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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : [Story]Zhao Yun



Talker
03.06.2004, 23:34
Man überlege sich einmal, wie einfach es doch ist, sich Dinge zu merken. Nein, nicht Dinge … Worte.

Geschichten, Poesien, Sagen, Mythen. Nichts ist so leicht sich etwas in seinem Kopf zu speichern, wie eine nette Erzählung. Sobald Spannendes, Interessantes oder sonst was passiert, knackt das Schloss zu einer Tür auf, hinter welcher die Erinnerung an jenes Geschehnis aufbewahrt werden kann. Es besteht somit kein Zweifel daran, dass diese Erinnerung irgendwann einmal verschwindet oder sich in Luft auflöst.
Doch was ist, wenn sich nicht genügend Platz in der Kammer der Erinnerung findet, die Erzählung zu lang ist oder zu komplex, sodass man ihr nicht folgen kann? Was wäre, wenn man sich das Gelesene, oder auch Gehörte, nicht einprägen kann? Es sich immer und immer wieder von neuem versuchen würde zu merken, es schlussendlich trotzdem nicht schafft und aufgibt. Andererseits wäre auch anzunehmen, dass Gott oder wer auch immer das Universum erschaffen hatte, auch einen Mensch schuf, der bis an sein Lebensende versuchen würde, sich die Erzählung zu merken. Niemals aufgeben würde, alles stehen lassen würde, nur für diese eine Geschichte, nur um sie sich zu merken, um sie endgültig verarbeitet zu haben, um sie gelesen zu haben.
Man stelle sich doch einmal jemanden vor, der dies tatsächlich durchzuziehen versucht. Er versucht ununterbrochen daran zu Arbeiten, das Gelesene durch die Tür zur Kammer der Erinnerung hindurch zu stopfen. Mit größter Mühe, viel Zeit, Anstrengung und einem unbeugsamen Willen, schafft er es an einem unbestimmten Tag und erreicht sein lang ersehntes Ziel. Doch zu welchem Preis? Tage, Monate, Jahre wären verstrichen gewesen und vollkommen unnütz verschwendet worden.
Er hätte doch nur zu aller Anfang darauf achten müssen, wo sich der Schlüssel für das Schloss befindet. Er hätte diesen Schlüssel suchen müssen, hätte ihn gefunden und ins Schloss gesteckt. Ihn um seine eigene Achse drehen müssen. Das Schloss wäre aufgesprungen und der Weg zur Kammer wäre frei.

Solche Geschichten kommen glücklicherweise nur recht selten vor und sei es doch einmal der Fall, so versuchen die meisten sie schnellstmöglich zu verdrängen. Gründe dafür, kann nicht einmal noch meine Wenigkeit euch angeben, aber, ich kann euch helfen, sie zu finden…

Zhao
03.06.2004, 23:35
In regelmäßigen Abständen holten kilometerbreite Wellen aus dem Nirgendwo aus und wurden praktisch vom Strand angezogen. Jedes ihrer Male, wo sie an einem bestimmten Punkt in ihrer vollsten Pracht dastanden und gleich darauf schrumpften, zeugte von unvergleichbarer Besonderheit. Das Meeresrauschen, welches bei diesem naturellen Ereignis freigesetzt wurde, füllte die ruhige Umgebung und verlieh ihr einen besonderen Glanz, eine einzigartige Aura.
Zeitgleich stachen goldene Sonnenstrahlen zwischen den Wolken hervor und spähten auf die grünlich blühende Insel. Es lies den Anschein, als würden sie in einem langsamen Tempo versuchen, die gesamte Oberfläche zu beleuchten, dabei waren es die Wolken, die sich ihren Weg an der Himmelsdecke entlang bahnten, und den Einfallwinkel der Strahlen veränderten. Ein Tag wie jeder andere, auf dem zahlreich bevölkerten Flecken Erde, wäre er doch bloß nicht durch einen noch so winzigen Punkt auf der Wasseroberfläche, verändert worden.
In Begleitung vom Rauschen der weißlich schäumenden Masse, wurde der leblose Körper eines Novizen mit an den Strand gespült. Als das kühle Nass zurückging presste sich das Gewicht vorsichtig in den matschigen Boden und blieb regungslos liegen. Seine Augen geschlossen, die Brust sich regelmäßig bewegend, als würde der Gläubige Innos’ im Reich der Träume schlummern und sich von der realen Welt fernhalten…

… „Du Versager!“, erhellte eine tiefe, animalische Stimme die nachtschwarze Umgebung „ich habe dich unnötig geschaffen!“
Zhao Yun wusste selbst nicht wo er sich im Moment befand. Dunkelheit umgab ihn, hüllte seinen Körper ein und schuf eine undefinierbar große Zelle der Gefangenschaft. Er fühlte sich eingeengt, beängstigt, schwach, brachte kein Wort aus sich heraus. Nicht einmal die Frage danach, wo er war.
Leise Schritte wurden plötzlich hörbar, ein unsichtbares Schemen näherte sich dem Novizen des Feuers. Ängstlich wich er zurück, in Vorsicht vor dem Unbekannten. Die Gestalt jedoch verfolgte ihn, langsam, aber dennoch. Aus Unachtsamkeit stolperte Zhao und fiel rückwärts auf den Rücken zu Boden. Das Blut stieg ihm die Adern entlang, empor in den Kopf. Rasend erhöhte sich die Frequenz in der sein Herz pochte, unaufhaltsam stieg sie an. Seine Lider spalteten sich weit, als sie die Augen ihres Gegenübers erblickten. Ein gelbgoldener, feuriger Blick starrte Zhao entgegen und schien seinen Geist aus ihm herausdrücken zu wollen. Ein qualvoller Schmerz füllte seine Brust. Immer fester wurden seine Rippen aneinander gepresst, die Lungen an ihrer natürlichen Arbeit gehindert.
Zähneknirschend versuchte er den Schmerz auszuhalten, ihn zu verdrängen und glücklicherweise riss ihn etwas aus seinem Traum…

Vorsichtig spähten die wässrigen Augen zwischen dem Lidervorhang hervor. Ein armselig schwacher Blick versuchte sich eine Orientierung zu verschaffen, als sich ein Faltenüberdecktes Gesicht davor stellte.

„Wach auf, mein Junge. Na los, komm schon“, versuchte ihn die Person zu wecken.

Zhao
03.06.2004, 23:38
Ein warmes, goldenes Licht strahlte Zhao in die Augen, als er jene versuchte zu öffnen. Schnell schloss er sie wieder und hielt sich die Hand vor sein Gesicht. Zusammengekrault lag er da, bedeckt und leicht geschützt vor dem Wind, der über die rauschenden Meeresweiten hinweg, der Insel entgegen flog. Munter setzte er sich auf, blickte um sich und sah leicht verwundert den herrlichen Sonnenaufgang (http://www33.brinkster.com/pissen/pix/sunrise.jpg), inmitten der gräulichen Wolkenmassen, weit über dem Horizont. Eine kirschrote, angenehm warme Sonne strahlte ihm entgegen und übermannt von dem Gefühl, welches jener Moment in Zhao hervorrief, lies er ein freudiges Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. In seinen Augen ein stetig ernster Blick, doch seine Mimik lies kein bischen darauf hinweisen, was er soeben wirklich fühlte.
Doch schon wandte er sich anderen Dingen zu. Gähnend strich er die Decke zur Seite, stützte sich mit einer Hand vom sandigen Boden ab und baute sich vor dem, schlichtweg endlos weiten Meer wieder auf. Fragend versuchte er den Ort zu erkennen, an dem er sich befand, jedoch schien er bisher noch niemals da gewesen zu sein. War dies das Minental, oder etwa doch nur der südwestliche Teil Khorenis? Dem jungen Novizen war der Ort völlig fremd. Durch seine Frage, wo er war, hatte er absolut vergessen, wer ihn vom Wasser gerettet und nahe dem Wald bedeckt hatte. Allerdings beantwortete sich dies von alleine, als Zhaos Blick über den Strand glitt und eine komisch gebaute Figur entdeckte.
Sie war vollkommen verdunkelt, da die Sonne von der anderen Seite entgegen schien. Statuenähnlich ragte sie aus dem Wasser, welches an jener Stelle noch nicht besonders tief war. Was jedoch wirklich komisch war, war die Tatsache, dass sich der obere Teil des spitzen Hügels, zu bewegen schien. Die Stirn des Novizen legte sich in Falten. Aus Neugier setzte er einen Schritt vor den anderen und ging dem schwarzen Etwas entgegen. Jeder einzelne seiner Fußstapfen malte sich in den goldbraunen Sand und eine belustigende Spur zog sich vom Waldrand bis hin zum Wasser, wo Zhao zu erspähen versuchte, was die Statue zu sein schien. Jedoch geschah es anders als erwartet.

„Du bist also schon wach…“, sprach eine nicht allzu unbekannte Stimme, die vom Fels heraus zu kommen schien „freut mich.“
Sogleich bewegte sich das Gestein ein weiteres Mal, diesmal jedoch, war deutlich zu erkennen, was es war. Ein Mann, mit einem komisch breit gezogenem Hut und einer Angel in den Händen, hatte sich auf die Felsspitze gesetzt und daran gemacht, Fische zu fangen … zumindest sah es sehr danach aus.
Überrascht versuchte Zhao eine Frage zu stellen: „Habt ihr mich bedeckt und am Strand liegen lassen?“
„Deine Frage möge bejaht werden, mein Kleiner. Aber lass uns beide lieber etwas essen gehen, bevor mein Magen noch vollkommen verhungert. Ich nehme an, dass du mir Gesellschaft leisten möchtest, wir können unser Gespräch am Strand fortsetzen.“
Zhao überlegte nicht lange. Ihm war bewusst, dass er Hunger hatte und so zögerte er kaum.
„Erstmal möchte ich mich dafür bedanken, dass ihr mich aus Wasser und vor meinem Ertrinken gerettet habt. Und das Angebot, nehme ich gerne an.“, antwortete er und lächelte dem Kerl entgegen.
„Schön.“

Kurz darauf stellte sich der Mann (http://www33.brinkster.com/pissen/pix/pangtong.jpg) auf die Beine, warf den Gürtel des Sackes, in dem sich die Beute befand, über die Schulter und sprang vom Fels hinab ins seichte Wasser. Er vollführte dies mit einer unglaublichen Leichtigkeit, die dem staunenden Einzelgänger sofort auffiel. Noch überraschter war er jedoch, als das Gesicht seines Gegenübers sichtbar wurde.
Eine mit Falten belegte, aber recht freundliche Mimik entfaltete ein beherztes Lächeln. Ein wohlmöglich altes, aber dennoch markantes Gesicht versteckte sich unter dem komisch, grünbunten Mexikanerhut. Grauer, teilweise dunkler Bartwuchs bedeckte die kleinen Lippen und verlief von einem Ohr bis hin zum anderen. In den Augen befand sich etwas Geheimnisvolles, Einzigartiges aber der alte Mann schien dies verbergen zu wollen.
Immer noch verwundert über die Begegnung, folgte der Innosgläubige dem geheimnisvollen, alten Herrn.
Nachdem die zwei angekommen waren, lies Zhaos Gefährte den Sack bei Seite fallen und bat den Novizen, ihm in den Wald auf der Suche nach trockenem Holz zu helfen. Es dauerte nicht allzu lange, schon hatten sie genügend für ein kleines Lagerfeuer zu Recht gesammelt. Dumpfes Klirren der Holzscheite machte sich laut, als sie zurückkamen und den Fund auf einen Haufen warfen. Sofort machte sich der alte Herr daran, ein Feuer zu entfachen. Mit einigen Handgriffen und gleichmäßigem Reiben, schaffte er es in nicht allzu langer Zeit, die ersten paar Trockengräser zum Glühen zu bringen. Mit größter Vorsicht legte er einige Äste darauf und blies behutsam auf die heiße Stelle.

„Sehr schön, geschafft “, entfuhr es ihm nach einer Weile, als das Feuer entfacht war „nun gut, lass uns essen.“
Er zog einige Fische aus dem Sack, spießte sie auf einen der herumliegenden Äste und hielt ihn achtend ins Feuer. Zhao Yun tat es ihm gleich und blickte stetig auf die Hände des alten Mannes und folgte genauestens seiner Bewegung um es möglichst richtig zu machen. Es war das erste Mal, dass er ein Tier verspeiste, oder dabei war, es zu essen.
„Sag, wie ist dein Name, mein Freund?“, sprach der Alte vor sich hin und begutachtete dabei seine Mahlzeit.
„Zhao Yun. Und wie heißt ihr?“
„Pang Tong …“, antwortete er und blickte weiterhin ins Feuer.

Der junge Novize sah seinem neuen Freund dabei zu, wie jener das Knarren und Prasseln zwischen den Holzscheiten beobachtete. Es war schon beinahe unheimlich, wie sich das unruhige Feuer in den Augen Pang Tongs widerspiegelte. Spielerisch formten sich die Flammen über dem Sandboden, tänzelten umher, als hätten sie einen Grund zu feiern und als würden sie sich von nichts und niemandem, ihre Zeit nehmen lassen wollen. Gelb, Rot und Weiß vermischten sich in den unmöglichsten Formen, zwischendurch schossen kleine Russflocken wirbelnd dem Himmel entgegen und immer weiter in die luftige Höhe. Gefesselt vom Anblick und des dargebotenen Spieles, vergasen die zwei beinahe alles um sie herum, bis sich der Alte dennoch aus den Gedankenfesseln riss und die Stille brach.

„Also, wenn ich du wäre, würde ich den Fisch schon langsam aus dem Feuer ziehen, sonst darfst du nachher noch in Kohle beißen.“, sprach er und lies einen lauten Lacher von sich geben.
Zhao fuhr sofort mit dem Stock auf dem der Fisch gestochen war, aus dem glühenden Feuer und auch er konnte sich ein Lachen über seine Tollpatschigkeit nicht verkneifen.
„Es ist das erste Mal, dass ich mir selbst etwas zu Essen mache. Noch dazu, beiße ich zum ersten Mal von einem Tier ab.“
„Du hast noch niemals selbst gekocht oder Fleisch gegessen?“
„Nein. Ich weiß, es mag für euch wohl ungewöhnlich klingen, doch mich stört diese Tatsache nicht. Ich begehre einfach nicht das Fleisch von Tieren zu verschlingen.“
„Das ist eine sehr gute Einstellung, auch wenn sie, wie du bereits sagtest, etwas ungewöhnlich klingen mag“, wieder biss er von seinem Fisch ab, kaute das eiweißhaltige Fleisch durch und verschlang es die Speiseröhre hinab „ und wenn du willst, kann ich dir vielleicht einige nicht-fleischhaltige Rezepte weitergeben. Ich kann dir versprechen, dass dir diese Sachen schmecken werden.“
„Hört sich gut an, nur leider kann ich nichts alleine zubereiten“, antwortete der Novize und auch er, versuchte sich daran, vom Fisch zu beißen „mhh, schmeckt vorzüglich.“
„Das machen wir schon. Aber sag, wo kommst du eigentlich her?“
„Hmm…“, der Novize überlegte einen Moment lang und begann erst dann, etwas zögerlich zu erzählen „aus einem mir absolut unerklärlichem Grund, passiert es immer wieder, dass ich irgendwo aufwache und nicht weiß, wo ich mich befinde oder wie ich an diesen Ort gekommen bin. Vor einigen Tagen, wachte ich vor einer Stadt namens Khorenis auf. Sie liegt auf einer Insel, die den selbigen Namen trägt. Nicht allzu lange dauerte es, da erfuhr ich, wer oder genauer gesagt, was ich bin. Noch tiefer möchte ich jedoch nicht darauf eingehen, wenn es euch nichts ausmacht. Ich habe eine wirklich abstrakte Vergangenheit, von der ich bisher niemandem wirklich erzählt habe. Wie dem auch sei, so kam ich dahinter, was einst geschehen war und seit dem, wird mit den unheimlichsten Mitteln versucht, meine Seele in das Reich des Teufels zu schicken. Gestern noch, verlief der Tag recht normal, alles war ruhig und friedlich. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mich im nächsten Augenblick schon wieder auf einem vollkommen unbekannten Ort befinden würde. Und nun, tja, nun sitze ich hier neben euch und habe keine Ahnung, was ich genau mache.“
„Hech, mein Junge, wenn du doch nur wüsstest. Mag sein, dein Leben ist bestimmt nicht sonderlich aufregend oder spaßig. Doch glaube mir, all dies geschieht aus gutem Grunde. Alles wird vom Schicksal bestimmt und nichts passiert zufällig. Zufall ist nur eine Illusion, der man sich nicht einfach zu widersetzen versucht nur weil sie einem nicht gefällt, sondern der man sich nur hingeben sollte und gemeinsam mit ihr, die Tage im Leben versucht zu durchqueren. Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass es nur Einbildung ist, die einen begleitet und dass das wahre Leben, vom Schicksal geführt wird.“
„Dies sind recht aufmunternde Wort, Herr. Ich danke euch sehr“, meinte Zhao und lies zufällig seinen Blick zur Seite schweifen, als ihm das vor kurzem noch rot-dunkle Wasser, bläulich ins Auge fiel „unglaublich, die Sonne ist bereits unter gegangen. Mir ist gar nicht aufgefallen, wie schnell die Zeit vergangen ist.“
„Du hast Recht, wir sollten langsam aufbrechen…“
„Aufbrechen ? Wohin?“
„Zurück ins Dorf. Meine Frau erwartet mich bereits und um ehrlich zu sein, habe ich keinerlei Schimmer, wie ich ihr meine unangekündigte Abwesenheit ans Herz legen soll.“
„Nanu, ihr macht ja ein Gesicht, als würde euch ein Bär erwarten, wenn ihr zurückkehrt.“
„Nun, meine Gattin ist eine recht selbstständige und erfahrungsvolle Frau, Bär ist da recht milde ausgedrückt“, antwortete er und grinste Zhao an.
„Ihr habt mir aber noch rein gar nichts von eurer Vergangenheit erzählt, fällt mir gerade ein.“
„Lass uns vorerst mal zusammenpacken, auf dem Heimweg ist noch genügend Zeit, dir über mich und die Insel zu erzählen, sofern du es möchtest.“

Zhao
03.06.2004, 23:40
Langsam trabten die beiden Gefährten durch die stille und tiefdunkle Nacht. Der Wald war ruhig und schien gleichzeitig von Leben erfüllt. Zhao und Pang Tong beschritten einen nicht allzu breiten Pfad, der von den mächtigen Bäumen des Waldes umrahmt wurde. Die Kronen ragten zum Himmel hinauf, eine höher als die andere, als wären sie in einem Wettstreit darum, wer die höchste Spitze erreichen könne. Während Zhao die Umgebung begutachtete, fiel sein Blick über die sich wogenden Äste gen Himmelszelt und verharrte dort für einen kurzen Moment. Ihm fielen sofort die herrlich strahlenden Sterne auf, welche in ihrer unglaublichen Anzahl in undefinierter Ferne verteilt waren. Als seien es tausende von Leuchtkäfern, die in luftiger Höhe über der Menschen Köpfe umher flogen. Im selbigen Augenblick, zischte einer vor Zhaos Nase vorbei und weckte den Novizen des Feuers aus seiner Fantasie. Er blinzelte kurz auf.
Das Ergebnis zeugte von einem leicht überraschten Lächeln, woraufhin ihn der Alte ansah und dem nach oben gerichteten Blick an die Himmelsdecke folgte. Er entdeckte mit einem Mal die Unglaubwürdigkeit in Zhaos Augen und blieb sogleich stehen. Auch der Junge hielt ein und sah Pang Tong mit einem fragenden Blick entgegen. Seine Stirn legte sich in Falten, als der alte Herr plötzlich seinen Arm hob und den Zeigefinger in selbige Richtung streckte.

„Na los, komm her. Ich möchte dir gern etwas zeigen.“, sprach er mit seiner altbekannten, behutsamen Stimme leise vor sich hin.
Zhao folgte den Worten des Mannes, schritt bis an dessen Seite und versuchte in selbe Richtung zu blicken, in die der Finger zeigte.
„Siehst du das? Das ist der silberne Panther, eines der vier heiligen Geschöpfe. Gleich daneben, links, da ist der goldene Tiger, darüber der Affe und zu dessen Linken, der Kranich. Sie gemeinsam, bilden das Herz des heiligsten Geschöpfes, welches uns Ra bei seiner Schöpfung geschenkt hatte. Sie sind jedoch nicht nur das Herz, das Kernstück, sondern auch die Seele, Yuns, des Feuerdrachen. Er ist ein Mythos, eine Legende. Die Schriften besagen, dass ein Nachfolger Chiisais einst auf die Insel zurückkehren würde und sich den bösen Dienern stellen müsse, die das Land unter ihre Herrschaft bringen wollen. Es heißt sogar, dass er ihre Anführer besiegen und somit ganz Bujun vor dem Untergang retten würde. Des Drachen Auge, wird vom Himmel geholt werden, wenn der Erbe auf unserem Planeten eintrifft. Er ist ein Teil von ihm und wird sich ihm stellen müssen, sobald die vier Geister sich seiner bemächtigt haben und ihn gegen sich selbst aufbringen.“
„Wer ist Chiisai? Und wann wird der Tag kommen, an dem sich diese Prophezeiung erfüllt?“
„Dies ist eine lange Geschichte und das Auge, ist bereits verschwunden…“, waren seine letzten Worte und er senkte behutsam seine Hand „komm, lass uns gehen. Ich erzähle dir den Rest, wenn wir zu Hause sind.“
„Aber wenn das Auge verschwunden ist, dann müsste doch dieser Nachahne bereits eingetroffen sein.“
„So ist es, jedoch –„

Zhao wollte dem alten Mann nachkommen, als jener ruckartig stehen blieb und einen schlitzförmigen Blick zur Seite fallen lies. Ein beinahe lautloses Rascheln der Blätter ertönte aus dem Wald, dauerte nicht allzu lange an und war sogleich wieder verschwunden. Es hätten Tiere sein können, Vögel die ihr Nest verlassen hatten, trotzdem aber war dem Alten dies nicht ganz geheuer und er umklammerte seinen Stock noch fester als zuvor. Sein verdunkeltes Gesicht spähte unter dem Hut hervor und sah sich zu beiden Seiten hin, um. Vorsichtig neigte er den Kopf nach rechts, prüfte nach, ob Zhao noch hinter ihm war und daraufhin hielt er ihm zwei Finger hin, als Zeichen, dass er sich ruhig verhalten solle.
In der verdunkelten Totenstille, kam eine recht unheimliche Stimmung auf. Immer noch hatte sich keiner der beiden Gefährten vom Fleck gerührt, während ihnen ein eisig kalter Wind durch Leib und Seele zog. Doch die Stille wurde wie von einer aus dem Nichts herabfallenden Axt durchtrennt. Mehrere Blitze zuckten in der Schwärze zwischen den Bäumen auf und schienen Kurs auf den Adepten des Feuers zu nehmen, welcher die Gefahr noch lange nicht bemerkt hatte.
Zeitgleich zogen sich die Muskeln und Fasern des alten Mannes zusammen und verliehen ihm eine enorme Absprungkraft. Elegant und in einer flüssigen Bewegung, holte er mit seinem Mantel aus und spannte ihn vor Zhao um die Geschosse davon abzuhalten, ihr Ziel zu erreichen. Dumpf prallten sie am wollenen Stoffumhang auf und beendeten mit einem Klirren auf dem Boden ihre Flugbahn. Doch gefolgt von jenen, tauchte auch schon die wahrhaftige Gefahr auf. Drei pechschwarze Gestalten sprangen zwischen den Baumkronen hervor und landeten leise am Boden. Hastig hatten sie sich auf dem kleinen Schauplatz verteilt und umkreisten sofort ihre Opfer. Alle trugen sie dasselbe Gewand, eine Klinge auf dem Rücken und komisch verbundene Kopfbedeckungen. Ihre Kleider schienen weniger eine Rüstung oder besonderen Schutz darzustellen, sondern eher als Verkleidung. Nur im Bereich um die Augen herum, ward ihre Haut sichtbar und der Rest vom Körper wurde durch die dunklen Stoffleinen verdeckt.
Pang Tong stellte sich auf. Er reckte sich aus seiner Position und wandte sich kurz dem einen und dann dem anderen der schwarzen Männer zu. Während sich Zhao kniend hinter dem alten Mann versteckte, zogen die drei Unbekannten ihre Schwerter hervor und hielten sie in Angriffsposition, jederzeit bereit, dem Feind die Kehle zu durchtrennen

„Bleib dicht bei mir, und hab’ keine Angst.“, beruhigte Pang den jungen Mann.
Zhao blickte sich immer wieder hektisch um und machte es sich erst etwas später möglich, zu antworten: „Wer sind diese Männer? Und was wollen die von uns?“
„Ich bin mir nicht sicher, aber ihrem Äußeren entsprechend, sind es die Schattenkrieger aus dem Ninja Dorf. Allerdings lassen sich jene niemals in der Nähe der Stadt blicken, besonders nicht in ihren nachtschwarzen Kampfanzügen. Mein Herz sagt mir, dass die drei nichts Gutes vorhaben und sie selbst, von etwas anderem geleitet werden, als von ihrem Verstand. Wahre Schattenkrieger hätten uns inzwischen angegriffen und mit größter Wahrscheinlichkeit getötet, doch diese Kerle hier, scheinen mir weit aus gefährlicher zu sein.“
„Und was nun?“, fragte der Novize vorsichtig, achtete aber auf jede der Bewegungen, die der Feind vollführte.
„Wir werden abwarten. Zeit ist Herrscher über Welt und Meere, sie allein wird entscheiden, was geschehen wird.“

Immer noch schritten die drei Ninjas in einem großen Kreis um ihre beiden Opfer, hielten die Klingen gleichzeitig bereit und blickten durch ihre Schlitzförmige Öffnung in der engen Kopfmaske, Zhao und Pang Tong an. Eine Zeit lang ging es so weiter und es tat sich nichts besonderes, bis auf einmal einer ausbrach und mit langen Schritten auf die Mitte zugestürmt kam.

„Los, stell dich auf und gib Acht, dass dich seine Klinge nicht erwischt. Bleib’ ja im Hintergrund, ich werde nicht zulassen, dass dir was zustößt!“, meinte der Alte und wartete den Angreifer ab.

Pang Tong war anzusehen, dass es die dunklen Krieger ernst meinten. Er warf mit einer Handbewegung seinen Mantel hinter die Schultern, umklammerte den Stock mit beiden Armen und verzerrte seine Mimik zu einem ernsten Gesicht. Seine Augen funkelten kurz auf und schon war er in der Luft. Der entgegenlaufende Ninja tat es ihm gleich und stieß sich vom steinsandigen Boden ab. Sein tödlicher Blick führte das im Mondschein leuchtende Tanto in einer bogenförmigen Bewegung zur Seite, holte kraftvoll aus lies das Stahl auf den alten Mann hernieder fallen. Ein Funken zuckte auf, als Pang den Angriff mit dem Stock parierte und beide zeitgleich auf dem Boden landeten - der Kampf hatte begonnen.

Zhao
03.06.2004, 23:43
„Zhao Yun, los! Lauft auf meine Seite herüber!“, rief der Alte seinem Freund zu und wartete auf dessen, hoffentlich rasche, Reaktion.
Sofort tat der Adept des Feuers wie ihm geheißen und nahm die Beine in die Hand. Er und Pang standen nun mit dem Rücken zum Waldrand und der Angreifer von kurz zuvor, kam inzwischen zielstrebig auf sie zu.
„Es ist, wie ich erwartet hatte. Dies sind nicht die Schattenkrieger, die ich kenne. Meiner Meinung nach, sind es nicht einmal menschliche Wesen“, sprach Pang vor sich hin, während sich sein Blick mit dem des angreifenden Ninja kreuzte „hör mir nun gut zu. Du wirst tun, was ich dir sage, sonst wüsste ich keinen anderen Ausweg, dich wieder lebend aus dieser Situation zu bringen. Ich frage dich also ein weiteres Mal: Versprichst du zu tun, was ich dir jetzt befehle?“
Zhao zögerte vorerst, und versuchte dahinter zu kommen, welchen Gedanken der alte Herr wohl anstrebte, doch er scheiterte bei dem Versuch und entschied sich dafür, seinem Freund blind zu vertrauen.
Daraufhin neigte er seinen Kopf und ihm entfuhr ein leises „Ja … ich verspreche.“
„Gut, dann hör mich an. Du wirst jetzt in den Wald und so lange in dieselbe Richtung rennen, bis du zu einem breiten Fluss kommst. Laufe am Ufer entlang, der Stromrichtung entgegen, bis du an einer steinernen Brücke anhältst. Sie ist an einen Weg angeschlossen und diesem folgst du nach links, aus der Sicht gesehen wenn du vor dem Flussübergang stehst. Geh diesen Pfad entlang, bis du zu einer Kreuzung kommst und an dieser biegst du rechts ab. Der Weg führt dich dann in die Stadt. Dort warte auf mich in einer der Tavernen. Sollte ich überleben, werde ich dich mit Sicherheit finden. Und nun, lauf los!“
Nachdem der Junge Pang Tongs Worte zu Ende gehört hatte, wollte er ihm widersprechen. Schließlich konnte er seinen Freund nicht alleine lassen. Aber ein Gedankenblitz erinnerte ihn an das Versprechen und er hielt inne.
„Ich bin nicht jemand, der andere in Stich lässt, oder sich vor dem Feind verkriecht. Doch, wenn ihr meint, es sei besser so, dann werde ich euren Worten lauschen und gehorchen. Ich selbst, hätte euch widersprochen, doch mein Herz sagt mir, dies zu unterlassen. Dann sehen wir uns also in der Stadt wieder…“, meinte der Novize, wandte seinem Gegenüber den Rücken und spurtete wie ein Hirsch davon.
Kurz bevor er den Wald betrat, hielt er nochmals an.
„Pang Tong?!“
„Ja?“, antwortete jener und blickte zu Zhao zurück.
„Viel Glück!“
Auf diese Wort hin, lächelte der Alte kurz auf und sah Zhao Yun nach, wie er zu laufen begann und von der Dunkelheit verschlungen wurde.

Doch es war nicht an der Zeit, sich zu erfreuen, denn der Ninja hatte sein Schritttempo erhöht und lief soeben auf seinen Gegner zu. Pang hatte kaum Zeit. Er streckte dem Himmel beide Arme entgegen. Seine Lider verschmolzen rasch, die Augenbrauen zogen sich weiter zueinander und die Stirn legte sich in Falten. Er spannte seine Muskelfasern und rammte den Stab zwischen die winzigen Kieselsteine am Boden. Seinen Hut hob er vom Kopf und legte ihn über den hölzernen, verzierten Stock zu seiner Rechten. Es dauerte nicht lange und schon hatte der Feind mit dem nächsten Angriff begonnen.
Blitzschnell wich Pang dem herbei fliegenden Fuß des Gegners aus und blockte einen weiteren Schlag ab. Doch der Ninja war im Vorteil und diesen nutzte er für sich. Immer wieder fuhren die Arme des Kriegers aus und ließen die silbern funkelnde Klinge nur knapp den Körper des Alten erreichen. Konzentriert und leichtfüßig zugleich hielt sich Pang vor dem Schwert in Acht, wusste gekonnt jede Bewegung seines Gegners zu durchschauen und sie bestmöglich ins Leere gehen zu lassen. Er spielte sich förmlich mit ihm auch wenn es kaum danach aussah. Ein weiteres Mal teilte die Klinge, nur einen Finger breit über dem Haupt des alten Mannes die Luft, sodass jener die Beine zusammenzog und seinen Kopf unter dem Schwert hinweg duckte. Der Fuß des Schattenkämpfers folgte sofort. Unerwarteter Weise konnte Pang den hastigen Angriff abwehren und blockte das ausgestreckte Bein in kniender Position. Der Ninja war sonderlich gerissen, lies daraufhin den zweiten Fuß folgen und umklammerte den Kopf seines Gegners. Der Alte wusste sofort, was als nächstes folgen würde und es geschah wie er es sich erwartet hatte. Ohne zu zögern holte der Ninja mit dem Schwert aus und lies es auf Pang zustürzen. Jener schlug die Augen auf und wusste sich nicht zu verteidigen. Die Situation schien ausweglos und hunderte von Versuchen das eigene Leben zu retten, sausten durch seinen Kopf, doch keiner schien Erfolg versprechend. Immer wieder versuchte er mit aller Mühe die Unterschenkel um seinen Kopf zu trennen, doch es hatte scheinbar keinen Sinn und noch knapp vor seiner Nasenspitze, machte die Klinge ruckartig halt.
Geblockt durch die alleinigen Hände seiner selbst, zitterte das blanke Stahl vor seinen Augen. Er presste es mit den Handflächen von sich weg und brach es mit einer konzentrierten Gelenkbewegung entzwei. Klirrend fiel die Spitze zur Seite hinweg auf den Boden, als der Schattenkrieger die Beine löste und nach einem Rückwärtssprung wieder Kampfposition einnahm. Das gebrochene Schwert ließ er los, stellte den linken Fuß leicht vor den Rechten und spannte seinen Oberkörper an. Auch wenn er einen ernsten Blick in seinen Augen trug, war ihm deutlich zu vermerken, dass das Überraschungsmoment an Pang Tongs Seite stand.

„Es gehört sich nicht für einen jungen Mann wie euch, alte Rentner wie mich zu vermöbeln mein Sohn.“, meinte Pang während er sich auf die Beine rappelte. Keine Reaktion vom schwarzen Krieger, er verhielt sich ruhig, sprach kein Wort und blickte energisch in die Augen des Alten. Kopfschüttelnd kam jener auf ihn zu und fuhr fort „Dies ist sehr, sehr unartig und müsste somit bestraft werden. Außerdem … ich hatte schon seit Ewigkeiten keinen Sport mehr betrieben.“

Und ein weiteres Mal krachten die beiden Gegner aufeinander ein. Geballte Fäuste fuhren durch die Luft, einmal mit und ein andern Mal ohne ihr Ziel zu verfehlen, bis sich die gekrümmten Finger Pangs im Magen seines Feindes begruben. Sofort schlug er auf ein weiteres ein, sodass der schwarze Krieger einen deutlichen Abstand von seinem Feind einnahm. Der Alte jedoch schien energiegeladener als zuvor, brach plötzlich aus seiner Stellung aus und rannte auf seinen Gegenüber zu. Etwa auf zwei Drittel der Entfernung, sprang er weg und rutschte über die Kieselsteine genau zwischen die Beine des Ninja. Mit einem weiteren Treffer in die Magengegend brachte er jenen dazu sich nach vorne zu bücken. Zugleich zog er seine Knie zusammen, lehnte seine Füße an die Nieren des Feindes und stieß jenen weitreichend in die Höhe. Zugleich sprang er in einer flüssigen Drehung nach und wartete angespannt den richtigen Augenblick ab.
Ein Funken zuckte durch die Luft als ein dumpfer Knall in alle Richtungen verteilt wurde, bis tief in den Wald reichte und erschrockene Vögel aus ihren Nestern jagte. Das Schienbein des Alten hatte in der Magengrube seines Feindes einen Platz gefunden, ihn in der Luft getroffen und mit voller Wucht gegen einen der nahe stehenden Bäume geschleudert. Bewegungslos lag der Krieger dar, den Kopf erschöpft nach vorne geneigt und die Arme schlaff herabhängend. Pang landete inzwischen auf dem Kiesboden und blickte in Richtung seines verletzten Feindes. Er wartete gespannt ab, was passieren würde. Der Schlag hatte gesessen und nach einem solchen Aufprall, hätten all seine Knochen gebrochen sein müssen.
Die Zeit verstrich ohne dass sich auch nur einer von den beiden, zu rühren schien. Doch plötzlich, zuckte der kleine Finger des dunklen Kriegers zur Seite. Der Kopf machte eine ruckende Bewegung, die Lider spalteten sich vorsichtig und ließen in einem unheimlichen Schauspiel, die funkelnden Katzenaugen sich im Mondschein spiegeln. Nicht einmal ein Stöhnen entwich dem schwarzen Krieger, als er sich am Boden anlehnte und kurz darauf wieder auf den Beinen stand.
Pang Tong konnte seinen Augen nicht trauen, als er jenes sah. Kein Bluttropfen, keine Schweißperle, keine Stimme. Nichts war dem Krieger anzumerken, als seie er verletzt oder angestrengt. Und zugleich verformten sich des Alten Lider zu winzigen Schlitzen, sein Herz pumpte die warme, rosigrote Flüssigkeit durch seine Adern, jede Faser seines Leibes spannte sich zu einem Draht aus Stahl. Der alte Herr füllte seinen Leib mit einer göttlichen Kraft und setzte von einem Moment auf den anderen, zum Spurt an. Unaufhaltsam stürmte er auf seinen Gegner zu als der nächste Augenblick von einem wilden Ruf gekrönt wurde und Pang seine Stimme erst zurück hielt, als er das Ziel erreicht hatte. Das Ergebnis war ein wuchtiger Treffer in die Brust des Schattenkriegers.
Als Pang seinen Fuß vom Körper des Feindes wegnahm, brach jener sofort zusammen. Der Stamm an welchem er angelehnt war, hatte einen breiten Riss erhalten und fiel einen Augenblick später krachend zwischen die Reihe der restlichen Bäume, während sich sein Geäst mit dem der anderen Kronen verfing. Ein unheimlicher Blick entfaltete sich in den Augen des Alten und blickte über die rechte Schulter zurück zum übergebliebenen Gegner. Er stand noch genauso wie zuvor, in einer lockeren Stellung und wartete auf das Ende des Kampfes der soeben stattgefunden hatte. Seine Augen durchbrachen den Schlitz in der engen Kopfmaske und machten einen unberührten Eindruck.

„Nun mein Lieber, sind wir beide an der Reihe.“, meinte Pang, ließ seiner Kehle ein leises Lachen entweichen und setzte seinem markanten Gesicht ein freches Grinsen auf.

Zhao
03.06.2004, 23:50
Ein Windhauch zog an den beiden Männern in der Runde, vom Strand her, vorbei. Er brachte etwas Einzigartiges, Seltenes und wahrlich Gefürchtetes mit sich. Pang Tong fühlte dieses Etwas. Der luftige Wind fuhr ihm unter seinen Mantel, wirbelte jenen leicht zur Seite und ließ ihn weitestgehend vor sich hin flattern. Dumpfes, trommelähnelndes Klopfen wurde dabei erzeugt und verformte sich zu einer Hintergrundmelodie, welche das bereits vom Meer herbeigeholte Gefühl des Todes, noch tiefer durch des alten Mannes Leib aufwölben lies. Des Windes Pfeifen lehnte sich an den vorgegebenen Rhythmus, spielte mit ihm ein und zauberte an dessen Seite, eine kalte, schaurige Aura auf den Platz um die beiden Kontrahenten.
Der schwarze Krieger teilte seine kurz zuvor verschränkten Arme und ließ sie an den Seiten herabhängen. Seine Fingerspitzen rollten sich langsam in Richtung der Handflächen zusammen und die von Muskelfasern durchzogenen Finger ballten sich zu mächtigen Fäusten. Ein tiefes Geräusch erhellte die Stimmung, als der Krieger angestrengt Luft holte, sich seine Brust nach außen wölbte und wieder zurückging. Seinen linken Fuß stellte er zur Seite, zog die langen Arme ein und schloss gleichzeitig die Augen. Während er sich auf etwas zu konzentrieren schien, nützte Pang die Zeit und dachte schnellstmöglich nach, als ihm ein Gedankenstoß durch Mark und Bein schlug.

„Verdammt!“, rief er sich innerlich zu und gab einen erschrockenen Blick von sich. Als liege eine Leiche vor ihm, starrte er ins Leere “Vorhin waren es doch noch zwei gewesen! Wo ist dieser andere Kerl?!“

Es war ihm aufgefallen, allerdings zu spät. Hektisch blickte er um sich, spähte durch die frühe Abenddämmerung in alle Büsche und bestmöglich zwischen die hoch hinausragenden Bäume, in den dunklen Wald, doch war nichts und niemand zu erkennen. Scheinbar waren er und dieser eine Gegner, die einzigen die sich noch am Waldrand aufhielten, vom dritten der drei, war jede Spur verloren gegangen. Angestrengt dachte er nach und der einzige Ort an dem sich der Kerl befinden hätte können, war der, an dem auch Zhao sich befand.

“Der Mistkerl musste dem Zhao Yun nachgelaufen sein, während ich mich mit dem anderen beschäftigt hatte! Verdammt, ich muss mich jetzt beeilen!“

Ein weiteres Mal dachte er nach und diesmal musste er schnellst möglich handeln. So fand er eine Lösung und rief seinem Gegner zu: „Hey! Ich habe keine Zeit für deine Spielchen! Entweder wir fangen an, oder lassen es bleiben!“

Und in selbem Augenblick, schlug der Schattenkrieger seine Augen auf und warf dem alten Herrn, einen verhassten und erschreckenden Blick zu. Dann spreizte er seine Arme von sich und nahm ruckartig wieder eine normale Standposition ein. Er schien es zu Ende gebracht zu haben, doch war sich niemand so recht sicher, was er beendet hatte.
Als Pang sich zusammenriss und zu einem Sprint antrat, fiel sein verhasster Blick auf den Boden, vor die Füße des kohlschwarzen Ninjakämpfers. Der alte Mann war sich nicht bewusst, was mit ihm geschah, jedoch wusste er eines: das er trotzdem bei klarem Verstand war. Allerdings zweifelte er bereits daran, als er stehen blieb, sich die Augen rieb und nochmals auf den Boden blickte.

„Was für ein fauler Zauber - ?!“, entfuhr es ihm und eine erschrockene Mimik zierte sein Gesicht.

Der Ninja hatte nicht einen, sondern mehrere Schatten von sich ausgehend. Jene bewegten sich willkürlich und unabhängig von der Bewegung des Schattenkämpfers auf dem Boden, als der erste mitten zwischen dem Gestein seinen Kopf hervorreckte und sich aus der Erde stemmte. Aus einem schwarz schimmernden Fleck, erhob sich ein Krieger aus Fleisch und Blut.

Zhao
03.06.2004, 23:52
Knistern, Rascheln, Schritte, erhellten in einer straffen Linie zwischen Bäumen und Büschen den noch so ruhig vor sich hin lebenden, dunklen Wald. Hell leuchtete der Mond über dem Himmelszelt auf die Erde hinab und tauchte die dunkelgrünen Baumkronen in ein leichtes Gelb. Das Licht jedoch hielt sich vom Inneren des Waldes fern und drang nur kaum hindurch. Jäh wogen sich die Äste vorsichtig im frostig kalten Abendwind, welcher die Luft mit einer aufmunternden Frische erfreute und die weiten Graswiesen aufleben lies.
Zeitgleich brach ein trockener Ast am Grund zwischen den Büschen entzwei und wurde schwach in die Erde gedrückt. Flatternder Leinenstoff zog hurtig darüber hinweg und war sogleich hinter den nächsten Stämmen verschwunden. In beinahe regelmäßigen Abständen zischten raschelnde Blätter auf und stetiges Atmen begleitete den leisen Tonfall. Das tiefe Klopfen seines pochenden Herzens erklang mit jeder nächsten Bewegung, in den Ohren Zhaos, ähnelnd einer schlagenden Orktrommel.
Er lief nun schon seit etlicher Zeit und hatte sein gesuchtes Ziel noch lange nicht gefunden. Ab und an blieb er stehen und versuchte das Rauschen des Flusses zu erhören, doch war entweder die Entfernung zu groß, oder das Prasseln der Wasser drang nicht durch die dicht aneinander gewachsenen Bäume. Unaufhörlich hielt er seine Richtung ein und lief möglichst nur in jene, sodass er nicht vom Weg abkomme. Konzentriert versuchte er den Stämmen auszuweihen, oft tief geduckt in Achtsamkeit vor dem weit hinab hängenden Geäst.
Immer noch setzte er einen Fuß vor den anderen. Immer noch dieselbe, gleichartige Bewegung. Immer noch hier und da ein Ausweichmanöver vor einem im Weg stehenden Baum, als sich die erste, silberne Schweißperle auf seiner Stirn bemerkbar machte. Vorsichtig kullerte sie unaufhaltsam über das angespannte Gesicht, an der rechten Augenbraue vorbei, seiner Wange entgegen. In selbigem Moment hatte der Novize einer Tanne auszuweichen und nach einer zackigen Bewegung trennte sich der winzige Tropfen von der Hautoberfläche. Frei in der Luft wirbelte er umher, ging von einer Form in die nächste über, langsam, behutsam, als bliebe ihm alle Zeit der Welt. Noch kurz vor dem Aufprall durchzog er einen dünnen Lichtstrahl, erreichte seinen Höhepunkt und funkelte in der unendlichen Fülle an Nacht und Dunkelheit, ein allerletztes Mal auf. Ein Augenblinzeln lang, war es die Erfüllung all seiner Träume, die Hoffnung auf etwas noch nie da gewesenes, auf etwas Unerreichbares. Und auch wenn es noch so zeitlos schien, war die Zeit doch da. Ihre endlose Macht riss alles mit sich. Das schwache Aufleuchten war verschwunden und beinahe lautlos vereinte sich die graumatte Perle mit dem trockenen Erdreich – Zhao Yun blieb plötzlich stehen.
Seine Stirn legte sich in Falten und er lies einen missmutigen Blick durch die Reihen der Stämme ziehen. Die schlitzförmigen Augen versuchten etwas in der grenzlosen Dunkelheit zu erspähen, doch blieben ihm die Geheimnisse des Waldes durch die übermächtige Nacht verschlossen. Er wandte sich immer wieder von einer Blickrichtung in die andere. Ständig eine hastige Bewegung, allerdings der Nutzlosigkeit gewidmet. Sein Sinn hatte ihm nichts verschwiegen, er war sich sicher, etwas gehört zu haben und der Aufprall des Schweißtropfens, war es bestimmt nicht gewesen.
Trotz alledem, verharrte er weiterhin in ruhiger Lage. Sein Atem ging zurück, das Pochen tat es jenem gleich und verzog sich an einen fernen Ort. Straff spannten sich die Beinmuskeln aneinander, mit seinen Händen umklammerte er die Kluft an beiden Seiten und zog sie fest an seinen Körper, sodass sie nicht einmal vom noch so heftigen Wind gerüttelt werden mögen. Regungslos stand er dar, ohne auch nur seine Brust beim Luftholen zu wölben, als hätte ihn die Seele verlassen und der Tod an jener Stelle Sitz gefunden.
Behutsam schloss sich der Vorhang seiner Lider und der Novize nutzte die Zeit, um in sich zu gehen. Selbst seine Gedanken verdrängte er ins Unendliche und lies sie nicht wiederkehren. Alles schien von ihm befreit, nur die Konzentration auf seine Umgebung blieb ihm erhalten.

Langsam und an zufällig gewählten Stellen schwand das Dunkel. Es drängte sich aneinander, versuchte vor etwas Unbekanntem zu entkommen und hielt davon Abstand. Eine immer größer werdende Entfernung zum Novizen entfaltete sich, als wäre er das Gegenmittel für die Art von „Krankheit“ namens „Nacht“. Alles schien auf einmal heller, doch der Mond harrte noch am Himmelszelt und wirkte genauso matt, wie kurz zuvor. Keine Sonne, nur die grauweiße, runde Fläche war zu sehen. Und unaufhaltsam wuchs der Einfluss der lichten Seite, derer der Dunklen schrumpfte zierlich. Nichts schien die neue Lichtquelle davon abzuhalten, ihr Werk zu vollenden, den schwarzen Feind fernzuhalten und auf ewig zu bannen. Diese Quelle stellte Zhao Yun dar. Sein Herz erhellte die Umgebung, strahlte in alle Himmelsrichtung - unaufhörlich, unermüdlich, ähnelnd einem Stern.
Sogleich öffnete er wieder seine Augen und erkundete die Umgebung. Alles strahlte in einem grellen Licht, die Pflanzen und Bäume wurden nicht länger von Dunkelheit umhüllt und eine atemberaubende Sicht, offenbarte sich dem Novizen. Er war leicht überrascht, blieb aber trotzdem noch angespannt und hatte die Suche von vorhin, ein weiteres Mal aufgenommen. Still blickte er umher, spähte einmal dort und ein andern Mal wo anders hin. Wieder versuchte er sich möglichst leise zu verhalten und in seiner großen Mühe, erhaschten seine Ohren eine katzenleise Bewegung. Schnell ließ er seine Augen in die vom Geräusch ausgehende Richtung spähen, und wartete auf eine weitere Reaktion.
Plötzlich ward für einen noch so kurzen Moment, ein deutlich grauschwarzes Schemen sichtbar. Nur für den Bruchteil einer Sekunde und schon war es wieder zwischen den tief liegenden Blättermassen verschwunden. Zhao ging leicht in die Knie und machte sich bereit, seinen neuen Freund kennen zu lernen. Er wartete voller Spannung, den richtigen Moment ab und als der Kerl wie aus dem Nichts, zwischen einem sich teilenden Blättervorhang hervorsprang, schloss Zhao seine Augen …

… öffnete sie wieder und ging blitzschnell in die Knie.
Eine Klinge strich in Begleitung eines Sirrens, über seinem Kopf hinweg und traf die vollkommene Leere. Der Novize stand wieder dort, wo er sich zuerst platziert und seine Lider zum ersten Mal geschlossen hatte. Der Angreifer war an ihm vorbei gesprungen, stehen geblieben und Zhao wieder zugewandt. Ihre Blicke kreuzten sich, als hätten sich zwei Feuer vereint und zu einer hoch aufstechenden Flamme gebündelt. In selbem Moment erkannte Zhao Yun seinen Feind – es war einer der drei Schattenkrieger, die den Alten und ihn vor dem Strand eingekreist hatten. Zhao zogen tausende von Gedanken durch den Kopf.

“Haben Sie Pang Tong erledigt? Hat er sich nicht gegen sie bewehren können und nur zwei erwischt, sodass dieser hier überlebt hatte? Was ist denn bloß geschehen?! Diese …“ …“dreckigen Mistkerleee!!!“, schrie er auf, entflammte ein unglaubliches Hassgefühl und lies den Ruf noch in den letzten Winkeln des Waldes widerhallen.

Der junge Adept kochte förmlich vor Wut. Nicht lange hielt er sich zurück, überlegte kurz und brach sofort wieder aus seiner Position aus. Ihm war klar, dass er einen übermächtigen Feind vor sich stehen hatte, doch berücksichtigte er dies genau so wenig, als wäre er betrunken. Sein Hass machte ihn blind und lies ihn keinen wahrhaftig klaren Gedanken fassen.
Wie ein Hirsch spurtete er los, in weiten Schritten und holte zum ersten Schlag aus. Sofort ging jener daneben und links am Gesicht des Ninjas vorbei. Der schwarze Krieger packte den Unterarm gekonnt mit seiner Rechten, nutzte Zhaos Schwung, zog ihn zur rechten Seite hinüber und stieß seinem Feind den Fuß ins Kreuz. Ein wuchtiger Aufprall gegen einen nahe stehenden Baum folgte und lies einige Tannennadeln herab rieseln. Zhao spuckte Blut und keuchte verletzt auf. Er lag auf allen Vieren dar, strich mit seinem Ärmel über die rot getränkten Lippen und stützte sich gleich wieder vom Erdboden ab.
Sein Atem war schwer, das Herz begann auf ein weiteres in seinen Ohren zu erklingen. Er stand dem Feind gegenüber und sah ihn sich genau an, wie er dastand, wie er ihm entgegensah, wie er einfach da war. Dann stellte er sich in Kampfposition und deutete dem Gegner mit einer Handbewegung, anzugreifen. Kaum ein Zwinkern, schon war jener abgesprungen und mit seinem Fuß ausgefahren. Zhao schaffte es noch auszuweichen und er nutzte die Chance: Sofort packte er den Gegner an den Schultern, zerrte ihn an sich und rammte sein Knie in dessen Rücken. Trotzdem lag das Überraschungsmoment auf der Seite des Bösen, sodass jener sich mit Leichtigkeit befreite, in die Luft sprang und seinem Gegner mit dem rechten Fuß gegen die Stirn trat. Zhao verlor beinahe das Gleichgewicht, schaffte es aber dennoch sich zusammen zu reißen und widerwillig stehen zu bleiben.
Hektisch blickte er sich um, irritiert zugleich. Er versuchte den entkommenen Krieger in den Reihen der Bäume zu entdecken, doch jener war wohl wieder verschwunden. Ungläubig verformte Zhao seine Lider zu nahen Schlitzen und wendete sich immer und immer wieder, um eine Überraschung bestmöglich zu vermeiden. Doch urplötzlich huschte etwas auf und ein harter Schlag erwischte den Gläubigen Innos’, sodass er im nächsten Moment am Boden lag und eine Spur durch den blattbegossenen Boden malte. Wieder stand er schnellstmöglich auf den Beinen, richtete sich seinem Feind zu und wartete geduldig auf dessen kommenden Angriff.
Jener lockerte seine Kampfposition und schritt auf seinen Gegner zu. Die funkelnden Augen erstrahlten für einen kurzen Zeitpunkt, schon folgte eine weitere Lichtspiegelung. Des Kriegers Finger umschlossen fest den fein verzierten Griff seines Tantos, zogen sachte daran und ließen die scharfe, silberne Klinge aus ihrer Scheide hervorspähen. Er hielt die Hand zur Seite ausgestreckt und ging straff auf Zhao zu, als seie es der letzte Schlag, zu welchem er sogleich ausholen würde.
Der Novize des Feuers rührte sich nicht vom Fleck. Er verhielt sich ruhig und versuchte sich keinerlei Angst oder Schwäche anmerken zu lassen, obwohl gleichzeitig sein Körper davon überflutet wurde, wie der Bierkrug unter einem mächtigen Wasserfall. Und wie es kommen musste, holte der Schattenkrieger weit aus und lies das Stahl auf Zhao hernieder fallen. Zeitgleich durchzog ein schemenhafter Blitz den Schauplatz und im nächsten Augenblick, sah die Situation vollkommen anders aus.
Zhaos Blick starrte in die Leere und als er ihn zur Seite fallen lies, entdeckte er den Schattenkrieger, wie er mit seinem eigenen Schwert an einen Baum genagelt hing. Daneben kniete Pang Tong und hielt den Griff der Klinge mit seiner Linken fest umschlungen.

„Bei Innos! Ihr lebt!“, rief Zhao laut aus und stürzte sich auf seinen Freund.
„Hey, immer mit der Ruhe. Natürlich lebe ich noch, was hattest du dir vorgestellt?“, antwortete der alte Herr mit einer gelassenen Stimme und einem Unterton an Freude.
„Habt ihr die anderen beiden erledigt? Habt ihr es geschafft?“
„Hech“, entwich es Pang „beiden ist gut gesagt.“
Zhao legte die Stirn in Falten und fragte gleich darauf, was sein Freund mit jener Bemerkung wohl meinte: „Was soll das bedeuten?“
„Los komm, lass uns aufbrechen, eine höchst ungeduldige Hausfrau wartet auf uns beide. Ich erzähle dir den Rest noch unterwegs, du wirst mir sicherlich kaum Glauben schenken, doch ich werde dir berichten.“, meinte er und zog das Schwert zwischen dem Krater heraus.

Kein Blut hatte die Klinge beschmiert, nur die pechschwarze Kleidung fiel herab, der Körper des Ninjas war verschwunden. Pang legte seinen Arm um die Schultern des Novizen, während jener ungläubig auf die leere Kluft starrte.

„Los, los, komm … ich weiß das es unmöglich scheint, ich weiß …“, sprach der Alte und sogleich wurden er und der Adept des Feuers von der nächtlichen Waldschwärze umhüllt.

Zhao
03.06.2004, 23:55
Langsam aber doch, ließen die beiden Freunde, stetig, Meter für Meter hinter sich weiten. Jeder einzelne ihrer Schritte folgte zugleich einem weiteren, erschöpften Herzschlag. Kalter Abendwind pfiff über Gebüsch und Hecken bis hoch hinauf an die Gipfelspitzen der südlichen, grauweißen Bergreihen lies er sich treiben und verlor seinen Weg inmitten der tiefdunklen Täler. Wachsamkeit war sein Begleiter, ein allsehendes Auge hütend über Pflanze, Tier und Mensch. Vorsichtig hatten sich die graudunklen Wolkenmassen in Bewegung gesetzt, trieben über die farblose Wiese der Himmelswand, in einer unbestimmten Richtung, einem unfindbarem Ziel entgegen. Hoch über den Häuptern der Menschen, ständig wandelnd in Form und Farbe taten sie es allem anderen gleich, und lebten einfach vor sich hin. Immer unregelmäßigere Atemzüge folgten, immer schwerer und langsamer werdend, immer einsamer … bis dennoch das erleichterte Seufzen einer heiseren Kehle die Stille entzwei schlug und sie wie in Nichts zerteilte.
Ein Rucken lies Zhaos leicht zu Boden geneigten Blick aufleben. Etwas verwirrt sah er vorerst zu seiner Rechten hinüber, musterte den alten Mann und als er merkte, wohin dessen Augen starr gerichtet waren, spähte auch er selbst in jene Richtung. Staunend weiteten sich seine Lider und schlugen urplötzlich auseinander. Die Freude, das lang ersehnte Ziel erreicht zu haben, wurde kaum beachtet und gleichzeitig übermannt vom beinahe unglaublichen Antlitz der zumal herrlich erbauten Stadt. Ineinander gewölbte Dächer ragten weit verbreitet über die riesige Fläche, zierlich bemalte Wände überschichteten einander, zugleich man sie von der Seite aus betrachtete. Dem Novizen waren sie vollkommen fremd, aber dennoch gefielen sie ihm wie das Gesicht einer hübschen Frau. Eine hiesige Schutzmauer umsäumte den inneren Teil des Ortes und lies am mächtigen Eingangstor zwei Spähtürme gen Wolkendecke ragen. Als hätten sich tausende von Sternen auf die Wände herabgesetzt, funkelte sogar das letzte Eck in einem munteren Gelb. Umsäumt von der abendlichen Dämmerung und in ein Dunkelblau getaucht, leuchteten die Häuserfenster nur schwach ins Freie, allerdings schienen sie wie ein Korsette verziert mit zahlreichen, glanzvollen Perlen.

„Es ist nicht mehr weit. Wir haben es schon sehr bald geschafft.“, redete Pang Tong vor sich hin und lies seinen festen Blick wieder vor die Füße fallen.

Zhao
03.06.2004, 23:57
Von heftigem Donnern begleitet, durchzogen gezackte, grelle Lichtblitze die Oberfläche der Wolkenmassen. Brachen zwischen der grauen Oberfläche an unbestimmten Stellen hervor und verkrochen sich binnen Bruchteil einer Sekunde wieder hinter den farblosen Vorhang, als seien sie nie da gewesen. Das Schauspiel war rasch, und vor allem unerwartet aufgetaucht, nachdem die beiden Gefährten dabei gewesen waren die Stadt zu durchqueren. Prasselnde Regenfälle zauberten eine Armee von hernieder strömenden Perlen herbei, welche beim Aufprall am steinernen Pflaster in tausende ihrer selbst zerfielen, belustigende Wasserpfützen bildeten und es mit Hilfe der dünnen Ritzen zwischen den Steinen schafften, in einander zu verschmelzen.
Unberechenbar rieselten Tropfen für Tropfen vom Himmel und auf den runden Hut des alten Mannes. Vorsichtig bildeten sich mehrere Rinnsale im kalten Wind und bahnten sich einen zufälligen Weg bis an den Rand der Kopfbedeckung, wo sie schlussendlich im Nirgendwo verschwanden und ihrer Existenz ein Ende setzten. Im Gegensatz zu seinem Begleiter, hatte Zhao nichts dergleichen, um sein Haupt vor dem kühlen Nass zu schützen und so geschah es das er vollkommen durchnässt wurde. Feuchte Haarsträhnen hingen ihm ins Gesicht, die Haare glatt an die Kopfhaut geschmiegt und linienförmig angeordnet. Etwas angespannt und stimmungslos zugleich, strich er sich die Störenfriede vor den Augen zur Seite und fuhr mit leicht geteilten Fingern, über die Stirn bis zum Hinterkopf, durch die Reihen seiner Kopfbedeckung.
Immer noch tropfte es scheinbar unaufhörlich von den Dachrändern, immer noch das erschaudernde Blitzen und Trommeln aus Richtung der Wolkenwände, als ein vollkommen neues Geräusch die Umgebung erhellte - quietschende Türscharten. Zeitgleich schwang ein kleines Holztor ins Hütteninnere auf, durchnässte Stiefel stapften hindurch und sofort fiel die Tür in Begleitung eines Krachens zurück ins Schloss.

„Argh … diese überraschende Wetteränderung hätte nicht gerade sein müssen, aber da kann man leider nichts machen…“, fluchte Pang vor sich hin, während er den Mantel auszog und ihn an die Wand hing.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht, wagte es der Novize zu antworten „Hech, da kann ich euch nur zustimmen. Meine Kleidung ist vollkommen durchnässt und diese Kluft wird höchstwahrscheinlich etwas länger brauchen um zu trocknen.“
Pang nahm sie an sich, nachdem Zhao sie ihm überreichte. Der Alte hing den Anzug gleich neben den seinen und kletterte an einer daneben stehenden Leiter nach oben. Zhao blickte ihm hinterher, wartete nicht allzu lange ab, als schon eine trockene Arbeitskluft von oben hernieder flog.
„Zieh’ diese hier an, bis deine Sachen erdörrt sind“, meinte der alte Gauner und trat den Abstieg nach unten wieder an „ich frage mich nur, wo meine Frau abgeblieben ist. Ich hoffe sie kommt alleine, bei diesem höllischen Unwetter da draußen, zu Recht.“
Dabei lies er einen etwas besorgten Blick durchs Fenster fallen und gleichzeitig spähte er gegen das unruhige Himmelszelt.
„Nun, wie dem auch sei. Komm mit ins Esszimmer, ich mache uns einen schönen heißen Tee, bevor wir uns noch erkälten. Dort können wir uns gleich am Feuer aufwärmen. Ein scheußlich kalter Wind war das vorhin …“, meckerte er auf ein weiteres und machte sich auf den Weg ins Nebenzimmer.

Zhao verhielt sich ruhig, folgte dem Hausherren auf Schritt und Tritt und lies seinen ermüdeten Korpus zu guter Letzt, auf einem Holzschemel in der Nähe des Kamins, Platz nehmen. Er war recht überrascht, wie ordentlich die Hütte doch eingerichtet war. Auch schien die Unterkunft nicht allzu alt zu sein. Der Holzboden knarrte kaum, von Windzügen nichts zu hören, genauso wenig war von feuchten Decken zu sehen, wie es doch sonst bei einem Bauernhaus so üblich war.
Leicht ermüdet gähnte der junge Novize auf, beschloss seine Untersuchung zu verschieben, und entschloss sich dazu, seine Sitzgelegenheit dem knisternden Feuer zu nähern. Schaben erfüllte die Luft, als der Schemel über den Holzboden gezogen wurde. Sofort spürte Zhao die ansteigende Wärme die ihn umgab und wie sie die Kälte in ihm verdrängte. Mit zitterndem Oberkörper und sich zurückziehender Gänsehaut, hielt er inne und konzentrierte sich nur noch auf die Wärmequelle vor seinen Füßen. In welligen Bewegungen tänzelten die Feuerblätter untereinander und ließen Zhaos Augenlider langsam zueinander gleiten. Verträumten Blickes starrte er in die orangefarbene, von Innos gezeugte Schöpfung, bewunderte ihre Schönheit und Makellosigkeit. So rein, so unberührt schien sie, und gleichzeitig ein tödliches Gift, für alles Empfindsame. Es war tatsächlich eine witzige Sache, mit diesen Göttern. Schaffen Leben und schenken Feuer, heiliges Licht und trotzdem ermöglichen sie es ihren Schöpfungen nicht, sich untereinander zu vertragen. Ironie des Schicksals, vermochte man zu sagen.
Zhao dachte nach und gähnte kurz auf.

„Hey mein Junge, bloß nicht einschlafen. Der Tee ist fertig“, meinte Pang und sprach ein wenig lauter, um den Novizen nicht ins Traumland reisen zu lassen „hier nimm. Aber pass auf, er –„
„- ist ziemlich heiß…“, erwiderte Zhao, lächelte den Alten dabei an und nahm das Blechgefäß entgegen „ - danke.“

Vorsichtig blies er mit angelehnten Lippen über den Rand und nahm gleich darauf einen winzigen Schluck der heißen, wohltuenden Flüssigkeit. Pang tat es ihm gleich und gesellte sich zu seinem Gast hinzu. Für einen Augenblick, war nur das Knistern aus dem Kamin zu erhören, als Zhao die Stille brach und seine Frage von kurz zuvor wiederholte.

„Jetzt erzählt. Wer waren diese schwarzen Männer und was wollten sie von uns?“
Pang schien vorerst leicht verwirrt. Er war beim verträumten Zusehen der wild umher fechtenden Flammen beinahe eingenickt. Als er sich besinnte, entlastete ein nachdenkliches Seufzen seine heißere Kehle und er schien kurzzeitig zu überlegen.
„Die drei Männer … ja. Nun, ich muss da etwas weiter ausholen …“, sprach er und begann zu erzählen.

… Alles begann vor 1000 Jahren. Unser kleienr Landstrich stand unter keiner Herrschaft, und das Volk der Annai lebte hier glücklich und zufrieden. Die Annai waren sehr naturverbunden und gottesfürchtig, nie nahmen sie sich mehr als sie brauchten von Wald, Wiesen und Gottes Geschöpfen, und immer dankten sie den Göttern durch Huldigungen. Diese waren dem geruhsamen und gerechten Volk sehr wohl gesonnen. Ihre Priester waren eins mit der Natur und der Welt, sie brachten Eintracht über die gesamte Provinz. Doch friedfertig waren sie, und das sollte ihnen zum Verhängnis werden.
Es waren etwa 300 Jahre vergangen, als der durch einen Putsch an die Heeresmacht gekommene Daisuke Mu-Tao die Existenz des lang vergessenen Landes entdeckte. Er schickte Spione aus, um den letzten Nebel der Ungewissheit über Bujun zu zerstören. Seine Schergen kamen nur wenig später mit erfreulichen Informationen zurück. Sie wurden dort von den Eingeborenen wie Freunde aufgenommen, ohne Fragen nach Herkunft und Absichten. Nun, da sie zum engen Kreis der Annai gehörten, konnten sie in Ruhe die militärische Lage auskundschaften. Jeder von Daisuke´s Untergebenen berichtete das selbe: keine Befestigungen, keine Krieger, erst recht keine Armee. Höchstens ein paar Jäger, die aber keine wirkliche Gefahr darstellten.
So entschloss sich Mu-Tao, das kleine blühende Reich zu überfallen. Eine kleine Armee war schnell bereit, und dank der mangelnden Ausbildung und Verteidigung der Annai war es für den Feldherrn kein Problem, die Annai zu dezimieren und den Rest der Flüchtenden zu vertreiben. Viel Blut wurde vergossen, doch kein einziger Mann des Befehlshabers starb. Die einst blühende Provinz lag in Trümmern.
Die Götter hatten sich alles mit angesehen. Sie wollten natürlich nicht untätig bleiben, und ein Plan war schon am reifen. Dennoch, es musste noch viel Zeit vergehen...
Währenddessen berichtete Daisuke seinem Kaiser von der Eroberung und wurde mit höchsten Ehren versehen. Geflissentlich verschwieg er, dass Unschuldige und Wehrlose dabei sterben mussten. Mit großem Getöse und Tanderei zog der Kaiser in die Provinz ein, ließ Verteidigungsanlagen errichten und Städte aus dem Boden stampfen. Die Provinz florierte wieder, doch diesmal unter dem Schatten des Todes und der Falschheit.
Weitere 300 Jahre vergingen, bis die Götter ihren Plan ausführen konnten. Unter größter Anstrengung war es ihnen gelungen, Chiisai Amonori wieder ins Leben zurückzurufen, den Helden, der damals einen ehrenvollen Tod im Kampf der lichten Seite gegen das Chaos auf der Ebene vor dem Shimado-Nu-Feng-Tempel in der Nähe der Hauptstadt des Kaiserreiches, Umei, gestorben war. Er sollte den Frieden in Bujun wiederherstellen.
Als die Rückkehr bekannt war (Die Heldentaten von Chiisai waren noch in aller Munde), beschlossen viele, die den Krieg einst überlebt hatten, aber auch junge Männer, die die Gerechtigkeit suchten, sich dem ehemaligen Führer der Streitmacht des Lichts anzuschließen. Schon bald war eine stattliche Armee versammelt, bereit, die unrechtmäßigen Eigentümer der Provinz Bujun zu vertreiben und schon lange geltendes, altes Recht wieder herzustellen.
Schon wenig später war die entscheidende Schlacht gekommen. Der Angriff Amonomori´s war überraschend und schnell vonstatten gegangen. Viele Feinde waren gefallen, und zwischen dem Hochplateau über dem See und den hohen, schroffen Felswänden hatten sich gewaltige Armeen aufgebaut, abertausende Kontrahenten warteten auf den entscheidenden Kampf. Chiisai stand hoch oben auf dem Plateau. In den letzten Sonnenstrahlen erglühte seine mächtige Rüstung und hüllte ihn in güldenes Feuer. Da zog er sein langes, blau schimmerndes, mit Edelsteinen besetztes Dai-Katana, von den Göttern gesegnet, und als er seinen Arm hoch in die Luft reckte, brach unter ihm die Hölle los. Die Schlacht war so unbeschreiblich, das keine Worte das Ausmaß zu fassen vermögen. Nur soviel sei gesagt. Chiisai traf im Kampf auf Daisuke, und nach langem Ringen besiegte er diesen. Somit war die Schlacht entschieden, die Invasoren geschlagen und in alle Winde zerstreut. Der Wind trug die Kunde weit in den Norden, wo die Letzten der Annai Zuflucht gefunden hatte. Voller Freude machten sie sich auf in ihre alte Heimat. Doch Chiisai war ein schreckliches Schicksal vorherbestimmt. Der Feldherr, der verhasste Mörder vieler Unschuldiger war sein eigener Großneffe gewesen. Der Held sah, obwohl die bösen Taten von Mu-Tao unverkennbar waren, keinen anderen Ausweg, diese Blutschande zu bereinigen, als Harakiri zu begehen. Und somit starb er das zweite Mal, und auch dieses Mal hatte er die Welt gerettet. Die Götter waren zufrieden, und Daisuke und Chiisai fanden im Reich der Toten ihren Frieden.
Unter den zurückgekehrten befand sich ein Mann names Kyusa Itegi. Er war sich sicher, dass die Götter die Annai gerettet hatten, doch war er ziemlich einsam mit seiner Meinung. Die einst so gottesfürchtigen Annai glaubten nicht mehr. Wenn die Götter das gewesen sein sollten, warum hatten sie ihren ehfürchtigsten Untergebenen nicht damals geholfen. Doch Kyusa und einige andere waren sich sicher, dass es die Götter waren, und beschlossen, auf den hohen Bergen ein Kloster zu errichten um für die Errettung ihrer Heimat zu danken. Der Rest der Annai war vom Glauben abgefallen. Sie fanden nichts mehr an der Heimat ihrer Vorfahren, trotz der anfänglichen Freude und zogen sich wieder in ihren inzwischen lieb gewonnenen Norden zurück. So war der Weg offen für zahlreiche reiche Kaufmannsleute und auch einfache Bauern, die Provinz nach ihren Wünschen zu gestalten. Aus allen Teilen des Reiches strömten sie herbei, bauten Siedlungen und Städte, brachten Bujun ein drittes Mal zum blühen. Doch diese Geschäftigkeit, und die vielen Neureichen, die mit ihrem Geld protzten, lockten auch Unheil an: Die Ninjas, die Auftragsmörder, berüchtigt, doch gleichzeitig immer wieder aufgesucht, hielten Einzug in die Provinz und ließen sich in einem bis heute gut versteckten Dorf nieder, um von dort aus ihre Überfälle und Meuchelmord-Aufträge zu koordinieren.
390 Jahre vergingen, als ein Samurai, der aus seinem alten Orden ausgetreten war, aufgrund des Bruches des heiligen Kodex und weil er mit dem Verhalten der Ordensführung nicht zufrieden war, die Provinz durchreiste. Es war ein Mann namens Moichi Hatake, und als er durch die verschiedenen Städte kam, sah er viel Potenzial. Aus den jungen Männern, die sich von der breiten Masse abhoben, sei es durch ausgeprägte Fähigkeiten, oder auch nur durch unbändigen Willen und Glauben an das gute im Menschen, pickte er die heraus, die am meisten Vertrauen in ihm erweckten, und zog mit ihnen vor die Stadt, um eine Schule für Samurai zu errichten, einen Orden, der wieder streng den Grundprinzipien folgte. Das war die Geburtsstunde der Hatake Ryu.
Wenig später traf ein weiser, aber auf einige Leute verschroben wirkender, älterer Mann in der Provinz ein. Wie man so hörte, war er Schamane, und einige folgten seinem Ruf. Auch er wollte sich hier niederlassen, schon lange habe er keine so starke Energie gespürt, wie sie am grossen Felsplateau vorhanden sei. Dort ließen sich er und seine Anhänger nieder und der Zirkel der Schamanen entstand.
Der heutige Tag. 1000 Jahre sind vergangen seit die Annai in diesem Landstrich lebten, 10 Jahre seit der Gründung des Samuraiordens und des Schamanenzirkels. Viele Anhänger haben sich in den Lagern der vier Gruppen eingefunden. Die Kampfmönche im Kloster haben einen weisen, erfahrenen Anführer, Ho Shon Feng mit Namen, die Ninjas haben unter ihrem neuen Chef Abaddon grosse Beute gemacht, die Samurai unter Moichi Hatake sind stetig gewachsen, und auch die Schamanen mit ihrem Anführer Mos haben sich gemehrt und ihr Wissen erweitert …

„… und dies ist die heutige Lage auf unserem Flecken Erde.
Es gibt allerdings auch noch eine Bergstadt, die bisher keinen Namen trägt und von der ich selbst nicht allzu viel weis. Niemand ist darüber informiert wer oder was sich im Tal zwischen den mächtigen Bergkämmen aufhält und es ist auch bisher keinem gelungen, die unbekannte Niederlassung zu erklimmen. Sie befindet sich hoch oben und mir wurde erzählt, dass die Krieger die versuchen, das Plato zu erreichen, auf ihrem Weg scheitern und ihr Leben lassen würden.
Wie dem auch sei … es ist uns immerhin gelungen, in all den Jahren eine gestärkte Insel zu errichten. Durch die Samurai und Mönche hat die Hauptstadt starke Verbündete errungen. Jedem jungen Mann, der sein achtzehntes Lebensjahr hinter sich hat, wird es gestattet seinen zukünftigen Weg unter den Reihen der heiligen Krieger zu suchen. Die Schamanen sind neutral uns allen gegenüber, doch die Ninjitsu aus dem südlich gelegenen Dorf, bringen Furcht und Angst über das Land. Zwar gelingt es ihnen nur selten, schäbige Taten und Tod zu verbreiten, allerdings ist es uns auch nicht möglich, diese Schattenkrieger vollkommen auszurotten. Und genau diese Kämpfer waren es, die auch uns zuvor angegriffen hatten.“
Zhao hatte gespannt den Worten des alten Mannes gelauscht. Die ganze Zeit über hatte er seinen Gegenüber angehört und den Tee bereits vollkommen vergessen.
„Ihr wollt also damit sagen, dass uns diese Ninjitsu nur angegriffen haben, um uns zu beklauen?“
Pang schüttelte besorgt sein Haupt.
„Nein, es ist nicht ganz so wie du denkst. Die Ninja, die uns angegriffen haben, waren weit aus gefährlicher als alles was mir bisher vor die Faust gekommen ist. Sie waren blitzschnell, hatten enorme Kräfte und schienen über unbegrenzte Ausdauer zu besitzen. Das alles aber wäre mir nicht so sehr ins Auge gefallen, wäre da nicht diese Merkwürdige Sache nicht passiert…“
„Welche Sache?“
„Hmm, als du davon gelaufen bist, bin ich mit den drei Kerlen alleine zurück geblieben. Nachdem ich den einen erledigt hatte, stellte ich mich dem nächsten gegenüber und hatte erst dann bemerkt, dass der dritte inzwischen verschwunden war und sich auf die Jagd nach dir gemacht hatte. Ich entschloss mich also dazu, dem übrig gebliebenen schnellst möglich den gar auszumachen. Als ich ihm gegenüber trat und auf seinen Angriff wartete, geschah etwas … vollkommen Absurdes. Ich hatte so etwas zuvor noch nie gesehen und hätte es für unwahrscheinlich, nein, für unmöglich gehalten…“
Aufgeregt fragte Zhao nach was wohl passiert sei „Was, was ist euch geschehen?“
„Der Schatten des Ninja, teilte sich … und daraufhin ein weiteres Mal, und ein weiteres Mal. Ich konnte es nicht glauben und als ich näher hinsah, erhoben sich die dunklen Gestalten aus dem Boden und wuchsen zu realen Kriegern hervor. Ich hatte fünf Gegner vor mir und dachte im Moment daran, dass all dies nur ein Traum hätte sein können, doch sie waren wirklich.“, sprach er zu Ende und schüttelte ungläubig den Kopf.

Zhao wollte anfangs der Geschichte keinen Glauben schenken. Es war ihm unverständlich, wie so etwas hätte möglich sein können, doch er war bisher davon überzeugt, dass Pang ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch war und dass er ihm, egal aus welchem Grunde, keine Lügen hinhalten würde.
Als der junge Novize seinen Becher austrank und das Gefäß auf den Tisch stellte, ging die Tür auf.

Zhao
04.06.2004, 14:35
„Oh Selia, du bist es. Wo warst du so lange?“, begrüßte Pang seine Gattin und stand auf. Zhao tat es ihm gleich und reckt sich empor.
„Dasselbe könnte ich dich auch fragen. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht als du nach Mittag nicht zurück warst und dann -“, dann entdeckte sie den Novizen und hielt kurz inne „oh, wer ist denn dieser junge Mann?“, fügte sie fragend hinzu, während Zhao ihr freundlich entgegen lächelte.
„Selia, das ist Zhao Yun. Er ist mir auf dem Strand begegnet und zum ersten Mal in unserem Dorf. Zhao, das ist meine Ehefrau Selia.“
„Es freut mich euch kennen zu lernen, gnädige Frau. Euer Mann hat mir schon einiges von euch erzählt, nur Gutes möchte man meinen.“, stellte er sich vor.
„Dieser alte Greis soll in edlen Worten von mir gesprochen haben? Das ich nicht lache.“, meinte sie und als Pang daraufhin ein Grinsen aufsetzte, fuhr die flache Hand der Dame binnen Bruchteilen einer Sekunde aus und kollidierte unaufhaltsam mit der Wange ihres Gatten „nun, ich möchte mich hierfür entschuldigen, bitte halte nichts falsches von mir. Trotzdem hoffe ich dir einen angenehmen Aufenthalt machen zu können und solltest du etwas benötigen, zögere nicht mich darum zu bitten.“
Nach dieser Aktion musste Zhao unüberwindbar lachen und als er sich wieder gefangen hatte, dankte er der Lady für das gütige Angebot.
„Ich werde inzwischen etwas zu Essen machen. Ihr beide müsst halb verhungert sein.“, meinte sie und verschwand schnurstracks in der Küche.
„Mir wäre Hunger immer noch lieber als eine Ohrfeige“, rief Pang Tong ihr nach und setzte sich zurück auf den Schemel.
Lachend tat Zhao es ihm gleich und sprach daraufhin „Sie ist eine wirklich aufgeweckte und von Leben erfüllte Frau. Ihr solltet dankbar sein, dass man euch sein solches Geschenk gemacht hat.“
„Pfff … von wegen“, antwortete der Alte und rieb vorsichtig an seiner Backe.
Wieder versuchte der Novize ein Grinsen zu unterdrücken, um es seinem ärmsten Freund nicht noch schwieriger zu machen.

Talker
04.06.2004, 14:36
Der Regen hatte begonnen sich zurückzuhalten. Braune, bis vor kurzem noch erdörrte Blätter, lagen umher geschleudert vom heftigen Wind, auf dem feuchten Grund verteilt und verdeckten das grünliche Gras an einigen Stellen. Glitzernde Regenperlen hatten auf der Erdoberfläche Platz gefunden und waren ein allerletztes Mal zu sehen, als sich die goldene Sonne ihrem Untergang weihte. Hurtig hatte sie sich hinter den Baumkronen verschanzt und war im nächsten Moment nicht einmal noch vom Strand zu sichten. Allmählich holte pure Dunkelheit die Landstriche Bujuns ein, überdeckte sie vollkommens, umhüllte jeden noch so winzigen Kieselstein mit ihrer übermächtigen Pranke und beraubte die leicht rötlich orangenen Wolkenmassen ihrer wärmenden Farbe.
Waldtiere waren nicht mehr zu erhören und selbst die Stille hatte ihren wohlverdienten Schlaf gefunden, als vier Fackeln wie von Geisterhand entzündet wurden und ein begrenztes, wenn auch recht winziges Gebiet, mit Licht und Wärme erfüllten. Vorerst waren es noch zwölf, als nur noch acht dunkle, schmale Schatten über den nassen Grund geworfen wurden. Sie mussten sich dem Licht geschlagen geben und hatten Bewegungen zu vollführen, welche von den um sich schlagenden Flammen bestimmt wurden. Die beiden Gestalten inmitten der Lichtquellen standen sich gegenüber, schienen höchstwahrscheinlich auf etwas zu warten. Die Zeit verstrich, immer noch tänzelten die schwarzen Flecken rings um ihre Mentoren, als sie sich von einer Sekunde auf die andere, langsam einpendelten und in völliger Starre verharrten.
Ein Augenzwinkern, schon war die Stille zerschmettert und das Chaos entfacht worden. Zeitgleich waren die silbern funkelnden Klingen aus ihren Scheiden hervor geholt worden und hatten sich nach einer sichelförmigen Drehbewegung gekreuzt. Stahl an Stahl, klirrten sie aneinander und stießen sich sofort wieder voneinander ab. Pausenlos sirrten die Schwertspitzen durch die Dunkelheit, trafen sich und ließen sprühende Funken aufzucken. Die beiden Kontrahenten schenkten sich nichts und rastlos blieben sie in ständiger Bewegung. Furchtlos stürzten sie auf ein weiteres dem Feind entgegen, holten in weiten Bögen aus und schmetterten ihre tödlichen Waffen in Richtung des anderen. Wieder kollidierten die Klingen miteinander, trafen sich nur um Handbreite von den Gesichtern ihrer Besitzer entfernt. Allerdings gelang es diesmal einem unter ihnen, Vorteil aus dem soeben vollführten Angriff zu ziehen. Die Schwerter kreuzten sich nicht nur, sondern es hatte eines der beiden eine Scharte im anderen hinterlassen. Der unterlegene Krieger hechtete zur Seite, begab sich in Knieposition, holte aus und warf das Katana gezielt in Höhe des Kopfes seines Gegenübers. Während jener sich unter der heransausenden Klinge hinweg duckte, brach der andere aus seiner Position aus und stürzte bestialisch auf den Feind zu. Der katzenartige Körper spannte jede Sehne, jede Muskelfaser an und sprang vom Boden ab, als sich urplötzlich eine Messerspitze zwischen Haut und Gewebe in den Brustkorb bohrte und im Bruchteil einer Sekunde aus dem Rücken hervorstach.
Gepeinigt vom erfreuten Anblick seines Feindes und der überraschenden Niederlage, griff der Verlierer nach dem Kampfmesser im Gürtel, lehnte es in Begleitung von Prusten und Blutspucken an die Kehle und zog mit allerletzter Kraft, voll durch. Immer noch die Finger um den Griff gewickelt, hielt der Sieger sein Schwert in den Händen. Der blutüberströmte Körper vor ihm, war zur Hälfte zusammengesackt und nur noch der Oberkörper hatte sich aufrecht gehalten, durch die Tatsache, dass das Katana zwischen seinen Rippen fest mit den Händen des Siegers verankert war. Jener setzte seiner Mimik ein Grinsen auf und ergötzte sich an der armseligen Niederlage des Gegners. Kurz darauf spannten sich die Muskeln in seinen Fingern und die Arme fuhren mit der langen Klinge durch Gedärme wie durch Butter und teilten Knochen sowie Innereien, auf ihrem Weg gen Himmel. Ein Fächer aus Blut folgte und schimmerte dunkelrot im leichten Licht der umher stehenden Fackeln, während sich aus Fleischfetzen mehrere Rinnsale bildeten und den Klingenrand herab strömten.
Ein graues Schemen trat an den Schauplatz heran und blieb in einigen Fuß Entfernung vom Sieger stehen. Als jener den Botschafter aus den Augenwinkeln bemerkte, näherte er sich ihm und hielt inne. Langsam nahm er die Kapuze von seinem Haupt und beugte sich zum Kampfsieger vor, als sich seine Lippen teilten…

„Sie haben überlebt.“

Zhao
04.06.2004, 14:37
Der nächste Morgen war rasch eingebrochen und hatte ein prächtiges Wetter an seiner Seite mitgebracht. Ein hellblauer, wolkenfreier Himmel wölbte sich über dem Menschenreich und der Provinz. Trotz des Unwetters vom Vortag hatte sich über die Nacht hinweg ungemein viel verändert. Sonnenschein überflutete die Straßen und Gassen, Wälder und Wiesen, sowie Steppen und Berghänge. Ein erfrischender, leichter Wind schwamm über den Dächern der Stadt hinweg und lies die noch feuchten Äste sich pausenlos wogen. Wärmend tauchte die Sonne vom Horizont aus, das Gebiet in ein strahlendes Gelb, als ein Lichtstrahl sich seinen Weg durch die Luft bahnte und zwischen einem Spalt im Fenstervorhang, direkt in die noch geschlossenen Augen des Novizen fiel.
Leise entfloh ein genervtes Stöhnen seiner Kehle und sofort glitt die flache Hand vor das Gesicht, um den unerwünschten Besucher fernzuhalten. Langsam schob er die Baumwolldecke zur Seite, der nackte Oberkörper stellte sich auf und Zhao rieb sich gähnend die Augen. Er versuchte vorerst Orientierung zu finden und nachdem dies geschafft war, stellte der Ordensbruder erfreut fest, dass er die letzte Nacht im Haus von Pang verbracht hatte. Im nächsten Moment stand er auf, zog sich die ausgeborgte Kluft an und spazierte in die Küche des schlichten Bauernhauses.
Selia stand am Tisch und räumte soeben zusammen, als sich die Tür öffnete und der Hausgast hindurch schritt.

Sie begrüßte ihn mit einem „Guten Morgen, gut geschlafen?“
„Oh, danke, ja. Und ihr? Wo ist eigentlich Pang? Ist er schon wach?“
„Ja, hab’ ich. Er hat gerade eben gefrühstückt und ist gleich darauf zum Strand aufgebrochen. Ich decke gleich den Tisch für dich.“
„Oh, nein danke. Ich habe noch keinen Hunger. Hmm, Pang war doch erst gestern Fischen …“, meinte der Novize und verzerrte seine Mimik zu einem fragenden Gesicht.
„Nein, er ist dort jeden Tag. Nur ab und zu nimmt er die Angel mit sich und bringt Nahrung mit nach Hause. Was er dort genau macht, weiß ich auch nicht, aber du könntest ihm einen Besuch abstatten, wenn du möchtest.“
„Hm, warum nicht. Ein Spaziergang auf dieser Insel (http://taric.cult06.com/bujun.gif) dürfte bestimmt erholsam werden. Auf bald.“, sprach er zum Abschied und verschwand mit einem Lächeln hinter der Eingangstüre.

Ein staunender Anblick entblößte sich vor den grünen Augen des Feuernovizen. Zeitgleich sog er die noch kalte Morgenluft ein, ließ sie seine Lungen füllen und atmete lächelnd wieder aus. Unaufhaltsam stapfte er über den noch feuchten Boden in Richtung der Hautstadt, wobei er interessierte Blicke auf die Häusermauern warf. Alles war so neu für ihn und zugleich erinnerte es ein wenig, an die Hafenstadt Khorenis.

„Seltsam…“, entwich es dem jungen Mann, doch er schenkte diesen Gedanken nicht allzu lange Beachtung, sondern versuchte das westlich gelegenen Tor zu erreichen.

Zhao
04.06.2004, 14:50
Die Zeit verstrich und mit ihr auch der Weg, den Zhao hinter sich gelassen hatte, nachdem er bis vor kurzem noch die Stadt verlies. Der Tourist bestieg denselben Pfad, auf dem Pang und er am Tag zuvor, nach Hause gegangen waren. Unterwegs zum Strand musste er in die Waldlichtung einbiegen und kam baldig, schnellen Schrittes, auf sandiges Gebiet.
Sofort war die Veränderung unter seinen Füßen spürbar. Wohltuend sanken seine Sohlen in den goldbraunen, fein überstreuten Grund. Die Sonne stand hoch, unbedeckt. Hell leuchtend strahlte sie auf die Lande herab und spiegelte sich beinahe im warmen Strandboden wider. Tiefes, grollendes Rauschen der Wellen wurde vom Wind bis an den Waldrand getragen, erfüllte die leicht schwüle Luft mit einem glitzernden Zauber, welcher die Seele des Novizen für einen Augenblick umhüllte und behutsam über sie hinweg strich. Als Zhao sich bei der Bewunderung des Strandes erwischte, atmete er nochmals tief durch und tat dies, wozu er eigentlich hergekommen war.
Sein suchender Blick schweifte in der Gegend umher. Die Lider zu Schlitzen geformt, seine rechte Handfläche gegen die Stirn gepresst, versuchte er Pang Tong ausfindig zu machen. Von dem alten Herrn war jedoch nicht die geringste Spur zu ersichten. Sogleich entschied sich der Einzelgänger am Waldrand entlang, nach Süden zu Stapfen um dort sein Glück zu versuchen.
Tief waren die Abdrücke, welche sich in den Sand malten. Immer und immer wieder vergrub Zhao seine Füße im Boden und erhob sie wieder, woraufhin sich feine Streusel von der leicht braungebrannten Haut lösten und die Unterschenkel hinunter rieselten. Während die Beine ihrer alltäglichen Arbeit nachhingen, flog Zhaos suchender Blick weiterhin den Strand ab und klammerte sich unerwartet in der Schönheit des imaginär unendlichen Meeres eisern fest. Seine azurblaue Oberfläche glitzerte im güldenen Licht der brennenden Sonne wie zugleich mit Perlen, Diamanten und Topasen übersäht. Als hätte sich ein seidener Schleier an welchen diese unbezahlbaren Verzierungen angenäht seien, über das strahlende Meer gelegt.
Überraschend riss ein greller Schrei, Zhaos Aufmerksamkeit vom Wasser und in eine andere Richtung. Sofort teilten sich die verträumten Lider voneinander und ließen einen angespannten Blick bis ans südliche Strandende fallen. Wer soeben geschrieen hatte war ihm egal, von Bedeutung war lediglich, dass es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ein Hilfeschrei gewesen war. Das Risiko, dass es kein Hilferuf war, wollte Zhao nicht eingehen. Ohne zu zögern spurtete der Novize los und hatte sogleich vor einer Reihe Felsblöcke stehen zu bleiben. Sie waren wie aufeinander gestapelt und reichten noch weit ins tiefe Wasser hinein. Von Hektik geplagt versuchte er einen Weg zu finden, der an dem Gestein vorbei führte – vergebens.
Als der Ruf auf ein Neues ausgestoßen wurde, war dem Innosgläubigen vollkommen bewusst, dass sich der Schreiende hinter dem Geröll befinden musste. Nur wie bei Ra, wäre es ihm möglich über diese schlichtweg unüberwindbare Barriere auf die andere Seite zu gelangen? Da schoss ihm die Antwort in den Kopf – überwinden. Und es gab keine andere Lösung, soviel war niet- und nagelfest.

Konzentrieren, zischte es ihm durch das Innere seines Hauptes. (Da jenes glücklicherweise ausreichend bzw. vollkommens leer gewesen war, hatte das Wort genügend Freiraum gefunden um an die Innenwände der harten Schädeldecke zu hallen und so eine noch größere Wirkung auf Zhao zu wirken ;-) )

Die angespannten Finger tasteten die raue, harte Oberfläche der Steinmauer nach Festhaltemöglichkeiten ab. Auch mit den Füßen setzte er an einigen Stellen an und kontrollierte jene nach ausreichendem Halt. Es war geschafft, als der erste Schritt vollführt wurde und Zhao an der Mauer hing. Wieder begann er das Spielchen von vorne, tastete, testete und praktizierte die Übung. Eine Manneshöhe war er nun schon vom Boden entfernt und baumelte am Gestein. Zitternd und unter höchsten Anstrengungen hielten ihn seine Hände gegen die steinerne Wand gepresst. Er warf einen Blick nach oben, es war nicht mehr allzu weit. Sicher lies sein rechter Arm los griff nach einer nach außen gewölbten Gesteinsbeule und hielt sich wie angenagelt daran fest. Die Beine folgten und mit einem letzten, kraftraubendem Zug, hefte er sich nach oben, an die Spitze.
Sein Atem ging schwer als er über den Boden hinter der Mauer sah. Die Stirn legte sich in Falten, als der Retter das sah, was er sich nicht gedacht hätte zu sehen – nichts! Keine Person in Not, keine Jungfrau die hobbymäßig von einem Feuer speienden Drachen bedroht wurde, nicht einmal ein alter Greis dem seine Krücken aus den Händen gefallen waren, der Einfachheit halber: nichts!
Immer noch schwer atmend lehnte er seine Arme gegen die Nieren und blickte suchend um sich. Ein enttäuschtes Seufzen entfloh seiner mittlerweile trockenen Kehle, als ein altbekanntes Lachen von unten her, die luftige Höhe erfüllte und an die Ohren des Novizen drang. Als jener hinab sah, setzte sich automatisch ein Grinsen auf sein Gesicht, denn der alte Pang hielt seine Arme um den Bauch gekrallt und kullerte sich beinahe lachend über den sandigen Boden.

„Was ist denn so komisch?“, fragte Zhao und verzog argwöhnisch die Mine.
„Ich wollte dich nur testen“, antwortete Pang und lächelte dem jungen Mann entgegen „aber jetzt kannst du ruhig wieder hinunter klettern, los komm.“
„Was?? Und wozu?“
„Na willst du etwa den Rest deines Lebens da oben verbringen?“
„Nein, ich meinte nicht wieso ich hinunter klettern sollte, sondern wieso sie mich getestet haben!“
„Ah – nun ja, wie soll ich sagen … ich bin ein recht neugieriger Mensch. Da wollt ich mal sehen, was so in deinen jungen Knochen steckt. Diesen kleinen Berg zu erklimmen ist selbst für mich nicht einfach. Mein Glückwunsch.“
Zhao hob eine Augenbraue und blickte seinen Gegenüber an.
„Na los, jetzt mach hier nicht einen auf genervte Hausfrau. Komm herunter, sonst komme ich dich holen.“
„Hach, das hätten sie wohl gern. Ich bleibe hier oben solange sie nicht das Zauberwort aussprechen.“
„Meinst du das eine mit dem Doppel t?“
„So ist es“
„Gut … Lieber Zhao Yun, komm herunter … “, er zögerte einen Moment „flott!“, sprach er zu Ende und grinste aufs weitere. Der Novize fand dies nicht besonders unterhaltsam und verschränkte genervt die Arme ineinander, immer noch auf die richtige Antwort wartend.

Pang Tong verging das Lachen. Allerdings tat er nicht was Zhao von ihm erwartete hätte, kehrte dem jungen Mann den Rücken und schritt hinfort. Als der Novize gerade dabei war, ihm hinterher zu fluchen, stockte er für den Bruchteil einer Sekunde – in unglaublichem Tempo hatte sich der Alte wieder dem Geröll zugewandt, seine Arm-, Bein- und Brustmuskeln zu unzerreißbaren Strängen gespannt und sich daran gemacht, zielstrebig auf den steinernen Berg vor ihm, entgegen zu rasen. Wie ein Panther sprang er leichtfüßig vom Boden ab, glitt ein paar Male an die Oberfläche des Gesteins und stand im nächsten Moment neben dem verwundert dreinblickenden Novizen des Feuers.
Ein Klatschen – der Fuß des Alten war mit dem Allerwertesten des Einzelgängers kollidiert und hatte jenen in eine recht unangenehme Position – mitten in die Luft – versetzt. Nun blickte Pang mit verschränkten Armen seinem jungen Freund hinterher, wie jener Flügelschlagend versuchte sich zu erretten, jedoch dieser Versuch daneben ging und er unglücklicherweise mit dem Gesicht voran im warmen Sand stecken blieb.

Zhao
04.06.2004, 14:58
Hustend und spuckend versuchte Zhao den dreckigen Sand aus seiner Mundhöhle zu verbannen. Vorsichtig wischte er sich zwischen den zusammengepressten Lidern hinweg und strich abermals mit der flachen Hand, über sein Gesicht. Die brennenden Schmerzen stets von leichtem Stöhnen begleitet. Erst mit behutsamer Vorsicht öffnete er die Augen und rappelte sich aus seiner derzeitigen Position wieder auf. Ein letztes Mal noch klatschten Handflächen und Finger gegen die Kluft, schlugen unerwünschte Sandflecken von sich ab und verliehen dem zarten Baumwollstoff ein wenig an Farbe.

„Ihr seid doch ein wahrlich verrückter Kauz, alter Herr. Was ist denn bloß in euch gefahren? Selbst ich bin schon zu alt für solch kindische Handlungen, da dürftet ihr doch erst gar nicht daran denken. Warum zum Teufel muss euch denn ein jemand wie ich beibringen, wie man sich zu benehmen hat?“, murmelte der leicht impulsive Novize vor sich hin und lies kurz darauf einen verärgerten Blick in Richtung der Gesteinsspitze stechen. Doch die Augen weiteten sich schnell, als sie erkennen mussten, dass Pang sich dort oben nicht mehr befand.
Überrascht sprach jener aus dem Hintergrund „Ihr müsst lernen, ein wenig Spaß zu verstehen.“, meinte er und lächelte Zhao zu.
Der Einzelgänger blickte ihn fast schon entstellt an „Wie habt ihr das nun wieder gemacht?“
„Was gemacht?“
„Na wie seid ihr so schnell von dort oben wieder herunter gekommen? Ich habe es gar nicht bemerkt.“

Pang lächelte aus Neue. Wie alte Leute nun mal so waren, war auch er ein reicht geheimnisreicher Mensch. Behutsam legte er seinen Arm und die Schultern des Novizen und lies ihn neben sich herschlendern.

„Es ist wohl an der Zeit, dass ich dir einige Grundregeln beibringe, Kleiner … “

Als der alte Mann damit begann zu erzählen, horchte der Novize vertieft seinen Worten und lies sich von ihnen mitreißen, als seien sie ein Strom aus berghohen Wellen und Unmengen an Kraft…

Vor allem anderen, selbst vor deinem eigen Leben, steht die Selbstbeherrschung an allererster Stelle. Nicht nur über deinen Körper darfst du die Kontrolle ergattern, sondern auch über deine Seele und ihren Geist. Wer es versteht, diese drei Heiligtümer ineinander zu vereinen und sie wahrlich zu beherrschen, bei Willem einzusetzen, der wird auch verstehen und wissen, wozu er selbst fähig ist. Und auch nur, solange dieser Zusammenhalt besteht, hält auch die Brücke, welche einem Mann den Weg für alles andere offen hält.
Erst, nachdem es dir ermöglicht ist, diese Grundlage zu meistern, darfst du dich auf die Reise in deine eigene Zukunft machen.
Auf dem Weg zu einem wahrlich erwachsenen Mann, muss viel und vor allem ausreichend Zeit verstreichen. Strebt der Schüler einen schnellen Aufstieg an, so wird er ihn nicht erreichen, und wenn er umgekehrt übermäßig Zeit lässt, stürzt er sich nur noch tiefer hinunter. Nur wer es lernt, wie er zu lernen hat, wird den richtigen Weg im unendlichen Labyrinth beschreiten.

„… also, denke an meine Worte und versuche dein Bestes!“

Nachdenklich blickte Zhao dem braunen Grund vor seinen nackten Füßen entgegen. Er nickte zusätzlich, als sein Begleiter zu Ende gesprochen hatte und verfiel wieder in Gedanken an das Erzählte.

„Los, komm mit!“, rief Pang ihm zu und erhöhte sein Schritttempo.

Er lief den unruhigen Wellen entgegen und stapfte im seichten Wasser entlang, bis er den altbekannten Stein erreichte, wo sich die beiden zum ersten Mal begegnet waren. Als Zhao nachgekommen war, fragte er nach, was sie hier sollen.

„Steig’ auf diesen Hügel und stell’ dich darauf.“, befahl ihm der alte Kerl. Sofort verfiel die Stirn des jungen Novizen in ein Hügelreich und ein absolut verwirrter Blick ging von ihm aus.
„Wieso?“
„Hast du soeben zugehört, als ich dir über die Selbstbeherrschung erzählte?“
„Aber natürlich.“
„Und hast du meine Worte verstanden?“
„Ja, warum fragt ihr?“
„Dann beweise es.“, fügte er noch hinzu, lehnte sich mit dem Rücken an den nassen Fels, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete auf eine Reaktion von Seiten seines Untermieters.

Leise murmelte und fluchte der Junge vor sich hin, und entschied sich schlussendlich dennoch dazu, der gütigen Bitte des Älteren zu folgen. Tastend fuhr er mit den Fingern über den schroffen und kantigen Gesteinsbrocken. Die ersten paar Versuche den Miniaturberg zu erklimmen scheiterten, da seine Oberfläche feucht und glitschig war, doch nach einigen Anstrengungen war es Zhao dennoch gelungen, das Felsmassiv zu erklimmen und so stand er oben.

„Und was nun?“, fragte er spöttisch und gab einen beherzten Seufzer von sich.
„Versuche dich nicht zu bewegen. Unterdrücke das zitternde Gefühl und verharre ruhig. Mittlerweile ist es schon Mittag geworden und ich habe immer noch nicht mit meiner Meditation begonnen, deswegen bleibst du hier und ich gehe hinüber ins Trockene. Ich möchte, dass du mit dem Rücken zum Strand stehen bleibst und dich nicht umdrehst oder auf sonstige Weise bewegst. Blicke hinaus aufs Meer, genieße die Ruhe und warte den Sonnenuntergang ab. Sobald die Dämmerung einbricht, komme ich dich wieder holen.“

Der Alte hatte sie wirklich nicht mehr alle. Zuerst die Sache mit dem Bergsteigen und nun das hier.
Was ist bloß in ihn gefahren?, dachte sich der Einzelgänger und setzte eine grimmige Mimik auf. Ohne ein Wort zu sagen, lies er seinen Freund (oder inzwischen schon ehemaligen Freund?) hinfort ziehen und blieb zurück auf dem übergroßen Kieselstein.

Zhao
04.06.2004, 15:02
Es war später Nachmittag. Die Sonne stand hoch über dem endlos weiten Meer gebeugt. Lange, pechschwarze Schatten wurden von Bäumen, Häusern und Bergketten über das Land geworfen. Täler verdunkelten sich und genossen Schutz in den beinahe nächtlichen Nischen zwischen hohen Felshängen und wuchtigen Klippen. Zhao hatte sich bisher bewehrt.
Schmerz machte sich plötzlich in der Sohle des rechten Beines breit. Unruhige, fest angespannte Muskelfasern und Sehnen zitterten unwillkürlich und rissen den Novizen beinahe aus seiner Position. Zähneknirschend und in größter Anstrengung versuchte er durchzuhalten, das Gleichgewicht zu bewahren, ohne Wissen, wie lange er noch in dieser Stellung bleiben könne oder müsse.
Pang Tong hatte auf dem sandig weichen Boden Sitz gefunden. Etwas abseits vom heranströmenden Wasser saß er da, die Beine gekreuzt und Handflächen fest vor der Brust aneinander gepresst. Venen drückten sich unter der milchig weißen Haut hervor, Muskeln wurden zusammen gezogen, Knochen fest miteinander verankert und von harrenden Sehnen regungslos gehalten. Äußerlich hatte es den Eindruck, er würde Schlafen und seie von Entspannung durchflutet, doch innerlich durchzuckten ihn Blitze, Wärme versuchte nach außen zu drängen und peinigende Hitze umwirbelte Muskelfasern und Stränge.
Separat voneinander hielten die beiden Gefährten inne. Beide, gemeinsam ihre Augen geschlossen, ihre Übung praktizierend und konzentrierend, bis auf einen kleinen Unterschied: Pang Tong wusste was er tat. Sein Geist klopfte leise an die Schale der gutmütigen Seele. Der Waldstreicher fügte sich dem Spirit, schloss sich seiner an und verschmolz mit ihm zu einer einzigen Einheit. Plötzlich - unendliche Ruhe füllte den Schauplatz. Es war still, als hätte man soeben die Zeit angehalten, als würde sich nichts und niemand rühren, als seie Gott auf die Erde hernieder gekommen. Pang und Zhao trennten ihre Wege voneinander. Der alte Kerl verließ die Ebene der Menschen und trat über in eine andere Welt, gemeinsam mit sich selbst…
Wie ein Pelikan stand der Ordensbruder da, inzwischen alleine, ohne nur die geringste Ahnung davon zu haben, was mit seinem Freund geschehen war. Mit der Zeit begann er seine Entscheidung, sich dem Willen des Alten geneigt zu haben, bis ans Ende der Welt zu verfluchen und unumstritten zu bereuen. Doch als die Zeit verstrich, die von Schmerz begleiteten Qualen rastlos an Größe gewannen, erinnerte Zhao sich an die Worte seines Freundes und etwas Unbekanntes, Unbeschreibliches wandte seine Seele, von einem Moment auf den anderen. Alles um ihn herum wurde vergessen, verdrängt und alleinherrschende Leere floss Seite an Seite mit seinem Gedankenstrom in machtgierigen Fluten. Es schien als würde eisige Kälte sich um seine Beine wickeln, über die Oberschenkel bis hin zum Brustkorb und von dort aus um Arme und Kopf. Wie ein Stein, bewegungslos und innehaltend regte er sich nicht – eingefroren.

Zhao
04.06.2004, 15:50
Lichtlose Nachtschleier wickelten sich um die Insel. Lautlos fierte die gülden leuchtende Sonne hinter dem Horizont nieder, hinterließ in ihrem letzten Antlitz eine handvoll rot schimmernder Wolken und versank vollends im Nirwana. Silbern strahlten Sternenkugeln unter der dunkelblauen Himmelsdecke, zwischen grauen, zerrissen Wolkenschleiern hervor, herab auf die Erde. Inmitten der nahtlosen Stille, ertönten langsame, von Wasser gedämpfte Schritte, blieben kurz vor dem Fels im seichten Uferwasser stehen und zauberten kreisförmige Ringe auf die im Mondschein schimmernde Meeresoberfläche. Misstrauisch teilte sich Zhaos Lidervorhang entzwei und lies einen scharfen Blick zur Seite fallen.
„Ich bin beeindruckt“, zischte leise eine raue Stimme in die Ohren des Novizen „meinen Lob, spreche ich dir hiermit aus.“ Pang Tong hatte sich an ihn herangeschlichen. Etwas krampfhaft trennten sich die Arme vom Oberkörper und der Einzelgänger dehnte sie vorerst, bevor er den Abstieg vom Gesteinsbrocken anstrebte. Plätschern erhellte in Begleitung von armseligem Gestöhne die Luft und wurde beinahe gefühllos seiner Existenz beraubt, als ein kühler, pfeifender Windstich über die breite Küste hinweg zog. Ein Stöhnen entfloh der trockenen Kehle des jungen Mannes, als seine gepeinigten Füße das erfrischende Nass berührten. „Lass uns an den Strand gehen, du siehst nicht sonderlich gut aus, mein Junge.“
Ähnelnd einem Gegenstand, sackte der Novize des Feuers auf dem weichen Grund zusammen. Seine Glieder streckte er weit voneinander, genoss die nächtliche Luft und sog sie in seine Lungen, als täte er dies zum allerersten Mal. Wieder lies er ein erleichtertes Stöhnen von sich. Pang gesellte sich an seine Seite und starrte indes, leicht neugierigen Blickes, über das Himmelszelt. Als er auf ein weiteres die Stille brach, senkte er sein Haupt und sah den kraftlos daliegenden Zhao an.
„Hat gut getan, nicht wahr?“ Lächelnd blickte er seinem Gefährten entgegen, beraubte ihn gleichzeitig eines erholsamen Schlafes und wartete auf dessen Reaktion. Etwas mürrisch, die Augen noch geschlossen, antwortete Zhao in einem von Mühe übersäten Tonfall „Körperlich … nicht, geistig … sehr wohl“, er hielt kurz inne und wandte seinen Kopf dem dasitzenden alten Herren zu, dann öffnete er die Augen und ihre Blicke trafen sich; er fuhr fort „Wenn ich jetzt nicht meine Arme eingeschlafen wären, hätten sie unter allerhöchster Wahrscheinlichkeit längst Bekanntschaft mit eurem Gesicht gemacht, werter Pang Tong. Bitte, nehmt dies nicht persönlich, es wäre einfach nur … ein Reflex gewesen.“ Tief grollendes Gelächter brach in selbigem Moment aus uns übertönte beinahe den laut singenden Wind. Selbst Zhao konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Langsam wurde es wieder still und beide bewunderten das magische Himmelszelt, wie es in seiner vollsten Pracht, kuppelförmig und schweigsam über die Welt der Menschen wachte. „Sag, woran hast du gedacht, als du auf dem Fels standest?“, trat es spontan aus dem Munde des alten Mannes, während seine Pupillen, groß und weit geöffnet, gen Sternenweide gerichtet waren. Zhao zog die Augenbrauen zusammen und er dachte nochmals nach. Etwas zögerlich antwortete er schlussendlich auf die gestellte Frage „Es war komisch. Ich sah einen guten Freund, ja, eigentlich einzigen Freund gemeinsam mit mir, einen Weg entlang spazieren (http://taric.cult06.com/clay.jpg). Es war Nachmittag, wir schritten durch einen Wald. Ein herbstliches Tief fuhr über die Baumkronen während Blätter mitgenommen wurden und vor unseren Augen umher tänzelten. Keiner von uns beiden sprach, nicht das geringste Wort verließ unsere Münder. Es war alles so unheimlich und gespenstisch zugleich, obwohl helle Sonnenstrahlen durch die dichten Blättermassen drangen. Vielleicht –„ „-du hast dich selbst mit einer anderen Person gesehen?“, fiel Pang Tong ihm ins Wort „das ist unmöglich“, widersprach er der Erzählung. Zhao legte die Stirn in Falten und blickte verwirrt zu seinem Sitzgesellen hinüber „Wie mein ihr das?“ Jener antwortete ernst „Wenn man es geschafft hat, das erste Mal in eine Trancemeditation zu verfallen, erkennt man in selbem Moment Personen oder Dinge, die einen auf seinem weiteren Lebensweg begleiten und unterstützen werden. Sie werden niemals von deiner Seite weichen. Somit ist es ausgeschlossen, dass du dich selbst wieder erkennst.“ Nun war auch der Novize leicht verwirrt. Er glaubte dem alten Herrn, auch wenn es etwas kindisch klingen mochte, doch dass er an sich selbst gedacht hatte, war höchstwahrscheinlich nur ein Zufall. In Gedanken versunken glitt wieder Ruhe inmitten der beiden. Einige Zeit später brach Pang aufs neues das Schweigen. „Hmm, und wer ist dieser Freund? Woher kennst du ihn und wie ist sein Name?“ „Sein Name ist Clay. Als ich nach Khorinis kam und auf der Suche nach Arbeit war, bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. Ich blickte ihm tief in die Augen und erkannte sofort, welch wahrlich gutmütiges, ehrliches und mutiges Herz dieser Mann mit sich trug. Er hat den Willen eines Löwen, die Kraft eines Bären und die Gerissenheit eines Fuchses. Sofort beschaffte er mir eine Stelle als Gehilfe einiger Seeleute und bereits an den nächstfolgenden Tagen, fuhr ich mit ihm auf eine Reise die mein weiteres Leben veränderte. Ich wüsste gar nicht, wie ich wohl ohne ihn dagestanden hätte oder was ohne seine Anwesenheit und Hilfe, mit mir geschehen wäre.“ Pang sah Zhaos Blick, wie er verträumt zur See hinausstarrte. Glänzend funkelten seine Pupillen, Wahrheit spiegelte sich in ihnen, während er über den ehrvollen Paladin sprach. „Scheint mir ja, als seie er ein wahrhaftig guter Kerl … Was trieb dich eigentlich in dieses Stadt, wie hieß sie gleich noch einmal?“ Der Ordensbruder verlor den Blick aufs Wasser und sah zu Pang hinüber „Ihr meint Khorinis?“ „Ja, genau. Wie bist du dorthin gekommen?“ Die Mundwinkel Zhaos verzerrten sich und ein spielerisches Lächeln zauberte sich in sein Gesicht; er seufzte „Nun … „

Zhao
04.06.2004, 15:54
„… Entschlossen zog ich daraufhin den Hammer in die Lüfte und lies ihn mit letzter Kraft, auf den Stein hernieder sausen – er war zerstört. Mein Vater somit gebannt und Clay trat mit mir den Heimweg an“, erzählte Zhao fertig.
Ein nachdenklicher Blick schweifte über die See und verharrte dann auf dem Gesicht des jungen Mannes „Ein wirklich bemerkenswerte Vergangenheit, ist das. Hm … wir haben genug für heute getan und du bist höchstwahrscheinlich noch ermüdet. Lass uns heute Nacht hier verweilen und am nächsten Tag brechen wir zurück ins Dorf auf.“
„Wäre Selia dann nicht auf ein weiteres Mal um uns besorgt?“
„Nein, ich habe ihr nämlich gesagt, dass wir etwas länger fernbleiben werden“, erklärte der Alte, rappelte sich auf und wartete auf seinen Begleiter. Als Zhao sich schlussendlich überwunden hatte, stapften sie gemeinsam in die Nähe des Waldrandes und legten sich schlafen.
Nur noch die Brust des Novizen schien sich ruhelos zu bewegen, der Rest des Körpers war wie erstarrt. Zusammengekrault lag er auf der Seite, die Hände gefaltet unter seinen Kopf gelegt und beide Augen weit offen. Er dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte. Nun gut, er war vielleicht erst ein zwei Tage hier, trotzdem aber grübelte er innerlich darüber, ob es ihm jemals möglich werde, nach Khorinis zurück zu kehren. Nein, diese Insel war alles andere als seine Heimat, nichts hätte ihn davon abhalten können hier auf Bujun zu verweilen, trotzdem aber zog es sein Herz, wenn auch nur leicht, zurück in die Gebiete um die glorreiche Hafenstadt.
Behutsam schloss sich der Lidervorhang über seinen Augen, ein sanftes Lächeln malte sich über die Lippen und zeitgleich überkam ihn der lang ersehnte Schlaf.

Zhao
04.06.2004, 15:59
Tief grollend hallte donnerndes Schallen, in einem engen Tal zwischen steilen, schroffen Berghängen etliche Male gegen die hohen Felsmauern eines Wüstengebietes. Die kahle, trockene Oberfläche erzitterte bei jedem Knall aufs Neue. In Begleitung eines beinahe unhörbaren Klacksens, lösten sich winzige Kiesel und rollten, einen schmalen Staubschweif hinter sich herziehend, die goldbraune von Sonnenschein übermalte Bergwand, hinunter. Sie vermehrten sich an ihrer Zahl und mit etwas Fantasie hätte man meinen können, das Felsmassiv würde weinen. Rastlos erfüllte unglaubliches, raues Getrommel abermals die Luft, ungebändigt, voller Energie.
Tänzelnd wehte ein Stoffmantel am Grund inmitten der beiden seitlich von ihm, gen Himmel strebenden, Erdgiganten. Bei jeder raschen Bewegung, welche der Träger vollführte, dehnte sich der Umhang und prallte dumpf gegen den harten Körper, sobald jener ruckartig stehen blieb. Gezielte Manöver wurden von der Person sauber ausgeführt, glitten makellos durch die Luft. Finger, kraftvoll zu Fäusten geballt, fuhren umher und schlugen energiegeladen ins Leere. In selbem Moment umwickelte die Sauerstoffmasse wirbelnd das Ende des rechten Armes, wurde sogleich von ihm weggepresst und lies ein weiteres Donnergrollen entstehen, als sie auf die Hügel peitschte.
Pausenlos fuhr er fort, unaufhaltsam jagten abwechselnd geweitete Handflächen und Fäuste, in kämpferischen Schlagtechniken Luftmassen gegen die Wälle, die rings um Pang Tong, in die Höhe ragten. Venen zeichneten sich unter der vom Sonnenlicht umhüllten Haut ab, warmer Lebenssaft bahnte sich seinen Weg durch die engen Adern, bitter nötig in jeder näher kommenden Sekunde. Rasend pumpte sein altes, aber gleichzeitig starkes Herz, Blut in jede der einzelnen Gliedmaßen. Unmittelbar färbte sich die Oberfläche rosig rot und verdunkelte sich schon bald.
Ohne auch nur einen Gedanken an Rast zu verschwenden, führte er den Tanz der Meditation fort. Leichtfüßig trennte er seinen Körper vom Boden, schwebte förmlich dahin und landete sanft an einer wiederum anderen Stelle. Gleich einem edlen Panther, arbeiteten seine Glieder wie aufeinander eingespielt. Immer schneller zischten die Körperwaffen umher, immer heftiger peinigten sie die Luft mit ihrer schier endlosen Kraft. Wie ein Berserker wühlte er über den Schauplatz, scheinbar ohne Ende würde er den Tanz auf ewig fortsetzen.
Dennoch schnellte sein Arm ein letztes Mal aus. Trüb verharrte er, rang gierig nach frischem Atem, hielt leblos inne. Beinahe leidend drückte er Schweißperlen aus sich heraus. Glitzernd perlten sie über die angespannten Unterarme, flossen in Strömen unter der Stirn hervor und schlängelten bis hinab zum Kinn, wo sie ineinander verschmolzen und sich tröpfelnd von der Oberfläche verabschiedeten. Rasend pochte Pangs Herz, trommelte unwiderruflich gegen seine Ohren. Deutlich spürte er das Schlagen am Hals und an der Schläfe, es war bestialisch.
Ruhe war eingekehrt und langsam senkte der Alte seinen ausgestreckten Arm. Er schloss seine Augen, genoss die Stille und war soeben daran, die Meditation zu beendigen, als ein grelles Kreischen an sein Trommelfell schlug. Höher als das Krächzen einer Harpie und lauter als ein bitteres Unwetter auf See, erklang der Ton, einem Todesschrei ähnelnd. Die Qual war nicht zu schildern, Pang hielt die Handballen fest gegen seine Ohrmuscheln gedrückt … vergebens…

Ein lautes Gähnen folgte, als Zhao zu sich kam und mit den Fingern über sein Gesicht fuhr. Noch etwas schlaff vom Vortag, rappelte er sich mühevoll auf und ließ die köstliche Morgenluft in seine Lungen fließen. Beherzigt über das muntere Wetter, blickte er hinunter an den Strand und entdeckte zugleich seinen erfahrenen Begleiter, wie er soeben in seiner Meditationsphase war. Lautlos stapfte er bis an die Küste und setzte sich neben den alten Kerl. Interessiert sah er ihm dabei zu, wie er regungslos dasaß; die Augen geschlossen und wie immer seine Beine überkreuzt.
Doch plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Pang Tongs Lider zuckten auf. Immer wieder teilten sie sich für den Bruchteil einer Sekunde und schlossen sich sogleich wieder. Er schien zu blinzeln, allerdings war es nicht natürlicher Herkunft sondern sah eher danach aus, als stünde sein Körper unter einer heftigen Belastung. Zhao gefiel gar nicht, was sich vor seiner Nase abspielte. Sofort sprang er auf, kniete sich vor dem Alten nieder und schob all seine Anstrengungen darauf, den Waldstreicher wach zu rütteln – er schlug die Augen auf.
Ein orientierungsloser Blick ging von ihm aus. Irritiert sah er um sich, versuchte festen Boden unter die Füße zu bekommen.
„Was ist geschehen?!“, fragte Zhao wissensbegierig und ohne zu zögern.
Immer noch fassungslose Blicke gingen von seinem Gegenüber aus, dann wagte er es zu antworten und sprach „Nichts Gutes steht uns bevor. Ich hatte soeben eine Vision, deren Auswirkung ich leider nicht deuten kann.“
Dem Novizen gefiel die Antwort zwar nicht sonderlich, doch er schien nicht in irgendeiner Weise darüber betrübt zu sein. Stumm verhielt sich sein Mundwerk und ohne zu sprechen, sah er seinem Begleiter zu, wie er erschrocken auf den sandigen Grund starrte.

Zhao
04.06.2004, 16:02
Langsam floss die Zeit hinweg und zog über das gesamte Land, wie ein unaufhaltsamer Strom. Wie von göttlicher Ebene erschaffen, umschweifte sie die Insel und ihre Insassen, die Pflanzen, Tiere, Wälder, Berge. Alles wurde von ihr mitgerissen, als seie es die bevorstehende Apokalypse, welche vor der Hausschwelle nur darauf wartete, bis sich die Türe öffne und sie unberechenbar hineinfallen könne.
Zhao nutzte jene Tage und Wochen um sich im allerhöchsten Maße fortbilden zu können. Tagtäglich wiederholte sich sein Trainingsablauf; morgens früh aufstehen, sich unmittelbar darauf im Laufschritt an den Strand begeben, dort bis in den kühlen Abend meditieren und am selbigen noch zurück nach Hause aufbrechen. Oft blieb er allerdings auch die Nacht hindurch an der Küste, nutzte jede freie Minute die er aufbringen konnte, um sich in der geistigen Kunst der Selbstbeherrschung aufs möglichst nächst höhere Niveau zu steigern. Und es war anstrengend, nicht nur geistig, sondern vor allem auch körperlich. Nach jeder Beendigung einer Meditationsphase wirkte sein gesamtes Ich vollkommen erschöpft, kraftlos und war umnebelt von leichtem Schwindel. Erst mit der Zeit begann der Novize dies zu verkraften und zu verdrängen, als seie es erst gar nicht anwesend. Immer schwerer wurde es allerdings, sich in einen weiteren Level der Kampfesmeditation einzupendeln. Ständig belehrte ihn Pang Tong aufs Neue, pausenlos ließ er den Einzelgänger üben. Das Wissen des alten Mannes schien für Zhao unbegrenzt und er verglich es auch des Öfteren mit der Endlosigkeit der weiten See, wobei ihm zumal auch immer ein Lächeln über die Lippen fuhr.
Dem Novizen war bewusst, dass er noch lange nicht so beherrscht sein werde, wie es sein Lehrer war. Er wusste ganz genau, dass er noch härter hätte arbeiten müssen. Mehrmals verbrachte er ruhelose Nächte unter der Hausdecke der Hütte seines Gastgebers aber auch war ihm der Schlaf schon ab und an sogar unter dem sanften Himmelszelt nicht wohl gesonnen. Zum einen strebte er nach einer Idee, die ihm hätte dabei helfen können noch schneller an die spirituellen Kräfte seines Lehrkörpers zu gelangen und zum zweiten überlies er seinen Gedanken einigen Rückblicken auf seine ehemaligen Tage in Khorinis und dem Kloster, sowie dem kurzen Abenteuer mit Clay.
Wohl ganze Nächte hindurch, gab er sich nicht dem Schlafe hin sondern dachte lächelnd an seine Erlebnisse auf der Insel des Myrthanischen Reiches. Mittlerweile hatte er es schon längst aufgegeben, an eine Rückreise zu denken. Wie denn auch, wenn er selbst nicht wusste, wohin er hätte Schiffern müssen? Das Meer war weit und riesig, und es erstreckte sich in alle Himmelrichtungen. Schon bei diesem Gedanken schlug der Novize abermals die Augen zu und kauerte sich zusammen, erschüttert von dem Antlitz seiner Gefangenschaft weit fern der Heimat. Und auch wenn Khorinis nicht wahrlich sein Zuhause war, so empfand er es als solches. Er selbst war nicht im Begriff, einen Grund dafür zu nennen. Genauso wenig waren wir Menschen im Begriff einen Grund für unsere Vorliebe für Fleisch zu erläuten. Gut, weil es schmeckt, vielleicht; aber es gibt reichlich Dinge die einfach nur schmecken. Warum gerade Fleisch? Aus welchem Grund neigen kleine Jungen dazu, sich schon im frühen Alter mit Schwertern zu beschäftigen? Ja, richtig. Es war nun mal so. Und genau aus demselben Anlass, empfand Zhao die Handelsinsel als seine Heimat, einfach so.
Lächelnd lag der Novize eines Abends unter den langen Blättern der Küstenbäume, die Arme hinter den Kopf verschränkt und darüber nachdenkend, was ihm bisher auf Bujun passiert war. Er blickte verträumt gegen die mit Sternen überfüllte Himmelsdecke und vergrub geistesabwesend seinen Blick inmitten der strahlenden Perlen, als ihn ein Lächeln überkam und ein Rückblick in die Vergangenheit einholte…
Die Lage war schlimm – Zhao war alleine auf die hohe See hinaus geschippert, mit dem Ziel etwas für das Abendessen fischen zu können. Er hatte vom späten Nachmittag bis in die Dämmerung in einem ausgiebigen Schlaf verbracht und erholte sich von den Anstrengungen des vorherigen Tages, als ihn plötzlich ein Unwetter überraschte, als er von Schreck erfüllt aufwachte und sich weit weg vom Strand inmitten einer übermächtigen Welle wieder fand.
Er versuchte sich mit dem Paddel zur Küste hin vorzuarbeiten, wiewohl so schweren Herzens, als ginge er seiner Hinrichtung hin, wusste er doch recht gut, dass sein Boot beim Landen unter der Gewalt der Brandung in tausend Stücke zersplittern würde. Dennoch; er befahl aus tiefstem Herzen Gott seiner Seele, und der heftige Wind trieb ihn immer weiter dem Strande zu. Aus Leibeskräften der Küste zu rudernd, beschleunigte er somit selbst seinen Untergang.
Ob die Küste selbst, felsig oder sandig war, ob steil oder flach, wusste er selbst nicht – es war Nacht und unter dem Wolkenüberdeckten Himmel selbst, drang nicht einmal noch das Mondlicht hervor. Die einzige Hoffnung, eigentlich nur der winzige Schimmer einer Möglichkeit, bestand darin, vielleicht in eine Bucht oder eine Flussmündung einlaufen und im Schutz der Ufer ruhiges Wasser finden zu können. Doch deutete nichts darauf hin die Küste zeigte sich vielmehr, je mehr er sich ihr näherte, noch schrecklicher als die See.
Als er nach seiner Schätzung etwa anderthalb Meilen gerudert, beziehungsweise getrieben worden war, raste plötzlich eine berghohe Welle hinter ihm her, um ihm wohl jetzt den Gnadenstoß zu versetzen. Sie packte ihn, kurz gesagt, mit solcher Wucht, dass seine kleine Piroge sofort umschlug. Sie schleuderte ihn aus dem Boot heraus, trennte ihn voneinander und lies ihn kaum Zeit zu einem Hilfeschrei.
Seine Bestürzung, als er ihn Wasser fiel, lässt sich wohl kaum beschreiben. Er war ein guter Schwimmer, aber in diesem Wasserschwall war er machtlos, und ehe er noch Luft holen konnte hatte ihn eine Woge auch schon ein gutes Stück dem Strande zu gerissen oder eigentlich getragen. Als sie sich dann überschlagen hatte und zurückrollte, lies sie ihn, halbtot von dem vielen geschluckten Wasser, auf dem Strand zurück. Obwohl fast atemlos, besaß er doch noch soviel Geistesgegenwart, sich sofort aufzurichten, sobald er gemerkt hatte, dass er dem festen Land näher war, als er zunächst vermutet hätte. Aus Leibeskräften schwamm er dem rettenden Ufer zu, bevor ihn eine neu anrollende Welle wieder zurücktrüge. Aber dies schien unmöglich, schon sah er die See hinter ihm herstürzen wie einen gewaltigen Berg, wie einen bösen Feind, den abzuwehren er zu schwach war. Alles was er tun konnte war, die Luft anzuhalten, möglicht über Wasser zu bleiben und so, auf seinen Atem achtend, dem Strand zuzuschwimmen. Am meisten fürchtete er, von den zurückflutenden Wogen wieder ins Meer hinausgetragen zu werden, nachdem ihn die Brandung am Strand bereits näher gebracht hatte.
Die jetzt heranstürzende Welle begrub ihn sofort zwanzig bis dreißig Fuß tief in ihrem Wasserschwall; dabei hatte er die Empfindung, mit unheimlicher Gewalt und Geschwindigkeit ein weites Stück dem Strand zu gerissen zu werden. Er hielt den Atem an und schwamm mit ihr aus Leibeskräften mit. Schon meinte er, die angehaltene Luft müsse ihm die Brust zersprengen, da fühlte er sich, zu seinem Glück, hochkommen. Kopf und Hände tauchten aus dem Wasser auf, wenn auch nur für zwei Sekunden, aber das ließ ihn wieder Luft holen und gab ihm neuen Mut. Abermals geriet er eine ganze Weile unter Wasser, doch nicht so lange, um es nicht aushalten zu können. Als er fühlte, dass sich die Welle erschöpft hatte und wieder zurückrollen würde, arbeitete er sich gegen sie vorwärts und hatte bald Grund unter den Füßen. Sand kitzelte seine Zehen. Einige Augenblicke stand er still, um Atem zu schöpfen und das Wasser von sich ablaufen zu lassen. Dann rannte er mit letzten Kraftreserven den Strand hinauf. Aber auch diesmal entkam er nicht den wütenden Wogen, die aufs Neue über ihn hinstürzten. Zweimal noch wurde er von den Wellen mitgerissen und wie vorher weit nach vorne getragen, weil der Strand sehr flach war.
Das letzte Mal aber wäre ihm beinahe tödlich ergangen. Die Brandung schleuderte ihn vorwärts und warf ihn mit solcher Gewalt gegen eine Felsenklippe, dass er die Besinnung verlor und hilflos liegen blieb. Der Stoß traf ihn an Seite und Brust, raubte ihm den Atem und Kraft zugleich. Wäre jetzt gleich eine neue Welle gekommen, er wäre unfehlbar ertrunken. Aber er kam kurz vor dem nächsten Brecher wieder zu sich, und als er merkte, dass die Wassermassen erneut über ihn stürzen wollten, klammerte er sich in raschem Entschluss fest an die Klippe an und hielt den Atem so lange an, bis das Wasser wieder zurückgeflutet war. Da die Wogen wegen der Nähe des Landes hier nicht mehr so hoch gingen wie vorher, gelang es ihm, sich festzuhalten bis ihre Gewalt nachließ. Sofort rannte er dann den Strand weiter hinauf, und wenn auch die nächste Welle noch über ihn wegginge, so konnte sie ihn doch nicht mehr fortspülen. Mit dem nächsten Sprung hatte er bereits festes Land erreicht. Glücklich kletterte er das Ufer hinauf und setzte sich, weit weg von der Sandbank, ins Gras - außer Gefahr und aus dem Bereich der Brandung.
Ein tiefer Seufzer entfuhr seiner Kehle und sogleich folgte ein schräges Lächeln seiner Lippen „Denn Glück wie Schmerz erschüttert, kommt es jäh.“

Zhao
04.06.2004, 16:19
Langsam erhob sich der Körper des Novizen und baute sich vor den unermesslichen Weiten des grünlichen Meeres auf. Erholend füllten sich seine Lungen mit kühler Morgenluft, die straffe und muskulöse Brust wölbte sich nach außen hin und in Begleitung eines verträumten Seufzen, lies er sie wieder in sich fallen. Ein letztes Mal noch genoss er das herrliche Antlitz der Savanne und kurz darauf begrub er das schwach flackernde Lagerfeuer unter einigen Scheffeln Sand. Kaum hörbar zischte ein Qualmwölkchen unter den winzigen Hügeln hervor, als die harten Finger ein letztes Mal noch durch den Boden fuhren und einen weiteren Sandberg aufschaufelten.
Zufrieden packte Zhao seine Sachen in den Sack, rollte die Felle zusammen, stopfte sie hinzu und warf sich das Zeug über die Schulter. Noch ein guter Schluck vom selbstgekochten Brennnesseltee floss in ihn hinein, dann hängte er sich auch jene Feldflasche unter die Schärpe und schritt durch den warmen, feinen Kies, landeinwärts.
Von einem herzerfreuten Gemüt erfüllt, schlenderte der Einzelgänger über Wiesen und Wälder, folgte immerzu demselben Pfad, welchen er tagtäglich beschritt. Ständig die gleiche, unveränderte Landschaft vor dem Blickfeld und jedes einzelne der Male, die er inmitten der Pflanzen, Bäume und Felsen verbrachte, glich trotz allem nicht im Geringsten einem der anderen. Es war ein geradezu atemberaubender Anblick, all die aneinander geschlichteten, in leichtes orange getauchten Baumkronen, die vorsichtig hinzu gewachsenen Büsche und sich wogenden Wiesen. Ähnelnd einem sanft vor sich dahin lebendem See, glitten die Gräser aneinander, wogen in verschmolzener Bewegung, zugleich eine tänzelnde Brise über sie hinweg zog.
Allmählich näherte Zhao sich der Pfadkreuzung und als er an ihr stehen blieb, schweifte sein wissensgieriger Blick über die rechte Schulter, in Richtung des südlich gelegenen Flusses Erinin. Kurz überlegte sein Kopf und überzeugt durch die abenteuerlichen und zugleich infamen Gedanken seiner selbst, strebte er den Umweg an. Oft war er in dieser Gegend auf der Pirsch gewesen; Pang Tong an seiner Seite und dessen wohlgemerkte Worte über die Jagd und ihre Tücken. Doch hatte ihm sein alter Freund in all der Zeit, die sie gemeinsam verbracht hatten beigebracht, dass er sich beruhigten Herzens auch alleine in das Gebiet wagen konnte.
Nicht allzu sehr lag es an der Zeit, als er bereits die hölzerne Brücke erreichte und jene, mit lautem Knarren unter den Füßen, überquerte.
Plötzlich sprang ihm etwas ins Auge. Mehrere Samurai ritten in seine Gegenrichtung und aus der Ferne waren die Staubwolken, welche die Pferde aufwirbelten, deutlich zu ersehen. Noch bevor sie an Zhao vorbeikamen, bogen sie rechts ein und setzten ihren Weg in östlicher Richtung fort. Der junge Novize des Feuers folgte den Kriegern und fand sich einige Zeit später, wieder vor einer Kreuzung ein. Leicht irritiert blickte er um sich, versuchte nach Spuren der heiligen Kämpfer zu suchen, doch war es vergebens.
Zhao lies abermals suchende Blicke von sich fallen, spähte bis weit hinaus über die Länder und Weiden. Erst einige Momente später, als der junge Mann gerade dabei war gen Norden aufzubrechen und die Verfolgung zu beenden, zuckte etwas in seinen Augenwinkeln auf. Sofort schrumpften die dunkeln Pupillen ineinander, schützten ihr Inneres vor dem grell aufstrahlenden Sonnelicht, als der Blick des Einzelgängers über die östlich gelegene Steppe fiel. Ihre güldene Pracht widerspiegelte die Strahlen und Farben der Sonne nach allen Richtungen hin, lies sie von sich abgleiten wie Wasser von Glas. Die sandige Schönheit überfüllte einen angemessenen Teil der Insel und war eingeengt durch die beiden Flüsse Ginja und Maltor, sowie durch die südlichen Bergkämme und auch wenn man dies bedachte, glich sie einem von Sand übersätem Meer.
Doch es war diesmal nicht die Landschaft, die Zhaos Blick in seine Fänge zog, sondern etwas anderes - ein winziger Punkt funkelte inmitten der Bildfläche auf. Rastlos wuchs er immer weiter, gewann mehr und mehr an Größe, als er schlussendlich dem Novizen entgegenzustreben schien. Und in dem Moment, als Zhao blinzelte, stand nur unweit von ihm entfernt, eine schlangenartige Gestalt (http://taric.cult06.com/mirage.jpg).
Geschockt schlugen seine Lider auseinander und zugleich fesselte eine Schlinge sich um seinen Korpus. Wie ein mentales Seil umschlängelte es ihn an den Arm- und Fußgelenken, Hals und Oberkörper. Ähnelnd einem Heer aus Pferden, versuchte ihn die unbekannte Kraft in ihre Richtung zu ziehen, zu reißen. Widerwillig stemmte er sich dagegen, knirschend presste er die Zähne aneinander, setzte alle ihm nur mögliche Macht ein, sich zu widersetzen. Mit jedem Muskel den er zusätzlich zur Arbeit zwang, erstreckte sich die Überlegenheit seines Kontrahenten ins Endlose. Verzweiflung raste durch seine Adern und Venen, überfüllte sie. Jedes einzelne Körperglied wurde von Wehmut gepeinigt. Langsam schwand die Luft dahin, die Fesseln um seinen Hals verengten die Luftröhre ohne Anzeichen auf ein erhofftes Ende. Trotzdem rang der Einzelgänger kaum nach Luft, konzentrierte sich einzig und allein auf seine Flucht vor dem Unbekannten. Mit jeder Sekunde die verging, zog sich die Spur welche er in den sandigen Boden grub immer länger dahin, und zugleich wurde der Abstand vom Gegenüber immer kleiner. Qual wurde ihm nicht ins Gesicht geschrieben, sondern förmlich hineingeschlagen, als wäre er das Kunstobjekt eines Steinbildhauers und Pein das Werkzeug für die Vollendung.
Die unsichtbaren Schlänge erhöhten ihren Druck und spannten sich noch fester um des Ordenbruders Haut. Unaufhaltsam riss der Novize an seinen imaginären Ketten, wollte einfach nicht aufgeben. Wie ein Bär brüllte er um sich, ballte seine Hände und schlug ins Leere, wütete umher als gäbe es nichts, wofür es sich noch lohnen würde weiterzuleben und zugleich rieben die Fesseln an seinem Leib, wie eine Säge an einem Baum. Unvermeidbar rannen die ersten Bluttropfen unter den Schlängen hervor, über die Arme und geballten Muskeln und verzierten den Körper mit feuerroten Rinnsalen – Zhao gab auf.
Der Feind zog unaufhaltsam weiterhin an den Fesseln und als der Novize des Feuers noch einen letzten Versuch wagte, seinen schweißübergossenen Kopf erhob, die Lider spaltete und die angsterfüllten Iriden hervortraten, starrten sie in die Augen des Gegenüber und was er sah, lies ihn stocken. Von Furcht erfüllt, von Furcht die er als solche noch niemals gekannt hatte und mit Sicherheit als solche niemals hätte kennen lernen wollen, schwand sein Atem davon, die Arme fielen schlaff hinab, streckten sich dem Boden zu.
Mit größter Vorsicht schloss sich der Lidervorhang, sein Herz pochte mit immer längeren Abständen und schlussendlich schlief er ein ... (kommtdannirgendwann^^)

Zhao
09.06.2004, 17:18
Ein leichter Schmerz hauchte bis hinauf in Zhaos Kopf, ging von der Brustgegend aus und flocht sich dahin, über Rippen und durch Muskeln. Der Einzelgänger lag in einem Raum, ihm war schwindelig, alles vernahmen seine dunklen Augen nur mit leichter Unschärfe und ein unangenehmes Gefühl fuhr durch seinen zitternden Körper. Wieder stöhnte er kurz auf, dann, urplötzlich, richtete er sich auf und prustete aus sich heraus. Hustend und begierig nach Luft ringend zugleich, hielt er sich die Hände gegen die Stirn gepresst; ihm war übel und Müdigkeit hatte ihn schon die gesamte Zeit über peinigend alle Kräfte geraubt. Er hielt das Husten zurück.
„Hey, Kleiner“, eine sanfte Stimme flüsterte ihm ans Ohr. Zhao wagte es nicht sein Haupt in ihre Richtung zu wenden, allein nur der Schmerzen willen und jene zurückzuhalten „du bist ja endlich wach. Geht’s dir gut?“
Die männliche Stimme schien besorgt, einen Moment lang verharrte sie. Der Novize jedoch lies seine Handballen immer noch gegen die Stirn gepresst, traute sich dieses Mal aber einen kümmerlichen, armseligen Blick zur Seite zu werfen. Langsam drehte er seinen Nacken, der Kopf so schwer als wäre er aus Blei, die Arme entkräftet, ausgesaugt wie eine leere Flasche und da erblickte er sie – warm, gütig, erfreut, die Augen seines Gegenüber, die Augen des alten Pang Tong, welcher ihm ein beherztes Lächeln schenkte. Zhaos Mimik trat eine Veränderung an, schien ebenfalls zu lächeln zu versuchen und Worte zwischen den Lippen hervor zu bringen.
„Ich –“, er verfiel aufs Neue in einen tiefen Schlaf.

Zhao
09.06.2004, 17:22
Zwitscherndes Gesänge und Pfeifen lauthalsiger Vögel erfüllte die Luft. Lauwarme Winde zogen durch das lebendige Dorf Bujun’s, während güldene Sonnenstrahlen von der wolkenfreien, herzigen Himmelsdecke auf die Insel fielen. Wieder einmal zeigte sich das ebene Land von seiner prächtigsten Seite und eingehüllt von Wärme und sonnigem Licht, lies es ein Antlitz von sich gleiten, wie man es allerhöchst im Paradies erwartet hätte. Die grasüberfüllten Gebiete, gelbbraunen Dünen und rostigroten Berghänge und Täler vereinten sich zu einer unwiderruflich prächtigen Mischung aus Schönheit und Perfektion. Aufs weitere hatte sich gezeigt, dass die Entstehung der Erde und allen Lebens, niemals hätte ein Zufall sein können.
Im nächsten Augenblick rutschte ein Griff nach unten und ihm folgend schwang die knarrende Holztür nach außen auf; ein leichter Windstoß glitt hindurch, hüllte kurzzeitig Zhaos Gesicht ein und verflog sich ins Innere des Raumes. Mit einem ernsten Blick schritt der Einzelgänger behutsam ins Freie, lies die Türe hinter sich zufallen und beäugte die Umgebung, während sich das strahlende Hell der Sonne, in seinen Pupillen widerspiegelte. Als er Pang Tong erblickte, wie jener in seinen morgendlichen Meditationen vertieft war, lächelte der Novize auf und schritt davon, in Richtung des alten Mannes.
Möglichst leise und ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, kniete er nieder, verschränkte die Beine übereinander und setzte sich behutsam auf den weichen Boden, gleich neben seinen Mentor. Jener hatte nichts von der Anwesenheit des jungen Einzelgängers bemerkt, war immer noch versunken in der endlos tiefen Welt seiner Seele. Ein letztes Mal noch sah Zhao zum alten Kerl hinüber, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. Seine Lippen zuckten auf, verformten sich dann aber wieder und ein eisig kaltes, beinahe dämonisches Lächeln zeichnete sich in der Mimik des markanten Gesichtes ab.
Zhao schloss die Augen, sog die lauwarme Luft durch die Nase ein; sein Brustkorb schwoll an und schon verlies er die Ebene der Realität …

… Rascheln.
Ein Knarren ertönte, leise, beinahe unhörbar, aber doch. Umgeben von Geäst, dicken Baumstämmen und dichten Blättervorhängen kniete der Novize im Unterholz; spähte vorsichtig zwischen den winzigen Lücken der hiesigen Pflanzenreihen und Gebüsche wie ein Adler hindurch. Gehorsam wartete er, verweilte eine geraume Zeit lang, bis ihn etwas aufzucken lies und er scheinbar gefunden hatte, wonach er suchte.
Die Lider zu Schlitzen verformt sprang er aus seiner Position über dem Busch hinweg und rannte los. Immer schneller und schneller beförderten ihn seine Beine in Richtung des Tales, immer weniger Zeit hatte er, den Hindernissen auszuweichen. Pausenlos hechtete der Novize des Feuers an Stämmen vorbei, sprang in langen Schritten über Gruben und duckte sich ständig unter herabhängenden Ästen hinweg. Schon bald fand er aus dem Unterholz den gesuchten Weg ans Freie.
Ernsten Blickes stand er am Waldrand, blickte über das Panorama, genoss es aufrichtig, konzentrierte sich allerdings viel eher darauf, was er zu erledigen hatte. Langsam sah er sich um, suchte nach dem Ziel doch alles was er fand, war Leere auf einem Weidefeld überdeckt von Gestein und bergigen Hügeln, die über den Grund verteilt hervorragten, wie Schneckenhäuser.
Doch im nächsten Moment erweckte etwas anderes die Aufmerksamkeit des Novizen. Ein leichtes Beben lies die Umgebung erzittern. Bäume schüttelten ihre Blätter von den Kronen und trennten sie von ihren Ästen. Ein Krachen, ähnelndem Donnern, schien mitten unter der Erdoberfläche seine Quelle zu finden. Verwirrt versuchte Zhao sein Gleichgewicht bestmöglich zu halten, doch schon bald war alles vorbei.
„Du hast dich verändert mein Junge, deine Aura verrät es.“
Zhao wandte sich zurück und erblickte Pang Tong, während jener sich im Geäst eines Baumes verschanzt hatte und auf ihn einsprach.
„Es ist natürlich, dass Dinge sich verändern. Genauso wie es mit Menschen und allen übrigen Lebewesen geschieht. Trotzdem wundert es mich ein wenig, wenn ich mir deinen Geist genauer ansehe. Er scheint mir eigensinniger geworden zu sein. Vielleicht sogar … erwachsen.“
„Ach, es hilft ja doch nichts euch zu widersprechen.“
Auf diese Antwort hin musste Pang lachen, dann fuhr er fort.
„Da hast du wohl Recht mein Lieber und aus diesem Grunde, möchte ich dir ein Geschenk anbieten, allerdings nicht umsonst.“
„Ja? Ich höre?“
“Ich werde dich prüfen, sehen ob du in den vergangenen Tagen dazugelernt oder vergessen hast, ob du gereift, gesprossen oder verwelkt bist, wie die zarten Blüten einer Sommerblume“, dann hielt er inne, schien auf etwas ganz bestimmtest zu warten; auf eine ganz bestimmte Frage seines jungen Schülers.
„Und wie soll diese Prüfung aussehen?“
Ein eiskaltes Grinsen zeichnete die Lippen des Alten, schon war er abgesprungen und stürmte auf den unglaubwürdig blickenden Novizen zu.

Zhao
14.06.2004, 17:23
OT: wer den folgenden Text wirklichen genießen will, der sollte an dieser Stelle (falls vorhanden) „Ai Vis Lolop“ von In Extremo abspielen. passt ziemlich gut zum text ;-)

Von einem Moment auf den anderen, hatte Pang Tong sich aus dem Geäst hinab geworfen und zum Angriff auf Zhao angesetzt. Die Augen des Einzelgängers schossen auseinander als er seinen Mentor auf ihn zurasen sah. Verwirrt und stocksteif stand er da, nicht ahnend was ihn wohl erwarten würde, nicht wissend was er tun müsse, eine Sekunde der Verzweiflung arbeitete daran ihn in Dunkelheit und Verlust zu ziehen.
Plötzlich ein lautes, dumpfes Knallen, als treffe der Bug eines Schiffes gegen morsche Holzwälle – schon flog Zhao durch die Luft, nach einem harten Treffer seines Gegners. Wuchtig wurde er zurück geworfen, landete mehrere Meter vom Alten entfernt, schmerzvoll auf dem Rücken. Keuchend rang er nach Luft und drückte sich den Handballen an die Wange, als zeitgleich seine Finger von Wärme umgossen wurden. Blut rann ihm aus einer Wunde in der Unterlippe, seitlich weg, er konnte es fühlen, warm und flüssig verschmierte es sich auf seiner Hautoberfläche. Trotz alledem, verging der Schmerz schon bald, dann reckte er sich auf. Langsam, ohne Eile und Begierde ihn zu stürzen, wie eine Wiedergeburt stemmte der angespannte Körper sich gen Hoch, baute sich auf als setze er zur unvermeidbaren Apokalypse an. Wie tollwütige Blitze schlugen seine Blicke in Richtung des Gegenüber, nicht wütend, nicht hasserfüllt ... sondern um ihn bangend.
„Mhm, dies soll also eure Prüfung sein …“, meinte er auf den Erstschlag des Alten hin.
„Hehe“, Pang lachte höhnisch auf „nein mein Junge, nicht meine … deine.“
Zhao war sich gewiss, dass er hier kein leichtes Spiel haben würde. Sein Mentor war erfahren, schnell, stark und mit Sicherheit ein würdiger Gegner, doch der Einzelgänger wusste genau: Wer seinen Lehrmeister nicht zu übertreffen weiß, ist nur ein armseliger Schüler.
Konzentriert schloss er somit die Augen, flößte sich diesen Satz in den Kopf und sammelte all seine inneren Kräfte, vereinte sie miteinander zu einem Bauwerk der Unzerreißbarkeit. Tief sog er die Luft in seine Lungen, spannte jede nur erreichbare Ader und Sehne unter Druck von Angst aber auch Hoffnung und Bangen um einen nahen Sieg. Geist und Seele vereinten sich zu einer Waffe Gottes, deren unerschütterliche Kraft mit nichts zu vergleichen war, mit nichts außer mit sich selbst. Eine Druckwelle der Ungehorsamkeit erfüllte die Luft nach allen Seiten, als Zhao sich gen Himmel richtete und die Agonie eines Dämons aus sich herausbrüllte. Alles erzitterte um ihn herum, wurde vom aufgewirbelten Wüstensand vernebelt, als die beiden Recken inmitten des Ereignisses wie hinter sichtlosen Vorhängen verschwanden.
Dann riss der Einzelgänger seine Augen auf. Er war bereit für den Kampf, doch schon hatte Pang Tong aufs weitere angegriffen, ohne Vorwarnung.
Sofort richtete der Novize sich auf, sprang nach hinten weg und landete auf einem der steinernen Hügel. Sand wurde von einem Fuß aufgeschaufelt, der Alte katapultierte sich vom Grund in die Luft und ließ einen Schlag nach dem anderen auf seinen Schüler einfahren. Beide hechteten sie über den Wüstenplatz, der Novize ständig in der Defensive, während ihm der Alte nachjagte und unaufhörlich Fäuste nach ihm warf.
Da! Geballte Finger stürzten geradewegs auf das Gesicht des Novizen zu, als sich jener unter ihnen hinwegduckte und sie gegen einen hinter ihm stehenden Gesteinsberg kollidieren ließ. Im Bruchteil einer Sekunde zeichneten sich hunderte Rillen entlang der Oberfläche des Hügels und ließen jenen wie ein Glas in kleinste Teile zersplittern. Ohne dem Geschehnis Aufmerksamkeit zu schenken fochten die zwei Kontrahenten unaufhaltsam weiter, Pang Tong aggressiver denn je.
Im nächsten Augenblick ging Zhao in die Knie, blockte einen von oben kommenden Schlag und warf sich nach hinten zurück. Er setzte einen Rückwärtssalto an und sprang in die Luft, doch sein Gegner ahnte den Schritt. Der alte Waldstreicher folgte Zhao nach oben und platzierte einen betonharten Treffer in die Brust des Novizen. Orientierungslos blieb ihm nichts anderes übrig als sich von der Erde wieder anziehen zu lassen und noch kurz bevor er gegen den Boden krachte, war Pang Tong unten angekommen und setzte noch eins nach. Wieder brach ein Luftzug aus ihm heraus und ihm folgend schnappte der Novize hastig nach Atem, als ihn schon die Kampfwerkzeuge seines Meisters aufs Neue eingeholt hatten und ruhelos nach ihm jagten.
Es war kein Kampf den sie da führten, es war eine bitterliche Schlacht. Kein Moment der Unachtsamkeit wurde dem Feind geschenkt, keine Sekunde der Rast wurde eingelegt. Pausenlos folgte eine Faust nach der anderen, ständig eine geballte Ladung Kraft mit sich tragend. Wie Katapulte feuerten sie ihre geballten Finger auf den Gegner ab und auf jedes Verfehlen hin, folgte ein gnadenloses Donnern der Luft. Hitze breitete sich aus, der Schauplatz hatte seine Maske gewechselt, war vom friedlichen, grasüberdeckten Land in eine zweite Hölle gewandelt.
Krachend musste Zhao den staubigen Boden küssen, nachdem der letzte Fausthieb seines Meisters hart mit dem angespannten Oberkörper kollidiert war. Er lag da, den rechten Unterarm am Boden abgestützt und mit der linken Hand über sein Gesicht fahrend – grinsend hievte er sich aus dem sandigen Grund, stellte sich auf und wartete gespannt auf die nächste Reaktion seines Gegners.
Pang Tong war außer Atem - er schwitzte. Brennend heiße Perlen der Kraftlosigkeit rannen ihm in Strömen über das Gesicht, verdeckten es beinahe wie Vorhänge ihre dazugehörigen Fenster. Seine Lungen brannten, die Arme vollkommen erschlafft. Muskeln zerrten aneinander, so sehr schien er sich einen Schluck Wasser gönnen zu wollen und umso eher ein sichtbares Ende dieser unmenschlichen Raserei. Aufplatschend vereinten in der bitter schwülen Luft mehrere glitzernde Tropfen ihre Existenz mit dem trockenen Sand, bebende Lippen trennten sich und unter ihnen krochen gerade noch schwache Worte hervor, um halb vom heftigen Wirbelwind davongetragen zu werden „W- wie hast du das gemacht?“, Pang Tong schluckte, unregelmäßig und in Eile füllte er seine Brust mit staubiger Luft, dann fuhr er fort „Eine solche Kraft habe ich nicht mehr gesehen, seit den Ninjitsus am Strand. Diese Ausdauer ist bemerkenswert, du müsstest längst am Boden liegen und um Vergeben betteln.“
Ein Funkeln in seinen Augen, ein Blitz der Beherrschtheit, ein Erwachen. Es war nicht die Wut, welche Zhao einen Überschuss an Kraft verlieh, es war nicht die Rache für Demut oder ähnliches, es war einzig und allein der Wille der ihn förmlich dazu trieb, sich hochzurecken und weiterzumachen.
„Ich bin nicht jemand, der davon Träum möglichst mitreißende Reden um sich werfen zu können, aber momentan fällt mir nichts Fantasievolleres ein als: Beenden wir die Prüfung.“, meinte Zhao in ironischem Tonfall, wischte sich ein paar Male über seinen Anzug und ging in die Knie – er stürzte los.

* * *

Eine Unendlichkeit zog sich dahin, Pang Tong lag flach über dem Boden. Er hustete und versuchte den geschluckten, trockenen Staub aus seiner Mundhöhle auszuspucken. Zhao und der Waldstreicher blickten sich gegenseitig an, dann formten sich ihre Gesichtszüge zu einem Lächeln.
„Bestanden ... soviel dazu.“

Yun
14.06.2004, 17:25
... Monate später ...

Blinzelnd teilten sich die Lider des unbekleidet daliegenden, jungen Mannes. Entkräftet lag er auf den steinigen Grund zusammengekrault, die Umgebung verschwommen und verflossen wahrnehmend. Sein Körper war erschlafft, die Muskeln weder fest angespannt, noch locker, sondern in einer unbekannten Phase ihres Daseins, als wären sie zum allerersten Male seit ihrer Schaffung benützt, geschweige denn angestrengt worden. Alles wirbelte mit fataler Geschwindigkeit in kreis-, ellipsenförmigen und ovalen Bewegungen wellenartig vor seinem Auge um ihn herum, zerrte sich durch die Luft wie auseinander gezogener Kaugummi. Immer noch schien er sich nicht von seinen Wunden erholt und den scharf stechenden Schmerz, der unaufhörlich an seinen Sehnen zu zerren schien, verdrängt zu haben.
Ein schwacher, von Tränen begleiteter Blick wandte sich in Richtung des dunklen Himmels, der klar und sternenfrei über die Nacht herrschte und ihr am heutigen Abend eine sonderliche Ruhe einzuflößen vermochte. Selbst der sonst so vorlaut kreischende Wind hielt sich in diesen Momenten der Stille verkrochen und lautlos in unbekannten Weiten entfernt. Eine unsichtbare Wand schien sich zwischen ihn und die Umgebung standhaft gestellt zu haben, sodass selbst Zhaos Haar am Ende der Klippe über der brausend wütenden See nicht zu wippen vermochte.
Und in der von Donner angetriebenen Agonie mit der die Brandung sich gewaltvoll an die steinigen Klippenwände presste, fiel die sanfte Wasserperle von der Wange des Neugeborenen sanft und lautlos zu Boden...
„...Zhao.“

Talker
14.06.2004, 17:27
Verdammt seien wir alle, wenn wir uns der Gnade Gottes unterordnen würden, an etwas über uns gestelltes glauben, es huldigen wie einen Heroen; einen besonderen, über uns stehenden, allmächtigen Herrn.
Es ist widerwärtig und abstoßend, sobald man sich auch nur eines winzigen Blickes würdigt, sieht, mit welch absoluter, unantastbarer, unüberschätzbarer Willenskraft sich Menschen darin verfangen, dem über ihren Köpfen geglaubten, an kostbarster Zeit verschwenden ihm ihre Unterwürfigkeit zu beweisen.
Vieles erinnert an Vergleiche; Soldaten gehorchen ihrem Befehlshaber, Kinder ihren Eltern, selbst Tiere, bestimmt nicht die intelligentesten Wesen unter uns, kennen Furcht vor dem Stärkeren unter ihres gleichen. Doch eines sollte gesagt sein und niemals vergessen: es sind bloß Vergleiche!
Sie alle haben nicht Respekt vor dem anderen, weil sie es wollen, sondern weil sie es teilweise müssen, dazu gezwungen werden, dazu befehligt, dazu gelehrt und selbst erlernt. Auch wissen sie genau, dass es ihren höher stehenden tatsächlich gibt; Gott aber, wurde bisher noch von niemandem gesehen. Der alleinige Herr wird gehuldigt, in jeder Sekunde, zu jeder Tageszeit, an jedem Ort.
Und auch wenn manche unter uns versuchen, sich von dieser Seite abzuwenden, kehrt die Sehnsucht, die plötzliche Anhänglichkeit zum heiligsten aller Väter, in jenem Augenblick zurück, indem es gilt, sein Leben nicht zu verlieren. Eine vollkommene Lösung dieser Kette, ist somit genauso unmöglich, wie Wasser zu Stein erhärten kann, auch wenn man es noch so sehr wolle, es noch so sehr versuche.

Oft dachte ich darüber nach, oft habe ich mich darin verhangen und davon geträumt … nicht nur während ich schlief.

Doch zurück zu meiner Erzählung. Alles was ich erreichen möchte ist, nicht zu erreichen alle von der Unabhängigkeit zu Gott zu überzeugen, sondern der Menschheit klar zu machen, dass es nicht nur Wichtigeres in ihrem Leben gibt, wie Kinder, Familie und ähnliches, sondern das sie sich selbst daran erinnern, was von Bedeutung und was Infamie ist.

Zhao
14.06.2004, 17:28
Zhao kniete nieder, an eine dunkle Wasserpfütze die als einer der letzten Zeugen vom regnerischen Vortag ihre Reise ins Ungewisse noch nicht angetreten hatte. Er beugte sich über sie hinweg und blickte tief hinein, in seine Augen, dunkel, wie sie waren, die schweißübermalten Haare hingen in leicht lockigen Strähnen hinab. Dann schien er etwas in dem winzigen See zu erblicken und zog die Brauen zueinander. Interessiert neigte er sich hinab, streckte seine Finger leicht gebeugt aus und glitt über die Oberfläche der seichten Lache hinweg, bemalte sie vorsichtig als zeichne er die Schönheit der Aphrodite an den abendlichen Himmel – seine Lider schlugen auf.
Die Fläche wandelte ihre Farbe, härtete von dem Punkt aus an dem der Novize damit in Berührung gekommen war. Der Schreck war unbeschreiblich groß, unbeschreiblich schnell da gewesen und genauso leicht war es in Worte zu verfassen, was sich soeben vor ihm abspielte.

Er stand angsterfüllt auf, seinen Blick wandte er nicht vom Geschehnis ab und als er aufstand um davon zu gehen, spürte er eine Art Verkrampfung im Bein. Und er gefror zu Stein.

Talker
14.06.2004, 17:30
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