View Full Version : Khorinis #11
Der Pass zum Minental
Etwas helles, glänzendes kam über Dumaks Schulter geflogen und noch ehe er erkannt hatte, was es war, traf es auf einen der Felszacken tief unter ihm und zerplatzte mit unnatürlich lautem Knall in tausend Splitter.
»Meine Flasche! Das war meine Flasche!«, rief er aufgeregt und empört zugleich.
»Ach, wie gewonnen, so zerronnen«, resignierte er und merkte, dass er nun plötzlich angehoben wurde. Jemand stellte ihn auf den Boden ab. Es war Gor na Jan. Für den riesigen Templer war es ein Kinderspiel gewesen, den Barden emporzuheben und ihn aus dem Gefahrenbereich zu tragen. Doch noch ehe sich Dumak bei Esteban und Jan für seine Rettung bedanken konnte, erhob sich plötzlich ein großes Rauschen und Stürmen und aus dem Talkessel unter ihnen brauste ein Sturmwind wie aus dem Nichts. Und er wirbelte im Kreis und Nebel sammelte sich in ihm und verdichtete sich und ihm schien, als würde er ein Gesicht, ja eine ganze Gestalt mit Armen und Händen ergeben.
Und dann rauschte es wie aus dunklen Tiefen und ihm war so, als würde sich eine Stimme erheben.
»ICH BIN FREI!!!«, donnerte es von irgendwoher, ohne, dass sich die Quelle der Stimme bestimmen ließ. Sie war einfach überall.
»ENDLICH FREI!!! NACH MEHR ALS TAUSEND JAHREN ... ICH MUSS MEINE BRÜDER FINDEN UND IHNEN DAVON BERICHTEN ...«
Der Sturmwind wie eine Windhose wirbelte in den Himmel davon und ließ alle ganz betäubt stehen.
Doch kam sofort darauf zurück.
»ICH BIN FREI!!«, donnerte es erneut von gefühlt überall. Wenn das so weiter ging, würden sich die Felswände ringsum noch genötigt fühlen, eine kleine Lawine los zu schicken.
»DU HAST MICH BEFREIT!«
Und er umwirbelte den Barden, der nicht wusste, wie ihm geschah.
»NENNE MIR DEINEN WUNSCH UND ICH WERDE IHN ERFÜLLEN, STERBLICHER!«, grollte es, als ob es aus dem tiefsten Fels käme.
»Ich... äh ...«, stammelte Dumak, ganz verblüfft und überwältigt und mit allem, was gerade geschah, völlig überfordert.
Doch dann kam ihm eine Blitzidee.
»Ich will lesen können, wie ein junger Go- ähm ... Gelehrter, meine ich«, sprach er hastig.
Don-Esteban
13.05.2025, 19:36
»... und Noten!«, rief ihm der Schwarzmagier geistesgegenwärtig zu. Er, der nach landläufiger Meinung tagtäglich mit Magie zu tun hatte, hatte die Situation am schnellsten erfasst.
»Genau, Noten. Also die will ich auch lesen können.«
Das magische Wesen erhob wieder seine Stimme.
»NUN GUT, DU SOLLST LESEN KÖNNEN, WIE EIN JUNGER GO-GELEHRTER! UND AUCH NOTEN! DEIN WUNSCH IST ERFÜLLT! UND JETZT GEHABT EUCH WOHL, NICHT LÄNGER WILL ICH AN DIESEM ORT VERWEILEN!«
Und das Brausen erhob sich ein letztes mal und die Gestalt wie aus Nebel oder Rauch entfloh in den Himmel und dann südwärts.
Dumak sah sich noch völlig benommen um.
»Was war das denn?!«, fragte er ganz perplex.
Don-Esteban
13.05.2025, 19:53
»Das muss einer dieser Wüstengeister gewesen sein, von denen einige Gelehrte berichten«, erklärte Esteban.
»Sie sollen in manchen lebensfeindlichen Wüsten zu finden sein, Dämonen wie die Ghul, Sila, Ifrit oder Marid, so heißt es, herrschen über die Stein- und Sandwüsten und sie treiben ihren Schabernack mit dem Menschen, die in Karawanen durch sie hindurch ziehen, beschwören Stürme auf, zeigen Truggebilde aus Sand, verwirren die Menschen und führen sie im Kreis herum, bis sie verdursten. Oder manchmal sind sie auch freundlich und sorgen dafür, dass die Karawanen Gefahren umgehen«, führte er weiter aus.
»Aber wie er nach Khorinis gekommen ist, vermag ich auch nicht zu erklären. Vielleicht besaßen die Orks des Minentals vor langer Zeit Kontakte in Wüstengegenden, weil es dort vielleicht auch Orkstämme gab oder gibt. Und dieser Dämon war dazu gedacht, ihnen beim Bau des Tempels zu helfen und wurde dazu in die Flasche gebannt mit all ihren Siegeln?«
Esteban ahnte die nächste Frage schon voraus.
»Warum die Flasche nun plötzlich so einfach zersprungen ist, wo sie doch früher unzerstörbar schien? Ich kann nur vermuten, dass die Magie, die Meditate im Wald beschworen hat, nicht nur den Schmutz vieler Jahrhunderte fort blies und die Siegel wieder frei legte, sondern auch gleich ihre bannende Magie derart schwächte, dass sie die Flasche nicht mehr beherrschte und das Material seine alten Eigenschaften wieder fand. Und dazu gehört eben auch Sprödigkeit.«
Ihm kam eine neue Idee. Er kramte kurz in seinem Reisebeutel und holte dann ein Pergament hervor, entrollte es und gab es dem Barden.
»Hier, lies!«
Dumak nahm es und sah die fremdartigen Zeichen irgendeiner wahrscheinlich sowohl zeitlich als auch räumlich weit entfernten Sprache.
»Scharmagzh'kaz grunzir belagh nierglaugl'amrak faszarm ..«, begann er die Hieroglyhen, die er zum ersten mal sah, flüssig zu lesen, als ihm der Magier das Blatt plötzlich schon wieder entriss.
Don-Esteban
13.05.2025, 19:59
»Scheint zu funktionieren«, meinte er dann kurz angebunden.
»Jedenfalls kein Grund, hier einen ganzen Weltenriss zu beschwören.«
Warum er ihm ausgerechnet diesen gefährlichsten aller Zauber gegeben hatte, blieb sein Geheimnis.
»Es scheint so, dass Go-Gelehrte die gleichen Fähigkeiten haben wie alle anderen, was das Lesen angeht«, bemerkte er dann noch, ehe er Dumak fragte: »Und, weißt du, was das, was du vorgelesen hast, hieß?«
»Keine Ahnung, was es bedeutete, aber genau das stand dort«, beteuerte er.
Er wusste noch gar nicht so recht, wie er damit umgehen sollte, dass er nun endlich lesen konnte.
»Kann ich jetzt auch schreiben?«, fiel ihm dann ein.
»Oder hätte ich mir das extra wünschen sollen?«
Don-Esteban
13.05.2025, 20:14
»Da hättest du wohl beim Aussprechen des Wunsches dran denken sollen.
Aber mach dir keine Sorgen. Da dir die Formen der Buchstaben schon vertraut sind, musst du nur noch lernen, deine Hand mit der Feder so zu führen, dass du alle Zeichen gerade und sauber schreibst. Achja, wo wir bei sauber sind ... natürlich musst du auch lernen, die Feder so aufzusetzen, dass sie nicht kleckst. Und die Tinte musst du auch zuzubereiten lernen aus Galläpfeln von Eichen und Eisenvitriol. Na gut, von mir aus kannst du sie auch bei Händlern kaufen«, schränkte er dann ein.
»Aber kommt, suchen wir den Tunnel, der uns am Pass vorbei ins Minental bringt. Hier haben wir genug geschaut.«
Und so kehrten sie allesamt um, um nach wenigen Wegbiegungen den Abzweig zu nehmen, der über eine Felsenbrücke in eine Höhle führte, die aus irgendeinem Grund mit einem der alten Minenschächte in der Nähe des Austauschplatzes verbunden war. Die Höhle war schmal und die großen Templer hatten ein wenig Mühe, sich durch die engen Gänge zu drücken. Jedes Ding hatte eben seine Vor- und Nachteile.
DraconiZ
13.05.2025, 22:59
Der Weißhaarige setzte sich auf einen Stuhl der vor ihm stand. Der Stuhl schien gänzlich aus Schatten zu bestehen und glänzte wie poliertes Obsidian. Vor ihm glänzte eine Gestalt und vertrieb um sie herum die Finsternis durch goldenes Licht. Sie setzte sich auf einen gleichen Stuhl vor ihm und schaute ihn gütig an. Unendliche Momente berührten sich ihre Blicke. »Heißt das ich bin nun endgültig tot?«, fragte der Assassine mit betonter Fassung. Er hörte Donnern in der Ferne. Um die Plattform auf der sie saßen kreisten acht mystische Zeichen, eingefasst in weiße hell glänzende Kreise. Um sie herum flirrten tausende giftgrüne Smaragdsplitter.. Schaute er von der Plattform in die Tiefe, so sah er einen Ozean aus tiefer blutroter Flüssigkeit. Er sah wie die Splitter immer wieder herunterfielen, sich tief in das Meer aus Blut gruben und wieder nach oben gegen die Siegel prallten.
»Nein«, meinte das strahlende Gegenüber sanft. »Es heißt, dass es jetzt Zeit wird zu festigen, was Françoise und du begonnen habt.«. Der Klingenmeister zitterte.
»Bisher sind die Siegel Fremdkörper in dir. Sie binden die zwei Kräfte zusammen, doch es ist wie ein Käfig für sie. Der Angriff gegen dich sollte über dein Blut deine Magie vernichten und dich von Innen ausbrennen«. DraconiZ schluckte. Die Vorstellung daran ängstigte ihn mehr als er zeigen wollte. »Durch die Siegel dringen die Splitter nicht durch. Nun bist du in Paralyse gefangen, weil der Konflikt nicht aufgelöst wird. Der Blut ist in Wallung und will sich mit der Magie verbinden, doch die Siegel lassen es nicht durch. Deine Freundin hat dich gerettet. Gleich zwei Mal«. Die golden schimmernde Gestalt lehnte sich mit ihrer rubinrot glänzenden Robe zurück.
Der Paladin fühlte sich völlig verloren. »Magie des Lichts, Magie des Schattens im Inneren. Die Siegel halten sie zusammen. Von außen will giftiges Blut hereinströmen und sich mit der Magie verbinden um mich auszubrennen«, rekapitulierte der Streiter. Sein Gegenüber nickte. »Wenn ich die Splitter hereinlasse sterbe ich«. Wieder nickte die Gestalt vor ihm. »Mein Blut kann ich nicht reinigen. Insbesondere nicht mit Magie. Auch sonst kann es Keiner von Außen«. Wieder Zustimmung. Diesmal ein Brummen. »Die Magie kann ich nicht nach Außen strömen lassen, dann verbindet sie sich mit dem Blut und ich bin tot«. »Mhmm«, kam als Antwort. DraconiZ stand ruckartig auf und schaute sich die ganze Umgebung an. »Tue ich nichts liege bis zu meinem unrühmlichen Ende auf dieser Bahre und bleibe in meiner Gedankenwelt in diesem Abyss«. »So ist es«, meinte der Goldene. Der Klingenmeister seufzte tief und beobachtete die 8 Siegel die sich um sie herumbewegten. Anders als vorher waren sie nicht ineinander verschachtelt. Sie standen vielmehr für sich alleine. Zumindest in dieser Ansicht.
»Was soll ich tun?«, fragte er hilflos.
»Das ist deine Aufgabe«, gab der Gast zurück.
»Mir fällt nichts ein. Es scheint ausweglos«, meinte Draco leise. Er ging einige Schritte. Überlegte, dann ging er noch ein paar. »Es ist Licht in der Dunkelheit und Dunkelheit im Licht. Alles ist eins und alles ist verschieden. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«
Die Gestalt neigte den Kopf zur Seite.
»Alles ist eins. Licht kann nicht sein ohne Schatten. Schatten nicht ohne Licht. Leben kann nicht ohne Tod sein. Tod nicht ohne das Leben. Die Magie ist Licht und Schatten. Das Blut ist Leben, die Splitter der Tod«.
Er schaute über den Rand der Plattform.
»Mein selbst ist Licht und mein selbst ist Schatten. Ich lebe und ich sterbe«. DraconiZ schaute auf die goldene Gestalt.
»Ich habe Angst Vater«, sagte der Streiter traurig und er zitterte.
»Ich weiß mein Kind«, antwortete Arion sanft.
Eine in blauem Astralton leuchtende Eule erschien am Horizont und setzte sich auf die Schulter seines Vaters. Er spürte, dass sie für ihn da waren.
Unendlich lange schien er dazustehen und einfach nichts zu tun. Dann lies er los. Hielt die Mauern nicht zurück. Er nutzte die Macht der Siegel, die mächtigen Prinzipien, um die vier Kräfte zu verbinden:
Gefahr verband Schatten und Tod
Sanftheit verband Licht und Leben
Erregung verband Schatten und Leben
Wandel verband Tod und Licht
Trennung verband Leben und Tod
Aufrichtigkeit verband Licht und Schatten
Die beiden übrigen Siegel Weiblichkeit und Männlichkeit flochten die übrigen Siegel zu einer gemeinsamen Basis zusammen.
Nach und nach wurde es wie es sein sollte.
Françoise
14.05.2025, 23:33
Ein langgezogenes Ausatmen, dann öffnete Françoise ihre Augen wieder. Es war das Ende einer mehrtägigen Meditation gewesen, die sie an der Wurzel eines Baums verbracht hatte. Einige Zeit nachdem die Oberste Feuermagierin und ihr Leibwächter Khorinis verlassen hatten, überkam Françoise abermals ein intensives Gefühl, welches sie nicht zuordnen konnte. Es erinnerte sie stark an das, was ihr bereits auf Argaan vor nicht allzu langer Zeit widerfahren war. Nur dass es sie dieses Mal fast überwältigte. Beinahe als wollte etwas mit Gewalt das Leben aus der Priesterin herausreißen. Es kam glücklicherweise nicht dazu und letztendlich verflog das Gefühl fast vollständig. Schon wie in Thorniara hatte Françoise versucht, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Abermals ohne Erfolg. War es ein Kontaktversuch aus der anderen Welt? Möglich. Gäbe es ein nächstes Mal und sollte es in der Intensität weiter wachsen, fürchtete Françoise schlimmes. Bisher gelang es ihr noch, der Angelegenheit Herr zu werden. Bloß war das kein Garant für die Zukunft.
Für den Augenblick blieb die Priesterin unter dem Baum sitzen und sah sich um. Nicht weit entfernt stand der Rote Hase. Das Pferd machte sich über das frische Grün her. Dann entdeckte sie Konstantin, der auf einem Baumstamm Platz genommen hatte. Er hatte sie nicht einen einzigen Moment in ihrer Meditation alleine gelassen. Ihn zum Leibwächter zu ernennen und damit einen Außenseiter, war die richtige Entscheidung gewesen. Wie wohl ein Paladin auf den Zustand der Obersten Feuermagierin reagiert hätte? Der Drache zeigte sich stoisch, genau was Françoise im Moment brauchte.
Ihre Blicke trafen sich.
»Danke für das Wache halten.«, sagte Françoise.
»Das ist schließlich der Grund, warum ich hier bin.«, antwortete Konstantin. »Nötig war es nicht.«
»Was meinst du?«
»Die Gegend hier ist wie ausgestorben. Keine Wölfe, keine Goblins, nichts. Nicht mal Vögel gibt es.«
In ihrer Meditation hatte Françoise von dieser Tatsache nichts mitbekommen. Zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Jetzt, da der Drache sie darauf hingewiesen hatte, fiel es ihr auch auf. Die Umgebung stand in voller Blüte und der würzige Geruch des Spätfrühlings lag in der Luft. Doch war da kein Vogelgezwitscher, kein Rascheln im Unterholz, nicht einmal das Summen von Insekten. Ob das mit den Vorkommnissen im Turm des Dämonenbeschwörers zu tun hatte? Die Vermutung drängte sich förmlich auf. Wenn sie sich als richtig herausstellte, war das ein Grund zur Sorge. Denn dann musste mächtige Magie im Spiel sein. Worauf die Priesterin sich noch keinen Reim machen konnte, war, dass die Bauern von Monstern in der Gegend gesprochen hatten. Auch von denen fehlte jede Spur.
Françoise erhob sich und glättete ihre Robe.
»Dann wollen wir mal weiter.«, sagte sie.
Konstantin bot der Priesterin an, auf dem Pferd Platz zu nehmen. Sie winkte ab. Nach dem tagelangen Sitzen musste sie sich einfach die Beine vertreten. So sehr Françoise das Meditieren genoss, so sehr verlangte es ihrem Körper nach Bewegung.
Der Bauernhof von Lobart war nicht mehr weit entfernt. Schon als sie den gewundenen Weg entlang der Felder nahmen, konnten sie sehen, wie sehr das Land sich selbst überlassen war. Unkraut sprießte wohin man sah. Hier hatte lange niemand mehr nach dem Rechten geschaut. Das Haupthaus, die Scheune und die große Windmühle waren zwar ebenfalls umringt von Wildwuchs, doch im Großen und Ganzen noch gut in Schuss. Das Bauernehepaar hatte den Hof vermutlich erst im letzten Jahr aufgegeben.
»Guck du bitte in der Scheune nach dem Rechten.«, sagte die Priesterin zu Konstantin. »Ich nehme mir das Haus vor.«
Die Eingangstür des Bauernhauses stand weit offen. Hatten Lobart und seine Frau den Hof so überstürzt verlassen? Im Nachhinein ärgerte sich Françoise darüber, nicht direkt mit den Bauern gesprochen zu haben, sondern ganz spontan losgezogen zu sein. Zu spät für Bedauern! Was machte es schon für einen Unterschied?
Langsam schritt die Oberste Feuermagierin durch die große Diele. Stühle lagen umgeworfen auf dem Boden und ein zerschlagenes Fass stand in einer Ecke. Jemand oder etwas musste ins Haus eingedrungen sein, um Chaos anzurichten. Also doch Monster? Françoise ging weiter. In der Küche bot sich ihr ein ähnliches Bild. Umgeworfene Möbel, auf dem Boden verteiltes Geschirr und dergleichen.
Die Stille des Gebäudes wurde dann von einem leisen Knarzen unterbrochen. Es hörte sich fast so an, als ob jemand mit den Zähnen knirschte. Françoise folgte dem Geräusch vorsichtig. Konstantin würde es nicht sein; der würde sich bemerkbar machen. Was auch immer es verursachte, war das erste Lebenszeichen seit sie Khorinis verlassen hatten.
Als die Priesterin die Tür aufdrückte, musste sie erkennen, dass ihre Vermutung nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte. Ein beschworenes Skelett stand mitten im Raum; die wenigen Bewegungen, die es machte, verursachten das knarzende Geräusch. Es dauerte nur einen Augenblick, dass sich der Untote der Anwesenheit der Obersten Feuermagierin gewahr wurde. Genauso lange wie Françoise brauchte, einen Zauber heraufzubeschwören. Im Brustkorb des herannahenden Knochenmanns formte sich eine glühende Sphäre. Es war die Manifestation eines Pyrokinesezaubers, den man aufgrund des skelettierten Zustandes ausnahmsweise auch unmittelbar sehen konnte. Mit einer feinen Geste veränderte Françoise die Struktur der Magie. Statt nach außen zu strahlen, was einem lebenden Wesen gewiss immense Schmerzen bereitet hätte, kehrte die Priesterin die Kraft um und richtete sie ins Innere des Zaubers. Dem Skelett war dies einerlei. Es hob seinen Zweihänder und lief klappernd auf Françoise zu. Sie rührte sich nicht vom Fleck, denn sie zweifelte nicht an ihren Fähigkeiten.
Mit einem Mal zerbarst das herannahende Skelett in tausende Knochensplitter, die sich über den Raum verteilten. Nur der Schädel und die Unterschenkelknochen blieben einigermaßen unberührt. Der gegen sich selbst gerichtete Pyrokinesezauber hatte die kritische Masse an magischer Energie überschritten und sich in einer lauten Explosion entfaltet. Es war eine effiziente Methode, sich solcher skelettierten Kreaturen zu entledigen.
Einige Augenblicke später stürzte Konstantin ins Zimmer.
»Was ist los?«, fragte der Drache.
»Wir hatten einen untoten Eindringling.«, sagte Françoise und deutete auf die am Boden verteilten Überreste.
»Gibt also doch Monster hier.«
»So sieht es aus. Hast du was in der Scheune gefunden?«
»Nur leere Kisten und Fässer. Keine Spur von Untoten oder irgendwas anderem.«
»Seltsam. Ein einzelner Skelettkrieger? Solche niederen Kreaturen besetzen einen Ort nur selten allein.«
»Vielleicht sind die anderen von den Bauern erschlagen worden?«
»Nicht jeder ist so furchtlos wie du, Konstantin. Außerdem habe ich sonst keine Überreste gefunden.«
»Das heißt?«
»Ich weiß es nicht. Wir werden nicht umhin kommen, dem Turm einen Besuch abzustatten und dort nach Antworten zu suchen.«
Saraliel
15.05.2025, 14:43
DraconiZ öffnete die Augen. Ruckartig, so als hätte eine fremde Macht ihn nach außen gezogen. Sein Körper fühlte sich schwach an. So als hätte er mehrere Schlachten geschlagen und wäre nun nach einem langen Schlaf, in dem er um sein Leben kämpfte, wieder erwacht. So weit war es von der Wahrheit wohl nicht entfernt. Er hustete und unendlich langsam kämpfte er sich in so etwas wie eine sitzende Position zurück. Sein Körper krampfte und wenn der Magier keinen Schritt nach vorne gemacht hätte, wäre er sicherlich von seiner Bahre nach unten auf den harten Boden gefallen. Die Brüder schauten sich tief in die Augen. »Ich bin so froh, dass es dir gut geht«, meinte Saraliel und sah Tränen in den Augen seines Bruders glitzern. »Du hast es geschafft«, stellte er fest. Der Magier wurde von Freude durchflutet. Sie hatten die Situation überstanden. Zusammen. Vater hatte recht behalten. Der Paladin war noch zu retten und sie konnten es wahrlich schaffen.
DraconiZ lehnte seinen Kopf nach vorne und imitierte damit mehr ein Nicken, als dass er es wirklich tat. »Anscheinend«, presste er hervor. Er hustete. Das Tuch, was über seinen Oberkörper gelegt worden war fiel herunter und der Magier vor ihm hätte ihn um ein Haar losgelassen, was eine komisch anzusehende und doch sehr schmerzhafte Bewegung verursachte. »Bei den Göttern. Was machst du?«, wollte der Streiter von seinem Bruder wissen. Saraliel öffnete weit die Augen, packte ihn an den Schultern und bugsierte ihn so an die Wand, dass er seinen Körper besser sehen konnte. »Du … erm… es.. faszinierend!«, presste er hervor. Auf dem athletischen Oberkörper seines Bruders hatte sich einiges verändert. Die Magie schien nun wirklich Teil seiner selbst geworden zu sein. An den Schultern, in der Brustmitte, auf den linken und rechten Rippen und auf dem Bauch waren silberne Symbole zu sehen. Wenn er kurz hinschaute leuchteten sie relativ unkontrolliert in verschiedenen Farben. Der Magus ging nach vorne und erhob beide Hände. Auf den Innenflächen waren nun auch Symbole zu sehen. Kurz wankten beide, als DraconiZ ob der Bewegung wieder nach vorne kippte und Saraliel ihn wieder zurücklehnen musste. »Was auch immer es ist«, presste der Streiter hervor. »Guck es dir etwas sanfter an. Bitte.« Der Zauberer nickte. »Gewiss gewiss«
»Nun man muss sagen, dass die Transformation gelungen zu sein scheint. Das Werk scheint durch den Einfluss der vier Kräfte und der Arbeit von Françoise vollendet zu sein. Du musst jetzt natürlich schauen, wie du damit umgehen lernst«, meinte Saraliel akademisch. Der Paladin seufzte. Irgendwie konnte er gerade die Begeisterung nicht so recht teilen. »Also was haben wir da?«. Saraliel setzte die Miene eines Gelehrten auf und lies dann professionell verlauten, was er sah:
»Auf der linken Schulter scharfe Dornen die aus Nebel erwachsen. Die Gefahr verbindet Schatten und Tod. Tiefviolettes pulsieren«. Sein Blick wanderte zur anderen Seite:
»Auf der rechten Schulter ein fließender Kreis aus Wasser. Licht und Leben verbinden sich in Sanftheit. Golden leuchtend.« Er nickte in Selbstbestätigung.
»Auf dem Solarplexus kommen Licht und Schatten in Aufrichtigkeit zusammen. Pulsierend abwechselnd hell und dunkel. Zwei ineinander geflochtene Kreisteile, die jeweils zwei kleinere Kreise beinhalten« Er fuhr mit dem Finger darüber und nahm ihn kurzerhand wieder weg. Es schien in seinem Inneren zu knistern.
»Erregung symbolisiert Schatten und Leben und ist auch dem Unterbauch zu finden. Zwei ineinander gewundene Schlangen. Hmm oder Drachen? Nunja in sehr dunklem rötlichem Gold flackernd«
Er ging weiter und besah sich beide Seiten der Rippenbögen.
»Am rechten Rippenbogen ein Vogel der zu Asche zerfällt. Symbol des Wandels, der Tod und Licht zusammenbringt. Der Gegenspieler ist die Trennung. Ein gespaltenes Herz. Auf der einen Seite scheint Blut zu tropfen aus der anderen erwächst etwas Pflanzliches. Das Symbol des Wandels leuchtet türkis. Das gespaltene Herz leuchtet graublau«. Er schaute sich die Symbole noch einmal genau an. Dann hob er langsam die linke Herzhand. »Das erste Metazeichen, was die anderen zusammenhält. Ein Halbmond auf der linken Hand. Symbol der Weiblichkeit. Strahlend Indigo mit silbernem Leuchten«. Er lies die Hand sanft sinken und betrachtete dann die rechte Hand: »Zusammen mit der Männlichkeit symbolisiert durch eine strahlend goldene Sonne mit weißen Lichtstrahlen ergibt sie die Kanalisierung der Magie«.
Der Magier trat nochmal einen Schritt zurück und betrachtete das Kunstwerk vor ihm. »So viele Gegensätze die ein einziges Ganzes ergeben. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Das ist… großartig. Ich bin so gespannt was daraus erwachsen wird!« DraconiZ seufzte tief. »Und ich erst….«. Einen Moment lang tat sich gar nichts, dann fuhr der Streiter fort: »Wir müssen mit Alenya und Hagen sprechen«. Saraliel verzog fast etwas zornig das Gesicht. Eigentlich war er gerade in den Modus gekommen die faszinierende magische Welt zu erkunden, die das ganze Geschehen mit sich brachte. »Wir müssen Daelon vor Elyndra warnen«
Gor na Jan
15.05.2025, 15:28
Der Gor Na war über den Verlauf der Reise, seitdem sie den Wald verlassen hatten, selbst für seine Verhältnisse außerordentlich wortkarg gewesen. Zwar hatte die Magie Estebans die körperlichen Verletzungen geheilt, doch die magische Belastung des Rituals hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er in den letzten Tagen regenerieren konnte. Selbst Wölfe und Goblins schienen dabei nicht die Leichtigkeit, die sie sonst für ihn gerade in Begleitung seiner zwei treusten Waffengefährten darstellten. Goblins..., dass diese Biester aber auch wie Ungeziefer aus jeder Felsspalte kriechen mussten. Der Templer hatte seine ganz persönliche Geschichte mit Goblins, die genau so weit zurückreichte, wie die Tausenden von Erinnerungen, die der Anblick der Austauschstelle bei ihm ausgelöst hatte.
Viel mehr jedoch belasteten ihn die emotionalen Folgen der vergangenen Wochen. Die Schattenstimmen in der Unterwelt. Die Begegnung mit Malar. Alles fügte sich und er spürte, wie eine tiefe Heilung sich in ihm anbahnte. Doch die nahm einen langen Weg und kostete eine Kraft, die er Zeit seines Lebens nur selten bemüht hatte. Nicht Heilung von Schnitten und Stichen, Heilung der Seele und des Herzens.
Das Erreichen des Passes und besonders der Austauschstelle, die ihnen einen Blick auf das Minental gewährte, drängten die Gefühle jedoch für einen Moment beiseite und ersetzten sie durch andere. Vertrautheit, Heimat, Geborgenheit. Ja, der Blick des Templers war nostalgisch verklärt. Die Kolonie war ein Pfuhl an Verdorbenheit und Niedertracht gewesen, aber es war sein Pfuhl und irgendwie hatten die einstigen Verbrecher es geschafft, eine Ordnung herzustellen, die er in der Welt da draußen oft nicht gefunden hatte. Ja, auch hier hatten sie sofort angefangen, sich in Lager zu ordnen und Zwistigkeiten auszutragen. Eine Welt im Kleinen, wie gescheitere Männer als er es treffend zu nennen vermochten. Doch wo viele ein Gefängnis und eine Strafkolonie sahen, sah der Gor Na ein Zuhause. Und wo sich viele eingeengt und eingesperrt fühlten, sah Jan Überschaubarkeit mit klaren Regeln. Als wäre der Mensch nicht dafür gedacht, sich um Kontinente, Reiche oder eine ganze Welt zu sorgen, sondern genau um die Menschen, die sein tägliches Leben teilten.
Das philosophische Gespinne kreiste noch eine Weile durch den Geist des einstigen Zweihandmeisters, während sie sich ihren Weg durch den alten Minenstollen bahnten. War er enger geworden? Oder war die ganze Welt enger geworden? Immer wieder stieß er sich den Kopf an den Balken. Bei genauerer Betrachtung, was im fahlen Fackelschein gar nicht so leicht war, erkannte der Templer, dass es ein durchgehender Balken war, der zudem den Großteil der Last dieses maroden Stollens zu tragen schien. Die gesamte Ladung quasi. Also eine Art Ladebalken. Jan liebte und hasste ihn zugleich.
Wie aus einer frischen Bergquelle ergoss sich die kleine Gruppe aus dem verlassenen Minenstollen die ersten Schritte in das sogenannte Minental. Von hier war noch nicht viel zu sehen, doch Gor Na Jan bildete sich ein, dass sich allein der Geruch verändert hatte. Etwas ... staubiger, aber auf eine gute Art. Wie ein vertrauter Dachboden voller Erinnerungen.
Erst jetzt nahm der Templer so richtig den Neuling in ihrer Gruppe war. Natürlich hatte er ihn bemerkt und genauestens beobachtet, um sicherzugehen, dass er keine Bedrohung darstellte und seine Handlungen einzuschätzen, aber erst jetzt betrachtete er ihn so richtig als Charakter, als Teil der Gruppe. Für einen Moment musterte er den blonden Jüngling.
"Das erste Mal hier?", richtete er zum ersten Mal das Wort an ihn.
Heric nickte. Daraufhin seufzte der Templerführer. Doch er hatte keine andere Wahl.
"Ist nicht’s Persönliches."
Bevor Heric verstehen konnte, wovon der Templer sprach, schlug dieser ihm mit der Faust ins Gesicht. Nicht hart, nich nachhaltig. Eine rein symbolische Geste. Ziemlich exakt zur gleichen Zeit tat Gor Na Thal das gleiche mit Dante.
“Willkommen in der Kolonie“, sprachen die beiden Templer zeitgleich.
Gor Na Jan empfand keine Freude daran, doch es gab gewisse Traditionen, die gewahrt werden wollten.
Dumak lachte, als er - überrumpelt wie alle anderen auch - sah, das hier das, was sie vor vielen Jahren ›Die Taufe‹ nannten, vollzogen wurde.
Der Magier zeigte wie meistens keine große Regung, hatte jedoch stattdessen seine Augenbraue gehoben, was für gewöhnlich irgendetwas zwischen Überraschung, Erstaunen und Mißbilligung bedeuten konnte. Schwer zu sagen.
»Ich dachte, dieser Brauch sei lange ausgestorben«, meinte der Sänger.
»Und ich hoffe, dieser schmierige Typ aus dem Alten Lager«, fuhr er, nun mit ernstem Gesicht und Grimm in der Stimme, fort, »dessen lächerlicher Lebenstraum es damals anscheinend war, hier jedem einzelnen Neuen eine reinzuhauen, betrachtet sich die Grashalme schon lange von unten.
Naja, wie auch immer: Willkommen in der Kolonie, ihr beiden Frischlinge. Sucht euch 'ne Spitzhacke und schließt euch einem Lager an, wenn ihr hier drin überleben wollt.«
Er ließ nun den Blick schweifen.
»Wenn wir es über diese nicht sonderlich vertrauenerweckend wirkende, morsche Brücke geschafft haben, können wir zum Weg, der darunter entlang führt, absteigen und werden bald das Tal in seiner ganzen epischen Größe zu Gesicht bekommen. Und mittendrin das größte, schönste und überhaupt bedeutendste Lager: Das Alte Lager rund um die Burg im Minental.«
Er imitierte irgendjemanden, der einem fremden Reisenden die einzigartigen Vorzüge von Vengard anpries.
»... oder was davon noch übrig geblieben ist nach Drachenangriffen, Orkplünderungen und vielen sich daran anschließenden Jahren des stillen Verfalls. Hat bestimmt ordentlich Patina.«
Er kratzte sich im Nacken.
»Na gut, wenn ich's mir recht überlege, ist es vielleicht nicht mehr das schönste Lager. Also erwartet nicht zu viel.«
Er ging als erster bis zu der Brücke, die den Weg überspannte, der vom Austauschplatz hinunter ins Tal führte. Früher war sie leidlich stabil gewesen, denn der Felsgang, durch den sie gekommen waren, war auch einst ein Minenstollen und man schaffte das aus dem Fels herausgeschlagene Erz über sie ins Tal oder zum Austauschplatz. Aber nun war sie nicht viel mehr als ein morsches Gerippe, dessen Bretter sich ängstlich aneinander zu klammern schienen: Keins von ihnen wollte das erste sein, das in die Tiefe fiel.
»Was soll's. Wir können ja nicht ewig hier stehen«, meinte der fahrende Sänger und wagte sich auf die morsche Konstruktion.
Es knarkste bedrohlich schon beim ersten Schritt. Und erneut, als er sein Gewicht auf den vorderen Fuß verlagerte. Aber die Brücke hielt.
So setzte er seinen Versuch fort.
Nach ein paar Schritten rief er zuück: »Hier ist ein Brett völlig faul, tretet hier lieber nicht drauf«, und setzte seinen Weg fort.
Tatsächlich hatte er es nach kurzer Zeit geschafft, unbeschadet auf der anderen Seite anzukommen.
»Heric, du als nächster, du bist auch leicht.«
»Haha! Fein!«, freute sich Redlef nun ehrlich. Jaques hatte den braunen Esel in den Griff bekommen. Rittmeister wurde hier zu nichts aufgefordert, was er nicht auch leisten konnte. Das Pferd hatte mit solchen Hindernissen kein Problem, es sah nur eben keinen Zweck darin, sich Jaques Wünschen auch zu beugen. Nun aber war dem schlauen Gaul der Reiter zuvorgekommen und hatte ihn damit überrascht.
»Sehr gut, Brauner«, lobte er Jaques. »Sieh dir seine Ohren an, sie sind nach hinten gedreht und seine Konzentration auf dich gerichtet. Pferde haben keine Fähigkeit zur Planung. Sie tun, was sie im Moment für das Sicherste und Bekannteste halten. Daher imponiert es ihnen sehr, wenn wir ihre Handlungen vorhersehen und ihnen zuvor kommen. Dies ist eines der vielen Momente, in denen wir das Denken für sie übernehmen müssen. Pferde sind wie Weiber: in der Regel zugewandt und willig, doch die Zusammenarbeit kann nur gut funktionieren, wenn sie klar und sicher geführt und angeleitet werden.* Sonst kommen sie auf eigene Ideen, was meistens zu einem Verfall des Gehorsams, Missverständnissen und damit Fehlern kommt. Diese sind natürlich besonders schwerwiegend, wenn die Situationen brenzlich sind. Daher ist der Reiter stehts aufgefordert die Entscheidungen für das Pferd zu treffen – die Verantwortung zu übernehmen. Dies bezieht sich nicht nur auf Richtung oder Gangart, sondern auch auf die Wahl des Weges. Ist er sicher? Liegen unter dem Gras Hasenbauten, in denen das Pferd beim Galopp über die Wiese stolpern und sich verletzten könnten? Ist ein Durchgang sicher? Kann es sich an einem hervorstehenden Nagel beim Durchschreiten eines Tores verletzten?«
Red trat an Rittmeister heran und warf einen kritischen Blick auf das Paar. »Du musst dem Pferd immer das Gefühl geben, dass es dir vertrauen und folgen kann, Jaques. Du musst es schützen und verteidigen – auch vor seiner eigenen Dummheit, dann wird es dir auch in die Schlacht folgen und an deiner Seite kämpfen.«
Redlef war sich sicher, dass er dieses nicht häufig genug betonen konnte. Wie häufig sah er Reiter, die sorglos und leichtfertig mit ihren Pferden umgingen. Die sich einfach auf dem Pferderücken tragen ließen. Ihre Gedankenlosigkeit behelligte sie nicht, bis sie dann in einem Moment er Unaufmerksamkeit keine Kontrolle mehr über das Tier hatten, es sich vor einem raschelnden Busch erschreckte, durchging und den Reiter schlimmstenfalls absetzte. Arm- und Rippenbrüche waren da keine Seltenheit. Dies wollte Redlef dem jungen Jaques gerne ersparen.
»Jetzt können wir noch etwas an deinem Sitz arbeiten. Andauernd sehe ich dich das Knie hochziehen. Wie willst du da jemals vernünftig im Sattel sitzen oder gar kämpfen, ohne herunterzufallen?« Er schob seinen Handrücken unter Jaques‘ Knie und löste den Riemen des Steigbügels. Schnell waren Beide vom Sattel entfernt und er nahm seinem Reitschüler damit einiges an Stabilität und Sicherheit. Nun musste er noch mehr darauf achten, das Gleichgewicht in seinem Körper in der Bewegung zu finden.
»Na dann, Antraben und an der langen Seite den Trab verstärken. Arbeite an der Flexibilität in der Hüfte und Stabilität in der Mittelpositur. Hände ruhig!«
Einige Tage später kam Redlef gut gelaunt aus der Kaserne zurück zum Stall. Zwar hatten sie immer noch eine Hilfe für den Stall gefunden, doch heute Morgen hatte er endlich die Erlaubnis bekommen, mit einigen Männern auszureiten und dem eigentlichen Zweck zu dienen, der Reiter und Tiere auf diese Insel verschlagen hatte.
»Jaques!?!«, rief er über den Hof und hoffte, dass der Bruder sich gerade irgendwo im Schatten herumtrieb und die Arbeiten, zu denen Redlef im Morgengrauen nicht gekommen war, bereits erledigt hatte.
Sir Lothar hatte angeordnet, dass die Reiterei die Erkundungen ins Umland aufnehmen solle. Banditen und Gesindel hatten sich, den Berichten nach, in den umliegenden Wäldern und Höfen breit gemacht. Den wenigen Bauern, die überhaupt noch die Felder um die Stadt beackerten, wurde dadurch das Leben schwer gemacht. Redlef sah in solchen Streunern keine große Gefahr. In der Regel waren sie schlecht organisiert und undiszipliniert. Viele konnten es auch nicht sein, da die ganze Insel beinahe entvölkert schien. Doch ein paar hungrige Mäuler mit Knüppel machten es rechtschaffenen Bauern immer schwer ihrer Aufgabe nachzugehen. Und genau dies führte zu den schweren Mängeln an allem Nötigen in der Stadt, die trotz ihres heruntergekommenen, leerstehenden Zustandes auf die Versorgung des Umlandes angewiesen war.
Gerne wäre Redlef schon viel früher ausgezogen, um vor den Toren für Ordnung zu sorgen, doch der Orden hatte dem nicht stattgegeben. Vielmehr musste die Stadt erst unter Kontrolle gebracht und hergerichtet werden. Schließlich war die Oberste Feuermagierin vor Ort - nicht auszudenken die Dramatik, sollte es durch ein undichtes Dach auf ihren Schreibtisch tropfen…
Redlef verzog den Mund und blickte sich grimmig um. Wo steckte der Junge?
Gleich kamen zwei Soldaten aus der Kaserne, die sie auf ihrer Patrouille unterstützen sollten. Sie waren abgestellt, da nun leider Calan vorerst nicht mehr zu ihnen stoßen konnte. Für diverse Reparaturen, wie zum Bespiel des Daches des Rathauses, benötigten sie seine Fertigkeiten. Redlef hatte das Gefühl, dass der gute Mann seit Tagen nichts anderes mehr tat als Nägel zu schmieden. Verfluchte Prioritäten… Ungern verlor er gute Männer.
»Jaques? Wir werden ausreiten. Hilf mir Rittmeister, Marodeur, Seraphis und Loric fertig zu machen. Sir Eric und Bruder Anselm werden uns begleiten.«
Keine Antwort.
Wo steckte der Kerl? Genervt betrat er den Stall und machte sich umsehend und Jaques suchend daran Seraphis aus seiner Box zu ziehen. Der Apfelschimmel stupste ihn dabei freundlich an, doch dafür hatte Redlef nun keinen Sinn. In seinem Kopf bildete sich die Vorstellung, dass sich Jaques mit dem Gör der Wache irgendwo im Stroh versteckt hatte. Gnade ihm Innos, wenn dem so war!
* Meinung des Charakters – nicht meine! -.-°
Ja, Redlef ist auch ein Idiot und ich hoffe sehr, dass er dafür mal eine schallernde Backpfeife bekommt.
Don-Esteban
16.05.2025, 22:42
Nachdem Heric es über die halb zerfallene Brücke geschafft hatte, ließ Esteban unnötigerweise den Templern den Vortritt. Aber so war der Magier: Er wollte niemandem etwas schuldig sein, sondern immer nur sich allein Rechenschaft pflichtig.
Dante, der die drei begleitete, schaffte es ebenfalls noch darüber. Aber schon bei Gor Na Thal war es zu spät. Der Hüne war einfach zu schwer für die morsche Konstruktion und er fiel mit lautem Krachen in die Schlucht auf den Weg darunter. Zum Glück erlitt er dabei überraschenderweise keine größeren Verletzungen. So wie es der Kodex vorsah, hörten die anderen keinen Fluch seinen Lippen entkommen. Er nahm das Unglück stoisch hin, rappelte sich auf, streifte mit lässigen Handbewegungen die hölzernen Splitter von seinem Körper und bedeutete dann den anderen, dass ihm nichts passiert war.
Gor na Jan und Gor Na Rhan suchten sich weiter nördlich einen Weg, wo der Felsabhang nicht allzu hoch war und sie mit einem beherzten Sprung auf die untere Ebene gelangten. Esteban hingegen wollte diesen Weg nicht riskieren. Er begann stattdessen, wieder einmal einen Golem zu beschwören, der sich unten auf dem Weg manifestierte. Allerdings sozusagen die Standardausführung, die Beliars Sphäre zu bieten hatte und nicht der aufwendig beschworene, den er einmal in den letzten Wochen für mehrere Stunden als Begleitschutz herbeigerufen hatte. Heric machte große Augen, als er sah, was da an finsterer Magie beschworen wurde, doch Dumak klopfte ihm auf die Schulter und meinte nur, dass das noch gar nichts sei. Auf den Befehl des Magiers packte der Golem ihn mit seiner riesigen Pranke und hielt ihn vorsichtig fest, um ihn fünfzehn Fuß weiter unten wieder auf den Boden zu setzen. Der Schwarzmagier entließ den Golem danach und er zerbröselte zu Felsgeröll, dass wiederum zu Staub wurde und vom Luftzug fortgeweht wurde, bis keine Spur mehr von der eben noch sichtbaren Magie zu finden war.
»Schauen wir, was uns erwartet«, bemerkte Esteban nur trocken, als er wie alle anderen auf dem Weg angekommen war und führte den Zug nun an.
An der Stelle, wo sich der Weg verbreiterte und früher ein alter, knorriger Baum gestanden hatte, war nun in all den Jahren neues Buschwerk gewachsen. Brombeerranken überwucherten den Boden und ein neuer Baum ragte aus dem Dornendickicht empor und war drauf und dran, eine imposante Krone zu bilden.
Esteban schaute ihn sich an.
»Das ist eine Elsbeere. Ein Sud aus ihren Früchten ist gut geeignet gegen Blutungen. Wenn man will, kann man daraus auch Schnaps brennen. Und sie hat das härteste Holz.«
Die Gruppe wandte sich wieder dem Weg zu und nach einigen Schritten trat der Fels auf der linken Seite zurück und der Pfad wandelte sich in einen Hangweg mit weitem Ausblick über das Minental. Hier konnten sie es nun erstmals sehen und hatten freie Sicht über weite Teile.
Auch die alte Burg, die stets den Mittelpunkt und das Zentrum markierte, war sichtbar. Sie war mittlerweile umgeben von einem dichten Wald. Weder war etwas den Wiesen, die zur Zeit der Barriere hier vorherrschten, zu entdecken, und erst recht nicht mehr von der verbrannten Einöde, die die Drachen hier nach dem Fall der Barriere hinterlassen hatten. Die Natur, stoisch und beharrlich wie immer hatte alles wieder besiedelt und sicher hatten, nachdem in den ersten Jahren nur Kräuter, dann Büsche wuchsen, als erste Bäume Birken und Haselsträucher die Gegend wieder besiedelt, doch wuchsen nun Buchen, Eichen und Ulmen und am Bach, der wie eh und je durch das Minental floss, Erlen, Weiden und Pappeln. Im Wind schwankten ihre Kronen im Takt hin und her.
Doch zwischen all den Bäumen, die hier ungestört in den letzten Jahren wachsen konnten, leuchteten die roten Dächer der alten Burg. Der hohe Turm mit den vier Eckspitzen stand noch immer fest und ragte weit in die Höhe. Zwischen dem Grün der Blätterkronen blinkten rot die Ziegeldächer der Burggebäude hervor.
»Sie steht also noch immer«, murmelte Esteban mehr zu sich selbst. Über seine ersten Jahre in der Kolonie hatte er nie gesprochen. später hatte er sich von den Lagern abgewandt und bestritt sein Leben als Jäger mit Kontakten in jedem der Lager. Bis ihn der Ruf des Kastells ereilt hatte. Er konnte es noch heute kaum verstehen, wie es dazu kam, dass die Magie Beliars sein Ziel geworden war. Und doch schien es folgerichtig.
»Doch schaut!«, rief er dann und hob den Arm, um auf die Burg zu zeigen.
»Dort steigt Rauch auf. Jemand muss dort sein Lager aufgeschlagen haben. Wir sollten vorsichtig sein.
Aber Vorsicht war auch ohne diesen Hinweis geboten, schließlich war dies eine seit Jahren weitgehend unberührte Wildnis und sie würde vor Bestien wimmeln. Die Fauna des Minentals war früher schon besonders gefährlich. Snapper, Razoren, Lurker und Warane. Und an einigen Stellen sogar die besonders tödlichen Feuerwarane. Von Orks und Schattenläufern nicht zu reden. Geschweige denn Trolle! Sicher würden all diese Kreaturen ihr Revier erbittert gegen jeden Eindringling verteidigen.
»Ich schlage vor, wir gehen bis hinunter ins Tal und suchen uns dort eine geschützte Stelle für ein Lager, das nicht so schnell entdeckt wird und gut zu verteidigen ist. Vielleicht sollten wir direkt in Quentins altes Lager ziehen, dort sind wir zwar gut versteckt, allerdings kann der einzige Eingang in dieses Tal auch schnell von Feinden, die uns entdecken, abgeriegelt werden und wir sitzen in der Falle. Wie auch immer wir uns entscheiden: Von einem eigenen Stützpunkt aus aus können wir weiter schauen. Und Dumak kann uns sicher die Burg aufklären«, wandte er sich an den Barden.
Doch ehe jemand antwortete, sahen sie alle weiter über das Minental und allen außer Dante und Heric kamen viele Erinnerungen in den Sinn. Wo einst das alte Kastell gestanden hatte, war noch immer der damals entstandene Berg mit dem Drachenhort des Feuerdrachens zu sehen, rechts dahinter lugte der alte Turm von Xardas aus einem Tal, links davon sah man ein wenig von der Bergfestung, deren Ruinen wohl noch viele Jahrhunderte überstehen würden. Und noch weiter links hinter dem Wald lag einst das Sumpflager. Links des Waldes ragte der Nebelturm aus den Kronen und dahinter glitzerten die sich stetig verändernden Wellen des Meeres.
Rechts hingegen erhoben sich die hohen Berge, die das Minental einrahmten. Irgendwo noch weiter rechts lag die Wohnhöhle des einstigen Neuen Lagers, in dem Lee und seine Söldner einige Jahre verbracht hatten. Mittlerweile verstärkte Lee die Streitkräfte König Ethorns, die gegen Myrtana kämpften und hatte seine Zeit im Minental wohl schon lange verdrängt. Und wer könnte es ihm verdenken, falls es wirklich so war? Wer hier hereingestoßen worden war, hatte dies meist nie vergessen, denn es hatte seinen weiteren Lebensweg bestimmt. Noch Jahre später weckten nachts Albträume die ehemaligen Insassen. Viele hatten gesehen, was kein Mensch erleben sollte. Es gab wohl niemanden, der hier keinen Freund verloren oder viele Jahre seines Lebens geopfert hatte. Das Minental veränderte alle. Es schälte die zarte Tapete der Zivilisation sorgfältig von allen Insassen ab und ließ den rohen Instinkt übrig, der jeden zum Überleben trieb und dann sah man den wahren Charakter eines jeden. Manche hatten es geschafft auf die eine oder andere Weise zu überleben, einige glückliche sogar, ohne allzugroßes Unrecht dabei zu begehen, viele waren jedoch gescheitert, wurden getötet oder starben und blieben vergessen. Sie waren gebrochen worden oder den tierischen oder menschlichen Bestien zum Opfer gefallen. Vermutlich war das Minental mit mehr Knochen gepflastert, als so mancher Friedhof. Eine große Knochenmühle.
»Das also ist das Minental!
Verflucht seiest du, Rhobar II.!«
»Kommt, suchen wir uns ein Lager«, hatte Dumak nach einer Weile in die Stille gesprochen, die sich an Estebans Worte angeschlossen hatte. Jeder, der dieses Tal kannte, war für eine Weile in sich versunken und hatte an diese Zeiten gedacht, an für ihn wichtige Wendungen, die sein Leben hier genommen hatte, an verlorene Freunde.
Doch folgten sie nun alle dem Vaganten. Er hatte beschlossen, dass die Idee des Magiers, in dem Talkessel Zuflucht zu finden, den damals einige Banditen für sich als eigenes, kleines Lager entdeckt hatten, es wert war, umgesetzt zu werden.
Nachdem die kleine Gruppe den Weg an der Felswand entlang bis ins Tal zurückgelegt hatte, wurde sie vom Wald umfangen, der hier wieder gewachsen war in den Jahren, nachdem die Drachen alles verwüstet hatten.
Dumak schaute durch das Unterholz. Alles war mit frischem Grün besetzt und man konnte dadurch nicht besonders weit schauen. Zwar bildete sich hier und da schon ein neuer Hochwald aus, aber die Blätterkronen waren noch nicht so dicht und geschlossen, dass den Boden nur noch Dämmerlicht erreichen würde. Das nutzten viele andere Pflanzen, Gräser, Kräuter, Buschwerk, die unter den hoch aufstrebenden Bäumen wuchsen und den Wald hier und da in ein Dickicht verwandelten.
»Vorsicht«, wandte er sich an die Gruppe hinter ihm.
»Vielleicht streifen hier irgendwelche Bestien umher.«
Er lief voran, nur Gor Na Jan schloss sich ihm an und zeigte mit seinen geschmeidigen Bewegungen, die dabei halfen, Lärm durch brechende Zweige zu vermeiden, dass auch er in der Kunst des Scheichens bewandertn war.
Dumak entdeckte nirgendwo zwischen den Blättern gefährliches Getier. Nur einige Vögel, die davon flogen und ein Eichhörnchen, dass einen Stamm erklomm. Der Boden stieg wieder an und sie bewegten sich nun bergauf im Tal. Irgendwo ein Stück vor der alten Trollschlucht mussten sie nach rechts abbiegen. Sie hielten sich an der Felswand auf der rechten Talseite. und gelangten nach einiger Zeit ohne eine Begegnung mit wilden Tieren dort an, wo der Eingang zum Banditenkessel lag.
Und auch hier schien alles verlassen. Von den primitiven Holzhütten, die Quentins Männer damals gebaut hatten, war nichts mehr erhalten. Auch der Wachturm und die Palisade am Eingang waren schon lange den Weg alles irdischen gegangen. An ihrer Stelle wuchsen auch hier Bäume empor, deren Kronen im Wind schwankten und ihre Blätter rascheln ließen.
»Alles sauber, so scheints«, meinte Dumak, als sie den Talkessel betreten und ein Stück ihn ihn eingedrungen waren.
»Ist wohl kein Lager für Razoren, Snapper oder gar einen Schattenläufer.«
Und auch Goblins waren nicht zu sehen.
Hier in dem fast kreisrunden Talkessel war aus unerfindlichen Gründen ein großer freier Plaz, auf dem nur dichtes Gras wuchs und mit jedem Lufthauch in Wellen wild hin und her schwankte.
»Lagern wir hier«, schlug der Sänger vor.
»Morgen schaue ich mir die Umgebung an.«
Und so gescah es. Ales, morsches Holz war schnell zusammengeklaubt und ein Feuer entzündet, das dank des trockenen Holzes kaum Rauch entwickelte. Bald stand wieder der große Topf auf ein paar Steinen, die die Feuerstelle einfassten und einige Zutaten füllten das Gefäß. Heute waren die Templer wieder an der Reihe mit dem Küchendienst.
»Du kannst dich sicher nützlich machen, Heric«, meinte Dumak freundlich.
Er selber, war er überzeugt, hatte sich heute schon genug angestrengt beim forschenden Gang durch den Wald.
Er hingegen hatte sich einen Baumstumpf gesucht, die Laute ausgepackt, zupfte solange an den Saiten herum, bis eine melancholische Melodie entstand und sang, leise spielend, ein Lied aus alten Barrierezeiten darauf:
»In der Mine ich seit Wochen
Spüre den Erzgängen nach.
Felsen hab ich viel gebrochen
Ich darüber selbst zerbrach.
Verzweiflung in mein Herz sich schlich.
Barriere, ich verfluche dich!
Endlich findet meine Hacke
Zwischen all dem tauben Stein
Eine bläulich glänzend Zacke.
Dieses magisch‘ Erz wird mein.
Nichts dem blauen Funkeln glich.
Barriere, ich verfluche dich!
Kaum erhellt durch Fackelschein
Blitzt die Hacke nur kurz auf,
Funken schlagen aus dem Stein.
Wenn die Crawler kommen: Lauf!
Diese Ader war für mich!
Barriere, ich verfluche dich!
Mühsam raff ich leuchtend Brocken,
Doch Gardisten fordern Zoll.
Will nicht um mein Leben zocken,
Frag nicht nach, was all das soll.
Jeder ist der Nächste sich:
Barriere, ich verfluche dich!
Mit Schnaps mein Schicksal ich betäube
Und das kostet wieder Erz
Auch wenn ich dagegen sträube
Mich, betäubt‘s mein schmerzend Herz.
Morgens schwanke ich kläglich
Barriere, ich verfluche dich!
Wild der Waffen lauten Klänge
Die Arena füll‘n mit Brüll‘n
Wenn es einem nur gelänge,
Meine Wette zu erfüll‘n.
Arenakämpfe sind tödlich
Barriere, ich verfluche dich!
All das Erz, was hätt's gebracht?
Freiheit gibt es nicht zu kaufen!
Die Barriere ewig wacht.
Niemand kann von hier weglaufen.
Erlösung bringt ins Herz ein Stich ...
Barriere, ich verfluche dich. (https://suno.com/s/cFL4HPG8Egvpt04e)«
Er nannte es Buddlerballade.
DraconiZ
22.05.2025, 21:49
»Es ist stabil«, sprach Saraliel immer noch fasziniert von dem Ganzen was geschehen war. »Ich kann keine Anzeichen von magischer Bewegung mehr feststellen. Nicht mehr als bei magisch versehenen Wesen üblich heißt das«, ergänzte er nachdenklich. DraconiZ nickte. »Das ist ein gutes Zeichen nicht?«, fragte er seinen gelehrten Bruder. »Ich mag dazu keine Prognose mehr abgeben. Es wird dich jedenfalls nicht mehr umbringen. Ich denke du wirst zu gegebener Zeit lernen damit umzugehen«. Der Streiter nickte. Es fühlte sich in seinem Inneren nun anders an. Der magische Strom musste sich nicht mehr durch mehrere Etappen winden. Es fühlte sich alles natürlicher an. So als müsste es so sein, wie es nun war. »Gut. Dann hatte der Angriff und deine Entführung ja ihr Gutes am Ende«, konstatierte er. »Ich bin froh, dass es dir gut geht«, meinte er ehrlich zu dem Magier, der im ersten Moment nicht zu wissen schien, wie er darauf reagieren sollte. »Ja erm. Ich natürlich auch. Und klar: Auch schön, dass es dir gut geht!«, meinte er daraufhin etwas verlegen. Er war und blieb eben wie er war. Der Weißhaarige stand von seiner sitzenden Position in dem Raum auf und ging ein paar Schritte. Seine Beine schienen ihn gut zu tragen. Die Dielen knarzten unter seinen Schritten. »Lass uns ein paar Schritte tun«, meinte er dann.
Es war als würde der Wind wieder Leben in seine Knochen pusten. Jeder Schritt, den sie an der Küste taten, schien seine Lebensgeister neu zu entfachen. Der Assassine atmete tief und gierig die Luft ein, von der er schon geglaubt hatte, dass sie ihn vielleicht nicht mehr erreichen würde. Dann wurde er übermütig und rannte ein paar Schritte. Er war fast erschrocken, dass es ihm ohne Probleme möglich war. »Wieder voll einsatzbereit«, meinte er grinsend. Saraliel, der einige Schritte zurückgeblieben war, schüttelte nur den Kopf. »Dann wird es Zeit wieder an die Arbeit zu gehen«, meinte er. »Hagen hat sich nach dir erkundigt«, meinte der Magier mit dem Anflug eines Lächelns. »Vielleicht möchte er dich nicht mehr sofort in Stücke reißen?«. DraconiZ lachte. »Das wäre in der Tat eine deutliche Verbesserung«, entgegnete er. Einen Moment lang hielt das Grinsen zwischen den beiden Brüdern. Ein kurzer Moment von so etwas wie Frieden. Der Klingenmeister war froh, dass es bergauf zu gehen schien. Vielleicht gab es ja doch etwas so etwas wie Vergebung für ihn und wenn es erst einmal nur Saraliel war, der neues Vertrauen schöpfte.
Ein alter Seebär kam ihres Weges. Er lief merkwürdig. Taumelte mehr als er ging. Seine Augen wirkten leer. Seine Kleidung war im Kontrast ordentlich und seine Statur muskulös. Die Nackenhaare des Streiters stellten sich auf. Der Frieden schien jäh vorüber. »Elyndra erwartet euch auf der Insel vor der Stadt. Sie wünscht keine Beteiligten außer euch Beiden. Der Konflikt geht Keinen außer euch etwas an«. »Magie der Herrschaft«, meinte Saraliel als er herantrat und dem älteren Mann tief in die Augen schaute. Sanft strich er ihm über die Wange, wie einem Kind das traurig war. »Eine Falle«, knurrte DraconiZ sofort. »Sie will reden. Erst einmal«, meinte der Seebär. Dann verlor er das Bewusstsein und wäre sicherlich gestürzt, hätte Saraliel ihn nicht gehalten. »Was tun wir?«, fragte der Magier nervös. »Wir hören uns an, was die Schlange zu sagen hat!«
Bardasch
24.05.2025, 10:58
Ursprünglich waren es zwei Möglichkeiten, die dem Ergrauten in den Sinn gekommen waren, wovon die Eine ihn in die Stallungen geführt hätte und die Andere in die Arme einer diebischen Vereinigung. Nun, es gab auch eine dritte Möglichkeit, die es am Ende schließlich auch geworden war. Nichts von Alledem.
‚Orientiere Dich an der Lösung und nicht an dem Problem‘, hatte Jemand mal ganz schlau gesagt aber es gab dabei auch eine dritte Variante, in der man sich gar nicht orientierte und das Denken einfach abschaltete.
‚Akzeptanz ist manchmal besser, als der Kampf‘, noch so eine Weisheit, die sich unterschiedlich auslegen ließ. Akzeptanz konnte für den einstigen Nomaden auch so etwas wie Gleichgültigkeit sein, Resignation. Einfach egal, einfach das Hirn ausschalten – zumindest bis zu dem Moment, in dem die Sucht überhandnahm und nur noch ein Gedanke möglich war.
Saufen, saufen, saufen.
Und was tat man, wenn man sich das nicht leisten konnte, weil man sich weder an einer Lösung orientiert, noch akzeptiert hatte, dass Leistung für eine Veränderung von Nöten war?
Da gab es auch wieder zwei Möglichkeiten. Die Stallungen aufsuchen oder die Diebe suchen.
Wobei es hier auch wieder eine dritte Möglichkeit gab. Nichts von Beidem.
Und dann? Ein Teufelskreis.
Wenn man dann ganz weit unten war, lag die Entscheidung der Bittstellung nahe und wo war die für den Ergrauten am leichtesten zu realisieren? Richtig, bei Redlef in den Stallungen.
Äußerlich hatte der Suffkopp schon dazu sorgen können, für seine Verhältnisse gepflegt vor seiner wieder gefundenen Vaterfigur zu erscheinen. Seine fettigen Haare durchs Wasser gezogen, wie auch den gesamten anderen Rest, an dem die Gerüche eines Obdachlosen hingen, aber das Zittern und der körperliche, wie auch der geistige Schwache Zustand blieben offensichtlich für die Jenigen, die Humpelbein jetzt im Hof der Stallungen rufen hören konnten, wenn sie denn da waren.
„Hallo!?“.
Jacques Percheval
24.05.2025, 14:19
Der Tag war sonnig, aber nicht allzu heiß, und vom Meer her wehte eine angenehme Brise – genau das richtige Wetter also, um einige dringend nötige Reparaturarbeiten am Gebäude zu verrichten.
Eine solche Gelegenheit wollte sich Jacques nicht entgehen lassen, denn auch wenn sich in den vergangenen Tagen schon einiges getan hatte, waren die Stallungen noch lange nicht fertig. Vor allem war das Dach an vielen Stellen undicht, so dass es bei schlechtem Wetter zog wie Hechtsuppe und sich der Regen in großen Pfützen auf dem Stampflehmboden im inneren des Hauses sammelte. Etwas, worauf Männer wie Pferde gut und gerne verzichten konnten.
Kurz nach dem ersten Hahnenschrei hatte Jacques also bei einem der Schiffszimmermänner eine anständige Leiter, einen guten Hammer und einen Sack Nägel aufgetrieben. Der Mann war zwar bemerkenswert grummelig gewesen (konnte das etwas damit zu tun haben, dass Jacques ihn aus der Hängematte geholt hatte, als kaum die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont krochen?), hatte ihm die gewünschten Werkzeuge aber ausgehändigt.
Jetzt hockte Jacques auf dem Dach, besserte das Gebälk aus und stopfte mit einem Sammelsurium an Dachziegeln, die er von anderen Hausruinen zusammengesammelt hatte, die gröbsten Löcher. Dabei genoss er das Gefühl der Sonne im Rücken und den leichten Wind, der ihm den schweißnassen Nacken kühlte, während er ein heiteres Liedchen vor sich hin pfiff.
Dass Redlef auf der Suche nach ihm war, bekam Jacques nicht mit. Als er am Morgen losgegangen war, hatte Redlef noch geschlafen, und Jacques wusste es mittlerweile besser, als den Ordensritter aus seinen Träumen zu reißen. Redlef war an guten Tagen schon missmutig genug. Und auch wenn Jacques sich an die bärbeißige Art seines Ausbilders gewöhnt hatte – jeder hatte eben so seine Marotten –, musste er das Schicksal nicht herausfordern.
Jacques lehnte sich ein wenig zurück, streckte sich, rollte mit den Schultern und blinzelte in die Sonne. „Was für ein Tag!“, befand er und ließ seinen Blick über die Dächer der Stadt schweifen. Viele von ihnen waren zusammengesunken und offensichtlich baufällig, aber zwischen den Häusern, auf den Straßen, tummelten sich die Menschen geschäftig wie Ameisen. Khorinis war beileibe keine Metropole wie Vengard, ja nicht einmal wie Thorniara, aber seit der Orden eingetroffen war, begann die Stadt sich zu regen und aus ihrem jahrelangen Winterschlaf zu erwachen. Man konnte es spüren. Die Menschen waren geschäftiger, sie gingen mit mehr Elan ihrem Tagwerk nach, lange vernachlässigte Aufgaben wurden wieder gewissenhaft wahrgenommen, Häuser und Straßen ausgebessert. Auf dem Markt warben die Händler aktiver um Kunden, die Handwerker gaben sich größere Mühe mit ihren Werkstücken. Die Menschen begannen, wieder mit neuer Hoffnung in die Zukunft zu blicken, statt nur von einem grauen Tag in den nächsten zu leben. Und Jacques war stolz, dass er selbst ein Teil davon war, dass er zu denen gehörte, die den Menschen von Khorinis wieder neue Hoffnung brachten. Er würde auch weiterhin seinen Teil beitragen!
Nach der kurzen Pause, um seine verspannten Schultern ein wenig zu lockern, machte sich Jacques wieder an die Arbeit. Er rückte ein Brett an die richtige Stelle, hielt den Nagel daran und holte mit dem Hammer aus …
„AUUU! Verdammt! Scheiße, scheiße, scheiße!“
Er ließ den Hammer fallen und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Daumen. Und darum, mein Junge, hatte er plötzlich die Stimme seines Vaters im Kopf, sollst du beim Arbeiten nicht tagträumen!
„Jaja, hast ja recht …“, zischte Jacques zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter!“
Vorsichtig warf er einen Blick auf seinen Daumen, der bereits begann, anzuschwellen. Der heiße, pochende Schmerz zog sich die ganze Hand hoch.
„So ein Mist!“, fluchte Jacques. Hoffentlich hatte er sich den Daumen nicht gebrochen! Behutsam versuchte er, ihn zu bewegen, was ihm auch gelang – allerdings nur unter Schmerzen. Trotzdem war das wohl ein gutes Zeichen. Mit der Handwerkerei war jetzt allerdings fürs Erste Schluss.
Etwas unbeholfen kletterte Jacques die Leiter herunter und ging um das Gebäude herum zum Eingang. Er wusste, dass Redlef jede Menge Arzneimaterial aus Thorniara mitgebracht hatte – okay, es war für die Pferde gedacht, aber vielleicht überließ der alte Grummelbär ihm ja trotzdem ein wenig Verbandszeug und vielleicht eine schmerzlindernde Salbe?
Als er den Hof betrat, erblickte Jacques jedoch eine Gestalt, die ihm bekannt vorkam. Der Mann hinkte, genau wie Redlef, aber es war nicht Redlef. Die abgerissene Kleidung, die fettigen, schulterlangen Haare … natürlich, der Kerl, mit dem Redlef sich ein, nunja, Wettrennen geliefert hatte! Wenn Jacques sich recht entsann, hatte Redlef dem Vagabunden angeboten, in den Stallungen zu arbeiten. Weder Jacques noch Redlef waren überrascht gewesen, dass der Mann sich natürlich nicht hatte blicken lassen, und Jacques hatte die Begebenheit fast schon wieder aus seiner Erinnerung verbannt.
Und jetzt war der Kerl doch hier. Er hatte sich zwar ein paar Tage Zeit gelassen, aber er war hier. Wollte er das Angebot des Ordensritters tatsächlich annehmen und einer ehrlichen Arbeit nachgehen?
„Hallo!“, rief Jacques und versteckte die verletzte Hand hinter seinem Rücken. Er glaubte zwar an das Gute in den Menschen, aber seine Erfahrung hatte ihn mittlerweile gelehrt, auch das Schlechte nicht ohne Grund auszuschließen. Daher wollte er lieber keine Schwäche zeigen, bevor er nicht wusste, was der Vagabund tatsächlich im Schilde führte. „Kann ich Euch helfen, guter Mann?“
Bardasch
24.05.2025, 15:04
„Weiß nicht“, brummte Bardasch und besah sich sein Gegenüber, den er nicht zum ersten Mal sah. Vor Tagen konnte der Ergraute schon bewundern, wie stämmig sich der Andere vor ihm aufgebaut hatte und obwohl es keinen Anlass dazu gab, fühlte er sich in der Gegenwart des Kerles nicht wirklich wohl.
„Ich glaube, ich warte einfach auf Redlef“, fuhr der einstige Nomade fort, schon dabei, sich auf dem Hof umzusehen, als dem Anderen noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken.
Wenn man ihm als nächstes nicht die Welt zu Füßen legte, konnte man sich ja vielleicht hier und da selbst bedienen. Wäre doch gelacht, wenn hier nicht irgendwo Sumpfkraut und Saufzeug rum lag. Schon alleine bei dem Gedanken musste Bardasch wieder schmatzen und schlucken.
Allerdings ließ sich das Zeug einfacher finden, wenn man hier berechtigterweise rumwühlte.
„Was wäre denn hier so zu tun? Vielleicht kann ich mich nützlich machen, bis Redlef kommt“.
Jacques Percheval
24.05.2025, 15:36
„Ihr wollt also das Angebot annehmen, in den Stallungen zu arbeiten? Das freut mich! Wir können hier jede Hand gebrauchen!“
Jacques' Freude war ehrlich, aber der suchende Blick, mit dem der Vagabund den Hof abzutasten schien, wollte ihm nicht recht gefallen. Es war nicht der Blick, mit dem man nach Arbeit suchte – sondern nach Beute …
Er würde den Kerl besser nicht aus den Augen lassen. Vielleicht stellte er sich ja doch als ehrliche Seele heraus, die bereit war, auf den rechten Pfad zurückzukehren. Immerhin roch er deutlich weniger streng als bei ihrer letzten Begegnung und sah zwar nicht unbedingt gepflegt, aber doch zumindest gepflegter aus. Ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wie ging doch gleich das alte Sprichwort? ‚Gelegenheit macht Diebe‘. Es lag sicherlich im beiderseitigen Interesse, wenn Jacques dem Vagabunden keine solche Gelegenheit gab. Zu dumm, dass er sich gerade jetzt erst einmal um seine Verletzung kümmern musste – mit dem Vagabunden würde sich also erst einmal Redlef befassen müssen.
„Redlef ist meistens im Stall.“ Jacques deutete knapp mit dem Kinn in Richtung des großen Anbaus, in dem die Pferde untergebracht waren. „Kommt, sehen wir mal nach!“
Sorgsam darauf bedacht, den anderen Mann im Auge zu behalten und ihn nicht seinen anschwellenden Daumen sehen zu lassen, ging Jacques voraus und stieß das Tor zum Stall auf. Der inzwischen altbekannte Pferdegeruch schlug ihm entgegen. Nachdem er den ganzen Tag im hellen Sonnenlicht gearbeitet hatte, konnte er im Halbdunkel zunächst jedoch nicht viel erkennen. Seine Augen würden sich erst an das Dämmerlicht gewöhnen müssen.
„Redlef? Seid Ihr da? Hier ist jemand, der nach Arbeit sucht!“ Und jemand, der etwas Verbandszeug brauchen könnte …
»Wie gut, dass du endlich auftauchst!« Redlef hatte nur Jaques Stimme gehört und es noch nicht geschafft sich in seine Richtung umzudrehen. Vielmehr machten ihm gerade die beiden Hengste zu schaffen. Seraphis versuchte weiterhin freundlich Redlef zum Spielen aufzufordern, indem er nach einigen Strähnen des Roten Haares schnappte, während Möhre, von so viel Aufdringlichkeit angestachelt, seine Hengstallüren in den Tiefen seiner Trägheit wiederfand und seinerseits versuchte, den Schimmel auf Abstand zu halten. Das kräftigere Pferd stieg leicht, quietschte lauf und biss in den Mähnenkamm des kleineren Schimmels.
»Verdammte Scheiße!«, schnauzte der Mensch, der sich zwischen den balgenden Hengsten befand, die Tiere an. »Ihr kommt in die Wurst, beide!« Mit dem Ende der Stricke, der an den Halftern der Pferde befestigt war, verlieh er seinen Worten Nachdruck.
Schließlich schaffte er es die Hengste zu trennen und drückte Jaques schnaufend Möhres Strick in die Hand. »Bring Marodeur raus!«, wies er den jungen Kämpfer an und ruckte noch einmal kräftig an Searphis Zaum, um ihn auf seinen Platz zu verweisen.
»Hengste!«, brummte er verärgert. »Wenn man sie nicht stetig an der kurzen Leine und unter Arbeit hält fangen sie an einem auf der Nase herumzutanzen! Ist eine schmähliche Geschichte, von unerzogenen Pferden verkrüppelt zu werden! Merkt euch das!«, sprach er zu den beiden Männern.
Erst jetzt bemerkte, wer der Zweite war.
»Ach sieh an«, bemerkte er mit einer Spur Abfälligkeit in der Stimme, während er den Schimmel auf den Hof führte. »Ich hätte nicht erwartet Euch wieder zu sehen, Bardasch.«
Schell war das Pferd an einem Ring in der Hauswand angebunden und Redlef konnte sich dem Taugenichts zuwenden.
»Arbeit also soll es sein? Meine Bedingungen bleiben die Gleichen: Misten, Füttern, Wasser schleppen, alles Nötige von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Finde ich Euch besoffen im Stroh, müsst ihr gehen! Schlimmeres, wenn den Pferden etwas passieren sollte, doch das versteht sich sicherlich von selbst..!«
»Schließt du Freundschaften auf deine übliche Art?«, mischte sich eine sonore Stimme lachend in das Gespräch ein.
Zwei Männer im Ordensornat hatten den Hof betreten. Der kleinere Mann war wenige Jahre älter als Redlef und begrüßte seinen Ordensbruder herzlich mit Handschlag. Die beiden Männer hatten vor einem halben Leben zusammen in Myrtana gegen Orks gekämpft. Erst heute Morgen hatte Redlef ihn unter den Ordensrittern wiedergesehen. Eine sehr angenehme Überraschung, Eric war ein guter Reiter, besserer Kämpfer und angenehm derber Zeitgenosse.
Der größere war ein blasser Junge mit pickeligem Gesicht. Redlef hatte ihn erst heute Morgen kennengelernt. Er war aus einem guten Haus und Sir Eric zugeteilt worden, damit aus ihm ein guter Ritter wurde. Redlef hatte Erics Blick, während er die Worte sprach, ansehen können, dass er dies stark bezweifelte.
Offensichtlich erwartete der Ritter keine Antwort, denn er wandte sich sofort an Jaques und Bardasch: »Das ist also dein Haufen, Red?«
»Die Hälfte davon«, korrigierte der Angesprochene sofort, überhaupt nicht glücklich, dass hier so leichtfertig sein ungeliebter Spitzname verwendet wurde. »Dies ist Ordensbruder Jaques. Ein anderer Mann wurde mir leider abgezogen. Er ist auch Schmied und seine Fähigkeiten werden dringender für das Befestigen der Stadt benötigt.«
»Haha! Die Reiterei der Zwei! Ein Meister und ein Schüler?! Es wäre komisch, wenn es nicht so traurig wäre.«
Redlef konnte dem nur gezwungen lächelnd zustimmen.
»Und der da?« Nun galt sein Interesse dem Taugenichts. »Du siehst mir nicht gerade nach Ordensbruder aus, Bursche«, scherzte der Ritter. »Aber bei einer so mageren Truppe, kann der gute Red wohl nicht wählerisch sein!?«
»So schlimm kann es um die Truppe nie bestellt sein«, knurrte Redlef leise, einen finsteren Blick auf Bardasch werfend. »Bardasch gehört natürlich nicht dem Orden an. Er will hier aber als Stallbusche arbeiten«, erklärte er nun etwas lauter.
»Redlef!«, Erics Stimme hatte den lustigen Unterton verloren. »Du braucht jeden Mann! Deine Mission ist auch mir zu Ohren gekommen. Eine Truppe auch unter widrigen Umständen aufzustellen und zusammenzubringen, sollte eine der Kernkompetenzen eines Kommandanten sein. Es mag dir nicht passen, doch wir, der Orden, sind hier nicht in der Situation nur mit handverlesenen Männern arbeiten zu können – sieh mich an!« Im Hintergrund verdrehte Bruder Anselm die Augen, während Eric mit seiner Hand in Bardaschs Richtung zeigte. »Du siehst zwar recht fertig aus, doch nicht unfähig. Sag, traust du dir zu dich auf ein Pferd zu setzten und deine Heimat, das wunderbare Khorins zu beschützen?«, die Dramatik in Erics Stimme bettete dem Moment in eine Bedeutungsschwere, in der der Taugenichts heroisch aus seiner Unbedeutendheit hätte treten können, seinen heldenhaften Kern hätte zeigen können. Doch er nuschelte nur: »Bin früher geritten. Hatte ‘n Hengst, der hieß Simun…«
Redlef seufzte. Eric aber fand seine gute Laune wieder: »Na siehs’te! Ran an den Dienst und rauf auf‘s Pferd mit dir. Im Sattel wirst du dich beweisen können.«
»Fein, ich halte nichts von der Idee, da ich lieber keine, als unzuverlässige Männer habe, doch da wir nicht alle Pferde vernünftig bewegen können, wäre ein gut reitender Stallbursche vielleicht eine größere Bereicherung«, gab Redlef sich bereit Bardasch eine Chance zu geben. Wenn Eric seinen Spaß haben wollte, sollte er ihn eben bekommen. »Bruder«, damit war Eric gemeint, »sei so gut, den Neuen einzuweisen. Jaques komm, wir hohlen Rittmeister, Loric und Morgenglanz, den alten Wallach für unseren Neuen.«
Kaum hatten sie das kühle Dunkel des Stalls betreten zeigte Red auf Rittmeister, den sich Jaques fertig machen sollte und sah seinen Kameraden an. »Was ist mit deinem Daumen?« Ihm war nicht entgangen, dass dieser geschwollen erschien und immer dunkler anlief.
Bardasch
25.05.2025, 10:41
Der Stand des Ergrauten in diesem Hof hatte schon fast zu lange angedauert. Er war fast, von alkoholischen Tagträumen umlullt, eingeschlafen und nur dadurch erwacht, dass die Worte ‚Reiten‘ und ‚Rauf aufs Pferd‘ gefallen waren. Im Ernst?
Bardasch’s Puls stieg und seine Hände bekamen etwas Feuchtes. Seine Emotionen bestanden aus Angst und Überforderung, aber auch aus plötzlich auftauchenden Erinnerungen, die sich in kleinen Erinnerungsblitzen zeigten, als er sich im Geiste auf ein Pferd schwingen sah. Natürlich war keiner von denen Simún, aber der Ergraute fühlte sich schnell an den Haflinger erinnert, der einmal seiner gewesen war. Irgendwann einmal vor einer gewissen Zeit, die für den einstigen Nomaden so weit in die Vergangenheit gerückt war, dass er eigentlich keinen großen Gedanken mehr an den Gaul verschwendete, doch jetzt schienen die sterbenden Erinnerungen sehr lebendig zu werden.
Noch war der Wallach namens ‚Morgenglanz‘ in den Stallungen und damit nicht in Reichweite des Ergrauten, der den Impuls fühlte auf der Stelle kehrt zu machen und auf diese Chance zu verzichten, aber er wusste auch – wenn er DAS tat, war alles für ihn vorbei.
Bardasch beantwortete die Frage Sir Eric’s mit einem Nicken und folgte Jacques und Redlef schließlich in den Stall.
Die Erinnerungen an seine lange zurück liegende Reiterei und die Bemerkung Redlefs ließen Bardaschs Pulsschlag weiter steigen. War dieses Tier vielleicht in Wahrheit garstig und ein bewusst gewähltes Pferd, welches den Ergrauten schnell zum Scheitern bringen sollte?
Mit einer Handbewegung ergriff Bardasch die Decke und näherte sich von links zögerlich dem Wallach, murmelte beschwörende Worte, die das vielleicht nervöse Tier beruhigen und es davon abbringen würde, ihm etwaige Verletzungen zuzufügen. Mit zitternden Händen schwang er die Decke auf den Rücken des Tieres und tat einen Schritt – weg von Morgenglanz, der ihn – nach Bardasch’s Meinung – schief von der Seite ansah. „Nur ruhig mein Junge“, murmelte er und schritt wieder etwas näher heran, um mit ausgestreckten Armen an der Decke zu zupfen. „Ich bin gleich fertig – nicht die Gedult verlieren, mein Guter“, murmelte er, als der Gaul Bardasch bedenklich auf die Pelle rückte.
„Ääähm!“.
Als Dumak erwachte, sah er den Magier dunkel brütend vor einem Stück blanker Erde sitzen. Er musste während der letzten Wache, die er nach den Templern übernommen hatte, die Grasnarbe dort weggekratzt haben, um ... ja weshalb eigentlich?
Es konnte nur bedeuten, dass er vor hatte, einen seiner Beschwörungskreise in den Boden zu zeichnen, um irgendeine Kreatur hervorzurufen, die aus Beliars Sphäre hier in diese Welt über trat, um ihm für eine Weile zu dienen.
»Schlechtes Gefühl?«, fragte Dumak nur.
Esteban nickte.
»Es ist das Minental«, erwiderte der Sänger nur lakonisch.
Dann öffnete er die Fibeln, die seinen blau leuchtenden Umhang hielten, ließ Bogen und Laute, die er am Rücken trug, ebenfalls hinab gleiten und war nun von allem befreit, was ihn bei dem hindern konnte, was er nun vor hatte: Eine Spähermission in den Wald in Richtung der alten Mine.
»Ich schaue mich mal etwas um. Der Rauch über der Burg muss etwas bedeuten«, erklärte er.
»Wenn sich dort Leute aufhalten, dann nur, weil sie irgendeine Art von Ziel oder Mission hier im Minental haben. Ich werde es herausfinden«
Esteban nickte nur knapp und Dumak verließ das Lager ohne weitere Worte, um sich nach dem Ausgang des Kessels talabwärts zu wenden, um dort unten dann am Fluss entlang zu schauen, ob er Spuren irgendwelcher Aktivitäten fand.
Den Weg ins Tal hinab wählte er so, dass er in den Spuren, die sie am Vortag in den Waldboden gesetzt hatten, folgte. Dabei achtete er darauf, keine Zweige abzuknicken und erst recht, auf keine am Boden liegenden Äste zu treten, sondern möglichst Stellen zu finden, auf denen entweder kein totes Holz lagen oder aber möglichst viel altes Laub, das Geräusche dämpfte.
So gelangte er bis hinab ins Tal. Irgendwo zwischen einigen Bäumen, die hier mittlerweile gewachsen waren und die früher vorherrschenden Wiesen abgelöst hatten, musste die steinerne Brücke über das Flüsschen liegen, über die man zur Burg kam. Hier in diesem Bereich hatte die Taverne zum Schattenläufer gestanden, Sadors erstes Gasthaus, dass er übernommen hatte, nachdem ein Schattenläufer sein Bein zerfleischt und Esteban ihn versorgt und ein Holzbein organisiert hatte.
Das alles war lange her. Seitdem waren Drachen, Echsenmenschen, Drachenjäger, Orks, Paladine und wer weiß noch alles durch das Minental gezogen und die wenigsten davon hatten dazu beigetragen, diesen Ort zu einer friedlichen Stelle zu machen. Irgendwie hatte er als ehemaliger Insasse der Barriere das verdrehte Gefühl, für das Schicksal dieses Tales eine gewisse Verantwortung zu tragen und es, wenn schon nicht zu beschützen, doch immerhin achten zu müssen. Es hatte ihm Heimat gegeben. Gut, es war eine Heimat voller menschlichen Abschaums gewesen. Nicht gerade erste Wahl, wenn man darüber nachdachte. Aber immerhin das, was dem Wort Heimat in seinem Sinn am nächsten gekommen war. Wer konnte sich das schon selbst aussuchen. Robar II. und seine Richter hatten die Auswahl daher für ihn einst getroffen. Nunja, die Dankbarkeit dafür hielt sich trotzdem in Grenzen. Dumak musste unwillkürlich grinsen.
»Nicht ablenken lassen«, flüsterte er zu sich selbst und beendete diese Gedankenspiele über die Vergangenheit.
Vielmehr bog er einen Zweig beiseite und linste durch das entstandene Loch im Blätterwerk. Tatsächlich schien die Brücke repariert zu sein. Frische Bretter bildeten einen festen Weg über das Wasser. Und der Weg, der sich dann von der Brücke Richtung Alte Mine erstreckte, wies frische Wagenspuren auf.
Dumak folgte dem Weg, indem er parallel dazu durch das Unterholz schlich, immer darauf bedacht, keine Geräusche zu verursachen. Er wählte jeden Schritt sorgfältig und kam nur langsam voran. Irgendwann bog der Weg vom alten Pfad ab und führte gegen den Fels.
Hier war anscheinend eine neue Mine angelegt worden. Ein Höhleneingang führte ins Dunkel, doch der Barde blieb im Unterholz und beobachtete. Neben dem Eingang stand ein aus grob behauenen Baumstämmen errichtetes Haus, eher eine kleine Blockhütte, vielleicht ein Wachposten.
Dumak beschloss, weiter zu beobachten.
Und nach einer Weile des stillen Beobachtens erschien aus dem Eingang der Höhle ein Mann. Er zog einen Karren. Auf dem Karren waren einige Säcke gestapelt. Vielleicht Erz?
An der Hütte tat sich zuerst nichts. Der Mann hingegen zog seinen Karren weiter den Weg entlang. Plötzlich öffnete sich die Tür der Hütte und ein weiterer Mann trat heraus.
Er trug einen Bogen auf dem Rücken, ein Schwert am Gürtel und mindestens Schultern, Oberkörper und arme waren von einer Rüstung bedeckt. Leder? Schuppenpanzer? Dumak konnte es nicht erkennen aus der Entfernung. Er rief dem anderen irgendwas zu, was Dumak nicht verstehen konnte, worauf der Karrenzieher stehen blieb und sich umdrehte. Nachdem der Bewaffnete aus der Hütte aufgeschlossen hatte, lief er weiter und beide folgten nun dem Weg, der sie zur Brücke und ins Alte Lager führen würde.
Dumak folgte ihnen unauffällig und möglichst geräuschlos im Unterholz.
Saraliel
26.05.2025, 11:11
Nur das Wellenrauschen um sie herum schien die tödliche Stille zu trüben. Beide Brüder standen Seite an Seite. Saraliel stand aufrecht wie ein Fels der der Brandung der Wellen trotzte. DraconiZ hatte Valien in der Hand und schien wie ungezähmter Säbelzahntiger, der endlich wollte, dass es losging. Ihnen gegenüber stand Elyndra. Ihr roter Robe bewegte sich im Wind, ihre Augen funkelten und ihr Gesicht war starr vor Anspannung. Alles schien darauf hinzudeuten, dass der Tag der Abrechnung gekommen war. Hier auf der kleinen Insel vor Khorinis würde sie wohl Niemand stören. Bis auf die Meerestiere und ein paar verirrten Vögeln würde Niemand von ihrem Konflikt Kenntnis nehmen.
»Ich bin schwerer zu töten als ihr wohl dachtet«, knurrte sein Bruder in die Stille hinein und der Magier musste sich fast bewusst dagegen stemmen das der Zorn nicht auf ihn überging. Einer hier musste die Stimme der Vernunft bewahren und das würde wohl oder übel er sein müssen.
»So scheint es«, gab Elyndra betont gleichmütig zurück. Sie war tatsächlich alleine gekommen. Entweder war sie hochmütig genug zu meinen sie wäre stärker als sie, ihre Verbündeten waren ihr abhanden gekommen oder es war eine Falle. Der Magus fühlte sich gänzlich unwohl bei jeder dieser Optionen.
»Vielleicht mögt ihr eure Gründe darlegen, bevor wir uns wie Tiere angehen«, versuchte Saraliel das Gespräch auf eine zivilisierte Bahn zu lenken. Den Seitenblick des Weißhaarigen ignorierte er betont.
»Ich habe keinen Streit mit euch Saraliel von Myrtana. Ihr seid ein ehrenhaftes Mitglied des Ordens und habt euch mehr als einmal bewiesen. Ihr seid der Linie eures ehrenhaften Vaters Arion treu. Euch trifft nicht der Zorn gegen das Haus Lómin. Ihr habt mehr als einmal deutlich gemacht, dass ihr euch für das richtige entschieden habt. Lasst mich tun, was getan werden muss und wir gehen unserer Wege«
»Das wird natürlich nicht geschehen«, entgegnete Saraliel ruhig. »Ich verrate meine Familie nicht und ich beschmutze nicht das Erbe unseres Vaters, indem ich meinen Bruder verleugne«.
»Ich hatte befürchtet, dass ihr das Sagen würdet«.
Ein kurzer Augenblick. Elyndras Augen funkelten. Der Zauberer fühlte ihre Magie fließen. Dann schrie er. »Halt!«. Die Magie der Herrschaft floß aus seinem Körper heraus und versuchte sie zu erdrücken. Schweiß lief ihm über die Stirn und so war es auch bei Elyndra, die ihre Hand nicht mehr zu heben vermochte. Sie schaute ihm hasserfüllt entgegen. Dann mischten sich Verwirrung und Angst auf ihrem Gesicht. »Bei Innos’ ich verbiete weitere Gewalt«, donnerte er. Sie starrten sich gegenseitig ein. Sie wehrte sich mit allem was sie hatte. Er fühlte wie ihr Zorn zu ihm zurückschwappte. Die Welt schien in Paralyse still zu stehen. Er konnte es nicht mehr lange halten. Blut lief aus seiner Nase heraus. Sein Kopf schien zu zerplatzen. Sie war zu stark.
Es endete abrupt. DraconiZ brachte sie brutal auf die Knie und band ihre Hände mit einem Strick hinter dem Rücken zusammen. Dann trat er einen Schritt zurück und hielt ihm Valien an die Kehle. Der Paladin schien mit seinem eigenem Schwert zu hadern. Die Klinge zitterte. »Wollt ihr mich nun töten?«, fragte sie. Tränen zierten ihre Wangen wie ein trauriges Mosaik. »Das würde ich nur zu gern«, knurrte der Assassine, während Saraliel ein paar Schritte nach vorne taumelte und sich notdürftig die Nase abwischte.
»Es ist nicht richtig«, meinte der Magus resignierend und sanft. »Du könntest es nicht einmal, wenn du wolltest.«, stellte er seinem Bruder gegenüber klar. Der schaute fassungslos auf seine Waffe, die ihm den Dienst zu verweigern schien. Er ging ein paar weitere Schritte und drückte die Klinge sanft von Elyndras Hals weg, bevor er sich herunterbeugte.
»Was ist, dass ihr so verachtet?«, fragte er und schaute ihr direkt ins Gesicht. »Das ihr selbst hierher kommt und so unvorbereitet euch solch einer Gefahr aussetzt?«
Sie schaute ihn an. Wut, Trauer und Verzweiflung schienen sich bei ihr zu mischen.
»Sinan ibn Salman Abu al-Hasan Raschid al-Din«, sagte sie ruhig und schaute ihm tief in die Augen. »Der alte vom Berge«, entgegnete der Magus grimmig. Er kannte ihn. Die bizarre Begegnung von damals würde er nicht vergessen. Es war lange her und doch konnte er sich immer noch an diesem alten Mann erinnern. So als hätte sich die Erinnerung in seinen Gedanken eingebrannt. Bei Innos’ er hoffte, dass er mittlerweile der Vermoderung anheim gefallen war, die er seit Ewigkeiten verdient hatte. Zumindest wenn man seinen Ausführungen glaubte.
»Was ist mit ihm?«, verlangte er zu wissen.
»Ich will, dass seine Präsenz von dieser Erde verschwindet«
»Da seid ihr in guter Gesellschaft«, meinte Saraliel verwirrt und wartet noch immer auf den Moment, wo sie wahrhaft in Konflikt geraten waren.
»Er ist ein Geschöpf Beliars«, meinte DraconiZ. Es schien ihn zu schaudern, wenn er daran dachte. »Es wird Zeit für ihn zu gehen«, fügte er hinzu. Es war immer noch verwirrend.
»Er hat den Verräter berührt«, meinte sie weiter. »Indem er die dunkle Gabe in ihm vollständig erweckt hat, hat er ihn an sich gebunden. Jeder von Al-Din berührt wurde muss sterben, bevor er vernichtet werden kann«. Die Brüder schauten sich an.
»Es stimmt, dass er mich ausgebildet hat. Doch das Konstrukt in mir ist nun ein gänzlich anderes. Ich kann mir kaum vorstellen...«, begann der Paladin und brach dann ab. Keiner wusste wirklich, was dort nun vor sich ging. DraconiZ schaute Elyndra an und wandte sich dann an seinen Bruder: »Ich kann keine Lüge in ihren Worten erkennen«.
Saraliel nickte. Eine Weile geschah gar nichts. Dann kam die Erleuchtung über ihn. Er sah sehr klar, was nun geschehen musste. Es war als würde Innos selbst ihm die Augen öffnen und ihm den Blick auf das Große und Ganze möglich machen. Saraliel öffnete ruckartig die Fessel mit Hilfe seiner Magie. Sowohl sein Bruder als auch die Magierin vor ihm schauten ihn fassungslos an. »Was tust du?!«, fragte der Weißhaarige fassungslos. »Das Richtige«, entgegnete Saraliel und hob seine Hand als Widerspruch einsetzen wollte. »Innos zeigt mir den Weg. Dein Schwert kann sie nicht verletzen und es ist keine Lüge in ihren Worten«, stellte er fest, wohl wissend, dass da mehr Spielraum war als er in diesem Moment zugeben mochte. »Al-Din muss aufgehalten werden. Der Schatten der von ihm ausgeht muss erleuchtet werden. Daher werde ich mit Elyndra reisen um das Richtige zu tun«, sprach er im Stolze seines Amtes. Sein Bruder hingegen schaute als ob er sich wirklich fragte, ob er noch alle Sinne beisammen hatte. »Du erm… was?«, stammelte er und deutete fassungslos auf die sich erhebende Elyndra, die nun ebenfalls fassungslos ihre Hände rieb. »Du wirst hier in Khorinis gebraucht und du solltest dich von diesem Einfluss fernhalten. Du hattest schon einmal Schwierigkeiten ihm zu widerstehen«. DraconiZ wollte protestieren, doch Saraliel erhob wieder die Hand. »Wenn wir von Vertrauen reden, dann schuldest du mir noch Einiges. Daher beanspruche ich das Recht des älteren Bruders und weise dich darauf hin, dass du momentan sicherlich noch nicht in der Position bist Forderungen zu stellen«. Der Weißhaarige schluckte. Er sah wirklich so aus als könnte er kaum begreifen was vor sich ging. »Erm«, wollte sich Elyndra zu Wort melden und er unterbrach auch sie. »Ich gebe euch die Möglichkeit wieder gut zu machen was ihr an Schande über den Orden gebracht habt«, funkelte er sie an. »Das sollte eure Zweifel mehr als zerstreuen«. Sie machte die Mund auf und schloss ihn dann wieder. »Dann wäre das beschlossen. Morgen segeln wir neuen Herausforderungen entgegen. Ihr werdet mir auf der Reise alles Wesentliche erzählen. Ich entsende von Zeit zu Zeit Nachricht«, wandte er sich abwechselnd an die anderen Beiden. Er war Saraliel von Myrtana. Er würde einen Weg finden. Er brachte Ordnung ins Chaos. Er räusperte sich. Elyndra wusste hoffentlich wo ihre Suche beginnen würde.
Der Karren folgte dem Weg bis zur Brücke und rumpelte darüber. Dumak bewegte sich weiter ostwärts bis zu dem Kliff, das etwa zehn Fuß höher als die umgebende Talsohle lag. Er erklomm den Hang an dessen Ostseite und sichte dann wieder den Karren, den er bald am gegenüberliegenden Ufer erspähte und er konnte sehen, wie er in Richtung der Burg gezogen wurde und dann am Burgtor in der Ferne ankam und eingelassen wurde.
Die Burg im Minental erhob sich weiterhin wie in alten Zeiten. Ihr Tor war weiterhin von einem Eisengitter gesichert. Ob es noch herabgelassen werden konnte? Vermutlich. Auch die Dächer hatten noch immer ihre Ziegelabdeckung. Vermutlich wurden die Häuser noch genutzt. Wenn Rauch aus dem Inneren drang, mussten dort Menschen ihr Lager haben. Irgendwer schien Erz abzubauen und vermutlich wurden damit Geschäfte mit irgendwelchen Abnehmern gemacht. Naja, zu glauben, dass dieser wertvolle Rohstoff völlig unbeachtet bleiben würde, wäre auch naiv gewesen, dessen war sich Dumak bewusst.
Aber noch etwas anderes fiel ihm auf. Ein anderer Weg, der auch aus dem Burgtor kam, bog nach Osten ab und verlief am Fluss entlang weiter nach Osten. Dort, wo die Ruinenreste eines alten Klosters lagen und der Nebelturm und die Klippen. Das war interessant. Aus irgendeinem Grund wurde der Weg in diese Richtung wohl auch genutzt. Fürs Erste hatte Dumak nun genug gesehen und er machte sich wieder auf den Rückweg.
Gor na Jan
27.05.2025, 12:53
"Riskant", murmelte Gor Na Jan, als Dumak von seiner Spähmission zurückgekehrt war und von seinen Entdeckungen berichtete. "Eine Handvoll Banditen würde wohl kaum das Risiko eingehen, sich ausgerechnet im Minental niederzulassen. Und dann auch noch in der Burg... ja, es ist der am besten zu verteidigende Punkt. Aber nur mit ausreichend Kampfkraft. Alles andere wäre nur ein Präsentierteller. Und sie schaffen das Erz nach Osten? Das schreit alles nach einer größeren Opration..."
Der Templer hielt inne und ließ sich seine eigenen Worte durch den Kopf gehen. Sein Blick fiel auf Esteban.
"Du willst da rein, richtig?"
Es war weniger eine Frage als eine Feststellung. Unter anderem dafür war er hierher gekommen. War nur die Frage, wie wichtig ihm dieses Anliegen war. Die alte Orkramme war seiner Erinnerung nach schon vor Jahrzehnten abgrissen worden. Infiltration mit drei einhalb Kriegern und einem Magier...
Riskant. Möglich. Aber äußerst riskant.
DraconiZ
27.05.2025, 14:20
»Und ihr … habt ihr dann mit ihr fahren lassen?«, meinte Hagen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er schien mehr alles andere belustigt zu sein als er den Assassinen von oben bis unten musterte. »Er ist… stur Mylord und ein Magier des Feuers.«, presste DraconiZ hervor. Er war noch immer noch sehr unzufrieden mit dem Ausgang der Situation. Doch es war außerhalb seiner Möglichkeiten gewesen aufzuhalten was geschehen war. Saraliel war mit Elyndra auf eine Mission gefahren, die eigentlich ihm gelten sollte und er saß hier in Khorinis fest, bis die Insel wieder Erz förderte. Es blieb ihm nur inständig zu hoffen, dass sein Bruder heil aus dieser Situation herauskam. Hoffentlich würde Daelon seine Finger in dem Spiel haben. Der Magier selbst war völlig aufgeschmissen, wenn es darum ging sich zurecht zu finden. Sich dem Schicksal zu ergeben fühlte sich falsch an. Falsch in jeder möglichen Hinsicht. »Mhmm. Ihr habt euch also der Hierarchie gefügt«, konstatierte Hagen. War das Zufriedenheit in seinen Worten?
»Ich habe einen neuen Auftrag für euch. Das wird euch sicherlich auf neue Gedanken bringen«. Der Veteran ging zu einigen Papieren und reichte sie dann an den Klingenmeister. »Das sind die Informationen die eure Leute gesammelt haben«. Der Weißhaarige nickte. Er erkannte die Handschrift und die Karten. Hagen zeigte auf eine Stelle auf der Karte. »Akils alter Hof«, meinte DraconiZ nickend. »Ihr werdet vorgehen und sicherstellen, dass uns dort nichts unvorhergesehenes erwartet«. Der Streiter schaute noch einmal auf die Karte. Der Hof lag sehr zentral und war die nächste Station auf dem Weg ins Minental. Eine Möglichkeit wäre eine Route zu errichten die von Khorinis an Akils Hof vorbei, dann an Bengars Hof vorbei und schließlich ins Minental führte.
»Die Berichte sind unauffällig«, meinte der Paladin nachdenklich. »Ihr werdet euch dort einquartieren«, gab Hagen zurück. DraconiZ nickte. So etwas hatte er erwartet. »Von dort aus lassen sich Aktionen besser planen«, gab er Hagen recht. »Ich werde Männer brauchen um die Häuser dort einigermaßen in Stand setzen zu können«. »Zwei Zimmermänner. Ansonsten habt ihr auch zwei Hände. Das ist der Dienst am heiligen Orden«. Der Weißhaarige verstand. »Es wird geschehen wie ihr wünscht Mylord«.
Don-Esteban
27.05.2025, 18:07
Der Schwarzmagier antwortete nicht gleich. Er zeichnete weiterhin mit einem Zweig, den er irgendwo abgebrochen oder gefunden hatte, seine fremdartigen Symbole in die Erde, wo er die Grasnarbe kreisförmig entfernt hatte.
Erst als er ein weiteres kompliziertes Zeichen, das aus vielen Schwüngen, Bögen und Stichen in verschiedenen Längen und Winkeln zueinander vollendet hatte, wandte er sich Gor Na Jan zu.
»Ja, das will ich tatsächlich.«
Er machte eine Pause und zeichnete einen einzigen weiteren Strich.
»Allerdings nicht um den Preis einen aussichtslosen Kampfes«, sprach er dann weiter
»Was du vermutest, erscheint auch mir plausibel. Im Minental haben sich ganz offenbar nicht nur eine handvoll Wagemutige breit gemacht. Es handelt sich wohl viel mehr um groß organisierten Erzschmuggel, in den einige Ressourcen geflossen sind. Von woher auch immer. Leute, die Erz fördern, Leute, die Transportaufgaben übernehmen und vor allem Leute, die das alles schützen. Vor den Monstern im Tal und sicher auch vor ebenso neugierigen wie ungebetenen Gästen.«
Er warf den Stock nun weg. Offenbar war er fertig mit dem Zeichnen.
»Es ist also nicht ratsam, die Burg stürmen zu wollen. Aber ich habe eine andere Idee.«
Esteban schaute in Richtung des Barden.
»Da du nun des Lesens mächtig bist, kannst du auch die Skalen meiner Messinstrumente ablesen«, konstatierte er ganz rational.
»Und wer sich durch den Wald pirschen kann, um ungesehen ins Tal, zu dieser neuen Mine und wieder zurück zu kommen, der kann sich sicher auch über die Dächer der Burg in den alten Feuermagiertempel schleichen, um dort die notwendigen Messungen auf dem Teleportpentagramm vorzunehmen und danach wieder still und leise verschwinden.
Ich weiß, dass dir diese Art der ... sagen wir ... andere nicht bei ihren Beschäftigungen störenden Fortbewegung alles andere als fremd ist.«
»Jaja, die hochgestochenen Worte kannst du dir schenken«, meinte der Barde nur belustigt über die Herumeierei des Magiers und beließ es dabei.
»Interessante Idee ...«, meinte er dann gedehnt und überlegte. Herausforderungen dieser Art reizten ihn tatsächlich. Zu lange hatte er sich nicht mehr mit solchen Aufgaben beschäftigt.
»Wenn ich die Burg noch richtig im Gedächtnis habe, gibt es am Tempel kein überstehendes Gebälk. Das macht es schwer, ein Seil dort irgendwo zu befestigen. Ich müsste also von der Nordseite kommen. Das Haus neben dem Tor, dort wo früher die Gardisten schliefen, hat eine weit überstehende Traufe. Dort könnte ich ein Seil durch eine der Öffnungen schießen ...«
Alle weiteren Gedanken sprach er nicht mehr aus, sondern murmelte nur noch hin und wieder etwas.
»Ja, so könnte es gehen«, sagte er dann schlussendlich.
Er wandte sich an den Magier: »Aber du musst mir erklären, wie ich deinen magischen Krempel bediene, schließlich will ich nicht noch weitere Male dort einsteigen, bis dir das Ergebnis endlich passt.
Und ich brauche zwei Seile, die mich tragen können und ein dünneres. Eines der beiden Seile sollte mindestens 50 Fuß lang sein und das dünnere ebenfalls. Das andere Seil mindestens 30 Fuß. Hat jemand sowas?«, fragte er in die Runde.
Don-Esteban
27.05.2025, 21:17
Esteban kramte in seinem Reisesack und nach wenigen Augenblicken zog er ein Seil - fein säuberlich aufgerollt - aus demselben und meinte: »Sechzig Fuß! Beste Kastellqualität. Ich wusste, dass ich es brauchen würde.«
Der fragende Blick Dumaks entging ihm. Schließlich brauchte es nicht der Magier, sondern der Sänger. Aber solche Feinheiten waren Esteban in diesem Fall völlig gleichgültig.
Und auch einer der Templer holte aus seinem spärlichen Gepäck tatsächlich ein weiteres Seil, das auf den ersten Blick ebenfalls lang genug zu sein schien.
Aber das dritte geforderte, dünne Seil hatte niemand. Dann würde es auch so gehen müssen.
»Und was die Gerätschaften angeht, Dumak«, begann er, dem Spielmann zu erklären, »solltest du das sicher hinbekommen. Du musst zuerst den Arcanographen« - er holte ein messingfarbenes Gerät mit verschiedenen Hebeln, Rädern und Platten aus seinem Beutel, das von Nieten und Schrauben zusammen gehalten wurde - »mit einer dieser Linsen aus Obsidianglas bestücken. Stell dich dann neben den Teleportpunkt und verändere die Richtung des Arcanographen, während du hindurch schaust. Irgendwann wird sich die Farbe des gebrochenen Lichts ändern und statt der sieben üblichen Farben des Regenbogens wirst du die magische achte Farbe erkennen. In dieser Richtung baust du dann sogleich den Magolithen auf, setzt ihn auf das ausklappbare Dreibein und stellst die umlaufenden Skalen ein, indem du sie gegeneinander verschiebst, bis die einfallende magische Strahlung eine Interferenz anzeigt. Sobald die Magiebänder scharf voneinander getrennt sind, liest du die drei Skalen ab und merkst dir die Werte jedes der drei Skalenringe.
Das ist auch schon alles. Den Magolithen vorsichtig wieder einpacken, damit das Drachenglas nicht zerbricht. Wer kommt heutzutage schon in die Wüste Phlan, um dort neues zu besorgen? Genau, niemand! Die Obsidianlinse aus dem Arcanographen verstaust du ebenfalls wieder so, dass sie keine Kratzer erhält und wenn du alles zusammen gepackt hast, kommst du auf schnellstem Wege wieder zurück.«
»Ähm ... ja.«
Dumak wirkte nicht so, als hätte er nach dieser Erklärung keine Fragen mehr.
»Du bekommst das schon hin. Es ist ganz einfach.«
Gerade wollte Dumak, um sich von den komplizierten magischen Erklärungen mit etwas einfachem zu erholen, das zweite Seil entgegen nehmen, da knackte hinter ihnen etwas im Unterholz.
Esteban wähnte schon seine Ahnung bestätigt und erhob die Hände zur Beschwörung, intonierte die fremd, hart und abweisend klingenden Worte eines magischen Spruches und es erhoben sich alsbald über der Stelle mit dem Runenkreis dunkle Nebel, die unvorhersehbar hin und her wallten, als ob sie beseelt wären und einen Ausweg aus ihrem magischen Gefängnis suchen würden. Dann verdichteten sie sich und es erhob sich aus ihrer Mitte ein Fels. Und als sich die Nebelschwaden verzogen hatten, sahen alle, dass es ein großer, steinerner Golem war, auf dessen Schultern einige violett glitzernde Kristalle wuchsen. Vor Überraschung hatten die Templer sirrend ihre Schwerter gezogen, bereit, sich zu verteidigen.
Der Magier wollte das Geschöpf in die Richtung schicken, aus der vor wenigen Augenblicken das verdächtige Geräusch gekommen war. Aber anstatt einer Bestie tauchte dort nur der junge Heric auf, der wohl seine Notdurft abseits des Lagers verrichtet hatte.
Mit blassem Gesicht starte er das graue Ungetüm an, dass im Begriff war, auf ihn zuzukommen und war wohl sicher froh, seine Blase gerade entleert zu haben.
Doch Esteban stoppte den Golem mit einer kurzen Bewegung seiner Hand.
»Nun, jetzt wir haben einen Golem zur Verstärkung«, meinte er dann nur kurz und achtete weder auf Heric, der kurz vor einer Ohnmacht stand, noch auf die Templer, die ihre Schwerter fast an dem Golem gewetzt hätten. Die Ironie, andere darüber zu belehren, ihre Handlungen anzukündigen, es selbst aber für völlig unnötig zu halten, das Gleiche zu tun, entging ihm.
»Und was dich angeht, Heric, melde dich beim nächsten mal ab, wenn du eigene Wege gehst. Das Minental ist voller wilder Bestien und man kann nie wissen, was hinter dem nächsten Baumstamm wartet.«
Er drehte sich wieder zum Rest der Mannschaft um.
»Wie auch immer, gehen wir wieder ins Tal hinunter und beginnen unseren Plan.«
Und so geschah es.
Und als sie den Weg, der vom alten Austauschplatz zur Brücke über das Flüsschen führte, fast erreicht hatten, blieb der Magier stehen und meinte: »Hier warten wir, gedeckt vom Unterholz.«
Selbst der Golem gab kein Gerüsch von sich, aber das war auch nicht verwunderlich, waren diese magischen Wesen doch dafür bekannt, lange Zeiten völlig regungslos an einem Platz stehen zu können, so dass sie dort ganz still verharrten.
Alle beobachteten das andere Ufer mit der sich ein Stück dahinter befindlichen Burg.
Mittlerweile hatte die Abenddämmerung eingesetzt.
Da sprach plötzlich Gor Na Jan leise: »Dumak, ich begleite dich!« und nickt seinen Waffengefährten zu.
Dem Barden wars nur recht. Er legte seinen Umhang ab und überhab ihn und die Laute Heric. Nur einen sehr langen, recht gerade gewachsenen Ast, den er sich auf dem Weg ins Tal gesucht hatte, nahm er stattdessen mit.
»Gut drauf aufpassen, hörst du!«
Eine Weile warteten sie noch, bis die Helligkeit des Tages fast gänzlich nachgelassen hatte.
Auf den Burgmauern sah man trotz der voranschreitenden Dunkelheit keine Fackeln erscheinen. Der Torturm war wohl nicht bemannt. Gut so!
Beide überschritten nun den Weg, gedeckt vom Schummerlicht der späten Abenddämmerung, ließen sich weit abseits der Brücke langsam ins Wasser des Flüsschens gleiten, durchschwammen es mit wenigen Zügen und erreichten das gegenüberliegende Ufer dank der starken Strömung ein wenig weiter flussabwärts.
Dann verlor Esteban sie aus den Augen, denn es war zu dunkel, um so weit entfernt noch Einzelheiten klar unterscheiden zu können. die beiden waren mit den vor ihnen liegenden dunklen Burgmauern verschmolzen.
Gor Na Jan und Dumak stiegen am gegenseitigen Ufer wieder aus dem Bach,m patschnass.
»Verdammt kalt«, zitterte Dumak, »man könnte meinen, dass wir erst Mai haben.
Ach, haben wir ja auch.«
Er schüttelte die langen schwarzen Haare aus und strich sie sich wieder glatt nach hinten. Währenddessen war das Wasser aus seiner Rüstung gelaufen. Der Panzer aus kleinen, auf Leder genähten Schuppen aus Minecrawlerplatten war das letzte Andenken an die Barriere, Die der Sänger noch hatte. Und sie besaß den großen Vorteil, dass sie niemals rostete, kein Öl brauchte und obendrein noch viel leichter als ein gleichwertiger Schuppenpanzer aus Eisen war. Ja, damals hatte es im Sumpflager einen fähigen Rüstungsbauer gegeben.Warum gab es eigentlich noch kein Loblied auf ihn und seinen Schuppenpanzer? Achja, weil Dumak noch keins geschrieben hatte.
Nur der Gambeson unter dem Kettenhemd hatte sich nun vollgesogen. Er würde in diesem Lied sicher nicht erwähnt werden.
Der riesige Templer hingegen stand einfach nur still und wartete stoisch ab, bis sich die Rinnsale an seinem Körper verlaufen hatten.
»Na dann mal los«, flüsterte der Barde und rannte schnell über den freien Bereich, kreuzte den Weg, der irgendwo nach Osten richtig Meer verlief und hatte alsbald den Fuß der Mauer unter dem ehemaligen Gardistenhaus erreicht.
Gor Na Jan war ihm lautlos wie ein Schatten gefolgt. Ein riesiger Schatten. Aber mittlerweile war die Dämmerung so weit fortgeschritten, dass man beide wohl kaum noch bemerkt hätte, wenn jemand von der Wachplattform über dem Tor herab gespäht hätte.
Beide verharrten still und achteten auf Geräusche, doch nichts drang an ihre Ohren außer das Plätschern des Baches, den sie durchschwommen hatten und der Wind, der in den Bäumen im Tal die Blätter zauste.
Dumak rollte das kürzere der beiden Seile ab und nestelte es an einen dafür gedachten Spezialpfeil mit besonders schwerer Spitze - oder besser einem ballenförmigen Bleigewicht an der vorderen Seite, die das Gegengewicht zum seil bieten sollte - den er anlegte und mit seinem Kurzbogen versuchte, zwischen der Stelle hindurch zu schießen, an der ein Dachbalken von schräg oben auf einen waagerechten Deckenbalken traf und so einen offenen dreieckigen Durchlass bildeten.
»Bei Beliar!«, flüsterte Dumak leise. Der Pfeil hatte nicht getroffen und war mit einem Klappern von den Dachziegeln abgeprallt und mitsamt dem seil wieder nach unten gefallen.
»Zu hoch gezielt.«
Er wartete eine Weile, doch nichts regte sich. Niemand hatte sie gehört.
Der nächste Versuch. Wieder den Bogen mit dem Seilpfeil gespannt, gezielt und ... es klapperte erneut. diesmal aber in einem anderen Ton.
»Zu tief! Das war die Mauer.«
Mit der Armbrust wäre das alles viel einfacher«, knurrte er, als er den Pfeil ein weiteres mal angelegt hatte.
»Aber das haben die Götter mir bisher nicht vergönnt«, seufzte er und versuchte es nun ein drittes mal.
Jetzt blieb das Seil oben.
»Na also, geht doch!«, kommentierte er zufrieden.
Dumak lief an die Stelle, an der das Seil herab hing, ließ es etwas nach, bis der Pfeil mit dem Bleigewicht wieder nach unten kam und entfernte diesen Dann wieder.
»Jetzt kommt die schwierige Stelle«, erklärte er Gor Na Jan.
»Ich muss am doppelt hängenden Seil hinauf klettern und dabei immer beide Seilhälften festhalten, um nicht wieder an einer Hälfte nach unten zu rauschen. Aber du kannst mir helfen. Halt einfach beide Seilhälften fest zusammen, dann kann nichts passieren. Wenn ich oben bin, verknote ich das Seil und du kannst mir folgen.«
Und so passierte es. Als Dumak an der Traufe angekommen war, umschlang er mit den Armen die unter dem Dach verlaufenden Balkenenden des Dachstuhls und schwang sich mit ein wenig Schaukelei so weit herum, dass er mit einem Bein über die Dachkante kam und sich danach auf das Dach rollte. Zum Glück war es im unteren Teil nicht allzu steil. Er legte den langen Stock ab, den er bis jetzt auf dem Rücken getragen hatte.
Mit dem schweren, vollgesogenen Gambeson war das ein echtes Kunststück. Schade nur, dass er es nirgendwo vorführen und damit Geld verdienen konnte.
Jetzt holte er ein Seilende zu sich herauf und knotete es am Dachbalken fest.
»Kannst!«, rief er flüsternd nach unten und bald tauchte der Templer oben auf und kletterte ebenfalls auf das Dach, wo er in gebückter Haltung verharrte.
Dumak löste dass Seil und rollte es wieder ein.
»Schauen wir in den Hof«, flüsterte er und beide stiegen das Dach empor, über den Dachfirst und auf der anderen Seite vorsichtig weiter, bis sie über die Kante des Daches nach unten sehen konnten.
Hier saßen tatsächlich einige Grüppchen um zwei größere Lagerfeuer herum. Der Sänger zählte knapp zwei Dutzend Leute. Und wer weiß, wie viele sich noch in den Gebäuden befanden. Es schien eine bunt zusammengewürfelte Truppe zu sein, die sich hier im Minental zusammengefunden hatte. Dumak konnte keine einheitlichen Abzeichen oder Rüstungen erkennen. Einige saßen in Kettenhemden, ein paar hatten Brustharnische übergezogen, Viele hingegen schienen eher einfache Arbeiter zu sein. An mehreren Stellen waren Speere, Hellebarden und ähnliches kegelförmig zusammengestellt worden. Aus ein paar Fässern ragten Schwertgriffe heraus. Waffen gab es hier wohl genug. Wachen waren im Hof aber nicht aufgestellt. Niemand, der seine Blicke schweifen ließ oder irgendwie den Eindruck eines Aufpassers machte.
Sie zogen sich wieder von der Dachkante zurück.
»So, jetzt kommt der schwierige Teil«, meinte Dumak nun zu seinem Begleiter.
»Ach, Moment, den hatten wir ja schon. Dann kommt jetzt der noch schwierigere Teil«, fuhr er leise flüsternd mit einem Grinsen, bei dem man für einen Augenblick seine Zähne in der Dunkelheit leuchten sah, fort.
»Siehst du da gegenüber den Feuermagiertempel mit seinen spitzen Türmchen an den Ecken? Wir müssen das lange Seil um eines dieser Türmchen bekommen. Dazu brauchen wir einen Faden, den ich ebenfalls mit herüber schieße und an dem ich das Seilende dann wieder um den Turm herum zurück ziehe und dann kannst du das Seil fest spannen.«
Er begann, das kürzere der beiden Seile wieder zu entrollen und auf dem Dach auszubreiten. Dann dröselte er es auf, so dass einzelne Fäden entstanden. Es dauerte eine Weile, bis er damit durch war. Mittlerweile war es Nacht geworden.
Gor na Jan
29.05.2025, 21:17
Der Templer war sich unsicher gewesen, ob es eine gute Idee war, das gerade er Dumak auf dieser Mission begleitete. Im Gegensatz zu den anderen in der Gruppe hatte er zwar grundsätzlich die nötigen Fähigkeiten, doch war er auch wahnsinnig groß. Ja, er konnte sich lautlos bewegen, aber er hatte auch nie einen hehl daraus gemacht, dass ihm das niemals dabei nützen würde, katzengleich über die Dächer von Khorinis zu huschen oder derartiges. Aber wenn diese Operation schiefging, würde er Dumak nicht seinem Schicksal überlassen wollen, sofern er irgendetwas dagegen tun konnte.
Wo sich Gor Na Jan jedoch absolut sicher gewesen war, war bei der Entscheidung, seine Templerrüstung im Lager zu lassen, was sich nun mehr als auszahlte. Wenn sie aufflogen, würde sie sowieso keinen Unterschied mehr machen und auch wenn er wohl in der Lage gewesen wäre, sich auch mit Rüstung an dem Seil hochziehen, er war mehr als froh, dass er es nicht musste. Auch der Weg über das Dach der Gardistenhauses gestaltete sich dadurch bedeutend einfacher.
Bereits in den ersten Augenblicken dieses Unterfangens hatte der einstige Zweihandmeister feststellen dürfen, dass es einen gewaltigen Unterschied gab zwischen Schleichen und "Schleichen". Scatty hatte ihm die körperlichen Fähigkeiten beigebracht, aber Dumak brachte ein völlig neues Skillset mit, um diese Fähigkeiten zur Anwendung zu bringen. Und Jan war froh, dass er den Ton angab und er nur zu folgen hatte.
Der Blick in den Innenhof ließ ihn nun doch wehmütig an seine Templerrüstung denken, auch wenn er die Nutzlosigkeit dieser, wenn sie entdeckt wurden, nur offensichtlicher machte. Wie viele mochten es sein? 25? 30? Und wie viele noch in den Häusern? Der Miene? Verstärkung außerhalb der Burg? Das erklärte, warum sie sich offenbar sicher genug fühlten, keine sonderliche Bewachung zu organisieren. Vielleicht war es aber auch einfach die Erfahrung, wenn ein Jahrzehnt niemand mehr an der Tür geklopft hatte. Und hier lag unser Vorteil.
Der Templer hielt sich vom Rand des Daches fern, um nicht aufgrund seiner Größe trotzdem irgendwie aufzufallen und beobachtete Dumak bei seiner Arbeit. Er selbst hielt die Ohren offen, ob nicht doch jemand die beiden Fehlversuche zuvor gehört hatte. Immerhin hatte er die Sumpfschneide noch dabei.
Dumak hingegen war von solchen Gedanken nicht belastet.
»Pass auf, mein Freund«, wisperte er leise.
»Jetzt haben wir zum einen das Seil und zum anderen einen viel dünneren Faden. Jetzt rollen wir beide jeweils schön zu einer Schnecke auf, damit sie sich gut abwickeln beim Schuss.«
Und so geschah es.
»Und nun das Dünne Seil an die eine ecke des Daches und das richtige Seil an die andere Ecke. Dann haben sie beide einen guten Winkel zueinander.«
Der fahrende Sänger, der in seiner Jugendzeit einer ganz anderen Profession nach ging, von der er hier und heute noch immer zehrte, erklärte sein Tun weiter.
»Und jetzt knote ich von beiden ein Ende an den Pfeil und schieße ihn über den Eckturm des Feuermagiertempels.
Und das ist der schwierige Teil an der Sache.«
Er hielt kurz inne.
»Ach, das habe ich ja vorhin schon behauptet. Na egal. Man wächst mit seinen Aufgaben«, zwinkerte er dem stoisch wirkenden Templer zu.
Er war sich nicht mehr so sicher, ob die Attitüde echt war oder nur eine gut gelernte Fassade. Aber das war egal. bislang war Gor Na Jan durchaus eine Hilfe gewesen und Dumak war sich sicher, dass das auch so bleiben würde. Wenn er doch nur früher auch immer einen hilfreichen Sechs-Fuß-Hünen dabei gehabt hätte ...
»Du stellst dich neben die Spirale des dicken Seils und hältst sie fest, sobald der Pfeil gelandet ist! Wünsch mir Glück«, flüsterte er nun.
»Das Ding ist nämlich ... ich muss mit dem ersten Versuch treffen. Alles andere würde für Verwirrung im Burghof sorgen und uns in die Bredouille bringen.«
Der Templer tat, wie ihm geheißen.
Dumak selbst lamentierte auch gar nicht lang herum, sondern spannte seinen Bogen und schoss den Pfeil ganz unvermittelt ab. Er flog in einem hohen Bogen, zog beide Seile, das dünne und das dicke, hinter sich her und landete tatsächlich so, dass das eine links vom Türmchen und das andere recht davon zu liegen kam.
Mit ein paar schnellen Schritten huschte er über das ziegelgedeckte Dach und erwischte noch geradeso das Ende des Fadens, ehe die Schwerkraft ihn in den Hof plumpsen ließ. Schnell raffte er ihn wieder an sich und begann, ihn zurückzuziehen, so dass er das dicke Seil um das Türmchen zog und dessen Ende zum Schluss in den Händen hielt. Jetzt trafen sich der Templer und Dumak, um die beiden Enden des Seiles am Schornstein festzuzurren. Aber nicht, bis sie nixcht die beiden Seilstränge so oft miteinander verzwirbelt hatten, dass aus den zwei Seilhälften ein einzige neues Seil geworden war.
»Es ist wichtig, ich brauche dich jetzt, damit du das Seil straff hältst. Ich muss jetzt darüber balancieren und je weniger es dabei nach unten durchhängt, um so besser.«
Der Templer hatte verstanden.
Dumak hingegen schnappte sich den langen, geraden Ast, den er mit sich führte und wollte ihn als Balancierstab nutzen, um über das Seil zu laufen, wie einer von diesen Artisten, die manchmal in den größeren Städten des Reiches auftraten, um die Leute in Erstaunen zu versetzen.
Das ahnungslose Publikum, das meist mit Aahs und Oohs auf solche Vorführungen reagierte, wusste dabei nie, zu was für Dingen man diese Fähigkeit außerdem noch nutzen konnte ...
Der Barde betrat das straffe Seil und nutzte den langen Stab wie geplant als Balancierstange, um den Hof zu überbrücken und an das andere Ende, nämlich den Feuermagiertempel, zu gelangen. Und das gelang ihm besser, als befürchtet. Mit langsamen Schritten tastete er sich Klafter um Klafter vor und kam auch mit der zu erwartenden Durchbiegung des Seiles klar. Gor Na Jan hielt dagegen, straffte allein mit seiner Kraft das Seil ein wenig und kompensierte dadurch die Elastizität der Konstruktion.
Der Feuermagiertempel kam immer näher.
Gor na Jan
03.06.2025, 20:47
Zuerst wunderte sich der Templer darüber, warum Dumak nicht aufhörte zu reden. Ähnlich wie er Heric den einen oder anderen Kniff in die fragwürdige Kunst des Schlösserknackens vermittelt hatte, fand sich der Spielmann nun sichtlich wohl in der Rolle des Lehrmeisters über ... nunja ... Einbruch. Jan fragte sich, ob es ein Zufall war, dass der Spielmann sowohl im Erzählen von Geschichten als auch an der Lehrmeisterei seinen Gefallen fand, oder ob das Erzählen und das Unterrichten von Natur aus nah beieinander lag. So oder so, Dumak hatte ein Talent dafür. Dies erkannte der Gor Na nicht zuletzt daran, dass er, wo er am Anfang nur aus Höflichkeit seine Aufmerksamkeit hielt, zunehmend tatsächlich gespannt den Worten lauschte und sich nicht wunderte, wenn er am Ende tatsächlich etwas gelernt hatte. Eine weitere Feststellung, die er dabei über sich machte, war, dass es ihm gefiel, etwas zu lernen, wovon er so überhaupt keine Ahnung hatte. Zwar sah er sich nicht in der Rolle, jemals alleine seinen gewaltigen Körper durch das Fenster eines wohlhabenden Bürgers zu wuchten, doch warum nicht mal lernen um des Lernens Willen? So oder so, es löste in dem Templer ein gewisses Wohlgefallen aus, wie sich die alten Getriebe in ihm wieder in Gang setzten, denn wie lange war es her gewesen, dass er von jemandem unterwiesen worden war? Zwanzig Jahre bestimmt. Armbrust muss das gewesen sein. Heute wusste er nicht mal mehr, wie man eine bediente.
Schlussendlich wurde nun aber doch eine Fähigkeit gefordert, in welcher der Templer mehr zuhause war. Das Seil um die Arme gewickelt hielt er kräftig dagegen, als Dumak darauf über den Burghof spazierte. Hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, er hätte es nicht für möglich gehalten, dass dieser doch recht unscheinbare Mann zu einem solchen Kunststück in der Lage war. Bei all der Magie, die ihre Welt beherrschte, war doch ein Akt außerordentlicher Körperbeherrschung immer noch etwas, das ihn beeindrucken konnte. Mit den Anforderungen an seine Kraft hatte Jan gerechnet. Auch wenn Dumak vielleicht etwas mehr als die Hälfte von ihm wog, das Seil mit seinem Gewicht auf Spannung zu halten, war keine Leichtigkeit. Womit er nicht gerechnet hatte, war der Anspruch an sein Geschick. Das Seil ruhig zu halten, einerseits nachzugeben, wo Dumak es in Schwingung versetzte, damit er es ausbalancieren konnte, es aber gleichzeitig straff genug zu halten, damit es nicht durchhing, war ein ... Drahtseilakt?
Instinktiv versucht der Templerführer das Gewicht mehr mit dem rechten Arm zu halten. Als er gerade erneut in einer routinierten Bewegung die Last von seiner Linken nehmen wollte, stellte er mit Faszination fest, dass diese bedeutend weniger schmerzte, als er es erwartet hätte. Nicht nur, dass die Wunde, durch welche der Geist des Waldes ausgetreten war, den Schmerz nicht schlimmer gemacht hatte, er hatte in gewisserweise sogar das Gefühl, Esteban hatte mehr als nur die letzte Verletzung dieser geheilt oder zumindest die natürliche Selbstheilung nach Jahrzehnten wieder in Gang gesetzt. Der Schmerz war noch da, keine Frage, und zu viel wollte er sie definitiv nicht belasten, doch irgendwas wurde nach all den Jahren zum ersten Mal endlich besser.
DraconiZ
03.06.2025, 21:12
»Das ist jetzt unsere Arbeit? Bäume fällen, schleppen, Sägen und Hilfsarbeiten leisten?«, fragte Alenya geknirscht und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Tag war anstrengend gewesen. Da keiner der Assassinen eine handwerkliche Ausbildung genossen hatte – nun zumindest nicht im klassischen Sinne – waren die Zimmerleute diejenigen die den Ton angaben und sie halfen aus wo sie konnten. Es würde noch lange dauern, bis der Hof wieder in voller Blüte stehen würde und so etwas wie eine Behausung darstellte. »Ich würde es nicht Arbeit nennen«, meinte der Klingenmeister und streckte seine müden Knochen. »Es ist Buße. Meine Buße um genau zu sein. Ihr seid kollateral inbegriffen. Ich bin dankbar, dass ihr noch nicht das Weite gesucht habt«, meinte er demütig. Hagen hatte ihnen gerade mal die beiden Zimmerleute und vier weitere Männer mitgegeben. Die restlichen sechs die das Dutzend komplettierten waren Assassinen. Zweifelsohne war es von Vorteil gerade diesen Hof wieder zu reaktivieren. Schließlich war er zentral gelegen und bot die besten Möglichkeiten um von hier aus Erkundungen anzustellen. Nur das Aufbauen als solches diente Hagen mit absoluter Sicherheit dazu von dem Paladin Demut einzufordern. »Ich halte es für ein gutes Zeichen. Immerhin will er nun nicht mehr direkt unsere Köpfen auf einen Spieß stecken«, meinte DraconiZ schulterzuckend. »Immerhin«, meinte Alenya grimmig. »Hätte ich gewusst, was es werden würde, wäre ich dir womöglich nicht gefolgt«. »Das wäre ein wirklicher Jammer gewesen«, meinte der Streiter und lachte. Als seine Begleiterin in das Lachen einstimmte wusste er zumindest, dass die Moral noch nicht völlig im Keller war.
»Wurde Françoise mittlerweile gesichtet?«, fragte er hoffnungsvoll. Eine der Assassinen die ebenfalls in der Runde saß schüttelte den Kopf. »Außerhalb der Stadt«. Der Paladin nickte. Um die ganze Verwirrung rund um seine Magie aufzuarbeiten, würde er ihre Hilfe brauchen. Doch das hatte Zeit. Bevor dieser Hof einigermaßen ansehnlich sein würde, würde er ohnehin zu so etwas nicht kommen. »Lasst uns das Beste aus der Situation machen«, meinte er schulterzuckend.
Und das Seil dehnte sich imemr weiter nach unten. In seiner Vorstellung musste Dumak schon bald mitten im Burghof schweben und diese ganzen Erzschmuggler dort unten mussten ihn doch sehen. Eben noch saßen sie an ihren Feuern und erzählten sich die Taschen mit irgendwelchen Abenteuermärchen voll und plötzlich spazierte da ein Seiltänzer zwischen ihnen ...
Wenn Gor Na Jan doch nur das vermaledeite Seil ordentlich straffen würde.
Aber Moment mal! Genau das tat er ja. Und es ging wieder bergauf. Das Seil, dessen untersten Punkt immer die Stelle bildete, die sein Fuß berührte, stieg vor ihm an. Dumak fühlte neue Zuversicht.
Doch mit jedem Schritt wurde der Anstieg steiler, denn das noch zu überwindende Seilstück wurde kürzer. Doch Dumak setzte weiter in ruhigem Rhythmus Fuß vor Fuß und gelangte schlussendlich am Dach des Feuermagiertempels an. Und niemand rief aus dem Burghof: »Ey, schaut mal, was ist das denn?«, oder irgendetwas in der Art. Es flogen ihm auch keine Pfeile um die Ohren.
Jetzt, wo er auf dem Tempeldach angekommen war, konnte er sich endlich umschauen und sah den Burghof noch immer ruhig vor sich, die Männer und Frauen dort unten saßen wie vordem um ihre Feuer und ahnten nichts.
»Na dann wollen wir mal sehen ...«
Er verstaute den langen Stab am Türmchen, indem er ihn in eine Lücke klemmte und machte sich dann auf die Suche nach ein paar lockeren Dachziegeln. Das war nicht schwer, die Gebäude der Burg hatte schon lange keiner mehr gepflegt. Bald hatte er eine geeignete Stelle gefunden, lugte hindurch und stellte fest, dass der Tempel völlig unbewhnt war. Niemand hielt sich dort drin auf. Umso besser.
Schnell war er durch den Dachstuhl geschlüpft und baumelte an einem Balken. Ehe er sich fallen ließ, überzeugte sich der Barde, dass es auch eine Möglichkeit gab, wieder hier hoch zu gelangen. Schließlich konnte er nicht einfach am Ende aus dem Tor spazieren und »Hallo Leute, allgemeine Tempelkontrolle. Bevollmächtigter des Ordens. Hier muss wirklich mal wieder durchgefegt werden, das ist so keine Zier für Innos. Das wird der Ordensleitung in Vengard aber gar nicht gefallen«, sagen.
Der Überraschungsmoment würde ungefähr einen Lidschlag lang halten.
Schlechte Idee.
Er erspähte ein paar alte Schränke, Bretter, aufgerissene Dielen ... Ja, damit ließ sich arbeiten. Und schon ließ er los und landete sechs Fuß weiter unten auf der oberen Ebene des alten Feuermagiertempels.
Hier oben hatten Corristo, Damarok, Rodrigues und Konsorten also ihre Zeit verbracht, wärend sie in der Barriere fest saßen.
Dumak schaute sich um. Na gut, sie mochten damals noch eine kleine Bibliothek gehabt haben, um sich die Zeit zu vertreiben. Aber irgendwann kannte man auch das letzte Buch auswendig. Es war schon ein ziemlich stumpfes Leben in der Barriere ... sicher auch für Feuermagier. Wahrscheinlich meditierten sie damals die meiste Zeit ganz kontemplativ und beschäftigten sich den restlichen Tag damit, über die göttliche Natur Innos' nachzudenken.
Natürlich war nichts übrig von der Einrichtung, die hier einst den Tempel füllte. Selbst der Fußboden war aufgerissen worden auf der Suche nach irgendwelchen Schätzen. Mussten wohl Anfänger gewesen sein.
Aber im Bereich des Pentagramms war er noch intakt. Vor der Beschädigung dieses alten magischen Symbols hatten sie wohl zu viel Ehrfurcht.
Dumak holte die Tasche von seiner Schulter und packte aus.
»So, wie war das nochmal?«, murmelte er leise zu sich selbst.
»Erst mit diesem Ding hier rumwedeln ... Achja, diese Linse hier einsetzen. Jetzt gehts ...«
Er hielt den Arcanographen vor sich und änderte die Richtung. Dann schaute er, wie von Esteban bruchstückhaft erklärt, hindurch und erkannte einen Regenbogen, veränderte die Richtung weiter und plötzlich ...
»Aaaah ... DAS ist also die Farbe der Magie. Tja, wenn es ein Wort dafür geben würde, könnte ich sie ja beschreiben, aber so ...«
Hier musste also das Dreibein hin, das Magodings. Gesagt, getan.
Er dengelte alle Einzelteile zusammen, passte auf, die angeblich so teure, besondere Linse darin nicht zu beschädigen und schraubte ein wenig an den Skalen umher und irgendwann leuchtete etwas auf, was sich bei weiterer Fummelei als verschiedene senkrecht laufende Lichtbänder entpuppte. War es Licht? War es Magie? Dumak fand es so oder so merkwürdig. Was Magier so trieben, wenn sie mal nicht kontemplativ meditierten ... Vielleicht sollte er Esteban mal vorschlagen, es damit zu probieren, anstatt mit abstrusen Gerätschaften durch die Welt zu reisen.
Nach weiterem Herumgedrehe an verschiedenen, offensichtlich zum Drehen gedachten Teilen nahm alles durch die Obsidianlinse eine noch prachtvollere Form an. Die Strahlen wurden schärfer und verloren ihren Hof. Das musste es sein. Dumak drehte noch etwas weiter, bis es nicht mehr schärfer wurde.
»Sengk, Yachot, Subbutal, Sengk, Sengk«, las er dann ab.
Seine neuen Lesefähigkeiten waren ihm noch immer sehr suspekt.
»Was auch immer das bedeutet«, zuckte er mit den Schultern.
»So: Einpacken, und weg hier.«
Im Erdgeschoss, wo sich einst die magischen Labore befunden hatten, gab es sicher auch nichts anderes als vergangene Verwüstungen zu sehen.
Deshalb vertrödelte Dumak auch keine weitere Zeit. Schnell waren alle Gerätschaften zusammengesammelt und verstaut, ein hoher Schrank unter das Loch im Dach geschoben und mit ein paar Brettern eine Treppe improvisiert, um an dessen Spitze und von dort wieder in den Dachstuhl zu gelangen. Auf dem Dach klaubte er den Stock wieder auf und begab sich über das Seil auf die Rückreise.
Gor na Jan
08.06.2025, 12:47
Der Templer nahm einen letzten Bissen von seinem Apfel. Es war nicht die allerbeste Energiequelle, aber wenn er das Seil noch für den Rückweg halten musste, so wollte er nicht, dass ihm die Arme versagten. Locker schüttelte er die Muskulatur aus und genoss die Pause, bevor Dumak wieder in der Finsternis erschien. Eigentlich fühlte er es mehr, als der Barde an der anderen Seite zog, denn zu erkennen war in der Finsternis nun wirklich nicht viel.
So machte Dumak sich auf den Rückweg und Gor Na Jan hielt stramm dagegen. Inzwischen hatte er ein gewisses Gefühl dafür bekommen, wie der Körper des Barden mit dem Seil interagierte, so dass der Rückweg deutlich leichter für diesen sein musste als der Hinweg.
Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als einer der Dachziegel und dem Templer, der dazu noch das Gewicht eines Barden mitstemmte, nachgab. Mit einem Knacken brach der einstige Zweihandmeister ein und verlor für einen kurzen Moment den Halt. Kriegerischen Reflexen sei Dank verlagerte er seine Haltung rasch auf das andere Bein, zog den Fuß aus dem Bruch und platzierte ihn an einer anderen Stelle. Das Seil hielt er verbissen umklammert und warf sich dagegen.
Zwar war es ihm nicht entglitten, aber der spontane Ruck setzte sich durch die gesamte Länge fort und erreichte auch Dumak. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt Jan das Seil so ruhig er konnte und versuchte gegen die Vibration zu arbeiten, doch der Barde geriet sichtlich ins Straucheln. Der Templer hielt den Atem an und für einen quälend langen Moment schien es am seidenen Faden zu hängen, ob der Spielmann wieder ins Gleichgewicht kam oder in den Innenhof stürzte. Mit fatalen Konsequenzen.
Dann jedoch beruhigte sich das Seil und auch Dumak und einen Moment später setzte der Barde sich wieder in Bewegung. Sein Fluchen, obwohl weder hör- noch sichtbar, glaubte der Hüne noch durch die Vibration des Seils zu spüren. Das würde was geben, wenn er die andere Seite erreichte... Falls. Falls war gut.
Françoise
08.06.2025, 15:42
In einem gemächlichen Tempo führte Konstantin den Roten Hasen den Hang hinauf. Françoise lief neben ihm und ließ den Blick über die Umgebung schweifen. Je weiter sie in die Berge vorstießen, desto dichter war das Unterholz am Wegesrand. Das war das Erstaunliche: es existierte immer noch ein brauchbarer Pfad, der sich gen Westen schlängelte. Es war Françoise ein Rätsel, was die Natur davon abhielt, ihn völlig zu überwuchern. Aus der Stadt kam außer ihnen niemand in diese Richtung, denn den Karten zufolge führte der Weg in eine Sackgasse. Zumal die Stadtbewohner die Gegend ohnehin mieden. Was hielt ihn also frei? Magie? Möglich, aber zweifelhaft. Gab es tatsächlich jemanden im alten Dämonenbeschwörerturm, dann verschwendete er seine Kräfte gewiss nicht mit solch einem Unfug. Was der Grund auch sein mochte, hatte vermutlich keine Bedeutung.
Schließlich gelangten Françoise und Konstantin zu einem enormen Felsbogen. Fast hatte die Priesterin das Gefühl, als würden sie durch ein Portal in eine andere Welt eintreten. Denn die Luft kühlte rapide ab und das satte Grün, was sie bisher umgeben hatte, verlor seine Farbe.
»Eine Stimmung, wie auf einem Friedhof.«, kommentierte der Drache. Françoise nickte nur gedankenverloren. Diese Veränderung der Umgebung besaß keinen natürlichen Ursprung. Eine unbekannte Macht hatte das Leben regelrecht aus ihr heraus gesogen.
»Wir müssen auf der Hut sein.«, sagte Françoise schließlich. »Die Sache schmeckt mir nicht.«
Nicht viel später erblickten sie über den Baumwipfeln die Spitze eines schwarzen Turms. Ein martialisch anmutendes Bauwerk, gespickt mit einer Vielzahl von steinernen Dornen. Genau was sich ein unbescholtener Bürger unter dem Begriff Turm des Dämonenbeschwörers vorstellen würde. Von tanzenden Lichtern und markerschütternden Schreien fehlte allerdings jede Spur.
Als hätten sie sich abgesprochen blieben Françoise, Konstantin und das Pferd abrupt stehen. Ein Wasserfall rauschte in ihrer Nähe. Doch das war nicht, was sie zum Halten gebracht hatte. Unter dem Dröhnen des Wassers drang ein weiteres Geräusch zu ihnen herüber. Ein Knirschen und Knarzen von blanken Knochen, die aneinander rieben. Dass sie es sogar über das Getöse des Wasserfalls hören konnten, verhieß nichts gutes.
Konstantin löste die schwere Hellebarde vom Sattel des Roten Hasens und schickte das Tier dann weiter bergab. Zu zweit schlichen sie sich dann Stück für Stück näher an den Turm heran. Das Knirschen und Knarzen wurde indes immer lauter, bis es schließlich sogar den Wasserfall übertönte. Mit aller gebotenen Vorsicht lugte Françoise hinter einem Busch hervor.
Vor dem Turm hatte sich eine ganze Horde von Untoten versammelt. Zombies und Skelette wohin das Auge reichte. Sie schienen den Eingang zum Turm nicht zu bewachen, sondern vielmehr sich zufällig davor zusammengerottet zu haben. Natürlich wusste die Oberste Feuermagierin, dass diese Anhäufung ganz gewiss kein Zufall war. Jemand hatte die Kreaturen beschworen und sie sich dann selbst überlassen. Ohne direkte Kontrolle durch einen Meister blieben die Untoten einfach dort stehen, wo sie beschworen worden waren. Françoise drängte sich die Frage auf, ob das Skelett, welches sie auf Lobarts Hof angegriffen hatte, ursprünglich auch zu dieser Horde gehörte. Denkbar war es. Einige der Untoten liefen hin und wieder scheinbar ziellos ein paar Schritte herum, bevor sie abermals stehen blieben. Mit genügend Zeit hätte einer auf diese Weise bestimmt den Weg bis zum Hof schaffen können.
»Ich will in den Turm.«, flüsterte die Priesterin ihrem Weggefährten zu. Konstantin nickte ohne einen Moment zu zögern. Ein furchtloser Krieger durch und durch.
Vorsichtig hatte Redlef Jaques Hand genommen und seinen Daumen untersucht. Seinen Erzählungen und seinen eigenen Erfahrungen nach (die er Schwerpunktmäßig mit Tieren gesammelt hatte) war nichts gebrochen. Auch blutete der Finger nicht, sodass er Jaques eine kühlende Salbe aus Rosmarinöl, Arnikaextrakt, Kampfer und Beinwell behutsam aufstrich und einen festen Verband anlegte. Jaques sollte den Daumen schonen und ihn umgehend ansprechen, sollte er sich verschlimmern.
»Was, bitte, wird das denn?« Redlef hatte Bardasch Handeln beim Heraustreten aus dem Stall beobachtet und sah sich sofort in all seinen Befürchtungen bestätigt. Der Lump hatte vielleicht einmal ein Pferd besessen: doch das bemitleidenswerte Wesen hatte vermulich vor Schmerzen kaum gearde aus sehen können: Satteldruck, offene Wunden in der Sattellage, Reude und die Haut von juckenden Ekzemen und aufgebrochenen Eiterpusteln durchzogen.
Wütend griff er eine Bürste und fuhr, für einen Krüppel erstanlich schnell, zwischen Bardasch und Morgenglanz. Das goldene Pferd mit der blonden Mähne zuckte erschrocken zusammen und tänzelte einen Schritt zur Seite. Redlefs Aufmerksamkeit, sowie sein finsterer Blick waren gänzlich auf den Grauen gerichtet.
»Niemand, und wenn es König Rhobar persönlich wäre, legt einen Sattel auf einen ungeputzten Pferderücken in meiner Gegewart!« Zur Bestätigung hob Sir Eric ironisch lächelnd in Redlefs Rücken seine Bürste und strich mir ein paar schnellen Zügen über das Fell seines Pferdes, nur um dann selbst nach der Decke zu greifen.
Redlef setzte seine Zurechtweisung fort: »Auch im Gefechtsfall darf nichts unter dem Sattel scheuern. Dieses Tier wird Euch im Zweifel unter Schmerzen bis auf Beliars Tellerrand tragen, also sollte es das Mindeste sein, dass sich jeder Reiter vollumfänglich für das Wohl seines Pferdes einsetzt – immer! Diese Pferde beklagen sich nie, also werde ich das Wort für sie ergreifen!« Er drückte Bardasch die Bürste in die Hand und beaobachtete mit Alderaugen, dass die Arbeit zu seiner vollsten Zufiredenheit aufgeführt wurde.
Dadurch verzögerte sich der Aufbruch der kleinen Gruppe und zuletzt hatten auch Bardasch und Redlef die Pferde gesattelt. Kurzentschlossen hatte Redlef Marodeur Jaques zugewiesen, da er ihn in dieser Situation für einfacher händelbar hielt. Er selbst wollte Rittmeister ins Gelände reiten. Es versprach ein windiger Tag zu werden und der Braune tänzelte jetzt schon über den Hof, da er spürte, dass es dieses Mal nicht auf den eingezäunten Platz gehen sollte, sondern nach draußen.
Sir Eric und sein Knappe stiegen zuerst über einen Bock am Tor ihres kleines Pferdehofes auf. Währenddessen versuchte Möhre verbogenen Leckereien in Jaques Wams zu finden. Mit seinem mächtigen Schädel warf er ihn dabei beinahe um. »Lass ihm das nicht durchgehen! Er soll nicht betteln, während du ihn führst!«, wies Redlef den jungen Mann an und schickte den braunen Wallach an seiner Hand streng einige Schritte zurück, da der Esel das Loskommen kaum noch erwarten konnte. Nur der alte Morgenglanz stand gelangweilt neben Bardasch und wirkte eher die wohlige Wärme des Stalls vermissend als in freudiger Erwartung auf einen ausgedehnten Ritt.
Eric und Anselm ritten voraus, ihnen folgte erst Jaques und anschließend Bardasch, den Schluss bildete Redlef, der die Truppe so am besten im Blick behalten konnte.
»Also los, Richtung Süden. Wir werden uns dort bei den Höfen etwas umsehen.«
Kaum hatten sie die kleine Brücke am südlichen Tor überritten, spürte die Truppe den steifen Seewind. Die Pferde wurden davon angestachelt. Sie schritten viel freudiger voran, als auf dem kleinen Trainingsplatz üblich war.
Unwillkürlich schlich sich ein entspanntes Lächeln auf Redlefs Gesicht. Er genoss wie Briese in seine Haare griff, das feurige Pferd unterm Sattel und dass die Sonne seine Haut wärmte. Für einen Moment gab er sich der Sorglosigkeit hin, vergaß das schlimme Bein und lachte leise, als Rittmeister übereifrig antrabte, um zu Bardasch mit Morgenglanz aufzuschließen.
»Der Wind macht die Pferde flott!«, stellte Eric von vorn fest. »Ja«, reif Redlef zurück. Pass auf, dass dich der Schimmel nicht absetzt, alter Mann!«
»Sicherleich hast du ihm gestern eine extra große Portion Hafer gegeben, oder wie? Der Gaul ist kaum zu halten. Hattest wohl schiss, dass ich dich mit `nem ordentlichen Ross alt aussehen lasse, was? Red, schlottern dir die Knie bei dem Gedanken? Ach ne… das Knie?«
»Sogar mit zwei steifen Knien und rückwärts auf ein Maultier gebunden, könntest du mich nicht alt aussehen lassen, Eric!«
Der Ritter machte eine abwinkende Handbewegung und beschloss, dass es Zeit für einen kleinen Trab war. Die Gruppe legte an Tempo zu und drang weiter in das von teils verwilderten Feldern und jungen Baumgruppen geprägte Land vor. Es war auch für den Laien zu erkennen, dass diese Böden schon lange nicht mehr in allen Bereichen effektiv bewirtschaftet wurden. Hier und da trugen kleine Felder noch grünes Korn oder andere Feldfrüchte. In einiger Entfernen hüteten zwei Kinder einige Ziegen und ein dickes Schwein am Rande eines kleinen Hains. So wirkte die Landschaft idyllisch und beinahe etwas vergessen. Doch wenn man gleichzeitig die hungernde Stadtbevölkerung bedachte, dann war es eine Schande. Mit so wenig Ernte, wie sie sich hier abzeichnete, würde es ein harter Winter werden.
Sein Blick fiel auf Bardasch. Ob er wohl schon einen Winter hier erlebt hatte?
»Geht es? Erinnert Ihr Euch an den Schwung eines Pferdes?« Die gut gelaunten Tiere waren in einen kräftigen Mitteltrab gefallen, und es benötigte schon einiges an Gewöhnung und Ausdauer die kräftigen Bewegungen auszusitzen. Barasch stellte sich nur halb so schlecht an, wie Redlef es erwartet hatte. Vielleicht taugte er doch etwas?
»Eric, Durchparieren!« wies Red sie Spitze an. Nun im gemächlicheren Tempo würde ein Gespräch sicherlich einfacher fallen. Außerdem lag ein kleiner Wald vor Ihnen, durch den Redlef nur ungern hindurchstürmen wollte. Zwar hatte man ihm die letzten Wochen immer wieder berichtet, dass es in den Feldern ruhig sein sollte, doch waren auch einzelne Unbekannte, vermutlich Banditen gesichtet worden. Da hieß es besser Vorsicht walten lassen.
»Der Zustand dieser Ländereien ist beschissen!«, stellte er fest, als sie in das Dunkel unter dem Blätterdach eintauchten. »Was wisst ihr? Wo sind die Bauern hin? Warum verfällt hier alles. Ein paar Banditen können doch nicht allein der Grund für eine solche Verwahrlosung sein?« Sein Blick verfinsterte sich: »Orks?«
Jacques Percheval
10.06.2025, 11:39
Der Ausritt war für Jacques sowohl eine willkommene Abwechslung als auch eine Herausforderung. Es war schon etwas anderes, ein Pferd auf einem Ritt durch die Natur zu lenken, als sich in den klaren Grenzen des Hofes zu bewegen. Er hatte Reds Worte im Kopf – das Pferd verlässt sich auf seinen Reiter, dass er ihm den richtigen Weg weist und es nicht in Gefahr bringt! Natürlich war das in diesem Fall, wo er nur hinter Eric und dessen Knappen herreiten musste, keine große Herausforderung, aber Jacques konzentrierte sich dennoch auf den vor ihm liegenden Weg und versuchte, selbst kleine Gefahren oder Hindernisse vorzeitig zu erkennen. Das musste ihm zur Gewohntheit werden, und daher durfte er nicht erst damit anfangen, wenn er bereits auf sich allein gestellt war.
Alles in allem aber fühlte er sich mittlerweile recht wohl auf dem Pferderücken. Selbst die Tatsache, dass ihm von Redlef im letzten Moment ein anderes Pferd zugeteilt worden war, hatte ihn nur anfangs ein wenig aus dem Konzept gebracht. Der Bewegungsrhythmus des Tieres war zunächst ungewohnt gewesen, aber Jacques hatte sich rasch hineingefunden, zumal Marodeur mit stoischer Ruhe voranlief und sich nicht allzu sehr für seine Umgebung zu interessieren schien – anders als Rittmeister, der von Redlef immer wieder daran erinnert werden musste, wer die Richtung vorgab.
Es war ein angenehmer Tag. Die Sonne schien warm vom Himmel, aber die vom Meer her wehende steife Brise sorgte dafür, dass einem selbst in Gambesson und Rüstung nicht zu heiß wurde. Als sie die Stadt hinter sich ließen, wurde Jacques erst einmal wieder bewusst, wie durchdringend die engen Gassen der alten Hafenstadt doch stanken – nach feuchtem Lehm, Essensresten, Pisse, Schweiß und Meersalz. Man gewöhnte sich daran, so dass einem der Geruch der ‚Zivilisation‘ irgendwann normal vorkam, bis man sich dann doch mal wieder in die Natur wagte und merkte, wie wunderbar die Welt eigentlich duften konnte, nach frischem Gras, dem harzigen Geruch der Bäume, ab und zu einem Pferdefurz …
Weniger erbaulich war der Zustand der meisten Höfe, an denen sie auf ihrem Ritt vorbeikamen. Nur wenige von ihnen wurden noch bewirtschaftet. Der Anblick erinnerte Jacques an die Baronie von Thorniara – genau wie die Stadt auf Argaan, würde Khorinis sicherlich noch auf längere Zeit auf Versorgung vom Festland her angewiesen sein, vor allem, wenn im Kielwasser des Ordens das zivile Leben wieder aufblühen und die Bevölkerung wachsen sollte. Aber Jacques sah auch die positiven Seiten: Hier gab es Gelegenheiten für Neuanfänge. Menschen, die anderswo vom Pech verfolgt waren oder vom Schicksal gar nicht erst eine Chance erhalten hatten, konnten hier auf Khorinis vielleicht ihr Glück finden, wenn sie bereit waren, die Artbeit zu tun, die getan werden musste. An Land und Gelegenheiten mangelte es nicht für Hände, die gewillt waren, anzupacken.
Kurz schlich sich der Gedanke ein, wie es wohl wäre, wenn er selbst einen der Höfe übernähme – aber nur kurz. Das Gewicht des Schwertes an seiner Seite erinnerte ihn daran, dass er sich für einen anderen Weg entschieden hatte, und dass sein Entschluss feststand. Die Zeiten des bäuerlichen Lebens lagen hinter ihm – er war jetzt ein Gardist des Königs und so Innos wollte, würde er eines Tages ein Ritter des Ordens sein. Seine Aufgabe war nicht mehr, die Felder zu bestellen, sondern diejenigen zu beschützen, die die Felder bestellten. Sie beschützen vor …
„Orks?“, richtete Redlef gerade seine diesbezügliche Frage an Eric, und die Miene des Ritters verdüsterte sich.
„Möglich“, brummte er, „Uns liegen zwar keine expliziten Berichte über Orkangriffe vor, aber es gibt Geschichte über Höfe, die von einem Tag auf den anderen zerstört wurden, die Bewohner spurlos verschwunden. Niemand weiß, wer oder was dafür verantwortlich ist. Banditen? Orks? Außerirdische? Wer weiß. Je weiter man sich dem Minental nähert, um so gefährlicher wird es. Hagen hat zuletzt diesen Draconiz angewiesen, einen der alten Höfe zu einem Außenposten auszubauen. Das sollte uns dabei helfen, die Kontrolle über die Gegend wiederzuerlangen. Trotzdem müssen wir erst noch wissen, womit wir es eigentlich zu tun haben. Das herauszufinden, ist Teil unserer Aufgabe.“
„Moment, sagtet Ihr gerade – Draconiz?“, fiel Jacques dem Ritter ins Wort. Eric runzelte die Stirn.
„Ja, warum? Einer der Paladine. Auch wenn er einen eher … zweifelhaften Ruf genießt. Ich traue ihm nicht.“
„Ich habe ihn vor einer Weile kennen gelernt, während ich mir Sir Ulrich unterwegs war. Aber unter dem Gebirge ist er während eines Kampfes verschwunden. Er hat … gegen Ulrich gekämpft!“
Erics Augen verengten sich zu Schlitzen. „Gegen Ulrich? Ich sagte ja – ich traue ihm nicht! Weiß Beliar, was der Kerl hier zu suchen hat. Und wieso Hagen ihn nicht schon längst am nächsten Baum aufgeknüpft hat. Aber genug davon – es ist nicht an uns, das zu beurteilen. Wir sind hier, um herauszufinden, was im Umland vor sicht geht. Die Banditen zu finden, oder die Orks. Und ihnen in den Arsch zu treten! Ha, wie in der guten alten Zeit!“
Bardasch
10.06.2025, 12:21
„Uli?“, brummte der Ergraute.
Auch wenn Bardasch’s Reitkünste nicht vergessen waren, merkte er doch die ungewohnte Anstrengung, die seine Knochen schmerzen ließ und hier und dort ein Taubheitsgefühl verursachte. Und obwohl er darum wusste, mit seinem Reittier eine Einheit bilden zu müssen, fiel ihm das schwer, dass man kaum von einem lockeren Ausritt sprechen konnte.
Aber wer sollte diesen Umstand nicht verstehen? Schließlich waren es etliche Jahre, in denen der Ergraute nicht einmal mehr ein Pferd anfasste.
Natürlich erweckte der mögliche Feind seine Aufmerksamkeit und sorgte für Unbehagen, aber der gesprochene Name seines einstigen Freundes warf ihn gerade erinnerungstechnisch eine Zeit weit zurück und lenkte die Aufmerksamkeit hin zu etwas Vergangenem.
„Wo ist Sir Ulrich!?“, wollte der einstige Nomade wissen.
Jacques Percheval
10.06.2025, 13:15
Überrascht hob Jacques die Augenbrauen und sah Bardasch an. Der heruntergekommene Vagabund wirkte nicht gerade wie jemand, den er auf der Liste der Bekannten Sir Ulrichs vermutet hätte. Und er bezweifelte auch stark, dass sich der Kommandant von irgendwem einfach so ‚Uli‘ nennen ließ.
„Ich glaube nicht, dass Ihr ihn kennt“, erwiderte Jacques nach kurzer Überlegung, „Wahrscheinlich verwechselt Ihr ihn mit einem anderen Mann dieses Namens. Er ist ein hochrangiger Kommandant in den Reihen des Ordens in Thorniara.“
Bardasch
10.06.2025, 13:32
„Was Ihr glaubt, interessiert mich nicht die Bohne“, erwiderte der einstige Nomade.
Das Menschen Bardasch zurecht für einen Penner hielten, war nachvollziehbar. Vielleicht hätte den Ergrauten eine derartige Aussage vor Wochen nicht einmal gejuckt, aber nun, da er sich an seine alte Zeit erinnert sah und er einmal zu den Angesehenen gehörte, versetzte der Satz ihm nun doch einen Stich. Gerade bei Uli!
„Ich kenne ihn. Aus meiner Zeit als Gardist. Also – ist er also in Thorniara?“.
Jacques Percheval
10.06.2025, 14:03
„Eure … Zeit als Gardist?“ Das war eine Aussage, die Jacques nun wirklich nicht erwartet hatte. Marodeur schnaubte und tänzelte ein wenig zur Seite, als sein Reiter vor Überraschung unbeabsichtigt am Zügel zog. Jacques lenkte das Pferd jedoch rasch wieder auf den richtigen Weg.
Er musterte Bardasch von Kopf bis Fuß. Wenn es stimmte, was der Kerl behauptete – dass er einst Gardist gewesen war und Kommandant Ulrich kannte (wenn er ihn tatsächlich ‚Uli‘ nennen konnte, musste er ihn sogar verdammt gut kennen!) –, dann stellte sich die Frage, was ihn hatte abstürzen lassen. Der Verlust seines Beins vielleicht? Am liebsten hätte Jacques ihn direkt darauf angesprochen, aber dafür war es offensichtlich noch zu früh. Bardasch schien auch nicht unbedingt bester Laune zu sein. Mit seiner bärbeißigen Art war er fast wie ein zweiter Redlef.
„Er ist jedenfalls nicht nach Khorinis mitgekommen. Soweit ich weiß, wollte er zum Festland aufbrechen. Warum genau, weiß ich allerdings nicht.“
Bardasch
11.06.2025, 11:34
„Hm“, brummte Bardasch in seinen Bart. Das Sir Ulrich nicht in Khorinis war, war auf der einen Seite sehr schade, aber auf der anderen Seite besser für den Ergrauten. Er war sich nämlich nicht sicher, ob es sein Wunsch sein könnte, auf diese Art und Weise vor seinen damaligen Freund zu treten. Freunde, die sich damals unter nicht schönen Umständen trennten. Und obwohl der einstige Nomade darüber nachdachte, was damals eigentlich alles vorgefallen war, blieben die erwünschten Erinnerungen leider fast vollständig aus. So war das wohl, wenn man sich das Gehirn wegsoff.
Einen Seufzer tuend korrigierte der Ergraute seinen Sitz zu Pferde, mittlerweile schon ein wenig besser daran gewöhnt im Einklang mit ‚Morgenglanz‘ zu tanzen, aber immer noch mit schmerzenden steifen Knochen und Muskeln.
Bis jetzt stellte die Reise noch keine besondere Schwierigkeit da, doch das konnte sich spätestens dann ändern, wenn Gefahren sich wie aus dem Nichts kommend auftaten. Dabei reichte die Palette von Goblins, Orks über Wölfe, Wargs und so weiter und so weiter. Die Gefahr bestand heute auch noch, selbst wenn Menschen das Gegenteil behaupteten, oder sich im Gelände bewegten, als gäbe es immer einen Morgen.
Abgesehen davon, dass der Ergraute nicht mal im Ansatz dazu im Stande wäre vom Pferd aus Gefahren abzuwehren, besaß er diese Fähigkeit zu Boden vermutlich auch nicht mehr. Und das nicht nur, weil er bis auf seinen besonderen Dolch keine nennenswerte Waffe besaß.
Ein Grund mehr darüber erleichtert zu sein, von nun an nicht mehr alleine durchs Leben schreiten zu müssen.
„Alleine?“, hackte der Ergraute bezüglich Uli nach. Ganz sicher nicht, aber Jaques würde ihn schon aufklären.
Jacques Percheval
15.06.2025, 20:11
Jaques schüttelte den Kopf. „Nein, er hat die meisten seiner Männer mitgenommen. Nur ein paar sind nach Khorinis gereist. Ich weiß allerdings nicht, ob Ulrich vorhat, ihnen hier her zu folgen, oder ob sie ihn später einfach nur über die Lage hier informieren sollen.“
Er versuchte, Bardaschs Reaktion einzuschätzen, aber die Miene des Vagabunden und angeblich ehemaligen Gardisten blieb indifferent. Er war offentlichtlich jemand, der es gewohnt war, mit verdeckten Karten zu spielen. Trotzdem fand Jacques, dass der Vagabund so langsam selbst ein paar Antworten schuldig war.
„Wie kommt es, dass ihr nicht mehr bei der Garde seid?“, fragte er daher unverblümt, „Ist es wegen … Eurer Verletzung? Dem Bein? Hoo, Marodeur, ruhig! Was hast du denn auf einmal?“
Das Pferd wieherte und tänzelte ohne ersichtlichen Grund kurz zur Seite, als wollte es den Weg verlassen. Zwar ließ es sich wieder zurücklenken, machte aber einen nervösen Eindruck. Jacques kniff die Augen zusammen und ließ den Blick über das Unterholz neben dem von Farnen und Moos überwucherten Pfad streifen. Er konnte jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. Vielleicht hatte sich sein Reittier ja auch nur vor dem eigenen Schatten erschreckt …
Bardasch
19.06.2025, 11:03
Wie gut, dass der Ergraute nicht antworten musste.
Auch sein Pferd reagierte auf etwas Unbestimmtes, in dem es auf der Stelle tänzelte, wobei unklar war, ob es auf Marodeur reagierte oder auf etwas, was sich in der Umgebung versteckte. Während Jacques seine Sinne spitzte, brachte der einstige Nomade Morgenglanz dazu in einem kleinen Bogen geführt die Distanz zwischen sich und dem Unbekannten zu vergrößern, bis er seine Aufmerksamkeit gen Khorinis Stadt lenkte und die Laufrichtung des Pferdes erneut änderte. Während er nichts sah, schien Morgenglanz jedoch nervöser, dass der Ergraute Banditen und Orks ausschloss und… „Whou!“
Aus dem Unterholz brach Etwas hervor, was den nun panischen Morgenglanz ganz knapp am Hinterteil erwischte, dass Dieser Bardasch bei seiner Flucht nach vorn fasst aus dem Sattel trieb.
Der Ergraute hatte es versäumt die Vorboten seines Reittieres rechtzeitig zu deuten. Der angehobene Kopf und die aufgeblasenen Nüstern hätten ihm verraten sollen, dass kurz vor zwölf schon vorbei war, aber vermutlich war diese Situation auch einfach nicht zu vermeiden.
Nun blieb Bardasch nicht’s anderes übrig, als sein Körpergewicht so gut es ging nach hinten zu verlagern und leichten Zug an den Zügeln zu geben, ohne dabei an den Zügeln zu reißen.
Das Körpergewicht zusätzlich nach links gelenkt brachte der einstige Nomade das Tier dazu auf dem Weg zu bleiben und noch etwas weiter links eine Steigung zu nehmen, die Morgenglanz noch weiter ausbremste.
Zum Schluss konnte der Schwitzende nur darauf achtgeben mögliche Stolperfallen und ähnliches zu vermeiden, während Morgenglanz weiter lief.
»Goblins«, brüllte Eric von der Spitze ihres kleinen Zuges her, während der Veteran im selben Moment in einer fließenden Bewegung das Schwert zog und seinen aufsteigenden Hengst in Position brachte, das widerliche Gesindel zurückzuschlagen.
Eine ganze Horde der grünen Gestalten war aus dem Unterholz gebrochen. Strategisch überraschend geschickt, da es sich hier um den Einritt in den Wald handelte, wo Pferd und Reiter einen Moment benötigten, bis sich ihre Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten.
Auch i den Wäldern westlich von Geldern warne die feigen Viecher ein Ärgernis gewesen, sodass Redlef ihr Vorgehen nur zu gut aus seiner Jugend kannte, doch dass die schwächlichen Diebe einen Tross von fünf Reiter angriffen, war seiner Erfahrung nach sehr ungewöhnlich. War es Mut oder Verzweiflung, die sie dazu trieb?
Ein grässliches Jaulen ertönte, als Erics Schwert den Schädel des ersten unglücklichen Goblins spaltete. Der Ritter trieb Seraphis kräftig an und brachte ihn damit an Lorics linke Flanke, um Bruder Anselm auf der Schildseite Deckung zu geben. Seite an Seite stehend boten sie damit den Angreifern nur Schnappende Pferdemäuler, tretende Hufe oder tödlich herabzischende Schwerter.
Sir Eric war gänzlich in seinem Element. Jaques hingegen sah sich gleich zwei Angreifern gegenüber, doch Redlef wusste ihn, mit seinem Pferd gut aufgehoben. »Drück die Fersen fest und stetig in Möhres Flanken, er wird wissen was zu tun ist!«, rief er seinem Reitschüler zu, während er besorgt beobachtete, wie Morgenglanz mit Bardasch das Weite suchte.
Die vorwitzigen Gobbos hatten es auf die Beine des schwarz gesprenkelten Pferdes abgesehen. »Lass das Schwert stecken! Festhalten!«, kommandierte Redlef und brachte sich und Rittmeister nun mit blanker Waffe selbst in eine bessere Position.
Möhre, verärgert durch den Angriff auf seine Beine, biss nach dem näheren der zwei Goblins und erwischte ihn so heftig am Kopf, dass seine Zähne ein stück Skalp vom Schädel schälten. Der zweite Unglücklich wurde durch die Vorderhufe niedergemacht. Immer wieder stieg das Pferd nun und trat mit den Vorderbeinen wiederholt nach dem Angreifer, bis dieser mit zerschmetterten Knochen auf dem Waldboden liegenblieb.
Redlef wendete den Braunen und hielt nach Barasch Ausschau. Dabei fielen ihm drei Goblin auf, die unschlüssig am Waldrand standen und dem davon preschenden Pferd hinterher blickten. Redlef kam ein schlimmer Gedanke: Das aufscheuchen der Pferde war von vorneherein der Plan gewesen. Die Tiere in Panik zu versetzten und dadurch die Gruppe aufzuteilen war ein effektiver Weg jeden Reiter einzeln unschädlich machen zu können. Zwar war ein Ritter zu Pferd auch allein ein gefährlicher Gegner, da ein herabstoßendes Schwert grundsätzlich immer auf Kopf und Arme der Angreifer zielen musste, während diese sich nur mit den meist gut gepanzerten Beinen oder Flanken des Pferdes beschäftigen konnten, dennoch fehlte einem eingekreisten Reiter der größte Vorteil: Die Beweglichkeit und Geschwindigkeit.
Bardasch zog sich in den Sattel, versuchte oben zu bleiben und stellte sich dabei erstaunlich gut an. Eventuell stimmten seine Geschichten doch? Er hatte Erfahrungen mit Pferden und dem Reiten.
Kurz überlegte Redlef, ob er seine Männer allein lassen konnte, um Barasch einzuholen, doch da durchzog ein gellender Schrei den Wald. Dieses Mal war es kein Goblin, sondern Anselm.
Die Goblins hatte sich nach ihrem vermeidlichen Erfolg die Truppe zu trennen nicht zurückgezogen, sondern sogar Verstärkung bekommen. Nun waren die Biester gepanzert und sehr erfolgreich damit beschäftig Loric, Anselms Pferd von Sir Eric wegzudrängen und in die Knie zu zwingen.
Gor na Jan
21.06.2025, 10:58
Auf den letzten Metern griff der Templer Dumaks Hand und zog ihn zurück auf das Dach. Nicht, dass dies notwendig gewesen wäre, doch Jan hatte ein Bedürfnis, den Barden nicht länger in der Schwebe zu lassen als absolut notwendig. Ein fragender Blick, ein Nicken, Dumak hatte alles war er wollte. Oder besser, was Esteban wollte, und das war in diesem Fall im Wesentlichen identisch. Als sie die Burg so lautlos hinter sich gelassen wie sie sie erstürmt hatten, wurde der Templer das Gefühl nicht los, dass ihm irgendwas fehlte. Rein, raus, keine Spuren hinterlassen... keine Auseinandersetzung, kein Kampf... Er hatte das Gefühl, irgendein Muster durchbrochen zu haben, dass sich seit Anbeginn der Zeit wiederholte. Nicht schlecht. Anders. Ungewohnt.
"Das hat ja ewig gedauert", begrüßte Dante die beiden, als sie ihren Weg zurück in das provisorische Lager fanden. Und tatsächlich fühlte es sich so an, als ob er Jan eine Woche auf diesem Dach in der Dunkelheit gestanden hatte. Doch die Mission war erfolgreich, niemand war tot und das alles im Namen der Wissenschaft. Was auch immer das zu bedeuten hatte.
Der Templer wusste, dass es vermutlich sinniger war, seine Rüstung abgelegt zu lassen und zu rasten, doch irgendwas bereitete ihm Unbehagen dabei, so ein riskantes Unterfangen ohne den Schutz seiner Rüstung unternommen zu haben. Stellte sich heraus, dass dies eine seiner besseren Entscheidungen war, als ein markerschütterndes Gebrüll das gesamte Tal um die Burg erschütterte. Ein Blick in die Gruppe zeigte, dass nicht nur Jan nur zu gut wusste, von welcher Kreatur ein solches Geräusch stammte...
Françoise
27.06.2025, 17:14
Françoise trat aus ihrem Versteck hervor und zog sogleich die Aufmerksamkeit der untoten Horde auf sich. Konstantin stellte sich an die Seite der Priesterin; die Hellebarde zum Angriff bereit. Ohne Zögern oder Furcht hob die Oberste Feuermagierin ihre offene Hand in die Höhe und ballte sie dann zu einer Faust. Ein Flammenmeer manifestierte sich über der Horde, was die Untoten wenig zu interessieren schien. Die beiden Lebenden waren ihr Ziel. Zombies und Skelette setzten sich in Bewegung und die kurze Strecke zu Françoise und Konstantin hätten sie zügig überwunden.
Einmal mehr beeindruckte der Drache durch seinen unerschütterlichen Mut. Obwohl sie sich klar in der Unterzahl befanden, wich der Leibwächter nicht von der Seite der Obersten Feuermagierin. Im Gegenteil mutete es fast so an, als ob er dem bevorstehenden Kampf entgegenfieberte. Seinen Beinamen hatte er wahrlich verdient.
Bevor die Untoten ihnen allzu nahe kommen konnten, riss Françoise ihre erhobene Faust herunter und öffnete damit das Flammenmeeres über der Horde. Herab regnete es sengendes Feuer. Augenblicklich gingen die Skelette und Zombies in Flammen auf. Noch bevor das Feuer den Boden berührte, vollführte die Priesterin einen eleganten Streich ihrer Hand. Der Bewegung folgend, flog der Feuerregen im Bogen wieder in die Höhe. Eine weitere Geste - ein müheloses Drehen des Handgelenks - und die Flammen umkreisten die brennenden Untoten wie ein Malstrom und konsumierten die wiederbelebten Körper nach und nach. Es war ein Feuerwerk sondergleichen und dezimierte die Angreifer buchstäblich im Handumdrehen. Jene Untoten, die es dennoch aus dem Feuer geschafft hatten, sahen sich mit Konstantins Hellebarde konfrontiert. Zombie und Skelett fielen ihm gleichermaßen zum Opfer; gezielte Hiebe erledigten alles, was Françoise zu nahe kommen wollte.
Bald danach versiegten die Flammen und gaben den Blick frei auf die Verheerung. Überall vor dem Turm lagen verkohlte Körper und geschwärzte Knochen. Sie hatten der geballten Macht der Obersten Feuermagierin nichts entgegenzusetzen gehabt. Françoise atmete bewusst ein und wieder aus. Nur selten hatte sie diese besondere Zauberformel in ihrem Leben gewirkt. Meistens reichte ein gewöhnlicher Feuerball vollkommen aus, sich Gefahren zu erwehren.
»Lästige Maden!«, donnerte es auf einmal vom Turm herab. Woher genau konnte Françoise nicht erkennen. »Selbst fernab der Zivilisation bin ich nicht vor den immer 'Guten' und 'Rechtschaffenen' sicher. Betretet meinen Turm und ihr werdet zu meinen untoten Knechten!«
Konstantin und Françoise tauschten Blicke aus.
»Klingt nach einer Einladung.«, sagte der Drache.
»Klingt nach einer Herausforderung.«, erwiderte die Priesterin.
Wer auch immer sich in Xardas' altem Turm eingenistet hatte, zeigte sich von Françoises Machtdemonstration unbeeindruckt. Entweder war derjenige lebensmüde oder tatsächlich eine ernsthafte Herausforderung. Das entfachte den Ehrgeiz in der Obersten Feuermagierin. Das letzte Mal, dass sie wahrlich von einem Gegner gefordert worden war, lag Jahrzehnte zurück. Seit ihrer Wiederkehr in diese Welt, hatte Françoise dieses Gefühl nicht mehr gespürt, und jetzt rauschte es durch ihren Körper.
Jacques Percheval
01.07.2025, 00:57
Als die Goblins aus dem Gebüsch brachen, war Jacques sofort klar, dass es einen Kampf geben würde – er hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass die größte Herausforderung dieses Kampfes das eigene Pferd darstellen würde.
Möhre, seinem harmlos klingenden Spitznamen nicht gerade zur Ehre gereichend, setzte sich mit Zähnen und Hufen gegen die Angreifer zur Wehr. Innerhalb kurzer Zeit hatte er einen von ihnen zu einem unkenntlichen Brei aus zersplitterten Kochen, zerfetzter Haut, verzogenen Eingeweiden und einer erstaunlichen Menge Blut zerstampft, während ein zweiter Goblin kreischend und auf dem Rücken liegend davonzukommen versuchte, nachdem er unangenehme Bekanntschaft mit den kräftigen Zähnen des Tieres gemacht hatte.
Jacques hingegen hatte das Gefühl, als würde er in einem Ruderboot durch einen Orkan treiben. Redlefs Anweisung, das Schwert stecken zu lassen und sich einfach festzuhalten, war völlig überflüssig gewesen – er hätte sowieso nichts anderes tun können. Es war, als hätte Möhre völlig vergessen, dass er einen Reiter trug. Das Tier warf sich hin und her, wenn es Gefahr bemerkte, bäumte es sich immer wieder auf, um mit den Vorderhufen nach angreifenden Goblins zu schlagen, oder es trat nach hinten aus. Ein Goblin, der sich wohl für besonders schlau gehalten und versucht hatte, sich von hinten zu nähern, hatte nicht einmal mehr die Zeit, seinen Fehler zu bereuen: Als der Huf ihn traf, platze sein Kopf wie eine reife Melone, die man aufs Straßenpflaster fallen ließ.
Jacques hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er klammerte sich am Sattelknauf fest, als würde sein Leben davon abhängen (was sicher nicht allzu weit hergeholt war), und hatte das Gefühl, seinem Pferd ausgeliefert zu sein.
Zumindest wusste Möhre offenbar, was zu tun war – ganz im Gegensatz zu Bardaschs Reittier, das in Panik geriet und die Flucht ergriff. Jacques hatte allerdings keine Zeit, sich groß Gedanken um den heruntergekommenen Vagabunden zu machen, dafür war er viel zu sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt.
In Ermangelung irgendeines besseren Planes, versuchte er, das umzusetzen, was er unter wesentlich angenehmeren Bedingungen auf dem Kasernenhof gelernt hatte: Sein Körpergewicht entsprechend den Bewegungen des Pferdes zu verlagern, sich dem Rhythmus anzupassen. Das war alles andere als einfach, da es keinen wirklichen Rhythmus mehr gab, nach dem er sich richten konnte – er musste stattdessen versuchen, irgendwie die Aktionen seines Reittieres vorauszuahnen.
„Goblins von links!“, rief er plötzlich, als würde Möhre ihn verstehen, und zog dabei am Zügel. Das Pferd schnaubte und wandte sich den neuen Angreifern zu. Einer von ihnen hatte erstaunlich dunkle, fast schwarze Haut, die Jacques noch nie bei Goblins gesehen hatte, und trug etwas wie eine krude Rüstung aus Fell und Metallplatten. Jacques konnte mindestens eine Bratpfanne erkennen. In den Händen hielt er ein schartiges Schwert, das zwar seine besten Tage eindeutig hinter sich hatte, aber noch immer eine formidable Waffe war. Der schwarze Goblin blieb ein wenig zurück und trieb zwei weniger gut ausgerüstete grünhäutige Cousins vor sich her.
Möhre fackelte jedoch nicht lange. Mit einem Satz, der Jacques fast aus dem Sattel geworfen hätte, stürmte das Pferd auf die Goblins zu und rannte die beiden Grünen einfach über den Haufen, bevor es einmal mehr aufstieg und den schwarzen Goblin mit seinem linken Vorderhuf Bekanntschaft schließen ließ. Die Schulterknochen der lästigen Kreatur barsten wie Streichhölzer und sie ließ das Schwert fallen, um sich jaulend zur Flucht zu wenden.
„Nimm das, du kleines Mistvieh!“, rief Jacques dem fliehenden Goblin hinterher. Das Gefühl, zu diesem kleinen Sieg etwas beigetragen zu haben, machte ihn beinahe ekstatisch – auch wenn es freilich Möhre gewesen war, der das Kämpfen übernommen hatte.
Dann jedoch ertönte ein sehr menschlich klingender Schrei. Jacques warf einen Blick hinter sich, und was er sah, ließ ihn seinen kleinen Triumph nur allzu rasch vergessen: Die Goblins hatten es geschafft, Anselm und Eric voneinander zu separieren und den jüngeren der beiden Kämpfer in arge Bedrängnis zu bringen. Eric konnte ihm nicht zu Hilfe kommen, da eine erstaunlich gut koordiniert kämpfende Gruppe schwarzer Goblins mit Speeren seine volle Aufmerksamkeit erforderte, und Redlef war an anderer Stelle damit beschäftigt, sich in die Richtung durchzuschlagen, in die Morgenglanz mit Bardasch durchgegangen war.
Anselm, offensichtlich ebenfalls noch kein erfahrener Reiter, hatte sein Schwert verloren und war damit ebenfalls allein auf sein Pferd angewiesen. Doch das Tier hatte eine tiefe Wunde im Hinterteil und hinkte daher, zudem drängten die Goblins es immer weiter in Richtung des dichten Unterholzes, was seine Bewegungsfreiheit noch weiter einschränkte. Jacques war schnell klar, dass Tier und Reiter beide der Panik nahe waren und es sein konnte, dass die Goblins sie überwältigen würden, wenn ihnen niemand zu Hilfe kam.
Leider gab es in diesem Moment nur einen, der gerade etwas Luft hatte – ihn selbst …
Ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, wendete er Möhre in die Richtung, in der Anselm um sein Leben kämpfte, und presste die Schenkel in die Flanken des Pferdes. Das Tier preschte los, sprang über einen Goblin hinweg, den es dabei mit dem Hinterhuf erwischte, und trampelte einen zweiten einfach im vollen Galopp in den Boden. Die grünen Zwerge, die gerade noch hämisch lachend und keckernd auf Anselm eingedrungen waren, rissen entsetzt die Augen auf, als die Möhre wie den fleischgewordenen Zorn Innos‘ auf sich zu galoppieren sahen, und stoben nach allen Seiten davon.
„Jaa, verschwindet, ihr beschissenen Mistkröten! Macht, dass ihr wegkommt!“, brüllte ihnen Jacques wenig ritterlich hinterher. Als er Anselm erreicht hatte, brachte er Möhre mit einem kurzen Zug am Zügel zum Stehen.
„Alles klar, Bruder?“, erkundigte er sich bei dem jungen Mann. Der nickte nur. Er sah erschöpft und verängstigt aus. Jacques nickte ihm aufmunternd zu: „Komm schon, zeigen wir es diesen verhutzelten grünen Kackhaufen! FÜR INNOS!“
Delvin Corgano
02.07.2025, 12:49
Delvin Corgano stand auf dem Deck, den Mantel geschlossen, die Hände auf dem glatten Holz der Reling, während das Schiff mit gemessenem Tempo in das Hafenbecken von Khorinis glitt. Die Sonne stand bereits über dem Horizont und ihr Licht fiel schräg auf das Wasser, das in breiten Bahnen silbrig schimmerte. Die Schatten waren noch lang, aber klar, der Himmel über der Stadt war frei und blassblau.
Die Segel waren fast vollständig eingeholt. Nur das Steuersegel hielt die Kogge noch auf Kurs, während Galbor am Ruder die letzten Anweisungen gab. Die Geschwindigkeit war absichtlich gedrosselt worden – das Schiff sollte nicht vor Sonnenaufgang anlegen. Es sollte sichtbar sein. Nicht prahlerisch. Aber zweifellos gegenwärtig.
Am Großmast flatterte der lange Wimpel aus schwerem Seidenleinen, rot-weiß, mit dem gestickten Turm des Hauses Laenar in leuchtendem Weiß. An den Seiten ergänzten zwei schmalere Banner das Bild – ebenfalls rot-weiß, ebenfalls aus gutem Tuch. Es war kein Zeichen für Macht im hergebrachten Sinne. Und doch sprach die Ordnung der Aufmachung für sich.
Am Kai blickten erste Arbeiter auf. Zwei Männer unterbrachen das Entladen eines in die Jahre gekommenen Fischkahns, einer legte die Hand über die Augen, um das Banner besser zu erkennen. Ein Hafenjunge blieb auf der Stufe eines Lagerhauses stehen, als hätte er vergessen, dass er eigentlich laufen sollte. Auch auf einem der nächstgelegenen Kriegsschiffe – eine hochbordige Karacke unter dem Banner des Königs und den Insignien des Ordens – bewegten sich zwei Wachen zum Bug. Nicht mit Hast, als wären sie in Alarmbereitschaft aber doch mit Misstrauen und Argwohn.
Delvin nahm die Reaktionen wahr, ohne sie zu kommentieren. Er stand ruhig, das Gesicht dem Licht zugewandt, während sich hinter ihm die Mannschaft in Bewegung setzte. Zu hören war nur das Geräusch von Tauen, das gedämpfte Schlagen von Holz, ein paar gemurmelte Kommandos. Die Besatzung des Schiffes mochte sich in seiner Erscheinung zwar deutlich von der feinen Dienerschaft des Burggrafen unterscheiden. Aber die Disziplin und Haltung hatten auch die erfahrenen Seemänner verinnerlicht.
Was einst am Horizont nur als schmaler Streifen zu sehen war, zeigte sich nun in seiner ganzen Pracht. Oder was von der einstigen Pracht noch übrig war. Die untersten Reihen waren von der salzigen Luft gezeichnet: abblätternder Putz, eingefallene Dächer, das Holz mancher Galerien grau und von Algen grünlich gefärbt. Dazwischen Lücken, wo einst Häuser gestanden hatten. Einige Lagerhäuser wirkten verlassen, andere provisorisch instandgesetzt.
Weiter oben lagen die Werkstätten der Handwerker. Hier war die Struktur dichter, geordneter, aber auch hier sprach der Zustand der Dächer eine deutliche Sprache: repariert, nicht erneuert. Manche der Häuser schien man gänzlich dem Verfall überlassen zu haben. Zwischen ihnen zogen dünne Rauchsäulen in den Himmel. Vereinzelte und zaghafte Zeichen von Arbeit – und vielleicht auch von Beharrlichkeit.
Am höchsten Punkt der Stadt lagen größere, alte Anwesen. Ehemalige Villen oder Amtsgebäude, deren Steinfassaden einst gepflegt gewesen sein mochten. Jetzt wirkten sie leer, grau, vergessen. Sie standen noch – aber sie hatten ihre Bedeutung bereits vor langer Zeit verloren. Dort, wo einst die Fahnen der Stadt gehangen haben mochten, waren nur noch Fetzen und der Wind.
Delvin sagte nichts. Aber er erkannte, was er sehen musste. Eine Stadt, die ihren Zenit lange überschritten hatte, in welcher die Lust zum Leben dem Willen zum Überleben weichen musste. Hier und dort hatte man bereits damit begonnen, die alte Ordnung wiederherzustellen. Doch die wurde noch immer von den langen Schatten der ständigen Unordnung verdeckt.
Ein leises Rucken ging durch das Schiff, als die Taue festgezogen wurden. Galbor gab einen letzten Befehl, die Kogge trieb sanft an den Kai. Der erste Bootshaken verband Schiff und Stadt. Die Segel flatterten leicht. Die Wimpel des Hauses Laenar standen ruhig im Wind.
Die Männer an Bord sicherten die Leinen. Die Planken wurden geprüft. Keine Befehle zum Verlassen des Schiffs wurden gegeben. Doch es konnte kaum mehr übersehen werden: Das Haus Laenar war eingetroffen und mit ihm ein neuer Anspruch auf Ordnung.
Bardasch
03.07.2025, 08:34
Endlich hatte Morgenglanz soviel an Fahrt verloren, dass Bardasch effektiv Einfluss auf ihn nehmen konnte und er sein Reittier drehte, in die Richtung, wo seine Gefährten mit den Goblins zurückgeblieben waren. Bevor er aber seinem Reittier den Befehl gab, sich wieder in Bewegung zu setzen, überprüfte er von oben herab den Zustand seines Vierbeiners, in dem er ihn langsam in alle Richtungen schreiten ließ. Gebrochen war allem Anschein nach nichts. Morgenglanz lahmte nicht und so gab er dem Tier einen körperlichen und vokalen Befehl, mit dem das Tier wieder an Fahrt gewann.
Es war lange her, dass der einstige Nomade derart viel in seine Körperhaltung investieren musste, dass seine Bauch-, Rücken- und Beckenmuskeln erahnen ließen, wie viele Muskelschmerzen noch folgen würden. Aber auch andere Dinge wie sein Kreislauf und sein schon lange nicht mehr derart arbeitender Schädel ließen vermuten, dass er am Ende des Tages sowas von im Arsch sein würde. Für den Moment aber verursachte der Adrenalinspiegel ein Hochgefühl in dem Ergrauten, der ihn eine Lebendigkeit spüren ließ, die an die Zeiten als Nomade erinnerte und ihm eine schon lange nicht mehr da gewesene Entscheidungsfreudigkeit verlieh. Zurück ging es zu seinen neuen Gefährten, die wie er sich der Abwehr der Goblins hingaben und die Kontrolle zurückerlangten.
Morgenglanz ermutigt und Druck mit den Schenkeln ausgeübt, das Gewicht auf dem Rücken des Tieres verlagert und leichter Zug an den Zügeln verwendet, um Morgenglanz eine Seitwärtsbewegung vollführen zu lassen und den Vierbeiner einmal zu drehen, bevor Bardasch sich daran versuchte Morgenglanz steigen zu lassen. Was mit Simun damals funktionierte, funktionierte hier scheinbar nicht. Entweder hatte Morgenglanz nie gelernt dies mit Reiter zu tun, oder Bardasch war nicht würdig.
Also trieb er Morgenglanz nach einer Kehrtwende auf den dunkelfarbigen Goblin zu. Entweder überrannte er das erwählte Opfer oder versetze ihm Prügel.
Gor na Jan
11.07.2025, 16:55
Bis zuletzt hatte Gor Na Jan gehofft, seine Ohren oder seine Erinnerung würden ihn täuschen, doch er behielt Recht. Und das war dieses Mal nichts Gutes. Als die kleine Gruppe den Rand des Dickichts erreichte war das Chaos in vollem Gange. Ein paar 100 Meter vom rettenden Tor entfernt standen drei Wägen bis oben beladen mit dem kostbaren Erz, dass die neuen Besetzer des Tals offenbar der wieder in Betrieb genommenen Alten Miene entlocken konnten. Einer davon war bereits zertrümmert, die Kisten zerschmettert und schimmernde Brocken quollen hervor, in gerigerem Radius um das Wrack verteilt. Die anderen waren noch Intakt und eine verbissene Truppe von Kriegern versuchte, dass es dabei blieb.
Ein Teil der wie Söldner wirkenden Truppe trug Rüstungen, wie man es für diese erwarten würde. Leder- und Metallteile, bunt und funktional zusammengewürfelt ohne erkennbare Fraktionszugehörigkeit. Ein weiterer Teil überraschte den Gor Na. Offenbar hatten sie in den Überresten der alten Burg noch beschädigte oder ausrangierte Rüstungen der alten Garde gefunden und diese wieder funktionstüchtig gemacht. Die Tatsache, dass nun ein Teiler dieser Truppe wie Gardisten des alten Lagers wirkte, erregte gemischte Gefühle in dem Templer. Der letzte Teil hingegen schien Rüstungen eines gemeinsamen Ursprungs zu tragen, doch konnte der einstige Zweihandmeister beim besten Willen nicht ausmachen, wozu diese wohl gehörten. Und vermutlich lag dahinter die Antwort auf die Frage, wer so großes Interesse an magischem Erz hatte, dass sie das Minental wieder in Betrieb genommen hatten. Und das im Verborgenen direkt unter der Nase des Ordens.
Zuletzt hier genannt doch zuerst ins Auge fiel jedoch die Ursache des Chaos: Ein ausgewachsener Troll. Es war nicht ersichtlich, wie die Truppe es geschafft hatte, die Aufmekrsamkeit der Bestie zu erregen und sie von ihrem üblichen Revier in den Bergen herunterzulocken. Ob sie leichtsinnig ihre Höhle zur neuen Schürfstelle erklären wollten? Oder ob ein Versuch, das Gebirge von Gefahren zu befreien, kläglich gescheitert war und der Troll nun auf Rache sann? Tatsächlich schien die Bestie es gleichermaßen nicht nur auf die Krieger, sondern auch auf die Wägen abgesehen zu haben.
Immer wieder versuchten die Söldner die Wägen von der Straße zurück Richtung Burg zu ziehen, doch der Troll wütete unter ihnen und zielte gerade immer wieder auf diejenigen ab, die ihre Ware sichern wollten, als hätte sie sich zum Beschützer der Rohstoffe dieses Tals erklärt, was natürlich absurd war. Folglich blieb den Kriegern nichts anderes übrig, als den Kampf zu suchen. Denn irgendwas verriet, wenn sie sich in die Burg zurückzogen, würde die Kreatur erst die letzten Monate ihrer Arbeit zunichte machen und dann selbst vor der letzten Bastion nicht halt machen. Und wenn der Troll die Burg stürmen sollte... Ein gruseliger Gedanke.
Und in dieser Situation standen die drei Templer, der Schwarzmagier, der Milizionär, der Barde und Heric nun und hatten die Wahl: Eingreifen oder Raushalten. Ein Eingriff hätte den Nachteil gehabt, dass sie sich selbst im Falle eines Sieges den Besetzern zu erkennen geben mussten, sofern es ihnen nicht gelang, im Eifer des Gefechts wieder zu entkommen. Doch wenn der offensichtlich in einer übernatürlichen Rage wütende Troll mit ihnen fertig war, dann war er eine Gefahr für das gesamte Tal und alles, was sie dort in Zukunft vorhatten. Ganz abgesehen davon, dass auf der guten Seite dieser Söldner zu stehen, sofern sowas möglich war, auch seine eigenen Vorteile mit sich brachte.
Es blieb keine Zeit, sich groß abzusprechen und Jans Entscheidung wurde von einem Teil in ihm getroffen, der aus weiter Vergangenheit hervordrang: Das Tal war schon immer gefährlich, doch ein Troll von dieser blinden Wut, stellte eine Bedrohung dar und dies war immer noch sein Zuhause. Als der Templer den Roten Wind vom Rücken gleiten ließ, fluteten Wellen an Erinnerung seinen Verstand. Templer mit Schwertern, ein Schwarzmagier im Minental, Söldner, Gardisten, ein Troll, die alte Burg, der Kampf ums Erz. Jan hob den Blick und schaute gen Himmel und es hätte ihn nicht gewundert, das blaue Zucken der magischen Barriere über sich zu sehen. Die Zeiten änderten sich, vieles war nicht mehr so, wie es einmal war. Und anderes schon. Wie damals vor genau 24 Jahren.
DraconiZ
15.07.2025, 20:58
»Zieht eurer Wege und wir haben keinen Streit«, meinte der Weißhaarige und lehnte sich an einen Pfahl der Palisade. Er verschränkte betont lässig die Arme vor der Brust und schaute die vier Gestalten vor ihm gelangweilt an. »Das war hier unser Haus«, brummte ein bärtiger grobschlächtiger Mann mit kahlem Schädel. »Was soll das eigentlich hier? Was ist das hier geworden?«, fragte ein schlaksiger blonder Mann. »Ihr steht vor einem Außenposten des myrtanischen Großreiches, welches wir im Namen Rhobars, dritter seines Namens, König von Myrtana, Protektor der südlichen Inseln, Fürst von Varant und Nordmar, Herrscher über Midland und Souverän von Khorinis errichtet haben«, gab Alenya zurück, die aus dem Tor getreten war. Es war noch nicht perfekt, doch der Außenposten stand. Mittlerweile waren auch einige Bauern gekommen die Felder zu bestellen und es hatten einige Soldaten hierher gefunden. Von hier aus konnten alsbald neue Erkundungsmissionen weitergeführt werden. Nur, dass DraconiZ selbst vorerst verdammt war hier zu warten. Hagen wollte ihn hier haben um die Informationsbeschaffung zu koordinieren, nicht um selbst tätig zu werden. Eine Aufgabe die ihm nicht sonderlich zusagte und die seine Laune nicht sonderlich erhellte.
»Scheiß auf den König«, grinste einer der vier Banditen und entblößte seine faulenden Zähne. Der Paladin zog eine Augenbraue hoch. Vielleicht würde es heute doch nicht so langweilig werden. »Wie war das?«, fragte er und löste sich aus seiner Position. »SCHEIß AUF DEN KÖNIG!«, brüllte der Mann noch einmal. Die anderen lachten. Doch noch bevor das Lachen vollendet war, war der Assassine schon da und packte den Mann direkt an der Kehle. Seine Augen leuchteten in glimmenden weißen Licht. Er spürte seine Magie die zornig aus seinen Augen in die Augen anderen strömten. Die Augen seines Gegenübers weiteten als er die Inbrunst seines Zornes spürte die wie die Hand eines Riesen seine Aufmüpfigkeit brach. »Die wirst Buße tun«, befahl der Streiter mit Autorität und der Mann fiel auf die Knie. »Ja. Verzeiht Herr«, einen Moment hielt er inne, dann suchte er das Weite. Die anderen drei schauten sich an und verzogen sich dann ebenfalls. Scheinbar war es auch Ihnen nicht mehr ganz geheuer.
»Berichte, was ihr herausgefunden habt«, meinte der Paladin zu Alenya. »Wir haben Neuigkeiten aus dem Minental. Die Situation scheint ernst zu sein«. »Mhmm«, brummte der Klingenmeister.
Jacques Percheval
17.07.2025, 22:27
Schwer atmend wischte sich Jacques den Schweiß von der Stirn und tätschelte sein Pferd, das noch immer unruhig hin und her tänzelte, beruhigend am Hals. Der Kampf war vorbei. Kurz nachdem Jacques Anselm aus der unmittelbaren Gefahr gerettet hatte, war auch Bardasch wieder zu ihnen gestoßen und Eric hatte es geschafft, sich zu seinen Mitstreitern durchzukämpfen. Damit konnten die Streiter des Ordens wieder als Einheit kämpfen und die Goblins hatten ihren Vorteil verloren – was selbst sie schließlich einsahen. Jacques war sich nicht ganz sicher, ob eines der Biester tatsächlich einen Befehl zum Rückzug gegeben hatte, oder ob einfach ein paar von ihnen die Flucht ergriffen und der Rest ihnen folgte – so oder so waren die überlebenden Goblins schnatternd und kreischend im Unterholz verschwunden, fast genauso plötzlich, wie sie aus ihm hervorgebrochen waren.
„Hast du gut gemacht, Rübe!“, lobte Jacques sein Reittier, „Ich glaube, diese Goblins haben ihre Lektion gelernt!“
„Schade eigentlich, dass es schon vorbei ist“, meinte Eric grinsend, „Es fing gerade an, Spaß zu machen!“ Der Veteran wischte mit einem Lappen das Blut von der Klinge seines Schwertes, bevor er es wieder in die Scheide steckte. „Ihr habt euch wacker geschlagen“, meinte er schließlich und nickte den beiden jungen Gardisten, Jacques und Anselm, zu. „Nicht direkt gut, aber … wacker. Vielleicht wird ja doch nochmal was aus euch. Mit sehr viel Arbeit …“
„Danke, Sir“, antwortete Jacques. Anselm nickte nur zögerlich und wich dem Blick des Paladins aus. Er war mit seiner eigenen Leistung offensichtlich nicht sehr zufrieden.
„Mein Pferd ist verletzt, Sir“, presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Eric runzelte die Stirn. „Warum sitzt du dann noch im Sattel? Wenn Redlef das sieht, wirst du dir wünschen, die Goblins hätten dich erwischt! Absitzen und versorgen, hopp! Wir legen eine kurze Rast ein. Aber bleibt wachsam und haltet eure Waffen griffbereit. Ich glaube zwar nicht, dass die Goblins wiederkommen werden, aber man kann nie wissen – und wer weiß, was sonst noch in diesen Wäldern lauert …“
Eric kniff die Augen zusammen und ließ seinen Blick misstrauisch über den Waldrand streifen. Im Halbschatten zwischen den Bäumen war nichts Ungewöhnliches zu entdecken, aber der Paladin wirkte dennoch angespannt. „Das ist nicht mehr das Khorinis, das ich einmal kannte…“, murmelte er, mehr zu sich selbst. Jacques sah ihn fragend an, aber Eric ignorierte ihn und ritt davon, Redlef entgegen.
„Hm … hast du eine Ahnung, was er damit meint?“, fragte Jacques Anselm, während er selbst absaß und begann, Möhre auf eventuelle Verletzungen zu untersuchen.
Anselm zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich bin das erste Mal hier auf Khorinis, aber selbst wenn nur die Hälfte dessen wahr ist, was man über das Khorinis von früher so hört, ist die ganze Insel echt am Arsch … hooo, ruhig, Brauner! Ich will dir doch nur helfen!“ Sein Pferd hätte Anselm beinahe umgestoßen, als er versuchte, sich die Wunde etwas genauer anzusehen. Jacques kam ihm zu Hilfe, nahm die Zügel des Tieres und versuchte, dessen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Trotzdem konnte Anselm nicht viel mehr tun, als festzustellen, dass er nicht genug von Tierheilkunde verstand, um die Verletzung seines Pferdes richtig versorgen zu können.
„Schätze, das muss sich Redlef ansehen …“, seufzte er.
Jacques warf ihm einen Blick echten Bedauerns zu: „Tjaaa, dann … Viel Glück, Bruder!“
Françoise
18.07.2025, 01:06
Achtsam stieg Françoise über die verkohlten Überreste der Untoten. Es war immer Vorsicht geboten, wenn es um solche Kreaturen ging. Was einen Lebenden umbrachte, zerstörte nicht zwangsläufig das magisch reanimierte. Selbst bei solch großartigen Flammenmeeren, wie es die Priesterin heraufbeschworen hatte, konnte etwas überdauern. Konstantin ging kein Risiko ein. Mit dem unteren Ende seiner Hellebarde zertrümmerte er alles, was auch nur einen halbwegs intakten Eindruck machte. Im Großen und Ganzen hatte die Zauberformel der Obersten Feuermagierin aber ihr Ziel erreicht.
Als Françoise vor dem großen Torbogen stand, der in das Innere des Turm führte, hielt sie inne. Der unbekannte Magier hatte ein ziemliches Aufgebot vor seinem Domizil als Wachposten abgestellt. Jetzt fehlte jede Spur von weiteren Kreaturen. Womöglich hatte er nicht damit gerechnet, dass die Horde mit einem Schlag dezimiert werden könnte. Ein Fehler, den ein Anfänger machte. Das passte für Françoise nicht ins Bild. So eine Schar von untoten Dienerkreaturen zu erschaffen war nicht das Werk eines Novizen. Für die Oberste Feuermagierin ließ das nur einen Schluss zu: eine Falle.
Argwöhnisch fuhr ihr Blick über den Eingang. Zu sehen war dort nichts. Was wäre das auch für eine Falle, wenn sie mit dem bloßen Auge erkennbar wäre! Wie eine mit Löchern übersäte und getrocknetem Blut befleckte Bodenplatte. Nein, so etwas gab es nur in Geschichten. Ihr Herausforderer war gewiss zu schlau für solche Stümperei.
Kurzerhand trat Françoise über die Schwelle. Nichts passierte. Nicht alles zerdenken, dachte sich die Priesterin. Just in diesem Augenblick schloss ein magisches Siegel den Eingang des Turms. Ein violetter Schimmer ging davon aus und man konnte noch immer auf die andere Seite blicken. Geräusche drangen hingegen nicht hindurch. Konstantin machte einen Versuch, das magische Feld mit seiner Hellebarde zu zerstören. Gleich mit wie viel Kraft er zuschlug, das Siegel gab nicht nach. Mit einer Geste deutete Françoise ihrem Leibwächter aufzuhören. Sie würde einen anderen Weg herausfinden müssen, versuchte sie ihm telepathisch mitzuteilen. So groß war die Stärke der Barriere jedoch, dass die Gedanken der Priesterin den Drachen nicht erreichen konnten. Deshalb versuchte sie ihm das mit Handzeichen klar zu machen, woraufhin Konstantin nur den Kopf schüttelte. Hatte er verstanden und hielt es für eine schlechte Idee? Oder hatte er es eben nicht verstanden? Françoise kreuzte frustriert die Arme vor der Brust. Schließlich gab sie auf und zeigte einfach mit dem Finger auf den Boden; ein letzter Versuch, ihrem Leibwächter klar zu machen, einfach an Ort und Stelle zu warten. Er nickte. Hoffentlich hatte er verstanden.
Die Oberste Feuermagierin wandte sich dem Gang zu, der weiter ins Innere des Turms führte. Eine Reihe von Regalen stand an den Wänden. Auf ihnen befanden sich zerbrochene Laborfläschchen, vergilbte Pergamentrollen und nicht zu identifizierende Überreste anderer Dinge. Offensichtlich kümmerte es den derzeitigen Bewohner wenig, in was für einem Zustand sich der Turm befand.
Langsam wagte sich Françoise tiefer in den Gang und beschwor dabei einen kleinen Lichtzauber. Rechts und links führten Türen ab. Eine davon führte zu einer Wendeltreppe. Zweifellos der direkte Weg zu dem unbekannten Zauberer. Für den Anfang ignorierte die Priester die Treppe jedoch. Ohne ihren Leibwächter an der Seite, musste sie selbst auf ihren Rücken aufpassen. Zuerst galt es deshalb, das Erdgeschoss zu durchsuchen. Die nächste Tür auf der linken Seite führte in einen großen Raum. Dutzende Kisten und Fässer stapelten sich hier neben den obligatorischen Regalen. Scheinbar ein Lager. Doch wer belieferte denn einen mysteriösen Turm, der vor Untoten nur so wimmelte?
Wie aufs Stichwort klapperte hinter einem Stapel von Fässern etwas und mehrere Skelette sprangen aus dem Dunkel hervor. Ohne zu zögern kamen sie mit erhobenen Waffen auf die Priesterin zu gestürmt. Dem ersten Knochenmann streckte Françoise die offene Hand entgegen. Ein scharfer Windstoß drang aus ihrer Handfläche, woraufhin Brustkasten und Rückgrat des Untoten zerschmettert wurden. Eines der anderen Skelette hieb mit einem rostigen Schwert nach dem Arm der Obersten Feuermagierin. Françoise machte einen flinken Ausfallschritt und ließ den Schlag ins Leere laufen. Dieses Mal streckte sie den anderen Arm hervor, gezielt auf den blanken Schädel des Skelettkriegers. So nah stolperte die Kreatur an ihr vorbei, dass ihre Hand ihn fast berührte. Statt dessen schoss aber ein weiterer Windstoß aus ihrer Handfläche hervor, was den Kopf des Untoten in unzählige Stücke zerbersten ließ. Ohne Schädel mochte es zwar weniger gefährlich sein, doch die unheilige Magie hatte die Knochen noch lange nicht verlassen. Zügig duckte sich die Priesterin unter der Revanche ihres Gegners hindurch. Statt ihr traf die rostige Waffe ein anderes Skelett und blieb prompt zwischen den Rippen stecken. Noch weitere Angreifer drangen auf die Priesterin zu; zu viele, um sie einzeln zu zerstören. Aus ihrer geduckten Haltung kam Françoise empor, streckte beide Arme von sich und erzeugte eine Druckwelle solcher Stärke, dass es sämtliche Skelettkrieger von den Füßen hob und an den Wänden zerschellen ließ. Die Überreste des ein oder anderen Untoten zuckten noch, was die Oberste Feuermagierin einfach ignorierte. Nach ihrer Attacke würden sich die Kreaturen nicht mehr von allein zusammensetzen können. Dem einzigen, der dazu in der Lage war, würde sie nun entgegentreten.
Nachdem Rittmeister gewendet war, um diesem Nichtsnutz auf dem blonden Pferd hinterher zu eilen, stach Redlef das schlechte Gewissen, wie seine Fersen die Flanken des Braunen. Seine Männer in einem Überfall zurückzulassen, war nicht entschuldbar, doch Bardasch und vor allem das Ordenspferd seinem Schicksal zu überlassen, kam dem Ordensbruder ebenso falsch vor.
Darum machte Redlef zwar Anstalten den Brüdern um Anselm zur Hilfe zu eilen, doch als er sah, wie sehr Eric und Marodeur Tod und Schmerz unter den kleinen, kreischenden Kreaturen brachten, entschied er sich doch für den alten Mann auf einem der wenigen und damit wertvollen Pferde des Ordens.
Redlef gab Rittmeister den Rücken frei und lehnte sich so weit sein Bein im Sattel es zuließ über den Hals, um in einem halsbrecherischen Galopp durch die Felder zu jagen. Er sah gerade noch Bardaschs Staubwolke einen Hügel hinauf in einen Hain verschwinden und fluchte ausgelassen. Warum bekam er das alte Pferd nicht unter Kontrolle? Und konnte er sich von ihm nicht einfach zurück nach Khorinis tragen lassen? Ein jedes Pferd kannte den Weg nach Haus, dort wo es Futter gab…
Er bog auf den Pfad Richtung Osten ab und musste das Tempo etwas zurücknehmen, da der Weg deutlich schlechter wurde. Der Boden war hart und voller Wurzeln. Prädestiniert dafür sich die Beine zu brechen. Erneut fluchte Redlef herzhaft und ließ seinem Pferd die Zügel locker, sodass es den Kopf senken und Weg und Tempo selbst bestimmen konnte.
Der Weg wurde schmaler, obwohl er einst breiter und gut gepflegt gewesen sein musste. Sicherlich führte er zu einem Gehöft, welches auch aufgegeben war, sodass dieser Weg verwilderte. Leider nahm ihm das Grün die Sicht und er hatte Bardasch aus den Augen verloren. Also zügelte er sein Pferd weiter und horchte sich um. Er hoffte das Brechen von Ästen im Unterholz zu erlauschen, welches Hinweis darauf geben konnte, wo sich der alte Zausel verfranzt hatte, doch es blieb still. Langsam ritt Red weiter und rief nach Bardasch. Doch keine Antwort ertönte. Noch einmal hob er die Hände an den Mund: »Bardasch!?« Angst vor weiteren Goblinangriffen musste er wohl nicht haben. Die verlassenen Höfe waren sicherlich schon lange ausgeplündert und hier gab es nichts mehr zu Hohlen. Und wie viele von diesen Viechern konnte es schon geben?
Doch es blieb still. Redlef ritt um einen wild wuchernden Busch herum und fand sich darauf tatsächlich auf einer kleinen Lichtung mit einer Kate wieder. Ein von wildem Efeu überwucherter Haufen zwischen jungen Bäumen gab Hinweis darauf, dass es wohl einmal eine Köhlerhüte gewesen war.
Ein Stöhnen war hinter der Hütte zu hören. Rittmeister hob den Kopf und blähte die Nüstern. Redlef schossen schlimme Bilder eines schwer Verletzten durch den Kopf. »Bardasch!«, keuchte er entsetzt und preschte um die Ecke.
Doch was er dort antraf, war jenseits eines Verletzten und ließ Redlef das Blut in den Adern gefrieren. Er blickte in weiße, faulige Augen und schnappende Kiefer! Der schwarz verfärbte Körper eines Goblins war mit einer Forke an die Rückwand der Kate genagelt. Sobald er Redlef erspähte kam unheiliges Leben in seinen ausgezehrten Körper. Seine klauenartigen Hände hoben sich und versuchten nach dem Reiter zu greifen. Mit absoluten Entsetzten auf dieses Unwesen konzentriert, ließ Redlef das Pferd seitwärts ausweichen und übersah damit die drei anderen Kreaturen, die inzwischen aus dem Unterholz geschlurft gekommen waren und ihm den Weg abschnitten.
Rittmeister aber hatte sie bemerkt und steig ängstlich, während er rückwärts wich. Redlef klammerte sich gelähmt vor Angst in die Mähe des Pferdes und fühlte sich viele Jahre zurückversetzt zu dem Tag, an dem er mit der Patrouille im Wald von Orks überrascht worden und sein scheuender Hengst auf ihn gestürzt war.
»Innos!«, keuchte er beinahe flehend und schloss, der Verzweiflung nahe, die Augen.
Es war, also ob in weiter Ferne ein Fauchen ertönte. Und auch wann das Geräusch bedrohlich und verzehrend klang, löste es keine Furcht, sondern Zuversicht in dem Ordensbruder aus. Redlef glaubte einen warmen Hauch zu spüren, der über seine Haut fuhr. Innos heiliges Feuer!
Es brannte das Hadern, die Zweifel und vor allem Beliars Grauen fort.
Von selbst fanden seine Finger das Heft des Schwertes und sich seine Fähigkeiten erinnernd riss Redlef das Schwert aus der Scheide. Das ängstliche Grunzen des Pferdes ignorierend, trat er ihm die Fersen in die Flanken. Schreiend preschte Rittmeister vorwärts und durchbrach damit den Halbkreis, den die halb skelettierten Abscheulichkeiten um ihn gebildet hatten. Da dieser gewaltvolle Sprung sogar für die Goblins unvorhersehbar war, glückte Redlef ein Passierschlag vor die Brust eines der Kreaturen. Die Rippen und Rückgrat brachen unter der Wucht der Klinge.
Mit der Rechten riss er nun die Zügel herum. Nur weil der Weg nun frei war, hieß dies noch lange nicht, dass diese Sache hier erledigt war. Einen wütenden Angriffsschrei ausstoßend preschte er erneut auf die Untoten zu. Dieses Mal waren sie vorbereitet und hoben ihre Waffen. Beide taten sich zusammen und griffen ihn auf seiner ungeschützten rechten Seite an. Da Red seine Waffe in der Linken hielt blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Schwert über den Pferdehals hinweg auf die Kreaturen hinabzustechen, die sich daran machten, sich an seinem Bein festzukrallen.
Mit einem geschickten Abwärtsstich traf er einen der beiden Angreifer zielgenau zwischen den Augen und schrie doch vor Schmerz auf, da der andere es schaffte ihm seinen rostigen Dolch oberhalb des Knies im Bein zu versenken.
Von Schmerz und brennender Wut getrieben drehte Red das im Kopf des Goblins versenkte Schwert und genoss mit Genugtuung das splitternde Geräusch.
Rittmeister, immer noch mit der Panik ringend, stieg hektisch und stolperte seitwärts. Redlef warf sein Gewicht nach vorn, um den taumelnden Pferdekörper zu stabilisieren. Gleichzeitig trieb er dem Pferd erneut mit aller Kraft die Fersen in die Seiten, um das panische Rückwärtsweichen in eine Vorwärtsbewegung zu verwandeln. Sollte das Pferd das Gleichgewicht verlieren, dann war es sehr wahrscheinlich, dass es hintenüber kippte und Redlef wieder unter einem Pferd begraben lag. Doch dieses Mal würden ihn die Goblins nicht, so wie die höhnisch lachenden Orks, zum Sterben zurücklassen.
Das vor Schmerz stöhnende Pferd fing sich und landete auf seinen Hufen. Der Schock schüttelte den Goblin ab. Redlef nutzt die kurze Atempause, um etwas Abstand zwischen sich und den Angreifer zu bringen, wechselte für einen Moment die Zügel in die Schwerthand – ein Lockerlassen der Zügel hätte absoluten Kontrollverlust und Flucht bedeutet – und riss sich die schartige Goblinwaffe aus dem Bein. Er sammelte sich, fasste das Schwert wieder fester und brachte sich vor den verbliebenen Goblin.
Hirnlos rannte der Untote auf ihn zu. Diese Einladung nahm der Reiter nur zu gern an. Er brachte Rittmeister auf der kurzen Strecke in einen Galopp, lehnte sich über den Sattel und holte mit dem Schwert aus. Mit einem gekonnten Rückhandschlag trennte er sauber Kopf vom Rumpf und lehnte sich sogleich schwer im Sattel nach hinten und zog an der Kandare. Den Kopf hochreißend und die Zunge gegen den Druck der Gebissstange herausdrückend, setzte sich der Braune auf die Hinterhand und kam schlitternd zum Stehen.
Redlef ritt erneut hinter die Kate und machte auch dem angepinnten Goblin den Gar aus. Schließlich wendete er das inzwischen vor Erschöpfung durchgeschwitzte Pferd und wandte es zum Gehen. Im Vorbeireiten lehnte er sich ein letztes Mal aus dem Sattel, stach mit der Schwertspitze in den Halsansatz des abgetrennten Kopfes, zog ihn zu sich hoch und griff ihn bei den Haaren.
Es dauerte nicht lange, bis er Jacques und die anderen dort wiedergefunden hatte, wo er sie verlassen hatte. Eric hatte sich gut um die Burschen gekümmert und sogar Bardasch war wieder aufgetaucht.
Grimmig dreinblickend nickte er seinem alten Kameraden zu und bedachte dann die jüngeren Männer mit seinen Blicken. »Die Schonzeit ist zu Ende!«, verkündete er freudlos und warf den Schädel in Richtung der Gruppe, sodass dieser träge schnappend vor Anselms Füßen liegen blieb. »Es wird Zeit, dass Ihr im Sattel an die Waffe kommt. Diese Mission hier wird nerviger als erwartet!«
Redlef behielt seine Gründe für sich, doch sichtlich war ihm anzumerken, dass er das Auftauchen dieses beliarverseuchten Kroppzeugs persönlich nahm. Red landete schwungvoll beim Absteigen auf dem Schädel und trat sie zertrümmerten Überreste in den Wald.
Eric gab einen erfreuten Laut von sich, bemerkte dann aber Redlefs Verletzung. Dieser spielte das Ganze herunter und wollte sich lieber die stark blutenden Schnitte an Lorics Brust und Vorderbein ansehen. »Jacques, du hast Kraft, halte das Hinterbein hoch und verhindere das Loric den Huf abstellen kann. Pferde können nicht auf zwei Beinen stehen und so kann er das verletzet Bein nicht wegziehen. Dann habe ich die Möglichkeit den Dreck aus der Wunde zu ziehen, den die Waffe hier hinterlassen hat. Es scheint etwas abgebrochen zu sein. Sollte der Splitter die Sehne verletzten ist es um das Pferd geschehen.« Redlef beugte sich zu dem Schnitt hinunter, und legte die Finger an die Wunde. Das Pferd zuckte und versuchte zu fliehen. Anselm, der es halten musste, hatte mit ihm ganz schön zu kämpfen.
»Verflucht noch mal, Junge. Halt ihn fest! Schlimm genug, dass er so zugerichtet wurde. Mach es mit Unachtsamkeit nicht noch schlimmer.« Er zog die Wundränder auseinander und mahnte in Jacques Richtung: »Lass dich nicht treten!«
Jacques Percheval
25.07.2025, 14:30
Jacques folgte Redlefs Anweisung und hielt Lorics Hinterbein fest. Das war leichter gesagt als getan, denn das Pferd zeigte sich – wenig überraschend – nicht sonderlich begeistert davon, derart in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu werden und versuchte immer wieder, sich aus Jacques‘ Griff zu befreien, indem es gegendrückte oder nach hinten austrat. Damit wurde die Aktion zu einer schweißtreibenden körperlichen Arbeit für Jacques, der unterdessen beruhigend auf das Pferd einredete – ob es half, wusste er zwar nicht, aber schaden konnte es sicherlich auch nicht.
Zumal Anselm leider keine große Hilfe war. Er schien bisweilen mehr Angst vor dem Pferd zu haben, das er halten sollte, als vor den Goblins, und Loric spürte das. Immer wieder senkte er den Kopf und verpasste Anselm einen Stoß, einmal wäre der Gardist dabei beinahe über einen Ast gestolpert und konnte sich gerade noch im letzten Augenblick fangen, was ihm einen gehörigen Rüffel von Redlef einbrachte.
Am Ende verlief die Erstversorgung des verletzten Pferdes dann aber doch ohne schwerwiegende Zwischenfälle. Die abgebrochene Speerspitze war glücklicherweise nicht allzu tief eingedrungen, so dass Redlef sie behutsam entfernen konnte. Nachdem er die Wunde ausgewaschen hatte, gestattete er Anselm schließlich, Loric an einem Baum anzubinden, damit Pferd und Reiter sich erholen konnten.
Erschöpft ließ sich Jacques an einem moosbewachsenen Baumstamm nieder, der ihm als Rückenlehne dienen konnte. Eric hockte auf einem Felsblock und reinigte sein Schwert mit einem weichen Ledertuch. Das Waffenöl, das er auf die Klinge auftrug, verbreitete einen dezenten Duft über dem Lagerplatz der Streiter. Bardasch saß ein wenig abseits und kaute auf einem Streifen Trockenfleisch herum.
„Wie geht’s dem Pferd?“, fragte Eric, als sich Redlef neben ihm niederließ, das steife Bein ausgestreckt. Der Blick des Paladins wanderte zu Anselm, der sich dabei sichtlich unwohl fühlte.
„Das Pferd wird bald wieder gesund sein, Sir!“, antwortete Anselm eilig, obwohl die Frage offensichtlich an Redlef gerichtet gewesen war. Eric schaute zu Redlef, der nur brummte, was wohl so viel wie Zustimmung bedeutete.
„Na schön“, erklärte Eric schließlich, begutachtete kurz die Klinge seines Schwertes und ließ es wieder in die Scheide gleiten. „Und wie geht es dir, Red? Tu nicht so, als wäre das nur ein Kratzer, verarschen kann ich mich alleine! Lass sehen!“
Erics Tonfall ließ keinen Widerspruch zu, nicht einmal von einem professionellen Griesgram wie Redlef. Wohl oder übel musste er über sich ergehen lassen, dass der Paladin sich seiner Beinverletzung annahm.
Eric hatte offenbar Erfahrung darin, Kriegsverletzungen zu behandeln, und führte in seinem Gepäck die nötigen Utensilien zur Erstversorgung mit sich. Jacques wunderte sich inzwischen nicht mehr darüber. Im Gegensatz zu den Adelsrittern, die derartige Handarbeiten als unter ihrer Würde betrachten würden, waren die Ordensstreiter sich nicht zu schade, auch ‚niedere‘ Arbeiten selbst zu erledigen. Das hatte Jacques spätestens gelernt, als er mit Ulrich und dessen Männern die Scheune des Gestüts vor Thorniara repariert hatte, und es bestärkte ihn jedes Mal darin, dass sein Entschluss, sich dem Orden anzuschließen, der Richtige gewesen war.
Während Eric Redlefs Beinverletzung säuberte und mit einem straffen Verband umwickelte, ließ er sich von seinem Ordensbruder dessen Erlebnisse erzählen. Was er hörte, gefiel dem Paladin offensichtlich gar nicht.
„Untote, sagst du?“ Redlef nickte nur, und Eric runzelte die Stirn: „Das ist schlecht. Sehr schlecht. Goblins sind vielleicht eine Plage, aber sie sind nichts Ungewöhnliches. Wahrscheinlich haben sich die Scheißviecher unkontrolliert vermehrt in den letzten Jahren. Aber untote Goblins…? Schwarze Magie fällt nicht einfach so vom Himmel! Wir müssen der Sache nachgehen!“ Mit einem beherzten Ruck machte er einen Knoten in den Verband um Redlefs Bein: „Mit der Verletzung solltest du in Khorinis einen Heiler aufsuchen, aber fürs erste muss das reichen. Ich brauche dich bei der Truppe. Die beiden Grünschnäbel und … der da“ – er nickte kurz in Bardaschs Richtung – „sind mir sonst eher im Weg als eine Hilfe!“
Beunruhigt durch Redlefs Bericht über die untoten Goblins gönnte Eric der kleinen Truppe nur eine kurze Ruhepause und drängte bald zum Aufbruch. Gemeinsam mit Redlef, der den Weg wies, übernahm er die Führung. Hinter ihnen folgten Bardasch und Anselm, der zu Fuß ging und Loric am Zügel führte. Das verletzte Pferd sollte nicht weiter durch einen Reiter belastet werden, und weil sie ohnehin wachsam bleiben mussten, fiel der Verlust an Geschwindigkeit dadurch nicht weiter ins Gewicht. Jacques schließlich bildete die Nachhut.
Seine Gedanken schweiften zurück zu seiner letzten Begegnung mit Untoten, in dem Höhlensystem unter dem Weißaugengebirge. Seine Erinnerungen an die dortigen Ereignisse waren lückenhaft, es fiel ihm schwer, auch nur den zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren. Woran er sich jedoch erinnerte, war das Gefühl, von einer göttlichen Macht durchdrungen zu seine, einer heiligen Kraft, die seine Bewegungen geführt und ihm eine Stärke verliehen hatte, die jenseits alles Irdischen war. In einem kleinen Säckchen, das an einer Lederkordel um seinen Hals hing, bewahrte er ein Andenken daran auf – nein, nicht ein Andenken, eine Reliquie. Einen Fingerknochen des namenlosen Märtyrers, der vor Jahrhunderten sein eigenes Leben unter dem Berg geopfert hatte, um ein uraltes Böses dort einzusperren. Wenn sie wieder auf Untote stießen – würde der Heilige ihm erneut beistehen?
Jacques hoffte es, aber natürlich konnte er sich nicht darauf verlassen. Innos hilft denen, die sich selbst helfen!, wie Opa Klaus daheim immer gesagt hatte. Und wie konnte er sich jetzt am besten selbst helfen? Indem er, wie Redlef vorgeschlagen hatte, lernte, sich nicht nur auf dem Rücken seines Pferdes zu halten, sondern vom Pferd aus zu kämpfen!
Jacques zog sein Schwert. Den berittenen Kampf zu erlernen, würde eine Menge Arbeit erfordern, aber jeder Weg musste mit einem ersten Schritt beginnen: Reiten und dabei einfach nur die Waffe halten. Ein Gefühl dafür bekommen, wie es war, mit dem Schwert vom Pferderücken aus zu agieren.
Als er sich langsam ein wenig sicherer fühlte, fing er an, leichte Luftschläge auszuführen und hin und wieder einen kleinen Ast abzuschlagen, der auf den Weg ragte. In Gedanken sah er sich schon aus vollem Ritt Goblinköpfe abschlagen …
„Vorsicht jetzt!“, rief Eric nach hinten und riss Jacques aus seinen Heldenphantasien, „Wir sind da!“
Die Bäume hatten sich gelichtet und vor ihnen tauchten die Ruinen einer seit langem verlassenen Hütte auf. Es musste die ehemalige Köhlerei sein, von der Redlef erzählt hatte.
Jacques spannte sich unwillkürlich an und spähte in alle Richtungen. Das Rauschen des Windes in den Baumkronen kam ihm vor wie das Zischen einer riesigen Schlange, und in dem Geruch von feuchtem Laub und Erde schien ein unterschwelliger Verwesungsgestank mitzuschwingen. Die Schatten wurden länger und griffen nach den Ordenskriegern, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt.
Eric zog sein Schwert und lenkte sein Pferd langsam in Richtung des verfallenen Hauses. Seine Miene war verbissen und angespannt. Er spürte es auch: Etwas stimmte nicht an diesem Ort …
Bardasch
26.07.2025, 20:47
Leise knackten und rauschten Wind und Fauna vor sich hin, verstrahlten dabei eine unangenehme Spannung und sorgten dafür, dass die Wärme aus dem Leib des einstigen Nomaden langsam schwand. Das Gesicht Bardaschs wurde bleich und nur die Nase des Mannes leuchtete regelrecht, während seine Gedanken dafür sorgten, das sein Hirn zu kochen schien. In jedem Fleckchen seines Sichtradius fand er etwas, das gefühlt mit Unheil in Verbindung zu bringen war.
Bardasch schüttelte den Kopf und griff aus einer Erinnerung heraus zu seinem nicht vorhandenen Waffenhalfter, in dem sich vor langer Zeit die Peitsche des Mannes befunden hatte. Diese war Bardaschs Instrument der Wahl, wenn es darum ging den Gegner zu bezwingen und das nicht nur auf dem Boden, sondern auch zu Pferd. Kein Bogen und kein Schwert, auch wenn das Waffen waren, deren Nutzung der Ergraute einst fähig war.
Sie befanden sich unmittelbar vor den Ruinen einstiger Werksbauten, die den Bewohnern wohl zu verschiedenen Handwerksarbeiten gedient hatten, doch jetzt zierten lediglich Staub, Moos, Rankenpflanzen und Spinnenweben die ehemaliger Handwerkseinrichtung.
Dunst und Nebel stiegen dem Boden empor und schwängerten die Luft stickig und feucht. Es stank, jedoch nicht wie in einem Sumpf oder Kellerloch, sondern eher wie auf einem Schlachtfeld, auf dem sich bei absoluter Windstille tote Kreaturen türmten.
„Ja, ich weiß“, murmelte Bardasch seinem tierischen Gefährten zu und begann, sich für jede unangenehme Überraschung bereit zu machen. Wenn man davon ausging, dass jedes Tier und jeder anwesende Mensch etwas unbestimmtes spürte, ließ dies vermutlich auch nicht mehr lange auf sich warten. Was wäre es doch hilfreich, in diesem Moment einen Trinkschlauch voller Alk in den Händen zu halten.
Bevor der Ergraute seine Sinne mehr zu schärfen gedachte, wechselte er kurz die Blicke mit dem einen oder anderen anwesenden Kämpfer. Dann bezwang er die Unruhe des Pferdes unter seinem Körper, welches sich immer wieder im Kreis drehte. Es sollte einfach für den Anfang das Gegenteil von dem machen, was Eric tat - sich von den verfallenen Gebäuden fern halten.
Wo die Schatten zuvor wie Gestalten huschten, die in die Länge gezogen die Neuankömmlinge umwickeln könnten, erinnerten sie nun an schwarz ölige Ansammlungen, die sich auf der Erde und alles was sich auf ihr befand breit machten. So schwand auch das Tanzen des Staubes im letzten Sonnenlicht und erinnerte stattdessen an grau wirbelnden Dreck.
Bevor der Blick des Ergrauten weiter wanderte, bewertete er die Größe der Spinnweben, bei denen es zahlreiche Krabbeltiere brauchte, um so etwas Großes zu bewerkstelligen. Entweder viele, oder große, oder beides. Und so sehr der Ergraute sich bemühte, entdeckte er keines dieser Tiere. Keine Spinne und auch keine Beute im Netz.
Stattdessen hörte er ein Kreischen über ihren Köpfen, welches im Verstand des Mannes Bilder erscheinen ließ. Der Schrei einer Krähe mit einem Leib, der etwas fleddriges besaß. Blutig anmutend und irgendwie interessiert an Mensch und Tier.
"Leute!", machte Bardasch auf sich aufmerksam. Der Vogel hatte sich auf einer kleinen aber recht intakten Ruine niedergelassen. Wie ein Minitempel, der irgend etwas barg und der einen Abgang beinhaltete. Einladend war er nicht und das Licht zur Begrüßung scheinbar schon lange erloschen.
»Was?« Genervt blickte Redlef in Bardaschs Richtung und dann zu der Stelle, auf der der graue Streicher starrte. Auf der kleinen Köhlerkate saß eine große Krähe, vielleicht ein Rabe. Der Ordensbruder schenkte ihr keine weitere Beachtung, vielmehr war er damit beschäftigt Rittmeister an Ort und Stelle zu halten. Der Braune verabscheute dieses Ort nun, nachdem er hier die schlechten Erfahrungen gemacht hatte. Das schnelle Reittier war nie tiefgreifend für den Kampf ausgebildet worden, so tat er sich mit der vorhin gemachten Erfahrung noch schwerer, als die erprobten Schlachtrösser es getan hätten.
»Eric, was willst du noch hier. Dieses untote Zeug ist erschlagen. Lass uns in die Stadt zurückkehren und…«
»Erschlagen? Aber wo sind ihre Überreste?«, fiel ihm der Kamerad ins Wort. Mit dem Schwert stieß er einen Haufen Holz auf der Rückseite des Gebäudes zu Seite. Es fiel auf einer morschen Forke, die sorglos fortgeschmissen am Boden lag. »Sagtest du nicht, du hättest hier den letzten Goblin erschlagen? Hier ist nichts!«
Redlef runzelte die Augenbrauen. Er sah sich um und tatsächlich konnte auch er keinen der erschlagenen Körper auf dem Boden liegen sehen. »Was zum? Bei Innos!?«
Ihm fiel nun Bardaschs warnender Ausruf wieder ein und langsam drehte er seinen Kopf in Richtung der Kate. Auf ihrem First saß immer noch die Krähe. Auf eine unnatürliche Weise schien sie die Gruppe zu beobachten. Redlef lief ein eisiger Schauer über den Rücken, der seine Narben zu zwicken brachte. Hatte das Vieh rote Augen?
Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst erhob sich das Tier mit rauschenden Flügelschlägen und an ein dreckiges Lachen erinnerndes Krächzen in die Luft und verschwand Richtung Osten in der einsetzenden Dämmerung zwischen den Baumwipfeln.
Redlef trieb sein gegen den Zügel zerrendes Pferd zu Eric. »Das geht hier nicht mit rechten Dingen zu!«, stellte er fest, was allen Anwesenden sicherlich bereits klar geworden war.
»Richtig!«, bestätigte Eric, »darum werden wir der Sache nun auch nachgehen.«
Wieder war es an Redlef die Augenbrauen zusammen zu ziehen. Zwar hatte er das Kommando über die Reiterei für die Mission auf Khorinis bekommen, doch Eric war ein erfahrender Ordensritter und damit über ihn als Ordensbruder gestellt. Im Zweifel konnte er das Kommando übernehmen. Redlef sah keinen Wert darin mit seinem alten Freund hier vor ihnen Männern eine Diskussion zu beginnen, doch gleichzeitig sorgte er sich, sich einer Gefahr zu stellen, die sie nicht einschätzen konnten. Zwar handelte es sich nur im kleine Goblins, von denen er als Krüppel auf einem ungeübten Pferd vier im Alleingang zurückgeschlagen hatte, doch der Wald, der sich von hier an ausbreitete und aus dem die Kreaturen gekommen waren, war denkbar schlechtes Gelände für die Reiter. Zudem Anselm deutlich anzusehen war, dass er inzwischen das Herz in der Hose trug, Bardasch kein Kämpfer war und Redlef verletzt. Zudem war niemand von ihnen voll gerüstet.
Es waren nur ein paar dumme, untote Goblins. Lästig wie Schmeißfliegen… Sicherlich hemmten ihn seine Erfahrungen, die er mit dem Dämonenbeschwörer Rabenweil in Thorniara gemacht hatte…
»Anselm und Bardasch bleiben hier mit den Pferden zurück. Der Rest zu mir. Solange noch etwas Licht ist, werden wir den Quell für dieses Übel suchen und es vernichten.« Eric an seiner Seite nickte grimmig.
»Anselm, ich vertraue Bardasch immer noch nicht. Schlag‘ ihn nieder, wenn er versucht Blödsinn zu machen.«
Redlef ließ sich vom Pferd gleiten und drückte Anselm die Zügel in die Hand.
»Bereit Jacques? Eric?«, vergewisserte er sich, als er sein eigenes Schwert zog und mit zusammengebissenen Zähen in das Unterholz humpelte.
Jacques Percheval
27.07.2025, 20:52
Jacques ließ sich von Möhres Rücken gleiten und übergab Anselm die Zügel des Pferdes. Der junge Mann wich seinem Blick aus. Er wirkte einerseits erleichtert darüber, nicht mitgehen zu müssen, andererseits beschämt darüber, nicht mitgehen zu dürfen.
„Die Pferde sind wichtig!“, versuchte Jacques ihn aufzubauen, indem er ihm indirekt zu verstehen gab, dass seine Aufgabe wichtig war. Anselm nickte, sagte aber nichts.
„Kommt schon, ihr Turteltäubchen, wir haben keine Zeit zu verlieren! Die Sonne geht bald unter!“, rief Eric ungeduldig. Jacques tätschelte seinem Pferd noch einmal die Nase und stapfte dann den beiden Rittern hinterher.
„Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich bei diesem Grünschnabel hier bleibe?“, meldete sich plötzlich Bardasch zu Wort, „Ich komme mit euch, ob’s euch passt oder nicht!“
Redlef holte tief Luft und wollte, offensichtlich genervt, zu einer Erwiderung ansetzen, aber Eric kam ihm zuvor: „Dir ist klar, dass wir uns in eine unbekannte Gefahrensituation begeben? Keiner hier kann für dich den Babysitter spielen – wenn es hart auf hart kommt, bist du auf dich allein gestellt!“
Bardasch grunzte nur und deutete mit dem Daumen auf Anselm: „Sicherer als mit dem da ist es bei euch allemal!“
„Deine Entscheidung. Sieh nur zu, dass du nicht im Weg rumstehst. Los jetzt!“ Damit war das Thema für Eric erledigt. Er wollte offensichtlich keine Zeit mit Diskutieren verschwenden.
Die vier Männer durchquerten vorsichtig den verfallenen Weiler, der Richtung folgend, in die der seltsame Vogel geflogen war. Niemand von ihnen bezweifelte auch nur im Geringsten, dass das Tier etwas mit dieser ganzen Sache zu tun haben musste. Es war zwar nur eine Art Gefühl, aber Jacques wäre bereit gewesen, einen Eid darauf abzulegen, dass die zerfledderte Krähe etwas Unnatürliches an sich gehabt hatte.
Hinter der verfallen Köhlerhütte tat sich ein schmaler Pfad auf, der tiefer in den Wald hineinführte. Auffällig wenig Bewuchs versperrte den Weg, als ob er bis in die jüngste Zeit regelmäßig genutzt worden wäre. Eric zögerte nicht und folgte dem Pfad. Redlef ging hinter ihm, dann Bardasch, und Jacques bildete wiederum die Nachhut.
„Hast du überhaupt eine Waffe?“, fragte Jacques den Vagabunden. Er flüsterte beinahe, irgendetwas an diesem Ort brachte ihn dazu, seine Stimme nicht zu lauf erheben zu wollen. Bardasch hatte einen schweren Ast vom Boden aufgeklaubt, aber mehr als dieses improvisierte Schlagwerkzeug schien er nicht zur Verfügung zu haben.
„Seh ich aus wie’n Ritter?“, knurrte der Landstreicher.
Jacques seufzte, zog seinen Dolch aus dem Gürtel und reichte ihn Bardasch: „Hier, falls es hart auf hart kommt! Kannst du damit umgehen?“
Bardasch nahm die Waffe ohne ein Wort des Dankes an sich und steckte sie in seinen Gürtel. „Ja, ich kann kämpfen!“, brummte er, fügte nach einem kurzen Moment jedoch hinzu: „Also … zumindest konnte ich es mal. Vor … dem hier!“ Er deutete auf eine Beinprothese.
„Bleib dicht bei uns!“, riet ihm Jacques. Bardaschs Augenrollen nach zu urteilen, ein überflüssiger Ratschlag. „Und wenn du dein Wissen im Kampf auffrischen willst … ich kann dir gerne dabei helfen! Ich bin ganz gut mit dem Schwert. Allerdings, wenn ich ehrlich bin, meine bevorzugten Waffen sind Speer und Hellebarde. Ich wünschte, ich hätte eine dabei. Wie auch immer … falls du mal trainieren willst – du weißt ja, wo du mich findest!“ Bardasch mochte ein schwieriger Zeitgenosse sein, aber allein, dass er bei den Stallungen aufgetaucht und sich freiwillig ihrer kleinen Expedition angeschlossen hatte, zeigte Jacques‘ Meinung nach, dass der Vagabund sein Leben noch herumreißen und wieder festen Boden unter den Füßen gewinnen konnte, falls er das wirklich wollte. Und in diesem Fall sah er es als seine Pflicht an, ihm jede Hilfe anzubieten, die er ihm anbieten konnte.
„Jacques, halt die Klappe!“, fauchte Eric und deutete mit der Spitze des Schwertes auf die seltsame Krähe, die sich unübersehbar auf abgebrochenen, modrigen Baumstumpf niedergelassen hatte und die Ordensstreiter mit einem hämischen Blick musterte: „Ich glaube, wir sind da!“
Redlef, Bardasch und Jacques schlossen zu Eric auf, und es bestand kein Zweifel daran, dass der Paladin recht hatte. Der Ort, der sich vor ihnen auftat, ließ Jacques die Nackenhaare zu Berge stehen. Unwillkürlich verkrampfte sich seine Hand um den Griff seines Schwertes.
Es war dunkel – dunkler als es sein sollte, trotz der untergehenden Sonne und des dichten Blätterdachs. Die Schatten krochen wie schwarze Tinte über den Boden und schienen jedes Mal, wenn man kurz den Blick abwandte, etwas länger zu werden. Grünlicher Nebel waberte den Männern um die Knöchel, und bei jedem Schritt knirschte und knackte es unter den Fußsohlen. Trockene Äste – oder brechende Knochen? Die Bäume ringsherum waren alt und knorrig, und Jacques meinte in den knotigen, von Flechten und Baumpilzen bewachsenen Stämmen Gesichter zu erkennen, die ihnen voller Missgunst entgegenstarrten. Wenn die Welt eine Hintergrundmusik hätte, dann würde diese nun einen düsteren, ominösen Klang annehmen.
Ihr eigentliches Ziel war jedoch offensichtlich der Höhleneingang, der zwischen mannshohen, dornigen Büschen verborgen lag, so dass er ihnen vielleicht nicht einmal aufgefallen wäre, wenn die Krähe nicht gewesen wäre, die von dem Baumstumpf herunterflatterte, sich noch einmal nach den Streitern umsah, und dann mit einem an raues Lachen gemahnenden Krächzen in den Felsspalt hüpfte, wo ihr pechschwarzes Gefieder mit der Dunkelheit verschmolz.
Eric drehte sich zu seinen Kameraden um und sah jedem von ihnen – auch Bardasch – für einen Moment lang ernst in die Augen: „Was auch immer sich dort drin befindet, denkt daran: Innos ist mit uns, und sein Licht strahlt heller in der Finsternis!“
Wie zum Beweis seiner Worte schloss der Paladin kurz die Augen, murmelte etwas unverständliches und führte die Hand in einer ehrfürchtigen Geste zur Faust geballt an seine linke Brust, um sie dann auszustrecken und zu öffnen. Über seiner Handfläche erschien eine Lichtkugel. Das Licht war gleißend hell, aber es blendete nicht – zumindest nicht die Streiter des Ordens. Die Schatten hingegen, die wie lebende Organismen immer näher herangekrochen waren, zogen sich unter ärgerlichem Zischen wieder zwischen die Bäume zurück.
Eric hob die Lichtkugel über seinen Kopf, wo sie in der Luft schwebend verharrte, und nickte seinen Mitstreitern grimmig zu: „Gehen wir!“
»Das ist doch nicht deren verfi…«
Das Krächzen der Krähe klang aus der Tiefe noch viel bedrohlicher und ließ den einen oder anderen Schauer über den Rücken der Männer schießen.
»… Ernst!«, beendete Redlef seinen Satz. Dieser Ort entsprach den pubertären Träumen eines pickeligen Beliaranhängers und Redlef war mehr entsetzt als erschrocken, dass es solche Orte überhaupt geben konnte.
Neben ihm entzündete Eric eine Lichtkugel aus der leeren Hand. Innos war mit ihnen.
»In die Höhle, also«, kommentierte der Ordensbruder und brachte sich neben Jacques in Stellung und bedeutete Bardasch in Erics nähe zu bleiben. Er hielt die Kräfte so für am besten verteilt. Jeder Kämpfer hatte einen Krüppel, der ihm den Rücken deckte…
Wütend sah sich Redlef gezwungen, doch noch einmal über das verfluchte Bein und seine Schwerthand nachzudenken. Eric hatte natürlich Recht, er sollte nicht nur den kleinen Schnitt, sondern natürlich auch die Verkrüppelung vielleicht noch mal von einem versierten magischen Heilkundler ansehen lassen. Darauf spielte Erics Äußerung vorhin an, obwohl der alte Hund wusste, dass sich in Redlef alles dagegen sträubte. Sollten ihm dieser Zauberlehrlinge fernbleiben. Schlimm genug, dass nun sogar sein Kamerad unter sie gegangen zu sein schien.
Redlefs Augen hatten sich gut an die Dunkelheit gewöhnt, doch nun, da das Licht aufflammte war er für einen Moment geblendet. Als er dann wieder Details erkennen konnte, stockte er auf dem Weg zur Höhle.
Das Knacken unter ihren Füßen rührte nicht von trockenen Zweigen her, sondern von Knochen, die über und über den Waldboden bedeckten. Der Ordensbruder zog scharf die Luft ein. Es waren nicht sie Knochen, die ihn für einen Herzschlag zögern ließen, sondern ihre Menge. Die meisten Skelette schienen zu Tieren zu gehören, doch es ließen sich im gleißenden Licht der Kugel auch humanoide Skelette erkennen. Klein – Goblins…?
»Eric, die Gerippe sehen aus, wie auf diese Lichtung geworfen, und sie sind intakt. Kein Tier hat sie verschleppt.« Sein Bruder nickte bloß, hatte aber vorerst wohl auch keine weitere Idee dazu. Offensichtlich stand der Knochenhaufen mit der Höhle in Verbindung. Redlef verspannte sich. Die Wunde an seinem Bein war beinahe vergessen. Sie alle lauschten aufmerksam in die Dunkelheit, aus der heraus jedoch nichts zu hören war. Nicht die Vögel in der Dämmerung, kein Knarren der Bäume und nicht einmal mehr das Zischen der zurückgetriebenen Schatten. Besonders dieser Umstand bereitete Redlef die größte Angst. Schatten sollten nicht zischen, doch dass sie es nun auch nicht mehr taten suggerierte die lauernde Stille eines Raubtiers vor dem Sprung.
Langsam aber entschlossen nährte sich die Gruppe dem Höhleneingang. Tief in der Dunkelheit war das Rascheln von Federn zu hören.
Auch wenn der Vorhof dieser Höhle bereits schauerlich wirkte, war ihnen allen klar, dass das wahre Übel tiefer im Felsen lag.
Eric schlug die dornenbesetzen Ranke zur Seite und machte ihnen damit den Eingang frei. Redlef stand als Letzter und sicherte die Gruppe nach hinten ab. Dabei behielt er auch die Bäume im Blick. Ihre Knorrigen Rinden fingen das Licht der heiligen Kugel, doch die sich daraus bildenden Schatten in den Rillen der Rinden, schienen lebendig zu werden.
»Weiter!«, brummte Eric, nachdem der Eingang freigelegt war. Redlef wandte seinen Blick von dem nun, da die Kugel in die Höhle verschwand, im Dunkel liegenden Wald ab und bemerkte daher nicht mehr die Veränderungen in den Bäumen, als diese ihnen wieder ihre Gesichter zuwandten. Die Fratzen variierten zwischen hämischem Grinsen und schmerzverzerrten Grimassen.
Redlef beobachtet den Lichtpunkt, der so weit in die Höhle vorgedrungen war, dass der Höhleneingang nun wieder in der Finsternis lag, als er ihn selbst durchschritt.
Kaum hatte er als letzter die Höhle betreten, hörte er erneut das Zischen, welches er eben noch vermisst hatte. Die Schatten rasten auf die zu. Es war, als ob sie den Eingang der Höhle hinter ihnen versiegelten. Mit der Dunkelheit kamen auch das Knarren und Knarzen. Redlef riss instinktiv sein Schwert in die Höhe, doch gegen die Dutzenden Ranken, die auf ihn zuschossen, konnte er auch nichts ausrichten. Sie umschlossen seine beine und Arme und drohten ihn hin fortzureißen. Mit einem erschrockenen Aufschrei bemerkte er, wie er den Boden unter den Füßen verlor.
Seine Bemühungen, sein Schwert aus der Umklammerung zu befreien wurden heftiger und verzweifelter, als er bemerkte, wie ihm die Ranken mit ihnen dornigen wiederharken nicht nur umschlungen, sondern auch versuchten unter seine Kleidung und in Körperöffnungen wie Ohren und Mund zu kriechen.
Jacques Percheval
01.08.2025, 22:11
Kaum dass sie die Höhle betreten hatten, wurden sie auch schon angegriffen – allerdings nicht, wie Jacques erwartet hätte, von Untoten oder dämonischen Wesen, sondern von der verfluchten Vegetation, die plötzlich ein Eigenleben entwickelte!
Als er Redlef hinter sich schreien hörte, wirbelte Jacques herum und sah gerade noch, wie der Ordensbruder zu Boden stürzte. Dornige Ranken hatten sich um seine Arme und Beine geschlungen und zogen ihn erbarmungslos mit sich. Aus den Augenwinkeln bemerkte Jacques, wie auch auf ihn Ranken zugekrochen kamen. Ein dornenbewehrter Ableger wickelte sich bereits um sein Handgelenk. Voller Abscheu riss er sich los, froh über die dicken Lederhandschuhe, die zu seiner Garderüstung gehörten und ihn vor den bösartigen, nach hinten gebogenen Dornen bewahrten.
„Halt durch!“, rief er Redlef zu und hieb mit dem Schwert nach den Ranken, die seinen Kameraden festhielten. Einige von ihnen rissen, aber die Gewächse waren zäher als gedacht und gaben unter der Klinge nach, so dass viel von der Schlagkraft verloren ging. Trotzdem gelang es Redlef, sich ein wenig mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen, eine der Ranken zu packen und auszureißen.
„Was ist da hinten los?“, rief Eric ihnen zu.
„Die … Ranken!“, keuchte Jacques, mittlerweile selbst in ein zähes Ringen mit den Schlingpflanzen verwickelt. Wie bei Redlef, kamen sie aus den dunklen Ritzen und Spalten zwischen den Felsen gekrochen und legten sich um seine Arme, seine Beine, seinen Hals. Ein Ausleger kroch bereits über sein Gesicht und als Jacques den Kopf abwandte, rissen die scharfen Dornen einen tiefen Kratzer in seine Wange. Er versuchte, mit dem Schwert weiter nach den aufdringlichen Gewächsen zu schlagen, aber sein Spielraum war begrenzt, und auch, dass er sich ständig wieder losreißen musste, zehrte rasch an seinen Kräften.
„Was für Ranken?“, fragte Eric und machte kehrt. Mit einem unwirschen Grunzen schob er sich an Bardasch vorbei. Kaum fielen die hellen Strahlen der magischen Lichtkugel, die über dem Kopf des Paladins schwebte, auf die Höllengewächse, ließen sie von ihren Opfern ab und zogen sich wieder in die Dunkelheit zwischen den Felsspalten zurück. Jacques atmete erleichtert auf.
„Die Ranken vom Eingang …“, erklärte er nach Luft schnappend, „Sie sind … hatten plötzlich ein Eigenleben und haben uns angegriffen! Das Licht scheint sie vertrieben zu haben.“
Eric runzelte die Stirn und sah sich um. Dann hob er die Hand zur Lichtkugel und berührte sie kurz, woraufhin sie sich in eine Reihe kleinerer Kugeln aufteilte. Die Kügelchen schwebten nun zwischen den Streitern.
„Bleibt im Licht“, mahnte Eric, „Innos‘ Licht bannt die Finsternis!“
Jacques half Redlef auf die Beine und die Gruppe setzte ihren Weg fort, wobei sie nun darauf achteten, dicht zusammen und im Schein des Lichts zu bleiben. Jacques hatte stetig das Gefühl, aus den Schatten heraus beobachtet zu werden, und er bezweifelte, dass es sich dabei nur um eine Einbildung handelte.
Die Höhle führte in Form eines schmalen, leicht abschüssigen Ganges tiefer in den Fels hinein. Die Luft roch nach Feuchtigkeit und Moder, kaltes Wasser tropfte von der Decke. Wenn ein Tropfen in Jacques Nacken landete, schauderte er unwillkürlich, weil er sich vorstellen musste, wie der Tod mit einem eiskalten Leichenfinger auf seine Schulter tippte. Er versuchte, diese unangenehmen Gedanken zu verdrängen, indem er flüsternd ein Gebet an Innos rezitierte, doch der Erfolg war begrenzt. Je weiter sie in die Höhle vordrangen, um so morbidere Gedanken und Erinnerungen drängten sich ihm auf, egal wie sehr er versuchte, sie zu unterdrücken. Vor allem ein Bild drängte sich ihm auf: Ein Bandit, der mit aufgeschnittener Bauchdecke versuchte, seine herausquellenden Eingeweide zurück in seine Bauchhöhle zu stopfen, während er in Panik und Todesangst nach seiner Mutter rief. Eine Erinnerung an den ersten echten Kampf, den er je erlebt hatte – auch wenn er damals nur ein passiver Teilnehmer gewesen war, selbst ein Gefangener. Die Bilder hatten sich dennoch in sein Bewusstsein eingebrannt und verfolgten ihn bis heute. Aber selten standen sie ihm mit einer solch grauenhaften Deutlichkeit vor Augen wie jetzt. Es war, als könne er die Hand ausstrecken und den sterbenden Mann berühren …
„Innos, Herr über alles das da lebt, Bringer des Lichts, der Gerechtigkeit und der Gnade, ich bitte dich demütigst, gib dieser armen Seele Frieden! Was auch immer seine Sünden waren, er hat Buße getan im Sterben und im Tode. Vergib ihm seine Vergehen und lass ihn Ruhe finden in deinen Gefilden!“ Jacques hielt den Fingerknochen des Märtyrers in der Hand, während er sein Gebet für den unbekannten Banditen sprach. Es schien ihm, als würde eine leichte Wärme von der kleinen Reliquie ausgehen. Die finsteren, bedrückenden Gedanken wurden ein wenig erträglicher, zogen sich zurück, wie die Schatten vor dem Licht flohen. Aber wie auch die Schatten, lauerten sie nach wie vor am Rand von Jacques‘ Bewusstsein, jederzeit bereit, zurückzukommen, wenn sie auch nur einen winzigen Riss in seinem geistigen Schutzwall des Glaubens und der Zuversicht finden würden.
Nach unbestimmter Zeit – Minuten? Oder doch Stunden? – mündete der Gang in eine Halle, bei der es sich offenbar um eine natürliche Höhle handelte, die jedoch Bearbeitungsspuren aufwies. Sie betraten eine flache natürliche Terrasse, von der aus links und rechts in den Fels gehauene Treppenstufen nach unten in die eigentliche Halle führten.
Die Halle selbst war nicht gänzlich in Dunkelheit getaucht. Fackelartige Lampen, gefertigt aus dem magischen Erz, für das Khorinis so berühmt war, waren in unregelmäßigen Abständen an den Wänden befestigt und tauchten sie in ein kaltes, bläuliches Zwielicht.
In der Mitte der Halle befand sich ein großer, länglicher Steinquader, der mit seltsamen Runen verziert war. Jacques war sich nicht ganz sicher, was er dort vor sich sah – einen Altar oder einen Sarkophag? Um den Block herum war der Boden mit Knochen übersäht, zwischen denen dicker Nebel herumwaberte, der sich beizeiten zu Wirbeln formte, aus denen geisterhafte Hände oder schreiende Gesichter sich zu materialisieren schienen – Jacques hoffte, dass das nur Einbildung war.
Definitiv keine Einbildung waren jedoch die Goblins, die sich um den Altar oder Sarkophag herum versammelt hatten. Irgendwie war Jacques sich sicher, dass es sich um dieselben Goblins handelte, gegen die sie im Wald gekämpft hatten. Einer von ihnen kam ihm regelrecht bekannt vor, und der grünhäutige Knirps starrte ihm direkt in die Augen.
„Hier haben sie sich also verkrochen!“, knurrte Eric und packte den Griff seines Schwertes fester.
„Sie haben ihre Toten dabei!“, bemerkte Jacques. Und tatsächlich: Zwischen all den Knochen, säuberlich in einem Kreis drapiert, lagen die zerschlagenen Körper der Goblins, die während des Kampfes am Waldrand ums Leben gekommen waren. „Was bei Innos hat das zu bedeuten?“
„Ich hab‘ da so eine Ahnung …“, knurrte Redlef.
Plötzlich stimmte ein Goblin aus voller Kehle einen unangenehm schrillen und schiefen Gesang an, wobei er seine Arme in die Höhe reckte. Er hatte schwarze Haut, hielt einen knorrigen Stab in der Hand, an dem Knochen, Hörner, Federn und andere kleine Gegenstände befestigt waren, und trug auf dem Kopf etwas, das wie eine Krone aussah, geflochten aus Schilfgras und Knochen.
„Das muss einer ihrer Priester sein!“, mutmaßte Jacques in Erinnerung an das Abenteuer, das er mit Sunder und den beiden Mädchen vom Gestüt in der Goblinhöhle erlebt hatte. „Ist das vielleicht eine Art Totenmesse, die sie hier abhalten?“
Auf der Schulter des Goblinpriesters saß zerfledderte Rabe mit den rotschimmernden Augen. Das Tier legte den Kopf schief und bedachte die Streiter mit einem spöttischen Blick.
Es war ein Blick, der sagte: Ich weiß, was gleich geschehen wird, und ich werde es genießen!
Bardasch
02.08.2025, 14:53
"Ich hab keinen Bock auf diese ganze Scheiße!", fluchte der Ergraute laut und nahm den Ast in seiner Hand wie ein Bällchenschläger, mit dem er seitlich ausholte und den Ansatz dazu machte, nach vorne zu preschen und seinen ganzen Frust in einer Schlägerei auszulassen. Doch irgend Etwas stieß ihn gewaltig zurück und ließ in rücklings auf den Boden landen.
Nun, der Rabe lachte krächzend und begleitete damit das schrille Gekrächze dieses Goblins.
Während der Ergraute sich behäbig zurück in den Stand kämpfte, ließ Eric sein Licht einmal heller scheinen, doch es verblasste regelrecht gegen diese schwarze Brut, die sich aus dem Sarkophag heraus im Raum verteilte und das Unheil immer mehr voran trieb.
Man konnte beobachten, wie einzelne Fäden aus Innos Licht in den dunklen Rauch gezogen wurden und dort in rotierender Art und Weise sich aufzulösen begannen. Zahlreicher wurden die feinen Lichterfäden, die ihrem Tanz nach ebenso ein wenig an Wunderkerzen erinnerten und in den Bereichen erloschen, in denen der Rauch das Licht durchdrang. Und während das Licht schlängelnd das Zentrum verließ, erreichte der Rauch ebenso schlängelnd das Zentrum der wirkenden Hand und schien dort die Magie im Keime stören zu wollen. Und wenn man sich betrachtete, wie sehr das Leuchten abnahm, war der Einfluss des Unbekannten unheimlich groß.
"Rückzug!", forderte der Ergraute. Wenn Innos Licht erlosch, waren sie alle tot.
Dumak seufzte, als er zu ahnen begann, was der Templer vorhatte.
Hier kam er nicht mit einem lustigen Lied wieder heraus. das war eine der Situationen, die ernst wurden. Also nicht die übliche Art von Ernst, aus der er sich entweder erfolgreich herausreden konnte oder mit Fersengold zahlte, sondern so richtig - ausweglos - ernst. Wo es nur eine Möglichkeit gab und alles auf Messers Schneide stand. Oder vielmehr Templerschwerts Schneide?
Jetzt war er plötzlich besonders dankbar für die weise Voraussicht des Schwarzmagiers, der schon am Morgen seinen einzigartigen und besonders großen und mächtigen Golem beschworen hatte, indem er die Beschwörungsformeln besonders sorgfältig ausgeführt hatte und nach langer Vorbereitungszeit das bekannten Prachtexemplar aus der Sphäre Beliars herbeigerufen hatte, das Dumak in seiner unbekümmerten Art schon bei früheren Gelegenheiten einfach Rhabdo nannte, da ihm Esteban einmal erklärt hatte, die violett schimmernden, winzigen Kristalle, die seine Schultern fast wie Schnee oder Fell bedeckten, würden an bestimmte Rhabdophane erinnern. Was auch immer das war. Auf jeden Fall war es nie verkehrt, einen Magier auf seinen Reisen dabei zu haben, konstatierte Dumak zufrieden. Obwohl ... war es vielleicht noch eher so, dass Meister Esteban ihn dabei hatte? Beinahe wäre der Sänger ins Grübeln gekommen, doch da schreckte ihn das nächste Gebrüll des schrecklichen Trolls auf.
Lange schon waren die Jahre im Minental verdrängt gewesen und auch wenn sie sich jetzt schon seit einiger Zeit wieder darin bewegten und hier und da bei der Betrachtung bekannter Gegenden die Erinnerung wieder aufgeblitzt war, so war es doch erst das Auftauchen des Trolls gewesen, dass nun letztendlich tatsächlich den Schleier des Vergessens weg wischte und mit einem Schlag klar machte, wie gefährlich das Leben innerhalb der Barriere gewesen war. Nicht nur der ewige Kampf um die wenigen Vorräte, Werkzeuge und Waffen, sondern auch die feindliche Umgebung voller wilder, tödlicher Bestien. Wie einfach und ungefährlich war doch das Leben in denjenigen Gegenden Myrtanas, die seit langem kultiviert waren und wo Bauernhöfe von weiten Feldern umgeben waren. Doch hier im Minental regierte die Natur mit ihren Geschöpfen nach wie vor.
»Vorsicht, geratet nicht ins Sichtfeld der Bestie!«, rief er allen zu.
»Heric, du bleibst hinter mir!« Und das war keine Bitte, sondern ein Befehl.
Dumak konnte weder mit seinem Kurzbogen, den er noch nicht einmal meisterlich beherrschte, noch mit seinen vielen am Körper versteckten Messern, die er hingegen zielgenau werfen konnte, einen Troll ernsthaft verletzen. So blieb ihm nichts anderes, als anderen den Vortritt zu lassen. Was ihn aber auch nicht sonderlich betrübte. Nur Verrückte kämpften freiwillig gegen einen Troll! Am liebsten wäre er einfach verschwunden. Aber er wollte sich vor den anderen keine Blöße geben. Am Ende erzählte man sich noch Geschichten in den Tavernen über Dumak, den Läufer ... und wenn einer Geschichten erzählte, dann war er das gefälligst selbst, jawohl!
»Gibt es irgendeinen Plan?«. fragte er dann in die Runde.
Françoise
05.08.2025, 02:01
Zügigen Schrittes lief die Oberste Feuermagierin die Wendeltreppe hinauf. Hin und wieder kam sie an Türen vorbei, die zu weiteren Räumen führten. Auch wenn der Turm des Dämonenbeschwörers von außen eine stattliche Größe besaß, überraschte die Vielzahl der Zimmer die Priesterin. In vielen standen lediglich Möbel, in anderen Fässer und Kisten. Manche waren auch zugestopft mit Gerätschaften, welche augenscheinlich für magische Experimente gedacht waren. Alles davon war überzogen mit einer dicken Staubschicht. Nur dort wo sich Untote aufhielten, war sie unweigerlich aufgewirbelt worden.
Mit den niederen Dienerkreaturen, die sich in ihren Weg stellten, machte Françoise kurzen Prozess. Dabei wurde sie das Gefühl nicht los, als ob die Untoten einfach von ihrem Beschwörer an Ort und Stelle hinterlassen worden waren. Fast wie eine bessere Stolperfalle. Ausgestattet mit einer finiten Menge magischer Energie konnten die Wesen vermutlich etliche Jahre oder noch länger Wache stehen. Erst wenn sich ihnen etwas lebendiges näherte, erwachten sie aus ihrem Dämmerschlaf und griffen an. Eine clevere Taktik und mindestens genauso skrupellos. Sterbliche Überreste für solch niedere Zwecke zu missbrauchen, konnte Françoise nicht gutheißen. Deshalb fiel es ihr auch nicht schwer, den Untoten ein rasches Ende zu bereiten. Wie viel Zeit und Kraft es den Nekromanten wohl gekostet hatte, diese Armee der Finsternis zu beschwören? Ob sie ihn noch immer als ihren Meister erkannten, wenn er die Verbindung zu ihnen kappte? In Françoises Erfahrung war das nicht der Fall. Aber vielleicht hatte dieser Nekromant ja eine Lösung gefunden.
Geschwind setzte die Oberste Feuermagierin ihren Weg zum Ende der Wendeltreppe fort. Dabei kam sie an einem weiteren Durchgang vorbei. Die dahinter liegenden Räume wirkten auf sie wie ein Wohnbereich. Bücherregale, Sessel, selbst einen Kamin gab es. Und das, obwohl von außen kein Schornstein am Turm zu sehen gewesen war. Was Françoise mehr erstaunte, war die Tatsache, dass sich keinerlei Untote in diesen Zimmern befanden. Zuerst vermutete sie, es gäbe eine magische Barriere, die den Zutritt verhinderte. Das war nicht der Fall. Womöglich nutzte der Nekromant die Räume also selbst, spekulierte die Priesterin. Es würde ihre These stützen, dass die freigesetzten Untoten tatsächlich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterschieden.
Françoise ignorierte den Wohnbereich kurzentschlossen. Der, den sie suchte, befand sich weiter oben an der Spitze des Turmes. Sie stieg die Wendeltreppe weiter hinauf und kam schließlich vor einer Tür heraus. Fast hatte die Priesterin schon ihre Hand an der Klinke, als sie innehielt. Ihren Reflexen traute Françoise einiges zu. Dennoch hatte sie im schmalen Treppengang nur wenig Spielraum zum Ausweichen. Mit beiden Händen vollführte sie vor der Brust eine elegante Geste; wie das Formen einer Kugel. Um die Priesterin herum manifestierte sich sogleich zuerst ein bläulicher Strang von Blitzmagie, dann ein orangener von Flammenmagie. Sie rotierten in einer Sphäre um die Oberste Feuermagierin herum und verwirbelten dabei wie die Farben auf einer Seifenblase. Zuletzt fügte Françoise noch das Windelement hinzu und vollendete damit ihren Schildzauber. Selbst Drachen hätten ihre lieben Sorgen, diesen Zauber zu durchschlagen. Françoise hatte ihrerseits keine Probleme durch den Schild zu greifen. So öffnete sie gespannt die Tür und trat auf ins Tageslicht.
Nichts. Die Plattform, die die beiden Turmspitzen miteinander verband, war vollkommen leer. Keine Spur vom Nekromanten. Auch gab es keine Untoten. Zumindest ein Dämon hätte es doch sein können, dachte Françoise ein wenig enttäuscht.
»Zeig dich!«, rief sie zur anderen Turmspitze herüber und stemmte dabei die Hände in die Hüften. »Ich bin nicht all die Stufen hochgekommen, um dann versetzt zu werden!«
Im ersten Moment herrschte Stille. Zwar stand die Tür der anderen Turmspitze offen - falls es überhaupt eine gab, hineinsehen konnte Françoise allerdings nicht. Als ob jemand alles Licht im Inneren verschlungen hätte. Selbst das schwarze Gestein des Turms konnte nicht mit dieser Schwärze mithalten.
Als sie gerade erneut die Stimme erheben wollte, drang eine knöcherne Hand aus dem finsteren Durchgang hervor und klammerte sich an den Türrahmen. Auf sehr theatralische Art und Weise folgte Stück für Stück der Rest des dazugehörigen Körpers. Erst ein Glatzkopf mit böse funkelnden Augen. Dann kamen Hals und Schultern zur Vorschein, die lediglich von rotem Muskelgewebe überzogen waren. Zuletzt wurde der skelettierte Torso offenbart und nur der Torso. Knapp unterhalb des Brustkorbs hing lediglich der Rest des Rückgrats frei in der Luft. Wie das Wesen schweben konnte, wusste Françoise nicht. Eine Vermutung hatte sie zumindest. Dort wo sonst Lungen und Herz saßen, quoll ein dichter, blauer Dunst hervor und verteilte sich über dem Boden.
»Törichtes Weibsbild!«, rief der Nekromant zu Françoise herüber. »Es war ein Fehler, hier heraufzukommen! Aber von einem Feuermagier habe ich auch nichts anderes erwartet.«
»Du bist eine Gefahr für die Stadt und ihre Bewohner.«, antwortete die Priesterin, »Egal was unheiliges du auch immer hier treibst, wird jetzt ein Ende haben.«
Der halbskelettierte Magier schnaubte verächtlich.
»Die schiere Arroganz!«, polterte er dann, »Ich bin längst über das hinausgewachsen, was du oder dein Orden begreifen könntet!«
»Was gibt es da großartig zu begreifen?«, fragte die Oberste Feuermagierin, »Einen kläglichen Versuch, Unsterblichkeit zu erlangen?«
»Ha! Mehr als das!«, antwortete der Lich.
»Glaub mir, nach einiger Zeit wird es langweilig werden.«, sagte Françoise trocken. »Besonders in dieser Form. Dazu noch allein.«
Ein wenig Mitleid klang in ihrer Stimme mit, was dem Nekromanten ganz und gar nicht zu gefallen schien. Vermutlich hatte er Jahre oder sogar Jahrzehnte in Studien investiert, um sich transformieren zu können. Und nun kam Françoise daher und machte ihm die Arbeit madig.
Ohne Vorwarnung hob der Lich seine Knochenhände und schleuderte ein Inferno schwarzer Flammen der Priesterin entgegen. Mit einem lauten Knall prallte sein Zauber auf den magischen Schild. Es war eine gute Idee gewesen, ihn vorher zu beschwören, dachte sich Françoise und trat aus dem Türrahmen heraus, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Der Nekromant versprühte unterdessen ein pechschwarzen Nebel aus seinem Mund. Damit hüllte er nicht nur die Oberste Feuermagierin ein, sondern gleich die ganze Turmspitze. Was auch immer das für eine verderbte Zauberformel war, griff sie den magischen Schild von allen Seiten auf einmal an. Dort wo sie auf die Barriere traf, leuchteten die Farben der Magie auf. Dem Windelement zum Dank, drang der todbringende Nebel nicht an Françoise heran.
Durch die Schwärze hindurch hieb plötzlich eine Knochenhand mit langen Krallen in Richtung der Priesterin. Instinktiv wich Françoise zur Seite, doch den Rand der magischen Schildsphäre traf es dennoch. Dabei gelang es der krallenbewehrten Hand, einen Hauch des schwarzen Nebels ins Innere der Barriere zu tragen. Es reichte, um der Obersten Feuermagierin immense Schmerzen zu bereiten. Sie schrie und wich weiter an den Rand der Plattform zurück. Bevor der nächste Angriff landen konnte, fokussierte sich Françoise auf die Magie ihres Schildes und ließ ihn zusammenbrechen. Ein Augenblick blieb ihr, bevor der schwarze Hauch oder schlimmer noch der Lich ihr zusetzte. Eine zackige Geste ihrer Hände und ein Wirbelsturm mit der Priesterin als sein Zentrum brach über die Turmspitzen herein. Hinfort wurde der faule Zauber des Nekromanten in alle Himmelsrichtungen geblasen. Der Nekromant selbst, längst im Begriff nach seiner Kontrahentin zu schlagen, wurde unweigerlich von der Plattform gedrückt. Seiner Fähigkeit zu schweben verdankte er es, nicht in die Tiefe zu stürzen.
Beide Magier taxierten sich aus gebührendem Abstand. Dass er nicht gleich wieder auf die Plattform zurückkehrte, sondern ein Stück weit neben dem Turm in der Luft flog, wertete Françoise als ein Zeichen von Vorsicht. Sie hatte genug gesehen. Bevor der Lich sein gesamtes Repertoire demonstrierte, wollte die Oberste Feuermagierin ihm den Garaus machen. Sie ballte ihre Hände schnell zu Fäusten und sogleich drang ein gleißend weißes Licht aus ihnen hervor. Der Lich stählte sich gegen den bevorstehenden Angriff, indem er die blank liegenden Knochen seines Körpers wuchern ließ. Ein faszinierender Anblick, wie ihn auch Françoise noch nicht gesehen hatte. Wenn es nur nicht auf solch unheiliger Magie basierte.
Mit einer schnellen Bewegung öffnete die Priesterin ihre Fäuste und streckte sie ihrem Widersacher entgegen. Reinweiße Flammen strebten auf den Lich zu und brandeten fauchend gegen seinen Knochenwall. Augenscheinlich hielt seine Verteidigung, bis ein lautes Knacken das Versagen ankündigte. Die wulstigen Knochen zerbarsten unter der enormen Hitze und gaben den restlichen Körper des Nekromanten den unerbittlichen Flammen preis. Seelenbrand hieß die Formel, die Françoise beschworen hatte. Er vernichtete alles, was unheilig war. Nicht nur die körperliche Form, sondern auch den Geist als solches. So sehr fokussiert, war der Zauber gnadenlos. Statt sich aufzubäumen, wäre Flucht die richtige Wahl für den Lich gewesen. Nun war es um ihn geschehen. Er zerging in den gleißenden Flammen begleitet von einem gellenden Schrei wie aus einer anderen Welt.
So jäh der Angriff begonnen hatte, so jäh fand er ein Ende. Reduziert auf etwas, das einem Stück Kohle ähnelte, blieb sonst nichts mehr vom Nekromanten und seinen Plänen übrig. Diese Überreste griff Françoise auf magischem Weg aus der Luft und legte sie sanft auf die Plattform ab.
Gleichzeitig rannte jemand mit vollem Tempo die Wendeltreppe des Turmes hinauf. Es war natürlich Konstantin. Mit gezücktem Schwert sprang er förmlich aus der Tür, bereit alles und jeden zu erschlagen.
»Ein bisschen spät.«, feixte die Priesterin. Françoise ließ sich im Lotussitz nieder und atmete tief aus.
»Die Barriere fiel erst jetzt.«, verteidigte sich Konstantin.
»Ich weiß, ich weiß. Alles ist gut.«
»Der Spuk ist schon zu Ende?«
»Das ist er.«
»Schade.«
Der Drache schien ernsthaft enttäuscht zu sein, was die Oberste Feuermagierin zum Schmunzeln brachte.
»Du bekommst noch deine Chance.«
Mit diesen Worten atmete Françoise tief ein und schloss die Augen zur Meditation.
Don-Esteban
05.08.2025, 21:15
Der Magier sagte nichts.
Stoisch ergab er sich in das, was ihnen die Götter vorherbestimmt hatten. Zumindest ließ er diese Erklärung für das, was sich vor seinem Auge ausbreitete, ausnahmsweise einmal gelten. Denn sonst war - wie bekannt - sein Streben immer danach gerichtet, alle Dinge ohne das Wirken von Göttern zu erklären und jahraus, jahrein die Gesetze zu ergründen, die der Welt wirklich ihre Gestalt und ihr Wesen gaben. Doch sei es drum, für eine Begegnung mit einem ausgewachsenen Troll konnte nur die Boshaftigkeit und Rachsucht von Göttern verantwortlich sein und kein Gesetz der Natur.
Und so ließ er denn den großen Golem, der die meisten aus ihrer Gruppe um das Doppelte überragte, ohne weiteren Verzug zu dem Kampfplatz, auf dem der Troll gerade mit den für ihn winzigen Menschen beschäftigt war, zumarschieren.
Und bald rannte er, mit seinen mächtigen felsernen Beinen wie die Säulen eines antiken Tempels wuchtig auf die erste stampfend und jedes Mal ein dumpfes Beben auslösend, mit erstaunlichem Tempo auf seinen Gegner zu. Der Troll war jedoch noch ganz in seiner Wut gefangen und bearbeitete gerade einen der Erzwagen, indem er mit seinen Fäusten darauf trommelte, dass die Erzbrocken nur so weg spritzten nach rechts und links. Er stieß ein fürchterliches Gebrüll aus.
Und nun, als der steinerne Golem ganz nahe war, saß man wie groß die Bestie wirklich war, denn sie überragte die magische Kreatur ebenso um das Doppelte, wie es der Golem mit den Menschen tat.
Doch ohne Zögern ließ der Golem, als er den Troll erreicht hatte, seine Faust wie den Kopf eines schier riesigen Hammers auf den Rücken des Trolls niedersausen. Die Erzschmuggler und ihre Kämpfer nahmen entsetzt Reißaus, als sie sahen, wie sich die Szene zu einem Kampf wilder Giganten entwickelte.
Und wer gedacht hätte, dass das Gebrüll des Trolls schon markerschütternd laut wäre, wurde nun eines Besseren belehrt. Die wilde Bestie stieß einen so lauten Schrei aus, dass vermutlich noch in der Höhle des ehemaligen Neuen Lagers die Steine von der Decke bröckelten. Der Troll fuhr herum, um sich der Ursache des plötzlichen Schmerzes zuzuwenden und was immer ihn ausgelöst hatte zu bestrafen. In rasender Wut hob er beide Pranken und ließ sie auf den Golem niedersausen. Dann richtete er sich ganz auf und trommelte sich mit ihnen auf die mächtige Brust und stieß erneut ein lautes Gebrüll aus.
Doch der Golem war keineswegs besiegt durch diesen Angriff. Er schwankte nur kurz und ging durch die Wucht des Angriffs in die Knie, dann richtete er sich wieder auf und fast sah es so als, als ob er sich kurz schütteln würde und schon ließ er einen weiteren mächtigen Hieb niedersausen. Diesmal gegen die Seite des Trolls auf der Höhe der Taille. Ein weiterer Schrei aus dem mit riesigen Hauern bewehrten Maul des behaarten Riesen zeigte, dass der Schlag nicht ohne Wirkung geblieben war.
Der Troll fing mit einer erstaunlich schnellen Armbewegung die Faust des Golems und zog daran nach links, nach rechts. Immer weiter, nahm die andere Pranke zu Hilfe und schaffte es dann, den Golem von den Füßen zu reißen und ihn von sich zu schleudern.
Doch so einfach war dieser Gegner nicht unschädlich zu machen. Noch ehe sich der Troll wieder den Resten der Wagen und ihren Besitzern zuwenden konnte, war der Steingolem wieder auf den Beinen und stürmte erneut gegen ihn an.
Die Besitzer der Wagen hingegen hatten einige von den Mutigsten vorgeschickt, damit diese die Gunst des Augenblicks nutzen sollten, um das, was noch heil war, aus der Kampfzone wegzuziehen, damit es fortgebracht werden konnte.
Einen Steinwurf entfernt stand der Magier, die Spitzen der Finger an der Schläfe und dunkle Worte murmelnd, um damit seinen Golem zu stärken und zu leiten. Umringt war er noch immer von der Gruppe aus ehemaligen Templern, Dumak und Heric.
Delvin Corgano
09.08.2025, 21:36
Der Morgen war schon weit fortgeschritten, als Delvin Corgano seinen Unterhändler in die oberen Straßen der Stadt schickte. Christoph sollte im Namen seines Herrn den Statthalter von Khorinis über Ankunft und Absichten unterrichten – höflich, kurz und ohne unnötige Andeutungen. Stunden später kehrte er zurück. Sein Gesicht verriet keine Überraschung: Er war nicht zu Lord Hagen vorgelassen worden. Immerhin hatte er einen der Beamten erreicht, der die Nachricht entgegennahm und versprach, sie an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten. Versprechen dieser Art waren in Delvins Erfahrung selten ein Grund, den Atem anzuhalten.
Während diese wenigen Worte ausgetauscht wurden, hatte das Schiff längst Besuch erhalten. Drei Männer der Stadtwache stapften über den Kai, die Stiefel schwer vom Salz und den Augenringen nach wohl zu kurzer Nacht. Der Erste betrat das Deck, blieb kurz stehen und ließ den Blick schweifen. "Kapitän an Bord?" fragte er, ohne sich an einen der Matrosen zu wenden. "Hier!" antwortete Galbor knapp, der sich aus der Schattenseite des Aufbaus gelöst hatte.
Die Wachen gingen auseinander, einer verschwand in Richtung der Ladeluken, der andere beäugte die Taurollen und Fässer am Schanzkleid, als könnten sie ihm von selbst ihre Inhalte verraten. Listen verlangten sie nicht, und als Galbor beiläufig fragte, ob sie diese einsehen wollten, winkte der Älteste unter ihnen ab. "Lassen wir gut sein. Hauptsache, wir wissen, was zu versteuern ist."
Delvin trat nun selbst hinzu, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt. "Das dürfte heute schnell erledigt sein." Er zog ein gefaltetes Pergament aus der Manteltasche und reichte es dem Wachführer. Der brach das Siegel, überflog das Schreiben und sah schließlich das Siegel des Ordens. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich merklich und schließlich murmelte er: "Abgabenfrei..." Das Wort klang, als hätte es ihm den Morgen verdorben. "So ist es." bestätigte Delvin ruhig.
Der Wachführer gab das Pergament zurück und rief den beiden anderen zu: "Wir sind fertig." Einer der Männer zuckte mit den Schultern, der andere trat wortlos von der Ladeluke zurück. Minuten später verließen sie das Schiff, die Schritte etwas schwerer als beim Kommen.
"Wenn das das übliche Gebaren der Stadtwache ist, Galbor..." bemerkte Delvin leise, "...dann weiß ich, womit wir es hier zu tun haben." Der Schiffer nickte nur knapp und begann, mit den Männern die Wacheinteilung für die nächsten Stunden festzulegen. Ein Teil der Mannschaft würde an Bord bleiben, um Ladung und Ausrüstung zu sichern, der Rest konnte sich ausruhen oder kleinere Arbeiten im Hafenbereich erledigen.
Delvin indes verließ mit Christoph und Heinrich die Kogge. Die drei Männer machten sich durch das Gedränge des Kais auf, das Hafenviertel in Augenschein zu nehmen. Geruch von Salz, Teer und altem Fisch lag in der Luft, Stimmengewirr und das Knarren von Holz mischten sich zu einer ruppigen, unruhigen Kulisse. Schließlich kamen sie wieder zurück zur breitesten Straßen, die direkt am Kai entlangführte, auf der er schließlich die zentralgelegene aber heruntergekommene Kneipe betrat. Zweifelsohne hatte man dort selten Gäste gesehen, die so gekleidet waren wie sie. Doch Delvin wusste, dass eine Stadt vom Hafen lebt – und dass die ersten Kontakte am besten dort geknüpft werden, wo sich die Gerüchte sammeln und die kleinen Geschäfte im Schatten gedeihen, gerade weil sie zwielichtig sein können.
Gor na Jan
17.08.2025, 16:17
Eigentlich hätte der Anblick dessen, was sich vor ihm abspielte, den einstigen Zweihandmeister in einen ähnlichen Zustand versetzen sollen, wie die Verteidiger des Erzkonvois: Schiere Panik. Doch vielleicht war der Gor Na dafür doch nicht clever genug. Oder er hatte einfach zu viel gesehen. Oder er hatte zu lange schon nichts mehr wie das gesehen. Was auch immer es war, das einzige, was der Gor Na fühlte, war schiere Euphorie. Noch bevor die Templer sich in Bewegung setzen konnten, war Estebans Golem vorgeprescht. Der Gor Na zögerte, als das Konstrukt wie eine Lawine an ihm vorbeirollte. Furchtlos wie der Fels, aus dem er gemacht war, eröffnete er das Spektakel.
Jan wandte sich Thal und Rhan zu und zuckte mit dem Kopf Richtung Troll. Nur für einen kurzen Augenblick sah man in Rhans Augen so etwas wie "Bist du bescheuert?!" aufblitzen, bevor er ohne Widerrede dem Templerführer folgte. Der Boden bebte, die ganze Welt bebte. Stein traf auf Muskeln, die ebenso hätten Stein sein können und andersrum. Dann trafen die Templer dazu. Jan hatte gehofft, das zumindest ein kleiner Teil der Verteidiger ihnen beistehen würde, doch sie nutzen nur die willkommene Ablenkung, um ihre Ware in Sicherheit zu bringen. Sei es drum.
Es erschien schon absurd. Normalerweise hatte der Templerführer die Rolle inne, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und durch Größe und Statur das Gros der Kraft abzufangen. In Anbetracht eines Trolls kam es ihm aber nur zu gelegen, dass diese Rolle heute mal etwas anderes übernehmen sollte. Schlagartig wurde ihm bewusst, dass er in all seinen Jahren niemals Seite an Seite mit einem Golem gekämpft hatte. Einmal war immer das erste Mal, hieß es doch. Also besonn sich der Gor Na auf seine Wendigkeit und gab sich dem langen und ausdauernden "Zermürbungskrieg" hin. Dies war nicht durch Stärke zu gewinnen, den Golem mal ausgenommen, sondern durch Beharrlichkeit.
Jans Fokus - und so auch der von Rhan und Thal - bestand darin, nicht von einer Trollfaust oder einem Hieb des Golems getroffen zu werden und elegant zwischen den beiden Giganten hindurch zu tanzen. Der zweite Fokus lag darauf, den Troll durch Tausend Nadelstiche zu fall zu bringen. Immer wieder schnitten der Rote Wind und Thals Hüterklinge durch das Fleisch des Trolls. Weiter als bis zum Oberschenkel reichte es selbst mit hohen Hieben nicht, doch das sollte fürs Erste genügen. Rhan hingegen kam mit seinem Speer deutlich besser zurecht. Noch schien der Troll von den Mosquitos um sich nicht allzu viel zu bemerken, doch die Templer wussten, auch dies würde irgendwann Wirkung zeigen.
Zwischen den Hieben wich Jan einen Schritt zurück und atmete tief durch. Hoffentlich ging ihm nicht die Puste aus, bevor sie den Troll zermürbt hatten. Dann blitzte etwas auf. Ein Bolzen traf den Troll an der Schulter. Der Gor Na sah auf und bemerkte, wie einige der Verteidiger von der Burg aus den Troll unter Beschuss nahmen. Auch dies schien den Giganten kaum zu kratzen, aber 100 Mücken waren deutlich besser als 50.
»Nur Feiglinge ziehen sich zurück!«, knurrte Redlef hinter Jacques Rücken. Von seiner Begegnung mit den Ranken war ihm immer noch nicht gut zu Mute. Kopf schien wie benebelt und als ob eine fremde Macht ihm beängstigende Visionen aufdrängen wollte. Zuerst hatten sich ihm grauenhafte Bilder der Schlachtfelder aufgedrängt. Doch mit diesen hatte sich Redlef in seiner langen, einsamen Zeit im dunklen Kerker zur Genüge beschäftigt. Dann wechselte es und die Visionen wurden aktueller: Erics lebloser Körper mit blutigen, leeren Augenhöhlen, Bardasch, dessen Knochenbein langsam damit begann ihn bei lebendigem Leibe aufzufressen und zu guter letzte Jacques, dem Redlef verzweifelt versuchte die sprudelnde Blutung an seinem Hals zuzudrücken, während er ihm völlig sinnlos versicherte, dass alles gut werden würde.
Seine Hand an der Waffe zitterte. Er meinte diese Art von Beeinflussung wiederzuerkennen. Schwarze Magie… Wie eigenartig, dass ihn das tatsächlich noch überraschen konnte.
»Das ist ein billiger Furchtzauber und vermutlich der letzte lächerliche Versuch dieser Missbildungen uns zu verjagen. Barasch! Stark im Glauben und voran!«
Auch Redlefs Herz schlug bis zum Hals, der Zauber beeinflusste auch ihn, doch im Angesicht des Todes war Schwäche zeigen keine Option. Besonders im Sattel galt es genau dann die größte Stärke der Reiterei auszuspielen. In der ein geschlossenen Reihe voran, mit gesenkter Lanze in den Haufen der Feinde. Im Sturmangriff war Entschlossenheit die weitaus mächtigere Waffe als die Lanze oder das Schwert. Hier galt es nicht nur seinem Ross gegenüber keine Furcht zu zeigen, um auch seinen Kampfeswillen nicht ins Zweifeln zu bringen, sondern auch den Mut mit den Kameraden zu teilen, damit keiner von Ihnen sich von seiner Angst übermannen ließ. Denn sobald ein Reiterkeil zerbrach, da ein einzelner Mann haderte und sein Pferd zurücknahm, war die ganze Truppe gefundenes Fressen für die Fußsoldaten. Nun galt es also nicht weiter lange herumzulabern, sondern den Angriff nicht stocken zu lassen.
Mit einem kurzen Blick vergewisserte sich Redlef, ob Eric ebenfalls bereit war. Der Paladin hatte seinen grimmigen Blick auf den kreischenden Goblin gerichtet und machte damit einen mehr als entschlossenen Eindruck.
Redlef legte Jacques die Hand auf die Schulter. »Wir machen Eric den Weg frei«, raunte er ihm zu und schob ihn mit sanftem Druck in Richtung der verschlingenden Finsternis. Sicherlich war dies ein mehr als gewagtes Vorgehen. Er kannte Jacques Art zu kämpfen nicht, geschweige denn, dass sie beide bisher zusammen gekämpft hatten. Die Höhle war nicht groß, der Raum für ihre Schwerter begrenzt und sie hatten keine Möglichkeit sich aufeinander einzustimmen. Doch Redlef vertraute seinem Reitschüler. Er wusste das Jacques ein mutiger Mann war und auch für ihn die Loyalität zur Truppe ein unverrückbares Gut darstellte. Außerdem hatte er unter Sir Ulrich gedient, war ihn mindestens als Brauchbaren Recken kennzeichnete. Zu guter Letzt führet Jacques sein Schwert in der rechten, während Red sich an den Kampf mit der linken Hand gewöhnt hatte. Damit würden sie hintereinanderstehend einen gewissen Vorteil haben. »Der Schreihals ist unser Ziel. Was auch immer aus der Kiste kommt, bleibt für Eric…« …und Bardasch, dachte Redlef bei sich und wagte nur kurz darüber nachzudenken, was dem Streuner blühen würde, wenn er den Paladin hier den Rücken kehrte!
Ein nervöses Raunen und Zappeln ging durch die Goblins, welche bisher auf eine krude Art diesem Eiertanz beigewohnt hatten. Anscheinend hatten die grünen Dummköpfe darauf gehofft, dass die Eindringlinge artig auf dem Absatz der Treppe stehen bleiben würden, um sich das Spektakel anzusehen. Als die beiden Kämpfer nun damit begannen die Stufen hinabzusteigen, quiekten sie etwas und benötigten einige Zeit sich in der kleinen Kammer in Position zu bringen. Redlef fühlte sich in seiner Ahnung bestätigt, dass die Zeit gegen sie arbeitete. Die stinkenden Kreaturen spielten auf Zeit und begannen die beiden Männer mit undefiniertem Dreck zu beschmeißen. Redlef hielt sie Rechte Hand weiter an Jaques Rücken. Der Kontakt ermöglichte ihm vage Jacques Bewegungen nachzuvollziehen, sodass er ihm folgen konnte auch ohne auf die Stufen zu achten. Gleichzeitig war dies auch die unausgesprochene Aufforderung an den Jungen, nicht stehen zu bleiben. Eine Hilfe – wie ein mahnend angelegter Schenkel an die Flanke des Pferdes.
Da Red seinen Kameraden zu der Treppe geleitet hatte, die linksherum gewunden war, konnte er wenigstes versuchen die Geschosse mit dem Schwert zurückzuschlagen. In wenigen Fällen gelang es ihm.
kaum hatten sie den Fuß der Stiege erreicht, rotteten sich die stinkenden Kreaturen vor ihnen zusammen. Sie hielten ausreichend Abstand, dass die Streiter gezwungen waren, ihren erhöhten Stand auf der Treppe aufzugeben. So viel taktisches Verständnis hätte ihnen Redlef gar nicht zugetraut. Sobald sie auf den Boden der Kammer traten, würden sie eingekreist und von allen Seiten angegriffen werden. Möchten die Viecher auch klein sein – auch die rostigen Schwerter und Äxte der Goblins konnten tödliche Wunden schlagen.
Endlich nahm Red die Hand von Jaques Schulter, um sich an seiner linken Seite zu positionieren. Das Gezeter des mit Schilfgras bekrönten Goblins hallte immer noch nervenzerfetzend durch die Kammer.
Für einen Moment belauerten sie sich, dann führte Redlef den ersten Stick in Richtung eines Goblins, der aufgrund der Höhlenwand in seinem Rücken nicht weiter zurückweichen konnte. Die Spitze des Schwertes versank in der rippigen Brust, doch mit dem weiten Ausfallschritt hatte Red seine sichere Position aufgegeben und war zudem auf sein schlechtes Bein angewesen, sein Gewicht nun im Rückzug zu tragen. Er wagte es, warf sich zurück und wurde durch Jacques Ellenbogen gebremst, der sich nun seinerseits auf dem engen Raum vor der Treppe im Kampf nicht frei bewegen konnte. Schmerzhaft stürzte Red mit der Schulter auf eine der Stufen. Er ignorierte das für einen kurzen Moment seinen Arm hinunterlaufende Taubheitsgefühl und nutzt den Schwung, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Die wütenden Kampf- und ängstlichen Schmerzensschreie der Goblins erfüllten nun die Luft. Zusammen mit der wabernden Dunkelheit und den Beschwörungen des Priesters, brachten sie die Männer an den Rand des Erträglichen.
Er riss die Klinge hoch, parierte einen vorwitzigen Goblin und taumelte etwas, als er einen anderen Schlag auswich. Gerade fasste er das Schwert mit seiner Rechten am Knauf, um es nach vorzustoßen, da zuckte ein helles blaues Licht unter der Steinplatte er Kiste. Es war kalt und blendete mit seiner Intensität alle Umstehenden.
Redlef riss instinktiv die Hand vor das Gesicht und wagte einen Herzschlag später durch die Finger zu Blinzeln. Immer noch erfüllte das Licht mit einem schmerzenden Gleißen den ganzen Raum. Dann zuckte es und zog sich etwas unter den Deckel zurück. Nur um dann pulsierend wieder darunter hervorzubrechen und wie mit Skelettfingern die Toten zu suchen. Kaum hatte es ihre Körper gefunden spannten sich zuckende Lichtbögen zu ihnen und erfüllten die Kadaver mit einem aus dem Wunden, Augen und Mündern quellendem Licht.
Immer noch schwebte über der ganzen Szene der kreischende Gesang des Priesters, nun durchmischt mit dem hämischen Krächzen der Krähe.
Die undefinierten Dinge, mit denen due Beiden beim Abstieg beworfen wurden, klebten nach wie vor an ihrer Kleidung. Auch sie fingen nun das kalte Leuchten…
»Scheiße«, entfloh es Redlef mit einem Keuchen.
Sowohl der Santorija, als auch der Alesstyna sah man die Strapazen der letzten Tage und Wochen an. Kein Mast war gebrochen, die Segel rechtzeitig gerefft und geborgen worden, doch der Sturm hatte stark an den Widerstandskräften von Holz und Mannschaft gezehrt. Wie ein Atem, der über Monate hinweg angehalten worden war, fiel die Anspannung bereits ein gutes Stück ab, als die felsige Küste von Khorinis in Sicht kam.
Beide Schiffe ankerten auf Reede jenseits der vorgelagerten Felsinsel, hinter der sich der Haupthafen von Khorinisstadt natürlich vor Unwetter und Sturmfluten barg. Die brütende Spätsommerhitze lag dicht und schwer über dem Wasser und unter dem orange glühenden Abendrot auf den Decks. Nur ab und zu wurde sie von seltenen Böen aufgelockert.
Yared hatte die Ankerwache eingeteilt und den Rest zum Großteil in die Freiwache entlassen, mit Ausnahme der Verproviantierungstrupps jedoch keinen Landgang erlaubt, obgleich er für Letzteres sichtlich mürrische und unzufriedene Blicke einiger seiner Seeleute und Marinesoldate geerntet hatte. Auch wenn der Kapitän das traditionelle Recht auf Landgang für eine höchst sinnvolle Einrichtung hielt, dies hier war ein außerplanmäßiger Halt. Außerdem war es im Rahmen der im besten Fall sehr kurzen Liegezeit gar nicht möglich, alle Frauen und Männern an Bord mit den Beibooten auszuschiffen, um ihnen überhaupt einen Landgang zu ermöglichen.
Der Kommodore hatte nicht vor, länger als nötig hier vor Anker zu liegen. Der Plan sah vor, nur die Vorräte aufzufrischen, vor allem Frischwasser aufzunehmen, eine Nacht durchzuschlafen und am nächsten Mittag, nach einer eingehenden Inspektion der Schiffsrümpfe und Sichtung der Schäden an laufendem und stehendem Gut, bereits wieder in See zu stechen.
Wie lang sie jedoch tatsächlich hier bleiben würden, lag gar nicht in seiner Hand. Vielmehr hing es einerseits davon ab, welches Bild sich dem Schiffsbauer und die Maestranza seiner Flottille im Licht des kommenden Morgens bieten würde, wenn sie die Schiffskörper näher in Augenschein nahmen, und davon, ob man Schebecke und Pinaßschiff weiterhin ausreichende Seetüchtigkeit bescheinigen konnte. Anderseits würde das Treffen, dass an diesem Abend noch anstand, einen nicht unerheblichen Einfluss - vielleicht sogar den entscheidenden - haben.
Die Gig löste sich vom Rumpf der Santorija. Mit schnellen Schlägen umrundete die kleine Rudermannschaft die vorgelagerte Felseninsel und hielt auf die Kaimauer des Haupthafens zu.
Ein Blick zurück zeichnete die schnittigen Umrisse, die sich in warmem Schwarz mit ihren schlanken Masten majestätisch in den klaren Abendhimmel erhoben, gegen den langsam in Rosé abgleitenden Sonnenuntergang. Auf beiden Schiffen wurden nun unter der Aufsicht Goyas und Yareds Zahlmeisterin Donna die Barkassen zu Wasser gelassen und beladen.
Vor der kleinen Mannschaft der Gig - neben dem Kommodore, Kaldrin, sein Waffenmeister, und Magister Arvideon nur die vier Matrosen an den Rudern und Bootsmannsmaat Martingale am Steuer - öffnete sich das Hafenbecken. Bis auf einen waren alle größeren Ankerplätze im Hafen, wie erwartet und auch für Neuankömmlinge durch ein Flaggensignal auf dem Turm am äußeren Ende der nördlichen Hafenmauer angekündigt, belegt.
Zu allervorderst lag eine Handvoll Boote und Kutter der ortsansässigen Fischer teils vertäut nebeneinander in der Dünung schaukelnd, teils auf den knappen unbebauten Strandabschnitt gezogen. Den Platz an der südlichen Kaimauer nahm die unverwechselbare Silhouette der Esmeralda ein, während am Hauptkai ein Kauffahrer festgemacht hatte. Es war eine einmastige Kogge, der Lastesel der Meere, beliebt nicht nur bei den rivellonischen Handelshäusern, unter einer derer Flaggen dieses Exemplar fuhr. Selbst die Araxos Überseehandelsgilde, weithin bekannt für ihre imposanten Galeonen, nutzte gerne Schiff dieser Bauart, besonders auf regionalen Routen im östlichen myrtanischen Meer.
Den südlich gelegenen kleinen Hochseehafen, so wusste Yared aus eigener Anschauung, als sie ihn bei der Ankunft passiert hatten, hatte Lord Scaruders Flotte vermutlich seit Monaten in Beschlag. Nicht wenige seiner Schiffe mussten selbst auf Reede liegen, weil der zur Mole auslaufende lange Kai nur Platz für zwei von ihnen bot. Yared nahm an, dass Scaruder seinem Flaggschiff Vorrechte gesichert hatte – jedenfalls lag die Victoria festvertäut an der Kaianlage – und der zweite Platz wechselnd zum Be- und Entladen der anderen genutzt wurde.
Martingale steuerte die Gig an den gemauerten Bootsanleger in der Kaimauer. Das Beiboot ging längsseits. Die Matrosen zogen die Ruder ein und machten die Gig an der Uferseite fest.
Der Kapitän und seine beiden Begleiter erhoben sich, stiegen hinüber. Knapp wurde ein Salutieren zwischen Yared und der Bootsmannschaft ausgetauscht, dann erklommen die drei die steinerne Treppe auf den höhergelegenen Kai.
Der Paladin musste Lord Hagen und dem Großadmiral seine Aufwartung machen.
Gor na Jan
20.08.2025, 18:01
Das Blut pochte in den Ohren des Gor Na und ließ jedes Geräusch nur leicht gedämpft zu ihm durch. Und er genoss jede Sekunde davon. Wenn sie diesen Kampf gewannen, war es ein Triumpf für die Götter, wenn nicht, ein würdiges Ende. Eine klassische Gewinn-Gewinn-Situation. Und beinahe wäre der Moment, den ihn dieser Gedanke von seiner Reaktion ablenkte auch schon besagtes Ende gewesen. Knapp entging Jan der Trollfaust und blickte in die wütenden Augen seines Besitzers. Doch nur kurz, denn mit Schmackes donnerte die Faust des Steingolems mitten in dessen herabgeneigtes Gesicht. Das hatte er nun davon, sich den Schmeißfliegen zu widmen.
Inzwischen ragten zahlreiche Bolzen aus der dicken Haut des Trolls. Die meisten hatten diese gar nicht erst durchdrungen, doch der eine oder andere zeigte Wirkung. So sehr, dass die Armbrustschützen zwischendurch das Feuer einstellen mussten, als der Troll zornerfüllt die Überreste eines Karrens nach dem Torhaus warf. Auch wieder ein Gewinn, war das Erz, das sich nicht im Flug verabschiedet hatte, doch nun deutlich leichter für die Verteidiger erreichbar.
Jans Blick zuckte zu Esteban. Der Templer hatte noch nie einen Schwarzmagier in Aktion erlebt. Er hatte immer geglaubt, sie beschworen ihre Kreatur und ließen diese dann gemütlich die Arbeit erledigen, doch Esteban schien sehr aktiv an der Kontrolle seines Geschöpfs beteiligt. Vielleicht war es sogar der immense Wille des Magiers, der diesen Koloss weit länger auf den Beinen hielt, als man es von einem Wesen erwartete, das gerade erheblich von einer der gewaltigsten Bestien dieser Welt verdroschen wurde.
Delvin Corgano
20.08.2025, 18:09
Die Tür der Schenke quietschte in den Angeln, als Delvin sie aufstieß. Ein Schwall abgestandener Rauchluft und der schwere Geruch von billigem Branntwein schlugen ihm entgegen. Im Halbdunkel des Raumes erhoben einige Männer kurz die Köpfe, Seefahrer mit wettergegerbten Gesichtern, Hafenarbeiter mit schmutzigen Händen. Schweigen legte sich für einen Atemzug über den Raum, ehe das Murmeln und Würfelklappern wieder einsetzte.
Christoph warf dem Wirt ein knappes Nicken zu, ehe er einige Münzen auf den Tresen gleiten ließ. "Für einen Krug eures besten Bieres – und einen Tisch dort hinten." Der Wirt, ein kahlköpfiger Mann mit trübem Blick, musterte die drei kurz, nahm dann wortlos das Geld an und schenkte ein.
Delvin ließ sich am Rand des Raumes nieder, wo das schwache Licht einer rußigen Öllampe auf die Tischplatte fiel. Heinrich setzte sich neben ihn, behielt jedoch den Eingang im Blick.
"Sie starren, als hätten sie Gespenster gesehen..." murmelte Christoph leise, während er die Bierkrüge abstellte. Delvin zog eine Braue hoch, nahm einen Schluck und erwiderte trocken: "Für sie sind wir Gespenster. Fremd, wohlgekleidet und ganz offensichtlich nicht von hier. Gerade deshalb werden sie zuhören, wenn wir reden. Denn wer anders aussieht, bringt oft anderes mit sich."
Ein paar der Gäste hatten sich kaum merklich nähergerückt, neugierig, ohne aufzustehen. Delvin bemerkte es und ließ die Worte absichtlich schwer im Raum hängen. Dann neigte er sich ein Stück vor, die Stimme nun gedämpft, nur für Christoph und Heinrich bestimmt: "Hier erfährt man, wer im Hafen Einfluss hat. Nicht in den Häusern der Obrigkeit, sondern da, wo das Geld den Besitzer wechselt. Beobachten wir, wer die Stimmen erhebt – und wer sie zum Schweigen bringt."
Er lehnte sich zurück, als wäre er bloß ein weiterer Reisender, der Zuflucht vor dem Morgennebel suchte. Doch sein Blick blieb wachsam, auf die Schatten und Gesichter gerichtet, die sein neues Feld waren.
Jacques Percheval
27.08.2025, 22:55
Nicht denken. Handeln!
Jacques richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf das Ziel, das Redlef ihm vorgegeben hatte: Den Weg für Eric freimachen, den Goblin-Schamanen erledigen. Das war es, was zählte – das, und nichts anderes! Der faule Zauber, den der Goblin offenbar heraufbeschwor, würde ihn nicht aufhalten. Die kalte Furcht, die sich seiner bemächtigen wollte, ignorierte er.
Nicht denken. Handeln!
Mit dem Schwert parierte er den Hieb eines Goblins, der mit einer groben Holzfälleraxt auf ihn zugestürmt kam, und versetzte dem geifernden grünen Zwerg einen Fußtritt mitten ins Gesicht. Der Goblin kreischte und hielt sich die Nase, aber Jacques bereitete seinem Leid mit einem gezielten Stich in den Hals ein rasches Ende.
Der Goblin brach in die Knie und umklammerte würgend seine durchbohrte Kehle. Doch noch bevor seine Augen brachen, wurde er von dem bläulichen Nebel eingehüllt, der aus dem Sarkophag stieg. Er schien sich auf einmal zu beruhigen, ließ die Hände sinken und kam taumelnd wieder auf die Füße.
Mit einem langgezogenen, pfeifenden Stöhnen, das klang, als würde die Luft auf halbem Weg zu seinen Stimmbändern entweichen, stürzte er sich erneut auf Jacques. Der Gardist, der gerade den Angriff eines anderen Goblins abgewehrt hatte, schlug ihm mit aller Kraft den Knauf seines Schwertes auf den Kopf, aber der Goblin schien es nicht einmal zu bemerken. Er klammerte sich an Jacques‘ Bein fest und schlug die Zähne in dessen Oberschenkel.
Jacques fluchte. Zwar kaute der Goblin nur auf gestärktem Leder und Kettengliedern herum, die seine Zähne nicht durchdringen konnten, aber das Gewicht des kleinen Monsters behinderte Jacques in seiner Bewegung.
Jacques platzierte die Spitze seines Schwertes über dem Schlüsselbei der Kreatur und stieß zu. Die Klinge drang durch das Gewebe wie durch Butter und Jacques versenkte sein Schwert fast bis zum Heft im Körper des Goblins, durchbohrte dessen Lunge, Herz und Eingeweide. Doch der Goblin reagierte nicht einmal mit einem Wimpernzucken. Er hielt weiterhin mit erstaunlicher Kraft Jacques‘ Bein umklammert und versuchte, sich durch die Garderüstung zu nagen.
„Schwarze Magie!“, brüllte Eric über den Kampfeslärm hinweg. Eine überflüssige Information, denn die Wirkung des Zaubers, den der Schamane heraufbeschworen hatte, war längst offensichtlich: Die toten Goblins, die von dem blauen Nebel eingehüllt wurden, erhoben sich. Ihre Bewegungen waren steif und ungelenk, und in ihren Augen glomm ein dumpfer, unstillbarer Hunger. Einer nach dem anderen kamen sie auf die Füße und wankten auf die Ordensstreiter zu – oder, wenn ihre Beine zu schwer verletzt waren, zogen sie sich mit den Armen über den Boden. Sie spürten keine Schmerzen mehr, kannten keine Angst und kein Zögern. Jacques sah einen Goblin mit aufgeschlitzter Bauchdecke, der seine herausquellenden Eingeweide achtlos hinter sich herzog, und einen anderen, dessen Kopf in einem unnatürlichen Winkel auf seinem gebrochenen Genick saß und bei jedem Schritt hin- und herschaukelte.
„Der Schamane!“, fauchte Redlef neben ihm, „Schnell!“ Der alte Ordensbruder schlug sich trotz seines lahmen Beines wacker. Verbissen wehrte er die Angriffe der Goblins ab und sein Schwert hielt blutige Ernte unter den Kreaturen, die es wagten, ihm zu nahe zu kommen. Jacques packte den Goblin – den untoten Goblin –, der sein Bein umklammerte, am Genick. Es kostete ihm eine ganze Kraft, den erstaunlich starken Griff der Kreatur zu lösen. Als er es endlich geschafft hatte, zappelte der Goblin in der Luft und versuchte mit fuchtelnden Armen, nach seinem Gesicht zu grabschen. Angewidert holte Jacques aus und schleuderte die Abscheulichkeit von sich.
Endlich wieder im Besitz seiner vollen Bewegungsfreiheit, verschaffte Jacques sich mit weit ausholenden Schwerthieben Raum und rückte weiter in Richtung des Sarkophags vor. Der Schamane jedoch schien davon nicht sonderlich beunruhigt. Er beobachtete die Anstrengungen der Streiter, seine spröden Lippen zu einem hämischen Grinsen verzogen, das eine Reihe fauliger Zahnstümpfe in schwarzem, gummiartigem Zahnfleisch entblößte. Er kicherte manisch und stieß mit seinem Stab auf den Sarkophagdeckel. Die rotäugige Krähe saß auf seiner Schulter und schien das Schauspiel ebenso zu genießen.
Plötzlich spürte Jacques etwas in seinem Nacken. Er drehte sich um, aber da war niemand hinter ihm – abgesehen von Eric und Bardasch, aber die waren zu weit weg, als dass sie ihn hätten berühren können. Doch das Gefühl blieb – etwas kroch ihm über den Nacken in Richtung seiner Schulter! Er schlug mit der flachen Hand danach und bekam irgendetwas zu fassen. Es wand sich in seinem Griff und wehrte sich, und als er einen Blick darauf werfen konnte, schleuderte er es voller Ekel augenblicklich von sich: Es war der halb verweste Kadaver einer Ratte, in deren leeren Augenhöhlen unheiliges Feuer glomm und die mit ihren abgebrochenen Nagezähnen nach ihm schnappte.
Kaum war er die Ratte losgeworden, bemerkte Jacques andere kleine Dinge, die auf dem Boden um die Füße der Streiter herumkrochen oder sich an ihrer Kleidung und ihren Rüstungen festgekrallt hatten. Das mussten die Dinge sein, mit denen die Goblins sie anfangs beworfen hatten! Er hatte angenommen, es würde sich lediglich um Dreckklumpen und Steine handeln, aber wie sich herausstellte, hatten die kleinen Biester einen viel hinterhältigeren Plan verfolgt und sie mit den Kadavern kleiner Tiere und ähnlichem beworfen. Die zuvor leblosen Wurfgeschosse wurden nun durch den nekromantischen Zauber des Sarkophags zum Unleben erweckt – eine unangenehme Überraschung für die Streiter!
Jacques hörte Redlef neben sich fluchen, als er ebenfalls von irgendwelchem Kleingetier angegriffen wurde. Er hatte jedoch keine Zeit, dem Ordensbruder zur Seite zu stehen, sondern musste sich der Goblinzombies erwehren, die nun auf die eindrangen. Ihre Bewegungen waren schwerfällig und unkoordiniert, so dass es nicht schwer war, einzelne Attacken abzuwehren, aber die schiere Anzahl und ihre übernatürliche Zähigkeit machten sie zu einer ernsthaften Bedrohung. Mit einem gekonnten Hieb schlug Jacques einem der Zombies glatt den Arm ab, aber das schien der Untote nicht einmal zu bemerken. Ohne innezuhalten kam er weiter auf Jacques zu gewankt und hob dabei eine grobe Holzkeule, die er in der anderen Hand hielt. Jacques stieß ihn mit einem Fußtritt zurück, doch sein Platz wurde sogleich von einem anderen Mitglied der Horde eingenommen. Die lebendigen Goblins zogen sich unterdessen tiefer in die Höhle zurück und sammelten sich um den Sarkophag herum, während sie ihre untoten Cousins die Arbeit erledigen ließen.
Der Vormarsch der Streiter war zum Stehen gekommen. Jacques rammte sein Schwert einem der Zombiegoblins gezielt in die Augenhöhle, woraufhin dieser ein markerschütterndes Gebrüll anstimmte und nach hinten kippte, während bläuliches Licht aus seinem Mund, seinen Augen und seinem Brustkorb brach. Auf dem Rücken liegend zuckte er und versuchte noch einmal, sich aufzurichten, hob die Hand in Jacques‘ Richtung, als wolle er ihn darum bitten, ihm aufzuhelfen, bevor er endlich in sich zusammensackte und still liegen blieb – tot, diesmal wirklich.
„Die Köpfe!“, stieß Jacques zwischen zwei schweren Atemzügen hervor, „Ich glaube, man muss ihnen die Schädel einschlagen!“
Um seine Theorie zu überprüfen, ließ er sein Schwert direkt auf die Stirn eines weiteren Untoten niedergehen. Der Aufprall der Klinge auf den Schädelknochen sandte einen schmerzhaften Ruck durch seinen Arm, aber der Hieb war stark genug, um den Knochen zu spalten. Die Klinge teilte das Gesicht des Goblins bis unter die Nase in zwei Hälften. Der Zombie hielt in der Bewegung inne und schien Jacques eine Sekunde lang wie völlig überrumpelt anzustarren, bevor er in die Knie brach und ebenfalls laut brüllte, als die schwarze Magie, die ihn am Unleben gehalten hatte, seinen zerstörten Körper verließ.
Jacques befreite sein Schwert mit etwas Mühe aus dem gespaltenen Schädel seines Gegners und wollte sich gerade dem nächsten Zombie zuwenden, als er merkte, wie etwas an seinem Bein heraufkrabbelte. Er schlug mit der freien Hand danach, aber das Etwas war zu flink und entwischte ihm. Plötzlich zog es sich an knöchernen Beinchen an seinem Brustpanzer hoch, sprang ihm ins Gesicht und bohrte ihm eine seine Extremitäten ins Nasenloch.
„Pfui Beliar Himmelarschundzwirn!“, brüllte Jacques und bekam den Quälgeist endlich zu fassen. Es handelte sich um eine Hand – eine skelettierte Hand, die am Gelenk vom Rest ihres Körpers abgetrennt worden war und nun unter dem Einfluss der nekromantischen Magie ein Eigenleben entwickelt hatte, in dem sie einer knöchernen Spinne gleich herumflitzte. Jacques schleuderte sie zu Boden und bevor sie davonlaufen konnte, zermalmte er sie unter dem Absatz seines Reitstiefels zu Knochenmehl.
Die Ablenkung hatte ihn aber schon wieder wertvolle Zeit gekostet, und die Zombie-Goblins rückten weiter vor. Obwohl die Streiter nun wussten, wie sie ihnen endgültig den Garaus machen konnten, war das leichter gesagt als getan. Die Untoten wankten ständig hin und her, so dass ihre Köpfe keine einfachen Ziele abgaben, und einen Schädel zu durchdringen erforderte einiges an Kraft und einen gut gezielten Hieb im richtigen Winkel, um nicht einfach an der harten Knochenschale abzurutschen. Jacques wünschte sich, er hätte Miks Keule dabei – aber die hatte er in Khorinis zurückgelassen, wo sie als Memento über seiner Schlafstatt an der Wand hing. Dabei hätte sie ihm in diesem Kampf bessere Dienste geleistet als das Schwert!
Der Angriff der Streiter war ins Stocken geraten. Die Zombiegoblins waren wie eine Masse zähflüssigen Teers, in dem sie steckenblieben. Jeder Schritt nach vorn kostete sie große Kraft – mehr, als sie aufwenden konnten. Das reanimierte Ungeziefer, das zwischen ihren Beinen herumhuschte und sie mit Kratzern und Bissen traktierte, sowie es eine Möglichkeit dafür sah, tat sein Übriges.
Der Goblin-Schamane grinste höhnisch. Er wusste, dass seine Strategie aufging.
„Was ist da vorn los?“, rief Eric, „Wir müssen diesen verdammten Zauberer loswerden!“
„Es sind zu viele – zu viele Untote!“, rief Jacques zurück. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen: Sie würden den Schamanen nicht erreichen, bevor sie am Ende ihrer Kräfte waren. Und wer konnte schon sagen, was er dann noch für Asse im Ärmel hatte?
„Berasch, halt mir die Mistviecher vom Leib!“, kommandierte Eric grimmig und steckte sein Schwert in die Scheide. Berasch sah nicht gerade glücklich aus, tat aber, wie ihm geheißen und verteidigte den Paladin mit seinem Knüppel. Zu seinem Glück trugen Redlef und Jacques ohnehin die Hauptlast des Kampfes und er musste sich nur mit vereinzelten Gegnern herumschlagen.
Eric schloss die Augen, faltete die Hände vor der Brust und seine Lippen bewegten sich, als er Worte formte, die Jacques über den Kampfeslärm hinweg nicht verstehen konnte. Nach wenigen Sekunden formte sich eine Kugel aus goldenen Flammen zwischen seinen Handflächen. Er öffnete die Augen, fixierte den Schamanen und mit einer Bewegung, als würde der die Feuerkugel von sich stoßen, schleuderte er sie dem Goblinzauberer entgegen.
Das Geschoss aus reinem heiligen Zorn zischte durch die Luft, unfehlbar seinem Ziel entgegen, doch der Schamane blieb völlig unbeeindruckt. Er zuckte nicht einmal. Es war, als wüsste er etwas, das Eric nicht wusste …
Als das heilige Geschoss den Sarkophag beinahe erreicht hatte, nahmen seine Leuchtkraft und Geschwindigkeit urplötzlich rapide ab, als würde es seiner Kraft beraubt, und als es sein Ziel traf, war es kaum noch mehr als ein letzter glimmender Funke, der sich harmlos auf der Nasenspitze des Schamanen niedersetzte und dort endgültig verlosch.
Der Schamane brach in ein kreischendes Gelächter aus, hielt sich den Bauch vor lachen und deutete auf Eric. Seine ganze Goblinbande stimmte mit ein. Erics Kiefer mahlten, Jacques glaubte beinahe, selbst über das ohrenbetäubende Hohngelächter der Goblins das Zähneknirschen des Paladins vernehmen zu können.
„Die schwarze Magie ist zu stark hier unten!“, rief Eric verbittert, „Ich kann nichts ausrichten!“
„Aber wir können dieses Drecksvieh auch nicht leben lassen!“, warf Redlef ein, „Los, vorwärts! Wir holen ihn uns!“
Eric stimmte ihm zu und warf sich selbst wieder in den Kampf. Doch selbst mit der Kampfkraft des Paladins und Beraschs bescheidenem Beitrag, kamen sie dem Schamanen und dem Sarkophag kaum näher. Die Zombies blockierten stoisch ihren Weg, im Gegensatz zu lebenden Goblins waren sie durch nichts zum Wegrennen zu bewegen und deutlich schwerer zu töten. Jacques kämpfte verbissen weiter, aber ihm war inzwischen klar, dass sie den Kampf auf diese Art nicht würden gewinnen können. Sie mussten den Schamanen loswerden – jetzt!
Plötzlich bemerkte Jacques zu seiner Rechten einen Goblin, der irgendwo einen alten Jagdspieß aufgegabelt hatte und nun, sicher hinter zwei Reihen Zombies platziert, damit fröhlich nach Eric stocherte. Die Angriffe des Goblins waren für den Paladin höchstens ein kleines Ärgernis und er schenkte ihnen kaum Beachtung, während er sich den größeren Bedrohungen direkt vor ihm widmete, aber Jacques hatte eine Idee. Mit einem Fußtritt beförderte er einen Zombie vorübergehend aus seinem Weg und machte einen großen Schritt zur Seite, gerade, als der Goblin wieder mal nach Eric stach. Jacques gelang es, den Speer am Schaft kurz unterhalb der Spitze zu packen. Der Goblin quiekte erschrocken und versuchte, seine kostbare Waffe festzuhalten, aber Jacques war ihm körperlich weit überlegen. Mit einem einzigen Ruck entriss er ihm den Speer, was den Goblin zu einer wütenden Schimpftriade veranlasste, während derer er Jacques mit Dreck und Steinen (diesmal tatsächlich) bewarf.
Jacques schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Er hatte ein anderes Ziel vor Augen.
„Redlef, halt mir kurz den Rücken frei!“, kommandierte er beinahe, während er die Balance des Jagdspeers abschätzte. Es war keine sonderlich hochwertige Waffe und alt noch dazu, aber es war vielleicht die einzige Chance, die sie hatten, diese zunehmend ausweglose Situation doch noch zu ihren Gunsten zu wenden.
Jacques packte den Speer in der Mitte des Schafts und lehnte sich zurück. Seine zusammengekniffenen Augen waren auf den Goblinschamanen fixiert, und er maß die Entfernung im Geiste. Sein Körper spannte sich an wie eine Feder, einen kurzen Moment verharrte er in dieser Position, dann ließ er den Arm, die Schulter, seine ganze Hüfte nach vorn schnellen und warf.
Der Speer segelte in einer beinahe kerzengeraden Flugbahn über die Köpfe der Goblins, untot oder lebendig, hinweg, gerade auf sein Ziel zu.
Und diesmal zeigte der Schamane eine Reaktion. Er riss erschrocken die Augen auf und sein Mund formte ein erstauntes O. Diesmal war da nichts, um das Geschoss zu bremsen, das auf ihn zuraste. Keine Magie, nur ein einfacher Speer, Holz und rostiger Stahl – er hatte nicht einmal mehr die Zeit, einen Ton von sich zu geben, bevor die Speerspitze sich wuchtig in seinen Brustkorb bohrte. Er wurde vom Sarkophag geschleudert, seine Schamanenkrone rutschte von seinem Kopf und fiel auf der anderen Seite herunter.
Jacques stieß einen Triumphschrei aus. Die lebenden Goblins waren wie vor Schock erstarrt. Mit offenen Augen und Mündern starrten sie auf ihren so unerwartet gefallenen Anführer. Die Krähe mit den roten Augen flatterte aufgeregt mit den Flügeln und krächzte etwas, als ob sie die Rolle des Schamanen einnehmen wollte, doch niemand achtete auf sie.
Dann begannen die Goblins, in Panik zu verfallen. Sie drängten sich zwischen ihren untoten Cousins hindurch und versuchten, den Ausgang der Höhle zu erreichen, kletterten über- und untereinander. Jegliche Ordnung – sofern man zuvor von Ordnung hatte reden können – war dahin. Jacques war zunächst verwundert darüber, aber wenige Momente später wurde ihm klar, warum die Goblins so reagierten: Die Zombies begannen, sich auf ihre noch lebenden Verwandten zu stürzen.
Jacques hatte erwartet, dass der Tod des Schamanen das Untotendasein der Kreaturen gänzlich beenden würde, aber dem war nicht so. Sie machten keine Anstalten, leblos zu Boden zu fallen, und auch der unheilige blaue Nebel waberte weiterhin aus dem Sarkophag hervor. Aber sie hatten offensichtlich die Fähigkeit verloren, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden – alles, war lebte, war nun Beute für sie, egal ob Mensch oder Goblin.
In den folgenden Minuten wurden die Ordensstreiter Zeugen einer grausigen Schlachthausszene. Die noch lebenden Goblins waren unentrinnbar gefangen – zwischen ihnen und dem einzigen Ausgang drängte sich die Zombiehorde. Die Goblins, die versuchten, den Ausgang zu erreichen, wurden von ihren untoten Cousins gnadenlos zu Boden gerissen und bei lebendigem Leibe zerfetzt. Denen, die sich in den hinteren Bereich der Höhle zurückzogen, erging es nicht besser. Sie vermochten ihr Schicksal höchstens ein wenig hinauszuzögern, aber die Zombies hatten sie längst bemerkt und wankten ihnen hinterher. Die Goblins wehrten sich nach Kräften, aber sie hatten keine Chance. Einer nach dem anderen ging zu Boden und die Zombies schlugen ihre scharfen Reißzähne in das Fleisch ihrer noch lebenden, zappelnden Opfer, schlitzten ihren mit ihren abgebrochenen Krallen die Bäuche auf und labten sich an ihren Innereien.
Ein kaltes, beinahe grausames Lächeln stahl sich in Erics Gesicht. „Gut gemacht, Junge! Und jetzt … lasst uns den Dreck wegräumen!“
Mit einem Hieb seines Breitschwertes enthauptete er einen Zombie und rammte einem zweiten die Klinge mit der Spitze voran ins Gesicht. Jacques, Redlef und sogar Bardasch taten es ihm gleich: Die Zombiehorde hatte ihre innere Kohärenz verloren, die Untoten hatten sich über die Höhle verteilt und viele von ihnen waren damit beschäftigt, ihre einstigen Stammesgenossen zu verspeisen, was sie selbst zu leichten Opfern für die Ordenskrieger machte.
Und während sich um ihn herum das Blutbad entfaltete, saß der Rabe auf dem Sarkophag und legte den Kopf schief.
Bardasch
30.08.2025, 10:45
Mit jedem Kopf, der fiel, blitzte das schwarz bläuliche Schimmern zwischen den gefallenen Zombies und dem Sarg hin und her. Die leuchtenden Schlieren wie ein von Magie erfüllter Nebel zischten den Boden entlang und ertastete die Knochen, aus denen die Kraft zu ziehen war und obwohl die Nahrungsquelle der Finsternis immer weniger wurde, verdunkelte das magische Licht die Umgebung.
Sich voller Inbrunst der Schlacht hingebend, fühlte der Ergraute eine lange nicht mehr da gewesene Energie, mit der er seinen Knüppel schwang. Fantasien durchzuckten seinen Geist, die ähnliche Geschichten erzählten, wie die, die er einst in Varant erlebte und so fand er motiviert und geistig gestärkt einen Rhythmus, mit dem er im Gleichgewicht seiner Mitstreiter agierte und doch war das aufziehende Unheil nicht in seine Schranken zu weisen.
Aus dem Sarg schob sich eine Gestalt mit starren Augen, die der Tod selbst hätte sein können. Langsam, bedächtig und von einer unheilvollen Macht getrieben mit einem Flüstern, das klang, wie ein unheilvolles Gebet. Es ließ die Luft pulsieren und formte Wesen aus Schatten, die zwischen der Welt der Toten und der Lebenden schwebten. Sie verkündeten das Unheil und wirkten wie die Ruhe vor dem Sturm. Plötzlich bebte der Boden und entließ aus einem Riss einen unheilvollen Funken.
Je mehr Zombies fielen, umso entschlossener wirkte die Untote Kreatur aus dem Sarg, dass der einstige Nomade innehielt. Über das weitere Vorgehen sinierend und zunehmend verunsichert und aus dem Takt gebracht, bis endlich der letzte Schädel fiel.
Eine schlagartige Stille durchzog die Höhle, in der man nur die Stimmen der Streiter vernahm. Der voll von Tod stinkende Dunst lichtete sich und gab die Umgebung wieder erkennbar frei. Frei von sich noch rührenden lebenden und toten Goblins, die ganz langsam zu Staub auf dem Grund zerfielen.
Der Riss im Boden war nach wie vor da, doch was auch immer aus ihm zuvor zu kommen drohte, schien still.
Jeder bewahrte seine Waffe in Stellung, zweifelnd an der plötzlichen Ruhe, in die langsam das Licht von draußen wieder Einzug hielt, bis jeder sich fragte, wohin die unheilvolle Kreatur verschwunden war. Das Grab war leer.
Angewidert hielten sich die Streiter die untoten Goblins und belebte Leichenteile vom Hals und nährten sich ihrem Ziel kaum noch. Jacques stand wie ein Eichbaum im Wogen einer wilden Flussflut, doch Redlef bemerkte, wie seine Kraft schwand und er immer mehr zu einer zu einer alten Weide zu werden drohte, die den tosenden Kräften nicht mehr lange standhalten konnte. Das Gemetzel in der Höhle, und das vermeidlich sinnlose Niederstrecken dieser unheiligen Kreaturen zehrte an seinem Kampfgeist. Einerseits erfüllte ihn die angreifende Abartigkeit mit einem grimmigen Zorn, er hatte mit Jacques einen Rhythmus gefunden, der sie beide, Seite an Seite und Rücken an Rücken zu einem effektiven Schwertpaar machte. Redlef ließ dem agilen Kämpfer dabei die Führung, da er nur zu gut wusste, dass sein eigener, krüppeliger Körper keine Heldentaten mehr zuließ.
Andererseits ließ ihn die mit jedem Schlag schwindende Hoffnung auf einen Sieg hadern. Sie waren mit Bardasch und ihm selbst einfach keine schlagkräftige Gruppe. Sollte der Orden hier in seiner Mission aufgrund dessen an ein paar stinkenden Goblins scheitern? Als Erics Magie über dem Sarkophag versagte, begann Redlefs sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass er hier unten ein unrühmliches Ende finden könnte – all die Strapazen, die er je durchgestanden hatte, nur um hier als ein schmatzender und willenloser Beliarssklave zu enden.
War es ein sich aufbäumender Trotz, der ihn auf Erics Worte riefen ließ: »Aber wir können dieses Drecksvieh auch nicht leben lassen!« oder der Mut der Verzweiflung? »Los, vorwärts! Wir holen ihn uns!« Am Ende stellte der Tod des Schamanen ihre einzige Hoffnung dar diesen bösen Zauber zu durchbrechen und dem Wahnsinn ein Ende zu setzten. Gegebenenfalls konnte er sich in die Meute werfen, sodass Jacques oder gar Eric den entscheidenden Treffer platzieren konnte?
»Redlef, halt mir kurz den Rücken frei!«, herrschte Jacques‘ Stimme über das Kampfgeschehen. Verwundert warf Redlef seinem Kameraden aus dem Augenwinkle einen Blick zu. Der Befehl war nicht kommandierend, sondern eher in grimmiger Freude gesprochen worden. In den wühlenden Leibern stand sein Bruder wie die Inkarnation des Jägers, mit einem Speer in der Hand, den Blick fest auf den Feind gerichtet. Redlef ließ sich von seiner Entschlossenheit nur zu gerne mitreißen, nickte und warf sich nun lächelnd den Zombies entgegen, die seinem Kameraden zu nahe zu kommen drohten.
Der Schamane fiel und in dem dann ausbrechenden Chaos waren die restlichen Wesen leichte Beute für den kalten Stahl der Ordenskämpfer. Ein Beben und schwarze Nebelgestalten hielten sie nicht auf ihr gerechtes Werk zu vollbringen.
Abwartend starrten sie auf den Sarkophag. Der Riss in seinem steinernen Deckel gab die Sicht auf das leere Grab frei.
Keiner von Ihnen, nicht einmal der graue Säufer, hielten die Gefahr für restlos gebannt. Sie alle hatten das Schwinden des Nebels bemerkt und hielten sich, in Erwartung einer bösen Überraschung, bereit. Die Zeit aber verstrich und nichts geschah. Die Höhle lag im wahrsten Sinne des Wortes tot vor ihnen. Schließlich begann das Abwarten sich grotesk in die Länge zu ziehen und schließlich war es Redlef der das Schwert zuerst sinken ließ. Schweißüberströmt und mit sinkender Kampfeswut, konnte er nicht länger verhehlen, dass er seit Ewigkeiten keine Waffe mehr geführt hatte und seine Kräfte ihn nun verließen. Er stütze sich an der Steinplatte ab und war dankbar für die Entlastung seines vor Schmerz pulsierenden Beines. Die vorhin von Eric notdürftig verbundene Wunde an dem verdammten Ding hatte inzwischen den ganzen Verband durchgeblutet und seinen Stifel besudelt. Sie sollten nun zurück in die Stadt kehren. Sicherlich war inzwischen auch schon die Nacht heraufgezogen.
»Ich denke, hier ist alles tot…«, kommentierte er trocken, doch seine Worte wurden sofort durch ein leises Rascheln lüge gestraft.
Irritiert sah er an sich herunter zu seinen Füßen. Sein stolpernder Schritt, auf den Sarkophag zu hatte offensichtlich diese verfluchte Krähe erwischt. Sein Stiefel stand auf ihrem Flügel und sie versuchte sich mit einem zaghaften Zappeln davon zu befreien. Redlef ließ steckte sein Schwert in die Scheide und schnappte sich das nun protestierend krächzende Tier.
Sicherlich wäre Jacques, als Bauersohn, im Federvieh fangen geschickter gewesen, doch auch in seiner Kindheit hatte es ihn, als übermütigen Jungen, in den Hühnerstall getrieben. So hatte er die Flügel schnell fixiert und hielt den schwarzen, zerzausten Vogel angewidert in die Höhe.
»Jetzt hat es sich ausgekrächzt!«, sprach der das böse dreinblickende Tier an und dann seine Begleiter: »Helft mir mal.« Er stopfte den Vogel durch den Riss in der Steinplatte und begann dann die Teile des Deckels wieder zusammen zu schieben. Dank helfender Hände war dies schließlich vollbracht und für einen kurzen Moment sprühte er eine infantile Genugtuung über das Schicksal des hässlichen Viechs.
»Genug für heute. Wir reiten zurück und machen Meldung bei den Feuermagiern.«
»Und begeben uns in Khorinis auch in die Behandlung«, ergänze Eric brummend und schlug Redlef kameradschaftlich auf die Schulter. Dis ließ ihn sofort aufächzend, da er den unerwarteten Schlag mit einem Ausfallschritt ausgleichen musste. »Einige von uns haben das sicher nötiger als andere…!«, hielt der Paladin fest und zündete mit einem leisen Gebet, welches ein wenig auch Demut und Dankbarkeit ausdrückte, eine weiter Lichtkugel in seiner Hand. Erschreckenderweise zitterte sie immer noch und seine Augenbrauen zogen sich während der Betrachtung kritisch zusammen. »Das Böse hier ist noch nicht gänzlich gebannt. Ich bespreche das mit den Magiern und du, Jacques, treibst im Lager bitte einen tüchtigen Helier auf.«
Redlef erwiderte Erics Blick stoisch, wand sich dann als erstes ab und machte sich humpelnd in Richtung des Ausgangs.
»Gut gekämpft Bardasch«, sprach der den Alten im Vorbeigegen an. »Dein Mut und Durchhaltevermögen haben mir imponiert.« Redlef meinte dies aufrichtig und war sich nun nicht mehr so sicher den Kerl, aufgrund einiger Fehler im Umgang mit den Pferden, doch vor die Tür zu setzten. Er hatte einen seinen Willen mehr als bezeugt und verdiente eine weitere Chance.
»Das war übrigens eine beeindruckende Leistung, Jacques!«, wandte Redlef sich auch an seinen Bruder. »Du hattest mal erzählt, dass du den Umgang mit langen Waffen erprobt hast. Ich habe es dir ehrlich gesagt bis eben nicht ganz geglaubt.« Redlef lächelte in der Dunkelheit der Höhle entschuldigend. »Hast du das unter Sir Ulrich erlernt? Nun bin ich äußerst gespannt, wie du mit der Lanze umgehen kannst. Meine Zeiten im Gestech sind lange her, gerne nehme ich daher mit dir die Übungen wieder auf.«
Françoise
06.09.2025, 00:37
Als Françoise die Augen aufschlug, ging gerade die Sonne am Horizont unter. Wie lange sie meditiert hatte, wusste die Priesterin nicht. Nur dass es lange genug war, um auch Konstantin dazu zu bewegen, sich auszuruhen. Der Drache lehnte gegen die Mauer neben dem Eingang des kleineren Turms und schlief augenscheinlich. Es war ein ungewöhnlicher Anblick für Françoise. Der große Krieger, ungeschlagen im Duell, immer wachsam, immer bereit für einen Kampf, schlummerte ganz friedlich vor sich hin. Bei jedem Atemzug hob und senkte sich die exquisite Rüstung auf seiner Brust. Die Hand lag am Knauf seines Schwertes; ganz hatte er die Kampfbereitschaft also nicht aufgegeben.
Der Blick der Obersten Feuermagierin wanderte dann zu dem kohleartigen Stein vor ihr, der die Überreste des Lichs darstellte. Mit bloßen Händen anfassen würde sie es keinesfalls. Zwar wusste sie nicht, ob die verderbte Magie ihr schaden konnte. Es auszuprobieren wollte Françoise trotzdem nicht. Als sie aufstand, levitierte sie das Fragment deshalb mit Magie und ließ es hinter sich her schweben.
»Geht es weiter?«, fragte Konstantin. Das bisschen an Bewegung von Seiten der Priesterin musste ihn geweckt haben. Zügig erhob sich der Drache, knackte mit den Halswirbeln und folgte dann Françoise, die in den größeren der beiden Türme ging. Dort hatte sich der Nekromant vor ihrer Auseinandersetzung aufgehalten.
»Ich bin noch nicht ganz fertig hier.«, antwortete die Priesterin.
»Noch weitere, was auch immer das war?«
»Nein, ausgeschlossen. Nur wenn ich nicht gründlich bin, ist er bald wieder zurück.«
»Wie das? Du hast ihn doch komplett verbrannt. Hat es mit dem Stück Kohle zu tun?«
»Nicht ganz. Das Stück Kohle, wie du es nennst, wird mir helfen, das zu finden, womit sich der Schwarzmagier an diese Welt gebunden hat.«
»Ich verstehe nicht.«
»Er war früher ein Mensch gewesen, musst du wissen. Wie er zuletzt aussah, war eine Transformation; eine Verwandlung in einen Lich. Das ist eine besondere Form von untoten Magiern.«
»Wozu hat er sich verwandelt? Der Macht wegen?«
»Keineswegs. Oder vielleicht doch. In erster Linie aber, um Unsterblichkeit zu erlangen.«
»Aber du hast ihn vernichtet?!«
»Ich habe seinen Körper zerstört, das ist wahr. Der Trick hinter der Transformation in einen Lich ist, dass der Körper zerstört werden kann und er danach trotzdem wieder zurückkehrt. Irgendwo hat er eine Reliquie versteckt, die seine Essenz enthält. Ein Phylakterium. Solange das existiert, kommt er immer und immer wieder.«
»Clever. Warum machen das nicht alle Magier?«
»Es ist ein komplexer und vor allem sehr gefährlicher Prozess. Die meisten sterben bei dem Versuch. Mal davon abgesehen, dass man danach auch bei einem Erfolg wie eine Leiche aussieht.«
»War dieser besonders mächtig?«
»Auf seine Art. Um das Ritual durchzuführen, bedarf es eines tiefen Verständnisses schwarzer Magie. Er war deshalb aber kein besonders guter Kämpfer, wenn du das meinst. Vermutlich hat er die letzten Jahre ausschließlich damit verbracht, das Ritual vorzubereiten und hat dabei auch die ein oder andere mächtige Zauberformel gelernt. Das Wissen dann umzusetzen, ist aber noch mal etwas ganz anderes.«
»Klingt einleuchtend. Ein Schwert allein macht keinen guten Krieger.«
»Versteh mich aber nicht falsch. Durch seine Verwandlung war er den meisten Magiern weit überlegen. Vor allem durch die Möglichkeit der Wiederkehr. Hätte er noch ein, zweihundert Jahre an Erfahrung gesammelt, wäre er um ein Vielfaches gefährlicher gewesen. Darum ist es wichtig, dem Spuk jetzt ein Ende zu bereiten.«
»Indem wir die Reliquie zerstören?«
»Richtig.«
»Wie sieht die denn aus?«
»Ich weiß es nicht. Es könnte ein ganz alltäglicher Gegenstand sein. Dafür brauche ich die Überreste.«
Als sie den Turm betraten, sahen sich die beiden konfrontiert von einer schier unendlichen Zahl an Büchern und Schriftrollen. Direkt in der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch. Auf ihm stapelten sich Schriften aller Art. Doch das war nichts im Vergleich zu den Regalen, die sich rundherum an den Wänden befanden. Bis ganz oben unter die Decke standen sie voll mit Büchern in jeder Größe und Dicke. Die Turmspitze machte manch einer Bibliothek Konkurrenz. Wie nicht anders von einem Magier zu erwarten, gab es natürlich keine Leiter, um die oberen Reihen der Bücherregale zu erreichen. Wozu klettern, wenn ein arkaner Handgriff ausreichte?
»Langweilig wurde dem Kerl bestimmt nicht.«, sagte Konstantin und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ein wirklich cleverer Kerl.«, bemerkte die Priesterin. »Dieser Turm gehörte früher einem anderen Schwarzmagier. Einem wirklich mächtigen. Der angehende Lich muss gewusst haben, dass der Turm verlassen steht. Eine wahre Goldgrube für ihn. Es gibt in der Welt nur wenige Orte, die so viel geballtes Wissen horten. Besonders verbotenes Wissen.«
»Warum verboten?«
»Wenn es in die falschen Hände gerät - wie die unseren untoten Freundes - dann kann das sehr schnell zu einer sehr großen Katastrophe ausarten. Selbst mit Magie, die Innos und Adanos gefällig ist, kann extrem viel Unheil angerichtet werden. Im Fall von schwarzer Magie kommt hinzu, dass Beliar niederträchtig ist und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, einen Beschwörer seiner schwarzen Magie korrumpieren wird. Im schlimmsten Fall wird derjenige zu einem willenlosen Werkzeug des Bösen.«
»Aber im Umkehrschluss wird das nicht jeder.«
Françoise blickte ihrem Leibwächter tief in die Augen.
»Theoretisch, ja. Nur sind die meisten eben nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Darum ist es besser, dem Ganzen von Anfang an einen Riegel vorzuschieben, als ein Risiko einzugehen.«
Die Priesterin ging nach und nach die Bücherregale ab und ließ dabei das Überbleibsel des Lichs vor sich her schweben. Entgegen ihrer Erwartung reagierte das kohleartige Stück nicht. Das änderte sich auch dann nicht, als Françoise es hoch hinauf unter den Giebel levitierte. Das wäre ein gutes Versteck für das Phylakterium gewesen.
»Fündig geworden?«, fragte der Drache.
»Nein. Es ist nicht hier.«, antwortete die Oberste Feuermagierin. »Seltsam.«
Sie hatte schon die Befürchtung, dass das Gefäß nach dem sie suchte, an einem ganz anderen Ort versteckt lag. Dabei war sie sich sicher, der Lich hatte seine Transformation in diesem Turm durchgeführt. Plötzlich erinnerte sich die Priesterin an den Raum im unteren Stockwerk. Auf ihrem Weg hinauf hatte sie ihm nicht viel Beachtung geschenkt, denn dort hatten sich keine Untoten aufgehalten. Genau dieser Fakt gab Françoise die springende Idee.
Begleitet von Konstantin und den schwebenden Überresten des Nekromanten, ging die Oberste Feuermagierin in den Wohnbereich des Turms ein Stockwerk tiefer. Es war offensichtlich, dass jemand einmal dort gewohnt hatte. Zuletzt aber nicht mehr; ein untoter Magier hatte kein Bedürfnis nach Schlaf oder Nahrung. Das Leben lag wortwörtlich hinter ihm.
Schon beim Betreten des hinteren Wohnbereichs begannen die Überreste zu vibrieren. Sie reagierten auf etwas in der näheren Umgebung. Die Frage war nur noch, auf was genau. Wie sie vorher bereits Konstantin erklärt hatte, konnte es so gut wie alles sein, was der Nekromant in ein Phylakterium verwandelt hatte. Um nicht jeden einzelnen Gegenstand prüfen zu müssen, versuchte sich Françoise in den Lich hineinzuversetzen. Nicht besonders erfolgreich, wie sich herausstellte. Alles was sie ins Auge fasste, stellte sich als gewöhnlich heraus. Selbst offensichtliche Kandidaten wie Glaskugeln, Runen und sogar ein Zauberstab waren eben nur das. Nicht aber ein Phylakterium.
»Was ist hiermit?«
Es war ausgerechnet Konstantin, der den richtigen Gegenstand fand. Es war eine alte Schale aus Messing. Sie sah abgegriffen aus und hatte etliche unschöne Kratzer. Als Françoise die Überbleibsel des Lichs daneben schweben ließ, gab es jedoch keinen Zweifel. Der schwarze Stein zitterte merklich, je näher sie ihn der Schale brachte.
»Das hatte ich nicht erwartet.«, sagte die Priesterin. »Sieht aus wie jede beliebige Schale.«
»Ich hatte ein ungutes Gefühl, als ich das Ding gesehen habe. Keine Ahnung warum.«, erklärte der Drache.
»Gut gemacht. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, warum er sich ausgerechnet das als Phylakterium ausgesucht hat.«
»Vielleicht ein Erbstück oder so was?«
»Kann gut sein. Tritt bitte zurück.«
Zuerst griff Françoise an ihr Amulett und ließ dann die verkohlten Überreste des Nekromanten näher an sich heranschweben. Der schwarze Stein des Anhängers - das Auge des Weißaugendrachens - funkelte auf. Als die Überreste nur noch eine handbreit davon entfernt waren, lösten sie sich von einem Moment zum nächsten wie in Luft auf. Im nächsten Schritt streckte die Priesterin ihre Hand der Messingschale entgegen. Ein weißer Feuerball formte sich um die Schale und schmolz sie in Windeseile, bis nur noch eine gestaltlose Masse von Metall zurückblieb. Auch diese ließ Françoise dann zu sich schweben und wie zuvor griff sie dabei an ihr Amulett. Noch einmal funkelte es, woraufhin sich das geschmolzene Metall spurlos auflöste.
Konstantin betrachtete das Schauspiel aus gebührendem Abstand. Als Françoise fertig war, lächelte sie ihn an.
»Was war das?«, fragte ihr Leibwächter neugierig.
»Ich habe es unschädlich gemacht.«, antwortete sie darauf.
Jacques Percheval
09.09.2025, 01:38
„Oh, es war eine Menge Glück dabei …“, spielte Jacques Redlefs Lob herunter, „Aber ja, den Umgang mit Speer und Hellebarde habe ich während meiner Zeit unter Sir Ulrich erlernt. Ich bin allerdings besser im Nahkampf als im Werfen. Wirklich, es war eine Menge Glück dabei. Oder … Innos‘ Führung?“ Er zuckte mit den Schultern. „Na, Hauptsache, die Gefahr ist fürs erste gebannt. Und ich stehe natürlich jederzeit bereit, um das Training wiederaufzunehmen!“
„Nimm erstmal ein Bad!“, brummte Eric, der vor ihnen herging, ohne sich umzudrehen, „Die Jugend von heute, keine Geduld mehr…“
Die Krieger waren froh, als sie die verfluchte Gruft ohne weitere Zwischenfälle verlassen konnten. Gierig sogen sie die klare, kühle Nachtluft ein, um ihre Lungen von den giftigen Miasmen zu reinigen, denen sie ausgesetzt gewesen waren.
Der Wald um sie herum hatte jedoch noch nichts von seiner Bedrohlichkeit eingebüßt. Im Gegenteil, in der Dunkelheit, die sich mittlerweile herabgesenkt hatte, waren die Schatten schwarz wie Tinte. Jacques wurde den Eindruck nicht los, dass sie Schlangen gleich um die Streiter herumkrochen und nur von Erics Lichtzauber davon abgehalten wurden, über sie herzufallen.
„Dieser Ort ist noch immer verflucht!“, murmelte er und griff unwillkürlich nach seinem Reliquienanhänger.
„Ja“, bestätigte Eric, „Die Goblins waren nicht die Urheber der Korruption, die von dieser Gruft ausgeht. Sie haben sie sich nur zu Nutze gemacht. Ihr Schamane hatte gelernt, die schwarze Magie des Ortes zu beeinflussen, aber mehr auch nicht. Indem wir diese Goblin-Brut beseitigt haben, konnten wir zwar die unmittelbare Gefahr bannen, aber die wahre Bedrohung besteht weiterhin.“
„Was können wir dagegen tun?“
„Wir? Leider gar nichts. Meine magischen Fähigkeiten sind bei Weitem nicht stark genug, um den Ort zu reinigen. Ihr habt ja gesehen, was passiert ist, als ich den Schamanen erledigen wollte. Das ist etwas, darum werden sich die Magier kümmern müssen. Sie werden wissen, was zu tun ist. Deswegen sollten wir auch keine Zeit verlieren, zurück in die Stadt zu kommen und ihnen Bericht zu erstatten!“
„Zurück in die Stadt klingt gut!“, knurrte Bardasch.
Niemand widersprach ihm.
***
Etwa zwei Stunden später ritt die kleine, abgekämpfte Truppe durch das Tor. Die Posten, größtenteils Angehörige der Stadtmiliz, warfen ihnen teils besorgte, teils fragende Blicke zu, aber keiner von ihnen wagte es, sie auf ihre Erlebnisse anzusprechen – die grimmigen, von Erschöpfung gezeichneten Mienen der Streiter machten deutlich, dass keiner von ihnen zu einem Plausch aufgelegt war. Nicht einmal Jacques.
Sobald sie die Stallungen erreicht hatten, übergab Eric sein Pferd der Obhut seiner Ordensbrüder und machte sich auf den Weg, um Lord Hagen Bericht zu erstatten. Und wenn er den Statthalter aus dem Schlaf rütteln musste – diese Angelegenheit duldete in Erics Augen keinen Aufschub.
Als Redlef anfangen wollte, die Pferde zu versorgen, legte ihm Jacques eine Hand auf die Schulter: „Wartet – überlasst die Tiere Anselm und mir. Ihr braucht erst einmal einen Heiler. Bardasch wird Euch sicherlich zum Lazarett auf dem Marktplatz begleiten. Nicht wahr, Bardasch?“
Während Sie auf den Hof ritten, spürte Redlef immer noch eine Hitze in sich. Es war nur eben nicht die Hitze des Gefechtes, sondern eher eine Hitze, die ihm auf ungute Weise die Sinne vernebelte. Das verfluchte Bein pochte und brannte, seit er in diesem stinkenden Wald wieder in den Sattel gestiegen war. Als er sich bei Erreichen des Hofes ihrer Unterkunft von Rittmeisters Rücken gleiten ließ, war er mehr als Dankbar, sich an der Pferdeschulter abstützen zu können. Die Wunden der Pferde mussten noch versorgt werden, dann erst würde auch er etwas Ruhe finden können.
Jacques Hand auf seiner Schulter ließ ihn kurz innehalten und tief durchatmen. Der Junge war mehr als anständig – mit dem Kopf nicht nur bei den Pferden, sondern auch immer bei dem Wohl seiner Kameraden.
Redlef legte seine Hand auf Jacques Unterarm und nickte ihm Müde zu. »So schlimm ist es nicht, Bruder!«, log er und zeigte auf die Verletzungen am Bein von Anselms Pferd. »Ich werde mich noch darum kümmern müssen, dann lege ich mich hin. Das mit dem Bein ist nichts, habe mich an seine Zicken bereits gewöhnt – ein Heiler wird da auch nicht mehr ausrichten können, was ich nicht auch selbst könnte. Außerdem wurde ich durch Erics Schlachterhände bereits wunderbar versorgt!« Redlef versuchte seinen Worten einen witzigen Unterton zu geben. Anselms Gesicht nach zu urteilen, gelang es ihm nicht besonders gut.
Um weiteren Diskussionen jedoch einen Riegel vorzuschieben, schob sich Redlef energisch an Jacques vorbei und sah Erics Anhängsel an. »Heißes Wasser! Ich brauchte etwas Wasser! Möge Innos bewahren, dass die Pferde nach diesem Scharmützel ausfallen.«
stehts eine Hand am Pferd, mit der sich abstützen konnte, machte er sich auf den Weg in Richtung des verletzten Lorics.
»Bardasch, du hast dich wacker geschlagen«, sprach er den Alten beim Vorbeihumpeln an. »Ich muss meine Meinung revidieren. Zwar glaube ich noch immer nicht, dass du uns lange erhalten bleibst, doch wenn du immer noch hier im Stall arbeiten willst, dann sei es meinetwegen so.«
Bardasch hatte mit dem heutigen Kampf etwas wie Respekt bei Redlef geerntet. Der Ordensbruder warf ihm einen langen Blick zu. Er sollte sich hüten, diesen gleich wieder zu verspielen, indem er ihn jetzt zu so einem vermaledeiten Scharlatan schleppte. Sollten ihm die Quacksalber des Ordens bloß fernbleiben bei so einer kleinen Wunde.
Dies hier war eine Freiwilligenmission, vermutlich trieben sich sowieso nur ein paar aufgeblasene Novizen bei der Kaserne herum. Er würde sie eher erschlagen, als sie an sein Bein zu lassen. Als sein Leid resultierte ja auf den Stümpereien eines solchen Möchtegernmagiers geplagt von einer pathologischen Selbstüberschätzung.
Bardasch
16.09.2025, 09:24
Der Ergraute erwiderte auf Redlefs Worte nichts und nickte nur, bevor er sich den Rotz der Nase aus dem Gesicht strich und anschließend durch das fettige Haar fuhr. Fürs Erste sollte der Streiter machen, was er wollte, auch wenn Bardasch nachvollziehen konnte, welche Beschwerden sein verschissenes Bein machte. Schließlich hatte er selber ein ähnliches Problem, mit dem er ähnlich nachlässig umging, wie Redlef. Bis jetzt zumindest, was sich vielleicht irgendwann mal ändern würde, aber nicht heute. Jetzt lief ihm gerade ein ganzer Bach durch den Mund, als er an ein ordentliches Bier dachte. Und so begann er erstmal zu schmatzen, einen Moment daran denkend Pferde Pferde sein zu lassen und allen den Rücken zu kehren, aber auch das tat er nicht. Nicht heute.
Stattdessen kramte er sich die Glocken und das umliegende Gebiet, welches durch die Reiterei dezent gelitten hatte.
Etwas breitbeinig laufend widmete er sich schließlich 'seinem' Tier.
Es ließ sich nicht bestreiten, dass sich die gefundene Gemeinschaft gut anfühlte, nach all der Zeit, in der er auf auf sich selbst gestellt war und in Einsamkeit verkümmerte. Und er genoss den Zuspruch und die Anerkennung. Gleichzeitig war aber der Gedanke einer Pflicht abstoßend, da er alles ablehnte, was auch nur in geringen einem Käfig gleich kam.
Der Stall, nicht mehr. Nichts konnte den Trinker noch einmal dazu bringen mit und für eine Gemeinschaft zu kämpfen. Bestimmt nicht. Ganz sicher nicht in naher Zukunft.
Dumak hatte den Kampf bis hierhin verfolgt. Es blieb ihm ja auch gar nichts anderes übrig, schließlich stand die bunt zusammengewürfelte Gruppe, die sich im Laufe der Zeit zusammengefunden hatte, mitten im Kampf gegen so ziemlich die schlimmste Bestie, die das Minental zu bieten hatte.
›Hey, vielleicht muss man es einfach mal mit Diplomatie versuchen?‹, kam ihm dann ein Geistesblitz.
Er zog die Laute von der schulter und begann, aus dem Stegreif ein Loblied an den Troll zu singen, in der vagen Hoffnung, ihn damit besänftigen zu können
»Oh Troll, du Herr der Welt
Nicht kommt deiner Stärke gleich
Tust, was immer dir gefällt
Bist an Stärke überreich ...«
schmetterte er inbrünstig.
Der Barde machte eine kurze Pause und schaute, ob sich irgendwas beim Troll getan hatte. Vielleicht hatte er innegehalten und lauschte nun dem Lobgesang auf sich selbst?
Nein, nichts dergleichen. Gerade hob er immer wieder seine beiden Fäuste und ließ sie, während er laut brüllte, auf den Boden hinunter donnern, so dass er bebte und alle, die zu nahe standen, sich kaum auf den Beinen halten konnten, so schwankte der Boden.
Manchmal war Diplomatie einfach zum Scheitern verurteilt, musste er erkennen. Er schwang die Laute mit Schwung wieder auf den Rücken zurück. Hier war jede Anstrengung vergebene Liebesmüh!
Don-Esteban
18.09.2025, 21:43
Dem Magier traten die Adern an den Schläfen vor Anstrengung hervor. Er durfte nicht in seiner Konzentration nachlassen.
»Dumak, räum den Fleck Erde dort frei von Gras und Steinen. Ich brauche Kontakt zum Boden!«, stieß er hervor, während er sich weiterhin darauf konzentrierte, den besonders großen und zähen Golem weiterhin zu steuern und mit magischer Energie zu versorgen, damit er weiterhin im Kampf gegen die Trollbestie durch hielt.
Er presste Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe - ob gegen die Schmerzen der Anstrengung oder als Unterstützung für den Zauber, blieb sein Geheimnis.
Der Barde räumte unterdessen Grasbüschel von dem bezeichneten Fleck weg und führte alles so durch, dass die nackte Erde sichtbar wurde.
»Und jetzt hol aus meiner Tasche das in dunkelrotes Leder gebundene Buch und schlag es an den Seiten auf auf, zwischen denen das rosa Lesebändchen liegt.«
Die Worte Estebans duldeten keinen Widerspruch, keine Diskussion und keine Fragen.
»Rosa Lesebändchen? Echt jetzt?«, murmelte der Sänger zu sich selbst, als er zum Reisebeutel des Magiers stürzte, der in dessen Nähe auf dem Boden lag.
Er steckte eine Hand hinein, ließ dann den ganzen Arm darin verschwinden.
»Ist ja echt geräumig da drin«, wunderte er sich.
Er tastete sich voran. Mhm, das könnte ein Buch sein. Er zog es heraus. Es war ein Stück von einem Käselaib.
Nun öffnete er den Beutel so weit,. wie es ging und lugte hinein.
»Was für ein Durcheinander. hier müsste mal wieder aufgeräumt werden. Einmal durchwischen wäre auch nicht verkehrt«, seufzte er.
Doch dann ... neben allerlei magischen Utensilien - einen Teil davon hatte er erst kürzlich zur Vermessung des Teleportpunkte genutzt - jeder Menge Schriftzrollen, leeren Pergamentblättern, einem Bündel Schreibfedern, gut verschlossenen Tintenfässern, weiterem Proviant, einer Wolldecke, einem Paket frisch gebügelter Unterhosen, Wollsocken, einem Ersatzpaket Schuhnägel samt Hammer und diversen anderen Dingen, die ein Schwarzmagier als nützlich erachtete, fand er ein Buch. Schnell zog er es heraus.
»Die Geschichte von Renford und seinem Kalb«, las er, seine neu erworbene Fähigkeit wieder wie selbst verständlich nutzend.
»Was bei Beliar ... diese Schwarzmagier, es ist schlimmer als befürchtet.«
Er wühlte weiter.
»Ah, hier haben wir es. Tatsächlich ein rosa Lesebändchen. das kann nur Ironie sein.«
Er schlug das Buch auf und reichte es Esteban.
Don-Esteban
18.09.2025, 21:58
»Warum hat das denn so lange gedauert«, beschwerte sich dieser.
Dumak hätte da sicher etwas zu erzählen gehabt, schwieg jedoch. Der Selbsterhaltungstrieb war stärker.
Esteban begann, das, was dort in seltsamen Zeichen stand, zu rezitieren. Es musste sich um eine ganz fremdartige Sprache handeln, denn der Barde verstand kein Wort, obwohl er neugierig die Ohren spitzte.
Und als ob es damit noch nicht genug war, warf Esteban das Buch dann wieder Dumak zu und rief ihm zu.
»Zeichne den Runenkreis wie dort angegeben. Schnell! Keine Abweichung erlaubt!«
Geschickt fing der Barde das Buch auf und schaute sich an, was auf der aufgeschlagenen Seite dargestellt war. Das war nicht weiter schwierig. Er sichte sich einen Stock in der nähe und begann, das aufzuzeichnen, was er sah. Dabei beschrieb er den Kreis so groß, dass er die freie Stelle ausnutzte. Nach und nach übertrug er Linie für Linie, Zeichen für Zeichen und selbst die komplizierten Runen, die die verschiedenen, vorher beschriebenen Kreise füllen sollten, gingen ihm leicht von der Hand. Seitdem der Dschinn ihm seinen Wunsch erfüllt hatte, war er nicht nur geübt im Lesen, sondern es offenbarte sich auch, dass er im Schreiben ein Naturtalent war.
»Fertig!«, rief er nach kurzer Zeit.
»Kann ich jetzt zaubern?«, fragte er halb den Magier, halb sich selbst. Immerhin hatte er irgendwelche komplexen Zeichen auf den Boden gemalt und fand, dass er das gut hinbekommen hatte.
Aber er konnte sich die Antwort schon denken.
Don-Esteban
18.09.2025, 22:20
»Natürlich nicht!«, wies ihn Esteban zurecht.
»Das benötigt jahrelanges Studium und Talent. An beidem mangelt es dir.«
Die Analyse war ebenso schonungslos wie niederschmetternd. Doch Esteban bemerkte das nicht. Er kniete sich nieder und mit der freien Hand berührte er den Runenkreis, murmelte weitere Worte in einer fremden Zunge.
Er erhob sich danach wieder.
»Nun ist der Golem wieder stabilisiert. Er hält noch eine Weile durch.«
Wie zum Beweis dieser Worte führte dieser nun einen neuen Schlag aus. Während er bislang vor allem damit beschäftigt gewesen war, den Fäusten des Trolls auszuweichen, landeten seine Felsenfäuste nun dort, wo beim Menschen Leber und Nieren saßen.
Die neue Kraft, die dem Golem nun innewohnte, schien endlich einen Effekt auf den Troll zu haben. Der brüllte auf und versuchte, sich mit seinen Pranken vor den auf ihn einprasselnden Hieben des Golems zu schützen.
Gor na Jan
22.09.2025, 08:50
Der Gor Na tat zwei Schritte zurück und blieb dort für einen Moment stehen, die Waffe noch erhoben doch sichtlich außer Atem. Nur ein kurzer Moment, dachte er. Seine Arme waren schwer, seine Lunge brannte. Es fühlte sich an, als würden sie schon seit Wochen auf die Bestie einprügeln. Oder eher umgekehrt. Lange Zeit hatte es wie eine Pattsituation gewirkt, die niemals enden würde. Dante hielt sich zurück, seiner Grenzen wohl bewusst, doch die Templer zeigten hier ihre Expertise. Die Schwachstelle der weniger elitären Krieger war eine zahlenmäßige Übermacht des Feindes. Für einzelne, zähe Feinde waren sie schon im Einsatz gegen die Minecrawler in der alten Miene die beste Wahl. Die drei wechselten immer wieder durch, wenn Kraft und Ausdauer nachließen. Der Troll war langsam, doch war bereits ein Fehler das Ende.
Hier kam Estebans Golem ins Spiel. Spätestens dann, wenn die Einheit ins Straucheln kam, und es in jeder herkömmlichen Situation das Ende gewesen wäre, traf die Bestie die übernatürliche Gewalt göttlicher Gerechtigkeit. Jan nutzte den Augenblick, um wieder nach Esteban und Dumak zu schauen. Der Schwarzmagier hatte offenbar durch Unterstützung seines widerwilligen Adepten sein Spiel auf die nächste Stufe gebracht und dem Felskoloss eine weitere Schippe magischen Brennstoff nachgelegt.
Nachdem die Erzschmuggler den Großteil ihrer Ware gesichert hatten, trauten sich die fähigsten von ihnen nun auch langsam an die Front. Zwar agierten sie ähnlich wie Dante, standen in zweiter Reihe und nutzten nur die sicherste aller Öffnungen für einen Hieb, zum eigenen Wohl als auch um der Choreographie der Templer nicht im Wege zu stehen, doch jeder weitere Stachel im Schwarm war willkommen.
Langsam aber sicher zeigten die unzähligen Schnitte, Stiche, Hiebe und Bolzen Wirkung.
Jacques Percheval
24.09.2025, 23:37
Der Novize sah erschöpft aus. Dunkle Ringe unter den Augen machten seinen Mangel an Schlaf über die vergangenen Tage oder gar Wochen offensichtlich und er schlurfte mit hängenden Schultern zwischen den Krankenbetten herum.
„Es gibt keinen Heiler hier“, erklärte er Jacques, seine Worte kamen verwaschen und genuschelt, „Keinen Magier, meine ich. Seit Meister Saraliel abgereist ist … sind wir nur noch zu dritt! Wir tun, was wir können, aber …“
Er breitete die Arme aus mit einer Geste, die das gesamte improvisierte Lazarett umfasste. Das große Zelt auf dem Tempelvorplatz beinhaltete nicht nur eine Reihe von Krankenbetten, sondern auch ein Alchemielabor und alles, was ein Heilkundiger sich nur wünschen mochte, um seiner Arbeit nachzugehen. Nur einen Heilkundigen selbst gab es nicht – die Novizen beherrschten allenfalls die Grundlagen. Sie konnten vielleicht das eine oder andere leichte Wehwehchen behandeln, aber bei schwereren Fällen konnten sie höchstens hoffen, die Leiden des Betroffenen ein wenig zu lindern – wenn überhaupt.
Was Jacques jedoch noch weitaus mehr verwunderte, war die Tatsache, dass jedes einzelne Krankenbett belegt war – nein, nicht nur das, man hatte sogar schon Kranke auf provisorischen Bettstätten aus Strohsäcken und wollenen Decken auf dem Boden unterbringen müssen. Das Zelt war erfüllt von leisem Stöhnen und rasselnden Atemzügen. Instinktiv hielt sich Jacques eine Hand vor die Nase, als ob er damit einer Ansteckung vorbeugen könnte.
„Bei Innos … so viele Kranke … was ist hier los? Ist etwa eine Seuche ausgebrochen?“
Der müde Novize schüttelte den Kopf. „Nein“, antwortete er, während er zu einem der Betten schlurfte, auf dem ein Mann im mittleren Alter lag. Eines seiner Beine war in einen dicken Verband gewickelt, der vollgesogen war mit einer übelriechenden, gelblichen Flüssigkeit. Der Mann selbst starrte mit glasigen Augen blicklos zur Decke, Schweiß bedeckte seine Stirn und er murmelte dann und wann unverständliche Worte vor sich hin. „Die Seuche ist nicht ausgebrochen – sie ist hier seit Jahren heimisch“, erklärte der Novize, während er damit begann, den eitertriefenden Verband abzuwickeln. „Die Seuche heißt Armut. Die Menschen hier … sie sind Opfer von Arbeitsunfällen, oder sie leiden an simplen Krankheiten, doch ihre Körper sind zu geschwächt. Zu wenig Nahrung, zu viel Alkohol… Hinzu kommt die Gewalt – jeden Tag bekommen wir Opfer von Schlägereien, Messerstechereien …“ Er zögerte kurz, nickte dann in Richtung eines anderen Bettes, auf dem ein Mädchen lag, kaum älter als fünfzehn. Ihr Gesicht war übel zugerichtet, ihre Augen zugeschwollen, ihre aufgeplatzten Lippen blutverkrustet. „Vergewaltigungen …“
„Bei Innos!“, murmelte Jacques.
Der Novize seufzte und hielt einen Moment lang in seiner Arbeit inne. Er wandte sich zu Jacques um, ein müdes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich sollte so etwas vielleicht nicht sagen, aber … ich glaube, Innos hat diesen Ort vor langem verlassen.“ Sich wieder dem Wechseln des Verbandes zuwendend, fuhr er nachdenklich fort: „Es ist, als brächte etwas hier das Schlimmste in den Menschen zum Vorschein. Armut gibt es zur Genüge auch in Thorniara, in Vengard, in jeder Stadt, und überall bringt Armut manche Menschen dazu, furchtbare Dinge zu tun. Doch die meisten behalten ihre Menschlichkeit. Hier aber … das schiere Ausmaß an Gewalt – und an scheinbar natürlichen, nun, Unfällen und Krankheiten – ich kann es mir nicht erklären, außer … Beliar hat seine Klauen im Spiel. Ein Schatten liegt über dieser Insel, Soldat. Und wir sind blind mitten hinein getappt.“
Der Novize entfernte die letzten Reste des alten Verbandes vom Bein des Verletzten, und ein Schwall heißen, fiebrigen Gestanks schlug Jacques entgegen. Das Bein sah furchtbar aus, der Unterschenkel musste mehrfach gebrochen sein, und die Knochen hatten sich durch die Haut nach außen gebohrt. Die Verletzung war übel entzündet, die Wundränder schwarz und schwärend mit nekrotischem Gewebe. Jacques musste unwillkürlich würgen und wandte sich ab. Der Novize nickte nur, er war von der Reaktion seines Gastes nicht überrascht. „Er wird die Nacht nicht überleben“, erklärte er ruhig, „Selbst wenn ich über die nötigen Kenntnisse verfügen würde, eine Amputation durchzuführen, wäre es zu spät. Das Gift ist bereits in seinem Blut.“
Trotz seiner fatalistischen Diagnose begann der Novize damit, die Wunden zu säubern. Mit einem kleinen Löffel schabte er den Eiter aus und tupfte alles mit einer nach Alkohol und Kräutern riechenden Substanz ein. Der Kranke stöhnte leise, aber der Schmerz schien für ihn kaum noch mehr zu sein als eine ferne Erinnerung. Selbst für Jacques, der keinerlei Erfahrung in solchen Dingen hatte, war offensichtlich, dass die Qualen dieses Mannes innerhalb der nächsten Stunden ihr Ende finden würden.
„Warum wechselst du dann noch den Verband?“
„Weil es meine Pflicht ist“, erklärte der Novize, „Ich habe geschworen, den Kranken beizustehen, und das werde ich tun. Bis zu ihrem letzten Atemzug.“
Jacques senkte peinlich berührt den Kopf, seine Frage schien ihm auf einmal töricht und herzlos. „Verzeiht, das … ist eigentlich selbstverständlich.“
Der Novize lächelte nur müde und zuckte mit den Schultern. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen den beiden Männern aus, dem Novizen, der einen frischen Verband anlegte, und Jacques, der ihm dabei zusah. Schließlich räusperte sich der Gardist: „Ich … danke dir für deine Auskunft. Meine eigene Pflicht ruft mich. Aber ich, äh, werde sehen, ob ich irgendetwas tun kann, um euch hier im Lazarett Unterstützung zu organisieren … oder so …“
Der Novize lachte leise. Es lag kein Humor in diesem Lachen: „Sorgt einfach dafür, dass sich weniger Leute hier gegenseitig abstechen.“
Jacques verließ das Lazarett und schlug den Weg in Richtung der Ställe ein. Er ging schnell, lief beinahe – als würde er vor dem großen, weißen Zelt fliehen, das sich im Zwielicht des frühen Morgens wie ein Leichentuch über den Tempelvorplatz spannte. Er hatte eigentlich nur nach einem Heiler für Redlef suchen wollen – der alte Sturkopf hatte sich natürlich nicht davon abhalten lassen, sich um die Pferde zu kümmern, und war dann einfach zu Bett gegangen, ohne seine Wunden anständig behandeln zu lassen, so dass Jacques beschlossen hatte, den Heiler zu ihm zu bringen, wenn er nicht zum Heiler gehen wollte.
Nichts hatte ihn darauf vorbereitet, was er dann im Lazarett zu Gesicht bekommen hatte. Die Bilder standen ihm viel zu deutlich vor Augen – der sterbende Mann, das geschundene Mädchen, ausgemergelte, von Krankheit und Armut gezeichnete Körper … Hatte der Novize Recht? Hatte nicht Innos, sondern Beliar diese Insel im Griff? Waren vielleicht die Goblinhöhle mit dem unheiligen Sarkophag und das Leiden der Armen in dieser Stadt nur zwei Seiten ein und derselben Medaille?
Jacques schwor sich, der Sache auf den Grund zu gehen. Wie der Novize, der einen Kranken pflegte, von dem er wusste, dass er die nächsten Stunden nicht überleben würde, musste er seine Pflicht tun. Und seine Pflicht lautete, die Menschen zu beschützen – vor jedweder Bedrohung!
„Und Redlef muss ich wahrscheinlich erst einmal vor sich selbst schützen …“, brummte er, als er die Stallungen erreicht hatte. Vorsichtig, um kein unnötiges Geräusch zu machen, öffnete er die Tür und trat ein. Aus Redlefs Kammer konnte er das regelmäßige Schnarchen des Ordensbruders vernehmen. Wie er Redlef kannte, würde es noch eine ganze Weile dauern, bis er aus den Federn gekrochen kam. Zeit, die Jacques zumindest nutzen konnte, ein anständiges Frühstück vorzubereiten – wenn er schon keinen Heiler hatte auftreiben können.
Wie bin ich hier hereingeraten?
Das erste Mal seit gefühlten Wochen oder Monaten schien sich Heric wieder eigenständige Gedanken zu machen. Zu sehr war er, nun ja, mit dem Strom geschwommen, war Begleiterscheinung einer interessanten Heldengruppe gewesen und hatte – wie er’s am Lagerfeuer versprach – diese wahlweise großmütig wirken lassen, einen Lumpen wie ihn mitzuschleifen, jedoch auch in ausgesuchten Augenblicken die Wachsamkeit aller getestet. Natürlich gewollt.
Während nun also Erzschmuggler, Templer und ein Magus mit einem Barden als Beschwörungshelfer gegen den Troll kämpften, kauerte Heric in einem Versteck in Dumaks Rücken und besah sich das Tohuwabohu erster Güte. Von Trollen hatte er mal gehört. In Geschichten, die alte Kämpfen erzählten, Gerüchten, dass Meister Griffins Eltern Trolle gewesen sein sollten oder dass der Hauptmann Hayabusa dereinst einen Troll von einem riesig hohen Turm geworfen haben soll, um eine Braut zu retten. In seinem Kampfeseifer soll er das Weibsbild aber direkt hinterhergeworfen haben.
Aber in der Realität? Nein, da war ihm noch nie ein Troll über den Weg gelaufen. Deswegen war er froh, dass er Stunden zuvor Wasser gelassen hatte. Denn sonst würden die riesige Fratze, der unbändige Zorn und die Art, wie er brüllte, durchaus dafür sorgen, dass seine Blase einige Probleme bekäme.
Wirklich, was habe ich verbrochen, um hier zu landen?
Sicher eine Frage, die sich an diesem Ort schon hunderte Männer gestellt hatten. Damals, wie die ganzen Ex-Knackis hier berichteten. Scheinbar hatten bis auf Dante und ihn alle in dieser Kolonie eingesessen, einem Ort, der schon nicht mehr existiert hatte, als Heric noch in der Wiege gelegen hatte. Klar, er hatte Geschichten gehört, überhöht zu Legenden. Aber am Ende waren es eben nur Geschichten gewesen, die Jahre vor seiner Geburt an einem weit entfernten Ort stattgefunden hatten.
Herics Blick blieb an den Templern hängen. Wieder war die Ähnlichkeit zwischen den gerüsteten Männern – Dante ausgenommen – und dem Hauptmann Ryu Hayabusa aus Schwarzwasser verblüffend. Der Templer des Waldvolkes galt natürlich nicht als allzu redebegeistert, was seine Vergangenheit anging. Selbst als die Jünglinge Schwarzwassers – allen voran Darius‘ Sohn Thanan, Zarra Rimbe und er - den Schwertmeister angefleht hatten, seine fast legendäre Vorgeschichte zu erzählen, waren nur ein paar floskelhafte Lebensweisheiten über die Lippen des Mannes gekommen. Raucht nicht zu viel Sumpfkraut, Finger weg vom Alkohol, Zieht niemals einen Sumpfhai am Schwanz und Werft den Griffel nicht mit Erdnüssen ab. Was man in Schwarzwasser eben den Kindern mit auf den Weg gab, um sie für die Zukunft vorzubereiten.
Aber allen voran der Hüne – Gor Na Jan – wirkte wie ein personifizierter Halbgott des Krieges. Wo Hayabusas Bewegungen im Kampf nahe an der Perfektion waren, hatte dieser Veteran sie – zumindest für Herics ungeschultes Auge – lange erreicht. Deswegen war nach der Taufe auch kein Wort des Schmerzes oder Trotzes über seine Lippen gekommen. Einerseits, weil es wohl sicher eine Ehre war, von dem Mann getauft zu werden … nun, und andererseits, weil Heric beim Wegblinzeln der Tränen und Hochziehen des Nasenblutens eine Heidenangst vor dem Kerl gehabt hatte.
Deswegen war er froh, dass der Troll jetzt den Unmut des Templers und seiner Gefährten erregt hatte. Dennoch nahm Heric es sich vor, den Templer zu fragen, ob er den Hayabusa kannte.
Dann war da noch Esteban. Der Magier. Eine gleichermaßen erschreckende wie faszinierende Persönlichkeit. Er dirigierte die Gruppe mit der Selbstverständlichkeit langjähriger Führungserfahrung, organisatorisch ein wahrer Administrator, der Struktur in die Wildnis des Minentals brachte und – übertrieben gesagt – dafür sorgte, dass sich nach dem Aufstehen jeder wusch, den Staub von den Klamotten klopfte und den Lagerplatz ordentlich hinterließen. Dass Dumak wie auch die Templer den Mann als Anführer akzeptierten, sagte viel über ihn aus.
Andererseits … konnte er steinerne Wegbegleiter erschaffen, die an Statur und Stärke fast Gor Na Jan gleichkamen. Aber nur fast.
Und er hat mich nicht am nächsten Wegesrand zurückgelassen. Oder Jan befohlen, mich von der Klippe ins Tal zu katapultieren.
Herics Blick ging zu Dumak, der beim Magus stand und ihm mehr oder minder zur Hand ging. Na, den mochte Heric. Und scheinbar sah ihn der Barde wie einen treuen Hund – Nummer Zwei nach Gomez – oder einen entfernten Schwippschwager, der nach einem Pferdetritt nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist. Er kümmerte sich um ihn. Mahlzeiten, Erklärungen im Schlösserknacken, die bei Heric bisher aber eher auf luftleeren Raum gestoßen waren. Solche Dinge. Und er war nicht besessen. Das war eine Verbesserung zu seinem vorigen Lehrer ...
Heric schüttelte sich. Nein, er wollte von dem Barden so viel lernen, wie nur möglich war. Denn was sicher war: Allein dem Bardentum war er nicht verschrieben. Unter all dem Jux und Verseschmiederei klang etwas an, das eine gewisse Härte beschrieb.
Seufzend blickte Heric in die entgegensetzte Richtung, weg vom Kampf gegen den Troll. Würde er sich alleine nach Khorinis durchschlagen können?
Sein Blick wanderte zurück.
Nein. Würde er nicht. Seine besten Überlebenschancen waren mit dieser Heldentruppe wie aus einem mittelprächtigen Epos verbunden. Mit zitternden Beinen huschte Heric an Dumaks Seite.
„Äh“, machte er auf sich aufmerksam, räusperte sich sogar. Esteban war zu sehr damit beschäftigt, den Golem zu manövrieren und wie ein Taktiker den Kampf zu analysieren. Der Barde wandte sich ihm zu. „Also … kann ich irgendwie helfen? Steine auf den Golem schmeißen ... so zur ... Heilung? Oder … äh … die Ausrüstung bewachen? Die Utensilien des Magiers sind … so … unbewacht.“
Heric schluckte, fummelte an dem nutzlosen Eisendolch an seinem Gürtel herum. „Also … ja … vielleicht … äh …“, er beugte sich so dicht zu dem Barden, dass der Magus seine Worte nicht mitbekam, „Kann Esteban nicht einfach ein riesiges Loch im Boden beschwören? Oder einen Golem in Trollformat? Kennt er denn keinen Spruch, um den Troll zu schrumpfen? Das wäre für mich eigentlich eine logische Herangehensweise, wenn ich – rein theoretisch – gegen so ein Monster antreten müsste, sagen wir, während irgendeiner Queste …“
Idiot, als ob es sowas wie Schrumpfzauber gibt. Wenn, dann nur auf alten Spruchrollen, die längst zu Staub zerfallen sind …
Die Glut der Abendsonne spiegelte sich gleißend in den Butzenscheiben der herrschaftlichen Häuser des Oberen Viertels wider. Man sah den Gebäuden um den Platz an, dass sie schon weit bessere Zeiten erlebt hatten. Die Ladengeschäfte wirkten überwiegend verwaist. Handelsherren, Verkaufsgehilfen, Kunden waren hier schon länger nicht mehr ein- oder ausgegangen. Über und neben den Eingangsportalen der meisten abgewirtschafteter Villen zeugten die Banner myrtanischer Einheiten, die hier wohl einquartiert waren, von dem vor kurzem noch herrschenden Leerstand. Yared mutmaßte, dass Lord Hagen und Scaruder, abgesehen von den Ankerwachen, tatsächlich beinahe alle von den Galeeren und Karacken abgezogen und angelandet haben mussten – grundsätzlich ein sinnvoller Schritt, die Seeleute und Soldaten nicht länger als nötig in den Schiffsbäuchen einzupferchen. Trotzdem wirkte die Stadt nicht überlaufen.
Laut Auskunft der Wachen am Tor zur Oberstadt hatte Lord Hagen Quartier im Rathaus der Inselhauptstadt bezogen. Der dreistöckige repräsentative Bau, früher einmal Sitz des myrtanischen Statthalters der Insel, lag geschützt hinter einem mannshohen gusseisernen Zaun inmitten eines parkartigen, inzwischen weitgehend verwilderten Gartens. Über dem zentralen Erkerturm wehte der goldene Adler auf rotem Grund vor dem seichten klaren Bläuen des Dämmerungshimmels in der leichten Abendbrise.
Mit einem knappen Salutieren ließen die Trabanten am Eingangsportal den Kapitän und seine beiden Begleiter passieren. Das Gebäude war nicht weitläufig - kein Vergleich mit der Zitadelle zu Thorniara oder dem Palast in Vengard -, sodass sie den gesamten Flur des Erdgeschosses einsehen konnten, sobald sie ihn betraten.
Aus der Tür, hinter der sich der wortkargen Orientierung nach, die ihnen der Schreiber im Vorzimmer geboten hatte, Lord Hagens hiesiges Amtszimmer befand, trat soeben ein unruhiger Mann, kaum älter als Yared, vielleicht sogar etwas jünger. Der Kapitän erkannte Lord Scaruder, auch wenn er ihm noch nie persönlich begegnet war. Man hatte ihm den Großadmiral hinreichend genau beschrieben. Außerdem kennzeichneten ihn sein Waffenrock, die Schärpe mit Posamenten und ein verziertes Wehrgehänge eindeutig.
„Sir Eric…“, begann Scaruder einen Satz offenbar an einen weiteren Mann gerichtet, der hinter ihm den Gang betrat, unterbrach sich aber selbst, als er der Abordnung des Kapitäns gewahr wurde, die auf sie zuhielt.
Grimmig und wortlos blickte der Großadmiral den Kommodore an, der in gebührendem Abstand innehielt, salutierte und darauf wartete, dass man ihm und seinen Begleitern den Weg frei machte.
Auf hoher See stand nichts über einem Kommandanten, nichts außer den Göttern und vielleicht dem König. An Land hingegen schrumpfte diese scheinbare Allmacht auf das mickrige Bisschen, dass die umgebenden Akkumulationen aus Geld, Macht, Einfluss und Bürokratie davon übrig ließ. Je größer die Kommandogewalt da draußen war, desto ungewohnter musste sich dieser einengende Käfig anfühlen. Umso mehr, wenn man es, wie der Großadmiral, gewohnt sein mochte, als einer der Räte des Reiches in Vengard außer dem König niemandem regelmäßig über den Weg zu laufen, der einen höheren Rang einnahm, als man selbst.
Hier auf Khorinis war er nur die zweite Geige, hinter Lord Hagen - vielleicht gar nur die Dritte, wenn man Ihre Eminenz zählte - und es fehlte ihm sein privater Hofstaat aus Marinebürokraten und Stabsoffizieren, wie Sir Maldun, diese Schlange.
„...folgt mir.“, beendete Scaruder schließlich doch seinen Satz. Der etwas abgekämpft aussehende Ritter hinter ihm brummte nur zustimmend und nickte dann im Vorbeigehen zurückhaltend, aber nicht unfreundlich grüßend dem kleinwüchsigen Magister, dem Paladin mit dem Zweispitz und seinem altgedienten Waffenmeister zu, während er dem Großadmiral hinterher in eines der benachbarten Zimmer folgte.
Kaum war die Tür geschlossen, sah Yared kurz zu seinen beiden Begleitern. Stumm tauschten sie für einen Moment Blicke aus, dann nickten sowohl Kaldrin als auch Magister Arvideon und gingen zurück zum Hauptportal des Rathauses. Sie hatten jetzt anderes in Erfahrung zu bringen.
Der Kapitän betrat die Amtsstube allein.
Lord Hagen stand über einen Kartentisch gebeugt. Im Kamin hinter ihm prasselte ein sorgfältig geschürtes Feuer. Sein Gesicht hellte sich etwas auf, als Yared den Raum betrat. Es reichte jedoch nicht aus, um die Sorge darüber gänzlich aus dem Blick des Statthalters zu vertreiben, was auch immer er mit dem Großadmiral und diesem Sir Eric besprochen haben musste.
„Yared, gut, Euch wohlauf zu sehen“, begrüßte Hagen den Kapitän, den Blick immer noch auf die Karte vor sich gerichtet, “Es ist eine Weile her und um ehrlich zu sein, hatte ich nicht mit Euch gerechnet.“
„Ich auch nicht, Milord, ich auch nicht.“ Die Karte zeigte offensichtlich die gesamte Insel, von den Stränden Jharkendars im Norden bis zu den südlichsten Ausläufern des Umlandes von Drakia. Yared folgte Hagens Blick, der sichtlich seinen Gedanken folgend zwischen dem unmittelbaren Umland der Hafenstadt und dem Minental hin und her schweifte.
„Hat es etwas mit Lord Scaruder zu tun? Ihr hattet ja vor einem Jahr, als wir zuletzt in Thorniara darüber sprachen, entsprechende Vermutungen geäußert.“ Yared war etwas überrascht, wie direkt der Statthalter den Mann im Nebenraum ihm gegenüber ansprach.
„Ich sprach von Intrigen am Hofe und ja, ich kann es nicht von der Hand weißen, dass ich als Ausgangspunkt auch die Admiralität zu Vengard in Erwägung zog.“
„Hat sich Euer Verdacht erhärtet? “
„Die Beweislage ist nicht besser geworden, Milord.“
„Aber Eure Mission ist so verlaufen, wie Ihr es erwartet habt.“, stellte Hagen fest. Erst jetzt sah der Statthalter von der Karte auf und musterte den Kapitän.
„Gal Ran hat unser Eingreifen in Khorinis als übergriffigen, wenn nicht gar feindlichen Akt gewertet und mir die Akkreditierung entzogen. Es war mir leider nicht möglich, Exzellenz Doronaktetes oder den Hohen Rat umzustimmen. Man ließ mir schlicht nicht die Gelegenheit.“
Hagen schnaubte erst abgeklärt, dann leicht belustigt.
„Gut, dass diese Zeitverschwendung ein Ende hat. Ich kann Euch hier gut gebrauchen.“
Yared lächelte.
„Verzeiht Milord, aber ich kann nicht länger als unbedingt notwendig hier verweilen. Noch bin ich der Gesandte des Königs für Gal Ran. Noch hat mich die Krone nicht von dieser Aufgabe entbunden. Gerade weil Gal Ran mich zurückschickt, habe ich die Pflicht persönlich in Vengard vorstellig zu werden und zu berichten.“
Hagen richtete sich auf.
„Das ist mir bewusst, Yared. Doch ich brauche die Fähigkeiten Eurer Leute hier“, er wies mit der Hand auf die Gegend, in der die Hafenstadt auf der Karte verzeichnet war, „Die Kaserne und auch die Hafenanlagen müssen in Stand gesetzt werden. Momentan sind unsere Truppen noch in leerstehenden Häusern über die Viertel verteilt untergebracht. Aber wenn diese Stadt wieder am wirtschaftlichen Austausch mit dem Festland teilnehmen soll, müssen wir die Lagerhäuser und Kontore in absehbarer Zeit wieder den Überseehändlern überlassen können, die momentan noch in Vengard und Bakaresh auf die Bestätigung ihrer Konzessionen warten.“
Der Statthalter trat hinüber an einen Beistelltisch, auf dem Gläser und eine Karaffe mit verdünntem Wein bereitgestellt waren. Er schenkte sich selbst ein und reichte auch Yared ein Glas.
„Man wird sie ihnen erst erteilen, wenn wir dem Kronrat mitteilen, dass die Infrastruktur in Thorniara und der Brückenkopf hier auf der Insel stehen, dass Stadt und Umland gesichert sind. Eigentlich hätte das längst geschehen sollen, aber wir kommen nicht schnell genug voran. Wir haben zu wenig Heiler, um größere Mengen an Verwundeten riskieren zu können. Die Stadt wird immer noch fast ausschließlich durch Frachtkonvois vom Festland versorgt, gerade ausreichend um nicht groß rationieren zu müssen. Und der Großteil von Lord Scaruders Militärhandwerkern ist in Thorniara, beim Ausbau des Hafens dort gebunden.“
„Sollte nicht noch weitere Unterstützung vom Festland kommen?“
„Zugesagt war sie. Doch Ihr wisst, wie das ist: Die Ankündigungen sind vollmundig. Mit ihnen kommt meistens bereits ein Anteil und man glaubt den Worten. Dann kommt es zu irgendwelchen Verzögerungen, dann Beteuerungen. Irgendwann kommen statt der Unterstützung dann mal mehr mal weniger glaubhafte Erklärungen und Ausflüchte, später die Belehrung, man habe ja bereits ausreichend Unterstützung erhalten, und schließlich die Forderung, warum es denn keine Fortschritte gäbe, nachdem man ja bereits zu Beginn mehr erhalten habe, als zugesagt, angekündigt, möglich oder alle anderen, die angeblich schneller mit weniger Ergebnisse erzielen. Angeblich hakt es gerade bei der Aushebung und Ausbildung der neuen Truppen."
Der altgediente Paladin nippte an seinem Glas.
"Wir hatten sowas schon geahnt. Eigentlich hat sich Sir Ulrich zeitgleich mit unserem Aufbruch von Thorniara extra auf den Weg nach Vengard gemacht, um seine Beziehungen zum Heermeister zu nutzen, den Amtsschimmeln des Kanzlers die Sporen zu geben und unseren Ansprüchen bei Hofe Nachdruck zu verleihen. Aber auch von ihm seit Monaten keine Nachricht mehr.“
Lord Hagen schüttelte den Kopf und deutete auf das Minental.
„Während ihr Kommandant noch auf dem Festland ist - und über das Tauziehen mit Russel und Hector um jede Gestalt im Reich, die auch nur halbwegs einen Stock halten kann, wohl vergessen hat, dass wir auf Nachricht von ihm warten -, gibt es erste Berichte der Blutroten Adler. Ihre Vorhut ist ins Minental vorgedrungen und konnte beobachten, wie dort regelmäßig ein Schiff an der Küste anlandet und Ladung aufnimmt. Der Geheimdienst vermutet illegalen Erzabbau und Schmuggel übers Meer nach Gorthar. Mich würde übrigens nicht wundern, wenn an einem der Enden dieser Schmuggelroute auch eine der Satrapien Gal Rans zu finden wäre.“ Dann wanderte seine Hand gefolgt von Yareds Blick wieder gehen Khorinisstadt. „Und während wir gerade dabei sind, die Höfe zu sichern, um die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln zu verbessern, - und dabei zusehen, wie man magisches Erz an den Meistbietenden in Übersee verhökert, - ist eine unserer berittenen Patrouillen im Umland jetzt auf Untote gestoßen.“
Als Yared das Rathaus etwas später wieder verließ, wehten ihm die letzten Ausläufer des warmen spätsommerlichen Westwinds um die Nase.
Die Abendluft roch nach Regen. Das Wetter würde abkühlen. Der Herbst war im Anzug.
Offenbar würde er - gänzlich unabhängig davon, was die morgendliche Inspektion der Schiffsrümpfe ergeben würde - länger hier gebunden sein.
Françoise
28.09.2025, 23:43
»Am Liebsten würde ich alle mitnehmen.«, sagte die Oberste Feuermagierin, während sie ein weiteres Buch beiseite legte. Es war eines von vielen, das sie aus dem Sammelsurium von Schriften ausgesucht hatte. Alle mitzunehmen war natürlich nicht möglich. Der Rote Hase war schließlich kein Packesel, sondern ein Kriegsross. Manches konnte Françoise dennoch nicht zurücklassen.
»Damit sich nicht noch einer von diesen Lichs hier einnistet?«, fragte Konstantin.
»Nein. Ich bezweifle, dass wir so schnell noch einen von der Sorte sehen werden.«, antwortete die Priesterin und nahm eine handbreite Schriftrolle an sich. So unpraktisch und auf seine Art trotzdem charmant.
»Solange die Paladine in Khorinis bleiben, wird sich niemand trauen, hier sein Unwesen zu treiben.«, erklärte Françoise. Kurzerhand schob sie den Stapel von Büchern beiseite, um für die Schriftrolle Platz zu machen. Als sie sie vor sich ausbreitete, präsentierten sich der Obersten Feuermagierin schier endlose Reihen von Schriftzeichen einer fremden Sprache.
»Nicht alles hier verstößt gegen Norm und Sitte.«, fuhr sie fort. »Im Gegenteil. Manches ist einfach unorthodox, anderes kurios und vieles weit verbreiteter Standard. So sehr Xardas dem Orden auch geschadet hat, kann man ihm seine Gelehrtheit nicht absprechen. Und das hier angesammelte Wissen ist Zeuge davon.« Sie rollte das Volumen wieder zusammen und legte es zu den anderen Schriften.
»Das Böse lauert in der Literatur ebenso wie es in den Straßen der Vergangenheit sein Unwesen trieb. Es waren jedoch nie die Straßen selbst, die böse waren.«
***
Zu Fuß ließen Françoise und Konstantin den schwarzen Turm hinter sich. Neben ihnen trottete das stattliche Pferd des Drachen. Von dessen Sattel hingen zwei schwere Taschen in denen sich ausgewählte Schriften befanden, die die Oberste Feuermagierin unbedingt mitnehmen wollte. Am Ende waren es weit weniger, als sie gehofft hatte. Zu ihrem Glück lag der Turm nicht allzu weit von der Stadt entfernt und ohne die untoten Diener des Lichs kam der Weg einem angenehmen Spaziergang gleich.
Bald schon erreichten sie den verlassenen Bauernhof und seine weiten Felder. Von dort aus konnte die Priesterin die Türme der Stadtmauer erkennen. Wie nicht anders zu erwarten war, flatterte das myrtanische Banner bereits über den Turmspitzen im Wind. Khorinis mochte noch so heruntergekommen sein; für die ordnungsgemäße Beflaggung war trotzdem immer Zeit!
Am Stadttor wurden die Priesterin und ihr Leibwächter von zwei Rittern in Empfang genommen. Eine merkwürdige Begebenheit, denn die Gefahr, die von dieser Seite drohte, hatte Françoise mit eigenen Händen besiegt. Auf ihre Nachfrage hin erklärten die Soldaten der Obersten Feuermagierin, dass offenbar noch ein Herd schwarzer Magie in unmittelbarer Nähe zur Stadt gefunden worden sei. Skepsis machte sich in Françoise breit. Sie rätselte, wie das der Fall sein konnte. Am naheliegendsten war für sie, dass es sich lediglich um weitere, entfesselte Dienerkreaturen des Lichs handelte. Hagen würde gewiss mehr dazu wissen.
DraconiZ
06.10.2025, 22:29
»Er war erfolgreich. Al-Din ist vernichtet und die Wogen mit Elyndra scheinen vorerst geglättet. Daelon hält sie im Blick, doch sie spricht hohe Töne von mir«, meinte der Weißhaarige nicht ohne Verwunderung und hielt das Pergament Alenya hin. »Doch er bleibt vorerst da?«, fragte die Assasine zurück. »So ist es. Magischer Klim-Bim. Hatte wieder irgendeinen Gedanken den er unbedingt verfolgen musste. Man kennt es«, meinte der Streiter. »Und wir sitzen hier auf diesem beschissenen Hof fest«. Alenya zog die Augenbrauen hoch. »Nun dafür, dass wir den Platz nicht wechseln bekommen wir ja doch recht viel mit«. DraconiZ spuckte aus. Seine Laune war nicht erst seit gestern auf dem Tiefpunkt. »Hagen hält mich wie in einem Gefängnis hier. Wenn er wissen will, ob ich nun Befehle befolgen kann, dann hat er doch seine Antwort längst«, fauchte er. Dann tat er das, was er hier drin ständig tat. Packte Valien, zog die Klinge blank und schaute in sein eigenes Ebenbild. Zumindest sein Training vernachlässigte er nicht.
»Es gibt Zeiten ruhig zu sein und Zeiten zuzuschlagen. Vielleicht müssen wir es so begreifen. Du bist doch sonst so philosophisch«, gab die Assassine zurück. »Der Scheiß Hof ist ausgebaut, Spione sind geschickt und wir wissen was zu tun wäre. Nur der verdammte Befehl fehlt. Ich wüsste zu gerne was die in der Stadt machen«, knurrte der Klingenmeister und schaute sich um. Zumindest gab es hier nichts zu meckern. Die Befestigung stand und war zu seiner vollsten Zufriedenheit. »Als wir kamen gab es keine Hoffnung auf Vergebung. Nun scheint das Blatt sich zu wenden. Vielleicht sollten wir das als positives Zeichen verstehen«. DraconiZ war nicht überzeugt und schnaubte. Alenya lehnte sich leicht zurück und lies wie zufällig das Pergament fallen. Sie schien die Scheune gegenüber zu beobachten. Dann wanderte ihr Blick über Valien. »Deine Ausdauer kennt wirklich keine Grenzen nicht?«, fragte sie. Der Paladin hörte einen Unterton heraus, den er erst nicht ganz deuten konnte. »Was soll ich hier machen außer trainieren?«, fragte er grimmig. Er schaute in ihre Augen und sie schaute ihn an. Lag da Herausforderung? »Beobachtest du mich etwa ständig?«, fragte er und zog eine Augenbraue hoch.
Sie lächelte nur, als wolle sie das ungesagte Spiel zwischen ihnen anerkennen, und verschränkte die Finger leicht auf dem Tisch. »Vielleicht beobachte ich nur… vielleicht um zu lernen, wie man so fokussiert bleibt«, murmelte sie, während ihre Stimme einen kaum greifbaren Unterton bekam. Alenya ließ ein leises Lächeln spielen, ihre Finger streiften fast unmerklich die Klinge und drückten sie nach unten. »Auch die größten Krieger brauchen Zeiten der Ruhe« murmelte sie, ihre Augen blitzten kurz auf.
Was mach ich jetzt? Zeratul ist fort, die schwarze Hand so inaktiv, dass man sie für tot halten könnte und auch alle Pforten Beliars sind geschlossen. Scheiße man, ich bin an sich wohl endlich wieder der ganz normale Durchschnittstyp von nebenan. Nur, dass der Kerl von nebenan in der Regel kein gesuchter Schwerverbrecher ist, den man hängen will.
Ein Seufzen entweicht dem gesuchten Ketzer während er sich nach hinten in den Sand fallen lässt. Den Blick in die Sterne gerichtet muss er sich klar werden wie es nun weiter gehen soll. es mag zwar schön und gut sein, dass er seine ehemalige Magie hat ausbrennen lassen, doch wer würde ihm zuhören? Und selbst wenn, wer würde ihm glauben? Spätestens Francoise würde ihn bei Sichtkontakt anzünden wollen. Wohin sollte er also gehen? Der Innos Glaube war aufgrund des myrtanischen Reiches die absolut vorherrschende Glaubensrichtung, was im Umkehrschluss bedeutete, dass er quasi überall gesucht und nirgends willkommen war
Vielleicht Varant? Eine bescheuerte Idee, wenn man Trilos Vergangenheit mit Braga oder Bakaresh bedenkt. Von den Kastellspinnern ganz zu schweigen. Noch immer schoss ihm eine Gänsehaut über den Rücken wenn immer er an Hirni und seine Auferstehung dachte. Und spätestens Zuben war nicht gut auf ihn zu sprechen. Wobei das dann wahrscheinlich schon an Wunschdenken grenzte, immerhin interessierte sich Zuben nicht wirklich für belage von Pöbel wie Trilo.
Wie wäre es mit Nordmar? Sicher doch, wenn man darauf stand täglich mit Frieren zu hadern. Und selbst abgesehen von der harschen Umwelt, gab es da immernoch die Menschen die dort lebten. Auch wenn der Weißhaarige nie so richtig den Finger darauf legen konnte, was ihn an den Leuten störte, so war er sich dennoch sicher, dass der Mix aus Desinteresse und allgemeiner, schlechter Laune auf Gegenseitigkeit beruhte.
Dann bleib ich halt in Khorinis! Schon beim bloßen daran Denken musste er fast lachen. Khorinis, die Stadt in der alles anfing und schon einmal endete. Er wurde hier feierlich im Hafen Feuerbestattet. Die Menschen hier waren vielleicht einfach und ehrlicher als auf dem Festland, aber auch deutlich abergläubischer. Schon beim letzten Mal löste seine Ankunft hier Chaos aus. Und er wusste das auch, selbst wenn er es nicht wahr haben wollte. Warum sonst versteckte er sich am Strand anstatt in die Stadt zu gehen?
Doch dann kam ihm doch noch eine Idee als erste Anlaufstelle: Tooshoo. Oder wie auch immer die Gruppierung von Baumkuschlern, Ex-Rebellen und Sumpfjunkies aktuell ihre Heimat auch nennen mochte. Sie waren ein offenes, wenig urteilendes Völkchen und vermutlich noch am ehesten bereit dem früheren Hexenmeister einen vorläufigen Unterschlupf zu gewähren.
„Larah?“, Yareds fragende Stimme holte sie aus ihren Überlegungen.
„Ich werde hier bleiben. Auf mich wartet niemand. Vor dem Winter kann ich eine Überfahrt, außer nach Gorthar, nicht alleine antreten - und von dort komme ich ja gerade erst. Da ich meine Proa wohl auf dem Kurierschiff nicht mitnehmen könnte“, ihr Blick wanderte zum Kapitän, der ihre Einschätzung mit einem knappen Nicken bestätigte, „bleibe ich hier“, lautete ihre klare Entscheidung.
Sie wäre durchaus gerne mit dem Kapitän nach Myrtana weitergesegelt. Larah hatte nur gute Erinnerungen an die Winter in Silden, aber sie würde ihr Auslegerboot nicht einfach hier zurücklassen. Momentan war ihr Proa das einzige kleine Stück Heimat, abgesehen von der Kabine an Bord der Santorija, die sie sich mit Donna teilte.
Ein Sturm, wie sie ihn gerade erst überstanden hatten mochte für ein Schiff keine große Gefahr darstellen, mit ihrer Proa wäre sie hingegen Wellenberge hin und her geworfen worden, völlig dem Unwetter ausgeliefert gewesen und mit großer Sicherheit nicht heil oder gar lebend wieder herausgekommen.
Die Fischjägerin hatte gerade eben erst davon erfahren, nachdem sie vom aromatischen Duft frisch gebrühten südländischen Tees, der aus der Offiziersmesse durch den Spalt unter der Tür in ihre Kabine einsickerte, aus dem Schlaf gelockt worden war. Magister Arvideon hatte diesen für ihn wichtigsten Akt der Frühstücksvorbereitungen nicht Collin, dem Schiffskoch der Santorija, überlassen und hatte die Teezubereitung ausgiebig zelebriert, dass der anregende Geruch bald jeglichen Raum unterhalb des Kajütendecks erfüllt hatte.
Das Frühstück profitierte an diesem Morgen nicht nur vom Tee des Wandermönches, sondern auch von der Möglichkeit, Nahrungsmittel an Land zu erwerben. Auch wenn der Markt von Khorinis gerade nicht mal Ansatzweise die Angebotsvielfalt bot, die man von einem Handelshafen erwartete, war die Abwechslung doch größer als nach Sonnenläufen und Monden auf hoher See. So hatte alsbald auch der Geruch von gebratenem Speck und Rührei alle Bewohner der gehobeneren Kabinen hervorgelockt und Yared spontan die Frühstücksversammlung zu einer Besprechung der Deckoffiziere der Santorija umgewidmet – wenn sowieso schon alle anwesend waren.
Der Kapitän hatte ihnen eröffnet, dass Lord Hagen mit seiner Vollmacht als Statthalter im Namen der Krone ihre Dienste eingefordert hatte.
Um seinem Auftrag als Gesandter für Gal Ran dennoch nachzukommen, würde Yared allein mit dem nächsten Kurierschiff, das in einigen Tagen hier turnusgemäß einlaufen würde, nach Vengard reisen und bei Hofe Bericht erstatten. Alle anderen Angehörigen der Flottille sollten in Khorinis bleiben und die Bemühungen des Statthalters unterstützen. Der Plan sah hierzu vor, möglichst schnell ein Landquartier für die Mannschaft zu suchen. Da die Seeleute und Seesoldaten vorrangig bei der Instandsetzung von Milizkaserne und Hafen helfen sollten, wäre es unsinnig gewesen, sie jeden Tag dafür aufwändig überzusetzen. Die Santorija und die Alesstyna würden zunächst weiter auf Reede ankern, soweit die Inspektion, die Bram und die geeinte Maestranza der beiden Schiffe direkt nach der Besprechung beginnen würden, keine Schäden feststellte, die sofort behoben werden mussten.
Nachdem die wichtigsten Fragen geklärt und die notwendigen Aufgaben verteilt waren – und vor allem das Frühstück beendet war – hatte sich die Messe geleert. Nur der Kapitän, die Fischjägerin und Arvideon, der durch ein geöffnetes der Kajütenfenster das Treiben der Möwen in der Bucht beobachtete und in der kühlen Morgenluft still seinen zweiten dampfenden Aufguss genoss, waren schließlich verblieben und in die Kapitänskajüte umgezogen. Yared hatte noch etwas zu besprechen, dass nur Larah betraf.
„Alles klar“, stimmte Yared nun zu, legte einen dünnen Stapel mit bunter Schnur zusammengehaltener Pergamentseiten, von dem an mehreren Stellen befestigte Siegel herabhingen, auf den Kartentisch vor ihr und holte geschwind noch Tintenfass und Federkiel von seinem Sekretär, „dann solltest du dich in die Musterrolle eintragen. Ich werde dich als Kundschafterin führen, für den üblichen Sold und die entsprechenden Konditionen für Kost und Logis. So lange du in der Stadt bleibst, hast du damit das notwendige Auskommen und es wird keiner deine Anwesenheit hinterfragen. Du musst natürlich auch deinen Dienst tun, aber als Kundschafterin bist du da recht frei.“ Der Kapitän breitete das Dokument aus und enthüllte die Musterrolle der Santorija. Larah nahm den Federkiel und setzte ihren Namen leicht ungeübt an die Stelle, die er ihr mit dem Finger bezeigte.
„Bevor ich mit dem Kurierschiff nach Vengard segle, werde ich noch Goya und Donna bevollmächtigen und anweisen, dass sie den Kontrakt jederzeit auf deinen Wunsch lösen. So bist du frei und kannst jederzeit gehen, wenn du das möchtest.“
Larah nickte und erhob sich.
„Wir setzen nachher zum Hafen über. Ich möchte mir den Zustand in der Kaserne ansehen, schauen, was uns dort erwartet, und hätte gern, dass du mich begleitest.“ Der Paladin schloss die Musterrolle und verstaute sie wieder, nachdem er die Tinte mit Löschsand zügig zum Trocknen gebracht hatte.
„Ich mache mich bereit.“, erklärte die blonde Gortharerin und verließ die Kajüte.
Wieso zur Hölle sieht die Stadt eigentlich aus wie Scheiße? Haben die Orks angegriffen? Bei den ganzen Brandspuren vielleicht ein Drache? Was hat es der Orden nur immer mit Drachen und seinen Städten...
Es war ein seltsames Gefühl für Trilo durch die Gassen der Hafenstadt zu huschen, stets darauf bedacht keinem der Gardisten aufzufallen. Wobei er mit den Gardisten vielleicht noch auf die eine oder andere Art klarkommen würde, aber bei den ganzen Paladinen? Keine Chance. Ihm war nur allzu sehr bewusst, dass er vermutlich einer der an den meistgesuchten Männern des gesamten myrtanischen Reiches war. Wobei Frongzwoas, oder wie auch immer die schrullige Anführerin hieß, es auch wirklich übertrieben hatte.
Mord? Eher Selbstverteidigung. Hochverrat? Er war gestorben und laut dem Eid endete sein Dienst im Ritterorden beim Tod. Desertation? Ja gut, da konnte man ihm vielleicht einen Strick draus drehen. Aber Ketzerei und Gotteslästerung? Für die Innosler waren doch sogar Adanos-Jünger bloß Ketzer, weil diese nicht "Ihren wahren Glauben Innos" teilten... Es war ja nicht so, dass der ehemalige Ritter die Götter und ihr Wirken ablehnte oder leugnete, viel mehr der Hinweis, dass es auch andere Methoden der Magie gab, abseits des Drei-Götter-Dogmas. Bestes Beispiel hierfür waren die Druiden, die ihre Magie aus der Natur zogen, statt von Innos, Adanos oder Beliar. Oder waren die Druiden Adanosanbeter, weil die Natur ja von Adanos geschaffen wurde? Eine interessante Frage, gewiss, jedoch besser zu einem anderen Zeitpunkt besser zum Philosophieren geeignet.
Es hatte ihn fast eine ganze Woche Zeit gekostet sich unbemerkt durch das Hafenviertel und Teile der Unterstadt zu schleichen, nur um dann zu realisieren, dass er die Mauer zur Freiheit zwar durchaus erklimmen konnte, jedoch nur wenn er Rüstung und Waffen zurückließ. Er musste so leicht wie möglich sein. Und lautlos. Hilft ja alles nichts... es wurmte ihn immens, aber er hatte keine andere Wahl als sein wertvolles Gut loszuwerden. Verschenken stand außer Zweifel, also galt es dem Halsabschneider von Geldverleiher einen Besuch abzustatten. Dieser hatte ihm Rüstung und Waffen mit Freude abgenommen, jedoch war die weiche Lederrüstung zwar angenehm zu tragen aber einfach nicht dasselbe wie ein Kettenhemd. Und ohne seine beiden Waffen fühlte sich Trilo fast schon nackt. Ein lumpiges Kurzschwert wirkte eher wie Pflaster auf einem offenen, blutenden Knochenbruch... Sei's drum. Das selbstgefällige Grinsen des Geldhais ignorierend, machte er sich also schnellstmöglich auf dem Weg zurück zur Mauer. Es war Eile geboten, denn was brachte noch mehr Geld als Ausrüstung eines gesuchten Schwerverbrechers abzuluchsen? Genau, wenn man den Paladinen dann noch steckt, wo dieser Kerl war und man einen Teil des Kopfgelds für Hinweise kassierte.
Kurze Zeit später war Trilo dann auch endlich auf der Mauer, Freiheit in Sicht. Bis der Boden verdammt schnell näher kam. Klar, er wusste, wie man sich abrollt und generell den Fall abfederte, aber das half nicht viel bei der Höhe. Das unsanfte Erinnern wie schnell Luft aus seiner Lunge gepresst werden konnte, gab dem Ketzer einen kurzen Einblick in die Realität des Älterwerdens. Die Entscheidung einfach kurz liegen zu bleiben, fiel ihm leicht. Nicht, dass man es wirklich eine willentliche Entscheidung nennen konnte. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich zur Seite rollend langsam wieder erhob und seinen ersten neuen Anlaufpunkt in Angriff nahm: Akil's Hof.
Zwei volle Jahre hatte er damit zugebracht diesen überglorifizierten Ort zu erreichen. Zwei Jahre Jagd nach einem Gespenst. Ein Gespenst, dass selbst die geballte myrtanische Armee und Flotte wohl seit über einem Jahrzehnt nicht schaffte zu packen zu kriegen. War sein Vater solch ein besonderer Mann? Oder die heilige Armee des Lichts vielleicht einfach nur unfähig? Das Leben würde Nareth die Antwort wohl ewig schuldig bleiben. Nichtsdestotrotz war er angekommen in Khorinis, Inselstolz des Reiches. Der Jüngling hatte an Bord des Handelsschiffes schon einiges gehört was der Hafenstadt bereits schon alles wieder fahren war. Und ja, die Stadt machte den Anschein als wäre das wuselige Treiben eher ein störrischer Kraftakt. Wie eine Sau, die schon längst wegen Blutverlust nach der Jagd umgekippt sein müsste, aber dennoch seine Seele dafür geben würde seinen Peiniger mit in den Tod zu nehmen. Ein letzter Aufschrei vor dem Ende. Doch genug der trübseligen Gedanken. Er musste nun erstmal eine Unterkunft finden, am Besten sogar so etwas wie eine Arbeit. Immerhin würde die Stadt wohl für eine ganze Weile seine Basis zur Informationsbeschaffung darstellen. An Arbeit scheint es ja nicht zu mangeln...
"Hey du, ich bin gerade angelandet. Wo kann man denn hier halbwegs vernünftig unterkommen? Und an wen muss ich mich wenden für schmales Gold gegen schmale Arbeit?"
DraconiZ
14.10.2025, 22:51
Schritte. Die Tür ging knarzend auf und lies ihr Alter verlauten. Nur notdürftig verbessert, nicht neu gezimmert. »Herr?«, fragte einer von Hagens Männern. DraconiZ hätte ihn gescholten wäre es einer seiner gewesen. Zu viel Aufregung zu viel Angst. Die Unerfahrenheit sprach aus ihm. »Was gibt es?«, fragte er ungehalten, steckte Valien in die Scheide am Rücken und streckte sich. Damit waren seine Übungen wohl vorerst unterbrochen. Nun im Prinzip waren auch die Übungen nur der Langeweile geschuldet, aber sei es drum. »Der Ketzer wurde gesichtet Herr. Der Ketzer!«, sprang es wie eine Natter aus seinem Mund. »Aha der Ketzer«, meinte der Streiter kopfschüttelnd. So wie seine magischen Ordensbrüder mit dem Gesetz umgingen gab es daran ja nun wirklich keinen Mangel. Manchmal dachte er schon daran, dass wirkliche Kleinigkeiten dafür ausreichten als Ketzer zu gelten. Er seufzte. »Nenn seinen Namen«, forderte der Klingenmeister barsch, als der Gardist keine Anstalten machte weiter zu sprechen. »Trilo Pyrotas ya Torese Herr!«. Der Paladin hielt inne und schaute ihn dann aufmerksam an. Seine Langeweile und seine nervliche Anspannung waren mit einem Male verschwunden. »Wo ist er?«, fragte DraconiZ. »Er kommt scheinbar direkt auf uns zu. Soll ich Truppen schicken? Er muss ergriffen werden! Er wird auf königlichen Befehl gesucht Herr! Wir sollten ein Dutzend Männer schicken. Erm vielleicht mehr. Wenn die Geschichten wahr sind oder nur ein Teil davon, dann dann...«. Der Streiter klopfte dem Gardisten auf die Schulter. »Ich kümmere mich selbst darum. Macht dir keine Sorgen«. Er hatte nicht ganz unrecht. Zu seinen Hochzeiten war Trilo ein mächtiger Kämpfer gewesen der Magie und Waffen gleichermaßen ins Feld ziehen konnte. Er hatte sich auch vor anderen großen Kriegern wie Ferox und Drakk nicht verstecken müssen.
Als er ihn sah, sah er ihm die Zeit an die seit ihrer letzten Begegnung vergangen war. Als sie sich das letzte Mal in Bakaresh begegnet waren, hatten sie gegeneinander gekämpft und war keiner als Sieger hervorgegangen. Stattdessen hatten sie die Arena verwüstet. Die Nachwirkungen davon hatten dazu geführt, dass er den Paladinen nicht hatte standhalten können, als sie Bakaresh erobert hatten, weil er immer noch verwundetet gewesen war. Nun seine Form war sicherlich zu unbedeutend, als dass er die Geschichte hätte umschreiben können. Außerdem war es gut so wie es letztendlich gekommen war.
»Gut dich zu sehen… Trilo«, meinte er und trat aus den Schatten und stellte sich ihm mehr oder minder in den Weg. Er war es. Sein alter Waffenbruder. Sein Lehrer. Daran bestand kein Zweifel. »Was treibt dich in diesen Teil der Welt? Läufst du wohin oder davon?«. Er wollte wirklich wissen wie es um ihn bestellt war. Natürlich konnte sein Auftauchen Ärger bedeuten. Doch wo er keinen Raum lies, konnte er auch keine Gewinne erzielen.
Was zur Hölle? Draco? Es reichte ja noch nicht, dass Trilo völlig perplex darüber war, dass ein schnöder Hofe wie Akil's plötzlich Palisaden bekam, nein es musste auch noch einer derjenige auftauchen, mit den Trilo so etwas wie eine wahre Freundschaft durch Leid hatte.
"Draco? Ehrlich man, von allen möglichen Leuten hätte ich mir dir am wenigsten hier gerechnet."
Ein Pfeifen entwich dem Munde des ehemaligen Hexers. Staunen, Unglauben und eine gehörige Portion Vorsicht machten sich in seiner Gedankenwelt breit.
"Zu deiner Frage... so wie immer, ein bisschen von beidem. Und doch irgendwie auch nichts davon. Flucht vor den Innos-... vor euch Innosfanatikern und auf der Suche nach dem Platz in dieser Welt der zu mir passt. Also quasi Suche und Abkehr von Schicksal. Was auch immer... Warum zum Henker trägst du Ordensklamotten? Ich mein, das wieso dafür ist klar... du bist wieder im Spiel. Wieso sonst sollte der Knilch eben Bericht erstatten und dann tauchst du auf? Aber dennoch... wieso? Und wie? Warst du nicht die heiße Nummer der Varant-Assassinen? Scheiße man, ich hab so viele Fragen, aber ich denke das beruft auf Gegenseitigkeit."
Er holte einmal tief Luft und seufzte dann.
"Okay, wie machen wir es? Wirst du mich versuchen fest zu nehmen, alles eskaliert mal wieder und am Ende gibt es nur wieder sinnlos Verletzte, oder sogar noch schlimmer: Tote? Wie wär es mit einem Schwätzchen bei 'nem Bier? Der alten Zeiten willen..."
Zwar wollte ihn direkt der erste, okay auch der zweite, Kerl über's Ohr hauen und zu einer schäbigen Hafenkneipe "einladen", aber nach einer Weile hatte Nareth dann doch noch eine vernünftige Taverne finden können. Witzerweise direkt gegenüber der Kaserne, welche auf Hochtouren lief. Er hatte Geschichten über den Paladinorden gehört und dass es nur wenige von Ihnen gab. Wieso zur Hölle rannten hier dann gleich so viele in kostspieligen Metallrüstungen rum? Die Steuern in Khorinis mussten erdrückend sein.
Arme Schweine... hm, Schwein wäre jetzt lecker. Mal sehen wie viel... warte. Das Schwert kenn ich doch!
Er machte einen Satz nach vorn, rempelte direkt mehrere Bürger an und stürzte dann zu einem Händler hinter einem Marktstand.
"Hey! Woher hast du... Moment, entschuldigen Sie. Wo bleiben meine Manieren..."
"Ja, ganz genau. Hol erstmal Luft und sag dann was du willst. Ein gutes, neues Messer? Oder vielleicht-"
"Schwert."
"Was? Schwert?"
"Ja. Argh... verzeiht, ich stehe etwas neben mir. Das Schwert, dass dort hinten aus der Kisten heraus ragt. Ich kenne dieses Schwert. Es gehört meinem... einem guten Freund. Sowas wie mein... Mentor."
"Junge, ich weiß nicht was du hier genau bezweckst aber ich verkaufe meine eigenen Sachen sicher nicht einem daher gelaufenen, ungezogen Rotzbengel."
"Oh! Nein, ihr missversteht mich. Ich will das Ding gar nicht kaufen. Um Himmels willen, schmelzt es ein, wenn es nach mir ginge. Wenn ihr wüsstet, wem das gehört würdet ihr das vermutlich sogar wirklich tun. Nein... ich suche den vorherigen Besitzer der Waffe. Sie gesagt, mein Mentor."
"Aha... und wer ist dieser ominöse Mentor? Lasst mich raten: dein Großvater und ehemaliger Ritter, stimmts?"
Nareth schob dem Mann einen der Steckbriefe Trilos zu.
"Achtet auf die linke Hälfte des Bilds, der Schwertknauf ist zu sehen und nun vergleicht das mit eurem Schwert."
"Bei Innos! Aber das... aber das ist-"
"Ganz Recht. Und ja, das mit dem Mentor war gelogen. Sagt ihr mir jetzt doch einfach wo ihr das Teil her habt. Oder soll ich die Gardisten bitten heraus zu finden wieso ihr das Hauptschwert von dem hier-" Er tippte noch einmal auf den zusammen gerollten Steckbrief. "zufällig in eurer privaten Kiste habt? Sagt es mir einfach und ich bin wieder weg. Ohne Stress mit Miliz, Gardisten... oder in dem Fall sogar eher dem Orden."
DraconiZ
15.10.2025, 09:57
»Dich hier einfach vor den Toren aufzuknöpfen wo wir uns doch gerade erst wiedergesehen haben wäre doch wirklich eine Schande«, meinte DraconiZ und wandte seine Hand einladend in Richtung Hof. »Die Köpfe einschlagen können wir uns später immer noch«. Der Paladin lachte. Als sie an den Gardisten und den Assassinen, die er mitgebracht hatte, vorbei gingen spürte er quasi die Missbilligung. Es war als könnte er sie direkt greifen. Das Unbehagen war so fest in ihren Gesichtern verwurzelt, dass er sich fragte ob er nicht einen großen Fehler machte Trilo hier mit hinzunehmen. Doch dann verwarf er den Gedanken. Sie hatten sich lange nicht gesehen und das Band was sie teilten wollte zunächst gewürdigt werden. Danach war immer noch Zeit sich darüber auszutauschen was als nächstes geschehen musste.
»Setz dich doch«, meinte der Streiter als sie in der guten Stube angekommen waren und er die anderen Menschen verscheucht hatte. Er stellte Getränke auf den Tisch und lies sich dann auf einen der Schemel nieder. Es war hier wahrlich nicht prächtig und doch funktional genug, dass man es gut aushalten konnte. Also genau richtig für die Situation in der sie sich befanden. Der Klingenmeister stellte sicher, dass sie sonst keiner belauschte. »Viel ist passiert ja. Wie du vielleicht mitbekommen hast wurden die Assassinen des alten Bundes aus Bakaresh besiegt und zerschlagen. Mich hat Ulrich in ein dunkles Verlies in Thorniara geworfen, wo ich einige Zeit ausharrte. Ich konnte ihm nach unserem Kampf nicht viel entgegen setzen«. Er grinste und zollte damit seinem alten Waffenbruder Tribut. »Dann nutzte ich die Schattenmimik um zu entkommen und versank in Dunkelheit. Ich hatte gedacht, dass ich nur kurz dort sein würde zu entkommen, doch Beliar lies mich dort versauern. Über 10 Jahre lang war ich in diesem Zwischenzustand gefangen«. Er schauderte als er daran dachte und daran, dass es ihn einst wieder erwarten könnte. »Ein Licht brachte mich zurück und versprach neue Hoffnung«. Er trommelte mit der Hand auf dem Tisch. Das hörte sich genau so irre an wie es war, doch besser konnte er es nicht ausdrücken. »Es war wieder Ulrich dem ich bald begegnete und der mir half mich dem Orden wieder anzunähern. Ein schmerzhafter Prozess. Jetzt bin ich dabei mir wieder eine Rolle im großen Gefüge zu erarbeiten. Durch die Fürsprache von meinem Onkel Daelon vor dem König und durch den Einfluss von Françoise bekam ich die Chance dem Reich wieder zu dienen«. Er hielt kurz inne und schaute Trilo an. Dann öffnete er seine Hand und ein Licht erschien über ihr. Silbern glimmend. »Licht und Schatten sind immer noch in mir. Ich habe einen Weg gefunden beide zu vereinen und genau das scheint es zu sein, wozu das Schicksal mich treibt. Dem Leben, dem Reich und den Menschen zu dienen. Das ist was ich schon immer wollte und für das ich in der Vergangenheit zu radikale Wege eingeschlagen habe«. Er seufzte wieder. »Es ist nicht so einfach«, resümierte er. »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«.
Einen Moment wartete, dann wandte er sich an Trilo. »Wie ist es dir ergangen? Wie kommt es, dass eine so hohe Belohnung auf deinen Kopf ausgesetzt ist? Deinen Hintern vor Hagen zu zerren würde mir ein gutes Stück Vergebung einbringen«, meinte er lachend.
Es war eine absurde Geschichte. DraconiZ war anfangs ein Streiter Innos, wie auch Trilo einst, wandte sich dann jedoch ab und wurde Teil des Waffenarms der Kastellmagier in Varant. Assassinen. Und Draco war soweit geklettert, dass er das Oberhaupt dieser Beliarkrieger war, quasi ein Paladin der Dunkelheit. Zu hören, dass Beliar ihn fallen ließ und dann auch noch ausgerechnet Innos ihn wieder aufpäppelte, war harter Tobak, den es erst mal zu verarbeiten galt.
"Vergebung, huh? Nun, da kann ich eventuell weiter helfen. Ich hab nach gewissen Möglichkeiten gesucht und je mehr ich darüber nach denke, desto perfekter bist du für genau diesen Job. Aber dazu später mehr.
Wie es mir erging? Dreckig natürlich. Du erinnerst dich doch sicherlich noch an meine Beisetzung im Hafen, hier in Khorinis? Wie du weißt hat mich der Tod nicht gehalten. Von daher: oh ja, ich verstehe genau was du mit dem Versauern in der Finsternis meinst. Vermutlich versteht dich da keiner so gut wie ich es tue..."
Sein Blick wurde hart und fokussierte einen Punkt in der Ferne. So fern, es war nicht mal diese Sphäre, die er vor Augen hatte. Nein. Unvorstellbares Grauen und fleischgewordene Alpträume, Umstände, die die Seele korrumpieren und einen verwandeln. Je mehr man sich wehrte, desto heftiger überkam einen der Fluch der Transformation. Dämonen entstanden so. Durch Transformation von starken Seelen, und es war egal wie stark sie war. Lediglich eine Frage des wann und nicht ob.
"Nach Bakaresh hatte ich mich versucht in Braga sesshaft zu machen. Hab mich dabei mit Zuben angelegt. Aber auch mit Myrtana an der Grenze. Als dann die Auseinandersetzungen zwischen dem Ring des Wassers und der schwarzen Hand immer mehr eskalierten, bin ich dann untergetaucht. Hab mich zeitweise in der Silberseeburg, teilweise im Weißaugengebirge eingenistet. Bis ich wieder aufgescheucht wurde. So ging das dann immer weiter... selbst bis nach Drakia und Gorthar, nirgends kam ich je zur Ruhe. Und wieso ich gejagd werde vom Orden Innos weißt du... nachdem mich Hirni im Kastell wiederbe-... sagen wir wie es ist: als er mich beschworen hatte, war ich mitten in der Transformation zu einem Dämon. Ein teil meinerselbst hatte sich abgespalten zu einem Seelendämon, den ich nun endlich wieder los geworden bin. Frag besser nicht wie... aber an sich bin ich nun mal von den Toten wieder auferstanden. Mit Dämon im Anhang. Willkommen in der Anklage der Häresie. Und Ketzerei wurde mir ja schon immer vorgeworfen, sogar als ich selbst noch im Ritterorden war, weil ich immer wieder darauf hingewiesen habe, dass es Blödsinn ist alles nur von einer Seite zu sehen, in diesem Fall von Innos' Sparte ausgehend. Umso absurder das Ganze, wenn man bedenkt, dass viele Jahre lang Ferox den Paladinorden als Großmeister leitete obwohl der bekennender Adanosgläubiger war. Allein die Idee, dass der oberster Richter und Schwertarm Innos eigentlich Adanos dient... aber das untermauerte halt auch immer meine These:
Betrachte alles von allen Seiten aus, wenn dein Glaube wahrhaft der Richtige ist, dann wird dieser gewiss auch nach allen Blickwinkeln und Überlegungen stets als derjenige triumphieren, der nunmal der Beste weg ist.
Wenn Innos' Weg logisch, emotional, gesellschaftlich oder sonstwas für eine Situation nicht der geeignetste Weg ist, wieso zur Hölle sollte ich den Weg dann gehen? Das Leib und Wohl anderer riskieren nur um "Recht" zu haben? Schwachsinn. Du und Uncle-Bin ward immer Männer des Volkes, du verstehst meinen Denkansatz."
Ein tiefer Seufzer beendet diese Tirade von Gotteslästerung. Trilo war sich vollkommen im Klaren, dass er so etwas nur gegenüber DraconiZ offen sagen konnte, zumindest hoffte er das. Jeder Andere hätte ihn vermutlich schon mittendrin versucht im Namen des Lichtgottes zu richten.
"Jedenfalls hab ich mich mit Gotteskindern angelegt, zum Beispiel den Leviathan, ein wahres Kind Adanos, zusammen mit dem Templer Gor Na Jan erlegt. Ähnlich lief es mit dem Phoenix als Innos' Kind wobei mir Golembauer halfen und dem Schattendrachen als Beliar's Nachkomme den eine Expedition in Gorthar unschädlich machte. Letzteres war ein Trupp von fast 500 Leuten von denen nur 7 überlebten. Und wozu? Weil ich deren Essenz brauchte für ein anderes Ritual um die finale Pforte Beliars zu schließen. Das sind direkte Tore von dieser Welt in das Reich Beliars, bewacht und als Domizil genutzt von Erzdämonen. Nach dem Schließen all dieser Tore sollte es für eine verdammt lange Zeit keine neuen Drachen, Besessenheiten oder Zwischenspähren wie bei der Dunkelheit mehr geben. Meine Methoden mögen extrem und völlig irrwitzig sein, aber es ist effektiv. Zumal die Götterkinder eh nicht vollständig ausradiert werden können. Der Leviathan wird sich neu formen solang es Wasser in den Ozeanen gibt, der Phoenix aus Asche neu erstehen solang die Sonne jeden Morgen aufgeht und der Schattendrachen sich neu formen solang es Angst in dieser Welt gibt."
DraconiZ
15.10.2025, 13:16
»Wird zumindest nicht langweilig hmm?«, fragte der Weißhaarige und grinste. Trilos Geschichte war wirklich aberwitzig. Zu erstaunlich und zu aufgebauscht als dass es wirklich passiert sein konnte sollte man meinen. Doch er wusste genau, dass der Mann vor ihm kein Aufschneider war. Er hatte sich mehr denn einmal mit dem Schicksal und den Göttern selbst angelegt und lebte immer noch. Er sah müde aus. Vielleicht auch gebrochen. Doch noch stand er und die Geschichten seiner Vergangenheit waren ihm ins Gesicht gebrannt. Eine lebende Legende.
»Ich erinnere mich gerne an Uncle zurück und ich verstehe was du meinst. Ein wirklicher Freund. Jemand der wirklich authentisch war und sich immer für das gute eingesetzt hat. Einer der sich nicht verstellt hat und immer zu seinen Idealen gestanden hat. Ein Teufelskerl für wahr!«. Er dachte einen Moment nach. Ja es wäre schön Lord Uncle-Bin irgendwann wiederzutreffen. »Ferox war wirklich ein Thema für sich. Ein strenger Lehrer und ein moralisches Vorbild. Mehr als viele die jetzt gerade das Ruder im Blick haben. Eine Schande, dass auch er verschwunden ist. Vielleicht machen sie es richtig. Leben ein einfaches und erfülltes Leben irgendwo am Rande des Reiches und genießen ihren Lebensabend«. Er seufzte tief. »Etwas das Menschen wie uns wohl nie vergönnt sein wird nicht wahr? Wir die an allem zweifeln, die immer versuchen einen Weg zu finden oder einen zu bahnen wenn es sein muss. Die ihre Ideale mit Feuer und Blut verteidigen und tun, was sich viele nicht trauen. Die wissen, dass das Schicksal nicht vorbestimmt ist, sondern denen gehört die es ergreifen.« Er schaute den Schwertmeister an der vor ihm saß. »Es gibt im Reich nicht nur diejenigen die aus einer Richtung denken. Es gibt Platz für uns. Wenn du es möchtest zeige ich dir einen Weg. Wenn der Verräter von Khorinis einen Weg zurückfindet, dann kannst du es auch. Das Reich ist groß und der Aufgaben sind viele. Die Organisation meines Onkels tut was getan werden muss und denkt an Menschen und Reich und erst dann an den Gott des Lichts und des Feuers. Er und wir könnten sicherlich davon profitieren, wenn du deine Fähigkeiten mit uns teilst«. Die Chancen waren klein, dass ya Torese darauf eingehen würde. Doch er fand, dass es schuldig war es zumindest auszusprechen. »Ich sehe es natürlich genauso wie du. Wenn man ein Reich dieser Größe halten will, reicht ein Blickwinkel nicht. Es wird den Menschen und der Verantwortung nicht gerecht. Wie du siehst habe ich Assassinen mitgebracht. Es muss Offenheit herrschen oder es wird wieder im Krieg enden«. Er lies einen Moment verstreichen.
»Was weißt du noch von der schwarzen Hand und dem Ring des Wassers? Befinden sie sich noch immer im Krieg?«, fragte er unverhohlen opportun. Schließlich konnte das Wissen ihm in Zukunft weiterhelfen. »Und was führst du jetzt wieder im Schilde?«, fragte er lachend auf Trilo’s Bemerkung hin, dass er noch eine Idee für Vergebung hätte. Natürlich hatte er den Köder geschluckt.
Er musste lachen. Ein seltsames Gefühl, immerhin konnte sich Trilo nicht erinnern, wann er das letzte Mal wirklich authentisch gelacht hatte. Ein schönes Gefühl.
"Nah, ich glaube nicht, dass Uncle oder Ferox irgendwo Cocktail schlürfend und Eier schaukelnd Ihren Lebensabend verbringen. Uncle ist dafür zu sehr Gutmensch und wäre egal wo er ist bis über beide Ohren in irgendwelchen Bürgerprojekten verwickelt. Und ja, selbst wenn er am Arsch der Welt leben würde, er würde Leute finden, denen er helfen will und wird. Ferox hingegen... naja, der eckt zu sehr an, als dass der mal wirklich Ruhe für sich finden könnte. Er hatte als Statthalter von Khorinis doch einen Traumjob zum Entspannen, aber nein..."
Er musterte kurz seine Gegenüber, denn er musste abwiegen wie viel er sagen konnte. Bis sich der ehemalige Hexer dazu entschloss auf Vorsicht zu scheißen. An diesem Punkt seines Lebens war es auch egal.
"Der Ring hat gewonnen. Du und ich sind die letzten lebenden Mitglieder der schwarzen Hand. Wobei es fraglich ist wie sehr man da von aktiv reden kann. Ich habe schon ewig nichts in der Richtung gemacht und du? Sieh dich an man. Als ob! Nein, Vastator, der treibende Kopf hinter der Hand, ein abtrünniger Dämon, wurde vom Ring besiegt und versiegelt. So oder so ähnlich zumindest. Ich war nicht dabei und finde es auch nicht schade, dass ich nicht da war."
Nun war es wohl an der zeit zum eigentlichen Thema zu kommen... schade eigentlich, denn Trilo genoss das Lamentieren mit seinem alten Freund.
"Ich führe gar nichts im Schilde. Nicht so wirklich zumindest. Wusstest du, oder der Orden an sich, dass ich mehrere Kinder habe? Drei um genau zu sein. Eine davon müsste sogar halbwegs publik gewesen sein. Ihr Name war Valeria, oder kurz Val. Sie hat sich wohl der Miliz in Vengard angeschlossen um Feuermagierin zu werden, weil sie mich für Ihr Elend verantwortlich macht. Sie will mich umbringen. Aber vermutlich ist sie tot, immerhin habe ich seit Jahren nichts mehr von ihr gehört. Dann haben wir das Aylenia, komischer Name, ich weiß. Die ist friedfertig und lebt mit ihrer Mutter im Norden der Insel hier irgendwo. Das sind so komplette Aussteiger, eine freie Kommune, wie sie sich selbst bezeichnen. Die will schlicht nichts mit mir zu tun haben. Und zu guter Letzt haben wir da Nareth. Der Junge ist... speziell. Und der Einzige, bei dem ich eingestehen muss, versagt zu haben. Seine Mutter war eine angesehen Schankfrau in Drakia, hab dort in der Nähe auch bis vor zwei Jahren etwa gelebt. An Nareths 14. Geburtstag bin ich persönlich mal in die Stadt, wollte ihm sein Geschenk persönlich geben, aber es brach mal wieder die Hölle los. Seine Mutter wurde von Bolzen durchlöchert, weil die Gardisten mich erwischen wollten, jedoch einfach zu dumm zum Zielen waren. Ich habe die Frau geliebt... jedenfalls ist Nareth auf der Suche nach mir. Es ist schwer mich ausfindig zu machen, das weiß kaum einer so gut wie Ihr Ordensheinis, aber der Junge? 2 Jahre lang ist der mir nun auf den Fersen. Und er hat mich eingeholt. Er ist gestern oder so in Khorinis aufgetaucht. Schlaues Bürschchen, eiserner Wille und gute Auffassungsgabe. Bisschen sehr deprimierend manchmal, also keiner mit dem man was Trinken geht um Spaß zu haben. Der Witz ist... mein Sohn will mich nicht töten oder sowas. Der will Antworten. Antworten auf Fragen, die ich wahrlich nicht beantworten kann."
Er leerte den Becher, den Draco ihm gegeben hatte.
"Hier ist meine Idee: Kümmer dich um meinen Sohn, nimm ihn unter deine Fittiche. Und dafür kriegst du... mich. Ja, ich werde mich stellen, du wirst der geile Kerl, der ya Pyrotas gefangen hat. Sollte dir ne Menge Pluspunkte bringen. Ich kann auch gern schauspielern und mich wehren und so. Aber ja, mein Scheißleben im Tausch gegen ein Besseres für meinen Sohn.
Kommen wir ins Geschäft, alter Freund?"
DraconiZ
15.10.2025, 22:24
Der Streiter grinste, als er Trilos Worten folgte, und stellte sich vor, wie Uncle nur wenige Tage damit verbringen konnte, sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen und dann alsbald wieder etwas Gutes tun musste. Es stimmte: Ruhe war für Ferox und Uncle nicht vorgesehen. Der strenge Blick des ehemaligen Statthalters und späteren Großmeisters war auch nicht dafür geschaffen, Entspannung auszustrahlen. Bei den Ausführungen über die Schwarze Hand musste er eingestehen, dass er selbst vergessen hatte, dass er mal dazugehörte. Wie passend, dass ihre letzten beiden Mitglieder sich nun doch wiedergefunden hatten. Vielleicht wäre es eines Tages angemessen, die Organisation wieder zu nutzen — für die Interessen des Reiches, versteht sich.
Der Klingenmeister hörte sehr aufmerksam zu, als Trilo von seiner Familie und schließlich von seinem Vermächtnis erzählte. »Wusste gar nicht, dass du so ein aktives Liebesleben hattest«, meinte er grinsend. Dann wurde er ernst. Das Angebot des ehemaligen Adjutanten und Hexers sollte gut überdacht sein. Er stand auf und blickte aus einem der Fenster. Mit den Ressourcen von Daelon könnte er sicherlich einiges für den jungen Nareth bewegen, und natürlich könnte er ihm auch viel Erfahrung mitgeben. Er trommelte auf dem Fenstersims, drehte sich um und sah seinen alten Freund noch einmal genau an. »Immer für eine Überraschung gut«, sagte er und lachte. »Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.«
Der Paladin fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar und kratzte sich am Kopf. Er schaute prüfend. Trilo meinte es augenscheinlich todernst. Sein Gegenüber war für Chaos und Zerstörung bekannt, aber nicht dafür, ein falsches Spiel zu spielen.
»Gut. Zunächst zu Nareth: Mit Hilfe meines Onkels und seiner Ressourcen können wir ihm sicherlich helfen. Sofern er sich helfen lässt, heißt das. Er ist schließlich dein Sohn«, meinte er nach einer ganzen Weile grinsend. Wenn er nur ein bisschen nach seinem Vater käme, würde er bald seinen eigenen Kopf entwickeln und irgendetwas Unvorhersehbares tun. Sagte man nicht, dass Temperament vererbbar sei? »Ich gebe dir mein Wort, dass ich tun werde, was in meiner Macht steht, damit es ihm nicht schlecht ergeht. Antworten gebe ich ihm, sofern ich sie denn habe. Wenn er von mir die Zugänge zu den Pforten Beliars haben möchte, muss ich passen.« Er grinste wieder. »Du hingegen wirst vor Hagen geschleift und theatralisch inhaftiert, während sich für mich die Wogen weiter glätten. Sie werden dich nach Vengard bringen und in eine Zelle sperren, in die niemals Sonnenlicht fallen wird. Ich werde sie überzeugen, dass der Tod für dich eine Wohltat wäre, und sie davon abbringen.« Er trommelte erneut auf die Fensterbank. »Wenn jeder überzeugt ist, dass das Unheil, das von dir ausgeht, vergangen ist, kommen wir wieder auf dich zu. Dann wirst du deine Schuld im Namen des Reiches abtragen. Es gibt immer wieder Missionen, für die man Leute wie dich benötigt. In einem dunklen Verlies nützt du uns dauerhaft nichts. Dein Talent — oder wie auch immer man es nennt — soll ja nicht verschwendet werden. Dann hättest du möglicherweise auch irgendwann die Möglichkeit, Nareth gegenüberzutreten, wenn du das denn willst.«
Er dachte an sich selbst und an Saraliel, die eine tiefe Bindung an ihren Vater gehabt hatte. Wenn er derjenige gewesen wäre, der seinen Vater ans Messer lieferte, wie sollte er jemals eine gute Beziehung zu Nareth aufbauen, wenn es keinen Ausweg gab? Zudem behagte es ihm nicht, dass es keine Möglichkeit geben sollte. Wenn es eine für ihn selbst gab, dann gab es die für Trilo auch.
Wieder musterte er Trilo. »Haben wir eine Abmachung?«
„Als ob mich der Tod jemals abgehalten hätte. Mich hinrichten zu wollen, wäre mit Pech nur ein Beweis für die Unfähigkeit Innos', wenn ich wieder komme. Stell dir vor: Francoise richtet mich hin, in heiligem Feuer. Und paar Wochen später tauch ich wieder irgendwo auf. Was wäre das wohl für ein Bild? Was würden die Leute vom Orden und Bund halten, wenn dir nicht mal einen einzelnen, alten, bereits inhaftierten Mann mit der Hilfe Innos schafften zu töten?“
Wieder dieses seltsame Lachen in seinem Gesicht. Er spürte Muskeln, von denen er nicht einmal wusste, dass sie noch existierten.
„Aber du hast mich vielleicht minimal falsch verstanden. Ich will nicht, dass Nareth ein gutes, einfaches Leben führt. Glaub mir, der Junge kommt teilweise nach mir, aber hat die Empathie seiner Mutter. Und das... wie soll ich sagen? Hm... ich bin sehr kopfig in meinem Vorgehen, oder aber schalte komplett auf Instinkt wie du weißt. Nichts dazwischen. Der Junge ist weit flexibler. Hat 'nen Händchen für Effizienz, während es mir nur nach Effektivität geht.
Worauf ich hinaus will: der Knirps braucht fundierte Entwicklung für Körper und Geist. Der ist so scheiße neugierig, dass sogar ich 'nen Anfall gekriegt hab. Bring ihn in die Miliz, oder besser in den Orden. Er hat nen Gespür für Magie, da bin ich mir sicher. Buch und Schwert, das wären seine Insignien. Verstehst du, was ich will? Er hat vielleicht dieselbe Basis an Talenten und Fähigkeiten wie ich, aber er soll um alles in der Welt nicht meinen Weg gehen. Ohne Leitung, werdet ihr es sonst auf Dauer mit einer ganzen Blutslinie meinesgleichen zu tun haben.“
Er nahm sich etwas von dem trockenen Brot auf dem Tisch.
„Bring Nareth in den Orden, meinetwegen direkt unter der Beobachtung Francoise‘, und ich werde willentlich mit dir kommen und kooperieren. Wie du dir denken kannst, bin ich ein Sammelsorium an Informationen. Und hey, ganz ehrlich? Als Pseudo-Ass im Ärmel für Myrtana zu agieren, das kann ich mir sogar vorstellen. Ich werde zwar niemals euren seltsamen Innosglauben annehmen, aber ich bin spezialisiert auf die Jagd von Magiewirkern, sei es menschlich oder Bestie.
Stell dir vor: Ich, allein in einer eigentlich gut möblierten Zelle in einem Turm Vengards, umgeben von Büchern, Kamin und Tasse Kaffee bei leckerem Kuchen. Und hin und wieder geh ich raus und eliminiere durchgeknallte Irre zum Schutz des Reiches. Könnt mir gefallen!“
Nun nahm sein lachen völlig überhand und überraschte sogar die draußen lauschenden Kadetten, Rekruten oder wie auch immer Draco seine Schützlinge nannte. Das kurze Poltern direkt hinter der Tür war schon etwas arg verräterisch.
„Achja: So wie ich Nareth kenne, wird er uns beide hier in spätestens 2 Tagen aufsuchen. Der Junge könnte nen besserer Kopfgeldjäger sein als ich es je war. Oder er kann das nur bei mir, keine Ahnung…“
„Pass gut auf dich auf, Kleiner. Und wenn irgendetwas ist, komm einfach zu uns zum Tor oder geh zu Akil’s Hof da oben. Da sind auch einige Leute von Lord Hagen.“
„Alles Klar! Vielen Dank nochmal!“
Irgendwie ging es gleichzeitig zu schnell als auch zu langsam die Spur Trilos in Khorinis aufzunehmen. Geldverleiher hatten wahrhaft einen seltsamen Kodex, wenn es um Ihre Kundschaft ging. Und trotzdem war Ehre und Regeln egal für sie, wenn es um schnödes Gold ging. Nareth hoffte nur, dass die Spur wirklich noch heiß war, denn ihm ist nun das Gold ausgegangen für weitere Nachforschungen, Bestechungen und Ähnlichem.
Laut der dicken Frau am Kochkessel ist Trilo über die Mauer aus der Stadt raus. Gemäß ihr kam er schnell hoch, rutschte wohl irgendwie weg und kam sogar noch schneller wieder runter. Mit einem dumpfen Aufprall auf der anderen Seite. Zu Nareth’s Glück gab es wohl nicht viele solcher Idioten, sodass die Frau sich lebhaft und schmunzelnd erinnerte. Nachdem er sich dann umgehört hatte, was es denn vor der Stadt gab, erkannte Nareth auch erst wieso die Stadt so voll war. Untote und anderes Beliargesocks hatten sich wohl im Umland breit gemacht, weshalb der Hof vor der Stadt sogar leicht befestigt wurde. Sicherlich mussten die irgendetwas gesehen haben. Vermutlich hatten sie den Hexer als Landstreicher abgetan, weil zu beschäftigt mit Palisadenbau.
Wollen wir mal sehen, ob der Hof taugt. Zur Not sollte es da eine Möglichkeit geben meinen Geldbeutel aufzufüllen…
DraconiZ
16.10.2025, 21:11
»Das wäre ganz furchtbar«, stimmte Draco zu als Trilo von seinem sehr wahrscheinlich misslungenen Ableben erzählte. »Da würde der Orden wirklich schlecht aussehen«, lachte er. Er nickte ernst als Trilo von Nareth und seinem weiteren Weg berichtete, den er sich für ihn wünschte. »Sei unbesorgt. Ich werde tun was in meiner Macht steht damit er einen positiveren Weg nimmt als wir. Was auch immer das im Endeffekt sein wird«. Der Klingenmeister hielt inne. »Es kann natürlich vieles passieren. Auch bei uns wurde wahrscheinlich lange Zeit gedacht, dass wir einen edlen und rechtschaffenen Weg beschreiten werden. Nunja das ist leider etwas dazwischen gekommen nicht?«. Er atmete schwer ein und aus. »Nun nichts desto trotz werde ich versuchen deinen Einfluss so gut es geht von ihm fernzuhalten. Auch wenn es etwas ironisch ist, dass du ihn in dem Falle gerade zu mir schickst. Vielleicht ist die Idee ihn zwischenzeitlich an die oberste Feuermagierin zu vermitteln doch sehr passend«. Er dachte einen Moment nach. »Oder an meinen Bruder. Er ist da vielleicht von seiner Historie auch besser aufgestellt. Will sagen: Ich werde mein Bestes tun«. Es klopfte an der Tür, noch bevor Draco etwas anderes sagen konnte.
»Sie haben ihn schon gesichtet. Deinen Sprössling«, meinte er zu seinem alten Waffenbruder, als er mit dem Assassinen gesprochen hatte, der an die Tür geklopft hatte. »Er ist hier ganz in der Nähe« Der Paladin schaute den Hexer an. »Ich weiß nicht wie du zu ihm stehst und ob du noch auf eine Begegnung großen Wert legst. Ich denke du wirst dich entscheiden müssen, ob du das willst«. Der Streiter ging in eine Ecke des Raumes und legte dann dicke Eisenketten auf den Tisch. »Stehen dir bestimmt ganz hervorragend«, meinte er und deutete auf das Eisen. Er machte so etwas wie eine einladende Geste. »Also was soll es sein?«
Er ist also wirklich hier. Ich hab ihn eingeholt…
Es dauerte wahrlich nicht lang bis Nareth den besagten Hof gefunden hatte. Die nicht mehr so ganz provisorischen Palisaden waren auch tendenziell schwer zu übersehen. Wenig verwunderlich war daher auch, dass Milizionäre ihn direkt abfingen als er auf den Hof zu ging.
„Hey mein Junge, sofern es gerade nicht um Leben oder Tod geht, solltest du das Haupthaus erstmal meiden. Anderenfalls könnte es sonst doch noch um Leben oder Tod gehen. Für dich…“
„Ganz ruhig. Ich will keinen Ärger. Glaub ich. Könnt ihr mir ein Frage beantworten?“
„Sicherlich. Worum geht es?“
„Ich will mit meinem Vater sprechen. Seit zwei Jahren renn ich dem Kerl hinterher und nun hat es sich so ergeben, dass er hier ist. Ihr kennt ihn nur zu gut befürchte ich…“
„Sir Draconiz hat ein Kind?!“
„Wer? Draconiz? Ist das nicht der Name eines Assassinen aus Varant? Nein, ich meine Trilo. Trilo Pyrotas ya Torese.“
„Bitte was hast du gesagt?“
Nareth hatte sich bereits an solche Reaktionen gewöhnt im Laufe der letzten Jahre. Ein bisschen wie die Phasen der Trauer. Erst Leugnen und nicht wahrhaben wollen. Dann der Zorn, weil sie denken man will sie verarschen. Anschließend Verhandeln, dass Nareth sich verziehen soll und man vergesse das ganze Gespräch. Was zu den Depressionen führt weil Gardisten an den Papierkram, Aufwand und generellen Ärger dachten, den der Name Trilo wohl so magisch anzog. Und zu guter Letzt: Akzeptanz. Aber auch nur, wenn er wie auch jetzt den Generalsring seines Vaters als Beweis zeigte. Staunen und Raunen. Und wie immer wurde Nareth prophylaktisch erstmal festgenommen, während ein anderer Gardist jemanden informierte, der mehr zu sagen hatte. Kurze zeit später kam der Gardist dann auch wieder. Zusammen mit zwei weiteren Leuten, welche gänzlich anders gekleidet waren. Eine willkommene Abwechslung war hierbei, dass es sich um zwei Frauen handelte, welche zudem auch eine deutlich andere Aura ausstrahlten. Auch wenn Nareth sicherlich hin und wieder mal die Klappe aufreißen würde gegenüber Miliz und dergleichen, so hatte er kein gutes Gefühl dies bei den beiden Kämpferinnen auch nur zu erdenken.
„Mitkommen.“
„Vier Leute für mich? Ich glaube nicht, dass…“
„Sei still. Das dient eher dem Schutz. Deinem und unserem.“
Er wurde zum Haupthaus geführt, die Tür geöffnet und da stand er auch schon. Trilo Pyrotas ya Torese. Es gab so viele Geschichten und Titel für diese Person, jedoch war ein bestimmter davon, der einzige Wichtig für Nareth.
„Hallo… Vater.“
„Ach komm schon Draco, sei nicht so. JA, ich lege Wert auf diese Begegnung. Er hat massenhaft Zeit und Mühe reingesteckt mich zu finden, und nun zu stellen. Der Knirps ist 16 und besser als der Orden in der Hinsicht.“
Er schaute auf die Ketten.
„Du Hund, das sind kaltgeschmiedete Eisenketten mit Bannrunen. Wieso zur Hölle hast du sowas hier? Und woher überhaupt? Ich dachte, die gibt es nur in Vengard… wenn ich die einmal anlege, war‘s das völlig. Uff…“
Die Tür ging auf und da stand er. Wenn man beide so im selben Raum sah, konnte man die Verwandtschaft tatsächlich auch erkennen. Beide hatten diese bernsteinfarbenen Augen voller Vorwürfe, beide hatten diese seltsame Art sich umzusehen und Nareth hatte sogar eine sehr dicke Strähne in derselben Aschefarbe wie sein Vater es auf dem Schädel hatte. Doch Trilo war deutlich härter in den Zügen, gezeichnet vom ewigen Kampf gegen Alles und Jeden, während Nareth eine fast schon naive Neugierde ausstrahlte.
„Hallo… Vater.“
„Hallo, Nareth.“
Hinter dem Jungen trat eine der Frauen hervor und stellte den Jungen so weit vor.
„Dies ist der angebliche Sohn des Mannes dort, demnach wohl Nareth Pyro-“
Im Kanon blökten sowohl Trilo als auch Nareth die Kriegerin an:
„Nicht Pyrotas ya Torese, sondern Sax!”
„Nicht Pyrotas ya Torese, sondern Sax!”
Es war Trilo, der direkt nachsetzte. noch bevor Nareth, wenn dieser auch schon wollte.
„Ja, er ist mein Sohn. Aber er trägt nicht unseren Clannamen. Er hat den Namen seiner Mutter, Serena Sax. Also heißt er Nareth Sax. Und bezüglich deiner Frage…“
Trilo legte den versteckten Dolch auf den Tisch, zog die Ärmel etwas hoch und hielt seinem alten Freund die freuen Hände hin. Eine Geste, die mehr sagte als alle Worte.
„Wir haben eine Abmachung. Wir wissen beide, dass ich die schlimmste Heimsuchung dieser Welt werde, wenn du diese brichst, aber ich vertraue dir. Also los, tun wir es. Für die Zukunft.“
DraconiZ
16.10.2025, 22:43
Einen Moment lang genoss Draco einfach nur den Moment in dem die beiden aufeinander trafen und wie sie sich taxierten. Sie waren ähnlich, doch nicht gleich. Trilos Feuer war in dem Jungen, doch es fraß ihn nicht auf. »Willkommen Nareth. Wir sprachen gerade über dich«, meinte der Assassine und durchdrang mit seinen Worten die Anspannung. Wie eine Sense die durch Korn fuhr. »Dein Vater und ich haben eine Abmachung«. Er schaute Trilo an und dann legte er seine Hände in Ketten. Es klickte. So als hätte das Schicksal sich einen Weg gebahnt. Er schluckte. Nun war er wohl der Mann, der Trilo gefangen nahm und das freiwillig. Wo so viele versagt hatten, hatte er ihn kampflos in Ketten gelegt. Einen Augenblick fragte er sich wirklich ob das hier wahr war oder ob irgendeine Macht ihm einen Streich spielte. Doch die Tatsachen blieben auf dem Tisch. Es blieb wie es war. »Eine Drohung ist nicht nötig alter Freund. Ich stehe zu meinem Wort«. Er klopfte ihm auf die Schulter.
»Alenya nimm zwei Assassinen mit. Wir bringen den Ketzer umgehend zu Hagen. Wir werden nicht viel Aufsehen erregen«. Die Angesprochene nickte und verschwand kurz danach wie ein flüchtiger Schatten. Nareth stand während der Szene ungerührt dort und beobachtete sie. »Du wirst uns begleiten Junge. Du wirst die Chance haben noch ein paar Worte mit deinem Vater zu wechseln und ich will, dass dein Ruf keinen Schaden nimmt. Es ist entscheidend für deine Zukunft, dass wir ganz deutlich darstellen, dass du zu keiner Zeit an irgendetwas beteiligt warst, was dein Vater getan hat. Wir werden es so darstellen, dass es nur ein ungünstiger Zufall ist, dass ihr verwandt seid«. Er schaute Trilo an. »Ohne dir zu Nahe zu treten«, sagte er mit einer Mischung aus Beschwichtigung und Spott. »Ansonsten mag ich dir kurz erklären, was hier vor sich gegangen ist: Trilo kam zu mir und bat mich dich unter meine Fittiche zu nehmen. Dafür hat er sich nun in Ketten legen lassen. Es wird sich herausstellen, ob du das irgendwann begrüßen kannst. Möglicherweise werdet ihr euch auch wiedersehen. Doch zunächst wandert dein Vater in ein dunkles Verlies«. Er winkte der anderen dunkel gekleideten Frau. »Abmarsch«. Je schneller es getan war desto besser.
Er konnte seinen Augen kaum trauen. Da hatte er endlich Trilo gefunden, um ihn zur Rede zu stellen, und dann was? Lässt der sich lieber gefangen nehmen und einkerkern, anstatt Stellung gegenüber seinem eigenen Fleisch und Blut zu beziehen. Der Jüngling schaute den Weißhaarigen an und es dauerte nicht lang bis er sich denken konnte, wer da vor ihm stand.
„Ihr müsst DraconiZ sein, richtig? Alles an euch ist genau wie mein Vater es beschrieb, abgesehen von dieser Spur von Hoffnung in euren Augen. Ich hatte mir euch immer wesentlich… verlorener vorgestellt.“
Er seufzte.
„Verzeiht, solche Worte stehen mir nicht zu. Es schmerzt nur etwas zu realisieren, dass der Mann, der mein Vater darstellt, sich lieber endgültig einsperren lässt, anstatt die Frage zu beantworten, die er nicht hören will.
Ich weiß nicht welche Art von Handel ihr habt, aber es muss alles andere als trivial sein, wenn er sich dafür ausliefert. Soweit mir bekannt ist, läuft er schon fast so lang vor dem Orden weg wie ich lebe. Dennoch… und das mag nun bockig erscheinen, scheibt es meinetwegen auf mein Alter, aber ich bin nicht gerade angetan davon Teil solch eines Handels zu sein. Ich bevorzuge es nicht wie ein Spielstein oder Ramsch verschachert zu werden. Könnt ihr mir auf dem Weg in die Stadt Details dazu geben? Aktuell bin ich vehement dagegen ihm irgendetwas zu verdanken, abseits dessen, was er mir bereits beibrachte, und aufgrund dessen, wofür er in meinem jetzigen, verkorksten Leben verantwortlich ist.“
Er beobachtete wie Trilo noch weitere Ketten an den Beinen, Hals und in Verbindung dieser angelegt wurden. Zudem hatte diese Alenya ihm seltsame Handschuhe abgezogen, die offenbar seine Finger spreizten und generell die Bewegung der Finger einschränkten. Abgerundet wurde das Ganze mit einem Knebel und Augenbinde. Und als wenn dies nicht genug wäre, wurde ein weiter Fuhrmannsmantel über ihn gelegt, dessen Kapuze dem ehemaligen Hexer tief ins esicht gezogen wurde. Ja, nun wirkte es in der Tat wie die Behandlung eines, wenn nicht des, meistgesuchten Mannes Myrtanas.
„Vater… wisse, dass ich dich nicht hasse oder leugne. Aber ich liebe oder ehre dich auch nicht. Ich betrachte dich schlicht gleichgültig. Dein Ring soll das Einzige sein, dass mich an dich erinnern wird. Leb Wohl Vater… leb Wohl, Trilo ya Torese.“
Die Worte schienen im Hexer extreme Wirkung zu zeigen, denn Nareth selbst war geschockt von dem sich ihm nach seinem Abschied offenbarenden Bildes. Ruckartig verlor der Hexer den Schneid in seiner Haltung und wirkte schlagartig Jahrzehnte gealtert. Tränen liefen unter der Augenbinde die Wangen des Kriminellen herab. Offenbar ging es diesem Draco ähnlich, denn beide schienen fassungslos, dass Trilo überhaupt weinen konnte.
DraconiZ
17.10.2025, 13:00
Sie nutzten den Schutz der Nacht um sich der Stadt zu nähern. Die Stimmung war noch immer gedrückt und angespannt. Draco behagte es nicht seinen alten Freund ans Messer zu liefern. Der Plan konnte funktionieren, doch es gab viele Variablen die dem entgegen standen. Jetzt kam es darauf an, dass sie das Spiel so spielen konnten wie sie es sich dachten. »Das ist für Daelon. Kündige ihm an, dass Trilo kommt«. Der Streiter drückte Alenya einen Brief in die Hand und sie verschwand daraufhin. Mochten die Winde ihn schnell zum Festland tragen.
»Nareth«, wandte sich der Weißhaarige an den jungen Mann, an den er sich bisher noch nicht so richtig gewandt hatte. »Du hast gesagt du siehst Hoffnung in meinen Augen«. Er musste Lächeln. Das hatte bisher noch Keiner so deutlich gesagt. »Da vorne ist deine. Wenn wir durch dieses Tor gehen und deinen Vater an die Paladine übergeben werden wir die Verbindung von euch Beiden so gut es geht aufklären. Dann bist du frei. Nun zumindest freier als vorher«. Er wartete einen Moment. »Dein Vater wollte, dass du ohne seinen Einfluss aufwachsen kannst und das kannst du dann. Zudem wollte er, dass du eine Ausbildung und einen Weg aufgezeigt bekommst den du gehen kannst. Die Möglichkeit biete ich dir. Ich bin Niemand der dich zu etwas zwingen wird. Willst du nicht mehr hineingehen?«. Er machte eine rhetorische Pause. »Gut. Dann nimm irgendein Schiff und jage wieder 2 Jahre Gespenstern hinterher. Ich schicke Jemanden, der schaut, dass du dich nicht in ernsthafte Schwierigkeiten bringst so wie versprochen.« Wieder eine Pause. »Du willst eine Weile bei mir bleiben? Schön. Ich beantworte deine Fragen und dann schauen wir weiter. Mein Schicksal ist meines und dein Schicksal deines. Du bist kein Spielstein und ich umgebe mich nicht mit Menschen die von mir abhängig sind. Alle die in meinen Diensten stehen können gehen, wenn sie das wünschen. Ich will Menschen um mich haben die meine Werte und meinen Ansatz teilen«. Er schaute ihm tief in die Augen. »Jetzt gehen wir in die Stadt und stellen alles gerade. Dann kannst du entscheiden«. Er wusste, dass er Nareth zu nichts zwingen können würde und dass das nicht der Weg war ihn auf den rechten Pfad zu bringen. Er musste entscheiden was er wollte und das musste er selbst tun. Wenn er sich als genauso stur wie sein Vater herausstellte, dann würde er darauf achten, dass er zumindest Wege für ihn ebnete.
»Dachte Hagen lässt dich auf dem Hof versauern Verräter«, meinte einer der Gardisten am Tor und der Paladin winkte ab. »Ist schön da. Bessere Aussicht als hier am Tor«, meinte er grinsend zurück. »Wo wir davon sprechen: Ich gehe direkt zu ihm«. Der Gardist brummte irgendeine belanglose Beleidigung und sie machten sich auf zum oberen Viertel.
Es passierte wirklich. Sein Vater wurde tatsächlich nun an die Obrigkeit übergeben. Auch wenn Nareth froh darüber war, dieses Kapitel endlich schließen zu können, so empfand er es dennoch als… antiklimatisch. Die Geschichten des großen bösen Trilo waren wohl überzogen und als Volksmärchen zu verstehen. Etwas womit Eltern ihren Kindern Angst einjagen wollten, um sie zu irgendwelchem Zeug zu zwingen; wie Schlafen.
„Danke für das Angebot Draconiz. Ich nehme es insoweit auch gern an, dass ich es mir näher ansehen möchte. Wenn der Vorhang hierzu gefallen ist, weiß ich ehrlich gesagt eh nicht so recht was ich als Nächstes tun soll. Es schadet nicht Optionen zu betrachten. Vielleicht versuche ich auch meine Halbschwester, Valeria, zu finden. Soweit ich erfuhr, ist sie auch Teil des Vengard’schen Miliz geworden und wollte Feuermagierin werden. Wisst ihr was dazu?“
Zugegeben, schlechter Zeitpunkt für solch eine Frage, wenn man doch gerade vor den Oberbefehlshaber der gesamten myrtanischen Armee treten sollte.
„Andere Frage: wie habe ich mich gleich zu verhalten, Draconiz? Man steht nicht alle Tage vor dem mächtigsten Militär des Großreiches.“
DraconiZ
17.10.2025, 23:20
»Was mit deiner Schwester ist wird sich herausfinden lassen, sofern nicht irgendeine göttliche Macht sie in ihren Klauen hält«, versicherte der Streiter. »Ansonsten schlage ich vor du redest nur, wenn du gefragt wirst und hälst dich auch ansonsten bedeckt. Es geht jetzt darum dich in ein gutes Licht zu rücken«, empfahl er Nareth. »Was Trilo angeht: Er muss nach Vengard, damit er in den Einflussbereich meines Onkels kommt« Dann gingen sie in die Höhle des Löwen.
Lord Hagen saß an seinem überdimensionierten Schreibtisch auf dem wie immer, wenn er hineinkam viele Papiere lagen. Seine Stirn lag in Falten. Er brütete wieder über einer Entscheidung und neuen Plänen, so wie es der Veteran oft zu tun pflegte. »Mylord«, eröffnete DraconiZ das Gespräch. Noch bevor er antworten konnte wurde er unterbrochen: »Ich befiehl euch auf dem Hof zu verweilen. Mit welcher Befugnis erdreistet ihr euch meinem Befehl...«. Hagen hob den Blick und haftete sich dann wie ein Falke auf die Beute die der Paladin unlängst an zwei Ritter übergeben hatte. Der Gefangene wurde von den zwei Dienern des Feuers auf die Knie gedrückt und die Kapuze wurde hoch gehoben. »Trilo«, meinte der alte Mann überrascht. »Der Ketzer«, knurrte er dann und erhob sich dann um näher zu treten und den Hexer von Nahem zu betrachtet. »Das ist tatsächlich ein guter Grund«, meinte er und entkräftete seine vorherigen Worte. »Mord. Hochverrat. Desertion. Ketzerei und Gotteslästerung. Und das sind nur die Dinge von denen wir wissen«, meinte Hagen. »Innos schickt uns eine gute Neuigkeit in dunklen Zeiten. Gute Arbeit«, meinte er an den Assassinen gewandt. Die letzten Worte klangen mehr hervorgewürgt. Dann klatsche er erfreut in die Hände. »Und wer ist das? Einer von euch?«, fragte Hagen und deutete auf Nareth.
»Er hat das traurige Schicksal sich sein Sohn nennen zu müssen. Er hat Trilo seit 2 Jahren verfolgt. Ich denke, dass das wesentlich dazu beigetragen hat, dass es möglich war ihn zu fassen«, berichtete der Klingenmeister. »Der Apfel fällt oft nicht weit vom Stamm«, brummte der Veteran. »In diesem Fall...«, begann der Streiter, doch wurde er von Hagen unterbrochen. »Warum ist es bei dir anders Bursche hmm? Gehörst du nicht auch in die Ketten? Eine Brut sagt man nicht?«. Hagen schaute ihn prüfend an. DraconiZ wusste, dass er gerecht war, doch die Zeit im Felde hatte ihn auch barsch werden lassen. Nareth sollte sich hüten etwas falsches zu sagen. »Wenn du anders bist: Was sollen wir mit ihm machen hmm? Ihn im Meer versenken? Ihn in Vengard einkerkern? Ihn hier auf dem Scheiterhaufen verbrennen? Ihm einen Entscheid durch Gottesurteil gewähren? Ihn gar begnadigen? Zeig mir, dass du rechtschaffen denken kannst Bursche!«, forderte der Lord. DraconiZ schuckte. »Halt dich an den Plan Nareth. Er muss nach Vengard, sonst kann ich nichts für ihn tun«, dachte der Paladin flehend. Er konnte sich nicht offen gegen Hagen stellen. Nicht in der Situation in der er sich befand. Das Schicksal seines Vaters lag augenscheinlich in Nareths Händen.
„Zunächst, Seid gegrüßt ehrenwerter Lord. Ob ich anders bin als er, ist eine Frage, die nur die Gesellschaft und die Götter beantworten können. Ich wage es nicht mir anmaßen zu wollen, eine Einschätzung meiner Seele abgeben zu können, die nur Götter wahrhaft kennen. Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach lässt sich der Charakter eines Menschen gegenüber anderen Menschen nur durch Taten offenbaren. Oder um eure weitere Zeit nicht zu verschwenden: Ich werde tun, was ich für rechtschaffen halte und andere sind es, die über mich richten. So wie der Orden Innos über Trilo.“
Er holte tief Luft und sammelte kurz seine Gedanken.
„Was mit ihm gemacht werden sollte? Ich bin erst 16 Sommer alt, von daher mag mein Vorschlag vielleicht naiv wirken. Ich denke man sollte ihn zunächst einsperren und ihm einen öffentlichen, fairen Prozess machen. Sicherlich werden viele denken, dass er dies nicht verdient hat, und vermutlich stimmt das sogar. Aber es wäre ein gutes Beispiel für die Bevölkerung: egal wie sehr du dich auch sträubst und wie mächtig du auch bist, Innos und sein Reich Myrtana wird dich kriegen. Absolut niemand steht über dem Gesetz. Aber es soll den Menschen auch zeigen, dass der Orden fair ist. Es soll die Leute nicht abschrecken, es soll das Vertrauen in die Götter stärken. Jeder Mensch macht mal Fehler, ausnahmslos. Zu zeigen, dass selbst Trilo einen Prozess bekommt, dessen Ende man sich ehrlicherweise sowieso denken kann, zeigt allen, dass man seine Fehler nicht verstecken muss, sondern eingestehen sollte und ein faires Urteil mit Möglichkeit zur Buße erhält. Sofern das Gesetz dies für den Fall zulässt. Ein junger Dieb sollte keine Angst haben direkt gehängt zu werden, sondern erfahren, dass es ein besseres Leben gibt in welchem er nicht stehlen muss, auf dem rechten Pfade.
Und ich vertraue absolut darin, dass der heilige Orden Innos von vornherein seine Sache korrekt gemacht hat, weswegen ein Prozess keine Hürde ist. Waren die Anschuldigungen gegenüber Trilo rechtens, so wird sich dies im Prozess zeigen und ein ebenso rechtes Urteil folgen. Ist dies nicht eben die Lehre Innos?
Außerdem gewinnt ihr Zeit für Verhöre, könnt also noch Informationen aus ihm herausbekommen. Eure anderen genannten Möglichkeiten könnten… verfehlen finde ich. Ihn auf den Scheiterhaufen werfen und im Meer versenken? Hatte er das nicht schon bei seiner Feuerbestattung in genau diesem Hafen hier in Khorinis? Ein Gottesurteil ist immer schwierig für die Bevölkerung verständlich zu machen, man will ja keine weiteren Zweifler erzeugen. Und Begnadigen? Mit Verlaub, aber das ist Schwachsinn. Das würde für alle Kriminellen das völlig falsche Signal geben und obendrein diejenigen zu unrechten taten animieren, welche nur des Gesetzes wegen noch nicht kriminell waren…“
Erst jetzt realisierte Nareth, dass er sich hier gerade um Kopf und Kragen redete und dabei immer mehr und mehr fast schon salopp mit dem wohl mächtigsten Paladin Innos umsprang. Schweißtropen bildeten sich auf seine Stirn und seine Kehle schnürte sich zu. Er senkte weit den Kopf und sprach dann kleinlaut:
„Aber das ist wie gesagt nur die Meinung eines Kindes…“
Die Paladine
18.10.2025, 21:39
»Viele Worte«, meinte Hagen trocken und schaute kurz auf die dunkle Stadt im Fenster. Bei Innos’ warum redete der Junge nur so viel? »Gut du scheinst zumindest nicht ganz verloren zu sein außer, dass du zu viel redest. Wir haben keinen Zwist miteinander. Erst dann, wenn du dich gegen das Reich wendest«. Den letzten Satz hatte er geknurrt und er meinte es so. Der Veteran hoffte für Nareth, dass er schlauer war als sein Vater und er es sich nicht mit dem myrtanischen Reich verscherzte. »Dein Vater hatte schon einen Prozess. Seine Schuld ist bewiesen und ohne Zweifel. Das Einzige was uns davon abgehalten hat einen endgültigen Schuldspruch zu treffen waren unglückliche Umstände. Er hat den Tod mehr als verdient. Auch die oberste Feuermagierin ist hier in Khorinis anwesend. Ich bin sehr sicher, dass auch sie es nicht anders sieht.«
Er stapfte zu Trilo hin und packte ihn am Kragen. Der Hexer wehrte sich nicht. Schien sich seinem Schicksal zu ergeben. »Wenn es mir beliebt richte ich ihn gleich hier. Mir fehlt nicht die kleinste Legitimation Junge«. Er schaute zu DraconiZ herüber. Er schaute nach Außen ausdruckslos und lies es geschehen. Griff nicht ein. Klug. Doch er sah die Anspannung in ihm. Wie es in ihm brodelte. Er wollte nicht, dass er stirbt. Der Verräter war nicht sentimental oder doch? »Warum wollt ihr nicht, dass er stirbt?«, wandte er sich an den Weißhaarigen. »Euch kann es doch gleich sein nicht? Ihr habt hier in Khorinis gezeigt, dass ihr für unsere Sache kämpft draußen am Strand. Dann habt ihr bewiesen, dass ihr auch wieder Befehle befolgen könnt auf Akils Hof. Jetzt liefert ihr den Ketzer. Selbst ich fange an zu glauben, dass eure Veränderung vielleicht ehrlich ist. Was hält euch bei ihm zurück?«. Er durchbohrte ihn mit Blicken.
»Wenn es für mich Vergebung gibt, dann kann ich es schwer ertragen, dass es für ihn keine geben sollte«, meinte der Angesprochene prompt. »Meine Veränderung hat damit zu tun, dass ich dem Reich und den Menschen dienen will und das gelingt nur, wenn ich die Möglichkeit zur Veränderung in allem sehe. Sogar in mir. Sogar in ihm«. Hagen nickte. Nachvollziehbar. Doch: War es das wirklich? Konnte Jeder sich ändern? Er schaute Trilo an. Würde er es bereuen ihm jetzt nicht den Garaus gemacht zu haben? Der Veteran seufzte schwer.
»Nach Vengard mit ihm«, entschied der hohe Lord nach einer ganze Weile des Nachdenkens. »Vielleicht hat Sir Lómin ja recht und Innos hat noch einen Plan für ihn. Ich will seine Visage nicht mehr sehen.«
Draco
Ich hatte einen Prozess? Lachhaft… es wurde verlesen was man mir vorwarf und ich sollte zusammen mit so einem Irren vom Kastell hingerichtet werden. Bis dann der Drache eingriff. Zu keinem Zeitpunkt hätte man das einen Prozess nennen können. Einseitige Anschuldigen gemäß einem einseitigen Gesetz.
Doch Trilo wusste, dass es absolut keinen Sinn machte, hier nun groß rumzutönen. Hagen hatte aus welchem Grund auch immer beschlossen, dass der ehemalige Hexer nach Vengard kommt. Ein Umstand, der sogar Trilo überraschte, bedenke man die Vergangenheit der beiden. Der Schwertmeister hätte es sogar verstanden, wenn Hagen direkt das Richtschwert zog und ihn enthauptete. Also es versuchte zumindest. Aber Vengard war hierbei eine sehr willkommene Option. Vor allem wenn Francoise wirklich in der Nähe war. Die Göre war mächtig und hatte auch mächtig einen an der Scheibe mit ihrem Fanatismus. Auf nach Vengard also… doch was wollte Draconiz mit dieser Vergebungsgeschichte? War der Assassine denn wirklich so naiv zu glauben, dass die Innoskirche Trilo, von allen Leuten ausgerechnet Trilo, die Option zur Vergebung anbieten würden?
„Wieso sollte ich mich gegen das Reich stellen? Ich bin doch Teil des Reiches. Das ist als würde man sich selbst den Arm abhacken, um irgendetwas zu beweisen. Habt Dank Lord Hagen. Für die Aufklärung, für den Grundrespekt und für eure Zeit.“
Offenbar war das Militär in Khorinis nicht so versessen auf orale Blumen wie es in Drakia der Fall war. Eine willkommene Abwechslung. Auch war dieser Hagen zwar etwas grob, aber er schien erstaunlich rational zu handeln; für einen Paladin. Um sich selbst, und auch Draco, nicht noch weiter in die Scheiße zu reiten mit seinen Worten, wandte sich Nareth nun ebenfalls ab und schloss sich dem Trott um Trilo an, welcher diesen nun nach draußen führte. Vermutlich direkt zum Hafen, um den Kerl schnellstmöglich loszuwerden. Im Vorbeigehen flüsterte er dem ehemaligen Assassinen noch etwas mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen zu:
„Auch dir danke. Wir sehen uns sicherlich noch mal wieder…“
DraconiZ
19.10.2025, 22:10
»Wie habt ihr ihn gefasst?«, fragte Hagen als die anderen Personen gegangen waren und sie allein zurückgeblieben waren. Er fragte neugierig nicht fordernd. Aus Interesse scheinbar. DraconiZ atmete schwer ein und aus. Fast hilfesuchend schaute aus dem Fenster, so wie es der Lord vor ihm getan hatte. Doch auch ihm schien die Dunkelheit nichts zu verraten.
»Er hat sich mir ergeben. Meine Leute haben ihn ausgemacht und ich bin zu ihm gegangen. Dann hat er mir vorgeschlagen, dass er sich stellt. Im Gegenzug soll das Reich gnädig zu seinem Sprössling sein«. Der Veteran schnaubte.
»Er meint also wir wären grundsätzlich so ungerecht seine Sippe zu vorzuverurteilen«, stellte er fest.
»Er scheint mir müde zu sein. Verloren sicherlich. Viele Geister aus der Vergangenheit die an ihm haften«, meinte der Weißhaarige. »Er hat kein Vertrauen in Nichts mehr«
»In euch scheinbar schon«, bohrte Hagen nach.
»Scheinbar. Nicht genug um mir nicht am Ende noch zu drohen. Ich werde mein Wort halten, so ihr es erlaubt. Nareth hat nichts mit ihm zu schaffen«. Hagen kam näher und sah ihn prüfend an.
»Ihr seid immer für eine Überraschung gut«. Der Veteran hielt kurz inne. »Nun tut was ihr meint. Nareth ist weit von dem Weg womit ich mich beschäftigen sollte.« Er klopfte mit den Fingern auf den Schreibtisch. »Schon erstaunlich oder? Euer alter Waffenbruder, der so lange fort war und der gesucht wurde kommt just in dem Moment auf die Bildfläche in der ihr wirklich gut ein positives Ereignis gebrauchen könnt. In dem Zeitraum wo ich euch auf Akils Hof versauern lasse. Um dem noch einen drauf zu setzen setzt ihr euch noch dafür ein, dass er nach Vengard kommt und nicht von mir getötet wird. So bleibt er womöglich auch noch am Leben, obwohl er das nicht im mindesten verdient hat. Eigenartig nicht?«, fragte Hagen. Wieder dieser neugierige fast beiläufige Tonfall. »Würde euch das nicht komisch vorkommen? Ihr der ihr zu Daelons Männern gehört und Informationen für das Reich sammelt sollt?« Die Frage hatte Potential die weitere Zukunft des Klingenmeisters zu gestalten. Daher wog er seine Worte wohl ab.
»Wenn ich ein doppeltes Spiel hätte spielen wollen, hätte ich ihn außer Reichweite gebracht. Die Insel ist groß und euer Einfluss war auf Akils Hof gering. Es wäre ein Leichtes gewesen eure Gardisten zu täuschen und ihnen vorzugaukeln ich hätte ihn gleich dort gerichtet. Noch besser: Ich hätte dort seinen Tod inszenieren können und trotzdem die Ehre dafür hier beanspruchen können, indem ich persönliche Gegenstände mitgebracht hätte. Dann hätte ich mit ihm zusammen gegen euch konspiriert.« Draco trat nähe legte seinen Zeigefinger auf den Tisch. »Ich habe meine Aufgabe gegenüber dem Reich erfüllt und ich habe es ohne Blutvergießen erreicht, was nicht häufig in diesen Zeiten ist. Ich bin es leid Männer sterben zu sehen ohne Sinn. An meinen Händen ist genug Blut!«. Er brauchte einige Atemzüge um weitersprechen zu können. Er spürte die Erregung wie einen Tiger in ihm pochen. »Ich habe getan was ihr verlangt habt. Ich weiß was ich getan habe und ich habe um Vergebung gebeten. An eurer Seite habe ich gestanden, ich habe die Erniedrigung ertragen auf Akils Hof zu bleiben und ich habe Trilo gefasst«. Er zog Valien, drehte die Klinge und legte sie Hagen mit dem Griff voran auf den Tisch. »Innos kann mir vergeben. Ich führe sein Schwert. Jetzt entscheidet ihr ob wir zusammenarbeiten können oder nicht. Entscheidet ob ihr nicht mich statt seiner richten wollt«. Er setzte alles auf eine Karte. Doch was blieb ihm? Die Anschuldigungen und Erniedrigungen würde kein Ende nehmen. Das Schicksal war auf seiner Seite oder nicht. Der Paladin wollte die Entscheidung. Jetzt.
Der Lord nahm Valien in die Hand und beäugte die Klinge, so als hätte er die inbrünstigen Worte überhaupt nicht gehört. »Ihr habt sie selbst geschmiedet und ihr habt sie für beide Schwüre genutzt. In Tyrien habt ihr die Tränen gefunden die für ihre Vollendung gesorgt haben«. Er schaute grimmig drein. »An dem Tag des Verrats war sie nicht bei euch«. Hagen schaute die Klinge an, als hätte er so etwas noch nie gesehen. »Es gibt keinen Weg daran vorbei nicht? Der König vertraut euch. Daelon tut es und die magische Leitung tut es auch. Ihr habt mit mir zusammen gekämpft und euch für mich eingesetzt. Ihr habt die Prüfung der Geduld überstanden und ihr habt Trilo hierher gebracht«. Einen Moment noch, dann reichte er DraconiZ seine Waffe. »Ihr seid Teil des Reiches und als solches respektiere ich euch. Ein Teil der notwendig ist das Reich zusammenzuhalten«. Hagen schaute ihn hart an. »Doch ihr werdet in meinen Augen nie mehr ein vollwertiges Mitglied des Ordens und ich werde euch niemals mehr meinen Bruder nennen«. Der Klingenmeister schluckte. Das war wohl mehr als er jemals hätte erwarten können und doch fühlte es sich wie ein Schlag in der Magengrube an. »Ich da...«, begann der Streiter, doch der Veteran unterbrach ihn. »Euer nächster Auftrag ist euch bei ihrer Eminenz Françoise zu melden«. Der Weißhaarige nickte. »Das wäre dann alles Lómin«. Das letzte Worte hatte er geknurrt.
DraconiZ
19.10.2025, 22:25
Am Hafen
»Hier finde ich dich«, meinte Draco sanft und setzte sich zu Nareth der so aussah als säße er schon einige Zeit hier am Hafen auf einer kleinen Mauer und würde über alles und nichts nachdenken. »Ich weiß du hast viele Fragen und suchst wahrscheinlich insbesondere nach dem Hintergrund an all dem«, meinte er. »Ich habe die Antworten nicht direkt die du suchst und ich habe noch immer damit zu ringen, was mein Platz in diesem ganzen großen Spiel sein wird«. Er hielt inne und schaute den Wellen zu wie sie sich bewegten und wie sie scheinbar durch die Gezeiten getrieben wurden. Hin und her. Hin und her. Im ewigen Kreis. Beruhigend. Zumindest irgendwie. »Ich habe für dich arrangiert, dass dir geholfen wird Antworten zu finden. In Vengard«. Er reichte dem jungen Mann einen Brief, einen Beutel mit Gold und einen Dolch. »Frag in der Hauptstadt nach Daca und sag ich schicke dich.« Er hielt kurz inne. »Nun natürlich, wenn du das denn willst. Es stehen dir viele Möglichkeiten offen. Ich habe Trilo versprochen auf dich aufzupassen und das werde ich tun. Manchmal jedoch ist es weiser weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Vengard findest du deine Antworten und mehr. Vielleicht sogar deine Schwester. Wer weiß das schon. Mein Platz wird vorerst hier sein. Lass dich blicken, wenn du mehr weißt. Dann erzähle ich dir noch mehr von deinem Vater und das, worauf es meiner Meinung nach in der Welt ankommt. Das heißt, wenn du dann nicht mehr so grün hinter den Ohren bist«. Er lachte. Eine ganze Weile lang saßen sie noch am Hafen und unterhielten sich und Draco beantwortete noch ein paar Fragen. Dann war es Zeit, dass der Paladin dem Willen von Lord Hagen entsprach. Er verabschiedete sich von Nareth und lies ihn zunächst zurück. Nicht ohne einen der seinen angewiesen zu haben ihn im Auge zu behalten. Sein Versprechen würde er nicht brechen.
***
Oberes Viertel
Er fand Françoise im oberen Viertel. Die Truppen des Ordens hatten ihr eigene Räumlichkeiten eingerichtet, worauf sie natürlich keinen Wert legte. Sie war wie so oft in Meditation verbunden. Der Drache, wie sie ihren Leibwächter zu nennen pflegte, schaute ihn wie immer mit einer Mischung aus Misstrauen und Verachtung an. Vielleicht deutete er den Blick aber auch einfach falsch. Medin hatte ihm oft gesagt, dass er die Deutung nicht sonderlich gut konnte. Seiner Meinung nach schaute er jedenfalls recht grimmig drein. »Ich soll mich auf Befehl von Hagen hier melden«, meinte er als Einstieg und Erklärung gleichzeitig, woraufhin der Krieger nur ein Brummen von sich gab. War nicht der Gesprächigste. »Habe ein paar Fortschritte bei der Paladinmagie gemacht«, meinte Draco weiter, solange seine Freundin noch nicht bereit war. »Und ein paar Rückschritte in die Vergangenheit«. Er dachte an Trilo und dass er bald auf dem Weg nach Vengard war. »Wie das Leben so spielt nicht? Wie es nur so spielt...«. Jetzt meinte er das Gesicht von Konstantin so zu deuten, dass er gefälligst aufhören sollte zu reden. Aber was wusste Draco schon von Gesichtsausdrücken.
Gor na Jan
21.10.2025, 11:54
Dies war nun wahrlich nicht der erste Troll, gegen den der Gor Na kämpfte. Allein um das Pyramidental damals für die Bruderschaft zu erschließen, hatten sie eine dieser Bestien niederringen müssen. Der winzige Unterschied war: Damals hatten sie eine Armee. Und Oberbaal hundder, der sich in einem Akt absoluten Wahnsinns mit einer Sturmfaust selbst über den Troll katapultiert hatte. Das perfekte Ablenkungsmanöver: Unerwartet, improvisiert, irre. Das schien es immer zu sein, worauf es im Kampf gegen einen überlegenen Gegner ankam: Ein Höhenvorteil und Wahnsinn.
Wahnsinn... davon hatten sie definitiv ausreichend an diesem Ort versammelt. Allein die Tatsache, dass sie allesamt hierher zurückgekehrt waren. Und zwar freiwillig. Aus Neugier der eine, aus Nostalgie die anderen, aus... keine Ahnung, der Rest. Ja, das mochte man durchaus Wahnsinn nennen.
Esteban? Der hatte definitiv zu nah am Abgrund des Wahnsinns getanzt. Allein auf eine Welt zu gucken, die sich - wenn man den Priestern und Paladinen glauben konnte, was der Templer zwar nicht tat, aber gingen wir mal davon aus - in ewigem Widerstreit zwischen der schöpferischen Macht des Lichts und der zerstörerischen Kraft des Schattens befand und zu sich selbst zu sagen "Schatten klingt verlockend", das verlangte schon nach einem Geist, der anders tickte. Natürlich wusste der Templerführer, dass selbst das Fundament ihrer Welt von Licht und Schatten nicht so einfach war und eine unglaubliche Komplexität und Tiefe im Wirken Beliars lag. Aber wusste ein Schwarzmagier das, wenn er sich für diesen Weg entschied? Oder was zog einen auf die, wenn man so wollte, Gegenseite?
Dumak? Vielleicht am offensichtlichsten. Er hatte auf eine Welt geguckt, in der Menschen als göttliche Spielbälle ein Chaos nach dem anderen entfachten und gesagt "Da sollte jemand ein Lied drüber schreiben". Es war, als ob irgendwas in ihm sich die unglaubliche göttliche Schöpfung anguckte und unmittelbar das Bedürfnis entwickelte, dem noch etwas hinzuzufügen. Manchmal glaubte der Templer, es war jene Kraft der Urschöpfung, die durch Dumaks Worte floss. Lange hatte er gedacht, Barden waren im Kampf so ziemlich das Nutzloseste, was man sich ans Bein binden konnte. Doch was konnte mächtiger sein als die Kraft der Schöpfung selbst? Und wie oft hatte er gesehen, dass nicht der Ausgang der Ereignisse das Antlitz der Welt veränderte, sondern wie von ihnen berichtet wurde? Nichtsdestotrotz auf diese Idee musste man erstmal kommen.
Heric? Auch ein klarer Fall. Der junge Mann hatte gemessen am Rest der Gruppe vielleicht gerade drei Schritte in die Welt getan und sich schon mehr oder weniger frei dafür entschieden, es auch gleich potenziell auf die grausamste Art zu beenden. Das schien ihm jetzt gerade fürchterlich bewusst zu werden. Doch es war mehr als nur das. Irgendwas blitzte in seinen Augen, das dem Templer das Gefühl gab, er hätte genauso gut seinen Platz in der Kolonie gehabt. Und zwar nicht irgendeinen Platz. Es gab zwei Typen von Menschen in der Kolonie: Jene, die ihren Platz unter den Buddlern, Schürfern oder bestenfalls Novizen finden würden und dort auch blieben. Unauffällig, ohne Aufsehen, ohne Ärger zu machen, einfach nur, um irgendwie über die Runden zu kommen. Die meisten von ihnen endeten als Scavenger-Futter. Und dann waren da die anderen, denen man sofort anmerkte, dass sie sich durchbeißen würden. Dass da bereits das Zeug zum Söldner, Gardisten oder gar Templer, Schwarzmagier, Meisterdieb oder tollkühnen Minnesänger darauf wartete, entfesselt zu werden. Jene, die heute noch da waren. Und das war definitiv Wahnsinn.
Bei sich selbst musste der Templer gar nicht erst anfangen. Fanatismus war eine Einstellungsvoraussetzung in der Elite der Bruderschaft. Nicht nur die bedingungslose Hingabe für den Schläfer, allein die selbstverachtende Disziplin, mit der die Templer ihre Körper in Form brachten. Doch so weit musste der Gor Na gar nicht denken. Seit der Schleichausbildung bei Meister Scatty, in welcher er klammheimlich die Verzierungen auf den Bauchseiten riesiger Cephalopoden abzeichnen musste, von deren Existenz er heute noch wider besseres Wissen überzeugt war, ging es mit der geistigen Gesundheit bergab.
Ja, Wahnsinn hatten sie genug hier versammelt. Jetzt fehlte ihnen nur noch eine Möglichkeit, dies zu nutzen, um auch diesen Gegner in die Knie zu zwingen. Oder sich einen Höhenvorteil zu verschaffen. Oder beides. Der Gor Na sah sich in einer gewagten Aktion auf die Faust des Golems klettern, in hohem Bogen durch die Luft schleudern und schlussendlich unrühmlich an der Mauer der alten Burg zerklatschen. Nein, er war zu weit gekommen, um nun doch schlussendlich ausgerechnet im Alten Lager zu sterben. Es musste einen anderen Weg geben. Sein Blick zuckte ausgerechnet zu Dumak. Vielleicht ein Lied? Alles andere hatten sie schon probiert.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, goldene Sonnenstrahlen fielen durch das notdürftig zugestopfte Fenster und hob den tanzenden Staub in der dunklen Kammer hervor, die Redlefs Schlafgemach war. Stöhnend zog er die dicke Federdecke über das Gesicht, wollte die Wärme und Ruhe des Schlafens noch etwas halten, doch es gelang ihm nicht. Sein Körper schmerzte, nicht nur das verletzte Bein, sondern auch der Rücken vom langen Liegen. Zu dem war seine Blase zum Platzen gefüllt und ließ ihm daher keine Entspannung mehr unter der Decke finden.
Redlef stemmte seinen Körper in die senkrechte, knirschte mit den Zähnen, während er seine Beine aus dem Bett zog. Das rechte Knie war immer noch dick geschwollen, der Umfang der Schenkel darunter und darüber wirkten im Kontrast dazu unnatürlich dünn.
Das Bild seines Körpers versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. All die Kraft, die er sich in den letzten Monaten zurückgekämpft hatte, war nun wieder von ihm gefallen, wie er sie im Kerker verloren hatte. Er drohte erneut in die Nutzlosigkeit abzurutschen. Die kleine Verletzung am Bein hatte sich natürlich nach ihrer Rückkehr aus der Goblinhöhle entzündet und ihn über Wochen ins Bett geschickt. Jacques war es zu verdanken, dass er die bestmögliche Versorgung erhielt und dem alten Bardasch, dass die Pferde unter seinem Fernbleiben nicht leiden mussten. Jacques hatte ihm berichtet, dass die Ställe täglich gemistet wurden und die Tiere Futter und Wasser erhielten. Die beiden Männer hatten auch verantwortungsbewusst darauf geachtet, die Pferde möglichst häufig zu bewegen und kleine Runden zu reiten, sodass die Tiere nicht ihre Kraft verloren, wie er es nun getan hatte, als das Fieber in ihm wütete.
Alles entwickelte sich positiv, nur er machte Rückschritte…
Redlef wischte sich mit den Händen durch das bärtige Gesicht. Seine Blase drückte immer noch. Also zwang er sich die trüben Gedanken anzustreifen und hievte sich nun endgültig aus dem Bett. Sein Nachttopf war schnell gefüllt, das Entleeren musste später folgen. Priorität hatte das Frühstück, welches Jacques ihm vermutlich in aller Frühe in die Kammer gestellt hatte. Getreidebrei und ein aufgeschnittener Apfel.
Gestärkt und gewaschen, griff er nach dem Stock, den Eric ihm aufgrund einer gut gewachsenen Astgabel ausgesucht hatte. Er klemmte ihn sich unter den Arm und hopste mit Hilfe der Krücke die Stiege hinunter und den Stall.
Die Pferde dösten ruhig in ihren Ständern. Alles sah zu seiner Zufriedenheit aus.
»Jacques? Bardasch?«, erkundigte er sich in die Stille, doch niemand antwortete.
Auf der noch warmen Kohle der alten Schmiedestätte stand noch ein Kessel mit erwärmtem Wasser. Redlef kippte davon etwas in eine angeschlagene Tonschale und legte die Rasierseife hinein. Dann zog er das Hemd aus und warf sich ein zerschlissenes Handtuch über die Schultern.
Der fische Wind machte ihm Gänsehaut, als er den oberen Flügel der Tür ausstieß, damit etwas Licht auf den polierten Metallspiegel fiel, an der er sich zu rasieren begann.
Heute war der erste Tag, an dem er die gesamte Morgenroutine geschafft hatte, ohne einen Schweißausbruch zu bekommen. Dies hob seine Laune, war es doch ein gutes Zeichen dafür, dass er das Schlimmste überstanden hatte.
Seine Laune hob sich und der Rittmeister begann ein beinahe fröhliches Liedchen zu summen, während er sich den struppigen Bart herunter schor.
Françoise
21.10.2025, 17:40
Nach ihrem Ausflug zum Turm des Nekromanten hatte sich die Oberste Feuermagierin ausgiebig mit den Schriftstücken auseinander gesetzt, die sie von dort mitgebracht hatte. Insgeheim hoffte sie etwas zu finden, was ihr die Möglichkeit eröffnete, in die andere Welt zurückzukehren. Ziemlich schnell stellte sich heraus, dass dies kein Themengebiet war, welches Xardas zu interessieren schien. Einige Schriftrollen handelten zwar von Dimensionsportalen; leider beschränkten sie sich auf die Reise zwischen den Sphären der Götter. Was Xardas wohl mit diesem Wissen anzufangen gedachte. Zum Erstaunen der Priesterin hatten ausgerechnet die Orks offenbar vor Urzeiten ein derartiges Portal errichtet und auch in Kraft gesetzt. Wissenschaftliche Neugierde einmal beiseite, zweifelte Françoise allerdings daran, für sich einen Nutzen aus dem Wissen ziehen zu können.
Am liebsten hätte sie sich anschließend sofort in Meditation begeben, um all die Informationen zu verarbeiten und magische Kräfte zu sammeln. Bevor sie dazu kam, suchte erst Hagen das Gespräch und danach ein Novize aus dem Lazarett. Das Anliegen des Paladinlords war eine beunruhigende Erzählung von einer Patrouille, die auf untote Goblins gestoßen war. Im ersten Moment tat es Françoise als Beiwerk der Machenschaften des Lichs ab. Je mehr Hagen ins Detail ging, desto weniger überzeugt war sie jedoch von ihrer eigenen These. Sie käme nicht umhin, sich das Ganze selbst anzugucken. Eine besondere Dringlichkeit hatte es für sie nicht. Ganz im Gegensatz zu dem, was der Novize zu berichten hatte. Zum großen Erstaunen der Obersten Feuermagierin hatte sich Saraliel abgesetzt und das Lazarett, welches Françoise ihm in die Verantwortung übergeben hatte, seinerseits wiederum den Novizen übergeben. Dracos Bruder hatte manchmal einfach den Kopf in den Wolken. Leider sehr zum Leidwesen der Kranken und Verletzten in Khorinis. Die Novizen taten ihr bestes, doch gewisse Dinge brauchten das Wissen eines Medicus'. So musste Françoise selbst tätig werden und sich um die kritischen Fälle kümmern. Gleichzeitig schickte sie eine Nachricht mit dem nächsten Schiff, dass ein Feuermagier vom Festland schnellstmöglich nach Khorinis kommen sollte. Und was Saraliel betraf, ihn würde sich die Priesterin vornehmen, wenn er wieder aus der Versenkung auftauchte.
Schließlich hatte Françoise endlich Zeit gefunden zu meditieren. Um nicht wieder gestört zu werden, hatte sie Konstantin angewiesen, alle Besucher abzuweisen. Bis auf einen. Und jener Besucher stand nun vor ihr.
»Setz dich erst mal, Draco.«, sagte die Priesterin und wies auf den Boden vor sich. Nicht in Ermangelung von Stühlen; sie selbst saß auf einem Sitzkissen auf dem Boden, denn das war am angenehmsten, um zu meditieren.
»Was für Fortschritte hast du denn gemacht? Und was für Rückschritte? Du sprichst in Rätseln. Ach, noch etwas. Weißt du, wo dein Bruder abgeblieben ist? Er sollte das Lazarett führen und ist sang und klanglos verschwunden.«
DraconiZ
21.10.2025, 19:52
»Nun«, begann Draco und setzte sich der obersten Magierin gegenüber, während er ihre volle Aufmerksamkeit genoss. Sie war eine der wenigen Personen bei der man sich sicher sein konnte, dass sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkte. Ihren wachen Augen schien kaum etwas zu entgehen. Das konnte Fluch und Segen zugleich sein. Sie hatte einige Menge Fragen gestellt und er bemühte sich diese so knapp wie möglich zu formulieren. »Dieses Mal hat Saraliel tatsächlich – ausnahmsweise möchte ich ergänzen – nicht auf irgendeine Eingebung reagiert. Elyndra Gregoria, eine Priesterin, ist auf uns losgegangen. Sie war der nicht ganz abwegigen Meinung ich wäre mit Raschid al-Din, einem uralten Schwarzmagier im Bunde. Tatsächlich hat er mit vor einem Jahrzehnt geholfen die Schattenmimik besser zu begreifen«, den letzten Satz hatte er etwas leiser hinzugefügt. »Hagen wird dir vielleicht von dem Kampf am Strand erzählt haben. Die beiden Männer mit denen wir zu tun hatten und die sich dem Gleichgewicht verschrieben hatten, waren von ihr beauftragt oder besser aufgehetzt worden«. Er dachte mit Schaudern daran, dass sie auch Saraliel gefangen genommen hatten. Im Endeffekt war er dankbar, dass das Schicksal ihm weitere Qualen erspart hatte. »Als Elyndra feststellte, dass das nicht half kam sie selbst um mit mir abzurechnen. Saraliel half mir und gemeinsam konnten wir sie bezwingen«. DraconiZ hatte noch immer den Blick seines Bruders vor Augen. »In dem Augenblick wo es vorbei schien hatte er wieder einen seiner Momente«. Der Klingenmeister rollte die Augen. »Er verschonte unsere Widersacherin und beschloss im gleichen Atemzug das Missverständnis auszuräumen, indem er sich ihr anschloss und zum anderen Ende der Welt reiste. Nach meiner Informationen ist es ihnen gelungen al-Din zu besiegen. Irgendetwas hält ihn allerdings scheinbar immer noch davon ab zurückzukehren. Hat wahrscheinlich dort eine Frage in den Kopf bekommen die ihn brennend interessiert. Du kennst ihn ja«. Der Weißhaarige seuftze. Vielleicht konnte sein Gegenüber zumindest ein bisschen besser verstehen, warum er seinen Posten aufgegeben hatte.
»Trilo hat sich mir gestellt«, meinte er dann, als er gewahr wurde, dass Françoise wohl erst die komplette Antwort haben wollte. »Er ist in Ketten auf dem Weg zum Festland. Hat mehr oder weniger günstige Bedingungen für seinen Jungen erbeten«. Er streckte sich. So oft war er dann doch nicht im Schneidersitz unterwegs. »Gut für meinen Ruf, dass er gefangen ist, doch ein mulmiges Gefühl einen alten Freund ans Messer zu liefern«
»Bei der Paladinmagie gibt es Fortschritte. Seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben, hat sich etwas verändert«. Er zog kurzerhand seine Kleidung aus, so dass man die Symbole auf seinem Körper sehen konnte. »Die Symbole auf meinem Körper verbinden die 8 Siegel zu etwas Neuem. Seitdem es sich so geändert hat kann ich freier auf die Magie zugreifen, ja ich kann sie direkter fühlen. Nur wie soll ich es sagen. Ich hatte gehofft, dass du mir wohl helfen könntest. Weil auch wenn sie jetzt da ist, weiß ich nicht so recht wie ich das volle Potential ausschöpfen kann. Die Zauber die wir schon geübt hatten Dinge erkennen, mich vor Schaden schützen, meine körperliche Grenzen überwinden, meinen Körper gegen Blutungen schützen, Licht herbeirufen und die Magie zum Angriff nutzen klappen schon recht gut. Doch ich fühle, dass da mehr ist. Mehr zu erkunden. Doch ich weiß nicht wie ich dort weiterkomme. Außerdem weiß ich nicht ob ich das Potential der schon einigermaßen verinnerlichten Zauber ausschöpfe«
»Wie war es denn bei dir? Hast du gefunden wonach du gesucht hattest?«. Er hatte sich nur durch seine Quellen sagen lassen, dass Françoise sich länger außerhalb der Stadt aufgehalten hatte. Was genau sie dort gemacht hatte, war scheinbar nicht in Erfahrung zu bringen gewesen. Es interessierte ihn allerdings brennend.
Es war nun so weit, das Schiff konnte fast ablegen um sein Ziel, der Hauptstadt Vengard, entgegen zu segeln. Und was für Segel das waren. Zwei irrwitzig hohe Masten mit jeweils einem beeindruckend weißen Segel, das Symbol des Innosordens protzte unübersehbar auf ihnen. Ein Umstand den Nareth als nur allzu dämlich empfand, da es über weite Strecken signalisierte, wer auf dem Schiff war sodass Piraten und ähnliches Gesindel auf den Meeren in aller Ruhe planen konnten, was sie machten. Gemütlich aus dem Weg gehen, oder aber eine tolle Falle stellen. Das Schiff war riesig, also nicht gerade wendig und schnell, lediglich robust. Wie eine große, hölzerne Schildkröte. Wieder dieses Seufzen des Jünglings, eines seiner ungewollten Markenzeichen, zusammen mit dem genervten Kneifen seines Nasenrückens und dem abfälligen Kratzen seines Kinns. Zweifelsfrei alles bereits sorgfältig notiert in dem kleinen, dunkelbraunen Büchlein seines Aufpassers.
Nareth ging davon aus, dass es sich um einen von Draco’s Leuten handelte, denn es dauerte bis der Jäger den Kerl bemerkte und er verschwand auch immer wieder komplett aus der Wahrnehmung. Macht er das mit Absicht? Will er mir zeigen, dass ich zur Not jemanden da habe, gleichzeitig ich mich aber nicht darauf verlassen sollte? Nervig… entweder oder!
Als die finalen Vorkehrungen an Bord getroffen wurden, entschied sich Nareth seinen Verehrer zu konfrontieren. Immerhin brauchte es noch eine offizielle Erlaubnis mitzureisen. Nareth konnte sich die Reaktionen der Paladine gut vorstellen, wenn er einfach so auftauchte und an Bord wollte.
„Hey. Ja du. Ich weiß, dass Draco dich auf mich angesetzt hat.“
„Hm, was willst du?“
„Ich will an Bord, mit nach Vengard. Eine Zusage deines Herren, doch mir fehlt die offizielle Erlaubnis. Besorg mir… uns, diesen Wisch und-“
„Hier. Geh.“
Der an sich unauffällige Kerl drückte Nareth ein Schreiben in die Hand, eine Reiseerlaubnis an Bord eines Paladinschiffes. Als wäre es das gewöhnlichste der Welt… noch bevor Nareth so recht reagieren konnte und vom Schriftstück aufblickte, war sein Verfolger jedoch bereits verschwunden. Scheiße ist der gut. Kann sich mein Vater ne Scheibe von abschneiden… Dann mal auf zum Schiff!
Françoise
22.10.2025, 23:25
Dracos Erklärung, weshalb sein Bruder Khorinis verlassen hatte, empfand Françoise als ernüchternd. Gewiss hatten Feuermagier einen weiten Ermessensspielraum, wenn es darum ging, was sie tun wollten und wohin sie reisten. Dennoch brauchten sie Saraliel auf der Insel. Vielleicht hätte ich Felia und Curt verpflichten sollen, dachte die Priesterin. Es war zu spät zum Bedauern. Ein anderer Feuermagier würde Saraliels Platz in Khorinis einnehmen. Damit hätte sich die Sache erledigt. Nun, Françoise würde Dracos Bruder trotzdem rügen.
»Trilo?«, wiederholte die Oberste Feuermagierin fragend. Ihr fiel nicht sofort ein, um wen es sich dabei handelte. Die Magie ihres Rings half ihr letztlich auf die Sprünge. Denn aus ihrer Perspektive war der Prozess des früheren Soldaten mehr als ein paar Lebzeiten her. Nun erinnerte sie sich wieder. Der Wiedergänger war ein komplizierter Fall gewesen und es wunderte Françoise, dass er überhaupt noch einmal auftauchte. An seiner Stelle hätte sie alle Länder unter myrtanischer Kontrolle tunlichst gemieden. Denn dass er seinem Schuldspruch beim letzten Mal entronn, kam einer göttlichen Intervention gleich. Natürlich war der Angriff des Drachen zu genau jenem Zeitpunkt purer Zufall gewesen. Während Françoise darüber nachsann, strich sie über das Amulett an ihrem Hals.
»Er hat eine lange Liste an Verbrechen begangen.«, sagte sie schließlich. »Wobei du dir auch einiges zuschulden kommen lassen hast. Du hast allerdings Reue gezeigt. Gott und König haben dir deshalb eine zweite Chance eingeräumt. Zumindest hat Trilo sich für seinen Sohn eingesetzt. Das kann man ihm anrechnen.«
Geduldig hörte Françoise dem Streiter zu, wie er anschließend seine weiteren Erfahrungen mit der Paladinmagie schilderte. Er zeigte wirklich Talent, so viel in so kurzer Zeit gelernt zu haben. Einen deutlicheren Beweis von Innos' Gunst konnte es kaum geben.
»Du bist wirklich eine Klasse für sich, Draco.«, sprach die Oberste Feuermagierin lächelnd. »Viele Paladine tun sich schwierig darin, die Magie für sich zu entdecken. Ein Grund, weshalb wir früher auf Runen zurückgegriffen haben. Sie waren direkter, einfacher. In der runenlosen Magie sind die Grenzen längst nicht so strickt; genau das hast du jetzt erkannt. Das volle Potential aus jeder Zauberformel zu schöpfen, braucht jahrelange Erfahrung. Wobei ich fast sagen würde, dass es immer etwas neues zu entdecken gibt. Wir könnten trotzdem etwas anderes probieren. Es ist zugegebenermaßen ziemlich unorthodox. Ab einem gewissen Grad des Verständnisses für Zauberei, entwickeln wir Magier unsere eigenen Zauberformeln. Frei von dem, was in Lehrbüchern steht. Es ist eine komplexe und mitunter gefährliche Angelegenheit, denn du beschreitest neue Wege. Ich glaube, auch ein Paladin könnte das erreichen. Nicht im selben Umfang wie ein Feuermagier, versteht sich. Wir werden nicht umsonst die Erwählten Innos' genannt. Der erste Schritt in diesem Unterfangen wäre, dass du dir Sinn und Zweck für eine neue Zauberformel überlegst. Etwas ganz eigenes, was sich von deinen anderen Zaubern unterscheidet. Wenn du das geschafft hast, musst du die Struktur der Formel in deinem Kopf manifestieren. Nur wenn du ein unmissverständliches Bild vor Augen hast, wirst du in der Lage sein, es in die Realität zu übertragen. Simpel!«
Françoise lachte ausgelassen. Ob Draco dazu in der Lage wäre, wusste auch sie nicht. Er mochte Talent besitzen, doch auch manchen Magiern viel es selbst nach jahrelangen Studien schwer, dieses Konzept wirklich zu begreifen und vor allem umzusetzen. Die magische Ausbildung des Ordens fing nicht umsonst bereits im Rang der Adlati an.
»Nicht wirklich.«, antwortete die Oberste Feuermagierin auf die letzte Frage ihres Freundes. »Vielleicht lässt sich das, was ich suche, in dieser Welt auch gar nicht finden.«
Ihre Worte waren absichtlich kryptisch. Draco und sie mochte eine lange Freundschaft verbinden. Dennoch ging es hierbei um Dinge, die Françoise auch ihm nicht anvertrauen konnte. Dabei wäre seine Hilfe eine immense Bereicherung. Eine wahrhafte Zwickmühle.
»Ich habe den Turm südlich der Stadt durchsucht. Ein untoter Magier hatte sich dort breit gemacht. Was dort auf dem Tisch liegt, habe ich mitgebracht.«
Sie deutete auf den Schreibtisch am Fenster, auf dem sich Bücher und Schriftrollen stapelten.
»Ein Bruchteil dessen, was im Turm lagert.«
Einen Moment lang hielt die Oberste Feuermagierin inne.
»Wir könnten dem Kloster einen Besuch abstatten.«, sagte sie schließlich. »Soviel ich weiß, hat sich vor Jahren jemand erdreistet, unsere Barriere um das Kloster einzureißen. Dementsprechend wird dort ein heilloses Chaos herrschen und vieles gestohlen oder zerstört sein. Die geheime Bibliothek wurde vielleicht davon verschont. Eventuell können wir dort etwas finden, dass dir mit der Magie weiterhilft. Denn das Kloster wurde erbaut, lange bevor wir die Runenmagie einführten. Lust auf ein kleines Abenteuer?«
Es war nicht nur für Draco, weshalb Françoise ins Kloster wollte. Die geheime Bibliothek, sofern sie noch existierte, verbarg ein immensen Hort an Wissen. Vieles davon fand sich aus gutem Grund nicht in den öffentlich zugänglichen Bücherregalen der Tempel wieder. Es kam einem riesigen Giftschrank gleich.
Delvin Corgano
23.10.2025, 09:55
Die Luft in der Schankstube war schwer vom Rauch der Talgkerzen, dem Hauch von Branntwein und dem säuerlichen Restgeruch alter Fische, der sich selbst durch aufgerissene Fensterläden kaum vertreiben ließ. Stimmengewirr, Würfelklappern, das Klirren von Bechern – es war der Klang eines Ortes, der stets in Bewegung.
Delvin Corgano saß mit dem Rücken zur Wand an einem massiven, grob gezimmerten Tisch, der bessere Zeiten gesehen hatte. Neben ihm Christoph in gepflegter, aber unauffälliger Kleidung, den Kragen halb geöffnet, die Finger ruhend über einem Tonbecher verschränkt. Auf der anderen Seite saß Heinrich, der schweigsame Hüne, dessen Körperhaltung auch in Ruhe einem Wachposten glich.
Delvin schwieg. Seine Augen lagen auf der Szenerie der Kneipe. Zwei Matrosen warfen sich beschimpfend Knochenwürfel zu, ein alter Mann mit zitternden Händen starrte in sein leeres Schüsselchen, während in einer Ecke ein Mädchen mit Messingspangen im Haar einem betrunkenen Händler den Geldbeutel streifte. Nichts davon war neu. Nichts davon entging ihm.
"Eine Stadt, die sich selbst aufgegeben hat..." murmelte Delvin schließlich, mehr zu sich selbst als zu den anderen. "Oder eine, die lange genug gewartet hat, bis jemand kam, der sich ihrer annimmt." entgegnete Christoph leise und nahm einen Schluck. Delvin lächelte kaum merklich. Es war kein Lächeln des Vergnügens, sondern der Bestätigung. "Sie sind träge geworden. Die Ordnung ist löchrig, die Gier liegt offen zutage. Und wer sich hier bindet, bindet mit Schulden, Abhängigkeit, Angst. Ich bezweifle, dass der König von Myrtana das ändern wird ohne diejenigen zu vertreiben, die dieses Loch ihr zu Hause nennen." Heinrichs Stimme kam tief und ruhig: "Manchmal braucht es Gewalt."
"Nur wenn es sein muss." Delvins Blick ruhte kurz auf einer Befestigung hinter dem Tresen, an dem zwei schwere Schürhaken hingen. "Lieber mit Versprechungen." Er sah sich erneut um. Die Kneipe war nicht groß, doch gut besucht. Ein Ort, an dem Gerüchte schneller wuchsen als Moos an den Kaiwänden. Und gerade deshalb wertvoll. Einer der vielen Gründe, warum Delvin Corgano die Hafenkneipe in Thorniara übernommen hatte. Zu seinem Bedauern war die Hafenkneipe in Khorinis in einem sehr viel schlechteren Zustand. Er würde keinen Gedanken daran verschwenden, sich ihrer anzunehmen.
Nach einer Weile erhob er sich. Sein Mantel, dunkelgrau mit abgesetzten Saum, fiel schwer über den Stuhl. Sein Gewand aus feiner Baumwolle und eleganten Verzierungen schimmerte im spärlichen Licht der Kerzen. Er streckte den Rücken und warf Christoph einen Blick zu. "Ich will mit dem Wirt sprechen. Kommt ruhig mit. Hört zu."
Der Wirt stand hinter dem Tresen, ein beleibter Mann mit dunklen Ringen unter den Augen und fettigen Händen, die ständig ein Tuch kneteten, das mehr Dreck verteilte als entfernte. Als er Delvin kommen sah, setzte er ein bemühtes Lächeln auf, das weder Wärme noch Vertrauen ausstrahlte. "Der Herr aus dem Ausland." sagte er mit einem Seufzen "So sitzt Ihr schon eine Weile bei mir und ich hab noch nicht recht erfahren, was Euch nach Khorinis geführt hat. Ihr beobachtet gern, wie mir scheint."
Delvin blieb vor dem Tresen stehen, legte beide Hände ruhig auf die hölzerne Platte. "Beobachten ist ein guter Anfang. Man erfährt mehr über einen Ort, wenn man sich nicht gleich mitteilt. Khorinis... scheint seine besten Jahre hinter sich zu haben." Der Wirt schnaubte, halb Lachen, halb Resignation. "Die besten Jahre? Die sind schon lange fort. Der König hatte diesen Teil seines Reiches wohl vergessen und uns dem Schicksal und marodierenden Banden überlassen. Jetzt ist er zurück und wirbelt mehr Staub auf, als wir vertragen..."
Delvin hörte aufmerksam zu, ließ den Mann erzählen, ohne zu unterbrechen. Als der Wirt verschnaufte, fragte er: "Und wer hält den Hafen am Laufen? Wer sorgt dafür, dass die Zungen nicht verstummen, das Bier fließt, und die Männer mit klingenden Münzen kommen?" Der Wirt zuckte mit den Schultern. "Niemand wirklich. Ein paar Händler, zwei, drei alte Familien. Und die Stadtwache... wenn sie Lust hat. Aber meist kümmern wir uns selbst. So gut es eben geht." Delvin neigte den Kopf leicht. "Und wenn einer käme, der das ändern wollte? Einer, der nicht dem König die Treue geschworen hat?"
Ein flüchtiger Schatten huschte über das Gesicht des Wirts. "Dann müsste er wissen, mit wem er reden muss. Und mit wem besser nicht." Delvin lächelte kühl. "Dann fangen wir besser an, uns zu unterhalten."
Jacques Percheval
23.10.2025, 23:48
Die Speere flogen durch die Luft, der eine in höherem, der andere in niedrigerem Bogen, die meisten im Flug herumeiernd, einer drehte sich sogar um gute 180 Grad und traf den Boden mit dem Schaft voran. Nur zwei der Waffen kamen am Ende überhaupt in den aufgestellten Zielen zum Stecken, die übrigen landeten in wilder Anordnung vor, hinter und neben den Zielscheiben.
Jacques seufzte leise. Sein Blick wanderte über die Gruppe von Rekruten, denen er seit einigen Tagen den Umgang mit Stangenwaffen näherbringen sollte. Warum ausgerechnet er zu dieser zweifelhaften Ehre gekommen war, das war ihm selbst noch ein Rätsel. Aber ob es nun Zufall gewesen war, weil sein Name vielleicht auf irgendeiner Liste ganz oben gestanden hatte, oder ob irgendjemand - Sir Eric vielleicht? - eine ‘Empfehlung’ ausgesprochen hatte, oder ob der Grund ein ganz anderer sein mochte: Jedenfalls hatte er vor wenigen Tagen den Befehl erhalten, bei der Grundausbildung frischer Rekruten für die Miliz mitzuhelfen.
Seit die Anwesenheit der Paladine in der Stadt langsam als etwas akzeptiert wurde, das von Dauer sein würde, hatte die Miliz einen ansteigenden Zustrom von neuen Freiwilligen zu verzeichnen, und Lord Hagen hatte ausdrücklich angeordnet, jedem, der nicht vollkommen ungeeignet für den Waffendienst war, zumindest eine Chance zu geben. Das Ergebnis dieser Politik stand nun in einer losen Reihe auf dem Kasernenhof und versuchte, angespitzte Stöcke auf geflochtene Zielscheiben zu werfen: Ein alter Fischer, der beim Gehen einen Fuß nachzog; ein nervöser junger Bursche, der ständig einen Blick über die Schulter warf, als fürchtete er, verfolgt zu werden; eine Witwe, der das Schicksal tiefe Falten ins Gesicht gegraben hatte; ein ehemaliger Handwerker, dessen Hang zum Glücksspiel ihn ruiniert hatte …
Diese Rekruten waren nicht das Material, aus dem man Elitesoldaten schmiedete. Es waren Menschen, deren Motivation zu kämpfen nicht darin bestand, dem Reich, dem König, Innos oder einem Ideal zu dienen. Ihnen ging es um einen warmen Schlafplatz, tägliche Verpflegung und den vielleicht schmalen, aber regelmäßigen Sold. Jacques zweifelte, dass die meisten von ihnen jemals für den Kampf taugen würden, selbst wenn sie es schafften, die Grundlagen des Waffenhandwerks zu erlernen. Es war nun einmal etwas völlig anderes, ob man auf dem Kasernenhof trainierte, oder tatsächlich dem Tod ins Auge sah.
“Beim … bei Innos, die werfen ja, als würden sie mit ihren Hunden Stöckchenholen spielen!”
Jacques seufzte. Der Mann, der neben ihm stand, war zwar einen guten halben Kopf kleiner als er, aber seine Schultern waren mindestens ebenso breit und der kahlgeschorene Kopf saß auf einem Stiernacken, der zu massig für die lederne Halskrause seiner Milizuniform wirkte.
“Sie sind nicht mit dem Herzen dabei”, fuhr Gor Na Sekh fort, seine Stimme ein dumpfes Grollen. “Sie wollen all das gar nicht. Sie wollen einfach nur fertig sein mit den Übungen, sich in ihre Kojen verkriechen und am Ende der Woche den Sold einstreichen. Warum lässt euer … unser Lord Hagen solche Nichtsnutze in die Miliz?”
Jacques warf dem missgelaunten Mann neben sich einen kurzen Blick zu. Dessen Augen blieben auf die Rekruten fixiert, die dabei waren, ihre Speere wieder einzusammeln und sich für den Nächsten Versuch bereit zu machen. Gor Na Sekh gehörte zu der Gruppe von Männern, die in der Stadtwache als ‘die Bruderschaft’ bekannt waren und die vor dem Eintreffen der Paladine die Wache angeführt hatten. Grundsätzlich hatte sich daran nichts geändert - doch in diesem einen Punkt, der Auswahl der Rekruten, hatte Hagen seine höhere Autorität deutlich gemacht.
“Ich weiß nicht”, antwortete Jacques, “Aber angesichts dessen, was ich dort draußen vor den Mauern gesehen habe, können wir hier jeden brauchen, der eine Waffe halten kann - und sei es nur, um den echten Kriegern im Ernstfall den Rücken freizuhalten, indem sie innerhalb der Stadt die Ordnung aufrechterhalten.”
“Ach, das glaubst du?” Gor Na Sekhs Stimme triefte vor Sarkasmus. “Hast du gewusst, dass unseren besten Leuten angeboten wurde, in die Reihen der Garde einzutreten?”
Jacques zog die Augenbrauen zusammen. “Nun, das ist doch … gut für sie, oder nicht? Und für Khorinis - der Orden ist schließlich für die Sicherheit der Stadt verantwortlich!”
“Der Orden? Und ich dachte, dafür gäbe es die Stadtwache.”
“Also …”
Gor Na Sekh winkte ab und wandte sich zum Gehen. “Wenn du mit diesen Witzfiguren für heute fertig bist, schick sie zu mir. Die werden sich ihr warmes Süppchen erst noch mit ein paar Runden um den Platz verdienen, bis ihre verdammten Lungen pfeifen!”
Jacques sah dem alten Krieger hinterher, wie er mit weiten Schritten in Richtung der Schmiede davonschritt. Ein seltsamer Haufen, diese ‘Bruderschaft’. Er wusste noch immer nichts genaues über sie, ihre Herkunft, ihre Ideale … aber es war offensichtlich, dass sich langsam Spannungen auftaten zwischen ihnen und der Führung des Ordens. Aber warum? Vertraut Hagen ihnen nicht? Will er deswegen die besten Kämpfer der Wache als Gardisten dem Orden eingliedern, um sie dem Einfluss der Bruderschaft zu entziehen? Er kratzte sich am Hinterkopf. Politik … Bei Innos, was könnten wir nicht alles erreichen, wenn wir alle am selben Strang ziehen würden? Aber es lag wohl in der menschlichen Natur, dieses ständige Ringen um Macht und Einfluss, bis zur Selbstzerstörung … Jacques seufzte und wandte sich wieder seinen Rekruten zu: “Okay, herschauen, ich zeige es euch noch einmal …”
DraconiZ
24.10.2025, 20:16
Der Streiter schaute sich die Dokumente an, die Françoise aus dem Turm mitgebracht hatte. Er flog nur kurz mit ein paar Blicken darüber. Vieles schien ihm kryptisch und verworren. So als hätte es ein Geist geschrieben der sich wellenförmig bewegte. »Müsste man sich wohl herein denken nicht?«, fragte er rhetorisch und legte dann die Schriften wieder weg. Das war gerade nichts, womit er sich beschäftigen konnte. Auch wenn es sicherlich einige spannende Dinge zu erzählen hatte. »In welcher Welt willst du denn noch suchen? Das scheint mir schon relativ fernab der normalen Aufzeichnungen zu sein«, fragte er noch immer etwas in Gedanken versunken. Meinte sie das überhaupt, wenn sie von Welten sprach? Welten der Wahrnehmung oder meinte sie wirklich andere physische Sphären? Wenn er daran dachte wie er 10 Jahre in Finsternis verbracht hatte schauderte er.
Während sich Konstantin und die oberste Magierin bereit machten für die Reise berichtete er noch etwas von den übernatürlichen Dingen, die scheinbar bei ihm umgingen: »Nun meine Ausbildung in Magie ist schon alt. Irgendwie war auch die Schattenmimik eine Art von Magie. Da sie nun mit der, ich weiß nicht wie ich es sagen soll, richtigen? Jedenfalls der Paladinmagie verschmolzen ist scheine ich einen guten Draht dazu zu haben. Mir fehlt noch etwas, was etwas ähnliches wie die Schattenminik bewirken kann. Ich habe keinen Zugriff mehr auf die Schatten selbst und kann sie nicht manipulieren. Doch mich verborgen zu halten war etwas, dass mir fehlt. Wenn es eine Möglichkeit gäbe das mit dem was in mir ist zu bewerkstelligen: Das wäre großartig«, resümierte er. Dann zuckte er mit den Achseln. Wer wusste schon, was sich in Zukunft ergeben mochte. Er ging nochmal auf die Schriften zu. Jetzt wo ihm einfiel, dass es auch noch andere Aspekte seiner Magie gab, die Erforschung benötigten. Er legte seine Hand darauf und schloss die Augen.
»Hmm ich fühle zumindest nichts gefährliches daran«, sagte er nach einer Weile ohne zu wissen ob es daran lag, dass er noch nicht weit genug war oder, dass es nichts zu fühlen gab. »Wissen ist ja im eigentlichen Sinne auch neutral. Erst die Anwendung macht es nützlich oder gefährlich«, philosophierte er. Der Drache, wie der Streiter an der Seite seiner Freundin oft genannt wurde, schaute ihn wieder mit diesem undeutbaren Blick an. Zumindest schien er fertig zu sein. Stolz und bewaffnet. Konnte nur gut werden. »Ich freue mich jedenfalls wieder mit euch auf ein Abenteuer zu gehen. Das Kloster birgt viele alte Erinnerung und wahrscheinlich auch Potential für neue. Ich kann mich noch gut erinnern, dass dort Valien geweiht wurde, nachdem wir aus Tyrien wiederkamen«. Er klopfte mit seiner Hand gegen den Griff. »Für dich muss es noch mehr bedeuten. Schließlich war es lange Zeit dein Zuhause. Wie meinst du wird es sein? Wie nach Hause kommen? Das Kloster hat ja schon einiges mitgemacht….«, fragte er an Françoise gerichtet.
Françoise
26.10.2025, 18:19
»Du wirst ein wenig kreativ werden müssen, mein Freund.«, sagte Françoise, als Draco davon erzählte, seine früheren, von Beliar verliehenen Fertigkeiten nicht mehr einsetzen zu können. Es lag auf der Hand, dass er keinen perfekten Ersatz finden könnte. Umdenken war hier das Stichwort. »Sich zu verbergen ist auch nicht unbedingt die Art und Weise, wie ein Paladin agiert. Jedenfalls der Stereotyp eines Paladins. Zum Glück ist das bei dir kein Hindernis.«
Dann trat sie an seine Seite, während er die Schriften begutachtete.
»Wenn sie gefährlich wären, hätte ich sie nicht hierher gebracht.«, erwiderte die Oberste Feuermagierin. »Die wenigsten Bücher und Schriftrollen über Magie beinhalten selbst Magie. Solche Dinge sind seltene Artefakte. Kein Magier, der etwas auf sich hält, würde das einfach irgendwo rumliegen lassen. Dafür gibt es Orte, wie die geheime Bibliothek im Kloster.«
Schließlich setzten sich die drei in Bewegung. Ihre erste Anlaufstelle lag noch im Rathaus selbst. Während sie die Treppe hinabstiegen, beantwortete Françoise die Fragen ihres Freundes.
»Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie ich mich fühle. Einerseits hast du Recht, dass das Kloster eine Zeit lang mein Zuhause war. Andererseits hatte ich seitdem andere Orte, die mein Zuhause wurden. Für wesentlich längere Zeit.«
Und Bindungen, die alles übertrafen, was sie auf Khorinis jemals geknüpft hatte. Inklusive der Freundschaft zu Draco. Das minderte ihre Wertschätzung für den Streiter nicht im Geringsten. Es setzte alles bloß in eine ganz andere Perspektive.
Im Erdgeschoss angekommen, liefen Draco, Konstantin und Françoise geradewegs zu Hagen.
»Innos zum Gruß.«, sprach der Paladinlord. Sein Gesichtsausdruck uneindeutig. Draco gegenüber wollte er vermutlich nicht allzu nett auftreten. Gleichzeitig verband den alten Krieger eine Freundschaft mit der Obersten Feuermagierin, so dass er ihr gegenüber gleichzeitig nicht allzu grimmig dreinblicken konnte. Um ihn aus seiner Zwickmühle zu erlösen, fasste sich Françoise kurz.
»Innos zum Gruß, Hagen.«, sagte sie. »Draco und ich werden uns jetzt auf den Weg zum Kloster machen. Du hattest mir eine Eskorte versprochen.«
»Ja, richtig.«, antwortete der Paladinlord. »Ein halbes Dutzend Soldaten sollen dich begleiten. Ich habe schon den Befehl an die Kaserne weitergeleitet.«
»Ich danke dir!«, sprach die Priesterin und lächelte. »Dann werden wir dich nicht länger von deinen Papieren fernhalten.«
Hagen grummelte und schüttelte nur den Kopf. Mit solch einem Spruch konnten ihm nur wenige ungeschoren davonkommen.
Gemeinsam verließen die drei Abenteurer das Rathaus und machten sich auf den Weg zur Kaserne. Unterwegs dachte Françoise noch einmal über Dracos Anliegen nach und kam dabei auf eine Idee.
»Wie wäre es mit einer Fata Morgana?«, sagte sie an ihren Freund gewandt. »Zumindest vom Prinzip her. Wenn du das Licht brechen könntest, es um dich herum leitest, würdest du dich auch auf eine gewisse Weise vor Blicken verbergen. Eine Art Tarnkappe. Der Vorteil ist, dass es selbst unter der gleißenden Sonne wirken würde. Natürlich auch in den Schatten. Denn solange das Auge etwas sehen kann, gibt es Licht, das du umlenken könntest. Das ist doch sogar noch besser als vorher!«
DraconiZ
26.10.2025, 20:31
Er war immer noch perplex als sie sich von Hagen wegbewegten und die Stufen vom oberen Viertel herunterstiegen. Er kannte den Lord als stolzen und führungsstarken Mann, der sich kaum Jemandem beugte, es sei denn das Haupt war gekrönt oder, wie er hier gesehen hatte, trug die Robe der obersten Feuermagierin. Selbst Daelon perlte bei ihm wie Wasser an einer Scheibe ab, wie er es selbst beschrieben hatte. Der Einfluss seiner Freundin konnte sich also sehen lassen. »Ich war noch nie in der Bibliothek. Ich mag kaum verhehlen, dass ich mich freue sie mal zu Gesicht zu bekommen« Sie kamen gerade an Vatras Schreib vorbei, als der Klingenmeister den Faden der Magie wieder aufnahm. »Eine Fata Morgana hört sich gar nicht so fern an. Das Licht zu brechen wie es die Wüste tut wäre ganz im Sinne Innos’, denn schließlich tut es seine Macht selbst jeden Tag. Gleichzeitig hat es die Verbindung zu meiner ehemaligen Heimat Varant. Sehr passend«, philosophierte er. »Das wäre quasi die Synthese aus Feuer und Heimlichkeit«. Er blieb stehen und schaute auf seine Hand. Er konzentrierte sich auf die Umrisse und fühlte in sich hinein. »Nicht jetzt«, hörte er den Drachen brummen. »Später«. DraconiZ nickte. Wohl ein unpassender Moment. Er spielte das Szenario in seinen Gedanken dennoch weiter. Ein Krieger der nur verschwommen sichtbar war. Die Macht Innos um ihn herum die das Licht beugte….
Ein mulmiges Gefühl überkam ihn als sie die Kaserne erreichten. Er hatte viel Zeit hier verbracht. Als Soldat und als Schmied. Hier hatte er seine Waffe geschmiedet die er nun auf dem Rücken trug. Hier hatte er mit Freunden gelacht und sich von Andre Befehle abgeholt. Wie ein dunkler Schleier legte sich Altes über die Gegenwart. Die Blicke der Soldaten vor der Kaserne holten ihn zurück in den Moment. »Doch ihr werdet in meinen Augen nie mehr ein vollwertiges Mitglied des Ordens und ich werde euch niemals mehr meinen Bruder nennen «, hallten Hagens Worte wie ein Donnerschlag in seinem Kopf wider. Das galt sicherlich nicht nur für seine Lordschaft, sondern für die meisten der Soldaten hier ebenfalls. Françoise bewahrte ihn wie ein Schild vor handfesten Anfeindungen. »Ich denke ich überlasse dir wohl das Reden. Auch wenn du wohl nicht recht weißt was du fühlst, strahlst du deutlich mehr Charisma als ich aus schätze ich«, meinte er angespannt.
Françoise
28.10.2025, 21:08
»Das macht alles die Robe.«, witzelte die Priesterin und übernahm die Führung der Gruppe. Insgeheim fragte sie sich, ob ihr Freund jemals sein Stigma loswerden könnte. Jedes Mal, wenn jemand von Rang und Namen aus dem Orden auf ihn traf, gab es unterschwellige Spannungen. Oder nicht so unterschwellig, wenn ihre Position offene Feindseligkeit zuließ. Françoise hoffte inständig, dass es niemals zu einer echten Auseinandersetzung käme. Selbst wenn sich Draco nur verteidigte, hätte er am Ende vermutlich das Nachsehen.
Zu ihrer Überraschung befand sich im Dienstzimmer des Kommandanten kein Paladin. Auch kein Milizsoldat, der Kluft nach zu urteilen. Ein Mann mit kahlgeschorenem Kopf und prominenten Tätowierungen. Seine Augen zuckten kurz auf, als die Gruppe das Zimmer betrat. Fast so, als prüfte er sie. Offenbar hatten sie seinen Test bestanden, denn anschließend widmete er sich wieder seinen Dingen.
»Innos zum Gruß.«, sagte die Priesterin freundlich und trat an den Tätowierten heran. Dieser hob den Kopf und blickte ihr in die Augen.
»Erwache.«, antwortete der Mann ohne weitere Erklärung. Françoise mutmaßte, dass es sich um eine in seinen Kreisen übliche Grußformel handelte. Neugierig war sie durchaus, was es damit auf sich hatte. Doch dafür waren sie nicht gekommen.
»Ich bin Françoise, die Oberste Feuermagierin. Dies sind meine Begleiter DraconiZ und Konstantin.«, führte die Priesterin aus. Die Augen des Mannes huschten von ihr zu ihren Gefährten, dann wieder zu Françoise.
»Gor Na Kosh, Templer.«, bekam sie dann als Antwort von ihrem Gegenüber.
»Lord Hagen sagte, dass mir ein Geleit von Soldaten zur Seite gestellt werden würde, damit ich das Kloster aufsuchen kann.«
»Das ist richtig.«, erwiderte der Templer abermals präzise und knapp. »Ich werde sie auf dem Hof antreten lassen.«
Ohne ein weiteres Wort verließ Kosh das Dienstzimmer.
»Ich gehe mal davon aus, dass wir ihm folgen sollen.«, kommentierte die Oberste Feuermagierin. Am Gesichtsausdruck von Konstantin konnte sie bereits ablesen, dass der Templer ihrem Leibwächter nicht sympathisch war. Ein Drache duldete keine Nebenbuhler und die stoische Art, die Kosh an den Tag legte, war wie eine unausgesprochene Herausforderung für ihn gewesen.
Kurzerhand folgten die drei Gefährten dem Templer nach draußen. Françoise nahm auf einer Bank Platz, während der Templer die Soldaten zusammentrommelte.
»Ich hoffe wirklich, dass die Bibliothek die Jahre unbeschädigt überstanden hat.«, sagte die Priesterin. »Als wir uns damals aus dem Kloster teleportiert hatten, nahmen wir nur das nötigste mit. Viele Dinge dort unten sind von unschätzbarem Wert.«
Sunder schlenderte ziellos durchs Hafenviertel, das machte er in letzter Zeit öfters. Das half ihm seine trüben Gedanken und schlechte Erinnerungen, die immer wieder mal aufkamen, mehr oder weniger zu verdrängen. Vor allem aber halfen ihm die ausgiebigen Spaziergänge, nicht wieder, wie in alten Zeiten, dem Alkohol zu verfallen. All seinen Kummer in Bier und Schnaps zu ertränken war jedenfalls keine Lösung, davon war der alte Seemann, nach seiner nach langen Zeit der Abstinenz, grundsätzlich überzeugt. Allerdings müsste er gestehen, wenn er danach gefragt würde, das er in solch melancholischen Momenten, öfters ins grübeln kam, ob manch Schicksal im Suff nicht doch leichter zu zu ertragen war. Gerade hier in Khorinis, der Ort an dem er einen Großteil seines Lebens verbrachte, fiel es dem Seebären besonders schwer, gegen den inneren Schweinehund der sich gerne sinnlos besaufen würde, zu überwinden, in Thorniara fiel ihm das viel leichter. Das lag vermutlich daran, das er dort fast ständig im Suff war und deshalb nicht wirklich wahrgenommen hatte, was um ihn herum geschah, versuchte der alte Seemann dieses Phänomen zu erklären, sicher war es sich aber nicht.
Vor sich hin grübelnd, hatte Sunder gar nicht bemerkt, das er seine Schritte zum Kai gelenkt hatte. Seine Spaziergänge endeten meistens dort, das war wohl die Macht der Gewohnheit, fast schon ein Ritual. Frische Seeluft atmen und aufs Meer hinausschauen war für einen alten Seemann wie ihn, nach wie vor das beste Mittel um den Kopf freizubekommen, für ein paar Augenblicke die Zeit zu vergessen. Jedoch nur wenn es ihm gelang, die schlechten Erinnerungen die ihn ebenso mit diesem Ort verbanden, nicht an sich heranzulassen, sonst war eher Trübsal angesagt. Schon verrückt das sich manche Ereignisse immer wieder in Erinnerung riefen, sich geradezu penetrant aufdrängten um nicht in Vergessenheit zu geraten. Der olle Seebär musste sich wohl damit abfinden, das er immer wieder mit Fehlern aus seiner Vergangenheit konfrontiert wurde. Zum Glück hatte Sunder in seinem Leben auch vieles richtig gemacht, glaubte er jedenfalls, das half ihm in solchen Momenten nicht zu verzagen, wieder Frieden mit sich zu finden, irgendwie musste es ja weitergehen...
„‚Zum schlafenden Geldsack‘, ein interessanter Name für eine Herberge.“
Larah konnte der Aussage des Kapitäns nur zustimmen. Gemeinsam musterten sie das für die khorinischen Verhältnisse dieser Tage gut instandgehaltene dreistöckige Fachwerkhaus, dessen Obergeschosse oberhalb des Eingangs, getragen von massiven hölzernen Ständern, über den Platz aufragten.
„Und noch dazu ein ziemliches Wunder, dass eine Herberge direkt gegenüber der Kaserne bislang von jeglicher Einquartierung verschont geblieben ist.“, fügte Yared hinzu.
Die Fischjägerin sah, wie sein kühler Blick zu Kaldrin und Magister Arvideon wanderte.
Die Gastwirtin, eine Frau namens Hanna, schien sehr überrascht gewesen, als die Offiziere gerade eben bei ihr vorgesprochen hatten. Sie hatte sichtlich nicht damit gerechnet, Soldaten und nun sogar Seeleute kostenfrei bei sich aufnehmen zu müssen. Erst hatte sie die Entourage des Kapitäns abwimmeln wollen, doch irgendwas an der Anwesenheit des kleinwüchsigen Magisters hatte sie plötzlich ihre Meinung ändern lassen.
Wandermönch und Waffenmeister lächelten einmütig, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Hier war definitiv was im Busch.
„Martin, der Proviantmeister der Garnison, hat mir gesagt, es wäre das einzige Haus in diesem Teil der Stadt, das noch Zimmer frei hätte.“, verkündete der hagere Sildener mit dem riesigen varantischen Krumschwert, der für die schweren Ballisten und Werke auf Yareds Schiffen zuständig war und sich sonst für die ruppigeren Arbeiten im Kompaniestab des Paladins federführend zeichnete.
„So so“, brummte Yared.
„Er hat nur seine bescheidenen Kontakte bemüht, so versichert der Vater der falschen Bescheidenheit“, fügte der umtriebige Wandermönch mit den goldenen Augen an.
Der Kapitän seufzte.
„Sei’s drum. Wir haben ein anständiges Quartier. Gut gemacht.“
Larah ließ ihren Blick über den Platz streifen, hinüber zu der heruntergewirtschafteten Kaserne. Trotz ihrer baulichen Mängel war immer noch spürbar, welche Bedeutung diese Garnison einst, zu ihren Hochzeiten für die Stadt, die Insel, ja diesen Teil des Myrtanischen Reiches gehabt haben musste. Das war also ihr vorübergehender Bestimmungsort für die nächsten Monde.
Sie atmete tief ein.
Der Wind hatte aufgefrischt und den morgendlichen Nebel zerstreut. Nun fegte er die ersten gefallenen farbigen Blätter über das Kopfsteinpflaster. Er roch frisch, kühl, aber nicht eisig, und nach Regen.
„Ist das nicht Redlef Cast dort drüben?“
Die Gortharerin wandte sich abermals der Stimme des Kapitäns zu. Sie wusste noch nicht recht, warum er sie hier dazu gebeten hatte.
„Kann schon sein. Dort drüben hat man die Pferde untergebracht. Das sind die provisorischen Stallungen. Cast hatte es ja immer schon mit Pferden“, erläuterte Kaldrin.
„Ich werde ihm kurz Guten Tag sagen, bevor wir zu Sir Lothar gehen“, meinte Yared kurzentschlossen, „Kalle, Magister Arvideon, ihr habt uns dieses Quartier aufgetan. Bitte kümmert euch nun auch zwischenzeitlich um die Ausschiffung und Unterbringung unserer Leute.“
Arvideon war irgendwie bereits unbemerkt aus ihrem Sichtfeld verschwunden. Trotzdem schien der Paladin davon auszugehen, dass der Innosdiener ihn schon gehört hatte.
„Aye!“, bestätigte der Waffenmeister die Anweisung.
Larah folgte indes Yared hinüber zu einem rothaarigen Mann, der gerade die Tür im verwitterten Tor zuschob, hinter dem sich mutmaßlich der Innenhof der Stallungen auftat.
Die Tage wurden kürzer und das Wetter immer ungemütlicher, nicht mehr lange, da stand schon der Winter vor Tür. Die wohl schlimmste Zeit für die überwiegend armen Bewohner des Hafenviertels und noch schlimmer für die Obdachlosen. Für die ärmsten der Armen gab es nirgendwo einen Platz. Die wenigen, eher baufälligen Hütten, waren meist von kleinen Grüppchen besetzt, die gemeinsam versuchten den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen. Sie teilten das Wenige das sie hatten und wenn es gut lief, reichte das um die kalte Jahreszeit einigermaßen zu überstehen. Doch wehe dem, der nichts Essbares beitragen oder wenigstens Holz zum heizen auftreiben konnte, dem blieben die Türen zu den kärglichen Behausungen versperrt. Das Leben der Armen war in Notzeiten hart und unerbittlich, seit jeher, Sunder konnte sich jedenfalls nicht entsinnen, das es irgendwann mal anders war.
Dabei brauchte es doch gar nicht viel um die Armen über den Winter zu bringen. Ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen, schon waren die Chancen einen kalten Winter zu überstehen gleich viel besser. Wieso gab es hier Niemanden der sich um die Ärmsten der Armen kümmerte?, kam es Sunder in den Sinn. Im gleichen Atemzug fiel ihm ein, das sich früher die Bürgerwehr für solche Leute zuständig fühlte. Das waren noch Zeiten als alle zusammenhielten, da blieb Niemand auf der Strecke, irgendwie fand sich immer eine Lösung den Notdürftigen zu helfen, erinnerte sich der alte Seemann mit Wehmut. Doch das war längst Vergangenheit, die damaligen Freunde und Kameraden, die die Bürgerwehr tatkräftig unterstützt hatten waren nicht mehr da. Ob tot oder verschollen, der Seebär wusste es nicht, es spielte keine Rolle mehr, er hatte sich längst damit abgefunden oder erfolgreich verdrängt, wie er es für sich formulieren würde.
Ja, Sunder hatte wohl so manches verdrängt, manches war sicherlich durch die Wirren der Kriege in Vergessenheit geraten. Anderes hatte der Seebär schlichtweg durch Suff in die hinterste Ecke seiner Hirnwindungen gespült, auf das es dort ewig verborgen bliebe. Äußerst seltsam war, das er sich beim Rückblick an Zeiten der Bürgerwehr gar nicht als Oberhaupt der Bürgerwehr gesehen hatte. Dabei hatte ihn diese Aufgabe doch große Freude bereitet, mit Stolz erfüllt, einen Sinn gegeben. Das wurde ihm erst viel später wieder bewusst, als weitere Bilder aus diesen Tagen vor seinem geistigen Augen vorbei zogen. Warum waren diese schönen Erinnerungen verschollen?, der alte Seemann fand keine Erklärung dafür.Vielleicht war das ja ein Zeichen das diese Erinnerung ausgerechnet jetzt wieder zum Vorschein kam, mutmaßte Sunder, dem so langsam vom vielen denken der Kopf schwirrte...
Mit kräftigen Stößen fuhr die Raspel über den Huf der Fuchstute, die ungeduldig, ob des Ertragens ihrer Pediküre, erneut in den Stoff der Hose, des ihr entgegen gestreckten Hintern des Mannes zwickte, der ihre Zehe kürzte.
Redlef grunzte genervt und vertreib ihr Maul mit der freien Hand wedelnd von seinem Steiß.
Leise vor sich hin fluchend beendete er seine Arbeit, prüfte mit einigen routinierten Handbewegungen, ob er den Huf gleichmäßig gekürzt hatte und stellte das Bein des Pferdes dann zufrieden auf den Boden zurück.
Stöhnend und sich den Rücken haltend erhob er sich und tätschelte dem Tier den Hals. Das Pferd, welches Calan auf Khorinis von seinem kleinen Abenteuer im Umland Thorniaras mitgebracht hatte, entwickelte sich prächtig. Redlef konnte inzwischen kaum mehr leugnen, dass er den Fuchs ins Herz geschlossen hatte. Das Tier war unglaublich gelehrig und fleißig, fast übereifrig. Nur ihre Ungeduld beim Stehen und Warten war eine Unart, die er ihr noch nicht ausgetrieben hatte. So hatte er das Knabbern an seiner Kleidung mehr oder weniger hilflos über sich ergehen lassen müssen, während er ihre Hufe bearbeitet hatte.
Von der langwierigen, gebückten Arbeit und dem Halten ihrer zappelnden Hufe mit seinem Knien taten ihm nun Rücken und auch die Beine weh. Glücklicherweise konnte er die Pferde nun wieder an Bardasch übergeben und musste sich nun aufmachen, Jaques die versprochenen und von ihm selbst zurecht geschnitzten Behelfsspeere bringen. Hatte sich der arme Trottel doch allen Ernstes freiwillig für die Ausbildung der Rekruten gemeldet…
Suchend sah sich Redlef nach seiner Krücke um. Doch anstelle des Stocks erspähte er ein bekanntes doch lange nicht mehr gesehenes Gesicht.
»Kapitän Yared!«, rief er dem hageren Seemann entgegen, der im Tor zum Hofes ihrer improvisierten Stallung aufgetaucht war. Der Mann wurde von einer jungen Frau begleitet. Redlef kniff kurz die Augenbrauen zusammen, als er sich die deutlich jünger erscheinende Begleiterin genauer besah: Hatte der Kapitän je eine Tochter erwähnt?
Red klaubte die zu Boden gefallene Krücke auf und humpelte über den Hof der ehemaligen Stellmacherei den Beiden entgegen.
»Es tut gut Euch hier zu wissen! Haben sich die hohen Herren endlich zur Sendung einer Unterstützung durchgerungen?«, begrüßte er freundschaftlich den Kapitän. Er hatte lange nichts von ihm gehört. Soweit es zu ihm durchgedrungen war, war Yared während seiner Zeit im Kerker nicht auf Argaan gewesen. Wo er sich wohl herumgetrieben hatte? Das Meer war so unvorstellbar groß, es überstieg Redlefs Vorstellungskraft.
»Verzeiht, Innos mit Euch!«, grüßt er nun auch die Dame an Yareds Seite etwas reservierter. »Ich bin Ordensbruder Redlef Cast.« Er musterte sie einen Moment. Man mochte sie wohl als hübsch bezeichnen, mit ihrem langen goldblonden Haaren und ihrer ansehnlichen Figur, Redlef machte sich jedoch ausschließlich Gedanken darüber, ob sie sich zurückhalten wusste, um keine Unruhe in den Trupp zu bringen…
Er schulterte mit einem letzten abschätzigen Blick die Übungsspeere, die neben dem Tor bereitgelegen hatten und wandte sich darauf erneut an Yared. »Entschuldigt bitte, ich werde an der Kaserne erwartet. Begleitet Ihr mich und erzählt mir, woher und wozu euch der Wind hierher geweht hat?«
„Es tut gut, Euch zu sehen, Redlef“, grüßte Yared zurück und meinte leicht amüsiert, „Gern begleiten wir Euch. Wir haben gewissermaßen das gleiche Ziel.“
Redlef schob sich voran durch das Tor wieder hinaus auf den Galgenplatz. Larah und der Kapitän folgten ihm.
„Eigentlich wollten wir nur Wasser und Nahrungsmittel aufnehmen und weiter zum Festland“, erläuterte der Sappeur derweil, „aber dann hat uns Lord Hagen verpflichtet. Wir sollen Kaserne und Hafenanlagen in Stand setzen, damit die Kauffahrer die Kaianlagen und die momentan belegten Lagerhäuser und Kontore wieder nutzen können, wenn sie hier ankommen.“
Es war nicht so, dass das Wasser in keinem Fall mehr ausgereicht hätte. So auf Kante genäht hatten sie für die Fahrt von Qart'hadast nach Myrtana selbstverständlich nicht geplant. Aber die Ladekapazität war begrenzt und die Reise zwischen den beiden Kontinenten lang. Wenn sie es geschafft hätten, dem Sturm vollständig zu entgehen, wäre der Landgang in Khorinis nicht notwendig geworden. Doch so hatte sie das zu viele zusätzliche Tage gekostet und ohne diesen Zwischenhalt wären sie auf dem letzten Tropfen Frischwasser nach Vengard gesegelt – ein zu hohes Risiko. Und der Sturm hatte sie sozusagen auch zugleich direkt in Hagens Hände getrieben, durch die zumindest seine Leute und damit auch die Gedanken und Pläne des Kapitäns erstmal hier gebunden waren.
„Wir waren gerade auf dem Weg von der Herberge dort drüben – vorerst wohl unser Quartier an Land – zur Kaserne. Man hat mir gesagt, ich könne dort mit Sir Lothar über den Zustand der Bauten und Schanzwerke sprechen.“
„Das ist übrigens Larah“, stellte Yared seine Begleiterin vor, die bislang schweigend ihrem Gespräch gefolgt war. Nun nickte sie Redlef nur nocheinmal zur Begrüßung stumm zu, wie sie es zuvor schon kurz getan hatte, als sich der Ordenbruder vorgestellt hatte. “Sie stammt aus Gorthar, hat früher einmal für meine Handelskompanie gearbeitet und mir zuletzt als Kundschafterin auf meinen Reisen in den tiefen Südosten wertvolle Dienste geleistet.“
Je näher sie dem Gebäudekomplex auf der anderen Seite des Platzes kamen, desto deutlicher wurden die Missstände des alten Garnisonsbaus. Doch richtig sichtbar wurde das Ausmaß erst jetzt, als sie die Freitreppe und die umlaufenden Außenbastionen hinter sich ließen und durch das breite Tor schritten.
Lord Scaruders Schiffszimmerleute hatten die Löcher in den Dächern, das heruntergekommene Gebälk über ihnen und die morschen Treppen, die man durch die Durchgänge zu beiden Seiten des Eingangs zum Hof erspähen konnte, notdürftig geflickt. Doch für eine Generalsanierung brauchte man wenigstens richtige Marinepioniere, wenn nicht eigentlich gar einen Festungsbaumeister, denn selbst die meterdicken Mauern bröckelten an der ein- oder anderen Stelle bereits sichtbar. Yared verstand nur zu gut, warum sich Lord Hagen die Chance nicht hatte entgehen lassen, seine Leute eine Weile hier zu behalten.
„Und? Wie ist es Euch ergangen, Redlef?“, wandte sich der Paladin an den Ordensbruder. Er hielt seine Neugier in Zaum und vermied es absichtlich zu erwähnen, was er vom tiefen Fall des einstigen Stadtkommandanten von Thorniara bereits mitbekommen hatte.
„Du bist in letzter Zeit so nachdenklich..., ist alles in Ordnung“ fragte Luthger, der mit Sunder durch das Hafenviertel schlenderte. „Wat interessiert disch dat?, dat kann dir doch ejal sein“ maulte der alte Seemann unfreundlich, damit der Kamerad ihn in Ruhe ließ. „Das ist mir aber nicht egal, ich mache mir Sorgen..., irgendwas beschäftigt dich doch“ hakte Luthger nach. „Ach guck dir doch mal dat janze Elend hier an, dat schläscht mir aufs Jemüt..., so schlimm war dat früher nit“ brummte der Seebär. „Stimmt, du hast ja früher hier gelebt..., was ist denn heute anders als früher?, was ist heute schlimmer als früher?“ fragte Luthger interessiert nach.
„Wie soll isch dat erklären“ begann Sunder, „früher herrschte mehr Ornung..., die Leute haben mehr zusammenjehalten und sisch jejenseitisch jeholfen, verstehste wat isch meine? Und da jab et ja noch die Bürjerwehr, die hat auch noch jeholfen wo sie konnte“.Der alte Seemann erzählte von sich aus, bevor Luthger ihn wieder mit Fragen löchern würde, von der Bürgerwehr, das er das Oberhaupt war und was sie damals alles geleistet hatte. „Verstehe..., du hast ja wirklich viel Gutes geleistet..., ich wusste gar nicht das du so ein großes Herz hast“ kommentierte der junge Kamerad. „Wat?..., willste damit sagen, dat isch keine Jefühle hab?“ brauste Sunder unvermittelt auf.
„Nein, das hast du falsch verstanden“ versuchte Luthger gleich die Wogen zu glätten. „Natürlich hast du Gefühle..., Jeder hat Gefühle..., nur bei dir vermutet man das vielleicht nicht so direkt. Und das liegt wohl daran, das du so verschlossen bist, meist miesepetrig erscheinst und Jeden der versucht mit dir ins Gespräch zu kommen, mit deiner störrischen Art voll auflaufen lässt. Man könnte meinen du würdest lieber als Einsiedler leben..., ich weiß das dem nicht so ist“ brachte Luthger zum Ausdruck, was ihm wohl schon länger auf dem Herzen lag. „Jedenfalls machst du es einem nicht leicht dich zu mögen“ scherzte der Jüngling um die Stimmung etwas aufzulockern. „Ja, ist ja jut..., isch weiß dat isch wat komisch bin..., aber wat soll isch machen, isch bin wie isch bin..., und dat krieje isch auch nit mehr raus. Aber mit uns klappt dat doch eijentlisch janz jut, dat ist doch schon mal wat, oder nit?“ brummte der alte Seebär und klopfte Luthger freundschaftlich auf die Schulter..., der Kamerad schwieg und seufzte leise...
Die beiden Kameraden schlenderten weiter durchs Hafenviertel, es war ruhig geworden, Händler und Handwerker längst zu Hause, oder in irgendeiner Taverne. Noch gar nicht solange her, da trafen sich noch Leute vor ihren Häusern zu einem Schwätzchen und ließen den Abend mit einem Krug Bier oder Wein gemütlich ausklingen, Doch vorbei die lauen Sommernächte, stattdessen nasskaltes Wetter, nun waren die Straßen abends wie leergefegt, freiwillig wollte wohl Niemand mehr vor die Tür gehen. Vor einer kleinen Lagerhalle stand eine kleine Kiste, ein idealer Sitzplatz für eine kurze Rast entschied der alte Seemann spontan und ließ sich dort nieder. Luthger blieb stehen, holte seine Wurfdolche und schmiss sie nacheinander an die Holzwand der Lagerhalle..., sammelte sie wieder ein und war sie wieder n Richtung Wand. Der Seebär hatte schon öfters beobachtet, das der junge Akrobat ständig seine Wurfdolche durch die Gegend schleuderte, immer und immer wieder, als gäbe es nichts schöneres auf der Welt. „Ist dat Spielschen nit wat langweilisch?“ brummte Sunder, der gar nicht nachvollziehen konnte was so spannend daran sein sollte mit kleinen Messern um sich zu werfen. „Das ist kein Spiel, das ist hartes Training“ meinte Luthger mit einem Grinsen im Gesicht, „ja ne is klar, willst wohl demnächst auf Holzwurmjacht jehen..., für wat anderes kann man die Dinger ja auch nit jebrauchen“ konterte der Seebär. „Ha ha, sehr witzig“ maulte der Kamerad sichtlich genervt. „Aber du irrst dich, mit Wurfdolchen kann man Gegner schnell und lautlos außer Gefecht setzen..., und nein ich meine nicht Holzwürmer..., wenn man denn damit umgehen kann“ erklärte Luthger und warf den nächsten Dolch.
„Isch weiß nit.., damit kann man doch jar nit rischtisch zielen, oder?..., und rischtisch Wumms ist da doch auch nit hinter, oder?, bezweifelte Sunder. „Man kann sehr wohl mit Wurfdolchen zielen, alles eine Frage der Technik und sie haben auch genug Wumms wie du es nennst, der reicht sogar um Jemanden zu töten“, stellte der Akrobat klar. „Escht, so wat hab isch noch nit jesehen“ brummte der alte Seemann. „Komm her uns schau zu, vielleicht glaubst du es dann“ entgegnete der Kamerad, der sich schon siegessicher in Position brachte und wartete bis Sunder bei ihm war. Die Beiden standen einige Schritte entfernt vor der Lagerhalle, von dort aus schauten sie auf ein kleines Fenster. „Stell dir vor wir hätten uns leise von hinten an einen Gegner herangeschlichen, nun gilt es ihn auszuschalten. Ich sehe seinen wunden Punkt, die Mitte des Fensterkreuzes..., und dann...“ Luthger warf einen Dolch, binnen weniger Augenblicke auch die beiden Anderen, aber wie gut hatte er getroffen? Sunder ging zu dem Fenster, die Dolche waren alle im Zentrum gelandet und hatten sich tief ins Holz gebohrt. „Nit schlescht“ brummte Sunder, der nun geneigt war Wurfdolche als ernstzunehmende Waffe anzuerkennen. „Meinste isch könnt dat auch lernen“ fragte der Seebär aus reiner Neugier, „klar, wenn du die nötige Geduld hast“ meinte der Akrobat, der gerade dabei war seine Dolche einzusammeln. „Wir können dat ja einfach mal versuchen“ schlug Sunder vor, „gute Idee..., genauso machen wir das“ willigte Luthger ein...
Saraliel
12.11.2025, 21:36
Die Sonne sank träge über den gezackten Felsen Jharkendars, als Saraliel den letzten Grat überquerte. Der Wind roch nach Salz, altem Stein und nach etwas anderem, Uraltem. Etwas, das in ihm widerhallte, ohne dass er wusste, warum. Vor ihm lag das Tal, halb im Licht, halb im Schatten, als hätte selbst die Welt beschlossen, die Dämmerung festzuhalten. Er blieb stehen und atmete tief durch. Unter seinen Stiefeln knirschte Sand, vom Wind geformt wie die Schuppen eines uralten Drachen. Er zog den Umhang enger um die Schultern, während seine Augen den Spuren folgten – eingeritzte Zeichen auf den Felsen, verblasst, aber nicht vergessen.
»Hier also begann es«, murmelte er, fast zu sich selbst. Der Wind antwortete mit einem Laut, der kein Laut war – ein Flüstern, das durch den Sand glitt. Und dann sah er ihn. Eine Gestalt aus Nebel, Dunkelheit und flackerndem, bläulichem Licht. Sie schwebte über dem Boden, halb durchsichtig, als würde die Welt sie abstoßen. Augen wie glühende Splitter aus Obsidian funkelten Saraliel entgegen. Er wusste, dass nur er ihn sehen konnte. »Raschid al-Din«, sprach er leise, ehrfürchtig und zugleich wachsam. Die astrale Erscheinung neigte den Kopf, langsam, würdevoll. »Du trägst das Erbe, das Blut«, hauchte Raschid. »Du bist wo du sein sollst. Vielleicht findest du hier was du suchst und was auch ich finden soll« Saraliel trat näher, den Blick unbeirrt auf die geisterhafte Gestalt gerichtet. »Ich bin nicht wegen Macht hier. Ich will wissen, warum es mich ruft.« Ein schwaches, fast spöttisches Lächeln zog über Raschids geisterhafte Züge. »Weil es dich erkennt. Das Dämmerungsblut sucht seinesgleichen«. Er machte eine kurze Pause. »Das Dämmerungsblut erwacht nicht durch Wille, sondern durch Erinnerung. Es ruft, wenn die Zeit gekommen ist – und sie ist gekommen.« Saraliel atmete schwer. Der Wind trug Staub über die Ebene, und die Sonne versank hinter den Felsen. Die Welt färbte sich grau.
»Dann lehre mich«, sagte er leise. »Zeig mir, was es bedeutet, zwischen den Welten zu stehen.« Der Schwarzmagier lachte. Ein Laut, wie fernes Donnern, erklang, als Raschid seine astrale Hand ausstreckte. »Das wirst du schon selbst tun müssen. Ich öffne dir den Weg« Sie berührte Saraliels Stirn – kalt wie der Tod, doch erfüllt von brennendem Wissen. »Finde den Ort, an dem Tag und Nacht sich küssen«, sprach Raschid. »Dort wirst du verstehen, wer du bist – und was du erwecken kannst.« Dann löste sich die Gestalt auf, zerriss in Fetzen aus Licht und Schatten. Nur das leise Flirren der Magie blieb. Saraliel stand allein in der Dämmerung, die nun über das Tal fiel. Er blickte hinab auf die alten Mauern Jharkendars, und ein kalter Schauer fuhr über seinen Rücken.
Saraliel
14.11.2025, 22:38
Die Nächte in Jharkendar waren still. Zu still.
Kein Tier schrie, kein Wind sang – nur das Rauschen der alten Steine, als flüsterten sie in einer Sprache, die kein Mensch mehr verstand. Saraliel saß auf einem zerbrochenen Altar aus schwarzem Basalt, die Beine über eine Spalte geschlagen, in der silbrige Nebel krochen. Er hatte die Zeichen, die Raschid ihm gezeigt hatte, dutzendfach nachgezeichnet, studiert, wieder verworfen. Doch jedes Mal, wenn er sie mit dem eigenen Blut zeichnete, geschah etwas. Etwas, das ihn zugleich erfüllte und verstörte.
Seine Finger zeichneten Kreise in die Luft, Formeln, die er längst nicht mehr verstand – sie kamen einfach, als hätte etwas in ihm sie gekannt, lange bevor er geboren wurde. Der Nebel unter ihm begann sich zu bewegen. Er zog sich zusammen, bildete Formen, Gesichter, Augen und mysteriöse weitere Formen. Manche sahen ihn an, andere blickten durch ihn hindurch.
Mit einem Mal schoss Energie durch ihn. Licht und Schatten verbanden sich zu einem flüssigen Band, das sich um Saraliels Arm wickelte. Es war heiß wie Feuer, kalt wie Tod. Er keuchte, doch er ließ es geschehen. In seinem Innern fühlte er, wie sich etwas öffnete: eine Schwelle, ein Tor, das nicht zu Innos’ führte, sondern in die Tiefe des Selbst. Saraliel öffnete die Augen. Er sah seine Hände und erschrak. Sie zitterten leicht, und in seinen Adern flackerte Licht, das pulsierte wie Herzschläge aus zwei Welten. Er zeichnete neue Runen in die Luft, diesmal nicht aus Erinnerung, sondern aus Erkenntnis. Der Nebel um ihn begann zu tanzen. Die Magie der Luft aus seinem Inneren bewegte sie. Wie Schatten, die Licht umarmen.
Die Magie ebbte langsam ab, doch der Nebel blieb. Er hing schwer über dem Altar, kroch tastend über die Ritzen des Basalts, als suchte er etwas. Saraliel stand auf, wischte sich über die Stirn und zwang seine Atmung in einen Rhythmus, der halb geübt, halb instinktiv war. Etwas hatte sich verändert. Nicht nur in ihm.
Auch hier in der Umgebung. Er trat einen Schritt vom Altar zurück und bemerkte erst jetzt die Furchen im Boden. Nicht natürlich. Nicht zufällig.
Zeichen. Verwoben. Tief eingeschnitten.
Verwittert, aber nicht tot. »Das war vorher nicht da«, murmelte er und kniete sich hin.
Die Furchen formten keinen Kreis, sondern drei übereinanderliegende, gebrochene Linien, die im Zentrum wie ein Spalt zusammenliefen. Ein Spalt, der… atmete. Ein kaum wahrnehmbarer Hauch wehte aus der schmalen Öffnung darunter hervor. Kühl. Nach feuchter Erde, altem Metall und etwas Süßlichem, das ihn schaudern ließ. Und dann hörte er es. Ein Flüstern. Kein Echo. Kein Wind. Ein Gedanke, der nicht seiner war. Saraliel schloss die Augen, konzentrierte sich. Da waren sie. Nicht klar, nicht greifbar. Astrale Präsenz. Mehrere. Schwächer als Raschid, doch älter. Oder jünger. Er konnte es nicht sagen.
»Zeigt euch«, flüsterte er. »Nicht klar… nur soweit, wie es euch möglich ist.«
Die Luft flackerte. Dann schälte sich aus dem Nebel eine Struktur, kaum mehr als ein Umriss. Eine Hand vielleicht. Oder ein Ast. Oder ein Horn. Nichts davon blieb lang genug bestehen, um sicher zu sein. Nur eines war sicher: Es reagierte auf ihn. Auf sein Blut. Er atmete beben aus. »Also gibt es euch wirklich.« Der Nebel zog sich zurück, als hätte er genug verraten. Doch Saraliel war noch nicht fertig. Er beugte sich über den schmalen Spalt und sah in die Tiefe. Dort unten glomm etwas.
Kein Licht, kein Feuer – eher ein Schimmer, wie das letzte Aufleuchten eines Traums im Erwachen.
Er griff in seine Tasche und zog ein Stück altes Pergament hervor – eine Karte Jharkendars. Die Ruine, in der er stand, war dort markiert. Nichts über diesen Spalt. Nichts über die Linien. »Also habt ihr es verschwiegen«, murmelte er. »Auch die Chronisten.« Er setzte sich. Langsam. Er sah die Linien an, die sich über den Boden zogen, und erkannte ein Muster: Sie waren unvollständig. Abgebrochen. Als hätte jemand sie zerstört – oder als hätte etwas sie nie vollenden dürfen.
Das war der Moment, in dem er wusste, was er gefunden hatte: Kein Portal. Kein Schrein. Sondern ein Fragment eines uralten, astralen Mechanismus. Ein Ort, an dem Erinnerungen der Dämmerung hängen geblieben waren, wie Schatten an den Wänden einer Brandruine. »Das ist es also«, flüsterte er. »Etwas, das ich studieren kann.« Er setzte sich zwischen die Linien, formte mit seiner Magie eine Lichtkugel und begann, die Muster zu skizzieren. Seine Hand zitterte noch immer, aber nun war es nicht mehr Furcht. Eher Erwartung. Während er arbeitete, spürte er die astralen Präsenz wieder. Diesmal waren sie nicht flüchtig. Sie beobachteten ihn.
Doch Saraliel sagte nichts. Er schrieb. Er verglich. Er hörte. Er wusste, dass kein Meister, kein Magier, kein Gelehrter der alten Bibliotheken dieses Fragment jemals gesehen hatte. Es war sein. Sein Fund. Sein Rätsel. Und irgendwo hinter ihm, im Nebel, flackerte ein Schatten. Vielleicht Raschid. Vielleicht etwas anderes. Vielleicht nichts. Doch das störte Saraliel nicht mehr. Er war an dem Ort, an dem Tag und Nacht sich küssten. Und er würde herausfinden, warum dieser Kuss eine Narbe hinterlassen hatte.
Saraliel
15.11.2025, 20:37
Der Nebel am Boden begann sich zu verdichten, als Saraliel die Linien des Dämmerungsrisses weiter studierte. Ein leises Summen erfüllte die Ruine. Erst kaum hörbar, dann vibrierend bis in den Knochen. Der Riss unter ihm, eben noch ein blasses Glimmen, pulsierte nun im gleichen Rhythmus wie das Licht in seinen Adern. Er hob den Kopf.
Der Nebel war nicht mehr nur Nebel. Er war Übergang. Ein Flirren ging durch die Luft, dann veränderte sich die Welt um ihn. Die Felsen verblassten, der Boden unter seinen Füßen wurde weich wie Wasser, und das Licht. Das Licht war nicht mehr logisch. Es kam von überall. Und von nirgendwo. Jetzt war er aufgeschmissen. Saraliel hatte die astrale Ebene betreten. Oder zumindest eine Grenze davon.
»Konzentrier dich«, murmelte er, wie er es gelernt hatte. »Struktur. Muster. Analyse.« Doch die Luft antwortete mit einem warmen, fast belustigten Raunen. Aus dem Nebel lösten sich Gestalten. Nicht wie Raschid — nicht eindeutig. Mehr wie Erinnerungen, die beschlossen hatten, Gestalt anzunehmen. Die erste war ein Mann, hochgewachsen, Silberstreifen im Haar, der Saraliel mit ruhigen, prüfenden Augen musterte. Die zweite eine junge Frau mit dunklem Zopf und einer Kriegsbemalung, die an Mondlicht erinnerte. Die dritte ein alter Magier, den Blick tief und wissend, als hätte er schon geschwiegen, bevor Worte erfunden wurden. Sie bildeten einen Halbkreis um ihn – nicht bedrohlich, aber wachsam. Saraliel schluckte. »Wer… seid ihr?« Die Antwort kam als flüsternder Chor, mehrere Stimmen, die dennoch eins waren: »Wir sind die Schatten deiner Linie. Das Echo deines Blutes. Die Erinnerung der Dämmerung, die in dir wieder erwacht.«
Der alte Magier hob den Stab. »Du suchst Verständnis. Doch die Dämmerung ist kein Rätsel… sie ist ein Gefühl.« Saraliel schnaubte leise. »Gefühle sind unpräzise. Magie folgt Regeln. Jede Kraft hat eine Struktur, eine Quelle. Wenn ich sie begreife, kann ich sie formen.« Die Kriegerin lächelte schief. »Und doch formt sie dich bereits.« Saraliel wollte antworten, da schoss ein Impuls in seinem Inneren hoch. Er war warm, wild, ungeordnet. Der Dämmerungsriss pulsierte mit ihm, und die Nebelgestalten flackerten, als wären sie Spiegel seiner eigenen Emotionen. Der Silberhaarige trat näher. »Du betrachtest die Magie als Werkzeug. Das ist dein kognitiver Pfad. Die astrale Ebene antwortet darauf.« Er wies auf Saraliels Hände. Das Licht in seinen Adern reagierte auf jeden Gedanken. Es war hell, kalt, logisch strukturiert. Linien wie Formeln. Eine astrale Geometrie. »Dies ist dein Geist«, sagte die Gestalt. »Der Astralfluss. Klar. Analytisch. Rein.«
Dann schlug die Kriegerin ihre Handflächen zusammen. Ein Funke sprang über – nicht silbern, sondern warm, goldviolett. Er traf Saraliel in der Brust wie ein Herzschlag. Sein Atem stockte. Er fühlte… Wärme. Trauer. Wut. Sehnsucht. Und die Nebelwelt reagierte sofort! Sie zog sich wie lebendig zusammen, formte plötzlich Farben, die er nicht benennen konnte. »Und das«, sagte die Frau, »ist dein Blut. Der emotionale Kern der Dämmerung. Die Magie, die nicht denkt, sondern fühlt.« Saraliel ging ein paar Schritte zurück. »Aber… Magie dieser Art… sie widerspricht sich. Astrale Ordnung und blutgebundene Emotion. Da… das ist kein System. Das ist Chaos!« Der alte Magier hob die Hand und tippte ihm gegen die Stirn. So wie Raschid es getan hatte. Ein Impuls entzündete sich und ein astrales Bild formte sich: ein Kreis aus geometrischen Linien (Astral) in dessen Mitte ein pulsierendes Licht lebte (Blut). »Kein Chaos«, sprach der Alte. »Eine Symbiose. Du hast zwei Schlüssel, die getrennt machtlos sind. Dein Verstand gibt Form. Deine Emotion gibt Kraft.« Der Silberhaarige fügte leise hinzu: »Kognitive Klarheit ohne Gefühl ist leer. Gefühl ohne Struktur ist blinde Flamme. Doch zusammen… öffnen sie die Tür zur Dämmerung selbst.«
Die Welt vibrierte. Saraliel sah seine eigenen Hände. Das Licht war klar, doch ein warmer, dunkler Schimmer pulsierte darin wie ein zweiter Herzschlag. Er verstand plötzlich. Natürlich nicht vollständig, aber zum ersten Mal intuitiv: Seine Magie war keine lineare Formel. Sie war ein Zweiklang. Astral und Blut. Intellekt und Emotion. Ordnung und Leidenschaft. Der Weg an seine Magie heranzugehen war der falsche gewesen. Nur in der Spannung dazwischen entstand diese höhere Kraft. Die Kriegerin trat ganz nah an ihn heran, ihre Augen brannten wie Monde über einem Schlachtfeld: »Wenn du die Dämmerung meistern willst, Saraliel, dann darfst du nicht nur denken. Du musst fühlen. Du musst zulassen, dass beides in dir erklingt.« Der Nebel begann sich zurückzuziehen. Die Gestalten wurden blasser. Der Silberhaarige legte eine letzte Warnung auf seine Lippen:
»Doch hüte dich. Wenn du einen dieser Pfade unterdrückst… wird der andere dich verschlingen.« Dann zerfiel die Nebelwelt. Die Ruine kehrte zurück. Der Riss glomm. Und Saraliel kniete keuchend auf dem kalten Stein, zwischen zwei Welten, zwei Kräften, zwei Herzen.
»Astral und Blut…« flüsterte er. »Gedanke und Gefühl.« Sein Blick wurde klar.Zum ersten Mal wusste er, wohin seine Studien ihn führen mussten. Nicht nur in die Tiefe der Runen. Sondern in die Tiefe seiner selbst.
Saraliel
16.11.2025, 10:16
Der Morgen über Jharkendar war fahl. Kein Sonnenstrahl durchdrang den dicken Schleier aus Staub und Nebel, der sich über die Ruinen gelegt hatte. Saraliel stand inmitten der uralten Linien, die sich wie Narben über den Boden zogen, und atmete tief durch. Sein Verstand und sein Körper zum Bersten angespannt.
Heute war anders.
Heute würde er nicht nur forschen.
Heute würde er verbinden.
Astral. Die Repräsentation des astralen Sphäre. Blut. Die Macht aus seiner Blutlinie. Licht. Die Gabe Innos’ Drei Pfade, die einander eigentlich abstießen wie Nord- und Südpol zweier Magnete. Doch die Stimmen seiner Ahnen hallten noch in ihm nach.
»Der Verstand gibt Form.«
»Das Blut gibt Kraft.«
»Das Licht gibt Richtung.«
Saraliel legte die rechte Hand auf sein Herz. Die linke streckte er aus, als wolle er die Nebelschwaden ordnen. »Struktur zuerst«, murmelte er. »Astralfluss… klar… logisch… geordnet.« Um ihn flirrte die Luft. Feine, geometrische Linien formten sich — silbrig, durchscheinend, wie lebendige Runen. Sie gehorchten seinen Gedanken. Bewegten sich mit jeder Fokussierung. Ordneten sich, wie ein Spinnengewebe aus Licht. Dann schloss er die Augen. Und erlaubte dem Zweiten, aufzusteigen.
Das Blut. Warm. Wuchtig. Widerständig. Es war kein Denken! Es war ein Drängen, ein Pulsieren. Eine wilde Kraft, die in seiner Brust brannte und gleichzeitig beängstigend vertraut war. Er hörte das Flüstern seiner Ahnen erneut: »Du darfst nicht versuchen, es zu zähmen… du musst es fühlen.«
Ein erster Impuls schoss durch ihn. Goldviolette Funken leuchteten auf, sprangen wie Funken einer glühenden Esse auf die astralen Linien über. Sie verzogen sich, bebten. So als kämpften zwei Kräfte miteinander. Saraliel biss die Zähne zusammen. »Nein. Ihr widersprecht euch nicht… ihr ergänzt euch.« Er hielt beide Kräfte gleichzeitig. So wie zwei wilde Tiere, die er an einer einzigen Leine führte. Es brannte. Sein Herz pochte in einem Rhythmus, der nicht von dieser Welt war. Sein Atem wurde unregelmäßig. Doch dann erinnerte er sich an den dritten Pfad. Das Licht. Er hob den Kopf. »Innos…« Er erwartete kein Zeichen. Er bekam auch keines. Aber in der Stille seines Geistes, inmitten der astralen Formen und der brennenden Blutmagie, fand er etwas anderes: Klarheit.
Nicht Innos’ Stimme, sondern das Prinzip seines Lichts: Ordnung, Richtung und Ziel. Saraliel atmete ein und führte diese Klarheit wie eine Klinge durch die beiden tobenden Kräfte. Und alles veränderte sich. Die astralen Linien wurden nicht verdrängt! Sie stabilisierten. Die Blutmagie wurde nicht gedämpft. Sie bündelte sich. Das Licht verband beides. Und das ohne Macht, ohne Dogma, sondern durch reinen Willen. Ein leises Summen erfüllte die Ruine. Der Boden vibrierte. Der Riss glomm auf wie ein aufwachendes Auge. Und auf Saraliels Brust, direkt über dem Herzen, begann sich etwas zu formen. Zuerst nur ein Funke. Dann ein Kreis. Dann Linien, die sich wie filigrane Adern darum zogen. Astral-silberne Geometrie. Blutglühende Pulsadern in Goldviolett. Ein Hauch von weißem Feuer.
Und schließlich……öffnete es sich. Ein geistiges Auge erschien auf seiner Brust. Es war halb Licht, halb Schatten, halb astraler Nebel. Es war nicht physisch. Doch es war auch nicht Illusion. Es war beides. Weder noch. Es war Dämmerung. Saraliel keuchte auf, als das Auge einmal langsam blinzelte und die Welt in einem anderen Licht sichtbar wurde. Er sah: Die letzten Fäden eines uralten Zaubers, die in den Ruinen hingen. Schwache astrale Silhouetten, die ihn beobachteten. Und seinen eigenen Seelenfluss, klar wie ein Strom aus Licht und Schatten. Das Auge schloss sich wieder, verblieb aber sichtbar wie ein lebendiges Siegel. Saraliel legte die Hand darauf. Es war warm. Und kalt. Und beides zugleich. »Also… das ist es«, flüsterte er mit heiserer Stimme. »Die Verbindung aller drei Wege.« Er lächelte schwach. Kein triumphierendes Lächeln. Es war eher eines voller ehrfürchtigem Staunen. »Ein Auge, das zwischen den Welten sieht.« Im Nebel hinter ihm flackerte kurz eine vertraute astrale Silhouette. Raschid, schweigend.
Saraliel sah nicht zurück. Er spürte nur das Auge. Das Pulsieren. Die Möglichkeiten. Und er wusste: Dies war kein Ende seiner Studien. Es war erst der Anfang.
„Wo sind eijentlich Bertram und Jörg abjeblieben?, die hab isch schon paar Tage nit mehr jesehen“ dachte Sunder laut. „Die wollten doch die Gegend im Süden etwas erkunden und nebenbei auf die Jagd gehen..., vielleicht haben sie etwas interessantes entdeckt“ erinnerte Luthger. „Ja vielleischt..., Hauptsache denen ist nix passiert“ brummte der alte Seemann „bestimmt nicht, die wissen doch was sie tun“ war Luthger sich sicher. Die beiden Kameraden schlenderten hinunter zum Kai, dort setzten sie auf eine Bank und schauten aufs Meer hinaus. Nebenbei kramte der junge Akrobat unter seinem Umhang ein kleines Stoffbündel hervor und öffnete es. „Das sind meine ersten Wurfmesser, die hat mir mein Vater geschenkt als ich noch ein Junge war. Die sind speziell für Anfänger gemacht, damit habe ich angefangen die Wurftechnik zu lernen“ erzählte Luthger. „Wat dein Vater schenkt seinem Sohn Messer, damit der Knirps damit rumwerfen kann, wat ist dat denn fürn Typ, der war wohl nit janz discht im Kopp“ empörte sich Sunder, der das Verhalten des Vaters unmöglich fand.
Luthger lachte herzlich, „reg dich wieder ab, mein Vater wusste was er tat, er war seiner Zeit ein Meister des Messer werfens, er hat mir alles beigebracht. Wir waren ja eine Schaustellerfamilie die auf Marktplätzen Kunststücke darbot um damit etwas Geld zu verdienen. Jeder der Familie musste etwas lernen was man zur Unterhaltung von Leuten vorführen konnte. Meine Mutter konnte Feuer schlucken, meine große Schwester gut jonglieren, ich habe akrobatische Kunststücke erlernt und Messer werfen“ erzählte Luthger von früheren Zeiten. „Achso..., dat ist natürlisch wat anderes..., tut mir leid, isch wollt deinen Vater nit schlescht machen“ gab der Seebär klein bei. Für einen kurzen Moment beneidete Sunder den Jüngling, dem es vergönnt war in einer Familie aufzuwachsen.
Er selbst hatte wohl nie eine Familie, zumindest konnte er sich nicht an Vater, Mutter oder Geschwister erinnern. Der Seebär könnte nicht einmal sagen wo er geboren wurde, vielleicht hatte es ihm nie Jemand erzählt, vielleicht hatte er es auch nur vergessen..., er würde es wohl nie mehr in Erfahrung bringen.Wenn Sunder sich nicht ganz sicher wäre, das jeder Mensch als Baby geboren wird und über viele Jahre hinweg zu einem Erwachsenen heranreift, würde er glatt behaupten das er nie Kind war. Er konnte nicht wie viele andere auf die Kinderzeit zurückblicken, da war einfach nur gähnende Leere im Kopf, seine Kindheit im Hirn wie ausgelöscht. Der Seebär konnte sich nur noch an einen alten Mann erinnern, aber da war er fast schon ein Jüngling. Mit Arno, so hieß er wohl, hatte der junge Sunder viel Zeit verbracht, wenn seine Erinnerung nicht täuschte sogar bei ihm gelebt. Arno war Fischer, die Beiden fuhren oft in einen kleinen Boot hinaus und warfen Fangnetze aus. Arno brachte dem Jüngling alles über den Fischfang bei und vieles über die Seefahrt. Das war vermutlich eine schöne Zeit für Sunder, jedenfalls blickte er gern auf diese Zeit zurück“ der Seebär seufzte wehmütig.
„Wieso biste nit bei der Familie jeblieben..., wenn dat nit zu persönlisch ist“ fragte Sunder nach, „ist wat schlimmes passiert?“ Luthger schüttelte den Kopf, „nein..., ich konnte das Schaustellerleben irgendwann einfach nicht mehr ertragen und bin gegangen. Was mir als Kind noch Spaß gemacht hatte auf Märkten aufzutreten, wurde im Laufe der Jahre immer mehr zur Qual. Wir mussten Alle jeden Tag hart trainieren, neue Kunststücke lernen, uns immer etwas Neues einfallen lassen um das Publikum zu begeistern. Lohn der Mühen waren meist nur ein paar lumpige Münzen, oft nicht mal genug um damit alle Mäuler zu stopfen. Da gibt man sein Bestes, unterhält Leute die für kurze Zeit ihre Sorgen vergessen konnten und am Ende steht man da und muss Kohldampf schieben. Ich fand das zunehmend ungerecht und entwürdigend, sah keinen Sinn mehr darin hart zu trainieren, wenn es doch nicht zu leben reicht. So fasste ich schweren Herzens den Entschluss meine eigenen Wege zu gehen..., und nun bin ich hier...“ Luthger verstummte. „Dat tut mir escht leid für disch..., aber isch jlaub du hast dat rischtisch jemacht“ versuchte er zu trösten, die beiden Kameraden schwiegen sich eine Weil an.
„Was ist denn nun, willst die Messer haben oder soll ich die wieder einpacken?“ beendete Luthger plötzlich die Stille. Der alte Seemann grinste, „och wenn du misch so nett fragst, kann isch ja nit sagen“ frotzelte er. „Nur leihweise, bis du eigene Wurfmesser hast“, „jeht klar“..., „gut, wann willst du anfangen?..., öhm..., wir wäret denn mit jetzt direkt?“ Der Akrobat nickte, und schaute sich um, „die Kisten da hinten reichen für den Anfang“, die Beiden Kameraden gingen näher heran. Luthger nahm ein Wurfmesser in die Hand, „das Messer immer an der Klinge anfassen, sonst funktioniert es nicht. Die Hand bildet mit dem Unterarm eine gerade Linie und bleibt beim Wurf starr, also nicht bewegen. Der Hauptschwung kommt aus der Schulter, beim ausholen ist der Unterarm angewinkelt“ Luthger zeigte während er erklärte wie das ganze aussehen sollte. „Dann machst du im Prinzip eine typische Wurfbewegung. Also ausholen, den Arm mit Schwung nach vorne und im rechten Augenblick den Unterarm kraftvoll strecken..., und natürlich das Messer loslassen“ scherzte der Akrobat..., versuchs mal“...
Saraliel
16.11.2025, 20:22
Saraliel stand reglos zwischen den uralten Linien, während das geistige Auge auf seiner Brust leise pulsierte. Jedes Pochen war wie ein Herzschlag, der nicht aus Fleisch bestand – sondern aus Erkenntnis, aus Energie, aus einer Macht, die seit Jahrhunderten geschlafen hatte. Er hob die Hand, als wolle er das Licht berühren, das aus ihm selbst strömte. »Wie… fühlt sich das an?« Seine Stimme zitterte. Nicht vor Angst. Vor Staunen. Das Auge reagierte sofort. Es entfachte einen feinen Strahl aus silbrig-violettem Nebel, der sich aus ihm lösteund glitt wie tastend durch die Ruine. Der Strahl berührte eine verwitterte Säule… und die Welt veränderte sich. Die Ruine erblühte vor seinen Augen. Nicht in der Realität — sondern in der astralen Überlagerung.
Dort, wo nur zerbrochener Stein war, sah Saraliel plötzlich Umrisse von etwas Größerem. Wände. Symbole. Kreise aus Licht. Vor ihm entstand das verschwommene Abbild eines alten, vollständigen Tempels — die astrale Erinnerung eines Ortes, der schon vor Jahrhunderten verfallen war. Saraliel schnappte nach Luft. »Bei allen Göttern… ich sehe… ich sehe!« Das Auge pulste, als bestätige es seine Worte. Er machte einen Schritt vorwärts, und sofort öffnete sich ein weiterer Blickwinkel: Schwache Spuren aus verflogener Magie zogen sich durch die Ruine, wie verbrannte Fäden. Schattenhafte Silhouetten längst verstorbener Magier liefen durch das astrale Echo. Es war nicht bewusst, sondern wie gespeicherte Erinnerungen eines Ortes.
Ein sah den kleiner Knoten aus dunkler Energie, kaum größer als eine Faust, ruhte in einer Spalte des Bodens. Ohne astrales Auge wäre es unsichtbar gewesen. Saraliels Herz raste. Er hob die Hand, und das geistige Auge fokussierte die Präsenz wie eine Linse. Der Schatten begann zu beben, als spüre er die Aufmerksamkeit. »Was bist du…?« Der Schatten zischte — klanglos und doch eindringlich. Ein Impuls schoss heraus, ein Reflexangriff astraler Natur. Saraliel reagierte instinktiv.
Er dachte Struktur und astrale Linien formten sofort ein Hexagramm um den Schatten. Er fühlte Wachsamkeit, Kampfgeist, Entschlossenheit und die Blutmagie verstärkte seine Barriere. Er wollte Ordnung und Klarheit. Das Licht ließ die Struktur stabil werden. Innerhalb von Sekunden formte er einen Schutzkreis, der die Präsenz einfing und ihr jeden Angriff unmöglich machte. Er tat es einfach. Weil er die drei Mächte gleichzeitig in sich führte. Der Schatten bebte, verlor Form… und zerfiel in feinen, schwarzen Staub.
Saraliel stand da, atmete schwer und blickte auf seine Hände. Das Auge pulsierte langsam nach, wie der stille Herzschlag eines Raubtiers nach der Jagd. Und dann, dann lachte er. Nicht laut. Nicht manisch. Ein Lachen voller reiner, kindlicher Begeisterung. »Großartig… Das ist… großartig!« Er hob beide Arme und drehte sich einmal um die eigene Achse, sodass der Dämmerungsnebel die Bewegungen wie Strahlen eines Leuchtfeuers nachzog. »Ich habe die Präsenz gefühlt, gesehen, gefasst… ich konnte mit reinem Willen Magie verbinden, die einander eigentlich ausschließen sollte!« Seine Augen funkelten wie die Linien des Risses unter ihm. »Astral, Blut, Licht – drei Kräfte, die jahrtausendelang getrennt waren… und jetzt… jetzt fließen sie in mir.«
Das Auge blinzelte einmal. Und Saraliel fühlte es ganz deutlich: Es war nicht nur ein Werkzeug. Es war ein Teil von ihm. Sein drittes Herz. Sein zweites Gewissen. Sein Blick in alle Welten. Er grinste. Eine Mischung aus Stolz, Faszination – und gieriger Neugier. »Wenn das möglich ist…« Er sah in Richtung des Dämmerungsrisses. Die Linien vibrierten, als würden sie ihn begrüßen. »…dann ahnt Jharkendar nicht einmal im Ansatz, was ich noch alles entzünden kann.« Und mit jedem Atemzug wuchs die Macht in ihm wie ein neu entzündeter Stern.
Sunder nahm ein Wurfmesser in die Hand, es fühlte sich irgendwie komisch an, das Messer an der Klinge anzufassen, den Griff nach vorne zu richten. Aber wenn Luthger sagte, das es so richtig ist, dann musste das wohl stimmen. Der Seebär hob den Arm, den Unterarm angewinkelt, holte aus, sein Arm schnellte kraftvoll vor, das Messer flog..., knallte gegen die Kiste, die er anvisiert hatte und fiel zu Boden. „Wat ist dat denn für ein Scheiß“ knurrte Sunder ärgerlich, der natürlich dem Messer die Schuld hab und nicht sich. „Das war gar nicht schlecht für den Anfang..., die Bewegung muss nur etwas flüssiger sein. Du hast kurz gezögert bevor du dein Unterarm vor schnellte, zieh einfach durch“ kommentierte Luthger den kläglichen Versuch.
„Aber dann kann isch ja gar nit rischtisch zielen“, wandte der alte Seemann ein. „Genau zielen ist erst mal unwichtig, das kannst du später üben, wenn du die Wurftechnik einigermaßen beherrscht. Also nur grobe Richtung anpeilen und einfach werfen, dann wird das auch was“ ermutigte der Akrobat. „Jut, wenn de meinst dat dat rischtisch ist“ brummte Sunder, brachte sich mit einem Wurfmesser in der Hand in Position. Er visierte über den ausgestrecktem Arm die Kiste an, er hob den Arm, ein kraftvoller Schwung,das Messer flog... und blieb mit der Spitze in der Kiste stecken. Der Seebär hatte schon ein zufriedenes Grinsen im Gesicht, doch das Messers senkte sich ganz langsam nach unten und fiel letztlich herunter.
Ein enttäuschter Blick Richtung Luthger, der ließ Sunder gar nicht erst zu Wort kommen, „das war doch gar nicht mal so schlecht ..., du bist auf gutem Wege, du denkst nur noch zu viel. Es ist doch nicht schlimm wenn es nicht gleich auf Anhieb funktioniert..., also mach weiter, du schaffst das“ motivierte der Akrobat. „Wirf beim nächsten Versuch alle drei Messer so schnell du kannst..., nicht denken.., kurz zielen, werfen, fertig“ brachte es Luthger auf den Punkt. Nicht denken?, eines meiner leichtesten Übungen, witzelte der Seebär im Stillen, der nebenher zwei Wurfmesser in seiner linken Hand griffbereit zurecht legte. Das dritte Messer nahm er in die rechte Hand und ging gedanklich noch einmal den Bewegungsablauf durch. Ein letztes tiefes durchatmen, kurz das Ziel anvisieren, weit ausholen und werfen. In gefühlt atemberaubender Geschwindigkeit lag das nächste Messer in seiner rechten Hand und flog nur einen Wimpernschlag später in Richtung Kiste. Vermutlich hatte das Messer das Ziel noch gar erreicht, als der Seebär mit dem dritten Messer in der Hand zum Wurf ausholte und blitzschnell, mit kraftvollem Schwung auf die Reise schickte.
Luthger nickte zufrieden, obwohl nur zwei Wurfmesser getroffen hatten, immerhin steckten sie fest im Holz..., das Dritte lag irgendwo in der Pampa. „Dat war wohl nix“ brummte Sunder missmutig, „Unsinn..., das war doch schon viel besser..., jetzt nur nicht aufgeben..., also nächster Versuch.“ Der Seebär war nicht sonderlich motiviert weiterzumachen, das sah der Kamerad ihm wohl an. „Okay, wie wäre es mit einer Wette?..., 3 Wurfmesser im Ziel, alle müssen stecken bleiben..., du hast 3 Versuche. Wenn du das schaffst lade ich dich zu einem Bier ein, wenn du es nicht hinkriegst musst du einen ausgeben... abgemacht?“, der alte Seemann überlegte kurz, dann stimmte er zu. Kann ja nit so schwer sein, murmelte Sunder während er die Wurfmesser einsammelte..., er machte sich bereit.
Der erste Versuch misslang, zwar alle Messer im Ziel, aber nur zwei blieben stecken..., zweiter Versuch mit dem gleichen Ergebnis. „Dat jibbet doch nit“ maulte der Seebär, er atmete tief durch, schüttelte die Arme aus um sich locker zu machen, fokussierte sich auf seinen letzten Versuch. Ein entschlossenes Kopfnicken, bevor er die Wurfmesser so schnell es ging Richtung Kiste warf. „Jeht doch“ frohlockte Sunder, als er feststellte, das er die Aufgabe erfüllt hatte. „Nicht schlecht für den Anfang“ lobte Luthger, „ich denke du hast verstanden worauf es beim Messer werfen ankommt. Ab jetzt heißt es üben, üben, üben, nur so verbessert sich deine Wurftechnik.., ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen“ sagte der Akrobat abschließend. „Ja, dat ist mir schon klar..., aber nit jetzt..., sonst wird doch dat Bier warm“ scherzte Sunder und klopfte Luthger freundschaftlich auf die Schulter, „komm Jung“...
Saraliel
18.11.2025, 17:02
Er nahm einen tiefen Atemzug. Er fühlte sich frei und stark. So als könnte er nun alles schaffen. Die Kräfte in ihm hatten sich verbunden und in ihm neue Möglichkeiten freigesetzt. Der Wind fuhr durch seine Haare. Die Luft roch pur und unverfälscht. Jetzt war seine Zeit gekommen. »Raschid!«, rief er über die Ebene hinweg. Nebel begann sich zu bewegen. Erst flüchtig, dann ruckartig. Saraliel sah ihn in der astralen Ebene vor sich. Auf seinem Gesicht lag dieses arrogante Grinsen. Er fragte sich ob er es vermissen würde.
»Du hast gerufen?«, fragte der Schwarzmagier abschätzig.
»Wie weit sind wir voneinander entfernt Raschid? Ich meine im Sinne der Verwandtschaft«, ergänzte er wissend. Der Nekromant verharrte einen Moment.
»Oho du hast 1und1 zusammen gezählt.«, meinte der alte vom Berge mit einer Mischung aus Anerkennung und Verachtung.
»Beantworte die Frage«
»Das ist schwer zu sagen. Ich habe nicht mitgezählt. Sehr entfernt möchte ich meinen. Unsere Blutlinie ist schon lange nach Varant übergegangen, als ich geboren wurde.«. Der Feuermagier nickte.
»Hast du deshalb Draco unterstützt?«
»Ich bin kaum sentimental. Er hätte mir nützlich sein können. Dann wurdet ihr lästig«, geiferte er.
»Du hast Erfolg. Meine Magie ist erwacht und ich habe Zugriff auf alle drei Ebenen«, wechselte Saraliel das Thema. Es war nicht zu erwarten irgendetwas konstruktives in der Hinsicht von Raschid zu erhalten.
»Noch kam kein goldenes Licht als Dank«, meinte Raschid lachend.
»Weil es ein Test war und du hast versagt«, konstatierte Saraliel.
»Scheiß auf den Test!«, donnerte er unerwartet. »Scheiß auf die Götter! Ich bin ihrer Spiele überdrüssig«. Er schwebte ruckartig nach vorne, doch der Magier schaute ihn nur mitleidig an. In der Form war er weniger gefährlich als ein Marienkäfer.
»Ich weiß. Ich habe beschlossen, dass du hier bleibst. Vielleicht findest du unter unseren Ahnen Frieden«, meinte Saraliel nachdenklich. Raschid wollte etwas sagen, doch Saraliel hob die Hand und gebot ihm magisch Einhalt.
»Im Namen Innos’ befehle ich dir hier zu bleiben und aktiv deinen Frieden zu suchen«. Seine Stimme halte magisch verstärkt erneut über die Ebene und fuhr Raschid al-Din, dem alten vom Berge in Mark und Bein. Oder zumindest in die astralen Überreste seines geschändeten Daseins. Einen Moment geschah gar nichts. Dann schrie der Schwarzmagier:
»Also bin ich dein Gefangener?«.
»Nein. Du bist dein eigener Gefangener. Solange dein Hass dich hier bindet, bleibst du hier. Du hast den Schlüssel selbst. Findest du Frieden, kannst du diese Welt verlassen. Findest du ihn nicht… nun. Dann wirst du wohl Freude an der Umgebung finden müssen«
Saraliel ging und schaute nicht zurück. Der Schwarzmagier schrie irgendetwas, doch er hörte es kaum mehr. Es war alles gesagt. Seine Aufmerksamkeit lag jetzt bei seinem Onkel. Er hatte viel über seine Magie gelernt. Jetzt galt es aufzuhalten, dass die Magie seines Onkels ihn umbrachte.
Delvin Corgano
19.11.2025, 19:31
Der Wirt hatte mehr preisgegeben, als er selbst ahnte. Nicht durch klare Worte, sondern durch sein Schweigen an den falschen Stellen. Die Paladine? Ja, sie seien zurück. Ja, ein gewisser Lord Hagen residiere im Oberen Viertel, mit schwerer Rüstung und einer Stimme, die laut genug sei, um sich Gehör zu verschaffen. Und doch senkte der Wirt die Stimme, als er von den alten Familien sprach, die noch immer ihre Finger in den Fässern der Stadtkasse hätten. Er sprach von Schuldbriefen, die nicht auf Pergament standen, von Zollposten, die wechselten, ohne dass jemand fragte. Es gab Ordnung – jawohl. Aber eine, die wackelte, sobald man nicht hinsah.
Delvin hatte zugehört, keine Einwände gemacht, nur einen stillen Dank ausgesprochen, bevor er sich vom Tresen löste. Als Delvin zusammen mit Christoph zum Tisch zurückkehrte, war sein Schritt ruhig, aber seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er nun begann zu handeln.
"Der König versucht die Ordnung dieser Stadt wiederherzustellen. Aber es ist eine Ordnung, die noch nicht alle gleichermaßen betrifft." sagte er. "Es gibt Männer, die tun, was sie sollen, und andere, die wissen, was andere tun." Er ließ sich auf den Stuhl nieder, dann fuhr er fort, während Christoph bereits ein Stück Tuch und Kohle hervorzog, um zu schreiben.
Fünf Namen gab Delvin in dieser Nacht aus. Fünf, die nicht an der Schwelle standen, sondern dahinter.
Der erste war Jorik, ein ehemaliger Lagerverwalter, der sich vor Jahren mit der halben Miliz zerstritten hatte, seither aber unter der Hand die Zuweisungen der Vorratskammern koordinierte – über dritte Hände, mit sauberen Listen und schmutzigen Taschen. Wer in der Stadt etwas zu lagern hatte, kam an ihm nicht vorbei.
Dann Selda, eine Stadtschreiberin im Handwerkerviertel. Offiziell zuständig für Kaufbriefe und Zollvermerke, inoffiziell aber in Besitz alter Listen aus der Zeit vor der Rückkehr der Krone. Man erzählte sich, sie könne jeden Handel der letzten zehn Jahre nachvollziehen – und jeden Fehler im Zoll.
Drittens Darlan, ein ehemaliger Hauptmann der örtlichen Stadtwache. Ein alter Haudegen mit schütterem Haar, der auf den Straßen einen guten Namen hatte, aber in der Schenke auch mit jenen saß, die ihre Abgaben nie bezahlten. Delvin hatte ihn selbst kurz gesehen – ein Mann, der keine Waffe brauchte, um sich Gehör zu verschaffen. Aber auch einer, der nie fragte, wenn Münzen die Hände wechselten.
Die vierte Person war Marta, eine Handwerkerwitwe, deren Familie früher die Stadttore verwaltet hatte. Ihr heutiger Einfluss lag nicht im Amt, sondern im Vertrauen. Sie war Schlichterin, Gastgeberin, Vermittlerin. Wenn zwei Händler sich in den Haaren lagen, ging man zu ihr – und sie sorgte dafür, dass beide am Ende Gewinn machten, oder schweigen mussten.
Und schließlich Varek, der Waffenhändler nahe der Kaserne. Offiziell versorgte er nur die Wache, in Wahrheit aber auch die Fischer, Fuhrleute und das halbe Hafenviertel mit Klingen, Äxten, Pfeilspitzen. Ein Mann, der wusste, wann jemand Schutz brauchte – und wie viel er bereit war, dafür zu geben.
Diesen fünf würde Delvin Gaben zukommen lassen. Keine prunkvollen Geschenke, sondern feine, maßvolle Zeichen. Er ließ von Christoph notieren: ein Gewicht aus poliertem Metall, ein versiegelter Wechselzettel über einen nicht eingeforderten Betrag, eine kleine Amphore mit reinem Öl, ein Lederbeutel mit Messinghaken, ein Kistchen mit Seife. Jedem beigelegt war ein schmaler Streifen Pergament mit dem roten Turmsiegel – nicht mehr. Kein Absender, kein Wort.
Christoph sollte die Überbringer mit Bedacht wählen: Lehrjungen, Handläufer, Mädchen aus dem Marktviertel. Sie würden nichts weiter sagen, als dass die Gabe von jemandem komme, der es gut mit ihnen meint.
Gleichzeitig hatte Delvin vor, den Verkauf an der Kogge zu eröffnen. Die Waren waren bereits vorbereitet worden: Salz, Hering, Getreide, Lampenöl, Talg, saubere Leinenstreifen, einfache Werkzeuge. Christoph hatte die Marktpreise bereits kurz nach ihrer Ankunft geprüft. Es sollte alles so angeboten werden, dass es nie auffällig günstig wirkte – aber doch stets die Preise der hiesigen Händler unterbot.
Balthasar, der Barbier, war bereits von Anfang an Teil der Unternehmung. Er hatte auf dem Schiff gearbeitet, wenn es die See zuließ, und hatte sich in einem gemieteten Seitenraum der Hafenkneipe eingerichtet. Keine Tafel würde ihn ankündigen aber Delvin wollte das Gerücht streuen lassen, dass ein Barbier des Turm ohne Bezahlung behandle. Schröpfen, Zähne ziehen, Wunden versorgen, Rat bei Schmerzen.
Als die Nacht hereinbrach und die Lichter im Hafen flackerten, kehrten die Männer wieder zurück zur Kogge. Delvin stand an der Reling, das Banner des Hauses Laenar bewegte sich kaum im Wind. Heinrich hatte bereits Wache bezogen, Christoph prüfte noch einmal die Listen. Delvin sagte nichts mehr. Es war alles besprochen und nun galt es, das Wort in die Tat umzusetzen.
Sunder und Luthger öffneten die Tür zur Hafenkneipe, ein Schwall warmer, muffig riechender Luft kam ihnen entgegen, hier hatte heute wohl noch Niemand gelüftet. Das schummrige Licht ließ auf den ersten Blick nicht vermuten, das der Laden recht gut besucht war, die vorderen Tische waren jedenfalls voll besetzt. Es waren augenscheinlich Handwerker und Arbeiter aus dem Hafenviertel, die die Tische in Beschlag genommen hatten und sich angeregt unterhielten. Die Kameraden hielten Ausschau nach einem freien Platz, unterbewusst zog es Sunder in den hinteren Teil der Kneipe, wenig später wusste er warum. Erinnerungen wurden wach, als er den etwas versteckten Tisch auf dem kleinen Podest entdeckte, er war überrascht das es diese schummrige Ecke nach all den Jahren noch gab. Es war ein vertrautes Gefühl sich hinter dem rechteckigen Tisch, auf der immer noch knarzenden Eckbank niederzulassen. Luthger zögerte kurz, bestellte dann aber 2 Bier und nahm auf einem der Stühle Platz. Der Seebär beugte sich vor und stütze sich mit beiden Armen auf den wackeligen Tisch, „hier hab isch früher immer jesessen..., dat war quasi mein Stammplatz“ erklärte Sunder weil er das Gefühl hatte das der Kamerad lieber woanders sitzen wollte.
Die Bedienung rauschte heran und stellte 2 Krüge Bier auf den Tisch, „sonst noch was“ fragte sie unhöflich, noch bevor die Kameraden antworten konnten, hatte sich die Maid umgedreht und eilte von dannen. Die Männer tolerierten diese Unfreundlichkeit stillschweigend, das war kein Grund sich davon die Laune verderben zu lassen. Sunder hob seinen Krug, „schön dat du mir dat mit dem Messer werfen jezeischt hast, du bist escht In Ordnung..., also auf disch..., auf jute Kameradschaft“ gab der Seebär zum besten was im gerade in den Sinn kam. Darauf stießen die Kameraden an, die Krüge wurden in einem Zug geleert und anschließend in Männermanier auf den Tisch geknallt. Sunder rülpste, „dat sollten wir öfters machen“, „was, rülpsen?“ frotzelte Luthger „du Quatschkopp, ich mein Bierschen trinken jehen“ murrte der Seebär. Als wäre sie aus dem Nichts erschienen stand plötzlich die Bedienung am Tisch und stellte ungefragt 2 Krüge Bier ab. Und ehe die Männer etwas sagen konnten war sie auch schon wieder verschwunden. „Hast du das bestellt“ fragte Luthger verwundert, „nä, die Kleine kann wohl Jedanken lesen und wusste dat wir noch wat trinken wollen“ scherzte Sunder erst. „Nä Quatsch, wenn man inner Kneipe wie hier mit dem Bescher auf den Tisch kloppt ist dat quasi wie ne Bestellung“ klärte er Augenzwinkernd das scheinbare Missverständnis auf. „Tja, und wo dat Zeusch schon mal da ist können wir dat ja auch trinken..., wat meinste?“
„Gut, dieses Bier noch, danach gehen wir... du weißt schon warum“ wollte Luthger vorher geklärt wissen. „Spaßverderber“ grummelte Sunder missmutig, aber er wusste ja das der Kamerad es nur gut meinte, „ja ja, isch weiß, nur noch dat eine Bierschen “ stimmte er schließlich zu. Der Seebär nahm seinen Krug und lehnte sich entspannt zurück, in dieser vertrauten Umgebung fühlte er sich wohl wie lange nicht mehr. Erinnerungen aus alten Zeiten wurden wach, hier hatte er viele Nächte mit alten Freunden durch zecht. Bier gab es für ihn ja meistens umsonst, den meist ungenießbaren Fraß, den der schmierige Wirt angeblich nach Geheimrezepten höchst persönlich zubereitete, gab es ebenfalls gratis. Alle anderen Gästen mussten tatsächlich für das miese Essen bezahlen und der Wirt schämte sich nicht mal dafür. Ansonsten war der störrische Knilch wohl ganz in Ordnung, soweit sich der Seebär noch entsinnen konnte. „Woran denkst du?“ riss Luthger ihn aus seinen Gedanken,„an früher..., wie dat alles so war..., meine Jüte ist dat alles lange her“ seufzte Sunder. „Und wie war es damals?..., erzähl mir davon“, der Akrobat hob seinen Krug und prostete dem alten Seemann zu, „auf die alten Zeiten“...
»Hmmm«, kommentierte Redlef die Vorstellung der schweigenden Frau an Yareds Seite. »Innos zum Gruße!«, brummte er der Höflichkeit halber in ihre Richtung. Eine Gorthanerin – eine Fremde – doch der Kapitän schien ihr zu vertrauen. Dies schloss er aus ihrem gemeinsamen Auftreten, das entspannt und sogar etwas vertraut wirkte. Sie war wohl als hübsch zu bezeichnen - Redlef erlaubte sich auf diesem Gebiet kein näheres Urteil. Daher war er über das Interesse des Kapitäns nicht verwundert, auch wenn er es dem korrekten Mann nicht zugetraut hätte.
Redlef wusste so gut wie nichts über das Land im Süden. Lediglich den Namen und seine ungefähre Lage hatte er ein-zwei Mal in der Hafentaverne in Thorniara aufgeschnappt. Vielleicht hatte er die kommenden Abende einmal die Möglichkeit den weitgereisten Seefahrer danach zu fragen.
Die Nachricht, dass er und seine Mannschaft nun vorerst hier auf dieser Insel bleiben wollten, war ein Geschenk Innos‘. Sicherlich hatten die Männer, die sich freiwillig auf Argaan für die Mission gemeldet hatten, ihr Bestes gegeben die Stadt und die dazugehörigen Anlagen instand zusetzten, doch da sie zum großen Teil zuerst alle Gebäude einmal bewohnbar machen mussten, war für die Wehrhaftigkeit noch nicht viel geschehen. Geschweige denn, dass viel qualifiziertes Personal unter den Freiwilligen gewesen wäre. Jacques und Calan waren gute Beispiele für die verzwickte Situation: Calan war Schmied und damit von Sonnenaufgang bis Untergang eingebunden. Redlef ging nicht mehr davon aus, ihn zeitnah noch einmal im Sattel zu sehen, und Jacques Herkunft von einem Hof war der einzige Grund, warum es nur noch an wenigen Stellen ihres improvisierten Stallgebäudes durch das Dach tropfte. Er war der beste Handwerker, der für die alte Stellmacherei abzustellen gewesen war.
Während Redlef Yareds Erklärungen lauschte und seinen Gedanken nachhing, stellte Yared eine Frage, die ihn kalt erwischte. Wie war es ihm ergangen?
Seine Hände fassten unwillkürlich die Stöcke auf seiner Schulter fester. Die Augen starr auf den Boden gerichtet, ließ er sich einige Herzschläge Zeit, bis er seine wohl formulierte Antwort gab: »Mein Weg war einige Zeit nicht mehr von Innos Sonne beschienen. Das Bein hat viele Probleme gemacht.« Redlef sah keinen Anlass über die genauen Umstände zu sprechen. Er erwähnte nicht, dass er für angebliche Verfehlungen einer Umstrukturierung innerhalb des Ordens seinen Posten büßen musste. Dass er sich mit seinen Vorgesetzten angelegt hatte und schließlich, als einfacher Ordensbruder des Mordes beschuldigt wurde, was ihn für Jahre in einer Kerkerzelle rotten ließ. Das Auftauchen seines Bruders, dem er nach wie vor zutraute darin verwickelt gewesen zu sein, hatte in ihm Wut aber auch Hoffnung geweckt und ihn schließlich zurück in den Orden gebracht. Die Anklage wurde fallen gelassen, die genauen Umstände hatten sich ihm nie erklärt. Um ehrlich zu sein, hatte er sich aber auch nicht weiter um die Hintergründe gekümmert.
Der Orden hatte ihn wieder aufgenommen und ihn durch die Zuteilung einer Aufgabe ein gutes Stück weit rehabilitiert. Redlef war dankbar dafür und demütig gegenüber Innos Güte, die ihm diese zweite Chance gewährte, auch wenn Sir Oric ihm diese sicherlich nur in der Hoffnung seines Scheiterns offeriert hatte.
»Da ich es für richtig erachte, meine verbliebene Kraft weiter in den Dienst Innos und der Menschen des Reiches zu stellen, habe ich die Aufgabe übernommen ein paar Grünschnäbeln in den Sattel zu helfen. Hier auf Khorinis führe ich eine kleine Kavallerieeinheit, die ihren Kräften nach das Umland der Stadt sichern soll.«
Viele der Höfe vor den Toren der Stadt waren verlassen, die Ernährung der Menschen daher denkbar schlecht. Marodeure und Räuber zogen durch die Wälder, Goblins verwüsteten das Wenige, das bisher noch intakt geblieben war. Und als ob Hoffnungslosigkeit und Armut nicht bereits zur Genüge wie eine Seuche unter der Bevölkerung wüteten, war es bei genauerer Beobachtung nicht übersehbar, dass noch etwas Dunkleres und Gefährliches auf dieser Insel sein Unheil trieb. Ohne Verstärkung führten sie einen beinah aussichtslosen Kampf.
Hier und jetzt war jedoch nicht der richtige Zeitpunkt den Paladin den ganzen Umfang ihrer misslichen Lage und die Vorkommnisse im Wald aufzuklären. Wenn er, wie berichtet, bereits mit Lord Hagen gesprochen hatte, dann wusste er sicherlich bereits auch einiges darüber. Redlef wusste, dass sie mit Yared einen wertvollen Streiter gegen Beliars Kräfte gewonnen hatten. Seine Taten im Kampf gegen Rabenweil in Thorniara hatte er auch nach all den Jahren, verloren in der Dunkelheit, nicht vergessen. Er schuldete diesem Mann sein Leben.
»Die Einheit ist natürlich sträflich unterbesetzt. Bruder Jacques hat sich der zweifelhaften Aufgabe angenommen, weitere Kämpfer aus der hiesigen Bevölkerung auszubilden. Gegebenenfalls findet er darunter auch Männer, die unsere Reihen sinnvoll aufstocken können…« Redlef dachte bei diesen Worten an Bardasch, dessen Arbeit im Stall eine große Hilfe war, doch den er sich auch nach den letzten Ereignissen nicht mit einer Lanze in der Hand neben sich in der Schlachtreihe vorstellen konnte. »… doch den Erfolg wage ich zu bezweiflen!«
Wie auf dieses Stichwort, ertönte ein lautes Scheppern und ein spitzer Aufschrei, als die den Hof der Kaserne erreichten. Ein dürrer Halbstarker hüpfte ungelenk, sich den Fuß haltend, durch den Sand des Übungsplatzes, vor den Strohscheiben, die als Ziel dienten, verzweifelte ein Greis an seinem Holzstock, den er nicht mehr aus dem Stroh gezogen bekam und ein Weib zeterte einen kleinen Glatzkopf an.
Mittendrin stand Jacques, der versuchte, Ordnung in den Haufen zu bekommen. Mit einem Schmunzeln fragte sich Red, ob der blonde Hühne sich gerade zurück auf den elterlichen Hof zum Schweinetreiben wünschte.
Schnaufend stellte Redlef sie angespitzten Stöcker vor sich ab. Er sah zu seinen beiden Begleitern hinüber. »Das ist Jacques, der talentierteste Speerkämpfer, den der Orden auf dieser innosverlassenen Insel hat, und der vermutlich gerade seine ersten Erfahrungen damit macht, wie es ist mit der Gewissheit des Scheiterns in eine Schlacht zu stürmen«, scherzte Red und rief dann zu seinem Bruder hinüber: »Jacques! Ich möchte dir Kapitän Garethson und seine Begleiterin…« Er zögerte kurz, kramte in seinem Schädel nach ihrem Namen… »Larah vorstellen. Außerdem habe ich die neuen Stöcke mitgebracht.«
Delvin Corgano
20.11.2025, 12:21
Die Morgendämmerung kroch kalt und träge über das Hafenviertel, feuchte Nebel lagen über dem Pflaster, und das erste Licht spiegelte sich nur schwach in den Pfützen zwischen den Lagerhäusern. Auf der Kogge herrschte bereits reges Treiben. Gezielte Bewegungen, knappe Anweisungen, das Klirren von Holz auf Holz, wenn die vorbereiteten Kisten an Deck gebracht wurden oder Fässer gerollt wurden. Heinrich beaufsichtigte den Aufbau des kleinen Verkaufsstandes am Kai mit der Kogge im Hintergrund. Zwei Männer der Mannschaft hatten einfache Mäntel übergezogen, sie schleppten Salzsäcke, rollten Fässer heran und legten gefaltete Tücher mit Seife, Talg und Öl aus. Die Preistafeln waren mit feinem Rußschwarz grundiert und dann mit Kreide beschriftet – so blieben die Angaben auch im Morgengrauen deutlich lesbar. Christoph hatte sie kontrolliert, sich das Maß gewogen und letzte Korrekturen vermerkt, ehe er sie freigab. Es war keine große Eröffnung mit Spiel und Musik aber doch unübersehbar.
Zur selben Zeit verließen mehrere Boten das Hafenviertel. Junge Mädchen, Laufburschen, ein alter Mann mit lahmem Bein, der noch einmal seinen Bund Tuch prüfte, ehe er aufbrach. Jeder trug ein kleines Päckchen, schlicht verschnürt, aber mit einem roten Siegel versehen. Der Diener sollte das Päckchen nur übergeben. Es gab keine weitere Worte, keinen Brief. Nur das Wappen des Turms, fein geprägt in Wachs. Sie hatten die Empfänger persönlich ausgewählt und Christoph hatte die Wege geplant, wenn auch nur auf einer schlichten Karte. Keiner sollte zweimal gesehen werden, keiner sollte zur gleichen Stunde erscheinen. Wer empfing, würde nicht wissen, wer noch etwas empfangen hatte. Und doch würden sie es früher oder später erfahren.
Bei der Schenke war Balthasar bereits bei der Arbeit. Die ersten kamen zögerlich – ein Fischer mit geschwollener Hand, ein Knecht mit Zahnschmerzen, eine Frau mit schlecht verheiltem Schnitt am Arm. Sie sprachen leise, manche gar nicht. Balthasar behandelte, säuberte, nickte, wies an. Für jeden lag ein Tuch bereit, das danach gewechselt wurde, ein Eimer mit warmem Wasser stand griffbereit. Delvin hatte ihm freie Hand gelassen. Was zählte, war der Eindruck. Nicht, dass Hilfe gewährt wurde, sondern dass sie ohne Forderung kam. Auch der Wirt der Kneipe wurde bedacht, als Christoph ihm am frühen Morgen einen Korb mit Brot, Lampenöl und neue Kerzen brachte
Delvin selbst war nicht am Kai zu sehen. Er hatte sich nach dem ersten Lichtschein zurückgezogen, war schweigend über die Planken der Kogge gegangen, hatte die Segel geprüft, die Leinen kontrollieren lassen. Dann hatte er sich unter Deck begeben, in den Schreibraum, der mit wenigen Mitteln eingerichtet worden war. Dort überflog er Christophs Notizen, prüfte Zahlen, Namen, Gewichte. Auf dem Tisch lagen die Listen jener, denen man noch nichts überbracht hatte – unauffällige Händler, stille Amtsdiener, zwei Wachmänner, die oft am Kai patrouillierten.
Jacques Percheval
23.11.2025, 15:00
“Innos, schenk mir Kraft …”, stöhnte Jacques und massierte sich die Nasenwurzel.
Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so nah dran gewesen war, vollkommen zu verzweifeln. In der Goblinhöhle? Nein, selbst dort, mitten in einem Hort schwarzer Magie, umkreist von Horden boshafter Zwerge - viele von ihnen untot -, die ihm die Kehle durchschneiden wollten, hatte seine Zuversicht ihn nicht verlassen. Er hatte auf Innos, auf seine Kampfgefährten und nicht zuletzt auf seine eigenen Fähigkeiten vertraut. Mit Recht, wie sich herausgestellt hatte.
In der Gewalt der Banditen von der Roten Hand? Vielleicht. Gefesselt, ohne die Möglichkeit, sich zu wehren, der Willkür sadistischer Verbrecher ausgeliefert - das war wirklich keine schöne Zeit gewesen. Aber sogar damals hatte er nicht aufgegeben, hatte die Hoffnung nicht fahren lassen und auf den Moment gewartet, da er etwas tun konnte. Und als der Augenblick tatsächlich kam, war er bereit gewesen.
Doch hier und jetzt? Wie oft hatte er seinen Rekruten heute die richtige Technik des Speerwerfens demonstriert? Er hatte aufgehört, zu zählen. Aber egal, wie oft die angehenden Stadtwächter es auch versuchten - sie schienen nicht besser zu werden. Im Gegenteil, langsam bekam Jacques den Eindruck, sie würden von Mal zu Mal schlechter … Hatte er sich da eine Aufgabe gestellt, die unmöglich zu bewältigen war?
Als Redlefs Stimme vom Kasernentor her ertönte und der Ritter ihn zu sich rief, kam diese Ablenkung ihm daher gerade recht. “Hal, hilf Jorge, den Speer aus der Zielscheibe zu ziehen, und Britta, er ist nicht dein Sohn, also hör auf, ihn zur Sau zu machen - ihr wisst, was ihr zu tun habt!”, wies er seine Rekruten an, bevor er sich Redlef zuwandte. Der rothaarige Ordensbruder hatte ein Bündel frisch geschnitzter Trainingsspeere vor sich abgestellt und war von zwei Begleitern flankiert, die Jacques noch nicht kannte und die Redlef ihm als Kapitän Gareth und Larah vorstellte.
Jacques verbeugte sich knapp, die Faust vor der Brust geballt. “Willkommen in Khorinis, Kapitän - Larah! Ah, und vielen Dank für die Speere, Redlef … die sind hier bitter nötig.” Er verdrehte leicht die Augen. “Die Rekruten hier … äh, sie werden noch eine Menge Training benötigen.”
“Jacques!”, hallte es plötzlich über den Kasernenhof, “Ah, und Redlef ist auch da - das trifft sich ja hervorragend!”
Sir Eric kam mit weiten Schritten auf sie zu, in der Hand hielt er ein zusammengefaltetes Pergament, mit dem er in der Luft herumwedelte. Den Kapitän und dessen Begleiterin begrüßte der Paladin nur knapp und kam direkt zur Sache: “Redlef, Jacques - ihr habt einen neuen Auftrag von Hagen persönlich. Oh, und Jacques - herzlichen Glückwunsch, du bist hiermit offiziell zum Sergeanten befördert!” Er überreichte dem überraschten Gardisten das Pergament. Jacques faltete es auseinander und überflog die wenigen Zeilen, die seine Ernennung zum Sergeanten der Garde bestätigten, beglaubigt mit Unterschrift und Siegel Lord Hagens.
“Ich, äh …”
“Freu dich nicht zu früh!”, unterbrach ihn Sir Eric grinsend, wobei er ihm kräftig mit der flachen Hand gegen den Oberarm schlug, “Das ist nicht nur eine verdiente Anerkennung deines Einsatzes und deiner Fähigkeit, sondern vor allem auch eine neue Verantwortung. Kommen wir also zum eigentlich wichtigen Teil…” Der Paladin holte tief Luft und blickte abwechselnd Redlef und Jacques ernst in die Augen. “Die Oberste Feuermagierin plant eine Expedition zu dem alten Kloster im Norden der Insel, und ihr beide seid hiermit offiziell für ihre Sicherheit verantwortlich.” Bevor einer der beiden angesprochenen etwas erwidern konnte, hob Eric die Hand. “Natürlich nicht allein. Der Paladin Sir Draconiz wird ebenfalls dabei sein, und Ihre Eminenz hat ihren persönlichen Leibwächter, diesen arroganten Fremdländer …” Eric rümpfte die Nase in unverhohlener Abscheu. “Und schließlich - einen handverlesenen Trupp des Besten, was die Miliz von Khorinis hat aufbieten können!”
Die Ironie in Erics Stimme war unüberhörbar, als er auf die gegenüberliegende Seite des Kasernenhofes deutete, wo sich ein Dutzend Männer und Frauen in den Waffenröcken der Miliz versammelt hatten. Unter dem strengen Blick eines Offiziers, dessen kahlgeschorener Schädel und Tätowierungen ihn als ein Mitglied der Bruderschaft auswiesen, bildeten sie eine lose Zweierreihe. Jacques erkannte zwei bekannte Gesichter unter den Milizionären - die junge Léa und ihren schlaksigen, ständig gelangweilt wirkenden Kameraden Tobias.
“Gor Na Kosh versichert uns”, fuhr Eric fort, “dass das seine besten Leute seien. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesen glatzköpfigen Spinnern mit ihrer nicht-so-geheimen Geheimbruderschaft über den Weg trauen würde, aber wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Jedenfalls, die Bande steht ab jetzt unter eurem Kommando. Es ist eure Aufgabe, herauszufinden, wer von ihnen wirklich etwas taugt. Angeblich können sie alle bei einem Pferd zumindest den Arsch vom Kopf unterscheiden. Also das ist ja schon mal was, eh? Diejenigen, von denen ihr am Ende der Expedition denkt, dass sie Potenzial haben, werden wir in die Garde aufnehmen und dauerhaft eurer Einheit unterstellen. Noch Fragen? Ihr brecht morgen früh auf.”
DraconiZ
27.11.2025, 13:25
»Das hoffe ich ebenfalls«, entgegnete der Streiter zur obersten Feuermagierin. »Die Geheimnisse die wir dort finden werden könnten uns eine sehr große Hilfe sein oder aber in den falschen Händen uns große Schwierigkeiten bereiten«. Er hielt einen kurzen Moment inne. Der Wind wehte durch sein weißes Haar und irgendwie war ihm als wäre die Zeit stehen geblieben. So als hätten sie an diesem Ort gestanden und es wäre nicht weiter gegangen. Als wäre der Strom der Zeit vor eine Mauer geprallt. Er schüttelte den Gedanken wie ein lästiges Insekt ab. Es war wahrscheinlich der Aufregung geschuldet die diese ganze Situation in ihm verursachte. »Wenn es dort Hinweise darauf gibt meine Magie völlig zu meistern, so werde ich sie gerne nehmen«, meinte er weiter.
Es versammelten sich einige illustre Gestalten die mit ihnen gemeinsam den Weg zum Kloster bestreiten sollten. DraconiZ versuchte bei jedem Einzelnen einzuschätzen, um wen es sich handelte und ob er der Person vertrauen konnte. Dann blieb sein Blick auf einem der Männer hängen. »Der Lichtritter höchstpersönlich führt scheinbar das Kommando«, murmelte er zu seiner Freundin und fing sich sogleich einen tadelnden Blick ein. Jacques Percheval nickte ihm zu und so tat er es ihm gleich. Das letzte Mal als sie sich gesehen hatten war unter unguten Vorzeichen geendet. Die Höhle in Argaan und der Kampf mit den Untoten. Ein Schauder lief über seinen Rücken. Scheinbar jedoch hatten sie beide in der Zwischenzeit dafür gesorgt, dass ihr Kopf da blieb wo er hingehörte, was mehr war als manch anderer von sich sagen konnte. Es waren ansonsten einige der Templer und augenscheinlich auch welche vom Orden anwesend. Manche der Gestalten konnte er auch überhaupt nicht einordnen. Sie würden sich wohl zu gegebener Zeit zu erkennen geben ob sie etwas taugten oder nicht. »Ich halte mich im Hintergrund und überlasse dir die Bühne«, wandte er sich an Françoise. Auch wenn er nicht glaubte, dass Jacques ihm irgendetwas nachtrug, dann war er doch weiser sich zurück zu halten. Er wusste nicht wie viel die anderen schon von ihm gehört hatten und er hatte wenig Lust direkt zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise auf Konfrontationskurs zu wechseln. Also lehnte er sich an eine Mauer und harrte der Dinge die kommen mochten.
Françoise
28.11.2025, 20:18
Françoise sah sich einer bunt gemischten Gruppe gegenüber. Ordenskrieger und jene, die sich selbst Templer nannten. Wobei man natürlich hätte sagen können, dass die Anhänger des Ordens auch auf eine Art und Weise den Titel der Templer verdient hätten. Von all den Gesichtern kannte die Oberste Feuermagierin lediglich eines. Genau mit dem hatte sie an diesem Ort auch nicht gerechnet. Es war Redlef, ein erfahrener Milizsoldat aus Thorniara. Françoise überlegte, wann sie ihm zuletzt begegnet war. Für sie lag es natürlich noch wesentlich länger zurück, als für den Versehrten. Dann fiel es ihr ein. Die Sache mit dem roten Sumpfkraut war es gewesen.
Sie nickte Redlef freundlich zu und erhob sich dann von der Bank, um das Wort an die Truppe zu richten.
»Innos zum Gruß. Mein Name ist Françoise Appledelhi Siniz Hesap Lütfen. Ich bin die Oberste Feuermagierin. Dies sind meine Gefährten, Paladin Draconiz und mein Leibwächter Konstantin. Ich gehe davon aus, Lord Hagen hat euch in klassischer militärischer Tradition die Einzelheiten unserer kleinen Mission nicht weiter erläutert. Da ich nicht dem Militär angehöre, werde ich das anders handhaben. Wir werden gemeinsam in Richtung des hiesigen Klosters aufbrechen. Als die Orks damals die Insel eroberten, haben wir Feuermagier es überstürzt verlassen müssen. Wir hatten eine magische Barriere errichtet, um den Ort vor Eindringlingen zu schützen. Leider wurde diese Barriere später von Unbekannten zerstört. Wer auch immer es war, hatte es vermutlich auf Schätze oder dergleichen abgesehen. Und weil seit dem Jahre ins Land zogen, waren es mit Sicherheit nicht die einzigen Diebe, die das Kloster geplündert haben. Die wichtigsten Artefakte unseres Ordens hatten wir damals bei unserer Flucht mitgenommen. Jetzt heißt es, herauszufinden, was sonst noch übrig geblieben ist. Allzu groß sind meine Hoffnungen nicht. Sollte euch vor Ort etwas ins Auge fallen, was nicht ganz gewöhnlich zu sein scheint, dann lasst es mich bitte wissen. Abgesehen davon liegt uns viel daran, das Kloster wieder unter unsere Kontrolle zu bringen. Das ist unsere zweite Aufgabe. Was uns genau erwartet, kann ich nicht sagen. Banditen, wilde Tiere oder etwas völlig anderes. Darum mahne ich zur Achtsamkeit! Ganz besonders in den tieferen Kellergewölben. Nun denn, ich denke, das reicht für den Anfang erst mal.«
Es herrschte sogleich Aufbruchstimmung unter den Soldaten. Konstantin hatte den Roten Hasen herangeholt, das prächtige Kriegsross, welches wie sein Reiter Seinesgleichen suchte. Obwohl sie früher die Strecke zwischen Stadt und Kloster oft gelaufen war - damals hatte es keine Pferde auf der Insel gegeben - nahm die Priesterin dieses Mal hinter ihrem Leibwächter seitlich sitzend auf seinem Tier Platz. Es war ein ungewohntes Gefühl und Françoise war dankbar, dass der Rote Hase trotz seines stolzen Gemüts keine Anstalten machte, das zusätzliche 'Gepäck' abzuwerfen.
„Und, du möchtest das wirklich machen?“
Sie hatten die Ansprache der Obersten Feuermagierin vom Rande des Platzes aus dem Schatten des Torbogens heraus mitverfolgt.
Jetzt war der letzte Moment, um zurückzuziehen. Aber Larah hatte das nicht vor.
„Ja. Ich habe ja nichts davon, in der Stadt rumzusitzen, während die anderen an der Kaserne und dem Hafen herumwerkeln und du auf dem Weg nach Vengard bist. Und ich bin schließlich nicht allein auf diesem Ausflug.“
Mit einem seitlichen nach hinten gerichteten Kopfnicken verwies sie auf den schlaksigen Krieger, der beladen mit Schanzzeug, dem Handwerkszeug eines Sappeurs – zuvorderst Beil, Spaten und Pickel – sowie einer Armbrust und einem riesigen varantischen Krummsäbel auf dem Rücken hinter ihnen im Torbogen stand.
Larah selbst war ebenfalls gut gerüstet. Gegen ihre Schulter gelehnt hielt sie ein Bündel aus ihrem einfachen Speer und der myrtanäischen Hellebarde, die Yared ihr besorgt hatte. Über der Suckenie trug Larah um ihren Körper geschlungen eines ihrer Netze, wie immer, wenn es auf eine Expedition ging. Im Netz hatte sie eine Decke eingerollt. Am über ihrem Mieder um ihre Taille gewickelten Gürtel trug sie Messer, Dolch und Trinkschlauch, am Mieder selbst über der Hüfte befestigt eine lederne Tasche mit all den kleinen Notwendigkeiten einer Fährtensucherin, darunter Schnur, Faden, Haken sowie Feuerstein und Zunder.
Sie wusste, dass sich Yared keine Sorgen machte, weil sie die Stadt verließ. Seine Sorge gründete wohl eher darin, wer sie – außer Kaldrin – noch begleiten würde – beziehungsweise, wen sie begleiten würde. Eine Waldläuferin, die unter Führung des Oberhauptes der Innoskirche und deren Gefolge aus Ordenskriegern auszog, um eine Klosterruine zu erkunden. Ein Risiko, wie sie zugeben musste, waren doch Waldläufer im Reich nicht sonderlich gut glitten. Aber doch kein so großes Risiko. immerhin kamen ja auch andere mit, die die unverbrüchliche Innostreue nicht teilten. Gerade deswegen fühlte sie sich leicht bevormundet.
„In Ordnung“, antwortete der Kapitän und nahm ihren sich für einen kurzen Moment verfinsternden Blick mit einem nachdenklichen Naserümpfen gefolgt von einem anerkennenden Nicken zur Kenntnis.
Er bedeutete Kaldrin und ihr ihm zu folgen und steuerte sie auf einen großgewachsenen athletischen Mann zu, der unweit an einer Mauer lehnte und mit seinem durchdringendem Blick die sich zum Aufbruch wendende Versammlung musterte.
Die ersten bestiegen bereits ihre Pferde.
„Ihr seid Sir Draconiz? Mein Name ist Yared Garethson.“, stellte sich der Kapitän dem Mann mit den silberweisen langen Haaren vor, „Lord Hagen hat mich gebeten, das Vorhaben Ihrer Eminenz mit der Expertise meiner Marinepionierkompanie zu unterstützen. Das sind die Kundschafterin meiner Kompanie Larah und mein Waffenmeister Kaldrin, einer meiner Deckoffiziere. Ich unterstelle sie hiermit für die Dauer Eurer Mission Eurem Kommando.“
Still und mit verschlossenem Gesichtsausdruck beobachtete Redlef den Aufmarsch der Obersten Feuermagierin und ihres kleinen Gefolges. Sein Blick klebte förmlich an der Feuermagierin, die ihn ihrer kleinen, zarten Gestalt so viel Macht in sich vereinte. Sofort waren die Bilder ihrer ersten und auch letzten Begegnung in seiner Erinnerung präsent und mit ihnen das unbeschreibliche, nicht zuordenbare Gefühl in seinem Nacken, wenn er sich Ihrer Präsenz gewahr war.
Als Oberste Feuermagierin des Reiches und Oberhaupt der Innoskirche hatte sie eigentlich viel zu fürchten, besonders auf einer Insel voller schwarzer Magie und vom Glauben abgefallener Bewohner, doch zu hemmen schien sie das nicht. Wie üblich reiste sie lediglich in Begleitung ihres persönlichen Leibwächters und völlig frei von sonstigen Schutzmaßnahmen. Fürchtete sie sich wirklich nicht? Schütze Sie Innos und der Glaube, wie es dem einfachen Fußvolk verwehrt blieb? Oder wollte sie der skeptischen Bevölkerung ein Zeichen geben, dass ihr Leben nicht mehr oder weniger Wert war, als das der einfachen Leute?
Wie dem auch sein mochte, zu diesem Zeitpunkt konnte er ihr Geheimnis nicht ergründen. Und dankenswerterweise war dies, und vor allem auch nicht ihr Schutz oder die Organisation der Mission sein persönliches Anliegen: Diese undankbare Aufgabe lag wohl bei dem weißhaarigen Hühnen an ihrer Seite. Seinen Namen hatte er bisher nur beiläufig ausgeschnappt und da sich der beeindruckende Kämpfer nicht vorgestellt hatte, konnte Red daher nur mutmaßen, dass es sich um diesen Draco Niz handeln musste: einem Mann, dem man Verrat nachsagte! Mit dunkelsten Mächten soll er in Verbindung gestanden haben… und nun ganz eng mit Ihrer Eminenz!
Wieder einmal ein deutliches Zeichen, wie die Oberste Feuermagiern mit den Kreaturen Beliars umzugehen pflegte…
Gepresst, leicht gereizt, ließ er still die Luft zwischen den Zähnen entweichen. Nur für einen Moment verengten sich seine Augen zu Schlitzen, als der fremde Paladin Jacques ein fast vertraut wirkendes Nicken zuwarf. Jacques war ein guter Junge, ein Kämpfer mit dem Herz am rechten Fleck, doch manchmal auch ein wenig zu gutgläubig. Red würde diesen Sir Niz nicht aus den Augen lassen!
Erst das Vortreten der Magierin zog seine Aufmerksamkeit von dem Verräter fort. Sie nickte ihm freundlich zu, was ihn diesen netten Gruß ein wenig überrumpelt beantworten ließ, dann stellte Sie ihr Vorhaben knapp und klar vor.
Dafür also hatte er sich in aller Hergotts frühe in sein volles Ornat und Rüstzeug geschmissen. Es hatte ihn den ganzen Morgen gekostet. Er war eingerostet…
Dann trat Yared mit seiner Dame und einem weiteren Mann auf den Platz. Kurz wagte Redlef zu hoffen, dass der verlässliche Kapitän sie ebenfalls begleiten würde, doch aus den paar Wortfetzen, die zu ihm herüber wehten, ließ sich dies leider nicht schließen.
Er wartete, bis die Herren das Gespräch beendet hatten und humpelte dann an den Sappeur heran. »Innos zum Gruß, Kapitän! Ich bedaure sehr, dass es nun wohl etwas dauern wird, bis Ihr mir ein paar Geschichten von Euren Fahrten beim abendlichen Bier erzählen könnt.« Er drückte ihm kurz die Schulter. »Vielen Dank aber für das Abstellen Eurer Leute!«
Kurz ließ der Fähnrich, der, mit dieser Mission zum ersten Mal, sich und seine Einheit beweisen musste, den Blick über den wilden Haufen gleiten. Seine Wunschtruppe war dies bei Weitem nicht. Yareds Leute hoben das Niveau merklich!
Wie befohlen sammelten sich seine Reiter an der Spitze des Trosses. Jeder hatte sein persönliches Bündel für ein spärliches Feldlager hinter den Sattel geschnallt, drei Handpferde wurden an langen Stricken geführt, zwei trugen weitere Versorgung für die Tiere das dritte war Möhre, der für Jacques bereit stand. Redlef selbst wollte die Fuchsstute reiten. Sie hatte ihr Debüt und machte ihm hoffentlich beim Aufsteigen gleich nicht die erste Schande…
»Ich verspreche ich werde auf Larah Acht geben«, fügte er etwas leiser hinzu. Das war er dem Mann schuldig!
Jacques Percheval
30.11.2025, 19:26
Es viel Jacques schwer, ein Gähnen zu unterdrücken. Die Nacht war viel zu kurz gewesen. Fast, als hätte sie überhaupt nicht stattgefunden, so sehr hatten sich die Ereignisse überschlagen. In einem Moment hatte er noch versucht, einem Haufen hoffnungsloser Fälle die Grundlagen des Speerkampfes beizubringen, und im nächsten fand er sich als Sergeant in der Verantwortung über einen Trupp von Milizionären wieder, mit dem er die Oberste Feuermagierin persönlich eskortieren sollte. Die Oberste Feuermagierin, die nun nach einer kurzen Ansprache den Aufbruch befahl. Zeit, um die Expedition vorzubereiten? Praktisch keine. Konnte die Magierin etwa den Gestirnen gebieten und der Sonne befehlen, auf kürzestem Wege die Erde zu umrunden, um eine Nacht zu überspringen? Das klang eigentlich zu irrwitzig, um möglich zu sein. Aber was wusste er schon über hohe Magie?
Natürlich war die Mission eine große Ehre, mit der Jacques nie im Leben gerechnet hätte. Daher war er entschlossen, seine Aufgabe anständig zu erledigen. Auch, wenn das bedeutete, dass er in den letzten Stunden wie ein aufgescheuchtes Huhn kreuz und quer durch die Stadt hatte rennen müssen, um innerhalb kürzester Zeit alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Die junge Stadtwächterin Léa hatte sich dabei als unerwartet hilfreich erwiesen: Sie schien über Organisationstalent zu verfügen und hatte außerdem einen guten Draht zu den örtlichen Händlern und Handwerkern. Gerade stand sie an seiner Seite und ging noch einmal eine Liste von Dingen durch, die sie auf einer kleinen Wachstafel notiert hatte, die zu ihrer persönlichen Ausrüstung zu gehören schien.
Eine weitere freudige Überraschung war, dass ihm während des Vorrätebeschaffens sein alter Kampfgefährte Sunder über den Weg gelaufen war, und der Seebär sich nach einem kurzen Gespräch bereiterklärt hatte, sich der Expedition anzuschließen, obwohl Sir Ulrich ihn von seinen militärischen Pflichten entbunden hatte. Sunder hielt nicht viel davon, sich in die Hierarchie des Militärs einzufügen. Aber genauso wenig hielt er davon, seine Tage mit sinnlosem Nichtstun zu füllen, so dass es nicht schwer gewesen war, ihn zu überreden. Jacques war froh, einen Mitkämpfer an seiner Seite zu haben, von dem er wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte.
“Wir haben alles, was wir brauchen”, verkündete Léa schließlich und klappte das Wachstäfelchen zu.
“Gut. Großartig. Danke …” Jacques holte tief Luft. Sergeant … Ein Rang, der von ihm verlangte, dass er führte. Dass er Befehle gab. Eine ungewohnte Rolle. Wie lange war es her, dass er als grüner Bauernbursche mit romantischen Träumen vom Rittertum am Hafen von Thorniara an Land gegangen war? Einerseits kam es ihm vor wie eine Ewigkeit — in der Zwischenzeit hatte er eine ganze Reihe von Abenteuern erlebt und sich mehr als einmal im Kampf beweisen müssen —, aber auf der anderen Seite war ihm, als wäre es gestern gewesen. In seiner Zeit als Soldat im Dienste des Ordens hatte er bislang nur Befehle ausgeführt, nicht erteilt. Sergeant. Er fühlte sich nicht bereit für seine neue Rolle. Aber, bei Innos, wann fühlte man sich jemals bereit für eine Herausforderung?
Er stemmte die Hände in die Hüften und hoffte, dass man ihm die Nervosität nicht ansah, als er seine Stimme über den Kasernenhof schallen ließ: “Aaaaan-treten!”
Das Milizionäre, die gerade noch einen schnatternden Haufen gebildet hatten, setzten sich träge in Bewegung und begannen, so etwas wie eine Zweierreihe zu formen. Keiner von ihnen schien es sonderlich eilig zu haben.
“Etwas schneller, wenn ich bitten darf!”, forderte Jacques. Der Effekt war marginal. Léa schlenderte zu ihrem Platz, als wäre sie auf einem Sonntagsspaziergang. Jacques seufzte innerlich, als er daran dachte, wie zackig sich diese Soldaten bewegten, wenn einer der glatzköpfigen ‘Templer’ sie befehligte. Ihre Trödelei war kein Mangel an Fähigkeit — es war ein Mangel an Respekt. In ihren Augen hatte er sich noch nicht bewiesen. Allerdings, rief er sich ins Bewusstsein, konnte er das genauso von ihnen behaupten. Wer von diesen als Stadtwächter verkleideten Zivilisten hatte überhaupt schon einen echten Kampf gesehen? Die Insel war gefährlich, aber wie oft trauten diese Kerle sich hinter der Sicherheit ihrer Stadtmauern hervor? Soweit er wusste, wurden die tatsächlich riskanten Missionen meist von den Templern durchgeführt. Doch von denen würde sie diesmal keiner begleiten.
Endlich hatte sich das Dutzend Soldaten in zwei Reihen auf dem Kasernenhof positioniert. “Ich schätze, das werden wir in Zukunft nochmal üben müssen!”, knurrte Jacques und versuchte, Autorität auszustrahlen, während er die Reihe der Soldaten abschritt und sie einzuschätzen versuchte. Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Léa war die einzige, die er mittlerweile ein wenig kannte.
Neben ihr stand dieser Tobias, ein schlaksiger, hochgewachsener junger Kerl mit dunklen Locken und länglichem Gesicht, der die ganze Welt mit kaum verhohlener Herablassung zu betrachten schien. Seine Mundwinkel waren immer ein wenig heruntergezogen. Im Gegensatz zu den übrigen Soldaten, die mit einfachen, aber praktischen Standardwaffen der myrtanischen Armee ausgestattet waren, trug er ein Rapier mit vergoldetem, reich verziertem Korb am Gürtel. In Jacques Augen wirkte die Klinge eher wie ein Spielzeug als wie eine Waffe. Genau wie Tobias selbst nicht gerade die Attitüde eines Soldaten ausstrahlte. Jacques konnte nur hoffen, dass er sich nie in einer Lage wiederfinden würde, in der er sich auf diesen Kerl verlassen müsste.
Ein wenig anders sah es mit dem Mann aus, der hinter Tobias stand und diesen noch einmal um einen halben Kopf überragte. Jacques musste kurz überlegen, bis ihm der Name des Mannes wieder einfiel: Kazmir. Ein Riese, breitschultrig, mit einem beachtlichen Bauch und noch beachtlicheren Oberarmen. Seine kleinen, tiefliegenden Augen folgten jeder von Jacques Bewegungen mit einem beunruhigend finsteren Blick. Jacques hatte den Hünen noch kein Wort sagen gehört — jedenfalls nicht zu irgendeinem Menschen. Sein einziger Gesprächspartner schien der große braune Hund an seiner Seite zu sein. Das kurzhaarige Tier war so muskulös, dass man meinen konnte, es würde Gewichte stemmen, und hatte den breiten, flachen Kopf eines Kampfhundes. Sichtbare Narben unter dem Pelz und ein stachelbewährtes Halsband komplettierten den Eindruck. Der Hund wirkte auf Jacques jedenfalls mehr wie ein erfahrener Krieger als irgendeiner der Soldaten. Zumindest einer, auf den ich mich verlassen kann …, dachte er mit bitterer Ironie.
Von den übrigen Milizionären zog keiner Jacques’ unmittelbare Aufmerksamkeit auf sich. Während der Expedition würde er hoffentlich ausreichend Gelegenheit haben, sie kennen zu lernen. Und die Spreu vom Weizen zu trennen.
Immerhin hatten sie es alle geschafft, ihr Marschgepäck und ihre Ausrüstung zu komplettieren. Jeder von ihnen war mit Speer, Schwert und Dolch bewaffnet, einige — wie Léa — trugen auch Armbrüste. Unter ihren weiß-roten Waffenröcken mit dem charakteristischen Lederkragen trugen sie Kettenhemden und waren somit gut gerüstet für eventuelle Begegnungen.
Jacques nickte zufrieden, als seine Truppe bereit war zum Aufbruch. Er begab sich zur Spitze des Zuges, wo bereits die anderen warteten:
Die Oberste Feuermagierin, die hinter ihrem Leibwächter auf dem Pferd saß — ein sonderbarer Anblick, den Jacques als wenig standesgemäß empfand. Sollte die Priesterin nicht in einer Kutsche oder Sänfte oder etwas ähnlichem Reisen?
Draconiz — jetzt offenbar Sir Draconiz. Jacques hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit dem seltsamen Krieger Worte zu wechseln. Dabei interessierte ihn nicht wenig, was eigentlich geschehen war. Er wusste, dass Draconiz sich damals unter dem Weißaugengebirge ein Duell mit Sir Ulrich geliefert hatte und dann einfach verschwunden war. Und jetzt war er plötzlich hier auf Khorinis, als Paladin an der Seite der Obersten Feuermagierin?
Sunder. Der alte Seebär stand etwas Abseits der Truppe und beäugte Draconiz ebenfalls mit einer gehörigen Portion Misstrauen. Er trug seine eigene, persönliche Ausrüstung und nicht die Farben des Reiches. Für die Männer Sir Ulrichs war das aber, wie Jacques wusste, die Regel.
Auch Larah und Kaldrin, die von Kapitän Garethson abgestellt worden waren, sich der Expedition anzuschließen, trugen keine Uniform. Was es mit diesen beiden auf sich hatte, war sich Jacques nicht sicher. Kaldrin schien ein Handwerker oder etwas in die Richtung zu sein. Insofern ergab es Sinn, dass er mitkam, schließlich wollte die Oberste Feuermagierin das Kloster nicht nur besuchen, sondern langfristig wohl auch wiederaufbauen lassen. Larah hingegen wirkte wie eine Kriegerin. Welchen Rang sie aber innehatte oder welche Aufgabe sie erfüllen sollte, war Jacques bislang ein Rätsel.
Und schließlich war da noch Redlef, der gerade einige Worte mit dem Kapitän wechselte. Jacques wusste, dass der alte Ordensbruder seit ihrem letzten Ausflug wieder mehr mit seinem verletzten Bein zu kämpfen hatte. Er fragte sich, ob es denn überhaupt so eine gute Idee war, dass er jetzt auf diese Expedition mitkommen sollte. Freilich hatte es wenig Sinn, Redlef gegenüber solche Bedenken zu äußern — dafür kannte Jacques den grummeligen Veteran inzwischen gut genug. Es blieb zu hoffen, dass sie nicht in Schwierigkeiten gerieten. Falls doch, würde er ein Auge auf Redlef haben …
Sie waren bereit. Jacques ließ sich von einem Knecht die Zügel seines Pferdes geben und schwang sich in den Sattel, das Signal zum Aufbruch erwartend.
DraconiZ
30.11.2025, 19:56
Der Paladin neigte sein Haupt leicht, als der Kapitän ihm die beiden Neuzugänge vorstellte. Yared Garethson. Etwas in seinem Hinterkopf schien sich zu bewegen. Ein Name von vielen. Etwas, dass er mal aufgeschnappt hatte oder Jemand ihm vorgestellt hatte. Daelon? Er musterte ihn. Er schien wie ein Mann der wusste, was er tat. Dennoch war er überrascht, dass er gerade ihn ausgewählt hatte das Kommando über seine beiden Kameraden zu übernehmen. Vertrauen dem Verräter gegenüber. Etwas schnürte sich in seiner Kehle zu. Er würde viel dafür tun Yared das Vertrauen zu vergelten. DraconiZ’ eisblaue Augen wanderten von dem Kapitän zu der Frau, die als Larah vorgestellt worden war. Sein Blick war prüfend, aber nicht herablassend. Er hatte in seiner Zeit in Varant genug mit Kundschaftern und Assassinen zu tun gehabt, um zu wissen, dass der Wert eines Kämpfers nicht an der Politur seiner Rüstung gemessen wurde, sondern an der Zweckmäßigkeit seiner Ausrüstung. Und ihre sah verdammt zweckmäßig aus. Das Netz, die Hellebarde, der konzentrierte Blick – sie wirkte wie jemand, der wusste, wie man sich lautlos bewegte und zuschlug, wenn es nötig war. Ob das wirklich der Fall war, würde die Zeit zeigen. »Gute Ausrüstung«, stellte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme fest und fixierte Larah einen Moment lang. »Ihr werdet mich also als Augen und Ohren dort draußen unterstützen. Ein paar Augen mehr schadet nie. Ein guter Rat: Verlasst euch nicht darauf, dass die Miliz oder die Ritter euch den Rücken freihalten, wenn ihr zu weit voraus seid. Dafür werden wir zuständig sein« Ein kaum merkliches, trockenes Schmunzeln huschte über seine Lippen. »Khorinis mag harmlos wirken, wenn man nur den Marktplatz kennt, aber die Wälder auf dem Weg zum Kloster sind tückisch. Ich verlasse mich auf Eure Wachsamkeit.« Dann nickte er dem Waffenmeister Kaldrin kurz zu. Ein Mann der Tat, das sah man ihm an. Genau das, was sie brauchten.
Als Jacques schließlich, sichtlich bemüht Autorität auszustrahlen, den Befehl zum Aufbruch gab, verschränkte DraconiZ lediglich die Arme vor der Brust. Er beobachtete das Schauspiel auf dem Kasernenhof mit einer gewissen, stillen Belustigung. Jacques gab sich alle Mühe, den harten Sergeant zu mimen, brüllte Kommandos und wies die Männer ein. Für DraconiZ wirkte es fast rührend, wie der Junge versuchte, eine Rolle auszufüllen, für die ihm noch die Schwielen auf der Seele fehlten. Er hielt ihn für einen fähigen Kämpfer, sicher, aber diese naiven Vorstellungen von Ordnung und Drill würden draußen in der Wildnis schnell an ihre Grenzen stoßen. Doch er hütete sich, dem Sergeanten ins Handwerk zu pfuschen. Sollte er seinen Moment haben und seine Erfahrungen machen. Vielleicht würde die Realität aus ihm eines Tages tatsächlich einen großen Anführer machen. Einen größeren als ihn womöglich. Denn er war festgelegt aus den Schatten zu handeln.
Bevor sich der Tross endgültig formierte, glitt DraconiZ’ Blick noch einmal über die Reihe der Reiter und blieb an dem Mann, den sie Redlef nannten, hängen. Er beobachtete den Veteranen stumm. Er sah das steife Bein, die Mühe beim Aufsitzen, aber auch die Härte in den Zügen des Mannes. Vor allem aber entging ihm nicht der misstrauische Blick, den Redlef ihm zuwarf. DraconiZ hielt dem Augenkontakt für einen Herzschlag lang stand – sein Gesicht dabei vollkommen ausdruckslos, wie eine Maske aus Stein –, ehe er sich demonstrativ abwandte. Ein alter Wolf, der seine Wunden leckte und Fremde anknurrte. Solange das Bein den Marsch nicht aufhielt, war ihm der Argwohn des Mannes gleichgültig. Sollte er sich zum anderen Argwohn gesellen. Während die anderen ihre Pferde antrieben, blieb der Weißhaarige stehen. Er hielt nichts von Pferden. Ein Kämpfer musste den Boden unter den Füßen spüren, musste eins mit dem Untergrund sein, um schnell und tödlich zu reagieren. Ein Pferd war nur ein unnötiges Ziel und eine Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit. Er würde laufen. Sein Schritt war ohnehin so raumgreifend, dass er problemlos mit dem Schritttempo der Tiere mithalten konnte. Die Hufe klackerten laut auf dem Pflasterstein, als sich der Tross in Bewegung setzte. Sie passierten den Marktplatz, wo das geschäftige Treiben gerade begann, und näherten sich dem Südtor. DraconiZ ließ sich etwas zurückfallen, bis er auf gleicher Höhe mit dem alten Seebären Sunder marschierte, der ebenso wenig wie er in das Bild der strammen Soldaten passte. »Sieh sie dir an«, murmelte DraconiZ leise, sodass nur Sunder es hören konnte, und nickte kaum merklich in Richtung der voranreitenden Milizionäre, die krampfhaft versuchten, Haltung zu bewahren. »Sie denken, eine Uniform und ein lauter Befehl machen sie unbesiegbar. Hoffen wir, dass sie nicht über ihre eigenen Lanzen stolpern, wenn der erste Molerat aus dem Gebüsch springt.« Seine Stimme war ruhig, fast gleichgültig, getragen von der Erfahrung hunderter Schlachten, die ihn gelehrt hatten, dass Paraden keine Kriege gewannen.
Das große Tor lag nun hinter ihnen und die Geräusche der Stadt verblassten zu einem Hintergrundrauschen. Vor ihnen erstreckte sich der Weg, gesäumt von üppigem Grün, das in der Morgensonne fast schon trügerisch friedlich wirkte. DraconiZ atmete tief ein. Die Luft hier draußen war anders. Wilder. Sie schmeckte nach feuchter Erde, Harz und Gefahr. Sein Blick, nun wieder geschärft und kalt, wanderte routinemäßig die Baumgrenzen und das Unterholz links und rechts des Weges ab. Er suchte nach Bewegungen, nach Unregelmäßigkeiten im Schattenwurf der Bäume, während er mit geschmeidigen Schritten neben Françoise herging, bereit, beim ersten Anzeichen von Gefahr dazwischenzugehen.
Yared hatte Sir Draconiz noch viel Erfolg gewünscht, sich verabschiedet und dann zurückgezogen. Larah hatte nur am Rande mitbekommen, das der Kapitän und Redlef, der rothaarige berittene Ordensmann, den sie am Vortag kennengelernt hatte, in einiger Entfernung noch kurz besprochen hatten, ehe sich der Tross mit den Reitern an der Spitze in Richtung Stadttor in Bewegung gesetzt hatte.
Direkt vor den Toren, wo die Morgensonne schon länger hatte wirken können, war der Nachtfrost zu Füßen der Nadelbäume schon getaut. Doch je weiter sie kamen, umso kühler wurde es. Weißer Raureif lag auf den grünen Halmen und dem bereits gefallenen gelben und braunen Laub, zwischen dem sie hervorlugten. Darüber erhob sich zunehmend der Morgennebel aus den Niederrungen.
Kaldrin war in einen lockeren Gang verfallen, der ihm trotz seines umfangreichen Marschgepäcks erlauben würde, lange mitzuhalten. Man merkte dem Veteran der Varantfeldzüge seine Erfahrung an.
Larah schloss dank ihres verhältnismäßig leichten Gepäcks zügig zur Spitze des Zuges auf. Draconiz hatte ihr keine Anweisungen gegeben. Aber nachdem sie gesehen hatte, dass sich der Paladin mit dem eindringlichen Blick zurückfallen ließ, war es natürlich, dass sie eine Position weiter vorne einnahm. So konnten sie gemeinsam den ganzen Geleitzug der Obersten Feuermagierin bestmöglich abdecken. Während sie die Umgebung im Blick behielt, verfiel die Fischjägerin neben dem vordersten Reiter nach dem Vorbild des Waffenmeisters und des silberhaarigen Paladins in einen zügigen, aber kräfteschonenden Laufschritt.
Als sie sah, dass der frisch ernannte Sergeant auf dem Pferd saß, wandte sie sich kurzentschlossen an ihn: „Verzeiht, Ihr seid Sergeant Jacques? Larah, ich gehöre zu Kapitän Garethsons Leuten. Mich hat beeindruckt, wie Ihr gestern die Milizionäre im Speerwurf ausbildet habt.“
Die blonde Gortharerin hob kurz die beiden Stangenwaffen in ihrer Rechten. „Im Nahkampf komme ich mittlerweile zurrechte, aber das Werfen will mir noch nicht recht gelingen. Meint Ihr, ich könnte, solange wir gemeinsam unterwegs sind, bei Euch und Euren Leuten mittrainieren?“
Jacques Percheval
02.12.2025, 21:46
“Beeindruckt?” Jacques lächelte gequält, als er an die Vorstellung zurückdachte, die seine Rekruten auf dem Kasernenhof abgeliefert hatten. “Ich würde die Leistung der Neulinge gestern nicht unbedingt beeindruckend nennen, und nachdem ich derjenige war, der ihnen hätte beibringen sollen, wie man …” Er verstummte und warf einen Blick über die Schulter zu der Truppe von Milizsoldaten, die hinter ihm in Zweierreihe den Feldweg entlang marschierten. Zum Glück schien keiner von ihnen die Unterhaltung gehört zu haben, zumindest sahen sie alle so aus, als würden sie entweder die Umgebung im Auge behalten (gut) oder einfach gelangweilt ihren eigenen Gedanken nachgehen (weniger gut). Da die Milizionäre, die er anführen sollte, ihn noch nicht ernst nahmen, war es sicherlich keine gute Idee, wenn er ihnen gegenüber Selbstzweifel durchscheinen ließ.
Jacques räusperte sich und wandte sich lächelnd wieder Larah zu: “Aber natürlich könnt Ihr Euch dem Training anschließen. Ich weiß noch nicht, wie gut diese Bande hier tatsächlich mit ihren Waffen umgehen kann, aber wir werden es herausfinden.” Er musterte die junge Frau für einen Moment. Abgesehen davon, dass sie ziemlich hübsch war, fielen ihm ihre praktische, zweckgebundene Ausrüstung auf und ihre lockere Art, sich zu bewegen — kräftesparend und trittsicher. Sie war offensichtlich nicht das erste Mal im Gelände unterwegs.
“Darf ich fragen, was Eure Position ist? Ich würde ja darauf tippen, dass Ihr Kundschafterin seid. Liege ich da richtig? Aber wieso gehört Ihr dann zur Marine?”
Na, der junge Heric schien ja nicht auf den Kopf gefallen. Dass ihm noch mitten in einem solchen Kampf nicht etwa die Angst übermannte und sich mit klapperndem Kiefer an irgendwem fest hielt, sondern gar keine dummen Ideen hatte. Monster schrumpfen ... das wäre es ja jetzt!
»Tja«, sagte Dumak nur vielsagend als Antwort und meinte wohl, das würde alles erklären.
Aber dann sah er den zu Recht fragenden Blick seines jungen Schülers und setzte hinzu: »Meister Esteban wird sicher am besten wissen, was die richtige Magie ist. vielleicht hat er diesen Zauber auch gar nicht parat oder er lässt sich aus irgendeinem Grund nicht anwenden? Oder es ist zu viel Tohuwabohu, so dass er befürchtet, aus versehen Gor na Jan zu schrumpfen? Obwohl das vielleicht gar nicht so schlecht wäre. Dann würden wir anderen nicht immer Nackenschmerzen bekommen, wenn wir uns mit ihm unterhalten.«
Dumak gewann doch jeder Situation oder Idee noch etwas Gutes ab.
»Doch letztendlich ... wer kennt sich schon in der merkwürdigen Welt der Magier aus, wo ganz andere Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten gelten, als in der Welt, die wir normalen Menschen kennen?«, schloss er seine Antwort ab.
Er sah wieder auf den Kampf. Der Golem holte gerade wieder zu einem formidablen Schwinger aus.
»Ja, jetzt ein Kinnhaken!«, rief der Barde im Überschwang der Begeisterung.
»Ach ... wenn Rhabdo doch nur sechs Fuß größer wäre«, seufzte er dann. Der Golem kam ja selbst mit Anlauf gar nicht bis an das Kinn des Golems heran.
»Also der Golemzauber ist ja schön und gut, aber wenn ich Schwarzmagier wäre, würde ich ihn erweitern um eine steinerne Treppe, die ich gleich mit beschwören würde und die der Golem mit sich führt, um sie bei besonders großen Zielen einzusetzen.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Aber was weiß ich schon? Ich bin ja nur ein fahrender Sänger und Spielmann.«
Doch der Gedanke an eine Treppe, den er nun einmal gehabt hatte, ließ ihn nicht mehr los.
»Heric! Du hast mich mit deiner Idee auf eine ganz andere gebracht und die kann uns zum Vorteil gereichen!«, erklärte er nun.
»Bleib du schön hier in Deckung, es wäre schade, einen wachen Geist wie dich zu verlieren. Ich jedoch muss nun etwas näher heran an den Troll. Geh am besten hinter den Magier. wenn hier einer weiß, wie man seltsame Ereignisse überlebt, dann er. Das ist immerhin seine Profession.«
Gesagt, getan. Dumak lief behände über die stoppelige Wiese.
»Natürlich nur, um später nicht mit meinen überragenden Langdistanz-Wurffähigkeiten anzugeben«, erzählte er sich selbst (ob er daran glaubte, hing davon ab, ob er später einen guten Reim auf diese Zeile finden würde) und entschied dann nach einigen weiteren Schritten, mit denen er nun recht nahe am Kampfgeschehen angekommen war und fast schon in den Bereich der Fäuste des großen Golems kam, dass es nun nahe genug sei, um eine glaubhafte Mischung aus Tollkühnheit und Können behaupten zu können.
»Hey, Templer!«, rief er dann laut und hob nach einigen Augenblicken die Hände wie einen Trichter an den Mund, als er sah, dass Gor na Jan ihn im Kampfeseifer gar nicht gehört hatte.
»GOR NA JAN!«, schrie er förmlich laut über den Kampfplatz.
Jetzt schaute der Riese ganz kurz irritiert in seine Richtung, ohne sich wirklich vom Kampfgeschehen ablenken zu lassen, denn das hätte tödlich sein können. Er hatte seinen Namen also vernommen.
»ICH BAU DIR NE TREPPE ZUM KOPF. ABER DU MUSST SCHNELL SEIN!«
Und ohne noch weitere Zeit zu verschwenden, zog er einige seiner Wurfmesser aus den verschiedenen Verstecken, in denen sie normalerweise am Körper und in der Rüstung verborgen waren: Am Gürtel (naheliegend), aus dem Stiefel (Standard), am Oberschenkel (Ha, Überraschung. Das erwartete man nur bei Frauen hinterm Strumpfband!). Irgendwo hinter dem Rücken (Äh, was?), am Unterarm (wo bei Beliar kam das denn da her? - Was käme denn als nächstes? Mit einem Fingerschnippen eins aus dem linken Ohr gezogen?) und warf sie eins nach dem anderen mit Kraft und Präzision in den Troll, angefangen am rechten Unterschenkel, Oberschenkel, in den dicken Trollhintern, Hüfte, bis hoch zum Rücken.
Daran sollte sich der Templer doch hochziehen und klettern können. Die Schultern musste der Krieger von da an allein erreichen, um von dort den Kopf treffen zu können, solange ihn das Biest nicht abwarf. Das war ja wohl genug Hilfe!
»Jetzt bist du dran, Krieger. Viel Glück!« murmelte Dumak zu sich und beeilte sich, aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich zu verschwinden. Er konnte nur hoffen, dass es dem Hünen gelang, flink genug an dieser Behelfstreppe empor zu steigen, ohne gleich wieder abgeschüttelt zu werden. Aber vielleicht konnte der Schwarzmagier seinen Golem dazu anhalten, den Troll lange genug zu beschäftigen. Außerdem wusste jeder, dass Trollarme zu dick und ungelenkig waren, um sich am Rücken kratzen zu können. Nicht umsonst gab es da dieses Lied ...
Außerdem wäre es ja schade um die teuren Messer gewesen, wenn der Troll überleben und womöglich damit weglaufen würde. Das eine Messer hatte immerhin Meister ... ach nein, das hatte er ja in Vengard gesichert - Dumak wusste gar nicht, wer es hergestellt hatte. Aber das andere mit dem schwarzen Knauf ... mhm, das war ihm in Gorthar einfach so zugeflogen. Im wahrsten Sinne. Nur dank seiner überragenden Fähigkeiten, sich ahnungslos dem Zufall anzuvertrauen, hatte es statt ihn eine Säule getroffen, hinter der er gerade in diesem Augenblick verschwunden war, war mit einem hellen Klirren daran abgeglitten und hatte so letztendlich seinen Weg in seine Taschen gefunden. Oder einmal ... er stand ganz harmlos in Geldern herum, jedenfalls fand er, dass sein geübt zufälliges Herumstehen völlig harmlos wirkte und spürte plötzlich eine kalte klinge an der Niere ... Aber auch das wurde letztendlich mit etwas fremdem Blut geklärt. Nun, wie auch immer, so oder so ähnlich war es auch mit all den anderen herrenlosen Messern gewesen. Dumak hatte sie mitleidig aufgenommen und versprochen, sich um sie zu kümmern. Und er hielt seine Versprechen. Nun, zumindest dieses.
»Also wenn er das nicht hinbekommt,« meinte er beiläufig zu Heric, den er nun wieder erreicht hatte, »dann lasse ich die Strophe über ihn in meinem Trollkampflied weg.«
Don-Esteban
05.12.2025, 19:12
›Was hampelt er denn dort zwischen mir und meinem Golem herum?‹, formte sich ein Gedanke an einer nicht von der Beschwörung, Kontrolle und Aufrechterhaltung von Magie beschäftigten Stelle des Hirns des Dämonenbeschwörers. Die Hilfe, die ihm der Barde auf seine Anweisung hin vor einigen Minuten gegeben hatte, ließ ihn jedoch etwas milder denken und letztendlich sah er, was der Sänger vor hatte. Ob der große Templer an den kleinen Wurfmessern empor klettern konnte? Es musste gelingen!
Die Magie flirrte, der Strom magischer Energie, gebunden in chaotische arkane Wirbel, aus denn er unablässig zu entkommen suchte und die die volle Aufmerksamkeit des Magiers benötigte, um unter dessen Willen gehalten zu werden, nahm ihn jedoch fast völlig in Beschlag. jede Bewegung, die der Golem ausführen sollte, war magische Anstrengung. Auflehnung gegen die Physik wurde mit noch mehr Magiebedarf, der zu lenken war,m bestraft. Es galt also, das Gleichgewicht des steinernen Ungetüms nicht herauszufordern, denn alles, was nicht der Natur entsprach, forderte seinen Tribut. Ein Schlag hier brauchte eine gegenläufige Bewegung, eine erhobene Faust musste auch wieder gesenkt werden und der Arm zurück pendeln, ein Schritt vor musste den Körper abfedern.
Esteban beschloss, den Troll durch den Golem so abzulenken, dass Gor na Jan in den Rücken der Bestie kam und so einige Augenblicke hatte, um die tollkühne Idee, die Dumak da begonnen hatte, weiterzuführen. Ein fester Tritt gegen den Fuß des Troll sicherte dessen Aufmerksamkeit und stachelte nur seine Wut weiter an. Der Troll bäumte sich auf, trommelte gegen seine Brust, hob dann die Pranken und stieß ein wildes Geheul aus, ehe er dann erneut auf den Golem eindrosch. Dieser hatte sich mit den steinernen Fäusten dagegen geschützt und stemmte sich mit einem Bein versetzt in den Boden, so dass er dem Ansturm des Trolls stand hielt.
Françoise
06.12.2025, 00:04
Der Tag näherte sich ganz allmählich seinem Ende. Ein Läufer wäre vermutlich weiter gekommen als ihre Kolone und das, obwohl die Soldaten zu Fuß ein gutes Tempo vorlegten. Zum Glück drängte die Zeit nicht. Das Kloster stand auch in den nächsten Tagen und Wochen noch da, wo es hingehörte. Einzig die Neugierde trieb Françoise ein wenig.
Inzwischen hatten sie etwa die Hälfte der Wegstrecke hinter sich gebracht und es war Draco, der vorschlug, eine Pause auf dem naheliegenden Bauernhof einzulegen. In seiner Stimme lag ein wenig Stolz, als er davon berichtete, den Hof in einen befestigten Vorposten umgewandelt zu haben. Die Oberste Feuermagierin vermutete, dass das Hagens Idee gewesen war, um den Weißkopf aus der Stadt zu kriegen. Gewiss hatte Draco die Aufgabe trotzdem tadellos vollbracht. Anerkennung würde er vom Paladinlord dennoch nicht dafür erhalten.
Sie folgten einem sich schlängelndem Pfad in den vor Urzeiten mal Treppenstufen geschlagen worden waren. Auf dem darüber liegendem Plateau angekommen, sah man bereits in der Ferne den Bauernhof und die darum errichteten Palisaden. Fackeln waren indes keine zu erkennen, obwohl es dank der Jahreszeit bereits zur frühen Abendszeit ziemlich düster war. Françoise hatte aus diesem Grunde schon eine Schar von magischen Lichtern heraufbeschworen, die die Gruppe wie ein wanderndes Sternenfeld über den Köpfen begleitete.
An den Palisaden angekommen, gab der blonde Sergeant seinen Soldaten den Befahl, das Landgut zu sichern. Der Bauernhof selbst war augenscheinlich völlig unversehrt. Es hingen sogar noch Töpfe mit Essen über der Feuerstelle. Vom Brennholz war jedoch nur noch Asche übrig.
»Ich gehe mal davon aus, dass du deinen Leuten gesagt hast, sie sollen den Hof bewachen.«, sagte die Priesterin zu ihrem Freund. Er nickte und schien genauso ratlos wie die Oberste Feuermagierin zu sein. Der Sergeant bestätigte dann die Vermutung. Niemand befand sich auf dem Gehöft und es gab keine Spuren eines Kampfes. Es war fast so, als hätte Dracos Truppe von einem Moment auf den anderen beschlossen, alles stehen und liegen zu lassen und das Weite zu suchen.
Die Ankunft nach auf den Hof, der ihr Nachtlager sein sollte, war mehr als ernüchternd. Paladin DraconiZ – wie Redlef inzwischen erfahren hatte – ließ diesen Ort vor nicht als zu langer Zeit befestigen und als Außenposten von seinen Männern besetzten.
Nun aber waren sie alle fort – Jacques hatte alle Winkel des Hofes durchsuchen lassen. Keine Anzeichen auf das Geschehene? Vertreibung oder – Redlefs Blick glitt kurz zu dem ratlos dem neben er Obersten Feuermagierin stehenden Paladin – ein Verrat der Truppe? Immerhin konnte davon ausgegangen werden, dass, sollten sie lediglich etwas nachgegangen sein, sie einen Wachposten auf dem Hof zurückgelassen hätten.
»Sergenat Jaques!«, sprach Redlef seinen Bruder an. »Die Stute ist durch für heute. Überlass mir bitte Möhre und dann bleib hier bei deinen Männern am Hof.«
Er ließ sich vom Pferd gleiten, ein leises Stöhnen kaum unterdrückend, und pfiff sich einen der neuen Rekruten heran. Es dauerte einen Moment, bis sich das Mädchen unter ihnen in Bewegung setzte. Nicht sonderlich begeistert darüber drückte Red ihr die Zügel des Fuchses in die Hand und ließ sich dann von Jacques in den Sattel seines Hengstes helfen.
»Reiter sammeln!« bellte er über den Hof. Er teilte sie in Zweiergruppen ein und ließ sie im näheren Umland ausschwärmen. Sie sollten das restliche Tageslicht nutzen, solange noch etwas davon da war. Eine Gruppe blieb am Hof.
Langsam ritt er an DraconiZ vorbei, der immer noch etwas hilflos auf seinen Füßen stand. Warum er sich nicht auch eines der Pferde hatte geben lassen? Der Mann wirkte so „klein“ vom Sattel aus… Es stand einem Paladin nicht gut.
»Wohin Eure Männer auch gegangen sein mögen, wir finden sie, sollten sie sich hier noch in der Nähe aufhalten oder ihre Spuren, die erklären was ihnen zugestoßen ist, Sir«
Ob Yareds Leute bereits eine Spur haben, finden Können? Bevor er aufbrach, wollte er sich bei ihnen darüber erkundigen? Wo war Larah?
DraconiZ
06.12.2025, 19:05
»Wir werden sehen«, murmelte der Streiter mehr zu sich selbst als zu Redlef, während sein Blick über die verwaisten Zelte glitt. Natürlich waren die Namen und Persönlichkeiten nicht lange verborgen geblieben, doch diese Vertrautheit täuschte. »Ehrlich gesagt komme ich nicht zu dem Schluss, dass sie irgendwohin gegangen sind«, wandte er sich an seinen Ordensbruder. Ordensbruder… Das Wort lag schwer und hölzern auf seiner Zunge. Auch wenn der Titel formal korrekt war, klaffte zwischen ihnen ein unsichtbarer Abgrund – Welten, die sie trennten, geformt aus unterschiedlichen Prinzipien und Erfahrungen.
Er trat an eine der erloschenen Feuerstellen und stieß mit der Stiefelspitze gegen einen halb gefüllten Kessel. Kalte Suppe schwappte träge darin. »Hier ist alles unversehrt. Zu unversehrt«, stellte er fest, und seine Stimme klang in der unnatürlichen Stille fast zu laut. »Keine Spuren eines Kampfes, keine zersplitterten Schilde im Dreck, und selbst die wertvolle Ausrüstung liegt offen herum. Seht ihr?« Er deutete auf einen Stapel Felle. »Sie hätten die Feuer gelöscht, die Vorräte gesichert, die Tore verriegelt. Meine Leute sind Veteranen, keine blutigen Anfänger. Sie lassen nicht einfach alles stehen und liegen.« Er rieb sich über das stopplige Kinn, der Blick wurde finster. Selbst bei einer Desertion hätten sie Spuren hinterlassen – oder zumindest versucht, ihn vorher aus dem Weg zu räumen. »Irgendetwas ist hier gewaltig faul.« Er stieß ein schweres Seufzen aus. Er hatte schon Schlachten geschlagen, bei denen das Blut knöcheltief stand, doch diese geisterhafte Leere spielte in der Liga der Merkwürdigkeiten ganz oben mit. Ein ganzer Trupp, verschluckt von der Erde…
Er richtete sich zu voller Größe auf, schloss kurz die Augen und horchte in sich hinein. Er suchte den vertrauten Funken, ließ seine Magie wie zähflüssiges Quecksilber aus seinem Inneren an die Oberfläche steigen. Er webte feine Fühler aus Energie und ließ sie in die Umgebung sickern, tastend, suchend. Die kombinierte Kraft griff nach außen, hungerte nach einer Resonanz. Einige Herzschläge lang zweifelte er an seiner Konzentration, doch dann stellte sich die ernüchternde Gewissheit ein: Die Magie fand keinen Widerhall. Nichts. Es war, als würde er in einen bodenlosen Abgrund schreien. Keine unnatürliche Kälte, kein Gestank nach Schwefel oder schwarzer Magie. War er zu ungeübt? Oder war seine eigene Aufregung wie ein Rauschen, das die feinen Signale überlagerte?
»Bei den Göttern, ich spüre überhaupt nichts«, knurrte er grimmig und öffnete die Augen wieder. Die Leere der magischen Ebene hallte in der Stille des Lagers wider. Er verwarf den Strohhalm der Hoffnung, an den er sich klammern wollte, und seine Miene verhärtete sich. Er hob die Stimme gerade so weit an, dass Redlef und die umstehenden Milizionäre es hören konnten, aber ohne Panik zu verbreiten: »Gebt Larah Bescheid. Sie soll mit ihrem geschulten Auge die Peripherie absuchen. Ich werde mir ebenfalls die nähere Umgebung ansehen.« Aus dem Augenwinkel sah er, wie Jacques' Männer begannen, das Lager auf links zu drehen. Hoffentlich förderte das Chaos irgendeine Erklärung zutage, bevor die Dunkelheit hereinbrach.
„Der Kapitän hat mich tatsächlich als Kundschafterin angestellt. Als Sir Garethson vom König zuletzt als Gesandter für Gal Ran ins südöstliche Gorthar entsandt wurde, sprach er mich an. Ich bin auf den Flüssen und in den Wäldern Zentralgorthars aufgewachsen, müsst Ihr wissen, Sergeant. Meine Eltern verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Fischen, der Jagd und trieben Handel auf den großen Strömen des südlichen Kontinents. Sir Garethson diente in jungen Jahren im letzten Orkkrieg als Sappeur bei der Marineinfanterie und erwarb sein Kapitänspatent, soweit ich weiß, erst später als Kauffahrer. Er führt sowohl das Kommando über zwei Schiffe, als auch über die Soldaten an Bord, wird also regelmäßig sowohl mit Einsätzen zu Land, wie zu Wasser beauftragt. Da kommt es ihm sicher gelegen, wenn er Leute hat, auf die Erfahrung für beides mitbringen“, gab sie ihm einen Abriss ihrer Geschichte, der sehr nahe und damit wohl nahe genug an der Wahrheit war, um glaubwürdig zu sein.
Offenbar gehörte Jacques zu dem Teil der Menschen, die noch zu selten die Erfahrung gemacht hatten, dass Lernerfolg häufig weniger vom Lehrer als vom Schüler abhing. Leider würden dem jungen Sergeanten die Selbstzweifel, die er schlecht zu verbergen vermochte, die Sache bei den khoriner Milizionären zusätzlich erschweren.
Larah selbst wusste, wie wertvoll es gerade für Anfänger war, einen Lehrmeister zu haben, der Sicherheit ausstrahlte, der in sich selbst ruhte und allen um sich herum signalisierte, dass er wusste, was er tat. Inzwischen war sie sicher genug im Umgang mit der Waffe, um beurteilen zu können, ob ihr jemand noch etwas beibringen konnte oder nicht – wie etwa Jacques – und es ihr egal sein konnte, wie sich die Person selbst einschätzte. Doch die Waldläuferin war dankbar, dass Jodas ihr bei ihren ersten Gehversuchen mit dem Speer genau die innere Ruhe und das Selbstvertrauen geboten hatte, dass man am Anfang brauchte, um sich anzulehnen, hochzuziehen und freizuschwimmen, bis man selbst über Wasser halten oder gar stehen konnte.
Sie waren jedoch nicht vertraut genug, als dass sie nun laut auf die Frage, die er nicht gestellt, die aber ob seines Verhaltens kurz zwischen ihnen im Raum stand, eingehen konnte. Stattdessen sagte die Fischjägerin einfach erfreut: „Habt Dank, für Eure Erlaubnis.“
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Nicht lange nach Einbruch der Dämmerung erreichten sie Akils Hof, einen der zahlreichen Höfe des khorinier Umlandes, den Sir Draconiz der Obersten Feuermagierin für das Nachtlager vorgeschlagen hatte.
Die Innospriesterin hatte bereits vor ihrer Ankunft eine ganze Schar magischer Lichter erschaffen, nützlich besonders für die Reiter, damit sich die Tiere keine Verletzungen durch Fehltritte zuzogen, und eine imposante Kostprobe ihrer Fähigkeiten obendrein. Larah hatte sich jedoch gezielt außerhalb der Lichtkegel bewegt, damit ihre Augen an die einsetzende Dunkelheit um den Geleitzug der obersten Priesterin gewöhnt blieben und ihr sie sehen konnte, was die zunehmende Finsternis um sie herum sonst verbergen mochte.
Nichstdestototz war auch sie von der Frau, die ihre Mission anführte, beeindruckt.
Wie hatte Magister Arvideon sie beschrieben? Ihre Schönheit besitze eine beinahe übernatürliche Zeitlosigkeit, ihre Augen blitzten von strenger Gerechtigkeit, warmer Klugheit, aber auch gefährlicher Gewitztheit. ‚Die wahrhaftige und einzige menschliche Verkörperung der ewigen Flamme des Feuergottes in all ihrer unerschütterliche Bestimmtheit, ihrer allumfassenden Unendlichkeit, ihrer eleganten Unausweichlichkeit, der härtesten und zugleich geschmeidigsten Klinge aus reinstem magischem Erz.‘
Der Wandermönch hatte zweifelsohne Recht.
Doch irgendwie konnte Larah sich des Gefühls nicht ganz erwehren, dass Ihre Eminenz Françoise auch einen Funken der Ungeduld in ihrem tiefsten Innersten verbarg, irgendetwas, dass sie hinter ihrer makellosen Fassade der geistigen wie körperlichen Stärke und Anmut doch zu einer Getriebenen machte.
Vielleicht lag es daran, dass die Gortharerin viel Zeit mit Yared verbracht hatte, der selbst im stärksten Orkan in sich zu Ruhen schien und unverbrüchliche Geduld wie Zielstrebigkeit ausstrahlte, auch wenn sie von ihm wusste, dass die See seiner Seele sich häufig genug kräuselte und manchmal gar turmhoch aufbäumte. Man sah es dem Kapitän so gut wie nie an, was in ihm vorging, wenn er es einem nicht mitteilte.
Akils Hof entpuppte sich wider Erwarten als menschenleer und unwirklich. Niemand erwartete sie am Tor der Palisade, niemand hütete das Feuer unter dem Kessel, aber genauso wenig gab es Kampfspuren. Alles war so, als hätten sich Draconizs Leute an Ort und Stelle in Luft aufgelöst.
Sofort ging Larah die Palisade ab. Doch sie konnte nichts feststellen, außer der unheimlichen Stille. Die einzige Geräuschkulisse stammte allein von ihren Begleitern und den Pferden. Nicht einmal Insekte oder Vögel vernahm sie, kein Rascheln von Mäusen, Eichhörnchen oder anderem Getier im Laub unter den Bäumen oder im Gras, als wäre das Leben selbst abwesend.
Als sie den inneren Bereich einmal abgesucht und nichts entdeckt hatte, kam sie zurück zur zentralen Feuerstelle. Fähnrich Cast kümmerte sich um die Pferde, der Sergeant und seine Milizionäre durchsuchten inzwischen das Haupthaus und die angrenzenden Scheunen und Wirtschaftsgebäude und Kaldrin war daran gegangen, Scheite nachzulegen und das heruntergebrannte Feuer wieder zu entfachen. Yareds Waffenmeister teilte ihr Draconiz Anweisung mit.
Sie nickte nur, ließ ihre Hellebarde und ihr Gepäck bei ihm zurück und trat nur mit dem Speer und ihrem Dolch bewaffnet durch das Tor vor die Palisade.
Nur leichter, aber eisiger Nieselregen setzte ein.
Am Ende des Tages besaß Heric keine allzu große Ahnung von der Kriegsführung, von Taktik und Strategie. Heruntergebrochen waren seine Kenntnisse hier vielleicht beim Spielen mit Holzsoldaten beheimatet, aber selbst dort mit überschaubarem Ansehen, wie Fremde, die in ein verschlafenes Dörfchen gezogen und selbst nach Jahrzehnten immer noch die „Neuen“ sind. Kurzum: Der Bursche hätte taktisches Vorgehen im Kampf mit dem Troll nicht mal erkannt, wenn es sich von hinten angeschlichen und ihm in den Arsch getreten hätte.
Was er aber kannte – und als junger Mensch dieser Zeit bejubelte – waren heldenhafte, mutige Aktionen. Wie beispielsweise mit Messern eine Treppe für einen Templer zu bauen (oder werfen?), der vielleicht eine Gewichtsklasse unter dem Monster boxte, welches sie hier zu töten versuchten.
Während der Magus Esteban Dumak mit einem Blick bedachte, der Zweifel an der geistigen Gesundheit des Barden erkennen ließ, sprang Heric hoch und jubelte wie von Sinnen.
„Er hat eine Treppe gebaut! EINE TREPPE!“, er sah den Magus an, ganz personifizierte jugendliche Begeisterung. Auch am Fundament von Herics Psyche schien er ehrliche Bedenken zu haben, als er sich kopfschüttelnd abwandte und weiter den Golem, dadurch indirekt den Troll und andere Teilnehmer dieses Kampfes dirigierte, verschob und platzierte wie ein von den Göttern gesandter Taktiker. Es fehlte nur noch das prächtige Streitross und der Generalstab im Hintergrund, der Lobeshymnen sang und sich gegenseitig beglückwünschte, obwohl die armen Schweine im Feld die blutige Arbeit geleistet hatten.
Als Dumak wieder bei ihm war, glotzte Heric ihn nur ehrfürchtig an. „Zwei Fragen, Dumak: Wie macht man sowas und wo hast du die ganzen Messer her. Und damit meine ich den Händler ebenso wie die … Verstecke. Oder Stauräume.“ Heric runzelte noch während des Redens die Stirn. „Nein, weißt du, letzteres ist eher unwichtig. Glaube ich.“
Er seufzte, schüttelte den Kopf, immer noch hellauf begeistert. „Ehrlich, Dumak, das war … grandios!“
Der Dieb sah Estebans Seitenblick. „Er hat wenigstens aktiv eingegriffen, anstatt …“, die Worte versiegten unter dem Blick und die Hände des jungen Mannes machten nur noch unbestimmbare Gesten, wie sie Zauberer wohl machten, wenn sie Golems beschworen oder Templer schrumpften.
Bestimmt tat Esteban das auch. Wenn niemand zusah.
DraconiZ
11.12.2025, 20:50
Der feine Nieselregen legte sich wie ein kalter, feuchter Schleier auf sein Gesicht, kaum dass er den schützenden Umkreis des magischen Feuers verlassen hatte, das Françoise entzündet hatte. Während die anderen sich in der relativen Sicherheit des verlassenen Hofes einrichteten und Larah die physischen Spuren suchte, zog es DraconiZ in die Dunkelheit. Sein Blick glitt zurück zu der Priesterin. Ihr Licht war rein, warm und sicher. Es war das Licht Innos'. Und genau deshalb mied er es in diesem Moment. Um zu sehen, was im Schatten lauerte, durfte man nicht im Licht stehen.
Er entfernte sich weiter von der Palisade, hinein in den Saum des Waldes, der den Hof wie eine gierige Hand umschloss. DraconiZ schloss die Augen und öffnete seine anderen Sinne. Er griff nicht nach der Magie, um zu wirken, sondern um zu fühlen. Normalerweise hinterließ Gewalt einen Widerhall im Äther. Der metallische Geschmack von Angst, der Schwefelgeruch von Beliars Dämonen oder die statische Aufladung von Kampfmagie. Doch hier? Nichts davon. Und doch war das Nichts nicht leer. Es roch süßlich. Faulig und doch betörend, wie überreifes Obst, das im Spätherbst zu Boden gefallen war und nun vor sich hin gärte. Er öffnete die Augen. Seine Iriden, in denen das magische Leuchten schimmerte, fixierten die Baumstämme. Larah hatte nach Fußspuren gesucht. Sein Blick blieb an einem Haselnussstrauch hängen. Dort, auf Augenhöhe, fast unsichtbar im Gewirr der Zweige. Ein kleines Gebilde. Er trat näher. Es war eine grob gefertigte Figur, kaum so groß wie seine Hand. Zusammengebunden aus feinen Zweigen, Moos und... war das Haar? Menschliches Haar. Es war kein Symbol Beliars. Keine Rune der Dämonenbeschwörer. Es wirkte primitiv, fast kindlich, und strahlte doch eine Boshaftigkeit aus, die ihm eine Gänsehaut über den Nacken jagte. Es war nicht wider die Natur. Es war Natur. Eine pervertierte, wuchernde, hungrige Natur.
»Komm...«
Der Wind? Ein Rascheln im Laub? DraconiZ wirbelte herum. Seine Hand lag bereits reflexartig auf dem Heft von Valien. Die Klinge vibrierte sanft in der Scheide, unruhig, als spüre sie eine Bedrohung, die sie nicht schneiden konnte. Dort, zehn Schritt entfernt, zwischen zwei alten Eichen, stand eine Gestalt im Schatten. DraconiZ kniff die Augen zusammen. Der Regen schien um die Gestalt herum einen Bogen zu machen. »Wer ist da?«, fragte er, die Stimme so kalt wie der Stahl, den er führte. »Zeig dich.« Die Gestalt trat einen Schritt vor. Das fahle Mondlicht, das sich mühsam durch die Wolkendecke brach, fiel auf das Gesicht. DraconiZ’ Atem stockte. Sein Herz, sonst ein ruhiger Taktgeber im Chaos der Schlacht, setzte einen Schlag aus. »Kurian?« Das Wort war kaum mehr als ein Flüstern, erstickt von der plötzlichen Kälte, die seine Eingeweide packte. Da stand er. In der abgerissenen, verdreckten Rüstung der Königlichen Garde, so wie DraconiZ ihn zuletzt gesehen hatte. Sein Gesicht war bleich, die Augen schwarze Löcher der Anklage. Aber es war nicht das Gesicht, das DraconiZ’ Blick bannte. Es waren die Arme. Dort, wo Hände hätten sein sollen, Hände, die einst ein Schwert geführt hatten, Hände, die DraconiZ geschüttelt hatte... dort waren nur blutige, ausgefranste Stümpfe. Knochen ragten weiß aus dem nekrotischen Fleisch hervor.
»Warum, Draco?«, fragte die Erscheinung. Die Stimme klang nicht wie Kurian. Sie klang wie das Knarren alter Bäume im Wind, vielstimmig und hölzern. »Wir waren Brüder.« DraconiZ wich einen Schritt zurück. Die Erinnerung, die er tief unter Schichten von Philosophie, Arroganz und neuer Bestimmung begraben hatte, brach mit der Gewalt eines Dammbruchs hervor. Der Verrat. Die Notwendigkeit. Das Blut an seinen Händen, um das Leben dieses Mannes zu retten – indem er ihn verstümmelte. »Es war... notwendig«, presste er hervor. Er wusste, dass es eine Illusion war. Sein Verstand schrie es ihm zu. Das ist nicht echt. Kurian ist nicht hier. Doch der Schmerz war echt. Die Schuld war echt. Und der Wald wusste das. Die Gestalt hob die Stümpfe. Blut tropfte herab, doch als es den Boden berührte, verwandelte es sich nicht in rote Lachen. Es wurden kleine Pilze, die sofort aus dem Boden schossen, pulsierend und grau. »Du hast uns dem Feind gegeben«, gurgelte das Ding, das wie Kurian aussah. »Aber der Wald... der Wald nimmt uns alle auf. Er urteilt nicht. Er wächst nur.«
Die Erscheinung machte einen ruckartigen Schritt auf ihn zu. DraconiZ riss Valien aus der Scheide. Das magische Erz flammte auf, ein Lichtblitz in der Dunkelheit. »Weiche!«, donnerte er, und diesmal legte er seinen Willen in die Stimme, den Willen eines Paladins und eines Assassinen zugleich. Die Klinge durchschnitt die Luft – und die Gestalt zerfiel. Nicht in Fleisch und Blut. Kurian zerfiel in einen Schwarm aus Motten, trockenem Laub und Sporen, die in einer Wolke auseinanderstoben. Der süßliche Gestank wurde unerträglich intensiv, als hätte jemand ein Grab voller Blumen geöffnet. DraconiZ stand schwer atmend im Regen, das Schwert erhoben, allein im Wald. Die Stille kehrte zurück, doch sie war nicht mehr friedlich. Sie war lauernd. Er senkte die Waffe langsam. Sein Puls raste noch immer. Dies war keine Nekromantie. Dies war kein Werk von Dämonen. Jemand – oder etwas – hatte tief in seinen Geist gegriffen, hatte die dunkelste Ecke seiner Seele gefunden und sie gegen ihn gewandt. Er blickte auf den Boden, dort, wo die Illusion gestanden hatte. Keine Fußspuren. Nur ein Ring aus seltsam schnell wachsenden, grauen Pilzen, genau dort, wo das "Blut" hingetropft war.
»Ein Pilzgeflecht...«, murmelte er und steckte Valien langsam zurück. Vielleicht konnte Françoise oder einer der anderen was damit anfangen.
Jacques Percheval
12.12.2025, 23:01
Jacques ging langsam über den Bauernhof, seine Hellebarde locker auf der Schulter tragend, die andere Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes. Ihn fröstelte, aber das lag nicht an der Temperatur oder dem Nieselregen, der eingesetzt hatte — sondern an diesem Ort. Dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte, war schließlich kein bloßes Gefühl. Es war offensichtlich.
Draconiz und seine Leute hatten einige Mühe darauf verwendet, den einstigen Bauernhof zu befestigen. Er glich einem kleinen Fort, geschützt durch eine stabile Palisade mit Spitzgraben davor, hoch genug, dass ein Überklettern ohne Hilfsmittel nicht möglich war. Auf der Innenseite diente eine Böschung aus aufgeschütteter Erde nicht nur der Stabilisierung, sondern ermöglichte den Verteidigern auch, aus der Deckung heraus ihre Waffen zum Einsatz zu bringen.
Die lange leerstehenden Hofgebäude waren instand gesetzt worden, den Stall eingeschlossen. Im Haupthaus waren Schlafplätze für die Soldaten eingerichtet, die Vorratskammer war mit haltbaren Lebensmitteln gefüllt, Stapel von Feuerholz lagen regengeschützt unter einem Vordach bereit und ein frisch gegrabener Brunnen stellte die Versorgung mit Trinkwasser sicher.
Der einstige Bauernhof war kein provisorisches Marschlager. Er war ein auf Dauer angelegter Außenposten, ein Militärstützpunkt, ausgestattet mit allem Notwendigen, um eine kleine Garnison zu beherbergen und gegen Angriffe marodierender Räuber oder wilder Tiere gesichert zu sein. Ein Zeugnis für die Disziplin und die Fähigkeiten der Ordenskrieger, die sich über mehr Ebenen als nur den Umgang mit Waffen erstreckten.
Doch was hatte es am Ende genutzt? Die ganze Garnison war verschwunden — und es gab nicht eine Spur eines Kampfes! Die Palisaden, die Vorräte, die Waffen … nichts davon hatte die Soldaten vor ihrem Schicksal bewahren können.
“Und, schon etwas gefunden, Soldat?”, wandte sich Jacques an einen seiner Leute, Ramirez. Ein Mann von schwer zu schätzendem Alter, nicht besonders groß, aber breitschultrig, der Blick seiner dunklen Augen wachsam und prüfend. Seine Haut hatte einen dunklen Taint, der auf eine Herkunft aus dem Süden schließen ließ, die schulterlangen schwarzen Haare hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sein Kinn zierte ein kurzer Ziegenbart.
“Bisher nicht, Sir”, antwortete der Milizionär mit besorgtem Gesichtsausdruck, “Was auch immer hier passiert ist … die einzigen Spuren, die ich finden konnte, gehörten offensichtlich zu Mitgliedern der Garnison. Sie haben den Hof verlassen — hereingekommen ist niemand außer uns. Glaubt Ihr …” Der Soldat verstummte und hob die Hand, um ein Amulett zu berühren, das um seinen Hals hing. Das einfache Schmuckstück, nicht mehr als eine kleine Plakette an einer Lederkordel, zeigte das Symbol Innos’.
“Glaube ich was?”, hakte Jacques nach, “Spuck’s aus!”
Ramirez wandte kurz den Blick ab und räusperte sich. “Nun … glaubt Ihr, Ihre Eminenz kann uns beschützen?”
Jacques wusste im ersten Moment nicht, wie er darauf antworten sollte. Sein Blick wanderte zur Obersten Feuermagierin. Es war eine seltsame Ironie des Schicksals. Sie hatten den Auftrag bekommen, für die Sicherheit der Priesterin zu sorgen. Aber angesichts der Umstände … hatte Ramirez Recht? Konnte es sein, dass es sich am Ende genau entgegengesetzt verhielt und die Magierin für die Sicherheit der Soldaten würde sorgen müssen? Es lag nahe, dass sie es hier nicht mit einem Feind zu tun hatten, dem man so einfach mit Schwertern und Speeren beikommen konnte.
“Hab’ Vertrauen”, versuchte Jacques den nervösen Soldaten zu beruhigen. Mit einem kurzen Kopfnicken deutete er auf das Amulett des Mannes: “Innos ist mit uns! Seine höchste Vertreterin auf Erden ist hier, bei uns, also was soll uns schon geschehen? Bleib wachsam, und such weiter! Wir brauchen nur ein paar Anhaltspunkte, was geschehen ist und wer dafür verantwortlich ist.”
Ramirez nickte und machte sich wieder daran, nach Hinweisen zu suchen, doch sein Blick war nicht frei von Zweifeln. Jacques konnte es ihm nicht verübeln. Sein Mund fühlte sich trocken an, die Worte, die hatten überzeugen sollen, substanzlos wie Staub im Wind.
Jacques rückte seinen Helm zurecht und rollte mit den Schultern. Seine Muskeln fühlten sich hart und verspannt an, was nicht nur dem Ritt geschuldet war. Die ungewohnte Last der Verantwortung wog schwer — Verantwortung für einen Trupp Soldaten und für die Sicherheit der Obersten Feuermagierin. Auch ohne die unerklärlichen Vorgänge auf dem Hof wäre das ausreichend gewesen, ihn um den Schlaf zu bringen.
Tief einatmend setzte er seinen Weg fort und umrundete das Haupthaus. Der Platz zwischen der Rückwand des Hauses und der Palisade war vergleichsweise schmal, kaum mehr als ein Pfad, höchstens breit genug für zwei Männer Schulter an Schulter. Er lag im Schatten des Hauses und war bereits in Dunkelheit gehüllt, Jacques konnte im letzten Zwielicht gerade einmal grobe Konturen ausmachen.
Er überlegte kurz, ob er zunächst eine Fackel holen sollte, beschloss dann aber, den schmalen Weg schon einmal im Dunkeln unter Augenschein zu nehmen. Falls er etwas verdächtiges bemerken sollte, könnte er noch immer mit Licht zurückkommen.
Jacques hatte etwa den halben Weg zurückgelegt, ohne dass ihm irgendetwas aufgefallen wäre, als er plötzlich stehenblieb. Obwohl er nichts gehört oder gesehen hatte, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Ich bin nicht allein…
Er fasste den Schaft seiner Hellebarde mit beiden Händen, bereit zum Kampf, und drehte sich langsam um.
Eine dunkle Figur hockte mitten im Weg — an einer Stelle, die er vor wenigen Augenblicken erst überquert hatte, ohne auch nur das Geringste zu bemerken.
“Hey, Kleiner, du hast dich ja ganz schön gemacht!” Der Akzent war unverkennbar varantisch und Jacques erkannte die Stimme sofort. Im Laufe einer qualvollen Wanderung quer über die Insel Argaan, von Thorniara ins tiefe Gebirge, während er gefesselt und wehrlos gewesen war, hatte sie sich in sein Gedächtnis eingebrannt.
“Johar!”, knurrte er, “Ich dachte, die Orks hätten dir den Kopf abgerissen! Aber scheinbar habe ich mich geirrt. Um so besser, dann kann ich das selbst erledigen!”
Er hob die Hellebarde auf Schulterhöhe, die Spitze auf den knienden Schatten gerichtet, und bereitete sich vor, anzugreifen.
Johar lachte, ein Lachen voller Hohn und Verachtung. “Willst du gar nicht wissen, wie ich hier her gekommen bin?”
Jacques schnaubte. “Ehrlich? Nein. Es genügt mir, dass du hier bist. Spar’ dir deine Worte, Schlange — und stirb!”
Ohne Johar auch nur einen einzigen weiteren Atemzug zu gönnen, griff Jacques an. Mit wenigen, weiten Sätzen überwand er die wenigen Schritte zwischen ihm und dem Assassinen und stieß mit der Hellebarde zu. Es war ein kräftiger, wohlgezielter Stoß, direkt in die Brust des Varanters. Doch die Hellebarde traf auf kein Hindernis, die Speerspitze durchbohrte nichts als Luft, und Jacques wurde vom Schwung seines Angriffs nach vorn getragen. Er musste einen Ausfallschritt machen, um nicht zu fallen.
Johar war verschwunden.
Einen Fluch auf den Lippen ging Jacques in eine Verteidigungshaltung und wirbelte herum. Da stand er, Johar — mitten im Pfad, in etwa an der Stelle, an der Jacques vor seinem Angriffsversuch gestanden hatte.
“Das war wohl nichts”, kommentierte der Assassine trocken, “Ich schätze, du hast noch einiges zu lernen, Kleiner. Zum Beispiel, dass man nicht immer seinen Sinnen trauen sollte. Glaubst du etwa, ich wäre wirklich hier? Ha! Idiot.” Er lachte laut auf. Ein Lachen, das man über den ganzen Hof hätte hören müssen. Wenn es nicht eine Halluzination wäre…
Jacques atmete tief ein und stellte seine Hellebarde mit dem Schaftende auf den Boden. “Du bist also nicht echt.”
“Schlaues Kerlchen!”, spottete Johar, “Nunja, vielleicht nicht allzu schlau, schließlich musste ich dich erst mit der Nase drauf stoßen, aber sei’s drum. So, was ist die nächste Frage, die sich darauf ergibt, hm?”
“Was genau bist du … und vor allem, was willst du von mir?”
Johar klatsche langsam in die Hände. “Korrrr-ekt! Was ich bin? Nun, wenn ich nicht hier bin, nicht wirklich hier bin, dann muss ich wohl so etwas wie eine Illusion sein, richtig? Was zur nächsten Frage führt: Wer bringt diese Illusion zu Stande? Anders gefragt, wer kennt mich gut genug, um eine überzeugende Illusion von mir erschaffen zu können?” Johar trat einen Schritt näher und im Zwielicht sah Jacques das selbstgefällige Grinsen auf seinem Gesicht. Die Augen des Assassinen funkelten vor boshafter Freude, als er den Zeigefinger hob: “Niemand außer dir, mein Freund! Du bist der Einzige hier, der mich kennt. Das bedeutet … du hast mich erschaffen!”
Jacques schüttelte den Kopf. “Niemals! Warum sollte ich ein verfluchtes Monster wie dich erschaffen? Wenn ich wüsste, wo du dich verkrochen hast — ich würde dein Rattennest ausräuchern und dich an den nächsten Baum nageln! Das schwöre ich, so wahr mir Innos helfe!”
“Womit wir endlich beim Kern des Problems sind, mein einfältiger Freund”, säuselte Johar süffisant, “Du hast mich erschaffen … weil ich dich an dein Versagen erinnere! Ich bin nicht ich, was bedeutet, eigentlich bin ich du — ich bin nur die Gestalt, die du deiner eigenen Schwäche gegeben hast.”
“Mein … Versagen?”
“Hattest du nicht geschworen, mich und jeden anderen meiner Organisation zur Strecke zu bringen, hm? Und, wie weit bist du damit? Wie viele von uns hast du schon erwischt und deiner kostbaren ‘Gerechtigkeit’ übergeben? Du läufst hier herum und spielst Soldat — warum? Zu welchem Zweck? Seit du in Thorniara der Miliz beigetreten bist, was hast du wirklich geleistet? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Ulrich und seine Männer nicht auch ohne dich zurecht gekommen wären? Für sie warst du mehr ein Klotz am Bein. Deine ‘Mission’, gemeinsam mit Redlef eine Reitereinheit auf die Beine zu stellen, mit irgendwelchen jämmerlichen Rekruten aus Khorinis? Zum Scheitern verurteilt. Sinnlose Zeitverschwendung. Jemand wollte Redlef loswerden, und dich hat man eben mit unter den Karren geworfen. Das ist alles, die ganze Wahrheit. Also wonach strebst du eigentlich? Was ist aus deinen Schwüren und Idealen geworden? Du bist dabei, zu versagen. Nur, dass du es dir nicht eingestehen willst — deswegen bin ich hier, um es dir ins Gesicht zu sagen.”
Johar grinste breit. Ein selbstgefälliges, gehässiges Grinsen. Jacques ballte die Hände zu Fäusten, kaum in der Lage, sich unter Kontrolle zu halten. Er wollte in dieses Gesicht schlagen, ihm das Grinsen aus der Fresse wischen. Aber er wusste, dass es sinnlos sein würde, das zu versuchen.
“Ich habe nicht versagt!”, brachte er mühsam hervor, “Und wenn ich hier fertig bin … hier in Khorinis … dann werde ich dich finden! Egal wo du dich verkriechst. Und wenn ich ganz Myrtana Stein für Stein umkrempeln muss …”
Johar sagte nichts, sein herablassendes Grinsen wie in Stein gemeißelt.
“Jacques? Hey, Jacques … Sergeant?”
“Ja … ja, ich bin hier … was ist denn?” Jacques drehte sich langsam um. An der Ecke des Hauses stand Léa, eine Öllampe in der Hand.
“Wir haben da etwas gefunden, das musst du dir ansehen!” Sie kniff die Augen zusammen und stellte sich auf die Zehenspitzen in dem Versuch, etwas in der Dunkelheit hinter Jacques zu erkennen. “Ist dort irgendetwas…?”
Jacques sah noch einmal über die Schulter. Er stand allein in der Gasse. Johar war verschwunden. “Nein. Nein … hier ist nichts.”
Léa führte ihn ins Haupthaus und über eine alte, wenig Vertauen erweckende Leiter hinauf in den Dachboden. Während er hinaufstieg, hörte Jacques leises Schluchzen von oben.
“Was ist das? Wer ist das?”, fragte er verwundert.
“Kazmir”, antwortete Léa knapp.
Kazmir? Der Riese mit dem Hund? Jacques zog fragend die Augenbrauen hoch, aber Léa schüttelte den Kopf: “Sieh es dir einfach an!”
Jacques kletterte durch die Luke und blinzelte. “Was in Innos Namen ist das?”
Der Dachboden war leer, nur einige Spinnweben hingen vom Gebälk — abgesehen von einer grotesken Figur, die an der gegenüberliegenden schmalen Seitenwand thronte. Und vor ihr kniete, schluchzend, Kazmir. Tobias und Ramirez standen mit etwas Abstand daneben, und beide sahen nicht besonders glücklich aus über ihren Fund.
“Wir haben keine Ahnung, was das ist”, sagte Léa, die Jacques die Leiter hoch gefolgt war, “Aber es hat eine gewisse … Ausstrahlung?” Sie zuckte mit den Schultern.
Jacques trat näher und betrachtete die Figur. Es handelte sich um ein gut sechs Fuß hohes, grob menschenähnliches Gebilde, zusammengesetzt aus Stöcken, Knochen, Federn und Haaren. Auf dem schlanken Körper mit den spindeldürren Gliedmaßen saßen gleich drei Köpfe — die Schädel eines Hirschs, eines Schweins und eines Scavengers. Das gesamte Gebilde machte den Eindruck, als wäre es erst vor Kurzem errichtet worden, die Knochen waren schneeweiß, wie gerade erst vom Fleisch befreit.
Und noch etwas fiel Jacques auf: Der Geruch. Der Dachboden selbst roch nach altem Holz und Staub, Gerüche, wie man sie auf einem alten Dachboden erwartete, aber die Figur verströmte einen intensiven Pilzgeruch, der gänzlich fehl am Platz wirkte. Er gehörte zu einer Waldlichtung, auf der die Kadaver uralter Bäume, die einem Sturm zum Opfer gefallen waren, sich langsam zu Mulch und Erde zersetzten.
“Wer hat das Ding zuerst gefunden?”
Tobias deutete auf Kazmir. Der Hüne kniete noch immer vor der Statue, das Gesicht in seinen Pranken verborgen, und schluchzte wie ein kleines Kind. Jacques trat vorsichtig näher und legte dem Mann eine Hand auf die Schulter. Kazmir reagierte nicht.
“Was ist mit ihm?”
Tobias, Ramirez und Lèa tauschten kurze Blicke aus.
“Er sagte, er hätte etwas gesehen”, erklärte Léa schließlich, “Seine Frau.”
“Seine Frau ist seit fünf Jahren tot”, ergänzte Tobias.
Plötzlich hob Kazmir den Kopf. Mit einer zitternden Hand deutete er auf die Figur: “Sie ist … bei ihm!”
Françoise
13.12.2025, 23:40
Hoch oben über den Dächern und Baumwipfeln fiel eine einzelne Schneeflocke vom Himmel herab. Sie war der Vorbote etwas Größerem. Der Wind trieb sie mal hierhin, mal dorthin. Bis sie schließlich das einsame Gehöft am Waldrand erreichte. Die Wärme des großen Feuers drohte sie bereits zu verschlingen, nur um durch eine glückliche Böe gerettet und auf ihren endgültigen Kurs gestoßen zu werden.
Françoise schlug die Augen auf, als sie spürte, wie etwas leichtes auf ihrer Nasenspitze landete. Sie hatte gerade genug Zeit, um zu sehen, wie das Schneeflöckchen schmolz und verging. Als sie anschließend zum Himmel hinauf blickte, rieselten plötzlich abertausende Flocken herab. Der Winter beanspruchte nun das Land für sich.
Während die Umgebung des Hofes langsam mehr und mehr in ein einheitliches Weiß getaucht wurde, ließ die Priesterin ihren Blick schweifen. Vor ihr brannte ein großes Feuer, das sie entfacht hatte, um die Kälte zu vertreiben. Und um den Vermissten vielleicht ein Wegweiser zu sein. Noch wusste Françoise nicht, weshalb das Gehöft verlassen lag. Ein Umstand der sich nun ändern sollte. Einer der Soldaten trat an sie heran und verneigte sich knapp. Ihre Namen hatte sich die Oberste Feuermagierin noch nicht merken können. Er war von hohem Wuchs mit lockigem Haar.
»Erwählte, es gibt etwas, das ihr euch anschauen solltet.«, sagte er. Offenbar war er sich nicht ganz sicher, wie er sich gegenüber der Priesterin verhalten sollte. Françoise sah geflissentlich darüber hinweg.
»Dann zeig mir bitte den Weg,...?« antwortete sie und endete fragend, um den Namen ihres Gegenüber zu erfahren.
»Tobias, so heiß ich.«
»Dann geh bitte vor, Tobias.«
Es ging ins Innere des Hauses und der Soldat führte sie zu einer in die Tage gekommenen Leiter. Noch bevor sie oben angelangt waren, hörte Françoise ein gedämpftes Schluchzen. Die Ursache dafür offenbarte sich der Priesterin wenige Augenblicke später. Außer Tobias befanden sich noch drei weitere Soldaten auf dem Dachboden. Unter ihnen auch der Sergeant ihrer kleinen Truppe. Was die Aufmerksamkeit der Priesterin aber unmittelbar auf sich zog, war ein Gebilde an der Wand. Es war grotesk und grobschlächtig. Klar erkennbar trotzdem, dass es sich um eine Art von Wesen handelte. Eine Chimäre dreier Tiere mit einem humanoiden Körper. Und knapp davor auf dem verstaubten Boden kniete einer der drei Soldaten. Er war derjenige, der schluchzte.
Françoise hob ihren Arm und setzte ein magisches Licht unter den Dachstuhl, um den Raum zu erhellen. Sie war noch einige Schritte vom knienden Soldaten entfernt, als ein Gefühl sie überkam. Es stammte nicht von den vier Anwesenden. Die Quelle war das mysteriöse Totem. Wie Finger in den Schatten tastete sich dieses Gefühl zu ihr vor, bis es auf den Geist der Priesterin traf. Für den Bruchteil eines Momentes schien es, als könne diese fremde Macht in sie eindringen. Plötzlich flammte das magische Licht kurz auf und kehrte dann in seine ursprüngliche Form zurück. Für die Anwesenden war das alles, was geschehen war. Tatsächlich war das Unbekannte an den mentalen Mauern im Geist der Obersten Feuermagierin zerschellt, als es versuchte, Besitz von ihr zu ergreifen.
Françoise trat neben den knienden Soldaten und legte ihre Hand auf seine massiven Schultern. Er blickte zu ihr auf. Die Augen gerötet vom Weinen. Verzweiflung war ihm ins Gesicht geschrieben. Die Priesterin lächelte freundlich und bedeutete den anderen, ihrem Kameraden auf die Beine zu helfen.
»Tobias, sei so gut und begleite ihn zum Feuer. Er soll sich etwas ausruhen.«, sagte Françoise und wandte sich dann an den schluchzenden Bären vom einem Mann. »Lass dir das Herz nicht schwer werden.«
Ihre Worte klangen nach und der Soldat atmete kräftig durch. Nachdem er und Tobias den Dachboden verlassen hatten, wandte sich die Priesterin an die verbleibenden beiden, den Sergeanten und die Milizionärin.
»Ich gehe mal davon aus, dass euer Kamerad das gefunden hat.«, sagte Françoise.
»Richtig. Kazmir, das ist sein Name, er hatte es gefunden. Was ist das überhaupt?«
»Ein Totem. Es ist etwas oder jemandem gewidmet und nährt dessen Macht. Es wird das beste sein, wenn wir alle Abstand davon halten.«
»Geht’s wieder?«, langsam nährte sich der Hengst dem Paladin. Aus dem Niesel war ein Schneeschauer geworden. Stoßweise stob gefrorener Atem aus ihm heraus und blieb für einige Herzschläge vor seinem Gesicht in der Luft hängen, bis sie fortgetragen wurden und vergingen.
Für einen Moment nur betrachtete Redlef ihn von hinten und suchte sofort wieder den Wald und das Unterholz ab, während er sich weiter dem Wald und dem Kämpfer nährte.
Eben noch hatte er vor der Palisade mit Larah gesprochen, seine Männer für Erkundungen im Umland aufgeteilt und mit dem Mädchen gesprochen, dass es vermutlich der Wald war, in dem die Männer verschwunden waren, da ertönten die Rufe vom Waldrand. Redlef hatte die Hand sinken lassen, mit der er Larah auf den Sattel hatte ziehen wollen und gab dem Hengst die Fersen. Sie waren über das Feld geprescht, welches zwischen dem befestigten Hof und dem dunklen Gehölz lag. Der weiche Boden hatte den Hufschlag des Pferdes gedämpft, das Knarren des Leders war im zwischen den Schneeflocken verklungen.
Dennoch konnte in keinem Fall davon gesprochen werden, dass sich Redlef lautlos genährt hatte. Und doch kehrte ihm Sir DraconiZ wieterhin den Rücken zu.
Er zog seine Waffe und wendete das Pferd, um sich besser zu positionieren. Das Tier unter ihm war angespannt. Möhre warf den Kopf, tänzelte und tat sich schwer damit nicht weiterlaufen zu dürfen. Trotz des langen Weges, der hinter ihnen lag, zog es ihn voran.
Redlef blickte sich um. Anselm war bei Larah geblieben. Erics Knappe diente nun ihm. Eric hatte darauf bestanden, auch wenn er ihn nach wie vor für grün hinter den Ohren hielt. Doch um ein Auge auf Larah zu haben, sollte er gerade noch befähigt sein. Das Mädchen wäre ausreichend beschützt, wenn sie nachkamen.
Erneut huschten seine Augen über den Boden. Keine Spuren eines Kampfes, keine Spuren. Nur der starre Wald. Es war ruhig. Das dichter werdende Schneegestöber legte eine gespenstige Stille über die Szenerie – auch wenn die Schneeschicht dafür eigentlich noch viel zu dünn war. Niemand außer ihnen beiden stand hier. Keine Augen waren auf sie gerichtet, lediglich die Schwärze der Schatten starrte sie an. Drehte der Paladin nun durch?
»Wer hat Euch angegriffen, Sir?«
DraconiZ
14.12.2025, 10:04
»Ein Schatten meiner Vergangenheit«, meinte er und drehte sich vollends zu Redlef um. Es kostet ihn Mühe. So als müsse er sich gegen eine unsichtbare Mauer wenden, die ihn umschloss. »Etwas beeinflusst den Geist hier draußen. Etwas… altes. Unheimliches«, meinte er noch immer durcheinander. Er hatte viele Schrecken in seinem Leben durchgemacht und doch erschreckte die Situation ihn hier sehr. Seine Gedanken waren wie Vögel die gegen das Gitter eines Käfigs donnerten. Er hielt einen Moment Inne. Die Schneeflocken die von oben kamen wurden ihm erst jetzt bewusst. Sie schmolzen auf seiner Haut wie zerplatzte Träume. Sein Atem hauchte sein Leben in die Kälte hinaus. »Wir haben es nicht mit einem gewöhnlichen Feind zu tun«, beendete er den Satz, während seine Stimme wieder an Festigkeit gewann, auch wenn seine Hand noch immer leicht zitterte, als er Valien langsam in die Scheide gleiten ließ. Das metallische Klacken durchschnitt die Stille unnatürlich laut. »Das hier... das ist nicht Beliars Werk. Es ist keine Nekromantie, die Tote aus den Gräbern zerrt. Es ist etwas Organisches. Pervertiertes Leben.«
Er trat einen Schritt zur Seite und deutete mit einer ruckartigen Bewegung auf den Boden, genau dorthin, wo eben noch die grausige Illusion seines verstümmelten Kameraden gestanden hatte. »Seht hin, Redlef. Seht genau hin.« Im fahlen Licht, das der Schnee reflektierte, waren sie kaum zu erkennen, doch für Dracos geschultes Auge schrien sie förmlich ihre Existenz heraus. Ein Kreis aus grauen, pulsierenden Pilzkappen, die sich aus dem gefrorenen Boden drückten, als würde die Erde eitern. »Vor wenigen Augenblicken war da nur Laub. Als das Blut meiner Vision den Boden berührte, schossen sie hervor. Sporen«, erklärte er, und sein Blick wanderte wachsam über die Baumgrenze. »Ich vermute, sie sind überall in der Luft. Sie vernebeln den Geist, graben in unseren tiefsten Ängsten und Schuldgefühlen. Sie machen uns mürbe, bis wir dem Ruf folgen... genau wie meine Kameraden« Er wollte gerade weitersprechen, eine Warnung aussprechen, die Luft anzuhalten oder das Gesicht zu bedecken, als sein Blick an etwas hängen blieb. Etwas, das nicht in das Muster aus Baumwurzeln und schneebedecktem Unterholz passte. Es lag etwa zwanzig Schritt entfernt, halb verborgen hinter einem dornigen Busch, kaum mehr als eine Erhebung im frisch gefallenen Schnee. Doch es war die Farbe, die ihn alarmierte. Ein dunkles, fast schwarzes Violett, das sich gegen das Weiß abzeichnete.
»Verdammt!« Der Fluch entfuhr ihm rau und mit tiefer Stimme. Ohne auf Redlef zu achten, stürmte er los. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln. Als er die Gestalt erreichte, sank er sofort auf die Knie. Es war Alenya. Sein Herz pulsierte schwer. Sie lag dort wie ein gestürztes Denkmal, halb auf der Seite, die Knie leicht angezogen, als hätte sie im letzten Moment versucht, sich gegen die Kälte zusammenzurollen. Eine feine Schicht aus Eis und Reif hatte sich bereits über ihre Rüstung und das dunkle Haar gelegt, was ihr das Aussehen einer gefallenen Statue verlieh. DraconiZ riss den Handschuh von seiner rechten Hand und legte sie an ihren Hals. Kalt. Unnatürlich kalt. So kalt, dass es in seinen eigenen Fingerspitzen schmerzte. Das Zittern was sie wohl nicht fühlte schien auf ihn überzugehen. Aber da war es – ein schwaches, flatterndes Pochen. Ein Lebenszeichen, so zart wie der Flügelschlag eines sterbenden Vogels. »Sie lebt«, zischte er, mehr zu sich selbst. Er wusste, wie zäh Alenya war. Sie war eine Assassine, ausgebildet, um in der sengenden Hitze der Wüste zu überleben und im Schatten zu verschwinden. Dass sie hier lag, offen und wehrlos, zeugte von einer Macht, die selbst ihren eisernen Willen gebrochen hatte. Wahrscheinlich hatte auch sie gegen Geister gekämpft, bis ihr Körper einfach aufgegeben hatte.
Er blickte auf zu dem Reiter. Die Dringlichkeit in seinen Augen duldete keinen Widerspruch. »Redlef! Hierher, sofort!« Vorsichtig hob er den Oberkörper der Assassine an. Ihr Kopf fiel leblos gegen seine Schulterplatte. Sie war leicht, viel zu leicht, als hätte der Wald bereits begonnen, sie auszehren. »Ihr müsst mir helfen«, bat DraconiZ und hievte die Bewusstlose mit einer Kraftanstrengung hoch, um sie seinem Ordensbruder anzureichen. »Euer Hengst ist stark. Wir müssen sie gemeinsam zum Lager bringen« Er sah Redlef eindringlich an, während er sicherstellte, dass er Alenya sicher vor dem Sattel halten konnte. »Wir müssen sie direkt zu Françoise bringen. Zu der obersten Feuermagierin. Keine Decken und kein normales Feuer werden diese Kälte aus ihren Knochen treiben. Sie braucht Innos' Licht, und zwar schnell, sonst wird dieser verfluchte Wald sie sich endgültig holen.« Erhielt einen kurzen Moment inne. Dann sammelte er seine Magie und fühlte die Kälte und die pervertierte Natur in Alenyas geschundenem Körper. Er stemmte sich dagegen wie gegen eine mächtige Tür die er geschlossen halten musste. »Beeilung. Ich kann es nur aufhalten«, knurrte er unter Anstrengung.
»Feind ist Feind und Magie ist Magie«, brummte Redlef zu Antwort, doch da stürmte der Paladin bereits tiefer in den Wald, da er im Unterholz etwas ausgemacht zu haben schien. Redlef verdrehte in seinem Rücken ein wenig genervt die Augen. Die Veteranen von heute waren auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren.
Offensichtlich lauerte da eine unbekannte Gefahr im Wald, die auf bisher ungeklärte Weise eine ganze Truppe Soldaten hatte verschwinden lassen, doch anstatt sich zu sammeln und geordnet vorzugehen stürmte Sir DraconiZ allein tiefer in die nun hereinbrechende Dunkelheit. Über den Feldern war inzwischen die Sonne untergegangen, sodass es unter den winterkahlen Kronen der Bäume bereits ziemlich finster war.
Mit einem leichten Schenkeldruck setzte er sein Pferd in Bewegung und folgte DraconisZ mühelos. Trockene Zweige und kahle junge Bäume brachen vor Möhres Brust.
»Ihr müsst mir helfen!«, in der Stimme des knieenden Paladins schwang Sorge mit. Vor ihm konnte Redlef eine bleiche Gestalt erkennen, die blauen Lippen im leichenblassen Gesicht einer Frau? Hatte denn hier nun jeder Ordensbruder sein Liebchen dabei? Kein Wunder, dass seine Männer sich von irgendeinem kleinen Waldgeist hatten so schnell ins Bockshorn jagen lassen, wenn Weiber die Gruppe durchsetzen…
Dennoch zog Redlef seinen zerschlissenen Hasenfellmantel von den Schultern und machte sich bereit die Frau entgegenzunehmen und sie darin einzuwickeln.
»Euer Hengst ist stark. Wir müssen sie gemeinsam zum Lager bringen«, die Worte des Kämpfers ließen keine Wiederrede zu. Er nickte stumm und nahm die Frau in seine Arme. Trotz des Mantels, den Redlef flüchtig über sie geschmissen hatte spürte er die beängstigende Kälte, die von ihr ausging. In diesem Moment bezweifelte er, dass dem armen Mädchen überhaupt noch jemand helfen konnte.
Möhre machte einen Ausfallschritt als DraconiZ sich an ihm hochzog. Natürlich war der Hengst stark, doch wie der Herr dem Anschein nach vergaß, hatte auch er einen langen Tag mit einem gepanzerten Reiter im Rücken hinter sich. Nun belasteten sie ihn mit zwei großen Männern und einer Frau. Auch für ein Pferd wie Marodeur war das Gewicht viel zu schwer. Sorgenvoll nahm er das leichte Zittern in den Beinen seines treuen Gefährten wahr. Doch der Hof lag nicht weit, nur wenige hundert Meter vom Wald entfernt. Im Angesicht der brenzlichen Lage musste er diesen letzten Ritt einem Pferd noch zumuten.
Redlef wartete bis DarconiZ sich hinter ihm sicher Platz genommen hatte.
»Haltet Euch gut fest, die Frau ist bei mir sicher«, versprach er ihm und gab Möhre ein Zeichen zum Angaloppieren. Red konnte nur hoffen, dass DraconiZ seinen Rat gut befolgte, denn besonders der hintere Rücken hob sich katapultartig im Ansprung des Galopps.
Das Pferd strauchelte die ersten Sprünge, bis es sich an das zusätzliche Gewicht gewöhnt und sein Gleichgewicht gefunden hatte. Mächtige Wolken bildeten sich vor den Nüstern des Rosses, während es die drei Gestalten durch das Schneegestöber trug. Redelf ignorierte, so gut er konnte, die wie tot wirkende Frau in seinen Armen, die brennende Sorge des Paladins in seinem Rücken und das Beißen des kälter werdenden Windes in seinem Gesicht. Er konzentrierte sich darauf, einen Weg über den schlüpfrigen Ackerboden zu finden, sodass ihnen nicht allen das Genick brach.
Als sie endlich unbeschadet das Tor der Palisade erreichten und auf dem kleinen Platz dahinter zum Stehen kamen, reichte Redlef DraconisZ seine Kameradin, deren Zustand nach wie vor unverändert schien.
»Hol‘ Ihre Eminenz!«, rief er einem nahen stehenden Milizionär zu. Der junge Mann glotzte verwundert und versuchte in dem Büdel des Fellmantels in DraconisZ Armen etwas zu erkennen. Wütend ritt Red in sein Sichtfeld und setzte fauchend nach: »Schnell!« Der Kerl stob davon.
»Das wird schon«, versuchte er dem Paladin mutmachend zuzureden, wohl wissend, dass sie vermutlich beide nicht zum ersten Mal Jemanden ins Gesicht geblickt hatten, dessen Licht unrettbar im Verlöschen begriffen war.
Da DraconiZ vorerst mit seiner Gefährtin beschäftigt war, sah Redlef die Aufgabe diesen Haufen zu koordinieren nun bei sich.
Da sie mehr oder weniger die Quelle des Übels gefunden hatten, gab es keinen weiteren Grund die Späher aus dem Lager zu schicken. So tätschelte er seinem erschöpften und im Schweiß dampfendem Pferd den Hals und trieb ihn wieder voran. »Tut mir leid, mein alter Freund«, sprach der dem Tier gut zu und ritt zu den Männern am Tor, um sie zu anzuweisen dieses geschlossen zu halten. »Es liegt etwas in der Luft, sorgt für Licht und gebt gegenseitig auf euch acht!«, wies er sie an. »Habt ein Auge auf jene, die sich eigenartig verhalten«, kurz blieb sein Blick an DraconiZ hängen, »und lasst Niemanden allein da raus!«
Trotz seiner Worte, ritt er nun durch das Tor.
»Fähnrich?« Fragend sah ihn der Mann an.
»Ich versammle den Rest: unsere Kameraden sind mit den Spähern und Pferden immer noch da draußen.«
»Hört doch, da kommen sie schon!« Erleichterung schwang in der Stimme des Soldaten mit. Doch schnell wurde das Geräusch deutlicher und die Freude im Gesicht des Milizionärs verging, als die Silhouette eines einzelnen Pferdes ohne Reiter deutlich erkennbar wurde.
Es war Rittmeister, der aufgeregt auf den Hof zu preschte. Zügel und Steigbügel flatterten wild im Wind.
»Scheiße, das ist Anselms Pferd!« Redlef stob ihm die letzten Meter entgegen und bekam einen der losen Zügel zu fassen. Anselm war bei Larah geblieben! Wo nur waren sie? Was war passiert? Der Wald? Suchend schaute sich Redlef in der Dunkelheit um. Das Schneegestöber nahm ihm jedoch jede Sicht. »Verflucht!«, knurrte er. Er hatte Yared versprochen auf Larah Acht zu geben und nun war sie bei der erstbesten Gefahrensituation aus seinem Umfeld verschwunden. Dem Mädchen konnte sonst was passiert sein. Und das Anselm nicht mehr auf seinem Pferd saß, deutete darauf hin, dass auch er sie nicht mehr beschützen konnte. »Wer von euch kann reiten?«, reif Redlef wütend vor Sorge in die Runde und blickte lediglich in überforderte und sich abwendende Gesichter. So ein Scheiß! Mit Rittmeister am Zügel ritt er näher an das Haus heran. »Jacques! Jacques komm her! Im Feld vermisste Kameraden!«
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