View Full Version : Auf dem Meer #11
Ravia lief mit den Bronzenadeln in der Hand über das Deck, während der erste Lichtstrahl der Morgendämmerung den Horizont färbte. Die kühle Morgenluft strich über ihre Haut, und das sanfte Rauschen der Wellen beruhigte sie ein wenig. Doch ihr Verstand arbeitete fieberhaft, als sie überlegte, wie sie das Schloss der Schatulle knacken konnte.
Die Nachtwache war ereignislos verlaufen, und jetzt, da ihre Schicht vorbei war, wollte sie die Zeit nutzen, um das Geheimnis der Schatulle zu lüften. Sie erreichte ihre Kabine und setzte sich auf den schmalen, hölzernen Boden neben ihrer Seemannstruhe. Das erste Licht des Tages sickerte durch kleine Ritzen im Holz des Rumpfes und kleine Staubartikel tanzten in den goldenen Strahlen. Sie holte den Schlüssel ihrer Truhe hervor und betrachtete ihn eingehend.
Der Schlüssel war recht klobig und unscheinbar, doch er hatte eine bestimmte Form, die nahezu perfekt in das Schloss ihrer Truhe passte. Die Piratin drehte ihn langsam zwischen ihren Fingern und versuchte, sich vorzustellen, wie die inneren Mechanismen des Schlosses funktionierten.
Wenn ich den Schlüssel drehe, bewegt er sich ohne Widerstand im Schloss bis er eine halbe Drehung hinter sich hat. Dann spürt man wie sich etwas bewegt und die Truhe öffnet sich, dachte sie, Vielleicht kann ich das irgendwie nachahmen.
Mit dieser Vorstellung nahm sie eine der Haarnadeln zur Hand. Sie war aus glänzender Bronze, fein gearbeitet und doch stabil genug, um als improvisiertes Werkzeug zu dienen. Vorsichtig führte sie die Haarnadel in das Schlüsselloch ihrer Truhe ein. Sie fühlte, wie der Metallstab auf Widerstand stieß, und versuchte, die Nadel so zu bewegen, dass sie die Stifte im Schloss erreichen konnte. Einfacher gesagt, als getan, denn das Kleinod war länger als der Schlüssel und der Winkel schränkte ihren Bewegungsradius stark ein.
Langsam, ganz langsam, ermahnte sie sich und bewegte die Haarnadel vorsichtig hin und her.
Sie spürte, wie sie an dem harten Metall im Innern des Schlosses entlangglitt, doch nichts geschah. Scheinbar waren dies die Sperren im Innern des Schlosses, welche durch die Form des Schlüssels umgangen werden.
Was mache ich falsch? fragte sie sich und biss sich auf die Lippe vor Konzentration.
Sie zog die Nadel heraus und betrachtete das Schlüsselloch erneut, versuchte, sich die genaue Form der Stifte und den Mechanismus vorzustellen und irgendwas im schwachen Licht zu erkennen, dass sie auf die richtige Spur führen würde.
Wieder führte sie die Haarnadel ein und versuchte es erneut. Diesmal drückte sie die Nadel leicht nach oben und versuchte, unter den Sperren hindurch zu kommen. Doch die Nadel rutschte ab und verkantete sich in einer Ecke des Mechanismus. Ravia spürte eine Welle der Frustration.
Es kann doch nicht so schwer sein, dachte sie und schaffte es unter hektischen Bewegungen die Nadel zu befreien, welche jedoch offensichtliche Kratzer und leichte Dellen im Material aufwies. Offenbar war Bronze in Schmuckstücken nicht sonderlich hart und ausdauernd. Im schlimmsten Fall würde sie Saarina neue Haarnadeln besorgen müssen.
Minuten vergingen in denen die bisher sehr unerfolgreiche Schlossknackerin weitere Versuche unternahm, ihre eigene Truhe ohne Schlüssel zu öffnen. Sie versank völlig in ihrer Aufgabe, dachte an die Schatulle, die geheimnisvoll und verschlossen auf ihrer Koje lag. Der Gedanke an den möglichen Inhalt – wertvolle Schätze, wichtige Dokumente oder vielleicht sogar etwas Magisches – spornte sie weiter an. Sie wusste, dass sie Geduld und Geschick brauchte, um das Schloss zu knacken, und dass insbesondere Ersteres nicht zu ihren Stärken gehörte.
Schließlich legte sie die Haarnadel beiseite und atmete tief durch.
Ich werde es schaffen, aber ich brauche mehr Übung, entschloss sie und legte sich kurz auf das schmale Bett, um ihre Gedanken zu ordnen. Während das sanfte Licht der Morgensonne den Raum erhellte, wusste Ravia, dass sie nicht aufgeben würde. Es war eine Herausforderung, die sie meistern wollte, und sie war entschlossen, es zu lernen. Doch noch immer schienen sich ihre Gedanken nicht um das Kernproblem winden zu können. Wieso kam sie mit der Nadel nicht tiefer in das Schloss hinein?
Prinzipiell war ihr bewusst, dass ohne die richtige Form am Bart des Schlüssels kein vorankommen war, doch das Schloss war so groß, dass sie erwartet hatte, irgendwie die Sperren und Widerstände im Innern umgehen zu können. Bisher hatte sie auch nur eine Nadel verwendet, denn sie bezweifelte, dass eine Zweite ihr in diesem Fall geholfen hätte. Was also tun?
„Alle Mann an Deck!“, schallte es durch die Planken unters Deck, wo sie sich derzeit allein befand.
Nach einem kurzen Augenblick des Zögerns und Unwillens, schwang sie sich aus ihrer Koje, öffnete ihre Truhe mit dem Schlüssel – wenn es doch nur mit den Nadeln so einfach wäre – und verstaute die Schatulle darin, bevor sie die Treppe nach oben erklomm.
Arus und Naut standen auf Achtern, während sich die Mannschaft auf dem Hauptdeck sammelte und darauf wartete, was angekündigt wurde. Vermutlich das nächste Ziel ihrer Reise, denn seit ihrem erfolgreichen Überfall, hatte sich der Kapitän rar gemacht und viel Zeit mit Konan und Xuros verbracht, während sie Fahrt nach Westen gemacht hatten. Khorinis dürfte in weniger als einem Tag vor ihnen am Horizont auftauchen, wenn Ravia die Tage richtig gezählt hatte und der Wind ihnen gewogen gewesen war.
„Es wird eine kurze Ansprache, Freunde!“, rief Arus, als sich alle versammelt hatten, „Ich bin stolz auf uns!“, donnerte er und Jubel war seine Antwort, „Wir haben eine große Prise erbeutet und jene, die ihr Leben dafür ließen, werden nicht vergessen werden!“
„Aye!“, riefen einige der versammelten Piraten.
„Seid euch sicher, dass wir eine Weile gut davon leben werden können. Doch dafür müssen wir den feinen Wein der reichen Pinkel erst in Gold und Silber eintauschen. Die Verträge, die wir auf der Kogge gefunden haben, waren für Abnehmer in Bakaresh gedacht. Das ist unser nächstes Ziel!“
Gemurmel raunte durch die Menge, einige aufgeregt, andere mit einem wissenden Lächeln, als hätten sie geahnt, wo es hingehen würde.
„Bleibt wachsam! Es ist myrtanisches Gebiet, selbst wenn die Varanter gern anders denken!“
Damit war die Ansprache vorüber und Arus nahm wieder seinen Platz am Ruder ein. Ravia hingegen spürte eine Aufregung in sich aufkeimen.
Varant, dachte sie, Es ist lange her, aber endlich kann ich wieder Bakaresh besuchen!
Duftöle, feine Stoffe und die süßesten Gebäcke waren ihr in Erinnerung geblieben, wenn sie an die weite Wüste im Süden des Festlands dachte. Und die Musik, oh die Musik und der Tanz dort!
„Aha!“, rief Ravia triumphierend und weckte damit einen ruhenden Seemann, der sich grummelnd in seiner Koje umdrehte und ihr damit den Rücken zudrehte.
„‘Tschuldige, Jack!“, trällerte sie viel zu fröhlich, als sie erkannte, dass es Jona war, der dort lag.
Die Freude lag jedoch nicht darin begründet, dass es einer der Neulinge war, deren Schlaf sie nach der Hundswache gestört hatte, sondern dass sie endlich verstanden hatte, wie das Schloss ihrer Seemannstruhe funktionierte – glaubte sie jedenfalls. Unzählige Male hatte sie jetzt den Schlüssel immer wieder ins Loch geführt und gedreht. Mal langsam, mal schnell, mal nur ein Viertel und dann wieder so weit, dass sie auf den mittlerweile sehr vertrauten Widerstand stieß, über den sie sich zuvor nie wirklich Gedanken gemacht hatte.
Dabei hatte sie unentwegt an dem Schlüssel vorbeigeschaut, in das größere Schlüsselloch. Sonderlich viel sah man dabei zwar nicht, da ein Großteil des Lochs natürlich durch besagten Schlüssel eingenommen wurde, doch sie glaubte endlich etwas gesehen zu haben. Eine Art Metallspange, die sich bewegte, sobald sie eine halbe Drehung mit dem Schlüssel hinter sich hatte. Mittlerweile kam ihr das Wort Schlüssel gar nicht mehr wie ein Wort vor, so oft wie sie es in den letzten Tagen gedacht hatte. Es war ein wenig so, wie wenn man immer wieder ein Wort wiederholte, bis es nichts weiter war als ein Geräusch ohne Bedeutung. Wenn sie nicht aufpasste, würde es ihr mit dem Wort Wort bald ebenso ergehen.
Noch etwas anderes war ihr bei dieser Entdeckung aufgefallen. Etwas, das ihr ebenso unbewusst gewesen war, wie der Widerstand innerhalb des Schlosses. Wann immer Ravia ihre Truhe öffnen wollte, drückte sie bereits den Deckel nach oben, noch während sie den Schlüssel drehte. Daher vermutete sie, dass das Bewegen der Spange etwas freigab, was den Deckel sich anheben ließ. Das würde also heißen, dass sie beim Versuch das Schloss zu knacken, ebenfalls Druck auf den Deckel ausüben musste.
Mit zusammengepressten Lippen führte sie die Nadel in das Schlüsselloch und versuchte dabei irgendwie an den Sperren im Innern vorbeizukommen. Von unten klappte es nicht, aber was, wenn sie die Hindernisse im Schloss einfach umgehen konnte, indem sie ihr Werkzeug so hereinsteckte, dass es gar nicht an ihnen vorbei musste?
So vorsichtig und präzise wie möglich steckte sie den Bronzestab in einem steilen Winkel zwischen das Gehäuse und die Sperren.
Jetzt noch nach rechts hebeln, kommentierte sie in Gedanken ihr eigenes Vorgehen.
„Ravia? Ah, da bist du! Käpt’n Arus will dich sehen.“
Erschrocken zuckte die Piratin zusammen und die Haarnadel sprang durch die unbedachte Bewegung aus dem Schloss und kam mit einem dumpfen Klirren auf dem Holzboden auf, wobei sie beinahe zwischen zwei Planken hindurchfiel. Glücklicherweise war sie schnell genug gewesen, um einen Abstecher in die Bilge zu verhindern.
„Laana!“, fluchte sie wüst und warf den Kopf in die Richtung von Pakko, der sie abgelenkt hatte, ein wütendes Funkeln in den Augen.
„Hey, schau mich nicht so an! Ich bin nur hier, um den Befehl vom Käpt’n zu überbringen“, hob er unschuldig die Hände.
Die Blonde schnalzte genervt mit der Zunge und steckte sich die Nadel, welche durch die gewaltsame Behandlung leicht verbogen worden war, ins Haar. Nur als temporärer Aufbewahrungsort gedacht, trug es nichts zu ihrer Frisur bei. Ravia erhob sich aus ihrer sitzenden Position und schüttelte die steifen Glieder. Wie lange hatte sie wieder vor ihrer Truhe gehockt? Warum musste Pakko sie gerade jetzt ablenken, wo sie ein so gutes Gefühl bei ihrem Vorgehen hatte?
Ohne ein weiteres Wort schob sie sich an ihm vorbei. Seine Hand zuckte, als wollte er sie am Arm greifen, sie aufhalten, doch er tat nichts dergleichen. Für den Bruchteil eines Augenblicks bedauerte die Piratin seine Untätigkeit, doch dann wusch ihre Wut das Gefühl beiseite und sie stapfte die Treppe hinauf zum Deck.
Ihr erster Blick ging direkt nach Achtern, doch am Steuer stand Saarina, die ihr lediglich zunickte, was sie nach kurzem Zögern erwiderte. Wenn ihr Baba nicht dort war, musste er in seiner Kajüte sein. Die paar Schritte zur Tür legte sie mit energischen Schritten zurück, wobei sie ihren Kameraden, die heute für die Deckmannschaft eingeteilt waren, gekonnt auswich, wenn sie an ihnen vorbei musste.
Mit einem beherzten Klopfen – oder wohl eher einem verstimmten – kündigte sie sich an und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten.
Die Kapitänsunterkunft war sichtlich überfüllt. Zwei riesenhafte Torgaaner, Arus und Xuros, der nicht weniger beeindruckende Konan und Naut, der trotz seiner Körperfülle winzig neben den drei Hünen wirkte. Mit Ravias Erscheinen war kaum Platz um auch nur zwei Schritte zu gehen und sie war mit Abstand die schmalste und kleinste hier.
„Du hast nach mir schicken lassen, Käpt’n?“, fragte sie leicht verschnupft.
„Ah, Ravia! Ja, es geht um unsere Ankunft in Bakaresh. Du weißt ja, wie wir sonst vorgehen?“, kam Arus direkt zum Punkt.
„Den Hafenmeister bestechen, damit er darüber hinwegsieht, dass nicht unsere Unterschrift unter den Verträgen für die Waren steht. Naut macht den ursprünglichen Käufer ausfindig und ich schaue, ob es bessere Angebote für die Prise gibt“, fasste sie mit so schneller Wortfolge zusammen, dass sowohl Konan als auch Xuros zweimal blinzelten.
Vermutlich hatten sie ihr nicht folgen können, doch der Kapitän sowie Quartiermeister hatten sich daran gewöhnt.
„Gut, sprich dich mit Naut ab und geh noch einmal den ganzen Papierkram durch“, wies er sie an und wandte sich dann wieder den beiden Gästen zu.
„Du weißt ja, wie das abläuft, Ravia“, grüßte der alte Myrtaner sie beiläufig ohne von einem der Verträge aufzusehen.
„Aye, hast du die Ladungsliste irgendwo hier?“, fragte sie und bedankte sich, als er sie ihr reichte.
Das wäre es wohl erstmal gewesen mit ihren Versuchen das Schloss der Seemannstruhe aufzubrechen. Diese Arbeit war sehr zeitintensiv und forderte viel Konzentration. Wenn sie die richtigen Abnehmer finden wollte, dann würde sie die richtigen Köder auslegen müssen.
Die Ladungsliste wies mehrere Kisten hochwertigen Weins von Archolos auf. Die verschiedenen Weingüter waren mit aufgeführt, was es ihr als Laie auf dem Gebiet deutlich einfacher machte. Außerdem hatte die Joka nun auch Blaufliederhonig und zu ihrer Freude einige Ballen Seide geladen. Seide von den Inseln des Östlichen Archipels galt als äußerst beliebt unter den gut betuchten Einwohnern Varants und wenn sie es klug anstellte, würde sie vielleicht selbst ein wenig des sanften Stoffes behalten können. Er fühlte sich einfach wunderbar auf der Haut an und…
Keine Zeit jetzt darüber nachzudenken, schüttelte sie den Kopf und begann sich die exakten Zahlen auf der Liste einzuprägen, ehe sie sich den Verträgen widmen würde.
Berash war mit Ravia an Deck gegangen, nachdem sie seine Fragen beantwortet hatte. Ein paar Wochen also. Nun gut, dachte er bei sich, das würde er schon überstehen.
An Deck war das wilde Treiben zu beobachten, dass bei einem auslaufenden Schiff immer zu sehen war. Ein gut abgestimmtes Durcheinander, bei dem Männer und Frauen ihren Aufgaben nachgingen.
Befehle wurden gebrüllt, Segel wurden gehisst und langsam nahm das Schiff genug Fahrt auf, dass Bakaresh hinter ihnen immer kleiner wurde. Bei den Göttern, endlich war er hinaus aus der Stadt. Und während die salzige Seeluft die letzten Reste vom Gestank des Hafens aus seiner Nase trieb, verspürte der Assassine einen kleinen Stich der Wehmut.
Ja, Bakaresh war nicht gut für ihn gewesen am Ende. Aber es hatte auch schöne Zeiten dort gegeben, zumindest früher. Die gemeinsame Verbundenheit der Assassinen hatte ihn immer mit Stolz erfüllt. Sie waren sicherlich keine Armee gewesen, die für ein übergeordnetes Ziel fochten im Vertrauen auf ihren König.
Stattdessen waren sie ein Bund von Gleichgesinnten, erfüllt von einem einzigen Wunsch: Freiheit. Und auch wenn Berash das nun stark romantisierte, manchmal wünschte er sich doch diese einfacheren Zeiten zurück. Aber dieses Kapitel wurde nun endgültig geschlossen, während sie hinaus aufs offene Meer fuhren.
Berash hörte Ravia nur halb zu, während er mit nachdenklicher Miene in Richtung des verschwindenen Bakareshs blickte. Stattdessen holte er ein Lederband aus seiner Manteltasche und band sich die langen Haare zu einem Zopf, da der Wind ihm das offene Haar immer wieder ins Gesicht bließ. Vermutlich würde er dies jetzt die nächsten Wochen beibehalten müssen.
"Am Rand gehen, der Mannschaft aus dem Weg und der Bug ist in Ordnung." Zählte Berash auf. "Das bekomme ich hin."
Doch was sollte das heißen, körperliche Ertüchtigung? Sicher, sein Körper war nicht mehr das, was er vor Jahren mal gewesen war, aber hielt Ravia ihn für so klapprig? Ein paar Wochen ausreichende Ernährung und Schlaf, bei dem man nicht mit einem offenen Auge ruhen musste und Berash würde zumindest etwas gesünder wieder aussehen.
Er blickte skeptisch und zog eine Augenbraue nach oben.
"Körperliche Ertüchtigung, hm? Seh ich wirklich so alt aus?"
„Ihr seid sicher nicht mehr der Jüngste, aber der Witz ist leider deutlich schlechter gealtert“, feixte sie auf seine Frage hin.
Sie hatte nicht erwartet, dass er sie falsch verstehen könnte, doch Gelegenheiten für verbale Sticheleien musste man am Schopfe packen sonst würden sie bloß zu einem zurückkehren und man wäre stattdessen das Ziel des nächsten Scherzes.
„Was ich damit sagen wollte, ist, dass einige Wochen auf See sehr lang sein können, wenn man auf nichts weiter starren kann, als das Meer, den Ozean und die Wellen, sobald man sich am Treiben der Crew sattgesehen hat“, klärte sie das Missverständnis auf.
Es gab nun einmal nicht viel zu tun, wenn man keine Arbeit zu erledigen hatte und ein Passagierschiff war die Joka La Maji bei Weitem nicht. Ravia hatte mal von Schiffen gehört, die sogar Spiele an Deck für die Reisenden bereitstellten. Das musste ein riesiger Kahn sein, wenn sie dabei der Mannschaft nicht in die Quere kämen. Gut, ab und an konnte man einige Delfine oder Glattwale beobachten, die im hereinbrechenden Winter gen Süden wanderten, doch das war kein alltägliches Vorkommen.
„Viele an Bord greifen in ihrer freien Zeit zum Rum, um sich die Reise zu versüßen, andere Würfeln um Gold oder einfach um zu gewinnen und ab und an gibt es eben jene, denen die Arbeit fehlt, weswegen sie sich auch in ihren Freischichten körperlich betätigen wollen. Ihr kamt mir bisher nicht wie der typische Trunkenbold vor, außerdem ist der Rum am Anfang einer Reise stark rationiert, da die Motivation noch hoch und das Wasser noch frisch ist“, führte sie ihre Gedanken aus, „Wenn Ihr spielen wollt, seid Euch sicher, dass es hier einige Schlitzohren an Bord gibt und Ihr wollt Argaan ja nicht mit keinem Kupferstück in der Tasche betreten, oder?“, warnte sie ihn.
Ravia schaute noch einmal zurück auf Bakaresh. Am Hafen waren die Menschen bereits nichts weiter als kleine dunkle Flecken, die sich bewegten, doch sie stellte fest, dass auch eines der Marineschiffe im Begriff war auszulaufen. In der Takelung waren offenbar Matrosen beschäftigt damit die Segel zu befreien.
„Ich habe noch etwa sieben Glasen, ehe ich mich an die Arbeit machen muss“, meinte sie dann und schaute wieder zu Berash, er sich einen Zopf gebunden hatte, „Oh, neuer Lebensabschnitt, neue Frisur?“, fragte sie und grinste breit.
Dabei fiel ihr ein, dass sie noch die Bronzenadeln im Haar trug und sie musste feststellen, dass es ihr Gesicht besser freihielt, als das übliche Tuch. Allerdings schmerzte ihr Kopf nach einiger Zeit, wenn sie die Haarnadeln benutzte. Voraussichtlich würde sie wechseln, sobald ihre Schicht begann.
„Also? Möchtet Ihr noch etwas wissen?“
"Ja, was sind glasen?" Berash schmunzelte, als Ravia die merkwürdige Zeiteinheit nannte, mit der sie hier rechneten. Oder zählten, je nachdem, wie man es sah. Es war auf jeden Fall ein sehr komischer Begriff. Und in seinem bisherigen Leben hatte der Assassine noch nicht das Vergnügen gehabt, sich mit einem Mitglied der Mannschaft zu unterhalten.
Auf seinen früheren See-Reisen hatte meist eine ziemliche Distanz zwischen der Crew und ihm als Passagier geherrscht. Zum einen natürlich, weil er als Passagier nicht irgendwie im Weg herum stehen sollte, aber zum anderen hatte es sicherlich auch an seiner Aufmachung gelegen. Viele Leute waren misstrauisch gegenüber Menschen, die ihr Gesicht komplett verhüllten.
Und Berash hatte nicht umsonst den Titel "der Verhüllte" getragen.
"Danke für den Hinweis, aber ich spiele nicht. Auch wenn ich weiß, dass es unter Seeleuten, Soldaten und Söldnern ein beliebter Zeitvertreib ist, ich sehe darin keinerlei Sinn." Er zuckte mit den Schultern.
"Entweder muss man sich komplett auf sein Glück oder seine Fingerfertigkeit verlassen um zu gewinnen. Und dann gibt es natürlich immer noch die Leute, die ihrem Glück nachhelfen. Da stehen mir die Chancen zu schlecht um daran Freude zu haben."
Er hatte schon so manch eine Geschichte über Menschen gehört, die ihr komplettes Hab und Gut verzockt hatten, nur weil sie glaubten, dass sie all ihre Verluste wieder herein holen konnten. Um am Ende doch nackt und zusammen geschlagen in der Gosse aufzuwachen. Darauf konnte Berash getrost verzichten.
Gut, hier würde er sicherlich nicht nackt in der Gasse aufwachen, aber wusste schon, wie nachtragend Seeleute sein konnten?
Berash musste aber zugeben, dass er nicht daran gedacht hatte, wie langweilig eine Seereise sein konnte. Er konnte an einer Hand abzählen, wie oft er über das offene Meer gefahren war. Als er damals noch als Emir unterwegs gewesen war hatten die Schiffe meist die Küstennähe nicht verlassen. Einmal war er nach Khorinis gereist und dann waren da noch die Hin- und Abreise von Argaan gewesen. Doch auf der Hinreise war das Schiff mit Flüchtlingen überfüllt gewesen und er selbst abgelenkt durch seine feige Flucht. Und an die Rückreise zum Festland konnte er sich kaum erinnern, wie an so vieles in den letzten Jahren.
"Gut, ja. Rum gibt mir nicht viel und vermutlich sollte ich wieder etwas tun. Die letzten Jahre waren..." der Assassine winkte ab. Das war etwas für eine andere Gelegenheit.
"Gibt es unter eurer Mannschaft vielleicht auch ein oder zwei erfahrene Fechter? Mein letzter Kampf hat mir gezeigt, wie sehr ich doch aus der Form gekommen bin."
„Ah, samahani!“, entschuldigte sie sich, „Glasen sind ein Durchlauf des Sandes in der Sanduhr da vorne“, sagte sie und deutete auf das entsprechende Instrument, „Ungefähr eine halbe Stunde“, konkretisierte sie die Maßeinheit.
Ravia wandte den Rücken zur Reling und stützte sich mit den Unterarmen darauf ab, den Kopf zur Seite gedreht, Blickrichtung Bug. Der Wind fühlte sich gut an auf ihrer Haut und trotz des gebändigten Haares tanzten einige lose Strähnen in der Brise.
„Glücksspiel ist nicht für jeden was, aber ich mag es, die Mitspieler zu beobachten, herauszufinden, wie sie denken, was ihre Ticks sind und auf welche Weise man sich Vorteile erspielen kann. Es ist ein wenig wie das Handeln“, meinte sie und fand es schade, dass es Berash vermutlich nicht überzeugen lassen würde, mit ihre eine Partie Würfel zu spielen, „Gezinkte Würfel hingegen sind nur für solche, die kein Vertrauen in sich haben!“
Sie wandte ihren Kopf wieder zu Berash, der sich erstaunlich gut hielt trotz des Seegangs.
„Ihr schwankt gar nicht, trotz der recht holprigen Fahrt“, merkte sie an und lächelte leicht, „Die meisten haben Probleme damit und einige hängen bei ihrer ersten Schiffsreise mehr über der Reling, als selbst ein abgehärteter Matrosenmagen ertragen kann.“
Auf seine letzte Frage hin, hob sie überrascht die Augenbrauen.
„Ihr wollt eure Fechtkunst aufbessern? Dann seid Ihr wahrlich auf dem richtigen Schiff, Berash“, sagte sie und grinste mittlerweile breit.
Wäre es schlimm, wenn er jetzt erfahren würde, dass die Joka ein Piratenschiff war und Kapitän Arus ein vom myrtanischen Reich gesuchter Verbrecher war, wie wohl auch einige andere an Bord? Bakaresh war bereits zu weit weg, als dass der Weißhaarige zurückschwimmen könnte, aber vermutlich sollte er es selbst zu dem Schluss kommen, dass dies kein Handelsschiff war. Eine zu zahlreiche Mannschaft, das Fehlen einer neuen Ladung Waren, die sie anderswo verkaufen konnten und die eher ruppigen Umgangsformen, die er noch kennenlernen würde, waren alles recht vielsagende Hinweise.
„Die meisten hier wissen sich zu verteidigen und einige rühmen sich meisterlicher Fähigkeiten. Allerdings bin ich keine davon. Aber wenn Ihr einen Übungspartner sucht, dann kann ich für Pakko“, sie deutete auf den drahtigen Torgaaner, der auf der anderen Seite des Decks beschäftigt war, „Naut den Quartiermeister und Saarina, unsere Navigatorin bürgen. Allerdings würde ich Euch empfehlen niemanden von ihnen ernsthaft zu verletzten.“
Es gab gewisse Regeln an Bord, wenn es um Übungskämpfe ging. Immerhin nahm sie ab und an auch mit ihrem Messer teil. Keine Angriffe, die den Kontrahenten arbeitsunfähig oder gar töten konnten, kein nachträglicher Groll und keine Kämpfe während voller Fahrt.
Berash bedankte sich nickend, als Ravia ihm den Begriff 'glasen' erklärte. Warum sie nicht einfach Umdrehungen einer Sanduhr sagten, das musste ein anderer klären. Manche Dinge waren halt einfach so.
"Es geht doch am Ende nur darum, die Bewegungen der Wellen auszugleichen, oder?" fragte der Assassine verwundert, als die junge Frau ihn auf sein gutes Gleichgewicht ansprach. Es war schließlich nicht seine erste Reise auf einem Schiff.
"Lasst uns abwarten, ob es nicht noch einen Sturm gibt oder dergleichen, dann könnte es auch gut sein, dass ich mich zu denen geselle, die gerne die Fische füttern." schmunzelte er.
Gut, vielleicht wollte Ravia auch einfach nur anmerken, dass es sie überraschte, weil sie anderes gewohnt war. Berash konnte nur ratlos mit den Achseln zucken. Für ihn war es eben vollkommen normal, sein Körper reagierte mittlerweile einfach nur noch. Aber er hatte dafür auch einiges getan. Auch wenn er, wenn er ehrlich mit sich selbst war, in vielen Dingen eingerostet war. Vielleicht wäre ein wenig körperliche Ertüchtigung auf der Reise nach Argaan doch nicht verkehrt.
Das es einige hier gab, die sich aufs Kämpfen verstanden, überraschte Berash kaum. Händler mussten schließlich immer damit rechnen, dass sie unterwegs üblen Zeitgenossen begegneten, wie zum Beispiel Piraten. Da war eine wehrhafte Mannschaft sicher nicht verkehrt. Auch wenn es, so fand es Berash, irgendwie sehr viele Menschen auf einem Handelsschiff waren. Aber er war kein Seemann, dementsprechend wusste der Assassine auch nicht, ob es nicht dafür einen triftigen Grund gab.
"Keine Sorge, ich möchte niemanden ernsthaft verletzen, schließlich ist ein Schiff auf jedes Mitglied der Mannschaft angewiesen. Ein Ausfall des Quartiermeisters oder der Navigatorin wären sicherlich nicht gut für die Reise und die Stimmung eures Kapitäns mir gegenüber."
Ravia musste lachen, als Berash den Wellengang und das Ausgleichen eben diesem so leichtfertig abtat.
„Ihr tut so, als wäre es das Einfachste auf der Welt, aber ich habe mehr als einen gestandenen Mann gesehen, der auf einem Schiff herumgetorkelt ist wie ein Kleinkind. Mir selbst kommt es zum Beispiel immer komisch vor, wenn ich nach einer langen Reise auf Landgang bin. Mein Körper scheint dann immer noch die Wellen ausgleichen zu wollen und man sieht unweigerlich so aus, als wäre man ein Schweinebauer“, grinste sie und deutete eine übermäßig O-beinige Gangart an.
Doch wo er von Sturm sprach. Die Herbststürme waren tatsächlich nicht zu unterschätzen, doch vermutete sie eine ruhige Fahrt bis knapp hinter den Sonnengürtel. Wenn Beliar ihr die Worte der Vortage übelnahm, würden sie aber vielleicht im Süden den Preis dafür zahlen.
„Möge Adanos uns gnädig sein und die Stürme Beliars fernbleiben“, murmelte sie leise zu sich selbst, unsicher, ob der Weißhaarige sie gehört hatte.
Die Piratin hätte sich zwar nicht als gläubig bezeichnet, aber es schadete sicherlich nicht, um etwas Beistand zu bitten, wenn es einen nichts kostete, außer einiger Worte an den Wind.
„Das habt Ihr ganz richtig erkannt“, merkte Ravia an, „Jedes Paar Hände wird gebraucht.“
Ihr Blick wanderte die Takelage empor, bis sie das Krähennest erblickte. Sie fragte sich, ob eines der myrtanischen Schiffe ihnen folgte, doch sie bezweifelte es. Sie wusste gerade nicht, wer oben im Ausguck saß, aber Der- oder Diejenige würde sich schon melden, wenn Probleme am Horizont auftauchten.
„Sagt mir, Berash“, begann die blonde Frau mit plötzlich tonloser Stimme, „Was würdet Ihr tun, wenn ich Euch sage, dass dies gar kein Handelsschiff ist?“
Sie löste ihre dunklen Augen vom Krähennest und bohrte sie in seine Eisblauen, bevor sich ihr Ausdruck milderte.
„Rein hypothetisch natürlich“, versicherte sie, „Da Ihr recht verschlossen seid, was Eure Vergangenheit angeht, könnten wir ja mit Gedankenspielen der Gegenwart und Zukunft beginnen, wenn Ihr Interesse habt. Wenn nicht, lasse ich Euch fürs Erste in Ruhe“, zwinkerte sie ihm zu und wartete geduldig mit einem immerwährenden Lächeln auf seine Entscheidung und Antwort.
Berash lies das ewige Auf und Ab des Schiffes klanglos über sich ergehen, während er über Ravias 'rein hypothetisches' Gedankenspiel nachdachte. War es eine versteckte Anspielung oder wirklich nur ein versuchter Scherz ihrerseits?
Die junge Frau hatte schon einen gewissen Sinn für Humor, so viel hatte er bereits selber herausgefunden. Doch für eine junge Frau, welche er auf Anfang Zwanzig schätzte, wirkte viel zu abgeklärt, selbst wenn er berücksichtigte, dass sie im nautischen Gewerbe tätig war.
Es waren die kleinen, dezenten Dinge, die man als Hinweise deuten konnte: Die Art, wie sie sich gab, selbstbewusst und gefährlich. Wie Ravia reagiert hatte, als er sie das erste Mal angesprochen hatte. Wie sie Berash nach einem Händler mit viel Gold gefragt hatte, auf der Suche nach jemandem, der viel Ware kaufen wollte. Wie ihre Hand unterbewusst auf ihrem Messer gelandet war, als Berash sie wegen der Kastellbibliothek zurecht wies.
Und bei Beliar und seinen Brüdern, glaubte sie wirklich, ihm war nicht aufgefallen, wie sie ihn zu Beginn gemustet hatte, als er davon sprach als Passagier auf ihrem Schiff mitzufahren? Manch ein anderer hätte vielleicht anderweitiges Interesse vermutet, doch Berash war schon lange genug auf der Welt um ein abschätzendes Mustern zu erkennen. Sie war subtil gewesen, das gestand er ihr gerne zu. Doch er kannte das Gefühl, wenn man gemustert wurde wie die Sau beim Schlachter.
"Rein hypothetisch nur?" Berash musterte sie durchdringend. Sein stechender Blick glitt von ihr über das Schiff, musterte noch einmal die Mannschaft und begutachtete einzelne Mitglieder noch mal genauer, bevor er Ravia in die Augen schaute.
"Nun, rein hypothetisch gesehen müssen wir alle irgendwie über die Runden kommen. Und nicht jeder von uns wurde mit einem silbernen Löffel im Arsch geboren um über dem Dreck der unteren Gesellschaft schweben zu können." Verachtung troff aus der Stimme des Assassinen.
"Also wäre es mir vermutlich egal, es sei denn, gewisse Absprachen würden nicht eingehalten werden, nur weil man der Meinung sei, ein Klischee wirklich bis zum letzten ausleben zu müssen." Berashs Stimme wurde kalt, als er die damit versteckte Drohung ausprach.
Er zuckte mit den Schultern und nahm wieder eine lockere Haltung an als er merkte, dass sein Körper unbewusst eine etwas bedrohlichere Haltung geglitten war.
"Aber da wir ja von einem reinen Gedankenspiel ausgehen, muss ich mir da ja keinerlei Sorgen machen." Gab er betont jovial zurück.
„Brrr, da wird mir ja ganz kalt, wenn Ihr mich mit diesen eindrucksvollen Augen durchbohrt“, fröstelte sie gespielt und rieb sich die Arme, „Und irgendwie auch ein bisschen warm“, fügte sie dann grinsend hinzu.
Scheinbar wandelte sie hier auf dünnem Eis, und da sie nach wie vor sehr schwer einschätzen konnte, was für eine Art Mensch Berash war, sollte sie sich mit ihren Versuchen, ihn aus der Reserve zu locken, wohl etwas mehr zurückhalten.
„Aber sehr richtig, Ihr braucht Euch nicht wegen der Abmachung zu sorgen. Kapitän Arus steht zu seinem Wort. Aber wenn Ihr euch absichern wollt, dann können wir ein Ehrenwort oder Schwur ablegen. Eine übliche Praxis der Torgaaner“, schlug sie vor und lächelte, als er sie verständnislos anblickte.
„Ist ganz einfach“, griff sie die unausgesprochene Frage auf, „Man spuckt sich in die Hand“ - sie folgte ihren eigenen Anweisungen - „und schlägt ein.“
Sie hielt ihm die bespuckte Rechte entgegen und grinste ihn herausfordernd an. Das offensichtliche Zögern des mysteriösen Passagiers amüsierte sie, doch noch mehr wunderte sie sich darüber, dass er es ihr nach einem Moment gleichtat und einschlug. Das Geräusch war gewöhnungsbedürftig, aber jetzt war nicht der Zeitpunkt für einen Rückzieher.
„Ich schwöre, dass wir unseren Teil der Abmachung einhalten werden, solange Ihr am Ende der Reise bezahlt“, sagte sie mit fester Stimme und hatte für einen Moment jeglichen Schalk verloren.
Sie mochte es auf humorvolle Art angegangen sein, dieses Überwachen des unverhofften Passagiers, doch es gab Traditionen, die man mit Respekt würdigen musste, selbst wenn es bedeutete, dass man seine Körperflüssigkeiten in der Handfläche mit denen eines anderen vermischen musste.
„Mein Torgaanisch ist gut, aber nicht perfekt“, meinte sie plötzlich, als sie den Handschlag gelöst hatten, „Aber als ich nach dem Sinn dieser Geste gefragt habe, wurde ich mit einem Schwall von Worten überflutet, die ich so schnell gar nicht alle für mich übersetzen konnte. Jedenfalls scheint der Kerngedanke zu sein, dass man durch das Spucken einen Teil seines Geistes in das Versprechen legt und wenn es gleichartig erwidert wird, verbinden sich sozusagen die Seelen für einen Augenblick und sind Zeuge und Richter zugleich“, erklärte sie so gut sie konnte die Symbolik der Geste, „Wenn wir also unsere Abmachung brechen, dann suchen den Schwurbrecher wohl die Geister heim“, witzelte sie im Anschluss, „Fast ein Bisschen wie beim Sex“, fiel ihr dann ein und sie zuckte ein wenig zusammen, als sie bemerkte, dass ihr Mund mal wieder schneller war, als die Gedanken.
Manchmal war Berash doch verwundert, wie unterschiedlich die verschiedenen Völker und Kulturen auf der Welt waren. Jede von ihnen hatte eigene Eigenheiten und Verhaltensweisen, die in anderen Kreisen wohl anstößig oder unvorstellbar wirkten. Doch ein altes Sprichwort besagte schließlich nicht umsonst: Wenn in Vengard, mach's wie ein Myrtaner.
Und auch wenn er sicherlich nicht der größte Freund vom in die Hände Spucken war... Nun, es half zumindest seiner Sicherheit. Und dafür konnte auch er über seinen Schatten springen. Solange es halt nur nicht zu oft passierte.
Außerdem musste man immer noch beachten, dass es ihm vielleicht beim Umgang mit der Mannschaft helfen konnte. Schließlich waren er und Ravia während all dem nicht allein an Deck geblieben. Auch andere Mitglieder der Crew hatten gesehen, wie der Assassine und die junge Frau auf diese Art miteinander die Hände geschüttelt hatten. Also war ein bisschen geplantes Kalkül nie verkehrt.
"Ich muss gestehen, das mir der Speichel-Austausch beim Sex besser gefällt als das hier." Schmunzelte er, während eine leichte Röte über Ravias Wangen zog.
"Und das ist wesentlich umständlicher als sich zu küssen." Ein feines Grinsen teilte die Lippen Berashs, als weiter witzelte. Ravia hustete, als sie sich an ihrer eigenen Spucke verschluckte, wohl eine Reaktion auf seine Worte.
„E-ehm“, stammelte sie sprachlos und mit heiserer Stimme, nachdem sie sich von ihrem Hustenanfall beruhigt hatte.
Etwas, das ihr nicht oft passierte. Doch gerade von Berash, der ihr bisher nicht so vorgekommen war, als würde er auf anzügliche Späße zurückgreifen, hatte sie nicht erwartet, derartig hochgenommen zu werden. Verlegen blickte sie bewusst nicht in seine Richtung, sondern suchte den Horizont nach vermeintlichen Ablenkungen ab, während sie hoffte, dass die Hitze schnell wieder aus ihrem Gesicht wich.
„Das… ist mir nur so rausgerutscht“, erklärte sie sich und versuchte ihre Dehors zu retten, von der sie nicht sicher war, ob sie überhaupt welche besaß.
Zögerlich löste sie sich vom Anblick des weiten Horizonts, musterte stattdessen das amüsierte Grinsen des Weißhaarigen, dem der Schalk in den Augen tanzte. Er wusste ganz genau, dass er sie aus der Reserve gelockt hatte, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Bisher hatte sie gedacht, dass sie ihn mit ihren Worten bearbeitete. Eine willkommene Ablenkung vom üblichen Lauf der Dinge, dem sie sich aussetzen musste. Dabei fand sie ihr tägliches Leben überhaupt nicht eintönig oder unangenehm. Allerdings eröffneten ungeahnte Änderungen oft Perspektiven, die vorher verborgen gewesen waren und weckten Lust auf mehr.
Tief in ihr regte sich das Bedürfnis des Dazugehörens und sie fragte sich, ob sie durch ihren begrenzten Umgang Brücken übersah, die sie über einen scheinbar unpassierbaren Graben bringen konnten, auf dessen anderen Seite wartete, was sie suchte. Auch, wenn sie gar nicht genau wusste, wonach sie überhaupt Ausschau hielt.
„Jedenfalls könnt Ihr euch jetzt sicher sein, dass wir zu unserem Wort stehen“, versuchte sie zu einem normalen Gesprächsfluss zurückzukehren, war jedoch ratlos, wie sie nach dieser Blamage weitermachen sollte.
Etwas unruhig verlagerte sie ihr Gewicht und blickte immer wieder zu der arbeitenden Mannschaft. Bis zum Beginn ihrer Schicht würde noch einige Zeit vergehen und diese zu füllen war nun das Problem.
„Also… ich werde mal schauen, ob im Krähennest alles in Ordnung ist. Ruft einfach, wenn Ihr etwas braucht“, entschuldigte sie sich unbeholfen und löste sich von der Reling, um auf die Takelung zuzulaufen.
Mit geübten Griffen schwang sie sich in die Seile und machte sich an den langen Aufstieg.
"Ja, macht das ruhig. Ich werde mich noch ein wenig hier aufhalten und den Ausblick genießen." Zwinkerte er ihr zu, als Ravia sich nach ihrem etwas plumpen Themenwechsel abwendete und sich in Richtung Krähennest begab. Dabei blieb der Blick des Assassinen etwas länger an ihrer Gestalt haften, als die meisten Menschen wohl für schicklich halten würden. Aber eine attraktive Frau war nun einmal eine attraktive Frau. Und da die Seefahrt oftmals noch eine von Männern dominierte Arbeit war...
Berash zuckte mit den Schultern und wandte sich der Reling zu.
Die Unterarme auf der Reling abgestützt blickte er hinaus aufs Meer und lauschte dem Rauschen der Wellen. Während sein Blick zum Horizont gewandt war, dachte er darüber nach, wie es weitergehen sollte, wenn er erst einmal auf Argaan war. Das unruhige Schaukeln des Schiffes war fast hypnotisch, als er seine Gedanken kreisen lies.
Er hatte zwar eine grobe Idee, doch wie so oft war dies nur ein unausgegorenes Konzept von einem Plan, weder Fisch noch Fleisch.
Sobald er an Land war, würde er erst einmal in Stewark halt machen, schätzte er, und weitere Informationen einholen. Vielleicht sollte er die dortigen Wassermagier um Rat bitten. Da sie dem Gleichgewicht zugewandt waren, wüssten sie eventuell eher ob sich das Kastell der Schwarzmagier auf (und wo genau) Argaan befand. Und einen Prediger Adanos würde Berash lieber danach fragen als einen der Feuermagier, nicht das denen noch eine zündende Idee käme. Selbst der fanatischste Wassermagier war immer noch gemäßigter als der dämlichste Magier des Feuers.
Berash spuckte über die Reling als er an diese fanatischen Höhrigen dachte, die sich einem Gott unterwarfen, der ihnen jegliches Maß an Selbstbestimmung verbot. Rechtschaffenheit. Gerechtigkeit. Gehorsam, alles auch nur andere Worte für nicht vorhandenes selbstständiges Denken. Berash spuckte erneut ins Meer.
Aber er schweifte ab. Was aber passierte, wenn es in Stewark niemanden gab, der ihm helfen konnte? Thorniara? Sicher nicht. Ob es noch die 'Jungfrau' gab? Berash hatte dort nur einmal einen Zwischenstop eingelegt, doch die garstige Gastwirtin hatte den Assassinen schnell davon überzeugt, beizeiten weiter zu ziehen. Und wenn die Frau dort noch ihr Unwesen trieb, nun, vielleicht sollte er dann einfach weiter ziehen.
Doch was war mit Toshoo? Sicher, das Waldvolk dort war ein ziemlich spezieller Menschenschlag, aber die bekamen sicherlich eine Menge mit. Und auch wenn er dafür durch den Orkwald musste, wäre es immer noch eine Möglichkeit. Zwar eine ungern gesehene, aber dennoch eine.
Doch darüber konnte er sich immer noch später Gedanken machen. Jetzt sollte er gucken, ob er hier irgendwo etwas zu trinken bekam, dass nicht unbedingt Alkohol war. Schließlich war Trinkwasser eine begrenzte Ressource auf Schiffen.
Berash stieß sich von der Reling ab und wandte sich um. Also, wo war dieser Quartiermeister?
Mit routinierten Handgriffen kraxelte Ravia die Takelage empor, wobei sie sich bewusst war, dass viele ihrer Mannschaftskameraden weitaus geschickter waren, wenn es um das Klettern im Tauwerk ging. Doch darum drehten sich ihre Gedanken gerade nicht. Viel mehr beschäftigte sie das Ende des Gesprächs mit Berash, den sie immerzu aus dem Augenwinkel und ihrer erhöhten und stetig höher werdenden Position beobachtete.
Dass ihr Vorhaben, das Krähennest aufzusuchen, nur ein vorgeschobener Grund war, um einen Moment aus dem Dialog zu entkommen, um sich zu sammeln, war ihm vermutlich bewusst. Sonderlich geschickt hatte sich die Piratin dabei immerhin nicht angestellt, doch zu ihrer Verteidigung war sie ziemlich überrumpelt gewesen.
Nicht, dass sie nicht schon häufiger Avancen ihr gegenüber erdulden hatte müssen, oder sogar anzügliche Kommentare wie kürzlich von Karim über sich ergehen lassen musste. Und tatsächlich hatte der Weißhaarige gar nichts in der Richtung angedeutet. Dennoch war sie nicht darauf gefasst gewesen, da er Ihr bisher eher neutral gegenübergetreten war.
Ihre Hände erreichten den Rand des hölzernen Randes, der dem Krähennest als eine Art Reling diente. Es ähnelte einem großen Korb, in dem man sich einigermaßen sicher aufhalten konnte. Der Platz reichte für eine Person, eine zweite war bereits schwer tragbar, sowohl für die eigenen Nerven, als auch für die Holzkonstruktion an sich.
Zu ihrem Leidwesen war es auch noch Mutua hier oben, ein gedrungener Torgaaner mit auffälliger Zahnlücke und einem anstrengenden Sprachfehler.
„‘Avia!“, stieß er überrascht aus, während er eilig einen dicken Finger aus seiner Nase zog.
„Hallo Mutua“, grüßte die Blonde lustlos und schwang die Beine über die Kante und lehnte sich prompt dagegen.
„Was machst du hie‘ oben?“, fragte er und wischte sich die Hand an seinem Hemd ab, was einen unschönen Flecken hinterließ.
„Musste mal frische Luft schnappen“, gab sie zurück und ließ den Blick umherschweifen.
Von hier oben konnte man viel weiter sehen, als vom Deck aus, doch es waren außer der fernen Küstenlinie Varants im Norden keine Landmarken zu erkennen. Das Meer schien sich endlos in alle anderen Richtungen zu erstrecken und es war einer der seltenen Momente, wo sich Ravia wünschte, dass sie bereits ihrem Ziel nahe waren.
„Oh, schau mal! Da hinten sind ‘Öme‘!“, rief Mutua plötzlich aufgeregt und deutete nach Osten, wo sich ein großes myrtanisches Schiff durch die Wellen brach.
„‘Öme‘?“, fragte sie, schüttelte dann jedoch den Kopf.
Sollten sie die Sichtung melden? Wohl eher nicht. Die Marine schien es nach Khorinis oder Gorthar zu ziehen und so wie der Wind stand, wären sie zunächst keine Bedrohung. Sie würde es später ihrem Baba erzählen, das musste reichen.
Ihr Blick ging stattdessen zurück aufs Deck, wo sie Naut entdeckte, der mit Berash im Gespräch zu sein schien. Der ehemalige Marinesoldat wirkte zunächst nicht glücklich über die Störung, war seine Stirn doch gerunzelt. Nach und nach lockerten sich jedoch seine Gesichtszüge und am Ende lachte er und nahm den Passagier mit sich. Was die beiden wohl besprochen hatten?
„Bleibst du hie‘?“, hörte sie Mutua fragen.
„Nur einen kurzen Moment“, gab sie abwesend zurück und ignorierte ihn dann wieder, während sie Berash fixierte.
Sie waren schon ein paar Tage auf dem Meer unterwegs, als Berash endlich seine Chance erhielt und gegen Naut, den Quartiermeister der Joka La Maji, antreten konnte.
Der frühere Assassine hatte sich die Tage zuvor damit beschäftigt, seinen Körper wieder etwas auf Vordermann zu bringen, schließlich war sein letzter Kampf in der Kasbah nicht seine beste Vorstellung gewesen. Und Naut war recht schnell dazu bereit gewesen, sich dem früheren Emir entgegen zu stellen.
Sie hatten sich bei einem Schluck Wasser darüber unterhalten, wie ein Myrtaner es geschafft hatte, Teil einer so vielseitigen Crew zu werden. Dabei hatte Berash erfahren, dass Naut früher Offizier in der myrtanischen Marine gewesen war und irgendwie durch einen doofen Zufall, wie er es genannt hatte, auf dem Schiff endete.
Der Assassine vermutete zwar mehr dahinter aber hatte nicht explizit nachbohren wollen, schließlich ging es ihn zum einen nichts an und zum anderen war es ihm, wenn er ehrlich war, auch recht egal.
Er vermutete zwar, dass es sich bei der Mannschaft der Joka La Maji mindestens um Freibeuter, wenn nicht sogar Piraten, handelte, aber was konnte er schon großartig machen? Er hatte ein Passage auf einem Schiff gesucht, dass nicht der myrtanischen Marine angehörte und die waren in diesen Tagen schwieriger zu finden als frisches Wasser in der Wüste. Also nahm er, was er kriegen konnte.
So stand er nun hier auf den knarrenden Holzplanken, streckte die Arme und bog die Knie durch um sich etwas aufzuwärmen. Erst danach schob er einen Fuß unter sein Bündel, welches er aus seiner Kajüte geholt hatte, und warf es sich nach oben. Mit der rechten Hand fing er es und begann die Knoten zu lösen, während das Schiff weiter auf und ab ging und seinem Kurs in Richtung Argaan folgte.
Der Wind bließ kräftig und hielt die Segel gespannt, während die Seile unter Spannung standen und um die Wette knarzten. Um der Mannschaft nicht im Weg zu stehen hatte sich Berash nach vorne zum Bug begeben. Hier verstaute er auch nun die kurze Decke, mit der er den Inhalt seines Bündels umwickelt hatte, ebenso die Schnüre.
Nun hielt der Assassine ein Langschwert in seiner Hand, dessen Klinge leicht geschwärzt war. Das Heft selbst bestand aus einem Griff mit dunklem Leder umwickelt, abgeschlossen von einem tränenförmigem Knauf. Besonders war noch der kleine Wolfsschädel, welcher von der Parierstange auf das Blatt selbst überging und die Fehlschärfe zierte.
Berash machte gerade ein paar Probeschwünge, als Naut sich ihm näherte. Die dickliche Gestalt des älteren Mannes, dessen Vollbart komplett weiß war, konnte einen unerfahreneren Menschen darauf schließen lassen, dass der Quartiermeister ein leichter Gegner war. Doch Berash erkannte schon am selbstsicheren Gang des Mannes, dass hier kein Schwächling auf ihn wartete. Außerdem war er mindestens Zehn Jahre älter als Berash und hatte noch alle Gliedmaßen.
Berash musste an das alte Sprichwort denken, welches besagte:
"Es gibt verwegene Schwertkämpfer und es gibt alte Schwertkämpfer. Aber niemals verwegene alte Schwertkämpfer."
Der Assassine lächelte leicht und begrüßte Naut mit einer kurzen Verbeugung.
"Schön, dass ihr Zeit gefunden habt, Quartiermeister."
Dieser nickte und grinste. "Joa, gegen ein bisschen Bewegung hab ich nix einzuwenden, Jungchen." polterte er mit einer rauen Stimme, vermutlich den Jahren an Rufen und Geschrei auf anderen Schiffen geschuldet.
"Die Seeluft lässt einen nich gut weg kommen, wenn du nich aufpasst. Du kennst die Regeln?" Brummte er noch. Berash nickte.
"Keine ernsthaften Verletzungen, niemanden arbeitsunfähig schlagen und nicht nachtragend sein, wenn man verloren hat. Und wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei." Zählte der Assassine die groben Regeln auf. Es waren weniger als man vielleicht erwarten würde, gaben jedoch die Kernaussage der meisten Duellregeln wieder. Und gerade weil sie so simpel gehalten wurden waren sie leicht zu merken.
Naut nickte noch einmal und zog dann seinen schweren Säbel. Berash warf einen kurzen Blick darauf. Es war eine einfache Waffe, keinerlei großartige Verzierungen oder dergleichen. Der Quartiermeister hielt sie jedoch gut gepflegt und seine Haltung zeigte, dass er wusste, was er tat.
Naut stand dem Assassinen gegenüber, den Säbel nach vorn gestreckt, die Füße bildeten eine Linie. Die freie Hand hielt er in klassischer Fechtstellung nach hinten gestreckt.
"Bis zur Aufgabe oder erstem Blut, Jungchen?" Grinste der alte Mann dreckig.
Berash schmunzelte und zuckte mit den Schultern. "Was halt als erstes eintritt. Aber nehmt bitte Rücksicht, mein letzter Kampf ist zwar noch nicht soo lange her, aber ich bin immer noch recht eingerostet." Sprach er und nahm dem Quartiermeister gegenüber ebenfalls Haltung an.
Im Gegensatz zu Naut hielt Berash sein Schwert so, dass die Spitze nach unten zeigte und leicht nach hinten ging.
Sie begannen einander zu umkreisen, ging einer von ihnen nach Links ging der andere nach rechts. Entgegen seiner Art wartete Berash nicht darauf, dass sein Gegner den ersten Angriff startete. Stattdessen schlug er halbherzig nach Nauts Säbel um den Quartiermeister zu testen.
Dieser grinste nur und hielt mit seinem Säbel dagegen, ohne wirklich nachzusetzen. Klirrend schlugen Schwert und Säbel ein paar Mal gegeneinander, während sich die beiden Männer weiter umkreisten. Sie waren beide noch vorsichtig, keiner von ihnen wollte die erste, ernsthafte Attacke starten.
Doch es dauerte nicht lange, da kamen die ersten Pfiffe des Teils der Mannschaft, die sich in der Nähe eingefunden hatten um sich das Spektakel anzuschauen. Anscheinend war es ihnen zu langweilig. Doch weder Berash noch Naut ließen sich davon aus der Ruhe bringen.
Dann stieß Berash plötzlich hervor und führte ein paar schnelle Schläge aus, die Naut jedoch alle parierte. Klirrend schlugen die Klingen aneinander, während Berash versuchte die Deckung des Seemanns zu überwinden. Doch Nauts Fähigkeiten waren deutlich zu spüren. Also wich der Assassine nach seinem Angriff einen Schritt zurück.
Doch sofort setzte Naut nach und bewegte sich schneller, als man dem dicklichen Kerl vielleicht zugetraut hätte. Er schwang seinen Säbel mit solch einer Präzision, dass Berash gar nichts anderes übrig blieb als den Schlägen auszuweichen, während er versuchte wieder mehr Abstand zwischen sich und dem Quartiermeister zu bringen.
Der Assassine wich nach der letzten Attacke zur Seite weg und blockte den seitlichen Schwinger mit seiner Klinge ab, bevor er Naut mit einem kräftigen Stoß wieder von sich schubste.
Beide Männer atmeten etwas kräftiger, als sie wieder auf Abstand zueinander gingen und sich wieder zu umkreisen begannen.
"Nicht schlecht, Jungchen." Knurrte der Quartiermeister mit einem Lächeln. Berash bedankte sich mit einem konzentrierten Nicken, lies Naut dabei aber nicht aus den Augen.
"Aber mal schauen, ob der alte Seebär hier dir nicht doch den Arsch versohlen kann." bellte er lauthalts, was die Mannschaft mit Gelächter kommentierte. Sie hatten anscheinend die Unterhaltung gefunden, auf die sie aus gewesen waren.
Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die „Joka La Maji“ in ein warmes, goldenes Licht. Das Schiff glitt unaufhaltsam über das azurblaue Meer in Richtung Süden, hin zum Sonnengürtel. Die Luft war erfüllt vom beständigen Rauschen der Wellen und dem Knarren des Holzes unter dem stetigen Druck des Windes, der in die gespannten Segel blies. Überall herrschte geschäftiges Treiben, und die Crew war damit beschäftigt, das Schiff auf Kurs zu halten.
Ravia, stand mit verschränkten Armen an der Reling und beobachtete den Kampf zwischen Berash und Naut mit scharfem Blick. Ihr langes blondes Haar wehte im Wind, und ihre Augen funkelten vor Interesse. Sie kannte die rechte Hand ihres Babas gut genug, um zu wissen, dass sein unscheinbares Äußeres täuschte. Der ältere Mann mit dem weißen Bart war ein erfahrener Kämpfer, und seine Fähigkeiten mit dem Säbel hatten schon viele beeindruckt.
Berash schlägt sich wirklich gut, dachte sie, während sie jede seiner Bewegungen verfolgte.
Der Passagier mit der ungeklärten Vergangenheit bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit, die sie faszinierte. Jeder Schritt, jede Ausweichbewegung schien mühelos und präzise, als ob er den Tanz mit dem Tod beherrschte. Seine dezent geschwärzte Klinge schwang im Licht und funkelte gefährlich.
Der Quartiermeister und sein Herausforderer umkreisten sich weiterhin, und die Spannung war fast greifbar. Das Klirren der Klingen, das Schnaufen der Kämpfer und das Murmeln der Crew bildeten eine Symphonie des Kampfes. Ravia konnte die Schweißperlen auf Nauts Stirn und das angespannte Zucken von Berashs Muskeln sehen.
Sie tanzen wirklich miteinander, nicht wahr?, dachte sie fasziniert.
Ein plötzlicher Angriff von Berash brachte die Menge zum Raunen. Seine Klinge sauste auf den Säbelkämpfer zu, der, seinem Alter zum Trotz, blitzschnell reagierte und den Schlag parierte. Die Piratin bewunderte die Präzision und den Rhythmus der beiden Männer. Sie konnte die Spannung in der Luft spüren, das Adrenalin, das ihre Sinne schärfte.
Ich muss herausfinden, wie er das macht, beschloss sie, Seine Bewegungen sind so fließend, so instinktiv. Das könnte mir im Kampf nützlich sein.
Berash wich einem besonders heftigen Schlag von Naut aus, duckte sich geschickt und konterte mit einem schnellen Stoß, der den Quartiermeister zurückdrängte. Ravia konnte das Raunen der Crew hören und das kehlige Lachen, als die Männer und Frauen das Duell genossen. Es war eine willkommene Ablenkung von den eintönigen Tagen auf See.
Er ist wirklich gut, dachte sie erneut und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Der Wind trug den salzigen Duft des Meeres zu ihr, mischte sich mit dem Schweiß und der Anstrengung der Kämpfer. Die Spannung wuchs weiter, als die Männer erneut aneinander gerieten, ihre Klingen im Licht funkelnd. Ravia konnte das rhythmische Atmen von Berash hören, die Anstrengung, die in jedem seiner Bewegungen lag. Nauts Gesicht war ernst, aber in seinen Augen funkelte die Freude am Kampf.
Er genießt das wirklich, erkannte Ravia, Sie beide tun es.
Als Berash erneut angriff, bemerkte Ravia die Eleganz seiner Schritte, die Präzision seiner Schläge. Seine Bewegungen waren eine Mischung aus Kraft und Anmut, und sie konnte nicht anders, als beeindruckt zu sein.
Vielleicht kann er mir beibringen, meinen Körper so einzusetzen, dachte sie entschlossen. Ich muss ihn danach fragen.
Der Kampf ging weiter, die Klingen tanzten, und die Crew feuerte die Kämpfer an. Ravia konnte das Raunen der Männer und Frauen um sie herum hören, das Gemurmel von Wetten und Spekulationen.
Wer wird gewinnen?, fragte sie sich und spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Plötzlich landete Berash einen geschickten Treffer, der Nauts Säbel aus der Hand schlug. Ein Raunen ging durch die Menge, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Der Quartiermeister hatte die Augen überrascht aufgerissen, doch dann grinste er breit und hob seine Hand zum Zeichen der Aufgabe. Die Crew brach in Jubel aus, und Ravia stimmte ein.
Das war beeindruckend, dachte sie und wusste, dass sie Berash unbedingt nach dem Geheimnis seiner Bewegungen fragen musste.
„Bei Beliars behaarten Eiern, du weißt echt, wie man kämpft, Jungchen!“, dröhnte die Stimme des alten Quartiermeisters über Deck, wobei man ihm die Anstrengung anhörte.
Er klopfte dem Gewinner anerkennend auf die Schulter und hob dann seinen Säbel vom Boden auf.
Als der Jubel abklang und die Männer sich wieder ihren Aufgaben zuwandten, trat Ravia zu Berash, der sich gerade seinen Schweiß von der Stirn wischte.
„Berash,“ begann sie schnell, „deine Bewegungen, sie sind unglaublich. Kannst du mir beibringen, mich auch so zu bewegen?“
Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit, und ihre Stimme war fest.
Ich will lernen, genauso geschickt zu sein wie du, fügte sie in Gedanken hinzu.
Schwer atmend stützte Berash die Hände auf den Knien ab, nachdem er sein Schwert achtlos auf den Boden fallen gelassen hatte. Bei Beliar, der alte Mann hatte ziemlich was drauf gehabt, dachte Berash, während er versuchte wieder zu Atem zu kommen. Das Blut rauschte noch in seinen Ohren, während der Schweiß ihm von der Nasenspitze tropfte, so dass er Ravias Worte nicht verstand.
"Was?" keuchte er, bevor er sich stöhnend wieder aufrichtete und seine Atmung langsam wieder unter Kontrolle bekam.
"Kannst du mir zeigen, wie du das gemacht hast? Das alles da. Du hast ja förmlich mit Naut getanzt!" Ihre Augen funkelten vor Begeisterung, während ihre Worte noch schneller als sonst, fast einem Stakatto gleich, heraus geschossen kamen.
"Lass mich... kurz zu... Luft kommen, ja?" schnaufte der Assassine angestrengt, während er sich den Schweiß erneut von der Stirn wischte und dann Decke und Schnüre einsammelte um das Schwert wieder einzupacken. Vielleicht hätte er sich in Bakaresh doch lieber noch eine Scheide dafür kaufen sollen, doch selbst eine 'einfache' hätte ihn einiges an Münzen gekostet, Münzen eben, die er für die Schiffsreise gebraucht hätte. Also musste er damit vorlieb nehmen.
"Euer Quartiermeister... ist ganz schön... beweglich für sein Alter. Beliar, der hat mich ein paar Mal echt überrascht."
Götter, er musste echt was für seine Ausdauer tun. So ein Kampf hätte ihn früher nicht so ausgelaugt.
Während der Schweiß der Anstrengung langsam auf seiner Haut abkühlte und durch den salzigen Meereswind getrocknet wurde, musterte Berash Ravia nachdenklich, die fast schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trippelte. Anscheinend hatte er bei ihr mächtig Eindruck hinterlassen.
"Entspann dich doch mal, Ravia..." schmunzelte Berash. "Du benimmst dich ja fast so, als würde im nächsten Hafen dein Liebhaber auf dich warten, so aufgeregt bist du." Berash hatte sein Schwert wieder fest verschnürt und hielt es nun wieder als Bündel in der Hand.
"Ich kann dir sicherlich ein paar Dinge zeigen, wie du deinen Körper besser zu nutzen..." Der Assassine hielt inne und schüttelte den Kopf.
"Nein, das klingt falsch. Was ich meinte, ich kann dir helfen, wie du dich effektiver bewegen könntest. Aber um so etwas," Berash machte eine kreisende Bewegung mit der Hand um damit die vorherige Situation zu umfassen, "zu können braucht es länger als ein paar Wochen auf einem Schiff."
Wie sollte sie da ruhig bleiben? Duelle kamen ohnehin nicht häufig an Bord vor, schon gar nicht mit Außenstehenden und Naut war nicht gerade das, was man einen üblichen Teilnehmer nennen würde. Ab und an, wenn er der Meinung war, dass der Respekt ihm gegenüber zu Wünschen übrigließ, forderte er den- oder diejenige mit dem lautesten Mundwerk heraus, was meist damit endete, dass sich alle einig waren, dass er für seine Position an Bord doch noch nicht zu alt geworden war.
„Naut kämpft schon sein ganzes Leben lang und bisher habe ich ihn nur eine Handvoll Male ein Duell verlieren sehen“, plapperte Ravia begeistert weiter, ungeachtet des erschöpften Zustands ihres auserwählten Gesprächspartners, „Darauf kannst du dir also wirklich was einbilden!“
Sie bemerkte gar nicht, dass sie ins Du gerutscht war und selbst wenn, hätte sie es wohl beibehalten. Dieses förmliche Ihrzen ging ihr langsam ohnehin gegen den Strich.
„Wie also soll ich mich da entspannen?“, fragte sie aufgeregt, „Das schlägt selbst die Vorfreude auf die Liebhaber, die auf mich warten!“
Ein breites, freches Grinsen zeichnete sich auf dem Gesicht der Piratin ab. Jetzt, da sie diese Seite von Berash bereits kannte, überrumpelte er sie nicht noch einmal so leicht! Doch das Glucksen auf seine erste Formulierung konnte sie sich dann doch nicht verkneifen.
„Wiederholungen machen perfekt, nicht wahr?“, stichelte sie und ihre Augen verfolgten eine Schweißperle, die sich ihren Weg über das Gesicht des Weißhaarigen bahnte, bis sie im Bart verschwand.
„Und ich meinte nicht das Kämpfen mit dem Schwert. Dieses lange Ding sieht viel zu unhandlich und schwer aus. Keine Ahnung, wie du dich damit so schnell bewegen konntest. Mich interessiert mehr, wie du so geschickt ausgewichen bist!“
In diesem Moment kam ihr die Situation vor der Schenke im Hafen Bakareshs wieder in den Sinn. Berash hatte sie so schnell gepackt, als sie ihren Gedanken zu möglichen Verkäufen von Büchern aus diesem mysteriösen Kastell der Schwarzmagier eine Stimme gegeben hatte, dass sie vor Schreck beinahe ihr Messer gezogen hätte. Jetzt hatte sie eine Demonstration bekommen, dass es nicht nur ein Einzelfall war.
„Außerdem“, begann sie erneut und hob einen Finger, „Bin ich im Gegensatz zu Naut noch jung und beweglich. Die Arbeit an Bord hält fit und ich bin sicher, dass ich schnell lerne“, behauptete sie großspurig.
Ohnehin war Ravia viel zu aufgeregt, um sich abspeisen zu lassen oder die Notwendigkeit von Geduld wahrzuhaben, die es wohl benötigen würde, wenn etwas nicht auf anhieb klappte. Aber das war ja ohnehin kein Problem, immerhin würde alles sofort so laufen, wie sie sich das vorstellte, nicht wahr?
„Also, wenn du endlich genug ausgeruht hast… womit fangen wir an?“
Sie hüpfte bereits wieder unbewusst von einem Fuß auf den anderen und bemerkte dabei gar nicht, wie sehr sie Berash wohl bedrängte oder wie finster der Blick war, den Pakko ihr in den Rücken bohrte.
Berash seufzte leise, als er Ravias jugendlichen Übermut in voller Breite zu spüren bekam. Er wusste nicht einmal, ob er ihr das Wissen vermitteln konnte, was sie suchte. Er war damals nicht der beste Lehrmeister gewesen, wie er sich irgendwann eingestanden hatte. So einige hatten bei ihm die Kunst des Schwertkampfes gelernt, doch der Assassine hatte sie alle wie Abschaum behandelt um sie so abzuhärten.
War er überhaupt in der Lage Ravia das beizubringen, was sie wünschte? Mit der Klinge umzugehen war einfacher als seinen Körper zu beherrschen.
"Götter, hol doch mal Luft, Ravia." brach er leise hervor, bevor er sich aufrichtete. Dabei viel ihm der böse Blick auf, welches eines der Crew Mitglieder Ravia zuwarf. Verwirrt musterte Berash den jungen Mann und wunderte sich, was die junge Frau getan haben musste, um diese finstere Miene zu verdienen.
"Lass mich kurz nachdenken, ja? Wenn du das wirklich lernen möchtest, müssen wir das richtig angehen."
Berash versuchte sich daran zu erinnern, wie es damals gewesen war, als DraconiZ ihm beigebracht hatte seinen Körper zu trainieren und eine bessere Kontrolle über die eigenen Bewegungen zu erlangen. Am meisten im Gedächtnis hängen geblieben waren die blauen Flecken, Prellungen und Schürfwunden, welche er damals erhalten hatte. Doch eine Sache war immer wichtig gewesen.
"Eigentlich würde ich jetzt sagen, dass das wichtigste immer Gleichgewicht ist. Aber du lebst und arbeitest auf einem Schiff, wenn da dein Gleichgewichtssinn nicht entsprechend trainiert wäre, wärst du schon längst über Bord gegangen. Schließlich muss man," Berash blickte sich um und sprang dann kurzerhand auf die Reling,"das auf und ab vom Schiff immer beachten."
Er ging ein paar vorsichtige Schritte vorwärts, während er die Arme ausgebreitet hatte. Dabei setzte er die Füße immer wieder bewusst auf und sorgte dafür, dass immer ein Fuß auf der Reling blieb, bevor er den nächsten absetzte. Währenddessen schaukelte das Schiff im Wellengang immer wieder auf und ab, doch für den Assassinen war es, als würde er über festen Boden gehen.
Er steckte die Hände in die Manteltaschen und ging ein paar Schritte weiter, die Miene konzentriert und dennoch Gelassenheit austrahlend, bevor er sich auf der Reling hinhockte. In dem Moment schlug eine kräftige Welle gegen das Schiff und lies es für einen Moment schlingern. Jetzt wäre wohl der Moment gewesen, in welchem Berash über Bord gegangen wäre, wenn er sich nicht einfach nach vorne gelehnt hätte und in Richtung Deck fiel. Dabei zog er den Kopf ein, schob eine Schulter mitsamt Arm vor und rollte sich einfach ab, bevor er sich danach direkt wieder aufrichtete.
"Du siehst, der Untergrund ist nicht wichtig." sprach er, bevor er seine Kleidung abklopfte. "Viel wichtiger ist, dass du dir bewusst werden musst, wie du dich bewegst." Berash fing an sich die Stiefel auszuziehen und forderte Ravia mit einer Geste auf es ihm gleich zu tun.
"Wir fangen mit den Füßen an. Stell dich Barfuß hin, schließ die Augen und sag mir, was du spürst. Und versuch so genau zu sein wie möglich."
„Also Schuhe zuerst ist mal was neues“, zeigte sie grinsend ihre Zähne und entledigte sich im nächsten Augenblick bereits der wasserfesten Lederstiefel.
Tatsächlich hatten viele der anderen Matrosen nicht einmal Schuhe an, denn zum einen waren die wenigsten Besohlungen sonderlich dicht, noch hielten die meisten Materialien dem Salzwasser länger als eine Fahrt stand. Sie jedoch bevorzugte es, sich keine Splitter zu fangen, wenn mal wieder eine Stelle de Decks nicht ausreichend gut geschrubbt worden war.
Damit das Schuhwerk nicht bei der nächsten größeren Welle über Bord ging, band sie eine der Sicherungsleinen fest um die Stiefelschäfte und stellte sie neben den Mast, wo sie nicht im Weg wären.
Sie spürte die rauen und nassen Holzplanken unter ihren nackten Füßen. Trotz der warmen Temperaturen fühlte es sich kalt an und testweise wackelte sie mit allen Zehen, ehe sie sich wieder zu Berash begab.
Seine kleine Darbietung des Relingtänzers war durchaus beeindruckend gewesen, aber wurde im Alltag von Seeleuten ab und an mal nötig, weswegen es wohl viele an Bord ihm hätten gleichtun können. Doch es war in jedem Fall ein gewagtes Manöver und er hatte dabei völlig gelassen gewirkt.
Nach einem fragenden Blick und einem Nicken seinerseits, schloss Ravia schließlich die Augen und wartete. Sie ließ ihre anderen Sinne die Oberhand gewinnen und konzentrierte sich auf einen nach dem anderen.
„Ich spüre die grobe Struktur der Planken unter meinen Füßen“, begann sie schließlich ihre Eindrücke in Worte zu fassen, wobei sie erstaunlich langsam sprach, „Einige Stellen sind glatt vom Salzwasser und den Bimssteinen, mit denen wir das Deck schrubben. Aber da sind auch kleine Splitter, die sich unangenehm in meine Haut bohren.“
Sie hielt kurz inne, während sie noch einmal genau tastete. In diesem Moment schwappte etwas Wasser von einer großen Welle an Deck, welches ihre Füße umspülte.
„Das Meerwasser dringt zwischen meine Zehen und es fühlt sich an, als würde der Boden schwammiger werden. Außerdem fühle ich den Wind auf meiner Haut und weiß, dass wir dank ihnen gute Fahrt machen.“
Ohne Aufforderung öffnete sie wieder die Augen, blinzelte kurz gegen die Helligkeit der Sonne an und legte dann den Kopf schief.
„Was bringt es mir, das zu wissen? Wie du schon sagst, lebe und arbeite ich auf diesem Schiff. Die Joka ist mein Zuhause und ich bin mit ihr so vertraut, wie jeder andere mit seinem Heim. Den Seegang gleiche ich längst unterbewusst aus und selbst bei Sturm hat es mich noch nicht von Bord gerissen.“
"Weil du ein Gespür dafür bekommen musst." Berash hatte seine Stiefel an sein Bündel geschnürt und stand selbst nun barfuß auf dem Deck der Joka La Maji.
"Wie gesagt, der Untergrund an sich ist nicht wichtig. Solange du weißt, worauf du stehst. Sand zum Beispiel ist anders als die festen Planken eines Schiffs." Berash dachte an seine Zeiten in Varant zurück, damals, als er mit Ythra von DraconiZ durch die Ruinenfelder Bakareshs gehetzt worden war. Der Assassine konnte nicht sagen, wie oft er Anfangs, trotz seiner stabilen Stiefel, im Sand weggerutscht war, nur weil er vergessen hatte, darauf zu achten.
"Wenn du dich so bewegen willst wie ich, dann musst du dir bewusst sein, dass die Kraft dafür aus deinen Beinen und Füßen kommt." Er ging Ravia gegenüber in die Knie, hielt aber auf halber Höhe inne.
"Es ist wie beim Kämpfen, die richtige Haltung kann entscheidend sein. Und das einfachste, um die richtige Haltung zu üben ist das Schleichen." Berash forderte mit seiner Hand Ravia auf es ihm gleich zu tun.
"Das Hauptgewicht liegt immer auf dem Fuß, mit dem du dich vom Boden abdrückst," Berash schob seinen rechten Fuß gezielt langsam vor, seine Miene konzentriert. Die Bewegungen waren immer anstrengender, wenn man sie langsam und bewusst ausführte. Doch er hatte festgestellt, dass es für andere immer einfacher war, wenn sie es gezeigt bekamen anstatt es mit schwammigen Beschreibungen zu probieren.
"Erst, wenn du den anderen Fuß in genau der Position hast, in der er sein soll, verlagerst du dein Gewicht darauf." Der Assassine zeigte das gesagte und stieß sich mit dem Linken vom Boden ab und hob ihn langsam und verlagerte das Gewicht auf den vorderen Fuß, bevor er den hinteren langsam nachzog.
Bewusst lies er den Fuß etwas über das Deck schweben, schließlich wollte er sich keine Splitter einziehen.
"Und ja, es sieht genauso anstrengend aus wie es ist." schnaufte er.
Ein Gefühl für was?, wollte sie fragen, doch Berash setzte gleich zu einer Erklärung an, die durchaus Sinn für sie ergab.
Sand wäre sicher deutlich nachgiebiger als die Planken des Decks. Dafür gab es auf dem Meer die zusätzliche Schwierigkeit der unregelmäßigen Wellen, die zum einen das Schiff zu schwanken brachten und zum anderen ab und an Wasser über Bord spülten, was nicht selten dazu führte, dass man sich ungewollt in eine liegende Position brachte. Nicht selten begleitet von unerwünschten Schmerzen, weil man umknickte oder unsanft auf einer empfindlichen Stelle wie Ellenbogen oder Knie landete.
Interessiert musterte sie die Haltung, die ihr (un)freiwilliger Lehrmeister eingenommen hatte. Ravia umrundete ihn sogar, und machte dabei nachdenkliche Geräusche, während sie betont ernst dreinschaute, selbst wenn ihr Mundwinkel manches Mal ungewollt amüsiert zuckte.
Es sah etwas seltsam aus und sie war versucht zu prüfen, wie fest sein Stand auf diese Art war, indem sie ihn aus heiterem Himmel umzustoßen versuchte. Doch das wäre wohl zu viel des Guten, weshalb sie versuchte Berash nachzuahmen. Die Knie gebeugt, Füße etwas weniger als schulterbreit auseinander. Tatsächlich bemerkte sie sofort die ungewohnte Position, als ihre Oberschenkel zu protestieren begannen.
„Uff“, schnaufte sie, „Jetzt weiß ich, was du meinst.“
Berash demonstrierte ihr, wie er sein Gewicht gezielt auf seinen rechten Fuß verlagerte und den Linken dabei anhob. Betont langsam bewegte er sich und die Piratin konnte sich gut vorstellen, was das für Anstrengungen kostete.
„Jetzt du“, forderte er sie auf und beobachtete sie eingehend.
„Alles klar“, gab sie sich selbstsicher und lehnte ihren Oberkörper leicht nach rechts, woraufhin sich das Gewicht mehr und mehr auf ihren rechten Fuß konzentrierte. Auch das Becken bewegte sie in dieselbe Richtung, ehe sie langsam das linke Bein anhob.
In diesem Moment schlug eine Welle gegen den Rumpf der Joka und sie geriet mit den Armen rudernd ins Taumeln. Glücklicherweise fand sie ihr eben noch selbstgelobtes Gleichgewicht wieder, ehe sie mit dem Hintern auf den nassen Planken landete. Ein Laut wie ein Knurren entfuhr ihr, als sie dem Schmunzeln des Weißhaarigen gewahr wurde. Dieses wissende Lächeln packte sie genau dort wo es wehtat; an ihrem Ehrgeiz.
Mit entflammtem Eifer begab sie sich wieder in die ungewohnte Körperhaltung und setzte zu einem neuen Versuch an. Dieses Mal war das Meer ihr gewogen und keine Welle störte ihre Übung, als sie das Bein hob. Allerdings merkte sie schnell, dass sie nicht genauso langsam war wie Berash, denn ihr Fuß landete viel früher wieder auf dem Deck und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Fuß des Mannes deutlich näher am Boden gewesen war.
„Schiebst du deinen Fuß über das Deck oder hebst du ihn an?“, fragte sie, „Kam mir beim Zusehen anders vor, als bei mir gerade.“
Berash lies ein leichtes Schmunzeln aufblitzen, bevor er wieder eine ernste Miene aufsetzte.
"Gute Beobachtungsgabe." Lobte er Ravia.
"Ja, ich habe meinen Fuß etwas höher gehoben, damit ich mir keine Splitter einziehe. Du sollst sehen, was ich mache, deswegen habe ich auch die Stiefel ausgezogen. Sobald du weißt, wie du deine Füße bewegen musst, kannst du die Stiefel wieder anziehen."
Der Assassine richtete sich wieder aus seiner hockenden Position auf und rieb sich über die Oberschenkel um das leichte Brennen darin schneller zu vertreiben. Auch wenn es noch nicht so lange her war, dass er durch die Kasbah geschlichen war, jahrelanges Brach liegen der eigenen Fähigkeiten war nun einmal kein gutes Training. Aber die Zeit, die er mit der jungen Frau verbringen würde konnte da nur helfen.
"Beim Anschleichen ist eine kontrollierte Bewegung der Füße sehr wichtig, genauso wie das Beobachten des Untergrunds. Nur ist das natürlich nicht immer gegeben, schließlich sind die wenigsten Situationen dafür am helligen Tag." Bedeutungsvoll blickte Berash zu der Sonne hinauf, die ihre Strahlen auf das schwankende Deck warf und deren Hitze im Wettstreit mit dem kühlenden Wind lag.
"Deswegen die gleitende Bewegung des anderen Fußes. Schließlich möchtest du nicht versehentlich auf einen Stock oder ähnliches treten, dass zerbrechen könnte."
Berash maß Ravia mit einem kritischen Blick und überdachte das gesagte noch einmal. Vermutlich würde die junge Frau weniger durch Wälder schleichen wollen und sich eher in Städten oder auf anderen Schiffen aufhalten.
"Oder in eine Pfütze treten und Planken knarren lassen. Manche Geräusche lassen sich nicht vermeiden, sollten aber so natürlich wie möglich klingen. "
Nachdenklich musterte er die junge Frau, welche seine Bewegungen so akribisch studiert und immitiert hatte. Er musste gestehen, dass er damals wesentlich länger gebraucht hatte um genau das zu verstehen, was sie nun so schnell verstanden und gesehen hatte. Doch im Gegensatz zu ihr hatte er auch damals nicht den großteil seines Lebens auf Schiffen verbracht.
"Übe das ruhig, indem du dich an andere Mitglieder der Mannschaft anschleichst und sie erschreckst." Der Assassine zögerte einen Moment, bevor er innerlich den Kopf schüttelte und einen weiteren Vorschlag verwarf. Vermutlich kam es bei ihrer Mannschaft nicht gut an, wenn Ravia versuchen sollte die Taschen der Crew zu lehren.
„Was soll ich sagen? Gut zu beobachten ist mein halbes Handwerk“, lächelte Ravia dankbar ob des Kompliments.
Während sie sich seine Trainingsmethode durch den Kopf gehen ließ, stand sie einen Moment unentschlossen mit durchgestreckten Beinen. Sie spürte nach wie vor das raue Holz der Planken unter ihren Zehen, zog sie sogar testweise heran, sodass ihre Nägel über den Boden kratzten. Ein wirklich unangenehmes Gefühl, was ihr Gänsehaut am ganzen Körper bescherte. Während sie sich die Unterschiede zwischen ihren Versuch und dem Können von Berash vor Augen führte, wanderten ihre Gedanken zu einer Frage, die ihr seit dem Beginn der Übung im Hinterkopf nagte.
„Wie kommst du eigentlich darauf, dass jemand wie ich“, sie machte eine kurze Pause, setzte ein entzückendes Lächeln auf und klimperte theatralisch mit den Wimpern, „Schleichen können sollte? Denkst du etwa, ich habe etwas zu verbergen oder einen Grund ungesehen irgendwohin zu wollen?“, fragte sie süßlich und in ihrem Ton Schwang eine Mischung aus Empörung und Humor mit.
Die Piratin war sich mittlerweile Recht sicher, dass Berash intelligent genug war, um zwei und zwei zusammengezählt zu haben. Außerdem beherrschte ja auch er das Schleichen und wäre demnach auch keine unschuldige Seele. Aber wer war das schon? Außerdem war ein braves Leben doch sterbenslangweilig!
Bevor er ihr jedoch eine Antwort geben konnte, nahm sie wieder die Haltung ein, welche er ihr gezeigt hatte und sie presste die Zähne aufeinander, als das Brennen in ihren Oberschenkeln zurückkehrte.
Und ich dachte, ich sei gut in Form, stöhnte sie innerlich und griff mit ihren Händen an ihre Beine und massierte sie leicht.
Wie zuvor verlagerte sie schließlich ihr Gewicht auf ihren rechten Fuß und hob ihren Linken an, wobei sie darauf achtete sich langsamer zu bewegen. Zumindest das schien ihr auch besser zu gelingen, doch sie hörte deutlich das Platschen von Wasser, das die letzte große Welle über Bord gespült hatte, als sie den Fuß wieder absetzte.
„Verdammt, das ist schwieriger, als es aussieht!“, fluchte sie und schnaufte verstimmt.
Ihre geringe Geduld war bereits strapaziert und auch die Euphorie zu lernen, was Berash beherrschte ließ langsam nach. Gab es keine Abkürzung?
"Nun, du sagst, du möchtest dich so bewegen wie ich, also schließe ich daraus, dass du das eben auch können möchtest." Berash zuckte gespielt gelangweilt mit den Schultern.
"Ich bin nicht verantwortlich für das, was du mit dem machst, was ich dir beibringe, sondern du selbst. Und es ist nie verkehrt, wenn man weiß, wie man sich leise bewegen kann."
Wenn der Assassine für all das verantwortlich gewesen wäre, was er den Leuten früher vermittelt hätte, dann würden mehr definitiv mehr Tote auf seinem Gewissen lasten als jetzt schon. Wobei sich das, wenn er ehrlich war, in Grenzen hielt. Früher wie heute wurde einem selten etwas geschenkt und manchmal standen Menschen einem halt im Weg beim erreichen der eigenen Ziele.
Berash war sicherlich nicht immer stolz auf das, was er damals getan hatte. Aber seiner Überzeugung nach würde irgendwann sowieso jemand kommen, der besser war als er. Auch der Assassine würde irgendwann an das Ende seines Lebensweges kommen und dann würde er sehen, was die Götter, insbesondere Beliar, für ihn bereit halten würden. Der Tod selbst machte ihm keine Angst, dafür hatte er schon zu oft erlebt, wie er zu anderen gekommen war.
"Anstrengend, nicht wahr?" kommentierte er Ravias frustrierte Miene mitleidslos. während er ihre Haltung musterte. Dabei hatte sie sogar noch den Vorteil, ein gewisses Maß an Geschicklichkeit zu besitzen. Und sie war auf Schiffen groß geworden.
"Sei froh, dass ich mit dir nicht das gleiche mache, wie es mit mir damals gemacht wurde. Ich musste damals durch die Ruinenfelder um Bakaresh herum hetzen um Sachen zu lernen, die du schon kannst. Und in vollem Lauf eine Steinkante zu übersehen..." Berashs Miene verzog sich ungehalten, als er für den Moment daran zurück dachte.
"Glaub mir, da sind brennende Muskeln bei weitem das geringste Übel."
Ravia biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich darauf, das brennende Gefühl in ihren Oberschenkeln zu ignorieren. Sie konnte Berashs mitleidslose Worte förmlich spüren, wie ein Dolch, der sich langsam drehte. Aber Aufgeben kam nicht in Frage. Sie richtete sich wieder auf und bemühte sich, ihre Haltung zu korrigieren. Die Planken knarrten leise unter ihren Füßen, während sie ihr Gewicht langsam von einem Bein aufs andere verlagerte.
Atmen, Ravia. Langsam und ruhig.
Ihre inneren Gedanken dienten als Mantra, um die Schmerzen zu verdrängen und ihre Konzentration zu schärfen. Sie erinnerte sich an die Tage, die sie auf den weiten Meeren verbracht hatte, an das Jonglieren der Seile und Segel, an das Anpassen an die unvorhersehbaren Launen der See.
Wenn ich das überstehen kann, kann ich auch das hier meistern.
Mit einem tiefen Atemzug nahm sie erneut die Haltung ein, die Berash ihr gezeigt hatte. Diesmal bewegte sie sich bewusster, ihre Schritte langsamer und kontrollierter. Sie spürte das kalte Wasser unter ihren Zehen und das raue Holz der Planken. Jedes Geräusch, das sie verursachte, schien lauter als ein Kanonenschuss, aber sie ließ sich nicht entmutigen.
Berash beobachtete sie still, seine Augen scharf wie die Klinge eines Schwertes.
„Besser“, murmelte er schließlich, was der Piratin ein wenig Hoffnung gab.
„Samahani!“, fluchte sie erneut, aber diesmal mit einem Funken Entschlossenheit in ihrer Stimme, „Gibt es keine Abkürzungen? Irgendeinen Trick, den du mir zeigen kannst?“
Der Weißhaarige lachte bloß trocken, eine unmissverständliche Aussage dahinter.
Ravia nickte, obwohl sie insgeheim hoffte, dass es irgendeinen geheimen Trick gab, den er ihr noch nicht verraten hatte.
„Hab ich mir gedacht.“
Sie atmete tief durch und konzentrierte sich erneut auf ihre Bewegungen. Das Wasser, das über die Planken gespült worden war, war immer noch da, eine ständige Erinnerung an ihre Umgebung und die Notwendigkeit, sich leise zu bewegen.
Warum hat er das überhaupt gelernt?
Die Frage drängte sich in ihre Gedanken. Sein Geheimnis umgab ihn wie ein Nebel, und sie war entschlossen, es zu lüften. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt.
„Berash, warum hast du das eigentlich gelernt?“, fragte sie schließlich, ihre Stimme vorsichtig.
Der unfreiwillige Lehrmeister hielt inne, seine Augen verengten sich einen Moment lang, bevor er antwortete.
„Manchmal hat das Leben Wege, die man nicht vorhersieht. Und manchmal muss man lernen, sich anzupassen, um zu überleben.“
Seine Antwort ließ Ravia noch mehr Fragen stellen, aber sie wusste, dass sie ihn nicht drängen konnte. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.
Mit einem erneuten Versuch verlagerte sie ihr Gewicht vorsichtig auf ihren rechten Fuß und hob den linken an. Diesmal bewegte sie sich noch langsamer, ihre Bewegungen flüssiger. Das Wasser platschte leise, aber weniger störend als zuvor. Ein kleiner Erfolg, aber ein Erfolg dennoch.
Das Schiff, das den Namen Antan II trug, befand sich östlich von Argaan und segelte weit genug von der Küste entfernt nach Süden, um, nicht zu nahe an irgendwelche Klippen zu gelangen. Ob die zwei im Namen der Nachfolger einer vielleicht gesunkenen Antan I war, wusste Nienor nicht und konnte es nur vermuten. Tatsächlich hatte das Schiff den Hafen von Thorniara am Mittag verlassen und war um das Nordkap der Insel mit seinem Leuchtturm herum nach Osten gesegelt, geradeso, als ob es nach Gorthar oder Khorinis aufgebrochen war. Doch nachdem die Küste nach einiger Zeit hinter dem Heck der Antan II verblasst war und sie nur noch das Meer umgab, und sich Nienor wie auf einer Nussschale verloren im weiten Ozean fühlte, schwenkte das Schiff zuerst nach Süden ab und nach einer Weile wieder nach Westen. Da der Wind aus nördlicher Richtung wehte, war dies alles möglich ohne dauernde Manöver. Nur die erste Zeit, als sie aus Thorniara ausgelaufen waren und nördlich um das Kap herum gefahren waren, mussten die Seeleute die Leinen immer wieder lösen und neu festzurren, weil sich die Stellung des Segels andauernd änderte, denn sie kreuzten gegen den Wind und dies war mit der schwerfälligen Antan II kein einfaches Unterfangen. Nienor hatte keine Ahnung davon und schaute einfach zu, wie die Männer und Frauen auf dem Schiff die Rahe mit dem Segel in immer neue Stellungen brachten, Leinen lösten und wieder neu festzurrten.
Doch als sie dann den festen Kurs östlich einrichteten, wurde das große Segel nicht mehr bewegt. Nur noch drei Mal, bei den Kursen Richtung Süd, dann nach Westen und dann wieder nach Süden herrschte Betriebsamkeit, ehe sich dann jedes Mal wieder allgemeine Ruhe einstellte. Der Wind blies gleichmäßig und das Schiff machte für seine Verhältnisse gute Fahrt, denn es wurde vor ihm hergetrieben. Rechterhand erstreckte sich die Küste Argaans und sie waren auf Höhe der Ruinen Setarrifs wieder auf sie gestoßen. Die Kriegerin stand an der Decksbrüstung und besah sich nachdenklich die Mauern, die noch himmelwärts strebten. Einige mochten Türme und hohe Gebäude gebildet haben. Was einst der Königspalast war, konnte sie nicht ausmachen, vielleicht war er auch von hier unten, vom Wasser aus, gar nicht sichtbar. Mauern türmten sich auf Felsen, Bögen waren noch zu sehen, eingestürzte Kuppeln. Sicher war Setarrif eine sehr schöne Stadt gewesen. Sie wusste nur wenig über die Kultur der Argaaner und der Südlichen Inseln, musste sie insgeheim zugeben. Aber zumindest das war ihr bekannt: Setarrif war die alte Hauptstadt fast seit Anbeginn des Reiches gewesen und es war prächtig ausgebaut gewesen mit Tempeln und Palästen, Straßen und Plätzen, Brunnen und schattigen Arkaden. Und doch war es vor einigen Jahren gefallen, sie wusste gar nicht mehr genau, aus welchem Grund.
Kelani klärte sie auf, ohne dass sie fragen musste.
»Alles dem Drachen zum Opfer gefallen«, sprach sie und Nienor bemerkte erst jetzt, dass sie neben ihr stand. Sie musste irgendwann an Deck gekommen und sich neben sie gestellt haben.
»Dieser Ethorn zieht das Unglück an wie eine ins Netz gegangene Fliege die Spinne.«
»Du hältst wohl nicht viel von ihm?«, fragte Nienor.
»Ha! Machst du Witze, Niniel?«, gab die Kapitänin zurück.
»Der Kerl stammt ja noch nicht Mal richtig vom Königsgeschlecht ab!«
Sie machte eine abschätzige Bewegung mit der Hand.
»Jaja, die großen Häuser sind alle irgendwie miteinander verwandt... über fünf Ecken«, relativierte sie dann, nur um festzustellen: »aber deswegen kann nicht einfach jeder von ihnen König werden! Und im Krieg hat er bisher auch kein Glück und wenig Verstand gehabt«, schnaubte sie.
»Ich meine, Myrtana hätte auch einfach die Insel überrennen können am Anfang. Soweit ich gehört habe, hatten sie damals recht viele Truppen hier. Mittlerweile begnügen sie sich mit ihrer Stadt Thorniara. Die haben sie ja erst unter Zephil erbaut, als sie unser Land erobert hatten und eine eigene Zwingburg auf unseren Inseln brauchten. Und es gibt auch seit Jahren keine Feldschlachten mehr, alles recht ruhig.«
Nienor hörte interessiert zu, froh, einmal eine Meinung der anderen Seite zur Situation auf Argaan zu hören.
»Bekommt Ethorn VI. denn nicht regelmäßig Nachschub von den anderen Inseln?«, fragte sie.
»Haha, wo denkst du hin?«, lachte Kelani.
»Auf Torgaan gibt es vor allem Dschungel. Und die schwarzen Krieger von dort muss man gut bezahlen.«
»Und Korshaan?«
»Korshaan...« Kelani ließ eine Pause.
»Korshaan dreht sich um sich selbst«, meinte sie dann vielsagend.
Nienors fragender Blick veranlasste sie dann doch, etwas mehr zu erklären.
»Die Häuser auf Korshaan beschäftigen sich mit ihren eigenen Problemen. Ethorn würden sie nur unterstützen, wenn er stark wäre und sie demnach einen Vorteil von einer Unterstützung hätten, weil er ihnen etwas dafür bieten könnte. Aber Ethorn wäre nur stark, wenn sie ihn unterstützen würden. Denn dann hätte er Geld und Männer. Da beißt sich die Maus also in den Schwanz. Da Ethorn nur aus irgendeiner obskuren Nebenlinie stammt, sind die meisten, die Einfluss haben, nicht besonders überzeugt davon, ihn zu unterstützen. Viele denken, dass sie ebenso gut an seiner Stelle stehen könnten. Also an der Spitze des Reiches meine ich, nicht irgendwo in einem Nest auf Argaan. Vermutlich denken viele, sie könnten alles besser als er. Vermutlich glauben auch viele, er heißt gar nicht Ethorn, sondern hat sich nur diesen Namen als König gegeben, um an die legendären Könige gleichen Namens anzuknüpfen. Besonders die ersten zwei. Auf Korshaan geht auch ein Spottvers um, der ihn mit dem dritten Ethorn in Verbindung bringt. Ethorn, der Wahnsinnige. Der schoss mit Ethorns Würde, der alten Zeremonienarmbrust, auf Passanten von seinem Palastbalkon aus. Zum Glück währte seine Herrschaft nicht lang. Namen sind eben ein zweischneidiges Schwert.«
»Ethorns Würde?«, fragte Nienor.
»Ja, Ethorn I. hatte drei von Adanos gesegnete Waffen, den Zweihänder Ethorns Ehre, den Streitkolben Ethorns Ruhm und die Armbrust Ethorns Würde, mit denen er an der Spitze seiner Armee die Inseln eroberte.«
Das klang nach einem besonderen Mythos. »Von wem hat er sie denn erobert?«
»Von Jharkendar. Eine alte Kultur, die hier und woanders in der Welt Städte errichteten und ebenfalls Adanos anbeteten. Irgendwann wurden sie aber gänzlich hinweggefegt und es gibt nur noch wenige Spuren von ihnen. Die Ruinenstädte von Varant sollen auf sie zurückgehen. Aber da weiß ich nichts weiter zu. Frag einen Gelehrten, wenn du auf Korshaan bist. Auf jeden Fall hoffe ich, dass es uns dereinst nicht ähnlich wie ihnen ergehen wird!«
Nienor gestand sich, dass sie viel zu wenig darüber wusste, wie die Dinge sich so gefügt hatten, wie sie jetzt waren. Alles hatte seine Ursache und seine Folgen. Um sie zu verstehen, musste man ihnen nachforschen.
»Ich würde gerne mehr über die Könige der Südlichen Inseln erfahren«, meinte Nienor, als sie Kelani so reden hörte. Was für die Kapitänin normales Wissen war, schien Nienor merkwürdig und fremd.
»Schätzchen, aber nicht von mir«, beschied ihr Kelani hingegen.
»Wenn du Sendar besuchst, schau dir einfach den Palast an, dann wird man dir schon genug von denen und ihren ach so großen Taten erzählen.«
»Es gibt auch in Sendar einen Palast?«, wunderte sich Nienor.
»Was glaubst du denn? Die Herrscher müssen ja alle Inseln besuchen können, um immer schön nach dem Rechten zu sehen. Und um standesgemäß residieren zu können und Untertanen zu empfangen, gibt - oder gab - es auf jeder Insel einen eigenen Palast, auch wenn Setarrif seit alters her die Hauptstadt war. Selbst auf Feshyr gab es einst einen Palast. Die Insel war in früheren Zeiten einmal alleiniges Eigentum des Königs und dort zog er sich vom Rest der Welt zurück, um in seinen königlichen Gärten auf seiner königlichen Insel sich das königliche Haupt zu zerbrechen, während er den großen Fragen des Lebens nachging. Oder so. Hat mir mal der Lehrer in meiner Jugend erzählt. Aber der Palast dort ist längst zerfallen und die Bediensteten von damals sind die Vorfahren der dortigen Dorfbewohner. Und heutzutage gibt es keinen besonderen Grund, Feshyr zu besuchen, denn dort gibt es keine wichtigen Handelsgüter.«
»Und man kann diesen Palast in Sendar einfach so besuchen?«
»Tja, wenn du eingeladen wirst, bestimmt ...«
Es war also doch nicht so einfach. Das hatte sich Nienor schon gedacht.
Es war Abend geworden und Nacht, während sie die Küste von Argaan zu ihrer Rechten hatten. Am nächsten Morgen jedoch hatte Kelani angewiesen, den Kurs auf Südwest zu wechseln, denn sie waren nun auf der Höhe von Torgaan. Nienor hatte Scolaro, den Koch des Schiffes, dafür bezahlt, dass er von seinen Vorräten auch für sie Mahlzeiten vorsah. Was einfach nur hieß, dass er gleichmütig eine Handvoll Gemüse mehr in den großen Topf schnippelte, in dem er das Essen für alle auf dem Schiff zubereitete. Als er ihr bedeutete, dass es ihn nicht stören würde, Gesellschaft zu haben, hatte sich Nienor neben ihn gesetzt und schaute ihm dabei zu, wie er gekonnt mit dem Messer alles so bearbeitete, wie es jeweils richtig war. Obwohl das Schiff im Wellengang langsam rollte, ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Na, hat Kelani ihre Augen wieder mal in den Wolken«, brummte er nur gutmütig und meinte damit, dass die Kapitänin es sonst wohl besser hinbekam, die Antan II ruhig auf den Wellen zu halten.
»Warst du schon einmal auf Torgaan?«, fragte ihn Nienor unvermittelt.
»Wo denkst du hin Niniel?«, meinte Scolaro leichthin.
»Ich bin ein echter Korshaaner. Was hätte ich auf Torgaan zu suchen? Frag danach lieber Temo. Der ist wie Kelani auch Torgaaner. Aber das wirst du ja schon selbst gesehen haben. Manchmal beschließen Leute von dort, dass sie die Welt außerhalb sehen wollen. Oder sie wurden vielleicht aus ihren Gemeinschaften ausgestoßen? Das weiß keiner so richtig, niemand aus Torgaan spricht so recht über die Gründe, weshalb jemand aus dem dortigen Volk der Insel den Rücken kehrte. Weißt du, wer nach Torgaan kommt, der fordert sein Glück heraus, heißt es bei uns. In die Dschungel, die den Großteil der Insel überziehen, traut man sich lieber nicht. Und die Zuckerrohrplantagen, die einige der Häuser ganz im Westen der Insel angelegt haben ... das sind Menschenmühlen, halte dich von ihnen fern. Egal, was sie dir versprechen.«
»Zuckerrohr?«
»Na, du bist ja noch nicht weit herumgekommen, scheint's mir. Ein großes Gras, ähnlich wie Schilf. Aus den Stängeln fließt, wenn man sie abschneidet und auspresst, ein süßer Saft, der eingekocht wird. Zu Sirup oder direkt zu festem Zucker, der transportiert sich einfacher. Ist überall begehrt. Aber teuer. Einige der Häuser haben damit ihren Reichtum begründet.«
»Und was weißt du sonst über Torgaan?«, fragte Nienor weiter, neugierig auf weitere Geschichten hoffend.
»Nicht viel. Torgaan ist die Seltsame der Südlichen Inseln. Gehört dazu aber irgendwie wieder auch nicht. In den Tagen der alten Könige, heißt es, kamen von dort immer die besten Soldaten. Wie auch immer die alten Könige das geschafft haben, sie davon zu überzeugen, für sie zu kämpfen. Aber vielleicht sind diese alten Geschichten auch stark ausgeschmückt. Du weißt doch: Glaube nie, was ein Korshaaner sagt - doch bezichtige ihn niemals der Lüge.«
»Nein, davon habe ich noch nie gehört.«
Scolaro schüttelte den Kopf, während er eine weitere Ladung gewürfeltes Wurzelgemüse mit dem Messer vom Schneidebrett in den Kessel schob. »Du weißt ja wirklich nicht viel, Niniel«, stellte er fest.
»Und all das mit den alten Seekönigen der Legenden ist schon über 300 Jahre her, was da genau passierte, wissen heute nur noch irgendwelche Archivare und Historiker.«
»Naja, ich hab mich meist in Myrtana aufgehalten«, gab Nienor zu.
»Das erklärt Einiges«, stellte der Koch mit gespielter Strenge fest.
»Mir wäre es dort zu kalt. Und zu eintönig. Hab mir sagen lassen, das Land bestünde fast nur aus Wald und Gebirge. Und im Norden grenzt es an ein Land, wo ständig Eis und Schnee die Menschen plagen. Brrr.«
Er schüttelte sich demonstrativ.
»Kein Wunder, dass dieser Rhobar gerne unsere Inseln hätte. Hier ist es ja auch viel schöner. Aber wir geben sie ihm nicht, das ist ja wohl klar.«
Nienor hatte natürlich ihre eigene Meinung über ihr Heimatland Myrtana, die sie aber lieber für sich behielt. Außerdem fiel ihr ein, dass sie von den Südlichen Inseln bisher ja nur Argaan kannte und somit gar keinen richtigen Vergleich ziehen konnte.
»Wie auch immer, der Korshaaner fabuliert für sein Lebtag gerne. Nimm nicht alles für bare Münze, was man dir dort erzählt, Niniel, doch ein Quentchen Wahrheit wird immer dabei sein. Und besuche Badarrife, wenn du die Gelegenheit hast, dort führt meine Schwester das beste Haus am Platz. Na gut, es ist auch das Einzige. So groß ist das Städtchen nicht. Aber ihr Gasthaus ist trotzdem gut. Erst letztes Jahr hat sie in jedes Gästezimmer einen Badezuber stellen lassen und eine Wasserleitung in jedes Zimmer legen lassen. Es wird ein Feuer unter einem Kessel im obersten Stockwerk entzündet und das warme Wasser fließt direkt in die Zuber in den Zimmern darunter, wenn ein Gast ein Bad nehmen möchte. Eine prächtige Erfindung. Habt ihr so was in Myrtana? Nicht? Na also! Dabei wäre es bei eurer Kälte dringend nötig.«
Er ließ nach Gutdünken und Erfahrung verschiedene Gewürze in den Kessel rieseln, die er mit einem kleinen Holzlöffel aus verschiedenen hölzernen Schächtelchen und Dosen entnahm. Es roch plötzlich ganz exotisch und irgendwie aufregend für Nienor.
»Siehst du«, meinte Scolaro zufrieden, »mit den richtigen Gewürzen wird selbst aus den merkwürdigen Wurzeln, die sie in Thorniara haben, ein gutes korshaanisches Gericht.«
»Jetzt braucht es nur noch eine Weile, bis es gut durch ist.« Er rührte sicherheitshalber noch einmal um.
Nienor verabschiedete sich von Scolaro, dessen Zutaten noch einige Zeit des Köchelns benötigten und ging wieder zurück an Deck, wo sie schon den Vormittag verbracht hatte. In der Ferne sah man das grün bewachsene Torgaan, gekrönt von Bergen, an deren Hängen, soweit sie nicht aus blankem Fels bestanden, ebenfalls Wald wuchs. Der Maat, den Nienor im Gasthaus in Thorniara vor allzu dreisten Betrügern beim Kartenspiel gewarnt hatte, und der sich ihr als Fabius vorstellte, nachdem er sie an Bord wiedererkannt hatte, trat neben sie.
»Wieso wächst hier so dichter Wald?«, fragte sie ihn.
»Keine Ahnung. Weil Adanos es so bestimmt hat und diese Insel von ihm besonders gesegnet ist vielleicht?«
Nienor gab sich damit nicht zufrieden.
»Ja, gut. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass hier eine warme Meeresströmung von Süden gegen das Land drückt und viel warme, feuchte Luft mit sich bringt. Das hat Auswirkungen bis in den Süden Argaans, wo ebensolcher undurchdringlicher Dschungel wächst. Normalerweise hat man hier eher Winde aus Südost. Wegen der Strömung hält Temo auch mit dem Steuer stark nach Backbord. Sonst würden wir gegen die Küste gedrückt werden und den Einheimischen zum Opfer fallen. Das sind nämlich alles Kannibalen.«
Er lachte und Nienor vermutete, dass er ein wenig flunkerte. Fabius sprach jedoch weiter.
»Wir haben Glück und einen für uns günstigeren Wind. Aber er kann auch jeden Moment umschlagen. Siehst du die Wolken am Horizont im Süden?«
Er zeigte in die angegebene Richtung. Tatsächlich ballten sich dort Wolken in den Himmel, unten mit einem Strich parallel zum Horizont und nach oben, gen Himmel wie ein riesig großer Pilz. Im Moment wurden sie von der mittlerweile tief stehenden Sonne rötlich angeleuchtet. Im ersten Augenblick sah das jedoch alles sehr friedlich aus.
»Das sieht nach einem Unwetter aus«, erklärte der Maat hingegen.
»Falls der Wind dreht, wird es uns erreichen. Falls nicht, haben wir vielleicht Glück. Normalerweise gibt es aber keinen Nordwind. Mit dem üblichen Wind aus Südost muss man immer nördlich von Torgaan im Lee der Insel fahren. Das dauert länger. Kelani und Temu haben jedoch entschieden, dass wir diesmal unser Glück an der Südküste entlang versuchen sollen. Bis jetzt sind wir damit auch gut gefahren. Mal sehen, ob es dabei bleibt!«
Nienor verstand langsam die gleichmütige Art von Scolaro besser. Hier auf See musste man alles über sich ergehen lasssen und konnte nichts daran ändern, wie das Meer mit einem umsprang. Am Ende konnte man nur Adanos danken.
Sie hatten kein Glück.
Im Laufe der Nacht drehte zuerst der Wind, so dass die Seeleute noch einmal an die Leinen geschickt wurden, um die Stellung des Segels an die Änderungen anzupassen. Aber Temo ließ sie gar nicht erst wieder in ihren Schlafraum im Vorderkastell verschwinden, denn er ahnte bereits, dass Härteres auf sie zukommen würde. Doch er wollte bis dahin noch so viel an Strecke hinter sich bringen, wie es nur ging. Vermutlich hatten sie bald Torgaan zur Gänze passiert und würden nun an dem Kanal zwischen dieser Insel und Korshaan vorbei segeln. Offenes Wasser von allen Seiten. Wenigstens für die nächsten Stunden keine Gefahr mehr, dass sie vom Sturm an irgendein Ufer gedrückt würden. Bis sie Korshaan erreichten. Aber vielleicht war dann der Sturm, der sie erwartete, wieder abgeflaut. Seefahrt bestand zu einem großen Teil aus Hoffnung und von der Übersetzung von nicht enttäuschter Hoffnung in Münzen lebte der Tempel in Sendar. Menschen, die enttäuscht wurden, hatten hingegen nur selten die Gelegenheit, sich dort zu beschweren.
Der Wind wurde stärker und als die ersten Sturmböen das Schiff leewärts drückten, ließ Temo das Segel auf ein Minimum reffen. Die Arbeit war gefährlich. In diesem Wetter, wo das Schiff in den aufgepeitschten Wellen stark hin und her schwankte, die Mannschaft in die Rahe zu schicken, war ein Akt der Verzweiflung. Da aber auch alle anderen überleben wollten, gab es kein Murren. Alle kletterten die Wanten hinauf und konzentrierten sich ganz darauf, nicht bei der nächsten Bewegung des Schiffs ins Meer geschleudert zu werden. Nachdem das Segel soweit gerefft worden war, dass nur noch ein schmaler Streifen den Wind aufnahm, landeten alle wieder unbeschadet an Deck und begaben sich sogleich in sichere Bereiche des Schiffs. Temo konnte nun, mit dem neu eingestellten Segel dem Sturm besser begegnen und harrte am Ruder aus, um die Antan II durch die Wellen zu manövrieren.
»Vergiss Segora!«, rief Kelani im Sturm Temu zu. Die Kapitänin stand neben ihm auf dem Achterkastell und achtete darauf, das alle Leinen auch im Sturm fest blieben.
»Du meinst ... bis Sendar?«, brüllte er zurück.
»was bleibt uns anderes übrig. Bis Segora wird der Sturm nicht nachgelassen haben, wir werden weiter segeln müssen. Und später umkehren? Bei dem Wind ...?«
Temu wusste es ja selber. Wenn der Sturm irgendwann abgeflaut war, würde der Wind noch tagelang aus der selben Richtung wehen, keine Chance, da wieder zurück nach Segora zu gelangen.
»Na gut. Das wird aber einiges an Profit kosten.«
»Egal, unser Leben und das Schiff ist mir wichtiger. Bring uns hier nur gut durch.«
Kelani ärgerte sich. sie hätte auch südlich von Argaan durch den Kanal zwischen Argaan und Torgaan fahren können, um dann nördlich von Torgaan entlang zu segeln. Erfahrungsgemäß war dort das Wetter meist ruhiger, da die Gebirge von Torgaan die starken Winde, die gewöhnlich in dieser Jahreszeit von Süden und Südosten her bliesen, abschirmten. Stürme vom norden her waren äußerst selten, denn diese verloren schon nördlich von Argaan viel von ihrer Stärke und waren dann weiter südlich kaum noch zu spüren.
»Was ist mit unserer neugierigen Nordländerin?«, fragte Temu.
»Um die mach ich mir die geringsten Sorgen. Und überhaupt ... umso besser für sie, sie wollte ja sowieso nach Sendar und nicht nach Segora. Das mit Gorthar« (sie betone das Wort besonders, was im Sturm jedoch kaum zu hören war) »hatte sie von Anfang an falsch verstanden.«
»Ja, klar«, antwortete Temu mitten in einer Böe, die in den Ohren sauste.
»Hatte mich nur auf ihr Gesicht gefreut, wenn wir sie in Segora abgesetzt hätten«, schrie er zurück.
Kelani schüttelte mit dem Kopf. Aber inmitten von Dunkelheit, Regen und Sturm konnte das niemand sehen.
»Wenn wir das hier überstanden haben, werden wir Adanos Tuneru im Tempel in Sendar ein Dankopfer bringen. Und sie soll das zahlen. Das hilft, den minderen Erlös etwas erträglicher zu machen.«
Temu antwortete nichts. Er hatte mit dem Steuer zu kämpfen, um das Schiff nicht gänzlich den Launen des Sturmes zu überlassen. Kelani würde außerdem schon wissen, was am besten war. So wie immer. Vermutlich machte sie sich am meisten Vorwürfe deswegen, die riskante östliche Route gewählt zu haben.
Nienor harrte mit den anderen unter Deck aus, leidlich geschützt vor den Unbilden des Wetters. Das Schiff knarrte und ächzte unter der Last von Wind und Wasser. Es wurde hin und her geworfen. Am schlimmsten war, dass man nie vorhersagen konnten, wann es von den Wellen wieder in eine andere Richtung gedrückt wurde. Als die Seeleute, nach dem letzten Fieren des Segels wieder herein gekommen waren, waren sie komplett durchnässt und verfroren.
»Jetzt liegt alles bei Temu«, war die einhellige Meinung. Jeder suchte sich einen Platz, an dem er sich möglichst einfach festhalten konnte, um nicht hin und her geschleudert zu werden, wenn die Antan II wieder ein neues Wellental durchmaß. Eine einzelne Funzel schwankte, an einer von der Decke herabhängenden Kette aufgehängt, wild hin und her und beleuchtete die Gesichter spärlich. Immerhin hatten sie es trocken.
»Wisst ihr noch, damals, vor der Küste von Gorthar ... da hat uns der Sturm auch übel erwischt«, berichtete einer.
»Und dann hat Temu den richtigen Kurs hindurch gefunden«, setzte ein anderer fort.
»Und am Ende waren wir das einzige Schiff, das Gorthar erreicht hat und obwohl wir nur Weizen geladen hatten, haben wir den Schnitt unseres Lebens gemacht, weil kein anderes Schiff liefern konnte«, vollendete ein Dritter.
»Oh ja, aber vergesst nicht, dass wir auch damals Adanos anriefen«, wandte ein älterer Seemann ein, der ganz in der Ecke des Raumes saß und sich an einem Balken fest hielt.
Alle verstummten.
»Adanos Tuneru, der du gebietest über das Meer wie über alles Wasser,
Lass nicht zu, dass wir von den Dämonen des Meeres, dessen Erschaffer und Herrscher du bist, in den Tod gerissen werden.
Lass sie nicht die Reinheit des Wassers beflecken mit unserem Tod,
Und zeige deine Macht, indem du den Sturm besiegst und die glücklichen Winde wieder herbei rufst.
So soll es geschehen.«
Alle hatten nach und nach das Gebet mitgesprochen und hatten die Worte auswendig hergesagt. Nur Nienor lauschte stumm, denn sie kannte dieses Gebet nicht und war auch nicht besonders gläubig. Wer war dieser Tuneru? Sie wagte nicht, danach zu fragen, während ihr Leben auf Messers Schneide stand.
Das Schiff wurde weiter durch den Sturm getrieben und ihr Leben lag in den Händen des Steuermanns, der den besten Weg durch die brüllenden Winde und die wütende See finden musste.
Der Sturm hatte noch weiter an Intensität zugenommen und erreichte Orkanstärke. Nicht, dass dieser Unterschied auf der Antan II von irgendjemanden gemessen oder besonders bemerkt wurde. Jeder war damit beschäftigt, zu überleben. Die Funzel unter Deck, eine Öllampe, war längst gelöscht worden, denn zu gefährlich war ihr schwanken gewesen, nicht, dass noch etwas vom dem Öl irgendwo hin spritzte und die Lampe mit ihrer Flamme gleich hinterher fiel. Die Nussschale aus Holz tanze auf dem aufgewühlten Meer und wurde von den Kämmen der Wellen erst hinabgeworfen in die Wellentäler, die in ihrer Tiefe die Mastspitze des Schiffes um ein Vielfaches überboten. Nur, um dann ohne Pause in atemberaubender Geschwindigkeit direkt wieder nach ganz oben auf den nächsten Wellenkamm gehoben zu werden. Eine wilde Fahrt, die alles auf dem Schiff unkontrolliert hin- und her purzeln ließ, was nicht sicher verzurrt war. Alles, was an Deck herum lag, war sicher längst über Bord gespült worden. Da Kelani auf Ordnung achtete, konnte das nicht allzu viel gewesen sein. Für die Ladung unter Deck schien jedoch noch keine Gefahr zu bestehen, hier hielt die Vertäuung noch, auch wenn sich derzeit keiner nach unten traute, um dies zu überprüfen.
Nienor hatte versucht, den Raum zu verlassen und auf das offene Deck zu gelangen. Doch einer der Seeleute stellte sich ihr in den Weg.
»Bist du verrückt?«, fragte er entgeistert.
»Dort draußen weht dich entweder der Sturm sofort über Deck oder die nächste Welle spült dich ins Meer.«
»Aber Temu ...«, versuchte sie zu erklären.
»Der kommt besser ohne dich zurecht. Wird sich am Ruder festgebunden haben und sich jedes Mal freuen, wenn sich eine Welle wieder zerlaufen hat und er Luft holen kann.«
Irgendetwas splitterte, gefolgt von einem dumpfen Aufprall, bei dem es das ganze Schiff durchschüttelte. Im Pfeifen und Heulen des Luft und im Gurgeln und Schäumen des Wassers waren die Geräusche nur leise zu hören, die Bewegung des Schiffes hingegen war deutlich. Aber wenn das Geräusch überhaupt zu hören war,. musste es laut gewesen sein.
Nienor durchzuckte ein Gedanke: Der Mast!
Sie stieß den Seemann beiseite und öffnete die Tür. Der Sturm riss sie ihr förmlich aus der Hand. Sie knallte nach außen gegen die Wand des Vorderkastells und flog dann wie ein Blatt Papier in den Nachthimmel und verschwand in der Schwärze. Sofort fauchte der Sturmwind in dem Raum und ein Wasserschwall folgte.
Nienor sah, dass der Mast völlig aufgeplatzt war und seine Reste mitsamt der Rah und dem mit Wasser vollgesogenem, schweren Segel nach links über die Bordwand hing. Gehalten wurde er nur noch durch einige Leinen und die Reste der Wanten. Das Schiff hatte starke Schlagseite und würde gleich volllaufen. Wenn das passierte, waren sie alle verloren.
Nienor schnappte sich eine Leine, die irgendwo festgemacht war und wickelte sich deren loses Ende um das Handgelenk. Dann versuchte sie, an der Reling entlang den Mast zu erreichen. Es war schier aussichtslos, auf der tiefliegenden Seite, die immer wieder vom Wasser überspült wurde, bis dorthin zu gelangen. Eine welle nach der anderen schluf über ihr zusammen, ehe sie wieder zerrann. Gleichzeitig tanzte das Schiff weiterhin von Wellenkamm zu Wellental, doch wie bisher auch ohne jeden Rhythmus, einfach nur dem Zufall der Wellen unterworfen. Gischt wurde ihr vom brüllenden Sturm wie scharfer Hagel mit großer Geschwindigkeit entgegengeworfen.
Da, die erste der Leinen, die den Mast noch hielt. Sie zückte den Dolch an ihrem Gürtel und begann, die Leine durchzuschneiden. Diese Säbelei dauerte schier ewig, es war zum Verzweifeln, ein Beil wäre so viel besser gewesen. Ein Hieb und fertig. Irgendwann, viele wellen und viel Salzwasser im Mund später war es gelungen. Nienor schaute auf. Wo war das nächste Tau, das den Mast noch hielt? Doch stattdessen sah sie gegenüber, sich von achtern an der Brüstung vor kämpfend Kelani mit einer Axt, die Taue der Wanten eins nach dem anderen zerteilen. Und dann war der Mast frei und verschwand polternd im Meer, riss dabei mit dem letzen, umgeknickten Splitter aus seinem Holz, der sich für einen Augenblick in der Bordwand verhakte, eben diese noch mit sich und hinterließ ein Loch in der Reling. Das Schiff richtete sich ächzend wieder auf und die Wasser an Deck verliefen sich.
Kelani war heran. »Nicht schlimm«, brüllte sie gegen den Sturm an und meinte das fehlende Stück der Deckswand, »läuft das Wasser besser von Deck ab.«
Sie packte Nienor an der Schulter und zog sie zu sich.
»Komm mit mir.«
Beide arbeiteten sich zum Achterdeck vor, bis sie in den Aufbauten des Kastells verschwunden waren und nicht mehr dem Sturm ausgesetzt waren.
»Danke für deine Hilfe«, sagte Kelani dann.
»Bist ja doch nicht nur ein Esser.«
Nienor schwieg und war noch damit beschäftigt, durchzuatmen und darauf zu warten, dass das Wasser von ihr abtropfte, das ihr eben für eine gefühlte Ewigkeit von allen Seiten wie mit großen Kübeln entgegen geschüttet worden war.
»Wenn der Sturm nicht noch stärker wird, schaffen wir es vielleicht, Niniel.« Es sollte beruhigend klingen, aber Nienor war viel zu aufgeregt, um das zu erfassen. Das Schiff war weiterhin der Spielball der Wellen.
Nach einer Ewigkeit war es hell geworden und ein neuer Tag war angebrochen.
Und nun ließ der Sturm tatsächlich nach.
Die Besatzung traute sich wieder an Deck und der erschöpfte Temu wurde von seinen Stricken, die ihn ans Ruder banden befreit und ersetzt, damit er sich ausruhen konnte.
»Wo sind wir?«, rief einer.
Die Antan II wurde aus einem Wellental nach oben gehoben.
»Ich sehe kein Land, nirgendwo«, stellte ein anderer fest.
Alle fragten sich, wohin sie der Stum verschlagen hatte.
»Ich glaube, wir hatten Glück«, meinte die Kapitänin.
»Glück?«
»Ja. Wir sind, solange wir noch das Segel hatten, vom Sturm nach Westen an der Südküste von Korshaan vorbeigetrieben worden. Erst danach haben wir den Mast verloren und waren ab da dem Meer ganz ausgeliefert. So konnte uns der Sturm nicht gegen die Steilküste treiben, wo wir zerschellt wären.«
Das klang nachvollziehbar.
Kelani verschwand unter Deck, um zu prüfen, ob nicht irgendwo doch ein Leck unter der Wasserlinie entstanden war und ob die Ladung noch an ihrem Platz lag.
Es wurde ein Notsegel aufgestellt an einem kleinen, an das Vorschiff gezimmerten Mast und die Antan II nach nun einen Kurs nach Nordosten. Der passende Wind war mit dem Sturm gekommen. Langsam, über viele Stunden beruhigten sich die Wellen immer mehr und irgendwann würden sie das Ufer schon wieder finden. Zur Not müsste Temu in der nächsten Nacht ihre Nord-Süd-Position anhand der Sterne bestimmen.
»Land, Laaand!«, brüllte plötzlich einer von ganz vorne. Er hatte sich auf dem Vorschiff platziert, an der nun höchsten Stelle, nachdem der Mast mit dem Krähennest ja nun irgendwo im Ozean schwamm.
Alle anderen stürzten an die Reling, um den Horizont abzusuchen. Und dann sahen sie es auch.
Manchmal fragte sich Berash, ob es sinnvoll war so vage zu antworten. Er vermutete zwar, dass Ravia sich wenig um seine Vergangenheit als Assassine kümmerte, aber Vorsicht war bekanntlich die Mutter der Porzellankiste. Wobei das auch eines der Sprichwörter war, die für ihn keinen Sinn ergaben. Und wenn Vorsicht die Mutter war, wer war dann der Vater und warum war er überhaupt nicht im Bild? Hatte der Vater der Porzellankiste eventuell "nur Kurz" Sumpfkrautstengel holen wollen und war dann nie wieder zurück gekommen? Und warum hatte eine Porzellankiste überhaupt Eltern?
Alles Fragen, auf die er wohl niemals eine Antwort erhalten würde, was vermutlich auch besser so war. Diese Fragen gehörten eindeutig eher zu denen, über die man nachts, nach einem langen Abend voller Spirituosen, in geselliger Runde nachdachte. Oder verzweifelte, je nach Blickwinkel.
Der Assassine musterte die junge Frau, wie sie langsam einen Dreh heraus bekam, wie sie sich zu bewegen hatte. Und Berash konnte erkennen, dass dies für sie bald kein Problem mehr sein würde. Vielleicht sollte jeder, der sich in dieser Kunst versuchen wollte, eine Zeit lang auf Schiffen dienen. Nichts schulte den Gleichgewichtssinn mehr als die tägliche Bedrohung durch das Schwanken über Bord zu gehen. Und bei voller Fahrt würde dies vermutlich das Todesurteil der Person sein.
Ravia bewegte sich mit einer natürlichen Geschicklichkeit, welche Berash bei anderen jungen Menschen nie gesehen hatte. Und viele andere Mitglieder der Mannschaft taten es ihr ähnlich. Mit Leichtigkeit kletterten sie über Seile und Stangen.
"Du machst das schon nicht schlecht." Lobte er die junge Frau, während er ihre konzentrierte Miene beobachtete.
"Aber pass auf, dass du immer versuchst einen stabilen Stand zu behalten. Sonst kann es passieren, dass du einfach umkippst."
Nachdem Berash sie lobte, hielt sie mit der Übung inne und streckte sich, wobei sie ihre angestrengten Muskeln dehnte und wohlig seufzte, als der Schmerz sich in Erleichterung wandelte.
„Hab schon gemerkt, dass man bei der Haltung schnell auf dem Hintern landet, wenn man nicht das Gleichgewicht halten kann. Hätte nicht gedacht, dass mir das so schwerfallen würde“, gab sie zu und reckte die Arme über den Kopf und verschlang die Finger dabei, sodass die Innenseiten ihrer Ellenbogen nach vorn zeigten.
Ihr Blick war auf Berash gerichtet, der an der Reling stand und sie musterte. Er wirkte nachdenklich und ihre Neugier zwang sie dazu zumindest gedanklich zu hinterfragen, was ihm durch den Kopf ging. Doch für heute hatte sie ihn sicherlich schon mit genug Fragen gelöchert.
„Wir kreuzen den Sonnengürtel!“, hallte es von hoch oben aus dem Krähennest zu ihnen herunter und Ravia spitzte sofort die Ohren wie ein aufgeregter Welpe.
Das bedeutete, dass sie auch die Sonnenwächter passieren würden.
„Oh! Komm mit an den Bug Berash! Das muss ich dir unbedingt zeigen“, stieß sie freudig wie ein Kind aus und griff nach seinem Ärmel, um ihn mit sich zu schleifen, wobei er wenige Augenblicke bereits mithielt und sie ihn loslassen konnte.
„Kennst du die Sonnenwächter?“, fragte sie auf dem Weg zum Vorderteil der Joka, „Sie verweilen schon seit Jahrhunderten am Sonnengürtel!“
Berash lies sich überrascht ein paar Schritte von der jungen Frau mitschleifen, bevor er seinen eigenen Schritt fand und mit ihr gleichzog. Ravia wirkte wie ein kleines Kind mit ihrer plötzlichen Aufregung und ihrer jugendlichen Begeisterung.
"Was bitte sind die Sonnenwächter?" fragte der Assassine verwirrt, als sie in Richtuung Bug gingen.
Sonnenwächter war kein Begriff, den Berash kannte. Ebenso wenig Sonnengürtel. Doch Ravia war nicht die einzige Person an Deck der Joka la Maji , welche plötzlich aufgeregt wirkte. Viele, die gerade nichts zu tun hatten kamen heran geeilt und wollten in Richtung Bug, so dass es zu einem kleinen Gedränge kam.
Männer und Frauen gleichermaßen drängten sich an die Bug Reling und versuchten einen Blick auf das weite Meer zu werfen.
Berash war verwirrt. Was war in der Lage, gestandene Menschen in eine derart helle Aufregung zu versetzen?
Fragend blickte der Assassine in Richtung Ravia, in deren Augen ein glänzendes Funkeln voller Vorfreude aufgetaucht war.
Lächelnd beobachtete Ravia wie viele aus ihrer Crew sich sammelten, um traditionell die Sonnenwächter beim Überqueren des Gürtels zu betrachten. Manch einer würde sie grüßen, andere nur stillschweigend bewundern und einige mochten sich denken, dass es albern war annähernd menschlich anmutenden Steinen entgegenzublicken, nur weil sie eine Landmarke für Seefahrer darstellten.
„Da sind sie!“, rief sie aufgeregt und wäre beinahe auf- und abgehüpft, doch konnte sich noch bremsen.
Außerdem hatte sie noch gut in Erinnerung, was beim letzten Mal, als sie an die Felsen gedacht hatte, geschehen war und sie würde es zu keiner Wiederholung kommen lassen, bei Beliar!
Ihr fiel schließlich der verwirrte Blick Berashs auf und sie grinste ihn einfach nur an, bevor sie eine Erklärung und Antwort auf seine Frage äußerte.
„Diese beiden großen Felsen dort“, begann sie, „Siehst du, dass sie grob menschliche Konturen haben?“
Sie wartete auf seine Reaktion, bevor sie fortfuhr.
„Sie werden die Sonnenwächter genannt und stehen genau nördlich und südlich des Sonnengürtels, welcher die Grenze zwischen den nördlichen und südlichen Meeren bildet. Ab hier verläuft die Sonne nicht mehr zur Mittagszeit über Süden, sondern über Norden, am Sonnengürtel entlang, nachdem sie über dem Archipel aufgegangen ist“, fuhr sie fort.
Ihr Blick wanderte wieder zu dem nördlichen der beiden Felsen, welcher sich mittlerweile etwa zwei Schiffsbreiten von ihnen entfernt auf gleicher Höhe befand.
„Es gibt viele Geschichten und Legenden zu den Wächtern. Sie sollen Adanos‘ große Flut überstanden haben. Einst waren sie wohl Menschen aus verschiedenen Ländern, als unsere Körper noch so hoch wie Baumriesen waren, stets im Krieg, welcher durch die Versteinerung aufgehalten wurde. Andere Sagen behaupten, sie seien Liebende gewesen, die niemals zueinander finden konnten, auf immer getrennt von der Grenze zwischen Nord und Süd.“
So viele weitere Mythen fielen ihr ein, denn sie hatte jede, die sie einmal gehört hatte, verinnerlicht. Für sie, als Kind des Nordens in einer Crew aus Menschen, die hauptsächlich dem Süden entsprangen, war es ein besonders wichtiger Gedanke. Sie hatte überbrückt, was die Sonnenwächter nicht vermochten, sie war den Schritt gegangen, der ihnen verwehrt worden war. Doch sie kannte auch das Gefühl wie es war, wenn man zurückblieb. Aber in diesem Augenblick stieß sie den Gedanken von sich.
„Für uns Seefahrer sind es wichtige Landmarken, damit wir wissen, dass die Hälfte der Reise hinter uns liegt“, beendete sie ihre Erzählung und schaute wieder zu den imposanten Felsen.
Skeptisch begutachtete Berash die großen Felsen. Ja, wenn er einiges an Phantasie spielen lies, dann konnte er in den verwitterten, von Wind und Wasser angefressenen Steinen grobe menschliche Züge erkennen. Aber er hörte heute zum allerersten Mal von ihnen.
Unterbewusst musste er sich fragen, ob ihr Name nur daher kam, weil sie eben am Sonnengürtel lagen, oder ob vielleicht ein übereifriger Innos-Priester sie als Zeichen seines Gottes gesehen hatte. Doch dagegen sprach die Legende, die die beiden Felsen Adanos zusprachen. Außerdem waren zwei große Felsen im Meer nicht gerade das, was Innos von seinen Heiligtümern und Gebetsstätten erwartete, war sich Berash sicher. Zu wenig Glanz, zu wenig Glitzer.
Der Assassine musterte die Menschen um sich herum. Einige waren, ebenso wie Ravia, vor Aufregung ganz hibbelig, konnten kaum ihre Füße still halten und grinsten von einem Ohr zum anderen.
Andere widerum wirkten eher erleichtert, hatten sie doch damit die Hälfte ihrer Reise rum. Aber es gab auch genügend Mitglieder der Crew, die recht stoisch wirkten und das ganze als gegeben hinnahmen.
"Ich habe noch nie davon gehört." Berash rollte unruhig mit den Schultern, als er wieder den Blick in Richtung der beiden Felsen warf. "Aber sie sind doch recht... imposant?" Der Assassine zögerte.
"Ich meine, zwei so große Felsen mitten im Meer sind schon ein Anblick, wenn man das große Nichts darum betrachtet."
Kein Wunder, dass Seeleute dies als wichtige Landmarke sahen. Es erleichterte sicherlich das Navigieren und gab einem die Bestätigung auf dem richtigen Weg zu sein.
"Aber wer hat sie Sonnenwächter genannt? Heißen sie so, weil sie quasi Wache im Sonnengürtel stehen?" murmelte Berash gedankenverloren vor sich hin.
Nachdenklich blickte Berash weiter aufs Meer hinaus.
Der Seegang hatte nachgelassen, doch schon bahnte sich das nächste Unwetter an. Blitze zuckten übers Himmelszelt und kündeten den nächsten rauen Abschnitt dieser Seereise an. Ohnehin war inzwischen alles modrig nass, stinkend und faulig. Sei es durch das spritzende Wasser, den Nebel, die allgemeine Luftfeuchtigkeit oder kleinere Leckagen, in dem Schiffsbauch herrschte ein unangenehm feuchtes Raumklima. All seine mitgeführte Kleidung erschien olirie bereits klamm und wollte auch nicht so richtig abtrocknen. Selbst Laika hatte einen Geruch nach nassem Fell entwickelt.
Als wäre das nicht schon genug, stank nun auch noch dieser einst so jähzornige Fleischklops vor sich hin. Wenn olirie es nicht besser wüsste, würde er auf längere Verwesung tippen, doch dafür war der Leichnam noch viel zu frisch. Nein, den derzeitigen Gestank hatte sein Emittent selbst verschuldet. Eine Mischung aus übermäßigem Rumkonsum und allgemein ungesundem Lebenswandel gepaart mit miserabler Hygiene waren offenbar Ursache des Geruchs. Ohne eine genauere Untersuchung durchzuführen, oder anderweitig ins Detail zu gehen, hätte olirie geschätzt, dass Henks Lebensspanne auch ohne sein Zutun sehr begrenzt gewesen wäre.
Zumindest hatte er es nicht geschafft, die Lebensspanne von olirie zu verkürzen und auch Laika schien sich von dem, was auch immer ihr angetan wurde, zu erholen. Noch immer nicht ganz fit, jedoch sichtlich lebendig war sie wieder auf ihren vier Beinen.
Nun, da die Seekrankheit olirie wieder klare Gedanken fassen ließ, musste er sich Gedanken machen, wie er sich des lästigen Leichnams entledigen konnte. Es war sicher nur eine Frage der Zeit, bis der Lademeister vermisst werden würde.
Gedankenverloren nippte olirie an seinem heißen Ingwertee mit Rum. Die dampfende Tasse stellte er auf dem improvisierten Schreibpult vor sich ab. Für den klaren Kopf hatte er die übliche Rum Menge des Getränks deutlich reduziert. Mochte der Kapitän diese Abwandlung seines ‚Geheimrezepts‘ abfällig mit einem Kopfschütteln herabwürdigen, doch mit der Originalmenge im Getränk würde olirie keine Sinnvollen Gedanken zusammenbringen. Doch nun im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, konnte er einen Plan schmieden:
Schritt 1: Leichnam mit Rum übergießen.
Schritt 2: Rum in Leichnam einflößen.
Schritt 3: Leichnam tiefer ins Schiff bugsieren.
Schritt 4: Zu Beliar beten.
Schritt 5: Ein gutes Mahl im Kastell.
Grübelnd kratzte olirie sich am Kopf: Sein Plan hatte noch offensichtliche Lücken…
Mit einem Gähnen legte Laika ihren Kopf in oliries Schoß. Langsam kraulte er hinter ihrem Ohr und begann seine Überlegungen neu zu sortieren. Es musste einen besseren Weg geben, konnte hier eventuell ein Zauber behilflich sein?
Fast zeitgleich drehten Beide ihre Köpfe, als sie aufgeregte Stimmen vom Deck her vernahmen.
„Frag mich was Leichteres“, grinste sie, „vermutlich, weil sie am Sonnengürtel stehen und sowohl den nördlichen, als auch südlichen Rand davon bewachen“, riet sie ins Blaue.
Tatsächlich war es für sie nicht wichtig, wer diesen Felsen ihre Namen oder Bezeichnungen gegeben hatte. Selbst, wenn keine der Geschichten, die sie umrankten, wahr waren, so wusste sie die Gedanken hinter jeder von ihnen zu schätzen. Im simpelsten Fall waren sie einfach eine Orientierungshilfe für die Navigatoren und Ravia war sich sicher, dass Saarina ihren Kurs stets bis zu den Sonnenwächtern berechnete und erst danach gen Heimat einschlug.
„Aber gut, ich verstehe, dass sie bei dir nicht die gleiche Faszination hervorrufen, wie bei mir oder dem Rest der Mannschaft. Wenn man sein Leben auf dem Meer verbringt, ist jede Abwechslung willkommen und dazu gehört auch das Wissen, dass man von nun an die Tage bis zur Heimkehr an zwei Händen mit allen Fingern abzählen kann. Und zu diesen willkommenen Abwechslungen gehört auch ein mysteriöser, skeptischer Mann, der nicht so alt ist wie er aussieht“, zwinkerte sie ihm zu.
Es wunderte sie tatsächlich, dass nicht mehr Leute der Crew um seine Aufmerksamkeit gebuhlt hatten. Aber vielleicht waren sie auch unsicher, weil sie so gut wie nie Passagiere hatten und der Quartiermeister ihnen eingetrichtert hatte, dass er Ravias Verantwortung war, was Berash natürlich nicht mitbekommen hatte. Hoffte sie jedenfalls.
„Machen wir morgen weiter? Ich muss gleich ans Segel und wenn du mich weiter so hart rannimmst, kann ich nachher nicht mehr richtig laufen“, fragte sie und zeigte ihm ihr bestes selbstgefälliges Grinsen.
Tatsächlich hätte sie ihre Schicht gern geschwänzt, doch auf einem Schiff wie der Joka hätte sie wohl Arus persönlich an den Haaren an ihren Posten geschleift und dafür gesorgt, dass sie bis zum nächsten Hafen nur die Hälfte der üblichen Ration zugeteilt bekäme. Und da hätte sie noch von Glück sprechen können. Manch anderer würde für einen solchen Fehltritt wohl gefesselt am Mast landen oder sogar allein auf einer unbewohnten Insel zurückgelassen mit nichts weiter als einem Säbel, um das eigene Leben zu beenden, ehe man verdurstete. Keine schönen Aussichten.
Berash nickte nachdenklich, als er Ravias Vermutung lauschte. Auch wenn er die Frage mehr an sich gestellt hatte als an sie, so war ihre Erläuterung doch recht schlüssig. Und meistens war die einfachste Erklärung die naheliegendste.
Der Assassine beobachtete, wie die anderen Mitglieder sich langsam wieder von der Reling lösten und zurück an ihre Aufgaben gingen, während sie an den Sonnenwächtern vorbei segelten. Während es für einige wohl nichts weiter als ein gutes Zeichen waren, markierten diese beiden großen Felsen für Berash den Halbzeitspunkt. Die erste Hälfte ihrer Reise war geschafft. Bald würde er auf Argaan ankommen und konnte sich dort auf die Suche nach dem Kastell begeben. Die Schwarzmagier dort konnten ihm hoffentlich weiterhelfen. Und vielleicht hatten sie auch eine Erklärung dafür, was in den letzten Wochen mit ihm passiert war.
Beim Gedanken daran bemerkte Berash überrascht, dass ihm schon lange nichts seltsames mehr passiert war. Seit er auf dem Schiff untergekommen war, war der Geruch von verbranntem Zucker nicht mehr aufgetreten und auch das dreckige Ölschimmern schien verschwunden zu sein. Vielleicht hatte es ja nur an Bakaresh gelegen? Schließlich hatte er als früherer Emir eine starke Verbindung zu dem Ort gehabt.
Oder es war irgendeine merkwürdige Erkrankung gewesen, die er sich dort eingefangen hatte und die nun auskuriert war. Schließlich sagte man ja immer, dass Seeluft sehr gesund sei.
Einerlei, Berash war erleichtert. Das bewieß ihm, dass sich der Fremde geirrt hatte. Alastor war nicht noch einmal aufgetaucht, also nahm der Assassine dies als gutes Zeichen.
"So mysteriös bin ich gar nicht," schmunzelte Berash. "Ich bin nur schüchtern." Er zwinkerte Ravia zu, bevor er seinen Blick zu den Segeln glitt. Seiner Laienmeinung nach wirkten sie eigentlich recht ordentlich und er konnte nicht ganz verstehen, was die Aufgabe der jungen Frau sein würde, schließlich machten sie ja immer noch gut Fahrt. Aber er war schließlich auch kein Seefahrer, sondern nur Gast.
"Dann möchte ich dich nicht von deiner Arbeit aufhalten. Ich glaube, ich werde schauen, was euer Koch in seiner Küche..." Berash hielt für einen Moment inne, bevor er sich korrigierte, "Verzeih, in seiner Kombüse hat. Ich könnte etwas zu essen vertragen."
Warum nannten Seefahrer eigentlich alle möglichen Teile ihres Schiffes anders? Kombüse für Küche, Bug und Heck für Vorne und hinten, Back- Und Steuerbord für Links und Rechts (oder war es Rechts und Links?)... Sie waren schon ein spezieller Menschenschlag.
„Keine Sorge, Küche funktioniert genauso gut“, grinste sie über ihre Schulter und lief zu ihrer Position am Rahsegel, wo sie die nächsten Stunden auf Kommandos warten oder selbst eingreifen würde, wenn keine besonderen Manöver nötig wurden.
Noch immer hatte sie keine Schuhe an und sie musste zugeben, dass es bei dem warmen Wetter so nah am Sonnengürtel eine angenehme Abwechslung war. Auf halben Weg beugte sie sich aus einer Laune heraus hinab und krempelte die Beine ihrer Hose hoch.
Seine Aufforderung, ich solle die andern Mannschaftsmitglieder erschrecken… , erinnerte sie sich an seine Worte, Ich glaube nicht, dass das die beste Idee ist.
Während Berash also Jabari einen Besuch abstattete – fraglich war, ob er außerhalb der Essenszeiten etwas abgab - konzentrierte sich Ravia auf ihre Arbeit, insofern das Nachdenken über das Vorgehen mit dem Schleichen als Konzentration auf die Arbeit durchging. Sie war jedenfalls froh, dass niemand ihre Gedanken lesen konnte, während sie Löcher in die Luft starrte. Die See war ruhig, auch wenn gen Osten eine dunkle Wolkenfront zu erkennen war. Der Wind wehte aus westlicher Richtung, weshalb sie sich vorerst keine Sorgen machen mussten, dass sie in ein ungemütliches Wetter oder gar einen Sturm segelten.
Die Piratin fragte sich noch immer, ob die Haltung beim Schleichen wirklich Grundlage für das war, was Berash beim Kampf gegen Naut gezeigt hatte. Ja, seine Haltung beim Duell war ebenfalls leicht in den Knien gewesen und die Fußstellung war, wenn ihre Erinnerung sie nicht trog, in Momenten, wo er stillstand, schulterbreit gewesen. Es war nicht so viel anders, als wenn sie sich gegen aufbrausenden Wellengang wappnete, und doch unterschiedlich genug, dass ihre Oberschenkel sich beschwert hatten.
Dennoch kam sich nicht umhin während ihrer Schicht immer wieder eben jene Stellung einzunehmen. Seltsamerweise nahm sie dabei viel eher wahr, wenn das Wasser sich gegen den Rumpf der Joka warf oder es ihr zwischen den Zehen entlangfloss. Sie gewöhnte sich langsam an das Gefühl, dass sie alles mit ihren nackten Sohlen spürte und wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie gedacht, dass ihre Arbeitszeit schneller endete, als sonst und die Glocke zum Essen läutete.
Die Bürger
01.01.2025, 21:04
Das Wetter war nicht mehr so schwer, wie noch an den vergangenen Tagen. Der Sturm hatte sich verzogen – auch wenn der Kapitän nicht müde wurde zu behaupten, ihn gekonnt umfahren zu haben – doch die Winterwinde peitschten das Meer weiterhin auf und die Mannschaft hatte alle Hände voll damit zu tun, den Kurs durch die Wellenberge zu halten.
Die Butterfass, ein in die Jahre gekommener kleiner Segler, hatte ihre liebe Mühe, gegen den Wind anzukreuzen. Die Insel Argaan und damit ihr Ziel war nicht mehr fern, sodass der Kapitän sich dazu entschieden hatte, das aufwendige Kreuzen auf sich zu nehmen, anstatt den Kurs großzügig zu ändern.
Der Kurs am Wind schüttete die Butterfass gehörig durch und es bestand die Gefahr, dass sich die Ladung im Bauch des Fasses lösen konnte. Der Kapitän, ein sonst sehr gutmütiger Mann, ärgerte sich lautstark, dass vom Lademeister bisher keine Meldung zum Zustand der Fracht gemacht worden war.
»Wo steckt der alte Säufer!? Henk? Heeenk?« Doch sein Rufen blieb unbeantwortet. Er wies den Rudergänger an den Kurs zu halten und nahm die wenigen Stufen auf der glitschigen Stiege zum Achterdeck mit beachtlicher Behändigkeit für einen Mann seines Alters.
»Jannusch!« beorderte er mürrisch den Schiffsjungen zu sich, der gerade damit beschäftigt war, den Matrosen mit den Tampen zu helfen. Der Junge blickte mit großen Augen auf. »Jannusch! Sieh zu, dass du mir diesen Henk findest! Der soll zu mir kommen – aber plötzlich! Gnade ihm Adanos, wenn er wieder besoffen zwischen den Kartoffeln liegt!« Der Wind riss die Worte fort und der Junge machte sich auf den Weg.
Etwas ratlos sah er sich an Deck um. Hier war Henk offensichtlich nicht. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als unter Deck nach ihm zu suchen. Der Abgang zu den Laderäumen führte direkt an der Hängematte des einen Passagiers vorbei, der dem Jungen von vorneherein unheimlich vorgekommen war. Ein schweigsamer Typ, der Jann auch über der Reling hängend und sich die Eingeweide aus dem Leib würgend nicht geheuer vorgekommen war. Doch er hatte eine kleine niedliche Hündin dabei. Während der Fahrt hatte er sie nicht mehr gesehen, doch die ersten Tage nach dem Auslaufen hatte er ab und zu ein wenig mit ihr an Deck gespielt. Wie unheimlich konnte also ein Mann mit einem lieben kleinen Hund sein?
Jannusch fasste sich an Herz und kletterte die Stufen hinab. Unter Deck war es immer dunkel, doch mit dem stahlgrauen Himmel über ihm, war es nun noch schwieriger hier etwas zu erkennen.
Im trüben Zwielicht erkannte er die Hängematte. »Hallo Herr…« Wie sprach man den Fremden an? Bisher hatte er dies vermieden. »…Meister?«, stammelte er. In der Dunkelheit waren nur Schatten und ein besonders übler Geruch wahrzunehmen. »Bitte nicht stören lass‘n… ich such‘ nur den Henk.«
Der Junge zögerte kurz. Vermutlich sollte er einfach weiter gehen, doch insgeheim hoffte er einen Blick auf das niedliche Hündchen zu erspähen. Suchend sah er sich um, auch wenn er fürchtete der Fremde könnte sich davon belästigt fühlen und ihn mit einer Schelle verjagen, so wie Henk es immer tat, wenn er ihn beim Trinken erwischte.
Dann platze es aber doch aus ihm heraus: »Ist das kleine Hündchen da? Hab’s schon lang nich‘ mehr gesehen.« Lag da nicht was hinter dem großen Berg Lumpen am Boden?
Redlef
Den Stimmen folgten Schritte und den Geräuschen eine Person. Einer der Matrosen musste sich in den Bauch der Butterfass verirrt haben. Eilig zerrte olirie den leblosen Körper des Lagermeisters tiefer hinter die Kisten und Fässer in die unbeleuchteten, schattigen Bereiche. Ein paar herumliegende Segelfetzen oder Lumpen, die sonst zum Ausstopfen und der Ladungssicherung verwendet wurden, lagen in griffweite. Fix über den Toten geworfen war dieser zumindest notdürftig abgedeckt. Im Schatten war aber ohnehin nicht viel zu erkennen. Beim nächsten Verräumen des Transportguts jedoch würde man unweigerlich auf den Leichnam stoßen.
Aus der Finsternis konnte olirie den Schiffsjungen sehen, der sich langsam näherte und den Namen des Lagermeisters rief. War es der gleiche Junge, der noch vor einigen Tagen am Pier in Trelis den Zorn des Lagermeisters auf sich gezogen hatte? olirie konnte es nicht mit Sicherheit sagen. Die gleichartige Kleidung der Besatzung, auch wenn es keine Uniformen waren, trug nicht gerade zur Individualität des Einzelnen bei. Im Prinzip sah der Eine wie der Andere aus. Es war ein einfach gekleideter Junge in dunkler Kleidung mit beigefarbenen Wickeln und Wollmütze. Möglich, dass olirie ihn bereits am Pier gesehen hatte, beim schrubben des Decks, verrichten sonstiger Arbeiten oder Zeitverschwendung mit anderen Jungen.
Eigentlich war es auch vollkommen egal ob und woher olirie den Jungen bereits kannte, er störte.
olirie tastete an seiner Hüfte – natürlich, kein Schwert. Warum auch? Wie so hätte er an Bord eines Handelsschiffes eine Waffe tragen sollen, wo er es ohnehin eher selten tat. Dann also eine Schattenflamme. Doch sie durfte nicht ungelenkt oder ungezielt sein. Präzision war entscheidend. Ein kurzer Moment und der Junge musste außer Gefecht sein. Er durfte nichts mitbekommen und schon gar niemanden durch warnen können. olirie schloss kurz die Augen, begann sich zu konzentrieren und ballte seine rechte Faust.
„Ist das kleine Hündchen da? Hab’s schon lang nich‘ mehr gesehen.“
Mit etwas rascheln befreite sich Laika aus dem Lumpenhaufen und lief auf den Jungen zu. Kluges kleines Hündchen, dachte olirie. Es gab also doch einen anderen, besseren Weg. Er beobachtete noch kurz, wie Laika den Jungen begrüßte, der sich nun allerdings nur zögerlich traute, sie auch anzufassen.
„Sie beißt nicht“, sprach olirie aus dem Schatten heraus und ging langsam in den beleuchteten Teil auf den Jungen zu. „Eigentlich, wenn ich es mich recht erinnere, hat sie noch niemanden gebissen und ist eigentlich für ihren angedachten Zweck ziemlich untauglich.“
Mochte der Junge eventuell vorsichtig bei fremden Hunden sein – was eine sehr berechtigte Eigenschaft ist – so nahm olirie gegenüber ihn so etwas wie Furcht wahr. Den zögerlichen Versuch, die Hündin anzufassen hatte der Junge jedenfalls direkt abgebrochen, als oliries Stimme erklang. Der Magier versuchte die Situation mit einem Lächeln zu entspannen.
„Fass sie ruhig an, es wird ihr gefallen.“
Mit einem Nicken versuche olirie dem Jungen zusätzlich zu signalisieren, dass alles in Ornung war und tatsächlich, nach kurzem Zögern berührte seine Hand den Kopf der Hündin, die auch gleich die Ohren ein wenig anlegte.
„Für einen Hund ist Laika schon eine verhältnismäßig alte Hündin und leider recht anfällig für allerlei Gebrechen. Die letzten Tage ist sie hier unten geblieben, weil es ihr nicht gut ging. Ich vermute sie hat etwas Falsches gegessen. Leider frisst sie nicht ausschließlich das, was ich ihr gebe, sondern auch schonmal was sie so findet. Das können Essensreste oder eben auch eine umherstreifende Ratte sein. Irgendetwas davon ist ihr wohl nicht bekommen. Somit hat sie hier viel geschlafen.“
olirie war der Blick des Jungen nicht entgangen. Umherstreifend war er auf der Suche nach etwas oder Jemandem?
„Ich denke aber, es wäre inzwischen an der Zeit, Laika an die frische Luft zu bringen. Diese modrige Schiffsluft ist ihrer Genesung auch nicht zuträglich. Wie sieht es aus, begleitest du uns an Deck?“
"Nein, Mann, nix Futter außerhalb der Essenszeiten." der drahtige, dunkelhäutige Kerl namens Jabiri schüttelte den Kopf. "Musst warten wie alle anderen." Immer noch Kopfschüttelnd machte er sich daran in einem der Töpfe zu rühren, während er irgendwas auf Torgaanisch vor sich hin murmelte. Zumindest vermutete Berash, dass es Torgaanisch war. Wahrscheinlich sowas wie: Diese Blassnasen können sich auch null an Regeln halten. Glaubt, er kann hier einfach reinspazieren wie irgendso ein König und was zu futtern verlangen. Was für ein Vollidiot! oder etwas ähnliches in der Art.
Gut, vielleicht waren es auch einfach Zutaten, die Jabiri für sich aufzählte. Aber das hielt Berash doch eher für unwahrscheinlich.
Achselzuckend machte er sich daran die Kombüse wieder zu verlassen. Wenn er also warten musste, dann konnte er auch die Zeit nutzen und sein Schwert wieder verstauen. Sein Bedarf an Kämpfen war fürs erste gedeckt und irgendwie kam er sich lächerlich vor, wenn er die ganze Zeit mit seinem Bündel über das Deck wanderte.
Als er sich auf den Weg zu seinem Schlafplatz machte, traf eine etwas kräftigere Welle das Schiff und lies es etwas schlingern. Unterbewusst spreizte Berash sofort die Beine auseinander und stützte sich mit der freien Hand an der Holzwand ab, bevor sich das Schiff wieder richtig ausrichtete. Unter Deck trafen die Wellen das Schiff genau wie an Deck, nur schien es hier unten wesentlich stärker zu sein als oben.
Ein kurzer Schnaufer war die einzig hörbare Reaktion des Assassinen, während das Adrenalin des plötzlichen Schrecks durch seinen Körper strömte.
Und auf einmal war er wieder da, der Geruch von verbranntem Zucker. plötzlich und übermäßig stark stach ihm das bittere Aroma in die Nase.
Vielleicht hätte er es auf Jabiri und seine Kochkünste geschoben, wenn Berash dies das erste Mal erlebt hätte. Schließlich konnte man von einem Schiffskoch nicht erwarten, dass er Zucker zu Karamell verarbeite, ohne das etwas schief ging.
Doch zum einen erlebte Berash dies nicht zum ersten Mal, zum anderen war er gerade erst in der Kombüse gewesen. Und dort war nichts zu finden gewesen, was auch nur ansatzweise darauf schließen lies, dass Jabiri Karamell herstellen wollte. Und schließlich war da auch noch das Schimmern.
Für einen kurzen Moment, kaum mehr als ein Augenzwinkern, war der Gang des Schiffes in ein dreckiges Schimmern getaucht, wie das trübe Schillern von Öl auf einer Wasserpfütze. Nur war alles damit bedeckt, an einigen Stellen mehr, an anderen weniger.
Saure Galle schoss dem Assassinen in den Mund, als ihn eine plötzliche Übelkeit befiel. Mit einer Hand vor den Mund eilte er nach oben zurück und schaffte es gerade noch so sich über die Reling zu hängen, bevor die Schleusentore seines Magens sich den Umständen ergaben und er den kläglichen Inhalt hinaus ins Meer erbrach.
Immer wieder würgend spuckte er aus und versuchte den bitteren Geschmack aus seinem Mund zu bekommen. Beliar, fluchte er in Gedanken. Für einen kurzen Zeitraum hatte er gehofft, dieses komische Gefühl losgeworden zu sein.
„Hat es dich jetzt doch erwischt?“, fragte Ravia viel zu gut gelaunt und legte ihre Hand auf Berashs Rücken, der sich über die Reling krümmte, um die Fische zu füttern.
Etwas seltsam war es ja, dass er nach mehreren Tagen auf Hoher See erst die Auswirkungen spürte. Doch unmöglich war es sicher nicht. Selbst den Männern und Frauen der Mannschaft passierte es ab und an noch, dass sie seekrank wurden und meistens war das Thema nach einem Tag wieder gegessen – oder wohl eher vergessen? Ersteres war in diesem Zusammenhang jedenfalls kein schönes Gedankenbild. Redewendung hin oder her.
„Wenn du willst, besorg ich dir von Jabari eine Pisswurzel“, bot sie ihm aus Mitleid an.
„Eine… was?“, fragte der Weißhaarige heiser.
„Pisswurzel“, wiederholte die Piratin fröhlich, „Oder Gelbknolle, Scharfknolle, Immerwurzel?“, zählte sie andere gebräuchliche Begriffe für das Gewächs auf, welches den meisten Gerichten in Jabaris Repertoire ihre Schärfe verliehen, „Ist etwas scharf, aber hilft gegen die Übelkeit.“
Berash antwortete nicht sofort, ächzte zunächst wohl wegen des widerlichen Geschmacks, der sich in seinem Mund gesammelt haben musste.
„Und wohl ein Schluck Wasser… obwohl es langsam komisch schmeckt. Also einen Becher Rum? Es ist eh bereits Essenszeit und ich vermute mal, dass du nichts bei unserem verehrten Koch bekommen hast, als du bei ihm warst? Wäre jedenfalls mal was Neues, wenn er von seinen üblichen Regeln abwich.“
Ohne auf eine eindeutige Antwort zu warten, klopfte sie dem kränkelnden Passagier aufmunternd auf den Rücken. Sie stellte sich in die Reihe der Wartenden bis sie vor Jabari stand und ihn freundlich angrinste.
„Na, Großer? Ist dir der Landgänger auf die Nerven gegangen?“, fragte sie ihn.
„Nicht wirklich“, antwortete der Hüne, „Musste erst so tun, als verstünde ich nur die Hälfte von dem, was er sagte, damit er verschwand. Wo ist der Kerl?“
„Fische füttern. Gibst du mir für ihn von der Wurzel und auch seine Portion? Ich kümmer mich drum.“
„Warte kurz.“
Der hochgewachsene Koch verschwand für einen Moment wieder in seiner Kombüse und kehrte mit einem knorrigen, gräulichen Stück Holz in der Hand zurück – jedenfalls machte es den Anschein. Tatsächlich war es nur das Äußere der Immerwurzel. Danach füllte er zwei Schalen der heutigen Fischsuppe und schickte Ravia weiter. Aus dem Rumfass nahm sie sich zwei Krüge und balancierte alles irgendwie quer übers Deck unter einigen Rufen ihrer Kameraden, die sie mit einem frechen Grinsen erwiderte.
„Wieder da“, kündigte sie ihre Rückkehr an, „Hier, kau das und wenn dein Mund brennt, dann schluck es runter. Danach kannst du die Suppe löffeln“, wies sie ihn an und stellte auch den Rum ab.
Die See war ruhig und der Inhalt vorerst sicher.
„Tut mir leid, aber das brackige Wasser würde dir gerade wohl eher schaden, als helfen.“
Keuchend lehnte sich Berash mit dem Rücken an die Rehling und versuchte langsam wieder zu Atem zu kommen. Er hatte vergessen, wie entwürdigend es doch war, wenn man sich erbrechen musste. All der Rotz, der einem aus der Nase schoss, die Tränen in den Augen, der widerliche Geschmack im Mund... Während er auf Ravias Rückkehr wartete, wischte er sich mit einem einfachen Stofflappen über das Gesicht und schnäuzte sich die Nase.
Als er sich das Tuch für einen Moment ansah, verzog er angewidert das Gesicht, bevor er es kommentarlos über die Reling warf. Für einen Moment trieb der Fetzen noch auf dem Meer, bevor er in den wogenden Wellen versank. Hoffentlich passierte ihm das nicht so schnell wieder.
Er verstand immer noch nicht, was da genau mit ihm passiert war. Woher der plötzliche Schwindel gekommen war, wieso er auf einmal verbrannten Zucker riechen konnte und wieso alles um ihn herum für einen Augenblick in ein dreckiges Schillern gehüllt worden war. Es ging so schnell, wie es kam, dauerte selten länger als ein Wimpernschlag. War er verflucht worden, als er sich in Bakaresh aufgehalten hatte? Erlaubte sich Innos seinen Spaß mit dem ehemaligen Assassinen, der seinen Weg zurück zum dunklen Gott gefunden hatte? Das konnte nicht sein, nein, das DURFTE nicht sein. Die Götter griffen niemals so direkt in das Leben von Sterblichen ein. Dafür hatte Adanos gesorgt. Doch was, bei den drei Brüdern, war es dann?
Berash wurde von Ravia aus seinen Gedanken gerissen, als sie wieder zu ihm zurück kam und ihm Rum, Suppe und ein knorriges Stück Holz brachte, welches sie ihm zuerst reichte und sagte, er solle das essen.
"Das ist Holz." Berash schaute mit skeptischem Blick auf das komische Etwas, was sie ihm hinhielt. Ravia jedoch schüttelte den Kopf.
"Ne, das sieht nur so aus." Antwortete die junge Frau grinsend. "Das ist Pisswurzel. Vertrau mir."
Berash nahm das Stück zögerlich entgegen, fühlte die raue Oberfläche und hielt es sich skeptisch unter die Nase, bevor er vorsichtig dran roch. Ravia nickte energisch und forderte ihn mit ihren Händen auf, endlich abzubeißen.
"Komm schon, sieht schlimmer aus als es ist. Ist nur etwas scharf, mehr nicht."
Zögerlich nahm Berash einen kleinen Bissen, das Gesicht leicht angeekelt verzogen. Schon nach diesem ersten Bissen roch er ein scharfes, fast schon fruchtiges Aroma, die leicht ins Säuerliche überging. Und als er langsam kaute, breitete sich schnell eine brennende Schärfe in seinem Mund aus, die sich mit seinem Speichel vermischte.
Wie Ravia es ihm geraten hatte, schluckte er den zerkauten Brei herunter, bevor er noch einen weiteren kleinen Bissen nahm und das ganze wiederholte. Die plötzliche Übelkeit, welche ihn überfallen hatte, verschwand langsam wieder, während er auf dem Stück Pisswurzel herum kaute. Was für ein Name.
"Danke..." nickte Berash zögerlich, bevor er den letzten Rest davon as und sich dann eine der Suppenschüsseln nahm. Er schnupperte daran.
"Fischsuppe. Wie passend." Vorsichtig nahm er einen kleinen Schluck der heißen Brühe und wartete darauf, wie sein Magen reagieren würde. Da jedoch nichts weiter passierte, nahm er noch einen größeren Schluck.
"Danke dir fürs holen. Vielleicht trau ich mich nach dem Essen auch an den Rum, aber erst mal langsam angehen lassen..."
Vorsichtig lies sich der Assassine zu Boden gleiten und nahm auf dem Deck Platz. Nachdenklich blickte er in die Suppe, bevor er vorsichtig noch einen weiteren Schluck nahm.
"Innos Eier, das ist mir schon lange nicht mehr passiert..." murrte er leise.
„Passiert selbst erfahrenen Seeleuten noch manchmal“, bot Ravia ihm etwas Trost an.
Ob sie seine letzten Worte gehört hatte oder sie von sich aus erkannt hatte, wie unangenehm Berash die Situation war, spielte keine Rolle. Viel mehr fühlte sie mit ihm, da sie vor gar nicht allzu langer Zeit ebenfalls ihren Mageninhalt aufgeben hatte müssen. Allerdings war es in ihrem Fall auch rein ihre Schuld gewesen und der Weißhaarige war lediglich Opfer der Unvorhersehbarkeit der Gezeiten geworden.
Sie ließ sich neben ihn aufs Deck sinken und überkreuzte die ausgestreckten Beine, während sie ihre Fischsuppe löffelte. Es war nicht Jabaris bestes Mahl, aber es erfüllte seinen Zweck und war ein Zeichen dafür, dass sie zu den langlebigeren Vorräten hatten greifen müssen. Stockfisch war sehr salzig und die Suppe half dagegen, doch der Durst folgte unweigerlich.
Mit einem Schnalzen der Zunge, spähte die Piratin in ihren Krug, von wo aus der Rum ihr mit seinem ganz eigenen Wellengang entgegenwinkte.
Ein Krug wird mich schon nicht auf die Bretter schicken, dachte sie und setzte an.
Es war weniger die Befürchtung, dass der Alkohol ihr schnell zu Kopf steigen würde, als die Sorge, dass sie nach einem Becher nicht genug hätte. Doch für den Moment beherrschte sie sich mühelos, während sie aus dem Augenwinkel den Passagier beobachtete, der ziemlich blass um die Nase geworden war.
„Hab schon eine Anwendung für die Haltung, die du mir gezeigt hast gefunden“, durchbrach sie das Schweigen, welche sich zwischen sie gesetzt hatte, als beide vorsichtig die Suppe löffelten, „Macht es noch leichter plötzlichen Brechern nicht zum Opfer zu fallen“, bezog sie sich auf jene Wellen, die das Schiff unerwartet und kräftig trafen.
Tatsächlich war ihre gesamte Schicht sehr ereignislos verlaufen und sie hatte die Langweile für etwas Produktives genutzt und sich immer wieder auf das Gefühl ihrer nackten Füße konzentriert. Für sie war es erstaunlich, dass ein so seltsam wirkender und gleichzeitig einfacher Tipp von einem Landgänger ihr bereits jetzt zum Vorteil gereichte. Was konnte sie noch von ihrem neuen Bekannten lernen, der – da war sie sich sicher – noch viele Geheimnisse besaß, die sie gern ergründen würde.
Aus Gewohnheit und auch, wenn sie längst wusste, was sie erwartete, suchte sie seinen Körper ab, streifte mit ihrem Blick seine Kleidung und stellte wieder fest, dass sie lediglich die Silberkette als einzigen Wertgegenstand entdecken konnte. Wenn er weitere Goldbeutel besaß wie jenen, den er ihr am Anfang der Reise zugeworfen hatte, dann trug er sie entweder nicht am Leib oder war geübt darin sie zu verbergen.
„Wie kann ich weitermachen? An meine Crewmitglieder will ich mich nicht unbedingt anschleichen. Einige von uns sind…“, sie rang nach den passenden Worten, „immer etwas angespannt und ich kann auf einen unnötigen Streit verzichten. Ist nicht gut für die Moral und der Käpt’n wäre sicherlich nicht erfreut darüber.“
Sie überlegte kurz, ob ihr eine Alternative einfiel, wie sie dennoch erproben konnte, was Berash ihr beibrachte. Ihr Blick suchte das Deck ab, welches mit sitzenden Piraten, die lachten und Suppe löffelten, gefüllt war. Und auf der Treppe, die hoch zum Achterdeck führte, entdeckte sie Kalypso. Die alte Katze von Jabari, welche mit der Jagd nach Schädlingen an Bord betraut worden war. Zugegeben, die meiste Zeit lag das Vieh nur faul in der Sonne oder verkroch sich bei schlechtem Wetter unter eine der Kojen. Aber wenn sie wollte, war sie flink wie ein Wiesel – oder wohl einfach wie eine Katze.
Allerdings kannte Kalypso Ravia natürlich und würde, selbst wenn sie ihr Vorhaben bemerkte, vermutlich nicht wegrennen, sondern sich streicheln lassen. Vielleicht also nicht die beste Idee.
„Wir haben unsere Bordkatze“, sagte sie trotzdem, „Vielleicht kann ich mich an sie anschleichen. Aber ehrlich gesagt würde ich immer noch lieber wissen, wie du Nauts Angriffen so elegant ausgewichen bist“, kam ihre Ungeduld wieder durch.
Und apropos Ungeduld. Es befand sich noch immer ein bestimmtes Kästchen in ihrem Besitz, deren Schloss es zu knacken galt. Allerdings beschränkten sich ihre Erfolge derzeit auf ein einzelnes Schloss, das nicht nur völlig anderer Bauart war, sondern offensichtlich auch ziemlich simpel gestaltet worden war. Immerhin hatte sie in Bakaresh einige Werkzeuge erstanden, die das weitere Vorgehen vereinfachen würden. Die Bronzehaarnadeln könnte sie also Saarina zurückgeben, aber wenn sie ehrlich war, hatte sie Gefallen an ihnen gefunden und es war eine schöne Abwechslung, dass ihr Nacken mal nicht von ihrem Haar bedeckt war und die abendliche Meeresbrise ihren Weg an diese Stelle fand.
Die Bürger
05.01.2025, 23:07
»Oh, hihi« Der Junge hielt die Hand herunter und ließ die Hündin daran riechen. Das Eis war gebrochen und nun traute er sich das Hündchen ausgiebig zu kraulen. Darüber freute sie sich so sehr, dass die mit der Rute wedelte und ihm kurz über die Hand leckte.
Die Augen des Jungen strahlten. Doch als der unheimliche Mann ihn ansprach verflog seine überschwängliche Freude aber und er erinnerte sich an die Aufgabe, die der Kapitän ihm gegeben hatte.
»Ich hoff‘ dem Hündchen geht’s dann schnell wieder besser«, nuschelte er leise. »Ich muss aber nu‘ los. Ich muss noch Henk finden, der Käpt’n ist ganz schon sauer!« Er richtete sich auf und sah sich um. »Habt ihr den Henk geseh’n? Der mag übrigens keine Hunde – Köter sagt’a immer – daher lasst ihn euer kleines Hündchen besser nicht sehen.«
Vielleiht hätte er noch etwas ergänzen wollen, doch da erklang der Wütedne Ruf des Kapitän von Deck: »Heeeenk!« Dann tauchte sein Schatten in der Luke auf. »Bursche!«, fuhr er den Jungen an, »was stehst du da rum? Hast’e Henk gefunden. Guck mal im Heck, los!«
Der Junge zuckte und nickte dann eifrig und verschwand im Bauch des Schiffes.
Der Kapitän sah ihnen noch einen Moment nach, seufzte und dann fiel sein Blick auf seinen Passagier. »Na, Kamerad? Habt Ihr Euch ausgereiert? Kommt mit an Deck, der Wind wird Euch guttun, auch wenn die See gerade etwas bockig ist. Ich habe noch Grog, der beruhigt den Magen, nech!«
Er trat zurück um den Mann die Steige auf das Deck hinaufklettern zu lassen.
Redlef
Berash nahm einen weiteren Löffel der Suppe, während er darauf achtete, ob sein Magen noch einmal rebellieren würde. Da er dies jedoch nicht tat, ging der Assassine davon aus, dass es wieder vorbei war. Ravias aufmunternde Worte nahm er zwar wahr, wollte darauf jedoch nicht weiter eingehen. Wenn er ihr sagte, dass es nicht mit dem Seegang zu tun hatte, müsste er sich irgendeine Ausrede ausdenken, warum er sich so plötzlich hatte erbrechen müssen. Die Wahrheit wollte er ihr aus zwei Gründen nicht sagen:
Erstens würde sie ihn vermutlich für Verrückt erklären, was sich dann nicht unbedingt gut auf seinen Ruf an Bord auswirken würde, schließlich waren Seeleute ein verdammt abergläubischer Haufen.
Und zweitens wüsste er nicht einmal, wie er es erklären sollte, schließlich verstand er es selbst nicht. Plötzlich auftretender Geruch von brennendem Zucker und öliges Schillern auf allem, was da war klang irgendwie nicht wirklich nach etwas glaubwürdigem.
"Gut, gut." Murmelte Berash in seine Suppe, als Ravia ihm davon berichtete, was sie herausgefunden hatte.
"Ja, es hilft ganz gut, nicht wahr? Klar, jemand wie du ist das zwar gewohnt, aber für mich, der nicht so oft auf Schiffen unterwegs ist ein mehr als hilfreicher Trick."
Berash überlegte. Wenn Ravia sich nicht an ihre Mitglieder heran schleichen wollte, gab es nur wenig andere Möglichkeiten, zumindest hier auf dem Schiff. Wären sie an Land, dann gäbe es wesentlich mehr Möglichkeiten als hier.
"Wenn du deine Fähigkeiten nicht an der Mannschaft erproben möchtest... nun, mit der Katze hättest du noch eine Alternative, ja. Aber um sich leise zu bewegen braucht man schließlich etwas, dass einen wahrnehmen kann. Und hier auf dem Schiff gibt es außer der Mannschaft," Berashs Arm mit der Schüssel beschrieb einen Bogen, der alles mit einschloss, "und der Katze wohl nur noch Ratten, die dich wahrnehmen würden." Der Assassine schmunzelte.
"Du kannst natürlich versuchen der Schiffskatze Konkurrenz zu machen und auf Rattenjagd gehen."
Berash schlürfte den Rest Brühe aus der Schüssel, lies dann den Holzlöffel klappernd hinein fallen und stellte dann beides beiseite, bevor er vorsichtig einen Schlug Rum zu sich nahm. Der scharfe Geschmack des Alkohols auf der Zunge war ihm zwar nicht unbekannt, doch meistens bevorzugte der frühere Emir nicht alkoholische Getränke. Doch wenn das, was Ravia sagte, wahr war, dann würde das Wasser hier vermutlich nur noch schneller wieder dafür sorgen, dass sich Berash über die Reling beugte. Und darauf konnte er verzichten.
"Und um deine andere Frage zu beantworten: Ich wollte einfach nicht getroffen werden." Zuckte Berash mit den Schultern. Ravia blickte ihn an, blinzelte ein paar Mal und hatte eine stoische Miene aufgesetzt.
"Dein Ernst?" war ihre trockene Antwort darauf.
Berash zuckte erneut mit den Schultern. "Ja und Nein." Er lies ein leichtes Lächeln aufblitzen, bevor er sich erklärte.
"So dämlich es jetzt klingen mag, aber das ist eine der ersten Vorraussetzungen dafür. Die zweite? Sich treffen lassen." Noch mehr verwirrtes Blinzeln seitens der jungen Frau. Berash hob entschuldigend die Hand.
"Worauf ich hinaus möchte ist folgendes: Um einem Schlag auszuweichen musst du wissen, wo er vorraussichtlich landen wird. Und dann kannst du dich entsprechend anders bewegen um nicht getroffen zu werden. Jeder erfahrene Kämpfer hat ein Muster an Schlagabfolgen, das er bevorzugt. Vieles davon ähnelt sich, egal ob ich nun mit einem Schwert, einer Axt oder einem Entersäbel kämpfe. Ein Hieb ist immer ein Hieb, ein Stich ein Stich. Und wenn du das einschätzen kannst, dann bewegst du dich entsprechend. Du springst, duckst dich, tauchst zur Seite weg..."
Berash überlegte, wie er es besser formulieren konnte. Doch für den ersten Moment fiel ihm keine bessere Beschreibung ein. Vielleicht sollte er sich darüber noch einmal Gedanken machen. Wenn seine eigene Ausbildung nicht nur schon so lange her wäre...
"Aber es klappt nicht immer. Ich habe einige Narben am Körper, die das beweisen."
Françoise
07.01.2025, 11:05
»Dir steht als Stellvertreter deines Onkels ein Platz auf diesem Schiff zu.«, sagte Françoise und wandte ihren Blick vom schier endlosen Ozean ab. »Allein dass der König sich für dich ausgesprochen hat, sollte den Leuten hier mehr als ausreichen. Das es nicht der Fall ist, spricht Bände.«
Die Priesterin hatte genug davon, dass einer ihrer engsten Freunde auf diese Art und Weise behandelt wurde. Vielleicht war es an der Zeit, andere Saiten aufzuziehen. Von ihren Privilegien als Oberster Feuermagierin machte sie ohnehin zu wenig Gebrauch.
»Solange wir an Bord sind, halte ich es für sinnvoll, wenn wir uns auf ungefährliche Zauber konzentrieren. Wir müssen schließlich niemandem noch einen zusätzlichen Anlass geben, um dir Dinge zu unterstellen. Und das mit dem Schutzpatron, nun, das werden wir wohl oder übel verschieben müssen. Ursprünglich hatte ich geplant, dass wir zum Kloster in Nordmar reisen. Die Bibliothek dort ist um ein Vielfaches umfangreicher, als die in Vengard. In Khorinis gibt es vermutlich nichts, das uns weiterhelfen kann. Als wir damals das Kloster verlassen haben, nahmen wir die wichtigsten Schriften mit. Der Rest waren Standardwerke, die es überall in hundertfacher Ausführung gibt.«
Als Françoise darüber nachdachte, kam ihr die geheime Bibliothek in den Sinn. Abgesehen von den höchsten Mitgliedern ihres Ordens, hatte niemand Kenntnis darüber oder wusste, wie sie zu öffnen war. Dort könnten tatsächlich noch verloren geglaubte Bücher lagern. Alles hatten sie schließlich nicht mitnehmen können und obendrein hatten sie damals die magische Kuppel erschaffen, um den Zutritt zum Kloster zu verwehren. Die Chancen standen deshalb nicht schlecht. Ob dort ausgerechnet Schriften zu den Heiligen des Ordens zu finden waren, stand in den Sternen. Denn es gab keinen Grund, solche Themen unzugänglich aufzubewahren.
»Wir werden schon zurecht kommen.«, sagte Françoise schließlich. Sie wollte Draco keine falschen Hoffnungen machen und erwähnte die geheime Bibliothek deshalb nicht. »Ein wenig Sorge bereitet mir die Entwicklung deiner Magie. Ich will nicht sagen, dass die Entscheidung falsch war, die zwei Formen zu vereinen. Allerdings gibt es Wechselwirkungen, die ich nicht vorausgesehen hatte.«
Schuld an der Sache wollte sich die Priesterin nicht geben. Sie hatten Neuland betreten und mussten mit den Konsequenzen leben. Dennoch nagte es an Françoise. Draco verließ sich immerhin auf ihre Expertise.
»Wir müssen das genaustens im Auge behalten.«, fuhr die Oberste Feuermagierin fort. »Wenn du zu irgendeinem Zeitpunkt ein ungutes Gefühl hast, lass es mich sofort wissen!«
„Hilft vermutlich auch, wenn man selber weiß, wo man am besten zuschlägt, was?“, fragte sie und beäugte Berash mit einem neugierigen Blick.
Sie glaubte ihm sofort, dass er einige Narben hatte, die auf ein ereignisreiches Leben hindeuteten. So viel jedenfalls hatte sie ihn bisher durchschaut. Glaubte Ravia jedenfalls.
„Weißt du? Ich mach’s“, sagte sie plötzlich und erhob sich, als im selben Moment eine kräftige Welle den Rumpf der Joka traf und das Schiff ruckartig schwankte.
Die nun leere Suppenschüssel und den halb leeren Becher Rum in ihren Händen, hockte sie sich fast instinktiv hin und grub ihre Zehen reflexartig in das Holz des Decks. Lediglich ein wenig des Alkohols entkam dem offenen Behältnis und schwappte zu Boden. Ansonsten geschah nichts und nach einem kurzen Moment der Überraschung grinste die Blondine.
„Ich beweise dir, dass ich mich anschleichen kann und ich werde es so gut machen, dass es gar keinen Grund für einen Streit geben wird. Wirst sehen!“
Die Sonne hing bereits tief im Westen und es wäre nicht mehr lang zur ersten Abendwache. Sollte sie es schon heute versuchen? Würde es zählen, wenn diejenigen schliefen, an die sie sich heranschleichen sollte? Vermutlich nicht, aber vielleicht musste Berash nicht davon erfahren. Doch wie konnte sie ihm beweisen, dass sie erfolgreich war? Sie wollte ungern etwas von ihren eigenen Crewmitgliedern entwenden. Ungern war dabei ein sehr herabgespieltes Wort, da in den Artikeln stand, was mit Dieben an Bord geschehen würde und selbst ihr Baba würde sie in einem solchen Fall nur schwerlich schützen können.
DraconiZ
07.01.2025, 20:17
»Es erinnert mich an Tyrien. Diese Schiffsreise meine ich. Mit Medin, Wenda, Uncle, Spike, Tomarus und den Anderen«, er hielt kurz inne. »und doch fühlt es sich an wie in einem anderen Leben«. Der Streiter schaute auf die endlose Weite des Ozeans hinaus. »das letzte Mal fuhren wir von Khorinis weg. Den Ort den wir Heimat nannten. Jetzt fahren wir zurück«, sinnierte er. »Ich frage mich in letzter Zeit oft was hätte sein können, auch wenn ich natürlich weiß, dass das nicht hilfreich ist« Seine Augen glitten weiter über die endlose Weite, so als würde da draußen eine Wahrheit lauern, die er nur erkennen brauchte. Doch im Inneren wusste er natürlich, dass er sie nicht finden würde. Nicht auf dem Meer und vielleicht auch gar nicht.
»Spätestens jetzt hat sich für mich endgültig herausgestellt, dass unser Schicksal nicht determiniert ist«. Er hielt seine Hand nach vorne vor Françoise und lies das Mondlicht erscheinen. »ich hoffe, dass du mir verzeihst, wenn ich sage, dass ich mich auch über die Ereignisse freue«. Er schaute sie an wie ein Kind das der Eltern Schwert hielt. »Es verleiht mir die Gewissheit, dass wir unser eigenes Schicksal, sogar gegen den Willen der Götter schmieden können«. Das Licht erstarb und wurde zu einer kleinen pechschwarzen Wand die vor seinem Oberkörper in der Luft stehen blieb. Mit einer Handbewegung verging die Magie vollends und lies nichts zurück. So als wäre sie nie da gewesen. »Es ist Ruhe eingekehrt in mir. Scheinbar haben sich die beiden Kräfte eingeritten und peinigen mich nun zumindest nicht mehr permanent.« Wahre Ruhe würde jedoch wahrscheinlich nie eintreten. »Hast du schon einmal von Jemandem gehört, der etwas getan hat, wie wir das gemacht haben? Für meinen Eindruck hast du bisher mit deinen Siegeln jedenfalls wahrlich Brillianz gezeigt«.
Für einen Moment fasste er an den Schwertgriff von Valien. Ihm kam der aberwitzige Gedanke, dass das hier vielleicht sein Schicksal war. Das Schwert und die Magie waren sein Schicksal und Françoise der Brandbeschleuniger. Er musste unweigerlich grinsen.
Françoise
08.01.2025, 11:18
»Das ist alles so lange her.«, erwiderte Françoise und schwelgte ebenfalls in Erinnerungen an das Abenteuer in Tyrien. Es war wahrhaftig ein anderes Leben gewesen. Damals hatte sie noch am Anfang ihrer Karriere gestanden. Alles war irgendwie einfacher gewesen. »Du hast nicht zufällig mal von den anderen gehört? Medin war der letzte, den ich getroffen habe. Und das liegt auch schon wieder lange zurück.«
Gelehnt an die Verschanzung ließ auch Françoise ihren Blick wieder über den Ozean wandern.
»Manch einer würde dir widersprechen.«, sagte sie dann. »Ich habe lange genug gelebt, genug gesehen und erfahren, dass ich deine Meinung teile. Die Kräfte, die gegen uns wirken, sind nicht Schicksal, sondern Herausforderungen. Sich ihnen zu stellen oder zu unterwerfen, ist allein unsere Entscheidung. Deshalb bin ich froh, dass du wieder da bist. Weil es deine Entscheidung war, diesen Weg zu gehen. Auch wenn es der schwierigere ist. Du wirst am Ende gestärkt daraus hervorkommen.«
Als Draco seine Magie demonstrierte, übernahm der Forscherdrang der Priesterin. Das magische Licht hatte das gleiche Erscheinungsbild wie zuvor. Der Schild hingegen war einer drastischen Änderung unterzogen worden. Es stellte sich unweigerlich die Frage, ob es eine rein optische Veränderung war oder ob es auch die Wirkung der Zauberformel beeinflusste.
»Ich weiß von niemandem, der so etwas schon mal getan hat.«, antwortete die Oberste Feuermagierin. »Was nicht heißen soll, dass es noch niemand probiert haben kann.«
Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich wieder an die Verschanzung.
»Falls das der Fall ist, glaube ich aber kaum, dass sie es dokumentiert haben.«, fuhr sie fort. »Du bist nicht der erste, der die Seiten gewechselt hat. In der Regel lassen jene aber ihr altes Leben komplett hinter sich. Wieso und weshalb dir die andere Magie überhaupt noch zur Verfügung steht, ist mir ein Rätsel. Die Götter sind normalerweise nicht so freigiebig mit ihren Geschenken. Andererseits ist es Beliar, über den wir hier sprechen. Möglich, dass sich dahinter eine Trickserei verbirgt. Und dann kam ich und sabotierte den Plan kurzerhand. Nun, falls es tatsächlich einen gibt.«
DraconiZ
08.01.2025, 11:53
Das Meer war beruhigend und lag mittlerweile düster vor Ihnen. Ihr Gespräch ging schon länger. Die schwarze Masse vor Ihnen, der endlose Ozean erinnerte ihn an die Zeit in der er in der Finsternis gesteckt hatte. Ewige Zeit zum Nachdenken, kein Spielraum zum handeln. Seine persönliche Hölle. »Ich habe keinen von Ihnen wiedergetroffen und ehrlich gesagt graut es mir davor. Sie werden mich erst einmal so ansehen wie Lord Scauder und die Anderen. Die Änderung werden sie nicht sehen. Es wird meine Aufgabe sein ihren Missmut zu ertragen und ihn einzuordnen. Falls das möglich ist«. Der Klingenmeister sinnierte einen Moment. »Medin wird sehr schwer. Das letzte Mal als ich ihn sah, standen wir uns als Feinde in Vengard gegenüber und kämpften. Es wird nicht wieder so geschehen«. Der letzte Satz war mehr Bestätigung an sich selbst, als ein Wort an Françoise.
»Lord Hagen wird ebenfalls sehr schwer für mich. Daelon hat mich gewarnt, dass ich mir keinen kleinsten Fehltritt erlauben darf und ich stimme ihm zu. Hagen war Statthalter in Khorinis während meines Verrats. Er wird mir niemals verzeihen. Wenn wir es irgendwie schaffen uns zu arrangieren ist das schon ein absolutes Wunder«. Er fuhr sich nervös durch die Haare. »Für ihn bin ich nach wie vor das Monster das die Hafenstadt vernichtet hat und in mir ist es noch«. Wieder rief er die schwarze Magie und seine Hand fuhr über das tiefschwarze Schild, dass er heraufbeschworen hatte. Das funktionierte nun sehr gut. »Ich denke Beliar wird nichts dagegen haben. Er ist der Gott des Todes. Seine Geduld ist ewig und grenzenlos. Er kann warten bis der Zeitpunkt gekommen ist da ich eine Rolle spielen soll oder mein Leben enden soll«. Er zuckte mit den Schultern. »Oder es gibt einfach gar keine Erklärung. Vielleicht wird Magie auch verliehen und damit endet der Einfluss der Götter«. Der Paladin fand, dass es wieder eine gute Gelegenheit für seinen Wahlspruch war: »Laa shay'a waqi'un moutlaq bale kouloun moumkine - Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«.
»Was wirst du als erstes tun in Khorinis? Ich denke mir wird die Aufgabe obliegen des Umland und die Gegebenheiten in der Stadt zu erforschen und für uns einzuordnen«
"Dann viel Erfolg." Grinste Berash und beobachtete, wie Ravia sich bereit machte wieder an die Arbeit zu gehen. Berash musterte den Stand der Sonne und merkte, dass der Abend nicht mehr fern war. Gut, das würde der jungen Frau vielleicht helfen.
"Die Dunkelheit ist dein Freund, also solltest du sie nutzen." gab er ihr noch einen Tipp, bevor er selber aufstand und ihr das Essgeschirr abnahm. Ihrem fragenden Blick begegnete Berash mit einem Schulterzucken.
"Du hast es geholt, ich bringe es wieder zurück. Das ist nur fair." Der Assassine nahm sein eigenes Geschirr und stapelte beides übereinander, bevor er sich zum gehen abwandte. Doch eine Sache lies ihn inne halten, weshalb er sich noch einmal umdrehte.
"Oh, eines noch: knarrende Dielen oder Bretter sind nicht unbedingt gefährlich, du musst nur darauf achten, dass sie nicht unnatürlich klingen. Manche Geräusche werden erwartet und wenn sie fehlen, schrecken wir auf." Berah zwinkerte noch einmal kurz, bevor er sich zur Kombüse aufmachte und das Geschirr zurück brachte.
Françoise
11.01.2025, 13:02
Françoise versuchte sich in die Perspektive des Paladins zu versetzen; es gelang ihr nicht. So viele Menschen hatte er enttäuscht und verraten, dass es egal war, wohin er ging. Nirgendwo war Draco wirklich willkommen. Das stand im starken Kontrast zur Obersten Feuermagierin. Mit wenigen Ausnahmen wurde ihr Auftreten vielerorts begrüßt. Es war das genaue Gegenteil zum Weißkopf.
»Wir werden Hagen gemeinsam aufsuchen.«, sagte die Priesterin. »Über die Jahre hat sich eine Freundschaft zwischen uns gebildet und er wird seinen Zorn im Zaum halten, wenn ich ihn darum bitte. Jedenfalls hoffe ich das. So oder so kann ich dir nur die Tür öffnen. Überzeugen wirst du ihn am Ende selbst müssen. Was definitiv Jahre dauern wird.«
Françoise hielt inne.
»Ganz nachvollziehen kann ich Rhobars Entscheidung nicht.«, sagte sie schließlich. »Dass er dir eine Art von Prüfung auferlegt, ist verständlich. Dass er die absolut schwierigste von allen gewählt hat, ist... nun, ich verstehe es nicht. Du könntest dich auch an einem anderen Ort unter einem anderen Befehlshaber rehabilitieren. Auf einer weniger kritischen Mission. Die Reibungen, die durch deine bloße Anwesenheit entstehen, werden unseren Auftrag nämlich nicht vereinfachen. Dennoch war genau das seine Entscheidung.«
Ratlos zuckte die Priesterin mit den Schultern. Vielleicht wusste der König etwas, das er dem Kronrat vorenthielt. Womöglich bedurfte die Situation auf Khorinis jemanden, der außerhalb der Strukturen des Ordens dachte. Was auch immer es war, sie würden es gewiss auf der Insel erfahren.
»Was genau soll das bedeuten? Nichts ist wahr?«, fragte die Oberste Feuermagierin ihren Freund. »Gibt es nicht einige absolute Wahrheiten? Eins plus Eins gleich Zwei. Es ist per Definition wahr. Und ob alles erlaubt ist, lasse ich mal dahingestellt.«
Gemeinsam liefen die beiden Freunde über das Deck in Richtung des Achterschiffes. Aufgrund der Anwesenheit der Obersten Feuermagierin fielen die argwöhnischen Blicke auf Draco wesentlich weniger auffällig aus. In erster Linie stammten sie von Veteranen. Die jüngeren Generationen unter den Soldaten kannten die Missetaten des Paladins ohnehin nur aus Geschichten. Da zog er die Blicke eher aufgrund seiner Ohren auf sich, als aufgrund seiner Vergangenheit.
Im Quartier der Obersten Feuermagierin hatten die Novizen einen Tee für sie gekocht. Françoise bot ihrem Freund einen Platz an. Währenddessen goss sie ihnen zwei Tassen ein und setzte sich dann ebenfalls nieder.
»Ich werde wahrscheinlich für eine Weile in der Stadt bleiben.«, sagte die Priesterin und nahm einen Schluck Tee. »Obwohl ich wirklich neugierig bin, wie es um das Kloster steht. Ach, ich werde es einfach auf mich zukommen lassen und dann entscheiden.«
DraconiZ
11.01.2025, 21:46
Er nahm ebenfalls eine Tasse und lies den Duft des Getränks in seiner Nase wirken. Es war gute Qualität. Deutlich besser jedenfalls, als er es auf einem Schiff erwartet hätte. »Ich denke, dass der König sicherstellt, dass sein Handeln gerechtfertigt erscheint. Eine zu einfache Aufgabe könnte den Eindruck erwecken, dass ich mich durch die Hintertür zurückgeschlichen habe. Kann ich allerdings Hagen überzeugen und unter seinen Augen erfolgreich sein, so zerstreut dies eine ganze Reihe Vorbehalte ganz von selbst. Hohes Risiko, hoher Gewinn für mich. Für den König hingegen eher nicht. Er hat sein Wort Daelon gegenüber gehalten und wenn es schief geht, richtet mich das Schicksal. So oder so eine gelungene Geschichte«, resümierte er das, was er als den Willen des Monarchen zu identifizieren glaubte. »Außerdem meine ich ohne allzu viel Arroganz, dass ich tatsächlich gut für diese Mission geeignet bin. Ich kenne das Minental sehr gut und ich habe lange Zeit in Khorinis gelebt. Meine Fähigkeiten sind sicherlich von Vorteil«.
Er nippte an dem Tee und fühlte in der Magengegend das leichte auf und ab der Wellen. Beruhigend. »Mein Wahlspruch ist eher philosophischer Natur. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt bedeutet für mich das Streben nach Freiheit. Freiheit bedeutet nicht das glauben zu müssen was andere glauben und damit die Fähigkeit Konflikte auszuhalten und für die eigenen Werte einzutreten. Niemand kann frei sein, wenn er sich immer den Erwartungen Anderer unterordnet. Es geht darum selbst herauszufinden was wahr ist. Seinen eigenen Platz zu finden. Genau das was wir mit meiner Magie gemacht haben«. Er schenkte ihr ein freundliches Grinsen. »Alles ist erlaubt folgt daraus. Wenn ich nicht frei bin, darf ich nichts tun. Bin ich aber frei öffnen sich alle Handlungsspielräume. Weiterhin natürlich gemäß meiner Werte. Es geht darum wählen zu können. Nicht ein Unmensch zu werden. Das habe ich nun erkannt.«
Einige Zeit sagte er nichts und schaute sich nur im Zimmer um. »Ich bin sehr gespannt auf das Kloster. Ich denke ich war das letzte Mal dort als Valien geweiht wurde. Irgendwie zieht es mich zu diesem Ort, ebenso wie zur Stadt«. Hoffentlich war die Schiffsfahrt bald vorbei. Er konnte es kaum abwarten, dass endlich etwas passierte.
Mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, nicht zuletzt geboren aus der Aussicht auf die baldige Ankunft bei den Südlichen Inseln und einem dadurch hervorgerufenen, trügerischen Gefühl des Heimkommens, lief Ravia über das Deck der Joka La Maji. Noch immer war sie barfuß und sie musste eingestehen, dass sie es zunehmend begrüßte, wenn das Meer ihre Zehen umspülte und sie die Gewissheit der rauen Planken unter sich spüren konnte. Auf seltsame Weise schien sie ohne das beengende Schuhwerk ihren Fuß besser abzurollen, was neben dem fehlenden Klackern der beschlagenen Sohle dazu beitrug, dass sie sanfter über den Ballen abrollte. Allein deswegen waren ihre Schritte bereits leichter und dadurch weniger gut zu hören als üblich. Gut, dass sie nicht wie eine Ente watschelte, das Platschen der nackten Haut auf dem nassen Holz wäre sicherlich auffällig gewesen, von der vermeintlich optischen Lachnummer, die sie dabei abgegeben hätte, mal abgesehen.
Doch was genau sollte sie nun mit diesen neugewonnen Erkenntnissen und dem beflügelten Willen anstellen? Sie brauchte einen Beweis für Berash, dass sie seine Lehren adaptieren konnte.
Tu ich das?
Tatsächlich hatte er sie nicht darum gebeten, es war nur ihre großspurige Ankündigung ihm gegenüber gewesen, der sie die bevorstehende Aufgabe zu verdanken hatte. Warum sie das gemach hatte, wusste sie nicht genau. Vielleicht wollte sie ihn beeindrucken, aber vermutlich war sie einfach daran interessiert sich selbst zu beweisen, dass ihre Geschicklichkeit für mehr zu gebrauchen war als das unbemerkte Entwenden von Schmuck und Gold von Körpern unaufmerksamer Menschen. Insbesondere nachdem ihre Versuche das seltsame Schmuckkästchen zu öffnen, nach wie vor keine Früchte erzielt hatten. Frustrierend, und sie hasste es, wenn sie etwas nicht schaffte, was sie sich vorgenommen hatte. Nun also musste es das lautlose Heranschleichen sein, welches als Ausgleich herhalten sollte.
Aber woher den Beweis nehmen, wenn nicht stehlen?, fragte sie sich und grinste über ihren eigenen Witz. Etwas Wertvolles zu nehmen wäre nicht abgebracht und brächte im Ernstfall nur Probleme mit sich, selbst wenn sie es zurückgab – was sie definitiv tun würde, im Bestfall ebenso unauffällig, wie das Beschaffen. Was also bot sich noch an? Ein Logbuch aus der Kapitänskajüte? Vielleicht, doch sie ahnte schon, wie die Standpauke verlaufen würde, die neben Respekt auch noch ein Dutzend Litaneien aus Gründen enthalten würde, weshalb sie ihm so viel verdankte und er enttäuscht von ihr war, dass sie seine Gutmütigkeit ausnutzte. Die ein oder andere handfeste Erinnerung war auch nicht auszuschließen, selbst wenn er diese Art der Disziplinierung bisher nie bei ihr angewandt hatte. Allerdings hatte sie ihm auch nie einen Grund dafür geliefert und war in den meisten Fällen eine brave Tochter gewesen, auf die er stolz sein konnte.
Pakko könnte sie seine goldverzierte Gürtelschnalle stibitzen. Er wäre sicher nicht sonderlich sauer, wenn sie erklärte, weshalb sie es getan hatte. Doch leider war ihre Beziehung zueinander seit einigen Wochen angespannt. Genau genommen seit dem Tag, wo sie sich in die Besinnungslosigkeit gesoffen hatte. Bisher hatte keiner der beiden Sturköpfe den ersten Schritt machen wollen und man mied sich, so gut man konnte. Außerdem schaut er immer wieder missbilligend in ihre Richtung, wenn sie sich in Berashs Nähe aufhielt. Ravia verstand nicht wirklich, was sein Problem war. Wenn ihn was störte, dann sollte er es ihr ins Gesicht sagen und nicht am andern Ende des Decks schmollen und Löcher in die Robe des Weißhaarigen stieren.
An Saarinas Karten und Gerätschaften würde sie sich nicht herantrauen. Sie mochte die Navigatorin, doch es war immer ein gewisser Grad an Ungewissheit zwischen ihnen gewesen. Die Blonde hatte nie das Gefühl gehabt, dass sie verstand, was der Korshaani durch den Kopf ging.
Dann endlich kam ihr die Idee und sie konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.
„Oh, das ist perfekt!“, freute sie sich.
„Was ist perfekt, Ravia?“, fragte einer der Piraten, der sie beim Vorbeigehen gehört hatte.
„Ehm, nichts. Hast du die Abendschicht Jora?“
„Jep, hab beim Halmziehen den Mittleren gezogen. Louis hat die Hundswacht bekommen“, lachte der Seemann und winkte ihr zu.
„HA, der Arme!“, lachte Ravia und beeilte sich außer Reichweite ihres Kameraden zu gelangen.
Für ihre Idee brauchte es noch einen Plan und einige Zufälligkeiten mussten aus dem Weg geräumt werden. Aber sie war sich ziemlich sicher, dass sie dieses Ding drehen konnte und mit guten Chancen unversehrt aus der Nummer herauskäme, selbst wenn es schief ging.
Mit betont langsamen Schritten näherte sie sich der Luke nach unten zu den Kojen der Mannschaft. Sie stand offen und würde es wohl auch noch eine Weile bis die erste Nachtwache begann. Sie durfte nicht zu lange warten, denn beim Wachwechsel gäbe es Bewegung. Am liebsten hätte sie die Planung bei ihrem Baba erfragt, wer welche Schicht hatte, doch das wäre zu auffällig und es gab einen viel einfacheren Weg herauszufinden, ob jemand bestimmtes die Hundswache hatte.
Man ist das toll, wenn man sich auf Gewohnheiten von Menschen verlassen kann, freute sich die Piratin und schritt die wenigen Stufen hinab unter Deck.
Nie zuvor hatte sie darauf geachtet, doch jetzt fiel ihr auf, dass fast jede Stufe laut knarzte, wenn sie ihr Gewicht daraufsetzte und sie fluchte innerlich, weil es die Dinge verkomplizierte. Doch dann erinnerte sie sich an Berashs Worte zum Abschied.
Manche Geräusche werden erwartet und wenn sie fehlen, schrecken wir auf.
Der Tipp war in diesem Moment goldwert und sie hätte ihren unfreiwilligen Lehrmeister küssen mögen, hätte er hier neben ihr gestanden.
Zwischen den Kojen waren einige Matrosen unterwegs, durchstöberten ihre Seemannstruhen oder machten sich bereit für ein Nickerchen, bevor sie ihre Schicht antreten mussten. Mit einigen freundlichen und kameradschaftlichen Worten drückte Ravia sich an ihnen vorbei. Nachdem sie Berash ihren Schlafplatz überlassen hatte, war sie tiefer in den hinteren Teil ausgewichen, wo sie sich ein anderes halb belegtes Bett genommen hatte. Im Moment saß dort Sina, die wohl mit der Langeweile zu kämpfen hatte.
„Na, fertig für heute?“, fragte die Blondine sie und lehnte sich gegen die Wand neben der gemeinsamen Koje.
„Ja, zum Glück!“, erwiderte Sina und schaute auf als Ravia sie ansprach, „Du auch? Dann wird’s wohl eng heute Nacht“, fügte sie grinsend hinzu.
„Mach dir keine Sorgen, ich bleibe noch eine Weile wach“, meinte die Ziehtochter des Kapitäns und verschränkte gelassen die Arme unter ihrer Brust.
„Na dann, ich werde wohl so schnell auch kein Auge zu tun. Naut hat die letzte Wache“, stöhnte Sina und nickte den Gang herunter, von wo ein rhythmisches Atmen zu hören war, was aus Erfahrung bald zu einem plankenbiegenden Schnarchen anwachsen würde.
Ravias Grinsen wurde breiter, nicht etwa – wie Sina vermutete – wegen des Scherzes, sondern weil genau das eintraf, was sie für ihren keimenden Plan brauchte. Naut legte sich immer zum Beginn der Abendwache hin, wenn er zwei Schichten später dran war und er blieb seinen Gewohnheiten treu, wie es sich für alte Männer gehörte, die sich nicht von ihren Pflichten trennen konnten.
„Du tust mir leid, Schwester“, gab die Piratin wenig überzeugend ihre Anteilnahme ab.
„Du mich auch“, warf Sina ihr an den Kopf, lachte dann aber, „Was macht der mysteriöse Passagier?“
„Keinen Blassen. War zuletzt auf dem Weg zu Jabari, um die Schüsseln zurückzubringen.“
„Läuft da was?“
„Bist du irre? Hast du seinen weißen Bart gesehen? Der ist viel zu alt für mich!“, empörte sich Ravia auf die ungenierte Nachfrage.
„Hey, ich würd’s nicht verurteilen! Er hat immerhin unseren Quartiermeister geschlagen. Das war schon beeindruckend!“, erwiderte ihre Kameradin.
„Da hast du Recht, aber… nee.“
Die Blondine schüttelte sich theatralisch, um ihre Abneigung dieser Idee gegenüber Ausdruck zu verleihen, obwohl Sinas Annahme gar nicht so abwegig war, wie sie selbst zugeben musste.
„Na ja, versuch du mal zu schlafen, bevor der Rumpf wackelt. Ich drehe noch ‘ne Runde“, verabschiedete sich Ravia und machte kehrt. Bis sie agieren konnte, mussten die meisten und am besten alle unter Deck schlafen. Das bedeutete, dass sie wohl bis zur ersten Nachtwache warten musste und dann hätte sie bis Mitternacht Zeit.
Françoise
13.01.2025, 20:10
Der nächste Abschnitt ihrer Reise verlief weitestgehend ereignislos. Einige Delfine hatten die Flottille für eine Weile begleitet, genauso wie mehrere Tagen Regen. Zu ihrem Glück hatte es keinen Sturm gegeben, der sie in andere Welten entführte. Obwohl Françoise dem nicht vollkommen abgeneigt gewesen wäre. Dass sie auf diese Weise ausgerechnet wieder in die eine Welt zurückkehren könnte, wäre natürlich so gut wie ausgeschlossen. Hoffnungen machte sich die Priesterin deshalb nicht. Es lag an ihr selbst, die Rückkehr zu bewerkstelligen.
Aufgrund des stark begrenzten Raumes auf dem Schiff hatten die Übungen mit Draco in den letzten Tagen nur sehr eingeschränkt fortfahren können. Wenn ein etwas zu gläubiger Paladin den Weißkopf dabei gesehen hätte, wie er einen pechschwarzen Schild heraufbeschwörte, könnte das ziemlich schnell falsch verstanden werden. Dabei gab es nichts zu beanstanden. Doch Vorurteile hatten gegenüber rationalen Argumenten oftmals einen großen Vorsprung, dass man mit dem Aufklären gar nicht schnell genug hinterherkam. Die wenigen Übungen, die der Paladine gemeinsam mit der Obersten Feuermagierin unter diesen Umständen durchführen konnte, geschahen in der Abgeschiedenheit des Quartiers der Priesterin. Kaum ein geeigneter Ort dafür.
Bald würde ihnen mehr Raum gewährt sein, denn die erste Station ihrer Reise lag bereits in Sichtweite und von dort aus waren es nur noch einige Tage bis zu ihrem eigentlichen Ziel. Zusammen mit Draco stand Françoise auf dem Vorschiff der Victoria. In der Entfernung erhoben sich die beiden Leuchttürme von Thorniara und nicht weit dahinter der Turm des Zitadelle.
»Hast du dir schon ein paar Worte für Hagen zurecht gelegt?«, fragte die Priesterin ihren Freund. »Die Stunde der Wahrheit naht.«
Ravia lehnte gegen das Holz der Wand, die zum Achterdeck gehörte. Sie war in Schatten gehüllt, während die Sonne dem Meer einen letzten Kuss gab. Zwischen ihren Knöcheln rollte eine einzelne Silbermünze elegant entlang und schien dabei fast wie von selbst zwischen den schlanken Fingern zu tanzen. Für sie war es nur eine einfache Beschäftigung, die nach jahrelanger Übung längst keine Aufmerksamkeit mehr benötigte. Es half ihr sogar dabei ihre unruhigen Finger zu beschäftigen, während sie in Gedanken versunken grübelte, wie sie ihr auserkorenes Ziel erreichen konnte.
Es wäre naiv anzunehmen, dass alle unter Deck schlafen, wenn ich hinabsteige, überlegte sie, Aber es ist so eng dort unten, dass ich mich nicht vor ihren Blicken verbergen kann.
Es war der Knackpunkt ihrer bisherigen Überlegungen. Sie hatte keine Zweifel daran, dass sie ungehindert zu Nauts Koje gelangen konnte – warum sollten sie ihre Kameraden auch aufhalten, insbesondere wenn ihr eigener Schlafplatz weiter hinten im Bauch des Schiffes war? Doch wieder herauszukommen und dabei unbemerkt einen bestimmten Gegenstand haltend, das war etwas, was sie eher einem Magier zugetraut hätte. Aber es gab etwas, was sie als ihre größte Stärke ansah und ihr mittlerweile fast ebenso sehr in Fleisch und Blut übergegangen war, wie das Tanzenlassen einer Münze über ihre Finger; das Beeinflussen der Aufmerksamkeit anderer Menschen.
Es war der grundlegendste Trick für solche, die unbemerkt ihre eigenen Taschen füllen wollten, ohne dabei erwischt zu werden. Natürlich gab es immer jene, die mit viel Bohei die Geldkatze einer älteren Dame auf offener Straße am helllichten Tag raubten, doch in Ravias Augen waren diese Leute kaum der Bezeichnung Dieb wert. Sie waren einfache Räuber, die keinen Sinn für Finesse hatten und vermutlich in kürzester Zeit hinter Gittern eines beliebigen Kerkers in einer beliebigen Stadt endeten, wo man sie vergaß. Sie hingegen wollte nicht vergessen werden – auf keinen Fall – aber sie wollte auch nicht, dass sie als Diebin bekannt wurde. Am einfachsten war dieses Ziel zu erreichen, indem man vor allem nicht erwischt wurde, wenn man die Hände im sprichwörtlichen Honigtopf hatte. Und damit niemand auf eben jenen Honigtopf achtete, brauchte es eine geschickte Manipulation der Aufmerksamkeit möglicher Zeugen.
Die Glocke zum Wachwechsel wurde geschlagen und die Piraten, welche endlich ihre wohlverdiente Nachtruhe antreten konnten, streckten sich und ließen sich die erleichterte Stimmung ganz einfach anmerken. Im Kontrast wirkten die Matrosen der ersten Nachtwache nicht sonderlich begeistert, doch man scherzte dennoch untereinander, denn es half ja nichts und besser lachte man die Unlust weg, als sich von ihr demotivieren zu lassen.
Für Ravia bedeutete der Glockenschlag lediglich, dass ihre Planungszeit vorüber war. Die meisten ihrer Crewmitglieder würden nach einer Schicht zu Jabari gehen, um sich Rum ausschenken zu lassen. Nur selten steuerten sie sofort ihre Kojen an, insbesondere wenn es keine der Nachtschichten war, die zu Ende gegangen waren. Bald würde auch die Luke nach Unten geschlossen, sodass sie nur mit entsprechendem Aufwand und damit verbundenem Lärm in den Bauch der Joka gelangen würde. Ihr Zeitfenster war also knapp.
Mit Schwung stieß sie sich von der Holzwand des Achterdecks ab und fiel in einen leichten Schritt, wobei sie Augenkontakt mit den anderen Matrosen an Deck vermied. Die meisten wussten, dass sie nicht Teil der Abendschicht gewesen war und es würde nichts bringen anderes zu behaupten. Also lief sie mit gewohnter Selbstverständlichkeit die Treppe nach unten hinab und fand sich erneut bei den Kojen der Mannschaft wieder. Anders als zuvor waren nun mehr Leute am Schlafen, da sie zur nächsten Wache ausgeruht sein mussten. Es gab aber auch genügend Leute, die noch wach waren. Allerdings war wohl das laute Schnarchen eines gewissen Quartiermeisters der Hauptgrund für die gestörte Ruhe.
„Heute legt er sich aber wieder ins Zeug, was?“, fragte Ravia leise einen ihrer Kameraden, der auf seiner Koje saß und offenkundig genervt war.
„Das kannst du laut sagen. Im Ernst. Schrei es ruhig laut, hört eh keiner wegen dem Schnarchen!“, erwiderte er halb scherzhaft, halb genervt von der Naturgewalt, die Naut war.
Immer noch barfuß machten ihre Schritte kaum ein Geräusch über die trockenen Planken, aber unsichtbar war sie dennoch nicht. Allerdings war offenes Feuer unter Deck strengstens verboten und die wenigen abgeschirmten Laternen gaben kaum genug Licht, um gute Sicht zu haben. Etwas, was sie zu ihrem Vorteil nutzen wollte.
Sina hatte es tatsächlich geschafft einzuschlafen und ein prüfender Blick bestätigte, dass es wohl so schnell auch nicht anders werden würde. Nauts nächtliche Nasenklänge waren so weit hinten noch lauter und selbst wenn sie Ravia angestrengt hätte, könnte sie wohl nicht in puncto Lautstärke mit ihm konkurrieren, egal was sie tat. Außer natürlich zwischen jedem Luftholen, wo die kurze Stille plötzlich ohrenbetäubend wirkte und selbst das Rauschen der Wellen nur wie durch eine Wand aus Sand zu hören waren.
Bei Nauts Koje angekommen drückte die Piratin sich in die Nische, ihren Rücken an die Außenwand gepresst, um aus dem Sichtfeld der anderen zu sein. Ihr Herz schlug bereits schneller, als gewohnt, fast so wie bei einem bevorstehenden Angriff auf eine Handelskogge.
Der Dreispitz des Quartiermeisters – der Gegenstand, den sie als Beweis auserkoren hatte – hing an einem in die Wand geschlagenen, großen Haken. Der Seegang war ruhig, weshalb der sonst häufig am Boden liegende Hut noch an seinem Platz war. Das Erkennungsmerkmal des erfahrenen Seemanns war zu groß, um ihn einfach unter ihrer Kleidung verschwinden zu lassen und ihren Seesack hatte sie nicht holen wollen, weil es nur für unangenehme Fragen gesorgt hätte. So wie es der Dreispitz auch tun würde, wenn man sie mit ihm sah.
Ein letzter, unaufgeregter Blick zu Naut bestätigte, was sie bereits wusste. Er würde nicht so schnell aufwachen und schon gar nicht bemerken, dass sein Hut fehlte bis er zur Hundswacht aufstehen musste. Sie hob die Kopfbedeckung vom Haken und runzelte leicht die Stirn, als sie den verschwitzten Salzrand auf der Innenseite entdeckte. Nicht schön, aber behalten wollte sie das alte Ding ohnehin nicht.
Leise schob sie sich an den Rand der Nische und spähte den Gang zur Treppe hinunter. Noch immer waren eine Handvoll Piraten wach, doch keiner schenkte seiner Umgebung besonders Beachtung. Jona war da und schnitzte mit seinem Messer an einem Stück Holz, dessen Späne mit jedem Schnitt in seiner Koje und auf den Boden daneben rieselten. Ein anderer lag mit offenen Augen im Bett und starrte zur niedrigen Decke. Auf leisen Sohlen – nannte man die Unterseite der eigenen Füße auf Sohlen? – schob sie sich den Weg zurück, den sie gekommen war. Die gebückte Haltung wirkte wegen des beengten Raumes kaum unnatürlich und so schaffte sie es an den ersten beiden vorbei, wobei sie genau darauf achtete, den Dreispitz so hinter ihrem Körper zu verbergen, dass sie ihn beim plötzlichen Aufsehen nicht sofort ins Auge fassten.
Jona jedoch blickte von seiner Schnitzarbeit auf und erkannte Ravia, die ihn bereits breit anlächelte.
„Was machst du da?“, fragte sie und beugte sich vor, um vermeintlich auf seine Holzfigur zu schauen, während sie den Dreispitz in einer Hand hinter ihren Rücken hielt. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass keiner der anderen in diesem Moment in ihre Richtung schaute.
„Ich… ehm… „, stammelte der Jüngling und war gleich wieder genauso ängstlich wie bei dem ersten Würfelspiel, was sie miteinander gespielt hatten.
„Ich versteh‘ schon. Viel Spaß noch, Jack!“, trällerte Ravia leise und zwinkerte ihm zu, während sie sich so von ihm wegdrehte, dass sie den Hut gleichmäßig zu ihrer Brust bringen konnte, stets außerhalb des Sichtfelds ihres jüngsten Kameraden.
„Bei Beliar, wenn Naut nicht bald aufhört, stopf ich ihm meine Unterhose in die Nasenlöcher!“
Ravia erschrak und zuckte zusammen, als sich der gleiche Mann, den sie beim Hereinkommen angesprochen hatte, lautstark beschwerte. Kurz dachte sie, man hätte sie erwischt und besagter Pirat hatte bloß seine Decke über den Kopf gezogen, als aussichtlosen Versuch das Geschnarche auszublenden.
So leise sie konnte und sich dem rhythmischen Schlafgeräuschen ihres Quartiermeisters anpassend, schlich die Blonde an den letzten Kojen vorbei, wobei sie bemerkte, dass Berashs Schlafplatz noch leer war. Dank seines Tipps machte sie keine Anstalten sich auf den Treppen zum Deck anders zu bewegen, als sonst und dachte schon, dass sie es geschafft hatte.
Allerdings hatte sie kurzzeitig die wachhabende Crew vergessen, an denen sie noch irgendwie vorbeimusste. Doch wohin wollte sie überhaupt mit dem Hut? Offensichtlich zu Berash, aber je nachdem wo er stand, wäre es ein äußerst schwieriges Unterfagen über das offene Deck zu laufen, ohne aufzufallen. Selbst wenn sie lautlos war, reichte ein einziger zufälliger Blick in ihre Richtung und ihr kleines Spiel wäre beendet.
Vorsichtig lugte sie aus der Öffnung empor. Einige Paar Stiefel, in denen die Füße ihre Kameraden steckten, waren zu sehen und sie machte anhand dessen fest, dass sie einen guten Moment abgepasst hatte. Sie setzte sich den Hut kurzerhand auf und nahm das Risiko auf sich.
Auf leisen Füßen ließ sie die letzte Stufe hinter sich, blickte sich noch einmal um und bemerkte zufällig, dass Saarina, die am Steuerrad stand, genau in ihre Richtung schaute. Eine ihrer Augenbrauen hob sich fragend und Ravia legte ihren Zeigefinger an die Lippen und legte eine flehende Miene auf, bevor sie – auf die Verschwiegenheit der Navigatorin bauend – zur Reling schlich, sich darüber schwang und mit den Händen am Deck festhielt. Sie stemmte ihre Beine gegen die Außenwand - und dieses Mal war es wirklich das Äußere des Rumpfes.
Ihre nackten Füße fanden Halt und sie spähte über Deck nach Berash, der hier irgendwo sein musste.
Am Bug… wirklich?, stöhnte sie innerlich und machte sich bereit für ein anstrengende Kletterpartie am Rumpf der Joka entlang.
„Bitte altes Mädchen, wirf mich jetzt nicht ab“, flehte sie das Schiff an und hatte wohl doch die ein oder andere abergläubische Macke ihres Babas übernommen.
Langsam, damit keine hastigen Bewegungen mit ihren Händen, die noch immer am Rand des Decks zu sehen waren, wenn man aufmerksam hinschaute, kletterte sie immer weiter nach vorn. Das Meer rauschte unter ihr und lockte mit seiner kalten Umarmung. Wenn sie fiel, dann wäre es ein abruptes Ende ihres kleinen Abenteuers und wahrscheinlich auch ihres Lebens gewesen.
Nicht drüber nachdenken!, ermahnte sie sich und machte weiter.
„Hey!“, erklang die Stimme Saarinas, welche über das Deck hallte und Ravia blieb für einen Augenblick das Herz stehen.
„Wo ist Soren? Sollte er nicht auch in dieser Wache sein?“, rief sie ihre Frage zu den Matrosen an Deck, die sich ihr alle zuwandten.
Das war Ravias Chance und sie schickte ein Dankesgebet an keinen Gott, aber an Saarina, die ihr gerade den Arsch rettete, obwohl sie keinerlei Grund dazu haben sollte. Mit einem Kraftakt stemmte sich die Blonde nach oben zurück aufs Deck, schwang sich mit den Füßen auf die Reling und konnte in diesem Moment nicht widerstehen ihre Quest noch etwas dramatischer zu machen.
So wie Berash es ihr ganz zu Anfang gezeigt hatte, hockte sie sich auf die Reling und dann… lief sie los. Sie wusste, dass es töricht war, aber beflügelt von der unverhofften Hilfe ihrer Navigatorin, konnte sie nicht anders, als sich dem Adrenalinschub hinzugeben. Die Wellen, welche gegen das Schiff schlugen, drohten jedes Mal ihr das Gleichgewicht zu rauben, doch sie schaffte es auf diese Weise bis ans Bug, wo Berash sie mit verschränkten Armen erwartete.
Mit einer schwungvollen Verbeugung riss sie sich den Dreispitz vom Kopf und äußerte mit erstickter Stimme, weil ihre Lunge auf Hochtouren arbeiten musste und dadurch den grandiosen Abschluss ruinierte: „Ta-Da!“
Berash schmunzelte, als Ravia mit ihrer Beute, dem Dreispitz des Quartiermeisters, sich stolz vor ihm verbeugte. Ihr schweres Atmen nahm dem ganzen ein kleines bisschen die Dramatik, war aber nachzuvollziehen. Schließlich hatte die junge Frau einen beeindruckenden Kraftakt dargelegt, um so vor ihm zu stehen.
"Atemberaubend, was?" Berash lies ein lächeln aufblitzen, bevor er ihr Nauts Hut abnahm und ihn mehrmals in den Händen hin und her wand um ihn zu begutachten.
"Nauts Hut ist eine interessante Wahl. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass einige deiner Kameraden ihm den vermutlich gerne ins Maul stopfen würden, damit er wenigstens etwas leiser schnarcht."
Das Schnarchen des Quartiermeisters war eines, dass seinesgleichen suchte, wie Berash schon hatte feststellen dürfen. So manch ein Crewmitglied hatte sich über vorgehaltener Hand darüber beschwert, wie der Assassine durch Zufall mitbekommen hatte. Was ihn jedoch schon ein wenig überraschte, schließlich war es auf einem Schiff doch nie wirklich leise. Die Wellen, die gegen das Schiff schwappten, das Knarren der Planken, die knarzenden Seile und die Rufe der Mannschaft... all das waren alltägliche Geräusche an Bord der Joka La Maji, was machte da schon das, zugegeben sehr vehemente, Schnarchen eines einzelnen Mannes weiter aus? Berash wusste es nicht, war aber schließlich auch kein Seemann.
Mit einer geschickten Geste warf der Assassine den Hut hoch und fing ihn elegant wieder auf, bevor sein Blick über die Reling glitt, hinaus aufs offene Meer.
"Meinst du, Naut würde seine Kopfbedeckung vermissen?" Nachdenklich hielt er den Dreispitz etwas über die Reling und lies ihn für einen Moment übers offene Meer hängen. Die Wellen schlugen leise gegen das Schiff, während das allgemeine Rauschen erklang. Die Augen Ravias wurden groß, schon setzte sie an Berash zurück zu halten. Doch der Assassine zwinkerte nur und gab ihr den Dreispitz zurück.
"Keine Sorge. Es ist deine Beute, also ist es auch deine Sache, was du damit machst."
Der frühere Emir blickte ihn das erleichterte Gesicht Ravias, deren Wangen von der Anstrenung noch immer leicht gerötet waren und ihrer Brust, die sich hob und senkte um wieder zu Atem zu kommen. Hübsch, dachte Berash, bevor er sich wieder zurück zum wesentlichen begab.
"Aber ich bin beeindruckt. Das war für einen ersten, leisen Raubzug ziemlich gut."
Gerne hätte der Assassine sie dabei genauer beobachtet, doch dafür kannte er sich einfach nicht gut genug auf dem Schiff aus. Außerdem hatte er nicht mehr so viel Vertrauen in seine Fähigkeiten wie früher, als er noch mit den Schatten hatte verschmelzen können. Aber auch so war er sich sicher, dass die junge Frau ihre Sache gut gemacht hatte.
"Ich habe jetzt nur noch eine wichtige Frage, Ravia." Berash klopfte sich nachdenklich ans Kinn, bevor er den Blick wieder hinaus aufs Meer warf.
"Wirst du ihm seinen Hut auch wieder zurück bringen?"
Kurz war Ravia das Herz stehengeblieben, als Berash den Dreispitz über das offene Meer gehalten hatte. Wenn er ihn fallen ließ, dann wäre sie geliefert. Mit großen Augen wollte sie ihre Hand nach dem Hut ausstrecken, doch da zog der Weißhaarige bereits zurück. In seinem Gesicht tanzte der Schalk und mit einem Zwinkern löste sich die plötzliche Anspannung und sie atmete noch einmal schwer aus. Ihr war so verdammt warm. Die Kletterpartie am Rumpf der Joka entlang war äußerst anstrengend gewesen.
Auf sein Lob hin hob sie wieder den Kopf, den sie gesenkt hatte, um zu Atem zu kommen. Sie lächelte ihn stolz an und freute sich über die Worte. Zu mehreren Momenten hatte sie nicht daran geglaubt, dass sie es schaffen würde. Doch hier stand sie nun vor ihrem unfreiwilligen Lehrmeister, der seinen eigenen Spaß aus der ganzen Sache gezogen zu haben schien. Seine folgende Frage bestätigte ihr dies.
„Das war von Anfang an mein Plan“, gab sie zu und setzte sich den Dreispitz erneut auf, „Aber er steht mir besser, als dem alten Quartiermeister, oder nicht? Betont meine Augen“, grinste sie frech und zwinkerte Berash nun ihrerseits zu, während sie sich in Pose brachte, um ihm schöne Augen zu machen.
Hatte Sina etwa doch Recht gehabt und es bahnte sich etwas an? Nein, das war sicher nur die Flause, die die andere Piratin ihr in den Kopf gesetzt hatte. Zur Unterstützung schüttelte sie ablehnend den Kopf, wobei der Hut bedenklich hin und her wackelte.
„Scheinbar etwas zu groß für mich“, meinte Ravia leichthin und schaute dann über Deck, wo ihre Kameraden langsam wieder ihre Positionen einnahmen.
Hatte sich wohl herausgestellt, dass Soren gar nicht für die Hundswache eingeteilt war? Sie musste Saarina bei Gelegenheit unbedingt für die Hilfe danken, denn sonst hätte sie es wohl nicht geschafft.
„Wir sollten schlafen. Es ist verflucht spät und wenn ich mich nicht täusche, erreichen wir morgen schon die Südlichen Inseln. Das heißt, dass ich bald meinen Teil der Abmachung erfüllt habe“, murmelte die Blonde und schaute zu Berash auf.
Ihre Stimme war jovial gewesen, doch irgendwie glaubte sie, dass sie ihren Passagier vermissen würde. Ihren Passagier? Nun irgendwie schon, oder nicht?
***
„Land in Sicht!“, donnerte es vom Krähennest und es kam Bewegung in die Mannschaft, als hätte jemand einen blutigen Fisch über einer Haischule ins Meer geworfen.
Tatsächlich war bereits Argaan in Sicht und der Nebel, der heute über dem Ozean lag, hatte es zu verschulden, dass sie bereits weit näher bei der ersten Sichtung gewesen waren, als üblich.
„Hart Backbord, Saarina! Ich will nicht, dass die Roten uns von Thorniara aus sehen!“, rief Arus, der gerade ebenfalls an Deck war, während die Navigatorin am Steuerrad stand.
„Aye, Käpt’n!“, rief die Korshaani zurück und ließ die Joka außer Sichtweite die Nordseite Argaans umschiffen.
Ravia ahnte, was ihr Baba damit bezweckte und es gefiel ihr gar nicht. Sie vermutete, dass sie Berash an den Schwarzen Stränden nahe dem Dschungel absetzen wollte. Dort gab es nichts, außer wilder Tiere und gefährlicher Vegetation im Norden und karger, schwarzer Fels im Süden. Sie legte sich ins Tauwerk und half dabei das Segel so auszurichten, dass es den harschen Nordwestwind einfing. Die Joka La Maji flog über die raue See, wie der Drache, der sie war.
„He, Berash!“, rief sie dem Weißhaarigen zu, der in ihrer Nähe an der Reling stand und ihr bei der Arbeit zuzusehen schien, „Wir werden wohl die Ostseite entlang nach Süden segeln. Schon die Ruinen von Setarrif gesehen?“, fragte sie laut, um das Heulen des Windes und Rauschen des Meeres zu übertönen.
So nah an Land fanden auch die ersten Möwen ihren Weg zu ihnen und kreisten kreischend über dem Schiff.
„Ist echt einen Anblick wert! Geschmolzener Stein, goldenes Schimmern bei Sonnenlicht. Aber davon haben wir ja gerade nicht viel! Sieht eher nach Regen aus“, fuhr sie fort und wurde bei den letzten Worten leiser, weil es eher eine Befürchtung, denn eine Information für ihren Passagier war.
Berash musterte die Küste Argaans mit kritischem Blick, als das Schiff an ihr entlang segelte. Er hatte nicht gedacht, dass ihn sein Weg noch einmal hierher zurück führen würde. Natürlich war er eine Zeit lang auf der großen Insel unterwegs gewesen, die den Hauptteil des argaanischen Königreichs ausmachte. Auf ihre Art und Weise war sie schon beeindruckend gewesen. Allein das Weißaugengebirge, welches die Insel fast komplett in zwei Hälfen teilte war eine Erkundung wert gewesen. Dort war es auch, wo er einen der verfallenen Tempel entdeckt hatte, dessen Aussehen sich so sehr von allen Ruinen unterschied.
Die verwitterten Fresken darin hatten Drachen und humanoid wirkende Echsen gezeigt, Kreaturen die früher immer dem dunklen Gott Beliar zurechnet worden waren. Doch der Tempel war anders gewesen.
Doch es hatte auch noch andere Dinge gegeben, wie zum Beispiel der riesige Baum in Toshoo. DAS war ein Wunder gewesen, welches seinesgleichen suchte.
"Ne, als ich zuletzt in Setarrif gewesen war, da stand es noch... glaube ich." Während er den ersten Teil des Satzes noch laut an die junge Frau zurück gegeben hatte, waren die letzten beiden Worte eher an sich selbst gerichtet und nur leise gemurmelt worden.
Vielleicht lag es am Alter, da war sich der Assassine nicht sicher. Doch seine Erinnerungen waren manchmal in einen verschwommenen Nebel gehüllt, ähnlich wie jener, den sie passiert hatten. Und noch während er nachdenklich hinaus aufs Meer starrte, kam er nicht umhin sich zu fragen, was er noch im Laufe der Jahre vergessen hatte. Welche Erinnerungen, gute wie schlechte, würden noch in diesem zähen Nebel untergehen und nur Bruchstückenhaft wieder auftauchen? Schließlich war die Tempelgeschichte auch wie aus dem Nichts in seinem Kopf aufgetaucht.
Berash schüttelte sich. Es hatte doch keinen Sinn in solch lang vergangenen Dingen herum zu wühlen wie ein Eichhörnchen, welches im Winter eines seiner Vorratsverstecke suchte. Schließlich fand auch das Eichhörnchen nie alles, was es vergrub. Also würden manche Erlebnisse des früheren Emirs ähnlich wie die Nüsse des Eichhörnchens für immer versteckt bleiben.
"Ich hoffe nur, dass der Rest der Fahrt genau so entspannt verläuft, wie die bisherige." Rief Berash an Ravia gerichtet herüber. "Es war ja schon fast langweilig."
Ach stimmt ja, er war ja schon mal auf Argaan, erinnerte sich Ravia bei den Worten Berashs.
Doch wenn er die Stadt der goldenen Kuppeln in ihrem jetzigen Zustand noch nicht erblickt hatte, dann durfte er sich auf eine Überraschung gefasst machen. Eventuell war es eine böse Überraschung, doch was geschehen war, ließ sich schwerlich rückgängig machen und er Anblick war noch immer eindrucksvoll, auch wenn es eher der Zerstörung schmeichelte, denn der einstigen Baukunst.
„Keine Sorge, nicht mehr lang und wir lassen dich per Beiboot von Bord!“, rief Ravia ihm zu, als sie ihr Tau festband.
Sie hatten ihren Kurs nach Süden eingeschlagen, weshalb sie nicht mehr durchgehend bereitstehen musste. Weit entfernen konnte sie sich jedoch auch nicht von ihrem Arbeitsplatz. An die Reling zu treten war aber im Rahmen, weshalb sie sich neben den Weißhaarigen stellte und ihn anlächelte.
„Na? Aufgeregt und froh, dass du bald wieder festen Boden unter den Füßen hast? Argaan wäre ja nicht der Ort meiner Wahl“, gab sie zu, übte aber keine Kritik an ihm aus, „Ich könnte mit dem Käpt’n reden und wir nehmen dich ein Stück weiter mit“, schlug sie offen vor und meinte es auch so.
Sie hatte Gefallen an seiner Gesellschaft gefunden und wollte noch nicht so bald Lebewohl sagen.
„Und ja, Schiffsreisen sind leider häufig langweilig, wenn man nichts zu tun hat. Darum habe ich dir ja ganz am Anfang der Fahrt geraten, dir eine Beschäftigung zu suchen! Wenn du noch etwas an Bord bleiben willst, finden wir sicher etwas, um die Langeweile zu vertreiben“, deutete sie etwas verschmitzt an, „Auch wenn ich nicht weiß, ob wir deinen Sieg gegen Naut übertrumpfen können. Aber vielleicht suchen wir uns einen kleinen Sturm und schauen mal, wie langweilig es dann noch ist.“
Sie lachte, doch schickte insgeheim eine Bitte an den Gott des Meeres, dass er sie nicht in einen Sturm leitete. Das war mit das schlimmste, was ihnen passieren könnte, solange sie auf dem offenen Meer waren und keine Bucht als Unterschlupf fanden.
„Schiff in Sicht!“, klang es vom Krähennest und ließ Ravia aufhorchen.
Wessen Schiff würde an der verlassenen Ostseite der größten südlichen Insel entlangfahren, außer ihnen?
„Orksegel an der Küste!“, folgte ein zweiter Warnruf.
Diese Warnung brachte Bewegung in die Mannschaft und selbst Arus stieg mit großen Schritten – zwei Stufen auf einmal nehmend, auf das Achterdeck.
„Ruhig bleiben!“, befahl er laut und versuchte der Aufregung und Angst seiner Männer und Frauen entgegenzuwirken.
Der riesige Torgaaner war nach Außen hin gelassen, doch seine Ziehtochter ahnte, dass auch sein Herz bei der Meldung schneller zu schlagen begonnen hatte.
„Sie liegen vor den Ruinen von Setarrif!“, rief jemand von weiter vorn und deutete auf die große Galeere, deren Segel eingerollt waren.
Hinter dem Kriegsschiff breitet sich das Ruinenfeld des einstigen Setarrifs aus. Der Nebel, der sich auf ihrem Weg gen Süden gelichtet hatte, verbarg nicht länger die Sicht und selbst auf diese Entfernung konnte man sehen, dass sich an Land Gestalten bewegten. Orks.
„Sieht aus, als würden sie ihr Schiff beladen, Käpt’n“, gab Naut seine Einschätzung, der in seinen Jahren bei der königlichen Marine mehr als ein Seegefecht gegen die Grünhäute ausgefochten hatte.
„Gut, dann können sie uns nur langsam folgen. Haltet den Kurs! Die Joka La Maji ist schneller, als die behäbigen Pötte der Orks!“
Ravia eilte zurück an ihren Platz, falls sie die Segel ausrichten mussten. Sie war aufgeregt und ein Hauch von Panik machte sich in ihr breit. Doch sie musste vertrauen. Vertrauen darauf, dass ihr Baba und die Mannschaft alles tat, um eine Konfrontation mit diesen Bestien zu umgehen.
Zwischen den Ruinen tauchten immer mehr Orks auf und sie hoben die Waffen, während sie so laut brüllten, dass man es noch an Bord hören konnte. Einige mutige und bekloppte Seeleute brüllten zurück, doch es war wohl eher, um ihrer Nervosität ein Ventil zu geben, als zum Kampf aufzufordern. Sie streckten die Zungen raus und rissen die Augen weit auf, was wohl keiner der Orks an Land erkennen können durfte.
„Diese Idioten“, fluchte Ravia und hielt ihren Blick auf die Küste gerichtet. Setarrif war riesig gewesen und es war noch ein Stück, ehe die Ruinen dem dichten Dschungel wichen, der die südöstliche Seite der Insel bedeckte. Kurz dahinter kämen die schwarzen Strände und sie hoffte inständig, dass ihr Baba dort nicht ankern würde, jetzt, wo sie wussten, dass die Orks so nah waren.
„Berash! Willst du wirklich auf diese Insel, wenn die Orks hier sind? Das kann nicht gut enden“, beschwor sie ihn, doch er hörte sie nicht oder ignorierte ihre Worte, während er von ihr abgewandt zur Küste blickte.
„Nur noch ein Stück, dann sind wir außer Sichtweite!“, rief Naut zur Motivation und er ließ sich nicht anmerken, ob er froh darüber war oder nicht.
Die Überreste des Stadttores lagen mittlerweile auf gleicher Höhe mit der Joka und als die zerplatzten Steine hinter ihnen kleiner wurden, war es fast so, als atmete die Mannschaft im Kollektiv auf.
„Den Göttern sei Dank“, stieß Ravia zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Die Orks hatten keine Anstalten gemacht ihnen zu folgen. So wie es aussah, waren sie dabei die Galeere für die Abreise vorzubereiten und konnten wohl nicht schnell genug reagieren.
„Wir hätten es ihnen schon gezeigt!“, tönte Soren, der unweit von ihr stand, „Piraten fürchten keine stinkenden Orks!“
Damit war es raus. Wenn Berash es nicht schon längst gewusst hatte, wäre es nun kein Geheimnis mehr. Aber wieder ließ er sich nichts anmerken.
„Hergehört!“, verlangte Arus die Aufmerksamkeit, „Wir werden das Südkap umschiffen und beim großen Sumpf vor Anker gehen, um unseren Passagier abzuladen. Danach geht es weiter nach Norden! Wenn wir die Stadt der Türme erreicht haben, verrate ich euch, wo es als nächstes hingehen wird!“
Zustimmendes Gejohle, angefeuert durch die Euphorie die Orks hinter sich gelassen zu haben, begrüßte diese Bekanntgabe. Auch Ravia wollte wissen, wohin es sie als nächstes trieb, doch vorher galt es ihr Versprechen zu halten.
Die schwarzen Strände tauchten hinter dem Dschungel auf und darüber die dunklen Felsen der Schwarzen Schlucht. Hoch oben thronte ein Gebäude, das sich nahtlos in die Landschaft eingliederte, fast so, als wäre es schon immer so gewesen. Doch manche Seeleute, die schon länger im Geschäft waren, behaupteten, dass dort vor vielen Jahren noch kein Gemäuer gewesen war, bis es plötzlich wie von einem Tag auf den anderen dort erschienen wäre.
Unwahrscheinlich und mit ziemlicher Sicherheit Seemannsgarn der langleben Art.
„Hey Berash, das da könnte ja dein Kastell sein“, versuchte die Blonde die Aufmerksamkeit des Passagiers zu gewinnen und deutete auf das Gebäude.
Das Südkap umrundet – sie hatte sich wieder in die Seile legen müssen – änderten sie ihren Kurs nach West-Nordwest, wo die Strände am Rand des Sumpfes bereits in Sicht kamen. Das Weißaugengebirge kesselte das Feuchtgebiet eindrucksvoll ein und Ravia fragte sich, ob es dort wärmer war, als im Rest der Insel. Immerhin hatten die warmen Temperaturen im Umkreis des Sonnengürtels stetig abgenommen und es war beinahe zu kalt für ihren Geschmack.
„Klar machen zum Ankern!“, donnerte der Befehl des Kapitäns über das Deck und die Mannschaft folgte den weiteren Anweisungen, wodurch sie nach und nach an Fahrt verloren und schließlich der Lotmann eine geeignete Stelle für sie fand.
„Beiboot ins Wasser lassen!“
Vorsichtig wurde das Ruderboot ins Meer abgelassen und eine Strickleiter über die Reling geworfen. Wie selbstverständlich kletterte Ravia hinunter und wartete, bis Berash sich zu ihr gesellte. Zu ihrer Überraschung folgten Saarina und Pakko, die sie begleiten wollten.
„Also dann, macht euch ans Rudern!“, meinte Saarina süffisant und blickte direkt Pakko an, der nur seufzte und eines der Ruder griff, während Ravia sich das zweite schnappte, ehe sie langsam Richtung Strand paddelten.
Da ging er hin, hinein in die Schatten der Mangrovenbäume, das Meer hinter sich lassend. Ravia hätte nicht gedacht, dass sie Berash so schnell vermissen würde. Noch während sie sich ins Ruder legte, beobachtete sie die Stelle, an der er zwischen den Bäumen verschwunden war. Er hatte sie mit Respekt behandelt und war ihr ein guter Gesprächspartner bei der Überfahrt gewesen. Irgendwann würden sie sich sicher noch einmal begegnen. Der Morgrad mochte groß sein, doch man sah sich bekanntlich immer zweimal im Leben.
„Langsamer!“, wies Saarina die beiden Ruderer an und Ravia legte weniger Kraft in die Schläge.
Pakko passte sich ihr an und wenige Momente später ditschte das Ruderboot gegen den Rumpf der Joka La Maji. Von oben wurde bereits eine Strickleiter hinabgelassen und die Navigatorin bedeutete Pakko als erstes den Aufstieg an Deck anzugehen.
Der junge Torgaaner schwang sich auf die wacklige Leiter und kraxelte sie empor, während Ravia die Paddel einholte, unter der Sitzbank verstaute und die von oben herabgelassenen Taue an dem Boot befestigte. Die Korshaani hielt unterdessen die Leiter fest, damit sie nicht so sehr hin und herschwankte.
Nachdem Pakko oben angekommen war, wollte Ravia sich an das Klettern machen, doch Saarinas Hand landete auf ihrer Schulter.
„Hör mir gut zu, solange wir allein sind“, flüsterte die ältere Frau ihr verschwörerisch zu, „Was du in Bakaresh erreicht hast, hat einigen alten Freunden von mir imponiert und sie wollen, dass ich dir das hier gebe.“
Die Navigatorin drückte ihre andere Hand in die der Blonden und Ravia spürte, dass es sich um ein zusammengefaltetes Stück Pergament handelte. Überrascht blickte sie in die grünen Augen der anderen Frau.
„Lese es, wenn du alleine bist und dich keiner sieht! Und jetzt rauf mit dir.“
Verwirrt ob dieser mysteriösen Nachricht schwang sich die Piratin zögerlich an die Strickleiter und nahm eine Tausprosse nach der anderen, bis sie sich elegant über die Reling schwang. Die meisten Matrosen waren bereits dabei sich auf das Ankerlichten vorzubereiten.
Saarina folgte wenige Momente später und kletterte an Deck.
„Beiboot einholen!“, befahl sie und einige das kleine Ruderboot wurde hochgehievt und an seinem angedachten Platz vertäut.
Die Navigatorin warf Ravia nicht mal mehr einen Blick zu, ehe sie sich auf den Weg zum Achterdeck machte, wo bereits Kapitän Arus stand, während Naut vom Hauptdeck aus Befehle erteilte.
Wenig später setzten sie bereits wieder Segel und nahmen Kurs Richtung Norden. Stewark war das nächste Ziel und von dort aus würde ihr Baba offenbaren, wohin die Reise gehen würde. Die meisten, so auch Ravia, vermuteten, dass sie ihren üblichen Hafen ansteuern würden, um die zu Gold gemachte Prise auszugeben. Es war ein gutes Geschäft gewesen, was sie in Bakaresh erzielt hatte und sie vermutete, dass mehrere Wochen davon gegessen, getrunken und gehurt werden würde. Sie hingegen hatte andere Pläne, denn es gab noch ein bestimmtes Kästchen, welches sie vor der Ankunft im Piratennest knacken musste, wenn sie nicht wollte, dass es mit Gewalt aufgebrochen wurde.
Dabei fiel ihr auf, dass Saarina vielleicht von ihrem Erfolg in Bakaresh gesprochen hatte, als sie ihre alten Freunde erwähnt hatte. Die Piratin würde erst die Nachricht lesen zu müssen, um sicher sein zu können, und sie kannte einen guten Ort an Bord, wo sie ungestört sein würde.
DraconiZ
21.02.2025, 20:10
Er hasste lange Wege übers Meer. Nicht, dass er das Wasser selbst nicht mochte. Das konnte er schon nicht so sagen. Die kühle Brise und der gleichmäßige Gang der Dinge hatte etwas meditatives, zutiefst beruhigendes. Das Wasser schien ihm Kraft zu geben. Auf eine Art war das Wasser die Essenz des Lebens selbst, grübelte er. Alles Leben sagten sie stammte aus dem Wasser. War es vielleicht Wasser gewesen in das er verbannt worden war? Tiefes Wasser statt unendlicher Schwärze? Seine Gedanken flogen wie eine Schar Vögel über das Wasser, während er neben Saraliel herlief. Sicherlich sagte er gerade wieder irgendetwas geistreiches und erzählte von Abenteuern und Entdeckungen. DraconiZ hatte sich angewöhnt dann und wann zu nicken und ein »Ja wirklich?« einzustreuen und konnte so mehr oder weniger gelassen seinen eigenen Gedanken nachgehen. Wenn der hohe Magier etwas wichtiges zu besprechen hatte, schaute er ihn ohnehin mit diesem missbilligenden Blick an, der keinen Zweifel lies, dass der Assassine irgendetwas versäumen lies, dass eigentlich von allerhöchster Wichtigkeit war. Sein Bruder war schon eine besondere Schneeflocke. Er konnte Wochenlang nichts essen und mit Keinem reden, aber wenn er ein Thema gefunden hatte, dass ihn interessierte, faselte er wie ein Wasserfall.
Während sie zum anderen Ende der Victoria liefen begegnete ihm mehrmals ein Blick, den er so lieber nicht empfangen hätte. Die Soldaten hielten sich zurück, denn das war Ihnen gesagt worden. Doch innerlich brodelte es. Sein Name hatte die Runde gemacht und Keiner lies einen Zweifel daran, dass sie lieber Staub fressen würden, als dem Verräter zu Nahe zu sein. Und sei es nur, weil es ein schlechtes Licht auf Ehre und Sold warf. Ein leichter Schauer lief dem Paladin über den Rücken.
»Eure Eminenz!«, meinte Saraliel so schrill und plötzlich, dass Draco fast von Bord gefallen wäre, als er unsanft aus seinen Gedanken gerissen wurde. Einen Moment taumelte er, dann schaute er in Françoise’ wie immer gütig blickendes Gesicht. »Mein Bruder erzählte mir alles. Eine Meisterleistung! Wirklich unglaublich was du vollbracht hast. Solch eine Magie habe ich noch nie gesehen! Es wäre sicherlich Niemand anderem gelungen«. Es folgten einige weitere Lobpreisungen und als endlich der Moment zur Unterbrechung gekommen war meinte der Streiter: »Saraliel wollte gerade davon berichten, wie wir in Khorinis vorgehen wollen«. Die Verwirrung die sich heftig im Gesicht des Hünen widerspiegelte nutze DraconiZ um fortzufahren: »Wenn wir an Land gehen, wird mein Auftrag sein die Stadt zu erkunden und Hagen bericht zu erstatten. Ich denke es ist wichtig für meine Gesundheit, dass ich dem Befehl schnellstmöglich Folge leiste«. Er hielt kurz inne und schaute argwöhnisch zu seinem Bruder, der scheinbar aber – den Göttern sei Dank – mit seiner Verwirrung rang. »Meine erste Idee wäre die Diebesgilde anzusteuern, sofern sie noch existiert heißt das. Zudem habe ich einige Assassinen aus Bakaresh gerufen, die das Umland erkunden sollen. Wenn der Wind glücklich stand, sind sie vielleicht sogar vor uns dort«. Er schaute Françoise an: »Es ist vielleicht dreist zu fragen. Doch: Wirst du mir helfen?«. »Uns Bruder«, ergänzte Saraliel und schaute jetzt auf seine komische Weise drein, die er aufsetze, wenn er meinte, dass große Worte angemessen seien. »Ich habe Vater versprochen auf meinen jüngeren Bruder aufzupassen und das werde ich«, meinte er mit deutlich mehr Pathos in der Stimme, als DraconiZ gut gefunden hätte. Der Assassine seufzte. Das hatte sich vor noch nicht allzu langer Zeit noch ganz anders angehört.
Françoise
23.02.2025, 18:11
Françoise wusste nicht, wie ihr geschah, als Saraliel sie mit so viel Lob überschüttete. Das sah ihm gar nicht ähnlich. Selbst sein Bruder schien davon überrascht zu sein und musste gekonnt einen Moment der Ruhe abpassen, um ein Wort dazwischen zu kriegen.
»Ich danke dir, Saraliel.«, sagte die Priesterin schließlich. »Ein Lob aus deinem Munde ist viel wert. Sei aber nicht zu voreilig. Ob das Konstrukt auf Dauer hält, muss sich erst noch zeigen. Daran mache ich den Erfolg fest.«
Dracos anschließende Frage überraschte die Oberste Feuermagierin zuerst genauso, wie Saraliels Lobpreisungen. Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, dass genau diese Frage kommen musste. Sonst wäre Draco nicht Draco. Außerdem wäre es eine hervorragende Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen. Ein bisschen in Nostalgie schwelgen, ein bisschen Abenteuer erleben. Es war genau das, was Françoise brauchte.
»Natürlich begleite ich dich gerne. Auf dich aufzupassen, braucht mindestens zwei Magier.«, witzelte die Priesterin. »Ich hoffe, du weißt auf was du dich einlässt, Saraliel. Wir werden nicht jeden Abend in einer Herberge unterkommen und bestimmt die ganze Zeit auf den Beinen sein. Es wird eine körperliche Herausforderung werden.«
Der darauf folgende Gesichtsausdruck des Feuermagiers ließ sich am besten als ambivalent beschreiben. Einerseits wollte er natürlich dem Wunsch seines verstorbenen Vaters gerecht werden, andererseits konnte er die Warnung der Obersten Feuermagierin nicht einfach in den Wind schlagen. Françoise ließ ihn über seinen Gedanken brüten und wandte sich an Draco.
»Solange wir in der Stadt sind, kannst du ja nach den Dieben Ausschau halten.«, sagte sie. »Denk daran, dass diese Leute normalerweise hinter Gitter gehören. Mache keine Versprechungen, die du nicht halten kannst. Sobald du da fertig bist, sollten auch alle offiziellen Dinge in der Stadt erledigt sein, die meine Anwesenheit bedürfen. Dann können wir zusammen losziehen. Was ist mit deinen Assassinenfreunden? Erzähl mir mehr über sie.«
DraconiZ
23.02.2025, 21:01
»Ja denk gut nach Bruder«, meinte DraconiZ lachend und klopfte dem Hünen an die Schulter. Vielleicht hätte er ihm tatsächlich auch auf die Schulter geklopft, doch das war aufgrund des Unterschieds an Höhe eine schwierigeres Unterfangen und hätte sicherlich komisch ausgesehen. Er verfehlte nicht den Effekt. Saraliels Gesicht verzog sich zu einer fragenden Miene und man konnte fast sicher erkennen wie es unter seinen Schläfen arbeitete. Eine Bereicherung in jedem akademischen Disput. Eine Vollkatastrophe auf jedem Abenteuer. »Ich werde tun was ich kann«, meinte der hohe Magier schneller als gedacht und Françoise und der Streiter nickten. Das war – angesichts der körperlichen Voraussetzungen – ein hohes Zugeständnis. »Ich bin froh dich weiterhin an meiner erm unserer Seite zu wissen«, meinte der Assassine dann in Richtung seiner Lehrerin.
»Ich kenne die Diebesgilde noch von früher«, meinte der Weißhaarige als er kurz den Blick über das Meer schweifen lies. »Es wird Zeit die Kenntnisse zu vertiefen und neue Wege zu gehen. Ich werde nichts tun, was dem Reich auf Dauer schaden wird«, versprach er und blieb schwammig genug um sich einigen Spielraum zu verschaffen. Die Götter allein wussten, was genau sich dort ereignen mochte. Möglicherweise mussten Diebe in diesen Tagen gar nicht mehr mit der Kanalisation vorlieb nehmen, sondern konnten mehr oder weniger offen operieren. Das Recht des Königs würde Ihnen genug Angst einjagen, dass er sich daraus Kooperation erkaufen konnte. Zumindest war das seine Hoffnung. »Es ist nicht unser Niveau. Auch wenn du zu manchem fähig warst, so ist dein Weg nun ein anderer«, belehrte ihn Saraliel mittendrin und schaute tadelnd auf ihn herunter. In diesem Moment erinnerte er ihn sehr an die weniger liebenswerten Gespräche die er mit Arion geführt hatte. Er lies den Kommentar unkommentiert. »Alenya, eine ehemalige Klingenmeisterin aus Braga und maximal fünf weitere sind von Bakaresh aufgebrochen um Khorinis und das Umland in Augenschein zu nehmen. Es ist mir gelungen sie zu überzeugen für das Reich einzutreten«. Er schluckte und schaute Françoise an. Sie würde ohnehin darauf kommen, dass es nicht umsonst war. »Im Gegenzug versprach ich Ihnen Straffreiheit und einen sehr gnädigen Umgang mit etwaigen anderen Götteranbetungen«. Er schaute ernst drein. »Es musste sein. Wenn wir irgendwann wirklich Frieden in Varant haben wollen, müssen wir die Kulturen zusammenbringen. Eine Exklusion wird nur weiter Krieg bringen«. Er fuhr sich mit der Hand über sein Kinn. »Jedenfalls vertraue ich Ihnen weit genug, um ihrem Urteil zu trauen. Ich werde dennoch vor Hagen mit meinem Kopf hinhalten«. Der hohe Magier vor ihm schaute ihn nur missbilligend, ja vielleicht sogar mitleidig an. Wie ein Kind, was es einfach nicht lernen wollte, wie man einen Apfel schält. Am liebsten hätte er ihm seinen…
Er verscheuchte den Gedanken. »Was sind es für Dinge die du im Sinn hast? Wirst du den Glauben der Bevölkerung erneuern? Dann ist vielleicht Saraliel wirklich eine Hilfe«, stichelte er.
Nachdenklich saß Sunder Achtern auf einem Faß und schaute hinaus aufs Meer und fragte sich, ob es wirklich die richtige Entscheidung war, sich für die Khorinis Expedition zu melden. Mit Verstand betrachtet machte alles einen Sinn, die alte Heimat wiedersehen, Menschen in der Not helfen, vielleicht sogar ein paar alte Bekannte wiederfinden, das waren nur einige Gründe die dafür sprachen, sich auf die Reise zu begeben. Etwas sinnvolles tun, noch etwas aus seinem Leben machen und die Chance nutzten sich und der Welt noch zu beweisen, das der Seebär noch nicht zum alten Eisen gehört, das waren die Argumente mit denen der Kommandant versucht und letztlich auch geschafft hatte ihn zu überzeugen. Ulrich konnte wirklich geschickt auf einen einreden, so das man am Ende nicht mehr wusste wo einem der Kopf stand und einem die Worte fehlten dem Kommandanten etwas entgegen zusetzten. So gewandt wie der Paladin mit Worten umgehen und Andere überzeugen konnte, hätte er durchaus auch Prediger werden können. Ein kurzes Lächeln huschte über die Lippen des Seebären, als er sich vorstellte wie Ulrich in einer schicken Kutte auf dem Marktplatz steht und versucht mit inbrünstigem Geschwafel die Leute in seinem Bann zu ziehen. Das würde Sunder zu gerne erleben und sicherlich auch ein paar Münzen spenden, das wäre ihm der komische Anblick allemal wert.
„Na alles klar bei dir?“ riss Luthger den Seebären aus seinen Gedanken, „siehst ja glatt so aus, als würdest du Trübsal blasen.“ Sunder wandte sich Luthger zu und schüttelte den Kopf, „ach wat..., isch hab mir nur ein bisschen Jedanken jemacht“ brummte der Seebär. „So, über was denn?, wenn ich fragen darf“ hakte der kleine Späher nach. „Ach, nix besonderes, wie dat manschmal so ist, da hat man plötzlisch wat im Sinn da und drüber denkt man dann nach“ erklärte Sunder. „Verstehe, du denkst wohl an deine alte Tage als Seefahrer, nehme ich an“ mutmaßte Luthger“, „wieso fährst du eigentlich nicht mehr zu See?“ Der alte Seemann machte eine wegwerfende Handbewegung, „dat ist ne lange Jeschichte, die disch ja nix anjeht“ knurrte Sunder, dem es sichtlich unangenehm war das er auf einen wunden Punkt in seinem Leben angesprochen wurde. „Ist ja gut..., ich wollte dir nicht zu nahe treten..., es hat mich nur interessiert, weiter nichts“ versuchte sich der Jäger zu erklären. Der Seebär bemerkte das er wohl etwas zu schroff reagiert hatte“, „ist alles jut Jung, kannst ja nix dafür, dat isch da nit jerne drüber spresche..., isch hätte dir dat auch ein bisschen netter beibringen können“ räumte der Seebär ein und grinste Luthger an, der Jäger grinste zurück, somit war die Sache geklärt.
Jacques Percheval
25.02.2025, 21:39
Mit halb geschlossenen Augen saß Jacques gegen einen Heuballen gelehnt im Lagerraum der Gloriana und lauschte den Geräuschen des Schiffes. Den Wellen, die gegen den Rumpf schlugen, dem Knarzen und Quietschen der hölzernen Planken, den gedämpften Stimmen der Matrosen oben auf dem Deck, dem Schnauben und Stampfen der Pferde, die sich noch an die völlig fremdartige Umgebung gewöhnen mussten und entsprechend unruhig waren. Er war hier unten, um im Notfall eingreifen zu können, falls einem der Tiere der Stress zu groß werden sollte, aber auch, weil er selbst sich nach den anstrengenden letzten Wochen und Tagen nach ein wenig Ruhe sehnte. Ruhe, um nachzudenken.
In seiner Hand hielt er den Fingerknochen des Heiligen, den er vom Weißaugengebirge mitgebracht hatte, und er rief sich die Ereignisse dort unter den noch einmal ins Gedächtnis – oder zumindest versuchte er das. Er tat das nicht zum ersten Mal. Seit seinen Erlebnissen dort unten hatte er oft an sie zurückgedacht und versucht, den Ablauf des Geschehens zu rekonstruieren. Doch wirklich gelungen war es ihm nie.
Seine Erinnerungen waren lückenhaft und verschwommen; vieles wusste er gar nur, weil Jörg es ihm später erzählt hatte, und bei manchem, woran er sich zu erinnern glaubte, war er sich nicht sicher, ob es überhaupt seine eigenen Erinnerungen waren – Erinnerungen, in denen er die schattenhaften Umrisse einer monströsen Kreatur sah, die entschlossenen Gesichter seiner Mitstreiter, die bereit waren, ihm bis in den Tod zu folgen, und … sein eigenes Ende. Aber er lebte offensichtlich noch, also wie passte das zusammen? Jacques konnte es sich nur so erklären, dass diese Eindrücke gar nicht seine eigenen waren, sondern die des toten Paladins, der vor langer, langer Zeit sich selbst geopfert haben musste, um das Siegel zu schließen und einzusperren, was auch immer dort unten im Berg bis heute an seinem Gefängnis rüttelte. Wer war dieser Mann, dieser Märtyrer, gewesen? Und wie kam es, dass er seine Erinnerungen, seine letzten Eindrücke mit ihm teilte? Jacques konnte sich all das nicht erklären. Er wünschte, er hätte die Zeit gefunden, in Thorniara einen der Feuermagier danach zu fragen, aber mit dem königlichen Befehl zur Expedition nach Khorinis hatten sich die Ereignisse überschlagen.
Aber, auch wenn er es nicht ganz verstand – es fühlte sich gut und richtig an. Der Märtyrer hatte das größte aller Opfer gebracht, um andere zu schützen und zu retten. Damit verkörperte er alles, was gut und richtig war, und Jacques schwor, dass er das Andenken dieses heiligen Streiters mit seinen Taten ehren würde. Ob auf Argaan, Khorinis, oder sonstwo auf der Welt – so wahr ihm Innos helfe!
Françoise
26.02.2025, 18:49
»Auf Dauer?«, wiederholte Françoise und wollte im Grunde gar keine Antwort darauf haben. Ihr Freund würde zweifellos unorthodoxe Mittel zum Erreichen seiner Ziele einsetzen; der Ziele des Königs, um genau zu sein. Schließlich war Dracos Anwesenheit und Auftrag von Rhobar höchst persönlich abgesegnet gewesen. Es würde das beste sein, entschied sich Françoise, kein allzu genaues Auge auf die Machenschaften des früheren Assassinen zu werfen.
»Du strapazierst die Gunst des Königs ziemlich, Draco.«, sagte die Priesterin, als ihr Freund von seinen Versprechen erzählte. »Der letzte Rhobar würde früherer Assassinen, besonders hochrangige Assassinen ohne viel Federlesens hinrichten lassen. Um ein Exempel zu statuieren. Du kannst von Glück reden, dass der jetzige Rhobar viel mehr an Resultaten interessiert ist. Er ist sehr weltoffen und kann Dinge aus anderen Perspektiven sehen. Vielleicht kommst du ja damit durch bei ihm. Aber wenn du meinen Ratschlag willst, versprich nichts, das du nicht halten kannst. Sonst hast du schnell alle gegen dich.«
Als dann das Gespräch dahin kam, was die Oberste Feuermagierin denn geplant hatte, überlegte Françoise einen Moment.
»Um ehrlich zu sein, werden wir das erst vor Ort entscheiden können.«, sagte sie schließlich. »Die Bedürfnisse der Menschen stehen allem voran. Eine Doktrin zu predigen, während das Chaos herrscht, ist sinnlos. Wir müssen zuerst unter Beweis stellen, dass wir dort sind, um zu bleiben und um Verantwortung zu übernehmen. Das wird eine schwierige Aufgabe werden.«
Heric stützte die Arme auf die Reling und sah dem Spiel der Wellen zu, beobachtete, wie der mächtige Rumpf das Wasser teilte und Gischt zu den Seiten hochsprühen ließ. So in Gedanken versunken, verirrte sich sein Geist zurück zu dem Aufeinandertreffen mit dem Kapitän des Gortharischen Schiffes vor Stunden …
„Verpisst euch, Landratten!“, fuhr ein bulliger Seemann die Vierergruppe an, die fast außer Atem eintraf. Seine Kumpanen lachten abfällig, jedoch nur so lange, bis Ragnar vortrat und dem Mann schlicht und einfach die Hand auf die Schulter legte, nah am Nacken. Ein wohlmeinendes Lächeln, das die kalten Augen des Hünen nicht erreichte, ließ jede weitere Beleidigung und Verwünschung im Kern ersticken. Heric räusperte sich und trat vor.
„Wo ist der Herr Kapitän?“, fragte er laut. Der Matrose vor Ragnar öffnete den Mund, suchte nach Worten, schloss ihn intelligenterweise wieder. Er deutete nur mit dem Kopf in Richtung des Schiffes, zur Laufplanke. An ihrem Ende stand, eine Hand auf der Reling, der Kapitän des Schiffes. Er trug angemessene Kleidung gortharischen Stils, aufwendig verziert, Reichtum und Erfolg wiederspiegelnd.
„Grüße, meine Damen, meine Herren“, sprach er, machte aber keine Anstalten, sich zu ihnen zu bewegen oder sie zumindest an Deck zu bitten. Mit einem Stirnrunzeln blickte er zu Ragnar hin, der immer noch die Hand auf der Schulter seines Crewmitglieds hat. Der Kapitän räusperte sich und der Hüne ließ sie Hand sinken, den Matrosen nach wie vor anlächelnd. Heric ging schnell zur Planke.
„Herr Martjeen?“, fragte der junge Mann. Ein Nicken. Unverbindlich.
„Wir haben eine Passage nach Gorthar gebucht.“
„Ihr seid spät dran.“
„Aber noch nicht zu spät …“
„Vielleicht habe ich die Kajüten schon anderweitig vermietet.“
Heric lächelte knapp. „Dann würdet Ihr Euch nicht auf ein Gespräch einlassen, sondern hättet uns mit Knüppeln und Stangen vertrieben, Herr Martjeen.“ Er hob die Hände, entschuldigend. „Wir hatten … Komplikationen, alte Bekannte, die uns einfach nicht in Ruhe lassen wollten, denen der Abschied schwerfiel.“
Vielsagend blickte Martjeen den Pier hinab, schnalzte mit der Zunge, trat zur Seite.
„Hoch mit euch. Hopp, hopp. Sonst dürft ihr gleich mit anpacken. Na, na, junger Herr, erst die Damen, dann die Herren. Etwas Manieren solltet ihr Argaaner auch besitzen, nicht wahr? Willkommen auf der Luzkan, meine Damen. Die Herren.“ Fujeeda und Qarrah bekamen eine formvollendete Verbeugung, wohingegen Ragnar und Heric nur ein knappes Nicken bekamen. „Die Damen, ich helfe Ihnen mit dem Gepäck. Joost, du kümmerst dich um die Herren, klar?“
„Aye, Käpt’n.“ Der Maat namens Joost sah sie ungeduldig an. Heric seufzte.
Während sie dem Mann folgten, sah sich der junge Mann um. Die Crew bestand aus Männern und Frauen aller Herren Länder. Er wusste von Meister Kiyan, dass der Kontinent, an dessen äußeren, westlichen Ende das Herzogtum Gorthar lag, unglaublich groß war. Ihn zu umschiffen, so hatte er gesagt, dauert einige Wochen. Und dann kommt man zum Östlichen Archipel. Man könnte meinen, das ist das Ende der Welt.
„Nordmann, mh?“, der Maat sah Ragnar an, der seine wenigen Habe schleppte.
„Blitzmerker.“
„Wie is’s so … am Rockzipfel der Myrtaner?“
„Wie am Rockzipfel deiner Mutter, Gortharer.“
Zu Herics Überraschung lachte der Seemann auf und grinste anerkennend. Dann wandte er den Blick auf den jungen Mann.
„Und du bist ein kleiner Scheißer von Argaan, mh? Woher genau?“
„Schwarzwasser.“
„Dieses nach Pisse und Scheiße stinkende Brackwasserkaff neben der Monstereiche?“
„Äh …“
„Ich dachte da leben nur Blutfliegen und Einfaltspinsel. Wobei …“
Nun lachte Ragnar zustimmend und klopfte dem Maat auf den Rücken.
„Du gefällst mir. Habt ihr hier was zu trinken?“
„Nur guten Schnaps aus dem Herzogtum, nicht euern aus Sackhaaren und Orkscheiße gepanschten Stollengrollen.“
Witzbolde, dachte sich Heric, nachdem sie ihre Kajüte erreicht hatten und Ragnar dem Maat nach oben folgte. Wahrscheinlich würde er mit anpacken, war er doch selbst schon zur See gefahren. Erst auf Langschiffen der Nordmänner, dann mit Schiffen des Myrtanischen Reiches.
Später, als das Schiff aus dem Hafen aufs offene Meer gerudert worden war und sie Segel gesetzt hatten, kam Heric an Deck. Der Wind wehte ihm durch die Haare, zerrte stetig aber nicht störend an seiner Kleidung. Er trat zu dem Kapitän, der gerade vom Oberdeck herunterkam und mit einem zufriedenen Nicken die Mannschaft begutachtete. Er sah Heric, musterte ihn von oben bis unten.
„Heric, nicht wahr?“, fragte Martjeen.
„Ja, Herr Martjeen.“ Er neigte abermals grüßend den Kopf.
„Und du … bist der Lehrling eines Vetters der Calveits?“
„Ich war sein Lehrling. Wir … ich … er beendete die Ausbildung nach unserer Rückkehr aus seiner und Eurer Heimatstadt. Was er mir an kaufmännischem Wissen beibringen konnte, hat er mir beigebracht.“
Das war zwar eine glatte Lüge, aber besser als zu erwähnen, man habe Monate in einer Mine als Gefangener geschuftet.
„Eine Schande“, seufzte Martjeen und trat an die Reeling, blickte zur Insel Argaan zurück, die sich immer weiter entfernte. „Eine absolute Schande, was mit seinem Verwandten in der Stadt passiert ist. Das Anwesen abgebrannt, der Ältere Calveit ist dabei umgekommen … und seinen Bruder, den Jüngeren, vermutet man tot irgendwo in der Ferne.“
Er lächelte kurz. „Ich habe ihn oft auf diesem Schiff Willkommen geheißen. Wenn er zu seinen Expeditionen fuhr. Etwas verschroben, der alte Krüppel, aber im Grunde ein guter Mann.“ Ein Schulterzucken. „Nur ertragreich waren diese Fahrten nie. Das Geschäftstalent hatten sein Bruder und der Vater. Eine Schande“, wiederholte Martjeen und schwieg.
„Gab … gab es denn Familien, die den Calveits hätten, … schaden wollen?“, fragte Heric vorsichtig und wusste, dass er einiges auf eine Karte setzte, die ihn am Ende in die Hände von Salvaro Barenzia manövrieren könnte.
Der Kapitän sah Heric an, schien seinen Wert zu bemessen. Dann nickte er langsam.
„Siehst du, junger Heric, Gorthar war dereinst ein Herzogtum mit einem Herzog, einem Mann, der Rechenschaft gegenüber Rhobar dem Ersten und später dem Zweiten ablegen musste. Vor … Götter, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren dann gab es ein wundersames Geschehnis, das dafür sorgte, dass die magische Kuppel über dem Minental von Khorinis …“
„Die Barriere?“, hakte Heric nach. Martjeen nickte anerkennend und fuhr fort.
„… genau, die Barriere verschob, erweiterte sich und … tja, umschloss auch einen Teil des Herzogtums. Wir führten Krieg gegen die Häftlinge, die erbitterten Widerstand leisteten. Herzog Talron suchte eine Möglichkeit, den Sieg davon zu tragen, aber er scheiterte am Ehrgeiz und der Rücksichtslosigkeit des verhassten Hurensohns und Hofmagiers Sorim. Er barg an der Seite des legendären General Kaszan Toras magische Artefakte, weckte ein altes Übel und sorgte so für den Untergang des Hauses von Herzog Talron. Später beschlossen die Adeligen, dass ein Rat das Schicksal des Herzogtums bestimmen sollte. Und das tut er bis zum heutigen Tage.“
Der Mann rieb sich das wettergegerbte, leicht narbige Kinn. „Leider gibt’s unter den Adeligen manch einen, der die Herzogswürde gerne bei sich sehen würde. Und diesen alten Adelsfamilien sind junge, neureiche Dynastien ein Dorn im Auge. Die Calveits, Heric, sind Goldadel. Reich geworden durch den Handel. Für die Grafen und Barone sind sie jedoch nicht mehr als Emporkömmlinge. Und wenn sie dann noch an Einfluss gewinnen, eine Bedrohung werden … nun ja. Gift, fingierte Unfälle, Auftragsmorde.“
Eine Karte, alles oder nichts.
„Wer ist Salvaro Barenzia?“, fragte Heric frei heraus. Kapitän Martjeen, ein augenscheinlich weltgewandter, erfahrener, vom Leben auf See gezeichneter Mann, der sein Schiff mehr als einmal vor Piraten schützen musste, erbleichte. Er beugte sich zu Heric, die Augen eindringlich schauend.
„Erwähne in Gorthar niemals diesen Namen, Bursche. Niemals! Das ist, als würdest du Beliar selbst herbeirufen. Und jetzt lass mich in Ruhe, verstanden? Ich habe ein Schiff zu führen.“
Kopfschüttelnd ging der Seemann davon und ließ Heric zurück. Nachdenklich und besorgt. Vor allem besorgt
Dunkle Wolken bringen dunkle Kunde.
Das war eine Lebensweisheit seines Vaters gewesen, eines guten, eines aufrechten Mannes. Erst als Handwerker im Jägerlager des Bluttals, später als Quartiermeister der Wächter unter Hauptmann Hayabusa. Lebensweisheiten waren seine Spezialität gewesen, für jede Lebenslage in jedem Moment. Vielleicht war’s der Sumpf, der ihn so hatte werden lassen. Im Augenblick wäre es Heric ein Königreich wert gewesen zu erfahren, was er zu ihrer Situation gesagt hätte.
Vor wenigen Stunden waren die Wolken aufgezogen, hatten sie eingeholt auf dem Weg nach Gorthar. Der Kapitän der Luzkan hatte eben mitgeteilt, dass sie in Richtung der Khorinischen Küste segeln würden, um dort dem Sturm nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Zu spät erkannte Martjeen, wer ihre Flucht vor dem Unwetter nutzte.
„Piraten?“, fragte Ragnar und ballte die Fäuste. Götter, wahrscheinlich freute sich der Nordmann darauf, Wellen von Entermanövern abzuwehren. Das war genau die Art von Abschied von der Bühne, die er vorziehen würde. Martjeen sah den Hünen lange an, schüttelte den Kopf.
„Schlimmer“, presste er hervor, „Auf ihre Art Piraten, aber viel, viel schlimmer. Sturmkrähen.“
Ragnars in nordmarischer Sprache ausgespiener Fluch in lautem Ton ließ Qarrah und Heric zusammenzucken. Fujeeda spuckte aus und machte mit der Hand eine abwehrende Geste zum Heck des Schiffes hin.
„Wer sind die Sturmkrähen?“, fragten die jungen Leute unisono.
Ragnar wandte sich ab, begab sich unter Deck, um seine Waffe zu holen. Fujeeda schwieg. Martjeen seufzte schwer, schicksalsergeben. „Die Sturmkrähen sind ein seefahrendes Volk. Fast alles Frauen. Männer haben bei ihnen einen … mh, praktischen Wert. Spar dir das dumme Grinsen, Junge.“
Aber Heric grinste nicht einmal ansatzweise. Ihm war bewusst, wovon Martjeen sprach.
„Jedenfalls sind sie schlimmer als die Piraten der hiesigen Gegend oder die Freibeuter im Auftrag der Myrtanischen Krone. Die Sturmkrähen … lassen nur sinkende Schiffe, verbrannte Wracks an der Küste zurück, mehr nicht. Angeblich nehmen sie von jeder Crew einen Mann gefangen, einen Seemann, um so Nachwuchs zu bekommen, der Salzwasser in den Adern hat. Frauen … nun, entweder töten sie sie oder – auch das ein Gerücht – sie bieten ihnen, wenn sie sich als Löwinnen im Kampf beweisen, in ihr Volk auf.“
Er blickte über die Heckreling in Richtung Sturm, hob sein Fernrohr, beobachtete, fluchte dann leise. „Seht ihr sie?“, fragte er die Diebe. Heric kniff die Augen zusammen. Er sah sie. Graue, dunkle Segel, schnittige Schiffe, keine Flagge. Wahrlich, wie Krähen kamen dort drei dieser Schiffe auf sie zu, besser und leichter im Wind liegend als ihr Schiff, welches auch noch die wenigen Handelswaren geladen hatte, die die Thornarianer an die Gortharer veräußern durften.
Schweigend sahen sie dabei zu, wie die Schiffe immer näherkamen. Mehr und mehr Details waren zu erkennen. Das vorderste Schiff hatte eine Harpyie zur Galionsfigur. Silbern abgesetzte, ausgebreitete Schwingen aus Holz, von der Gischt und dem Salz verfärbt und zernarbt.
„Macht euch bereit. Geht entweder unter Deck oder nehmt, was ihr als Waffe greifen könnt. Das wird nicht ohne Blutvergießen abgehen, bei Adanos!“
Schreie, die das Heulen des Sturmes übertönten oder Teil davon waren, als würden die Naturgewalten der Lüfte in den gleichen Atemzügen brüllen wie die Kehlen der Männer und Frauen, die sich an Bord der Luzkan gegenseitig den Tod bringen wollten. Schwarz gewandete, mit Federn von Raben, Habichten und Harpyien verzierte Frauen mit wettergegerbten Gesichtern, kalten, hasserfüllten Mienen schlugen und hackten nach Matrosen beiderlei Geschlechts, die ihr Bestes gaben, um das Entermanöver zu unterbinden.
Das schnellste Schiff der Sturmkrähen war näher und näher gekommen und hatte beizeiten gleichgezogen mit dem Handelsschiff, welches wesentlich langsamer durchs unruhige Wasser pflügte. Enterhaken waren geworfen worden, mit Armbrüsten hatte man mit Seilen verbundene Bolzen geschossen und auf diese Art das eigene Schiff näher herangebracht, um die Distanz zu verringern, die die Sturmkrähen überbrücken mussten. Den ersten Trupp hatte der Erste Offizier der Luzkan – eine einäugige Frau namens Calistja – blutig zurückgeschlagen. Kurz angebunden hatte Martjeen Heric erklärt, dass seine Matrosen allesamt zuvor in der Marine des Herzogtums gedient hatten und sich zu wehren wussten. Entsprechend waren die folgenden Versuche der Sturmkrähen vorsichtiger und strategisch klüger angelegt.
Ragnar hielt blutige Ernte unter den Sturmkrähen. Einer der Seeleute hatte ihm einen mächtigen Krummsäbel in die Hand gedrückt, den er mit zwei Händen führte und mehr als eine der Frauen tot zu Boden schickte. Dabei lachte er, blutbespritzt und wahnsinnig, ganz der Berserker aus dem hohen Norden, ein Mann, mehr Tier als Mensch, der das Töten als einzigen Lebenszweck betrachtet. Qarrah hielt sich in Deckung, hatte von irgendwo her eine Armbrust geholt und feuerte mehr schlecht als recht auf die Sturmkrähen. Fujeeda setzte sich mit einem Bootshaken zur Wehr, wobei sie mehr Schaden mit dem Holz anrichtete als mit dem eisernen Haken an sich.
Und Heric? Stach hier und da zu, zitterte am ganzen Leib und wusste nicht, ob er schreien oder kreischen sollte. Ebenso wenig war er sich bewusst, ob er traf und verwundete oder tötete, oder ob die Schreie und Flüche der Sturmkrähen ihm und seiner Talentlosigkeit im Kampf galten.
„Käpt’n!“, brüllte der Erste Offizier, nachdem sie einen Blick zur Seite werfen konnte, „Schiff auf Backbord! Die wollen uns in die Zange nehmen!“
„Dämliche Hurentöchter!“, grollte Martjeen, während er eine Sturmkrähe sauber enthauptete, sich aber gegen zwei weitere zur Wehr setzen musste. In dem Schrei schwang Verzweiflung mit. Da bemerkte niemand – nun, niemand außer Heric – wie Fujeeda den Bootshaken fallen ließ, als sie sich ihrer Gegnerinnen erwehrt hatte. Sie hechtete zur linken Seite des Schiffes, breitete die Arme aus und murmelte etwas. Sie stieß die Hände hinab, packte mit ihnen Luft und wuchtete sie nach oben, als würde sie ein schweres Gewicht heben. Und … das Schiff driftete ab, begann sich zu drehen, wurde von Wind, Wetter und vor allem Wasser weggedrückt, als hätte sich der Herr der Meere entschieden, dass ein enterndes Schiff ausreichte. Fujeeda sank an der Reling zusammen, sah nicht die Sturmkrähe, die auf sie zusprang. Heric schrie eine Warnung, kam dazu, bekam die Hand mit dem Säbel zu packen und hatte das Gefühl, gegen einen ausgebildeten Ringer anzutreten. Es ging einen Moment hierhin, dann da hin, wie in einem engen, anstrengenden Tanz. Dann zischte die Sturmkrähe, stieß Heric mit Wucht von sich. Er spürte nur die Reling im Rücken, merkte, wie die Welt einmal kippte, der Himmel unter ihm und die tosenden Fluten über ihm waren. Noch einmal wechselte die Perspektive, ehe ein Schlag gegen die Schiffshülle dafür sorgte, dass Schwärze jegliche Orientierung verpuffen ließ.
Ohnmächtig stürzte Heric ins Meer.
Die auf den Strand auflaufenden Wellen umspülten Yareds Füße. Der Kapitän stand allein und mit leeren Händen mit dem Rücken zum Mond, der sich zumindest vorerst aus dem Netz der tiefschwarzen Wolken hatte befreien können und nun die Szenerie in ungewöhnlich helles Licht tauchte.
Er war verunsichert, verzweifelt, aber er schien keine Wahl zu haben. Keine Wahl, als dem Spuk ein Ende zu setzen. Fehlte nur noch die Ratte.
Der Waldläufer, der seiner Sippe abgeschworen hatte, intonierte die Anrufung seines Patrons und Parasiten:
"Ich rufe dich.
Ich rufe dich Höhennebel in den Tiefen,
rufe dich Spielmann, der den Vollmond besingt.
Ich rufe dich I nadhor,
denn ich bin jener,
welcher die Nebel und Schatten durchschritten hat,
welcher im Glanze des Vollmondes dem Spielmann folgte,
über Berge und durch Täler.
Ich war I býr en nedhyr
und ich rufe dich Geist der Ratten."
Der Wind frischte auf. Die Palmen bogen sich unter den stärker werdenden Böen. Blätter raschelten. In der Ferne vermochte man immer noch die lautlosen Blitze am Horizont zu erkennen.
"Warum hast du mich gerufen, Verblassender? Sind es feige Rachegelüste? Soll ich dir beim Dahinsiechen in dieser Sphäre fern von den Gestaden Adanos' zusehen?", fragte die Ratte in der alten Sprache des Waldvolkes herablassend.
Die hagere menschliche Gestalt I nadhors trat aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen ins Freie.
Das antike Waldvölkisch klang immer etwas geschwollen, wenn man nicht gerade versucht war, jemanden vulgär aufs Ärgste zu verunglimpfen. In den roten Augen des uralten Naturgeistes blitze Bosheit, Verachtung, die Yared nur zu gut kannte. Aus Sippschaft war Feindschaft geworden.
"Nicht um Vergeltung zu üben, sondern um deinem Treiben ein Ende zu setzten.", antwortete der Kapitän in der alten Zunge.
Die Ratte zog ein langes Messer aus einer Scheide am Gürtel. Scheinbar verließen sich Naturgeister in Menschengestalt nicht nur auf Krallen und Zähne.
Yared ging stand still da. Die Konfrontation war unausweichlich, doch ihm standen weder Schwert noch Schild zur Verfügung. Der Kapitän war allein.
Vielleicht hätte er wenigstens das Tageslicht abwarten sollen. Die Ratte konnte gewiss in der Dunkelheit besser sehen, als ein Mensch, aber immerhin leuchtete der volle Mond groß und weiß über ihnen den Strand aus.
Die Ratte ergriff die Initiative. Mit einem Ausfallschritt brachte sie ihre Klinge über seiner rechten Schulter herunter. Yared riss instinktiv seine linke Hand nach oben. Besser er verletzte sich an der Hand, als dass sein Gegner lebenswichtige Organe erreichte. Doch noch bevor das Messer seinen Handrücken traf, blieb die Klaue der Ratte samt Klinge in der Luft stehen.
„DU BIST MEIN GEFOLGSMANN. DU BIST NIE ALLEIN. DENN ICH, DEIN GOTT FÜHRE DEINEN BLICK UND DEINE HÄNDE FÜHREN MEIN SCHILD UND MEIN SCHWERT“, dröhnte es aus dem Firmament über ihm herab. Es war ein freundliches fast herzliches Dröhnen. „SADAR UINARTHAN*, STRECK DEINE HAND AUS UND LASS MEIN LICHT DEINEN WEG ERHELLEN.“
Yared tat wie ihm geheißen. Er streckte die Rechte aus und öffnete sich im Vertrauen auf seinen Gott. Der Paladin drehte die Handfläche nach oben und zwischen Daumen und Zeigefinger erschien kurz einen Funken göttlichen Lichts, der in den Augen seines Widersachers widerschien. ER war da. Er war nicht allein. ER war wirklich da. Eine Kugel aus licht strömte über seiner Handfläche zusammen, kreiste wie ein alles verschlingender heiliger Mahlstrom über seinen Fingern, wuchs und zeichnete seinem Gegenüber das Erschrecken ins Gesicht.
„ÛRCHEBOR**, STRECKE DEINE HAND AUS UND KEINER MEINER FEINDE WIRD DIR EIN LEID ZUFÜGEN KÖNNEN.“
Yared gab die Lichtkugel frei dehnte sie aus legte sie über sich und zwischen sich und die Ratte. Plötzlich bewegte sich auch die Klaue seines Gegners wieder, raste samt Klinge auf die immer noch zu Abwehr erhobene Linke. Doch kein stechender Schmerz fuhr im durch die Handfläche. Offenbar war der Schild aus Licht zu stark, als dass die Ratte ihre Waffe hindurchtreiben konnte.
Stattdessen prallte die Waffe ab, entglitt der Klaue und auch die Ratte selbst musste die Klauen schützend vor die Augen gerissen zurückweichen, zurückgeworfen vom hellen Glanz des Schildes. Der Kapitän presste die Linke zur Faust zusammen und dehnte den Schild weiter nach außen, drängte sein Gegenüber zurück. I nadhor zog ihren Parierdolch, mit dem er nun versuchte auf des Paladins Bauch einzustechen. Yared riss den Schild aus Licht hoch und ließ das Messer der Ratte abermals davon abprallen. Nur um den Schild gleich darauf fallen zu lassen und der hageren Gestalt des Naturgeistes in die Rippen zu boxen.
I nadhor keuchte. Ganz offensichtlich hatte eine menschliche Gestalt auch erhebliche Nachteile.
„MEGIL ARVADHOR AFAEL***, STRECK DEINE HAND AUS UND MEINE MACHT WIRD MEINE FEINDE NIEDERSTRECKEN.“
Der Sappeur lächelte gelöst und setzte nach, indem er mit der bloßen Handfläche gegen seine Brust stieß. Licht flammte auf unter seinen Händen, bohrte sich tief in den Körper unter seinen Fingern. Sein Feind musste den Dolch fallen lassen, fauchte nur um sich rückwärts loszureißen, fallen zu lassen und zu versuchen, seine krallenbewehrte Hand in den freiliegenden Oberschenkel des Kauffahrers zu bohren. Doch der war schneller, hatte seine Hände zurückgezogen und warf dem Angriff der Ratte erneut den hell strahlenden Schild aus purer Energie entgegen. Die Krallen der Ratte krachten hinein, drückten dagegen, versanken darin. Durchbohrten es? Nein, sie schmolzen regelrecht, verglühten im Gleißen des göttlichen Schildes.
Yareds linkes Bein zitterte vor Anspannung und war versucht unter ihm wegzuknicken. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. Doch er hielt stand.
Dann sah er aus den Augenwinkeln, wie die Ratte Anstalten machte sich wieder aufzurappeln. Schnell ließ er noch einmal den Schild fallen und drückte nun beide Hände gegen den verzerrten Leib der Kreatur, die sich auf unnatürlichste Weise ans Leben klammerte. Zeilen, Verse, Rezitative durchfluteten sein Bewusstsein. Lautstark pries Yared seinen Gott, der ihn rettete. Der Lichtschein unter deinen Händen verstärkte sich, dass der Paladin den Blick abwenden musste, um nicht zu erblinden. Unter seinen Händen fühlte er, wie sich der Leib der Ratte aufzulösen begann, auseinanderfledderte, zerbröselte. In einer Verzweiflungstat drückte die Ratte das, was von ihren Krallen übrig geblieben war in die Hüftgegend ihres Kontrahenten. Die erzeugte Wunde blutete oberflächlich, doch Yared ließ sich nicht beirren. Immer weiter presste er seine Handflächen in den zerfallenden Brustkorb der Ratte, immer weiter rief er seinen Gott an, der ihm die Kraft schenkte, standhaft zu bleiben. Das Brüllen der Ratte erstarb in einem Gurgeln, dann röchelte sie nur noch, sackte in sich zusammen und verging kurz darauf völlig im strahlenden warmen Licht.
________________
* Gefolgsmann des ewigen Leuchtfeuers
** Feuerhüter
*** Schwert des höchsten gerechten Richters
Yared wachte auf.
Die Sonne reckte gerade ihre ersten Strahlen über den Horizont und streckte sich vorsichtig tastend von achtern durch die Kajütenfenster.
Der Kapitän schob die Decke zurück und glitt aus der Hängematte. Barfuß schritt er hinüber, goss sich einen Becher frischen Wassers ein und trat mit frisch angefeuchteter Kehle an die Fensterfront.
Draußen breitete sich das Kielwasser der Santorija im frühen Sonnenglanz aus, wie ein großer glitzernder Teppich aus in Silber gefassten Perlen und Edelsteinen.
Jetzt war er sich sicher. Er war nicht allein. Niemals mehr. Sein Gott würde wirklich immer bei ihm sein.
Die Bürger
12.05.2025, 09:21
Der Wind pfiff kalt und salzig über das Deck der Nebelklaue, jenes ehrwürdigen Handelsschiffes, das Sir Patrick von Montera III. über Jahrzehnte hinweg mit Stolz zur See hatte fahren lassen. Der salzige Duft erinnerte ihn an die Jahre, in denen er selbst noch Verträge in Übersee besiegelte, nicht nur unterzeichnete.
Der Edelmann trug wie stets ein makellos weißes Tuch unter dem Mantel, der Kragen sauber gefaltet, das Gold seiner Mantelknöpfe matt vom Gebrauch, aber unübersehbar. Seine Haltung verriet die Last der Jahre, doch in seinen Augen lag kein Anflug von Müdigkeit. "Das Meer ist milder als erwartet." sagte er, ohne sich umzuwenden.
Hinter ihm trat Logarius Scato heran, ein Bündel Papiere unter dem Arm. Der Sekretär hatte die Überfahrt mit stoischer Ruhe überstanden, doch das leise Knirschen seiner Schritte verriet eine gewisse Anspannung. "Der Wind steht südwestlich." entgegnete er knapp. "Wenn er hält, erreichen wir den Hafen von Thorniara in fünf Tagen. Vermutlich zur Dämmerung." Sir Patrick nickte. "Gut. Ich will nicht, dass wir mit dem Ladekram der Morgenschiffe vermischt werden."
Ein Seemann grüßte hastig, als er vorbeiging, dann war es wieder ruhig. Nur das Rauschen der See und das leise Knarren der Planken begleiteten die beiden Männer. "Ich habe zu viele Jahre mit zu vielen Leuten unter einem Dach verbrach..." sagte Sir Patrick. "Aber der Bedarf hat sich geändert. Ich führe keine Kontore mehr, sondern ziehe Fäden. Die Arbeit ist leiser geworden."
"Und kürzer." ergänzte Logarius. Sir Patrick lächelte kaum merklich. "Das mag sein. Doch ich habe lange genug in dieser Welt gewirtschaftet, um zu wissen, wann man Ballast streichen muss – und wann es klüger ist, gute Leute in gute Hände zu geben." Logarius Scato nickte kaum merklich und erwiderte: "Der Burggraf wird sich nicht beklagen. Sein Bedarf scheint gewachsen, wenn man sich die Liste der Positionen anschaut, für die Ihr geeignete Diener beschaffen solltet. Er führt sein Haus mit festen Griff."
"Mit eisernem Griff." korrigierte Sir Patrick. "Und das ist gut so. Wer führen will, muss Ordnung stiften, nicht nur versprechen." Logarius schwieg, während Sir Patrick sich abwandte und langsam in Richtung seiner Kajüte ging. Nach einem kurzen Zögern holte er zu ihm auf. "Glaubt Ihr, er wird das Angebot annehmen?" fragte er leise.
Sir Patrick blieb kurz stehen. Er sah nicht zurück, doch seine Stimme war klar. "Er wird es prüfen. Und wenn er klug ist – und das ist er – wird er erkennen, dass es kein schlechter Handel ist." Ein paar Schritte weiter. Dann: "Wir sind keine Freunde. Das waren wir nie. Aber wir haben uns stets aufeinander verlassen können, auch wenn der Ton gelegentlich rau war. Es gab keine falsche Höflichkeit, nur klare Erwartungen. Ich habe seine immer erfüllt. Und er auch meine." Logarius nickte langsam.
"Er bekommt Leute, die ihren Dienst verstehen, die wissen, was Disziplin heißt und was Verschwiegenheit wert ist. Und ich..." – Sir Patrick zog die Tür zur Kajüte auf – "...ich weiß sie in festen Händen. Nicht irgendwo, wo man sie bald entlässt oder verkommen lässt. Es ist ein Gewinn für beide. Und am Ende zählt das."
Er trat ein, ohne sich noch einmal umzusehen. Logarius blieb einen Moment stehen, dann wandte auch er sich ab. Das Schiff schaukelte ruhig weiter seinem Ziel entgegen.
Maximus
Sie wartete, bis das Deck sich beruhigte, bis das Klatschen der Segel und das Rufen der Matrosen sich wieder in jenes rhythmische Wogen fügten, das jedes Ablegen begleitete wie ein altes Seemannslied. Dann schlich sie sich unter Deck. Nicht in ihre Hängematte, sondern weiter nach achtern, in einen Vorratsraum, von dem kaum jemand wusste, dass er überhaupt eine Tür hatte – es sei denn, man roch wie der Smutje oder suchte nach dem alten Zimt, der seit drei Fahrten auf seinen Einsatz wartete.
Drinnen roch es nach Salz, Wurzelgemüse und etwas, das mit Glück einmal Rum gewesen war. Eine flackernde Lampe warf unsicheres Licht auf Fässer und Kisten, auf ein loses Wandbrett, das sich als provisorischer Hocker eignete.
Ravia setzte sich, zog das Pergament hervor und betrachtete es in aller Stille. Die Oberfläche fühlte sich rau an, fast wie von Salz und Öl getränkt. Keine gewöhnliche Nachricht. Kein Brief. Kein Auftrag. Nur Linien.
Zwei… nein, drei davon, kaum sichtbar. Sie musste das Papier gegen die Lampe halten, damit sich die dunkle Tinte zeigte. Kein Text, nur ein feines Gitter aus Strichen und Kringeln. Fast wie ein Lageplan. Oder ein Symbol? Sie runzelte die Stirn.
Das Zeichen in der Mitte war ihr fremd. Es erinnerte sie an eine Laterne – oder einen Baum? Vielleicht beides. Und darunter: Einkerbungen. Zahlen. Koordinaten? Sie wusste nicht, was sie da sah, doch etwas daran kribbelte in ihrem Nacken, wie das Gefühl beobachtet zu werden.
Wieso hat Saarina mir das gegeben?
Weil sie glaubt, dass du damit etwas anfangen kannst. Oder weil jemand glaubt, dass du dafür geeignet bist, raunte eine innere Stimme, die zu viel Erfahrung mit Misstrauen hatte.
Sie versuchte sich zu erinnern, wo sie so etwas schon einmal gesehen hatte. In Bakaresh, irgendwo in den alten Gassen hinter dem Basar – da war eine Wand mit Kreidesymbolen gewesen. Ähnliche Linien, von Kindern gemalt, dachte sie erst. Aber einer der Bettler hatte sie angespuckt, als sie fragte, was sie bedeuteten. „Das fragt man nicht, wenn man noch Zunge hat“, hatte er gesagt.
Ravia atmete aus.
Was auch immer diese Botschaft war – sie war für jemanden gedacht, der sich in Dingen auskannte, in denen sie nur dilettierte. Und doch hatte Saarina sie ihr gegeben. Entweder weil sie selbst nichts damit anfangen konnte. Oder… weil jemand wollte, dass Ravia dieses Rätsel löste.
Sie faltete das Pergament wieder zusammen, schob es in den Saum ihres Stiefels und stand auf.
Vielleicht ist es nur ein Spiel. Vielleicht ist es eine Falle. Oder vielleicht ist es die Art Welt, die einem ein bisschen Aufmerksamkeit schenkt, bevor sie einem etwas wegnimmt.
Draußen rief jemand nach ihr. Naut, wahrscheinlich. Ravia trat aus dem Schatten des Laderaums, den Blick starr geradeaus, während das Gewicht der kleinen Botschaft an ihrem Bein ihr schwerer vorkam als jede Kette.
Der Anker fiel mit einem dumpfen Grollen, das sich durch den Schiffsrumpf zog wie das letzte Donnern eines längst verrauschten Gewitters. Ravia blickte über die Reling. Vor ihnen lag der schmale Küstenstreifen, südlich von Stewark, wo das Land in bröckelnden Terrassen aus Sandstein und schwarzem Wurzelwerk die See empfing. Ein unscheinbarer Strand, kaum mehr als eine seichte Bucht – und doch der sicherste Landeplatz, den man finden konnte, wenn man nicht den wütenden Wellen trotzen wollte, die nördlich an den Klippen zerschellten wie Glas.
Die Türme von Stewark ragten in der Ferne auf wie zerbrochene Speere. Der Nebel des Morgens hing noch über dem Pfad, der sich serpentinenhaft den Hang hinaufwand – kaum mehr als eine Ziegensteige, übersät mit losem Geröll und knorrigem Buschwerk. Kein Ort für eine stattliche Ankunft. Aber genau das war es, was sie brauchten.
„Ravia.“
Die Stimme war ruhig, aber fest. Sie drehte sich um. Kapitän Arus stand da, mit verschränkten Armen, das Gesicht im Halbschatten des Großsegels.
„Komm mit“, sagte er nur, und sie gehorchte wortlos, auch wenn ihr Herz sofort schneller schlug.
Auf dem Achterdeck, fern der übrigen Mannschaft, zog er ein zusammengerolltes Pergament hervor – dick, von See und Sonne gegerbt – und einen kleinen Beutel aus dunklem Leder. Darin: ein Siegel, eingefasst in altes Messing, das Symbol des Königs nur grob angedeutet. Kein Prunkstück, aber eindeutig: das Zeichen jener, die mit dem Söldnergold und den Freibriefen handelten. Es war nicht für jeden bestimmt, es zu tragen, und doch vertraute Arus es ihr an.
„Das bringst du nach oben, zu den Männern des Königs. Sie wissen, wo du es abgeben musst. Und glaub mir – sie hören besser auf dich, wenn sie das da sehen.“
Er reichte ihr den Beutel.
„Das Schreiben enthält keine Namen, nur Zahlen und Signale. Wer es lesen darf, wird es verstehen. Wer nicht… sollte hoffen, dass die Götter nicht hinsehen.“
Ravia ließ den Blick kurz über das raue Leder gleiten. Es roch nach altem Rauch und Wachs – nach etwas, das älter war als sie selbst.
„Warum ich?“, fragte sie schließlich leise.
Ein kurzes Auflachen, rau wie Kiesel im Rum. „Weil du die Einzige bist, der ich dabei nicht die Kehle umdrehen müsste. Und weil du lesen kannst, msichana wangu.“
Sie zuckte leicht zusammen bei dem vertrauten Wort. Seine Zunge formte es weich, doch die Verantwortung, die darin mitschwang, war hart wie Eisen. Arus war nie jemand gewesen, der in langen Reden sprach. Aber sie hörte in seinen wenigen Worten mehr als genug. Vertrauen. Erwartungen. Und dieses unausgesprochene „Enttäusch mich nicht.“
„Du gehst nicht allein“, fügte er dann hinzu, als sie gerade das Schreiben im Gürtel verstaute. „Pakko begleitet dich. Ihr… braucht das.“
„Ich kann alleine—“
„Du kannst vieles alleine, das weiß ich“, unterbrach er sie mit einem Blick, der schärfer war als jedes Messer. „Aber du musst es nicht. Und Streit innerhalb der Mannschaft ist wie ein verfaulter Kiel.“
Sie schwieg. Nicht weil sie überzeugt war, sondern weil sie wusste, dass kein weiteres Wort etwas ändern würde.
„Und komm nicht mit leeren Händen zurück. Der König zahlt nicht für Geschichten, sondern für Ergebnisse. Und ich brauche diesen Auftrag, wenn ich die Mannschaft auch in Zukunft bezahlen will.“
Ein Seufzen kroch in ihre Brust. Es war kein theatralischer Ton, sondern etwas Echtes, das sich wie Nebel zwischen ihre Rippen legte.
„Verstanden.“
Arus legte ihr eine Hand auf die Schulter. Schwer. Warm.
„Du weißt, was auf dem Spiel steht. Ich vertraue dir. Und ich erwarte, dass du mit mehr als einem netten Gruß zurückkommst.“
Sie nickte, fast automatisch. Dann, ganz leise: „Danke, Baba.“
Er sagte nichts darauf. Stattdessen sah er kurz zur Stadt hinüber, die wie eine kalte Drohung in der Ferne stand.
„Stewark ist nicht groß, aber verwinkelt. Geh wie jemand, der weiß, dass jeder Schritt gesehen wird.“
Sie verließ das Achterdeck, das Pergament sicher verstaut, das Siegel tief in ihrer Manteltasche. Sie hatte ihre Haare gebunden, das Hemd gegürtet, das Gesicht gewaschen – so gut es eben ging. Es reichte, um nicht aufzufallen. Nicht mehr als nötig jedenfalls.
Pakko wartete bereits am Beiboot, die Ruder in der Hand, ein Schatten über den Augen. Sie wusste nicht, ob er ihre Nähe mied oder sich ihrer zu sehr sehnte. Vielleicht beides. Die Dinge zwischen ihnen waren... kompliziert. Zu viele Blicke, zu viele Worte, die man besser nicht gesagt hätte. Oder zu viele, die man nicht gesagt hatte, als es an der Zeit gewesen wäre.
„Du kommst also doch“, murmelte sie.
„Was dachtest du? Dass ich dich auf die Stadt loslasse, ohne zu sehen, wie du auf dem Rückweg fluchst?“
Sie verzog die Lippen, ein angedeutetes Grinsen. Kein echtes, noch nicht. Aber ein Anfang.
Sie stieg zu ihm ins Boot. Das Wasser war still, fast zu still, und doch wirkte es, als würde es ihnen lauschen. Jeder Ruderschlag ein Flüstern. Jeder Atemzug ein Echo. Mit jedem Meter, den sie sich dem Land näherten, wuchs das Gewicht in ihrer Brust. Das Siegel. Das Schreiben. Pakko neben ihr. Und all das Ungesagte, das zwischen ihnen lag wie nasse Seile auf dem Plankenboden.
Die Joka La Maji wurde kleiner hinter ihnen. Aber sie wusste, sie würde zurückkehren. Mit Auftrag. Mit Antwort. Mit allem, was sie sich unterwegs nicht nehmen ließ. Der Kiel schabte über den Sand.
Stewark wartete.
Das Licht der letzten Kerze flackerte leicht auf, als der kalte Wind durch den Raum wehte. Kaltes Gemäuer und Dunkelheit umgaben den Streiter Innos. Einzig dieses kleine, brennende Licht strahlte eine Wärme aus. Sie reichte nicht, um den Raum zu erwärmen, aber genügte, um für alles zu stehen, was die Dunkelheit vertrieb. Für das zu stehen, was er war.
In den blauen Augen des Hochländers spiegelte sich die kleine Flamme, die er schon seit ein paar Stunden in Stille anstarrte.
Wartend, im Stillen betend und den Geist auf das Kommende vorbereitend.
Sein Geist war bereit, seine Seele rein und sein Körper ausgeruht für große Taten. Die letzten Taten, bevor es endlich ein Ende nehmen würde.
Schritte von schweren Stiefeln erklangen im Korridor. Fackelschein erhellte den Türbogen und dann schauten ihn die Augen eines Khoriners an. Eines Paladins, eines Waffenbruders, eines Unsterblichen der legendären Kompanie, eines Veteranen der Varant-Feldzüge, eines Ritters der ersten Sonne, eines Weggefährten, seit er Rekrut der myrtanischen Armee war, eines Freundes ohne den Jun längst tot oder tief gefallen wäre.
“Der Morgen naht. Sie sind gekommen, um zu kämpfen.”, sagte Giran mit der Gelassenheit eines großen Kriegers.
Jun erhob sich, richtete seine Rüstung und prüfte, ob alles saß. Dann griff er Innos Zorn und schob die Klinge leicht aus der Scheide.
Im Fackelschein blitzte das Metall rötlich auf und offenbarte alle Schmiedekunst und Macht in ihr. Jun schob sie zurück.
“Sie sollten es besser wissen. ER sollte es besser wissen”, knurrte Giran
“Würdest du es, Freund? Würde ich es?”, fragte der Paladin und griff nach seinem Helm. Giran brummte und folgte dann dem hochgewachsenen Streiter aus dem Gemäuer.
Hier auf den Feldern von Anvil an der Küste Colovias stand der letzte Kampf bevor. Das Reich zerfiel, der Kaiser war durch Attentäter gestorben und jedes Herrschaftsgebiet rief - nach Jahren der Unterdrückung durch die kaiserlichen Truppen - seine Unabhängigkeit aus. Es war das Jahr der neun Könige und des ungekrönten Kaisers in Cyrdonia. So würde es in den Geschichtsbüchern stehen.
“Für Innos!”, rief die starke Stimme des Qel-Droma und sein Ruf wurde lautstark erwidert. Seine Ordensbrüder standen da.
Der Paladin Lord Taron von Eirrin, Sir Azon von Braga, Lord Gilles de Josselyne aus Orlais, Lord Orbas, die Ritter-Brüder Kus und Vas, Sir Olivier, Ritter Ursopal und Lord Nywroht. Zu Juns Rechten platzierte sich Lord Giran von Khorinis und gemeinsam bildeten sie einen Kreis, gingen auf die Knie und stützen sich an ihren Waffen ab.
Die Sonne ging auf und der Orden der aufgehenden Sonne betete laut zu Innos. Andächtig, mächtig und erleuchtet vom Gott des Lichts selbst. Das Heerlager des Königs von Colovia vernahm das Gebet und zu den betenden Streitern und Rittern gesellten sich die Reiterkrieger der Qel-Droma. Allen voran Juns Bruder Karth - der neue König von Colovia. Um sie versammelte sich das ganze Heer. Befreite Männer aus Ordo und Anvil. Die Truppen von Gil de Chatillion und anderer Pferdfürsten und myrtanische Söldner. Veteranen der Belagerung von Vengard und der Varant-Feldzüge, die dem Ruf des Predigers gefolgt waren. Angeführt von Sir Bors und seinen zehn Söhnen.
Als das Gebet endete, umgab die Paladine unter ihnen eine goldene, inspirierende Aura, die jeden, der sie sah, in ihren Bann zog.
Kommandos wurden durch das Heerlager gebrüllt. Banner flatterten umher und die Anführer kamen zusammen.
Hochgerüstete Herren und große Krieger.
König Karth stand in ihrer Mitte. Gehüllt in einen Bärenfellumhang und einer Reiterrüstung - ganz im Stile des Oberhaupts der Qel-Droma. Stattlich war er und ein großer Kriegerkönig, der die einfache, innosgefällige Krone Colovias auf dem Haupt trug. Jun zu seiner Rechten war stolz auf seinen Bruder und dankte Innos, dass sie beide heute hier standen.
“Ich grüße euch Freunde und Weggefährten. Innos Gerechtigkeit straft jeden Verräter und Diener des Bösen. Und heute ist dieser Tag. Mein Bruder Lucien und dieser dunkle Hund von Razar brauchen Anvil, um sich neu aufzustellen. Und wir stehen dazwischen. Die Späher berichten, dass sie nur noch über wenig Reiterei verfügen. Der Schlag, den wir ihnen vor Ordo versetzt haben, hat sie härter als erwartet getroffen. Die Angst vor Razar hält ihre Truppen zusammen. Ansonsten hat sich an unserer Situation nichts geändert. Innos ist heute mit uns! - Ihr kennt den Plan! Innos möge euch leiten!”, sprach der König sehr entschlossen und entließ alle zu ihren Truppen.
Karth und Jun blickten einander an und umarmten sich wie Brüder, die kurz vor ihrem Ziel standen. Es waren keine hochtrabenden Worte, Wünsche oder Scherze nötig.
“Glaube. Kämpfe. Siege.”, war der Leitspruch und die Maxime des Qel-Droma Clans und die einzigen Worte, die sich die Brüder sagten. Die letzte Schlacht um Colovia stand bevor…
Jun lächelte auf, als er aus seinen Erinnerungen erwachte. Giran stand vor ihm und zeigte in die Richtung, wo gerade Land gesichtet wurde.
“Bereit für neue Abenteuer?”, fragte der Paladin mit der mächtigen Doppelaxt.
“Bereit um zu richten, zu strafen, zu vernichten und Innos in die Herzen der Menschen zu bringen. Ja. Lass uns die Dunkelheit erhellen und jenen, die glauben wollen, zeigen, wie man Innos nahe kommt.”, sagte der Streiter Innos und blickte aus stahlbauen Augen in die Ferne.
Delvin Corgano
03.06.2025, 21:16
Das Meer lag bleigrau unter einem fahlen Himmel. Kein Land war mehr zu sehen, seit gestern früh. Nur noch Wellen, die sich gleichmütig hoben und senkten, und das Knarren des Schiffsrumpfes, das man mit der Zeit kaum noch hörte. Delvin Corgano stand an der Steuerbordseite, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, auch wenn dort nichts war. Kein Segel, kein Vogelschwarm, nicht einmal ein Wetterumschwung.
Seit dem Ablegen hatte sich alles in geregeltem Takt vollzogen. Galbor steuerte das Schiff mit gewohnter Ruhe. Die Männer sprachen wenig. Christoph war zurückhaltend, aber aufmerksam – man sah es an der Art, wie er Gespräche mied, ohne sie ganz zu verweigern. Severin notierte fast alles, selbst die Essenszeiten. Rudwin arbeitete wie erwartet – wortlos, kraftvoll, stumpf. Nur Heinrich blieb schwer zu lesen. Er stand oft allein am Heck, die Arme verschränkt, den Blick auf das Seilwerk gerichtet, als warte er auf eine Entscheidung, die noch nicht getroffen war.
Delvin hatte mit jedem von ihnen gesprochen. Kurz und sachlich. Er hatte ihnen nicht erklärt, wohin die Reise wirklich führte – sie wussten es ohnehin nur zum Teil. Und das genügte. Ihre Aufgabe war nicht zu verstehen, sondern auszuführen.
Unter Deck, in einer der schmalen Kajüten, lag ein Bündel Pergamente. Seine Aufzeichnungen. Erste Gedanken zur Verteilung der Güter, zur Frage, wer in Khorinis Einfluss haben könnte, wer bestechlich war, wer zu stolz, wer zu müde. Es waren die wenigen Informationen, die er in der kurzen Zeit zusammentragen konnte. Kaum etwas davon war wirklich handfest aber es war besser als nichts. Zumindest glaubte der Edelmann das. Was ihn tatsächlich auf Khorinis erwarten würde, war ungewiss.
Die See schien endlos. Und doch wusste Delvin, dass die entscheidenden Tage nicht auf dem Schiff lagen. Sondern in dem, was jenseits des Hafens wartete.
Delvin trat langsam an die hölzerne Brüstung des Achterdecks. Von hier aus überblickte er das Schiff: die breite Mitte mit den gestapelten Kisten, die Männer, die sich zwischen Seilen und Luken bewegten, und vorn das einfache Holzgeländer des Bugs. Darüber spannten sich die Segel, nun ein wenig praller gefüllt als zuvor.
Noch vier Tage. Vielleicht fünf. Dann würde Delvin Corgano erneut geprüft werden.
Saraliel
03.06.2025, 22:42
Das Schiff schaukelte auf und ab. Auf und ab. Auf und ab. Saraliel blinzelte in den Abendhimmel. Elyndra und er hatten sich eine Ecke auf dem Schiff gesucht, an der sie ungestört zu sein schienen. Die Magierin schaute verstört drein. Ungläubig und von den Geschehnissen noch immer sehr eingenommen. »Ich bin immer noch ratlos was ich von dem allem halten soll«, meinte die ansonsten für ihre flinke Zunge bekannte Magierin. Zumindest hatte das Saraliel so von Daelon und Draco gehört. Nun die waren vielleicht nicht die beste Adresse. Ein eigenes Bild hatte er eigentlich noch nicht gemacht. Seine Gedanken kreisten. Dann wurde er gewahr, dass die Frau vor ihm wohl noch auf eine Antwort wartete, was ihn noch mehr durcheinander brachte.
»Äh«, machte er und war überfordert von der Vielzahl an Ideen die er im Kopf hatte, wie er jetzt darauf antworten sollte.
»Es war ein eindeutiges Zeichen des Herrn Innos’«, entschloss er sich dann bei dem Offensichtlichen zu bleiben.
»Es wäre ein Sakrileg Hand an euch zu legen. Zudem war es eindeutig, dass meines Bruders Schwert euch nicht verletzen konnte. Das kann ich kaum ignorieren«. Elyndra nickte.
»Wie wird es weiter gehen?«
»Wir fahren nach Thorniara und von dort nach Bakaresh. Ich war mit DraconiZ auf der Insel wo er hauste. Dort fangen wir zu suchen an«, entschied Saraliel und beanspruchte die Führungsrolle. Sein Gegenüber schien diese nicht streitig machen zu wollen.
»Was weißt du noch über ihn?«, fragte der Magier geradeheraus.
»Er hat einen Pakt mit Beliar geschlossen, der ihm nicht nur Magie verlieh, sondern auch ein extrem Langes Unleben verschafft hat. Er sieht sich selbst als Beobachter der Völker und ist meiner Ansicht nach eher ein Parasit im Gefüge des heiligen Lebens. Er nimmt Einfluss auf das Geschehen. Hat meiner Familie mehr als einmal drastisch geschadet. Er muss von der Erde getilgt werden«
Saraliel nickte verstehend.
»Ich stimme zu«. Er dachte kurz nach. »Onkel Daelon wird sicherlich versuchen zu helfen und wir werden seine Hilfe annehmen«. Elyndra schluckte, hielt kurz inne und nickte dann.
»Es ist schwierig mit uns«, meinte sie zögerlich.
»Ich sehe auch manches kritisch«, pflichtete der Magus bei. »Wir werden das Beste aus der Situation machen«, beschloss er.
Der Stein war kühl. Doch nicht kalt.
Fast, als hätte er etwas gehört. Etwas gespürt.
Zarra hielt ihn fest, ohne ihn ganz hervorzuholen, als wäre seine Wärme nur für ihre Hand bestimmt – oder für diesen Übergang, diesen Moment, in dem das Land zurückwich und das Meer sie aufnahm.
Roan ruderte schweigend, den Blick auf den Horizont gerichtet. Das Segel flatterte kurz, dann spannte es sich mit einem leisen Rucken, als der Wind von Südosten aufkam. Der Kahn legte sich leicht zur Seite, schaukelte in einem Takt, der nicht dem Puls der Menschen, sondern dem einer älteren Welt entsprach.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Hilde leise, ohne sie anzusehen. „Lyrca beißt nur, wenn man sie drum bittet.“
Zarra hob den Kopf.
„Du kennst sie?“
Hilde nickte. „Von früher. Als sie noch im Wald lebte. Später ist sie aufs Meer hinaus. Da hieß es, sie habe die Geister geärgert.“
Sie lächelte.
„Die meisten meiden sie. Ich glaube, das gefällt ihr.“
Zarra kaute auf ihrer Unterlippe.
„Und warum soll ich zu ihr?“
Hilde zuckte mit den Schultern. „Weil Nerea es so will. Und wenn Nerea etwas will, dann… gibt’s meistens einen Grund. Auch wenn du ihn erst später verstehst.“
Sie schob einen Riemen zurecht, dann fügte sie hinzu: „Oder nie.“
Der Wind nahm zu. Gischt sprang am Bug hoch, ein paar Tropfen landeten auf Zarras Stirn. Sie schmeckten salzig.
Fremd. Und doch irgendwie rein.
Zarra zog die Decke um ihre Schultern, nicht weil ihr kalt war, sondern weil der Wind durch sie hindurchging wie ein Gedanke, der zu groß für ihren Kopf war.
Sie schloss die Augen und lauschte.
Nach dem Rauschen des Wassers, dem Knarren des Holzes, dem ruhigen Atem derer, die sich nicht fürchteten.
Ein neuer Geruch hing in der Luft – Tang, Algen, offenes Wasser.
Kein Sumpf. Kein Farn. Keine Fäulnis.
Etwas Neues.
Zarra legte den Bernstein zurück in den Beutel, zog das Band mit den Runen fester und ließ den Blick über die Wellen streifen. Die Küste war nur noch ein matter Schatten hinter ihnen.
Tooshoo war nicht mehr zu sehen.
Sie war unterwegs.
Wohin auch immer.
Aber irgendwo tief in ihr, zwischen Magen und Brustbein, begann ein winziges Flimmern – wie das Zittern von Libellenflügeln vor dem Flug.
Saraliel
07.06.2025, 22:56
Der Magus winkte ab als die Dame ihm gegenüber ihm Wein anbot. Auch wenn er manche Annehmlichkeiten seiner Stellung genoss, so gehörten beeinträchtigende Substanzen nicht dazu. Er brauchte einen klaren Verstand. Nun so klar, wie es ihm möglich war. Seine Aufmerksamkeit war ein rares Gut, dass er pflegen musste, bevor sie ein neues Objekt fand.
»Wie ihr meint«, meinte Elyndra. Er konnte kaum einschätzen, welche Emotion mitschwang, was sicherlich nicht an der Dame lag.
»Was wisst ihr über Blutmagie?«, fragte er ohne jeglichen Zusammenhang.
»Blut...magie?«, fragte die Dame und verschluckte sich fast an dem Schluck, den sie in diesem Moment nehmen wollte.
»Genau«, meinte Saraliel ungeduldig und nahm das Schwanken des Schiffes weiterhin als anstrengend wahr.
»Nun..«, meinte die Priesterin und fuhr sich durch ihr rotes Haar, während sie in ihrem Hinterstübchen zu kramen schien.
»Es ist recht sicher, dass Körper und die Gabe der Götter in einer Form verbunden sind. Manche – wenige – Wesen sind mit der Gabe gesegnet und von den wenigen bilden wenige die Ausnahme dies auch in eine Form gießen zu können. Die Verbindung von Körper und Geist scheint in vielen Studien als ein wichtiges Prinzip gesehen zu werden«
»Fahrt fort. Die Grundlagen kenne ich«, meinte der Zauberer gelangweilt.
»Blut ist meiner Meinung nach direkt mit dem Leben verbunden und damit Innos’. Ich halte es für absolut nachvollziehbar, dass Innos’ der Spender dieser Art der Magie ist. Auch wenn viele diese Art von Magie für fragwürdig und vielleicht Adanos oder gar Beliar zuordnen wollen, denke ich, dass der Funken der Schöpfung darin zu finden ist«
Der hünenhafte Magier nickte. »Ich habe etwas in der Art gespürt«, meinte er vorsichtig.
»Euren Körper? Wie euer Blut mit der Magie interagiert?«
»Ich denke schon. Ich habe gesehen was Blut im Rahmen von Alchemie anrichten kann«, einen Moment sinnierte über die Ereignisse in Geldern. »Mich beunruhigt der chaotische Aspekt darin«.
Elyndra lachte. »Ich kann mir keinen Reim auf euch machen Saraliel. Warum solltet ihr ausgrechnet mich so etwas fragen?«
»Ihr steht in Ungnade und seid offensichtlich nicht unbedingt auf eingetretene Pfade beschränkt«, antwortete er frei heraus. Ihr Lachen wurde schelmisch.
»Ich wollte noch vor kurzem euren Bruder töten«, meinte sie, während sie eine Augenbraue hob.
»Schränkt das eure Fachkenntnis ein?«, fragte er rhetorisch. »Wir haben ein gemeinsames Ziel. Danach sehen wir weiter. Erzählt mir alles was ihr wisst«
Saraliel
18.06.2025, 10:46
Ilfar lachte, so dass es von dem Boot widerhallte und über die See wie ein kalter Schauer schwappte. »Also also also«, begann er und unterbrach seine Worte nochmal mit einem Lachen. »Ihr habt versucht DraconiZ zu töten, weil ihr glaubt Al-Din könnte ihn sich gefügig machen. Dann seid ihr alleine Saraliel und ihm gegenüber getreten, sie haben euch – wie zu erwarten war – überwältigt und dann entgegen jeder Wahrscheinlichkeit hat euch der herzensgute hier«, er klopfte dem Magus mal wieder auf die Schulter. »Nicht nur nicht gebrutzelt, nein er hat euch auch noch eingeladen mit auf Jagd nach dem Schwarzmagier zu gehen. Der wie wir wissen ewig alt ist und es über eine ewige Zeit geschafft gerade nicht getötet zu werden den garaus zu machen«, fasste Ilfar in seinen Worten zusammen und schien sich köstlich zu amüsieren.
Elyndra schaute mit einer Mischung aus Scham und Trotz zurück. »Ich handelte nach besten Wissen. Dem Verräter zu trauen, insbesondere wenn er mit Al-Din in Verbindung stand schien nicht ratsam«, knurrte sie. »Schön, dass wir alle auf einem Stand sind«, meinte Saraliel beschwichtigend in alle Richtungen und schaute auch auf die vier Seemänner, die sich ansonsten auf dem Boot befanden. War wahrscheinlich keine gute Idee sie an dem Unterfangen zweifeln zu lassen, bevor es begonnen hatte.
»Was macht der böse Schwarzmagier denn so böses, dass er unbedingt verschwinden muss?«, fragte Ilfar, während der Wind durch sein rotes Haar fuhr. »OK außer dem Üblichen natürlich und dass er die Ehre Innos’ auf Erden beschmutzt«, ergänzte er als Elyndra schon Luft holen wollte um wahrscheinlich etwas sehr ähnliches anzubringen. »Er hat unsere Familie gegeneinander aufgebracht und DraconiZ maßgeblich beeinflusst. Er hat Varant mit seiner Bosheit lange Zeit vergiftet. Er verhöhnt mit seiner Unsterblichkeit die Gnade des Lebens.«. »Es ist persönlich«, entgegnete Elyndra gepresst , ohne weiter auf Details einzugehen. »Also keine offizielle Mission?«, fasste Ilfar zusammen. »Daelon sagte, dass es spaßig werden würde. Na dann also was erwartet uns?«
»Noch unklar«, meinte Saraliel und sah dem sich am Horizont abzeichnenden Felsen entgegen. »In Masyaf erwartet er uns wahrscheinlich nicht mehr. Doch es ist der Anhaltspunkt«. Er erinnerte sich an den Schlag auf seinen Schädel. Sie durften Raschid nicht unterschätzen.
Delvin Corgano
19.06.2025, 13:10
Die Zeit auf See hatte sich gedehnt. Drei, vielleicht vier Tage waren vergangen, seit Delvin Corgano das letzte Mal bewusst auf den Horizont gestarrt hatte, in der Hoffnung, dort etwas zu erkennen. Inzwischen tat er es nicht mehr mit Erwartung, sondern aus Gewohnheit.
Das Schiff glitt stetig voran, getragen von einem Wind, der weder günstig noch hinderlich war – einfach da, wie die See selbst. Das Knarren der Planken war zum ständigen Begleiter geworden, das rhythmische Schlagen der Segel ein beruhigender Takt, den man nur noch bemerkte, wenn er plötzlich aussetzte. Die Mannschaft arbeitete schweigend und eingespielt. Galbor hatte sie gut geführt – nicht mit Rufen oder Drohungen, sondern mit Präsenz und Erfahrung. Jeder an Bord kannte seine Aufgabe, und wer sie nicht kannte, lernte sie rasch.
Delvin hatte sich in dieser Zeit zurückgezogen, so gut es die engen Verhältnisse zuließen. In seiner kleinen Kajüte unter Deck lag das vertraute Bündel Pergamente, ergänzt durch neue Notizen, Beobachtungen, Skizzen möglicher Strategien. Er hatte überlegt, verworfen, neu angesetzt. Informationen über Khorinis waren dünn gesät, doch einige Namen hatten sich mehrfach in Berichten gezeigt, die ihn der Burggraf noch vor seiner Abreise zukommen ließ. Doch es waren zumindest genug, um erste konkrete Überlegungen zu machen.
Nun aber rieb sich Delvin Corgano erschöpft die Augen. Es war nicht die Arbeit, die ihn zu schaffen machte. Sondern das Warten. Das Warten darauf, dass sie endlich die kleine Insel erreichen würden. Er verließ seine Kajüte, die nicht viel mehr als ein behelfsmäßig abgetrennter Bereich nahe des Laderaums war, und stieg aufs Deck. Die See war klar, das Licht weich, der Himmel weit. Möwen kreisten am Horizont – ein erstes Zeichen. Galbor stand an seiner gewohnten Position, eine Hand am Ruder, die andere ruhig hinter dem Rücken. Der Wind hatte sich gedreht und die Segel standen gut.
Delvin trat neben ihn. Kein Wort wechselte sich zunächst. Die beiden Männer mochten stets gut zusammen arbeiten aber besonders leiden konnten sie sich nicht. "Wenn wir den Kurs halten, sehen wir Khorinis im ersten Licht." sagte Galbor schließlich. "Morgen früh. Vielleicht noch davor."
Delvin nickte knapp. "Wann ward Ihr das letzte Mal auf Khorinis?"
Galbor schwieg einen Moment, dann antwortete er ruhig: "Das ist schon einige Monde her. Damals war die Stadt ein Drecksloch. Stellt Euch das Armenviertel von Flussheim vor. So in etwa ist Khorinis. Klar, es gibt da noch das Viertel der Handwerker und das obere Viertel. Aber die haben auch schon lange ihren Glanz verloren."
Delvin blickte über das Wasser. Wenn solche Zustände auch große Möglichkeiten und viel Spielraum boten, so hoffte der Edelmann doch, dass sich diese Stadt in der Zwischenzeit zu etwas Besseren entwickelt habe.
Die Nacht war still gewesen, aber nicht leer.
Zarra hatte nicht geschlafen, sondern gedöst, gewiegt vom Knarren der Planken, dem Rauschen der Wellen und der Art Stille, die nur zwischen den Sternen liegt.
Hilde hatte ihr einen Platz unter dem Segeltuch gemacht, wo der Wind weniger nagte. Roan war die meiste Zeit am Bug geblieben – wach, oder schlafend mit einem Auge, wie Jäger das eben tun.
Jetzt war es Morgen. Kein goldener, kein schillernder, sondern einer aus Stein und Salz:
Blasses Licht kroch über die Wasserfläche, wolkenverhangen, als wäre selbst die Sonne hier eine Fremde. Der Himmel war ein einziges, glattes Grau. Nur das Land vor ihnen war dunkel.
Feshyr.
Zuerst waren es nur Schatten. Eine zerklüftete Küste, über der vereinzelte Pinien wie verkrümmte Finger in den Wind ragten. Dann der Geruch – nicht wie im Sumpf, nicht modrig, sondern mineralisch, herb, nach Fels, Tang und etwas Bitterem, das sie nicht benennen konnte.
„Wir sind gleich da“, murmelte Hilde neben ihr und rückte das Jagdmesser zurecht. Ihre Stimme klang rau vom Salzwind, aber warm.
Roan hatte das Segel längst eingeholt und stieß das Boot mit dem Paddel an eine schmale Landzunge.
Kein Steg. Kein Hafen. Nur Steine, die wie Zähne aus dem Wasser ragten, und eine kleine Bucht, in der dunkler Sand lag wie verschüttete Kohle.
Zarra stand langsam auf. Ihre Beine waren steif. Der Sand sah weich aus, aber der Boden unter dem Boot war noch in Bewegung – schwankend, unentschlossen, ob er sie gehen lassen wollte.
Hilde reichte ihr die Hand. Zarra zögerte kurz, dann nahm sie sie. Der Griff war fest, wie von jemandem, der wusste, dass man oft zweimal ziehen muss, bevor jemand wirklich geht.
Der erste Schritt in den Sand war seltsam. Nicht kalt. Aber auch nicht einladend.
Der Wind kam vom Landesinneren, trug den Duft von Rauch mit sich – kein Feuer aus Tooshoo, kein mooriger Qualm, sondern trockener, harziger Rauch, der an Wacholder und altes Tannenholz erinnerte.
Zarra trat ein paar Schritte weiter.
Der Strand war leer. Kein Dorf, keine Straße. Nur eine angedeutete Pfadspur zwischen zwei Felsen.
„Dort entlang“, sagte Roan und deutete mit dem Kinn.
„Folge dem Pfad, bis du das Kräuterhaus siehst. Es liegt in einer Mulde unter den Felsen, nah bei einem alten Steinkreis. Wenn du den Nebel riechst, bist du fast da.“
Zarra nickte. Sie spürte den Bernstein wieder unter ihren Fingern.
Drei Perlen. Drei Atemzüge lang hielt sie inne. Dann trat sie den Pfad hinauf.
„Wird sie auf mich warten?“, fragte sie leise.
Hilde schüttelte den Kopf. „Nein. Aber du wirst sie finden. Oder sie dich.“
Zarra blickte ein letztes Mal zurück. Das Boot schob sich bereits wieder vom Ufer ab. Hilde winkte nicht. Aber sie sah ihr nach, bis der Felsen sie verdeckte.
Und dann war sie allein.
Allein mit der Stille zwischen Steinen. Mit dem Wind, der nicht mochte, wenn man zu laut atmete.
Mit dem fremden Boden unter den Stiefeln.
Ein neuer Sumpf. Ohne Wasser. Ohne Wurzeln. Aber vielleicht mit Antworten.
Zarra zog den Umhang fester um sich und folgte dem Pfad. Langsam. Schritt für Schritt. Bis zwischen den Felsen etwas aufblitzte – kein Licht. Ein Dach. Und Rauch.
Lyrca wartete. Oder auch nicht. Doch die Luft veränderte sich. Es roch nach getrocknetem Ysop. Nach Eisenkraut. Und nach Entscheidung.
Das Waldvolk
22.06.2025, 01:42
Lyrcas Hand ging zielgerichtet zum Mörser, der zu ihrer Linken stand und mit einer geübten Handbewegung landeten ein paar Körner in der tönernen Schale. Der Stösel kam hinzu und als sie die Körner zerrieb, stieg ein intensiver Duft auf, der die blinde Seherin an der Nase juckte. Sie nahm die Schale und ging hinüber zum Feuer, das wie immer auf der Mitte der Lichtung brannte und kippte die zerriebenen Körner über einer Pfanne aus, in der zwei Eier brieten. Sie schnupperte kurz und leckte sich dann über die Lippen. Das würde ein feines Frühstück ergeben. Endlich hatte eine der alten Fischersfrauen ihr mal wieder ein paar Lebensmittel wie Eier, Stockfisch und sogar frisches Brot vorbei gebracht, um von der Seherin ein paar Hinweise zu erhalten, wo ihr Mann in den nächsten Tagen am besten fischen gehen sollte.
Lyrca war niemand, die ihre Dienste verkaufte. Es hatten schon einige mit einem noch so großen Geldsäcken gewunken, die von ihr hatten wissen wollen, wo der nächstbeste Schatz, das beste Jagdrevier, die schönsten Frauen oder was auch immer ihre oberflächlichen Herzen begehrt hatten sich befunden hatte. Jedoch sah sie kein Verkaufen ihrer Dienste, wenn die Frauen aus dem Fischerdorf ihr Dinge brachten, die ihr das Leben einfacher machten und sie dafür ein paar Gefälligkeiten erfüllte. Jeder hier wollte leben, mehr nicht. Kein Streben nach einem Thron, einem Land, dem größten und besten Schwert oder den meisten Juwelen. Nein, wer hier blieb, der tat es nicht, weil er vom Leben mehr ersehnte als Fischernetze, Felsen und Feuerholz.
Nun also hatte sie sich etwas vom Fisch genommen und manövrierte die gebratenen Eier auf ihren verschlissenen Teller. Dann setzte sie sich ans Feuer und biss herzhaft in den Fisch, als eine Möwe neben ihr landete.
„Vergiss es, hä?“, knurrte sie. Das Federvieh musterte den Fisch äußerst interessiert, doch Lyrca wedelte ungeduldig mit der Hand und scheuchte den Vogel damit davon. Mit einem aufgeregten Kreischen stieß die Möwe sich wieder in die Höhe und hinterließ vor lauter Empörung einen Schiss neben Lyrca auf dem Moos.
Die Seherin zog die Stirn kraus, als ihre blinden Augen auf eben jenen Schiss fielen. Nur weil ihre Augen nicht wie die der anderen Menschen funktionierten, hieß es nicht, dass sie nicht sah. Sie konnte sehr wohl sehen, weiter und schärfer als man es sich je hätte denken können. Nun aber sah sie, dass die Möwe ihr die Ankunft eines Gastes hatte mitteilen wollen. Der helle Fleck auf dem Grün schimmerte Lyrca geradezu entgegen.
„Schau an, kleines Libellchen, bist du übers weite Meer geflattert, hä?“, murmelte die Einsiedlerin. Doch dann schob sie sich noch ein Stück vom Fisch in den Mund. Erst das Frühstück.
Nachdem sie ihr Mahl beendet hatte, begab sie sich in die Richtung ihrer Hütte. Schon bald nahm sie den Duft der anderen Person wahr. Die Menschen aus Tooshoo rochen immer nach Sumpf. Nach modriger, stickiger Luft, nach Brackwasser und Mückenstichen, nach Sonnenstrahlen zwischen den Blätterdächern und dem Blubbern zwischen Froschlaich und Sumpfrohrsänger. Lyrca näherte sich von hinten und wartete. Die junge Frau schien unschlüssig darüber, was zu tun war. Die Libelle auf ihrem Rücken unter der Kleidung leuchtete durch jeglichen Stoff hindurch und Lyrca entgegen. Sie bewies, dass das Mädchen keine Schatzsucherin, Freibeuterin, verlassene junge Geliebte oder sonstige Störerin von Lyrcas ausgesuchter Ruhe war. Sondern das geflügelte Insekt erinnerte die alte Seherin an ihr Versprechen, das sie dereinst gegeben hatte. Was es nun galt einzulösen.
Lautlos trat sie daher vor und an das Mädchen heran, das vor der Tür an ihrer Hütte ausharrte, bevor sie sagte:
„Keiner da, hä?“
Freiya
Zarra hatte den Pfad schon vor einer Weile erreicht, doch der Schritt über die Schwelle zwischen Fels und Feuerstelle fiel ihr schwerer als gedacht.
Lyrcas Hütte war kleiner, als sie sie sich vorgestellt hatte. Verwaschenes Holz, von der salzigen Luft gezeichnet, bemooste Schindeln und ein alter, schief stehender Pfosten, an dem ein zerzaustes Windspiel hing, das keinen Ton von sich geben wollte. Davor ein ausgetretener Kreis aus Steinplatten, auf denen nur das Moos wuchs, das sich nicht vertreiben ließ.
Sie hätte anklopfen können.
Hätte sich räuspern, einen Schritt näher treten, einen Namen nennen sollen.
Aber irgendetwas hielt sie zurück.
Vielleicht war es die Art, wie der Wind hier roch – nach Rauch und Wacholder, nach Salz und Eisenkraut. Vielleicht das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl niemand zu sehen war. Vielleicht der feine, goldene Lichtstreif auf dem Türbalken, der wie ein Fingerzeig schien, der sagte: Warte.
Also wartete sie.
Der Beutel hing ihr über der Schulter. Darin das Notwendige: etwas getrocknete Nahrung, ein Wasserschlauch, Nereas kleine Reisegabe – und die Bernsteinperlen, die sie nicht zu deuten wusste.
Sie spürte sie dort, warm geworden vom Körper, als würden sie heimlich atmen.
Der Wind kräuselte den Saum ihres Umhangs.
Ein Geräusch. Hinter ihr.
Zuerst dachte sie, es sei das Knacken eines Asts.
Dann hörte sie die Stimme.
„Keiner da, hä?“
Zarra zuckte zusammen. Drehte sich um. Und sah –
eine Frau.
Nicht alt im Sinne von schwach oder gebrechlich. Alt wie Wurzelwerk, das sich in Fels krallt. Alt wie ein Geruch, der sich nicht mehr vertreiben lässt. Die Augen blind – oder mehr als das. Die Haut sonnengetrocknet, aber nicht spröde. Ihr Haar fiel wie verdorrtes Gras über die Schultern, und irgendwo zwischen Falten, Kräutern und Runen lag ein Ausdruck, der Zarra nicht gefiel. Nicht, weil er feindselig war. Sondern, weil er zu viel wusste.
Sie öffnete den Mund. Wollte etwas sagen. Doch ihr Hals war trocken. Die Worte blieben stecken.
Lyrca trat näher. Nicht hastig, nicht zögerlich – wie jemand, der keine Zeit hat, sich zu rechtfertigen.
Zarra schluckte. „Ich… bin Zarra.“
„Ich weiß.“
Die Antwort traf sie wie ein Windstoß.
Lyrca blieb stehen. Keine Armlänge entfernt. Ihre Hände rochen nach Kräutern und Rauch.
„Und du weißt nicht, warum du hier bist, stimmt’s?“
Zarra schüttelte stumm den Kopf.
Die Alte neigte den ihren, als lausche sie einem unsichtbaren Chor. Dann sagte sie, fast sanft:
„Dann komm rein. Vielleicht finden wir’s raus. Vielleicht aber auch nicht.“
Sie drehte sich um, ohne Zögern, und trat durch die knarrende Tür in ihre Hütte.
Zarra blieb einen Moment stehen.
Etwas in ihrem Nacken kribbelte. Die Libellennarbe.
Oder war es die Stimme ihrer Großmutter?
Oder nur das Salz in der Luft?
Sie atmete tief durch.
Dann hob sie den Fuß. Und trat ein.
Saraliel
23.06.2025, 16:13
»Alter und gruseliges Gemäuer«, meinte der Nordmann als er sich, die Axt in der Hand, zuerst in den dunklen Gang von Masyaf schob. Saraliels Nackenhaare hatte sich unlängst aufgestellt, noch bevor er eine Lichtkugel erschaffen hatte, die der kleinen Gruppe nun als Lichtquelle diente. »Ganz schön klischeehaft. Vielleicht hätte sich euer Schwarzmagier etwas Neues ausdenken können, als hier zu vermodern«, schlug der Rothaarige schulterzuckend vor und musste sich dann ducken, um durch einen zerstörten Torbogen zu kommen. »Es war ein Gefängnis«, stellte Elyndra fest, während sie mehr weiter schlichen denn gingen. Auch ihre Stimme war nur ein Flüstern. »Zur damaligen Zeit hatten die Feuermagier keinen Weg gefunden ihn zu vernichten. Also banden sie ihn an diesen Ort. Fernab der Stadt die er einst in Atem gehalten hatte. Auf dem Meer wo er in Vergessenheit geraten sollte. Nun das heißt bis er DraconiZ gerufen hatte«. Hundert Gedanken schossen durch das Hirn des Feuermagiers. Das würde ja bedeuten, dass sie einfach nur hätten fort segeln müssen damals. Wobei: In dem Stadium in dem sein Bruder damals gewesen war, hätte er sicher nicht zugestimmt. »Dann bleibt uns zu analysieren, ob es noch immer sein Gefängnis ist«, meinte Saraliel leise. Die drei Gefährten gingen weiter ins Innere bis sie zu einem größeren Raum gelangten. Dort war noch immer der Thron zu sehen auf dem Al-Din das letzte Mal gesessen hatte, als er mit Draco hier gewesen war.
»Spürt ihr was?«, fragte Ilfar und zum ersten Mal schien er wirklich etwas besorgt zu sein. »Nein«, entgegneten beide Magier fast gleichzeitig. »Hier ist alles verlassen«, konstatierte Saraliel und sah sich noch einmal um. Überall verstreut lagen noch zerbrochene Dinge, die der Zahn der Zeit angenagt hatte. Auch der Thron selbst brökelte an vielen Stellen. »Es hat einen Kampf gegeben«, meinte die Magierin. »Muss zur Zeit der varantischen Kriege gewesen sein. Es ist nicht genau überliefert ob Paladine auch hier waren. Doch es sieht ganz danach aus, dass auch hier gekämpft worden ist.«. »Erm also keine unmittelbare Gefahr?«, fragte Ilfar beschwichtigend lächelnd. »Nicht unmittelbar«, meinte der lange Magier. »Schaut ob ihr etwas nützliches findet«, wies er Ilfar an, welcher schluckte und sich dann durchrang der Anweisung Folge zu leisten.
»Meine Familie war involviert. Meine Ahnen heißt das. Al-Din tötete viele von Ihnen. Sie waren es die ihn hier einsperrten«, meinte Elyndra plötzlich, als Saraliel mit den Fingern über den alten Thron strich. »Wenn er frei ist, müssen wir ihn finden. Er brachte unendliches Leid über Varant«. »Das werden wir«, meinte der Schwarzhaarige und schauderte. Dann ging er auf die Knie. »Was ist das?«, fragte er und hob einen kleinen Gegenstand auf. Ein rot schimmernder Stein. Der Magier war sofort fasziniert von dem Anblick. Er schien von Innen heraus zu leuchten. Einen Moment betrachtete er ihn noch, dann reichte er ihn an Elyndra weiter. »Magisch hm?«. »Wir nehmen ihn zur Analyse mit«
»Das… solltet ihr sehen«, meinte Ilfar der den Kopf aus einem Nebenraum steckte. Eilig eilten die beiden Magier in den Nebenraum. Eine ganze Kaskade dieser Splitter bewegte sich an der gegenüber liegenden Wand. Als die Magier eintraten setzten sie sich zusammen und formten einen grotesk dämonisch lachenden Mund. Beide Magier hoben bereit ihre Hände. »Ihr findet mich in den weiten der Wüste. Unter dem blutroten Mond kehre ich zurück. Ich nehme was mir genommen wurde und erwecke das zum Leben was niemals hätte sterben dürfen«. In nächsten Moment zerbarsten alle Kristallsplitter zu feinem Staub der an den Flammenschilden der Magier herunter regnete. »Was meint er?«, fragte Saraliel Elyndra als sie wagten ihre Magie zurück zu ziehen. »Ich weiß es nicht«, gestand sie. »Schauen wir es ob es noch mehr gibt«
Larah hatte die Einsamkeit des Galion der Santorija bewusst aufgesucht. Sie lag nach vorne auf dem Bugsprit gelehnt, ließ ihre Gedanken frei schweifen, während sie mit dem ganzen Körper – von ihrer Wange bis hinab in ihre Waden – das Stampfen des Pinaßschiffs verspürte und ihre Tunika im Fahrtwind flatterte. Direkt unter ihr pflügte der Kiel durch den Seegang und über ihr erhob sich der Klüverbaum mit der Blinderah, die ihr etwas Schatten spendete.
Mehr als eine Kindheit war sie fernab ihrer Geburtslande gereist. Hatte Gorthar durchwandert, war über Argaan nach Myrtana gesegelt und wieder zurück. Hatte Freunde gefunden und Abschiede begangen. Sie hatte gelernt und war älter geworden. Sie hatte Wohnrecht im Tiefland von Tooshoo beim Waldvolk der Südlichen Inseln erworben, doch sie war dort nicht zur Ruhe gekommen, hatte keine Sicherheit verspürt.
War sie bereits zu lange unterwegs? Hatte sie die Fähigkeit verloren, irgendwo ankommen zu können? Die Fähigkeit, sich niederzulassen?
Sie spürte Angst tief in sich, Angst den Ansprüchen nicht zu genügen, die ein Leben in der Gemeinschaft an sie stellen würden. Den Ansprüche, die die Mitglieder der Gemeinschaft an sie stellen würden, die es zu erfüllen galt, um ihre Anerkennung zu erwerben.
Natürlich würde ihr jeder entgegnen, dass es reichte, dass Tooshoo sie anerkannt hatte, dass die Geister des Tieflandes und des dieses durchziehenden und ausfüllenden Bruchwaldes sie anerkannten. Aber die Wahrheit war eine andere. Auch wenn das Waldvolk von Argaan Winter und Sommer des Umbruchs und Wandels hinter sich hatte, Winter und Sommer der Flucht und Rückkehr, gab es Strukturen in ihren Reihen, Besitzstände und Platzhirsche, Netze des Einflusses und der Abhängigkeiten, dicht und verwachsen wie den Boden durchziehendes Wurzelwerk und Myzel. Wie sollte sie sich einfügen? Wie konnte sie sich einfügen? Wo war da noch Platz? Wo machte sie niemandem etwas streitig? Meinte niemand, dass sie sich hineindrängte? Wo drängte sie niemanden von seinem angestammten Platz?
Larah wollte niemanden verdrängen, niemanden vertreiben. Aber wenn sie bleiben sollte, brauchte sie Raum, musste sie Raum einnehmen dürfen.
Das Beltanefest nach ihrer Teilnahme an der Wilden Jagd vor dem vergangenen Winter hatte ihr deutlich gemacht, dass es da keinen Platz für sie zu geben schien. Die Gemeinschaft von Tooshoo war nicht groß, aber sie schien – wenn schon nicht vollständig – so doch geschlossen für sie. Sie hatte sich wie ein Fremdkörper gefühlt, unverstanden.
Sie wusste, sie war dafür nicht gänzlich unverantwortlich. Sie hatte Mauern hochgezogen, auf ihren Reisen, durch zahlreiche Begegnungen mit Abweisung und Einsamkeit, mit Eigennutz und der stetig vorherrschenden Beurteilung reiner Oberflächlichkeiten, nach denen sie nichts zu bieten hatte – sie die unstete Fischjägerin, der man ihre Kompetenzen und Talente nicht ansah, die nicht damit prahlte und weder reicher noch einflussreicher war, als es ihr ein volles Fangnetz und ihrer aufrichtigen Hände Arbeit ermöglichten.
Wie sollte es weitergehen? Wohin sollte sie streben? Was wollte sie eigentlich?
Vor ihr zeichnete die orangegoldene Glut der Abendsonne einen schnurgeraden Pfad bis zum Horizont durchzogen silbrig blitzenden Glitzern der Gischt. Sie wandte ihre Augen ab von dem blendenden Gleißen, auf dem die Santorija und ihre Begleiterin entlangglitten. Ihr Blick wanderte hinab durch die großen Maschen des Klüvernetzes, wo der Vorsteven abwechselnd ins spritzende Wasser ein- und wieder daraus hervor auftauchte. Die Fluten ringsum glommen im Dämmerungslicht in einem angenehm warmen Flaschengrün.
Ein wehmütiges Lächeln stahl sich in das sonst häufig so unbewegte Gesicht der blonden Gortharerin.
Was will ich eigentlich?
Der Gedanke war ihr lange nicht gekommen. Lange hatte sie gedacht, dass sie keinen Platz hatte. Hatte gedacht, dass ihre Zeit nicht gekommen war. In den dunkleren Stunden sogar, dass sie niemand wollte, niemand brauchte. Niemand außer der großen Mutter, die sie seit Beginn bejaht, im Schoß ihrer eigenen Mutter aus dem Samen ihres eigenen Vaters gepflanzt hatte.
Adail*, die du mich von Anfang an wolltest, zeige mir den Pfad, dachte sie und schickte ihr Gebet gleichzeitig hinab in das grünliche Leuchten und hinauf ins vom roséfarbenen Abendrot sanft glühende Firmament, Schließe mein Herz auf, oh Große Mutter, und lass mich erkennen, was ich wirklich will. Ich bitte dich, Adail.
________________
* altwaldvölkisch, wörtlich „die Zweifache“ - Anrufungsname der Mutter im Dialekt des gortharischen Waldvolks
Eine Weile starrte sie in die den Himmel widerstrahlenden Wogen am Horizont. Dann glitt ihre Sicht wieder hinab, in die glasigen milchiger werdenden Tiefen des Ozeans unter ihr. War es der Ozean der verschwamm, oder ihr Blick?
Sie wusste nicht, wie lange sich ihr Blick darin verlor. Ihr Blick, der eigentlich auf ihr Innerstes gerichtet war, an ihrem verschlossenen Herzen entlangglitt, nach einem Eingang, nach Erkenntnis, nach Licht suchte, aber nur warm durchschimmerndes Glimmen hinter dicker Borke vorfand.
Plötzlich. Da.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Larah schreckte auf und hielt sich mit beiden Händen am Bugspriet unter ihr fest. War da ein riesiger Schatten zwischen den Wellenkämmen unter dem Kiel?
Ihre Augen fokussierten wieder die Welt vor ihr.
Da war nichts. Nur die ausgreifende Dünung der See.
Erneut fuhr ihr die Kälte unter die Tunika.
Die Fischjägerin drückte sich vom rundgeschliffenen Holz ab und kam in den Stand.
Den ganzen Tag über hatte trotz der frischen Brise, die sie zügig gen Westen kreuzen ließ, drückendes Wetter bei strahlendem Sonnenschein geherrscht. Diesmal tauchte Ihr Gesicht in einen gefühlt eiskalten Luftzug ein. Diesmal blieb er. Mit starken Böen fegte er konstant über ihre Nasenspitze und Stirn hinweg und wirbelte durch ihr blondes Haar.
Larah sah in Windrichtung.
Vom Horizont herauf trieben dunkle Wolken über das Firmament. Aus Südwesten zog ein Sturm auf.
Eilig lief die Gortharerin über das Deck.
Als sie den Niedergang zum Achterdeck erklomm, hörte sie bereits von Oben Yareds besonnene Stimme: „Gebt der Alesstyna Signal: Kurs Nordwest!“
Kaum hatte sie sich eilends das Geländer entlang die Stiege hochgezogen, sah er zu ihr herüber.
„Ein Sturm…“, rief sie ihm besorgt entgegen.
„…zieht auf, ich weiß.“, vervollständigte der erfahrene Seemann ihren Satz, „Wir sind also schon zwei, die es bemerkt haben.“ Er grinste breit und zwinkerte ihr zu. „Danke für die Bestätigung.“
Dann wandte er sich dem Steuermann neben ihm zu: „Kurs Nordwest zu West.“
„Aye!“, bestätigte dieser, während der Kapitän bereits weiter geeilt war.
„Maros, schau, dass wir die Segel weiter bei halbem Wind halten!“, befahl er über die Reling hinweg seinem Bootsmann auf dem Oberdeck.
Achtern gab zeitgleich einer der Maate der nachfolgenden Alesstyna das angeordnete Flaggensignal.
Larah trat neben den Paladin. Gemeinsam betrachteten sie das schlagartig hektischere Treiben an Deck.
„Sollten wir uns nicht ganz statt nur halb vor den Sturm setzen? Hast du keine Angst, dass er uns so schneller einholt?“, fragte sie ihn etwas erstaunt. Larah hatte bereits mehr als einen Sturm in diesen Gefilden erlebt. Unwetter in der südlichen gortharischen See auch nur ungemütlich zu nennen, war eine erhebliche Untertreibung.
„Das ist nicht gänzlich unwahrscheinlich, aber das ist nicht die Frage“, entgegnete ihr der Kapitän freundlich, “Die Wahrscheinlichkeit, dass uns der Sturm einholt, ist nicht so viel höher. Wichtiger aber ist: Wir sind bereits fast auf Höhe des Schweifs. Wenn wir es ins gortharische Schelfmeer schaffen, bevor er uns erreicht, sollte er etwas an Schwung verlieren.“
Yared blickte hinaus auf die bedrohlich aufziehende Wolkenfront. Seine Miene nun etwas grimmiger.
„Und falls es uns doch erwischt – und schlimmer, als wir dann hoffen – können wir uns immerhin mit hoher Wahrscheinlichkeit bis Drakia oder Khorinisstadt schleppen. Dort haben wir wesentlich bessere Chancen, Hilfe zu bekommen als in den Großen Sümpfen. Meinst du nicht?“
Larah lächelte. Anders als sie hatte der erfahrene Seebär nicht nur den Wetterwechsel, sondern auch ihre relative Position im Blick und in seine Entscheidung miteinbezogen. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sehr sie sich bei dieser Überfahrt darauf verlassen hatte, dass jemand anderes den Überblick behielt und dafür Sorge trug, dass sie ihr Ziel erreichten.
Auf der anderen Seite hatte es ihr sehr gut getan, für einige Monde ausruhen und die Seele baumeln lassen zu können.
Die Abdrift gen Norden nahm mit dem auffrischenden Südwestwind zu, sodass der Kurs über dem Grund bei dieser Kursbeschickung ziemlich genau dem Kurs entsprach, den der Kapitän an die Alesstyna hatte übermitteln lassen, so lange die Santorija vor dem Wind kreuzte.
Zuversicht keimte in Larah auf.
Delvin Corgano
01.07.2025, 19:58
Der Horizont verlor sich nicht mehr in der scheinbaren Unendlichkeit. Schon seit einer Weile zeichnete sich ein schmaler, dunkler Saum am Rand des bleigrauen Meeres ab – zunächst kaum mehr als ein Schatten. Doch mit jeder Seemeile, die verstrich, wurde der Umriss klarer: Zinnen, Hügel, ein Turm vielleicht. Khorinis.
Der Wind hatte kaum nachgelassen, doch Galbor hatte bereits vor Stunden begonnen, das Tempo des Schiffes zu drosseln. Die Takelage war angepasst, der Großbaum ein Stück eingerollt, die vorderen Segel enger getrimmt. Das Schiff glitt nun langsamer über das Wasser.
Das veranlasste Delvin dazu, an Deck zu treten. Der Geruch von Salz und Tauwerk empfing ihn, begleitet vom gedämpften Ruf der Mannschaft, die sich leise zwischen Mast, Deck und Seilwerk bewegte. Er musterte die Männer kurz, dann trat er auf Galbor zu, der am Steuerrad stand und mit wachem Blick den Kurs hielt. "Was tut Ihr da?" Delvins Stimme war ruhig, aber bestimmt.
Galbor drehte den Kopf nur leicht, die Augen fest auf die sich nähernde Küste gerichtet. "Ich führe aus, was der Burggraf mir aufgetragen hat. Dieses Schiff soll nicht einfach am Kai von Khorinis einlaufen, wie dutzende Schiffe davor." Er machte eine Pause, dann wandte er sich ganz zu Delvin. "Mit uns kommt nicht einfach nur ein Händler. Mit uns kommt ein Adelshaus."
Mit einem knappen Zeichen löste Galbor die nächsten Handgriffe aus. Zwei Männer gingen zum Heck, wo eine schmale Seekiste aus dunklem Holz fest verzurrt war. Vorsichtig öffneten sie den Deckel und entnahmen ein sorgsam gerolltes Tuch: einen langen, rot-weißen Wimpel aus schwerem Seidenleinen. In seiner Mitte: ein schlichter, aufrecht stehender Turm in hellem Weiß, sauber aufgestickt auf tiefrotem Grund – das Zeichen des Hauses Laenar.
Der Prunkwimpel wurde mit Bedacht entrollt und unter Galbors Aufsicht am Großmast befestigt. Die Männer arbeiteten schweigend, konzentriert. Während der Wimpel sich im Wind entfaltete, flatterte auch das leichtere Zierwerk am Bugspriet – zwei rot-weiß gestreifte Wimpelsegel, die an den Flanken des Schiffes herabfielen. Sie hatten keinen Zweck außer dem einen: zu zeigen, dass dieses Schiff nicht irgendeinem Händler gehörte.
Der lange Wimpel flatterte nun über dem Schiff wie ein Banner der Zugehörigkeit. Der rote Stoff fing das Licht der schräg stehenden Sonne ein, der weiße Turm glänzte weithin sichtbar gegen das dunkle Meer. Galbor trat einen Schritt zurück, prüfte den Sitz der Tücher, dann nickte er dem Mann am Bug zu. "Kurs halten. Langsam voran." Dann blickte er erneut zu Delvin: "Außerdem wollen wir doch, dass die Leute unsere Ankunft bemerken. Hätte ich die Geschwindigkeit nicht gedrosselt, kämen wir vor Sonnenaufgang an."
Das Schiff setzte sich wieder in Bewegung. Der Wind griff in die Rahen, das Holz ächzte leise, das Wimpelwerk tanzte im Fahrtwind – und die Handelskogge glitt wie eine stille Ankündigung auf den Hafen von Khorinis zu.
Nachdenklich blickte Na-Cron über die Reling hinweg auf das weite Meer.
Seit der letzten Überfahrt über das Meer war einiges passiert. Er war mit einem Ziel nach Argaan gekommen. Ein eigentlich unmögliches Ziel, wie er hatte feststellen müssen. Seine Sorgen, seine Not, seine Wut - Nichts davon hatte die Myrtaner interessiert. Ignoriert und allein gelassen hatte sich der Bergmann nach Stewark aufgemacht. Und dort hatte er ein neues Ziel gefunden!
Die Aufnahme in die Gemeinschaft des Wassers und das erlernen der Magie waren etwas, an dass er früher nicht einmal im Traum gedacht hatte. Und nun stand er hier auf einer myrtanischen Handelskogge, trug die Kleider eines Adepten und war auf dem Weg zum Festland um dort...
"HUARG!!"
Abrupt wurde der Adept aus seinen Gedanken gerissen als Syrias sich neben ihm zum wiederholten Male über die Reling beugte und herzergreifend ins Meer kotzte. Der Söldner war anscheinend nicht wirklich seefest.
Hämische Zwischenrufe seitens der Matrosen begleiteten das röhrende Konzert.
Bleich wie Kreide richtete sich der Söldner wieder auf und wischte sich über den Mund. Schweißperlen glänzten auf seiner blassen Stirn, bevor er sich stöhnend wieder in den Schatten des Mastes setzte und sich den Bauch hielt.
Na-Cron verzichtete wohlweißlich auf einen Kommentar, schließlich war die Laune des Waffenschmieds schon jetzt im Keller. Oder unter Deck, wer kannte da schon die ganze Semantik?
Der Adept schaute wieder aufs Meer hinaus. Das ungewohnte Gewicht des Kriegshammers an seinem Gürtel sorgte dafür, dass Na-Cron erneut den korrekten Sitz der Waffe kontrollierte. Syrias hatte seine Wahl nur mit einem Schulterzucken kommentiert. Doch Na-Cron hatte irgendwie das Gefühl gehabt, dass wäre die richtige Waffe für ihn. Und sobald sie auf dem Festland sein würden, würde der Söldner ihn weiter ausbilden. In seinem jetzigen Zustand... Nun, Na-Cron wollte nicht vollgebrochen werden.
Das Waldvolk
07.07.2025, 00:51
Lyrca trat in ihre Hütte und vernahm an den Schritten, dass Zarra ihr folgte.
„Tür zu“, wies die Seherin die junge Frau an. Knarrend aber mit einer sichtlich vorsichtigen Hand angeschoben fiel die Tür ins Schloss. Lyrcas Sinne tasteten, ob alles in ihrer Hütte an der richtigen Stelle war und nach einem Augenblick des lautlosen Innehaltens rührte sie sich wieder. Die Maus unter dem Küchenschrank hatte schon wieder Junge bekommen, Lyrca würde zusehen müssen, dass sie die kleinen Nager zum rechten Zeitpunkt aus dem Haus jagte. Eine Hausmaus reichte aus.
Sichtbar zufrieden, dass sonst alles wie immer in ihrer Behausung war, drehte sie sich zu Zarra um.
„Was hast du da bei dir, hä?“, fragte die blinde Seherin. „Ich rieche Essen, was noch?“
„Nur das Nötigste für meine Reise. Außerdem ein paar Bernsteinperlen, die mir Oma mitgab“, sprach Zarra. Lyrca streckte die Hand aus und forderte Zarra mit einer Geste auf, die Perlen herauszurücken.
Sie hörte, wie Zarra den Beutel von der Schulter nahm und öffnete. Nach einem weiteren Wimpernschlag landeten die Perlen in Lyrcas Hand. Sie fühlten sich kühl und glatt an.
„Eine reicht, hä?“, sprach sie und Zarra nahm alle Perlen von Lyrcas Hand bis auf eine.
Lyrca schloss zunächst die Faust um die Perle, ihre blinden Augen ruhten dabei auf Zarra. Dann rollte sie die Perle auf ihre Fingerspitzen und dort ein wenig hin und her, als versuchte sie, den Wert der Perle zu bestimmen. Dann aber hob sie die Perle an ihre Nase und sog den Geruch ein, der sie umgab. Sie roch vertraute Düfte von Pflanzen und Holz, von Fetten und Ölen und schließlich auch einen vertrauten Geruch einer Person, mit der sie lange nicht mehr gesprochen hatte.
Ohne nachzudenken steckte Lyrca sich die Perle plötzlich in den Mund. Dort schob sie das Kleinod mit der Zunge von der einen Wange in die andere, dann spuckte sie den Bernstein wieder aus in ihre Hand.
Schließlich nahm sie die vollgespeichelte Perle in den Pinzettengriff zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt sie vor ihr rechtes blindes Auge. Man konnte fast meinen, sie sah durch die Perle hindurch. Nun – das tat sie auch!
„Wollen wir doch mal sehen …“, murmelte sie mit rauchiger Stimme.
Sie erblickte Zarra und Nerea – Letztere war alt geworden, zumindest älter als beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten, aber sie schien zumindest bei ausreichender Gesundheit. Lyrca musste zugeben, dass sie tief in ihrem Inneren ein angenehmes Gefühl empfand, als sie sah, dass die alte Rimbe nach wie vor ihrem Tagwerk in Tooshoo nachging.
Nun aber fokussierte die Seherin sich darauf, was sie sah. Nerea zeigte Zarra verschiedene Pflanzen und berichtete ihr von deren Wirkung, rührte Salben und Pasten an und brühte Aufgüsse auf. Dann wechselte die Szenerie. Plötzlich stand Zarra bei einem monströsen Ameisenhaufen und ein blonder Mann machte sich daran, nach ihren Anweisungen einen Graben drumherum auszuheben. Wieder wechselte das Bild, diesmal erschien ein großer bärtiger Kerl an Zarras Seite und nun war es die junge Frau, die etwas zu dem Gebüsch, vor dem sie hockten, zu erzählen hatte. Lyrca musterte genaustens das mit einem leuchtenden Grün schlagende Herz des Mannes. Sie kannte ihn. In der Séance mit der Rothaarigen vor einiger Zeit war er schon über ihre Lichtung spaziert.
„Das wilde Herz schlägt noch kräftig“, kommentierte sie. Es war klar zu sehen, dass Zarra eine enge Verbindung zu dem Bärtigen hatte.
Doch die blinde Frau sah Zarra als Nächstes bei einem Geist stehen, der Ähnlichkeit mit Nerea und der jungen Frau nach zu urteilen handelte es sich um die Tochter der Alten und die Mutter der Jungen. Samhain also. Doch Zarra war auch zwischen einer Gruppe Menschen zu sehen, dem Bärtigem und der Rothaarigen, aber auch den Hauptmann, der ebenso das wilde Herz in sich trug, das Lyrca hell leuchtend und organe schlagen sah. Und eine weitere Person, die ihr unbekannt war, aber eine dunkle Aura umgab und sie unscharf erscheinen ließ.
„Pestatem, pah“, spie Lyrca aus. „Keine aus dem Sumpf, kein Kind der Mutter.“
Das Letzte, was sie schließlich sah, war Zarra, die auf einem Boot über das Meer fuhr. Dann ließ sie die Perle sinken und drehte sie nachdenklich zwischen den Fingern hin und her. Schließlich ließ sie den Bernstein in ihrer Tasche verschwinden und ging geschäftig zu ihrer Feuerstelle.
„Jene, die keine Kinder der Mutter sind, knieen“, sprach sie. „Sie sind blinde Untertane, gefangen in ihrem eifernden Streben, hä? Aber wir … die der Mutter dienen, wir knieen nicht. Niemals! Merk dir das, kleine Libelle!“
Während sie sprach, griff sie einen alten tönernen Becher, der ein Behältnis für unzählige Flüssigkeiten gewesen war, deren Spuren sich unverwischbar in den Ton eingebrannt hatten. Dann griff Lyrca nach ihrer Kelle und rührte in ihrem Kessel über der Feuerstelle um, schöpfte eine Kelle ab und goss sie in den Becher. Dampf stieg auf und ein herber Geruch. Doch sie war noch nicht fertig, sondern nahm ein kleines Fläschchen, von dem sie ein paar Tropfen in den Becher gab und zum Abschluss schließlich träufelte sie noch etwas aus einem Säckchen hinein. Sie kicherte, als sie den sich nun bildenden Geruch wahrnahm.
Dann ging sie zu Zarra herüber, die inzwischen am Tisch der Seherin stand. Mit einer Handbewegung wischte Lyrca Federn, Knochen, Pflanzenreste, Eierschalen und Staub zur Seite, und stellte den Becher vor Zarra ab.
„Für dich, Libellchen“, sagte sie knarzend wie ihre Tür zuvor.
Die ältere Frau ließ sich auf einen Hocker sinken und starrte Zarra aus ihren vermeintlich blinden Augen regungslos an. Ob die junge Frau trinken würde? Sie war gespannt.
Freiya
Zarra stand noch immer, die Finger an der Kante des Tisches, dort, wo das Licht schwieg und nur der Dampf aus dem Becher atmete.
Das Gebräu roch fremd. Nicht fremd wie Gefahr – sondern fremd wie etwas, das man kennt, aber nie selbst berührt hat. Herbe Kräuter, ein Hauch von etwas Süßem, fast verbrannt, und etwas Metallisches, das an Blut erinnerte. Oder an alte Erde.
Der Becher war schwerer, als sie erwartet hatte, und seine Wärme kroch in ihre Hand wie eine Wurzel ins Erdreich.
Gegenüber saß Lyrca. Regungslos. Ihre Hände gefaltet, ihre Augen auf sie gerichtet, obwohl sie blind schien. Und doch… war es kein Blick, dem man entkam.
Zarra hob den Becher. Zögerlich. Ein Hauch des Dampfes kitzelte ihre Nase.
Ein Gedanke. Ein Zweifel. Ein inneres Zucken, das so kurz war, dass man es hätte übergehen können.
Aber sie spürte es. Ihre Finger zitterten. Nur leicht. Dann führte sie das Gefäß an die Lippen. Der erste Schluck war bitter, dicker als Wasser, rau wie getrocknetes Kraut zwischen den Zähnen. Es schmeckte nach Waldboden. Nach altem Rauch. Nach etwas, das nicht hierher gehörte – und doch tief in ihr.
Sie senkte den Becher. Ihr Mund fühlte sich trocken an, obwohl sie getrunken hatte.
Langsam stellte sie ihn ab. Ihre Hände blieben am Rand. Halt suchend.
„Was war das?“, fragte sie. Ihre Stimme klang dumpf. Als käme sie von tiefer her, als sonst.
Lyrca antwortete nicht sofort. Sie hatte den Kopf leicht geneigt, als würde sie etwas hören, was Zarra nicht hören konnte. Ein Summen vielleicht. Ein ferner Ruf.
Zarra wusste nicht, ob es Zustimmung war, was die Alte dann andeutete. Oder nur das Weiterschieben eines Gedankens. Aber es fühlte sich an wie eine Antwort. Eine, die keine Worte brauchte.
In ihr begann etwas zu pochen. Nicht schmerzhaft – eher wie ein Tropfen, der auf die Wasseroberfläche fiel. Wieder und wieder. Immer an der gleichen Stelle.
Lyrca bewegte sich, erhob sich vom Hocker, langsam, mit einer Geschmeidigkeit, die der Körper der Alten eigentlich nicht mehr haben dürfte. Sie trat zur Tür, öffnete sie mit einer einzigen, fließenden Bewegung – und ließ den Wind herein.
Zarra spürte die Luft an ihrer Stirn. Frisch. Salziger als vorher. Lyrca wartete.
Ein Wort fiel nicht. Kein Befehl, keine Mahnung. Nur der Blick – oder was sich wie einer anfühlte – und das Pochen in ihrem Innern.
Zarra stand auf. Ihr Kopf fühlte sich leicht an, der Boden unter ihren Füßen zu weich. Aber sie ging. Langsam. Schritt für Schritt. Bis zur Schwelle.
Draußen lag die Welt, wie sie sie nicht kannte. Und vielleicht war sie nicht dieselbe wie vor dem Schluck. Vielleicht war sie es auch selbst nicht mehr ganz.
Das Waldvolk
20.07.2025, 00:24
Es war deutlich wahrzunehmen, dass Zarras Schritte sich verändert hatten. Dass die kleine Libelle ohne Widerstand oder wenigstens Nachfragen getrunken hatte, zeugte entweder von Naivität, Gehorsam oder dem Wissen, was der Becher enthalten hatte. Ihre Frage, was es gewesen war, ließ Letzteres ausschließen. Eine Krähe landete auf dem Rand eines Wasserfasses unterm Vordach ihrer kleinen Hütte und blickte Lyrca an.
„Die Libelle fliegt noch zu sehr auf den vorgegeben Wegen“, sprach die Seherin zu dem schwarzen Vogel, als wäre Zarra nicht anwesend. „Wir müssen ihr noch zeigen, wozu ihre kleinen Flügelchen fähig sind, hä?“
Der Rabe musterte die junge Frau und klapperte schließlich zustimmend mit dem Schnabel, dann erhob er sich wieder in die Lüfte. Lyrca wandte sich Zarra zu und deutete ihr an, ihr zu folgen.
Sie liefen nicht weit, aber weg von der Hütte. Folgten einem Pfad, der schon etliche Male beschritten worden war und deswegen gut zu finden war zwischen Gras und Gestein. Schon bald änderte der Untergrund sich zu festgetretener Erde umgeben von Moosen und Farnen unter dem grünen Dach eines kleinen Wäldchens – wenn man es denn so zu beschreiben mochte.
Doch bald tat sich die Lichtung auf, Lyrcas Lichtung, mit einem Holztisch, auf dem allerlei Utensilien zu finden waren, einem kleinen Lagerfeuer in der Mitte und einem Ständer aus Holz und dünnen Seilen, an dem ein toter Hase hing, der über einem Eimer ausblutete.
„Willkommen in meiner Studierstube“, sprach die blinde Alte und schritt zielgerichtet zu ihrem Tisch. Dort nahm sie eine Schale und hielt diese Zarra hin:
„Ein paar Brombeeren?“
Doch Zarra zögerte und als Lyrca ihre magischen Fühler ausstreckte, bemerkte sie auch, wieso.
„Nein, nein, nein, ihr ohne Bein, sucht euch ein eigenes Mittagsmahl, ihr frechen Biester“, schalt sie die Nacktschnecken, die sich über die Beeren niedermachten. Sie stellte die Schale wieder auf den Tisch und die Schnecken machten sich in ihrer Langsamkeit auf und davon.
Als Lyrca sich wieder umwandte, trug der Wind eine Note zwischen den Bäumen zu ihr, die ihr vertraut war, aber nicht an diesen Ort gehörte. Jemand näherte sich, wenngleich die Person noch weit genug entfernt war, dass man sie weder sehen noch hören konnte.
„Also, kleine Libelle, angenommen, der Trank, den du eben getrunken hast, hätte einen Sud aus Harnischkraut und Saft von Goblinbeeren und Flammenbeeren in sich gehabt … könntest du spüren, wie die Unruhe sich zwischen deinen Knochen ausbreitet und du zugleich das Gefühl hast, die Welt intensiver wahrzunehmen? Und angenommen, dem wäre so, welche Konsequenzen hättest du schließlich zu befürchten und wie könntest du dem entgegen wirken, hä?“
Zeit zu schauen, was die junge Rimbe von ihrer Großmutter gelernt hatte und zu was sie so taugte, bis der neue Gast eintreffen würde
Freiya
Der Weg war schmal, doch nicht mühsam. Die Wurzeln unter ihren Stiefeln fühlten sich vertraut an, als hätten sie nicht Feshyr betreten, sondern nur einen anderen Teil des Sumpfs, in dem die Bäume enger standen und das Licht grüner war.
Und dennoch: Die Luft hier war anders. Trockener, kühler. Kein Dunst lag auf der Haut, aber eine andere Schwere – wie das Gewicht von Fragen, die man nicht laut stellen durfte.
Zarra folgte Lyrca, schweigend, den Blick gesenkt, doch ihre Sinne tasteten wach durch das Unterholz.
Vielleicht war es der Trank. Vielleicht auch nur der Gedanke daran.
Ihr Herz schlug nicht schneller als sonst. Aber es schlug bewusster. Als würde es auf sich aufmerksam machen.
Die Lichtung tat sich auf wie eine klaffende Handfläche.
Kein Ort der Gastlichkeit – und doch durchdrungen von Bedeutung.
Der Holztisch, das Feuer, der blutende Hase. Alles hatte seinen Platz. Alles schien zu sprechen, auch wenn es schwieg.
Zarra trat vorsichtig auf den offenen Grund. Die Kühle des Schattens war einer anderen Art von Wärme gewichen – nicht Hitze, sondern Aufflammen von Neugier auf Dinge, die geschehen sollten.
Als Lyrca ihr die Brombeeren hinhielt, hob sie bereits eine Hand – doch noch bevor sie zugreifen konnte, entdeckte sie die Schnecken und sie wollte ihnen nicht ihr Mahl streitig machen.
Lyrcas Zurechtweisung, streng und spöttisch zugleich, ließ sie zusammenzucken, aber auch schmunzeln. Ein Hauch von Tooshoo schwang darin mit. Von Nerea. Von zu Hause.
Sie trat näher an den Tisch, beobachtete die Schnecken, die sich, ihrer Langsamkeit zum Trotz, erstaunlich rasch entfernten. Ihre Haut kribbelte.
Dann sprach Lyrca weiter – nicht laut, nicht hastig, aber mit jener Stimme, die etwas von der Welt abverlangte.
Die Kräuternamen kannte Zarra. Natürlich, denn mit den meisten hatte sie bereits Erfahrung gesammelt, auch wenn Goblinbeeren eher zu den selteneren Arten gehörten.
Harnischkraut.
Goblinbeere.
Flammenbeere.
Sie blinzelte, nahm einen Atemzug – und der Trank in ihrem Bauch antwortete. Ein Ziehen. Nicht schmerzhaft. Aber präsent. Ein Gedanke in den Knochen, den man nicht abschütteln konnte.
„Ich…“, begann sie, und ihre Stimme war brüchig, bevor sie sich sammelte.
„Wenn die drei Pflanzen zusammen wirken… dann reizen sie zuerst. Den Leib, das Herz, vielleicht auch den Geist. Man wird wacher. Alles ist… heller. Schärfer.“
Sie fuhr sich mit den Fingern über die Stirn. Ihre Haut fühlte sich warm an, obwohl der Schatten kühl war.
„Aber es brennt auch“, murmelte sie. „Weil sie einander nicht ausgleichen. Das Harnischkraut spannt an, treibt nach vorn. Die Flammenbeere aber… die entfacht eine Glut im Innern, weckt den Geist. Und die Goblinbeere?“
Zarra atmete ein.
„Die macht das Ganze scharf. Sie bricht das Gleichgewicht, wenn man es nicht mit etwas Dämpfendem auffängt.“
Sie erinnerte sich. An einen Aufguss, den Nerea ihr einmal unter dem Schrein hatte geben wollen – als sie zu aufgedreht war, zu nervös, zu offen für jede Stimme des Sumpfes.
„Minzblatt…“, sagte sie leise. „Oder Birkensaft. Oder Rauch von Dornholzrinde. Etwas, das erdet, das atmen hilft.“
Ihre Hand lag nun auf dem Tisch, neben einer zerbrochenen Feder.
Sie spürte, wie das Zittern in ihren Fingern nachließ, nicht weil es weg war – sondern weil sie es begriff.
„Aber wenn man’s lässt…“, sagte sie. „Wenn man nichts dagegen tut… dann fängt der Körper an, gegen sich selbst zu kämpfen. Alles wird zu viel. Man verliert den Takt. Und irgendwann…“
Ihre Stimme wurde leiser.
„…irgendwann hört man Dinge, die gar nicht da sind.“
Sie hob den Blick, traf Lyrcas leere Augen.
Und wartete.
Nicht auf Lob.
Nicht auf Tadel.
Nur auf das nächste Stück Wahrheit.
Noch war Platz in ihr. Für mehr.
Das Waldvolk
03.08.2025, 00:40
„Brennen, brennen, ein Feuer im Geist … und im Gedärm!“, feixte Lyrca und nickte eifrig. Die kleine Libelle sprach wahr. Sie sprach reif. Zu reif für ihre zarten Flügelchen. Aber das wunderte die Seherin nicht, wenn sie daran dachte, dass es Nereas Schützling war. „Das Feuer muss gelöscht werden, bevor es dich verbrennt, hä?“
Lyrca machte ein paar Schritte zum Feuer hin und legte wie zur Demonstration Holz nach.
„Du solltest ein paar der Dinge, die du genannt hast, hier in der Umgebung suchen. Bevor dein Geist zu Asche wird und dein Gedärm sich unter der Glut verdreht. Jedoch zunächst –“ Sie verstummte, als die Person, die sich ihnen genähert hatte, mit vorsichtigen Schritten die Lichtung betrat. Die Seherin wollte, dass Zarra sehen würde …
Der Geruch von Holz, Fisch und Talg wehte sanft zu Lyrca herüber, dazu das leise Rascheln von Leinen. Lyrca kannte die Person. Es war eine der Frauen aus dem Dorf. Sie war keine der jungen Frauen, die sie wegen Krankheiten ihrer Kleinen aufsuchte. Oder gar jene, die überhaupt erst versuchten, Leben in die Welt zu bringen. Ihre Kinder waren längst aus dem Gröbsten heraus und hatten dem Vater bei seiner harten Arbeit mit zur Hand zu gehen. Ihren Namen aber hatte Lyrca vergessen. Unwichtige weltliche Details, die im Geist der Eremitin verwehten wie der Rauch einer erloschenen Kerze. Irgendwas mit H.
„Guten Morgen, Lyrca. Ich bins, Moira, ich weiß nicht mehr weiter und brauche deine Hilfe.“
Die Seherin wandte den Kopf. Ja, sie konnte spüren, dass die Frau rastlos war. Eine leichte säuerliche Note der Sorge hatte sich über ihrer Haut ausgebreitet. Sie wäre nicht hier, wenn es ein Problem gewesen wäre, das irgendjemand aus der Gemeinschaft oder die Zeit selbst hätte lösen können.
„Seit einigen Nächten hören wir nachts ein Klopfen vom Dach, als würde irgendein Tier dort sein Unwesen treiben. Jedoch finden wir nichts. Mein Ältester stieg gestern aufs Dach und hat Kratzspuren gefunden. Aber wenn wir nachts, wenn wir die Geräusche hören, aufs Dach leuchten, finden wir nichts. Jetzt eben waren die Geräusche plötzlich wieder zu vernehmen. Ich stieg mit der Leiter hoch, doch habe ich ebenso nichts gesehen. Aber ich … hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Als würde dort etwas sitzen.“
Moira endete ihre Erzählung und bliebt etwas unsicher stehen. Lyrca nickte und neigte den Kopf. Ihre blinden Augen nahmen einen merkwürdigen Ausdruck an.
„Kleine Libelle, nimm das Säckchen mit den Tierknochen von meinem Tisch. Wollen wir doch mal sehen, was da auf dem Dach eingezogen ist, hä?“
Dann deutete sie Moira an, den Weg zu ihrem Zuhause zu zeigen.
Freiya
Schwerer Donner grollte, Blitze zuckten über die Wellenkämme. Dicke schwere Tropfen prasselten unentwegt auf die Decks. Der Wind peitschte die Dünung zu Bergen auf und trieb Regen und Gischt gegen die Bordwand. Die Dauer eines Augenblinzelns entschied darüber, ob der Wasserschwall, das unaufhörlich gegen die stabilen rautiert gefügten Mondglasscheiben der Kajütenfenster traf, gerade süß oder salzig schmeckte.
Der Sturm hatte sie eingeholt.
Selbst hier oben auf dem Achterdeck landete der ein oder andere salzige Spritzer auf den Lippen des Kapitäns. Grimmig drein blickend, den Mantelkragen hochgestellt und den Zweispitz tief ins Gesicht gezogen stand Yared am Steuer seines Schiffes, dass den nächsten Wellenkamm erklomm und mit dem Bug zerteilte. Neben ihm stand Rosskoje, einer dunkelhaariger Vollmatrosen aus dem zentralen Mittelland – der eigentlich eingeteilte Rudergänger auf dieser Hundewache. Doch die Kräfte des Sturms waren gewaltig genug, dass es zweier Männer bedurfte, um die Santorija auf Kurs zu halten. Unten auf dem Hauptdeck führte unterdessen Gallas als Maat das Kommando.
Die Alesstyna war seit mehreren Glasen außer Sicht. Einzig, dass sie dort irgendwo in der Dunkelheit vor ihnen sein musste, konnte Yared als gesichert annehmen. Vielleicht hatte sie der Sturm sogar noch gar nicht eingeholt. Die Schebecke war bereits kurz nach dem Kurswechsel an ihnen vorbeigezogen. Dank ihrer durchgehenden Lateinerbesegelung war sie gegenüber der Santorija im Vorteil je höher am Wind sie segeln mussten. Dafür lag das Pinassschiff vergleichsweise stabiler in der aufgewühlten See und gierte kaum, während sie durch die Wellentäler ritt. Der Kapitän hatte Goya für diesen Fall klare Anweisung erteilt. Es mussten ja nicht zwei Schiffe gemeinsam in diesem Sturm stecken, wenn zumindest eines die Chance hatte, diesem Schicksal zu entgehen.
Das Unwetter, egal, wie durchnässt er bereits war und wie sehr ihm die steifen Böen das Wasser auch gerade in Augen und Bart trieben, kümmerte Yared wenig. Da hatte er bereits mehrere Male schlimmeres durchstanden und sie hatten, wie von ihm in Aussicht gestellt das gortharische Schelfmeer erreicht, bevor die tiefschwarzen Wolken sie hatten einkreisen können. Dieser Sturm war bereits über Land gezogen, wenn auch nur über den Schweif, jene langgezogene Inselkette, die den westlichsten Zipfel Gorthars bildete. Er war bereits abgeschwächt, weit weniger eine Gefahr, auch wenn ein der Seefahrt unbeleckter angesichts des schweren Seegangs ob dieser Feststellung wohl ungläubig mit den Augen gerollt hätte.
Der Korsar starrte auch nicht so grimmig gen Horizont, weil sie etwa damit hätten kämpfen müssen, die Santorija in dem schweren Fahrwasser unter Kontrolle zu behalten. Die beiden Männer hatten das Steuerrad in ihren Händen und das Ruderblatt am Achtersteven unter ihnen sicher im Griff. Es war zu zweit nur weit weniger kräftezehrend, weshalb zwei sich abwechselnde Rudergänger schneller ermüdeten, als wenn sie die Anstrengung über die gesamte Dauer der Wache teilten. Nein, was den Paladin so grimmig dreinschauen ließ, war, was sie hinter dem Horizont erwartete.
Als Treffpunkt war Khorinis mit dem Kapitän der Alesstyna vereinbart. Yared hatte keine persönliche Abneigung gegen die Hafenstadt auf der gleichnamigen Insel. Doch würde er dort vermutlich früher und möglicherweise unerfreulicher mit den Folgen seines kalkulierten Misserfolgs in Gal Ran konfrontiert werden. Etwas, das er sich gerne noch ein wenig – bis Vengard – und für ein anderes Publikum aufgehoben hätte.
Zarras Finger glitten über den Tischrand, tasteten zwischen den verstreuten Dingen, bis sie das Säckchen aus weichem, abgewetztem Leder fand. Die Knochen darin klackten leise gegeneinander, ein heller, trockener Klang, der in ihrer Hand wie ein Herzschlag aus einer fremden Zeit wirkte. Sie schlang die Kordel zweimal um ihre Finger, als müsse sie das Bündel festhalten, sonst würde es sich lösen und davonlaufen.
Moira stand nur einen Schritt entfernt, der Geruch von Salzwasser und Rauch hing an ihrem Kleid. Zarra hob kurz den Blick, erwiderte aber den musternden Blick der Frau nur flüchtig. Ihre Lippen formten ein kaum hörbares „Ja“, ohne dass sie sicher war, ob es wirklich ausgesprochen war. Der Trank, den sie zuvor getrunken hatte, ließ ihre Gedanken schneller laufen, wie Wasser, das einen Hang hinabströmt. Die Worte drängten sich in ihr, fanden aber keinen Platz, um sich zu setzen.
Lyrca setzte sich in Bewegung, und Zarra folgte, Moira einen halben Schritt hinter sich wissend. Der Weg verengte sich zwischen Farnen, deren Spitzen noch feucht vom Morgentau waren. Jeder Schritt löste kleine Schwärme winziger Insekten, die im schrägen Licht aufflammten und wieder vergingen. Das Säckchen in ihrer Hand wog kaum etwas, und doch spürte sie es bei jedem Schritt, als hinge darin etwas, das sie noch nicht verstehen konnte.
Der Pfad führte an einem krummen Apfelbaum vorbei, dessen Äste wie knochige Finger in den Himmel griffen. Zarra war versucht, stehen zu bleiben und die Rinde zu berühren, so wie sie es zu Hause im Sumpf tat – den Puls des Baumes fühlen, die stillen Geschichten unter seiner Haut hören. Doch Moiras Schritte im Rücken hielten sie im Takt, und Lyrcas unbeirrtes Vorangehen ließ keinen Raum für Pausen.
„Dein Dach… ist es alt?“ Die Frage kam schneller als beabsichtigt, und Zarra biss sich sofort auf die Innenseite der Wange. Ihre Stimme klang zu hell, zu direkt. Moira antwortete nach kurzem Zögern, und Zarra nickte, auch wenn die Worte der Frau kaum bei ihr ankamen. Der Trank ließ jede Bewegung in der Umgebung deutlicher erscheinen: das Rascheln eines Vogels im Unterholz, das ferne Knacken eines Astes, das Rinnsal, das über Steine lachte.
Die Bäume öffneten sich zu einem schmalen Hang. Unten lag das Dorf, verstreut zwischen Felsen und windschiefen Zäunen. Die Dächer waren mit Flechten überzogen, einige vom Salz des nahen Meeres gebleicht. Moira ging nun voran, sicher auf den steinigen Stufen, die ins Tal führten. Zarra folgte, das Säckchen nun fest an die Brust gedrückt, als müsse sie es vor dem Wind schützen, der vom Meer herüberstrich.
Die letzten Häuser rochen nach Tang und getrocknetem Fisch. Hunde bellten kurz und verstummten, als sie die kleine Gruppe erkannten. Kinderstimmen wehten vom Kai herauf, irgendwo schlug ein Hammer im gleichmäßigen Rhythmus auf Holz. Zarra fühlte sich fremd und beobachtet, als würden die Blicke durch jede Gasse folgen.
Moira bog in einen schmalen Pfad zwischen zwei Häusern, und schon stand es vor ihnen: ein schmales Haus, dessen Dach dunkel und unruhig im Licht lag. Kein Rauch stieg aus dem Kamin, aber Zarra meinte, ein kaum hörbares Klopfen zu vernehmen – so leise, dass sie nicht wusste, ob es von oben kam oder nur in ihrem Kopf vibrierte.
Sie blieb am Zaun stehen, das Säckchen in beiden Händen, und ließ den Blick langsam über die Dachkante wandern. Irgendetwas an diesem Haus hielt den Atem an.
Das Waldvolk
15.08.2025, 14:08
Lyrca schnalzte mit der Zunge, die belegt war vom Salz des Meeres, das der Wind hier mit sich brachte.
„Hüpf, hüpf, kletter, kletter, du kleiner Scharlatan, was hast du hier zu suchen, hä?“, gackerte sie.
Sie brauchte keine Hilfsmittel, um zu sehen, was den Menschen, die unter diesem Dach wohnten, den Schlaf und letztendlich den Nerv raubte. Schon von weitem hatte sie die kleine Gestalt entdeckt, die am Rand des Dachs hockte und eindeutig nicht hierher gehörte. Der Schwanz der Kreatur hing hinunter, wo die Füße sich am Rand festkrallten und kleine Händchen auf etwas rumknabberten, was im vorigen Herbst mal ein Apfel gewesen sein konnte.
Ihr Gegenüber jedenfalls blickte Lyrca mit großen Augen und Erstaunen an, bisher schien es niemand gesehen zu haben, aber die Alte da sprach ganz eindeutig zu dem Wesen.
„Was ist da?“, fragte Moira, die den Geist des unbekannten Besuchers nicht sehen konnte.
„Ein Mitbringsel“, erwiderte Lyrca. „Wahrscheinlich. Von einem Schatzsucher oder Abenteurer oder wie nennt ihr sie … Piraten.“
„Ein Piratenmitbringsel?“, hakte Moira ungläubig nach.
Lyrca nickte: „Sag ich doch, hä? Hab bisher jedenfalls keine Äffchen hier auf der Insel gesehen, die hier natürlich vorkommen.“
„Hm, ich verstehe“, sprach Moira. „Manche Seefahrer benutzen kleine Affen, damit sie auf Beutezug für sie gehen, hab ich mal gehört.“
Sie legte die Leiter an und kletterte hoch, um einen Blick auf das Dach zu werfen.
„Das erklärt zumindest die Kratzspuren. Aber sehen kann ich das Äffchen nicht“, sprach sie. In ihrer Stimme klangen Zweifel mit, wenngleich sie der Seherin vertrauen wollte.
„Liegt daran, dass es ein besonderes Äffchen ist, hä?“, brummte Lyrca. Sie winkte Zarra heran. Die kleine Libelle sollte nach dem Genuss des Trankes mehr als in der Lage sein, den ungebetenen Gast zu sehen. Wenn nicht … war die Wirkung des Gebräus zu schwach. Doch wenn Lyrca die zarte Statur der jungen Frau bedachte, sollte der Trank mehr als wirken. Und sie irrte sich nie.
„Das ist ein niederer Affengeist. Schädeläffchen. Nein, Totenkopfäffchen. Glaub ich. Hab ich noch nie gesehen. Spielt auch keine Rolle, er gehört nicht hierher. Muss auf einem der Bote hierhergekommen sein, hä?“
„Wir hatten schon ewig keine Piraten oder Schatzsucher oder Ähnliches hier“, sagte Moira nachdenklich.
„Umso länger ist er da. Und gelangweilt wie ein kleines Kind bei einer Kirchenpredigt, der kleine Tunichtgut,“ sprach Lyrca.
Die Seherin blickte zu der Stelle hinauf, wo das Tierchen saß und stemmte die Hände in die Hüfte. Über ihnen zogen graue Wolken vom Wind angetrieben über die Insel und zum Meer hinaus. Die kühle Brise rüttelte am Fell des geisterhaften Einwanderers. Mit Interesse und wachsamen Blick beobachtete er die drei Menschen: Moira auf der Leiter, Lyrca und Zarra auf dem Boden stehend vor der Hütte.
„Kleine Libelle, im Säckchen ist ein Marderschädel mit einer eingeritzten Rune, hä?“, sprach Lyrca schließlich. „Der Affe muss in diesen Schädel einziehen. Du solltest ihn freundlich dazu überreden.“
Freiya
Sie hatte das Säckchen noch immer an der Seite, wo Lyrca es ihr hingegeben hatte, und spürte das Gewicht der Knochen an ihrem Gürtel wie etwas, das längst entschieden war, bevor sie überhaupt wusste, was geschehen sollte. Mit zögernden Fingern öffnete sie den Knoten, der den Stoff verschloss. Ein dumpfes Rascheln, dann lag der Marderschädel in ihrer Hand. Er war kleiner, als sie erwartet hatte – nicht größer als ihre eigene Faust, gelblich, die Zähne noch spitz und gefährlich trotz des Alters, und auf der Stirn ein eingeritztes Zeichen, das sich in das Knochengewebe hineingefressen hatte wie eine Narbe.
Zarra schluckte. Ihre Finger glitten über die Linien der Rune, als könnte sie daran erfühlen, was Lyrca in ihr sah. Doch alles, was sie empfand, war die raue Oberfläche, kühl und schwer.
Ein Windstoß ließ das Schilf hinter ihnen rauschen. Moira stand noch auf der Leiter, das Gesicht ernst, suchend, und doch konnte sie nicht sehen, was Zarra nun sah.
Denn da war er.
Oben auf der Dachkante, im Grau des Himmels hockend, saß das Wesen. Ein kleines Geschöpf, aber alles andere als harmlos. Sein Fell schimmerte nicht wie das eines lebendigen Affen, sondern flackerte, als bestünde es aus Rauchfäden und Mondlicht zugleich. Der lange Schwanz schwang langsam, krallte sich immer wieder neu in die hölzernen Dachziegel. Kleine Hände hielten den Rest eines längst verrotteten Apfels, den er mit unsichtbaren Zähnen zernagte, als sei er noch frisch und süß. Und seine Augen … seine Augen waren groß, schwarz, glänzend wie Pech in der Nacht, und sie sahen direkt auf Zarra.
Ihr Herz machte einen Sprung, der ihr fast den Atem raubte.
Sie wollte sich abwenden, den Blick senken, wie sie es tat, wenn Erwachsene sie zu sehr musterten. Doch irgendetwas, vielleicht der Trank in ihrem Blut, vielleicht die Erwartung Lyrcas, hielt sie fest. Ihre Lippen öffneten sich, bevor sie sich überlegen konnte, was sie sagen sollte.
„Hallo …“, hauchte sie.
Der Schädel in ihrer Hand schien zu vibrieren, als würde er die Aufmerksamkeit des Geistes auf sich ziehen. Der Affe legte den Kopf schief, warf den Apfelrest achtlos vom Dach, wo er lautlos im Gras verschwand. Dann sprang er ein Stück näher, seine Krallen kratzten über das Holz, und er hockte sich mit gebeugtem Rücken, neugierig, beinahe verspielt.
„Ich … ich weiß, dass du nicht hierher gehörst“, flüsterte Zarra, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Du … du bist vom Meer gekommen, oder?“
Das Wesen gab keinen Laut von sich, aber sein Schwanz schlug schneller, als ob es das Gewicht ihrer Worte fühlte.
Hilde – nein, Hilde war nicht hier, sie erinnerte sich an die Reise – Moira dagegen atmete hörbar, oben auf der Leiter, und fragte: „Siehst du etwas?“ Zarra wagte nicht, ihr zu antworten. Die Worte wären zu schwer gewesen, zu unsicher. Also schwieg sie, hielt den Schädel ein Stück höher, so, dass der Geist ihn sehen konnte.
„Sie sagt, du … sollst hier hineinziehen“, fuhr sie stockend fort, die Finger fester um das Knochenstück geschlossen. „Ich weiß nicht … wie das geht. Aber vielleicht … vielleicht gefällt es dir besser, als hier allein auf einem Dach zu hocken. Niemand … niemand wird dich dort vertreiben. Es ist … sicher.“
Sie wusste nicht, ob sie ihn beschwor oder anbettelte. Ihre Stimme war ein Zittern zwischen beiden.
Der Affe blinzelte, kratzte sich mit einer seiner durchscheinenden Hände am Ohr, dann machte er einen Satz, so schnell, dass Zarra instinktiv zurückwich. Seine Gestalt zerfloss für einen Augenblick, als hätte der Wind ihn erfasst, und plötzlich saß er nur noch einen Armzug entfernt am Dachrand, den Kopf so tief geneigt, dass seine pechschwarzen Augen fast auf ihrer Höhe waren.
Zarras Atem ging schneller. Der Trank rauschte in ihren Adern, und sie hörte den eigenen Herzschlag im Hals.
„Bitte“, brachte sie hervor, kaum mehr als ein Hauch. „Du … du störst sie. Die Frau … ihre Kinder. Sie haben Angst. Aber du brauchst das doch nicht. Du bist doch … frei. Vielleicht … vielleicht findest du ein Zuhause in diesem Schädel.“
Ihre Finger zitterten, als sie die Knochen ein Stück weiter nach vorne streckte, so dass er im fahlen Licht aufblitzte. Die Rune schien für einen Herzschlag lang heller, als hätte der Schädel selbst die Worte bestätigt.
Der Affe rührte sich nicht. Doch Zarra hatte den Eindruck, dass sein Blick nicht mehr auf sie, sondern auf das Knochenstück gerichtet war.
„Ich … ich weiß, wie es ist, nicht zu wissen, wohin man gehört“, flüsterte sie nun, und ihre Stimme bekam für einen Moment eine andere Tiefe, fast so, als würde etwas Altes in ihr mitschwingen. „Aber … vielleicht kann man es lernen. Mit ein wenig Mut.“
Sie wusste nicht, warum sie das sagte. Vielleicht war es für das Wesen. Vielleicht für sich selbst.
Hinter ihr hörte sie Lyrcas Atem, geduldig, wachsam, wie das Knacken von Holz im Feuer. Moira dagegen rief erneut von der Leiter: „Was passiert da? Sag mir, was du siehst!“ Doch Zarra konnte nicht. Nicht jetzt.
Denn das Schädeläffchen neigte langsam den Kopf, als verstünde es, was man ihm anbot. Seine Form begann zu flimmern, zu vibrieren, und der Rauch, aus dem es gewoben schien, löste sich in dünnen Fäden auf, die wie Spinnenweben vom Wind erfasst wurden. Einen Moment lang schwebte sein Gesicht klar und deutlich vor ihr, Augen wie zwei schwarze Spiegel, und dann … zog es hinein.
Ein Schauer lief über ihre Arme, als der Geist in den Schädel fuhr. Die Rune auf der Stirn glomm kurz auf, dann erlosch wieder, still, als wäre nichts geschehen.
Zarra stand regungslos da, den Knochen noch immer in beiden Händen, die Finger feucht vor Schweiß. Ihr Atem ging schnell, doch sie wagte nicht, etwas zu sagen. Nicht zu Lyrca, nicht zu Moira, nicht einmal zu sich selbst. Nur der leise Gedanke, dass etwas Wichtiges geschehen war, etwas, das sie noch lange nicht verstehen würde.
Und doch … ein kleines Flattern in ihrer Brust sagte ihr, dass die Libelle vielleicht gerade zum ersten Mal die Flügel bewegt hatte.
Das Waldvolk
22.08.2025, 00:02
Lyrca war ehrlich überrascht gewesen. Ja, ab und zu gelang es auch, dass die Seherin noch vom Lauf der Dinge überrascht wurde.
Dass der kleine Schädelaffe sich da hatte einfach reinquatschen lassen. Sie hatte das richtige Gespür gehabt, als sie Zarra damit beauftragt hatte. Die kleine Libelle musste ihre Flügel ein wenig strecken und über unbekannte Wasser fliegen, aber sie hatte es getan. Hatte auf ihr Innerstes, ihr Wesen, gehört, und sich nicht verbogen. Sondern das genutzt, was ihr muttergegeben war. Womit sie vertraut gewesen war. Keine brachiale Gewalt. Sondern Feingefühl. Etwas, was Leute, die Dinge erforschen wollten, brauchten.
„Merk dir eins, kleine Libelle“, knarzte Lyrcas Stimme, „derjenige, der ein Ding zerbrechen muss, um zu verstehen, wie es funktioniert, hat den rechten Weg verlassen.“
Sie sagte es, als hätte Zarra ihre Gedankengänge vorher mitbekommen und nicht nur das vermeintlich zusammenhangslose Ende gehört. Ohne ein weiteres Wort wandte die Seherin sich ab und schlug den Weg zu ihrer Lichtung wieder ein. Ihre Aufgabe hier war erledigt. Moira würde sie sicher irgendwann mit irgendwas bezahlen wollen. Doch das spielte momentan keine Rolle für Lyrca. Moira rief noch Worte des Dankes hinterher, die die blinde Seherin mit einem kurzen Nicken quittierte.
Ihre Schritte trugen sie energisch weg vom Küstendorf und wieder hin zum Herzen der Insel zwischen die Bäume. Die Libelle flog hinter ihr her.
„Nur grobmotorische Idioten nutzen Gewalt, hä? Gut gemacht“, nahm sie noch einmal den Faden auf, als sie sich alleine mit der jungen Frau wähnte. „Nimm das Äffchen mit aufs Festland. Es gehört nicht hierher, hä? Bring es demjenigen, der den großen Affen im wilden Herzen trägt. Er lebt schließlich bei euch. Soll der entscheiden, was damit passiert.“
Die beiden Frauen hatten die Lichtung erreicht und Lyrca summte eine kleine, sehr alte Weise, während sie zu ihrem Tisch stiefelte.
„Nerea hat gut an dir getan, Kind“, murmelte sie, als sie einen Mörser griff und ein paar welke Kräuter mit einem Stößel zerrieb. Dann schritt sie zu Zarra und schmierte ihr die entstandene Paste auf den Handrücken.
„Hoch in die Nase und ab schön ins Gehirn damit. Die Felsnessel wird deinen Geist und das blubbernde Gedärm beruhigen“, sagte sie und deutete der jungen Frau an, den Brei zu schnupfen.
Dann wandte sie sich wieder um und stellte den Mörser samt Stößel mit geübten Griffen auf ihrem Tisch ab. Summend griff sie nach einer sauberen Schale und ging zum Eimer, über dem der tote Hase ausgeblutet hatte. Weiter summend ließ sie die Schüssel eintauchen und schöpfte etwas von der kostbaren roten Flüssigkeit ab. Sie schnupperte daran und ließ ein wohliges Schnurren hören. Dann ging sie langsam zu Zarra rüber. Sie tauchte ihre linke Hand in das Blut und streckte sie nach Zarras Gesicht aus. Kahlte, raue Finger trafen auf zarte blasse Haut und hinterließen rote Spuren. Sie zeichnete eine Rune auf Zarras linke Wange, dann spiegelverkehrt auf ihre rechte Wange. Das Mädchen ließ es geschehen. Sie summte weiter leise vor sich hin, als würde sie an einer Flusslandschaft stehen und jenen Fluss vor sich mit Pinsel und Farbe auf eine Leinwand bringen.
Abschließend zeichnete sie erneut die Rune auf Zarras Stirn, diesmal kopfüber.
„Drei Brüder. Aber eine Mutter, hä?“, murmelte sie und presste dann ihre Handfläche auf die Stirn der Libelle.
„Flatter los und flieg davon, kleine Libelle. Und sieh!“
Freiya
Sie stand still, als Lyrcas Finger auf ihre Haut trafen. Rau und kalt, dann klebrig-warm, als sich das Blut in Linien über ihre Wangen zog. Ein Kribbeln breitete sich aus, dort, wo die Rune gezeichnet wurde, und sickerte tiefer, wanderte in feinen Bahnen wie Wasser unter einer Rinde. Sie wagte nicht, die Augen zu schließen, wagte aber ebenso wenig, den Blick zu heben.
Das Summen der Seherin füllte die Lichtung, als gehörte es nicht einer Stimme, sondern dem Ort selbst. Zarra hörte darin ein Wispern, ein Tropfen, ein fernes Heulen – lauter Dinge, die keinen Namen hatten, und doch fühlte es sich vertraut an.
Der Brei, den sie geschnupft hatte, brannte in ihrer Nase. Erst scharf wie Feuer, dann kühl wie Morgentau. Sie schluckte mehrmals, als würde die Felsnessel tief in ihr etwas glätten. Ihr Herz schlug noch unruhig, doch die Rastlosigkeit des Tranks wich einer anderen Klarheit. Die Welt um sie herum schien fester zu werden, deutlicher in ihren Konturen, als hätte jemand Nebel aus ihren Gedanken gestrichen.
Lyrcas Hand lag nun auf ihrer Stirn, schwer, fast wie eine Last, und zugleich so zwingend, dass es keinen Widerstand geben konnte. Zarra atmete stoßweise aus, spürte, wie das Blut sich kühlend an ihrer Haut festsetzte.
Drei Brüder. Aber eine Mutter.
Die Worte hallten nach, tiefer, als Sprache jemals hallen durfte.
Etwas öffnete sich in ihr.
Nicht wie eine Tür, die knarrend ins Schloss fällt, sondern wie ein Flügelschlag, kaum hörbar, aber stark genug, um Staub aufzuwirbeln. Bilder drängten sich auf: der Ameisenhügel, das Summen der Insekten, Nereas Hände, die Kräuter zerrieben, der Sumpf in feuchtem Licht. Dann der Affengeist, seine schwarzen Augen, die wie Spiegel alles zurückwarfen, was sie ihm gesagt hatte.
Sie spürte, wie ihr Kopf leichter wurde, als ob er den Himmel zu fassen versuchte. Gleichzeitig brannte es tief im Magen, als würde dort ein Rest der Flammenbeere immer noch glühen. Das Gegengewicht zwischen Schmerz und Weite hielt sie aufrecht, schwankend, aber nicht stürzend.
Zarra hob langsam die Hände und legte sie über den Marderschädel, den sie noch bei sich trug. Seine glatte Form fühlte sich anders an – nicht mehr nur wie Knochen, sondern wie ein Gefäß. Warm, als wäre das kleine Affenherz darin tatsächlich am Schlagen.
Lyrca summte weiter, doch Zarra hörte nur noch den Ton, nicht die Stimme. Sie hörte Wasser, das über Steine rann, hörte Flügel, die aneinander rieben, hörte den eigenen Atem wie Wind in einer Höhlung.
Und dann – für einen Moment – sah sie.
Nicht mit den Augen. Sondern mit dem, was Lyrca ihr aufzwingen wollte.
Sie sah einen Fluss, breit und dunkel, der von allen Seiten Nebel sammelte und sie in die Ferne trug. Über dem Wasser schwärmten Libellen, blau, grün, weißlich schimmernd. Eine von ihnen war größer als die anderen, mit Flügeln, die fast durchsichtig waren, und doch glühten. Sie wusste nicht, warum, aber sie wusste: Das war sie selbst.
Ein Schauer durchlief sie. Nicht vor Angst. Nicht vor Stolz. Sondern vor der Wucht dessen, was sie nicht verstand.
Zarras Knie gaben nach, sie fing sich mit einer Hand auf dem Tisch ab. Ihre Finger streiften dabei Kräuter, trocken und brüchig, die sofort ihren Geruch freisetzten. Thymian, Ysop, ein Rest Salbei. Düfte, die sie an Zuhause erinnerten, an Nereas Hütte, an Abende, an denen die Alte ihr Geschichten von Pflanzen und Ahnen erzählte.
Die Rune auf ihrer Stirn pulsierte. Ein dumpfer Schlag, als hätte ihr Herz nun auch dort einen Sitz gefunden.
Sie hob den Blick, atmete tief. Vor ihr wirkte die Welt nicht mehr wie eben. Die Schatten hatten Tiefe, der Wind hatte Farbe, das Gras hatte Stimmen. Alles redete. Alles lebte.
Ihre Lippen öffneten sich, doch sie brachte kein Wort hervor. Alles, was sie hätte sagen können, war zu klein für diesen Augenblick.
Also nickte sie nur.
Eher zu sich selbst als zu Lyrca.
Ein Nicken, das sagte: Ja. Ich sehe.
Und mit diesem Nicken wusste sie, dass sie den ersten Flügelschlag gemacht hatte – und dass es kein Zurück mehr gab.
Das Waldvolk
28.08.2025, 00:39
Es hätte Zarras Nicken nicht bedurft, damit Lyrca erkannte, dass die junge Frau sah. Jeder, der es wahrhaftig tat, zeigte es mit all seinen Sinnen. Denn er schmeckte das Licht, fühlte das Trippeln der Ameisen auf dem Boden und roch das Wiegen des Grases.
Die Welt, die sich wahrhaftig ausbreitete, konnte man nun ungefiltert wahrnehmen. Das wahre Wesen der Dinge. Schön und überwältigend. Entstellt und brutal in seinem Dasein. So manchen, der unvorbereitet war, trieb es an den Rand des Wahnsinns.
Doch die Libelle schlug sich gut, stellte Lyrca zufrieden fest.
Da kamen selbst die Anderen, um neugierig zu schauen, wessen zarte Flügel da über die Lichtung flatterten.
„Verschreckt sie nicht, hä?“, murmelte Lyrca und tauchte ihre Hand in die Schale, um ein paar Blutspritzer um sich herum zu verteilen. Die Anderen griffen und sprangen gierig nach den Blutstropfen, doch blieben ihre Augen dem eher ungewöhnlichen Duo zugewandt, nachdem sie aufgesogen hatten, was Lyrca ihnen als kleine Nascherei dargeboten hatte. Schwarze Schemen von Lebewesen aus einer anderen Sphäre, die sich in diese Welt verirrt hatten und hier festsaßen und doch eine Art Heimat bei der Seherin gefunden hatten. Man musste sich schon sehr lange mit ihnen beschäftigen, um mehr als einen Schatten und ein paar große, wild anmutende Augen zu erkennen. Doch Lyrca hatte Zeit und konnte sich jedem einzelnen von ihnen widmen wie einem Kind, das in eine große Pflegefamilie kam und dessen neue Mutter dem Schützling einen Platz schuf.
Sie kamen näher und schnüffelten und betrachteten den neuen Gast in ihrer Mitte. Ein großer Schemen hinter Zarra nahm eine Strähne des hellen Haares und kaute drauf herum. Ein anderer, kleiner Schatten wieselte sich in einen Ärmel der jungen Frau und zum anderen Ärmel wieder hinaus. Ein weiterer Schemen schmolz an ihren Knien wie zu einer großen dunklen Pfütze mit Augen.
„Genug gespielt, hä?“, bestimmte Lyrca dann. Die Schatten ließen sofort von Zarra ab und nahmen etwas Abstand. „Wir haben noch etwas zu tun …“
Die Seherin verstärkte wieder den Druck ihrer Hand auf Zarras Stirn und lenkte ihren Blick wieder über das Meer, hin zum Großen Baum.
„Der alte Wächter hat tiefe Wurzeln“, sagte sie mit einer tiefen Stimme. „Sie reichen viel weiter in die Erden hinein, als wir es und vorstellen können.“
Sie lenkte Zarras Blick auf jene starken Wurzeln.
„Wasser umspülen diese Wurzeln. Wasser aus einer Zeit, bevor es den ersten Halm auf dieser muttergeweihten Erde gab.“
Sie sahen kräftiges Holz umspült von reinstem Quellwasser.
„Dort, wo der große Wächter gesund ist, ist es das Wasser des Lebens. Es lässt gesunden, wachsen, gedeihen. Es kennt keine Krankheiten und Korruption, seine Reinheit verdrängt alles Unreine.“
Sie sahen sprudelndes Wasser, wie es zwischen den Wurzeln an die Oberfläche kam wie ein kleiner Quell.
„Doch Obacht, hä? Das Wasser an den kranken Wurzeln kann das Gegenteil erzeugen.“ Schwarzes Holz in einer fauligen und ekelerregenden Brühe war vor ihren Augen zu erkennen. „Es ist nicht deine Aufgabe, zu heilen, was verdorben, kleine Libelle. Nicht jetzt.“
Langsam lockerte sie den Griff an Zarras Stirn. Die Bilder zogen sich vor ihnen zurück.
„Der Große Bruder hat das Wasser angereichert. Es ist eine Gabe.“
Damit löste sie ihre Hand. Es war alles gesagt.
Die Anderen waren verschwunden und die Alte stand auf, um etwas Holz auf dem kleinen Feuer auf der Lichtung nachzulegen. Dann ging sie an den Tisch und begann sich ihren täglichen Tätigkeiten zu widmen. Zarra schenkte sie erstmal keine Beachtung mehr. Es gab nichts mehr zu bereden.
Freiya
Der Druck auf ihrer Stirn hatte nachgelassen, doch er glühte noch nach wie ein Abdruck, den man nicht mit den Händen wegwischen konnte. Ihre Haut prickelte dort, wo Lyrcas Finger gelegen hatten, als wäre dort ein zweiter Puls, der leise gegen den eigentlichen pochte.
Sie stand mit leicht gesenktem Kopf da, während die Welt sich wieder zusammenzog. Der Glanz der Dinge, dieses Übermaß an Stimmen und Formen, zog sich zurück wie ein Gewitter, das am Horizont in der Ferne rumorte. Aber sie wusste, es war nicht fort. Nur verschleiert. Unter der Oberfläche.
Die Schatten, die sich noch eben um sie geschlungen hatten, waren verschwunden. Und doch spürte sie sie noch. Als wäre da ein Rest von Kälte in ihrem Haar, wo die Strähne umschlungen worden war. Ein Rascheln in den Ärmeln, das nicht mehr da war, aber die Haut dennoch kribbeln ließ. Und die dunkle Pfütze mit den Flecken, die aussahen wie Augen – Zarra musste schlucken, als die Erinnerung sie erneut durchfuhr. Ein Teil von ihr hätte weglaufen wollen, hätte sich in den Sumpf oder in einen Haufen Laub verkrochen. Doch etwas anderes, ein dünner, fester Faden in ihr, war fast traurig gewesen, als die Schatten von ihr abließen.
Sie fühlte sich wie eine Libelle, die gerade zum ersten Mal die eigenen Flügel gespürt hatte – zittrig, ungeübt, aber unaufhaltsam.
Langsam hob sie die Hand, tastete über die Wange, wo Lyrca die blutige Rune gezeichnet hatte. Das getrocknete Blut fühlte sich rau an, brüchig, als könnte es gleich abblättern. Der Geruch war metallisch, stark, aber nicht abstoßend. Eher … erdend.
Zarra atmete tief ein. Das Bild des großen Baumes stand noch immer vor ihrem inneren Auge. Die Wurzeln, die sich unendlich weit in die Tiefe zogen. Umspült von Wasser, klar und sprudelnd. Sie hatte gespürt, wie lebendig dieses Wasser war, wie es jede Faser berührte und durchdrang, als wäre es mehr als nur Wasser – als wäre es Erinnerung, Anfang und Ende zugleich.
Doch das andere Bild ließ sie nicht los. Schwarzes Holz, faulig, gebrochen, von stinkender Brühe umgeben. Die Vorstellung, dass etwas so Mächtiges, so Altwürdiges, krank sein konnte, ließ ihr Herz schwer werden. Sie erinnerte sich an Lycras Worte: Es ist nicht deine Aufgabe, zu heilen, was verdorben.
Sie war fast erleichtert über diesen Zusatz. Denn die Bilder hatten in ihr ein Aufbäumen erzeugt – das Bedürfnis, hinzugreifen, etwas zu tun, das Holz zu stützen, die Brühe wegzuwischen. Aber Lycras Stimme war wie ein Seil, das sie zurückhielt. Noch nicht.
Sie senkte den Blick auf ihre Hände. In der einen hielt sie noch immer den Marderschädel, kühl und fest. Es war seltsam, dass dieses kleine Ding nun ein Gefäß für einen Geist war, ein Äffchen, das Moira und ihre Familie geängstigt hatte. Sie fragte sich, ob es sich darin wohlfühlte. Oder ob es nun ebenso wie sie selbst nur ein Gast war, der lernen musste, wie man in ein neues Gefäß hineinwächst.
Ihre Knie waren weich, als sie sich auf den Rand des Holztisches stützte. Lyrca hatte sich abgewandt, summte wieder vor sich hin, das Feuer knackte, der Hase im Eimer war vergessen. Die Seherin brauchte keine Worte, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Es war, als sei das Wesentliche getan, und alles andere nun Nebensache.
Zarra jedoch war noch nicht soweit. Ihre Gedanken rasten, wie Ameisen, wenn man ihren Haufen aufgestört hatte. Sie wollte fragen. Wollte wissen. Wollte begreifen, warum sie diese Bilder gesehen hatte, warum die Schatten gekommen waren, was der Baum wirklich war. Aber sie traute sich nicht. Die Worte hingen ihr auf der Zunge, doch Lyrcas Rücken war wie eine Mauer, die keine Antwort zuließ.
Also schwieg sie.
Ihre Augen wanderten über die Lichtung. Alles schien gleichzeitig vertraut und fremd. Die Gräser, die Moose, die Farnwedel. Jeder Atemzug ließ sie mehr spüren, mehr hören – die winzigen Bewegungen der Käfer im Boden, das Wippen der Halme im Wind, das Tropfen von Tau irgendwo im Unterholz. Alles war lauter, präsenter, als hätte die Welt sich aufgedreht.
Zarra legte die Hand auf den Beutel an ihrer Seite. Dort lagen die beiden restlichen Bernsteinperlen. Sie dachte an Nerea, wie sie sie ihr wortlos gegeben hatte. Vielleicht hatte ihre Großmutter gewusst, dass dies hier geschehen würde. Dass sie mit einem Schädel, mit Blut im Gesicht, mit den Schatten im Nacken an einer Schwelle stehen würde. Der Gedanke war tröstlich und furchteinflößend zugleich.
Ihre Lippen bewegten sich, fast unhörbar: „Oma …“
Es war kein Hilferuf. Eher ein Bekenntnis, dass sie an sie dachte. Dass sie ihr vertraute, auch hier, in diesem fremden Kreis aus Rauch und Blut.
Zarra richtete sich ein wenig auf. Ihr Herz pochte nicht mehr so wild wie zuvor, der Trank schien sich mit der Paste zu verbinden und sie zu beruhigen. Aber sie wusste: etwas in ihr hatte sich verschoben. Wie ein Ast, der in einen anderen Winkel wächst.
Lyrcas Worte hallten noch immer in ihr nach. Der Große Bruder hat das Wasser angereichert. Es ist eine Gabe.
Eine Gabe.
Aber auch eine Bürde.
Sie wusste nicht, ob sie bereit war. Aber vielleicht musste man das nicht wissen, um den ersten Schritt zu tun.
Langsam setzte sie sich auf den Boden der Lichtung, die Beine angezogen, den Schädel in den Händen. Ihre Finger fuhren über die Rune, die jetzt schwach vibrierte, als würde das kleine Wesen darin sich rühren. Sie lächelte schwach, fast unsicher, aber ein Lächeln war es dennoch.
Die Libelle hatte die Flügel bewegt. Und auch wenn sie noch nicht wusste, wohin der Flug sie tragen würde, so wusste sie doch: es gab kein Zurück in den Kokon.
Das Waldvolk
01.09.2025, 01:04
„Oma.“
Dieses Wort kam so leise, fast lautlos über die Lippen der kleinen Libelle, und doch trug der Wind es über Lyrcas Lichtung wie einen warmen Sonnenstrahl. Ein Gruß aus längst vergangener Zeit. Lyrca hielt inne. Sie ließ wirken, was das Wort mit ihr machte. Das sachte Gefühl auf der Haut ihrer Handgelenke, wie ein zartes Kribbeln.
Die blinde Seherin hob leicht die Mundwinkel.
Wie lange hatte sie dieses Wort aus dem so jungen Schnabel dieses so jungen Mädchens nicht mehr gehört? Ewig und drei Tage war es her und dennoch waren es Erinnerungen, die man mit sich trug und die einem vor dem inneren Auge aufgingen, als hätte man sie eben erst erlebt.
Damals, vor vielen Monden, kam Nerea nach Tooshoo, und mit ihr ihre junge Enkelin. So zerbrechlich wie die Flügel jener Libelle, deren Sippe sie angehörten. Lyrca hatte den Kummer von Nerea damals auch ohne ihre seherischen Fähigkeiten und ohne ihr Augenlicht erkannt. Der Verlust, den die ältere Frau erlebt hatte, und die Sorge, die sie umtrieb, waren tief in ihre Bewegungen, in ihre Worte, in ihren Gang eingewebt. Doch Hoffnung, wenn auch nur ein wenig, hatte sie begleitet und war vor allem in den Augen des kleinen scheuen Mädchens zu finden gewesen. Hoffnung, die wuchs, je länger sie dort blieben, je mehr sie sich in der Gemeinschaft einlebten.
Lyrca und Nerea hatten viele Streitgespräche geführt über den Sinn und Unsinn von Bräuchen, von Flüchen, vom Blut, das dicker war als jedes Wasser und alles durchdrang, und dem Schicksal. Doch als Lyrca die Gemeinschaft verlassen hatte, weil sie nach Feshyr gegangen war, war Nerea immer noch voller Zweifel gewesen.
„Sie wird eines Tages fliegen lernen, ob du das willst oder nicht“, hatte Lyrca damals zu Nerea gesagt. Und sah einer an, Zarra flog. „So ist der Lauf der Dinge. Jene, die nach uns kommen, werden Dinge versuchen und erreichen, von denen wir nicht zu träumen wagten. Das wird auch für das Kind deiner Tochter gelten.“
Die Bernsteinperle war ein Gruß gewesen von Nerea an Lyrca. Eine wohlwollende, ja eigentlich liebevolle Geste, als Erinnerung an ihre Freundschaft. Und natürlich auch an ihr Versprechen, sich eines Tages die kleine Libelle genaustens anzusehen. Doch es gab nichts zu sehen. Also, nichts, um das Nerea sich Sorgen machen müsste und das in ihrer Hand als ihre Großmutter lag.
Das Mädchen mit den hellen Haaren würde ihren Weg gehen - oder fliegen, je wie es nahm - und der würde nicht immer von Sonnenschein begleitet sein. Aber wessen Weg war das schon?
Nerea hatte ihrer Enkelin ein paar Sachen an die Hand gegeben, wie das Verständnis für Kräuter, das ihr helfen würde. Den Rest begann die junge Frau sich schon selbst zu erarbeiten.
Lyrca griff in ein Säckchen aus dunklem, weichen Leder und holte eine perlmutt-farbene Perle heraus. Kurz nahm sie diese zwischen die Finger, dann in die Handfläche, als wollte sie sie aufladen mit ihrer Körperwärme.
Dann ging sie zur jungen Rimbe und reichte ihr die Perle.
„Für deine Großmutter. Sag ihr, dass du bereit bist. Nicht, weil ich es gesagt habe, hä? Sondern weil es eine unumstößliche Tatsache ist“, sagte sie dann mit einer Stimme wie kratzige Wolle. „Hanon le, Zarra, für deinen Besuch.“
Freiya
Die Perle lag auf Lycras Handfläche, als wäre sie aus Mondlicht geboren. Glatt, schimmernd, fast zu rein, um in die rauen Finger der alten Seherin zu passen. Und doch: sie passte. Weil alles an dieser Frau passte – auch das, was man nicht begreifen konnte.
Zarra wagte kaum, hinzusehen. Ihre Finger zögerten, als würden sie ein fremdes Tier berühren wollen, das jederzeit beißen könnte. Schließlich nahm sie die Perle, legte sie behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war kühl, dann wärmte sie sich langsam, so wie Bernstein es tat. Aber dies war kein Bernstein. Sie glänzte wie eine Muschel, die das Meer selbst geformt hatte.
Ein Schauer lief Zarra über den Rücken.
„Für deine Großmutter …“ – Lycras Stimme hatte noch in der Luft nachgezittert, kratzig, aber warm wie ein alter Mantel, in den man sich trotz aller Löcher gern hüllt.
Zarra drückte die Perle an ihre Brust, dort, wo der Stoff des Umhangs vom Sumpfgeruch getränkt war. Der Schlag ihres Herzens klang ihr im Ohr, viel zu laut. Sie blinzelte, und für einen Moment sah sie Nereas Gesicht. Wie sie im Dämmerlicht der Kräuterkammer saß, die Hände rußig, die Haare zu einem strengen Zopf geschlungen. Die Art, wie sie immer so tat, als sei sie streng, und doch … wie viel Wärme in jeder ihrer Gesten lag.
Ein Kloß stieg ihr in den Hals. Worte hätten sich formen können, aber sie wagte es nicht, sie hier auszusprechen. Nicht, wo Lycras Augen sie durchdrangen, auch wenn sie blind waren.
Stattdessen nickte sie, kaum merklich.
Sie ließ die Perle in den Beutel gleiten, zu den anderen zwei Bernsteinperlen, die noch dort ruhten. Drei und eins. Bernstein und Muschel. Sie wusste nicht, ob darin eine Ordnung lag, aber sie spürte, dass sie es eines Tages verstehen würde.
Der Trank summte noch immer in ihrem Blut. Nicht mehr so scharf wie zuvor, eher wie ein ferner Ton, der nachhallte. Er machte ihre Gedanken schneller, lauter. Sie konnte das Knacken des Feuers hören, als wäre es ein Herzschlag. Den Wind durch die Farnwedel, als flüsterten sie ihr zu. Selbst das Schweigen Lycras hatte Klang.
Sie wollte etwas sagen. Ein Dank vielleicht. Ein Wort der Demut. Aber ihre Zunge klebte, und sie fürchtete, es könnte zu klein wirken neben all dem, was hier geschehen war.
Also schwieg sie.
Ihre Augen wanderten über die Lichtung. Dort der Holztisch, die Federn, die Schalen, das Blut im Eimer. Dort die Schatten, die nicht mehr da waren, und doch … sie fühlte sie noch, wie kalte Finger auf ihrem Rücken. Und irgendwo über all dem das Bild des großen Baumes, das sich in ihr eingebrannt hatte wie eine Rune in Holz. Wurzeln, die in helles, lebendiges Wasser tauchten. Und Wurzeln, die faulten, krank, schwarz.
Sie wusste, Lycras Worte waren mehr als eine Warnung gewesen. Es war eine Lektion. Nicht jetzt.
Nicht ihre Aufgabe. Noch nicht.
Aber irgendwann vielleicht.
Zarra legte den Schädel, den sie die ganze Zeit getragen hatte, vorsichtig auf den Tisch. Der Äffchengeist rührte sich darin kaum spürbar, als würde er schlafen. Ihre Finger wanderten streichend auf der glatten Oberfläche, beinahe zärtlich. Vielleicht verstand er sie wirklich. Vielleicht hatte er sie nur aus Langeweile erhört. Aber er war geblieben. Und das hieß etwas.
Ihre Lippen öffneten sich, diesmal fand sie Worte. Leise, fast flüsternd: „Ich werde auf dich aufpassen.“
Ob sie den Geist meinte, die Perle, oder sich selbst, wusste sie nicht. Vielleicht alles zugleich.
Ein leiser Windstoß trug Rauch vom Feuer zu ihr herüber. Er brannte in der Nase, aber er brachte auch Klarheit. Zarra zog die Decke, die Hilde ihr am Morgen gegeben hatte, enger um die Schultern. Der Tag hatte sich verändert, ohne dass die Sonne heller oder dunkler geworden wäre. Er war einfach … anders.
Sie sah zu Lyrca. Die Seherin summte, rührte Kräuter im Mörser, so, als sei alles, was geschehen war, nur ein weiterer Atemzug in einem langen Leben. Kein Blick mehr für Zarra, keine Aufmerksamkeit, als wäre sie jetzt auf sich gestellt. Und vielleicht war genau das der Sinn.
Zarra presste die Lippen zusammen, dann atmete sie langsam aus. Der Kopf war schwer von Eindrücken, das Herz voller Bilder, die sie noch nicht zu ordnen wusste. Aber tief in ihrem Bauch fühlte sie dieses leise Flattern. Wie Flügel, die nicht mehr ganz im Kokon ruhten.
Sie erhob sich langsam, strich über den Beutel an ihrer Seite, in dem die Perlen nun schlummerten. Ein Stück Nerea. Ein Stück Lyrca. Und ein Stück von ihr selbst.
Ihre Beine trugen sie ein paar Schritte über die Lichtung, weg vom Feuer, hinein ins Grün. Dort blieb sie stehen, lauschte den Stimmen des Waldes, die ihr vertraut und neu zugleich waren.
Sie wusste nicht, was der nächste Schritt sein würde. Aber zum ersten Mal fühlte sie, dass sie ihn gehen konnte.
Und dass, wenn sie wieder zu Nerea zurückkehrte, sie nicht mehr dasselbe Mädchen sein würde, das von Tooshoo aus aufgebrochen war.
Sie sah auf ihre Hände. Noch immer klebte Blut an den Fingern, trocken und brüchig. Sie ließ es dort. Noch ein wenig. Als Zeichen, dass sie gesehen hatte.
Dann zog sie die Schultern zurück.
Und atmete.
Tief, frei, fast wie im Flug.
Der Morgen brach klarer an als der letzte. Kein schwerer Nebel hing über Feshyr, sondern ein fahles Licht, das von der See her flutete. Über den Felsen flatterten Möwen, ihr Kreischen stach durch die Stille, die zwischen ihr und Lyrca zurückgeblieben war.
Zarra hatte die Nacht unruhig verbracht, kaum geschlafen. Bilder hatten sich in ihre Lider gebrannt: der große Baum mit den Wurzeln, das klare Wasser, das faulige, die Schatten, die an ihr gezupft hatten. Und Lycras Hand auf ihrer Stirn, schwer wie ein Siegel. Die Perle in ihrem Beutel fühlte sich an, als sei sie ein Herz, das nicht zu ihr gehörte, und doch in ihrem Rhythmus schlug.
Als sie nun aufbrach, war Lyrca nicht bei ihr. Die Seherin hatte nur eine knappe Geste gemacht, ein Summen, das wie ein Abschied klang und zugleich wie ein „geh“. Keine weiteren Worte, kein Rückblick. Zarra hatte verstanden: alles Wichtige war gesagt worden. Der Rest lag bei ihr.
Roan und Hilde warteten am Strand. Sie standen da wie zwei Stämme, fest im Sand, und hoben nur kurz die Köpfe, als sie sich näherte. Kein Fragen, kein Drängen. Nur dieses stille Einverständnis, das ihnen eigen war. Roan prüfte die Taue, Hilde legte ein Bündel Proviant in den Kahn. Zarra trat schweigend dazu, der Beutel schwer an ihrer Seite, der Schädel darin und die Perlen.
Der Kahn glitt bald wieder über die Wellen. Das Meer war unruhiger als auf der Hinfahrt, die Wellen schlugen seitlich gegen den Bug und ließen den kleinen Lastensegler knarren. Gischt spritzte über die Ränder, kühlte ihr Gesicht, mischte sich mit dem Salz, das noch immer auf ihrer Haut lag von Lycras Ritual.
Zarra saß mittig, wie zuvor. Ihre Finger ruhten auf dem Holz, aber ihre Gedanken waren weit. Immer wieder tastete sie nach dem Beutel, ob er noch da war, als könnte er sich in der Zwischenzeit in Luft auflösen. Der Marderschädel vibrierte leise, kaum spürbar, als rühre sich das kleine Äffchen darin. Sie fragte sich, ob es nun ruhiger war, eingezogen in den Knochen, oder ob es sich langweilte wie zuvor. Sie hatte ihm versprochen, aufzupassen. Nun war es Teil ihrer Last, ob sie es wollte oder nicht.
„Alles gut?“ Hilde hatte sich leicht zu ihr geneigt, die Stimme nicht laut, aber wachsam.
Zarra nickte hastig, zu hastig vielleicht. „Ja … ich … ich denke schon.“
Ihre Stimme war dünn, doch sie brach nicht. Hilde musterte sie, aber fragte nicht weiter. Stattdessen legte sie die Hand auf Zarras Schulter, fest, kurz, wie eine Schwester, die nicht viele Worte machte.
Der Tag zog sich. Die Sonne blieb hinter Wolken verborgen, das Meer war grau, die Wellen unermüdlich. Roan ruderte schweigend, der Bogen auf dem Rücken, die Augen auf den Horizont geheftet. Hilde hielt das Segel, ihr Haar flatterte im Wind, und Zarra saß zwischen ihnen, verloren in Gedanken, die schwerer waren als der Kahn.
Sie dachte an Nerea. Wie würde ihre Großmutter sie ansehen, wenn sie zurückkam? Würde sie in ihrem Gesicht die blutigen Runen sehen, die längst abgewaschen waren? Würde sie spüren, dass etwas sich verändert hatte? Oder würde sie einfach schweigen, wie Lyrca, und wissen?
Und Griffin … sie hatte ihm nichts gesagt. Keinem etwas gesagt. Was, wenn er fragte? Wenn er in ihren Augen etwas sah, das er nicht verstand?
Zarra zog die Beine an den Körper, legte die Stirn auf die Knie. Der Wind sang ein gleichmäßiges Lied, das sie in den Schlaf wiegen wollte, doch jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie Wasser. Sprudelnd, rein, faulig, schwarz. Wasser, das heilte, und Wasser, das zerstörte.
Als der Abend kam, leuchtete am Horizont ein Schimmer: Tooshoo. Der große Baum ragte wie ein dunkler Wächter über die Nebel des Sumpfes. Zarras Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Heimat. Anfang. Ende. Alles zugleich.
Der Kahn glitt in die flachen Gewässer, wo der Sand wieder in Wurzeln überging. Der Geruch des Sumpfes umarmte sie, modrig, vertraut, voller Mücken und Stimmen. Es war, als hätte sie ihn nie verlassen – und doch war sie nicht mehr dieselbe, die fortgegangen war.
Roan stieß den Kahn an die Wurzelpfähle, Hilde zog das Tau fest. „Wir sind da“, sagte sie schlicht.
Zarra erhob sich langsam. Ihre Beine fühlten sich schwer an, als müsste sie erst wieder lernen, über festen Boden zu gehen. Sie nahm den Beutel, drückte ihn fest an sich, und stieg an Land.
Der Nebel schloss sich hinter ihr, und Tooshoo breitete seine Arme aus.
Sie war zurück.
Doch sie wusste: etwas von Feshyr würde sie nie wieder loslassen.
„Ich hasse das Meer…“
Vielleicht lag es daran, dass er nichts schwimmen konnte, vielleicht auch an dem Umstand, dass er beinahe konstant kotzen wollte. Oder es war die Trostlosigkeit mit so viel Wasser. Auch das Gefühl, quasi eingesperrt zu sein auf dem Schiff spielte gewiss eine Rolle. Zusammenfassend hasste Nareth Schiffe und das Meer im Allgemeinen. Auch Seen waren scheiße. Badezuber und Regen, das waren so die einzigen Formen von Wasser, die er mochte. Ganz schlimm waren Schnee und Eis. Zu hell, zu nass, zu kalt. Einfach widerlich. Dumm nur, dass die kalte Jahreszeit nun anbrach.
„Hey, wie lang noch bis wir ankommen?“
„Kleiner, bist du bescheuert? Wir sind doch gerade erst los… geh einfach unter Deck.“
Was blieb ihm auch groß anderes übrig? Paladine und Ritter waren nicht wirklich gesprächig. Der Kerl von Draco ging ihm aus dem Weg und zu seinem Vater wurde Nareth sowieso schonmal gleich gar nicht vorgelassen. Nachvollziehbar.
Hoffentlich kommt kein Sturm oder sowas… das schaukelt schon genug hier…
Er mochte Stürme. Wirklich sehr sogar. Aber das hier? Eigentlich dachte Nareth immer, dass gerade Adanos der Gott ist, der eher entspannt unterwegs ist. Müde vom ständigen Schlichten zwischen dem Lichtvogel und dem Dämonenzüchter. Aber ganz offensichtlich hatte er sich da getäuscht. Und wie er das hatte!
Konstant brüllten die Seeleute irgendwelche ihm unverständliche Kommandos quer über das Boot. Schiff! Man hatte ihm mehrfach, teilweise fast schon unfreundlich, zurechtgewiesen, dass es ein Schiff und kein Boot sei. Es änderte aber nichts daran, dass dieses Gefährt auf den Wellen hin und her schwankte wie ein Besoffener auf dem Weg zum Abort. Einmal hatte Nareth den Fehler gemacht auf Deck zu kommen… kaum machte er die Tür auf, knallte ihm auch schon ein Wasserschwall so brutal gegen den Leib, dass es ihn mehrere Meter nach hinten schmiss. Eine fette Beule auf seinem Hinterkopf würde ihn noch eine Weile daran erinnern. Jedenfalls war es Grund genug unten zu bleiben und einfach zu hoffen, dass sie heil ankommen würden.
„Man wir haben echt Glück mit dem Sturm!“
„Ja. Ein Sturm im Rücken auf dem Weg nach Hause. Innos möchte scheinbar wirklich den Ketzer endgültig richten.“
„Hauptsache wir gehen nicht unter…“
„Schwachsinn! Der Kapitän steht dem Korsaren in nichts nach!“
„Aber wenn nicht… dann gehen wir alle mit ya Torese zusammen drauf.“
„Ich weiß nicht… der Typ ist sogar mir unheimlich. Er kein Wort gesagt bislang. Keine Mine verzogen und starrt immer nur aus dem Guckloch in den Himmel. Als ob er auf etwas wartete…“
„Meinst du er…“
„Ob er den Sturm beschworen hat? Glaub ich nicht. Soweit ich die Berichte gelesen hab, ist er eher mit Schattenzeugs und Telekinese unterwegs. Glaub ich…“
„Ich wette, wenn wir unter gehen, der Kerl überlebt als Einziger.“
„Jetzt hör auf sowas zu sagen! Oh, da kommt seine Brut…“
Sie verstummten und rangen sich ein Lächeln ab als Nareth den Weg der zwei Wachritter kreuzte. Er hatte das gesamte Gespräch mitbekommen. Es wirkte seltsam wie sehr sie seinem Vater alles Mögliche an Fähigkeiten und Absurditäten zusprachen. Seit waren Paladine abergläubig? Vermutlich schon immer, wenn man bedenkt, dass die in ein Lagerfeuer schauen und meinen dabei das Wirken eines Gottes zu spüren. Das Einzige, was Nareth spürte war im Moment der Drang den letzten Rest seines Frühstücks loszuwerden. Was er hiermit dann auch hochfeierlich fast direkt vor die Füße der Ritter tat…
Wie lang waren sie schon auf dem schaukelnden Kahn? Eine Woche? Ein Monat? Schwer zu sagen, wenn die Tage und Nächte nicht mehr unterscheidbar sind und die eigene Zeitrechnung nur noch anhand des Wechsels von Zeiten des Erbrechens und Schlafens unterschieden werden. Und wozu das Ganze? So wirklich wusste das Nareth auch nicht so recht. Was er wusste, war, dass er, sollte er sich den Streitkräften Myrtanas anschließen, auf keinen Fall Teil der Marine werden wollte. Das überließ er mit Freuden diesen Bekloppten hier.
Wie dumm ist das auch einfach? Als ob man in Ketten- oder Plattenrüstungen schwimmen könnte, wenn was passiert. Und mal eben ausziehen oder abnehmen der Rüstung ist auch eher Essig. Absolut dämlich… Immerhin ist der Sturm vorbei…
„Joar, die Hälfte haben wir schonmal vom Weg…“
„Ging echt schnell diesmal irgendwie“
Es war kaum zu glauben, aber Nareth schaffte es noch bleicher zu werden, nachdem er nun hörte, dass erst die Hälfte seines Leidens vorüber war…
Meine Fresse sind Seefahrten langweilig…
Sie hatten ihm die Augenbinde abgenommen damit er sich bei Seegang zumindest ansatzweise halten und dafür sorgen konnte, halbwegs unverletzt in Vengard anzukommen. Die Handschellen und der Knebel blieben jedoch, zudem war diese lästig laute Kette an seinen Füßen neu. Nicht, dass das einen großen Unterschied machen würde, immerhin konnte er den Knebel jederzeit mit den Händen entfernen, wenn er es wollte, aber das würde nur wieder für Tumult sorgen. Und weitere Einschränkungen. Er ließ ihn also erstmal drin. An sich war das alles eh eine Farce, da man ihn angeblich so von seiner Magie abhalten wollte, welche zwar durchaus verbale als auch somatische Komponenten benötigte, aber Schellen an den Handgelenken und ein entfernbarer Knebel würden ihn davon nicht wirklich abhalten. Viel schlimmer war dieses absurde, dünne Band aus Eisen mit Schutzrunen um seinen Hals. Das Ding scheuerte nicht, fühlte sich nicht wirklich kalt an und so leicht, dass man schnell vergessen konnte, dass es überhaupt da war. Aber es hatte eine wahrlich beachtliche Wirkung: es war absolut unmöglich auch nur ansatzweise Magie zu kanalisieren. Zugegeben, Trilo hatte kaum noch, welche übrig, nachdem er diese transferierte, aber hier ging nun gar nichts mehr. Immer wenn er es versuchte, leuchteten die Runen und Sigillen im Reif schwach auf und zerstörten den Aufbau der Magie, während das Teil langsam heißer wurde. Ziemlich raffiniert, da dadurch auch der Versuch das Ding zu unterwandern und langsame, schwäche Magie zu wirken unterbunden wurde. Wer will schon einen glühenden Ring am Hals? Zudem konnte der Hexer das Gefühl nicht abschütteln, dass der Ring mit jedem Versuch ein wenig enger wurde.
„Hey Ketzer. Dein Essen.“
Man klatschte ihm eine Schüssel aus Stein auf den Boden der Zelle, die dicke Suppe, oder was auch immer das genau war, schwappte ein wenig über. Weder Holz noch Porzellan wollte man ihm überlassen aufgrund der Gefahr, Trilo könnte es zerbrechen und als Waffe nutzen. Die denken wirklich, ich bin die Ausgeburt des Bösen. Nicht mal einen Löffel gibt es. Kann diese Fahrt meinem Kumpel Yelp echt nicht empfehlen.
Er nahm also den Knebel raus und legte ihn neben den… Mörser? Aus der Nähe sah das Teil echt aus wie ein alter Mörser eines Alchemisten oder Herbalisten. Dass Trilo den Knebel entnahm und sich für das Essen bedankte, sorgte dafür, dass der Gardist, der ihm das Futter brachte, etwas bleicher als ein Nordmarer wurde, das heilige Symbol Innos vor seiner Brust fuchtelte und sich dann schnell von der Szenerie entfernte. Also zu meiner Zeit waren die Gardisten nicht so verweichlicht…
Die Tage vergingen auf dem Schiff für Trilo sehr ereignislos. Meistens schaute er einfach nur aus dem Fenster in den Himmel, da zumindest die Wolken eine Art von Abwechslung darstellten. Bis diese sich zuzogen und bei Trilo unangenehme Erinnerungen an den Kampf gegen den Leviathan heraufbeschwörten. Seit dieser Auseinandersetzung konnte er dem Meer und dessen Stürmen nichts mehr abgewinnen. Mehrfach flog er in seiner Zelle hin und her, einmal war der ehemalige Ritter der festen Überzeugung das Schiff stünde senkrecht und doch kenterte der Kahn nicht. Es waren beschissene zwei Tage in denen er sich fühlte wie ein Ball den eine Horde Kinder im Heim durch die Räume schossen und dabei vor allem an den Abprallern von Wänden den meisten Spaß hatten. Glück im Unglück hierbei war, dass die Anbringung der Kette an seinen Füßen sich gelöst hatte, das heißt die metallischen Ringe waren zwar noch immer um seine Knöchel, aber keine Kette mehr daran. Ein absurdes Bild. Ein dicker metallischer Ring jeweils um Hand- und Fußgelenke und dann noch das metallische Halsband. Man konnte vielleicht nicht genau den Finger drauf halten wieso es so seltsam aussah, aber dass es falsch war, das war klar. Er hatte zwar nun mehr Bewegungsfreiheit innerhalb der Zelle, aber frei war er noch lange nicht. Aber das wollte er auch gar nicht. Er hatte Draco das Versprechen abgerungen auf Nareth zu achten. Sich selbst dafür auszuliefern war das Mindeste was ein guter Vater tun konnte.
"Hey! Du hast Besuch! Benimm dich und... bei Innos! Wieso sind die Ketten ab?! Du Bastard!"
Eine wirklich unfeine und in der Wortwahl stark eingeschränkte Tirade an Beleidigungen und Flüchen seitens des Ritters folgte. Anstalten die Zelle zu betreten und Trilo wieder anzuketten, machte der Ordensbruder jedoch nicht. Abgesehen vom Kapitän, dem Quartiermeister und dem Bootsmann gingen ihm alle soweit aus dem Weg und näherten sich Trilo auf keine fünf Schritt. Von diesen Dreien war allerdings nur der Kapitän halbwegs freundlich. Vor allem der Bootsmann war ein harter Brocken und Arschloch vom Feinsten.
Nach einer Weile hatte sich der Ritter auch wieder ein wenig eingekriegt und einen Schiffsjungen losgeschickt um Meldung an irgendwen zu machen. Weder hatte Trilo wirklich mitbekommen an wen genau, noch interessierte ihn dieser Detail all zu sehr. Der Umstand, dass Nareth selbst eine Unterhaltung wollte, war einfach zu seltsam.
Der Sturm war vorbei, das Schiff schon fast in Vengard angekommen; zumindest redete sich dies Nareth ein. Vermutlich der Grund, wieso die Mannschaft etwas lascher wurde. Jeder wollte endlich wieder nach Hause und obendrein den Ketzer loswerden. Es war nun also auch endlich möglich, wenngleich mit einem Ritter anwesend, mit seinem Vater zu sprechen. Also gingen die beiden unter Deck, tief unter Deck. Nareth kannte sich mit Schiffen wahrlich nicht aus, aber das hier schien das zu sein, was man wohl die Bilge nannte. Es war nass, dreckig, muffig und kleines Ungeziefer lief herum. Aus einer Ecke meinte er das Fauchen einer vermutlich räudigen Katze zu hören. Kaum waren Sie bei Trilos Zelle angekommen, brach direkt eine Eskalation los. Scheinbar hatte sein Vater es irgendwie geschafft nicht nur den Knebel, sondern auch die Ketten an Hand- und Fußfesseln loszuwerden. Ein Umstand, den sogar Nareth erstaunlich fand, bedachte man, dass die Zelle wahrlich winzig war, der Hexer keinerlei Werkzeug besaß, seine Magie unterdrückt wurde und definitiv keiner an Bord ihm dabei geholfen haben wird. Es dauerte eine Weile bis der Ritter seine Fassung wieder erlangte und mit dem Geschreie aufhörte, ein Zeitraum, in dem sich Vater und Sohn einfach nur anstarrten. Dann endlich wurde dem Jünglich erlaubt zu reden.
„Hallo… Trilo.“
„Hey, kein Grund förmlich zu werden, Nareth.“
„Auch kein Grund wirklich hier zu sein.“
„Touché… Was verschafft mir die Ehre, Herr Sax?“
„Stimmt es, dass du einen Deal mit Draconiz gemacht hast? Dein Kopf für meine Unabhängkeit?“
„Nein.“
„Was?“
„Nicht für deine Unabhängigkeit. Meine Leben für eine Chance für dich. Ich hab dich nicht zur Naivität erzogen-“
„Wahrlich nicht, nein.“
„Unterbrich mich nicht. Deine Mutter würde dir für den mangelnden Respekt die Eselsohren langziehen. Jedenfalls ging es darum, dass der Orden Innos dich nicht verfolgen wird, nur weil du von meinem Blute bist. Denn das würde er tun. Richtig?“
Trilo blickte zu dem Wachritter auf, welcher als Antwort nur ein abwertendes geräusch von sich gab und nach einem abfälligen Blick zu beiden einfach wegschaute.
„Du lässt dich also töten, damit ich leben kann?“
„Hahaha, die werden mich nicht töten. Ich war schon tot. Zwei Mal. Und das ist genau das Hauptproblem des Ordens. Und selbst als man mich in Vengard hinrichten wollte, gab es göttliche Intervention und ein Drache verwüstete die Hauptstadt. Die Götter selbst sind sich uneins, keiner will mich. Innos hat mir nach meinem Tod den Einzug in sein Reich verwehrt, trotz meiner Dienste in seinem Orden, sogar im Generalsstab der Armee. Ich fiel ins reich Beliars, doch selbst dieser will mich nicht und versuchte mich in einen Dämon zu verwandeln, was er nicht schaffte, und ich wurde von einem Kastellmagier irgendwie beschworen. Und Adanos… keine Ahnung, Adanos und ich haben eine andere Art von Zwist. Dazu kann und werde ich dir nichts erzählen, weil jede Information dazu schon bedeuten würde, dass du gesucht wirst.“
„Absurd…“
„Ja, Sohnemann, klingt absurd. Stell dir mal vor wie das aus meiner Perspektive ist. Der Orden Innos wird mich vermutlich einsperren bis an mein Lebensende. Wobei unklar ist, wann das sein wird, da ich…“
„Vorsicht, Hexer… Das Gespräch ist vorbei. Ich werde nicht zulassen, dass du den Knaben mit deinem ketzerischen Geschwätz weiter verdirbst.“
Es war unklar, wieso Nareth nichts Weiteres hören durfte. Hatte Trilo etwa noch mehr Leichen im Keller als er dachte. Und gewiss, Nareth dachte da bereits an eine ganze Menge. Er hatte seinen Vater mehr als nur einmal dabei überrascht, wie dieser seltsam okkulte Rituale durchführte. Offenbar verstand der Hexer sich sogar darin Magie in Gegenstände zu pressen oder seinen eigenen Schatten zum Leben zu erwecken. Letzteres verschaffte Nareth immer wieder Gänsehaut, wenn er auch nur daran dachte. Aber was hatte es nun mit der Lebensspanne seines Vaters auf sich? War der Kerl fast tot? Das würde erklären, wieso er sich auslieferte, wenn er eh nicht mehr lang hatte. Über die entgegengesetzte Richtung wollte Nareth gar nicht erst anfangen nachzudenken. Was wenn Trilo unsterblich war? Wenn der Tod ihn scheinbar nicht wollte, und das Leben auch nicht… nein nein nein, er durfte sich nicht auf solch abstrusen Gedanken einlassen. Der Jungspund folgte dem Ritter wieder nach oben, während der Bootsmann mit zwei weiteren Rittern Ihnen entgegenkamen. Vermutlich würden diese Trilo wieder fest machen.
„Bei allen Göttern! Endlich!“
Es war eine wundervolle Nachricht, die in Nareths Ohren drang. Man hatte das Festland erspäht. Zwar konnte er selbst noch nicht wirklich etwas sehen von der Reling aus, aber der Typ mit dem Fernrohr wusste sicher, was er da tat und erzählte. Der Jungspund wischte sich also den Mund erneut an seinem eingesauten Ärmel ab, um auch die letzten Brocken Erbrochenes zu beseitigen, und begann langsam unter Deck zu taumeln und das Bisschen, was er Hab und Gut nannte, schonmal zusammen zu packen. Es war wirklich kaum der Rede wert: ein alter Dolch, ein wenig Essen, sein Münzbeutel, Feuerstein und Zunder, ein altes Tagebuch und weiterer Kleinkram wie ein wenig Asche, Schnüre, Angelhaken und Ähnliches.
Man hatte ihm erzählt, ja sogar angeraten, sich in Vengard darum zu kümmern als Kronbürger anerkannt zu werden. Nur dann war es ihm wohl erlaubt Waffen innerhalb der Stadtmauern zu tragen, ein Gewerbe anzubieten oder sich später der Garde oder gar den Magiern anzuschließen. Quasi ein Bekennen zur Krone. Klang alles recht vernünftig, weshalb sich Nareth entschied sich nach der Ankunft direkt darum zu kümmern.
Ich frag mich was die mit Trilo jetzt genau machen. Egal, vermutlich besser, wenn ich mich nicht weiter mit ihm beschäftige. Anderenfalls bekomm ich nur selbst Probleme, wenn ich meine Nase zu sehr in Angelegenheiten des Ordens stecke.
„Die Geweihten Adanos‘ sind die Wassermagier. Es wäre eine Schande, wenn sie kein enges Band zu dem Ozean haben, immerhin sorgte er bereits in der Schöpfungsgeschichte für das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit auf der Welt.“
Mitnichten wollte Curt seiner Liebsten einen Vortrag halten, aber es würde kein gutes Licht auf sie beide werfen, wenn sie als Magier Unlust oder gar Sorge vor der Reise ausstrahlten. Immerhin waren Seeleute sehr gläubige Menschen. Einen Magier auf dem Schiff zu haben, war wie eine wohlwollende Verheißung. Mit gleich zwei von ihnen an Bord war die Hoffnung auf gute Winde und eine sichere Überfahrt groß und jeder würde umso motivierter sein, sich von seiner frommsten Seite zu zeigen.
Die Sankt Dominique besaß neben der Kapitänskajüte noch eine weitere Einzelkajüte, alle anderen Seefahrer verteilten sich in den Gruppenunterkünften unter Deck. Curt hatte überlegt, ob er und Felia wohl einfach abwechselnd schlafen und sich somit die Kajüte teilen sollten, aber dann bliebe ihm insgesamt weniger Zeit an ihrer Seite, also biss er gönnerhaft in den sauren Apfel und ließ sich eine Hängematte in der Gruppenkoje zuweisen. Nur sein Reisegepäck verstaute er mit bei Felia, dann musste er sich wenigstens nicht vor etwaigen Langfingern Sorgen machen.
„So, das hätten wir“, sagte er und klopfte sich die Hände ab. Gar nicht so einfach, auf dem Schiff sauber zu bleiben, während man den Novizen, die ihre Taschen schleppten, die Türen aufhalten musste.
„Schau, eine Hängematte. Darin kannst du dich sanft in den Schlaf schaukeln lassen. Und hier ist sogar eine Art Fenster. Da kannst du eine sanfte Brise hereinlassen.“
Besagtes Fenster war nicht viel mehr als eine Öffnung in der Bootswand, die durch Leder und Stoff anstelle von Holz verkleidet war. Bei Regen oder starkem Wellengang musste man die zulassen. Felia schien alldem nicht sonderlich viel abgewinnen zu können.
Da plötzlich ging ein starker Ruck durch den Schiffskörper und seine Liebste wurde direkt in seine Arme geschaukelt.
„Na hoppla“, meinte Curt amüsiert, ehe ihm gewahr wurde, dass es einen guten Grund für das Schaukeln gab. Das Schiff musste bereits abgelegt haben.
Felia und er eilten zügigen Schrittes aufs Oberdeck, wobei sie sich bemühen mussten, niemandem von der Mannschaft in die Quere zu kommen. Zudem nahm der Wellengang bereits nach wenigen Augenblicken zu, was zielgerichtete Bewegungen zu einer Herausforderung machten.
„Halt dich an mir fest“, sagte Curt und reichte Felia die Hand. Diese griff aber nur nach dem Handlauf an der Treppe und schob sich an ihm vorbei an Deck. Draußen war es windig, aber immerhin schien die Sonne. Sie begaben sich zur Reling und konnten sehen, wie Thorniara in kürzester Zeit kleiner wurde. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Riechst du das? Der Geruch von Freiheit und Abenteuer!“, freute sich Curt.
„Wer hat den Esel hier an Bord gebracht?“, rief plötzlich einer der Matrosen. „Der hat volle Bude aufs Vordeck geschissen!“
Ein Glück, dass sie auf ihrem Rang keine Deckschrubber mehr waren.
Powered by vBulletin® Version 4.2.2 Copyright © 2025 vBulletin Solutions, Inc. All rights reserved.