen vor dem großen Winterfest zogen auch die letzten Schultage des Jahres vorüber. Längst hatte die Kunde von Carroza und dem Stierkampf, der inzwischen für den Vorabend des Winterfestes angesetzt war, in allen Vierteln der Stadt die Runde gemacht. Obwohl die Reaktionen auf die Ankündigung des Spektakels sehr unterschiedlich ausgefallen waren, ließ sich doch leicht absehen, dass sich am besagten Abend eine große Menge Schaulustiger einfinden würde, um dem befremdlichen Treiben des Südländers gegen ein gewisses Entgelt beizuwohnen.
Auch unter meinen Mitschülern war der anstehende Zweikampf ein großes Thema.
„Ich glaube, der Stier macht ihn alle!“, verkündete Riko in der Woche zuvor und unterstrich seine begeisterten Ausführungen durch vielerlei engagierte Bemühungen, ein solches Tier mit Händen und Füßen nach Kräften zu imitieren. „Mein großer Bruder sagt, dass so ein Stier Krallen hat wie ein riesiger Snapper, und überall ragen ihm spitze Stacheln aus dem Körper heraus, mit denen er alle aufspießt, die ihm was wollen! Gegen so einen kann keiner ankommen, das werdet ihr ja selber sehen!“
Er redete noch eine ganze Menge ähnliches Zeug daher, während wir eine längere Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden damit verbrachten, auf dem Gelände vor den Toren der Schule herumzulungern. Ich hörte aber nach einer Weile gar nicht mehr hin, denn vom Hügel aus hatte man eine so gute Aussicht über die nähere Umgebung, dass ich zwischen Baumwipfeln und Gebüsch hindurch immer wieder einen Blick auf Elionora erhaschen konnte, die sich nach dem Unterricht, den sie uns zuvor erteilt hatte, gerade auf dem Heimweg befand. Sehr langsam beschritt sie den Weg zur Stadt, und trotz ihrer ganz offensichtlich desolaten gesundheitlichen Verfassung war die besondere Anmut einer jeden Bewegung auch auf die Ferne hinweg gut zu erkennen. Ich war gerade erneut ins Grübeln über das Mysterium verfallen, das diese unbegreifliche Lehrerin für mich bedeutete, da bemerkte ich, dass von irgendwoher eine andere Person zu Elionora hingetreten war. Es musste wohl jemand sein, den sie kannte, denn die beiden kamen gleich ins Gespräch, wobei mir der neu eingetroffene Fremde jedoch zu meinem Ärger stets den Rücken zukehrte. Ich konnte also bloß anhand der Statur erahnen, dass es sich um eine männliche Person handeln musste, und nur zu gerne hätte ich mich ganz nah herangeschlichen, um einen besseren Eindruck von dem Fremden zu bekommen und die Unterhaltung der beiden zu belauschen. Täuschten mich meine Augen, oder zeichnete sich tatsächlich ein gewisser Widerwillen in Elionoras ausgezehrtem Gesicht ab, als sie sich mit diesem mir unbekannten Mann konfrontiert sah? Schauten ihre Augen nicht hilfesuchend nach allen Seiten hin, hatten sich die zarten Hände hinter dem Rücken nicht zu Fäusten verkrampft? Viel Zeit blieb nicht, mir durch weitere, angestrengtere Beobachtungen Gewissheit zu verschaffen über all diese Vermutungen, denn schon setzten die beiden ihren Weg gemeinsam fort und waren bald hinter einer Biegung verschwunden, der ich selbst von meiner erhöhten Perspektive aus mit den Augen nicht folgen konnte.
Ich maß dieser kurzen Beobachtung zunächst keine große Bedeutung zu, denn es gab ja viele Leute, die Elionora kannten, und allein schon aus Freundlichkeit hätte sie es vermutlich keinem dieser Menschen verwehrt, sie auf ihrem Heimweg zu begleiten. In der nachträglichen Betrachtung aber ist mir dieser kurze Moment, der nicht länger als eine oder zwei Minuten angedauert haben kann, in einiger Erinnerung geblieben, denn in diesen Minuten habe ich Elionora zum letzten Mal vor ihrem zweiten und, so scheint es vielen, endgültigen Verschwinden gesehen.

Diesmal wunderte es mich nicht, als es am nächsten Tag in der Schule hieß, Elionora sei krank. Große Sorgen bereitete es mir dennoch, hatte sich die Lehrerin nach ihrer letzten Abwesenheit doch sehr zum Schlechten hin verändert. Diesmal dauerte ihr Fortbleiben zudem länger an, und als man uns am letzten Schultag, an dem außer Wunder und Magie nichts weiteres mehr auf dem Stundenplan stand, direkt wieder nach Hause schickte, da ahnte ich, dass ich Elionora in diesem Jahr vielleicht gar nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Auch bei uns zu Hause war sie nämlich schon seit einigen Tagen nicht mehr aufgetaucht, was, so vermutete ich, auch meine Mutter beunruhigte, die sich allerdings kaum ein Wörtchen zu Elionoras Verbleiben entlocken ließ und mich mit Phrasen abspeiste, an die ich mich am heutigen Tage aus gutem Grund nicht mehr erinnern kann.

Am Vorabend des Winterfestes war die Verwandlung der Hafenstadt in ein Meer warmer Farben wie in jedem Jahr auf ihrem Höhepunkt angelangt. Doch obgleich es sich viele der khoriner Bürger nicht nehmen ließen, den Tag trotz eisiger Temperaturen bei einem ausgiebigen Spaziergang durch das hübsch eingekleidete Khorinis ausklingen zu lassen, zog es die Mehrheit hinaus vor die Tore der Stadt, wo man auf der großen Weidefläche vor Ranulfs Hof einen großen Kreis aus lauter Holzbänken um eine durch hohe Metallgitter eingezäunte Bodenfläche gebildet hatte.
Auch meine Schwester und ich waren gekommen, konnten die Menschenmengen, die sich mit gezückten Goldsäckchen einen Weg durch die Bankreihen bahnten, aber nur aus der Ferne besichtigen. Unser Vater, der ja von Beginn an eine beträchtliche Abneigung gegen Carroza entwickelt hatte, war nämlich in seiner Meinung über die Veranstaltung sehr bestimmt gewesen und hatte uns die Beobachtung des Stierkampfes auf das Strengste untersagt. Einen Arrest hatte er uns zwar nicht erteilen wollen, doch wenn wir nicht vor Beginn seiner Schicht zurück im Haus sein würden, dann konnten wir uns auf gehörigen Ärger einstellen – und bis dahin hatte der Stierkampf aller Wahrscheinlichkeit nach gerade erst begonnen oder noch gar nicht erst angefangen.
Im Grunde war mir dieses Verbot gar nicht unrecht, denn nach der Begegnung mit Carroza, von der natürlich weder meine Schwester noch ich selbst den Eltern etwas mitgeteilt hatten, konnte ich an die Stiere und ihr fürchterliches Schicksal nur mit Grausen denken und hegte daher auch einen gewissen Widerwillen gegen die Vorstellung, dem Untergang eines solchen gleichermaßen entsetzlichen wie bemitleidenswerten Geschöpfes beizuwohnen. Trotzdem konnte ich das Gefühl, etwas Bedeutsames zu versäumen, nicht vollständig abschütteln: Die meisten meiner Schulkameraden waren jetzt mit Sicherheit dort, und was immer heute Abend in der provisorisch hergerichteten Arena geschah, würde ich bloß aus zweiter Hand erfahren.
„Kinder, kommt her!“
Erst als meine Schwester mir einen aufgeregten Stoß mit dem Ellenbogen verpasste und in die Richtung von Ranulfs Hof wies, in dessen direkter Nähe wir uns befanden, begriff ich, dass der Ausruf tatsächlich uns gegolten hatte. Es war Carroza gewesen, der da gerufen hatte, und mit beiden Armen winkte er uns jetzt zu sich heran. Ein mulmiges Gefühl beschlich mich, denn nicht bloß wusste ich genau, wie ungern uns mein Vater in der Begleitung des Südländers gewusst hätte, ich fürchtete auch eine ungehaltene Reaktion Carrozas, wenn er herausfinden sollte, dass wir beide gar nicht vorhatten, den Stierkampf überhaupt mit anzusehen. Auch meine Schwester zögerte, aber sie hatte es ja leichter, konnte sie doch einfach ihrem älteren Bruder die Entscheidung überlassen und sich anschließend im Guten oder Schlechten auf ihn berufen. Aber was blieb mir denn anderes übrig? So wenig es mir auch behagte, ich konnte diesen im Grunde nicht unfreundlichen Mann, der uns nicht das Geringste zuleide getan hatte, unmöglich verprellen, indem ich mich einfach abwandte und meine Schwester mit zu den Stadttoren fortzog.
„Schön, dass ihr so früh gekommen seid, Kinder“, begrüßte uns der Stierkämpfer, als wir nach einem kurzem Marsch über die Wiese bei ihm am Stall angelangt waren. „Ich habe noch einige Vorbereitungen zu treffen und bin noch gar nicht dazu gekommen, die Stiere zu füttern – wollt ihr das nicht für mich übernehmen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er jedem von uns einen großen Korb voller Grünzeug in die Hand – an einer Außenwand des Stalls standen noch weitere solcher Körbe – und schob uns dann sanft, aber nicht ohne einen gewissen Nachdruck in das Innere des Konstrukts hinein.
„Sie sind jetzt sehr ruhig und werden euch nichts tun“, versicherte er, als er unsere erschrockenen Gesichter bemerkt hatte und tätschelte meiner Schwester aufmunternd den Kopf. „Durch die Gitter können sie ja außerdem ohnehin nicht hindurch. Kippt einfach jedem seinen Anteil hin, ihr werdet das rechte Maß schon finden.“
Im ersten Moment wollte ich den Korb fallenlassen und einfach fortlaufen, so überrumpelt war ich von der unerwünschten Situation, in die wir so plötzlich geraten waren. Dann aber fiel mein Blick auf den hintersten Käfig.
„Es ist ja ein neuer Stier dazugekommen“, sagte ich. „Diese Zelle war doch beim letzten Mal noch leer.“
Vorsichtig durchquerte ich den Innengang des Stalls und wagte mich eben so nah an das Gitter heran, wie ich es mich getraute. Der Stier, der auf der anderen Seite gefangen gehalten wurde, war mir wohl auch deshalb auf Anhieb ins Auge gefallen, weil er im Gegensatz zu seinen Artgenossen nicht etwa träge am Boden kauerte, sondern aufrecht auf allen Vieren stand und den Kopf mit den beiden imposanten Hörnern hoch erhoben hielt. Er hatte auch sogleich Notiz von meiner Anwesenheit genommen und machte jetzt einige langsame, geschmeidige Schritte auf mich zu, bis sich sein großer Kopf direkt vor meinem befand, sodass er mir aus tiefen, weit geöffneten Augen direkt ins Gesicht sehen konnte, mit einem ganz seltsamen und sehr ruhigen Blick. Ich erschauderte, als mir mit einem Schlag in aller Klarheit bewusst wurde, dass ich den Stier schon einmal gesehen hatte, wenngleich aus viel größerer Entfernung und nur für einen kurzen Moment.
„Ah, mein Prachtstück!“, rief Carroza und lehnte sich mit stolzem Lächeln an das Gitter, hinter dem sich die große Kreatur befand. „Der gewaltigste Stier, der je auf Erden gewandelt ist, der allerherrlichste unter ihnen – El Toro!
Ich hatte den Korb wohl zu nah am Gitter gehalten, denn der Stier presste jetzt den vordersten Teil seines breites Maul zwischen die Eisenstreben und schnappte nach dem saftig grünen Inhalt – schon hatte er mit der Zunge eine der Pflanzen erhascht und durch das Gitter hindurch zu sich hinein geschoben. Einige Blätter fielen zu Boden, aber den Großteil hatte sich der Stier erhalten können und machte sich gleich daran, sein Mahl mit den langsamen Kaubewegungen eines wahren Genießers zu zermalmen.
„Ja, lass dir den Blauflieder nur schmecken“, sprach Carroza dem Stier zu, „du wirst die Stärkung brauchen.“
Mich hingegen hatte das blanke Entsetzen gepackt. Der Korb war mir aus der Hand gerutscht, ein ganzer Teil der Gräser und Rüben war herausgefallen, doch ich achtete überhaupt nicht darauf.
„Carroza“, sagte ich mit bebender Stimme, „ist es möglich, Beliar bloß einen kleinen Teil der Seele zu überlassen – die Hälfte vielleicht, die Nachtseite – im Tausch gegen einen kleineren Gefallen, einen, der womöglich auch nur die Nacht über von Vorteil ist?“
Carroza legte die raue Stirn in Falten und musterte mich eine Weile lang stumm, dann schüttelte er plötzlich unter dröhnendem Lachen den Kopf und rief: „Junge, du hast vielleicht eine blühende Fantasie!“
Ganz verwirrt und auch ein gehöriges Stück verärgert darüber, dass Carroza meine Frage überhaupt nicht ernst nehmen wollte, fiel mir nichts mehr ein, das ich ihm darauf erwidern konnte. Der Südländer hatte dem Anschein nach ohnehin kein Interesse mehr daran, sich mit uns Kindern zu unterhalten.
„Es wird Zeit, das Geld einzusammeln“, sagte er und fügte in einem fast schon unverschämten Tonfall hinzu: „Wenn ich zurück bin, Kinder, sind die Stiere gefüttert!“
Damit wandte er sich zum Gehen ab, doch bevor er den Stall verließ, drehte er sich noch einmal zum Käfig um und sprach mit leiser Stimme an den Stier gewandt: „Und Ihr, meine Dame... macht Euch bereit zum Tanz.“
Wenn es noch etwas gebraucht hatte, um mich vom Wahrheitsgehalt meiner unfassbaren Verdächtigungen zu überzeugen, dann waren es diese Worte gewesen. Kaum hatte Carroza den Fuß aus dem Stall gesetzt, da lief ich bereits am Gitter auf und ab zur panischen, verzweifelten Suche nach einer Tür, nach irgendeiner Öffnung, und mochte sie auch von einem Schloss versperrt sein – ich war dazu bereit, jedes Schloss zu überwinden, das sich mir in den Weg stellte, denn was Carroza im Sinn hatte, das durfte unter keinen Umständen geschehen.
„Was machst du bloß?“, schrie meine Schwester auf, als sie erkannte, was ich vorhatte. „Bist du denn ganz wahnsinnig geworden?“
„Sie ist es!“, zischte ich und packte meine verräterisch laute Schwester an beiden Schultern, um sie zur Ruhe zu bringen. „Er will sie töten, er will Elionora erstechen, aber das können wir unmöglich zulassen – sie ist doch unsere Lehrerin, und sie ist im Mindesten noch ein halber Mensch!“
„Es ist doch bloß ein Tier – du bist ganz fiebrig!“ Aus ängstlichen kleinen Augen schaute sie mich an, und es tat mir leid darum, dass ich meine Schwester dieser großen Anspannung aussetzte, doch ebenso wenig wollte ich sie allein nach Hause schicken.
„Hast du nicht selbst gehört, wie er sie seine Dame genannt hat?“, redete ich auf sie ein. „Er weiß es sogar, er weiß wer sie ist, und er will sie trotzdem umbringen!“
Die Schwester aber schüttelte weinend den Kopf, und in ihrer Verzweiflung schmiss sie sich mir an den Arm, um mich vom Gitter fortzuzerren. „Das hat er doch nur so gesagt!“
Ich begriff, dass meine Erklärungen fruchtlos bleiben würden. Ärgerlich schüttelte ich die Hand weg, die mich zurückhalten wollte, und suchte vergeblich mit den rasenden Augen das Gitter ab, in dem sich aber keine Lücke und kein Griff zeigte – es schien so, als müsste das ganze große Gerüst aus den Angeln genommen werden, um einen Ausweg zu schaffen.
„Lass uns nach Hause gehen! Ich habe Angst, und du weißt ja gar nicht, was du tust!“
Jetzt endlich aber wusste ich, was zu tun war – ich hatte nämlich am anderen Ende des Käfigs, das in der Dunkelheit der beginnenden Nacht kaum zu erkennen war, ein hölzernes Tor ausgemacht, das in das Stahlgeflecht eingearbeitet war und sich von außen sicher öffnen ließ. Ohne eine weitere Sekunde zu verschwenden, hastete ich nach draußen – ich verfluchte mich für meine Dummheit, denn es war ja sehr leicht zu erahnen, dass die Stiere nicht durch den engen Innengang, sondern von draußen her in ihre Zellen geschleust wurden – und noch ehe meine Schwester mir hatte folgen können, war ich auf der anderen Seite und am richtigen Tor angelangt. Von Carroza war nichts zu sehen, und dem großen aufbrandenden Gejohle nach, das jetzt von der Arena her zu hören war, vermutete ich, dass er sich dort gerade von der versammelten Menge feiern ließ.
Ein massiver Stahlriegel war vor dem Tor befestigt, und ich musste ihn mit beiden Händen packen, um ihn langsam nach oben zu schieben. Unter großen Kraftanstrengungen war es schließlich geschafft. Meine Schwester kam gerade um die Ecke gerannt, mit ganz schmutzigem Kleid, denn sie war offenbar auf dem Weg gestürzt, da schlug ich den Riegel um und zog das Tor auf.
„Du bist frei!“, rief ich in den dunklen Käfig hinein. „Komm schnell raus, es bleibt nicht viel Zeit!“
Nur sehr langsam verließ der gewaltige Stier sein Gefängnis, tat ruhig Schritt um Schritt, bis er schließlich direkt vor uns stand und mit seinen schönen klugen Augen abwechselnd meine erstarrte Schwester und mich, seinen Befreier, beäugte. Leise schnaubend drehte er den Kopf, und ich war mir sicher, dass er es tat, um die große haarige Wange in Dankbarkeit an meine Brust zu pressen, als das Schnauben plötzlich unruhiger und lauter wurde. Der Stier hatte den Blick auf das nahe Stadttor gerichtet, das zur Dekoration für das Winterfest über und über mit rotem Samt behangen war, und senkte in einer bedrohlichen Geste den Kopf, während er heiße Luft durch die Nüstern blies. Gerade noch rechtzeitig zog ich meine Schwester aus dem Weg, bevor die Kreatur vom glühenden Zorn gepackt davonpreschte, über die Wiese hinwegjagte und durch die Tore der Stadt mitten ins Zentrum von Khorinis stieß – ins Herz jener Stadt, die von zinnoberroten Tüchern umschlungen war, die man mit scharlachroten Girlanden behangen hatte, mit karminroten Bändern umwickelt und mit purpurroten Schleifen verziert.

In der nachträglichen Betrachtung erscheint es mir als eine ungeheuer glückliche Fügung, dass damals niemand durch meine aus der plötzlichen Erregung des Gemüts heraus entstandene Tat ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Um die festliche Stimmung war es in Khorinis in diesem Winter zwar nicht mehr gut bestellt, nachdem der Stier wie ein wahrer Berserker in vielen Bezirken der Stadt gewütet hatte, doch mehr als ein paar harmlose Schrammen musste kein Bürger von Khorinis in besagter Nacht davontragen. Meinem Seelenfrieden ist das, wie du dir sicher denken kannst, mein lieber Neffe, sehr zuträglich.
Es war mein Vater, der den Stier schließlich zu Fall brachte, indem er ihn der Breite nach durchstieß. Noch heute spüre ich das scheußliche Gefühl in den Knochen, das mich durchzuckte, als ich Stunden später, nachdem die Miliz wieder Einlass in die Stadt gewährt hatte, den ausgebluteten Leichnam der Kreatur erblickte. Lange Zeit sah ich fassungslos auf das rätselhafte Wesen herab, das für mich so viel mehr gewesen war als eine blind rasende Bestie, und das sein unergründliches Geheimnis vielleicht für immer mit ins Reich der Toten genommen hatte. Dann, es mochten Minuten oder auch Stunden vergangen sein, packte mich mein Vater am Arm und zerrte mich nach Hause, wo ich in der gleichen und auch in der folgenden Nacht kein Auge zutun konnte.
Am dritten Schultag des neuen Jahres stellte man uns den neuen Lehrer für Wunder und Magie vor, einen früheren Klosterdiener mit weißem Haar und knitterigem Gesicht. Elionora blieb verschwunden, ohne dass in der Familie mehr viel von ihr oder dem Verbleib ihrer Kinder die Rede war, und es überraschte mich nicht, dass ich sie auch in den vielen nachfolgenden Jahrzehnten, die jetzt hinter mir liegen, nie wiedergesehen habe.
Obwohl ich sie genauso wenig jemals ganz aus den Gedanken verloren habe, hätte ich dir in diesem Brief vielleicht nicht von ihr berichtet, wenn mir nicht im letzten Jahr unverhofft ein verloren geglaubtes Artefakt aus alten Tagen zugefallen wäre, von dem ich ebenfalls niemals geglaubt hätte, dass ich es je wiedersehen würde. Wie du weißt, ist deine Großmutter, Innos habe sie selig, im vergangenen Herbst von uns gegangen, und hat dabei in unserer aller Leben nicht nur eine große Lücke, sondern deiner Mutter und mir auch ein ganz und gar wunderbares Erbstück hinterlassen. Deine Mutter wollte es nicht lange ansehen und hat es gleich mir in die Hand gedrückt; überhaupt erinnert sie sich nicht gerne an die alte Geschichte von damals, weshalb ich dir auch raten möchte, sie nach Möglichkeit gar nicht auf die Sache anzusprechen.
Von welchem Erbstück ich spreche, fragst du? Nun, Neffe, du kennst es bereits ebenso gut wie ich selbst. Ich weiß nicht, wie die Legenden einer Großstadt in den Besitz meiner Mutter geraten sind, aber ich kann es mir in dem Sinne erklären, dass ihr als enger Freundin Elionoras die zurückgelassenen Güter der Lehrerin vielleicht überlassen wurden, als sich ein tatsächlicher Blutsverwandter nicht auffinden ließ. Außer ihren Kindern hatte sie nämlich, soweit ich es damals überblicken konnte, keine Familie in Khorinis, und ihre Kinder waren ja ebenfalls verschollen und sind im schlimmsten Fall einsam verhungert oder im besten Fall an andere Eltern geraten, die vom wahren Schicksal der Mutter nichts wissen.
Aber sage mir nun, kenne ich denn das wahre Schicksal dieser Frau, deren Andenken mich ein Leben lang begleitet hat und deren Worte mich jetzt im Alter aufs Neue gefunden haben? Urteile ruhig ganz ehrlich, mein Neffe, aber bedenke bei aller angebrachten Vernunft, dass die Welt, in der wir leben, voller Wunder und voller Magie ist, und dass du deinem armen alten Onkel ja nicht mit aller Gewalt seine Lieblingserinnerung auseinander nehmen musst!
Die Wahrheit über Elionora werde ich in diesem Leben doch ohnehin nicht mehr erfahren, denn es lebt ja niemand mehr, der sie vielleicht gekannt hat, und der sie mir mitteilen könnte. Vielleicht aber, ganz vielleicht, war die Antwort auf all meine Fragen schon damals versteckt in ihrem allerersten Blick, und solange ich lebe, will ich mein Bestes geben, sie darin zu suchen.

Es grüßt,
Dein dich liebender Onkel