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    Frühstücksdirektor John Irenicus's Avatar
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    John Irenicus is offline

    Post [Story]The Tooshoo Chronicles Part I: Xeshage!

    Es braucht eine ganze Horde des Bösen, um die Leiber der Rechtschaffenen zu verletzen…
    Doch es genügt ein einzelner verdorbener Gedanke, um ihre Geister zu vergiften…
    - Lord Tronter





    Solange die Welt gesund ist, heilt sich der Planet selbst. Die Götter wachen über ihn, hegen und pflegen ihn wie ein zartes Pflänzchen, welches zu einem mächtigen Baum erstarken soll. Gleichsam wie Tooshoo im Kleinen nährt sich der Planet im Großen vom Glauben seiner Gemeinschaft. Ihre Stabilität ist der Stamm des Baumes, an dessen Spitze sich die Blätter des Lebens bilden.
    Es ist der Lauf der Natur, dass ein einzelnes Blatt welkt und schließlich aus der Gemeinschaft ausscheidet. Der Organismus verkraftet es, andere werden nachkommen und den freigewordenen Platz einnehmen.
    Doch ist eines der Blätter krank und verpestet, so dauert es nicht lange, bis auch die anderen Blätter vom Siechtum ergriffen werden. Die Krankheit kriecht bis in den Stamm hinein und zersetzt so die Gemeinschaft in ihrem Fundament.
    Es ist die Aufgabe der glaubenden Gemeinschaft, die kranken Glieder zu erkennen und ihnen Heilung, schlimmstenfalls den erlösenden Tod zukommen zu lassen. Ist der Glaube stark, so ist es auch der Baum, im Kleinen wie im Großen.

    Lange Zeit war Tooshoo das Spiegelbild des Planeten: Eine gesunde Pflanze mit einem starken Stamm und zahlreichen Blättern. Milch der Freundschaft und Honig der Liebe nährten die Gemeinschaft.
    Indes kann ein solcher Zustand nie ewig währen. Und so kam es, dass die ganze Welt heimgesucht wurde von einer Krankheit, welche die Blätter krümmte und entseelte, auf dass sie massenhaft zu Boden fielen und ihrer Gemeinschaft verloren gingen. Denn jeder noch so starke Glaube kann der Desillusion anheim fallen, und ein teuflischer Geist weiß dies zu nutzen.

    Es war Xesha, die den Weltenwuchs störte, die neidende Klauengöttin, die das Werk ihrer Brüder nicht länger ertragen konnte. Sie war es, die den Wurzelbrand entzündete und so den Baum der Gemeinschaft nahezu zerstörte.

    Nur ein Held, ein wahrer Held war dazu berufen, das Übel an der Wurzel zu packen, und nur durch die Unterstützung zahlreicher rechtschaffener Gefährten gelang es ihm schließlich, dem Siechtum des Baumes Einhalt zu gebieten. Schlussendlich war die Krankheit gestoppt, doch ihre Folgen waren geblieben. Es braucht Zeit, damit sich ein solch angeschlagener Planet wieder regenerieren kann. Zeit zur Genesung, die er nicht immer hat.

    Seither war Tooshoo als Spiegelbild des verletzten Planeten verzerrt: Gegenüber der Enklave des Gemeinschaftsglaubens hatte es die Krankheit nie geschafft, die Substanz des Baumes ernsthaft zu verletzen. Stark und dicht verästelt waren die Gläubigen Tooshoos, und so gelang kein Harm nach innen.
    Doch auch wenn der Baum selbst nicht verletzt war, so zeigte Xeshas Treiben dennoch seine Wirkung: Die Gemeinschaft schottete sich ab, Tooshoo war seine eigene, kleine Welt geworden und blieb noch für lange Zeit nach Ende der Gefahr die Enklave, zu der es sich bei Beginn der Bedrohung gemacht hatte. Nur wenig drang nach innen, nur wenig drang nach außen. So entstand das Trugbild, Tooshoo sei vor allem Übel gefeit. Seine Bewohner verdrängten und vergaßen nach und nach, dass es noch immer böse Mächte gab, denen das Gedeihen Tooshoos ein Dorn im Auge war.

    Denn Xesha hatte zwar die Schlacht verloren, doch sammelte sie seither Kraft im Verborgenen, um irgendwann die ahnungslosen Geister Tooshoos zu überfallen und vom mächtigsten Baum des Planeten aus den Rest der Welt zu infizieren.
    Sie wartete, lauerte, auf jenen Tage, an dem die Bewohner Tooshoos voll Arglosigkeit ihr Schutzschild und gleichsam Gefängnis aus starren Ästen aufbrechen würden.

    Und dann sollte es nicht mehr lange dauern, bis das erste Blatt vergiftet sein würde…

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    Deus Laidoridas's Avatar
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    Laidoridas is offline
    Ahn-Bael.
    Ein Wort wie ein eisiger Luftzug. Bloß ein anderer Begriff für den Tod, sagten die einen. Viel viel schlimmer, sagten die anderen. Lorn wusste, dass er im Bannkreis all dieser Ideen stand, als er das Antlitz der Göttin sah, klar und weiß und allgegenwärtig. Und schön – so wahnsinnig schön, dass es schmerzte, dass die Augen tränten und die Gedanken nicht mehr mitkamen, auf der Strecke blieben irgendwo zwischen Wunsch und Wahrnehmung.
    Sie streckte die Hand nach ihm aus. Er musste das stumme Angebot annehmen, es gab keine Gegenwehr im Angesicht einer solchen Macht. Sie war episch.
    „Lorn.“ Ihre Stimme war der wohligste Schmerz in seinen Schläfen. „Du hast eine Bestimmung.“
    Er wollte den Kopf schütteln, versichern, dass er nichts war im Vergleich zu ihr, der einzigen, der Verkörperung all dessen, wofür Ahn-Bael stand und schon immer gestanden hatte – es war zwecklos. Ihre Worte wahren Wahrheit, in Stein gemeißelte Realität.
    „Was...was ist es, das Ihr von mir verlangt?“ Er hörte sich selbst kaum beim Sprechen, und wusste dennoch, dass sie ihn verstanden hatte.
    „Nimm dies.“
    Es löste sich aus ihrer Stirn. Eine strahlende Scheibe, greller noch als der gleißende Glanz in ihren Habichtaugen. Die ewige Fackel, doch rund. Ebenmäßig. Silbrig.
    Er fasste sie mit beiden Händen, und dann – in jenem wahnhaften Moment, als seine Hände das kalte Metall berührten, aufgesaugt wurden, verschmolzen mit dem Artefakt – verschlug es ihm den Atem.
    „Das Siegel der Göttin!“

    „Was bitte? Was – was grabschst du da an meiner Nase rum, du Arschkrampe?“
    Lorn brauchte eine ganze Weile, um zu begreifen, dass das Siegel in seinen Händen längst kein Siegel mehr war.
    „Hm...tut mir leid, Ricklen...ich...“
    „Sag nicht, dass du schon wieder einen dieser Träume hattest?“ Misstrauisch zog Ricklen die Stirn zu engen Fältchen zusammen. „Was ist eigentlich los mit dir, Mann?“
    „Ich weiß nicht...ich glaube...“ Ächzend richtete sich Lorn in seiner Hängematte auf, in der er hoch oben in den Wipfeln des großen Baums baumelte. „Ach, wahrscheinlich ist es gar nichts. Nur ein Traum...“
    „Du kannst mir ruhig davon erzählen, Kumpel“, bot Ricklen ihm an und rückte in seiner eigenen Hängematte ein weniger näher in die Richtung des Gefährten. Ein schwindelerregendes und nicht ungefährliches Unterfangen, das schon so manchem Neuling in Tooshoo zum Verhängnis geworden war – Ricklen jedoch lebte hier bereits seit vielen Jahren. Niemand erinnerte sich, woher er damals eigentlich gekommen war, und er machte nur allzu gerne ein Geheimnis daraus. Lediglich Lorn kannte die Wahrheit, und er würde schweigen wie ein Grab. Das hatte er versprochen.
    Trotz ihrer Verbundenheit zögerte Lorn in diesem Fall. Er wollte nicht, dass ihn sein bester Kumpel für verrückt hielt.
    „Bist du sicher, dass du das hören willst?“ Mit müder Miene pflückte Lorn ein paar der leckeren Früchte, für die Tooshoo so bekannt war, vom Ast über seinem Kopf. „Du würdest mich sicher nur auslachen.“
    „Würde ich nicht!“, behauptete Ricklen und machte das ernsthafteste Gesicht, zu dem er fähig war. Das war nicht viel, aber es genügte, um Lorn zu überzeugen.
    Lorn nahm einen herzhaften Bissen der Frucht und beugte sich verschwörerisch zu seinem Freund herüber.
    „Ich habe von der Göttin geträumt“, wisperte er. „Und zwar nicht zum ersten Mal. Sie hat gesagt, ich habe eine Bestimmung. Und sie hat mir etwas gegeben...ihr Siegel.“
    „Du sprichst von dieser Xesha?“ Ein paar Augenblicke lang sah es ganz danach aus, als wollte Ricklen an seiner neu gewonnenen Ernsthaftigkeit festhalten, dann jedoch brach er in ein gewaltiges Gelächter aus. „Mann, was hat dir Digger da bloß wieder für ein Zeug in die Pfeife gesteckt? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass dir die verdammte Harpyie ein paar Nachrichten aus Beliars Reich schickt? Ich meine, die ist tot, und du totlangweilig, zumindest für so eine Göttin!“
    „Hey!“, beschwerte sich Lorn und warf das halb abgekaute Kerngehäuse der Tooshoo-Frucht nach seinem besten Kumpel. „So uninteressant finde ich mich jetzt gar nicht!“
    „Ach komm schon“, grinste Ricklen, der sich keine große Mühe gab, dem offenkundig harmlosen Fruchtgeschoss auszuweichen. „Du machst das gleiche wie ich: Morgens hängst du hier auf der Hängematte ab, mittags lässt du dich von Mama Hooqua durchfüttern, und abends sitzt du qualmend vor Diggers Hütte rum. Wenn ich eine magische Harpyie im Jenseits wäre, dann würde ich andere Leute anlabern als dich!“
    „Ist ja gut“, knurrte Lorn. „Ich wusste ja gleich, dass ich dir sowas nicht erzählen sollte!“
    „Vergiss diesen Götterkram einfach und entspann dich.“ Ricklen machte es vor, indem er sich genüsslich in der Matte räkelte. „Könnte es irgendwo schöner sein als hier?“
    Lorn atmete tief durch. Er hatte Angst vor dem Moment, an dem er es Ricklen sagen musste, wollte es sich aber nicht anmerken lassen. „Tja, ich werde es bald herausfinden.“
    Verwirrt schreckte Ricklen hoch. „Was...soll'n das jetzt wieder heißen?“
    „Das soll heißen, dass ich auf Kastors Angebot eingegangen bin. Ich werde ihn und seine Leute noch heute Abend nach Setarrif begleiten.“
    „Und wann hattest du vor, mir das zu sagen?“, schnaufte Ricklen. „Verdammt, was soll ich denn machen, wenn du weg bist? Das kannst du mir nicht antun, Mann! Und Digger auch nicht!“
    „Hör mir mit Digger auf“, brummte Lorn, der bereits auf halbem Weg zur Leiter war, die vom Plateau der Hängematten hinauf zu den oberen Ebenen führte. „Willst du so enden wie der? Das ist einfach kein Leben für mich. Tooshoo mag der schönste Ort auf Erden sein, aber mittlerweile ist er auch einer der langweiligsten!“
    „Dann lass dich ruhig von den Klingen der verdammten Blutnattern da draußen niedermähen, wenn du das spannender findest!“ Ricklen fühlte sich sichtlich angegriffen. Dafür war er bekannt: Wer Tooshoo beleidigte, beleidigte auch ihn.
    „Die Blutnattern sind doch längst Geschichte“, entgegnete Lorn, obwohl er sich in diesem Punkt längst nicht so sicher war, wie es ihm lieb gewesen wäre. „Keine Banditen, keine Söldner, keine Wegelagerer. Kastors Karawane wurde schon seit vielen Wochen nicht mehr überfallen. Da draußen ist es so sicher wie nie, und eine ganze Welt wartet darauf, von uns entdeckt zu werden!“
    „Warte mal.“ Die Feindseligkeit in Ricklens Augen konnte es in diesem Moment mühelos mit der eines jeden Blutnattern-Schergen aufnehmen. „Was soll das heißen... uns?
    „Naja, ich habe Kastor natürlich gesagt, dass du mitkommst.“ Lächelnd schwang sich Lorn mit der Leichtigkeit eines langjährigen Baumbewohners auf die Leiter. „Du würdest es hier doch sowieso nicht ohne mich aushalten, oder?“
    Last edited by Laidoridas; 09.08.2012 at 23:50.

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    Frühstücksdirektor John Irenicus's Avatar
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    John Irenicus is offline
    Im Schweigen war Ricklen einsame Spitze. Er war im Reden schon nicht schlecht, doch im Schweigen war er einfach noch einen Tick besser. Er konnte wachend schweigen, er konnte schlafend schweigen, er konnte aufmerksam schweigen, er konnte zufrieden schweigen, er konnte unzufrieden schweigen, traurig schweigen, amüsiert schweigen, weise schweigen, beruhigend schweigen, beredt schweigen, fassungslos schweigen, verwirrt schweigen, erschöpft schweigen und nicht zuletzt grimmig schweigen. Und genau in dieser letzten Disziplin, dem grimmigen Schweigen, würde ihm heute garantiert keiner etwas vormachen.
    So blieb Ricklen seinem Gefährten eine Antwort auf dessen Frage schuldig, während er sich, vom kleinlauten Lorn beobachtet, aus seiner Hängematte schwang und die Rankenrutsche betrat.
    „Wo willst du hin?“, fragte Lorn vorsichtig, „Gehen wir nicht zur Kronenquelle? Heute schlag ich dich im Wasser, ich bin voller Energie!“
    Ohne sich noch einmal umzudrehen nahm Ricklen etwas mehr Anlauf als es ratsam war und warf sich in das Rankengeflecht der Rutsche, welche ihn auf direktem Wege auf den größten Platz der mächtigen Krone Tooshoos führen sollte: Auf den Marktplatz. Binnen weniger Augenblicke war er schon auf einem der riesigen Rutschblätter um die Biegung geglitten, welche die Rankenrutsche von ihrem Wohnplateau aus machte.
    Lorn zögerte einen Moment lang, kletterte dann aber wieder auf seiner Leiter zurück und eilte ebenfalls zum Rutscheneingang. Im Vorbeilaufen riss er sich von außen ein besonders frisches, grünes Blatt ab und schwang sich in den Rankentunnel. Gekonnt, jedoch etwas härter als sonst, landete er mit seinem Hinterteil auf dem gummiartigen Grün, nicht bevor er das Rutschblatt zwischen sich und den Rankenboden befördert hatte. In dieser ganzen Hektik hatte Lorn entgegen der Rutschvorschriften Tooshoos nicht darauf geachtet, ob die Rutschbahn hinter und vor ihm frei war. So kam es, wie es kommen musste: Nur wenige Augenblicke nachdem er sich in den Rankentunnel geschwungen hatte, spürte er einen heftigen Stoß in seinem Rücken, der von einem empörten Schrei begleitet wurde.
    „Pass doch auf, Mann! Keine Augen im Kopf, oder was?“
    Lorn, der zumindest hinten keine Augen im Kopf hatte, wandte sich rutschend um und sah, wer da in ihn reingekracht war.
    „Oh, entschuldige, Miego!“, rief Lorn nach hinten über seine Schulter, „Es ist nur so, dass ich gerade dringend Ricklen hinterher muss, und da konnte ich nicht genau drauf achten, ob jemand von oben kommt.“
    Energisch steuerte der drahtige Miego als geübter Rankenrutscher sein Blatt neben das von Lorn, sodass sie nun auf einer Höhe rutschten und die Unterhaltung ohne Schreierei fortsetzen konnten. Nichtsdestotrotz blieb Miegos Stimme laut.
    „Wie, was, du musst dringend Ricklen hinterher? Ihr liegt doch immer den ganzen Morgen in euren Hängematten und fresst Tooshoo die Früchte von den Ästen – hattet ihr da keine Zeit mehr zum Reden oder was?“
    Bevor Lorn antwortete, stellte er sicher, dass er und Miego die nächste, etwas schärfere Kurve – es würde nicht mehr weit bis zum Marktplatz sein – auch ohne Kollision nahmen. Während sie vorbeirauschten, glaubte er eine welke Stelle an der Rankentunnelwand zu sehen, war sich wenige Augenblicke aber nicht mehr sicher, ob es doch nur Einbildung gewesen war.
    „Doch, schon, das ist ja das Problem“, versuchte Lorn dem aufgebrachten Miego die verzwickte Lage zu erläutern, „Es ist nur so, dass Ricklen und ich heute Abend zusammen mit Kastor losziehen wollen. Also, zumindest ich will das…“
    „Ihr wollt mit Kastor nach Setarrif?“, fragte Miego ungläubig und duckte sich gerade noch unter einem wilden Rankenspross hinweg, der als Ausreißer aus dem dichten, grünen Geflecht herausragte. Die Rankenrutsche benötigte wirklich mal wieder ein bisschen intensivere Pflege.
    „Da liegt doch alles in Schutt und Asche!“
    „Noch, ja“, räumte Lorn ein, während er das Licht am Ende des Tunnels sah, „Aber sie wollen Setarrif wieder aufbauen. Und deshalb hat Kastor angefangen, mit ihnen zu handeln. Der nächste Transport steht heute Abend bevor.“
    Die steile Neigung der Rutsche ließ langsam nach, die beiden Männer verlangsamten und wurden schließlich sanft von einigen Tooshoo-Kiefern gebremst. Die Fahrt in die weichen Nadeln dieser Baumgewächse, die auch eine beliebte Kissenfüllung waren, war ein nicht unangenehmes Gefühl. Lorn hatte schon etliche Male Gebrauch von dieser und anderen Rankenrutschen gemacht, doch ihm wurde es nie langweilig.
    Miego war bereits aufgestanden und zum Ausgang gegangen, nicht ohne vorher sein Rutschblatt an den dafür vorgesehenen Ast aufzuhängen. Die Rutschenpfleger würden es entweder zum nochmaligen Rutschen bereitstellen oder es – und das war angesichts der durchgerutschten Oberfläche des Blattes eher wahrscheinlich – der Substanz des Tooshoo-Baums erneut zuführen, damit neue Riesenblätter wachsen mochten.
    Auch Lorn stand nun auf und entledigte sich seines noch frischen Rutschblattes. Als er ins Freie trat, musste er die Augen etwas zusammenkneifen. Das helle, strahlende Sonnenlicht an diesem Tage war nicht bis in die dichte Rankenrutsche vorgedrungen, sodass er sich an die einströmende Helligkeit erst wieder gewöhnen musste. Das erste, was er wieder klar sehen konnte, war Miegos schwarzer Schnurrbart, der seine skeptische Miene zierte.
    „Ihr seid doch bekloppt“, fasste Miego seinen Standpunkt zusammen, wirkte aber nun immerhin weniger aufgebracht als noch vor einigen Minuten.
    „Warum wollt ihr überhaupt raus? Was kümmert uns die Außenwelt? Überlasst die Außenwelt den Hütern und der Baumgarde. Wir haben hier alles, was wir brauchen, und uns kann nichts schaden. Draußen werdet ihr euch doch nur Ärger einhandeln! Wölfe, Wildschweine, Wühlböcke! Marodierende Banden, Blutnattern…“
    „Es ist ja nicht das erste Mal, dass Kastor diesen Transport macht“, wandte Lorn ein, „der Karawane ist noch nie etwas passiert und Kastor selbst geht es offenbar ganz gut damit. Ich sehe das Problem bei der Sache nicht. Außerdem: Hast du etwa Spaß daran, hier drin auf ewig zu versauern? Man will doch auch mal was von der Welt sehen, oder nicht?“
    Als Antwort spendierte Miego seinem nun selbst aufgebrachten Gesprächspartner ein fassungsloses Kopfschütteln, das so oder so ähnlich auch von Ricklen hätte kommen können. Wenn Lorn es sich recht überlegte, hatte Ricklen ihn heute morgen sogar tatsächlich genau mit dieser Art von Kopfschütteln abgespeist. Hielten ihn denn alle für übergeschnappt?
    „Macht doch was ihr wollt“, murmelte Miego und fügte nach kurzer Pause hinzu: „Macht ihr ja eh…“
    Lorn wollte darauf noch etwas erwidern, wusste aber nicht so wirklich, was er noch sagen sollte oder konnte. Zum Glück nahm ihm der nun milde lächelnde Miego die Aufgabe ab, das Gespräch zu einem Abschluss zu bringen.
    „Ich hoffe dann mal, dass das nicht unser letztes Treffen war. Ich muss jetzt los, Dilten wartet schon auf mich. Er meinte, er hat endlich herausgefunden, wie man Bier braut, das auch betrunken macht… wenn das stimmt, dann kann Digger endgültig einpacken. Mach’s gut!“
    Mit diesen Worten stapfte Miego quer über den belebten Marktplatz davon, um die Wohnsiedlungen auf der anderen Seite und Diltens magisches Labor zu erreichen. Lorn sah ihm in seiner grün-beigen Kleidung, wie sie hier in Variationen fast jeder trug, noch ein wenig hinterher. Elegant schlängelte er sich durch eine Gruppe tratschender Frauen vorbei, bestimmt hatte er ihnen ein paar zwinkernde Blicke dabei zugeworfen. Dann ließ er einen Großteil der Marktstände zu seiner Rechten liegen und verschwand schließlich hinter den breiten Schultern zweier Baumgardisten, die entspannt über den Marktplatz patrouillierten. Vor seinem inneren Auge malte Lorn sich aus, wie Miego in wenigen Minuten die Leiter zu einem Plateau aus verschnörkelten Ästen hinaufsteigen würde, um zu jener Laborhütte zu gelangen, in der Dilten sich nach seinem Ausscheiden aus dem Rat der Hüter niedergelassen hatte.
    Lorn selbst sah sich – getreu seines früheren Berufs als Späher und Kundschafter – genauer auf dem Marktplatz um, in der Hoffnung, irgendwo den rotbraunen Haarschopf Ricklens zu erblicken. Das Herumschauen über den hübschen Platz glich bei der großen Menschenmenge aber eher einem Fischen im Trüben: Rotbraune Haarschöpfe gab es zwar genug, doch gehörten sie entweder zu grobschlächtigen Tooshoo-Kriegern a.D. oder – und das gefiel Lorn besser – zu jungen Frauen, die heute ihre Einkäufe auf dem Markt erledigten. Ricklen aber war bisher noch nicht dabei gewesen. So beschloss Lorn, einfach ein paar der bekannten Händler zu fragen, ob sie ihn gesehen hatten. Falls nicht, so schaute er einfach mal bei Mama Hooqua vorbei. Denn erstens konnte Ricklen gerade gut und gerne bei ihr sein, zweitens wusste Mama Hooqua immer Rat und drittens war sowieso bald Essenszeit.
    Als Lorn langsam zu einigen der in Reihe aufgestellten Marktstände schlenderte und dabei einer Gruppe unaufmerksam herumalbernder Jugendlicher so gut es eben ging auswich, fing ein altbekanntes wie kantiges Gesicht seinen Blick auf.
    „Guten Morgen Lorn! Für dich ist es doch noch Morgen, hab’ ich Recht oder hab’ ich Recht?“
    Der Angesprochene ließ noch zwei ältere Herren in schicken Blattwesten passieren, dann trat er an den Stand des lachenden Händlers heran.
    „So halbwegs“, meinte Lorn etwas unbeholfen. Hendors Späße waren ihm nie so ganz geheuer. Der große Mann mit dem markanten Kinn meinte seinen Spott sicherlich nie böse und wollte wohl stets nur milde frotzeln, doch verfolgte er dabei seinen ganz eigenen Maßstab. Das, was für Hendor noch ein harmloser Spaß unter Freunden war, galt dem einen oder anderen schon als handfeste Beleidigung. Vor allem wusste Hendor selten, wann mal gut war mit den Sticheleien.
    „Siehst zumindest aus, als hättest du dich gerade erst aus deiner Hängematte entschraubt – quasi ein Fingerbreit am Schlafwandeln vorbei!“
    Lorn war sich sicher: Hätte Hendor nicht hinter der Warenauslage sondern neben ihm gestanden, er hätte ihm – etwas zu fest – auf die Schulter geklopft.
    „Und guckst hier rum wie bestellt und nicht abgeholt“, fuhr Hendor fröhlich fort, „Wenn ich dir sage, dass du dir mal endlich ’ne Frau suchen sollst, meine ich nicht, dass du das unbedingt hier auf dem Marktplatz tun sollst – ich kann für dich zwar mal schauen, ob hier irgendwo zwischen den Kisten… nein, tut mir leid. Aber einen schicken Ring kann ich dir schonmal andrehen, für alle Fälle. Falls es heute doch noch was wird!“
    „Nein, nein, ich suche Ricklen“, entgegnete Lorn ein bisschen überfallen.
    In gespielter Nachdenklichkeit legte Hendor seinen Kopf schief.
    „Naja“, sinnierte er, „Ist vielleicht auch nur konsequent, dass ihr endlich heiratet…“
    Noch bevor Lorn reagieren konnte, tat Hendor das, was er immer in so einer Situation tat.
    „Nur Spaß!“, lachte er und setzte sein breitestes Grinsen auf, gefolgt von einem: „Jetzt aber mal im Ernst…“
    Da Lorn wusste, dass dieser Ernst nie besonders lange währte, preschte er mit seiner Frage vor.
    „Hast du ihn denn gesehen? Er müsste vorhin hier vorbeigekommen sein… wir wollten heute Abend nämlich mit Kastor losziehen.“
    Es dauerte nur wenige Augenblicke, da bereute es Lorn schon, so übereilt gefragt zu haben.
    „Mit Kastor? Nach Setarrif?“, rief Hendor aus und ließ mit einem nachgeschickten Lachen keinen Zweifel daran, dass seine ernste Phase schon wieder vorbei war.
    „Was wollt ihr da denn? Knochen sammeln? Mauerklötzchen bauen? Asche um die Wette pusten? Da habt ihr euch ja einen Ort für eure Flitterwochen ausgesucht… – Nur Spaß!“
    Lorn ließ dem Händler eine kurze Pause, damit er das Unvermeidliche folgen lassen konnte.
    „Jetzt aber mal im Ernst: Was habt ihr denn da zu schaffen?“
    „Nichts besonderes“, antwortete Lorn wahrheitsgemäß, dem das Gespräch mit Hendor mehr und mehr auf seine ohnehin schon strapazierten Nerven ging, „Wir wollen einfach nur mal aus Tooshoo raus, was von der Welt sehen. Äh, naja, Ricklen will das vielleicht nicht ganz so sehr wie ich. Deshalb suche ich ihn auch gerade…“
    Hendor setzte ein wissendes Grinsen auf.
    „Ach soooooooooo…“, ließ er verlauten und blickte wie ein Gaukler in ein imaginäres Publikum vor seinem Stand, „Das Paar hat also eine kleine Krise… – Nur Spaß! Jetzt aber mal im Ernst: Ricklen habe ich heute noch nicht gesehen. Was aber nicht heißt, dass er nicht hier vorbeigekommen ist.“
    Hendor senkte seine Stimme und beugte sich verschwörerisch zu Lorn herüber, wobei er mit seiner Tunika die kleinen Keramikkrüge vor seinem Bauch streifte.
    „Aber jetzt mal wirklich im Ernst: Schlagt euch die Idee aus dem Kopf. Was wollt ihr da draußen? Hier drin haben wir doch alles. Es reicht, wenn Kastor alleine schon so wahnsinnig ist diesen Hort des Glücks zu verlassen. Hier drin sind wir sicher. Mann, da draußen kann einem doch sonstwas passieren! Wind und Wetter, Räuberbanden, Blutnattern! Willst du das etwa?“
    Hendor lehnte sich noch ein wenig näher an Lorn heran, wie im Bann tat dieser es ihm gleich, und so berührten sich fast ihre Köpfe, als Hendor weitersprach.
    „Außerdem: Du weißt doch, was die Blutnattern mit schwulen Pärchen machen, oder?“
    Das schallende Lachen was Hendor darauf entfuhr, ließ Lorn vor Schreck zurückzucken, was den Händler bald in Ekstase verfallen ließ. Lorn wollte ihm seine Witzchen nicht ernsthaft übel nehmen, wartete aber gar nicht erst auf sein abwiegelndes „Nur Spaß!“ und zog stattdessen weiter. Für heute war es wahrscheinlich besser, den Händler sich selbst zu überlassen. Dessen einsamer Stand verriet, dass die Masse der Marktbesucher das ähnlich sah.
    Last edited by John Irenicus; 27.04.2013 at 13:27.

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    Die Mischung aus angenehm drückender Wärme, zahlreichen fremdartigen Düften und den von gelegentlichen Luftzügen getriebenen Glockenspielgeräuschen weckte in Lorn vertraute Gefühle. Sicherheit, Geborgenheit, innere Ruhe – und nicht zuletzt etwas Appetit. Daran änderte auch das so sonnige Wetter in Tooshoo nichts, was den kleinen, glühenden Eisenofen in der Mitte des Raumes eigentlich überflüssig machte.
    An einer Art Theke – auf der Bedienerseite momentan unbesetzt – saßen und lehnten drei Männer, von denen Lorn die Namen nicht kannte und auch sonst nicht viel wusste. Beim jüngsten von ihnen, einem schmächtigen Burschen mit rotem Bartflaum um den Mund, war sich Lorn nicht einmal sicher, ihn überhaupt je vorher bewusst gesehen zu haben.
    Beim Betreten der Hütte hatte ihn ein beiläufiges, gedämpftes Klingeln angekündigt, die Reaktion der Männer hielt sich aber in Grenzen. Die beiden in etwa gleichaltrigen bewegten ihre Köpfe nicht einmal weit genug, um tatsächlich zur Tür blicken zu können. Lediglich Rotbärtchen warf einen kurzen Blick über die Schulter, wandte sich dann aber wieder seinem Mittagsmahl zu. Aus der Ferne sah es aus wie einer der typischen Eintöpfe: Sie schmeckten immer gleich, aber auch immer gleich gut.
    Lorn zögerte einen Moment, setzte sich dann aber – obwohl an den Rändern der Theke noch genügend Plätze frei waren – direkt links neben Rotbärtchen, der dies mit einem leicht irritierten Blick zur Kenntnis nahm, den er dann aber wieder auf seine Mahlzeit senkte. Von hier konnte Lorn nun auch erkennen, was die beiden vollbärtigen Älteren zwei und drei Plätze weiter links von ihm aßen: Nichts. „Nichts“ war vor allem für Männer dieses Alters – sie waren wohl zehn, fünfzehn Jahre älter als Lorn selbst – eine beliebte Bestellung. Denn „Nichts“ bedeutete einen kleinen Krug Kaffee aus Tooshoo-Bohnen gratis sowie einen kleinen Plausch. Besonders als Junggeselle verschlug es einen hierher – und ein solcher konnte man auch noch sein, wenn der eigene Lebensstamm schon einige mehrere Jahresringe aufwies. Da der Großteil der Männer jedoch zumindest eine Frau, wenn nicht sogar Kinder zu Hause hatte – in Tooshoo starb niemand einsam, so sagte man – war der Kreis der hiesigen Stammgäste eher überschaubar. Über kurz oder lang aber hatte jeder Bewohner Tooshoos mindestens einmal bei Mama Hooqua gespeist, und ausnahmlos jeder hatte ihre Kochkünste für gut befunden.
    Kaum hatte er sich hingesetzt, konnte Lorn schon beobachten, wie sich aus den dunklen Hinterzimmern des Lokals eine ebenso dunkle wie große Person löste und an die Theke schritt. An den stämmigen Armen baumelten allerlei goldene Ketten und Reife, die dicken, aber schönen Finger wurden von allerlei Ringen mit roten, blauen und grünen Steinen geziert. Der haarlose Kopf war kunstvoll mit einem purpurnen Band umbunden. Das große, runde Gesicht schließlich begrüßte Lorn mit ebenso großer Freundlichkeit und einem Augenaufschlag von türkis bemalten Lidern, der ihm das Herz aufgehen ließ: Das war Mama Hooqua.
    „Lorn, ich grüße dich!“, bebte die tiefe, aber sehr weibliche Stimme beruhigend durch den Raum.
    „Was kann ich für dich tun?“
    „Also, erst einmal hätte ich gerne etwas zu essen“, sagte Lorn geradeheraus, „Hast du noch etwas vom Früchtekompott?“
    Mama Hooqua stemmte belustigt ihre kräftigen Arme in ihre ebenso kräftige Hüfte.
    „Was für eine Frage, natürlich! Oder meinst du, hier in Tooshoo gehen uns die Früchte auf einmal aus? Die mittlere Portion, wie immer?“
    Mama Hooqua schien Lorns bejahendes Nicken gar nicht erst abzuwarten, sie kannte die Antwort auch schon so, als könnte sie es fühlen. Vermutlich war es auch so, dachte Lorn. Immerhin war es nicht irgendeine Frau, nicht irgendeine Lokalbesitzerin und dies war auch nicht irgendein Lokal – dies war Mama Hooquas Hütte!
    Als Mama Hooqua mit einem milde gekühlten Früchtekompott zurückkehrte, welches sie aus einem ihrer Eisschränke in den isolierteren Ecken ihrer Hütte geholt hatte, lagen vor Lorn auf der Theke bereits fünf abgezählte Goldmünzen. Vier für die Mahlzeit, eine für Mama Hooqua.
    „Du bist so gut zu mir“, kommentierte die füllige Dame augenzwinkernd, während sie die Tonschale mit dem Kompott abstellte und die Goldmünzen in eine kleine Truhe unter der Theke wandern ließ. Rasch griff sie in einer Schublade noch nach einem etwas angelaufenen Silberlöffel und reichte ihn Lorn, dem das Wasser schon im Munde zusammenlief.
    „Lass es dir schmecken“, meinte Mama Hooqua und wollte wohl gerade wieder in ihre Hinterzimmer zurückkehren, als sie innehielt und ihrem Gast tief in die Augen sah.
    „Ich sehe dir an, du bist nicht nur hier um zu essen, habe ich Recht?“
    Lorn hatte schon den ersten Löffel mit dem einzigartigen süß-sauren Früchtekompott in seinen Mund geführt und bestätigte daher zunächst mit einem bloßen Nicken.
    „Es ist nichts Wildes“, erklärte er nachdem er runtergeschluckt hatte, „Ich bin nur auf der Suche nach Ricklen. Hast du ihn heute schon gesehen?“
    „Heute noch nicht“, antwortete Mama Hooqua ohne Umschweife, „Du etwa auch noch nicht?“
    „Doch, schon. Aber… naja, ich glaube, ich habe ihn ein wenig verärgert. Wir… Ich wollte heute Abend mit Kastors Transport mitreisen, am liebsten zusammen mit Ricklen. Aber das scheint ihm nicht ganz zu passen. Als ich ihm das heute Morgen erzählt habe, hat er mal wieder geschwiegen wie ein Einsiedler und ist davongerutscht.“
    Mama Hooquas Miene wurde ernst. Behände zog sie sich einen hohen Holzhocker heran, auf dem sie sich niederließ, nicht ohne dem Möbelstück ein flehendes Ächzen zu entlocken.
    „Da kann ich ihn gut verstehen“, bekundete sie, „Ich halte das auch für keine sehr gute Idee. Draußen ist es gefährlich, Lorn.“
    Lorn schluckte, diesmal aber nicht sein Früchtekompott. Bis jetzt hatten ihm schon einige gesagt, dass seine geplante Reise alles andere als klug war. Aber wenn Mama Hooqua das jetzt auch noch sagte… nicht nur Mama Hooqua selbst, sondern auch ihr Wort hatte Gewicht.
    Etwas verlegen begutachtete Lorn die verschiedenartigen, teils kandierten, teils naturbelassenen Früchte in seiner Schale, die von einer roten Beerensauce umschmeichelt wurden.
    „Ich merke aber, du hast dich schon längst entschieden, nicht wahr?“
    „Ja“, antwortete Lorn und sah auf, „Ich will etwas von der Welt sehen, Mama Hooqua. Mein Platz wird immer hier sein, da bin ich mir sicher… aber ich möchte mal wieder etwas anderes sehen! Ich lebe hier schon seit Jahren, ich lebe hier auch gerne, ich faulenze hier gerne, ich mag auch meine gelegentliche Arbeit als Holzschnitzer, ich mag Ricklen, ich mag dich, ich mag alle hier in Tooshoo. Doch da muss es doch mehr geben! Die Zeiten, dass wir uns alle hier verkriechen müssen, sind doch längst vorbei!“
    Mama Hooqua atmete tief ein und tief aus, dabei hob und senkte sich ihre gewaltige Brust wie ein schlafender Wühlbock. Wie Lorn sie dabei betrachtete, kam in ihm die seltsame Frage auf, ob Mama Hooqua getreu ihrem Namen tatsächlich selber Kinder hatte.
    „Vielleicht hast du nicht ganz Unrecht“, seufzte sie und unterbrach damit Lorns Gedanken, „und ich werde dir deine Entscheidung auch sicher nicht ausreden. Du bist alt genug, ebenso wie Kastor oder Ricklen, falls er mitgeht. Lass dir nur eines gesagt sein: Die Abenteuerlust ist schon so manchem zu Kopf gestiegen und hat ihn blind vor den Gefahren gemacht, die außerhalb Tooshoos lauern. Und glaub es mir oder glaub es mir nicht, Lorn: Da draußen lauern Gefahren. Deshalb solltest du dich nirgendwo sorglos sicher fühlen, selbst wenn der Ort den Anschein einer Idylle hat. Niemals, hörst du?“
    Lorns Antwort war ein betretenes Schweigen, das er nur zu gerne gebrochen hätte, wäre ihm eine passende Erwiderung eingefallen. Tief im Innern wusste er, dass Mama Hooqua Recht hatte, doch von seiner Entscheidung, damit hatte sie auch Recht, konnte sie ihn gar nicht mehr abbringen. Zu groß war die Sehnsucht nach einer Reise, dem Abenteuer, und der Chance auch mal andere Farben zu sehen als die ewig gleichen Grün- und Erdtöne, aus denen ganz Tooshoo zusammengemalt schien. Das ständige Leben im Baum machte den Menschen zum Affen.
    Die Miene seiner Gastgeberin hellte sich, zumindest so weit es ihre dunkle Hautfarbe zuließ, wieder auf, als sie – als wäre nichts gewesen – ihm noch einen guten Appetit wünschte und wieder in die hinteren Räume ihres Hauses verschwand.
    Lorn, der sich jetzt endlich wieder traute von seinem Früchtekompott zu essen, schob sich eine Ladung davon in den Mund und sah sich beim Kauen verstohlen nach rechts und links um. Rotbärtchen – er hatte die Unterhaltung unweigerlich mitgehört – machte keine Anzeichen sich überhaupt eine Meinung zu dem Ganzen gebildet zu haben. Auf der linken Seite, bei den beiden Vollbärtigen, sah es dagegen schon anders aus: Wie ein Ältestenrat in der Sparversion hatten sie ihre Köpfe zusammengesteckt und sprachen miteinander in brummigen Stimmen. Ob es tatsächlich um Lorns Pläne und Mama Hooquas Ratschläge ging, oder doch nur um die Frage, welcher Barbier Tooshoos sich am besten für die gediegene Bartpflege eignete, vermochte Lorn nicht zu sagen. Jedenfalls aber begann er sich in ihrer Gegenwart unwohl zu fühlen – ein Zustand, der sich wahrlich selten in Mama Hooquas Haus einstellte. Während er nun sein Kompott ein wenig schneller löffelte, kehrten seine Gedanken zu Ricklen zurück.
    An Kastors Stand hatte er noch kurz vorbeigeschaut, doch war dieser verwaist – Kastor traf wohl schon unter Hochdruck die letzten Vorbereitungen für die Abreise seiner Karawane, da hatte er keine Zeit, noch Waren auf dem Markt zu verkaufen. Wahrscheinlich belud er gerade seine Herde Karawanenkäfer mit all jenem Kram, den er nach Setarrif zu verfrachten gedachte.
    Alleine war Ricklen sicher nicht zur Kronenquelle gegangen, außerdem hätte er um diese Zeit längst zurück sein müssen. Lorn überlegte, ob es nicht ganz gut war, doch noch ein wenig bei Mama Hooqua zu warten. Ein kurzer Seitenblick verriet ihm, dass Rotbärtchen mit seinem Eintopf fast fertig war. Den beiden Anderen traute er auch nicht zu, noch lange hier zu verweilen.
    Lorn wollte gerade mit der Thekenglocke die Gastgeberin zu sich bitten, als ein seltsam dumpfer, irgendwie riesig wirkender Lärm von draußen hereinschallte, gefolgt von einigen lauten Rufen. Noch ehe Mama Hooqua aus ihren Hinterzimmern zurückgekehrt war oder einer der Männer auch nur ein Wort des Erstaunens loslassen konnte, stürmte eine großgewachsene Gestalt in die Hütte, die Lorn als Henk identifizierte.
    „Ihr glaubt nicht, was gerade passiert ist“, verkündete er gehetzt, „Die Rankenrutsche nebenan ist einfach zusammengebrochen!“
    Kaum hatte er es ausgesprochen, war er auch schon wieder aus der Tür herausgeflitzt. Das überraschte Lorn fast noch mehr als der Zusammenbruch der Rankenrutsche: Henk war zwar als schnellster Schmied Tooshoos bekannt, aber als Schaulustigen hatte er ihn noch nicht erlebt. Andererseits: Lorn selbst war – zusammen mit den anderen Männern am Tresen – unumwunden aufgestanden und steuerte jetzt ebenfalls auf den Ausgang zu. Und selbst Mama Hooqua, die sonst nur sehr selten und dann erst gegen Abend ihre Hütte verließ, wuchtete sich an ihrer Theke vorbei nach draußen.
    Last edited by John Irenicus; 27.04.2013 at 13:30.

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    „Zum Glück waren wir noch nicht ganz drin… ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, dass kein anderer die Rutsche gerade benutzt hat – Adanos sei Dank!“
    Ein junges Paar aus Mann und Frau, die Lorn zwar vom Sehen, aber nicht beim Namen kannte, hatte gerade mit der Erklärung des Vorfalls geendet. Die zwei Tooshoo-Gardisten, die sich etwas hilflos auf ihre Holzspeere stützten, hatten der Schilderung aufmerksam zugehört, sahen aber nicht aus, als wüssten sie weiteren Rat.
    „Hm, tja…“, brummte der eine in seinen schwarzen Bart und schaute vorsichtig zu seinem Kollegen, „Was machen wir denn da?“
    „Tja, hm…“, entgegnete der andere und kratzte sich am Kopf, wobei er beinahe seinen Speer fallen ließ, den er im letzten Moment noch erschrocken auffangen konnte.
    „Henk ist gerade zur Krone gelaufen um die Hüter zu informieren“, merkte die Frau, eine schlanke Blondine mit Blümchen im Haar, besonnen an.
    „Dann wird wohl gleich einer kommen“, stellte der bärtige Gardist fest und besah sich alibimäßig die Reste, die von der Rankenrutsche noch übrig geblieben waren.
    Auch Lorn trat ein paar Schritte heran. Mehr und mehr machte er sich Gedanken darüber, was wohl passiert wäre, wenn die Rankenrutsche auf der anderen Seite des Marktplatzes heute Vormittag mit ihm und Miego zusammengebrochen wäre. Die Antwort darauf lag sehr nahe: Er wäre Meter um Meter herabgefallen, bis er irgendwann von einer Wurzel oder einem Ast unsanft gestoppt worden wäre, und das wäre sein Ende gewesen.
    Bei den Umstehenden – hin und wieder kamen Leute hinzu, hin und wieder gingen welche weg – konnte Lorn ähnliche Überlegungen erahnen. Dazu kam noch gelegentliches Wundern und Staunen ob der gewaltigen Person Mama Hooquas, die tatsächlich einen sehr seltenen und irgendwie falschen Anblick in der Mittagssonne bot. Vielleicht trieb es sie gerade deswegen nach wenigen Minuten wieder in ihre Hütte.
    „Gibt’s ja gar nicht“, murmelte Rotbärtchen mit dünner Stimme, „Hoffentlich war das ein Einzelfall… sonst nehm’ ich heute Abend lieber die Leitern bis runter zu den Wurzeltoren.“
    Sprach’s und verschwand sogleich wieder im Lokal, im Gegensatz zu den beiden Vollbärtigen, die ihren Kaffee entweder schon ausgetrunken oder einfach vergessen hatten, und ihren gemeinsamen Weg quer über den Marktplatz einschlugen.
    „Hier ist es“, keuchte plötzlich eine Stimme neben Lorn. Henk war mit einem in roten und grünen Farben gewandeten Mann im Schlepptau zurückgekehrt. Seine Kleidung und der erhabene Gesichtsausdruck zeichneten ihn als einen der Baumhüter aus. Ein Raunen ging durch die Menge der verbliebenen Schaulustigen, auch Lorn konnte sich dabei nicht zurückhalten. Die Baumhüter ließen sich nur selten auf den unteren Ebenen blicken – an das letzte Mal konnte sich Lorn schon gar nicht mehr erinnern. Dennoch glaubte er, den Namen dieses Hüters zu kennen – Dilten hatte an einem Abend viel über seine Zeit im Hüterrat erzählt. Das Aussehen eines der Männer, die er beschrieben hatte, passte ziemlich genau auf den Mann, der jetzt langsam zum Ort des Geschehens schritt. Wenn das wirklich derjenige Hüter war, über den Dilten hunderte beängstigend peinliche Geschichten zu erzählen wusste, dann…
    „Hüter Pyrokar, Innos zum Gruße!“, entfuhr es den beiden Baumgardisten wie aus einem Mund, während sie ebenso synchron vor dem hochrangigen Neuankömmling salutierten.
    Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, Lorn hätte leise in sich hinein gelacht oder vielleicht gegrinst. Ja, Pyrokar. Jetzt erinnerte er sich. Das war der Name gewesen.
    „Was ist der Grund dieses Aufruhrs?“, fragte Pyrokar.
    Die Gardisten drucksten ein wenig herum, bis sich der ohne Bart ein Herz fasste.
    „Ähm… hier ist kein Aufruhr, Meister Pyrokar“, erklärte er in aller Demut, seinen Speer fest umklammernd, „Die Rutsche is’ kaputt gegangen.“
    „Das sehe ich selbst und das war auch nicht die Frage!“, fuhr Pyrokar den Gardisten an, woraufhin dieser seinen Speer fast wieder fallen ließ. Lorn wunderte es bei der enormen Schweißbildung am Körper des Gardisten nicht, dass ihm seine Zierwaffe permanent aus der Hand zu rutschen drohte.
    „Ich meine was die ganzen Leute hier sollen! Warum kommt ihr eurer Arbeit nicht nach? Jegliche unbefugte Bewohner Tooshoos sind von diesem Gefahrenherd fernzuhalten. Sperrt das Gebiet ab! Ich will hier niemanden herumstreunen sehen, der nicht vorher bei mir vorstellig geworden ist!“
    „Ich, äh…“, der Gardist blickte sich eingeschüchtert zu seinem nicht minder angespannten Kollegen um, „Wir dachten nur, vielleicht sollte man die Bewohner hier befragen, ob sie vielleicht etwas -“ „Halt!“, schnitt ihm Pyrokar energisch das Wort ab, „Ich bin mit der Aufklärung dieses Falles betraut worden, ich leite daher die Ermittlungen!“
    Er wandte sich an die seit seinem Erscheinen erheblich kleiner gewordene Runde. In der Tat befanden sich im engsten Kreis neben den beiden Gardisten, Pyrokar und Lorn nur noch das Paar, das den Rutschenabsturz erlebt und fast nicht überlebt hatte, sowie zwei neugierige, ältere Frauen, die aber, getroffen vom Blick des Baumhüters, nun zügig das Weite suchten. Auch Henk, der vor einigen Augenblicken noch vor Erschöpfung hechelnd neben Lorn gestanden war, hatte sich unversehens aus dem Staub gemacht. Lediglich in einigen Metern Abstand befanden sich noch mehrere Leute die das Treiben beobachteten, aber jeweils nach kurzer Zeit wieder ihrer Wege gingen.
    „Also“, sprach Pyrokar so sanft wie es ihm möglich war, „Hat jemand etwas Weiterführendes zu dem Vorfall zu sagen? Sonst sind alle dazu aufgefordert, diesen Ort zu verlassen!“
    Der junge Mann, dessen blonde Freundin sich ängstlich an seinen Arm klammerte, wagte sich vor.
    „Wir… Wir beide waren diejenigen, die…“ - „Ich weiß“, verkürzte der nun auch im Gesicht rot gefärbte Hüter das Gespräch, „Man hat mich schon ausführlich unterrichtet. Ihr könnt gehen.“
    Die beiden schluckten, gingen dann aber ohne zu zögern Arm in Arm Richtung Baumleiter.
    „Halt!“, beorderte sie Pyrokar nur einen Augenblick später zurück, „Eine Frage habe ich noch!“
    Der jungen Frau – sie war noch jung genug, um auch ohne Zweifel Mädchen genannt zu werden – entfuhr ein kleiner Kiekser. Als sie und ihr Freund sich umdrehten, konnte man auf dessen Stirn deutliche Schweißperlen sehen, die wie bei den Gardisten wohl nicht nur der knallenden Nachmittagssonne geschuldet waren.
    „Die Rankenrutsche hier führt direkt zu den Astfeldern. Ihr seht nicht aus wie Bauern. Außerdem ist heute Markttag, da arbeiten nur die wenigsten Bewohner unseres heiligen Baumes. Was wolltet ihr also da?“
    Pyrokar setzte eine bissige Miene auf, die verriet, dass er sich selbst in diesem Moment für äußerst scharfsinnig hielt.
    „Wir… wollten die Natur genießen“, antwortete der Jüngling recht verlegen, wurde dabei aber tatkräftig vom Nicken seiner Freundin unterstützt, was ihm offenbar die Sicherheit gab, zumindest für den Bruchteil einer Sekunde Pyrokars skeptischem Blick zu begegnen.
    Lorn dachte sich seinen Teil. Die Astfelder im Baum Tooshoo boten Ackerboden für zahlreiche Pflanzen, unter anderem für den hohen Mais, der um diese Jahreszeit besonders gut wuchs und beinahe reif für die Ernte war. Und zwischen den hohen, dichten Pflanzen, da konnte ein junges Pärchen wie dieses…
    „Die Natur könnt ihr hier überall genießen! Bis sich die Sache aufgeklärt hat, sind die Astfelder für euch beide tabu! Bis sich ein Schuldiger findet, ist hier jeder verdächtig und hat sich von der Gefahrenquelle fernzuhalten!“
    Lorn begann zu grübeln. Schuldiger? Verdächtig? Das kam ihm alles äußerst komisch vor. Noch ehe er selbst begriffen hatte, was er tat, wandte er sich schon an den aufgebrachten Hüter.
    „Meister… Hüter Pyrokar“, adressierte er ihn möglichst korrekt, „An der Rankenrutsche gegenüber vom Marktplatz glaubte ich heute Vormittag welke Stellen entdeckt zu haben. Vielleicht brauchen die Rutschen einfach nur ein wenig mehr Pflege, und es handelt sich bei der ganzen Sache gar nicht um ein Verbrech -“ „Halt!“, befahl Pyrokar nun schon zum dritten Male und stoppte Lorns Redeschwall auch visuell mit der Geste seiner flachen Hand, „Nicht weiterreden, Bewohner, du begibst dich da auf einen sehr dünnen Ast! Die Rankenrutschen unter Aufsicht der Baumpflegschaft werden vorschriftsmäßig gewartet. Ihr Wuchs ist stark und ihre Verfassung tadellos. Ein solcher Zusammenbruch kann nur durch Sabotage herbeigeführt worden sein! Alles andere wäre weltfremde Spekulation! Du, Bewohner, hast offensichtlich nichts zu dieser Sache beizutragen. Bitte entferne dich auf der Stelle! Habe noch einen erquicklichen Tag und genieße die Geruhsamkeit und Schönheit Tooshoos. Sofort!“
    Lorn tat wie ihm geheißen. Er hatte ohnehin keine Lust mehr, sich von jemandem anmotzen zu lassen, der laut Dilten seine Blase eines Nachts aus Versehen in einem halb gefüllten Alchemiekolben statt im dafür vorgesehenen Nachttopf entleert hatte.
    Auch die beiden Baumgardisten wollten den Ort nun verlassen, doch hinter sich hörte Lorn, wie sie nach nun schon bekanntem Muster von Pyrokar gestoppt wurden.
    „Halt! Ihr beide bleibt noch hier!“

    Lorn drehte sich gar nicht mehr um, fürs Erste hatte er genug. Etwas ziellos wanderte er Richtung Zentrum des Marktplatzes, als er plötzlich von der Seite angesprochen wurde.
    „Krasser Scheiß, was?“, hauchte es von rechts, „Ganz schön heavy, diese Sache.“
    Lorn brauchte seinen Kopf gar nicht zu wenden, Stimme und Sprache verrieten, dass es Digger war, der – wieder einmal heillos berauscht – zu seiner Rechten stand.
    „Kann man wohl sagen“, stimmte Lorn ihm zu, der einer Unterhaltung mit dem bekanntesten, aber auch berüchtigtsten Krautkonsumenten Tooshoos gerade nicht abgeneigt war. Vielleicht wusste er ja, wo Ricklen steckte.
    „Yeah“, bekräftigte Digger noch einmal, der das Geschehen um die Rankenrutsche anscheinend mitbekommen hatte.
    „Auf diesen Schock brauche ich erst einmal was to chew.“
    „Tooshoo?“, entgegnete Lorn verwundert, „Aber wir sind doch hier in Tooshoo!“
    „Nein Mann, nicht Tooshoo“, winkte Digger heiser ab, „To chew! Was zu kauen! Was zu essen, Mann!“
    „Dann geh doch zu Mama Hooqua“, schlug Lorn vor.
    „Bist du verrückt? Zu der geh’ ich doch nich’ mehr… schlechte Schwingungen, Mann, it’s bad for ya!“
    Was auch immer Digger damit genau ausdrücken wollte, Lorn konnte sich gut vorstellen, dass die schlechten Schwingungen in erster Linie vom Kraut ausgegangen waren – Mama Hooquas Meinung zu den berauschenden Mitteln war jedenfalls hinlänglich bekannt.
    Lorn mochte diese seltsame Sprache Diggers nicht, die er ab und an auspackte. Wenn er mal wieder zu tief in seine Krautkiste gegriffen hatte, verstand man immer nur noch die Hälfte von dem, was er sagte.
    „Äh… ja…“, erwiderte er und schloss die alles entscheidende Frage daran an: „Hast du Ricklen gesehen?“
    Diggers Augen weiteten sich.
    „Aber klar, Mann!“, krächzte er, „With my own eyes!“
    Lorn hatte wieder nicht alles verstanden, seine Miene hellte sich aber auf.
    „Heute allerdings noch nicht.“
    Lorns Miene verfinsterte sich wieder und wurde noch dunkler, als Digger anfing, gehässige Nachfragen zu stellen.
    „Habt ihr euch gestritten, oder was? Unbelievable! Ihr seid ja wie ein altes Ehepaar!“
    „Wir sind kein Ehepaar!“, rief Lorn aus und provozierte damit neugierige Blicke von den umhergehenden Marktplatzbesuchern und einigen Händlern an den Ständen. Er widerstand dem Drang, sich die Hand vor den Mund zu schlagen, um sich nicht definitiv als Ausrufer der neuesten Nachricht von Ehelosigkeit zu enttarnen.
    „Hey, chill dich mal“, beruhigte Digger ihn, „Das ist doch nur so eine Redensart. People say. Aber mal hands down: Ihr hängt wirklich viel miteinander rum. Aber ist doch cool.“
    Lorn verspürte keinen sonderlichen Drang, weiter auf diese Thematik einzugehen. Sein berauschtes Gegenüber sah dies allerdings anders.
    „Warum suchst du ihn denn so dringend? Habt ihr irgendwas geplanned oder so?“
    Manchmal, ganz, ganz selten kam Lorn in die Versuchung, Diggers Fabulierungen über die hellseherische Kraft des Krauts Glauben zu schenken. Jetzt war einer dieser Momente.
    „Wir wollten heute Abend mit Kastors Transport nach Setarrif losziehen“, seufzte Lorn, „Also zumindest wollte ich das. Ricklen scheint die Idee nicht ganz so gut zu gefallen… alleine möchte ich aber auch nicht gehen!“
    „Wow, gimme a break!“, schoss es unerwartet lebhaft aus Digger hervor, „Ihr wollt Tooshoo verlassen? In die Außenwelt? Lorn has left the building?“
    „Äh, ja, so in etwa. Also, wir kommen dann natürlich zurück. Ich will mal was anderes sehen als den heiligen Baum.“
    Er hoffte nur, dass er Ricklen noch finden würde. Sonst müsste er wohl alleine mit Kastor und womöglich irgendwelchen Leuten, die er nicht kannte, losziehen.
    „Klingt cool“, befand Digger und schloss die Augen, während er seinen Kopf sanft hin und her wiegte.
    „Wo ist eigentlich Gester?“, fiel es Lorn nun ein, „Wollte er nicht…“
    „Ach, hör mir auf mit Gester“, sagte Digger und schlug seine grünen Augen wieder auf, „Der hat sich letzte Nacht doch so sehr mit Kraut abgeschossen, den würde nicht mal ein Rutscheneinsturz direkt nebenan wecken. Such a fool!“
    Etwas teilnahmslos zuckte Lorn mit den Schultern. Gester und Digger waren hier in Tooshoo in etwa das durch Kraut vernebelte Äquivalent zu ihm selbst und Ricklen. Irgendwie war er froh, dass nicht nur er mit seinem Kumpanen zur Zeit etwas Probleme hatte.
    „Aber okay, who cares? Ich verdampf mich mal wieder in meine Höhle, muss nachdenken… wenn du was brauchst, du weißt ja, wo du mich findest! Have a nice day!“
    „Äh, ja, tschüss!“, rief Lorn ihm noch hinterher, doch er war sich nicht einmal sicher, ob Digger das so recht wahrgenommen hatte. Wenn der Drang zum Kraut in ihm hochstieg, wurde er erstens sehr schnell und zweitens bekam er einen Tunnelblick, der schon so manche seltsame Situation erzeugt hatte. Lorn hoffte, selbst nie so zu werden.
    Was Lorn aber noch mehr hoffte: Endlich Ricklen zu finden…
    Last edited by John Irenicus; 27.04.2013 at 13:32.

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    Ahn-Nosiri.
    Die Dunkelheit wohnt in diesem Wort. Die Krallen, die nach Lorn griffen, lösten sich in Schleier aus Schatten auf. Ein krähender Schrei erfüllte seine Ohren. Dann sah er sie wieder. Sie, die aus ihrer Dämonengestalt den Status einer Göttin eingenommen hatte. Erst dadurch hatte sie die vollkommene Gestalt erhalten, die sie nun Lorn präsentierte. Nun, wo keine andere Gottfigur mehr über sie herrschte, konnte sie ihren Willen frei entfalten. Und ihre Schönheit. Ihre epische Schönheit.
    „Lorn“, tönte ihre Stimme, nicht mehr rau, sondern gleich eines Vogels Singsang. Vor ihm tauchte wieder ihr makelloses Antlitz auf. Er versuchte nach ihr zu greifen, doch aus seinen Händen waren ebenfalls Klauen geworden, und auch diese verschwanden nun in der Dunkelheit.
    „It’s bad for ya!“, hörte er aus weiter Ferne die Stimme Diggers erklingen, dann wurde sie von der reinen Stimme Xeshas überlagert.
    „Denk an deine Aufgabe“, hauchte sie, „Vergiss mich nicht! Du musst das Siegel seiner letzten Bestimmung zuführen!“
    Das Siegel der Göttin tauchte auf und wurde von ihrer Helligkeit angestrahlt. Das silbrige Metall brach das Licht in alle Farben des Spektrums auf. Lorn wagte nicht, seine Harpyienklauen über das epische Artefakt gleiten zu lassen. Er wollte es nicht beschmutzen.
    „Blutnattern… willst du das etwa?“, raunte Hendors Stimme durch die Dunkelheit.
    Lorn konnte auf die Frage keine Antwort geben. Er konnte nur noch IHR folgen.
    „Vergiss mich nicht…“, hauchte Xesha noch einmal. Dann spürte Lorn eine Kralle auf seiner Schulter, die sich kräftig zuzog und alsbald das Antlitz Xeshas und das Bild des Siegels verblassen ließ. Lorn wollte sich aus dem Griff herauswinden, flehte die Göttin um Hilfe an, doch es war vergebens, sie schien ihn gar nicht mehr zu hören.
    „Vergiss mich nicht…“

    „Wach auf, Lorn! Aufwachen! Du hast heute Morgen schon genug geschlafen…“
    Lorn schreckte hoch und griff instinktiv nach der Kralle auf seiner Schulter – als er bemerkte, dass dies keine Kralle, sondern die von zahllosen Schwertgriffen rau gebliebene Hand seines Freundes Ricklen war.
    „Das gibt es doch gar nicht… ich bin den ganzen Tag lang auf Trab und du haust dich wieder in die Hängematte! Es ist längst Abend!“
    Ricklen gab der Hängematte Lorns einen kräftigen Schubser. Nach nur wenigen Augenblicken des Umherschwingens beförderte sie ihn planmäßig auf das Geäst des Baumes, das den schmalen Boden für ihre Hütten bildete. Jetzt endlich kam Lorn zu Sinnen. Der Traum, der schwer in all seinen Gliedern steckte, verblasste langsam.
    „Ricklen!“, stieß Lorn atemlos aus und befühlte dabei möglichst unauffällig seinen schmerzenden Brustkorb, damit er einen Rippenbruch sicher ausschließen konnte.
    „Immerhin bist du offenbar angezogen… ich habe den ganzen Kram den wir brauchen besorgt und runter zu den Wurzeltoren gebracht. Jetzt beeil dich aber mal, Kastor wartet schon!“
    Mit einem Ruck setzte Lorn sich auf. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er die Abreise Kastors beinahe verpasst hätte, wenn Ricklen nicht gewesen wäre.
    Nach seinem Gespräch mit Digger war Lorn noch einmal demotiviert über den Marktplatz gegangen und hatte nach Ricklen gefahndet, war dann aber vollkommen entmutigt in die Wohnebenen zurückgekehrt und hatte sich frustriert in die Hängematte geschmissen. Er wusste nur noch, wie er den Gedanken gefasst hatte, doch noch bei der Kronenquelle vorbeizuschauen. Dann musste er eingeschlafen sein.
    „Jetzt mach hinne!“, fuhr Ricklen ihn an und wedelte erbost mit den Armen, „Sonst gehe ich alleine. Und das wäre doch wohl wirklich Ironie, was?“
    Etwas verwirrt stand Lorn auf, leistete der eindringlichen Bitte seines Freundes aber Folge.
    „Ricklen, ich dachte du…“
    „Ja, das dachte ich auch“, murrte er, „Aber ausreden konnte ich dir das Ganze doch eh nicht. Und du hast Recht: Meinst du, ich lasse dich einfach alleine da draußen umherziehen? Das könnte ich nicht.“
    „Du bist der Beste!“, rief Lorn erfreut aus, fand dabei aber nicht gerade das Wohlwollen seines Kumpanen.
    „Jaja“, entgegnete dieser genervt, „Ich will schließlich auch mal raus aus Tooshoo. All die Jahre Schwertkampftraining sollen doch nicht umsonst gewesen sein! Und bevor ich hier noch irgendwann dich aufschlitze… und jetzt komm endlich. Du brauchst nichts mehr mitnehmen, wir haben alles unten.“
    Entschlossenen Schrittes ging Ricklen auf die Rankenrutsche zu und griff nach einem Riesenblatt.
    „Ricklen, warte!“, stieß Lorn aus.
    „Was denn jetzt noch?“, fragte Ricklen ungeduldig, dessen Halsschlagader in der sinkenden Abendsonne besonders gut zur Geltung kam.
    „Heute Nachmittag ist eine Rankenrutsche -“ „Davon hab ich schon gehört“, kürzte Ricklen die ganze Angelegenheit ab, „Und deshalb willst du jetzt gar nicht mehr rutschen? Mach dir keinen Kopf. Wir rutschen, sonst ist es schon Nacht bis wir unten angekommen sind.“
    Er bugsierte Lorn vor sich in die Öffnung der gewaltigen Ranke.
    „Du zuerst“, murmelte er, „Bevor du mir hier oben wieder einschläfst.“
    Lorn sah ein, dass es keinen Zweck hatte zu diskutieren. Außerdem wollte er Ricklen nicht zu sehr verärgern, sonst müsste er seine Reise wohl doch wieder alleine in Kastors Karawane antreten.
    Jetzt, wo noch weniger Sonnenlicht in die Rankenrutsche drang, sah ihr Schlund richtiggehend bedrohlich aus. Dennoch griff er – vollkommen automatisiert – nach einem der Riesenblätter und schwang sich ohne weiteres Zögern in die Tiefe.

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    Am Ende der vierten und letzten Rutschfahrt war Lorn so schwindelig, dass er dem von hinten herannahenden Ricklen kaum noch ausweichen konnte. Mit einem Sturz auf das Rankengeflecht vermied er eine Kollision mit seinem Kumpanen, der nun mit seinem Riesenblatt in die Pufferzone aus Tooshoo-Kiefern krachte.
    Ebene für Ebene hatte Lorn in den Rankenrutschen noch einmal nach welken Stellen oder Anzeichen von Schwäche im Wuchs der Pflanzen gesucht, doch die Geschwindigkeit beim Rutschen und die durch das schwindende Sonnenlicht noch schlechtere Sicht hatten ihm dies erschwert. Lorn zweifelte mehr und mehr daran, am Vormittag tatsächlich welke Flächen in der Ranke gesehen zu haben. Andererseits… der Rankensturz am Nachmittag konnte einfach kein Zufall gewesen sein. Irgendetwas war faul. Und wenn es nicht die Pflanzen waren, dann war es eben die ganze Geschichte, die faul war. Nicht umsonst hatte der Rat der Baumhüter einen der ihren damit betraut, den Vorfall aufzuklären. Selbst wenn dieser jemand ein Magier war, der sich Gerüchten zufolge mal von zwei beschworenen Goblins eine ganze Truhe voller seltener Spruchrollen hatte ausräumen lassen. Ein andermal hatte er einen Zauber erdulden müssen, der ihn fast unwiederbringlich zur Frau gemacht hatte. Und wenn man Diltens Lieblingsgeschichte Glauben schenken konnte, hatte Pyrokar sogar mal…
    „Nur noch um die Ecke“, trieb Ricklen jetzt etwas sanfter an und durchbrach somit Lorns Gedankengang, „Da müsste die Karawane dann warten. Wenn Kastor tatsächlich die Geduld bewiesen hat, die er mir versprochen hatte.“
    Sie befanden sich jetzt auf der ebenerdigen Ebene Tooshoos, im Raum innerhalb des Baumstamms, der zu den Wurzeltoren führte, die den Weg in die Außenwelt markierten. Darunter gab es noch die Wurzelebenen, die für einfache Bewohner Tooshoos jedoch nicht zugänglich waren.
    Die magisch beleuchtete Vorhalle, in der sich Lorn und Ricklen nun befanden, bot einen gewaltigen Anblick: Das Innere des hohlen Stammes war seinerseits an den Wänden bewachsen von gesundem Efeu, feinsäuberlich getrimmtem Moos und Blumenblüten in allen Farben. Der frische Duft der Natur, der in ganz Tooshoo zu spüren war, verdichtete sich hier zu einem angenehmen Parfum. Der Boden auf dem sie umherschritten war keineswegs bloße Erde, sondern ein von feinem Geäst gebildetes, natürliches Parkett. Die Decke dieses hohlen Stammabschnittes schließlich war so hoch, dass man sie nur erahnen konnte.
    Nach einigen wenigen Schritten erreichten sie die Wurzeltore: Stämmig, hochgewachsen und von einer Reihe Baumgardisten bewacht, die im Gegensatz zu ihren Kollegen auf den oberen Ebenen tatsächlich gefährlich wirkten. Die Speere in ihrer Hand waren aus hartem Holz und mit Eisenspitzen versehen, auf ihren Rücken trugen sie Schwerter aus Stahl. Ihre stechenden Augen schienen zu verraten, dass sie auch in Sachen Magie nicht unbewandert waren – sofern ihre grün gefärbten Helme ihre Blicke denn durchließen.
    Zwischen den Reihen der Gardisten war Kastors Karawane aufgebaut, bereit zur Abreise. Hintereinander waren mehrere Käfer aneinander gebunden, auf deren orangenen und schwarzgefleckten Rücken riesige Korbschalen befestigt waren, in denen allerlei Waren lagen, stellenweise geradezu hineingestopft waren. Von Töpferwaren, Werkzeugen bis hin zu Schmuck und haltbar gemachten kulinarischen Spezialitäten Tooshoos war wirklich alles dabei. Der letzte Käfer in der Reihe hatte am wenigsten zu tragen.
    Die riesigen Käfer mit den grünlich-blauen Köpfen standen still in Reih’ und Glied und setzten damit einen angenehmen Kontrast zum umherwuselnden Kastor, den erst der Anblick von Lorn und Ricklen dazu brachte, mit dem ständigen Kontrollieren der Waren und deren Befestigungen an den Käferrücken zu pausieren. Als er sich zu ihnen hindrehte, erkannte man deutlich den Schweiß auf seiner Stirn, welcher seine schwarzen Haare am Kopf kleben ließ und offenbar nicht nur von der angenehmen Wärme des Stamminneren, sondern auch von seiner hektischen Geschäftigkeit herrührte.
    „Da seid ihr ja!“, rief er aus, wischte seine Hände an der khakifarbenen Hose ab und reichte die Rechte Lorn zum Gruße. Der Handschlag war fest, aber der Karawanenführer legte es nicht darauf an, Lorns Hand zu zerdrücken. Kastor war nicht für derart offene und unnötige Machtdemonstrationen bekannt. Seinen Einfluss mehrte er lieber im Stillen. Lorn war sich sicher, mit der Handelsbeziehung zu Setarrif würde der Kaufmann entweder ziemlich bitter auf die Nase fallen oder aber selbige vergolden.
    „Habt ihr jetzt alles?“
    „Denke schon“, meinte Ricklen, „Ich sprech’ das eben noch kurz mit Lorn durch.“
    „Alles klar“, sagte Kastor und nestelte dabei nervös in der Tasche seines dunkelgrünen Hemdes herum, „Aber nicht zu lange, verstanden? Wir reisen nicht umsonst abends ab. Um diese Zeit sind die Laufkäfer am aktivsten. Das will ich nutzen.“
    Ricklen nickte und zog den momentan eher unbeteiligten Lorn zu sich und dem letzten Käfer in der Reihe heran. Obwohl dieses Exemplar im Gegensatz zu seinen Kollegen weiter vorne mit wenig Ladung zu kämpfen hatte, wirkte es sehr unruhig. Bei näherem Hinsehen konnte Lorn deutlich erkennen, dass die schwarzen Flecken am Körper des Käfers nicht nur punktförmig, sondern gelegentlich auch gebogen waren und je nach Lichteinfall silbrig schimmerten. Sie erinnerten ihn an kleine Mondsicheln.
    „Wo hast du den ganzen Kram her?“, fragte Lorn, der sich sichtlich davon abhalten musste, das penibel festgezurrte Güterpaket auf dem Rücken des Käfers zu durchwühlen.
    „Während du gepennt oder weiß Innos was getan hast, war ich unterwegs. Das meiste von dem Krempel habe ich oben bei Hertans Lagerhaus gekauft. Wasserflaschen, Rationen, Verbandszeug und so weiter. Er selbst war nicht da. Seine Mitarbeiter lassen sich in der Regel gut betuppen, da habe ich sicherlich die Hälfte von dem bezahlt, was der Mist eigentlich gekostet hätte. Das, was ich da nicht bekommen habe, habe ich mir dann noch bei Hendor beschafft.“
    „Bei Hendor?“, stieß Lorn ungläubig aus, „Aber ich hatte ihn doch gefragt, ob er dich gesehen hätte und er meinte…“
    „Lorn“, unterbrach ihn sein Kumpane genervt, „Das ist doch vollkommen unwichtig. Entweder du warst vor mir bei ihm oder er hat wieder einen seiner Späße gemacht. Du weißt doch, wie er ist.“
    Lorn ließ die Begegnung vom Vormittag noch einmal Revue passieren und kam dann zu dem Schluss, dass Ricklen – mit welcher der beiden Varianten auch immer – Recht haben musste.
    „Das wichtigste von dem was ich besorgt habe werde ich dir aber direkt an die Hand geben, pass auf.“
    Ricklen beugte sich zur Seite des Käfers herunter und brachte eine längliche Tasche zum Vorschein, eine Art großes Futteral, welches an seiner Öffnung mit Lederschnüren verschlossen war. Ruckartig, aber offenbar in ganz bestimmter Reihenfolge zog er an einigen der Enden der Lederbändchen, dann war der Knoten gelöst. Beherzt griff er in die Stofftasche hinein, und zog ein grob geschmiedetes Schwert heraus. Behände drehte Ricklen es herum und bot Lorn den Griff der Waffe an.
    „Das hat mir Henk heute noch schnell zusammengeschmiedet“, erklärte er, während Lorn das Schwert an sich nahm und in seiner Hand wog, „Es ist zwar nur aus Eisen und schwer wie ein Klotz, aber immer noch besser als die Holzschwerter, mit denen wir ab und zu üben. Ich hoffe mal, das Training mit dir war nicht umsonst.“
    Ganz automatisch wurden in Lorn Erinnerungen von den zahlreichen giftigen Hieben wach, die er während seines Trainings mit Ricklen hatte einstecken müssen. Obwohl die Schwerter nur aus Holz waren, zierten seinen Körper noch einige Narben. Dabei hatte Lorn anfangs geglaubt, als ehemaliger Schwertkampftrainer sei es Ricklen möglich, in Übungskämpfen ohne größere Verletzungsgefahr zu agieren. Da hatte er allerdings falsch gelegen. Sein eigener Leib bezeugte es also: Selbst wenn es ein unbezahltes Training mit dem besten Freund gewesen war, so war auch dieses keineswegs umsonst gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Ricklen, jetzt wo nur noch die Baumgardisten an der Waffe geschult wurden, einfach nicht mehr genügend ausgelastet war.
    Mittlerweile hatte Ricklen die dazugehörige Schwertscheide aus dem Futteral gefischt und reichte sie Lorn. Während dieser die Vorrichtung am Ledergürtel seiner Hose befestigte, redete sein Gefährte auf ihn ein.
    „So… das alles zusammen hat natürlich eine Menge gekostet, das ist ja klar. Wir machen Halbe-Halbe, das ist auch klar. Ich bekomme dann 60 Goldmünzen von dir. Nicht, dass wir das nachher noch vergessen.“
    „Ach Ricklen, du kennst mich doch!“
    „Jaja, deswegen sag ich das ja.“
    Etwas ungeschickt – und unter der Beobachtung Ricklens auch ein klein wenig nervös – hatte Lorn nach einiger Fummelei endlich die Scheide halbwegs passabel festgeschnürt und konnte nun sein Schwert hineingleiten lassen.
    „Gut“, kommentierte Ricklen aufmunternd.
    „Ich bin froh, dass ich nicht mit so einem Ding rumlaufen muss“, sagte er nach einer kurzen Pause und packte sich an seinen eigenen Gürtel, an dem ein feines Stahlschwert hing.
    „Ich wusste, es würde sich irgendwann lohnen, es in Schuss zu halten…“
    „Kastor!“, rief plötzlich jemand, „Ich habe jetzt noch einmal im Lager nachgeschaut, wir haben definitiv alles eingepackt!“
    Lorn drehte sich um, die Stimme kannte er, wenn auch nicht in dieser Lautstärke. Vom anderen Ende der Halle sprang ein junger, schmächtiger Mann von einer Leiter ab. Seine spärlichen Barthaare schimmerten rötlich im magischen Licht der Halle auf.
    „Von meiner Seite aus können wir dann los“, sagte er dann noch und schritt ohne Lorn eines Blickes zu würdigen an ihm vorbei.
    „Hey, du!“, brach es aus Lorn hervor, „Wir haben uns heute doch schon einmal gesehen! Bei Mama Hooqua!“
    Abrupt blieb der Mann stehen, wartete dann ein bisschen und wandte sich schließlich langsam zu Lorn um.
    „Ach… ja, stimmt“, sagte er langsam und nickte Lorn kühl zu. Einen Augenblick später war er endgültig an ihm vorbeigegangen. Rotbärtchen schien wirklich nicht besonders gesprächig zu sein – es sei denn, er hatte jemand Wichtigeren vor sich. Und der war im Moment offenbar Kastor.
    „Kommt sonst noch wer mit?“, fragte er den Kaufmann, als wären Lorn und Ricklen gar nicht da gewesen.
    „Wir sind vollzählig“, stellte Kastor fest, was Ricklen zu einer zischenden Bemerkung in Lorns Ohr veranlasste.
    „Ich glaub’s ja nicht… der hat doch garantiert bei ihm angeheuert und kriegt Entlohnung, und wir kommen einfach nur so umsonst mit. Mann Lorn, mit uns zwei Deppen hat er direkt mal zwei Karawanenwachen gespart!“
    „Ja, kann ja sein“, wiegelte Lorn ab, der sich tief im Inneren etwas schuldig fühlte, „Aber wir haben ja auch was davon! Wir sehen was von der Welt!“
    Ricklen schüttelte erbost den Kopf.
    „Du kapierst es einfach nicht… in was du uns da nur wieder reingeritten hast…“
    „Friede, People, Friede! Chill dich mal, Ricklen… Lorn hat schon ganz Recht. Das ist ’ne Win-Win-Situation, ich sag’s euch!“
    Die zweite Stimme, die Lorn wiedererkannte. Dieses Mal brauchte er sich nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, wer wie aus dem Nichts zu ihnen gestoßen war. Erstens waren Sprache und keuchende Stimme eindeutig genug, zweitens hatte sich Digger nun zwischen Lorn und Ricklen gedrängt, als müsste er zwei randalierende Raufbolde auseinanderhalten.
    „Was willst du denn hier?“, fragte Ricklen, dessen Augen vor lauter Rollen demnächst aus ihren Höhlen purzeln würden, wenn das so weiterging.
    „Kommt der etwa auch mit?“, rief Lorn zu Kastor herüber.
    „Also… nicht, dass ich wüsste“, antwortete dieser und warf Rotbärtchen einen fragenden Blick zu, der lediglich mit einem stummen Schulterzucken quittiert wurde.
    „Die Sache ist halt einfach die, Folks“, setzte Digger zur Erklärung an, „Lorn hat mir heute Nachmittag echt die Augen geöffnet. Hands down, Tooshoo ist zwar ein schöner Ort, aber selbst mit Kraut lässt sich die ständige Langeweile nicht vertreiben. Ich muss hier mal raus.“
    Kastor atmete tief ein. Jetzt, mit so aufgeplusterter Brust, wirkte er recht kräftig und gar nicht mehr so harmlos wie noch vor wenigen Augenblicken.
    „Für einen weiteren Mann besteht hier kein Bedarf“, verkündete er schlicht, schien aber zu bemerken, dass Digger so einfach wohl nicht von seiner Entscheidung abzubringen war.
    „Mann, sagen wir mal so: Ich will auch nach Setarrif. Now you’ve got the choice: Entweder ich schließe mich euch an, oder ich halte immer zwei Meter Abstand von euch. Der Weg ist sowieso der Gleiche. I’m no troublemaker, außerdem habe ich meine eigenen Sachen dabei.“
    Zur Bekräftigung des Gesagten hüpfte Digger einige Male auf und ab und ließ dabei seinen übergroßen Rucksack in Tarnfarben, den er auf dem Rücken trug, hin und her schaukeln.
    „Ich werde für euch quasi unsichtbar sein.“
    „Das bezweifle ich“, murmelte Ricklen unbemerkt und rümpfte die Nase.
    Es schien, als würde Kastor erst jetzt wieder ausatmen. Als sämtliche Luft aus seinem Brustkorb entwichen und seine Gestalt wieder weniger furchteinflößend geworden war, gab er sich unerwartet schnell geschlagen, wohl auch, weil er nicht noch mehr Zeit verlieren wollte.
    „Na gut… ich kann es dir schlecht verbieten, den Weg nach Setarrif einzuschlagen. Ich übernehme aber keine Verantwortung für dich!“
    „Deal“, hauchte Digger und wirkte so glücklich und zufrieden, als hätte ihm jemand ein Paket voller Sumpfkraut zugesteckt.
    „Wir sollten nicht noch mehr Zeit vertrödeln“, warf Rotbärtchen mit seiner dünnen Stimme ein.
    Kastor nickte. Mit großen Schritten ging er zu den zwei schwer bewaffneten Baumgardisten am Wurzeltor, die wie die restlichen Wachen alles mitbekommen, aber so pflichtgemäß wie würdevoll geschwiegen hatten.
    „Wir können dann gehen. Bitte macht das Tor für uns auf.“
    „Den Passierschein für deine Karawane hast du?“, fragte der Gardist höflich, aber emotionslos.
    „Den habe ich“, bestätigte Kastor und schob einen kleinen Zettel ein Stück weit aus seinem Hemd heraus. Die Wache nickte.
    „Gehört er hier“, der Gardist deutete auf Digger, „jetzt nun auch zu der Karawane oder nicht? Wenn nicht, dann gibt es für ihn keinen gültigen Passierschein und wir können ihn nicht mehr hereinlassen, wenn er einmal draußen ist. Auch wenn wir ihn – weiß Adanos – nur zu gut kennen. Aber Vorschrift ist Vorschrift.“
    Kastor seufzte das Seufzen eines Mannes, der schon längst gewusst hatte, was Unvermeidliches auf ihn zukommen würde.
    „Ja, er gehört auch zur Karawane.“
    Rotbärtchen kommentierte diese Aussage mit einem grimmigen Schweigen, welches selbst Ricklen das Wasser reichen konnte. Lorn fantasierte sich schon die spannendsten Schweigeduelle während der Reise herbei.
    „Dann ist das hiermit aufgenommen“, sagte die Wache und kritzelte auf einem Stück Pergament aus seiner Hosentasche herum, „Ihr könnt gehen. Viel Glück.“
    Zusammen mit seinem Kollegen drückte er lautlos die schweren Wurzeltore nach außen hin auf, wie lederne Fledermausflügel hingen sie zu den Seiten. Dämmeriges Abendlicht drang in den Stamm hinein und mischte sich mit der magischen Hallenbeleuchtung.
    Dann setzte sich Kastors Karawane in Bewegung.
    Last edited by John Irenicus; 27.04.2013 at 13:33.

  8. View Forum Posts #8 Reply With Quote
    Deus Laidoridas's Avatar
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    Ein breiter Riss zog sich quer über die tote Schale. Die splitterigen Ränder seiner Ausläufer hatten sich über den ganzen zerschlagenen Panzer hinweg ausgebreitet und seine schützende Struktur nahezu vollständig zersetzt. An einigen Stellen hatten sich Reste von Fleisch und Fell verfangen, an denen sich bereits die ersten Insekten eingefunden hatten; der eigentliche Innenraum jedoch war leer, die ehemals sichere Behausung verwaist. Ein tiefschwarzes Loch widersetzte sich standhaft dem unruhigen Licht, das Kastors Fackel in die hereinbrechende Nacht warf.
    „Nicht mal die Knochen übrig gelassen“, kommentierte Rotbärtchen lapidar und stieß den nutzlos gewordenen Panzer mit dem Fuß an, dass er auf die andere Seite kippte. „Der wurde mit Haut und Haaren gefressen.“
    „Ein Wildschwein?“, fragte Lorn, glaubte aber selbst nicht recht daran.
    „Ganz sicher nicht“, bestätigte Kastor seine Befürchtungen. Er hob die Fackel an, um den etwa kniehohen, flachen Felsen zu beleuchten, der sich direkt neben den Überresten des Wühlbocks aus dem Gras erhob. In der nur spärlich erhellten Dunkelheit war es zwar schwer, Einzelheiten zu erkennen, doch die dunkelroten Flecken der dickflüssigen Substanz, die an einigen Stellen noch vor Feuchtigkeit funkelten, waren auch im schwachen Fackellicht nicht zu übersehen. „Irgendwas hat das arme Biest aus enorm großer Höhe fallen gelassen. Anders ist so ein Wühlbockpanzer auch gar nicht zu knacken.“
    „Ein Vogel, right?“ Ein kleiner leuchtender Punkt glühte in der Finsternis auf, als Digger an seinem Krautstängel zog, den er gleich nach Beginn ihrer kurzen Rast an Ricklens Fackel entzündet hatte. „Up in the air, y'know?“
    „Ich weiß ja nicht“, murmelte Lorn. „Welcher Vogel kann schon einem Wühlbock gefährlich werden?“
    Ein letztes Mal noch umwanderte Rotbärtchen nachdenklich den einsamen, ausgefressenen Panzer, dann wandte er sich ab. „Ein großer Vogel. Hoffen wir, dass er jetzt satt ist.“

    Wenige Augenblicke später hatte sich die kleine Karawane wieder in Bewegung gesetzt. Emsig trappelten die im Vergleich zum gewaltigen Leib so kleinen Beinchen der Käfer voran, als hätten sie in jeder Sekunde der kurzen Pause sehnsüchtig darauf gewartet, die Reise endlich fortsetzen zu können. Lorn konnte schon nach den wenigen Stunden, die er gemeinsam mit den umtriebigen Tieren verbracht hatte, gut verstehen, weshalb Kastor die gewaltigen Insekten so gerne als Lasttiere einsetzte: Die schwere Ladung auf ihrem Rücken schienen sie gar nicht zu spüren, und während ihm selbst schon jetzt die ersten Anzeichen von Erschöpfung in den Beinen zwickten, konnte es für die Käfer gar nicht schnell genug vorangehen.
    „Was hältst du davon?“, flüsterte Lorn seinem besten Freund zu, mit dem gemeinsam er gerade die Nachhut des Trupps bildete. „Ich meine – wie lange sind wir jetzt aus Tooshoo raus? Zwei oder drei Stunden? Wenn es hier in der Gegend wirklich so große Vögel gibt, wieso hat sich dann nie einer zu uns in die Baumkrone verirrt?“
    Ricklens Antwort war ein kurzer, grimmiger Blick. Damit wollte sich Lorn allerdings diesmal nicht zufrieden geben – der seltsame Fund hatte ihn nervös gemacht, und wenn er sich nicht einmal bei seinem Freund aussprechen konnte, dann würde es das nur noch schlimmer machen.
    „Ricklen, komm schon, du musst dir doch auch Gedanken darüber machen.“
    Diesmal sah Ricklen nicht einmal herüber zu ihm, was Lorn endgültig aus der Fassung brachte.
    „Ricklen, was soll das? Was hab ich dir denn jetzt schon wieder getan?“
    „Was willst du denn hören, hm?“, schnaufte Ricklen plötzlich los. „Dass es hier draußen gefährlich ist oder was? Das hab ich dir vorher schon erzählt, und das hat dich nicht davon abgehalten, uns beide hier in diese beschissene Wildnis zu verfrachten! Ja, anscheinend gibt es hier riesige Vögel, und ja, wenn die einen fettgefressenen Wühlbock hochheben können, dann können die das auch mit uns machen. Kann jederzeit passieren. Herzlichen Dank dafür, Mann.“
    „Du wolltest doch genauso raus aus Tooshoo wie ich“, verteidigte sich Lorn beleidigt. „Von mir aus hättest du sehr gerne für den Rest deines Lebens in der Hängematte vergammeln können – es ist ja nicht so, dass ich dich zum Mitkommen gezwungen habe!“
    „Na klar, und wenn Kastor dann auf dem Rückweg deine Leiche anschleppt, soll ich für den Rest meines Lebens ein schlechtes Gewissen haben oder was? Das ist emotionale Erpressung, Mann!“
    „Hey, hey, hey... Peace, Leute, chillt mal!“ Diggers heisere Stimme und ein Schwall süßlichen Krautmiefs bahnten sich von weiter vorne einen Weg zu ihnen heran. Lorn wurde bewusst, dass Ricklen und er im Streiten wohl unwillkürlich laut genug geworden waren, um ihren alten Gefährten zahlreicher durchqualmter Tooshoo-Nächte herbeizulocken.
    „Was geht denn mit euch, seriously? Ihr seid schon wieder so unentspannt...“ Hustend streckte Digger den beiden seinen Krautstängel entgegen. „Nehmt erstmal 'n tiefen Zug, und dann kommt mal wieder down to earth, guys.“
    „Nein, danke“, brummte Lorn. „Und du solltest vielleicht auch nicht so viel rauchen, Digger... wenn uns irgendwas angreift, dann brauchen wir alle einen klaren Kopf.“
    „Ich hab' einen klaren Kopf“, behauptete Digger. „Kristallklar, shinin' bright like a diamond! Was mich viel mehr runterzieht sind meine Beine... die ganze Latscherei, all night long... Wieso können wir das nicht alles mal ein bisschen ruhiger angehen lassen? I'm in no hurry, y'know?“
    „Kastor kann sich das nicht erlauben, es mal ruhiger angehen zu lassen“, versuchte Lorn geduldig zu erklären. „Pünktliche Lieferungen sind sein Geschäft, und in Setarrif werden seine Waren sicher dringender gebraucht als sonst irgendwo. Außerdem haben wir doch vorhin erst deinen Rucksack auf unseren Käfer gebunden, damit du den schon mal nicht mehr tragen musst. Also stell dich nicht so an.“
    Digger schien ihm zunächst gar nicht richtig zugehört zu haben, doch beim letzten Satz hatte er sichtlich aufgemerkt. „Hmm... Käfer, yeah? Wisst ihr, was mir da einfällt, Leute? Wieso laufen wir die ganze Zeit neben den Käfern her, anstatt uns einfach draufzuchillen? Ride'n'relax? Der letzte Käfer hier trägt bisher nur unsern Stuff, da ist noch 'ne Menge Platz, so why not?“
    „Weg da, auf der Stelle!“ Träge, wie er war, hatte Digger noch gar nicht richtig damit begonnen, den Rücken des Laufkäfers zu ersteigen, als ihn der herbeieilende Kastor schon unwirsch beiseite gezerrt hatte. „Die Käfer sind hochsensibel, was andere Lebewesen angeht – sie würden dich abschütteln, und wenn wir Pech haben die ganze Ladung gleich mit!“
    „Okay, okay, alles easy...“ Digger hob beschwichtigend die Arme. „War ja nur 'ne Idee.“
    „Eine miese Idee“, kommentierte der verstimmte Kastor und nestelte in seiner üblichen Hektik am Käfer herum, als wollte er überprüfen, dass Digger ihn nicht irgendwie beschädigt habe. „Du wolltest mitgehen, also gewöhn dich besser schon mal dran.“
    „Aber eine kleine Pause...“
    „...hatten wir grade erst“, fiel ihm Kastor ins Wort. „Wir rasten beim Morgengrauen. Bis dahin verhalte dich ruhig. Und lass das elende Rauchen sein, ich kann diesen widerwärtigen Gestank nicht ertragen!“
    Digger setzte zu einer Widerrede an, überlegte es sich dann aber doch anders und beließ es bei einem resignierten Seufzen, das bald in ein dumpfes Husten überging. Kastor achtete schon gar nicht mehr auf ihn und begann mit einer Inspektion der Käfer, die er, so hatte Lorn beobachtet, in regelmäßigen Zeitabständen durchführte – sei es aus bloßer Langeweile oder aus einer tatsächlichen Notwendigkeit heraus.
    Lorn, Ricklen und Digger waren bald wieder alleine am hinteren Ende des Transports und wanderten eine Weile lang schweigend neben den beständig mit den Fühlern klappernden und von Zeit zu Zeit leise fiependen Käfern her, deren Laute nur von einem gelegentlichen Eulenruf und dem allgegenwärtigen Grillenzirpen begleitet wurden, das in einer lauen Sommernacht wie dieser natürlich unvermeidlich war. Eigentlich wollte Lorn die ebenso ungewohnte wie wohlige nächtliche Ruhe und vor allem die reine Luft genießen – in Tooshoo war der schwere Dunst der Blüten allgegenwärtig –, aber nicht bloß die zahlreichen Mücken hielten ihn davon ab. Erst wenige Stunden waren seit der Abreise vergangen, und schon mehrten sich die Zweifel daran, dass diese Abreise tatsächlich eine so gute Idee gewesen war. Fest stand jedenfalls, dass er sich die Wanderung ganz anders vorgestellt hatte: ohne einen dauerbeleidigten Ricklen, ohne einen Digger, der sich zunehmend als ausgemachte Nervensäge erwies, und natürlich ohne die drängende Frage, ob Mama Hooqua, Hendor und die anderen mit ihren Bedenken nicht doch näher an der Wahrheit gelegen hatten, als er selbst es anfangs hatte wahrhaben wollen. Wenn er sich jetzt zum immer kleiner werdenden Baum in der Ferne umdrehte und an seine gemütliche Hängematte dachte, die sich irgendwo in dieser großen grünen Silhouette befand, dann regte sich Wehmut in ihm.
    „Leute, sagt mal, dieser andere da...“ Es war natürlich nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Diggers kurze Schweigephase ein Ende gefunden hatte. „Keine Ahnung wie er heißt. Anyway, ich finde wir sollten mal rübergehen und ein bisschen mit ihm talken. Ich meine, er ist doch ein Fellow, er gehört jetzt irgendwie zur Gang – wir sollten ihn nich' einfach so allein gehen lassen, als wollten wir nix mit ihm zu tun haben. Nobody's left alone!“
    „Du kannst ja gerne zu ihm gehen“, ließ sich Lorn auf die günstige Gelegenheit ein, Digger fürs Erste loszuwerden, „aber ich habe nicht den Eindruck, dass er großen Wert auf unsere Gesellschaft legt. Ist nicht so, dass ich es nicht schon auf die freundliche Art versucht hätte.“
    „Mir gefällt der Kerl nicht“, warf Ricklen ein, der wohl erkannt hatte, dass sich das neue Gesprächsthema mit seiner natürlich weiterhin bestehenden Griesgrämigkeit gut vereinbaren ließ. „Der tut die ganze Zeit so, als sei er was Besseres – guckt mich mit'm Arsch nicht an, der Typ. Ich weiß nicht, wieso Kastor ausgerechnet den als Begleitung anheuern musste... kann mir nicht vorstellen, dass der ein guter Kämpfer ist, so schwachbrüstig wie der aussieht.“
    Digger zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist er ja ganz nice, wenn man ihn näher kennenlernt. Who knows?“
    „Vielleicht will er ja gar nicht, dass man ihn – “
    „Halt!“
    Prompt war Lorn stehen geblieben. Erst im nächsten Augenblick begriff er, dass Kastors Ausruf gar nicht ihm oder einem seiner beiden Begleiter gegolten hatte, sondern offenbar dem schweigsamen Mann, den Lorn für sich das Rotbärtchen getauft hatte, und der bisher an der Spitze der Karawane gegangen war. Nervös beschleunigte Lorn seinen Schritt und hatte bald zu Kastor aufgeschlossen. Kastor musste Rotbärtchen aus der Ferne zugerufen haben, denn der junge Mann war bereits einige Schritte vorausgegangen und in der Dunkelheit nur mehr anhand seiner Fackel auszumachen.
    „Nicht in diese Richtung, Ulfrich!“
    Ulfrich also, dachte Lorn. Es war wirklich an der Zeit gewesen, dass er seinen eigentlichen Namen erfuhr.
    „Aber das ist der einzige befestigte Weg“, rief Ulfrich zu ihnen herüber, so laut es ihm mit seinem dünnen Stimmchen möglich war, und war nach einigen Augenblicken wieder bei der Karawane angelangt. „Sollen wir mit den Käfern durch das Unterholz? Den Hügel hinauf?“
    Kastor nickte knapp. Vorsichtig berührte er die Fühler des vordersten Krabblers mit den Fingern, was allmählich, ein Käfer nach dem anderen, die ganze Karawane zum Stehen brachte. „Die Käfer haben damit kein Problem. Ich habe diese Route schon oft genommen.“
    „Aber es ist ein Umweg“, erwiderte Ulfrich merklich verwundert. „Und wir verpassen die Gelegenheit, auf einem der Höfe oder in einem Dorf zu übernachten. Ich war schon lange nicht mehr hier, aber es liegen immer noch einige entlang der Straße, nicht wahr?“
    „Mag sein. Wir nehmen den Umweg.“
    Lorn versuchte abzuschätzen, wie steil der Weg durch die Wildnis wirklich war, den Kastor nehmen wollte, aber die geringe Reichweite seines Fackellichts machte diesem Vorhaben ein rasches Ende. Er würde es wohl noch früh genug herausfinden.
    „Es war nie die Rede davon, dass wir abseits der Straßen gehen“, schaltete sich jetzt auch Ricklen, der gerade mit Digger im Schlepptau zu ihnen gestoßen war, in das Gespräch ein. „Ich verstehe auch überhaupt nicht, weshalb wir das Risiko eingehen sollten, in das Revier irgendwelcher wilden Tiere einzudringen. Was spricht dagegen, den Weg durch die Dörfer zu nehmen?“
    Deutlich frustriert von der Widerrede gegen seinen Beschluss drehte ihnen Kastor den Rücken zu und pulte mit den Fingern ein paar Laubreste aus dem Panzer eines Käfers. „Es ist sicherer, glaubt mir.“
    „Wieso sicherer?“, raunte Digger. „In den Dörfern ist es doch nicht unsicher, Mann. Oder was ist so gefährlich an diesen Village People?“
    Als Kastor keine Antwort gab, beschloss Lorn, es noch einmal auf die freundliche Weise zu versuchen. „Kastor, ich glaube, keiner hier zweifelt daran, dass du einen guten Grund für deine Entscheidung hast. Wir wollen bloß eine Erklärung hören.“
    Seufzend drehte sich Kastor wieder zu ihnen um. „Ich fürchte nur, dass euch die Erklärung nicht gefallen wird. Die Sache ist die...“ Er hielt inne, blickte eine Weile schweigend zu Boden und setzte dann von Neuem an. „Ihr glaubt vielleicht, dass ihr die letzten Jahre eures Lebens in einem Paradies verbracht habt, über das sich die Leute überall auf der Insel nur das Beste erzählen. Damit habt ihr sogar recht, jedenfalls was den Großteil der Insel angeht. Ihr könnt jeden Bauern vor den Toren Thorniaras fragen, jeden noch so verlotterten Seemann in der räudigsten Kneipe von Stewark und wenn ihr jemals dort stranden solltet, dann könnt ihr euch auch gerne auf Feshyr danach umhören: Jeder wird euch nur allzu gerne von der Pracht und Anmut des großen Baums erzählen, vom friedlichen Beisammensein unter dem Schutz der gerechten Baumgardisten und von den schmackhaftesten Früchten, die es auf den ganzen südlichen Inseln zu pflücken gibt – und sie alle werden das mit Freuden tun und ohne jede Spur von Neid. Für die meisten von ihnen ist Tooshoo bloß ein Märchen, ein ferner Ort, den sie ohnehin nie zu besuchen gehofft haben. Die Menschen hier allerdings... für sie ist Tooshoo ein sehr realer Ort, den sie jeden Tag in der Ferne sehen können. Sie wissen, dass sie bloß ein halber Tagesmarsch und ein Passierschein von einem unbeschwerten Leben ohne Furcht vor wilden Bestien, Banditen und schlechten Ernten trennt, und sie wissen auch, dass sie diesen Passierschein niemals in die Finger bekommen werden. Um es klar zu sagen: Sie beneiden Leute wie uns nicht bloß, sie hassen uns.“
    „Warte mal... Banditen?“ Lorn erinnerte sich noch zu gut daran, was ihm Kastor von den Straßen berichtet hatte, als es darum ging, ihn von der Ungefährlichkeit einer Begleitung der Karawane zu überreden, und Banditen hatten dabei ganz sicher keine Erwähnung gefunden. „Du hast mir erzählt, die Wege seien so sicher wie nie!“
    „Das sind sie auch“, erwiderte Kastor ruhig. „Wenn man die richtigen Wege wählt. Für die Menschen in den Dörfern aber wird es von Tag zu Tag ungemütlicher. Die wilden Bestien sind eine Sache, die gibt es immer, aber die Söldner und Räuberbanden, die in letzter Zeit die Gegend heimsuchen, stellen eine ganz andere Bedrohung dar. Habt ihr euch nie gefragt, wieso die Passierscheine in Tooshoo überhaupt eingeführt werden mussten? Dass jeder in Tooshoo leben möchte, liegt vielleicht weniger an Tooshoo selbst, sondern...naja, an der Welt hier draußen.“
    Lorn wurde ein wenig mulmig zumute, als er darüber nachdachte, dass das ereignislose Leben, das er in den letzten Jahren geführt hatte, den Worten Kastors zufolge der Wunschtraum unzähliger Menschen in dieser Gegend war. Es war wohl nur allzu leicht, das Paradies zu vergessen, wenn man sich zu lange darin aufhielt.
    „Seit den jüngsten Gerüchten über die Rückkehr der Blutnattern ist es nur noch schlimmer geworden. Viele in den Dörfern haben Freunde und Verwandte an die Blutnattern verloren und erinnern sich mit Schrecken zurück an die Zeit, als sie über diesen Landstrich herrschten. Natürlich sind es nur Gerüchte, aber allein der Gedanke daran... Glaubt mir, jeder der danach aussieht, als könnte er einen Passierschein nach Tooshoo bei sich tragen, lebt in den zivilisierten Gegenden hier gefährlich. Und niemand sieht mehr danach aus als wir.“
    „Da haben wir's“, knurrte Ricklen und fixierte Lorns Augen mit einem durchdringenden Blick, der durch das lodernde Feuer seiner Fackel hindurch nur noch bedrohlicher wirkte. „Wilde Bestien, Banditen, eifersüchtige Bauern und zur Krönung auch noch die Blutnattern höchstpersönlich! Bist du jetzt vielleicht überzeugt davon, dass wir besser in Tooshoo geblieben wären?“
    „Ihr glaubt doch nicht etwa an die Gerüchte um die Blutnattern?“, verteidigte sich Lorn, der Ricklen nicht zu schnell nachgeben wollte. „Ich meine, niemand hat seit Jahren auch nur eine einzige Blutnatter gesehen, oder? Nicht einmal die Gerüchte gehen so weit!“
    „Ich sage nicht, dass ich den Gerüchten glaube.“ Kastor machte sich jetzt daran, den ersten Käfer in der Reihe durch gezielte, sanfte Schubser in die neue Laufrichtung zu drehen. „Aber vielen reicht es schon, wenn sie nachts ein paar Lichter im Bluttal brennen sehen. Und dann gibt es da natürlich immer noch die vergifteten Leichen auf Belgors Hof... die sind kein Gerücht, viele haben sie gesehen. Natürlich kann jeder, dem ein Fläschchen Blutnatterngift in die Hände fällt, Gebrauch davon machen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass noch einige dieser Fläschchen im Umlauf sind, aber die Gerüchte kümmert das nicht. Die Menschen haben Angst, und obwohl ich ihnen das nicht verdenken kann, möchte ich trotzdem nicht derjenige sein, der seinen Platz im Baum mit ihnen tauscht – und euren gleich mit. Genügt euch das als Erklärung, warum wir lieber den Umweg nehmen?“
    „Ja“, murmelte Lorn. „Schon in Ordnung.“
    Nach ein paar letzten Handgriffen und einem freundschaftlichen Klaps hinter die aufgeregt klackernden Fühler setzte Kastor die Karawane durch das beherzte Anschubsen des Käfers wieder in Bewegung.
    Lorn und die anderen folgten dem Trupp schweigend den Berg herauf, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Nicht einmal Digger sagte ein Wort.

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