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View Full Version : Silberseeburg #5



Aniron
20.01.2025, 01:05
Aniron lächelte, als sie Kisha dabei beobachtete, wie sie den Mädchen zeigte, den Stein über das Wasser zu schießen. Das hatte die Wehmutter selber so lange schon nicht mehr gemacht … vielleicht sollte sie sich auch mal daran versuchen? Sie hielt nach einem geeigneten Stein Ausschau, als sie sich schließlich an die Novizin wandte:
„Also, Steine werfen, ja? Hmmm …“
Aniron überlegte.
„Ich selber kann Eis werfen, erinnerst du dich?“, fragte die Priesterin. Sie hatte es den Novizen zu Beginn ihrer Ausbildung im Kräutergarten gezeigt. Die Torgaanerin mit der lädierten Wange nickte zwar, aber Aniron ließ es sich nicht nehmen, das noch einmal vorzuführen. Das Eis war schnell heraufbeschworen und mit Schwung ließ sie es über den See schießen, bis es schließlich irgendwo zwischen den Fluten versank.
„Das sollte grundsätzlich auch mit Gestein möglich sein. Du hast den Telepathie-Zauber von Aaras gelernt, nicht? Daran sollte man anknüpfen können.“
Aniron bückte sich nachdenklich und hob einen Stein auf.
„Damit können wir anfangen, ja. Ich selber habe leider keinen Bezug zum Gestein, mein Element ist bisher immer das Wasser und im Zusammenhang damit auch das Eis gewesen. Aber du hast sowieso eine ganz eigene Art und Weise, Adanos‘ Magie zu entdecken und zu nutzen. Ich kann dir also nur eine Richtung vorgeben und du musst den Weg am Ende alleine beschreiten.“

Sie lächelte Kisha an.
„Also, fangen wir mit der Bewegung selbst an, bevor wir zum Bilden des Elementes übergehen. Du hast gesehen, dass das Geschoss Tempo braucht. Die Geschwindigkeit kannst du beeinflussen, in dem du genug Magie in das Geschoss selber pumpst. Nimm dir einen Stein, und lade ihn mit Magie auf, dann überlässt du den Stein kontrolliert Adanos‘ ewigem Fluss, der uns umgibt. Am besten in Richtung See hinaus. Los geht es!“
Aniron beugte sich hinunter und ließ die „Butterbemme“, so hatte man es in ihrer Heimat in Vengard genannt, in ihrer Hand über die ruhige Oberfläche des Sees springen. Es gelang ihr besser, als sie gedacht hatte, der Stein ditschte viele Male auf.
„Boar, Alter, krass, Mama!“, rief Fianna begeistert
„Achte auf deine Sprache, junge Dame!“, erwiderte Aniron, nachdem sie selber überrascht gekichert hatte.
"Noch Fragen, Kisha? Wenn nicht, dann leg los."

Kisha
02.02.2025, 23:57
Beeindruckt ließ Kisha ein Pfeifen von sich vernehmen und nickte anerkennend mit vor der Brust verschränkten Armen.
„Verdammt gut! Dein Mkate na siagi ist echt weit gekommen!“
Doch lange hielt sie sich nicht damit auf, der sich langsam ausbreitenden Spur konzentrischer Wellen nachzusehen. Viel zu sehr beschäftigte sie der Zauber, den Aniron ihr vorgeführt hatte.
„Einfach schweben lassen und auf den See schießen, eh?“
Kisha senkte den Kopf und kicherte. „Wie das Messer in der Küche auf den Kopf von Aaras“, murmelte sie zu sich selbst. Doch da war Zweifel in ihr. Denn das Flüstern, das sie bei Anirons Vorführung mit dem Eisgeschoss vernommen hatte, hatte ganz und gar nicht geklungen wie das Wort, das sie mit der magischen Hand in Verbindung brachte, mit der sie mit Hilfe ihres Willens Gegenstände anhob.
„Sicher? Ich meine … ich mach einfach.“

Kurzentschlossen sah sich Kisha am steinigen Seeufer um und entschloss sich für das erstbeste steinerne Geschoss, das nach einer wirklichen Gefahr für den Empfänger aussah. Etwas größer, als er bequem zu werfen gewesen wäre, vielleicht, aber sie wollte ja schließlich auch nicht nur mal freundlich damit anklopfen. Wenn sie dieses Ding auf eine ähnliche Geschwindigkeit wie Aniron den Eisklumpen brachte, würde sie mit Leichtigkeit einige Knochen knacken lassen können, wenn es nötig war. Sie zog ihre Maske auf und ließ sich zu einer Monster-Darbietung für die beiden Mädchen hinreißen, die zuerst bei ihrem Anblick erschraken, sich dann aber köstlich amüsierten. Dann galt ihre Aufmerksamkeit ganz dem Stein.
„Kijijini!“
Nichts leichter als das, die viele Übung hatte Früchte getragen. Mit einer Sicherheit, als hätte sie ihn mit bloßen Händen aus dem Schlamm gezogen, ließ Kisha den Stein aufsteigen und auf der Stelle schweben. Der Zauber ihres Wortes legte sich wie ein Netz um das Geschoss, mit dem sie langsam vortrat an den Rand des Wassers, um die beiden Magierinnen, aber ganz besonders die beiden Mädchen nicht zu gefährden. Kisha ließ den Stein kreisen, ganz so, als hielte sie eine Schleuder und machte sich zum Schuss bereit. Sie spürte, wie die Fasern ihres magischen Netzes strapaziert wurden, und verdoppelte ihre Anstrengung, um den Zauber stabil zu halten. Dann, mit einer ausladenden Geste und einem Kampfschrei auf den Lippen, schoss sie den Stein auf das Wasser hinaus.

Plump!
Mit einem tiefen Glucksen ging der Stein keine drei Körperlängen von ihr entfernt baden und ward nicht mehr gesehen. Kisha verharrte mit ausgestreckten Armen in der Pose, mit der sie den Abwurf beendet hatte, und verarbeitete den deutlichen Riss des magischen Gewebes, den sie bei der plötzlichen Belastung gespürt hatte. Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, dann lachte sie aus voller Kehle.
„Das war Scheiße!“, kicherte sie. „Ich glaub, für mich funktioniert das anders. Ich weiß nur noch nicht, wie. Aber du hast dein Eis einfach so in deiner Hand gemacht, oder? Wie geht das?“

Aniron
09.02.2025, 23:47
Aniron legte den Kopf leicht schief.
„Ja, ich glaube auch, dass das für dich anders funktionieren könnte“, sagte sie nachdenklich, als sie Kishas versunkenem Geschoss hinterher sah.
„Genau, ich erzeuge das Eis mit meiner Hand. Wasser findest du überall in der Umgebung in der Luft, du kannst es sammeln und zu Eis gefrieren lassen. Die wahre Kunst ist es natürlich, Wasser aus dem Nichts zu erschaffen, dafür muss man auf Adanos‘ Strom zugreifen, über diesen Strom lässt man das Wasser dann auch abkühlen und es wird zu Eis. Das ist eine Übungssache, umso öfter man es macht, desto schneller wird man. Allerdings … ich frage mich, wie und ob das auch mit Gestein geht“, überlegte die Priesterin. „Lass es mich erstmal versuchen.“

Die Priesterin hob zunächst einen Stein auf und lud ihn mit Magie auf, um ihn schließlich genau so mit ordentlich Schmackes über die Oberfläche des Sees zu schießen, wie sie es mit dem Eis zuvor gemacht hatte. Dabei fühlte das Gestein sich ein wenig anders an.
Noch einmal ging sie in die Knie und hob einen Stein auf. Sie wog ihn mehrfach in der Hand und schloss die Augen, um ihn schließlich magisch zu ertasten.
Sie fühlte die Kühle in ihrer Hand und über die Magie. Gestein war anders als Wasser, nicht nur ganz offensichtlich, sondern auch auf magische Art und Weise. Während das Wasser einen beständigen Strom an Magie benötigte, um es einerseits in Form zu bringen und anderseits in eben jener zu halten, waren die Strukturen des Gesteins fest. Sehr fest, fast unzerbrechlich, aber eben nur fast. Aniron sah eine Art glitzerndes Gitter vor ihren inneren Auge, wie interessant! Sie begann sich auf ihre andere, leere Hand zu konzentrieren. Dort begann sie, das Muster, was sie eben gesehen hatte, mit Partikeln von Magie nachzubilden. Sie spürte, wie es schwerer und schwerer wurde in ihrer Hand und als sie die Augen öffnete, lag da plötzlich ein Stein in ihrer Hand, der dem ähnlich sah, den sie in der Rechten hielt.
„Faszinierend!“, sprach sie. Kisha sah staunend auf den Stein.
Aniron versetzte dem Stein einen Stoß mit der Magie und erneut flog das Geschoss über den See. Zufrieden nickte die Wehmutter.

Sie atmete tief ein und aus und sah zu Kisha:
„Also … ich habe es zum ersten Mal mit Gestein gemacht und wie du siehst, ist das gut möglich. Du solltest daran denken, wie das Element, was du benutzt, aufgebaut ist. Wasser ist anders als Eis, und noch mehr anders ist Gestein. Allerdings …“, sie fuhr sich nachdenklich übers Gesicht, „ich denke … am Ende ist es egal, welches Element du nutzt. Du musst alles mit Kraft versetzen. Egal ob Eis oder Gestein. Es geht um die Bewegung, das Abstoßen von dir. Ich denke, das fehlt noch, denn sonst würde der Stein nicht einfach ins Wasser plumpsen.“
Aniron hob die Hand und ließ erneut einen Klumpen Eis entstehen.
„Sieh hin, ich mache keine große Bewegung, wie du es getan hast. Sondern das Eis fliegt von alleine los, wenn es vollgepumpt ist mit Magie, die ich hineingestecke.“
Erneut zischte das Eis los.
„Versuche, kontrolliert“, sie betonte das Wort, „Magie hineinfließen zu lassen. Sonst nichts. Keine Bewegung. Vielleicht klappt es so besser.“
Aniron überkreuzte die Arme und war bereit, Kisha bei ihrem nächsten Versuch zu beobachten. Kalt war es! Sie sollten nicht mehr zu lange hier in der Kälte ausharren.
„Mädels, bitte Abstand halten“, ermahnte sie die Kinder, da sie nicht sicher war, zu was Kisha mit einem Geschoss imstande war.

Kisha
16.02.2025, 02:14
Es war ein Wunder, wie Aniron die Geschosse aus Eis und Gestein einfach aus dem Nichts herbeirufen konnte! Kisha, die ihre Maske nach dem ersten Fehlversuch wieder hochgeschoben hatte, starrte fasziniert auf die Hände ihrer Lehrerin und kicherte dabei wie ein Kind. Gleichsam aber lauschte sie dem Flüstern der Vizuka, das ätherisch von überall her um sie herum seinen Ursprung nahm, leise und kaum greifbar, wie ein Echo im Wind. Erst als sich in Anirons Hand das Geschoss formte, manifestierte sich das Wort, und als die Priesterin es aus den Händen schnellen ließ wie das Geschoss einer Schleuder, schlug es ihr förmlich entgegen.
Kombeo!
Das harte und kraftvolle Zauberwort war so anders als das, was sie zuvor genutzt hatte! Es war ein Ausdruck von Kraft und Entschlossenheit, eine Ansammlung von Energie an einem einzigen Punkt, von dem aus das Geschoss seinen Flug beschrieb.
Kisha riss die Augen auf, und nun verstand sie Anirons Worte auch in einem neuen Zusammenhang. Abstoßen! Sie hatte zuvor versucht, den Stein hinaus zu ziehen, doch sie musste die Kraft an einem Ende des Geschosses zusammenziehen und ihn davon schießen lassen!

„Oh ja, das mach ich!“, rief sie begeistert und zog sich erneut die Maske vor das Gesicht. Kisha tat es Aniron gleich und nahm einen Stein vom Seeufer in die Hand. Sie ertastete ihn, fühlte seine kalte Härte und seine Schwere. Sie formte das magische Wort in ihrem Verstand, während sie sich die Eigenschaften des Steins vergegenwärtigte. Und als sie die Schwere in der zuvor freien Hand spürte und die Kraft sich auf ihrer Handfläche sammelte, rief sie das Wort aus:
„Kombeo!“
Der Stein schoss wie eine Urgewalt davon – jedoch nicht nach vorn auf den See hinaus, sondern zur Seite, geradewegs auf Aaliyah zu, die aus der Ferne das Treiben beobachtete. Die hohe Wassermagierin hob ihre Hand und wischte das Projektil mühelos mit ihrer Magie beiseite, das mit seiner veränderten Flugbahn hinter der Böschung in Richtung der Burg verschwand. Dann hob sie ihre andere Hand, und Kisha stöhnte überrascht auf, als ein harter Gegenstand ihr so heftig auf den Hinterkopf schlug, dass sie nach vorn und mit den Stiefelspitzen in das seichte Wasser stolperte.
„Sei das nächste Mal etwas vorsichtiger!“
Kisha blinzelte, wandte sich um und sah eine aus Eis geformte Hand, die in diesem Moment in unzählige kleine Kristalle zerfiel.
„Ey! Ich kleb dir auch gleich eine, eh?“, rief Kisha der Eishexe zu, doch der Ärger war schnell vergessen. Kishas Blick galt wieder Aniron.
„Ich hab einen Stein geschleudert!“

Aniron
16.02.2025, 13:56
Aniron lächelte und nickte bestätigend.
„Das hast du! Gut gemacht, Kisha, du hast mal wieder deinen eigenen Weg gefunden. Da war auch schon ordentlich Schmackes dahinter. Allerdings … müssen wir dringend an der Kontrolle und der Richtung arbeiten. Wie du den Stein jedoch erzeugt hast, war saubere Arbeit!“
Gut, dass Aaliyah so schnell und gekonnt reagiert hatte. Aniron schaute zum Himmel hinauf, der deutlich dunkler wurde. Es wurde Abend und nun, da die Sonne weg war, wurde es noch kälter und ungemütlicher.
„Aaliyah, nimmst du die Mädchen und gehst in die Burg? Ich will Kisha noch etwas üben lassen, aber es wird langsam zu kalt hier draußen“, rief die Wehmutter der Magierin zu. Aaliyah schien abzuwägen, einerseits wollte sie sich sicherlich nicht herumkommandieren lassen und anderseits wollte sie aber auch nicht länger in der Kälte ausharren müssen. Sie nickte nur und drehte sich zu den Kindern um.

Aniron wandte sich indessen wieder Kisha zu:
„So, also, bevor wir hier völlig durchgefroren werden, machst du noch ein paar Versuche, um eine bessere Kontrolle zu bekommen. Also arbeite wieder mit der Lautstärke und Intensität deines Wortes, aber auch damit, wie viel Magie du dahinter legst. Ich“, sie sah sich um, „werde vorerst dort beim Gebüsch Stellung beziehen, um etwas Abstand zu halten. Bitte verletz dich nicht selber“, sagte sie noch mit einem Grinsen, bevor sie Kisha am Ufer stehen ließ und ein paar Schritte von ihr wegging.

Kisha
19.02.2025, 01:28
Aniron so hinter dem Busch in Deckung gehen zu sehen, entlockte Kisha ein herzliches und warmes Lachen.
„Unachekesha, mwanamke mzuri“, rief sie strahlend, bevor sie sich wieder dem Seeufer zuwandte. Es stimmte schon, mit ihrem letzten Versuch hatte sie verdammtes Glück gehabt. Der Stein, der sich wie durch ein Wunder in ihrer Hand gebildet hatte – und sie kam immer noch nicht aus dem Staunen darüber hinaus, dass sie dieses Geschoss aus dem Nichts geformt hatte, nur mit der Kraft des magischen Wortes! – er hatte ihre Hand mit einer gehörigen Kraft verlassen. Die Richtung jedoch war purer Zufall gewesen. Dieser todbringende Stein hätte überall hinfliegen und sogar die Kinder verletzen können! So hatte es nur beinahe die Eishexe erwischt, die ihn aber über die Böschung in Richtung der Burg abgelenkt hatte. Ob nun irgendwo da oben eine Wache mit eingedellter Rüstung herumlief? Ihr gefiel der Gedanke. Aber für ihren nächsten Versuch wollte sie doch mehr Kontrolle darüber gewinnen.

Kisha versuchte es noch einmal, diesmal mit weniger Intensität in ihrer Stimme.
„Kombeo!“
Erneut formte sich ein Stein in ihrer ausgestreckten Rechten und schoss davon, diesmal mit deutlich weniger Geschwindigkeit. Doch erneut flog das Geschoss wild davon, beileibe nicht auf das vorgestellte Ziel draußen auf dem See. Also machte sie sich an einen weiteren Versuch, und diesmal veränderte sie nicht die Kraft ihres Wortes, sondern versuchte sich auf einen breiteren Bereich als nur einen einzigen Punkt zu konzentrieren. Wenn man einen Stein davon schlug, konnte man genauer zielen, wenn man ein flaches Holz nutzte, als wenn man nur einen hauchdünnen Stab dafür zur Hilfe nahm.
Und tatsächlich, das Geschoss flog diesmal deutlich gezielter davon als zuvor, wenngleich die Kraft ein winziges Bisschen nachgelassen hatte. Kisha versuchte es noch einmal und noch einmal und probierte sich dabei aus. Wie sich zeigte, musste sie ein Gleichgewicht zwischen Kraftwirkung und Genauigkeit finden. Außerdem stellte sie schnell fest, dass es ihrem Kopf half, die gewünschte Flugbahn besser zu treffen, wenn sie mit der Hand eine wirkliche Schwungbewegung nachahmte.
Gerade als der Frost ihre Glieder endgültig erstarren lassen wollte und ihr Hals vom vielen Ausrufen des Wortes heiser wurde, hatte sie den Bogen so weit heraus, dass sie selbst zufrieden war.

„Können wir jetzt bitte in die Burg zurückgehen?“, bibberte sie. Als sie die Maske vom Kopf nahm, waren ihre Lippen und Haut ganz blass vor Erschöpfung und Kälte.
„Ich will jetzt diesen Kastellan sprechen, um das herauszufinden, weshalb ich hier bin. Und wenn ich ihn aus seinem Zimmer schleifen muss.“
Kisha schlang die Arme um ihre Schultern. „Und ein Feuer wäre auch schön.“

Aniron
27.02.2025, 00:42
Aniron ließ den Blick über die Schriftrolle wandern. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie eine Abschrift der Abhandlung über Leberkrankheiten in Auftrag geben sollte. Interessant war es allemal, auch wenn sie nicht wenig von dem, was in der Schrift stand, schon wusste.
„Hm … ein anderes Mal vielleicht“, murmelte sie. Dann rollte sie die Schrift wieder zusammen und legte sie in das Regal zurück, dort an die Stelle, wo die Priesterin sie entnommen hatte.
Sie zog eine weitere Rolle aus dem Regal und öffnete sie. Im nächsten Augenblick weiteten sich ihre Augen interessiert:
„So kann es bei Säuglingen, die mit diesem „offenen Rücken“ geboren werden, später zu Lähmungserscheinungen kommen. Dies ist abhängig davon, wo der Defekt in der Wirbelsäule auftritt. In einer sehr kleinen Feldstudie hat sich jedenfalls der Verdacht erhoben, dass es sinnvoll ist, den Säugling darauf noch im Mutterleib zu untersuchen und, wenn nötig, heilmagisch zu behandeln. Eine Behandlung nach der Entbindung von der Mutter ist ebenfalls möglich, bedeutet aber mehr magischen Einsatz. Hierbei sollten auch die Hirnkammern des Säuglings überprüft werden, denn nicht selten neigen jene mit einem offenen Rücken zu einem sogenannten „Wasserkopf“. Dies kommt, da durch die Fehlbildung im Rückenmark zeitgleich eine Fehlentwicklung im Gehirn stattgefunden hat. Hat der Heiler dies im Blick, sollte er mit der heilmagischen Behandlung sobald nach der Geburt beginnen. Dies kann auch geschehen, wenn der Säugling auf der Brust der Mutter liegt.“
Aniron sah auf. Da hatte sie wohl einen wahren Glückstreffer gelandet!
Endlich waren Kisha und sie in das Archiv der Silberseeburg vorgelassen worden. Gilthor, der Kastellan, hatte ihnen die Erlaubnis erteilt und nun waren sie hier mit einem Archivar. Oder eher: Kisha wurde von dem Archivar begleitet. Aniron hatte ganz dreist die Karte einer hohen Wassermagierin, die vom Obersten Wassermagier selbst geschickt worden war, gezückt und sich damit dreist etwas Zeit an einem Regal ergaunert, in dem es eine Menge Schriften zum Thema Heilung gab – magisch oder nichtmagisch.

Gutgelaunt ob ihres Fundes schlenderte die Wehmutter zur Kisha und dem Archivar rüber, die einige Regale weiter standen.
„Habt Ihr etwas gefunden?“, fragte der Mann, als er die Priesterin mit der Schriftrolle in der Hand erblickte.
„Ja, könnt Ihr mir eine Abschrift davon anfertigen lassen?“, erwiderte Aniron.
Der Mann, bepackt mit Rollen und Büchern, die er wohl für Kisha zusammen geklaubt hatte, nickte.
„Ja, bitte, wenn Ihr so gütig seid, die Rolle auf den Schreibsekretär beim Eingang zu legen … wir werden uns Eurer Anfrage annehmen, sobald es geht …“
Aniron musste ein Grinsen unterdrücken. Der arme Kerl. Er war nicht mehr der Jüngste und die Aufgabe, die Kisha ihm stellte, schien nicht so einfach zu sein.
Da fiel Aniron etwas auf und sie sah die Novizin fragend an:
„Kisha, was genau suchst du eigentlich?“

Am Vorabend noch hatte die Torgaanerin den Zauber mit dem Steingeschoss am Ufer des Silbersees gelernt und geübt, bis sie relativ sicher damit umgehen konnte. Aniron war mal wieder stolz auf ihre Schülerin gewesen, die sich die Magie auf ihre eigene Art und Weise erschloss. Kisha ging einen Weg, den vielleicht vorher so noch keiner in ihrem Kreis gegangen war. Doch auch das Lob, das Aniron für sie übrig gehabt hatte, hatte Kisha nicht beruhigen können, gleich am Morgen noch beim Kastellan vorsprechen zu wollen, um ins Archiv zu kommen. Und – man hatte sie gelassen.
Manchmal war es eben nicht der stete Tropfen, der den Stein höhlte, sondern die Gesteinslawine, die die Dinge ins Rollen brachte. Da konnte Aniron etwas von Kisha lernen.

Kisha
28.02.2025, 03:28
Dieser Ort fühlte sich an wie ein Friedhof.
Das hätte er eigentlich nicht tun sollen. Hier wurde Wissen bewahrt, hier wurden Geschichten vor dem Vergessen gerettet und Mythen längst vergangener Tage erhalten. Allein die Art und Weise des Bewahrens fühlte sich für Kisha … tot an. Die Kizalongwe waren kein Volk, das seine Geschichten und sein Wissen niederschrieb. Die Sagen der Ahnen wurden von Mund zu Ohr weitergegeben und so am Leben erhalten. Nur so lebte die Erinnerung an die Altvorderen tatsächlich weiter. Die Geschichten aufzuschreiben, erschien Kisha genauso abwegig wie das Verhalten der Stewarker Städter, die Alten in Pflegehäuser abzuschieben, wenn sie sich nicht mehr um sich selbst kümmern konnten. Es fühlte sich an, als schob man sie beiseite, um sie zu vergessen.
Und mit der Art der Wissensbewahrung ergab sich für Kisha noch ein anderes Problem: sie konnte nicht lesen. Zum Glück aber musste sie sich der Lawine aus Leder und Papier nicht allein stellen, die sich hier in unzähligen Regalen auftürmte. Der Archivar an ihrer Seite, ein hagerer, vornüber gebeugt laufender Mann nahe der sechzigsten Trockenzeit seines Lebens, schien Freude daran zu haben, ihr mit dieser Aufgabe zu helfen.
„Wir haben hier Dokumentationen von Warenverkehr und Frachtverzeichnissen, in denen Vermerke zu besagter Organisation zu finden sind. Anzeigen von Räuberei und Sklaverei bei der Akademie und dem Seeamt inklusive ausführlicher Zeugenberichte. Rechtsbeschlüsse, die besagte Organisation für vogelfrei erklären. Und eine Zusammenstellung urbaner Mythen und Erzählungen zweier Gebrüder, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, des Volkes Maul auf Papier zu bannen – ein lustiges wie geistloses Unterfangen, wie mir scheint.“
Der Archivar hob nacheinander verschiedene Folianten an, die sich in seinen Armen mittlerweile stapelten, und schob sich mit der Schulter in einer eingespielten Bewegung die dicken Sehgläser höher auf den Nasenrücken.

„Du musst mir alles vorlesen und erzählen, was wichtig ist, Buchmann“, forderte Kisha das Selbstverständliche ein. „Ich kann das alles nicht lesen!“
„Oh keine Sorge, werte fremdländische Sucherin des Wissens. Ich werde Euch die wichtigsten Passagen kopieren und in einem handlichen Ordner zur Verfügung stellen.“
Er lachte verlegen mit der kratzigen Mausestimme eines Mannes, der es nicht gewohnt war, viel zu reden. „Aber vorlesen … nein, so weit geht unser Dienst nicht. Das müsst Ihr schon selbst tun, nicht?“
Kisha seufzte und ließ die Schultern hängen. Sie würde die Argaaner nie verstehen. Doch noch bevor sie erneut nachhaken konnte, erschien Aniron zwischen den prall gefüllten Regalen und erbat sich ebenfalls Abschriften von einem Buch, das sie selbst herausgesucht hatte.
„Kisha, was genau suchst du eigentlich?“, fragte die Priesterin schließlich, nachdem sie sich die Zuarbeit des Archivars zugesichert hatte. Eine Frage, die sie ihr in all den Wochen noch nicht gestellt hatte. Erst hier, erst als sie bereits mitten im Archiv des Silbersees standen, fragte Aniron, worin sie ihre Schülerin eigentlich unterstützte.
„Die Sturmkrähen“, antwortete Kisha geradeheraus. „Ich suche nach den Sturmkrähen und allem, was man auf Argaan über sie weiß. Ich habe gehört, hier schreibt man alles auf, was die Leute irgendwann einmal gewusst haben, und deshalb bin ich hier.“
„Und das war weise“, schaltete sich der Archivar ein. „Hier haben wir noch – oh, hierfür brauche ich die Freigabeerlaubnis einer befugten Person von höherem Range. Wie zum Beispiel einer geweihten Priesterin des Adanos?“
Er sah abwartend zu Aniron, die ihm milde lächelnd zunickte.
„Ausgezeichnet! Dann haben wir hier den besten Fund für Euch, eine Zusammenstellung von Akademieberichten über die Sturmkrähen, um sie im Falle des Bedarfs angreifen zu können. Soll ich dann sogleich mit der Kopie für Euch, ehrwürdige Priesterin, und der Zusammenstellung aller Informationen für Euch beginnen?“
Mit einem entnervten Grunzen bestätigte Kisha und schickte ihn von dannen.
„Vorzüglich! Ich mache mich sogleich an die Arbeit!“

Die tapsigen Schritte des Archivars entfernten sich schnell, und so blieben Aniron und Kisha allein inmitten der Bücher zurück. Sie fühlte sich beengt von all dem Papier. Als sei sie selbst der Körper, der in diesem Papiergrab beigesetzt wurde.
„Ich weiß nicht, was ich dir schon erzählt habe“, sagte Kisha schließlich. „Ich habe eine Tochter. Philile. Die Sturmkrähen haben sie mir weggenommen. Das ist schon zehn Jahre her.“
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und versuchte vergeblich, die feuchten Finger an einem Pergament im Regal neben ihr zu trocken.
„Sie sind Piraten. Und sie nehmen Sklaven. Ich will sie finden, und ich will Philile finden und zurückholen. Und dann bringe ich sie alle um.“
Kisha sah Aniron in die Augen. Und trotz all der Tränen zeigte ihr Blick nur Härte und Entschlossenheit.
„Deshalb bin ich hier.“

Onyx
01.03.2025, 23:10
Es war Genugtuung. Mit spröden Lippen, Kälte in den Knochen und müden Muskeln stand er da und hatte genug Energie, um den Orkkopf hoch zu halten. Turya schrie ihren Spott heraus und Kiyan tat es auf seine Art. Onyx indes hielt einfach nur den Kopf hoch und blickte die vier Orks höhnisch an.
Wäre der Abstand nicht gefühlt zwei Stunden des Abstiegs von ganz oben oder gar mehr, würden sie sich anders verhalten. Doch so, sah man einander und ließ die uralte Feindschaft zwischen Orks und Menschen aufleben.
Die Orks drohten, hielten Äxte und Speere hoch und doch waren sie da oben nicht mal einen Daumennagel für Onyx von hier aus gesehen groß.
Als sich zu den Dreien dann weitere Menschen gesellten, war die Jagd der Orks zu Ende, ohne dass die Waldvölkler wussten, dass sie die ganze Zeit gejagt worden waren.

“Wer seid ihr!?”, fragte ein Mann mit seiner Schar Kriegern. Er trug eine blaue Brigantine, Schulterplatten und ein gutes Schwert an sich. Seine Leute hatten Bögen, Armbrüste und große Waffen und schaten grimmig drein. Onyx wusste nichts über die Ränge im Königreich Ethorns, aber es war deutlich, dass das keine Bauerntruppe mit Mistgabeln war, die ihre Schweine vor Wölfen schützten.
Die könnten es mit den vier Orks da oben wohl aufnehmen.

“Turya vom Waldvolk. Das sind Kiyan und Onyx Ogerschreck. Wir kommen von da oben und wollen ins Bluttal. Reicht euch der Orkkopf und die da oben, um uns zu trauen?”, fragte Turya charmant. Immerhin war sie ihre Prinzessin, wenn Onyx das richtig verstand.

“Ich bin Hamil aus dem Hause Barka. Für mich würde das reichen. Ihr müsst mich trotzdem zur Burg begleiten. Ich darf das nicht allein entscheiden. Wo habt ihr den Bastard erwischt?”, fragte der Recke.
“Wir gejagt. Kommen von Dschungel. Ork getötet auf andere Seite von Berg.”, machte der Torgaaner klar.
“Dann wart ihr auch bei Setarrif? Dann bitte euch meinem Herrn zu berichten.”, sagte der Mann und wechselte ins torgaanische.
“Und wenn wir nicht wollen und einfach weiter reisen?”, fragte Onyx.
“Ich würde euch ungern zwingen. Wir haben keinen Streit und gemeinsame Feinde. Ich bitte nicht ein drittes Mal.”, sagte Hamil bestimmt.

“Musst du nicht, Hamil aus dem Hause Barka. Wir kommen mit.”, sagte Onyx, nachdem Turya und Kiyan zugestimmt hatten.

Die Silberseeburg war nicht weit weg. Schon vom Startpunkt war sie zu sehen und wohl Grund genug für die Orks nicht doch runter zu kommen. Nach gut einer halben Stunde waren sie da.
Das letzte Mal war Onyx hier, da gab es noch den Drachen und er und Andrahir hatten sich als Gobbojäger eine ordentliche Summe für die Köpfe, die sie mitbrachten, auszahlen lassen.

Die Waldvölkler wurden skeptisch beäugt und es sprach sich schnell um, dass sie da einen Orkkopf bei sich trugen. Kinder von höherem Stand waren raus gelaufen um den Orkkopf zu sehen, schreckten aber beim Anblick des Orks zurück. Oder vielleicht weil die Waldvölkler nicht besser aussahen. Onyx als riesiger Torgaaner mit mächtigen Bogen einen Gesicht das wunderschön war, aber auch Angst machte. Turya die Amazone mit Augenklappe und einem Selbstbewusstsein, das sie auch ausstrahlte als freie Frau des Waldvolkes und dann Kiyan, der ebenso mit seinem einen Auge und Blick einfach niemand war, den man auf einen Kindergeburtstag einlud.
Dabei waren sie für waldvölkische Verhältnisse zumindest keine so üblen Leute.
Sie wurden ganze 8 Minuten warten gelassen, bis ein hoher Herr in Begleitung eines Wassermagiers und Hamil erschien.

“Hamil hat mir schon berichtet. Wie steht es um Setarrif?”, fragte der hohe Herr.
“Die Orks scheißen dort in eure Tempel, Bauwerke und Paläste. Sie haben die Mauern repariert. Ein Schiff, das sicher bald Verstärkung holt. Und ich würde sie nicht unterschätzen. Das sind Nordlande-Orks und mit den Karrek-Orks von hier werden sie ziemlich Ärger machen. Ich würde Ethorn mal bescheid sagen, aber irgendwie glaube ich nicht, dass er mich empfangen wollen würde.”, sagte Turya wenig diplomatisch oder auf Achtung irgendeiner Etikette. Sie kannte den Mann wohl aus ihrer Kindheit. Er aber sie wohl nicht.
Der Herr dieser Burg wirkte irritiert, nahm es aber wohl erst einmal hin, da man von Waldvöklern nichts anderes erwartete, als flegelhaftes Gerede. Der Wassermagier flüsterte diesem etwas zu und blickte sie an, was Turya provozierte und sie knurren ließ. Onyx gefiel es auch nicht, dass man in ihrem Beisein über sie flüsterte und Kiyan umgriff seinen Speer fester.
Hamil wurde zugenickt.

“Wir wollen wissen, wie die Orks über die Berge gelangen. Sie nehmen nicht den bekannten Pass, von dem ihr hinabgestiegen seid.”, fragte Hamil
“Das Gebirge ist groß. Sie schicken laut unseren Leuten immer wieder einen oder zwei Späher über die Berge. Die Rennen als hätte ihr Herr die Peitsche ausgepackt und es sind halt Orks. In Myrtana damals haben sie auch andere Wege genommen, weil sie es können - diese Bastarde. Schickt eure Fährtensucher aus, stellt ihnen Fallen in den Bergen und sprecht mal mit Mertens. Das ist unser Anführer. Wir nehmen zusammen den Karrek hoch und dann ist im Westen erst einmal Ruhe. Wird aber nichts bringen, wenn in Setarrif Orkgaleeren anlanden. Jahrelang hinter Mauern verstecken wird euch vor denen nicht schützen.”, meinte die Waldläuferin frech und fast schon respektlos. Aber sie sprach wahr und direkt. Sicher nicht so, wie es der hohe Herr gewohnt war, aber vor allem Hamil schien dieselbe Sprache zu sprechen - wenn er es durfte.
Der Burgherr schien die Worte zu bedenken, abzuwägen und für sich die nächsten Maßnahmen zu planen.

“Wir wissen uns schon zu verteidigen. Wir brauchen keine Ratschläge von…euch. Ihr könnt gehen. Hamil begleite sie mit deinen Leuten zur Büßerschlucht. Ich will sie hier nicht länger sehen.”, sagte der hohe Herr, ohne Danke zu sagen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit.

“Grüß mir Vater. Ich hoffe er hat Mutter anständig beerdigt. Sag ihm…ich lebe und bin keine Hure in Varant. Turya lebt.”, rief die Waldläiuferin hinterher und sorgte dazu, dass der Burgherr sich nochmal umdrehte. Die Waldläuferin zog die Augenklappe zur Seite, legte ihr Haar nach hinten und offenbarte die offensichtliche Ähnlichkeit zu einer gewissen Prinzessin. Onyx packte sie. Provozieren musste man nicht um jeden Preis.
Sie verließen die Burg und Hamil schwieg mehr, als zu reden. Er dachte sich wohl seinen Teil und die Sympathie war sicher nicht gewachsen, nach Turyas Äußerungen. Aber sie hatten Informationen bekommen und das war am Ende entscheidend.

Kiyan
02.03.2025, 08:42
Endlich aus diesem Gebirge heraus. Kiyan hatte ein kurzes, stummes Stoßgebet an Adanos gesandt, als sie nach dem kurzen Provozieren der Orkbande, den Abstieg in Angriff genommen hatten. Das war bis zu dem Punkt gut gegangen, da Truppen der Baronie Silbersee, Vasallen des Königs von Argaaan – oder eher einer Stadt und zwei Baronien – sie aufgehalten hatten. Herr Schlagmichtot von Haus Blabla. Der Jäger hatte schon ziemlich grinsen müssen, als er darüber nachdachte, dass ihm damals, bei seiner Ankunft hier und all die Jahre davor, Namen, Wohlstand, Macht so unglaublich wichtig gewesen waren. Der alte Kiyan hätte gekatzbuckelt, sich in hoch gestochener Konversation versucht, wäre als Vermittler aufgetreten und hätte Onyx und Turya für ihr Verhalten gescholten.
Der neue Kiyan, der Kiyan des Waldvolkes, sah einfach nur jeden Soldaten in der Truppe des Offiziers an, die ihrerseits versuchten, ihn einschüchternd zu mustern. Ihre Wirkung verfehlten sie. Das Gebirge, der Dschungel, die Wilde Jagd und – bei Adanos! – die Monde in der Schwefelmine hatten dafür gesorgt, dass nur wenige Sachen ihn wirklich einschüchtern konnten. Auf Turyas Anraten hatte sich der Jäger ein Stück Stoff um den Kopf gewickelt, dass die Augenhöhle verdeckte, was natürlich martialischer wirkte als die Augenklappe der Veteranin.
Was folgte, war allerlei Geplänkel, Anspielungen, Arroganz und am Ende ein Paradebeispiel an Undankbarkeit. Kiyan hatte sich arg zurückhalten müssen, den hohen Herrn – Seine Herrschaftlichkeit, den Baron Gawaan von Silbersee – zu fragen, ob dies die Art von Dankbarkeit sei, die einem Verbündeten Argaans gebührte. Immerhin hatte das Waldvolk nach der Wilden Jagd bestimmt, dass dieser halb blinde Rothaarige sein Gesandter in Stewark wurde. Letztlich war Stewark aber nicht Silbersee. Hier sah man die Dinge am Ende wohl anders.
Unterm Strich, hatte sich Kiyan gedacht, geht’s mir am Arsch vorbei.
So hatte man die Gefährten zur Büßerschlucht eskortiert und dann huldvoll entlassen, als könnten sie von Glück reden, nicht die Gastfreundschaft der Zellen in der Schlucht oder des Burgkerkers zu genießen zu müssen. Kiyan hatte sich nur spöttisch verbeugt und den Männern, als sie sich zum Gehen umwandten, den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt. Kindisch zwar, aber in der Situation einfach treffend.
Alsbald mündete die Schlucht in einen Wald. Sie hatten das Bluttal erreicht, jene bewaldete Gegend, die als Puffer zwischen Thorniara und Stewark sowie den Silbersee wirkte. Einst hatte das Waldvolk inmitten dieses Tals ein Lager unterhalten, aber das war schon Jahre her. Die Wälder beherbergten Jagdwild noch und nöcher, aber auch Raubtiere, die einem Stück Menschenfleisch gegenüber nicht abgeneigt waren. Wolfsrudel, Bären und angeblich auch der eine oder andere Schattenläufer.
„Schicken wir die Vögel aus“, schlug Kiyan vor, während sie dahin marschierten, weniger wachsam als in den Bergen und dem Dschungel, aber immer noch mit einer gewissen Vorsicht, die Jägern in ihrem Jagdgebiet zu eigen war. Vor Kurzem hatte Turya – die außergewöhnlich schweigsam und angefasst schien – Markierungen an einem Holzstapel entdeckt, den irgendeine Holzfällertruppe zurückgelassen und nie abtransportiert hatte. Die Zeichen von Ricklens Jagdkommando.
„Adler und Kor’ha können sie aufspüren und auf uns aufmerksam machen. Ein Adler und eine Rabin sind ja wohl der beste Hinweis darauf, dass wir hier unterwegs sind.“
Die Krähe flog von einem Ast herab, landete auf seiner Schulter. „Na los, Schöne, spüre sie auf. Ricklen, Hjarti und den Rest.“
Ein zustimmendes Krähen und weg war sie. Adler stieß einen Schrei aus, erhob sich flügelschlagend in die Luft und folgte.

Aniron
13.03.2025, 04:17
Aniron hatte in ihrer Bewegung innegehalten. Viele Dinge gingen der Wehmutter durch den Kopf und durch das Herz, als sie verarbeitete, was Kisha ihr da erzählt hatte. Sie hob die Hand und legte sie auf Kishas Schulter, das Gesicht verzerrt.
„Ich kann mir kaum ausmalen, was du seit diesen vielen Jahren durchmachen musst“, sagte die eine Mutter zu der anderen. Aniron kannte die Angst, wenn das eigene Kind entrissen wurde, hatte sie das doch auch mit Runa durchmachen müssen. Doch war der Fall mit Runa anders gewesen und sie hatte bei ihrer Familie aufwachsen können – im Gegensatz zu Philile. All die Zeit, die Kisha bereits ohne ihre Tochter auskommen musste und nicht wusste, ob das Mädchen überhaupt noch lebte, und wenn ja, unter welchen Umständen, es war kaum auszuhalten.
Schwer wog das, was Kisha so völlig unsichtbar mit sich herumtrug. Sie war eine sehr stolze Person und nichts von dem, was wirklich in ihrem Herzen toben musste seit Jahren, sah man ihr an. Außer vielleicht, wenn man es wusste, wie Aniron nun. Dann erkannte man, was das Funkeln in ihren Augen bedeutete.
„Es tut mir leid, dass dir das passiert ist und ich hoffe, dass du deine Tochter findest. Auch meine Tochter, also Runa, war eines Tages plötzlich nicht mehr bei uns, als sie noch ein Säugling war. Ihr Vater hat sie zum Glück unversehrt auffinden können. An diesen Schrecken, diesen Alptraum, den man jeden Augenblick durchmacht, egal, ob man wach ist oder schläft, erinnere ich mich immer noch.“

Aniron schluckte.
„Die Mutter in mir wird dir helfen, so gut ich kann“, sagte sie.
Kisha nickte, doch Aniron ließ den Blick schweifen. Ihre Augen fielen auf eine der Kerzen, die flackerten und die Flamme rußend tanzen ließen. „Doch die Priesterin in mir sagt dir ebenfalls etwas, Kisha: Du bist jetzt eine Dienerin Adanos‘ und damit eine Dienerin des Gleichgewichtes.“ Ihr Blick wanderte zurück zu Kisha, in deren Augen sich die leuchtenden Flammen spiegelten. „In dem Moment, in dem du dich Adanos‘ Magie bedient und die Novizenrobe übergestreift hast, hast du dich selber in diese Position begeben. Also bitte ich dich zu bedenken, ob es dem Gleichgewicht dient, wenn dein Weg von Hass und Blut gesäumt wird. Bist du besser als die Sturmkrähen, wenn du sie alle umbringst? Wenn du Müttern ihre Töchter nimmst? Oder Töchter ihrer Mütter beraubst? Was, wenn sie alle tot sind? Denkst du, das kann dir die verlorene Zeit mit deiner Tochter wiedergeben? Schau in dein Herz und suche ehrlich nach einer Antwort.“
Kishas Nasenflügel weiteten sich und ihr Kiefer schien zu mahlen. Sie öffnete den Mund, doch Aniron hob die Hand.
„Das ist keine Antwort für jetzt. Lass uns etwas essen gehen und wenn der Archivar alles zusammen getragen hat, setzen wir unseren Weg nach Tooshoo fort“, sprach die Hebamme ruhig. Denn dort wartete hoffentlich nämlich Anirons Tochter und ihr Vater.

Hasso Kuettel
03.04.2025, 18:42
Den Blick zu seiner Linken gerichtet, sah man die beeindruckende Festung, die durch hohe Mauern geschützt erhöht sichtbar in der Landschaft stand. Hasso betrachtete die Schlucht zu seinen Füßen und lauschte dabei den Wellen, die immer wieder an das Ufer schwabbten, und an deren Anlegestellen derzeit ein kleines Fischerboot lag. Der Dicke, der sein Beutelchen hinter einem Lendenschutz verstaute, lenkte seinen Blick mehr auf den schmalen Weg zu seinen Füßen, der den Weg zur Burg bereitete, doch der Dicke war sich unsicher ob der Frage, wie sinnvoll es wohl sei, sich an den bereits früher erblickten Käfigen vorbei zu schieben. Schon damals wirkten die metallenen Gefängnisse abschreckend auf den Mann, der nicht wirklich aussah wie ein Mensch. Schon damals war es ihm, als würde man ihn, den Unholt hinter Gittern verbergen, zur Schau stellen, wie ein misslungenes Projekt, bei dem das Ergebnis aus grüner Grütze bestand. Da kratzte Hasso sich den behaarten Arsch und blickte an sich herunter, als bräuchte es den Blick sich darüber gewahr zu werden, dass er aus der Einöde stammte. Das Ergebnis eines Ogers, der sich mit einem Ork gepaart hatte.

Paaren war das Stichwort, Anerkennung durch die Sippe und Einfluss, Macht – all diese tollen Dinge, doch das hier war ein Himmelfahrtskommando. Es konnte doch keiner wirklich davon ausgehen, dass das Schwergewicht unversehrt zurück kehren würde. Nicht einmal Hasso glaubte dies und fragte sich nun – immer noch den Arsch kratzend – ob es nicht einfacher wäre, andernorts dem Schmarotzertum zu fröhnen. Und was war mit den Körnern? Was war an ihnen so besonders, das man ihn dafür in den Tod schickte?

Nun die Finger riechend kam der Große zu dem Entschluss, dass sie einen hohen Wert besitzen mussten. Wer dachte da noch daran, die sonderbar wertvollen Pfefferkörner den Ogern bei Rückkehr auszuhändigen? Hasso für den Augenblick nicht.

Necomar
13.11.2025, 14:26
Die Silberseeburg war ein prachtvolles Bauwerk, wobei sie so wehrhaft und altehrwürdig wirkte, als habe sie schon Jahrhunderte lang feindliche Horden abgehalten und sich bei jeder Schlacht aufs Neue bewiesen. Vor der Burg, am Fuße der Erhebung, auf der sie stand, lag bis zum Ufer ein Dorf aus Holzhütten mit einfacher Palisade, in dem ein überschaubares Leben herrschte. Fischer, Holzfäller, Jäger. Alles Untertanten König Ethorns in Stewark, unmittelbar jedoch Lord Gawaan lehnspflichtig, dem Bruder des Monarchen von Argaan.
Acarus hatte es Necomar auf der Kutschfahrt ausführlich erklärt. Hier lebten mehr Setarrifer als Stewarker oder Leute vom Silbersee, denn dies war die erste Zuflucht nach dem Fall der Goldenen Stadt gewesen. Der junge Mann bemerkte sofort, dass der Kaufmann hier wesentlich lockerer und entspannter war, als er es noch auf dem Gebiet der Stewark’schen Baronie gewesen war. Er grüßte den einen oder anderen im Vorbeigehen, erkundigte sich nach dem Wohlergehen von Kindern, Frauen, Eltern und Nachbarn, schüttelte hier und da Hände oder hielt einen kurzen Plausch. Die Kutsche hatten sie am Rand des Ortes zurückgelassen, in der Aufsicht eines Mannes, der ein winzige Stallung sein Eigen nannte. Duras hatte sich entfernt und kaufte nun im Auftrag des Händlers ein, stattete den Schmieden einen Besuch ab oder – Acarus war sich da unsicher – ging zu seiner Lieblingshure, die den alten Griesgram sicherlich schmerzlich vermisst hatte. Nun, wohl eher seinen Geldbeutel.
„Das ist ein Laster, das mit Vorsicht zu genießen ist“, erklärte der Kaufmann und sah Necomar an, der neben ihm mit dem Gehstock her humpelte, „Fressen und saufen … schaden irgendwann dem Körper, aber es ist nie vergleichbar mit dem Risiko, sich neben eine Frau zu legen.“
Er lächelte schmal. „Die größten Spioninnen der Geschichte haben sich als Mitarbeiterin dieses … altehrwürdigen Gewerbes ausgegeben. Eine Bordellbesitzerin drüben in Sendar auf Korshaan hatte mir mal erzählt, dass sie einen guten Nebenverdienst damit hat, Informationen zu verkaufen. Selbst die höchsten Generale oder die frommsten Hohepriester werden redselig, wenn sie neben einer nackten, jungen Frau liegen, die so tut, als würde die Welt nur aus dem Freier bestehen.“
Necomar nickte nur, wusste dazu aber wenig zu sagen. Natürlich hatte auch er schon bei jungen Mädels gelegen, als er selber gerade den ersten Bartwuchs entwickelt hatte. Das war in den Clans normal. Vor allem als Lehrling eines Orkjägers. Es wurde viel gebechert, ganze Wagenladungen Stollengrollen vernichtet und am Ende fand sich ein Mädchen zum Tanz … und je nach Lust und Laune für mehr. Aber Gold hatte Necomar dafür nie in die Hand genommen. Sein Lehrmeister hatte eine dezidierte Meinung zu diesem Thema gehabt. Als sein Schützling einmal ein Freudenhaus im Hafen von Vengard hatte besuchen wollen, war er windelweich geprügelt worden. Und das mit fast achtzehn Jahren.
Du willst ein nordmarischer Orkjäger werden. Du bist kein beschissener Söldner aus Myrtana oder einer dieser Assassinenhunde aus Varant. Du befleckst deine Ehre – und vor allem meine! – nicht damit, dass du dich zu einer Hure legst, weil du zu faul bist und dein Goldbeutel zu locker. Zurück zum Langschiff, du hast Wache!
Dabei musste der junge Mann wehmütig lächeln. Er vermisste den alten Griesgram. Sein Körper diente wohl als Futter für die Fische und Krabben der nahen südlichen See. Er dachte an das Gefühl, ins tosende Meer zu stürzen. Die mond- und fackelbeschienene Wasseroberfläche, wogend wie im Strudel, die sich immer weiter ausbreitende Schwärze unter, um … über ihm. Tiefer und tiefer, dem Abyss entgegen.
Das Gefühl, rote Augen zu sehen. Ein Lachen zu hören. Selbst jetzt noch, in der Erinnerung.
Wie habe ich das überlebt?
Aber eine Antwort wusste er nicht darauf. Würde er je eine erhalten?
„Herr Acarus, ich habe nachgedacht …“, begann Necomar, während er dem Mann zu der einzigen Schenke folgte, in der Einheimische saßen. Bürger, Krieger, Jäger. Einige nickten dem Kaufmann grüßend zu, andere sahen nur finster drein. Der Mann mit dem Gehstock lief im Schatten seines Retters und setzte sich mit ihm an einen Tisch. Der alte Händler lächelte wissend.
„Doch nicht nach Thorniara?“, fragte er.
Necomar schüttelte den Kopf. „Ich … es gibt Fragen, die geklärt werden müssen. Und ich hoffe, dass ich vielleicht … bei dem Volk Antworten finde, dem mein Vater lange angehört hat.“
„Gut, dass Duras das nicht hört“, schmunzelte Acarus, „Dem Waldvolk, nicht wahr? Schwarzwasser. Ein Schmugglerloch.“
Der verkrüppelte Mann hob die Schultern. „Vielleicht. Im schlechtesten Fall gehe ich in den Sumpf, werde enttäuscht und kehre zurück.“ Er faltete die Hände über der Gehhilfe, lehnte das Kinn darauf und sah an einen Punkt an einer Wand. Seufzte.
„Weißt du, Junge …“, der Händler rieb sich das Kinn, „Ich verstehe das. Du suchst eine Heimat, ganz einfach. Und ich gehe davon aus, dass deine eigentliche Heimat- Eirrin – keine sein wird. Ebenso wenig wie Myrtana oder die Clans.“
Necomar antwortete nicht darauf, was Antwort genug war.
„Gehe nach Schwarzwasser. Wie du sagtest, entweder findest du, was du suchst … oder nicht. Dann kommst du wieder. Sollte dein Weg dort in eine Sackgasse führen, heiße ich dich hier wieder Willkommen. Du wärst … ein sehr guter Lehrling, glaube mir.“
Er griff über den Tisch, reichte Necomar die Hand. Dieser schüttelte sie und nickte dankbar. „Ihr wisst nicht, was mir das bedeutet, Herr Acarus.“
Der winkte ab. „Ich mag dich, Bursche. Du suchst Antworten, was heißt, dass du dich nicht mit dem zufrieden gibst, was du hast und weißt. Du versuchst deine Situation“ – er deutete auf die Gehhilfe – „durch Wissen auszugleichen, deinen Wert dadurch zu erhöhen. Andere würden aufgeben, du aber beginnst die Waffe zu schärfen und zu nutzen, die dir von Adanos gegeben wurde: Dein Verstand.“ Er lächelte.
„Und selbst wenn du dortbleibst, Necomar, dann bitte ich dich darum, mich zu kontaktieren. Es ist immer gut, überall Freunde zu haben und … ich gebe zu, in Schwarzwasser fehlen mir welche.“ Der Händler klopfte mit der Hand auf den Tisch. „Ich kenne einen Jäger. Samur. Ein schweigsamer Kerl, aber keiner vom Waldvolk. Stammt vom Eberstein, eigentlich ein Stewarker. Der soll dich bis nach Schwarzwasser bringen. Er schuldet mir noch einen Gefallen. Es bringt doch nichts, wenn ich so große Hoffnungen in dich setze … und dich ein verdammter Ork frisst, kaum dass du in deren Wald getreten bist.“
„Orks … Wald?“
Der Händler lachte. „Oh, natürlich, es ist ihr Wald, der Orkwald. Samur wird dir alles weitere erklären, glaube mir.“
Der junge Mann lehnte sich schwer zurück.
Orkwald. Klar.

Necomar
13.11.2025, 19:34
Acarus und Necomar hatten noch ein Mahl in der Schenke zu sich genommen, zu dem sich irgendwann ein angetrunkener Duras gesellt hatte. Als der erfuhr, wohin es Necomar verschlagen würde, hatte er Bier bestellt und zwei Schnäpse, einen für sich und einen für den jungen Mann.
„Vor’n Orkwald mussu’n trinken, ‘s bring‘ Glück“
Also hatte der Nordmann den Schnaps heruntergekippt, kurz um Luft gerungen und dann wider Willen den Leibwächter des Händlers angegrinst. Der hatte ihm anerkennend zugenickt.
„Weißte, ‘ch denk‘ du bis’n Ordnung.“ Damit hatte er mit den Knöcheln auf die Tischplatte geklopft, seinen Krug mitgenommen und war gegangen. Acarus hatte nicht mehr als ein resigniertes Seufzen übriggehabt und sein Blick war dem Mann gefolgt, bis der vor die Schenke getreten war.
„Er ist gut mit dem Schwert und ein anständiger Dienstmann“, hatte er gesagt und dann zu Necomar geschaut, „Aber bei den Göttern, es gibt Tage, da verachte ich ihn, so wie er mich verachtet. Es ist schwer, einen ehemaligen Orksöldner zu mögen.“
Einen Moment hatte sich Necomar gefühlt, als würde ihm der Schnaps postwendend durch die Kehle nach oben schießen. Erschrocken hatte er Acarus angeschaut.
„Was?! Du willst mir sagen, dass … der hat für die Orks gearbeitet?“
Der Kaufmann hatte genickt. „Keiner der hochrangigen Söldner, hat in der Gegend um Trelis in einer Gruppe von Greifern – Sklavenjägern – gearbeitet. Wurden angeführt von einem … wie hatte er ihn genannt? … Weyland Sweers. War damals wohl unter diesen Greifern einer, der eine ordentliche Quote sein Eigen nennen konnte. Bis er die Seiten wechselte und seine Leute verriet. Von dem, was Duras erzählt hat, glaub ich, dass das gegen Ende des Krieges war. Er setzte sich mit seiner Truppe ab, bot sich eine Zeitlang als Mietklinge an, ehe ich ihn in diesem widerwärtigen Loch namens Braga aufgabelte.“
Der Setarrifer hatte mit der Zunge geschnalzt, als ob ihm ein übler Geschmack im Mund lag. „Hat mir erst vor wenigen Jahren – natürlich im Vollsuff – davon erzählt. Das war nach Setarrifs Fall und ich war angewiesen auf seine Dienste.“
Danach war Necomar in Schweigen verfallen, ehe ein düster blickender Mann an den Tisch getreten und sich knapp als Samur vorgestellt hatte.

Nun stiefelte Necomar hinter dem Mann her, wobei ihn sein Bein und die Krücke etwas behinderten. Der Jäger vom Eberstein hielt mit seiner Meinung über das Tempo nicht hinterm Berg, als wäre es Necomars Schuld, dass er diese Probleme mit dem Ding hatte. Sicher, in gewisser Weise war das verschandelte Bein eine Summe seiner Taten, aber das bewegte sich alles im Bereich moralischen Philosophierens.
„Ich will rasch durch den Wald. Bei Nacht.“, knurrte Samur, wandte sich halb um und trieb ihn mit einer Geste an. Er war kleiner als Necomar, gut zwei Köpfe, und war von schlanker Gestalt, ganz der Jäger, der sich lautlos durchs Unterholz schleicht. Ein abgegriffener Bogen und ein Langmesser waren seine Bewaffnung, wirkten aber vom Gebrauch gezeichnet … aber gepflegt.
„Wieso bei Nacht, Herr Samur?“, fragte Necomar etwas atemlos, während er versuchte, das Tempo zu halten. Der Jäger sah ihn verächtlich an.
„Kein Herr, Junge. Ich bin Samur, fertig. Das Herr spar dir für deinen Freund, den Händler.“ Die Art, wie Samur die Worte aussprach, überraschten den Nordmann. In ihnen schwang einerseits eine nicht überhörbare Portion Abneigung mit, aber auch etwas Verzweiflung. Als könne der Mann den Beliar höchstselbst deuten, aber nichts dagegen tun.
„Ist er denn …“ Necomar keuchte kurz. „… kein Händler? Kutsche, Leibwächter, Handel.“
Samur lachte abfällig. „Hat dir nichts von erzählt, was? Hab Schulden bei ihm.“
„Das sagte er.“
„Ich kenn Fischer aus Stewark. Gute Leute, fahren oft zur See. Weißt du, was ein Hai ist?“
Necomar nickte mehrmals. Er kannte die Kreaturen. Im Vengarder Hafen hatte er mal einen gesehen, den Fischer auf hoher See gefangen hatten. Der riesenhafte Körper hatte fast das Gestell einbrechen lassen, an dem er hing. Er erinnerte sich an die Gestalt, geschaffen, um durch den Ozean zu schneiden wie ein Messer. Mehrere Zahnreihen rasiermesserscharfer Klingen … und große, schwarze Augen.
„Kennste deren Augen? Solche hat der vornehme Händler Acarus. Keine Emotion, wenn er sein wahres Wesen zeigt. Sie mustern dich und du weißt nicht, was dahinter vorgeht. Acarus ist ein Schauspieler, auf gewisse Weise. Mal der rechtschaffene Händler, mal der Schmuggler und mal der Kreditgeber. Duras – sein Handlanger – hat mehr als einem Schuldner die Rippen gebrochen, weil er nicht zahlen konnte oder wollte. Was meinst du, warum ich sofort gesprungen bin, als er rief: Spring!“
„Aber er macht …“
Samur lachte nun offen spöttisch. „Nicht den Eindruck? Scheiße, Bursche, das ist der Sinn der Sache. Er gibt sich freundlich, zuvorkommend, höflich. Lullt dich ein, schenkt dir vielleicht sogar was, tut dir einen Gefallen. Und dann … greift er zu. Gegenleistung um Gegenleistung, eine Spirale. Am Ende bist du ihm verpflichtet oder tot.“
Necomar wurde speiübel. Die gemeinsame Reise aus Stewark, das gebrochene Brot, die Gespräche und Unterweisungen, das Mahl am Silbersee. Das Angebot, welches nun … fast drohend wirkte. Vielleicht würde der junge Mann gar keine andere Wahl haben, als in Schwarzwasser zu bleiben …
„Aber“, seine Stimme klang selbst in seinen Ohren heiser und etwas verloren, „was ist mit der nächtlichen Reise durch den Wald? Das ist doch gefährlich …“
„Die Grünfelle vom Karrek sind fast alle in Setarrif. Zumindest die Großen und Gefährlichen. Am Karrek sind Weiber, Welpen und Alte geblieben. Auch gefährlich, aber die machen in der Nacht keine Jagd auf Reisende.“ Samur spuckte aus. „Gibt aber genug andere Gefahren, glaub mir. Deswegen will ich schnell auf den bekannten Wegen da durch. Ab den Sümpfen wird’s sicherer.“
Necomar lachte jetzt fast verzweifelt. „Ein sicherer Sumpf?“
„Lach nicht, Junge. Die vom Waldvolk passen auf ihr Gebiet auf. Du siehst die Leute zwar nicht, aber die Jäger und Waldläufer achten auf einen. Und ab den Stegen sind öfter die Wächter unterwegs, sowas wie die Dorfmiliz dort. Auf die kann man sich verlassen, deren Hauptmann ist ein bekannter Krieger.“
Der Nordmann lächelte abfällig in Samurs Rücken. Viele Leute bezeichneten sich gerne als große Krieger und waren am Ende nur Dummschwätzer, Milchtrinker oder Wahnsinnige. „Und wie heißt dieser bekannte Kriegerhauptmann?“
„Ryu Hayabusa. Einer aus Silden.“
Nun war es an Necomar, die nächsten Minuten und Meter zu schweigen. Das war tatsächlich ein Name, an den er sich erinnerte. Und eine Gestalt, an die er sich erinnerte. Kein Riese, kein Eisenbeißer wie sein Vater … aber jemand, bei dem das Ziehen der Klinge ein sicheres Versprechen für den Tod war.
„Weiter jetzt, Junge!“