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    Wege zum Glauben

    Er erwachte.

    Es schien später morgen zu sein, die Sonne fiel hell und stechend in seine noch nur halb geöffneten Augen, doch sein Körper fühlte sich nicht an, als hätte er nur eine Nacht geschlafen, er schien ihm frisch und voller Kraft, als hätte er Monate, Jahre, ja ganze Zeitalter lang geruht, um nun zu erwachen um in neuer Kraft in die Welt zu gehen und das nächste Zeitalter zu dem seinigen zu machen. Doch etwas war falsch. Das Gefühl war so diffizil, der weißhaarige Krieger hätte es beinahe ignoriert, vielleicht sogar unbemerkt, doch es war da. Sein von der Morgensonne geblendetes Augenlicht konnte ihm die nötigen Informationen noch nicht übermitteln, doch seine anderen Sinne, vor seinem Schlaf noch mehr taub als lebendig, nun in voller Einsatzfähigkeit erstrahlend, verrieten es ihm. Die Luft hatte sich verändert, sie schien nicht mehr aufgestaut wie zuvor, nicht mehr auf kleinstem Raum zirkulierend, sondern ... frei, bewegt, normal.

    Sein Augenlicht kehrte zurück.

    Und sofort schrie sein Gehirn auf, es wieder zu verdunkeln, die Augen zu schließen, den seine Augen sahen und das Gesehene stimmte nicht ... es war falsch ... und doch ... wahr. Seine Augen klebten nicht, wie vor seinem Schlafe (am gestrigen Tage?) an der feindlich harten grauen Felswand, sondern ihr Blick verlor sich in scheinbar unendliche Weiten. Die Wand war ... sie war nicht da und ihre Absenz eröffnete neue Wege, neue Wege in neue Welten, Welten die am Tag zuvor nicht existierten, oder waren sie nur nicht zugänglich gewesen? Er wusste es nicht, wie könnte er es wissen, konnte er doch nicht einmal begreifen, was seine Augen sahen, was seine Nase roch, was seine Haut fühlte ... was seine Ohren hörten. Es war nicht wirklich ein Geräusch an sich, dass sie vernahmen, doch hörten sie in die Weite hinein, nicht mehr fixiert auf den kleinen Raum, nein die Weite selbst sprach zu ihnen, verkündete den weiten Raum, das endlose Dasein, die neue Welt, bereit betreten zu werden. Und Marvin betrat sie...

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    Oder er versuchte es. Er wollte diesen Schritt tun, er wollte wissen, was dort war, er wollte wissen, was ihn dort erwartete. Doch die Entscheidung drohte ihn zu zerreisen, zuviel Zweifel, zuviel Skepsis, zuviel Bedenken, zuviel Vorbehalt und doch noch mehr Wissbegierde, noch mehr Neugier, noch mehr Forschungstrieb...

    Es brauchte nur einen mutigen Schritt, eine kleine Distanz, vielleicht ein Meter und doch ... es schien die schwerste Reise zu sein, die er je angetreten hatte, schwer anzutreten, noch schwerer sie zu tun. In dem Moment, als sein Fuß auf Höhe des Durchgangs von der kleinen Höhle, zu den weiten wunderbar wundersamen Gängen, die von hier ihren Ausgang nahmen, und, so schien es, in alle Ecken der Welt zu führen schienen, als sein Fuß versuchte diesen Durchgang zu durchschreiten, war es ihm plötzlich, als wäre der Raum vor ihm nicht mit Luft gefüllt, sondern mit einem zähflüssigen Etwas, einem Äther, der jede Bewegung verlangsamte, ja sogar das Licht sichtbar langsam an ihm vorbeiglitten lies, selbst diesen kleinen Schritt für seinen Körper zu einer unendlich großen Anstrengung für ihn werden ließ. Beinahe war es ihm, als schriee seine Seele singend auf und wollte ihn auf dieser Seite halten, auf dieser Seite der Höhle, auf dieser Seite der Insel, ja auf dieser Seite der Welt, vielleicht auch in dieser Welt. Doch verhallte ihr Schrei in den verlangsamenden Weiten des Äthers. Doch der Schritt war getan, sein Körper begann sich nach vorne zu neigen, langsam, unendlich langsam, doch zwingend Stück für Stück immer weiter vorwärts, nie stoppend, nie haltend, immer weiter, immer weiter in die neue Welt, in das Unbekannte, in die Weite, die ihn rief, die ihn herbeisehnte, ja herbeizitierte.

    Ein leises dumpfes Geräusch zerriss die Stille.

    Es konnte nicht laut gewesen sein, doch die Stille ließ es widerhallen, immer wieder neu zurückwerfend, aufeinander werfend, lauter als je zuvor, die Felswände, erbaut für die Ewigkeit und noch länger, begannen unter dem Geräusch zu erzittern, zu wackeln, ja zu bröckeln und schienen einstürzen zu wollen, als es mit einem Male verhallte. Er hatte den ersten Schritt getan.

    Es war weg.

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    Kein Hindernis, keine schwerfällige Bewegung, kein zäher Äther, nichts dass ihn behinderte, plötzlich frei in einem großen Raum, machte der weißhaarige Krieger einen weiteren Schritt und hatte diese rätselhafte Höhle, ja diese neue Welt betreten und stand nun in ihr, vollkommen mit Leib und Seele. Sein Leib schien vor Freude entzückt eine neue Welt betreten zu haben, strotzte er doch plötzlich wieder von Energie, bereit alles zu tun, bereit diese Welt zu erkunden, bereit sie in Besitz zu nehmen, bereit in ihr zu bleiben... Doch seine Seele, seine Seele, sie schrie nicht mehr, nein, sie wimmerte, das Schreien war ihr im Halse stecken geblieben, sie wusste nichts anzufangen mit diesem Ort, fühlte sich einsam, verlassen, fremd ... und nicht willkommen, fehl am Platze, nicht hierhergehörend und war bereit, alles zu tun, um diesen Ort zu verlassen. Seine Gedanken schienen unbeeindruckt, emotionslos, rational. Ohne Bewertung erfassten sie den Raum, groß, wahrscheinlich zwischen 65 und 70 Fuß, etwa 700 Zoll. Rund, scheinbar perfekt kreisrund, dreidimensional gesehen kuppelförmig. In regelmäßigen Abständen führten Gänge aus dem Raum hinaus, verschiedene Richtungen, verschiedene Möglichkeiten, doch alle in die Tiefe, verschieden steil, aber alle in die Tiefe.

    Wo war er hier? Was war dies für ein Ort?

    Erst jetzt, nicht einen Moment früher, nein jetzt, stellte er sich plötzlich diese Frage ... und fand keine Antwort. Denn es gab keine Antwort, keine die sein Mund hätte formulieren, ja die sein Geist hätte begreifen können. Das begriff er. Dieser Ort war einfach mehr, er war alles. Er war die Antwort auf alle Fragen, die er aufwarf, die Lösung zu allen Rätseln, die er stellte, die Erkenntnis jeder Erforschung seiner selbst. Er war nicht das Ergebnis einer Berechnung oder eine Formel, nein, er war die Konstante, die jeder Formel ihre Logik gab und jedem Ergebnis seine Grundlage. Dieser Ort war der Mittelpunkt der Welt und doch seine äußerste Begrenzung, die Welt wie sie war, nahm von hier ihren Anfang und würde hier ihr Ende finden. Er war alles ... eine physikalische Singularität und doch nicht existent. Marvin wusste all dies. Doch er verstand es nicht. Und er würde es wohl nie verstehen, denn es war nicht für das Bewusstsein der Menschen geschaffen, nicht für ihre Logik erdacht, nicht für ihre Bücher existent, nicht für ihr Wissen geeignet. Dies verstand er. Und er akzeptierte es.

    Seine Seele nicht.

    Noch immer leidend, kämpfte sie gegen die Eindrücke dieses Ortes, gegen seine Existenz, gegen seine erdrückende Omnipräsenz. Sie wusste sie, sie war nicht für diesen Ort bestimmt, dies war der Ort, dem Seelen entsprangen ... um nie wieder dorthin zurück zu kehren, ewig gebunden zu sein an ihren Körper, der sie nie hierher bringen sollte und doch ... sie war hier. Sie wusste nicht warum, doch sie wusste ihre Präsenz hier war falsch. Sie wusste nicht wessen, doch sie spürte sie war hier Feind. Ein Eindringling. Vogelfrei. Doch sie verlor. Überwältigt von ihrem ewigen Nemesis, dem Geist, der in seiner unendlich Wissbegierde nicht ruhen wollte und beschloss sich diesen Ort anzusehen, diesen falschen Ort, diesen feindlichen Ort ... diesen bösen Ort.

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    Er betrat den ersten Gang und mit einem Male wehte ihm ein starker aber dafür frische Luft bringender Wind entgegen. Machte er einen Schritt zurück, verstummte diese Urgewalt wieder, machte er einen nach vorne, schrie sie wieder auf. Der Wind war stark, doch den Weg nicht sonderlich erschwerend, und fühlte sich an wie eine sanfte Meeresbrise, als stünde er nicht auf nacktem Fels, sondern als grüben sich seine Füßen in den Sand eines Strandes, den Blick aufs Meer gerichtet. Barg diese geheimnisvolle Welt etwa ihr eigenes Meer in den Tiefen ihrer Struktur? Ein eigener Ozean in den Tiefen dieses Berges? Eine wahrhaft groteske Vorstellung, doch hatte Marvin den Rand der Normalität wohl schon länger überschritten.

    Dann geschah es.

    Marvin betrat eine weitere Höhle, größer als die Erste, weit größer. Und sie war … leer. Vollkommen leer. Nichts war hier, kein Lebewesen, kein Stein, kein Strauch, nur weite Leere vom Punkt an dem Marvin stand bis an den Rand der Höhle, den er nur schemenhaft mehrere hundert Ellen weit von ihm entfernt wahrnehmen konnte. Nichts war hier ... nicht einmal Sauerstoff...

    Er ertrank. In einer leeren Höhle. Mit einem Male spürte er, wie nicht die ungewöhnlich frisch anmutende Höhlenluft seine in seine Lungen drang, sondern … Wasser. Er wusste, dass es geschah, doch er verstand es nicht. Kein Tropfen Flüssigkeit war zu sehen, nicht einmal eine Pfütze auf dem Boden, nur nichts und doch ... er ertrank. In wilder Panik riss er den Mund auf, doch kein Laut verließ seine Kehle, nur noch mehr Wasser, das den Weg blockierte. Stück für Stück kroch der Tod in seine Lungen, Stück für Stück verließ das Leben seinen Leib. Er starb. Er ging in die Knie. Hart schlugen sie auf dem staubtrockenen Felsboden auf. Seine Augen brannten ob der hier unten trockenen Höhlenluft und doch ertrank er. Seine Hände lagen an seiner Kehle, als wollte er sich selbst erwürgen. Immer wieder versuchte er zu atmen, doch es drang noch immer mehr Wasser in seine Lungen, Wasser, das nicht da war. Wasser, das es nicht gab, Wasser, das nicht sein durfte und doch Wasser, das ihn tötete.

    Dann war es vorbei.


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    Es war weg, mit einem Male. Es hatte nicht einfach aufgehört, nein. Es war weg. Seine Lunge, sein Atemrythmus alles arbeitete von einem Moment auf den anderen wie immer, ohne weiteren Aufhebens um den gerade erlittenen Beinahe-Tod, sog sein Mund Luft ein, durch die Luftröhre bis in die wieder normal funktionierende Lunge hinein. Er lebte. Hatte er sich das alles nur eingebildet? War es nie dagewesen? Oder begann er langsam aber sicher in galoppierendes Tempo übergehend einfach wahnsinnig zu werden? Er wusste es nicht. Und für den Augenblick interessierte es ihn auch nicht. Er lebte. Immer noch auf Knien tat er einige Zeit nichts anderes als einfach die angenehm kühle und immer noch rätselhaft frische Luft ein und wieder auszuatmen und sich über jedes Stück Sauerstoff zu freuen, dass den Weg in seinen Körper fand.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte er sich an dem Gefühl zu atmen genug gelabt um seine Aufmerksamkeit wieder der drückenden Frage nach seiner Lokalität und dem Sinn seiner Präsenz in derselbigen, die ihn offenbar nicht willkommen hieß, zu stellen. Langsam glitt sein Blick an den Rändern der Höhle entlang, erblickten etwa zwei Meter über ihm, er war noch immer auf Knien, eine perfekt ebene Decke und selbige Perfektion an den Rändern, was kombiniert mit der Ebene des Bodens bedeutete, er befand sich in einem Quader, einem perfekten Quader voller rechter Winkel, der trotzdem wirkte als wäre er von den Gezeiten der Natur geschaffen. Der Anblick war auf Grund seiner Unwahrscheinlichkeit derart grotesk, dass Marvin ihn beinahe nicht ertragen konnte. Diese glatten Wände, diese menschlichen Formen, sie waren zu unpassend für diesen natürlichen Ort. Sie waren falsch. Wie er. Er musste hier weg.

    Nicht weiter auf die wundersame Ebenmäßigkeit des Raums achtend, erhob sich Marvin, klopfte sich den Staub von den Knien, machte auf dem Abatz kehrt und ging. Jeglicher Euphemismus, der ihn mit dem Finden dieser Höhle ergriffen hatte, war verflogen, weg ... ertrunken. Am Liebsten hätte er all das mit einem Schlage hinter sich gelassen, doch noch war er mit diesem Höhlekomplex nicht fertig. Es gab andere Gänge zu erkunden ... vielleich auch andere Beinahe-Tode zu sterben, doch würde den weißhaarigen Krieger nicht abhalten. Zu stark seine Gier nach dem Wissen um das rätselhafte Geheimnis dieses Ortes, das ihn so sehr anzog, dass er nicht widerstehen konnte, ja nicht widerstehen wollte, sondern sich trotz der augenscheinlichen Gefahr nicht zurückzog, nicht aufgab, nicht einfach ging, nicht einfach alles zurückließ, sondern, wieder am Raum angekommen in dem der Gang seinen Anfang nahm, einfach den nächsten Gang zu seiner linken wählte und wieder in die Tiefe stieg, ein Stückchen steiler als zuvor, doch unverändert in die Tiefe, immer weiter.


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    Mehr war es auch nicht.

    Plötzlich eine Bewegung. Er sah sie nur aus dem Augenwinkel und wandte seinen Kopf, doch dort war nichts … außer Stein. Da, eine weitere, wieder im Augenwinkel, wieder nur Stein. Plötzlich ein weiterer Stein, doch diesmal ruhig … ruhig schwebend. Vor seinen Augen. Er begann sich zu drehen, erst langsam, dann schneller, immer mehr beschleunigend, bis die Fliehkraft ihn zerriss. Marvin versuchte noch zu verstehen, was gerade passiert war, als wenige Meter vor ihm einer der vielen Felsbrocken, die wie Stalagmiten aus dem Boden ragten, sich plötzlich in denselbigen zurückzog und rauen, aber ebenen Stein am Boden zurückließ.

    Dann explodierte das Leben.

    Mit einem Male war die Höhle nicht mehr ruhig, sondern gleichte einer Hölle. Überall bewegte sich augenscheinlich fester Stein, verschwanden Stalagmiten und Stalaktiten im Boden und der Höhlendecke und brachen an anderen Stellen der Höhle aus scheinbar festen Steinwänden wieder heraus. Die ganze Höhle war auf einmal erfüllt von bewegendem Gestein, ein ohrenbetäubender Lärm entstand und Marvin musste immer wieder herausschießenden Gesteinsbrocken ausweichen. Auch diese Höhle schien ihm wenig freundlich gesinnt, immer wieder stellten sich Stalagmiten in seinen Weg, als er rennend versuchte, das andere Ende der Höhle zu erreichen, im festen Glauben, dort einen Ausgang zu finden, der schneller zu erreichen war als der Eingang, durch den er dieses steinerne Irrenhaus betreten hatte.

    Doch plötzlich schien sich das Verhalten des Gesteins zu ändern, es hörte auf, wie wild aus dem Boden zu schießen und begann in ruhigere Bewegungen über zu gehen, dabei jedoch auch seine Formen ändernd, begann es nun Dinge zu bilden, neben ihm formte sich eine lebensgroße Orkgestalt, in ihrer Realität bis auf die steinerne Farbe vollkommen, mit einem großen breiten Schwert in der Hand, zum Schlag erhoben. Für einen Moment besah sich Marvin, der ob der neuen Situation, die nun weniger bedrohlich schien, stehenblieb, der Orkgestalt, die nur wenige Fuß, also beinahe in Schlagreichweite, vor ihm stand, mit großem Interesse. Er hatte seit seiner Zeit auf Nordmar keine Orks mehr gesehen, also seit einer halben Ewigkeit. Traurig war er dessen nicht gewesen. Und doch weckte der Anblick dieser mächtigen, aggressiven und menschenfeindlichen Kreatur beinahe etwas wie nostalgische Gefühle. Orkjäger zu sein, war einfach, man hatte seine Aufgabe, man tötete Orks, moralisch war man dabei beinahe immer im Recht. Doch auf Argaan war das anders, die Orks hier schienen keine Bedrohung zu sein und vor lauter Langeweile fiel den Menschen nichts Besseres ein, als über sich selbst herzufallen. Marvin kämpfte nicht gern gegen Menschen, nicht ernsthaft. War es ein guter Gegner tötete man einen wertvollen Mitstreiter gegen die Orks, war es ein schlechter Gegner, war es ein erbämliches Abschlachten, die unzähligen Graustufen dazwischen nicht erwähnt. Ein Ork hingegen war einem körperlich überlegen, meist mindestens einen Kopf größer und schon allein auf Grund seines Naturells ein Kämpfer.

    Geändert von Marvin (22.02.2012 um 08:31 Uhr)

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    Selbiges dachte sich wohl der steinerne Ork.

    Mit einem Male erwachte der den Ork bildende Fels wieder zum Leben, nicht um sich umzuformen, sondern vielmehr um seiner Form gerecht zu werden. Ein Schrei entfuhr den steinernen Tiefen seiner steinernen Kehle und mit einem krachenden Laut begann die Figur sich zu bewegen, der bereits zum Schlag erhobene Arm fuhr mit einem Male herunter und der weißhaarige Krieger wurde nur von seinem langjährig trainierten Reaktionsvermögen davor bewahrt von scharfkantigem Fels gespalten zu werden. Der Ork fiel durch die Wucht seines Schlages einfach um und zerschellte am Boden in unzählige Einzelteile, die jedoch ohne einen Moment zur Ruhe zu kommen, sich wieder zusammenfanden, sich wieder banden, wieder neue Form annahmen. Die eines Amboss. Inklusive einem Hammer.

    Sprach die Höhle zu ihm? Zeigte sie ihm Erinnerungen auf? Erst einen Ork als Zeichen seiner Zeit als Orkjäger und nun einen Amboss als Denkmal seiner langen Tätigkeit als Waffenschmied? Noch heute trug er sein Schwert aus magischer Erz und seine beiden Stahldolche bei sich, die er selbst angefertigt hatte. Beherrschte er dieses Handwerk überhaupt noch? Wann hatte er das letzte Mal einen Schmiedehammer zur Hand genommen? Es mochte nicht so lange her sein, wie seine Zeit als Orkjäger in Nordmar, doch lange genug. Warum zeigte ihm diese Höhle seine ...


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    Noch während Marvin in Gedanken versunken war, kam ihm auf einmal der steinerne Hammer entgegen, traf ihn hart an der Schulter und warf ihn zu Boden. Der Hammer hatte kaum Platz zur Beschleunigung und doch traf er den weißhaarigen Krieger mit einer derartigen Wucht, dass er spüren konnte, als wäre die Zeit verlangsamt, wie der Hammer an seine Schulter prallte, die verlorene Bewegungsenergie auf seine Schulter übertrug, wie ein Teil der zerstörerischen Energie von seiner Kleidung gedämpft wurde und der größere Teil auf seine Schulter wirkte, der Impuls seine Haut und sein Fleisch darunter eindrückte und der Rest der Energie auf die darunter liegende Knochenstruktur traf und die Knochen damit nicht nur brach, sondern mit brutaler Gewalt zersplittern lies. Marvin schrie auf, hauptsächlich vor Schreck, einen Moment später als der erste Schock vorüber war, vor Schmerz.

    Damit war es dem weißhaarigen Krieger zu viel. Zwar hatte die Wissbegierde über diese sich selbst bewegenden Steine noch immer Macht über ihn, doch der rasende, beinahe blind machende Schmerz in seiner Schulter verdrängte all diese Gedanken und ließ den menschlichen Instinkten für Flucht freien Lauf, ließ sie Adrenalin in seinen Körper pumpen, unwichtige Funktionen seines Körpers abstellen und seinen Körper bereit zu machen für Eines: Laufen. Zumindest für den Fall, dass er den Ausgang finden würde...

    Durch die komplette Umwälzung jeglichen Gesteins hatte sich die Höhle verändert, ihr komplette Antlitz ausgetauscht, den Ausgang versteckt. Ohne den noch vor wenigen Momenten nur scheinbar für die Ewigkeit entstandenen Stalagmiten, Stalaktiten und all den anderen auffälligen und unauffälligen Gesteinsformen, an denen sich das Auge orientieren konnte, musste ein jeder Versuch der Orientierung misslingen. Dazu kam noch die rätselhafte scheinbar quellenlose und omnipräsente Beleuchtung, die jeden Punkt der Höhle gleichmäßig gerade ein Stück unzureichend beleuchtete und dadurch keinerlei Orientierung anhand des hereinfallenden Lichtes zuließ.


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    Doch all diese Erkenntnisse brauchten zu viel Zeit. Noch während er begann zu verstehen, wie verloren er inmitten dieser Höhle war, formte sich der Stein erneut zur Personifikation etwas Lebendigem, dieses Mal einen Menschen. Die Kleidung, auch wenn farblich nicht bestimmbar, da alles im bräunernen Ton des Gesteins, verriet seine Profession: Pirat. Marvin wusste nicht, welcher Teil seiner Erinnerungen ihn nun angreifen sollte. Erinnerungen an das Piratenlager auf Khorinis, dass er bis zum letzten Moment gegen die Orks verteidigt hatte? Oder doch eher an den Piratenüberall, der ihn seiner gesamten Lebensgrundlage und seines sozialen Umfeldes brutalst beraubte. Doch es war ihm auch egal. Auch wenn es seine linke Schulter getroffen hatte, fühlte er sich wegen des immensen Schmerzes nicht kampfbereit und war noch immer auf der Suche nach einem Ausgang. In Angesichts dieses neuen Gegners, zumindest nahm Marvin an, dass auch dieses Gebilde ihn angreifen würde, beschloss er es darauf ankommen zu lassen .. und rannte einfach in die entgegengesetzte Richtung.

    Doch noch gab es überall sich immer neu formendes und verformendes Gestein, dass es sich zur Hauptaufgabe erkoren hatte, ihm Unbehagen zu bereiten. In vollem Tempo stieß er mit einem Fuß gegen einen kleinen Felsen, der sich gerade aus dem Boden erhob und schlug mit eben demselben Tempo hart auf dem Boden auf. Die Schmerzen in seiner Schulter explodierten in neuer Pracht und strahlten in allen Farben in die angrenzenden Körperteile. Er ignorierte sie, so weit es ihm möglich war, und drehte sich auf den Rücken, den Blick auf seinen Verfolger gerichtet ... der verschwunden ward.

    Langsam und mühsam richtete er sich auf. Welch neues Höllenspiel sollte das werden? Hinter ihm hatte sich das Gestein erneut verformt, zu einer Miniatur eines sonst viel größeren Gebildes, einer Insel. Einer Insel, wie sie wohl aussehen würde, würde sich das Meer zurückziehen. Für den ersten Blick hatte er es für Khorinis gehalten, die Insel, die er aufgegeben hatte um nach Nordmar zu fahren, doch dann erkannte er, dass das Größenverhältnis ein ganz anderes war. Es war die kleinere Insel, die für die er Nordmar verlassen hatte, Nordmar und sein Freunde, um fremden Männern zu folgen, Abenteuer zu erleben ... Eine Frau zu finden, ein Kind zu bekommen ... und alles wieder zu verlieren. Der Schmerz in seiner Schulter lies nach, überlagert von Trauer und Seelenschmerz, als seine Erinnerung an diese seligen Tage und ihr unseliges Ende einmal mehr aufkamen.


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    Sofort vergass er die Höhle, das Gestein, alles um sich herum, denn im selben Moment kreisten seine Gedanken nur noch um diese Kette von Ereignissen, ihr von Abenteuerlust und Entdeckerdrang getriebener Anfang, ihr aus Interesse geborenes Fortbestehen, ihr durch Liebe gefestigter Verlauf, ihr durch Tod gerissenes Glied. Sein Sichtfeld verdunkelte sich und zeigte ihm schon bald nicht mehr seine Umgebung, sondern Dunkelheit. Dunkelheit und Flammen. Die Flammen, die alles frassen, seine Frau, seine Tochter ... und deren Mörder. Er hatte zum zweiten Male eine Familie gehabt. Und er hatte zum zweiten Male eine verloren. Zum zweiten Male hatten ihm Menschen, die Menschen geraubt, die ihm wichtig waren. Alles Leid, dass er je hatte erleiden müssen, war es nicht menschengemacht gewesen? Piraten, Sanata, die Inselbewohner. Warum hatte er eigentlich ein Leben lang gegen die Orks gekämpft? Sie waren von jeher der Feind in seinen Augen gewesen, doch warum eigentlich? Was hatten sie ihm denn getan? Kein Ork hatte ihm je etwas genommen, kein Ork hatte ihm je Schaden zugefügt - den physischen durch Kämpfe bedingten selbstverständlich ausgenommen - all das waren Menschen und in selteneren Fällen unglückliche Zufälle gewesen.

    Doch er konnte diesen finsteren Gedanken nicht weiterspinnen, - wer weiß, was wohl daraus entstanden wäre - denn mit einem Male begann die Höhle bedrohlich zu rumoren. Wieder bewegte sich das Gestein, doch dieses Mal auf eine ganz natürliche Art und Weise, es bebte. Immer stärker begann die Höhle um ihn herum zu wackeln, erste Stalaktiten stürzten von oben heraub, das steinerne Inselmodell bröckelte Stück für Stück ab, seine Vergangenheit zerfiel vor seinen Augen, nicht unähnlich der Gegenwart, die sie repräsentierte, die vor seinen Augen verbrannte. Doch im Augenblick drohte vielmehr er selbst zur Vergangenheit zu werden, sein Blick wandte sich um, immer noch nach dem Ausgang suchend, der ... direkt vor ihm war. Er musste nur einen Schritt machen und schon war er wieder in dem Gang, der ihn hierher gebracht hatte.

    Und hinter ihm ging die Welt unter.

    In dem Moment, als sein zweiter Fuß den Gang betrat, stürzte die Höhle mit einem donnernden Krachen hinter ihm ein und innerhalb weniger als einer Sekunde, war hinter Marvin nichts als eingestürztes Gestein. Die Höhle war versiegelt worden. Für immer. Seine Vergangenheit etwa auch? Gedankenschwer trat er den Weg zurück, den Weg den Gang hinauf an, langsam Schritt für Schritt, nicht wissend, wie er mit den neuen Erfahrungen umgehen sollte. Wie er sie verarbeiten sollte. Was sie beudeten sollten. Ob sie etwas bedeuten sollten. Ob er nicht einfach nur wahnsinnig geworden war. Endgültig...

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    Nicht wirklich wissend, was er tat, bewegte er sich Schritt um Schritt vorwärts, in Gedanken überall außer dem Weg vor seinen Füßen. Und so dauerte es ein wenig, als er einmal mehr den kuppelartigen Bau erreichte, dass sich etwas verändert hatte. Es war nicht direkt mit den Händen zu fassen, doch war es da. Das Licht hatte sich geändert, strahlte nun mehr matt und düster aus seiner nicht ausmachbaren Quelle, die Luft schien auf einmal stickiger, staubiger ... tot. Er stand eine halbe Ewigkeit, er konnte nicht sagen wie lange, vor dem Loch in der Wand, durch das er diesen Höhlenkomplex betreten hatte.

    Es war nicht da.

    Wie lange er wohl vor der festen Felswand stand, die einmal einen Durchgang bot? Er konnte es nicht sagen, vielleicht wollte er es auch nicht wissen, denn er wusste, was es zu bedeuten hatte. Diese Höhle war noch nicht mit ihm fertig, diese andere Welt würde ihn noch nicht gehen lassen, es gab noch etwas für ihn hier.

    Er wollte nicht.

    Er fühlte sich niedergeschlagen, am Ende seiner Kräfte, erschöpft, müde, kraftlos, ausgelaugt ... einfach am Ende. Er wusste nicht, ob er die Kraft hatte, für eine weitere dieser Erfahrungen, vielleilcht sogar für noch mehr. Auch seine Schulter sandte noch immer ungeahnte Schmerzen in seinen Kopf. Wer wusste, was der nächste Gang für ihn bringen würde? Er wurde es herausfinden. Herausfinden müssen...

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    Er saß auf dem Boden des Raumes, zu dem alle Wege führten, von dem alle Wege weg führten, diese kuppelartige Höhle ohne Inhalt, kein lebender, kein toter. Nur Löcher in der Wand, nur Gänge, die tiefer führten, nur eine Wand, durch die er hierher gekommen war. Wie lange war das nun eigentlich her? Es konnte sich eigentlich nur um Stunden handeln, doch es kam ihm länger vor. Waren es Tage? Wochen? Monate? Jahre? Leben?

    War diese Höhle von Menschenhand erbaut? Es erschien ihm unmöglich. Doch noch weniger möglich und weit absurder schien der Gedanke, die Natur könnte solch ein Werk vollbracht haben. Auch die Hand der Orks schloss er kategorisch aus. Doch was blieb ihm? Etwa die Götter? Doch welcher Gott könnte derartiges erschaffen, welcher Gott sollte derartiges erschaffen? Innos, der Gott der Gerechtigkeit, der Ordnung, des Lichts, des Feuers? Nein, nichts hier würde auf dessen Werk deuten. Beliar, der Gott der Zerstörung, der Nacht, des Chaos und des Todes? Durchaus vorstellbar, der Tod hatte an mehreren Stellen auf ihn gelauert, der Tag drang in die Tiefen dieser Höhlen nicht vor und Chaos schien Marvin geradezu zu umgeben. Oder doch der Dritte im Bunde, Adanos. Viel hatte er von diesem Gott gehört, war er doch in Setarrif in guter Gesellschaft seiner Anhänger. Der Gott des Wassers, des Gleichgewichts, des Wissens. Der zwischen allen Stühlen. Er war in einer leere Höhle in freier Luft ertrunken. Ein Zeichen des Wassers, des Mediums Adanaos'? Er war von Stein und Fels angegriffen worden. War nicht auch das Erde Teil der Spähre Adanos'? Wollte ihm einer dieser Götter ein Zeichen senden? Wollte ihn einer dieser Götter strafen? Welcher?

    War dies die Zeit für Gedanken über Götter und Glauben? Vielleicht, es gab nichts woran er sich halten könnte, gäbe es eine bessere Situation zu Glauben? Vielleicht nicht. Vielleicht musste er weiter, vielleicht musste er diesen Ort erkunden, erkunden bis zum Ende, zum Ende des Ortes oder bis zu seinem Ende. Sachte stand er auf, der Schmerz in seiner Schulter war noch nicht vergangen. Er fürchtete irreversible Schäden, doch gab es nichts, was er daran ändern könnte. So machte er sich auf den Weg, den nächsten Gang zu erkunden. Nicht wissend, was ihn diesmal erwarten würde...


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    Schritt um Schritt. Fuß um Fuß. Der Gang war länger als die anderen. Viel länger. Er führte weiter in die Tiefe. Viel tiefer. Schon jetzt spürte Marvin den Unterschied der Höhe in seinen Ohren, doch der Gang führte weiter, sein Ende nicht in Sicht, immer weiter, immer tiefer, gerade hinab, keine Kurve, keine Unebenheit, nur der ewig monotone abwärts führende Gang. Niedrig, gerade hoch genug für den weißhaarigen Krieger. Eng, ein nebeneinander gehen wäre nicht möglich gewesen.

    Doch ein Ende musste es geben.

    Zumindest hoffte er es. Oder würde dieser Gang in die Mitte der Weltkugel führen? Was war dort eigentlich? Gab es ein dort? Würde ein Gang nicht irgendwann auf der anderen Seite hinausführen? Oder gab es dort vielleicht eine treibende Kraft, die die Welt im Innersten zusammenhält? Vielleicht eine andere Welt, auf der anderen Seite, auf der Innenseite der riesigen Kugel existierend. Mit eigenem Leben. Wäre dergleichen möglich?

    Der Gedanke erübrigte sich.

    Marvin hatte das Ende des Ganges erreicht. Plötzlich. Unerwartet. Er hätte geschworen, dass man es nicht sehen konnte, dass das Auge ihm zeigte, wie der Gang noch weiter, immer weiter in die Tiefe führte, doch plötzlich knickte der Boden unter seinen Füßen und er könnte spüren, dass er auf einigermaßen im Lot befindlichen Boden stand. Eine neue Höhle ... ein neue Gefahr?

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    Marvin ist offline

    Ein runder Raum. Die Wände unnatürlich glatt. Wieder kuppelförmig. Etwas kleiner als obige. Vierzig Fuß, mehr nicht. Doch nicht leer. Ein Tisch. Aus Stein. Rund. Groß, zwanzig Fuß Durchmesser. Steinerne Stühle drumherum. Perfekte Geradlinigkeit. Mächtig gebaut. Mit dem Boden verbunden. Komplett herum. In regelmäßigen Abständen. Zwanzig Stück.

    Doch nicht leer.

    Auf jedem Stuhl saß eine Gestalt, menschlich, lebendig, doch irgendwie ... tot. Still um den Tisch herum saßen sie, Männer und Frauen, gehobenen Alters. Sie alle waren in Roben gehüllt, die wohl einmal verschiedene Farben besaßen, auf Grund des Staubes von Jahren, ja vielleicht von Jahrhunderten, ein einheitliches Grau erhalten haben. Es war offensichtlich, dass sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr bewegt hatten, doch Marvin konnte sie spüren, ihre Präsenz, ihr Leben, ihre Weisheit ... ihren Hass, doch Hass auf wen ... oder auf was? Keine Regung verriet eine Reaktion auf Marvins Erscheinen. Kein Laut hieß ihn willkommen, keine Warnung forderte ihn zu gehen, keine Worte, nur absolute Stille.

    Marvin schritt langsam und bedächtig, doch in der Stille des Raumes und der Akkustik seiner Konstruktion wirkte jeder Schritt, ja jedes Rascheln seiner Kleidung wie ein Donnerhall. Doch die Gestalten saßen weiterhin nur mit gesenktem Kopf da, kein Kopf fuhr hoch, keine Augen blickten um sich, keine Überraschung zeigte sich. Und doch, Marvin wusste, dass sie leben. Er wusste es einfach. Und er wusste, dass sie seine Anwesenheit bemerkt hatten...

    Er schritt um den Tisch herum, noch immer keine Reaktionen.

    Doch dann erhob sich eine Stimme... Und sie kam von keiner der Gestalten...

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    Marvin ist offline

    »Ein neuer Geist, gebrochen durch seine Vergangenheit, sinnentleert durch seine Gegenwart, zaghaft durch seine Zukunft ist zu diesem Ort gekommen und hat seine Prüfungen durchlebt. Er sah dem Tode ins Auge und seiner Vergangenheit ins Angesicht, nun ist er hier, am Ende seiner Kräfte. Was ist euer Urteil?«

    Die Stimme war bis zu einem für Menschen unmöglichen Ton tief und drang in den Körper ein, brachte die Knochen zum Vibrieren und das Herz zum Zittern. Es war Marvin, als würde die Macht dieser Stimme an seinem Körper rütteln, ihn schütteln, auf dass sie Geist und Seele von ihren physischen Fesseln befreien konnten. Weitere Stimmen. Dieses Mal die Gestalten am Tisch.

    »Er ist an der frischen Luft erstickt und in der Trockenheit ertrunken. Doch hat er nicht verstanden warum, hat nicht gesehen, welch Sinn darin liegt, nicht gehört, wer zu ihm sprach und nicht erkannt, was mit ihm geschah. War es der Mangel im größten Überfluss, die Stimme eines Gottes, ein Zeichen seiner Zukunft? Der Geist hat es nicht erkannt, die Seele hat es verweigert und doch hat sein Körper überlebt.« sprach die Eine

    »Er hat im bewegenden Fels nicht mehr gesehen, als eine Kuriosität, einen Fehler in der Natur, er hat die Sinnfrage nicht gestellt. Ein Zeichen der lebenden Natur, ein Hinweis auf bestimmte Eigenschaften seiner Persönlichkeit oder doch nur die Stimme eines Gottes?« sprach eine andere, dieses Mal eine Frau.

    »Er sah in dem steinernen Abbild seines Feindes, nur den Feind. Nicht die Erde, die ihn formte, nicht die Schönheit, in ihn Ruhe betrachten zu können, doch seine Gedanken kreisten um die Feindfrage, er begann zu zweifeln an dem von ihm eingeschlagenen Weg. Doch war dies der Sinn? Eine Mahnung zur Umkehr?« Sprach ein Mann.

    »In dem Amboss sah er ein Symbol seines Handwerks, deutete es simpel und einfach, kein Gedanke an die Metaphern des Schmiedens. Geboren aus Hitze, entstanden aus Flamme und Feuer. Ein Wort Innos'? Ein Drache? Das Schaffen etwas Vollendetem aus rohem. Das Schaffen von Neuem, neuem Leben? Neuer Welten? Was gibt es zu erschaffen, was gibt es, dass noch nicht existent und doch gebraucht ist?« ein weiterer.

    »Der Ort seines größten Leids, er nahm die Prüfung an, er nahm den Schmerz auf, durchlebte einmal mehr diese Zeit, die schwarz und dunkel einer Sturmwolke gleich in seinem Denken schwebt, niemals vergehend, manchmal ein Unwetter entfesselnd, doch niemals vorbei. Er spürte den Schmerz, er verspürte Reue für seine Taten, er erkannte die Schuldigen.«

    Wieder die inmaterielle Stimme: »Was ist euer Urteil‽«

    Die Gestalten einstimmig: »Er ist noch nicht bereit!«

    »Wofür‽« rief Marvin, wissend, dass er keine Antwort erhalten würde, nicht wissend, was nun passieren würde.

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    Marvin ist offline

    Er würde nie eine Antwort erhalten. Die Gestalten begannen in ihrer materiellen Erscheinungsform zu ... verschwinden, langsam, kaum mit den Augen verfolgbar wurden sie langsam aber sicher transparent. Marvin verstand nicht, was passiert war, welchem Urteil er unterjocht wurde, wer über ihn gerichtet hatte, wessen er schuldig befunden wurde, wie die Anklage lautete, wer die Richter, wer die Ankläger, wer die Zeugen waren. Doch er war gerichtet. Das hatte er verstanden.

    Die Höhle begann zu beben. Doch dieses Mal anders als zuvor, bedrohlicher. War dies seine Strafe? Das Ende in diesen steinernen Hallen? Der Welt ewig verlustig zu sein?

    Er rannte.

    Er hatte nicht vor ein Urteil zu akzeptieren, dessen Anklage er nicht kannte, vor dessen Richter er nicht zu seiner Verteidigung sprach. Er würde sich dagegen wehren und sich nicht diesem rätselhaften Kreis alter Frauen und Männer hingeben. Doch der Weg war weit, all die Fuß, die er den Weg herunter zurück gelegt hatte, rannte er nun hinauf. Er sah noch nicht einmal das Ende des Ganges, als er das bekannte Brennen in seinen Muskeln spürte, dass ihm verriet, das sie die Belastung nicht mehr lange tragen würden.

    Doch sie mussten.

    Er rannte und rannte, die Schmerzen ignorierend, Schulter und Beine, immer weiter hinauf. Dem Licht der Kupel entgegen, denn hinter ihm war ob der inzwischen nicht nur bebenden sondern einstürzenden Höhle das Licht der Dunkelheit gewichen. Auf jedem Schritt folgte ihm das Rumoren des Gesteins und das Gebrüll des Zusammensturzes. Doch auch das ignorierte er, einfach weiterlaufen, mehr blind den sehend, bereits überholt von der aufgewirbelten Staubwolke, doch er rannte.

    Er schien es zu schaffen.

    Er erreichte den kuppelähnlichem Bau, von dem er dreimal in die Tiefe dieser Höhle hinab gestiegen ward. Auch hier hatte die Zerstörung eingesetzt, alle Gänge waren bereits komplett verschüttet, es gab keinen Ausweg mehr. Bis auf das Loch! Es war wieder da, Marvin verstand den Irrsinn dieses Ausganges nicht, doch kümmerte es ihn nicht, er rannte einfach nur darauf los und sprang hindurch...

    ... und fiel in Ohnmacht.

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