View Full Version : Stewark #4
Piero konnte es nicht anders sagen: das Umland von Stewark im Spätsommer war ein wirklich schöner Flecken Erde. Am südlichen Rande der großen Apfelplantagen, die unübersehbar die Wirtschaft der Region dominierten, schmiegte sich eine Reihe kleinerer Höfe und Wirtschaften zwischen weg und Felskamm. Eine schier endlose Reihe, wie er bekennen musste, doch eine unterhaltsame. Und irgendwo in dieser Reihe aus Hühnerhöfen und Obstgärten musste sich die geheime Empfehlung der zumindest noch im Herzen jungen Weinkennerin befinden, die er tags zuvor auf seinen Erkundungen mit einem Weinkelch in der Hand ausfindig gemacht hatte. Es hatte ihn nur eine halb ernst gemeinte Schmeichelei, ein unangenehmes Anstoßen mit ineinander verschlungenen Armen und das Versprechen gekostet, die lebenslustige Greisin in sein neues Etablissement einzuladen, um die Quelle ihres ausgezeichneten Rebensaftes zu erfahren. Und zu Pieros Freude und Überraschung war dieser Ort ohne Umstände fußläufig erreichbar.
Gerade fragte er sich, ob er es vielleicht übersehen hatte und zu weit gegangen war, da erwuchs eine moosbewachsene, halbhohe Mauer zu seiner Rechten. Was er dahinter erblickte, ließ ihn innerhalten und einen Seufzer der Erleichterung gen Himmel schicken.
„I miei dei, ich danke euch!“
Denn vor seinen Augen erstreckten sich, Reihe um Reihe an den Berghang geschmiegt, unzählige Weinreben bis hinauf in die höchsten Höhen des Berghanges. Und mittendrin prangte ein kleines, aber durchaus geschmackvolles Landhaus, das nur darauf wartete, von einem wahren Mann von Welt besucht zu werden.
Piero durchschritt den Torbogen am Fuße des Hanges, der ihn auf einen Schotterpfad entlang der Weinreben bis hinauf zur Pforte des Hauses führte. Einige Arbeiter liefen emsig zwischen den Pflanzen umher und hegten die kostbaren Trauben. Wenn sie ihn bemerkten, dann ließen sie es sich nicht anmerken. Schließlich fand er sich vor der schweren Tür aus dunklem Holz und klopfte an.
Drei schwere Faustschläge verhallten im Wind, dann kehrte Ruhe ein.
„Santa Maria, Madre di Innos“, murrte Piero. Sein Blick streifte über das Landgut, taxierte die Arbeiter. Ob er einen von ihnen fragen sollte?
„Seid herzlich willkommen, edler Herr“, ertönte da eine nasale Stimme. Überrascht fuhr Piero herum und sah einen kleinen Mann mit grau melierter Halbglatze im schwarzen Frack vor sich stehen. „Wen darf ich Herrin Agathe ankündigen?“
Die Überraschung auf Pieros Gesicht währte nur einen Wimpernschlag an, dann schlich sich ein gewinnbringendes Lächeln auf seine Züge.
„Danke, vielen Dank, werter Mann“, antwortete er. „Ich kam in der Tat hierher, um mit der Herrin des Hauses zu sprechen. Würdet Ihr die Freundlichkeit besitzen, sie über mein Eintreffen zu informieren, Signore?“
Der Mann nickte knapp. „Wen darf ich der Herrin ankündigen und welches Anliegen führt Euch hierher?“
„Geschäftliches, Wertester, das reine Geschäft. Wie ich aus verlässlicher Quelle hörte, kommt der beste Wein des Stewarker Landes aus ihrer Kelterei, und ich würde mich liebend gern mit Frau Agathe über die Möglichkeiten eines regelmäßigen Erwerbs ihrer hervorragenden Produkte austauschen.“
Der Bedienstete zog die Tür weit auf in stummer Einladung, hereinzukommen. „So folgt mir bitte unauffällig in das Kaminzimmer, edler Herr. Ich werde die Herrin sogleich informieren.
Piero strahlte und setzte den Fuß über die Schwelle.
„Es ist mir ein Vergnügen.“
Da hatte der alte Lump ihr aber einen gehörigen Schrecken eingejagt! Zu gleichen Teilen hielt sie das sich selbst und ihm vor, weil er sich verdammt ungünstig ausdrückte und sie ihrer großen Freundin tatsächlich zutraute, sich mit ihrem Jähzorn in so gewaltige Schwierigkeiten zu bringen, dass es mit ihr zu Ende ging. Aber zum Glück war ja alles nur ein einziges großes Missverständnis, auch wenn der gequetschte Fuß sich nach ganz furchtbaren Schmerzen anhörte.
„Verdammt nochmal, erschreck mich doch nicht so!“, rief sie in zumindest halb ernst gemeinter Empörung. „Und das hat sie einfach akzeptiert, dass sie nicht mehr laufen kann? Da muss ihr ja schon der halbe Fuß abfallen, damit sie ihren Stolz herunterschluckt, Schmerz aushalten zu können!“
Und schon machte sie sich wieder Sorgen. „Ist sie jetzt in der Heilkammer? Ich hab die Leiterin und ihren Sohn dort schonmal kennengelernt – die wissen wirklich, was sie tun!“
Auf dem Weg nach draußen – Syrias schnappte sich nebenbei noch ein passendes Schwert – jagte der Schmied ihr dann aber noch einen viel größeren Schrecken ein, den sie nur mit großer Mühe unter der Oberfläche zu halten vermochte. Als er nach Rudra fragte und sich nach dessen Namen erkundigte, konnten seine Vorschläge unmöglich ein Zufall sein. Und Syrias fragte nicht ohne Hintergedanken, da war sie sich sicher.
Udra … wie hatte der Mistkerl denn Rudras wirklichen Namen erfahren? Und warum wollte er sie so darauf stoßen, dass er es wusste? Sie kniff die Augen zusammen und funkelte ihn argwöhnisch an.
„Schreiben ist nicht so deine Stärke, oder? Udra fängt weder mit M, noch mit R an. Denkst du vielleicht eher an die alte Murdra, draußen in der Taverne im Süden?“
Johanna schüttelte den Kopf. „Er heißt Mungu. Ja, der hat schonmal Erz geschmolzen, hat er erzählt. Muss aber noch auf Torgaan gewesen sein, denn seit wir uns kennen, waren wir eigentlich nur unterwegs, bevor wir hier gelandet sind. Ich glaub aber, er hat mehr Erfahrung mit Bronze, als mit Stahl. Immerhin ist er Künstler, kein Schmied.“
Beim letzten Punkt war sie sich ehrlich gesagt gar nicht so sicher. Es hätte sie jedenfalls nicht gewundert, wenn er einfach losgelegt und ein Glanzstück hingezaubert hätte, wenn man ihm einen Hammer in die Hand gedrückt und gesagt hätte: ‚Los, schmiede was!‘
„Brauchst du jemanden zum Fachsimpeln, oder so?“
Im Laufe des Tages formte Isidor unter der Aufsicht Alberichs die Bronzeplatte nach und nach in eine zweite Beinschiene. Der Meisterschmied überließ ihm den Großteil der Arbeit, anders als am Vortag, wo er das meiste gemacht hatte. Offenbar wollte er sehen, wie sich sein Geselle allein schlug und was er an Tipps behalten hatte. Der Hüne lief deutlich häufiger zur Lehmvorlage des Kunden, als Alberich es getan hatte, um zu überprüfen, wie viel er noch biegen musste oder ob nach einem weiteren Arbeitsschritt das Werkstück nicht zu eng geworden war. Als es schließlich an das Rollen des oberen und unteren Teils ging, wurde Isidor langsam nervös. Mittag war längst vorüber und er musste das ganze Rüstungsteil noch abschleifen. Unterbewusst huschte sein Blick immer wieder in Richtung Fenster, allerdings verriet ihm das Licht nicht, wie spät es war. Die schwere Wolkendecke tauchte alles in ein tristes Grau.
„Das genügt für heute“, sprach Alberich, nach Stunden die ersten Worte, und beinahe hätte Isidor sich mit dem Hammer auf die Hand geschlagen, weil er sich so erschreckte.
„Aber Meister, die Beinplatte ist noch nicht fertig“, protestierte der Geselle.
„Du bist nicht mehr bei der Sache. Ich kann es nicht gebrauchen, wenn du jetzt anfängst Fehler zu machen“, wies er ihn zurecht, wobei keine Anklage in seiner Stimme mitschwang.
Dennoch fühlte sich der Hüne ertappt.
„Entschuldigt Meister, ich…“
„Schon gut, Junge. Ich war auch mal jung und verliebt. Geh schon und morgen kommst du eine Stunde früher“, unterbrach Alberich ihn.
„In Ordnung“, lenkte Isidor ein und legte den Hammer nieder, „Danke Meister, ich mache mich dann auf den Weg.“
Dass der ältere Mann ihn als verliebt bezeichnete, machte ihm nichts aus, selbst wenn es nicht stimmen mochte. Wer wusste schon, was sich in der nächsten Zeit ergeben würde. Doch wenn er ehrlich zu sich war, dann konnte er es sich nicht leisten mit einer Frau anzubandeln. Oder wäre es sogar zuträglich für seinen Auftrag? Es wurde Zeit, dass er weitere Instruktionen bekam, sonst würde er weiterhin blind einem neuen Leben folgen, welches er sich nur aus einem Grund aufgebaut hatte: Um den Brandmörder Ardan brennen zu sehen.
Sorgfältig hing er seine Lederschürze an den Haken und wusch sich seine Hände im Wassereimer, der genau dafür in einer Ecke stand. Mit einem letzten Abschiedsgruß an Alberich gewandt, schritt er auf die Tür zu und war bereits fast auf der Straße, als er von Links ein neckendes „Viel Spahaß!“ trällern hörte. Elara stand mit einem breiten Grinsen in der Tür zum Nebenraum und winkte ihm, was er mit einem Lächeln seinerseits erwiderte.
Draußen an der frischen Luft atmete Isidor tief durch. Er mochte es in der Hitze der Schmiede, doch es schlug nicht das Gefühl, wenn man dem Dunst entkam und einen Atemzug tat, um die Lunge zu füllen. Was waren seine nächsten Schritte? Am besten steuerte er das erste Heim der Leute an, die Piero ihm empfohlen hatte. Doch den Zettel mit den Beschreibungen hatte der Gegenstände hatte er in der Klippenschänke auf seinem Zimmer gelassen. Demnach war sein erstes Ziel klar. Ob er sofort ein Bad nehmen sollte oder erst nachdem er alles erledigt hatte?
"Mungu, das wars." Syrias schmunzelte. Anscheinend war Johanna noch nicht bereit die Wahrheit über ihren großen Freund zu erzählen. Dabei war er fest davon überzeugt, dass es sich bei "Mundu" nicht um einen Menschen handelte. Die Dunkelhaarige konnte sich wohl nicht mehr wirklich an ihren Saufabend erinnern und wie sie sich dort verplappert hatte.
Syrias vermutete, dass es gesunde Vorsicht war, welche die beiden dazu brachte eine solche Scharade weiter aufrecht zu erhalten. Dabei hatte er überhaupt kein Problem damit, dass sie mit einem Ork befreundet war. Ihm als ehemaliger Orksöldner war das mehr als egal. Zwar hegte er keine wirklich freundschaftlichen Gefühle für die Kreaturen, aber feindlich eingestimmt war er ihnen gegenüber auch nicht. Sie hatten sich als recht brauchbare Dienstherren damals erwiesen. Aber das war vor langer, langer Zeit gewesen. Aber ob die Argaan-Orks auch so waren, das konnte er nicht beurteilen. Nach allem, was er gehört hatte waren diese Orks mehr Bestien als Krieger. Wobei hier auch wieder dagegen sprach, dass sich "Mundu" mit einer Menschenfrau abgab, die ihm verbunden war. Götter, das war alles viel zu kompliziert.
"Ja, vermutlich dachte ich an die alte von der Jungfrau. Muss ich was miteinander verwechselt haben. Liegt vermutlich am Alter." Syrias begab sich in die Mitte des Hofs, nahm Aufstellung und lies sein Schwert ein, zwei mal ums Handgelenk kreisen. Mit einer Geste wies er Johanna drauf hin, sich ihm gegenüber zu stellen. Die kleine Frau trat mittlerweile mit einer gewissen Selbstsicherheit auf, wie an ihrer Haltung erkennbar war. Die Schritte waren fest und zielgerichtet, ihre Haltung wirkte entschlossen. Ja, die Kleine machte sich gut, befand Syrias, als sie ihm gegenüber Haltung annahm und ihre Waffen bereit hielt.
"Ich brauch niemanden zum fachsimpeln, ich brauch jemanden, der weiß, ob man hier auf Argaan magisches Erz findet. Ich hab nicht die Zeit oder die Laune nach Khorinis zu schippern und nach Nordmar bringen mich keine Zehn Pferde." Syrias dehnte seine Schultermuskeln und wärmte sich kurz auf. "Und da dacht ich, vielleicht weiß Mundu ja was darüber."
Der Söldner winkte mit der Hand und begab sich locker in Abwehrhaltung. Mal sehen, wie Johanna eröffnen würde.
Die drei Zettel in der Hand, schaute er sich die Kohlezeichnungen an. Sie waren nicht sonderlich detailreich, doch vermittelten das Wichtigste. Wenn er sich recht erinnerte, würde er eine der Anlaufstellen, den grünen Eber, im Süden der Stadt finden. Ohne Zeit zu verlieren lief er die Treppe der Klippenschänke hinab, hinaus auf den Torplatz, ehe er sich zunächst nach Westen wandte. Östlich der Schänke entlang zu gehen, würde ihn lediglich in eine Sackgasse führen, dorthin, wo die Stadtwache ihren Sitz hatte. Also musste er erst über den mittleren Ring über den Marktplatz laufen. War nicht einer der Orte im mittleren Ring angesiedelt? Die Kommune, der feierwütigen Damen, wenn er sich recht entsann. Doch es erschien ihm sinnvoller, sich von Süden nach Norden durch die Straßen zu schlagen.
Mit gebührender Eile schritt er über den Marktplatz, wo ihm die unterschiedlichsten Gerüche entgegenwehten. Er entdeckte eine Händlerin für Stoffe und einen für Obst und Gemüse von den nahen Bauernhöfen. Ob er dort wohl auch exotische Früchte finden konnte? Darauf würde er achten, wenn er beim grünen Eber vorbeigeschaut hatte.
Die Treppen hinunter zum äußeren Ring zwischen zwei eng zusammenstehenden Gebäuden, nahm er immer zwei Stufen auf einmal und sah sich am Fuße angekommen um. Eine genauere Beschreibung wäre ihm jetzt nützlich gewesen, doch vermutlich hätte sein Orientierungssinn es ohnehin unmöglich gemacht, auf Anhieb das richtige Haus zu finden.
„Entschuldigt, gnädige Frau“, sprach er kurzerhand eine Dame mittleren Alters an, die einen großen Weidekorb unter dem Arm trug und wohl auf dem Weg zum Markt war, „Ich suche eine Hauswirtschaft, die sich grüner Eber nennt.“
Der zuvor argwöhnische Blick wich bei der Erwähnung des vertrauten Namens einem Lächeln.
„Du willst zu Christel? Sie wohnt gleich dort vorn, zweite Haus, linke Seite.“
„Ich danke Euch! Noch einen angenehmen Tag.“
Isidor steuerte auf das beschriebene Gebäude zu und entdeckte tatsächlich ein kleines Schild, welches ihm bewies, dass er richtig war. Enthusiastisch klopfte er gegen die Holztür und wurde mit einem „Es ist offen!“, hereingebeten.
Das Innere der Behausung war klein, doch erfüllt vom Duft der Heimeligkeit. Ein sanftes Blubbern aus einem großen Topf war zu hören, der hoch über einer Feuerstelle hing. Das Eisen war von vieljährigem Gebrauch geschwärzt, doch der Geruch allein ließ den Magen des Schmiedes knurren.
„Huch, du sieht aus, als könntest du viel Essen“, grüßte ihn eine freundliche aus der Ecke des Zimmers.
Die ältere Witwe, welche dort saß, war von durchschnittlicher Größe, etwas rundlich um die Hüften mit aschblondem Haar, in welchem mehrere Holzstricknadeln steckten, um es zu bändigen. Sie hatte die Augen zusammengekniffen, während sie den Besucher beobachtete.
„Seid gegrüßt gute Frau, ich hörte, dass Ihr Eintopf nach dem Rezept Eurer Urgroßmutter zubereitet und an die Hungrigen verkauft?“
„Da hast du richtig gehört, Jungchen“, bestätigte sie lächelnd und erhob sich, „Mein Name ist Christel und der grüne Eber ist seit Generationen das Zuhause meiner Familie. Unser Eintopf ist weithin bekannt, jaja!“
Als die Witwe ins Licht des Feuers trat, erkannte Isidor mehr Details. Sie war faltig, doch bei weitem noch nicht so alt, dass man sich Sorgen machen musste. Ihre Schürze war befleckt, doch nicht direkt schmutzig. Ihre Hände wiesen Schwielen auf, die von täglicher Arbeit zeugten.
„Deshalb bin ich hier! Ich würde gern meinem Meister und seiner Partnerin etwas mitbringen, wenn das geht?“, fragte er geradeheraus.
„Natürlich, natürlich. Solange du versprichst mir die Schalen wiederzubringen“, forderte sie und begann in dem Eintopf zu rühren.
„Das werde ich machen! Reicht es, wenn ich sie morgen wiederbringe?“
„Besser wäre heute, ich habe nicht so viele, verstehst du?“
Der Hüne rieb sich den Hinterkopf. Wie sollte er das anstellen? Würde er Piero früh genug antreffen, damit das alles klappte? Er würde es drauf ankommen lassen müssen.
„Dann werde ich versuchen, sie noch heute zurückzubringen.“
„Gut, gut.“
Sie begann drei Schalen mit dampfendem Eintopf zu füllen und stellte sie auf einen nahen Tisch. Isidor hätte gern jetzt schon gekostet, aber die Zeit drängte. Dummerweise fiel ihm gerade auf, dass er in Kürze ein Transportproblem bekäme, wenn er alle drei Anlaufstellen hintereinander aufsuchen würde.
„Was bekommt Ihr für Euren köstlichen Eintopf?“
„Zwei Gold und fünf Silber pro Schale“, antwortete sie postwendend.
„Das klingt gerechtfertigt. Habt Ihr eine Geheimzutat?“, scherzte er und lächelte schief.
Sie schielte ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an und er fragte sich, ob sie schlecht sehen konnte. Scheinbar erkannte sie jedoch das Lächeln in seinem Gesicht, denn auch sie schmunzelte.
„Liebe und Fürsorge, mein Lieber“, verriet sie ihm mit erhobenem Zeigefinger, ehe sie auch die letzte Schüssel füllte.
Der Hüne bezahlte, bedankte sich artig und machte sich auf den Rückweg. Er würde wohl erst Piero aufsuchen müssen, ehe seine Rundreise durch Stewark weitergehen konnte.
Aniron atmete die kühle Morgenluft ein. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb weiße Schäfchenwolken über den blauen Himmel. Die Sonne ließ die Pflanzen im Kräutergarten der Wassermagier erstrahlen. Grüne Blätter, rote und gelbe und weiße Blüten, dazwischen immer wieder ein paar Insekten, die sich ebenso an der Blütenpracht erfreute wie die Herrin dieses Kleinods.
Sie könnten schon wieder etwas vom Adanoskraut ernten und auch die Friedensblumen waren bereit für die Trockenkammer. Bei den Aurikeln musste sie dringend Unkraut zupfen. Die Wehmutter seufzte, der Garten war in den letzten Tagen etwas zu kurz gekommen.
Doch bevor sie sich weiter gedanklich damit beschäftigen konnte, näherten sich ihr zwei Personen. Unauffällig im Hintergrund stand Aaras und sie schmunzelte, dass der Adept so selbstverständlich die Situation bewachte. Vielleicht war er auch einfach nur neugierig, was aus dem Dolch da im Meer werden sollte.
Die Priesterin aber wandte sich nun Curt und Felia zu, die an diesem windigen Morgen zu ihr kamen. Sie hatte die beiden Novizen des Feuers zu sich in den Garten bestellt. Weil es einerseits Anirons liebster Ort in der Stadt war und es sie beruhigte hier zu sein und andererseits an dieser Stelle Ruhe herrschte, damit sie besprechen konnten, was es zu besprechen gab.
„Adanos zum Gruße“, begrüßte sie die beiden Ankömmlinge. „Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Nacht. Ich konnte Euch gestern nicht mehr treffen, weil ich zu einer Geburt gerufen wurde.“
Deswegen hatte Felia unverrichteter Dinge in die Novizenkammer zurückkehren müssen. Curt hatte bei Na-Cron und Rüdiger eine behelfsmäßige Übernachtungsmöglichkeit gefunden, statt wieder ins Gefängnis zurückkehren zu müssen. Eigentlich hatte Aniron auch Gabriel und Rüdiger zu diesem Gespräch gerufen, aber während Ersterer sich weigerte und stattdessen lieber im Gefängnis blieb, war Letzterer nicht aufzufinden. Einige der Novizen durchkämmten gerade das gesamte Haus der Magier nach ihm. Der frische Wind jedenfalls tat gut, um die Müdigkeit der kurzen Nacht abzuschütteln.
Das Gespräch mit Tinquilius und Hyperius hatte den ganzen Nachmittag bis in den Abend gedauert, lange hatten sie hin und her überlegt. Hyperius war dabei natürlich der Pazifist, der stets das Gute in den Kreaturen in Adanos‘ Sphäre sah, während Tinquilius sich zwar erfreut gezeigt hatte, dass Francoise ihre Novizen nach Stewark geschickt hatte, aber verwundert bis besorgt gewesen war über das ganze Geschehen drumherum. Es war ihm wichtig gewesen, Ethorn und seine Wachen sowie die Hofmagier aus der ganzen Sache rauszuhalten.
Aniron atmete gedehnt aus und ließ den Blick schweifen, dann begann sie erneut zu sprechen: „Wusstet Ihr, dass es Magier verschiedener Schulen gebraucht hat, um das Weißauge zu besiegen? Den Drachen, der Setarrif in Schutt und Asche gelegt und die ganze Insel bedroht hatte?“
Aniron fixierte die beiden nun.
„Es brauchte die vereinten Kräfte von Feuermagiern, Wassermagiern, von Schwarzmagiern und sogar den Magiern, die mit der Natur im Bunde stehen. Das ist natürlich schon einige Jahre her jetzt, wie Ihr wisst. Jahre, die wir seitdem in Frieden leben können, wenngleich die Setarrifer immer noch ohne ihre Heimatstadt sind.“
Wieder ließ sie den Blick schweifen über ihre Pflanzen, die sich im Wind hin und her wogen. Der Wind ließ auch die Haare der drei Menschen tanzen, die hier zwischen dem Grün standen. Wie lange es schon wieder her schien, dass sie den Drachen in Setarrif vom Himmel geholt hatten ... damals als sie aufgebrochen waren ... Maris und sie hatten die Zwillinge in Obhut gelassen, um auf die gefährliche Reise zu gehen, gemeinsam mit Ornlu, Tinquilius, Francoise, Olivia und Don-Esteban. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Es war so unfassbares Glück gewesen, dass sie aus dieser Sache lebend rausgekommen waren.
„Ohne dieses Bündnis wäre das Weißauge noch am Leben. Wer weiß, ob wir es dann wären.“ Nun fixierte ihr Blick wieder die beiden Novizen des Feuers.
„Jedenfalls ist unser Oberster Wassermagier immer noch Eurer Obersten Feuermagierin verbunden und deswegen bietet er Euch Folgendes an: Ihr bekommt Hilfe bei der Bergung des Dolches, denn ohne Hilfe könnt Ihr ihn nicht aus dem Meer holen. Sobald Ihr den Dolch habt, verlasst Ihr Stewark. Voraussetzung hierfür ist eine Entschuldigung von Eurer Seite für die Sache am Tor und das Missverhalten im Tempel. Solltet Ihr nicht bereit sein, dies zu tun, werden wir Euch sofort zum Stadttor geleiten und Ihr verlasst Stewark ohne den Dolch, was schade wäre im Angesicht dessen, dass das Bündnis zwischen den Feuermagiern und den Wassermagiern einen neuen Anstrich bekommen könnte. Es liegt in Eurer Hand.“
Und damit legte sich Stille über sie, die nur das Pfeifen des Windes unterbrach.
Mit jedem Wort, das aus dem Mund der Priesterin drang, verdickte sich das kleine Äderchen auf Curts höher werdender Stirn ein bisschen mehr. Als er davon unterrichtet wurde, dass Aniron sie zu sich bestellt hatte, um diese leidliche Angelegenheit zu klären, sah er ein kleines Licht am Horizont. Und als er Felia tatsächlich wieder sehen und in den Armen halten konnte, verwandelte sich das Licht in ein Abbild der Sonne, die seine Seele wärmte und alles Böse dieser Sphäre zu vertreiben schien. Für einen Herzschlag der Geschichte war er mit sich und der Welt im Reinen. Selbstverständlich war ihm bewusst, dass er sich in diesem drohenden Gespräch rechtfertigen musste, er hatte sich sogar die ganze Nacht davor in eine meditative Trance begeben, um auch den letzten Funken Wut aus seinem Körper zu verbannen und sich nicht noch einmal zu einer rechtmäßigen, aber unter ihren Umständen unklugen Handlung verleiten zu lassen. Aber es fühlte sich so falsch an, gute Miene zu bösem Spiel zu machen und die Rechtschaffenheit über die Klippe zu jagen. Würde sein Herr Innos ihm solch einen Frevel jemals verzeihen?
„Erlaubt mir, Eure Sicht der Situation um eine Perspektive zu erweitern, die Euer Urteil vermutlich nicht mildern, aber Euch zumindest … so hoffe ich … ein Verständnis für unser Handeln geben wird.“
Er nahm bewusst die Zügel in die Hand, da er Felia ansehen konnte, dass sie sogar noch schwerer mit sich haderte als er.
„Die fähigsten Novizen der Tempels Innos‘ erhalten einmal im Leben die Chance, sich in einem Wettstreit um die Lösung einer Prüfung des Feuers die hohe Ehre zu verdienen, in den Rang der Magier aufzusteigen. Dass uns diese Prüfung hierhergeführt hat, muss ein Zeichen der Versöhnung sein, das wir nicht als solches erkannt haben. Es fiel uns schwer zu glauben, hier mit offenen Armen empfangen zu werden, nachdem diese Baronie so … undiplomatisch … die Regentschaft gewechselt hat. Wir haben als Novizen des Feuers mehr als einmal schlechte Erfahrungen mit den Truppen Eures Königs gemacht und uns deshalb entschlossen, die Stadt unter neutraler Flagge zu betreten. Dieses Vorhaben wurde jedoch sabotiert. Nicht von den Stadtwachen, sondern von einem Verbrecher, der heute vermutlich immer noch frei durch die Stadt spaziert. Er war es, der meine Partnerin aufs Widerlichste bedrängte und nötigte. Der Aufruhr am Stadttor mündete darin, dass sie sich dessen Verhalten nicht anders zu erwehren vermochte, als ihn Innos‘ Macht spüren zu lassen. Dass dies als Angriff auf die Stadtwache interpretiert wurde, bedauern wir zutiefst und war nie ihre Intention. Aber in jenem Moment sahen wir alle Chancen, die Prüfung erfolgreich zu beenden, wie Sand durch unsere Finger rinnen, also suchten wir Zuflucht im Tempel, die Ihr uns gewährt habt. Dafür danke ich Euch.“
Ein saurer Geschmack kroch seine Zunge empor. Jetzt bloß nicht nachlassen.
„Den Ärger im Tempel wiederum nehme ich auf meine Kappe, denn er entsprang einem Gefühl der aufrichtigen Liebe, das Ihr verstehen werdet, wenn Ihr die Tyrannei erkennt, die Novize Gabriel über Felia gebracht hat. Es tut mir aufrichtig leid, dass wir ihm ausgerechnet in Euren Heiligen Hallen begegnen mussten und ich meine Fassung verlor.“
Curts Blick wanderte zu Felia. Er hoffte, ihr durch seine Worte etwas Last von den Schultern genommen zu haben. Das hatte nichts mit Bevormundung zu tun. Jeder würde sich in einen Pfeilhagel vor seine Liebsten stellen, wenn es sie vor einem Schicksal wie Kerker, Krankheit oder Verrat bewahren konnte. Wenn die Priesterin ein wahres Gespür für Menschen besaß, dann würde sie seine Aufrichtigkeit erkennen.
„Ich für meinen Teil bin bereit, das Angebot anzunehmen. Es mag uns nicht zu Feuermagiern machen, wenn wir Eure Hilfe annehmen, aber es ist im höheren Interesse unseres Herren, dass das Relikt zur Kirche Innos‘ zurückkehrt.“
Er verneigte sich knapp und trat wieder zurück an Felias Seite. Nun war es an ihr, eine Entscheidung zu treffen. Er würde damit leben können, wie auch immer sie ausfiel. Er würde diese Frau auch ans andere Ende der Welt begleiten, ob in einer Robe oder einem ärmlichen Gewand.
Isidor hatte Piero erfolgreich aufgesucht und ihm den Eintopf überreicht. Er fragte sich, was er mit dem Raum neben dem Torhaus vorhatte, doch auf ein längeres Gespräch hatte er sich nicht einlassen wollen, weshalb er selbst eilig weitergezogen war. Sein nächstes Ziel war die Kommune der fünf jungen Damen, die irgendwo im mittleren Ring lebten. Ihr Heim war wohl weithin als roter Hahn bekannt. Aus seiner letzten Suche hatte er gelernt, dass er am besten direkt jemanden fragte, wohin er musste. Die Sonne lehnte sich bereits weit nach Norden und die Zeit rannte ihm davon.
Wenig später stand er vor einem überraschend unscheinbaren Gebäude, welches sich an die Mauer des inneren Rings schmiegte. Ein jüngerer Mann hatte ihm grinsend den Weg gewiesen und seltsame Anmerkungen gemacht, die der Schmied aus seinen Erinnerungen verbannt hatte. Er klopfte beherzt an die Tür, doch niemand reagierte. Der Hüne versuchte es erneut, diesmal etwas lauer, aber wieder blieb eine Antwort aus.
Verwundert trat er einen Schritt zurück und betrachtete das Haus genauer. Es war still, fast so, als wäre niemand daheim. Er überlegte, ob er zur falschen Zeit gekommen war. Vielleicht waren die Damen alle unterwegs? Doch er hatte keine Zeit zu verlieren und beschloss, einen Blick durch das Fenster zu werfen.
Diese waren mit schweren Vorhängen verhangen, die nur wenig Licht durchließen. Isidor konnte kaum etwas erkennen und einen Hinterhof gab es auch nicht, wo er hätte nachschauen können, da dort die Mauer des inneren Rings aufragte.
„Und nun?“, fragte er frustriert und warf erneut einen Blick zum Himmel, wo sich die Sonne zwischen den gräulichen Wolken abzeichnete.
„Für die Feier bist du etwas früh, Kumpel“, ertönte eine Stimme hinter ihm und er wandte sich um.
Ein Bursche, dem Aussehen nach kurz vor dem Erwachsenenalter, stand dort und drehte seinen kleinen Finger in einem Ohr, ehe er ihn herauszog und betrachtete, was er gefunden hatte.
„Die Mädels sind erst abends wach und dann so richtig, verstehste?“, kam er großspurig daher.
Na großartig, ein Halbstarker, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte. Vermutlich war es ein löchriger Löffel gewesen, wenn er sich den Knaben so anschaute. War er auch mal so gewesen?
„VERstehe, dann komme ich wohl später wieder“, versuchte er sich vor einer Unterhaltung zu drücken.
„Mach das, aber Livia gehört mir, klar? Auf die hab ich Dibs!“
„Dibs?“
„Na sicher, Alter. Ist ne richtige Schönheit, weißte?“, stellte der Jüngling klar und machte eine Handbewegung, die auf einen üppigen Vorbau schließen ließ.
Na klar, nicht mal drei Haare am Sack, aber mit dem besten Stück denken.
„Ah, sicher. Ich muss dann.“
„Alles klar, bis später, Bruder!“
Isidor unterdrückte einen tiefen Seufzer und lief ohne einen weiteren Blick Richtung Norden. Dann würde er eben zuerst das Ehepaar mit dem dunklen Bier und der Schlachterei aufsuchen. Das zu finden dürfte weniger anspruchsvoll sein. Immerhin musste er nur seiner Nase folgen.
Der Tag hatte ruhig begonnen, die Luft feucht von der nahen See und erfüllt von einer unheimlichen Stille, die nur von den entfernten Rufen der Stadtwachen unterbrochen wurde. Venom bewegte sich leise durch die engen Gassen der Stadt, seine Gedanken so düster wie die Schatten, die ihn umgaben.
Während er durch die stillen Straßen ging, sickerte seine Abneigung gegen den Gott Innos tief in sein Bewusstsein. Die kalte Wut, die in seinem Inneren brannte, hatte ihren Ursprung in den bitteren Erinnerungen an seine Vergangenheit.
Er näherte sich dem belebten Handwerkerviertel im Norden der Stadt. Die engen, dicht bebauten Gassen waren ein Labyrinth aus kleinen Werkstätten und bescheidenen Häusern, belebt von den Geräuschen des Alltags. Doch trotz des täglichen Trubels wusste Venom, dass die erhöhte Alarmbereitschaft nach dem Zwischenfall am Tor die Stadtwachen auf Trab hielt. Das Gerücht über den Angriff von Feuermagiern hatte die Spannung in Stewark gesteigert, und die Wachen patrouillierten häufiger und aufmerksamer als sonst.
Venom bewegte sich vorsichtig, mied die besser besuchten Straßen und hielt sich in den Schatten. In seinem Inneren kämpfte er mit den Gedanken an Draven. Seit ihrer letzten Begegnung waren Jahre vergangen, doch der Hass, den er in den Augen des Mannes gesehen hatte, brannte sich in sein Gedächtnis. Draven hatte Hailey nie verziehen, dass sie ihn verraten hatte, und Venom wusste, dass Draven ein gefährlicher Gegner war – ein Mann, der nicht vergaß und der nach Rache dürstete.
Er wusste, dass er vorsichtig sein musste. Der Versuch, Draven zu töten oder anderweitig loszuwerden, war gescheitert, und nun musste er herausfinden, ob Draven noch in Stewark war. Diese Stadt war klein, und Neuigkeiten verbreiteten sich schnell. Doch gleichzeitig bedeutete das, dass Draven sich gut verstecken musste, wenn er nicht gefunden werden wollte.
In einer Seitengasse hielt Venom kurz inne. Er sah sich um, seine Sinne geschärft. Er hatte keine Angst vor den Wachen oder den Gerüchten über Feuermagier. Was ihm Sorge bereitete, war die Ungewissheit über Dravens Aufenthaltsort. Wenn Draven noch in Stewark war, dann würde er sich vorbereiten. Vielleicht wartete er auf den richtigen Moment, um zuzuschlagen. Venom konnte es sich nicht leisten, unvorbereitet zu sein.
Schließlich beschloss er, den Rest des Tages zu nutzen, um mehr herauszufinden. Er würde die Taverne „Klippenschänke“ aufsuchen, den Ort, an dem sich Informationen am schnellsten verbreiteten. Wenn Draven noch hier war, dann würde er früher oder später dort Erwähnung finden. Venom wusste, dass die nächste Begegnung mit Draven nicht lange auf sich warten lassen würde. Und diesmal würde er bereit sein.
Stilvolles Auftreten öffnete einem mehr Türen, als man gemeinhin glauben wollte. Agathes Diener hätte ihn sicher nicht einfach so hereingebeten, wenn er wie ein abgerissener Bettler gekleidet an die Schwelle ihres Weinguts getreten wäre. Aber ein Hemd von guter Qualität, die passende Ausstrahlung und die Aussicht auf ein gutes Geschäft brachten Einen beinahe überall hin, ganz ohne Mühe. Wenn doch nur mehr Leute diese Erkenntnis geteilt hätten! Die Welt wäre ein gepflegterer und schönerer Ort.
Schweigend und beobachtend – im Moment noch waren die Augen wichtiger als die Zunge – folgte Piero dem gealterten Bediensteten durch den Vorraum des Landhauses in eine Halle, die von einer breiten Treppe hinauf in das obere Stockwerk des Hauses dominiert wurde. Jagdtrophäen, die wie aus einem anderen Jahrhundert anmuteten, Ölgemälde von ähnlicher Datierung und angestaubte Kronleuchter erweckten den Eindruck eines Anwesens, das seine Glanzzeit schon vor einigen Jahrzehnten vorüberziehen gesehen hatte. Man hielt es in Schuss und bewahrte, was da war, aber allem hier hing der Hauch des Vergangenen an.
Der Diener führt Piero in einen kleinen Empfangssaal rechts des unteren Treppenabsatzes, blieb an der Tür stehen und bat Piero, einzutreten und zu warten.
„Ich werde die Hausherrin über Euer Eintreffen informieren, mein Herr“, sagte der Hausdiener, verbeugte sich knapp und trat hinaus. Piero nahm es mit einem Handwedeln zur Kenntnis. Er schlenderte durch den Salon und betrachtete sich interessiert die – selbstredend nur metaphorisch - angestaubte Dekoration im Stile der Jagdromantik. Da fand sich eine alte setarrifische Armbrust auf einem Ständer, gefertigt aus feinstem Walnussholz und Bein, das in spielerischen Jagdmotiven entlang des Schaftes angeordnet war. Ein Stück weiter stand ein ausgestopfter Wolf in der Ecke des Raumes. Auf der anderen Seite wurde ein Kelch aus grünspaniger Bronze ausgestellt, auf dem in kunstvollen, goldenen Lettern die Worte „König der Jagd“ prangten.
Als er genug von all dem Tand vergangener Jahrzehnte hatte, wandte sich Piero der Tafel in der Mitte des Raumes zu und setzte sich nieder – gerade rechtzeitig, um das Eintreffen der Hausherrin zu erwarten.
„Ich hatte keinen Besuch er- oh!“
In der Tür stand eine Frau von gut vierzig Sommern, die von zartem Grau durchzogenen, gepflegten Haare zu einem strengen Knoten hochgesteckt, der in ersten Andeutungen aus dem Leim gehende Körper in ein durchaus ansehnliches Kleid gepresst. Die hohen Wangen und die gerade Nase waren würdevoll erhoben, der schmale Mund spitz gezogen. Doch als die Dame des Hauses ihren Gast erblickt, öffnete er sich in Erstaunen.
„Harold informierte mich, dass ein Gast gekommen sei, um mir ein Geschäft vorzuschlagen. Er erwähnte aber nicht, dass es sich dabei um ein so gutaussehendes Exemplar handelt.“
Piero erhob sich von seinem soeben erst bezogenen Sitzplatz und schwang sich elegant in eine Verbeugung. Dabei blickte er der Frau die ganze Zeit über in die rehbraunen Augen.
„Meine Verehrung, Teuerste. Ihr müsst Herrin Agathe sein, von der ich schon so viel gehört habe.“
„Für bloße Schmeicheleien habe ich keine Zeit“, sagte Agathe, auch wenn ihr Körper etwas anderes sagte. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Mein Name ist Piero, ich stehe im Dienste der Krone König Ethorns und komme geradewegs aus Stewark, welches ich neuerdings mein Zuhause nennen darf.“ Bei diesen Worten kehrte er seinen Akzent ein klein wenig mehr hervor, als er es üblicherweise zu tun pflegte.
„Ein Zugezogener, also?“ Agathe setzte sich und bedeutete Piero, es ihm gleich zu tun. Dann rief sie ihren Diener in den Saal und orderte einen Tee. „Für Euch auch etwas?“
„Danke, eine Karaffe mit klarem Wasser wäre eine willkommene Erfrischung.“
Agathe wandte sich zu Harold und scheuchte ihn mit der wortlosen Aufforderung von dannen, Pieros Bitte nachzukommen.
„Sehr wohl, Herrin“, entgegnete der Diener gelassen und schritt so unauffällig von dannen, wie es sich für einen guten Diener gehörte.
„Nun, ähm …“
„Piero, Teuerste.“
„Richtig. Dann berichtet mir doch einmal, was Euch in mein bescheidenes Heim führt – und was Ihr für mich im Gegenzug tun könnt.“ Agathe legte die langgliedrigen Finger auf die Wurzelholz-Tischplatte ab und überschlug die Beine.
„Nun, werte Herrin, ich habe kürzlich in Stewark ein Etablissement in bester Lage erworben, das ich zu einem Ort des Wohlgenusses für den distinguierten Gaumen zu wandeln erstrebe. Nicht so profan wie diese Klippenschänke, in der man vergeblich nach einem guten Wein sucht. Und aus verlässlicher Quelle wurde mir angetragen, dass der beste Wein weit und breit an den Hängen Eures wunderschönen Landgutes wächst.“
Agathe lauschte aufmerksam den Worten ihres Gastes, schürzte die Lippen und hob schließlich eine Augenbraue in so hohem Bogen, dass sie beinahe aus dem Gesicht zu springen drohte.
„Der Beste?“ Sie lächelte schmallippig. „Der Einzige.“
„Sì, Signora. Der Einzige innerhalb der Baronie, wie ich hörte“, gestand Piero frei heraus.
„Und Ihr seid nun hier?, um eine Kostprobe der … Genüsse zu erlangen, die Ihr Euch in meinem Hause erwartet?“
Er lächelte gewinnbringend. „Um eine langfristige Partnerschaft in’s Leben zu rufen, Signora.“
Harold tauchte plötzlich neben ihnen auf, als hätte er den Raum nie verlassen, und stellte ein Tablett mit einer fein gearbeiteten Kanne aus Porzellan und einer ebenso kunstvollen Tasse an Agathes Seite ab, goss ihr ein, trat schließlich herüber zu Piero und stellte einen gläsernen Kelch vor ihm ab, in den er aus einer Glaskaraffe eingoss. Dann verschwand er wieder wie ein Schatten aus dem Salon.
Agathe nippte an ihrem Tee und gab einen genussvollen Laut des Wohlgefallens von sich.
„Ich bin eine einfache Frau mit einfachen Bedürfnissen“, sagte sie zuckersüß lächelnd. „Ich mache mir nichts aus den Aspirationen der anderen Grafen oder den Angelegenheiten des Barons oder gar des Königshauses. Sinnenfreuden sind es, die ich wünsche.“
Agathe betrachtete Piero langsam vom Scheitel bis zum Hemd und wieder zurück. „Wie denkt Ihr, könnte diese langfristige Partnerschaft diese Bedürfnisse befriedigen?“
„Nun, abgesehen von dem steten Fluss des Goldes, der Euch ermöglichen wird, Euer wunderschönes Gut den eigenen Neigungen entsprechend weiter auszuschmücken, kann ich Euch noch etwas Anderes bieten, und zwar jedes einzelne Mal, wenn wir uns im Laufe unserer Partnerschaft begegnen. Und wenn ich Euch richtig einschätze, wird Euch das mehr wert sein als das Gold und Euer Wein zusammen.“
Agathe beugte sich vor und stützte sich so weit auf den Tisch, dass sie beinahe aufstand. „Und das wäre?“
Pieros Zähne offenbarten sich in einem hintergründigen Grinsen. Er stand auf, trat langsam an ihre Seite und flüsterte ihr in’s Ohr.
Kurze Zeit später verließ er das Gut der Gräfin Agathe von Eberstein mit einer strohgepolsterten Holzkiste, die je zwei Flaschen Rotwein und Weißwein des Vorjahres enthielt. Es war zu einfach gewesen. Piero kannte Frauen wie Agathe sehr genau: ihr Herz verzehrte sich nach Abenteuern, aber sie wären nie bereit gewesen, das Risiko tatsächlich einzugehen. Alles, wonach sie sich tatsächlich sehnten, war es, von Abenteuern zu träumen. Und Träume aus fernen Ländern dieser Welt – von denen hatte Piero mehr als genug zu bieten.
„Ich wünsche einen schönen Tag, mein Herr“, rief er einem Vermummten zu, der einen ausnehmend schwer wirkenden Handkarren über den getrockneten Erdweg zog. Erst als der Mann an ihm vorüberzog, realisierte Piero, wie groß der Mann eigentlich war, und dass er ihn ziemlich sicher schon einmal im Gedränge gesehen hatte. Eine erstaunliche Gestalt – doch im Moment hatte er keine Zeit, weitere Erkundungen anzustellen. Immerhin besorgte dieser kräftige Kerl mit der Brandnarbe gerade einige Kostproben für seine Unternehmung.
Einen strammen Marsch später erreichte Piero das Stadttor, als die Sonne den Zenit bereits knapp überschritten hatte. Er hatte sich kaum häuslich in der ehemaligen Wachstube niedergelassen, da tauchte auch schon Isidor auf und brachte ihm drei Schüsseln des berühmt-berüchtigten Eintopfes aus dem Grünen Eber. Und flugs war der Junge auch schon wieder weg, davon geprescht zu den ominösen Damen des Roten Hahns. Piero nahm es leicht – dann würde er sein Mittagsmahl eben ohne Gesellschaft zu sich nehmen. Er ließ sich an dem Tisch nieder, auf dem die immer noch warmen Schüsseln Eintopf vor sich hin dampften, schob zwei Portionen beiseite und machte sich an die ausführliche Geschmacksprobe von Eintopf und Weißwein.
Stolz schnürte Felia die Kehle zu.
Ein froschgroßer Kloß klebte ihr unbeweglich und unnachgiebig im Hals, nachdem die Wassermagierin mit ihren Ausführungen geendet hatte.
Und egal wie viel sie schluckte, jedes Wort, das sie sprach war ein Kampf.
»Ich danke euch für euer Angebot, Aniron.«, sprach die schönste aller Novizinnen knapp. Es lag keinerlei Feindschaft in ihrer Stimme und entgegen aller Befürchtung lenkten weder Wut noch Stolz ihre Worte. »Wenn ihr gestattet, möchte ich noch einige Worte sagen, ehe ich euch meine Antwort gebe.« Der Form halber hielt sie inne, ehe sie fortfuhr.
»Ungeachtet unseres Verhaltens am Stadttor - von dem ihr damals alle noch keine Kenntnis erlangt hattet - wurde uns mit Ausnahme von euch ausschließlich mit Missgunst, offener Feindseligkeit oder hinter vorgehaltener Hand gewisperten Heimlichkeiten begegnet, obwohl wir mit nichts als Freundlichkeit und als Verletzte und Hilfesuchende in eure Hallen getreten sind. Von dem gänzlich ungebührlichen Verhalten in der Unterkunft der Wassernovizen mal ganz abgesehen.«, ergänzte sie vorsichtig. »Rückblickend erscheint diese Feindseligkeit vielleicht angemessen gewesen zu sein, ich möchte aber betonen, dass wir als Fremde in eure Hallen getreten sind und zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte, dass wir hinter dem Aufruhr am Tor gesteckt haben. Das Verhalten der Euren richtete sich nach eurem Kenntnisstand also gegen Fremde, die verletzt und hilfesuchend in eure Hallen getreten sind. Ich erlaube mir zu vermuten, dass es gänzlich ungebührlich wäre, mit einem solchen Verhalten gegenüber anderen Reisenden, Hilfesuchenden und Pilgern aufzutreten.« Felia pausierte einen Augenblick, um sich zu sammeln. Diese Frau war eine der wenigen Menschen in dieser ganzen Stadt gewesen, die sich verhalten hatte, wie sie es von einer Magierin erwartet hatte und der Unmut der Novizin sollte sich nicht gegen sie richten.
»Und so sehr ich verstehen kann, dass dies eure Stadt ist und ihr mit Sicherheit nachgiebiger mit den Euren seid als mit Fremden, die unter Zuhilfenahme von Lügen und Magie in die Stadt eingedrungen sind, so sehr möchte ich euch bitten, dass ihr die Strenge, mit der ihr von uns eine Entschuldigung verlangt, gleichsam auch von den Euren einfordert.« Wieder hielt die Schönheit inne. Es war selten, dass sie ernsthaft über die Wahl ihrer Worte nachdachte, aber sie wanderte einen äußerst schmalen Pfad und wollte sich das letzte bisschen guten Willen der Magierin nicht verspielen. Gleichzeitig war es ihr aber ein Anliegen, nicht stumm nickend ihren Forderungen nachzugeben. »Ihr spracht von einer Vereinigung der magischen Kräften verschiedenster Schulen. Und ja, Curt und ich-« Mit einem kurzen Seitenblick ergriff sie die Hand des Novizen und lächelte ihn sanft an. »haben uns wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert und vermutlich noch eine Menge in Sachen Diplomatie zu lernen. Aber ebenso haben das eure Schützlinge. Sofern wir in Zukunft tatsächlich zusammenarbeiten wollen.« Der sanfte Druck von Curts Hand vermochte, ihr rasendes Herz zu verlangsamen.
»Ich bin gerne bereit, mich für unser Verhalten- nein, für uns Fehlverhalten zu entschuldigen.«, sagte sie schließlich. »Wohlwissend, dass künftige Aufeinandertreffen zwischen Novizen der Götterbrüder Innos und Adanos nach reiflicher Unterweisung durch weisere Magierinnen als wir es sind friedlicher ablaufen werden.«
Felia legte eine Hand auf ihre Brust und senkte mit geschlossenen Augen den Kopf.
»Entschuldigt.«, sagte sie etwas leiser als sie noch zuletzt gesprochen hatte.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als Venom durch die belebten Straßen von Stewark ging. Die Stadt war klein, die Häuser dicht aneinandergereiht und aus dem gleichen hellen Stein gebaut, sodass die Taverne, die Klippenschänke, sich kaum von den anderen Gebäuden abhob. Nur das gemurmelte Lachen und die Geräusche von Gläsern, die gegeneinander stießen, wiesen darauf hin, dass sich hinter der unscheinbaren Fassade eine der wenigen Orte in Stewark verbarg, wo die Menschen für einen Moment ihre Sorgen vergessen konnten.
Venom betrat die Taverne, das vertraute Geräusch des knarrenden Holzbodens unter seinen Stiefeln begleitete ihn. Er trug sein schwarzes Kopftuch wie einen leichten Turban um den Kopf und über Mund und Nase gewickelt, sein Umhang fiel locker über seine Schultern. Der Duft von gebratenen Äpfeln und frisch gezapftem Apfelwein lag in der Luft und lenkte die Aufmerksamkeit von den ernsteren Gedanken, die ihn hergeführt hatten.
Ohne Eile suchte er sich einen Platz in der hinteren Ecke des Schankraums. Ingor, der Wirt, ein Mann mit dichtem, grauem Bart und einem gutmütigen Gesicht, brachte ihm ohne Nachfrage einen Becher Apfelwein. „Lange nicht gesehen,“ begrüßte er Venom und stellte den Becher mit einem leisen Klirren auf den Tisch.
Venom nickte kurz, nahm den Becher in die Hand, doch bevor er trank, sprach er mit leiser Stimme: „Hast du in letzter Zeit einen Mann mit schwarzem Mantel und Degen gesehen oder davon gehört?“
Ingor runzelte die Stirn, bevor er sich neben Venom setzte. „Da war ein Gast hier, vor ein paar Tagen,“ begann er, während er sich erinnerte. „Er hat erzählt, wie er einen solchen Mann gesehen hat. Er meinte, er hätte die Burg und die Baronie in östlicher Richtung verlassen.“
Venom trank einen Schluck des kühlen Apfelweins und ließ die Worte des Wirts auf sich wirken. Das war eine wertvolle Information, auch wenn sie nicht allzu konkret war. Wenn Draven tatsächlich Stewark verlassen hatte, dann war die Bedrohung vorerst gemindert, aber nicht gebannt. Ein Mann wie Draven verschwand nicht einfach. Er war wie ein Schatten, der sich stets am Rande des Blickfelds bewegte, bereit zuzuschlagen, wenn man es am wenigsten erwartete.
„Danke, Ingor,“ sagte Venom schließlich und hob den Becher leicht zum Abschied. Der Wirt nickte ihm zu und stand auf, um sich wieder seinen anderen Gästen zu widmen.
Venom blieb noch einige Zeit in der Taverne sitzen, den Apfelwein vor sich, während seine Gedanken um das kreisten, was er erfahren hatte. Die Nachricht, dass Draven die Stadt verlassen hatte, brachte ihm keine Ruhe. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich erneut gegenüberstehen würden. Es blieb die Frage, warum Draven die Stadt verlassen hatte und ob es klüger wäre ihn zu verfolgen.
Als er schließlich die Taverne verließ, trat er hinaus in das grelle Tageslicht und blinzelte in die Sonne. Die Stadt war geschäftig wie eh und je, die Gerüchte über die Angriffe von den Feuermagiern hatten die Bewohner nervös gemacht, doch das Leben ging weiter. Venom konnte nicht anders, als sich dabei zu erwischen, wie er die Bewegungen der Menschen um sich herum musterte, als wären sie potenzielle Bedrohungen.
Während er zurück zu dem Versteck ging, das er mit Hailey und Colbart teilte, dachte er an seine Vergangenheit und die Götter, die sein Leben geprägt hatten. Mit diesen Gedanken im Kopf kehrte Venom zu dem Versteck zurück. Es war an der Zeit, Hailey und Colbart von dem zu berichten, was er erfahren hatte.
Beladen mit verschiedenen Sorten Fleisch und einem kleinen Fässchen Dunkelbier verließ Isidor Das fallende Beil, welches die dritte Hauswirtschaft gewesen war, welche Piero ihn hatte aufsuchen lassen. So schwer die Auswahl der gekauften Waren auch war, so bedenklich leichter fühlte sich der Lederbeutel an, der an seinem Gürtel hing. Beinahe alles, was Armond ihm mitgegeben hatte, war aufgebraucht und wenn er bei der Kommune ebenfalls tief in die Taschen greifen musste, würde er bis zu seinem ersten Lohn als Geselle von Resten leben, die er in der Klippenschänke abstauben konnte. Immerhin standen auch noch neue Kleidung und ein Geschenk für Frieda auf seiner Einkaufsliste. Hoffentlich würde Piero für die Kosten aufkommen, wenn er ihn schon als Laufburschen missbrauchte, Hilfe hin oder her.
Statt erneut über den mittleren Ring zu gehen – auf ein weiteres Treffen mit dem aufdringlichen Jüngling konnte er getrost verzichten, bahnte er sich einen Weg über die Straße der Handwerker. Ein Hauch von Zimt lag in der Luft, mischte sich subtil unter die ganzen anderen Gerüche, die aus den verschiedenen Geschäften drangen. Sofort wanderten seine Gedanken zu der jungen Bäckermeisterin und der Verabredung, die ihn wenigen Stunden stattfinden sollte. Hoffentlich klarte der Himmel noch etwas auf und so die Götter wollten, würde er alles Wichtige vorher erledigen können.
Je näher er dem Torplatz kam, desto lauter wurden die Klänge der Schmieden und mit ihnen ein Hauch schlechten Gewissens, dass er unverrichteter Dinge die Arbeit niedergelegt hatte. Zwar war es Alberich gewesen, der ihn großzügigerweise fortgeschickt hatte, doch Isidor nahm sich vor, es ihm doppelt zu vergelten, indem er sich noch mehr anstrengte und bewies, dass er mit der hiesigen Technik zurechtkäme. Es war schon verwunderlich, wie unterschiedlich Männer und Frauen derselben Zunft ihr Handwerk ausführten, wobei die Ergebnisse jeweils für sich sprachen. Die myrtanische Armee war stets zufrieden mit den Rüstungen seiner Familie gewesen und dass die Stadtwache Elara mit einem Auftrag bedachte, zeugte ebenfalls von Anerkennung. Bisher hatte der Hüne versäumt zu fragen, für wen die Rüstung war, die sein Meister und er anfertigten, doch der Lehmvorlage nach handelte es sich um einen drahtigen Krieger. Ob es eine der Klingen war, die in der Akademie lernten?
Am Torhaus angekommen, klopfte Isidor an dieselbe Tür wie bereits früher am Tag und trat ein. Piero hatte einen Becher vor sich auf dem Tisch stehen, während er einige Dokumente zu lesen schien.
„Hier, eine Auswahl verschiedener Teile vom Schwein und ein ganzes Huhn“, kündigte er sich an und ließ das Holzbrett, welches mittlerweile von den Säften, die noch aus dem Rohfleisch drangen, vollgesogen war, „Und ein kleines Fässchen vom dunklen Bier. Ich hab‘ noch nichts davon angerührt, wie du siehst. Also nur zu.“
Für einen Moment blieb Isidor unentschlossen stehen, wägte ab, ob er sofort zum roten Hahn aufbrechen sollte oder einen Augenblick erübrigen sollte, um die finanzielle Lage dieses Unterfangens abzustimmen. Zwar wäre er am Ende der Quest um einiges an Erfahrung reicher, aber zu einem Preis, den er nur schwerlich bereit, beziehungsweise in der Lage, war aufzubringen. Kurzerhand zog er einen Stuhl zurück und setzte sich Piero gegenüber, während er ihn mit krauser Stirn musterte.
Für gewöhnlich übertrieb Johanna ja gern aus purem Spaß, wenn es um Syrias‘ Alter ging. Aber manchmal fragte sie sich schon, ob die weißen Haare ihn nicht doch zu Recht jenseits des halben Jahrhunderts verorten ließen. Oder hatte er vielleicht während der Orkbesatzung ein paar Mal zu oft auf den Deckel bekommen? Anders konnte sie sich nicht erklären, dass Syrias innerhalb weniger Worte allen Ernstes schon wieder vergessen hatte, wie ihr Freund vermeintlich hieß. Es sei denn natürlich, er tat es mit Absicht, um sie zu reizen. Denn irgendetwas wusste der Lump doch, da war sie sich ziemlich sicher.
„Mun-gu!“, betonte sie die Silben so langsam, dass man meinen mochte, sie spräche mit einem Kind. „-gu! Nicht -du!“ sie linste ihn durch halb geschlossene Augen argwöhnisch an. „Du machst das doch mit Absicht, oder?“
Der stummen Aufforderung folgend ging sie in Kampfhaltung und griff ohne Umschweife mit einer Folge von drei kreuzenden Schlägen an, die mehr Syrias‘ Reaktion testeten, als ihn ernsthaft zu gefährden, und setzte wieder zurück außer Schlagweite.
„Magisches Erz?“ Sie pfiff durch die Zähne. „Na, du hast ja Ansprüche! Bist du sicher, dass es so einen Firlefanz hier auf der Insel wirklich gibt?“
Johanna breitete die Arme aus. „Keine Ahnung, ob Mungu sich mal mit diesem magischen Erz beschäftigt hat, aber ich kann ihn ja mal fragen. Allzu große Hoffnungen würd ich mir an deiner Stelle aber nicht machen. Wenn’s nicht gut aussieht und in Skulpturen verwandelt werden kann, interessiert es ihn vermutlich nicht.“
Nun, das stimmte so nicht ganz. Rudra hatte nicht nur weitaus mehr Leidenschaften als die Bildhauerei, er war darüber hinaus auch noch so unfassbar wissbegierig, dass sie ihm zugetraut hätte, sich einfach nur deshalb damit zu beschäftigen, weil er dabei etwas Neues lernen konnte. Aber Mungu war eben nicht Rudra, sondern nur ein Torgaanischer Künstler.
Erneut schritt sie auf Syrias zu, testete seine Verteidigungshaltung mit einigen vorsichtigen Schlägen aus und umrundete ihn dabei. Dann sprang sie vor, setzte erneut zu einer dreifachen Schlagfolge an – doch diesmal deutete sie den Rückzug nur an, schlug Syrias‘ Klinge mit dem Dolch nach rechts weg und machte einen Ausfallschritt nach links, um seine Flanke zu attackieren. Der Angriff ging fehl – der alte Mann hatte sich mit guter Beinarbeit aus dem Gefahrenbereich gebracht.
„Rüstig!“, rief sie anerkennend und grinste ihn frech an.
„Aber mal im Ernst, hätte gar nicht gedacht, dass du was mit irgendwelchem magischen Kram anfangen kannst. Was willst du denn mit diesem Zeug machen?“
Ja, wenn sie ehrlich war, hatte sie keine wirkliche Ahnung, was es mit diesem ominösen magischen Erz auf sich hatte. Vor ihrem inneren Auge jedoch sah sie Syrias, der ein halbes Dutzend goldgefasster, bunter Edelsteine um den Hals trug.
Sie kicherte und hielt sich den Dolch vor den Mund.
Der alte Holzfäller saß in der Sonne auf seiner Lieblingsbank vor seiner Werkstatt und lies sich die Nachmittagssonne auf den Pelz brennen. Ein laues Lüftchen brachte genau die richtige Menge an Abkühlung, sodass es sich wunderbar anfühlte hier zu sitzen und ein wenig Kraft zu schöpfen.
In letzter Zeit waren die Aufträge über diverse Holzarbeiten zwar nicht übermäßig in seiner Zimmermannswerkstatt eingegangen, aber trotzdem war Wombel froh, mal ein paar Tage ausspannen zu können.
Insgeheim genoss er die Ruhe und tatsächlich freute er sich sogar über ein wenig Müßiggang.
Am Nachmittag,- so überlegte er sich dösig - würde er noch ein wenig Werkzeugpflege betreiben. Äxte und Beile nachschärfen, die Sägen und Beitel wieder auf Vordermann bringen, Messwerkzeuge nachjustieren und insgesamt die ganze Bude mal wieder ordentlich durchzufegen. Nun war es jedoch definitiv nicht so, dass das unbedingt nötig gewesen wäre, aber er wollte gewappnet sein. Wenn es im näher kommenden Herbst zu Reparaturen oder sonstigen Arbeiten an den Häusern von Stewark kommen sollte, dann musste sein Equipment einsatzbereit sein.
Für den morgigen Tag plante er nach dem Frühstück, welches er ausnahmsweise in der Klippenschänke einnehmen wollte, einen Besuch im Haus der Magier. Neben einem ausgedehnten Besuch der Handwerkshalle und dem Marktplatz wollte er auch seit längerer Zeit einmal wieder den Schriften und den Büchern zuwenden.
Und so wollte er nun die Pause unterbrechen und die Arbeiten in der Werkstatt abzuschließen um für den nächsten Tag gewappnet zu sein. Auf der Bank räkelte und streckte er sich kurz genüsslich, streckte seine Arme und Beine in die Länge und leicht erschrocken stelle er fest, dass es nicht nur stellenweise ein wenig knirschte, sondern diverse Regionen seines Körpers sich anhörten als würde man fingerdicke Äste zerbrechen.
„Na dann mal los. Nützt ja nix.“ Brummte er vor sich hin und setzte sein Tagwerk fort.
Als es klopfte, sah Piero gar nicht erst von der Zettelwirtschaft auf, die er vor sich auf dem alten Holztisch ausgebreitet hatte.
„Si accomodi!“, rief er und wandte seine Aufmerksamkeit schon wieder dem Briefwerk zu. Diese verdammte Bürokratie war in diesem Nest nicht anders als im Myrtanischen Reich! Dabei hatte er die Arbeit in seiner Lokalität noch nicht einmal aufgenommen! Aber Mietvertrag, Schanklizenz, Kaution und wusste Beliar was noch alles kamen ihm beinahe schon minütlich ins Haus geflattert! Wie lobte er sich da die Varanter, bei denen das bloße Wort für ein Geschäft genügte! Gut, dafür musste man dort regelmäßig aufpassen, nicht aus Versehen seine Seele zu verkaufen, doch damit konnte Piero leben. Oder die Nordmarer! Solange man trinkfest und geschmacklos genug war, um das abscheuliche Starkbier herunterzuwürgen, das zum Abschluss eines Handels per Handschlag gehörte, war alles in bester Ordnung. Aber nein, Stewark hatte wohl schon zu lange unter myrtanischer Herrschaft gestanden, bevor Ethorn sich die Stadt unter die provinzroyalen Finger gerissen hatte.
Er war wenig überrascht, einen voll beladenen Isidor eintreten zu sehen, der offensichtlich beim Schlachttag ordentlich zugelangt hatte. Etwas überraschter aber war er, als der junge Kerl sich nicht zu seinem dritten Ziel auf den Weg machte, sondern häuslich niederließ. Piero sah auf und betrachtete sich das Fleischbuffet, ohne sich anmerken zu lassen, wie er zu dem Fleisch und dem Bier stand.
„Isidor, mein Freund! Besten Dank, aber ich habe bereits den Eintopf und den Wein verkostet. Wie wäre es, wenn du die Verkostung von Fleisch und Bier für mich übernimmst?“
Er linste zu einem Tisch in der Ecke der alten Wachstube. „Die anderen beiden Schüsseln stehen übrigens noch da hinten. Wenn du es schaffst, sie ohne Schwappen zu deiner Verabredung zu bringen, kann ich das Süppchen sehr empfehlen. Äußerst tiefgehendes Aroma. Man kann förmlich jedes Jahr erschmecken, den diese Suppe schon lebt und atmet.“
Beiläufig deutete er auf die Holzkiste daneben. „Und dort ist der Wein.“ Seine Stimme war bedeckt vom Bedauern, etwas von diesem hart erstrittenen Rebensaft abtreten zu müssen, aber Abmachung war Abmachung. „Nimm dir eine Flasche, wenn du deine Liebste in höchste Sphären des ekstatischen Genusses führen möchtest. Natürlich nur, insofern ihr Gaumen die reichen Aromen zu würdigen weiß.“
Er wedelte mit der Hand in Richtung der Waren, die Isidor mitgebracht hatte. „Ansonsten nimm das Fass. Ich brauche nur eine Wertung des Geschmacks – am besten im Vergleich zum Bier der Klippenschänke.“
Piero schaute noch einmal auf das Papier in seiner Hand, seufzte theatralisch und warf er schließlich auf den Tisch. Dann faltete er die Hände und beugte sich vor. „Und, dein Eindruck von Eber und Beil? Und was ist mit dem Roten Hahn? Diese Frauen interessieren mich ganz besonders! Und ihre Hahnenschwanz-Liköre, natürlich.“
Etwas verdutzt schaute Isidor auf die reichhaltige Schlachtplatte, die er auf dem Tisch abgestellt hatte. Die verschiedenen Fleischsorten waren längst kalt, doch es würde dem Geschmack sicher keinen allzu großen Abbruch tun. Bevor er jedoch zulangte, griff er nach einem Becher, öffnete behutsam das Fässchen Dunkles und schüttete sich ein. Der erste Schluck war etwas ganz Neues für ihn. Es fühlte sich längst nicht so schwer auf der Zunge wie ein Dunkles Paladiner, besaß aber durchaus mehr Textur als das übliche Ale, was man in den meisten Tavernen bekam. Eine leicht rauchige Note begleitete den herben Geschmack, der mit einer gewissen Süße abschloss, die an jene von Brot erinnerte, wenn man nur lang genug kaute.
„Das ist ein wirklich gutes Bier“, staunte der Schmied und schaute überrascht zu Piero, der sich von seinen Papieren abgewandt hatte und die Reaktion seines Vorkosters beobachtete.
Ein kaum merkliches Schmunzeln spielte über die Lippen des Lebemanns.
„Sicher, dass du nicht auch probieren willst?“, fragte der Hüne, doch Piero winkte ab.
Mit einem Schulterzucken riss Isidor eine Bolle aus dem Huhn, welches außerordentlich fett war. Kein Wunder, dass es einen so stolzen Preis erzielt hatte. Das Aroma des kalten, weißen Fleisches schmeichelte seiner Nase und so blieb ihm nur der Geschmackstest. Zart und saftig war es und man schmeckte eindeutig, dass es ein gesundes Tier gewesen war.
„Das Huhn ist auch besser, als das meiste, was man auf dem Markt bekommt“, schätzte er und legte wenig später den abgenagten Knochen beiseite.
Ehe er sich den verschiedenen Teilen des Schweins zuwandte, nahm er noch einen weitern Schluck Bier und wischte sich den Schaum aus dem Bart.
„Die Witwe im grünen Eber war sehr herzlich, wenn auch ein wenig verschroben. Ich glaube, dass sie schlecht sieht und es genießt mit ihren Kunden zu plaudern. Ganz anders als das Ehepaar vom fallenden Beil“, begann er seine Einschätzungen zu den Menschen abzugeben, „Am besten beschreiben sie wohl die Worte harsch und arrogant. Ich habe versucht sie herunterzuhandeln, doch sie haben gelacht und behauptet, ich würde nirgends besseres Fleisch oder süffigeres Bier bekommen. Der Preis hatte es auch in sich und auch, wenn ihre Erzeugnisse gut schmecken, würde ich sie nicht wieder aufsuchen“, fasste er seine Eindrücke präzise zusammen.
Sein Blick wanderte zu einem der Fenster, welches freie Sicht auf das Stewarker Umland und die stufigen Plantagen und Felder gewährte. Der Ausblick sprach für sich und Isidor malte sich aus, wie er in wenigen Stunden dort unter den Apfelbäumen mit Frieda sitzen würde. Eine Schale Eintopf und eine Flache Wein neben sich, während sie darüber sprachen, was sie beide ausmachte. Nervosität kribbelte in seinem Bauch und er räusperte sich kurz, ehe er ein Stück gut gegrillter Rippe von der Holzplatte nahm.
„Beim roten Hahn war ich, aber dort war absolute Stille. Entweder schlafen die Damen am Tag oder sie waren alle ausgeflogen. Ich werde jetzt gleich aufbrechen und noch einmal schauen, ob jemand Zuhause ist. Willst du einen ihrer Hahnenschwänze probieren oder reicht dir meine Einschätzung?“
Er riss mit seinen Zähnen Fleisch vom Knochen und seufzte zufrieden.
„So gut.“
Syrias schmunzelte, während Johanna ihn korrigierte. Traf er da einen wunden Punkt? "Ist doch egal ob -Du oder -Gu." Er blockte ihre drei Schläge mit Leichtigkeit, sie wollte anscheinend erst einmal schauen, wie weit sie gehen konnte. Sehr gut, befand Syrias. Nicht gleich am Anfang alles auf eine Karte setzen sondern sich langsam heran tasten war der bessere Weg. Außerdem konnte man so den Gegner einschätzen lernen.
"Das wäre nett, wenn du MunGU fragen würdest."
Johanna testete ihn weiter, wollte schauen, ob er sich reizen lies. Doch Syrias war geduldig. Er hatte nicht so lange auf diversen Schlachtfeldern überlebt, weil er sich waghalsig in den Kampf warf. Was vermutlich auch mit einer der Gründe war, warum er noch alle seine Gliedmaßen besaß.
"Ich brauch keine Magie, ich brauch nur das Erz." Der Söldner achtete auf seine Beinarbeit und blieb stetig in Bewegung. Die beiden begannen sich zu umkreisen, während sie einander taxierten. Syrias sprach weiter.
"Magisches Erz ist leichter und stabiler, selbst wenn man es auf normale Weise verarbeitet." Syrias stach spielerisch nach Johanna, doch die kleine Frau wieselte flink ausserhalb seiner Reichweite, bevor der Söldner sie überhaupt treffen konnte. Ja, die kleine war Flink. Wenn sie es schaffte später auch ihren ganzen Körper im Kampf einzusetzen, dann wäre sie ein ziemlich tödlicher Wirbelwind, dachte Syrias.
"Es verliert zwar seine magischen Fähigkeiten, ist Stahl aber um einiges überlegen. Und DAS brauch ich." Er nutzte ihr Kichern aus und griff an. Syrias trat schnell zwei Schritte an sie heran und schlug zweimal zu, bevor er kurz zögerte. Johanna wich dem ersten Schlag von der Seite aus und lies den zweiten an ihrem Parierdolch heruntergleiten. Und wie es Syrias ihr gezeigt hatte, drehte sie die Klinge ein und versuchte so sein Schwert einzufangen. Doch Syrias drehte sein Schwert einfach mit ihrer Bewegung, wo durch seine Klinge nicht eingeklemmt wurde. Mit einem Schritt zurück und zur Seite brachte er sich wieder aus ihrer Reichweite, als die kleine Frau hektisch mit ihrem Degen nach ihm stach.
"Du hast mit letztens zum Nachdenken gebracht, als du mich auf meinen Anderthalbhänder angesprochen hast. Und das hat mir halt keine Ruhe gelassen. Für das, was ich vorhab, brauch ich genug magisches Erz, weil ich damit noch nich gearbeitet hab. Ich kenn mich nur mit Eisen und Stahl aus."
Es wartete also Arbeit auf ihn. Der alten Dame mit der Suppe würde er sicherlich gut zureden und sie dazu bewegen können, einen Handel einzugehen. Mit dem Schlachterpaar vom fallenden Beil sah das schon etwas anders aus. Da mussten vermutlich etwas überzeugendere Maßnahmen her, um die beiden zur Kooperation zu bewegen. Nichts, was er noch nie gemacht hätte – es würde eben nur ein wenig mehr Initiative und Kreativität erfordern.
Was Piero jedoch verstimmte, war die wenig hilfreiche Einschätzung von Bier und Fleisch seitens Isidors. Wenn jemand fragte, wie unpräzise man Auskunft geben konnte, rief der Bursche wahrscheinlich laut „Halt mein Bier!“ Ja, wenn er es doch nur eingehender als mit einem schnöden „Echt gut!“ gekennzeichnet hätte!
„Bene! Aber ich will wissen, ob es dem Getränk aus der Klippenschänke vorzuziehen ist! Was ist der Unterschied? Würdest du nach einem langen Tag eher das Eine, oder eher das Andere trinken? Welches würde dir auf Dauer mehr zusagen, und warum?“
Diese Zielgruppenstudie war alles andere als erschöpfend, aber wenigstens wollte Piero aus der geringen Testmenge, die ihm in dieser frühen Phase zur Verfügung stand, das maximal Mögliche herausholen.
Als Isidor verträumt aus dem Fenster in Richtung des Stewarker Landes blickte, ließ Piero ihm den Moment. Der Junge hatte ja schließlich eine Verabredung vor der Brust und schrie förmlich danach, dass er mit solchen Situationen nur schwerlich umzugehen wusste.
„Gute Aussicht, vero? Oben ist sie sogar noch besser.“
In den anderen Etagen herrschte noch dringender Bedarf für Räumarbeiten vor. Es war sträflich, wie die Stadtwache so guten Raum einfach ungenutzt verkommen ließ. Die unauffällige Treppe in einer Nische am Rand führte in ein vollkommen vermülltes Kellergeschoss, das er noch nicht einmal vollends erschlossen hatte, aber mit Sicherheit als hervorragendes Lager nutzen konnte. In die Höhe führten sogar noch zwei weitere Stockwerke. Das erste Obergeschoss mochte sich mit etwas Mühe in eine Unterkunft umbauen lassen. Im zweiten, das sich über das gesamte Torhaus erstreckte, gab es eine direkte Verbindung zur südlichen Wachstube. Piero hatte sich mit Hertan darauf geeinigt, zumindest einen Teil nutzen zu dürfen, den sie durch eine neu eingezogene Wand abtrennen würden. Nicht genug, um eine Nutzung für sein Geschäft zu erlauben – aber ausreichend Platz, um sich selbst ein großzügiges Zimmer mit einer Aussicht einzurichten, bei der selbst König Ethorn neidisch geworden wäre. Er freute sich darauf, nach und nach alles auszubauen, sobald die ersten Kunden einen gewissen Goldfluss mit sich brachten. Doch zuvor musste das Brot-und-Butter-Geschäft abgesichert sein. Nun, eher das Suppe-und-Bier-Geschäft, aber was machte das schon für einen Unterschied?
Als Isidor schließlich den Faden wieder aufnahm und vom Roten Hahn berichtete, hob Piero die Augenbrauen. „Die Damen vom Hahn waren nicht zugegen? Nun, ihre Kundschaft, dürfte für gewöhnlich auch eher abends bei ihnen vorbeikommen.“
Er hatte Mühe, nicht auf das stillose Reißen und Schlingen an dem bemitleidenswerten Hühnerbein zu starren wie auf einen Unfall. Was für vulgäre Essgewohnheiten … ja, Isidor war sein Mann, wenn es darum ging, den Geschmack des einfachen Mannes zu treffen.
„Falls du diesmal Glück hast, bring mir doch gern einen ihrer Liköre mit. Den Hahnenschwanz möchte ich gern selbst auf meiner Zunge spüren“, sagte er mit einem anzüglichen Grinsen.
„Und wenn du zurück bist, nimm dir mit, was du greifen kannst, um deine Verabredung glücklich zu machen. Immerhin hast du ja auch dafür bezahlt.“
Und er würde einen Dämon tun, seine Auslagen zu kompensieren. Immerhin erhielt er kostbare Einblicke in die kulinarische Welt dieser Stadt, und sogar noch eine Weinflasche obendrauf – war das nicht Lohn genug?
„Ist doch egal? Wie würdest du es denn finden, wenn ich dich immer Syphilas nennen würde?“, gab sie ein wenig beleidigt zurück. Klar, Mungu war nur ein ausgedachter Name, und sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, ob Rudra oder sie damit angefangen hatten, um die Scharade des torgaanischen Künstlers zu spielen! Aber wenn man einmal einen Namen hatte, musste man ihn auch verteidigen, oder nicht? Wenn ihr Freund tatsächlich Mungu hieße, würde sie seine richtige Aussprache auch verteidigen.
Als er ihren Versuch ins Leere laufen ließ, seine Waffe zu binden, trat sie aus seiner Schlagweite und ließ die Klingen sinken.
„Na gut, ich frag ihn mal. Das klingt aber schon echt speziell. Leichter und gleichzeitig stabiler? Würden hier nicht alle mit einem Schwert aus dem Zeug herumrennen, wenn es das hier irgendwo gäbe?“
Sie stemmte die Fäuste in die Hüfte, die Klingen dabei nach hinten gerichtet. „Also, ich würd jedenfalls eines wollen! Machst du mir eines, wenn ihr was auftreibt? Aber mach ruhig erstmal dein eigenes, zum Schmieden Üben“, fügte sie grinsend hinzu.
Als er zu einer Antwort ansetzte, preschte sie wieder unvermittelt vor und ging diesmal direkt auf Tuchfühlung. Syrias blockte den ersten Schlag, doch Johanna hielt den Kontakt mit ihrer Klinge und klemmte Syrias‘ Schwert von der anderen Seite mit dem Dolch ein. Sie nutzte ihre Schnelligkeit, um so nah an ihm zu bleiben, dass er mit seinem Schwert nicht in Position kam. Syrias ließ den Ellenbogen seines freien Arms vorschnellen und traf sie im Gesicht, gerade als sie den Dolch löste und damit zuschlagen wollte. Stechender Schmerz schoss durch ihr Jochbein. Sie stolperte zurück.
„Au! Verdammte Scheiße! Dass du aber auch immer noch was dazwischen kriegen-“
Sie brach mitten im Satz ab und starrte ihn mit immer größer werdenden Augen an.
„Ähm, weißt du, Syrias … du blutest am Unterarm!“
Dass ihr selbst das Gesicht schmerzte wie die Hölle und er den Treffer ohne ihre Bemerkung vermutlich nicht einmal bemerkt hätte, war ihr dabei gerade verdammt egal.
„Hör mal, ich muss dann gleich raus in die Apfelplantagen und zusehen, dass Isi und Frieda ungestört und sicher sind“, sagte Johanna, während sie sich die Wange hielt. „Hab gehört, dort springen wohl ab und zu Feldräuber herum, weil die Äpfel toll finden. Hast du schonmal gegen solche Viecher gekämpft?“
Piero schien es genau wissen zu wollen und Isidor drehte den Krug Bier vor sich nachdenklich langsam um die eigene Achse. Was war der Unterschied zum Bier in der Klippenschänke und welches würde er lieber trinken?
„Kommt drauf an“, meinte er schließlich ungenau, „Das Dunkle hier ist intensiver und weniger prickelnd. Ich glaube, dass es nach einigen Bechern weniger gut die Kehle runter rinnt. Das Bier in der Klippenschänke ist leichter, weniger geschmackvoll, aber man kann es in Mengen trinken und merkt erst später, wie betrunken man ist. Wenn ich also aus der Schmiede komme, käme es drauf an, ob ich nur für ein oder zwei Bier vorm Zubettgehen in die Taverne will oder mir nach einem feuchtfröhlichen Abend ist.“
Er hatte nicht viel Ahnung vom Bierbrauen oder wie man überhaupt dafür sorgte, dass das Endergebnis hell oder dunkel war, wie sehr es prickelte oder wie betrunken man davon wurde. Wenn er einen schlechten Tag hätte, kam es ihm nicht auf Geschmack an, sondern darauf, wie schnell er vergessen konnte. Ihm war bewusst, dass nicht jeder so eine Beziehung zu Alkohol pflegte, doch er konnte sich gut vorstellen, dass es vielen Menschen, die täglich zwischen den Mahlsteinen des Alltags zerrieben wurden, eine ähnliche Ansicht vertraten.
Wieder schaute er hinaus, der Himmel klarte allmählich auf und mit ihm auch die Stimmung des Schmiedes. Vielleicht hätte er doch Glück und es würde ein lauer Abend werden.
„Die Aussicht ist wirklich eindrucksvoll. Ich frage mich, wie du es geschafft hast diese Räumlichkeiten zu bekommen. Gehören sie nicht der Stadtwache?“
Wo Piero unterkam und seine Geschäfte abhielt, interessierte Isidor herzlich wenig, aber da dies offenbar eine Wachstube war, konnte er vielleicht erfahren, wieso sie leer gestanden hatte. Hatte sich die Besatzung der Stadt verringert? Waren die Wächter anderweitig untergekommen oder lag ein Edikt des Königs vor? Apropos König Ethorn, für einen Herrscher war er äußerst wenig präsent in den Gesprächen der einfachen Leute. Ob es daran lag, dass sie in den letzten Jahren mehrere Wechsel ihrer Herren durchlebt hatten? Was für ein Mann der rebellische Vasall des myrtanischen Reiches wohl war?
„Das Fleisch ist gut, mehr nicht. Man merkt, dass es den Tieren vor der Schlachtbank an nichts fehlte. Es ist fettig und sättigend. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich war bisher immer sehr zufrieden mit dem Essen von Ingor, allerdings waren die Speisen auch entsprechend gekocht und nicht nur gebraten“, konkretisierte er seine Wahrnehmung zu der Schlachtplatte, auf die er gerade die restlichen Knochen der Rippe legte.
Für den Moment hatte er genug gegessen und wenn Piero wissen wollte, wie die anderen Teile des Schweins und Huhns schmeckten, sollte er es selbst probieren.
„Ist gut, ich werde schauen, was die Damen im Angebot haben“, griff er das Thema der Hahnenschwänze wieder auf, „Auch wenn ich nicht sicher bin, ob sie deine Zunge an ihren Hahnenschwänzen zu schätzen wüssten, viel zu scharf“, gab er grinsend die Bemerkung des Lebemanns zurück.
In einem Anflug von Aufbruchsstimmung schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. Er ließ seine Faust zweimal klopfend auf die Tischplatte fallen, ehe er sich abwandte und Richtung Tür schritt.
„Wir werden sehen, was ich mir greife, wenn ich zurück bin“, ließ er einige Worte zurück, ehe er auf den Torplatz hinaustrat und sich ein weiteres Mal in Richtung des mittleren Ringes begab.
Wenigstens wusste er jetzt, wo er hinmusste und wenn die Damen noch immer nicht zugegen waren, würde er vielleicht zuerst ein Bad nehmen. Zeiteinteilung war heute wichtig und er gedachte, jede weitere Minute sinnvoll einzusetzen. Die letzten in der alten Wachstube hatten ihn nicht weitergebracht, aber eine Abmachung war eine Abmachung.
Aniron atmete gedehnt aus, sagte einen Moment lang nichts und blickte die beiden Prüflinge an, dann nickte sie. Curt hatte Recht, für gewöhnlich gab es so viele Ansichten auf eine Sache wie Menschen dabei anwesend waren. Am Ende war auch dies ein Aspekt des Gleichgewichtes, den selbst ein Diener ebendessen manchmal aus den Augen verlor.
Beide hatten ihre Worte wohl gewählt. Die Zuneigung, die sie füreinander empfanden, war dabei greifbar geworden. Doch auch die Hintergründe ihres Handels waren plötzlich viel präsenter. Dinge nachvollziehen, ja sogar nachempfinden zu können, sie in Ruhe zu reflektieren durch ein einfaches Gespräch, war eine Sache, die die Priesterin schätzte. Ebenso Tinquilius und auch Hyperius. Es war eine gute Idee gewesen, die beiden Novizen in Ruhe zur Aussprache zu bitten und es war gut, dass die beiden Novizen ihre Chance ergriffen hatten.
Felias Worte über das Verhalten ihrer Novizen ließ Aniron aber unbeantwortet. Sie hätte der jungen Frau ebenso eine Belehrung zukommen lassen können, aber wer war die Wehmutter zu urteilen, dass das, was Felia gefühlt hatte, nicht richtig gewesen war? Einmal mehr fiel ihr auf, wie anders Wahrnehmung sein konnte. Wie ähnlich die Position sein konnte, in der man sich befand oder wie ähnlich man sich sehen mochte, doch wie unterschiedlich ein jeder am Ende geprägt war. Wer wusste schon, welche Ablehnung die junge Novizin in ihrem Leben schon durchgemacht hat, dass sie derart empfunden hatte. Und was es nun bedeutete, dass sie im Kreis der Innosdiener aufgenommen war, sich behaupten konnte und sogar mit Curt einen Mann an ihrer Seite hatte, der sie aufrichtig zu lieben schien. Umso schwerer schien das Verhalten des anderen Novizen, dieses Gabriels, zu wiegen.
Doch sie driftete gedanklich ab und straffte sich, um den Fokus zu behalten.
„Dann lasst mich Euch, als Diener Innos, noch einmal offiziell beim Kreis des Wassers willkommen heißen, auch im Namen unseres Obersten Wassermagiers“, sprach sie schließlich und deutete den beiden an, ihr zu folgen. Gemeinsam liefen sie zum Eingang zurück und durch das Haus der Magier zum Ausgang, während Aniron erklärte:
„Es war uns nicht bewusst, dass dieses Artefakt zu den steinernen, aber nassen Füßen unserer Stadt liegt. Es ist gar nicht so einfach, den Dolch zu bergen. Wir hatten verschiedene Ansätze, aber letztendlich sehen wir nur eine Lösung, deren Teil Ihr sein sollt, denn es ist, wie Ihr schon richtig sagtet, Eure Prüfung.“
Sie trat zum Ausgang hinaus und stand auf der Straße, nicht weit von ihnen saß jemand auf einer steinernen Bank. Sie winkte ihn heran.
„Dies ist Hyperius, ein sehr guter Freund, unser Kartograph und Baumeister, außerdem unser Erzdekan und … Teeliebhaber.“
Sie schmunzelte, wusste sie doch, dass der letzte Titel ihm nicht weniger wichtig war als alle anderen davor.
„Außerdem ist er der beste Erdformer, den es gibt“, fügte die Wehmutter hinzu. Hyperius wollte gewohnt widersprechen, doch sie ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen.
„Der Dolch kann nicht durch das Fenster im Tempel hindurch geborgen werden. Wir müssten den Fokus magisch bearbeiten, damit der Dolch durchgelassen wird und das ist uns zu heikel und könnte außerdem zu sehr die Hofmagier auf den Plan rufen. Diese aber wollen wir außen vor lassen, wenn Ihr versteht“, erklärte sie.
„Nehmt das Boot, das unten am Strand vor der Stadt liegt und fahrt zur Felswand in etwa dort, wo der Dolch liegt. Hyperius wird Euch helfen, von den Felsen unter der Meeresoberfläche nicht aufgespießt oder an den Felswänden zerrieben zu werden, dafür ist er da. Es liegt an Euch, wie Ihr den Dolch bergt, aber wir sind uns sicher, dass Euch etwas einfällt. Ich werde Euch vom Tempel aus unterstützen, denn ich vermag Wasser zu formen und von dort habe ich einen guten Blick.“
Aniron atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann blickte sie die beiden angehenden Feuermagier an.
„Seid Ihr bereit?“, fragte sie.
Curt und Felia sahen einander an, dann nickten sie.
„Gut, viel Glück und möge der Segen der Götter auf Euch liegen.“
Sie blickte noch einmal zu Hyperius und auch die beiden Diener Adanos‘ nickten einander still zu, dann setzte das Trio sich in Bewegung, während Aniron den Weg zum Tempel einschlug.
"Eure Herrlichkeit oder göttlicher Imperator würden mir reichen. Bin da recht genügsam." grinste Syrias, bevor er ihre nächste Frage beantworten wollte. Doch flink wie ein Wiesel nutzte Johanna den Moment und griff erneut an. Syrias war so überrascht, dass er nur im letzten Moment noch mit seinem Ellenbogen in ihr Gesicht schlagen konnte. Das satte Gefühl von Knochen auf Knochen war das Ergebnis davon. Doch die kleine Dunkelhaarige hatte es endlich geschafft und sich mal etwas getraut!
"Gut so!" lobte Syrias ihre Aktion, bevor er seinen Unterarm musterte.
Kaum sah der Söldner das Blut, welches aus dem Schnitt lief, verspürte er schon das Brennen, was solche Wunde stets begleitete. Da hatte das kleine Fräulein ihn doch tatsächlich mal verletzt! "Saubere Geschichte, Mädel." Ein leichtes Lächeln begleitete die Worte und nahm die Spitze heraus. Er wusste, Johanna hasste nichts mehr als auf ihr junges und zierliches Aussehen reduziert zu werden.
Der Söldner legte das Schwert beseite und ging kurz in die Schmiede, dort hatten sie immer etwas scharfen Alkohol übrig für leichte Verletzungen. Und ein paar Leinenstoffe auch, schließlich konnte man sich auch problemlos beim Schmieden verletzen. Mit dem ganzen Material ging Syrias wieder zurück in den Hof. Auf dem Weg schnappte er sich noch einen Krug und setzte sich dann neben das Wasserfass.
"Damit gehört der Dolch wohl dir." Syrias tauchte den Krug ins Fass und füllte ihn mit Wasser, bevor er es sich über den Unterarm goss und das Blut abwusch. Es war wirklich nur ein schmaler Schnitt, kaum mehr als lästig bei einem kurzen Kampf, befand er. Doch Viele solcher Schnitte konnten selbst den besten Kämpfer irgendwann zu Boden schicken.
"Feldräuber, eh? Ne. Kann nicht sagen, dass ich gegen sowas schon mal gekämpft hab." Syrias goss einen Schluck Alkohol in eines der sauberen Tücher und wischte damit über den Schnitt. Zischend sog er die Luft zwischen den Zähnen ein! Götter, wie das brannte!
Hab aber gehört, dass die verdammt flink sein können. Ähnlich wie Minecrawler, denk ich mal. Sollen wohl entfernte Verwandte sein oder so." Er begann damit, die gereinigte Wunde mit einem anderen Leinentuch zu verbinden.
"Mein Tipp wäre, halt dich von ihren Beißern fern. Und lass dich nicht von nem Rudel umzingeln. Aber wer bei Innos Klöten will denn ne Verabredung im Apfelhain haben, wenn es da von Feldräubern wimmeln soll? Da kann man ja lieber nen Picknick am Strand machen. Wesentlich mehr Ramontik oder so."
Um ehrlich zu sein, hasste Ellie das Glücksspiel. Sie konnte Wetten, Hütchenspielerei, Würfelspielen oder all den anderen nebulösen Aktivitäten nichts abgewinnen, die immer wieder Leute in den finanziellen Ruin trieben, weil sie Haus, Hof, Kinder und Schmuck verwetteten, oder sie so reich machten, dass sie vermutlich den Rest ihres Lebens nicht mehr hätten arbeiten müssen - zumindest dann nicht, wenn sie mit dem Glücksspiel in genau diesem Moment aufgehört hätten. Es war für sie schlussendlich einfach nicht mit demselben Nervenkitzel verbunden, ohne jegliche Fähigkeiten und am Ende des Tages auch ohne Einfluss auf das Endergebnis zu gewinnen oder zu verlieren. Beim Glücksspiel fehlte ihr jeglicher Reiz. Über das Gewinnen oder Verlieren entschieden nicht die individuellen Fähigkeiten, nicht die Talente und Stunden der Übung der Beteiligten, sondern... nun ja, das Glück eben. Den Diebstahl verstand sie seit jeher als einen direkten Wettstreit zwischen Bestohlenem und Stehlendem, von dem im Idealfall die bestohlene Person nichts mitbekam und trotzdem mitspielte. Mitspielen musste. War die Person aufmerksam genug, verlor der Stehlende. War sie das nicht, verlor die bestohlene Person Geld und den Wettkampf - beides ohne es zu wissen. Es war eine Auseinandersetzung zwischen zwei fremden Personen. Ein Unterfangen, das - wäre es nicht so ehrlos gewesen - recht ehrenvoll hätte sein können.
Und Glücksspiel war all das eben nicht. Und daher mied Ellie es.
Es gab nur eine einzige Ausnahme: Wetten mit oder eher gegen Jasque. Dieser Mann hatte einfach so überhaupt gar kein Händchen für Wetten. In mindestens zwei von drei Fällen verlor er. Und in den verbliebenen Fällen ließ er sich häufig auf ein Unentschieden runterhandeln.
Mit einem zufriedenen Grinsen rieb sie die beiden Münzen gegeneinander, ließ dann eine über die Rückseite ihrer Finger tanzen und schlussendlich beide Münzen verschwinden, nachdem sie theatralisch die geschlossenen Fäuste an ihren Mund geführt und einmal halblaut gepustet hatte.
Zum wiederholten Male an diesem Tage zeigte sich Jasque als absolut grauenvolles Publikum für ihre Fingerfertigkeiten. Während die Kinder dann und wann wenigstens noch begeistert Beifall klatschten oder nach einer Zugabe verlangen, rollte ihr bierernster Freund mit einer eindrucksvollen Genervtheit mit den Augen. Ob es der neuerliche Verlust der Wette oder Ellies Zauberkünste waren, die ihn zu diesem Verhalten trieben, vermochte die junge Frau nicht zu sagen.
»Brauchst du denn eigentlich noch irgendwas oder wolltest du dir nur die Beine vertreten?«, fragte Ellie neugierig.
Es war interessant, Isidor bei der Auswertung seines Geschmackserlebnisses zuzuhören. Er war definitiv kein Kenner, sondern ein Verbraucher. Aber genau diesen Typus brauchte Piero, wenn er wollte, dass sein Bier an den Mann und die Frau geriet. Und siehe da: auch wenn das Dunkle vom fallenden Beil dem Burschen gut geschmeckt hatte, zog er auf Masse doch lieber das andere Gesöff aus der Klippenschänke vor. Die logische Konsequenz war, dass Piero auch ein Geschäft mit dem Brauer erzielen musste, der die innerstädtische Konkurrenz belieferte – und die Gespaltene Jungfrau auch, wie er sich aus seinem Gespräch mit Ingor erinnerte. Denn was nutzte es ihm, wenn die Leute das Dunkle gern trunken, aber allesamt nach zwei Krügen aufhörten? Wo blieb denn da der Gewinn?
Zwei Quellen von Bier, zwei Notwendigkeiten zu handeln, bevor das Gebräu fließen konnte. Piero hatte Arbeit vor der Brust. Und er wollte sogleich anfangen.
Als Isidor aus dem Fenster starrte und so unverfänglich seine Frage nach dem Erwerb dieser Räumlichkeiten stellte, schmunzelte Piero. Die explizite Nachfrage nach der Stadtwache war kurios bis verdächtig, aber ein Geschäftsmann wie er ließ sich ohnehin nicht in die Karten schauen.
„Sagen wir, ich habe ein Gespür für sich eröffnende Möglichkeiten, mein Freund“, entgegnete er. „Und das beginnt damit, Augen und Ohren offenzuhalten und Erkundungen anzustellen – was ich jetzt gleich wieder tun werde, durch deine Wenigkeit und durch eigene Initiative. Also husch husch, andare! und halt die Augen offen nach den Damen vom Hahn!“
Auf den geklopften Abschied des Schmiedes hin wedelte Piero nur beiläufig mit der Hand.
„Ja ja, nimm, was du kriegen kannst. Falls ich nicht da bin, hinterlass mir eine Nachricht. Ich lasse die Tür unabgeschlossen.“
Isidor ging, die Tür fiel ins Schloss. Piero seufzte schwer, nahm einen Schluck aus seinem Weinkelch und widmete sich wieder dem Dokument auf dem Tisch. Nur noch schnell die lästige Pflicht tun, dann konnte er sich wieder dem substanzielleren Teil seiner Geschäfte widmen.
In triumphaler Pose reckte Johanna den soeben gewonnenen Dolch in die Höhe und strahlte mit dem Sonnenschein um die Wette.
„Da-da-da-da, da-daaa!“, trällerte sie sich in Ermangelung eines Barden eine eigene Siegesmelodie, zuckte jedoch sogleich zusammen, als sie spürte, wie sehr das Grinsen auf ihren Lippen die lädierte Wange pochen ließ. Sie machte sich keine Illusionen darüber, dass der Kratzer weder ein großes Problem für Syrias war, noch irgendein Beleg für ihr Können. Sie hatte schlichtweg einen riskanten Angriff gestartet, der ihr selbst wesentlich mehr Schmerzen zugefügt hatte als ihm. Je länger Johanna bei Syrias den Schwertkampf lernte, desto mehr war sie überzeugt davon, dass die Kunst nicht darin bestand, den Gegner zu treffen. Sie bestand darin, es zu tun, ohne selbst getroffen zu werden. Nur gut, dass Syrias diesen Teil nicht in seine Herausforderung eingebunden hatte!
Während er nach drinnen ging, um seinen Schnitt zu versorgen, schöpfte sie sich zwei Hände voll Wasser aus dem Fass, das dank des heißen Sommerwetters mittlerweile einen Füllstand erreicht hatte, bei dem sie sich tief in das Fass hinein beugen musste. Johanna schnaubte entnervt, weil sie genau wusste, dass es lächerlich aussehen musste, wie sie hier hing. Schnell schlürfte sie ein paar Schluck und klatschte sich etwas vom erfrischenden Nass ins Gesicht. Die Wange schmerzte – das würde bestimmt grün und blau werden. Aber das war es wert.
Als Syrias wiederkam und von den Feldräubern anfing, verzog sie missmutig das Gesicht.
„Naja, das war vielleicht irgendwie meine Idee“, gab sie zu. „Es hat halt ne schöne Aussicht, da. Aber das ist ja auch eher ein Gedankenspiel mit den Viechern – keiner hat gesagt, dass es dort vor denen wimmelt!“
Sie zeigte ihre Zähne und bereute es ob ihrer Wange gleich wieder. „Du bist mir schon so ein Ramon! Hätte gar nicht gedacht, dass du für Strandspaziergänge zu haben bist. So richtig mit Händchenhalten und so? Und dann auf der Picknickdecke kuscheln und sich gegenseitig beim Wellenrauschen ins Ohr flüstern, wie sehr man sich doch liebt?“
Johanna schüttelte den Kopf. Nein, da war die Apfelplantage doch deutlich persönlicher und weniger kitschig. Wobei, wenn sie so darüber nachdachte, wäre es vermutlich kein großes Wunder, wenn Isidor und Frieda es doch irgendwie schaffen würden, es kitschig zu machen.
„Naja, falls ich auf Feldräuber treffe, wird ich zusehen, dass ich mich nicht einkreisen lassen. Versprochen“, gelobte sie mit erhobener Schwurhand.
„Morgen geht’s dann los zum Eberstein, oder? Brauchen wir noch was für die Reise? Müssen wir nen Handwagen organisieren, jetzt, wo Meve ausfällt? Oder hast du jemanden als Ersatz?“
Sie kratzte sich am Kinn.
„Auch wenn ich nicht so recht weiß, wer denn Meve mit ihren großen Armen dabei ohne Abstriche ersetzen könnte.“
Klopf, Klopf, Klopf
Dreimal trafen Isidors Knöchel der rechten Hand die Holztür der Unterkunft der Damen des roten Hahns. Die Vorhänge hinter den Fenstern waren noch immer zugezogen und er hatte wenig Hoffnung, dass ihm dieses Mal jemand öffnete. Tatsächlich schien sich wieder nichts zu tun und auch, wenn er nicht viel Nutzen darin sah, klopfte er erneut an.
„Jaaaaaa-“, hörte er dumpf und leise aus dem Inneren eine kratzige, doch unverwechselbar weibliche Stimme.
Oh, da habe ich wohl jemanden geweckt, dachte er etwas zerknirscht und trat einen Schritt zurück, um nicht den ganzen Türrahmen einzunehmen, wenn ihm geöffnet wurde.
Sachte schwang die Tür einen Spalt nach innen, offenbarte einen Kopf voll zerzauster blonder Haare und winzig kleiner, von Anstrengungsfalten umgebenen Augen.
„Was is?“, fragte die junge Frau verschlafen und blinzelte die Tränen weg, welche ihr von der Helligkeit des Tages in die Augen schossen.
„Ehm, entschuldige, wenn ich dich geweckt habe“, begann Isidor und rieb sich verlegen den Hinterkopf, „Ich hätte nicht gedacht, dass jemand zu dieser Zeit noch schläft.“
„Du klingst wie meine Mutter, Alter“, erwiderte sie vorwurfsvoll, „Sag was du willst, oder verzieh dich wieder.“
Feindselig, aber war ja auch kein Wunder. Der Hüne war auch nicht gerade ein Bündel von Lebensfreude, wenn er aus dem Schlaf gerissen wurde. Wie sollte er vorgehen? Einfach freiheraus sagen, weshalb er hier war oder erst versuchen die junge Dame etwas milder ihm gegenüber zu stimmen.
„Die Sache ist die“, suchte er nach der richtigen Herangehensweise, wollte die Stille aber nicht zu lange hinziehen, „Ich bin neu in der Stadt und habe gehört, dass ihr wilde Feiern veranstaltet und dachte, es wäre ein guter Ort, neue Leute kennenzulernen.“
„Schau mal nach oben, Alter. Es ist mitten am Tag! Hier geht erst abends der Hofnarr!“, maulte sie ihn an.
„Ich weiß, ich weiß“, beeilte er sich zu sagen, bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlagen konnte, „Aber vielleicht lässt du mich schon jetzt rein? Ich hab nur gutes über eure Hahnenschwänze gehört und ich kann die Plörre in der Schänke nicht mehr sehen.“
Mühsam versuchte sich der Schmied ihrer Art anzunähern, was ihm bedeutend schwerer fiel, als erwartet. Sie musste etwa in seinem Alter sein, doch wirkte ganz anders.
„Kein Wunder, schmeckt ja auch nach Molerateschweiß mit Äpfeln“, frotzelte sie und ließ sich tatsächlich zu einem Grinsen hinreißen.
Einen Moment schien sie zu überlegen, bis sie schließlich zurücktrat und die Tür gänzlich aufzog. Überrascht schaute Isidor in den abgedunkelten Raum, zögerte einzutreten.
„Komm schon rein, ich kann das Licht nicht ertragen!“, drängte sie ihn und er folgte ihrer Aufforderung.
Die Tür schloss sie schnell hinter ihm und lehnte ihren Rücken daran.
„Na endlich, als würde man Dolche in den Augen stecken haben“, murmelte sie und schaut ihn von unten herab an.
Sie war wohl größer als Johanna, aber dennoch nicht sehr hochgewachsen. Eine Decke verbarg vermutlich ihr Nachthemd, wobei sie nicht verbergen konnte, dass sie im Brustbereich entgegen ihrer Höhe überdurchschnittlich proportioniert war.
„Du musst Livia sein“, stellte Isidor fest, ohne darüber nachzudenken.
Sie blinzelte zweimal, ehe sie ihn argwöhnisch anfunkelte.
„Und das willst du woher wissen, hm?“, forderte sie ihn heraus.
„Ehm, entschuldige. Ich habe nur von jemandem gehört, dass hier eine der Frauen besonders viel…“
Er deutete unbeholfen auf ihre verborgene Oberweite. Langsam, sehr langsam sogar, schien es ihr zu dämmern und – hoffentlich war es ihrem Zustand geschuldet – ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
„Soso, jemand. Na, mag nicht jedermanns Sache sein, aber ich bin stolz auf sie“, grinste sie und drückte sich von der Tür ab, „Du wolltest unsere Hahnenschwänze probieren? Wir haben noch welche von gestern, frisch sind sie besser, aber die anderen schlafen noch und Miri ist am besten darin sie zu mischen.“
Sie schob sich an ihm vorbei, zu nah für seinen Geschmack, und bedeutete ihm ihr zu folgen. Sie lief in einen angrenzenden Raum, der sich als Küche oder zumindest küchenähnlich herausstellte. Überall lagen Utensilien verstreut, Messer, Löffel, Teller, Schaber, Becher, Krüge und – zu Isidors Verwunderung – eine längliche, gläserne Vase mit bauchigem Boden. Was für Blumen da wohl reinkamen?
Livia steuerte gezielt auf einen Schrank zu, auf dessen oberster Platte ein großes Gefäß stand.
„Hier, davon kannst du probieren. Geht auf’s Haus und wenns dir schmeckt, kommst du wieder. Wie heißt du eigentlich?“
„Isidor“, stellte er sich knapp vor und roch an der rötlichen Flüssigkeit.
Intensive fruchtige Aromen kitzelten seine Nase und es war offensichtlich, dass das Getränk sehr süß war. Nicht zwingend seine liebste Geschmacksrichtung, doch wer nicht probierte, durfte nicht meckern. Mit einer Kelle schöpfte die junge Frau ihm etwas in einen Becher, der nicht wirklich sauber wirkte und bot es ihm an.
„Hier, Ex oder Hofmagier“, lachte sie und wartete gespannt, dass er trank.
Grinsend zuckte er mit den Schultern und setzte den Becher an, kippte das Zeug in einem Zug herunter. Er sollte Recht behalten, denn der Hahnenschwanz war furchtbar süß, aber all die fruchtigen Noten gaben ihm das gewisse Extra.
„Wow, das ist viel besser, als ich erwartet habe!“, rief er begeistert und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Das will ich meinen!“, tönte die Blonde und nahm ihm den Becher ab.
„Kann ich davon etwas mitnehmen? Ich kenne jemanden, dessen Geschmack das sein dürfte und er ist jemand, der auf keiner Feier fehlen sollte.“
„Oh? Klingt interessant. Du kannst den Rest mitnehmen, wenn du willst. Miri macht nachher sowieso Neuen.“
„Apropos, wie macht ihr die Hahnenschwänze?“
„Das Rezept ist geheim!“, brüskierte Livia sich.
„Verstehe. Ich hörte aus torgaanischen Früchten?“
„Jaaaa, das stimmt.“
„Verkauft ihr die auch?“
„Normalerweise nicht.“
Der Schmied löste seinen Geldbeutel vom Gürtel und klimperte auffällig damit.
„Bitte, ich würde gern jemandem eine exotische Frucht schenken und ich wüsste nicht, woher ich sie sonst bekommen soll.“
„Du kennst eine ganze Menge Jemande, was?“, fragte sie spitz und seufzte dann genervt, „Also gut, wenn ich dich dann aus den Haaren hab, verkaufe ich dir eine von jeder Sorte, aber dafür kommst du auf eine unserer Feiern und revanchierst dich entsprechend.“
„Abgemacht.“
Wenig später lief Isidor über den Torplatz, drei Früchte und einen Becher in den Armen. Sein Ziel war wieder die alte Wachstube, hoffentlich zum letzten Mal an diesem Tag.
Der Morgen dämmerte über Stewark, als Venom, Hailey und Colbart das östliche Torhaus erreichten. Das steinerne Bauwerk wirkte ehern wie eh und je, die schäumende See, die tief unter ihnen gegen die Felsen schlug trug einen salzigen Geschmack hinauf. Jenseits des Torhauses erstreckten sich die Felder und Obstplantagen. Die warme Luft war erfüllt von den Geräuschen der erwachenden Welt und den Rufen der Bauern, die sich bereits um die erste Ernte des Tages kümmerten.
Venom warf einen letzten Blick zurück auf Stewark. Die Burg war jetzt nur noch ein Schattenriss gegen den immer heller werdenden Himmel, ein Symbol der Ordnung und Kontrolle, das sie bald hinter sich lassen würden. Er fühlte die vertraute Mischung aus Anspannung und Vorfreude, die sich in seinem Inneren breit machte, als er den Blick wieder nach vorn richtete.
Hailey ging neben ihm her, ihr Speer locker in der Hand, während Colbart ein paar Schritte hinter ihnen folgte. Der Dieb war stiller als gewöhnlich, was Venom nicht überraschte. Die Gedanken an ihre gescheiterte Konfrontation mit Draven lasteten schwer auf ihnen allen, doch sie wussten, dass sie jetzt keine Zeit verlieren durften.
„Der Bauernhof dort vorne,“ sagte Hailey leise und deutete mit dem Kopf auf die Obstplantagen, die sich hinter dem Torhaus erstreckten. „Draven könnte sich irgendwo in dieser Gegend versteckt haben, wenn er die Burg bereits verlassen hat.“
Venom nickte, doch er antwortete nicht sofort. Seine Gedanken waren woanders, bei den Erinnerungen, die immer dann auftauchten, wenn er sich auf einen Kampf vorbereitete. Bilder seiner Vergangenheit, all die Dinge, die ihm genommen worden waren, traten vor sein inneres Auge. Diese Wunden waren es, die ihn immer weiter vorwärts trieben, die ihn dazu brachten, zu tun was er tat.
Die Sonne war inzwischen vollends aufgegangen, und die Felder vor ihnen erwachten zum Leben. Die Bauern waren überall zu sehen, wie sie sich um ihre Arbeit kümmerten, doch keiner schien sie zu bemerken, als sie an ihnen vorbeigingen. Es war ein beruhigendes, beinahe friedliches Bild, aber Venom wusste, dass hinter dieser Fassade der Normalität die Gefahr lauerte. Irgendwo in dieser weiten, offenen Landschaft war Draven, und sie mussten ihn finden, bevor er wieder entkommen konnte.
„Wir sollten uns die Gegend genauer ansehen,“ sagte Venom schließlich und führte die Gruppe weiter in Richtung der Obstplantagen. „Draven könnte überall sein. Wenn wir Glück haben, finden wir Spuren.“
Hailey und Colbart nickten, und sie setzten ihren Weg fort, wobei sie die Umgebung aufmerksam im Auge behielten. Der Bauernhof war groß, und die Obstplantagen erstreckten sich über mehrere Hektar. Es gab unzählige Versteckmöglichkeiten, und Venom wusste, dass sie vorsichtig sein mussten, um nicht in einen Hinterhalt zu geraten.
Während sie durch die Plantagen schlichen, fühlte Venom, wie die Anspannung in ihm wuchs. Er hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, doch er konnte den Finger nicht darauf legen. Es war, als ob die Luft selbst vor Vorahnung knisterte. Jede Bewegung, jeder Schatten erschien ihm plötzlich verdächtig, und er spürte, wie sein Herz schneller schlug.
„Da vorne,“ flüsterte Hailey plötzlich und blieb stehen. Sie zeigte auf ein kleines, verwittertes Gebäude am Rande der Plantagen. „Das könnte ein Versteck sein.“
Venom musterte das Gebäude aufmerksam. Es war klein, kaum mehr als eine Hütte, aber es war ein idealer Ort, um sich zu verstecken und den Überblick über die Umgebung zu behalten. Er zögerte nur einen Moment, bevor er den anderen ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Vorsichtig näherten sie sich der Hütte, wobei sie darauf achteten, keinen Laut zu machen.
Als sie die Hütte erreichten, spähte Venom durch eines der kleinen Fenster. Drinnen war es dunkel, doch er konnte die Umrisse von Möbeln und Kisten erkennen. Es sah verlassen aus, doch er wusste, dass der Schein trügen konnte. Mit einem Nicken an Hailey und Colbart zog er seinen Reiterbogen und spannte einen Pfeil.
„Bereit?“ flüsterte er, und die beiden nickten entschlossen. Dann öffnete er die Tür mit einem kräftigen Ruck und trat ein, die Waffe im Anschlag.
Die Hütte war leer. Venom spürte, wie eine Welle der Enttäuschung über ihn hinwegrollte, doch er schob sie beiseite. Es war nur ein Rückschlag, nichts weiter. Sie würden weitersuchen müssen.
„Er war hier,“ sagte Colbart leise und zeigte auf den Boden, wo man frische Fußspuren im Staub sehen konnte. „Aber er ist nicht mehr da.“
Venom nickte. „Dann werden wir weitersuchen. Er kann nicht weit sein.“
Als sie die Hütte verließen und weiter in die Plantagen hinein vordrangen, spürte Venom, wie die Anspannung in ihm wieder zunahm. Sie waren auf der richtigen Spur, das wusste er, aber die Zeit arbeitete gegen sie. Je länger Draven entkam, desto schwieriger würde es werden, ihn zu fassen.
Doch Venom war entschlossen. Diesmal würden sie Draven finden, und sie würden sicherstellen, dass er ihnen nie wieder entkam. Sie hatten keine andere Wahl.
Die Wellen in der Bucht von Stewark nahmen rasch an Stärke zu, mit jedem Ruderschlag, den Curt und Felia tätigten. Auch wenn Curt sich selbst am liebsten beide Ruder geschnappt hätte, bestand seine Liebste doch darauf, ebenfalls aktiv dazu beizutragen, dass sie ihr Ziel möglichst rasch erreichten. Er ließ sie gewähren, sie waren beide ziemlich aufgewühlt und die stumpfe Bewegung lenkte sie ab. Es tat Curt sogar ganz gut, seine Muskeln etwas zu fordern. Er war seit ihrem Aufbruch aus Thorniara nicht mehr zu seiner morgendlichen Ertüchtigung gekommen. Dieser Mangel an Ausgleich machte ihn dünnhäutig und in dem Zustand konnte das eine zum anderen führen. Wer weiß, welchem Schmetterlingseffekt er in den letzten Tagen unterlegen war.
Der Einzige an Bord, der keinen Finger krümmte, war Hyperius, einer der Magier, der ihnen magischen Geleitschutz bieten und – davon war Curt überzeugt – sicherlich auch ein Auge darauf werfen sollte, dass die beiden Feuernovizen nichts taten, was den Regeln des Tempels widersprach. Er war ihr Aufpasser und er ging seiner Pflicht mit einem ehrlichen Lächeln auf den Lippen und einem Tässchen Tee in den Händen nach.
„Es hätte alles in allem schlimmer laufen können“, brachte Curt hervor und schenkte seiner Felia ein optimistisches Lächeln. Sie waren an einem Punkt angelangt, an dem sie nur noch vorausblicken sollten. Sie würden das Artefakt bergen und dann könnte Felia zur Magierin aufsteigen. Er würde zwar Novize bleiben, aber Novize mit besonderen Vorzügen. So manche der Magier hatten ihre persönlichen Lieblinge, die ihren Alltag nicht mit dem stumpfen Fegen des Hofes oder Abwasch in der Tempelküche verbringen mussten. Felia würde ihm bestimmt gestatten, seinen eigenen Studien nachzugehen und diese Kette führte über sie noch weiter nach oben. Felia war dann gewiss die Lieblingsmagierin von Françoise und unter diesen Umständen würden sie beide sicher ein bevorzugtes Leben führen können. Vielleicht konnte er ja eines Tages die Prüfung des Feuers wiederholen und nachziehen.
Seine Träumereien wurden unterbrochen, als Felia das Ruder plötzlich ruhen ließ. Die Blicke der beiden Novizen waren auf Hyperius gerichtet, der sich am Bug befand und beide Hände ausstreckte. Das Meer ringsum schien sich ein wenig zu beruhigen, auch das Schaukeln des Bootes ließ nach.
„Wir sind fast da“, stellte Curt das Offensichtliche fest. Sie befanden sich in der Nähe der Klippe, ringsum ragten scharfe Felsen aus dem Meer. So weit, so gut. Aber was nun? Wie sollten sie den Dolch unter diesen Umständen ausmachen? Ein Tauchgang war ausgeschlossen, das war ihr sicherer Untergang. Felia vermochte Telekinese zu wirken, doch auch dafür musste sie das Objekt der Begierde erst einmal wahrnehmen.
„Ich werde etwas versuchen“, sagte Curt mit leichtem Beben in der Stimme. „Dafür werde ich für eine Weile nicht mehr ansprechbar sein, aber das soll euch nicht beunruhigen. Ich werde die Astralgestalt annehmen, durch die Astralebene tauchen und nach Anirons Aura und dem Dolch suchen. Vielleicht genügt dies schon, damit Felia ihn finden und bergen kann.“
Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Seit seinem Erwachen aus dem jahrelangen Koma hatte Curt diese Fähigkeit nicht mehr angewendet, aber wenn er im Rahmen dieser Prüfung irgendwie über sich selbst hinauswachsen sollte, dann auf diese Weise. Erst durch das Überwinden dieser Angst könnte er wirklich beruhigt in die Zukunft blicken.
Er nahm Felias Hand.
Er würde zurückkehren.
Das Schönste lag noch vor ihm.
Dann ließ er sich fallen.
Syrias musste schmunzeln. Ja, sein Vorschlag musste kitschig wirken, aber war es wirklich weniger kitschig als ein romantischer Spaziergang in einer Apfelplantage? Hoffentlich kam der Vorschlag dazu von Johanna. Syrias mochte sich nicht vorstellen, wie so ein Nordmarer Bursche normalerweise auf Brautschau ging. Vermutlich hielten die es für wesentlich romantischer, wenn man gemeinsam auf die Jagd ging, irgendein großes Viech erlegte und am Ende dann blutverschmiert um ein Lagerfeuer saßen und dabei das Fleisch rösteten. Ob es nun essbar war oder nicht. Und am besten noch Nackt und mit bloßen Händen!
Der Söldner musste sich innerlich schütteln. Nein, dann doch lieber sowas altmodisches wie ein Strandspaziergang im Abendrot. Damit konnte man, so fand er, doch nichts verkehrt machen. Und wenn einem der andere zu aufdringlich wurde... Nun, man konnte allerlei Dinge im Meer verschwinden lassen.
"Jap, morgen brechen wir auf." Syrias hatte seinen Schnitt versorgt und sammelte die verwendeten Utensilien wieder ein. Die würde er später wieder zurück bringen, wenn Johanna sich auf den Weg gemacht hatte.
"Am besten wärs, wenn du dir Verpflegung für ein paar Tage besorgst. Und da wir in der Wildnis übernachten werden, nen Schlafsack zum Beispiel. Oder wie auch immer du am liebsten draußen pennst." Syrias kratzte sich am Kopf. Das Meve ausfiel, daran hatte er nicht mehr gedacht. Somit waren sie eine Person weniger zum Schleppen. Ob sie dann alles überhaupt mitbekamen?
"Das mit Meve hab ich verdrängt, muss ich gestehen. Und mir fällt auf die schnelle kein wirklicher Ersatz ein..." Der Waffenschmied zögerte. Jemand mit kräftigen Armen und einem breiten Rücken... Nun, Johanna hatte da doch bestimmt jemanden in der Hinterhand.
"Was ist mit deinem großen Freund Mungu? Der wär ne ziemliche Hilfe, falls er nix weiter vorhat."
Es war merkwürdig mit anzusehen, wie scheinbar jegliches Leben schlagartig aus Curts Körper wich. Hätte sie nicht bereits ein ums andere Mal davon gehört, dass er eine solche Fähigkeit besaß, wäre sie vermutlich deutlich panischer gewesen. Selbst jetzt erfüllte sie der Anblick mit Unbehagen, denn es war auf eine ganz merkwürdige Art und Weise so, als sei Curt gleichzeitig tot und lebendig. Die Hand, die noch immer ruhig in der ihren ruhte, strahlte weiterhin eine gewisse Wärme aus und sie konnte ganz leicht sogar den Puls des Bärtigen spüren. Als sie aber seine Hand von der ihren nahm, fiel der Arm leblos und ungebremst zurück. Sämtlicher liebevoller Glanz, das selbstbewusste und latent überhebliche Strahlen ebenso wie das abwartende, ruhige und oftmals besonnene Glimmen seiner Augen verschwanden von einem Augenblick auf den nächsten. Dennoch schlossen und öffneten sich die Augenlider unregelmäßig. Das, was von Curt übrig geblieben war, so entschied Felia für sich, war nur noch da, um die notwendigen Körperfunktionen zu erfüllen. Der Brustkorb des Novizen hob sich rhythmisch. Das Herz pumpte Blut durch seine Adern. Er lebte. Aber eben gerade so. Das, was Curt zu Curt machte, hatte seinen Körper verlassen und sie konnte nur anhand eines feinen, kaum wahrzunehmenden Stroms seiner magischen Energien erahnen, wo er sich befand:
Weit, weit unter ihr.
Es vergingen einige Minuten in vollkommener Stille, in der sie sich anfangs noch mutig vornüber gebeugt und ebenso angestrengt wie vergeblich versucht hatte, durch die unruhig schwappenden Wogen etwas erkennen zu können. Auch hatte sie schnell aufgegeben, der Spur aus magischen Brotkrümeln zu folgen, die Curt durch seinen Zauber hinterlassen hatte. Irgendwann war diese Spur zu schwach geworden, als dass sie ihr hätte folgen können.
Stattdessen hatte sie ein wenig unangenehm berührt mit dem fremden Wassermagier in der kleinen Nussschale gesessen, einmal versehentlich Augenkontakt hergestellt. Wortlos hatte er seinen Tee gehoben, ihr zugeprostet und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen einen kleinen Schluck genommen. Felia unterdessen hatte die Lippen zu einem schmalen Schlitz verengt und Hyperius mit hochgezogenen Augenbrauen kurz zugenickt. Ein wortloser Gruß in Ermangelung eines wirklichen Gesprächsthemas.
Erst als Curts Körper erschöpft ausatmete und nach mehrmaligem angestrengten Blinzeln der Glanz zurück in die Augen des vermutlich schönsten Novizin kehrte, rührte sich auch die auf jeden Fall schönste Novizin wieder. Und auch der Teetrinker rührte sich nun. Wortlos stellte er seine Tasse ab und erhob sich auf der gefährlich schwankenden Nussschale. Mit nur minimalen Bewegungen seiner Arme vermochte er es, das Wasser um sie herum auf zugegeben recht eindrucksvolle Art zum beinahe absolute Stillstand zu bringen und gleichzeitig ein Loch ins Meer zu bohren. Wie ein gefräßiger Holzwurm durch alte Planken grub sich ein kleiner Wasserstrudel durch das salzige Meerwasser. Die Feuernovizin spürte deutlich zwei verschiedene arkane Energieströme. Aniron und Hyperius arbeiteten zusammen, um das Meer zu bändigen. Und dem angestrengten Gesichtsausdruck des Wassermagiers nach zu urteilen vermochten sie das nicht noch länger zu tun.
Todesmutig beugte sie sich über den Rand des Bootes und erblickte in beachtlicher Tiefe tatsächlich den Dolch. Wie Curt es vollbracht hatte, Aniron und Hyperius über den Ort zu informieren, erschloss sich ihr nicht. Aber um das zu ergründen, blieb noch genug Zeit, wenn sie den Dolch in den Händen hielt.
Vorsichtig sandte sie den Strom magischer Energie aus, sehr bedacht darauf, nicht mit den so ganz fremd wirkenden Magieströmen von Hyperius und Aniron zusammenzustoßen. Wenn bereits die Verschmelzung der arkanen Energien zweier Feuernovizen ungeahnte Folgen haben konnte, wie Curts damaliger Streich gezeigt hatte, wollte Felia nicht herausfinden, was passieren mochte, wenn die ungezügelte Magie zweier unterschiedlicher Magieschulen aufeinandertrafen. So schnell wie möglich und so vorsichtig wie nötig wob sie daher die Fäden der Magie durch den immer enger werdenden Meeresstrudel und begann dann, ganz behutsam damit, den Dolch anzuheben.
Johanna schluckte. Sie zögerte einen Wimpernschlag zu lang, bevor sie ihre Gedanken weglächelte und ihm antwortete: „Schau an, du kennst seinen Namen ja doch richtig!“
Ein Wimpernschlag, in dem sie sich ausmalte, wie sie Rudra aus Zwang heraus mit auf diese Reise nahm – wo doch Syrias ohnehin schon ein seltsames Interesse an Mungu gezeigt hatte, und wo es keine Möglichkeit gab, Abstand zu nehmen. Es war eine Sache, wenn er sich in Verkleidung mitten in der Stadt aufhielt. Aber es war eine ganz andere, tagelang mit einem neugierigen Waffenmeister unterwegs zu sein. Auch wenn Syrias immer den Eindruck gemacht hatte, dass „Leben und leben lassen“ seine Devise war, und er früher seinen Sold in Faring verdient hatte, wollte sie nicht herausfinden, was geschah, wenn ihr kleines Geheimnis aufflog.
Sie hob die Schultern. „Ich glaub nicht, dass Mungu einfach mal alles stehen und liegen lässt, um mit uns ne große Wanderung zu unternehmen und Steine zu schleppen. Der ist eigentlich damit beschäftigt, unser Haus auf Vordermann zu bringen! Und vermutlich ist er auch gerade genau dort, draußen bei den Höfen – also kann ich ihn noch nicht mal fragen.“
Damit steckte sie die Waffen fort. „Also doch eher nur wir beide, hmm? Klingt aber, als ob ich noch ein paar Dinge besorgen sollte für mich. Ist es dort sehr uneben? Vielleicht können wir einen Handkarren mitnehmen und zumindest irgendwo in der Nähe abstellen, damit das Geschleppe nicht ganz so weit ist. Dann kriegen wir mehr weg, als wenn wir alles nur in Rucksäcke stopfen.“
Hoffentlich ließ Syrias die Schnapsidee, Rudra mitnehmen zu wollen, gleich wieder fallen, wenn sie ihm einen anderen Weg anbot, dachte sie bei sich. Er konnte ja schlecht erwarten, dass sie ihren Freund einfach mal so aus dem nicht vorhandenen Hut zauberte – und das, wo er vermutlich noch nicht mal in der Stadt war.
„Wenn ich schonmal auf den Merkt gehe, soll ich für dich gleich was mit holen an Verpflegung?“
Nicht, dass sie für sich selbst etwas gebraucht hätte. Rudra und sie hatten ein halbes Jahr lang gemeinsam im Bluttal und im Stewarker Land verbracht und nur von dem gelebt, was die Natur ihnen gab. Sie wusste schon, wie sie zurechtkam.
Curt hatte nicht vermutet, dass ihm der Übertritt in die astrale Ebene so leichtfallen würde. Schon seit seinem Erwachen hatte er immer wieder damit geliebäugelt, die Astralgestalt noch einmal anzunehmen und seinen Geist wieder aus den körperlichen Fesseln zu befreien, auf dass er all den Raum einzunehmen vermochte, der ihm zustand. Doch die Angst, erneut in ein Koma zu verfallen und diesmal womöglich nie wieder aufzuwachen, ja vielleicht die Ewigkeit in der astralen Sphäre verbringen zu müssen, blockierte ihn jedes Mal. Nun aber, da er den Zustand nicht nur für sich, sondern auch für den Erfolg seiner Liebsten einnehmen wollte, hielten ihn die Fesseln seiner Psyche nicht mehr zurück. Sein Körper sackte nach vorn, doch sein Geist tauchte hinab in die Tiefen des Meeres.
Es war ein seltsam vertrautes Gefühl, das ihn sogleich umarmte. Ringsum spürte er kaum mehr als Kälte und Finsternis. Das lag nicht am stürmischen Wind oder dem kalten Ozean, denn er nahm keinen Unterschied wahr, ob sein Geist nun die Wasseroberfläche durchquerte oder sich zum Himmel empor erhob. Er spürte den Anker seines Körpers, der stärker wurde, je weiter er sich entfernte. Er fühlte die Präsenz von Felia und Hyperius, konnte ihre Gefühle wahrnehmen, die ihren Geistern anhafteten. Sie waren strikt an ihre Körper gekettet, doch wenn er sich nah genug annäherte, fühlte er große Neugier aus der Richtung des Wassermagiers, während er beklemmende Sorge von Felia wahrnahm. Es schmerzte ihn, sie so zu erleben; er sollte sich beeilen, damit sich dieser Gemütszustand nicht festigte.
Die Bewegung durch die astrale Ebene erfolgte impulsartig. Einem Irrlicht gleich zuckte er auf geraden Bahnen davon, immer tiefer hinab an den Grund des Meeres. Dabei wurde die Bewegung von Mal zu Mal schwerer, ganz als tauche er wirklich unter Wasser und spüre den Druck von unzähligen, sich stapelnden Litern Flüssigkeit auf sich. Dazu kam, dass er sich kaum orientieren konnte. Ganz als taste er in der Finsternis nach einem Türgriff hoffte er, die Aura dieses sagenumwobenen Artefakts zu spüren, nach dem sie schon so lange suchten. Nach einer ganzen Weile nahm er auch etwas wahr, doch es war nicht der Griff einer Tür, vielmehr der eines Fensters. Ein magisches Fenster und dahinter die Auren zweier mächtiger Magier. Die Wächterin des Fokussteins und die Priesterin Aniron. Auch von Letzterer ging gebannte Neugier aus, während die Wächterin sich strikt auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrierte und keinen Gedanken an den Dolch zu verschwenden schien.
Curt orientierte sich weiter an dem magischen Fenster und suchte die Gegend nach einer weiteren, vertrauteren Aura ab. Ein Artefakt Innos‘ strahlte für einen seiner Diener eine stärkere Wärme aus, als es die Magie Adanos‘ oder gar Beliar je in der Lage waren. Und tatsächlich, unter einigen lockeren Felsen am Grund des Meeres unweit des magischen Fensters nahm er tatsächlich ein Funkeln wahr, wie den Glanz einer silbernen Münze im Licht. Er hatte den Dolch gefunden, doch was brachte ihn dieses Wissen nun? Er musste Aniron darauf aufmerksam machen, nur sie konnte ihn durch ihre Magie für die anderen zugänglich machen. Curt konnte den Gemütszustand der Priesterin zwar wahrnehmen, doch konnte sie auch dasselbe von ihm behaupten? Die Magier des Wassers schimpften sich Wahrer des Gleichgewichts, also müssten sie ein Ungleichgewicht in ihrer heiligen Sphäre doch bemerken. War sie nicht sogar in der Lage gewesen, den Zorn aus ihm und Kisha zu verbannen? Auf dieses Gefühl musste er sich konzentrieren. All die Wut, all den Frust, den er in den letzten Tagen verspürt hatte, vielleicht kamen sie ihm doch noch zugute. Viel Energie konnte er nicht aufbringen, der Sog seiner körperlichen Fessel wurde mit jedem Herzschlag stärker. Er sendete noch einige letzte Impulse aus, ehe sein Geist wieder eingeholt wurde wie ein heruntergelassener Anker. Kurz bevor er wieder in seinen Körper einkehrte, konnte er eine Bewegung im Wasser wahrnehmen. Fast so, als hätte sich der Meeresboden gelockert und den Dolch freigelegt.
Als er wieder zu sich kam, kippte er benommen zur Seite und landete mit dem Kopf voran in Felias weichem Schoß.
"Nen Handkarren oder zwei werden wir eh mitnehmen müssen. Wobei ich nicht weiß, wie gut du den schleppen kannst." Syrias zuckte mit den Schultern. "Das mein ich jetzt nicht böse. Aber wir werden sehen. Ich hab auf jeden Fall schon welche besorgt, die sind morgen früh hier." Der Söldner nahm seinen Beutel hervor und öffnete diesen. Ein kurzer Blick hinein zeigte, dass er einiges an Münzen griffbereit hatte. Genug, um vermutlich Vorräte für sich zu besorgen.
Kurzerhand warf er ihn Johanna zu, nachdem er ihn wieder fest verschnürt hatte. "Hier." Die kleine Frau fing den Beutel gekonnt mit einer Hand. "Brot, Käse, Trockenfleisch, ein bisschen Obst oder Gemüse, je nachdem was du findest. Sollte reichen. Und wenn du was sparen kannst... behalt den Rest." Syrias wunderte sich selbst etwas über seine Großzügigkeit. Früher hätte er darauf bestanden, dass jede übrige Münze wieder zurück zu ihm kam, damit er sein Gold weiter horten konnte. Auch jetzt guckte er natürlich, dass er immer den größtmöglichen Gewinn heraus holte, aber trotzdem... hatte ihn seine Zeit in der Gosse so sehr verändert?
"Und um deine andere Frage zu beantworten, wir können in der Nähe lagern, haben wir damals auch gemacht. Das Lager, was wir hatten, grenzt an ein kleines Waldstück. Wenn ich den Ort wiederfinde, dann haben wir Feuerholz. Und ne Quelle ist auch nicht weit weg." Der Söldner machte einen verdrossenen Eindruck, als er an Johannas großen Freund dachte. Ihn hätten sie wirklich gut gebrauchen können, ob Ork oder nicht. Aber wenn die junge Frau nicht davon ausging, das er helfen würde... Nun, man konnte niemanden dazu zwingen. Gut, schon irgendwie, aber das erforderte oftmals ein gewisses Maß an Gewalt und Grobheit. Nichts, was Syrias fremd war, natürlich. Aber einen möglichen Ork damit zu etwas zwingen, nun, das war eine ganz eigene Sache.
"Das anstrengenste wird wohl das schleppen von unserem Bruch zum Lager und dann zurück in die Stadt. Aber wir gucken, wenn es soweit ist."
Aniron hatte die Augen geschlossen und die Hände gehoben. Nicht weit von ihr stand Sila und die Wehmutter fühlte den gestrengen Blick der Hüterin des Fokussteins in ihrem Rücken. Aber sie musste sich auf das konzentrieren, was vor ihr lag: Die Weite des Meeres. Das Boot mit Hyperius und den Novizen war von hier aus ungefähr zu erahnen, dennoch hatte Aniron ihre magischen Fühler ausgestreckt und ließ ihre Magie zum Fenster hinausfließen. Sie fühlte das Wiegen des Wassers, das Strömen, das einerseits dem Meer und anderseits der Magie selbst inne lag. Es war ein unfassbar angenehmes Gefühl und erfüllte sie mit einer wunderbaren Ruhe, wie sie nur Adanos‘ Magie in ihr auslösen könnte. Unter diesen Umständen fühlte sie sich dem Gott wieder so nah, dass es ihr Innerstes stärkte und wappnete für das, was da noch vor ihnen liegen mochte.
Sie fragte sich, wie es den beiden Novizen und Hyperius auf dem Boot erging und wie sie sich letztendlich der Aufgabe stellen würden. Es war nun ihr Moment und Aniron hoffte, dass die beiden das zu nutzen wussten.
Eine Weile lang fühlte sie nichts als das Meer, doch dann zog etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich. Eine Unebenheit im Gewässer, wie ein Strudel oder mehr noch wie ein heißes Eisen, das wie vor ihrem inneren Auge zu glühen begann! Was war das nur? Sie näherte sich dieser Hitze und streckte vorsichtig die Fühler aus. Als sie erkannte, was da war, staunte sie: Diese Aufregung hatte sie schon einmal wahrgenommen! Erst am vorigen Tag im Tempel! War das wirklich Curt, der da am Grund des Meeres ihre Aufmerksamkeit auf sich zog? Faszinierend! Wie machte der Novize das nur? Und was wollte er – ah, der Dolch! Er lag genau bei dieser Unebenheit im magischen Strom!
„Na, wie machen sie sich?“, hörte sie plötzlich eine vertraute Stimme neben sich. Aniron öffnete die Augen.
„Sie haben den Dolch gefunden, jetzt muss er geborgen werden.“
„Ahja“, Tinquilius nickte. „Sollten wir …“
„Ein bisschen Wasser zur Seite schaffen? Ich denke ja“, antwortete die Priesterin ihrem Obersten Magier und schmunzelte.
Nun hob auch Tinquilius die Arme und gemeinsam ließen sie ihre Magie fließen, wie damals, als das Wasser in diese Höhle hier - nun ihr Tempel - einzudringen drohte.
„Ein kleiner Strudel sollte ausreichen, sonst verausgaben wir uns zu sehr bei der Entfernung zur Wasseroberfläche“, sprach Tinquilius. „Hoffen wir mal, das jemand von den beiden Telekinese beherrscht.“
Aniron nickte und abermals erzeugten beide einen Strom, den beide stetig durch das Formen am Laufen hielten. Doch plötzlich spürten sie eine weitere Aura.
„Ist das Hyperius? Was macht er da?“, fragte Aniron.
„Ich glaube, er formt das Wasser“, entgegnete Tinquilius. „Wie aufmerksam, uns entgegenzukommen.“
„Und wie ungewöhnlich, ist es doch kein Sand!“, erwiderte Aniron nicht ganz ernst. Tinquilius schmunzelte.
Nach wenigen Augenblicken hatten sich alle Ströme vereint und eine kleine aber perfekte Röhre von der Oberfläche geschaffen. Die Novizen sollten den Dolch jetzt im Blick haben.
„Hoffentlich beeilen sie sich, es ist jetzt schon anstrengend“, murmelte Aniron. Doch schon vernahm sie zaghafte Unregelmäßigkeiten einer anderen Magie. Nach einigen Augenblicken sahen die beiden Wassermagier, wie sich der Dolch wie von Geisterhand vom Meeresboden löste und nach oben schwebte. Ein Sonnenstrahl fiel in diesem Augenblick in dieses Loch im Meer und wies dem Artefakt einen leuchtenden Weg, während die Wassermagier das Wasser unter dem Dolch bereits wieder durchfließen ließen.
Am nächsten Morgen stand Thorek früh auf. Der Himmel war noch in ein zartes Blau getaucht, während die Sonne langsam über den Hügeln aufstieg. Der Tau lag schwer auf dem Gras, und die Kälte des Morgens kroch in seine Glieder. Thorek trat vor die Scheune, in der ein kleiner, hölzerner Karren stand. Es war ein einfacher Wagen, mit abgenutzten Rädern und einem Holzgestell, das schon viele Lasten getragen hatte. Vorsichtig begann er, die Werkzeuge des Bauernhofs darin zu verstauen: Sicheln, Äxte, und einige Hacken, die stumpf und abgenutzt waren. Der Schmied in Stewark sollte sie schärfen und reparieren.
Mit einem tiefen Atemzug packte er die Zügel des Karrens und machte sich auf den Weg. Die Räder knarrten auf dem Schotter, und der kühle Morgenwind fuhr ihm durch die Haare. Während er die Strecke zurücklegte, gingen ihm die Gespräche vom Vorabend durch den Kopf. Die Männer am Lagerfeuer, Wenzels weise Worte und sein eigenes Versprechen, sich den Rebellen um König Ethorn anzuschließen. Der Gedanke an die Veränderung, die auf ihn zukommen würde, bereitete ihm eine Mischung aus Nervosität und Entschlossenheit.
Je näher er der Stadt kam, desto klarer wurden die hohen Mauern von Stewark vor ihm. Die Steinwände waren grau und massiv, eine unüberwindbare Barriere, die die Stadt vor äußeren Gefahren schützte. Schließlich erreichte Thorek das Stadttor. Zwei Wachen standen dort, aufrecht und wachsam, ihre Hände auf den Schwertern ruhend. Ihre Blicke trafen ihn, als er näher kam, und sie traten ihm entschlossen entgegen, als er das Tor passieren wollte.
"Halt!", rief einer der Wächter mit kräftiger Stimme. Thorek stoppte den Karren und trat einen Schritt nach vorne. Der andere Wächter trat näher, sein Blick kritisch, doch nicht feindselig. "Wer bist du, und was ist dein Anliegen?" fragte er, während er den Karren mit einem flüchtigen Blick musterte.
Thorek hielt inne, bevor er ruhig antwortete. "Ich komme vom Bauernhof Gernot. Diese Werkzeuge müssen zum Schmied gebracht werden. Sie sind abgenutzt und müssen repariert und geschärft werden."
Die Wachen tauschten einen kurzen Blick, dann nickte der eine. "Gernot also." murmelte er, "Er ist bekannt hier." Trotzdem zögerte er. "Und was führt dich persönlich nach Stewark? Bist du nur für die Lieferung hier oder hast du weitere Geschäfte in der Stadt?"
Thorek spürte, wie das Gewicht der Frage auf ihm lastete. Er wusste, dass dies der Moment war, in dem er sich für den nächsten Schritt entscheiden musste. "Ich habe auch andere Angelegenheiten zu erledigen." sagte er ruhig, doch entschlossen. "Aber vorerst muss ich nur diese Werkzeuge abliefern."
Die Wache sah ihn noch einen Moment lang an, dann trat er zur Seite. "Gut!" sagte er schließlich. "Der Schmied ist nicht weit. Folge der Hauptstraße, du wirst ihn schnell finden." Thorek bedankte sich, zog den Karren weiter und trat durch das Tor in die Stadt.
Die Stadt öffnete sich vor ihm, und sofort schlug ihm der Lärm der belebten Straßen entgegen. Die Klänge der Schmiede, das Hämmern auf Eisen, das Knarren der Wagenräder und die Rufe der Händler vermischten sich mit dem würzigen Duft von frisch gebackenem Brot und warmem Rauch. Die Stadt war erfüllt von geschäftigem Treiben, das Thorek in seinen Bann zog. Es war eine ganz andere Welt als die ruhige, ländliche Atmosphäre des Bauernhofs.
Er folgte dem gepflasterten Weg, vorbei an den massiven steinernen Gebäuden der Schmiede, deren Fassaden von rußigen Schornsteinen gezeichnet waren. Hier, in diesem Teil des Viertels, hörte man unablässig das rhythmische Klirren von Hammer auf Amboss. Schon bald fand er den Schmied, den ihm Gernot beschrieben hatte – ein kräftiger Mann, dessen Gesicht von der Arbeit im Feuer gezeichnet war, stand hinter einer großen Esse.
"Was kann ich für dich tun?" fragte der Schmied, als er Thorek und den Karren erblickte.
"Ich komme im Auftrag von Gernot, dem Bauern. Diese Werkzeuge müssen repariert und geschärft werden." erklärte Thorek und begann, die ersten Gerätschaften vom Karren zu heben. Der Schmied trat näher, musterte die Werkzeuge und hob ein Sensenblatt in die Höhe, um es genauer zu betrachten. „Die sind wirklich in keinem guten Zustand," brummte er. "Wird ’ne Weile dauern, die wieder herzurichten. Mindestens drei Tage, wenn ich mich ranhalte."
Thorek nickte verständnisvoll. "Drei Tage, sagst du?" Er dachte kurz nach und wischte sich den Staub von den Händen. "Gut, das klingt machbar. Gibt es hier in der Stadt ein Gasthaus, in dem ich die Zeit über unterkommen kann?"
Der Schmied lehnte sich an den Amboss, zog sich mit einer langsamen Bewegung die Lederhandschuhe von den Händen und deutete mit einem Nicken die Straße hinunter. "Ja, gibt es. Wenn du die Schmieden hier hinter dir lässt und zurück zum Stadttor gehst, findest du auf der linken Seite die Klippenschänke. Das Gasthaus ist nicht zu übersehen, liegt direkt an der Ecke kurz vor den Treppenstufen zum Marktplatz. Gute Leute da, und der Wirt schenkt ein anständiges Bier aus."
Thorek dankte dem Schmied und machte sich auf den Weg.
Die Klingen
16.09.2024, 23:25
„Wieso werde ich immer in dieselbe Schicht eingeteilt, wie du?“, beschwerte sich Caradoc, der unwillig hinter Ariaan herlief.
„Weil wir in derselben Einheit sind, schon vergessen?“, erinnerte dieser seinen Kameraden, scheinbar immun gegenüber den gesellschaftlichen Gepflogenheiten einer rhetorischen Frage.
Meister Tiberon hatte ihren Trupp für diese Nacht außerhalb der Stadtmauern beordert. Es würde eine Gruppenübung geben, die sich mit dem Verfolgen und Finden fremder Krieger beschäftigte. Alle paar Wochen war dieses Spezialtraining angesetzt und schulte zwei verschiedene Einheiten in zwei verschiedenen Gebieten. Die eine Gruppe würde sich im Stewarker Umland als Eindringlinge ausgeben und dabei ihre Spuren verwischen, so gut sie konnten. Dabei bereiteten sie sich offensichtlich auf Außeneinsätze vor, wenn man sie in feindliches Gebiet aussenden sollte.
Die andere Einheit hingegen trainierte die Verteidigung der eigenen Ländereien und das effiziente Aufspüren von unerwünschten Individuen. Das konnten einfache Banditen sein, aber auch ausgebildete Soldaten.
„Adanos weiß, wo da ein Gleichgewicht herrscht“, maulte Caradoc.
Der hochgewachsene Dunkelhaarige ließ sich auf eine der Bänke fallen, wobei er sich wohl in etwa auf Augenhöhe mit seiner Laune befand, die zwar nie sonderlich positiv befleckt war, in letzter Zeit jedoch zunehmend negativer zu werden schien. Woran das wohl liegen konnte?
„Hast du noch einmal über meinen Vorschlag nachgedacht, ob wir Meister Tiberon ersuchen sollten, um-“, versuchte Ariaan, ein eifriger Blondschopf von drahtiger Statur, das Gehörte zu übergehen und ihm wichtige Themen zu besprechen.
„Götter, wann hörst du endlich damit auf?“, unterbrach ihn jedoch sein Waffenbruder und riss eine der Schalen mit dampfendem Eintopf aus den Händen des edlen Spenders.
„Wenn ich dich überzeugt habe“, meinte Ariaan leichthin und stellte nun auch seine Schüssel ab, ehe er sich schlussendlich gegenüber von Caradoc niederließ, aus dessen Richtung ein genervtes Seufzen zu hören war.
Die beiden Klingen verfielen in Schweigen, nicht freiwillig, wenn man den Blondschopf fragte, doch Caradoc hatte einfach aufgehört zu antworten und ein Gespräch führte sich nicht gut allein. Etwas gelangweilt ließ Ariaan den Blick durch die Klippenschänke wandern. Langsam füllte sich die Stube, rückte doch der Mittag näher.
Gerade betrat ein hochgewachsener Mann den Schankraum, dunkles Haar, markante Gesichtszüge und blaue Augen, die suchend, aber nicht verloren, das Klientel zu mustern schien. Eindeutig ein Mann, der eben erst die Stadt betreten hatte. Die perfekte Gelegenheit um zu erfahren, ob vor den Toren bereits Vorbereitungen für die Übung heute Nacht getroffen worden waren. Denn Informationsbeschaffung gehörte schließlich auch zu den Aufgaben der Krieger der Akademie.
Kenne deinen Feind, hatte Meister Farquas immer gesagt und Ariaan nahm sich diese Lehre zu Herzen.
„Heda, Freund!“, rief er dem nicht mehr gänzlich jungen Mann zu, der nach einem Moment seinen Blick streifte, „Hol dir auch eine Schüssel Eintopf und setz dich zu uns, wenn du willst. Ich lade dich ein!“
Er wandte sich zur Theke um und rief laut „Ingor!“, wobei dieser bereits abwinkte. Er hatte wohl mitbekommen, was der Blondschopf gerufen hatte. Guter Mann! Gespannt wartete er nun darauf, ob sich der Neuankömmling zierte oder der Einladung folgte. Caradoc jedenfalls schien nach wie vor schlecht gelaunt zu sein. Ein gutes Zeichen! Immerhin war er noch da und schien nicht noch weiter in seinen Frust getaucht zu sein.
Isidor
Thorek betrat die "Klippeschänke" mit einem festen, aber gemessenen Schritt. Seine Augen wanderten durch den Raum, nahmen die Umgebung und die Menschen darin ruhig in sich auf. Die holzgetäfelten Wände und das gedämpfte Licht gaben dem Gasthaus eine einladende Atmosphäre, doch der Lärm der sich nähernden Mittagsstunde und die Menge, die sich allmählich füllte, ließen es lebhafter wirken, als es zunächst den Anschein hatte.
Noch bevor er die Theke erreicht hatte, um mit dem Wirt zu sprechen, vernahm er eine kräftige Stimme, die ihm von einem Tisch nahe der Wand zugerufen wurde: "Heda, Freund! Hol dir auch eine Schüssel Eintopf und setz dich zu uns, wenn du willst. Ich lade dich ein!"
Thorek richtete seinen Blick auf den Blondschopf, der ihn einladend musterte. Die scharfe Art, wie die Worte hervorgestoßen wurden, und die leichte Selbstverständlichkeit in der Stimme verrieten, dass dieser Mann es gewohnt war, Befehle zu geben oder zumindest schnell Entscheidungen zu treffen. Thorek hob leicht die Augenbrauen, sein Interesse geweckt. Er war kaum in der Stadt, doch schon bot sich eine Gelegenheit für ein Gespräch an – eine Möglichkeit, mehr über die Menschen hier und vielleicht auch über die Stadt selbst herauszufinden.
Er zögerte kurz, bevor er mit einem knappen Nicken die Einladung annahm und zur Theke trat. "Ingor!" hatte der Blondschopf gerufen, und der Wirt winkte bereits ab, als er wohl den Wink verstanden hatte. Thorek bestellte sich ebenfalls eine Schüssel Eintopf und ließ seinen Blick wieder zu dem Mann schweifen, der ihn eingeladen hatte.
Mit der Schüssel in der Hand trat er schließlich an den Tisch und stellte sein Essen ab. "Danke für die Einladung." sagte Thorek und setzte sich. "Mein Name ist Thorek. Ich bin erst heute in die Stadt gekommen."
Der Blondschopf nickte, während sein grimmig dreinblickender Begleiter stumm blieb. "Ariaan." stellte sich der Mann mit dem hellen Haar vor, ohne weiter auf den Schweigsamen einzugehen. Thorek konnte die unterschwellige Neugier in ihren Blicken spüren, auch wenn keiner der beiden offen sprach. Es war klar, dass sie wissen wollten, was ihn nach Stewark geführt hatte.
"Ich komme vom Bauern Gernot und habe Werkzeuge zum Reparieren und Schärfen zu einem der Schmiede gebracht." Die Erwähnung des Bauern schien keine Überraschung auszulösen – offenbar war Gernot den Männern bekannt. Dennoch fühlte Thorek die unausgesprochene Erwartung, dass es mehr zu seiner Geschichte geben müsste.
Während er einen Löffel des Eintopfs zu sich nahm, bemerkte Thorek, dass der blonde Mann sich nachdenklich zurücklehnte, als würde er überlegen, wie er das Gespräch in eine andere Richtung lenken könnte. Sein stummer Begleiter schien das Ganze nur widerwillig zu dulden, seine Miene verriet nichts als Missmut. Thorek spürte, dass sie auf etwas Bestimmtes hinauswollten, aber es lag in der Luft, dass sie nicht die richtigen Worte fanden, um es direkt anzusprechen.
Ohne direkt gefragt zu werden, ließ Thorek durchblicken, dass er an vielen Orten gewesen war, doch Stewark sei eine Stadt, in der er die nächsten Tage verweilen würde, um sich umzusehen. Ein subtiler Hinweis, dass er offen für neue Möglichkeiten war, auch wenn er keine unnötigen Details preisgab.
Wer hätte gedacht, dass eine solche Lektüre so spannend war? Raschelnd blätterte Na-Cron eine weitere Seite um und las weiter.
"Goblinbeeren sind, wie ihre Namensgeber selbst, eher klein und haben verschiedene Fruchtfärbungen. Während die Blätter der Pflanze sich weitestgehend nur als Bindemittel eignen und keine nennenswerten Eigenschaften besitzen, haben die kleinen Beeren eine große Besonderheit:
Zu einem Sud mit Kronstöckel (Siehe Kapitel 3, Absatz 1 Wichtige Pflanzen und Kräuter ) und Blauflieder verarbeitet und weiter destilliert kann der daraus entstandene Trunk die Geschicklichkeit des Anwenders für kurze Zeit beträchtlich steigern. Wie die Namensvetter wird der Anwender flink, hat einen herausragenden Gleichgewichtssinn und kann mit einer gewissen Fingerfertigkeit angeben."
Na-Cron schloss das in einfaches Leder gebundene Buch für einen Moment und schloss die Augen, während er über das eben gelesene sinnierte. "Grundlagen der Alchemie" war auf den Einband in einfachen Buchstaben geprägt worden. Und so abgegriffen, wie es aussah, war es wohl schon einige Jahre alt.
Er hatte es nur durch Zufall in der Bibliothek der Magier gefunden, weit hinten in einem abgelegenen Regal. Die Staubschicht darauf hatte gezeigt, dass es wohl schon seit einiger Zeit nicht mehr in die Hand genommen worden war. Der Novize hatte nicht wirklich verstanden, warum. Schon die ersten Seiten hatten ihn so sehr in den Bann gezogen, dass er es kaum aus der Hand legen konnte. Also hatte er es kurzerhand mitgenommen.
Jetzt nutzte er die Zeit, während Aniron sich mit den Innos-Novizen beschäftigte, und las darin weiter. Er hatte sich sogar extra eine entsprechende Tragetasche aus Leder besorgt, in welche er das Buch stecken konnte, wenn er freie Hände brauchte.
Was das Buch aber besonders spannend machte waren die Rezepte, welche in den späteren Kapiteln erwähnt wurden. Na-Cron hatte einen kurzen Blick darauf geworfen und war erstaunt über die detaillierten Anleitungen. Fast wie bei einem besonders guten Kochbuch waren die genauen Mengenangaben und Arbeitsschritte aufgelistet worden um die verschiedensten Tränke und Mixturen herzustellen. Sobald er einen ruhigen Moment hatte, so beschloss der Novize, würde er sich daran machen, ein paar Dinge daraus auszuprobieren. Wäre doch gelacht, wenn er das nicht hinbekommen würde.
Gut, zu erst einmal musste er im Kräutergarten gucken, was dort für Pflanzen alles zu finden waren. Feuernesseln und dergleichen hatte er schon gesehen, die hatte ihm ja die Wassermagierin Aniron gezeigt. Doch konnte er dort auch die besonderen Kräuter finden? Kronstöckel zum Beispiel sollte sehr selten sein, genau so Drachenwurzel und Goblinbeeren. Und er musste aufpassen, sicherlich würde Aniron etwas dagegen haben, wenn er einfach den Garten plünderte.
Die Klingen
17.09.2024, 16:24
„Hmm, ehrliche Arbeit“, bemerkte Ariaan und nahm einen weiteren Löffel des Eintopfs.
Glücklicherweise hatte Ingor heute mit den Äpfeln gespart. Ab und an konnte das in Stewark als Grundnahrungsmittel angesehene Obst im Essen und auch in den Getränken Überhand nehmen.
„Bauer Gernots Gehöft liegt außerhalb der Baronie, nicht wahr? Noch hinter dem Grenzposten? Harte Gegend, so zwischen Thorniara und dem Sitz König Ethorns“, grübelte die Klinge laut.
Es dürfte recht offensichtlich sein, weshalb er es zur Sprache brachte, war trotz ruhender Waffen die Beziehung zu den Invasoren doch alles andere als mit fruchtbarem Boden gleichzusetzen. Caradoc zog es weiterhin vor zu schweigen, löffelte still seinen Eintopf und verteilte lediglich mürrische Blicke. In Sachen sozialer Interaktion war sein Waffenbruder ein hoffnungsloser Fall.
„Sag, hast du auf dem Weg durch das Stewarker Umland vielleicht einige Soldaten beobachten können? Einige Einheiten sind heute auf Feldübung und da unsere Gruppe“, er deutete auf Caradoc und sich, „auf Abruf steht, gibt es nicht viel für uns zu tun. Stewark ist eine recht ruhige Stadt, auch recht klein, wie du vielleicht schon festgestellt hast.“
Gesättigt schob Ariaan die leere Schüssel von sich, seine Haltung entspannt und zufrieden. Er musterte Thorek unverhohlen, versuchte abzuschätzen, was für eine Art Mann er war. Die Rekrutierungsversuche der Akademie waren vielleicht nicht auf dem Stand, den die Klinge als wünschenswert betrachtete, doch das war umso mehr ein Grund potentielle Mitstreiter anzuwerben. Auch, wenn der Neuankömmling älter war, als der Durchschnittsschüler in der Akademie, war Alter nur eine Zahl. Willenskraft und eine gesunde Ideologie allein konnten große Auswirkungen haben. In seinen Jahren an der Akademie hatte der Blondschopf einige Männer und Frauen gesehen, die als Grünschnäbel begonnen hatten, nicht einmal Klinge von Heft zu unterscheiden wussten, und doch Höhen erreicht hatten, von denen er nur träumen konnte.
„Aber erzähl doch etwas mehr von dir“, lud Ariaan Thorek freundlich ein, „Ein Bier für eine Geschichte? Wenn du Neuigkeiten von außerhalb der Baronie hast, würden wir sie auch sehr gern hören“, beteuerte er.
Ob Caradoc wirklich gern auch nur irgendetwas hören würde, wagte der Blondschopf zwar zu bezweifeln, doch es schadete nicht, sich als Gemeinschaft zu präsentieren. Eigenbrötler und einsame Wölfe gab es bereits zu Hauf und für gewöhnlich hielten sie nicht lange Stand, wenn sie sich einer Gesellschaft einzuordnen versuchten.
Isidor
Thorek spürte, wie sich die Atmosphäre am Tisch veränderte. Das anfänglich harmlose Gespräch schien plötzlich tiefer zu gehen, als es anfangs den Anschein hatte. Er wusste, dass dies mehr als nur eine lockere Unterhaltung war. Seine Worte würden von den beiden Männern genauestens abgewogen werden.
"Der Bauernhof, von dem ich komme..." begann Thorek, während er die Schüssel mit dem Eintopf zur Seite schob, "...liegt noch in der Baronie Stewark, kurz bevor das Bluttal beginnt." Er erinnerte sich an die Felder, die er gemeinsam mit den anderen Arbeitern des Bauern Gernot bestellt hatte, und fuhr fort: "Ich habe die letzten Wochen auf Gernots Feldern geholfen, bei der Ernte und den Vorbereitungen für den Winter. Manchmal war ich auch im nahen Waldstück jagen. Eine ruhige Arbeit, aber sie hält den Kopf frei."
Thorek nahm einen Schluck Bier und ließ den Blick kurz über den Tisch schweifen, bevor er weitersprach. "Als ich mich heute nach Stewark aufmachte, habe ich keine Soldaten gesehen. Keine Patrouillen, keine Späher." Er hielt einen Moment inne, um den beiden Männern am Tisch die Bedeutung dieser Worte bewusst zu machen. "Das spricht dafür, dass die Männer ihre Aufgabe verstehen. Wenn man keine Soldaten sieht, dann bedeutet das oft, dass sie uns sehen. Dass sie wissen, wie man sich im Verborgenen hält, um mögliche Feinde im Hinterhalt zu überraschen."
Er lehnte sich leicht zurück, als er spürte, dass der Moment gekommen war, an dem er eine Entscheidung treffen musste. Bis jetzt hatte er sich zurückgehalten, über seine Vergangenheit zu sprechen. Doch etwas in der Art, wie die beiden Männer ihn musterten, ließ ihn erkennen, dass es Zeit war, eine Wahl zu treffen. Sollte er weiterhin schweigen und seine Herkunft verbergen? Oder war es an der Zeit, die Wahrheit zu erzählen?
Mit gedämpfter Stimme, fast als ob er das Gewicht seiner eigenen Worte spürte, begann Thorek: "Ich will ehrlich mit euch sein und hoffe, dass ich es nicht bereuen werde. Einst war ich Kundschafter des Ordens." Er sah den Männern die Reaktion nicht direkt an, sondern richtete seinen Blick auf das Bier in seiner Hand. "Damals diente ich treu, doch je näher ich den Feuermagiern kam, desto mehr sah ich, was wirklich in ihren Hallen geschah."
Er schnaubte leise, während die Erinnerung zurückkehrte. "Die Feuermagier, die angeblich so erhaben und gerecht waren, begannen, sich in ihrer eigenen Macht zu suhlen. Ich habe Korruption aufgedeckt, Machenschaften, die alles infrage stellten, woran ich je geglaubt hatte. Als ich versuchte, das ans Licht zu bringen, hat der Orden nicht etwa reagiert. Nein, sie haben alles vertuscht. Und mich? Mich haben sie verbannt, nachdem sie einen Vorwand dafür gefunden hatten. Ich war ihnen unbequem geworden."
Thorek hob den Kopf und sah die beiden Männer direkt an, seine Augen fest und entschlossen. "Das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich habe genug vom Orden. Stewark mag vielleicht nicht perfekt sein, aber hier scheint es noch Hoffnung zu geben. Vielleicht kann ich hier etwas finden, das der Orden längst verloren hat: Gerechtigkeit."
Die Klingen
17.09.2024, 21:37
Innerlich stutzte Ariaan, als er das Geständnis Thoreks hörte. Geständnis? War es denn überhaupt eines? Musste er ihn nun aus der Stadt jagen, weil er mit den Invasoren, den Glaubens- und Kulturmördern, im Bunde gestanden hatte? Nein, denn der Feind des Feindes konnte Freund sein, ein Verbündeter, der sich als wertvoll erwies.
„Kundschafter, sagst du?“, fragte der Blondschopf interessiert.
Caradoc hatte sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung aufgerichtet, hatte nun wohl auch ein persönliches Interesse an diesem Mann und seiner Vergangenheit. Er konnte es seinem Waffenbruder nicht verdenken, schließlich hegte er einen tiefsitzenden Groll gegen jene vom Festland, einen, der von gefallenen Kameraden, zerrissenen Familien und entweihten Heiligtümern beschwert wurde, metergroßen Sandsäcken gleich, die einen in die undenkbarsten Tiefen der Gemütszustände zu zwingen vermochten.
„Deine Einschätzung, dass unauffällige Soldaten außerhalb der Stadt gute Soldaten sind, teile ich. Es sei denn, ihre offene Präsenz ist gefragt. Es ist eine Frage der Intention. Stärke demonstrieren oder doch die eigenen Lande aus den Schatten sichern“, pflichtete Ariaan Thorek bei, „Einst war dies alles unser Land, Freund. Doch der Orden und seine Lakaien, jene, die dich für dein Wissen abgeschnitten haben, wie ein Geschwür vom Körper eines Beulenkranken, sehen sich im Recht. Dabei vermögen sie nicht mehr zu unterscheiden zwischen gesundem Fleisch und solchem, das entfernt werden muss.“
Es sprach der Feldscher aus ihm, das Wissen, wie man seine Kameraden im Gefecht am Leben erhielt.
„Wissen ist für sie etwas Gefährliches. Doch wir hier teilen es bereitwillig, über Jahrhunderte gesammelte Schriften, zusammengetragen aus allen Teilen der bekannten Welt.“
Caradoc schnaubte unwillkürlich, doch Ariaan überging es, lenkte nicht einmal die Augen zu seinem Kameraden, um zu beweisen, dass seine Worte ehrlich waren und nicht der Täuschung dienten. Zudem war die Akademie für eben jenen Schatz weithin bekannt.
„Du brauchst dich also nicht zu sorgen, dass du hier auf Abneigung stößt, nur weil du erst später im Leben erkannt hast, was die meisten Argaaner und viele andere Völker schon früh in ihrer Kindheit lernen mussten. Wichtig ist, die Wahrheit zu kennen.“
Natürlich bestand auch die Möglichkeit, dass der Jäger und Knecht ein geschickter Lügner war, doch das würde von anderen Stellen überprüft werden, sollte er in Erwägung gezogen werden.
„Und was Stewark angeht…glaub mir, ich würde auch lieber wieder durch die Stadt der goldenen Kuppeln streifen und mein Bier in der Sturzkampfmöwe genießen, doch da hatte ein verdammter Drache andere Pläne mit uns.“
Ariaan setzte seinen Krug an und leerte das für seinen Geschmack zu süßliche Bier mit einem Zug. Seine Worte hatten auch in ihm Frust geweckt, den er über die Jahre im Zaum zu halten gelernt hatte. Doch die Verluste, die er und seine Landsleute hatten erleiden müssen, waren nichts, was man einfach beiseiteschob und vergaß. Es waren Narben, die für ein Leben lang und darüber hinaus Bestand hätten.
Isidor
Johanna sah verdutzt auf den Münzbeutel, der zwischen ihren Fingern klimperte.
„Nanu? Erst der Dolch, jetzt das – hast du diese Woche etwa deine Spendierhosen an?“
Sie grinste keck und machte einen Knicks, dass der bronzebewehrte Schuh ihrer Schwertscheide den Dreck küsste.
„Aber gut, ich werde tun, wie mir aufgetragen wurde.“
Eine Welle der Erleichterung wärmte ihren Körper, als sie merkte, dass Syrias es auf sich beruhen ließ mit der Schnapsidee, Rudra als Ersatz für Meve mitnehmen zu wollen. Sie hatte sich schon gesehen, wie sie mit dem Schmied im Schlepptau vor der Hütte auftauchte, weil ihr die guten Argumente dagegen ausgingen, und Rudra sich fügte, weil er ihr nie einen Wunsch abschlug. Das wäre hässlich geworden, da war sie sich sicher. So musste sie sich zwar zu Tode schleppen, aber ein metaphorischer Tod war besser als ein wörtlicher von irgendeinem der Beteiligten.
Dass Syrias über ihre Größe urteilte, störte sie diesmal nicht im Geringsten, denn ihre körperlichen Voraussetzungen waren hier wirklich ein Problem. Vor allem, dass sie im Vergleich zu dem schweren Erzbruch so viel wiegen würde wie ein Blatt im Wind, mochte sich im hügeligen Stewarker Land als großes Hindernis herausstellen. Doch daran ließ sich nun nichts ändern. Sie mussten mit dem leben, was sie hatten.
„Bis morgen also, ja? Kurz nach Sonnenaufgang hier vor der Schmiede?“
Johanna konnte kaum glauben, dass sie das freiwillig anbot. Selbst nach all der Zeit in der Natur war ihr Körper nicht darauf eingestellt, sich sofort beim ersten Sonnenstrahl zu erheben – genauso, wie sie nach Sonnenuntergang immer eine Weile brauchte, um zur Ruhe zu kommen. Aber sie sah ein, dass man eine Reise lieber früh begann, um den Tag bestmöglich nutzen zu können. Dann würde sie eben in den sauren Apfel beißen und sich beim ersten Hahnenschrei aus den nicht vorhandenen Federn quälen müssen.
Mit einem fröhlichen Gruß an Taron auf den Lippen, der viel zu beschäftigt war, um auch nur missbilligend zu grunzen, trat sie durch die Schmiede ins Freie und wandte sich in Richtung der Treppe, um zum Gemischtwarenhändler zu gehen. Besser, sie erledigte gleich alles, was für die Reise von Nöten war, bevor sie nach Frieda und Isidor schaute. Und wenn sie sich versichert hatte, dass beide bereit waren, würde sie ihr Weg hinaus in die Plantagen führen. Es galt noch einen geeigneten Ort für ein Picknick zu sichern.
„Hey, Junge!“
Der Halbwüchsige, streunend über den Platz zwischen dem Haus der Magier und der Heilkammer, blieb stehen. Suchend wandte er sich um.
„Hier drüben, mein Freund!“
Der Kopf drehte sich schlussendlich in die richtige Richtung. Die Stirn des Jungen legte sich in Falten, die Augen weiteten sich, während er zögerlich auf sich zeigte. Die Frage stand ihm ins Gesicht geschrieben.
„Jetzt komm schon her, Mensch!“
Endlich regten sich die Füße des Jungen. Piero, mit hochgekrempelten Ärmeln, mit rotbraunen, schmierigen Resten bis hinauf zu den Ellenbogen, stand zwischen alten Kisten in einer schmalen Gasse und zeigte sein gewinnbringendes Lächeln.
„Lust, dir ein paar Münzen zu verdienen?“
Der Junge zeigte ihm den Vogel. „Alter, verzieh dich! Hab keinen Bock, von einem Irren in einer dunklen Gasse auseinandergenommen zu werden!“
Ein blank poliertes Stück Kupfer blitzte in der Abendsonne auf, als es durch die Luft in Richtung des Jungen flog und klimpernd auf das Pflaster schlug.
„Dann kriegt eben ein anderer den Rest.“
Die gierigen Hände schossen blitzschnell herab, schlossen sich um das Kupfer und ließen es in einer tiefen, schmutzigen Hosentasche verschwinden.
„Nich so schnell, Mann! Du hast halt Blut an den Armen, Alter. Da muss man vorsichtig sein! Also, was willstn?“
Piero zeigte seine Zähne und trat langsam aus seiner Deckung hervor.
„Hungrig?“
„Ich bin immer hungrig, Mensch. Haste was? Nein, lass stecken. Mit deinem Siff an den Händen fress ich bestimmt nix von dir!“
„Keine Angst, mein Lieber. Ich wird dir nichts zu essen geben. Pass auf: ich leg dir hier ein paar Münzen hin, und du gehst dir im Fallenden Beil mal so richtig den Bauch davon vollschlagen.“
Er beugte sich herab und legte eine Handvoll Kupferlinge auf den Boden. Daneben platzierte er ein eingeschlagenes Tuch, das einst weiß war, nun aber von blutigem Rot durchsetzt.
„Das hier nimmst du mit. Und wenn die anderen Leute dort nicht aufpassen, sorgst du dafür, dass das hier in jemandes Schlachtplatte landet, verstanden? Du kannst doch heimlich etwas verschwinden lassen, sodass es keiner bemerkt, oder?“
Der Junge griff sich ans Revers und richtete die ranzige Kleidung. „Bin immer rechtschaffen und ehrlich, Meister. Keine Ahnung, wovon du redest.“
„Klar doch“, erwiderte Piero grinsend. „Also, mach das für mich, ohne dass es jemand merkt, und du bekommst noch einmal so viel von mir.“
„Ich schau mal, was ich machen kann“, sagte der Junge, doch sein Tonfall verriet weit mehr Bereitschaft und Zuversicht, als er es vielleicht beabsichtigt haben mochte.
„Guter Junge. Halt dich an deinen Teil, dann gehen wir beide mit einem Lächeln aus der Sache. Ich behalt dich im Auge.“
Er wandte sich ab und schlenderte pfeifend davon. Es war Zeit, zu schauen, wie kooperationsbereit das freundliche Ehepaar vom Fallenden Beil werden konnte, wenn man den Finger in die noch nicht vorhandene Wunde legte. Oder in diesem Fall mehrere Finger, die man aus den Amputationsabfällen der Heilkammer gefischt und in Stücke geschnitten hatte.
Piero war nicht zugegen. Die alte Wachstube war leer, also gab es auch keinen Grund für Isidor hier zu verweilen. Dummerweise lief ihm die Zeit davon und er hatte noch keine Hilfe bei der Auswahl von Kleidung erhalten. Aber wenn er ehrlich zu sich war, kam er sich ohnehin seltsam dabei vor, sich von jemand anderem einkleiden zu lassen. Kleider machten Leute und wenn er sich von Piero beraten ließ, war er dann noch Isidor? Oder würde er nur eine Verkleidung tragen, die sein wahres Ich verbarg? Seine Mutter hatte stets gesagt, dass er bloß er selbst sein musste, wenn er die richtige Frau fürs Leben finden wollte. Doch war es überhaupt so mit Fräulein Frieda?
So oder so hatte er keine Zeit hier auf den Lebemann zu warten, weshalb er den Hahnenschwanz auf den Tisch stellte, sich die Schüsseln mit Eintopf und eine der Flaschen Wein nahm – das Bierfässchen würde er später abholen – und damit Richtung Klippenschänke lief.
Während er die Dinge in seinem Zimmer verstaute, überprüfte er in Gedanken seine Liste.
Essen für Fräulein Frieda und mich – erledigt.
Eine gute Flasche Wein – vorhanden.
Geschenk für Fräulein Frieda – die verschiedenen Früchte werden ihr hoffentlich gefallen!
Wenn er nichts vergessen hatte, würde er noch neue Kleidung brauchen und einen Korb, in dem er all das verstauen konnte. Danach würde er sich nur noch waschen müssen und wäre bereit für die Verabredung mit der Bäckermeisterin. Es würde knapp werden!
Eilig verließ er das Gasthaus und näherte sich der Treppe im Westen der Stadt. Das geschäftige Treiben am Marktplatz war unüberhörbar.
Er entdeckte einen Stand mit verschiedenen Flechtwaren, darunter auch Weidenkörbe, in dem er bequem alles verstauen könnte, wenn sie am Abend in Richtung Plantagen gehen würden. Isidor fragte sich, wie Fräulein Frieda wohl gekleidet sein würde und je weiter seine Gedanken schweiften, desto mehr färbten sich seine Wangen in einem leichten Rotton.
Mit einem neuen Korb in der Hand – über den Arm wollte er ihn sich nicht legen, dabei kam er sich seltsam war – lief er zu dem Händler, den er beim Vorbeigehen, als er auf dem Weg zum Grünen Eber gewesen war, entdeckt hatte. Eine große Auswahl von Stoffen und geschneiderter Kleidung bot sich ihm und die Qualität schien für sein ungeschultes Auge von grob bis fein zu reichen. Wäre er auf der Suche für Material für ein Gambeson oder Polsterung, hätte er wohl zu den gröberen Stoffen gegriffen, die robust waren und von den meisten Arbeitern präferiert wurden. Doch jetzt, wo der Nutzen der Kleidung ein anderer war, fühlte er sich mehr zu den feinmaschigeren Stücken hingezogen. Sein Goldbeutel war bedenklich leicht geworden, doch er hoffte einfach, dass es reichen würde.
Ein neues Wams aus Samt? Oder würde er damit zu dick auftragen? Welche Farbe sollte er für das Hemd wählen? Es war noch warm genug, dass er die Ärmel hochkrempeln wollen würde, also durfte es nicht zu steif sein. Und die Hose? Wolle oder Leinen?
„Das wird schwieriger, als angenommen“, murmelte er und hob ziellos einige Mieder an, von denen er sicher keines kaufen würde.
Es hätte ein wahrlich ein Anblick für die Götter sein können, wie ein einzelner, wunderschöner, uralter Dolch aus den Tiefen des Meeres langsam durch die Luft auf eine einzelne, wunderschöne, junge - und sehr jugendlich aussehende - Novizin zu schwebte und sich dabei vor einem einen immerfort drehenden Strudel an Wasser fortbewegte, der bereits wenige Fingerbreit hinter dem magisch gelenkten Gegenstand zu strudeln aufhörte. Insbesondere, als ein einzelner, mutiger Sonnenstrahl durch die sonst dichte und trist wirkende Wolkendecke brach und die Verzierungen des Dolchs bezaubernd funkeln ließ.
Wäre ein Maler vor Ort gewesen, da war Felia sich sicher, hätte er nicht zögern wollen, diesen Augenblick für immer auf Leinwand zu binden und jeder Dichter hätte seitenweise über die Herzschläge schreiben können, die dieser Moment hielt und nur ansatzweise die Imposanz der Situation erfassen können.
Stattdessen aber war einer der anwesenden Männer mit dem angestrengten Wirken von Magie beschäftigt und der andere erholte sich - mit dem Gesicht voran im Schoß der zaubernden und bezaubernden jungen Feuernovizin - von den Strapazen seiner magischen Reise. Es war also wie so häufig niemand zugegen, der Felias wahre Größe, ihr Talent und ihre Schönheit in diesem Blick hätte wahrnehmen können.
Eine Schande - wie sie feststellen musste, als der Dolch mit einem letzten Reißen an den magischen Fäden die letzten Meter emporschnellte und mit dem Griff voran zielsicher in der Hand der Schneiderin landete.
Sie hatte nie sonderlich viel übrig gehabt für Waffen. Ihr Bruder Aaron hätte sicherlich einiges zur Machart, der Verarbeitung, den Materialien, Gravuren und Besonderheiten erzählen können. Aber wie Maler, Dichter und Bewunderer war auch ihr Zwillingsbruder nicht zugegen, weswegen die Bewertung dieses kleinen Gegenstands der Bardin überlassen blieb, die sich aber wenig beeindruckt zeigte.
Sicherlich - der Dolch hatte vermutlich länger auf dem Grund des Meeres gelegen, als sie auf der Welt war. Und er sah aus, als sei er gerade erst geschmiedet worden. Natürlich schien er auf den ersten Blick so scharf zu sein, dass sie damit ein einzelnes Haar der Länge nach hätte spalten können. Und umgab die kleine Waffe eine ganz besondere, nicht greifbare Aura. Aber abgesehen davon war es eine recht einfache Waffe, der sie nicht viel abgewinnen konnte. Vorsichtig verstaute sie den Dolch daher in ihrer Umhängetasche und ließ sich mit gespielter Erschöpfung auf das unbequeme Holzbrett darniedersinken.
»Ich fürchte, ich bin viel zu erschöpft, um zurück zu rudern.«, sagte sie an den Wassermagier, der mittlerweile wieder genüsslich von seinem Tee trank und viel Anstand bewiesen hatte, in dem er nur verborgen und ab und zu auf den Dolch gestarrt hatte.
Ein aromatischer Duft stieg der Novizin in die Nase und schien sie zu weiten, es ihr einfacher zu machen zu atmen. Sie nahm eines der Blätter, die so herrlich dufteten und zerrieb sie zwischen ihren Fingern. Der Geruch haftete ihnen an.
„Ist Salbei nicht herrlich?“ lächelte Danee, die zwar blind dennoch genau zu wissen schien, was Mera tat. „Sei so gut und brühe mir doch einen Tee auf.“ bat die Heilerin und reichte ihr ein paar der aromatischen Blätter. Die Setarriferin trat zu der kleinen Feuerstelle, die den Raum fast unangenehm erhitzte und setzte einen kleinen Kessel mit Wasser auf. Frisches Wasser war hier stets vorhanden, waren sie doch hier von Wassermagiern und ihren Novizen umgeben. Sie selbst jedoch hatte es noch nicht geschafft, Wasser zu erschaffen. Um ehrlich zu sein, hatte sie es auch noch nicht passiert. Ihre Unterrichtsstunden bei Aniron und Aaras waren zu einem jähen Ende gekommen, nachdem diese Feuernovizen hier eintrafen. Und sie waren auch der Grund, warum sie hier war. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Tisch stand, an dem Danee ein paar Kräuter zerstieß.
Danee horchte auf, als der Stuhl leise, kaum hörbar knarzte. „Warum bist du hier?“ fragte sie neugierig, jedoch ohne anklagenden Ton, während sie einen Tropfen duftenden Öls zu den zerstoßenen Kräutern gab und sie langsam zu einer Paste verarbeite. „Versteckst du dich immer noch vor diesen Novizen aus Thorniara?“
Mera nickte schwach. „Warum sind sie auch hier?“ antwortete sie ihrerseits mit einer Frage. „Sollen sie doch in ihrer Stadt bleiben!“
Die Heilerin schüttelte sanft den Kopf, wurde jedoch in dem was sie sagen wollte vom fröhlichen Blubbern des heißen Wassers unterbrochen. Mera sprang auf, goss etwas des Wassers in einen Becher, in dem die Salbeiblätter lagen und stellte ihn auf den Tisch, an dem Danee arbeitete.
„Danke, meine Liebe.“ sagte sie und schenkte Mera ein warmes, aufbauendes Lächeln, bevor sie den Becher in die Hand nahm und den aufsteigenden Dampf wegpustete, um das Getränk zu kühlen.
„Du bist eine gute Seele. Du solltest versuchen, das auch auf den Kreis des Feuers auszuweiten. Auch wenn wir einem anderen Gott dienen, sind wir keine Feinde. Das Gleichgewicht, für das wir stehen, kann nie durch böse Worte und Feindschaft erreicht werden, sondern mit Freundschaft und Verständnis. Gewalt kann nie die Antwort sein, sondern Diplomatie.“
Sie nahm einen Schluck des Tees und sog scharf die Luft ein.
„Man sollte meinen, dass eine weise alte Heilerin sich nicht am Tee die Zunge verbrühen würde. Besonders wenn sie ihn magisch kühlen könnte. Aber Alter schützt vor Weisheit nicht.“ ergänzte sie mit einem alten Sprichwort und kicherte ein bisschen und stellte den Becher wieder ab, trat zu Mera und legte ihr die Hände auf die Schultern.
„Du musst nicht mit jedem Menschen auf Argaan befreundet sein. Aber jeder Mensch hat den Respekt verdient, den du dir auch von anderen wünschst. Und jeder Mensch ist das geworden, was er heute ist, indem er in dutzenden und hunderten Situationen dazu geformt wurde. Du kannst ihre Vergangenheit nie wissen, also sei auch nicht zu schnell mit Verurteilungen.“
Sie ließ ihre Schultern wieder los, trat zurück an die Salbe, die sie gefertigt hatte, gab noch ein weiteres, letztes Kraut dazu, zerstieß es und schien zufrieden mit dem Resultat.
„Nun, willst du mir bei der jungen Frau mit dem Ausschlag helfen?“ fragte sie und hakte sich bei ihr ein, damit Mera ihr den Weg zeigen konnte.
Thorek lauschte den Worten von Ariaan, der mit einer Mischung aus Interesse und Bitterkeit auf seine Enthüllungen reagierte. Der Blondschopf schien nicht gewillt, ihn sofort zu verurteilen, und das war bereits mehr, als Thorek erwartet hatte. Stattdessen deutete Ariaan eine gewisse Pragmatik an: Der Feind des Feindes konnte ein Freund sein. Thorek spürte, dass er hier in der Klippenschänke auf Menschen gestoßen war, die ihre eigenen Kämpfe gegen den Orden geführt hatten. "Kundschafter, ja." bestätigte er ruhig. "Es war eine Zeit, in der ich dachte, ich könnte einen Beitrag leisten, etwas verändern. Doch manchmal sind die Dinge nicht so klar, wie sie erscheinen."
Er ließ seinen Blick kurz über die Menschen im Schankraum gleiten, bevor er wieder auf Ariaan und Caradoc zurücksah. "Ich verstehe Eure Worte, und ich bin mir bewusst, dass es leicht ist, auf das Festland und den Orden herabzusehen. Aber für mich war es nicht so einfach. Nicht jeder im Orden ist blind für das, was geschieht. Einige von uns – ehemalige Soldaten, wie ich – haben ihre eigenen Zweifel. Und manchmal führt das dazu, dass man Dinge hinterfragt und sich abwendet."
Thorek wählte seine Worte sorgfältig: "Aber es ist, wie Ihr sagt. Man muss wissen, wann es Zeit ist, sich zurückzuziehen, wenn man erkennt, dass das, wofür man kämpft, nicht mehr das ist, was man einst glaubte."
Er atmete tief durch und lehnte sich zurück, die Spannung in seiner Stimme weicher werdend. "Hier in Stewark suche ich nichts Großes. Nur einen Neuanfang. Weg von Intrigen und Machtspielen. Ich habe gesehen, was das mit Menschen macht, und ich will nicht mehr Teil davon sein. Wenn ich meinen Beitrag leisten kann, die Schandtaten des Ordens wieder gutzumachen, dann reicht mir das als Genugtuung."
Der ehemalige Ordenskrieger schaute sich um. Die Stimmung in der Klippenschänke war trotz aller Widrigkeiten ausgelassen. "Nun und was Eure einstige Hauptstadt anbelangt. Ich habe sie leider nicht kennenlernen dürfen. Aber Stewark gefällt mir! Hier ist nicht alles so weitläufig, wie in Thorniara. Hier kennt man einander bestimmt."
Falcar Avenicci stand in seinem nahezu leeren Anwesen, das einst den Glanz seines wohlhabenden Lebens widerspiegelte. Die prunkvolle Einrichtung war verschwunden, und der Raum, in dem er sich nun befand, wirkte nüchtern und gedrückt. Das Einzige war eine lange Tafel, an deren Ende ein einzelner, eindrucksvoll gestalteter Stuhl stand – ein Symbol für die Macht, die er noch zu bewahren versuchte.
Die Arme auf den Tisch gestützt, rieb sich Falcar die Augen. Vor ihm lag eine zerknüllte Nachricht. Sein geheimes Warenlager in Thorniara wurde von Angehörigen des Ordens aufgespürt und vollständig beschlagnahmt. Je länger er über seine Situation nachdachte, desto größer wurde sein Zorn. "Verdammtes Ungeziefer!" fluchte Falcar, seine Augen funkelten vor Wut.
Die vergangenen Monate hatten ihm bereits viele Rückschläge beschert. Als Akteur der Unterwelt hatte Falcar stets versucht, geschickt zwischen den Welten zu navigieren. Sein Wohlstand war nie grenzenlos gewesen und die kontinuierlichen Übergriffe, die verräterische Sabotage einer Bandidatengruppe, mit der er einst zusammengearbeitet hatte, die strengen Kontrollen in Thorniara und die gelegentliche Willkül in Stewark, hatten sein Kapital beinahe vollständig aufgezehrt. Es schien so, als würden alle seine Schritte auf ihn zurückfallen und am Ende verlor er mehr, als er je zu gewinnen glaubte. Die Nachricht über die Beschlagnahmung seines Lagers brachte das Fass jedoch zum Überlaufen.
Mit einem wütenden Aufschrei sprang Falcar auf. Beinahe hätte es den Stuhl dabei umgestoßen. "Verdammte Bastarde! Wie können sie es wagen, mir alles zu nehmen!?" Er lief durch den Raum, seine Bewegungen hektisch und voller Zorn. Die Tafel wackelte unter seinem wütenden Griff und er stieß einige der wenigen verbliebenen Gegenstände darauf beiseite. Seine Stimme hallte durch den Raum, als er seine Wut entlud, während er auf und ab ging. "Ich werde nicht zulassen, dass mich diese elenden Hunde völlig zerstören!" brüllte er.
Nach einem Moment des Kontrollverlustes stand Falcar aufgeregt und leicht zitternd da. Der Raum war von der Verzweiflung und dem Zorn durchzogen, die von ihm ausgingen. Langsam begann er, sich zu beruhigen. Er atmete tief durch und zwang sich, seinen aufgebrachten Gemütszustand unter Kontrolle zu bringen.
Falcar schob den Stuhl sorgsam an die Tafel zurück und lief nachdenklich durch den Raum. "Es gibt noch Wege, wie ich zurückschlagen und mich wieder aufrichten kann." murmelte er. "Wenn sich Clagius an den Plan hält, brauche ich das Lagerhaus nicht!"
Er griff nach einem Papierstapel auf der Tafel und begann, hastig Notizen zu machen. In seinem Kopf formten sich bereits neue Pläne und Strategien, um seine verbleibenden Ressourcen zu nutzen und seine Widersacher zu überlisten. Es war eine Zeit der Entscheidung – entweder der vollständige Verlust oder die Möglichkeit einer Wiederauferstehung.
Sein Gesicht war von Entschlossenheit gezeichnet, als er den Raum verließ. Trotz der massiven Herausforderungen hatte Falcar Avenicci noch den Willen und die Fähigkeit, seine Situation zu wenden. Er stand am Scheideweg, und die Richtung, die er wählte, konnte seine Zukunft entscheiden.
Die Klingen
19.09.2024, 22:26
„Die Zeit, dass du einen Beitrag leisten und Veränderungen herbeiführen wirst, mag noch vor dir liegen, wenn du einen weiteren Versuch wagen willst. Und lass das Ihr weg, ich bin nur ein Mann, der für seine Ideale kämpft und Respekt erweist man hier mit Taten, nicht mit Worten oder förmlichen Anreden.“
Es lag kein Tadel in Ariaans Stimme, viel mehr eine Einladung sich in ihrer Gegenwart zu entspannen. Die Klinge wollte Thorek seine Möglichkeiten vor Augen halten, selbst wenn der Weg, um in der Akademie aufgenommen zu werden, kein leichter sein würde. Als ehemaliger Kundschafter brächte er jedenfalls Grundwissen mit, welches seine Aufnahme beschleunigen konnte, wenn er bewies, dass er Talent besaß.
„Ein Soldat, der blind Befehle befolgt, mag für viele Befehlshaber wünschenswert sein, doch in der Akademie schätzen wir Eigeninitiative. Im Kampf ist die Übermittelung von Befehlen nicht immer ohne Weiteres möglich und Entscheidungen wollen in Sekunden gefällt werden. In unseren Einheiten gibt es Spezialisten für jede Situation und sie verwalten sich hauptsächlich autonom. Das heißt, wir sind nicht darauf angewiesen, dass uns ein Hauptmann oder Kommandant befehligt. Jeder darf Zweifel äußern und wenn sich keine Einigkeit erreichen lässt, hat der auf dem jeweiligen Gebiet Erfahrenste das letzte Wort“, erklärte der Blondschopf die Grundzüge der Strukturen, in denen die Klingen und Aspiranten agierten.
Es war kein Geheimnis und der myrtanische Geheimdienst hätte eine so offensichtliche Vorgehensweise ohnehin schnell entlarvt, wenn sie versucht hätten, sie geheim zu halten.
Ariaan spürte, dass seine Worte auf Thorek wirkten, und selbst, wenn er manche Dinge beschönigte, so war doch ein wahrer Kern in jeder Information, die er mit dem ehemaligen Kundschafter des Ordens teilte.
„So wie ich das sehe, wirst du Wiedergutmachung leisten können, wenn es das ist, was du willst. Hilf den Menschen hier bei ihren Problemen und du wirst sie schnell alle kennenlernen. Schau vielleicht bei Lord Hertan in der Stadtwache vorbei und frische deine Kampfkünste auf, wenn nötig. Wenn du soweit bist, wird man dich in die Akademie lassen, wenn das ein Weg ist, den du dir für deine Genugtuung vorstellen kannst. Oder du verdingst dich als unabhängiger Söldner, gebunden durch einen Vertrag, aber nicht durch deine Ideale. Doch wenn ich ehrlich sein darf, halte ich von dieser Herangehensweise nicht viel. Auch als Jäger findest du hier sicher schnell eine Stelle. Die Gerber suchen immer nach hochwertigen Fellen und Häuten.“
Isidor
Thorek hörte Ariaan aufmerksam zu. Es war eine Einladung, die ihm Möglichkeiten eröffnete, die er bisher nicht in Betracht gezogen hatte. Der Weg über die Stadtwache in die Akademie – es klang nach einer Chance, wieder etwas von Bedeutung zu tun, sich nützlich zu machen. Aber Thorek wusste auch, dass er vorsichtig sein musste. Er hatte das Vertrauen in größere Institutionen wie den Orden verloren, und die Idee, sich wieder an eine solche zu binden, war nicht ohne Zweifel.
Er nickte leicht, die Worte des Blondschopfs in sich verarbeitend. "Ich danke dir für deine Offenheit." begann er ruhig. "Es tut gut, zu hören, dass es hier Möglichkeiten gibt, sich einzubringen, ohne blind Befehlen folgen zu müssen. Aber ich werde nichts überstürzen." Er legte eine Hand auf den Tisch, seine Finger ruhig und fest. "Ich habe lange gebraucht, um mich von meinem vorgezeichneten Weg zu lösen. Ich weiß, dass sich hier neue Wege ebnen können aber ich möchte mir die Zeit nehmen, bevor ich mich entscheide, welchen davon ich einschlagen werde."
Thorek hielt inne, ließ den Moment kurz wirken, bevor er weitersprach. "Vielleicht werde ich bei Lord Hertan vorbeischauen, meine Fähigkeiten auffrischen und mir ansehen, wie die Stadtwache arbeitet. Oder ich biete dem Gerber meine Hilfe an, als Jäger kann ich auf jeden Fall nützlich sein." Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. "Ich schätze, die Zeit wird zeigen, was sich für mich als der richtige Weg herausstellt."
Er ließ den Blick kurz über Ariaan und Caradoc wandern. "Aber eins ist sicher: Ich werde mich hier nützlich machen. Überall werden Männer gebraucht, die bereit sind, für etwas einzustehen, und vielleicht kann ich meinen Beitrag dazu leisten."
Am nächsten Morgen saß Falcar Avenicci wieder in seinem fast leeren Arbeitszimmer. Das spärliche Licht der Morgensonne drang durch die verbliebenen Fenster, und er betrachtete die Papiere vor sich mit einem Ausdruck von ernster Konzentration. Er hatte die gesamte Nacht damit verbracht, seine verbliebenen Mittel zu prüfen. Der Stapel mit Rechnungen, Schulden und Überresten seines einst gut laufenden Handelsgeschäfts lag geordnet auf der Tafel, die ihm fast spöttisch vorkam in ihrer Einsamkeit.
Das Ergebnis war ernüchternd: Sein Kapital war nahezu aufgebraucht. Was noch übrig war, reichte kaum, um eine kleine Gruppe Banditen für einen einzigen Angriff zu bezahlen – von einer langfristigen Zusammenarbeit konnte keine Rede sein. Die Versuchung, alles auf eine Karte zu setzen, war groß. Doch Falcar wusste, dass er sich solche Risiken jetzt nicht leisten konnte. Die Realität zwang ihn zu einem unangenehmen Gedanken: Sein Einfluss in Thorniara war vielleicht seine letzte Chance, um aus diesem Dilemma herauszukommen.
In Thorniara hatte er noch Kontakte – vor allem Clagius, ein Mann mit weitreichenden Beziehungen der Stadt. Clagius war keine einfache Persönlichkeit. Skrupellos, verschlagen und stets darauf bedacht, den größtmöglichen Vorteil für sich und seine Auftraggeber herauszuholen, war er ein einflussreicher Strippenzieher in Thorniaras Schattenwelt. Falcar hatte in der Vergangenheit nur zögerlich mit ihm zusammengearbeitet. Ihm missfiel der Gedanken, von schwer einschätzbaren Personen abhängig zu sein und die Tatsache, dass Clagius für mächtige Männer arbeitete, machte seine Position nahezu unangreifbar. Doch die Zeiten hatten sich geändert, und Falcar hatte keine Wahl.
Von Clagius hing nun ab, ob er wieder zu einer Größe der Unterwelt aufsteigen konnte – oder ob ihm nichts anderes übrigblieb, als sich auf den einfachen Handel zu konzentrieren, um wenigstens die Grundlagen seiner Geschäfte zu sichern. Der Gedanke, sich dem Willen dieses Mannes beugen zu müssen, ließ seine Hände zittern, doch Falcar war zu erfahren, um sich von Stolz leiten zu lassen. Es war ein Spiel, und Clagius war derjenige, der die Karten hielt. Fürs Erste.
„Das Spiel ist noch nicht vorbei“, murmelte Falcar, während er eine Liste an möglichen Waren auf einem frischen Stück Pergament notierte. „Clagius mag die Oberhand haben, aber das bleibt nicht für immer so.“
Sein nächster Schritt musste mit äußerster Vorsicht erfolgen. Thorniara bot ihm zwar Chancen, aber auch Gefahren. Die Zusammenarbeit mit Clagius könnte ihn wieder in die Machtzentren der Unterwelt bringen – oder ihn endgültig ruinieren, falls er die Kontrolle über die Situation verlor. Der schmale Grat zwischen Erfolg und Scheitern war deutlich spürbar.
Er erinnerte sich auch an seine alten Kontakte. Einige von ihnen waren noch immer bereit, mit ihm zu handeln, solange der Profit stimmte. Diese Möglichkeit wollte er nicht völlig außer Acht lassen. Der Handel, so unspektakulär er auch schien, könnte ihm ein stabiles Fundament bieten, falls Clagius die Zusammenarbeit verweigerte oder eine Falle plante.
Falcar seufzte, seine Augen glitten über die Liste. Er wusste, dass dieser Weg ein Tanz auf Messers Schneide war. Doch in der Unterwelt galt nur eine Regel: Wer sich nicht bewegte, wurde verschlungen. Schritt für Schritt würde er die Kontrolle zurückgewinnen. Clagius war ein Hindernis, kein Ende.
"Das Spiel ist noch lange nicht vorbei!" sagte er leise zu sich selbst, als er sich erhob. Ein langer Weg lag vor ihm, aber er war bereit.
Curt wusste nicht, ob das Gefühl der Blutleere, das ihn beim Rudern überkam, von der magischen Erschöpfung oder dem Seegang herrührte. Doch er überwand selbst diese Plackerei ohne zu murren, wissend, dass Innos heute tatsächlich seine gütige Hand über sie hielt und sich das lang ersehnte Relikt endlich in ihrem Besitz befand. Der Segen seines Gottes und die Wärme Felias, die an seiner Schulter eingeschlafen war, gaben ihm die Kraft, das kleine Boot wieder gen Ufer zu rudern. Vielleicht half Hyperius auch ein wenig mit einem magischen Schub des Wassers, aber dem schenkte Curt keine weitere Beachtung. Er befand sich in einem Tunnel, sein Geist und seine Muskeln waren nur darauf fokussiert, Felia und den Dolch sicher zurückzubringen. Ruderschlag um Ruderschlag.
Als sie endlich am Ufer ankamen, musste er sich für einen Moment entschuldigen und sich hinter ein Gebüsch flüchten, um die Überanstrengung zu erbrechen. Seine Beine vermochten ihn kaum zu tragen, er zitterte am ganzen Leib und der Schluck vom kalten Tee, den der Erzdekan ihm bei seiner Rückkehr anbot, kam ihm mehr als gelegen.
„Es geht schon wider“, murmelte er, nachdem er sich sattgetrunken hatte und Felias besorgten Blick wahrnahm. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Priesterin Aniron erwartet euch am Tempel in Stewark“, teilte Hyperius ihnen mit und die beiden Feuernovizen schienen bei dieser Nachricht denselben Gedanken zu teilen. Sie hatten den Dolch. Konnten sie sich jetzt nicht einfach auf den Rückweg machen? Doch letztlich waren sie durch Diplomatie an ihr Ziel gelangt. Es wäre ein gewaltiger Rückschritt, diese Einladung jetzt auf den letzten Metern abzulehnen.
„In Ordnung“, erwiderte Curt mit einem leichten Seufzen in der Stimme. „Bringen wir es hinter uns.“
Sie erklommen den Weg zu den Stadttoren und konnten ihren Augen kaum trauen, als ihnen plötzlich zwei bekannte Gesichter gegenüberstanden. Rüdiger und Rüdiger, Novize und Esel. Curt hatte sich die ganze Zeit bereits gefragt, wo er abgeblieben war. Der Esel natürlich, nicht der Novize.
„Rüdiger!“, riefen Curt und Felia wie aus einer Kehle und begrüßten voller Freude den vierbeinigen Begleiter.
„Ich habe ihn einem anderen Mann in der Stadt abgekauft, als ich ihn zufällig gesehen habe“, berichtete der zweibeinige Rüdiger. „Ich war gerade auf dem Weg zum Ufer, um nach dem Dolch zu angeln. Wollt ihr mitkommen?“
„Nein“, antwortete Curt knapp, ohne zu erwähnen, dass sich der Dolch längst in ihrem Besitz befand.
„Na gut, dann hol ich mir den Dolch eben als Erster.“
Mit diesen Worten trat er an den dreien vorbei in Richtung Ufer.
„Hey, da liegt ja sogar ein Boot. Darf ich mir das ausborgen?“
„Wir tauschen es gegen den Esel.“
„Klasse! Ich dachte immer, ihr seid zu ehrgeizig und nur an eurem eigenen Sieg interessiert, aber ihr seid echt in Ordnung. Na dann, Petri heil.“
Und mit diesen Worten stach der Novize Rüdiger in See, auf seiner ewig währenden Mission, ein Feuermagier zu werden.
Fünf Augenpaare richteten sich auf den Dolch. Die der beiden Novizen des Feuers sowie die von Aniron, Hyperius und Tinquilius. Sie standen am oberen Ende der Brücke, nicht weit vom Eingang in die Stadt und den Wachen. Der Wind rüttelte auch hier an ihren Roben und ließ ihre Haare umherwehen. Aniron und Tinquilius hatten hier auf die Diener des Feuers gewartet. Hyperius war den beiden Novizen gefolgt, Felia hatte den Dolch in ihren Händen getragen. Sie wirkten erschöpft, besonders Curt, jedoch meinte Aniron auch so etwas wie Stolz in ihren Augen zu erkennen. Und das zurecht.
„Faszinierend!“, befand der Oberste Wassermagier. Auch Aniron fand das Relikt durchaus interessant und musterte die Waffe eingehend. Es wirkte tatsächlich so, als hätte die Zeit im Salzwasser ihm nichts anhaben können. Ein bisschen schade war es schon, dass sie den Dolch nicht eingehender untersuchen konnten. Doch, er gehörte nicht zum Kreis des Wassers und es galt ein Versprechen einzulösen. Oder etwa nicht?
„Vielleich sollten wir den Dolch doch hier belassen“, sagte Tinquilius. Den beiden Novizen schien die Farbe aus dem Gesicht zu weichen, doch Tinquilius schmunzelte. „Nicht doch, wir wollen Euch nicht um das Ergebnis Eurer Prüfung bringen. Ihr habt Euch wacker geschlagen auf dem Meer.“
Dann zog er einen Umschlag aus der Robe:
„Bitte überreicht diesen Brief Ihrer Eminenz Francoise“, sagte er dann und übergab das Schreiben an die beiden Novizen. „Er enthält eine Einladung, sich das Wunder unseres Tempels anzuschauen. Vielleicht können wir Francoise bald selbst hier begrüßen. Und wer weiß, was das Meer noch so für uns bereithält. Gute Reise und mögen die Götter Euch gewogen sein!“
Aniron und Hyperius nickten bekräftigend. Damit war alles gesagt.
So betrachteten die drei Diener Adanos‘, wie Felia, Curt und ein Esel die Straße zum Bluttal einschlugen.
„Was hast du geschrieben?“, fragte Aniron neugierig.
„Was wir abgesprochen hatten“, erwiderte Tinquilius. „Die erwähnte Einladung und wie die Novizen sich hier so geschlagen haben.“
„Ich hoffe, der Brief erreicht Francoise auch … der Esel hatte gleich ganz neugierig drauf geschielt, wirkte etwas ausgehungert … Hätten wir ihnen Verpflegung mitgeben sollen?“, überlegte sie.
„Dies sind Novizen, die sich der Prüfung des Feuers unterziehen, ich bin mir sicher, dass sie klarkommen“, sprach Tinquilius.
Einen weiteren Moment sahen sie dem ungleichen Trio hinterher.
„Hoffentlich kommen sie gut in Thorniara an, so ein Dolch weckt Begehrlichkeiten“, sprach dann Hyperius.
„Was war das eigentlich auf dem Boot? Hast du etwa Wasser versucht zu formen?“, fragte Aniron.
„Ich habe es nicht versucht, ich habe es getan!“, sprach Hyperius nicht ohne ein Funkeln in den Augen.
„Das scheint mir neu. Hast du deinen Tee vergossen?“, neckte sie ihn.
Hyperius blickte in die Tasse. „Vielleicht ein, zwei Tropfen. Außerdem habe ich Curt einen Schluck angeboten, den er annahm.“
Schmunzelnd klopfte sie dem Pazifisten an ihrer Seite auf die Schulter.
„Na, dann solltest du dir schnellstens eine neue Tasse machen. Unser Oberster Wassermagier wird bestimmt auch irgendwo gebraucht. Und ich möchte nach meinen Novizen sehen.“
Chala Vered
24.09.2024, 00:33
Während Chala sich der Brücke näherte, entging ihr die Schönheit der umliegenden Felder, Weingärten und Apfelplantagen. Ihre Aufmerksamkeit galt ihrem Ziel und der damit verbundenen Hoffnung. Aber auch der Anblick der Stadt der Türme zog sie in ihren Bann, denn wie eine Festung ragte sie auf einer Klippe am Meer empor, den Gezeiten und scheinbar auch den Gesetzen der Natur zum Trotz.
Dem Wachmann, der die Ablösung am Grenzposten sein sollte, begegnete sie nicht, wohl aber einem Paar, welches einen Esel mit sich führte. Sie wirkten erleichtert, doch der Grund dafür blieb ihr verschlossen. Je weiter sie den sanften Abfall des Landes folgte, desto mehr Menschen begegnete sie, doch die Brücke, welche den Felsen, auf dem die Stadt erbaut worden war, mit der restlichen Insel verband, war erstaunlich leer zu dieser Stunde.
Der von festgetretenem Dreck dominierte Pfad, dem sie gefolgt war, wurde von festem Stein abgelöst, der der Schwerkraft zum Trotz hoch über dem Meer einen begehbaren Weg schuf, sodass der Mensch seine Stellung unter Beweis stellen konnte, erhaben über allen anderen Wesen, die den Morgrad bevölkerten. Stewark mochte kleiner sein, als Thorniara oder Setarrif, doch es beeindruckte die Aranisaani nicht minder.
Im Schatten des Torhauses entdeckte sie drei Gestalten, deren Gewandung ihr vertraut vorkam. Einst hatte sie mit jemandem am Ufer des Silbersees gesprochen, ihre erste Begegnung mit der Magie auf dieser Welt. Turang hatte er sich genannt und war ein Charakter gewesen, wie Chala nie wieder einem begegnet war.
Einer der drei blaugewandten Adanosdiener trennte sich soeben von den anderen und zur Verwunderung der dunklen Kriegerin hielt er ein kleines Gefäß in der Hand, eine Tasse aus Porzellan, wie man sie in Adelshäusern erwartete, nicht jedoch außerhalb schützender Wände auf offener Straße. Eine exzentrische Person, ganz ohne Zweifel.
Die anderen beiden Magier, ein Mann und eine Frau, unterhielten sich noch gleich außerhalb der Stadtmauern. Zwei Torwächter warfen ihnen immer wieder Blicke zu, so als wäre es ihnen unangenehm, dass die verehrten Magier in ihrer Nähe waren. Ihre Roben waren schmuckreicher, als jene des Tassenträgers. Das mittellange, blonde Haar des Mannes hätte ihn verwegen aussehen lassen können, wäre da nicht der Ansatz eines Bauches gewesen, der trotz seiner durchaus eindrucksvollen Körpergröße auffiel und auf ein beinahe zu gutes Leben schließen ließe. Er lächelte sanft die Frau an, die aus Chalas Blickwinkel rechts stand. Ihr langes, rotbraunes Haar fiel ihr in sanften Wellen auf den Rücken. Ihr Profil war anmutig und einige kaum sichtbare Lachfältchen um die Augen sprachen von Güte und einem Gemüt, was Freude dem Zorn vorzog. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, doch hätte die Aranisaani sie mit sich gleich geschätzt.
So oder so war es ein glücklicher Zufall, dass sie so früh bereits auf Magier Adanos‘ traf, denn die ihr von Maris genannte Aniron, seine Frau, zählte wohl ebenfalls zu ihnen.
„Grüße“, rief die Wanderin den beiden zu, als diese im Begriff waren gemeinsam zurück durchs Tor zu treten, „Wartet bitte! Ich habe eine Nachricht für eine der euren. Eine Botschaft von Maris und Runa der Furchtlosen aus Tooshoo für seine Frau und ihre Mutter.“
Die beiden Torwächter richteten ihre Aufmerksamkeit auf sie, bemerkten ihre Bewaffnung und festigten die Griffe um ihre Hellebarden. Chala bezweifelte, dass sie mit dem Argument eine Klinge zu sein weit gekommen wäre. Es war Jahre her und sie hatte ihren Dienst nicht gerade nach Vorschrift befolgt.
Die Klingen
24.09.2024, 01:32
„Hört, hört!“, rief Ariaan und lächelte.
Er klopfte Thorek auf die Schulter.
„Das ist gut zu hören, Freund. Sprich einfach mit den Leuten und du wirst schnell Anschluss und Arbeit finden. Ein Zimmer in der Klippenschänke ist erschwinglich und mancher Handwerksmeister bietet auch Unterkunft, wenn du bei ihm arbeitest. Und wenn du Glück hast, siehst du bereits einen neuen Weg vor dir, wenn du in drei Tagen zurück zum Bauern Gernot gehst.“
Die Klinge war zufrieden. Er hatte das Gefühl, dass seine Worte Thorek erreicht hatten und die Ruhe, die der Mann ausstrahlte, war bewundernswert, sodass er sich sicher war, dass er mit den meisten Situationen zurechtkommen würde. Lebenserfahrung war eben nicht zu verachten.
„Hier“, meinte Ariaan, und legte einige Münzen auf den Tisch, „Bleib die nächsten drei Tage auf meine Kosten hier und schlaf ein paar Nächte darüber, was wir besprochen haben. Ich bin sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst.“
Für den Krieger waren die paar Silberstücke verschmerzbar und eine gute Investition. Langsam erhob er sich von seinem Sitzplatz und auch Caradoc richtete sich auf. Sie würden noch einige Zeit in der Akademie ausruhen bis ihr nächtliche Übung begann. Dabei einzuschlafen wäre eine Blöße, die sich keiner von beiden geben wollte.
„Wir haben noch einige Pflichten zu erfüllen und die Mittagsruhe endet bald. Also lassen wir dich jetzt zufrieden, Thorek.“
Damit verließen die beiden Klingen die Klippenschänke und wandten sich nach Westen, der Treppe zum mittleren Ring zu.
„Musstest du so dick auftragen?“, fragte Caradoc brummig.
„Du weißt genau so gut wie ich, dass wir seit der Zerstörung Setarrifs auf jeden Mann und jede Frau angewiesen sind. Außerdem erscheint mit Thorek ein feiner Kerl zu sein. Er wird sich nützlich machen, auf die ein oder andere Weise.“
„Dein Wort in Meister Tiberons Ohr“, spottete der Dunkelhaarige.
„Lass Tiberon mal meine Sorge sein“, erwiderte Ariaan bloß und sein Blick verfinsterte sich.
Isidor
„Das funktioniert bereits richtig gut mit dem Formen des Wassers“, stellte Tinquilius fest, als Hyperius sich schon aufgemacht hatte, seine Teetasse zu befüllen. Aniron nickte.
„Ja, ich habe geübt. Im Kleinen gelingt es mir reibungslos, wenn ich mich konzentriere. Ich frage mich, was da noch alles möglich ist“, erwiderte Aniron freudig.
„Versuch ruhig im großen Rahmen zu denken und tob dich aus“, sprach der Oberste Wassermagier. Aniron nickte nachdenklich. Das würde sie versuchen.
„Wie machen sich die neuen Novizen?“, erkundigte Tinquilius dann.
„Gut, sie haben alle unterschiedliche Ansätze die Magie betreffend und auch unterschiedliche Temperamente. Es ist sehr interessant! Ich hätte auch nicht gedacht, dass es so … spannend ist, Magie zu lehren“, sprach Aniron, der pfeifende Wind brauste immer noch um sie herum.
„Ach, schau an, du solltest das öfter machen!“
„Ich weiß nicht, ich hab mich immer eher in der Heilkammer gesehen. Das Lehren liegt Hyperius doch viel besser als mir“, erwiderte die Priesterin.
„Wir alle haben unsere Ansichten und ein jeder Weg ist wertvoll. Denk drüber nach“, sprach Tinquilius und bedachte sie mit einem Lächeln.
„Na gut“, lenkte Aniron ein. „Was ist mit dir? Keine Zeit mehr zum Lehren, was?“
„Ich würde gerne, ich vermisse den Alltag mit der Heilkammer, der Bibliothek und den Menschen und anderen Magiern. Aber so ist es nun mal als Oberster Wassermagier“, seufzte Tinquilius.
Aniron nickte und klopfte ihm verständnisvoll die Schulter.
In diesem Moment hatte etwas außerhalb Anirons Blickfeld Tinquilius‘ Aufmerksamkeit erhascht. Sie drehte sich um, als sie in diesem Moment von einer dunkelhäutigen Frau angesprochen wurden. Und wie sie die Worte der Fremden vernahm, wurden ihre Augen immer größer und sie hob die Arme.
„Das bin ich! Ich bin Maris‘ Frau und Runas Mutter! Was wisst Ihr? Was habt Ihr für eine Nachricht? Geht es ihnen gut?“, fragte sie sofort aufgeregt.
„Ich ziehe mich mal zurück, ich werde hier sicher nicht gebraucht“, sprach Tinquilius. „Adanos zum Gruße!“
Dann ließ er Aniron und die Fremde alleine. Die Wehmutter indessen wandte sich wieder der Dunkelhäutigen zu.
„Ich bin Aniron, könnt Ihr mir mehr berichten?“, sprach sie und musterte die Frau. Sie musste schon eine Weile unterwegs sein, dem Zustand ihrer Kleidung nach zu urteilen. „Kommt, lasst uns in die Klippenschänke gehen. Ihr seht aus, als könntet Ihr etwas zwischen die Zähne gebrauchen und sicherlich auch etwas, was den Durst löscht. Das geht auf mich. Erzählt mir nur bitte alles ganz genau, was Ihr wisst!“
Sie deutete mit einladender Geste auf das Stadttor und winkte den Wachen zu: „Das geht in Ordnung.“
Chala Vered
24.09.2024, 18:55
Endlich schien ihr das Schicksal auch einmal gewogen zu sein. Nicht nur hatte sie vor Betreten der Stadt Magier angetroffen, sondern entpuppte sich die anmutige Dame als eben jene Aniron, die ihr genannt wurde. Wehmutter war sie, erinnerte sich Chala und ein Kloß schnürte ihr den Hals zu, als sie an diese eine Deutung der Vision dachte, die Maris beim Berühren ihres Tagesbuchs geäußert hatte.
„Ich bin erleichtert“, gab sie zu, als die beiden Frauen nebeneinander durch das Torhaus schritten, „Ich hatte befürchtet Euch erst finden zu müssen“, gab sie zu und schaute sich flüchtig auf dem Platz um, der sich vor ihr erstreckte.
Gepflasterter Boden, steinerner Häuser und Treppen, die den Aufstieg der Klippe trivial machten. Einen halben Schritt hinter der Magierin hielt sie sich, überließ ihr die Führung zur Schenke, die die Aranisaani jedoch bereits an der Bestuhlung zu ihrer Linken ausgemacht hatte.
„Bevor Ihr Euch sorgt, es ist alles in Ordnung mit Eurer Tochter und auch Eurem Mann geht es gut“, wollte die Dunkelhäutige der Mutter die Anspannung nehmen, welche sie beim Erwähnen ihrer Familie gepackt hatte.
Während Aniron den Wirt ansprach, wählte Chala einen Sitzplatz aus, nahe des Eingangs mit dem Blick zur Tür. Sie wollte beobachten können, wer die Schänke betrat, nachdem sie im Innern kein bekanntes Gesicht entdeckt hatte.
„Ich danke Euch“, seufzte die Kriegerin, als ihr ein dampfendes Mahl und ein Krug Apfelwein vorgesetzt wurde, gebracht von der Magierin persönlich, die ihr gegenüber Platz nahm.
„Fangt bitte von vorne an und lasst nichts aus“, bat die Wehmutter sie freundlich, aber merklich angespannt erneut.
„Wie gesagt“, antwortete die Aranisaani zwischen zwei Bissen, „geht es beiden gut. Mein Name ist übrigens Chala“, stellte sie sich beinahe nebensächlich vor, „Ich weiß nicht, wie viel Ihr wisst, aber im Sumpf beim Weltenbaum Tooshoo gab es vor einigen Wochen eine Art Wettstreit. Die Wilde Jagd nannten sie es und ich wurde unbewusst in einen Krieg zwischen korrupter Natur und naturverbundenem Volk gezogen.“
Die kurze Sprechpause nutzend trank sie einen großen Schluck des Apfelweins und musste feststellen, wie durstig sie tatsächlich gewesen war. Mit dem behandschuhten Handrücken wischte sie sich über den Mund, stutzte kurz und entledigte sich dem Leder im nächsten Moment.
„Eure Tochter hat maßgeblich zum Sieg des Waldvolks beigetragen und ist forthin bekannt als die Furchtlose. Maris hat sich einer untoten Bestie gestellt und mit meiner Hilfe dafür gesorgt, dass wir sie bezwingen konnten, ehe ihre untoten Diener uns überrennen konnten.“
Sie riss mit den Zähnen ein großes Stück Fleisch von einer Keule, welche sie als Scavenger identifizierte. Je mehr sie aß, desto hungriger schien sie zu werden.
„Ich bat ihn um Hilfe wegen eines Problems und er schickte mich zu Euch, doch das ist ein Thema für einen ruhigeren Ort“, meinte sie unaufgeregt.
Jetzt, wo sie am Ziel war, verspürte sie weniger Zeitdruck und ging bedachter vor, ehe sie sich mögliche Chancen verbaute. Mit vollem Mund, fett an den vollen Lippen, schaute sie Aniron in die dunklen Augen.
„Runa lässt Euch, den alten Bücherwurm und die kleine Sumpfnudel grüßen. Weitere Verwandte?“, fragte sie und ließ so keinen Zweifel daran, dass sie die beiden tatsächlich getroffen hatte und mit ihren Worten hierhergekommen war.
Aniron wähnte sich in einem Wechselbad der Gefühle. In einem Moment durchflutete sie tiefste Erleichterung darüber, dass es ihrem Mann und ihrer Ältesten gut zu gehen schien, doch dann festigte sich der Griff der Wehmutter um ihren eigenen Krug, den sie sich nach all den anstrengenden letzten Stunden jetzt gönnen wollte.
„Runa hat was? Maris hat WAS?”, entfuhr es Aniron entsetzt, sodass sie die Blicke der Menschen um sie herum auf sich zogen. Aniron ignorierte das. Die Frau mit dem Namen Chala speiste indessen weiter und nickte nur, um ihre Worte zu bekräftigen.
Anirons Gesichtszüge entglitten ihr, bevor sie mehrfach ungläubig blinzelte. Wo eigentlich Erleichterung in ihr aufsteigen sollte, fühlte sie Verwirrung und Wut. Wie konnte Maris Runa nur so etwas aussetzen? Wie konnte er sich in so etwas hineinziehen lassen, wo er doch eine Familie hatte? Sie wäre am liebsten sofort – mit dem Krug in der Hand – losgezogen nach Süden, um ihren Göttergatten die Leviten zu lesen. Stattdessen aber schnaubte sie und nahm einen großen Schluck des Apfelweins, um ihre Gefühle zu ordnen.
Fahrig fuhr sie sich übers Gesicht, dann suchte sie den Blick der Frau mit der schönen dunklen Haut.
„Habt Dank, Chala, dass Ihr gekommen seid und die Nachricht überbracht habt. Auch wenn ich noch nicht so recht erleichtert bin, tut es gut zu wissen, dass beide wohlauf sind. Und ja, Maris und ich haben insgesamt drei Kinder. Runa und Sinan sind Zwillinge, unsere kleine Fianna kam dann vor sechs Jahren zur Welt“, sagte sie und endlich zeigte sich ein leichtes Lächeln. „Sollte ich meinen Mann allerdings noch einmal in die Finger bekommen und er mir nicht anständig erklären können, wie es dazu kam, dass er und Runa in diesem Krieg verwickelt wurden, kann es sein, dass die Kinder Halbwaisen werden …“ Sie grinste schief.
„Aber vielleicht hat da ja auch Ornlu seine Finger im Spiel …“, überlegte sie leise. „Na, den würd ich dann allerdings auch ungespitzt in den Boden rammen.“
Chala vertilgte ihr Mahl mit einem fast beneidenswerten Appetit.
„Ihr musstet an diesem Krieg ebenfalls teilnehmen? Könnt Ihr mir mehr davon erzählen? – Ach, was Eure andere Angelegenheit betrifft“, sie musterte Chala, bevor sie sich davon abhalten konnte, „ich bin mir nicht sicher, warum Ihr zu mir geschickt wurdet. Aber gewisse vertrauliche Dinge bespreche ich für gewöhnlich in der Heilkammer.“
Warum hatte Maris sie zu ihr geschickt? Von Tooshoo aus war es ein weiter und gefährlicher Weg. Wenn sie schwanger war, im Moment war dies für Aniron ungewiss, hatte sie eine beschwerliche Reise auf sich genommen, dabei würde es doch auch sicher beim Volk im Wald eine Hebamme geben oder jemanden mit ähnlichen Fähigkeiten. Na, nun war sie schon ein bisschen neugierig.
Chala Vered
25.09.2024, 00:45
Ein zufriedenes Schnauben entfuhr Chala, nachdem sie ihr Besteck beiseitegelegt und den geleerten Krug abgesetzt hatte. Kostenlose Mahlzeiten schmeckten besonders gut, insbesondere wenn man etwas dazu bekam, womit man es herunterspülen konnte. Doch kurz darauf verzog sie angestrengt das Gesicht, als ihre Rippe sie peinigte. Irgendetwas stimmte damit ganz und gar nicht.
„Da wart ihr fleißig“, scherzte die Aranisaani im Bezug auf die drei Kinder und lächelte schief.
Wenn sie alle nach Runa schlugen, dann wäre es eine Rasselbande, vor der der Morgrad in Zukunft nicht sicher wäre.
„Ich kann nur sagen, dass ich sehr beeindruckt von Runa war. In ihrem Alter war ich nicht so unerschrocken“, log sie zu Gunsten der Mutter.
Tatsächlich glaubte sie, dass sie keinerlei Erinnerungen an eine Zeit hatte, wo sie in Runas Alter war. Doch darauf würde sie später zu sprechen kommen. Die Heilkammer klang nach einem passenden Ort dafür. Doch zunächst wollte sie den Wunsch der Wehmutter erfüllen und ihr mehr über die Wilde Jagd berichten.
„Ornlu kennt Ihr also auch?“, fragte sie überrascht und dachte mit einem Mal an viel nackte Haut und seltsame Fragen, was ihr ein unweigerliches Grinsen ins Gesicht zauberte, „Ein interessanter Mann“, fügte sie bedeutungsschwanger hinzu, wobei sie die Verwendung des Wortes bedeutungsschwanger in Gedanken bereits bereute.
Unbewusst ließ sie ihre Hand auf den Bauch sinken und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, bevor ihr bewusstwurde, was ihr Unterbewusstsein da zu Tage fördern wollte.
„Ich weiß nicht viel über die Hintergründe der Wilden Jagd“, zwang sie sich zum Thema zurückzufinden, „Scheinbar hat Tooshoo verschiedenste Menschen mit einem Mal versehen, welches sie in die Sümpfe geführt hat.“
Sie reckte ihr Kinn nach oben und offenbarte die hellhäutigen Stellen in ihrer sonst dunklen Haut.
„Mir hat der Weltenbaum das hier vermacht und am liebsten würde ich es stets verbergeben. Es war ein seltsames Schauspiel, der Beginn dieser Jagd. Ein Schrei hallte durch die Sümpfe und unsagbare Monster erhoben sich gen Tooshoo, welche von den Bäumen selbst abgewehrt wurden. Riesige Pilze schossen in die Höhe und mächtige Tiere standen für ihren Lebensraum ein. Sie kämpften für jemanden, der als Schamane bezeichnet wurde. Mein Volk hat auch Schamanen, doch sie sind anders, als dieser. Es wurde verkündet, dass mehrere korrumpierte Wesen gefunden worden waren und wie im Waldvolk üblich sandte man Jagdtrupps nach ihnen aus. Als Außenstehende, aber durch das Mal gezwungene Teilnehmerin, wurde ich einer Gruppe zugeteilt, die Auskundschaften sollte, wo sich diese Viecher befanden. Allerdings wurde uns wenig Wahl gelassen und wir mussten selbst kämpfen. Untote, lebendige Ranken und toxischer Nebel. Einige der Bestien wurden erlegt und Trophäen in ein Basislager gebracht, welches aus dem Boden gestampft worden war. Es ging darum, mehr von ihnen zu erlegen, als die auserwählten Tiere dieses Schamanen.“
Chala hielt mit ihrer Erzählung inne, öffnete ihre Tasche und schaute, ob sie fand, wonach sie suchte. Doch ihr fiel auf, dass sie alle Blüten der merkwürdigen Pflanze im Sumpf gelassen hatte.
„Ich hatte eine Blüte von der Pflanze, die mehr als die Hälfte des Kommandos ausgelöscht hat, dem ich zugeteilt worden war“, erzählte sie ohne Bitterkeit in der Stimme, „Aber sie ist wohl noch im Sumpf.“
Es waren nicht ihre Leute gewesen und auch nicht ihre Freunde. Wichtig war, dass sie es lebend herausgeschafft hatte.
„Am letzten Tag der Frist von drei Tagen wurden alle Teilnehmer der Jagd – schon witzig, wenn man bedenkt, dass wir keine Wahl hatten – zum nördlichen Tempel gerufen, wo sich alles als ein großer Schwindel herausstellte. Eine Art Mischling aus Sumpfhai und Lurker in der Größe eines Trolls griff uns an, zusammen mit weiteren verdorbenen Wesen. Der Hauptmann des Waldvolks, Ryu Hayabusa tötete die Kreatur und eine riesige Kröte verschlang die…Essenz? Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Jedenfalls wurde die Kröte noch größer und wurde als Herr über den Sumpf ausgerufen. Was auch immer das bedeuten mag.“
Dieser ganze Hokuspokus war über ihren Kopf hinweggeflogen. Sie hatte weder verstanden, um was es im Endeffekt bei der Wilden Jagd ging, noch, wie sich das Ergebnis auf das Waldvolk auswirken würde.
„Ich bin dann nach Beltane losgezogen, nachdem ich mit Maris über mein Problem gesprochen habe. Er hat dieses Tagebuch“, sie holte es aus ihrer Tasche und zeigte es Aniron“, benutzt, um irgendetwas über mich herauszufinden.“
Aniron lauschte, was Chala ihr da berichtete. Die Priesterin war sich sicher, dass sie noch nie einen derartig detaillierten Bericht über die Machenschaften des Völkchens im Süden der Insel gehört hatte. Weder von ihrem Mann noch von Ornlu oder sonstwem.
Doch, nachdem Chala mit dem Bericht geendet hatte, lehnte die Wehmutter sich zurück und schüttelte den Kopf. Mit der einen Hand griff sie zitternd nach ihrem Krug, mit der anderen Hand fuhr sie sich zunächst über die Stirn und dann über die Augen. Bei all dem hatte nicht nur ihr Mann mitgemacht, sondern auch ihre Tochter mittendrin gesteckt. Und das nur, weil sie ihm aus jugendlichen Trotz hatte folgen müssen!
„Entschuldigt, ich brauche einen Moment, um mich zu sammeln“, sprach Aniron. Diesen wahnsinnig anmutenden Wettbewerb also hatten die Menschen für sich entscheiden können. Was hätte es bedeutet, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre? Hätte eine andere Macht als die der Menschen die Insel übernommen? Offensichtlich war es jenen Leuten dort unten, auch Maris, Runa und dieser Chala, und ihrem offensichtlich fähigen Hauptmann zu verdanken, dass sie alle noch so leben konnten, wie sie es taten. Keiner hier hatte etwas davon geahnt oder mitbekommen … Sie würde es Tinquilius berichten. Doch nicht jetzt. Jetzt sollte ihre Aufmerksamkeit Chala gelten, die ihr die Nachricht ihres Mannes und ihrer Tochter überbracht hatte und noch etwas auf dem Herzen zu haben schien. Fragen, die Aniron zu all dem in den Sinn kamen, würde wohl nur Maris oder Ornlu beantworten können. Ob sie …
Aniron lehnte sich wieder nach vorn.
„Es tut mir leid, dass Ihr das alles erleben musstet. Willkommen in Stewark, Chala“, sagte sie und prostete der Dunkelhäutigen mit den vollen Lippen zu. „Habt noch einmal Dank für die Nachricht und auch für Euren Bericht. Wie steht es jetzt um den Sumpf und seine Bewohner?“
Sollte sie wirklich den Weg nach Tooshoo einschlagen, brauchte sie einen Lagebericht.
Dann fiel ihr Blick auf das Buch, das Chala hervorgeholt hatte. „Gut, also, was hat mein Mann herausgefunden und warum schickt er euch her? – Ach, nein, lasst uns zur Heilkammer gehen. Auf dem Weg berichtet Ihr mir vom Waldvolk und in der Heilkammer könnt Ihr mir erzählen, was es mit dem Buch und überhaupt allem auf sich hat.“
Aniron leerte den Rest ihres Kruges in einem Zug. Vielleicht brauchte sie heute mal einen ihrer eigenen Kräuterschnäpse …
„Ach ja, Ornlu kenne ich, ein alter Freund meiner Familie. Patenonkel der Kinder, wenn man es so will. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das ein guter Einfluss ist“, sagte sie und grinste schief, während sie die Klippenschänke verließen. Chalas Verhalten, was Ornlu betraf, kam ihr merkwürdig vor. Aniron wollte ein bisschen mehr wissen, in welcher Verbindung sie zu dem Druiden stand. Vielleicht gab sie ja noch etwas preis, auch wenn Aniron sich nicht zu große Hoffnungen machte. Diese Frau umwehte eine geheimnisvolle Aura. Sie schien wie jemand, der seine Angelegenheiten am liebsten mit sich selbst klärte.
Chala Vered
27.09.2024, 20:02
Verständlicherweise war Aniron betroffen von dem Bericht, den Chala ihr aus dem Sumpf um Tooshoo gebracht hatte. Doch tatsächlich empfand sie selbst dabei nur wenig. Sie hatte getan, was ihr aufgetragen worden war und würde bald zu dem Anliegen kommen, was sie überhaupt hergeführt hatte. Sie hatte keinen Sinn darin gesehen die Dinge zu beschönigen. Maris und Runa ging es gut und keine blumigen Worte hätten diesen Umstand noch weiter verbessern können. Dennoch fragte sie sich, ob sie der Magierin zu viel auf einmal zum Verdauen gegeben hatte. Sie wirkte bei ihrem letzten Schluck so, als wäre sie traurig, dass es kein Wurzelschnaps war. Wenn die Aranisaani ehrlich war, könnte sie auch etwas Stärkeres vertragen.
„Ich glaube fast nicht, dass Ornlu für irgendwen ein guter Einfluss ist“, lachte die Dunkelhäutige, als sie vor der Wehmutter durch die Tür hinaus auf den Torplatz trat und sie über ihre Schulter hinweg ansah, „Obwohl er durchaus Talente besitzt, die ich nicht verleugnen kann“, fügte sie noch grinsend hinzu.
Chala ließ Aniron den Vortritt, damit sie sie zur Heilkammer führen konnte. Währenddessen überlegte sie, was sie noch berichten konnte. An Beltane hatte sie keine Erinnerungen und am nächsten Morgen war sie bereits aufgebrochen. Was sich in den letzten Wochen am Weltenbaum getan hatte, war ihr also nicht bekannt.
„Was möchtet Ihr noch wissen? Ich war die letzten Tage im Weißaugengebirge unterwegs und kann nur von der Zeit bis Beltane, dem Sommerfest sprechen. Zu dem Zeitpunkt waren die Wunden noch nicht alle geleckt und das ohnehin zerstörte Schwarzwasser hat unter der aufbegehrenden Natur weiter gelitten. Tooshoo selbst ist unversehrt und mit dem Verschwinden dieses riesigen Lurker-Sumpfhais hat sich wohl auch die Lage in den Sümpfen beruhigt.“
Als die dreifache Mutter sie auf eine Treppe führte, stöhnte Chala ungewollt auf. Ihre Rippe schmerzte bei dieser Bewegung besonders stark und es fühlte sich an, als würden die Knochen ihr Innerstes punktieren.
Oben angekommen musste sie durchatmen. Entweder holte sie ihr Hang zum Sumpfkraut ein oder sie war schwerer verwundet, als gedacht. Aniron betrachtete sie besorgt und gleichwohl fachmännisch, während die Kriegerin versuchte schnell wieder die Fassung zu gewinnen. Schwäche zu zeigen war ihr zuwider, doch neben ihren Rippen würde sie wohl sehr bald eine viel tiefersitzende Schwäche offenbaren müssen – oder zumindest die Vermutung dahingehend. Nach wie vor schien es ihr unmöglich, dass mehr als eine Seele in ihrem Körper lebte. Doch das ließe beinahe nur eine andere Interpretation dessen zu, was Maris gesehen haben wollte. Beinahe hoffte sie, dass sich die Fähigkeiten des Varanters als reiner Jahrmarktsschwindel entpuppten. Lieber hätte sie etwas Zeit verschwendet, indem sie herkam, als dass eine der beiden Möglichkeiten wahr war.
„Geht schon wieder“, überspielte sie ihren Zustand, „Wohin jetzt?“
Aniron musterte die Frau mit der schönen Haut mit gewohntem Blick. Dann deutete sie ihr nur stumm mit einer Geste an, dass sie der Wehmutter weiterhin folgen sollte. Sie gingen eine weitere Treppe hinauf und an der Zitadelle vorbei, um zur Heilkammer zu gelangen. Dort angekommen durchquerte Aniron mit ein paar Schritten den Raum. Sinan kam ihr sofort entgegen:
„Und, sind die … du weißt schon wer wieder weg?“, fragte er leise.
Aniron nickte und sah, wie sein Blick dann auf Chala fiel. Mit unverhohlenem Interesse musterte er sie, während Chala selbst sich umsah.
„Das ist Chala, sie hat mir Nachricht von Papa und Runa gebracht! Es geht ihnen gut, sie sind im Sumpf“, erklärte sie, dann drehte sie sich zu Chala um.
„Das ist Sinan, er ist Runas Zwillingsbruder“, erklärte sie ihr und blickte dann ihren Sohn wieder an. „Ich erzähl dir später mehr, ja? Chala und ich werden uns nach ganz hinten verziehen für ein vertrauliches Gespräch.“
Sinan musterte sie immer noch, Aniron konnte es ihrem Sohn nicht verdenken, war er sicherlich erstaunt von der exotischen Schönheit.
„Soll … soll ich euch den Raumtrenner bringen?“, fragte er dann etwas langsam.
„Ja, bitte.“
Aniron deutete Chala, zum hintersten Bett im Raum zu gehen und sich dort auf eine der Liegen zu legen. Als Chala dem nachkommen wollte, hob Aniron die Hand:
„Zuerst die Stiefel ausziehen.“
Etwas missmutig hob Chala den rechten Fuß an, sog dabei aber scharf die Luft ein.
„Ich bin übrigens die Leiterin der Heilkammer“, sagte Aniron, als sie sich zu Chalas Füßen begab. Hatte sie doch gewusst, dass die Fremde etwas plagte. „Und auch Wehmutter.“ Sie half Chala aus den Stiefeln raus und die Beine auf der Liege abzulegen.
„Also, zuerst schauen wir uns Eure Rippen an, dann sagt Ihr mir, warum Ihr hier seid.“
Chala schien sich dem stumm zu fügen. In diesem Augenblick brachte Sinan den Raumtrenner, ein Metallgestell mit einem schweren Vorhang, der dafür sorgte, dass sie hier ein bisschen mehr Privatsphäre hatten, auch wenn die Heilkammer selbst nicht stark besucht war.
Als Aniron den Stoff so drapiert hatte, dass Chala gut verdeckt war, half sie ihr dabei, sich so zu entkleiden, dass Aniron die Dunkelhäutige untersuchen konnte.
„Achtung, ich habe etwas kühle Hände“, sprach die Hebamme und tastete vorsichtig über Chalas Rippen. Schnell fand sie die Stelle, die ihrer Patientin Schmerzen bereitete. Die Rippe schien nicht gebrochen, um aber ganz sicher zu gehen, ließ Aniron einen Augenblick ein wenig Magie fließen und fühlte nach den Organen, die dahinter lagen. Doch sie waren in Ordnung.
„Hm, so eine angeknackste Rippe tut ganz schön weh. Wenn Ihr mögt, mach ich Euch etwas Heilpaste drauf, dann sollte das in zwei Tagen spätestens wieder ausgeheilt sein. Ohne die Salbe könnte es noch zwei, drei Wochen dauern, bis es besser wird“, bot die Priesterin schließlich an.
„Aber ich nehme an, das habt Ihr, im Gegensatz zu dem Buch und Eurer Nachricht, nicht aus dem Sumpf mitgebracht.“
Anirons Gedanken wanderten kurz zurück zu dem, was Chala erzählt hatte.
Aha, hatte sie es doch richtig verstanden, sie schien irgendwas mit Ornlu zu haben oder gehabt zu haben. Aber war er denn nicht mehr mit Suzuran zusammen? Was war da los? Vielleicht sollte sie wirklich mal einen Abstecher in den Sumpf machen!
Chala Vered
28.09.2024, 00:33
Aus dem oberen Teil ihrer Lederrüstung hatte die Heilerin ihr geholfen und ihr Leinenhemd hatte sie bis unter die Brust hochgerollt, um ihre Rippen freizulegen, die leicht unter ihrer Haut sichtbar waren. Sie unterdrückte erfolgreich den Reflex zu Zucken, als die kalte Hand die schmerzende Stelle berührte. Allerdings wurde ihr Atem flacher und schneller.
„Euer Sohn sieht Runa wirklich sehr ähnlich“, versuchte sich Chala mit Konversation abzulenken. Aber ansonsten wirken sie grundverschieden.“
Aniron nickte etwas abwesend, während sie sich auf die in Mitleidenschaft gezogene Rippe konzentrierte. Ihre Frage, ob sie eine Heilsalbe haben wollen würde, bestätigte sie mit einem knappen Nicken.
„Nein, die Rippe muss ich mir im Gebirge verletzt haben“, bestätigte sie die Vermutung der Leiterin der Heilkammer, während sie im Gesicht der anmutigen Frau nach etwas suchte.
Ihr übliches Misstrauen war in Gegenwart dieser Magierin seltsam schwach ausgeprägt. War es die Art und Weise, wie sie sich um ihre Tochter und ihren Mann sorgte? Oder der warme Ton ihrer Stimme? Chala konnte nicht anders, als sich gut aufgehoben zu fühlen, obwohl sie sich bis vor Kurzem von allem, was entfernt mit Magie zusammenhing, ferngehalten hatte. Vielleicht nutzte sie sogar bereits einen Zauber, um ihren natürlichen Argwohn zu mindern?
Darum habe ich sie gemieden, grämte sich die Aranisaani in Gedanken, Ich weiß einfach nicht, woran ich bin, wenn Magie im Spiel ist.
Nachdem Aniron die Heilsalbe auf die Haut aufgetragen hatte, schaute die Kriegerin kurz darauf. Sie spürte eine angenehme Wärme an dieser Stelle.
„Darf ich mein Hemd wieder herunterkrempeln?“
Die Heilerin nickte und setzte sich dann auf einen Hocker, der neben dem Bett stand. Nun war wohl der Moment gekommen, auf den Chala die letzten Wochen hingefiebert hatte. Allerdings war sie nicht mehr sicher, ob sie wirklich die Wahrheit erfahren wollte. Vorausgesetzt die Wassermagierin konnte ihr überhaupt helfen.
„Also, dieses Buch“, begann sie und wollte sich nach ihrer Tasche strecken, doch wurde sie von der Wehmutter aufgehalten, die für sie ihr Tagebuch hervorholte.
Kurz schaute sie darauf, ehe sie es an die Besitzerin gab.
„Es ist mein Tagebuch und Ihr könnt es gern lesen, insofern ihr torgaanisch könnt. Der springende Punkt ist, dass die Handschriften in dem Buch unterschiedlich sind und ich habe es nie aus der Hand gegeben. Außerdem habe ich oft lange Zeitspannen, in denen ich keine Erinnerungen habe. Oft ist es so, als würde ich an einem Ort wach, ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt bin. Manchmal bin ich sogar mitten im Gespräch mit Leuten, die mir völlig fremd sind, die mich wiederum aber zu kennen glauben.“
Es war verwirrend, für sie und wohl auch jedem, den sie davon erzählte. Doch wie fasste man in Worte, was man selber nicht fassen konnte?
„Maris sagte, er könnte Dinge sehen, Vergangenes oder Zukünftiges. Ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls sprach er von einer Fragmentierung, was immer das bedeuten soll und von fünf Herzen unter einer Brust. Ich will verstehen, endlich wissen, was mit mir nicht stimmt.“
Ach, das konnte ihr Mann? Das war ja erstaunlich.
Vielleicht sollte sie doch mal mit ihm reden, statt es immer zu verhindern, weil sie der Meinung war, dass es besser war, dass sie nicht wusste, was er so trieb, wenn er abwesend war. Aus Sorge und Angst. Aber anscheinend verpasste sie eine ganze Menge.
Doch ihre Konzentration sollte ihrer Patientin gelten. Nachdenklich legte sie den Finger an den Mund.
„Ihr habt Aussetzer und könnt Euch an Bestimmtes in der Vergangenheit nicht mehr erinnern …“, wiederholte sie. Chala nickte. Nachdenklich griff sie nach dem Buch und holte noch einmal mit einem fragenden Blick Chalas Erlaubnis ein, sich das Buch anschauen zu dürfen, sicher war sicher. Nachdem die Dunkelhäutige erneut genickt hatte, begann die Wehmutter darin zu blättern.
Fragmente … 5 Herzen … ging es ihr durch den Kopf.
Aniron hielt inne.
„Seid Ihr schwanger?“, fragte sie.
Chala starrte sie mit großen Augen an.
„Ich bin Hebamme, mein Mann hat Euch zu mir geschickt, ich muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen“, erklärte sie. Ihre Patientin begann mit äußerstem Unbehagen auf der Liege hin- und herzurutschen.
Aniron legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Ich kann das kurz und schmerzlos herausfinden“, sprach die Wehmutter. Das war eine der Übungen, die sie, auch wenn sie noch längst nicht am Ziel ihres magischen Heilkönnens auch nur ansatzweise angekommen war, schon so oft gemacht hatte, dass sie es wirklich schnell und schmerzlos konnte.
„Wisst Ihr, wenn wir es mit einem medizinischen Rätsel zu tun haben, müssen wir alle Möglichkeiten eine nach der anderen abarbeiten. Und das wäre nun einmal im Moment das Offensichtlichste.“
Chala schien sich zu winden, dass Aniron Mitleid bekam mit der Frau. Nun gut, fünf Herzen unter einer Brust? Das könnte vier weitere Herzen bedeuten …
Dann atmete Chala durch und lehnte sich nach hinten, als würde sie ihren Henker erwarten.
„Gut, lasst mich kurz nachsehen“, sagte Aniron schließlich und legte ihre Hand auf Chalas Unterleib. Erneut ließ sie die Magie strömen, tastete sich durch das Gewebe. Sie wusste genau, wie es sich anfühlen musste. Auch, wenn noch kein Herzschlag da war, reagierte der Körper einer Frau auf das entstehende Leben und Aniron hatte gelernt, die kleinen Anzeichen genau zu lesen. Und hier, bei Chala, war es eindeutig so, dass sie –
„Nichts zu spüren, Ihr seid nicht schwanger“, sagte sie und hatte das Gefühl, dass der Fremden eine große Last von den Schultern fiel.
Aniron setzte sich wieder: „Also schauen wir uns mal das Buch an, ob es uns Auskunft geben kann.“ Sie begann, langsam durchzublättern. „Ihr kommt also von Torgaan? Ich kann kein Torgaanisch“, sagte sie mit einem sanften Lächeln. „Ist Euch etwas aufgefallen, wenn Ihr Euer Tagebuch lest? Und wie lange habt Ihr diese Aussetzer schon?“
Chala Vered
28.09.2024, 01:57
Es war, als hätte sich der höchste Berg des Weißaugengebirges von ihren Schultern gerollt. Sie war nicht schwanger und damit eine Bürde los, der sie sich nicht gewachsen gefühlt hätte. Ein Kind wäre ihr wohl schon zur Belastung geworden, doch vier oder gar fünf, je nachdem wie man es interpretieren wollte, wenn fünf Herzen unter der Brust schlugen, wären ihr sicheres Ende gewesen. Nervlich und körperlich.
„Danke“, hauchte sie und ließ sich in die Liege sinken.
Eines Tages vielleicht, wenn sie sicher sein konnte, dass sie erreicht hatte, wonach sie sich sehnte und keine Sorge haben musste, dass ihr oder einem potentiellen Kind etwas geschehen würde. Doch dieser Tag musste erst noch kommen.
Lieber früher als später, dachte sie.
„Ich bin nicht von Torgaan“, knirschte sie mit den Zähnen.
Es war schon schlimm genug, dass sie diese Lüge den Streitern Innos‘ hatte auftischen müssen. Zwar wusste sie, dass König Ethorn torgaanische Piraten und Söldner unterhielt, aber das machte es für sie noch schlimmer.
„Meine Heimatinsel nennt sich Aranisa, noch weiter südlich als Torgaan oder Argaan. Aber wir sprechen auch torgaanisch“, gab sie zu.
Doch damit endete ihrer Meinung nach auch schon die Gemeinsamkeit mit diesem Volk.
„Seht selbst“, lud Chala Aniron ein genauer auf das Tagebuch zu achten, „Manche Seiten sind mit kindlichen Kritzeleien gefüllt, andere weisen eine gedrungene Handschrift auf. Meine ist die auf der letzten beschriebenen Seite.“
Die Aranisaani erinnerte sich, wie sie früher gern durch das Buch geblättert hatte, sich an den seltsamen Einträgen belustigen konnte. Aus heutiger Sicht war sie einfach dumm und naiv gewesen und dieses Gefühl verabscheute sie.
„Die Aussetzer…“, begann sie die nächste Frage zu beantworten, „Gute Frage. Ich kann mich nicht an meine Kindheit erinnern und der längste Aussetzer, den ich hatte, war wohl vor etwa acht Jahren. Er dauerte fast zwei Jahre, in denen ich scheinbar in Thorniara war. Der letzte Aussetzer war zu Beltane. Ich war dort, doch ich erinnere mich an nichts. Und seid versichert, dass es nicht an zu viel Alkohol oder Sumpfkraut lag“, beteuerte sie.
„Ah, ich verstehe. Tut mir leid, von Aranisa habe ich noch nie etwas gehört. Da muss ich mal unseren Erzdekan Hyperius fragen, er ist Kartenzeichner, er kann mir sicher Eure Insel zeigen. Außerdem ist er ein wirklich guter Freund. Der vielleicht bei diesem Rätsel auch helfen könnte …“ Die letzte Worte murmelte sie eher nachdenklich vor sich hin.
Als Chala auf das Tagebuch deutete, sah Aniron hinein. Sie verstand, was die Dunkelhäutige meinte und nickte.
„Die verschiedenen Schriftarten tauchen immer wieder auf“, sprach die Priesterin schließlich. „Schaut mal, hier … und hier … Wie viele verschiedene Arten gibt es?“
Chala zählte durch: „Fünf!“
Die Wehmutter und ihre Patientin schauten sich an. Was Aniron jedoch wunderte, war, dass Chala explizit gesagt hatte, dass eine Schrift davon ihre sei. Also hatte sie tatsächlich keine Verbindungen zu den anderen? Woher kamen diese dann? Und was hatte das mit den Erinnerungslücken zu tun?
5 Herzen vereint unter einer Brust … Fragmentierung …
„Wisst Ihr, Erinnerungslücken kommen vor, besonders dann, wenn unser Geist uns vor etwas Schlimmen schützen will. Aber bei Euch zieht sich das schon sehr lange hin. Und eine Lücke von zwei Jahren ist auch nicht gerade eine Kleinigkeit, abgesehen von der fehlenden Kindheit.“
Aniron erhob sich und machte ein paar Schritte.
„Die Sache ist … vielleicht will Euch Euer Geist tatsächlich vor etwas schützen, vielleicht steckt auch etwas anderes dahinter. Ich muss mit anderen Heilern darüber reden, weil meine Erfahrung hier nicht ausreicht. Aber Ihr solltet Euch sicher sein, dass Ihr das auch wollt. Es könnte sein, dass Ihr alte und sorgfältig verdrängte Wunden aufreißt.“
Sie verschränkte nachdenklich die Arme und biss sich auf die Lippen.
„Wenn Ihr wollt, bleibt erstmal hier. Ich werde mich beraten. Und ich habe auch noch andere Angelegenheiten zu klären, das versteht Ihr sicher.“
Sie wollte unbedingt nach den Novizen sehen.
"Aber ich werde so schnell es geht wieder bei Euch sein. Ruft nach Sinan, wenn Ihr etwas braucht. Ihr könnt die Heilkammer jederzeit verlassen ansonsten", erklärte die Priesterin schließlich.
Chala Vered
28.09.2024, 17:33
Jemand, der eventuell von Aranisa gehört hatte? Das wäre in zehn Jahren der erste Mensch, den sie traf, der ihre Heimat kannte oder zumindest von ihr gehört haben könnte. Ein Gespräch mit diesem Erzdekan versprach also interessant zu werden, sollte es dazu kommen.
Über die weiteren Worte Anirons dachte Chala sorgsam nach. Gab es wohl Dinge in ihrer Vergangenheit und auch während der Episoden, wo sich keine Erinnerungen hatte, die ihr Geist mutwillig unterdrückte? Doch immer, wenn sie sich an einem Ort wiederfand, ohne zu wissen, wie sie hergelangt war, schien es keine schlimmen Dinge im Vorhinein gegeben zu haben. Aber eventuell war ihr Geist auch durch etwas, was in ihrer Kindheit geschehen war, langfristig instabil geworden und diese Aussetzer waren eine Folge davon. In ihren Augen blieb nur eine Möglichkeit.
„Ich brauche die Gewissheit, was mit mir nicht stimmt. Lieber ertrage ich jahrealten Schmerz und riskiere Wunden aufzureißen, die längst Narben hätten sein sollen, als noch länger durch die Dunkelheit zu tappen, ohne den kleinsten Funken Licht.“
Die Kriegerin hatte ihren Entschluss gefasst und alles, was an Konsequenzen folgte, würde sie in Kauf nehmen. Für den Moment jedoch konnte sie sich entspannen. Wie es schien war die Wehmutter auf Hilfe angewiesen, da Chalas Problem komplizierter war, als ein einfacher Knochenbruch. Sie wäre schon glücklich, wenn es in Stewark jemanden gäbe, der ihr überhaupt helfen könnte. Immerhin war die Wassermagierin ihre einzige Spur gewesen.
„Danke für Eure Hilfe und danke, dass ich bleiben darf“, meinte sie schließlich ehrlich und lächelte sogar freundlich, ehe sich Aniron verabschiedete und hinter der Trennwand verschwand.
Ein weiteres Mal an diesem Tag befand Aniron sich im Kräutergarten. Dieses Mal begleitete Fianna ihre Mutter und hatte ihren Korb samt Holztiere wieder dabei. Das Mädchen war schon eifrig dabei, die Figuren durch den Garten galoppieren zu lassen. Aniron selbst wartete darauf, dass die Novizen - ihre Novizen des Wassers - eintrafen. Aaras hatte sich bereit erklärt, sie zu suchen. Die Wehmutter selber nutzte diesen Augenblick, um ein bisschen in den Beeten zu schauen, was gemacht werden musste. Hier und da waren verblühte Blüten abzuschneiden und das ein oder andere Unkraut aus dem Beet zu entfernen. Eine einfache Arbeit, die sie gerade dringend nötig hatte, um ihren Kopf zu leeren und ihren Geist zu entspannen. Einerseits war da immer noch die Sache mit den Feuernovizen, die ihr durch den Kopf geisterte und anderseits beschäftigte Chala und ihr Zustand sie sehr. Doch noch hatte sie nicht mit Tinquilius oder Danee sprechen können.
Jetzt hatte sie einfach das Bedürfnis, nach ihren Pflanzen zu schauen, die ihr einerseits keine Rätsel aufgaben und anderseits auch kein Kopfzerbrechen über Diplomatie bereiteten. Die Pflanzen waren einfach immer da.
Zufrieden füllte sie den Korb mit den abgeschnittenen Blüten und gezogenem Unkraut, während sich Kisha, Mera und Na-Cron wieder im Kräutergarten einfanden. Auch Aaras war zur Stelle.
Mit einem Lächeln näherte die Priesterin sich der Gruppe und stellte das Körbchen neben sich auf den Boden.
"Na, habt ihr den Besuch der Novizen des Feuers einigermaßen überstanden? Sie haben die Stadt wieder verlassen. Was für eine Aufregung ... Aber, erzählt mir, wie es euch ergangen ist! Worüber möchtet ihr sprechen? Und habt ihr euch überlegt, was es noch gibt, was ihr lernen möchtet? Ihr seid alle schon sehr weit gekommen!", sagte sie nicht ohne ein bisschen Stolz und schaute gebannt in die Runde.
Na-Cron musste lächeln, als er Anirons Tochter dabei zusah, wie sie mit ihren Holztieren durch den Kräutergarten rannte und dabei allerlei fantasievolle Geschichten durcherlebte. Zumindest vermutete der Novize das, so in ihrem Spiel versunken war die Kleine. Einmal noch mal Kind sein, sorgenfrei durch die Welt wandern und in den Tag hinein leben... Na-Cron hoffte, dass Aniron ihrer Tochter so viel Zeit als Kind ermöglichen würde, wie sie konnte. Denn früher oder später würde die Welt der Erwachsenen sie für sich beanspruchen, ob sie wollte oder nicht.
Und in diesen Zeiten geschah dies oftmals eher früher als später.
Der Novize versicherte sich mit einem kurzen Griff ob das Buch über Alchemie noch immer fest in der ledernen Hülle war, welche er an seinem Gürtel befestigt hatte. Aaras, der rothaarige Adept, hatte ihn beim Durcharbeiten dieser Lektüre unterbrochen, worüber Na-Cron zwar froh gewesen war, schließlich bedeutete es, dass die Lektionen in der Magie weiter gehen konnten, aber gleichzeitig wollte der Novize so schnell wie möglich zurück und sich weiter mit dem Buch beschäftigen. Er hatte bereits mit Mörser und Stößel angefangen zu üben und wollte sich bald daran machen, die ersten Dinge zu mörsern.
Aber jetzt galt seine Aufmerksamkeit erst einmal Aniron. Die Priesterin sah müde aus und wirkte etwas erschöpft. Hatte die Geschichte mit den Feuernovizen sich doch negativ entwickelt? Davon hatte er nichts gehört. Und da sie die Stadt wieder verlassen hatten... Nun, es war vielleicht auch nicht so wichtig im Nachhinein.
Er blickte von Mera zu Kisha und wieder zurück zu Aniron und nutzte die Chance, diesmal der erste zu sein. Bei Mera war er sich recht sicher, dass sie sich erst als letzte äußern würde, ihre Art war einfach vorsichtiger, aber der Novize wollte diesmal vor Kisha anfangen. Sonst schwirrte ihm am Ende wieder der Kopf von all den fremden Wörtern ihrer Heimatsprache, mit denen sie gerne ihre Sätze füllte.
"Die fremden Novizen waren... interessant." Gab Na-Cron vorsichtig wieder. Wobei Arrogant und hochnäsig wohl besser gepasst hätten, aber seine Mutter hatte ihn zur Höflichkeit erzogen. Und ein dicker Kochlöffel war da eine sehr deutliche Lernhilfe gewesen.
"Aber wenn sie jetzt weg sind... gut. Und wenigstens habe ich was spannendes zum Lesen gefunden. Ich wusste gar nicht, dass man mit Kräutern und Pflanzen so viele Sachen herstellen kann. Alleine das Drachenwurzeln einen Mann so stark wie einen Ork machen sollen, wenn man sie zu einem Sud aufbereitet und destiliert."
Ein aufgeregtes Glänzen trat in die braunen Augen des Novizen, als er sich an die Gruppe wandte.
"Wusstet ihr, dass man sogar Tränke herstellen kann, die eine Art von geistiger Erschöpfung heilen können? Also wenn ein Magier zu viel Magie auf einmal verwendet, kann er angeblich mit so einem Trank danach weiterzaubern, als wäre nichts gewesen. Oder man rennt so schnell wie ein Snapper. Wie ein verdammter Snapper! Könnt ihr euch das vorstellen? Die Biester können ihre Beute blitzschnell jagen und erlegen. Oh, und es soll sogar einen Trank geben, der angeblich aus Dracheneiern hergestellt werden soll. Dracheneier! Mal abgesehen davon, dass es ziemlich schwer wäre an überhaupt ein einziges ranzukommen, aber gleich mehrere? Bei Adanos, das ist doch..."
Na-Cron hielt inne und blickte in die erstaunten Mienen der anderen. Er war etwas abgedriftet, als er von der Alchemie angefangen hatte, etwas sehr abgedriftet. Verlegen verstummte er und räusperte sich, während eine leichte Röte über seine Wangen zog.
"Verzeiht. Es ist ein spannendes Thema..." Er grinste unbeholfen, bevor er sich auf Anirons ursprüngliche Frage besann.
"Ich wüsste da etwas. Du hattest, als wir uns alle das erste Mal versammelt hatten, Licht aus dem Nichts erschaffen. Das war unglaublich und wäre, wenn ich ehrlich bin, sogar noch praktischer als das hier," sprach der Novize und konzentrierte sich auf den magischen Fluss in seinem Körper. Mit einem Schnipsen entzündete er ein bläulich schimmerndes Feuer in seiner Handfläche, welches er kurz brennen lies bevor er es mit dem Verschließen seiner Hand wieder löschte.
"Ich habe nicht immer Kerzen zur Hand und das Lesen bei Kerzenschein ist... riskant." Adanos sei Dank hatte er noch keine Wachsflecken auf irgendeinem Buch hinterlassen.
Thorek lehnte sich für einen Moment zurück, ließ den Blick über den schlichten Holztisch gleiten und beobachtete, wie die Lichtstrahlen der untergehenden Sonne durch das verstaubte Fenster der Klippenschänke drangen. Die Münzen, die Ariaan ihm auf den Tisch gelegt hatte, funkelten leicht im warmen Schein, und Thorek hob sie auf, ließ sie durch seine Finger gleiten. Sie fühlten sich kühl und schwer an, ein Zeichen dafür, dass dies mehr als nur eine materielle Geste war. Ariaan hatte ihm Vertrauen entgegengebracht, eine Möglichkeit eröffnet, die er lange nicht mehr für sich gesehen hatte.
Er drehte die Münzen nachdenklich, wog sie in der Hand, und in ihm wuchs das Gefühl, dass dies der Beginn von etwas Neuem sein könnte. Er warf einen Blick zum Fenster hinaus. Draußen lag die Stadt, lebendig und geschäftig, selbst in den späten Stunden des Nachmittags. Händler und Handwerker gingen ihrer Arbeit nach, Kinder liefen über die Straßen, und über allem lag die Stimme der Stadt selbst – ein beständiges, unaufhörliches Murmeln, das das Leben in diesen Mauern begleitete.
Thorek stand schließlich auf, seine Stiefel knarrten leise auf dem Holzfußboden der Taverne, während er sich langsam in Richtung Ausgang bewegte. Die Münzen steckte er sorgfältig in seinen Beutel, den Gürtel ein wenig fester ziehend. Drei Tage hatte Thorek nun Zeit – drei Tage, um über das nachzudenken, was er mit den beiden Fremden besprochen hatte.
Draußen empfing ihn die klare, frische Luft des späten Nachmittags. Der Himmel über Stewark leuchtete in sanftem Orange und Rosa, während die Sonne sich langsam dem Horizont näherte. Thorek atmete tief ein, ließ die kühle Brise über sein Gesicht streichen und fühlte, wie die Spannung, die ihn seit dem Gespräch mit Ariaan begleitet hatte, langsam nachließ. Der Duft von gebratenem Fleisch und frisch gebackenem Brot wehte von einem nahegelegenen Marktstand herüber, mischte sich mit dem salzigen Hauch des Meeres und den vertrauten Gerüchen der Stadt.
Seine Schritte führten ihn den staubigen Weg hinunter, weg von der Taverne, hinunter zu den schmalen Gassen des unteren Stadtteils. Gedanken wirbelten in seinem Kopf umher. Würde er tatsächlich zur Stadtwache gehen? Vielleicht war das der richtige Weg, um sich nützlich zu machen, seine Fähigkeiten als Kämpfer wieder aufzufrischen. Oder sollte er die einfachere Route wählen und sich als Jäger verdingen? Er kannte das Land, die Wälder, die Pfade. Es wäre ein Leben in Freiheit, abseits von politischen Intrigen und kriegerischen Konflikten.
Während er den Kopf hob und die untergehende Sonne betrachtete, konnte Thorek spüren, wie etwas in ihm zu wachsen begann – ein Funken, der lange unter der Asche verborgen gelegen hatte. Vielleicht, dachte er, hatte Ariaan recht. Vielleicht war es an der Zeit, Wiedergutmachung zu leisten, sich erneut zu beweisen. Aber diesmal nicht für andere, sondern für sich selbst.
Mit einem Ächzen wuchtete Syrias den letzten Sack Kohle auf den Haufen mit den anderen Säcken, bevor er sich den Kohlenstaub von den Händen rieb. Götter, jetzt, wo Meve ausgefallen war musste er das alles wieder selber machen. Mit einem leisen Schnaufen lehnte er sich an die Wand des Kohlenkellers und rieb sich das rechte Handgelenk. Als er den letzten Sack angehoben hatte, musste sich der Söldner wohl irgendwas im Handgelenk gezerrt haben.
Zumindest fühlte es sich etwas unangenehm an, dieses leichte ziehen und brennen, welches sich bei gröberen Bewegungen darin ausbreitete. Er wurde wirklich so langsam alt.
Hoffentlich würde es nicht noch schlimmer werden. Am besten wäre es, wenn er später noch zu einer Kräuterfrau ginge. Vielleicht hatte die einen Umschlag oder eine Salbe für ihn. Schließlich musste er die nächsten Tage noch einen Karren ziehen.
Warum fragte Johanna nicht doch ihren großen Freund? Egal, ob der Kerl nun ein Ork war oder nicht, mit der kräftigen Statur hätten sie dann gewiss jemanden gehabt, der vermutlich den ganzen Haufen Eisenerz allein gezogen hätte. Und dann noch mit der anderen Hand (oder Pranke?) Äxte jongliert!
Aber gut, es war nun so, wie es war. Dann mussten halt Er und Johanna alleine ihre Karren ziehen. Wenigstens hatte Syrias die schon besorgt. Und hoffentlich dachte Johanna an die restlichen Dinge.
„So, das dürfte alles sein“, beschied Isidor laut für sich selbst, als er seine Tasche zuschnürte.
Derzeit befand er sich noch in seinem Zimmer in der Klippenschänke. Der Zuber, den er auf Nachfrage bei Ingor hochgetragen und später mit Eimerweise unerwärmten Wasser befüllt hatte, stand noch mitten im Raum. Sein Haar war zu einem üblichen Dutt gebunden und der Bart mit einem Messer getrimmt. Nicht die beste Arbeit oder mit einem Barbier vergleichbar, doch das Gold hätte nicht mehr gereicht.
In seinen Beutel hatte er alle wesentlichen Dinge verstaut und dafür gesorgt, dass sie wie im Falle des Eintopfs, sich nicht im Innern des Leders verteilen konnten. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass er sich bereits auf den Weg machen sollte, um Fräulein Frieda abzuholen. Leider hatte er Johanna nicht mehr getroffen um sich mit ihr abzustimmen. Es blieb also zu hoffen, dass sie ein ähnliches Zeitgefühl besaß wie er und dafür sorgte, dass das Picknick ungestört ablief.
„Dann mal los“, sprach er sich selbst Mut zu und verließ sein Zimmer.
Den Zuber würde er später wieder herunterbringen. Seine Tasche geschultert verließ er die Schänke und lief geradewegs auf die Treppe zum mittleren Ring zu. Er würde zwischen der Akademie und der Kaserne hindurch auf die Straße der Händler und Handwerker abbiegen und dann wären es nur noch einige wenige Schritte bis zur Bäckerei Zum goldenen Nudelholz.
Er kam auch am Roten Hahn vorbei, wo tatsächlich die Vorhänge nicht länger den Blick hinein verbargen. Zufällig bemerkte der Hüne Livia, die sich aus ihrer Morgengarderobe in ein ansehnliches Kleid geworfen hatte, was ihre Vorzüge noch weiter betonte. Kein Wunder, dass der Halbstarke, den Isidor hier kurz nach Mittag getroffen hatte, ihr verfallen war.
Die Tür stand ebenfalls auf und es schien, als würden bereits die ersten Leute eintreffen, die den Feierabend mit etwas Spaß abklingen lassen wollten. Was dort drin wohl geschehen würde, wenn der Abend weiter fortgeschritten war?
Schon auf der Treppe hinab zur Handwerkerstraße wehte Isidor der Geruch von Zimt um die Nase und seine Vorfreude die Bäckermeisterin zu treffen, stieg an, sodass er sich fragte, ob er bis jetzt überhaupt schon realisiert hatte, was es bedeuten würde einen Abend im Freien mit der rothaarigen Dame zu verbringen. Worüber sollten sie reden? Backkunst? Schmieden? Das klang für den jeweils anderen recht langweilig, wenn er sich vorstellte, wie die süße Bäckerin höflich nickte, während er davon erzählte wie er das Geräusch liebte, wenn man glühenden Stahl in das feuchte Nass des Wassertrogs steckte und die Flüssigkeit zum Siedepunkt erhitzte und lautstark Blasen und Dampf aufstiegen.
Auch glaubte er nicht, dass seine Aufmerksamkeit lange von gewölbten Broten, saftigen Vanilleplunder und großen, runden Zimtschnecken gebunden werden würde.
Obwohl…, begann er einen Gedanken und ließ ihn mit einem schelmischen Grinsen unvollendet.
Die Bäckerei kam bereits in Sicht, doch von Fräulein Frieda war noch nichts zu sehen. Wartete sie wohl drinnen? Wie lange würde die Bäckerei üblicherweise geöffnet sein? Hatte sie jemanden, der für sie übernahm? Er wusste nicht mehr recht, ob Johanna etwas dahingehend erwähnt hatte. Aber das würde sich wohl in den nächsten Momenten aufklären, wenn er die Stube betrat.
Mit einem Klopfen an den Rahmen der offenen Tür kündigte er sein Ankommen an.
Chala Vered
05.10.2024, 15:49
Das Bett – oder die Liege? – war bequemer, als erwartet. Besser als die meisten Schlafgelegenheiten in Herbergen und um Welten angenehmer als der harte Boden des Weißaugengebirges. Dennoch fühlte sich Chala rastlos. Wie lange war es her, dass sie mit Nichtstun beschäftigt gewesen war?
Gar nicht so lange, erinnerte sie sich an die Zeit bei der Silberseeburg zurück, als die Temperaturen des Winters langsam den Blüten des Frühlings wichen.
Und trotzdem gab es einen Unterschied zu damals, denn sie war nicht länger ziellos. Allerdings fiel es ihr schwer, jetzt wo sie auf dem richtigen Pfad zu sein glaubte, einfach nur abzuwarten. Konnten die Wassermagier nicht sofort zu ihr kommen? Je schneller sie wusste was mit ihr nicht stimmte und je eher die Robenträger sie heilten, desto besser. Allerdings schien es auf sich warten zu lassen.
Sinnan, der Zwillingsbruder von Runa, hatte zwischendurch einmal bei ihr hereingeschaut, nachdem er sich höflich angekündigt hatte. Nicht, dass es die Kriegerin sonderlich interessierte, ob der Jüngling sie beim Wechsel ihrer Kleidung oder anderen, in seinen Augen beschämenden, Aktivitäten überraschte. Einen Krug Wasser hatte er ihr gebracht und sich erkundigt, ob sie noch etwas anderes brauchte. Doch die Aranisaani hatte ihn fortgeschickt. Im Augenblick wollte brauchte sie nichts. Ihre Rippe fühlte sich bereits besser an und sie musste zugeben, dass es guttat, einmal ohne ihre Lederrüstung ausruhen zu können. Vorsichtig verlagerte sie ihre Position bis sie bequem lag. Die Decke der Heilkammer war recht unspektakulär und den Rest konnte sie nicht sehen, da der Raumtrenner noch um sie herum aufgebaut war. Neben ihrer Liege gab es einen kleinen Tisch, auf dem nun der Krug und zwei Becher standen. Wohl für Besucher, die ihre kranken Liebsten sehen wollten. Nicht, dass Chala so etwas hätte.
Ganz langsam überkam sie die schwere Müdigkeit, welche sie nach Wochen der Anstrengungen endlich einzuholen schien. Mitten am Tag war es, doch wurde ihr das mit jedem weiteren, langsamen Herzschlag unwichtiger.
***
Durch ein lautes Brüllen wurde Chala aus dem Schlaf gerissen. Neben ihr regte sich ein Körper, doch er machte keine Anstalten aufzustehen, um nach den Kleinen zu sehen. Wenn sie nicht sofort hinging, würden auch die anderen wach werden und das Geschrei würde sich ins fünffache steigern. Mit einem resignierten Seufzer schälte sie sich aus der Decke und erhob sich vom Wolfsfell. Ihr Rücken schmerzte und ihre Gelenke knackten unangenehm, als sie aufstand und sich streckte. Mit geübten Handgriffen bändigte sie ihr krauses Haar zu einem Knoten, während sie die wenigen Schritte zur Krippe der Säuglinge zurücklegte. Sie wusste bereits, welcher der Rabauken aufgewacht war und hob gezielt den kleinen Luron hoch. Kaum lehnte sie ihn sich gegen die Schulter, begann sie auf und ab zu laufen und ihn beruhigend in ihren Armen zu wiegen.
„Alles gut, mein Süßer, Mama ist ja da“, redete sie liebevoll auf ihn ein, selbst wenn sie übermüdet und genervt war.
„Kannst du nicht mit ihm rausgehen? Ich will schlafen“, murrte Ornlu vom Wolfsfell aus und drehte sich auf die Seite, während er sich den Hintern kratzte.
„Du könntest auch mal aufstehen, wenn die Kinder schreien!“, fauchte sie ihn an, was Luron noch lauter werden ließ, „Nicht du, mein Liebling, dein Papa ist nur mal wieder ein kolossales Arschloch“, versprach sie dem Baby liebevoll und verlagerte ihn auf die andere Schulter.
Seine kleinen Finger gruben sich in den groben Leinenstoff, in dem Chala schlief und nach und nach beruhigte er sich, auch wenn das Oberhaupt Tooshoos sich immer wieder grummelnd beschwerte.
„Wenn der Kleine wieder schläft, komm wieder auf’s Fell. Wenn ich schon wach bin, können wir auch…“
Der Druide kam nicht dazu seinen Satz zu beenden, denn ein Messer schlug wenige Handbreit neben ihm im Boden ein und blieb stecken. Mit einem wölfischen Knurren warf er die Decke von sich, schnappte sich einen seiner Stäbe und verließ die Baumhöhle, wobei er etwas in seinen Bart nuschelte, was verdächtig nach Undankbarkeit klang, dafür dass die Aranisaani sich fast allein um den Nachwuchs kümmerte.
„Wo willst du bitte hin? Die Sonne ist noch nicht mal am Himmel!“, zischte sie ihm hinterher.
„Wölfe sind nachtaktiv“, gab er zurück und zeigte die Zähne, ehe er in der Dunkelheit außerhalb der Erzfackeln verschwand.
„Typisch“, schnaufte sie und blickte auf Luron herab, der wieder eingeschlafen war, trotz des Ärgers, der in seiner Mutter brodelte.
Vorsichtig legte sie ihn wieder zu seinen Geschwistern, prüfte noch einmal, ob alle noch tief und fest am Schlafen waren und begab sich dann erleichtert zurück zum Fell, um selbst noch etwas Erholung zu finden, ehe in wenigen Stunden alle fünf Rabauken wach sein würden.
Doch dazu kam es gar nicht erst, denn zuvor segelte ein Schatten in die Baumhöhle herein und setzte sich auf den Rand der Krippe, in der die Säuglinge gerade noch schliefen. Zumindest so lange, bis Wroc lauthals krächzte und wenige Augenblicke später das Geschrei von neuem losging, nun jedoch mehrstimmig und so laut, dass der senile Rabe sich beschwerend von seinem Sitzplatz erhob und auf einem nahen Tisch landete, der zu allem Übel mit allerlei Firlefanz beladen war, den Ornlu nicht wie versprochen weggeräumt hatte. Mindestens die Hälfte davon fiel scheppernd zu Boden und spätestens jetzt war es vorbei mit einer ruhigen Nacht, als auch das einzige Mädchen des Nachwuchses, die sonst immer engelsgleiche Geduld mit ihren Brüdern besaß, aus ihren Träumen gerissen wurde.
„Mutter, schenk mir Kraft“, schickte Chala ein Stoßgebet an die Natur, „Wenn ich dich in die Finger kriege, gibt es wenigstens mal wieder etwas Fleisch, Wroc!“, fluchte sie und machte einen drohenden Schritt auf das Federvieh zu, das nur unbeholfen krähte und dabei versuchte sich aus einem Leinentuch zu befreien, in dem sich seine Krallen verfangen hatten.
Allerdings hatte sie keine Gelegenheit ein Suppenhuhn aus dem Schildraben zu machen, denn die Kakophonie der Kindsschreie drohte ihr das Trommelfell platzen zu lassen.
„Ist ja gut, meine Kleinen. Mama ist doch da“, versuchte sie mit beruhigenden Worten die Wand des Geschreis zu durchbrechen.
Mühsam hob sie Nolur und Runlo aus dem Bettchen und schaukelte sie vorsichtig auf ihren Armen. Noch waren sie klein genug, dass sie zwei tragen konnte, doch wenn sie älter wurden, hätte sie große Probleme damit.
Unterdessen schlug Luron wild um sich und traf dabei Unlor und Alcha im Gesicht, was die beiden noch mehr in Rage versetzte.
„Luron!“, rief die überforderte Mutter tadelnd und ließ den sich beruhigten Runlo auf das Wolfsfell nieder, um sich den Aufwiegler zu schnappen, der wie immer das größte Maß an Aufmerksamkeit einforderte, „Wie der Vater“, murmelte die Aranisaani und verzog verstimmt die Lippen, als der Beliarsbraten an ihre Brüste fasste.
Scheinbar hatte er Hunger und dem Schmerz in ihrer Oberweite nach zu urteilen, wäre es gut, wenn sie die Rasselbande fütterte. Es war zwar früher als gewöhnlich, doch wenn sie sich damit ein wenig Ruhe erkaufen konnte, sollte es so sein. Keine andere Möglichkeit sehend legte sie den noch immer schniefenden Nolur zurück in die Krippe und setzte sich mit Luron auf einen Hocker, der an der natürlich gewachsenen Wand der Baumhöhle stand. Mit einer schnellen Handbewegung entblößte sie sich und verhalf dem kleinen Racker zu seinem Frühstück, wobei sie kurz zusammenzuckte.
„Hast du etwa einen Zahn, du Kröte?“, fragte sie empört und gewöhnte sich allmählich an das unangenehme Gefühl.
Es half ja nichts.
Chala schloss die Augen, während der Säugling trank und versuchte für einen Moment ihre anderen Kinder auszublenden. Kein Versuch, der sie mit Stolz erfüllte, doch wenn sie ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte, half das weder ihr noch dem Nachwuchs. Doch so sehr sie es auch versuchte, sie konnte der Realität nicht entfliehen, auch nicht für einen kurzen Augenblick.
„Das reicht, du Gierschlund! Deine Geschwister haben sicher auch noch Hunger“, entschied sie und küsste Luron auf den Scheitel, ehe sie ihn vorsichtig von ihrer Brust löste, über die Schulter legte und seinen Rücken rieb bis er rülpste, und schließlich auf das Wolfsfell legte, von wo sie Rulon aufhob.
Für den Moment wäre es besser, wenn der Aufwiegler allein war, auch wenn er jetzt nicht mehr schrie.
„Nur noch viermal, Chala, fast geschafft“, sprach sie sich selbst verzweifelt Mut zu und legte den zweiten Wolfswelpen an ihre andere Brust an.
Vier Säuglinge und ein vollgespucktes Leinenhemd später lagen sie alle wieder in ihrer Krippe und dösten vor sich hin, während die Mutter sich die Oberweite hielt, die nun auf andere Weise schmerzte, als zuvor.
„Wenn es beim Waldvolk wenigstens eine Amme gäbe“, äußerte sie ihr Wunschdenken und durchstöberte ihre eigenen Essensvorräte, die sich in den letzten Tagen rapide dem Ende zugeneigt hatten.
Also stand wohl für heute ein Abstecher zum neuen Markt an. Aber wie sie das anstellen sollte, wenn Ornlu nicht da war, um auf die Kinder aufzupassen, war ihr ein Rätsel, denn einkaufen war er auch nicht gewesen.
„Krah“, tönte es vom halb abgeräumten Tisch herüber, auf dem Wroc noch immer hockte und sie vorwurfsvoll anschaute.
„Mach dich nicht lächerlich, du Federvieh. Ich lass meine Kinder sicher nicht in deiner Obhut“, sprühte sie vor Wut auf den Raben, der sie um wichtigen Schlaf gebracht hatte, „Und wenn du Ornlu was zu sagen hast, dann such ihn gefälligst. Ich hab schon genug zu tun!“
Mit einem empörten Krächzen hob Wroc ab und verschwand durch den Eingang der Baumhöhle, nichts anderes hinterlassend als mehr Chaos und einige schwarze Federn. Mit einem Ächzen zog Chala das Küchenmesser aus dem Boden, welches sie nach Ornlu geworfen hatte und schnitt sich von einem Hartkäse einige Stücke ab, die sie mit einem Viertellaib Brot aß und mit etwas Wasser herunterspülte. Man sollte meinen, dass Oberhäupter besser lebten, als der Vater ihrer Kinder es tat, doch scheinbar war Macht nicht gleichzusetzen mit Unbeschwertheit. Da stellte sich der Aranisaani die Frage, ob sie vor über einem Jahr an Beltane nicht besser aufpassen hätte sollen. Nur deswegen saß sie jetzt hier fest, auch wenn sie nicht leugnen konnte, dass ihre Kinder ihr viel zurückgaben. Sei es durch ein Lachen oder die süße Art wie sie schliefen, selbst wenn sie sich wünschte, dass das ein Zustand war, der länger als wenig Stunden am Stück anhielt.
Nach ihrem eigenen Frühstück machte sie sich daran aufzuräumen, was Wroc verwüstet und Ornlu im Vorhinein nicht weggeräumt hatte. Was für ein Saustall! Wofür brauchte der Kerl bitte so viele unterschiedliche Stäbe? Musste wohl was mit dem Drang eines Köters, Stöcke anzuschleppen, zusammenhängen.
Alles wieder an Ort und Stelle, einigen offensichtlichen Abfall – Apfelgehäuse, ein Krug der nach vergorener Moleratmilch roch und deutlich zu viele Haare, die nicht von ihr stammten – vor die nicht vorhandene Tür gestellt, nutzte Chala die Zeit der noch immer ruhenden Kinder, um sich ihr Nähzeug zu nehmen. Kleidung für so viele Kinder, die erstaunlich schnell größer wurden, wuchs leider nicht an Bäumen. Auch, wenn die ehemalige Kriegerin keinerlei Erfahrung mit dem Schneidern hatte, wurde sie doch stetig besser. Immerhin erkannte man mittlerweile, was Ärmel sein sollten und welcher Teil für den Oberkörper gedacht war!
Langsam erhob sich die Sonne und drang durch die Äste der Baumkrone Tooshoos. Bald schon würden die Strahlen in die Gesichter der Babys scheinen und sie wecken. Das Problem hätte sie nicht, wenn Ornlu ihr endlich die Vorhänge besorgen würde, worum sie ihn schon seit mehreren Wochen bat. Sie würde es ja selbst machen, aber dann musste sie erst jemanden bitten auf die Kinder aufzupassen. Und auch, wenn sie Hilfe brauchte, würde sie nicht danach fragen. Es reichte schon, dass sie ihr Selbstwertgefühl eingebüßt hatte, seit sie sich nicht mehr Kriegerin nennen konnte. Da würde sie nicht auch noch ihren Stolz herunterschlucken. Dieser Kampf war ihrer und auch, wenn er nicht auf dem Schlachtfeld war, so war es doch der wichtigste, den sie je gefochten hatte.
Mehrere blutende Finger und ausschweifendes, wenn auch leises, Fluchen später, klopfte es an der Rinde des Eingangs und die noch immer in Schlafkleidern gehüllte Chala blickte sich verwirrt um.
„Guten Morgen Chala“, grüßte sie ein freundliches Gesicht, welches zu Ambrose gehörte, „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass eure Vorräte knapp werden und ich dachte, dass es dir sicher nichts ausmacht, wenn ich welche vorbeibringe?“
Erst jetzt bemerkte die Mutter den großen Weidenkorb, den er bei sich trug. Gefüllt mit frischen Äpfeln, Brot, Käse und sogar zwei Hartwürsten war es das Schönste, was sie an diesem Tag zu Gesicht bekommen hatte. Mit einem erschöpften Lächeln stand sie auf und ging Ambrose entgegen, der ihr den Korb reichte.
„Ich danke dir! Wenigstens auf dich ist Verlass“, bedankte sie sich bei dem zuvorkommenden Seher, „Ich werde mich revanchiere“, versprach sie.
„Nicht nötig! Ich weiß doch, dass es nicht einfach mit den fünf Zwergen ist. Wenn ich daran denke wie Mani war, als er ein Baby war…hach.“
Der große Argaaner lächelte glücklich in Erinnerung schwelgend. Die Mutter der Fünflinge bezweifelte, dass ein Moleratwelpe eine ähnliche Herausforderung wie fünf Mini-Ornlus war, aber sie hielt den Mund. Es gab keinen Grund ihrem unverhofften Helfer vor den Kopf zu stoßen.
Während sie also die Vorräte verstaute, beugte sich Ambrose über die Krippe. Behutsam streckte er eine Hand hinein und streichelte Alcha über die Wange, die ihn aus großen dunklen Augen anstarrte.
„Pass auf, Wolfswelpen beißen und sie bekommen langsam Zähne“, scherzte Chala, die den Besucher beobachtete.
„Keine Sorge, ich bin vorsichtig“, lachte er, zog die Hand aber vorsichtshalber doch zurück.
„Brauchst du noch irgendwas, wenn ich schonmal da bin? Der Jadewolf scheint ja wieder unterwegs zu sein.“
„Hör mir auf!“, fauchte sie zornig, „Der räudige Flohteppich ist noch vor Sonnenaufgang verschwunden und hat mich mit fünf schreienden Säuglingen alleine gelassen. Der kann was erleben, wenn er zurückkommt!“
„Das…ehm…tut mir leid“, stammelte Amborse etwas perplex ob der heftigen Reaktion.
„Ja, mir auch“, gab Chala zurück und seufzte dann schwer, „Nein, du hast mir schon sehr geholfen und ich werde gleich wohl die Kinder wickeln müssen und das Moos tauschen. Da willst du lieber nicht hier sein.“
„Ah, ja, das ist sehr rücksichtsvoll von dir“, antwortete Ambrose, der beim Wort wickeln nervös zu werden schien, „Dann lasse ich euch sechs mal wieder in Ruhe!“
„Danke für die Vorräte, Ambrose!“
„Gerne!“
Kaum war er fort, meldete sich Alcha und bestätigte damit den Mutterinstinkt.
„Na dann komm, meine Kleine. Vielleicht lassen wir Papa ein wenig vom Moos übrig, woran er später schnüffeln kann. Das mögen Hunde doch bekanntlich.“
Tatsächlich war das saugfähige Moos unter den Leinenbändern überbeansprucht und die ehemalige Kriegerin musste zu ihrer Schande sogar würgen, als ihr der bestialische Gestank um die Nase wehte.
„Mit dem Geruch würdest du selbst einen Schattenläufer verjagen, meine Kleine“, lobte sie auf zweifelhafte Weise ihre einzige Tochter, ehe sie sich daran machte, sie zu säubern und frisches, trockenes Moos in neue Bänder zu fatschen.
Das leise Wimmern des tapferen Säuglings legte sich langsam und es war Zeit auch die Jungs zu säubern.
Viel Gezeter, einige Fußtritte und einem, ihrer noch nicht ganz verlorenen Körperbeherrschung zu verdankenden, knappen Ausweichmanöver, das einen gut gezielten Urinstrahl an sich vorbeischießen ließ, später, waren alle Babys versorgt und saßen zufrieden auf dem Boden der Baumhöhle. Diejenigen, die schon Krabbeln konnten, waren auf Erkundungstour, welche Chala mit dem Verschieben der Krippe vor den Eingang beschränkt hatte.
Die Sonne näherte sich unterdessen bereits dem Zenit, was bedeutete, dass es bald Zeit fürs Mittagessen wurde. Also holte sie die frischen Zutaten, die sie eben verstaut hatte, wieder hervor und begann für den Nachwuchs einen Brei aus Karotten, Sumpfkartoffeln und Rüben über der Feuerstelle zu kochen, wobei sie immer wieder darauf achten musste, dass vor allem Luron sich von den Flammen und dem heißen Topf fernhielt.
Im Akkord fütterte sie die Rasselbande direkt aus dem Topf. Die Arbeit fünf Schüsseln abzuwaschen, wollte sie sich ersparen. Sorgfältig pustete sie auf jeden Happen, damit er nicht zu heiß war, doch wie so oft lief nicht alles so, wie du Mutter es sich gewünscht hätte. Brei auf dem Boden, Brei in ihrem Haar, Brei auf dem Kopf eines Geschwisterkinds oder sogar an der Wand.
„Luron! Jetzt iss deinen verdammten Brei!“, verlor Chala die Nerven, woraufhin der Bengel anfing zu Brüllen.
Dicke Krokodilstränen rannen ihm über die Pausbäckchen und im Nu war der Ärger der Aranisaani wie weggeblasen.
„Tut mir leid, mein Schatz. Mama wollte dich nicht anschreien“, redete sie entschuldigend auf den Säugling ein und hob ihn auf ihren Schoß.
Den Moment der Unachtsamkeit nutzend, schaffte es Unlor irgendwie an den Topf zu kommen und riss ihn vom Holztisch. Zwar war nicht mehr viel Brei darin gewesen, doch durch das laute Scheppern erschraken sich alle und im nächsten Augenblick hatte sie es nicht mehr nur mit einem weinen Kind zu tun, sondern mit fünf.
„Ihr Götter“, stieß Chala hilflos aus und wäre am liebsten hinausgerannt.
Gefühlte Stunden später waren sie alle erschöpft, die Säuglinge vom Schreien, die Mutter vom Beruhigen. Wenigstens lagen die Fünflinge wieder in der Krippe und schauten aufmerksam in die Luft, wo immer wieder die Hand ihrer Mutter auftauchte, um sie zuzudecken oder ihnen etwas gab, woran sie lutschen konnten. Keine andere Option mehr sehend, entschied sich die Aranisaani ein Lied zu singen, was ihre eigene Mutter immer gesungen hatte.
Lala mtoto lala lala lala lala
Lala sinzia lala
Lala mpendwa lala lala lala lala
Lala sinzia lala.
Jua nalo limezama,
Lala sinzia lala.
Ndege wote wamelala,
Lala sinzia lala.
Lala mtoto lala lala lala lala
Lala sinzia lala,
Lala mtoto lala lala lala lala
Lala sinzia lala.
Mama baba wakupenda
Lala sinzia lala.
Bibi babu wakupenda
Lala sinzia lala.
Lala mtoto lala lala lala lala
Lala sinzia lala,
Lala mpendwa lala lala lala lala
Lala sinzia lala.
Auf wundersame Weise schien es zu wirken und nach dem dritten Mal wurden auch die Augen der wackeren Alcha schwer, bis auch der letzte Wolfswelpe endlich wieder schlief. Vollkommen erschöpft ließ sich Chala auf den Boden fallen. Sie hatte nicht mehr die Kraft gehabt bis zum Hocker zu laufen. Zu allem Überfluss schienen es die Götter mit ihr heute nicht gut zu meinen, denn in diesem Moment tauchte die Person auf, welche sie als letztes sehen wollte.
„Ich bin wieder…“
Ornlu konnte seinen Satz wieder nicht zu Ende führen, denn die ehemalige Kriegerin hatte irgendwo noch Kraftreserven in sich gefunden und war einer Katze gleich aufgesprungen, um ihn aus der Baumhöhle zu drängen.
„Du verdammter Köter!“, giftete sie ihn an, als sie außer Hörweite der Babys, dafür auf der offenen Baumkrone waren, wo jeder sie hören konnte, der nah genug war.
„Was fällt dir ein mich Tag um Tag mit den Kindern allein zu lassen und einfach loszuziehen, um zu treiben, wonach dir der Sinn steht?“, verlangte sie zu wissen und hielt ihn dabei fest an seiner Robe.
„Lass mich los, Weib! Die Kinder sind deine Verantwortung!“, wagte er sich zu erwidern.
„MEINE Verantwortung? Wer hat denn einen weggesteckt und scheut sich jetzt vor der Verantwortung, hm?“
„Du wolltest es doch auch!“
„Aber ich wollte nicht…das!“, schrie sie und deutete mit einer Kopfbewegung auf ihre Baumhöhle.
„Du willst unsere Kinder nicht?“, fragte Ornlu sichtlich betroffen.
„UNSERE Kinder, aber wo bist DU, wenn es um sie geht?“
„Ich werde sie mitnehmen, wenn sie älter sind“, versprach er.
„Aber ich brauche JETZT Hilfe, du verdammter Streuner!“
Mit einem Ruck löste der Jadewolf ihre Hände von seiner Robe und trat an ihr vorbei.
„Warte! So einfach lass ich dich…“
„Ich gehe jetzt zu meinen Kindern. Komm nach, wenn du dich abreagiert hast“, zeigte er ihr die kalte Schulter und ließ sie einfach stehen.
„Wäre ich nur mit der Rothaarigen durchgebrannt!“, murmelte er im Weggehen und dachte wohl nicht, dass die Aranisaani ihn hören konnte.
„Wäre ICH nur mit IHR durchgebrannt!“, schimpfte Chala mit Zornestränen in den Augen und wäre ihm beinahe hinterhergelaufen.
Doch sie wollte ihren Kindern nicht den Vater nehmen. Sie musste hoffen, dass er irgendwann einsah, was sie alles durchmachen musste und er reumütig nachholte, was er alles verpasste und vermasselte.
***
Mit einem wütenden Schrei schlug Chala die Augen auf. Desorientiert schaute sie sich um und brauchte einige Zeit, bis sie realisierte, wo sie war.
„Alcha?“, fragte sie verwirrt nach ihrer Tochter bis sie begriff, dass sie noch immer in der Heilkammer der Magier in Stewark lag.
Sie musste eingeschlafen sein und etwas so Wirres geträumt haben, dass sie selbst jetzt noch davon aufgewühlt war. Energisch wischte sie sich durchs Gesicht und bemerkte, wie ihr Gesicht feucht von Tränen war.
„Was…ist passiert?“, fragte sie sich, als sie hörte, wie sich einige Leute ihr eilig näherten.
Dunkel erinnerte sie sich an ein Lied, welches sie gesungen hatte. Sie kannte es, doch die Worte entschlüpften ihr, bis sie wieder im Unterbewusstsein verschwanden, zusammen mit all den anderen Erinnerungen ihrer Kindheit.
„Uuund draußen bleiben!“, rief Johanna vergnügt und preschte mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Tür des Goldenen Nudelholzes, wo sie dem verdutzten Isidor mit der ganzen Entschlossenheit eines kämpferischen, kleinen Menschen gegen die breite Brust drückte, um ihn wieder hinauszubefördern.
„Hallo Isi- hallooo!“, rief sie beeindruckt und ließ die Hand ein klein wenig zu lang auf der muskulösen Brust ruhen, die sich in dem einfachen, aber farbenfrohen Wams beeindruckend abzuzeichnen wusste. Als sie ihren Fehler bemerkte, zog sie die Hand eilends zurück, starrte sie einen Moment lang verlegen an und hüstelte den peinlichen Moment gekonnt beiseite.
„Siehst gut aus, Großer!“, gab sie mit keckem Lächeln freimütig zu. „Aber wart erst, bis die schönste Frau der Stadt aus der Tür tritt! Hast Glück, dass ich sie mir nicht gleich selbst da drinnen geschnappt hab!“
Johanna trat noch einen Schritt näher an Isidor heran und streckte sich verschwörerisch an sein Ohr.
„Hast du alles, was du brauchst? Ich mach mich jetzt auf den Weg und sehe zu, dass euch niemand stört, ja? Wenn du aus dem Stadttor trittst, einfach linkerhand dem Weg folgen. Ich leg euch ein Zeichen an den Wegesrand, wo du einfach nach rechts mitten auf die Plantagen abbiegen kannst, klar so weit?“
Als sie ihm so nah war und ihm in die Augen hinauf schielte, hielt Johanna einen Moment inne. Er sah heute wirklich verdammt gut aus, so frisch gewaschen und rasiert und in geschmackvollen, neuen Kleidern. Und er roch erstaunlich gut! Sie blinzelte zweimal und besann sich zurück auf ihre Aufgabe. Unbeholfen klopfte sie Isidor auf die Schulter und trat von ihm zurück.
„Also dann, viel Glück. Sie ist verdammt aufgeregt, kann ich dir sagen!“, kicherte sie. „Wir sehen uns dann morgen, wenn alles gut geht. Wart einfach hier draußen, bis sie kommt, ja? Und halt dich am besten irgendwo unauffällig fest, damit du nicht umkippst, wenn du sie siehst.“
Johanna lächelte aufmunternd und trat an ihm vorbei auf den Weg gen Süden.
„Genieß es, ja? Ich freu mich für euch.“
„Überstanden? Ich hätte dieser kleinen Nyoka mwenye sumu den Hals gebrochen, wenn sie mir noch einmal dumm gekommen wäre!“, rief Kisha mit einer Barschheit, die sie Aniron gegenüber bislang noch nicht an den Tag gelegt hatte. Sie hielt sicher nicht damit hinter’m Berg, was sie von diesen Novizen des Feuers hielt, und sie würde das Bild auch nicht schöner malen, als es war.
„Ich versteh nicht, warum ihr solchen Menschen helft. Die Kizalongwe ehren das Ukarimu, wir sind freundlich zu Gästen und teilen alles mit ihnen. Aber wer uns keinen Respekt zeigt oder uns angreift, bekommt keinen Platz an unserem Feuer und keine Hilfe durch unsere Hand. Diese Leute haben unsere angegriffen und uns angelogen. Die Nyoka hat Mera bedroht und ihre Magie gegen mich benutzt. Und trotzdem helft ihr denen?“
Kisha verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust schob trotzig das Kinn vor. Sie sah Aniron direkt in die Augen. „Und ihre Magie? Sie klang scheiße.“
Sie dachte an das schrille Kreischen zurück, das ihr entgegengeschlagen war, als Felia ihre Flamme gewirkt hatte. Ein Zauber, dem ihren so ähnlich, doch von so gänzlich anderer Natur. Ein Schauer lief ihr bei der Erinnerung an das Geräusch über den Rücken. Wenn die Verbindung dieser Feuermagier zu den Vizuka von derselben Art war wie der Klang ihrer Magie, war es kein Wunder, dass diese Leute so verkorkst und ekelhaft waren.
„Ich hab eine alte Schmiede im Keller gefunden“, schob Kisha schließlich leiser hinterher. „Da unten sind Werkstätten, eh? War aber schon lange keiner mehr drin. Ganz viel Staub und Spinnen. Ich glaub, ich krieg das wieder hin. Kann aber sein, dass die Hammerschläge manche beim Lesen stören.“
Und als wäre nichts gewesen und aller Zorn verraucht, zeigte Kisha ihre Zähne und lachte beim Gedanken daran, wie Na-Cron bei jedem künftigen Hammerschlag aus dem Keller über seinen seltsamen Tränkebüchern zusammenzuckte, aus voller Kehle.
„Ja, ein Licht zu zaubern, ist sehr nützlich“, pflichtete sie ihrem Mitschüler bei. Doch wenn sie ehrlich war, wusste sie auch gar nicht, welche anderen Möglichkeiten ihr zu diesem Zeitpunkt offenstanden. Was lernte man denn sonst noch alles, wenn man gerade erst begriff, wie man Wissen aus dem Flüstern der Vizuka erlangen konnte? Es war Einerlei – mit dem Licht würde sie schon nicht viel falsch machen. So etwas konnte man immer einmal gebrauchen.
Mera kam nicht umhin bei den harten Worten Kishas zu nicken. Wenn sich Gäste derart benahmen, mit welchen Recht verlangten sie Respekt? Auch wenn ihre eigene Kultur, ihr eigenes Gedankengut sich von der der Kizalongwe unterschieden, so stimmten sie in diesem Aspekt doch überein. Es zeigte eindrucksvoll, das man auch mit Menschen aus völlig Fremden Kulturen doch immer auch einen Teil seiner Moralvorstellung teilte.
„Ich mochte sie nicht.“ meinte sie zustimmend, nachdem Kisha fertig war. „Sie waren gemein und arrogant. Ich habe mich in der Heilkammer versteckt, bei Danee. Bei ihr fühle ich mich wohl.“
Sie dachte zurück an die Salbe, die sie ihr geholfen hatte zuzubereiten. Ein paar Kräuter hier gereicht, ein wenig heißes Wasser dort. Vermutlich war sie weniger Hilfe gewesen als Ablenkung, und doch hatte sie das Gefühl, das die alte Heilerin ihre Anwesenheit und ihre Hilfe schätzte.
„Sie meinte wir sollen nicht so schnell urteilen. Weil wir nicht wissen, wer sie tief drin sind. Und warum sie so geworden sind wie sie sind. Und das jeder Mensch nur die Summe seiner Erfahrungen ist. Und sie hat recht damit. Aber wenn jemand so ist wie diese Novizen… dann kann ich nicht anders, als sie nicht zu mögen.“
Sie schloss die Augen und sog tief Luft ein. Sie waren nun weg. Es gab keinen Grund mehr sich zu beunruhigen.
„Ich würde gerne irgendwann verstehen können, was in solchen Menschen vor sich geht. Und beruhigend sein. Streit schlichten. Danee meinte, dass so etwas mit Magie geht. Aber ich kann ja noch nicht einmal wirklich ein Licht zaubern so wie Kisha und Na-Cron. Ich hab es nur einmal geschafft, und das war bestimmt nur ein Zufall...“
Zu Isidors Überraschung wurde er von einem allzu bekannten Gesicht abgefangen, an dem ein kleiner Körper hing, der ihn wild gestikulierend und mit erstaunlich viel Durchsetzungsvermögen wieder durch die Tür der Bäckerei nach draußen bugsierte, sodass er fast über seine eigenen ungeschickten Füße stolperte.
„Johanna?“, fragte der Hüne verdutzt und schaute auf seine Freundin herab, deren Hand auf seiner Brust ruhte, welche er in das neue Wams gehüllt hatte. Sein letztes Gold war für dieses gute Stück über die Ladentheke gewandert und er musste zugeben, dass er stolz war, etwas gefunden zu haben, was ihn nicht wie ein zu groß geratener Trottel aussehen ließ. Kein Brokat oder Seide, das hätte ohnehin nicht zu ihm gepasst. Aber fein gewobene Wolle in farbenfroher, gedeckter Pracht. Etwas eng war das Wams zugegebenermaßen, aber selbst die breite Auswahl hatte ihre Grenzen gehabt.
Sie zog ihre Hand zurück und für einen Moment bedauerte er es. Die Stelle war noch immer warm und er freute sich ungemein die liebgewonnene Dunkelhaarige zu sehen. Es kam ihm vor, als wäre er den ganzen Tag durch die Gegend gehetzt, ohne auch nur einen ruhigen Moment zu haben und irgendwie fühlte er sich bei ihrem Anblick…entspannt.
„Schön dich zu sehen“, warf er etwas unbeholfen ein, während sie ihn aufklärte, wie er die Stelle finden würde, die sie für Frieda und ihn auserkoren hatte.
Isidor wusste nicht, ob er alles mitbekommen hatte, was sie ihm soeben gesagt hatte, doch er war etwas durch den Wind ob der stürmischen Begrüßung. War es überhaupt eine Begrüßung gewesen? Zu allem Überfluss kam sie ihm im nächsten Augenblick wieder näher und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm etwas zuzuflüstern. Der Geruch einer Schmiede stieg ihm in die Nase, zusammen mit etwas Zimt – hatte sie wieder genascht? – und einem Hauch von Duftholz, welcher ihm besonders gut gefiel.
„Ja, ich…denke, dass ich alles habe“, murmelte er etwas unsicher, als sie wieder einen Schritt zurückgetreten war, „Und danke, dass du Ausschau für mich…also uns…also Fräulein Frieda und mich…ehm…hältst.“
Bei den Göttern, warum war er plötzlich so nervös? Frieda war noch gar nicht hier und schon verhielt er sich wie ein Jüngling, der bei der Anwesenheit von Frauen verrücktspielte.
„Ja, wir sehen uns morgen, oder später“, verabschiedete er sie und folgte ihrem Rat, als er sich versucht lässig auf einen der Tische setzte, die für die Gäste der Bäckerei im Außenbereich standen.
Dass er dabei so fehl am Platz aussah wie ein varantischer Warmblüter bei der Stewarker Eselzuchtmesse, war ihm peinlich bewusst. Obwohl er sich auch weniger mit einem so edlen Pferd verglichen würde, eher mit einem…
Doch den Gedanken konnte er nicht zu Ende führen, denn in diesem Moment öffnete sich die Tür der Bäckerei und Frieda trat heraus. Der vorherige innere Monolog war zusammen mit allen Zweifeln und Ängsten wie fortgewischt. Die junge Bäckermeisterin hatte ihr rötliches Haar hochgesteckt wie er es bei gut betuchten Damen in Vengard beobachtet hatte. Ihre Wangen waren anmutig gerötet und ein Hauch von dunklem Kohlestift betonte ihre braunen Augen, die nervös glitzerten, als sie ihn entdeckte. Ein adrettes Kleid wusste zu betonen, was die Natur ihr gegeben hatte und wenn jemand in diesem Moment den Namen Livia erwähnt hätte, hätte Isidor nur verständnislos Blinzeln können, da es kein Zweifel gab, dass Fräulein Frieda um ein Vielfaches schöner war.
Zusammen mit ihr trat auch der himmlische Geruch von Vanille und vielfältigen Gewürzen in die abendliche Luft hinaus, wobei der überrumpelte Schmied nicht fassen konnte, ob es von ihr oder dem kleinen Weidenkorb ausging, den sie unter ihrem Arm trug. Mit einem Mal wusste er nicht, ob er Meister Alberich nicht besser nach einem Vorschuss gefragt hätte, um sich passender einkleiden zu können. Doch das leicht zurückhaltende Lächeln ließ keine weiteren Zweifel zu. Der Frühling hatte den jungen Herbst abgelöst:
„Fräulein Frieda, Ihr…seht bezaubernd aus“, waren die ersten Worte, die er hervorbrachte, nachdem er einige Male erfolglos den Mund aufgemacht und wieder zugeklappt hatte.
Ihre Wangen nahmen einen tieferen Rotton an und sie senkte verlegen den Blick.
„Ich…ehm, habe gedacht, dass wir vielleicht einen kleinen Spaziergang vor die Tore der Stadt wagen könnten“, versuchte er nicht schon in den ersten Minuten zu versagen und trat einen mutigen Schritt auf sie zu.
„Das klingt großartig“, piepste sie, konträr zu ihrer offenen, freundlichen Stimme.
Sie selbst schien es ebenfalls zu bemerken und räusperte sich, bevor sie mit einem leichten Lächeln endlich wieder aufschaute.
„Du siehst auch sehr gut aus, Isidor. Und bitte, Frieda reicht“, bot sie an und schien auf etwas zu warten.
„Sehr gerne, Frieda“, erwiderte er und brauchte sicher zwei Momente zu lange, um zu begreifen, was von ihm erwartet wurde, „Wollen wir?“, fügte er verspätet an und bot ihr seinen Arm an.
„Mit Vergnügen“, grinste sie und hakte sich bei ihm ein.
Aniron hatte den Novizen zugehört und nickte. Ein angenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Einerseits war es ein Zeichen des Vertrauens, dass die Novizen, besonders Mera, so offen sprachen, anderseits offenbarte sich ihr das Gegenteil von dem, was Felia ihr hatte weißmachen wollen. Die Novizen waren keine ungehobelten Zöglinge, die eine dringende Unterweisung im Benehmen brauchten, sondern sie waren nicht nur menschlich in ihrem Tun, vielmehr hatten sie durchaus einen guten Blick auf ihre Mitmenschen. Sie waren geistig wach und im Herzen empfänglich für die feinen Schwingungen, mit denen Adanos sie bedachte. Das war eine wunderbare Voraussetzung für ihr weiteres Vorgehen. Die Priesterin warf Aaras einen Blick zu, dem Ähnliches durch den Kopf zu gehen schien.
Die Wehmutter wandte sich als Erstes zu Na-Cron:
„Ah, die Alchemie, wirklich ein ganz spannendes Feld, dem ich mich auch gerne mehr widmen würde. Ich kann deine Faszination sehr gut nachvollziehen. Wenn du irgendwelche Pflanzen brauchst, kannst du dich natürlich jederzeit hier im Kräutergarten umsehen und dir etwas nehmen. Wir haben natürlich auch einen Fundus an nichtpflanzlichen Stoffen, mit denen man experimentieren kann. Auch dort kannst du dir Sachen nehmen, aber denk dran, dass für alles, was wir nehmen, auch wieder etwas der Gemeinschaft zugutekommen muss.“
Dann wanderten ihre Augen zu Kisha:
„Eine Schmiede im Keller? Das klingt gut. Ich denke, wir könnten so etwas sehr gut gebrauchen. Schau mal, was dort unten und im Lager alles da ist. Erstell eine Liste von den Dingen, die du sonst noch brauchst und wir legen diese Tinquilius vor, damit über weitere Anschaffungen entschieden werden kann. Na-Cron, schau doch mal, ob du im Keller in den Werkstätten nicht vielleicht auch einen geeigneten Arbeitsplatz für dich und deine Experimente findest“, überlegte Aniron und musste ein Kichern unterdrücken. Dann wäre zwischen Kishas Hammerschlägen dann vielleicht ein Brodeln, Zischen und gelegentlich dumpfes Wummern zu hören.
Schließlich wandte sie sich auch an Mera:
„Danee hat Recht, wenn du etwas fortgeschrittener bist in der Magie, kannst du dich am Schlichten probieren. Ich beherrsche das und habe das sogar mit euch allen im Tempel gemacht. Mit den Feuernovizen natürlich auch. Ganz ungefragt, ich hoffe, ihr verzeiht mir das. Für das Erfühlen von wahren Emotionen habe ich auch schon eine Idee und wenn ich es ausprobiert habe, hoffe ich, dass ich dir mehr darüber erzählen kann.
Allerdings, ich bin froh, dass ihr so offen gesprochen habt, was die Novizen des Feuers anging, denn ich habe im Grunde ähnlich gedacht. Doch, etwas zu fühlen und dann zu handeln, das sind für uns als Bewahrer des Gleichgewichtes zwei verschiedene Paar Schuhe. Ja, die Art der anderen Novizen mag uns nicht geschmeckt haben, doch sie sind zum einen Teil ihrer Magiegemeinschaft und nicht ohne Grund zur Prüfung des Feuers zugelassen. Zum anderen aber ist es an uns, besonnen zu bleiben, wenn wir lieber eine kräftige Vernunftschelle verteilen würden. Dass ihr“, sie blickte zu Kisha und Mera, „bedroht wurdet, wusste ich nicht. Das hätte auf jeden Fall noch einmal Konsequenzen nach sich gezogen. Doch hätten wir ihnen nicht geholfen, hätten sie vielleicht versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und diesem Risiko wollten wir unseren Tempel nicht aussetzen. Abgesehen davon, dass zwischen Tinquilius und der Obersten Feuermagierin tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft herrscht, die für Frieden zwischen unseren Schulen sorgt. Dies müssen wir bewahren und Tinquilius ist nicht bereit, das wegen ein paar sturer Schüler auf der Seite des Feuer aufzugeben. Sie sind das Feuer, die Hitze, die Leidenschaft. Wir aber stehen für das Wasser, das kühle und ewig fließende. Für den Fels, der sich dem Wind entgegenstemmt und gleichzeitig den Sand, der macht, dass die Düne in der Wüste sich stets verändert. Alles ist in Adanos‘ Fluss.“
Sie atmete einmal durch und ließ ihren Blick schweifen, entdeckte ihre Tochter balancierend auf ein paar Steinen und ein Lied singend. Nach einigen Augenblicken der nachdenklichen Stille sah sie wieder zu ihren Novizen:
„Also, Licht, ja? Gut, darf ich, Bruder Aaras?“
Aaras nickte.
Aniron erzeugte eine Lichtkugel.
„Es ist tatsächlich ein einfacher und sehr praktischer Zauber. Er ist der einzige Zauber, den jeder Magier ausführen kann und gleichzeitig noch etwas anderes erledigen kann.“
Aniron sah sich um. Ah, ja, da war eine Harke! Diese würde sie jetzt mal kurz zweckentfremden! Das durfte sie, war mit der Leiterin den Kräutergartens abgesprochen …
Die Lichtkugel folgte ihr, und in etwas Abstand zu den Novizen packte Aniron das längliche Gartenwerkzeug: „Stellt euch vor, das wäre ein normaler Kampfstab, keine Harke.“
Sie stellte sich in die Grundposition und führte eine kurze Kombination aus Schlägen aus, ließ die Lichtkugel dabei immer wieder auf ihren improvisierten Kampfstab fallen und schlug dagegen. Nach ein paar Schlägen ließ sie die Kugel nach oben wandern und vollführte noch eine schnelle Drehbewegung, dann ließ sie die Harke wieder sinken.
„Habt ihr gesehen? Also, ihr könntet kämpfen, ihr könntet andere Magie wirken, ihr könntet nebenher schmieden, kochen, was auch immer.“
Sie stellte die Harke wieder an die Wand und ging zu den Novizen und Aaras zurück.
„Und jetzt die Frage, wie macht ihr das? Ganz einfach: Stellt euch vor, ihr wollt Licht machen. Ihr braucht Licht. Ruft das Gefühl durch eine Erinnerung oder den puren Wunsch hervor und lasst eure Magie wirken. Ja, so einfach ist das.“
Sie lächelte und ließ die Lichtkugel vorerst wieder verschwinden.
„Wenn ihr das könnt, widmen wir uns den verschiedenen Farben.“
Na-Cron musste über Kishas Ausbruch schmunzeln. Die Frau nahm gewiss kein Blatt vor den Mund, so viel stand fest. Doch er bezweifelte stark, dass es ihr immer Gutes bringen würde, schließlich konnte die junge Frau nicht in allen Situationen so direkt sein. Was sie aber gewiss sein würde, glich sie in der Hinsicht doch eher einer Axt, mit der man Rasen mähen wollte.
Das war ein guter Vergleich, fand der Novize. Er sollte sich das aufschreiben, damit er das nicht vergessen würde. Aber da er weder Stift noch Papier mit sich führte... Nun, Na-Cron würde es sich einfach merken müssen. So was gutes konnte er doch nicht vergessen.
Und warum sollte er überhaupt, wenn er anfing mit den verschiedenen Stoffen zu experimentieren, das im Keller machen? Hatte Aniron Angst, dass irgendwas gefährliches passieren würde? Als wenn Na-Cron so unvorsichtig wäre. Schließlich wusste er bereits um die Gefahren, die ein Stollen bereiten konnte. Wenn man hinein biss, dann erwischte man mit Pech eine Rosine. Und die waren nun einmal widerlich.
Moment. Falscher Stollen. Aber eigentlich war es auch egal. Na-Cron nickte einfach nur zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Dann würde er halt im Keller arbeiten. Vielleicht war Kisha mit ihren Schmiedearbeiten nicht ganz so laut, wie er befürchtete. Wobei er sich darüber wunderte, was diese Frau mit einer Schmiede anfangen wollte. Wollte sie magische Waffen und Rüstungen schaffen? Der Novize hatte Geschichten über solche Dinge gehört, doch das waren zumeist von Göttern geschaffene Artefakte, die so mächtig waren, dass kein Sterblicher sie auf Dauer behalten konnte, geschweige denn selbst erschaffen.
Aber dennoch ein interessanter Gedanke.
Nachdem Aniron ihre Demonstration beendet hatte, wollte Na-Cron sofort die Augen schließen und sich auf die Magie um ihn herum konzentrieren. Doch dann sprach die Priesterin von verschiedenen Farben, was den Novizen zögern lies. Licht hatte doch eigentlich nur eine Farbe, oder? Doch dann fiel ihm das blaue Feuer ein, welches er mit seiner Macht erschaffen konnte. Es war Feuer. Blaues Feuer. Und es machte Licht. Also musste es doch nicht unmöglich sein.
Doch diese Kugel, die Aniron geschaffen hatte, die war etwas völlig anderes als Feuer. Es schien, als wäre sie aus reinem Licht erschaffen worden, ohne Substanz und doch in ihrer Form gleichbleibend, egal was sie dabei getan hatte. Und es schien völlig einfach.
Na-Cron schloss die Augen und sammelte sich, beruhigte seine Atmung und seinen Geist, bevor er erneut die Augen öffnete. Nun konnte er die Ströme und das Funkeln der Magie wieder sehen. Auch wenn er mittlerweile wusste, dass es immer da war und niemals wirklich verschwinden würde, so half es ihm neue Zauber besser zu visualisieren. Schließlich musste er erst einmal sehen, wo sich die Magie am besten sammeln konnte.
Wie beim Flammenzauber auch streckte der Novize die Hand aus und lies die Magie gleichmäßig in die Handfläche strömen. Doch im Gegensatz zum vorherigen Zauber wollte er diesmal kein Feuer entzünden. Er wollte einfach nur Licht. Kein besonders großes, kein Glitzern, kein Funkeln, nur Licht. Und wie Aniron es ihnen geraten hatte, wünschte er es sich. Er wünschte es sich all der Vehemenz, die in ihm war, stellte sich dabei vor, dass er an einem Ort gefangen wäre, der in tiefste Finsternis getaucht war.
Als wäre es so, dass er tief unter dem Berge in einer finsteren Höhle gefangen war, in die noch nie auch nur ein einzelner Funken Sonnenlicht gedrungen war. Und diese Finsternis wollte Na-Cron durchbrechen!
Direkt vor seinen Augen erschien ein kleiner, leuchtender Klumpen, kaum größer als ein Walnuss. Er flackerte und wirkte unstet, so schüchtern wie ein junger Bräutigam vor seiner Hochzeitsnacht. Doch Na-Cron lies sich davon nicht beirren, stattdessen lies er noch mehr Magie in dieses kleine Lichtlein fließen. Plötzlich schwoll es auf die Größe einer reifen Wassermelone an und wurde immer greller, bis es in einem grellen Lichtblitz einfach zerplatzte!
Erschrocken taumelte der Novize ein paar Schritte zurück und rieb sich die tränenden Augen. Geblendet von seinem eigenen Licht versuchte er durch starkes Blinzeln wieder etwas sehen zu können. Doch die Schatten vor seinen Augen verschwanden nur langsam wieder. "Verflucht..." murmelte Na-Cron leise. Das hätte nicht passieren sollen.
Schweigend gingen Isidor und Frieda eingehakt nebeneinander her, aber es war kein unangenehmes Schweigen, wie er zunächst befürchtet hatte. Vielmehr erfüllte sie eine stille, beruhigende Präsenz, die nur selten zu finden war. Sein Blick wanderte von der kleinen Bäckerin zu den Geschäften der Handwerkerstraße, die im goldenen Schein der untergehenden Sonne erstrahlten. Ihre Schritte hallten leicht auf dem Pflaster wider, während sie sich langsam vom geschäftigen Treiben der Stadt entfernten.
„Ich hoffe, du hattest einen guten Tag in der Bäckerei“, versuchte Isidor dein Gespräch zu beginnen, sein Blick immer wieder zu Friedas Gesicht wandernd, das in der Abenddämmerung noch schöner wirkte.
„Ja, es war recht geschäftig heute“, antwortete sie mit einem leichten Lächeln ob des vertrauten Themas, „Viele Kunden wollten noch schnell etwas vor Ladenschluss besorgen.“
„Johanna sagte, du hättest Arbeit bei einem der Schmiede gefunden“, merkte die Rothaarige an.
„Ja, das stimmt!“, freute sich Isidor, „Meister Alberich hat mich als Geselle.“
„Oh, mein Vater und er kennen sich schon ewig! Wie ist er so als Arbeitgeber?“
„Ich kann mich nicht beklagen.“
Für den Moment verfielen sie wieder in Schweigen und näherten sich bereits dem Torhaus.
„Ein abendlicher Spaziergang?“, fragte einer der beiden Torwächter, als sie unter dem Torbogen hindurchschlenderten.
„Genau! Ihr lasst uns etwas später doch wieder herein, oder?“, fragte Frieda freundlich und lächelte auf eine Weise, dass wohl niemand ihr etwas abschlagen konnte.
„Natürlich, Frieda. Viel Spaß!“
„Danke und eine ruhige Wache!“
Auf der Brücke zum Stewarker Umland hielten sie kurz inne und spähten über die Brüstung. Die Sonne schien vom Dach der Zitadelle aus auf sie herab und spendete noch ausreichend Wärme für einen angenehmen Abend.
„Wo genau gehen wir hin?“, fragte Frieda schließlich.
„Das wirst du bald sehen“, lächelte Isidor mysteriös, der sich ganz auf Johannas Zeichen verließ, „Ich habe mich den ganzen Tag auf diesen Spaziergang gefreut“, gestand er, seine Nervosität so gut wie möglich verbergend, indem er seinen Blick auf den Weg vor ihnen richtete, dem sie wieder folgten.
Frieda ließ ein zufriedenes Summen hören und hakte sich enger bei ihm ein.
„Ich auch“, sagte sie leise, „Es ist schön, mal rauszukommen und die Ruhe zu genießen.“
„In der Bäckerei ist immer viel los, nicht wahr?“
„Ja, die Leute lieben meine Süßgebäcke, aber auch unser Brot ist sehr gefragt!“, bestätigte sie ohne Umschweife und der Stolz auf ihre Arbeit war deutlich sichtbar.
„Du beeindruckst mich, Frieda“, gab der Schmied ehrlich zu, was sie erröten ließ, „Deine eigene Bäckerei und jeder scheint dich zu lieben!“
„Ach, ich bin da so reingewachsen“, winkte sie plötzlich bescheiden ab.
„Wollen wir hier abbiegen? Ich habe da vor meiner Ankunft einen schönen Platz von Weitem gesehen“, fragte er.
Isidor hatte das Zeichen von Johanna bemerkt und lotste ohne Umschweife seine Verabredung zwischen die Apfelbäume der Plantage.
„Dürfen wir hier denn einfach rein?“, fragte sie etwas unsicher.
„Keine Sorge, wir sind hier ungestört“, versprach er und zog sie langsam mit sich.
Etwas Abseits der Wege fanden sie ein schönes Plätzchen mit Blick auf den Sonnenuntergang und genügend Sichtschutz zwischen den reifenden Äpfeln.
„Ich habe uns etwas mitgebracht“, offenbarte er und öffnete seine Tasche, um den Wein und die Schalen mit Eintopf herauszuholen, die er abgedeckt hatte, damit sie nicht ausliefen.
„Oh! Du hast wohl an alles gedacht, was?“, fragte sie grinsend, als er auch noch eine Decke hervorholte und ausbreitete.
Frieda ließ sich auf der Decke nieder und Isidor kam nicht umhin ihr Äußeres erneut zu bewundern, der feine Bogen ihres Halses, der in die Schultern überging und das Kleid, welches unterhalb ihrer Schlüsselbeine spitz zusammenlief. Er starrte wohl etwas, denn sie errötete wieder.
„Setzt du dich zu mir?“, fragte sie leise und schaute auf den Platz neben sich.
„Ehm, ja natürlich!“
Isidor nahm Platz neben Frieda und schenkte den Wein in zwei Becher ein, während der köstliche Duft des kalten Eintopfs die Luft erfüllte und sich mit dem Geruch der Apfelbäume vermischte. Frieda nahm einen tiefen Atemzug und lächelte.
„Das riecht herrlich.“
Er erwiderte ihr Lächeln und reichte ihr einen Becher.
„Auf einen schönen Abend“, toastete er ihr zu und ihre Becher klangen sanft aneinander. Sie nippte vorsichtig an dem Wein, und für einen Moment verloren sie sich in der friedlichen Atmosphäre des Apfelhains.
„Weißt du, Isidor“, begann Frieda nach einer Weile, „es ist nicht oft, dass ich Zeit habe, einfach mal auszuspannen und die Natur zu genießen. Das hier ist wirklich etwas Besonderes.“
„Ich bin froh, dass du es genießen kannst“, antwortete Isidor. „Es ist schön, diese Momente miteinander zu teilen.“
Während sie den Eintopf aßen, fanden sie tatsächlich Themen, über die sie reden konnten, die nichts mit ihrer jeweiligen Arbeit zu tun hatten. Der Wein lockerte ihre Zungen und bald schon lachten sie gemeinsam über lustige Anekdoten, die die Bäckersfrau von allerlei Leuten in Stewark kannte. Als Umschlagsplatz für Klatsch und Tratsch war das Zum goldenen Nudelholz ein geeigneter Ort und Frieda hatte für jeden ein offenes Ohr und geizte nicht mit Ratschlägen, die so voll Lebenserfahrung steckten, die nicht mit ihrem jungen Alter übereinstimmen wollten.
„Der Eintopf war wirklich lecker!“, seufzte sie zufrieden und stellte die leere Schüssel ab, „Ich habe uns Nachtisch mitgebracht“, grinste sie schelmisch und zog ihren Weidenkorb näher, aus dem sie einige Zimtschnecken holte, „Die mochtest du doch, oder?“
„Ich glaube, dass mir alles schmecken würde, was du backst“, trug er wohl etwas zu dick auf, doch dank der gelockerten Stimmung nahm Frieda es gut auf.
Die süße Backware war genauso himmlisch wie beim ersten Mal, als er in den Genuss kam.
„Ein Königreich für das Rezept“, stöhnte er versonnen, während er sich den Geschmack auf der Zunge zergehen ließ.
„Das ist ein Familiengeheimnis“, zwinkerte die Rothaarige ihm kess zu und biss selbst in eine Zimtschnecke, wobei sie genießerisch die Augen schloss.
„Weißt du, Frieda“, sagte er schließlich, „ich bin froh, dass wir heute hier sind. Bisher hatte ich das Gefühl, dass ich nur hin und hergehetzt bin, auf der Suche nach einem Ort, an dem ich mich wohlfühlen kann, nachdem meine Familie gestorben ist. Ich glaube, Stewark hat gute Chancen dieser Ort zu sein.“
Frieda sah ihn mit warmem Blick an, und ihre Hand fand in einem Anflug von Mut die seine.
„Du bist ein besonderer Mensch, Isidor. Ich bin froh, dass du hierhergekommen bist.“
Ein angenehmes Schweigen folgte, in dem die Farben des Sonnenuntergangs den Himmel in ein Gemälde verwandelten. Die warmen Orangetöne mischten sich mit sattem Purpur und tiefem Blau, während die letzten Strahlen der Sonne die Wolken in leuchtendem Gold umfingen. Der Himmel war ein Meisterwerk der Natur, das sich stetig veränderte und in seiner Pracht überwältigte.
Isidor und Frieda saßen nebeneinander auf der Decke, der weiche Duft von Äpfeln und frischem Gras umgab sie. Eine sanfte Brise streichelte ihre Gesichter und ließ Friedas rotes Locken im Wind tanzen, als ob es teil des Himmelsgemäldes selbst wäre.
Sie sahen schweigend zu, wie die Sonne langsam hinter dem Horizon verschwand und der Himmel sich in sattem Indigo verfärbte.
Das Zwielicht tauchte die Landschaft in ein fast magisches Licht, in dem die Apfelbäume wie Silhouetten eines alten Märchens wirkten. Die Sterne begannen, ihre glitzernden Augen am Himmel zu öffnen, und ein Gefühl der Ruhe und des Friedens erfüllte die Luft. Das Zwitschern der Vögel verstummte allmählich, und die Nacht übernahm die Herrschaft über den Tag.
In diesem Moment, eingehüllt in die Schönheit der Natur und die Stille der Dämmerung, fühlte sich Isidor so verbunden wie nie zuvor. Es war, als ob die Welt für einen Augenblick stillstehen würde, um ihnen diesen perfekten Augenblick zu schenken. Sein Herz schlug schneller, als er ungesehen Friedas Profil beobachtete.
„Ich hoffe, wir können das öfter machen“, sagte sie leise und ihr Blick traf den seinen.
„Das hoffe ich auch“, flüsterte Isidor zurück.
„Wir sollten langsam zurückgehen“, seufzte die Bäckerin etwas wehmütig und schaute wieder zum Himmel empor, an dem sich die ersten Sterne zeigten.
„Ja, aber bevor wir aufbrechen…“
Isidor griff erneut in seine Tasche und holte die Südfrüchte aus dem Roten Hahn hervor. Neugierig beäugte Frieda das farbenfrohe Obst.
„Ich wusste nicht recht, was du magst, also dachte ich, dass vielleicht etwas Exotisches dein Gefallen erwecken würde.“
„Für mich?“, fragte sie überrascht.
„Ja, Johanna hat mir einen Tipp gegeben und ich dachte, vielleicht könntest du damit neue Rezepte ausprobieren“, gab er zu und lächelte, als sie die Früchte entgegennahm.
„Dankeschön! Solche Früchte habe ich noch nie gesehen!“, rief sie begeistert und legte sie nach einem Moment in ihren Weidenkorb.
„Sehr gerne! Lässt du mich probieren, wenn du sie für ein Süßgebäck verwendest?“
„Aber sicher!“
Es wurde Zeit, den schönen Abend ausklingen zu lassen und so liefen die beiden, betont langsam und etwas näher aneinander, zur Stadt zurück, wo Isidor sie bis zur Bäckerei begleiten würde.
Die Geräusche der Stadt umgaben Thorek – das Lachen von Kindern, das Rufen von Händlern, die ihren Waren nachriefen, und der Duft von frisch gebackenem Brot, der ihm in die Nase stieg. Doch als er um eine Ecke bog, fiel sein Blick auf zwei Männer, die in einer schmalen Gasse standen und lautstark diskutierten. Der eine war ein muskulöser Mann mit schmutzigem Schürzenstoff, der unmissverständlich als Fleischer zu erkennen war. Seine Hände waren fleischig und stark, und die Schürze war mit blutigen Spritzern übersät. Der andere trug eine abgewetzte Lederjacke, und obwohl er etwas zerzaust aussah, hatte Thorek das Gefühl, dass der Mann ein Jäger sein könnte. Sein Gesicht war sonnengebräunt, und an seinem Gürtel hing ein kleines Messer, dessen Form bestens für das Häuten eines Tieres geeignet gewesen war.
"Ich sag's dir! Die letzte Lieferung ist seit einer Woche überfällig!" rief der Fleischer und fuchtelte mit einem Stück frischem Fleisch in der Hand. "Ich kann das nicht mehr lange durchhalten! Meine Vorräte gehen zur Neige, und die Kunden warten schon!"
"Du weißt, dass es im Wald nicht gerade viele Wildtiere gibt, oder Orin?" antwortete der Jäger mit einer sarkastischen Note in seiner Stimme. "Die letzten Jagden waren alles andere als erfolgreich. Das Wetter war schlecht, die Tiere sind scheu geworden." Thorek hatte das Gefühl, dass er hier vielleicht eine Möglichkeit finden konnte, sich nützlich zu machen. Er zögerte kurz, bevor er den Mut fand, auf die beiden Männer zuzugehen. "Entschuldigt aber ich habe euer Gespräch mitbekommen..." begann er vorsichtig. "Mein Name ist Thorek, ich bin neu hier in der Stadt. Zufälligerweise bin auch ich ein Jäger und könnte Euch vielleicht behilflich sein?"
Der Fleischer wandte sich langsam zu ihm um und musterte Thorek von Kopf bis Fuß. Sein Blick war skeptisch, und ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. "Und du meinst, du hast das Zeug dazu, ja!?" Thorek spürte einen Anflug von Nervosität, aber er ließ sich nicht unterkriegen. "Ja, ich kenne die umliegenden Wälder gut und habe vor meiner Ankunft auf Stewark für einen Bauern gearbeitet. Die vielen Hasen, die in seiner Vorratskammer hängen, sind Beweis für meine Fähigkeiten als Jäger!"
Der Fleischer schien für einen Moment nachzudenken, seine Miene wechselte von Skepsis zu einer Art prüfendem Interesse. Er nickte dann langsam. "Nun gut, Thorek. Wenn du wirklich ein Jäger bist, dann könnte ich einen Mann wie dich gut gebrauchen. Ich brauche dringend Wild – Wildschweine, Rehe, Hasen, was auch immer du finden kannst. Wir sind hier auf die frischen Vorräte angewiesen, und ich kann dir ein anständiges Stück für deine Mühen anbieten."
Der Jäger beobachtete Thorek mit einem prüfenden Blick. "Du bist dir der Gefahren wirklich bewusst, die im Wald lauern? Es gibt nicht nur Tiere, die gejagt werden wollen. Manchmal sind es die Jäger selbst, die zur Gefahr werden." Thorek nickte. "Dessen bin ich mir bewusst. Es wäre nicht das erste Mal, das man mir versucht, Schwierigkeiten zu bereiten." Der Fleischer grinste breit. "Gut. Dann haben wir einen Deal. Bringe mir so viel Fleisch, wie du tragen kannst und ich sorge dafür, dass es sich für dich lohnen wird!"
Kisha lächelte zunächst, als Aniron nach der Harke griff, und leckte sich dann unweigerlich über die Lippen, als die Wassermagierin mit der selbstsicheren Anmut einer versierten Kämpferin zeigte, dass sie sich mit einem Stab durchaus zu bewegen wusste. Kämpferische Frauen waren genau nach ihrem Geschmack. Wo war eigentlich Anirons Mann? Hatte sie den schon einmal gesehen? Es war bedauerlich, dass die Menschen auf Argaan sich in der Regel an feste Partner hielten und nicht offen für Nähe zu Anderen waren. In Anirons Fall war das eine wahrliche Verschwendung.
Beinahe vergaß Kisha, worauf ihr Augenmerk in diesem Moment eigentlich liegen sollte. Die Lichtkugel an Anirons Seite flackerte nicht und blieb einfach, wo sie war, obwohl die Magierin sich ganz offenkundig nicht mehr darauf konzentrierte. Von ihr ging ein ganz faszinierender Klang aus – nicht so kraftvoll wie das Cheche! des Flammenzaubers, und nicht so verschlungen und hauchend wie das Kijijini der unsichtbaren Hand. Es war ein warmer, voller Ton, beinahe wie Musik, langanhaltend und sich sanft in seine Umgebung einfügend. Kisha konnte sehen, warum es einfacher sein musste, diesen Zauber auch ohne viel Konzentration am Leben zu erhalten, wenn dieser warme Ton in der Welt resonierte. Allein, diese Weichheit machte es ihr verdammt schwer, das Wort zu verstehen, das die Vizuka flüsterten. Das, und vielleicht auch die Hüften ihrer Lehrerin, die sich als reizvolle Verheißung durch ihr azurblaues Kleid abzeichneten.
Anirons Vorführung endete alsbald und ließ Kisha beeindruckt und vielleicht ein klein wenig abgelenkt zurück, doch so recht wusste sie noch nicht, wie sie es angehen sollte. Sich vorzustellen, dass sie dringend ein Licht benötigte – nein, so hatte die Magie bisher noch nicht für sie funktioniert. Sie musste in das Flüstern hineinhorchen, ein Gefühl für die Worte der Vizuka bekommen und mit Hilfe der Maske selbst das richtige Timbre treffen, wenn sie sich daran versuchte.
Doch glücklicherweise preschte Na-Cron hervor und versuchte sich augenblicklich daran, die Anweisungen der Wassermagierin umzusetzen. Ihr Mitschüler gab alles, um es im ersten Versuch gelingen zu lassen – vielleicht ein wenig zu viel. Seine Lichtkugel schwoll mit einem Mal so heftig an und nahm dermaßen an Intensität zu, dass Kisha sich mit einem empörten Aufschrei die Augen mit ihrem Arm verdeckte und sich eilends abwandte. Doch die Heftigkeit seines Ausbruchs ließ das Flüstern der Vizuka so sehr anschwellen, dass sich das Wort geradezu in ihren Verstand brannte.
Ona … Es lag so viel Wärme und Weichheit in diesem Wort! Als sie es leise vor sich hin flüsterte, fühlte es sich in ihrem Mund an wie eine wohlige Umarmung.
Sie wandte sich den anderen wieder zu, und als sie sich von der unerwarteten Blendung erholt hatte, grinste sie Na-Cron breit an.
„Das war kichaa, rafiki! Du hast es echt drauf, eh?“
Nun aber wollte sie selbst auch nicht mehr hinterm Berg halten. Sie nahm ihre Maske vom Gürtel und setzte sie mit einer Selbstverständlichkeit auf, als wäre es vollkommen gewöhnlich, sein Gesicht für diesen Akt zu bedecken.
Kishas Lippen formten lautlos das magische Wort. Ihre Augen ruhten auf Aniron – das Wort passte so gut zu ihr! Und war sie nicht auch ein Leuchtpfeiler des Verstehens für ihre drei Schüler? Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihrer Leber aus, und als sich das Wort in ihrem Mund formte, spürte sie, dass es richtig war, noch bevor sie es aussprach.
„Ona!“
Zwischen ihren Handflächen erglomm ein Licht, warm und unscheinbar, in einer rhythmisch zuckenden Melange aus rot und orange. Kisha strahlte mit der Globe um die Wette, die an Intensität zunahm. Sie sah von dem Licht auf zu ihrer Lehrerin.
„Es klappt!“
Die Farbe der Kugel veränderte sich zu einem lebhaften, dann einem tiefdunklen Rot, und plötzlich verließ sie Leuchtglobe Kishas Hände und driftete zielstrebig auf Aniron zu.
„Eh! Bleib hier!“, rief Kisha, die gar nicht wusste, wie sie ihrer Überraschung Luft machen sollte. Aniron trat ein Stück zur Seite, als das Licht sie erreichte, doch es änderte einfach die Richtung und folgte der Wassermagierin auf dem Fuße.
„Hör auf!“, rief sie empört. Das Licht wurde schwächer und verglomm schließlich vor Anirons Brust. Kisha biss sich auf die Lippe und strich sich fahrig durch das wilde Haar.
„Pole sana. Ich weiß nicht, was das war. Aber es hat geklappt, eh?“
Das Mädchen des Schreiners hieß Marlis und war ein Bündel an kindlich offener Neugierde, erbarmungslos offener Dreistigkeit und freundlich offener Weltanschauung. Der Mann aus Nordmar, selber gerade mal halb so alt wie der Vater des Mädchens, fühlte sich in ihrer Gegenwart mindestens viermal so alt und rüstig. Immer wieder deutete Marlis mit dem Finger hier hin und dort hin und erklärte Necomar, worauf sie gerade zeigte.
"Das da ist das Fischerdorf!", rief sie aus und deutete die Küstenlandschaft hinab zum Strand, wo sich eine Ansammlung von Hütten und mehrere Stege befanden, die ins Meer ragten. "Aber Fisch ist eklig! Papa ist ihn gerne, nicht wahr?"
Der Schreiner schnaubte nur, nickte und kaute auf einem Halm herum, der ihm im Mundwinkel hing. Fast hätte Necomar ihn gefragt, was der Trick dabei war, die Stimme der Tochter zum Hintergrundgeräusch zu machen und nur die wirklich wichtigen Fragen herauszufiltern.
"Und da ist die Taverne, siehst du?", Marlis stieß ihn an und deutete auf einen ehrwürdigen Bau, der von einer Palisade umgeben war. Fast ein kleiner Landsitz. "Früher haben wir da ... naja, bevor Mama ... jedenfalls waren wir da öfter essen. Mama hat sich gut mit Murdra verstanden. Papa findet, dass das ne alte Vettel ist."
Wieder nickte der Schreiner vor sich hin, linste kurz zu Necomar und hob einen Mundwinkel.
"Ist sie denn so schlimm?", fragte er Marlis. Das Mädchen nickte heftig.
"Geizig, unfreundlich und laut. Als ich klein war, habe ich mal ein Glas Milch verschüttet. Da hat die mich zusammengestaucht wie ... na, wie, Papa? Du hast es mal gesagt ..."
"Wie'n oller Geier, dem der Kadaver im Mund quer steckt.", vervollständigte der Schreiner trocken, als würde er ein Gesetz aus einer Schrift zitieren.
Necomar lachte kurz, blickte erneut zur Palisade und der Taverne hin. "Na, dann wage ich mich wohl noch nicht in dieses Geiernest, nicht wahr?"
Marlis kicherte. Als sie um einige herbstbelaubte Bäume herumfuhren, die in weitläufige Apfelhaine mündeten, deutete sie auf etwas, das am Ende des Weges auf sie wartete. Eine Festung. Nein, eine Stadt.
Bei Adanos, dachte Necomar, es ist beides.
"Das ist Stewark.", Marlis klang so stolz, als hätte sie selber den Mörtel für die Mauerbauten angerührt. Doch selbst ihr schweigsamer Vater brummte zufrieden bei dem Anblick.
Höher und höher ragten eckige, bedachte Türme in den Himmel. Aus einem Wirrrwarr von steinernen Häusern erhoben sie sich, wobei ein mächtiger Bau in der Mitte den größten darstellte. Necomar pfiff anerkennend durch die Zähne.
"Das ist die Zitadelle", erklärte das Mädchen und deutete auf den mächtigen Turm. "Früher hat da der Herr Baron Renwick alleine gelebt. Jetzt wohnen ganz oben der König der Südlichen Inseln und seine Töchter darin."
Necomar hob eine Braue. "Aber ist Rhobar nicht König von ... naja, allem?", fragte er. Politik hatte ihn schon seit seiner Kindheit nie interessiert. In Nordmar hatten vor Ort die Clanführer etwas zu sagen, ebenso der Botschafter des Reiches, der im Hammerclan residierte. Auch als Necomar die Axt ergriffen und auf Fahrt gegangen war, hatte ihn nie interessiert, wofür sie kämpften. Es ging gegen Orks und Feinde, das war für ihn Grund genug gewesen.
Der Schreiner machte große Augen, spuckte den Halm aus. "Bürschchen, das würde ich innerhalb der Mauern nicht von mir geben", knurrte er, jedoch nicht wütend, eher ratgebend. Seine Tochter nickte eifrig.
"König Ethorn der Sechste regiert Argaan. Es gibt zwar den Orden Innos' in Thorniara, aber eigentlich gehört die Stadt auch dem König Ethorn."
"Es ist kompliziert", ergänzte der Handwerker unnötigerweise. Necomar nickte nur.
"Kein Wort zu Herrschaftsansprüchen, alles klar.", notierte er sich laut. Marlis lachte, fing dann an von den Apfelhainen zu sprechen. Dem leckeren Apfelsaft, den Kuchen und Gebäcken, in denen die Äpfel verarbeitet werden. Der Schreiner brummte lobend etwas von dem guten Apfelwein.
Größer und größer wurde die Stadt auf der Felseninsel vor ihnen, ragte drohend aber auch schützend vor ihnen auf. Sie fuhren über die breite Brücke an den Wachen vorbei, die dem Schreiner etwas zuriefen und ihm winkten. Er winkte zurück. Alte Bekannte, so schien es ihm. Necomar schenkten sie einen kurzen aber musternden Blick und merkten schnell, dass er keine große Gefahr darstellte. Früher hätte ihn sowas auf die Palme gebracht, jetzt nahm er es hin. Er war nun mal keine Gefahr. Auf dem großen Platz hinter dem trutzigen Torhaus warteten ebenfalls winkend drei Knechte, die sich um den Ochsenkarren kümmerten und beim Entladen halfen. Zwei Gesellen in Schreinerkluft kamen dazu, plauderten mit den Knechten, bis der Schreiner schimpfend und zeternd vom Bock kletterte und seine scheinbaren Mitarbeiter an die Kandare nahm. Schnell brachten sie das Holz mit Handkarren zur Werkstatt. Immer noch finster blickend stand der Handwerksmeister da.
Marlis tippte Necomar auf die Schulter. "Wo hin willst du nun?", fragte sie. Ihr Vater trat näher. Vielleicht fürchtete er, dass sich Necomar als unerwünschter Gast einnisten wollte.
"Wo ... äh ...", der Nordmarer blickte sich um, "gibt's hier einen Tempel Adanos?", fragte er. Die hohen Gebäude schüchterten ihn etwas ein.
"Ein Haus der Magier und einen Tempel, ja", Sie deutete auf ein Gebäude links der Zitadelle. "Da ist das Haus der Magier. Da leben die meisten Wassermagier und ihre Novizen." Sie deutete auf ein hohes Haus schräg hinter der Zitadelle. "Das ist der Sitz der Hofmagier. Da leben auch Wassermagier ... aber die sind ..."
Der Schreiner schaltete sich ein: "Das sind Ethorns persönliche Magier. Die unterscheiden sich durchaus von den Wassermagiern aus Varant. Die findest du zum großen Teil im Haus der Magier. Das sind angenehme Zeitgenossen."
Marlis nickte. "Und den Tempel findest du, wenn du über den Königsplatz - eigentlich der Vorplatz des Barons - schreitest und Richtung Seemauer gehst. Eine Treppe führt hinab."
Necomar nickte. "Darf man da ... einfach rein?", fragte er langsam.
Das Mädchen hob eine Braue. "Na, was denkst du denn? Das ist hier keine Kirche Innos', wo dir Ritter den Zutritt verwehren oder jemand erstmal eine dicke Spende möchte. Adanos' Hallen sind für alle da."
Ein wohliges Gefühl, fast wie ein Heimkommen, umfing Necomar. Er stieg vom Kutschbock, ächzte kurz und verbeugte sich dann höflich vor Vater und Tochter.
"Vielen Dank, ihr beiden. Adanos mit euch."
Marlis grinste und nickte. Ihr Vater legte eine Hand an die Brust und antwortete förmlich: "Und mit dir, junger Mann. Mögest du deinen Platz hier finden."
Isidors ersten Gedanken des neuen Tages galten Frieda, die er am Vortag nach ihrem angenehmen Abend zwischen den Apfelbäumen zur Bäckerei zurückbegleitet hatte. Es war sittlich abgelaufen, wie seine Mutter wohl verlangt hätte. Denn er hatte sie ohne übermäßigen Körperkontakt verabschiedet und ihr eine gute Nacht gewünscht.
Sein zweiter Gedanke wurde von Johanna bestimmt, die er nicht mehr gesehen hatte, obwohl er darauf hoffte. Vielleicht gäbe es heute eine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, wenn sie sich über den Weg liefen. Allerdings glaubte er sich zu erinnern, dass sie erzählt hatte, mit Syrias auf einen Ausflug zu gehen. Er fände es schade, sie vorher nicht noch einmal zu sehen, auch wenn er etwas unsicher war, woher dieses Bedürfnis rührte.
Weil sie mir eine gute Freundin geworden ist, beschied er in Gedanken, während er die Treppe in den Schankraum hinabstieg.
Ein kurzes, aber herzhaftes Frühstück mit viel Speck und Apfelkompott später, war er bereits wieder draußen auf dem Torplatz. Das Wetter wurde unbeständiger, je weiter das Jahr voranschritt und er war gespannt, wie sich Herbst und Winter in den südlichen Gefilden der Insel Argaan auswirken würde. Vengard glich in der kalten Jahreszeit einem Ort der Gegensätze. Winter war in der Hauptstadt des myrtanischen Reiches eine Mischung aus Straßen, bedeckt von einer Eisschicht unter der sich Unrat und Schmutz befand, die dem Unvorsichtigen eine jähe Reise in die ungewollte Waagerechte verschaffen konnten. Dagegen sprachen die warmen Lichter und Feuer der zahlreichen Wirtshäuser, die mit abendlichem Gelächter luden und eine Zuflucht vor den kalten Temperaturen boten. Eiszapfen an den Traufen der Dächer glitzerten im Schein von Sonne und Mond, während warme Feuerstellen den Straßenarbeitern Wärme spendeten, wenn sie sie brauchten.
Doch für den Schmied waren stets die Farben des Herbstes und seine stürmischen Winde das größte Glück gewesen. Wie die bunten Blätter im herrischen Ostwind tanzten und die Eicheln und Kastanien sich vor den Stadtmauern einem Teppich gleich ausbreiteten.
An Alberichs Schmiede angekommen, äußerst früh, wie er versprochen hatte, klopfte er einmal und trat dann ein. Der Meister war bereits am Werk, obwohl die Sonne kaum aufgegangen war, unermüdlich, was Isidor äußerst beeindruckend fand. Doch wie es schien folgte Alberich einer eisernen Routine, von der er nicht abzuweichen gedachte.
„Guten Morgen, Meister“, grüßte der Hüne als er die Türschwelle überschritt und direkt nach der schweren Lederschürzte griff.
„Morgen“, brummte der ergraute Mann und gab einen kurzen, anerkennenden Blick an seinen Gesellen.
Offenbar schätzte er es, wenn man sein Wort hielt. Das würde der Blondschopf nicht vergessen und das entgegengebrachte Vertrauen nicht enttäuschen.
„Seid Ihr gestern noch gut vorangekommen?“, erkundigte sich Isidor.
„Ja, es fehlen noch die die Sabatons, dann ist die Rüstung fertig.“
„Alles andere hattet Ihr bereits geschmiedet, bevor Ihr mich bei euch aufgenommen habt?“
„Ja.“
„Darf ich es sehen?“
Der Meisterschmied nickte und bedeutete Isidor ihm zu folgen. Gemeinsam traten sie in den Hinterhof und von dort in einen weiteren Steinbau, der nachträglich angebaut worden war. Hinter der Tür befand sich derselbe Raum, in dem der Geselle die Beinschiene poliert hatte. Im hinteren Teil der zweiten Werkstatt befanden sich einige Rüstungsständer, die mit Tüchern bedeckt waren, die auf den ersten Blick nach Seide aussahen. Ein teures Material, welches durch sein feines Gewebe die darunterliegenden Arbeiten vor Kratzern und Staub bewahrte.
Alberich zog eines der Tücher beiseite und legte den Blick auf die bereits fertiggestellten Bestandteile der Bronzerüstung frei. Bevor er sich zu einem euphorischen, leeren Kommentar des Lobes hinreißen ließ, betrachtete er fachmännisch die Arbeit seines Meisters. Ihm fiel auf, wie sauber die Nieten angebracht worden waren und wie filigran das Symbol des Handwerkers darauf eingearbeitet worden war.
„Der Kunde wird hocherfreut sein, Meister!“
„Das will ich hoffen. Immerhin arbeite ich, um das Leben jener zu bewahren, die für meine Heimat kämpfen. Jeder Fehler, den ich mache, könnte unverzeihlich sein“, nahm Alberich das Lob an, jedoch nicht ohne einen Grund für seine Sorgfalt zu nennen.
„Euch liegt diese Arbeit sehr am Herzen, nicht wahr?“
„Mir liegen meine Landsleute und jene, die mit unseren Idealen sympathisieren am Herzen und nur deswegen habe ich mich dem Schmieden von Rüstungen verschrieben.“
„Das ist ein sehr ehrbarer Grund.“
Ein zufriedenes Brummen war das letzte Wort, was dazu gesprochen wurde, ehe die beiden zurück in die Schmiede gingen, um die Rüstung fertigzustellen.
Aniron musste kichern ob Kishas ersten Versuch mit dem Lichtzauber. Als das rote Licht schließlich wieder verschwunden war, blickte sie ihre Novizen wieder an.
„Sehr gut! Na-Cron, versuch die Magie noch etwas feinfühliger fließen zu lassen, um mehr Kontrolle über den Zauberspruch zu haben. Ich denke, du kommst eher ans Ziel, wenn du langsamer vorgehst, statt es mit Kraft zu erzwingen.“
Sie lächelte dem Novizen zuversichtlich zu.
„Gut, ihr habt das Grundprinzip verstanden, machen wir uns auf zum nächsten Schritt. Wie Kisha uns gerade so schön gezeigt hat, können wir das Licht sogar in verschiedenen Farben leuchten lassen. Das geht über unsere Gefühle und ist etwas, das ihr selbst ausprobieren müsst. Bestimmte Gefühle wie Wut, Angst oder Liebe lösen verschiedene Färbungen aus.“
Sie erzeugte wieder eine Lichtkugel und diesmal dachte sie als Erstes an ihre Kinder. Das Licht nahm ein fröhliches, warmes Gelb an. Dann fiel ihr der Streit mit Runa ein, bevor Maris aufgebrochen war und das Licht färbte sich in ein Lila-Rot und dann schließlich zu einem tiefen Grau, wie die Wut und die anschließende Traurigkeit, die Aniron empfunden hatte. Als Letztes dachte sie an Adanos und die Ruhe, die seine Lehren und seine Magie ihr verschafften. Die Lichtkugel erfuhr nun ein warmes, helles Blau. Dann ließ die Wehmutter das Licht wieder verschwinden.
„Probiert es mal. Da das mit den Gefühlen etwas sehr Privates ist, könnt ihr euch gerne etwas aufteilen, um mehr für euch zu sein. Ich möchte, dass ihr übt, das Licht in unterschiedlicher Stärke und Farbe zu erzeugen und dass es euch folgt oder ihr es lenkt. Außerdem will ich, dass ihr immerzu die Kontrolle habt. Niemand wird geblendet und euer Licht bleibt bei euch. Also dann, fangt an. Aaras und ich schauen euch zu. Aber denkt dran, nicht zu nah an die Königin der Nacht zu kommen“, sprach Aniron und deutete auf die große Pflanze mit der schönen blauen Blüte in der Mitte des Gartens. „Sie ernährt sich von Magie und würde euch mit Freuden sozusagen leer saugen, bis ihr umfallt.“
Na-Cron, Kisha und Mera verteilten sich.
Aniron indessen sah Kisha hinterher und dachte an die rote Lichtkugel, die sie selbst verfolgt hatte. Was war in Kisha nur vorgegangen? Das Licht der Torgaanerin hatte so leidenschaftlich gestrahlt, wie sie selbst es vermochte. Hatte sie Aniron damit bedenken wollen? Aber warum? Die Priesterin hätte zu gerne gewusst, was im Kopf der exotischen Frau vor sich gegangen war.
Mit einem Lächeln erinnerte Aniron sich daran, wie sie damals in Al Shedim am Tempel selbst mit den Farben des Lichtes geübt hatte, als Melaine sie ausgebildet hatte. Es war schon so viele Jahre her. Damals hatte sie Maris gerade kennen gelernt und der junge Blondschopf hatte sie in der Dunkelheit der Nacht überrascht und ihrer Lichtkugel damit unfreiwillig ein warmes Rot verliehen. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie im Wüstensand unter dem Sternenhimmel endlich zueinander gefunden hatten. Was für eine schöne Erinnerung! Ach, sie vermisste den Vater ihrer Kinder so. Da war die Sorge, dass es ihm – und natürlich auch Runa – gut ging und anderseits niemand, mit dem sie ihre Gedanken so wirklich teilen konnte. Über die Fortschritte der Novizen, das Rätsel, das Chala ihr aufgab, oder das Verhalten der Novizen des Feuers. Ihrem Mann hätte sie ihr Herz ausschütten können, jedoch, er war weit weg ...
Aniron seufzte leise, dann widmete sie ihren Blick wieder ihren Novizen.
Eine Treppe führte hinab in eine weitläufige Grotte erstreckte sich, als Necomar die fein gearbeitete Wendeltreppe hinabstieg. Arkadengänge, eine große Schale in der Wasser war und ...
"Bei Adanos", stöhnte der junge Mann und merkte, wie seine Knie nachgaben, wie die Krücke unter seinem Griff zitterte. Er stürzte erwartungsgemäß und blickte wie ein zurückgebliebener Bengel mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen nach dem Schauspiel göttlicher Magie, das sich ihm - einem einfachen Menschen! - so schmucklos offenbarte.
Das Meer. Das offene Meer. Offen in der Hinsicht, dass es zwischen dem Tempel Adanos' von Stewark, dieser Halle hier, und dem Ozean keine Trennwand gab, kein Fels, ja nicht einmal eine gläserne Front, die in dieser Größe unmöglich existieren konnte. Nein, es war die Struktur von Wasser, die dort floss und an einer unsichtbaren Grenze hielt. Ihm drehte sich der Magen um, da er das Gefühl hatte, er würde von oben auf die Wasseroberfläche schauen. Übelkeit stieg in ihm auf, doch er kämpfte sie nieder. Die anwesenden Novizen und Magier des Wassers würden ihm wahrscheinlich die Leviten lesen, würde er ihren heiligen Ort - nein, auch mein heiliger Ort! - mit seinem kargen Frühstücksmahl beschmutzen. Necomar schloss die Augen, amtete tief ein und aus, beruhigte sein Gemüt. Dann öffnete er wieder die Augen und blickte erneut auf das Wasser.
Fische! Er sah Fische, die dort schwammen, einen desinteressierten Blick aus kalten Augen auf die Landbewohner in ihrer Höhle warfen und dann wieder davonschwammen, als wäre alles im Ozean tausendfach spannender als das Wirken ihres Schöpfers. Etwas Großes und Träges schwamm vorbei und einen Moment meinte der junge Mann aus Nordmar einen fast pfeifenden Singsang zu hören, ein langgezogener aber wohlklingender Laut. Ein alter, verhutzelter Fischer von der nordmarischen Küste hatte ihm mal erzählt, dass es Wale gab, die - sollte man mit ihnen schwimmen - geradezu vogelgleich sangen und zwitscherten. Die anderen Krieger und Fischer hatten ihn einen alten, senilen Narren geschimpft. Er auch. Nun revidierte er innerlich die Aussage.
"Alles gut, junger Mann?", eine ältliche Frau war zu ihm getreten, gekleidet in die Tracht einer Kauffrau. Sie hatte wahrscheinlich gebetet und befand sich auf dem Weg hinaus aus dem Tempel, als sie ihn bemerkt hatte.
"Ja ... ja", flüsterte er, den Blick immer noch nicht abwenden könnend. "Bei Adanos ... wie ..."
Die Frau schnaubte belustigt. "Das Wirken unseres Gottes, mein Lieber", erklärte sie und deutete auf die Wand. "Durch Seine Wassermagier wurde es geschaffen. Seine Macht floss in diesem Moment durch sie. Fels und Wasser, Land und See. Seine Elemente im Einklang, im Gleichgewicht."
Mehrmals nickte Necomar. "Ja, anders kann ich es nicht beschreiben", stimmte er zu, "Ich dachte erst ..."
"... das deine Augen dir einen Streich spielen. Mein Göttergatte hat beim ersten Mal, als er's sah - zur Eröffnung des Tempels - im hohen Bogen auf mein Kleid gekotzt. Es ist das Werk Adanos', aber die Augen und der Magen müssen sich erst einmal daran gewöhnen." In ihren Augen leuchtete ein Lachen.
Necomar schmunzelte schief. "Ja, so ähnlich ging es mir auch. Ich muss mich zusammenreißen, es Eurem Mann nicht nachzumachen."
Wohlwissentlich trat die Frau einen Schritt zurück, schätzte den Abstand und nickte. "Ich habe dazugelernt." Dann sah sie sich um. "Ich rate dir aber, junger Freund, hier nicht herumzuspeien, wenn die Hofmagier dem Ort hier ihre Aufwartung machen."
Ein Seuzfer kam über ihre Lippen. "Sie sind ja alle Erwählte Adanos', ich zweifle nicht an Seiner Wahl ... aber wo die Wassermagier aus der Wüste bescheiden und gütig sind, können die Hofmagier ... schwieriger im Umgang sein. Da ist's schnell geschehen, dass dich Soldaten Ethorns festnehmen, nur weil du unwissentlich einen Hofmagier beleidigt hast."
Just in diesem Moment kamen zwei Männer die Wendeltreppe hinab. Die Frau packte Necomar und schob ihn zur Seite, ehe sie das Haupt neigte. Die Männer waren edel gekleidet. Einer in einer prächtigen, blauen Robe, das aristokratische Gesicht unbeteiligt, ja fast abweisend. Der andere war offensichtlich ein Ritter, der den Wappenrock eines Setarrifer Hauses trug. Necomar erkannte, dass der Magier das gleiche Wappen in Form einer Anstecknadel an der Brust trug.
Als sie vorüber waren, atmete die Kauffrau aus. "Als hätten wir's herausgefordert. Das war ein Hofmagier."
Der Nordmarer nickte nur. "Am Ende gibt's überall eine Hackordnung, nicht wahr? Unter Kriegern, Kaufleuten ... und Magiern."
Die Kauffrau lachte auf, ehe sie sich beruhigte und kurz umsah. "Für dein Alter bist du gar nicht so grün hinter den Ohren. Ja, junger Mann, wie überall gibt's auch hier eine Nahrungskette. Oben ist der König; je näher dran du bist, desto besser geht's dir." Sie musterte ihn kurz, nickte dann.
"Komm, äh ..."
"Necomar."
Ein erneutes Grinsen. "Necomar, in Ordnung. Komm, ich habe das Gefühl, du bist neu in der Stadt. Ich möchte dir helfen, dich ein wenig zurecht zu finden."
Stumm beobachtete sie, wie sowohl Kisha als auch Na-Cron mit den Lichtkugeln experimentierten. Während das Licht des einen Novizen schier explodierte wanderte das der anderen Novizin aus ihren Händen Aniron entgegen. Sie seufzte. Wenn die beiden es schon nicht schafften, wie sollte sie es dann hinkriegen. Sie hatte einmal ein Lichtlein hinbekommen, vielleicht sollte sie es einfach dabei belassen? Doch sie wagte nicht, etwas zu sagen und so zog sie sich in eine Ecke des Gartens zurück, nachdem die Wehmutter sie dazu aufforderte.
Ein ruhiges Fleckchen suchte sie sich aus, in einer der hinteren Ecken, wo der betörend riechende Salbei sich ausbreitete. Kaum jemand verirrte sich je hierher. Ein Novize vielleicht, der ein paar Kräuter für einen der Magier holen sollte, oder aber ein Magier selbst, der sich der Sache eigens annahm oder einen Moment der Ruhe und des Rückzugs suchte. So wie die Novizin es nun tat.
Sie atmete schwer, blickte auf ihren tauben Arm hinab und seufzte. Wie sich die anderen beiden jetzt wohl schlugen?
Sie schloss die Augen und sah, wie auch mit geöffneten Augen, die Lichtpunkte funkeln, wie in einer mit Edelsteinen besetzte Grotte. Wie hatte sie es letztes Mal getan? Sie hatte sich auf einen der Punkte konzentriert, der wie ein Ursprung wirkte, der die Magiefunkel anzog, die sich langsam daran hafteten und eine kleine Kugel formten. Wie ein Eiskristall, der zu einer dicken Schneeflocke anwuchs.
Die Setarriferin öffnete die Augen und sah nur ein weißes, kleines Lichtlein. Weniger als das, was sie vor ein paar Nächten alleine im Garten hinbekommen hatte. Ein Bruchteil einer Kerzenflamme, ein Tausendstel eines Feuers. Enttäuscht ließ sie ihre Schultern sacken und seufzte schwer. Warum musste ihr nur alles so schwer fallen? Warum konnte ihr nicht einmal etwas gelingen, und wenn es nur ein kleines Lichtlein wäre, das in einer anderen Farbe leuchtete.
Sie schloss die Augen und ließ den Kopf auf die Brust fallen, das Haar fiel ihr über den Kopf. Und so bekam sie nicht mit, dass das kleine Lichtlein langsam, kaum merkbar einen Blaustich bekam. Das matte, kalte Blau von klaren Eis.
„Siehst du hier?“, fragte Alberich und deutete auf eine längliche Öffnung am unteren Ende der gewölbten Bronzeplatte, „Hier drehen wir eine Niete ein, die dann entlang des freien Bereichs rutschen kann. Weißt du, weshalb?“
Isidor betrachtete den schmalen Spalt im Metall. Es wirkte paradox. In einem Gegenstand, der den Körper eines Kriegers schützen sollte, willentlich Schwachstellen einzubauen, konnte doch nicht zielführend sein oder? Doch der Schmiedegeselle nahm sich einen weiteren Teil des unfertigen Plattenschuhs und hielt sie übereinander, wobei sich die Teile fast vollständig überlappten. Dann zog er langsam den Teil ohne Öffnung herunter und stellte sich vor, wie es mit einem Bolzen darin funktionieren sollte.
„Ist es dafür gedacht, damit die Platten Bewegungsspielraum bekommen?“, fragte er, während er nach einem Bolzen griff und ihn durch den Spalt drückte.
„Richtig, wenn alles aus einem Guss wäre, könnte man den Fuß kaum bewegen. Durch die zusätzliche Flexibilität, wenn die Platten sich etwas übereinander bewegen können, ist man beweglicher und es gibt dem Kämpfer mehr Optionen, was seine Beinarbeit angeht. Und lass dir von einem alten Veteranen gesagt sein, dass mehr Kämpfe mit den Beinen gewonnen werden, als mit den Armen, Junge.“
Der Myrtaner war beeindruckt. Er wusste nicht, ob sein Vater jemals diese Technik verwendet hatte. Dazu war es nie gekommen, denn er hatte beim Ableben seiner Familie immer nur geschliffen, poliert und Ringe genietet.
„Das nennt man Geschübe und ich nutze es auch für den Armschutz und den Kragen. Die Männer und Frauen wundern sich immer wieder, wenn sie das erste Mal meine Rüstungen tragen, wie leicht es ist, sich in ihnen zu bewegen, obwohl Bronze so schwer ist.“
Der Meisterschmied war offenbar in Redelaune geraten. Isidor vermutete, dass das nur bei wenigen Themen geschah und das Schmieden war offensichtlich eines davon. Just in diesem Moment schwang die Tür der Werkstatt auf und Elara brachte eine Brise frischer Luft mit sich.
„Männer, ich sage euch, Herbst ist die beste Zeit zum Jagen, selbst wenn der Wildbestand in letzter Zeit nachgelassen hat“, waren ihre ersten Worte und sie wedelte sich unwirsch einige Blätter aus dem braunen Haar.
Ein Blick auf Alberich verriet Isidor, dass der Moment der Redseligkeit vorüber war und er sah dabei zu, wie der ältere Mann zurück zur Esse trat, um den hintersten Teil des Sabatons zu fertigen.
„Schön dich zu sehen, Elara!“, grüßte der Geselle stellvertretend die Lederin und lächelte ihr freundlich zu.
„Oho, es ist auch schön DICH zu sehen, du Casanova! Na, wie war der Abend mit Frieda, hm? Gib mir alle Details, die romantischen und die verruchten!“, forderte sie breit grinsend und legte ihren Mantel und den Bogen ab, mit dem er sie noch nie gesehen hatte.
„Es…war ein schöner Abend“, versuchte sich der Hüne erfolgslos aus der Affäre zu ziehen.
Doch das Grinsen der Jägerin wurde noch breiter und ihre Augen funkelten.
„Nein, das wird nicht reichen, fürchte ich. Da musst du mir schon mehr geben, wenn du mich heute noch loswerden willst, junger Mann“, triezte die nicht viel ältere Frau ihn.
Mit einem unsicheren Blick über die Schulter erkannte er, dass von Alberich wohl keine Hilfe zu erwarten war, weswegen er mit leicht erröteten Wangen – ob von der Arbeit oder der Scham wollte er nicht weiter spezifizieren – zu erzählen begann, wie der Abend mit Frieda verlaufen war. Dass sie unrechtmäßig auf einer der Apfelplantagen gewesen waren, verschwieg er dabei bewusst.
„Awwww, Sonnenuntergang, Wein, ein Picknick im Freien? Wo warst du vor zehn Jahren, mein Lieber? Ich hätte dich mit Haut und Haar an Ort und Stell aufgefressen!“, lachte sie und klopfte dem viel größeren Isidor mit der flachen Hand gegen die Brust.
Gerade so nochmal davongekommen, huschte ihm ein Gedanke durch den Kopf, als Elara auf die Tür ihrer Arbeitstube zusteuerte.
„Aber solltest du Tipps brauchen“, ließ sie auf den letzten Schritten doch noch nicht locker, „Brauchst du mich nur zu fragen“, neckte sie ihn und zwinkerte ihm über die Schulter zu, ehe sie hinter der Tür verschwand.
„Diese Frau…“, schnaufte Alberich, ließ aber unausgesprochen, was seine weiteren Gedanken zu ihr waren.
Der restliche Arbeitstag verlief wie erwartet. Sie stellten die beiden Sabatons fertig und Isidor konnte beobachten, wie die Geschübe funktionierten. Sie brauchten regelmäßig Fett, um nicht zu verkanten, doch der Aufwand war die Funktionalität allemal wert. Der Abend war bereits weit fortgeschritten und sie waren weit länger in der Schmiede geblieben, als sonst. Doch Alberich wollte fertig werden, denn er hatte dem Kunden versprochen, dass die Rüstung am Morgen fertig wäre. Mehr als einmal wollte er seinen Gesellen in den Feierabend schicken, doch dieser lehnte ab und übernahm das Schleifen und Polieren, während der Meister die Schmiede für den nächsten Tag vorbereitete.
„Ich hoffe, du machst so weiter, Junge“, hatte er gesagt, ohne Isidor dabei anzusehen, „Dann zeige ich dir alles, was ich weiß und aus dir wird ein großartiger Rüstungsschmied.“
So viel Stolz hatte der Hüne zuletzt verspürt, wenn sein Vater ihn wegen einer guten Arbeit gelobt hatte, und es bedeutete ihm ungemein viel, wobei er nicht die richtigen Worte fand, um seinen Dank auszudrücken. Alberich bemerkte dies, verstand es wohl sehr gut und ließ es mit einem seltenen Lächeln dabei bewenden.
Zurück in der Klippenschänke war das einzige Anliegen des Blonden in sein Bett zu fallen, doch als er über die Schwelle zu seinem Zimmer schritt, trat er auf ein Stück Pergament, welches man ihm unter der Tür hindurchgeschoben hatte. Mit einem Ächzen und Schmerzen im unteren Rücken hob er es auf und las angestrengt die kleine, gedrungene Handschrift darauf.
Festplatz Mittagessen
Kurz und bündig, ohne Unterschrift. Doch Isidor hatte eine Vermutung, dass er morgen jemanden treffen würde, der die Geschäftigkeit des Mittags zu seinen Gunsten nutzen wollte. Es blieb bloß zu hoffen, dass dem Schmied etwas einfiel, was für diese Person von Interesse sein könnte.
Die Bürger
25.10.2024, 17:22
»Gute Arbeit.«, verkündete er zwischen zwei Bissen seines Mittagessens. Isidor hatte wie üblich gezögert und durfte nun zuschauen, wie Armond sich satt aß. Selbst Schuld. Mit dem Gesicht über das Essen gebeugt konnte er aus dem Augenwinkel dennoch sehen, dass Isidor verwundert die Stirn kraus zog und ihm einen fragenden Blick zuwarf. Armond schmunzelte müde.
»Kümmern wir uns erst um deine Sorgenfalten.« Mit dem Löffel deutete er auf die Stirn des Hünen. »Ja, wir behalten dich im Blick. Das habe ich dir doch versprochen oder? Aber keine Bange, ich habe kein Interesse daran, was du mit einer Bäckersfrau oder dem Schmiedemeister hinter verschlossenen Türen machst oder dass du deine kleine Novizenfreundin wiedergetroffen hast. Wobei - mittlerweile ist sie eine Magierin. Soll eine bezaubernde Feier gewesen sein, sagt man. Soll ich Grüße ausrichten?« Er grinste hämisch.
»Jetzt zu deinen unausgesprochenen Fragen: Nein - du bist nicht allein hier. Ja - es gab schon andere vor dir. Nein - ich werde dir nicht sagen, wer sie sind. Ja - einige von ihnen sind gestorben. Manche unfreiwillig. Andere haben sich hier...« Er legte eine theatralische Pause ein, nahm einen weiteren Löffel Eintopf und kaute genüsslich für einige Sekunden länger als nötig auf dem Fleisch herum, ehe er fortfuhr. »nennen wir es zu heimisch gefühlt und vergessen, wieso sie hier gewesen sind. Und vertrau mir: Du willst keinen Brief bekommen, in dem etwas anderes steht als ein Treffpunkt.«
Wieder ließ er einige Sekunden verstreichen. Armond war ein geduldiger Mensch. Und heute hatte er es nicht eilig. Außerdem genoss er es stets, außerhalb Thorniaras zu sein. Selbst wenn es ihn hierher führte.
Stewark war nicht zwingend eine Perle was Städte anging. Aber das geschäftige Treiben hier auf dem Marktplatz, das scheinbar kopflose Gewusel der Menschen hier und die Unbeschwertheit, mit der so viele Leute ihrem Tagesgeschäft nachgingen, erfüllte ihn stets mit einer gewissen Zuversicht. Zuversicht, dass er seine Arbeit vernünftig machte, wenn all diese Lämmer vollkommen blind noch auf der Schlachtbank grinsten.
»Du hast bisher gute Arbeit geleistet, Bursche. Niemand verdächtigt dich und du genießt das Vertrauen einiger. Das ist mehr, als viele dir zugetraut haben.« Er zog ein kleines Säckchen aus seiner Manteltasche und schob sie ihm über den Tisch zu. »Ein Bonus.« Mit einem Augenzwinkern nahm er einen weiteren Löffel.
»Es wird also Zeit für die nächsten Schritte. Das Wissen Setarrifs.« Noch bevor sich wieder Fragen auf dem Gesicht seines Gegenübers bilden konnten, fuhr er fort. »Nach dem zugegeben unvorhergesehenen Untergang Setarrifs werden sie wohl kaum die ganze Bibliothek mitgeschleppt haben.« Seine monotone Stimme überdeckte die tiefempfundene Enttäuschung über diesen Fakt. Der Verlust der Menschenleben kümmerte ihn nach all den Jahren weniger, das Wissen aber, das mit all diesen sinnlos ausgeblasenen Lebenslichtern ebenfalls erloschen war, erfüllte ihn mit tiefer Trauer. Die Bücher, Karten und Chiffren, die in den Drachenflammen und eingestürzten Wänden zum Opfer gefallen waren, mussten unbezahlbare Schätze gewesen sein. Nicht nur für ihn und die Leute, für die er arbeitete. Insbesondere für die Leute, für die er arbeitete.
Sehr langsam schüttelte er den Kopf.
»Umso kostbarer ist das, was davon übrig geblieben ist. Und genau das möchte ich haben.«
Er hob den Blick und taxierte den Schmiedemeister in spe. Seit seinem Aufbruch aus Thorniara hatte der junge Bursche viel vollbracht. Mehr vielleicht, als die meisten vor ihm. Weniger aber, als Armond zu hoffen geglaubt hatte.
»Du wirst in die Akademie gehen.«, stelle er fest. »Du wirst in die Akademie gehen und mir besorgen, was sich dort drin befindet. Fragen?«
Felia
Isidor war sichtlich überrascht gewesen, als er Armond tatsächlich entdeckte. Die unerwartete Nachricht und anschließende Begegnung verunsicherten ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, demselben Mann so bald wieder zu begegnen, und schon gar nicht an einem so öffentlichen Ort in der Stadt des Feindes. Unweigerlich musste er an das Würfelspiel in der Marktschänke in Thorniara zurückdenken und wie Armond ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass er am längeren Hebel saß.
Isidor beobachtete Armond genau, während dieser genüsslich seinen Eintopf aß und spürte, wie die Anspannung in ihm stieg. Die Ereignisse er letzten Tage schienen ihn einzuholen, all die neuen Bekanntschaften, die er in Stewark geschlossen, im Kontrast zu seiner eigentlichen Aufgabe. Wie konnte es sein, dass all diese Menschen an einem Ort versammelt waren? Felia, die ihn bereits in Thorniara misstrauisch beäugt, dann aber als guten Freund bezeichnet hatte, Piero, der ihn mit seinen undurchsichtigen Plänen auf Pfade gelenkt hatte, denen er unweigerlich folgen musste, und Johanna, die sich in kurzer Zeit als gute Freundin herausgestellt hatte, der er sein Vertrauen schenken wollte.
Trotz seiner inneren Zerrissenheit zwang sich der ungeübte Spitzel zu einem freundlichen Lächeln und legte seine Arme betont lässig auf den Tisch. Er wusste, dass er Armonds Unterstützung brauchte, um sein Ziel zu erreichen: Rache an Ardan Hsia, dem Mörder seiner Familie. Zumindest war er darauf angewiesen, dass sein Kontaktmann ihm mitteilte, wann die Hinrichtung stattfand. Denn die würde er um keinen Preis verpassen wollen.
„Ich hab nicht damit gerechnet, dass du persönlich hier auftauchen würdest“, versuchte Isidor möglichst ruhig und gefasst zu wirken.
Armond blickte von seinem Teller auf und musterte Isidor mit einem durchdringenden Blick. In seinen Augen lag ein Ausdruck von Belustigung, als würde er die Unsicherheit des Schmiedes genießen. Die Fragen, die er vorwegnahm und beantwortete, machten dem Hünen nicht gerade Mut, doch er tröstete sich damit, dass er bisher wohl ausreichend gute Arbeit geleistet hatte. Dennoch drängte sich ihm die Frage auf, wozu sie Spitzel wie ihn brauchten, wenn sie ohnehin beobachteten, was er tat.
Vermutlich, damit sie sich nicht selbst in Gefahr bringen müssen, schlussfolgerte er und wartete darauf, dass Armond weitersprach.
Stattdessen schob der adrette Mann ihm einen Beutel voll Münzen über den Tisch, den Isidor etwas zögerlich entgegennahm und in seiner Kleidung verschwinden ließ. Ein wenig nagte das schlechte Gewissen an ihm, Bezahlung für etwas zu bekommen, was er noch nicht richtig verstanden hatte, doch ihm war sein Gold ausgegangen, weshalb er sich nicht beschwerte.
Dann jedoch kam der Kernpunkt dieses Treffens zur Sprache und der Blondschopf spürte, wie er immer weiter in seinem Stuhl zusammensank. Die Akademie? Wie sollte er dort hineinkommen?
„Das…klingt nach einer schwierigen Aufgabe“, gab er zu und ließ den Blick über die anderen Leute schweifen, die so in ihre eigenen Gespräche vertieft waren, dass dem Schmied dämmerte, wieso Armond diesen Ort gewählt hatte.
Was war auffälliger? Ein Treffen in einer dunklen Gasse, wo man zufällig entdeckt werden konnte und damit Fragen aufwarf oder ein gemütliches Mittagessen unter Gleichen, die alle ihren eigenen Problemen und Themen nachgingen? Es war eine Lektion darin, die sich Isidor merken würde.
„Der Schmiedemeister war einst Teil der Akademie. Vielleicht kann ich über ihn Zugang bekommen. Lieferungen und dergleichen. Aber vermutlich komme ich so nicht an die Schriften, die du beschreibst.“
Es waren Bedenken, die ihn schon jetzt zu quälen begannen. Johanna hatte ihm erzählt, dass die Leute in der Akademie nicht jeden hereinließen und sie waren wohl auch nicht die angenehmsten Zeitgenossen. Wie also sollte er ihr Vertrauen gewinnen?
„Ich vermute, dass der beste Weg wäre, einer von den Klingen zu werden, aber das ist nichts, was über Nacht erreicht werden kann, schätze ich. Zumal ich keine Ahnung vom Kriegerhandwerk habe“, überlegte Isidor murmelnd, sodass nur Armond ihn hören konnte.“
Der Blick des gepflegten Mannes gab ihm zu verstehen, dass das Isidors Problem war und er nur an den Ergebnissen interessiert war.
„Ich werde sehen, ob ich einen Weg finde, aber es wird dauern“, schloss er schließlich und akzeptierte seine neue Aufgabe, die er ohnehin nicht hätte ablehnen können.
Kurz verfiel er ins Schweigen, versuchte sein pochendes Herz zu beruhigen, welches diese Situation treffend erfasst hatte. Dieser Mann war gefährlich und er hatte Recht damit gehabt, dass Isidor nicht herausfinden wollte, was geschah, wenn er eine Nachricht bekam, auf der kein neuer Treffpunkt stand. Dennoch gab es noch etwas, dass er fragen musste.
„Wie steht es um Ardan Hsia? Wann ist seine Hinrichtung?“
Die Bürger
27.10.2024, 09:41
Wortlos hatte Armond den Knaben beobachtet und aufmerksam seinen Überlegungen gelauscht. Er war tatsächlich in kurzer Zeit weiter gekommen als all die anderen vor ihm. Das hatte Armond vorsichtig optimistisch werden lassen, dass sich hinter dem etwas unscheinbaren Äußeren Isidors vielleicht ein ganz brauchbarer Spitzel verbergen konnte. Ein halbwegs cleverer Fuchs im - zugegeben bisweilen schmutzigen, in jedem Fall aber angesengten - Schafsfell sozusagen. Sein Vorschlag, sich als Schmiedegeselle ohne jegliche Kampferfahrung dem feindlichen Heer anzuschließen, um Zugang zur Akademie zu erhalten ließ den unscheinbaren Mann aber an seiner bisherigen Einschätzung zweifeln. War Isidor vielleicht doch nur ein weiteres Schaf im Schafspelz?
Er kratzte mit dem Löffel die letzten Reste Eintopf aus der hölzernen Schale. Genüsslich schmatzend befreite er den Löffel von ebendiesem Rest und deutete dann mit dem Stiel auf Isidor. »Du bist dir wirklich sicher, dass du nichts willst? Schmeckt fantastisch.« Sein Gegenüber schüttelte den Kopf, noch immer auf eine Antwort wartend. Eine Antwort, die Armond ihm nur ungern geben wollte.
»Ardan hat sein Schicksal in die Hände der Götter gelegt.«, erklärte er emotionslos. »Eine barbarische Angelegenheit, wenn du mich fragst, aber das ist nicht meine Sache. Jedenfalls - und bitte bleib einfach sitzen und schrei hier nicht den ganzen Laden zusammen wenn ich dir das jetzt sage -« Er blickte Isidor an, um unmissverständlich klarzumachen, dass das keine Bitte war. »er ist frei.« Sofort hob er abwehrend und beschwichtigend die Hände, aber sowohl das als auch die Beschwichtigenden Worte waren gerade genug, um das äußerst gefährliche Gemisch aus Gefühlen zu bändigen, das in Isidor hochkochte.
Er unterbrach den Mann in seinem fassungslosen, wütenden Luftholen, um ihm jeden Wind aus den Segeln zu nehmen. »Ardan macht keinen Schritt, ohne dass wir davon wissen. Ich habe nicht vor, meinen Teil unserer Abmachung zu brechen.« Seine Stimme machte klar, dass es sich hierbei nicht um ein Versprechen, sondern um eine Tatsache handelte. »Wenn die Zeit reif ist - und du deinen Auftrag weiterhin so gut erfüllst - dann wird ihn sein ihn vorbestimmtes Schicksal ereilen. Götter hin oder her. Nötigenfalls durch meine Leute, wenn du wünschst kannst du der sein, der zum Streich ausholt.«
Für einen kurzen Augenblick meinte Armond so etwas wie Zweifel auf dem Gesicht des jungen Isidors zu erkennen aber noch bevor er einschätzen konnte, was die Ursache dieses Zweifels hätte sein können, wich der Ausdruck von den Zügen des Schmiedegesellen.
»Ardan wird sterben.«, versicherte er erneut und ließ die Worte eine Weile wirken.
»Wenn du tatsächlich als Rekrut in die Akademie kommen willst, musst du lernen zu kämpfen. Ich könnte dir dabei helfen.« Es schien unklug, weiter über den pyromanischen Wahnsinnigen zu sprechen. Zweifel daran, dass Armond seinen Teil der Vereinbarung halten könnte, würden zweifelsfrei zu Problemen führen. Und Probleme führten zu Verzögerungen, die wiederum zur folge haben würden, dass er eine isidorförmige Leiche aus Stewark heraus und einen weiteren Spitzel nach Stewark rein schaffen musste. Beides keine große Schwierigkeit, aber Armond hasste solcherlei Verzögerungen.
Felia
Isidor saß reglos da, die Worte Armonds schwebten schwer in der Luft. Sein Herz pochte wild, die Anspannung war kaum zu ertragen. Ardan Hsia war frei? Diese Information traf ihn wie ein Hammerschlag, als wäre er der Rohling auf dem Amboss und Innos der Schmied, der den Hammer führte. Doch statt einem Meisterwerk ließ der Gott des Feuers nur einen missratenen Klumpen Eisen zurück.
Die Wut und das Verlangen nach Rache, nach Gerechtigkeit, kochten in ihm hoch, aber er wusste, dass er sich beherrschen musste. Armond war gefährlich und nicht das Ziel seines Hasses.
Er zwang sich, ruhig zu atmen und seine Gedanken zu ordnen. Wenn Ardan wirklich keinen Schritt machen konnte, ohne dass Armond davon wusste, dann gab es Hoffnung. Doch das bedeutete auch, dass der Hüne keinen Fehler machen durfte. Jeder Schritt, jede Bewegung musste sorgfältig überlegt sein.
„Ich werde deinen Auftrag erfüllen“, sagte Isidor schließlich mit festem Blick, „Ich werde lernen zu kämpfen, und ich werde einen Weg in die Akademie finden. Aber Ardan wird mir gehören.“
Die Augen des älteren Mannes funkelten belustigt, als würde er über die angestaute Wut seines Gegenübers nur lachen können, doch er nickte zustimmend.
„Gut, Isidor. Zeig mir, dass du mehr bist als nur ein einfacher Schmied. Ich werde dir helfen, doch vergiss nicht: meine Geduld ist begrenzt.“
Mit einem letzten Blick auf den hölzernen Löffel in Armonds Hand und dem gefüllten Beutel Münzen in seiner Kleidung, stand Isidor auf. Die Aufgabe, die vor ihm lag, war gewaltig, doch seine Entschlossenheit war größer.
Der Weg in die Akademie würde nicht leicht sein. Er musste sich zunächst das Vertrauen des Schmiedemeisters erarbeiten. Vielleicht würde er durch unermüdliche Arbeit und Demonstration seines handwerklichen Könnens einen Zugang finden. Aber das war nur der erste Schritt. Der wirkliche Test würde darin bestehen, sich das Vertrauen der Mitglieder der Akademie zu erschleichen – ein gefährliches Spiel, auf dem er kaum Erfahrung besaß.
Er verabschiedete sich von Armond, der ihn wissen ließ, dass er eine Nachricht vorfinden würde, mit Anweisungen wie er das Kämpfen lernen sollte. Trotz des frühnachmittäglichen Sonnenscheins legte sich eine Dunkelheit wie ein Mantel um ihn, schirmte ihn ab vor Einflüssen von außen, gefangen in der Spirale seiner bitteren Gefühle. Er musste seine Gedanken sammeln, eine Struktur in das Chaos bringen. Wieso hatte man ihm nicht wie zugesichert informiert, wann die Hinrichtung des Brandmörders hätte stattfinden sollen? Wieso erhielt er die Nachricht von seiner Freilassung so spät? Und wie wollte sein Kontaktmann ihm helfen das Kämpfen zu erlernen? Frage, die er nicht zu beantworten wusste. Ein schwerer Kloß hatte sich in seinem Rachen festgesetzt und er sah nicht freudig auf den Rest des Tages, der vor ihm lag. Die Mittagszeit war vorüber und die Schmiede rief bereits wieder nach ihm.
So oder so würden die kommenden Tage und Wochen eine harte Prüfung sein. Isidor wusste, dass er sich verändern musste. Der junge, naive Schmied aus Vengard würde weichen müssen, um Platz für jemanden zu machen, der sowohl Hammer, als auch Schwert zu führen wusste. Jemand, der in den Augen der Akademie als würdig erachtet wurde. Trotz der erdrückenden Last des bevorstehenden Weges, hielt er an einem Gedanken fest. Am Ende dieses steinigen Pfades wartete Ardan Hsia. Isidor würde er für Gerechtigkeit sorgen, Rache üben an jenem, der sein Leben zerstörte und nach Jahren im Kerker wieder auf freiem Fuß wandeln durfte. Wie Innos so etwas zulassen konnte, erschloss sich ihm nicht. Wie konnten die Menschen Myrtaners an einen Gott glauben, dem das Schicksal seiner Anhänger einerlei war, es gar mit Füßen trat?
Er würde nicht scheitern. Für seine Familie und für sich selbst. Er würde das scheinbar Unmögliche möglich machen.
Da waren sie nun, der große Syrias und die kleine Johanna und zogen ihre Handkarren stetig voran. Früh waren sie an diesem Tag aufgebrochen. Überraschenderweise war Johanna trotz dessen recht gut gelaunt gewesen. Und das, obwohl die Sonne kaum aufgegangen war. Syrias hatte das doch etwas verwundert, schließlich waren die meisten jungen Menschen nicht so besonders gut gelaunt zu der frühen Stunde. Er kannte es ja von sich selbst.
Dementsprechend wortkarg war er gewesen, als die kleine Dunkelhaarige ihre übliche gute Laune verbreitete. Und wie immer war sie nicht untätig gewesen und hatte dem Waffenschmied die ein oder andere Stichelei an den Kopf geworfen.
Und auch wenn Syrias ihr Geplänkel mochte, war es dafür einfach zu früh gewesen. Außerdem hatte ihm immer noch die rechte Hand Sorge bereitet. Die Schmerzen waren nicht wirklich verschwunden, auch wenn er die übel riechende Kräutersalbe immer wieder auftrug und den Verband neu wickelte. Götter, mit was hatte die Kräuterhexe das Zeug bloß angerührt?
Das war vermutlich auch der Hauptgrund, warum Syrias den Karren überwiegend mit seiner linken zog. Wenigstens war er noch nicht so schwer, schließlich hatten sie ihre Vorräte und Gebrauchsgegenstände recht gleichmäßig auf die beiden Karren verteilt. Doch auf dem Rückweg würde das eine ganz andere Geschichte sein, so viel stand fest.
Wenn er und Taron keine Abmachung miteinander gehabt hätten, dann müsste Syrias jetzt nicht in Richtung Eberstein ziehen und das verdammte Erz holen. Doch ohne diese Abmachung wäre er immer noch arbeitslos, was er auch nicht wollte.
Götter, manchmal war das Leben echt nicht fair.
„Nicht mit so viel Kraft!“, ermahnte Alberich, während Isidor dabei war eine gute Bronzeplatte zu malträtieren, als wäre es das Gesicht Ardan Hsias.
Er stockte, hielt mitten in der Bewegung inne und schloss für einen Moment die Augen. Schweiß rann ihm über die Stirn, hinab auf die Lider, sammelte sich in seinen hellen Wimpern. Mit Mühe zwang sich Isidor zu atmen, ruhig und tief. Der Geruch der Schmiede flutete sein Bewusstsein, heiße Bronze, der Rauch der Esse, der Schweiß auf seiner Haut. Es beruhigte ihn, lenkte ihn ab von den Gedanken, die ihn dominierten.
„Entschuldigt, Meister“, presste er gequält hervor und ließ den Hammer endlich los, der bereits auf dem Amboss ruhte, neben der zu bearbeitenden Bronze.
Der Geselle spürte den Blick Alberichs auf sich, erwartete fast, dass weitere Ermahnungen oder, was noch schlimmer wäre, Nachfragen folgen würden. Doch der betagte Mann brummte nur grimmig und wartete wohl darauf, dass der Blondschopf weiterarbeitete, damit er sehen konnte, ob sein Geselle verstanden hatte, was er falsch machte.
Langsam, darauf bedacht, dass es nicht auffiel, ließ Isidor die Schultern mit einem unterdrückten Seufzer sinken. Er hielt dem Verlangen stand schnell die Luft auszustoßen und hoffte damit, dass er sich besser beruhigen konnte. Außerdem wollte er nicht das Gefühl vermitteln von der Arbeit genervt zu sein, denn das Gegenteil war der Fall, auch wenn das Werkstück darunter hatte leiden müssen.
Mit mehr Feingefühl und Präzision ging er wieder ans Werk, stellte jedoch nach zwei Schlägen bereits fest, dass die Bronze von der harten Behandlung bereits nicht mehr formbar genug war. Er nahm die schwere Zange und bugsierte das Metall zur Esse, deren fast rosafarbenen Flammen an dem vermeintlichen Brennstoff leckten.
Aus dem Augenwinkel sah Isidor, wie Alberich sich abwandte und wieder daran arbeitete, die Werkzeuge zu säubern. Die Rüstung, welche er mithilfe seines Gesellen gestern fertiggestellt hatte, stand auf einem Ständer neben der Eingangstür, mit einem Seidentuch bedeckt. Das Werkstück Isidors war lediglich ein Testobjekt, aus dem er einen Helm fertigen sollte, wobei er bisher versagte. Es gab weitere Aufträge, die erledigt werden wollten, doch Alberich hatte vorgehabt ihm erst etwas beizubringen. Leider war der Hüne jedoch alles andere als aufnahmefähig gewesen, nachdem er vom Treffen mit Armond zurückgekehrt war. Und Hunger hatte er mittlerweile auch.
Mit einem Mal schwang die Tür der Schmiede auf und ein kräftiger Mann, einige Jahre älter als der Myrtaner, wenn er sich nicht täuschte, trat ein. Seine Haltung war gerade, die breiten Schultern nach hinten geschoben. Mit einem knackigen Schritt trat er an den Tisch heran, hinter dem Alberich gerade arbeitete.
„Seid gegrüßt, Meister Alberich. Ihr ließt nach mir rufen?“
Eine kratzige Stimme hatte der Mann und dunkle, unergründliche Augen, die etwas zu eng beieinanderlagen. Daran änderten auch die buschigen Augenbrauen nichts, die er erwartungsvoll hochgezogen hatte.
„Ah, Taavi. Ja, die Rüstung ist fertig. Gestern Nacht haben wir ihr den letzten Schliff verpasst“, antwortete der Meisterschmied und lächelte auf eine Art und Weise, wie Isidor sie bisher noch nicht kennengelernt hatte.
Man konnte es fast als väterlich bezeichnen, wie er den offensichtlichen Krieger ansah. Der ergrauende Veteran trat hinter dem Arbeitstisch hervor und lief auf den verhangenen Rüstungsständer zu. Mit einem Ruck offenbarte er, was sich unter der Seide verbarg.
„Adanos! Die Arbeit eines Meisters!“, keuchte Taavi und hob zögerlich eine Hand, bevor er sich auf ein ermutigendes Nicken Alberichs hin traute, die glänzende Bronze anzufassen.
„Einer Klinge würdig“, brummte der Handwerker und wirkte weniger stoisch als sonst.
„Fürwahr! Ich kann Euch gar nicht genug Danken!“
„Das Gold wird von der Akademie bereitgestellt. Leg sie an, das ist Dank genug. Junge! Hilf Taavi in die Rüstung. Nimm einen der Gambesons aus Elaras Werkstatt“, wies Alberich seinen Gesellen an, der das gerade heiß gewordene Stück Bronze zur Seite legte und tat, wie ihm geheißen wurde.
Mit großen Schritten eilte er auf die Tür zum Nebenzimmer zu, klopfte und trat ein, nachdem die Lederin geantwortet hatte.
„Ein neuer Geselle, Meister?“, hörte er den Kunden hinter sich fragen, doch die Antwort bekam er nicht mehr mit, als er tiefer in die Werkstatt trat.
„Elara?“, fragte Isidor mit, seiner Stimmung geschuldet, gedämpfter Stimme in den Raum hinein.
Als er um das große, vollgepackte Regal schritt und so die Sicht auf die Werkbank freiwurde, an der die Lederin für gewöhnlich sitzte, entdeckte er sie mit dem Kopf in der rechten Hand, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Der andere Arm lag ausgestreckt über einem Stück Pergament, auf dem einige verschmierte Kohlestriche zu sehen waren. Sie schien ihn nicht bemerkt zu haben, weshalb er sich räusperte, doch sie rührte sich noch immer nicht. Vorsichtig näherte sich der Hüne der Dunkelhaarigen und war im Begriff ihr seine Pranke auf die Schulter zu legen. Doch er bemerkte, dass sie über ihrer Arbeit eingeschlafen war.
Kurz überlegte er, fragte sich, ob er sie wecken sollte, doch entschied sich dagegen. Jeden der letzten Tage war sie später als sonst in der Schmiede erschienen, immer mit zerzaustem Haar und jedes Mal etwas erschöpfter. Soweit er wusste, ging sie auf die Jagd, ehe der Winter hereinbrach, um mit dem Fleisch die Stadt zu unterstützen und das Leder, der sich Fett anfressenden Tiere zu bekommen. Und das noch vor ihrer eigentlichen Arbeit bei Alberich. Dass sie vor Verausgabung einschlief, konnte Isidor also gut nachvollziehen. Bei einer ruhigen Gelegenheit würde er sie fragen müssen, ob es einen Unterschied machte, ob man die Haut von fetten oder weniger fetten Tieren in Leder verarbeitete.
Für den Moment wollte er ihr jedoch die Erholung gönnen. Vielleicht würde sie es ihm übelnehmen, sollte sie erfahren, dass er sie nicht geweckt hatte, doch er brachte es nicht über sich. Stattdessen schaute er auf einen Stapel von Gambesons, die einige Tische weiter lagen. Er war nicht sicher, was die Größe anbelangte oder ob Elara einen Neuen für Taavi angefertigt hatte, doch da es nur zur Anprobe war, griff er sich einen, der seiner Einschätzung nach passen müsste. Der Stoff war grob, aber gut verarbeitet und die Füllung machte ihn angenehm schwer.
Leise stahl er sich wieder aus der Lederwerkstatt und kehrte zurück in die Schmiede, wo der Schmiedemeister im Gespräch mit seinem Kunden vertieft war. Seit wann unterhielt sich Alberich freiwillig länger als drei Sätze mit jemandem?
„Der Gambeson“, kündigte er seine Rückkehr an und übergab den gefüllten Stoffberg an Taavi, der ihn dankend entgegennahm und sich über den Kopf streifte.
Der Myrtaner fand es immer wieder amüsant zu sehen, wie jemand, der eigentlich drahtig war, plötzlich unförmig wirkte.
„Danke! Meister Alberich erwähnte, dass du seit Kurzem für ihn arbeitest“, versuchte der Dunkelhaarige ihn in ein Gespräch zu verwickeln.
Der dunklere Teint, der an den der Menschen aus Varant erinnerte, war hier allgegenwärtig und zeichnete die Menschen als Argaaner aus. So auch Taavi. Würde er ihn verurteilen, wenn er wüsste, dass er zum Volk jener gehörte, die vom Norden der Insel seine Heimat bedrohten? Oder sah er es ihm ohnehin an der Nasenspitze an?
„Das ist richtig“, antwortete Isidor kurz angebunden und stellte die Plattenschuhe vor den Krieger auf den Boden, damit er hineinsteigen konnte.
„Er ist…“, wollte er scheinbar in Lobeshymnen ausbrechen, doch schien er zum ersten Mal den Gesellen wirklich wahrzunehmen, „Bei Adanos! Das ist eine verdammt große Narbe!“
Die Blicke der beiden trafen sich. Eine seltsame Mischung aus Gefühlen schien durch die Mimik des Kriegers sprechen zu wollen. Schock, Respekt, etwas Ekel und Neugierde.
„Tja, wenn man an der Esse nicht vorsichtig ist…“, versuchte er abzulenken und bückte sich, um Taavi in die Sabatons zu helfen und die Riemen zu befestigen, ehe er die Beinschienen vom Rüstungsständer nahm und sie um die Waden und das Schienbein legte.
Necomar wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirn. Er hatte früher schon in der Küche gestanden, hatte im Hammerclan Essen ausgegeben, wenn die Lehrlinge der Orkjäger im Langhaus gespeist hatten. Sein Lehrmeister hatte ihm eingeprägt, dass Kameradschaft nicht nur im Kampf entstand, sondern vor allem beim gemeinsamen Essen, beim Trinken und auch – so war es letztlich – dem Aufräumen und Abwaschen danach. Daher war die Arbeit, die ihm die Händlerin – Noella ihr Name – beschafft hatte, nichts Neues.
Auf dem Weg aus dem Tempel Adanos‘ heraus hatte sie ihm nämlich erklärt, wofür ein Teil ihrer Einnahmen aus ihrem Geschäft verwendet wurden: Eine Armenküche.
Ein Teil von Necomar hatte irgendwie nicht daran gedacht, dass eine Stadt wie Stewark solche Probleme haben könnte. Armut. Hunger. Seine Verwunderung hatte Noella mit einem traurigen Lächeln beantwortet.
„Überall da, wo Krieg herrscht, herrscht irgendwann unweigerlich Armut“, hatte sie ihm erklärt, „Thorniara, da wo der Orden Innos‘ herrscht, hat ein ausgedehntes Armenviertel, in dem fast Gesetzlosigkeit herrscht.“ Sie hatte dabei mit einer Kette gespielt, die das Wappen Setarrifs trug. „Auch meine Heimatstadt Setarrif … war nicht frei davon gewesen. Besser wäre es wohl, diese Auseinandersetzung ohne Ergebnis würde enden, aber …“
Ihr Blick war zur Zitadelle gewandert. Necomar hatte verstanden. Könige sahen alles von ihrer erhöhten Position, so weit oben, dass die einzelnen Probleme gar nicht auszumachen waren. Die Armut eines Mannes kümmerte einen König nicht.
„Mein Mann und ich haben uns entschlossen, unseren Teil dazu beizutragen, den Mittellosen zu helfen. Opfern vergangener Kämpfe, Bettlern und … allen, denen Leid zugestoßen ist.“ Sie hatte geseufzt und ihn dann zu ihrem Haus geführt. In den oberen Etagen wohnte Noella mit ihrem Mann, im Erdgeschoss befand sich die Armenspeise.
Der Eintopf köchelte im großen Topf und sorgte dafür, dass sogar Necomar das Wasser im Mund zusammenlief. Noellas Gatte – Merik – grinste den jungen Mann an, während er Holz nachlegte, um den Ofen weiter anzuheizen. Die Tage waren kälter geworden und ein deftiger Gemüseeintopf war das richtige für die Jahreszeit. Die Armen dankten es ihnen. Der Mann aus Nordmar schnitt gerade Kartoffeln und Möhren.
Er bemerkte eine kleine Hand, die langsam von der Tischkante her in Richtung der Möhrenscheiben trippelte wie ein kleines Spinnchen. Lächelnd schob er einen nicht gerade kleinen Teil des Haufens zu der Hand. Ein blonder, langer Haarschopf kam unterm Tisch hervor, blaue Augen und ein zahnlückiges Grinsen.
„Na los“, sagte er, „Das ist mein Tribut an dich. Nicht dass du mich irgendwann noch überfällst.“
Das Mädchen kicherte. „Ich bin eine Gemüsediebin!“
„Aber sowas von, du Zwerg. Na los, sonst musst du mir noch helfen. Husch, husch!“
„Ihh, Arbeit!“, das Mädchen sprang lachend weg. Merik schüttelte nur mit einem Lächeln, das eine Spur traurig wirkte.
„Ein wunderbares Kind. Kommt oft vorbei“, er seufzte, „Die Mutter starb letztes Jahr an einer Krankheit. Ich Vater … fiel bei einem Scharmützel gegen die Echsenmenschen.“
Necomar nickte nur. Am liebsten hätte er dem Kind alles gegeben. Das Gemüse, den Eintopf, Gold, Frieden … aber das war unmöglich. Aber bei Adanos, er würde versuchen seinen Teil beizutragen. Selbst wenn er darin bestand, Suppe zu verteilen und Gemüse zu schneiden.
Als Aniron ihnen erklärte, dass die Farbe des beschworenen Lichts von den Emotionen der Magierin beeinflusst wurde, wären Menschen wie Mera vermutlich augenblicklich im Boden versunken und hätten sich für den Rest des Tages nicht mehr ausgegraben. Kisha hingegen riss lächelnd die Augen auf und murmelte zu sich ein verstehendes „Ah!“. Das erklärte natürlich, was gerade geschehen war – und die stolze Argaanerin, die es gewohnt war, ihre Emotionen offen auf ihren Zügen zu tragen, schämte sich kein bisschen dafür.
Kisha suchte sich für die Übung ein ruhiges Plätzchen am Südrand des Gartens. Sie ließ ihren Blick über die Küstenlinie des Stewarker Landes streifen, über die herbstgraue See. Starke Emotionen also… eine Aufgabe, die einer Frau wie ihr sicher nicht schwerfiel. Und doch war es eine ganz bestimmte Erinnerung, die ihr in diesem Moment in den Sinn kam.
Behutsam ließ sich Kisha auf ihre Knie nieder, legte ihre Hände in den Schoß und schloss die Augen.
„Ona“, sprach sie, leise zwar, doch mit einer durch und durch von fürsorglicher Liebe erfüllten Stimme. Ein Licht glomm auf vor ihrem Herzen, ein kleines Licht, aber so tiefrot und strahlend, dass es heller leuchtete als ihr erstes Licht. Sie selbst sah lediglich das gedämpfte glimmen durch ihre geschlossenen Augen, während sie sich erinnerte an das Schönste, was sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Das Schönste, das sie je in ihren Armen halten durfte.
Doch der Moment verging so schnell, wie er gekommen war. Denn der Gedanke an das Schicksal, das ihre kleine, geliebte Philile ereilte, traf sie so hart wie ein Faustschlag. Das Licht verlor mit einem Schlag alle Farbe und zurück blieb nichts als eine Globe von so hoffnungslosem und schmerzerfülltem Grau, dass es Nichts und Niemanden zu erleuchten vermochte. Kisha riss sich die Maske vom Gesicht, die Wangen überströmt von einem Fluss aus Tränen. Das Licht erlosch vollends, als sie vornüber fiel und sich vollends dem Kummer hingab. Sie hatte zu lange gewartet, war nicht da gewesen, als Philile sie gebraucht hatte. Und nun verbrachte sie ihre Zeit damit, es sich im Haus der Magier und diesem Garten gemütlich zu machen und das Flüstern der Vizuka zu ergründen. Nein, sie konnte nicht so weitermachen! Sie war nach Stewark gekommen, weil sie mehr über diese verfluchten Sturmkrähen herausfinden wollte, um ihre Tochter nach all den Jahren endlich wiederzufinden. Es wurde Zeit, dass sie endlich tat, wofür sie gekommen war.
„Ich kann das nicht mehr!“
Kisha sprang auf, erfüllt von Trauer von Wut, und trat mit tränenerfülltem Antlitz auf Aniron zu.
„Ich kann nicht mehr hier lernen! Dafür bin ich nicht gekommen!“
Sie wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus den Augen und reckte stolz das Kinn.
„Ich muss in diese Burg. Ihr habt dort Bücher über alles. Dort muss ich hin, und dafür brauch ich eine Erlaubnis. Keine Zauber mehr!“
„Der junge Isidor hier macht sich sehr gut“, schaltete sich Alberich in das Gespräch ein.
Ob er verhindern wollte, dass sein Geselle den Kunden mit seiner offensichtlich miserablen Laune vergraulte? Oder würde es zu einer stellvertretenden Entschuldigung für sein Benehmen kommen, wenn er sich nicht zusammenriss? Sein Vater hatte häufiger derartig gehandelt, insbesondere wenn sich der für sein junges Alter kräftige Isidor mit anderen Kindern des Viertel geprügelt hatte. Meist war es der enttäuschende Blick gewesen, den er ihm dabei zugeworfen hatte, der die tiefsten Wunden gerissen hatte.
Doch dank Ardan Hsia konnte er nicht einmal mehr das erleben. Er hatte ihm alles genommen und Isidor hätte alles gegeben, um selbst die unliebsamsten Erinnerungen an seine Familie noch einmal erleben zu können.
Die Kniekappen folgten und schließlich brachte der Hüne die Tassetten an die Oberschenkel des Kriegers an. Die Beine waren somit vollständig geschützt und der Oberkörper sollte folgen.
„Arme nach außen“, bat der Schmiedegeselle und versuchte die Bitterkeit aus seiner Stimme zu verbannen.
Doch seine Gedanken kreisten immer wieder um das, was Armond ihm offenbart hatte. Der Mörder lebte und war nicht mehr hinter Gittern.
Wieso, Innos?, fragte er in Gedanken an den Gott des Feuers gerichtet.
Er war mit dem Glauben an den obersten Gott aufgezogen worden, auch wenn er nie sonderlich devot gewesen war. Doch was nutzte es, einem Gott zu huldigen, der Verbrechen nicht strafte, die so schrecklich waren, dass das Leben der Hinterbliebenen sinnlos erschien?
„Erst die Halsberge, Junge“, erinnerte Alberich ihn, als er bereits nach dem Harnisch greifen wollte.
„Ja, richtig“, bestätigte er abwesend und half Taavi dabei den Halsschutz anzulegen.
Als nächstes folgte der Brustharnisch, der an dem Gorget befestigt werden musste. Der aus zusammengeschweißten bronzenen Platten bestehende Harnisch lag nun über dem Gambeson.
„Festhalten, bitte“, presste Isidor hervor und machte sich daran den Rückenschutz mithilfe der Lederriemen am Brustschutz zu befestigen. Eine Schnalle nach der anderen schloss sich und er griff als nächstes nach den Armschienen.
All die Mühe sich um die Überfahrt nach Argaan zu kümmern, um bei der Hinrichtung dieses Monsters dabei zu sein, das Annehmen schier unmöglicher Aufgaben wie die Akademie der Argaaner zu infiltrieren, waren umsonst gewesen. Doch was sollte er tun? Armond hatte mehr als einmal in aller Deutlichkeit klar gemacht, dass er Mittel und Wege hatte, um herauszufinden, was Isidor wann tat und im Zweifel Menschen verschwinden lassen konnte, sodass man sie nicht mehr finden würde.
Doch wäre das so schlecht? Zu verschwinden und in Vergessenheit zu geraten?
„Arme senken, damit ich die Schulterstücke anbringen kann“, wies er Taavi an, der ihn mittlerweile mit einem seltsamen Blick beobachtete.
Hatte der Hüne eine Frage verpasst, während er in Gedanken war?
Selbst wenn…, dachte er missmutig.
Wäre es wirklich so schlimm zu verschwinden? Aufzuhören zu existieren schien ihm wie eine einfache Lösung, um den schmerzhaften Gefühlen zu entkommen, die sein Innerstes zu zerreißen drohten. Doch was dann? Wer würde sich dann um Ardan Hsia kümmern? Innos offensichtlich nicht. Armond?
Beinahe hätte der Hüne ein von Sarkasmus triefendes Lachen ausgestoßen. Armond würde keinen Finger rühren, wenn Isidor nicht mehr wäre. Und wieso auch? Ihm hatte der Brandmörder ja auch nichts angetan, nicht wahr? So war die Welt eben. Jeder war sich selbst der Nächste.
Die Handschuhe folgten und waren schnell angelegt, was als letztes Rüstungsteil nur noch den Helm übrigließ. Doch Isidor wollte sich erst vergewissern, dass Taavi sich weitestgehend uneingeschränkt bewegen konnte. Der Kopfschutz würde daran nichts ändern und in einer heißen Schmiede wäre es nicht sehr angenehm unter einer bronzenen Haube, die das Atmen erschwerte und die Sicht einschränkte.
„Wie ist sie?“, fragte der Meisterschmied seinen Kunden, der einige Testbewegungen machte.
Der Krieger ließ die Arme rotieren, beugte die Knie und drehte die Hüften.
„Perfekt! Meine Bewegungen sind kaum eingeschränkt, Meister!“, antwortete Taavi enthusiastisch.
„Das freut mich zu hören. Dann lass dir von Isidor helfen die Rüstung wieder abzulegen und ich schicke ihn dir im Laufe des Tages zur Akademie. Dann kannst du sie entgegennehmen.
Und alles rückwärts…, stöhnte Isidor innerlich, der einfach nur allein sein wollte, zum Guten oder zum Schlechten.
Die Gelegenheit, die sich ihm gerade bot, entging ihm dabei.
Weniger Kraft also, dafür etwas feinfühliger? Na-Cron zuckte innerlich mit den Schultern. Aniron war da nun mal die Expertin, also sollte er ihr in der Hinsicht wohl vertrauen.
Der Novize hatte gedacht, dass es bei dem Lichtzauber ähnlich wäre wie mit der Erschaffung der magischen Flamme oder dem Schweben lassen von Gegenständen. Man erspürte die magische Kraft, konzentrierte sich und lies sie dann einfach fließen. Und dann war das Ergebnis der entsprechende Zauber.
Doch dann erinnerte sich Na-Cron daran, wie Kisha das Laken entzündet hatte. Oder als er in seiner Wut mittels Kraft seiner Magie das Messer geworfen hatte. Dort war auch mehr Magie eingesetzt worden als nötig gewesen war.
Da war es vermutlich keine schlechte Idee an dem Lichtzauber den Zufluss der magischen Energie zu üben, denn wenn das schlimmste daran eine zerplatzende Lichtkugel war, dann konnte dadurch niemand verletzt werden. Vielleicht länger geblendet, dass ja. Aber dauerhaft? Vermutlich nicht.
Also begann Na-Cron erneut damit, sich auf die Magie zu konzentrieren. Diesmal jedoch versuchte er es, so wie Aniron es ihm geraten hatte, mit etwas mehr Feingefühl. Statt einer fertigen Kugel, die bis zum Rand mit arkaner Kraft gefüllt war, stellte er sich vor, wie die Magie langsam hinein floss und so die Kugel immer mehr ausfüllte.
Als er seine Hand mit der Innenfläche nach Oben ausstreckte, erschien ein schwebendes kleines Fünkchen darüber, kaum mit dem bloßen Auge zu erkennen. Doch je mehr Magie der Novize vorsichtig hinein strömen lies, desto größer und heller wurde die Kugel. Irgendwann hatte sie einen Punkt erreicht, wo sie prall gefüllt wirkte, fast wie ein voller Weinschlauch. Erst dann lies Na-Cron den Zufluss der Magie verebben und bewunderte das stabile, leicht pulsierende weiße Licht der Kugel.
Freude und Erleichterung durchströmten ihn, als er das fertige Ergebnis über seiner Handfläche schweben sah. Er hob und senkte die Hand, was die Kugel problemlos mitmachte. Sie schwebte weiterhin über seiner Handfläche und verringerte ihren Abstand nicht.
Stattdessen wurde das Licht der Kugel langsam Gelb, als er anfing, dass Gefühl der Freude mit der Magie zu teilen. Vielleicht war Magie am Ende doch nicht so schwer zu erlernen, dachte der Bergmann.
Doch plötzlich wurde er aus seiner nachdenklichen Stimmung gerissen. Irgendwas musste Kisha aufgeregt haben, so wie sie vor Aniron stand und energisch auf sie einredete. Na-Cron verstand nicht, worum es ging. Doch seine Verwirrung spiegelte sich im Licht seiner Kugel wieder. Diese flackerte und wechselte immer wieder zwischen den verschiedensten Farben hin und her.
Isidor spürte den prüfenden Blick seines Meisters auf sich, während er die Rüstung von Taavi abnahm. Seine innere Unruhe war scheinbar selbst von außen zu erkennen und er biss sich unbewusst auf die Unterlippe, ein Ausdruck seiner Frustration mit sich selbst. Nachdem sich der Krieger auch des Gambesons entledigt hatte, fuhr er sich durchs zerzauste Haar, lächelte noch einmal glücklich und verließ die Schmiede mit dankenden Worten. Die schwere Holztür fiel ins Schloss und beinahe erwartete der Schmiedegeselle, dass Alberich ihm eine scheuerte.
„Junge, wir müssen reden“, sagte er stattdessen mit einer Stimme, die sowohl Strenge als auch Besorgnis verriet, „Ich kann dein Verhalten so nicht dulden. Was ist los mit dir? Ich hatte den Eindruck, dass du weißt, wie man ein Geschäft abwickelt.“
Der Hüne senkte den Blick, fühlte sich mit einem Mal sehr klein, und versuchte, die aufsteigenden Emotionen zu unterdrücken.
„Es tut mir leid, Meister. Ich… ich habe einfach viel im Kopf“, brachte er nichtssagend hervor.
Zu seiner Überraschung legte der Schmiedemeister eine Hand auf seine Schulter und drückte sie leicht.
„Ich verstehe, dass du deine eigenen Kämpfe hast, aber du darfst das nicht an unseren Kunden auslassen oder es vor ihnen auch nur zeigen. Wir sind hier, um ihnen zu dienen und ihnen die beste Rüstung zu bieten, die sie bekommen können.“
Isidor nickte stumm, während Alberich fortfuhr.
„Wie eben erwähnt, werde ich dir die Aufgabe übertragen, die Rüstung zur Akademie zu bringen, nachdem du sie noch einmal poliert hast. Vielleicht hilft es dir dabei, deinen Kopf frei zu bekommen.“
„Ja, Meister“, antwortete der Geselle und begann damit die Rüstungsteile durch den Hinterhof in das Lager zu schaffen, wo er sich an die Arbeit machte. Mit einem dünnen Öl und ausladenden Bewegungen säuberte er die Bronze ein letztes Mal von dem feinsten Schmutz, während er seine Gedanken dazu zwang nicht wieder in ungewünschte Richtungen abzudriften. Dafür nahm er alles als Ablenkung, was er finden konnte. Eine besonders hartnäckige Unebenheit im Metall oder die feinen Details der dezenten Verzierungen, die sein Meister in dieses Stück eingearbeitet hatte.
Erst, nachdem er alle Teile zu seiner eigenen Zufriedenheit poliert hatte, holte er Alberich hinzu, damit dieser seine finale Zustimmung geben konnte.
„Sehr gut, verpack sie in einer der Kisten und dann kannst du damit zur Akademie gehen. Nimm dieses Schreiben mit“, er reichte ihm ein mit Wachs versiegeltes Pergament, was dem Symbol der Schmiede entsprach, „und übergib es nur gegen die Bezahlung, die du entweder vom Rüstwart oder Meister Tiberon, dem defacto Leiter der Akademie erhältst.“
„Verstanden, Meister.“
„Und Isidor? Ich bin für gewöhnlich kein Mann der vielen Worte. Aber das hält mich nicht vom zuhören ab.“
Der Blondschopf schluckte schwer bei den Worten, während Alberich bereits wieder auf dem Weg in die Schmiede war. Mehrere Male atmete er tief durch, bevor er sich daran machte, die Rüstungsteile sorgsam zu verstauen und die Kiste sicher zu verschließen. Insgesamt wog sie nicht wenig, doch für einen Schmied war das Gewicht tragbar.
Das Schriftstück sicher in der Innentasche seines Wamses verstaut, hievte er seine wertvolle Ladung hoch und machte sich auf den Weg zur Akademie.
„Ich bin bald zurück, Meister“, verabschiedete er sich und warf einen Blick auf die verschlossene Tür zu Elaras Werkstatt.
Ob sie noch immer schlief?
Jasque faszinierte die lebendigen Straßen – ihre Leichtigkeit aberauch Härte. Jede Gasse hat eine andere Geschichte. Du willst wissenwie es den Menschen in Stewark geht, dann schau auf die Straßen.Nichts kann das Leben dieser Menschen besser darstellen als ihreDarstellung, fast ein Schauspiel, des Alltags. Und für Freunde desSchauspiels, zu welchen sich Ellie und Jasque zählten, ist dastägliche Gewusel in der Stadt voll mit Akten oder Szenen. Der jungeMann war schon immer beeindruckt von der Fülle an vielen, großenGeschichten welche jeder dieser Einwohner der Stadt erlebt undweiterträgt. Ihn faszinieren die Menschen in all ihren Details undEinzigartigkeiten. Gerade die Menschen und ihre Geschichte haben esihm angetan, die von der Gesellschaft ganz weit unten angesehenwerden. Und vielleicht nennt man es Nächstenliebe, Empathie odersogar Naivität doch Jasque hat immer an seinen Prinzipienfestgehalten und wenn er nicht auf die Nesthäkchen aufpasst – werdann?
„Passend dass du es gerade erwähnst…“, sagte er und setzteeinen Fuß vor den anderen. Ellie, derer Blick noch über die Ständekreiste, huschte ihm schnell nach als sie bemerkte dass er bereitsmehr Schritte machte als sie im Normalschritt aufholen hätte können.„Also…?“, fragte sie seiner Augenpaare suchend und das Vokal Odeutlich in die Länge ziehend. Er blickte immer wieder kurz in ihreAugen, konnte sich das breite Grinsen durch das ganze Gesicht nichtmehr verkneifen. Er rieb durch seinen stoppeligen „ich hab die Tagevergessen mitzuzählen“ Bart und klatschte dann in die Hände. „Ichhab dir doch von meinem kleinen Experiment erzählt, oder?“ Undnoch bevor Ellie irgendetwas sagen konnte, quasselte er einfachweiter. „Da war ja zuerst diese wunderschöne Blume. Ja, die dieich dir mitgebracht habe. Ich habe zuerst nicht drüber nachgedachtals ich sie dir gepflückt habe aber dann gingen mir deine Wortenicht aus dem Kopf. „So eine Blume hab ich hier noch nie gesehen.“Dann kam mir die Idee dass es mit der Erde zu tun haben könnte.“Während er sprach, hörte Ellie ihm regelmäßig nickend zu. WennJasque in solche Erzählverstrickungen geriet, kam er meist dann erstda raus wenn er fertig erzählt hatte. Mit Pech konnte das langedauern. Nicht zum ersten Mal musste Ellie den jungen Mann teils mitseinen Körper durch die Menschenmengen steuern. „Wir laufen immernoch richtig?“, fragte Ellie worauf Jasque nickte und fortfuhr: „Ich habe ein paar Versuche gestartet und wollte heute einfach doppeltsichergehen, dass ich Glück habe und da kommst du ins Spiel. DiesesGlücksspiel…“, sagte er und bückte sich plötzlich um zwischen Mauern hindurch zu kriechen. Er zog sie zu sich runter und erzähltemunter weiter. „ ...sollte ich gewinnen ist das Glück mir Hold.Solltest du Gewinnen habe ich auch Glück weil du mein Glücksbringerbist. Deswegen war es wichtig dass du mitkommst. Ich weiß nämlichselber noch nicht ob es soweit ist aber … dass sehen wir …jetzt.“
Mit den letzten Worten stellte er sich wieder auf und stand mit Ellieauf einem mittelgroßen Erdstück umringt mit Mauern. Man sollteeigentlich meinen, dass es in einem Kasten umringt mit dicken Mauerndüster ist jedoch hatte das Mauerwerk schon bessere Tage gesehen undwar deswegen brüchig und löchrig. „Es hat geklappt!“, sagteJasque mit aufgeregter Stimme und beugte sich hinunter um einzelnePflänzchen zu begutachten. „Das hier sind Jungpflanzen von einerKartoffelpflanze und einigen Wurzelgemüsesorten. Sie scheinen zuwachsen. Ich baue uns Gemüse an.“
„Ein schönes Blau“, sprach Aniron. Mera, die die Augen geschlossen und den Kopf gen Brust gerichtet hatte, schien aufzuschrecken.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken“, sprach die Wehmutter. „Aber dein kleines Licht, es hat ein sehr schönes Blau angenommen. Ich mag Blau, ich persönlich verbinde es mit Adanos, wenngleich mir bewusst ist, dass das nicht für jeden gilt.“
Sie lächelte der schweigenden Novizin zu.
„Ich habe den Eindruck, dass dich etwas zurückhält, Mera, aber ich weiß nicht, was es ist. Ich denke, wenn du loslässt, was auch immer dich bedrückt und dich eingrenzt, du wahrlich Großes vollbringen kannst. Mir scheint, du traust es dir nur selber nicht zu. Aber schau, was du schon erreicht hast, seit du hier angekommen bist. Ich würde mich jedenfalls freuen, noch einmal so ein schönes leuchtendes Blau von dir zu sehen. Üb noch ein wenig mit dem Licht und wenn du dich bereit fühlst, können wir weitere magische Herausforderungen angehen.“
Vorsichtig legte Aniron ihre Hand an Meras Schulter und nickte ihr lächelnd zu, dann ging die Priesterin weiter.
Ein tiefes Rot zog Aniron als Nächstes in den Bann. Kishas Lichtkugel leuchtete in einer Leidenschaft, wie sie der Torgaanerin selbst innewohnte. Doch plötzlich färbte sich das Licht grau, ein Grau voller Schmerz, das Leben ablehnend und nicht mehr Licht spendend, sondern sein Umfeld aufzehrend. Aus theoretischer Sichtweise unglaublich interessant! Aus menschlicher Sichtweise jedoch fast herzzerreißend, ganz besonders, als Kisha sich die Maske vom Gesicht riss und weinend zusammenbrach, bevor ihre Lichtkugel erlosch. Aniron machte ein paar große Schritte zu der Novizin hin, doch sie hatte sich schon aufgerappelt und trat mit tränennassem Gesicht auf sie zu.
„In die Silberseeburg, ja?“, fragte Aniron nach Kishas Ausführungen.
Kisha nickte mit wilder Entschlossenheit.
„Ich denke, das ist möglich, dafür sollten wir mit Tinquilius sprechen. Ich befürchte, dann musst du uns jedoch ein wenig darüber erzählen, was du dort zu suchen oder finden gedenkst.“
Sie legte Kisha tröstend den Arm um die Schultern.
„Du hast sehr viel gelernt in der letzten Zeit, es ist vollkommen in Ordnung, wenn du erst einmal nicht weiter machen möchtest. Du hast die Grundlagen von Adanos‘ Magie erfasst und erste Zaubersprüche gewirkt und das auf deine ganz eigene Art und Weise. Du solltest sehr stolz sein, Kisha. Es ist schön, dass du ein Teil dieser Gemeinschaft bist. Solltest du doch eines Tages die Lust nach mehr verspüren, dann werden wir dich gerne wieder unterweisen und weiterhin auf dem Weg begleiten, deine Magie zu erkunden. Dann könntest du bereits kompliziertere Sprüche lernen. Fürs Erste aber kümmern wir uns um deinen Wunsch, in die Silberseeburg zu kommen. Jetzt erhol dich ein wenig, ich möchte noch nach Na-Cron schauen.“
Denn Na-Crons Lichtkugel flickerte und flackerte hin und her, als könne sie sich nicht entscheiden, welche Farbe sie annehmen sollte.
„Das sieht interessant aus und sogar ein bisschen beeindruckend“, sprach Aniron zu dem Novizen. „Damit bist du einer Feier oder einer geselligen Runde auf jeden Fall ein echter Hingucker.“
Sie grinste und der verwirrte Ausdruck auf Na-Crons Gesicht wich langsam.
„Auch du hast das sehr gut gemacht, Na-Cron. Damit bist du wie Kisha auch in die Grundlagen der Magie Adanos‘ eingewiesen. Alles, was du gelernt hast, solltest du noch weiter verfeinern, um dein Gespür für die Magie weiterhin zu steigern. Wenn du dich bereit dafür fühlst, kannst du Aaras, mich oder einen der anderen Magier bitten, dir kompliziertere Sprüche zu zeigen. Es scheint mir, dass du gerne liest, vielleicht findest du etwas in den Büchern, das dein Interesse weckt. Fürs Erste, ruh auch du dich etwas aus und sei stolz auf dich.“
Aaras, der bisher alles still beobachtet hatte, trat an Aniron heran.
„Hast du noch irgendwas hinzuzufügen?“, fragte die Wehmutter, doch der Adept verneinte.
„Haben die Novizen sich nicht sehr gut gemacht?“
Aaras nickte und Aniron spürte wie ein Gefühl der Zufriedenheit und Zuversicht sich in ihr breit machte. Doch dann ordnete sie ihre Robe udn räusperte sich.
„Wunderbar, bleibt alle noch hier, wenn ihr mögt. Aber ich muss weiter, in der Heilkammer wartet jemand auf mich. Kisha, um deine Sache kümmern wir uns. Adanos zum Gruße vorerst, wir sehen uns“, sprach Aniron, dann rief sie nach ihrer Tochter, um den Kräutergarten zu verlassen.
Tage vergingen, in denen Necomar zum einen die Stadt Stewark kennenlernte, ihren Bewohner – ursprüngliche wie dazu gezogene – und deren Geschichten lauschte. Noella und Merik waren in der Tat gute Seelen, die ihren eigenen Wohlstand, den sie als Kaufleute durchaus hätten haben können, freiwillig aufgaben, um den Mittellosen der Stadt zu helfen. Ihre eigene Erzählung alleine war schon bedrückend wie inspirierend. Einstmals reiche Händler in der Stadt der Goldenen Dächer, dem Herzen des Argaanischen Reiches, Setarrif, verloren sie beim Angriff des Drachen und seiner Echsenwesen alles, was sie und ihre Vorfahren sich erbaut hatten. Von einem Tag auf den anderen waren sie zu armen Flüchtlingen degradiert worden, die nach ihrer Reise nach Stewark über die Silberseeburg – eine Festung im Inselinneren – selbst auf die Milde anderer Leute angewiesen waren.
Doch auch die Geschichten anderer Flüchtlinge luden zum Trauern, mal aber auch zum Lachen ein. Ein Handwerker, der in Setarrif recht hohe Schulden gehabt hatte – Das verfluchte Würfelspiel, Junge! – war von einem Tag auf den anderen schuldfrei gewesen, einfach weil das Viertel, in dem der Kredithai gelebt hatte, völlig zerstört worden war. Ebenjener hatte ihn zwar am Silbersee vor einen Beamten des Königs gezerrt, der hatte aber nur kurz angebunden erklärt, dass es keinerlei Belege und Beweise gebe und man im Zweifel für den Angeklagten sei. So hatte sich der Handwerker – früher Steinmetz – hier als Schreiner durchgeschlagen, ehe ein Unfall mit einem mannshohen Holzstapel dafür gesorgt hatte, dass sein rechter Arm brach und nie wieder richtig verheilte.
Da war aber auch die Geschichte eines Jungen, der Lewyn hieß. Angeblich, so sagte man sich in der Armenküche, war er das letzte Kind Setarrifs, der letzte Säugling, der dort zur Welt gekommen war, und zwar während des Angriffs. Merik hatte Necomar zwar später gesagt, dass es einige Leute gab, die ihre Kinder als „die letzten Söhne und Töchter“ bezeichneten, dies sich aber einfach nicht überprüfen ließ. Dennoch war die Geschichte von Lewyn – für sich genommen – traurig. Ein Großteil seiner Familie ließ ihr Leben in Setarrif. Andere starben in der Folgezeit und so war dem Jungen nur ein Dasein auf den Straßen Stewarks geblieben. Gelegenheitsarbeiten, für die er taugte, erledigte er, aber für alles andere war er schlicht noch zu jung. Er hoffte zwar, in einige Jahren der Stadtwache oder der Akademie beitreten zu können, aber auch das waren Institutionen, die Rekruten nicht von der Straße aufklaubten.
Der Junge war der einzige Mensch in der Speisung, der zwar dankbar, aber im Grunde tiefbetrübt war. Also hatte es sich Necomar angewöhnt, Lewyn Gesellschaft zu leisten und ihn sogar eingeladen, beim Zubereiten der Speisen zu helfen. Etwas, das ihn freute, hatte er auf die Art eine Beschäftigung.
Dabei plauderte er ohne Unterlass. So lernte der junge Mann aus Nordmar die Stadt und die Leute noch ein bisschen besser kennen. Er erzählte ihm von der Akademie, einem Ort, wo die Kampfkunst gelehrt wurde als das, was sie war: Eine Kunst. Lehrmeister aus allen Weltengegenden bildeten dort aus, auch wenn ihr Glanz nicht mehr dem der Akademie zu Zeiten Setarrifs entsprach. Wobei auch Lewyn darüber nur Geschichten kannte. Es klang jedoch wie ein Ort, wo ein Necomar eines früheren Lebens seine Heimat gefunden hätte. Vorallem als er hörte, dass bekannte, ja fast legendäre Mitglieder der Clans, als sie sich noch nicht vor König Rhobar hatten verbeugen müssen, dieser Einrichtung angehörten oder es getan hatten. Silmacil der Berg, Drakk der Rote Berserker, Taeris der Blutige und Colodos Orktod. Männer, von denen man immer noch an den Feuern in den Langhäusern sang.
Aber nun, Necomar war realistisch. Er war des Kämpfens müde, wusste das sein Körper die Anstrengungen auf lange Sicht nicht mehr verkraften würde.
Und ein stückweit ängstige ich mich davor, wieder Axt und Langmesser in die Hand zu nehmen. Blut zu vergießen. Lieber schlichte ich, als das ich streiten will.
„Ich mag die Leute hier“, meinte Lewyn dann unversehens, als er Kartoffeln schälte.
„Mh, wieso?“, fragte der Nordmann, der sie kleinschnitt.
„Na, also … man kann bei dem einen oder anderen aussprechen, was man denkt. Wenn ich auf dem Platz vor der Zitadelle nur ein schlechtes Wort über König Ethorn sage, droht mir fast sofort Prügel von seinen Soldaten …“ Er sah Necomar an. „Hier aber … ach, es ist einfach schön, über eine Freiheit und ein Leben zu reden, das man haben könnte.“
Necomar nickte, lächelte. „Ich weiß, was du meinst. Aber wer weiß, Kleiner, vielleicht schaffen wir uns diese Welt irgendwann. Freiheit, Frieden … hehre Ziele, die aber unvorstellbar wertvoll sind. So, und jetzt beeil dich. Du trödelst beim Schälen.“
Chala Vered
10.11.2024, 11:53
„Und du bist vierzehn Sommer alt?“, fragte Chala den Jüngling, der sich nach ihrem Traum sehr darum bemüht hatte, dass sie sich beruhigte.
Teilweise wohl, weil sie mit ihrem Aufschrei die Ruhe der Heilkammer gestört hatte, wohl aber auch, weil er seine Aufgabe sehr ernstnahm.
Er nickte, wobei er es vermied ihr direkt in die Augen zu sehen. Stattdessen schob er zum bestimmt sechsten Mal den Wasserbecher auf dem Beistelltisch zurecht und blickte immer wieder auf ein Stück Pergament in seinen Händen. Seine Finger zitterten leicht und der Becher kratzte leise über das Holz.
„Ich muss sagen, dass du Runa sehr ähnlich siehst. Aber ansonsten habt ihr nicht viel gemein, oder?“
Chala beobachtete, wie der Junge mit den Schultern zuckte und an seiner schlichten, aber sauberen Kleidung zupfte. Die Aranisaani wusste natürlich, dass Sinan ihre Fragerei äußerst unangenehm war. Aber ihr war dermaßen langweilig, dass sie sogar einen Buben wie ihn ausfragen würde. Immerhin war Runa sehr reif für ihr Alter gewesen und sie hatte bereits einige Kerben während der Wilden Jagd verdienen können. Ihr Zwilling hingegen schien das Gegenteil von ihr zu sein.
Ein schelmisches Grinsen bildete sich um Chalas volle Lippen, während sie sich in ihrer sitzenden Position ein wenig nach hinten lehnte. Es war lange her, dass sie mehrere Tage in ihrer normalen Kleidung verbracht hatte und sie begann sich an das Fehlen der einengenden Rüstung zu gewöhnen.
„Und? Gefällt dir eine der Novizinnen, die hier herumlaufen?“, fragte sie ungeniert und beobachtete wie sich die Ohren des Jünglings rot färbten.
Sie wusste, dass er am liebsten verschwinden würde, um ihren unangenehmen Fragen zu entkommen, doch offenbar hatte er ein zu ausgeprägtes Pflichtgefühl oder war zu eingeschüchtert, um sich einfach zu entschuldigen, wie es Ältere sicher getan hätten.
„Du bist doch ein hübscher Kerl. Da werden doch sicher einige der Anwärterinnen schwach, nicht wahr?“, stichelte sie weiter.
Unbehaglich verlagerte der Junge sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Seine Hände zitterten nun stärker, und er schien nach den richtigen Worten zu suchen, während er den Blick auf das Pergament in seinen Händen gerichtet hielt.
„Ich… ich weiß nicht, was Ihr meint“, stammelte er schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Chala konnte sehen, wie der Schweiß auf seiner Stirn glänzte und seine Wangen noch röter wurden. Sie konnte nicht anders, als ein leises Lachen zu unterdrücken. Es war fast zu einfach, ihn in Verlegenheit zu bringen.
„Ah, ich glaube schon, dass du weißt, was ich meine“, grinste die Dunkelhäutige breit und zeigte die Zähne, „Die Roben verbergen zwar vieles, aber das ein oder andere hübsche Gesicht gibt es hier, soweit ich gesehen habe.“
Die Aranisaani wünschte, dass er etwas mehr aus sich herauskäme. Auf lange Sicht würde es ihm nicht guttun, wenn er seine Nase nur in Bücher steckte.
„Schon gut, Sinan“, sagte sie schließlich mit einem sanfteren Tonfall, „Ich wollte dich nur ein wenig aufziehen. Gibt nicht viel, was man hier machen kann.“
Der Junge nickte hastig, sichtlich erleichtert, dass das Verhör vorbei war. Er stellte den Becher ein letztes Mal zurecht und murmelte etwas von „Pflicht“ und „Hilfe“, bevor er sich eilig entfernte. Chala lehnte sich zurück und seufzte leise. Nun würde sie sich eine andere Ablenkung suchen müssen, doch in die kleine Stadt zog es sie dabei nicht. Natürlich hatte sie mehrfach darüber nachgedacht, ob sie sich bei der Akademie melden sollte, doch ohne einen Beweis, dass sie einst eine Klinge war, wäre es ein Kampf gegen Windmühlen. Außerdem hatte sie sich nie recht als eine von ihnen verstanden. Joe war es gewesen, dem sie gefolgt war und noch immer hingen ihre einige Entscheidungen dieser Zeit nach. Ob Aniron eine Lösung für ihr Problem finden konnte?
Jasque war ein merkwürdiger Mann mit merkwürdigen Ansichten und noch merkwürdigeren Hobbies. Aber etwas an der Art und Weise, wie er sie quer durch die Stadt geführt hatte, nur um ihr ein kleines Fleckchen voller Dreck zu zeigen, aus dem drei kümmerliche Blättchen an einem nicht mal fingerdicken Stängel vergleichsweise erbärmlich vor sich hinwuchs, veranlasste sie dazu jede auch noch so kleine Gemeinheit schnell wieder herunterwürgen, die sich begierig darauf, ausgesprochen zu werden, instinktiv auf ihre vorlaute Zunge geworfen hatte.
»Das... nun... hm- Kartoffeln also?« Ellie rang verzweifelt nach Worten und stammelte wild blubbernd vor sich hin. Jasque nickte mit wachsender Begeisterung. Das Funkeln in seinen Augen und das freudige Grinsen verrieten ebenso wie das scharfe Einatmen, das er zu einer erneuten Erklärwelle ansetzte. Das wollte die Einbeinige wenn möglich unterbinden. Denn die Sonne stand bereits tief und wenn ihr Freund einmal in Wallung geriet, war er nur schwer zu stoppen.
»Aber hast du keine Angst, dass niemand das hier«, fuhr sie ihm daher knapp dazwischen und deutete mit einer ausladenden Geste auf das winzige Fleckchen Erde, das man kaum als Acker bezeichnen konnte. »entdeckt? Und wie willst du die Pflanzen gießen? Wir mussten ganz schön weit laufen, um herzukommen. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand hier-«
Jasques enttäuschter Blick ließ sie innehalten. Vor einigen Jahren hatte sie sich mal versprochen, stets der Wind in seinen Segeln zu sein. Gerade aber war sie mal wieder der Anker.
»Entschuldige, Jasque.« Sie legte ihm versöhnlich die Hand auf den Oberarm.
»Ich denke wieder in Problemen.« Ellie lächelte ihren ältesten Freund schief an. »Den kleinen Hosenscheißern wird es nicht gefallen, wenn demnächst mehr Gemüse auf dem Speiseplan steht. Aber es ist eine gute Idee. Ich bin mir sogar sicher, dass der eine oder andere dir helfen könnte mit deinem... Acker? Feld? Gemüsegarten?« Das nervöse Klackern ihres hölzernen Fußes unterbrach die entstandene Stille. »Irgendwie kriegen wir das schon hin.« Sie nickte aufbauend und sprach die Worte mehr zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber.
»Apropos Hosenscheißer - es wird langsam dunkel und die kleinen Racker müssen ins Bett.« Verschmitzt grinsend hakte sie sich bei Jasque ein. »Wenn wir noch einen trinken gehen und das ein oder andere Stündchen totschlagen, schlafen sie schon, wenn wir wieder da sind.« Sie zwinkerte ihm neckend zu. »Also - was sagst du?«
Der junge Handwerker schnaufte schwer und blickte sichtlich enttäuscht auf seine Pflanzen. Er hätte er ihr sagen wollen, dass seit Tagen keiner mehr hier war und dass er ja immer während seinen Runden vorbeischauen könnte doch hatte Ellie einfach Recht. Es war nicht dass erste Mal, dass er Ellie etwas zeigte und sie ihm ihre ehrliche Einschätzung gab. Sie fiel nicht selten eher fatal für ihn aus aber Jasque schätzte diese ehrliche Art an ihr sehr. Auch wenn ihre radikale Ehrlichkeit ihn manchmal etwas verletzt ist doch sehr froh, dass sie ihn manchmal von noch mehr Unheil rettete. Wenn er nicht auf sie hörte, erinnerte sie ihn immer wieder gerne an den "Feuerblitz". Einer seiner größeren Schnapsideen mit Schwarzpulver und einer Prise Magie. Ellie hatte sie beide und die anderen Kinder vor einer riesigen Katastrophe bewahrt.
"Du weißt doch dass sie nie zeitig schlafen gehen wenn wir nicht da sind ", sagte er doch stoppte im Satz als er Ellie anschaute. Bei ihrem Blick wusste er bereits, dass er nicht viele Möglichkeiten hat da jetzt raus zu kommen. Außerdem war es schon länger her, dass sie beide alleine weg waren und was unternommen haben. Den Küken würde schon nichts passieren. "Bete, dass Luuk nicht da ist. Dem sein Gefasel kann ich heute Abend nicht ertragen.", sagte er enttäuscht seufzend während er auf seine Pflanzen schaute. Luuk war ein junger Mann aus mittelständigen Hause mit dem sich Jasque, ganz gegen seiner Natur, schon öfter in den Haaren hatte. Meist machte Luuk immer Späße auf Jasques Kosten oder er sprach schlecht über Ellie. Und Zweiteres hatte ihn schon das eine oder andere blaue Auge gekostet.
Sie krochen beide aus dem "Miniacker" heraus und fanden sich nach ein paar kleinen Kletteraktionen wieder auf der Straße. Und beiden sah man keinerlei Mühen dabei an was man im ersten Blick ihnen nicht erwarten würde denn unter den dreckigen Klamotten und wuseligen Haare würde man nur Haut und Knochen vermuten. Die beiden lebten aber schon etwas länger das Leben auf der Straße und ihre Körper haben sich über die Zeit ihrer Aufgabe angepasst. Ellie war eindeutig und mit viel Vorsprung die flinkste aus der Gruppe. Jasque konnte nur mit seiner mittelmäßigen, körperlichen Kraft glänzen. Das Geheimnis ihres bisherigen Überlebens war aber nie die Fähigkeiten des Einzelnen sondern das Talent der Gruppe.
Seine Augen suchten kurz den Blick von Ellie bevor er sich im selben Laufschritt rechts neben sie platzierte. Er beugte seinen Arm etwas in ihrer Richtung falls sie sich wieder einhaken wollte.
"Und du findest die Idee echt nicht gut?", fragte er sie während er die Leute um sie herum beobachtete. "Und bevor DU dich um Kopf und Kragen redet - sei bitte ehrlich. Du weißt doch - ohne dich bin ich aufgeschmissen."
Ellies Herz sank bei der Frage ihres ältesten Freundes. Mit großen Hundsaugen und einer nur mühevoll zurückgehaltenen Schnute blickte er nach seiner Frage zu ihr und erwartete begierig wie ein kleines Kind, das eine grottenhässliche Kreidezeichnung auf die Hausfassade gekritzelt hatte, eine Bewertung. Und wie bei jedem Balg war Ellie auch bei Jasque hin- und hergerissen zwischen gnadenloser Ehrlichkeit und der damit unvermeidlich verbundenen Enttäuschung und einer vollkommenen, aber die Gefühlswelt schonenden, Lüge.
»Die Idee hat Vorteile.«, antwortete sie nach einer Weile ehrlich. Sie hatte sich diese und die folgenden Worte wahrheitsgemäß zurechtgelegt. Einerseits, um Jasques Bitte nach einer ehrlichen Einschätzung nachzukommen, andererseits um seine Gefühle vor ihrer üblichen Direktheit zu schützen.
»Ich sehe eher Schwierigkeiten.« Um ihm und einer möglichen Reaktion vorwegzukommen hob sie abwehrend die Hände. »Aber-« Sie betonte das Wort besonders deutlich und ließ es für einige Sekunden im Raum zwischen ihnen verhallen. »wenn alles funktioniert, dann haben wir einige wertvolle Goldmünzen gespart und die kleinen Hosenscheißer kriegen auch dann was zwischen die Kiemen, wenn Methoden moralisch fragwürdiger Goldbeschaffung misslingen sollten.« Sie lächelte ihn vorsichtig an und versuchte in seinem Gesicht abzulesen, was in seiner Gefühls- und Gedankenwelt vor sich ging. Mal wieder vergeblich.
Daher fuhr sie fort.
»Ich habe dir ja schon gesagt, dass wir es irgendwie hinbekommen. Nötigenfalls mit ein wenig Unterstützung.« Zögerlich fuhr sie fort. »Die Idee ist gut. Ehrlich. Also wirklich. Und nur, weil ich mehr Probleme als Vorteile sehe, macht das die Idee nicht schlecht. Ich weiß nur nicht, wie gut Kartoffeln im Winter wachsen.«, schloss sie schließlich ihre Einschätzung und konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Jasque war das beste Beispiel dafür, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Straßenschläue und dem durch das Lesen von Büchern erworbenem Wissen gab.
»Aber all das sind Probleme von Morgen-Jasque und Übermorgen-Ellie. Komm - die erste Runde geht auf mich.«
"Aber all das sind Probleme von Morgen-Jasque und Übermorgen-Ellie. Komm - die erste Runde geht auf mich."
Jasque seufzte einmal laut und prustete besonders viel Luft dabei hinaus. Er hatte absolut keine Ahnung wann überhaupt welche Aussaat sinnvoll wäre und hatte alles auf gut Glück gepflanzt. Wenn er ganz ehrlich ist könnte er auch nicht sagen ob das wirklich Rübenkraut ist. Vielleicht war es einfach nur wildes Unkraut. Ellie hatte erfolgreich die Blase platzen lassen und die eigentlich prächtige Idee entpuppte sich als Kist mit vielen Schlössern. Ihm war nicht bewusst wieviel Arbeit das wirklich werden würde.
"Vielleicht bekommen wir ja zwei Rüben bei der Arbeit raus."
Es war deutlich rauszuhören, dass er versuchte die Situation mit ein wenig Humor zu nehmen. Es wäre nicht das erste Projekt welches nicht geklappt hätte. Bei seinem letzten Versuch Trockenfleisch herzustellen ist ein komplettes Schinkenstück verschimmelt. Vielleicht sollte er sich nicht mit Lebensmitteln beschäftigen. Es zeigt sich so langsam ein Muster.
Sie erreichten in wenigen Minuten die Klippenschenke vor der sich die üblichen Leute tummelten und ihren Feierabend genossen. Jasque kam gerne hierher weil es immer neue Gesichter zu sehen gab da sich viele Reisende hierher verirrten. Als Jasque die Tür aufdrückte musste er reflexartig Seufzen und brachte ein genervtes "Och nee." heraus als er Luuk mit seinen Freunden am Tisch sitzen sah. Er ging direkt zum Tresen und fühlte bereits auf sich und Ellie unangenehme Blicke. Aus Ingors Blick konnte mehr sofort erkennen, dass er die 2 Waisen direkt erkannt hat. "So wie immer?", fragte er und war bereits dabei Humpen zu füllen. In Gedanken verloren nickte Jasque nur und blickte hin und wieder nach hinten um festzustellen dass Luuk immer noch eine hässliche Visage hatte. Er bedankte sich kurz als die zwei Humpen vor ihn gestellt wurden, nahm diese dann in einem umarmenden Handgriff und steuerte auf den letzten Tisch zu. Am Tisch angekommen stellte er die Humpen ab und setzte sich so hin, dass er nicht zu dem Tisch seines besten Freundes blicken musste. "Gab es heute denn etwas Interessantes?", fragte er Ellie um das Thema und vor allem sich selber umzulenken.
Tja, da war er nun. Novize der Wassermagier, angehender Alchimist und Aspirant der magischen Künste. Für einen einfachen Schürfer und Bergmann hatte Na-Cron es bereits weiter gebracht als jeder andere aus seiner Familie. Auch wenn mit ihm vermutlich seine Blutlinie verlöschen würde, schließlich hatte er keine eigenen Kinder, soweit er es wusste. Und es sah auch nicht danach aus, als würde dies in der Zukunft wahrscheinlich werden.
Er gestand sich gern ein, dass ihn der Gedanke etwas bedrückte. Aber vielleicht war es auch besser so. So konnte er sich eher auf all das neue konzentrieren, was er hier in Stewark bisher gelernt hatte und noch lernen würde. Schließlich gab es noch so viel zu entdecken!
Allein jetzt, wo er sich gerade in diesem verstaubten Laboratorium aufhielt und mit Lappen und Besen all die Geräte und Regale reinigte, gab es doch so einiges, was seiner Neugierde neuen Auftrieb gab.
Dort in der Ecke zum Beispiel, dort lag das winzige Skelett einer Maus. Woran diese wohl gestorben war? Während der Novize mit Kehrblech und Handfeger die Überreste zusammen fegte und recht pietätlos in den Eimer verfrachtete, dachte er über dieses kleine Rätsel nach. War sie einfach an eingegangen, weil sie hier eingesperrt gewesen war und elendig verhungern musste? Oder hatte sich die kleine Maus gedacht, dass die Kammer ein guter Ort zum sterben gewesen war?
Aber möglicherweise hatte sie auch etwas gefressen, was sie nicht hätte fressen dürfen und war dadurch vergiftet worden. Einige Zutaten, die in dem Werk über Alchemie erwähnt wurden, konnten bekanntlich zu üblen Verstimmungen bis hin zu tödlichen Vergiftungen führen.
Der komische, grünlich glänzende Schleimklumpen in dem verstaubten Regal zum Beispiel wäre dafür eine Möglichkeit gewesen. Angefüllt mit Glassplittern, welche auf ein zerbrochenes Flässchen hindeuteten, bestand dieser glibbrige Haufen aus einer unbekannten Masse, die überraschend geruchslos war. Dafür aber ziemlich klebrig, wie Na-Cron festellen musste, als er mit dem Kehrblech versuchte, ihn vom Regal zu lösen.
"Will ich wissen, was du mal warst?" murmelte er leise, während er versuchte den Klumpen aus dem Regal zu kratzen. Vermutlich war es besser, wenn er keine Antwort auf diese Frage erhielt.
Da sich die undefinierbare Masse von giftgrün schimmerndem Schleim kaum vom Regalbrett lösen wollte, beschloss der Novize stattdessen, einfach das ganze Brett heraus zu nehmen. Mit genügend Abstand zu dem unbekannten etwas packte er das Brett an der Kante und zog vorsichtig daran. Ein leichtes Knacken begleitete die Aktion.
Mutig geworden packte er fester zu und zog mit einem kräftigen Ruck am Regalbrett, welches sich viel zu plötzlich löste!
Überrascht stolperte Na-Cron nach hinten und bemühte sich das Gleichgewicht zu halten. Wenigstens hatte er das Brett aus dem Regal lösen können. Doch, wie sich direkt im Anschluss zeigen sollte, war dies wohl ein tragendes Brett gewesen.
Rumpelnd und klappernd brach das ganze Regal auf einmal zusammen und wirbelte eine Mischung aus Staub, Dreck und Holzspänen auf und hüllte den Novizen ein.
Hustend wedelte er mit dem Brett und der Hand in der verzweifelten Hoffnung, dass die Staubwolke sich schnell wieder legte. Dabei legte sich ein Geschmack von altem Dreck auf seiner Zunge ab.
Fluchend hustete er und spuckte mehrfach hintereinander aus in der Hoffnung den ekligen Geschmack wieder aus seinem Mund zu bekommen. Vielleicht sollte er doch lieber erst einmal kräftig den Besen schwingen, schließlich war das ja die meist erteilte Aufgabe an einen Novizen.
Grummelnd und immer wieder leise hustend machte sich Na-Cron daran einen Besen zu holen. Den Staub in seiner Kleidung versuchte er vergeblich loszuwerden und gab kurz darauf einfach auf. Da zog er doch lieber staubig durch das Haus der Magier.
Die Akademie trat in sein Sichtfeld direkt nachdem er die Treppen zum mittleren Ring erklommen hatte. Ein hoher Bau, der wohl nur von der Zitadelle im inneren Ring in seiner Größe übertroffen wurde. Was sich wohl hinter diesem klobigen Mauerwerk verborgen hatte, bevor König Ethorn mit seinem Volk hierher geflohen war? Vielleicht das Anwesen eines Adligen oder reichen Händlers? Der Fall der Stadt der goldenen Kuppeln hatte nicht nur die Leben der Menschen aus Setarrif auf einen Schlag geändert, sondern auch die sozialen und politischen Verhältnisse in der kleinen Stadt Stewark auf den Kopf gestellt. Wie wohl Baron Renwick mit der Übergabe der höchsten Position in dieser Stadt umgegangen war? Nicht, dass es für den Isidor von früher eine Rolle gespielt hätte, doch wenn er sich bald tief in die Angelegenheiten der Akademie einmischen sollte, dann wäre jedes Bisschen Informationen wichtig. Vielleicht gab es noch immer solche, die unglücklich darüber waren, wie die Dinge damals gehandhabt worden waren. Menschen, die ihm dabei helfen konnten Ziele zu erreichen, die jemand anderes für ihn setzen konnte.
Denn so ungern er es zugab, war Armond es, der ihm die Richtung anzeigte, in der er laufen sollte und bisher hatte der junge Schmied nur gefragt, wie schnell er denn rennen musste, um den Erwartungen gerecht zu werden. Seines eigen Glückes Schmied war er schon lange nicht mehr.
„Heda!“, rief Isidor dem Wachposten an der Tür zu.
Gewandt in einer Rüstung nicht unähnlich der, die er gerade in einer Kiste transportierte, hielt er eine schwere Hellebarde in der rechten Hand. Seine Augen beobachteten aufmerksam den sich nähernden Hünen und es war unmöglich für den jungen Myrtaner zu erraten, was dem Wächter durch den Kopf ging. Stoisch war seine Miene und den Anschein von Achtlosigkeit erweckte er in keinster Weise.
„Meister Alberich schickt mich mit einer Lieferung für Taavi. Er war heute bei uns in der Schmiede und wir haben die letzten Anpassungen vorgenommen“, kam der Geselle der obligatorischen Frage zuvor.
„Immer langsam“, antwortete der Wächter mit beeindruckend tiefer Stimme, „Stell die Kiste ab und lass mich den Inhalt prüfen. Hast du ein Schreiben von Meister Alberich dabei?“
Der Blondschopf tat wie ihm geheißen, stellte die Kiste ans Ende der Treppe und öffnete den nicht vernagelten Deckel. Das mit Stoffen ausgekleidete Innere beherbergte die einzelnen Rüstungsteile und Isidor trat einen Schritt zurück, während der Akademiewächter sich hinabbeugte, wobei er immer wieder zum Träger dieser Lieferung blickte.
„Die Papiere habe ich hier, ja. Meister Alberich wies mich an sie nur gegen Bezahlung zu übergeben“, erläuterte der Schmied, während er beobachtete, wie der Helm durch die Finger des Kriegers wandert.
„Zeig sie mir“, wurde er aufgefordert.
Aus seiner Innentasche holte der junge Mann das Schreiben hervor. Er hatte den Inhalt selbst noch nicht gelesen und würde es auch jetzt nicht tun. Es würde ihn wegen seiner eher schlechten Lesekenntnisse zu viel Zeit kosten. Dementsprechend nervös übergab er das Pergament und wartete auf das Urteil.
„Hmm“, brummte der Wächter nachdenklich, „Scheint alles so zu sein, wie du sagst. Also gut, geh rein und sprich mit Deanna. Sie wird irgendwo im Vorraum sein.“
Der Hellebardenträger richtete sich wieder auf und nahm seine vorherige Position neben der schweren Tür ein. Isidor beeilte sich die Kiste wieder zu verschließen, öffnete die Tür und hielt sie mit dem Fuß auf, während er die Kiste aufhob.
Er hätte mir wenigstens helfen können die Tür aufzumachen, dachte er verstimmt und schob sich mit de Rücken zuerst ins Innere der Akademie.
Der junge Schmied hätte nicht erwartet so schnell Einlass gewährt zu bekommen. Nicht im Bezug auf die Lieferung, sondern auf seine Zeit in Stewark bemessen. Ja, er war nur als Bote geduldet, doch es war ein erster Schritt in der sprichwörtlichen und wohl auch tatsächlichen Tür. Wenn er seine Karten richtig spielte, würde er diese Gelegenheit nutzen können, bereits erste Kontakte zu knüpfen. Zunächst galt es also diese Deanna zu finden.
»Jaja, blabla. Diesdas. Interessant.« Sie winkte ab und lugte vorsichtig durch die Schenke zu dem jungen Burschen, mit dem Jasque seit Jahren eine merkwürdig unausgesprochene Fehde hegte. Keiner der beiden begegnete dem anderen mit offener Feindschaft, es waren nur in Ausnahmefällen ernsthafte Drohungen ausgesprochen worden. All das fand immer nur in Abwesenheit der anderen Person statt. Oder durch die Blume.
»Luuk.«, flüsterte sie über den Tisch hinweg und bemühte sich dabei so unauffällig wie möglich zu wirken. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, wenn man bedachte wie auffällig flüsternde Leute mitten in einer Taverne auf Außenstehende wirkten.
»Wann haut ihr euch denn jetzt endlich mal auf's Maul? Ich hab dir schon so oft erklärt, dass der erste Schlag der wichtigste ist. Freundlich lächeln, hin spazieren, ein Ausfallschritt nach vorn, Arm durchstrecken und schon liegt unser Luuk mit gebrochener Nase auf dem Boden.« In alte Muster verfallend deutete sie im Sitzen die Bewegungen an und demonstrierte ihrem Freund wie die Schulter bei einem Faustschlag zu drehen war. Wie so viele Male zuvor lächelte Jasque nur müde in seinen Krug hinein. Ellie wusste selbst gut genug, dass er keine Freund offener Konfrontation war, insbesondere offene physische Konfrontationen. Aber eine Frau konnte ja noch träumen.
»Langsam werde ich ungeduldig. Also mach endlich - sonst mach ich!«, scherzte sie und drehte sich zu der Person, die quer durch die Taverne geschritten war und jetzt süffisant Grinsend seine Hände auf ihrer Tischplatte abgelegt hatte und sich zu den beiden herunterbeugte.
»Jasque, also ehrlich. Ich weiß nicht, worum es geht, aber wenn unsere Ellie dich schon dazu auffordert, dann solltest du endlich mal aus den Puschen kommen. Weißt du nicht wie unhöflich es ist, eine Dame warten zu lassen? Ich hätte bei einem Mann deines Standes« - bewusst betonte Luuk die letzten Worte - [I]»wirklich erwartet, dass du weißt, wie man mit Frauen umgeht. Aber falls du Hilfe brauchst, kann ich dir gern ein wenig Nachhilfe geben. Und dir zeigen, wie man das macht.« Lüstern zwinkerte er Ellie zu, die als Reaktion lautstark ein Würgegeräusch vormachte und einen großen Schluck trank. »Träum weiter, Schmierlappen.«, warf sie ihm entgegen, schob ihm gleichzeitig aber einen Stuhl hin, damit er sich setzen konnte. So sehr Jasque es auch hassen mochte, aber der großgewachsene Bursche war Teil ihrer Truppe.
»Was gab's denn heute Spannendes bei dir, Jasque? Hast du was Neues erfunden? Hat's diesmal geklappt?«, stichelte er weiter und bestellte mit einer Handbewegung neue Getränke. Woher auch immer er das Geld dafür her hatte mochte nur Adanos selbst zu sagen. Ellie sollte es egal sein - einen geschenkten Krug leerte man in einem Zug. Oder so ähnlich.
Im Vorraum der Akademie, welcher weitläufiger war, als er erwartet hätte und mehr den Begriff Vorhalle verdient hätte, schlug ihm der Geruch von altem Stein entgegen. Aber auch der Duft eines knisternden Feuers, welches in einem Kamin zu seiner rechten fröhlich brannte, um der üblichen Kälte hinter dicken Steinmauern zu trotzen. Es gab nur wenige Fenster, was das vorhandene Licht spärlich machte und Isidor brauchte einen Moment, um sich nach dem doch recht hellen Tageslicht daran zu gewöhnen.
Diese Wände sehen aus, als könnten sie einer Belagerung standhalten, dachte er und betrachtete das graue Mauerwerk. Die Decke der Halle war erstaunlich hoch und mit schweren Holzbalken verstärkt, die das Gewicht der oberen Stockwerke trugen. An den Wänden hingen grobe, aber präzise gezeichnete Karten von Argaan, einige Wandteppiche mit dem Wappen des Königsreichs und einem ähnlichen Symbol, welches er gedanklich der Akademie zuschrieb. Alte Waffen und Schilde verbargen weitere Stellen der Wände und er kam nicht umhin sich zu fragen, ob sie nicht besser zum Einschmelzen geeignet gewesen wären, statt den Wunsch der Menschen nach Zierde zu befriedigen.
Isidor stellte die schwere Kiste kurz ab, um seine Hände zu entlasten. Noch war er nicht in Schweiß ausgebrochen, aber die ungewohnte Verteilung des Gewichts bemerkte er durchaus in seinen Armen. Sein Blick wanderte durch den Raum. Es waren nur eine Handvoll Personen zu sehen, von denen die meisten in seine Richtung schauten, bevor sie kurz darauf das Interesse verloren. Hinter einem massiven Tisch fand er schließlich die momentan einzige Frau in der Halle. Sie war in pragmatische Kleidung gehüllt, die perfekt zu der schlichten Umgebung passte. Ihr Gesicht wirkte streng, aber nicht unfreundlich, und sie schien den Ankömmling mit geübten Augen zu mustern. Das Haar kurz und braun, die Augen wie Bernstein und den typischen Teint der Argaaner ließen sie heimisch wirken. Ihre Statur war durchaus als muskulös zu bezeichnen und der junge Myrtaner vermutete, dass sie nicht bloß als Rezeptionistin tätig war.
„Seid gegrüßt“, begann Isidor, nachdem er sich ihr mit der Kiste genähert hatte, „Meister Alberich schickt mich mit einer Lieferung für Taavi.“
Die Frau, offensichtlich Deanna, nickte knapp.
„Ich verstehe. Bitte lasst mich einen Blick auf die Papiere werfen“, sagte sie und streckte die Hand erwartungsvoll aus.
Er überreichte ihr das Pergament und während sie las, nutzte er die Gelegenheit, sich den Raum weiter einzuprägen.
Jedes Detail könnte nützlich sein, erinnerte er sich selbst.
Das war eine Lektion, die er von Armond gelernt hatte.
Vielleicht gibt es hier sogar potentielle Verbündete, die mir später hilfreich sein könnten.
„Alles in Ordnung“, riss Deanna ihn aus seinen Gedanken, „Meister Tiberon ist im obersten Stockwerk. Ihr findet sein Arbeitszimmer am Ende des Korridors. Er wird euch die vereinbarte Summe übergeben. Die Kiste kann hier stehenbleiben. Ich werde dafür sorgen, dass sie Taavi erreicht“, beschrieb sie ihm den Weg, „Bevor Ihr geht, brauche ich noch Euren Namen.“
„Isidor“, gab er knapp zurück und beobachtet, wie sie etwas in ein Buch schrieb.
„Gut, das wäre alles“, sagte sie mit einer Stimme, die unmissverständlich klarmachte, dass sie das Interesse an jedwedem weiteren Gespräch verloren hatte.
„Danke“, gab er dennoch aus Höflichkeit zurück, was sie jedoch zu ignorieren schien.
Die Treppen, welche sich auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins, also auf der linken Seite vom Eingang aus befand, erklomm er betont langsam. Er nahm sich die Zeit, jedes Geräusch und jeden Geruch aufzusaugen. Von den gedämpften Stimmen der Lernenden bis zum Klirren von Waffen, die in den vermeintlichen Trainingsräumen des ersten Stockwerks aufeinanderschlugen. Alles fügte sich zu einem lebendigen Mosaik zusammen.
Oben angekommen, fand Isidor das beschriebene Arbeitszimmer, nachdem er an mehreren Türen vorbeigelaufen war, wie beschrieben am Ende des Korridors. Er klopfte an das schwere Holz und eine autoritäre Stimme antwortete: „Herein.“
Mit einem letzten tiefen Atemzug öffnete der heutige Lieferjunge die Tür und trat ein. Das Zimmer war schlicht, aber funktional eingerichtet. Ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz dominierte den Raum, flankiert von Regalen, die mit Schriftrollen und einigen Büchern gefüllt waren. Meister Tiberon saß auf einem Stuhl und schaute auf.
„Was führt dich hierher?“, fragte er mit einem Unterton, der vermittelte, dass er beschäftigt war.
„Eine Lieferung von Meister Alberich für Taavi“, erklärte der Hüne und hielt das Schriftstück empor, „Es geht um die Bezahlung.“
„Und die Lieferung ist…?“
„Im Erdgeschoss bei Deanna.“
„Verstehe, für gewöhnlich überprüfe ich selbst derartige… Lieferungen. Sonst könnte ja jeder mit einem Wisch wie diesem hier aufkreuzen, nicht wahr?“, stellte er eine rhetorische Frage, die wohl kein anderes Ziel verfolgte, als Isidor zu verunsichern.
Was sollte er antworten? Hätte er darauf bestehen sollen, die Kiste dem Meister oder wahlweise dem Rüstwart zu übergeben?
„Ich habe lediglich die Anweisungen Eurer Leute befolgt, Herr“, gab sich der Geselle demütig, wobei er sich auf die Innenseite seiner Wange biss, um seinen Ärger im Zaum zu halten.
Er hatte keine Zeit für solche Spielchen, doch wenn er es sich mit dem Leiter der Akademie verscherzte, schwanden seine Chancen, Armonds Auftrag zu erfüllen, rapide.
„Du hast Glück, dass mir Meister Alberich bekannt ist und ich seine Unterschrift erkenne. Beim nächsten Mal wirst du die Lieferung direkt zu mir bringen, verstanden?“, forderte er eine sofortige und unterwürfige Antwort.
„Ja, Herr“ gab Isidor ihm, was er wollte.
„Gut“, sagte Tiberon, zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und wenig Augenblicke später ertönte das verräterische Klimpern von Münzen, „Das ist die vereinbarte Summe. Richte Meister Alberich meine Grüße aus. Du kannst gehen.“
Offenbar waren die Menschen in der Akademie darauf bedacht, ihre Zeit nicht länger als nötig mit Formalitäten zu verschwenden.
„Adanos zum Gruße, Chala“, sagte Aniron ohne Umschweife, als sie an das Bett ihrer dunkelhäutigen Patientin trat. Hinter der Wehmutter schälte sich eine weitere Gestalt hervor, die sich auf den nächstbesten Stuhl fallen ließ.
„Es tut mir leid, dass Ihr warten musstet, hier bin ich jedoch. Dies ist Danee, eine gute Freundin von mir und exzellente Heilerin.“ Danee nickte Chala zu. „Zusammen mit ihr und mit Tinquilius, unserem Obersten Wassermagier und seines Zeichens ebenfalls großer Heiler, habe ich über Euren Zustand beraten“, erklärte die Priesterin. Nachdem sie mit den Novizen fertig gewesen war, hatte sie nach ein paar Patientinnen in der Stadt schauen müssen und erst am nächsten Tag ein ausführliches Gespräch mit Tinquilius und Danee führen können. Doch zumindest hatten sie sich auf eine Strategie geeinigt, wie sie Licht in Chalas dunkle Schatten bringen könnten und deswegen war Danee nun ebenfalls anwesend.
„Wir haben eine Idee und würden dieser gern nachgehen. Das bedeutet jedoch, dass wir Magie anwenden müssen. Dafür braucht es natürlich Euer Einverständnis.“ Langsam rutschte Aniron mit dem Po auf die Liege, dort, wo Chalas Beine lagen, um ihre Beine ein wenig zu entlasten und eine lockerere Position einnehmen zu können.
„Als Erstes jedoch würde mich interessieren, ob es Eurer Rippe besser geht und wie es Euch ergangen ist hier in der Heilkammer seit Eurer Ankunft.“
Mit einem leichten Lächeln schaute die Priesterin in die dunklen Augen der Frau von Aranisa. Im nächsten Augenblick trat Sinan zu ihnen und sah seine Mutter fragend an. Sie nickte ihm leicht zu und mit respektvollem Abstand lehnte er sich an die Wand der Heilkammer, während er beobachtete, was die Frauen da nun zu tun gedachten.
Chala Vered
22.11.2024, 21:46
„Viel Zeit ist ja noch nicht vergangen, aber ich muss gestehen, dass mir zwischendurch langweilig war. Glücklicherweise hat mir Euer Sohn ab und an Gesellschaft geleistet“, berichtete Chala mit einem schwachen Lächeln, nachdem sie Aniron etwas Platz auf der Liege gemacht hatte.
Sie stützte sich mit den Ellbogen ab, um nicht flach liegen zu müssen, während sie sich mit den Magierinnen und Sinan unterhielt. Ein sanfter Hauch von Kräutern begleitete die Wehmutter und für einen Moment fühlte sich die Aranisaani auf eine in einen üppigen, friedlichen Wald versetzt. Ganz anders, als die Mangroven und Bruchwälder um Tooshoo oder der finstere Orkwald.
Die alte Frau namens Danee machte sie neugierig, denn obwohl sie zur Begrüßung nickte, was die Dunkelhäutige erwiderte, schienen ihre Augen an ihr vorbeizuschauen. Doch da sie bisher geschwiegen hatte und sich eher aufs Zuhören zu konzentrieren schien, richtete Chala ihre Aufmerksamkeit zunächst auf Aniron.
„Meiner Rippe geht es erstaunlicherweise deutlich besser!“, antwortete sie auf die andere Frage und zog ohne Umstände ihr Leinenhemd hoch und offenbarte damit ihren Bauch und den unteren Brustkorb.
An der Stelle, wo sie pflichtbewusst die Salbe aufgetragen hatte, hatte sich erst ein dunkler Bluterguss gebildet und sich schneller, als sie es jemals zuvor gesehen hatte, mehrmals farblich verändert. Mittlerweile waren nur noch gelbliche Spuren zu sehen und das Atmen verlief wieder ohne Probleme.
„Danke dafür. Es wäre ansonsten wirklich hinderlich gewesen, wenn ich wieder unterwegs bin“, meinte sie ehrlich und fragte sich, ob sie wohl wirklich bald weiterziehen könnte und wenn ja, wohin.
Tatsächlich fehlte ihr ein Ziel seit sie die Silberseeburg und die verfallene Arena des Bundes hinter sich gelassen hatte.
„Sagt mir, Aniron, was ist das für eine Idee, die ihr habt?“, fragte sie schließlich, nicht mehr länger in der Lage ihre Ungeduld zu verbergen.
Sie wollte nur noch Gewissheit und schließlich eine Lösung haben. Mittlerweile machte sie ihren vermutlichen Geisteszustand dafür verantwortlich, dass all ihre Versuche im Leben gescheitert waren. Die Akademie, der Auftrag in Thorniara, ihr Leben auf Aranisa. Vielleicht wäre sie nie aus ihrer Heimat geflohen, wenn sie Herrin all ihrer Sinne gewesen wäre.
Zufrieden betrachtete Aniron Chalas Haut und die nur noch leichte Verfärbung darauf. Gut, dass die Dunkelhäutige wenigstens das los war.
Dann erfasste sie wieder die Augen der exotischen Frau. Ja, es war Zeit, dass sie sie einweihten.
„Nun, letztendlich war es tatsächlich mein lieber Mann, der uns den entscheidenden Hinweis mit der Fragmentierung gab. Wir vermuten, dass Euer Geist in verschiedene Teile aufgespalten wurde. Genauer gesagt, in fünf Teile.“
Die Wehmutter ließ die Worte kurz wirken, schaute sogar zu Sinan rüber, der stumm aber staunend und mit offenem Mund da stand. Dann erfasste sie wieder Chala.
„Normalerweise haben wir ein Ich sozusagen. Ein Bewusstsein, das uns unser Leben erleben lässt. Das ruht, wenn wir schlafen, und wenn wir wach sind, lässt es uns mit unserer Umwelt reagieren und lässt uns unsere Erinnerungen sammeln, auf die wir dann, mal besser, mal schlechter, zugreifen können.“
Aniron hob die Hände, um ihre Erklärungen zu untermalen. Sie nutzte ihre Finger dazu, bildete erst eine Faust und streckte nun eben jene Finger einzeln von der Hand.
„Bei Euch aber scheint eben jenes Bewusstsein in verschiedene Teile … zerbrochen. Wenn ein bestimmtes Bewusstsein, nennen wir es mal Geist eins, die Oberhand hat, dann kann Geist eins auch nur auf die Erinnerungen zurückgreifen, die es gesammelt hat.“ Sie deutete auf ihren Daumen, während alle anderen Finger wieder zur Faust geballt waren. „Aber nicht auf die Erinnerungen von Geist zwei zum Beispiel.“ Sie zückte den Zeigefinger, dann wackelte sie mit beiden Fingern. „Es könnte sein, dass da wie eine kleine innere Barriere da ist.“
„Das würde jedenfalls erklären, warum Ihr so lange Aussetzer habt und Euch nicht erinnern könnt“, ergänzte Danee nun. Sie saß entspannt auf dem Stuhl und hatte die Hände vor ihrem Gesicht zusammen gefaltet und an den Seiten abgestützt.
„Es gibt natürlich noch viele Fragen dazu. Zum Beispiel, was die verschiedenen Bewusstseins ausmacht. Was Geist eins bis fünf sozusagen bedeuten. Dann könnte man vielleicht auch verstehen, warum Euer Bewusstsein zerbrochen ist. Denn über die Ursachen können wir nur spekulieren und die können vielfältig sein. Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte, ist, dass Euch vielleicht Euer Tagebuch Auskunft darüber geben konnte. Denn jede Schrift scheint für einen der Teile Eures Bewusstseins zu stehen.“ Aniron zögerte einen Moment, bevor sie die nächsten Worte aussprach: „Es könnte tatsächlich so sein, dass fünf verschiedene Chalas im Moment in Eurem Körper wohnen. Deswegen fünf Herzen unter einer Brust.“
Sie ließ Chala abermals ein paar Augenblicke, das Gesagte zu verdauen.
„Ob das Ganze reparierbar ist, wissen wir nicht. Es ist neu für uns und Ihr besitzt diesen Zustand schon sehr lange“, sprach sie sanft. „Aber wir würden ganz gerne mittels Adanos‘ Magie Euren Geist untersuchen. Das tut nicht weh. Adanos‘ magischer Strom umgibt uns alle und damit sollte das Ertasten Eures Geistes, auch wenn er zerbrochen ist, möglich sein.“
Wieder herrschte für ein paar Minuten Stille.
„Also, Chala, wenn Ihr zustimmt, wird Aniron sich unter meiner Anleitung mal mit Eurem hübschen Köpfchen befassen“, sprach Danee dann.
„Ich denke, du behandelst sie und ich guck nur zu?“, wunderte die Wehmutter sich. So hatten sie es abgesprochen mit Tinquilius, da Aniron immer noch in Ausbildung war, was das magische Heilen betraf.
„Habs mir anders überlegt“, grinste die Alte. „Außerdem sollst du nur reinschauen.“
„Nun dann … was sagt Ihr?“, wandte Aniron sich an Chala. „Habt Ihr noch Fragen? Möchtet Ihr Zeit zum Bedenken? Ihr könnt natürlich auch ablehnen, dass wir Magie anwenden.“
Chala Vered
23.11.2024, 01:07
Chala blinzelte, dann blinzelte sie erneut und zur Sicherheit noch ein drittes Mal. War sie das? Die Bestätigung, dass sie ihren Körper teilte? Mit nicht weniger, als vier anderen Chalas? Es war nur eine Vermutung oder? Eine Idee, geboren aus Maris‘ Weissagung, ihrer eigenen Befürchtungen und der daraus resultierenden Geschichte, die sie Aniron erzählt hatte. Vermutlich gab es gar keinen anderen Schluss, den sie hätten ziehen können, nachdem die Wehmutter ausgeschlossen hatte, dass sie – den Göttern oder wer auch immer zusah sei Dank – schwanger war. Was, wenn es nur das Ergebnis von Hirngespinsten war, die sich durch ihr eigenes Zutun auf die Menschen, die bereit waren ihr zu helfen, ausgewirkt und sie unbewusst zu dem Ergebnis kommen ließ, was sie hatte hören wollen?
Doch hatte sie es wirklich hören wollen? Jetzt, wo zwei Heilerinnen vor ihr saßen und bereit waren mithilfe ihrer Magie zu prüfen und womöglich zu richten, was in ihrer Seele vor sich ging und vermeintlich als unnormal gesehen wurde, war sie sich nicht mehr so sicher.
Aber sie konnte jetzt keinen Rückzieher machen. Sie durfte nicht!
„Ich gebe zu, dass ich Magie gegenüber immer eher misstrauisch war“, begann die Aranisaani mit ungewöhnlich monotoner Stimme zu antworten, „Wenn meine Erinnerungen mich nicht trügen“, sie gluckste kurz ob der bewusst gewählten Worte, was durch den Kloß in ihrem Hals eher wie ein erstickter Laut klang, „bin ich ihr das erste Mal hier auf Argaan begegnet. Turang hieß der Mann, der mich erkennen ließ, dass es die Götter geben muss, an deren Existenz ich immer gezweifelt habe.“
Für einen Moment fragte sie sich, ob der Name den beiden Magierinnen etwas sagte. Es war lange her, dass sie auf ihn am Ufer des Silbersees getroffen war und doch kam es ihr vor, als wäre die Erinnerung daran nie wirklich verblasst. Als hätte sie bewusst entschieden diesen vielleicht unscheinbaren Moment als das Besondere, das er für sie war, zu bewahren.
„Ist es verrückt, dass ich mir wünsche, es würde schmerzen, wenn Ihr in meinen Kopf schaut?“, fragte sie unsicher und schob die Beine von der Liege, um sich aufzusetzen.
Sie wollte nicht liegen, wenn in Kürze ihr Geist offen lag wie eine Wunde. Ihr Blick suchte den von der alten Frau namens Danee, doch sie trafen sich nicht.
„Maumivu ni dalili ya uhai“, sagte die Dunkelhäutige in der melodiösen Sprache ihrer Heimat, „Schmerz ist ein Zeichen des Lebens“, wiederholte sie es auch in der Gemeinsprache.
Tiefe Atemzüge nahm sie, konzentrierte sich auf das Heben und Senken ihres Brustkorbs und begann ihr krauses Haar mithilfe eines Lederbandes, welches sie vom Nachttischchen nahm, zusammenzubinden. Danach legte sie ihre Hände so still wie möglich auf ihre Oberschenkel und wandte ihre geweiteten Augen auf Aniron.
„Tut es. Ich war theatralisch genug und sollte mich daran erinnern, was ich bereits alles durchgestanden habe.“
Aniron schmunzelte leicht. Die Hebamme in ihr stimmte Chala zu. Schmerzen waren ein Teil des Lebens! Gerade als Wehmutter wurde ihre Arbeit von Schmerzen und dem Nutzen, den diese hatten, begleitet. Eine Frau ohne Wehen konnte nicht gebären. Die Mutter in ihr, die selbst drei Kinder, darunter sogar Zwillinge, geboren hatte, erinnerte sich, was sie bei den Geburten über den Wehenschmerz gedacht hatte: Der letzte Scheiß.
Letztendlich aber verstand Aniron. Chala würde lieber Schmerzen haben zum Aushalten, als auf das Unbekannte zu starren, was da in ihrem Kopf wartete.
„Ihr kennt Turang? Er war lange ein geschätztes Mitglied unserer Gemeinschaft. Allerdings habe ich ihn eine ganze Weile nicht mehr gesehen“, überlegte Aniron. „Aber interessant, dass er es war, der die Magie an Euch heran getragen hat.“
Die Wehmutter nahm Aufstellung vor der dunkelhäutigen Schönheit und schmunzelte über ihre ehrlichen Worte. Chalas Witz gefiel der Priesterin.
„Wisst Ihr, Chala, Ihr müsst das nicht allein durchstehen. Wir sind bei Euch“, sprach Aniron anschließend und hob ihre Hände, um sie an den Kopf ihrer Patientin zu legen. „Achtung, Ihr kennt es ja: Meine Hände sind recht kühl. Dann beginnen wir und lassen uns von Adanos leiten.“
Chala atmete gedehnt aus und Aniron schloss nach einem letzten prüfenden Blick auf Danee die Augen.
„Es ist einfach“, meinte die alte Heilerin salopp. „Lass die Magie fließen. So wie immer, wenn du nach etwas tastest in einem Körper. Wir werden sehen, was geschieht.“
Aniron tat wie ihr gehießen.
Sie begann nach dem immer fließenden Strom zu fühlen und konzentrierte sich dabei auf das, was zwischen ihren Händen lag. Immer wieder tauchte sie ein in den Fluss, wanderte durch Chalas Kopf und wieder hinaus. Bisher war nichts Außergewöhnliches zu vernehmen.
„Denk dran, du musst tiefer gehen als an die organischen Oberflächen. Nimm dir Zeit und bleibe konzentriert. Lass den Strom weiter fließen“, leitete Danee sie an.
Das tat Aniron. Ihr Atem wurde ruhiger und passte sich dem von Chala an, dabei kreisten ihre Gedanken immer wieder um Chalas Geist.
Sie fühlte, dass sie in Schichten vordrang, die sie zuvor noch nie ertastet hatte. Ihr war, als würde sie vor ihrem inneren Auge in einen tiefen blauen Ozean blicken. Oder war es ein sternenloser Himmel, nachdem die Sonne hinter dem Horizont versunken war?
Aniron ließ sich tragen, bis … ja, bis sie plötzlich nicht mehr weiterkam. Danee schien die Änderung in der Gemütsregung der Jüngeren sofort wahrzunehmen.
„Was ist?“
„Ein Hindernis. Ich komme nicht weiter.“
„Geh zurück, sieh, ob du aus einer anderen Richtung rankommst.“
Wirklich? Was das so einfach?
Sie zog sich ein Stück zurück und fragte sich kurz, ob sie wirklich eine Bestätigung ihrer Vermutungen finden würden oder ob am Ende vier oder sogar fünf Dämonen aus Chalas Kopf springen und die Heilkammer in Beliars Reich verwandeln würden.
Erneut fokussierte Aniron sich und tastete nach vorn, versuchte im Strom eine andere Richtung einzuschlagen. Jedoch, sie kam erneut an das Hindernis.
„Bin wieder an der Grenze“, sagte sie.
„Das ist mit Sicherheit der Rahmen von Chalas jetzigem wachen Bewusstsein“, sinnierte Danee. Sie stand auf und lief einige Schritte nachdenklich hin und her.
„Gut, in diesem Fall … müssen wir noch tiefer“, sprach sie.
Aniron atmete tief ein und aus, Danee indessen fragte Chala:
„Alles in Ordnung soweit? Könnt Ihr noch?“
Chala Vered
23.11.2024, 02:47
Die kühlen Hände Anirons schickten einen leichten Schauer über Chalas Haut und ließen die kleinen Härchen im Nacken und auf den Armen sich aufrichten. Ein Gefühl der Wärme folgte kurz darauf, welches sich langsam ausbreitete und ihr die Nervosität zu nehmen schien. Es war, als ob eine unsichtbare Kraft durch ihre Gedanken wanderte und sie hatte zum ersten Mal eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, nicht allein mit sich in seinem eigenen Geist zu sein. Eine Mischung aus Kribbeln und sanftem Druck waren jedoch die einzigen Anzeichen, dass die Wehmutter nicht nur beschwörend ihre Hände an ihren Kopf legte, sondern tatsächlich etwas tat, was für die Aranisaani noch immer unbegreiflich war.
Je tiefer die Magierin ihre Kraft in Chalas Geist fließen ließ, desto stärker wurde ein seltsames Gefühl der Leichtigkeit. Fast so, als hätte sie Sumpfkraut geraucht, welches nur einen kleinen Teil seiner Wirkung zu entfalten begann. Es war, als ob sie in einem tiefen, ruhigen Ozean schwebte und von einer sanften Strömung in die Obhut der nächsten gegeben wurde.
Ab und an gab es aber auch unangenehme Eindrücke. Ein Ziehen hier, ein Drücken dort, wenn die Magie in ihrem Fluss gestört oder gar unterbrochen wurde. In diesen Momenten verzog die Patientin unwillkürlich das Gesicht, doch es erdete sie auch in ihrem Willen durchzuhalten, nicht die Nerven zu verlieren.
Aus der Tiefe des Ozeans drangen auch immer wieder lang vergessene Erinnerungen und Gefühle an die Oberfläche. Eine Resonanz der Emotionen, die sie tief in ihr Unterbewusstsein verbannt zu haben glaubte. Der Moment der Entscheidung Aranisa zu verlassen. Die Angst, als sie den Drachen zum ersten Mal gesehen hatte und auch die konfliktbehafteten Gefühle für einen Mann, welche sie von sich gestoßen hatte, als sie es als Schwäche für sich identifizierte.
Ohne es zu merken, löste sich eine einzelne Träne, der Tropfen, der den Ozean zum Überlaufen gebracht hatte und nun den Weg über ihre Wange antrat. Hätte man sie gefragt, wüsste sie nicht den Grund zu nennen.
„Ja, macht bitte weiter“, antwortete Chala auf die Frage Anirons und überraschte sich selbst mit einem Tonfall, der an Erleichterung erinnerte.
Mit einem zufriedenen Seufzen betrachtete Piero das frisch aufgehängte Holzschild, auf dem ein Bierkrug vor einem gemauerten Tor zu sehen war. Es würde den Leuten auf lange Zeit zeigen, wohin sie gehen mussten. Für den Beginn jedoch war das leuchtend rote Banner über der Eingangstür der alten nördlichen Wachstube des Stewarker Stadttores ein weithin sichtbares Signal, dass es hier etwas Neues zu entdecken galt.
„Entschuldigt bitte das viele Gehämmer, die Herren“, rief er freudestrahlend den beiden Torwachen zu, die ihm einen irritierten Blick über die Schulter zuwarfen. „Heute öffnet die Torwirtschaft, gleich hier um die Ecke. Ich lade Euch mit Freude ein, nach dem Ende Eurer Schicht auf einen erfrischenden Humpen vorbeizuschauen.“
Der Morgen war grau und herbstlich, doch seiner guten Laune tat das keinen Abbruch. Die Dinge kamen in Gang, und Piero war gespannt, welche Möglichkeiten sich aus diesem Geschäft alles ergeben würden.
Mit einem Gruß an die Wachen trat er an dem derzeit noch blanken Schwarzen Brett vorbei und trat durch die offene Tür in die Schankstube der Torwirtschaft. Ein Dutzend Tische standen leer im Inneren des Schankraums, doch das würde sich schon bald ändern. Mit einem Lächeln wandte sich Piero nach rechts zur Theke, an der eine zerstrubbelt und verschlafen dreinblickende, kleine blonde Dame die Bierkrüge reinigte.
„Livia, Teuerste! Ich freue mich, dass du es pünktlich aus dem Bett geschafft hast!“
„Alter, hör bloß auf, ja? Ist echt nicht meine Zeit.“
„Meine ebenso wenig, Liebes. Aber wer ein paar Münzen machen will, kann leider nicht erst aufstehen, wenn die Sonne im Zenit steht.“
„Laber nicht, Alter … Und glotz nicht so, klar? Die beiden Mädels hier kriegt dein alter Arsch sicher nicht vors Korn.“
Piero lächelte breit. „Keine Sorge, mia bella, ich verkehre nicht mit Angestellten – zu viel Ärger auf lange Sicht. Nein, ich habe mir nur gerade vorgestellt, wie gerne unsere Kunden bei dir bestellen werden. Es wird ein Fest sein, dich hier zu haben!“
Livia rollte die Augen. „Ja ja … kannst froh sein, dass wir die verfluchte Kohle brauchen. Und ich bin nur unter der Woche da und krieg den Wochenlohn immer im Voraus, wie wir abgemacht haben, klar?“
„Selbstredend!“
Es war tatsächlich ein Glücksfall. Eigentlich hatte Piero mit den resoluten Damen des Roten Hahns nur einen Handel über regelmäßige Lieferungen ihrer berühmten Liköre schließen wollen, doch wie es schien, waren die fünf Frauen trotz der Beliebtheit ihrer Veranstaltungen chronisch knapp bei Kasse. Nach einem langen und feierlastigen Abend, bei dem Piero ihnen seine Geschäftsidee näherbringen konnte, hatte Livia den Kürzeren gezogen und sich für den richtigen Lohn als Schankmaid angeboten, um ihre Ausschweifungen bei Nacht bezahlen zu können. Alle Beteiligten konnten davon nur profitieren, und bei allem Gemurre war Livia sich dessen vermutlich auch sehr klar.
Weiter hinten im Raum hatte die alte Christel ihren Platz am Kaminfeuer eingenommen. Direkt vor ihr hing der alte Kessel, in dem sie den Eintopf ihrer Familie aufbewahrte. Diese Speise war ein Faszinosum: als der Eintopf angesetzt worden war, hatte sie ihm erklärt, war noch Ethorn I. durch die Hallen von Setarrif gewandelt. Seitdem war der Eintopf immer weiter am Leben gehalten worden. Man hatte immer nur so viel aus dem Topf genommen, wie man brauchte, und Zutaten und Wasser in der Menge hinzugefügt, die man entnommen hatte. Auf diese Weise hatte sich der reiche Geschmack der Jahrhunderte in Kessel und Eintopf eingebrannt und sorgte für ein Geschmackserlebnis, das selbst ein versierter Gaumen wie der Pieros selten zuvor erlebt hatte.
Christel hatte ihren Eintopf zuvor in ihrer eigenen Stube ausgeschenkt, einer kleinen Hauswirtschaft, mit der sie sich genug verdient hatte, um über die Runden zu kommen. Piero aber, der viel Potenzial in diesem Topf sah, hatte ihr mehr als das geboten, was sie mit ihrer Wirtschaft eingenommen hatte, und ihr versichert, dass sie sich um nichts als das Essen kümmern musste. Das alte Mütterchen hatte dankbar angenommen, als sie bemerkt hatte, wie respektvoll und wohlwollend Piero über das Vermächtnis ihrer Familie, diesen einzigartigen Topf, gesprochen hatte. Und nun war sie hier. Sie und … ein Hund?
„Christel, mia cara, Was ist das da zu deinen Füßen?“
„Ach, der hier?“, rief sie lächelnd. „Er scheint unser erster Gast zu sein. Ist vorhin hier hereingetrottet, als du draußen warst, mein Junge. Ich hab ihm etwas vom Eintopf gegeben.“
Piero starrte verdutzt auf den regungslosen, fetten Haufen Fell neben dem Kamin. Dieser Hund war groß, schmutzig und allem Anschein nach steinalt. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn dieser Flohteppich nach seinem Mahl still und heimlich verendet wäre.
„Und wer schafft den nun wieder raus?“
„Warum denn rausschaffen? Draußen ist es doch kalt, mein Junge. Lass ihn seine alten Knochen hier am Feuer wärmen. Du solltest ihm einen Namen geben.“
Seufzend schüttelte er den Kopf. Sollte das Vieh doch bleiben, wo es war. Der Hund erinnerte ihn an einen alten Lumpen in seiner Heimat, der stets ein ähnliches Gesicht gezogen und sich in etwa genauso viel bewegt hatte wie der Hund. Wie hieß er doch gleich?
„Bruno.“
„Bruno? Wie liebreizend.“
„Aber nur, bis es wieder etwas wärmer ist. Dann fliegt er raus, bene?“
„Sicher, mein Junge“, antwortete Christel kichernd und widmete sich wieder ihrem Eintopf.
Er schielte die hölzerne Treppe hinauf, die erst kürzlich mit der Hilfe einiger Handwerker flott gemacht worden war. Im ersten Obergeschoss hatten sie einige Zimmer eingerichtet, eine Massenunterkunft mit einem Dutzend Betten und drei Einzelzimmer. Auch sie würden ein gutes Einkommen bringen und hoffentlich den ein oder anderen Reisenden bei ihm halten lassen, der interessante Informationen mit sich brachte. Für den Moment residierte er noch selbst in einem der Einzelzimmer – das zweite Obergeschoss war derzeit noch ein wildes Durcheinander, von dem aus man eine direkte Verbindung über das Stadttor hinweg zum südlichen Torhaus hatte. Piero hatte mit Lord Hertan verabredet, dass sie eine Mauer einziehen würden, und sobald dies erledigt war, würde er dort oben sein eigenes Reich einrichten. Bis dahin jedoch war noch Einiges zu tun, denn auch der Keller war noch immer eine unerschlossene Rumpelkammer, deren volles Ausmaß er noch nicht hatte ergründen können.
„Allora!“, rief er und klatschte freudig in die Hände. „Wollen wir unsere ersten Gäste willkommen heißen! Dies ist die Geburt der Torwirtschaft, meine Damen! Ich hoffe, wir werden hier große Dinge miteinander erleben.“
„Versuch noch einmal tiefer zu gehen. Mit Bedacht, wohlgemerkt!“, wies Danee Aniron an.
„Aber … nehme ich dann nicht Einfluss auf den Geist?“, fragte die Wehmutter.
Danee schüttelte den Kopf und ließ sich wieder auf ihrem Stuhl nieder.
„Du beobachtest vorerst nur, mehr wollen wir ja gar nicht.“
Aniron nickte und blickte dann zu Chala. Sie sah die Träne auf Chalas Wange und wischte sie mit dem Daumen weg.
„Ihr schafft das. Wir schaffen das“, sagte sie, um sich beiden Mut zu machen. Dabei erkannte sie in Chalas Augen den Willen, die Sache jetzt hier durchzuziehen.
Daraufhin schloss Aniron erneut die Augen und konzentrierte sich auf die Magie in ihren Händen. Lange Zeit sagte sie nichts und ließ sich einfach erneut mitreißen vom Fluss der Magie. Sie tauchte erneut ein in diese große Welt, sternenloser Nachthimmel oder Ozean, die da in Chalas Kopf war. Stille umfing sie, bis sie wieder an das Hindernis kam, das sie eben schon gespürt hatte.
„Ich bin wieder an der Grenze“, flüsterte sie.
„Mach dich kleiner, damit du sie überwinden kannst. Jedes Hindernis hat eine bestimmte Struktur, in die du dich einarbeiten kannst. Holz hat Furchen. Gestein hat Rillen. Blut hat Eisen. Geh tiefer in die Materie.“
Aniron begann nach der Grenze zu tasten. Sie fühlte sich weich an, bis man auf einen härteren Kern traf. Immer weiter ließ sie die Magie fließen und näherte sich dem Hindernis an, ja, schmiegte sich sogar zuerst an die weiche Struktur an, bevor sie ihre unsichtbaren Finger auf den Kern legte. Durch den Fluss der Magie konnte Aniron sich diesem Kern anpassen, fühlte seine Struktur und da – sie fühlte ein Pulsieren.
Langsam und mit Bedacht glich sie den Fluss der Magie diesem Puls an, bis es ein gleicher Takt war. Dann – endlich, konnte sie durch die Struktur weichen. Sofort packte eine Welle ihre Geist und ließ sie wie das Meer selbst durch das treiben, was sie sah:
Da saß Chala am Ufer des Silbersees! Sie trug eine Kapuze und einen auffälligen blauen Schal um den Hals. Außerdem betrachtete sie die Klinge ihres Schwertes und als sie sah, wie Aniron vorbeiglitt, blickte sie zu ihr auf, ein überhebliches Lächeln auf den Lippen: „Er hat es mir einfach geschenkt, nachdem ich mit ihm geschlafen habe.“ Dann warf sie den Kopf in den Nacken und lachte wie machtversessen.
Doch Aniron glitt weiter, und fand sich bald mit einer jüngeren Chala wieder, die sich selbst vor einem Spiegel betrachtete. Ihre Rundungen umschmeichelt von einem zarten Stoff, der ein Versprechen war auf das, was darunter lag. Sie griff nach dem Schwert, welches die „andere Chala“ eben schon in der Hand gehabt hatte und sah nun über ihr Spiegelbild zu Aniron, die wieder an der Szenerie vorbei schwamm: „Ist das nicht eine perfekte Klinge? Sie war für mich. Gleich und gleich gesellt sich gern.“
Sie warf Aniron noch ein fast verführerisches Lächeln zu, bevor die Szenerie erneut dunkel wurde. Die Woge trieb Aniron weiter, nicht unangenehm, war es doch Adanos‘ Fluss, von dem sie sich tragen ließ.
Erneut erhellte sich ihre Umgebung und diesmal fand sie Chala in einem Sumpf im Nebel. Bei ihr ein Mann am Boden, der zitterte. Schon bald schälte sich ein weiterer Mann aus dem Nebel, der verzweifelt nach jemandem zu suchen schien. Die Chala, die Aniron erblickte, beugte sich zu dem zitternden Mann und blickte dann zu Aniron hoch:
„Was soll ich mit dem Schwert? Es verletzt andere. Helfen muss ich auf andere Art und Weise. Nicht mit einer Klinge.“
Dann wandte sie sich wieder dem zitternden Kerl zu.
Aniron überkam eine tiefe Woge des Mitgefühls, das von Chala ausging. Doch es ging weiter in dem Strom und wieder wurde es dunkel.
Das nächste Bild, was Aniron erblickte, traf sie in ihrem Mutterherzen. Hier war eindeutig Chala, doch sie war ein Kind. Da stand das Mädchen, nicht viel älter als Fianna es jetzt war, in einer Umgebung, die Aniron nicht gut erkennen konnte. Vielleicht die Heimat von Chala?
Das Kind hielt das Schwert mit beiden Händen und konnte es kaum heben, blickte dann mit einem kindlichen Strahlen zu Aniron: „Hast du schonmal so ein großes Schwert gesehen? Schau mal, ich kann das hochheben! Gleich vertreibe ich einen Banditen, haha! Huch!“ Das Schwert war dem Mädchen aus den zarten Händen geglitten. Fast hätte Aniron danach gegriffen und wollte fragen, ob das Mädchen mit den dunklen Locken und den großen Augen verletzt sei, doch die Szene war viel zu schnell vorbei. Zumal es an ihr war, nur zu beobachten.
Die Priesterin schloss innerlich für einen Augenblick die Augen. Fünf Herzen unter einer Brust … Vier hatte sie bereits erblickt. Also … ein Bewusstsein noch?
Wieder erhellte sich die Szenerie, doch nur leicht, denn sie fand Chala an einem Lagerfeuer sitzen. Sie saß über ihr Tagebuch gebeugt und schrieb etwas hinein. Ihr Schwert lag mit blanker Klinge neben ihr, dazu ein Lappen.
„Man muss die Dinge sorgfältig pflegen, damit sie gute Begleiter bleiben“, sprach die Dunkelhäutige und sah nur kurz von ihrer Arbeit auf, während das Feuerholz knackte.
Schon wurde es wieder dunkel.
Dann … strandete Aniron. Die Welle ließ sie am felsigen Ufer des Silbersees stranden. Nun blickte Aniron in den sternenbesetzten Nachthimmel und … fünf Paar Augen blickten ihr entgegen. Sie blickte auf alle fünf Chalas.
„Ich kann sie sehen!“, entfuhr es der Hebamme. Zum ersten Mal sprach sie.
Da blickten die fünf Chalas auf sie herunter. Arrogant, verwundert, lächelnd, neugierig und analysierend.
Fünf Herzen unter einer Brust. Sie hatte sie gefunden. Aber sie konnten einander nicht sehen … Da fiel Aniron etwas auf. Sie selbst hatte durch das Durchwandern von Chalas Geist eine Spur hinterlassen. In allen fünf Szenerien war ein blauer Nebel, einem blauen Strom gleich, zu sehen.
„Chala“, rief sie den fünf Bewusstseins entgegen. „Du musst dem Strom folgen!“
Chala Vered
29.11.2024, 20:39
Wie eine Hand, die sanft durch den weißen Sand einer fernen Insel strich, fühlte es sich an, als Aniron die Grenzen ihrer Seele abtastete. Die hinterbliebenen Furchen schmerzten nicht, glätteten sich gar wieder, als wäre eine erquickende Meeresbrise über das Ufer ihres Geistes gefegt. Und dann, ein Pochen. Ihrem eigenen Herzschlag gleich pulsierte die Magie in ihr, passte sich dem Rhythmus ihres Lebens an und…
Erinnerungen quollen auf, die Nacht in der Schmiede von Schwarzwasser, das Gefühl ein Schwert in der Hand zu halten und die Genugtuung darüber, kein einziges Goldstück dafür ausgegeben zu haben. Es war nicht gestohlen, denn sie hatte von sich gegeben, doch fühlte es sich nicht so an. In ihren Augen hatte sie zweierlei erhalten. Und eben das ließ ihre Haut wohlig prickeln, die Härchen sich aufstellen und sie spürte, was sie schon lange nicht mehr so deutlich gespürt hatte. Das Gefühl bekommen zu können, was sie begehrte, wann immer sie wollte und egal, wo sie sich befand. Freiheit und Macht. So nah war sie diesen beiden Zielen lange nicht mehr gewesen, wie in diesen Erinnerungen. Ein überheblicher Ausdruck zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
…tauchte ein. Tiefer und in Bahnen, die vorher nicht dagewesen waren. Formlos und doch greifbar glaubte Chala verfolgen zu können, wohin die Magierin ihre Energie sandte. Doch sie konnte nicht, fühlte sich ausgesperrt, obwohl sie niemals über diese Grenze hinaus hatte blicken können. Ein Funken Wut entfachte in ihr und ihre Hände wurden zu Fäusten, so verkrampft, dass sich ihre Knöchel weiß färbten. Ihre Zähne mahlten aufeinander, sodass ihr Kiefer schmerzte. Ihre Muskeln spannten sich an, als würde sie jeden Moment in den Kampf ziehen.
Fort war der Zorn. An seiner statt kehrte Süffisanz, nicht ganz unähnlich des Hochmuts den sie zuvor verkörpert hatte. Das unvergleichliche Bewusstsein, dass man beobachtet wurde. Das Wissen, was für eine Wirkung sie auf Männer und auch manche Frau hatte. Die Glorie, in der sie sich suhlte, angefacht durch Lob und Preis in jungen Jahren. Sie war die Tochter des Häuptlings, schön wie die Sonne und der Mond, und begehrt. Sie konnte nehmen, was sie wollte, es sich gar bringen lassen. Doch wer mochte ihr gerecht werden, außer sie selbst?
Ein verführerisches Gemälde hätte man ihre Miene nennen können. Die Lippen leicht verschmitzt geformt, die Augenbrauen kaum merklich angehoben und den Kopf leicht schräg.
Ihre Wahrnehmung änderte sich schlagartig, ihr Puls begann zu rasen und es hatte den Anschein, als wäre sie von feuchter Kälte umgeben. Ein Gefühl der Dringlichkeit gepaart mit dem starken Verlangen überall gleichzeitig sein zu können. Die Vorstellung nur an sich zu denken schien ihr ferner denn je, während sie instinktiv hin und herblickte. Eine erdrückende Welle von Mitgefühl brach über sie herein und sie schnappte unwillkürlich nach Luft.
Eine Mischung aus Sorge, Trauer und Freundlichkeit breitete sich auf ihrer Miene aus und mit einem Anflug von Verzweiflung reckte sie ihre Hand nach etwas aus, was nur in ihrer Vorstellung existierte und was sie wohl niemals erreichen können würde.
Tiefer noch stieß die Magie Anirons vor, oder war es gar nicht tiefer, sondern nur weiter hinten? Oder vorne? Es gab keine Richtungen, keine Tiefe oder Höhe, es gab nur Raum, der doch keiner war und sich anpasste, an was auch immer sich darin in diesem Moment befand. Groß wie der Silbersee oder klein wie die löchrige Innentasche eines verschlissenen Mantels.
Auch Zeit schien keinerlei Bedeutung zu besitzen, Vergangenheit und Gegenwart vermischten sich und die Zukunft war nichts weiter als ein chaotischer Sturm aus Möglichkeiten und Optionen.
Unbeschreibliche Freude strahlte aus Chalas Gesicht, während sie das Gefühl hatte das erste Mal zu leben, alles war neu, alles war interessant, alles war einfach und doch so farbenfroh wie eine gemischte Wildblumenwiese. Sie spürte fast nichts anderes, als diese kindliche Begeisterung in sich, unabhängig von Gefahr oder Verlockung. War es so, wenn man ein Kind war? Sich über nichts Gedanken machen musste, außer die Welt auf eigene Faust zu erkunden, bis die Eltern einen in die Arme schlossen und man die Gewissheit hatte, dass für immer alles so sein würde?
Langsam wich die Freude aus ihren Zügen, wurde ersetzt durch eine leicht gerunzelte Stirn und einer Maske der Neutralität. Unendliche Fragen spülten an den Strand ihres Seins und ein wacher Verstand deduzierte, kalkulierte und analysierte, was sie sah und hörte, bar jeder irrationaler Emotionen. Das, was übrigblieb, wenn man einem Menschen die Menschlichkeit nimmt und ihn rein nach logischen Schlussfolgerungen handeln ließ.
Doch so kalt und rau das klingen mochte, fand sie Ruhe in Mustern, erkannte verborgene Bedeutungen zwischen den Zeilen und wusste, dass sie ein Problem nur sorgfältig von allen Perspektiven beleuchten musste, um es lösen zu können.
„Chala! Du musst dem Strom folgen!“, hörte sie eine Stimme, die ganz nah und doch am anderen Ende der Welt zu sein schien.
Die Worte hallten nach, doch verstummten gleichzeitig wie der letzte Tropfen eines starken, aber reinigenden Regens im Frühjahr.
„Dem Strom folgen…“, wiederholte sie langsam, Silbe für Silbe, doch die Bedeutung wurde ihr erst nach und nach bewusst.
Sie schaute sich um, doch sah nichts weiter, als das Innere der Heilkammer. Danee, wie sie durch sie hindurch zu starren schien, während sich ihre Lippen stumm bewegten. Sinan, der mit großen Augen längst nicht mehr an der Wand lehnte. Aniron, die in tiefster Konzentration zu sein schien, doch die auch der Quell der Stimme gewesen war.
Erst jetzt verstand Chala und sie tauchte ein in ihren eigenen Geist, suchte nach dem Strom, der blau und durchscheinend in eine bestimmte Richtung zu wabern schien. Instinktiv streckte sie sich danach aus, eine Geste, die vierfach wiederholt und doch synchron geschah.
Sie spürte die kühle und doch warme Energie ihren Körper durchströmen, während sie sich mitziehen ließ, umhüllt von blauem Nebel bis sie schließlich und ohne Vorwarnung wie jemand, der kurz vor dem Ertrinken gewesen war, laut japste und gierig die Luft einsog. Ihre Augenlider flatterten wie wild und hätte sie sich nicht an Aniron geklammert, wäre sie wohl aus dem Gleichgewicht gekommen und von der Liege gestürzt.
Ihr Herz drohte durch den Brustkorb zu brechen, so stark hämmerte es, erinnerte sie daran, dass sie lebte, dass sie war, dass sie…
„Bin ich noch ich?“, fragte sie mit heiserer Stimme.
„Ja“.
„Nein.“
„Wir.“
Sie schlug sich die Hand vor den Mund, aus dem Worte sprudelten, die sie nicht zu sagen entschieden hatte.
Was…ist passiert?, fragte sich Narzissmus
Ah, also hatte ich Recht. Wie erwartet., sagte Sorgfalt und klang äußerst zufrieden mit sich.
„Aniron? Ich…Ihr…es ist wahr, oder?“, fragte Chala, nicht sicher, ob sie es war, die sprach, oder eine der anderen Vier.
Johanna zischte vor Schmerz, als ihr Wagen wieder einmal in einer ausgewaschenen Stelle des Weges hängen blieb. Aus dem Augenwinkel begegnete sie Syrias‘ Blick, aus dem sprach, was er ihr schon das halbe Dutzend Male zuvor gesagt hatte.
„Nein, ich lass den Wagen immer noch nicht stehen.“
Syrias sparte sich den überflüssigen Kommentar dankenswerterweise, doch sein missbilligendes Schnauben sprach Bände. Vielleicht war es aber auch nur ein Durchatmen, weil er seinen eigenen Karren mitsamt der Erzbrocken gerade eine schier endlos anmutende Anhöhe hinauf gezerrt hatte.
Die Zinnen Stewarks erhoben sich bereits in der Ferne gegen den grauen Himmel und gaben beiden ein klein wenig Hoffnung, dass die Plackerei bald ein Ende hatte. Und fürwahr: Johanna wollte gerade nichts weiter, als in einen Zuber mit heißem Wasser zu steigen und darin zu schmelzen, bis sie jemand herausschleifte oder sie zu Tode schrumpelte. Dieser Ausflug hatte sich im Inneren der Mine am Eberstein zu einem einzigen Fiasko entwickelt, dem sie nur knapp mit dem Leben und einer Minimalausbeute in den Händen entkommen waren. Ein Schauer überkam sie, als sie daran dachte, wie ihr Schwert das Fleisch der Goblins durchtrennt hatte. Sie hatte getötet, wenn auch nur in Notwehr, und es war ein schreckliches Gefühl. Schon als sie zum ersten Mal ein Schwert in die Hand genommen hatte, war ihr klar gewesen, dass dies eines Tages geschehen würde, aber der Gedanke daran schmerzte dennoch viel mehr als die körperlichen Wunden, die ihr die kleinen Biester zugefügt hatten.
„Ich sag dir, ich hab schon Schlimmeres abgekriegt“, murrte sie, als Syrias sie immer noch anstarrte.
„Der Drecksack, dem das Bordell gehört hat, in dem ich aufgewachsen bin, hat mich jeden zweiten Abend grün und blau gehauen. Und wenn ich einen Ton von mir gegeben hab, hat es gleich nochmal Eine gesetzt. Aber der Biss tut scheiße weh. Der ging glaub ich bis auf den Knochen runter.“
Doch Johanna wusste, dass es weniger die Sorge um ihr Wohlergehen war, sondern vielmehr die Tatsache, dass sie stur daran festgehalten hatte, ihren Karren leer bis in die Stadt zurückzuziehen, obwohl es ihr solche Schmerzen bereitete. Sie hatten zwei Handkarren geliehen, denn schließlich hatten sie mit deutlich mehr Beute gerechnet. Und was geliehen war, musste zurückgebracht werden. Eine Überzeugung, die ganz klar mit dem Pragmatismus ihres Lehrmeisters kollidierte.
„Jetzt haben wir es ja fast geschafft. Und schau mal, ich bin immer noch am Leben, auch mit zweiten Wagen. Und du kannst dir die Säumnisgebühren sparen, die du sonst abgekriegt hättest. Wir wollen doch nicht, dass dich das scheiß Erz da in den Ruin treibt.“
Sie grinste, bleckte aber sogleich die Zähne, als wieder Schmerzen durch ihre Schulter schossen.
„Dann wohl doch erstmal in die Heilkammer und nicht in den Badezuber. Bockmist.“
Diesmal würde sie ihren Heiltrank sicher nicht wieder hinunterstürzen, so viel war sicher. Und vielleicht konnte sie ja wieder einen netten Plausch mit dem Jungen halten, der die Heilkammer in Abwesenheit seiner Mutter führte, als hätte er nie etwas anderes gemacht.
„Ich bin dort schon bekannt, irgendwie.“
Sie wandte sich zu Syrias um, Erleichterung in den Augen, weil die Bewegung Last von ihrer verletzten Schulter nahm.
„Was machst du eigentlich, wenn wir zurück sind? Den ganzen Kram fröhlich einschmelzen und weiter in deiner düsteren Schmiede vor dich hin hämmern?“
Sie schniefte. Die Kälte ließ ihre Nase laufen, als hätte sie sich eine Erkältung eingefangen.
„Ich glaube, für mich ist es Zeit, zur Stadtwache zu gehen und ein paar von den Jungs mal in den Arsch zu treten, um mich zu beweisen“, grinste sie. „Hab das Gefühl, dass ich dank dir jetzt bereit dafür bin. Danke, Großer. Hast echt was drauf als Lehrer.“
Auf dem Weg nach draußen, die Tür des Leiters fiel hinter ihm ins Schloss, horchte Isidor für einen Moment, ob Tiberon eventuell mit sich selbst sprach, und ob er etwas aufschnappen konnte. Doch da war nichts, weshalb er durchatmete und noch einmal das Gesehene durch seinen Kopf gehen ließ, während er langsam über den mit einem rauen Teppich bedeckten Steinboden lief. Dabei landete seine Aufmerksamkeit irgendwann auf die zahlreichen Türen, die den Gang säumten. Mit einem verstohlenen Blick vergewisserte er sich, dass niemand ihn beobachtete und versuchte eine der Türen zu öffnen. Sie schwang problemlos auf, was den heutigen Botenjungen erschreckte.
Doch das Innere stellte sich als weitaus weniger spektakulär heraus, als vermutet. Bett, Truhe, Tisch, ein Stuhl und ein Schrank mit leerem Regal war alles, was sich hier befand. Keine Dekorationen, kein Zeichen, dass hier jemand lebte. Durch das kleine Fenster, dessen Laden geschlossen waren, sickerte schwach das Tageslicht herein.
Sind das die Unterkünfte für die Offiziere hier?, fragte sich Isidor, der keinerlei Ahnung von der Struktur der Akademie hatte.
Bevor er erwischt werden konnte, schloss er die Tür wieder und machte sich auf den Weg zur Treppe. Leider bot sich keine weitere Gelegenheit sich umzusehen, denn als er im ersten Stock ankam, wurde er von einer Handvoll Kriegern, Frauen wie Männer beäugt, die wohl aus einem der nahen Unterrichtsräume kamen.
„Ein neuer Aspirant?“, fragte ein Kerl, der den Schmiedegesellen zwar nicht in Höhe, aber in Breite um einiges ausstach.
Eine fiese Narbe zog sich waagerecht von der einen Seite der Stirn zur anderen und verlieh ihm eine Art dauerhaftes Runzeln. Über seiner Schulter war der Schaft einer Waffe zu sehen, wobei Isidor von einer Axt ausging. Irgendwie verband er lange, rötliche Bärte wie dieser Krieger einen trug, immer mit Äxten. Vermutlich, weil viele Nordmarer zu rotem Haar neigten und für ihre Äxte bekannt waren – obwohl er nie in Nordmar gewesen war und es sich bloß um eine naive Annahme seinerseits handelte.
„Kräftig und ne miese Narbe, könnte sein“, äußerte sich eine der Frauen, die in Größe dem Bärtigen gleichkam, sich aber dennoch hinter ihm hätte verstecken können.
Es hätten wohl fünf von ihrer Figur, wenn sie etwas zusammenrückten, hinter dem vermeintlichen Axtkämpfer Platz gefunden. Sie hatte dunkles Haar mit hellen Spitzen, die soeben ihre Ohren bedeckten. An ihrer Hüfte hatte sie die Scheide eines Kurzschwerts befestigt, doch die Klinge fehlte seltsamerweise.
„Sein Blick sagt was anderes“, sagte der Bärtige und rümpfte die Nase.
Erst jetzt wurde Isidor bewusst, dass er sie angestarrt hatte, was nicht nur äußerst auffällig gewesen war, sondern zudem noch unhöflich. Dabei sollte er sich doch um Verbündete und Kontakte bemühen, nicht direkt negativ auffallen.
„Entschuldigt, ich habe lediglich eine Rüstung für Taavi abgeliefert“, erklärte er sich.
„Ist das so? Also kommst du von Meister Tiberon“, stellte die Schwertlose fest.
„Wieso bekommt Taavi eine neue Rüstung?“, beschwerte sich der Vernarbte.
„Weil er zur Klinge ernannt wurde, Aaro“, erwiderte sie und wirkte genervt, als sie sich wieder an den Botenjungen wandte, „Wenn du deine Aufgabe erfüllt hast, dann verschwinde besser“, riet sie ihm mit blitzenden Augen.
„Ah, jetzt sei doch nicht so, Keeva! So leer wie die Trainingsräume sind, können wir jeden Aspiranten gebrauchen.“
„Nur weil wir hungrig sind, heben wir auch nicht den Müll von der Straße auf“, mischte sich nun die zweite Frau in das Gespräch ein, ihre Art weit arroganter, als selbst die von Meister Tiberon.
Sie trug ihr helles Haar in einem pragmatischen Zopf zurückgebunden, steile Augenbrauen krönten kalte, durchdringende Augen, von denen eins grün, das andere braun war. Etwas, was der junge Myrtaner noch nie zuvor gesehen hatte. Eine spitze Nase und schmale Lippen gaben ihr ein strenges Äußeres und passten zu ihrem drahtigen Körperbau.
So wie sie ihn anstarrte, war er eben jener Müll auf der Straße, den sie nicht aufzuheben bereit war. Ein unangenehmes Gefühl kroch dem viel größeren Mann den Nacken hinab, wobei sich gleichwohl ein gewisser Trotz in ihm bildete. Mit welchem Recht glaubte sie, ihn als minderwertig zu bezeichnen? Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust.
„Die Rüstung, die du da trägst“, grollte er, „Wie oft hat sie dir wohl schon das Leben gerettet?“
„Hältst du mich für dumm?“, lachte sie abwertend, „Ich weiß, was ich an guter Ausrüstung habe und ich kenne Meister Alberich. Nur, weil du sein Lehrling bist, macht dich das nicht unersetzlich.“
Mir nichts, dir nichts zog sie ihm die Argumentationsgrundlage unter den Füßen weg. Außer…
„Ich bin Meister Alberichs Geselle, nicht sein Lehrling“, konterte er und war alles andere als selbstbewusst.
Dass es die arrogante Kriegerin keinen Kupferling interessierte, wer oder was er war, demonstrierte sie schließlich eindrucksvoll, indem sie die Augen verdrehte und sich an den Abstieg ins Erdgeschoss machte. Die anderen drei Klingen blickten ihr nach und zumindest der Mann namens Aaro hatte den Anstand entschuldigend mit den Schultern zu zucken, ehe sie alle ebenfalls die Treppe hinabliefen.
Großartig Isidor, einfach großartig. So macht man das! Sie werden sich sicher drum reißen, dich in die Akademie aufzunehmen, wenn du es nicht mal fertig bringst in einem Gespräch deinen Mann zu stehen, stöhnte er innerlich auf und machte sich dann mit noch schlechterer Laune als bei seiner Ankunft in der Akademie auf den Rückweg zur Schmiede.
Diese Warterei brachte sie noch um den Verstand!
Am liebsten wäre Kisha auf der Stelle mit wehenden Fahnen zur Kammer des obersten Wassermagiers gerannt und hätte die Dinge selbst in die Hand genommen. Doch sie hatte versprochen, zu warten, und Tinquilius war ohnehin nicht da. Sie hatte es bereits getestet. So war sie zum Nichtstun verdonnert, während Aniron in der Heilkammer ihrer Pflicht nachging. Dabei saß sie auf glühenden Kohlen, hatte sich bereits am frühen Morgen mit Proviant und Reisegepäck eingedeckt und ihren Rucksack schon dreimal aus- und wieder eingepackt, um den Platz sie gut wie möglich zu nutzen. Nun endlich glaubte sie, die dichteste Packung gefunden zu haben, und nun endlich klapperten auch die Stahlbarren nicht mehr, die wie ein festes Fundament in zwei Schichten den Bodensatz ihres Rucksacks bildeten. Kisha hoffte nur, dass die Schulterriemen diese Last auf Dauer tragen konnten. Sie konnte sie deutlich Schöneres vorstellen, als dass ihr mitten im Orkwald urplötzlich der Rucksack zu Boden schepperte.
„Jamani! Wie lange dauert das denn noch?“
Schon zum fünften Mal sprang Kisha von der Kante ihres Bettes auf lief dreimal in der Kammer auf und ab und setzte sich schließlich wieder hin. Sie hatte sich mit Aniron für den Abend verabredet, um bei Tinquilius vorstellig zu werden, denn sie brauchte seine Hilfe. Was sie von ihm wollte, war letztlich der Grund gewesen, warum sie überhaupt hierher gekommen war. Ein einfaches Erlaubnisschreiben, mehr nicht. Ein verdammtes Stück Papier.
Mit einem aufgebrachten Schrei erhob sie sich von Neuem. Sie stieß die Tür auf und marschierte geradewegs aus dem Haus der Magier heraus. Wenn sie schon sonst nichts tun konnte, wollte sie wenigstens ihre Verbindung zu Mungu und den Vizuka stärken – und sehen, ob sie überwältigende Flüstern im Inneren des Tempels mittlerweile besser verkraftete.
Mit jedem Schritt die scheinbar frei schwebende Wendeltreppe hinab wurden die Stimmen lauter. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf, als das Flüstern sie wie ein wohliger Schauer überkam. Ihre Lippen kribbelten vor Erregung, als die allumfassende Magie dieses Ortes sie durchdrang. Ein Summen durchdrang ihren ganzen Körper bis ins Mark und ließ ihre Knie zittern.
Die meisten Besucher, die den Fuß der Treppe erreichten, wandten sich instinktiv dem großen Fenster zum Meer zu, einige Wenige wandten sich nach links in Richtung des großen Beckens, welches das von den Magiern gesegnete Wasser enthielt und wo ein Mitglied vom kreis des Wassers mit den umstehenden Leuten sprach. Doch nicht Kisha. Sie wandte sich zu ihrer Rechten, in Richtung des wie eine Speerspitze aus dem ebenen Steinboden ragenden Felsens. Sie atmete zweimal durch, als sie Sila erblickte. Stoisch und kraftvoll stand die Hüterin des Steins da und wachte über diesen Ort. Die ernsten Augen fixierten sie, und obwohl Sila keine sichtbare Reaktion gab, spürte Kisha, dass sie willkommen war, näher zu treten.
Ihre Schritte waren unbeholfen, schwerfällig. Sie brauchte all ihre Konzentration, um mit den übermächtigen Eindrücken umgehen zu können, doch anders als beim letzten Mal war es diesmal nicht zu viel. Diesmal schien es ihr, als verstand sie das Flüstern besser, auch wenn sie keine klaren Worte ausmachen konnte. Es half ihrem Kopf, die Wogen besser zu verarbeiten und nicht vor lauter unverstandenem Durcheinander zu platzen. Als sie nur noch wenige Schritte von Sila und dem Stein entfernt war, nickte die Hofmagierin ihr knapp zu.
„Du bist nicht davongelaufen“, stellte Sila nüchtern fest. „Gut.“
„Ich laufe nicht weg“, entgegnete Kisha mit erhobenem Kinn. Sila tat nichts. Sie hob nur die Augenbrauen und überließ die Novizin ihrem eigenen Gewissen. Kisha senkte den Kopf, als ihr bewusst wurde, dass sie genau das getan hatte, als sie nach Argaan gekommen war. Sie war weggelaufen.
„Und du hast gelernt, den Eindrücken der Magie besser zu widerstehen“, fuhr die Hofmagierin fort und ersparte ihr damit die aufwallenden Schuldgefühle.
„Die Vizuka haben mich sogar gelehrt, einige ihrer Zauber zu benutzen“, erwiderte sie. Einen Moment lang war sie versucht, Sila vorzuführen, was sie gelernt hatte, doch dann dachte sie daran zurück, wie die Hüterin des Steins diesen verfluchten Novizen des Feuers mit ihrer Magie herumgeschleudert hatte, als wäre er ein Spielzeug. Sie kam sich wie ein Kind vor, das etwas Neues gelernt hatte und stolz zu seiner Mutter lief, um es ihr vorzuführen.
Sila musterte sie eingehend. Sie musste ihr inneres Ringen erkannt haben, denn ihre Lippen verzogen sich zu einem kaum merklichen Grinsen.
„Du hast noch einen weiten Weg vor dir, Novizin.“ Sila tat drei Schritte auf sie zu und legte ihre Hand auf Kishas Schulter. „Aber der erste Samen ist gesät. Wer weiß, was aus dir werden könnte? Dein ungewöhnliches Verständnis für die Magie mag dir vielleicht Wissen eröffnen, das all die Gelehrten in einem ganzen Leben voller Studien nicht erlangen mögen.“
In diesem Moment trat ein Mann an Silas Seite, gekleidet in eine Robe aus sandfarbener Seide, ganz wie die Magierin. Er nickte Sila schweigend zu und nahm den Platz ein, den sie freigemacht hatte, als sie auf Kisha zugetreten war. Sila erwiderte den stillen Gruß, dann wandte sie sich erneut Kisha zu.
„Lass mich wissen, wenn du dein Element gefunden hast. Ich werde deine Fortschritte verfolgen.“
Sila wandte sich ab, doch Kisha ergriff die Hand, die sich in diesem Moment von ihrer Schulter löste. Sila hielt inne, mit fragendem Blick. Sie streckte die Hand Kishas Brust entgegen, und ein kurzer Impuls wie durch eine unsichtbare Hand stieß sie sanft, aber bestimmt von sich.
„Halte dich an deine Lehrerin.“
Ohne ein weiteres Wort schritt die Hüterin des Steins davon, die Treppe hinauf, hinaus aus dem Tempel. Ein anderer Hüter hatte für sie übernommen.
Diese Verkörperung des Chaos‘ war eine einzige Katastrophe.
Piero wollte gar nicht wissen, was die Stadtwache dazu getrieben hatte, den Übergang des Torhauses dermaßen mit Sperrmüll und Unrat vollzufrachten. Dieser Raum wirkte, als hätte er in den Wirren der Zeit einige sehr schlechte Entscheidungen über sich ergehen lassen müssen und sei dann einfach der Vergessenheit zum Opfer gefallen, weil es so einfacher war. Dabei schlummerte so viel Potenzial im zweiten Obergeschoss! Piero frohlockte, als er aus dem Fenster in Richtung des Stewarker Landes blickte. Niemand in der ganzen Stadt würde eine ähnliche Aussicht genießen, wenn er diese Kammer erst einmal in sein persönliches Refugium verwandelt hatte.
„Sì sì, so lässt es sich in diesem Nest durchaus leben.“
Immerhin, er hatte die Arbeit nicht einmal allein am Hals. Hertan hatte großes Interesse daran gehabt, zumindest den Teil des Stockwerks unter der Kontrolle der Wache zu halten, der direkt über dem noch immer genutzten südlichen Torhaus lag. Und genau deshalb hatte Piero darauf bestanden, dass die Stadtwache sowohl bei der Entrümpelung, als auch beim Einziehen der neuen Wand helfen würde. Mit einem zufriedenen Ausdruck wandte er sich um und begutachtete die vier Männer der Wache, die in waldgrüne Gambesons gekleidet bereits begonnen hatten, die ersten zerbrochenen Möbelstücke und Waffenständer aus dem Weg zu räumen. Einer der Männer bemerkte seinen Blick und sah ihn mit einem zur Faust geballten Gesicht an.
„Wie wär’s, wenn du Lump auch mal anpackst, hä?“
„Würde ich liebend gerne, wenn dadurch der schreckliche Zustand schneller beseitigt würde, den ihr feinen Männer der Stadtwache hier zugelassen habt“, entgegnete Piero lächelnd. „Doch leider muss ich hierbleiben, um sicherzustellen, dass der Zimmermann die Wand an der richtigen Stelle einzieht.“
Er wandte sich zu einem Anderen um, der drauf und dran war, den Müll über die nördliche Treppe nach unten zu bringen.
„Ah-ah-ah, hier geht es nicht herunter! Der Betrieb der Torwirtschaft darf nicht gestört werden!“
Das allseitige Murren der geprellten Wächter perlte an ihm ab wie Morgentau auf den glänzenden Federn eines Goldfasans.
Just in diesem Moment traf der Zimmermann ein, der sich ihm als Willem vorgestellt hatte. Schnaufend kämpfte er sich die letzten Stufen hoch und legte sein Werkzeug in einer freien Ecke ab.
„Ah, der wichtigste Mann!“, rief Piero entzückt. „Die werten Herren Wachtmeister werden noch einen Augenblick brauchen, bis sie all den Unrat beseitigt haben, aber Ihr wollt sicher bereits einige Vorbereitungen treffen – nicht wahr?“
„So sieht’s aus!“, rief Willem. „Zuerst mal muss ich wissen, wo die Wand später mal hin soll.“
Das Lächeln in Pieros Gesicht wurde breiter. „Gerne, werter Freund! Wenn Ihr mir folgen wollt?“
„Sicher doch.“
Piero durchmaß den Raum und gönnte sich einen weiteren kurzen Blick aus dem mittleren Fenster, das genau über dem Stadttor lag, während er weiter nach Süden schritt.
„Nicht mittig?“, fragte der Zimmermann unschlüssig, als Piero keine Anstalten machte, anzuhalten.
„Nein, mein Freund. Nur noch ein Stück.“
„Soll mir recht sein. Hier?“
„Ein kleines Bisschen noch.“
„Das wird aber nur noch ein Dachkämmerchen da drüben.“
Die Zähne des Herrn der Torwirtschaft strahlten im Halblicht des Raumes.
„Ich weiß …“
Lares konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so dringend ein Bier gebraucht hatte.
In den frühen Abendstunden hatte er es endlich zurück nach Stewark geschafft, durchgeschüttelt und wund gerieben vom endlosen Gerumpel auf dem Hintern dieses Gauls. Seine Eskorte hatte ihn schnell und ohne Zwischenfälle bis zu den Stallungen vor der Stadt geleitet, von wo aus er seinen Weg der Geschwindigkeit halber allein fortgesetzt hatte. Die erhebliche Last des schier unbeherrschbaren Dokumentenberges in seinem Rucksack war ihm einen schnellen Abstecher in die Akademie wert gewesen. Unter den schiefen Blicken einiger Klingen hatte er sich zielsicher durch die Quartiere der Klingen bewegt, bis er schließlich eine kleine, unscheinbare Kammer im zweiten Stock erreicht hatte. Das Schloss war rostig und hakte, doch der Schlüssel passte noch.
Doch nachdem er die Kopien der Abschriften über die Akademie sorgfältig versteckt, sich gewaschen und seine Kleidung gewechselt hatte, war es Zeit gewesen, sich der drängenderen Aufgabe zu widmen.
Der Überbringer schlechter Nachrichten war noch nie in der Geschichte der Menschheit ein beliebter Mann gewesen. Ethorns wie eine flammende Woge aufwallenden Zorn über sich ergehen zu lassen, war dennoch eine Erfahrung gewesen, auf die er gern verzichtet hätte. Als Lee sich dann auch noch erdreistet hatte, seinen Freund aus der Schusslinie nehmen zu wollen, hätte Lares schwören können, dass Ethorn ihm eine verpasst. Doch der König ließ die geballte Faust ruhen, und seine jüngere Tochter zügelte das lichterloh brennende Temperament ihres Vaters.
Dabei konnte Lares es ihm noch nicht einmal verdenken: Seit dem Angriff des Drachen machte das Königreich nur minimale Schritte der Erholung, und so sehr der König die Rückeroberung der gefallenen Königsstadt proklamiert hatte, so sah die Realität bislang doch anders aus. Und nun hatten sich zu allem Überfluss auch noch stinkende Orks dort niedergelassen. Eine Schreckensbotschaft mehr, und der Dummkopf wäre wahrscheinlich hier und jetzt noch mit einer Hand voll wehender Fahnen in den Krieg und den eigenen Untergang gezogen.
Als er endlich entlassen wurde, war Lares so erschöpft wie lange nicht mehr. Lee war ein verdammter Arsch, dass er ihn damals in diesen verdammten Konflikt mit hineingezogen hatte. Doch immerhin war Lares für’s Erste raus aus der Nummer und konnte sich wieder ganz seiner Aufgabe widmen, die Akademie wieder aufzubauen. Das, was sich davon in diesem Nest erhalten hatte, war schließlich ein schlechter Witz im Vergleich zu dem vielschichtigen Wissenshort, den man in Setarrif verloren hatte.
Lares trottete erschöpft die Treppen in Richtung des Torplatzes hinab, um sich in der Klippenschänke einzuquartieren und volllaufen zu lassen, bevor er sich am nächsten Tag neuen Zielen stellte – da fiel ihm der Wandel im Antlitz des Platzes auf. Der Anblick des Torhauses, er war freundlicher, lebendiger. Lichter. Aus dem nördlichen Teil des Torhauses drangen Gesang und Gelächter.
„Nun, das ist neu“, stellte er fest. Seine Neugier war jedenfalls geweckt.
Die Klänge einer launigen Runde drangen an sein Ohr, kaum dass er die angelehnte Tür aufschob. Zu seiner Linken sah er eine Reihe von Tischen und Bänken, die zur Hälfte von einer größeren Gruppe in Feierlaune eingenommen wurden und die anderen Leute kurzerhand in ihre lebhaften Unterhaltungen einbanden. Nur die grimmig dreinschauenden Männer an einem schlechter beleuchteten Ecktisch wandten sich demonstrativ vom Geschehen ab. Lares schloss die Tür hinter sich und trat an den Tresen zu seiner Rechten. Die kurz gewachsene, vollbusige junge Bardame stemmte die Hände in die Hüfte und sah ihn prüfend an.
„Na Meister? N schnelles Pils zum Warmwerden?“, rief sie und schüttelte ihr blondes Haar aus dem Gesicht.
„Klingt genau richtig!“, entgegnete er lächelnd.
„Kommt sofort!“
Lares ließ seinen Blick streifen. In der hinteren Ecke saß eine ältere Dame am Kaminfeuer, zu ihren Füßen ein zotteliger alter Hund, und starrte in einen großen Kessel. Noch weiter zur Rechten führte eine hölzerne Treppe hinauf in das obere Stockwerk, eine kleine Steintreppe hinab. Das Knallen eines Kruges auf dem Tresen riss ihn aus seiner Beobachtung.
„Los geht’s! Ex oder Feuermagier!“
„Ganz sicher kein Feuermagier“, brummte Lares und stürzte sich den Krug ohne einen einzigen Tropfen zu verschütten mit einem Zug in den Rachen.
„Respekt, alter Mann!“, tönte die Bardame. „Für die Leistung geht das Bier auf’s Haus!“
„Liebes, könntest du bitte etwas sparsamer mit den Runden auf’s Haus sein?“, rief eine gedämpfte Stimme aus dem Hintergrund. „Sonst müssen wir am Ende der Woche schon wieder schließen – das wäre sehr bedauerlich!“
Der Kopf eines Mannes tauchte aus dem Kellergeschoss auf und linste über den Rand der Treppe. Als die Blicke der beiden Männer sich trafen, weiteten sich seine Augen.
Ein diebisches Grinsen stahl sich auf Lares‘ Lippen. „Piero!“, rief er freudig. „Lange nicht gesehen!“
Johanna
„Kontrolle!“
Schwere Stiefelschritte, Geklirr von Rüstzeug und Schwertscheiden. Der Gestank von Männern, die den Tag über in einer Rüstung mit wattiertem Unterrock hatten Dienst schieben müssen. Strahlend sahen sie ja aus, diese Plattenpanzer der beiden Stadtwachen, mit den Wappen Stewarks auf der Front. Die Gesichter wirkten aber alles andere als strahlend.
„Noella, komm heraus“, knurrte der scheinbar ranghöhere Soldat des Duos, während der andere finster in die Armenküche starrte. Schritte aus der Küche, ein lautes, gut vernehmliches und sehr entnervtes Seufzen war die Antwort auf den Befehl des Mannes. Die Kauffrau und gute Helferin der Armen trat in den Hauptraum und sah die beiden Wächter an, wie sie wahrscheinlich eine räudige Katze mustern würde, die eine halb tote, halb verweste Ratte hereinschleppen würde, nur um zu krepieren und ein absolut unschönes Gesamtgebilde zu schaffen.
„Ach, Chuck“, sie schaffte es, ein Lächeln aufzusetzen, „Ich wusste doch, dass es hier nach billigem Rasierwasser und einem aufgeblähten Ego stinkt.“
Merik, der den Kopf in den Raum streckte, räusperte sich. „Liebes“, sagte er in mahnendem Tonfall, aber ein Blick der hilfsbereiten Frau ließ ihn schweigend weiter sein Werk verrichten. Necomar, der bis eben den Raum gefegt hatte und beiseitegetreten war, als die Wächter so grob eingetreten waren, stand da, stützte sich auf den Besen, da ihm die Beine schmerzten, und beobachtete fasziniert, aber auch besorgt das Schauspiel.
„Ja ja, Noella, immer wieder angenehm in dein Rattenloch zu kommen“, der Soldat namens Chuck sah sich um und schüttelte den Kopf. „Ich kenne Aborte, die schöner sind.“
Noella lachte hart. „Das ist eine Armenküche“, antwortete sie streng, „keine Flaniermeile. Die Bedürftigen kommen für Essen, etwas Wärme und nette Gespräche her.“
Chuck hob die Schultern. „Die Abgabe ist fällig.“, antwortete er, völlig unbeeindruckt von den Worten der Frau.
„Die Miete …“
„Ich rede nicht von der Miete! Diese Absteige gehört mir ja nicht mal!“, fuhr Chuck grob dazwischen, „Ich rede von der Abgabe. Ich habe den Kontakt zu deinem Gönner geknüpft und dieser ist der Meinung, dass es wieder Zeit für seine Bezahlung wird.“
Noellas Augen weiteten sich einen Moment, die vom Wetter gezeichnete Haut wurde ein kleines bisschen blasser. Sie schluckte. „Natürlich“, antwortete sie gepresst, „Ich … möchte bei ihm nicht in Verzug geraten.“
Chuck schniefte angewidert. „Ist mir scheißegal“, gab er zurück, „In der Hinsicht bin ich nur Bote. Was du zahlen sollst, was eure Abmachung ist … mir völlig egal.“
Das Lächeln auf dem Gesicht des Soldaten wurde widerwärtig. „Wobei ich mich auf den Tag freue, an dem du in Verzug gerätst. Mit der Miete oder bei deinem Gönner. Ich werde – egal wem – liebend gerne dabei helfen, dein Rattennest hier niederzureißen. Und wenn’s am Ende ein Lager für Weinfässer wird … Hauptsache du und die Schmarotzer, die du durchfütterst, so elende Gestalten wie der Besenschwinger da“ – er zeigte abfällig auf Necomar, der zu überrascht war, um zu antworten „- Hauptsache ihr landet in der Gosse, noch viel besser außerhalb der Stadt.“
Er wandte sich kopfschüttelnd ab. „Scheiß Setarrifer“, zischte er, „Los, Degan, wir müssen noch weiter patrouillieren. Nicht das unser hochgeschätzter Herr Hertan einen Grund hat, uns wieder zu disziplinieren, der Schwanzlutscher …“
Und damit verließen die beiden Wächter die Armenküche, hinterließen viel Dreck und noch viel mehr nachdenkliche Menschen. Allen voran Necomar.
Ich dachte, Noella bringt das Gold für die Armen selber und durch Spenden auf. Ein Gönner … seltsam.
Den ganzen Weg zurück zur Schmiede hatten Isidor dunkle Gedanken geplagt. Noch immer machte ihm die Nachricht zu schaffen, dass Ardan Hsia lebendig und unbehelligt unter den freien Menschen des myrtanischen Reiches wandeln durfte. Dazu noch die kaum verhohlenen Drohungen Armonds und seine Aufgabe, die der Hüne bereits fürchtete kompromittiert zu haben, nachdem er sich als schwacher Charakter vor den Klingen gezeigt hatte. Wie sollte er weitermachen? Wenn er diesen Auftrag nicht erfüllen konnte, fürchtete er, was der myrtanische Geheimdienst ihm antun würde. Dazu fragte er sich, wie er seine Rache oder zumindest Genugtuung für den Tod seiner Familie finden konnte. Und dann war da noch seine Arbeit bei Meister Alberich, der ihn selbstlos bei sich angestellt hatte und ihm zeigte, was einen wahren Rüstungsschmied ausmachte. Etwas, das er bei seinem Vater in Vengard nie kennengelernt hatte.
Und dann ist da noch Frieda, dachte er verbittert und beschwor das Bild der herzensguten Bäckerin vor seinem inneren Auge, was tatsächlich die Last erträglicher werden ließ, die ihm das Herz zu zerquetschen drohte. Doch irgendwie rückte ein weiteres Gesicht in den Fokus seiner Gedanken und es wunderte ihn selbst, dass er an Johanna denken musste. Die quirlige, junge Frau, der er so viel zu verdanken hatte. Eigentlich alles, wenn er ehrlich war.
Seit er in Stewark angekommen war, hatte sie ihm geholfen eine Anstellung zu finden, Frieda kennenzulernen und auch den Hauptmann der Stadtwache. Sie war ihm eine Freundin gewesen, von Anfang an und er hatte nicht das Gefühl es jemals aufwiegen zu können. Denn selbst, wenn er es versuchte, war er in Wahrheit doch nur ein Verräter, der aus selbstsüchtigen Gründen mit dem Ziel hierhergekommen war, über kurz oder lang dem Königreich dieser Insel zu schaden. Dabei war ihm der Konflikt völlig egal. Rhobar oder Ethorn. Wieso interessierte es solche Männer, über wie vielen Städten ihre Banner wehten? Was hatten sie davon Krieg zu führen, wenn dadurch mehr Leid als Wohlstand beschworen wurde? So gesehen war es fast anmaßend vom myrtanischen Reich Ansprüche auf die Insel Argaan zu erheben, deren Einwohner sich lediglich wehrten.
Doch was spielte es eine Rolle für ihn? Den einfachen Schmiedesohn, der nichts mehr hatte, außer einem undurchsichtigen Ultimatum, welches ihn unentwegt vorantrieb.
Derartig über seine verhängnisvolle Situation grübelnd, erreichte er die Schmiede, trat ein, nachdem er sich grob die Schuhe abgeklopft hatte und löste den schweren Lederbeutel von seinem Gürtel, den er vor den wartenden Alberich ablegte.
„Hier ist die Bezahlung für die Rüstung, Meister“, kam er zum Punkt ohne ein Wort des Grußes.
Dabei war er nicht gewollt unhöflich, sondern zu gefangen im Beliarkreis seiner Gedanken.
„Gut gemacht, Junge. Hat dir der kleine Ausflug geholfen?“, fragte der Ältere und öffnete den Beutel, um hereinzublicken.
„Ich glaube nicht“, seufzte Isidor und lehnte sich gegen die Theke aus schwerem Holz, „Die Menschen in der Akademie waren mir nicht gerade freundlich gesinnt.
„Nimm es nicht zu schwer. Sie haben ihre Vergangenheit noch nicht hinter sich lassen können und sind ein eingeschworener Schlag von Mensch, der von außen zunächst kalt wirken mag. Aber wenn du ihr vertrauen gewinnst, dann kannst du dich auf jeden von ihnen verlassen!“
Es war deutlich zu hören, dass Alberich nichts auf die Akademie und seine Krieger kommen lassen würde. Doch bei seinen Worten musste er an die Frau mit den verschiedenfarbigen Augen denken. Der Schmiedegeselle konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihre Kameraden nicht links liegen lassen würde, wenn sie ihrer überdrüssig war. So abfällig, wie sie über ihn gesprochen hatte, wobei Isidor wohl nur ein Gesicht für die Masse war, glaubte er nicht, dass sie ihm jemals sympathisch werden würde.
„Das hier ist dein Lohn“, brummte der Meisterschmied plötzlich und schob den Goldbeutel, dessen Inhalt er zuvor in eine Schatulle gefüllt hatte, zu ihm herüber.
So wie es aussah, war noch immer eine beträchtliche Summe darin.
„Aber Meister, ist das nicht viel zu viel? Ich habe doch bisher kaum etwas geleistet und-“
„Unterschätze deinen Anteil an der Rüstung nicht“, fiel Alberich ihm ins Wort, „Ich sehe, wie sehr du dich anstrengst und wie schnell du von mir lernst und vertiefst, was du bereits wusstest. Nimm es und kein Wort mehr davon.“
„Ich… danke Meister.“
Der Rüstungsbauer nickte lediglich.
„Meister?“, fragte Isidor nach einem Moment des Schweigens, „Ihr wart Mitglied der Akademie, nicht wahr?“
„Ja, vor vielen Jahren“, bestätigte der Veteran, dessen Blick zur Wand wanderte, an der die eindrucksvolle Sammlung eines abenteuerlichen Lebens ausgestellt war.
„Und das war Eure Rüstung?“
Die Klingen
07.12.2024, 01:37
„Das alte Teil?“, fragte Alberich nach und trotz seines brüsken Tonfalls lächelte er wehmütig.
In seinen Augen spiegelten sich die Erinnerungen vergangener Zeiten, ein Echo alter Tage, wo die Welt noch einfacher war.
„Sie wurde mir damals zum Eintritt in die Akademie übergeben. Meine erste Rüstung. Sie ist der Grund, weshalb ich den Schmiedehammer noch heute schwinge – in vielerlei Hinsicht – und ist ein Meilenstein auf meinem Lebensweg“, begann er zu erzählen und überraschte Isidor mit einem Wortschwall, den er von dem sonst so verschlossenen Mann nicht erwartet hätte.
Alberich legte den schweren Schmiedehammer zur Seite, zog sich den Lederhandschuh aus und umrundete den Tisch, auf dem sich die Zeichnungen zukünftiger und aktueller Projekte stapelten. Mit seiner von Schwielen übersäten Hand strich er nahezu ehrwürdig über die angelaufenen Bronzeplättchen, welche ihm treue Dienste geleistet hatten.
„Damals war ich noch so grün hinter den Ohren, wie du es heute bist, Junge“, nahm er den Faden wieder auf, „Na gut, vielleicht nicht ganz so grün. Immerhin hatte ich mich soweit bewährt und fähig gezeigt, dass man mir einen Platz in der Akademie anvertraute. Eine Ehre, von der damals jeder Halbstarke träumte. Immer, wenn meine damaligen Freunde und ich beobachteten, wie die Klingen durch die Straßen liefen, in ihren schimmernden Bronzerüstungen und stolzen Helmen, deuteten wir auf sie und riefen ‚Eines Tages werden wir genau so sein. Eines Tages!‘“
Die Worte wichen einer erinnerungsschwangere Pause, während Alberichs Augen den Fokus verloren, und er sich in seine Kindheit und Jugendzeit zurückversetzt fühlte. Ein sehnsüchtiges Seufzen entwich dem Veteranen, als er sich schließlich von der Rüstung abwandte.
„Und wir schafften es. Wir alle bewiesen uns und wurden einer nach dem anderen vom damaligen Leiter der Akademie, Taliesin, akzeptiert, der später von Jerowen abgelöst wurde. Ein feiner Mann, der ein grausames Ende finden musste.“
Den Worten gerecht fiel auch die Stimmung des Meisterschmiedes, als er an diese dunklen Zeiten zurückdachte. Mit bedeutungsschwerer Miene trat er zu einem anderen Stück seiner eindrucksvollen Sammlung, einer Klinge, lang und schmal mit verziertem Knauf und breiter Parierstange.
„Diese Waffe hat mir Taliesin selbst überreicht, als ich es zum Meister der Klingen brachte. Er lobte mich in den höchsten Tönen und richtete die Worte an all jene, die nach mir kommen sollten. Ein leuchtendes Beispiel nannte er mich und nie zuvor oder danach in meinem Leben habe ich mehr Stolz empfunden. Ironischerweise habe ich mich kurz darauf, durch Zugang zu neuem Wissen, welches mir ein höherer Rang eröffnete, dem Studium der zweihändigen Kampfkunst gewidmet. Die geballte Kraft, die ich dadurch in meine Schwünge legen konnte, entsprach mehr meiner damals aufbrausenden Art und noch heute erwische ich mich dabei, wie ich mir wünsche, noch einmal meinen Kriegshammer zu schwingen. Stattdessen tauschte ich ihn ein, konzentrierte mich auf das Erschaffen jener Rüstungen, die mir mehr als einmal das Leben retteten. Etwas, was ich auch von dir erwarte, Junge. Lerne von mir das Handwerk und schütze die Leben der Akademieschüler. Sie alle verdienen es, nur die besten Rüstungen zu tragen, denn sie sind die Zukunft dieses Königreichs, unserer Traditionen und unserer Werte.“
Isidor schaute ihn mit wachsendem Respekt an. Er kannte diesen Blick, hatte ihn allzu oft in den Augen neuer Klingen gesehen, denen er als Vorbild zu dienen verpflichtet gewesen war.
„Ja, so wie du mich jetzt gerade anschaust, haben auch meine damaligen Schüler zu mir aufgesehen. Zum Meister der Kraft hatte man mich ernannt, nachdem ich mich in etlichen Kämpfen gegen die raubenden Torgaaner und aufmüpfigen Orks der Sumpflande bewährt hatte. Meine Aufgaben innerhalb der Akademie mehrten sich mit den Jahren, so aber auch die Privilegien, die ich genießen konnte. Als Meister war mir ein Platz im Tribunal versprochen, welches über Gesetzesbrecher innerhalb der Akademie richtete. Meist waren es Bagatellen, derer wir uns annehmen mussten. Doch so tief die Verbundenheit zu unseren Traditionen geht, so tief reicht auch das Spiel der Macht innerhalb unserer Grenzen. Je höher ich aufstieg, desto mehr wurde mir vor Augen geführt, wie verdorben die Ränkespiele waren, denen ich mich unfreiwillig aussetzen musste. Ich habe immer geglaubt, dass politische Intrigen das Metier der Hofmagier seien, doch ich lag falsch, geblendet von Idealismus und dem Wunsch meiner Wiege, meiner Herkunft gerecht zu werden. Es war der ausschlaggebende Punkt, weshalb ich eines frühen Morgens an die Tür des Zimmers von Leiter Jerowen klopfte und ihn bat, mich freizugeben von meinen Pflichten, meinen Privilegien und den hinterhältigen Spielchen der anderen Meister.“
Ein Lächeln spielte plötzlich um die Lippen des altgedienten Soldaten, welches nicht recht zu seinen Worten passen wollte.
„Und weißt du, was er zu mir gesagt hat?"
Isidor schüttelte den Kopf, da er sich nicht vorstellen konnte, was in einer solchen Situation eine passende Antwort gewesen wäre.
„Nie zuvor hast du einem Kampf den Rücken zugekehrt, Alberich. Warum jetzt?‘ Ich war völlig überrumpelt. Diese eine Frage brachte meine felsenfeste Entschlossenheit zum Brechen und ich blieb Meister der Kraft. Erst viele Jahre später, nachdem ich glaubte, die Intriganten unter Kontrolle gebracht zu haben, setzte ich mich zur Ruhe. Meine Tage als Krieger waren gezählt, längst hatten mich die Jungspunde in Kraft und Technik übertroffen und ich wusste, dass es Zeit war, einer neuen Generation aufstrebender Argaanern Platz zu machen.“
Ein Schatten legte sich über die Miene Alberichs, während er zurück an den Amboss trat. Er schaute in die glühende Esse, spürte die Hitze in seinem Gesicht und beobachtete die züngelnden Flämmchen, die ab und an durch die flimmernde Luft leckten.
„Doch dann kamen die Flüchtlinge“, setzte er seine Geschichte leise fort, so als wären die Worte nicht mehr für seinen Lehrling bestimmt, „flohen vor den Truppen Rhobar III., der sein Augenmerk auf unsere altehrwürdige Stadt gelegt hatte, obwohl ihm ein ganzer Kontinent zu Füßen lag.“
Die Wut, welche in den Augen des alten Kriegers aufflammte, brannte heißer als die Schmiedeesse. Ihm war der tiefsitzende Hass anzusehen, den er für den König Myrtanas empfand, doch sein Zorn galt nicht nur den Invasoren des Orden Innos‘.
„Sie brachen mit unseren Traditionen, traten sie sogar mit Füßen, doch König Ethorn ließ sie gewähren, begrüßte gar das frische Blut in unseren Reihen, ließ sogar einen Außenseiter zum Leiter der Akademie aufsteigen!“
Alberich griff nach seinem Schmiedehammer, so fest, dass der Ruß, der seine Hände bedeckte, aufbrach und seine weißen Knöchel offenbarte. Einen Moment lang hielt er den Druck aufrecht, sodass sich Isidor fragen musste, was er vorhatte. Doch nichts weiter geschah, außer, dass er sich wieder entspannte.
„Aber es stellte sich heraus, dass selbst ein Außenseiter ein guter Akademieleiter sein konnte. Es war nicht mehr jener Ort des Studiums, den ich kennen und lieben gelernt habe, doch er behielt viele der alten Methoden bei und schaffte es, die Intrigen einzudämmen. Jedenfalls so lange die Akademie noch Bestand hatte.“
Seine Geschichte näherte sich der Bedrohung und schließlichen Zerstörung Setarrifs durch den Drachen, der ihr aller Leben in Verzweiflung gestürzt hatte. Dieser schreckliche Tag hatte ihm zum ersten Mal bewiesen, dass Rüstungen nicht jeder Gefahr standzuhalten vermochten.
„Vier Jahre nachdem die Flüchtlinge zu uns gekommen waren, wurde Setarrif, die ewig goldene Stadt, die seit Generationen, die wohl eindrucksvollste Hauptstadt Morgrads gewesen sein musste, völlig zerstört und mit ihr auch die Akademie, wenn man den Berichten Glauben schenken darf. Das dort in Büchern und Schriften gehortete Wissen war der größte Schatz des Reiches und hat uns einen Teil unserer Identität genommen, als es von den Flammen verschlungen wurde, hätte nur in jenen Meistern fortbestanden, die den Angriff überlebten. Doch die meisten von ihnen sind tot oder verschollen. Nur noch Tiberon bekleidet den Rang eines Meisters und die Schwerter halten sich größtenteils aus den Angelegenheiten der Akademie heraus, weil sie mit anderen Aufgaben betraut wurden. Doch ich bin überzeugt davon, dass wir uns dieses Wissen neu erarbeiten können. Ich vertraue König Ethorn und meinen Landsleuten.“
Isidor
Sie hatten die Stadttore Stewarks fast erreicht, als Johanna erneut stehen bleiben musste und schwer atmend die Hände auf ihre Knie stützte.
Die junge Frau hatte definitiv Biss, das gestand der Söldner ihr gerne zu. Aber mit dieser übertriebenen Darstellung von Durchhaltevermögen würde sie sich irgendwann noch einmal ins Grab bringen, wenn sie nicht aufpasste.
Die dunkelhaarige hatte auf dem Weg zurück jedoch mehrfach deutlich gemacht, dass sie den Karren weiter schleppen wollte. Und irgendwann hatte Syrias es aufgegeben sie überreden zu wollen. Stattdessen hatte er sie im Auge behalten und ihr immer wieder kritische Seitenblicke zugeworfen. Aber die junge Frau blieb eisern.
Man konnte schon die Wachen erkennen, die eingehende Besucher und Händler der Stadt kontrollierten, als Syrias mit den Schultern zuckte und der kleinen Frau ihre Frage beantwortete.
"Vermutlich. Taron und ich haben ne Abmachung, die zwar mit dem Erz abgegolten ist, aber ich wüsste sonst nix mit mir anzufangen. Schmieden ist halt eins von den Dingen, die ich gut kann. Das und kämpfen." Syrias und Johanna reihten sich in die Schlange derjenigen ein, die Stewark betreten wollten. Dabei warf der Söldner den beiden Stadtwachen einen kritischen Blick zu um sie zu mustern.
"Und denen willst du dich anschließen? Nimms mir nicht übel, aber Wächter sind immer so ne Sache. Und du bist halt klein. Ich kenn dich, aber der normale Schurke wird dich wohl kaum als Gefahr ansehen. Wär fast so, als würde man ein Häschen zum Wachmann befördern."
Syrias hielt jedoch weitere Aussagen hinterm Berg, schließlich wollte er der Dunkelhaarigen nicht ihren Wunsch ausreden. Doch er konnte sie sich bei weitem nicht als Wächterin vorstellen. Aber wenn sie das wirklich wollte, nun dann würde sie sich eh nicht von seinen Worten verunsichern lassen.
Die Schlange rückte ein Stück vor und langsam ging es weiter.
"Und danke, dass du glaubst, ich wär ein guter Lehrer. Ich bin nur froh, dass wir diese beschissenen Goblins überlebt haben. Widerliche Bastarde." Der Söldner hielt inne und warf Johanna erneut einen kritischen Seitenblick zu.
"Lass dir den Biss aber gut ausspülen. Brandwein hin oder her, Gobbo-Bisse sind fies."
„Wer waren denn diese sympathischen Hüter des Gesetzes?“, fragte Necomar später scheinbar unbekümmert die Betreiberin der Armenküche. Noella, die die Tische abräumte und abwischte, hielt inne, sah zu ihm auf und schien ihn eingehend zu mustern, ehe sie weitersprach. Gar nicht so, als würde er schon seit Wochen an ihrer Seite arbeiten, Vorräte tragen und für Sauberkeit in der Küche sorgen. Es schien eine Spur Misstrauen in dem Blick zu liegen.
„Chuck und irgendeiner seiner Kameraden“, antwortete sie kurz angebunden.
„Nicht sehr …“
„… vorbildlich für einen Wachmann?“, sie lachte abfällig, „Chuck ist unter den Wächtern durchaus umstritten. Für viele ein absolutes Arschloch, entschuldige die Wortwahl. Ist oft genug der Fußabtreter seiner Kameraden und der Offiziere, weswegen er wohl versucht, so gut und so oft wie möglich nach denen zu treten, die – seiner Meinung nach – unter ihm stehen.“
Ihre Hand ließ den Lappen los, umfasste ihre Kette. „Und Setarrifer hat er sich besonders zum Ziel genommen. Findet, die sorgen nur für Ärger. Früher haben sie auf die Stewarker herabgeschaut, diese Provinzler, und jetzt betteln sie bei ihnen um Gaben und einen Platz zum Schlafen.“ Sie seufzte. „Es ist ein kleines bisschen Macht, welches er besitzt, aber es kann für uns weitreichende Folgen haben. So ist leider die Welt, Necomar, aber das habe ich dir bereits im Tempel gesagt, nicht wahr?“
Der Mann aus Nordmar nickte bedächtig, sah kurz zu Boden, eher er den Mut fasste, nachzufragen: „Wer ist dieser Gönner, den er erwähnte?“
Die Frau richtete sich auf, stemmte die Hände in die Hüften.
„Chuck hat nur gedroht und geschwätzt, der Hund.“
Necomar lächelte sacht. „Noella …“, begann er. Sie sah ihn lange an, ehe sie sich umschaute. In der Küche war Merik noch am Aufräumen und der kleine Junge Lewyn half ihm dabei. Sie deutete auf die Bänke an dem Tisch, den sie gesäubert hatte. Necomar setzte sich, verzog dabei kurz vor Schmerzen in Bein und Rücken das Gesicht. Als sie saßen, faltete Noella die Hände.
„In Ordnung“, begann sie langsam, „nun, ja … es gibt einen Gönner. Wobei dieses Wort so abwertend klingt. Ich würde eher sagen, jemand mit den nötigen Mitteln und dem Herzen, um den Bedürftigen zu helfen. Persönlich getroffen habe ich ihn nie, es kommt meist nur sein Bediensteter oder eben so Lakaien wie Chuck. Wobei Chuck nicht auf der Gehaltsliste dieses Mannes steht, er … weiß einfach nur davon, dass wir Gold von jemandem für unser Werk hier bekommen.“
Sie blickte zur Seite. „Anderenfalls wäre das hier gar nicht möglich. In dem Umfang.“
Necomar nickte, bedeutete ihr sanft, fortzufahren.
„Nun, jedenfalls … sein Bediensteter hat klare Vorstellungen, was diese Armenküche für ein Ort sein soll. Hier soll nicht Adanos gepredigt werden, keine Lobreden auf König Ethorn oder Baron Renwick gehalten werden. Die Menschen sollen sich hier unterhalten, Geschichten erzählen. Frei sein. Frei, ihre Meinung zu sagen. Frei, ihren Gedanken Raum zu schaffen. Ablenkung von dem harten Leben, der kalten Realität.“
Der junge Nordmarer nickte erneut, rieb sich die Hände. „Aber gibt das keine Probleme mit der Obrigkeit? Der Stadtwache, den Männern des Königs … den Hofmagiern?“
Noella lächelte nun, eine Spur Verschlagenheit in dem Lippenzug. Erneut schien sie ihn gehend zu mustern, ehe sie antwortete. „Sagen wir, es ist ein kleiner Kreis jener, die sich hier einfinden, die das Geschenk der Meinungsfreiheit, der Denkfreiheit annehmen und würdigen.“ Ein Seufzen. „Viele Bedürftige stammen aus Setarrif, sie hoffen inständig, dass der König einen Weg findet, dass sie alsbald wieder ihren Wohlstand zurückbekommen, ihren Stand. Aber seien wir ehrlich: Das wird nicht passieren. Ethorn würde uns wohl alle in den Fleischwolf des Krieges werfen, würde er dafür den Sieg erlangen. Er würde selbst über ein Reich ohne Untertanen herrschen, Hauptsache, er herrscht.“
Necomars Züge bekamen etwas alarmierendes. „Noella, ich stamme nicht von hier … aber das ist …“
„Hochverrat?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ist meine freie Meinung. Deshalb habe ich das Angebot des Wohltäters angenommen. Er hilft uns. Er sorgt für volle Mägen und einen freien Geist. Beides sind Dinge, die dem gekrönten Haupt Ethorns nicht in den Sinn kommen.“ Nun lächelte sie wieder.
„Beim nächsten Treffen … begleite mich. Dann wirst du wissen, was ich meine.“
Isidors Laune hatte sich von seinem Tiefpunkt erhoben und war immer weiter gestiegen, während er der Erzählung Alberichs lauschte. So viele Fragen schwirrten ihm durch den Kopf. Sein Respekt für den Schmiedemeister wuchs und sein Gram darüber, wie er von Meister Tiberon und den Klingen behandelt worden war, schwand. Die Inbrunst, mit der der Kriegsveteran gesprochen hatte, fachte auch ein Feuer in ihm an, welches er zu Asche verkümmert geglaubt hatte.
„Meister, glaubt Ihr, dass auch ich es in die Akademie schaffen könnte?“, traute er sich zu fragen.
War es eine anmaßende Frage? Immerhin war er ein Myrtaner, zudem niemand, der mit einer Waffe umgehen konnte oder mehr kannte, als Amboss, Esse und die Sicherheit dicker Stadtmauern. Damals in Vengard wie auch jetzt hier in Stewark. Trotz seines großen Verlustes war er wohl nichts weiter, als ein behüteter Bürger, vielleicht sogar nur ein geduldeter Fremder, je nachdem, wen man fragte.
Doch er konnte diese Gelegenheit auch nicht verstreichen lassen. Dass sein Meister einst ein angesehenes Mitglied der Akademie war, musste ein Wink der Götter sein. Selbst, wenn er die Ironie daran nicht verkannte, da er doch nur in ihre Reihen eintreten sollte, um eben jenes Wissen, welches Alberich als verloren bezeichnet hatte, für Armond zu besorgen.
Was würde der Mann aus Thorniara sagen, wenn er erfuhr, dass Isidor ihm womöglich nicht bringen konnte, was er verlangte? Sollte er es ihn überhaupt wissen lassen?
Aber wieso sollte Armond es nicht schon längst wissen? Es ist naheliegend, dass bei einem Drachenangriff Bücher und Schriften vernichtet werden. Warum also dieser Auftrag?
Der Geselle konnte sich keinen Reim darauf machen. Um ehrlich zu sein hatte er die Hintergründe von seinem Kontaktmann bis jetzt noch nie verstanden und er bezweifelte, dass er es jemals wirklich tun würde.
„Du willst eine Klinge werden?“, fragte Alberich nach einer Weile des nachdenklichen Schweigens.
„Ist das so abwegig?“, erwiderte Isidor etwas entmutigt.
Nicht, weil der Veteran ihn sich scheinbar nicht als Krieger vorzustellen vermochte, sondern weil er seine bisher beste Chance verloren dachte. Er selbst sah sich ja nicht einmal als Kämpfer, wieso sollte es also jemand anderes tun?
„Nein, Junge. Aber ist dir klar, was du dir da vornimmst? Die Arbeit als Rüstungsschmied hat viele Vorteile und du würdest dein Leben nicht in Gefahr bringen, wenn du dabei bliebest. Außerdem würde es heißen, dass du vielleicht eines Tages gegen deine eigenen Landsleute kämpfen musst.“
Der letzte Punkt würde wohl niemals eintreffen, aber das konnte er seinem Meister wohl kaum erklären. Und wenn er eine Wahl hätte, würde er wohl wirklich für immer Schmied bleiben. Denn das Gold, welches in dem Beutel in seiner Hand ruhte, hatte einige überzeugend klimpernde Argumente für ihn parat.
„Es bindet mich nichts mehr an mein Geburtsland“, flüsterte der Hüne fast und schluckte schwer, als diese Halbwahrheit ihm den Hals zuzuschnüren drohte, „Ich weiß, dass ein Leben als Krieger gefährlich ist, aber ich habe das Gefühl, dass ich diesen Weg einschlagen muss. Ihr seid ein Meister der Rüstungsbaukunst und ich vermute, dass es damit zusammenhängt, dass Ihr wisst, worauf es bei einer guten Rüstung ankommt. Ich brauche diese Erfahrung auch, wenn ich jemals Eurem Können nahekommen will.“
Isidor war nicht zufrieden mit seiner Begründung, doch gab es keine bessere. Außer der jungen Flamme, die in ihm brannte, trieb ihn nur der kalte Wunsch nach Rache an. Eine primitive Motivation, doch die Einfachheit, machte sie zu einem so überzeugenden Lebensgrund. Hätte er sie nicht, wäre er wohl vor einigen Jahren von der Mauer Vengards gesprungen.
„Schmeicheleien überzeugen mich nicht, Isidor“, brummte Alberich und schien enttäuscht von seinem Gesellen zu sein, „Aber wer bin ich, dir einen Wunsch auszureden, den ich selbst einst hatte und mir erfüllen konnte? Wenn es dir ernst ist, dann bereite dich gut vor. Nur der Leiter der Akademie kann neue Aspiranten aufnehmen und früher war es so, dass er auf sein Tribunal hörte, wenn es um derlei Angelegenheiten ging. Heutzutage gibt es kein Tribunal und Tiberon ist erst kurz vor dem Fall von Setarrif zum Meister ernannt worden. Du wirst ihn irgendwie überzeugen müssen. Finde heraus, wem er vertraut und beeindrucke ihn. Aber wenn du keine Waffe führen kannst, dann sehe ich keine Möglichkeit.“
„Könnt Ihr mir nicht den Umgang beibringen?“, fragte der Blonde hoffnungsvoll.
„Nein, ich habe keine Zeit einen Großteil meines Tages darauf zu verwenden, dir das Kämpfen beizubringen. Rüstungen zu schmieden ist der beste Weg für mich, dem Reich in meinem Alter zu dienen und auch du tätest gut daran, den Wert dieser Arbeit im Blick zu behalten.“
Damit drehte sich Alberich um und schritt zurück zur Esse. Offensichtlich war für ihn das Gespräch beendet und Isidor fragte sich, ob er seinen Meister verärgert hatte.
Aniron stützte Chala und sah in die aufgerissenen Augen der Dunkelhäutigen. Der Strom der Magie war abgebrochen, doch die Patientin der Priesterin brauchte nun anderweitige Hilfe, und Aniron wollte ihr Versprechen nun wahr machen und da sein.
Danee hatte sich erhoben und war ebenfalls an Anirons Seite getreten, die Arme locker ineinander geschlagen – interessiert, nicht bewertend.
Die Wehmutter nickte, während sie Chala wieder in eine aufrechte, sitzende Haltung half.
Sie ließ ihr Zeit, sich einen Augenblick zu orientieren, dann nahm die Heilerin den Krug von Chalas Beistelltisch und goss frisches Wasser in den Becher, bevor sie ihn ihrer Patientin reichte.
„Atmet durch und trinkt, das wird Euch gut tun“, sprach Aniron sanft.
„Mein Mann hatte Recht mit den fünf Herzen unter einer Brust. Wir hatten Recht mit unserer Vermutung. Euer Geist ist in fünf Teile gespalten. Dabei hat jeder Teil eine ganz eigene Charakteristik, als hätte jeder - oder vielmehr jede - von ihnen eine bestimmte Aufgabe.“
Aniron schwieg einen Augenblick, ließ Chala Zeit, das Gehörte erneut zu verdauen.
„Von dem, was Ihr berichtet habt und was ich sehen konnte, scheinen die Teile Eures Bewusstseins bisher kaum Kenntnis von den anderen Teilen zu haben. Ich konnte jedoch zu jedem Fragment eures Geistes Kontakt aufnehmen“, erklärte sie weiterhin.
„Das ist gut, das erhöht die Chance, dass der Geist wieder zueinander finden kann“, warf Danee ein.
Anirons Blick wanderte zu der blinden Heilerin, dann wieder zurück zu Chala.
„Vielleicht ist es möglich, eine Verbindung herzustellen?“, überlegte Aniron.
„Es wäre einen Versuch wert, sofern deine Patientin es möchte. Und … sofern das noch in unserer Macht steht“, erwiderte Danee.
Aniron, die immer noch nah bei Chala stand, sah die Dunkelhäutige an: „Was denkt Ihr?“
Chala Vered
08.12.2024, 10:44
„Das Schwert“, murmelte Chala, „das Schwert.“
Ihr Blick wanderte zu der in ihrer Scheide ruhenden Wildkatze, die sie für die Dauer ihres Aufenthalts in der Heilkammer beiseitegelegt hatte. Immer wieder war es die Waffe, die ihr in den Sinn kam, doch wieso? Was war geschehen und vor allem, was würde nun werden?
Es ist, wie ich schrieb, sprach eine Stimme in ihr, kühl und doch ein wenig süffisant im Ton, Dieser Körper wird von mehr als einer Seele bewohnt oder aber einer Seele, die zerbrochen ist.
Narzissmus ignorierte diese Stimme, wollte nicht wahr haben, was geschehen war und doch froh sein, dass sie nun Gewissheit hatte. Doch noch ehe sie sich wieder auf das Geschehen um sie herum konzentrieren konnte, eine Antwort fand auf die Frage Anirons, hörte sie sich selbst sprechen.
„Ich denke, dass wir alles tun sollten, um herauszufinden, was Ihr erreicht habt.“
Der Sprachrhythmus war anders und auch die Betonung der Silben schien ihr nicht richtig zu sein. Außerdem lag eine Abschätzigkeit in ihrem Tonfall, deren Art und Weise ihr fremd war.
Sorgfalt blickte den Magierinnen abwechselnd in die Augen. Die jüngere der beiden hatte sie bereits getroffen, in ihrem Geist könnte man sagen. Doch die ältere Frau war ihr noch fremd. Als sie ihre Aufmerksamkeit auf sie richtete, realisierte sie sogleich, dass sie blind war, die Augen unfokussiert und nicht wirklich im Jetzt.
Was passiert hier?, fragte Narzissmus aus dem Hintergrund.
Ich sorge dafür, dass wir unser Problem mit Bedacht angehen, antwortete Sorgfalt mit einer Selbstsicherheit, die jeglicher Diskussion vorzubeugen gedachte.
Was… ist hier los?, fragte eine weitere innere Stimme, melodiöser, weicher.
Exzentrik wirkte äußert verstört, doch Sorgfalt fand nicht die Zeit in diesem Augenblick zu erklären, was sie schon lange vermutete.
„Was genau wollt Ihr versuchen, Heilerin Aniron? Eine Verbindung zwischen den zerbrochenen Stücken meines Geistes herstellen? Ich bin nicht bewandert im Spektrum der Magie und wozu sie fähig ist, doch ich vermute, dass Ihr bereits Erfolg gehabt haben könntet. Aber bitte, schaut noch einmal genauer hin“, forderte Chala die Wehmutter auf.
Sie hörte bereits die Stimmen ihrer anderen Teile, spürte die Präsenz von ihnen in sich. Doch nicht alle Stücke schienen bereit oder fähig zu sein mit ihr zu kommunizieren. Selbst Narzissmus und Exzentrik schienen desorientiert und überfordert mit der Situation, diesem neuen Empfinden, dem Wissen, welches für Sorgfalt nur eines Beweises bedurft hatte. Mit aufmerksamen Augen beobachtete sie die Frau mit dem langen, rotbraunen Haar. Aus dem Augenwinkel sah sie einen Jungen, den sie anhand der Ähnlichkeit als Sohn der Wehmutter identifizierte.
Nach seiner Frage hatten Alberich und Isidor nur noch das Nötigste miteinander gesprochen und ansonsten in Stille gearbeitet, bis sich der Abend über Stewark legte. Der Geselle war gerade dabei die Werkzeuge mit einem Leinentuch zu säubern, Ruß und Metallspan zu entfernen und sie anschließend an ihren angedachten Platz zu legen.
Unterdessen schrieb der Meisterschmied etwas in ein Buch, welches der Jüngere als Bestandsliste oder Auftragsliste vermutete. Vielleicht trug er auch das verdiente Gold darin ein oder er schrieb etwas über die Leistungen seines Mitarbeiters. Letzteres würde ihm Sorgen machen, denn er brauchte diese Anstellung, wenn er weiterhin in Stewark leben wollen würde. Das Zimmer in der Klippenschenke bezahlte sich nicht mit einem freundlichen Lächeln und auch das Feierabendbier und etwas gegen den Hunger verlangten eine materielle Gegenleistung.
„Wir sehen uns morgen“, brummte der Rüstungsbauer und bedeutete Isidor damit, dass er den Rest allein erledigen würde.
Mit einem Seufzen legte er den Ballhammer ab, mit dem er gerade fertiggeworden war und ließ die verspannten Schultern rotieren. Die schwere Lederschürze hob er sich über den Kopf und hängte sie an den dafür vorgesehenen Haken.
„Ich schaue noch einmal nach Elara bevor ich gehe, Meister“, ließ der Hüne Alberich wissen, der mit einem charakteristischen Brummen antwortete.
Dreimal klopfte der Blonde gegen die Holztür zum Teil der Schmiede, wo die Lederin ihrer Arbeit in Ruhe nachgehen konnte. Dann trat er ein und umrundete das große Regal, welches den Blick auf ihre Werkbank verdeckte.
„Elara?“
„Noch immer hier“, hörte er die müde Stimme der hart arbeitenden Frau.
In ihrer Nische entdeckt er sie wie sie ihm erschöpft entgegenlächelte.
„Na? Harter Tag?“, fragte sie.
„Kann man so sagen. Und bei dir? Du siehst müde aus“, entgegnete der junge Myrtaner besorgt.
„Was? Ich muss dich wissen lassen, dass ich immer und zu jeder Tageszeit jugendlich und frisch aussehe!“, echauffierte sie sich.
Doch der Schalk, der in ihren Augen blitzte, nahm ihren Worten die Spitze.
„Ah, natürlich. Verzeih!“, beeilte sich Isidor mit einem Lächeln einzulenken.
„Ist es schon Abend?“, fragte sie dann und wirkte beunruhigt.
„Ja, Meister Alberich schließt gleich die Schmiede.“
„Na toll. Dann habe ich wohl wieder eine kurze Nacht vor mir“, stöhnte sie und massierte sich den Nasenrücken mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand.
„Wieder ein Jagdausflug in der Früh?“
„Natürlich. Tierhäute wachsen nicht auf den Plantagen und der Winter steht schon mit einem Fuß im Haus.“
„Verstehe. Kann ich dir irgendwie helfen?“, bot der Hüne an.
„Danke für das Angebot, aber du kannst weder mit einer Jagdwaffe umgehen, noch weißt du, wie man sich im Wald ruhig verhält, Spuren liest oder die Beute ausnimmt, oder?“
„Leider nicht“, bestätigte er geknickt.
„Na, vielleicht kann ich dir im Frühjahr ein paar Kniffe zeigen. Doch im Moment zählt jeder Tag. Aber ich weiß die Geste zu schätzen.“
Sie lächelte ihn freundlich an. Ihre sonst eher unauffälligen Fältchen zeichneten sich derzeit stärker ab und ließen sie älter wirken, als sie vermutlich war. Elara hatte es im Moment wirklich schwer und seltsamerweise half es Isidor dabei, sich weniger schlecht wegen seiner eigenen Situation zu fühlen.
„Du gehst jetzt, nehme ich an?“, fragte die Lederin ihn mit hochgezogenen Brauen.
„Ja, ich wollte mich gerade auf den Weg machen.“
„Dann begleite ich dich. Nicht, dass ein so hübscher Kerl wie du in den fiese Gassen der Stadt überfallen wird!“, grinste sie ihn frech an, blickte auf ihre Werkbank und seufzte, „Das kann ich auch morgen aufräumen“, entschied sie.
Die Jägerin stand auf, streckte sich wie ein Hund nach dem Schlafen und schnappte sich ihren Umhang.
„Ich dachte, du wohnst im Obergeschoss“, wunderte sich der Geselle.
„Bist du verrückt? Alberich schnarcht so laut wie eine ganze Höhle voll Silberseeorks. Außerdem mag ich meine Privatsphäre. Du wohnst derzeit in der Klippenschenke, oder?“
Er nickte.
„Dann liegt es auf meinem Heimweg.“
Damit scheuchte sie ihn aus ihrer Werkstatt und folgte ihm nach draußen in die kühlen Straßen Stewarks.
Aniron fiel die Veränderung an Chala auf. Die Art, wie sie sprach. Die Betonung der Worte und was genau sie sagte. Es war anders als noch zuvor, wenngleich man auch hinhören musste, um es zu bemerken. Ihr Blick wanderte kurz zu Danee, die durch das kurze Zucken ihrer Augenbrauen andeutete, die Wesensveränderung ebenfalls wahrgenommen zu haben. Hatte ein anderer Teil von Chalas Bewusstsein die Kontrolle übernommen?
„Wenn Ihr erlaubt, dann würde ich noch einmal in Euren Geist schauen“, sagte Aniron ein wenig verunsichert von Chalas Wesensänderung und der Tatsache, dass sie vielleicht schon erreicht hatten, was sie hatte erreichen wollen.
Chala nickte kurz und ernst. Aniron indessen versuchte einen der Teile, die sie gerade gesehen hatte, der Art, wie ihre Patientin sich nun gab, zuzuordnen, doch es fiel ihr schwer. Die Frau am Silbersee mit dem blauen Schal? Oder vielmehr die Frau am Lagerfeuer mit dem Notizbuch?
Als die Wehmutter bemerkte, dass Chala sie ruhig aber erwartungsvoll ansah, hob sie wieder die Hände und legte sie Chala an die Seiten ihres Kopfes.
Wieder konzentrierte sie sich und ließ die Magie lange kreisen, bis sie angekommen war in den Tiefen von Chalas Geist. Sie fand sich tatsächlich bei der Chala am Lagerfeuer wieder. Diese stand nun bei dem blauen Strom, den Aniron schon zuvor gesehen hatte, und schien ihn interessiert zu befühlen, während sie Notizen in ihr Tagebuch machte.
Aniron selbst ließ ihre Hände in den blauen Äther tauchen und wurde erneut von einer Welle davon getragen. Rasch landete sie bei der Frau am Silbersee, die den blauen Schal trug und ihre Hand fasziniert in den blauen Nebel getaucht hatte. Die Reflexionen tauchten ihr Gesicht in ein blaues Licht. Aniron wurde weiter getragen und fand sich in der Kammer wieder, in der die junge Schönheit vor dem Spiegel gestanden hatte. Dort hockte Chala vor einer Tür, in dessen Schlüsselloch der Strom verschwand und linste durch eben jenes kleine Loch hindurch.
„Gut so, nicht aufhören“, flüsterte Aniron ihr zu, während sie vorbeischwamm.
Dann verschwand sie selbst in der dunklen Tür und es dauerte, bis sie schließlich bei dem kleinen Mädchen landete, das sie mit großen Augen ansah, jedoch weiter weg vom blauen Nebel ihres Bewusstseins stand.
„Chala, der Strom, du findest die anderen nur, wenn du den Strom berührst“, rief Aniron ihr zu.
„Da sind noch andere?“, fragte das Mädchen erstaunt.
Aniron nickte: „Sie wollen dich kennen lernen, hab nur keine Scheu, der Strom wird dich leiten.“ Die Priesterin konnte gerade noch sehen, wie das Kind mit offenem Mund beide Hände in den blauen Nebel tauchte, dann war sie selbst schon davon getragen.
Schließlich landete sie erneut im nebligen Sumpf, wo Chala immer noch bei dem Mann stand.
„Du musst als Erstes dir selbst helfen“, sagte Aniron. „Erst dann kannst du anderen eine Hilfe sein.“
„Aber wie?“, fragte Chala.
„Folge mir und dem Blau“, sprach die Wehmutter. Chala zögerte und Aniron wurde davon getragen.
„Hab Vertrauen, Chala!“
Im letzten Augenblick sah Aniron, wie Chala einen Schritt in den Strom hineinmachte.
Wieder strandete die Heilerin beim Silbersee.
Wieder sah sie die fünf Chalas.
Doch diesmal war es anders.
Diesmal sahen sich alle fünf einander ebenfalls.
Aniron kappte den Strom der Magie und ließ ihre Hände sinken.
„Häschen, hmm?“, fragte sie und warf Syrias einen kecken Seitenblick zu. Mittlerweile waren sie die Zweiten in der Reihe und Johanna sehnte es wahrlich herbei, endlich diesen verdammten Karren loszuwerden. Dieser Biss brannte mehr und mehr, und der alte Mann hatte sie immer wieder finster angeschaut, damit sie ja nicht vergaß, wie unvernünftig er ihre Entscheidung fand, dieses Ding trotzdem mit sich bis hierher zu schleppen. Aber es war nur ein Biss – keine Schnittwunde, kein Knochenbruch oder Ähnliches. Ja, es tat weh, aber sie brachte sich damit nun wirklich nicht in größere Gefahr, als wenn sie das Ding hätte stehen lassen.
„Dann werden einige Mistkerle wohl ihr blaues Wunder erleben, wenn das Häschen seine Zähne zeigt!“
Sie kicherte, bleckte ihre Schneidezähne und schnuffelte in Syrias‘ Richtung. Doch sie hielt inne und runzelte die Stirn, als sie etwas Ungewöhnliches über seine Schulter hinweg sah. Der Weg vor ihnen wurde in diesem Moment frei, und sie rollten zu den Torwächtern heran.
„Halt!“, blaffte Dak in seinem gewohnt herrischen Tonfall. „Was führt euch nach-“ Seine Züge wurden weicher, als er zu Johanna herab sah. „Oh, du bist es, Kleine. Na, dann mal rein mit euch!“
„Hey Dak! Alles gut bei euch?“
„Alles ruhig!“, beteuerte er und straffte sich wieder.
„Sag mal, seit wann benutzt ihr denn die andere Seite vom Torhaus? Hab da noch nie Licht drin gesehen.“
Dak sah über seine Schulter in Richtung der erleuchteten Fenster, dann hob er klappernd die gerüsteten Schultern. „Das sind nicht wir. Der Chef hat mit irgendeinem windigen Kerl einen Handel abgeschlossen und jetzt wird die Wachstube als Taverne benutzt. Hättest mal Chuck erleben müssen, als die letztens eine Wand ganz oben eingezogen haben. Rot wie eine Tomate, der alte Drecksack, sag ich dir! Der war gestern noch ganz heiser vom vielen Schreien, weil ihn der Lärm von seinem Pausenschläfchen abgehalten hat.“
Johanna zog eine verwunderte Schnute. „Eine Taverne? Klingt gar nicht nach Lord Hertan.“
„Sind knapp bei Kasse, und der Handel lohnt sich wohl für beide Seiten“, meinte Dak und hob erneut die Schultern. „So, und jetzt rein mit euch! Man sieht sich!“
„Einen schönen Abend noch euch beiden!“, entgegnete Johanna und schenkte den Torwächtern ein Lächeln, bevor sie den Karren anruckte und die Zähne vor Schmerz zusammenbiss. Dak indes hatte den Blick schon wieder auf die Nächsten in der Schlange gerichtet. „Ebenso gute Nacht. Haaaalt!“
Die beiden rollten auf dem Torplatz ein und schlugen direkt den Weg zu den Schmieden ein. Johanna blickte nachdenklich zu der offen stehenden Tür des Torhauses hinüber. Sie nahm sich vor, diesen Laden einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, sobald es sich ergab.
„So!“, rief Johanna erleichtert, als sie endlich vor Tarons Schmiede angelangten. „Ich würde ja sagen, dass es Spaß gemacht hat, mit dir unterwegs zu sein, aber unser Reiseziel bestimme beim nächsten Mal ich, in Ordnung?“ Sie grinste Syrias an und gab ihm einen freundschaftlichen Fausthieb mit der Linken gegen die Brust.
„Lass dich mal außerhalb von der Schmiede blicken, damit ich nicht jedesmal so tun muss, als wöllte ich ein Schwert kaufen, wenn ich schauen will, wie es dir geht – ja?“
Sie breitete ihre Arme aus und umarmte Syrias lang und herzlich, wobei sie aufgrund ihres Größenunterschieds ihre Wange gegen seine Brust drückte.
„Mach’s gut, alter Mann, und lass dich nicht unterkriegen.“
Sie ließ ihn los und tat ein paar Schritte zurück.
„Ich lass mir dann mal das da hinten in der Heilkammer ausspülen, ja? So, wie du wolltest.“
Johanna winkte ihm noch einmal zu, wandte sich um und machte sie auf in Richtung der großen Treppe, auf direktem Wege zum inneren Ring der Stadt.
Es war irgendwie deprimierend, dass sie den Weg in die Heilkammer bereit so gut kannte. Für ihren Geschmack war sie hier schon viel zu oft aufgeschlagen, seit Rudra und sie in Stewark Fuß gefasst hatten. Aber manchmal war das Schicksal eben einfach ein Arschloch und brachte sie wieder unvermittelt in eine Situation, in der es ihr schlecht erging.
Die düsteren Gedanken verschwanden wie der Morgennebel im Herbstwind, als sie die Heilkammer betrat und unvermittelt in einen Novizen stolperte, der in diesem Moment herauskam. Die beiden schafften es gerade noch, sich aneinander festzuklammern, sodass Johanna nicht rücklings zu Boden stürzte, sondern mitten im Fallen gehalten wurde. Sie keuchte vor Schmerz.
„Sinan! Könntest du …“
„Entschuldige! Natürlich.“
Sie zog die Luft scharf ein, als er den Druck auf die Hand erhöhte, die in ihre versehrte Schulter griff, um ihr zurück auf die Beine zu helfen. Er zog seine Hand zurück und sah das Blut an seinen Fingern.
„Oh, Adanos! Ich- das tut mir leid, Johanna. Ich wollte dir nicht wehtun.“
Johanna schnaufte den Schmerz beiseite. Sie sah Sinan in die Augen, die voller Sorge auf sie herab blickten.
„Sinan!“, lallte sie, benommen von der Pein, die ihre Schulter durchflammte. „Kannst du mir das … auswaschen, oder so?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaub, ich muss mich mal setzen …“
„Na klar! Komm mit, ich helfe dir.“
Der Junge führte sie zu einem freien Bett im hinteren Bereich der Heilkammer und hieß ihr, sich zu setzen. Sie ließ sich bereits bäuchlings darauf fallen, noch bevor er den Satz beendete.
„Wie ist es denn diesmal- entschuldige, ich meine, wie ist das denn passiert?“, fragte Sinan.
„Mich hat ein verdammter Goblin gebissen“, antwortete sie. „Bin mir ziemlich sicher, dass das bis auf den Knochen ging. Kannst du-?“
„Ich hole Mama – ich meine Aniron – damit sie sich das mal ansieht, ja? Dauert aber einen Moment. Sie ist gerade mit Danee bei einer anderen Patientin beschäftigt.“
„Nein, Warten ist gerade scheiße, Kleiner“, knurrte sie. „Guck bitte einfach mal drauf und – spül es aus, oder so, ja?“
Sinan hob die Hände. „In Ordnung, ich schaue es mir mal an, ja? Ich muss dich dafür aber-“
„Ich weiß, ich weiß“, murrte Johanna. Sie streifte mehr schlecht als Recht den Überwurf von ihren Schultern, knöpfte ihr Hemd auf und zog es sich mit seiner Hilfe so über den Kopf, dass ihr Rücken frei wurde und der Stoff ihre Brüste bedeckte.
„Oh, du trägst gar keine Brustbinde?“, sagte Sinan überrascht. Sie konnte hören, dass er sich noch bevor der Satz zu Ende war auf die Zunge biss.
Johanna kicherte kraftlos. „Hab nicht so viel zum Abbinden, weißt du? Aber interessante Prioritäten hast du, Kleiner.“
„Entschuldige, ich dachte nur, du hättest noch- egal. Ich schau mir das mal an, ja?“
„Ja bitte“, brummte sie. „Ich glaub, du hast mir da vorn gerade in eines der Zahnlöcher reingegriffen. Hast du Klauen statt Fingernägeln?“
„Oh Adanos, das tut mir so leid.“
Ein Moment der Ruhe zwischen ihnen kehrte ein, als er ihre Wunde eingehend untersuchte. Ihr Herzschlag, in die Höhe getrieben durch den unschönen Zusammenstoß an der Tür, verlangsamte sich wieder, und der Schmerz flaute ein klein wenig ab.
„Du hast weiche Finger“, sagte sie, das Gesicht in ein Kissen gedrückt.
„Danke“, entgegnete er beiläufig, die Konzentration eindeutig auf seine Arbeit gerichtet.
„Aber kalt sind sie.“
Wieder kehrte Stille ein, bis Sinan schließlich die Hände von ihr nahm.
„Die Schneidezähne sind nicht tief eingedrungen, aber die Eckzähne haben es tief hinein geschafft. Du hast Fetzen von deiner Kleidung in der Wunde, die muss ich dir entfernen.“
„Nur zu …“
„Das könnte jetzt nochmal wehtun. Willst du-“
„Bringen wir’s hinter uns.“
„Na gut. Ich fange jetzt an. AU!“
Der stechende Schmerz der Pinzette verflog jäh, als Johanna aus einem Reflex heraus die Finger in Sinans Oberschenkel krallte, der erschrocken aufsprang.
„‘Tschuldige. Ich krall mich in’s Kissen, ja?“
„Ist gut“, sagte er. „Das hab ich wohl verdient für das da vorn an der Tür.“
Erneut flammte der Schmerz auf, als die Pinzette in ihre Bisswunde eindrang. Sie raffte das Laken zwischen ihren Fingern und biss in das Kissen, um nicht aufzuschreien. Doch Sinan brauchte nur wenige Handgriffe, dann erhob er sich wieder.
„So, fertig. Wir müssen das noch ausspülen, und dann frag ich meine Mutter nach einem Heiltrank für dich, ja?“
„In Ordnung.“
Kurz darauf saß sie mit gereinigter und verbundener Wunde auf dem Bett und kleidete sich wieder an. Sinan drehte sich demonstrativ weg.
„Kannst wieder gucken“, sagte Johanna, als sie fertig war. „Wie muss ich den hier trinken?“ Sie sah zu dem Heiltrank auf der Anrichte zu ihrer Linken, den der Junge ihr besorgt hatte. „Hab beim letzten Mal den Fehler gemacht, nicht auf deine Mama zu hören. War keine gute Idee.“
Zum ersten Mal, seit sie hier war, sah sie ein Lächeln auf Sinans Gesicht, den das Schuldbewusstsein ob seines Missgeschicks doch sehr mitgenommen zu haben schien. „Keine Angst, der hier ist schwach genug, dass du ihn gleich im Ganzen trinken kannst. Es wird aber einen Tag dauern, bis die Schmerzen weg sind.“
„Ausgezeichnet.“
Johanna griff nach dem Fläschchen, stürzte es in einem Zug herunter und sprang von dem Bett auf.
„Danke, Sinan.“ Ohne groß darüber nachzudenken, nahm sie ihn mit der unversehrten Linken in den Arm. „Du bist beeindruckend für dein Alter, weißt du das?“
Sinan stand stocksteif da, bis sie von ihm ließ, und trat einen Schritt zurück. Sein Gesicht war rosig vor Scham. „Ich, äh- danke. Du hast auch immer sehr … beeindruckende Verletzungen. Schätze ich.“
Johanna kicherte. „Darf ich in meiner Kammer schlafen, oder muss ich unter Beobachtung bleiben?“
„Wir sollten morgen nochmal schauen, ob die Heilung einsetzt, aber-“
„Gut, dann komm ich morgen nochmal wieder“, beschloss sie. „Will euch kein Bett wegnehmen hier. Ab wann bist du denn hier?“
„Erst am Nachmittag, aber wenn du willst, kann sich das natürlich auch jemand anderes anschauen …“
Sie strahlte ihn an. „Gut, dann schaue ich am Nachmittag nochmal vorbei, ja? Beim Heiler meines Vertrauens.“
Sinan errötete noch mehr und nickte. „Ist gut, ja. Dann bis morgen.“
Johanna tat einen Schritt, dann hielt sie inne. „Bekommt ihr etwas von mir für die Heilung?“
„Nein, alles kostenlos!“, beteuerte Sinan. „Aber du kannst dem Kreis des Wassers im Tempel spenden, wenn du magst.“
Sie lächelte. „Das werde ich tun.“
Chala Vered
09.12.2024, 15:37
Chala spürte, wie die Magie sich langsam aus ihrem Geist zurückzog, und öffnete die Augen. Vor ihr saß noch immer Aniron, deren Gesicht eine erwartungsvolle Miene zierte. Danee, die neben der Liege stand, schien ebenfalls auf das Ergebnis der magischen Behandlung zu warten.
Die Aranisaani blinzelte mehrmals, als ob sie versuchte, die schwebenden Fragmente ihres Bewusstseins zu ordnen. Sie fühlte das Drängen der anderen Persönlichkeiten in ihrem Kopf, jede mit ihrer eigenen Stimme, ihren eigenen Gedanken und Gefühlen. Die verschiedenen Facetten ihrer selbst schienen nun sichtbar und greifbar, wie Teile eines zersplitterten Spiegels, die langsam wieder zusammenfinden wollten.
Was ist passiert?, fragte Naivität leise, ihre Stimme voller Unschuld und Neugier.
Sie fühlte sich überwältigt von der neuen Präsenz in ihrem Geist.
Das… ist unglaublich!, murmelte Exzentrik mit einem Funken Begeisterung, Wir alle… wir sind…
Empathie fühlte die Emotionen der anderen und versuchte, Trost zu spenden.
Es ist in Ordnung. Wir waren die ganze Zeit schon hier, jede für sich. Jetzt sind wir zusammen und können uns unterstützten. Wir werden einen Weg finden, gemeinsam voranzukommen.
Wir müsse uns jetzt ordnen und verstehen, was jede von uns beitragen kann, sprach Sorgfalt, stets bedacht und vorsichtig, mit sanfter Strenge, Es gibt so viel zu tun!
Doch inmitten dieses inneren Dialogs erhob sich Narzissmus. Sie, die die Hilfe bei der Wassermagierin gesucht hatte. Sie, die über die letzten Jahre häufiger in Kontrolle war, als alle andern zusammen. Ohne sie wäre Chala niemals bis hierher gekommen. Der Stupor des ersten Kontakts hatte sich gelegt und ihre Gedanken rasten bereits, was die neue Situation für sie bedeutete. Vier potentielle Persönlichkeiten, die die Kontrolle über ihren Körper beanspruchen konnten. Doch das würde sie nicht zulassen. Sie hatte dafür gesorgt, dass sich die Barrieren ihres Geistes öffneten, indem sie zu Aniron gekommen war, also war es auch ihr Recht zu bestimmen!
Die anderen Chalas zögerten, als Narzissmus die Kontrolle von Sorgfalt übernahm.
Sehr ihr nicht?, fragte sie mit einer Mischung aus Stolz und Arroganz, Ich war es schon immer, die uns den Weg gewiesen hat. Ohne mich wären wir verloren!
Der Gesichtsausdruck der Kriegerin änderte sich, ihre Augen funkelten nun wieder selbstbewusster und ihre leicht gebeugte Haltung wurde straffer und bestimmter.
„Danke, Aniron“, sagte sie und lächelte, „Ich sehe nun, dass Euer Mann Recht hatte und dass meine Vermutung wahr ist. Dank Euch habe ich Gewissheit und sogar die Möglichkeit mit den… anderen zu kommunizieren.“
Während sie sprach, spürte sie, wie ein Tumult in ihrem Inneren ausbrach. Naivität schien mit der neuen Situation überfordert zu sein und die anfängliche Neugier war Angst gewichen.
Nein! Ich will das nicht!, schrie sie durch die Gedanken aller Chalas und die Miene der Dunkelhäutigen verzerrte sich.
Beruhige dich, Chala!, versuchte Empathie beruhigend auf Naivität einzuwirken, die nicht viel mehr als ein kleines Kind zu sein schien.
Wenn Narzissmus von sich selbst auf die anderen schließen konnte, war es bisher so gewesen, als hätte man geschlafen, während eine andere in Kontrolle war. Jetzt, wo sie sozusagen wach waren und miterlebten, wie der eigene Körper gesteuert wurde, schien das etwas mit ihnen allen zu machen.
„Es wird etwas dauern, bis ich mich daran gewöhnt habe“, stöhnte die Aranisaani gequält, als sie ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte.
„Ich hasse den Winter“, murrte Elara und rieb sich die Oberarme, um den Anschein von etwas Wärme zu erzeugen.
„Zu kalt?“, fragte Isidor und lächelte verstehend.
„Ja! Aber nicht nur. Es ist viel zu früh dunkel und viel zu spät wieder hell. Die Tiere in den Jagdgebeten zeigen sich seltener und wenn es dann noch schneit – Adanos bewahre!“, zählte sie die Gründe für ihre Abneigung der kalten Jahreszeit gegenüber auf.
„Ha, ich glaube kaum, dass hier auf Argaan die Winter so kalt sind, wie in Midland. Wir hatten Eiszapfen an den Dächern in Vengard, die waren so lang wie mein Unterarm! Und überall war widerlicher Schneematsch, der die gefrorenen Straßen verbarg. Wenn man nicht aufpasste, landete man schneller auf dem Arsch, als man überrascht aufschreien konnte!“, berichtete der Myrtaner von seinen Erfahrungen aus der Heimat.
„Das klingt furchtbar!“, erwiderte die Lederin entgeistert und zeigte es deutlich mit ihrem angeekelten Gesicht.
Isidor musste lachen.
„Ich bin auch kein Freund vom Winter“, versicherte er ihr, „Aber da wir an den Jahreszeiten nichts ändern können, müssen wir wohl damit leben.“
„Ja, verdammt! Und ich hasse alles daran!“
Die kleinere Frau bibberte und rieb sich noch einmal demonstrativ die Oberarme, während sie gemeinsam den Torplatz betraten.
„Scheint, als wäre die neue Schenke gut besucht. Das wird Ingor sicher ärgern“, bemerkte der Hüne und nickte in Richtung des Torhauses.
Piero hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet, denn kurz nach der Eröffnung fanden sich bereits jeden Abend eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Gästen darin, wenn man der Geräuschkulisse Glauben wollte.
„Ja, komischer Schuppen. Hauptsächlich zwielichtiges Gesinde, die man da sieht. Keine Ahnung, was Lord Hertan sich dabei gedacht hat, einen Teil der Wachkammern aufzugeben.“
„Ich habe da so eine Vermutung und wenn ich Recht habe, hatte er nicht viel Anteil an dem Verhandlungsgespräch“, merkte Isidor an, vertiefte seine Aussage jedoch nicht weiter.
Er wusste bereits, wie Piero sein konnte und auch Lord Hertan war er einmal begegnet. Das schien ihm ein wenig amüsantes Aufeinandertreffen gewesen zu sein, das zu Gunsten des Wortschmiedes ausgefallen sein dürfte.
„Ich biege hier ab“, riss Elara ihn aus seinen Gedanken und wandte sich in Richtung der Treppe zum mittleren Ring.
„Ah, richtig. Dann schlaf gut, Elara, und gute Jagd morgen.“
„Danke dir, lass dich nicht von Alberich verderben, Junge“, gab sie ihm einen lockeren Seitenhieb mit und entfernte sich dann bibbernd vom Torplatz.
Isidor schaute ihr noch einen Moment nach, ehe er seinen Blick wieder auf die Torwirtschaft richtete. Kurz überlegte er, ob er sich auf einen Besuch einlassen sollte, doch entschied sich schlussendlich dagegen.
Irgendwann, versprach er sich und war doch nicht sicher, ob er Piero so schnell wieder zu Gesicht bekommen wollte.
Immerhin hatte er ihn ziemlich dumm dastehen lassen und das bei mehr als einer Gelegenheit.
Erschöpft vom Tag und den niederschmetternden Gefühlen, die ihn plagten, schleppte er sich, jetzt wo er allein war, in die Klippenschenke, grüßte einen ungewöhnlich missmutigen Ingor – wer konnte es ihm mit der neuen Konkurrenz verübeln – und stiefelte die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Das Abendessen würde er ausfallen lassen. Er hatte keinen Appetit und ihm war absolut nicht nach zwanglosen Unterhaltungen mit dem Wirt oder anderen Gästen, die deutlich weniger zahlreich waren, als sonst.
Die Tür zu seinem Raum schwang auf, er trat ein und blieb einen Moment unschlüssig in der Dunkelheit stehen.
„Anstrengender Tag?“, erklang eine süffisante Stimme aus einer der finsteren Ecken und der Hüne flog förmlich vor Schreck zusammen.
„Shhhh, du willst doch nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen, oder Isidor?“
„Armond?“
„Ich fürchte, dass du eine ebenso kurze Nacht haben wirst, wie deine Freundin“, überging die Stimme die Frage Isidors mit einem bedrohlichen Unterton, den er bereits von seinem Kontaktmann kannte, „Komm, wir machen einen kleinen Ausflug.“
Ins schwache Licht des Gangs trat der myrtanische Spion und hielt in jeder Hand einen Bogen. Seine Miene war unlesbar, doch alles andere an ihm verdeutlichte unmissverständlich, dass seiner Aufforderung Folge zu leisten war.
Die Sonne, aufleuchtend durch einen der seltenen Risse in der dichten Wolkendecke, hatte noch nicht ganz ihren Zenit erreicht, als sie die Straße im Norden des Stewarker Landes entlang schritt. Johanna konnte nicht wirklich behaupten, sich nach ihrer Rückkehr in die Stadt erholt zu fühlen. Die Nacht in ihrer Kammer der Klippenschänke verschwamm in einer seltsamen Melange aus Albträumen und Unwohlsein. Es war eine angenehme Abwechslung gewesen, in der Nacht nicht auf der Hut sein zu müssen. Gleichsam hatten die Bisswunde und die einsetzende Wirkung des Heiltrankes ihr zugesetzt. Es war kein Vergleich zu den Schmerzen, die sie beim letzten Mal erlitten hatte, als ihre Wunden sich viel zu schnell geschlossen hatten, doch das stete Jucken und Zwicken war immer noch Ärgernis genug, um sie mit tiefen Augenringen aufstehen zu lassen.
Nun aber, ein gutes Frühstück und einen einsamen Morgenspaziergang entlang der Apfelplantagen später, waren Müdigkeit und Erschöpfung in den Hintergrund getreten. Johannas Vorfreude auf das bevorstehende Wiedersehen ließ sie all die Unannehmlichkeiten vergessen.
Mit einem neugierigen Seitenblick passierte sie das Tor zum Weingut der Gräfin Agathe. Johanna hoffte nur, dass diese aufdringliche Person ihn weitgehend in Ruhe gelassen hatte über die letzten Wochen. Rudra schätzte seinen Freiraum ohnehin schon sehr, doch diese Frau hatte eine unangenehme Neugier gezeigt, die ihr Unwohlsein bereitete. Was, wenn sie herumgeschnüffelt und etwas gesehen hatte, das nicht für ihre Augen bestimmt war? Johanna schüttelte den Kopf. Es war müßig, sich über solche Dinge Gedanken zu machen, bevor sie zurück war.
Die von Moos und Ranken bewachsene, aber immer noch gepflegte Mauer wich den niedrigen, unregelmäßig zusammengesetzten Steinelementen der verwitterten Mauer, die einst das Land des Imkers abgesteckt hatte. Johanna stockte in ihrem Schritt, als sie die Hütte erblickte.
„Wahnsinn, Großer …“
Mit aufgerissenen Augen blickte sie auf ein Haus, an dem die alte, verwitterte Hütte kaum noch zu erkennen war, mit der dieses Bauvorhaben begonnen hatte. Imposant ragte dort eine solide Blockhütte aus dem Hang, die an der hangabwärts gerichteten Front über zwei Stockwerke messen mochte. Das untere Stockwerk verschwand entlang des deutlich vergrößerten Grundrisses förmlich im Hang. An den Flügeln der Hütte befanden sich einstöckige, einfachere Anbauten. Während der linke Anbau durch eine gewöhnliche Tür geschlossen war, besaß der rechte einen ausladenden Türbogen, der nur durch ein großes, derbes Tuch abgedeckt wurde.
Johanna brauchte einen Moment, um sich zu fassen. Dann rannte sie kichernd los, sprang über die niedrige Mauer, stürzte dabei fast bäuchlings in den Matsch, und hetzte den felsigen Hang hinauf. Ihr Ziel war nicht die Tür der Hütte – sie wusste, dass sie ihren Freund in der Werkstatt finden würde. Schon bevor sie den Türbogen erreichte, hörte sie das altbekannte und so liebgewonnene Klicken stählerner Meißel auf Stein.
Am Türbogen angekommen, lugte sie durch das schwere Tuch. Da stand er mit dem Rücken zu ihr, immer noch vermummt in seiner Verkleidung als Mungu, und bearbeitete eine lebensechte Statue aus einem atemberaubenden, cremefarbenen Gestein. Sie lehnte sich an den Armen, ein fettes Grinsen im Gesicht, und verschränkte die Arme.
„Hey Großer! Zeit für ein Päuschen mit einer Freundin?“
Klick-klick-klick. Klick-klick-klick.
Ohne den Schwung des Kleidsaumes näher zu prüfen, dessen natürlichen Verlauf er grob nachzeichnete, arbeitete er sich nach Gefühl Fingerbreit für Fingerbreit voran.
Klick-klick-klick. Klick-klick-klick.
Die Statue der Prinzessin nahm mehr und mehr Gestalt an – zum Glück, dachte er, denn viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Drei Wochen war es her gewesen, seit der königliche Bote an die Tür der erst kurz zuvor fertiggestellten Hütte geklopft hatte, die Depesche in Händen, die ihn zum Einhalten der Verpflichtung aufforderte, die er sich mit dem Sieg beim Künstlerwettbewerb beim Fest zur Tempeleröffnung aufgehalst hatte.
Verdammte Bürokratie der Menschen. Dass Johanna den Erwerb des Landes in der Stadt hatte anmelden müssen, hatte der Obrigkeit ihren Wohnort in die Hände gespielt. Und nun forderte Prinzessin Lisha letztlich doch noch ein, was sie vom Sieger des Wettbewerbs begehrt hatte.
Doch es war in Ordnung. Glücklicherweise hatte Rudra nur wenige Tage vor dem ungebetenen Besuch ein faszinierendes Stück Fels vom Fuß des Weißaugengebirges abgerungen. Eigentlich hatte er vorgehabt, daraus eine Gruppe kleinerer Figuren zu hauen. Die Kommission des Königshauses aber war lukrativ. Eine lebensgroße Statue der Kronprinzessin war eine Herausforderung, derer er sich zu gern annahm, wenngleich der Zeitrahmen reichlich knapp bemessen war. Ein Mensch, da war sich Rudra sicher, hätte niemals bewerkstelligen können, was die Prinzessin da verlangte.
Glücklicherweise war er keiner.
„Hey Großer! Zeit für ein Päuschen mit einer Freundin?“
Klick-klick.
Hammer und Meißel verharrten in der Schwebe. Rudra atmete tief ein und wieder aus. Er legte seine Werkzeuge sorgfältig beiseite – dann wandte er sich um, die spitzen Reißzähne entblößt zu einem seligen Lächeln.
„Ich habe dich vermisst“, sagte er, ruhig wie die windlose See.
Johanna löste sich vom Türrahmen, an dem sie gelehnt hatte, und stürmte aus Rudra zu. Wie ein Wirbelwind umschlang sie seine Taille mit solchem Schwung, dass er zwei Schritte zurück tun musste, um das Gleichgewicht zu halten. Er legte die Pranken auf ihre kleinen Schultern und erwiderte vorsichtig die Umarmung. Dann hielt er sie auf Armlänge vor sich und sah ihr in die glänzenden, tiefbraunen Augen.
„Du hast dich lange nicht blicken lassen.“
Es tat so gut, ihn zu sehen, ihn an sich zu drücken und seine erdende Nähe zu spüren. Johanna hatte sich in den letzten Wochen so sehr mit ihren Schwertübungen beschäftigt, dass sie ganz vergessen hatte, was hier auf sie wartete. Doch nun, da sie in seinen Armen lag, war ihr all das wieder nur allzu sehr bewusst. Ein tiefes Schluchzen entfuhr ihrer Kehle, und sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten.
„Ich weiß. Tut mir leid, Großer …“
Sein Griff, der gefährlich nah an ihrer Verletzung ruhte, löste sich, und sie umarmte ihn gleich noch einmal von Neuem.
„Was du hier geschafft hast, so ganz alleine … das hat mich echt umgehauen. Wie hast du das denn nur hinbekommen?“
Rudra hob die gewaltigen Schultern, dass sein Gewand raschelte.
„Ich habe mir eine Konstruktion gebaut, um die Balken anzuheben und in Position zu halten. Das war gar nicht so schwer – nur aufwändig.“
Sie sah staunend zu ihm auf. Da war keine falsche Bescheidenheit in seinem Blick. Er fand tatsächlich nichts Besonderes an seiner Leistung.
„Willst du mir eine Führung geben?“
Johanna hatte erwartet, dass große Teile der Hütte noch leer standen. Doch auch hier wurde sie davon überrascht, was der brilliante Verstand ihres Freundes in Verbindung mit seiner unbändigen Kraft alles bewirken konnte. Freilich, man konnte an allen Ecken und Enden noch sehen, dass sich dieser Lebensraum noch im Aufbau befand. Doch Rudra hatte auf einfacher, funktionaler Ebene bereits alles hergestellt, was er für sich selbst brauchte – inklusive eines Bettes in Orkgröße.
„Leider habe ich noch kein zweites Bett. Als ich mich darum kümmern wollte, erreichte mich der Auftrag der Prinzessin.“
Sie machte eine wegwerfende Geste. „Mach dir keinen Kopf.“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Meinst du, ich könnte heute Abend trotzdem schon hier schlafen? Das Bett ist doch eigentlich groß genug für uns Zwei, oder? Ich passe ja fast quer ans Fußende!“
Ein tiefes, kehliges Grunzen, das sie als Ausdruck der Belustigung von ihm kannte, ließ die Luft vibrieren. „Ich kann auch auf dem Boden schlafen, wenn es nicht reicht. Aber ich würde mich freuen, dich wieder bei mir zu haben.“
„Auf dem Boden? Du spinnst doch!“
Rudra grunzte nur und setzte die kleine Führung durch ihr Domizil fort. Noch gab es nicht viel zu sehen, auch der linke Schuppen stand abgesehen von einigen eingelagerten Werkzeugen und ungenutzten Baumaterialien noch leer. Das Einzige, das tatsächlich wie ein Platz aussah, an dem gelebt und gearbeitet wurde, war die Werkstatt im rechten Flügel. Hier hatte Rudra sich ganz nach seinen Bedürfnissen eingerichtet. Selbst eine Grube im Außenbereich etwas seitlich des Einganges hatte er angelegt – sie konnte nur vermuten, dass er diese zum Bronzegießen verwenden wollte, auch wenn sie sein Vorgehen dabei nur aus seinen Erzählungen kannte.
„Es ist großartig!“, bekundete sie mit leuchtenden Augen, als Rudra seine Führung beendet hatte und sie wieder in der Werkstatt bei einander standen. „So viel mehr und so viel besser als alles, was ich mir vorgestellt hatte, als wir die Idee dazu hatten.“
Rudra zeigte aufs Neue seine spitzen Zähne. „Ich hatte Zeit und Ruhe, um etwas Größeres zu probieren. Naja, meistens jedenfalls hatte ich Ruhe. Wenn diese Frau mich nicht gerade belästigt hat.“
Johanna stutzte. „Die Prinzessin? Ich dachte, die hat nur ihren Boten geschickt?“
„Nein, unsere Nachbarin! Diese Gräfin Agathe ist neugierig und aufdringlich.“ Rudra schnaubte. „Eine Plage.“
„Dann wird es wohl Zeit, dass ich ihr von Frau zu Frau ein paar böse Blicke zuwerfe, oder?“, kicherte sie. „Ich will nachher nochmal in die Stadt, das Zimmer in der Klippenschänke abgeben und bei der Wache vorstellig werden. Aber ich komme heute Abend wieder und bringe was zu Essen mit, ja? Und dann musst du mir mehr über diesen ominösen Auftrag erzählen!“
Sie strich über die immer noch grob behauene Statue, deren Umrisse bereits eine Frau in anmutiger Pose vermuten ließen. „Der Stein sieht jedenfalls wundervoll aus.“
Rudra nickte bedächtig. Er legte seine behandschuhte Pranke ebenfalls auf die Statue und ließ sie dort ruhen. „Ich hätte ihn gern für etwas anderes verwendet als diese Prinzessin.“
Johanna legte ihre Hand auf die seine.
„Bis später, Großer. Ich freue mich, endlich wieder bei dir zu sein.“
Die Finger des jungen Heilergehilfen waren so weich und kalt wie beim letzten Mal.
„Die Heilung ist gut vorangeschritten“, urteilte er fachmännisch, „bis morgen sollte nichts mehr davon zu sehen sein. Spürst du noch Schmerzen?“
Johanna schüttelte zunächst reflexartig den Kopf, hielt dann aber inne und legte ihn schief.
„Ein klein wenig, vielleicht. Nichts, was mich behindert.“
Sinan zog die Hände zurück und entfernte sich ein Stück von ihr. „Dann bist du entlassen, Johanna. Für heute solltest du dich noch ausruhen. Und dann hoffe ich, dass wir uns nicht so schnell wiedersehen.“
Mit wenigen Handgriffen zog sie ihr Hemd wieder über die Schulter und knöpfte es zu, während sie sich zu ihm umdrehte.
„Danke, Sinan. Und ich seh‘ dich eigentlich immer ganz gern, weißt du?“
Sinan errötete sichtlich. „So meinte ich das nicht …“
„Beim nächsten Mal sieht man sich vielleicht lieber, wenn man auf der Straße aneinander vorbeiläuft, schon verstanden“, grinste sie. „Das mit der Ruhe … naja, mal kurz anstrengend muss ich mich leider. Aber wenn alles gut geht, kommen keine neuen Verletzungen dazu, ja?“
„Johanna!“
„Tut mir leid, Kleiner.“ Sie grinste den Jungen, der sie bereits mindestens um einen halben Kopf überragte, keck von unten her an. „Weißt du … ich hab selbst mal in einer Heilkammer gearbeitet – ungefähr, als ich so alt war wie du. Du machst das echt toll! So souverän war ich bei weitem nicht. Deine Mutter scheint eine gute Lehrerin zu sein.“
Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Wenn du mal was brauchst, sag einfach Bescheid, ja? Hast Einen gut bei mir.“
Sinan erwiderte die Geste mit einem verlegenen Lächeln. „Verletz dich nur nicht so schnell wieder, ja?“
Johanna hob die Hände. „Ich kann nichts versprechen!“
Als sie die Heilkammer verließ, wich das Sonnenlicht hinter der dichten, grauen Wolkendecke langsam der Düsternis der viel zu frühen Dämmerung. Sie tippelte die große Treppe zum Torplatz hinunter, bog hinter der Klippenschänke gen Süden ab und nahm die Treppe hinab in den äußeren Südring. Die Baracke der Stadtwache war bereits hell erleuchtet, und um den Übungsplatz waren Fackeln aufgestellt worden, um den mit Stroh und gestampfter Erde ausgekleideten Kampfring zu erleuchten. Ein knappes Dutzend Männer, alle in die mit dem grünen Stewarker Wappen bemalten Rüstungen der Stadtwache gekleidet, standen um den Ring oder lümmelten auf der hölzernen Begrenzung, während zwei der Männer sich in der Mitte umkreisten.
Als sie näherkam, sah Johanna, dass Lord Hertan und ein ihr unbekannter Wächter eine Übung ohne Waffen durchführten. Hertan griff betont langsam an, während der Andere seine Schläge konterte. Gerade packte er Hertans ausgestreckten Arm und deutete einen Hebel an, der den Herrn der Wache in einem echten Kampf außer Gefecht gesetzt und seinen Ellenbogen schmerzhaft überdehnt hätte.
„Wenn euer Gegner gerüstet ist, macht ihr so mehr Schaden als mit einem Schwert“, rief Hertan. „Mit dem Hebel setzt ihr den Körper eures Gegenübers gegen ihn ein und macht ihn kampfunfähig.“
Sein Blick ging für einen Herzschlag zu Johanna. Er gab seinem Übungspartner ein Zeichen, der ihn umgehend aus dem Hebel entließ.
„Kurze Pause, dann zeigt ihr mir, was ihr gelernt habt.“
Hertan trat auf sie zu. „Wir haben keine weiteren Schwerter von Taron bestellt. Was führt dich hierher?“
Johannas Blick ging von ihm zu den anderen Stadtwächtern, die sich nun alle am Rand des Übungsringes sammelten. Sie erkannte Winstan und Aldrich, die sie wie der Rest der Gruppe neugierig beäugten.
„Ich bin nur in meinem eigenen Namen hier“, rief sie mit fester Stimme. „Ich hab gelernt, zu kämpfen, so wie du es verlangt hast, und mein Entschluss ist immer noch derselbe wie beim letzten Mal. Prüf mich!“
Wo eben noch heiteres Getuschel zu hören war, kehrte mit einem Mal Schweigen ein. Die Blicke aller wanderten zwischen Johanna und Hertan hin und her, der sie eingehend musterte. Doch noch bevor der Anführer der Wache den Mund zur Antwort öffnete, krähte aus dem Hintergrund eine altbekannte Reibeisenstimme.
„Ha, du willst mich doch verarschen, oder? Verpiss dich und spiel woanders Heldin, Mädchen, sonst setzt es eine Tracht Prügel!“
Johanna starrte den kahlköpfigen Wächter an. Seine eng stehenden Augen sprühten vor Härte, vor Wut über ihre Unverfrorenheit. Der Kerl war bereit, ihr eine Lektion zu erteilen. Sie presste die Lippen aufeinander, ihre Kiefer mahlten, während heißer Zorn in ihrem Inneren aufwallte. Niemand behandelte sie wie ein Kind! Und schon gar nicht dieses großmäulige Arschloch!
Schnaubend wie ein Drache trat sie langsam auf Chuck zu, Schritt für Schritt, und blieb erst so nah vor ihm stehen, dass sie sich beinahe den Hals verrenkte, um zu ihm aufzusehen.
„Schnapp dein Schwert, Großmaul“, knurrte sie, „oder kannst du nur quatschen?“
Durch die Reihen der Wächter ging ein Raunen. Aldrich murmelte belustigt: „Oh Mann, Kleine!“, und Winstan schüttelte grinsend die Hand, als hätte er sich verbrannt. Chuck zögerte einen Herzschlag, schnaufte, schaute dann zu Lord Hertan hinüber.
„Soll ich jetzt ernsthaft ein Kind vermöbeln, oder was?“
Hertans Miene zeigte keine Regung. Schließlich wandte er sich zu dem Mann um, mit dem er soeben geübt hatte, und rief: „Zwei Übungsschwerter. Los.“
Wieder ging ein Raunen durch die Stadtwächter. Einer der Männer murrte: „Was soll das denn?“, während ein anderer kopfschüttelnd feststellte: „Das wird hässlich.“ Aldrich verschränkte die Arme und rief den anderen zu: „Wartet’s mal ab! Die Kleine hat Biss!“
„Ach, halt’s Maul, Aldrich!“, keifte Chuck und spuckte auf den Boden. „Dummes Gör, dann brech ich dir eben was, wenn du’s so unbedingt brauchst!“
Johanna und Chuck lösten ihre Waffengurte und legten ihre Schwerter ab. Sie nahm die Übungswaffe entgegen und schwang sie zur Probe herum. Dieses grobe Stück Eisen fühlte sich fürchterlich schwer und klobig an. Doch es würde schon gehen.
„Wer zuerst fünf Punkte hat, gewinnt“, rief der Stadtwächter an Hertans Seite. „Treffer an Armen und Beinen bringen einen Punkt, der Oberkörper bringt drei Punkte. Bei einem Kopftreffer ist der Kampf sofort vorbei.“
„Jetzt wird’s ernst“, murmelte Einer in Johannas Rücken.
„Eine Schachtel Kippen auf die Kleine!“, flüsterte ein Anderer.
„Bist du dumm? Chuck ist ein Arschloch, der zieht nicht zurück, nur weil sie ein Mädchen ist“, zischte ein Weiterer. „Zwei Schachteln dagegen – der wischt den Boden mit ihr auf!“
Chuck schnaubte erneut und nahm seine Position im Ring ein. „So eine Scheiße, mit einem lausigen Gör kämpfen zu müssen. Komm schon bringen wir’s hinter uns!“
Johanna tat es ihm gleich. Ihr Blick ging umher, blieb auf Aldrich, Winstan, Lord Hertan haften. Alle beobachteten sie und warteten ab. Sie straffte sich. Das war ihre Chance, es allen zu beweisen. Sie richtete den Blick auf Chuck und blähte die Nasenflügel.
„Na dann mal los, Arschloch.“
Aniron nickte leicht.
„Das kann ich gut verstehen. Aber ich bin zuversichtlich, dass Ihr Euch einerseits dran gewöhnen werdet und anderseits einen Weg für Euch finden werdet, damit umzugehen. Vielleicht findet Ihr heraus, was geschehen ist.“
Die Wehmutter machte einen Schritt weg von der Liege, auf der Chala lag.
„Ihr könnt noch etwas liegen bleiben. Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht. Ansonsten steht es Euch natürlich frei, zu gehen. Wenn es etwas gibt, was wir für Euch tun können, nun, Ihr wisst, wo Ihr uns findet. Vielleicht mögt Ihr unserem Tempel einen Besuch abstatten, er ist in einer Felshöhle unter dem Meer, aber einfach über eine Treppe zu erreichen. Dort kann man auch sehr gut nachdenken … und vielleicht eine Münze spenden.“
Aniron lächelte leicht.
„Fürs Erste jedoch, Chala, wünsche ich Euch alles Gute und Adanos‘ Segen. Habt noch einmal Dank für Eure Nachricht von meiner Familie. Ihr habt eine Mutter und Ehefrau etwas ruhiger schlafen lassen.“
„Adanos sei mit Euch, mein Kind“, sprach Danee.
Dann verschwanden beide Frauen um den Raumtrenner herum.
Als sie ein paar Schritte weg gegangen waren, sprach Danee gedämpft:
„Das hast du gut gemacht. Du musstest sehr tief in ihren Geist reingehen und bist dabei vorsichtig vorgegangen. Geistesheilung ist ein heikles Gebiet, dass sich nicht alle Heiler getrauen zu betreten.“
„Aber ich habe doch gar nichts weiter gemacht, ich habe sie nicht geheilt. Wenn sie geheilt wäre, dann –“
„Was dann? Sie wollte wissen, was mit ihrem Geist los ist, wir haben ihr dabei geholfen. Ob ihr Bewusstsein wieder zusammen gesetzt werden kann, weiß keiner. Du hast die Barrieren in ihrem Kopf durchsichtig gemacht, das war ein großer Schritt für sie. Und für dich!“
Aniron blieb stehen und schwieg nachdenklich.
„Wie weit bist du mit deinen Studien bei Tinquilius gekommen?“, hakte Danee nach.
„Nicht sehr weit. Er ist nunmal der Oberste Wassermagier und ich leite inzwischen die Heilkammer und bin Mutter … Es gab einfach immer so viel zu tun!“
„Du solltest das nicht schleifen lassen … oder vielmehr wieder aufgreifen. Ich erinnere dich an deinen Wunsch, vor allem den Müttern und ihren Säuglingen zu helfen!“, sprach Danee streng.
„Ja …“, sprach Aniron matt. Da hatte die blinde Heilerin einen wunden Punkt getroffen. Sie schwieg eine Weile, dann fuhr sie sich müde übers Gesicht.
„Es wird weiter warten müssen, befürchte ich. Ich werde eine Reise machen. Ich will meinen Mann sehen und unsere Tochter. Ich will mich persönlich davon überzeugen, dass es ihnen gut geht.“
„Wie du meinst.“
„Jetzt sollte ich mal nach meinem Sohn sehen, er hatte sich vorhin um unsere anderen Patienten gekümmert“, murmelte Aniron. Hunger hatte sie außerdem nach dieser anstrengenden Behandlung. Dann würde sie Kisha suchen, die Novizin scharrte sicherlich schon mit den Füßen, was ihr Vorhaben betraf. Nicht, dass Kisha schon alleine losgezogen war. Aniron musste ihr erst einmal von ihrem Vorhaben berichten.
Was eben noch eine gewöhnliche Übungseinheit der Stadtwache gewesen war, hatte sich binnen weniger Augenblicke in eine Arena gewandelt. Die Wachen wurden plötzlich zu johlenden Zuschauern, schlossen untereinander Wetten ab und stritten sich über den Ausgang dieses ungleichen Kampfes. Johanna und Chuck umkreisten sich derweil mit erhobenen Übungswaffen, beide vorsichtig damit, den ersten Zug zu machen. In Johannas Fall lag es vor allem daran, dass ihre Bewaffnung völlig ungewohnt war. Hatte sie sonst ihre flinke, vornehmlich auf den Stich ausgelegte Klinge und ihren Dolch zur Verfügung, musste sie nun mit einem klobigen Schwert kämpfen, das vermutlich doppelt so viel wog und ähnlich gut in der Hand lag wie eine verdammte Brechstange. Sie wagte einen Vorstoß und testete seine Reaktion mit einem Streich auf Brusthöhe, zog jedoch schon zurück, als sie Chucks Abwehrschlag erkannte. Es fühlte sich furchtbar an, mit dem Übungsschwert Finten auszuführen. Sie musste ihre Art zu kämpfen anpassen, wenn sie hier bestehen wollte.
Chuck rümpfte indes die Nase. "Was denn? Schon kalte Füße gekriegt, kleines Häschen?"
"Mit Labern kriegst du deine fünf Punkte nicht zusammen, Großmaul!", rief sie, das Schwert vor dem Körper erhoben mit herabschauender Spitze. Es fühlte sich nicht richtig an mit dieser Waffe.
"Wie du willst!"
Chuck stieß schreiend vor und ließ sein Schwert aus gesenkter Haltung heraufschnellen. Johanna wich mit einem Schritt zur Seite aus und ging zum Gegenangriff über, doch er drehte sich gerade noch rechtzeitig aus der Schlaglinie und ließ die Waffe nun von der Seite auf sie herunterfahren. Aus einem Reflex heraus riss sie die freie Hand hoch, in der sie sonst den Dolch hielt. Die Handschuhe fingen den schlimmsten Aufprall ab, doch als sie das niedergehende Schwert mit der Hand packte und zur Seite ablenkte, schoss dennoch genug Schmerz durch ihren Unterarm, um jeden Gegenangriff ihrerseits im Keim zu ersticken. Keuchend taumelte sie zurück.
"Eins zu Null für Chuck!", rief Hertans Nebenmann.
Johanna schüttelte die Hand aus. "Scheiße."
"Sei froh, dass wir mit stumpfen Waffen kämpfen, sonst wären deine kleinen Fingerchen jetzt ab!", johlte Chuck. Einige der Wächter erhoben ihre Stimmen und feuerten ihn an.
Diesmal war es Johanna, die den Anfang machte. Mit einem Ausfallschritt stieß sie vor und hielt sein Schwert mit zwei aufeinanderfolgenden Schlägen beschäftigt, während sie die Lücke schloss. Chuck wich zurück an den Rand des Ringes, doch sie war schneller als er. Als er mit der Hüfte gegen den Holzbalken stieß, glitten die ungeschärften Klingen aneinander ab bis hinab zum Heft. Johanna war überrascht, weil sie damit gerechnet hatte, dass ihre Klingen sich aneinander banden. Und noch bevor sie die Situation neu bewerten konnte, flog Chucks Panzerhandschuh bereits heran.
Die Welt leuchtete in roten Blitzen auf, als das Metall ihre Wange traf. Johanna schrie auf, stolperte zurück. Chuck aber ließ ihr keine Chance, sich zu orientieren, und schlug sofort mit dem Schwert zu, das ihr mit der Spitze über die Brust kratzte. Keuchend kam sie zum Stehen und schüttelte den Kopf. Ihre Wange brannte, als hätte sie eine mächtige Ohrfeige bekommen, doch es fühlte sich nicht nach Schlimmerem an.
"Körpertreffer! Vier zu Null für Chuck!"
Erneut brandeten Rufe der anderen Wächter auf. Chuck trat grinsend auf sie zu, die Arme ausgebreitet in Siegerpose. "Das ist 'ne Nummer zu groß für dich, Kind."
Johannas Griff um ihr Schwert festigte sich. Wieder wallte Zorn in ihr auf, doch sie versuchte ihn mit aller Macht zu bekämpfen. Sie durfte sich keinen Fehler mehr erlauben.
Er kann mir mit seiner verfluchten Rüstung problemlos eine verpassen, während er selbst keinen Schaden nimmt!, dachte sie wütend. Doch dann leuchtete es ihr ein: seine Rüstung war kein Vorteil in einem Kampf, in dem es nur um das Zählen von Treffern ging! Johanna konnte sie gegen ihn verwenden!
Sie spuckte ihm das Blut vor die Füße, das sich in ihrem Mund gesammelt hatte. "Bring es zu Ende. Komm schon!"
"Mit Vergnügen!"
Chuck stürmte auf sie zu und zog die Klinge quer vor seinem Körper entlang. Johanna wich zurück, Schritt um Schritt. Chuck setzte nach, ließ noch einen Hieb folgen, dann noch einen. Johanna wich weiter zurück, achtete dabei darauf, rechtzeitig einen Bogen zu laufen, um den Ring im Kreis zu durchmessen.
"Bleib stehen, du beschissenes Karnickel!", brüllte Chuck mit hochrotem Kopf, schlug erneut zu, zorniger, fahriger als zuvor. Sie schritt weiter zurück, wartete ab. Und schließlich wurde er zu ungeduldig. Sein Abwärtshieb kam verfrüht, er musste einen Ausfallschritt tun, um sie zu erreichen. Diesmal stieß sie die Fersen in den Dreck, lenkte den Schlag an sich vorbei und trat neben ihm vorbei in seinen Rücken. Ihr Fuß hakte an seinen Plattenstiefeln ein, und mit einem überraschten Schrei stolperte Chuck vorwärts und landete mit dem Gesicht voran im Schlamm.
Noch bevor er sich wieder aufrappeln konnte, sprang sie ihm in den Rücken und ließ ihr Schwert auf seine Rüstung niederfahren, wieder und wieder und wieder. Ein Raunen ging durch die anderen Stadtwächter, Jubel brandete auf. Johanna hörte erst auf, als Hertans Stimme die kalte Herbstluft durchschnitt.
"Das reicht!"
Mit einem Schlag kehrte Ruhe ein. Schwer atmend stand Johanna über Chuck, der sich ächzend auf dem Boden herumwälzte und zu ihr aufsah. Sein Gesicht war über und über mit Schlamm bedeckt.
"Fünf Körpertreffer! Fünfzehn zu Vier für die Neue!", rief der Wächter neben Hertan. "Der Kampf ist zu Ende!"
Johanna ließ das Übungsschwert fallen und trat von Chuck weg, der sich mühevoll aufrappelte. Ihr steinerner Blick entspannte sich langsam, als sie begriff, dass sie gewonnen hatte. Die Wächter raunten, einige vor Enttäuschung ob ihrer verlorenen Wetten, andere vor Jubel über den Sieg. Winstan grinste sich eins und schüttelte den Kopf. Aldrich klatschte in die Hände. "Du hast ihn auseinander genommen!"
Doch erneut erstarb der Jubel, als Hertan hervor trat in die Mitte des Ringes.
"Geh und mach dich sauber", knurrte er Chuck zu, der sich kleinlaut fügte und in der Baracke verschwand. Dann erhob der Anführer der Stadtwache seine Stimme.
"Einen überrumpelten Mann niederzuknüppeln, bis er besiegt ist, erfordert kein Können und hilft uns nicht dabei, die Stadt zu schützen!" Er sah Johanna fest in die Augen, während er zuerst Chucks Übungsschwert, dann ihres aufhob.
"Nicht jeder Verbrecher ist so überheblich und plump." Er warf ihr das Übungsschwert zu. Sie fing es aus der Luft.
"Nehmen wir an, ich bin dein Verbrecher." Hertan griff an seinen Gürtel und warf ihr noch etwas zu, das wie eine kurze Eisenkette aussah. Sie fing es mit der freien Hand - es waren einfache Handeisen, die sie nur zu gut aus dem Gefängnis um die Ecke kannte.
Hertan hob das Schwert und deutete mit der anderen Hand an, auf sie zuzukommen.
"Fang mich!"
Chala Vered
16.12.2024, 15:18
Da war sie nun, allein auf ihrer Liege sitzend, nachdem die beiden Heilerinnen sich verabschiedet hatten. Doch war sie wirklich richtig allein? Sie könnte hören wie Sorgfalt mit Empathie sprach, sie informierte, wie sie sich so sicher gewesen sein konnte, dass mehr als eine Seele diesen Körper bewohnte. Naivität schien geschockt zu sein und hätte sie einen eigenen Körper gehabt, säße sie wohl mit ihren Händen um ihre Beine geschlungen in einer der Ecken der Heilkammer oder gar unter der Liege. Einzig Exzentrik schien mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Aber waren es überhaupt ihre eigenen Gedanken? Jedenfalls konnte Chala, die derzeit wohl Narzissmus war, nicht erahnen, was in ihr vorging.
Das muss unglaublich schwierig für dich gewesen sein, teilte Empathie ihre Anteilnahme an Sorgfalts Schicksal. Sie war es wohl gewesen, die einen Großteil der zwei Jahre in Thorniara wach gewesen war. In der Zeit hatte sie auch ihre Theorie aufgestellt und war der treibende Faktor gewesen, weshalb Narzissmus schlussendlich Hilfe ersucht hatte. Doch war es die richtige Entscheidung gewesen?
Unsicher blickte sie sich um. Was sollte sie jetzt tun? Sie hatte ihr vornehmliches Ziel erreicht und musste nun mit den Konsequenzen leben. Doch wie sollte sie das anstellen?
Hey, wenn du nur hier herumsitzen willst, dann überlass mir die Kontrolle, meldete sich Exzentrik plötzlich und Narzissmus spürte, wie von ihr eine Art Zug ausging, der ihr die Kontrolle über den Körper zu nehmen versuchte.
Vergiss es!, fauchte Nazissmus und setzte dem Versuch eine energische Blockade vor.
Ach, jetzt sei doch nicht so! Alles ist besser, als in dieser traurigen Kammer herumzusitzen, wo es nach Krankheit und Kräutern riecht!, versuchte Exzentrik sie mit süßen Worten umzustimmen.
Es war eine völlig neue Erfahrung für sie, Opfer ihrer eigenen manipulativen Vorgehensweisen zu werden.
„Schon gut“, erwiderte Chala deswegen und griff nach den Teilen ihrer Lederrüstung.
Ich mag die Rüstung nicht, fiepste Naivität, Sie ist unbequem!
Aber sie schützt uns, meinte Sorgfalt, die bereits der neuen Situation angepasst zu sein schien und nicht nur von ihr selbst sprach.
Alles wird gut, Kleine, wisperte Empathie beruhigend und fokussierte sich dann auf Narzissmus, Lasst uns zum Tempel gehen und etwas Spenden. Immerhin hat Aniron uns geholfen!
Hat sie das?, zweifelte Narzissmus langsam.
Ja, das hat sie, aber es wäre nicht klug unsere geringen Reserven auszugeben, warnte Sorgfalt mit Bedacht.
Man sollte seine Schuld stets begleichen.
Ich würde mich einfach später revanchieren, wenn wir etwas Gold besorgt haben, schlug Exzentrik vor und schien sich entspannt zurückzulehnen, als säße sie auf einem bequemen Sofa.
Dabei ließ sie betont unausgesprochen wie sie an besagtes Gold kommen sollten.
„Könnt ihr alle mal die Klappe halten?“, begehrte Chala brüsk auf und ging endlich dazu über sich ihre Lederrüstung anzuziehen und nach ihrem Schwert, den Wurfmessern und der Tasche zu greifen.
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie all ihre Habseligkeiten am Körper hatte, trat sie stur aus der Heilkammer hinaus in die Straße Stewarks. Dabei spürte sie noch immer ein leichtes Ziehen in ihrem Brustkorb, wo die Rippe angeschlagen war, doch es war erträglich genug, um sich davon nicht beeinträchtigen zu lassen.
Da sie noch immer keine Ahnung hatte, wohin sie als nächstes gehen sollte oder was sie unternehmen wollte, fragte sie eine junge Novizin, die scheinbar auf dem Weg in die Heilkammer war, nach dem Weg zum Adanos Tempel, den Aniron erwähnt hatte. Zwar lag ihr nichts an Gebeten oder Frömmigkeit, doch auch wenn sie keine Spende abgeben würde, wollte sie zumindest Anstand beweisen und die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Wehmutter zumindest damit würdigen, dass sie ihrem Vorschlag nachkam. Färbte etwa Empathie auf sie ab? Hoffentlich nicht.
Unsicher blickte sie zwischen Hertan und den Handschellen in ihrer Linken hin und her. Der Herr der Stadtwache, Zweiter in der Rangfolge der Baronie von Stewark, baute sich vor ihr auf, die Klinge erhoben, die Schwertspitze auf sie gerichtet. Sie wusste, dass er ein furchteinflößender Kämpfer war, jeden Einzelnen in diesem Rund mit Leichtigkeit von den Beinen gefegt und überwältigt hätte. Wie um alles in der Welt sollte sie gegen ihn bestehen?
"Los jetzt!", bellte Hertan, dass es ihr durch Mark und Bein fuhr.
Johanna erinnerte sich an die Worte, die er ihr im Vertrauen mitgegeben hatte. Dass er sie besonders hart prüfen müsse, weil die Vorurteile der Anderen ob ihrer Statur und ihres Geschlechts auf ihn als Anführer der Wache zurückfielen, wenn er es nicht tat. Und sie verstand, welche Chance er ihr gab. Wieder blieb ihr Blick auf den Handschellen hängen. Eine einfache, aber ausgeklügelte Konstruktion. Zwei mal zwei Schellen, jedes Paar verbunden mit stabilen Scharnieren, mit einem Schloss, das einrastete, sobald man die Schellen aneinander drückte.
Die Unsicherheit in ihrem Blick verbrannte im Feuer einer neu entfachten Entschlossenheit. Johanna blickte Hertan fest in die Augen.
"Im Namen der Bürger von Stewark!", rief sie ihm entgegen. "Du bist festgenommen! Gib auf und wirf dein Schwert fort!"
Hertan festigte seinen Stand nur noch mehr. Er spuckte auf den Boden. "Du willst mein Schwert? Dann komm und reiß es mir aus den Händen, Kind!"
Johanna schnaubte. Zorn wallte in ihr auf. Doch die Vernunft drängte den Impuls zurück, sofort voranzustürmen und ihn in Rage zu attackieren. Johanna raffte die Ketten der Handschellen und hielt sie so in einer Hand, dass sie damit einen Schwerthieb abfangen konnte, wenn es sein musste.
"Letzte Chance!", rief sie.
"Komm!", blaffte Hertan.
Johanna trat vor, in kontrollierten Schritten, das Schwert in offensiver Grundhaltung, und umkreiste Hertan. Sie stieß zweimal in Schlagweite vor und attackierte zuerst seine Deckung, dann seinen vorgestellten Fuß, um ein Gefühl für seine Reaktionen zu bekommen. Beim dritten Mal schloss sie die Lücke zwischen ihnen mit drei schnellen Schritten, schlug mit einem Rückhandhieb zu, den Hertan abwehrte, und ging aus der nun offenen Haltung direkt in einen Stich über. Der alte Kempe trat mit einem Seitwärtsschritt aus ihrer Stoßlinie, aber sie ging vom Stich fließend in einen Hieb aus dem Handgelenk über. Er blockte die schnelle Attacke mit seinem Schwert und schlug mit der freien Hand zu. Johanna blockte den Faustschlag mit ihrer Linken, sodass der Panzerhandschuh scheppernd in die Kettenglieder einschlug.
"Du bist schnell, aber du kannst roher Kraft wenig entgegensetzen", raunte Hertan. Er tat einen Schritt vor und trat mit dem Gewicht seines ganzen Körpers in Richtung ihres Oberschenkels. Johanna gelang es gerade noch, zur Seite zu springen. Der Tritt hatte seine Seite offen gelassen, doch sie verlor den Tritt und musste sich zurückziehen. Aber er setzte direkt nach und hieb auf ihre Deckung ein. Johanna wurde in die Defensive gedrängt, während er Schlag um Schlag mehr Kraft in seine Hiebe legte. Ihr gelang die Flucht nach vorne, als er zum Oberhau ausholte, und ihr Schwert schrammte gegen seine Flanke, als sie unter seinem Arm hindurch aus der Gefahrenzone sprang. Er geriet nicht einmal ins Wanken.
"Ein ungezielter Treffer gegen einen gerüsteten Gegner ist nichts wert!"
Hertan ließ nicht mehr von ihr ab, ließ sie nicht zu Atem kommen. Er dominierte sie mit seiner puren Kraft und trieb sie erneut zurück. Ihr gelang es mehr schlecht als Recht, einen seiner Schläge zu binden, und aus dem Mut der Verzweiflung heraus ging sie in den engen Nahkampf. Ihre Schwerter gebunden und zur Seite weggedrückt, sprang sie mit dem Scheitel voran gegen Hertans Kiefer. Dann ging alles ganz schnell. Der Schmerz des Einschlages nahm ihr für einen Moment die Orientierung. Beide ließen im gleichen Moment ihre Klingen los, doch keinen Wimpernschlag später presste ihr Hertans Schlag mit der Linken gegen den Brustkorb die Luft aus den Lungen. Er packte sie mit beiden Händen unter den Achseln und hob sie in die Höhe. Johanna strampelte hilflos mit den Füßen, während er zwei Schritte mit ihr tat und sie rücklings auf den Boden niederschmetterte. Der Aufschlag in den Schlamm raubte ihr beinahe die Besinnung. Sie keuchte nach Luft, griff nach dem Arm, der sie immer noch zu Boden drückte.
Klick
Hertan hielt schwer atmend inne. Johanna japste nach Luft. Ihr Körper war so heftig in den strohgedeckten Schlamm des Kampfrings eingeschlagen, dass der Boden sie regelrecht festsaugte. Sie sah ihm in die harten, stahlgrauen Augen.
"Du … bist festgenommen."
Er sah langsam an sich herab, und seine harten Züge entspannten sich. Johanna hatte eine Schelle um sein Handgelenk geschlossen. Die andere hatte sie an ihrem eigenen Arm befestigt.
"Gut gemacht, Rekrutin."
Hertan zog die Hand von ihrem Brustkorb zurück, erhob sich und half ihr auf die Beine. Er sah ins Rund zu seinen Männern, die sprachlos auf ihren Hauptmann starrten. "Johanna hat den Test bestanden. Heißt sie als eure neue Kollegin willkommen!"
Die Männer jubelten ihr zu, klopften auf ihre Rüstungen und stampften auf den Boden, dass es einen Heidenlärm machte. Als Hertan die Faust hob, kehrte augenblicklich Ruhe ein.
"Wille und Überzeugung sind ein guter Anfang", rief er, "aber ein guter Stadtwächter braucht mehr als das." Er wandte sich direkt an Johanna. "Du kannst kämpfen, aber man merkt dir deine Unerfahrenheit noch an. Du bekommst deine Chance, Johanna. Ich nehme dich als Rekrutin auf Probe in die Wache auf. Ab morgen wirst du mit Winstan auf Streife gehen und von ihm lernen. Und wenn ich denke, dass du bereit bist, wirst du weitere Aufgaben übernehmen dürfen."
Er blickte wieder zu den anderen. "Schluss mit den Übungen für heute! Alle, die gleich noch Schicht haben, auf ihre Positionen! Allen anderen wünsche ich einen ruhigen Feierabend!"
Sie schwankte, als Hertans Hand auf ihrer Schulter einschlug.
"Und du kommst mit mir in mein Büro, Rekrutin. Wir haben ein paar Dinge zu klären."
In seinem Büro angekommen, bot Hertan ihr keinen Sitzplatz an. Johanna blickte an sich herab und erkannte den Grund dafür recht problemlos.
„Sieht aus, als müsste ich erstmal ins Badehaus … Chef.“
Der Hauptmann der Wache, den Blick auf die Dokumente auf seinen Tisch gerichtet, lächelte.
„In der Tat, Rekrutin. Herzlichen Glückwunsch, Johanna: du bist die erste Frau in der Wache. Ich freue mich, dass du die Herausforderung gemeistert hast. Deine Kollegen werden sich noch eine Weile davon erzählen, wie du die Angriffe eingesteckt und mich verhaftet hast. Was dir hoffentlich einen guten Stand für den Anfang bei ihnen bringen wird – nun, bei den meisten von ihnen, jedenfalls.“
Nun war es an Johanna, verschwörerisch zu grinsen. „Ich danke für die mehr als gerechte Chance. Du hast mir den Arm ja direkt vor die Nase gehalten.“
„Und doch hast du den kühlen Kopf bewahrt und das Nötige getan“, raunte er beiläufig, während er die Suche nach irgendeinem Schriftstück wiederaufnahm.
Eine Weile lang beobachtete sie Hertan schweigend bei seinem Tun, bis ihre Geduld schließlich schwand. Sie räusperte sich diskret.
„Wäre das dann für den Moment alles? Ich fürchte, mir läuft kalter Schlamm den Rücken herunter.“
Er hob den Finger, ohne aufzusehen oder in seiner Suche innezuhalten.
„Durchaus nicht. Ich habe für die Eventualität deiner Wiederkehr und erfolgreichen Prüfung ein Schriftstück vorbereitet. Ah, da ist es ja.“
Hertan zog einen versiegelten Umschlag hervor und hielt ihn ihr entgegen. Johanna zögerte einen Herzschlag lang, dann trat sie an den Tisch heran und nahm den Umschlag entgegen.
„Jeder Wächter trägt im Dienst die Rüstung mit dem Wappen des Hauses von Stewark. Eine durchaus kostspielige Angelegenheit, aber die Jungs tragen sie mit Ehre. Und normalerweise ist das kein Problem: die Staturen der Männer ähneln sich oft genug, um die Rüstungen an den Nächsten weiterzugeben, wenn Einer aus dem Dienst tritt, und eine Handvoll in verschiedenen Größen auf Reserve zu haben. Mit dir aber kommen wir in ein gewisses Dilemma.“
Johanna richtete ihre Augen auf das rote Siegelwachs auf dem Umschlag. Am liebsten hätte sie das Siegel auf der Stelle gebrochen und den Brief gelesen.
„Wir können keine Rüstung für deine Körpergröße komplett auf unsere Kosten anfertigen lassen“, erklärte er, „aber wir können einen Kompromiss finden. Nimm diesen Brief und geh zum zweistöckigen Haus am Südende des mittleren Ringes, gleich nachdem du dich vom Schlamm befreit hast. Verlange nach Herrin Liuven und überreiche ihr diese Nachricht von mir. Sie ist meine Schwester und wird dir helfen, denn ich löse einen alten Gefallen ein, den sie mir schuldet. Und morgen früh meldest du dich zum Morgenappell kurz nach Sonnenaufgang hier im Wachquartier für deine erste Patrouille mit Winstan. Er wird dir dann alles Weitere erklären.“
Johanna schluckte, umgriff den Umschlag fester und drückte ihn an ihre Brust.
„Vielen Dank, Chef. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen.“
„Dann geh nun und vergeude deine Chance nicht. Wir sehen uns morgen.“
Johanna nickte. „Jawohl.“ Sie drehte auf dem Absatz um und trat zur Tür, als Hertan ihr noch einmal zurief.
„Ach, und Johanna?“
„Ja?“
„Vorsicht mit Chuck. Deine Leistung mag Einigen unter den Jungs genug imponiert haben, um dich zu akzeptieren, aber er wird die Schmach nicht so schnell vergessen, die du ihm beigebracht hast. Er ist zwar dein Kamerad, aber ich bin mir durchaus darüber bewusst, was für eine Art Charakter er ist.“
Sie nickte erneut. „Jawohl.“
„Und jetzt fort mit dir. Richte meiner Schwester schöne Grüße aus!“
„Jawohl, Chef.“
Er lächelte. „Viel Glück. Ich bin gespannt, wie es aussehen wird.“
Chala Vered
18.12.2024, 22:44
Wie sich herausstellte, befand sich der Tempel an der Insel abgewandten Seite der Stadt auf der niedrigsten Ebene. Das bedeutete, dass Chala nur einen kurzen Weg durch den Inneren Ring nehmen musste, um dorthin zu gelangen. Im Schatten der steinernen Zitadelle im Herzen Stewarks verließ sie die Heilkammer Richtung Norden und wandte sich dann den Treppen nach Westen zu, die sie hinab in den mittleren und schließlich in den äußeren Ring hinab führten. Schon vom Kopf der Stufen konnte sie einige Wachen in bronzener Rüstung ausmachen.
Die rauen Pflastersteine unter ihren Sohlen knirschten leicht, als sich kleinere Steine und Dreck in die Fugen drückte. Eine unangenehme Brise schnitt ihr vom Meer aus ins Gesicht und sie zog ihr blaues Schaltuch höher, um sich zu schützen.
Was für ein Ausblick!, stieß Exzentrik verzückt aus und meinte damit wohl den weiten Ozean, welcher sich jenseits der zerklüfteten Klippen bis zum fernen Horizont erstreckte.
Möwen trotzten den aufgeregten Winden und kreischten laut, während sie über etwas kreisten, was sich im Wasser befinden musste.
„Das Meer, diese Insel ist umringt davon“, meinte Narzissmus abweisend und setzte ihren Weg die Stufen hinab fort.
Wie Zuhause!, rief Naivität mit kindlicher Freude.
Zuhause?, fragte Sorgfalt und man konnte ihr Stirnrunzeln förmlich spüren.
Ja! Die schwarzen Strände am Meer! Der Sand ist so warm, schwelgte die vermeintlich junge Chala in Erinnerungen.
Ich habe keinerlei Erinnerungen an unsere Heimat, sagte Sorgfalt tonlos und es war unmöglich zu sagen, ob sie darüber enttäuscht und frustriert oder ob es ihr gleichgültig war.
„Warte“, sprach Narzissmus, „Du kannst dich an gar nichts erinnern?“, fragte sie, ihr Interesse geweckt.
Nein, ich kann mich nur an endlose Tage in Thorniara erinnern. Tag ein, Tag aus widerlichen Eintopf von der Armenspeisung gefolgt von Verstecken, damit es mir nicht abgenommen wird.
„Was sollten dir einige Straßenräuber anhaben können, wenn du Wildkatze hattest?“
Ich habe keine Verwendung für Waffen, wenn ich mit ihnen nicht umgehen kann, oder?
Ich hab mich immer gefragt, warum ich ein Schwert habe. Aber da es schön ist und zu meinem Stil passte, habe ich es behalten, mischte sich Exzentrik ein.
„Moment mal. Ihr wollt mir sagen, dass ihr nicht wisst, wie man kämpft?“
Ah, ich glaube, ich verstehe langsam, was hier gerade geschieht, ging Sorgfalt ein Licht auf, Du hast das Kämpfen gelernt, Narzissmus, doch wir anderen nicht.
„Aber… es ist doch derselbe Körper.“
Aber ein anderer Geist.
Chala verstummte, alle Chalas verstummten. Diese Erkenntnis brachte sie alle zum Nachdenken und vielleicht verbargen sich dahinter Möglichkeiten, die ihnen zum Vorteil gereichen konnten. Wenn Narzissmus die Einzige war, welche sich in einem Kampf zu behaupten wusste und das für alles galt, was sie in ihrer wachen Zeit erlebt und gelernt hatte, dann musste es doch auch etwas geben, was die anderen beherrschten, dass ihr fehlte, oder nicht? Offensichtlich unterschieden sie sich immens in ihren Wesensarten und Sorgfalt war mit Sicherheit ein Quell guter Ideen, während Exzentrik zumindest auf ihren eigenen Vorteil aus war, genau wie Narzissmus. Von Naivität brauchte sie nicht viel zu erwarten, außer vielleicht dem Wissen um ihre Vergangenheit. Und Empathie? Empathie war in Narzissmus‘ Augen schwach. Was nutzte es andere vor sich selbst zu stellen, wenn man am Ende schlechter dastand, als zu Beginn der aufopferungsvollen Taten, die im Bestfall ein Danke ernteten?
Die beiden schwer gerüsteten Wächter blickten sie bereits eine ganze Weile an, während sie offenbar Selbstgespräche führte. Dabei sahen sie sich zwischendurch unsicher an, bis einer dem anderen etwas zuflüsterte, der nur mit den Schultern zuckte und die schwere Hellebarde anhob, um auf sie zuzulaufen.
„Hey, das hier ist kein Aufenthaltsort für Spinner!“, raunte er sie unfreundlich an.
„Warum steht ihr dann hier?“, konterte Chala, ehe sie sich zurückhalten konnte.
Verdammt, sei freundlicher zu den edlen Herren!, empörte sich Exzentrik und Narzissmus spürte, wie sie sich ihr aufdrängte.
Es ist nicht klug, den Ärger der hiesigen Soldaten auf uns zu ziehen, gab Sorgfalt zu bedenken.
Ich mach das schon!, fauchte Narzissmus, doch da war es schon zu spät.
Sorgfalt und Exzentrik rangen ihr die Kontrolle ab und letztere Übernahm schlussendlich das Ruder.
Mit einem erschrockenen Ausdruck im Gesicht schlug sie sich die Hand vor den Mund, während Narzissmus im Innern tobte, zurückgehalten von Sorgfalt.
Lass sie das machen!
Ihr seid nichts ohne mich!, giftete Narzissmus.
„Es tut mir leid, edler Herr! Ich war so tief in Gedanken, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich Euch ansprechen sollte oder nicht!“, spielte Chala dem Krieger etwas vor, der auf die erste brüske Reaktion ihrerseits bereits ungehalten werden wollte, nun aber verwirrt schien.
„Und was willst du?“, fragte er, statt sie sofort fortzujagen.
„Ich würde gern den Tempel besuchen, weil man mir in der Heilkammer geholfen hat. Ich bin aber das erste Mal hier in Stewark und war nicht sicher, ob ich einfach so in die Heilige Stätte hereindarf.“
„Der Zutritt ist für jeden erlaubt. Wir stehen hier, weil es kürzlich Probleme mit einigen roten Ratten hatten“, antwortete der Soldat und spuckte aus.
„Oh? Aber Ihr habt das Problem sicher im Handumdrehen gelöst, nicht wahr?“
„Die Wassermagier haben sich darum gekümmert. Wir stehen hier, um eine Wiederholung des Vorfalls zu verhindern.“
„Ich verstehe! Ich bin wirklich nur hier, um meiner Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Darf ich hinein?“
„Nur zu. Wenn du Ärger machst, wirst du es ohnehin schneller bereuen, als wir eingreifen könnten“, grinste der Kerl abfällig und bedeutete ihr weiterzugehen, bevor er die Geduld verlor.
Dass er sie dabei eindringlich musterte, tat sie nur mit einem Zwinkern in seine Richtung ab, bevor sie eine Wendeltreppe erreichte, deren Fuß nicht zu erkennen war.
Mit erhobener Faust stand sie vor der Tür des Hauses, das Hertan ihr beschrieben hatte, und hielt inne. Wie konnte es sein, dass sie im Angesicht der Stadtwächter und der drohenden Prüfung ihrer Fähigkeiten nicht einen Moment gezögert hatte, sich in den Kampf zu stürzen, und nun so unsicher war? Sie mochte es nicht sonderlich, Geschenke von anderen anzunehmen – erst recht nicht, wenn sie das Gefühl hatte, sich diese Zuwendung nicht in irgendeiner Weise verdient zu haben. Doch dies hier war genau solch eine Konstellation: Hertan hatte ihr schon bei der Prüfung wortwörtlich die Hand gereicht, und nun löste er einen Gefallen bei seiner Schwester ein, um ihr den Anfang zu erleichtern. Bedeutete das, dass sie bei ihm von nun an in der Schuld stand? Und wie genau würde die Herrin ihr bei der Beschaffung einer Rüstung helfen können?
Sie atmete tief durch und rang sich endlich dazu durch, anzuklopfen. Das Pochen verhallte in der Weite des Platzes. Zehn, zwanzig Herzschläge vergingen. Sie klopfte noch einmal. Diesmal öffnete sich nach wenigen Augenblicken die Tür, und ein altes Gesicht mit langen, schlohweißen Haaren schob sich durch den Türspalt.
Die Alte lächelte, als sie Johanna vor sich erblickte. „Hallo, Kindchen! Wie kann ich dir denn helfen?“
„Guten Tag, Großmütterchen. Ich bin Mitglied der Stadtwache und wurde von Lord Hertan geschickt, um Herrin Liuven eine Nachricht zu übermitteln. Bin ich hier richtig?“
Die alte Frau, mit ihrer buckligen, eingefallenen Haltung nur unwesentlich größer als Johanna selbst, kniff die Augen zusammen und beugte sich vor, bis nur noch zwei Handbreit zwischen ihre Nasenspitzen passten. Dann hellte sich ihre Miene schlagartig auf.
„Entschuldige, Liebes. Ich habe dich für ein Mädchen gehalten! Verzeih einer alten Frau ihre schlechten Augen.“
Johanna lächelte verlegen. „Ist schon in Ordnung. Das passiert mir öfter.“
„Und du dienst in der Stadtwache, sagst du? Das ist ja ein starkes Stück!“ Sie lachte voll großmütterlicher Güte, dass es Johanna das Herz wärmte.
„Ja, meine Herrin Liuven ist im Haus. Soll ich ihr deine Nachricht überbringen?“
„Das wäre wunderbar, Großmütterchen.“ Sie streckte der Alten bereitwillig den Brief entgegen.
„Bitte warte kurz, Liebes. Ich bin gleich zurück.“
Mit dem Brief Händen verschwand die Frau im hinter der Tür und ließ sie auf der Straße zurück. Johanna verschränkte die Arme vor der Brust, trat von einem Bein aufs andere und begutachtete eingehend die Fassade des Hauses, um sich die Zeit zu vertreiben. Rudra hätte ihr bestimmt Einiges über die Bauweise erzählen können, doch sie sah nur recht hübsches Fachwerk, dessen Verarbeitung und momentaner Zustand ihr nicht mehr verrieten, als dass seine Besitzer gut betucht sein mussten.
Eine gefühlte Ewigkeit verging, bis sich die Tür wieder öffnete. Erneut zeigte sich das Antlitz der alten Frau.
„Liebes! Meine Herrin möchte dich sehen. Komm bitte herein!“
Die Alte öffnete die Tür ein Stück weiter und schenkte Johanna ein warmes Lächeln, als sie eintrat.
„Sag, wie darf ich dich nennen, Großmütterchen?“
„Nenn mich Hilda, Liebes. Ich bin die Amme der Herrin und an ihrer Seite, seit das Licht von Innos‘ strahlender Güte zum ersten Mal ihre Haut berührt hat.“
„Freut mich, die kennenzulernen. Ich bin Johanna.“
„Ein schöner Name für ein schönes Kind. Nun komm! Komm, meine Herrin wartet!“
Hilda führt Johanna durch einen Eingangsbereich, der zwar eindeutig von Reichtum und Einfluss sprach, aber auf unnötigen Pomp verzichtete. Der Salon, in den sie geführt wurde, war holzgetäfelt und warm. Gemälde von Jagd- und Waldszenen zierten die Wände, auf Sekretären und Kommoden von dunklem Holz ruhten silberne Kerzenständer und goldene Teller. Am hinteren Ende überblickte der ausgestopfte Kopf eines majestätischen Schattenläufers den gesamten Raum. In der Mitte des Salons saß eine Frau an einer Seite der langen Tafel und trank aus einer Teetasse von feinstem Porzellan. Herrin Liuven mochte vielleicht zehn, fünfzehn Jahre älter als Johanna sein. Ihr rotblondes, langes Haar war sorgfältig zu einer aufwändigen Frisur hochgesteckt, deren geflochtene Strähnen ihr gepflegtes, volles Gesicht wie Ähren reifen Korns umrahmten. Ihre Haut war hell mit einem rosigen Schimmer. Ihre Augen hatten dasselbe Graublau wie die ihres Bruders, doch wo seine hart und dominant waren, zeigten ihre eine weiche Herzlichkeit, wie sie nur eine sanfte Seele besitzen konnte.
„Johanna, richtig?“, sagte die Herrin, als sie eintraten, und deutete auf einen Stuhl an ihrer Seite. „Komm und setz dich.“ Sie legte ihre Hand auf den geöffneten Brief, der neben dem Teeservice auf dem Tisch ruhte. „Mein Bruder schickt dich, ja? Lass uns reden.“
„Solltet Ihr mich brauchen, Herrin?“, sagte Hilda, „Sonst würde ich hinaufgehen und holen, worum Ihr mich gebeten habt.“
Liuven kicherte. „Danke, Hilda. Wir kommen derweil hier unten zurecht, denke ich.“
„Natürlich.“
Johanna war froh, dass sie in der Klippenschänke ausgiebig im Zuber gebadet und sich von all dem Schlamm befreit hatte, den ihre Kämpfe bei der Wache ihr eingebracht hatten. Sie staunte über das wunderschöne, rote Kleid, dass Liuven über einer feinen, weißen Bluse trug. Es wirkte schlicht, doch die Farbe war so lebhaft, der Schnitt mitsamt der leichten Schnürung die Taille so perfekt geeignet für ihre kurvige Figur, dass Johanna sie gern einfach nur eine Weile angestarrt hätte. Stattdessen aber folgte sie der Einladung ihrer Gastgeberin und setzte sich auf dem Stuhl neben ihr nieder.
Liuven musterte Johanna neugierig, dann lachte sie. „Hertan ist immer wieder für eine Überraschung gut. Du bist tatsächlich eine neue Rekrutin in seinen Diensten?“
Johanna nickte knapp. „Ja, ich habe seine Prüfung bestanden und möchte die Stadt beschützen.“
„Erstaunlich. Weißt du, warum dich mein Bruder zu mir geschickt hat?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Herrin. Er sagte nur, dass Ihr mir dabei helfen könnt, eine Rüstung zu bekommen, weil mir die Rüstungen der Wache nicht passen würden.“
„In der Tat, und dafür löst er einen Gefallen ein, den ich ihm seit einer Weile schulde. Er muss hohe Stücke auf dich halten, wenn er so etwas tut, Johanna. Er scheint Potenzial in dir zu sehen.“
Ein Hauch von Röte schoss ihr ins Gesicht. „Das … schmeichelt mir ein wenig zu sehr, glaube ich. Ich muss noch viel lernen.“
In diesem Moment rumpelte es im Eingangsbereich, und einen Moment später trat eine schwer atmende Hilda herein.
„Ich habe sie gefunden, Herrin. Sie steht eingepackt an der Tür. Ich habe sie noch schnell etwas abgestaubt und die Spinnweben entfernt.“
„Das ist reizend, Hilda. Vielen Dank für deine Mühe.“
Liuven trank den Rest ihres Tees aus, stellte vorsichtig die Tasse ab und wandte sich wieder Johanna zu.
„Würdest du mich auf einen Spaziergang begleiten? Du müsstest allerdings ein Paket für mich tragen.“
Johanna runzelte die Stirn. „Ich – ähm, natürlich, Herrin“, stammelte sie.
Liuven lachte erneut. „Nicht so steif, Johanna. Du bist unter Freunden. Komm, lass uns ein wenig die Beine vertreten.“
Die Herrin erhob sich, und Johanna tat es ihr gleich. An der Tür angekommen, wartete bereits Hilda auf sie, einen hellen Fellmantel in den runzligen, alten Händen.
„Hier, Herrin.“
„Danke, meine Liebe. Also dann, Johanna?“
Die Nachmittagssonne brach in goldenen Strahlen durch die sonst so dichte, graue Wolkendecke und ließ das klamme Pflaster aufleuchten wie ein wohliges Feuer. Das Paket, welches Hilda am Eingang des Hauses bereitgestellt hatte, hatte ein respektables Eigengewicht, und mit jedem Schritt drang ein metallisches Scheppern daraus hervor. Johanna hielt schweigend mit Liuven Schritt, die sich mit strahlenden Augen in ihrer Stadt umsah, während sie die große Treppe in Richtung des Torplatzes hinabstieg. Die Herrin erinnerte Johanna in ihrem Ausdruck allgemeiner Lebensfreude an Frieda, wenngleich die beiden Frauen aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensweisen ein ganz verschiedenes Gebaren an den Tag legten. Sie mochte Hertans Schwester, gleich vom ersten Moment an. Und im nächsten Moment fragte sie sich, ob sie nicht zu naiv war. Immerhin war dies eine Frau, die Macht besaß. Und wer Macht hatte, nutzte sie meist zu seinem Vorteil.
„Schon seit meiner Kindheit kenne und liebe ich diesen Blick über das Herz der Stadt“, seufzte Liuven und ließ ihren Blick über den Platz schweifen. Johanna stutzte. Von einem Mitglied der Herrscherfamilie von Stewark hätte sie erwartet, dass sie die Zitadelle als das Herz der Stadt ansah.
„So viel hat sich seitdem geändert. Es ist erstaunlich, wie sehr sich der Anblick dennoch gleicht.“ Sie lächelte zu Johanna hinüber. „Ich frage mich manchmal, ob all die Machtspiele der Herrscherhäuser, alles, was wir Fürsten, Barone und Könige tun, überhaupt eine Bedeutung hat.“
„Es hat eine Bedeutung“, sagte Johanna. „Es ist Eure Aufgabe, den Menschen Sicherheit und Beständigkeit zu schenken. Dafür zu sorgen, dass Ihr noch als Greisin hier stehen und die gleichen Worte sprechen könnt wie jetzt.“
Liuven zögerte. Dann kicherte sie und setzte ihren Weg fort.
„Du fragst dich sicher, wohin unser Spaziergang führt“, sagte die Herrin, als sie den unteren Treppenabsatz erreichten. Das geschäftige Treiben einer Stadt, deren Bewohner nach getaner Arbeit einkehrten und sich der Freizeit hingaben, füllte den Platz mit Leben, während die beiden Frauen sich auf der Nordseite weiter bewegten, von wo immer noch das geschäftige Klirren von Stahl auf Stahl aus den Schmieden ertönte.
„Ich nahm an, Ihr würdet es mir verraten, wenn der Moment gekommen ist“, entgegnete Johanna. Liuven schien diese Antwort zu belustigen.
„Die Stadt kennt viele talentierte und erfahrene Schmiede. Wir besuchen Einen der Besten von ihnen.“
Sie zeigte auf das Paket in Johannas Händen.
„Was du da trägst, ist ein Andenken an meine Jugend. Stewark stand schon immer im Schatten der beiden großen Städte auf dieser Insel und war immer wieder Spielball verschiedener Herrscher. Und unser Vater wollte stets, dass wir uns im Fall der Fälle verteidigen können. Also ließ er für jeden von uns eine Rüstung anfertigen. Meine Brüder trugen ihre mit Stolz, und zumindest mein jüngerer Bruder sammelte viele Scharten auf seinem Panzer. Der meines älteren Bruders glänzte vor allem golden in der Sonne. Aber meiner setzte ziemlich bald Spinnweben an.“
Ihr Lachen klang so klar wie das Plätschern eines Gebirgsbaches.
„Ich war gerade einmal 14 Sommer alt und hatte sicher anderes im Sinn, als zu kämpfen. Und als ich älter wurde, lernte ich, dass man als Frau in dieser Welt seine Kämpfe besser ohne Klinge austrägt. Aber die Rüstung war zu schade, um sie wegzuwerfen. Und nun könnte sie doch noch den Zweck erfüllen, für den sie gefertigt wurde – mit ein paar Anpassungen, vielleicht.“
Johanna starrte verdutzt auf das Paket. Sie musste sich eilen, um zu Liuven aufzuschließen. „Das hier ist Eure Rüstung?“
„Nur ein Brustpanzer“, stellte Liuven richtig. „Nun schau nicht so, als hätte ich dir ein Stück Land vermacht! Mir lag nie viel an diesem Ding, und wenn Hertan so große Stücke auf dich hält, trenne ich mich gern davon. Und wer weiß? Vielleicht kann ich eines Tages eine Beschützerin gut gebrauchen. Ich würde meine Unversehrtheit lieber einer Frau anvertrauen, die meinem Bruder dient, als die Hilfe einer Akademie-Kriegerin in Anspruch zu nehmen.“
Nun begriff Johanna. Ein verstehendes Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie antwortete: „Es ist mir eine Ehre.“
„Aber glaub bloß nicht, dass du um alle Kosten herumkommst! Alle anderen Teile deiner Rüstung wirst du selbst bezahlen müssen. Ich komme aber gern für die Anpassung dieses Stücks hier an deine Maße auf.“
Liuven blieb vor einer Tür stehen, aus der gedämpft Hammerschläge an ihr Ohr drangen. Sie sah sich um, und ihre Augen weiteten sich. Diesen Ort kannte sie!
Die Herrin deutete lächelnd auf die Tür und hob die Augenbrauen. „Wollen wir?“
Es war so einfach. Ein gutes Wort von Aniron, ein kurzes Schreiben von Tinquilius. Mehr brauchte sie nicht. Kisha schüttelte ungläubig den Kopf.
„Ihr lebt in einer komischen Welt von Zetteln“, sagte sie an die Wehmutter gewandt und wedelte mit der Zugangserlaubnis für das Archiv der Burg Silbersee herum.
„Die Kizalongwe erinnern sich mit ihren Köpfen und teilen ihre Geschichten von Mund zu Ohr. Unsere Erinnerung lebt. Eure liegt aufgeschrieben in einer Burg, und man kommt nur hin, wenn man noch mehr Geschriebenes mitbringt.“
Kisha saß vornüber gebeugt auf der Bank vor dem Haus der Magier, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Ihr Reisegepäck stand neben ihr. Es war schon seit gestern fertig gepackt.
„Danke, dass du mit mir reist“, sagte sie an ihre Lehrerin gerichtet. „Und du willst danach auch nach Tooshoo, eh? Ich hoffe, deinem mume und deiner binti geht es gut.“
Ihr Blick ging hinüber zu den beiden kleinen Mädchen, die sich die Zeit damit vertrieben, möglichst akrobatisch eine volle Drehung um die eigene Achse mit einem Sprung zu vollführen.
„Also mit beiden Mädchen in den Sumpf? Da müssen wir gut aufpassen.“ Sie tippte ungeduldig mit dem Fuß auf die Pflastersteine. „Falls wir hier noch wegkommen.“
„Ich bin ja schon da!“, keifte es von der Eingangstür. Kisha atmete erleichtert auf. Endlich hatte dieses elende Warten ein Ende.
„Jetzt tu nicht so theatralisch, Novizin! Hätte mir mal eher jemand Bescheid gesagt, hätte ich auch schon alles fertig gehabt!“
Die Frau mit den holzbraunen, gelockten Haaren hievte einen erstaunlich großen Reisesack auf ihre Schulter und lief zu den beiden Mädchen hinüber. „Riya, zieh das hier an, sonst erkältest du dich auf der Reise!“
Die Größere der beiden hielt inne und zog eine Schnute. „Mama! Ich bin fast zehn! Ich kann mir meine Sachen selbst aussuchen!“
„Offenbar ja nicht, sonst wäre dir vielleicht aufgefallen, dass es Winter ist! Glaubst du, ich will, dass du mir in diesem blöden Sumpf, in dem sich dein Vater verkrochen hat, eine Lungenentzündung kriegst?“
Das Mädchen erwiderte nichts, sondern riss ihrer Mutter seufzend den Überwurf aus der Hand. Fianna, die jüngste Tochter von Aniron, schenkte ihrer Freundin einen mitleidigen Blick.
„Können wir los, Alia?“, fragte Kisha, der es ihrer Natur gemäß nicht recht gelingen wollte, den entnervten Unterton zu verstecken.
„Aaliyah!“, korrigierte die Magierin schnippisch. „Und ja – je eher ich meinen Mann wieder aus diesem Tümpel schleifen kann, desto besser.“
Kisha wandte sich Aniron zu, dass Aaliyah und die Mädchen in ihrem Rücken standen, und sah Aniron mit großen Augen an, die ‚Muss die wirklich mit?‘ schrien. Ihr Mund aber vermied es glücklicherweise, den Gedanken auszusprechen. Stattdessen schob sich ein Ausdruck der Erleichterung auf ihre Lippen. Endlich ging es los.
„Na dann! Twende!“
Das würde eine interessante Reise werden. Ihre Reisegesellschaft, bestehend aus zwei Wassermagierinnen und deren Töchtern, war es allemal.
Die Bürger
22.12.2024, 14:29
Hungrig und völlig unbekümmert züngelten Flammen an den Hölzern des kleinen Lagerfeuers und vertrieben dabei tapfer die eingesetzte Dunkelheit. Ein beruhigendes Blubbern des Eintopfes füllte die alles vereinnahmende Stille zwischen den beiden Männern, die beide wortlos ihren eigenen Gedanken nachgingen. Armond selbst genoss nach all der Zeit in der nach Fisch und Meerwasser stinkenden Ansammlung von Müll und Bruchbuden, die sich Stadt schimpfte, die erfrischende und unberührte Nachtluft des stewarknahen Umlands.
Und Isidor?
Der Schmiedegeselle klammerte sich noch immer unsicher an den geliehenen Kurzbogen und fuhr nervös mit den Fingern zum wiederholten Male über die Maserung der einfach gearbeiteten Waffe. Sein Ausdruck war in den letzten Stunden regelmäßig von absoluter Überraschung, vollkommener Überforderung, Todesangst und einem kleinen Funken Neugierde gewechselt, er war allerdings schlau - oder feige - genug gewesen, nicht nachzufragen. Wortlos war er jeder einzelnen Anweisung des mittelalten Mannes gefolgt, hatte sich die Waffe umgeschwungen, war ihm quer durch Stewark und durch das Haupttor hinaus in die Wildnis gefolgt, hatte Feuerholz gesammelt und schließlich Gemüse für den Eintopft geschnitten. Und so sehr Armond einen folgsamen, schweigenden Handlanger bevorzugte, der ohne dümmliche Fragen zu stellen, seine Befehle befolgte - nach seiner Erfahrung vereinfachte es die Zusammenarbeit enorm, wenn die Hackordnung von Beginn an klar war - so wie der Knabe gerade drauf war, würde er diese Nacht vermutlich einen Herzinfarkt erleiden und seine ganze bisherige Arbeit zerstören.
»Wir sind nicht hier draußen, weil ich dich umbringen möchte.« Seine Stimme durchschnitt die Stille zwischen ihnen mit einer Endgültigkeit, die darauf schließen ließ, dass das nicht der einzige Satz bleiben sollte. Dennoch ließ er sich Zeit. Er erhob sich langsam und füllte beide Schalen mit dem Eintopf. Eine davon reichte er begleitet von einem zustimmenden Nicken dem Schmiedeburschen.
»Ich schlage vor, dass du mir in aller Ausführlichkeit von deinem kleinen Ausflug in die Akademie berichtest und dir im Anschluss erzähle, weswegen wir hier sind. Aber bitte - wir möchten ja nicht, dass der Eintopf kalt wird. Wohl bekomm's.«
Felia
Etwas benommen nahm Isidor die angebotene Schüssel mit erstaunlich gut riechendem Eintopf entgegen. Die dickflüssige Masse dampfte einladend und die Hitze, die sich in seinen Händen ausbreitete, war ein wohliger Kontrast zu der kalten Nachtluft des winterlichen Stewarker Umlands. Zwar war der Winter auf Argaan deutlich gemäßigter als auf dem Kontinent, aber angenehme Temperaturen war keine Beschreibung, die der Schmied gewählt hätte.
Dass Armond ihm versicherte, dass sie nicht hier waren, damit der Hüne seine letzte Mahlzeit vertilgen und später als Futter für die Tiere enden konnte, hatte er vermutet. Warum sollte sich der Mann auch selbst die Hände schmutzig machen, wenn er sicher jemanden fand, der es freudig für ihn erledigen würde? Stattdessen beschäftigte den Blondschopf eher, wieso er den Bogen von ihm bekommen hatte. Offenbar wollte er seinem Versprechen nachkommen, ihm etwas beizubringen. Aber bisher hatte er nur einfache Aufgaben erledigt, von denen keine etwas mit dem Schießen zu tun gehabt hatte.
Isidor setzte die Schüssel an den Mund, blies vorsichtig herein und nahm dann einen Schluck. Etwas wässrig vom Geschmack, aber die Wärme tat gut und er spürte, wie sie in seinen Magen wanderte.
„Ich fürchte, dass ich nicht viel Nützliches in Erfahrung bringen konnte“, begann er dann zu erzählen, was er in der Akademie gemacht hatte, „Ich wurde in eine Art Buch oder Liste eingetragen, habe von Meister Alberich den Zettel überreicht und im Austausch eine beträchtliche Summe Gold erhalten. Dafür musste ich in das oberste Stockwerk, wo es einige Räume gibt. Ich habe einen Blick riskiert, aber es sind bloß einfache Unterkünfte, die vielleicht etwas besser ausgestattet sind, als ein Zimmer in der Klippenschänke.“
Er nahm einen weiteren Schluck des Eintopfes und beobachtete, wie Armond ebenfalls das Essen genoss. Als Mitglied einer wichtigen Organisation des myrtanischen Reiches hätte Isidor vermutet, dass er eher dekadenteres Essen bevorzugen würde. Doch scheinbar machte der undurchsichtige Mann keinen Unterschied, solange es seinen Magen füllte.
„Das Büro des Leiters Tiberon war ähnlich karg eingerichtet. Arbeitstisch, einige Regale mit Schriftrollen und Büchern.“
Ob dort das gesamte Wissen der Akademie verwahrt wurde? Der Schmiedesohn hatte keinen Vergleich und war nie sonderlich belesen gewesen. Seine Vorstellungskraft konnte die potentielle Menge an Informationen, die auf einige Seiten Pergament passten, nicht fassen.
„Wenn ich schätzen müsste, kann das kaum das gesamte Wissen der Akademie sein, welches du suchst“, wägte er ab, um einen nicht zu enttäuschenden Eindruck zu hinterlassen.
Er fragte sich, ob Armond zufrieden wäre, wenn er mit seinem Bericht fertig war oder ob er nicht sogar schon all das wusste. Vermutlich war dem so und dies war lediglich ein Test, dessen Bestehen über viele Dinge ihrer ungleichen Beziehung entscheiden würde.
„Im ersten Stockwerk bin ich auf einige Klingen getroffen. Sie waren ein gemischter Haufen. Einer hieß Aaro, eine Keeva und die andere beiden haben ihre Namen nicht genannt. Scheinbar fehlt es der Akademie an Rekruten, Aspiranten nannten sie sie. Eine von ihnen war sehr arrogant, während die anderen offen überlegten, ob ich mich nicht eignen würde.“
Dass er es mit seiner nicht sonderlich schlagfertigen Art vermutlich schlimmer gemacht hatte, ließ er bewusst unausgesprochen.
„Und später habe ich Meister Alberich nach Unterstützung gebeten. Er war wohl einst ein Meister der Akademie und berichtete mir, wie es dort ablief. Es wirkte sehr propa… proga… beeinflusst durch andere. Die Klingen wären sehr angesehen gewesen und wenn man ihnen beitreten wollte, musste man etwas vorzuweisen haben. Die Meister bildeten ein Tribunal, welches als Richter fungierte und den Leiter unterstützte.“
Isidor schwieg, trank den Rest seines mittlerweile stark abgekühlten Eintopfes und überlegte, ob er etwas vergessen hatte, was er nicht bewusst unerwähnt lassen wollte.
„Da war wohl alles. Meister Alberich scheint nicht bereit zu sein, mir zu helfen, aber wenn ich ihn weiterhin bearbeite, dann gibt er mir vielleicht eine Chance. Ich vermute, dass ich ihm nur vorspielen muss, dass ich sein Heimatland verteidigen will, weil es auch für mich zur Heimat wurde oder so etwas in der Art.“
Armonds Miene war undurchdringlich. Das übliche, immerwährende Schmunzeln spielte um seine Lippen, während er seine Hände dem knisternden Feuer entgegenstreckte.
„Wirst du mir das Bogenschießen beibringen?“, fragte der Hüne schließlich und hob den kleinen Bogen an, der auf seinem Schoß ruhte.
Die Bürger
24.12.2024, 14:04
»Ich bin ein wenig enttäuscht, mein Gutester.«, gestand Armond offen. Er nahm sich einen Nachschlag vom Eintopf, denn während Isidors Erzählungen hatte er seine Schüssel restlos geleert.
»Du kannst doch eine Erzählung nicht damit beginnen, deine Erkenntnisse selbst klein zureden und dann einen minutenlangen Monolog halten.« Zufrieden lächelte er den Schmied an. Dieser Bursche hatte also tatsächlich Zugang zur Akademie erhalten - das an sich war durchaus schon eine nennenswerte Leistung, die ihn von vielen seiner Vorgängerinnen und Vorgänger unterschied - er aber hatte das zugegeben sehr zu Armonds Überraschung schneller geschafft als die Leute vor ihm. Und er war jetzt hier, um von seinen Erkenntnissen zu berichten. Das war ein Alleinstellungsmerkmal.
»Willst du noch? Nein- na gut. Selbst Schuld.«
Für eine Weile ging er schweigend seinen eigenen Gedanken nach, dann riss die Frage des Verbrannten ihn unschön zurück ins Hier und Jetzt.
Armond brummte zustimmend.
»Nach allem was wir wissen, liegt in der Akademie ein besonderer Fokus auf die Ausbildung der Krieger. Wenn du wirklich Zugang dorthin erlangen willst, dann musst du wenigstens die Grundzüge an einer Waffe beherrschen.«
Mit dem Kinn deutete er auf den Bogen.
»Für einen Mann deiner Statur ist der Bogen eine völlig ausreichende Waffe. Die absoluten Grundkenntnisse sind vergleichsweise schnell gelernt, du solltest aufgrund deiner Schmiedearbeit außerdem zumindest ausreichend Kraft in den Armen haben, sodass wir uns nicht groß mit der körperlichen Ertüchtigung beschäftigen müssen.«, erklärte der Mann monoton, musterte Isidor aber bei jedem seiner Worte eindringlich.
»Du darfst dir aussuchen, ob du weiterhin deinen Damenfreunden in der Stadt nachts das Bett wärmst und jeden Morgen herkommst oder ob du deine Sachen packst und du für ein paar Tage verschwindest. Aber lass dir bitte für beides eine gute Ausrede einfallen. Wortlos zu verschwinden und täglich die Stadt zu verlassen fällt beides irgendwann auf.« Für einen Augenblick hielt Armond inne.
»So oder so erwarte ich dich bei Sonnenaufgang in zwei Tagen wieder hier. Und Isidor-« Er taxierte den Schmiedegesellen eingehend und ließ der ursprünglich zwischen ihnen herrschenden Stille wieder Raum.
»Eine gute Ausrede.« Erneut pausierte er regungslos.
»Und ich warte nicht gern. Auf bald.«
Damit war das Gespräch für ihn beendet und er zückte ein Stück Papier, auf dem er in aller Ruhe und fein säuberlich wieder einige Dinge niederschrieb.
Felia
„Viele Worte mit wenig Inhalt, nichts weiter“, erwiderte Isidor säuerlich, „Was bringt es dir schon, wenn du weißt, wie die Krieger dort hausen oder dass sie nach neuen Streitern suchen? Vermutlich sucht auch das myrtanische Heer stetig nach neuen Rekruten, nicht wahr?“
Immer wieder sagten ihm Menschen, dass er sich zu Unrecht einredete, dass er nichts von Wert leistete. Doch war dem wirklich so? Wann hatte er das letzte Mal etwas erreicht, worauf er selbst stolz sein konnte? Vor einem Jahr? Vor zehn? Er konnte sich nicht erinnern.
„Wollen oder müssen, was ist der Unterschied? Wenn du dein Versprechen hältst und mir hilfst den Mörder Hsia seiner gerechten Strafe zuzuführen, dann werde ich mich auch als Krieger für einen der Feinde des Reiches verkaufen bis ich habe, was ich will“, erklärte er bitter, aber mit unumstößlicher Überzeugung.
Dann erhob er sich, ließ all die anderen Sachen, die Armond ihm an den Kopf geworfen hatte, bevor er sich offenkundig aus dem Gespräch herausgezogen hatte, unkommentiert und stapfte ohne ein weiteres Wort zurück gen Stadt.
Seine Gedanken ruhten keinen einzigen Moment auf dem Rückweg nach Stewark.
Eine gute Ausrede, wiederholte er die Warnung des seltsamen Mannes und versuchte eine Lösung für dieses Problem zu finden.
Die wenigen Wochen, die er erst für Meister Alberich arbeitete, würden tatsächlich eine solide Erklärung erfordern, damit er ihn nicht einfach aus seinen Diensten entließ, sobald er sich einige Zeit nicht blicken ließ. Ein einfaches „Ich werde für eine Weile nicht mehr vorbeischauen“ hätte wohl genau das zur Folge.
Den Seitenhieb, dass er seinen Damenfreunden das Bett wärmte spürte er noch immer, doch schluckte er den Ärger darüber herunter. Sollte Armond ihn doch verspotten, wenn er wollte. Solange er seinen Teil der Abmachung einhielt, war er für Isidor ebenso ein Mittel zum Zweck wie es andersherum genauso war. Dummerweise war der Hüne von dem Spion deutlich abhängiger, wohingegen er vermutlich entbehrlich war. Scheiterte er, würde einfach jemand anderes seinen Platz einnehmen.
Der Schmied nickte den beiden Wächtern am Tor zu, die ihm müde auf der fackelbeleuchteten Brücke entgegenstarrten. Ein kurzes Gespräch entstand, wo er erläutern musste, dass er vor wenigen Stunden die Stadt erst verlassen hatte, um „den Kopf freizukriegen“ und nun hoffte etwas Schlaf zu finden. Der eine erkannte ihn sogar als Geselle von Meister Alberich, was ihn maßgeblich wunderte und dann wurde er weiter gewunken. Isidor war dankbar, dass er nicht allzu lange aufgehalten worden war, selbst wenn er nicht ansatzweise so müde war, wie er behauptet hatte. Viel mehr zermarterte er sich noch immer den Kopf darüber, was er Alberich und Elara sagen sollte. Würden sie es ihm abkaufen, wenn er sagte, dass er wegen eines Briefes nach Thorniara musste? Immerhin wussten sie, dass er aus Myrtana kam und dass er dort noch Familie oder Freunde hatte war schnell erschwindelt.
Doch das würde ihm nur einige wenige Tage verschaffen und vermutlich hätte er einen Boten beauftragen können, ihm das erlogene Schreiben zu bringen. Was, wenn er irgendwie anbrachte, dass er seine Chancen bei Frieda verbessern wollte und deshalb losziehen wollte, um in Thorniara, die als Hafenstadt ein breiteres Angebot an Waren aller Art besaß, auf die Suche zu gehen?
Bei diesem Gedanken schlingerte sein Magen unangenehm. Fräulein Frieda als Ausrede vorzuschieben, erschien ihm auf vielen Ebenen als falsch und selbst wenn er nun nicht mehr bei der Wahrheit bleiben konnte, gab es Grenzen, die er sich zu übertreten weigerte.
Irgendetwas muss es doch geben…, dachte er, während er die Klippenschänke betrat und zu seinem Zimmer hinaufstieg.
Chala Vered
27.12.2024, 13:41
Am Fuße der Wendeltreppe, die tatsächlich nicht mehr als große, grob geschlagene Steine im Fels zu sein schienen, angekommen, stockte Chala für einen Moment der Atem. Exzentrik, die in diesem Moment die Oberhand hatte, war verzückt und beeindruckt von dem Anblick, der sich ihr bot. Sanftes, blaues Leuchten füllte den ehrfurchtsgebietenden Tempel des Wassers und selbst für sie war der Puls der Magie zu spüren.
Schaut euch diese Farben an!, schwärmte Exzentrik, Das Leuchten, das Wasser, die Arkaden – es ist alles so wunderbar anders!
Sie drehte sich im Kreis nachdem sie tiefer in das ausladende Gewölbe getreten war und nahm die unterschiedlichen Eindrücke in sich auf.
[i]Dieser Ort inspiriert mich zutiefst. Ich fühle mich, als könnte ich hier alles kreieren! Geschichten, Bilder, Musik…
Oh! Musik, um die Armen die Last des alltäglichen Leids vergessen zu lassen!, stimmte Empathie enthusiastisch zu.
Ich dachte eher an eine Ode an mich selbst, erwiderte Exzentrik und lächelte schwach, sodass man nicht wusste, ob es als Herabwürdigung des Vorschlags oder als leichter Scherz gemeint war.
Daraufhin wirkte Empathie geknickt und schwieg wieder, während Chala den Blick durch die Halle schweifen ließ. Sie konnte das Meer riechen, es sogar auf der Zunge schmecken! Unter den Augen einer in blaue Roben gewandten Magierin, wobei sich ihre Gewandung optisch von denen Anirons und Danees unterschied, trat sie an die lange Wand, welche frei von den Akaden mit ihren kleinen Altären und steinernen Bänken war. Wand war nicht mal ein passender Begriff für dieses Wunder. So, als hätte der Ozean an dieser Stelle entschlossen zu enden, zog sich das Wasser von einem Ende der Seite des höhlenartigen Tempels zum anderen. Je näher die Aranisaani der Meereswand kam, desto kühler wurde es. Der Geruch von salz intensivierte sich und sie glaubte auch Fisch und Seetang riechen zu können.
Es ist wie ein Märchen! quietsche Naivität plötzlich, überwältigt von kindlicher Freude, Fast wie in der Geschichte von Mutter über die versunkene Insel! Der Tempel ist so magisch und schön. Ich wünschte, wir könnten hier für immer bleiben.
Ohne es tatsächlich sehen zu können, kam es den anderen Chalas so vor, als glänzten die Augen Naivitäts vor Begeisterung, und Exzentrik spürte einen Drang die Wand aus Wasser zu berühren, obwohl es nicht ihr eigener war. Doch sie wehrte sich nicht dagegen und ließ es geschehen, beobachtete mehr, als dass sie etwas dafür tat, wie ihre Finger das feuchte Nass berührten und…
Man kann hindurchgreifen!, frohlockte Naivität und es war schwierig sich der überschwänglichen Energie zu erwehren, die drohte Exzentrik die Kontrolle vollständig abzuringen.
Beruhig dich, Kleine!, versuchte sie die Situation zu retten.
Doch es war Sorgfalt, die Ruhe in das kindliche Naturell brachte.
Dieser Ort ist voller Geheimnisse, aber auch Gefahren. Wir müssen vorsichtig sein, warnte sie mit ruhiger Stimme, Die magische Schale, der Fels, vor dem die Magierin steht und uns beobachtet – alles Dinge, die wir nicht verstehen und was man nicht versteht, ist mit Vorsicht zu genießen. Wir müssen achtsam und klug handeln. Sprechen wir unseren Dank und verlassen diesen Ort fürs Erste.
Wie kannst du hier so schnell wieder fort wollen?, fragte Empathie mit seidenweicher Stimme, Dieser Ort hat eine Seele. Ich kann die Energie des Wassers spüren. Ruhe und Frieden strahlt sie aus. Es ist, als ob der Tempel selbst lebt und atmet.
Ihre Tonlage verriet, dass sie tief berührt war und echte Ehrfurcht empfand.
Lasst uns etwas Spenden und einen Moment verweilen. Hier finden wir sicher eine Antwort für unsere Frage, wohin es uns als nächstes zieht.
Narzissmus, die geduldig auf ihren Moment gewartete hatte, stieß mit einem Mal eine Woge der Willenskraft aus, löste sich aus dem gelockerten Griff Sorgfalts und zerrte Exzentrik vom Thron, um die Kontrolle zurückzuerlangen.
„Hört euch nur selbst beim Reden zu!“, zischte sie leise, nicht ruhig genug, um nur ihre Gedanken sprechen zu lassen, „Schwärmt von diesem Ort und fürchtet ihn gleichzeitig. Sobald wir wieder an der Oberfläche sind, hat er keinen Einfluss mehr auf uns, also reißt euch zusammen!“
Nur, weil man einen Ort verlässt, heißt das nicht, dass man ihn auch hinter sich lässt, gab Sorgfalt zu Bedenken und traf auf Unverständnis bei Narzissmus.
„Ich bin dankbar, dass Aniron mir geholfen hat zu ergründen, was mich für so viele Jahre verunsichert hat. Jetzt, wo ich es weiß, kann ich weitermachen“, überging sie die Aussage, als hätte sie sie überhört – was, wie ihnen allen bereits bewusst geworden war, unmöglich war.
Und was willst du jetzt tun, fragte Exzentrik abschätzig, die offenbar nicht glücklich über den gewaltsamen Verlust der Kontrolle über ihren gemeinsamen Körper war, sich für den Moment jedoch zurückzunehmen schien.
„Wir werden an einen Ort gehen, wo wir ungestört… reden können und ihr werdet mir all das erzählen, woran ihr euch erinnert. Dann ist es so, als ob ich niemals Aussetzer hatte und kann endlich mein Ziel weiterverfolgen.“
Während sie leise sprach, machte sie sich bereits wieder auf den Weg zur Wendeltreppe, von wo ihr einige in blau gekleidete Novizen entgegenkamen, die sie zunächst höflich grüßten und dann etwas verdutzt anstarrten, als sie scheinbar Selbstgespräche führte.
Und das wäre?, wollte Sorgfalt interessiert wissen.
„Was ich schon immer wollte, Freiheit und die Macht sie zu behalten.“
Johannas Augen blickten auf der Suche nach Rückversicherung in das Gesicht von Liuven. Die Herrin lächelte und nickte ihr aufmunternd zu.
"Nur zu!"
Johanna nickte. Entschlossen klopfte sie an die Tür und drückte sie auf.
Die Hitze der Schmiede schlug ihr so heftig entgegen, dass sie sich, im ersten Moment noch froh darüber, dem klirrenden Winterfrost entkommen zu sein, schon nach dem ersten Schritt wieder hinaus gewünscht hätte. Freilich hatte sie sich in ihrer Zeit unter Syrias' Fittichen daran gewöhnt, dass es in den Werkstätten der Schmiede oft unerträglich warm war, doch gerade zu dieser Jahreszeit, in der sich der Körper nach und nach darauf eingestellt hatte, zu frieren, war der plötzliche Umschwung kaum auszuhalten. Liuven indes ließ sich nichts anmerken und schritt edel und anmutig durch die geöffnete Tür.
Als Johanna die Kälte der Straße hinter der Herrin aussperrte und sich umsah, erblickte sie einen älteren Mann, der weiter hinten im Raum über eine Arbeit gebeugt an einer langen Werkbank saß, die sich zu ihrer Linken entlang der Fenster erstreckte. Der Amboss, der die Mitte des Raumes einnahm, stand verlassen, doch in der Esse glühten die Kohlen noch nach. Alles in allem machte die Schmiede den Eindruck, als ginge das betriebsame Schaffen auf den wohlverdienten Feierabend zu.
"Moment noch!", rief er brummig, ohne auch nur aufzusehen. Erneut wandte sich Johanna an ihre Gönnerin, die zunächst auf das Paket blickte, das sie immer noch unter ihren linken Arm geklemmt hielt, und dann in Richtung der Theke.
"Oh, ja."
Eilends stellte sie das Paket ab, das dabei so gehörig schepperte, dass der Herr des Hauses nun doch einmal aufsah. Er hielt einen Moment inne, dann gab er einen entnervten Laut von sich und legte das Werkzeug beiseite.
"Seid gegrüßt. Wie kann ich-", setzte er an, als sein Blick auf Liuven hängen blieb. Er legte den Kopf schief, hob die Augenbraue, und brummte an sie gewandt: "Schönen Tag."
"Den wünsche ich Euch auch, Meister Alberich!", grüßte die Herrin in aller Freundlichkeit und deutete auf Johanna.
"Johanna hier hat einen Auftrag für Euch. Ich bin nur Zaungast."
"So?" Alberichs Blick wandte sich nun ihr zu.
"Nun, äh - seid gegrüßt, Meister", setzte Johanna nun an. "Ich bin kürzlich Mitglied der Stewarker Wache geworden und möchte eine Rüstung in Auftrag geben, die denen der Wache gleicht, aber eher meinen Maßen entspricht. Herrin Liuven hat mir in ihrer Güte diese Brustplatte hier drinnen vermacht und vorgeschlagen, sie anzupassen und mit der grünen Lackierung und dem Wappen der Stadt zu versehen."
"Ihr kennt sie vielleicht", fügte Liuven mit einem feinen Lächeln hinzu. "Für diesen Teil des Auftrags kommt die Kasse des Hauses Stewark auf."
Johanna nickte eilig. Es war ihr immer noch unwohl dabei, dass Liuven für ihre Rüstung bezahlte, wenn auch nur in Teilen. "Und dazu würde ich gern noch einige weitere Rüstteile erwerben, wie die Brustplatte aus Stahl gefertigt. Schulterstücke, Beinschienen mit Kniekappen, einen Schaller. Und ein Gambeson?"
Johanna kratzte sich verlegen an der Stirn.
"Wie viel würde das wohl ungefähr kosten? Und sagt, ist Isidor da? Wollte ihm nur hallo sagen. Wir sind befreundet und ich habe ihn seit ein paar Tagen nicht gesehen."
„Ja, werde ich machen. Danke, Elara!“, rief Isidor in die Werkstatt der Lederin hinein, ehe er die bereits geöffnete Tür wieder hinter sich schloss und in die Schmiede zurückkehrte.
Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte er sich um und stockte für einen Moment, als er sich der beiden Kundinnen gewahr wurde, die ihr Gespräch mit Meister Alberich unterbrochen hatten, als er hereingeplatzt kam. Er blinzelte einmal und stellte einen im nächsten Moment fest, dass er eine der Damen kannte.
„Johanna! Was treibt dich in Meister Alberichs Schmiede?“, fragte er überrascht und freute sich, dass er seine kleine Freundin nach mehreren Tagen endlich wiedersah.
Sein Herz machte einen kleinen Sprung und er trat weiter in den Raum hinein, bevor er die Begleitung der kleinen Brünetten musterte. Edle Kleidung, feine Gesichtszüge und ein undurchsichtiges Lächeln spielte um die Lippen der Frau.
„Seid gegrüßt, ich bin Meister Alberichs Geselle Isidor.“
Eine kurze Vorstellung folgte, in der dem Hünen bewusst gemacht wurde, wer da vor ihm stand.
„Herrin“, fügte er verspätet an und wusste nicht recht, ob eine Verbeugung angebracht war, weswegen es eine unglückliches Mittelding aus Verbeugen und Nicht-Verbeugen wurde.
Herrin Liuven lächelte jedoch lediglich und winkte ab.
„Wir sind hier in deines Meisters Schmiede, Geselle Isidor, und es ist Johanna hier, die einen Auftrag hat.“
„Ich verstehe, Herrin.“
„Was den Auftrag betrifft“, schaltete sich nun Alberich wieder ein, der bereits den ganzen Tag deutlich mürrischer aufgelegt war, als sonst – vermutlich wegen der ungern erhaltenen Nachricht, dass Isidor für eine Weile die Stadt verlassen würde, „Das sollte kein Problem sein.“
Er packte ein Paket aus, welches auf dem Tresen lag und begutachtete die Brustplatte, welche sich dort drin befand.
„Gute Arbeit“, brummte er, „Das Symbol des Handwerkers sagt mir nichts, wurde an der Innenseite angebracht. Es wurde für Euch angefertigt?“, fragte er dann an Liuven gewandt.
„Das ist richtig“, bestätigte sie und nickte leicht.
„Hrm, einige kleinere Anpassungen und es sollte seinen Zweck erfüllen. Besser wäre es, wenn ich ein Stück anfertige, was auf deine Maße abgestimmt ist, junge Dame.“
Aber das würde mehr kosten, schloss Isidor gedanklich den Satz ab.
„Also, Johanna, diese Rüstung… hast du es geschafft? Hat Lord Hertan dich bei der Stadtwache aufgenommen?
Wenn dem so war, dann freute er sich sehr für das kleine Energiebündel. Sie hatte definitiv alle Qualitäten, die man für eine verantwortungsbewusste Position wie diese brauchte und ihre Körpergröße würde sie früher oder später zu ihrem Vorteil einsetzen. Da war sich der Hüne ganz sicher.
„Weißt du, ich habe entschieden meinen Horizont zu erweitern. Ich werde einige Zeit aus Stewark fortgehen, nicht für zu lang. Aber ich habe jemanden gefunden, der mir etwas beibringen kann, damit ich Elara – die Lederin im Nebenraum – bei der Jagd unterstützen kann.“
Das war die offizielle Ausrede, die sich Isidor überlegt hatte. Alberichs Partnerin hatte zu viel zu tun, um selbst das Lehren zu übernehmen und da sie jeden Tag erschöpfter wirkte, hatte er behauptet, dass er sie beide besser unterstützen wollte, indem er sie spätestens im Frühling bei der Jagd unterstützen wollte. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass Meister Alberich ihm die Geschichte nicht gänzlich abgekauft hatte. Abgelehnt hatte er sein Gesuch allerdings auch nicht.
Beim Anblick ihres Freundes hellte sich Johannas Miene schlagartig auf.
"Isi!", rief sie ihm strahlend entgegen. "Ob ich es geschafft hab? Hertan hat mich Dreck fressen lassen! Aber ich hab seine Herausforderung bestanden und bin dabei!"
Doch ihr Grinsen verging, als Isidor im nächsten Moment davon berichtete, aus der Stadt fortzugehen. Johanna starrte ihn ungläubig mit geöffnetem Mund an. "Dein Ernst? Wir konnten noch nicht mal miteinander sprechen, seit du und Frieda -"
Ein leises, aber eindringliches Räuspern aus der Kehle Liuvens ließ sie mitten im Satz innehalten.
"Oh, entschuldigt."
"Ihr kennt das Stück nicht?", sagte Liuven an Alberich gewandt. "Mein Vater ließ es von einem Rüstschmied der Akademie anfertigen, vor etwa zwanzig Jahren. Doch dann war das wohl ein Anderer."
Johanna konzentrierte sich erneut auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs, auch wenn sie in diesem Moment viel lieber Isidor am Ohr in den Nebenraum gezogen und ihn peinlich befragt hätte, was bei Innos er da nun wieder anstellte. Liuvens Brustplatte war ein wunderschönes Stück, spiegelglatt poliert, mit einer dezenten, weißgoldenen Umrandung am Kragen, die aussah wie ineinander verwobene Ranken. Die Gurte für die Platte, die den gesamten Torso umschloss, waren komfortabel an der Seite angebracht, sodass man dieses Stück allein an- und ablegen konnte. Man sah ihm an, dass es für eine Frau über Johannas stand gefertigt worden war.
"Vielleicht wollen wir die Brustplatte erst einmal anlegen und Maße nehmen? Ich finde, sie sieht nicht allzu unpassend für meine Statur aus, und nach allem, was Isidor mir von Euch vorgeschwärmt hat, glaube ich fest daran, dass sie nach Eurer Anpassung dennoch ausgezeichneten Schutz bieten wird. Und wenn wir bei der Gelegenheit die Spiegelpolitur etwas mattieren könnten? Dann hält der Lack vielleicht auch besser. Und der Kragenschutz darf gern mit einem etwas bescheideneren Material verstärkt sein."
Sie hörte ein leises Kichern hinter ihrem Ohr. Die Herrin war offenbar amüsiert über ihren festen Standpunkt. Dabei war es der reine Pragmatismus, der sich trieb: gab sie lieber für viel eigenes Gold eine neue Brustplatte in Auftrag, die perfekt saß, oder nahm sie ein Geschenk der Fürstin an und erhielt eine immer noch ausgezeichnet sitzende Brustplatte geschenkt? Sie würde schon genug für den Helm und den Rest der georderten Rüstteile ausgeben müssen, auch wenn sie bei weitem keine vollständige Rüstung erstand. Doch das hatte nicht nur finanzielle Gründe. Sie beschränkte die Rüstung auf das Nötigste, ohne dabei zu viel Last auf ihre schmalen Schultern zu laden. In einer vollen Rüstung wäre sie schnell viel zu erschöpft, um sich regen, geschweige denn kämpfen zu können.
Als sie bemerkte, dass sie dem Meister ein wenig über den Mund fuhr, räusperte sie sich verlegen.
"Entschuldigt, Ihr seid ja der Experte. Aber sagt, diese neu gefertigten Teile - wie viel würden die doch gleich machen? Alles eher in leichter Ausfertigung. Oh, und der Helm ohne Visier, bitte. Und müsste ich für ein Gambeson woanders anfragen?"
Sie kam sich dumm vor, obwohl sie ziemlich genau wusste, was sie wollte. Es war das erste Mal, dass sie Ausrüstung für eine echte Kämpferin orderte, und es fühlte sich wahrlich seltsam an.
Mit einer Geste bedeutet Isidor Johanna, dass sie kurz sprechen konnten, wenn das Geschäft abgeschlossen war. Sie war auch bereits wieder in die Verhandlungen eingestiegen und wirkte so selbstbewusst wie eh und je.
„Vor zwanzig Jahren gab es in Setarrif mehr als einen fähigen Rüstungsbauer“, erklärte Alberich und beließ es dabei.
Wenn der Hüne richtig vermutete, war das etwa die Zeit gewesen, wo sein Meister noch Teil der Akademie war und er hatte nie spezifiziert, wann er sich der Schmiedekunst zugewandt hatte. Das wäre eine interessante Frage für später.
„Also gut“, brummte der Veteran schließlich und legte die edle Platte wieder auf den Tresen, „Es ist gut, dass du weißt, was du willst, Mädchen. Da hast du einigen Männern in deinem Alter was voraus. Isidor, hol einen Gambeson und hilf deiner Freundin, die Brustplatte anzulegen. Ich überlege in der Zeit, was alles kosten wird.“
„Ja, Meister“, bestätigte der Geselle sofort und wandte sich wieder zu Elaras Werkstatt, die er nach einem flüchtigen Klopfen betrat.
Nach kurzer Suche unter Zuhilfenahme der Lederin, fand er einen Gambeson, welcher noch immer zu groß wäre, aber für den Moment das kleinste Stück war, welches sie vorrätig hatten.
„Eine deiner Freundinnen?“, fragte Elara grinsend und bereits Feuer und Flamme für jegliches Detail.
„Ja, aber nicht so, wie du denkst!“, wehrte sich Isidor, doch das verbreiterte nur das Grinsen der Jägerin, „Ach komm, Elara!“
„Ich sag doch gar nichts“, lachte sie heiser.
„Ja eben!“
Mit der Polsterung in den Händen kehrte er zurück und sah, wie der Schmiedemeister über einigen Pergamenten lehnte und in Gedanken schien.
„Tut mir leid, einen passenden Gambeson wird Elara erst nähen müssen, aber der hier sollte für eine Anprobe reichen“, wandte er sich nach einem kurzen Blick zu Herrin Liuven an Johanna, „Ich helf dir ihn anzulegen, wenn du erlaubst.“
War die Missbilligung im Blick der Herrin? Jetzt, wo er sie genauer betrachtete, fragte er sich, wie ein Rüstungsteil, was für ihre durchaus kurvige Figur gedacht war, an Johannas zierlichen Körper passen sollte. Doch er vertraute in dieser Hinsicht seinem Meister.
„Gut, wenn wir den Brustpanzer nach deinen Wünschen anpassen und die übrigen Teile schmieden, dann komme ich auf einen Betrag von dreihundert Goldstücken“, verkündete Alberich und Isidor verschluckte sich beinahe an seinem eigenen Speichel.
„Was ich aber vorschlagen würde, wenn du etwas Gewicht einsparen willst, dann wäre verstärktes Leder eine sinnvolle Alternative. Gerade Schulterstücke und der komplette Beinschutz. Ersteres bietet durch seine Form einen ähnlich guten Schutz und bietet etwas mehr Freiraum. Zweiteres ist dank deiner Größe ohnehin ein schwer zu treffendes Ziel und wenn ich dich so ansehe, wirst du eher auf Schnelligkeit setzen, nehme ich an? Wenn du damit einverstanden wärst, wären es noch einhundertfünfzig Goldmünzen.“
Beides wirkte auf Isidor wie äußerst günstige Preise. Machte der Meister ein so gutes Angebot, weil die adlige Dame zugegen war oder wegen Johannas Beziehung zu Isidor?
Wusste sie denn wirklich, was sie wollte? Als Alberich das so leichthin fallen ließ, war sie sich da gar nicht so sicher. Natürlich, sie hatte eine klare Vorstellung davon, was - und auch wer - ihr wichtig war im Leben, und daraus definierte sich für sie auch, was sie tun und wer sie sein wollte. Genau deshalb interessierte sie sich nicht im Geringsten für die Akademie, denn es war ihr nicht wichtig, die beste verdammte Kämpferin auf diesem Felsen in der wilden See zu werden. Sie wollte helfen, sie wollte beschützen - und damit genau so ein Mensch sein, wie sie ihn selbst in ihrer Kindheit und Jugend gebraucht hätte. Und doch wollte sie auch so viele andere Dinge. Sie wollte ein ruhiges und friedliches Leben mit ihrem Seelenverwandten verbringen, der nie ein Teil dieser Gesellschaft sein würde. Sie wollte eine gute Freundin sein und eine gute Freundin haben. Sie wollte lieben und geliebt werden. Sie wollte ihr gottverdammtes Leben genießen, weil es ihr vor Rudra und vor Stewark nie vergönnt gewesen war, genau das zu tun.
Ja, sie wusste, was sie wollte, aber sie wollte so viele Dinge, dass es sie geradezu zerriss. Und manchmal wollte sie sich deshalb einfach nur in eine Ecke verkriechen und weinen, doch das würde sie sicher niemandem auf die Nase binden. Zumindest nicht, solange ihre Vernunft den Laden zusammenhielt.
Als ihre Gedanken sie zu der Erkenntnis brachten, dass Alberich mit seiner Bemerkung lediglich ihre Vorstellung einer Rüstung gemeint hatte, kehrte Isidor bereits mit dem deutlich zu großen Gambeson in Händen zurück und bot ihr an, ihr bei der Anprobe der Brustplatte zu helfen. Sie sah über ihre Schulter zu Liuven, als sie eine Reaktion in seinen Zügen sah, während er sie anblickte.
"Ist schon gut, er ist ein guter Freund", sagte sie sanft und beließ es dabei.
Alberichs Vorschlag ließ sie erst das Gesicht verziehen. Würde sie nicht völlig aus der Form fallen mit ihrem Mischmasch aus Stahl und Leder, während die anderen Mitglieder der Wache alle in voller Plattenrüstung umherliefen? Sie konnte sich nicht so recht vorstellen, dass das ein vernünftiges Bild abgeben würde. Doch langsam, aber sicher begann sie, die Vorteile dieses Vorschlags zu sehen. Um das Gewicht machte sie sich weniger Sorgen, immerhin beschränkte sie sich auf den Schutz des Nötigsten und wollte keine komplette Rüstung. Aber während das stete Ting-Ting von Metall auf Metall mit stählernen Schulterstücken ein unumgängliches Ärgernis werden mochte, würden Schulterstücke aus Leder vielleicht etwas leiser sein. Und an den Beinen würde es ohnehin keinen Unterschied machen. Wen interessierte es schon, wenn ihre Rüstung durch Andersartigkeit herausstach? Johanna würde ohnehin auffallen.
"Also gut", sagte sie, "dann also aus Leder - solange der Helm aus Stahl ist. An den Beinen nur einen Schutz für Schienbeine und Knie, bitte, nichts an den Oberschenkeln oder den Waden. 150 Goldstücke klingen wirklich nach einem guten Preis ... schätze ich."
Sie lachte nervös. "Hab mir schon deutlich Schlimmeres vorgestellt."
Die folgende Stille wurde mit jedem Herzschlag unangenehmer. Schließlich klatschte Johanna in die Hände und sah zu Isidor.
"Na gut, wollen wir das Schätzchen mal anprobieren?"
Isidor führte sie in ein Hinterzimmer, das allem Anschein nach als Lager für allerlei verschiedene Rohstoffe und Teile diente. Kaum hatte er die Tür hinter ihr geschlossen, wandte sie sich zu ihm um.
"War da noch jemand in dem Raum, aus dem du das geholt hast?", sagte sie und blickte auf den Gambeson in seinen Händen.
"Sie klang nett."
Johanna legte den Kopf in den Nacken, um zu ihm aufzusehen, ein schüchternes Lächeln auf den Lippen.
"Also … schön, dich zu sehen. Wir haben uns ja nicht mehr getroffen, seit du mit Frieda … du weißt schon."
Sie presste die Lippen aufeinander, stellte fest, dass sie ihm nicht gerade viel Platz zwischen sich und der geschlossenen Tür ließ. Doch es kam ihr seltsam vor, zurückzutreten, wo sie doch so froh war, ihn endlich wieder zu treffen. Kurzentschlossen ließ sie die Brustplatte fallen, die mit einem mächtigen Scheppern erst auf einem Regal, dann auf dem Rand einer Kiste aufsetzte und schließlich quer durch den Raum purzelte, und umarmte ihren Freund innig.
"Wo willst du denn hin, Mensch? Ihr habt doch gerade erst … ich weiß noch nicht mal, wie es war! Du kannst doch nicht schon wieder …"
Die richtigen Worte wollten ihr nicht einfallen. Also drückte sie ihn einfach noch etwas fester an sich, auch wenn der Gambeson in seinen Händen ihr wirklich unangenehm ins Gesicht drückte.
Der kurze Weg über den Innenhof in die, an der Wand zum nächsten Gebäude errichtete, Holzbarracke, in der Meister Alberich Fässer, Kisten und Säcke mit verschiedenen Quarzen aufbewahrte, war nicht genug gewesen, um Isidors Kopf freizubekommen. Aber ohnehin wären seine Gedanken wohl gleich wieder in einen Tumult geraten. Denn Johanna machte keine Anstalten weiter in das Lager hereinzugehen und hatte sich stattdessen zu ihm umgewandt. Im ersten Moment völlig überrumpelt, hatte sie die edle Brustplatte fallengelassen und sich gegen ihn geworfen. Er spürte die Kälte ihrer Kleidung gegen die Hitze seines Körpers, welcher von der Esse gut erwärmt war. Der Gambeson in seiner Hand war zwischen ihnen eingequetscht. Nur für einen Augenblick legte Isidor ihr die Hände auf die Schulter, drückte sie sanft ein Stück von sich, was ihr offensichtlich nicht passte. Doch es war nicht, um Abstand zu gewinnen, denn als das Polster ebenfalls zu Boden fiel und er es mit seinem Fuß beiseite geschoben hatte, zog er sie an sich – vielleicht ein wenig zu ruppig. Aber er wollte ihr versichern, dass auch er sie vermisst hatte und…
Sein Rücken lehnte gegen die verschlossene Holztür und seine Hände ruhten auf der Mitte von Johannas Rücken, während ihre Arme um seine Taille geschlungen waren. Der Hüne hatte das Bedürfnis seine kleine Freundin hochzuheben, doch er war sich ziemlich sicher, dass sie das nicht tolerieren würde. Also lehnte er sich stattdessen herab und drückte sein Gesicht in ihr Haar.
„Es ist auch schön dich zu sehen, Johanna“, raunte er in ihren Schopf, „Ich habe genauso viele Fragen an dich, wie du an mich, aber ich werde mein Bestes tun, dir erst deine zu beantworten.“
Er wollte sich von ihr lösen, doch sie machte keine Anstalten dasselbe zu tun, weswegen er seine Hände wieder auf ihr ablegte.
„Also, was zuerst? In der Werkstatt, die an die Schmiede angrenzt, ist Elaras Lederwerkstatt. Sie arbeitet schon lange mit Alberich zusammen und näht auch die Gambesons“, nahm er sich der ersten Frage an, „Sie ist ein toller Mensch, wenn auch sehr neugierig und außerdem in letzter Zeit konstant müde und erschöpft. Sie arbeitet auch den ganzen Tag. Früh morgens geht sie Jagen und den Rest des Tages verbringt sie an ihrer Werkbank oder mit Kunden.“
Isidor fragte sich, ob er einen Funken Eifersucht in Johannas Stimme vernommen hatte, als sie sich nach Elara erkundigt hatte. Doch vermutlich war es Einbildung gewesen. Wieso sollte sie auch eifersüchtig sein, immerhin war sie es, die das Treffen mit Frieda arrangiert hatte und die ihm sehr dabei geholfen hatte, sich entsprechend vorzubereiten.
„Was Fräulein Frieda angeht… Es war sehr schön. Vor allem dank dir! Ohne dich wäre es vermutlich ein Desaster gewesen“, schmunzelte der Geselle und erinnerte sich an einen der letzten warmen Tage des Jahres, „Wir haben uns viel unterhalten, gut gegessen und zugesagt, es zu wiederholen. Aber ich war so beschäftigt in den letzten Tagen, dass ich nicht in der Lage war, auch nur bei ihr in der Bäckerei vorbeizusehen. Ich würde dich ja bitten, dass du ihr meine Grüße und Entschuldigung überbringst, aber dann hätte ich nur ein noch schlechteres Gewissen.“
Nun würde der Teil kommen, den er ihr gegenüber nur ungern in den Mantel der Halbwahrheit kleidete. Doch was hatte er für eine Wahl? Bisher war er stets so ehrlich zu ihr gewesen, wie er konnte, ohne zu verraten, weshalb er wirklich in Stewark war. Doch je mehr Tage ins Land zogen, desto schwerer fiel es ihm, aber umso wichtiger war es, dass es geheim blieb. Es war ein Fluss, der in zwei Richtungen strömte. Jeder Tag, der verstrich, ohne dass sie wusste, weshalb er hier war, würde die Wahrheit nur schmerzvoller machen. Allerdings war es auch jeder Tag, an dem sie den Grund nicht kannte, ein Tag, an dem er ihre Freundschaft genießen und festigen konnte. Wann wäre der Zeitpunkt gekommen, dass der eine Strom den anderen übermannte und der Lauf des Flusses seine vorbestimmte Bahn einschlug?
„Ich habe eine Entscheidung getroffen“, sagte er schließlich und seine Stimme klang in seinen Ohren hohl.
Waren das wirklich seine Worte, die er da hörte? Wo waren die Farbe und der Ton hin?
„Ich möchte versuchen der Akademie beizutreten. Ich denke, dass es für mich der beste Weg ist zu zeigen, dass ihr alle, Meister Alberich, Elara, Meve, Syrias, Frieda und vor allem du, Johanna“, er schob sie nur soweit weg von sich, dass er ihr ins Gesicht schauen konnte, „mir wichtig seid.“
Es war keine Lüge, und doch klang die Begründung schwach. Er hätte ebenso gut der Stadtwache beitreten können und wäre auf die Weise Johanna gefolgt.
„Ich will versuchen die anderen Klingen in der Akademie auf die Probleme Stewarks aufmerksam zu machen, damit die Stadtwache entlastet wird. Immer wenn ich über den Torplatz laufe, scheinen dieselben Männer am Tor zu stehen. Ab und an sollte jeder eine Pause machen dürfen. Und darum habe ich jemanden gesucht, der mir beibringen kann wie man mit einem Bogen umgeht.“
Besser, aber längst nicht überzeugend, dachte Isidor, doch fand er keine weiteren fadenscheinige Argumente.
Es würde fürs Erste ausreichen müssen.
„Aber erzähl du doch auch mal! Du warst mit Syrias unterwegs, oder? Hast es geschafft Lord Hertan von dir zu überzeugen und du sagtest, er hätte dich Dreck fressen lassen? Gut, dass du einen starken Magen hast!“, lachte er und versuchte offensichtlich den Fokus auf Johannas Eskapaden zu lenken, „Und dann tauchst du hier mit einer Adligen auf, die dir ihre Brustplatte vermacht hat? Wie ist das bitte passiert?“
Dann fiel sein Blick an ihrem Körper vorbei gen Boden, wo Gambeson und Rüstung noch lagen, vergessen in einem Moment der Zweisamkeit, der weniger unangenehm war, als Isidor erwartet hätte. Immerhin war das letzte Mal, dass sie gemeinsam allein in einem Raum waren, weniger fröhlich ausgegangen. Seltsamerweise fühlte er eine Art Euphorie in sich aufsteigen, deren Ursprung er nicht festmachen konnte.
„Ich wage es kaum zu sagen, aber…“, begann er, noch ehe sie ihm antworten konnte, „Du wirst ein paar deiner Kleider ausziehen müssen, damit wir dir die Rüstung anziehen können.“
Ein verlegenes Lachen bebte durch seine Brust, während er auf Johannas Reaktion wartete.
Sein Körper und seine Hände waren so warm, sein Atem in ihrem Haar war so nah. Johannas Arme umschlangen seine Taille, ihre Finger gruben sich in seinen breiten Rücken, dessen sehnige Muskeln sie durch sein Hemd hindurch fühlte. Sie hörte ihn von Elara und Frieda sprechen, doch es fiel ihr schwer, sich auf seine Worte zu konzentrieren, während ihr Bauch sich verknotete und ihre Knie weich wurden. Sie waren sich so nah in diesem Moment, und es fühlte sich gar nicht falsch an! Lautlos seufzte sie ihm in die Brust, während er weitersprach ohne es zu bemerken. Wenn er sie in diesem Moment hochgehoben und geküsst hätte, sie hätte sich bei aller Vernunft und allem Willen, Frieda eine gute Freundin zu sein, nicht einen Herzschlag lang dagegen gesträubt.
"Ich habe eine Entscheidung getroffen."
Isidors tonlose Stimme jagte ihr Schauer über den Rücken. Er klang nicht wie jemand, der seine Aufgabe gefunden hatte und sich begeistert neuen Herausforderungen stellte. Er klang wie jemand, der sein trauriges Schicksal akzeptierte. Wie jemand, der fortging. Ihr Körper versteifte sich, und sie löste sich aus der Umarmung, in der sie ihn zuvor gehalten hatte. Doch für den Moment fehlten ihr die Worte, um etwas auf seine Erklärungen zu erwidern. Da war es ihr nur recht und billig, dass er nach ihren Erlebnissen der letzten Tage fragte. Sie rang sich zu einem Lächeln durch, das die Augen nicht erreichen wollte.
"Ach ja, die Reise mit Syrias. Naja, sehr erfolgreich waren wir nicht gerade. Er hat mich mit in eine Mine genommen, aus der wir ein paar Säcke voll Eisenerz holen wollten. Aber in der Höhle haben sich Goblins breitgemacht, und die haben uns dann einzukesseln versucht. Ich hab zwei von denen ..."
Ihr Herz stockte, nur einen Moment lang. Sie hatte getötet, hatte der Blut der armen kleinen Bastarde vergossen, die ihr neues Zuhause beschützen wollten. Ihr Schwert hatte das Fleisch der Goblins zerschnitten wie Butter. Sie blinzelte und lächelte den dunklen Gedanken beiseite - das war ein schlechter Augenblick, um sich damit zu beschäftigen, dass sie zum ersten Mal bewusst Leben genommen hatte.
"Einer der kleinen Mistkerle hat mir richtig tief in die Schulter gebissen, kannst du das glauben? Hab einen Besuch in der Heilkammer gebraucht, um das wieder ganz zu bekommen. Aber Syrias war zufrieden, er hat gemeint, dass ich so weit bin. Also bin ich zur Stadtwache und hab Hertan aufgefordert, mich zu prüfen. Kennst du Chuck, den unfreundlichen Alten mit der Halbglatze und dem fettigen Bart, der klingt wie ein Reibeisen? Hab gegen ihn in einem Duell gekämpft und ihn so richtig verhauen!"
Nun strahlten ihre Zähne doch wieder hervor. Darauf, diesen Mistkerl besiegt zu haben, war sie schon ein wenig stolz.
"Dann hat Hertan selbst gegen mich gekämpft und ich sollte ihn festnehmen. Der kann kämpfen, sag ich dir! Hat mich in den Schlamm geklatscht, als wär ich eine Puppe! Aber ich hab ihn trotzdem gekriegt und ihm die Handschellen angelegt!"
Johanna deutete an Isidor vorbei auf die Tür. "Das da drüben ist Liuven, Hertans Schwester. Hertan hat von ihr einen Gefallen eingefordert, damit sie mir die Brustplatte schenkt. Ich hab aber das Gefühl, dass es ihm mehr darum ging, dass Liuven sich ein Bild von mir macht. Es gibt ja sonst keine Frauen bei der Wache, und sie hat angedeutet, dass sie vielleicht einmal Verwendung für eine Wächterin haben könnte."
Damit beschloss sie ihre kleine Zusammenfassung der jüngsten Ereignisse. Was sie wiederum zu ihrem aktuellen Anlass führte - und der Ankündigung von Isidor, dass sie sich etwas entkleiden müsse. Sie errötete, versuchte aber sachlich zu bleiben.
"Klar, kein Ding. Einen Moment, ja?"
Sie legte den Mantel ab, knöpfte das Wams auf, das sie über ihrem langärmeligen Hemd trug. Sofort überkam sie eine frostige Woge in dem ungeheizten Lagerraum. Die Härchen ihrer unter dem Hemd nackten Haut stellten sich auf, und sie rieb sich die Schultern.
"Hilfst du mir mit dem Gambeson?"
Isidor hob das viel zu große Kleidungsstück vom Boden auf und zog es ihr über den Kopf. Erneut kamen sie sich ganz nah, und erneut musste sie an seine unheilvoll klingenden Worte denken.
"Du musst nicht in diese blöde Akademie gehen, um mir zu zeigen, dass wir dir wichtig sind, Isi", sprach sie, leise und vorsichtig, als ihr Kopf wieder aus dem Gambeson auftauchte. Als er alles zurecht zog, kam er mit seinem Kopf auf ihre Höhe hinab, und einen Moment lang sahen sie sich ganze nah in die Augen. Seine moosgrünen Augen, in dessen süße, trottelige Unschuld eine Spur von etwas gemischt war, das sie als Bedauern zu erkennen glaubte, und die sie mit einem Schlag unendlich traurig machte.
"Du musst nur da sein. Bei uns. Und du hast gerade geklungen, als würdest du Abschied nehmen." Sie schniefte. "Aber das will ich nicht. Ich will, dass du hier bist."
Ihre Augen blickten auf seine Lippen. Dann wieder auf seine Augen. Ein schwerer Atemzug verging.
"Bei mir."
Alles, was Johanna ihm von den letzten Tagen, in denen sie einander nicht gesehen hatten, berichtete, war in diesem Augenblick vergessen. Gerade noch zog er die letzte Lasche am zu großen Gambeson fest, hatte sich dafür herabbeugen müssen und sein Gesicht auf gleiche Höhe wie das von Johanna gebracht. Ihr rabenschwarzes Haar war zerzaust von der Reibung des groben Stoffes der Polsterung und ihre dunklen Augen fixierten ihn, als würde sie ihn mit aller Macht festhalten wollen, ohne ihre Hände nutzen zu können. Der Kontrast, Haar und Augen, zu ihrer hellen, fast weißen Haut, wurde ihm zum ersten Mal wirklich bewusst.
Seine Hand ruhte noch auf ihrer Taille, wo sie zuletzt gearbeitet hatte und er spürte, wie sein Herzschlag an Intensität gewann.
„Bei dir?“, fragte er langsam und wurde ihrem warmen Atem gewahr, der seine Wange streifte.
Ihre Lippen waren leicht geöffnet und seine Augen suchen nach einem Punkt, einer Stelle, vielleicht auch nur nach einem Muttermal in ihrem Gesicht, doch sie kehrten immer wieder zu den ihren zurück. Bedauern füllte seine Gedanken. Bedauern darüber, dass er nicht ehrlich sein konnte. Er verachtete sich in diesem Augenblick dafür, dass er nicht offen mit Johanna reden konnte.
Ganz langsam, wie das letzte fallende Blatt einer sterbenden Esche, senkte er seinen Blick bis seine Wimpern als Vorhang das Grün seiner Iris verbargen.
Aber was ist mit Frieda?, wollte er fragen, doch kam kein Laut hervor, als er seinen Mund öffnete um zu sprechen.
Vorsichtig löste Isidor seine Hand von ihrer Taille, fast so, als hätte er Angst, dass wenn er sie nun losließ, eine Chance verstrich, die nur ein einziges Mal im Leben eines Menschen vorkam. Viele mochten gar den Winter des eigenen Daseins hinter sich bringen, ohne auch nur einen solchen Moment erlebt zu haben.
„Johanna“, zwang er sich ihren Namen so ruhig wie möglich auszusprechen, während ein Teil der Stadtmauer auf seiner Lunge zu lasten schien, „Ich muss meine Vergangenheit hinter mich bringen. Meine Familie, sie…“
Er hatte es ihr bereits erzählt, ihr und auch Frieda, als sie das erste Mal in der Bäckerei gewesen waren. Dass er Waise war und dass er fortgelaufen war, um den stetigen Erinnerungen zu entkommen, die ihn umgaben, heimsuchten, plagten.
„Der Mörder meiner Eltern und meiner Schwestern“, presste er hervor, er ist hier auf Argaan und er war im Kerker von Thorniara. Doch ich habe erfahren, dass er kürzlich freigelassen wurde. Verstehst du? Sie haben den Mörder meiner Familie, den Mann, der mir alles genommen hat, seine Ketten abgenommen. Innos‘ Gerechtigkeit ist so viel wert wie Spucke auf einem Grabstein. Ich muss der Akademie beitreten, muss lernen zu kämpfen. Zu kämpfen, um zu sühnen, was die Götter nicht konnten.“
Er erhob sich. Sein Körper fühlte sich schwer an, doch war er ein Staubkorn im Antlitz des Berges, der den Schmerz und die Wut darstellte, welche sein Herz zerquetschte.
„Ich habe nicht gelogen“, sagte er und fragte sich gleichwohl, ob er es um ihretwillen oder lediglich für sich selbst aussprach, „Ich will meinen Platz in dieser Stadt finden und ich will beweisen, mir selbst vielleicht mehr, als allen anderen, dass es im Leben noch Dinge gibt, für die es sich zu… leben lohnt.“
Sein Blick, noch immer gesenkt, ruhend auf der Brustplatte, die Herrin Liuven an Johanna gegeben hatte. Dieselbe Johanna, von der er wusste, dass sie stark war, unbeugsam. Auch sie hatte erlebt, wie die Gerechtigkeit Innos‘ aussah. Auch sie wusste wie es war eine Waise zu sein. Sie würde es verstehen, konnte seinen Schmerz und seinen Zorn nachempfinden.
„Ich… will bei dir bleiben, aber ich fürchte, dass ich nicht ruhigen Gewissens sein kann, wenn dieses Monster noch lebt. Es wäre nicht ich, sondern nur ein… dunkler Schatten.“
Isidor beugte sich herab, um die Brustplatte aufzuheben. Meister Alberich und Herrin Liuven fragten sich sicher bereits, weshalb sie so lange fort waren.
Der Schmerz in seinen Augen stach ihr so heftig in’s Herz, dass all die selbstsüchtigen Gefühle, die sie umgetrieben hatten, hinfort geblasen wurden wie Blätter im Sturm. Johanna wusste nur zu genau, welche Dämonen ihn trieben, und nun endlich verstand sie ihn. Ja, sie hatte gewusst, dass auch er seine Familie verloren hatte. Doch der Schatten, der ihn heimsuchte, war nicht nur der Tod seiner Liebsten – nicht direkt. Es war das Monster, das ungestraft davonkam und irgendwo da draußen lauerte. Und mit persönlichen Monstern kannte sie sich nur allzu gut aus.
Als Isidor die Brustplatte vom Boden aufhob und sich aufrichtete, griff sie mit beiden Händen nach seinem Kopf. Ihre Daumen strichen über seine Wangen, während sie ihm tief in das Schwarz seiner Augen sah. Vergessen waren die Muskeln und die Lippen, vergessen der Wunsch, ihn zu küssen. Sie zog ihn zu sich heran und lehnte ihre Stirn gegen die seine, ohne den Blick abzuwenden. Sie sah ihn, seinen Schmerz, seine Schattenseiten und Abgründe. Und sie wollte für ihn da sein.
„Weißt du, von welchem Gold ich diese Rüstung bezahlen werde?“, fragte sie, tonlos, ohne jede Schärfe. „Es ist das Gold meines Monsters. Des Mannes, vor dem ich geflohen bin. Ich dacht, ich wär ihm entkommen, als ich aus Thorniara geflohen bin. Aber er hat mich verfolgt, jeden Tag auf’s Neue, tagein, tagaus. Immer wieder die Angst, er könnte um die nächste Ecke stehen. Immer wieder der Wunsch nach Rache, nach Vergeltung. Als ich mit Rudra-“
Sie stockte. Es war gerade nicht wichtig.
„Als ich nach Stewark gekommen bin, hab ich mich noch ein letztes Mal nach Thorniara getraut. Ich bin in die Hütte meines Monsters eingebrochen, habe ihm alles geklaut, was er hatte, und hab ihm alles zerstört, was ich finden konnte. Ich hab mich gerächt, so sehr ich es konnte, ich verfluchtes kleines schwaches Mädchen. Und es hat gar nichts geändert! Nicht hier drinnen.“
Johanna schlug sich auf die wattierte Brust. Ihr Blick war hart und entschlossen.
„Von diesem verdammten Gold hab ich seitdem alles bezahlt, und das ist mein einziger Trost aus diesem Ausflug nach Thorniara, dass sein beschissener Reichtum mir wenigstens dabei hilft, über die Runden zu kommen. Aber es hat mich nicht von dem Monster in mir befreit, Isi. Die Angst war immer noch da, und die Last und die Ausweglosigkeit. Erst, als ich angefangen hab, für etwas leben zu wollen und nicht gegen etwas, hab ich endlich losgelassen. Ich hab neu angefangen. Vicktar? Ist noch immer irgendwo da draußen, das dumme Schwein. Aber seit ich weiß, wofür ich leben kann, hat er keine Kontrolle mehr über mich.“
Sie löste ihre Stirn von seiner und strich ihm mit einer Hand sanft über die grausame Brandwunde an seinem Hals. „Es gibt mehr als nur einen Weg, weißt du? Lass dich nicht von Rache auffressen. Das macht nichts rückgängig. Ich verstehe nicht, wieso dir die Akademie mit dem Mörder deiner Familie weiterhilft, was das Bogenschießen damit zu tun hat und warum du dafür weggehen musst, aber vergiss nicht: dein Monster ist vielleicht da draußen, aber hier in Stewark gibt es mehr als nur einen Menschen, dem du wichtig bist, und mehr als nur eine Sache, für die es sich zu leben lohnt. Und wenn du reden willst – egal, worüber – ich höre dir zu. Ich bin da.“
Erst jetzt wandte sie den Blick von seinem ab und klopfte gegen die Brustplatte in seinen Händen.
„Und jetzt leg mir das verdammte Ding an, ja? Dein grummeliger Meisterschmied kommt mir nicht gerade wie ein herausragender Gesprächspartner vor und ich muss Liuven vor einer erschlagenden Mauer des Schweigens retten, fürchte ich.“
Isidor zuckte leicht, als Johanna seine Narbe am Hals berührte, ein Reflex, obwohl er keinen Schmerz verspürte, als ihre Finger das verbrannte Gewebe streiften. Ihre Worte, die Wahrheit. Er wusste, dass sie vermutlich Recht hatte, dass Rache nicht dazu führen würde, dass er sich besser fühlte. Doch darum ging es ihm auch gar nicht. Irgendwie hatte er es auch ohne Vergeltung zu üben geschafft, Freude zu empfinden, vielleicht sogar Verliebtheit. Doch das war vor der Nachricht gewesen, dass Ardan Hsia seiner gerechten Strafe entkommen war.
Er wollte nicht den Tod dieses Monsters, weil er hoffte sich dann besser zu fühlen, sondern weil er Gerechtigkeit wollte. Aber auch Schutz, Schutz vor dem verdorbenen Geist in fleischlicher Hülle. Denn wer sagte ihm, dass er nicht auf noch versuchen würde ihn zu töten? Was, wenn der Brandmörder nach seiner Freilassung dort weitermachen würde, wo er aufgehört hatte? Wie viele Menschen mussten noch sterben, ehe Innos und auch das myrtanische Rechtssystem erkannten, dass ein solcher…
Er wollte nicht einmal als Mensch von ihm denken, denn das hätte bedeutet, dass es auch andere geben könnte, die ähnlichen Trieben verfallen konnten. Es hätte ihm einen Mantel gegeben, den der Schmied nicht bereit war um die Schultern eines Mörders zu legen.
Doch es waren nicht nur ehrbare Gründe, wie er vor sich selbst zugeben musste. Wut und Hass, zwei ganz persönliche Emotionen, waren über die Jahre ein Teil von ihm geworden, tief verwurzelt in seinem Herz. Mehr als einmal, gerade in den ersten Wochen nach der abscheulichen Tat, waren es diese beiden Mächte gewesen, die ihn angetrieben hatten. Angetrieben weiterzumachen und abgehalten von dem, was die Verzweiflung beinahe gefordert hätte.
Es waren niedere Gefühle und Beweggründe. Auch das wusste Isidor. Doch dank ihnen hatte er es bis nach Stewark geschafft und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder Hoffnung.
„Danke Johanna“, flüsterte er, während er noch immer die Brustplatte hielt, ohne sie ihr anzulegen, „Danke, dass du verstehst und da bist. Ich verspreche, dass ich mich nicht verlieren werde, aber ich kann mich auch nicht auf meine Hände setzen und darauf warten, dass die Dinge sich fügen.“
Er schaute ihr in die Augen, deren Ausdruck sich verändert hatten. Vorbei war der Moment, die Chance auf etwas Einmaliges. Doch das war in Ordnung. Denn dieser Pfad hätte weder sie noch ihn auf Dauer glücklich gemacht. Sobald er sein Ziel erreicht hatte, ergab sich vielleicht eine neue Gelegenheit, doch bis dahin würde er jene Menschen auf Abstand halten, die sein Auftraggeber als den Feind betrachtete. Insofern Armond überhaupt in derartigen Facetten dachte. Isidor hatte eher den Eindruck, dass für diesen Mann alles nur ein Spiel war. Ein Spiel, in dem er viel Erfahrung und noch mehr Talent besaß.
„Also gut, werte Kundin“, versuchte der Geselle die Schwere von sich abzuschütteln, welche sein Kreuz beugte, „Hebt bitte die Arme, damit ich Euch die Brustplatte anlegen kann. Wir müssen sichergehen, was für Änderungen von Nöten sind!“
Mit einem gezwungenen Lächeln, geboren aus Willen, nicht aus Verpflichtung, legte er Johanna die glänzende Platte an und zurrte die Riemen fest. Er kam nicht umhin zu bemerken, dass es eine herausragende Arbeit war und insbesondere die Verzierungen zeugten von einmaliger Handwerkskunst. Es war fast ein Wunder, dass Meister Alberich den Schmied nicht kannte, der dieses Stück angefertigt hatte.
„So, das hätten wir. Ich muss sagen, Frau Stadtwächterin, dass Euch das Gesetz sehr gut steht“, scherzte er.
Tatsächlich lag die Rüstung erstaunlich gut an ihrem schmalen Körper. Vermutlich weil der Gambeson etwas zu groß war, doch es versprach keine großen Anpassungen zu benötigen. Das war gut und würde den Preis noch ein wenig senken.
„Dann lass uns deine Herrin mal vor den kalten Flammen der sturen Verschwiegenheit retten“, griff er ihren Witz auf und fand langsam zu seinem alten Selbst zurück, „Und keine Sorge, Johanna. Ich weiß nicht genau, wie lange ich fort sein werde, aber sobald ich mir bewiesen habe, dass ich mit einer Waffe umgehen kann, komme ich zurück. Ich mag nicht immer nachdenken, bevor ich handle, aber ich bin nicht dumm genug, um sofort meine Rache erzwingen zu wollen.“
Mit diesem fragwürdigen Versprechen bedeutete er ihr den Lagerraum zu verlassen. Der Gambeson machte ihre schmale Gestalt auf seltsame Art unförmig und für einen Moment bedauerte er, dass sie ihren Körper darunter verbarg.
Was denke ich da bloß, stöhnte er innerlich und öffnete für sie die Hintertür zur Schmiede, wo sich eine dritte Person eingefunden hatte und – den Göttern sei Dank – der adligen Dame aus der Not geholfen hatte.
Auf Elara war eben Verlass.
„Und, was sagst du?“
Lares sah sich in der Kammer um, schritt langsam hinüber und starrte hinaus auf das Stewarker Land. Dann wandte er sich um und schürzte anerkennend die Lippen. „Ich sage, du bist fleißig gewesen.“
Piero grinste. „Hier und da noch ein dekoratives Portrait oder ein prunkvoller Teppich, vielleicht noch ein Arbeitstisch aus Ebenholz, und du wirst staunen, wie viel meine bescheidene Bleibe hermacht.“ „Auf jeden Fall hast du jetzt schon eine bessere Aussicht als der verdammte König, du verschlagener Bastard!“ Lares klopfte Piero gegen die Schulter. „Hab nichts anderes von dir erwartet.“
Piero nickte und sah Lares mit ehrlicher Freude in die Augen, einen alten Wegbegleiter wiederzusehen. „Wettschulden sind Ehrenschulden, alter Haudegen. Hätte nur nicht gedacht, dass du einen so schwerwiegenden Gefallen für den Vorteil eines Monarchen hinschenkst. Wie lange ist das jetzt her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“
„Zwei Jahre, neun Monate und fünfzehn Tage, seit ich deinen hässlichen Arsch vor diesen varantischen Aasgeiern gerettet habe“, erwiderte Lares lachend.
„So lange schon, hmm? Damals jedenfalls hast du dir noch nicht so viel aus Königreichen gemacht, so weit ich mich erinnere.“
„Und ich tu es bis heute nicht. Aber ich glaube an die gute Sache.“
Piero runzelte die Stirn. „Und dieses Kaff in Schwung zu bringen, ist eine gute Sache?“
„Dieses Königreich am Leben zu halten, ist es. Aufzubauen, was noch da ist, um dem scheiß König von Myrtana nicht die ganze Welt zu überlassen, ist es.“
„Seit wann scherst du dich um Politik? Etwas zu holen gibt es unter jeder Krone. Götter, wir haben unsere Dinger zusammen in Geldern unter den Orks gedreht, genauso wie in Vengard.“
Lares breitete die Arme aus. „Manchmal muss man wohl seinem Gewissen folgen. So sieht es zumindest ein guter Freund von mir – und als er mich vor ein paar Jahren gerufen hat, hab ich nicht nein gesagt, denn ihm vertraue ich blind.“
Piero schüttelte den Kopf. Na klasse. Er hatte sich in einen Befreiungskampf hereinziehen lassen, weil er jemandem einen Gefallen schuldete, der einem Freund aushalf, der einen Kampf für das Gute führte. Womit hatte er das nur verdient?
„Glaub bloß nicht, dass ich ‚Heil Ethorn!‘ schreiend in irgendeinen Kampf ziehe oder jeden Freitag die Messe im Adanostempel besuche, klar?“
Lares schüttelte lachend den Kopf. „Keine Sorge, Kumpel. Ich habe nichts anderes von dir erwartet als das hier. Und so wie ich das sehe, schneidest du dir wie immer ein gutes Stück vom Kuchen ab.“
Piero hob die Schultern und lehnte sich auf dem schmucklosen Holzstuhl zurück, den er derzeit nutzen musste, bis sich ein bequemes Ersatzmodell auftreiben ließ. Seine Kammer war erst seit wenigen Tagen bewohnbar genug, dass er von einem der Einzelzimmer im ersten Stock hinauf gezogen war. Selbst das Bett im hinteren Teil der ausladenden Kammer, genau über dem Stadttor gelegen, war derzeit noch eine billige Bettstatt aus Stroh, kaum besser als das, was der gemeine Pöbel unten zum Nächtigen bekam. Aber die Dinge kamen voran. Bald würde sein Domizil in angemessenem Glanz erstrahlen.
Seine Hand reichte hinab zur Schublade unter dem schmucklosen Arbeitstisch und zog zwei Kelche aus Kristallglas und eine eingestaubte Flasche hervor.
„Komm, setz dich zu mir!“, forderte er Lares auf. Er zog den Korken aus der Flasche, die er bereits zuvor geöffnet und behelfsmäßig wiederverschlossen hatte, und goss ihnen beiden von dem süffigen, dunkelroten Wein ein. Ein besonderer Tropfen von Agathes Weingut, den er als Bonus für ihre furchtbare Geschäftsbeziehung erhalten hatte und der eine wahrhaft außerordentliche Qualität aufwies.
„Wo wir davon sprechen, etwas vom Kuchen abzubekommen: Ich kenne keinen, der sich so sehr wie du auf die Feinheiten der Kunst versteht, Gegenstände von großem Wert von ihren unqualifizierten Besitzern zu befreien.“
Lares griff nach einem Kelch und senkte lächelnd das Haupt. „Ein großes Lob aus deinem Munde.“
„Wo dich mein Nutzen für diesen Ort doch so sehr umtreibt, mein Lieber - wärest du nicht daran interessiert, mir ein paar deiner Kniffe zu zeigen, damit ich die Wirkkraft meines Schaffens etwas vergrößern kann?“
„Woran dachtest du genau?“, fragte Lares, während er den Wein kreisen ließ und das sich entfaltende Bukett aufsog.
„Ach, dies und das, weißt du?“, entgegnete Piero. „Ich hatte nie ein großes Talent dafür, Schlösser zu öffnen und Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen, weißt du? Und bei unseren gemeinsamen Abenteuern war ich immer sehr beeindruckt von deiner Kunst der Irreführung und Verkleidung. Weißt du noch, als wir als alte Vetteln verkleidet in diesen Nonnenorden aufgenommen wurden?“
„Ich versuche es immer noch zu vergessen, aber dafür gibt es nicht genug Alkohol“, grinste Lares. Er nahm einen vorsichtigen Schluck des Weines, ließ ihn auf sich wirken. Dann sah er Piero an.
„Nun gut, ich zeige dir, was ich kann. Aber dafür -“
„-schulde ich dir etwas?“ Piero seufzte. „Diesen Preis bin ich bereit, in Kauf zu nehmen.“
„Also dann!“ Lares hob das Glas zum Salut, und Piero tat es ihm gleich.
„Auf florierende Geschäfte!“, rief Piero.
„Auf offene Schlösser und leere Taschen“, ergänzte Lares. „Morgen gegen Mittag. Ich komme vorbei.“
„Mein Heim ist dein Heim, alter Gauner.“
Mit einem hellen Klingen stießen die Kelche an.
Zum ersten Mal seit Tagen zeigte sich die Sonne am wolkenfreien Himmel, als Johanna ihren ersten Dienst als Wache der Stadt antrat. Der Frost der letzten Tage war durch einen angenehmen Wind aus Richtung Torgaan abgelöst worden, und überall in den Gassen stand das Tauwasser, das der gepflasterte Boden in so kurzer Zeit nicht aufzunehmen vermocht hatte. Der Übungsplatz der Stadtwache war nicht mehr als eine eingezäunte Suhle. Wenn sich darin ein Schwein gewälzt und des Lebens gefreut hätte, es hätte sie nicht gewundert. Doch der Einzige weit und breit war ihr neuer Partner, der in aller Gemütlichkeit mit einem Lied auf den Lippen zum Dienst schlenderte, während alle anderen Patrouillen der Frühschicht sich bereits auf den Weg in die zugewiesenen Viertel gemacht hatten.
„Na Meister, hast du dir noch einen Teigkringel auf dem Weg gegönnt?“, rief Johanna ihm entgegen. „Der Chef hat mir ja gesagt, dass du schon aufkreuzen wirst, aber ich hätt nicht gedacht, dass ich mir so lange die Beine in den Bauch stehen muss.“
Winstans Miene verriet ihr, dass er sich nicht viel aus ihrer Stichelei machte. Ganz wie sie nach ihren bisherigen Gesprächen erwartet hatte.
„Hey Kleine, schönen Morgen wünsch ich dir! Bin ich etwa spät?“
„Nein, überhaupt nicht. Die anderen gehen wahrscheinlich gleich in die Mittagspause.“
„Dann danke ich dir im Namen der Stadt für deinen standhaften Dienst. Wo geht’s hin?“
„Auf die Westseite“, erwiderte sie. „Ist nicht gerade um die Ecke. Lass uns losgehen!“
„Ach, lass uns einfach durch das Gefängnis abkürzen. Aldrich freut sich, wenn er jemand Anderen zu Gesicht bekommt als die Fresse von Messerstecher-Günther.“
Und tatsächlich: als sie das Gefängnis betraten, maulte ihnen im ersten Moment noch der gelangweilte Gefängniswärter entgegen, der gerade die letzten Reste einer gebratenen Hühnerkeule vom Knochen abnagte. Doch als er sah, wer ihn besuchte, hellte sich seine Laune merklich auf.
„Sieh mal an! Wenn das nicht unser neuer Stern am Himmel ist. Wo ist denn deine Rüstung?“
„Ist in Arbeit“, antwortete sie kurzum. „Hab gestern eine in Auftrag gegeben, weil ihr alle zu fett seid und eure Standardmodelle mir deshalb viel zu groß sind, vor allem im Bauchbereich. Dauert aber ein paar Tage, hat der Schmied gesagt.“ Sie nickte mit dem Kinn hinüber. „Na, hast du Stammkundschaft?“
„Hör mir bloß auf! Der Fatzke hat sich gestern Abend im Beutelschneiden versucht und ist dabei an zwei Klingen von der Akademie geraten. Die Kerle haben mir den Sack direkt vor die Tür geworfen und sind abgezogen. Ein Bild für die Götter, sag ich dir.“
Johanna lugte durch die Gitterstäbe. Da lag Günther in eine löchrige alte Decke gehüllt in einer Ecke der Zelle und schielte finster zu ihr hinüber. Diesem Mann war sie seit ihrer Ankunft in Stewark schon mehrmals begegnet, und jedesmal hatte es für ihn im Gefängnis geendet. Sie fragte sich, ob der Halunke überhaupt eine eigene Bleibe besaß, so oft wie er hier aufschlug.
„Ach Günther …“, murmelte sie nur. Irgendwie tat er ihr leid.
„Verpiss dich, du Gör!“, zischte der Halunke.
„Na na, so redet man aber nicht mit einer Dame!“, brummte Aldrich und warf mit dem Hühnerknochen nach seinem Gefangenen.
„Au!“
Günther rieb sich den Kopf und verkroch sich unverständlich fluchend unter seine Decke.
„So Kumpel, wir müssen dann mal“, sagte Winstan. „Sind schon spät dran.“
„Wie immer. Westviertel?“
„Ganz genau!“, rief Johanna. „Sind nur auf der Durchreise.“
Aldrich nickte. „Dann lasst euch mal nicht aufhalten. Ich genieße derweil die blendende Gesellschaft.“
Winstan führte Johanna zum anderen Ausgang der Gefängnisbaracke. „Viel Spaß dabei!“
„Euch auch!“
Johanna folgte ihrem Partner, doch sie hielt noch einmal inne, bevor sie die Tür schloss. Aldrich, der es sich bereits wieder an seinem Tisch gemütlich gemacht hatte, sah auf.
„Ja?“
„Soll ich dir nachher was aus der Bäckerei mitbringen?“
Aldrich lächelte. „Gerne. Bist ne Gute.“
„Ich weiß. Bis später!“
Sie hatten kaum die Schankstube von den letzten Frühstücksgästen frei bekommen, als Lares bereits in der Tür stand. Piero, der gerade ein kleines Fass Pils die Treppe hinauf hievte, ließ die Arbeit direkt am oberen Treppenabsatz liegen und begrüßte seinen alten Kameraden mit einem breiten Lächeln und einer herzlichen Umarmung.
„Einen wunderschönen guten Morgen wünsche ich! So früh habe ich noch gar nicht mit dir gerechnet!“
„Früher Vogel fängt den Wurm, Piero. Sei immer auf das Unvorbereitete vorbereitet!“
Piero verzog das Gesicht. „Ich habe sträflicherweise noch kein Phrasenschwein aufgestellt, aber lass doch schonmal fünf Goldstücke liegen für den Spruch. Lass mich das da noch kurz wegschieben, ja?“
„Nur zu!“, sagte Lares und machte es sich auf einem der Stühle bequem, ohne Anstalten zu machen, die Goldstücke herauszurücken.
Piero packte das Fass an und rollte es auf der Kante zwei Fuß weiter, bis es nicht mehr in stetiger Absturzgefahr am oberen Treppenabsatz stand, aber so, dass es immer noch mitten im Weg war, wenn man hinter der Theke arbeiten musste. Er wandte sich zu Christel um, die in aller Seelenruhe den Abwasch in einer prall gefüllten Holzschüssel abarbeitete.
„Livia soll das aufräumen, wenn sie ausgeschlafen hat und hier aufkreuzt. Ich habe wichtige Geschäfte zu erledigen.“
Die alte Hüterin des Eintopfes zog ihre faltigen Hände aus dem Waschwasser und sah mit der natürlichen Strahlkraft einer maßregelnden, freundlichen Großmutter zu ihm herüber.
„Ach Jungchen, das ist doch keine Arbeit für ein Mädel wie sie. Du solltest das noch selbst aufräumen.“
„Oh nein, diesmal kriegst du mich nicht mit deiner Greisinnen-Magie herum, Nonna. Beim letzten Mal, als ich mich davon habe bezaubern lassen, hat mir das Bruno eingebracht!“ Missmutig sah er zu dem alten Flohteppich hinüber, der in scheintoter Regungslosigkeit am knisternden Kaminfeuer lag. „Nein, das schafft sie schon. Schließlich kriegt sie Gold dafür. Ciao!“
Noch bevor Christel etwas erwidern konnte, das seinen Entschluss ins Wanken gebracht hätte, hastete Piero an Lares vorbei in Richtung Ausgang.
„Fai in fretta!“
Piero verließ die Torwirtschaft so hastig, dass er sich beim ersten Schritt auf dem teilweise überfrorenen Kopfsteinpflaster beinahe längs zu Boden geworfen hätte. Er fing sich nur mit seiner – seiner Meinung nach – akrobatischen Meisterleistung. Dennoch hoffte er, dass ihn niemand dabei gesehen hatte.
„Also, Maestro, wohin entführst du mich für meine erste Unterrichtsstunde?“
Alten Bekanntschaften nach längerer Zeit wieder zu begegnen, war immer ein spezielles Erlebnis. Es war spannend zu sehen, wie sich die alten Weggefährten mit den Jahren weiterentwickelt hatten, woran sie gewachsen waren und mit welchen neuen Herausforderungen sie zu kämpfen hatten. Pieros Fall hingegen war speziell. Er hatte sich kein Bisschen geändert, seit die beiden gemeinsam in Myrtana gearbeitet hatten, geschweige denn seit ihrem folgenschweren Kartenspiel in der Wüste von Varant. Zumindest machte er nach außen hin den Anschein, stets darauf bedacht, den Eindruck des fröhlichen Lebemanns mit einer Fassade aus vielen blümeranten Worten aufrechtzuerhalten. Ob er sich verändert hatte oder gewachsen war, seit sie sich das letzte Mal begegnet waren? Lares konnte es nicht sagen. Piero ließ niemanden nah genug an sein wirkliches Ich heran, um das beurteilen zu können. Doch diese Unnahbarkeit war ein Umstand, mit dem Lares sehr gut arbeiten konnte. Wichtiger waren ihm die findungsreiche Kreativität und die trotz all der andersdeutenden Eindrücke immer wieder profunde Verlässlichkeit, die Piero in sich vereinte.
Es versprach eine interessante Ausbildung zu werden. Lares freute sich darauf, zu sehen, ob Piero seinen Erwartungen gerecht werden konnte. Denn er hatte ein recht genaues Bild davon, wie er den eitlen Pfau in das Netzwerk einbinden konnte, das er über die letzten Jahre hier in Stewark aufgebaut hatte.
„Wir machen einen kleinen Spaziergang ins Westviertel. Folge mir einfach!“
Er hatte es nicht eilig auf seinem Weg quer durch die Stadt, und er gönnte sich den Spaß, einen guten Teil des Weges über zu schweigen. Denn wenn er Eines von Piero wusste, dann, dass er Stille nicht ausstehen konnte. Und so war es an Piero, die Zeit zu füllen mit den Erzählungen seiner Erlebnisse, seit er Argaan erreicht hatte. Von mordlüsternen Novizen des Feuers war da die Rede und seinem Geschäft mit der Stadtwache von Stewark. Von seinen Abmachungen mit diversen Menschen in- und außerhalb der Stadt, um das Angebot zu sichern. Von einer gelangweilten Gräfin, die ihm Wein für Geschichten aus aller Welt feilbot und von einem Künstler mit übermenschlicher Kraft im Garten nebenan berichtete. Als sie bei dem Haus im Nordwesten der Stadt angelangten, hatte Lares ungefragt einen vollständigen Bericht über alles erhalten, was sich in Pieros Kosmos abspielte.
Vor seinem Ziel angekommen, blieb er ohne ein Wort der Warnung einfach stehen.
„Da sind wir.“
Piero, der vor lauter Plappern schon drei Schritte weiter geschlendert war, eilte wieder zurück an seine Seite und folgte seinem Blick auf die unauffällige Fassade des zweistöckigen Gebäudes.
„Und wo genau sind wir hier?“
„Das, mein lieber Freund, ist das Haus, an dem du in den nächsten Tagen sehr viel Freude haben wirst.“
Pieros Augenbraue hob sich. „Warum das?“
„Weil ich etwas aus diesem Haus benötige, und du wirst mir dabei helfen, es zu bekommen. Und hier kommt auch schon deine erste Aufgabe.“ Lares grinste. „Den Part kennst du. Den hab ich dich öfter machen lassen.“
Aus Pieros Brust erhob sich ein schwerer Seufzer. „Aufklärung?“
„Ganz genau. Laufen wir ums Haus, und dann erzählst du mir, welche Zugänge du siehst und welchen du nehmen würdest.“
Johanna
Na-Cron blätterte in dem Almanach über Alchemie, während das Destillat leise vor sich hin köchelte.
Er genoss die Ruhe hier unten in seiner kleinen Alchemie-Kammer, die nur gelegentlich von einem leisen Blubbern oder Zischen unterbrochen wurde, während er sich an verschiedenen Rezepten ausprobierte. Und Adanos sei Dank war sonst kaum wer anders hier unten. Der Adept fürchtete den Tag, an dem Kisha die Schmiede hier unten in Betrieb nehmen würde und mit all dem Hämmern und Geschleife die angenehme Stille der Kellerräume endgültig vertrieb.
Nicht, dass Na-Cron ein Problem mit der jungen Frau hatte, sicher nicht. Nur war sie ihm zu... Lebendig? Konnte man das so sagen? Sie war wie ein unruhig schlafender Vulkan, welcher jederzeit wieder ausbrechen konnte und einen mit ihrer Redeflut wie Lava einfach überfallen konnte. Und das war... Naja. Anstrengend eben.
Die Seiten des Almanachs auf dem Lesepult vor ihm raschelten leise, als Na-Cron erneut umblätterte.
Fürs erste hielt er sich an die Rezepte der Tränke und Tinkturen, welche darin festgehalten waren. Sie gaben ihm die Sicherheit und das Gefühl dafür, worauf er beim zubereiten der Mixturen zu achten hatte. Der Verfasser dieses Werkes hatte sich unglaublich viel Mühe gegeben die einzelnen Arbeitsschritte so genau wie möglich festzuhalten, ebenso die verschiedensten Zwischenergebnisse. Zwar hatte Na-Cron bisher nur wenige Tränke zubereitet, aber ein paar davon standen schon in dem Regal, welches er in der Kammer vorgefunden hatte. Angeblich sollten sie eine belebende und stärkende Wirkung haben, doch noch traute sich der Adept nicht daran seine Werke zu probieren. Und jemand anderes als Versuchskaninchen zu nehmen... Nein, so rücksichtslos war er nicht.
Sein Blick blieb an der Überschrift des nächsten Eintrages hängen. Eiserne Haut hieß es dort. Die kurze Beschreibung darunter erklärte, dass es sich dabei um einen Trank handeln sollte, der die eigene Haut für kurze Zeit so widerstandsfähig machen sollte, dass man sogar einer blanken Klinge standhalten würde.
"Das klingt interessant..." murmelte Na-Cron leise, während sein Finger beim Lesen über die Zeilen glitt.
Die Zutatenliste jedoch war ungewöhnlich. Man benötigte mehrere Brocken Eisenerz, die man zerkleinern und mahlen sollte sowie etwas magisches Erz. Dies sollte dann mit einem so hochprozentigem Alkohol wieder und wieder zum köcheln gebracht werden, um es dann mit der Essenz aus Harnisch- Eisen- und Rabenkraut und einem Sud aus Steinwurzel so lange zu destilieren, bis sich eine gräulich schimmernde Flüssigkeit gebildet hätte.
Na-Cron kratzte sich am Kopf und wandte sich vom Lesepult ab. Wo wuchsen bitte all diese Pflanzen? Sie klangen recht selten, vielleicht hatte er diese Namen aber auch bisher nicht gehört? Im Kräutergarten des Hauses wuchsen sie aber nicht, so weit er wusste. Dort waren allgemeinere Pflanzen eher zu finden, besonders solche, die zur Heilung von Kranken und Verletzten genutzt wurden.
Der Adept ging zu dem kleinen Tisch in der Ecke, auf welchem sich mittlerweile einige Bücher stapelten. Die meisten von ihnen wirkten eher schlicht und billig, schließlich waren es nur einfache Kopien von anderen Büchern. Na-Cron hatte relativ schnell etwas zu hören bekommen, als er angefangen hatte Bücher aus der Bibliothek hier in sein Labor hinunter zu nehmen und sich dann lieber dazu entschlossen, einen anderen Novizen für ein paar Münzen die Bücher abschreiben zu lassen. Und diese Abschriften lagen nun hier herum.
Er nahm eines der Bücher und schlug es auf, doch es war nicht das Gesuchte. Also legte er es wieder beiseite und nahm das nächste. Und dann das übernächste.
Wo war es nur, wo war es nur... ah! Da war der Pflanzen-Kodex!
Sofort schlug der Adept das Register auf und überflog die Namen der aufgelisteten Kräuter und Wurzeln. Immer wieder blätterte er zu den entsprechenden Seiten zurück, wechselte hin und her.
Anscheinend waren die meisten Pflanzen davon auf dem Festland heimisch, einige andere jedoch waren auch unter anderem Namen auf Argaan bekannt. Das würde nützlich sein. Doch er würde auch noch Erz brauchen. Und solange Kisha ihre Schmiede nicht in Betrieb genommen hatte, so lange müsste er in der Stadt danach suchen.
Doch Moment! Kannte er nicht einen Schmied? Und hatten sie nicht zusammen nach Erz geschürft? Na-Cron schnippte mit den Fingern.
Natürlich! Syrias würde ihm weiterhelfen können.
Piero sah Lares mit hoch erhobener Augenbraue an. War das sein Ernst? Einfach gemütlich um das Haus herumstolzieren und ganz unauffällig einen Blick auf Fenster und Türen werfen? Es war nicht so, als wäre dieser Teil von allzu gewaltigem Fußverkehr überlaufen, doch für gewöhnlich führte er seine Erkundungen doch lieber bei etwas weniger verräterischen Lichtverhältnissen durch. Lares hingegen machte sich ganz offensichtlich nicht wirklich Sorgen, dass ihnen all das hier Probleme bereiten konnte.
„Bene.“
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte die Straße entlang. Sein Blick schweifte umher wie der eines Touristen, der die Atmosphäre eines neu erkundeten Reiseziels auf sich wirken ließ. Doch auch wenn sein Kopf mal hier, mal da hinzuschauen schien, waren seine Augen stets auf das Haus zu seiner Linken gerichtet. Drei flache Treppenstufen führten zu einer repräsentativen, doppelflügeligen Tür, die mit einem gusseisernen Klopfer in der Form eines Löwenkopfes versehen war. Unter der polierten Klinke aus Messing fand sich ein ungewöhnliches Schlüsselloch – ein kleiner, runder Punkt aus gähnender Schwärze, von dem kreisrund schlitzförmige Öffnungen abgingen wie die Strahlen einer dunklen Sonne. Das war kein gewöhnliches Schloss.
Als Piero den Eingang passierte, schweifte sein Blick zu den Fenstern. Im Erdgeschoss waren alle potenziellen Zugänge mit erstaunlich dekorativen Gittern gesichert. Die geschwärzten, mit Spitzen bewehrten Eisenstäbe waren gewunden wie die ineinander verflochtenen Stiele dorniger Rosen. Im oberen Stockwerk hingegen waren die Fenster frei. An der rechten Seite zog sich ein hölzernes Gitter auf der ganzen Länge der Fassade entlang, durchwachsen von mindestens ebenso dornenreichen Ranken.
„Möglich, aber dumm“, konstatierte Piero im Zwiegespräch mit sich selbst. Nicht nur, dass man weithin zu sehen war, wenn man diesen Aufstieg wagte. Man musste schon eine meisterliche Körperkontrolle besitzen, um dort hinaufzukommen, ohne von den Ranken zerstochen zu werden und ohne das fragile Holzgitter selbst zum Einsturz zu bringen. Nein, viel interessanter für ihn würde die Rückseite des Hauses sein.
Hinter dem Haus führte eine schmale Gasse entlang, die er nach einer unauffälligen Rückversicherung betrat, dass ihn niemand bei der Erkundung beobachtete. Sie führte in einen Hinterhof von nicht mehr als zehn Fuß Breite, der direkt an eine Reihe kleiner Holzschuppen und alter Werkstätten angrenzte, die allesamt ihre besten Jahre weit hinter sich gelassen hatten. Die Fenster auf der Rückseite des Hauses waren schmal und vergittert. Wer auch immer dort wohnte, ließ vermutlich die Dienerschaft auf dieser Seite wohnen. Am Ende des Hofes erkannte Piero eine unauffällige Tür – ein Dienstboteneingang, nicht mehr, so dachte er. Doch als er an die Tür herantrat und sie sich näher besah, staunte er nicht schlecht. Ein halbes Dutzend daumendicker Stahlbolzen glänzte durch den seitlichen Türspalt, und eine dicke Eisenstange hielt die Tür oben und unten im Rahmen. Die Tür war gespickt mit Schlössern verschiedener Größe und Form, jeder Bolzen mit einem anderen Mechanismus versehen und jeder davon eine eigene Herausforderung. Diese Tür war von einem paranoiden Wahnsinnigen eingebaut worden!
Piero schnaubte ob der Absurdität dieses Anblicks und wollte sich schon zum Gehen wenden, als ihm ein kleines Kellerfenster in der äußersten Ecke des Hofes auffiel. Es war so schmal, dass selbst so schlanke Männer wie Lares und er sich nur mit großer Mühe hindurch mühen mochten. Piero ging hinüber und kniete davor nieder. Das Fenster war geschlossen, doch auch nach genauerem Hinsehen konnte er nirgends ein Schloss oder einen anderen schützenden Mechanismus erkennen. Nur hölzerner Stift hielt das Fenster geschlossen.
„Die Sache stinkt wie faulige Sardinen!“
Piero hielt mit seinem Unmut nicht hinterm Berg, als er zu Lares zurückkehrte, der sich an eine Hauswand gelehnt einen Stängel Sumpfkraut anzündete.
„So? Wieso das denn?“
„Das gesamte Ding ist gesichert wie die Pensionskasse das Paladinordens in Gorthar. Und trotzdem gibt es da zufällig ein Kellerfenster, das völlig ungesichert ist. Was ist das für ein Haus?“
Thorek machte sich am späten Vormittag auf den Rückweg nach Stewark, nachdem er einen weiteren Hasen gefangen und die Fallen abgebaut hatte. Die Sonne wollte sich nicht so recht zeigen und war noch immer hinter einer dichten Wolkendecke versteckt, während er die vertrauten Pfade zurückverfolgte. In seinem Gepäck trug er die drei Hasen – sorgfältig ausgenommen und gehäutet. Auch wenn Großwild für ihn mit seiner einfachen Ausrüstung kaum in Frage kam, hoffte er, dass die Tiere zumindest eine erste Hilfe für den Fleischer sein würden.
Als er die mächtigen Mauern von Stewark erblickte, beschleunigte er unwillkürlich seine Schritte. Das hölzerne Stadttor war geöffnet, die Torwachen tauschten ein paar Worte, während Thorek an ihnen vorbeilief. Diesmal sahen sie ihn etwas genauer an, bemerkten die an der Schulter getragenen Hasen, verzichteten jedoch auf eine genauere Kontrolle. Der Geruch des Wildes war dezent, aber unverkennbar.
Hinter dem Tor empfing ihn das volle Treiben der Stadt zur Mittagszeit. Händler riefen lautstark ihre Waren aus, während Menschen an den Marktständen vorbeischlenderten. Der Duft von frischem Brot, gebratenem Fleisch und süßem Gebäck vermischte sich mit dem staubigen Geruch der Gassen. Wagenräder ratterten über das Kopfsteinpflaster, und in den schmalen Seitengassen klapperten Eimer und Werkzeuge, wo Handwerker ihrer Arbeit nachgingen. Es war unverkennbar, dass das Leben in Stewark zurückgekehrt war, nachdem es dort eine heftige Auseinandersetzungen zwischen dem Orden Innos' und König Ethorn gab.
Thorek schlängelte sich durch die Menge, achtete darauf, niemanden mit seiner Wildbeute zu streifen. Seine Richtung war klar: Der Weg führte ihn zum Fleischer. Unterwegs grüßten ihn einige Passanten, die ihn mit neugierigen Blicken musterten – ein Neuankömmling mit Jagdwild war kein alltäglicher Anblick. Er nickte nur knapp zurück. Sein Sinn stand eher nach einem warmen Getränk und einer kleinen Pause, sobald er den Handel mit dem Fleischer abgeschlossen hatte.
Schließlich gelangte er zu dem kleinen Laden des Fleischers, dessen Aushängeschild durch den Wind leicht knarrte. Der Fleischer stand an einem Tisch und legte etwas Fleisch in Schüsseln voller Salz. Als Thorek eintrat, zog er kurz die Augenbrauen hoch, ließ dann sein Messer sinken und musterte die Ausbeute anerkennend.
Ohne viel Worte legte Thorek die beiden Hasen auf die Arbeitsfläche. Der Fleischer prüfte die Tiere und nickte zufrieden – das Fleisch war frisch und sauber ausgenommen. Allerdings merkte er an, dass Thorek die Hasen gern im Ganzen hätte bringen können, damit er sie erst bei Bedarf weiterverarbeiten brauchte. So aber müsse er sich sofort an die Arbeit machen, bevor das Fleisch durch Schaden nahm. Trotz dieser Bemerkung war er zufrieden genug, um Thorek ein paar Münzen in die Hand zu drücken. Er sagte ihm, er könne jederzeit wiederkommen, wenn er frisches Wild erlegte – die Nachfrage war groß, und zuverlässige Jäger waren rar.
Thorek dankte für die Bezahlung und nahm sich die Worte des Fleischers zu Herzen. Die Mittagszeit war nun deutlich vorangeschritten, während er durch die belebten Gassen ging und überlegte, wie er die Felle der Hasen am besten zu Geld machen könnte – sicher würde es auch in Stewark einen Händler geben, der sie ankaufte.
Schließlich gelangte er zum überschaubaren Marktplatz, wo sich einige Stände dicht an dicht drängten. Obst, Gemüse, Gebrauchsgegenstände, Stoffballen – das Notwendigste schien hier zu finden zu sein. Hier und da hingen Stoffbanner an den Hausfassaden, und ein Barde spielte eine leise Melodie auf seiner Laute. Thorek war sich sicher, dass er dort auch jemand sein würde, der Interesse an den Fellen zeigte.
Das wenige an Gepäck geschultert, was Isidor besaß, verließ er Stewark durch das einzige Tor, welches die Stadt mit der Insel verband. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete und noch weniger, wie lange er fort sein würde. Daher war es umso wichtiger, dass er sich nicht ablenken ließ und tat, was Armond von ihm verlangte. Je schneller er der Akademie beitreten konnte, desto schneller konnte er seine Chancen verbessern. Sich Möglichkeiten erarbeiten, um zu tun, was der Gott der Gerechtigkeit nicht vermochte. Selbst wenn Johanna Recht hatte und er sich danach nicht besser fühlte, so würde er dennoch der Welt einen Dienst tun, indem er sie von einem Monster befreite. War es nicht auch das, was die Paladine taten? Abscheuliche Kreaturen vernichten? Zu schade, dass sie nicht die Weitsicht besaßen, was jemand wie Ardan Hsia anrichten konnte, wenn er auf freiem Fuß war.
Johanna…, dachte der Schmied, während er die steinerne Brücke verließ und die Straße Richtung Süden einschlug.
Seine Gedanken wanderten zu dem Moment im Lagerraum, der ihn innerlich beinahe zerrissen hätte. Ohnehin fühlte er sich bereits, als würde er in ein Dutzend verschiedene Richtungen gleichzeitig gezogen. Die Arbeit bei Alberich, an welcher er viel Freude hatte und die ihm tatsächlich gutes Gold einbrachte. Fräulein Frieda, die er nicht einmal besucht hatte, nachdem sie ihren Abend im Freien verbracht hatten. Wie viele Wochen lag das jetzt schon zurück? Ja, sie hatten beide ihre Verpflichtungen, doch soweit auseinander lagen Schmiede und Bäckerei nicht. Armonds Aufträge, die immer fordernder und gefährlicher wurden. Waren es Anzeichen dafür, dass er sich als nützlich erwiesen hatte oder wollte der Mann nur wissen, wann Isidor einknickte? Und natürlich seine Rache, die ihn immerzu nach Norden gen Thorniara zwingen wollte. Dazu seine Freundschaft zu Johanna, die vielleicht mehr war, als eine bloße Freundin. Außerdem hatte er noch immer Lord Hertans Angebot im Hinterkopf, dass er für die Stadtwache würde arbeiten können, doch diese Idee konnte der Hüne wohl beiseitelegen.
Es war unabdingbar, dass er diese Dinge, die seine volle Aufmerksamkeit zu verlangen schienen, in eine machbare Ordnung zwang. Ansonsten würde er wohl in nicht allzu ferner Zukunft unter dem Druck zusammenbrechen und dann hätte er nichts erreicht, außer alles noch einmal zu verlieren.
Mit derartig schweren Gedanken im Gepäck, steuerte Isidor auf die gleiche Baumreihe zu, durch die ihn Armond beim letzten Mal geführt hatte. Beinahe vermutete der Schmied, dass sein Kontaktmann des myrtanischen Reiches nicht mehr dort sein würde und er lediglich eine Nachricht vorfand mit weiteren Instruktionen. So oder so hatte Isidor seine Wahl getroffen und würde alles lernen, was der Spion ihm beibringen wollte.
Durch das winterliche Unterholz, welches von Raureif bedeckt war und ihn mehr als einmal ausrutschen ließ, schlug sich der Stadtmensch in die Wildnis des Stewarker Umlands. Das ein oder andere Geräusch ließ ihn aufhorchen. War es ein Wolf? Oder etwas anderes? Plötzlich fühlte er sich sehr verwundbar und riss sich von seinen Gedanken los, um nicht schon bei einem vermeintlichen Waldspaziergang ein jähes Ende zu finden. Glücklicherweise war das Lager, wo er mit Armond gesessen hatte, nicht mehr weit.
Lares lächelte verschlagen, antwortete jedoch nicht auf die Frage. Er stieß sich von der Hauswand ab.
„Wenn da ein ungesichertes Fenster ist, solltest du es öffnen. Komm, schauen wir es uns an!“
Scheinbar ohne auf seine Umgebung zu achten, trottete er in Richtung der Gasse am Rande des Hauses, genau so langsam, dass er Pieros Ungeduld förmlich spüren konnte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er jedoch ganz genau, wer sich auf der Straße bewegte. Er kannte das Haus und den Einzugsbereich der Straße sehr gut, und deshalb wusste er auch, dass hier ungefähr zu dieser Zeit …
„Wenn die Leute an’s Einbrechen denken, kommt ihnen immer zuerst das Schlösserknacken in den Sinn. Dabei ist es oft viel einfacher, wenn man aufmerksam nach einem Fenster oder einer Tür ohne verriegeltes Schloss Ausschau hält. Gerade in Kellern hat man fast immer Glück, und eine Türfalle ist so viel einfacher geöffnet als ein echtes Schloss.“
Gerade, als er in die Gasse einbog, erblickte er ihn aus dem Augenwinkel. Der Kerl war wieder einmal spät dran. Aber immerhin war er noch rechtzeitig, um eine wertvolle Lektion zu erteilen.
Lares ließ sich jedoch nichts anmerken und ließ sich stattdessen von Piero durch den Hinterhof bis zu dem kleinen Kellerfenster führen. Er kniete sich davor hin und bedeutete Piero, es ihm gleichzutun.
„Das bekommen wir hin.“
Er wühlte einen Augenblick in seinem Beutel und zog ein Werkzeug hervor, das aussah wie ein dicker Draht, der im rechten Winkel nach links und gleich wieder nach rechts geknickt worden war.
„Eine Öffnungsnadel. Hier, nimm!“
Lares drückte gegen das Fenster, das genug Spiel hatte, um eine winzige Lücke freizugeben.
„Führ sie hier ein! Ja, genau so. und jetzt zieh mit der Spitze des Drahts unter dem Fenster entlang, bis du einen Widerstand spürst.“
Piero tat zögerlich, wie ihm geheißen, bis seine Hand schlagartig innehielt und er ihn fragend ansah.
„Das ist die Falle, aus der wir den Bolzen bewegen wollen. Zieh den Draht hier noch ein wenig weiter, aber lass die Spitze am Widerstand – ja, so ist gut.“
Lares deutete auf den Knick, den die Nadel beschrieb.
„Hier drückst du drauf und fixierst die Nadel. Und dann hebelst du die Nadel unter den Bolzen und drückst ihn aus der Falle.“
Während Piero sich langsam herantastete und wie erwartet zunächst etwas zu wenig Kraft hinein gab – ein ganz natürlicher Impuls, weil man nichts kaputtmachen wollte, von dem man nicht wusste, wie viel es aushielt – zog sich Lares lautlos einige Schritte zurück. Eilig öffnete er die Tür zu einem der Schuppen und verschwand im Inneren.
Johanna
Die Klingen
22.01.2025, 23:04
"WAS?! WIE VIEL WOLLEN DIE?!" Wutentbrannt warf Tiberon den Brief, welchen er gerade noch gelesen hatte, in den Kamin. Fauchend ging das Stück Papier in den Flammen des Feuers auf und hinterlies nichts als Rauch und Asche.
"Diese gierigen Bastarde gehen mir langsam aber sicher auf die Eier! Was glauben die, wer wir sind? Irgendeine verdammte Bank, die das Gold einfach in den Innenhof scheißen kann, wann immer sie es will? Als wenn uns der König unendliche Mittel zur Verfügung stellen würde..." Das Ziel seiner Wut, eine einfache Klinge, die das Pech gehabt hatte die Botschaft zu überbringen, stand nur starr da und blickte an Tiberon vorbei, hinaus aus dem Fenster, während sich der Schweiß auf seiner Stirn sammelte.
Der Leiter der Akademie hatte den Namen dieser Klinge vergessen, falls er ihn überhaupt gewusst hätte. Er machte sich nicht die Mühe mit den Klingen, ja nicht einmal mit den Aspiranten und schon gar nicht mit den Waffenträgern. Diese Männer und Frauen standen weit unter seinem Rang und waren nicht viel mehr wert als der Dreck unter seinen Fingernägeln.
Für all diejenigen, die es noch nicht zum Meister geschafft hatten, waren andere zuständig. Nicht er. Er hatte beiweitem wichtigeres zu tun.
Mit einem genervten Wedeln der Hand forderte er den jungen Mann auf, den Raum zu verlassen.
"Los, geh üben oder was auch immer ihr gerade macht. Den Waffenschmieden werd ich was erzählen..." fauchte der Leiter noch, bevor er sich selbst zum Fenster wandte und so die Klinge aus seiner Kammer entlies. So entging Tiberon natürlich die erleichterte Miene des jungen Mannes, der es kaum erwarten konnte die Kammer des Akademieleiters zu verlassen. Er hatte sich nicht der Akademie angeschlossen, um sich so behandeln zu lassen. Aber manchmal musste man wohl die Zähne zusammen beißen, wenn man ein großer Kämpfer werden wollte.
Tiberon hatte den jungen Mann schon wieder vergessen, als er aus dem Fenster in den Innenhof starrte und über die, natürlich völlig überzogenen, Forderungen der Waffenschmiede nachdachte. Diese Idioten hatten doch keine Ahnung! Sie konnten den Preis für ihre Waffen nicht einfach höher schrauben, wie es ihnen in den Kram passte. Von Wegen, schlechte Schürferzeugnisse und kaum Erz. Gierige Pfeffersäcke allesamt!
Er kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn, was ein raues Geräusch in der Kammer erzeugte. Vielleicht konnte Tiberon das einfach auf die Krone abwälzen? Ethorns Schatzmeister behauptete zwar immer, dass die Akademie viel zu viel Gold erhalten würde, aber das stimmte einfach nicht. Tiberon hatte schließlich den Überblick über alles. Und wenn er alle Kosten zusammen rechnete, dann blieb kaum noch etwas übrig für ihn selbst. Und ein Mann seines Standes musste ja schließlich auch darauf achten, angemessen aufzutreten. Und das kostete nun mal eine gewisse Menge Gold.
Er konnte ja schlecht die kleinen Festlichkeiten, welche er unterhielt, aus eigener Tasche bezahlen, waren sie doch für die Akademie und ihren Ruf gedacht. Wenn er nicht die besten Metzger und Bäcker der Stadt umgarnt hätte, dann wären seine Krieger vielleicht schon längst verhungert. Oder... Tiberon schüttelte sich innerlich, sie hätten wie das gemeine Volk essen müssen. Und wie die niederen Ränge. Adanos bewahre sie vor dem Schicksal!
Nein, es führte kein Weg drum herum, die Krone musste einfach die Ausgaben erhöhen. Entweder das, oder sie fanden auf die schnelle einen eigenen Waffenschmied, der für Kost und Logis den ganzen Tag in der Schmiede stehen würde. Schließlich wuchs Gold ja nicht auf Bäumen und so ein Schmied konnte froh sein, wenn er die ehrenvolle Aufgabe erhielt, die Waffen der Akademie...
Ein Klopfen an seiner Tür riss Tiberon aus seinen Gedanken.
"Was?" Blaffte er in Richtung Tür, die sich kurz darauf öffnete. Tiberons Augen weiteten sich überrascht, bevor er sich hektisch zur Tür drehte. Ein Bote in den königlichen Farben war hinein getreten und verneigte sich mit stoischer Miene vor dem Leiter der Akademie.
"Adanos zum Gruße, werter Leiter. Ich komme mit einer Botschaft von seiner Majestät König Ethorn, Sechster dieses Namens, König der südlichen Inseln und Herrscher..."
"Jaja, ich kenne alle Titel seiner Majestät," unterbrach Tiberon den Boten rüde und winkte ab. "Was wünscht seine Majestät denn?"
Vielleicht würde es endlich die ersehnte Beförderung für ihn geben und den Leiter endlich zu einem der Schwerter des Königreichs machen, hoffte Tiberon. Zeit dafür wäre es schließlich, er hatte lange genug die Akademie geleitet und war nun einmal zu höherem berufen.
Der Bote verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Miene, als er so unverschämt unterbrochen wurde, straffte seine Haltung jedoch und gab den Befehl des Königs wieder.
"Seine Majestät wünscht euch zu sehen und bittet euch höflich ihn zeitnah aufzusuchen."
Tiberon lies ein leises Seufzen ertönen. Wenn der König höflich bat, dann bedeutete das nichts anderes als jetzt sofort, am besten aber gestern schon. Das bedeutete meist nichts gutes. Vielleicht hatten die Myrtaner sich doch wieder hervor gewagt und einen Angriff gestartet? Tiberon hoffte es, denn das würde bedeuten, dass Ethorn ein Machtwort gegenüber den Schmieden sprechen konnte.
"Nun, dann wollen wir seine Majestät nicht warten lassen, oder?" Der Akademieleiter blickte an sich herunter um den Sitz seiner Kleidung zu kontrollieren. Tadellos wie immer, so viel stand fest. Doch auch wenn sein jetziger Aufzug von ausgezeichneter Qualität war (er hatte schließlich das beste verdient), so hätte er doch gerne sein bestes Hemd sowie Hose und Gehrock angezogen. Doch sei es drum, man lies den König nun einmal lieber nicht warten.
"Geh vor, ich folge dir."
Syrias
Die Bürger
23.01.2025, 21:52
Äußert gelangweilt, durchaus lustlos und ein wenig fröstelnd stocherte Armond lustlos im sterbenden Feuer herum, als könne er mit dem desinteressierten Gepiekse eines kleinen Stöckchens den ersterbenden Flammen neue Lebensgeister einhauchen.
Er hatte in den letzten Tagen zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren, Zeit gehabt. Zu viel Zeit.
Noch vor seiner Abreise hatte der mittelalte Mann eindeutige Instruktionen bei all denen gelassen, die welche benötigten, und hatte denen, die keine haarkleine Erklärung jedes einzelnen Schritts brauchten, bis zu seiner Rückkehr eine Art Handlungsvollmacht ausgestellt, ihnen allerdings gleichzeitig mehr als deutlich gemacht, dass er selbst sie für jeden ihrer Fehler würde gerade stehen lassen und dass der Tod ihnen wie ein kostbares Geschenk erscheinen würde, wenn sie ihre neu gewonnene Machtposition innerhalb ihrer Organisation auszunutzen versuchten.
Und wunschgemäß hatte ihn bisher absolut niemand zu kontaktieren versucht.
Sehr zu seinem Leidwesen hatte er seine Untergebenen zu etwas zu folgsamen Handlangern gemacht.
Seit Isidors Weggang hatte er also hier nicht unweit der Stadt campiert und war allein - im doppelten Sinne des Wortes, also sowohl ohne Gesellschaft als auch ausschließlich - seinen Gedanken nachgegangen. Bis auf den anfangs zugegeben äußerst störenden Besuch eines aufdringlichen Händlers mittleren Alters, der es aber zumindest kurzfristig geschafft hatte, die Monotonie und Tristesse des Alleinseins zu vertreiben, hatte er die quälend langen Stunden der vergangenen Tage minutenweise an sich vorbeischleichen sehen und war dabei gefühlt um Äonen gealtert.
Schwere Schritte und ein lautstarkes Atmen veranlassten Armon dazu für einen Augenblick das Feuer nicht länger mit seinem hölzernen Folterinstrument zu quälen.
»Isidor!«, stellte er fest. Er erhob sich langsam und das zirkulierende Blut wärme die fröstelnden Gliedmaßen. In seiner überschwänglichen Freude ließ er sich zu einem ausdruckslosen, knappen Nicken hinreißen, mit dem er den Neuankömmling begrüßte.
»Das Feuer ist zwar nicht mehr sonderlich warm, aber nimm doch Platz.«, begann er regelrecht das Plaudern und ignorierte dabei den verwirrten Gesichtsausdruck des jungen Schmiedehelfers, während er mit den Händen einladend auf zwei Sitzgelegenheiten deutete.
»Noch Eintopf? Mit Hasenfleisch!«, verkündete er und begann bereits damit, die erste Portion abzufüllen.
Wortlos reichte er Isidor die Schüssel.
»Was gibt's Neues in der Stadt, mein Gutester?«, fragte er mit ehrlicher Neugierde, die für einige Herzschläge lang hinter seinen funkelnden Augen aufflammte.
Felia
"Es ist zu wenig, Syrias! Verstehst du nicht, was soll ich mit einem Sack Erz anfangen, wenn du mir zwei versprochen hattest?" Taron hatte die dicken Arme vor der Brust verschränkt und schüttelte den Kopf. Der Schmiedemeister war enttäuscht gewesen, als Syrias mit nur einem Sack von seiner Expedition mit Johanna zurück gekehrt war und hatte daraus auch keinen Hehl gemacht. Doch Syrias hatte gehofft, dass er ihm mehr als deutlich gemacht hatte, dass ein Sack besser war als gar keiner, schließlich hatten zwischen dem zweiten Sack und ihnen eine Horde Goblins gestanden. Und die hätten ihn und Johanna überrannt.
Es war ein paar Tage ruhig zwischen den beiden Schmieden geblieben, doch Taron hatte immer wieder vereinzelte Bemerkungen fallen gelassen, kleine Sticheleien, die Syrias anfangs einfach ignoriert hatte. Doch sie häuften sich von Tag zu Tag mehr und irgendwann war dem Söldner der Kragen geplatzt. Und genau aus diesem Grund führten sie jetzt dieses Streitgespräch.
"Ich habs dir schon mindestens ein dutzend Mal gesagt, zwei sind nicht genug für ne Horde Goblins gewesen. Diese Drecksviecher sind wie Ratten um uns gewesen und wir sind knapp mit dem Leben davon gekommen! Beliars Eier, verdammt, frag doch Johanna danach, die kanns dir bestätigen!" Fauchte Syrias zurück.
"Wir hätten drauf gehen können, dann hättest du nicht mal den einen Sack gehabt. Und wenn dir das restliche Erz so wichtig ist, gib mir ein paar halbwegs fähige Männer mit und ich hol ihn dir."
Taron schnaubte verächtlich und spuckte aus. Zischend landete der Speichel in der heißen Esse und verdampfte.
"Und wer soll die bezahlen, hm? Du? Das ich nicht lache. Und von der Akademie brauche ich das nicht erwarten. Außerdem mussten wir bereits schon die Kosten für unsere Schmiedeerzeugnisse erhöhen und warten immer noch auf eine Antwort des Leiters." Taron fuhr sich genervt mit einer Hand durch seine kurzen Haare und warf dann die Arme in gespielter Verzweiflung in die Luft.
"Gold wächst nun einmal nicht auf Bäumen, Syrias. Und mit dem bisschen Erz, was du mir mitgebracht hast, komme ich allerhöchstens bis zum Frühlingsanfang. Und das auch nur, wenn ich nur noch kleine Aufträge annehme..." Taron zögerte einen Moment, bevor er weitersprach.
"Und ganz ehrlich? Ich glaube, wir sollten unsere Zusammenarbeit beenden. Den Vertrag, den wir hatten hast du weitestgehend erfüllt, ich habe mich an meine Abmachungen gehalten und ich denke, du solltest dir eine neue Schmiede suchen. Ich kann es mir nicht erlauben einen weiteren Waffenschmied zu unterhalten."
Syrias fiel wie aus allen Wolken! Die Augen des Söldners waren weit aufgerissen als er Taron entsetzt, ja fast schon erschüttert anstarrte. Vollkommen perplex versuchte er Worte zu finden um darauf zu antworten, doch mehr als zusammenhangloses Gestammel kam ihm nicht über die Lippen.
Wieso wollte Taron ihn auf einmal loswerden? Es konnte doch nicht nur an den "Kosten" liegen, die Syrias verursachte. Er war schließlich recht genügsam, bekam kaum mehr als Kost und Unterkunft bezahlt plus ein paar Münzen hier und da Extra. Ebenso hatte er immer den Großteil dessen, was er an seinen Schmiedearbeiten verdient hatte, an Taron abgegeben. Warum wollte der Meisterschmied all das auf einmal wegwerfen als wäre Syrias nicht mehr als ein lästiger Umstand?
War es etwa nur wegen des dämlichen Erzes? Götter, Taron konnte doch nicht so versessen gewesen sein, sonst hätte der Meisterschmied doch einfach nur ein paar Männer bezahlen müssen, die mit Syrias die Goblin verseuchte Höhle gereinigt hätten. Dann hätte der Meisterschmied sofort sein Erz erhalten.
"Ist das dein scheiß Ernst?" war der einzige Satz, den Syrias aus sich heraus brachte. Doch Tarons stoische Miene sprach Bände, als er stumm nickte.
"Alles klar..." murmelte Syrias, bevor er sich daran machte, zu seiner Kammer zu gehen und seine Sachen zusammen zu packen. Er wusste, dass es keinerlei Sinn machen würde jetzt wie ein fuchsteufelswilder Gremlin herum zu fluchen und zu zetern. Taron war ein Dickkopf, noch schlimmer als der Söldner. Und Syrias musste jetzt überlegen, was er als nächstes machen würde.
General Lee
25.01.2025, 02:00
Eine neue Aufgabe erwartete den alten General und Ratgeber des Königs, an dessen Seite er in der steinernen Zitadelle Stewarks stand. Sie waren nicht allein im Thronsaal, denn die Leibgarde Ethorns, jene Schwerter, die die Feuerhölle in Setarrif überlebt und nicht anderweitig auf dringlichen Missionen unterwegs waren, waren ebenfalls präsent. Es waren gute Männer und Frauen und Lee hatte über die Jahre gelernt ihnen zu vertrauen, hatte sogar einige von ihnen ausgebildet vor sehr langer Zeit, als die Welt noch kleiner und die Probleme weniger gewichtig, wenn auch nicht weniger dringlich gewirkt hatten. Zudem stand Hathon auf der anderen Seite des argaanischen Herrschers. Der Oberste Hofmagier hatte eine missbilligende Miene aufgesetzt und das, obwohl der Bote vor nicht allzu langer Zeit erst losgeschickt worden war. Insgeheim fragte sich Lee, ob Hathon der Verlust seiner Heimatstadt und Heiligen Stätte schwer zugesetzt hatte. Er erweckte nicht den Eindruck, doch vermutlich lag es daran, dass der Magier auf alles gefasst zu sein schien, egal was das Leben ihm für Hindernisse vor die Füße warf.
Mit aufmerksamem Blick beobachtete er die Tür, durch die der letzte verbliebene Meister der Akademie bald treten würde. Dabei fiel ihm die Ironie auf von diesem Raum als Thronsaal auszugehen. Im Vergleich zum Palast in Setarrif war es kaum mehr als ein Vorraum, doch selbst so alte Königreiche wie das der Argaaner, waren nicht vor dem Unheil dieser Welt und ihrer Götter gefeit.
Beim Gedanken an Tiberon kam ihm ein weiterer. War er wirklich der letzte Meister der Akademie? Je nachdem, wie man es betrachtete, wäre wohl die korrekte Antwort. Lee hatte Lares zurück auf die Bühne geschickt und bisher hatte er ihn nicht enttäuscht. Hatte er noch nie. Und Lee würde dafür sorgen, dass es sich dieses Mal für den unverbesserlichen Banditen besonders lohnen würden. Vorausgesetzt er war der Aufgabe gewachsen, die der General für ihn im Sinn hatte.
Ein wenig freute sich der in die Jahre gekommene Veteran sogar über diese neue Chance etwas zu bewegen. Viel zu lange traten sie schon auf einer Stelle und hätte er es nicht besser gewusst, hätte er König Ethorn schon viel früher beschworen die bedauerliche Situation der ehemals hochgelobten Akademie der Südlichen Inseln selbst in die Hand zu nehmen. Doch diese Argaaner waren traditionsvernarrte Hunde und auch, wenn sie zu seinen Untertanen zählten, genossen der Leiter und das Tribunal der Akademie eine gewisse Toleranz, in der sie Entscheidungen treffen konnten. Seit jeher war die Stätte der wohl meisterlichsten Krieger der bekannten Welt eine Institution gewesen, die sich selbst verwalten konnte. Zu dumm nur, dass der defacto Leiter Tiberon keinerlei Finesse besaß, was das Führen von Menschen anbelangte. Ganz davon abgesehen, dass er wie selbstverständlich Forderungen an die Krone stellte, die der Schatzmeister zuletzt nur mit einem müden Lächeln hatte beiseitelegen können.
Mit einem Blick zur Seite musterte General Lee den König für einen Augenblick. Er wirkte heute ungewöhnlich ruhig und auch wenn sie einander nun seit mehr als einer Dekade kannten, fiel es dem Veteranen schwer zu erraten, ob hinter der steinernen Fassade kalte Wut lauerte oder doch das Kalkül eines Mannes, der wegen seiner aufbrausenden Art oftmals unterschätzt wurde.
So oder so würde er als strategischer Berater versuchen das Leben des Mannes zu verschonen, der in Ungnade gefallen war. Die bittere Wahrheit war, dass sie derzeit jeden Mann und jede Frau gebrauchen konnten und soweit Lee wusste, war Tiberon ein hervorragender Krieger, wenn auch nicht mehr als das.
In diesem Moment öffnete sich die Tür am anderen Ende des Raumes und der Bote trat ein. Er verbeugte sich förmlich vor seinem König und begann dann zu sprechen.
„Leiter Tiberon ist soeben eingetroffen. Soll ich ihn hereinbringen, Eure Majestät?“
Isidor
Was ist denn mit Armond passiert?, fragte sich Isidor, der den kleineren Mann zwar schon häufiger großspurig und gönnerhaft gesehen hatte, aber über das seltsame Verhalten nur Verwunderung verspüren konnte.
„Was? Keine versteckten oder offenen Drohungen?“, fragte der Hüne, bevor er sich zurückhalten konnte.
Etwas panisch blickte er auf, als er seine eigenen Worte vernahm.
„Danke für den Eintopf“, versuchte er dann noch zu retten, was zu retten war und setzte sich mit einer Vorsicht, die er bei jedem anderen wohl nicht an den Tag gelegt hatte.
„In der Stadt war die Lage unverändert. Sind ja nur zwei Tage vergangen seit wir uns zuletzt gesehen haben. Aber vermutlich weißt du mehr als ich darüber, was in Stewark vor sich geht, oder?“, fragte Isidor, der tatsächlich nichts Neues erfahren hatte.
Sich eine Ausrede zurechtzulegen, die Dinge mit Alberich und Elara zu klären und das Wiedersehen mit Johanna waren so ziemlich die einzigen Ereignisse, die in den zwei Tagen geschehen waren. Jetzt, der Morgen war noch taufrisch – oder wohl eher raureiffrisch – bebte er vor Tatendrang und wohl auch Kälte. Die kümmerlichen Flammen, die im eingrenzenden Steinkreis vor den beiden Männern noch zuckten, taten nicht viel, um den winterlichen Temperaturen entgegenzuwirken. Allerdings verrieten sie Isidor, dass Armond wohl schon eine ganze Weile wach sein musste, oder aber das Feuer über Nacht in Gang gehalten hatte, um nicht zu erfrieren. Das setzte aber voraus, dass der Spion hier draußen übernachtet hatte.
Der Eintopf war eine willkommene Wärmequelle und er musste zugeben, dass Armond wusste, wie man aus wenigen Zutaten etwas Schmackhaftes zubereitete. Aber er war nicht hergekommen, um mit einem alten Freund in der Wildnis zu kampieren, weil er so viel Freude daran hatte. Und er bezweifelte auch, dass der myrtanische Spion zum Vergnügen hier war. Allerdings schadete es sicher nicht, wenn er sich so gut es ihm möglich war, mit Armond gutstellte.
„Ich bin mit meiner Ausrede so nah an der Wahrheit geblieben wie möglich. Alberich und einige andere wissen, dass ich jemanden gefunden habe, der mir das Bogenschießen beibringen kann. Sie denken, dass ich Elara, der Lederin, mit der Jagd unter die Arme greifen soll, damit wir immer genug Tierhäute haben. Vielleicht vermutet Alberich, dass es mit der Akademie zu tun hat, aber ich bin sicher, dass es nicht mehr als das ist.“
Isidor band de Bogen los, den er an seiner Reisetasche befestigt hatte und legte ihn sich auf den Schoß. Es war keine Sehne gespannt und Pfeile hatte er auch bisher keine.
„Aber warum der Bogen? Ich verstehe es noch immer nicht so ganz. Ich hätte vermutet, dass die Argaaner eher den Nahkampf bevorzugen und das meine Chancen erhöht in der Akademie aufgenommen zu werden“, fragte er noch einmal nach.
Grundsätzlich hatte er nichts gegen das recht kleine Holzstück, welches sich leicht auf seinen Beinen anfühlte. Doch die meisten hätten bei seiner Statur und Größe wohl gedacht, dass er im Nahkampf eher zu gebrauchen wäre. So jedenfalls schien es Lord Hertan gesehen zu haben.
Unwillkürlich dachte er an den kurzen Ausflug ins Innere der Akademie zurück. Hatte er bei einer der Klingen einen Bogen gesehen? Er konnte sich nicht erinnern. Vielleicht wäre es eine Seltenheit und konnte ihm einen Vorteil einbringen?
Jasques Naivität hatte ihm mal wieder einen Streich gespielt. Er hätte sich ja denken können, dass er bei Luuks Anwesenheit kein Bier in Ruhe trinken kann.
„Heeeey Luuuk.“, sagte er eindeutig gespielt freundlich und nahm Augenrollend einen Schluck. „Was soll ich denn Neues gefunden haben? Im Gegensatz zu dir hab ich wahrscheinlich etwas sinnvolles gemacht.“, sagte Jasque während er eine eindeutige Alkoholfahne von seinem Gesprächspartner vernahm. „Ich habe die Wichtigste Aufgabe erfüllt. Sammeln von Informationen“, brüstete sich Luuk stolz, lachte und trank den letzten Schluck aus seinem Krug um diesen dann mit viel Schwung auf den Tischabzustellen. Wenige Augenblicke später kamen auch die nächsten Krüge und Luuk schnappte sich gleich einen davon. Auch Ellie wollte keine Zeit verschenken und griff nach einem der Krüge. „Und was hast du Tolles erfahren?“, fragte Jasque und schob sich den letzten Krug neben seinen. „Ja nun…“, begann er und trank einen großen Schluck. „Der alte Baltimor hat heute schon seinen 6ten Krug bestellt.“ „Und das…“ „Ja das war es schon.“, fiel Luuk ihm ins Wort, lachte und setzte für einen großen Schluck an. Der Schaum legte sich auf seinen feinen Oberlippenbart. „Ein Glück haben wir diese Information. Was würden wir nur ohne dich tun.“, sagte Jasque in einem eindeutig spöttischen Ton. Luuk war dies aber vollkommen egal und er freut sich scheinbar einfach nur bei seinen „Freunden“ zu sein.
„Habe gehört jemand aus der Stadt sucht Leute für Dienstbotenaufträge. Irgendwas kleines hin und her bringen wisst ihr. Aber…“, machte Luuk kurz eine Pause und nahm einen weiteren Schluck. „ ...keine Ahnung wer das ist oder was der will.“ Super, dachte sich Jasque. Dann hat er mal eine wichtige Information und hat gleich das wichtigste vergessen. „Kräutersammler, Schmied, Händler? Irgendwer davon?“, versuchte Jasque die Information aus diesem blauen Tunichtgut herauszufinden aber keine Chance. Er schien ihm gar nicht mehr zuzuhören und hatte sich bereits zu Ellie gewandt. „Sag mal Ellie. Die Stadt sucht zurzeit Soldaten. Ich überlege mich da zu melden und du könntest mich begleiten. Dann kommst du endlich hier raus und die ganzen schmierigen Typen lassen dich endlich in Ruhe. Du müsstest mir nur was kochen.“
Die Bürger
27.01.2025, 19:23
Mit der Gutmütigkeit einer Person, die sowohl direkt als auch indirekt für weit weniger Tode verantwortlich war als er selbst, ließ Armond die spitze Bemerkung des jungen Burschen unkommentiert in der kühlen Morgenluft verklingen. Die sorgenvoll aufgerissenen Augen und das ungelenke und abrupte Wechseln des Themas reichten dem Agenten vorerst vollkommen aus. Allerdings hoffte er inständig, dass einer der erfolgreichsten Spione, die es seit Langem ins Innere der Stadt gebracht hatten, nicht plötzlich einen Höhenflug und damit ein abruptes Ende seines bisher kurzen und ereignislosen Lebens erfahren würde.
»Den Argaanern sollte es vollkommen egal sein, mit welcher Waffe zu kämpfst.«, erklärte er ruhig. »Sie bilden sich gern was auf ihre Nahkampfinfanterie ein. Aber so wenig passable Kämpfer wie die an der Akademie haben können die froh sein um jeden, der schonmal eine Waffe für was anderes benutzt hat als sie zur Deko zu tragen, um irgendwelche Weiber zu beeindrucken.« Er ließ sich ob der prolligen Stammtischbezeichnung für eine Frau glatt dazu hinreißen, auf den Boden zu spucken und seinen Worten - und der dahinter liegenden Abscheu - Ausdruck zu verleihen. Er kannte mindestens drei Damen, die so gar nicht erfreut wären über diese Wortwahl. Sehr zu seinem Glück war derzeit keine davon hier auf der von Innos verlassenen Drecksinsel.
»Der Bogen ist im Vergleich zu seinem tödlichen Potential für jemanden wie dich einfach die beste Wahl.« Er deutete mit dem Kinn auf das Stück Holz im Schoß des Schmiedeburschen. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf seine Züge.
»Was weißt du über Bögen?«, fragte er nach kurzem Zögern.
Armond war kein großer Freund davon, großartig und ausgedehnt über die Theorie zu sprechen. Er wollte stattdessen zum Praktischen übergehen. Dennoch erschien es ihm vorab sinnvoll, zumindest in Grundzügen zu erfahren, wie viel der Junge bereits wusste und ob er sich zumindest oberflächlich mit dem Thema beschäftigt hatte.
»Und - von allen Waffen, die dir zur Verfügung stehen. Welche hättest du eher genommen. Und warum?«
Felia
Wieso war der Bogen für ihn die beste Wahl? Was hatte er, dass diese vermeintliche Jagdwaffe zu einer Kriegswaffe machen konnte? Kraft? Das wäre doch auch sicher im Nahkampf von Vorteil, oder nicht? Und was wusste er eigentlich über Bögen?
„Bögen sind die Waffe der Wahl, wenn man auf die Jagd geht“, sagte er, wobei er nicht vollständig überzeugt klang, „Sie sind leicht zu transportieren und offensichtlich kann man aus der Entfernung angreifen und… öhm.“
War es das schon? Komm schon Isidor, da muss noch mehr sein, das du weißt!
Er rieb sich den Hinterkopf, während er angestrengt nachdachte, was er noch über diese Waffe, die ganz ohne Metalle auskam, wusste.
„Ein Bogenschütze hat nur geringe Chancen eine Rüstung mit seinen Pfeilen zu durchschlagen. Mein Vater ließ regelmäßig einige Jäger auf seine Schmiedeerzeugnisse schießen und in nur ein von zehn Fällen war mehr als eine kleine Delle im Stahl zu sehen gewesen“, erinnerte sich der junge Schmied.
Er wusste noch, wie er gelacht hatte, wenn die Pfeile an den Plattenpanzern zersplittert sind und konnte sich gut an den Ärger erinnern, der darauf folgte. Die Schläge auf den nackten Hintern von der Hand eines Schmiedes waren schwer zu vergessen.
„Und ohne Pfeile könnte man genauso gut einen Stock aufheben und damit zuschlagen“, schloss er seine absolut fundierten Kenntnisse über den Bogen.
Dass Isidor die Erklärung Armonds akzeptieren musste, was den Zustand der Akademie und seiner Krieger anging, war ihm bewusst. Offensichtlich suchten sie händeringend nach neuen Kämpfern. Vermutlich war es wirklich nicht sonderlich wichtig, welche Waffe er führen konnte. Aber wenn er die Wahl hätte…
„Ich schätze, dass ich einen Rabenschnabel bevorzugen würde. Gut gegen alle Arten von Rüstungen und mit genug Kraft treibt man das Metall in den Körper des Feindes.“
Kein sonderlich schöner Gedanke, doch das machte es nicht weniger wahr.
„Allerdings hat man dann eine Hand frei. Also lieber eine größere Waffe für beide Hände?“
Die Bürger
29.01.2025, 21:04
Ein wenig belustigt von Isidors Antwort blies Armond lautstark Luft durch die Nase aus.
Der Junge war kein Dummkopf. Die Antwort war wohlüberlegt und die Argumentation hatte tatsächlich Hand und Fuß. Und seine Antwort - oder viel mehr das, was er nicht gesagt hatte - zeigten Armond Dinge über den jungen Burschen, die zu wissen sicherlich einmal praktisch sein würden.
Er lächelte.
»Gegen wie viele schwer gepanzerte Truppen hast du denn schon gekämpft in deinem Leben?«, feixte er ein wenig belustigt. Der Grundgedanke war sicherlich kein schlechter. Aber selbst Isidor würde seine Probleme haben mit einer einhändig geführten Waffe, die er nicht vom Rücken eines Pferdes aus schwang, durch irgendeine halbwegs vernünftige Rüstung zu dringen. Insbesondere mit einem Reithammer.
»Rüstungen sind teuer. Und wie du weißt nicht gerade leicht herzustellen.«, erklärte der Agent sachlich. »Bei aller Liebe für deine Abenteuerlust, mein Gutester. Aber wenn du jemandem gegenüberstehst, der es wert ist, eine solche Rüstung zu tragen, ist es egal, ob du Rabenschnabel, Bogen oder Nudelholz in der Hand hast. Dein Leben ist verwirkt.«
Der sich zwischen den beiden Männern ausbreitende Stille ließ er für etwa eine halbe Minute Zeit, ehe er sie mit einer Antwort auf die ursprünglich gestellte Frage vertrieb.
»Jeder Bauerntölpel kann einen Hammer schwingen und selbst ein Kleinkind schafft es mit einem Schwert umzugehen. Aber ein Bogen...« Er deutete mit dem Kinn auf das Stück Holz, das auf Isidors Schoß lag.
»Du bist ein kräftiger Bursche. Und hochgewachsen noch dazu. Du solltest Bögen spannen können, bei denen schwächere und kleinere Männer deutlich mehr Probleme hätten. Das ist dein Vorteil.« Er nickte wie zur Bestätigung seiner Worte kurz.
»Außerdem bist du durch deine Arbeit ausdauernd. Und du bist nicht ganz so ein Körperclown wie viele andere Halbstarke. Nein. Der Bogen ist eine Ideale Waffe für den Anfang.«, befand er abschließend und erhob sich. Er vertrieb die Kälte aus seinen Fingern, indem er die Hände kurz gegeneinander rieb und dann lautstark klatschte.
»Wir fangen mit einem Langbogen an. Das sollte zu Beginn reichen. Also bitte: Spann die Sehne ein und nimm dir den Köcher.«
Felia
„Körper…clown?“, fragte Isidor verwirrt, ließ es dann aber auf sich beruhen.
Armond hatte Recht. Die Argumentation an dem Effekt der Waffen gegen Rüstungen aufzuziehen, war nicht sonderlich realitätsnah. Wie viele Menschen konnten sich wirklich einen Plattenpanzer leisten? Selbst Meister Alberich griff zu Leder, wenn ein Kunde nicht genüg Gold besaß, um eine vollständige Bronzerüstung zu bezahlen. Und der myrtanische Spion hatte insofern Recht damit, dass jemand, der eine schwere Rüstung im Kampf trug, vermutlich auch wusste, wie er sich darin bewegen musste, was einen Sieg nahezu unmöglich machte, wenn man weniger gut gerüstet war. Am effektivsten wäre es wohl, wenn man sich zu mehreren auf einen solchen Ritter stürzte und ihn zu Boden rang. Doch selbst das wäre wohl kaum ohne Verluste zu bewerkstelligene.
Etwas unschlüssig schaute der Schmied auf den ungespannten Bogen auf seinem Schoß und dann auf die Sehne, die Armond ihm gereicht hatte. Wie um alles in der Welt spannte man so ein Teil? Unschlüssig fuhr er mit dem Daumen über das Holz. Es war nicht absolut glatt, aber soweit der Handwerker beurteilen konnte, war dieses Stück auf nicht mehr ganz neu. Als er die Außenseite – also die, die beim Halten wohl von ihm weg zeigte – bis zu einem Ende betastete, fiel ihm eine Einkerbung auf.
„Hier wird wohl die Sehne eingehängt?“, murmelte er zu sich selbst.
Die Sehne hatte an beiden Seiten eine Schlaufe und bei näherer Betrachtung fiel Isidor auf, dass scheinbar mehrere Stränge von dem Material miteinander verbunden worden waren. Allerdings konnte er nicht erkennen, um was für ein Material es sich handelte. Vielleicht Tiersehnen oder Pflanzenfasern?
Testweise stülpte er die Schlaufe der Sehne über die Spitze des Bogens und hing sie in die Kerbe ein, dann versuchte er dasselbe auf der anderen Seite zu wiederholen. Allerdings reichte die Sehne nicht und er runzelte die Stirn. Wieso war sie zu kurz? Hatte Armond ihm eine Sehne für einen kleineren Bogen gegeben? Überhaupt, wie lang war dieser Bogen? Der Hüne musste seine Arme fast vollständig strecken, dass er beide Enden erreichte und das war der Moment, in dem er nicht länger sitzenbleiben konnte.
Mit der an einer Seite befestigten und nun baumelnden Sehne am Bogen erhob er sich und stellte das andere Ende auf den Waldboden. Tatsächlich reichte ihm der Bogen bis zur Schulter und das überraschte ihn mehr, als er erwartet hätte
„Langbogen, was?“, sagte er zu niemand Bestimmten und blickte dann wieder auf die Sehne.
Einen Bogen spannte man, also war es wohl logisch, dass die Sehne nicht bei entspanntem Zustand auf die Nocken passte. Kurzerhand drehte Isidor das ganze Gebilde um und versuchte nur mit Kraft an der Sehne zu ziehen, während er gleichzeitig den nun oberen Wurfarm des Bogens herunterdrückte. Mit mäßigen Erfolg und großartigem Misserfolg. Der untere Arm zog sich tatsächlich hoch, während der Obere sich eindrücken ließ. Allerdings hatte Isidor den Kraftaufwand unterschätzt und der Bogen sprang ihm buchstäblich aus den Händen.
„Au!“, knurrte er und schaute auf seinen Unterarm, an den sich die eben noch gespannte Sehne entladen hatte.
Seine Waffe hatte das erste Blut gefordert, dummerweise sein eigenes.
Nach weiteren Fehlversuchen, über die sich Armond offenbar köstlich amüsierte, hatte der Schmiedegeselle ein Vorgehen für sich gefunden, das vielversprechend zu sein schien. Der Wurfarm mit der eingelegten Sehne drückte sich in den Boden, während Isidor seinen Fuß daraufstellte. Die eine Hand zog die Sehne nach oben, während die andere den zweiten Wurfarm herunterdrückte. Zwar rutschte ihm auch dabei einige Male der Bogen unter der Sohle weg, doch schlussendlich schaffte er es die Sehne auf beiden Seiten einzuhängen und er erhielt einen gespannten Bogen.
„Bei den Göttern. Wenn das jedes Mal so ein Kampf ist, bin ich zu erschöpft, um noch ans richtige Kämpfen auch nur zu denken“, stieß er aus und spürte, wie ihm der Schweiß den Rücken herunterlief.
Sein Blick ging zu Armond, der äußerst langsam applaudierte. Er Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes und der Hüne fühlte sich, als ob er bisher noch nichts geleistet hätte. Er ahnte bereits, dass er das Wort Bogen für eine sehr lange Zeit häufiger denken und verwenden würde, als ihm schon jetzt lieb war.
König Ethorn VI
31.01.2025, 01:25
„Bring ihn rein!“
Die Pranken des Königs umschlossen die Lehne seines Stuhls so fest, dass das Weiß an seinen Fingerspitzen zu sehen war. Diese verdammten Sitzmöbel waren ihm zu klein. Der ganze verfluchte Empfangssaal in Renwicks mickriger „Zitadelle“ war lachhaft winzig! Aber wie hätte ihm dieser Ort auch das geben können, was für einen König von Setarrif angemessen war? Er war schließlich nicht für einen König gebaut worden.
Er war es leid, an diesem Ort zu verweilen wie ein mittelloser Halunke. Zu Gast im Hause seines Vasallen, der ihn vermutlich lieber gestern als heute wieder losgeworden wäre. Renwick schluckte diese Kröte nun schon seit über sechs Jahren, und es bestand keine Aussicht auf Besserung. Bei den Göttern, wenn diese verfluchten Wendehälse aus Sendar auch nur einmal das Ehrgefühl besessen hätten, ihm im Kampf beizustehen oder wenigstens pflichtbewusst ihre verfluchten Abgaben zu entrichten! Wenn vom einst so stolzen Königreich Argaan doch nur mehr aus den Feuern des Weißaugendrachen hervorgegangen wäre als ein Schatten vergangener Tage! Wenn doch nur mehr vom einstigen Stolz des Reiches, der altehrwürdigen Akademie, erhalten geblieben wäre als dieser aufgeblasene Witz einfältiger Raufbolde …
Es kam ihm vor wie gestern, als er sich vor die Bürger der Stadt gestellt hatte mit dem Versprechen, die Goldene Stadt von den verfluchten Echsen zurückzuerobern und die alten Mauern wiederaufzubauen. Doch sein Reich war blutleer geworden und vieles von dem, wofür man sich einst gerühmt hatte, war nicht mehr als Erinnerung. Und nach dem zu urteilen, was die wachsamen Augen seiner Späher in den Trümmern von Setarrif gesehen hatten, lag dieses Ziel nur umso weiter entfernt von der Wirklichkeit.
Ethorn sah auf seine faltigen Hände herab. Er war alt geworden. Aber er war immer noch derselbe Kriegerkönig, der die verfluchten Myrtaner in Schach gehalten hatte, woran selbst ein mächtiges Reich wie das der Assassinen in Varant gescheitert war. Noch einmal zu Schwert und Schild greifen, noch einmal das Blut seiner Gegner kosten. Sie hatten ihre Chance an Inkompetenz und Tatenlosigkeit verloren. Doch damit war Schluss! Von nun an würde ein anderer Wind durch die Straßen dieser Stadt wehen!
Seine Kiefer mahlten, während er voller Ungeduld darauf wartete, die Rechtfertigungen und Ausflüchte des letzten aktiven Meisters der Akademie ein letztes verdammtes Mal über sich ergehen zu lassen.
„Wo bleibt dieser Lump denn?“, bellte der König seinen obersten Hofmagier an. Doch noch bevor dieser antworten konnte, öffnete ein Diener die Tür. Der Mann, den er hereinließ, hatte wenig Imposantes an sich. Das grau meliertes Haar kurzgeschoren; das Gesicht unverkennbar von ersten Falten geprägt, die man sich nur durch tagtäglich praktizierte Verachtung verdiente; doch hier, in dieser Halle, war der Blick dieses Mannes unterwürfig zu Boden gerichtet. Alles an ihm zeigte Ethorn nur, dass er vor allem Eines war: durchschnittlich.
„Tiberon“, rief der König, mehr Feststellung als Begrüßung. „Sprechen wir über die Akademie. Du bist nun schon seit einigen Jahren der letzte Meister der Einrichtung“, sagte er – und er nahm bewusst nicht den Titel des Leiters in den Mund.
„Jedenfalls von dem, was noch davon übrig ist.“
In der folgenden Stille starrte er dem Meister der Akademie unumwunden in die Augen, bis dieser den Blick abwandte.
„Es sind Zeiten des Wandels, Tiberon. Zeiten, in denen wir wachsam und bereit sein müssen. Meine Spione bringen unheilvolle Kunde aus dem Osten an mich heran. Du wirst davon unterrichtet worden sein, nehme ich an.“
Der Blick des Königs blieb hart und unbeugsam. Eine nachdenkliche Falte grub sich in seine Stirn.
„In solchen Zeiten brauche ich die Männer und Frauen der Akademie. Männer und Frauen, auf die ich mich verlassen kann. Experten auf verschiedensten Gebieten. Männer und Frauen, denen du vorstehst. Sag, wie schätzt du deine Arbeit in der Akademie ein? Hast du Gebrauch von dem Wissen gemacht, das auf mein Geheiß hin aus den Archiven der Burg Silbersee zusammengetragen wurde? Und wie gedenkst du, deinen König in den kommenden Herausforderungen unterstützen zu können?“
Ethorn baute sich in seinem Stuhl auf, während er Tiberon mit scharfem Blick taxierte – eine unausgesprochene Warnung, mit größtem Bedacht zu antworten.
„Du wirst doch sicher einen Plan haben.“
Johanna
Die Klingen
02.02.2025, 12:01
Tiberon schluckte trocken. Nun, er gestand sich ein, damit hatte er nicht gerechnet. Der König war ungehalten, nein, er wirkte mehr als ungehalten, fast schon zornig. Der Akademieleiter spürte, wie sich der Schweiß zwischen seinen Schulterblättern zu sammeln begann, als er dort in Habachtstellung vor Ethorn stand. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihm aus, während er den König vorsichtig musterte. Er musste aufpassen. Ethorn war zwar alt geworden, doch noch immer war dies ein Mann von starkem Willen und eiserner Entschlossenheit.
Der Akademieleiter sah seine Stellung gefährdet, doch er war nicht umsonst schon so lange der Leiter der Kriegerakademie, weil er unbedacht handelte. Er würde seiner Majestät genug Vorwand liefern, dass er nicht nur als bestätigter Vorsteher der Akademie den Raum verließ, sondern auch mit einem Schreiben in der Tasche, welches die Waffenschmiede wieder in die Spur brachte.
Was General Lee hier jedoch zu suchen hatte, entzog sich Tiberon. Was hatte Lee als Berater des Königs in Akademieangelegenheiten hier zu suchen? Egal.
"Euer Majestät," fing sich Toberon, verbeugte sich galant und holte tief Luft.
"Natürlich gibt es einen Plan, da habt ihr vollkommen recht. Schließlich waren wir, dank eurer weisen Vorraussicht, in der großartigen Lage, den unglaublichen Wissensschatz, welcher sich in der Silberseeburg befand, in unseren Besitz zu bringen. Ich kann euch versichern, dass auch jetzt, in diesem Moment, die Klingen eurer Majestät kein Blatt ungelesen lassen und sich durch den imensen Fundus hindurch arbeiten." Tiberon legte eine stolze Miene auf und lächelte verhalten. Vorsichtig jetzt, ermahnte er sich innerlich.
"Und ich kann seiner Majestät versichern, dass die Männer und Frauen der Akademie jederzeit bereit sind für euch, ja für ganz Argaan in die Schlacht zu ziehen. Während wir uns unterhalten, sind unsere Ausbilder dabei die ungeschliffenen Diamanten in Form zu bringen und sie vorzubereiten für das, was kommen wird, nämlich die entgültige Rückeroberung Argaans und das Vertreiben des myrtanischen Bastards." Der Akademieleiter legte Ernst und Gewissheit in seine Stimme, auch wenn ihm beides selbst fehlte. Er hatte keine Ahnung, wie weit die Ausbildung der unteren Ränge der Akademie war, schließlich musste er sich um wesentlich mehr kümmern als nur deren Ausbildung. Dafür waren nun einmal die anderen zuständig.
Doch im nächsten Moment zogen sich Sorgenfalten über die Züge des Leiters, der sich leicht nach vorne beugte und bedauernd mit den Händen rang.
"Doch eure Majestät müssen erfahren, dass die Akademie vor einigen Herausforderungen steht, die ich als Leiter nicht vor euch verheimlichen darf." Tiberon holte tief luft. Jetzt kam es darauf an, das war der Moment.
"Wie ihr sicherlich wisst, benötigen unsere Klingen einiges an Ausrüstung, insbesondere während der Ausbildung. Wir versuchen uns so genügsam wie möglich zu halten, doch natürlich geht dabei so manches zu Bruch. Rüstungen, Schwerter, selbst die einfache Kleidung unserer Aspiranten und Aspirantinnen, alles ist dem Zahn der Zeit unterworfen. Und auch wenn die Ausbilder sich Mühe geben, nur großer Druck formt eben Diamanten. Und jetzt ist es so, dass uns die Mittel ausgehen, denn die Waffen- und Rüstungsschmiede der Stadt erhöhen immer wieder die Forderungen für ihre Waren. Euer Majestät, ich bitte darum, schiebt diesem Irrsinn einen Riegel vor! Wie sollen wir unsere Klingen angemessen ausrüsten, wenn die Handwerker völlig überzogene Preise für ihre Leistungen fordern? Die Akademie bildet die Elite aus, doch selbst der beste Krieger ist nur so gut wie seine Ausrüstung. Und die lassen sich diese unverschämten Schmiede unangemessen hoch bezahlen!"
Jetzt noch einen Funken Wut mit in die Worte hinein legen und Voila: Da war die rechtschaffende Verachtung, die Toberon für die Tirade brauchte.
"Wir tun unser möglichstes, euch großartige Krieger bereit zu stellen, doch ohne angemessene, und bezahlbare, Ausrüstung wird dies eine große Herausforderung..." der Leiter senkte traurig den Kopf und verbarg ein Lächeln. Das sollte den König davon überzeugt haben.
Syrias
Die Bürger
04.02.2025, 20:33
Durchaus zufrieden betrachtete Armond das Werk des angehenden Bogenschützen.
»Ab sofort wirst du-« Er erhob sich langsam und gestikulierte in Isidors Richtung, sodass dieser ihm den soeben bespannten Bogen reichte. In der Tat keine schlechte Arbeit - ein wenig viel Matsch an dem Ende, das der Schmied etwas grob zwischen Fuß und Boden eingekeilt hatte, aber für den ersten Versuch nicht schlecht.
»-die Sehne bei jeder kleinen oder großen Pause, immer wenn ich es sage und immer dann, wenn du es für sinnvoll hältst, wieder abnehmen.« Er reichte Isidor den Bogen, der sogleich damit beginnen wollte, die Sehne wieder abzunehmen. Mit einer Handbewegung signalisierte er seinem neuesten Schüler, vorerst noch inne zu halten.
»Du wirst deinen eigenen Stil entwickeln müssen, um die Sehne in den nächsten Tagen zügig und sicher zu spannen. Ich warte nämlich nicht gern.«
Für eine Weile noch taxierte er den jungen Burschen, dann fuhr er ruhig fort.
»Es wird noch eine Weile dauern, bis ich dir Pfeile anvertraue. Ich lebe recht gern und würde es äußerst bedauern, wenn ich aufgrund eines unglücklich abgeschossenen Pfeils morgen nicht mehr aufwachen würde.« Er lächelte leicht, aber wie so häufig erreichte das Lächeln seine Augen nicht.
»Dieser Bogen hat eine Zugkraft von etwas mehr als vierzig Kilo. Es gibt deutlich bessere Bögen und welche die deutlich mehr Zugkraft brauchen. Aber selbst bei diesem hier wird sich dein Arm abends anfühlen, als hättest du für deinen Schmiedemeister den ganzen Tag Barren durch die Gegend getragen. Wir werden in den nächsten Tagen dafür sorgen, dass du dich an die Bewegung gewöhnst und sich das spannen des Bogens nicht mehr fremd anfühlt.«, verkündete er und griff nun seinerseits zum Bogen. Mit einer fließenden Bewegung trat er mit einem Bein über die Waffe, klemmte das untere Ende zwischen Boden und Fuß fest und drückte mit seinem Arm und einem Teil des eigenen Körpergewichts gegen das obere Ende, sodass er mühelos die Sehne befestigen konnte.
Anschließend blickte er erwartungsvoll zu Isidor.
»Spann bitte den Bogen - so als würdest du einen Pfeil anlegen und verschießen wollen. Einfach ganz intuitiv.«, erläuterte er und beobachtete Isidor bei der pflichtgemäßen Ausübung des soeben erteilten Befehls.
Felia
Wie lange hatte Isidor jetzt gebraucht dieses bescheuerte Stück Zwirn an beiden Enden des Bogens zu befestigen? Und Armond erledigte es in wenigen Augenblicken, während er dabei mit ihm sprach, als würde er sich die Schuhe binden. Irgendwie hatte er sein Bein dazwischen gestellt, aber der Hüne hatte es nicht genau beobachten können. Blieb also nur zu hoffen, dass er es selbst herausfand. Schneller als beim ersten Mal sollte es aber auf jeden Fall funktionieren. Langsamer und man konnte fast einen Tag las verschenkt betrachten.
„Vierzig Kilo? Klingt machbar“, wagte sich der Schmied zu sagen und hob den Bogen so, wie er vermutete, dass man ihn halten sollte.
Ihm war zwar nicht klar, wie diese metallfreie Waffe derartig schwer im Zug sein konnte, aber er musste wohl das Wort des Mannes für das nehmen was es war; erfahren.
Ob sein Arm am Ende des Tages wirklich schmerzen würde, sollte sich noch zeigen, doch er war guter Dinge, dass sein Körper mehr aushalten würde, als der myrtanische Spion ihm zutraute. Das Holz mit der linken Hand in der Mittel haltend, sodass der untere Teil knapp über dem Boden war, griff Isidor die Sehne mit vier Fingern seiner Rechten und zog, bis die Sehne fast seine Nasenspitze berührte, wenn seine eigene Hand nicht im Weg wäre.
Verunsichert runzelte er die Stirn. Da stimmte doch etwas nicht! Doch Abhilfe war schnell gefunden, da auch die Haltung seines rechten Arms seltsam wirkte, weswegen er den Bogen etwas weiter nach außen hielt und so die Sehne neben seinem Kopf herziehen konnte. Immer weiter spannte sie sich und die Wurfarme gaben zunehmend nach, sodass man erst jetzt von einem tatsächlichen Bogen sprechen konnte, zumindest was die Form der Waffe anging, die zuvor eher einem seltsam geformten Wanderstock ähnelte.
Als sich die Sehne nicht weiter spannen ließ, hielt Isidor die Position für einen Moment. Gerader Stand, den linke Arm nach vorn gestreckt und den rechten bis hinter die Schulter angewinkelt. Er spürte wie seine Muskeln im Rücken arbeiten mussten und auch sein Arm war diese konstante Belastung nicht gewöhnt. Kraft hatte er, ja. Das brachte das Dasein als Schmied mit sich, doch die Bewegung beim Bogenschießen war eine völlig andere und das bekam er jetzt zu spüren.
Langsam wollte er die Sehne von seinen Fingern gleiten lassen – so der Plan – doch nachdem Ring- und kleiner Finger sich lösten, rutschte die Schnur gewaltsam von den verbliebenen und schnellte nach vorn.
„Ah, scheiße verdammt!“, rief er erschrocken auf, als ein stechender Schmerz seinen linken Unterarm durchzog und eine rote Strieme wie von einem Peitschenschlag dort erblühte, wo die unkontrollierte Sehne ihn mit der Kraft von vierzig Kilo getroffen hatte.
König Ethorn VI
06.02.2025, 00:22
Die Faust des Königs schlug so hart auf die Lehne seines Stuhles, dass das aufwändig geschnitzte Holz mit einem Knacken nachgab. Ethorn sprang auf und baute sich zu seiner ganzen Größe auf, den harten Blick auf die Augen von Tiberon gerichtet.
„Hohle Phrasen und Allgemeinposten! Seit sechs verdammten Jahren bist du als letzter verbliebener Meister an der Spitze der Akademie, und das ist alles, was du mir in unserer Lage zu berichten hast? Du trittst mir unter die Augen und bringst mir nichts als Ausflüchte und Forderungen. Keine Erfolge beim Wiederaufbau der Akademie. Keinen Plan, keine Strategie. Die Akademie ist ein Schatten dessen, was sie einst ausgemacht hatte, und in all den Jahren kommt von dir nichts – NICHTS! – um deinem König und dem Reich die Unterstützung zu sein, die es so dringend braucht.“
Ethorn blähte die Nasenflügel, als er Tiberon wie einen Wurm in sich zusammensinken sah. Seine Kiefer mahlten wie ein Mühlwerk im Sturm.
„Du bist dieser Aufgabe eindeutig nicht gewachsen, und ich werde deine Untätigkeit nicht länger dulden. Ich entbinde dich augenblicklich von deinen Aufgaben als Leiter der Akademie.“
Sein Blick wandte sich zu seiner Rechten.
„Ich brauche einen Leiter, der anführt, der mitdenkt und Lösungen findet. Jemanden, der Verantwortung zeigt und diese Einrichtung zu der Exzellenz zurückbringt, die sie einmal groß gemacht hat. Und vor allem Jemanden, der keine Angst hat, seine Position offen auch gegen mich zu verteidigen! Deshalb wird Lee ab sofort die Geschäfte als neuer Akademieleiter übernehmen. Auch wenn er nicht aus Argaan stammt, hat er sich in den letzten fünfzehn Jahren als fähiger und entschlossener General bewiesen und sich mein Vertrauen erworben.“
Nun wandte sich Ethorn ganz zu Lee um, und wo gerade noch nur schwelender Zorn in seinen Augen gestanden hatte, war nun grimmige Entschlossenheit.
„Baue die alten Schulen der Akademie wieder auf! Stelle neue und alte Meister ein, um alles Wissen zu vermitteln, das noch da ist! Mir ist egal, wie du das anstellst – gib Zwangsaufträge auf Kosten der Krone an die Schmiede heraus, bring erfahrene Krieger aus dem Ruhestand zurück, zieh von mir aus Kämpfer aus der Stadtwache ein, wenn es dir hilft! Aber ich will Ergebnisse sehen!“
Nun wandte sich sein Haupt in die andere Richtung.
„Hathon. Die Hofmagier werden die Akademie von nun an ebenfalls unterstützen. Lehrt Taktik, lehrt Geschichte und die Geheimnisse der Insel, lehrt von mir aus auch Alchimie! Alles, was uns hilft, unsere Klingen wieder zu den Besten der Besten zu machen. Im Moment könnte alles auf dem Spiel stehen, und jeder Einzelne in meinem Reich hat dabei mitzuhelfen, dass es auch morgen noch ein Reich gibt!“
Ethorn sah erneut zu seinem neuen Akademieleiter und zeigte mit dem Finger auf seine Brust.
„Ich erwarte, dass der Geheimdienst jeden verdammten Ork im Auge behält, der es gewagt hat, seine dreckigen Füße in meine Hauptstadt zu setzen! Jede verdammte Bewegung wird festgehalten und ich werde täglich über die Lage informiert, verstanden? Und schickt mehr Leute nach Thorniara! Ich will wissen, wie die Myrtaner mit der neuen Lage umgehen.“
Die Hand des Königs deutete fahrig in Richtung von Tiberon, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
„Mach mit ihm, was du willst. Wenn er noch fähig genug dafür ist, behalte ihn als Meister. Ist mir egal.“
Es wurde Zeit, dass sich etwas änderte. Mit den Orks in Setarrif, die ganz offensichtlich Unterstützung vom Festland und vielleicht sogar Sympathisanten unter den Menschen hatten, mussten sie jetzt handeln, um auf die unausweichlichen, kommenden Kämpfe vorbereitet zu sein. Denn wenn seine erste Verteidigungslinie mit den Truppen unter Gawaan fiel, war das hier alles, worauf er noch bauen konnte.
Johanna
Es war doch recht kalt geworden in Stewark, fand Na-Cron. Der Adept hatte sich in weiser Vorraussicht einen wollenden Umhang zugelegt, damit er auch bei diesen frostigen Temperaturen durch die Straßen der Stadt gehen konnte. Schließlich konnte er nicht einfach nur in seiner Adeptenkluft durch Stewark wandern.
Im Haus der Magier war das für ihn überhaupt kein Problem, schließlich gab es für ihn keinen Grund das Gebäude zu verlassen, wenn er sich in seinen Studien vertiefte. Doch er wollte nun endlich das in Angriff nehmen, was er so lange vor sich hingeschoben hatte:
Er war auf der Suche nach Syrias.
Es war wesentlich mehr Zeit vergangen als der Adept ursprünglich geplant hatte um den Waffenschmied zu besuchen. Doch zwischen all den Studien der Alchemie, den Aufgaben der Wassermagier und dem Erlernen der Magie hatte er es schlicht und einfach vergessen. Doch nun endlich hatte sich Na-Cron loseisen können. Und wenn er ganz ehrlich mit sich selber gewesen wäre, dann müsste er sich als Stubenhocker bezeichnen. Die gelegentlichen "Ausflüge" in den Kräutergarten zählen sicher nicht als hinaus gehen. Und genau das sollte sich mit dem Besuch bei Syrias ändern.
Natürlich war der Grund dafür ein ziemlich simpler: Der Myrtaner war Schmied. Und Na-Cron benötigte dringend etwas Erz für seine alchemistischen Forschungen. Da gab es zum Beispiel diesen Einen Trank, welchen er gern herstellen wollte, der als besondere Zutat magisches Erz benötigte. Da aber das magische Erz meist nur auf Khorinis zu finden war und der Adept keinerlei Bedürfnis nach einer Schiffsreise verspürte, hegte er die wage Hoffnung bei Syrias fündig zu werden. Schließlich war der ja auch als Geselle bei einem der Meisterschmiede Argaans beschäftigt.
Doch als Na-Cron bei der Schmiede angekommen war, bot sich ihm ein ungewöhnliches Bild: Syrias kam gerade mit wütender Miene aus dem Gebäude gestürmt und wirkte ob seiner Kleidung eher so, als würde er zu einer Reise aufbrechen wollen. Der Schmied trug ein kurzes Schwert an der Seite und eine längere Klinge in einer Schlaufe auf dem Rücken. Gekleidet war er in wetterfeste Klamotten und trug eine kleine Kiste vor sich her.
"Syrias!" rief Na-Cron und winkte ihm fröhlich. "Da hab ich dich anscheinend noch rechtzeitig erwischt, Adanos sei Dank. Du siehst aus, als wolltest du auf Reisen gehen?"
„Und wieso geht es für uns auf dieser Route nicht zum Tempel?“, fragte Johanna, während sie vom äußeren Ring auf die Straße in Richtung Zentrum einbogen.
„Weil der König seine Hofmagier und die Typen aus der Akademie auf die Bude angesetzt hat“, entgegnete Winstan schulterzuckend. „Bin nicht traurig drüber. Früher hab sich genau dort gern Pause gemacht und eine geraucht. Hab immer noch keinen neuen, guten Platz gefunden.“
„Ist mir recht. Ich hab’s nicht so mit Göttern“, murmelte Johanna.
Ihre Patrouille durch den Westteil der Stadt ging auf ihr Ende zu, und die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel. Auch Johannas Magen schien diesen Umstand bereits bemerkt zu haben, denn er knurrte so laut, dass Winstan es kaum überhören konnte.
„Wie liegen wir in der Zeit?“, fragte sie. „Ist es noch weit?“
„Hast Hunger, was? Keine Sorge, wir sind bald durch. Dann können wir uns ein ordentliches Mittagessen gönnen. Wir sind nur ein wenig später dran als vom Chef geplant.“
„Spät dran, hmm?“ Johanna warf Winstan einen Seitenblick zu. „Scheint eine Angewohnheit von dir zu sein.“
Winstand blieb stehen, legte die Hand auf seine Brustplatte und schnappte gespielt nach Luft. „Partnerin, ich bin empört! Ich habe einfach viel zu tun, das ist alles!“
„Klar, viel zu tun“, sagte sie mit einem Grinsen auf den Lippen.
Sie ließen den äußeren Ring hinter sich folgten gepflasterten Straße entlang einer Reihe besser situierter Gebäude in Richtung Osten. Nur wenige Leute kreuzten ihren Weg, zumeist augenscheinlich Bedienstete und Boten. Einfache Leute trieben sich hier kaum herum.
„Nur noch ins Zentrum bis zum mittleren Ring, und dann machen wir-“
Winstan verengte die Augen und blickte voraus. Als Johanna seinem Blick folgte, sah sie zwei Gestalten in einer Seitengasse verschwinden.
„Schlechtes Gefühl bei denen?“
„Könnte man so sagen. Schauen wir uns das mal an.“
Die beiden beschleunigten ihre Schritte, bis sie die Gasse erreichten, in der sie die beiden Personen verschwinden gesehen hatten. Johanna warf einen Blick auf das Haus, in dessen Hinterhof der Weg zu führen schien. Ein zweistöckiges Gebäude, das auf den ersten Blick zwar recht unscheinbar daherkam, aber hier und da durch merkwürdige Anordnungen von Zäunen und Balustraden auffiel. Ihr war fast so, als hätte jemand diesen Elementen des Grundstücks bewusst eine Anordnung verliehen, um daran herumzuklettern.
„Kennst du das Haus?“, fragte sie.
„Nah, irgendein Haus halt“, antwortete Winstan. Doch für ihren Geschmack kam die Antwort ein wenig zu schnell und war ein wenig zu achtlos formuliert.
Sie erreichten die Rückseite des Gebäudes, an dem die Gasse entlangführte, um dahinter an einem Zaun jäh zu enden. Gegenüber dem Hause befanden sich eine Reihe kleiner Schuppen. Und dort, ganz am Ende, hockte eine Person vor einem der Kellerfenster und widmete sich seelenruhig seinem Einbruchsversuch. Winstan und Johanna wechselten einen kurzen Blick, bevor er sein Schwert zog. Sie schickte sich an, es ihm gleichzutun, doch er hob die Hand.
„Du bleibst zurück. Ohne Rüstung weist dich noch nichts als Stadtwache aus.“
Johanna schnaufte, doch sie fügte sich seiner Anweisung. So ging Winstan einige Schritte voraus und näherte sich dem Mann, der sie beide erst bemerkte, als sie keine zwanzig Fuß entfernt waren.
„Na, wen haben wir denn hier? Wolltest wohl gerade hier einsteigen, hmm?“
Der Mann hielt inne und trat zurück. Sein Kopf wandte sich um in eiliger Suche nach einem Fluchtweg, doch der Verbrecher musste schnell erkennen, dass es kein Entkommen gab, ohne sich mit Gewalt an ihnen beiden vorbeizuschlagen. Johanna runzelte die Stirn. War das nicht dieser Pfau, den Isidor in Thorniara kennengelernt hatte? Und wo war die zweite Person, die sie in die Gasse verschwinden gesehen hatte?
General Lee
09.02.2025, 22:32
Aus Sicht des Generals war König Ethorns Wutausbruch im unteren Mittelfeld anzusiedeln. Kein seichtes Brodeln, aber auch kein Orkan, der das Ziel seiner Frustration zermalmte und etwaige Unbeteiligte in seinen Sog hineinzog.
Dem entschlossenen Blick seiner Majestät mit der gerechtfertigten Ernsthaftigkeit erwidernd, neigte Lee leicht den Kopf als Zeichen des Dankes und Respekts.
„Habt Dank für Euer Vertrauen, Majestät.“
Seine Stimme war fest und klar. Zudem wusste er, dass eine ausgedehnte Rede weder den König beeindrucken würde, noch seinem eigenen Charakter entsprach. Es gab andere Männer, die ihre Worte als Waffe und Schild trugen. Der alte Veteran jedoch bevorzugte es, seine Taten sprechen zu lassen. Eine verblichene Phrase, doch er lebte sie damals und er lebte sie noch heute.
Dann wandte er sich selbst an Hathon, den Ethorn in seine Befehle direkt mit einbezogen hatte.
„Der König ist weise, dass er die Hofmagier in die Geschicke der Akademie mit einbeziehen will. Ich befürworte diese Entscheidung und werde diese Einladung auch an den Kreis des Wassers tragen. Als Magier seid Ihr unersetzbar im Kampf und es wäre klug, wenn wir Euch und die Euren in Kampfübungen einbeziehen. Und ich bin sicher, dass Euer Wissen der Akademie und dem Volk von unschätzbarer Hilfe sein wird.“
Hathon nickte lediglich nach diesen Worten. Er würde sich den Befehlen seines Königs nicht widersetzen und selbst, wenn er zurückhaltend gegenüber der Idee sein sollte mit der Akademie zusammenzuarbeiten, hatte Lee Vertrauen, dass sie voneinander profitieren würden. Blieb noch eine weitere Angelegenheit zu klären.
„Tiberon“, sprach der neue Leiter der Akademie jenen Mann an, der aussah, als hätte man ihn seiner Ehre beraubt, „Ich werde dich als Meister auf Probe in der Akademie behalten und sei dir sicher, dass ich jeden deiner Schritte aufs genauste beobachten werde! Die derzeitige Lage erlaubt es uns nicht auf fähige Krieger wie dich zu verzichten und auch, wenn du nicht zum Führen geeignet bist, können die Aspiranten noch von deinen Erfahrungen lernen.“
Der Angesprochene reagierte nicht, schien noch immer geschockt von den Nachrichten zu sein, die der König ihm unverblümt entgegengeschrien hatte. Er würde sich schon wieder fangen und wenn nicht, dann hatte er sein Leben als Mitglied der Akademie hinter sich. Stellte er sich klüger an, als in den letzten Jahren, mochte er als Mitglied des Tribunals der Akademie sogar weiterhin einen gewissen Einfluss genießen.
„Ich werde gleich zur Akademie aufbrechen. Ich muss mir selbst ein Bild der Rüstkammer machen, um abschätzen zu können, wie dringend neue Ausrüstung benötigt wird. Für den Geheimdienst habe ich bereits einen Mann im Sinn, der immer wieder bewiesen hat, dass er Ergebnisse liefert und ich werde sicherstellen, dass er ausreichend Unterstützung bekommt. Was die Ernennung weiterer Meister angeht… dazu kann ich erst etwas sagen, wenn ich mir einen Eindruck verschafft habe“, legte er die ersten Schritte dar, die er ablaufen würde und verneigte sich dann kaum merklich vor Ethorn, „Eure Majestät“, bevor er mit langen Schritten aus der Königlichen Zitadelle schritt.
Er würdigte Tiberon keines Blickes, als er dicht an ihm vorbeilief und durch die schwere Doppeltür verschwand. Die nächsten Wochen würde sehr viel Arbeit auf ihn zukommen und er hoffte für seinen Vorgänger, dass er nichts aufdeckte, dass ihn auf den Richtblock brächte.
Isidor
So schnell konnte es gehen im Leben. Einen Herzschlag lang durchrauschte ihn das triumphale Glücksgefühl, als die Öffnungsnadel sich unter die Falle schob und das Fenster sich ohne jeden weiteren Widerstand öffnete. Und schon im nächsten Moment erstarrte er, als er die Stimme des Stadtwächters hörte.
„Na, wen haben wir denn hier? Wolltest wohl gerade hier einsteigen, hmm?“
Piero ließ die Nadel unauffällig durch das geöffnete Fenster fallen und ließ jenes so vorsichtig los, dass es nicht wieder in die Falle fiel. Er trat vom Fenster zurück und sah sich um. Wo bei Beliars blutigen Eiern war Lares denn abgeblieben?
„Herr Wachtmeister! Schön, Euch zu sehen! Da liegt ein kleines Missverständnis vor. Wir sind über einen Boten vom Hausbesitzer beauftragt worden, dieses Kellerfenster zu reparieren. Das Ding schließt nicht mehr richtig.“
Piero stupste das Fenster mit der Stiefelspitze an, dass es aufschwang.
„Hier, ziemlich hinüber. Ich war gerade hier, um das es zu sichten, damit Meister Friedrich später weiß, womit er es zu tun hat.“
Der Wächter beäugte Piero mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Na, dann wollen wir dir mal glauben, Freundchen. Wo finden wir denn diesen Friedrich?“
„Na drüben, im …“, setzte er an, als sich hinter dem Wächter eine kleinere Gestalt hervorschälte, die sich zuvor ganz ausgezeichnet versteckt gehalten hatte. Als er Isidors Zwergenfreundin erkannte, wusste er, dass er mit seiner Scharade verloren hatte. „O merda.“
„Ich glaube kaum, dass du unter die Schlosser gegangen bist!“, rief Johanna dem eitlen Pfau entgegen, der sich mit seiner halbseidenen Ausrede doch allen Ernstes das Ohr von Winstan erkauft hatte. Sie trat neben ihren Partner und stieß mit ihrer Faust gegen seine Schulter.
„Du glaubst ihm doch diesen Scheiß nicht, oder?“
„Na, also …“, setzte Winstan langatmig an. „Ich weiß nicht.“
„Der Mann heißt Piero und ist ein Tunichtgut, der gerade direkt am Stadttor eine Taverne eröffnet hat! Er hat dem Chef dafür sogar die nördliche Wachstube aus dem Kreuz geleiert! Denkst du wirklich, er ist gleichzeitig Geselle bei einem Schlossermeister?“
„Also wenn du das so sagst, ist das natürlich schwer zu erklären.“
Johanna schnaufte. „Wir sollten ihn ins Gefängnis bringen und ihn ein Wörtchen mit dem Chef sprechen lassen, denkst du nicht?“
Während Winstan offensichtlich noch mit sich zu ringen schien, ob er sich nun allen Ernstes auf Kosten seiner Mittagspause die Mühe einer Festnahme machen wollte, sah Johanna sich in dem Hinterhof um. Es gab nur den einen Weg hinaus und sie hatte auf jeden Fall zwei Personen hier hineingehen sehen. Außer dem Hintereingang des fraglichen Hauses und der Schuppen gab es keine andere Möglichkeit zu entkommen.
„Wohin hast du deinen Freund entkommen lassen, Piero?“, murmelte sie mehr zu sich selbst, während sie langsam die Schuppen abschritt, einen nach dem anderen. Sie versuchte, durch die dreckverschmierten, kleinen Fensterchen hineinzublicken, so sie denn über solche verfügten, doch darin schien es stockdunkel zu sein. Also besah sie sich die Türen näher. Die ersten beiden waren mit einfachen Vorhängeschlössern gesichert. Die dritte jedoch verfügte über gar kein erkennbares Schloss, und dennoch war sie fest verschlossen – fast, als lehnte etwas von der Innenseite dagegen. Oder Jemand.
„Na na na, schön ruhig bleiben!“, rief Winstan hinter ihr. Johanna fuhr herum und sah ihren Partner mit erhobener Waffe, halb ihr und halb dem Verbrecher zugewandt. Piero hob stirnrunzelnd die Arme, doch Winstan schritt mit ungewohnter Heftigkeit auf ihn zu und legte ihm die Handeisen an.
„Na komm, Johanna. Bringen wir ihn ins Kittchen!“
Sie blickte über ihre Schulter zu der verrammelten Tür und fluchte leise vor sich hin, bevor sie ihrem Partner zur Hilfe eilte.
„Na gut, wenigstens Einer von Zweien. Wenn wir da sind, wirst du eine wirklich gute Erklärung für all das brauchen, Piero.“
Was war denn falsch mit diesem merkwürdigen Stadtwächter? Im einen Moment wusste er noch nicht einmal, ob er Piero überhaupt festhalten wollte, und im nächsten – kaum dass er Johanna an den Schuppen erblickt hatte – sprang er ihm fast an die Kehle, als sei er ein gefährlicher Schwerverbrecher!
„Cosa vuoi da me, stronzo?“, rief Piero empört und streckte die Arme in ehrlichen Ausdruck von Unschuld von sich, doch es nützte nichts. Als die Handschellen sich schlossen und sie zu dritt in Richtung des Gefängnisses aufbrachen, kam er nicht umhin, sich wie ein Bauernopfer zu fühlen. Ihm war nur leider entgangen, was diesen unglückseligen Ausgang seiner ersten Lehrstunde ausgelöst hatte.
„Bist du jetzt neuerdings unter die Ordnungshüter gegangen?“, fragte er Isidors kleine Freundin, während sie quer durch die Stadt marschierten, und warf ihr ein schelmisches Grinsen über die Schulter zu, doch sie antwortete nur mit einem äußerst unangenehmen Faustschlag zwischen die Schulterblätter, der ihn ins Stolpern brachte.
„Schon gut, schon gut. Ich sehe schon, du bist nicht für gepflegte Konversation zu haben. Ich störe gerade eure Mittagspläne, oder? Aber wie wär’s, wenn ihr mir die Handschellen abnehmt und wir gehen gemeinsam zur Torwirtschaft, wo ich euch verköstige, bis ihr platzt? Ich werd euch schon nicht wegrennen.“
„Jetzt halt schon die Klappe, Mann!“, schnappte sie zurück.
Piero verzog das Gesicht. „Oh, ich sehe schon. Hunger macht böse. Da hab ich wohl verloren.“
Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, es auf dem Weg zum Gefängnis noch drei weitere Male zu Versuchen. Allein, es nützte nichts – Johanna blieb stur und wortkarg. So endete Piero in einer Zelle mit einem fragwürdigen Gesellen, der sich in der hintersten Ecke ihres gemeinsamen Aufenthaltsortes zusammengerollt hatte.
„Buon giorno, Signore!“, grüßte Piero freundlich und erntete nicht mehr als ein verächtliches Ächzen. „Und dir eine wundervolle Mittagspause, Frau Wachtmeisterin!“
Johanna würdigte ihn ungehobelterweise nicht einmal eines Blickes, sondern wandte sich dem Gefängniswärter zu. „Wir sind leider noch nicht bis zur Bäckerei gekommen, aber ich bring dir noch was mit, versprochen.“
„Geh ruhig schon in die Pause, Kleine“, sagte ihr Kollege. „Ich geb dem Chef Bescheid wegen dem Gecken da.“
Als die beiden das Gefängnis verließen, rief Piero ihr hinterher: „War mir ein Vergnügen! Und komm gern einmal in der Torwirtschaft vorbei!“
Er konnte schon verstehen, warum Isidor Augen für sie hatte. Sie hatte Charakter, trotz – oder gerade wegen – ihrer Zwergenhaftigkeit.
Es verging gerade so viel Zeit, dass es Piero langsam unbequem in seiner Ecke wurde, da regte sich sein Zellengenosse und warf zum ersten Mal einen Blick auf ihn. Mit einem dreckigen Grinsen musterte der Kerl die adrette Kleidung eines Mannes von Welt und witterte wohl ein leichtes Opfer, um sich an Ort und Stelle zu bereichern oder zumindest seiner Überlegenheit Ausdruck zu verleihen.
„Hübsche Klamotten!“, nuschelte der Mann. „Bist zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, hä?“
„Das könnte man durchaus so nennen, in der Tat! Mein Name ist Piero. Mit wem habe ich denn das Vergnügen?“
Ein garstiges, zahnloses Lachen erfüllte die feuchtkalte Seeluft. „Sie nennen mich Messerstecher-Günter.“
Piero grinste breit. „Ich bin entzückt.“
„Ganz bestimmt“, giftete Günter. „Du siehst aus, als hättest du ein paar Münzen einstecken. Die gibst du mir jetzt besser, wenn ich dir nicht den Schädel einschlagen soll. Und mach dir keine Hoffnung, den Kerl da vorn interessiert es einen Scheiß, wenn jemandem hier drinnen was passiert.“
Pieros Grinsen wurde keinen Deut schmaler, als er sich Günter vollends zuwandte.
„Sie nennen dich Messerstecher, hmm?“
„Aye.“
„Und du hast bestimmt schon ein paar auf dem Gewissen, hmm?“
„Davon kannst du ausgehen.“
Ohne hinzusehen, ließ Piero aus seinem Ärmel den Dolch gleiten, den er für schwere Zeiten zurückhielt. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihn zu durchsuchen.
„Aber vielleicht nennen sie dich ab morgen ja Eunuchen-Günter.“ Die Dolch-Spitze zeigte genau auf Günters Schritt und berührte seine besten Teile gerade so sehr, dass der Kerl wusste, womit er es zu tun hatte. „Wird sich sicher schnell durchsetzen.“
Günter hob die Hände. „Is ja schon gut! Ich lass dich ja schon in Ruhe!“
„Das will ich meinen. Aber komm doch gern mal in meine Schänke, direkt am Torhaus, falls dir mal eine Münze in die Hände fällt! Die Torwirtschaft hat auch für Leute wie dich ein Bier übrig.“
Just in diesem Moment öffnete sich die Gefängnistür, und es war niemand Anderes als Lord Hertan höchstpersönlich, der sich die Ehre gab. Pieros Dolch war so schnell in seinem Ärmel verschwunden, wie er hervorgekommen war, und er erhob sich mit einem Satz.
„Signore Hertan! Welch freudiger Umstand, dass Ihr persönlich-“
„Schweig, Gefangener!“ Hertan baute sich vor der Zelle auf, nicht unbedingt größer als Piero selbst, doch deutlich imposanter und einschüchternder in Statur und Ausstrahlung. Der Herr der Stadtwache musterte seinen neuen Gefangenen aufs Genaueste. Dann schnaubte er wie ein Bulle.
„Du hast Glück. Deine Freunde legen ein gutes Wort für dich ein und sagen, dass du die Erlaubnis hattest, dich an ihrem Haus zu vergehen.“
Piero runzelte die Stirn, doch er sagte nichts. Es gab die seltenen Momente, in denen man besser schwieg. Hertans Stimme war nicht mehr als ein leises Knurren, doch es war bedrohlicher als jedes Brüllen.
„Wenn ich dich dabei erwische, dass du deine Fingerfertigkeit für etwas anderes als das Wohlergehen dieser Stadt einsetzt, lasse ich dich kopfüber von der Klippe hängen und konfisziere die Taverne mit allem, was wir darin finden können. Ist das klar?“
„Unbedingt.“
Hertan wandte sich dem Gefängniswärter zu. „Lass ihn raus.“
Der Wärter glotzte bedröppelt. „Echt jetzt? Ich meine: klar, Chef!“
Ohne sich noch einmal umzuwenden, verließ Lord Hertan das Gefängnis. Die Zellentür öffnete sich für Piero, der beschwingt hindurch ins Freie trat.
„Man dankt!“
„Was soll’n der Scheiß?“, keifte Günter aus seiner Ecke.
Der Wärter knallte die Tür hinter Piero ins Schloss. „Keine Angst, Günter, du darfst unsere Gastfreundschaft noch ein wenig länger genießen. Und du machst dich besser raus hier.“
„Mit Freuden!“, erwiderte Piero. „Ich hab ohnehin noch etwas zu erledigen. Aber falls es mal ein Feierabendbier sein soll, seid Ihr gern in der Torwirtschaft willkommen. Arrivederci!“
Und schon hatte ihn die Freiheit wieder. Piero lächelte. Lares musste bei dieser Nummer definitiv seine Finger im Spiel gehabt haben. Wenn er ihn das nächste Mal sah, würde der alte Halunke ihm aber Einiges zu erklären haben.
Die Bürger
12.02.2025, 17:08
»Nicht schlecht.« In der Stimme des Mannes schwang kein Mitgefühl für den Fehler des Schmiedegesellen mit. Und dennoch trat er an den jungen Mann heran und schob den Stoff, der Unterarm und Verletzung bedeckte, ein wenig nach oben. Bereits jetzt war ein deutlicher Striemen zu sehen. Wenn Isidor Pech hatte, dann würde der Arm in den nächsten Tagen verschiedenste blutergussfarbene Kolorierungen durchmachen.
Lautstark schnalzte er mit der Zunge.
»Grundsätzlich keine schlechte Form.«, Armond war einen Schritt beiseitegetreten und kramte aus seinem Beutel einen ledernen Unterarmschutz heraus.
»Du hast zumindest Verstand genug, um zu verstehen.« Kommentarlos warf er Isidor den ledernen Schutz zu.
»Bis du eine bessere Form hast, ist das ganz nützlich. Es geht auch ohne. Die Entscheidung ist deine.«
Ihm war es in der Tat einerlei, ob der Junge sich den halben Unterarm mit Blutergüssen und Striemen einfärbte. Nur entscheiden musste er sich schnell.
»Wenn du den Bogen spannst« Mit einer fließenden Bewegung zog er die Sehne der Waffe nach hinten, bis seine Hand ruhig unter dem Kinn zum Liegen kam.
»solltest du dich schnell entscheiden.« Langsam führte er seine Hand nach vorn, bis die Sehne sich wieder entspannte.
»Du bist ein kräftiger Bursche und die Zugkraft macht dir noch keine großen Probleme. Das ist gut. Aber du wirst merken, dass deine Muskeln schnell ermüden, wenn du die Sehne zu lange gespannt hältst.« Er blickte zu Isidor, der noch immer mit dem Lederschutz rumfingerte, anscheinend unsicher, ob er ihn tragen wollte oder nicht.
»Wichtig ist, dass du den Bewegungsablauf verinnerlichst. Such dir eine Stelle, bis zu der du die Sehne spannst und dann wiederholst du das Ganze erstmal. Fangen wir mal langsam an. Ein Dutzend Mal sollte reichen. Bitte sehr.« Mit einer ausladenden Geste deutete Armond auf nichts Besonderes, als wolle er Isidor auf die Bühne bitten.
»Aber bitte halt die Sehne fest.«
Felia
Nach kurzem Abwägen des Für und Wider eines solchen Armschutzes, legte Isidor ihn sich an. Rüstung war immer sinnvoll und wenn es ihn vor weiteren schmerzenden Striemen am Unterarm bewahrte, dann gab es keinen Grund, ihn nicht anzulegen.
„Ein Dutzend Mal?“, frage Isidor nach, bekam jedoch nur eine gehobene Augenbraue als Antwort. Armond würde sich wohl nicht wiederholen.
Ja richtig, er erwähnte, dass er Dinge nur einmal sagt, erinnerte sich der Hüne und schaute auf den Langbogen in seiner Hand.
Nun, dann würde er wohl zeigen, dass ihn das Bisschen Kraft, was er fürs Ziehen der Sehne brauchte, nicht allzu sonderlich forderte.
Mit derselben Position wie zuvor, Beine schulterbreit auseinander, linken Arm gestreckt, rechten Arm angewinkelt, zog er die Sehne erneut zu sich. Er versuchte auf Höhe seines Kinns innezuhalten, so wie der ältere Mann es getan hatte, und wartete einige Herzschläge, ehe er die Sehne langsam wieder entspannte.
So weit so gut und keine weitere Verletzung davongetragen, dachte er und wiederholte den Vorgang.
Bisher schienen seine Muskeln nicht sonderlich zu protestieren, dass er sie zur Bewegung aufforderte. Es half sogar gegen die Kälte. Allerdings musste er zugeben, dass die Bewegung ungewohnt war und er hatte sogar Schmerzen. Allerdings nicht im Arm oder in der Schulter, sondern in den Fingern, welche sich um die Sehne legten. Das Material schnitt unangenehm in seine schwielige Haut, in der sonst ein Hammer oder anderes Werkzeug lag. Doch so punktuell wie die gedrehten Stränge sich gegen das Ziehen wehrten, kannten seine Finger es nicht.
Zug um Zug wiederholte er die Übung, spürte mit jedem Mal mehr, dass er wirklich das Gewicht von einer kleinen Person bewegt. Vermutlich wogen Johanna, Frieda oder Felia ebenfalls um die vierzig Kilo, wenn er so darüber nachdachte, was ihn für einen Augenblick etwas dümmlich Grinsen ließ.
Nicht der beste Moment, um an die drei zu denken, wie sich herausstellte. Als die Sehne einmal mehr aus seinen unaufmerksamen Fingern glitt. Dieses Mal peitschte sie gegen den Armschutz und er war heilfroh, dass Armond ihm diesen gegeben hatte.
„Verdammt!“, fluchte er dennoch, weil er sich erschrocken hatte.
Zwei mehr Züge hatte er vor sich, doch ihm fiel auf, wie kräftig das Holz in seiner Linken vibrierte.
„Weshalb soll ich die Sehne eigentlich festhalten? Beim Schießen lässt man sie doch auch los“, fragte er Armond und hoffte auf eine Antwort, während er die letzten beiden Züge nachholte.
Die Bürger
16.02.2025, 12:34
»Weil du zu schwach bist.«
Die Antwort des Mannes war pointiert, ehrlich und verletzend. Die heilige Dreifaltigkeit der Informationsweitergabe in seinem Gewerbe. Daher ließ er das Gesagte wirken und beobachtete auf Isidors Gesicht die verschiedenen Phasen der Erkenntnis. Von vor Überraschung hochgezogenen Augenbrauen, die im nächsten Moment entrüstet zusammengezogen wurden und sich sogar der Mund zu einer schockierten Antwort öffnete, sich dann aber ob der einsetzenden Erkenntnis wieder schloss, sodass der mit für die Antwort gefüllte Brustkorb in sich zusammenfiel.
Armond nickte zufrieden.
Isidor war in der Tat cleverer als er aussah. Unterschätzt zu werden war eine der wichtigsten Qualitäten eines Spions.
»Spann nochmal den Bogen - halt diesmal die Sehne.«, befahl er und deutete auf die Wurfarme des Bogens.
»Siehst du, wie der Bogen zittert? Jede noch so kleine Bewegung kann dafür Sorgen, dass der Pfeil meterweit am Ziel vorbei fliegt. Und we- du kannst die Sehne jetzt entspannen, danke.« Er nickte dem Schmiedegesellen knapp zu.
»Wenn du einen Pfeil nicht nur auf einen halben Meter, sondern auf mehrere Dutzend genau schießen willst, dann muss dein Bewegungsablauf so fehlerfrei wie möglich sein. Kein Zittern. Deswegen hält man die Sehne auch nicht ewig gespannt - du legst den Pfeil an, spannst die Sehne und schießt. Kein minutenlanges Zielen.«, erklärte er langsam.
»Je besser du den Bewegungsablauf beherrschst, desto weniger lange brauchst du später zum Zielen und desto genauer wird dein Schuss. Die Sehne zu spannen erfordert Kraft - die hast du. Die Sehne aber langsam wieder zu entspannen braucht nicht nur Kraft, sondern auch Kontrolle - die brauchst du. Das ganze ein Dutzend Mal zu Mal zu machen, erfordert Ausdauer - die fehlt dir. Mal ganz davon abgesehen, dass es dir den Bogen ruiniert, wenn du ständig irgendwelche Leerschüsse machst.«
Isidor nickte verstehend.
Das war gut.
»Aber genug der Theorie. Sehne ab - wir ziehen weiter. Such dir eine Richtung aus und pack deine Sachen zusammen.«
Felia
„Ich… also…“
Isidor blickte verloren von links nach rechts. Wenn er sich richtig erinnerte, dann lag in der Richtung hinter den Bäumen Stewark. War das Norden?
Um sich Zeit zu verschaffen, löste er die Sehne vom Bogen. Er drückte die eine Seite mit dem Fuß auf den Boden, presste den oberen Wurfarm nach unten und die Sehne ließ sich leicht entfernen.
Verdammt, das ging schneller, als das Spannen des Bogens und jetzt weiß ich immer noch nicht, in welcher Richtung überhaupt irgendetwas liegt.
Um noch mehr Zeit zu gewinnen rollte er die Sehne sorgsam zusammen, griff nach seiner Tasche und…
„Isidor! Eine Richtung!“, herrschte Armond ihn an, dessen Geduld gewohnt zum Reißen gespannt war.
Gut, dass die Bogensehne unter Spannung nicht gerissen war.
„Da lang!“, zeigte der Hüne nervös in eine beliebige Richtung.
Dummerweise war es wohl die falsche gewesen, wenn es denn eine gab. Denn Armond schaute ihn mit einem Ausdruck an, der zwischen Ungläubigkeit, Belustigung und Wut schwankte. Eine eindrucksvolle Kombination, die Isidor so noch nie gesehen hatte.
„Dann geh mal voran“, war die spöttische Aufforderung des Spions und dem Schmied blieb keine Wahl, als sich zu fügen.
Sein Gepäck geschultert, den ungespannten Bogen in der Hand, stapfte er in die zufällige Richtung, in welche er gedeutet hatte. Sie waren nach wie vor von Bäumen umgeben und die winterlichen Temperaturen herrschten unter dem Blätterdach vor.
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen trat Isidor durch das Unterholz, immer geradeaus, soweit die Vegetation es zuließ. Er spürte den Blick Armond in seinem Rücken, der ihn wie abgeschossene Pfeile durchbohrte.
„Also… wenn man die Sehne ohne Pfeil loslässt, dann schadet das dem Bogen?“, fragte er nach, um nicht in Stille seinen Gedanken nachhängen zu müssen, „Das ist wie, wenn man auf eine Bronzeplatte hämmert, ohne einen Sandsack zwischen Amboss und Werkstück zu legen. Man schadet dem Material mehr, als dass man es formt.“
Während er auf eine Antwort wartete, trat er überraschenderweise ans Ende des kleinen Waldstücks und blickte über das weite Meer, welches tief unter ihm gegen einen rauen Strand ankämpfte.
„Oh…“
Die Bürger
18.02.2025, 22:05
»In der Tat: Oh.«, fasste Armond zusammen. Die Schadenfreude in seiner Stimme war so deutlich zu hören, dass er sich das süffisante Grinsen beinahe verkneifen wollte. Beinahe.
Statt aber auf der zugegeben überaus mangelhaften Orientierung des jungen Mannes weiter rumzuhacken - seine Gesichtsfarbe allein machte mehr als nur deutlich, dass er sich der Peinlichkeit dieser Situation durchaus bewusst war - nutzte er die Gunst der Stunde für eine doppelte Trainingseinheit.
»Wenn du dich anstrengst und die Augen zusammenkneifst, dann kannst du dort im Süden die gespaltene Jungfrau erkennen.« Er deutete mit ausgestrecktem Arm an der Küste entlang.
»Noch ein Stückchen südlicher als der Flusslauf dort.« Der Hauch eines Schmunzelns huschte ihm über die Züge, als er nun doch etwas stichelnd hinzufügte »Nur als... Orientierungshilfe.«
Dann aber nahm er den Bogen in die Hand, legte die Sehne an und schoss einen Pfeil auf ein uraltes Holzfass, das einige Meter in Blickrichtung auf einem Vorsprung der Klippe stand. Das Versteck irgendeines längst gehängten Schmugglers, Plünderers, Wilderers oder sonstigen Tunichtguts befand sich in etwa zehn Schritt tiefe mitten in der Klippenwand und bot eine ganz hervorragende Gelegenheit, an Isidors Schusstechnik zu feilen.
»Nimm dir Pfeile aus meinem Köcher. Ich mache hier vorerst Pause, bis du das Fass getroffen hast. Wenn du Fragen hast - frag. Die Grundlagen kennst du jetzt.«
Felia
Bis eben noch köstlich amüsiert und die pissdünne Plörre in der Hand haltend, die sich hier Bier schimpfte, zog Ellie auf die letzte Bemerkung ihres Freundes angewidert die Lippe nach oben. Luuk hatte es meisterlich verstanden, mit seiner dummen Bemerkung die heilige Dreifaltigkeit derjenigen Themen aufzugreifen, mit der er Ellie am meisten auf die Palme brachte. Dass er ihr vorher ein Bier spendiert hatte, das mittlerweile in ihrem Kopf angekommen war, half da nicht sonderlich.
»Ich kann dir meinen Holzfuß gern so weit in den Arsch schieben, dass du die Holzwürmer darin im Mundraum krabbeln spürst.«, fauchte sie ihm wütend entgegen und hämmerte den leeren Bierkrug donnernd auf den Tisch.
»Die haben dann so herrlich viel Platz, nachdem ich dir die Zähne aus deinem dummdämlich grinsenden Gesicht geprügelt habe, du menschgewordene Platzverschwendung.« Die giftig sprühenden Funken ihrer Worten reichte nicht aus, um der aufflackernden Flamme des Zorns den Nährboden zu entziehen. Sie kochte förmlich über und Luuks hässliche Visage war der Blasebalg, der den Flammen Nahrung schenkte.
»Wenn du was gekocht haben willst, du gieriger Fettsack, dann stell dich selbst an den Herd. Ich bin nicht deine Mutter und Adanos sei Dank auch nicht dein Eheweib. Also nimm die zwei Hände, die die Götter dir geschenkt haben und nutze sie.« Sie spuckte lautstark aus.
»Und wenn du schon dabei bist, dann nutz doch gleich deine beiden Beine und mach dich vom Acker, um dir einen Schlafplatz zu suchen. Wenn ich dich heute Abend im Unterschlupf zu sehen bekomme, dann möge Beliar deiner Seele gnädig sein. Denn bei seinem wässrigen Bruder Adanos - ich werde es nicht sein.«
Mit diesen Worten erhob sie sich und warf Jasque einen kurzen Blick zu.
»Wir sind hier fertig.«
Der kalte, aber überraschenderweise nicht unangenehme Wind, der ihnen vom Meer aus entgegenwehte, ließ die Sehne erzittern, welche Isidor soeben wieder an den Bogen gespannt hatte. Er war schneller gewesen als zuletzt, doch so richtig wollte er noch nicht die korrekte Vorgehensweise finden und hatte mehrfach neu ansetzen müssen.
Armonds schnippische Bemerkung über einen Ort namens Gespaltene Jungfrau ließ er unkommentiert. Ja, man konnte eine Art Haus in scheinbar südlicher Richtung erkennen, doch um was genau es sich dabei handelte, wusste er nicht. Was Orientierungshilfen anging, war er bisher ohnehin ein hoffnungsloser Fall gewesen. Es nutzte ihm einfach nicht viel, wenn er eine Landmarke sah, aber nicht einschätzen konnte, was ihm dieses Wissen brachte. Derzeit waren sie wohl nördlich dieser Gespaltenen Jungfrau und wenn er in die entgegengesetzte Richtung schaute, sah er Stewark über dem Meer auf seiner Klippe thronen. So weit so gut.
Doch für die Aufgabe, dieses einsame Fass am Rande der Insel mit einem Pfeil zu treffen, brauchte er nicht zu wissen, ob er sich am Mittelpunkt des Morgrads befand oder am Ende der bekannten Welt. Ein kleines Bündel an Pfeilen hatte er sich aus Armonds Köcher genommen und sofort bedauert, dass er nicht selbst einen solchen Behälter hatte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Projektile auf den Boden zu legen. Danach versuchte er herauszufinden, was die beste Methode war den Pfeil anzulegen. Es sah immer so einfach aus, wenn andere es machten, doch er fand sich einiger Probleme gegenübergestellt, über die er zuvor niemals nachgedacht hatte. Mit welchen Fingern hielt er den Pfeil fest und mit welchen spannte er die Sehne? Legte man ihn rechts oder links vom Bogen an? Lag das Geschoss auf der Hand auf, die den Bogen hielt oder reichte der Druck, mit dem man ihn gegen das Holz drückte?
Nach einigen Versuchen, bei denen der Pfeil noch vor dem Loslassen der Sehne zur Seite schwenkte oder gänzlich runterfiel, gab er auf und stellte seine Fragen. Armond beantwortete sie recht knapp, doch es reichte, damit Isidor seinen ersten Pfeil verschießen konnte. Wenn man es so nennen wollte, denn tatsächlich schlug er wenige Schritt vor ihm auf dem felsigen Untergrund auf und zerbrach durch die Wucht des Aufpralls.
Bewusst versuchte der Schmied seinen Lehrer zu ignorieren, der im Begriff war eine abfällige Bemerkung loszuwerden oder gar wütend darüber zu werden, dass der Blondschopf seine Pfeile zerstörte.
Die nächsten Schüsse geschahen mit mehr Feingefühl, zu viel Feingefühl, denn sie erreichten nicht das Fass. Mit mehr Kraft flog einer der Pfeile über den Rand der Klippe hinab ins Meer und war wohl ebenfalls für immer verloren.
Grummelnd sammelte Isidor die verschossenen und heilgebliebenen Pfeile wieder ein, bevor er sich wieder in Position brachte. Den linken Fuß nach vorn, den rechten etwas schräg nach hinten. Der Bogen in seiner ausgestreckten linken Hand, auf der auch der Pfeil ruhte, während seine Rechte die Sehne samt eingenocktem Pfeil nach hinten bis auf die Höhe seines Kinns zog.
Armond hatte Recht damit, dass es anstrengend war die Sehne über einige Zeit gespannt zu halten, doch im Moment lag Isidors Priorität woanders und er versuchte sein klopfendes Herz zu beruhigen und langsamer zu Atmen.
Wie beim Hammerschlag in der Schmiede atmete er in dem Moment aus, in dem er zuschlug, oder in diesem Fall die Sehne entließ. Wie die Male zuvor ging ein kräftiger Ruck durch den Bogen und die Wurfarme vibrierten noch einen Moment nach, als sich die Kraft durch den Körper des Hünen verteilte.
Er blickte dem Pfeil hinterher, der nach mehr als zwei Dutzend Versuchen der Erste war, der erstaunlich gerade flog. Auch die Richtung stimmte, doch schlussendlich arbeitete der Wind gegen ihn und das Projektil traf in einem schrägen Winkel auf das morsche Fass, schlug einige Holzsplitter frei und landete schlussendlich neben dem eigentlichen Ziel.
Der kühle Vormittag hatte sich in Stewark breitgemacht, als Thorek den Rückweg antrat. Er hatte die Felle erfolgreich verkauft, wenngleich eine lange Verhandlung von Nöten war, und lief zurück in Richtung Gasthaus. Als er an der Werkstatt vorbeiging, die sich in einer belebten Ecke der Stadt befand, wurde er unverzüglich von dem vertrauten Klang des Hammers und dem Geräusch eines Schleifsteins begrüßt. Der Schmied, ein kräftiger Mann mit einem freundlichen, aber geschäftigen Blick, blickte kurz auf, die herannähernde Gestalt im Augenwinkel bemerkt.
"Thorek, gut, dass du da bist!" rief der Schmied, ohne viel Aufhebens zu machen. "Ich habe alle Werkzeuge fertig repariert. Sie sind bereit, um zurück zu Gernot gebracht zu werden." Der Schmied legte den Hammer bei Seite, zog sich seine Handschuhe aus und signalisierte Thorek, ihm zu folgen. Im Innern der Schmiede angekommen, lagen die Werkzeuge bereits ausgebreitet auf dem Tisch. "Wie neu!" stellte der Schmied fest und lobte damit seine eigene Arbeit. Thorek hatte nicht viel Ahnung von solchen Dingen und nickte bereitwillig. Er löste einen kleinen Lederbeutel von seinem Gürtel und zählte die Münzen ab, die er von Gernot erhalten hatte.
Das Klimpern der Münzen stellte den Wirt zufrieden, der kurz darauf die Werkzeuge in ein grobes Leinentuch einwickelte und sie in den Holzkarren legte, den Thorek dankenswerterweise beim Schmied stehen lassen durfte. "Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch vor Einbruch der Dunkelheit!" stellte der Schmied fest, während er den Karren nach draußen ins Freie zog. "Ja, gewiss. Vielen Dank für die schnelle Erledigung. Ich bin sicher, ich werde schon bald neue Werkzeuge vorbeibringen!" erwiderte Thorek.
Mit einem letzten prüfenden Blick auf den Schmied, der bereits wieder in die Arbeit vertieft war, entfernte sich Thorek von der Werkstatt. Er trat zurück in die Gassen von Stewark, die von einem gedämpften Licht erfüllt waren. Die Kopfsteinpflasterstraßen waren noch ruhig, doch hier und da waren vereinzelte Stimmen und das Klirren von Geschirr zu hören. Die Luft war frisch und kühl, was ihn angenehm und belebend machte und den Marsch zurück zu Bauer Gernot erleichtern sollte.
Götter, der hatte ihm gerade noch gefehlt. Was wollte denn Na-Cron auf einmal von ihm? Monatelang kein einziges Zeichen von dem Bergmann und gerade heute, an dem Tag, an welchem Syrias die Schmiede verlassen musste, stand der Kerl auf einmal vor ihm. Und er war auch noch so scheiß freundlich!
"Ganz schlechter Zeitpunkt, Mann." knurrte der Söldner giftig.
Na-Cron riss erschrocken die Augen auf und trat hektisch einen Schritt zurück. Abwehrend hob er die Hände, wobei sein weiter Umhang etwas aufklaffte und die Robe eines Adepten enthüllte. Hat der Kerl es also tatsächlich da rein geschafft, dachte Syrias für einen kurzen Moment. Doch im nächsten schon sprach sein Gegenüber und versuchte stotternd sich zu entschuldigen.
"Syrias, entschuldige. Ich wusste nicht, dass du grade keine Zeit hast, ich wollte dich nur kurz etwas fragen..." brachte der Bergmann noch hervor. Seufzend winkte Syrias ab, Na-Cron konnte ja nicht wissen, dass der Waffenschmied seit heute nicht mehr hier arbeiten durfte. Und für seine schlechte Laune war er nun auch nicht verantwortlich. Der Söldner bedeutete ihm mit einer Geste zu folgen.
"Komm, wir gehn ein Stück."
"Was ist los, Syrias? Und warum siehst du aus, als wolltest du auf Reisen? Hast du einen Auftrag?" Fragte Na-Cron vorsichtig. Syrias schüttelte den Kopf und spuckte aus.
"Bin seit heute ohne Arbeit. Taron [I]braucht/I] mich nicht mehr. So einen Scheiß, er braucht mich nicht mehr." Der Söldner trat wütend einen Stein weg, welcher mit Schwung über das Pflaster schoss, bevor er klackernd irgendwo verschwand.
"Und da er zur Handwerkergilde gehört, brauch ich mich sicher nicht bei irgendeinem anderen Schmied umsehen. Und da ich keine Kohle für ne eigene Schmiede habe..." Syrias hob frustriert die Schultern, "werd ich Stewark wohl verlassen. Vielleicht kann man irgendwo anders nen guten Waffenschmied gebrauchen."
Die Bürger
22.02.2025, 00:40
»Hm.« Der Mann brummte unzufrieden.
»Zählt das jetzt?«
Den Pfeil begutachtend war er an die Seite seines Schülers getreten und stremmte fragend die Hände in die Hüften.
Isidor hatte Fortschritte gemacht. Nicht nur, dass er Kleinigkeiten an seiner Haltung korrigiert und sich einen ordentlichen Griff an die Pfeile angewöhnt hatte, der Schmiedejunge hatte nun endlich auch Fragen gestellt.
Wichtige Fragen. Solche, die zeigten, dass er einerseits zuhörte, andererseits nachdachte und schlussendlich das Gehörte und Gelernte zu begreifen versuchte. Wichtige Eigenschaften für einen Schüler. Noch wichtigere für jemanden, der in Armonds Diensten stand.
»Verletzt hättest du damit vermutlich niemanden.«, stellte er nach einer Weile nüchtern fest und betrachtete den Pfeil, der für immer unerreichbar neben dem Fass liegen würde. Ein sentimentalerer oder abergläubigerer Mensch hätter sicherlich in irgendeiner Weise ein Omen darin erkannt. Sei es nun ein gutes oder ein schlechtes. Für Armon aber war das einerlei. Es war ein Pfeil von durchschnittlicher Machart, der neben einem uralten Fass irgendwo in den Klippen Stewars lag. Nicht mehr. Nicht weniger.
Und genau da würde er liegen bleiben. Er war nämlich mit absoluter Sicherheit nicht wahnsinnig genug, für eine Handvoll einfacher Pfeile sein Leben aufs Spiel zu setzen. Und Isidor - entschied er - hatte sich heute klug genug angestellt, dass auch er nicht an der Klippe herumkraxeln musste, um die verschossenen Pfeile zurück zu holen.
»Aber ich bin ein Mann meines Wortes. Ich habe gesagt, du sollst das Fass treffen und das hast du zweifelsfrei geschafft.« Er nickte anerkennend.
»Deine Form ist gut.«, erklärte er und bedeutete seinem Schüler, erneut einen Pfeil an die Sehne zu legen.
»Du bist tatsächlich kräftiger als ich gedacht habe. Das ist sogar sehr gut - ein Bogen mit mehr Zugkraft ist perspektivisch eine sinnvolle Anschaffung. Ich werde sehen, was ich tun kann.« Er drückte und schob ein wenig an Isidor herum.
»Du solltest den Pfeil immer an dieselbe Stelle der Sehne legen. Das braucht etwas Übung. Bis du soweit bist, können wir dir die Mitte markieren.« Er zückte seinen Bogen und legte einen Pfeil an.
»Siehst du, wie die Spitze sich bewegt, wenn ich das Ende nur ein winziges Bisschen auf der Sehne verschiebe? Diese Ungenauigkeit wird stärker, je weiter der Pfeil fliegt.«
Zur Demonstration schoss er einen weiteren Pfeil auf das Fass. Einen weiteren legte er ein winziges Stück höher an die Sehne und beobachtete wie dieser mit einem dumpfen Geräusch von der Steinwand abprallte und für einige Sekunden in die Tiefe stürzte, ehe er in der Gischt verschwand.
Nein.
Er würde Isidors Pfeil definitiv genau da lassen, wo er lag.
»Siehst du?«
Er nahm die Sehne vom Bogen und blickte zu dem Schmiedeburschen.
»Was hast du richtig gemacht? Welche Probleme hattest du? Wie wirst du zukünftig damit umgehen?«
Felia
Mit auf die Hände gestütztem Kinn betrachtete Frieda ihre Freundin beim Essen und lächelte.
„Langsam, Süße! Wenn du so weitermachst, stirbst du mir irgendwann mal noch an einem Zuckerschock!“
Johanna sah mit dicken Backen von ihrer Zimtschnecke auf. „Daf iffef mir wert!“, rief sie grinsend und widmete sich wieder ihrer Süßspeise. Die hatte sie sich eindeutig verdient – schon allein, um sich für ihre Geduld zu belohnen, die Winstan wieder einmal bis auf’s Ärgste ausgereizt hatte. Götter, sie war kurz davor gewesen, einfach allein auf Streife zu gehen, weil der Lump mal wieder nicht aufgekreuzt war! Und das, was an ihrem ersten gemeinsamen Tag geschehen war, hatte sie ihm auch noch nicht so ganz verziehen. Also war auch der heutige Tag eine Geduldsprobe gewesen, deren Ende sie sich am schönsten Ort, den sie kannte, versüßen musste.
Es hatte sie fuchsteufelswild gemacht, wie schnell Piero, dieser wieselige, silberzüngige, schlüpfrige Hund von einem Halunken wieder auf freiem Fuß gewesen war. Ja, sie hatte dem Gefängnis kaum den Rücken zugekehrt, da hatte der Mistkerl es auch schon wieder verlassen! Winstan hatte natürlich nichts davon gewusst haben wollen, und als sie darauf zu Hertan gegangen war, hatte der nur wortkarg und grimmig darauf geantwortet, dass Piero offenbar recht einflussreiche Freunde hatte.
„Du hast trotzdem richtig gehandelt“, hatte er gesagt, „aber in diesem Fall müssen wir ihn ziehen lassen.“
Und das war es auch schon gewesen. Verfluchte Heimlichtuerei. Sie biss erneut in ihre Zimtschnecke.
„Immer noch Ärger bei der Wache?“, fragte Frieda mit einer zuckersüßen Unschuldsmiene.
„Nix Neues“, entgegnete Johanna, als sie heruntergeschluckt hatte. „Ich bin nur immer noch sauer darüber, dass Leute wie Piero offenbar machen können, was sie wollen.“
„Ja, er scheint ein umtriebiger Mensch zu sein“, sagte Frieda. „Auch wenn ich nicht mehr mit ihm zu tun habe, als ihm täglich ein paar Laibe Brot in die Torwirtschaft zu bringen.“ Sie zeigte auf Johannas Brust. „Hast du nicht gesagt, dass deine Rüstung bald fertig ist?“
„M-hm!“, bejahte Johanna, während die letzten Bissen den Weg in ihren Mund fanden. „Ich gehe gleich noch zu Alberich deswegen. Mal schauen, ob Isi noch da ist, oder ob er sich schon Innos-weiß-wohin verzogen hat.“
Der Sonnenschein in Friedas Miene trübte sich ein. Da begriff Johanna, dass sie ein schlechtes Thema angesprochen hatte.
„Tschuldige. Wollte ihn nicht wieder ansprechen.“
Frieda winkte ab. „Ach, ist schon gut. Wir haben das ja schon diskutiert. Auch wenn unsere Verabredung schön war und er nett und süß, hat er einfach andere Dinge im Kopf. Und vielleicht auch andere Personen.“
Der letzte Bissen ihrer Zimtschnecke blieb Johanna ziemlich schwer im Halse stecken. Frieda hob seufzend die Arme und mühte sich, zu lächeln.
„Was nicht passt, kann man nicht erzwingen. Soll er erstmal seine Dinge klären. Und vielleicht ergibt es sich ein andermal ja doch.“
Johanna erhob sich von ihrem Hochstuhl und zog Frieda über die Ladentheke hinweg in eine herzliche Umarmung. „Ach, Frieda … immerhin haben wir uns, hmm?“
Ihre Freundin legte ebenfalls die Arme um sie. „Da hast du Recht. Aber jetzt geh und hol dir deine Rüstung, ja? Ich wette, du stiehlst so manchem Kerl das Herz, wenn du dann aufgemotzt und glänzend durch die Straßen läufst. So etwas strahlt Autorität aus.“
Kichernd löste sich Johanna auf der Umarmung.
„Ja klar, du Spinnerin. Autorität! Aber gut, ich füge mich deinem Willen und deiner Weisheit, meine Liebe. Bis bald, Frieda!“
„So hör ich das gern!“, rief die liebenswerte Bäckerin ihr zu. Aber da war sie schon halb zur Tür hinaus. „Sei keine Fremde!“
„Werd ich nicht!“, erwiderte Johanna, als die Tür sich schloss und die durch die ersten Frühlingsboten gemilderte Winterkälte sie wieder umfing. Und sie schlug den Weg gen Süden ein, in Richtung der Schmieden. Es wurde Zeit, dass sie auch aussah wie eine Stadtwächterin.
Es war ein ruhiger Morgen in der Torwirtschaft. Die drei Stammgäste hatten sich an drei unterschiedliche Tische verteilt und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Christel saß neben ihrem gewaltigen Topf am Kaminfeuer und sprach mit Bruno, der mit geschlossenen Augen an ihrer Seite ein Nickerchen hielt. Livia hatte sich gerade erst zur Arbeit geschleppt und die Schürze umgebunden, den Kater immer noch im Gesicht und ein Vogelnest ungepflegter Haare auf dem Kopf. Alles ging seinen Gang – bis Lares die Taverne betrat.
Als hätte er auf sein Eintreffen gewartet, sprang Piero von seinem Ruheplatz nahe der Tür auf und hielt strammen Schrittes auf ihn zu. Der Dolch in seiner Hand ging geradewegs an Lares‘ Kehle.
„Lares, alter Gauner! Begleite mich doch, wir haben zu reden.“ Und er deutete mit dem Kopf in Richtung der Kellertreppe.
Pieros Gast und Lehrer breitete unschuldig die Arme aus und fügte sich lächelnd in sein Schicksal.
„Selbstredend. Zeigst du mir den Weg?“
„Zu gerne.“ Piero stieß Lares vor sich her und schließlich die Treppe hinab. „Achtung, die Stufen sind glatt!“
Der Lump stürzte wohl oder übel die Stufen hinab, fing sich jedoch mit einer eleganten Rolle und kam lässig zum Stehen, als wäre nichts gewesen. „Kommst du?“
Piero murrte durch zusammengebissene Zähne und stieg ebenfalls hinab.
„Wenn du das nächste Mal in meinem Rücken Wache hältst, dann erwarte ich, dass du auch Wache hältst und dich nicht in den Schuppen versteckst, ohne mir Bescheid zu geben, stronzo!“
Lares hob die Schultern. „Sieh es als kleine Erinnerung, dass wir verdammt gut aufpassen müssen, wenn wir unserer Profession nachgehen. Eigentlich hätte es auch ein strenges Wörtchen getan, aber es lief zugegeben etwas aus der Hand dank der kleinen Neuen. Du weißt nicht zufällig, wer sie ist, oder?“
Piero schnaubte und fühlte sich einen Augenblick lang versucht, den Dolch direkt an Lares‘ lächelnder Visage vorbei zu werfen, doch er besann sich eines Besseren und steckte die Waffe fort.
„Ich kenne das Mädchen. Mach dir keine Hoffnungen, die ist eine hoffnungslose Idealistin und nimmt dein Gold sicher nicht.“
„Oh, das wäre mir nie in den Sinn gekommen“, entgegnete Lares. „Aber sie hat eine gute Beobachtungsgabe. Ich werde sie im Auge behalten.“
„Ja, und sie und die ganze verfluchte Stadtwache behalten mich dafür jetzt im Auge.“
„Immerhin bist du draußen, oder?“
Einige Herzschläge lang starrte Piero seinen Kumpanen nur durch verengte Augen an. Schließlich sagte er leise. „Wieso?“
„Wo kein Kläger, da kein Richter“, antwortete Lares leichthin. „Die Hausbesitzer haben deutlich gemacht, dass es sich nicht um einen Einbruch gehandelt hat. Also gab es keinen Grund, dich festzuhalten.“
Erneut ein langer Moment des Schweigens.
„Es ist dein Haus, oder?“
„Nein, nicht meines. Aber ich gehe öfter ein und aus und nutze es – weißt du was? Folge mir! Du wirst schon sehen!“
Lares trat an Piero vorbei, als wäre nichts gewesen, und stieg die Treppe hinauf.
„Warte mal! Ich will nicht zurück zu diesem … merda!“
Den ein oder anderen leisen Fluch auf den Lippen setzte Piero ihm nach.
Oben angekommen, war Lares schon fast aus der Torwirtschaft hinaus. Als Piero ihm nachlief, gab Livia ihm ein schiefes Grinsen mit auf den Weg. „Na, habt ihr heimlichen Alte-Männer-Kram gemacht da unten? Wart aber schnell fertig.“
„Von uns alten Männern könntest du dir noch viel abschauen, bambola“, murrte er verärgert darüber, dass sie ihn ernsthaft in die gleiche Altersklasse wie Lares steckte, obwohl er vermutlich hätte dessen Sohn sein können. „Sauf nicht alles leer, während ich weg bin.“
„Sicher, Alter“, rief sie, doch da war er schon an ihr vorbei und hatte zu Lares aufgeschlossen.
Als sie das Schild von Alberichs Rüstschmiede erblickte, fühlte sich jeder Schritt – zuvor noch zielstrebig und bestimmt – nun schwerfälliger an. Und als sie endlich die Tür erreichte, hielten ihre Füße inne.
Sie zweifelte. Ob die Rüstung tatsächlich schon fertig war? Es war ja nicht so, als hätte ihr jemand Bescheid gegeben, dass sie das gute Stück abholen konnte. Es waren zwar bereits einige Tage vergangen, seit sie gemeinsam mit Herrin Liuven hierher gekommen war, aber ehrlicherweise hatte sie nicht wirklich eine Vorstellung, wie lange es brauchte, die Brustplatte auf ihre Maße anzupassen und den Helm sowie die Schulter- und Schienbeinschützer zu fertigen. Johanna wollte es sich mit dem Griesgram am Amboss nicht verderben, indem sie ihm zu früh auf die Nerven ging.
„Jetzt tu nicht so, als ob das der Grund wäre“, flüsterte sie zu sich selbst. Natürlich war es das nicht. Der Grund, warum sie zögerte, war der Mann, der für Alberich arbeitete. Der Mann, dem sie sich vor wenigen Tagen noch beinahe um den Hals geworfen hätte, nur um zu erfahren, dass er sie für seine Rachegedanken zurückließ – zumindest für den Moment.
Johanna wollte es nicht gelingen, ihre Gedanken zu alldem – zu nihm – zu ordnen. Sie hatte sich so klare Ziele und Prioritäten gesetzt, hatte hart dafür gearbeitet und ging ihren Weg. Doch Isidor brachte all das durcheinander. Sie wollte ihn bei sich haben, ganz nah sogar, doch je näher sie ihm kam, desto mehr verlor sie die Kontrolle. Und er? Er schien ihre Gefühle weder wahrzunehmen, noch zu teilen. Und nun, da er auszog, um das Kämpfen zu lernen? Ihr Magen verkrampfte sich bei dem Gedanken daran. Denn er konnte sich selbst vorlügen, so viel er wollte: sein Antrieb war nicht, die Stadt zu schützen. Ihm ging es nur um Rache. Sie wusste es, denn sie hatte an seiner Stelle gestanden. Doch sie hatte die Vergangenheit hinter sich gelassen. Und er? Würde sie ihn einholen und verzehren? War es vielleicht besser so, dass er den Abstand suchte? Immerhin hatte er sich bewusst für den Pfad entschieden, der zu noch mehr Leid und Tod führte.
Nicht, dass ihre Gedanken und Gefühle zu ihm und seinen Entscheidungen im Moment wirklich eine Rolle gespielt hätten. Immerhin war er, nach allem, was er ihr erzählt hatte, bereits fort und außerhalb ihrer Reichweite.
Johanna seufzte schwer. Ja, sie musste loslassen und sich auf ihren eigenen Weg konzentrieren. Zumindest für den Moment.
Sie öffnete die Tür und trat ein. An einer Werkbank im hinteren Teil der Werkstatt saß Alberich, augenscheinlich mitten in einer feineren Arbeit innehaltend, während die nette Frau mit ihm sprach, die beim letzten Besuch im Nebenzimmer gearbeitet hatte.
„Hallo“, grüßte sie mit dem schüchternen Gebaren einer Frau, die sich fehl am Platze fühlte. „Da ich beim letzten Mal vergessen hab, zu fragen: Ich wollte mich erkundigen, wie lange es ungefähr noch dauern wird, bis meine Rüstung fertig ist.“
Sie kaute auf ihrer Lippe. „Oder … ist sie es vielleicht schon?“
All diese Fragen. Er wollte doch bloß lernen, wie man mit dem Bogen schoss. Wer hätte gedacht, dass es so viel dabei zu beachten gab? Pfeil anlegen, Sehne loslassen, treffen. So jedenfalls hatte er es sich immer vorgestellt, wie die Jäger und Bogenschützen in Vengard vorgingen. Außerdem war er überrascht, dass Kraft eine zentrale Rolle beim Nutzen eines Bogens spielte, obwohl das wohl von der Zugkraft abhing, die Armond anfangs angesprochen hatte. Ein kleinerer Bogen wäre wohl einfacher zu handhaben, aber weniger durchschlagskräftig. Jäger nutzten, soweit er wusste, eher kleinere Bögen.
„Wäre es sinnvoll um die Stelle, wo der Pfeil am besten am Bogen liegen sollte, ein gefärbtes Lederband zu winkeln? Das hat mein Vater einst mit Kerben im Amboss gemacht, wenn er mir beibrachte, wo ich draufzuschlagen hatte.“
Die mit seinem Vater verbundenen Gefühle unterdrückte er, da er einen klaren Kopf behalten wollte und konzentrierte sich mehr auf Armond, der an ihm herumzog, während Isidor einen weiteren Pfeil angenockt hatte. Solange bis er zufrieden war und ihn auf einige Dinge besonders aufmerksam machte wie die Haltung des Ellbogens vom Zugarm und die Form der Finger, die den Pfeil stabilisierten. Als der Hüne zu Armonds Zufriedenheit alles abgenickt und sein Verständnis beteuert hatte, ließ er ihn die Sehne wieder entspannen und demonstrierte seinerseits, was für einen großen Unterschied bereits eine kleine Abweichung der Platzierung des Pfeils machen konnte.
Für den Schmied war es ein wenig wie der Unterschied, ob man den Hammer ganz unten am Haft oder direkt unter dem Hammerkopf griff. Ersteres ließ den Schwung stärker werden, aber ungenauer und letzteres war für präzisere Schläge hilfreich.
„Ich habe irgendwann bemerkt, dass es sinnvoll ist den Pfeil an die vom Zugarm entgegengesetzte Seite des Bogens anzulegen, weil er so mehr Stabilität hat. Leider macht es das Anlegen langsamer“, erklärte er seine größte Erkenntnis, ehe er auf seine ihm bewussten Fehler einging, „Wie du schon sagtest, flogen meine Pfeile immer anders, weil ich nie dieselbe Stelle beim Nocken genommen habe. Als ich es auf zu viel Kraft und daraus entstehender Ungenauigkeit geschoben habe, war die Sehne zu lasch und die Pfeile sind nicht mal über die Klippe geflogen. Und schlussendlich… weiß ich nicht warum mein letzter Versuch daneben ging. Es sah aus, als würde ich treffen, aber dann doch nicht. War der Pfeil nicht in Ordnung?“
Er überlegte noch einmal, doch kam nicht auf den Grund, bevor er die letzte Frage seines Lehrers beantwortete.
„Ich würde umsetzen, was du mir gesagt hast. Die Stelle am Bogen finden, wo ich den Pfeil anlegen und damit treffen kann und diese verinnerlichen. Nicht zu wenig Kraft benutzen und… ja“, zählte er auf, „Oh! Und was kann ich machen, wenn ich das Ziel nicht ordentlich sehen kann, weil der Wurfarm im Weg ist? Ich hab versucht dran vorbeizuschauen, aber der Pfeil ging dann völlig daneben.“
Die Bürger
02.03.2025, 10:25
Armond, der es sich mittlerweile auf dem Boden bequem gemacht hatte, lauschte aufmerksam den Schilderungen seines Schülers, der zwar mühevoll aber dadurch durchaus durchdachte Antworten auf die ihm gestellten Fragen präsentierte. Er befolgte Anweisungen, wann immer es wichtig war und dachte für sich selbst, wo immer es nötig war. Insgesamt also eine für ihn als Auftraggeber und Lehrer durchaus angenehme Kombination.
»Verzeih mir, wenn ich Punkte vergessen sollte - das war eine umfangreichere Antwort als ich sie erwartet habe.«, gestand der Schütze und hob beschwichtigend die Hände.
»Du kannst gerne Schleifchen und Bänder in dein Haar wickeln, wenn es dich glücklich macht, aber bei allen Göttern, wenn du irgendwas an die Sehne wickelst, ist unser Unterricht vorbei.«
Kopfschüttelnd kramte er in seiner Tasche und warf Isidor einen Kohlestift zu.
»Keine Sorge, du musst keinen Aufsatz schreiben, mein Gutester. Markier dir die Mitte der Sehne damit. Behalt den Stift - wann auch immer die Farbe abgetragen ist, erneuere die Markierung. Das sollte genügen.«
Er wartete mit seinen Ausführungen einen Herzschlag lang, bis Isidor fertig war auf der Sehne herumzukritzeln. Dann fuhr er in ruhigem Tonfall fort.
»Hier an der Küste peitscht der Wind viel stärker als sonst wo, weil es nichts gibt, was ihn bremsen könnte. Auch an einem eigentlich ruhigen Tag wie heute ist der Einfluss, den der Wind auf den Flug deiner Pfeile hat, viel stärker.«
Der mittelalte Mann beobachtete zufrieden, wie Erkenntnis in Isidors Augen aufblitzte.
»Im Gegensatz zu allem anderen, was ich dir bisher gezeigt habe, gibt es dafür keinen Kohlestift, nichts an deiner Haltung und auch sonst wenig, was du tun kannst. Du brauchst Erfahrung. Ein Gefühl dafür, wie der Wind einen Einfluss auf deinen Pfeil hat. Genauso wie es mit der Temperatur oder dem Wetter ist. Und selbst wenn du diese Erfahrung hast, dann kann dich auch nach Jahrzehnten ein Windstoß noch überraschen.«, gestand er mit einem Schulterzucken.
»Deine Erfahrung verringert die Zufälligkeit eines Schusses auf ein Minimum. Aber niemals auf Null.«
Auf seinem Gesicht machte sich ob seiner weisen Worte beinahe so etwas wie ein zufriedenes Lächeln breit und für einen Augenblick lang genoss er selbst, was er gesagt hatte. Ein gesundes Maß an Selbstbeweihräucherung hatte noch niemandem geschadet. Insbesondere in einer so nach Fisch stinkenden Gegend wie Stewark.
»Ich schlage vor, dass wir eine kleine Pause einlegen. Es wird langsam spät und meine Kehle ich ganz furchtbar trocken von all der Rederei. Ich bereite das Lager und du übst weiter. Bogen bespannen, Pfeil anlegen und schießen. Wenn du triffst, mach weiter. Wenn du nicht triffst nimmst du die Sehne ab bespannst den Bogen neu und schießt.«
Nicht die spannendste, aber sicherlich die effektivste Methode, um die Grundzüge des Bogenschießens zu lernen. Aber weder Armond noch Isidor hatten die Zeit und die Muße, eine große Reise der Selbsterkenntnis anzutreten, ein lustiges Abenteuer zu erleben, sich dabei besser kennenzulernen und vielleicht ein Band der Freundschaft zu knüpfen, schlussendlich in einem finalen Kampf, in dem Isidor überraschend das Ziel traf, mit dem er bisher Probleme gehabt hatte, und möglicherweise sogar das Leben seines Ausbilders zu retten, der unter fadenscheinigen Gründen in Gefahr geraten war. Armond war der Ausbilder, Isidor sein Schüler. Isidor hatte wichtigere Dinge zu tun, als Abenteuer zu erleben. Er hatte einen Auftrag zu erledigen und Armond würde ihm das Wichtigste dafür beibringen. Nicht mehr. Nicht weniger.
»Und falls du dein Ziel nicht sehen solltest, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Entweder du vertraust auf dein Bauchgefühl - dafür brauchst du Erfahrung im Schießen. Oder du nimmst die Pfeilspitze als Orientierungspunkt zu deinem Ziel - dafür brauchst du ein bisschen Grips. Oder du neigst den Bogen zur Seite. Das ist die einfachste Variante.«
Mit diesen Worten verzog sich Armond ins Unterholz, um Feuerholz zu sammeln.
Felia
Nachdem Armond im Unterholz verschwunden war, seufzte Isidor unverhohlen. Erst jetzt, als er sich unbeobachtet fühlte, gestand er sich ein, dass sein Arm deutlich mehr schmerzte, als er erwartet hatte. Die ungewohnte Bewegung hatte seine Schulter erst steif und schlussendlich taub werden lassen. Aber er würde bei den Göttern nicht vor dem Agenten zugeben, dass er den Mund zu voll genommen hatte.
Da er jedoch nicht sicher sein konnte, dass sein Lehrer ihn nicht insgeheim aus dem Wald heraus beobachtete, nahm er sich einen weiteren Pfeil und legte ihn an. Isidor achtete besonders darauf das Ende des Geschosses an die Stelle der Sehne zu setzen, wo er mit dem Kohlestift eine Markierung gezeichnet hatte.
Der Schmied hob den Bogen, zog die Sehne und zielte auf das Fass unten an der Klippe. Der Wind zerrte böenartig an seinem Arm, aber er hielt den Bogen stabil. Selbst wenn er die Eisenspitze nutzte, um sein Ziel ins Auge zu fassen, fühlte er sich nicht wohl damit. Daher neigte er die Waffe ein wenig nach links. Die Haltung war entsprechend ein wenig anders und sein rechter Arm kreuzte leicht vor seinem Körper.
„Das ist nicht richtig“, murrte er und wechselte die Neigung nach rechts.
Ihm fiel auf, dass der Pfeil auf diese Weise auch nicht auf der zum Boden geneigten Seite lag, was ihm wohl zum Verhängnis geworden wäre.
Erneut fokussierte er das Fass, atmete langsam aus, während sein Zugarm zu zittern begann. Er hielt die Sehne bereits zu lange fest und ließ den Pfeil etwas zu voreilig los. Das Projektil flog hoch, aber der trügerische Wind ergriff es und führte es über den Rand der Klippe.
„Verdammt!“, fluchte Isidor und ließ den Bogen sinken, „Der Wind macht es schwieriger, als es ohnehin schon ist.“
Der Hüne seufzte erneut. Er hatte wirklich keine Lust die Sehne wieder zu lösen und neu zu befestigen, aber er wusste, dass es Teil des Lernprozesses war. Er nahm sich einen Moment Zeit, um tief durchzuatmen und seine Arme zu entspannen, bevor er die Stränge löste und wieder befestigte.
Während er sich wieder und wieder darin übte, die Sehne anzubringen – abziehen stellte keine Herausforderung dar – kehrte Armond mit dem Feuerholz zurück und begann, den Lagerplatz an einer windgeschützteren Stelle einzurichten.
Isidor nahm einen weiteren Pfeil und zielte auf das Fass. Er erinnerte sich an Armonds Worte über die Kontrolle und versuchte, seine Bewegungen so präzise wie möglich zu gestalten, selbst wenn sein Körper vage Probleme hatte dem Vorhaben zu folgen. Nicht lange wartete er, hoffte, dass die kurze Pause im böigen Wind zu seinen Gunsten war, und entließ den Pfeil. Das Geschoss wobbelte durch die Luft, anders als es sich der junge Schmied immer vorgestellt hatte. Sollte ein Pfeil nicht schnurgerade fliegen?
Doch noch ehe er sich in dieser Frage vertiefen konnte, schlug der Pfeil mit einem dumpfen Knall im modrigen Holz des Fasses ein. Ungläubig blickte der Myrtana für einen Moment auf seinen Erfolg, bevor er einen freudigen Ruf ausstieß.
„Ja!“
„Ein Treffer spricht nur von Glück. Wenn du es mit Beständigkeit wiederholen kannst, darfst du dich freuen“, ermahnte ihn Armond vom Lagerplatz aus, der langsam Gestalt annahm.
Isidor nickte und nahm einen weiteren Pfeil. Er wusste, dass Armond Recht hatte, aber die kleine Freude wollte er sich dennoch nicht nehmen lassen.
Die Bürger
03.03.2025, 21:41
Gelassen rührte Armond in der Blubbernden Gemüsesuppe herum und erfreute sich an der Wärme, die von dem knisternden Feuer ausgestrahlt wurde. Es waren Tage wie diese, aufgrund derer er sich so sicher war, die richtige Profession gefunden zu haben. Die Arbeit in Städten, idealerweise innerhalb eines gut beheizten Gebäudes, auf einem gemütlichen Sessel und mit einer heißen Tasse Tee, lag ihm nun wirklich deutlich mehr als dieses gutbürgerliche Kampieren irgendwo im Nirgendwo, fröstelnd vor Kälte, mit nichts weiter als den grundlegenden Lebensmitteln versorgt und ohne Ausblick auf ein warmes Bett oder geruhsamen Schlaf. Selbst das Erleichtern gefiel ihm besser, wenn er es in einer dunklen Gasse erledigen konnte und nicht umringt von Unkraut und neugierigen Blicken unzähliger Krabbelviehcher, die nur darauf warteten, des Nachts über einen schlafenden Agenten im Dienste der Krone zu kriechen.
»Berichte mir, was du gelernt hast.«, verlangte er knapp und reichte seinem Schüler eine Schüssel. Die Ergebnisse waren eindeutig. Der Köcher war gut geleert und die Tatsache, dass Isidors Griff um Schüssel und Löffel deutlich schwächer war als noch am Morgen war ein deutliches Signal dafür, dass er öfter verfehlt als getroffen hatte. Armond wollte es dennoch aus den Worten des Schmiedeburschen hören. Nicht etwa, um ihn zu demütigen, sondern weil er wissen wollte, worin der Knabe die Probleme sah.
»Aber erst essen wir. Worüber redest du überlicherweise so beim Essen? Mit deinen kleinen Freundinnen, meine ich.«
Er taxierte den verbrannten Mann aus seinen wachsamen Augen und schlürfte genüsslich seinen ersten Löffel der wärmenden Suppe.
Felia
Na-Cron war erschrocken. Er hätte nicht gedacht, dass sein Bekannter so plötzlich die Stadt verlassen würde.
"Bist du sicher, dass du Stewark verlassen willst? Denk doch mal darüber nach." Na-Cron schüttelte den Kopf, konnte immer noch kaum glauben, was er da gehört hatte. Syrias hatte es schließlich geschafft sich wieder aus dem Dreck der Gosse hochzukämpfen. Wenn er jetzt wieder ohne Ziel wäre, würde der Schmied vielleicht wieder in der Gosse landen.
"Es gibt auf Argaan doch nicht so viele Orte, wo man einen fähigen Waffenschmied gebrauchen könnte. Ich meine, du hast deine Abneigung gegenüber der Besatzer-Truppen mehr als deutlich gemacht. Damit fällt Thorniara doch schon einmal weg."
Na-Cron hob gleichzeitig einen Finger und begann aufzuzählen.
"Vielleicht gibt es vereinzelt ja Dörfer hier, doch was sollen die mit einem Waffenschmied anfangen?" Der Zweite Finger ging nach oben.
"Ich meine, die brauchen vielleicht einen einfachen Schmied, wenn sie nicht schon einen haben sollten. Aber selbst wenn, du sagtest, du hast kein Geld für eine eigene Schmiede. Und in Dörfern und Weihern sind die Münzen immer knapp."
Syrias Miene war definitiv keine freundliche, als Na-Cron seine Aufzählung machte.
"Das weiß ich selbst auch!" Fauchte der Krieger zurück und drehte sich wütend weg um den Adepten hier zurück zu lassen. Doch Na-Cron eilte ihm nach, so schnell wollte er seinen Bekannten nicht gehen lassen. Außerdem musste er doch noch seine Frage beantworten. Na-Cron brauchte immer noch das Erz für seine Tränke.
"Warte. Ich hab eine Idee!" Na-Cron legte die Hand auf die Schulter von Syrias und hielt ihn auf. "Was?!" Fauchte dieser zurück, als er so rüde aufgehalten wurde.
"Was ist mit der Akademie? Die können bestimmt einen ordentlichen Schmied gebrauchen. Und du bist ein fähiger Kämpfer. nach allem, was ich gehört habe, können die gute Kämpfer immer gebrauchen."
Syrias zögerte. Was Na-Cron sagte hatte Hand und Fuß, so ungern er sich das eingestehen wollte. Argaan bot für einen fähigen Schmied nicht viele Möglichkeiten. Gut, da wäre vielleicht noch das Waldvolk, was im Süden der Insel leben sollte. Doch der Söldner hatte nur Gerüchte über die Menschen dort gehört.
Er hatte früher einmal auf dem Festland mit solchen Leuten zu tun gehabt. Und auch wenn sie ein ziemlich verschlossenes Völkchen waren, auch die Menschen dort würden gute Klingen zu schätzen wissen. Doch ihre Mentalität war eher fragwürdiger Natur. Außerdem bezweifelte der Söldner, dass sie ihn entsprechend bezahlen könnten.
Doch die Akademie wäre eine Idee, musste er zugeben. Aber Syrias hatte seine Schwierigkeiten mit festen und starren Strukturen. Und seine Begegnungen mit den verschiedensten Charakteren dieser Bildungsstätte hatten ihm gezeigt, dass sich die Männer und Frauen der Akademie arrogant gaben. Wenn er daran dachte, wie sie Meve verprügelt hatten, kam immer noch eine unbändige Wut in ihm hoch.
"Ich weiß nicht," antwortete Syrias zögerlich auf Na-Crons Einwurf.
"Ich hab immer nur für Gold gekämpft. Da kommt mir so ne Gemeinschaft von Kriegern mit Idealen irgendwie falsch vor. Und ganz ehrlich? Ich kann mir echt besseres vorstellen als einfache Schwerter oder Äxte zu schmieden. Übungsklingen sind langweilig."
Syrias dachte daran zurück, wie er diese Art von Waffen immer wieder bei Taron hatte schmieden müssen. Ein einfaches Übungsschwert erforderte nur ein Mindestmaß an können und bot keinerlei Herausforderung.
"Und mal ganz ehrlich, die wollen sicherlich nicht jemanden mit meiner Vergangenheit." Wobei das vielleicht nicht stimmte, schließlich hatten die Akademie und er einen gemeinsamen Feind. Syrias hatte schon früher gegen die Myrtaner gefochten.
"Vielleicht. Mal sehen. Aber fürs erste hab ich genug von Stewark. Aber mal was anderes, warum hast du mich aufgesucht? Ich hör monatelang nix von dir und an diesem Scheißtag stehst du auf einmal vor mir. Das halte ich für ziemlich fischig."
Na-Cron schaute beschämt drein. Ja, Syrias hatte schon recht. Er hatte sich wirklich lange nicht mehr bei dem Waffenschmied blicken lassen. Aber er hatte auch so viel zu tun gehabt! Seine Aufgaben als Novize hatten ihn ordentlich auf Trab gehalten. Dann das Studium der Magie unter Anirons freundlichen Augen zusammen mit der lebhaften Kisha und der stillen Mera... Und schließlich noch das begonnene Studium der Alchemie! Da war nirgends die Zeit gewesen um sich mal einen freien Tag in der Stadt selbst zu gönnen. Erst als Adept hatte der Bergmann wieder etwas mehr freie Zeit gehabt. Doch die war natürlich für seine Forschungen drauf gegangen.
Na-Cron fragte sich zurecht, wann er das Haus der Magier überhaupt das letzte Mal wirklich verlassen hatte.
"Nun... Verzeih, dass ich so lange nichts mehr von mir habe hören lassen. Der Dienst an Adanos erfordert eine Menge Zeit..." gab der Adept mit zerknirschter Miene zu.
"Und ich bin, wenn ich ehrlich sein darf, eigentlich auch aus einem bestimmten Grund hier." Syrias Miene war immer noch skeptisch, hob jedoch neugierig eine Augenbraue.
"Spucks aus." knurrte er nur.
Na-Cron tippelte verlegen auf der Stelle herum. Für jemanden mit seiner Gestalt wirkte das ziemlich lächerlich, aber er konnte nichts dafür, schließlich war er schon immer etwas zurückhaltend gewesen.
"Nun..." zögerlich wand sich Na-Cron. Doch es half nichts, er hatte ja nicht wissen können, dass Syrias einen schlechten Tag haben würde.
"Also... Ich bräuchte dein Wissen. Oder deine Hilfe, wobei ich bezweifle, dass du mir jetzt noch helfen wirst. Oder kannst, schließlich hast du jetzt ja keine Arbeit mehr..." Erschrocken blickte der Adept sein Gegenüber an und hob sofort die Hände.
"Verzeih, so war das jetzt nicht gemeint. Tut mir leid, dass du deine Anstellung verloren hast. Ich wollte da jetzt nicht drauf herum reiten..."
Syrias verdrehte genervt die Augen und schüttelte den Kopf. "Nun komm endlich zum Punkt, ich hab nicht bis zum Ende der Welt Zeit. Oder Geduld." knurrte er ungehalten.
Na-Cron holte tief Luft und sammelte sich, bevor er mit dem raus platzte, weshalb er eigentlich gekommen war.
"Ich brauche Erz für meine Forschungen. Und ganz besonders magisches Erz. Und ich dachte, ich frage einen Waffenschmied, den ich kenne, ob er mir da vielleicht weiterhelfen kann. Du weißt ja, Khorinis ist etwas weiter weg und auf Argaan ist sehr schwer daran zu kommen. Wenn überhaupt. Und da dachte ich mir, Na-Cron dachte ich, frag doch mal den netten Syrias. Vielleicht hat der ja ein oder zwei Quellen. Und an normales Erz wird der bestimmt heran kommen, schließlich arbeitet er ja als Schmied."
Das war es also, was der Adept von Syrias wollte. Seine Hilfe. Für einen Moment hatte der Söldner schon befürchtet, dass Gerüchte bis zum Haus der Magier gedrungen waren, die besagten, dass Syrias gerne Menschen das Kämpfen lehrte und Na-Cron deswegen hier war. Der Waffenschmied hatte nach Johannas Ausbildung erst einmal genug davon gehabt und sich mehr auf seine Arbeit konzentrieren wollen. Naja, das hatte sich nun ja jetzt erledigt.
"Du kommst nen Tag zu spät, Kumpel." Syrias wies mit seinem Daumen nach hinten in Richtung Tarons Schmiede.
"Erz wirst du da sicher bekommen, egal ob Eisen-, Kupfer-, oder Silbererz. Taron hat so einiges in Reserve. Aber magisches Erz bestimmt nicht. Das wüsste ich. Und soweit ich weiß wirst du keinen Schmied hier in der Stadt finden, der welches hat oder verkauft. Und wenn, dann zu völlig überteuerten Preisen. Du weißt ja, der Krieg. Der schlägt sich auf den Handel nieder."
Dabei hätte Syrias selbst gern eine ordentliche Ladung magisches Erz. Schließlich hatte er immer noch den Entwurf seines besonderen Schwerts, den er in die Wirklichkeit umsetzen wollte. Doch ohne das magische Erz, welches er dafür benötigte, würde es weiterhin ein Entwurf bleiben.
"Du wirst wohl nicht drum herum kommen Argaan zu verlassen. Aber es gibt auch noch in Nordmar die Möglichkeit an magisches Erz zu kommen. Die Barbaren dort haben ihre eigenen Minen und Schmieden. Und niemand versteht sich besser drauf magisches Erz zu schmieden als die."
Na-Cron schaute überrascht drein. Anscheinend hatte der Adept Nordmar und seine eisigen Gefilde entweder vergessen oder ihm war nie der Gedanke dazu gekommen. Doch was es auch war, für Syrias war es einerlei. Er konnte dem Adepten nicht helfen und genau das teilte er ihm auch mit.
Nordmar! Ja natürlich, warum hatte er nicht selbst dran gedacht? Natürlich wäre auch das noch eine Möglichkeit um an das besondere Erz zu kommen!
Na-Cron hatte in seinen Büchern so einiges über den kalten Norden des Festlands gelesen. Die Männer und Frauen dort hüllten sich in Fell und Leder, tranken Met und Nebelgeist in rauen Mengen und waren immer für einen Kampf bereit. Fast schon Blutrünstig konnte man sagen.
Für ihn, der fast sein ganzes Leben an der Grenze nach Varant verbracht hatte, waren Nordmar und seine Bewohner immer nur ein Hort von allerlei merkwürdigen Geschichten gewesen. Trolle, die in den Bergen umher streiften und unvorsichtige Menschen fraßen, das ganze Jahr über Eis und Schnee, die Menschen dort wild und haarig... Er hatte keine Berührungspunkte damit gehabt. Und schließlich galt Khorinis ja als DIE Quelle für magisches Erz.
Erleichterung breitete sich auf seinem Gesicht aus, nachdem Syrias ihm von Nordmar erzählt hatte.
"Ja, natürlich!" Er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. "Nordmar, warum bin ich nicht selbst drauf gekommen! Danke Syrias!" Der Adept begann sofort zu überlegen, was er für eine Reise nach Nordmar brauchen würde.
"Ich muss natürlich mit einem Schiff in Richtung Festland. Und ich brauche dicke Kleidung, schließlich ist es da fürchterlich kalt. Meinst du, ich sollte mich in Felle und Leder kleiden, wenn ich da hin reise? Ich möchte sicherlich niemanden beleidigen. Und ich muss das Saufen üben, die trinken da ja nur Alkohol. Vermutlich gegen die Kälte. Oh, ob es dafür vielleicht einen Trank gibt?" Der Adept holte aus seiner Buchhalterung den Folianten über Alchemie heraus und begann sofort darin zu blättern. Irgendwo darin musste es doch einen Trank gegen Kälte geben.
Oder vielleicht einen gegen die Auswirkungen von Alkohol.
Syrias musste wider Erwarten schmunzeln, als er miterlebte, wie Na-Cron sich gleich in die Planung stürzte. Doch man konnte deutlich merken, wie weltfremd der dunkelhaarige Adept war. Er wusste nichts, aber auch wirklich nichts über Nordmar, was über Geschichten und Gerüchte hinaus ging.
Der Waffenschmied hingegen, der Jahrelang an der Grenze zu Nordmar gelebt hatte, wusste einiges mehr. Auch hatten die Orks in Faring immer wieder Angriffe und Vorstöße in das kalte Land unternommen. Und als Orksöldner war Syrias das ein oder andere Mal mit dabei gewesen.
"Halt, halt, halt." Versuchte er den Adepten zu bremsen.
"Du gehst das ganze nicht richtig an. Erstens, ja, es ist in Nordmar kälter als in anderen Ländern, aber nicht das ganze Jahr. Auch dort gibt es Frühling, Sommer und Herbst. Nur halt Kürzer. Da liegt nicht das ganze Jahr über Eis und Schnee. Zweitens, nein, du musst das Saufen nicht lernen. Aber die Barbaren dort sind ein verschlossener Haufen, vielleicht wärs also doch nicht verkehrt. Aber die Leute dort sind trinkfest."
Syrias nahm Na-Cron das Buch aus der Hand, musterte es kurz und schloss es dann kurzerhand. In einem blöden Buch würde er sicher keine hilfreichen Hinweise finden.
"Und nur damit du es weißt, die Gegend da ist gefährlich. Gut, ist es überall, aber in Nordmar musst du dich mit Wölfen, Bären, Trollen, Goblins, Ogern und was weiß ich noch auseinander setzen. Die Wege da sind nicht ungefährlich." Syrias musterte die breite Gestalt des Bergmanns abschätzig, ebenso wie dessen Robe.
"Mit ner Spitzhacke kommst du da nicht weit. Du brauchst ne ordentliche Waffe, ein Schwert, oder ne Axt. Ich mein, so ein Rudel Wölfe wird dich sonst auffressen. Aber du bist ja jetzt einer vom Kreis des Wassers, also sollten deine Zaubersprüche dir dabei helfen. Wobei ich nicht glaube, dass du mit deiner Magie gegen ne Horde Goblins antreten solltest. Das sind gemeine Biester."
Syrias dachte an seine letzte Begegnung mit den kleinen Bastarden zurück. Wie gern wäre er zurück gegangen und hätte den ganzen Stamm dort einfach ausgelöscht. Doch alleine gegen eine Horde Goblins war mehr als wahnsinnig.
Na-Cron, der gedanklich schon in Nordmar unterwegs war und sich in Felle gehüllt durch diverse Minen streifen sah, wurde recht unsanft aus seinen Gedanken gerissen als Syrias ihm seinen Almanach aus den Händen nahm. Das, was der Waffenschmied da alles aufzählte, hatte der Adept nicht gewusst. Und natürlich hatte sein Gegenüber recht damit, dass die kalten Gefilde ziemlich gefährlich waren. Na-Cron war schließlich kein Kämpfer und konnte höchstens einem Türrahmen gefährlich werden. Und was seine Magie anging...
"Ähm... also ja, ich kann ein paar Zauber... aber ich glaube nicht, dass die mir helfen werden." Verlegen lächelte der Adept seinen blonden Gegenüber an.
"Ich mein, ich kann schon zaubern. Und die sind auf jeden Fall sehr nützlich. Schau mal."
Na-Cron konzentrierte sich auf seinen magischen Vorrat in ihm und lies diesen in seine Hand fließen. Mit einem Schnippen entstand auf seiner Handfläche eine kleine Flamme, bläulich flackernd und strahlte seine Hitze ab, ohne dass sich der Adept verbrannte.
Syrias hob angemessen beeindruckt die Augenbrauen und kommentierte das ganze.
"Das ist nützlich, stimmt. Und das kannst du dann auf deine Feinde schleudern? Ich dachte, nur Feuermagier können mit Feuer um sich werfen."
Na-Cron schüttelte den Kopf.
"Nein, also ich kann das nicht auf irgendetwas werfen oder so. Aber ich kann damit Sachen anzünden, Holz für ein Lagerfeuer zum Beispiel."
Syrias Blick glitt vom Feuer in der Hand des Adepten zu dessen Gesicht und wieder zurück. Dann schaute der Waffenschmied Na-Cron mit ernstem Blick an.
"Also versteh ich das richtig? Das ist nix anderes als Feuerstein und Zunder, nur ohne Feuerstein. Und es leuchtet blau. Also blaues Licht." Die kräftige Stimme des Waffenschmieds wirkte tonlos und trocken, als er so mit Na-Cron sprach. Der Adept nickte bekräftigend und grinste breit.
"Ja, ziemlich praktisch, oder?"
"Wahnsinnig praktisch. Wirklich. Wenn ich mal keinen Feuerstein haben sollte, werd ich einfach nach dir schicken. Und wenn mich irgendwelche Wildtiere bedrohen, dann wird mich so ein blaues Flämmchen sicher davor beschützen, dass sie über mich herfallen."
Syrias hätte den Kopf schütteln können über so viel Unvernunft. War Na-Cron wirklich so naiv? Bei den Göttern, waren alle Mitglieder dieser Gemeinschaft so? Es konnte doch nicht sein, dass ein Haufen Magier, welche die Mächte von Eis und Kälte beherrschten, so unbekümmert in die Welt hinaus gelassen werden durften! Na-Cron würde keine erste Begegnung mit irgendwas überleben, höchstens einer Fleischwanze! Und selbst da war sich der Söldner nicht sicher, ob nicht doch die Fleischwanze gewann!
"Götter, gebt mir Kraft..." murmelte der blonde Krieger.
"Also ich will dir echt nicht zu nahe treten, Kumpel. Wirklich nicht. Aber du wirst keine Woche in Nordmar überleben, wenn du versuchst damit was zu erreichen. Wenn irgendeines der Viecher bemerkt, dass du nix anderes kannst als so ein kleines blaues Flämmchen zu rufen... Ne. Du solltest dir das lieber noch mal genau überlegen, Na-Cron."
Der Adpet blickte mit bekümmerter Miene drein, als Syrias ihm unumwunden die Tatsache quasi in sein Gesicht drückte, dass er in Nordmar komplett aufgeschmissen wäre. Vermutlich hatte der Bergmann gehoftt, dass Syrias ihn entsprächend in seinem Entschluss bekräftigte. Doch Syrias konnte das einfach nicht.
Ja, viele Menschen waren ihm egal. Und ja, wenn es darum ging, ob jemand sein Leben sinnlos wegwerfen wollte oder nicht, war Syrias jemand, der mit den Schultern zuckte und der Person alles gute für seinen Weg wünschte. Doch hier?
Nein, da konnte der Waffenschmied nicht einfach kommentarlos zusehen wie Na-Cron sich in sein Verderben begab. Das war Wahnsinn und genau das teilte er dem Adepten auch mit.
Geknickt schaute Na-Cron auf seine Füße, als Syrias ihm klar machte, dass seine magischen Fähigkeiten kaum etwas besseres als Taschenspielertricks waren. Ja, der Adept konnte eine Flamme entzünden. Und auch das beschwören einer magischen Leuchtkugel war sicherlich sehr praktisch. Dinge durch die Luft schweben zu lassen konnte auch recht nützlich sein. Doch mehr als sich das Leben damit einigermaßen erleichtern konnte der Dunkelhaarige nicht, da hatte Syrias wohl oder übel recht.
"Aber, Aber, Aber..." stammelte er noch unbeholfen, doch Syrias schnitt ihm mit einer harschen Geste das Wort ab.
"Nix aber. Du gehst drauf, wenn du so nach Nordmar gehst. Es ist gefährlich da. Und wenn du kaum mehr als das da," der Waffenschmied wies mit seiner Rechten auf das Flämmchen in der Hand Na-Crons, "kannst: Ich sags wie es ist, du wirst drauf gehen."
Enttäuscht lies Na-Cron die Schultern hängen. Natürlich hatte der Söldner recht. Ihm fehlten die Fähigkeiten um sich in Nordmar zu behaupten. Er konnte nicht kämpfen, er konnte kaum mehr als ein paar kleine magische Spielereien und davon abgesehen war er nur ein einziges Mal weit gereist, nämlich als er vom Festland nach Argaan gekommen war. Was hatte sich der Adept nur dabei gedacht, sich so hals über Kopf in dieser Idee zu verrennen?
"Du hast wohl recht..." murmelte er geknickt und wollte sich schon abwenden. Vielleicht käme er noch auf andere Art und Weise an magisches Erz heran. Es war ja nicht so, als bräuchte er es unbedingt für seine Tränke. Vielleicht konnte er das ganze ja auch durch mehr einfaches Erz kompensieren?
Doch dann schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. So Plötzlich, dass er ruckartig stehen blieb und sich wieder Syrias zuwand.
"Und was ist, wenn du mitkommst? Ich mein, DU kannst doch kämpfen. Und du bist momentan ohne Arbeit, also die Zeit dazu hättest du auch. Ich könnte dich auch bezahlen!" Na-Cron kramte seinen Geldbeutel hervor, öffnete diesen und blickte hinein. Ernüchternd bemerkte er, dass seine finanziellen Mittel nicht gerade die größten waren, ein paar Silberstücke und ne Menge Kupfer. Klimpergeld höchstens.
"Ich habe jetzt nicht so viel, aber alles, was ich habe gehört dir. Wirklich. Du würdest mir damit unglaublich helfen."
Bei Beliars haarigen Eiern, was das etwa sein Ernst? Mit den paar Münzen konnte der unbeholfene Adept doch nicht ernsthaft glauben ihn anheuern zu können! Früher wäre Syrias für die Summe nicht einmal aus dem Bett aufgestanden. Und wer sollte dann die Reise der beiden bezahlen?
"Ne, Kumpel, echt nicht. Damit kannst du dir mein Schwert echt nicht leisten." Syrias schüttelte den Kopf und verschränkte die breiten Arme vor der Brust. "Da müsstest du schon einiges mehr drauf legen, damit ich dich begleite. Und außerdem brauchst du noch mehr, schließlich musst du dich unterwegs ja mit Essen versorgen können. Es sei denn, du bist neuerdings unter die Jäger gegangen und kannst dich in der Natur ernähren."
Irgendwie tat er ihm ja leid, musste Syrias sich eingestehen. Er wusste selbst, wie es war, wenn man von etwas träumte und alles um einen herum sich dagegen stellte. Doch es nützte nichts, Na-Cron konnte nicht einfach so gedankenlos in die Welt hinaus gelassen werden. Der dunkelhaarige brauchte einen harten Weckruf der ihm klar machte, dass die Realität nun mal nicht lieb und freundlich war.
Alles nur in einem rosaroten Licht zu sehen war eine romantische Vorstellung, mehr aber auch nicht. Die wirkliche Welt war kalt und Grausam zu denen, die sich nicht selbst helfen konnten. Und Na-Cron war in dieser Hinsicht ziemlich hilflos.
Mit geknickter Miene verabschiedete sich der Adept von Syrias und wandte sich ab von ihm. Die Schultern lies der Adept einfach hängen, der Kopf nach vorne geneigt. Syrias zuckte mit den Schultern. Ja, seine Worte waren harsch gewesen. Doch verletzte Gefühle und enttäuschte Hoffnungen waren immer noch besser als der Tod.
Der Söldner schulterte seinen Rucksack erneut und wollte sich in Richtung Stadttor auffmachen. Vielleicht würde ihm eine kleine Reise sogar gut tun. Er konnte die Insel erkunden. Oder vielleicht sogar aufs Festland zurück und Faring besuchen, schließlich hatte er dort noch einiges seiner Ersparnisse vergraben. Vielleicht wäre es gar nicht verkehrt, dort einmal vorbei zu schauen und sich auf die Suche nach...
"Warte! Syrias, warte mal!" riss Na-Cron den Waffenschmied aus seinen Gedanken. Syrias drehte sich herum und sah, wie der Adept auf ihn zugelaufen kam. Was wollte er denn jetzt noch?
Nun, das war nicht so gelaufen wie gehofft. Aber Syrias hatte ja recht mit dem, was er sagte. Und selbst wenn der Adept ihm all seine Münzen gegeben hätte um ihn zu begleiten, wovon hätte er sich dann die Reise finanzieren sollen? Mit seiner Arbeit als Bergmann kam man nur an Gold, wenn man auch die Möglichkeit hatte nach Erzen und dergleichen zu schürfen. Auf einem Schiff war das wohl eher sinnfrei. Und solange sie nicht einen oder mehrere Tage Pause einlegen würden auf ihrer Reise hätte Na-Cron auch keine Möglichkeit um irgendwo zu Schürfen.
Das war der Nachteil seines Lebens als Adept. Ja sicher, im Haus der Magier wurde ihm einiges abgenommen. Nahrung wurde gestellt, ebenso die Unterkunft. Doch für seine Tätigkeiten als Adept erhielt er keine Entlohnung in Form von Gold, was seine Börse natürlich um einiges schmälerte. Wenn er sich nur nicht diesen dicken Wollumhang geholt hätte. Dann wäre Syrias vielleicht eher bereit gewesen ihm zu helfen. Aber das war ein falscher Gedanke, schließlich hätte er sich am Ende trotzdem Reisekleidung besorgen müssen. Und dann wäre widerum dafür kein Geld mehr da gewesen.
Na-Cron hatte sich, nachdem Syrias ihm die brutale Wahrheit mitgeteilt hatte, ohne Worte von dem Söldner abgewandt und sich niedergeschlagen wieder auf den Rückweg gemacht. Er musste einsehen, dass er zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Chance hatte um den Söldner für seine Dienste zu entlohnen. Es machte ihn traurig, dass er somit keinerlei Chance darauf hatte, diesen unglaublich spannenden Trank zu brauen. Und den hätte er dann, wenn es funktioniert hätte, bestimmt zu Geld machen könnnen...
Ein Geistesblitz erfasste ihn! Er drehte sich um und eilte sofort zurück zu Syrias, rief ihm hinterher. Kaum war der Adept bei ihm angekommen, fing er hektisch an zu reden, verhaspelte sich dabei jedoch immer wieder, bevor er tief Luft holte und noch einmal von vorn begann.
"Und was wäre, wenn ich dir als Belohnung ein paar magische Tränke bieten würde? Ich bin Alchemist und kann dir da als Entlohnung einiges bieten. Du willst stark wie ein Troll sein? Flink wie ein Scavenger? Oder vielleicht möchtest du lieber stundenlang in der Schmiede stehen und keinerlei Erschöpfung verspüren? Oder, wenn ich genug magisches Erz zusammen bekomme, ich gebe dir ein Flässchen von dem Trank, den ich erschaffen möchte. Der macht deine Haut für kurze Zeit so hart wie Stein! Na, das klingt doch nach einer guten Idee. Ich mein, die wären auch was wert, falls du sie verkaufen möchtest, so ist das nicht."
Syrias zögerte ob des Angebots seines Bekannten. Solche Tränke wären natürlich nicht verkehrt und ganz sicher einiges wert. Und Na-Cron wirkte nicht wie einer dieser zahlreichen Quacksalber oder Scharlatane, die irgendwas zusammen kippten und dann behaupteten, ein wundersames Tonikum gegen gefühlt alle Widrigkeiten der Welt geschaffen zu haben. Es klang schon verlockend, musste er gestehen.
"Nun gut. Eine gute Handvoll solcher Tränke wäre sicherlich nicht verkehrt, Na-Cron. Ich schätze, für ein, zwei im Vorraus wäre ich bereit dich zu begleiten. Und den Rest würde ich dann am Ende nehmen." Doch der Adept schüttelte den Kopf. Leider, so teilte er es Syrias mit, hatte er bisher noch keine Möglichkeit gehabt, bis auf Übungstränke mehr zusammen zu brauen. Der Adept hatte wohl so einige böse Blicke geerntet, als er den Kräutergarten im Haus der Magier geplündert hatte. Deswegen wollte er auch diese Reise unternehmen um weitere Vorräte unterwegs sammeln zu können.
"Nun..." Syrias zögerte. Eigentlich forderte er immer erst einen Teil des Lohns, bevor er sich an die Arbeit machte. Schließlich war er Söldner. Aber gleichzeitig dachte er daran, dass ihn zum jetzigen Zeitpunkt eh kaum etwas in Stewark hielt. Also warum nicht? Das würde sicherlich mal was anderes werden. Und er brauchte selbst magisches Erz.
"Also gut. Meinen Schutz gegen die Tränke. Und ich werd einen Teil des Erzes dort für mich behalten. Und du tust, was ich dir sage, Kumpel. Auf der Reise bin ich derjenige, der auf uns aufpasst." Der Söldner musterte Na-Cron, dessen Augen vor Freude aufleuchteten. Dieser versicherte ihm überschwänglich, sich genau an die Anweisungen des Söldners zu halten. Er würde das bestimmt nicht bereuen und all diese Floskeln, die man so sagte. Syrias winkte genervt ab und schickte ihn zum Haus der Magier zurück.
"Du sammelst deinen Kram ein und wir treffen uns dann am Stadttor. Ich werde da auf dich warten, aber wenn du in ner Stunde noch nicht da bist, dann bin ich weg. Hab keine Lust ewig auf dich zu warten."
Na-Cron flitzte freudig los in Richtung seiner Unterkunft, während Syrias sich fragte, ob er damit wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Syrias stand am Tor Stewarks und wartete ungeduldig auf Na-Cron. Der Söldner hatte die Zeit genutzt und noch ein paar Vorräte eingekauft, Proviant, welcher sich für die lange Reise halten würde. Wasser würden sie unterwegs reichlich finden, glaubte er. Schließlich gab es genug Flüsse und Quellen zwischen hier und Thorniara.
Der Söldner hatte geschwankt, ob sie direkt von Stewark aus übers Meer fahren sollten oder vielleicht doch lieber erst zur Hafenstadt gingen. Wäre er allein unterwegs gewesen, dann hätte er wohl Stewark bevorzugt. Doch in Begleitung eines Adepten Adanos wäre die Reise über Thorniara für ihn sicherer. Er musste ja nicht einmal lügen, wenn sagte, dass er der Begleitschutz des Adepten war.
Des Weiteren bot sich die Route eher an, da von Thorniara mehr Schiffe nach Vengard reisten als von Stewark aus. Was natürlich auch keine wirkliche Überraschung war, schließlich war Vengard die Hauptstadt Myrtanas und der Sitz des verdammten Königs. Und wenn sie auf einem myrtanischem Schiff einreisten, dann würden ihre Chancen auch besser stehen unbehelligt einzureisen.
Wo blieb der Kerl nur? Syrias tappte ungeduldig mit dem Fuß, während er genervt die Straßen musterte. Die von ihm gewährte Stunde war fast rum und noch immer war kein Zeichen von Na-Cron zu sehen. Wenn er nicht bald da wäre, dann würde Syrias wohl doch ohne ihn aufbrechen müssen.
Na-Cron hetzte durch die Straßen Stewarks als würde es kein Morgen mehr geben. Er durfte nicht zu spät kommen!
Syrias hatte sehr deutlich gemacht, dass er nicht auf den Adepten warten würde. Und allein wäre der Bergmann ganz sicher aufgeschmissen bei der langen Reise nach Nordmar. Wenn nur dieser verfluchte Wassermagier nicht dazwischen gekommen wäre!
Na-Cron war gerade dabei gewesen seine Tasche zu packen als einer der Wassermagier namens Thyrus in seine Kammer gekommen war, wohl auf der Suche nach einem seiner Novizen, mit denen sich der Adept das Zimmer teilte. Doch da Na-Cron der einzige im Zimmer gewesen war, hatte er mit ihm vorlieb nehmen wollen. Wenn es nach Thyrus gegangen wäre, dann hätte Na-Cron jetzt irgendwelche langweiligen Schriften abschreiben müssen. Doch der Adept hatte sich mit einer Notlüge retten können.
Er hatte einfach behauptet im Auftrag Anirons unterwegs zu sein. Die Priesterin hätte ihm befohlen zur Silberseeburg hinterher zu reisen und ihr Heilmittel zu bringen. Das hatte dem Wassermagier den Wind aus den Segeln genommen.
Na-Cron war nicht glücklich mit seiner Notlüge, doch es blieb ihm nichts anderes übrig. Adanos würde es schon verstehen. Und Aniron vermutlich auch.
Zwar würde er seine Studien zurück lassen müssen, doch das war eine einmalige Chance für den Adepten. Wer wusste schon, wann sich die nächste, wenn überhaupt eine, Chance ergeben würde? Schließlich war es ja nicht so, als würden andauernd Mitglieder der Gemeinschaft des Wassers nach Nordmar reisen.
Auf dem Weg hinaus hatte er sich noch einen der stabilen Holzknüppel geschnappt, welcher nun beim laufen immer wieder gegen seinen Oberschenkel klatschte. Zwar würde Syrias möglichen Bedrohungen gegenüber stehen müssen, aber der Adept würde ihm so gut es ging unter die Arme greifen.
Und da war auch schon das Stadttor. Und Adanos sei Dank, Syrias stand noch da und wirkte mehr als ungeduldig und genervt. Ob es den Mann auch in nicht reizbar gäbe? Na-Cron hoffte es zu erleben. Winkend eilte er auf den Waffenschmied zu und blieb schwer atmend vor ihm stehen.
"Bin da... wurde aufgehalten... aber hab es... noch geschafft..." presste er zwischen den schweren Atemzügen hervor.
Syrias musterte die verschwitzte Gestalt des Adepten kritisch, bevor er mit den Schultern zuckte und sich in Richtung Tor wandte. Es war schon viel zu viel Zeit verschwendet worden, schließlich hätte er schon längst unterwegs sein können. Aber nun hatte er eine Begleitung. Was vielleicht gar nicht mal so schlecht war, schließlich war ein Adept der Wassermagier, allgemein die Wassermagier, ja nicht dafür bekannt kriegstreiberisch unterwegs zu sein. Und als sein "Leibwächter" konnte Syrias möglichen Fragen aus dem Weg gehen.
"Netter Knüppel. Hast du nicht gesagt, dass du nicht kämpfen kannst?" Syrias musterte das dicke Holzteil skeptisch. Ein kräftiger Hieb mit dem Schwert und dem Teil würde mindestens die Hälfte an Material fehlen. Oder es wäre gleich entzwei geschlagen.
Na-Cron zuckte nun seinerseits mit den Schultern, wirkte dabei jedoch etwas verlegen.
"Was ist daran denn schon so schwer? Ich haue einfach das dicke Ende nach jemanden und wenn ich treffe, dann ist das doch gut." Grummelte der Adept etwas ungehalten.
Syrias Augen weiteten sich als er diese, fast schon blasphemischen, Worte aus dem Mund seines Begleiters hörte. "Einfach zuschlagen und gut?" äffte er Na-Cron nach. "Lass mich raten, du glaubst wahrscheinlich auch, dass man mit nem Schwert einfach nach vorne stechen muss, bis die Spitze stecken bleibt, was?" Der Söldner verdrehte die Augen und schlug sich die Hand vor sein Gesicht. Selbst Johanna oder Meve hatten keine so dumme Antwort von sich gegeben. Aber Na-Cron schien fest davon überzeugt zu sein.
"Adanos, Innos, Beliar... ey, egal welcher von denen, aber einer sollte dringend Hirn vom Himmel regnen lassen. Scheiße, du wirst schneller drauf gehen als ich blinzeln kann mit der Einstellung." Syrias spuckte aus.
"Das geht so nicht. Wenn du das Ding da benutzen willst, musst du auch wissen, wie es geht."
Der Wind brachte die salzige Meerluft mit sich, den Schrei der Möwen und das unablässige Rauschen der Wellen, die am Fuße der Klippen in ewigem Kampf gegen das standfeste Fundament der Insel Argaan antraten. Nur die Götter wussten, wie der Kampf ausgehen würde. Die junge Frau saß da, ließ die Beine über den Rand der Klippe baumeln und genoss die Einsamkeit, die sie umgab wie ein beruhigender Mantel. Hier dachte sie gerne nach. Vorausgesetzt, sie wurde nicht gestört. So wie jetzt.
„He, Mevmev!“, eine hohe, piepsige Stimme – unverkennbar von einem Kind – durchtrennte den Mantel der Ruhe wie ein grobes Messer. „Mevmev, wo bist du?!“
„Hier, Kaja!“, rief die blonde Frau nach einigen Augenblicken, in denen sie ernsthaft überlegt hatte, nicht zu antworten. „An der Klippe. Komm ruhig her, aber langsam, ja? Und pass auf, wo du hintrittst.“
Aus dem Buschwerk und Unterholz hinter der Freifläche, die sich vor dem Abgrund erstreckte, brach ein kleiner, dunkelhaariger Kobold hervor, ein Ding mit wirr abstehenden Haaren, welches ebenso wie das Wollkleid von Blättern, kleinen Ästchen und anderen Teilen der hiesigen Flora behangen war. Kaja war tatsächlich wie ein Kämpfer im Sturmangriff mitten durchs Grün geschossen.
Langsam schob sich die Blonde nach hinten, sodass die Beine wieder auf dem Boden ruhten, erhob sich vorsichtig und vermied dabei den Blick die Klippe hinab. Höhe war zwar kein Problem für sie, aber hier konnte einem doch mulmig werden. Sie wandte sich zu dem Mädchen um, welches unter einem warnenden Blick eine gehörige Portion Geschwindigkeit aus dem Lauf nahm und nun brav zu ihr ging.
„Mevmev!“
„Ja, kleiner Goblin?“
„Nenn mich nicht so!“, Kaja zog eine Schnute, „Ich nenn dich auch nicht Oger!“
„Klingt fair, kleine Fee“, antwortete die Frau lächelnd. Das Kind strahlte.
„Mama fragt, ob du zum Essen bleibst.“
Die hochgewachsene Blonde nickte. „Natürlich. Sonst muss ich in der Stadt essen und du weißt ja, wie das da ist.“
„Eklig und stinkig und widerlich.“
„Naja, nicht ganz so schlimm … aber ich esse lieber auf einem Hof als in einer Taverne voller Betrunkener.“
Natürlich zur Sicherheit der anderen Gäste der Taverne. Die Frau hatte ein heißblütiges Gemüt, war cholerisch und aufbrausender als ein Drachensnapper zur Paarungszeit. Flinke, aber sehr lose Fäuste und ein Temperament, welches unbedachtes Handeln durchaus zum Leitsatz erkoren hatte, hatten ihr mehr als einmal fürchterlichen Ärger eingehandelt. Die Arbeit auf dem Hof vor Stewark hatte sie angenommen, um alldem zu entkommen. Sie verzog das Gesicht, aber so, dass Kaja es nicht sah.
„Was hat deine Mama gekocht?“
„Eintopf mit Kartoffeln.“
„Mhh. Warte, halt!“
Alarmiert sah Kaja die Hünin an. „Was?“, fragte sie leise und heiser, aufgeregt wie ein Springfloh. Die große Frau imitierte mehr schlecht als recht das Brummen eines Bären, das Knurren eines Magens.
„Mein Bauch! Der sagt, dass Eintopf mit Kartoffeln genau das Richtige ist!“
Die Kleine kicherte und hampelte in ihren Armen herum, ehe die Frau sie mühelos auf ihre Schultern setzte.
„Hüüü, Streitross, Attacke!“
„He, aber nicht an den Haaren ziehen, du Klammeräffchen! Weißt du wie lange das gedauert hat, bis der Zopf so lang geworden ist?“
„Bestimmt hundert Jahre! Mindestens!“
Die Hünin schnaubte abfällig. „Na, so alt bin ich auch nicht. Ich bin jünger als deine Mama. Nach dir, Kaja, bin ich die Jüngste auf dem Hof.“
„Niemals! Du bist aber viel größer als alle anderen. Sogar Knecht Torvald ist kleiner als du. Ich bin die Jüngste, weil ich die Kleinste bin, ist doch logisch.“ Die Frau konnte sich das Gesicht des Mädchens vorstellen, die sommersprossige Schnute neunmalklug verzogen. Warum wussten Erwachsene nie Sachen, die eigentlich so logisch waren?
„Und du, Mevmev, bist ja die Größte. Also die Älteste.“
Das Lachen blieb ihr im Halse stecken. Gerne hätte sie die Ruhe, Lebenserfahrung … das Wissen des Alters besessen. Sie fragte sich oft abends vor dem Einschlafen, ob sich ihr Leben je ändern, ob sie je … irgendetwas erreichen würde.
Bald erreichten sie den Hof, ein kleines Ding im Vergleich zu den Apfelplantagen oder anderen Gehöften des Stewarker Landes. Dalah – Kajas Mutter – hatte ihn mit ihrem Mann gegründet, der nach seinen Pflichtjahren in den Truppen des Barons mit einer ausreichenden Abfindung entschieden hatte, Landwirt zu werden. Vor drei Wintern war er verstorben. Eine Grippe. Geplänkel und Kämpfe überlebt, nur um von Husten, Fieber und einem Schnupfen gefällt zu werden.
Früher hätte die Frau über sowas abfällig gelacht. Heute wünschte sie es sich für sich selber. Aus der Welt treten im Frieden, nicht in der Schlacht. Im Bett liegend, nicht im Schlamm, der zu gleichen Teilen aus Dreck, Unrat und Blut besteht.
Dalah blickte aus dem Küchenfenster, als sie näherkamen. Sie lächelte und winkte. Kaja warf die Arme in die Luft und winkte und hampelte, als wolle sie die Hünin zu Fall bringen.
„Meve, kannst du noch etwas Feuerholz hacken?“
„Natürlich, Dalah, mit Vergnügen!“, rief der Blondschopf zurück, packte Kajas Hüften und nahm sie sich von den Schultern, setzte sie auf dem Boden ab.
„Ich helfe dir!“
„Nein, Kleines, ich mache das alleine. So eine Axt … du kannst dir ganz furchtbar wehtun. Ein Bein abhacken! Dann bist du Kaja mit dem Holzbein und musst Piratin werden. Aber vorher tut das ganz übel weh.“
Den letzten Satz hatte Meve angefügt, als sie die strahlenden Augen des Mädchens gesehen hatte. Ein echter Wildfang, dieses Ding. Als Kaja ins Haus schoss, seufzte Meve und schnappte sich die Axt, die an der Rückseite des Hauses lehnte. Sie packte sich das Holz, legte es auf den Block, hob die Axt mühelos, ließ sie niederfahren und fabrizierte alsbald in stumpfer Eintönigkeit saubere Holzstöße.
Du taugst nicht zum Kampf, Mädel, sieh’s ein.
Diese Worte waberten immer noch in ihrem Kopf herum. Seit Wochen, schier Monaten.
Du taugst nicht zum Kampf.
„Meve, würdest du Torvald eine Schale bringen?“
Dalah stand am Tisch, auf dem sie gerade den eisernen Topf abgestellt hatte, dessen Inhalt dampfte und einen Geruch verströmte, dass ihr Magen tatsächlich knurrte und ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Der Hünin nickte, nahm eine hölzerne Schale entgegen mitsamt Löffel und trat wieder aus der Hütte, überquerte das überschaubare Feld, welches frisch gepflügt worden war und klopfte mehrmals an die Tür der kleinen, etwas windschiefen Kate. Etwas rumorte darin, dann öffnete sie sich.
Meve trat einen Schritt zurück und ließ den Mann aus dem schummrigen Innern kommen.
„Hallo Torvald“, sagte Meve langsam und freundlich, lächelte sogar. Torvald war ein Bekannter der Familie gewesen, ein Holzfäller aus der Gegend hinter der Gespaltenen Jungfrau, nahe des Ebersteins. Er und Dalahs verstorbener Gatte waren zusammen aufgewachsen. Eines Tages hatte es unter den Holzfällern Streit gegeben. Einer hatte zu einem Axtstiel gegriffen und ihn Torvald mit so einer Wucht auf den Kopf geschlagen, dass dieser blutend zu Boden gegangen war. Ein Heiler aus der Stadt hatte zwar dafür sorgen können, dass der Mann noch unter den Lebenden weilte, aber irgendetwas in seinem Verstand beschädigt. Dalahs Mann hatte den alten Freund also zu sich auf den Hof geholt, wo er genesen konnte und ihm Arbeit gegeben.
Der Mann war kräftig, nett, ruhig und eifrig in der Erfüllung seiner Aufgaben. Gerne beobachtete er die Vögel am Himmel oder in den Bäumen, sah dabei aus, als würde ein Teil seines Verstandes mit fast titanischer Anstrengung versuchen, sich an etwas zu erinnern oder etwas zu fassen, was ihm abhandengekommen war. Dann sah man ihm die Enttäuschung und eine Spur Verzweiflung an, ein Anblick, der Meve beim ersten Mal fast das Herz gebrochen hatte.
„Eintopf von Dalah“
„Danke“, brummte Torvald, „Du bist hier?“
„Ja, ich habe Holz gehackt.“
„Mh“, machte der Mann und setzte sich auf eine grob gefertigte Bank neben der Tür der kleinen Hütte. Er löffelte mechanisch den Eintopf. „Lecker.“
„Ja, sehr gut.“ Meve lächelte kurz. „Wie geht’s dir?“
„Ich habe Mittagsschlaf gemacht“, schmatzte er zwischen zwei Kartoffelbissen, „war müde.“
„Das verstehe ich“, die Hünin nickte und lächelte dann breiter. „Kommst du mit deinem Werk voran?“
„Werk?“
„Das Vogelhaus.“
Der Mann, der vom Alter her gut ihr Vater sein konnte, sah auf und grinste sie mit der unbekümmerten Freude eines Schulkindes an. „Jaa“, sagte er und deutete mit dem Löffel, von dem Eintopf tropfte, in Richtung einer Werkbank unter einer Überdachung, wo allerlei Werkzeug stand.
„Fast fertig. Schönes Haus für die Vögel.“
„Das freut mich wirklich, Torvald.“ Sie winkte ihm. „Ich gehe dann auch essen.“
Aber der Mann war schon wieder ins Essen vertieft. Sie wandte ihm den Rücken zu und ging zurück zum Haus. Warum hatte sie Torvald nicht ins Haus geholt zum Essen? Natürlich wusste sie, dass der Mann gerne draußen aß, egal ob im Regen, beim Schneefall oder im Sturm. Dennoch …
Früher hätte sie ihn für seine offensichtliche Schwäche verachtet. Heute? Bei dem Gedanken, dass sie jemanden im Wutrausch niederschlagen könnte – was durchaus vorgekommen war -, der danach so schwer verletzt wäre, dass sein altes Leben wie hinter einem Schleier verborgen läge …
Meve schluckte schwer.
Die größte Kriegerin des Ordens werden. Zu welchem Preis? Wofür?
Als sie wieder ins Haus trat, lächelte sie Dalah und Kaja an. Sie setzte sich zu ihnen. Das Mädchen grinste, nahm ihre Hand, ebenso wie die Hausherrin. Dalah war eine Frau, die Adanos verehrte. Den Gott des Gleichgewichts, der Ausgeglichenheit. Balance. Das Dunkle wie das Helle in der Seele in Waage halten.
Du hast viel Arbeit mit mir, Adanos, nicht wahr?
„Raben“
Torvalds Stimme riss Meve aus der Ausbesserung eines Zauns, der die Grenze des Landes von Dalah markierte. Kein großes Stück Land, aber dennoch. Der Mann stand da und deutete auf die Bäume. Ihr Blick folgte seinem Fingerzeig. Ja, Raben. Nichts Ungewöhnliches. Dennoch, wie sie da hockten auf den Ästen und sie beobachteten, hatten sie schon etwas … Seltsames an sich. Sie schüttelte den Kopf. Bloße Narretei, mehr nicht.
„Unglücksboten“, seine Stimme klang nun leiser und nachdenklicher. Ein kalter Schauer lief über Meves Rücken. Sie legte den Hammer ins Gras und sah über den Zaun hinweg zu Torvald. In ihrem Orden hatte man – getreu dem Aberglauben der Nordmarer, denen sich der Orden durch seinen Standort auf einer Insel im Nordmeer zugehörig fühlten – Raben stets als Bringer und Hüter des Wissens gesehen, die Augen der Ahnen, Beobachter. Anderenorts – so wie hier – sah man diese Vögel als Bringer schlechter Nachrichten, als dunkles Omen.
„Sturmkrähen.“, hauchte der Knecht.
„Jetzt ist gut, Torvald“, schalt Meve ihn, „Arbeite weiter. Das sind einfach nur Vögel, mehr nicht. Nur verdammte Krähen.“
Das Gesicht des Mannes nahm wieder den fast üblichen, unbeteiligten Ausdruck an. Er nickte mehrmals und machte sich wieder daran, Holzbretter zurecht zu sägen, damit Meve sie weiter verbauen konnte. Sie hielt kurz inne, beobachtete ihn.
Plötzlich erhoben sich die Vögel wie einer in den Himmel und flogen in Richtung Klippen und Meer davon. Sie schüttelte den Kopf. Wussten die Götter, was das zu bedeuten hatte. Wahrscheinlich nichts, wahrscheinlich gar nichts.
Dalah kam herangeschlendert, einen Krug mit Wasser in der Hand. „Wenn ich gewusst hätte, dass du eine Baumeisterin bist …“
Die Hünin lachte. „Ich kann mit einem Hammer und Nägel Bretter zusammenfügen. Das ist keine Baukunst.“ Sie sah wieder zu Torvald. Dalahs Blick folgte dem ihren.
„Was ist mit ihm?“, fragte die Bäuerin.
Meve zögerte kurz. „In den Bäumen hatte ein Schwarm Krähen gesessen. Sie haben … ach, er hatte den Eindruck, sie würden uns beobachten. Völliger Quatsch, ich weiß. Aber … er hat sich …“
„Seltsam benommen, schloss Dalah. Sie nickte langsam. „Manchmal hat er … lichte Momente, will ich sagen. Dann wieder wirkt er … fast wissend. Ich möchte nicht abwertend klingen, aber … auch früher war er nie allzu weise. Ein einfacher, freundlicher Mann.“ Lange blickte sie zu Torvald hin.
„Aber in diesen wissenden Momenten …“, nahm Meve den Faden wieder auf, aber Dalah winkte ab.
„Ach, Einbildung, mehr nicht. Weiß Adanos, wie ein Schlag auf den Schädel das Hirn zum Klingen bringt.“, Dalah hob die Schultern. „Mach dir keine Gedanken, Meve. Trink einen Schluck Wasser.“
Das tat die Hünin, trank und trank. Die Sonne schien vom Himmel, wärmte sie, ließ die Landschaft erblühen. Erste Triebe zeigten sich auf dem kleinen Feld des Gehöfts. Kaja spielte – typisch Kind – irgendwo vor der Tür im Dreck. Friedlich. Alles wirkte friedlich.
Frieden. Wenn ich den Weg gehe, den meine Meisterinnen für mich auserkoren haben, … ist Frieden selten, ist Frieden ein Feind, denn nur Krieg schmiedet die größte Kriegerin, eine Schildmaid der Legenden, eine Walküre wie aus dem nordmarischen Aberglauben.
Sie seufzte, sah Dalah hinterher, die wieder zum Haus zurück ging.
Konnte sie eine Kriegerin des Friedens werden? Eine Beschützerin, keine Zerstörerin?
Langsam fuhr ihr Daumen über die weißen Linien auf grünem Grund, der sich über den Stahl ihres Brustpanzers erstreckte. Das Zeichen der freien Stadt Stewark – der Heimat, die sich gewählt und deren Bewohner sie zu schützen geschworen hatte. Das Zeichen eines Lebens nach eigenem Willen. Viel hatte sie dafür getan, dieses Zeichen auf ihrer Brust tragen zu dürfen. Aber sie hatte gekämpft, sie hatte nicht nachgelassen und hatte die Zweifler und Spötter eines Besseren belehrt.
Und doch fühlte sich ihr Erfolg hohl an. Wo waren all die Freunde geblieben, die Stewark zu mehr als einer Stadt gemacht hatten – zu einer Heimat, einem Ort, den sie mit allem, was sie hatte, beschützen wollte? Gut, Rudra war wie immer für sie da, und auf Frieda konnte sie sich verlassen. Aber wo waren die anderen? Meve hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Isidor war wie vom Erdboden verschluckt, jagte trotz allem Zureden den Geistern seiner Vergangenheit nach und es war ungewiss, ob und wann sie ihn je wiedersehen würde. Ja, selbst Syrias hatte sie nicht mehr getroffen. Als sie eines Tages in Tarons Waffenschmiede vorbeigeschaut und nach ihrem Lehrer gefragt hatte, hatte Taron ihr zu verstehen gegeben, dass Syrias nicht mehr länger bei ihm arbeitete. Und so blieben auch vom dritten ihrer Freunde nichts als Erinnerungen.
Seit einigen Wochen schon war sie ein reguläres Mitglied der Wache. Dank Herrin Liuvens Unterstützung hatte sie sich die Sonderanfertigung ihrer Stadtwächterrüstung problemlos leisten können – mit einigen Anpassungen zwar, die ihrem Körperbau und ihrer Art zu kämpfen entgegen kamen, aber Hertan hatte die Sonderausstattung abgesegnet. Johanna hatte eine volle Rotation aller Pflichtaufgaben zur Einarbeitung mitgemacht, von den Patrouillen zusammen mit Winstan über Gefängnisaufsicht mit Aldrich und Torwacht mit Dak bis zur Patrouille im Umland gemeinsam mit einem Kameraden namens Kastor. Zweimal die Woche rief Hertan auf dem Übungsplatz vor den Kasernen zum Drill, einmal die Woche rief er sie zum Gespräch zu sich, um ihre Einarbeitung und Aufgaben abzustecken. Nach der Aufregung der ersten Wochen hatte sich nun langsam, aber sicher eine erste Routine eingestellt – und zum ersten Mal, seit sie die Rüstung der Stadtwache trug, kam sie dazu, über das nachzudenken, was war und was blieb.
„Alles gut bei dir, Kleine?“
Johanna schreckte auf und ließ ihre Hand von der Brustplatte fahren. „Hmm?“
„Ob alles gut ist“, wiederholte Winstan lauter und deutlicher. „Ist immer noch ungewohnt für dich, mit dem Helm zu hören, hmm?“
„Ja … ja, ungewohnt“, antwortete sie schmallippig.
„Werd nach der Pause heute mal schon etwas eher Schluss machen müssen“, sagte er. „Meinst du, du schaffst den Rest der Patrouille ohne mich? Ist mit dem Chef abgesprochen, keine Sorge.“
Johanna seufzte. Winstan war ein korrekter Kerl und sie mochte den alten Lumpen sehr, aber als Kollege war er eine Zumutung. Er kam stets zu spät, vermied alles, was zu viel Arbeitsaufwand bedeutete, sah viel zu oft weg, wo er es nicht sollte und fand immer wieder neue Gründe, warum er seiner Arbeit mal wieder nicht nachgehen konnte. Immerhin gab er ihr fast jeden Tag Einen in der Mittagspause aus und brachte ihr etwas Süßes mit, wenn er aus der Bäckerei zur Patrouille kam. Wusste Beliar, warum Hertan ihm all das ohne ein Wort der Mahnung durchgehen ließ. Aber Johanna war sich sicher, dass mehr hinter der Sache steckte, als sie wusste.
„Mach du nur dein Ding“, antwortete sie brummig. „Ich krieg die Route schon alleine rum. Das Nordviertel ist doch entspannt.“
Winstan zeigte strahlend seine vom vielen Rauchen vergilbten Zähne. „Meine Rede! Du bist die Beste, Johanna. Morgen früh dann wieder, ja? Ähm … wo sind wir denn morgen dran?“
„Westring“, murrte sie kopfschüttelnd. „Seit froh, dass du mich hast, alter, vergesslicher Mann. Und verrätst du mir irgendwann mal, was dich so umtreibt, dass du ständig deiner Arbeit fernbleibst?“
„Das könnte ich tun“, entgegnete er mit einem Grinsen, „aber dann müsste ich dich töten.“
„Kannst es ja mal versuchen. Deine müden Knochen sind nicht schnell genug für mich, mein Lieber!“
„Unterschätz deinen alten Partner mal nicht, Kleine. Ich kann immer noch austeilen!“
„Das musst du mir übermorgen beim Drill zeigen.“ Sie piekte ihm mit dem Handschuh auf den Brustharnisch. „Dann kämpfen wir. Keine Ausrede!“
Winstan brummte. „Da werd ich nicht können.“
„Natürlich nicht! Feigling!“
Winstan hob die Schultern, dass seine Rüstung klapperte. „Tja, so gern ich das jetzt auch noch mit dir ausdiskutieren würde – die Pflicht ruft.“
„Die … andere Pflicht?“
„… von der ich dir jetzt nichts erzählen werde. Also, gutes Gelingen!“
„Ja ja, schleich dich nur.“
Sie seufzte erneut, als sie ihm dabei zusah, wie er die Straße entlang entschwand und sie allein in den Straßen zurückließ. „Tja, dann also ohne Partner“, resümierte sie nicht ohne eine Spur Spott in der Stimme. „Mit der Neuen kann man’s machen.“
Es war ein stürmisches, ein regenschweres Wetter. Der Wind wehte der jungen, blonden Frau um die Ohren, während sie im Schutz der Bäume bei der Klippe saß, an der sie gerne Platz nahm, um Ruhe und ein wenig Frieden zu finden. Ihr nasses Haar wehte in den starken Brisen, die jedoch noch nicht die Kraft erreicht hatten, um sie oder die Bäume ernsthaft in Bedrohung zu bringen. Aber draußen, auf dem Meer, tobte er mit titanischer Kraft. Die Wellen wurden in endlosen, sich türmenden Massen Richtung Küste getrieben und brandeten laut und gischtreich am Fuß der Klippe.
Immer wieder dachte Meve über ihren Platz in der Welt nach. Würde sie hier in Stewark ihr Schicksal finden? Auf diesem Hof? Oder würde sie reisen, ganz ihrem ungestümen Wesen gleich, ein Ross, dass nie zur Ruhe kam und immer und immer weiter preschen musste, weil das Blut in den Adern heiß und treibend war.
„Irgendetwas muss ich tun“, flüsterte sie sich selbst zu, als sie sich erhob. Die dunklen, fast schwarzen Wolken sorgten schnell dafür, dass das abendliche Zwielicht finster wurde, Umrisse und Schemen erzeugte, wo klare Konturen waren. Sie ging vorsichtig durch das Waldstück zurück zum Hof. Hier gab es durchaus das eine oder andere Loch, aufgegebene Fuchs- oder Hasenbauten, deren Eingänge unter Laub und alten Ästen verborgen lagen und nur darauf warteten, dem unachtsamen Wanderer den Knöchel brechen zu dürfen.
Vor sich hörte Meve schnelle, leichte Schritte.
„Kaja!“, rief sie über den Wind, der unter den Bäumen weniger laut tobte, aber immer noch kräftig wehte. Keine Antwort. Die Schritte erstarben schnell. Meve erstarrte. Langsam ging sie in die Hocke, spannte sich und ihre Muskeln an. Ihre rechte Hand fand das Messer. Kein Schwert, keine Axt … nun, abgesehen davon war sie talentfrei dafür, wurde ihr gesagt. Daher würden das Messer und ihr Körpergewicht reichen müssen.
„Kaja!“, nun leiser, zischender.
Kein Ton. Nur der Wind.
Gerade als Meve sich erheben wollte, spürte sie Stahl an ihrer Kehle. Kalten, harten, den Tod versprechenden Stahl. Sie wagte nicht einmal zu schlucken.
Ein kehliges Lachen ertönte seitlich hinter ihr. „Du bist ja riesig, meine Liebe“
Die weibliche Stimme hatte einen seltsamen Akzent, den sie nicht kannte.
„Bei der großen Il-Kaithe, der Großen Krähe der Stürme, du bist verdammt riesig. Hoch mit dir, ich will dich in deiner ganzen Riesenhaftigkeit sehen.“
Langsam erhob sich Meve in den Stand, die Klinge folgte ihr. Da sie nicht zitterte, also nicht weit hochgehalten wurde, musste die andere Frau entweder so groß sein wie sie oder nur um einen oder zwei Köpfe kleiner.
„Holla“, sie pfiff anerkennend, „Bist du die Nachkommin von besonders hübschen Ogern?“
„Was willst du?“, presste Meve zwischen den Zähnen hervor. Aus Wut. Aus Verzweiflung. Angst. Am meisten schmerzte es, dass sie Angst um sich verspürte, nicht aber um Kaja, Dalah oder Torvald. Feigheit war das richtige Wort dafür.
„Zum einen möchte ich dich bewundern. Und dann, du kannst es dir denken, dich mitnehmen. Gefangennehmen. Dreh dich zu mir.“, befahl sie abschließend. Meve drehte sich und sah sich einer gebräunten Frau mit schwarzer, dichter Haarpracht gegenüber, gekleidet in graue Bekleidung aus Leder und Stoffen. Salzkrusten an manchen Stellen verrieten, dass es die Kleider einer Seefahrerin waren. Die Frau war schlank, strahlte jedoch agile Gefahr – gleich einer Kobra - aus. „Bei Il-Kaithe … wie eine Statue aus den Tempeln des Alten Volkes.“
Trotz der Komplimente lag die Klinge – ein geschwungener Säbel, abgenutzt und geschärft – weiterhin an Meves Hals.
„Was soll das?“, knurrte sie, „Wo sind die anderen?“
„Die Frau und ihr Kind? Unsere Gefangenen.“
„Und Torvald?“, fragte Meve, obwohl sie fürchtete, die Antwort zu kennen.
Die schlanke Frau verzog das Gesicht. „Eines der Küken war etwas … übermütig. Vorschnell.“
Meve schluckte, spürte wie sich ihre Züge verhärteten. Gedanklich prägte sie sich das Gesicht der Frau ein.
„Er ist tot.“
„Ging es schnell?“, fragte die Hünin. Die andere hob die Schultern.
„Küken haben gerade das Kämpfen, das Töten gelernt. Keine Profis. Nein, es ging nicht schnell.“
Meve schwieg, sagte nichts. Kalte Wut staute sich an. „Und nun?“, fragte sie nach einigen Minuten Stille. „Töten mich die Küken auch? Und die anderen?“
Die Frau spuckte aus. „Nein. Nicht, wenn ihr uns keinen Grund gebt. Ihr seid Frauen, der Hoftrottel ein Mann. Wir Sturmkrähen sind ein Volk von Weibern.“
In Meves Blick lag keine Art des Erkennens. Die andere schüttelte langsam den Kopf.
„Beim Sturm, du weißt nicht, wer wir sind?“ Sie lächelte. „Sturmkrähen. Piratinnen. Der Schrecken der Meere. Scheiß auf alles, was die Meere befährt. Orks, Freibeuter … wir sind der Tod, der auf schwarzen Schwingen jene Schiffe und Küsten heimsucht, bei denen wir reiche Beute wittern. Männer töten wir. Frauen … nun, Kinder werden mitgenommen, wir brauchen schließlich Nachwuchs. Natürlich nur Mädchen.“
„Also nehmt ihr uns mit?“, brachte Meve hervor.
„Die Bäuerin und dich? Wenn ihr euren Wert bewiesen habt, ja. Das Kind sowieso. Aus ihr wird mit der Zeit eine Sturmkrähe werden.“
Ihren Wert beweisen. Nur die Götter wussten, wie das aussehen würde. Etwas krähte in den Bäumen, schlug mit den Flügeln, flatterte herab. Ein Rabe setzte sich auf die Schulter der Frau. Sie grinste Meve an.
„Mein gefiederter Freund. Mein Auge in der Luft. Wie heißt du, Titanenkind?“
„Meve.“
„Der Name hat Klang. Ich bin Sarenya“, stellte sich die Sturmkrähe vor. „Und nun, da wir das hinter uns haben, vorwärts, Meve Titanenkind. Ich bete zur Großen Krähe, dass du wertvoll genug für uns bist. Es wäre ein Jammer, dich Prachtexemplar mit durchgeschnittener Kehle von der Klippe zu stoßen.“
Und während sie durch den Wald zum Hof zurückkehrten, fielen ihr Torvalds Worte wieder ein. Sturmkrähen. Die Krähen in den Bäumen.
Es war eine Warnung gewesen.
Mit der Säbelspitze im Rücken war Meve auf den Hof zurückgekehrt. Auf den ersten Blick erschien alles ruhig, unverändert. Dann bemerkte die Hünin etwa anderthalb Dutzend Gestalten in der zunehmenden Dunkelheit des frühen Abends. Fackeln brannten und fast befürchtete sie, dass alsbald eines der Dächer angezündet werden würde. Zerstörung um der Zerstörung willen. Wir sind die Starken, ihr die Schwachen. Solcherlei Gedanken hatte sie vor noch gar nicht so langer Zeit selbst unterstützt: Stärke war erstrebens-, Schwäche verachtenswert. Nun wurde Meve bei solchen Gedankengängen übel und sie ekelte sich geradezu, lange Jahre den Kodex ihres heimatlichen Ordens so hoch gehalten zu haben.
„Sarenya!“, eine laute, schneidende Frauenstimme. Eine grauhaarige Matrone trat zu ihnen, kleiner als die Sturmkrähe und viel kleiner als die Hünin, aber Autorität ausstrahlend wie ein Ofen Hitze. „Ah, das ist die Knechtin.“
„Krähenmutter Ospria, sieht die für dich nach einer Helferin aus?“
„Es ist mir egal, wie sie aussieht. Ihr gehört der Hof nicht, sie arbeitet hier nur. Also ist sie eine Tagelöhnerin.“ Die Krähenmutter – was auch immer das war – hob die Schultern und musterte Meve von oben bis unten. „Eindrucksvoll bist du jedenfalls, Mädchen.“
Meves Gesicht lief rot an. Mädchen. Mädchen? Diese alte Vettel … aber sie schwieg. Meve schwieg und starrte sie nur finster an.
„Nun, schlauer als der Knecht. Aber das ist auch nicht schwer, denke ich. Ein ausnehmend dummes Exemplar eines Mannes.“
„Sein Name war Torvald, du alte Kackbratze!“, zischte die Hünin die Frau an. Schneller als ihre Augen es wahrnehmen konnte, verpasste die Ospria ihr eine schallende Ohrfeige. So, wie man ein vorlautes Gör, ein dummes Mädel schelten würde. Natürlich lag da Kraft im Arm, aber in erster Linie brannte die Scham. Das war nicht die erniedrigende Prügel von diesem Hundesohn namens Tiberon in der Akademie gewesen – die hatte sie letztlich irgendwie verdient – sondern eine völlig respektlose, sie auf ihren Platz verweisende Aktion. Sprachlos sah Meve die alte Frau an.
„So ist richtig, Kind. Schweigen. Aus deinem Mund kommt nur Mist.“
Ihr Blick wanderte zur Seite, zu einer Gruppe junger Frauen, manche davon vielleicht ältere Mädchen. Sie waren ähnlich gekleidet wie Ospria und Sarenya, wirkten aber in ihrer Tracht wesentlich unsicherer und unpassender als diese beiden Piratinnen der Sturmkrähen. „Glotzt woanders hin, Küken. Und du, Galeya: Ist das Grab schon fertig?“
„Für’n dicken, dummen Mann?“, murmelte sie trotzig mit gesenktem Blick. Sarenya hustete in ihre Hand, wobei es eher wie ein unterdrücktes Lachen klang. Ospria wandte sich von Meve ab, als wäre sie keine Gefahr, keine wichtige Angelegenheit, und schoss auf Galeya zu wie ein Raubvogel auf seine Beute. Hier kam keine Ohrfeige, sondern ein Fausthieb in die Magengegend. Scheinbar gingen die Sturmkrähen mit ihrem Nachwuchs wesentlich ungnädiger um als gedacht.
„Habe ich mich verhört?“, fragte Ospria und beugte sich herab. „Hast du mir irgendwas zu sagen, Küken?“
Aber aus dem Mund der jungen, blonden Frau mit dem kindlich wirkenden Gesicht kam nur Spucke und etwas Galle, während sie keuchend auf allen Vieren hockte. Ospria zischte verächtlich.
„Du hast ihn getötet, ohne dass es dir befohlen wurde. Auf Deck gilt das Wort der Krähenmutter. Ebenso an Land. Du hast gegen mein Wort gehandelt, hast mich missachtet und jetzt widersprichst du mir auch noch.“ Die Grauhaarige erhob sich wieder, sah streng über die versammelten Küken und dann zu Sarenya. „Ein paar Tage in der Bilge für diese Küken. Ich bin wahrlich zu gnädig geworden im Alter …“
Sarenya nickte, während die Mädchen und Frauen mit Bestürzung erst die Krähenmutter ansahen und dann mit verschiedenen Stufen der Wut und des Hasses die immer noch zusammengekauerte Galeya.
„Mutter“, Ospria, die sich zum Gehen gewandt hatte, hielt inne, als Sarenya sie rief. „Was ist mit der Großen?“
„Teste sie. Beweise ihren Wert. Wenn sie wertlos ist, wie die Bäuerin … nun, du kennst das Prozedere.“
Sarenya sagte nichts, sondern sah nur die Hünin an, deren Gesicht jegliche Farbe verloren hatte bis auf den roten Handabdruck Osprias.
Wenn sie Dalah etwas zuleide getan haben …
Nun, am Ende würde Meve – wenn überhaupt – wohl keine Behüterin des Friedens werden. Denn alles in ihr schrie nach Rache.
Die beiden Frauen – die Sturmkrähe und ihre Gefangene – marschierten durch ein weiteres Waldstück, welches zwischen dem kleinen Hof und einem Küstenstreifen, einer kleinen Bucht, lag. Sarenya hatte ein Lied auf den Lippen, welches Meve nicht kannte, pfiff es mit Begeisterung und machte allgemein den Eindruck, als würde sie einen wunderbaren Tag haben und nicht gerade mit ihren Kumpaninnen zusammen … nun, eine Existenz zertrümmern und zerschlagen, dass davon nur Scherben, nein, nur Staub bleiben würde.
Ist dies das Recht des Stärkeren? Muss es wohl sein. Diese Sturmkrähen sind wohl meinem Orden nicht ganz unähnlich, nur dass sie ihrem Nachwuchs direkt das Kämpfen und Töten beibringen und keinen feschen Kodex besitzen, der am Ende aber ebenso wenig wert ist wie das Wort eines Lügners …
Am Strand angekommen, sah Meve, dass ein schnittiges, dunkles Schiff einige hundert Meter vom Strand vor Anker lag. Auf den Sand gezogen, lagen drei Boote. Also waren neben Ospria, Sarenya und den Küken noch einige andere Krähen hier. Späherinnen wahrscheinlich. Meve verzog das Gesicht.
„So, äh … Meve, sagtest du?“
Die Hünin musterte die schwarzhaarige Sturmkrähe und nickte wortlos.
„Kannst du kämpfen? Bei Il-Kaithe, natürlich kannst du das. Du bist immerhin eine- …“
„Nein.“, fuhr Meve dazwischen, überspielte die Scham mit einem harten, kalten Gesichtsausdruck, der völlig konträr zu dem Geständnis war, welches sie hier tat.
Sarenya schwieg einen Moment, sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Dann brach sie in schallendes Gelächter aus, so sehr, dass sie sich vorbeugte und auf den Knien abstützte. Sie blickte dann wieder auf, Tränen schimmerten in den Augen und schwer atmend stand sie da. „‘s nicht dein Ernst, Titanenkind, oder?“
Meve schluckte schwer, wandte den Blick ab und sah zu dem Schiff.
„Es ist also dein Ernst …“
„Wo sind Dalah und Kaja?“, unterbrach Meve sie erneut und sah sie mit kalten, blauen Augen an.
Sarenya wurde wieder ernst und erwiderte lange den Blick, ehe sie antwortete. „Das Mädchen ist an Bord. Vergiss sie …“
„Und Dalah? Hat ihr jemand auch ein Grab ausgehoben? Eines eurer Küken?“
Meve trat vor. Sie war keine Kämpferin, aber sie besaß eine kräftige Statur, könnte diese einsetzen, irgendwie diese dunkelhaarige Hure überwältigen und … sterben?
„Ho“, Sarenya lächelte immer noch, aber nun sprach ihr Blick von kalter Drohung. „Bleib stehen, Meve. Du bist mir sympathisch, aber wenn du hier irgendwas versuchst, mache ich dich kalt, ist das klar? Ospria will, dass ich einen Wert feststelle.“
„So wie bei Dalah?“, fragte Meve drohend.
„Ja. Aber ich soll ihren Wert nicht schätzen. Das tut eine andere Schwester. Ich denke, dass sie keinen Wert als Kriegerin hat, aber Arbeitskräfte brauchen wir immer.“ Die Krähe zuckte die Schultern.
„Weiter also, zu der Ausrüstung dort.“
Mehrere Sätze einfacher Waffen und Rüstungen lagen da.
„Wollt ihr euch hier heimisch machen?“, fragte Meve und lächelte abfällig. „Die Mannen Ethorns werden …“
„… Die? Die würden nicht mal den eigenen Schniedel finden, wenn er in ihrer Hand läge. Bevor da auch nur ansatzweise jemand auf die Idee kommt, ein abgeschiedenes Gehöft im Stewarker Land zu kontrollieren, sind wir Dutzende Seemeilen entfernt.“
Die Sturmkrähe hob erneut die Schultern. „Niemand interessiert sich für deine Dalah und ihre Kaja und diesen toten Trottel.“, entschied sie, „Gesichtslose Untertanen, mehr nicht.“
Sie nickte zu den Waffen. „Nimm dir eine und stell dich dann da hin“ – sie deutete mit dem Säbel in der Scheide, die sie gelöst hatte, auf eine Stelle am Strand. Meve blieb stehen, verschränkte die Arme.
„Und wenn ich mich weigere?“
„Töte ich dich. Ohne viel Federlesen.“
Am Ende siegte Meves Überlebenswillen und die klassische Angst vor dem Tod. Sie verzog das Gesicht, sah auf die Auswahl an Waffen. Säbel, Entermesser, Speer, Stab, Beile.
„Denke ein Säbel passt am ehesten…“, überlegte Sarenya laut. „Etwas womit du kräftig zuschlagen kannst.“
„Nein.“
„Nein?“
Meve schluckte, schloss die Augen und betete darum, Sarenya würde die Schamesröte in ihrem Gesicht nicht bemerken.
„Mir wurde gesagt, dass ich dafür kein Talent habe. Nicht von einer Freundin, nicht von meinem Ausbilder, aber von jemanden, der Waffen anfertigt. Er sah meine mangelnden Fortschritte und stellte ein Urteil aus … das …“ Sie schüttelte den Kopf. „Am Ende auf diesen Hof führte. Flucht vor der bitteren Wahrheit.“
„Scheiß drauf. Dann schnapp dir den Speer. Du bist groß, du hast lange Arme und Beine. Mit dem Speer kann sogar der untalentierste, auf beiden Augen blinde und beiden Ohren taube Bauer in die Schlacht ziehen. Na los.“
Meve zögerte kurz, beugte sich herab, hob einen Speer an. Einfaches, stählernes Stichblatt, gutes, hartes Holz. Rau und abgenutzt, aber ohne Makel. Gute Arbeit, soweit sie das beurteilen konnte, was natürlich nichts hieß.
„Na siehst du“, Sarenya lächelte kurz aufmunternd. „Das haben wir geschafft. Natürlich mache ich dich nicht in zehn Minuten zur Speerkampfmeisterin, aber … es sollte reichen um zu sehen, ob du ein Talent dafür hast oder nicht.“
Die Frau warf die Scheide ihres Säbels beiseite. Meve stand da, den Speer mit beiden Händen haltend. Sie sah zu der abgelegten Waffe und der Unbewaffneten.
Sarenya zeigte das Lächeln eines Seewolfes. „Oho, so eine meinst du zu sein?“
Es wurde breiter, zeigte weiße Zähne. „Na dann, Titanenkind, töte mich.“
„Mit Vergnügen!“, fuhr Meve auf und warf sich mit dem Speer in den Händen auf die Sturmkrähe.
Um Meves Feuereifer zumindest etwas zur Ehre zu gereichen: Sie attackierte nach bestem Wissen und Gewissen, auf die Art, wie sie meinte, dass ein Angriff mit einem Speer von statten gehen sollte. Spitze voran, gezielt auf die Leibesmitte, mit ganzer Kraft. Sie würde Sarenya pfählen und damit einen Namen von ihrer Liste von Sturmkrähen, deren Federn es zu rupfen galt, streichen. Das Gesicht der Hünin war vor Wut und Angst verzerrte, während sie voranstürmte, um die unbewaffnete Plünderin zu töten.
Und was tat diese?
Einen sekundenlangen Augenblick fühlte sich Meve an eine Geschichte erinnert, die eine Meisterin ihres Ordens, eine weitgereiste Veteranin und Ausbilderin ihrer Klasse einmal erzählt hatte: Weit, weit im Osten des legendären Kontinents namens Gorthar, gab es ein Volk, welches in Arenen vor zehntausenden jubelnden Zuschauern gegen Stieren kämpfte. Aber nicht schwer bewaffnet, sondern nur mit einem roten Tuch, einer ulkigen Aufmachung und einer Art Stichwaffe, um das Tier erst zu triezen und zu noch größerer Wut anzufachen, nur um dann am Ende Gnade walten zu lassen. Oder das, was diese Leute dort als Gnade verstanden. Die Meisterin hatte es als Metapher für unkontrollierten Zorn erzählt: Der Stier sieht die Farbe Rot, überall, sieht diesen ausstaffierten Menschen, der ihn anstachelt und will ihn niedertrampeln und aufspießen. Nichts anderes zählt. Flucht wäre in dem Fall angebrachter, zwar wirkungslos, aber ein sinnvollerer Instinkt.
So wie die Meisterin die fast tänzerisch anmutenden Bewegungen der Stierkämpfer beschrieben hatte, wich nun Sarenya mit nahezu akrobatischer Anmut der wütenden Kuh namens Meve aus, nutzte den Schwung und trat ihr mit ungeheurer Präzision die Beine weg. Noch immer in Bewegung, trug der Schwung und der Verlust der Bodenhaftung sie nun einige Schritt weiter, wo sie zu Boden ging, fast den Speer zerbrach und mit dem Gesicht im nassen Sand der Bucht landete, eine kurze Furche zog und eine Ladung salzig schmeckenden Strandes probieren durfte.
„Lächerlich“, höhnte Sarenya, „Ich gebe zu, du bist groß und kräftig. Wäre ich – was weiß ich – ein Baum, dann hättest du mich mit dem Ding verdammt nochmal durchstoßen. Leider bin ich eine Sturmkrähe.“ Sie trat zu ihr hin, rollte Meve mit dem Fuß auf die Seite. „Ich habe mehr Gefechte auf schwankenden Decks gehabt, als ich zählen kann. Meinst du eine stumpf daher stürmende Idiotin macht mir da Angst?“
Meve spuckte den Sand aus. Ihre Züge waren hochrot. Vor Schande, vor Wut, aber eben auch vor einer gewissen Panik. Was würde Sarenya nun machen? Einen Säbel nehmen und die Sache beenden?
„Hoch mit dir, Titanenkind.“, sie machte sich nicht die Mühe, ihr aufzuhelfen, „Wir können das Spiel natürlich gerne weiterspielen, bis du müde bist oder dir der Sand zum Hals raushängt, nun, oder wir können wirklich mit der Arbeit, mit dem Schätzen deines Wertes anfangen.“
Ächzend mühte sich Meve wieder auf die Beine, den Speer als Stütze nutzend. Sarenya sah sie abschätzig an.
„Wichtig ist, wie du den Speer hältst. Während deines Angriffes, Meve, lagen deine Hände zu nah beieinander und zu weit hinten. Dir hätte beim Auftreffen die Stabilität gefehlt. Ein Gegner ohne Rüstung oder ein schmales Beutetier hättest du damit sicherlich gut bluten lassen, aber gegen einen Krieger in Rüstung? Entweder hätte er den Speer mit der Klinge abgewehrt und zur Seite, ins Leer gelenkt … oder du hättest getroffen und den Halt verloren, weil du in etwa so standfest und sicher warst, wie ein wackeliger Greis kurz vor dem Tod.“
„Aber meine Kraft …“
„Deine Kraft wäre wohl das Einzige gewesen, was bei deinem Angriff wirklich für Schaden gesorgt hätte. Du bist groß und kräftig, nutze dies. Kraft bedeutet nicht nur, angreifen zu können. Der Speer ist auch eine Waffe für die Verteidigung, für den Stand. Nicht wirklich für den Sturmangriff gedacht.“ Sie trat zu Meve und packte sie, ohne zu fragen an. Die Sturmkrähe zerrte an ihren Armen, positionierte sie so am Speerschaft, wie es wohl richtig schien. Etwas mehr als eine Körperbreite auseinander. Die Rechte im hinteren Drittel des Schafts, die Linke etwas mehr als mittig. Dann korrigierte sie mit den Füßen Meves Stand, bis es wirkte, als würde die Hünin einen Ausfallschritt machen.
„Steh nicht so steif da. Locker in den Beinen. Du bist zwar so groß, aber am Ende eben keine Eiche.“ Sie führte es vor, die Beine entsprechend im Ausfallschritt, ging leicht in die Knie, wippte, zeigte dabei aber einen sicheren, festen Stand.
„Stürmt jemand auf dich zu, beispielsweise im Angriff – Speerkämpfer werden gerne zur Abwehr von Kavallerie eingesetzt – dann brauchst du einen sicheren Stand, der aber nicht steif ist. Ebenso, wenn du zustechen willst.“
Sarenya legte ebenfalls die Hände an den Speer und führte ihn, imitierte den Speerstoß nach vorne. „Merkst du das? Viel sicherer. Zustechen ist die erste Lektion. Der Speer als Stangenwaffe ist zum Stich da. Stechen, stechen und nochmal stechen.“
Die Sturmkrähe sah sich um, zerrte zwei Kisten heran und stapelte sie aufeinander. Dann suchte sie einen Kohlestift und markierte das Holz, zeichnete drei Kreise. Einen äußeren Ring, einen mittleren und einen kleinen, inneren.
„Damit üben wir das Zustechen. Erst einmal möchte ich, dass die Bewegung sitzt, du den Ablauf verinnerlichst.“
Lares hatte so ein scharfes Tempo vorgelegt, dass Piero ihn auf dem gesamten Weg quer durch die Stadt nur an der nächsten Ecke verschwinden gesehen und nicht ein Zoll weit aufgeholt hatte. Er kam nicht umhin, schon wieder eine neue Lektion dahinter zu vermuten, auch wenn der alte Lump aus ihren gemeinsamen Arbeiten in der Vergangenheit eigentlich wissen musste, dass Pieros Beobachtungsgabe keiner Schulung bedurfte. Erst im Westviertel schien Lares das Tempo ein wenig herauszunehmen, sodass Piero ihn vor dem vermaledeiten Haus endlich einholte, das ihm diesen ganzen Ärger eingebracht hatte.
"Also, was soll der ganze Mummenschanz? Sprich wahr und sprich schnell, stronzo!"
Lares erwartete ihn lächelnd auf der gegenüberliegenden Seite des Anwesens.
"Das, mein Lieber, ist das Sichere Haus. Ein Gebäude, das gewisse Leute in der Stadt als Übungsobjekt nutzen, um ihre Fähigkeiten zu beweisen. Außerdem dient es als zeitweilige Unterkunft für diejenigen unter ihnen, die innerhalb der Stadtmauern untertauchen wollen."
Pieros rechte Augenbraue hob sich so weit, dass sie bald aus dem Gesicht sprang.
"Ein Übungsobjekt für gewisse Leute, also ..."
"... denen beizutreten ich dir als meinem alten Freund eröffnen werde, sobald du es geschafft hast, seine Herausforderungen zu meistern."
Schnaubend sah Piero zu dem Gebäude herüber. Was Lares sagte, ergab Sinn. Die kuriosen Aufbauten, die unterschiedlichen Sicherheitsstandards und das absurde Schloss am Haupteingang waren ihm beim letzten Mal schon äußerst verdächtig vorgekommen.
"Ein Übungsobjekt für Diebe also. Bene, das kauf ich. Aber was sollte die Nummer mit der Stadtwache?"
Ganz beiläufig setzte Lares sich wieder in Bewegung und führte ihn erneut um das Haus herum in den Hinterhof, während er antwortete.
"Nun, Winstan ist ein ... Freund. Ich wusste, wann er Patrouille hat - und er sollte es bei einer Ermahnung belassen, sobald er die zu erwartende Ausrede von dir gehört hatte. Als Belehrung in Sachen Aufmerksamkeit und Vorsorge. Deine kleine Freundin war aber nicht Teil der Rechnung."
"Oh, Johanna ist bestimmt keine Freundin von mir."
"Wer könnte dir schon böse sein, mein Bester?" Lares, erneut vor dem nun wieder verschlossenen Kellerfenster angekommen, deutete mit einer Hand hinab und hielt Piero mit der anderen eine neue Öffnungsnadel entgegen. "Wollen wir noch einmal? Diesmal ohne Überraschungen."
Piero brauchte zwei Atemzüge, um Lares' Ausführungen und den ganzen Rattenschwanz an verworrenen Beziehungen, der dahinter hängen mochte, zu verarbeiten. Und er sah die Möglichkeiten, die ihm diese spezielle Mitgliedschaft einbringen konnte. Über die Verpflichtungen mochte zu einem späteren Zeitpunkt noch zu sprechen sein. Schlagartig fand das gewinnbringende Lächeln den Weg zurück in sein Gesicht. "Mit Vergnügen", entgegnete er und nahm die Öffnungsnadel. Er kniete neben dem Fenster nieder, ohne den Blick von Lares zu nehmen, drückte das Fenster mit dem Knie weit genug auf, um die Nadel einzuführen, ließ sie bis an die Falle gleiten und hebelte das Fenster binnen eines Herzschlages auf, ohne auch nur einmal hinzusehen.
"Alter vor Schönheit, mein Freund."
Lares hob überrascht die Augenbrauen. "Respekt!"
"Ich lerne verdammt schnell, mein Lieber." Und er hatte heimlich geübt, bis ihm das Gefühl für die Öffnung in Fleisch und Blut übergegangen war. Aber das würde er Lares nicht auf die Nase binden.
"Nun gut, dann sehen wir uns bei der nächsten Aufgabe unten im Keller."
Mit einem eleganten Schwung verschwand der in die Jahre gekommene Gauner durch das Kellerfenster.
"Nicht übel, Vecchio. Hätt ich dir gar nicht mehr zugetraut."
Während sein Schüler sich ungelenk durch das Kellerfenster ins Tiefparterre des sicheren Hauses mühte und dabei den ein oder anderen Gegenstand mit sich riss, setzte sich Lares auf einem der Vorratsfässer nieder. An seiner Bewegungsfähigkeit würden sie definitiv arbeiten müssen, wenn Piero nicht zeitnah erneut im Gefängnis der hiesigen Stadtwache landen wollte. Doch für den Moment standen andere Lektionen an.
„Willkommen im sicheren Haus“, sagte er schließlich und breitete die Arme aus. „Das hier ist der übliche Eingang für alle, die sich der Kunst des Schlösseröffnens zum ersten Mal annähern. Mit steigenden Fähigkeiten gibt es auch bequemere Zugänge. Durch die Vordertür hat es aber noch nie jemand reingeschafft. Das Schloss dort ist beinahe unmöglich zu knacken, und man hat keinerlei Deckung, während man daran arbeitet. Angeblich wurde beim Bau des Hauses eine besondere Belohnung für die Person in der Vorkammer hinterlegt, der es zuerst gelingt – in Jahrzehnten ist das Schloss unangerührt geblieben.“
Lares erhob sich und führte Piero durch den Raum, der wie eine gewöhnliche Speise- und Vorratskammer aussah. Zu beiden Seiten standen prallgefüllte Regale und übereinander gestapelte Kisten. Doch sein Weg führte zu einer einfachen und unscheinbaren Holztür am anderen Ende des Raumes.
„Nachdem du dich in der Vergangenheit immerzu erfolgreich um den Part des Schlösserknackens gedrückt hast, wird dieses Schätzchen hier dein erstes Mal mit dir bestreiten. Keine Sorge, vor dir hat schon so manch anderer seine ersten Schritte getan. Und ich werde dich natürlich hindurch begleiten.“
Er zog ein in Stoff eingelegtes Bündel hervor und entrollte es auf einer nahen Kiste. Darin befand sich eine ganze Reihe schmaler Werkzeuge, die in Spitzen, Haken, Wellenformen und kleinen Kugelformen endeten. „Ein Geschenk von mir – du wirst es in den nächsten Tagen noch brauchen. Für heute aber benutzen wir aus didaktischen Gründen den hier. Hab ich selbst gemacht, während ich darauf gewartet habe, dass meine Freunde dich aus dem Gefängnis holen.“
Lares streckte Piero ein krudes Objekt entgegen, dem man seinen Ursprung als Zimmermannsnagel eindeutig noch ansehen konnte. Wo jedoch einst ein gerades Stück Metall in einer robusten Spitze endete, beschrieb dieser Homunculus von einem Diebeswerkzeug zwei rechte Winkel und endete in einem flach geschlagenen Fächer.
„Das, mein Lieber, ist die einfachste Art von Sperrhaken – oder auch Dietrich, wenn du willst, auch wenn für dich ‚Peterchen‘ zutreffender ist. Für einfache Schlösser wie das da reicht so etwas aus – und wenn du wirklich geübt bist, gelingt es dir vielleicht auch mit einem geraden, spitzen Gegenstand, den du nicht erst in Form bringen musst. Komm, wir arbeiten uns zusammen durch. Aber die Arbeit wird ich dir nicht abnehmen.“
Johanna
Peterchen! Piero nahm sich fest vor, jedem die Zunge herauszureißen, der es wagte, ihn auf diese Weise anzusprechen. Doch Lares kam angesichts der vielen nützlichen Geschenke diesmal gerade noch so damit durch.
„Prego, dann zeig mir mal, wie ich das mache“, sagte er, nahm den Dietrich mit der rechten und ließ mit einer unauffälligen Bewegung seiner Linken das Bündel von der Kiste verschwinden, bevor der Lump es sich noch einmal anders überlegte.
„Es gibt verschiedene Arten von Schlössern. Was du hier siehst, ist eines der einfacheren Sorte. Das hier nennt man ein Buntbart-Schloss. Der Schlüssel“, sagte er und ließ eben jenen aus seinem Ärmel erscheinen, „trägt hier vorne den Bart. Der ist eigentlich nichts weiter als ein Hebel, mit dem du den Mechanismus im Inneren drehen und damit den Sperrriegel in die Tür zurückziehen kannst. Naja – und warum sollte man das nur mit einem Schlüssel können, wenn man doch auch so viele andere Dinge als Hebel benutzen kann? Dir muss es nur gelingen, etwas einzuführen, das du dann drehen kannst – und hier kommt dein neues liebstes Werkzeug ins Spiel. Denn durch die beiden Winkel kannst du genau das mit dem Dietrich sehr bequem machen.“
Lares tippte mit dem Zeigefinger auf das Schlüsselloch. „Dir ist bestimmt schon einmal aufgefallen, dass diese Dinger immer eine andere Form haben. Der Bart des passenden Schlüssels ist das Gegenstück dazu und passt genau durch die Öffnung dieser Platte. Im einfachsten Falle, wie hier, ist die Form des Lochs aber auch schon das einzige Hindernis. In etwas schwierigeren Fällen hast du auch im Inneren noch Eisenstäbe oder andere unbewegliche Hindernisse, die weniger offensichtliche Hürden bilden und etwas mehr Feingefühl erfordern, um sie beim Aufhebeln zu umgehen. Das nennen wir dann ein Besatzungsschloss. Aber wenn du das hier beherrschst, kannst du acht von zehn Schlössern in jeder Stadt dieser Welt öffnen. Zu den interessanten zwei von zehn kommen wir dann später. Also dann, führ es ein, das Peterchen!“
Murrend fügte sich Piero und fädelte das abgeflachte Ende des Sperrhakens an den Ecken der Metallplatte vorbei, bis er den vorderen, abgewinkelten Teil im Schlüsselloch hatte.
„Nicht so schüchtern, mein Lieber. Steck ihn ruhig noch etwas weiter rein! Bei einem Schlüssel hängst du doch auch nicht nur den Bart ins Loch!“
„Prego …“, entgegnete Piero gedehnt und schob den Dietrich tief in das Schüsselloch, was ihn von allein dazu zwang, den Winkel zu verändern und das Werkzeug gerader zu halten.
„Siehst du, jetzt kannst du den Mechanismus auch besser hebeln. Der Rest ist simpel. Mit der linken Hand hältst du den Haken in Position, mit der Rechten drehst du nun das zu dir stehende, abgewinkelte Ende mit dem Nagelkopf, so wie bei einem Schlüssel. Ist mit dem Nagelkopf vielleicht etwas unangenehm an den Fingern, aber wer unter schwierigen Umständen lernt, weiß gutes Werkzeug besser zu schätzen.“
Piero erwiderte nichts, zu sehr war er darauf konzentriert, sich vor seinem Kollegen keine Blöße zu geben. Wie Lares es ihm gesagt hatte, hielt er den Dietrich mit der einen Hand in Position und drehte ihn mit der anderen – doch das Werkzeug rutschte ihm zwischen den Fingern nach oben weg, gerade als er Druck ausübte.
„Keine Sorge, das passiert jedem beim ersten Mal. Naja, fast jedem. Du bekommst ein Gefühl dafür, in welche Richtung dir der Sperrhaken beim Drehen abhauen will und wie du ihn halten musst, damit das nicht passiert. Versuch’s nochmal!“
„Das ist demütigend“, knurrte Piero, doch er gab nicht auf. Beim zweiten Versuch korrigierte er seinen Griff, um das Werkzeug nicht nach oben wegrutschen zu lassen, drehte es – und mit einem leichten Druck ertönte ein erstaunlich befriedigendes Klicken.
Die Tür schwang mit einem ächzenden Knarren auf. Piero wandte sich zu Lares um und ließ dabei grinsend den Dietrich zwischen seinen Fingern rotieren.
„Gekonnt ist eben gekonnt.“
„Gar nicht mal so schlecht“, bestätigte Lares. „Sieht aus, als wären deine flinken Finger für mehr als nur Beutelschneiden zu gebrauchen. Und beim nächsten Mal gelingt es dir vielleicht auch, ohne Kratzspuren auf dem Schlüsselloch zu hinterlassen.“
Er zeigte auf eine ganze Reihe von Einkerbungen in dem Messingblech, von denen die meisten bei genauerem Hinsehen stumpf aussahen. Doch ein, zwei Kratzer zeigten einen verräterischen, metallischen Glanz.
„Macht dir nichts draus. Du siehst, dass du nicht der erste bist, der seine Spuren an dem Schätzchen hinterlassen hat. Die Kunst ist es, das Schloss schnell und ohne solche Rückstände zu öffnen, die dich später verraten könnten. Aber das kommt mit Zeit und Erfahrung.“
Lares machte eine einladende Geste in Richtung der geöffneten Tür. „Nach dir, mein Lieber.“
Die beiden fanden sich am Fuße einer schmalen Treppe aus poliertem Stein wieder. Die Stufen mündeten in einer Halle, deren Äußeres einen gewaltigen Kontrast zu dem schmucklosen Lager im Keller bildete. Bodenfließen aus poliertem Stein bedeckten den kreisrunden Raum in einem schwarz-weißen Schachbrettmuster. Cremefarbene Tapeten mit vergoldeter Zier verliehen dem Raum ein freundliches Äußeres, dessen Decke mit einem altertümlichen Heldengemälde von respektabler Qualität dekoriert war. Von der Treppe aus blickten sie auf drei Türen, die zu verschiedenen Seiten aus der Halle führten.
„Geh nur voran! Tiefer ins Innere des Hauses führen alle drei Türen“, sagte er. Als Piero sich aber anschickte, an ihm vorbeizugehen, hielt Lares ihn zurück.
„Vielleicht solltest du dir den Raum aber ganz genau anschauen, bevor du blindlings hineinläufst. Du erinnerst dich an den Bruch in Geldern damals?“
„Oh, du meinst der mit dem armen Bastard, der mit uns in diesen Tempel einsteigen sollte? Wie hieß der noch gleich?“
„Larry der Schleicher.“
„Na, nachdem er in die Bärenfalle getreten war, ist er jedenfalls nicht mehr geschlichen.“
Lares hob die Schultern. „Nein. Die Orks haben ihn aufgeknüpft, als sie ihn gefunden haben.“
„Tragisch“, erwiderte Piero, doch seine Züge verrieten nicht viel Mitgefühl.
„Berufsrisiko. Zumindest Bärenfallen brauchst du hier drinnen keine zu erwarten. Aber vielleicht schaust du lieber genau hin, bevor du deine Füße hier irgendwohin setzt. Achte auf Unregelmäßigkeiten in der Höhe der Fliesen, auf ungewöhnliche Öffnungen und versteckte Drähte. Und wenn du was findest, gib mir Bescheid. Das schauen wir uns zusammen an.“
Johanna
Isidor ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf das umgestürzte Stück Baumstamm sinken, das ihm als notdürftiger Hocker diente, und nahm die dampfende Schüssel entgegen. Seine Finger waren taub vor Anstrengung, selbst der hölzerne Löffel fühlte sich an wie ein Amboss in der Hand. Er musste die Schale mit beiden Händen halten, um nicht versehentlich den Inhalt auf seine Beine zu schütten – oder schlimmer, auf Armonds.
Der erste Löffel brannte angenehm in seiner Kehle. Gemüse, Salz, ein Rest Fleisch. Vielleicht sogar etwas Sellerie, wenn er sich nicht täuschte. Er schloss die Augen einen Moment, ließ die Wärme in sich einsinken wie ein Schmied die Glut in den Stahl. Dann hob er den Blick und erwiderte Armonds neugierigen Blick, der über den Schalenrand hinweg auf ihm ruhte.
„Was ich gelernt habe?“ Er atmete durch, schob den Löffel zurück in die Brühe, rührte mechanisch. „Dass ein Ziel nicht einfach das ist, worauf man zielt. Sondern alles, was dazwischen liegt – Wind, Haltung, Spannung. Der kleinste Fehler wird da unten zu einem Fehlschuss. Und manchmal…“ Er zuckte mit den Schultern, „…trifft man trotzdem nicht, auch wenn man alles richtig macht.“
Er schlürfte noch einen Löffel Suppe, ehe ein leicht schiefes Grinsen seine Züge durchzog – mehr resigniert als wirklich amüsiert. „Ich habe auch gelernt, dass vierzig Kilo am Morgen nicht viel sind, aber am Abend die Schultern ruinieren. Und dass es dem Bogen egal ist, ob ich ihn mag oder nicht.“
Sein Blick wanderte zum Fass. Es war noch da, schief und morsch, wie eh und je. Ein dummer Holzkasten. Und doch ein Feindbild, das in ihm mehr Stolz geweckt hatte als so mancher Mensch.
„Und beim Essen…“, fuhr er fort und wirkte dabei für einen Moment jünger als zwanzig, „…reden wir meist über Brot. Oder den Ofen, der wieder zu heiß wurde. Frieda erzählt gern von Kundschaft. Johanna schweigt meistens, wenn sie isst. Und wenn sie etwas sagt, dann ist es meist etwas, das mir noch stundenlang durch den Kopf geht.“
Er hielt inne. Der Löffel fror auf halbem Weg zur Schüssel.
„Ich denke nicht, dass sie das wollen würden. Dass ich hier bin, meine ich. Aber das ist nicht ihr Krieg.“
Er aß weiter. Langsamer jetzt. Und leiser.
Der Pfad war schmal und uneben, eingesäumt von Dornsträuchern, die sich wie widerwillige Finger nach ihren Stiefeln reckten. Der Regen der letzten Tage hatte Spuren hinterlassen – nicht genug, um den Aufstieg zu gefährlich zu machen, aber genug, dass Ravia bei jedem Schritt darauf achten musste, wohin sie trat. Der Wind, der vom Meer heraufstrich, war feucht und roch nach Tang und Eisen. Er schien die Stadt schon zu ahnen, lange bevor sie sie sehen konnten.
Pakko schwieg. Er hatte das Beil, das er sonst locker über der Schulter trug, mit einem Riemen an die Seite geschnallt, die Hände frei, das Kinn leicht vorgeneigt. So ging er immer, wenn er etwas beobachtete. Wahrscheinlich sie. Wahrscheinlich alles.
„Du könntest ruhig was sagen“, murmelte Ravia, während sie eine Wurzel umging, die aus dem Geröll ragte wie der Finger eines alten Mannes.
„Ich wollte dir Raum lassen.“
Seine Stimme war leise, nicht spöttisch. „Wenn du mir was sagen willst, sag’s. Wenn nicht – ich zwing dich nicht.“
Sie biss sich auf die Lippe. Er war so... vernünftig. Das war das Problem. Es machte es schwieriger, sauer auf ihn zu sein.
Die Türme von Stewark rückten näher. Jetzt, wo sie oberhalb der Klippen traten, konnte man die untere Stadt erkennen – ein Gewirr aus grauen Ziegeldächern, Schiefer, hölzernen Giebeln, die sich wie keuchende Rösser an den Hang schoben. Über allem thronte die Feste. Kahl. Uneinnehmbar. Ein Ort, der einem nie das Gefühl gab, willkommen zu sein.
Das Stadttor war breit, aus demselben Stein wie die Mauern und mit Eisen beschlagen, das schon etliche Wetter überstanden hatte. Zwei Wachen standen davor – einer mit einer Hellebarde, der andere mit einem Kettenhemd, das unter der Brust spannte. Beide trugen die Farben der Stadtwache, doch der eine wirkte, als sei er erst gestern aus dem Söldnerlager gepflückt worden.
„Halt!“, rief der Breitschultrige, als sie sich näherten. „Name, Herkunft, Grund des Besuchs.“
Routine. Kalt. Abgestumpft.
Ravia blieb stehen. Sie hatte solche Situationen oft erlebt – aber selten mit offiziellem Auftrag. Ihre Finger glitten fast instinktiv Richtung Gürtel, doch sie hielt sich zurück.
Langsam. Keine hastigen Bewegungen. Stewark war nicht Bakaresh.
„Mein Name ist Ravia. Wir kommen im Auftrag von Kapitän Arus, Schiff: Joka La Maji, vor Anker südlich der Stadt.“
Sie zog das zusammengerollte Pergament hervor, löste das Band und hielt es hoch, ohne es aus der Hand zu geben.
„Wir haben eine Nachricht und ein Siegel für die Bevollmächtigten des Königs. Uns wurde gesagt, man werde wissen, wohin damit.“
Die Wache mit der Hellebarde trat näher, musterte sie wie ein Händler ein verdorbenes Stück Obst.
„Ravia? Hab ich noch nie gehört.“
„Dann ist es ja gut, dass du mich heute kennenlernst“, entgegnete sie mit einem Lächeln, das gerade genug Zähne zeigte, um freundlich zu wirken.
Er knurrte, doch der andere Wachsoldat – der mit dem zu engen Kettenhemd – trat vor und betrachtete das Pergament mit gerunzelter Stirn. Er sah das Siegel, runzelte die Stirn noch mehr, dann hob er eine Hand.
„Wartet hier.“
Er verschwand im Torbogen. Sekunden wurden zu Minuten. Pakko sagte nichts. Ravia zählte ihre Atemzüge. Sie wusste nicht, ob sie beobachtet wurden – aber sie ging davon aus.
„Unaona hatari hapa?“
Seine Stimme war leise. Ein Wispern, das kaum über das Pflaster reichte.
Siehst du hier Gefahr?
Ravia warf ihm einen kurzen Blick zu, dann wieder zum Stadttor.
„Hatari iko kila mahali.“
Gefahr ist überall.
Ein Nicken. Schweigen. Dann:
„Arus aliniambia, nisimwache mtoto wake peke yake.“
Arus sagte mir, ich soll sein Mädchen nicht allein lassen.
„Sio mtoto.“
Ich bin kein Kind.
Sie schob das Pergament tiefer in ihren Gürtel. Pakko antwortete nicht sofort. Sie hörte ihn durch die Nase ausatmen – scharf, aber nicht spöttisch.
„Lakini bado uko peke yako.“
Aber du bist trotzdem allein.
Das saß. Ravia spürte, wie sich ihre Finger zur Faust schlossen. Nicht aus Zorn – aus Verteidigung. Es war zu ehrlich. Und sie hasste ihn dafür, dass er es sagte.
„Unaweza kuniacha kimya. Kama zamani.“
Dann kannst du mich ja wieder schweigend stehen lassen. Wie früher.
Er zuckte kaum merklich. Vielleicht hatte er mit dem Stich gerechnet. Vielleicht auch nicht.
„Ninarudi. Siku zote.“
Ich komme zurück. Immer.
Sie sagte nichts mehr. Doch ihre Schultern sanken ein wenig, als hätte ein Teil der Spannung für einen Moment nachgegeben – nicht vergeben, nicht vergessen, aber ruhiger.
Schließlich kehrte der Soldat zurück, diesmal begleitet von einem Mann mit Schreibertasche, grünem Wappenrock und scharfen Augen. Kein Kämpfer – aber jemand, der wusste, wie Worte weh tun konnten.
„Ihr kommt mit mir. Keine Fragen. Keine Umwege.“
Er sah Pakko an. „Beide.“
Ravia nickte, hielt das Pergament weiter fest.
Die Stadt verschluckte sie wie ein dunkler Schlund.
Das Tor öffnete sich schwerfällig, seine Eisenbeschläge klangen wie dumpfe Glocken, die sich in Ravias Knochen senkten. Der Schreiber im grünen Wappenrock – hager, mit ernsten Schritten wie jemand, der nicht geht, sondern führt – sagte kein weiteres Wort. Nur ein knapper Blick bedeutete ihnen, ihm zu folgen.
Hinter dem Torhaus trat der erste Windstoß über das Pflaster – kühl, salzig und durchtränkt von dem Geruch einer Stadt, die sich dem Meer nicht beugte, sondern ihm trotzte. Zur Rechten hämmerte es dumpf aus der Schmiede, der Rhythmus einer Frau, die mit jedem Schlag sagte, wem der Stahl gehörte. Der Qualm, der aus dem Schlot stieg, roch nach Eisen, Ruß und dem brennenden Öl der Nacht.
Pakko war still. Er bewegte sich so, wie er es immer tat, wenn er nicht wusste, ob er begleiten oder schützen sollte. Nah genug, um präsent zu sein. Weit genug, um nicht aufzufallen.
Die Klippenchenke kam in Sicht – mit verrußten Scheiben und einer Tür, deren Angeln vom Wetter gezeichnet waren. Ein Betrunkener taumelte heraus, musterte sie kurz und verschwand, als er den Wappenrock ihres Begleiters erkannte. Keine Grüße. Keine Fragen.
An Worgans Alchemiestube roch es nach trockenem Lavendel, Schwefel und dem süßlichen Gestank von Beerenextrakten, die schon vor Tagen hätten abgefüllt sein sollen. Die kleinen Fenster waren beschlagen, als würde das Haus seinen Atem anhalten.
Dann öffnete sich vor ihnen der Festplatz – leer um diese Tageszeit, nur die Raben waren wach. Zwei Kinder rannten um den trockenen Brunnen. Eines blieb stehen, als Ravia vorbeiging, und hob kurz die Hand. Sie wusste nicht, ob es ein Gruß war oder eine Warnung. Vielleicht beides.
„Hier entlang“, murmelte der Schreiber und bog nach Süden ab.
Die Straße zog sich nun bergauf. Die Pflastersteine waren alt, glattgetreten von Jahrhunderten. Der Wind wurde kühler, schärfer – er roch nach altem Kalk und kaltem Zorn. Die Stadt war gewachsen, aber sie hatte nie gelernt zu vergessen.
Die Zitadelle thronte über dem Rest wie ein dunkler Zahn im Fleisch der Stadt. Ihre Mauern waren dick, die Fenster zu schmal für Hoffnung. Zwei Wachen standen vor dem Tor, schwer gerüstet, Helme tief im Gesicht, die Hellebarden verschränkt. Als sie nähertraten, legte Ravia instinktiv die Finger an die Tasche, in der sich das Siegel befand.
Doch der Schreiber machte nur ein Zeichen – und sie traten zur Seite.
Pakko blieb zurück. Keine Wache hielt ihn auf, kein Blick zwang ihn zum Gehen. Doch als sie die letzten Stufen zur Zitadelle nahm, trat er einen Schritt näher und sagte leise, kaum hörbar:
„Nitakusubiri hapa. Lakini usiporudi kabla ya jua kutua—naenda kwa Arus.“
Ich werde hier auf dich warten. Aber wenn du bis Sonnenuntergang nicht zurück bist – gehe ich zu Arus.
Ravia wandte den Kopf nur ein wenig, der Wind spielte mit ein paar Strähnen an ihrer Schläfe. Sie sagte nichts – nur ein Nicken, kaum mehr als eine Regung der Lider. Doch es genügte.
„Sawa?“, hakte er nach. Einverstanden?
Sie zögerte den Bruchteil eines Herzschlags. Dann:
„Sawa.“
Dann trat sie durch das Tor der Zitadelle. Der Stein unter ihren Stiefeln war glatt, fast poliert, doch Ravia wusste, dass das hier keine Ehrerbietung war – es war Kontrolle. Jeder Schritt klang zu laut. Jeder Atemzug zu falsch.
Ein Flur führte hinein – kahl, nüchtern, mit Wänden, die nichts erzählten. Nur leise Stimmen drangen durch Ritzen, das Kratzen einer Feder auf Pergament, das Quietschen eines Lederstuhls. Die Luft schmeckte nach Öl, Tinte und vergangenen Urteilen.
Ein Beamter trat aus einer Seitentür – mittleren Alters, das Haar schütter, aber der Blick scharf wie eine Waage.
„Ihr seid von Kapitän Arus?“
„Ja“, antwortete sie knapp. „Ich bringe Schreiben und Siegel. Im Namen der Joka La Maji.“
Er musterte sie. Kein Misstrauen, aber auch kein Willkommen.
„Folge mir.“
Ravia blickte zurück – ein Hauch von Unsicherheit, den sie schnell hinter sich ließ. Dann nickte sie.
„In Ordnung.“
Drinnen war es stiller. Kälter.
Und sie wusste: Nun begann das Spiel, zu dem sie keinen Einsatz mitgebracht hatte – nur ein Pergament, ein Siegel, und den Schatten einer Hoffnung, dass sie mit mehr zurückkehren würde als mit Schuld.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss wie ein Urteil ohne Richter. Kein Scheppern. Kein Echo. Nur ein dumpfer Schlag, der sich in ihren Schultern verfing.
Ravia stand im Flur der Zitadelle – ein Bau, der weniger wie ein Ort wirkte, sondern mehr wie ein Zustand. Alles war zu gerade, zu glatt, zu gerichtet. Die Steine zu sorgfältig gesetzt, das Licht zu knapp, die Luft zu still. Als würde selbst das Atmen geduldet, aber nicht erwünscht.
Der Schreiber ging voran, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Seine Stiefel klangen regelmäßig auf dem Stein, nicht hastig, nicht stolz – nur wie ein Mann, der Wege geht, die er auswendig kennt, aber nie gern betritt.
Sie passierten mehrere Türen. Verschlossen, alle. Zwei waren mit Messingbeschlägen versehen, eine trug ein Wappen, das Ravia nicht kannte – ein stilisierter Schlüssel auf schwarzem Grund. Verwaltung, vielleicht.
Der Schreiber hielt an einer schmalen Flügeltür, öffnete sie mit einer Bewegung, die er wohl hundertfach wiederholt hatte. Er sagte nichts. Nur ein Blick, dann eine Handbewegung.
Ravia trat ein.
Der Raum war kahl. Ein Tisch, zwei Stühle. In der Ecke eine Truhe, aus schwerem Holz, eisenbeschlagen. Das Licht kam von einem kleinen Fenster unter der Decke, durch das der graue Tag nur zögerlich kroch. Auf dem Tisch: eine Lampe mit milchigem Glas, ein Tintenfass, mehrere versiegelte Pergamentrollen. Rote Bänder. Goldene Siegel. Eines davon leicht verschmiert, als sei es in Eile gepresst worden.
Sie war nicht die Erste.
„Wartet hier“, murmelte der Schreiber, ohne den Raum ganz zu betreten.
Dann schloss er die Tür hinter sich.
Ravia blieb einen Moment stehen. Sie spürte das Gewicht des Pergaments unter ihrer Jacke. Und das des Siegels – weniger schwer, aber von anderer Art. Es hatte sich in ihre Gedanken gedrückt, seit Arus es ihr gegeben hatte. Seit diesem einen Satz, gesprochen mit der Ruhe eines Mannes, der wusste, dass Loyalität auch Last bedeuten konnte.
„Ich erwarte, dass du mit mehr als einem netten Gruß zurückkommst.“
Sie setzte sich. Nicht sofort, nicht zögerlich – mit einer Genauigkeit, wie man sie in der Takelage lernte, wenn das Schiff rollte und jede Bewegung bedacht sein musste. Ihre Hände ruhten auf den Oberschenkeln. Die Finger leicht geöffnet. Die Schultern gerade.
Der Stuhl knarrte kaum. Sie wartete.
Ein Geräusch draußen. Schritte, dann wieder Stille. Ein leises Kratzen, als würde jemand über Pergament schreiben – oder es zerknüllen. Die Lampe flackerte kurz, als sei ein Luftzug hindurchgefahren, doch das Fenster blieb still.
In Ravias Kopf drehte sich der Gedanke, dass dieser Ort nicht auf Antworten wartete. Er verwaltete sie. Und wenn man keine brachte, wurde man nicht gehört.
Sie holte das Schreiben hervor und legte es auf den Tisch. Dann das Siegel, sorgfältig aus dem Leinenbeutel gezogen. Es war von schwerem Metall, vermutlich Silber, mit dem Wappen der setarrifischen Königslinie – für sie sah es aus wie die Sonne, welche einen feurigen Schweif hinter sich herzieht. Ravia hatte es schon einmal gesehen, vor Jahren, als Arus mit einem königlichen Bevollmächtigten verhandelt hatte. Sie hatten nahe der Küste im Osten der Insel ankern müssen, weil Setarrif keinen Hafen besaß.
Die Tür öffnete sich.
Ein anderer Mann trat ein. Nicht der Schreiber. Dunkles Haar, zurückgekämmt, glatt wie frisch geölt.
Handschuhe, die zu weich für Wachen waren, aber zu wertvoll für Schreiber. Ein Brustwappen – silberner Schlüssel auf schwarzem Grund. Dasselbe wie auf der Tür.
Er schloss die Tür sorgfältig. Trat an den Tisch. Sah nicht auf das Schreiben, nicht auf das Siegel. Nur auf sie.
„Ihr seid von Kapitän Arus“, sagte er, ohne Fragezeichen.
„Bringt ein Schreiben. Und vermutlich eine Bitte, die nicht ausgesprochen werden soll.“
Seine Stimme war ruhig. Weich. Doch jeder Ton war gesetzt wie ein Trittstein über tiefes Wasser.
Ravia erwiderte den Blick. Sie sagte nichts. Legte nur die flache Hand auf das Schreiben, schob es in seine Richtung. Dann den Beutel mit dem Siegel. Kein Wort. Keine Erklärung. Ihre spitze Zunge wäre in diesem Augenblick eher hinderlich, als förderlich gewesen.
Er nahm das Pergament nicht gleich. Nur der Blick prüfte – zuerst das Papier, dann ihre Haltung. Seine Augen blieben einen Moment zu lange an ihrem Gesicht, als wolle er einen Ausdruck ablesen, den sie sich längst abgewöhnt hatte zu zeigen.
Dann griff er nach dem Siegel.
„Ein Zeichen, dass ihr unter Schutz steht“, sagte er.
„Ein Zeichen, dass ich nicht gestört werde“, entgegnete sie leise.
Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. Nicht freundlich. Nicht kalt. Einfach dort. Wie ein Kratzer auf poliertem Metall.
„Ihr bleibt hier. Man wird euch antworten.“
Er nahm das Schreiben, wandte sich ab – und verließ den Raum mit einem letzten, stillen Blick zurück, der weder Misstrauen noch Anerkennung trug. Nur Interesse. Als sei sie nicht die Botin. Sondern die Ware.
Die Tür fiel zu. Diesmal ohne Schloss. Ravia atmete aus. Ihre Schultern blieben gerade.
Sie war allein. Und der Raum war noch immer still. Doch etwas hatte sich verändert. Vielleicht war es nur der Staub, der sich wieder senkte. Oder das Wissen, dass das Spiel begonnen hatte.
Nicht auf dem Tisch. Sondern in den Händen derer, die ihn nicht deckten.
Die Zeit in dem kahlen Raum verstrich wie das Schaben eines Messers über Knochen – langsam, kaum spürbar, aber stetig. Ravia saß noch immer an dem Tisch mit dem nun einsamen Siegel darauf, ein Mahnmal dessen, was sie vertreten sollte. Oder durfte. Oder musste. Das Schreiben hatte der Mann mitgenommen. Sie hatte die Hände gefaltet, nicht aus Anstand – besaß sie überhaupt welchen? – sondern weil Utätigkeit sie unruhig machte. In einem Raum wie diesem war jede Bewegung eine Entscheidung.
Als die Tür erneut aufschwang, war es nicht der gleiche Mann wie zuvor. Dieser war älter. Glattrasiert. Mit einem Gesicht wie gegerbtes Leder und Augen, die zu ruhig waren für jemanden, der nicht rechnete. Seine Robe trug dasselbe Schlüsselwappen. Doch der Stoff war feiner. Die Knöpfe aus gebürstetem Silber.
„Ihr sprecht Torgaanisch.“
Kein Gruß. Kein Einstieg. Nur eine Feststellung, die sich wie eine Falle anfühlte.
Ravia hob den Blick, ruhig. „Ich spreche vieles. Das meiste davon freiwillig.“
Ein kaum wahrnehmbares Lächeln, schmal und trocken wie ein Riss in altem Stein.
„Und doch überrascht es, bei dieser Erscheinung.“
Sein Blick wanderte über sie – blond, hellhäutig, fremd unter dem Klang des Südens.
„Eure Haut spricht nicht dieselbe Sprache wie euer Mund.“
Sie zuckte kaum mit den Schultern. „Nicht alles, was gelernt ist, stammt vom eigenen Blut.“
„Natürlich“, sagte er, und nun war sein Ton fast jovial, „aber Torgaan ist Teil des Reiches. Ihr dürft also durchaus stolz sein, dem König einen Dienst zu erweisen.“
Ein Satz, der vorgab, Größe zu ehren, und in Wahrheit nur sagte: Erwartet weniger.
Ravia erkannte den Ton. Höflicher Raub.
„Das bin ich“, sagte sie knapp. „Stolz. Sehr.“
Er nickte, als habe er genau diese Antwort erwartet. Oder keine andere akzeptiert.
„Euer Schreiben ist gelesen, euer Siegel geprüft. Eure… Prise“, er nutzte das Wort mit einem schwachen, falschen Lächeln, „wird vermerkt. Die Auszahlung erfolgt wie üblich über die entsprechenden Stellen – bei Gelegenheit.“ Ein winziges Zögern, kaum länger als ein Atemzug. „Natürlich angepasst an die Umstände und den regionalen Beitrag.“
Reduzierte Belohnung. Weil ich Torgaanisch spreche. Und weil Baba für euch arbeitet.
Sie ließ sich nichts anmerken. Noch nicht. Dafür war es zu früh. Oder zu spät.
„Ihr kehrt mit einem Folgeauftrag zurück zur Joka La Maji“, fuhr der Mann fort, nun wieder sachlich. „Euer Kapitän soll Kurs auf die varantische Küste nehmen. Südlich von Ishtar. Kein Hafen. Kein Anlegen. Nur Sichtkontakt.“
Ravia runzelte die Stirn. „Und was nehmen wir an Bord?“
„Jemanden, der dort bereits wartet.“„Einen Namen?“
„Nicht nötig.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel zu. „Eure Aufgabe ist nicht das Wissen, sondern die Anwesenheit. Anker werfen, Sicht halten. Ihr werdet erkannt werden.“
Das Schweigen danach war kurz, aber spürbar.
Dann zog er ein zweites, kleines Pergament hervor. Zusammengefaltet, versiegelt. Kein Wappen, nur rotes Wachs. Unbeschriftet.
„Und gebt dies an euren Kapitän weiter. Nur an ihn.“
Sie nahm es. Seine Finger berührten ihre dabei nicht, aber sie spürte trotzdem das Gewicht dahinter. Keine Botschaft. Eine Last.
„Noch etwas“, sagte er dann, als habe er den angenehmsten Teil des Gesprächs für den Schluss aufgehoben. „Sollte es unter eurer Mannschaft fähige Kämpfer geben – mit Interesse an Disziplin, Loyalität und dauerhafter Stellung – so steht die ehrwürdige Akademie derzeit offen für Bewerbungen. Besonders für solche, die bereits Kampferfahrung besitzen.“
Ein harmloser Zusatz. Freundlich fast. Und doch roch er nach Not.
„Wenig Krieger, viele Kriege?“, fragte Ravia, die Stimme leise.
Diesmal lächelte er wirklich. „Nur ein König, der vorbereitet ist.“
Dann drehte er sich um. Die Tür öffnete sich wie von selbst, als hätte sie auf dieses Ende gewartet.
Ravia stand nicht sofort auf. Sie ließ ihm ein paar Schritte Vorsprung. Nur für das Gefühl, dass sie noch selbst entschied, wann sie ging.
Doch als sie durch die Tür trat, war ihr klar: Sie hatte nicht verhandelt. Sie hatte hingenommen. Und das war manchmal das Klügste, was man tun konnte.
Die Zitadelle entließ sie nicht – sie floh aus ihr. Derartig offizielle Räumlichkeiten beunruhigten die Piratin.
Das schwere Tor fiel hinter ihr zu, als wolle es verhindern, dass sich der Geruch von Papier, Wachs und kaltem Stein hinaus in die Stadt mischte. Ravia trat auf das Pflaster zurück, den kleinen, unbeschrifteten Brief in der Innentasche, das Gesicht ohne Ausdruck, den Rücken gerade wie auf dem Achterdeck bei Windstärke sieben.
Pakko stand nicht mehr, wo sie ihn verlassen hatte.
Am Fuß der Treppe saß auf einem umgedrehten Wassereimer, die Beine breit, den Rücken lässig an die Mauer gelehnt. Vor ihm: drei Soldaten der Stadtwache, einer davon mit schief sitzendem Helm, der gerade versuchte, aus einem ledernen Becher Würfel zu schütteln, ohne dabei seine Bierkrüge zu kippen.
„Drei Mal Krone. Dein Zug, Torgaaner.“
Pakko grinste nur, ließ die Würfel tanzen – und warf zwei Kronen und ein Herz.
„Zählt das?“, fragte einer der Männer, während der dritte sich kratzte.
„Wenn du’s dem Kommandanten erklärst“, murmelte Pakko, „dann sicher.“
Als er Ravia aus dem Augenwinkel kommen sah, stand er auf, klopfte sich den Staub von den Hosen und nickte den Männern zu. „Bis zum nächsten Mal.“
„Warte, du schuldest mir—“
Doch Pakko war schon neben ihr.
„Was hast du denen gegeben?“, fragte sie halblaut, während sie gemeinsam die Straße entlanggingen.
„Nichts. Nur Zeit. Und das Gefühl, dass sie gewinnen könnten.“
Ravia schnaubte leise. Kein Lachen. Aber auch kein Groll.
„Alles erledigt“, sagte Ravia, bevor er nachfragen konnte.
„Wir haben einen neuen Kurs.“
Pakko nickte. Keine Fragen. Aber seine Augen blieben auf ihr haften, einen Moment zu lang. Dann wandte er sich wortlos ab und ging los – zurück durch die Straßen von Stewark, die zu dieser Stunde nach Fisch, Feuerstein und schlechten Entscheidungen rochen. Sie folgte ihm.
Die Stadt hatte sich verändert. Nicht in ihrem Aufbau, nicht in den Geräuschen. Aber in der Wahrnehmung. Plötzlich schien jedes Fenster zu horchen, jeder Schatten zu zucken, jede Stimme zu flüstern. Ravia wusste, dass es Unsinn war. Und doch ertappte sie sich dabei, wie sie prüfte, ob sie jemand verfolgte – ohne die Haltung einer Verfolgten anzunehmen.
Am Markt war es ruhiger geworden. Die Sonne hatte sich hinter den westlichen Mauern verkrochen, und das Licht fiel schräg auf das Kopfsteinpflaster wie durch das Gitter eines Kerkers. Ein Hund lag unter einem Wagenrad und schnarchte. Eine Händlerin zählte Münzen mit einer Geduld, die nur der Hunger lehrte.
Pakko blieb plötzlich stehen. Er sah nicht zu ihr.
„Du bist lang drin gewesen.“
Ravia antwortete nicht sofort.
„Vielleicht war ich zu höflich.“
Er schnaubte. „Das ist nicht dein Ruf.“
Ein kurzes Schweigen.
Dann gingen sie weiter. Keine weiteren Worte.
Doch als sie sich dem Stadttor näherten, wo ihre Reise begonnen hatte, spürte Ravia, dass sie beide wussten: Das Gespräch war noch nicht zu Ende. Nur vertagt. Wie so vieles, was auf einem Schiff nicht zwischen zwei Tauen, sondern zwischen zwei Blicken entschieden wurde.
Powered by vBulletin® Version 4.2.2 Copyright © 2025 vBulletin Solutions, Inc. All rights reserved.