PDA

View Full Version : Das Kastell des ZuX #97



Pages : [1] 2

Tor zum Kastell
02.11.2023, 20:33
Immerdar

Dunkle Mauern, die nicht zagen, aus den Nebelschwaden ragen.
In der Mitte fest verschlossen, von Holz und Stahl ein Flügelpaar;
Hängen an dem hohen Gange, bleiche Knochen Wang an Wange,
Hängen da, sind niemals bange, Sonn und Monde zum Altar.
weiß und rissig und für ewig hängen sie da weit sichtbar,

Hängen da auf immerdar.


Fügen sich mit Knochenstümpfen zu zwei Menschen ganzen Rümpfen
Jeder Knochen an den Stellen, die sein eigen wunderbar;
Fügen sich zu Bein und Schopfe von den Zehen bis zum Zopfe
Breit die Arme um den Kopfe wie die Flügel eines Aar.
Hängen dort fest angenagelt, zwei Skelette als ein Paar,

Beide hier auf immerdar.


Und aus ihren Beckenknochen feingeformte Wirbel krochen
daran Rippen stet anschwellen von dem Reste unlösbar,
Im Äther die Gerippe klirren, den Zauber keiner konnt' entwirren,
Forschte bis Gedanken flirren, forschte er auch manches Jahr:
Keiner wußte, wie es anstell'n - schlottern sie seit langem Jahr

Durch Magie hier immerdar.


Aus ihrer Augen leeren Halle trifft ihr stechend Blick sie alle;
Von dem hohlen Aug' getroffen, jeder, der hier stand, mal war,
Und ganz unwohl sich dann fühlte, ihm das Herze dies aufwühlte,
Zur gleichen Zeit die Wangen kühlte, sein Innerstes lag offenbar.
Und ein jeder, den sie schauten, sprach allein darauf hin wahr,

Sprach die Wahrheit immerdar.


Doch mit der Verzweiflung Mute – denkend an das Schöne, Gute –
Hub ich an, auch wenn die Wächter erschienen all'n als unnahbar.
Ich fragte laut – als obs mich lenkte – sie, was mich vor allem drängte:
»Wollt lang schrecken«, dies mich drängte, »all der Gäste bunte Schar?
Wollt sie schrecken, daß sie schaudern und sich gruseln fürchterbar,

Wollt ihr das denn immerdar?«


Es traf ihr Blick mein Herz und meine schrecklich schlotternden Gebeine,
Schwankend wollte Halt ich finden, elend mir zumute war.
Erst es schien so, dass sie schliefen. Doch dann klang es aus den Tiefen,
Hohl und stickig aus den Tiefen, riefen sie. Unvorstellbar!
Endlich brachen sie ihr Schweigen, riefen zu mir sonderbar

Mit dumpfen Stimmen: »Immerdar!«*


__________________
*Ein Tribut an E. A. P.

Sinistro
02.11.2023, 22:18
Natürlich kannte der Grünäugige die steinerne Figur des Vabun und er hatte sich auch schon mit der Geschichte des Kastells beschäftigt, ein wenig erinnerte ihn die Goblininvasion hier im ersten Stock an Etwas, mit dem er sich vor Dekaden beschäftigt hatte. Nichtsdestotrotz hatte sich der von den beiden Frauen beschriebene, steinerne Magier seit Sinistros Ankunft an diesem Ort nicht blicken lassen.
Der Hohepriester griff nach dem Brot und bemühte sich, eine Scheibe abzuschneiden. Leider war es ein wenig fester, als es sein sollte und so mühte er sich sägend und leise fluchend durch den Laib.
„Das Beschwören eines Skeletts samt Zweihänder zum Teilen eines Brotes ist dekadent und unnötig, prahlerisch und entspricht nicht dem Grundsatz, schonend mit seinen magischen Kräften umzugehen“, murmelte er mehr zu sich selber, aber dennoch so laut, dass auch seine beiden Lehrlinge es hören mussten.

Aus den Augenwinkeln konnte der Lehrmeister während seiner Strapazen mit dem Brot erkennen, wie sich Arzu ein wenig mehr mit der Schattenflamme und ihrem neu erworbenen Können befasste. Sie schien sich selber schon relativ sicher in dem, was sie tat, und der Lehrmeister registrierte es, ging aber nicht näher darauf ein.
Thara hingegen saß immer noch auf ihrem Stuhl und schien unglücklich darüber, wie sich ihre erste magische Erfahrung darstellte.
Der Magier versuchte, sie zu ermutigen, es einfach erneut zu probieren – aber erst, wenn sie sich ausreichend gestärkt fühlte. Außerdem wollte er sich hinter sie stellen, um sie auffangen zu können, sollte sie erneut die Kontrolle verlieren.

Und als die Drei in diesem eigentlich ruhigen und friedlichen Moment beieinandersaßen, um sich ein wenig von den Strapazen der Flucht vor den Goblins zu erholen und die erste magische Lektion zu verdauen, hörte man ein lautes Dröhnen und Donnern, gefolgt von einem lauten Klopfen an eines der Fenster des Refektoriums. Es klopfte, als wären mehrere, vielleicht hunderte kleine Hände gleichzeitig am Werk, das Glas zu durchdringen. Es klopfte und kratzte, als wollten sie herein und sich ebenfalls erholen, bevor sie ein Werk der Zerstörung fortsetzen konnten. Es klopfte, hämmerte und kratzte eine Heerschar von Goblins an die Fenster des Speisesaals und begehrten Einlass.

Thara
04.11.2023, 23:44
Es noch einmal versuchen…
Thara nagte gedankenverloren an einer zähen Scheibe Brot. Sinistro hatte leider kein Streichfett aus der Küche mitgebracht, wohl in der Annahme, dass das Brot hier so frisch und weich sein würde wie im echten Kastell. Aber Thara ließ sich davon nicht sonderlich stören. Sie war deutlich schlechteres Essen gewöhnt, und außerdem mit ihren Gedanken bei etwas ganz anderem: Der Magie.
Sie drehte ihre linke Hand hin und her und betrachtete sie, als wäre sie ein Fremdkörper, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben sah. Sinistro war offenbar der Meinung, dass ihr erster Versuch, mit der Magie umzugehen, gar kein Fehlschlag gewesen war. Ihr selbst fiel es allerdings noch immer schwer, das zu glauben. Arzu ließ inzwischen eine kleine, dunkle Flamme über ihrer Handfläche entstehen und erstickte sie gleich darauf wieder, bevor sie irgendwelchen Schaden anrichten konnte. Thara runzelte sie Stirn und schaute weiter auf ihre eigene Hand. Ob sie das auch könnte? Magie heraufbeschwören und… in Zaum halten? Der Magie ein Ziel geben, hatte Sinistro gesagt…
Fast schon unbewusst begann sie, leichte Bewegungen mit den Fingern auszuführen, und spürte schon nach kurzer Zeit wieder diese leichte Wärme in den Fingerspitzen, die sich langsam über ihre Hand ausbreitete.
Jetzt bloß nicht die Kontrolle verlieren… vorsichtig!
Thara bemerkte gar nicht, dass ihr eine Scheibe Brot im Mundwinkel hing, von der sie eigentlich gerade hatte abbeißen wollen, so sehr konzentrierte sie sich auf die Magie. Sie versuchte, darauf zu achten, dass die Energien sich nicht wieder verselbstständigten, und stellte sich vor, ebenso wie Arzu eine kleine, kontrollierte Schattenflamme zu erzeugen. Vorsichtig… voooorsichtig...!
Und tatsächlich gelang es ihr! Ein blaues Flämmchen, kaum größer als eine Kerzenflamme, flackerte über ihren Fingerspitzen auf. Ein seltenes Triumphgefühl überkam sie (Vielleicht bin ich ja doch nicht völlig nutzlos?), verpuffte aber sofort wieder, als sie merkte, wie die Flamme ohne ihr bewusstes zutun größer wurde. Und größer…
Ein Ziel! Sie musste der Magie ein Ziel geben! Aber wo, was? Hastig sah sie sich um. Jetzt erst bemerkte sie den Lärm von den Fenstern her – zuvor war sie zu sehr in die Beschwörung der Schattenflamme vertieft gewesen, um noch etwas von ihrer Umgebung mitzubekommen. Goblins! Dutzende, vielleicht mehr! Sie bildeten Räuberleitern oder kletterten mit erstaunlichem Geschick an der Außenwand des Kastells herum, um an die Fenster des Reflektiriums heranzukommen, auf die sie mit ihren kruden Waffen einhackten.
„Die Go… die Go-Go…”, stotterte Thara entsetzt. Im selben Moment, da ihre Konzentration nachließ, fauchte die Schattenflamme in ihrer Hand und schwoll mit einem Mal an. Es sah wieder aus, als wäre ihr ganzer Unterarm in dunkles Feuer gehüllt und die Magie stach mit tausend kleinen Nadeln in ihre Haut.
Ein Ziel!
Ohne nachzudenken, schleuderte Thara die Schattenflamme einfach auf die Goblins. Das Geschoss flog zischend durch die Luft, nicht in einer geraden Linie, sondern in einer scheinbar zufälligen, korkenzieherartigen Bahn rauschte es durch die Länge des Speisesaals, prallte einmal, zweimal von der Wand ab und traf schließlich eines der Fenster, hinter dem die Goblins auf- und übereinander krochen. Der hölzerne Fensterrahmen wurde augenblicklich von schwarzem Feuer erfasst und verkohlte innerhalb von Sekunden, Glas splitterte, und das Gekreisch der Goblins wurde um ein Vielfaches Lauter: Triumphierend sprangen die ersten der Biester durch das zerstörte Fenster und reckten herausfordernd ihre kruden Waffen in die Höhe.
Thara schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund und starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Sinistro und Arzu.
„…‘tschuldigung!“

Sinistro
06.11.2023, 20:20
Sinistros Augen weiteten sich, seine Lippen spitzen sich und er gab ein stimmloses „Ohh“ von sich, als er sah, was Thara, der kleine Unglücksvogel, geschafft hatte. Instinktiv griff er nach den Oberarmen seiner beiden Lehrlinge und zog sie eher unsanft hinter sich, um ein wenig Abstand zwischen sie und die Goblins zu bringen. Die ersten kleinen Monster hatten ihren Weg durch das Fenster gefunden und stürmten voran, der Lehrmeister drängte die Frauen zurück und fuchtelte, während er die Goblins nicht aus den Augen ließ, wild mit den Händen umher. Wieder sah es so aus, als puzzelte er ein unsichtbares Puzzle und nach ein paar Augenblicken zeigte sich das Bild, das der Hohepriester zusammengesetzt hatte.

Vor dem Haufen an Goblins, die auf den Magier und die beiden Magierinnen zustürmte, entstanden drei Skelettkrieger, die die kleinen Monster um mehr als das Doppelte überragten und die jeder mit einem Zweihänder, der beinahe ebenso groß war wie sie selbst, auf die Goblinschar einschlugen.
Ein Goblin nach dem anderen wich aus, verteidigte sich und wich zumindest zunächst zurück, doch lange wäre diese kleine Armee an Skelettkriegern nicht in der Lage, die gesamte Flut an Goblins aufzuhalten.
Es verschaffte den drei Unglücklichen jedoch ein wenig Zeit, um weiter zurückzuweichen und sich kurz zu beraten.
Wobei beraten in diesem Moment das falsche Wort war. Der Grünäugige hatte das Kommando übernommen und seine Lehrlinge gebeten, wieder und wieder den Zauber, den sie zwar noch nicht beherrschten, aber zumindest kannten, auf die auf sie zustürmenden Goblins zu feuern. Er selbst versuchte, die magische Verbindung zu den Skeletten möglichst lange aufrecht zu erhalten, um ihnen weiterhin Zeit zu verschaffen, zumindest eine Barrikade oder noch besser, eine verschließbare Türe zwischen sich und die grünhäutigen Viecher zu bringen.
Er konnte nur hoffen, dass das, was die beiden Frauen bisher erlernt hatten, zumindest für diesen kurzen Moment ausreichte.

Arzu
06.11.2023, 22:47
In diesem Moment stand für Arzu fest, dass Thara sich wirklich besser auf das Schleichen konzentrieren sollte. Das dürre Mädchen richtete schließlich mehr Schaden als die Goblins an! Für die Varanterin war es fast, als ob sie ihrer kleinen Schwester dabei zuguckte, wie sie mit Streichhölzern spielte. Zum Glück hatte Arzu keine Schwester, denn der hätte sie die Ohren für so was lang gezogen. Doch selbst dafür bliebe im Augenblick keine Zeit.
Die Skelettkrieger des Schwarzmagiers hielten sich zwar wacker, nur strömten immer mehr Goblins nach als gäbe es irgendwo ein Nest von den Biestern. Dass Sinistro sie nun anwies, ihre gerade erst entdeckte Zauberformel zur Verteidigung einzusetzen, ließ Arzu um ihr Leben bangen. Welcher Feldherr schickte denn grüne Rekruten an die Front!? Doch auch für diese Überlegung blieb im Augenblick keine Zeit!
Unter Druck versuchte Arzu ihr bestes, um die kleine schwarze Flamme wieder zu beschwören. Die Handflächen nah beieinander, fokussierte sie ihren Blick auf den imaginären Punkt dazwischen und tat ihr Möglichstes dabei das Kampfgetümmel um sich herum auszublenden. Plötzlich flog ein Schädel über ihren Kopf hinweg.
»Mish mumkin!«, schwor Arzu und verlor den Fokus.
Der Schädel hatte zu einem der Skelettkrieger gehört. Ein Goblin, der auf den Schultern eines anderen Goblins sah, hatte ihn mit einem gezielten Schlag vom Rest des Skelettes getrennt. Zumindest machte es den Anschein, als ob der Untote auch ohne Kopf noch einigermaßen Kampfbereit war.
Erneut beugte sich Arzu über ihre Hände und konzentrierte sich auf die Beschwörung. Dieses Mal - womöglich durch den fliegenden Schädel an die Dringlichkeit erinnert - gelang es der Varanterin. Das schwarze Flämmchen flackerte zwischen ihren Handflächen. Nur gab es ein Problem. Während sie den Zauber sicherer als Thara beherrschen mochte, fehlte es ihrer Schattenflamme an der Durchschlagskraft. Mit pochendem Herzen suchte Arzu in sich die Kraft, die allgegenwärtigen magischen Ströme zu erschließen. Dann spürte sie es. Als sei ein Damm gebrochen, strömte die Magie zwischen ihren Fingern hindurch und nährte das schwarze Flämmchen bis es schließlich zur Größe einer kleinen Melone herangewachsen war.
Arzu blickte in die Schwärze der Flamme und entdeckte einen winzigen weißen Kern, der bis zur Oberfläche hindurch schimmerte. Hieß das, der Zauber war bereit? Aber wie sollte die Varanterin ihn losschießen?
Ein Ziel! Das hatte Sinistro zu Thara gesagt, als sie ein Inferno beschworen hatte. Vielleicht war es tatsächlich so einfach. Geschwind blickte Arzu auf und das erste, was ihr ins Auge fiel, waren die beiden aufeinander sitzenden Goblins. Die großen Augen der Schwarzmagierin visierten die Mitte des Gespanns an und sie drückte dann buchstäblich die schwarze Flammenkugel von sich. Von einem unwirklichen Fauchen begleitet, raste das Geschoss dem Ziel entgegen.
Als sie traf verbrannte die Flamme nicht, sondern löste das Gesicht des einen Goblins und die Beine des auf den Schultern sitzenden Goblins regelrecht auf. Augenblicklich krachten die beiden Monster zusammen. Den unteren hatte es so hart getroffen, dass er sich nicht mehr rührte, während der obere panisch die schwarzen Flammen versuchte zu ersticken. Es war ein unglaubliches Schauspiel und Arzu durchfuhr ein berauschendes Gefühl der Macht. Wieder zeichnete sich das diabolische Grinsen auf ihrem Gesicht ab. Sie wollte mehr! Und wenn es nur eine einzige weitere Schattenflamme wäre, sie wollte mehr!

Thara
09.11.2023, 15:18
Wie eine betrunkene Gans zischte die Schattenflamme auf einer chaotischen, korkenzieherartigen Bahn durch die Luft, bis sie schließlich in einen Goblin in den hinteren Reihen der Schar einschlug. Die Kreatur hatte kaum Zeit, einen Schrei auszustoßen, als das schwarze Feuer innerhalb von Sekundenbruchteilen ihr Fleisch bis auf die Knochen zu Asche verbrannte. Das geschwärzte Skelett des Goblins machte noch einen, zwei Schritte nach vorn, bevor es endlich realisierte, dass es tot war, und in sich zusammenfiel.
Thara wartete nicht ab und beschwor bereits die nächste Schattenflamme herauf, die zuerst in wunderbar gerader Linie auf einen Goblin zuraste, der einen Topf als Helm trug und mit einer nagelgespickten Keule bewaffnet war. Doch kurz bevor der Zauber sein Ziel erreicht hatte, lenkte er plötzlich scharf nach oben weg, wo er mit einem dumpfen Knall an der Decke zerplatzte und dabei einen faustgroßen, geschwärzten Krater hinterließ, der aussah, als wäre das Gestein geschmolzen worden.
Thara fluchte leise. Sie hatte zwar keine Schwierigkeiten, eine Schattenflamme nach der anderen heraufzubeschwören, aber sobald die magischen Geschosse ihre Hände verlassen hatten, taten sie einfach, was sie wollten. Manche trafen die Goblins, von denen dann jeweils nicht viel mehr übrig blieb ein paar schwarzgebrannte Knochen, aber viele rauschten auch auf völlig unvorhersehbaren Flugbahnen über die Köpfe der kleinen Monster hinweg und entluden ihre zerstörerische Energie in Wänden und Mobiliar des Reflektorums.
Wie machte Arzu das nur, dass ihre Schattenflammen immer schnurgerade auf ein bestimmtes Ziel zuhielten und einfach trafen? Lag es daran, dass die Varanterin sich mehr Zeit ließ beim Zaubern? Dass sie nicht gar so viel magische Energie in ein einzelnes Geschoss zu legen schien? Oder dass sie einfach die bessere Magierin war? Sehr wahrscheinlich letzteres.

Die Lage wurde langsam immer brenzliger. So sehr die beiden jungen Magierinnen sich auch abmühten, eine Schattenflamme nach der anderen in die Goblinhorde zu jagen, reichte es bei Weitem nicht aus. Selbst wenn mal wieder einer von ihnen getroffen wurde und als verkohltes Skelett zu Boden ging, schienen die umstehenden Goblins den Anblick eher lustig als bedrohlich zu finden. Dass sie selbst die Nächsten sein könnten, kam ihnen wohl überhaupt nicht in den Sinn.
Sinistros Skelette hielten zwar noch die Stellung, aber sie mussten mittlerweile auch immer wieder Treffer einstecken. Einem der untoten Krieger fehlten bereits einige Rippen, und derjenige, der seinen Schädel eingebüßt hatte, schlug mit weit ausholenden, ungezielten Hieben um sich – offenbar war er nicht mehr in der Lage, seine Gegner zu sehen. Damit hielt er zwar eine Weile die Goblins auf Abstand, aber schließlich kam es, wie es kommen musste: Das Skelett neben ihm machte einen Schritt zur Seite, um dem Angriff eines Goblins auszuweichen, und wurde von dem Kopflosen mit voller Wucht in den Rücken getroffen. Knochen brachen und das Skelett verlor seinen inneren Zusammenhalt, es taumelte noch einen Schritt nach vorn, dann begann es, einfach zu zerfallen und sich aufzulösen. Kurze Zeit später kündete nur noch eine rasch verblassende bläuliche Nebelwolke von seiner Existenz.

Die Goblins streckten jubelnd ihre Waffen in die Höhe und verstärkten ihren Angriff. Thara fühlte langsam Panik in sich aufsteigen. Was würde passieren, wenn die kleinen Biester es schafften, die letzten beiden Skelette zu überwältigen? Was tat Sinistro eigentlich? Sie warf einen raschen Blick zu dem Hohepriester. Der stand da, seine Finger bewegten sich in der Luft und er murmelte lautlos Worte vor sich hin. Was auch immer er vorhatte, es wäre besser er würde sich beeilen!

Das Krachen berstenden Holzes erfüllte den Raum, als das kopflose Skelett einen Stuhl zu Kleinholz verarbeitete, den es scheinbar für einen Goblin hielt, während die echten Goblins um es herumstanden und es anfeuerten.
Plötzlich kam Thara ein Gedanke. Sie sah den Schädel des Skeletts weiter vorn in einer Ecke liegen. Wenn der Körper ohne den Kopf funktionierte, dann müsste doch auch der Kopf ohne den Körper funktionieren? Das Problem war nur, dass der Schädel mit dem Gesicht zur Wand lag. So konnte das Skelett natürlich nicht sehen, was vor sich ging!
Das Mädchen schleuderte noch eine Schattenflamme in Richtung der Goblins (erst sah es so aus, also wollte das magische Geschoss in Richtung Deckengewölbe abdrehen, aber dann entschied sich die Magie wohl doch um und pulverisierte einen rundlichen Goblin, der sich gerade über ein Fass ranzigen Streichfetts hermachen wollte), tauchte dann unter einer von Arzus Schattenflammen hinweg und lief zu dem Schädel.

Gerade wollte Thara ihn aufheben, als etwas sie von der Seite ansprang – ein Goblin, der sich ihr von links genähert hatte, so dass sie ihn wegen ihres blinden Auges nicht hatte kommen sehen. Kreischend landete das Biest auf ihr und riss sie von den Füßen. Thara versuchte, den Goblin von sich zu stoßen, aber der war kräftiger und wilder, als er aussah. Er drosch auf die junge Magierin ein und grabschte nach ihrem Gesicht, wobei seine scharfkantigen, abgebrochenen Fingernägel tiefe Kratzer hinterließen.
Thara wehrte sich wie eine Besessene. Sie nahm ihre Umgebung nicht mehr wahr, das Kastell hörte auf, das Kastell zu sein und wurde zu einer engen, stickigen Hütte. Der Gestank von Schweiß und Alkohol kroch ihr in die Nase und das raue, hämische Lachen des Goblins nahm eine ihr viel zu gut bekannte, tiefere Stimmlage an.
„Du gehörst mir, und ich werde mit dir tun, was ich will!“, höhnte der Goblin, der kein Goblin mehr war. Die verzerrte Fratze über ihr, die ihr ihren nach fauligen Zähnen stinkenden Schnapsatem ins Gesicht blies, gehörte jemand viel Schlimmerem.
Thara schrie. Das durfte nicht sein! Er war tot! Ihr Vater war tot! Und doch war er wieder da, hatte sie wieder in seiner Gewalt, wie früher. Sie wusste, was folgen würde. Die Schmerzen, die Erniedrigung, die Hilflosigkeit…
Sie schlug nur noch wild um sich, versuchte mit aller Kraft, sich zu befreien, doch umsonst. Panik ergriff sie und ertränkte jeden klaren Gedanken. Es war, als würde sie in einen Abgrund aus Angst und Verzweiflung stürzen.
Doch zugleich kam aus dem Abgrund etwas herauf. Etwas Dunkles, mächtiges, das Thara zu erfüllen begann, das sich mit ihrer Angst vollsog und sie fast greifbar werden ließ. Bis es aus ihr herausbrach…
Der Goblin kreischte plötzlich auf und sprang von Thara herunter, wobei er unelegant auf dem Hintern landete. Ohne sich auch nur die Mühe zu machen, aufzustehen, krabbelte er rückwärts von dem Mädchen weg, wobei er es mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen anstarrte, als habe er einen Geist gesehen. Als schließlich die Wand einen weiteren Rückzug verhinderte, presste er sich zitternd dagegen. Ein anderer Goblin, der sich neugierig näherte, stockte plötzlich und wich dann langsam wieder zurück.

Thara rappelte sich auf, zog ihren Dolch und fuchtelte damit in der Luft herum.
„Lass mich in Ruhe! Du bist tot!“, rief sie. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. „Du bist tot! Du bist tot! Du bist… tot…“
Sie stockte. Verwirrt ließ sie die Waffe ein Stück sinken und sah sich um. Langsam wurde ihre Sicht wieder klar. Das Kastell… sie war im Kastell, nicht in ihrer alten Hütte in Thorniara. Und ihr Vater? Ihr Vater war…
„Tot“, murmelte sie. Er war nicht hier. Hier war nur dieser verfluchte Goblin. Hass stieg in ihr auf, unbändiger Hass, der ihre Angst und ihre Panik davonschwemmte. Ohne zu zögern stürmte sie auf den Goblin zu, der sich noch immer furchtsam gegen das Gemäuer drückte, und rammte ihm den Dolch ins Auge. Die Kreatur war auf der Stelle tot, aber Thara reichte das nicht. Sie zog die Waffe wieder heraus und stach noch einmal zu, und noch einmal und noch einmal. Blind vor Wut hackte sie auf den leblosen Körper ein, ließ ihre Frustration und ihre Verzweiflung an ihm aus, bis sie ablassen musste, weil sie kaum noch Luft bekam. Keuchend ließ sie sich auf den Boden sinken.
Mit ausdrucksloser Miene betrachtete Thara ihr ‚Werk‘. Der Körper des Goblins lag in einer immer größer werdenden Blutlache, zerfetzt und aufgeschnitten an so vielen Stellen, dass er kaum noch zu erkennen war.
Was war passiert?
Langsam kam sie wieder zu sich. Sah sich um. Sah Arzu, die wunderschöne Arzu, wie sie eine Schattenflamme in die Goblinhorde feuerte. Sinistro, der noch immer dabei war, irgendeinen Zauber zu formen. Die beiden Skelettkrieger, sie versuchten, sich der wachsenden Übermacht zu erwehren.
Die Skelett–
Natürlich! Jetzt fiel es ihr wieder ein. Der Schädel! Thara kroch zu ihm und drehte ihn so hin, dass seine leeren Augenhöhlen auf den Kampf gerichtet waren. Das kopflose Skelett, das gerade noch in ein Duell mit einem Tisch verwickelt gewesen war, hielt plötzlich einen Augenblick lang inne, dann wirbelte es mit der Eleganz eines Tänzers herum und spießte einen völlig überraschten Goblin mit der Spitze seines schartigen Zweihänders auf.
Thara lächelte erschöpft.

Arzu
15.11.2023, 18:15
Schritt für Schritt wichen die Schwarzmagier vor der schier endlosen Schar von Goblins zurück. Für jede Kreatur, die sie oder die Skelette niederstreckten, schienen zwei weitere nachzurücken. So wollte Arzu es nicht enden lassen. Gerade erst hatte sie den ersten Geschmack von Magie erfahren und es sollte nicht der letzte sein! Dieser Gedanke gab ihr Kraft eine Schattenflamme nach der anderen in die Horde der Monster zu schleudern. Tatsächlich war es aber so, dass ihr Zauber mit jeder weiteren Beschwörung schrumpfte und Arzu obendrein schnell erschöpfte. Es war keine körperliche Erschöpfung, sondern vielmehr eine geistige. Ihr fiel es zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren, als hätte sie mehrere Nächte nicht geschlafen.
Wenn die Magie allgegenwärtig um sie herum existierte, wieso konnte sie nicht endlos ihre Kraft daraus ziehen? Eine Frage, die die Varanterin ihrem Lehrer stellen würde, wenn sie das hier überlebten.
Bei diesem Gedanken blickte Arzu zu ihren Begleitern herüber. Ihr drängte sich die Frage auf, was Sinistro dort heraufbeschwor. Immerhin hatte Thara davon gesprochen, dass der Schwarzmagier einen Golem rufen konnte. Dauerte es tatsächlich so lange oder war Sinistro einfach nur unfähig? Was es auch war, sie hatten keine Zeit dafür! Indes hatte sich Thara abermals mit frischem Blut beschmiert. Es machte den Eindruck, als ob sie Blut und Gedärme magisch anzog. Zumindest machte sich das dürre Mädchen nützlich!
Ein lautes Krachen ließ Arzu den Kopf herumreißen. Knochen flogen durch die Luft und kündigten das Ende eines weiteren Skeletts an. Gehüllt in den Staub zerbersteter Knochen stand ein wahrer Schrank von einem Goblin. Natürlich war er immer noch um einiges kleiner als die drei Schwarzmagier, besaß dafür aber das Dreifache an Muskelmaße.
»Arnold! Arnold! Arnold!«, feuerten die anderen Goblins ihren Kameraden an. Der ließ sich nicht lange bitten und hechtete dem letzten Skelett entgegen. Mit einem mächtigen Hieb seine Keule zerstörte Arnold die beschworene Kreatur.
Nun stand nichts mehr zwischen den kleinen Biestern und den Schwarzmagiern. Arzu wusste, dass sie nicht mehr dazu im Stande war, auch nur noch eine einzige Schattenflamme mehr zu manifestieren. Nicht mal ein Flämmchen. Ihre großen Augen blickten verzweifelt zur Thara und Sinistro herüber. Dabei entdeckte sie im Augenwinkel einen gigantischen Kronleuchter unter der Decke. Viel zu groß, als dass ihn etwas anderes als Magie dort oben festhielt. Arzus Gedanken rasten.
»Thara!«, schrie die Varanterin plötzlich und zeigte auf den Kerzenleuchter. »Schieß das Ding ab!«
In einem war sich Arzu sicher. Nämlich, dass Tharas Beschwörungen ein heilloses Chaos anrichten würden!

Thara
19.11.2023, 01:12
Arnold, der Muskelgoblin, führte eine eisenbeschlagene Keule, die größer war als er selbst, in seinen Händen aber kaum mehr zu wiegen schien als eine Feder. Er hatte das letzte Skelett mit einem einzigen Schlag pulverisiert und reckte jetzt triumphierend seine Waffe in die Höhe, wobei er sich an die anderen Goblins wandte, sie sich kichernd und kreischend hinter ihm zusammenscharten, und brüllte ihnen etwas in ihrer Sprache zu: „Wots best in leif?“, rief er, offensichtlich eine rhetorische Frage, die er gleich darauf selbst beantwortete: „Tu krasch jur enemies, zieh sem driwen bifor ju, änd hier se lamendäischn of se wimen!“
Bei den letzten Worten grinste er bösartig und ließ seinen Blick zu Arzu und Thara wandern.
„DU …“, rief plötzlich Sinistro und fixierte den kleinen Muskelprotz, wobei er die Hände auf Kopfhöhe zusammenschlug.
„… KOMMTST NICHT…“
Der Hohepriester ließ die Hände kraftvoll nach unten fahren, als wolle er einen Stab in den Boden rammen.
„… VORBEI!“
Kaum hatte Sinistro die Worte ausgesprochen, als sich hinter ihm eine verschwommene, schattenhafte Kreatur manifestierte. Thara glaubte, ledrige Flügel und einen spitz zulaufenden Körper erkennen zu können, aber so plötzlich die Kreatur erschienen war, verschwand sie auch schon wieder – oder besser, sie löste sich förmlich auf, ihr Körper zerfloss wie schwarzer Nebel, der sich als wabernde Barriere vor Sinistro aufbaute und die Schwarzmagier von den Goblins trennte.
Arnold kreischte ungehalten und sprang auf Sinistro zu, prallte aber von der Barriere ab, als wäre er gegen eine massive Mauer gesprungen.
„Okay, und… jetzt?“, wollte Arzu wissen und sah sich um. Sinistro biss die Zähne zusammen. Er sah angestrengt aus. Kostete ihn das Aufrechterhalten des magischen Schildes tatsächlich so viel Kraft?
„Wartet… einen Moment! Er ist gleich hier!“
„Wer?“
Sinistro antwortete nicht. Arnold hatte sich wieder aufgerappelt und begann, wutentbrannt mit seiner riesigen Keule auf den magischen Wall einzudreschen. Immer, wenn die Waffe auf die Magie traf, sprühte es Funken und Wellen zogen über die magische Barriere. Zudem wirkte es, als würde Sinistro selbst die Schläge spüren. Jedes Mal zuckte er leicht zusammen. Es bereitete ihm sichtlich mehr und mehr Mühe, die Magie aufrechtzuerhalten.
„Gleich…“, ächzte er, aber Arzu sah nicht überzeugt aus.
„Thara, mach schon!“, rief sie, „Der Kronleuchter!“
An der Decke, ziemlich genau über der Stelle, an der Arnold stand und Sinistros magische Barriere bearbeitete, hing ein gewaltiger, schmiedeeiserner Lüster, schwarz wie die Nacht und mit hunderten verschnörkelten Schmuckelementen verziert und überzogen mit dem blutroten Wachs unzähliger Kerzen.
Thara verstand. Sie fing an, die Magie für eine Schattenflamme zwischen ihren Händen zu sammeln und betete zu Beliar, dass der verdammte Zauber auch treffen würde! Mit aller Macht konzentrierte sie sich auf die Verankerung des Kronleuchters, während sie mehr und mehr magische Kraft zusammenzog. Ihre Hände waren bereits von lila-bläulichen Flammen umgeben und sie hatte das Gefühl, die Magie kaum noch kontrollieren zu können, aber die Kettenglieder des Leuchters waren mehr als nur massiv. Sie würde all die Kraft brauchen, wenn sie eine Chance haben wollte...
Ein wenig mehr Magie noch… ein wenig… mehr…
Mit einem gewaltigen Fauchen zischte die Schattenflamme los. Die Magie war so stark, dass sie Thara von den Füßen warf. Mal wieder landete das Mädchen unsanft auf dem Boden, merkte es aber kaum, da es mit fast ungläubigem Staunen der Flugbahn des Geschosses folgte – schnurgerade auf die Verankerung des Kronleuchters zu!
Der Einschlag entfachte ein wahres Inferno. Alle 666 Kerzen flammten mit einem Mal auf, wobei regelrechte Stichflammen in die Höhe schossen, und der Lüster schaukelte bedrohlich, als ein Großteil seiner Deckenhalterung aufgelöst wurde.
Er schaukelte… aber er fiel nicht!
„Verdammt!“, rief Arzu, „Noch einmal!“
Thara rappelte sich auf, aber bevor sie mit einer erneuten Beschwörung beginnen konnte, ließ ein ohrenbetäubendes Klirren hinter ihnen die beiden Magierinnen herumfahren. Im Rahmen eines Fensters, dessen kunstvolles Buntglas nun in Scherben über den Boden verteilt lag, saß eine riesige, skelettierte Kreatur – ein Adler, groß wie drei Männer, der sich kaum durch die Öffnung zwängen konnte. In seinen leeren Augenhöhlen glommen kleine blaue Lichter und die Knochen seiner Flügel wurden von schwarzen Schatten umflossen, die Federn zu imitieren schienen.
„Endlich!“, keuchte Sinistro, dessen Kräfte sich sichtlich dem Ende zuneigten, „Er… wird uns in Sicherheit bringen! Schnell jetzt!“
Der Adler sprang vom Fenstersims und ließ sich auf dem Boden nieder, die Flügel leicht gespreizt. Arzu begriff sofort, was Sinistro beabsichtigte, und zog Thara hinter sich her. Der untote Adler machte sich noch ein wenig kleiner und ließ die beiden Frauen auf seinen Rücken klettern.
Es war in diesem Moment, dass Arnold mit seiner Keule noch einmal gewaltig ausholte und der magische Schild, den Sinistro bis zu diesem Moment hatte aufrechterhalten können, mit einem Knall zerbarst. Und im selben Augenblick löste sich auch der Kronleuchter. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen stürzte der riesige Lüster zu Boden und begrub dabei etliche unglückliche Goblins unter sich. Doch nicht nur das: Der Aufprall ließ Marmorplatten und Dielen bersten und der Kronleuchter durchschlug glatt den Boden. Wo eben noch fester Untergrund gewesen war, gähnte nun auf einmal ein riesiges Loch.
Arnold hatte den Absturz des Kronleuchters im letzten Moment kommen gesehen und war nach vorn gehechtet, wodurch er dem Aufprall entging, doch jetzt verschwand plötzlich der Boden unter seinen Füßen. Fast hätte ihn einfach in die Dunkelheit verschluckt, doch gerade so bekam er den Saum von Sinistros Robe zu fassen, bevor er in das Loch stürzte. Der Schwarzmagier, der sich gerade mit seinem siegesgewissen Lächeln seinen Schülerinnen zugewandt hatte, wurde von den Füßen gerissen und rutschte auf das Loch zu. Er krallte sich noch verzweifelt an ein paar hervorstehende Bodendielen fest, aber er merkte schnell, dass es keinen Sinn hatte, zu kämpfen. Der schwere, muskelbepackte Goblin zog ihn unbarmherzig in die Tiefe, während die restlichen Goblins jetzt ungehindert von irgendwelchen Barrieren oder Skeletten den Raum stürmen konnten.
Sinistro hob noch einmal den Kopf und richtete seine grünen Augen auf die beiden jungen Magierinnen, die entsetzt das Geschehen beobachteten:
„Flieht, ihr Narren!“
Dann ließ er los und verschwand in der Dunkelheit.

Arzu
19.11.2023, 21:39
Nach diesem meisterlichen Schauspiel musste sich Arzu eingestehen, Sinistro Unrecht getan zu haben. Fern von dem was sie eingangs vermutet hatte, war der Schwarzmagier alles andere als ein Stümper. Auch wenn die Varanterin nicht wusste, was genau er dort beschworen hatte, stand außer Frage, dass es etwas sehr mächtiges gewesen sein musste. Jetzt war Sinistro tot. Daran gab es nichts zu rütteln und die beiden Schwarzmagierinnen waren wieder auf sich allein gestellt.
Um das letzte Opfer nicht zu vergeuden, kletterten Thara und Arzu auf den untoten Adler. Keinen Augenblick zu spät. Die letzten Goblins, erzürnt durch den Tod ihres Champions, richteten ihre Wut auf die beiden Frauen.
»Los, los, los!«, fauchte Arzu den Skelettadler an. Völlig geräuschlos erhobt sich die Kreatur und ließ das Fenster in Windeseile hinter sich. Die Flucht dauerte nicht lange. Einige Flügelschläge später durchbrach der untote Adler bereits ein Fenster im obersten Stockwerk des hohen Turms über dem Kastell. Ein Turm, der dem anderen Kastell verlorengegangen war. Kaum hatten Thara und Arzu wieder Boden unter den Füßen, zerfiel das beschworene Wesen, als hätte es niemals existiert. In diesem Moment fragte sich die Varanterin, wie Sinistro über seinen Tod hinaus diesen Zauber gewirkt hatte. Vielleicht lag es an dem magischen Netz, von dem er gesprochen hatte. Schließlich existierte das auch nach Sinistros Tod weiter. Ihr nächster Lehrmeister könnte dieses Rätsel gewiss lösen.
»Bist du verletzt?«, fragte Arzu ihre Begleiterin. Da Thara die lästige Angewohnheit hatte, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Blut zu beschmieren, konnte man bei ihr niemals sicher sein, ob es das ihre war oder von einem anderen. Arzu war indes glimpflich davon gekommen. Ihr Kleid war zwar in Mitleidenschaft gezogen worden. Davon einmal abgesehen, plagte sie nur die Erschöpfung des Zauberns.
Mit einem geräuschvollen Schnaufen ließ sich die Varanterin auf den Boden plumpsen. Eine Pause hatte sie sich jetzt redlich verdient.
»Wir müssen Vabun finden.«, sagte Arzu. »Jetzt erst recht.« Sie zog ihr langes Haar über die Schulter. Es sah matt aus und fühlte sich längst nicht mehr so seidig an wie sonst. »Lass uns zur Bibliothek gehen. Vielleicht kann uns eines der Bücher ja etwas brauchbares über ihn verraten.«

Thara
19.11.2023, 22:17
Thara schüttelte nur matt den Kopf, als Arzu sie fragte, ob sie verletzt sei. Nein, sie war nicht verletzt, jedenfalls nicht besonders. Ein paar Kratzer und blaue Flecken vielleicht, aber nicht mehr.
Sinistro hingegen …
„I-i-ich ha-habe … ich … habe …“
Thara ließ sich kraftlos an der Wand hinabrutschen und schlang die Arme und ihre Knie.
„Ich habe ihn getötet…“, flüsterte sie und schluckte schwer. Erfolglos blinzelte sie die Tränen weg, die sich in ihren Augen sammelten. „Es … e-es wa- … war m-meine Schuld! Wenn ich n-nicht die G-goblins hereingelassen hätte … dann … S-sinistro w-w-wäre noch am Leben!“ Ihr zierlicher Körper zitterte, als Thara vergeblich versuchte, ein Schluchzen zurückzuhalten. Es gab so viele Menschen auf der Welt, die den Tod verdienten, aber sie musste mit ihrer Dummheit und Unfähigkeit natürlich einen der Wenigen umbringen, auf die das nicht zugetroffen hatte!
Sie wagte es nicht, Arzu anzusehen.
„V-vielleicht s-s-solltest du lieber … o-ohne mich weiter. Ich … w-will dich nicht auch noch in … in Gefahr bringen! Wenn dir … wenn dir etwas passiert … dann …“ Thara zuckte hilflos mit den Schultern. Daran wollte sie nicht einmal denken! „Dir darf einfach nichts passieren!“, flüsterte sie schließlich.

Arzu
20.11.2023, 19:55
Das kann ich jetzt echt nicht gebrauchen, dachte sich Arzu und schnaufte. Mit dem Tod Sinistros waren sie bereits genug gekniffen, so dass Tharas mentaler Zusammenbruch wirklich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt kam. Innerlich wägte die Varanterin ernsthaft ab, ob sie auf sich allein gestellt besser dran wäre. Nicht, um ihre Begleiterin völlig im Stich zu lassen - so wie Thara es gerade mit ihrem Heulkrampf tat. Arzu würde sie später wieder auflesen. Denn wenn das dürre Mädchen etwas konnte, dann unbemerkt in einer dunklen Ecke ausharren. Passieren würde ihr schon nichts.
Letzten Endes entschied sich Arzu dagegen. Ihr eigener Zustand ließ stark wünschen übrig und damit war nicht das zerfetzte Kleid und ihre matten Haare gemeint - so wichtig diese auch sein mochte. Selbst wenn ihr Leben davon abhing, könnte Arzu im Augenblick höchstens ein Schattenfünkchen heraufbeschwören.
»Hör mir zu!«, sagte die Schwarzmagierin und hockte sich vor ihre Begleiterin. »Was geschehen ist, ist geschehen. Sinistro hat sich ganz bestimmt nicht geopfert, damit wir hinter der nächsten Ecke krepieren, klar?!«
Dann stand die Varanterin auf und sah sich um. Sie wusste, wo sie hier waren. Die Magier von damals hatten einen ziemlichen Aufriss gemacht, weil sie den Zugang zu diesem Turm nicht finden konnten. Dabei war es so einfach. Wie überall sonst in diesem Kastell, war die Inneneinrichtung dem Zahn der Zeit anheim gefallen. Vergilbte und zerrissene Seiten lagen überall auf dem Boden verstreut und in den Regalen wucherte Pilze über die Bücher. Der Geruch des feuchten Moders stand regelrecht im Raum.
»Ich seh mich mal um.«, sagte die Schwarzmagierin ohne auf eine Antwort von Thara zu warten. Als Arzu den Raum verlassen hatte, fand sie sich in einem Treppenaufgang wieder, der sich um einen zentralen Kern schmiegte. Ursprünglich war sie davon ausgegangen, sich bereits im obersten Stockwerk des Turms zu befinden. In Wahrheit führte die Treppe noch weiter nach oben. Um sicher zu gehen, dass ihnen beim Abstieg später nichts und niemand in den Rücken fiel, erklomm Arzu vorsichtig die Stufen.
Sie endeten in einem großen, kreisrunden Raum dessen Mitte eine gewaltige Glocke einnahm. Eine Staubschicht auf dem schwarzen Eisen verriet, dass sie seit Jahren nicht mehr betätigt worden war. Arzu versuchte sich zu erinnern, ob sie von der Glocke gelesen hatte. Ihr fiel nur ein, dass sie gegen Ende des Buchs erwähnt worden war. Doch zu welchem Zweck? Es wollte der Schwarzmagierin nicht einfallen.
Dann entdeckte sie plötzlich ein Skelett auf der anderen Seite der Glocke. Es lag zusammengesackt am Boden. Neben sich eine Schüssel deren Inhalt sich in den Jahren zu Schimmel verwandelt hatte. Ein Zettel lag daneben. Gerade noch war das Geschriebene zu entziffern.
»Nicht Malicant!«, las Arzu vor. »Gut, dass wir das geklärt haben.«
Sie warf den Zettel beiseite und wollte sich gerade wieder zur Treppe begeben, als ein seltsames Geräusch auf sich aufmerksam machte.
»Thara?«
Für einen Moment hielt das Geräusch inne, dann ging es gleich wieder los. Es war fast wie Regentropfen. Tausende Regentropfen, die auf den Boden prasselten. Ein Schauer lief der Schwarzmagierin über den Rücken. Das konnten unmöglich Tropfen sein! Viel zu gleichmäßig folgten sie aufeinander. Es war doch mehr ein Rasseln.
Geschwind rannte Arzu die Treppe hinab und fand Thara dort vor, wo sie sie zurückgelassen hatte. Das Rasseln dauerte an.
»Wir müssen weg! Sofort!«, befahl die Varanterin und zog das Häufchen Elend von einer Begleiterin auf die Beine.

Thara
22.11.2023, 11:39
Thara ließ sich widerstandslos von Arzu mitschleifen. Wahrscheinlich hatte die Varanterin recht – Sinistro hatte sich nicht geopfert, damit sie einfach aufgaben und auf den Tod warteten. Sie hatte daher versucht, sich wieder halbwegs zu beruhigen, während Arzu den Turm ausgekundschaftet hatte. Ein paar neue, frische Blutflecken tränkten den Stoff ihres Kleides. Nichts, was Arzu bemerken würde, aber der Schmerz half Thara, sich nicht gänzlich zu verlieren und sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
… und damit auf das Wegrennen, auch wenn sie nicht wusste, wovor sie eigentlich flohen. Arzu hielt sich nicht mit Erklärungen auf, sondern zog sie einfach hinter sich her, während sie die Wendeltreppe nach unten rannte, manchmal zwei Stufen auf einmal nehmend. Thara musste sich Mühe geben, um Schritt zu halten. Immer wieder kamen sie an Zwischenetagen vorbei, aber Arzu hielt nicht an. Was auch immer es war, das sie so beunruhigte, sie wollte offensichtlich den größtmöglichen Abstand zwischen sich und es bringen.

Schließlich endete die Treppe in einem größeren Zimmer, in dessen Mitte ein massiver Tisch stand. Im Gegensatz zu den meisten anderen Räumen des Kastells, die sie bisher gesehen hatte, wirkte dieser sogar vergleichsweise … nun ja, nicht direkt aufgeräumt, denn es lag überall jede Menge Kram herum, den Thara auf den ersten Blick kaum identifizieren konnte, aber bewohnt – nicht seit Jahren dem Verfall anheimgegeben und mit Staub und Schimmel bedeckt. Am bemerkenswertesten waren jedoch die kleinen Statuen, die scheinbar wahllos in dem Zimmer verteilt waren: Steinerne Plastiken von Goblins, die so lebensecht wirkten, dass Thara jeden Augenblick erwartete, dass sie sich, wie Vabun, wieder zu Fleisch verwandeln und auf sie losgehen würden. Oder wegrennen – denn die Posen, die die meisten der Statuen einnahmen, sahen eher so aus, als würde der betreffende Goblin gerade voller Entsetzen auf irgendetwas starren, das ihn angriff. Der unbekannte Angreifer selbst war jedoch nirgendwo dargestellt.

Arzu schenkte der seltsamen Dekoration kaum Beachtung. Nach kurzem Umsehen hatte sie hinter einem von der Decke hängenden Stoffetzen eine Tür entdeckt. Sie rannte hin und rüttelte an der Klinke, aber die Tür – eine von der massiven, eisenbeschlagenen Sorte – bewegte sich keinen Spaltbreit.
„W-was ist … was ist los?“, wagte Thara vorsichtig zu fragen. Statt einer Antwort legte Arzu nur einen Finger auf die Lippen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. Thara hielt die Luft an und lauschte. Und tatsächlich – ein leises Trippeln, wie Regentropfen auf Stein, war vom Treppenhaus her zu vernehmen und wurde rasch lauter.
„Ich weiß nicht, was das ist“, zischte Arzu, „Und ich will es auch gar nicht wissen! Aber das hier scheint der einzige Ausgang zu sein!“
Thara sah sich hastig um und deutete schließlich auf einen großen Schrank in einer Ecke des Raumes: „V-vielleicht … k-k-können wir …“
Arzu ließ sie gar nicht ausreden, sondern fasste sie direkt wieder am Handgelenk und zog sie zu dem Schrank. Wie sich herausstellte, war er zwar mit einigen Lumpen und Kram gefüllt, bot aber genug freien Platz, dass die beiden jungen Frauen, beide zum Glück nicht sehr groß gewachsen, sich hineinzwängen konnten. Vorsichtig, um keinen Lärm zu machen, schlossen sie die Schranktür so weit, dass nur noch ein schmaler Spalt blieb, durch den sie beide gebannt nach draußen spähten.

Es dauerte nicht lange, bis es aus dem Treppenhaus ins Zimmer glitt. Thara konnte nicht genau erkennen, was es war, aber was sie sah, reichte aus, dass sie sich reflexartig an Arzus Oberarm festkrallte und nicht mehr zu atmen wagte.
Es war riesig. Es hatte einen langen, biegsamen Körper wie eine Schlange, der in dem sonderbaren silbrigen Licht, von dem das ganze Kastell erfüllt war, ölig-schwarz glänzte. Die Gesamtlänge der Kreatur betrug sicherlich fast ein Dutzend Schritte, und ihr Durchmesser war groß genug, dass Thara wohl ohne Probleme auf ihr hätte reiten können. Seltsame Auswüchse befanden sich an dem, was Thara für das Kopfende hielt – Fühler, wie bei einem Insekt? Oder doch Tentakel? Oder etwas ganz anderes? Das regenartige Geräusch wiederum rührte von hunderten und aberhunderten kleiner, krummer Füße her, die sich wellenartig unter dem Körper des Wesens bewegten.
Es blieb kurz stehen und richtete sein vorderes Ende auf, als würde es in der Luft nach Beute schnüffeln, dann ließ es sich wieder zu Boden sinken und schoss zum anderen Ende des Raumes, so dass es durch den schmalen Spalt in der Schranktür nicht mehr zu sehen war. Thara biss sich auf die Unterlippe, ihre Finger gruben sich noch immer in Arzus Oberarm, während sie angespannt auf die Geräusche hörte, die sich zunächst entfernten, dann aber immer näherkamen.
Wie Regen auf Stein…

Olivia Rabenweil
24.11.2023, 23:42
»Nein..«
Leise suchten ihre Füße einen sicheren Weg durch die Trümmer, die verteilt über den schwarz-weißen Schachbrettboden verteilt lagen. Die nackten Sohlen wussten die richtigen Tritte zu setzen, sogar in der Dunkelheit des Ganges.
»Jaaa…«, die Stimme der Frau war nur ein Flüstern. Dann kicherte sie leise. »Das weiß ich doch, sei nicht albern.«
Sie hielt einen Moment inne und beschwor leise murmelnd das Skelett einer kleinen Maus. Das Tierchen schüttelte sich nach seiner Erschaffung und reckte das Schnäuzchen in die Höhe.
»Husch, nicht trödeln. Öffne die Tür.«
Das Tier verschwand und ein Knacken ertönte, als die Riegel in dem schweren Schloss zur Seite geschoben wurden. Sie betrat das Refektorium. Ein Teil der Anspannung viel von ihr ab.
»Nein, ich bin ein Teil der 10.000 varantischen Flüchtlinge. Ich komme von dort«, sagte sie nun lauter, als die Tür hinter ihr zufiel und von dem Mäuseskelett wieder verschlossen wurde, ehe es zu Staub zerfiel. »Du aber kommst aus Nordmar, schon vergessen.« Sie legte Ihren Beutel ab und blickte sich suchend um. »Nein, ich machte dich nicht zu einem Varanter… ach komm schon. Das zählt nicht.« Aus einem dunklen Tuch, welches sie an ihren Gürtel gebunden hatte, zog sie einen blanken Totenschädel. Liebevoll hob sie ihn auf Augenhöhe und blickte ihm tief in die leeren Höhlen. »Du bist – nein, du bleibst verrückt.«
Wieder sah sie sich suchend um. »Fußßie?«
»Was?« Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Schädel. »Natürlich habe ich das nicht vergessen.« War ihre Stimme bisher eher liebevoll und sanft gewesen, so war sie nun erfüllt von Wut. »Ach weißt du, ich diskutiere das nicht mehr mit dir. Wir haben zu häufig darüber gestritten!«
Sie ließ den Schädel etwas ruppig zurück in das Tuch am Gürtel gleiten.
»Fußßie? Fußßie bist du da?« Sie griff nach dem Beutel und holte blutige Leichenteile daraus hervor. Sorgsam arrangierte sie die Klumpen und Gliedmaßen auf einem der Tische. »Ich habe uns was zum Essen besorgt. Gar keinen Hunger?«
Dann fand sie endlich wonach sie gesucht hatte. Der gigantische Tausendfüßler hatte sich um den Schrank gewickelt. Deine Fühler wedelten schnüffelnd um das Möbel.
»Was hast du da? Goblins? Krakenlarven? Weiße Privilegierte?« Wie aus dem Nichts schallte ihr glockenhelles Lachen durch den Raum. »Ach nein, ich stehe ja hier. Also zeig mir, was hast du da gefunden? Bist doch sonst nicht so zögerlich!?« Die Frau zog ein altes schartiges Schwert vom Rücken und nährte sich dem Schrank. Das Leder der alten, speckigen Lederrüstung, welche sie über den Lumpen trug, die zu vergessenen Zeiten eine Magierrobe gewesen sein könnte, verursachte dabei kaum Geräusche. Sie streckte die Hand aus und riss, das Schwert zum Schlag erhoben, die angelehnte Tür auf. Dann aber erstarrte sie in der Bewegung. Sie erblickte nicht, was sie erwartet hatte. »Also doch weiße Privilegierte«, nuschelte sie hinter ihrem dunklen, buschigen Schnauzbart. Sie ließ das Schwert nur ein wenig sinken und schob sich ein Teil ihres mobartigen, filzigen Haares aus den Augen und blickte in die zwei weißen Mädchengesichter. Durch die Bewegung wurde unter der Matte ein hässlicher vernarbter Krater sichtbar, an der Stelle, wo ihr Ohr hätte sitzen sollen.
»Hallo«, sie beobachtete einen Moment. Die Frauen schwiegen sich an. Zumindestens eine von ihnen wusste die Situation nicht einzuordnen. »Fußßie hat gar nicht erwähnt, dass er sich Besuch eingeladen hat. Mein Name ist Olivia, wer seid ihr?«
Zischend und leise vor Aufregung mit den Chitinplatten rasselnd, ließ sich der Kopf des Tausendfüßlers, mit seien mächtigen Beißwerkzeugen, hinter Olivia herab. Sie schien ihn nicht weiter zu beachten, hob aber das Schwert und schnitt sich damit in den Unterarm, ohne eine Miene zu verziehen. Dann hielt sie dem Untier die Wunde hin und ließ es ihr Blut trinken. Das schien es zu beruhigen.
»Oh, verängstig Euch mein Ohr? Keine Sorge, dass ist nur das Ergebnis einer Schlachtfeldamputation. Die Kinder haben gespielt…« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wollt ihr etwas essen?« Sie zeigte auf den blutigen Haufen auf dem Tisch, auf den sich nun auch langsam der Tausendfüßler zubewegte und riss sich dann den angeklebten Schnurrbart aus dem Gesicht.

Arzu
26.11.2023, 16:51
Einen langen Moment lang starrte Arzu die Fremde mit großen Augen an. Ihr war so, als würde sie einem Zwilling von Thara gegenüber stehen. Durch jahrelanges Alleinsein völlig heruntergekommen und verwahrlost. Es hätte die Varanterin nicht überrascht, wenn das im Mondkastell möglich gewesen wäre. Ein unheimlicher Gedanke überkam sie dann. War das etwa ein Ausblick darauf gewesen, hätte sie Thara oben im Turm allein zurückgelassen? Nein, entschied Arzu. Dies war ganz offensichtlich jemand anderes und ihr Gewissen wollte ihr lediglich einen derben Streich spielen. Ungeachtet dessen war das Gebaren dieser Frau alles andere als vertrauenerweckend. Nicht zuletzt auch wegen des riesigen Tausendfüßlers, den sie offenbar als Haustier hielt.
»Ahlaan.«, erwiderte Arzu schließlich die Begrüßung Olivias. »Wir haben schon... gegessen.« Der Magen der Schwarzmagierin drehte sich bei dem Gedanken, den blutigen Haufen auch nur anzurühren. So gut es ging verdrängte Arzu das aus ihrem Kopf. Im Augenblick mussten sie einen Ausweg finden. Die Varanterin hatte berechtigte Zweifel daran, dass Olivia ihnen wohlgesonnen war.
»Mein Name lautet Arzu und dies ist Thara. Ehrlich gesagt, waren wir gerade auf dem Weg hier raus.«, fuhr die Schwarzmagierin fort. »Hoffentlich haben wir nicht gestört.«

Thara
26.11.2023, 21:59
Ohne zu überlegen, zog Thara ihren Dolch und schob sich vor Arzu. Egal wie lächerlich das wirken mochte – sie würde nicht zulassen, dass Arzu etwas passierte, ohne dass sie wenigstens versuchte, etwas dagegen zu tun! Auch wenn sie mit ihrem Messerchen sicher keine Chance hatte, etwas gegen dieses Monstrum von Riesentausendfüßler zu unternehmen. Außer vielleicht, zuerst gefressen zu werden und Arzu damit die Zeit zu verschaffen, zu fliehen … Aber das wäre ja schon etwas, oder?
„L-l-lass … lass uns e-einfach g-g-gehen, ja?“, stotterte sie und hasste, wie verängstigt sie klang. Ganz im Gegensatz zu Arzu, der man kaum Nervosität angehört hatte. Thara verfluchte sich gleich wieder dafür, überhaupt etwas gesagt zu haben. Wahrscheinlich hatte sie damit wieder nur alles schlimmer gemacht. Diese Olivia war eindeutig vollkommen durchgeknallt – Thara könnte dagegen glatt als Musterbeispiel für geistige Gesundheit durchgehen, obwohl sie sich keinerlei Illusionen darüber machte, dass sie längst nicht alle Tassen im Schrank hatte. Und gerade deshalb hatte sie keinen Schimmer, wie die verwahrloste Frau mit dem abgerissenen Ohr reagieren würde – die Irre, die irgendwie diesen riesigen Monster-Tausendfüßler kontrollieren konnte.
„E-entschuldige, w-w-wir wollten w-wirklich nicht … n-nicht stören!“ Vorsichtig trat Thara aus dem Schrank. Den Dolch hielt sie vor ihre Brust gepresst und umklammerte den Griff dabei so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, mit der anderen Hand tastete sie hinter ihrem Rücken nach Arzu. Sie versuchte, den Weg zur Tür abzuschätzen und ob sie es schaffen könnten, zu fliehen … aber die Antwort lautete eindeutig nein. Der Tausendfüßer würde nicht die geringsten Probleme haben, ihnen den Weg abzuschneiden.
Es war eine einfache Erkenntnis. Thara biss sich auf die Unterlippe, als sie spürte, wie ihr plötzlich schwindlig wurde und die Welt zu einem Punkt zusammenzuschrumpfen schien. Das altbekannte Gefühl von Verzweiflung und Hilflosigkeit drohte, ihr Bewusstsein zu überwältigen. Mit aller Macht kämpfte sie dagegen an, versuchte, die aufsteigende Panik zu unterdrücken, aber die Tatsache blieb:
Sie waren der Verrückten mit dem Monster vollkommen ausgeliefert.

Olivia Rabenweil
26.11.2023, 22:42
»Ja… gehen, das möchte ich auch gerne.« Olivia war einen Schritt zurückgetreten, als Thara mit dem Messer in der Hand vorgesprungen war. Sie blickte kurz auf Hirnis altes Schwert, dann auf den kleinen Dolch in der Hand des Mädchens. Ihre Worte aber hatte sie an Arzu gerichtet.
»Ihr stört nicht. Ganz im Gegenteil. Ich hatte hier noch nie Besuch – die Anderswelt ist einsamer, als ich sie mir vorgestellt hatte. Wir sind allein«, fügte sie leise hinzu und ließ das Schwert sinken. »Ich lasse Euch nicht nicht gehen…« Ihr Blick glitt zu dem Schädel in dem Tuch an ihrem Gürtel, »aber ich soll Euch fragen, wie ihr hier eigentlich hergekommen seid? Und wie Ihr gedenkt, wieder zu gehen – also wohin?«
Während Olivia die beiden großäugigen Fräulein in ihrem Schrank weiter erwartungsfroh ansah, fiel ihr auf, wie die kleinere der Beiden leicht schwankte. Ihre Zähne waren fest auf ihre Unterlippe gepresst. Als sie für einen kurzen Moment den Kopf leicht zur Seite legte und ihr Haar ein wenig zur Seite rutschte, traf es Olivia wie ein Blitz. Einen Herzschlag lang starrte sie das Mädchen an, dann beugte sie sich ruckartig vor und legte mit einer schnellen, fließenden Bewegung die Hand auf Tharas sonst durch die dicke schwarze Strähne verdeckte Braue. Sie schob sie sanft zur Seite und erblickte nun, das weißliche blinde Auge.
Ihre Lippen begannen zu Zittern. Dass es ihr vergönnt war, so etwas noch einmal zu sehen… Ihre eigenen Augen wurden feucht, ein sanftes, erlöstes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. »Das ist wunderschön!« hauchte sie ihrer verängstigten Besucherin voller Bewunderung entgegen.

Im Hintergrund machte sich der Tausendfüßler über die Fleischbrocken her. Das leise Brechen und Bersten der Knochen war zu hören.

Arzu
26.11.2023, 23:15
Als Olivia an Thara herantrat, fiel Arzu der seltsame Geruch auf, der von der Fremden ausging. Es erinnerte an den von alten Menschen. In der Tat konnte die Schwarzmagierin nicht mit Bestimmtheit sagen, wie alt Olivia tatsächlich war. Rein äußerlich wirkte sie wie eine alte Hexe aus einem Märchen. Allerdings bewegte sie sich nicht entsprechend schwerfällig.
»Wir kommen aus dem Kastell.«, antwortete Arzu und lenkte damit die Aufmerksamkeit von Thara ab. »Aus dem anderen Kastell, meine ich. An einer Vollmondnacht sind wir vor...«
Die Varanterin stockte. Bisher hatte sie sich die Frage nicht gestellt, wie lange sie sich bereits in diesem Kastell befanden. Meistens hatten sie sich auf der Flucht befunden und keine Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken. Hätte sie raten müssen, hätte Arzu auf einige Tage getippt. Doch genauso gut hätten es Monate sein können. Die Vorstellung war der Schwarzmagierin unheimlich.
»Wir sind vor einer ganzen Weile hier gelandet. Wenn wir unsere Angelegenheiten erledigt haben, sind wir auch wieder auf und davon, zurück in das andere Kastell. Wir werden dich und dein Haustier nicht lange belästigen.«
Von all den Gegenspielern, denen sie auf dieser Reise begegnet waren, ob nun die Kore, der Dämon aus dem Brunnen oder die Goblins, musste Olivia die bedrohlichste sein. Die Absichten der anderen konnte Arzu zumindest erahnen. Nicht aber bei dieser verrückten Frau.

Olivia Rabenweil
27.11.2023, 00:20
»Wie ich schon sagte: Ihr belästigt mich nicht…«, sprach Olivia mehr zu sich selbst, also zu der Frau Arzu. Inzwischen war ihre Hand am Kinn des blassen Mädchens angekommen und hielt es sanft fest. Sie drohte sich in dem Anblick des weißen Auges zu verlieren. Riss sich dann aber zusammen und steckte in einer schwungvollen Bewegung das Schwert zurück in die Rückenscheide, die sie sich aus Goblinhaut gebaut hatte. Sie war handwerklich nie sonderlich geschickt gewesen, weswegen die grob in Form gerissenen Lappen auch lediglich ein schlechter Behelf waren und sie gleich drei Anläufe benötigte, die Waffe zu verstauen.

»Gut«, ihr nun wieder leicht getrübter Blick wanderte zu Arzu. Diese schien deutlich gesprächiger zu sein als die kleine Weißauge. »Ich begleite euch einfach. Da braucht ihr Euch nicht mehr fürchten, dass ihr mich belästigen könntet, sondern dann ist es andersherum.«
Sie wandte sich von den Beiden ab und ging zu einem Regal bei der vor langer Zeit erkalteten Feuerstelle hinüber. Dort griff sie sich ein paar Sachen und warf wie wahllos in den Beutel, aus dem sie vor wenigen Augenblicken noch die Goblinüberreste geholt hatte.

Fußßie knurbste derweil weiter alles von dem Tisch herunter, was sie ihm dort hingelegt hatte. Olivia nähte sich de Ungetüm vorsichtig und mopste in einem Moment der Unachtsamkeit ein faustgroßes Stück Fleisch vom Tisch. Auch dieses verschwand in der Tasche.
Dann bewegte sie sich zu der Tür herüber, die aus dem Speisesaal herausführte und beschwor erneut die kleine Maus, die sie mit leisen Worten zurück in das Schloss bugsierte.
»Kommt schon. Es ist tatsächlich besser, wenn wir nun gehen. Heute war meine Beute nicht so erfolgreich und ich weiß nicht, wie lange Fußßie noch mit den Brocken beschäftigt ist. Er wird uns verspeisen, wenn wir nicht aufpassen. Wäre doch schade.«

Mit einem Knacken sprang das Schloss auf und Olivia zog die Tür auf.
»Erzählt mir auf dem Weg von Euren Angelegenheiten. Eigentlich hat die Essenz hier keine Angelegenheiten mehr zu klären. Umso interessanter sind die Euren…« Sie kontrollierte den Sitzt ihrer Ausrüstung ohne dabei die Frauen für einen Moment aus den Augen zu lassen. »Einst war ich auch aus dem Kastell, doch das ist lange her«, fügte sie in ruhigem Ton hinzu. »Es gibt keinen Weg zurück, ist man erst einmal hier gelandet.«

Thara
27.11.2023, 22:15
Thara hielt weniger den Dolch fest, als dass sie sich an ihrem Dolch festhielt, während sie versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Es gelang ihr kaum. Als diese Olivia plötzlich ihr Haar zur Seite geschoben und mit morbider Faszination ihr blindes Auge bewundert hatte, war Thara wie versteinert. Obwohl alles in ihr sie anschrie, zurückzuweichen, sich loszumachen, zu fliehen, versagten ihre Muskeln vollkommen den Dienst. Es war pure Angst, die sie so an Ort und Stelle festhielt. Keine rationale Angst – sondern die ihr ein Leben lang eingeprügelte Gewissheit, dass auf Verweigerung Schmerzen folgten. Schmerzen, und schlimmeres ... Es war wie ein Reflex. Sie konnte nichts dagegen tun …
Um so größer war Tharas Erleichterung, als Olivia endlich von ihr abließ. Auf wackeligen Beinen versteckte sie sich halb hinter Arzu, während die Verrückte ihnen erklärte, dass sie einst selbst eine Schwarzmagierin des Zirkels gewesen sei, aber seit langem bereits an diesem Ort festsäße und es keinen Weg zurück gäbe.
Kein Weg zurück?
Thara schaute unsicher zu Arzu, wartete darauf, dass die Varanterin erklärte, dass Olivia sich irrte und es ganz sicher einen Weg zurück ins Kastell gab. Arzu wäre doch sonst gar nicht erst hierhergekommen, oder? Und Vabun hatte doch auch etwas von einem Weg zurück gesagt, oder nicht?
Inzwischen hatte Olivia etwas wie ihre Ausrüstung zusammengepackt, öffnete die Tür und winkte ihre beiden unfreiwilligen Gäste mit ungeduldigen Gesten nach draußen. Arzu trat mit ihrer üblichen, bewundernswerten Selbstsicherheit durch die Tür, Thara stolperte ihr unbeholfen hinterher, während sie versuchte, Olivia und vor allem den riesigen Tausendfüßler nicht aus dem Auge zu lassen. Fußßie …

Auf der anderen Seite der Tür befand sich nicht, was Thara erwartet hatte. Sie hatte geglaubt, der Turm wäre Teil des Kastells, jedenfalls war es ihr beim Flug auf dem untoten Riesenadler so vorgekommen. Anstatt der staubigen Gänge und Gewölbe des Kastells aber erstreckte sich vor ihnen eine weite, graue, felsige Landschaft unter einem schwarzen Himmel. Der Turm stand einsam auf einem Plateau und war nur über eine gänzlich aus Knochen gefertigte Hängebrücke zu erreichen, eine Brücke, die zudem noch ein eigenes (Un)leben zu führen schien, denn die Schädel der Skelette, aus denen sie bestand, schnappten ununterbrochen in die Luft. Klack-klack-klackklackkack-klack…
Und irgendwo in der Ferne, vielleicht einen Tagesmarsch entfernt, vielleicht auch zwei, konnte Thara die Silhouette des Kastells ausmachen.

Arzu
04.12.2023, 18:00
»Natürlich gibt es einen Weg zurück!«, widersprach die Varanterin, behielt dabei aber für sich zu sagen, dass man auch das nötige Können mitbringen musste. Arzu traute Olivia nicht über den Weg. Ihre Behauptung eine Schwarzmagierin zu sein, war womöglich eine Lüge. Mal von der untoten Maus abgesehen, hatte sie bisher keinen besonders magischen Anschein gemacht. Vielleicht lag es auch daran, dass sie nicht zurückkonnte. Man muss nur wollen, war der Leitspruch von Arzus Vater gewesen. Jedenfalls einer davon. Sie würde eher das Gefüge zwischen den Welten einreißen, als so zu enden wie Olivia.
Zuerst mussten sie aber das Kastell wieder erreichen und endlich Vabun finden. Die lange Knochenbrücke stellte dabei das erste Hindernis dar. Vorsichtig lugte Arzu über den Rand in den Abgrund. Nichts als Finsternis starrte ihr entgegen. Die Schwarzmagierin stellte sich vor, dass der riesige Tausendfüßler von dort kam und noch viel mehr davon dort unten auf Lauer lagen. Ein Schauer lief ihr bei dem Gedanken über den Rücken.
»Olivia!«, rief Arzu zu ihrer neuen Begleiterin herüber. Deren seltsame Faszination mit dem dürren Mädchen schien weiter anzuhalten. »Hey!« Dieses Mal schnipste laut mit den Fingern, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. »Wenn du hier so lange lebst, dann zeig uns mal, wie wir ungehindert an den Skeletten vorbei kommen.«

Olivia Rabenweil
06.12.2023, 01:09
Kaum hatten die drei Damen den Turm verlassen griff ein fürchterlicher Wind nach ihnen. Er kam aus der Schlucht und fauchte wie eine Horde wilder Bestien. Wüst warf er die Kleider hin und her, sowie auch Tharas langes, schwarzes Haar, in dem sich Olivias Blick verfangen hatte.
Das Schnipsen riss sie aus ihrer Bewunderung, auch wenn es über das Brausen des Windes hinweg kaum zu hören gewesen war. Ungeduld – ein wunderbarer Wesenszug.
Sie hob den Blick und suchte Arzu, dann lächele sie gleichgültig.
»Das weiß ich auch nicht.« Sie trat näher an die junge Frau heran. »Normalerweise verlasse ich den Turm nur, wenn er am Kastell ist«, erklärte sie, als ob es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelte. »Vielleicht fragst du einfach höflich?«
Gelassen schob sich Olivia eine wild im Wind flatternde Haarsträhne hinter ihr Ohr und trat auf den Brückenweg. »Guten Morgen Cubbi, hallo Grammi! Wie geht es dir Sunni? Wie ist das Befinden der werten Neffen Gruffi? Tammi, könntet ihr uns bitte durchlassen?«
Während Olivia in die Richtung der Schädel schritt, wurde deren Schnappen immer wilder.
»Zummi? Was beißt du mich denn?« Zu nah war sie an die Fänge der Warge herangetreten. Zähne vergruben sich in den ledernen Armschienen der alten Rüstung. Schweigend zog Olivia das Schwert vom Rücken und donnerte es mit der ihr zur Verfügung stehenden Kraft auf den Schädel. Er zerbarst. Ein Knacken und ächzen ertönte. Einzelne, skelettierte Warge lösten sich aus der Brücke, sie bildeten schnell eine Gruppe und kamen auf sie und ihre unfreiwilligen Begleiterinnen zu. »Also höflich fragen hilft wohl nichts…«, stellte sie nüchtern fest.
Das vordere Skelett sprang auf sie zu du warf sie zu Boden. Die Kiefer schlossen sich immer wieder um die Schwertklinge, die Olivia schützend vor sich hielt und gegen die sie nun mit beiden Händen drückte, um nicht zerrissen zu werden. Sie schaffte es ihre Füße unter dem Brustkorb des Tieres zu setzten und stieß es zurück. Auf allen Vieren rückwärts auf dem Po rutschend flüchtete sie sich zu den andren. Sobald sie die Brücke verlassen hatte, zogen sich die Skelette zurück und bildeten erneut einen festen Teil des Bauwerks.
»Ich denke eine von uns wird sich opfern müssen«, schlug Olivia vor und sah Arzu an. Dann aber fiel ihr ein, was sie vorhin gesagt hatte. Sie kannte einen Weg…
Damit fiel der Blick auf Thara… doch dieses wunderschöne Auge. Vielleicht dürfte sie es ja auch behalten?
»Oder wir gehen in die Schlucht«, schlug sie abschließend vor. »Das ist nur hier runter, runter, runter – immer schön die Treppe runter.« Ihr Finger zeigte auf stark verwitterte Stufen, die sich steil an die Felswand schmiegten.
Ohne auf die Zustimmung der Mädchen zu warten, begann sie mit dem Abstieg. Ihr kam ein Lied in den Kopf und sie sang es: »Ich lass‘ los, lass‘ jetzt los! Mein Fall wird atemlos! Lass‘ jetzt loooos!« Schrill klang das Echo ihrer Stimme von den Felswänden wieder.
Die Schlucht war zwar dunkel, aber nicht tief, sodass sie bald den Grund erreich hatte. Etwas bewegte sich in der Finsternis…
»Achtung, da kommt was. Aber halt, etwas stimmt nicht… Eine magische Beeinflussung?« Sie legte den Kopf schief. »Wollen die etwa mit und spielen…?« Olivia blickte sich nicht um. Wo waren die Mädchen? Hinter ihr? Nicht hinter ihr? »…und wir haben keine Heiltränke dabei…«

Thara
09.12.2023, 11:20
Thara hielt es zwar für alles andere als eine gute Idee, der verrückten Olivia in die Schlucht zu folgen, aber nachdem Arzu nicht zögerte, blieb ihr keine andere Wahl.
Die Stufen der Treppe waren schmal, glitschig und verwittert, aber der unangenehme Abstieg war schneller vorüber, als sie vermutet hätte. Von oben hatte man nur Schwärze sehen können, was den Abgrund hatte bodenlos erscheinen lassen, aber dem war nicht so. Nur eine Sinnestäuschung. Mal wieder …
Der Grund der Schlucht war allerdings nicht viel besser. Unter ihren Füßen spürte Thara kalten, nassen Sand, spitze Steine bohrten sich unangenehm in ihre nackten Fußsohlen. Die Schatten wirkten dunkler, tiefer und länger, als sie sein sollten, und immer, wenn sie eine Felsformation kurz aus den Augen ließ, hatte sie den Eindruck, dass die Formation beim nächsten Mal, wenn sie hinsah, subtil verändert war. Ein kalter Lufthauch wehte durch die Schlucht und manchmal glaubte sie, flüsternde Stimmen im Wind zu hören. Sie konnte nicht anders, als ständig einen Blick über die Schulter zu werfen, während sie sich möglichst dicht an Arzu hielt, den Dolch fest in der Hand.
Olivia hingegen schien sich keine großen Sorgen zu machen. Sie brabbelte immer mal wieder irgendetwas vor sich hin oder fing gar an zu singen, wobei ihre Stimme verzerrt und falsch klingend von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Fußßie lief vornweg. Thara konnte den riesigen Tausendfüßler im Zwielicht oft nur noch als länglichen schwarzen Schemen ausmachen, war aber froh, das Monster vor sich zu wissen statt hinter sich.

Die Schlucht entpuppte sich als verschlungener Canyon, ein natürliches Labyrinth. Olivia schien trotzdem immer genau zu wissen, wo sie als nächstes abbiegen mussten – oder sie wählte einfach jedes Mal eine Abzweigung nach dem Zufallsprinzip, ohne es sich anmerken zu lassen. Thara wagte nicht, nachzufragen. Je weniger sie Olivias Aufmerksamkeit auf sich zog, umso besser.
Was Thara jedoch beunruhigte, war die Dunkelheit in der Schlucht. Wenn sie den Blick hob, dann konnte sie den grauen Himmel über sich höchstens noch erahnen. So wie die Schlucht bodenlos ausgesehen hatte, verschwand sie nun nach oben hin im Schatten. Und es fühlte sich nicht an wie gewöhnliche Dunkelheit, wie die schlichte Abwesenheit von Licht, sondern wie die Anwesenheit von … etwas. Als würde die Dunkelheit über ein Eigenleben verfügen, einen eigenen Willen, und sich langsam, aber sicher darauf vorbereiten, die kleine Gruppe zu verschlingen. Es erinnerte Thara an die Dunkelheit in den Wäldern während ihrer Reise zum Kastell und das, was darin gelauert hatte …
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich in der Finsternis etwas rührte. Ein zunächst kaum fassbarer Schemen, der jedoch schnell an Kontur gewann. Ein Rumpf mit massiven Schultern, langen Armen und kurzen Beinen – „Ein Golem!“, rief Thara erschrocken und packte Arzu am Arm, „Da drü–“ Sie deutete in die Richtung, aber da war nichts. Gehetzt sah sie sich um. Nichts. Nur Schatten an den Wänden, aber keine Bewegung, kein Golem, kein Dämon, nicht einmal ein Goblin. Thara senkte beschämt den Blick und entschuldigte sich kleinlaut. „W-wir … w-w-wir brauchen Licht!“, schlug sie zögerlich vor.
Olivia zuckte gleichgültig mit den Schultern, als fände sie es nicht notwendig, zog dann aber eine Fackel aus ihrem Gepäck und reichte sie Thara zusammen mit einer kleinen Zunderdose und einem improvisierten Feuerstahl. Thara bedankte sich wahrscheinlich mehr als nötig und versuchte, die Fackel zu entzünden.
Nur, dass es ihr einfach nicht gelingen wollte! Sei es, dass der aus irgendwelchem Altmetall zusammengebogene Feuerstahl keine anständigen Funken schlug oder der Zunder nass war – Thara brachte einfach keine noch so kleine Flamme zu Stande. Dass Arzu sie beim Versagen beobachtete und zweifelnd die Augenbrauen hob, machte es nicht besser.
„I-ich … gleich! E-e-einen Moment!“, versicherte sie der Varanterin und legte den Feuerstahl zur Seite. Stattdessen nahm sie die Fackel. Sie dachte an ihren ersten Versuch, Magie zu wirken – das Feuer aus dem Kamin war wie mit einer Stichflamme herausgeschossen. Und waren Schattenflammen nicht auch eine Art von Feuer, verändert zwar, aber irgendwie im Kern doch noch Feuer? Warum sollte es also nicht möglich sein, eine Fackel mit Magie zu entzünden?
Thara konzentrierte sich, spürte der Magie nach, die sie umgab – sie war stark hier unten, die Schlucht war geradezu gesättigt von Magie. Fast augenblicklich fühlte Thara die Wärme in ihren Händen, die auch das Wirken einer Schattenflamme begleitete, und versuchte nun, die magische Hitze in die Fackel zu lenken. Intuitiv spürte sie nach etwas in ihrer Umgebung, das sich brennbar anfühlte, und leitete ihre Magie dort hin. Nach wenigen Sekunden fing die Fackel an zu glimmen, und dann, begleitet von einem leisen Wuusch!, entzündete sie sich mit einer bläulichen Flamme Stichflamme. Thara schaute stolz zu Arzu, als plötzlich Olivia einen überraschten Schrei ausstieß.
Ihre Tasche, in der sie weitere Fackeln dabeihatte, stand auf einmal in Flammen …

Arzu
10.12.2023, 19:59
Wie Thara es fertig brachte, jedes Mal ein heilloses Chaos beim Zaubern heraufzubeschwören, war Arzu ein Rätsel. Inzwischen müsste sie doch durch bloße Erfahrung bereits gelernt haben. In diesem Fall sollte es ihnen zum Vorteil gereichen, denn die Frage um Olivias Loyalität stand immer noch unbeantwortet im Raum. Wenn sie die kleine Zündelei an ihrer Tasche zum Anlass nahm, sie anzugreifen, gab es für Arzu keinen Zweifel mehr. Für den Anfang bot die Varanterin natürlich ihre Hilfe an.
Zügig rannte sie zu Olivia herüber und riss die Tasche zu Boden. Ohne darauf zu achten, was sich darin befand, stampfte Arzu auf die Flammen ein. Magischen Ursprungs oder nicht, ersticken konnte sie man sie allemal. Olivia konnte von Glück sprechen, dass Thara sie nicht mit einer Explosion zerfetzt hatte.
»Ich hoffe, da war nichts zerbrechliches drin.«, sagte Arzu nachdem das Feuer ausgetreten war. Dann wandte sie sich an Thara. »Vielleicht wäre es besser, wenn du erst mal nur Monster ankokelst. Jedenfalls so lange wir keinen neuen Lehrmeister gefunden haben.«
Ein lautes Schnaufen in der Dunkelheit ließ das Trio aufhorchen. Olivia schien nicht weiter davon beeindruckt oder überrascht zu sein. Im Gegenteil. Sie ging geradewegs darauf zu. Ganz anders Arzu. Sie kniff die Augen zusammen und starrte in die Finsternis. Außer noch mehr Schwärze konnten ihre großen Augen jedoch nichts erkennen. Kurz blickte die Varanterin zu Thara herüber und flüsterte ihr zu.
»Halt dich bereit. Vielleicht musst du doch wieder zaubern.«
Indes war von Olivia schon fast nichts mehr zu sehen. Vorsichtig folgten Thara und Arzu. Als sie zu ihrer Reisegefährtin aufgeschlossen hatten, gab das wenige Licht der Fackel den Eingang zu einer Höhle Preis. Ein ungutes Gefühl überkam Arzu. Die Luft war seltsam stickig, als ob sie in einen Schornstein hinabstiegen. Führte Olivia sie geradewegs in den Hort eines Drachen? Wieder hörten sie ein Schnauben. Dieses Mal viel näher und deutlicher. Innerlich bereitete sich die Varanterin darauf vor, auf dem Absatz kehrt zu machen und zurück zu rennen.
Plötzlich weitete sich die Höhle, so dass ihre Fackel nicht mal mehr die Wände erhellte. In der Mitte schälte sich eine große Gestalt aus den Schatten. Ein weiteres lautes Schnaufen. Es bestand kein Zweifel, dass dieses Etwas vor ihnen dafür verantwortlich war. Für einen Drachen sah es allerdings viel zu kantig aus.
»Olivia? Bist du das?«, fragte das kantige Ding. Offenbar sah es im Dunkeln genauso wenig wie die Frauen. Schließlich standen sie einen Steinwurf davon entfernt und nahe genug, dass die Fackel es erhellte. Soviel wusste Arzu, ein Drache war es nicht. Aber auch sonst nichts, von dem sie jemals gehört hatte. Ein himmelblauer Karren stand dort, drei Räder an jeder Seite und ein schwarzer Schornstein nahe der Spitze. Einen Moment lang hatte die Schwarzmagierin gehofft, dass es sich um Vabuns Kutsche handelte. Ein Trugschluss.
»Was ist das?«, fragte Arzu und bekam prompt eine Antwort.
»Was ist was? Wer spricht da überhaupt?! Seht mir gefälligst in die Augen, wenn ihr mit mir redet!«, polterte die tiefe Stimme und schwarzer Rauch fauchte aus dem Schornstein. Die drei Frauen umrundeten den Karren bis sie augenscheinlich die Vorderseite erreicht hatten. Dort sah sie ein kreisrundes, graues Gesicht an. Volle Lippen, eine dicke Knubbelnase und erstaunlich sanft dreinblickende Augen.
»Also bist du es doch!«, sagte die seltsame Mischung aus Kreatur und Karren. »Und wer sind die beiden Flöten?«
»Arzu bin ich und dies ist Thara.«, antwortete die Varanterin.
»Ich bin Biggie und das hier ist meine hood. Passt also auf, was ihr sagt!«

Olivia Rabenweil
11.12.2023, 00:35
Die auflodernden Flammen ließen Olivia aufschreien. Sie erzeugte damit einen weitaus melodiöseren Klang in der Schlucht als mit dem Lied, welches sie bis vor kurzem noch gesungen hatte. Mit einem Angriff hatte sie hier nicht gerechnet. Die Schlucht der laufenden Schatten war harmlos, wenn man nicht gerade auf die Laufenden Schatten traf. Doch nachdem sie in den ersten Momenten hier unten nicht gefressen wurden, war es wohl in Ordnung Feuer zu entfachen. Doch nachdem sie den beiden Mädchen die Fackel gegeben hatte, hatte sie die beiden irgendwie vergessen.
Für einen kurzen Moment hatte sich die verlorene Magierin damit abgefunden, hier ihr Ende zu finden, da riss Arzu ihr die Tasche vom Leib und begann darauf herumzutrampeln. Panik ergriff sie, nicht jedoch aufgrund des angenommenen Todes oder der Flammen, sondern aufgrund Arzus Zerstörungswahn.
»Weg da!« Sie zog die Tasche weg und drückte die glimmenden Reste an ihre Brust.
»Habt ihr überhaut etwas gelehrt? Welcher Stümper versuchte euch dann die Magie näher zu bringen? Viktar?«
Weiter ging sie nicht darauf ein, sondern setzte zügigen Schrittes ihren Weg fort. In weiter Ferne waren Fußßies Füße auf dem Grund zu hören und sie folgte diesem Geräusch weiter. Den Frauen den Rücken zuwendend öffnete sie die Tasche und kontrollierte den Inhalt. »Ahh… dir geht es gut«, murmelte sie zärtlich. Das Kiefergelenk des Schädels war gebrochen, ein Zahn herausgefallen, doch zu Lebzeiten hatte er schlimmeres erleiden müssen. Diese kleinen Blessuren würden heilen. »Nein… nein, nicht jetzt.«
Weiter huschte sie durch die Schatten. Aus Fußßies tippeln wurde dien Schnaufen. Sie waren fast am Ziel. An Olivias Ziel – wobei… da lag vielleicht doch noch etwas zwischen ihnen, bis sie es endlich tun konnte…

»Joh, passt auf was er sagt, denn er ist hier der Boss!«, bestätigte Olivia und trat nun auch in das Sichtfelf des schnaufenden Kolosses. »Ich war in Gedanken, Mist ey! Is‘ gut dich zu sehen.« Sie stieß den Kessel zuerst mit der Faust, dann mit dem Ellenbogen an, klatschte freundschaftlich mit der flachen Hand darauf und zog abschließend die Finger fort, als ob sie sich verbannt hätte.
»Die beiden Mädels sind neu hier, sie brauchen etwas Unterstützung, Bruder!«
»Und da dachtest du dir, da komm ich in Spiel, Schwesterchen, oder was?«
»Naja… du bist da einfach der Beste, das weiß jeder hier!« Olivia versuchte überzeugend rüberzukommen.
»Oh Schwester… Komm schon!«, seine tiefe Stimme wurde erstaunlich hoch, er kniff die sonst so sanften Augen zusammen und hätte er Schultern gehabt, hätte er sie zusammengezogen.
Olivias Gesicht blieb ausdruckslos, mit der flachen Hand wedelte sie weiteren schwarzen Rauch zur Seite den er empört ausgestoßen hatte.
»Du schwingst deinen knochigen Arsch nur hier her, wenn du was vom guten Biggie willst.«
Sie seufzte und fuhr mit nüchternem Ton fort: »Du wohnst in der Schlucht der laufenden Schatten und einer Höhle, traust dich nicht heraus, da du dich vor roten Lichtern fürchtest und erwartest von mir, dass ich mit dir singe…«
Nun erfüllte ein ohrenbetäubender Ton die Höhle, noch mehr Rauch wurde ausgestoßen! Die Frauen mussten sich die Ohren zuhalten, wehrend sie sich hustend krümmten.
»Singen? SINGEN?«, polterte das feiste, schwarze Gesicht. »Das ist nicht Singen. Ich bin anspruchsvoller, meine Reime geschliffener, meine Silben komplexer… das ist Plauderei auf höchstem Niveau!«
»"Man what you fuck do’in over here?"
Come on motherfuckers, come on
"Are you awake now?"«1
Er sprach so schnell, dass Olivia nichts verstand. Sie ertrug es still und vermutete, dass er sich wieder einmal auf seine ihm ganz eigene weise echauffierte. Und da wunderte er sich, dass sie ihn so selten aufsuchte.
»Ich bin beeindruckt. Das klingt toll! Kannst du uns über die Ebene fahren?«
»Bist du wach? Bist du ganz da? Über die Ebene? Schwester!«
Das Gespräch wurde von weiteren Tippeln unterbrochen. »Hmmmm…« Die Züge des Zuges entspannten sich. Fußßie war auf seinen massigen Körper geklettert.
Olivia hob die Hand und machte Thara und Arzu ein Zeichen schnell auf den Kasten zu klettern. Während sie alle einen halbwegs sicheren Platz fanden, kraulte sie Fußßies runden Hintern, um das weitere Bewegen seiner Beine zu provozieren.
Schnaufend und zischend setzte sich der schwere Körper in Bewegung. Eine Zeitlang ratterten sie durch die Dunkelheit, der Tunnel machte eine Unterhaltung mit Biggie jedoch unmöglich.
Also nährte sich Olivia den Mädchen. Das Zwielicht im Tunnel ließ nur ihrer aller Augen schwach in der Finsternis glänzen. »Also, ihr habt anscheinen einen Plan. Wie wollt ihr zurück ins Kastell kommen?« Sie klang nun viel gefasster, ihre Stimme gegen Biggies lautes Plaudern hervorgepresst, ihr erkalteter Blick hing auf Thara während sie unbewusst den nun verrußten Schädel in ihrer Tasche streichelte. »Bitte erklärt mir, was zu tun nötig ist.«


1 aus „Come on“ by Biggie Smalls

Thara
13.12.2023, 16:47
Schon wieder so eine Art von pferdeloser Kutsche, die sprechen konnte – wenn auch auf eine ziemlich sonderbare und unverständliche Art. Sie sah auch ganz anders aus als das Gefährt, in dem Vabun durch die Gänge des Kastells geheizt war. Trotzdem, eine pferdelose Kutsche blieb eine pferdelose Kutsche. Thara fragte sich kurz, wieso man in der ‚richtigen‘ Welt überhaupt noch Pferde vor Kutschen spannte, wenn es doch offenbar auch ohne ging? Aber wahrscheinlich lag das daran, dass hier einfach alles bis zum Anschlag mit Magie aufgeladen war. Vielleicht hätte Sinistro das erklären können. Aber Sinistro war tot. Definitiv und unwiederbringlich tot.
Und ich bin schuld …
„Hey!“ Ein Schnipsen vor ihrem Gesicht riss Thara aus ihren zunehmend selbstzerstörerischen Gedanken. Olivia sah sie forschend an.
„W-w-was?“
„Wie wir zurück ins Kastell kommen. Also in das echte Kastell!“
„Ich … äh …“ Thara warf hilfesuchend einen Seitenblick zu Arzu, aber die Varanterin sagte nichts, zumal Olivia ausschließlich Thara fixierte. Warum auch immer. Und nachdem sie noch nicht gelernt hatte, einfach mit ihrer Umgebung zu verschmelzen, blieb Thara nichts anderes übrig, als zu versuchen, die Frage zu beantworten.
„Äh … a-a-also … t-tut mir leid wegen deiner … d-deiner Tasche“, stotterte sie, „I-i-i-ich w-wollte nicht … ich meine …“ Olivia hob fragend die Augenbrauen und Arzu versetzte Thara einen kleinen Stoß in die Rippen, begleitet von einem tadelnden Blick. Thara biss sich kurz auf die Unterlippe und räusperte sich. „A-also … d-der Plan? Äh … Vabun hat gesagt … da sind diese Goblins … u-u-und der O-obergoblin braucht das, äh, L-lichtschwert, i-i-ich meine, man braucht das um d-den zu besiegen, und die … d-die Weiß-Magie-Rune, zusammen, d-damit man ihn besiegen kann, also, äh, V-vabun wollte … und dann … d-d-der Oberg-goblin hat ein … einen … Schlüssel o-oder so? I-i-ich weiß nicht … Vabun … hat gesagt … u-und der Dämon m-mit dem langen Hals u-u-und den Ge- … den Geschenken? Wir haben … w-wir brauchen Vabun, d-d-damit wir die Rune u-und das Schwert und dann d-den Goblin f-f-für die Geschenke, äh, i-ich meine den Schlüssel zu den Geschenken und … u-und …“
Thara verstummte. Sie wusste schon wieder nicht, wo sie angefangen hatte und wo sie überhaupt hin wollte mit ihrer Erklärung. Ihre Gedanken waren ein nicht weniger heilloses Chaos als ihre Ausführungen. Sie wusste ja auch weder, wo sie inzwischen waren, noch, wohin diese lärmende Kutsche sie bringen sollte, oder wie Olivia nun eigentlich zu ihnen stand – waren sie Olivias Gefangene? Oder ihre neuen Reisegefährten? Es war alles so verwirrend …

Arzu
14.12.2023, 17:43
»Was Thara sagen will, ist, dass wir den gleichen Weg zurück nehmen auf dem wir auch hierher gekommen sind.«, fasste Arzu noch einmal verständlich zusammen. Natürlich überging sie dabei sämtliche Einzelstationen, die sie zuerst abklappern mussten, doch das tat ihrer Meinung nach auch nichts zur Sache. Es gab für die Varanterin keinen Grund, all ihre Geheimnisse vor Olivia auszubreiten. Im Gegenteil. Dass sie die Rune und das Schwert bei sich trugen, sollten sie tunlichst für sich behalten. Es machte zwar nicht den Eindruck, als ob Olivia mit den Goblins unter einer Decke steckte, aber bei so heruntergekommenen Gestalten konnte man nicht vorsichtig genug sein. Im schlimmsten Fall betrog Olivia sie und ließ Thara und Arzu allein in diesem Kastell zurück. Darauf hatte die Schwarzmagierin keine Lust. Dafür war sie zu jung, zu schön und zu gebildet!
»Wenn du wirklich aus dem anderen Kastell stammst, dann kennst du doch bestimmt ein paar Leute von dort, oder? Irgendjemand muss dir schließlich die Zauberformel für die Maus beigebracht haben.«, fragte Arzu neugierig und verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum sucht denn keiner nach dir?«

Olivia Rabenweil
17.12.2023, 02:05
Zu Tharas Gestammel schüttelte Olivia den Kopf. Sie bemerkte nicht, dass sie es tat. Nach dieser Darbietung von Konfusität wunderte es die Magierin nun nicht mehr, dass das Mädchen das Zaubern nicht gebacken bekam. Chaos zu verbreiten, barg große Macht in sich, doch vom Chaos beherrscht zu werden, endete lediglich in Schwäche. Dennoch… Beliar suchte sich nur besondere Seelen aus. Sie hatte Potenzial – irgendwie.
»Jaja, ich kenne einige Magier und Magierinnen aus dem Kastell, aber warum sollte Jemand nach mir suchen? Ich habe schließlich nicht darum gebeten. Habt ihr denn Jemanden, der nach euch sucht? Überhaupt? Wer hat euch ins Kastell gelassen? Wer hat dafür gesorgt, dass du den Flammenzauber so schlecht beherrscht? Keine Technik? Zu viel Kraft – unfokussiert. Schlampig. Ungläubig… Schade!«
Die schnaufende Stahlkutsche arbeitete sich weiter rasselnd und qualmend durch den Tunnel. Sie alle mussten sehr laut sprechen, um sich überhaupt verständigen zu können. Gerade rauschte Biggie um eine Kurve und der Krach des alten Plauderers wurde ohrenbetäubend. Olivia schwieg und betrachtet Arzu. Der Hautteint, das dunkle dicke Haar, die Nase… ob sie wohl auch aus Varant kam? Was hatte sie nur nach Argaan verschlagen. Je länger sie durch die Dunkelheit rauschten und den dicken, schwarzen Qualm einatmeten, desto schneller raten auch die Gedanken in ihrem Kopf. Es war, als ob die Gespräche mit anderen Menschen, den dicken Schlick in den Gedankentümpeln ihres Hirns wegspülten. Unbewusst streichelte sie den Schädel in ihrer Tasche.
»Thara, du hattest Vabun erwähnt? Er sollte versteinert sein! Ist er das nicht mehr? Ich hatte das doch in Ordnung gebracht!« Sie überlegte laut.
Biggie kletterte derweil weiter schnaufend den Tunnel hinauf. Plötzlich wurde es hell. Nun ja – nicht so richtig. Denn hier in der Anderwelt wurde es nie so richtig hell. Immer ein graues Zwielicht.
»Ah, der Bruder hat die Ebene erreicht. Lasst uns hoffen, dass das Kastell noch am selben Ort steht. Hier ist es sehr gefährlich, zwischen diesen Felsen lebt allerlei Viechzeug. Die Goblins geben ihr Bestes, das in Zaum zu halten, doch es scheint vergebens. Der Dicke ist daher zu auffällig und wir müssen ihn loswerden. Dazu lasse ich mir aber später etwas einfallen. Noch ist es ganz gut, dass er uns in diese Richtung trägt.«
Sie stand auf und lehnte sich aus einem der Fenster. Das trübe Licht gab nicht viel preis, von der zerklüfteten Landschaft. »Ich glaube da hinten wird es flacher. Ab da könnten wir dann auch wandern, wenn euch der weite Himmel über euren Köpfen nicht stört. Wie sieht es aus? Wandert ihr gerne? Alle Schwarzmagier wandern gern…«
»Euren Plan habe ich zwar nun immer noch nicht verstanden, doch es klingt lustig. Wir werden sehen, was am ende passiert. Denn auch Vabuns Pläne sind immer lustig. Zecke!« Sie lächelte dünn in die Landschaft hinein.
Am Horizont war ein kurzes Glühen zu sehen. Olivia legte die Stirn in Falten. Das Lichtschauspiel war ungewöhnlich. Biggie ratterte um eine weitere Kurve und hinter einem großen Felsen öffnete sich der Blick über die Ebene. Viecher waren nicht zu sehen, dafür in einiger Entfernung zwei Männer mit eigenartigen Zauberstäben in den Händen. Sie hielten sie vor ihren Körpern, als ob sie sie beschützen konnten. So huschten sie in leicht geduckter Haltung durch den Staub und suchten wohl etwas. Olivia erkannte die beiden. Sie stöhnte: »Die Feuerstockbrüder. Unser Gespräch muss leider warten. Den Beiden da hat Innos ins Hirn geschissen – sie sind fanatisch auf der Suche nach Hexen, die sie umlegen können. Oder Dämonen oder Untote…« Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde zu einem Grinsen.
»Dean! Dort!« Einer der beiden hatte sie entdeckt. Er warf etwas, was aussah wie ein roter Feuerball. Es beschrieb einen hohen Bogen und landete etwas vor ihnen.
Olivia krallte sich an der Stahlwand fest, über die sie immer noch das Treiben beobachtete.
Ein schriller Pfeifton war zu Hören und ein heftiger Ruck ging durch ihre Kutsche, die nun unerwartet schnell an Fahrt verlor.
»Das rote Licht! Das rote LICHT!«, heulte Biggie. »Ich wusste es kommt! Das WAR’S!«
Die Brüder kamen näher. Geduckt von Felsen zu Felsen schleichend und sich schließlich dahinter in Position bringend. Ihre Zauberstäbe lugten über das Gestein und zeigten in ihre Richtung.
Olivia brachte sich hinter dem Rahmen des Fensters in Deckung, hob die Hand und ließ, um warm zu werden, eine winzige Schattenflamme zwischen ihren Fingern tanzen. Es tat gut, die Kraft wieder zu spüren. Das hatte sie lange nicht mehr.
Von dem Ruck aufgeschreckt hob Fußßie den Körper. Ohne Vorwarnung begannen die Männer den Angriff. Fußßies Körper zuckte unter ihren Angriffen zusammen. Seine Füße schlugen wütend durch die Luft, dann ließ er sich hinter Biggies Kessel rutschen. Olivia hörte sein Zischen, welches jedoch im ängstlichen Schreien des stählendnen Schnaufers unterging. Olivia zog die berauschende Kraft der Anderwelt durch Ihre Adern und sammelte sie in ihren Fingerspitzen. Sie zielte, formte den Zauber und schoss ihn auf den Typen, mit dem goldenen Haarschopf.

Thara
21.12.2023, 11:49
Eine kleine Pause, ein wenig Ruhe … war das denn wirklich zu viel verlangt? Trotz des Höllenlärms, den Biggie veranstaltete, und trotz des beißenden Qualms, den er ausstieß, hatte Thara begonnen zu hoffen, dass die Fahrt zum Kastell eine Weile dauern und ihnen zumindest ein wenig Erholung ermöglichen würde. Wie lange waren sie jetzt schon auf den Beinen und stolperten in dieser sonderbaren Welt von einer Katastrophe in die nächste?
Nun, offenbar noch nicht lange genug. Jedenfalls schien das die Ansicht dieser Feuerstock-Brüder zu sein. Sie hatten Biggie mit irgendetwas rot leuchtendem dazu gebracht, in Panik zu verfallen. Biggie war mit einem ohrenbetäubenden Quietschen stehen geblieben und begann nun, langsam, aber sicher rückwärtszufahren. Die Feuerstockbrüder machten inzwischen von ihren seltsamen Zauberstäben gebrauch. Einer von ihnen hatte zwischen ein paar Felsen Deckung gesucht, als Olivia eine Schattenflamme in seine Richtung geschossen hatte, aber der andere deutete mit seinem Zauberstab auf Biggie. Es knallte, und zugleich prallte etwas funkensprühend von Biggies eisernem Körper ab. Thara spürte einen leichten Luftzug, als wäre irgendetwas dicht an ihrer Wange vorbeigeflogen.

„Das rote Licht … das rote Liiiicht!“, schnaufte Biggie ängstlich und beschleunigte. Nur leider in die falsche Richtung. Olivia fluchte und sprang plötzlich aus der Kabine, wobei sie weiter mit Schattenflammen um sich warf und die Feuerstock-Brüder zwang, die Köpfe einzuziehen. Arzu tat es ihr nach kurzem zögern gleich und zog Thara dabei hinter sich her. Biggie hatte zwar noch nicht allzu viel Fahrt aufgenommen, aber es reichte, dass die beiden jungen Magierinnen bei der Landung das Gleichgewicht verloren und ein kurzes Stück über den staubigen Boden kullerten.
Sie rappelten sich auf und Olivia bedeutete ihnen, in Deckung zu gehen, als einer der Brüder schon wieder mit seinem Zauberstab in ihre Richtung zeigte und es erneut knallen ließ. Abgesehen von dem lauten Knall schien diesmal aber nichts zu passieren.

„Dean, pass auf! Hinter dir!“, rief der blonde Bruder, als sich plötzlich Fußßie hinter dem Braunhaarigen aufbaute. Offenbar waren die beiden ebenso überrascht wie Thara selbst, dass der monströse Tausendfüßler plötzlich auftauchte. Nachdem Fußßie von Biggies Kessel gekrabbelt war, hatte sie ihn ganz aus den Augen verloren. Das Vieh war wirklich gruselig …
Dean, der braunhaarige Feuerstock-Bruder, war allerdings ebenfalls nicht zu unterschätzen. Er reagierte instinktiv, warf sich zur Seite, so dass Fußßies Mandibeln nur leere Luft zerteilten, wo eben noch sein Kopf gewesen war, und schlug dann mit dem kolbenartigen Ende seines Zauberstabes nach dem Tausendfüßler. Der schien einen Moment aus dem Konzept gebracht zu sein, er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass seine Beute so schnell sein konnte, und zischte böse. Inzwischen hatte der blonde Bruder seinen Zauberstab auf Fußßie gerichtet und ließ es knallen. Fußßie stieß ein unangenehm hohes Quietschen aus, als würde man mit rostigen Messern über eine Schiefertafel kratzen, und zuckte zurück, als wäre er von einem Hieb getroffen worden, obwohl nichts dergleichen zu sehen war. Diese Zauberstäbe mussten wohl doch mehr als nur Lärm bewirken können.
Olivia stieß einen erbosten Schrei aus, als Fußßie getroffen wurde, und schleuderte eine ganze Serie von Schattenflammen in Richtung der Brüder, was sie zwang, eilig wieder in Deckung zu gehen und Fußßie die Zeit verschaffte, sich zurückzuziehen und wieder im Schatten zwischen den Felsen zu verschwinden.

Biggie hatte inzwischen ordentlich Fahrt aufgenommen, sein Schnaufen wurde schnell leiser, während er in die Richtung verschwand, aus der sie gekommen waren. So viel zu einer gemütlichen Fahrt zum Kastell. Das, was ihn so aus der Fassung gebracht hatte, lag zwischen den beiden stählernen Strecken, auf denen seine Räder rollten: Eine langsam ausbrennende, qualmende Kugel, nichts weiter als ein bisschen rotes Feuer.

Thara hob ihren Kopf über den Felsen, um zu sehen, was vor sich ging, aber sofort knallte es und dicht neben ihr wurde ein Stück des Gesteins weggesprengt. Erschrocken zog sie wieder den Kopf ein. Olivia bedeutete ihnen mit einem Handzeichen, in Deckung zu bleiben.
Aber was nun? Sie hatten eine Pattsituation. Die Feuerstockbrüder hatten sie festgenagelt, konnten aber ihrerseits nicht viel tun, weil Olivia sie sonst sofort mit Schattenflammen eindeckte.
Die verwilderte Magierin machte ein paar Gesten und verdrehte genervt die Augen, als weder Arzu noch Thara verstanden, was sie meinte. Sie sagte etwas zu dem Schädel, den sie in ihrer halb verkohlten Tasche trug (es sah aus, als würde sie ihn beschwichtigen ob der Inkompetenz ihrer Begleiterinnen) und kam dann in geduckter Haltung zu ihnen herübergelaufen. Sie hatte einen Plan: Die Feuerstockbrüder waren zwar gefährlich mit ihren seltsamen Zauberstäben, aber sie waren nur zu zweit. Die Schwarzmagierinnen hingegen zu viert, wenn man Fußßie mitzählte. Das mussten sie ausnutzen und die Feuerstocks aus mehreren Richtungen zugleich angreifen. Die Brüder könnten dann vielleicht eine oder zwei von ihnen erwischen, aber nicht mehr. Der Sieg war also sicher!

Thara gefiel der Plan zwar nicht so richtig, aber bevor sie irgendwelche Einwände erheben konnte, schubste Olivia sie schon ins Freie und sprang selbst in die andere Richtung davon. Es knallte, Staub wurde vor Tharas Füßen aufgewirbelt. Thara handelte instinktiv, sie sprang zur Seite und schleuderte dabei eine Schattenflamme in Richtung der Brüder. Das magische Geschoss war zwar von imposanter Größe, eierte aber mal wieder unkontrolliert durch die Luft und schlug irgendwo hinter den Brüdern in einen scharfkantigen Felsen ein. Dessen Spitze brach ab und fiel rumpelnd zu Boden.
Im nächsten Augenblick stürmten die Magierinnen schon nach vorn, begleitet von Fußßie. Die Zauberstäbe der Brüder knallten, aber ohne Effekt.
„Fuck! Ein Geist!“, rief plötzlich der blonde Bruder und deutete in Tharas Richtung, „Dean, das Salz!“
Ein Geist? Hinter ihr? Thara warf überrascht einen Blick über die Schulter, aber da war nichts. Als sie sich wieder umdrehte, hielt der blonde Bruder statt seines Zauberstabes einen kleinen Lederbeutel und hatte eine Hand darin vergraben. Er machte einen Schritt nach vorn, zog die Hand aus dem Beutel und schleuderte Thara mit voller Kraft eine Ladung Salzkörner ins Gesicht.
Thara fluchte, als ihr das Salz in die Augen kam. Es brannte und durch den Tränenschleier konnte sie kaum noch etwas sehen. Sie schoss noch eine Schattenflamme in die Richtung, in der sie die Feuerstockbrüder vermutete, stolperte aber im nächsten Augenblick über einen Stein und schlug der Länge nach auf den Boden.
„Ha, das Salz mochtest du nicht besonders, was?“, rief der Blondschopf, „Mal sehen, wie dir das geschmiedete Eisen gefällt! Zurück in dein Grab, wo du hingehörst!“
Thara blinzelte und nahm die Silhouette des selbsternannten Geisterjägers über sich wahr. Er hielt irgendetwas in der Hand und holte damit aus. Thara rollte sich zur Seite, gerade im letzten Moment, sonst hätte ihr der Kerl wahrscheinlich den Schädel eingeschlagen. Trotzdem erwischte sie sie ihren Oberarm, ein scharfer Schmerz durchzog ihre ganze linke Seite. Sie schrie auf und krabbelte panisch davon, wobei ihr Arm ihr beinahe den Dienst versagte. Er fühlte sich taub an, als würde er nicht mehr zu ihrem Körper gehören.
Der Blondschopf setzte ihr nach, Thara konnte inzwischen erkennen, dass er eine grobe Eisenstange in den Händen hielt. „Ganz schön zäh für einen Geist …“, stellte der Kerl fest und hob erneut die Stange zum Schlag.
„Lass mich in Ruhe!“, kreischte Thara und ließ die Magie strömen, instinktiv, ungezielt. Sie spürte etwas in dem Zauberstab – dem Feuerstock. Etwas, das Feuer anzog ... Ein ohrenbetäubender Knall ertönte und der Blondschopf taumelte zur Seite, Blut topfte von seiner Schläfe – sein Zauberstab war plötzlich explodiert, ein scharfkantiges Teil hatte ihn am Kopf erwischt. Thara nutzte den Augenblick, um wieder auf die Füße zu kommen und aus der Unmittelbaren Reichweite des Irren zu flüchten.
„Warum lasst ihr uns nicht einfach in Ruhe?“, presste sie hervor, „Warum … w-warum tut ihr das? Was haben … Was haben wir euch getan?“

Arzu
30.12.2023, 13:32
Zu einfach wäre es gewesen, ohne Zwischenfall zum Kastell zurückzukehren. Arzu hätte es kommen sehen müssen. Jedes Mal, wenn sie eine Glückssträhne hatten, folgte das Pech hintendran. Wenn sie nicht aufpassten, starb bald der nächste. So wie Sinstro gestorben war. Wobei die Schwarzmagierin sich ehrlicherweise nur um sich selbst und Thara Sorgen machte. Was mit Olivia geschah, war ihr völlig egal. Nicht zuletzt, weil der verwilderten Frau offenbar ihr Schicksal genauso egal war.
So interpretierte Arzu jedenfalls den Schubser, der Thara so leichtfertig ins Schussfeld befördert hatte. Allein hinter dem Felsen, zermarterte sich die Varanterin den Kopf, wie sie heil aus der Situation herauskämen. Ein gescheiter Plan wollte ihr jedoch nicht einfallen. Plötzlich hörte sie grelle Schreie, die nur von einer Person stammen konnten. Thara!
Arzu streckte den Kopf aus der Deckung und sah gerade noch, wie einer der beiden Kerle dem dürren Mädchen mit seinem Stock nachsetzen wollte. Völlig unvermittelt explodierte der Zauberstab in seinen Händen und setzte den Blondschopf für den Moment außer Gefecht. In einem Anflug von Selbstlosigkeit oder Wahnsinn hüpfte die Schwarzmagierin über den schützenden Felsen und stürmte auf den Mann zu. Sie wusste nicht wieso sie sich Thara verbunden fühlte, doch ungeachtet dessen war ein Gefühl der Verantwortung ihr gegenüber in Arzu aufgekeimt. So wie gegenüber einer kleinen Schwester, die mal wieder in Schwierigkeiten geraten war.
Im Sprint ballte die Schwarzmagierin ihre Faust und schlug dem Blondschopf volles Pfund auf das Maul. Der explodierte Zauberstab flog im hohen Bogen davon, während der Kerl mehrere Schritte zurücktaumelte und schließlich auf seinem Hintern landete. Indes hielt sich die Varanterin vor Schmerzen die Hand. Sie war es gewohnt, unliebsame Verehrer die Faust spüren zu lassen. Doch nicht mit so viel Wucht dahinter. Jetzt war aber nicht die Zeit zum Wunden lecken. Zügig setzte Arzu dem Kerl nach, bevor dieser wieder auf die Beine kam. Sie packte ihn am Kragen und hob drohend die Faust.
»Lasst uns in Ruhe, ihr Pisser! Wir haben euch nichts getan!«, keifte die Schwarzmagierin und funkelte den Blondschopf böse mit ihren großen Augen an. Erst jetzt fiel ihr auf, wie attraktiv ihr Angreifer war. Natürlich kein Grund, ihn mit Samthandschuhen zu behandeln.

Olivia Rabenweil
16.01.2024, 23:51
»Gegen Fanatismus hilft kein Betteln und Jammern, Mädchen! Verschwendet euren Atem nicht damit.« Olivias mitleidlose Worte wurden von einem leisem Wimmern begleitet. Sie hatte die Ablenkung Tharas genutzt, um den kleineren der Brüder zu umrunden und in einem günstigen Moment anzugreifen. Nun kniete er vor ihr, stille Tränen rannen über sein bebendes Gesicht. Olivias ausgestreckte Hand schwebte mit gespreizten Fingern über seinem Kopf. Sie grub sich mit dem Fließende Angst-Zauber immer tiefer in seinem Geist. Er war komplex und da ihr dieser Zauber immer noch nicht leichtfiel, drohte sie ihn zu verlieren, wenn sie sich nun auch nur ein wenig stören ließ.
»Sie wollen unseren Tod, weil sie ihn für richtig halten. Mehr Rechtfertigung benötigen die Feuerwürste nicht.«
»Feuerwurst? Wovon redest du?« Der Blonde hatte sich von Arzu tatsächlich bändigen lassen. Olivia schloss nicht aus, dass er doch noch genug Reserven und Hinterhältigkeit in sich trug, doch noch anzugreifen, doch aktuell hielt er still. Sein Blick huschte zwischen seiner Bezwingerin und seinem zitternden Bruder hin und her. »Was machst du mit ihm? Gib ihn frei!«
Olivia lächelte und bemühte sich, sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.
»Ihr Wichte wisst doch genau, wovon ich rede. Der Krieg ist zu ende, euer Kirchenoberhaut sagt, dass Schwarzmagier nicht illegal sind, und dennoch jagt ihr und foltert und hetzt und tötet. Doch nicht hier! Das Kastell ist auf unserer Seite, hier profitieren wir von seiner Kraft!«
In ihrem Zorn hatte Olivia ihre Hand sinken lassen. Der Zauber war gebrochen, doch sie hätte ihn sowieso nicht länger halten können. Sein Geist war ungewöhnlich stark.
»Fack! Was…?«
»Dean! Alles okäi?
»Ich glaube ja…« Der Dunkelhaarige erholte sich langsam. Olivia legte ihm die Hand sanft auf den Hinterkopf. »Keine Dummheiten, denn das war erst der Anfang. Also…«
Die Männer blieben angespannt, doch ruhig. Es war der Blonde, der erneut zu sprechen anhob. »Einem Hinweis unseres Freundes Bobby folgend, haben wir uns nach Philli begeben, um dort eine Dämonenwaffe sicherzustellen. Sie sollte unter einer Schule versteckt liegen und wir begaben uns in den Keller.« Olivia verstand zwar einige Worte nicht, die er sprach, nickte aber dennoch verhalten an den Stellen, die sie für richtig erachtete. Es schien ein Friedensangebot zu sein. Er wollte reden, nicht kämpfen. Ein Angebot auf Dauer, da war sie sich sicher. Doch während er weitersprach, reifte in ihr eine Idee. Die paar Brocken Goblinisch, die sie gesprochen hatten, brachten sie darauf.
»Tatsächlich fanden wir dort etwas. Es war eine Höhle unter dem Gebäude, es schien gar darüber erbaut worden zu sein. Ein Brunnenschacht. Er brachte uns hierher. In eine Welt der Hexen… Ihr seid doch die Wächterinnen dieser Waffe.« Sein Blick huschte zu Thara, Fußßie fand sich hinter ihr ein und hob die vordersten Glieder seines langen Körpers. Was für ein beeindruckendes Bild, gestand sich Olivia ein. Das blasse Mädchen, dessen strähniges Haar leicht in einem kaum wahrnehmbaren Wind spielten. Dahinter der dunkle, speckige Körper des Tausendfüßlers. Ein Bild wie aus einer Gruselgeschichte. Und dennoch verloren, Anschluss suchend. Arzu wirkte dagegen beinahe gewöhnlich, varantisch, wie Olivia zudem auffiel. Was sich wohl in ihr verbarg und was sie ins Kastell getrieben hatte? Der Krieg? Familientraditionen?
»Jaja, sehr schöne geschichte. Ist mir aber auch egal. Man hat euch getäuscht. Dieses hier ist der Mond und keine Dämonenwaffe. Auch sind wir keine Hexen. Ich bin eine Magierin, diese dort«, sie zeigte mit der Hand in die Richtung der beiden jungen Frauen, »nicht mal das. Und stört euch nicht an dem Tausendfüßler – Dinge sind anders hier.«
Sie trat ein paar Schritte vor und griff nach dem Feuerstock, der in seinen Händen explodiert war. Das Ding war für einen Zauberstab erstaunlich schwer. »Eines ist jedoch wahr. Hier gibt es Dämonen und diese haben sicherlich auch irgendwelche Waffen. An denen gilt es vorbeizukommen. Denn eines ist klar: Der Weg zurück führt an dem gefährlichsten von ihnen vorbei. Ihr seid als eingeladen, zusammen mit uns diesen Weg zu öffnen.« Es war keine Einladung… jeder konnte es hören.
Mit wenigen weiteren Worten war abgesprochen, dass sie so etwas wie ein Bündnis hatten. Zwar hielten die Männer die drei Frauen immer noch für Hexen, und Olivias Groll wollte ebenfalls nicht verebben, wenn sie die beiden Feuerwürste ansah, doch sie hatten alle erkannt, dass sie sich vorerst lebend mehr nützten als tot.
Also dann, vor uns liegt noch ein weiter Marsch, sofern uns das Kastell nicht entgegenkommt.«
Olivia wollte den Männern den Vortritt lassen, diese aber bezeichneten sich als Gentlemen und boten wiederum ihr den Vortritt an. Die Diskussion endete damit, dass sie alle in einer Reihe nebeneinander liefen, da sie sich dennoch nicht vertrauen konnten. »Es war ein anstrengender Tag bisher. Braucht jemand eine Stärkung?« Freundlich bot sie mit ausgestreckter Hand die blutigen Klumpen aus ihrer Tasche an.

Thara
18.01.2024, 20:36
„Das ist ja widerlich!“, entfuhr es dem braunhaarigen Feuerstock-Bruder, Dean.
„Willst du das nicht wenigstens vorher braten?“, fragte der Blonde, der sich zwischenzeitlich als Sam vorgestellt hatte.
„Was ist das überhaupt für Fleisch?“, wollte Dean wissen, „Ich glaube, ich habe hier noch nichts gesehen, was ich essen würde, nicht einmal gebraten! Mann, ich würde töten für einen anständigen Tschießbörger!“
Während zwischen Olivia und den Brüdern eine Diskussion um die kulinarische Verwertbarkeit der Mondfauna entbrannte, trotte Thara gedankenverloren hinter ihnen drein. Ihr linker Arm schmerzte noch immer ziemlich von dem Schlag, den Sam ihr mit der schweren Eisenstange versetzt hatte, die aussah, als hätte er sie aus einem Zaun geschraubt. Aber zumindest war der Arm nicht gebrochen, soviel konnte sie sagen (es wäre nicht das erste Mal gewesen). Er ließ sich bewegen und der Schmerz ließ auch langsam etwas nach. Trotzdem würde es mit Sicherheit eine Weile dauern, bis sie wieder auf dieser Seite würde schlafen können.
Thara fragte sich, was sie von den Brüdern halten sollte. War es wirklich so eine gute Idee, die beiden sie begleiten zu lassen? Sie hatten etwas von einer Dämonenwaffe oder so gefaselt. Unwillkürlich wanderte Tharas Hand zu dem Lichtschwert und der Weißen Magie-Rune, die sie noch immer in der Tasche ihres Kleides aufbewahrte. Ob sie diese Waffe meinten? Falls ja, dann musste Thara dafür sorgen, dass die Brüder nichts über den Verbleib des Artefakts erfuhren. Ansonsten war sich das Mädchen nicht sicher, wie weit sie gehen würden, um in seinen Besitz zu gelangen. Dass sie keine Skrupel hatten, Gewalt anzuwenden, hatten sie ja bereits bewiesen.
Und wenn Arzu diesem Sam nicht eine verpasst hätte … Das war vielleicht eine Szene gewesen! Thara vermutete zwar, dass die Wirkung des Schlages weniger davon herrührte, dass Arzu übermenschliche Kräfte entwickelt hätte, als vielmehr von dem Überraschungseffekt, aber das minderte Arzus Leistung und Tharas daraus resultierende Bewunderung natürlich in keiner Weise. Vor allem, weil Arzu nichts dazu gezwungen hatte, einzugreifen. Die Brüder hatten die Varanterin noch nicht bemerkt gehabt, sie hätte auch einfach hinter dem Felsen in Deckung bleiben können. Stattdessen hatte sie eingegriffen und sich selbst in Gefahr begeben. Thara wurde beinahe schwindelig bei dem Gedanken, dass Arzu das für sie getan hatte …

„Tja, ich schätze, das Kastell hat heute keine Lust, uns entgegenzukommen“, stellte Dean trocken fest, als die kleine Gruppe die Kuppe eines Hügels erreichte, von der aus man einen guten Ausblick über die umgebende Landschaft genießen konnte. Das hieß, ‚genießen‘, sofern man sich für eine endlose, eintönige Ebene aus grauem Staub und spitzen Felsen begeistern konnte. Und hinten, weit hinten, zeichnete sich die Silhouette des Kastells vor dem unnatürlichen Zwielicht des Himmels ab.
„Man könnte wirklich fast glauben, wir wären auf dem Mond“, fügte Sam nachdenklich an. Als Olivia ihm erklärte, dass das daran läge, dass sie ja tatsächlich auf dem Mond wären, schüttelte er nur den Kopf. „Nein, auf dem Mond gibt es keine Atmosphäre, die Gravitation ist viel geringer, die Temperaturen sind weit extremer und viele andere Dinge. Wir könnten keine Sekunde ohne Raumanzüge überleben. Außerdem würden wir die Erde am Himmel sehen. Wo auch immer wir hier sind, der Mond ist es nicht.“
„Egal wo wir sind, wir haben jedenfalls noch einen ganz schön weiten Weg vor uns, wenn wir Draculas Gruselschloss da hinten erreichen wollen“, warf Dean ein, „Schöner Mist auch, dass unser Auto noch in einer anderen Dimension vor einer Schule herumsteht. Tja, sorry, Ladies, keine Spritztour diesmal. Aber beim nächsten Mal seid ihr natürlich herzlich eingeladen, Hexen hin oder her. Ich hab sogar neulich erst das Kassettendeck repariert und die Anlage aufgemöbelt!“
„Statt endlich einen CD-Player einzubauen …“, seufzte Sam.
„Natürlich! Wo denkst du hin? Banause!“ Dean rollte theatralisch mit den Augen und wandte sich nach Bestätigung heischend an die drei Schwarzmagierinnen, die ihn jedoch nur anstarrten, als hätten sie kein Wort verstanden. Was vermutlich daran lag, dass sie kein Wort verstanden hatten. Als er merkte, dass sein Witz nicht die erhoffte Wirkung erzielte, räusperte er sich und wechselte das Thema. „Also gut, Mädels, wo wir nun schon zusammenarbeiten – ihr habt behauptet, es gäbe in diesem … Kastell einen Weg zurück. Der von einem fiesen Dämon bewacht wird? Wovon genau reden wir hier? Was ist der Plan? Ich habe wirklich wenig Lust, noch eine Sekunde länger als nötig in diesem Ödland festzusitzen!“
„Achtung!“, rief plötzlich Sam, bevor eine von ihnen antworten konnte. Fußßie, der hinter der Gruppe hergelaufen war, baute sich auf und zischte drohend. Dean fluchte.
„Oh Mann, die Viecher schon wieder! Die haben mir gerade noch gefehlt …“
Auf dem Weg vor ihnen waren plötzlich fünf Kreaturen hinter einigen Felsen hervorgesprungen und blockierten nun den Durchgang. Es waren zweibeinige, armlose Tiere mit schuppiger, gelblich-brauner Echsenhaut und rundlichen Köpfen, die direkt drollig hätten aussehen können, wären ihre Kiefer nicht voll mit Reihen nadelspitzer Zähne gewesen.
Dean hob seinen Feuerstock, Sam ließ seinen schweren Eisenstab durch die Luft sausen. Thara seufzte leise und postierte sich neben Arzu, zum wiederholten Male an diesem Tag umspielten bläuliche Flammen ihre Fingerspitzen …

Arzu
22.01.2024, 18:55
Die Fünf hatten sich in einer Reihe aufgestellt. Einen Steinwurf von ihnen entfernt standen ihre Kontrahenten. Arzu kannte diese Tiere nur, weil sich manche von ihnen dann und wann an die Stadtmauern von Ishtar heranpirschten. Von hoch oben betrachtet, wirkte es unfreiwillig komisch, wie sie mit ihren langen Beinen vorsichtig über den Wüstensand staksten. Fast so, als fühlten sie sich völlig unbeobachtet.
Diese fünf machten jedoch keine Anstalten sich zu verbergen. Während die beiden Brüder ihre Stäbe bereithielten und Thara bereits eine Schattenflamme heraufbeschworen hatte, visierte Arzu den Beißer an, der ihr direkt gegenüber stand. Ihre Blicke trafen sich und der Beißer kniff grimmig die Augen zusammen. Plötzlich taumelte ein Steppenläufer zwischen den Gruppen hindurch und gab damit ungewollt das Startzeichen für ihren Kampf.
Geschwind beschwor Arzu zwischen ihren Händen eine Schattenflamme so pechschwarz, dass sich selbst das Licht darin verlor. Anschließend schleuderte sie den Zauber den Beißern entgegen, wie auch ihre Mitstreiter es taten. Das laute Knallen der Stäbe ließ die Schwarzmagierin unwillkürlich zusammenzucken und ihre Ohren klingelten. Wie die beiden Brüder es aushielten, da sie sich noch viel näher an der Quelle befanden, war ihr ein völliges Rätsel. Das Resultat ließ sich aber sehen. Die ersten beiden Monster krachten zu Boden noch bevor die Schattenflammen die anderen erreicht hatten. Dann schlug Tharas Zauber ein und war, wie nicht anders zu erwarten, eine unkontrollierte Explosion, die den Beißer zerfetzte und nur die langen Beine übrig ließ. Zwei Schritte taten sie noch, bevor sie einfach umkippten. Anders war es mit Arzus Schattenflamme. Diese explodierte nicht, sondern bahnte sich ihren Weg völlig erbarmungslos. Wo sie auf das Monster traf, zersetzte es die Kreatur regelrecht und hinterließ nichts als schwarzen Staub im Wind. Der Rest des Beißers fiel leblos vor die Füße der Varanterin.
Noch ehe sie verschnaufen konnte, zog ein lautes Rumpeln die Aufmerksamkeit Arzus auf sich und sie blickte zu einer Anhöhe in einiger Entfernung hinauf. Ein weißer Golbin auf dem Rücken eines weißen Beißers erschien. Er hob einen langen Stock in die Höhe und eine Unzahl weiterer Goblinreiter erschien an seiner Seite. Arzus Augen wurden größer als sie ohnehin schon waren.
»Für den König!«, krächzte der weiße Goblin so laut er konnte und gab seinem Beißer die Sporen. Was folgte, war eine wahre Flut von Goblinreitern, die den Abhang hinabstürmte.
»Oh shit!«, sagte Dean.

Thara
24.01.2024, 11:18
„Lauft!“, brüllte Sam und kam auch schon an Arzu und Thara vorbeigesprintet, dicht gefolgt von seinem Buder. Als die beiden Magierinnen nicht reagierten, sondern nur mit großen Augen auf die herantrabende Horde aus Goblin-Beißerreitern starrten, blieb er kurz stehen, gab ein paar Knallzauber aus seinem Feuerstöckchen ab (nach dem Verlust seines ersten Zauberstabes hatte er etwas hervorgezogen, das deutlich kleiner und kürzer war, so dass er es bequem in einer Hand halten konnte, aber genau so einen Höllenlärm machte wie Deans Zauberstab), die zwei Beißer im vollen Lauf leblos zusammenbrechen ließen, so dass sie sich überschlugen und ihre Reiter meterweit durch die Luft flogen.
„Was ist, worauf wartet ihr?“, drängte er.
„W-wohin denn?“, wollte Thara wissen, aber Sam warf nur verzweifelt die Hände in die Luft.
„Einfach weg!“
Thara versuchte, den Angreifern noch eine Schattenflamme entgegenzuschleudern, aber sie war so aufgeregt und erschöpft zugleich, dass es ihr nicht mehr gelang, die Magie kontrolliert zu formen und der Zauber als dunkelviolette Wolke einfach verpuffte.
„Nun komm endlich!“, drängte Sam, in seiner Stimme lag tatsächlich so etwas wie Besorgnis. Seltsam, wenn man bedachte, dass er noch vor kurzem versucht hatte, ihr den Schädel einzuschlagen. Thara drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte (also nicht sehr schnell) hinter den anderen her.
Dean bildete hinter ihr die Nachhut, im Lauf wirbelte er noch einmal herum, riss seinen Zauberstab hoch und ließ ihn knallen, woraufhin der Kopf eines Goblins platzte.
„Ha!“, rief Dean, „360 noscope, bitch!“
„Sie holen trotzdem auf!“, keuchte Sam und knallte ebenfalls noch ein paar Mal mit seinem Mini-Zauberstab. Ein weiterer Reiter stürzte leblos von seinem Beißer, ein anderer wurde abgeworfen, als sein Reittier sich verwundet aufbäumte. „Wenn uns nicht gleich was einfällt …“

Kaum hatte er seinen Satz beendet, als plötzlich ein langer, dunkler Schatten hinter einem Felsen hervorgeschossen kam und sich mitten in die Goblinreiterhorde stürzte. Von einem Augenblick auf den nächsten brach völliges Chaos aus. Fußßie! Der riesige Tausenfüßler hatte einen Beißer mit seinen mächtigen Mandibeln gepackt und schleuderte das Tier mühelos herum, als würde es kaum mehr wiegen als ein Sack Federn, bevor er mit einem lauten Knirschen den Hals seines Opfers durchbiss. Die beiden Hälften waren noch nicht einmal zu Boden gefallen, da stürzte sich Fußßie schon auf den nächsten Goblinreiter und versprühte dabei ein übelriechendes, eitergelbes Sekret. Wo auch immer das Sekret auf ungeschützte Haut traf, verfärbte diese sich plötzlich gräulich und wurde hart und unnachgiebig, ein Prozess, der sich dann langsam fortsetzte, bis ganze Goblins und Beißer erstarrten und wie Steine zu Boden fielen.
Wie Steine, weil sie zu Stein geworden waren …

Der Angriff der Goblinreiter kam abrupt zum Stehen, als Fußßie wie ein Dämon aus den tiefsten Tiefen der Hölle (und wer weiß, vielleicht war er ja auch genau das?) unter ihnen zu wüten begann. Olivias raue Stimme hallte über die Ebene, als sie ihr Haustier begeistert anfeuerte und selbst mit Schattenflammen nachhalf. Auch Thara konnte gar nicht anders, als ihre Schritte zu verlangsamen und das Schauspiel zu betrachten.
Die Goblins flohen zunächst in alle Richtungen vor dem schwarzen Ungetüm, aber ihr Anführer, dieser weiße Goblin auf dem ebenso weißen Beißer, schwenkte eine schwere Keule über seinem Kopf und bellte ihnen etwas in ihrer Sprache zu.
„Moment mal … das ist doch meine Taschenlampe!“, rief Dean und deutete auf den Goblinanführer. Der galoppierte direkt auf Fußßie zu, als wäre er vollkommen lebensmüde. Plötzlich aber erstrahlte der Kopf seiner Keule in gleißendem Licht. Der Tausendfüßler zischte und bäumte sich auf, als der gebündelte Lichtstrahl ihn mitten ins Gesicht traf, und versuchte, aus dem grellen Lichtkegel zu fliehen. Das war das Signal für die anderen Goblins, wieder zum Angriff überzugehen. Einige von ihnen warfen Speere oder Steine auf Fußßie, andere, die mutiger (oder dümmer) waren, wagten es sogar, in den Nahkampf zu gehen. Die meisten Geschosse und Hiebe prallten zwar wirkungslos von Fußßies ölig-schwarzem Chitinpanzer ab, aber der weiße Goblin strahlte den Tausendfüßler erbarmungslos mit seiner leuchtenden Keule an und zwang ihn, sich zurückzuziehen.

„Schnell, bevor sie sich wieder sammeln!“, rief Sam, „Da drüben ist eine Felsspalte, da können wir uns verteidigen!“
Dean schien gar nicht auf seinen Bruder zu achten. „Der Penner hat meine Taschenlampe!“, fluchte er und legte auf den weißen Gobin an. Ein lauter Knall, aber sonst passierte nichts.
„Mann, Dean, komm endlich!“, drängte Sam und zog ihn am Arm hinter sich her. Keine Sekunde zu früh, denn Fußßie hatte wohl beschlossen, dass ihm die Leuchterei zu viel wurde und war ebenso schnell wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.
Die Goblins, ungeachtet der Toten, die sie zu beklagen hatten, schlossen wieder ihre Reihen und ihr Anführer deutete auf die kleine Menschengruppe. Einer Schattenflamme, die auf ihn zugeschossen kam, wich er mit einer fast schon beiläufigen Schulterdrehung aus. Die Horde galoppierte los.

Sie rannten. Thara ignorierte sowohl die spitzen Steinchen, die sich schmerzhaft in ihre Fußsohlen bohrten, als auch das Seitenstechen. Trotzdem fiel sie immer weiter zurück, bis Sam sie plötzlich am Arm packte und mit einem kräftigen Ruck beinahe in die Felsspalte warf.
Während sie sich aufrappelte, versuchte sie, die Lage zu erfassen. Stimmengewirr, das ohrenbetäubende Knallen der Feuerstöcke, das bösartige Zischen von Schattenflammen, das Geschnatter der Goblins, Steine und Stöcke, die um sie herum zu Boden gingen – es war ein heilloses Chaos.
Aber sie hatten es geschafft. Verschanzt zwischen zwei großen Felsen, konnten sie sich gegen die Übermacht der Goblinreiter verteidigen.
Zumindest für eine Weile …

DraconiZ
27.01.2024, 18:15
DraconiZ trieb dahin wie ein Wrackteil in einem endlosen Ozean aus Finsternis. Tiefer und tiefer sank das was ihn ausmachte in Vergessenheit und kalte Umarmung der Schatten. Wo er sich befand war schon lange nicht mehr wahrnehmbar. War es Existenz? Ein Traum? Der Tod? Spielte das überhaupt noch eine Rolle? Seit er nach seiner Niederlage im Kerker Thornarias die Schattenmimik genutzt hatte war sämtliche Bedeutung für ihn immer weiter verblasst. Es war wie ein Gemälde was nach und nach seine Farbe verlor, bis es irgendwann bröckelnd von der Wand fiel und keinen Wert mehr besaß. Wie lange war er schon hier? Unerheblich. Zeit spielte keine Rolle mehr. Ohnehin hatte nichts mehr Bedeutung außer Einem: Der Gnade dieser Zwischenwelt zu entkommen und endlich Frieden zu finden. Er hatte sich geweigert die Hand zurück in die Welt der Lebenden zu fordern. Den festen Griff des Lebens zu ergreifen und sich zurückzuziehen. Voller Traurigkeit hatte er diesen Weg ausgeschlagen und dem Leben eine Absage erteilt. Doch wie er weiter und weiter im Schlamm der Dunkelheit versank und seine Erinnerungen an das was er einst war verblassten, so nahm auch der Drang ab seinem Schicksal zu grämen. Nach und nach distanzierte er sich weiter von dem Gedanken.

Warum sollte er auch zurückwollen? Was sollte ihn nach Allem noch erwarten? Leiden und Bitterkeit? Noch mehr Schmerz? Kampf? Reue? Buße? Er hatte gewählt. Oder? In dem Moment wo er die Kugel in der das Wissen um die Schattenmimik lag ergriffen hatte, war seine Entscheidung getroffen worden. Stimmte das nicht? Er hatte den Gott des Todes gewählt. Blieb es unweigerlich dabei? Er war Klingenmeister geworden. Mehr als alles was er sich jemals vorgestellt hatte. Und dennoch: Die Seite des Todes reichte ihm keine Hand. Lies in Agonie zurück. Erhörte seinen Wunsch auf Frieden und ewiger Stille nicht. Verschloss die Ohren nach seiner Bitte ihn vom Schmerz zu befreien. Kalt und grausam blieb die Tür verschlossen, so wie man sie für einen Hund verschlossen lässt der seine Aufgabe nicht erfüllen konnte. Der nicht willkommen ist und auch nicht sein wird. Und so wie der Hund blieb der Streiter an diesem Ort, denn er meinte nirgends anders hin zu können. Im tiefsten Gefühl des Verlorenseins sank er weiter hinab. Endlos und ziellos durch niemals endende Schwärze. In die tiefsten Abgründe hinab. Wo sich Finsternis wie Wasserfälle in ein endloses Loch ergießen. Gefangen zwischen den Sphären. Er selbst wies das Leben zurück. Beliar verwehrte ihm den Eintritt in sein Reich.

Während der gefühlten Äonen an diesem unwirklichen Ort meinte er zwischenzeitlich vereinzelt andere wahrzunehmen. Waren es diejenigen die in die Sphäre des Todes übergingen? Vielleicht die Diener des schwarzen Gottes? Dämonen? Geister? Vergangene Erinnerungen die ihn quälen wollten? Er konnte es nicht beantworten was Sie waren. Doch was Sie brachten war nichts als Pein und qualvolle Wahrheiten denen er sich nicht stellen wollte. Die er schon lange aus seiner Wahrnehmung verbannt hatte und mit denen er keine Konfrontation haben wollte. In einer Erinnerung gab er seine heilige Waffe in die Hände des Orks Shagrash. Irgendwann anders wurde er damit konfrontiert wie er völlig auseinander gerissen wurde und nur langsam wieder so etwas wie eine Form gewann. Dann war die Erinnerung an den Kampf in der Arena in Bakaresh gegen Trilo wieder da. Ein anderes Mal sah er sich selbst Medin gegenüber und konnte das Bedauern kaum aushalten, welches sich bei der Begegnung in ihm aufbaute.

Hilflos musste er die schrecklichen Erfahrungen gefangen in der schwarzen Umarmung noch einmal durchleben. Endlose Abfolgen von bitteren Erfahrungen die ihn zu dem gemacht hatten der er nun einmal war. Die Klinge von Ullrich an seinem Hals, Rodeons Hoffnung ihn umzustimmen, das Angebot von Françoise zurückzukehren, die Hoffnung von Berash, Kire, Sentinel, Laszlo und allen anderen Assassinen auf ein Weiterexistieren des alten Bundes, Ferox’ vernichtender Blick: Er war allem hoffnungslos ausgeliefert. Hier gab es kein Entkommen von dem was er getan hatte. »Du kannst nicht weglaufen vor dem was du getan hast. Und auch nicht vor dem was du wirklich bist«, donnerte es immer wieder in ihm. Unklar woher oder warum die Worte kamen. Was die Frage aufwarf wer er war oder was er sein sollte. Stellte sich tatsächlich erst jetzt, erst nachdem er Ewigkeiten in Finsternis verbrachte, diese Frage?

Je dunkler die Dunkelheit so heller scheint das Licht. Gefühlte Zeitalter später, als der erste Lichttropfen durch die Dunkelheit sickerte wie ein Kristall der vom Wasser nach unten getrieben wurde kam etwas zurück, was der Streiter lange nicht mehr gefühlt hatte: Hoffnung. Das Martyrium wurde unterbrochen. Für einen winzigen Moment. Doch dieser kleine Kristall der an seiner an diesem Ort entstellten Gestalt entlangsickerte war es der den Bann brach. Die Dunkelheit war umfassend, grausam, gewaltig und bösartig. Doch sie war endlich. Er wusste, dass er erneut vor die Wahl gestellt wurde. Er hatte das Leben ausgeschlagen und doch reichte es ihm erneut die Hand. War es das letzte Mal? Wie lange würde es wohl dauern, bis es eine neue Chance geben würde? Eine Macht in ihm Griff nach dem Funken. Etwas in ihm griff nach der Hand und empfing den Atem des Lebens. Die Schwärze und die Welt wurde erst zu Obsidian und zerbarst dann in tausende kleine Splitter als er danach Griff. Als das Leuchten etwas in ihm berührte und wie als wäre sein Sein an ein Seil gebunden worden, wurde er heraus aus der ewigen Finsternis gezogen.

»Nein, nein.« DraconiZ schüttelte den Kopf als er, auf allen Vieren kauernd, mit den Fingern die schwarzen Fliesen entlangfuhr. »Das.. ist .. unmöglich.«, stotterte er. Das war der Raum in dem er einen Teil von sich zum Sterben zurückgelassen hatte. In dem er die Schattenmimik unter seine Kontrolle gezwungen hatte.

»Befreie mich von meinen Ketten
Stich durch den Deckmantel meiner Gedanken
Segne mich mit dem Wissen durch ihre Lügen sehen zu können
Mach mich eins mit dir, nun und auf ewig
Atme durch mich«

Er murmelte die Worte noch einmal. Sie klangen hohl, unecht, fremd und traurig. Wie lange würde ewig sein? War er frei geworden oder gefangen? Waren ihm Flügel gegeben worden oder war er in den Staub getreten worden? Es war so einfach gewesen zwischen dem zu differenzieren was Gut bedeutete und was Böse bedeutete. Warum war es plötzlich schwierig?

»Was ist jemals nun und auf ewig?«, wurde gesagt. Doch es war nicht seine Stimme gewesen. Es war ein groß gewachsener Mann vor ihm, bekleidet mit einem Brustpanzer der Paladine, auf dem ein Adler prangte und an dessen Schulterstücken Orkköpfe nachgebildet waren. »Ich.. ich… du bist.. das ist …«, stammelte der Assassine zu seinem Paladinselbst und schaute in das so vertraute Gesicht. Ein kurzer Blick zu dem Podest zeigte ihm, dass die Kugel nicht mehr da war. Das Podest war leer. Doch da war etwas anderes. Eine ungewöhnliche Waffe. Ein Schwert?

Kurz darauf kroch er ruckartig zurück und tastete nach irgendeiner Möglichkeit sich zu erwehren, doch da war Keine. Nur Entsetzen. Nur Grauen. Einen langen Moment lang schauten sich die Vertrauten nur an. Dann begann es innerhalb dieses Ortes zu regnen. Mitten in diesem trostlosen dunklen Ort fielen weiße Regentropfen zu Boden und erhellten nach und nach die Szenerie. Während der Regen zunahm kam der Paladin näher und es begann so heftig zu stürmen, dass von den Fliesen, dem Podest oder irgendetwas sonst nichts mehr zu sehen war. Der erste Impuls war zurückzuweichen und doch streckten Beide ihre Hände aus und umfassten sie schließlich fest. In diesem Moment verlor sich jegliches Bewusstsein.

Wie ein nasser Sack aus Dunkelheit schlug er innerhalb der harten Realität des Pentagramms auf, welches sich in der Eingangshalle des Kastells befindet. Langsam zogen sich die Schatten wie Schlamm von seinem Körper zurück und gaben langsam nach und nach seine menschliche Gestalt frei. Ein feines weißes Schimmern war dort zu sehen, wo sich die Schatten zurückzogen, verschwand aber schon bald wieder mit dampfendem Rauch. So als hätte ein Feuer die Überreste der Schatten fortgebrannt. Einige Zeit schien nichts zu geschehen. Dann setzte der Herzschlag des Streiters wieder ein.

DraconiZ
28.01.2024, 21:13
Sein Körper erwachte stetig ein wenig mehr wie das Mahlen eines Mühlsteins das Korn nach und nach bearbeitet. Erst konnte er die Härte des Bodens unter ihm wahrnehmen. Dann kamen leise Geräusche wie Wispern von Stimmen in weiter Ferne hinzu. Anschließend öffneten sich nach und nach seine Augen wie Tore zu einer vertraut wirkenden und doch unbekannten Welt. Die Freude an seiner Neugier blieb jedoch nicht lange. Stechender Schmerz fuhr durch ihm Scheitel zur Sohle und zusammengekrümmt zuckte er wie ein Fisch auf dem Trockenen auf dem harten Boden der neu gewonnen Realität. Kurz darauf würgte er eine undefinierbare schwarze Masse hervor und verharrte keuchend auf dem Boden. DraconiZ versuchte bei Bewusstsein zu bleiben, den Schmerz zu ertragen und langsam zu atmen.

Er war bei seinem Vorhaben mehr oder minder erfolgreich. Zumindest solange bis stechender Kopfschmerz sich zu seiner ohnehin vorhandenen Pein dazugesellte wie ein alter ungeladener Gast von dem man schon vorher wusste, dass es ein anstrengender Abend werden würde. »Ihr müsstet die Regeln kennen. Beschmutzung des ehrwürdigen Kastells findet keinen Anklang«, donnerte es wie mit tausend Nadelstichen im Kopf des Streiters. »Das war mein Tribut für den Versteinerten«, fauchte der Assassine und kämpfte sich, sich mit beiden Händen ungelenkt in so etwas wie eine aufrechte Position. Mit den neuerlichen Worten war es wieder vorbei mit der gefühlten Position. Mehr noch der Schmerz der ihn jetzt durchfuhr sollte ihn wohl an seine ohnehin spärlich vorhandenen Manieren erinnern. »Wie ihr euch sicherlich erinnert ist Sprechen irrelevant«. DraconiZ seufzte und ließ sich zurücksinken. »Holt Ardescion her. Ich wünsche mit dem Hüter zu sprechen«, presste er hervor. Der Schmerz im Kopf des Streiters intensivierte sich. »Ihr habt ebenfalls vergessen, dass Dämonen keine Kobolde sind. Erfreut euch daran, dass für euch aufgrund des alten Bündnisses kein Tribut notwendig ist«. Eine kurze unangenehme Stille. »Haltet euch an die Regeln oder ihr verlasst die heiligen Hallen. Unsanft«, hallte es in den Gedanken nach. Kurz darauf hallte noch eine Schmerzwelle durch seinen Kopf. »Ardescion werdet ihr nicht so bald finden«. Das Wesen verschwand und ließ den Assassinen zurück. Selbiger sackte wieder zurück in das Pentagramm. Wie hatte er eigentlich den Dämon gerufen? Sie handelten eigentlich nicht von selbst. Hatte die Genugtuung ihn so zu sehen ihn herbeigerufen?

Im Gegensatz zu seinen in Wut gesprochenen Worten respektierte er die Schwarzmagier jedoch mehr als allgemein von Außen zu erkennen war. Sie hatten es geschafft sich am leben zu halten und das obgleich Sie mit der Macht Beliars experimentieren. All die Zeit paktierten Sie mit dem Gott des Todes und konnten sich dennoch weiter ihren Studien widmen. Irgendetwas mussten Sie tun, irgendetwas mussten Sie sein, was der Zeit und dem Einzug des schwarzen Gottes trotzten konnte. Etwas, dass er ebenfalls in Erfahrung bringen wollte.

DraconiZ
30.01.2024, 22:55
»Wie kann man etwas von Göttern annehmen ohne seine Seele zu opfern?«, murmelte der Assassine als er verkrampft aus dem Zuber stieg und sich anschließend eine Weile an dem nassen Holz des großen Gefäßes festhielt. Der Raum war warm und in gewisser Weise behaglich. Wasserdampf stieg noch immer aus der nassen Ruhestätte empor und füllte den Raum mit einer Art Erholung. Langsam stapfte der Streiter zu seiner Kleidung und begann sich wieder anzukleiden. Als er das Kris in die Höhe hob und die Klinge betrachtete erstarrte er. Zum ersten Male seit einer scheinbaren Ewigkeit sah er in sein eigenes Antlitz und ein Schauer lief ihm die Wirbelsäule hinunter. Er war älter geworden. Das war klar. Aber auch seine Haare hatten sich verändert. Die Schwärze war ihnen genommen worden und zurückgeblieben war eine Farbe die er als silberweiß beschreiben würde. Etwas hatte sich grundlegend nicht nur an seinem Körper, sondern auch in seinem Inneren verändert. Er würde sich dem stellen müssen. Früher oder später.

»Obskuromantie«, las DraconiZ leise sich selbst vor als er nach einiger Zeit – und einer ausgiebigen Mahlzeit im Refektorium – in der großen Bibliothek des Zirkels angelangt war. »theoretische Auseinandersetzung mit der Gabe und Ansätze zum Verständnis«, beendete er den Titel des Buches. Neugierig schlug er den Band auf und versuchte zu ergründen, was der Autor Al-jasin il hjal, seiner eigenen Meinung und Überzeugung nach Experte in Bezug auf die Schattenmimik zu Papier gebracht hatte. »So ist festzustellen, dass in vielen Fällen – aber nicht notwendigerweise – der Geist der Obskuromanten tief von dieser einzigartigen Fähigkeit berührt wird, so dass sich Charakterzüge und möglicherweise auch das Wesen des Subjektes fundamental ändern können.«. Der Assassine runzelte die Stirn, schnaufte und las weiter. Nachdem er einige Seiten weitergeblättert hatte konnte einen weiteren Absatz von Interesse finden. »So gelang es einem Einzigen mir bekannten Subjekt sich gegen die Einflüsterungen zu wappnen und die Abhängigkeit augenscheinlich zu mildern«. DraconiZ zog die Augenbrauen nach oben. Eine ganze Weile blätterte und las er weiter. » Ungeklärt ist wie es dem Subjekt gelang die Abhängigkeit zu lösen. Es ist Anzunehmen, dass schicksalshafte Ereignisse für eine solche Veränderung notwendig sind. Weiterhin ungeklärt bleibt, ob die Charakterveränderung revidierbar ist. Die winzige Stichprobe der möglichen Beobachtungen lässt dafür keinen wissenschaftlichen Beweis zu«. DraconiZ schloss die Augen. Hoffnung. Ein kleines Pflänzchen in einer Wüste. Wenn es ihm gelang das Pflänzchen zu gießen war es vielleicht möglich die Gabe zu seiner eigenen zu machen und damit das Band zum Gott des Todes zumindest zu lockern.

Die großen Torflügel des Kastells schwangen nach außen und ließen einen Hauch der kühlen Nachtluft hinein. Der Streiter atmete die Luft wie ein verloren geglaubtes Gut ein. Die Sterne zeichneten ein abstraktes Muster auf den Boden vor ihm. Es war Zeit sich dem Leben zu stellen.

Arzu
03.02.2024, 17:57
Was würde Arzu jetzt für ein entspannendes Bad geben. Mit klarem, heißen Wasser und einer Seife, die nach Pfirsich duftete. Selbst mit dem Kämmen ihrer Haare würde sie sich in diesem Augenblick zufrieden geben. Inzwischen musste man bestimmt eine Handbreit davon abschneiden, nur um es einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen. Dass ihr Abenteuer so sehr ausartete, hatte die Varanterin wirklich nicht erwartet. Und es war kein Ende in Sicht.
Natürlich war ihre derzeitige Situation brenzlig. Doch bisher hatte Arzu immer einen Ausweg gefunden. Zumal sie eine Schwarzmagierin war! Das musste schließlich zu irgendetwas gut sein.
Zu fünft saßen sie gezwängt in der Felsspalte und taten ihr Möglichstes, um die Goblins in Schach zu halten. Abgesehen von Steinen und Stöcken schien die Horde keine nennenswerten Waffen zu besitzen. Das machte sie - zu Arzus Leidwesen - nicht weniger schmerzhaft. An verschiedenen Stellen hatte sie bereits große, blaue Flecke und ein Stein hatte sie so hart am Kopf getroffen, dass sie dort ernsthaft blutete. Ein tiefroter Rinnsal lief von ihrer Stirn hinab. Unweigerlich machte sich der metallische Geschmack im Mund der Schwarzmagierin breit, als sie sich über die Lippen leckte.
Plötzlich huschte der helle Strahl des Zauberstabs, den der weiße Goblinreiter von den Brüdern gestohlen hatte, über die Felsspalte hinweg. Instinktiv suchte Arzu Deckung. Dean schenkte dem destruktiven Licht indes keinerlei Beachtung. Wie konnte das sein, fragte sich die Varanterin. Sie hatte gesehen, wie der Zauberstab dem Tausendfüßler zugesetzt hatte. Waren die Brüder dagegen immun?
»Was ist das?«, rief Arzu laut genug, um das Kampfgetümmel zu übertönen, und deutete auf den umher schwenkenden Lichtstrahl.
»Das ist weißes Licht.«, antwortete Dean.
»Und was macht es?«
»Es leuchtet weiß.«
Verwirrt sahen sich Dean und Arzu gegenseitig an. Ein lautes Knallen unterbrach ihren Moment. Sam hatte mit seinem Zauberstab auf die Goblins gefeuert.
»Ich hab' nichts mehr!«, rief er seinem Bruder zu, welcher ihm sogleich eine kleine Schachtel zuwarf.
Offensichtlich hatte der Stein an ihrem Kopf mehr Schaden verursacht, als Arzu zuerst geglaubt hatte. Nichts von all dem hier ergab einen Sinn.
Von einem Moment auf den nächsten wurde alles um die Varanterin schwarz. In der Ferne hörte sie Thara ihren Namen schreien, bevor sich Stille um sie legte.

Thara
06.02.2024, 22:47
„Arzu? Arzu!“ Thara kroch auf allen Vieren zu ihrer Begleiterin, die plötzlich einfach in sich zusammengesunken war und nun reglos dalag. Das Gesicht der Varanterin war blutverschmiert, Blut klebte in ihren Haaren und tropfte auf den steinigen Boden unter ihrem Kopf. Thara kam es vor, als würde sich eine eisige Klaue um ihre Eingeweide legen und zudrücken, als sie Arzu so sah. Was, wenn sie tot war…?
Tharas Welt schien auf einen Punkt zusammenzuschrumpfen. Das chaotische Geschehen um sie herum blendete sie völlig aus. Das Gezeter und Geschrei der Goblins, die Rufe der Brüder, das Knallen ihrer Zauberstäbe, Olivia, die fluchend ihre schwarze Magie auf die Angreifer schleuderte – nichts davon hatte mehr irgendeine Bedeutung. Alles, was noch zählte, war Arzu. Thara zog die reglose Varanterin ein Stück weiter in die Felsspalte, fort von der Gefahr, und bettete ihren Kopf in ihren Schoß. Unbeholfen versuchte sie, das Blut und die verklebten Haare aus Arzus Gesicht zu wischen. Ein hoffnungsloses Unterfangen, bei dem sie es nur weiter verschmierte.
„Arzu? D-du … b-b-bist du tot?“ Thara hielt die Luft an. Was für eine Antwort erwartete sie auf solch eine Frage? Sie biss sich schmerzhaft in die eigene Faust und versuchte, die aufsteigende Panik niederzukämpfen. Irgendetwas musste sie doch tun können!? Wie stellte man fest, ob jemand noch lebte? Der Herzschlag vielleicht?
Vorsichtig legte Thara ihr Ohr auf Arzus Brust und lauschte. Zuerst hörte sie nichts, nur den Lärm des Kampfes um sie herum, aber dann – bu-bumm! Bu-bumm! Bu-bumm! Der Herzschlag war kräftig und regelmäßig.
Thara wurde beinahe schwindelig. Wann war sie zum letzten Mal so erleichtert gewesen? Sie zog Arzu enger an sich heran und schlang ihre Arme um die Bewusstlose, hielt sie fest. Ihr Blick wanderte zu den Goblins, die sich vor der Felsspalte tummelten. Wut stieg in ihr auf, Wut darüber, was diese verfluchten kleinen Kreaturen Arzu angetan hatten. Es hatte ein einfaches kleines Abenteuer werden sollen, aber dann waren diese … diese Dinger gekommen und hatten sie angegriffen, völlig ohne Grund! Sie dachte an Sinistro, der sich geopfert hatte, um sie vor diesen Mistkerlen zu retten. Auch wenn sie selbst zu einem großen Teil die Schuld am Tod des Hohepriesters trug – ohne die Goblins wäre es gar nicht erst so weit gekommen! Und nun lag auch noch Arzu bewusstlos und mit blutverschmiertem Gesicht in ihren Armen…
„Sie … sie kriegen dich nicht!“, versprach Thara leise. Schwarzes Feuer loderte in ihrer Rechten. Sollten diese Drecksviecher nur versuchen, ihnen zu nahe zu kommen!



***

Ungeachtet der beiden jungen Schwarzmagierinnen, die in einem Winkel in der Felsspalte kauerten, ging der Kampf weiter. Die Goblinreiter schossen auf ihren zweibeinigen Reittieren hin und her, gaben keine ruhigen Ziele ab, und warfen ununterbrochen mit Steinen, Stöcken, Knochen und allem, was sie finden konnten (also größtenteils mehr Steinen) nach den Verteidigern. Im Gegenzug knallten die Feuerstöcke der Brüder und Olivia schleuderte den Goblins ihre Schattenflammen entgegen, wobei sie die Geschehnisse gegenüber einem Gesprächspartner kommentierte, den nur sie sehen oder hören konnte. Aber auch wenn immer wieder ein Goblin tot von seinem Beißer stürzte, mit einem Loch im Körper oder auch zur Hälfte aufgelöst und geschmolzen durch die zerstörerische Magie Beliars, schien die Horde einfach nicht kleiner zu werden. Und schon gar nicht dachten die Goblins daran, aufzugeben.
„Ich hab‘ kaum noch Munition!“, rief Sam zwischen zwei Aktivierungen seines Zauberstabes. „Du?“
Dean schüttelte den Kopf. „Letztes Magazin …“
„Fuck! Ich glaube, wir sitzen ziemlich tief in der Scheiße …“
Plötzlich zogen sich die Goblins ein Stück weit zurück und bildeten ein Spalier, durch das der weiße Goblin langsam herangeritten kam, so würdevoll und majestätisch, wie es einem Goblin möglich war. Auf einer kleinen Anhöhe blieb er stehen und richtete seinen Zauberstab wie ein Szepter auf die Belagerten. Der weiße Lichtstrahl fiel in die Felsspalte, Olivia und Thara duckten sich vorsichtshalber und selbst Dean hob schützend die Hand vor die Augen, als ihn der Lichtstrahl traf.
„Ihr da!“, ertönte die hohe, krächzende Stimme des weißen Goblins, „Menschen des Nordens! Ihr sitzt in der Falle!“ Er lachte keckernd. „Ich bin Fladnag der Weiße, Hüter der kalten Flamme von Mag’Lite!“, er wedelte mit dem leuchtenden Zauberstab herum, „Macht euch nichts vor! Lasst eure Hoffnung fahren und stellt euch der Wahrheit – ihr könnt nicht entkommen! Ihr seid in der Gewalt des weißen Goblins! Doch ich will nicht euren Tod, nein … Und auch der große König aller Könige, der Gott des einzig wahren Volkes, der allmächtige Meraton, will nicht euren Tod! Legt eure Waffen nieder und ihr werdet Gnade erfahren! Doch setzt euren Widerstand fort, und die kalte Flamme wird euch verzehren, bis eure Asche vom Wind fortgetragen wird!“
„Was für ein Labersack … Ein paar Kugeln hab ich noch, Kumpel!“, knurrte Dean und hob seinen Zauberstab, zielte genau auf den weißen Goblin. Kurz bevor er aber abdrücken konnte, legte Sam seine Hand auf die Waffe und drückte sie nach unten. Dean sah ihn entgeistert an. „Was zur Hölle soll das? Hast du etwa die Hosen voll?“
„Sorry, Mann, aber er hat recht. Sie sind zu viele, und wir sitzen hier fest. Früher oder später überrennen sie uns, oder sie hungern uns ganz einfach aus. Wenn du ihren Anführer abknallst, dann sind wir geliefert!“
„Fuck!“, knurrte Dean und ließ seinen Feuerstock sinken, „Und was jetzt?“
„Keine Ahnung … versuchen wir, etwas Zeit zu gewinnen, vielleicht fällt uns etwas ein.“ Er erhob sich und wandte sich an den weißen Goblin: „Fladnag! Gib uns ein wenig Zeit, über dein Angebot zu beraten! Es würde uns beweisen, dass du es ernst meinst!“
Der weiße Goblin grinste, wobei er eine Reihe nadelspitzer Zähne sehen ließ, die deutlich gelber waren als der Rest seines Körpers. „So sei es!“, rief er und wedelte dabei wichtigtuerisch mit seinem Szepter herum, „Doch lasst euch nicht zu viel Zeit, meine Geduld ist begrenzt!“

„D-d-da-...“ – Das meint ihr nicht ernst!, wollte Thara den Brüdern entgegenbrüllen, als sie vorschlugen, sich den Goblins zu ergeben, aber die Worte blieben ihr geradezu im Hals stecken und sie schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. Das schwarze Feuer, das noch immer ihre Fingerspitzen umspielte, zischte nachdrücklich.
„Wooow, ganz ruhig, Kleine!“, rief Dean und hob beschwichtigend die Hände, „Wir werden schon einen Weg finden, aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen. Glaub mir, es ist nicht das erste Mal, dass irgendwer versucht, uns einzusperren!“
„Wär besser, die hätten es geschafft, das hätte uns ne Menge Ärger erspart“, kommentierte Olivia trocken.
„Haben sie aber nicht!“, sagte Dean und setzte ein penetrantes Grinsen auf, „Und es wäre ja auch wirklich schade gewesen, wenn ich euch drei Hübschen nicht kennengelernt hätte!“
Sam verdrehte die Augen. „Okay, Dean, bist du fertig? Also – unsere jetzige Lage ist aussichtslos. Wir sitzen hier in der Falle! Viel länger können wir uns nicht mehr verteidigen. Wenn wir versuchen, zu kämpfen, sind wir tot. Das ist ein Fakt.“ Sam pausierte kurz und ließ die Worte wirken. Olivia murmelte etwas vor sich hin und tätschelte dabei den Schädel in ihrer brandlöchrigen Tasche, Thara senkte nachdenklich den Kopf. „Auf der anderen Seite“, fuhr Sam fort, „wie Dean schon sagte, mit Ausbrüchen haben wir Erfahrung. Es ist unsere beste Chance … unsere einzige Chance! Also?“ Er sah Thara ernst an. Das Mädchen zögerte kurz, ließ dann aber die Schattenflamme erlöschen und nickte schwach. Sam ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder, worauf Thara fast reflexartig die noch immer bewusstlose Arzu enger an sich zog, als hätte sie Angst, dass man sie ihr wegnehmen wollte. Sam zögerte einen Augenblick, schob dann aber Arzus Haare zur Seite und besah sich die Kopfwunde.
„Sieht übler aus, als es ist“, meinte er schließlich, „Eine Platzwunde am Kopf blutet zwar stark, ist aber nur oberflächlich. Sie wird sicher bald wieder zu sich kommen.“
Thara sah ihn kurz an, ohne etwas zu sagen. Sie wollte ihm gern glauben, tat es aber nicht. Wenn die Wunde nur oberflächlich war, wieso war Arzu dann schon so lange bewusstlos? Sie wünschte sich mal wieder, dass Sinistro da wäre. Der hätte bestimmt gewusst, was Arzu fehlte. Aber nein, Sinistro war tot, und sie war schuld … und wenn jetzt auch noch Arzu sterben sollte, weil sie keine Hilfe bekam, dann wäre auch das ihre Schuld! Wenn sie sich dann selbst umbrachte, würde Beliar sie überhaupt noch in seinem Reich akzeptieren? Was würde mit ihrer Seele passieren, wenn er es nicht tat …?
„Keine Sorge, wir finden sicher eine Lösung!“, riss Dean sie aus ihren Gedanken. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie er neben seinen Bruder getreten war. Dean zog seine Jacke aus, ein seltsam geschnittenes Kleidungsstück aus weichem Leder, und breitete sie wie eine Decke über Arzu. „Diese kleinen Mistviecher mit ihrem weißen Boss sind doch dumm wie drei Meter Feldweg! Wirst schon sehen, wir sind schneller wieder auf freiem Fuß, als du ‚Abrakradabra‘ sagen kannst!“ Er zwinkerte ihr aufmunternd zu und klatschte anschließend in die Hände. „Tja, dann …“

„Wir ergeben uns!“, rief Sam und hob beide Hände, „Unter der Voraussetzung, dass ihr uns zu eurem Anführer bringt! Diesem … Metronom!“
„Meraton!“, keifte Fladnag, „Der allmächtige Herrscher des einzig wahren Volkes heißt Meraton, merk dir das, Unwürdiger!“
„Okay, dann halt … Meraton. Bringt uns zu ihm!“
„Das werden wir, Mensch, das werden wir!“, kicherte Fladnag, sichtlich mit sich selbst zufrieden, „Aber alles zu seiner Zeit! Kommt jetzt heraus, und legt eure Waffen nieder!“
Unter den wachsamen Augen der Goblins leisteten sie Fladnags Anweisung folge. Dean trug Arzu (Thara ließ ihn dabei keine Sekunde lang aus dem Auge), Sam legte die Waffen der Brüder auf einem flachen Stein ab. Ohne Munition, hatten sie erklärt, seien ihre Zauberstöcke sowieso nutzlos. Schließlich standen die fünf vor dem weißen Goblin, der aus der Nähe betrachtet sogar noch weniger majestätisch aussah. Selbst auf seinem Reittier sitzend war er kaum mit den Brüdern auf Augenhöhe.
„Kann ich meine Taschenlampe wiederhaben?“, fragte Dean. Fladnag sah ihn eine Sekunde lang verwirrt an, ignorierte die Bemerkung aber.
„Ihr habt gut daran getan, euch zu unterwerfen, Unwürdige!“, krächzte er und kicherte wieder auf höchst unmajestätische Art, „Fesselt sie, und dann ab auf den Karren mit ihnen!“
Auf einen Wink mit seinem Szepter – Deans ‚Taschenlampe‘ – hin, fielen die Goblins plötzlich über ihre Gefangenen her und zerrten sie zu Boden. Versuche, sich zu wehren, waren angesichts der Übermacht aussichtslos. Olivia schaffte es fast, noch eine Schattenflamme zu beschwören, aber nur fast – dann wurden ihr, wie den anderen auch, die Arme auf den Rücken gebogen und mit groben Seilen an den Handgelenken gefesselt. Nicht einmal Arzu blieb diese Behandlung erspart, was Thara mit noch mehr Wut und Hass auf die kleinen Mistviecher erfüllte – und mit Hass auf sich selbst, weil sie mal wieder völlig ohnmächtig nur zusehen konnte. Dabei hatte sie Arzu doch versprochen, dass ihr nichts passieren würde! Was waren ihre Versprechen wert, wenn sie sie nicht halten konnte?

Nachdem sie sie gefesselt hatten, hievten die Goblins ihre Gefangenen wieder auf die Füße. Fladnag nickte zufrieden.
„Gut, gut! Und nun … eines noch. Einer von euch hat etwas, woran der allmächtige Herrscher sehr interessiert ist. Ein Schwert, und eine Rune …“ Er richtete sein Szepter auf die Gefangenen und ließ es plötzlich wieder in gleißendem Licht erstrahlen. Langsam ließ er den Lichtkegel über ihre Gesichter wandern. Thara kniff die Augen zu, als er auf sie fiel.
„Du!“, keifte der weiße Goblin, „Ja, ich kann es spüren! Du hast die Artefakte bei dir!“
„W-was? NEIN!“, rief Thara entsetzt. Wie konnte das sein? Woher wusste der verdammte Goblin von dem Lichtschwert und der weißen Magie-Rune? Einer von Fladnags Handlangern kam herangehüpft. Thara trat nach ihm, aber er sprang kichernd zur Seite und schien das ganze eher lustig zu finden. Plötzlich schnellte seine Faust vor und er verpasste dem Mädchen einen gezielten und unerwartet harten Schlag in die Magengrube. Thara blieb die Luft weg und sie krümmte sich zusammen. Hilflos musste sie zusehen, wie der Goblin in die Tasche ihres Kleides griff und die wertvollen Artefakte herauszog.
„Wunderschön …“, säuselte Fladnag, als ihm das Schwert und die Rune überreicht wurden, „Und jetzt, schafft sie mir aus den Augen!“ Er warf stolz den Kopf in den Nacken und wendete sein Reittier, die Gefangenen keines weiteren Blickes würdigend.

„Hey Fahrer, wie wär’s mit Musik?“, fragte Dean. Der Goblin, der auf dem Kutschbock saß, reagierte nicht. „Mh, wohl nicht …“ Dean rollte mit den Schultern und versuchte, sich etwas bequemer hinzusetzen. Der grob zusammengezimmerte Leiterwagen, mit dem sie transportiert wurden, hatte Goblingröße und war eindeutig nicht für eine Fracht aus fünf Menschen ausgelegt, selbst wenn es sich bei dreien davon um zierliche Frauen handelte. Entsprechend angestrengt schnauften auch die beiden Beißer, die sie über die steinige Ebene ziehen mussten.
„Zumindest müssen wir nicht laufen!“, bemerkte Olivia. Ihre Stimme triefte vor giftigem Sarkasmus. Wenn Blicke töten könnten, wären die Brüder längst Asche im Wind.
„Wenn du unsere Kutsche sehen würdest …“, seufzte Dean. Olivia schnaubte verächtlich.
Thara achtete nicht auf die Wortgeplänkel. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Arzu, die noch immer nicht zu sich gekommen war und zwischen ihnen auf dem Boden der Kutsche lag. Arzus Kopf ruhte in Tharas Schoß, so dass er zumindest nicht bei jedem Stoß hin- und herrollte. Es war alles, was Thara gerade für ihre Gefährtin tun konnte.
„Es tut mir Leid …“, flüsterte sie und hob den Blick zum Horizont, wo sich der schwarze Schatten des Kastells vor dem in fremdartigen Farben schimmernden Himmel abzeichnete. Das Kastell, von dem sie gehofft hatte, darin Rettung, eine Zuflucht, ein Zuhause zu finden.
Hier jedoch wirkte es nur düster und bedrohlich, wie ein Schicksal, dem sie nicht entrinnen konnten.

Arzu
10.02.2024, 16:12
Langsam schlug Arzu die Augen auf. Ihre Umgebung sah unscharf und düster aus. Dann erkannte sie, dass sich ein Gesicht über ihrem eigenen befand. Es dauerte einen Moment, bis die Schwarzmagierin erkannte, um wen es sich handelte. Es war Thara. Sie befand sich im Schoß ihrer Begleiterin.
»Arzu! Du lebst!«, quiekte das dürre Mädchen überrascht.
»Natürlich lebe ich.«, antwortete Arzu. »Was ist passiert? Wo sind wir?«
Die Varanterin versuchte sich zu erheben, als ein starkes Schwindelgefühl sie überkam. Hätte sie nicht bereits auf dem Boden gelegen, hätte sie das ohne Zweifel dazu gezwungen. Zu ihrem Glück war Thara da, um Arzu aufzuhelfen. Auch wenn es nur in eine sitzende Position war.
»Die Goblins haben dich verletzt!«, erklärte ihre Begleiterin mit überraschender Bestimmtheit, nur um im nächsten Satz wieder in ihre alte Gewohnheit zurückzufallen. »I-i-ich dachte schon, du wärst... wärst tot.«
»Ich fühle mich auf jeden Fall richtig dreckig.«, erwiderte die Schwarzmagierin und blickte sich um. Sie befanden sich in einer kleinen Kammer. Keine Laterne, keine Kerzen oder sonstige Lichtquellen erhellten den Raum. Dennoch gaben die Wände einen fahlen Schein von sich, der gerade ausreichte, um bis zur gegenüberliegenden Wand zu sehen.
»Wo sind die anderen?«, fragte Arzu, als ihr auffiel, dass sie nur zu zweit waren.
»Die haben sie in eine andere Zelle gebracht.«, sagte Thara, »Aber ich konnte d-d-dich nicht allein lassen!«
Fürsorge klang in ihrer Stimme mit und Arzu war froh darüber, dass Thara bei ihr war. Die Varanterin lehnte sich an die Wand und betastete vorsichtig ihre Stirn. Die Stelle schmerzte und fühlte sich ungewöhnlich rau an. Es dauerte einen Moment, bis Arzu verstand. Es war geronnenes Blut. Sie musste ein wirklich grauenhaftes Bild abgeben. Ihre Kleidung war zerfetzt, ihr Körper geschunden. Was gäbe sie jetzt für ein Badehaus. Heißes, klares Wasser, die Luft schwanger mit dem Geruch von erlesenen Kräutern, dazu eine handvoll muskulöser Männer, die der Schwarzmagierin jeden Wunsch von den Lippen ablasen.
Erschöpft lehnte Arzu ihren Hinterkopf gegen die kühle Wand und schnaufte. Dieser ganze Blödsinn wegen eines Schlüssels. Ihr Blick wanderte zu Thara, die an ihren Haaren fummelte. Ein wenig schuldig fühlte sich Arzu inzwischen. Sie hatte das dürre Mädchen einfach mit sich geschleppt. Es lag in ihrer Verantwortung. Der Gedanke gab der Varanterin Kraft. Kraft genug, um langsam aufzustehen. Thara sprang geradezu auf die Beine, um ihr dabei zu helfen.
Arzu blickte sich um. Viel gab es im Dämmerlicht nicht zu entdecken. Die Kammer war genauso lang wie sie breit war. Es gab kein Mobiliar oder andere Gegenstände und das glatte Mauerwerk wurde nur an einer Stelle unterbrochen. Eine schwarze Tür, ohne erkennbaren Griff oder Schloss. Vergebens versuchte Arzu ihre Finger in den Spalt am Türrahmen zu zwängen. Vielleicht mit Magie, dachte sie sich und trat einen Schritt zurück. Ihre Schattenflamme würde gewiss kurzen Prozess mit der Tür machen.
Die Schwarzmagierin hielt ihre Hände vor sich und konzentrierte sich, dazwischen den Zauber zu beschwören. Nichts geschah. Arzu mutmaßte, dass die Verletzung daran Schuld war. Doch wie ihr Vater immer zu sagen gepflegt hatte: man musste nur wollen! So versuchte sie es erneut. Der Schmerz an ihrer Stirn wuchs, dass sie unweigerlich ihr rechtes Auge schloss. Es war vergebens.
»Ich kann nicht mehr zaubern.«, stellte Arzu verärgert fest. »Thara, du musst die Tür aufsprengen. Aber sei vorsichtig!«
Verschüchtert nickte ihre Begleiterin und Arzu machte ihr Platz. Natürlich machte sich die Varanterin Sorgen darüber, was für ein Inferno schwarzer Flammen Thara heraufbeschwören würde. Aber wenn es dabei half aus diesem Gefängnis herauszukommen, nahm sie das in Kauf.
»Konzentriere dich! Denk' an die magischen Fäden!«, animierte die Varanterin Thara nach einer Weile.
»I-i-ich versuch' ja!«
»Du musst auch keine Rücksicht nehmen!«
»Es will einfach nicht!«
Ein wenig ungeduldig trat Arzu an Thara heran und inspizierte ihre Hände. Es grauste ihr bei dem Anblick der abgenagten Fingernägel. Doch zu sehen war nichts. Insgeheim wusste Arzu allerdings auch nicht, wonach sie hätte suchen sollen. Es hatte sich einfach richtig angefühlt, das zu tun.
»Haben die Goblins was mit uns gemacht, bevor wir hier reingeworfen wurden?«
Thara schüttelte vehement den Kopf. Unterdessen rasten die Gedanken der Schwarzmagierin auf der Suche nach einer Antwort. Es lag ihr auf der Zunge.
Verärgert schnaufte Arzu und blickte sich abermals in der Kammer um. Nichts als glatte, fahl schimmernde Wände. Die Decke sah genauso aus und der Boden ebenfalls...
Ein Loch! Auf der gegenüberliegenden Seite der Tür befand sich ein Loch im Boden! Es fiel einzig dadurch ins Auge, da es wirklich tiefschwarz war. Arzu kniete sich daneben und lugte vorsichtig in die Schwärze. Das war auch alles, was sie dort erkennen konnte. Das fahle Schimmern der umliegenden Steine wurde geradezu von dem Loch verschluckt. Außerdem stieg der faule Geruch von Verwesung daraus herauf. Hatte sie die Toilette gefunden? Dabei hatten sie nicht einmal trocken Brot in der Zelle oder Wasser zum Trinken. Wozu also? Auch war das Loch eindeutig zu groß für diesen Zweck. Zwar waren Arzus Hüften zu breit vollständig darin zu verschwinden, doch eine falsche Bewegung und ihr Hintern würde in der Finsternis festsitzen. Ein kalter Schauer überkam die Varanterin bei dem Gedanken.
Ein leises Grummel erinnerte Arzu daran, dass sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gegessen hatte. Seltsam war nur, dass ihr Bauch sich nicht danach anfühlte. Ihre Augen wurden größer und sie entfernte sich zügig vom Loch. Es war nicht ihr Bauch gewesen, der dort gegrummelt hatte. Es kam aus dem Loch.
»Geh auf keinen Fall näher ran, Thara!«, warnte Arzu das dürre Mädchen. An diese Geschichte konnte sie sich nur zu gut erinnern. »Das muss der Allesfresser sein.«

Thara
14.02.2024, 23:12
„D-der Alles…?“, setzte Thara an, wurde aber von einem erneuten Knurren aus dem Loch unterbrochen, lauter diesmal. Ein tiefes, dröhnendes Geräusch, das geradezu ihre Eingeweide vibrieren ließ und sich nach etwas wirklich, wirklich Großem anhörte.
„W-was i-i-ist das?”, stotterte sie und drückte sich an Arzu, die vorsichtshalber so weit auf Abstand von dem unheilvollen Loch ging, wie es möglich war. Angesichts der engen Zelle war dieser Abstand allerdings nicht sonderlich groß.
„Pssst!“, zischte die Varanterin und legte einen Finger auf die Lippen, „Ich weiß nicht, ob es uns hören kann!“
Thara nickte, presste die Lippen zusammen und wagte kaum noch zu atmen. Aus der schwarzen Tiefe ertönte jetzt ein konstantes, auf- und abschwellendes Grummeln und Knurren. Die beiden Magierinnen pressten sich in eine Ecke ihrer Zelle und starrten gebannt auf das Loch.
Plötzlich regte sich etwas in der Dunkelheit. Etwas kam aus der Öffnung hervorgekrochen, etwas langes, schwarzes, das in dem fahlen Schimmer, der von den Wänden ausging, ölig glänzte. Im ersten Moment dachte Thara, es würde sich um Fußßie handeln, aber sie erkannte schnell, dass es nicht der Tausendfüßler sein konnte. Was da aus dem Loch kam, war weich und nachgiebig, wie eine riesige Schnecke, und tastete blind umher. Immer, wenn es den Boden oder die Wand berührte und sich wieder davon löste, gab es ein schmatzendes Geräusch von sich und hinterließ eine glänzende Schleimspur. Ein fauliger Geruch ging von ihm aus, wie von Fleisch, das zu lange in der Sonne gelegen hatte und anfing, zu verwesen.
„Das muss einer seiner Tentakel sein…“, flüsterte Arzu voller Ekel. Der Tentakel tastete weiter die Umgebung des Lochs ab, er war mittlerweile so lang, dass er die Decke und jeden Winkel der Zelle erreichen konnte – auch die Ecke, in der Arzu und Thara sich zusammenkauerten.
Thara versuchte noch einmal, die Magie für eine Schattenflamme heraufzubeschwören, nur für alle Fälle, aber es wollte einfach nicht gelingen! Diese Energie, mit der die Luft sonst geradezu aufgeladen zu sein schien – sie fehlte vollkommen. Da war keine Magie! Nichts! Als wäre der Raum, in dem sie sich befanden, schlichtweg magielos. Frustriert gab Thara es auf und verfolgte angespannt die erratischen, zuckenden Bewegungen des Tentakels.
Das schleimige Ding klatschte auf den Boden und wand sich bis in die gegenüberliegende Ecke, wo es ein Stück die Wand hochkroch. Als es dort nichts von Interesse fand, zog es sich plötzlich zusammen und stülpte sich in die andere Richtung wieder aus.
„Vorsicht!“, rief Arzu und stieß Thara zur Seite, während sie selbst in die andere Richtung davon hechtete. Der Tentakel landete genau dort, wo sie gerade noch gestanden hatten. Ein Beben lief durch das schleimige Ding und sein Ende richtete sich auf, wand sich mal in die eine, mal in die andere Richtung, als würde es mit irgendeinem fremdartigen Sinnesorgan nach dem Ursprung des Geräuschs suchen. Thara drückte sich gegen die Wand und hielt den Atem an. Hatte dieses Ding sie irgendwie bemerkt? Hatte es vielleicht Arzus Warnruf hören können?
Plötzlich richtete sich der Tentakel auf Arzu. Die Varanterin erstarrte und presste einen Fluch zwischen den Lippen hervor. Der Tentakel schoss nach vorn und Arzu versuchte, auszuweichen, schaffte es aber nicht ganz. Das schleimige Ding wickelte sich um ihren Knöchel und zog mit einem Ruck an. Arzu schlug der länge nach auf den Boden und wurde von dem Tentakel in Richtung des Loches gezogen.
Thara zögerte keine Sekunde. Ohne auch nur einen Gedanken zu verschwenden, stürzte sie sich auf den Tentakel, schlug auf ihn ein, kratzte und zog mit all ihrer bescheidenen Kraft an ihm. Das Gewebe war ekelhaft weich und nachgiebig, zugleich aber auch zäh, und der Schleim, mit dem es bedeckt war, unangenehm klebrig. Thara schenkte dem jedoch keine Beachtung. Für sie zählte nur, Arzu aus dem Griff des Monsters zu befreien. Sie zog und zerrte – und tatsächlich, irgendwie schafften es die beiden, den Tentakel so weit zu lösen, dass Arzu ihren Fuß aus der Umklammerung ziehen konnte.
Thara wollte sich erleichtert zur Seite fallen lassen, als der Tentakel, seines Opfers beraubt, sich nach hinten bog und sich um ihre Hüfte wickelte. Sie keuchte überrascht und riss die Augen auf, als die Umklammerung ihr die Luft aus der Lunge presste. Plötzlich wurde sie in die Höhe gehoben und durch die Luft gewirbelt, oben war unten, unten war oben, alles nur noch ein grauer Schleier. Thara strampelte und schlug um sich, aber umsonst. Der Tentakel hatte sie fest im Griff, viel fester als zuvor Arzu, und zog sie unbarmherzig in Richtung des finsteren Abgrunds, aus dem ein dumpfes, fast schon triumphierendes Brüllen dröhnte. Er schlug noch einmal auf den Boden auf, Thara sah einen Moment Sternchen vor Augen, bevor sie den Kopf heben konnte.
„Arzu…!“, rief sie verzweifelt und streckte die Hand aus.
Dann verschwand das Mädchen mit einem stummen Schrei auf den Lippen in dem finsteren, bodenlosen Loch.

Thara
20.02.2024, 21:32
Thara hatte nicht einmal mehr Zeit zum Schreien. Der Tentakel zog sie unbarmherzig in die Dunkelheit einer engen Röhre, die steil nach unten führte. Ihr Kopf schlug hart gegen die Wand und das raue Gemäuer, obgleich glitschig vom Schleim, schürfte ihr die Haut ihrer Arme und Hände auf. Ihre Versuche, sich festzuhalten, waren vergeblich – es gab nichts, woran sie hätte Halt finden können...
Die Rutschpartie durch den Schacht endete jedoch so plötzlich, wie sie begonnen hatte. Von einer Sekunde auf die nächste befand sich Thara praktisch im freien Fall, der Tentakel tat wenig, den Sturz abzubremsen. Später würde sich Thara an die Augenblicke des Sturzes mit einer seltsamen Klarheit erinnern, als wären sie in Zeitlupe abgelaufen. Sie würde sich erinnern, dass sie sich sicher gewesen war, dass sie jetzt sterben würde, zerschmettert auf dem felsigen Untergrund, ein passend gewaltsames Ende eines kurzen, schmerzvollen Lebens. Und dass sie dabei fast eine gewisse Erleichterung empfand.
„Beliar…“, flüsterte sie und schloss die Augen.
Dann schlug sie auf.
Nicht auf hartem Fels, sondern auf einer weichen, nachgiebigen Oberfläche. Der Aufprall presste ihr zwar die Luft aus den Lungen und ihre Kiefer schlugen schmerzhaft aufeinander, aber als sie die Augen öffnete, stellte sie zu ihrer Verwunderung fest, dass sie noch lebte.
Noch… Denn der Tentakel hielt sie nach wie vor fest umschlungen und zog sie auf ein unbekanntes Ziel zu.
Der Untergrund war glitschig wie die Tentakel selbst, aber zugleich fühlte er sich irgendwie ledrig an und drahtige Borsten wuchsen aus ihm empor. Zudem stank es bestialisch. Die Luft war heiß und feucht und so dick, dass man sie beinahe hätte schneiden können, und man konnte meinen, man wäre auf einem ganzen Berg von Fischen, Eiern und Scheiße gelandet, der seit Wochen in der prallen Sonne vor sich hingammelte. Schwerer, süßlicher Fäulnisgeruch vermischte sich mit dem Gestank von Schwefel, Salz, Eiter und Exkrementen zu einem betäubenden, magenverdrehenden Odeur. Selbst Thara, die durch ihre Kindheit im Armenviertel und ihre Sklavenarbeit auf dem Fischmarkt gegenüber schlechten Gerüchen im Normalfall ziemlich unempfindlich war, konnte nicht anders als hustend und keuchend das Wenige, was sie noch an Mageninhalt hatte, hervorzuwürgen.

Die unwillkürlichen Muskelkrämpfe in ihrem Unterleib und die scharfe Galle in ihrem Hals sorgten allerdings auch dafür, dass die leichte Benommenheit, die sie nach dem Aufprall umfangen hatte, wieder von ihr abfiel. Sie schlug auf den Tentakel ein und versuchte, sich irgendwo festzuhalten, aber noch immer vergeblich. Einmal bekam sie eine der Borsten zu fassen, die wie Grashalme aus dem abstoßend organisch wirkenden Untergrund wuchsen, aber das seltsame Gewächs stellte sich als ebenso scharfkantig heraus wie Klingengras und hinterließ einen tiefen Schnitt in ihrer Handfläche. Den Schmerz nahm Thara in ihrer wachsenden Panik jedoch nicht einmal wahr.
Der Tentakel zog sich noch enger zusammen und hob Thara in die Höhe. Zu ihrem Entsetzen erkannte sie, wohin die monströse Extremität sie befördern wollte – unter ihr gähnte ein riesiger, kreisrunder Schlund, der dem Maul eines Neunauges gleich mit zahllosen Reihen messerscharfer Zähne gesäumt war und rhythmisch pulsierte, wie in Vorfreude über das bevorstehende Mahl. Der Schlund war mehr als groß genug, um sie einfach im Ganzen zu verschlucken.
Thara schrie voller Panik und wehrte sich noch heftiger gegen die Umklammerung des Tentakels, doch umsonst. Ihre Kraft reichte einfach nicht aus, sich aus seiner Gewalt zu lösen. In einem letzten, verzweifelten Versuch grub sie ihre Finger in das gallertartig nachgiebige Gewebe des Tentakels und kanalisierte instinktiv, ohne darüber nachzudenken zu schwarzem Feuer geformte Magie direkt in das widernatürliche Fleisch…
Der Gestank des plötzlich unter ihren Händen brennenden und schmelzenden Gewebes war fast noch schlimmer, als der Geruch, der die Kaverne ohnehin schon erfüllte, und für kurze Zeit hatte Thara das Gefühl, sie müsste an dem öligen schwarzen Rauch ersticken, der sie nach wenigen Augenblicken einhüllte. Dennoch ließ sie nicht locker. Ganz im Gegenteil, sie ließ jegliche Barriere, jeden Rückhalt, der die Magie hätte einschränken können, fallen, und entfachte ein Inferno, dass innerhalb von Sekunden nicht nur den Tentakel einhüllte, sondern sich auf den Leib der gigantischen Kreatur, dem er entwuchs, fortsetzte. Schleimige, lederartige Haut verkohlte und warf Blasen wie kochender Teer, widerliche Flüssigkeiten blubberten aus aufplatzenden Rissen in der Haut hervor.
Thara spürte, wie die Hitze anfing, ihre eigenen Arme hochzukriechen, wie die Magie, die in sie hineinströmte, sie zu überwältigen drohte. Mit fast schon kalter Ruhe stellte sie fest, dass sie diesen Magiestrom nur noch wenige Augenblicke länger würde aufrechterhalten können, bevor er vollends ihrer Kontrolle entgleiten und sie selbst mit Haut und Haaren verzehren würde. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Sekunden war sie sich sicher, dass sie sterben würde, und zum zweiten Mal fand sie sich damit ab. Es war in Ordnung, und ein dünnes Lächeln umspielte ihre schmalen Lippen. Es war in Ordnung, zumindest würde sie nicht kampflos sterben. Selbst wenn ihr Mörder nur eine gewaltige, geistlose Abscheulichkeit war, würde sie ihn leiden lassen. Bis zu ihrer letzten Sekunde würde sie ihn leiden lassen…

Sie fiel.
Überrascht riss Thara die Augen auf, kurz bevor sie auf der geschwärzten, verkohlten Haut am Ansatz des Tentakels landete, dessen Überreste spastisch in der Luft über ihr zuckten. Es hatte sie losgelassen, im letzten Moment hatte es sie losgelassen – kaum einen halben Meter von dem pulsierenden, schmatzenden Riesenmaul entfernt, das ein dumpfes Dröhnen von sich gab. Brüllte es vor Schmerz? Vor Wut? Wegen irgendetwas völlig anderem?
Rauch stieg unter ihren Händen auf, die noch immer von schwarzem Feuer umhüllt waren und sich in die bereits verbrannte Haut des Monstrums schmolzen. Thara biss die Zähne aufeinander und konzentrierte sich auf die Magie, die noch immer durch ihren Geist und ihren Körper floss. Der Damm aus purer Willenskraft, mit dem sie die magischen Energien in Bahnen lenken konnte, war fast gebrochen – fast. Alles andere, selbst das Gebrüll des Monsters, ausblendend gelang es ihr, den Damm wieder zu schließen, Millimeter für Millimeter. Der reißende Strom der Magie wurde ein Fluss, ein Bach, ein Rinnsal… und endlich stoppte er.
Erschöpft brach Thara zusammen. Sie spürte nur noch ein Verlangen – Schlaf. Am liebsten wollte sie schlafen, einfach schlafen und nie wieder aufwachen...
Ein Beben, das durch den Körper des gewaltigen Monstrums ging, und lautes Zischen und Gurgeln holten Thara jedoch rasch wieder in die Gegenwart zurück. Der bleiernen Erschöpfung zum Trotz rappelte sie sich auf alle Viere und brachte kriechend Abstand zwischen sich und den grauenerregenden Schlund.

Unterdessen schien es, als habe ihr magischer Angriff die Bestie erst richtig aufgeweckt. Der ‚Boden‘, der nichts anderes war als der Körper dieses gigantischen Organismus, wogte auf und ab wie die See im Sturm und Thara glitt immer wieder auf der schleimigen Oberfläche aus. Trotzdem gelang es ihr erstmals, bewusst ein wenig mehr von der Umgebung wahrzunehmen, in der sie gelandet war: Sie befand sich in einer offenbar natürlichen Höhle, die mehrere dutzend Schritte in alle Richtungen maß und von deren Wänden derselbe kalte Mondlichtschimmer ausging, wie sie ihn von anderen Orten in dieser Version des Kastells her kannte.
Die gesamte Höhle schien von der formlosen Kreatur in Anspruch genommen zu sein, der das Maul und der Tentakel gehörten. Wie Thara nun feststellen musste, waren dies jedoch nur ein Maul und ein Tentakel gewesen von vielen… die noch mehr wurden. Sie konnte zusehen, wie sich Beulen, Eiterpusteln gleich, in der schleimigen Haut bildeten, wuchsen und aufbrachen, aus denen sich neue schwarze Tentakel hervorschlängelten, zuckend, sich kringelnd, tastend… suchend.
Einer von ihnen klatschte plötzlich neben ihr auf und sie konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen, indem sie sich zur Seite fallen ließ und ein Stück über die glitschige Haut rutschte. Der Tentakel erhob sich wieder und wand sich mal hier hin, mal dort hin. Ein Maul, kleiner als das, in dem sie beinahe verschwunden wäre, aber doch groß genug, dass es sicher in der Lage gewesen wäre, ihr einen Arm oder ein Bein abzureißen, tat sich kaum eine Armeslänge vor ihr auf, und Thara kroch rasch ein kleines Stück rückwärts.
Die Kreatur veränderte sich immer schneller, immer unvorhersehbarer. Einige der Tentakel zog sie wieder ein, während an anderen Stellen neue hervorbrachen, Mäuler rissen auf und schlossen sich wieder. Thara bekam zwar den Eindruck, dass das Ding ihre Anwesenheit und Position nicht erspüren konnte, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis einer der Tentakel sie erwischte, ein Schlund sich direkt unter ihr auftat oder sie durch die Bewegungen des Organismus einfach in einen hineinbefördert wurde.
Thara sah sich hektisch um. Sie musste einen Weg aus dieser Höhle finden – und zwar schnell!

Thara
22.02.2024, 10:40
Sollte es das gewesen sein?
Thara duckte sich, um einem peitschenden Tentakel auszuweichen. Sie hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren auf dem rutschigen, sich bewegenden Untergrund. Sie schwankte und taumelte, immer wieder fiel sie hin, kroch, rutschte, rappelte sich wieder auf… Immer auf der Suche nach einem Ausweg.
Aber die einzigen Wege nach draußen, die sie hatte entdecken können, waren unerreichbar: Öffnungen in der Decke, solche wie die, durch die sie selbst hier hineingeraten war. Thara fragte sich, wo diese Schächte überall herkamen – gab es sie auch im ‚echten‘ Kastell? Während sie über das riesige Tentakelmonster stolperte, war sie immer wieder auf Müll gestoßen – blanke Knochen, zerfledderte Lumpen, Reste zerbrochener Möbel, leere Flaschen, Scherben und jede Menge Dinge, die sie nicht zuordnen konnte, weil es sich nur noch um korrodierte Klumpen undefinierbarer Herkunft handelte. Warfen die Bewohner des Kastells ihren Müll einfach in diese Öffnungen im Boden und das ganze Zeug landete dann hier, wo es von der aufgeblähten Kreatur gefressen wurde?
Und zählten Menschen auch manchmal zu diesem Müll…?
Mit dem Geräusch reißenden Fleisches bildete sich neben Thara ein neuer Schlund, der gurgelnd eine Fontaine zähen, gelblichen Schleims ausstieß. Thara warf sich zur Seite und rutschte über die glitschige Haut des Monsters, bis die gegen eine widerliche Pustel stieß, in der sich etwas bewegte – ein im Wachstum begriffener Tentakel, der bald herausbrechen würde. Sie rappelte sich auf, wurde von einem erneuten Beben, das durch den Leib des Ungetüms ging, wieder umgeworfen und brauchte einen weiteren Versuch, bis sie wieder unsicher auf den Beinen stand.
Thara wischte sie sich die Haare aus dem Gesicht, die, voll mit stinkendem Schleim, an ihrer Haut klebten, und setzte ihre verzweifelte Suche nach einem Ausweg fort. Aber wo sie auch hinblickte, sie sah nur die raue, silbrig schimmernde Höhlenwand, und ihre Hoffnung schwand zusehends.

Aber – was war das? Hatte sie sich getäuscht, oder wirkte das Licht dort drüben tatsächlich anders? Nicht das kalte Mondlicht, sondern ein wärmeres, eher grünliches Leuchten. Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung des Lichtes und stieß unwillkürlich einen seltsam quiekenden Laut aus – zum Glück hörte sie niemand, sonst hätte derjenige wohl angenommen, dass sie sich endgültig von den letzten Resten geistiger Gesundheit verabschiedet hätte. Tatsächlich war es die unbeschreibliche Freude und Erleichterung darüber, dass sie wirklich einen Ausgang gefunden hatte! Das grüne Leuchten drang aus einem Raum hervor, der hinter den Resten einer zerborstenen Tür lag, die aussah, als wäre sie von einem Rammbock zertrümmert worden.
Thara wollte losrennen, was dazu führte, dass sie ausrutschte und wieder einmal bäuchlings hinklatschte. Das Monster stieß im selben Moment ein dröhnendes Brummen aus, sein ganzer aufgeblähter Leib zitterte und Thara rutschte ein Stück in genau die falsche Richtung. Sie biss die Zähne zusammen und kroch vorwärts, versuchte es mit kleinen, froschartigen Hüpfern, als das Monster sich erneut regte, wurde aber wieder und wieder in eine andere Richtung geworfen.
Erneut machte sich Verzweiflung in Thara breit. Da hatte sie den Ausweg vor Augen, konnte ihn aber nicht erreichen! Das Riesenmonster zuckte und waberte und es war, als würde seine Oberfläche Wellen schlagen, denen sie wegen des rutschigen Schleims, durch den sie kaum Halt fand, hilflos ausgeliefert war. Sie brauchte irgendetwas, womit sie sich Halt verschaffen konnte…
Ihr Blick fiel auf ein Stück Holz – ein altes Stuhlbein vielleicht, jedenfalls war es in etwa so lang wie ihr Arm und an einem Ende abgebrochen und gesplittert. Es lag gerade so in ihrer Reichweite.
Thara packte das Stuhlbein und kroch wieder in die Richtung, in der sie den Weg nach draußen vermutete. Als das Monstrum sich erneut regte und sie wegzurutschen drohte, rammte sie das Holzstück mit all ihrer bescheidenen Kraft mit dem geborstenen Ende voran in die schleimige Haut. Es durchstieß die Oberfläche erstaunlich leicht. Eine viskose, grünlich-gelbe Flüssigkeit, die von Konsistenz und Farbe her an Eiter erinnerte, sickerte aus der Wunde hervor und verströmte einen beißenden Gestank, der Thara die Tränen in die Augen trieb. Dennoch gelang es ihr, sich mit Hilfe dieses ‚Ankers‘ an Ort und Stelle halten.
Allerdings schien das Monster die Verletzung zu bemerken. Erst einer, dann zwei Tentakel zuckten in ihre Richtung und Thara musste sich mit einem Satz in Sicherheit bringen, bevor sie erwischt wurde. Sie beeilte sich, voranzukommen, solange das Monster halbwegs ruhig war, und stieß wieder das Stuhlbein in die nachgiebige Haut, als es sich erneut regte, gerade lange genug, um sich festzuhalten, aber nicht so lange, dass die unweigerlich heranpeitschenden Tentakel sie zu fassen bekamen.
Es war ein erschöpfendes Spiel, bei dem Thara auf die kleinsten Regungen ihres gewaltigen Kontrahenten achtgeben musste – ihre einseitige Blindheit machte das nicht gerade einfacher – und keine Sekunde zu spät reagieren durfte. Aber sie weigerte sich, aufzugeben, schleppte sich weiter voran, Stück für Stück. Endlich konnte sie den rettenden Ausgang wieder sehen, was ihr dabei half, ihre letzten Kraftreserven zu mobilisieren. Nur noch wenige Schritte…

Ein Zucken des monströsen Körpers unter ihr ließ Thara zum wiederholten Male das Gleichgewicht verlieren, aber zumindest rutschte sie diesmal auf ihr Ziel zu und nicht in die entgegengesetzte Richtung. Sie hätte sich direkt darüber freuen können, hätte sie nicht plötzlich bemerkt, dass sich zwischen dem Körper des Wesens und dem Ausgang ein dunkler Abgrund auftat, sicher zwei oder drei Schritte breit. Ein Abgrund, in dem sie gleich verschwinden würde, wenn sie ihre Rutschpartie nicht abbremsen konnte!
Sie hielt das abgebrochene Stuhlbein schräg nach unten vor sich, so dass ihr eigenes Momentum die geborstene Spitze tief in die Haut des Monstrums trieb. Der Schwung trug sie noch weiter, aber sie hielt sich fest und wurde dadurch herumgewirbelt – und ihre Füße hingen auf einmal in der Luft…
Thara versuchte, sich wieder hochzuziehen, aber hatte kaum noch Kraft übrig. Mit steigender Panik spürte sie, wie sich zudem langsam ihr Griff um das Stuhlbein zu lösen begann. Mit den Beinen strampelnd versuchte sie, irgendwo Halt zu finden, aber ihre Zehen glitten jedes Mal von der schleimbedeckten Monsterhaut ab.
Plötzlich fegte ein Tentakel über Thara hinweg, riss das Stuhlbein heraus, traf sie ins Gesicht und schleuderte sie fort. Mit einem verzweifelten Schrei stürzte das Mädchen in den Abgrund, der allein es noch von der Hoffnung auf Rettung getrennt hatte.

Thara
23.02.2024, 23:09
Tharas Schrei wurde jäh erstickt, als sie sich plötzlich unter Wasser wiederfand. Brackige, abgestandene Flüssigkeit drang ihr in Mund und Nase und in ihre Lunge, als sie reflexartig Luft holen wollte. Stechender Schmerz explodierte in ihrem Brustkorb, als hätte ihr jemand einen Dolch zwischen die Rippen gerammt.
Ich kann nicht mehr atmen, schoss es ihr durch den Kopf und Panik ergriff von ihr Besitz. Wild rudernd versuchte sie, die Wasseroberfläche zu erreichen, hatte jedoch sämtliche Orientierung verloren – sie konnte nicht einmal mehr sagen, wo oben und wo unten war, und es war reines Glück, dass ihr Kopf dennoch einen Moment später durch die Oberfläche brach. Gierig sog die die Luft ein, bevor sie wieder unter Wasser verschwand. Sie schlug wild um sich, kämpfte sich erneut an die Oberfläche, aber wieder konnte sie sich nur wenige Augenblicke lang oben halten, bevor sie wieder in der stinkenden Brühe unterging. Schwimmen gehörte zu den vielen Dingen, die sie nie gelernt hatte…

So sehr sie auch dagegen ankämpfte, Thara versank immer tiefer. Der Sauerstoffmangel ließ schwarze Flecken vor ihren Augen tanzen und ihre Bewegungen wurden immer schwächer.
Gib einfach auf, sagte ihr eine innere Stimme, lass los, dann ist es endlich vorbei.
Aber diesmal weigerte sich Thara, auf diese Stimme zu hören. Diesmal würde sie sich nicht mit dem Gedanken an den Tod abfinden! Sie war zu weit gekommen, die Rettung zu nah, als dass sie jetzt aufgeben würde. Sie würde kämpfen, solange noch ein Funken Leben in ihr war!
Plötzlich spürte sie festen Boden unter ihren Füßen und stieß sich sofort mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, ab. Einen Augenblick später kam ihr Kopf wieder über dem Wasser zum Vorschein und sie rang mit weit aufgerissenen Augen nach Luft, während sie mit den Armen um sich schlug. Durch Zufall bekam sie etwas zu fassen, das sich wie eine Eisenstange knapp unter der Wasseroberfläche anfühlte. Sie packte zu und hielt sich daran fest, als würde ihr Leben davon abhängen – was es tat…

Der unvermutete Halt ermöglichte es Thara, über Wasser zu bleiben und langsam wieder zu sich zu kommen, während sie gierig die Luft in ihre stechenden, rasselnden Lungen saugte. Trotzdem war ihre Lage alles andere als großartig. Kaum einen Schritt von ihr entfernt türmte sich über ihr der amorphe Leib des Monsters auf, der sich noch immer rhythmisch aufblähte und wieder zusammenzog, so dass er auch das Wasser um sich herum aufwühlte. Und der Ausgang befand sich ein gutes Stück über ihr. Wie sollte sie nur dort hin gelangen…?
Einen Augenblick später fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie stieß einen seltsamen, bellenden Laut aus, den kein Zuhörer wohl mit einem Lachen in Verbindung gebracht hätte:
Sie konnte einfach die Treppe nehmen!
Das Metallstück, an dem sie sich festhielt, war, wie sie bemerkte, Teil eines Geländers. Vor ihr befand sich wohl eine Art Balkon, der früher vielleicht einen Blick über einen großen Saal geboten hatte – bevor dieser Saal zur Heimat einer formlosen Monstrosität mit unzähligen Mäulern und Tentakeln geworden war. Von dem Balkon aus führten jedoch links und rechts verwitterte Treppen hinauf zu der zerschmetterten Tür und dem Raum dahinter.

Thara zog sich über das Geländer und schleppte sich die Stufen hoch. Das Monster hinter ihr gurgelte und blubberte, aber seine Tentakel schienen auffällig Abstand zu halten von dem grünlichen Schimmer, der durch das Portal mit der zersplitterten Tür drang. Thara fragte sich nur am Rande, was der Grund dafür sein mochte. Warum sollte sie schließlich nicht auch einmal ein bisschen Glück haben dürfen?
Als sie den Raum betrat, bemerkte sie einen Moment lang ein elektrisierendes Kribbeln, das durch ihren ganzen Körper ging, und es kam ihr vor, als würden ihre Haare, ihre Fingerspitzen kurzzeitig dasselbe grünliche Licht ausstrahlen, das von dem Raum ausging. Im nächsten Augenblick krampfte sich plötzlich ihr Magen so stark zusammen, dass es ihr die Luft aus den Lungen presste und der Schmerz ihr Tränen in die Augen trieb. Ihre Beine gaben nach und sie stürzte zu Boden, wo sie sich zusammenkrümmte und die schleimige Brühe erbrach, die sie während ihrer unfreiwilligen Tauchgänge verschluckt hatte.
Mehrere Minuten lang lag Thara keuchend, hustend und würgend da, unfähig, sich zu rühren, während sie in kurzen Abständen von den brutalen Magenkrämpfen geschüttelt wurde.

Als die Krämpfe nach einer höllischen Ewigkeit endlich nachließen, stemmte sich Thara mühsam in eine sitzende Haltung hoch und blinzelte die Tränen aus den Augen, die ihre Sicht verschleierten. Sie atmete schwer, aber so unangenehm die Erfahrung gerade gewesen war, irgendwie fühlte sie sich… gereinigt. Als ihr Blick auf das ölige Erbrochene fiel, glaubte sie, darin Bewegung zu erkennen. Unzählige kleine, schwarze Formen, wie Kaulquappen…
Der Anblick allein genügte, dass sich ihr Magen direkt noch einmal umdrehte – aber er war längst leer, und so brachte sie nur noch ein trockenes Würgen zu Stande. Angewidert rutschte Thara ein Stück nach hinten. Als sie noch einmal die Lache ansah, konnte sie allerdings keine Bewegung mehr ausmachen. War es nur Einbildung gewesen? Oder war es dieser Raum, vielleicht das grünliche Leuchten, das wohl irgendeine Art von Magie sein musste – Magie, die das Monstrum aus der Nachbarhalle fernhielt und auch diese… Dinger aus dem Wasser, die sich sonst vielleicht in ihr ausgebreitet und sonst was mit ihr gemacht hätten? Sie wollte gar nicht daran denken.

Mühsam, sich an einer Wand abstützend, kam Thara auf die Beine und sah sich zum ersten Mal wirklich um. Der grün leuchtende Raum war nicht allzu groß und seitlich ging eine Treppe ab, die nach oben führte. Allerdings verschwand die Treppe schon nach wenigen Schritten in kompletter Schwärze – weder das Leuchten des Raumes, noch der sonst so allgegenwärtige Mondlichtschimmer erhellten die Stufen, was eine ungute Vorahnung in der jungen Magierin auslöste. Irgendwie hatte sie ihre Zweifel daran, dass diese Finsternis Zufall war…
Gegenüber der Treppe war eine Nische in die Wand eingelassen, in der auf einem kleinen altarähnlichen Sockel eine stilisierte Statue Beliars stand – eine Dekoration, wie sie für das Kastell nicht unüblich war. Auf dem Altar lagen die zerfressenen Reste eines schwarzen Altartuches, in dunkel angelaufenen Kerzenhaltern aus Silber steckten noch die abgebrannten Stummel schwarzer und roter Kerzen.
Kerzen! Tharas Blick huschte hin und her zwischen den Kerzenstummeln und der Dunkelheit in dem Treppenhaus. Sie würde Licht benötigen, aber diese abgebrannten Reste würden ihr nicht weiterhelfen. Da fiel ihr Blick auf ein zu einem Bündel zusammengeschlagenen Tuch, das am Fuß des Altars lag. Vorsichtig klappte sie den modrigen Leinenstoff auseinander und ein freudiges Lächeln huschte über ihr ausgezehrtes Gesicht. Endlich hatte sie tatsächlich einmal Glück – in dem Bündel befanden sich mehrere Ersatzkerzen für den Altar!
Thara nahm eine der Kerzen heraus und wickelte die anderen vorsichtig wieder ein, so dass sie sich das Bündel unter den Arm klemmen konnte. Die Kerze hielt sie vor sich und konzentrierte sich. Im ersten Moment geschah nichts, ganz im Gegenteil, Thara hatte fast das Gefühl, sie würde gleich die Besinnung verlieren, so erschöpft war sie – das magische Entzünden einen kleinen Kerzenflamme überstieg beinahe ihre Kräfte.
Aber nur beinahe. Nach ein paar Sekunden flackerte die Kerze auf. Thara seufzte erleichtert und hob den Kopf. Sie fühlte sich schwach und zerschlagen, es gab kaum eine Stelle ihres Körpers, die nicht schmerzte und sie war so müde, dass sie wohl eine Woche lang hätte schlafen können – aber das alles musste warten, bis sie die anderen wiedergefunden hatte. Bis sie Arzu wiedergefunden hatte…
Ohne zu zögern erklomm Thara die Treppenstufen und trat in die Dunkelheit.

Arzu
25.02.2024, 21:04
Perfekte Stille herrschte in der kleinen Kammer. Eine Stille, die nur durch das gleichmäßige Atmen ihrer einzigen Bewohnerin unterbrochen wurde. Arzu saß gegen eine Wand gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt und den Kopf gegen den kühlen Stein gedrückt. Das dunkle Loch, in welches Thara gerissen worden war, hatte die Schwarzmagierin stets im Blick. Genauso wie die Tür. Weniger aus Furcht, sondern vielmehr in Ermangelung anderer Dinge. So einsam hatte sich Arzu zuletzt gefühlt, als Yarik dem Monster im Sumpf zum Opfer gefallen war.
Der Gedanke daran, setzte eine ganze Kette in Bewegung. Überall wohin Arzu ging, verfolgte sie der Tod. Sie selbst blieb stets unversehrt, dafür hatten andere weniger Glück. Die Frauen in Stewark, der Barde Brandon, dann Yarik, Sinistro und nun auch Thara. Statt einer Schwarzmagierin war Arzu vielmehr eine Priesterin des Todes. Würde sie als nächstes diesem Fluch anheim fallen? Oder würde sie jemand auf wundersame Weise aus dieser Misere retten, nur um später auch zu Tode zu kommen?
Es war eine gefährliche Angelegenheit, allein mit den eigenen Gedanken eingesperrt zu sein.

Thara
26.02.2024, 13:46
Schon nach wenigen Schritten fand sich Thara von völliger Finsternis umhüllt. Lediglich der Schein ihrer Kerze spendete ein wenig Licht, um ihre nächste Umgebung zu erhellen, aber es kam ihr vor wie ein Funke in einem Meer aus Dunkelheit. Die Flamme tanzte und flackerte und hin und wieder wirkte es, als würde sie kurz davorstehen, zu verlöschen, was Thara jedes Mal ein wenig in Angst versetzte – denn sie war sich nicht sicher, ob sie noch einmal die Kraft aufbringen konnte, den Docht wieder brennen zu lassen, ausgelaugt und erschöpft, wie sie war…
Es war still im Treppenhaus. Nichts rührte sich, die einzigen Geräusche wurden von Tharas nackten Füßen auf den rauen, steinernen Stufen verursacht. Die schwarzen Wände waren von einer dünnen Schicht Feuchtigkeit überzogen, die Luft war klamm und es roch nach nassem Gestein.
Und die Treppe schien nicht enden zu wollen…
Thara setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, Stufe um Stufe schleppte sie sich weiter nach oben. Immer wieder musste sie eine Pause einlegen, wobei sie sich jedoch zwang, stehen zu bleiben und sich höchstens gegen die Wand zu lehnten – wenn sie sich hinsetzen würde, dann fürchtete sie, nicht mehr aufstehen zu können. Schweiß rann ihr von der Stirn vor Anstrengung, und dennoch fror sie und zitterte in ihrem nassen Kleid, das an ihrem ausgemergelten Körper klebte und dem noch immer der Gestank des müllfressenden Monsters anhaftete.
Der Gedanke, sich einfach hinzulegen und die Augen zu schließen, sich der Erschöpfung hinzugeben und zu schlafen, selbst auf die Gefahr hin, nie wieder aufzuwachen, wurde immer verlockender. Aber Thara weigerte sich, dem nachzugeben. Egal wie sie sich fühlen mochte, ihre Situation hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie war frei!
Selbst wenn Meratons Goblins inzwischen wussten, dass sie sich nicht mehr in der Zelle befand, würden sie vermutlich annehmen, dass das Monster sie gefressen hatte. Damit war sie die Einzige, die den anderen vielleicht helfen konnte. Sie musste versuchen, ihre Gefährten zu befreien – Arzu zu befreien! –, und dabei durfte sie keine Zeit verlieren. Denn wer wusste schon, wie lange das Müllmonster wartete, bis es die Zellen erneut auf der Suche nach Beute mit seinen Tentakeln abtastete, oder was die Goblins mit ihren Gefangenen vorhatten? Angetrieben von diesen Gedanken, erklomm Thara weiter die endlose Treppe.
Stufe… um Stufe… um Stufe…

Thara hielt inne. Kam ihr das nur so vor, oder war sie an diesem Riss in der Wand schon einmal vorbeigekommen? Unsicher schaute sie hinter sich, aber sie sah nur dasselbe, was sie seit gefühlten Stunden sah: Treppenstufen, und dahinter undurchdringliche Dunkelheit.
Aber dieser Riss…
Sie hob die Kerze und nahm ihn genau in Augenschein. Auf den ersten Blick nichts weiter als ein Riss im Gemäuer, wie er in so einer alten Struktur, wie es das Kastell sein musste, nicht unbedingt ungewöhnlich war. Aber die Form, wie er verlief, diese S-artige Krümmung… Thara wurde einfach das Gefühl nicht los, dass sie genau diesen Riss schon einmal gesehen hatte! Und was war das? Sie trat näher heran und tastete behutsam die Ränder des Spalts ab, bis sie plötzlich etwas weiches, glitschiges spürte und reflexartig die Hand zurückzog. Bewegte sich da etwas in dem Riss? Sie sah noch einmal genauer hin und entdeckte schließlich dünne, schwarze Fäden, die zunächst kaum zu erkennen waren, die sie aber jetzt, wo sie wusste, worauf sie achten musste, fast überall entdeckte. Sie kamen aus dem Riss und zogen sich über die umgebende Wand wie Adern, voller Verästelungen und Verzweigungen. Hier und da bildeten sie kleine Knoten oder Zysten, die hin und wieder zuckten und pulsierten. Sofort kam Thara das Müllmonster in den Sinn – ob diese seltsamen schwarzen Fäden irgendwie ebenfalls Teil dieses Organismus waren?
Vorsichtig stupste sie eine der Zysten an – und bereute es sofort. Die kleine schwarze Kugel platzte unter der noch so geringen Berührung mit einem leisen, fleischigen Plopp auf und schleuderte ihr eine Wolke feinen Staubes ins Gesicht. Thara hustete und keuchte, als ihr die Partikel in Mund und Nase gerieten. Ihre Augen tränten. Sie taumelte einen Schritt zurück und brauchte einen Moment, bis sie wieder anständig Luft holen und etwas sehen konnte.
Oh, du dummes Mädchen, nichts anfassen… nichts anfassen!, schalt sie sich selbst, Einfach weitergehen!
Zum Glück hatte sie es irgendwie geschafft, trotz allem ihre Kerze nicht verlöschen zu lassen, und so beeilte sie sich, von dem Riss und den seltsamen Gewächsen fortzukommen. Weiter die Treppe hinauf, hinauf, hinauf…

Thara
27.02.2024, 00:11
Es ist nicht derselbe Riss…
Das kann nicht sein!
Nicht schon wieder!
Es ist…
Thara blieb schwer atmend stehen und starrte unverwandt auf den verfluchten Riss. Als könnte sie ihn durch pure Willenskraft dazu bringen, nicht diese eindeutige, S-förmige Krümmung zu haben, nicht diese kleine, herausgeschlagene Ecke an genau dieser speziellen Stelle... Aber so sehr sie es sich auch wünschte, sie konnte die offensichtliche Tatsache nicht verdrängen:
Es war derselbe Riss.
Mindestens zum vierten Mal!
„Wie?“, winselte sie, „Warum?“
Ihre Kerze war bereits zur Hälfte heruntergebrannt. Immer wieder tropfte heißes Wachs auf ihre Finger, aber das nahm sie kaum noch zur Kenntnis. Sie sah hinter sich, vor sich – die Treppe sah genauso aus wie schon seit Stunden. Einige wenige Stufen in beide Richtungen konnte sie erkennen, und dann nur völlige Dunkelheit.
Aber wie konnte es sein, dass sie immer wieder an derselben Stelle vorbeikam? War sie in einer Art Schleife gefangen, oder gaukelte ihr das Mondkastell nur etwas vor? Und vor allem – wie konnte sie dem entkommen?
Thara wusste nicht genau zu sagen, in welchen Abständen der Riss immer wieder auftauchte, aber es war nicht allzu viel Zeit, die jeweils verging. Meist legte sie eine oder zwei kurze Pausen ein, bevor sie den Riss wieder passierte. Waren das fünf Minuten? Zehn? Sie überlegte. Vielleicht war die Schleife… zeitgebunden? Wenn sie es schaffte, schneller zu sein, schneller als die Schleife – vielleicht konnte sie dem Riss gewissermaßen davonlaufen?
Thara atmete ein paar Mal tief durch, während sie die Zweifel daran zu verdrängen versuchte, dass sie in ihrem Zustand dazu überhaupt noch in der Lage wäre – dann rannte sie los. Zuerst nahm sie sogar jeweils zwei Stufen auf einmal, aber das musste sie nach kurzer Zeit aufgeben. Trotzdem erklomm sie die Treppe nun so schnell sie konnte. Es dauerte nicht lange, bis ihr Atem rasselte wie bei einem alten Sumpfkrautjunkie und es sich anfühlte, als hätte ihr jemand glühende Dolche in die Lungen gestochen, aber sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, nicht anzuhalten. Weiter, weiter, schneller… schneller! Die Treppenstufen flogen geradezu unter ihr weg…
Und da war der Riss wieder.
Aber etwas war anders – die schwarzen Fäden, sie waren dicker und zahlreicher geworden! Eine kleine Veränderung und eine, von der Thara nicht so recht wusste, was sie davon zu halten hatte, aber immerhin eine Veränderung, und das genügte ihr. Sie hielt nicht an, lief einfach weiter. Egal wie schwierig es wurde, egal wie sehr ihr Körper dagegen protestierte. Mit einer Hand die empfindliche Kerzenflamme schützend, zwang sie sich, weiter Stufe um Stufe zu nehmen. Ihre Beine wurden immer schwächer, ihre Schritte unsicherer, sie keuchte und rang nach Luft, während ihr Sichtfeld anfing, sich einzuengen – Thara ignorierte all das, blendete es aus. Sie hatte vor langer Zeit schon gelernt, dass ihr Geist und ihr Körper keine Einheit bilden mussten. Wie damals in der kleinen Hütte ihrer Eltern im Armenviertel, wenn die Dinge, die man ihr antat, zu unerträglich wurden, war es, als hätte sie die Grenzen ihrer physischen Existenz hinter sich gelassen und auf den Zuschauerrängen Platz genommen. Ihr Körper war nur noch eine leere Hülle und sie sah sich selbst dabei zu, wie sie, inzwischen mehr taumelnd als rennend, sich weiter die Treppe hochmühte. Der Schmerz und die Erschöpfung waren weit weg, nur dumpfe, beinahe vergessene Gefühle irgendwo im hintersten Winkel ihres entkörperlichten Bewusstseins…
Der Riss, schon wieder! Aber die seltsamen Wucherungen hatten erneut zugenommen!
Weiter! Weiter…!
Schwärze explodierte vor Tharas Augen. Nicht die Dunkelheit um sie herum, sondern schwarze Flecken, die sich wie auslaufende Tinte über ihr Sichtfeld ergossen. Ihre Beine gaben einfach nach und sie knallte mit den Knien auf die Stufen. Sie spürte es kaum noch. Auch ihre Dissoziation konnte sie nicht davor bewahren, dass ihr Körper einfach abschaltete. Es war zu viel gewesen, einfach zu viel.
Mitten im Lauf verlor Thara das Bewusstsein und rollte die Treppe wieder herunter.

Olivia Rabenweil
27.02.2024, 21:53
Die Goblins hatten ihre Gefangenen nach ihrem kläglichen Sieg und der Rückkehr ins Mondkastell getrennt. Die kleinen Zellen, in die sie sie geschmissen hatte, weckte ungute Erinnerungen an den Thorniara Kerker, in dem sie viel zu lange gesessen hatte. Die Enge hätte zusammen mit der Finsternis für beklemmende Gefühle sorgen müssen, doch Olivias Gedanken kreisten einzig darum, wie es nun mit ihr weiter gehen sollte. Nie wieder hatte sie sich so ausgeliefert fühlen wollen. Besonders, da ihr wieder die Magie genommen wurde. Also lag es nun an ihr, aktiv eine Entscheidung zu treffen, dieser Situation zu entkommen.
Vermutlich entschied sie sich für die schlechteste…
Laut und unerbittlich rief sie nach den Goblins in der Hoffnung einen der Wächter auf sich aufmerksam zu machen. Auch hämmerte sie gegen die feste Tür. Die Handflächen glühten schon bald von den heftigen Schlägen und sie spürte ein Brennen in Hals. Warum bequemte sich denn keiner dieser pockigen, kleinen Kreaturen?
Als Olivia frustriert die Hände sinken ließ, öffnete sich die Tür. Sie fühlte sich vorgeführt und stemmte verärgert die Hände in die Hüften. Das kleine Männlein, welches nun mit einer flackernden Funzel in der Hand vor ihr stand, wäre ganz nach Fußßies Geschmack gewesen – im wahrsten Sinne des Wortes. Es war leicht untersetzt und besaß eine speckig glänzende Haut. Zu schade, dass der Tausendfüßler nicht in der Nähe war.
»Was machst du so’n Krach?«, schnarrte der Goblin sie an. »Glaub‘ ja nicht, dass ich dir was zu Fressen gebe.«
»Mier verlangt es auch gar nicht nach etwas Essbaren«, - Lüge - erwiderte Olivia kühl, »Ich will deinen Herren Meraton sprechen. Ich weiß wie die Artefakte funktionieren!«
»Waaas? Was laberst du? Der weiß das selber!«, keifte der kleine Goblin zurück. Deutlich war ihm anzusehen, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte, wovon die Schwarzmagierin sprach.
»Wenn dem so wäre, leben wir nicht mehr. Und wenn er erfährt, dass du weißt, dass ich es weiß und ihm nicht sagtest, dass du es weißt, weiß ich, dass du dann auch nicht mehr lange zu leben hast.«
Eine unangenehme Stille entstand, während der überforderte Kerkerwächter ihre Worte für sich in verständliche Happen zerlegte. Es gab also nicht nur in Thorniara einfach gestrickte Schlusen. Olivia beobachtete geduldig, wie sich seine Lippen beim Denken bewegten, bis er schließlich zu der Erkenntnis kann, dass er nicht die Verantwortung für Dinge tragen wollte, die er nicht verstand.
»Na gut«, grunzte er und rief schnell drei Kameraden herbei, die nun als Eskorte dienen sollten. In schwere Eisenketten gelegt, trat Olivia vor die Zellentür.
»Ich brauche die Mädchen!«, wies sie die Goblins an.
»Nein!«
»Doch!«
»Du gibt’s hier keine Befehle!«
»Und du wirst Meraton erklären, warum ich es ihm nicht zeigen kann!«
Grunzend und keifend wurden mehr Ketten und mehr Wachen herbeigebracht.
Schlussendlich öffnete sich eine weitere, ungastliche Zellentür. Das Licht der Funzel vertrieb die Finsternis in der kleinen Kammer nur langsam. Es fiel wenig schmeichelnd auf eine kauernde Figur, die auf dem Boden der leeren Zelle hockte.
»Arzu? Wo ist Thara?«

Arzu
27.02.2024, 22:44
Von den eigenen Armen umschlugen, saß die Schwarzmagierin in der Ecke. Immer noch hatte Arzu Tür und Loch genau im Blick. Sie suchte vergeblich nach einem Weg aus der Zwickmühle. Die schwere Tür bekam sie nicht von innen auf und in das Loch - selbst wenn sie es gewollt hätte - passte sie nicht hinein. Vielleicht in einigen Wochen, wenn sie ihre perfekte Figur eingebüßt hätte. Es war in der Tat der Tiefpunkt ihrer bisherigen Reise.
Dann öffnete sich auf einmal die Tür und Olivia stand im Raum. Im ersten Augenblick wusste Arzu nichts mit dieser neuen Begebenheit anzufangen. Sie hatte sich so sehr darauf fokussiert, wie sie die verflixte Tür aufbekommen könnte, dass ihr diese Tatsache nicht so recht in den Kopf wollte. Schließlich riss sich die Schwarzmagierin zusammen und sprang auf die Beine. Erst jetzt entdeckte Arzu die Goblins hinter Olivia und die schweren Ketten an ihrer Begleiterin. Für einen Moment dachte die Schwarzmagierin darüber nach, ob es sich um eine Finte handelte. Sie traute Olivia immer noch nicht so recht über den Weg. Natürlich hatte sie an ihrer Seite gegen die Schar von Golbins gekämpft. Doch was hieß das schon?
»Thara?«, wiederholte Arzu argwöhnisch. »Thara ist tot. Sie wurde von dem Monster gefressen.« Sie deutete auf das finstere Loch im Boden. Inständig hoffte die Varanterin, dass ihre Vermutung falsch war. So oder so war es klüger, vor den Golbins - und eventuell auch vor Olivia - die Scharade aufrecht zu erhalten. Wenn Beliar ihnen geneigt war, hatte er das dürre Mädchen geschützt.
»Wo sind denn die Jungs geblieben?«, fragte Arzu. »Ich dachte, die sind bei dir untergekommen!?«

Olivia Rabenweil
27.02.2024, 23:45
»Nein, sie wurden auch woanders hin verbracht. Nicht schlimm, wie ich denke.«
Ein Goblin stieß ihr seinen Speer in den Rücken. Also trat sie einen Schritt zur Seite. Zwei Goblins drängten sich an ihr vorbei und hielten auf Arzu zu. Sie trugen Ketten in den Händen. »Die Männer haben ihre Kampfkraft verloren.« Olivia hatte viel von dem, was die Männer im Kampf gesagt hatten, nicht verstanden, doch dass ihre Feuerstöcke ihren Zauber verloren hatten, das konnte sie sich aus dem Kontext erschließen. Zwar besaßen sie kräftige Körper, doch gegen einen Dämon halfen solche bekanntlich wenig.
»Ich habe den Wachen erklärt, dass wir kooperieren wollen und Megaton die Artefakte erklären müssen, damit er sie verstehen kann. Natürlich eine Lüge, die nur den Zweck verfolgte, uns aus den Zellen zu bekommen«, sagte sie zu der jungen Frau in ihrer Muttersprache, in der Hoffnung, dass sie ihre Herkunft nicht falsch eingeschätzt hatte. »Wir haben nicht viel Zeit uns was zu überleg…«
»Hey! Kein Gemurmel!« Der Wächter piekte sie dieses Mal mit der Spitze des Speeres. Olivia warf Arzu einen vielsagenden Blick zu.
»Schade um das Mädchen!«

Arzu
28.02.2024, 00:49
Einen Moment lang starrte Arzu die Frau perplex an. Unter dem grässlichen Aussehen und dem merkwürdigen Geruch verbarg sich etwas Vertrautes. Ausgerechnet hier hatte sie nicht damit gerechnet, auf eine Landsfrau zu treffen. War Olivia etwa auch einst dem Ruf des Kastells gefolgt und von Varant bis hierher gereist? Ein immenser Zufall gewiss. Bis sich Arzu daran erinnerte, dass das Kastell nicht immer auf Argaan gestanden hatte. Vor allem wusste Arzu nicht, wie lange Olivia bereits im Mondkastell verschollen gewesen war. Womöglich lange genug, dass sie einst in Varant den Weg in das andere gefunden hatte. Große Neugierde überkam die Schwarzmagierin. So wie es aussah, hatte jeder Bewohner des Kastells eine merkwürdige Hintergrundgeschichte. Jeder, außer Arzu. Sie kam sich erschreckend normal vor.
»Möge sich Beliar ihrer annehmen!«, antwortete Arzu. Ohne Widerstand zu leisten, ließ sich die Schwarzmagierin ebenfalls in Ketten legen. Die Goblins waren zwar tumbe Wesen, doch so dumm sie ohne Fesseln zu lassen, waren sie auch wieder nicht. Kein Süßholzraspeln würde daran etwas ändern. Und bei dem Gedanken daran, lief es Arzu auch kalt den Rücken herunter.
Zwei ihrer Wächter führten sie aus der Kammer heraus, während die beiden anderen hinter ihnen herschlenderten.
»Ich hoffe, du hast eine Idee.«, flüsterte Arzu in Varantisch zu Olivia herüber.

Olivia Rabenweil
03.03.2024, 13:06
»Nein«, antwortete Olivia und schon ertönte von hinten erneut das Quaken der Goblins: »Kein Gemurmel!« Beide Frauen bekamen die Speere in den Rücken. Dieses Mal die schartigen Spitzen, die war keinen Schaden anrichteten, besonders aus Olivias altem Lederpanzer nicht, aber immerhin unterstrichen, dass ihre Wächter ihrem Verbot bei weiterer Missachtung, andere Seiten aufziehen wollten.
So ließen sich die Gefangenen still aus den Katakomben führen, während um sie herum die kleinen Kreaturen fleißig schnatterten.
»De Bosss is in a muud, yu’ll szi!«
Ein gackerndes Lachen antwortete: »Ei bett, hi’ll iet thäm e’life.«
»No, noo! Börn O’lif’ja a‘life änt täke de osers äs hiss pets.«
»…orr take de görl for pettin’ änt börn de räst!«
Allgemeines Gelächter.
Olivia zog nur schweigend eine Augenbraue herauf und blickte stumm zu Arzu. Erheiterte Häscher waren bekanntlich nie eine gute Prognose. Ihre gackernden, kreischenden Stimmen klingelten in den Ohren. Da wünschte sie sich fast die emotionslosen Thorniara Milizionäre zurück.
Die Stufen wirkten im Mondkastell viel zahlreicher als im Kastell auf Argaan, dennoch waren es vermutlich dieselben, nur das Olivia erschöpfter war. Ein wenig war sie erleichtert wieder in diesem ehrwürdigen Gemäuer zu sein. Das Kastell war wohl der letzte au dieser Erde verbliebene Platz an dem sie sich geborgen fühlte. Heimat.
Sogar hier, in dem verzerrten Mondkastell. Auch wenn hier das Portal zur Bibliothek gestört war und es daher keinen Zugang zum größten Schatz des Kastells gab. Keinen Zugang zu ihrer Rettung, davon war Olivia seit Jahren (?) überzeugt.
Sie sah an sich herunter, auf ihre schwieligen Hände, auf die zerschlissene Kleidung. Wie lange war sie nun eigentlich schon hier? Zu lange, das war sicher…
Der kleine Trupp hatte das Erdgeschoss des ehrwürdigen Baus erreicht. Das Kastell ließ sich, stolz wie es war, kaum etwas von der Goblinbesetzung anmerken. Seine Gänge zierte derselbe Schachbrettboden, die Wände das sanft pulsierende goldene Band. Hier und da eine kleine Statue in einer Nische oder die Gedanken zerfetzende Kunst an den Wänden.
Die Zirkelmitglieder konnten diesen erbaulichen Anblick jedoch nur kurz genießen, da sie schon gleich wieder abbogen und sich sofort in der Vorhalle des Thronsaals befanden. Die von herrschaftlich erscheinenden Säulen getragene Gewölbedecke pries in imposanten Deckengemälden die Herrlichkeit des Dunklen Gottes. Die Szenen zeigten all seine Aspekte, um den Betrachter mit seiner Alleinheit in Berührung zu bringen. Wobei… Olivia kniff die Augen zusammen, um ihren Blick zu schärfen. Hätte zeigen sollen, traf es konkreter. Das hier ungewohnt schwache Licht der leuchtenden Kristalle zeigte, dass sich ein eigenartiger dunkler Schleier über die Deckenfresken gelegt hatte. Hatten die Dummen Goblins hier Feuer entzündet, die die gesamte Decke eingerußt hatten? Nein… da war etwas anderes? Ein Geflecht, ein Mycel? Schwarze Adern?!
Sie kam nicht mehr dazu, diese Anomalie weiter zu ergründen. Wieder rammte sich ihr ein Speerschaft in den Rücken und sie wurde vorangetrieben, von kleinen Goblins, die anscheinen keine Geduld mehr besaßen.
Den Thronsaal zu betreten sollte ein erhabenes Gefühl für jeden Anhänger Beliars darstellen, doch zu sehen, was der Goblindämon Meraton darus gemacht hatte, war nicht erhaben, nur beleidigend!
Die Goblins hausten hier wie – Goblins! Essensreste, Lumpen Trümmer und Dreck jeglicher erdenklichen Art besudelte die erhabene Halle. Das fünfschiffige Gewölbe wurde von schlanken, imposant aufragenden Säulen getragen. Diese waren in vier Reihen angeordnet, von denen sich je zwei, leicht versetzt, zu jeder Seite des Eingangportals befanden. Sie rahmten die Sicht des Besuchers respektheischend ein, wären zwischen ihnen nicht goblinische Abfälle und Schlafmöglichkeiten gespannt und verteilt gewesen. Olivia wollte sich gar nicht vorstellen aus was diese improvisierten Hängematten alles zusammengebaut waren. Konnte sie dort einen der roten Läufer aus dem ersten Stock erkennen oder war es gar die abgezogene Haut eines anderen Goblin? Staub uns Schimmel machten das Erkennen unmöglich.
Die Säulenhalle wurde am Ende durch zwei große, über die gesamte Breite des Raumes laufende Stufen begrenzt. Dahinter öffnete sich, durch die Stufen leicht erhöht die Apsis mit dem durch weitere Säulen abgetrennte Umgang. Hier schmückten nur teuerste Marmore und Obsidiangestein die Einzigartigkeit dieses Ortes. Unter all dem Unrat und der Hinterlassenschaften der Besatzer waren immer noch blau schimmernde und silbrig funkelnde Mineraladern in den polierten Gesteinsoberflächen zu sehen. Dahinter zeigten sich im Zwielicht die acht Seitenapsiden, die den acht Aspekten Belairs besondere Huldigung schenkten, doch hier mit irgendwelchem Gerümpel vollgestopft worden waren.
Auch hier erwartete Olivia einen beeindruckenden Und das Wesen ihres Gottes unterstreichende Deckenkunst, doch es gähnte nur eine lichtlose Schwärze.
Ruß und Dreck, wie im Rest des erhabenen Thronsaals, das eigenartige Geflecht oder gar Beliars gewollte Finsternis? Sie mochte es nicht zu sagen.
Nach ihrem letzten Gespräch ließ sich Olivia nun wieder dazu verleiten einen Blick zu Arzu zu werfen, die die gesamte Seit über neben ihr hergeführt wurde. Wie das Mädchen über den Thronsaal dachte und ob sie sich über dessen Verunglimpfung ärgerte oder es ihr gleich war, wie diese Unkreaturen mit dem Sitz ihres Gottes angestellt hatten, konnte Olivia in diesem kurzen Augenblick nicht erkennen.
»Oliviaaar«, schnarrte es mit einem süffisanten Unterton durch den Raum. Das Angesprochene hob den Blick. In all dem Unrat war der Thron des Thronsaals, auf dem ein übergroßer, sehr massiger Goblin saß, bisher kaum aufgefallen. Auf seinem aufgedunsen erscheinenden Kopf trug er eine viel zu klein wirkende Krone, die wohl mal für ein Menschenhaupt entworfen wurde, nicht für den Eierkopf des Dämons. Er fläzte mehr, als dass er saß und kratze sich gerade in einer ekelerregenden und gleichzeitig Überlegenheit demonstrierenden Geste den pockigen Arsch.
»Dass ich dein hübsches Antlitz noch einmal erspähen darf. Gut siehst du aus!«, begrüßte er sie beinahe freundlich. Sie beide wussten, dass es eine Farce war. Sie schwieg und lediglich in einer kaum merklichen Bewegung das Kinn.
»Ich hatte dir vor langer Zeit einen Auftrag gegeben, doch Vabin erfreut sich immer noch unangenehmer Organigheit… Organität… Originalität? Ach… was weiß ich! Er ist nicht versteinert!« In seinen letzten Worten ließ er die Maske der Kultiviertheit fallen und rief sie ihnen keifend und ungeschliffen entgegen. Dann hob er ruckartig die Klauenhand und zeigte in die Dunkelheit über sich. Nun, da sich Olivias Augen etwas an das schlechte Licht gewöhnt hatten, erkannte sie auch, was unter der Decke der Apsis hing. Einige rostige Käfige waren hier zu sehen. In einigen vegetierten undefinierbare Kreaturen oder deren Überreste vor sich hin. Zwischen ihnen aber, gleich an mehreren Ketten seiner Mobilität beraubt, hing der Tausendfüßler Fußßie, in Reichweite Meratons. Ihm fehlten einige der vielen Beine. Sie lagen achtlos auf dem Boden zu Meratons Füßen verstreut.
»Ich habe deinen Freund schon befragt, warum er einen einfachen Auftrag nicht erfüllen konnte.« Der hässliche Dämon hob die Hand, griff nach einem der zuckenden beine und riss es aus. Schliddernd landete es für Olivias Füßen, während die umstehenden Goblins in Zustimmung grölten und Fußßie kraftlos in seinen Ketten zuckte. Olivia beobachtete schweigend wie der Goblin, seinen Blick auf sie fixiert, erneut die Hand hob und ein weiteres Bein mit einem leisen Knacken aus dem Tier drehte. Auch dieses landete vor den Füßen der Gefangenen.
»Er antwortet aber einfach nicht…« Nun riss das Scheusal gleich mehrere Beine aus. Deine Euphorie dabei erinnerte an ein Kind, welches voll Freude reife Feigen vom Baum pflückte.
»Willst du gar nichts dazu sagen? Du sagtest, du könntest das Vieh nutzen um Vabun damit zu versteinen, Warum ist das nicht passiert?«, fragte er herausfordert, die immer noch still und stumm an Ort und Stelle stehende Olivia. »Wie es aussieht können wir dieses Spiel mit dem Tausendfüßler ja noch ungefähr tausend Mal spielen.« Ein weiteres Bein flog in ihre Richtung, während der Meraton selbst laut, in Bestärkung durch seine Lakaien, über seinen schlechten Witz lachte.
Olivia stoppte das schlitternde Bein mit der Fußspitze. »Nein, nur noch ungefähr sechshundertsiebenundreißig Mal«, antwortet Olivia, ohne jede Aufregung. »Was aber willst du damit bezwecken?«
Der Goblin stutze. Er riss ein weiteres Bein aus Fußßie und lehnte sich dann bequem auf einem Thron zurück. Mit der Spitze des Insektenfußes polkte er sich gelangweilt zwischen den schiefen, gelben Zähnen herum. »Wo ist das kleine jammernde Mädchen hin, welches mir verzweifelt anbot alles zu tun, damit sie nur wieder heim könne?«
»Weiß nicht, habe sie nicht gefragt.«
Wütend schlug Meraton mit der Faust auf die Lehne seines Throns. »Du wirst es noch büßen! Frech und wortbrüchig! Du hattest eine einfache Aufgabe! Nicht mal das hast du hinbekommen!«
Seine vor Wut glimmenden Augen richteten sich auf Arzu, die bisher gut daran getan hatte, keine weitere Aufmerksamkeit zu erregen. »Vielleicht musst du das aber auch gar nicht mehr, Olivia. Hast du mir doch Frischfleisch mitgebracht.« Er nahm sich einige Zeit die Magieradeptin von oben bis unten zu mustern. »Wie ist dein Name, Fräulein? Und was würdest du tun, um wieder nach Hause zu kommen?«

Arzu
03.03.2024, 23:09
Im Gegensatz zu Olivia verband Arzu nicht viel mit der gefolterten Kreatur. Dennoch empfand selbst sie ein gewisses Mitleid mit dem Tausendfüßler und zuckte innerlich jedes Mal zusammen, wenn ein weiteres Bein heraus gerupft wurde. Es galt sich nicht von diesen Methoden einschüchtern zu lassen! Als der Goblinkönig sich schließlich an sie wandte, hob sie stolz den Kopf und stemmte die Arme selbstbewusst in die Seiten.
»Mein Name ist Arzu! Arzu von Ishtar!«, antwortete die Varanterin. »Ist das ein Angebot, dass du mich zurückbringen kannst? Wenn ja, dann biete ich dir meine Dienste gerne an.«
»Ich brauche keine Hure!«
»Tozz fiik!«
»Was!?«
»Ich meine, was dann?«
Der fette Golbin taxierte die Varanterin, blickte dann zu Olivia hinüber und dann wieder zu Arzu.
»Du hast es doch gehört! Vabun, er ist mir ein Dorn im Auge. Ich will ihn loswerden.«
»Wo ist das Problem?«, antwortete die Varanterin, als sei nichts dabei.
»Du bist genauso ein Großmaul wie sie!«, sagte der Meraton und deutete mit einem der abgetrennten Beine des Tausendfüßlers auf Olivia. »Ich sollte euch alle in einen Kessel stecken und bei lebendigen Leib kochen!«
»Dann lässt du dir die beste Chance durch die Lappen gehen.«
Der Goblinkönig grölte vor Lachen.
»Die beste Chance! Ha! Olivia hat es bis jetzt nicht geschafft und die hatte Hilfe! Nur weil du nicht so runtergekommen bist wie sie, heißt das noch lange nicht, dass DU es besser machst.«
»Deine Goblins werden ihn jedenfalls nicht fangen.«, konterte Arzu und erntete ein lautes Schnauben als Antwort.
»Also gut. Ihr beide sollt eure Chance haben. Bringt mir Vabun. Tot oder lebendig, versteinert oder zermalmt, geschnitten oder am Stück. Das ist mir egal. Aber macht schnell.«
»Mit dem Tausendfüßler...«, fing die Schwarzmagierin an und wurde jäh unterbrochen.
»Das Vieh bleibt hier! Als Faustpfand. Für jede Stunde, die vergeht, werde ich ein weiteres Bein ausrupfen. Vielleicht auch ein paar mehr. Ist das nicht ein tolles Angebot?«
»Abgemacht!«, erwiderte Arzu. Eine andere Wahl hatten sie sowieso nicht. Die Varanterin mutmaßte, dass Meraton sie nur deshalb aus seiner direkten Kontrolle ließ, weil er der Überzeugung war, sie jederzeit wieder einfangen zu können. Vermutlich stimmte das sogar. Besser als in der Zelle festzustecken, war es allemal.
Ein lautes Knacken ließ Arzu aufmerken; Meraton hatte dem Tausendfüßler ein weiteres Bein ausgerissen.
»Los, los, los! Worauf wartet ihr?!«
Gemeinsam liefen die beiden Varanterinnen aus dem Thronsaal und hörten die schwere Tür hinter sich zufallen. Hinter der nächsten Ecke hielt Arzu plötzlich an. Die Hände auf die Knie gestützt, keuchte die Schwarzmagierin. Sie war ein wenig blass um die elegante Nase.
»Buah! Was für ein Drecksloch! Dieser Gestank!«
Von dem Moment an, als sich das Tor zum Thronsaal geöffnete hatte, musste Arzu ihren Würgereflex unter Kontrolle halten. Die Blöße hatte sie sich nicht geben dürfen. Doch viel länger hätte sie es tatsächlich nicht ausgehalten.

Olivia Rabenweil
06.03.2024, 00:39
»Deine Nase ist zu empfindlich…« sagte Olivia, während sie Ihre Hände hob, die immer noch in Ketten gelegt waren. Noch während sie das rostige Eisen betrachtete, löste es sich auf. Die Reste der Ketten fielen zu Boden und es blieb von ihnen nichts als Staub. Wie interessant, überlegte sie im Stillen. Meraton steckte immernoch voller Überraschungen, mehr als sie je erwartet hatte.
Nun wieder frei, führlte sie sich dennoch immernoch nicht vollständig. Ihre Zeit im Mondkastell, hatte sie stehts auf ihre Ausrüstung vertrauen lassen. Hrnis altes Schwert hatten ihr die Goblins aber abgenommen. Sie musste also für Ersatz sorgen. Olivia konzentrierte sich auf die Kräfte des Dunklen, hier im Mondkastell waren sie wie auch auf Argaan deutlicher fühlbar. Für einen Moment schloss sie die Augen, erinnerte sich an ihre Studien. Der Kieferknochen war der härteste Teil des Gerippes. Also überlegte sie welcher die passende Größe haben könnte. Kleine Zähne…
Vielleicht…?
Olivia beherrschte diesen Zauber immer noch nicht gut. Sie hatte ihn hier nicht viel geübt, zu sehr schmerzte die Erinnerung.
Zwischen Ihren Fingern bildete sich ein kräftiger Knochen. Langsam bildete sich daraus etwas, dass mit viel Fantasie für ein Schwert gehalten werden konnte. Die Waffe besaß einenkräftigen Rücken und eine Schnekte, die sich aus hunderten kleinen Zähnen zusammensezte. Der Tausendfüßler mit seinen hunderten Körpergliedern hatte sie zu diesem konstruktiven Kniff inspiriert.
»Also Vabun..., ich denke er wird nicht erfreut sein mich wiederzusehen. Ihr habt ihn doch getroffen, wo ist er jetzt?« Olivia ruckte plötzlich mit dem Kopf herum.
»Nein«, sprach sie genervt in die Luft. Arzu ignorierte sie nun völlig. »Nein! Es ist mit ihm nicht so, wie es sein sollte. Hier muss etwas in seine Ordnung zurückgesetzt werden!«, sprach sie energisch und zog dann den inzwischen leicht ramponierten Schädel auf ihrer Tasche. Olivia hob ihn auf Augenhöhe und setze das Gespräch mit ihm fort. »Untersteh dich! Ich spreche nicht wie eine Feuermagierin! Ordnung ist nicht der Feind des Chaos! Es ist die Grundlage! Also werden wir meinem Plan folgen, nicht deinem!« Sie atmete tief durch, schloss für einen kurzen Moment die Augen und schien schweigend aber mit steigender Wut auf etwas zu warten.
»Tzzz! Das muss ich mi nicht weiter anhören! Du bringst mich immer wieder beinahe um den Verstand!... Was sagt du? Hast du schon? Pah!« Sie verdrehte genervt die Augen und stopfte den Schädel zurück in ihre Tasche, nicht jedoch ohne darauf zu achten ihn nicht weiter zu beschädigen.
»Bist du bereit Arzu? Ich habe eine Idee, aber dafür…«, sie fasste an ihren Oberarm, »sollten wir einen alten Freund in den Katakomben besuchen. Ein paar Tentakel besorgen. Bist du bereit wieder hinabzusteigen? Oder magst du eine andere Idee vorschlagen?«

Arzu
10.03.2024, 20:32
Während Arzu sich immer noch von dem Gestank des Thronsaals erholte, beobachtete sie fasziniert, wie Olivia einen Knochen heraufbeschwor. Zuerst war sich die Varanterin nicht sicher, was genau das Gebilde darstellen sollte. Die Art und Weise, wie ihre Landsfrau es hielt, deutete auf eine primitiver Waffe hin. Ein Schwert oder eine Keule vielleicht. Es bestand kein Zweifel, dass ein Treffer davon schmerzvoll wäre.
»Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wo Vabun sich versteckt.«, erwiderte Arzu schulterzuckend. »Er ist mit dem Alten untergetaucht, als Thara und ich vor dem Brunnendämon geflohen sind.«
Die Schwarzmagierin hegte ambivalente Gefühle für den Mann aus Stein. Einerseits hatte er Thara und ihr zwar geholfen, andererseits sie aber auch im Stich gelassen, als es für ihn brenzlig wurde. Arzu gestand sich ein, dass sie es an seiner Stelle vermutlich genauso getan hätte.
Als die Varanterin gerade ihre Vermutungen äußern wollte, wo sich Vabun vielleicht versteckt hielt, begann Olivia wieder ein Selbstgespräch. Sie so zu sehen war ausgesprochen beunruhigend, denn im Augenblick war Arzu durchaus auf sie angewiesen. Beunruhigend nicht nur, weil sie überhaupt mit sich selbst sprach, sondern auch, weil der Monolog inhaltlich für Arzu keinen Sinn ergab.
Nachdem Olivia fertig mit ihrem imaginären Gesprächspartner war, wandte sie sich wieder an ihre tatsächlich existente Begleiterin.
»Tentakeln?«, wiederholte Arzu argwöhnisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du meinst hoffentlich nicht das Ungetüm, das Thara auf dem Gewissen hat?! Außer natürlich, wenn wir dem Vieh die Tentakeln gewaltsam ausreißen.«
Obwohl die Varanterin Thara nicht lange gekannt hatte, schweißte das gemeinsame Abenteuer ein Band zwischen ihnen. Sie war wie eine adoptierte Schwester. Entsprechend fühlte Arzu eine gewisse Verantwortlichkeit dem dürren Mädchen gegenüber und ihr Ableben hatte sie getroffen. Mehr als Grund genug für blutige Rache an dem Tentakelmonster!

Thara
12.03.2024, 01:06
Als Thara zu sich kam, fand sie sich völliger Finsternis wieder.
Bin ich blind?, dachte sie und tastete nach ihrem Auge, dem einen, das noch nicht bereits seit Jahren erloschen war, schon lange bevor sie…
Bevor was?
Die Erinnerungen kamen bruchstückartig zurück. Das Monster. Die Treppe. Die endlose Schleife, in der sie gefangen gewesen war. Ihr Versuch, dieser Schleife durch Davonrennen zu entkommen.
Was ist dann passiert? Wo… wo bin ich?
Thara versuchte, ihre Situation zu erfassen. Sie lag auf einem kalten, feuchten Steinboden, ihr Körper war unbequem verdreht und es gab kaum eine Stelle, die nicht wehtat. Sie stieß unfreiwillig ein leises Wimmern aus, als sie sich auf den Rücken rollte und die Beine ausstreckte. Einen Moment blieb sie einfach so liegen und atmete langsam ein und aus, versuchte, den Schmerz zu verdrängen und wieder ein Gefühl für ihren Körper zu bekommen.
Schließlich setzte sie sich unter Anstrengung auf und blinzelte. Die Dunkelheit war noch immer absolut. Sie konnte nichts erkennen, nicht einmal, wenn sie sich die Hand direkt vors Gesicht hielt. Trotzdem hatte sie ständig das Gefühl, aus dem Augenwinkel irgendetwas sich bewegen zu sehen.
„Nur Einbildung…“, flüsterte sie und erschrak beinahe beim Geräusch ihrer eigenen Stimme. Sie klang rau wie ein Reibeisen und ihr Hals kratzte schmerzhaft, ihre Zunge klebte ihr trocken am Gaumen. Wie lange war es her, dass sie etwas getrunken hatte? Sie fühlte die Nässe des Untergrunds an ihrer Handfläche und zögerte nur einen kurzen Augenblick, bevor sie versuchte, etwas von der Feuchtigkeit abzuschlecken. Das Wasser hatte einen muffigen, erdigen Geschmack und bei weitem nicht ausreichend, ihren Durst zu stillen. Sie musste eine Wasserquelle finden, irgendetwas…
Wo bin ich?, stellte sich Thara erneut die eigentlich entscheidende Frage. Da sie nichts sehen konnte, tastete sie vorsichtig ihre Umgebung ab. Links neben sich fand sie Stufen, die nach oben führten. Die endlose Treppe? Auf der anderen Seite hingegen war der Boden eben. Was war passiert? War sie wieder in dem Raum gelandet, der an die Halle mit dem Riesenmonster grenzte? Aber dann wäre es nicht so stockdunkel! Es sei denn, sie war nun wirklich vollkommen blind. Oder…
Natürlich! Thara stieß unfreiwillig ein kurzes, trockenes Lachen aus, in dem sich Verzweiflung und Belustigung auf eine absurde Art die Waage hielten. Es war so einfach! Die Schleife, in der die Treppe sie gefangen hatte – sie hätte einfach nur umkehren und wieder nach unten gehen müssen, statt zu versuchen, weiter hinaufzusteigen! Die ganze Anstrengung des Hochrennens, die Entkräftung, die Bewusstlosigkeit… all das war völlig überflüssig gewesen! Thara wusste nicht, ob sie angesichts ihrer Dummheit lachen oder weinen sollte. Oder beides zugleich…

Komm schon, reiß dich zusammen!, schalt sie sich selbst, denn mit dieser Erkenntnis stellte sich noch drängender die Frage: Wo war sie gelandet?
Sie brauchte Licht! Die Kerzen, sie mussten doch irgendwo hier liegen? Thara begab sich mühsam auf alle Viere und begann, kriechend den Boden abzusuchen, bis sie endlich die glatte, wächserne Oberfläche einer Kerze ertastete, die in einer kleinen Pfütze lag. Sie trocknete und säuberte den Docht so gut es ging und hielt die Kerze dann mit zitternden Händen vor sich. Würde sie noch dazu in der Lage sein, eine Flamme zu entzünden?
Thara schloss die Augen und konzentrierte sich. Ihre aufgerissenen Lippen bebten, als sie nach den letzten Kraftreserven in ihrem erschöpften Geist suchte, nach einer zumindest kleinen Verbindung zur Magie, die den Ort erfüllte.
„Beliar… bitte!“, flüsterte sie. Und als die die Augen wieder öffnete, flackerte eine kleine, bläuliche Flamme auf dem Docht.

Der Kerzenschein offenbarte eine Umgebung, wie sie weniger einladend kaum hätte sein können. Grob behauene Steine bedeckten den Boden und neben sich sah Thara rostige Gitterstäbe wie in einem Kerker. Dazu passend lag eine ebenfalls völlig verrostete Kette mit Hand- oder Fußschellen am äußersten Rand des Lichtkegels. Als Thara sich umdrehte, sah sie die Treppe, und kaum mehr als eine Handvoll Stufen über ihr befand sich auch der markante Riss in der Wand. Das Netz aus schleimigem schwarzem Gewebe, das aus dem Riss hervorwucherte, war wesentlich dichter geworden und zog sich in den Raum hinein. Die verästelten, wurzelartigen Fäden waren überall – die bedeckten den Boden, umrankten die Gitterstäbe. Und an vielen Stellen sah Thara auch die kleinen Blasen, die bei Berührung so leicht aufplatzten.
Was, bei Beliar, war das für Zeug? Eine Art Schimmelpilz vielleicht? Thara beschloss, dass es jedenfalls sicherlich besser wäre, sich nach Möglichkeit davon fernzuhalten. Und sie musste einen Weg nach draußen finden…

Mühsam zog sich Thara an den Gitterstäben hoch, bis sie wieder – sehr unsicher – auf den eigenen Füßen stand. Sie wartete ab, bis die Welt vor ihren Augen aufgehört hatte, sich zu drehen, und überlegte. Wohin sollte sie gehen? Wieder die Treppe nehmen? Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung der Stufen und leuchtete ins Treppenhaus – das kurz hinter dem Riss in der Wand vollkommen von dem schwarzen Gewebe zugewuchert war. Wie eine schleimige Wand aus Wurzelwerk blockierten die sonderbaren Gewächse den Weg, und auch, wenn Thara nicht wusste, worum es sich genau handelte, verstand sie doch instinktiv, dass das Gewebe für sie undurchdringlich sein würde. Die Treppe war also keine Option.
Blieb nur der Weg nach vorn, ins Unbekannte.
Ins Verließ…

Thara
12.03.2024, 10:12
Denn genau das war es – ein Verließ. Je weiter sich Thara voran wagte, um so bedrückender wurde es. Es war ein Labyrinth aus rostzerfressenen Käfigen und in die Wand eingelassenen Zellennischen, die so eng waren, dass ein Gefangener darin weder hätte anständig stehen, noch sitzen oder liegen können. Ketten hingen von der niedrigen Decke, die einzelnen Glieder zu rotbraunen Klumpen zusammengerostet, und über den Boden war immer wieder Müll verteilt – verrottende, von Schimmel überzogene Überreste hölzernen Zellenmobiliars, gelbliche Knochen und rostende Metallwerkzeuge, über deren Sinn und Zweck Thara lieber nicht nachdenken wollte. Und über alles zog sich das Geflecht aus schwarzen Fäden…
Das Verließ wirkte, als wäre es seit Jahren oder sogar Jahrzehnten nicht mehr genutzt worden, und die einzigen Geräusche, die Thara vernehmen konnte, waren ab und an das Tropfen von Wasser und ihre eigenen Schritte – sowie das Hämmern ihres Herzens, das ihr in der Stille unglaublich laut vorkam. Obwohl der Bereich verlassen schien, hatte sie das Gefühl, nicht allein zu sein, und die dumpfe Angst vor dem, was in diesem von allen Menschen und Göttern vergessenen Kerker hausen mochte, schnürte ihr die Kehle zu. Am liebsten wäre sie umgedreht, hätte es vielleicht doch noch einmal mit der Treppe versucht, aber das war keine wirkliche Option. Die Treppe hatte sie genau dort hingeführt, wo sie sie haben wollte. Sie hatte keine andere Wahl als weiterzugehen…
Nur… in welche Richtung? Wie schon mehrfach in den vergangenen… Minuten? Stunden?... stand Thara an einer Weggabelung, nachdem sie sich zwischen zwei Käfigen vorangetastet hatte. Links oder rechts? In beide Richtungen war es gleich finster. Das Verließ war ein verfluchter Irrgarten! Thara blickte über die Schulter und überlegte, ob sie den Weg zurück zur Treppe überhaupt noch finden würde. Wahrscheinlich nicht.
Sie bog nach rechts ab. Einen Grund für diese Entscheidung hätte sie nicht nennen können, aber in irgendeine Richtung musste sie schließlich weitergehen. Noch immer schwach auf den Beinen, hielt sich Thara an der Wand oder den Gitterstäben fest und schleppte sich voran.

Plötzlich tauchte in dem fahlen Licht der Kerze etwas vor ihr auf, das sie erschrocken den Atem anhalten ließ und bei dessen Anblick sich ihr sämtliche Nackenhaare sträubte: An einer Stelle, an der zahlreiche der schwarzen Fäden immer enger zusammenliefen, klebte etwas an der Wand. Es sah aus wie ein riesiger Insektenkokon, seine Oberfläche glänzte ölig-schwarz und pulsierte leicht. Und darin, eng umschlungen von dem sich verästelnden Gewebe, erkannte das Mädchen vage eine menschliche Gestalt…
Thara stand im ersten Moment wie angewurzelt da und wagte nicht, sich zu bewegen. Was bei Beliar war das? Und – was waren diese schwarzen Fäden wirklich? Erschrocken zog sie ihre Hand von dem Gitter zurück, an dem sie sich eben noch festgehalten hatte, und das von dem seltsamen Gewebe überwuchert war – genau wie alles andere hier unten…
Sollte sie zurückgehen, in die andere Richtung? Vielleicht… Thara war hin- und hergerissen zwischen zwei widerstreitenden Impulsen. Der eine wollte, dass sie auf der Stelle kehrt machte und dieses ekelhafte und mehr als nur beunruhigende kokonartige Ding so rasch wie möglich hinter sich ließ. Der andere hingegen wollte mehr wissen…
Zögerlich hob sie einen Fuß – und machte einen Schritt auf das Ding zu. Es schien zumindest nicht unmittelbar gefährlich zu sein, redete sie sich ein, und es war sicherlich besser, sie wusste, was sie hier unten erwartete. Thara war überrascht von ihrem eigenen Mut, als sie sich langsam dem Kokon näherte. Normalerweise traute sie sich doch nichts, außer, ihr ‚Begleiter‘ gab ihr einen kleinen Schubs?
Aber… Wo war der überhaupt? Sie horchte kurz in sich hinein, durchforschte die verborgenen Winkel ihres Bewusstseins, wo sie sonst die brütende Präsenz von etwas wahrnahm, mit dem sie seit langer Zeit verbunden war. Aber sie spürte… nichts! Da war nur – sie selbst… Thara blieb stehen. Eigentlich, fiel ihr auf, hatte sie ihn nicht mehr gespürt, seit sie das Mondkastell betreten hatte…
Was hat das zu bedeuten?
Ein plötzliches, leises Stöhnen aus dem Kokon ließ sie zusammenzucken und brachte sie ins Hier und Jetzt zurück. Über die unerklärliche Abwesenheit ihres dämonischen Begleiters konnte sie sich später Gedanken machen!
Sie hob ihre Kerze und betrachtete den Kokon, ohne sich noch näher heranzutrauen. Da hing tatsächlich ein Mensch in der Mitte der Ansammlung schwarzer Fäden – oder zumindest etwas, das einmal ein Mensch gewesen war... Seine Arme und Beine waren vollständig umschlossen und verschwanden in der schleimigen Masse, aber sein ausgemergelter Brustkorb und das totenkopfartige Gesicht ragten daraus hervor. Leichenblasse, beinahe durchsichtige Haut spannte sich papierdünn über die deutlich hervortretenden Knochen. Unzählige schwarze Fäden durchzogen sie wie feine Kapillare. Sein Mund war halb geöffnet und hinter den zurückgezogenen Lippen sah Thara zahnloses, faulig-schwarzes Zahnfleisch und eine gelbliche Zunge, die sich träge in der Mundhöhle wand wie eine fette Made in einem Kadaver. Der Brustkorb hob und senkte sich unmerklich. Lebte er etwa noch? Lebte, und… atmete? Noch verstörender war, was sich oberhalb der zu zwei schmalen Schlitzen zerfressenen Nase befand: Dort, wo die Augen sein sollte, wuchhs auf Gesicht und Stirn des Opfers ein unförmiges, fleischiges Objekt, das aussah, als wäre es irgendwie nach außen gestülpt worden. Ein wenig erinnerte es Thara an einen Baumpilz…
Ein Pilz! Natürlich! Das musste es sein – dieses schwarze Zeug, diese verästelten Fäden – kein Wunder, dass sie sich irgendwie immer an Schimmel erinnert gefühlt hatte! Es war so etwas wie Schimmel, das Myzel eines riesigen Pilzes, und dieser ‚Kokon‘, dieses Ding da vor ihr, das war es, was dieser Schimmel anrichtete mit…
„Oh Beliar…“ – Thara schlug die Hand vor den Mund, erschrocken von dem Geräusch, das sie selbst verursacht hatte. Zugleich hatte sie das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie taumelte rückwärts und wäre vielleicht hingefallen, wenn sie nicht gegen eine Wand gestoßen wäre. Voller Entsetzen starrte sie auf den ‚Kokon‘.
Dieses kleine Bläschen, das sie im Treppenhaus zum Platzen gebracht und das sie ihr eine Art Staub ins Gesicht geschleudert hatte – wenn das nun die Sporen dieses Pilzes waren? Wenn sie bereits in ihr waren, begonnen hatten, in ihrer Lunge zu wuchern und zu wachsen…
Wenn ihr… das blühte?
„Nein…“, flüsterte sie, „Nein!“ Tränen traten ihr in die Augen und sie spürte, wie sie in einen Abgrund reiner Panik zu stürzen begann. Ihre Kehle war wie zugeschnürt und ihr Sichtfeld verengte sich, bis sie nur noch dieses grausam entstellte Gesicht des vom Pilz zerfressenen und doch noch irgendwie lebenden Mannes vor ihren Augen hatte.
„Nein…“
Thara biss sich so stark in die eigene Hand, dass sie den kupfernen Geschmack ihres Blutes auf der Zunge spürte. Der plötzliche Schmerz half ihr, wie ein Rettungsanker, an den sie sich klammern konnte, bevor die Panik endgültig von ihr Besitz ergriff. Sie durfte nicht die Kontrolle über sich verlieren, nicht jetzt! Und sie musste fort von hier!
Thara wandte sich von dem grauenhaften Kokon ab und lief los. Sie taumelte von einer Seite zur anderen, stieß immer wieder gegen die Wand, schaffte es aber irgendwie, auf den Füßen zu bleiben und den Kokon gnädigerweise in der Dunkelheit hinter sich zurückzulassen.

Und so sah sie nicht, wie ein Zittern durch die schwarze Masse ging, der aus Myzel geformte Kokon Stück für Stück aufriss und stinkende, eitrige Flüssigkeit sich aus ihm ergoss, als der Pilzwirt erst einen Arm freikämpfte, dann ein Bein, den zweiten Arm, das andere Bein, und seine ersten unsicheren Schritte machte. Kurz stand er da, zuckend, wie von Krämpfen und Spastiken geschüttelt, hieb mit seinen wie Klauen gekrümmten Fingern in die Luft und legte den Kopf in den Nacken. Er gurgelte Schleim und Galle, seine eiterüberzogene Zunge rollte in der aufgerissenen, fauligen Wunde seines Schlundes umher wie ein fetter, blinder Wurm. Dann stakste er los.
Immer dem Geräusch nackter Füße auf kaltem Stein hinterher…

Thara
30.03.2024, 13:10
Sie stolperte, konnte sich gerade noch an der Wand abstützen, um nicht hinzufallen. Das Kerzenlicht flackerte gefährlich, und Thara durchstand Sekunden wachsender Panik, in denen sie befürchtete, dass ihr einziges Licht erlöschen würde. Sie wusste nicht, ob sie noch die Kraft aufbringen könnte, es wieder zu entzünden.
Sie war so müde… so unglaublich müde…
Die Flucht vor dem widerlichen Pilzkokon hatte an ihren mehr als spätlichen letzten Kraftreserven gezehrt. Wie lange musste, wie lange konnte sie noch durchhalten? Ihre Füße fühlten sich bleischwer an und sie war kaum noch in der Lage, die Beine zu heben. Sie schlurfte nur noch den finsteren Gang entlang, Schritt für Schritt.
Aber wohin? Sie hatte die Orientierung längst verloren. Ein wenig wunderte sie sich selbst darüber, dass ihr diese Tatsache keine größeren Sorgen bereitete. Sie nahm es einfach als gegeben hin. Ihre Erschöpfung war zu groß, als dass sie noch zu mehr als dumpfer Resignation im Stande gewesen wäre…

Thara lehnte sich gegen die Wand, egal wie sehr diese vom Pilzgeflecht überzogen war. Allein aus eigener Kraft zu stehen war ihr mittlerweile fast unmöglich.
„Arzu… Es tut mir leid!“ Sie ließ den Kopf hängen, als sie erkannte, dass sie Arzu für den Moment im Stich lassen musste. Aber sie konnte einfach nicht weiter. Sie war am Ende. So sehr sie sich auch zwingen wollte, weiterzugehen – ihr Körper versagte ihr den Dienst. Sie brauchte eine Pause, zumindest eine kleine. Ein wenig Schlaf. Nur ein paar Minuten… nicht mehr…

Von dem Gang, in dem sie sich befand, zweigten links und rechts Reihen von Gefängniszellen ab. Die schweren, eisenbeschlagenen Eichenholztüren waren längst verrottet und nicht mehr als schwarze, matschige Späne und verrostete Beschläge, die in den Angeln hingen und mit diesen zu rotbraunen Klumpen verschmolzen waren. Mit der letzten Kraft, die sie aufbieten konnte, schleppte sich Thara in die nächstgelegene Zelle und ließ sich seufzend in einer der Ecken auf den Boden nieder. Der festgestampfte Lehm war kalt und feucht und sie fror ohnehin schon erbärmlich, aber allein, dass sie sitzen konnte, erschien ihr wie die größte Wohltat, die sie sich hätte wünschen können. Sie streckte die Beine aus und überlegte kurz, was sie mit der Kerze tun sollte. Das Licht löschen? Aber was, wenn sie dann stunden- oder tagelang einfach schlief? Sie durfte nicht zu viel Zeit vertrödeln!
Statt die Flamme zu ersticken, platzierte Thara die Kerze sicher zwischen ihren Händen in ihrem Schoß. Falls das Licht zu weit herunterbrannte, würden das heiße Wachs oder die Flamme selbst sie wecken. Damit verlor sie zwar ein Stück der Kerze – der einzigen Kerze, die sie noch hatte –, aber dieses Risiko musste sie eingehen. Besser so, als zu lange zu schlafen, so dass sie am Ende vielleicht zu spät kam, um Arzu, Olivia und all den anderen noch zu helfen…
Thara lehnte den Kopf gegen das Mauerwerk, schloss die Augen und war praktisch auf der Stelle eingeschlafen.

Arzu
30.03.2024, 23:23
Fast hatte Arzu das Gefühl, als hätte Olivia nur ein bestimmtes Pensum für das Reden und musste sich nach ihren Monologen erst wieder aufladen. Denn seit sie mit sich selbst gesprochen hatte, gab die andere Varanterin keinen Mucks mehr von sich. Jemand hatte mal gesagt, dass man nicht nicht-kommunizieren konnte. Wenn das tatsächlich zutraf, dann verstand die Schwarzmagierin die unausgesprochene Sprache ihrer Begleiterin nicht.
In Ermangelung eigener Ideen, folgte Arzu dem letzten Vorschlag Olivias und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Eingang der Katakomben. Noch bevor sie überhaupt die Treppe erreicht hatten, ging der Varanterin unweigerlich ein Gedanke durch den Kopf. Nicht nur befanden sich im Untergeschoss allerhand seltsame Kreaturen, sondern auch das Bad. Wie sehr sich Arzu danach sehnte in ein dampfendes Bad einzutauchen! Ein Bad mit einer Seife, die nach Vanille duftete, und eine andere nach Pfirsichen. Inzwischen lag ihr letztes Bad so lange zurück, dass es der Schwarzmagierin schon fast wie ein Traum vorkam.
Und ein Traum sollte es bleiben. Zumindest wenn der Eingang in das Kellergewölbe ein Indikator war. Er glich dem Abstieg in die Unterwelt. Stufen und Wände waren überwachsen von einem dichten Geflecht aus einer Art Pilz. Man sah ihnen geradezu an, wie schleimig und schmierig sie sich anfühlen mussten. Es schauderte Arzu bei dem Gedanken. Viel weiter als ein halbes Dutzend Stufen konnte sie auch nicht hinab sehen. Danach verlor sich alles in einem Zwielicht.
»Hast du Fackeln?«, fragte die Schwarzmagierin Olivia. Als Antwort erhielt sie nur Gemurmel, von dem sie wusste, dass es nicht an sie gerichtet war. So beschwor Arzu eine Schattenflamme über ihrer rechten Hand und hielt sie vor sich in die Höhe. Einen Unterschied konnte sie nicht erkennen. Wie auch?! Schließlich hieß es Schattenflamme und nicht Leuchtfeuer! Den Versuch war es ihrer Meinung nach allemal wert gewesen.
Arzu stieg vorsichtig einige Stufen hinab, der Zauber noch immer über ihrer Hand bereit. Nichts als Schwärze wartete dort unten auf sie. Dabei fiel der Varanterin ein eigenartiges Detail auf. Das Schwarz ihrer Flamme übertraf das des Ganges bei weitem. Als ob sich ein Loch inmitten des Ganges befand. Ohne Sinistro oder einen anderen Meister konnte Arzu nur Mutmaßungen anstellen, was die Eigenschaften ihrer Magie anging. Gewiss hätte der geschwätzige Schwarzmagier nichts dagegen, wenn sie ein wenig herumexperimentierte. Was sollte er schon dagegen tun? Aus dem Grabe aufsteigen?
Die großen Augen der Varanterin fixierten die Schattenflamme. Wenn sie den zerstörerischen Aspekt des Zaubers eliminierte, blieb nur noch seine Schwärze übrig. Würde diese Schwärze die Schatten ihrer Umgebung verschlingen? Arzu hatte nicht den blassesten Schimmer. Irgendwie ergab es in ihrem Kopf aber Sinn. Genug, um es zumindest einmal auszuprobieren. So fokussierte sich die Schwarzmagierin auf ihren Zauber und schwächte ihn so weit es ihr möglich war. Zur Probe hielt Arzu ihn an den schleimigen Pilz an den Wänden und siehe da, das Gewächs blieb gänzlich unversehrt. Eine ungefährliche Schattenflamme. Gewiss ein wichtiger Schritt in der magischen Forschung! Im nächsten Schritt konzentrierte sich Arzu auf die Schwärze ihres nun harmlosen Zaubers. Konnte man Schwärze steigern? Selbst wenn nicht, würde es die Schwarzmagierin trotzdem tun!
Im unmittelbaren Vergleich mit der Umgebung sah der schwarze Zauber auf jeden Fall wesentlich schwärzer aus. Doch verschlang er, wie von Arzu postuliert, die Schwärze um sie herum? Mit einigen willkürlichen Bewegungen hielt die Varanterin ihren Zauber mal hierhin und mal dorthin. Sicher war sie sich nicht. Vielleicht spielten ihre Augen ihr auch einen Streich. Und wenn schon! Sollten in der Finsternis irgendwelche Gestalten hocken, die ihnen an den Kragen wollten, würde Arzu einfach vortäuschen, dass es sich um ein alles verschlingendes schwarzes Loch handelte.
»Komm schon!«, rief die Varanterin zur anderen Varanterin hinauf. Ganz vorsichtig begaben sich die beiden Schwarzmagierinnen in die Tiefen des Kellers. Ihre Schritte waren das einzige Geräusch, das in den Gängen zu hören war. So ruhig war es tatsächlich, dass Arzu meinte, ihren eigenen Herzschlag hören zu können.

Thara
31.03.2024, 16:26
„Au!“
Thara riss die Augen auf, als ihr irgendetwas in den Daumen biss. Sie zog die Hand eng an ihre Brust und sah sich erschrocken um, bis sie verstand, was passiert war: Die Kerze war so weit heruntergebrannt, dass sie sich an der Flamme versengt hatte und dadurch aufgewacht war. Ganz, wie sie es beabsichtigt hatte.
Sie seufzte. Ihre Augenlider fühlten sich noch immer bleischwer an und als sie versuchte, die Beine zu bewegen, fühlte sie sich nicht nur völlig steif und ungelenk, sondern es schien auch keine Stelle an ihrem Körper zu geben, die nicht auf die eine oder andere Weise wehtat. Aufstehen und sich weiter durch die Finsternis schleppen war in etwa das Letzte, was sie jetzt wollte. Aber was blieb ihr anderes übrig? Ihre Kerze war bereits zur Hälfte heruntergebrannt, und außerdem war ihr so kalt, dass sie ihre Füße und Finger kaum noch spürte. Ganz zu schweigen davon, dass Arzu und die anderen sich wahrscheinlich noch immer in der Gewalt dieser verfluchten Goblins befanden, während sie hier unten herumtrödelte! Sie musste dringend einen Weg hinaus aus diesem Verließ finden. Sonst … Darüber wollte sie lieber gar nicht erst nachdenken.

Ächzend zog Thara die Beine an und wollte gerade versuchen, sich aufzurichten, als ein Geräusch sie innehalten ließ. Ein widerliches, schleimiges Gurgeln, begleitet vom Schlurfen nackter Füße über den gestampften Lehmboden. Es kam von außerhalb der Zelle, in der sie Unterschlupf gesucht hatte, war aber nah. Zu nah.
Und kam rasch näher…
Thara schirmte den Schein ihrer Kerze ab, aber es war zu spät. In der Türöffnung, kaum erkennbar in dem spärlichen Licht, tauchte eine dunkle Gestalt auf. Ein ausgemergelter Körper, der mit staksenden, zuckenden Bewegungen in die Zelle taumelte. Das bleiche Fleisch der Gestalt war mit schwarzen Fäden durchzogen, aus der oberen Gesichtshälfte und aus seiner Stirn wuchsen Gebilde, die an Baumpilze erinnerten. Der augenlose Kopf ruckte nach links und nach rechts, während in seinem Schlund die mit gelbem Eiter belegte Zunge sich wand und rollte, als würde sie ein Eigenleben führen.
Thara schlug sich die Hand vor den Mund, bevor sie schreien konnte. Instinktiv wusste sie, dass ein lautes Geräusch ihr Ende bedeuten würde. Das Ding war blind… deswegen hatte es sie trotz des Kerzenlichts noch nicht entdeckt.
Aber es war keineswegs taub!
Schon das bloße Geräusch des etwas heftigeren Ausatmens genügte, dass der pilzüberwucherte Kopf des Dings in Tharas Richtung zuckte und es wieder dieses ekelhafte, schleimige Gurgeln ausstieß, wobei dickflüssiger Geifer zwischen seinen verfaulten Zähnen hervortroff. Vollkommen starr vor Grauen zog Thara die Beine eng an ihren Körper, machte sich so klein wie nur irgend möglich und presste sich gegen das kalte Mauerwerk, als der Pilzwirt auf sie zu stakste. Seine Beine waren dürr wie Streichhölzer, die Muskeln so weit atrophiert, dass es wirkte, als würde die Haut lose auf den Knochen hängen, und die Fußnägel an den gekrümmten Zehen waren dick, gelb und abgesplittert.
Kaum eine Handbreit vor ihr kam er zu stehen, kratzte mit den nicht weniger missgestalteten Klauen seiner Hände über die Wände. Sein Speichel tropfte auf Tharas nackten Unterschenkel, ihre Schulter, ihren Kopf. Das Mädchen hatte die Augenlider eng zusammengepresst, lag eingerollt auf dem Boden und wagte nicht einmal mehr zu atmen. Ihr eigener Herzschlag kam Thara so dröhnend laut vor – wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie ihrem Herzen befohlen, seine Arbeit einzustellen. Dieses Ding musste sie sonst einfach hören!
Eine endlose Zeit verging, in der Thara jede Sekunde damit rechnete, dass der Pilzwirt sie bemerken, einen unmenschlichen Triumphschrei ausstoßen und die scharfkantig abgebrochenen Nägel seiner verkrümmten Finger in ihr Fleisch schlagen würde. Sie wollte die Kräfte sammeln, um sich mit ihrer Magie zur Wehr zu setzen, aber nicht nur ihr Körper war wie gelähmt vor Angst. Ihr eigener, panischer Herzschlag und das Gurgeln und Kratzen des Monsters füllten ihr ganzes Bewusstsein aus. Sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren, nicht einmal für einen Augenblick…

Dann hörte sie das Scharren der Füße des Dings, als es sich umdrehte und mit seinem ungelenken, wackeligen Gang wieder von ihr entfernte. Vorsichtig, sehr vorsichtig, als ob ihr Blick allein das Monster auf sie aufmerksam machen könnte, öffnete Thara die Augen.
Der Pilzwirt stand in der Mitte der Zelle und hatte ihr den Rücken zugewandt. Er schien unschlüssig zu sein, was er als nächstes tun sollte. Ab und an zuckte er unkontrolliert, hob die Schultern, krümmte sich leicht zusammen und ließ den Kopf mal in die eine, mal in die andere Richtung pendeln, rührte sich aber nicht von der Stelle.
Ich muss hier raus!, schoss es Thara durch den Kopf. Ich muss hier raus, bevor er mich wieder bemerkt!
Behutsam, wie in Zeitlupe, brachte sie sich zunächst in eine sitzende Position, wobei sie vor Anspannung die Zähne so sehr aufeinanderpresste, dass ihre Kiefermuskeln schmerzten. Sie durfte kein Geräusch machen, nicht einmal das geringste Geräusch! Ihre durchfrorenen und von der Anstrengung der letzten Tage erschöpften Muskeln protestierten, als sie sich Stück für Stück nach vorn lehnte. Aber sie durfte nicht nachgeben, durfte sich nicht ungelenk und ächzend aufrichten, sondern musste die Kontrolle über jede einzelne ihrer Bewegungen behalten. Es war ein Martyrium…
Thara stützte sich mit den Handflächen auf dem Boden ab und schob zunächst ein Knie vor, so dass sie sich schließlich aufrichten konnte. Dabei wagte sie kaum, zu atmen, egal wie sehr ihre Lungen nach Sauerstoff schrien und schon Sterne vor ihrem Auge zu tanzen begannen. Nur, wenn sie fast das Gefühl hatte, zu ersticken, erlaubte sie sich einen kurzen, flachen Atemzug. Schließlich stand sie aufrecht, den Kopf zwischen die Schultern gezogen und beide Hände um ihre immer kleiner werdende Kerze geklammert.

Der Pilzwirt hatte sie noch nicht bemerkt. Er stand noch immer in der Mitte des Raumes, hin und wieder von spastischen Krämpfen geschüttelt. Thara hörte, wie er pfeifend die Luft in seine zugewucherten, verschleimten Lungen sog, und das Geräusch allein jagte ihr einen kalten Schauer den Rücken herunter – oder besser gesagt, das, was dieses Geräusch implizierte: Er lebte. Die Vermutung, die sie gehabt hatte, als sie auf den Kokon gestoßen war, war nun zu einer Gewissheit geworden.
Der Pilzwirt war ein Mensch… und was auch immer das schwarze Geflecht mit ihm anstellte, es hatte ihn nicht getötet. Ob sich irgendwo dort drin, in diesem vom Parasiten zugewucherten Schädel, noch ein versklavtes Bewusstsein befand, gefangen in seinem eigenen Körper, ein Ich, das schreien musste, schreien, schreien, schreien und doch keinen Mund mehr hatte?

Thara fühlte in sich hinein, ob die in der Lage wäre, die Kraft aufzubringen, eine Schattenflamme zu beschwören und ihn von seinem Leid zu erlösen, aber schon der bloße Versuch, die Magie zu formen, ließ sie schwindeln. Sie taumelte zur Seite und musste sich an der Wand abstützen, um nicht hinzufallen.

Das Geräusch genügte, dass der Pilzwirt aufmerksam wurde. Er fuhr herum und legte den Kopf schief, lauschend. Thara stand da wie versteinert und starrte ihn an. Schließlich machte er einen Schritt in ihre Richtung. Noch einen. Er streckte die Hand aus.
Nur noch ein Schritt, und er würde sie berühren…
Im letzten Augenblick duckte sich Thara und schlüpfte zur Seite weg, zog sich in den hinteren Bereich der Zelle zurück. Der Pilzwirt ertastete nur die kahle Wand und drehte sich wieder um. Hielt inne. Lauschte.
Tharas Blick huschte zwischen dem Monster und der Zellentür hin und her.
Jetzt! Jetzt ist die Gelegenheit!
Solange der Pilzwirt nicht in der Mitte des Raumes stand und ihren Weg blockierte, konnte sie den Ausgang erreichen, wenn sie schnell genug war… und leise genug!
Mit äußerster Vorsicht schlich sie los, ging auf den Zehenspitzen und konzentrierte sich auf jede einzelne Bewegung, um bloß kein überflüssiges Geräusch zu verursachen. Aber sie durfte auch nicht zögern – jede einzelne Sekunde barg die Gefahr, dass der Pilzwirt sie doch bemerkte oder auch einfach durch Zufall beschloss, in ihre Richtung zu wandern und dann mit ihr zusammenstieß.
Drei Schritte noch! Zwei… einer…

Der Pilzwirt schmatzte, dicker Schleim troff über sein Kinn. Er zuckte. Und setzte sich in Bewegung. Seine Klaue streifte Tharas Schulter – wahrscheinlich nur zufällig, aber Thara schrie auf und rannte los. Hinaus aus der Zelle, blindlings den Gang entlang. Sie drehte sich nicht um.
Sie wusste, was sie verfolgte.

Arzu
07.04.2024, 20:13
In den dunklen Tiefen der Katakomben verlor sich als erstes das Zeitgefühl. Welchen Weg Olivia und Arzu einschlugen, er kam ihnen gleichermaßen bekannt wie unbekannt vor. Wer konnte sagen, wie viele Male sie rechts oder links abgebogen waren? Für die Schwarzmagierin stand inzwischen fest, dass es ein großer Fehler gewesen war, überhaupt einen Fuß in dieses Labyrinth gesetzt zu haben. Sich bei ihrer Begleiterin darüber auszulassen, war allerdings völlig sinnlos. Olivia murmelte weiterhin zu sich selbst oder in die abartige Tasche, die sie bei sich trug. Allein der Gedanke daran, was sich in dieser Tasche befand, ließ Arzus Magen umdrehen.
Der Zauber, den die Varanterin inzwischen auf den absurden Namen Schattenlicht getauft hatte, bewies sich als hilfreiches Werkzeug im Netz der finsteren Gänge. Mehr als einmal hatte er Arzu davor bewahrt, über einen zu groß geratenen Pilz oder eine verknotete Schlinge zu stolpern. Irgendetwas sagte ihr, sie müsste sich tunlichst von dem Fungus fern halten, der die Wände überall bedeckte. Einer Aufforderung, der sie nur zu gerne nachkam. Dabei zu helfen war leider auch das einzige, zu dem das Schattenlicht imstande war.
Um in der eintönigen Umgebung und in Ermangelung eines adäquaten Gesprächspartners nicht den Verstand zu verlieren, versuchte Arzu zu verstehen, wie ihr experimenteller Zauber überhaupt wirkte. Er war ein Lichtzauber und dann auch wieder nicht. Statt Licht zu spenden, fraß er die Schatten und ließ eine hellere Umgebung zurück. Doch so sehr die Schwarzmagierin ihren Kopf darüber zerbrach, ergab das keinen Sinn. Es versteckte sich schließlich kein Licht in diesen Gängen, das wie unter einer Decke von Schatten verborgen lag. Woher kam also das fahle Licht? Zuletzt warf Arzu innerlich ihre Hände in die Höhe und gab sich geschlagen. Es war Magie. Das musste keinen Sinn ergeben!
Schließlich erreichten sie eine Kreuzung. Für sich genommen keine Besonderheit. Waren sie schließlich schon an Dutzenden vorbeigekommen. Diese jedoch unterschied sich von den anderen. Das Pilzgeflecht, welches die Wände bisher bedeckte hatte, fand hier ein jähes Ende. Was folgte sah eindeutig auch nach dem Fungus aus, doch war er grau und porös wie ein altes Hornissennest. Da und dort blätterte die Substanz von den Wänden ab und gab den Blick auf das darunterliegende Mauerwerk frei.
Kurz sah Arzu zu Olivia herüber. Sie würde ihr hier keine Hilfe sein. Gab es überhaupt jemanden, der ihr erklären konnte, was hier vor sich ging? In dem Wälzer, in dem sie über das Kastell gelesen hatte, fand sich keine Erwähnung von Pilzen. Weder wachsend noch zerfallend.
Deshalb entschied sich Arzu schließlich dazu, den Weg fortzusetzen. Wo immer er die beiden Varanterinnen auch führen würde.

Thara
13.04.2024, 00:07
Viel zu rasch wurde Thara schon wieder fast schwarz vor Augen und sie wäre um ein Haar über ihre eigenen Füße gestolpert. In ihrem geschwächten Zustand hatte selbst der kurze Sprint sie beinahe überanstrengt. Sie musste innehalten und sich gegen die Wand lehnen, warten, bis der Schwindel nachließ.
In dem dunklen Gang hinter ihr krächzte und gurgelte ihr Verfolger, seine Füße schlurften über den Lehmboden. Er war noch ein Stück entfernt, aber er kam näher.
Sie musste weiter…
Am liebsten wäre sie wieder losgerannt, aber trotz des Grauens, das sie erfüllte, war sie dazu einfach nicht mehr in der Lage. Ihre Reserven waren aufgebraucht und Thara stellte sich vor, dass sie überhaupt nur noch deswegen funktionieren konnte, weil ihr Körper wahrscheinlich anfing, sich selbst zu verdauen. Ihr Magen krampfte sich zusammen vor Hunger und jede noch so kleine Bewegung kostete sie ungeheuer viel Kraft.
Leise!, mahnte sie sich selbst, Du musst leise sein!
Es war ihre einzige Chance. Sie konnte ihrem Verfolger vielleicht nicht davonrennen, aber er war blind. Wenn sie es schaffte, leise genug zu sein…
Mit der Hand, in der sich nicht den viel zu schnell kleiner werdenden Kerzenstummel hielt, stützte sich Thara an der Wand ab und bewegte sich vorsichtig weiter. Sie versuchte, sie Geräusche des Monsters hinter sich zu ignorieren und sich ganz und gar auf ihre eignen Bewegungen zu konzentrieren, darauf selbst völlig geräuschlos zu sein. Sie setzte die Zehenspitzen zuerst auf und rollte den Fuß anschließend mit größter Vorsicht hab, wobei sie jedes Mal den Atem anhielt. Quälend langsam kam sie so voran…
Aber es funktionierte! Als sie kurz innehielt und nach ihrem Verfolger lauschte, hörte sie ihn irgendwo hinter sich im Gang rumoren, aber es schien ihr, als wäre er ein wenig weiter weg als beim letzten Mal. Hatte er die Spur verloren? Stand er zuckend und ratlos auf der Stelle, wie zuvor in der Gefängniszelle, aus der sie geflohen war? Thara wagte, ein wenig Hoffnung zu schöpfen. Vielleicht… vielleicht würde sie es doch noch schaffen, diesem Albtraum zu entkommen!
Falls es ihr gelang, einen Weg aus dem Labyrinth zu finden...

Thara
13.04.2024, 15:20
Was ist das? Thara hob die Kerze, um die seltsamen Schriftzeichen zu begutachten, die links und rechts des Tores in die Wand gemeißelt waren. Obwohl sie nicht lesen konnte, war sie sich sicher, dass diese Zeichen nicht die geringste Ähnlichkeit hatten mit jenen, die sie in den Büchern der Bibliothek gesehen und die ihr Sinistro zum Lernen aufgezeichnet hatte. Dafür waren sie viel zu verschlungen und unregelmäßig, ja, sie hatte beinahe den Eindruck, dass sie sich vor ihren Augen veränderten, verschwammen und umsortierten, obwohl sie es nicht direkt sehen konnte – ein fremdartiges, sonderbares, falsches Gefühl, dass ihr Kopfschmerzen bereitete.
Unsicher wandte sie sich um. Der Gang, dem sie gefolgt war, hatte sie geradewegs auf das Tor zugeführt. Keine Abzweigungen, keine Zellen links und rechts – nur ein schnurgerader Gang. Und irgendwo dort hinten wartete das Monster. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie es noch immer hören, und sie war sich sicher, dass es näherkam – langsam, aber stetig. Ihr blieb eigentlich nur eine Option…

Das Tor selbst bestand aus massivem Holz, war aber längst so weit verrottet, dass Thara sich ohne Probleme zwischen zwei verzogenen Balken hindurchzwängen konnte. Unter ihren Fingern gab das Material nach wie ein schleimiger Schwamm und verströmte dabei einen intensiven Pilzgeruch. Thara versuchte, nicht daran zu denken, was für eine Art von Pilz in dem nassen Holz wuchern mochte – die schwarzen Fasern hatten zuletzt die Wände und den Boden wie ein dicker Teppich fast vollständig bedeckt.
Auf der anderen Seite des Tores blieb Thara stehen und leuchtete vorsichtig mit ihrer Kerze die Umgebung aus. Das spärliche Licht reichte bei weitem nicht, den ganzen Raum zu erhellen – es musste eine Halle sein. Die Ausmaße konnte Thara nicht abschätzen, um sich herum sah sie weder gegenüberliegende Wände, noch die Decke. Nur Dunkelheit.
Nach wie vor war der Boden dick mit dem schwarzen Pilzgeflecht bedeckt und Thara versuchte, nicht auf das schleimige Gewebe zu treten, während sie sich langsam weiterbewegte, aber das war kaum noch möglich. Sie hatte ein mehr als nur unangenehmes Gefühl bei all dem und sah sich die ganze Zeit ängstlich um. Jede Sekunde rechnete sie damit, dass irgendetwas sie aus der Dunkelheit heraus anspringen würde. Sie musste an ihre Reise von Thorniara ins Kastell denken – auch damals hatte irgendetwas in der Finsternis gelauert und sie verfolgt, und Licht war ihre einzige Verteidigung gewesen. Licht, das nun auf die spärliche Flamme einer einzelnen Kerze reduziert war, die gnadenlos herunterbrannte…

Ein Geräusch ließ Thara innehalten. Sie erstarrte geradezu zur Salzsäule, wagte nicht einmal mehr, zu atmen, und lauschte angestrengt in die Finsternis.
Wartete.
Lauschte…

Nichts.
Hatte sie sich geirrt? War sie vielleicht auf irgendetwas getreten und hatte das Geräusch dabei selbst verursacht? Oder spielten ihre überreizten Sinne ihr einfach schon Streiche und sie bildete sich ein, Dinge zu hören, die gar nicht da waren?
Vorsichtig atmete sie wieder aus, sah sich noch einmal um und machte einen weiteren Schritt, und noch einen.
Da war es wieder! Deutlicher jetzt – das war keine Einbildung gewesen! Irgendwo vor ihr – ein leises Gurgeln und Röcheln.
Sie kannte dieses Geräusch mittlerweile. Eine eiterüberzogene Zunge in einem Mund voller fauliger Zahnstümpfe, eine verschleimte Lunge in einem dürren, mit Pilzmyzel durchzogenen Brustkorb…
Thara ging in die Hocke, machte sich möglichst klein und sah sich panisch um. War der Pilzwirt ihr gefolgt? Aber warum hatte sie dann nicht gehört, wie er durch die Tür gekommen war? Das Monster bewegte sich nicht gerade subtil, sie hätte es bemerken müssen…
Es sei denn – es war nicht das Einzige!
Thara hätte beinahe loslachen wollen vor Verzweiflung. Natürlich war ihr Verfolger nicht der Einzige! Dieses Pilzgeflecht durchzog die ganze Ebene, natürlich gab es weitere Opfer! Wie viele? Ein paar? Dutzende? Hunderte vielleicht? Wie lange war dieser Pilz schon hier unten? Wer waren die Opfer? Wahrscheinlich würde sie es nie erfahren.
Ich muss hier raus! – Das war alles, was zählte. Thara erhob sich und schlich mit äußerster Vorsicht weiter, wobei sie die Kerze ausgestreckt vor sich hielt.
Nach wenigen Schritten schälte sich ein Umriss aus der Finsternis...

Arzu
14.04.2024, 20:32
Das Labyrinth der Gänge nahm noch immer kein Ende. Auch das Murmeln von Olivia war eine Konstante, wenngleich sie ab und zu eine kurze Pause einlegte. Die Varanterin vermutete, dass in jenen Pausen der imaginäre Gesprächspartner zu Wort kam. Zumindest kurz. Jedes Mal, wenn die andere Varanterin wieder anfing zu murmeln, zuckte Arzu augenblicklich zusammen. Obwohl sie genau wusste, woher das Geräusch kam. Normalerweise war sie doch nicht so schreckhaft; es musste an diesem vermaledeiten Ort liegen.
Sie erreichten bald eine weitere Kreuzung. Dieses Mal ging es nur nach rechts und nach links. Unweigerlich stellte sich Arzu die Frage, ob sie den Rand des Kastells erreicht hatten. Neugierig sah sich die Schwarzmagierin um. Die Wände waren genauso schwarz wie bisher und vom gleichen bröckelnden Pilzrest überdeckt. An einer Stelle, an der das nackte Mauerwerk zu sehen war, klopfte Arzu gegen den Stein. Nichts! Es klang, wie eine Wand eben klang! Ein wenig blöd kam sich Arzu dennoch vor, etwas anderes erwartet zu haben. Zu ihrem Glück hatte Olivia gerade besseres zu tun, nämlich wieder einmal durch dieselben fünf Gegenstände in ihrer ekeligen Tasche zu kramen.
Arzu hob die Hand in der sie ihren Schattenfraß beschworen hatte. Die langen Gänge regten zum Nachdenken an und so war sie zu der Entscheidung gekommen, dass Schattenlicht tatsächlich zu absurd klang. Noch schwankte Arzu, ob es Schattenfraß oder vielleicht auch Schattenfresser sein sollte. Zweifelsohne hätte sie hier unten genug Zeit, einen passablen Namen für den Zauber zu finden. Und an seiner Potenz zu arbeiten. Mehr als ein paar Schritt reichte seine Wirkung leider nicht. Zumindest war es genug, um zu erkennen, dass beide Richtungen des Ganges mehr oder weniger identisch waren.
Als sich Arzu gerade in Bewegung setzte, durchzuckte ihren Schädel ein scharfer Schmerz. Es dauerte nur einen kurzen Moment und war dann wieder verschwunden. Zurück blieb eine Erkenntnis. Nicht länger war Arzu nur eine Schwarzmagierin, sondern eine hohe Schwarzmagierin! Wie schon beim letzten Mal stellten sich der Varanterin zwei Fragen. Wie bei Beliar brachte es das Kastell fertig ihr hier diese Entscheidung zu unterbreiten? Sie war doch nicht einmal im richtigen Kastell! Die andere Frage war, was denn eine hohe Schwarzmagierin von einer normalen unterschied? Viel magischer fühlte sie sich nämlich nicht! Ein Umstand an dem sie inzwischen auch ein wenig Sinistro die Schuld gab. Warum hatte er sich auch so bereitwillig in den Tod stürzen müssen?!
Eine Antwort war aber gewiss. Nämlich, dass der linke Gang der richtige war!

Thara
14.04.2024, 23:11
Der Pilzwirt sah aus, als würde er im Stehen schlafen. Kerzengerade stand er da, nur sein Kopf, in dessen Gesicht dasselbe baumpilzartige Geflecht wucherte, war auf seine Brust gesunken. Ein dünner Speichelfaden hing von den blutleeren Lippen und manchmal zuckte er unmerklich. Myzel wuchs aus seinen Unterschenkeln und vereinte sich mit dem Geflecht auf dem Boden, so dass seine Füße nicht mehr zu sehen waren. Als ob er Wurzeln geschlagen hätte.
Thara presste sich die Hand vor den Mund, aus Angst, irgendwelche Geräusche zu machen, die den Pilzwirt aufwecken könnten, und schlich sich lautlos an ihm vorbei. Als er den Kopf träge von links nach rechts bewegte und ein leises Seufzen ausstieß, gerade als sie direkt hinter ihm war, kniff Thara die Augen zusammen und duckte ich unwillkürlich. Aber der Pilzwirt blieb ruhig, er hatte sich wohl nur… im Schlaf bewegt?
Schlief er wirklich? Wenn ja – träumte er? Und wenn er träumte, was träumte er? Thara graute schon allein vor der Vorstellung, wie es in dieser von einem erbarmungslosen Parasiten unterjochten Gedankenwelt wohl aussehen musste. Ob der Geist tot war, die Seele längst den Körper verlassen hatte und in Beliars Reich eingegangen war, auch wenn der Pilz den Körper noch am Leben hielt, um sich seiner zu bedienen? Das wäre wohl die gnädige Variante.
Wenn die Seele jedoch noch in dieser erbarmungswürdigen Hülle gefangen war…
Dann war das ein Schicksal, das schlimmer war als der Tod.

Thara hatte den Pilzwirt gerade hinter sich gelassen, als im spärlichen Licht ihrer Kerze die Umrisse eines weiteren Körpers sichtbar wurden. Und eines dritten…
Sie stockte und sah sich um. Da! Hinter ihr – noch einer!
Oh bei Beliar…
Sie waren überall! Irgendwie war Thara mitten hinein geraten zwischen dutzende, vielleicht sogar… hunderte dieser Dinger! Egal in welche Richtung sie sich wandte, überall entdeckte sie mindestens einen oder zwei der schlafenden Pilzwirte. Einige schienen auch tot zu sein, die Körper lagen auf dem Boden und waren so von Myzel überwuchert, dass man kaum noch das mumifizierte Fleisch unter dem schleimigen Geflecht sehen konnte und die Körperformen eher zu erahnen denn zu erkennen waren.
So viele… Woher? Woher kamen sie alle? Wie gelangte der Pilz zu seinen Opfern? Wer waren sie? Fragen, von denen Thara nicht wusste, ob sie die Antwort wirklich wissen wollte.
Mit äußerster Vorsicht schlich sie weiter, wobei sie versuchte, größtmöglichen Abstand zu den Wirtskörpern zu halten. Sie hatte längst keine Ahnung mehr, in welche Richtung sie ging und schalt sich innerlich dafür, so dumm gewesen zu sein, einfach in den Raum hineinzulaufen, statt sich vielleicht an der Wand zu halten, was sie unweigerlich zu einem Ausgang geführt hätte, wenn es denn einen gab – aber so weit hatte die Denkleistung ihres erschöpften und sowieso nicht sonderlich leistungsfähigen Gehirns mal wieder nicht gereicht. Manchmal fragte sich Thara, wie sie es bei ihrer Dummheit überhaupt schaffte, noch am Leben zu sein.
Aber jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzugehen und zu hoffen, dass sie irgendwo einen Ausgang fand. Ohne, dass sie einen der Pilzwirte aufweckte.
Und bevor ihre Kerze erlosch.

Arzu
27.04.2024, 02:48
Es stand ohne jede Frage fest, dass sie sich verlaufen hatten. Wobei es in erster Linie Arzu anzulasten war, denn Olivia und ihr unsichtbarer Begleiter folgten der Schwarzmagierin lediglich durch die dunklen Gänge. Natürlich hatte die andere Varanterin überhaupt erst den Vorschlag gemacht, in die Katakomben zu gehen. Dennoch lag es an Arzu, sich darauf eingelassen zu haben. Was für eine Blamage! Die lange Reise von Ishtar bis zum Kastell und dann noch bis zum Mond, nur um sich schlussendlich zu verlaufen. Arzu schwor sich, lebend aus dieser Situation wieder herauszukommen. Auch wenn sie nicht den blassesten Schimmer hatte, wie sie das bewerkstelligen sollte.
Während hinter ihr das unverständliche Murmeln ihrer Begleiterin weiterging, wägte Arzu an jeder Kreuzung neu ab, welche Abzweigung wohl die richtige war. Meistens entschied sie sich für links, obwohl es augenscheinlich keinen Unterschied zwischen den einzelnen Gängen gab. Die ausgedorrten Überreste des Pilzes bedeckten immer noch weite Teile des Mauerwerks. Sollte sich auf den darunterliegenden Steinen also ein Hinweis befinden, blieb er vor den Augen der Varanterin verborgen. Vielleicht hatten sie sogar schon Türen passiert, ohne es zu wissen. Dennoch scheute Arzu immer noch davor zurück, den Fungus zu berühren. Ihn mit ihrer Schattenflamme zu zerstören, hatte die Schwarzmagierin in Erwägung gezogen, es aber letzten Endes als nutzlose Verschwendung ihrer magischen Reserven verworfen. Die Gänge waren dafür viel zu weitläufig. Statt dessen fokussierte sich Arzu auf ihren Schattenfresser, um zumindest nicht komplett im Dunkel zu stehen.
Nach einem halben Dutzend weiterer Kreuzungen fiel der Varanterin plötzlich die Stille auf. Olivia murmelte nicht ununterbrochen, aber regelmäßig genug, dass sich Arzu nicht ständig zu ihr umdrehen musste, um sicherzustellen, dass ihre Begleiterin noch da war. Als sich die Schwarzmagierin nun aber umdrehte, blickte sie in einen leeren Gang.
»Olivia? Olivia!«, rief die Varanterin und hielt den Schattenfresser in die Höhe, um mehr erkennen zu können. Es kam jedoch keine Antwort. Ein flaues Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit und ein leichter Schwindel überkam die Schwarzmagierin. Ihre großen Augen stierten der Finsternis am andere Ende des Ganges entgegen, in der Hoffnung, dass Olivia murmelnd aus den Schatten trat.
Nichts geschah. Arzu war gewiss kein Feigling, doch jetzt wo sie völlig allein in diesem Labyrinth stand, fühlte sie sich unglaublich verletzlich. Eine komplett absurde Angst, redete sich die Schwarzmagierin zu. Seit Olivia und sie in die Katakomben hinabgestiegen waren, hatte nichts und niemand ihren Weg gekreuzt. Nicht einmal Ratten oder Spinnen. Wovor fürchtete sie sich also? Arzu nahm ihren Mut zusammen und ging den Gang zurück. Ihre Schritte wurden schneller und immer schneller, bis sie schließlich rannte.
Die letzten Abzweigungen hatte sie noch gut im Gedächtnis. Wenn Olivia einfach nur stehengeblieben war, dann würde sie sie finden. Bald schon erreichte Arzu allerdings eine Kreuzung bei der sie sich nicht mehr so sicher war. Auf dem Hinweg hatte sie gewiss den linken Weg gewählt. Doch etwas zog sie statt dessen zur gegenüberliegenden Abzweigung. Was sollte schon passieren? Sie konnte dem Weg ja ein Stück weit folgen und dann zurückkehren. Genau das tat Arzu schließlich auch.
Zu ihrem Erstaunen zog sich dieser eine Gang viel länger, als alle anderen Gänge, die sie bisher betreten hatte. Als ob er von einem Ende des Kastells geradewegs zum anderen führte. Ununterbrochen, ohne eine einzige Kreuzung. Arzu rannte so lange sie konnte, bis ihr schließlich der Atem ausging. Es ergab überhaupt keinen Sinn. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass das Kastell niemals so groß sein konnte. Führten die Gänge vielleicht aus dem Kastell heraus? Unweigerlich musste die Varanterin an den Turm denken, in dem Thara und sie zuerst auf Olivia getroffen waren. Der Turm lag weit entfernt vom eigentlichen Kastell, obwohl Arzu genau wusste, dass sie zusammengehörten. Gab es womöglich zwischen diesen entfernten Orten ein Netz von unterirdischen Gängen? Arzu wusste es nicht.
Ein Geräusch weiter entlang des Weges zog dann die Aufmerksamkeit der Varanterin auf sich. Es hörte sich ein wenig nach Murmeln an. Konnte das Olivia sein? Arzu biss die Zähne zusammen und setze sich wieder in Bewegung. Es musste einfach Olivia sein.
Solange es ihre Ausdauer erlaubte, lief die Schwarzmagierin schnellen Schrittes den Gang entlang. Ab und an stoppte sie, um nach dem Geräusch zu lauschen. Es wurde nicht merklich lauter, was Arzu vermuten ließ, dass die Quelle sich von ihr fortbewegte. Gleichzeitig schien es auch immer dann innezuhalten, wenn die Schwarzmagierin anhielt. Kurz ging ihr durch den Kopf, dass sie womöglich dem Echo ihrer eigenen Schritte folgte. Doch das Geräusch blieb hörbar, wenn sie sich nicht bewegte. Noch einmal sprintete Arzu los. Dieses Mal fest entschlossen, das Geräusch einzuholen. Ihre Lungen brannten bald und genauso ihre Beine. Zuletzt war sie so schnell gelaufen, als sie Yarik im Stich gelassen hatte.
Den Schattenfresser konnte sie indes kaum noch aufrechterhalten, zu groß war die Anstrengung. Ein Glück im Unglück, wie sich herausstellte. Denn erst durch das Versiegen ihres Zaubers, erkannte Arzu in der Entfernung ein fahles Schimmern. Sie löschte ihren Schattenfresser und versuchte noch ein letztes Mal ein wenig schneller zu rennen. Ihr Keuchen und ihr Herzschlag übertönten längst das Geräusch in der Ferne. Gleichgültig! Jetzt galt es nur noch das Etwas dort einzuholen. Ohne sich dessen bewusst geworden zu sein, hatte Arzu ihre Angst hinter sich gelassen. Ihre Neugierde hatte die Oberhand gewonnen.
Unerwartet wanderte das fahle Schimmern zur Seite ab und verschwand. Der Gang muss dort zu Ende sein, schoss der Varanterin durch den Kopf. Ihr Tempo verlangsamte sich unweigerlich, da ihre Ausdauer nun vollends versagte. Zumindest hatte sie jetzt die nächste Kreuzung im Blick. Schwer atmend näherte sich die Schwarzmagierin der Ecke und vernahm wieder das seltsame Geräusch. Dieses Mal deutlich hörbar. Es klang wie ein verzerrtes Flüstern ineinander verwobener Stimmen. Eine Ahnung kam in Arzu hoch, dass sie hier nicht Olivia auf der Spur war.
Mit aller nur denkbaren Vorsicht lugte die Schwarzmagierin um die Ecke und erstarrte. Das fahle Schimmern befand sich nur einen Steinwurf von ihr entfernt und erleuchtete eine massive Gestalt in der Mitte des Ganges. Wie gebannt starrte Arzu zu dem Wesen herüber. Es war gewiss mehr als doppelt so groß wie die Schwarzmagierin, mit einem hohen Buckel und gehüllt in einer Art von zerfetztem Mantel. Statt Beinen besaß die Kreatur mehrere, sich windende Tentakeln, die unter dem Mantel hervortraten. Doch es berührte den Boden nicht. Statt dessen schwebte es majestätisch über dem Grund. Ein Dämon, dachte Arzu.
Sie hatte natürlich in der Bibliothek von den Dämonen des Kastells gelesen und sogar Illustrationen von ihnen gesehen. Doch wollte das Bild nicht zu diesem Wesen passen. Vor allem flüsterten Dämonen nicht. Dann fiel der Varanterin eine weitere Gestalt auf, die am Boden vor der Kreatur lag. Das fahle Schimmern, welches von dem schwebenden Ding ausging, erhellte die Umgebung gerade genug, um einige Details des anderen Körpers auszumachen. Es sah auf den ersten Blick nach einem Menschen aus. Jedoch war er übersät von seltsamen Auswüchsen. Arzu kniff die Augen zusammen, um erkennen zu können, was es tatsächlich war. Pilze! Die Pilze, die die Wände bedeckten, hatten Besitz von dem Körper ergriffen. Bei dem Gedanken lief es der Schwarzmagierin kalt den Rücken herunter.
Sie beobachtete, wie das unbekannte Wesen sich dem Körper näherte und sich dann herunterbeugte. Lange, ausgezehrte Arme kamen unter dem Mantel hervor. Drei Stück an der Zahl und sie griffen nach dem menschlichen Überresten. Was genau die Kreatur dort anstellte, konnte Arzu nicht erkennen. Der massige Körper versperrte ihr die Sicht. Doch es hörte sich danach an, als ob es etwas abbrechen oder abreißen würde. Zuletzt schwebte die Gestalt wieder höher. Einer der unteren Arme vollführte eine Bewegung über dem Körper am Boden, der sich darauf hin zu Staub zersetzte.
So gebannt war Arzu von dem Schauspiel, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, wie sie unbewusst einen Schritt in den Gang gemacht hatte. Nun drehte sich das schwebende Geschöpf herum und war von Angesicht zu Angesicht mit der Schwarzmagierin. Drei fahl schimmernde Augen blickten Arzu von einem Kopf entgegen, der einem Kraken glich. Um den Schädel wanden sich etliche Tentakeln und das Gesicht besaß keinerlei menschliche Züge. Das verzerrte Flüstern ineinander vermengter Stimmen stammte eindeutig von dem Krakenkopf, auch wenn er keinen sichtbaren Mund zu besitzen schien.
Innerlich bereitete sich die Schwarzmagierin auf ihren bevorstehenden Tod durch die Kreatur vor. Doch nichts geschah. Der Krakenkopf schwebte vor ihr im Gang ohne Anstalten zu machen, ihr etwas anzutun. Als sich das Wesen schließlich in Bewegung setzte, wandelte es an Arzu vorbei. Einige der langen Tentakeln reckten sich der Schwarzmagierin dabei entgegen und glitten über ihren Körper. Ein unbeschreibliches Gefühl überkam sie und ließ die Varanterin wie angewurzelt stehen. Sie konnte nur dabei zugucken, wie die Kreatur geradewegs durch die nächste Wand glitt und verschwand.
Es dauerte einige Augenblicke, bevor Arzu ihre Starre überwand. Vom Krakenkopf war indes nichts mehr zu sehen. Die Wand, durch die das Wesen geglitten war, sah massiv aus. Mit dem Fuß trat die Varanterin prüfend gegen das Mauerwerk. Dort war kein Durchkommen. Wie konnte das sein? Der Krakenkopf hatte sie eindeutig berührt und besaß damit offensichtlich einen realen Körper. Die Schwarzmagierin beschwor wieder ihren Schattenfresser und untersuchte die Wand auf Ritzen oder Fugen, die auf eine geheime Tür hindeuteten. Eine vergebliche Suche. Hier saß Stein an Stein. So wandte sie sich dann der Stelle zu, wo zuvor der menschliche Körper am Boden gelegen hatte. Vom Körper selbst gab es keine Spur mehr. Was auch immer der Krakenkopf damit angestellt hatte, war gründlich gewesen. Als sie den Gang entlang blickte, fiel Arzu ein kurioses Detail auf. Einige Schritt weiter stoppte das verdorrte Pilzgeflecht an den Wänden. Statt dessen wuchs der Fungus dort wieder mit aller Kraft. Ob das auch mit dem Krakenkopf zu tun hatte?

Olivia Rabenweil
02.05.2024, 02:02
Mit den Einflüsterungen ihres Freundes im Ohr war Olivia Arzu irgendwann nur noch stumm gefolgt. Ab und zu versuchte sie mit entschlossenen Worten den seinen zu widersprechen. Erfolglos. Das Wispern und Flüstern, welches durch diesen Teil der Katakomben schlich, vermochte es schlussendlich. Olivia verbrachte viel Zeit damit die Schatten in der Luft vor ihr zu betrachten. Die Kälte in ihrem Inneren breitete sich aus und führte seit einer Ewigkeit zu einer echten Regung in ihr. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Hier unten wohnte das Böse.
Es war ihr Vorschlag gewesen, die Treppe hinab zu nehmen. Doch war es klug gewesen?
Olivia musste Arzu aufhalten. Hätte sie zum Umkehren überreden müssen, doch die kalte Zunge klebte wie an ihrem ausgedörrten Gaumen.
Die Sinne schwanden ihr. Der Blick wurde trüb.
Arzu war verschwunden. Sie wandelte eben noch vor ihr, nun stand sie in der Dunkelheit, die sie zu erdrücken drohte.
Die Knie wurden ihr weich und ihr Körper drohte zusammenzusacken, doch glücklicherweise musste sich nun selbst nicht mehr darum kümmern.
Drei Hände griffen aus der Finsternis nach ihr und rissen sie in das Vergessen. Olivia zucke unkontrolliert, während sie durch Zeit und Raum gezogen wurde.
Schließlich, als die fremde, schleimige Kälte in ihren Kopf griff, begann sie zu Schreinen.
Ein unmenschlicher Laut entsprang ihrer Kehle du hallte durch das leere Gemäuer.

Thara
03.05.2024, 09:26
War das der Ursprung von allem?
Thara hob ihre Kerze, aber das spärliche Licht der kleinen Flamme reichte nicht einmal annähernd aus, um das Gebilde vor ihr in seiner ganzen Größe zu erfassen. Ein Berg aus schleimigem Myzel, die Oberfläche ein dichtes Netz aus Pilzfäden, dazwischen hier und da ein totes Gesicht, eine klauenartig verkrümmte Hand oder ein halbverrotteter Fuß. Das Konglomerat türmte sich wahrscheinlich bis zur Decke, die Thara in der Dunkelheit nicht sehen konnte, und pulsierte rhythmisch, wie ein gewaltiges Herz. Und da war noch etwas – eine unheimliche Macht ging von dem Gebilde aus, eine Kraft, die Thara einen kalten Schauer den Rücken herunterlaufen ließ.
„Was bist du?“, flüsterte sie und wäre nicht einmal überrascht gewesen, wenn der Pilz ihr geantwortet hätte. Was auch immer er war, natürlich war er nicht. War er eine Kreatur Beliars, eine Art von Dämon? Ein Bewohner der Unterwelt, der es irgendwie geschafft hatte, auszubrechen? Oder war er etwas… völlig anderes?
Heißes Wachs tropfte ihr auf den Daumen und erinnerte Thara daran, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Ihre Kerze war beinahe heruntergebrannt. Wenn sie es nicht schaffte, einen Ausweg zu finden, bevor die Flamme endgültig erlosch…
Vorsichtig schlich sie sich weiter zwischen den schlafenden Pilzwirten hindurch, fort von dem pulsierenden Zentrum des Geflechts. Jeder Schritt war eine Herausforderung – sie musste die Balance behalten, obwohl ihre Muskeln vor Erschöpfung kaum noch gehorchen wollten. Ein Fehltritt, ein Straucheln, und sie weckte vielleicht diese Dinger auf, und dann…

Plötzlich ertönte ein Geräusch irgendwo hinter ihr. Thara erstarrte. Etwas krachte und quietschte, das Bersten morschen Holzes und das Kreischen rostigen Metalls, das über Stein schabte. Ein Gurgeln und Röcheln.
Ihr Verfolger…
Er musste das Tor erreicht haben und bahnte sich jetzt seinen Weg in die Halle! Wie konnte das sein? Hatte er sie hören können, trotz allem? Oder war es reiner Zufall und er war ziellos den Gang entlanggewandert, bis er das morsche Tor erreicht hatte?
Ein weiteres Knirschen. Etwas fiel zu Boden. Schlurfende Schritte.
Und dann kam Bewegung in die Bewohner der Halle.
Erst sah Thara einen der Pilzwirte, wie er geradezu hochschreckte, den Kopf in den Nacken legte, als wolle er einen Schrei ausstoßen, ohne dass aber ein Geräusch seine Kehle verließ. Dann hob er erst einen Fuß, befreite sich mit einem Ruck von dem Myzel, das ihn festhielt, dann den anderen. Er stolperte unbeholfen einen Schritt nach vorn, stieß dabei mit seinem Nachbarn zusammen. Weckte ihn auf…
Es war eine Kettenreaktion. Einer nach dem anderen erwachten die Pilzwirte aus ihrem Schlaf, wenn sie gegeneinanderstießen. Mehr und mehr von ihnen begannen, mit staksenden, ungelenken Schritten durch die Halle zu torkeln. Sie schienen zu lauschen und zu tasten, gruben sich die abgebrochenen Fingernägel gegenseitig ins Fleisch, wenn sie mit ihren Klauenhänden einfach um sich schlugen auf der Suche nach Beute.
Thara duckte sich und beschleunigte ihre Schritte, wobei sie flach durch den Mund atmete in der Hoffnung, dadurch noch leiser zu sein. Zuerst hoffte sie noch, den erwachenden Pilzwirten entkommen zu können, aber diese Hoffnung erwies sich bald als Illusion – die Kreaturen erwachten in immer kürzeren Abständen, und je mehr von ihnen aktiv waren, um so rascher rissen sie weitere Pilzwirte aus ihrem Schlummer. Thara konnte ihnen nicht davonlaufen – es dauerte nicht lange, bis kaum eines der Monster um sie herum noch schlief…

Thara
04.05.2024, 15:21
Thara kämpfte mit aller Macht gegen die aufsteigende Panik an, als sie sich zwischen den zuckenden, torkelnden, um sich schlagenden Wirtskörpern hindurchschlängelte und dabei hoffte, um alles in der Welt bloß unbemerkt zu bleiben! Wenn sie die Orientierung nicht schon lange zuvor verloren hätte, dann wäre dies spätestens jetzt ohnehin der Fall gewesen. Sie konnte nur noch reagieren – immer wieder schlurfte ihr einer der Pilzwirte in den Weg und sie war gezwungen, die Richtung zu wechseln oder mit äußerster Vorsicht an der Kreatur vorbeizuhuschen. Die ganze Halle war erfüllt vom Würgen, Krächzen und Röcheln der Monster, vom Geräusch ihrer schleppenden Schritte, dem Reißen des glitschigen Myzels unter ihren Füßen…
Geduckt schlich Thara weiter und hielt dabei schützend eine Hand vor die Kerzenflamme. Ein Schmatzen links von ihr – instinktiv wich sie nach rechts aus. Ein Gurgeln vor ihr ließ sie wieder nach links hasten… und um ein Haar wäre sie mit einer der Kreaturen zusammengestoßen, die plötzlich aus der Dunkelheit vor ihr auftauchte! Thara erstarrte und hielt instinktiv den Atem an. Der Pilzwirt blieb stehen. Sein Kopf ruckte hin und her und er sog die Luft ein, als würde er schnüffeln.
Kann er mich riechen? Was, wenn er mich riechen kann? Tharas Herz hämmerte so laut in ihrem Brustkorb, dass sie glaubte, die ganze Halle müsste sie hören können, und sie biss sich in die Hand, um nicht vor Angst zu schreien. Der Pilzwirt stand kaum eine halbe Armeslänge vor ihr. Wenn er nur einen einzigen Schritt nach vorn machte… nur eine einzige zufällige Bewegung…
Er beugte sich nach vorn und knurrte. Es klang, als entspränge das Geräusch der Kehle eines Ertrinkenden, und schleimiger Speichel tropfte aus seinem Mund auf Tharas Unterarm, warum und klebrig. Er schnüffelte wieder. Eine seiner Klauen zuckte nach vorn, zerschnitt die Luft nur wenige Fingerbreit über Tharas Kopf.
Und dann sah er sie an. Seine Augen – er hatte Augen!
Er war gar kein Opfer des Pilzes…
Tharas Beine gaben nach, als sie sah, wer da vor ihr stand, und sie brach mit einem leisen Wimmern zusammen. Die schmalen Lippen des Mannes vor ihr verzogen sich zu seinem Grinsen, hinter dem seine großen, gelben Zähne zum Vorschein kamen. Der Gestank von billigem Schnaps und saurem Bier wusch über Thara hinweg, als er sich langsam zu ihr hinunterbeugte und ihr seinen Atem ins Gesicht hauchte.
„Na, Kleines?“, fragte er lächelnd. Seine Stimme war rau wie ein Reibeisen. „Hast du mich vermisst?“
Thara krümmte sich zusammen und schüttelte den Kopf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Nein…“, flüsterte sie, „Nein… nein! Geh weg! G-geh weg!“
Er hob die Augenbrauen und zog mit gespielter Enttäuschung die Mundwinkel nach unten.
„Aber, aber! Begrüßt man so etwa seinen Papa?“
Thara brachte nur noch ein verzweifeltes Schluchzen hervor. Sie wusste nicht, wie es sein konnte, dass plötzlich ihr Vater vor ihr stand, aber sie wusste, was es bedeutete. Sie hatte geglaubt, sie wäre ihm entkommen, aber er war wiedergekommen und hatte sie eingeholt, hier in der Finsternis dieses trostlosen, albtraumhaften Ortes. Er würde sie mit sich nehmen, und dann würde er sie nie wieder gehen lassen...
Abgesplitterte Fingernägel bohrten sich in ihre Kopfhaut, rissen an ihren Haaren, und ihr Vater gab ein unmenschliches Gurgeln von sich. Thara schrie auf und schlug blindlings um sich, griff nach seinem Handgelenk und befreite sich aus seinem erstaunlich schwächlichen Griff. Taumelnd kam sie auf die Füße und rannte blindlings in die Dunkelheit.
„Hey, wo willst du hin?“, rief ihr Vater ihr nach.
„Dabei haben wir uns so lange nicht gesehen!“, tadelte er sie, als sie fast gegen ihn gelaufen wäre. Er machte einen wackeligen Schritt auf sie zu, sein Kopf zuckte hin und her und er grinste lüstern. Thara wäre fast ausgerutscht, als sie zur Seite auswich, nur um erneu ihrem Vater gegenüberzustehen, der die Arme nach ihr ausstreckte.
„Wir haben uns doch so viel zu geben…“, schnarrte ihr Vater vor ihr.
„Du weißt doch, nur wir beide!“, raunte ihr Vater hinter ihr.
„Ich will dir doch nicht wehtun, aber was soll ich tun, wenn du einfach nicht verstehen willst?“, schimpfte ihr Vater neben ihr.
Er war überall. Egal wohin sie sich wandte, ihr Vater wartete bereits auf sie. Aus allen Richtungen kam er auf sie zu, so betrunken von dem billigen Fusel, für den er den größten Teil seines mageren Tageslohnes verschwendete, dass er kaum noch geradeaus laufen konnte, mit diesem Lächeln im Gesicht, diesem falschen Lächeln, das Wärme ausstrahlen sollte, und doch nur unsagbare Erniedrigung und Schmerzen bedeutete.
„Du bist doch meine Tochter“, krächzte er, „Und ich liebe dich!“
„… meine Tochter …“
„… mein …“
„… liebe dich …“

Thara
05.05.2024, 20:26
Seine Hände griffen nach ihr, rissen an ihren Haaren, ihrer Kleidung. Thara schrie und wand sich, schlug nach ihm, tauchte unter seinen ungelenk grabschenden Fingern hindurch und stolperte fort, nur fort, aber er war überall. Sie achtete kaum auf das bedrohliche Flackern ihrer Kerze, deren Licht kurz davor war, zu erlöschen. Ihr Blick war von Tränen verschleiert und in ihrer Panik reagierte sie nur noch instinktiv. Eine Klaue hinterließ einen blutigen Kratzer auf ihrer Wange, eine andere bohrte sich schmerzhaft in ihre Schulter, bis sie sich losreißen konnte. Sie stolperte weiter, jeder Gedanke an Heimlichkeit vergessen.
„Ich Honig für dich!“, lockte sie ihr Vater irgendwo hinter ihr, „Süßes für mein süßes Mädchen!“
„Wohin willst du schon laufen?“, spottete er aus einer anderen Richtung, „Wer, glaubst du, wird sich mit dir abgeben? Sieh dich doch an! Du taugst zu gar nichts!“
„Du gehörst miiiir…!“, schnarrte er, und seine Hand schloss sich um Tharas Knöchel, brachte sie aus dem Gleichgewicht, so dass sie der Länge nach zu Boden stürzte…
Womit er ihr das Leben rettete.
Wie durch ein Wunder war die Kerze in Tharas Hand bei dem Sturz nicht erloschen, aber ihre Arme hingen in der Luft – vor ihr tat sich ein Abgrund auf, dessen Boden sie nicht ausmachen konnte. Die Katakomben reichten noch tiefer ins Erdreich, und hier war der Fußboden eingebrochen. Hätte ihr Vater sie nicht zu Fall gebracht, wäre Thara blindlings in den Durchbruch gestolpert.
„Meine Tochter… mein Mädchen!“, gurgelte ihr Vater. Seine widerlich kalten, glitschigen Finger krochen ihr Bein hoch und seine schleimige Zunge fuhr über ihren Unterschenkel. Thara trat panisch nach hinten aus, sie spürte, wie irgendetwas weiches, schwammartiges unter ihren Fersen zerplatzte, aber er ließ nicht locker. Er grinste sie an und fuhr damit fort, ihr Bein abzulecken. Es sah aus, als wollte er zubeißen, aber es fühlte sich an, als ob er keine Zähne mehr hätte, nur eitriges Zahnfleisch, das über ihre Haut glitt, während er sich mit seinen blutleeren Lippen daran festsaugte.
„Lass mich!“, wimmerte Thara, „Lass mich gehen! Bitte!“ Aber sie wusste, dass ihr Flehen umsonst war. Das war es immer. Seine scharfkantigen Fingernägel gruben sich ins Fleisch ihres Oberschenkels und er zog sich weiter auf sie. Er stank nach Alkohol und Verwesung, nach Eiter und Exkrementen, sein Körper war heiß und kalt zugleich. Thara schlug auf ihn ein, ohne Effekt. Sein Gesicht kam dem ihren immer näher, seine wässrig blauen Augen glänzten fiebrig und lüstern und voller Freude an ihrer Verzweiflung und ihren hilflosen Versuchen, sich zu wehren. Er lachte glucksend. „Mein Mädchen… mein–“
Thara gelang rammte ihm mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, ein Knie in die Seite und stieß ihn zugleich von sich.
Er ist so leicht…!, dachte sie überrascht, als es tatsächlich funktionierte: Es gelang ihr, ihren Vater abzuwerfen und sich aus seinem Griff zu befreien. Einen Moment lang schien ihr, als wäre er gar nicht ihr Vater, sein Kopf sah missgestaltet aus, als würde etwas dort wuchern, wo eigentlich sein Gesicht war, aber dann blinzelte er sie wieder an, voller Überraschung und Wut. Er knurrte und bleckte die Zähne.
„Mein Mädchen!“, konstatierte er zornig und griff wieder nach ihr. Thara schlug seine Hand zur Seite und kroch fort von ihm.
„Ich habe Honig mitgebracht!“, säuselte er plötzlich aus einer anderen Richtung. Thara rollte sich herum und sah, wie er aus der Dunkelheit auf sie zu gestakst kam, sein Körper so dünn und abgemagert, dass er kaum noch mehr war als ein mit schwarzgeäderter Haut überspanntes Skelett, aber dieses Grinsen, dieses hämische, lüsterne Grinsen, mit dem er auf sie herabblickte…
Sie schüttelte vehement den Kopf. Kein Honig! Ich will keinen Honig! Als ob ihn das jemals interessiert hätte. Panisch sah sie sich um, suchte nach einem Ausweg, während ihr Vater näherkam – ihre Väter, blasse Gestalten, die sich aus der Dunkelheit schälten, alle mit demselben Gesicht, demselben Grinsen, demselben Blick. Sie hatten sie eingekreist. Kein Weg zurück.
Und vor ihr war nur der Abgrund. Thara starrte in die bodenlose Schwärze. Was mochte dort unten wohl sein? Ein schneller Tod? Ein Sturz, Sekunden der Schwerelosigkeit, dann ein harter Aufprall, der alles beendete?
„Bitte…“, flehte sie, „Lass es e-einfach vorbei sein!“ Und zog sich über die Kante.

Thara
09.05.2024, 13:46
Aber es war nicht vorbei.
Sie fiel kaum einen oder zwei Schritte tief, bevor sie auf einem hölzernen Untergrund landete. Der Aufprall presste ihr kurzzeitig die Luft aus den Lungen, aber sonst nichts. Nur ihre Kerze erlosch – völlige Dunkelheit umhüllte Thara und nur noch ihr Gehör verriet ihr, wie ihre Väter über ihr herumschlurften, scharrten, röchelten und nach ihr riefen.
„Du bist meine Tochter!“ – „Du gehörst mir! MIR!“ – „Ich werde dich nicht gehen lassen!“ – „Niemals werde ich dich gehen lassen!“ – „Ich liebe dich doch, meine Kleine!“ – „Ich liebe dich…“
Thara rollte sich zusammen und presste die Hände auf die Ohren, aber es brachte nichts. Sie hörte seien Stimme … ihre Stimmen? … ebenso laut wie zuvor, als würden sie direkt in ihren Kopf sprechen.
„Du bist mein!“, röchelte einer ihrer Väter, „Du bist meine Tochter, du gehörst mir!“
Plötzlich traf irgendetwas dumpf neben Thara auf. Sie schreckte hoch, konnte aber in der Dunkelheit natürlich nichts erkennen. Das Ding gurgelte und krächzte, wobei es sich jedoch schnell von ihr entfernte. Ein paar Augenblicke später hörte sie einen ekelhaft feucht klingenden Aufprall irgendwo tief unter sich.
Es dauerte eine Weile, bis Thara sich einen Reim darauf machen konnte, was gerade geschehen war: Ihr … Vater … einer ihrer Väter? … war es wirklich ihr Vater gewesen? … war ihr über die Kante gefolgt, dann aber noch ein gutes Stück tiefer gestürzt und irgendwo weit unter ihr auf Fels oder Gestein aufgeschlagen.
Vorsichtig begann sie damit, den Boden abzutasten. Sie saß auf einer morschen Holzkonstruktion – die Bretter waren mit Wasser vollgesogen und fühlten sich an wie Schwamm, strenger Modergeruch ging von ihnen aus. Und nicht weit von der Stelle, an der sie kauerte, fand Thara die Bruchkante. Bei dem Zustand, in dem das alte Holz sein musste, wunderte sie sich, dass es überhaupt noch hielt.
Aber, was brachte ihr das schon? Außer, dass es ihr Ende noch ein wenig länger hinauszögerte? Sie legte sich hin, zog die Knie eng an ihre Brust und schloss die Augen. Hinter sich hörte Thara noch immer die schlurfenden Schritte, das Krächzen und Gurgeln der Bewohner dieser verfluchten Hallen. Es gab keine Richtung mehr, in die sie gehen konnte. Hinter ihr die Monster, vor ihr der Abgrund, und überall um sie herum die vollkommene Finsternis. Das war es also - das Ende ihres Weges.
Fast schon spielerisch fuhr sie mit den Fingern über die zersplitterten Ränder der Bruchkante. Es verlieh ihr eine gewisse Ruhe, zu wissen, dass sie nicht auf ihren Tod warten musste, wenn sie nicht wollte. Sie konnte sich jederzeit mit einer einfachen Bewegung über die Kante rollen und alles wäre vorbei. Es war ihre Entscheidung…

„Warum?“
Die einfache Frage war an den Herrn der Dunkelheit gerichtet, an Beliar. Thara hatte geglaubt, er wäre anders als die anderen Götter, die ihr immer nur den Rücken zugekehrt hatten, die blind für ihr Leid waren und taub für ihr Flehen. Hatte Beliar ihr nicht einen Ausweg aus ihrer Lage gezeigt, ihr geholfen, sich von ihrem Vater zu befreien und später von ihrem Ziehvater, hatte er sie nicht zu seinem Tempel geführt, zum Kastell, und sie bei sich aufgenommen? Was hatte sie sich zu Schulden kommen lassen, dass er sie jetzt im Stich ließ, allein in der Finsternis? Was hatte sie getan, dass sie dieses Los verdient hatte? Sie war entschlossen gewesen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich der Gnade ihres Gottes würdig zu erweisen, und sie hatte sich bemüht, hatte alles gegeben. War es zu wenig gewesen?
Vielleicht, ja … wahrscheinlich sogar … Wer war sie schließlich? Hatte sie wirklich geglaubt, sie, ausgerechnet sie könnte den Ansprüchen des Herrn der Unterwelt gerecht werden? Wie anmaßend, wie naiv von ihr! Natürlich war sie zu schwach dafür, zu dumm, zu ungeschickt. Sie hatte Sinistros Ende zu verantworten, den Tod eines mächtigen und treu ergebenen Priesters Beliars, sie hatte Olivia aus den Augen verloren und Arzu im Stich gelassen, die sicherlich beide viel besser dazu geeignet gewesen wären, den Ansprüchen ihres Gottes zu genügen. Ihre Anwesenheit hatte denen um sie herum nichts als Unglück gebracht. Also überließ Beliar sie in der Dunkelheit ihrem Schicksal. Sie war seiner nicht würdig.

„Es tut mir leid…“, flüsterte Thara ihr ewiges Mantra. Sie dachte an Arzu. Ob die Varanterin einen Weg gefunden hatte, zu entkommen? Sie musste einfach! Arzu war so viel schlauer und stärker als sie selbst, und Beliar würde ihr bestimmt beistehen! Thara musste einfach daran glauben, dass sie es schaffte. Es war schon schlimm genug, Arzu im Stich gelassen zu haben. Tharas Augen füllten sich mit Tränen. Was würde sie nicht dafür geben, bei ihr zu sein… Noch einmal in diese wunderschönen dunklen Augen zu blicken. Ihr Lachen zu hören. Ihre Wärme zu spüren… Stattdessen würde sie ihre letzten Augenblicke in Kälte und Einsamkeit verbringen. Wie die meiste Zeit ihres Lebens.
Nicht mehr länger…
Es war genug. Sie wollte nicht mehr warten. Hinter ihr die Monstrositäten, vor ihr der Abgrund, um sie herum die Dunkelheit. Kein Ausweg, keine Hoffnung mehr. Ihr blieb nun nichts mehr, als es zu beenden. Es war das letzte Bisschen an Selbstbestimmung, das ihr blieb, und sie würde es sich nicht nehmen lassen.
Mühsam zog sich Thara zum Rand der Plattform, die ihren ersten Versuch, sich in die Tiefe zu stürzen, vereitelt hatte. Kühle Luft wehte ihr von unten entgegen, Luft, die nach nassem Gestein roch. Der Hauch der Tiefe. Diesmal würde der Fall länger dauern, und am Ende würde das ewige Vergessen stehen.
Ihre Finger schlossen sich um die Kante…

Was ist das?
Verwundert tastete Thara nach dem, worauf sie mit der rechten Hand gestoßen war: Ein Balken, breit und massiv, der über den Abgrund hinweg führte. Sie erwartete, dass er nach wenigen Handbreit enden würde, nur ein letzter Stumpf, der ein Stück weit über den Abgrund ragte, aber sie konnte nichts dergleichen ertasten. Wie weit reichte er?
Eine wahnwitzige Hoffnung glomm plötzlich in ihr auf. Dieser Balken, der offensichtlich Teil einer Stützkonstruktion für die Gewölbe unter ihr gewesen sein musste – wenn er nun nicht irgendwo im Nichts endete, sondern bis zur anderen Seite…
Und was, wenn er doch endet? Was wenn es keine andere Seite gibt? Was dann?
Thara musste plötzlich kichern. Sie konnte nicht anders. Was dann? Dann sind wir einfach wieder da, wo wir jetzt auch sind, oder etwa nicht? Sie hatte nichts zu verlieren.

Der Balken war morsch und glitschig. Breit genug, dass sie auf ihm entlangkriechen konnte, aber nicht so breit, dass es ein Spaziergang gewesen wäre. Ganz im Gegenteil – jede Bewegung, jede Handbreit, die sie sich vorwärts schob, kostete sie eine Menge Kraft, und sobald sie die Plattform gänzlich hinter sich gelassen hatte, überkam Thara zudem ein seltsames Gefühl der Schwerelosigkeit. Sie war sich nicht sicher, ob es gut oder schlecht war, dass sie in der Finsternis nicht erkennen konnte, wie tief es links und rechts von ihr nach unten ging – vor ihrem geistigen Auge klammerte sie sich an einen Strohhalm, der über einen schier bodenlosen Schlund führte.
Die kalte Luft, die von unten heraufwehte, ließ sie frieren. Ihre Finger und Zehen waren längst taub vor Kälte, was ihr nicht gerade dabei half, sich festzuhalten. Trotzdem bohrte sie mit grimmiger Entschlossenheit ihre Fingernägel in das morsche, aufgeweichte Holz, ignorierte die Splitter, die ihre Haut aufrissen, und zog sich Stück für Stück weiter voran.
Der Stützbalken knarrte und fing irgendwann an, leicht zu schwanken. Thara biss die Zähne zusammen und ignorierte es. Weiter… nur weiter! Bis zum Ende – auf die eine oder andere Art…

Thara konnte es kaum fassen, als sie festen Boden ertastete. Der Balken hatte sie tatsächlich über den Abgrund gebracht! Es war ein seltsames Hochgefühl, das sie erfasste, und ihr wurde direkt schwindelig, als sie sich endgültig von dem morschen Holz zog. Sie rollte sich auf den Rücken und blieb eine Weile einfach liegen.
Ich lebe noch!, stellte sie überrascht fest. Als sie kurz den Atem anhielt, konnte sie das Stöhnen und Krächzen der Pilzwirte vernehmen, aber es war leise, weit entfernt – auf der anderen Seite des Abgrunds, den diese ungelenken Kreaturen sicher nicht überwinden konnten.
Tharas Euphorie ebbte jedoch bald wieder ab. Sie hatte es vielleicht über den Abgrund geschafft und war diesen furchtbaren Kreaturen entkommen, aber sie saß fest in völliger Finsternis und hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befand. Vielleicht hatte sie ein schnelles, selbstbestimmtes Ende doch nur gegen einen langsamen, qualvollen Tod eingetauscht?
Thara biss die Zähne zusammen und richtete sich mühsam auf. Es hatte keinen Sinn, sich über Dinge Gedanken zu machen, die sie nicht beeinflussen konnte. Ihr blieb nur, ihre nächsten Schritte zu planen.
Behutsam ertastete sie ihre Umgebung, immer darauf bedacht, nicht durch einen dummen Fehltritt doch noch in die Tiefe zu stürzen. Aber der Abgrund schien endgültig hinter ihr zu liegen. Nach einigen Schritten erreichte sie eine Wand, der sie folgte, bis sie einen steinernen Türstock ertastete. Verschnörkelte Reliefs waren in den Stein gemeißelt, die sich unter ihren prüfenden Fingerspitzen zu winden schienen, als wären sie lebendig – Thara zog schleunigst die Hände weg. Dennoch trat sie durch die Tür. Dahinter lag eine Treppe, und sie führte nach oben!
Stufe für Stufe schleppte sich Thara die Treppe hoch. Die einzelnen Stufen waren schmal und steil, was den Aufstieg kräftezehrend gestaltete und sie dazu zwang, zahlreiche Pausen einzulegen. Sie hoffte nur, dass diese Treppe nicht ebenso so endlos war wie jene, die sie in das pilzverseuchte Labyrinth geführt hatte. In der vollkommenen Dunkelheit hatte sie keine Möglichkeit, das festzustellen.
Entsprechend erleichtert war Thara, als die Treppe nach einer gefühlten Ewigkeit doch endete und in einen Gang mündete. Die linke Hand gegen die Wand gepresst, die rechte vor sich ausgestreckt, folgte sie dem Weg.
Es schien einfach nur geradeaus zu gehen. Keine Abzweigung, keine Biegung – nur ein schnurgerader Gang. Der Boden unter ihren Fußsohlen fühlte sich glatt an, wie die Marmorplatten, die den Fußboden des Kastells bedeckten. Die Wände waren ein wenig rauer, aber das Gestein war eindeutig bearbeitet. Auf der Oberfläche konnte sie jedoch noch immer das schleimige Geflecht des Pilzes fühlen. Sie konnte nur hoffen, dass keine der zombiehaften Pilzwirte in der Finsternis auf sie lauerten. Thara hielt die Ohren gespitzt und lauschte auf den typischen rasselnden Atem, das verschleimte Gurgeln, aber es war totenstill um sie. Die einzigen Geräusche waren ihre eigenen…

Bis sie plötzlich etwas sah! Thara blinzelte. Sie glaubte zunächst, es müsse sich um ein Trugbild handeln – sie hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ihr Hirn durch die völlige Dunkelheit dazu gebracht wurde, ihr vorzugaukeln, Dinge zu sehen. Dinge, die sich im Augenwinkel zu bewegen schienen, aber fort waren, sobald man den Blick auf sie richtete.
Das seltsame Schimmern jedoch verschwand nicht. Es war noch ein gutes Stück von ihr entfernt, weiter hinten im Gang, aber es kam näher. Thara blieb stehen und ging in die Hocke, als ob sie sich auf diese Art verstecken könnte, während sie das Phänomen beobachtete. Es war… wie Licht, aber irgendwie auch nicht! Thara hätte keine Worte gehabt, es zu beschreiben, selbst wenn ihr Leben davon abgehangen hätte. Das Beste, was ihr einfiel, war: Dort fehlte die Dunkelheit! Das ergab zwar keinen Sinn, aber anders hätte sie es nicht ausdrücken können.
Sie machte sich so klein wie möglich, wagte nur flach zu atmen, obwohl die seltsame Erscheinung noch ein gutes Stück entfernt war, und wartete. Es kam nun rasch näher, und bald konnte Thara erkennen, dass jemand sich im Zentrum des Phänomens befand. Ein Mensch. Eine Frau…

Thara stockte der Atem. Das schwarze Kleid, das sich eng an den Körper schmiegte und dessen weibliche Figur betonte, die langen, leicht gewellten Haare, diese großen, ausdrucksvollen Augen mit elegant geschwungenen Wimpern… sie hätte sie jederzeit und überall wiedererkannt! Arzu! Kein Zweifel – es war Arzu!
Eine Welle unbeschreiblichen Glücksgefühls überkam Thara. Arzu hatte es geschafft! Sie hatte einen Ausweg aus der Zelle gefunden – natürlich hatte sie das! – und jetzt war sie hier! Hatte Arzu etwa nach ihr gesucht? Hatte sie das wirklich…?
Thara wäre aufgesprungen und losgerannt, wenn sie noch die Kraft dazu gehabt hätte. So tat sie, was dem am Ehesten nahekam: Sie schlurfte torkelnd auf Arzu zu, streckte die Arme aus und krächzte etwas völlig Unverständliches, was der Name der Varanterin hätte sein sollen. Ihre von Schleim und Dreck völlig verkrusteten Haare hingen ihr in nassen Strähnen ins Gesicht, ihr Kleid war zerfetzt und blutig und ihr von Blutergüssen, Schrammen und Kratzern übersähter Körper schmerzte bei jeder Bewegung, aber sie war so glücklich wie selten zuvor in ihrem Leben, als sie in aus der Dunkelheit in den Kreis von Arzus die Dunkelheit bannendem Zauber trat.

Arzu
09.05.2024, 23:33
Lange nach ihrer Begegnung mit dem Krakenkopf, dachte Arzu immer noch über das fremde Wesen nach. Insbesondere über das unbeschreibliche Gefühl, welches sie durchfuhr, als er sie berührt hatte. Ihr fielen keine Worte ein, um es auch nur ansatzweise zu beschreiben. Ein Bedürfnis erwuchs in der Schwarzmagierin, den Krakenkopf noch einmal zu sehen und mehr zu erfahren. Dabei war sie sich sicher, auch dann wieder mit mehr Fragen als Antworten zurückgelassen zu werden. Wonach könnte es dieser Kreatur verlangen? In bester varantischer Manier dachte Arzu über einen Handel nach, der sie für den Krakenkopf interessant machen könnte. Außer dem offenkundigen Interesse an dem pilzbewachsenen Leichnam, fiel ihr jedoch nichts ein. Viel zu sehr dachte die Schwarzmagierin in menschlichen Dimensionen, das wurde ihr bald klar.
In Ermangelung von Alternativen begab sich die Varanterin schließlich auf den Rückweg. Wenn es sich tatsächlich um den Rückweg handelte. Zwar ging sie genau den Gang entlang, den sie gekommen war, aber nach kurzer Zeit öffneten sich rechts und links Seitengänge. Das stand gänzlich im Widerspruch zu ihrer Erinnerung; nämlich ein schier endlos langer Gang ohne jegliche Abzweigung. Sie ignorierte bewusst jeden der Seitengänge in der Hoffnung an einer bekannten Stelle herauszukommen.
Mit dem Schattenfresser über ihrem Haupt, folgte Arzu dem Gang weiter und immer weiter. Inzwischen hatte sie erkannt, wie Olivia verloren gegangen war. Einmal nicht aufgepasst, befand man sich schon in einem völlig anderen Gang. Außer man besaß die beneidenswerte Fähigkeit, durch Wände zu gehen.
Dann merkte Arzu auf. Abgesehen von ihren eigenen Schritten, hatte sie seit dem Krakenkopf kein anderes Geräusch mehr vernommen. Nun kam plötzlich ein Schlurfen direkt auf sie zu. Mit aller Kraft gab die Schwarzmagierin ihrem experimentellen Zauber soviel Energie sie konnte. Es langte gerade, um einen Steinwurf weit zu sehen. Ganz allmählich zeichneten sich Umrisse ab. Arzus Augen weiteten sich. Das Schlurfen, die gehobenen Hände, das Krächzen und allem voran der abartige Gestank: ein Zombie! Allerdings ein ganz kleiner!
Es brauchte einen Moment, bevor die Varanterin erkannte, um was es sich tatsächlich handelte. Oder vielmehr um wen.
"Thara!", rief Arzu voller Überraschung. Ein Krächzen kam als Antwort. Kein Zweifel bestand daran, dass es sich um ihre verschollene Begleiterin handelte. Nur ob sie lebendig oder untot war, ließ sich nicht so einfach erkennen. Ganz besonders der bestialische Gestank ließ Schlimmes vermuten. Ein abscheulicher Gedanke kam Arzu in den Sinn. Hatte das Tentakelmonster Thara verschlungen und in letzter Sekunde wieder ausgespuckt? Viel mehr als Haut und Knochen war Thara nicht und selbst Monster hatten ihre Würde.
Dann hörte die Varanterin ein Schluchzen und das erste halbwegs verständliche Wort: Entschuldigung. Jetzt bestand für Arzu kein Zweifel mehr, dass es sich um Thara handelte. Eine lebende Thara. Die Schwarzmagierin ging ihrer Gefährtin entgegen, obwohl der penetrante Gestank ihr deutlich zusetzte. Mit aller Kraft tat Arzu ihr bestes, ihren Würgereflex zu unterdrücken.
»Ich bin so froh, dass du noch am Leben bist!«, sagte die Schwarzmagerin. Ein säuerlicher Geschmack kam ihren schlanken Hals hinauf. Wie sehr sich Arzu nun wünschte, Wassermagierin geworden zu sein.
Thara machte einen Satz nach vorn und umschlang die Varanterin. Ein Schwindelgefühl machte sich in Arzu breit. Lange könnte sie das nicht aushalten. Dennoch riss sie sich zusammen und klopfte ihrer Zirkelschwester auf den Rücken. Für diesen Moment überwog ihre Freude den Ekel. Nur für diesen Moment. Schließlich nahm Arzu Thara bei den Schultern, drückte sie von sich weg und zwang sich ein Lächeln auf.
»Wo bist du bloß gewesen? Du riechst... fürchterlich!«, sagte Arzu und schob ihre Begleiterin zur Wand, damit sich das dürre Mädchen dort niederlassen konnte. Sie selbst nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz. Dort war der Gestank zumindest ein winziges Bisschen weniger beißend.

Thara
10.05.2024, 12:12
Thara wandte beschämt den Blick ab, zog die Beine eng an ihren Körper und schlang die Arme um ihre Knie, während Arzu sich auf der anderen Seite des Ganges niederließ. Mit gebührendem Abstand. Die Varanterin hatte sich zwar alle Mühe gegeben, sich den Ekel nicht anmerken zu lassen, aber für Thara war es so offensichtlich gewesen, als wenn Arzu sich bei ihrem Anblick einfach ungeniert übergeben hätte. Ausdrücke von Missbilligung, Wut oder anderen negativen Emotionen bei ihren Mitmenschen zu erkennen, war eine Fähigkeit, die für sie lange Zeit überlebensnotwendig gewesen war, und so entgingen ihr nicht einmal die kleinsten Nuancen, die in eine solche Richtung deuteten.
„Wo bist du bloß gewesen? Du riechst … fürchterlich!“, fragte Arzu schließlich und lächelte gequält. Ihr war anzusehen, dass sie es bevorzugt hätte, den Abstand noch ein ganzes Stück zu vergrößern. Nur die Enge des Ganges und der beschränkte Radius ihres dunkelheitvertreibenden Zaubers ließen das nicht zu.
„T-t-tut mir leid…“ Thara spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Angesichts dessen, wo sie sich in den letzten Stunden? (Tagen? Wochen?) hindurchgekämpft hatte, musste sie wohl wirklich grauenhaft riechen, nur dass sie selbst den Gestank gar nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte. „D-da war d-d-dieses … riesige … T-tentakeldings … u-u-und dann e-eine endlose Treppe, und … und … u-und der Pilz, der …“ Sie deutete auf eines der schwarzen Fäden, sie sich auch in diesem Gang noch an der Wand entlangzogen, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß als in dem Verließ. „D-der hier! Er … m-macht Menschen z-z-zu … ich w-weiß nicht, fast wie … wie … Zombies, a-a-aber sie leben noch! Ich dachte … ich …“
So sehr sie es auch versuchte, sie konnte ihre Tränen irgendwann einfach nicht mehr zurückhalten. Zu groß war die Erleichterung. All die Angst, der Stress, die Verzweiflung ihrer einsamen Wanderung durch die Finsternis, verfolgt von unaussprechlichen Monstrositäten und ihren eigenen Traumata, mehr als einmal dem Tod nur um eine Handbreit entgangen…
Arzu wartete geduldig, bis Tharas hemmungsloses Schluchzen in ein vereinzeltes Schniefen übergegangen war und das Mädchen wieder den Kopf hob. Zögerlich wischte sich Thara eine schleimige Strähne ihres Haares aus dem Gesicht, so dass sie Arzu mit ihrem gesunden Auge ansehen konnte. Ihre Lippen zitterten, als sie versuchte, etwas zu sagen, aber die Worte erst nicht hervorkommen wollten, weil sie die Antwort fürchtete.
„Du … du … h-hast n-nach mir gesucht?“

Arzu
10.05.2024, 17:08
Entgegen ihrer zuvor aufgestellten Regel, dass sich Thara nicht ununterbrochen entschuldigen sollte, ignorierte Arzu die Marotte ihrer Begleiterin. Sie war einfach froh, Thara halbwegs wohlbehalten wiederzufinden. Schließlich war das überhaupt der Grund gewesen, in die Katakomben hinabzusteigen. Das und die Suche nach der sagenumwobenen Tentakel, die Olivia erwähnt hatte.
»Ja, natürlich.«, antwortete die Schwarzmagierin. »Du hast mir schließlich das Leben gerettet, als du mich aus der Tentakel befreit hast. Ehrlich gesagt hatte ich schon das Schlimmste befürchtet. Ich bin zusammen mit Olivia hier runter gekommen, um dich zu suchen. Allerdings haben wir uns in den Gängen aus den Augen verloren.«
Unweigerlich musste die Varanterin an die von Pilzen überwucherte Leiche denken, als Thara von zombieartigen Wesen sprach. Ob dort ein Zusammenhang bestand?
»Vorher hatten die Goblins uns Meraton vorgeführt und wir sind nur wieder auf freien Fuß gekommen, weil wir versprochen hatten, Vabun für ihn zu suchen. Eine Lüge. Du hast ihn aber nicht zufällig gesehen?«
Arzu lachte.
»Egal. Was hältst du davon, wenn wir ins Bad gehen? Ich hing lange genug in diesen Gängen herum.«
Zwar kannte die Schwarzmagierin aus den Beschreibungen des Kastells das Bad. Ob es allerdings auch in dieser Version zu finden war, wusste sie nicht. Oder in welchem Zustand es sich befand.

Thara
10.05.2024, 20:01
Sie hat nach mir gesucht! Sie hat wirklich nach mir gesucht!
Arzus Worte erfüllten Thara mit einem unbeschreiblichen Glücksgefühl. Ihr Herz pochte plötzlich wie wild und sie wusste kaum, wie sie reagieren sollte. Das Leid und die Schmerzen, die sie auf ihrem Weg durch die Katakomben hatte ertragen müssen, schienen ihr auf einmal so fern und unbedeutend und ein geringer Preis dafür, zu wissen, dass Arzu tatsächlich nach ihr gesucht hatte, dass sie in diese unheimlichen Katakomben hinuntergestiegen war, nur wegen ihr! Es war fast zu viel, um es zu glauben!
„Danke…“, hauchte Thara kaum hörbar und spielte dabei nervös mit ihren Haaren, hinter denen sie sich wieder einmal versteckte, während sie Arzu anhimmelte und ein glückseliges Lächeln ihre Lippen umspielte. Ich bin ihr nicht egal…!

Arzu war inzwischen aufgestanden und bereit, weiterzugehen. Erwartungsvoll sah sie zu Thara herunter, die sich an der Wand abstützte, um ebenfalls auf die Füße zu kommen. Thara versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschöpft sie tatsächlich war – ein hoffnungsloses Unterfangen, allem Hochgefühl zum Trotz. Sie schwankte mehr, als dass sie stand. Trotzdem kam ihr ein unangenehmer Gedanke in den Sinn: „E-ein Bad w-w-wäre toll… A-aber… Was ist m-mit … Olivia? I-ich meine, s-sollten wir nicht … äh … s-s-sie suchen?“

Arzu
10.05.2024, 22:22
Wenngleich die ursprüngliche Reserviertheit gegenüber Olivia inzwischen Vergangenheit war, fand sich Arzu ihr weniger verpflichtet als Thara. Letztere hatte diese Reise nur deshalb unternommen, weil die Schwarzmagierin sie dazu überredet hatte. Zumal Olivia offenkundig mehr als fähig war, in diesem Kastell zu überleben.
»Ich habe bereits nach ihr gesucht.«, antwortete Arzu. »Die Gänge sind viel zu verworren und ich bin froh, wenn wir hier lebendig herauskommen.« Das ist gerade wichtiger als Olivia, fügte sie in Gedanken hinzu. Im Augenblick mussten sie zuerst auf sich selbst aufpassen.
»Vielleicht laufen wir ihr ja über den Weg. Komm.«
Es stellte sich direkt die nächste Frage: welchen Weg sollten sie einschlagen? Für Arzu ergab es wenig Sinn, in die Richtung zu laufen, aus der Thara gekommen war. Obwohl das die Richtung sein müsste, aus der sie selbst ursprünglich kam. Genauso wenig leuchtete es ein, den Weg zu nehmen, aus dem die Varanterin hierherkam. Auch wenn Arzu es nicht laut aussprach, stand fest, dass sie sich hoffnungslos verlaufen hatten.
»Ich vermute mal, dass diese Pilzzombies gefährlich sind?«, fragte die Varanterin und Thara nickte. »Wir gehen hier entlang.«, sagte sie schließlich und deutete in die Richtung aus der sie selbst zuletzt gekommen war. Zwar stand es im direkten Widerspruch zu ihrem vorherigen Gedanken, doch so fühlte es sich für Arzu zumindest danach an, als hätte sie die Kontrolle noch nicht völlig verloren.

Thara
11.05.2024, 23:38
Thara schlurfte Arzu hinterher und bemühte sich, innerhalb des ‚Licht‘-Radius dieses seltsamen Zaubers zu bleiben, mit dem die Varanterin die Dunkelheit vertrieb. Was Olivia betraf, hatte Arzu vermutlich recht – die Verrückte kannte sich hier aus und wusste, wie sie überlebte. Immerhin tat sie das schon seit… langer Zeit. Vielleicht hatte sie sich auch absichtlich aus dem Staub gemacht, weil sie der Meinung war, dass die beiden jungen, unerfahrenen Schwarzmagierinnen ein Klotz an ihrem Bein wären? Thara konnte sich das gut vorstellen, und wahrscheinlich traf es ja auch zu. Zumindest auf sie selbst. So oder so, in ihrem Zustand eine Rettungsaktion starten zu wollen, wäre völliger Irrsinn.

Der Gang schien sich endlos hinzuziehen. Ab und zu kamen sie an einer Abzweigung vorbei und Arzu überlegte jedes Mal kurz, nur um dann mit entschlossener Miene weiter geradeaus zu marschieren. Bis sie irgendwann frustriert stehen blieb.
„Das gibt es doch nicht! Hier sieht schon wieder alles ganz anders aus!“, fluchte Arzu. Thara zuckte zusammen und zog unwillkürlich den Kopf ein. „Diese Abzweigung hier kenne ich nicht, und an der vorhin bin ich auch noch nie vorbeigekommen, obwohl ich immer geradeaus gegangen bin! Wie soll man aus einem Labyrinth herausfinden, das sich ständig verändert?“
„Ich w-w-weiß nicht…“, steuerte Thara außerordentlich hilfreich bei. Arzu seufzte.
„Was solls, gehen wir nach re-AAAAH!“ Die Varanterin schrie plötzlich erschrocken auf und schlug um sich, als würde sie ein gefährliches Insekt verscheuchen wollen.
„Was ist?“, quiekte Thara und beeilte sich, ihrer Gefährtin zu Hilfe zu kommen. Im ersten Moment wusste sie nicht, was Arzu so erschreckt hatte, aber dann sah sie es auch: Ein Auge – ein einzelnes Auge flog da durch die Luft. Es sah aus, als wäre es gerade frisch aus einer Augenhöhle gerissen worden, der Augapfel war von Schleim und Blut bedeckt und der Sehnerv hing als Anhängsel herunter. Arzu schlug noch immer nach dem widerlichen Ding, das ihr jedoch jedes Mal behände auswich – bis Thara ohne zu zögern nach ihm griff, den Sehnerv zu fassen bekam und das fliegende Organ mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, auf den Boden klatschte.
Als das Auge mit einem feuchten Flatsch! auf den Marmorfliesen zerplatze, ertönte aus dem nach rechts abzweigenden Gang ein erboster Schrei.
„Okay, wir gehen wohl doch lieber in die andere Richtung“, stellte Arzu fest, „Schnell!“
Sie packte Thara an der Hand und zog das Mädchen hinter sich her. Thara gab ihr bestes, das Tempo mitzuhalten, aber es kam, wie es kommen musste – ihre geschwächten Beine versagten den Dienst und sie stolperte über ihre eigenen Füße. Inzwischen hörten sie hinter sich das Geräusch von Schritten, die rasch näherkamen.
„Steh auf, schnell!“, drängte Arzu.
„Ich bin z-zu langsam …“ Thara rappelte sich auf, aber alles drehte sich vor ihren Augen und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Sie krallte sich am Ärmel von Arzus Kleid fest und sah sich panisch um.
„Also gut“, knurrte Arzu, „Mach dich bereit!“ Sie schob Thara hinter sich, nahm einen entschlossenen Stand ein und ließ eine violette Schattenflamme über ihrer Handfläche erscheinen, gerade als ihr Verfolger aus der Dunkelheit trat…

„Vabun??“, riefen die beiden Schwarzmagierinnen im Chor.
„Der einzig Wahre…!“, knurrte Vabun missmutig und rieb sich die geröteten Augen, „War das vorhin wirklich nötig? Das tut scheiß weh, weißt du?“
„Dieses fliegende Auge kam von dir?“, fragte Arzu und ließ die Schattenflamme wieder verschwinden.
„Ja, natürlich! Ist dir schonmal aufgefallen, wie lang die Gänge hier unten sind? Die alle zu Fuß abzusuchen wäre hoffnungslos gewesen!“
„Abzusuchen?“
„Nach euch!“, rief Vabun, „Ich dachte schon fast, ihr hättet euch völlig aus dem Staub gemacht, das Mondkastell verlassen, Reallife, echte Sozialkontakte, keine Zeit mehr, Inaktivität – der übliche Unsinn eben. Pah… Da hätte ich mir bei euch wohl keine Sorgen machen müssen. Trotzdem – ich hab das ganze Kastell nach euch abgesucht. Aber ihr wart nirgendwo zu finden! Der einzige Ort, den ich noch nicht durchsucht hatte, waren die Katakomben. Warum solltet ihr schließlich hier unten sein? Wisst ihr wahrscheinlich selbst nicht. Aber hier seid ihr … grundgütiger, was stinkt hier eigentlich so? Riecht ihr das auch?“ Vabun verzog das Gesicht, hielt sich die Nase zu und wedelte theatralisch mit der Hand durch die Luft. Thara wäre vor Scham am liebten im Boden versunken.
„Kennst du denn den Weg nach draußen?“, fragte Arzu, die Bemerkung ignorierend.
Vabun lachte, als hätte sie einen großartigen Witz gemacht. „Weg nach draußen? Du meinst, durch das Labyrinth? Haha, Mädchen… es gibt keinen! Es sei denn, das Labyrinth will, dass du rauskommst. Dann führt es dich zu einem Ausgang. Aber wenn nicht, dann bleibst du für ewig hier unten. Angeblich gibt es Schwarzmagier, die seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden schon durch diese eintönigen Gänge wandern. Verirrt und allein…“
Er grinste breit, wogegen Arzu und Thara keineswegs nach Lachen zumute war. Zornesröte schoss der Varanterin ins Gesicht und ihrem Ausdruck nach zu urteilen wollte sie gerade zu einer Schimpftriade ansetzen, aber Vabun hob beschwichtigend die Hand.
„Ho ho, ganz ruhig! Ich weiß, wie wir hier herauskommen. Wozu bin ich schließlich Magier, eh?“ Er hakte die Daumen an seiner Gardinen-Tunika unter und grinste schelmisch. „Warum laufen, wenn man auch teleportieren kann? Los, reicht mir eure Hände!“

Zögerlich taten sie, wie ihnen geheißen war. Thara musste sich sehr zusammenreißen, als sich Vabuns Pranke um ihre schmalen Finger schloss wie ein Schraubstock. Ihr Puls schoss augenblicklich in die Höhe und um ein Haar hätte sie sich losgerissen und versucht, davonzulaufen. Ruhig … ich muss ruhig bleiben …
Thara schloss die Augen und fing an, lautlos zu zählen, um sich selbst zu beruhigen, als plötzlich ein leichtes Kribbeln durch ihren ganzen Körper fuhr. Für einen kurzen Moment kam es ihr vor, als könnte sie überhaupt nichts mehr spüren und sie fühlte sich vollkommen schwerelos – und als sie die Augen wieder öffnete, sah alles um sie herum plötzlich ganz anders aus.
„Da wären wir“, verkündete Vabun und ließ ihre Hand los. Thara sah sich erstaunt um. Sie befanden sich in der Eingangshalle des Kastells, dort, wo in den Boden das große Pentagramm eingelassen war und wo im ‚echten‘ Kastell die Besucher von einer deutlich weniger mobilen und geschwätzigen Version Vabuns begrüßt wurden.
„Das ging schnell“, stellte Arzu fest. Vabun zuckte mit den Schultern.
„Tja, wenn das hier eine Geschichte wäre, könnte man fast glauben, es mit einer besonders lahmen Version eines Deus Ex Machina zu tun zu haben, weil die Autoren sich in eine Sackgasse geschrieben haben, oder besser, in ein endloses, unnavigierbares Labyrinth. Aber wie dem auch sei – viel wichtiger ist, habt ihr das Lichtschwert und die Rune?“
Thara und Arzu wechselten einen kurzen Blick und schüttelten die Köpfe.
„Wie bitte?“, rief Vabun, „Mädchen, ihr hattet einen Job!“ Er warf ächzend die Hände in die Luft. „Was ist passiert? Wo sind die Gegenstände?“
„Ein Typ, also ein Goblin namens Fladnag hat sie! Und wenn du nicht einfach so abgetaucht wärst, um…“, setzte Arzu an, aber Vabun wandte sich ab und hörte ihr offensichtlich gar nicht zu.
„Fladnag? Verdammt!“ Er schlug sich mit der Faust in die Handfläche. „Dieser Fladnag verfügt über eine mächtige magische Waffe, die tödliches Licht verstrahlt… ich habe es gesehen! Wir müssen vorsichtig sein! Aber vielleicht habe ich eine Idee. Hmm. Ich werde ein paar Vorbereitungen treffen müssen. Und außerdem sollte ich mich nicht zu offen hier blicken lassen, ich glaube, Meraton sucht nach mir. Hier, nehmt das: Der Schlüssel zu Zimmer 1408. Einer der wenigen Räume hier, die noch halbwegs anständig möbliert sind. Wartet dort auf mich – ich hole euch, wenn alles bereit ist. Meratons Tage sind gezählt, das verspreche ich euch! Himmel, was stinkt hier nur so…?“
Ohne auf eine Erwiderung zu warten, drehte sich Vabun um marschierte zielstrebig davon. Thara blinzelte und schaute dann zu Arzu, die mit zweifelnder Miene den Schlüssel in ihrer Hand wog.
„W-was nun? S-s-sollen wir tun, w-was er … was er sagt?“

Arzu
12.05.2024, 03:32
So plötzlich er auftauchte, so plötzlich verschwand Vabun bereits wieder. Nicht einmal Gelegenheit ihm etwas zu sagen, hatte Arzu bekommen. Sollte er doch in seinen Untergang rennen, dachte sich die Schwarzmagierin und betrachtete den Schlüssel, den der Nichtversteinerte ihnen hinterlassen hatte. Wenn der Raum tatsächlich weniger heruntergekommen als der Rest des Kastells aussah, wäre das in der Tat eine willkommene Überraschung. Arzu würde allerdings nicht ihren Atem dafür anhalten.
»Komm, wir gehen.«, sagte Arzu und winkte Thara zu. »Bevor uns noch Goblins finden.« Zusammen nahmen die beiden Schwarzmagierinnen eine der Wendeltreppen, die von der Eingangshalle hinauf in den ersten Stock führten. Die Gänge dort lagen verlassen. Keine Kore, keine Goblins, gar nichts. Es fühlte sich fast so an, als ob das Kastell ihnen nach all den Strapazen eine kurze Auszeit gönnte.
»Teleportation hört sich nach einer wirklich praktischen Sache an.«, sagte Arzu und erntete ein Nicken ihrer Begleiterin. »Und das andere auch. Das mit dem Auge, meine ich. Vielleicht kannst du so ein magisches Auge an Stelle deines blinden einsetzen. Wäre das nicht was?«
Sie liefen den Gang entlang, von einer Tür zur nächsten. An keiner von ihnen hing ein Türschild, so dass Arzu den Schlüssel an jeder einzelnen ausprobieren musste. Vergeblich, wie sich herausstellte nachdem sie sowohl den linken als auch den rechten Flügel abgegangen waren. Auch im zweiten Stock wurden sie nicht fündig. Ein Stockwerk gab es noch und im Nachhinein ärgerte sich die Varanterin über sich selbst. Natürlich musste sich der Raum im dritten Stock befinden. Das ließ sich von der hohen Nummerierung schließlich ableiten.
Selbst im dritten hatten die Räume allerdings keine Schilder. Wieso hatte der Schlüssel dann überhaupt eine Nummer? Bevor sich die Schwarzmagierin mehr Gedanken über diesen Unsinn machen konnte, passte der Schlüssel plötzlich an einer Tür. Auch hier kein Schild. Vorsichtig schob Arzu die Tür auf und lugte in den dunklen Raum. Gerade als sie ihren Schattenfresser weiter vor sich hielt, um etwas im Inneren erkennen zu können, entzündeten sich im Zimmer wie von Geisterhand die Lampen. Thara und Arzu wechselten Blicke. Das war doch zu gut, um wahr zu sein! Hätte Vabun sie nicht gerade erst aus den Katakomben gerettet, wären sie diesem Geschenk gegenüber zweifellos misstrauischer gewesen. Doch sie waren beide erschöpft und sehnten sich nach einer Gelegenheit wie dieser.
Der Raum befand sich in einem tadellosen Zustand. Eine dunkelgrüne Tapete zierte die Wände und rundherum befand sich eine hüfthohe, weiße Vertäfelung. Teppich und Möblierung waren ebenfalls in freundlichen Farbtönen gehalten. Eine Vielzahl von Lampen an den Wänden und auf Kommoden tauchten den Raum in ein warmes, einladendes Licht. Es stand in einem krassen Kontrast zu dem, was sich auf der anderen Seite der Türschwelle befand.
Entschlossen betrat Arzu den Raum. Nichts passierte. Der Raum blieb so einladend wie er war. Es sprangen auch keine Goblins oder anderen Monster hinter den Möbeln hervor. Das unheimlichste, was passierte, war, dass die Tür hinter Thara und Arzu von allein ins Schloss fiel.
»Ich will es fast nicht glauben.«, sagte die Schwarzmagierin, als sie eine Runde machte. Zur Linken befand sich ein breiter Durchgang in ein Schlafzimmer mit einem weichen Doppelbett. Von dort aus führte eine Tür in ein geräumiges Badezimmer. Darin befand sich eine große Wanne, bis zum Rand gefüllt mit heißem Wasser.
»Meinst du, e-e-es ist sicher?«, fragte Thara.
»Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.«, antwortete die Varanterin. »Aber wenn ich draufgehen muss, dann lieber hier drin, als da draußen. Ich nehme jetzt auf jeden Fall ein Bad!«
Im Schlafzimmer zog sich Arzu das ramponierte Kleid, die Unterwäsche und die hohen Stiefel aus. Besonders das Kleid hatte seit ihrer Abreise aus Stewark leiden müssen. Dabei war es guter varantischer Stoff gewesen und alles andere als günstig. Mit einem Seufzen warf Arzu es über einen Stuhl.
Im Badezimmer nahm sich die Schwarzmagierin einen Waschlappen aus einem Regal und ging zur Wanne herüber. Sie war groß genug für zwei Personen. Vorsichtig prüfte Arzu die Wassertemperatur. Genau richtig! Ohne noch einen Moment länger zu warten, stieg sie endlich in die Wanne und gab ein lautes Stöhnen von sich.
»Bei Beliar!«

Thara
12.05.2024, 14:57
Thara sah sich misstrauisch um. Der Raum war nicht nur vollkommen anders als alles, was sie bisher im Kastell gesehen hatte – im Mondkastell insbesondere – sondern er übertraf bei weitem alles, was sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Es war ihr fast unvorstellbar, dass man auf so viel Platz und mit solchen Möbeln wohnen konnte! Und dass manche Menschen das für vollkommen selbstverständlich hielten. Wenn sie dabei an die winzige Hütte dachte, in der sie aufgewachsen war …
Thara folgte Arzu ins Schlafzimmer und ließ ihre Fingerspitzen über die Matratze und die Decken gleiten. Der Stoff fühlte sich unglaublich weich und einladend an! Wenn sie sich auf dieses Bett legte, würde sie wahrscheinlich innerhalb von Augenblicken einschlafen und einfach nie wieder aufwachen. Konnte das wirklich real sein? Und dann noch die Tatsache, dass es im Nebenraum sogar einen Badezuber gab, der bis zum Rand mit heißem Wasser gefüllt war – Thara konnte sich nicht helfen, es schien einfach alles zu gut zu sein. So viel Glück hatte sie nicht, niemals! Es musste eine Falle sein. Aber warum? Und von wem? Vabun? Aber warum sollte er…?
Arzu hegte offenbar ähnliche Vermutungen, weigerte sich aber, sich davon irre machen zu lassen. Eine der Eigenschaften, die Thara an ihr bewunderte – sie nahm die Dinge einfach, wie sie kamen, und machte das Beste aus der Situation. Und sie hatte ja recht. Was brachte es ihnen, sich stundenlang Sorgen zu machen über Fallen oder Hinterhalte, die es womöglich überhaupt nicht gab? Das Mondkastell war magisch und vollkommen unvorhersehbar. Und wenn es darin so grauenhafte Orte wie das Verließ in den Katakomben gab, wo Menschen von einem höllischen Pilz versklavt wurden, warum sollte es dann nicht auch gute Orte geben, so wie dieses sonderbare Zimmer mit der Nummer 1048?

„Ich nehme jetzt auf jeden Fall ein Bad!“, verkündete Arzu entschieden und begann, sich aus ihrer Kleidung zu schälen. Das edle schwarze Kleid, das schon bessere Tage gesehen hatte, die hohen Stiefel, schließlich die Unterwäsche...
Thara stand wie angewurzelt da und konnte nicht anders, als jede einzelne Bewegung der schönen Varanterin zu verfolgen. Ihre Haut schimmerte samtig im Licht der Kerzen und Öllampen, ihr Haar fiel ihr lose über die bloßen Schultern und floss ihren Rücken herunter, umspielte ihre wunderbaren weiblichen Kurven. Arzu gab sich keinerlei Mühe, eine Vorstellung daraus zu machen – wozu auch, sie wollte einfach nur ins Bad! Aber gerade diese Beiläufigkeit, mit der sie sich auszog, verlieh ihr etwas so… authentisches! Sie strahlte dieses mühelose Selbstbewusstsein aus, für das Thara sie so bewunderte. Als Arzu schließlich nackt an ihr verbeispazierte und sich dabei beiläufig die Haare in den Nacken strich, so dass sich ihre Brüste hoben, und sie dabei kurz anlächelte, fühlte Thara eine Hitze in sich aufsteigen, die sie beinahe schwindeln ließ.
Arzu verschwand im Badezimmer und ließ sich mit einem zufriedenen Seufzer in die Wanne gleiten, während Thara sich noch immer keinen Fingerbreit von der Stelle gerührt hatte. Nervös spielte sie mit ihren Haaren und starrte mit einer Mischung aus Sehnsucht und Angst auf die Tür zum Bad. Sie ist so schön…!
„Kommst du?“, rief Arzu, „Das Wasser ist herrlich, und du solltest wirklich diesen Geruch loswerden!“
„Äh … j-j-ja!“, stammelte Thara und gab sich einen Ruck, um sich aus ihrer Starre zu lösen. Umständlich streifte sie ihr Kleid ab, das mittlerweile kaum noch mehr war ein zerfetzter Lumpen, völlig besudelt mit Blut und Schmutz und Dingen, von denen Thara gar nicht wissen wollte, worum es sich dabei eigentlich handelte. Sie überlegte kurz, was sie mit dem Kleid anstellen sollte – es waschen? Dafür würde sie wahrscheinlich Stunden brauchen, und selbst dann war sie sich nicht sicher, ob sie den widerwärtigen Gestank herausschrubben konnte. Was würde Arzu tun?
Kurzentschlossen ging Thara zu dem Kamin am anderen Ende des Raumes und warf das Kleid in das Feuer, das darin loderte. Mit einem leisen Wuusch! ergriffen die Flammen umgehend Besitz von dem Kleidungsstück, als wäre es in Alkohol oder einer anderen brennbaren Flüssigkeit getränkt.

Neben dem Kamin stand ein mannshoher, silbergerahmter Spiegel. Thara zögerte einen Moment, trat dann aber einen Schritt näher an den Spiegel. Was sie sah, war… sie seufzte leise und dachte an Arzu – die so weibliche, sanduhrförmige Silhouette ihres Körpers, den Rhythmus ihrer Hüften, wenn sie ging, wie ihre vollen, perfekten Brüste dabei auf und ab wippten. Ihre straffen Schenkel und ihren runden Hintern, die samtweiche Haut mit dieser exotischen, leicht olivfarbenen Tönung, ihre großen, dunklen, ausdrucksvollen Augen und die sinnlichen Lippen, mit denen sie so wunderschön lachen konnte…
Sie selbst hatte nichts von alldem. Die Gestalt, die Thara aus dem Spiegel entgegenblickte, war blass und kränklich, ihre Haut übersäht mit blauen Flecken, Kratzern und Abschürfungen, den Andenken an ihr letztes Abenteuer – und daneben den zahlreichen Spuren älterer Gewalt. Für einige davon war sie auch selbst verantwortlich. Unter der Haut konnte sie fast jede einzelne Rippe zählen, ihre Schlüsselbeine standen scharfkantig hervor. Sie bezweifelte, dass ihre schmalen Hüften in der Lage wären, ein Kind zur Welt zu bringen, und ihre Brüste füllten kaum ihre eigenen kleinen Hände. Und dann ihr Gesicht… Ihr blindes, milchig-weißes Auge, das geradezu dämonisch zwischen ihrem schwarzen Haar hervorglotzte, egal wie sehr sie versuchte, es zu verstecken. Und nicht einmal ihr Lächeln war hübsch, entblößte es doch eine hässliche schwarze Lücke, wo ihr Vater ihr einst einige Zähne ausgeschlagen hatte.
Sie schluckte schwer. Bei dem bloßen Gedanken daran, zu Arzu in den Badezuber zu steigen, beschleunigte sich ihr Herzschlag zu einem wilden Galopp und ihre Eingeweide verkrampfen sich. Sie wollte es, sie konnte sich kaum etwas vorstellen, was sie mehr wollte, aber – wie konnte sie? Das wäre beinahe, wie … als würde sie etwas Perfektes beschmutzen…
„Thara?“, rief Arzu in diesem Moment, „Wo bleibst du denn? Das Wasser ist nicht ewig warm!“

Thara sah zum Bad und noch einmal in den Spiegel. Dann wanderte ihr Blick zum Kamin, wo die Überreste ihres Kleides inzwischen zu einem Häuflein Asche verbrannt waren. Sie hatte das Kleidungsstück einfach ins Feuer geworfen. Sie hatte eine Entscheidung getroffen – eine unbedeutende Entscheidung vielleicht, aber eine Entscheidung. Sie hatte sich entschieden, sich eher in ein Bettlaken oder eine Gardine zu wickeln, als diese besudelten Lumpen noch einmal anzuziehen. Wie … wie Arzu es getan hätte! Und was würde Arzu jetzt tun? Sie schloss die Augen, atmete einmal tief durch: „Äh… I-ich komme sofort!“

An der Schwelle zögerte Thara noch einmal kurz, gab sich dann aber einen Ruck und trat ins Bad. Arzu saß im Zuber und hatte sich zurückgelehnt, ihre Arme lagen auf dem Rand, die Augen hielt sie geschlossen. Ihre Brüste ragten ein wenig aus dem Wasser, umrahmt von ihrem schwarzen Haar hoben und senkten sie sich im regelmäßigen Rhythmus ihrer Atmung. Die Brustwarzen hatten sich in der kühlen Luft aufgerichtet und das Licht der Kerzen verlieh ihrer nassen Haut einen goldenen Schimmer.
Thara musste sich beinahe am Türstock abstützen, als eine Welle unglaublichen Verlangens sie überkam und ihre Beine ihr fast den Dienst versagt hätten. Arzu schlug die Augen auf und lächelte.
„Da bist du ja endlich!“, stellte sie fest und rutschte ein wenig zur Seite, „Komm rein!“
Thara nickte nur, unfähig, auch nur ein Wort von sich zu geben. Sie kletterte in den Zuber, und obwohl das Wasser sich im ersten Moment brühheiß anfühlte, ließ sie sich unelegant hineinplumpsen. Dann saß sie da, spielte voller Nervosität mit ihren Haaren und war gefangen zwischen dem Verlangen, Arzu zu betrachten (sie zu berühren!) und der Angst davor, genau das zu tun.
„Du …“, krächzte sie und stockte.
Arzu hob die Augenbrauen: „Hm?“
„D-d-du bist so… wunderschön!“, hauchte Thara und ihr Kopf leuchtete rot wie eine Tomate.

Arzu
12.05.2024, 16:16
Ein helles Lachen hallte im Badezimmer wider. Arzu amüsierte sich über die Verlegenheit ihrer Begleiterin. Das dürre Mädchen konnte manchmal so niedlich sein!
»Ich weiß!«, antwortete die Schwarzmagierin selbstbewusst und tauchte ihren Kopf kurz unter. Nachdem sie wieder hochkam, wusch Arzu ihre langen, schwarzen Haare. Wie ihr Kleid hatte die Reise auch ihre Haare in Mitleidenschaft gezogen. Sie müsste gewiss eine handbreit davon abschneiden. Vielleicht sogar zwei. Eine Vorstellung vor der es Arzu gruselte.
»Wenn wir wieder auf Argaan sind, müssen wir unbedingt mal nach Stewark. Da gibt es bestimmt ein paar gute Schneider. Mit einem extravaganten Kleid wirst du ganz bestimmt ein paar Köpfe verdrehen!«
Sie lehnte sich zu Thara herüber und zog eine Strähne aus dem schwarzen Chaos, das ihrer Begleiterin als Frisur diente. Die Haare waren brüchig und matt und völlig verknotet. Natürlich lag das auch an ihrem Abenteuer im Mondkastell, doch das geschulte Auge der Varanterin erkannte mit Leichtigkeit, dass Thara ihre Haare wohl ihr ganzes Leben vernachlässigt hatte.
»Du musst wirklich mehr auf dich achten, Thara! Dein Körper ist ein Tempel; pflege ihn entsprechend! Ich fürchte, wir müssen dir ganz viel davon abschneiden.«
Arzu lehnte sich zurück und wusch weiter ihre schwarze Mähne.
»Da wird selbst ein gutes Haaröl nicht mehr helfen. Am besten gehen wir direkt zu einem Barbier, wenn wir schon in Stewark sind. Eine gute Haarbürste brauchst du auch. Hundert Bürstenstriche jeden Tag! Dann bleibt es auch schön. Hat einmal eine varantische Prinzessin gesagt.«
Mit den Fingern strich sich die Schwarzmagierin durch ihre eigenen Haare.
»Nun, meine Bürste liegt leider im anderen Kastell.«, sagte Arzu mit einem Seufzen. Sie lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen. Wie sehr sie es vermisst hatte, es sich einfach gut gehen zu lassen.
»Woher kommen all die Narben?«, fragte Arzu schließlich. Als Thara in die Wanne gestiegen war, ließ es sich nicht übersehen. In Gedanken machte sich die Varanterin bereits eine Notiz, dass sie auch einen Heiler in Stewark aufsuchen mussten. Bestimmt konnten die Wassermagier ihnen dabei helfen.

Thara
12.05.2024, 20:44
Als Arzu zu lachen anfing, wollte Thara am liebsten im Boden versinken. Warum hatte sie sich nur zu so der Bemerkung hinreißen lassen? Als ob Arzu ausgerechnet sie bräuchte, um ihr zu sagen, wie schön sie war…
Unter Wasser berührten sich ihre Beine, was Thara fast dazu gebracht hätte, aus dem Zuber zu springen. Nicht, weil sie es ihr unangenehm gewesen wäre, überhaupt nicht – aber allein diese kurze, zufällige Berührung löste ein Gefühl in ihr aus, dem sie keinen Namen geben konnte, das sie aber ganz und gar zu überwältigen drohte. Ihr Herz pochte wie wild, sie biss nervös auf ihrer Unterlippe herum und zupfte weiter an ihren Haaren.
Arzu erzählte etwas über Stewark – eine Stadt, die Thara bisher nur vom Hörensagen kannte – und sie nickte dann und wann, hörte aber kaum wirklich zu. Bis Arzu sie ermahnte, besser auf ihren Körper zu achten.
„Dein Körper ist ein Tempel!“, sagte sie und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Thara hob den Kopf und blinzelte. Ein Tempel? Sie sah ihren Körper eher als ein Gefängnis. Etwas, das sie an diese Welt fesselte, etwas, das ihr Schmerzen bereitete, etwas, das andere benutzen und missbrauchen konnten, um ihr Schmerzen zuzufügen und von dem sie sich nicht befreien konnte. Etwas unansehnliches, schwächliches… Und schließlich, wie auch Arzu bemerkte, ein Testament ihrer Leiden.
Auf Arzus Frage nach ihren Narben antwortete sie nicht sofort. Sie zog die Beine an und rieb nachdenklich etwas Schmutz von ihrem Knie. Sie hatte noch nie mit irgendwem darüber gesprochen…

„Mein… m-mein Vater“, sagte sie schließlich kaum hörbar. Langsam und stockend begann sie zu erzählen – von ihrer Kindheit im Armenviertel von Thorniara, der Isolation und der ständigen Gewalt durch ihren Vater, der sie spätestens nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Mutter gänzlich ausgeliefert war. Von dem Missbrauch, von dem sie nicht einmal mehr sagen konnte, wann er eigentlich begonnen hatte – als wäre er einfach schon immer Teil ihres Lebens gewesen. Wie er sie nach Lust und Laune benutzte und wegwarf, wenn er genug von ihr hatte...
Thara wusste nicht, wann sie während ihrer Erzählung zu weinen begonnen hatte. Aber sie erzählte weiter. Es tat weh, aber es tat so gut, dass Arzu ihr zuhörte. Dass sie jemandem nicht einfach egal war! Also erzählte sie. Von den fortgesetzten Quälereien, die sie später im Waisenhaus hatte erdulden müssen, sowohl durch die anderen Kinder, als auch durch die Ammen, und schließlich von ihrem Verkauf an den Fischhändler, der sich als kaum weniger brutal erwiesen hatte als ihr leiblicher Vater. Sie endete damit, wie sie sich endlich aus dieser Hölle hatte befreien können und ihren Weg ins Kastell gefunden hatte.
„Tja, jetzt … b-bin ich hier!“, schloss sie unbeholfen und versuchte ein Lächeln. Hier, bei dir…

Sinistro
12.05.2024, 22:05
Dunkelheit umhüllte den Hohepriester, der sich das Kinn kratzte und überlegte, welchen Stand die Sonne wohl habe. Er fühlte sich, als wäre der Kastellwein durch irgendeine billige Abart von Wein vom Rande des Klosterhanges neben dem Abort ersetzt worden und als wäre sein Kopf das Innere eines Glockenturms. Es trommelte also von innen gegen die Schläfen des Schwarzmagiers und er versuchte sich daran zu erinnern, wo er überhaupt war.

Es dämmerte ihm, wie er zwei junge Frauen vor einer Horde Goblins verteidigen wollte und wie er…
Ja, wie er in die Tiefe gerissen und von der Tiefe verschlungen wurde. Und wie er tief unterhalb des Refektoriums auf den Boden aufschlug, der ihn wider Erwarten nicht in tausend Teile zerbersten ließ, sondern ihn auffing wie ein zu weiches Bett. Doch auch seinen Widersacher hatte der Boden dermaßen aufgefangen und so hatten die Beiden Stunden, vielleicht auch Tage oder sogar Wochen noch gegeneinander gekämpft. Wobei man auch gar nicht mehr von einem Kampf sprechen konnte. Jeder der Kontrahenten erzielte einen Treffer, den der jeweils andere parierte oder einstecken musste, doch die Kraft, nun seinerseits den entscheidenden Schlag zu landen, um endgültig den Sieg zu erringen, hatte keiner der Zwei.

Und so kam es, wie es kommen musste: Die beiden Kontrahenten starrten sich irgendwann einfach nur noch an und brachen beide gleichzeitig in schallendes Gelächter aus. Sie legten die Arme umeinander und gingen Arm in Arm fort vom Ort ihrer epischen Schlacht.
Sicher, es gestaltete sich für den Hohepriester nicht einfach, sich mit dem großen und muskulösen Goblin namens Arnold zu verständigen, doch beide gaben sich größte Mühe, aufeinander einzugehen und den jeweils anderen zu verstehen. Und zumindest die Voraussetzung, dass sie Nahrung und Flüssigkeit benötigten, waren nun einmal unumstößliche Fakten.

Und genau genommen hatten sie auch keine andere Chance, wieder an die Oberfläche oder zumindest in die Nähe dessen zu gelangen, was Sinistros Lehrlinge gemeinhin als Mondkastell bezeichnet hatten.
Der Hohepriester und der Muskelgoblin gaben jedenfalls ein sehr seltsames, aber schlagkräftiges Gespann ab, das sich wieder und wieder kleineren und größeren Herausforderungen stellen musste. Und sie schafften es im Laufe der Zeit, sogar so Etwas wie Kommunikation zu betreiben. Arnold war für einen Goblin sogar außerordentlich gesprächig und erklärte dem staunenden Hohepriester, wie man es unter Goblins zu Macht schaffte und dass er einer von fünf Goblinfrüchten sei, die ihrerseits um die Herrschaft über alle Goblinvölker stritten. Der Grünäugige war sich sicher, Arnold meinte Goblinfürst…
Er jedenfalls hatte sich Meraton nur zum Schein angeschlossen, um seinem größten Widersacher nahe zu sein und um diesen mit Hilfe mächtiger Artefakte stürzen zu können. Eigentlich hatte er diese Artefakte auch schon beisammen, doch dann…

Es war eine lange, eine verworrene, eine unerzählbare Geschichte, an die sich der Schwarzmagier nun mit seinem Kopfschmerz erinnerte und die seinen Blick wandern ließen, wo sein ungleicher Partner doch nur abgeblieben wäre. Doch Arnold war verschwunden und die Kopfschmerzen des Hohepriesters wurden erneut stärker. Und wo er überhaupt war, hatte er auch noch nicht herausgefunden.

Arzu
12.05.2024, 23:07
Arzu hatte sich in der Wanne aufgesetzt und der Geschichte ihrer Begleiterin aufmerksam zugehört. Es war Horror, es war Drama, und jeder weitere Satz führte in noch tiefere Abgründe. Nur einen positiven Wendepunkt gab es; die Ankunft im Kastell. Der Kontrast zwischen den beiden Schwarzmagierinnen konnte nicht schärfer sein. Umso mehr fühlte sich Arzu jetzt für das dürre Mädchen wie für eine kleine Schwester verantwortlich.
Als Thara schließlich ihre Erzählung beendet hatte, war der Varanterin fast so als sei ihrer Begleiterin ein viel zu enges Korsett abgenommen worden oder zumindest ein wenig aufgeschnürt. Mit Sicherheit hatte sie sich nur wenigen auf diese Art und Weise anvertraut. Wie es wäre, diese Erfahrungen jeden Tag mit sich zu schleppen, konnte Arzu nur erahnen.
Die Varanterin bewegte sich auf ihre Knie und umarmte Thara innig.
»Dir wird keiner mehr etwas antun!«, sagte Arzu und blickte ihrer Zirkelschwester fest ins Auge. »Der nächste, der das versucht, wird in einen Zombie verwandelt und wird für alle Ewigkeit den Dreck von deinen Stiefeln ablecken! Wenn du welche hast. Wir müssen wirklich bald nach Stewark. Ich kenne dort ein paar sehr nette Leute.«
Schließlich erhob sich Arzu und stieg aus der Wanne aus.
»Nimm dir Zeit.«, sagte sie und griff nach einem passenderweise bereitliegenden Trockentuch. »Besonders deine Haare musst du gründlich waschen. Sonst kriegst du das Zeug niemals raus.«
Nachdem sie ihr eigenes Haar abgetrocknet hatte, legte sich Arzu das Tuch um den Körper.
»Ich werde mich ein wenig nebenan auf das Bett legen. Komm rüber, wenn du fertig bist, ja?«

Thara
13.05.2024, 10:09
Die Tür schloss sich hinter Arzu, und Thara blieb allein im Badezuber zurück. Sie fühlte sich befreit, erleichtert. Das Leid ihrer Vergangenheit, die Erinnerungen, die sie heraufbeschworen hatte, während sie Arzu davon erzählte – all das schien auf einmal fern und unbedeutend. Es fühlte sich gut an, diese Last erstmals mit jemandem teilen zu können. Mit jemandem, der ihr zuhörte und Mitgefühl zeigte.
Vieles war noch ungesagt, sie war nicht zu sehr ins Detail gegangen, und auch darüber, wie ihr Vater und später der Fischhändler ihren Tod gefunden hatten, hatte sie sich ausgeschwiegen… obwohl sie sich sicher war, dass Arzu dafür Verständnis gezeigt hätte. Aber sie hatte sich etwas erleichtern können, und Rest, das waren Geschichten für ein anderes Mal.

Thara lehnte sich zurück, tauchte ein wenig tiefer ins warme Wasser und schloss die Augen. Dachte wieder an Arzu, an die Umarmung. Normalerweise hasste sie es, auch nur berührt zu werden, und wenn irgendjemand anders versucht hätte, sie zu umarmen und festzuhalten, sei es auch mit noch so guten Absichten, dann hätte sie das mindestens an den Rand einer Panikattacke gebracht. Aber Arzu war anders… In ihren Armen fühlte sie sich geborgen. Die Selbstsicherheit der Varanterin gab auch ihr ein Stück Sicherheit.
Und natürlich nicht nur das… Thara spürte noch immer das Gefühl von Arzus Haut auf der ihren, ihre weichen Brüste, als Arzu sie an sich gedrückt hatte, und den Atem der Varanterin in ihrem Nacken. Sie hatte den Duft ihrer Haut und ihres Haars in der Nase und fühlte den Rhythmus ihres kräftigen Herzschlags. Thara konnte kaum noch an etwas anderes denken, und sie wollte es auch gar nicht. Eine kaum bekannte Hitze machte sich in ihrem Unterleib breit, während sie das gerade Erlebte wieder und wieder vor ihrem geistigen Auge ablaufen ließ. Es war ungewohnt, verwirrend, aber auch schön, so schön… Ihr Herzschlag beschleunigte sich und sie atmete flach zwischen ihren leicht geöffneten Lippen hindurch, und zögerlich schob sie eine Hand zwischen ihre Beine.



~~



Noch leicht zitternd, hatte Thara die Arme um ihre Knie geschlungen und starrte auf die Wasseroberfläche. Was tue ich hier eigentlich? Diese Gefühle, die Arzu in ihr hervorrief – hatte etwa ihr Vater für sie dasselbe empfunden, wenn er…? Nein, niemals! Er war nur darauf aus gewesen, sie zu erniedrigen, sich seiner Gewalt und seiner Herrschaft über sie zu vergewissern, während er seine niedersten Triebe auslebte. Was sie gegenüber Arzu empfand, war etwas völlig anderes. Aber was? War das, was sie fühlte, nicht etwas, das zwischen… zwischen einer Frau und einem Mann sein sollte?
Was ist nur falsch mit mir?
Plötzlich fühlte sie sich schmutzig, verwirrt, beschämt. Warum hatte sie das gerade getan? War das richtig? War es falsch? War das normal, oder war sie … war sie ein perverses Monster? Was würde Arzu von ihr denken, wenn sie davon erfahren sollte?
Frustriert legte Thara die Stirn auf ihre Knie und seufzte leise. Sie hatte Fragen über Fragen, aber keine Antworten, und niemanden, dem sie sie stellen konnte. Nicht einmal Arzu…

Sie ließ sich Zeit, wusch sich gründlich die Haare – nicht nur, weil Arzu es gesagt hatte, sondern auch, weil sie nachdenken musste. Nicht, dass sie zu einem Ergebnis gekommen wäre. Ihre Gefühle für Arzu irritierten und verunsicherten sie, aber zugleich konnte sie sich nicht erinnern, in ihrem bisherigen Leben jemals etwas so schönes erlebt zu haben. Konnte es denn wirklich falsch sein, dass sie so empfand?
Als Thara schließlich aus dem Zuber stieg, war das Wasser nur noch lauwarm, hatte dafür aber eine trübe Färbung angenommen, während ihre Haut ganz verschrumpelt war. Das Bad hatte gutgetan und sie fühlte sich, als hätte sie mit dem Schmutz und dem Gestank nun auch die furchtbaren Erlebnisse in den Katakomben zumindest ein Stück weit hinter sich gelassen. Sie trocknete sich ab, wickelte sich in das weiche Handtuch (zwei Handtücher hatten bereitgelegen, stellte sie nebenher fest, ganz als hätte man Arzu und sie erwartet…) und ging zur Tür. Nachdem sie noch einmal tief durchgeatmet hatte, drückte sie die Klinke herunter.

Im Schlafzimmer war es dunkler, als Thara in Erinnerung hatte, und sie stellte fest, dass etwa die Hälfte der Kerzen nicht mehr brannten. Arzu lag im Bett und blinzelte, ihr noch feuchtes Haar glänzte im Feuerschein.
„Da bist du ja!“, stellte sie fest. Ihre Aussprache klang ein wenig verwaschen, als hätte sie schon geschlafen.
„T-tut mir leid, ich w-w-wollte dich nicht wecken!“, entschuldigte sich Thara, aber Arzu lachte nur ihr helles, wunderschönes Lachen.
„Hatte ich nicht gesagt, du sollst dich nicht andauernd entschuldigen?“
Thara nickte, eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht. Arzu lächelte und schlug die Decke auf der freien Seite des Bettes zurück.
„Komm schlafen. Das Bett ist so bequem, das wirst du kaum glauben!“
Thara zögerte einen Augenblick, aber schließlich ließ sie das Handtuch zu Boden gleiten und kroch unter die Decke. Die Matratze war unglaublich weich und die samtenen Bettbezüge fühlten sich wunderbar auf ihrer Haut an. Sie hätte nie im Leben geglaubt, dass Betten wie dieses überhaupt existieren konnten, geschweige denn, dass sie jemals in einem schlafen würde!
„D-das … das ist…“, stotterte sie, fand aber keine Worte und strich einfach nur mit der Hand über die Decke, während sie Arzu mit großen Augen ansah. Die Varanterin lächelte amüsiert, ein Lächeln, das ihre dunklen Augen strahlen ließ, so dass Thara das Gefühl hatte, sich in ihnen zu verlieren. Schon wieder überkam sie dieses Verlangen, und sie wollte nichts lieber, als Arzu nah zu sein. Sie wollte zu ihr herüberrutschen und sich an sie kuscheln, in ihren Armen liegen und ihre Wärme zu spüren…
Aber sie traute sich nicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie Arzu reagieren würde. Was, wenn sie eben doch … wenn einfach etwas mit ihr falsch war?
Sie seufzte leise, drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. Sofort spürte sie, wie die bleierne Müdigkeit sie übermannte. Unter der Decke suchte sie noch mit ihrer Hand nach der von Arzu, aber kaum, dass sich ihre Finger berührten, versank Thara schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf, geboren aus völliger Erschöpfung.

Arzu
17.05.2024, 22:53
Verschlafen schlug Arzu die Augen auf. Sie wusste nicht, wie lange sie im Bett gelegen hatte. Nur dass es dringend notwendig gewesen war. Das letzte Mal musste tatsächlich im anderen Kastell gewesen sein. Wie lange lag das zurück? Konnte man überhaupt so lange ohne Schlaf auskommen? Arzu entschied sich, dass das viel zu viele Fragen an einem Morgen wären.
Als sie ihren Kopf zur Seite neigte, entdeckte sie Thara. Ihre Begleiterin lag zu einer Kugel gekringelt neben ihr. So wenig Platz nahm sie ein, dass sie in eine kleine Truhe gepasst hätte. Nachdem sie sich Arzu anvertraut hatte, konnte die Varanterin auch nachvollziehen, weshalb das so war. Eine wirklich traurige Geschichte. Deshalb entschied sich Arzu auch dazu, Thara nicht zu wecken. Sie hatte sich die Ruhe verdient. Was sie selbst anging, zog die Schwarzmagierin die Decke hoch bis zum Hals, drehte das Kissen auf die kühle Seite und machte wieder die Augen zu. Schlafen konnte sie zwar nicht mehr, dafür drängten sich zu viele Fragen auf. Zumindest die Wärme des Bettes wollte sie trotzdem noch eine Weile genießen.
Es wurde eine lange Weile, in der Arzu immer wieder in und aus dem Halbschlaf tauchte. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, zog vorsichtig die Bettdecke beiseite und stand auf. Thara schlief noch immer. Auch jetzt sah Arzu keinen Grund, sie zu wecken. Deshalb ging sie zum Bad, um sich aufzufrischen. Zu ihrem Erstaunen hatte sich die Wanne mit neuem Wasser gefüllt. Eine glückliche Fügung, die Arzu sogleich ausnutzte. Natürlich wuchs ein gewisser Argwohn in ihr heran. Der Rest des Mondkastells war alles andere als gastfreundlich. Dieser Raum allerdings schien das genaue Gegenteil zu sein.
Arzu zog ihre Unterwäsche aus und stieg in das heiße Nass. Woran es wohl liegen mochte, dass dieser Raum so viel anders war, dachte sich die Schwarzmagierin. Sorgsam wusch sich Arzu das lange Haar, während sie grübelte. Zu ihrem Leidwesen verfingen sich viele lose Haare zwischen ihren Fingern. Grundsätzlich nichts ungewöhnliches, denn ihr Haar war dicht und wuchs schnell. Es war allerdings mehr als sonst. Sie vermutete, dass das mangelnde Kämmen daran Schuld trug. Das und die erlesenen Mittel zur Körperpflege, die ihr nun fehlten.
Nach dem Bad suchte Arzu nach ihrem Kleid. Sie fand es zerknittert auf dem Boden neben dem Bett. Es sah alles andere als brauchbar aus, als die Schwarzmagierin es hoch gegen das Licht hielt. Normalerweise würde sie es wegschmeißen. Allerdings hatte sie keine andere Kleidung und in Unterwäsche würde sie gewiss nicht durch das Kastell laufen. Widerstrebend zog sich Arzu das zerfetzte Kleid an, sah noch einmal nach Thara und ging dann in den Eingangsbereich.
Auf einer gestreiften Couch ließ sich die Varanterin nieder und legte die Füße hoch. Wenn Thara endlich wach wäre, sollten sie zum Refektorium. Obwohl sich Arzu nicht hungrig fühlte, müssten sie bald etwas essen. Ganz besonders das dürre Mädchen. Dann fiel ihr allerdings ein, dass Vabun ihnen aufgetragen hatte in diesem Raum auf ihn zu warten. Den Unversteinerten noch einmal zu suchen, stand Arzu nicht im Sinn. Das letzte Mal hatte ihr gereicht. Wenn er aber nicht zeitnah käme, blieb ihnen keine andere Wahl, als ohne ihn aufzubrechen.
Als sie an Vabun dachte, erinnerte sich Arzu an den Zauberspruch, den er in den Gängen der Katakomben benutzt hatte, um sie zu finden. So ein magisches Auge hatte zweifellos viele praktische Anwendungen. Ob nur Vabun ihn beschwören konnte? Ohne eine Anleitung wusste Arzu nicht, wo sie überhaupt dabei beginnen sollte. Obwohl das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie hatte schließlich auch den Schattenfresser durch etwas Ausprobieren entdeckt. Etwas mehr herumexperimentieren konnte nicht schaden, solange Thara noch schlief. Arzu hob ihre rechte Hand vor sich und beschwor die Schattenflamme. Der einzige Zauber, den sie wirklich gut beherrschte. Er müsste als Ausgangspunkt dienen. Irgendwie.

Thara
18.05.2024, 13:07
Thara hätte nicht sagen können, wann sie zum letzten Mal so gut geschlafen hatte, oder ob sie überhaupt schon jemals so gut geschlafen hatte! Normalerweise erwachte sie bei den leisesten Geräuschen – vorausgesetzt, dass nicht ihre sich unentwegt im Kreis drehenden Gedanken oder die unentrinnbaren Albträume sie wachhielten. Aber heute Nacht hatte sie einfach geschlafen wie ein Stein. Kein ewiges Gegrübel, keine Träume – nur tiefer, erholsamer Schlaf.
Sicher, nach ihrer unfreiwilligen Horrorodyssee durch die tiefen Katakomben des Mondkastells war sie zu Tode erschöpft gewesen, aber es war mehr als nur die bloße Erschöpfung, oder das unglaublich weiche, bequeme Bett: Sie hatte sich auch einfach sicher gefühlt, weil Arzu neben ihr…
Sie tastete zögerlich nach der Varanterin, aber ihre Finger glitten nur über den Stoff der Matratze. Erschrocken riss Thara die Augen auf: „Arzu?“
„Ja?“
Thara drehte sich um und hob den Kopf. Arzu saß auf dem Sofa und warf ihr einen fragenden Blick zu. Über der Handfläche der Varanterin schwebte eine Schattenflamme.
„Äh … i-ich meine … g-guten Morgen!“, stammelte Thara peinlich berührt.
„Morgen?“ Arzu lachte. „Es ist mindestens Mittag! Oder schon Abend? Wer weiß, schwer zu sagen, das Licht hier ist ja so anders. Du hast auf jeden Fall ziemlich lange geschlafen, aber ich wollte dich auch nicht wecken.“
„Oh … äh, d-danke …“ Thara lächelte schüchtern. „Ich hoffe … a-also … d-du hast a-a-auch gut geschlafen?“
„Ja, hab ich – endlich mal wieder ein richtiges Bett!“, sagte Arzu belustigt, „Übrigens, das Badewasser ist wieder frisch! Ich war schon drin – geht doch nichts über ein Bad am Morgen, und nachdem wir ohnehin auf Vabun warten müssen, können wir es uns ja auch gutgehen lassen, oder?“
Thara nickte und rieb sich die Augen. Frisches Badewasser? Diese Wohnung war wirklich sonderbar und sie konnte nicht umhin, sich einmal mehr zu fragen, wo der Haken war! Sie verdrängte den Gedanken jedoch, was ihr erstaunlich leichtfiel. Vielleicht hatte sie einfach mal Glück, war das denn so schwer zu glauben?

Aufzustehen gestaltete sich hingegen unerwartet schwierig. Nicht, weil Thara noch müde gewesen wäre – sie fühlte sich so wach und erholt wie schon lange nicht mehr –, sondern weil ihr einfach alles wehtat. Nicht nur die zahllosen Kratzer und Abschürfungen, die sie davongetragen hatte, sondern jeder einzelne Muskel in ihrem Körper schien sich am liebsten zu einem steinharten Klumpen zusammenziehen zu wollen und ließ sich nur unter schmerzhaftem Protest davon überzeugen, seine Arbeit zu verrichten. Ihre Bewegungen waren entsprechend ungelenk, als sie ihr Handtuch vom Boden sammelte und in Richtung des Badezimmers tapste.
In der Tür blieb Thara noch einmal stehen. Insgeheim hoffte sie, dass Arzu mit ihr in den Badezuber steigen würde, aber die Varanterin starrte nur angestrengt auf die Schattenflamme in ihrer Hand.
Thara neigte ein wenig den Kopf zur Seite: „W-w-was m-machst du da?“
„Dieser Zauber, den Vabun im Labyrinth gewirkt hat, dieses fliegende Auge – ich will wissen, wie das geht!“
„Mit … d-der Schattenflamme?“
Arzu zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wo ich sonst anfangen sollte.“
„Hm …“ Thara wartete noch einen Moment länger, aber Arzu machte keinerlei Anstalten, ihr ins Bad zu folgen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Zauber. „V-viel Erfolg“, wünschte ihr Thara schließlich und versuchte, sich die leise Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Als Thara nach einer Weile wieder aus dem Bad kam, fühlte sie sich hervorragend. Das heiße Wasser hatte geholfen, ihren Muskelkater ein wenig zu lindern, so dass sie sich nicht mehr bewegte wie eine steife Holzpuppe, und sie genoss das Gefühl von Frische und Sauberkeit, das ihr viel zu selten vergönnt war. Sie hatte sich in ihr Handtuch gewickelt – das einzige ‚Kleidungsstück‘, dass sie gerade zur Verfügung hatte – und ließ sich neben Arzu auf die Couch plumpsen.
Die Varanterin experimentierte noch immer mit der Schattenflamme herum. Das violette Feuer über ihrer Handfläche flackerte, zuckte und warf Funken, wies bisher aber keine Ähnlichkeit mit einem Auge auf.
„Und?“, fragte Thara neugierig, „M-machst du schon F-f-fortschritte?“
Arzu seuftze frustriert und ballte die Hand zur Faust, woraufhin die Flamme erstarb.
„Nein! Mit dem Schattenfresser ging das wohl, weil es wie eine Umkehrung der Schattenflamme ist, aber ein Auge daraus zu formen…“
Thara überlegte und ergriff dann zögerlich das Wort: „I-ich hatte v-vorhin eine Idee. I-i-ich weiß nicht, w-wahrscheinlich ist sie dumm, a-a-aber…“
Arzu hob erwartungsvoll die Augenbrauen: „Ja? Nun erzähl schon!“
„A-a-also ich h-hatte manchmal d-dieses Gefühl, dass ich g-gar nicht in m-m-meinem Körper bin und … a-als wenn ich mich selbst … b-b-beobachten würde. Immer wenn m-mein Vater … w-w-wenn …“ Thara schluckte und wandte kurz den Blick hab, hob dann aber wieder den Kopf. „J-jedenfalls, vielleicht k-k-kann man so … ich meine … a-auf diese Art, w-wenn man das m-m-mit Magie verbinden könnte …?“
Sie ließ selbst eine Schattenflamme in ihrer Hand auftauchen und konzentrierte sich auf das magische Feuer, ließ dessen hypnotisches Flackern auf sich wirken und stellte sich vor, wie es wäre, nicht an ihren Körper gebunden zu sein, sondern über dem Bett zu schweben und sich selbst beobachten zu können.
Vor ihrem geistigen Auge begann sich eine Szene zu formen: Sie selbst und Arzu, wie sie nebeneinander auf der Couch saßen. Sie mit dem magischen Feuer vor sich, Arzu, die sie aufmerksam beobachtete, während sie angestrengt in die Flamme starrte. Arzu, die sich schließlich lächelnd zu ihr beugte, ihr Gesicht in ihre Hände nahm, ihre Wangen streichelte und ihr einen innigen Kuss gab. Arzu, die irgendwann, ohne dass Thara es gemerkt hatte, ihr Kleid abgestreift haben musste…

„Thara?“, fragte Arzu und riss sie damit aus ihrer Phantasie. Die Varanterin sah sie forschend an. Thara spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss und ließ die Schattenflamme verpuffen.
„Äh … n-n-nichts … d-das w-w-war … hat … ha-hat n-n-n-ni … nicht geklappt!“, stammelte sie, zog die Knie an und versuchte, sich hinter ihren Haaren zu verstecken. Was war bloß los mit ihr?

Arzu
18.05.2024, 16:38
»Was ist denn los? Ist irgendwas in den Katakomben passiert von dem du mir nichts erzählt hast?«, fragte die Schwarzmagierin ihre Begleiterin. Das Verhalten, das Thara an den Tag legte, passte überhaupt nicht zu ihr. Abgesehen von dem Einrollen wie ein Gürteltier, sobald ihr etwas peinlich erschien. Aber auch das ergab gerade keinen Sinn. Niemand erwartete von ihr, den Zauber gleich beim ersten Mal erfolgreich beschwören zu können.
Arzu sah Thara etwas schräg an und widmete ihre Aufmerksamkeit dann wieder ihrer Schattenflamme. Was ihre Zirkelschwester da vorgeschlagen hatte, leuchtete durchaus ein. Wenn sie einen ihrer beiden Zaubersprüche wirkte, veränderte sich nicht ihre Perspektive. Sie selbst war der Ausgangspunkt, das Zentrum des Geschehens. Anders würde Arzu es auch nicht haben wollen. Daran lag die Krux. Sich von ihr selbst zu lösen, widerstrebte der Schwarzmagierin. Es gab keinen Grund, die Welt durch anderer Leute Augen zu erfahren.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und beschwor eine neue Schattenflamme vor ihrem Körper herauf. Pechschwarz und umgeben von einer weißen Korona. Chaotisch züngelten die magischen Flammen umher. Mit ihrem Willen gab Arzu dem Zauber einen Stoß, so dass er sich auf gerader Bahn von ihr fortbewegte. Nicht so schnell, als hätte sie ihn im Kampf auf ein Ziel geschleudert. Es war ein gemächliches Tempo. Wenn ihr das Konzept des Sehens durch ein magisches Auge noch diffus vorkam, gab es einen weiteren Aspekt, der mindestens genauso wichtig sein musste. Vabun hatte seinen Zauber nämlich ausgeschickt, nach ihnen zu suchen. Das hieß, er behielt ihn unter seiner Kontrolle, selbst wenn sich das Auge mehrere Gänge weit von ihm entfernt befand.
Langsam beschrieb die Bahn des Zauberspruchs einen Bogen, um nicht mit der Wand zu kollidieren. Es bedurfte höchster Konzentration, denn es galt den Zusammenhalt der Schattenflamme und die Flugbahn gleichermaßen zu erhalten. Als es gerade das Sichtwelt der Varanterin verließ, zerfiel das magische Gebilde und löste sich in Nichts auf.
Verärgert schnaubte Arzu. Es war offensichtlich, dass es sich bei dieser Art von Magie um wirklich fortgeschrittene und komplizierte Konzepte handelte. Ohne Bibliothek oder Lehrer würde sie Jahre brauchen, um damit umgehen zu können.
»Komm, wir gehen zum Refektorium, um etwas zu essen.«, sagte Arzu und stand vom Sofa auf. »Wenn wir schnell sind, kommen wir wieder, bevor Vabun hier auftaucht.«
Entschlossenen Schrittes ging die Schwarzmagierin zur Tür und drehte den Knauf.
»Zieh dir aber was an...«, sagte die Varanterin, als sie mitten im Satz unterbrochen wurde. Ausgehend vom Türknauf verwandelte sich das Zimmer plötzlich. Die warmen Farben wichen einem grau in grau und die Möbel zerfielen, als hätte die Zeit einen plötzlichen Sprung um hunderte Jahre nach vorn gemacht. »Was bei Beliar ist denn jetzt los?«

Thara
19.05.2024, 11:36
Thara war nicht einmal mehr überrascht, als sich die wunderschöne Wohnung mit dem sich selbst auffüllenden Badezuber und dem bequemen großen Bett als nichts als eine Illusion herausstellte. Nur enttäuscht. Natürlich, dachte sie, Wie sollte es auch anders sein?
Vom Türknauf ausgehend, blätterte die Farbe von den Wänden, die Möbel zerfielen zu morschem, schimmligem Gerümpel, die Kerzen schmolzen zu staubigen Wachsflecken zusammen. Es wurde merklich kühler und die Luft nahm einen Geruch nach Moder und feuchtem Mauerwerk an. Und zuletzt verwandelte sich auch noch das flauschige Handtuch, in das Thara sich gewickelt hatte, in einen schmierigen, zerfetzten Lumpen, der bei Berührung schon fast von selbst zu Staub zerfiel.

Thara seufzte und sah sich um. Als die Wohnung noch gut ausgesehen hatte, nun, da hätte sie schon irgendetwas gefunden, woraus sie Kleidung hätte improvisieren können – notfalls das Bettlaken! Aber das war nun ebenso von der Zeit und dem Schimmel zerfressen wie die Gardinen, die Handtücher und alles andere.
Sie ging zum Kamin, in der Hoffnung, dass das Feuer, in dem sie ihr Kleid verbrannt hatte, auch nur eine Illusion gewesen war und das Kleidungsstück, ramponiert und dreckig, wie es auch war, noch im Brennraum lag – doch nein, zwischen Staub und Spinnweben konnte sie nur noch die verkohlten Überreste ausmachen. Scheinbar war das Zimmer also nur zum Teil eine Illusion gewesen. Thara fiel auf, dass auch ihre Haare noch feucht waren und der Dreck, den sie sich vom Körper gewaschen hatte, war nicht auf wundersame Art wieder zurückgekehrt.
Leider half ihr das bei ihrem aktuellen Problem nicht weiter. Die Vorstellung, nur mit ihrem langen Haar ‚bekleidet‘ durch das Kastell zu laufen, behagte ihr ganz und gar nicht. Aber in diesem heruntergekommenen, verrotteten Zimmer gab es nichts! Was sollte sie nur tun? Arzu bitten, irgendwo etwas aufzutreiben, während sie sich in eine Ecke verkroch und wartete?

Thara war schon kurz davor, Arzu genau darum zu bitten, als ihr Blick auf die große Truhe am Fußende des Bettes fiel. Die Truhe war schon immer dagewesen, aber Thara hatte ihr bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt. Wie alle anderen Möbel sah die Kiste nun deutlich gealtert aus, wirkte aber noch immer stabil.
Thara hatte keine großen Hoffnungen, als sie den unverschlossenen Deckel hob – sie erwartete, dass der Inhalt von Moder und Schimmel zerfressen sein würde. Umso überraschter war sie, als sich das Innere der Truhe als trocken und sauber entpuppte – und gefüllt mit Dingen, die aussahen, als wären sie erst kürzlich darin verstaut worden! Da lagen einige Bücher in der Kiste, Gegenstände zur persönlichen Körperpflege wie Schere und Rasiermesser, eine Sturmlampe aus Messing, ein paar Kerzen, ein ganzes Bündel Silberbesteck, ein kleiner Lederbeutel, in dem einige Münzen klimperten … Und nicht zuletzt: Kleidung!

Thara zog eine Robe hervor, die zusammengeknüllt zwischen anderem Kram gelegen hatte. Die Robe kam ihr etwas schief geschnitten vor, die Nähte wirkten grob und ungeschickt, und der Stoff… Sie brauchte einen Moment, bis es ihr einfiel: Der schwere Stoff war derselbe, aus dem auch die Vorhänge in anderen Teilen des Kastells gefertigt waren! Und wer trug Kleidung aus Kastellgardinen?
„I-ich glaube, d-d-das ist … Vabuns Zimmer!“, stellte Thara fest und hielt die Robe vor sich. Sie war ihr natürlich viel zu groß. Aber allemal besser, als nackt herumzulaufen.
Thara streifte das Kleidungsstück über und nutzte eine Kordel als Gürtel, damit sie zumindest nicht ständig Gefahr lief, beim Gehen über den Saum zu stolpern. Arzus belustigtem Grinsen nach zu urteilen, sah sie trotzdem reichlich albern aus. Die Ärmel der Robe hingen ihr bis zu den Knien, und wenn sie die Kapuze über den Kopf zu zog, konnte sie vollkommen darunter verschwinden. Zumindest würde der schwere, schwarze Stoff sie besser warmhalten als ihr dünnes Kleid.
Kurzentschlossen schnappte sich Thara noch das Rasiermesser aus der Truhe und schob es in ihren Gürtel. Nicht unbedingt eine sonderlich effektive Waffe, aber besser als gar keine.
„So … gehen wir jetzt i-i-ins … äh … Refek- … Re- … Riflektorum?“

Arzu
19.05.2024, 23:36
Im Nachhinein leuchtete es Arzu ein, dass es sich um Vabuns Raum handelte. Aus welchem Grund sollte er sonst den Schlüssel besitzen und um den guten Zustand wissen. Ehemals guten Zustand. Verantwortlich fühlte sich die Schwarzmagierin nicht für den plötzlichen Verfall. Vabun hatte es schließlich mit keinem Wort erwähnt.
»Re-fek-to-ri-um!«, korrigierte Arzu langsam. »Stell dir mal vor, wir haben hohe Gäste. Dann musst du das richtig aussprechen können!«
Die Varanterin seufzte.
»Egal. Wir müssen uns beeilen.«, sagte Arzu und verließ Vabuns Quartier. »Am besten gucken wir auch nach einer Schere, sonst stolperst du noch in diesem Vorhang.«
Kurz überlegte die Schwarzmagierin in welche Richtung es ging. Bisher hatte sie sich nur einmal im dritten Stockwerk aufgehalten; als sie nämlich in den vierten wollte, um ins Mondkastell zu gelangen. »Das müsste der Weg sein.«, bestimmte sie schließlich und schloss vorher noch den Raum wieder ab.
»Meinst du, wenn man genügend Opfer darbringt, kann man das gesamte Kastell wieder verwandeln? Nicht dass ich es mit meinem Blut ausprobieren wollte. Interessant wäre es aber zu wissen.«
Zusammen gingen die beiden Schwarzmagierinnen die Gänge entlang und nahmen die Treppe hinab. Arzu beschwor währenddessen ihren Schattenfresser. Zwar lagen die Gänge hier nicht in tiefste Finsternis getaucht, wie in den Katakomben. Dennoch wollte sie die Zeit sinnvoll nutzen. Sie schickte ihren Zauber so weit es ihr möglich war voraus, ganz ähnlich wie sie es zuvor mit der Schattenflamme getan hatte. Wenn sie erst mal die Kontrolle über ihren Zauber perfekt beherrschte, würde sich Arzu dem anderen Aspekt widmen.
Wie auch auf dem Hinweg befand sich niemand außer ihnen in den oberen Stockwerken. Ein wenig besorgniserregend war es schon. Sonst lungerten an jeder Ecke zumindest ein paar Goblins herum. Ein Grund mehr sich zu beeilen.
Schließlich erreichten sie das Erdgeschoss. Von hier war es nur noch ein Katzensprung bis zum Refektorium. Gerade als sie aus dem Foyer kamen und der Schattenfresser den Gang voraus flog, blieb Arzu an Ort und Stelle wie festgewurzelt stehen. Thara lief geradewegs von hinten gegen sie.
»Shh!«, mahnte die Schwarzmagierin ihre Begleiterin und deutete vor sich. »Da ist jemand.«
Der seltsamen Natur ihres Schattenfressers wegen, schien kein direktes Licht auf die Gestalt am anderen Ende des Ganges. Dennoch war es unverkennbar eine Person.
»V-vielleicht ist es Vabun?«, flüsterte Thara. Arzu war sich nicht sicher. Normalerweise machte der Unversteinerte ganz unverhohlen auf sich aufmerksam. Wer auch immer dort ging, tat es langsam. Langsam und ziellos wie ein Zombie...
Schließlich reichte das Unlicht des Schattenfresser aus, um sie erkennen zu lassen. Eine hagere Gestalt in ramponierten Klamotten, totenbleiche Haut und ganz unverkennbar grüne Augen.
»Oh nein!«, flüsterte Arzu. »Sie haben Sinistro in einen Zombie verwandelt!«
»D-d-die Schweine!«
Augenblick löschte die Schwarzmagierin ihren Zauber und beschwor statt dessen eine Schattenflamme herauf.
»Besser wir vernichten ihn.«, sagte sie entschlossen. »So ein Dasein hat er nicht verdient!«

Thara
20.05.2024, 16:23
Re-fleck-to-rum … Re-fleck … nein, das war … Reh-felk-tro … nein! Thara bewegte lautlos die Lippen, während sie Arzu durch die Gänge des Kastells folgte auf dem Weg zum Reh-fick-… oh bei Beliar, nein! Re-fleck-torum? Refleckturium? Verflucht, wieso kann das Ding nicht einfach ‚Speisesaal‘ heißen?
Thara gab es auf. Sie hatte das Wort einfach schon wieder vergessen, keine fünf Minuten, nachdem Arzu es ihr genauestens vorgesagt hatte. Und sie konnte Arzu nicht danach fragen, ohne sich völlig zu blamieren! Falls hoher Besuch kam, würde es wohl das Beste sein, wenn sie sich einfach nicht blicken ließe. Sie war sowie viel zu dumm, ungeschickt und unansehnlich, um als Vertreterin des Kastells in Erscheinung zu treten. Arzu war dafür viel besser geeignet, schön und klug und elegant, wie sie war…
„Uff!“ Arzu war plötzlich stehengeblieben und Thara, völlig in Gedanken versunken, gegen sie gelaufen.
„Shh!“, zischte die Varanterin und deutete auf den Gang vor ihnen: „Da ist jemand!“
„V-vielleicht ist es Vabun?“, mutmaßte Thara, aber Arzu schüttelte den Kopf und beobachtete die Gestalt argwöhnisch.
„Oh nein! Sie haben Sinistro in einen Zombie verwandelt!“, flüsterte Arzu plötzlich, als die Gestalt in den Radius ihres Schattenfresser-Zaubers taumelte. Thara riss schockiert die Augen auf.
„D-d-die Schweine!“, entfuhr es ihr. Als wäre es nicht genug, dass der Hohepriester durch ihre Schuld zu Tode gekommen war, jetzt mussten diese verdammten Goblins ihn auch noch als Zombie versklaven? Kalte Wut stieg in ihr auf. Wer auch immer dafür verantwortlich war, würde dafür zahlen! Meraton, Fladnag, oder auch jeder einzelne verdammte Goblin in diesem Kastell!
„Besser wir vernichten ihn“, sagte Arzu, „So ein Dasein hat er nicht verdient!“
Thara nickte. „Ja“, brachte sie gepresst hervor, „S-sinistro, es … t-t-tut mir leid! Wirklich! I-ich hoffe du f-f-findest … Ruhe!“
Mit diesen Worten ließ sie zeitgleich mit Arzu eine Schattenflamme auf die schwankende untote Hülle des einstigen Hohepriesters los. Es war der einzige Dienst, den sie ihm noch erweisen konnte. Nicht, dass es ihre Schuld an seinem Tod schmälern würde…

Sinistro
23.05.2024, 23:05
Es hatte nur wenige weitere Augenblicke gedauert, da hatte der Hohepriester erkannt, wo sich Arnold und er befunden hatten – vielleicht waren es dennoch Tage? Sie hatten jedenfalls aus irgendwelchen Gründen, an die sich Sinistro partout nicht erinnern konnte, das Refektorium aufgesucht und dort ein notdürftiges Quartier errichtet. So notdürftig, wie man sich das jedoch derzeit vorstellen konnte, war es gar nicht. Es gab Nahrung, es gab Flüssigkeit und der Eingang war dauerhaft von Arnold überwacht. Dieser meinte noch, er selber solle den Speisesaal hier besser nicht verlassen, da er nicht wüsste, wem sich seine Untergebenen zwischenzeitlich angeschlossen hätten und dass die Kopfschmerzen des Magiers wohl durch eines der Getränke verursacht sein mochten, die er seit ihrer Ankunft hier zu sich genommen hatte.
Überhaupt sah man hier im Refektorium keine Spuren dessen, was vor noch nicht allzu langer Zeit zwischen Arnold und Sinistro geschehen war. Der Boden sah unversehrt aus, die Tische und Stühle standen an ihren Plätzen, alles schien, als wäre das, was geschehen war, nie passiert.

Nachdem die Kopfschmerzen des Grünäugigen nun schon den zehnten Tag in Folge anhielten, hatte Arnold ihn aufgefordert, das Refektorium doch mal zu verlassen und ein wenig vor die Tore des Kastells zu gehen, um frische Luft zu schnappen. Und auf dem Weg dahin befand sich der Schwarzmagier, als ihm urplötzlich zwei Schattenflammen entgegengeschleudert wurden, denen er nur deshalb ausweichen konnte, weil er vom Kopfschmerz gequält über seine eigenen Füße gestolpert war.
Dennoch wirken zwei Schattenflammen, die beinahe den eigenen Brustkorb getroffen und bestimmt keinen unerheblichen Schaden verursacht hätten, wie ein Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf geschüttet oder zwei Tassen schwarzen, koffeinhaltigen Heißgetränks.
Sinistro war schlagartig wach, die Kopfschmerzen waren vergessen und er blickte in die Richtung, aus der ihn die Zauber beinahe getroffen hätten.
Unwillkürlich musste er anfangen zu lächeln, erkannte er doch seine beiden Schülerinnen, doch das Lächeln erstarb so schnell, wie es erschienen war, denn die beiden Frauen hatten schon die nächste Schattenflamme auf ihn abgefeuert.
Kurz sammelte er sich und ließ vor sich das Skelett eines Goblins erscheinen, das ihm die Bekanntschaft mit der Schattenflamme seiner Schülerinne höflicherweise abnahm.
„Haltet ein, oder ich muss härtere Geschütze auffahren. Und das geht für euch schlecht aus, Arzu und Thara“, brüllte er den beiden jungen Frauen entgegen.
Eine dritte Doppelsalve an Schattenflamme, gewirkt von seinen Schülerinnen, bahnte sich erneut den Weg auf ihn zu. Liebenswerterweise warf sich auch hier das Skelett des Goblins in den Weg, doch die Kraft der beiden Zauber ließ das kleine, untote Geschöpf nun in seine Einzelteile zerspringen.
So langsam müssten die Zwei ihn doch erkennen…

Arzu
23.05.2024, 23:51
Ein Goblinskelett war aus dem Nichts hinter dem Zombie hervorgesprungen. Zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Denn just in diesem Augenblick schlugen genau dort zwei Schattenflammen ein und vernichteten die untote Kreatur. Unterdessen kam der zombifizierte Sinistro immer näher. Er strauchelte, was nur bedeuten konnte, dass sich sein Körper bereits in einem fortgeschrittenem Stadium des Verfalls befand. So ansehnlich hatte ihn Arzu empfunden, auch wenn er ein fürchterlicher Schwätzer war.
Das laute Fauchen der Schattenflammen erfüllte die Luft. Was der Zombie grölte, hörten sie nicht. Obwohl Arzu fast so war, als hätte sie ihren Namen gehört. Befanden sich in dem verrotteten Gehirn Sinistros noch Erinnerungen an sie? War das überhaupt möglich? Als er noch am Leben gewesen war, hätte der Hohepriester ihr das mit Sicherheit beantworten können. Welch ein Jammer!
»Wir dürfen ihn nicht herankommen lassen!«, rief die Schwarzmagierin zu Thara. »Zombies sollen wirklich stark sein. Ich habe eine Idee! Lass uns die Schattenflammen zu einer besonders großen vereinen! Das wird diesen laufenden Moderteppich garantiert zerstören!«

Thara
24.05.2024, 13:56
Es erwies sich als unerwartet schwierig, den untoten Kadaver des einstigen Hohepriesters zurück in Beliars Reich zu befördern, denn wie sich herausstellte, war er nicht allein – Goblinskelette kamen wie aus dem Nichts herangesprungen und warfen sich in die Schattenflammen, die eigentlich Sinistros ewige Ruhe hätten ein für alle Mal hätten sicherstellen sollen!
Der Zombie krächzte irgendetwas, und Thara zögerte einen Augenblick, als sie glaubte, tatsächlich Worte zu hören. War das möglich? Konnten Zombies sprechen? Oder war das eine Einbildung, ein Echo, hervorgerufen durch das Fauchen und Zischen der Schattenflammen, die sie ihm unentwegt entgegenschleuderten?

„Wir dürfen ihn nicht herankommen lassen!“, rief Arzu und die Gewissheit in ihrer Stimme verscheuchte Tharas Zweifel. Wenn Arzu keine Bedenken hatte, ob Sinistro tatsächlich tot war oder nicht, dann hatte sie bestimmt recht. „Lass uns die Schattenflammen zu einer besonders großen vereinen! Das wird diesen laufenden Moderteppich garantiert zerstören!“, schlug die Varanterin vor.
Thara nickte gehorsam, auch wenn sie nicht so recht eine Idee hatte, wie das funktionieren sollte. Aber irgendetwas mussten sie tun, denn der Sinistro-Zombie schaffte es auf unerklärliche Weise, unbeschadet zu bleiben, weil sich ständig irgendwelche Goblinskelette zwischen ihn und die zerstörerische Magie warfen!

Die beiden Schwarzmagierinnen begannen damit, jede eine Schattenflamme aufzuladen. Statt sie aber direkt auf den Wiedergänger zu schleudern, ließen sie die Zauber langsam aufeinander zu schweben. Es stellte Thara vor eine gewisse Herausforderung, derart die Kontrolle über die Magie zu behalten, die immer wieder ausbrechen wollte – ihre Schattenflamme flackerte und zuckte wie ein lebendiges Wesen, während die von Arzu zwar ein wenig kleiner war, dafür aber eine beinahe perfekte Kugel bildete.
Schließlich vereinten sich die beiden Geschosse. Ein fast schon protestierendes Zischen ertönte und einen Moment lang befürchtete Thara, dass die Magie doch noch ihrer Kontrolle entgleiten würde, weil sie sich weigerte, mit fremder Magie zu verschmelzen. Sie biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich ganz und gar darauf, der rohen Energie ihren Willen aufzuzwingen – und dann passierte es einfach. Irgendwie, ohne dass Thara es hätte erklären können, verbanden sich die Zauber. Es fiel ihr auf einmal viel leichter, die Magie zu formen, und Thara verstand, dass es Arzus Fähigkeit war, die magische Energie zu kontrollieren, an der sie plötzlich teilhatte, während die Schattenflamme zugleich durch ihr eigenes Talent, fast schon mühelos die rohe magische Kraft zu kanalisieren, um ein Vielfaches anschwoll. Das magische Geschoss wuchs zu einem schwarzen Feuerball von der Größe einer Trollfaust heran – und von mindestens derselben Zerstörungskraft! Da sollte ruhig so ein popeliges Goblinskelett versuchen, sich in die Flugbahn zu werfen. Es würde einfach pulverisiert werden! Von dem einstigen Hohepriester des Zirkels würde nicht mehr als ein Häuflein Asche übrigbleiben. Asche, die Thara aufsammeln und irgendwo an einem würdigen Ort im Kastell bestatten würde. So viel zumindest war sie Sinistro schuldig.

Die Anstrengung, die Kontrolle über den Zauber aufrecht zu erhalten, während sie mehr und mehr Magie hineinfließen ließen, trieb den beiden jungen Magierinnen die Schweißperlen auf die Stirn. Sie näherten sich dem kritischen Punkt, an dem sie die rohe schwarzmagische Energie nicht mehr länger würden festhalten können und sie loslassen mussten. Sie würde nichts als völlige Zerstörung hinterlassen…

Sinistro
24.05.2024, 17:57
„Die Zwei werden doch nicht“, murmelte der Schwarzmagier mehr zu sich selber als den beiden Frauen entgegen, nur um einen Wimpernschlag später festzustellen, dass sie genau das taten, was er befürchtet hatte. Jetzt hieß es, schnell und unvermittelt handeln.
Der Grünäugige sammelte seine Kräfte und ließ seine Gedanken die Magie so formen, dass er Stück für Stück Knochen aneinandersetzte, Stück für Stück einen Wall aufbaute, der sich vor ihm formte und der in Gänze aus weißlich glänzendem Knochen bestand. Reihe um Reihe baute sich auf, für das bloße Auge nicht erkennbar, für den Magier jedoch deutlich und strukturiert. Er brauchte dieses Knochenschild, um die geballte Kraft des Schattenflammezaubers abzulenken und gegen die Decke des Flurs abzulenken. Und als der Ball dunkler Materie, den seine Schülerinnen auf ihn abgefeuert hatten, auf seinen Schild traf, zitterte dieser kurz, nur um seiner Bestimmung zu folgen und das Geschoss mit einem lauten Knall an der Decke explodieren zu lassen.
Ein riesiges Loch zum ersten Stock war entstanden, Staub und Steinchen rieselten auf den Grünäugigen herab, der noch immer auf dem Boden lag. So schnell, wie er den Schild aus Knochen um sich aufgebaut hatte, verschwand dieser auch wieder und um die beiden jungen Frauen, denen ihre Erschöpfung nach dem Wirken eines solch großen Zaubers im Verbund deutlich anzumerken war, wuchsen Knochen aus dem Boden, die sich Stück für Stück aneinandersetzten, bis sie die beiden Frauen eingeschlossen hatten. Ein unbeteiligter Beobachter hätte jedoch nicht erkennen können, dass sich der Knochenkäfig, in dem sich Thara und Arzu nun wiederfanden, langsam zusammengesetzt wurde – er hätte ihn als innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde erscheinend beschrieben.

Die jungen Frauenwaren im ersten Moment wahrscheinlich zu erschöpft und zu erstaunt, um direkt auf ihre Gefangenschaft zu reagieren, vielleicht hatten sie inzwischen auch viel zu viel Erfahrung darin, gefangen genommen zu werden. Der grünäugige näherte sich jedenfalls seinem Knochenkäfig und musterte seine Schülerinnen.
„Gut seht ihr aus. Und gelernt, wie man mit der Schattenflamme umgeht, habt ihr ja auch, sehr löblich!“
Er klatschte anerkennend in die Hände.
„Und wenn wir uns darauf einigen können, dass ich nicht wieder mit Schattenflammen beschossen werde, lasse ich euch auch frei“, sprach der Lehrmeister.

Thara
24.05.2024, 19:11
Es ging alles so schnell, dass Thara in den ersten Sekunden völlig damit überfordert war, die Situation zu begreifen. Die gewaltige Schattenflamme, die Arzu und sie produziert hatten, jagte tosend den Gang entlang – nur um unvermittelt auf ein unsichtbares Hindernis zu prallen und zur Decke abgelenkt zu werden, so sie ein gewaltiges Loch hineinriss. Und aus der Staubwolke schritt völlig unbehelligt… der untote Sinistro! Die Goblins mussten ihn in irgendetwas anderes als einen Zombie verwandelt haben, wenn er noch über solche Fähigkeiten verfügte!
Thara versuchte, die Kraft für eine weitere Schattenflamme zu sammeln, doch bevor sie sich ausreichend konzentrieren konnte, fand sie sich gemeinsam mit Arzu urplötzlich von einer käfigartigen Barriere eingeschlossen, die einfach so aus dem Boden gewachsen war. Das Material wirkte auf den ersten Blick wie Knochen, musste aber um ein Vielfaches stabiler sein –als Thara ihre Schattenflamme dagegen schleuderte, hinterließ der Zerstörungszauber nicht einmal so viel wie einen Rußfleck.
Raus! Wir müssen hier raus! Schnell! Thara rüttelte an den unnachgiebigen Knochenstreben. Aufsteigende Panik schnürte ihr die Kehle zu und sie sprang in dem kleinen Gefängnis herum wie ein aufgeschreckter Singvogel in seinem Käfig, suchte nach irgendeinem Ausweg – natürlich gab es keinen.
Und dann vernahm sie plötzlich Sinistros Stimme. Thara hielt inne und drehte sich zögernd um. Der Hohepriester stand da und klatschte langsam in die Hände, während er die beiden Magierinnen mit halb spöttisch, halb anerkennend für ihre Beherrschung des Schattenflammen-Zaubers lobte.
„D-d-d-d… du… lebst?“, stotterte Thara und starrte Sinistro einen Moment lang fassungslos an. Dann schien sie alle Kraft zu verlassen und sie musste sich an Arzu festhalten, um nicht hinzufallen. Sinistro lebte! Und sie hatte gerade mit allen Mitteln versucht, ihn umzubringen. Als ob nicht schon schlimm genug gewesen wäre, was sie im Reflig… Raff… im Speisesaal angerichtet hatte! Was hatte sie nur getan? Und wie würde die Strafe dafür aussehen?
Ein Wechselbad der Gefühle überwältigte Thara. Sie war froh, dass sie doch nicht Sinistros Tod verschuldet hatte, aber die Angst vor den Konsequenzen für ihre dummen und unvorsichtigen Handlungen raubte ihr beinahe die Besinnung – so sehr, dass sie nicht einmal mehr eine Entschuldigung hervorbrachte, sondern nur ein leises Wimmern.

Arzu
24.05.2024, 19:46
Erschrocken fuhr Arzu zusammen, als aus dem Nichts der Knochenkäfig erschien und sie vollständig umschloss. Die Schwarzmagierin war sprachlos. Woher kam der Käfig? Wie war er entstanden? Zwar leuchtete es ihr ein, dass es Magie sein musste. Doch die musste schließlich einen Ursprung haben! War der Zombie lediglich eine Ablenkung gewesen, während sich der eigentliche Feind in den Schatten verborgen hielt?
Bevor sich die Varanterin einen Reim darauf machen konnte, hörte sie eine vertraute Stimme. Instinktiv sah sie in Richtung der Quelle. Der Zombie?
»Gut seht ihr aus. Und gelernt, wie man mit der Schattenflamme umgeht, habt ihr ja auch, sehr löblich!«
Das war unmöglich! Arzu hörte zwar die Worte, doch konnte sie ihnen keinen Glauben schenken. Sie hatte gesehen, wie Sinistro in die Tiefe gerissen worden war. Er war tot. Dennoch stand er vor ihnen und redete. Arzu sah sich um, ob sich irgendwo jemand hinter einem Vorhang versteckte. Jemand, der irgendwie die Leiche zum Sprechen brachte. Eine vergebliche Suche. Das Klatschen zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Zombie.
»Und wenn wir uns darauf einigen können, dass ich nicht wieder mit Schattenflammen beschossen werde, lasse ich euch auch frei.«
»Dein Meister soll sich zeigen, Zombie!«, rief die Schwarzmagierin laut genug, dass es auch alle versteckten Beschwörer hören könnten. Dann stemmte sie ihre Hände in die Hüften und sah dem Untoten in seine giftgrünen Augen. Zugegeben, für eine Leiche befand er sich in einem guten Zustand. Sogar die Lippen bewegten sich, wenn der unbekannte Zauberer ihn sprechen ließ.
»Wer soll denn darauf reinfallen?«, spottete Arzu. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Sinistro draufgegangen ist!«

Sinistro
25.05.2024, 15:56
Wo blieb denn eine Horde Goblins in diesem Mondkastell, wenn man sie mal brauchte? Dem Magielehrmeister wurde schlagartig klar, dass er sich die ganze scheinbar zu einfach vorgestellt hatte.
Thara war mit der Situation, Sinistro lebend wiederzusehen, scheinbar vollkommen überfordert und Arzu – war noch mehr überfordert, da sie die Realität nicht anerkennen konnte und weiterhin von einem bösen Spuk ausging.
Der Grünäugige seufzte. Erst kurz darauf blickte er an sich herunter und das, was er sah, ließ ihn selber einen kurzen Moment innehalten. Sein Äußeres ließ ihn Arzus Vermutung, er sei ein Zombie, tatsächlich teilen. Über die letzten Jahre hinweg war er im Kastell, die Dämonen kümmerten sich darum, dass er frische Kleidung erhielt, die Möglichkeiten, Körperpflege zu betreiben, waren mannigfaltig – doch seit er mit Arnold in den tiefen des Mondkastells unterwegs war, waren all diese Annehmlichkeiten vollkommen weggefallen. Und nun, da er sich einen kurzen Moment intensiv darauf konzentrierte… wollte er nicht weiter über seinen Geruch nachdenken, geschweige denn, ihn selbst wahrnehmen.
Wichtiger war ohnehin, Arzu davon zu überzeugen, dass es sich hier nicht um einen Trick oder Zauber handelte und dass er wahrhaftig Sinistro, Hohepriester der Dunklen Mächte und ihr Lehrmeister war.
Wie er das allerdings bewerkstelligen sollte, war ihm noch nicht vollkommen klar.
Zunächst einmal versuchte er es mit Erklärungen. Er versuchte, darzustellen, dass er untot im Sinne von lebend, aber nicht untot im Sinne von untot sei…
Er versuchte auszuführen, dass er sich an die Geschehnisse im Refektorium erinnere und dass er seit diesem Tag gemeinsam mit dem muskulösen Goblin durch die Untiefen des Mondkastells wanderte und dass Arnold im Refektorium auf ihn wartete.
Und er versuchte Arzu klarzumachen, dass sich niemand irgendwo versteckte und er derjenige war, der die Magie dieses Knochengefängnisses unter Kontrolle hatte.
Ob er allerdings zu irgendeiner der Frauen durchdringen könnte…

Arzu
25.05.2024, 16:18
Die Ausführungen des Zombies erschienen stichhaltig. Genau was Arzu von einer Finte erwartete. Vor allem roch der untote Sinistro auch seltsam, was besonders deshalb auffiel, da die beiden Schwarzmagierin frisch gewaschen waren. Plötzlich kam der Varanterin eine Idee.
»Wenn du wirklich Sinistro bist, weißt du, dass du nichts von uns zu befürchten hast.«, argumentierte Arzu. Eine List bekämpfte man am besten mit einer weiteren List! Selbstverständlich glaubte sie dem Zombie seine Geschichte nicht. Zum Schein würde sie allerdings darauf eingehen und dann im richtigen Moment zuschlagen.
»Nicht wahr, Thara?«, sagte Arzu zu ihrer Begleiterin gedreht und zwinkerte ihr mit dem vom Untoten abgewandten Auge zu.

Thara
25.05.2024, 16:32
„J-ja … nein … a-a-also … es … e-es tut mir leid!“, stammelte Thara, deren Gedanken sich noch immer derart im Kreis drehten, dass sie die Situation kaum erfassen konnte.
Von dem Vortrag, den Sinistro ihnen hielt, verstand sie vielleicht die Hälfte, nicht zuletzt, weil er mal wieder mit Worten gespickt war, die sie nicht kannte. Jedenfalls ging es irgendwie ums Reflikterium und einen Goblin und irgendwie war der Kern der Sache wohl, dass Sinistro nicht auf untote Art untot war, sondern anders untot, was aber natürlich bedeutete, dass er schon irgendwie untot war, wenn auch kein Untoter. Das ergab doch alles keinen Sinn! Und was sollte sie jetzt daraus schlussfolgern?
Verunsichert und mit zwischen die Schultern gezogenem Kopf stand Thara hinter Arzu und nagte voller Nervosität an ihren Fingernägeln. Am liebsten wollte sie einfach schreiend davonlaufen und sich irgendwo in einer dunklen Ecke verkriechen, aber abgesehen davon, dass der Knochenkäfig sie daran hinderte, konnte sie ja auch Arzu nicht einfach allein lassen! Aber was sollte sie tun?
Arzu zwinkerte ihr zu, und Thara nickte zaghaft.
Am besten, sie machte einfach das nach, was Arzu tat.

Sinistro
25.05.2024, 17:04
„Na das kann ich so nicht bestätigen. Als ihr eure Schattenflamme geübt hattet, ging durchaus Gefahr von euch aus. Und eure Schattenflamme eben war nun sicher auch nicht ungefährlich!“ grinste der Magielehrmeister die junge Varanterin an, ehe er in ernsterem Ton darlegte: „Nochmal als Kurzvariante: Ich bin nicht tot, auch wenn ich so aussehe. Und so rieche…!“
Trotzdem waren die Drei in einer eher Situation gefangen, die deutliches Entgegenkommen von beiden Seiten erforderte.
„Wenn ihr mir das Rasiermesser gebt, dass Thara dort am Gürtel trägt, löse ich den Knochenkäfig auf.“

Thara
25.05.2024, 17:22
Unsicher sah Thara von Sinistro zu Arzu, wieder zu Sinistro und zurück zu Arzu. Die Varanterin und der Hohepriester schienen sich zu belauern und sich gegenseitig nicht zu trauen, auch wenn Sinistro jetzt mit aller Deutlichkeit darauf bestanden hatte, dass er nicht untot sei! Aber was nun? Thara fühlte sich, als würde sie zwischen den Stühlen sitzen.
Arzu wägte Sinistros Vorschlag, dass er sie herauslassen würde, wenn Thara ihm das Rasiermesser aushändigte, kurz ab und nickte dann.
„In Ordnung. Thara, gib ihm das Messer!“ Die Varanterin bedachte ihre Zirkelschwester dabei mit einem durchdringenden Blick. Sie hatte irgendetwas vor …
Thara folgte der Anweisung, wenn auch zögerlich. Ihre Hände zitterten, als sie das Rasiermesser zwischen den knochigen Gitterstäben hindurchschob, und sie zog sie augenblicklich wieder zurück und versteckte sich wieder hinter Arzu, sobald Sinistro das Messer zu fassen bekam.
Der vielleicht oder vielleicht auch nicht untote Hohepriester hatte bekommen, wonach er verlangt hatte und Thara hielt unbewusst die Luft an in gespannter Erwartung, was als nächstes passieren würde …

Arzu
25.05.2024, 17:33
»Wir haben unseren Teil der Abmachung gehalten.«, sagte Arzu herausfordernd. Mit dem Rasiermesser hätten sie ohnehin nichts anstellen können. Außer vielleicht dem Zombie eine Glatze zu schneiden. Der untote Sinistro nahm das Messer an sich und taxierte die beiden Schwarzmagierinnen. Einen Moment später löste sich der Knochenkäfig durch eine Geste des Zombies auf. Augenscheinlich durch ihn zumindest. Obwohl Arzu inzwischen in Erwägung gezogen hatte, dass besonders mächtige Magier vielleicht ihre Magie nach dem Ableben behalten könnten. Von Skelettmagier hatte die Varanterin bereits gehört. Warum also keine Zombiemagier?
Ganz ohne Vorwarnung sprang Arzu nach vorne, kollidierte mit dem untoten Hohepriester und riss ihn zu Boden. Sie setzte sich dann mit ihrem gesamten Gewicht - was nicht viel war! - auf Sinistros Brust.
»Für einen angeblich lebendigen Hohepriester lässt du dich leicht umhauen!«, feixte Arzu und verschränkte die Arme vor der Brust. Für einen Moment dachte sie daran, dem Zombie tatsächlich den Kopf zu rasieren.

Sinistro
25.05.2024, 17:45
Erneut fand sich der Grünäugige auf dem Boden liegend wieder, diesmal mit ein wenig Gewicht auf seinem Brustkorb. Er hustete leicht und presste zwischen den Lippen hervor, dass sich Arzu lieber erheben solle, wenn sie nicht von einem Golem entfernt werden wolle. Finster funkelten Arzus Augen bei den Worten ihres Lehrmeisters.
„Gut, anderer Vorschlag: Thara, Zombies bluten nicht, oder? Also: Nimm das Rasiermesser und schneide mir den Handrücken ein. Sollte ich bluten, muss ich lebendig sein. Und dann darf sich Arzu erheben und peinlich berührt im Erdboden versinken. Sollte ich aber nicht bluten…“
Genauere Anweisungen wollte er gar nicht geben, denn er war sich sicher, dass die beiden jungen Frauen schon eine genaue Vorstellung davon hatten, was sie mit ihm anstellen könnten.

Thara
25.05.2024, 18:12
Thara stand wie angewurzelt daneben, als Arzu den vielleicht oder vielleicht auch nicht untoten Sinistro mit einem Überraschungsangriff überwältigte und dieser dann mit leicht genervtem Unterton einen weiteren Vorschlag unterbreitete: Thara sollte ihm in den Handrücken schneiden, damit sie sehen konnten, dass er blutete.
„S-s-soll ich …?“, fragte sie Arzu. Die Varanterin überlegte kurz und nickte schließlich. Thara schluckte schwer und kniete sich neben Sinistro. Sie nahm ihm das Messer aus der Hand, während Arzu den Hohepriester an den Handgelenken festhielt, seine Arme auf den Boden drückte und dafür sorgte, dass er sich nicht rühren konnte. Oder er wollte sich einfach nicht rühren…?
Thara hob das Rasiermesser. Sie zitterte noch immer wie Espenlaub, und als sie die Klinge an Sinistros Handrücken ansetzte und zudrückte, hüpfte die Schneide fast wie von selbst über die blasse Haut und hinterließ nicht nur einen, sondern gleich eine ganze Reihe tiefer Schnitte, die sofort heftig zu bluten begannen. Wie bei jemandem, der lebte …!
„E-er … er ist nicht tot!“, stellte Thara überrascht fest. Und realisierte einen Augenblick später, was sie getan hatte.
Erschrocken ließ Thara das Messer fallen, plumpste ungeschickt auf den Hintern und kroch rückwärts ein Stück davon. Was hatte sie nur schon wieder angerichtet? Jetzt hatte sie Sinistro nicht nur schon zweimal beinahe umgebracht, sondern ihm auch noch den Handrücken zerhackt!
„D-d-das wollte ich nicht! B-bitte, es t-t-tut mir leid!“, winselte sie und machte sich so klein wie möglich, wobei sie die Arme schützend über ihren Kopf hob.

Arzu
25.05.2024, 18:29
»Du sollst dich doch nicht dauernd entschuldigen!«, sagte Arzu und rollte mit den Augen. Es war wirklich schwierig, ihrer Zirkelschwester diese Marotten auszutreiben. Dafür musste später Zeit sein.
Überraschte es die Schwarzmagierin, dass der Zombie blutete? Vielleicht, mit einer Tendenz zum Nein! Zombies fraßen schließlich ihre Opfer auf. An Blut konnte es ihnen also nicht mangeln! Eines hielt die Varanterin dem untoten Hohepriester zugute: das er sie noch nicht gebissen hatte. Sie war zu jung für ein Darsein als Zombie.
»Also gut.«, sagte Arzu schließlich mit einem Seufzen. »Tun wir einfach so, als wärst du noch am Leben.«
Sie erhob sich von der Brust des Untoten.
»Komm schon, Thara. Es ist nichts passiert.«, meinte die Schwarzmagierin und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn du wirklich Sinistro bist, musst du uns neue Zauberformeln beibringen. Der lebende Sinistro tat nämlich genau das! Und der bist du ja, hm?«

Sinistro
25.05.2024, 19:03
Das ging jetzt unkomplizierter als von ihm erwartet. Doch ob er die zwei Magierinnen aus den Augen lassen konnte…
Der Grünäugige erhob sich und klopfte sich, aus reiner Verlegenheit und weil er es immer so tat, den Staub aus seiner Robe. Und es war viel Staub, der sich darin so angesammelt hatte.
Und dann blickte er Arzu ein wenig verwundert an. Hatte er sie gerade richtig verstanden? Sie wolle neue Zauberformeln lernen? Jetzt sofort?
„Vielleicht sollten wir uns doch erstmal um Thara kümmern, die ist ja vollkommen verschreckt. Und so wird sie nicht in der Lage sein, Zauberformeln zu begreifen.“
Langsam näherte sich der Magier dem Mädchen mit dem kaputten Auge, das immer noch die Hände erhoben hatte und zitternd auf dem Boden kauerte.
„Und du kannst mir zeigen, was du geübt hast! Vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken“, überging Sinistro ihr Selbstmitleid und ihre Unsicherheit, nicht ohne ihr aufmunternd den Kopf zu tätscheln.
„Wir brauchen schließlich einen Abholpunkt…“, murmelte er und überlegte, was er den beiden jungen Frauen nun zumuten konnte.

Thara
25.05.2024, 19:56
Es dauerte eine Weile, bis Thara sich wieder so weit beruhigt hatte, dass sie sich aufrappelte. Trotzdem blieb sie vorsichtig und wahrte Abstand zu Sinistro. Es kam ihr einfach nicht richtig vor, dass er nach allem, was sie angerichtet hatte, nicht wütend zu sein schien! Wenn er getobt und geschrien, sie beschimpft, an den Haaren gezogen und getreten hätte, dann wäre alles ganz normal gewesen. Schmerzhaft … aber normal. Diese Gleichgültigkeit hingegen – die beunruhigte das Mädchen weit mehr, als es jeder Wutausbruch getan hätte. Vielleicht hatte Arzu doch recht, und mit Sinistro stimmte etwas nicht? Auf der anderen Seite hatte der Hohepriester sie noch nie anders behandelt. Vielleicht war er auch einfach … kein Arsch? Ein Teil von ihr wollte das glauben. Ein anderer Teil aber bestand darauf, dass es einfach nur eine Frage der Zeit wäre …
Thara seufzte leise, während sie darüber nachdachte. Sinistro hatte vorgeschlagen, dass sie sich doch besser im Rah-… Reflek-… im Speisesaal weiter unterhalten sollten, und das war ja ohnehin ihr eigentliches Ziel gewesen. Der Hohepriester schritt zielstrebig voraus, Arzu folgte ihm mit hoch erhobenem Haupt und behielt ihn dabei ganz genau im Auge. Thara schließlich bildete den Abschluss der kleinen Prozession, indem sie Arzu mit gesenktem Kopf hinterherschlurfte.

Arzu
25.05.2024, 20:22
Der untote Hohepriester behandelte Thara anständig. Ein feiner Zug für einen Zombie, das rechnete Arzu ihm an. Trotz allem glaubte die Schwarzmagierin ihm immer noch nicht. Was machte es bei ihm schon für einen Unterschied? Ob er nun lebendig, dürr und bleich war oder untot, dürr und bleich; bei Sinistro war die Veränderung wirklich nur marginal.
Als das Trio in das Refektorium kam, stand es wie auch beim letzten Mal verlassen da. Das zerbrochene Fenster und das große Loch in der Mitte des Raums, das der Kronleuchter gerissen hatte, zeugten von ihrem Kampf mit den Goblins. Arzu hatte das Gefühl, als ob das Monate oder sogar Jahre zurücklag. Sie ging zum Loch und reckte ihren Hals, um hinunter zu sehen. Nichts als Schwärze.
»Sieht tödlich aus.«, merkte sie an. Dann wandte sie sich an Thara und den untoten Sinistro. »Ich versuche etwas essbares für uns in der Küche aufzutreiben.«
Dort angekommen fand sie wie beim letzten Mal auch die Zutaten für Fladenbrot. Im anderen Kastell, soviel wusste Arzu, manifestierte sich das Essen auf magische Art und Weise. Hier schien das auch der Fall zu sein, trotz der sonst so gravierenden Unterschiede der beiden Kastelle. Stellte sich auch die Frage, woher die Zutaten überhaupt stammten. Das herauszufinden, war im Augenblick aber nachrangig. Inzwischen überkam die Schwarzmagierin ein Hungergefühl. Fleißig machte sie sich deshalb direkt ans Werk.
Ob Zombies auch Fladenbrot vertragen? dachte sich die Varanterin, während sie den Teig vorbereitete.

Sinistro
25.05.2024, 21:14
„Hey Arnold!“ schrie der Hohepriester, als die Drei das Refektorium betraten, nur wenig später wiederholte er seine Worte und wunderte sich gleichzeitig darüber, wie es hier aussah. Vor gefühlt wenigen Augenblicken hatte er ein intaktes Refektorium verlassen, aber hier sah man deutlich die Spuren des Kampes, in dem Arnold und er in die Tiefe gestürzt waren. Und mehr noch, man sah die Überbleibsel der Schlacht, die Thara und Arzu miterleben mussten, als ihre Wege getrennt wurden. Und so schnell, wie sie nach dem Angriff mit der Schattenflamme verschwunden waren, so schnell plagten den Grünäugigen auch seine Kopfschmerzen wieder und er nahm sich die erstbeste Sitzgelegenheit, um sich hinzusetzen, während Arzu verschwunden war, um etwas Essbares aufzutreiben.
Thara und der Lehrmeister blieben also allein zurück.
Der Mann musterte seine Schülerin, die immer noch ihren Kopf hängen ließ und merklich Abstand vom Hohepriester hielt. Man spürte regelrecht das Unbehagen, das sie ereilte, als Arzu sie mit Sinistro alleine ließ…

„Ich habe dich aufgefordert, mich zu schneiden, bis Blut fließt. Also hör auf, dich dafür innerlich wieder und wieder zu entschuldigen. Ich habe es von dir verlangt. Und du hast es ausgeführt, das hast du sehr gut gemacht… kein Grund für Inneres Zerfleischen!“
Der Magier rieb sich die Schläfen, während er sprach. Wieso dieser Kopfschmerz so plötzlich wieder einsetzte, konnte er sich kaum erklären. Wahrscheinlich war er nie weg, die kurze Episode mit seinen Schülerinnen und der kurzzeitige Angriff hatten sie wohl einfach nur verdrängt.
„Wie lange waren wir jetzt getrennt?“ murmelte er mehr zu sich selber als zu Thara, da er von der jungen Frau keine wirkliche Antwort erwartete, ehe er sie direkt anblickte und in etwas lauterem Ton fragte:
„Du erinnerst dich doch noch daran, was in meinem Labor geschehen ist… kurz, nachdem du das Kastell erreicht hast? Die Heilung deines Beins? Habt ihr hier andere Labore gefunden? Kammern, in denen Tränke, Tinkturen oder Kräuter zu finden waren? Oder einfach nur Phiolen, damit man das, was man findet, mitnehmen könne?“
Er fiel mit Worten über Thara her, so dass diese instinktiv noch einen Schritt zurück machte, während der Magier weiter seine Schläfen massierte und wieder auf den Boden vor sich starrte.
„Ich brauche jedenfalls Medizin… irgendwas gegen Kopfschmerzen. Der Schmerz bringt mich sonst noch um und dann bin ich vielleicht wirklich bald ein Zombie…“

Thara
25.05.2024, 22:17
Thara schüttelte den Kopf, was sich von außen nur durch ein sachtes Pendeln ihres strähnigen Haars erkennen ließ, das ihr wie ein schwarzer Vorhang vors Gesicht hing.
„N-n-nein …“, sagte sie schließlich zögerlich, „A-alles hier ist … v-v-verfallen. Z-zumindest … i-ich meine, zumindest a-a-alles, was ich … gesehen habe!“ Nachdenklich knabberte sie an einem ihrer Fingernägel. „Vielleicht weiß … V-vabun etwas, a-aber der … d-der wollte eigentlich, dass wir, äh … a-a-auf ihn warten in d-diesem Zimmer da ...!“
Ihr Blick wanderte zum Durchgang zur Küche. Man hörte das Geräusch klappernden Geschirrs, da Arzu mit der Zubereitung der Mahlzeit beschäftigt war.
„I-i-ich mach mal, also, äh … Dings … F-feuer!“, kündigte Thara plötzlich an und begann, Brennholz in den Kamin zu stapeln, der die Stirnseite des Speisesaals zierte – nicht, weil es sonderlich kalt gewesen wäre, sondern einfach, um irgendetwas mit sich anzufangen, statt nur ratlos in der Gegend herumzustehen und von einem Fuß auf den anderen zu treten.

Fein gearbeitete Reliefs verzierten den großen Kamin, dessen Brennkammer höher war als Thara selbst. Die Bilder zeigten größtenteils Skelette, die Menschen hinter sich herzogen und dabei auf makabren, aus Gebeinen und Leichenteilen gefertigten Instrumenten spielten, oder die grotesken Gestalten von Dämonen, welche die Seelen an der Pforte zu Beliars Reich in Empfang nahmen. Darstellungen des Totenreichs selbst fehlten jedoch, wie Thara bemerkte – anders als sie es von der Innoskirche gewohnt war, die nicht müde wurde, Beliars Gefilde als grauenhafte Folterkeller darzustellen, in denen die Seelen der unglücklich darin gefangenen für alle Ewigkeit zum Vergnügen des dunklen Gottes gequält wurden. Nur wer gut und gerecht war, durfte nach seinem Tod an Innos‘ Seite sitzen, so die Mär. Lügen… nichts als Lügen!

Thara warf ein letztes Holzscheit in die Öffnung und ließ anschließend mit einer schnellen Geste und einem beiläufigen Gedanken ein Feuer auflodern.
„Sehr schön!“, tönte es plötzlich hinter ihr und sie zuckte erschrocken zusammen. Aber es war nur Sinistro, der sich weiterhin die Schläfen massierte, sie aber trotzdem mit einem leicht gequälten Lächeln ansah.
„W-w-was?“, fragte sie verwirrt. Sinistro deutete auf die Flammen.
„Der Zauber, mit dem du das Feuer entfacht hast.“ Er nickte anerkennend, und Thara spürte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht schoss. Nur gut, dass sie noch immer hinter ihren Haaren versteckt war.
„Äh … d-d-danke!“ Sie starrte kurz auf ihre Füße und wusste schon wieder nichts mit sich anzufangen. „Ich … i-i-ich hol etwas Wasser!“, verkündete sie schließlich, „V-vielleicht hilft das ja …“
Ohne Sinistros Antwort abzuwarten, eilte sie in die Küche, wo Arzu gerade Teig knetete. Sie sah sich um und zog einen Krug, der irgendwie die Kämpfe heil überstanden hatte, aus einem der Regale. „H-haben wir … Medizin?“, fragte sie Arzu, während sie den Krug mit Wasser aus einem großen Fass füllte, dessen Inhalt erstaunlich frisch und klar wirkte, „Sinistro w-w-wird sonst z-zum Zombie!“

Arzu
25.05.2024, 22:53
Arzu war gerade im Begriff ein weiteres Fladenbrot aus dem Ofen zu holen, als sich Thara zu ihr gesellte.
»Du meinst, noch mehr als ohnehin schon?«, sagte die Schwarzmagierin mit einem Lachen. »Woher soll ich Medizin nehmen? Du weißt doch selbst, dass wir nichts haben. Wenn ihm Wasser und Fladenbrot nicht hilft, dann muss er die Zähne zusammenbeißen. Ein Untoter sollte sich nicht so anstellen!«
Ein halbes Dutzend frischer Fladenbrote lag auf dem saubersten Teller, den Arzu finden konnte. Der Duft erinnerte sie an Heimat. Sie vermisste es, den Sand unter den Füßen zu spüren. Vielleicht war es an der Zeit, auch das Teleportieren zu erlernen. Vabun konnte es, also würde sie es gewiss auch hinbekommen. Dann könnte sie überall hin, wann immer es ihr danach verlangte. Zum Mittag nach Stewark, danach ein Abstecher nach Mora Sul und Abends wieder im Kastell mit einem Wein direkt vom östlichen Archipel.
»Wir haben keine Medizin.«, erklärte Arzu, als sie gemeinsam mit Thara wieder in den Speisesaal ging. Nachdem sie den Teller abgestellt hatte, setzte sich die Varanterin an den Tisch und brach ein Fladenbrot entzwei. Die eine Hälfte gab sie Thara, die andere aß sie selbst.
»Wir könnten versuchen, Olivia wiederzufinden. Vielleicht hat sie irgendwo Medizin versteckt. Ich bezweifle es aber.«

Sinistro
26.05.2024, 17:29
Der Grünäugige hatte sich erhoben und an den Tisch gesetzt, an denen auch Thara und Arzu Platz genommen hatten, Weiterhin quälte ihn ein nicht enden wollender Schmerz in seinem Kopf und er grummelte vor sich hin, während seine Hand nach einem der Fladenbrote griff.
Arzu beäugte ihn sehr kritisch, als er das Brot brach, die Hälfte wieder zurücklegte und sich einen kleinen Brocken in den Mund steckte.
„Medizin… klingt so hochtrabend. Einfach ein wenig Alkohol. Der hilft vielleicht gegen die Schmerzen in meinem Kopf“, murmelte der Magier und kaute auf seinem Fladenbrot herum.
„Und überhaupt wären… egal. So ganz ohne Ausrüstung ist es dann auch schwierig mit dem Heilen. Zumindest mit dem klassischen Heilen. Aber genug davon.“
Der Hohepriester massierte weiterhin seine Schläfe, schaute nun jedoch zwischen seinen beiden Schülerinnen hin und her. Die Finger seiner Hand vollführten eine Art Tanz und formten nun ein kleines Gebilde, das sich bei näherer Betrachtung als das Skelett einer Maus herausstellte. Das kleine Geschöpf sprang auf die Handfläche des Magiers, er führte es zu seinem Mund und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Und genauso schnell, wie er es erschaffen hatte, war es auch schon unterwegs und auf dem Weg zum Ausgang aus dem Refektorium.
„Was ich ja vorhin bereits gefragt hatte: was beherrscht ihr neben der Schattenflamme inzwischen noch?“

Arzu
26.05.2024, 17:59
Nimmt der sich einfach Fladenbrot, dachte sich Arzu und aß genüsslich die Hälfte ihres eigenen, noch warmen Fladenbrotes auf. Als ob Zombies Nahrung brauchen. Ein stichhaltiger Beweis für Sinistros Unleben war es natürlich nicht. Früher oder später würde er einen Fehler begehen und Arzu würde da sein.
»Was sollen wir ohne einen Lehrer gelernt haben?«, fragte die Schwarzmagierin, »So eine Maus kann ich jedenfalls nicht beschwören. Dafür etwas anderes. Den habe ich mir selbst ausgedacht.«
Kurz rieb sich Arzu die Hände und hob sie dann vor sich. Eine pechschwarze Kugel erschien zwischen den Handflächen und die Schatten in der Umgebung wurden schwächer bis sie schließlich ganz verschwanden. Die Oberfläche der kleinen Kugel waberte nun wie eine schwarze Korona.
»Wir sind in den Katakomben gewesen, Olivia und ich. In Ermangelung einer Fackel und weil Olivia nicht ganz bei Sinnen war, habe ich mit meiner Schattenflamme experimentiert. Es frisst die Schatten und dadurch ist es nicht mehr dunkel.«
Tatsächlich war Arzu durchaus stolz auf diese Eigenkreation. Weder Buch noch Lehrmeister hatte sie dafür benötigt; nur ihre eigene Brillianz. Noch konnte sie sich nicht ausmalen, was sie erst in den höheren Kreisen der Magie anstellen könnte.
»Ich nenne ihn passenderweise Schattenfresser!«

Sinistro
26.05.2024, 18:37
„Das ist ja putzig“, raunte der Hohepriester, ehe er Arzu aufforderte, dem Spuk mit dem Schattenfresser ein Ende zu machen.
„Das ist schön, aber nicht viel mehr als eine Spielart der Schattenflamme. Wenn du jedoch an deiner Magie hier und dort ein wenig feilst“, der Grünäugige spielte an Arzus Fingern herum und konzentrierte die magische Energie um sie herum, „dann kannst du selber Licht erschaffen. Und damit die Schatten vertreiben. Höre genau hin, was um dich geschieht und dann staune…“
Ein Wispern ertönte und füllte das Refektorium, während der Grünäugige Arzus magische Kräfte führte und ihr die zu gestaltende Magie überließ. Nicht jedoch, ohne hier und dort einzugreifen, zu berichtigen, zu korrigieren. Und ohne größere Anstrengungen erstrahlte nun dort, wo eben noch der Schattenfresser Schatten absorbierte, ein Licht, hell wie der Tag.
„wirst du ab sofort auch alleine können, wenn du es nur zulässt und dich nicht mehr von dem ablenken lässt, was du selber erschaffen hast. Die Zeit, Zauber zu erschaffen, mag für dich kommen, aber es mag noch viel Wasser die Flüsse hinabfließen, bis es so weit ist.“

Thara
26.05.2024, 20:12
Thara aß mehr aus Pflichtbewusstsein, als dass sie wirklich Appetit hatte. Hunger ja, und das von Arzu frisch zubereitete Fladenbrot schmeckte großartig (sie fragte sich, wie es sein konnte, dass die Zutaten für eine solche Speise in dem heruntergekommen, halb zerstörten Mondkastell vorhanden waren), aber wirklichen Appetit verspürte sie dennoch nicht. Ihre Gedanken kreisten unentwegt um ihre Verfehlungen Sinistro gegenüber. Dass sie ihm nie aus Absicht hatte schaden wollen und er es ihr auch nicht übelzunehmen schien, interessierte ihr eigenwilliges Gedankenkarussell aus Selbstvorwürfen und dunklen Vorahnungen dabei nicht die Bohne. Es drehte sich und drehte sich und drehte sich…

Thara hörte nur mit halbem Ohr zu, als Arzu Sinistro stolz ihren Schattenfresser präsentierte. Dass der Hohepriester nur mit milder Belustigung reagierte, statt mit der Begeisterung, die Arzu wohl erwartet hatte, wurmte die Varanterin offensichtlich. Thara konnte selbst aus dem Augenwinkel hundert Nuancen im Mienenspiel ihres hübschen Gesichts ausmachen, von den leicht zusammengepressten Lippen über das irritierte Blinzeln bis zu der kaum sichtbaren Zornesfalte zwischen ihren Augenbrauen, die eindeutig auf Zweifel und verletzten Stolz hindeuteten. Thara konnte selbst nicht verstehen, wieso Sinistro Arzus eigens entwickelten Zauber einfach nur als ‚putzig‘ abtat! Als ob es so eine Selbstverständlichkeit wäre, einen neuen Zauber zu schaffen, selbst auf Basis eines bekannten Zaubers!
Arzus eingefrorenes Lächeln war so eindeutig falsch wie eine Karnevalsmaske, als sie anfing, an dem von Sinistro hervorgebrachten Lichtzauber herumzuexperimentieren. Sinistro aber bemerkte das entweder nicht, oder es war ihm egal, während Thara ihrer Gefährtin kurz die Hand auf den Oberschenkel legte, um ihr zu signalisieren, dass sie auf ihrer Seite war.

„Thara?“
„W-w-was?“ Thara schreckte hoch und hätte dabei fast ihr Stück Brot fallengelassen, als der Magier das Wort auf einmal an sie richtete.
„Ob du sonst noch etwas an Magie erlernt hast?“, fragte er, „Außer der Schattenflamme und dem Feuerzauber.“
„I-i-ich?“, fragte sie dümmlich und biss sich gleich darauf auf die Lippe. Was für eine blöde Frage, natürlich ich! „E-entschuldige … ich …“
Sie wollte gerade erklären, dass sie im Gegensatz zu Arzu natürlich keine neuen Zauber erfinden konnte, hielt aber inne, als sie sich an eine Begebenheit während des Kampfes mit den Goblins hier im Refliktarum erinnerte. Ein Goblin hatte sie angesprungen und beinahe überwältigt, wodurch sie in Panik geraten war, und dann hatte sie irgendwie diese Panik, ihre eigene Angst und Verzweiflung, auf den Goblin übertragen. Sie hatte ihre Emotionen Magie werden lassen und den Geist der Kreatur damit vollkommen überflutet, so dass der Goblin von ihr abgelassen und voller Entsetzen die Flucht ergriffen hatte.
Ob sie das wiederholen konnte? Es war nicht bewusst geschehen, sie hatte den Effekt damals ganz instinktiv hervorgerufen und konnte daher auf keine wirkliche Erfahrung zurückgreifen. Aber sie konnte es zumindest versuchen, oder?
„Also … v-v-vielleicht!“, sagte sie zögernd und legte ihr Brot zurück aufs Schneidbrett, bevor sie Sinistro auf völlig ungewohnte Art mit ihrem Blick fixierte. Der Hohepriester zog überrascht die Brauen hoch, als das Mädchen, das sonst Augenkontakt scheute wie Beliar das Weihwasser, ihn plötzlich direkt anstarrte. Thara suchte in ihrer Erinnerung nach Situationen, in denen sie von Furcht überwältigt war – nicht, dass sie lange hätte suchen müssen, ihre Vergangenheit war voll von derartigen Erlebnissen. Sie beschwor das ihr nur zu gut bekannte Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit herauf, die Angst, die ihr den Hals zuschnürte und sich wie eine eisige Klaue um ihren Brustkorb legte, die alles verschlingende Panik, die ihr ganzes Denken in Beschlag nahm und sie auf ein zitterndes, wimmerndes Bündel reduzierte.
All das verband sie mit der sie umgebenden Magie zu einer Einheit und tastete mit unsichtbaren Fühlern nach Sinistros Geist, suchte nach einer unbewachten Stelle in seinem Bewusstsein, durch das sie ihr Gift direkt in sein Gefühlszentrum pumpen und ihn erfahren lassen konnte, was sie hatte erfahren müssen…

Sinistro
26.05.2024, 21:02
Ein eiskalter Hauch wehte durch das Refektorium, ein Hauch, der den Hohepriester eine Gänsehaut entwickeln ließ. Er blickte sich um, ein wenig schneller, als er das gemeinhin tat, schaute nach rechts und nach links, doch fand er nur Arzu und Thara und das Fladenbrot vor ihnen auf dem Tisch.
Wieder drehte der Grünäugige den Kopf, schaute umher und ließ seinen Blick wandern. Das Gefühl auf seiner Haut wurde intensiver, breitete sich aus, so dass ihm ein Schauer den Rücken herunterlief. Und wieder blickte er in die Richtung seiner Schülerinnen, schaute auf Arzu und ihre dunklen Augen, wollte sie anlächeln, doch sein Mundwinkel zuckte nur.
Dann wanderte sein Blick zu Thara.
Thara, die ihn regelrecht fixierte. Die ihn anstarrte. Die wie eine Spinne darauf wartete, dass sich ein Opfer in ihrem Netz verfing…
Die Zähne des Magiers fingen an zu zittern und erneut waren seine Kopfschmerzen verschwunden.
Was um alles in der Welt…

Jeden Moment würde man ihn am Nacken packen. Dann schlagen. Wieder und wieder schlagen, schlagen, bis er auf dem Boden lag, weinend und zusammengekauert. Und dann würde er kommen… dann nähme er sich, was er wollte und Sinistro hätte es wehrlos über sich ergehen lassen müssen. Wehrlos ergehen lassen, wie so viele Male zuvor…

Und urplötzlich wandelte sich sein Gesicht in ein Lächeln, ein stolzer Blick traf Thara und er nickte ihr anerkennend zu.
„Damit hätte ich nicht gerechnet… Ich muss sagen… damit hätte ich wirklich nicht gerechnet…! Das war… herausragend.“
Und in diesem Moment hatte der Magielehrmeister seine Fassung wiedererlangt. Nur die Kopfschmerzen, die waren verschwunden.
„Danke für dieses Erlebnis, Thara! Aus tiefstem Herzen: Vielen Dank! Fast habe ich vergessen, was es heißt, ein Lehrmeister zu sein… Aber das hat mich daran erinnert. Ich habe erst als es zu spät war, erkannt, dass du die Magie geformt hast, erkannt, wie du die Magie geformt hast und realisiert, was du mit mir angestellt hast. Mein tiefster Respekt dafür, dass ich das erleben durfte.“
Der Magier musste sich erneut kurz sammeln, nur um nach einem tiefen Luftzug erneut die Stimme zu erheben:
„Und dir, Arzu, danke ich ebenfalls. Für das Fladenbrot. Und für deinen eigens kreierten Zauber. Denn das habe ich nicht wahrlich nicht ausreichend gewürdigt… Du hattest stets die Kontrolle, nie war auch nur einen Augenblick Unsicherheit in dem, was du gemacht hast, das war technisch höchst ausgefeilt. Und das, ohne dass ich es dir explizit erklärt habe. Das darf einfach nicht unerwähnt bleiben. Entschuldige bitte mein Versäumnis…“

Nun, da er seine Worte beendet hatte, kam auch die kleine, beschworene Kreatur zurück und kletterte auf die Schulter des Hohepriesters. Aufgeregt gestikulierte das kleine Wesen und der Magus zog seine linke Augenbraue nach oben. Dann schnipste er mit den Fingern und das Wesen verschwand.
„Und da das vorhin technisch so einwandfrei war, mache ich dir nun vor, was du zu tun hast, um eine kleine Kreatur zu beschwören – und du machst es mir nach.“
Sinistro begann, seine Finger zu bewegen…

Arzu
26.05.2024, 21:57
Als der untote Hohepriester ihre eigens kreierte Zauberformel als putzig abtat, fuhr ein Zucken durch Arzus rechtes Augenlid. Dass sich der Zombie so etwas anmaßte! Wie er sich ihr mit seiner Idee aufzwang! Die Schwarzmagierin setzte ein falsches Lächeln auf. Dabei ging es nicht einmal darum, seinen Lichtzauber in Frage zu stellen. Das Novum faszinierte die Varanterin, denn die arkane Kraft fühlte sich wesentlich geschmeidiger als bei ihrem Schattenfresser an. Nein, es ging ihr ums Prinzip!
Arzu ließ die Lichtkugel auf ihrer Hand landen und ballte dann eine Faust. Lichtstrahlen brachen zwischen ihren Fingern hervor, versiegten dann und ein schwarzes Wabern trat an ihrer Stelle. Als die Schwarzmagierin ihre Faust wieder öffnete, schwebte dort wieder eine pechschwarze Kugel.
»Rot ist sowieso nicht meine Farbe.«, sagte Arzu schnippisch. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Sinistro und auch Thara gerade miteinander beschäftigt waren und ihr keine Beachtung geschenkt hatten. Die Varanterin schnaubte. Rot stand ihr natürlich auch.
Es dauerte einen Moment, bis Arzu erkannt hatte, was für ein Spiel die beiden miteinander trieben. Sinistros Gebaren nach zu urteilen, hatte er es mit der blanken Angst zu tun. Aber warum? War er plötzlich wahnsinnig geworden? Hatte der versteckte Beschwörer seinen Zombie losgebunden? Erst als sich der untote Hohepriester wieder eingefangen hatte und in Lobeshymnen für Thara ausbrach, wurde Arzu klar, dass das dürre Mädchen offenbar einen Zauber auf ihn gewirkt hatte. Einen guten noch dazu. Ein bisschen perplex war sie schon darüber. Normalerweise explodierten alle Dinge, die ihre Zirkelschwester anfasste. Dabei war doch sie, Arzu, die Virtuosin! Was war denn hier los?
Nun lobte Sinistro auch die Varanterin und entschuldigte sich zudem für sein Verhalten. Mit anderen Worten es kehrte wieder Normalität ein! Neugierig beobachtete Arzu, wie ihr untoter Lehrmeister mit seinen Finger spielte und sich bald darauf ein weiteres, kleines Mäuseskelett manifestierte. Das Tierchen lief eine kleine Runde, blieb vor Arzu stehen und stellte sich auf die Hinterbeine.
»Das ist putzig!«, bemerkte Arzu. Sinistro hielt der Varanterin die Hand hin. Etwas zögerlich legte sie ihre Hand auf die seine. So kalt! dachte sich Arzu. Wie ein Zombie sich anfühlen musste. Obwohl der Medicus in Ishtar genauso kalte Hände hatte. Brrr!
So wie Sinistro zuvor die Kontrolle über ihren Schattenfresser übernommen hatte, übergab er ihr diesmal die Kontrolle über das winzige Skelett. Das Gefühl ließ sich schwer beschreiben. Es unterschied sich grundsätzlich von ihrer Schattenflamme. Arzu war fast so, als wartete die Maus nur auf einen Befehl von ihr. Im Tandem mit dem untoten Lehrmeister ließ die Schwarzmagierin die Maus über den Tisch laufen. Erst hierhin, dann dorthin, dann einmal um den Teller. Schließlich zog sich Sinistro zurück und überließ die Kontrolle gänzlich seiner sehr lebendigen Schülerin. Arzu tat ihr bestes, die Konsistenz des Zaubers aufrechtzuerhalten. Das Mauseskelett schwankte ein wenig, verlor einige Schwanzwirbel beim Laufen, doch im Großen und Ganzen hielt das Ding! Ein ungekünsteltes Lächeln breitete sich auf Arzus Gesicht aus. Mit einem Sprung landete das Mäuschen auf der Hand der Varanterin.
»Wie putzig du bist!«, sagte sie und ihre Nase kräuselte sich vor Verzückung.

Thara
27.05.2024, 23:30
Oh bei Beliar, was habe ich mir dabei bloß gedacht?
Thara war entsetzt über sich selbst. Sie hatte Sinistro mit einem Zauber, nun, man könnte sagen angegriffen! Noch dazu mit einem Zauber, den sie nie wirklich geübt hatte! Und es hatte funktioniert! Und Sinistro hatte sie sogar noch dafür gelobt! Aber wenn es schiefgegangen wäre? Wenn sie versagt, oder schlimmer, irgend einen völlig anderen, vielleicht zerstörerischen Effekt hervorgerufen hätte? Es war leichtsinnig von ihr gewesen, so zu handeln! Aber …
Aber ich habe es geschafft!
Sie hatte den Zauber, den sie rein zufällig einmal gewirkt hatte, wiederholen können, und Sinistro war offenbar begeistert darüber! Also … war es vielleicht doch … nicht schlecht gewesen?
Hinter ihrem Vorhang verfilzter schwarzer Haare war Thara knallrot im Gesicht und wusste kaum, wie sie auf die Ereignisse der letzten fünf Minuten reagieren sollte. In ihrem Schoß rang sie mit den Händen, als würden sie ein Eigenleben führen, während das Fladenbrot vergessen vor ihr auf dem Brettchen lag, und sie hauchte sie ein kaum hörbares „Danke!“, während sie mit mäßigem Erfolg versuchte, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Sinistro war mittlerweile damit beschäftigt, Arzu beizubringen, wie man eine skelettierte Maus beschwor. Thara verfolgte die Bewegungen des kleinen Nagers und musste daran denken, wie dieser andere Schwarzmagier, Evander, ihr einstmals denselben Zauber vorgeführt hatte. Arzu war von dem putzigen kleinen Nager genauso begeistert, wie sie selbst es damals gewesen war. Als Sinistro der Varanterin die Kontrolle über das Skelettwesen übertrug, fing es zwar kurzzeitig an, sich etwas weniger koordiniert zu bewegen und verlor ein paar Knöchelchen, aber bald saß es auf Arzus Hand und stellte sich auf die Hinterbeine. Thara war sich sicher, dass Arzu den Zauber im Handumdrehen beherrschen würde.
So wie ich die … Angst beherrschen konnte!, dachte sie bei sich und konnte es noch immer kaum glauben.

Sinistro
28.05.2024, 21:28
Es hatte, nachdem der Lehrmeister die Kontrolle über das winzige Wesen seiner Schülerin überlassen hatte, einen perfekten Moment der Stille gegeben. Einen Moment, der durch Tharas kaum hörbares Danke durchbrochen, aber dadurch nicht zerstört, sondern nur noch unterstrichen wurde.
Einen Moment, in dem das Gleichgewicht zwischen hell und dunkel, zwischen Tag und Nacht, zwischen Beliar und Innos vollkommen war.

Und dann ergriff der Lehrmeister das Wort:
„Das Mäuschen, meine liebe Arzu, war lediglich der Anfang. Wenn du dich darauf einlässt, dann wird dir Beliar die Kraft geben, auch größere Geschöpfe zu beschwören. Und vor allem: zu kontrollieren. Du hast, das konnte man deutlich merken, die Kontrolle über das Geschöpf. Nun muss es dir gelingen, diese Kontrolle auch loszulassen. Denn Diener, die du nur gering an dich gebunden hast, sind mächtiger und wertvoller als Diener, denen du jede einzelne Bewegung begreifbar machen musst.
Ein Beispiel: Wenn du in der Zukunft irgendwann in der Lage sein wirst, ein Skelett zu beschwören, das dich mit einem Schwert verteidigen soll, so ist es zielführend, wenn das Skelett die Waffe alleine führen kann und du die Verbindung derart gestaltest, dass das Wesen weiß, wen es zu bekämpfen hat, die Art der Waffenführung aber nicht dauerhaft durch dich vorgegeben werden muss. Sofern die Bindung zu stark ist, musst du für dein Wesen parieren, ausweichen, ja sogar zur Seite springen.
Ist das Band jedoch zu schwach, dann wird das Wesen dich nicht als seinen Befehlsgeber anerkennen und dich attackieren. Darüber gibt es Abhandlungen in der Bibliothek, die mehrere Regale füllen. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass es die hier auch gibt…“

Der Hohepriester seufzte und blickte sich im Refektorium um. Irgendeinen Weg hier heraus musste es doch gegen, so langsam zweifelte er auch an der Existenz dieses vabuns, den ihm seine Schülerinnen beschrieben hatten.
„Wenn wir doch nur schon einen Weg hier herausgefunden hätten“, murmelte der männliche Teil des Schwarzmagiertrupps, „zuhause böte euch die Bibliothek unzählige Gelegenheiten, mehr über die mannigfaltigen Möglichkeiten der Magie in Erfahrung zu bringen.“

Arzu
01.06.2024, 15:01
»Es gibt einen Weg zurück.«, sagte Arzu beiläufig und ließ die Skelettmaus auf den Tisch springen. Was der untote Hohepriester eben erläutert hatte, ergab Sinn für die Varanterin. Sie konnte unmöglich jede individuelle Bewegung ihrer Maus selbst bestimmen, sondern musste der Kreatur eine gewisse Freiheit einräumen. Der Gedanke behagte Arzu nicht. Das lag nicht daran, dass ihre beschworenen Skelette Unfug anstellen konnten. Viel mehr hatte es damit zu tun, die totale Kontrolle abzugeben. Die Schwarzmagierin wusste ganz genau was sie wollte, wie sie es wollte und wann sie es wollte. Würden die untoten Dienerkreaturen ihrem Willen gerecht werden?
Fragend blickte Arzu in die leeren Augenhöhlen der Skelettmaus. Wenn sie eine große Beschwörerin werden wollte, müsste sie sich mit dieser Begebenheit abfinden und lernen, das Beste daraus zu machen. Die Schwarzmagierin lockerte ihre magische Kontrolle über das Mauseskelett und es wirkte fast so, als entspannte sich die Kreatur. Wie eine noch lebende Maus es tat, lief das kleine Ding neugierig über den Tisch und schnupperte hier und da mit der nicht vorhandenen Nase. Unerwartet riss die magische Leine, die die Beschwörerin und die Kreatur miteinander verband. Es war lediglich für einen kurzen Augenblick, reichte allerdings, dass die Konsistenz des Wesens Schaden nahm. Weitere Knochen lösten sich zu feinem Staub auf, bevor die Bindung wiederhergestellt war. Das Beschwören war wesentlich tückischer, als es den Anschein machte.
Arzu rief ihre Magie zurück und das Mauseskelett wurde von einem unheimlichen blauen Licht verzehrt, bis nichts mehr davon übrig war.
»Der gleiche Weg, auf dem wir hierhergekommen waren.«, führte sie ihren vorherigen Satz weiter aus. »Wir brauchen nur die Rune und das Schwert. Aber wir können ja auch hier in die Bibliothek gehen. Alles, was es im anderen Kastell gibt, existiert hier schließlich auch. Nur ein wenig anders.«
Die Schwarzmagierin fokussierte ihre magische Kraft auf einen imaginären Punkt auf der Tischplatte. Stück für Stück setzte sich dort ein weiteres Skelett zusammen. Eine winzige Schlange war es dieses Mal. Was keine Beine hatte, konnte sie auch nicht verlieren. Der breite Kopf starrte zu Arzu hinauf, bevor diese das Band zwischen ihnen lockerte. Anders als die Maus, rollte sich das Schlangenskelett zu einem Kringel zusammen. Scheinbar überdauerte manches angeborene Verhalten selbst den Tod.

Thara
05.06.2024, 19:36
Thara beobachtete fasziniert, wie Arzu statt der Maus eine Schlange beschwor, während sie mit Sinistro darüber redete, wie man aus dem Mondkastell entkommen konnte. Ja, sie bräuchten ‚nur‘ die Rune und das Schwert… wo auch immer die Gegenstände sich zurzeit befanden. Ob dieser Fladnag sie bewachte? Oder der Obergoblin persönlich, dieser Meraton? Wie auch immer, es würde sicherlich ein ganzes Stück Arbeit werden, die Artefakte noch einmal zu besorgen.
Zumindest lernten Arzu und sie langsam, ihre magischen Kräfte besser zu beherrschen. Sie waren nicht mehr gänzlich wehrlos, und dass Sinistro wieder bei ihnen war, ließ Thara ebenfalls ein wenig Hoffnung schöpfen – auch, wenn ihr der Gedanke, dass der Hohepriester ihr ihre Fehltritte, die ihn beinahe das Leben gekostet hatten, einfach so verzieh, noch immer ein wenig seltsam vorkam. Es würde wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis diese nagende Stimme in ihrem Hinterkopf, die ihr sagte, dass sie jederzeit mit einem hinterhältigen Akt der Bestrafung rechnen müsste, endlich verstummen würde … wenn sie das denn überhaupt jemals tat.

Arzus untote Schlange brachte Thara jedoch zumindest für den Moment auf andere Gedanken. Ob sie wohl auch so ein kleines Tierchen herbeirufen konnte? Während die anderen beiden sich noch über die Bibliothek unterhielten (mit der Thara, da sie nach wie vor nicht lesen konnte, ohnehin nicht viel würde anfangen können, egal in welcher Version des Kastells – die Bücher würden sich ihr vermutlich nicht von selbst vorlesen), sammelte Thara ihre Konzentration und fing an, die Magie zu bündeln. Die Frage war nur, was fing sie nun mit dieser Magie an? Wie formte man etwas dauerhaftes, materielles, auf gewisse Art sogar ‚lebendes‘ aus flüchtiger magischer Energie?
Sie musste wohl bei dem beginnen, was sie kannte – etwa der Schattenflamme. Wenn sie eine Schattenflamme formte, dann bündelte sie nicht nur die reine Magie, sondern stellte zugleich eine Verbindung zu einer anderen Welt her – zum Reich Beliars, was dem Zauber schließlich seine dunkle Natur verlieh. Zumindest glaubte sie, dass sie das tat… wirklich erklären konnte sie nicht, was sie da eigentlich anstellte. Ihre Art, Magie zu wirken, war vor allem von Intuition und Spontanität geprägt, nicht davon, dass sie sich über irgendwelche Theorien Gedanken machen würde, von denen sie ohnehin nichts verstand.
Intuitiv kam Thara daher auch der Gedanke, dass es vielleicht helfen würde, eine etwas stärkere Verbindung zum Reich des Totengottes herzustellen. Vielleicht sogar so etwas wie eine Tür, durch die etwas hindurchkommen konnte …

Sie schloss die Augen und stellte sich keine Tür vor. Eine winzige Tür, gerade einmal mäusegroß. Eine Tür, die in die Hölle führte … und die sie nun behutsam öffnen würde.
Die ersten Paar Versuche waren vergeblich, aber dann schwang die Tür langsam auf. Thara glaubte, sogar das Knarren der rostigen Angeln vernehmen zu können. Auf der anderen Seite war nur Schwärze – doch aus der Schwärze kam ein winziges Schnäuzchen hervor …
Als Thara die Augen wieder öffnete, sah sie vor sich auf der Tischplatte freilich keine Tür, aber eine kleine, bläuliche Nebelwolke, in der sich ein winziger Schatten regte. Der Nebel verpuffte rasch, und da war sie – eine untote Maus!
Allerdings… im Gegensatz zu dem sauberen kleinen Skelett, dass Arzu hervorgebracht hatte, bot Tharas Kreation einen wesentlich weniger angenehmen Anblick. Die Maus wirkte, als wäre sie erst seit wenigen Tagen tot. Ihr Fell war zerzaust und mit verklumptem Blut verklebt und an zahlreichen Stellen lag graues, fauliges Fleisch offen, aus dem schmierige Verwesungsflüssigkeit tropfte. Die Augen quollen weiß hervor, das Gesicht war zur Hälfte weggefault, so dass darunter der Schädel zu sehen war, und von dem langen Schwanz war nur noch ein zerfetzter Stummel übrig. Auch ihre Bewegungen waren längst nicht so fließend und fast lebensnah, sondern sie kroch langsam und taumelnd über den Tisch, als wäre ihr Gleichgewichtssinn beschädigt. Und zu allem Überfluss wurde der ekelhafte Anblick der Kreatur auch von einem entsprechend Übelkeit erregenden Gestank begleitet, der den köstlichen Duft der frischgebackenen Fladenbrote im Nu überlagerte.
„Oh …“, stellte Thara eloquent fest und zog den Kopf zwischen die Schultern.

Sinistro
05.06.2024, 21:30
So langsam breitete sich ein Geruch um den Grünäugigen und die jungen Damen aus, der, wäre er nicht durch diese zerfledderte Maus zu erklären, auf einen rapiden und unerklärlich verwesenden Verfall des Fladenbrots hätte schließen lassen. Überhaupt hatte Tharas beschworene Kreatur, anders als die schon wirklich als technisch herausragend zu bezeichnende Knochenschlange, den ein oder anderen Makel. Denn neben der Tatsache, dass das Wesen scheinbar den Geruch der Verwesung mit sich trug, sah man auch deutlich, dass in ihm noch Würmer und Maden ihr Werk trieben, den Kadaver von Innen und von Außen zu zerstören. Das kleine, verwesende Wesen, konnte kaum als richtiger Untoter bezeichnet werden. Eher als „in Zersetzung Befindliches“. Oder als „kürzlich Verstorbenes“. Und dass die Wesen, die er bisher beschworen hatte, den fauligen Geruch alles Vergehenden verströmten, wäre dem Magielehrmeister bisher nicht aufgefallen.

Tharas eloquentes „Oh“ kommentierte Sinistro süffisant:
„Oh trifft es wohl sehr gut. Wie kommt es, dass du… das dein Wesen so einen Gestank verbreitet? Es riecht, als käme es direkt aus seinem Grab… Wir sollten jetzt wirklich“, der Lehrmeister hielt sich eine Hand vor Mund und Nase, „gehen. Wir sollten jetzt schnell gehen!“

Der Magier erhob sich und drehte sich schnell gen Eingang des Refektoriums, nur um einen Schritt schneller zu werden und kaum mehr auf seine Schülerinnen zu achten. Sicher hätte er Arzu für die Ausführung ihrer Skelettschlange loben müssen, hätte Thara erklären müssen, dass der Geruch des Übels gerne an dem Ort bleiben könnte, wo er herkam und dass ein ekelerregender Gestank zwar Feinde vertreiben könne, aber dem Geist eines Zombies als starker Helfer entgegenstünde. Wer möchte schon einen Zombie, der das Labor fegt, wenn im Anschluss Extremitäten verloren und einzeln in dem Labor, das das Wesen zuvor gesäubert hatte, herumliegen und gleichzeitig beim Reinigen einen derart abartigen Gestank verströmte, dass das Labor nach der Reinigung zehn Tage trotz Lüftens nicht mehr zu betreten wäre…

Außerhalb des Refektoriums im Gang beugte sich der Mann mit den grünen Augen n ach vorne über und atmete mehrmals tief ein und aus, während er den Reflex, sich Erbrechen zu wollen, mehr und mehr durch seine Gedanken zurückdrängte. Eigentlich konnte er nur hoffen, dass Thara und Arzu seinen derzeitigen Zustand nicht so wirklich mitbekämen…

Und um seine Übelkeit weiterhin ein wenig zu kaschieren, schritt der Hohepriester langsam den Flur entlang, den Weg einschlagend, von dem er ausging, dass er in Richtung der Bibliothek führen sollte. Er hoffte, dass die beiden Frauen ihm folgen.

Arzu
07.06.2024, 22:20
In dem Moment, in dem der Gestank die schlanke Nase der Varanterin traf, brach das Schlangenskelett augenblicklich zusammen und verschwand in einem blauen Licht. Arzus Würgereflex setzte genauso unmittelbar ein. Sie spürte, wie das leckere Fladenbrot sich auf den Weg nach oben bahnte. Überstürzt nahm die Beschwörerin Reißaus und rannte dem untoten Lehrmeister hinterher. Im Gegensatz zu Sinistro gelang es ihr jedoch nicht, das Würgen zurückzuhalten. Schon zum zweiten Mal erbrach sich Arzu quer über den Korridor des Kastells. Sie stützte sich entkräftet gegen die Wand, hoffend, dass Tharas Maus von ihr fern blieb.
Natürlich rannte das dürre Mädchen ihnen hinterher und ihr wiederum die Zombiemaus. Arzu riss sich zusammen, beschwor eine Schattenflamme und schleuderte sie dem untoten Nager entgegen. Ein Volltreffer! Das ekelhafte Ding desintegrierte in den schwarzen Flammen zur Gänze. Nur ein wenig den betäubenden Geruchs blieb noch zurück.
»Das musste sein!«, sagte Arzu zu ihrer Zirkelschwester und stemmte die Hände in die Hüfte. »Beschwöre so was nur weit von mir!«
Arzu stieg über die Pfütze des Erbrochenen hinweg. Der Anblick machte ihr schon ein mulmiges Gefühl im Magen. In einem großen Bogen ging sie dann um die Tür des Refektoriums und hinter Sinistro hinterher, der sich klammheimlich abgesetzt hatte. Thara schloss schnell zur Varanterin auf, hielt allerdings ein bisschen Abstand zu ihr. Die Schwarzmagierin wusste ganz genau, dass das dürre Mädchen hinter dem Vorhang aus Haaren Entschuldigungen vor sich her murmelte.
»Zumindest hast du an das Fladenbrot gedacht.«, sagte Arzu, um ein wenig die Stärke aus ihrem Tadel zu nehmen.
»HEY!«, rief sie dann Sinistro laut hinterher. »Stehen bleiben!« War er da gerade zombiehaft herum geschlurft? Es sah fast danach aus.
Als sie zu ihm aufgeschlossen hatten, beschwor Arzu ein weiteres Tierskelett. Dieses Mal das eines Sperlings. Sie hatte sich an den riesigen Vogel erinnert, den der noch lebendige Sinistro für ihre Flucht erschaffen hatte. Die Neugierde, ob ihr Vogel ebenfalls fliegen konnte, obwohl es sich nur um ein Skelett handelte, war groß. Zuerst hüpfte das Tier auf dem Boden hin und her. Als es nicht länger mit den Magiern mithalten konnte, breitete es die skelettierten Flügel aus und hob tatsächlich vom Boden ab. Pure Magie! Der kleine Vogel landete auf Arzus Hand. Fast war der Beschwörerin so, als ob sie ein Flimmern sah, wo einst Federn gesessen haben mussten.
»Ich will stark hoffen, dass nicht alle Zombies so stinken!«, merkte Arzu an und ließ den Sperling fliegen. Dabei gab sie ihm nicht vor, wohin. Ein Test, ob sie ihn auch dann noch kontrollieren konnte.
»Auf jeden Fall will ich größere Wesen beschwören können! Faustgroß, das ist ja lächerlich! So ein Zombie wäre mir auch ganz recht. Das muss doch nicht auch eine Maus sein, oder? Ein Zombietroll oder zumindest ein Zombiewüstenläufer will ich haben.«

Sinistro
09.06.2024, 14:14
„Da hast du aber noch einen langen Weg vor dir, mein Kind“, erwiderte der Lehrmeister auf Arzus Aussagen zur gewünschten Größe zu beschwörender untoter Wesen.
Und dann begann es. Das Wissen sprudelte nur so aus dem Magier heraus, er erklärte Arzu, welche Gefahren darin bestehen, zu schnell zu viel zu wollen, er führte aus, wie sie die Magie nutzen müsse, um eine Verbindung zu den Wesen aufrecht zu erhalten und begann ausführlich, über das allumspannende Netz der Magie zu referieren, dass sich die Magier zu Nutze machten, um ihre Sprüche zu wirken. Und dann begann er auszuführen, dass am Ende allen Lernens die Möglichkeit bestünde, sie frei zu formen. Natürlich beeinflusst durch den Gott, dem man sich verschrieben hatte.
„So lächerlich es auch sein möge, aber einen Feuerball kann eben doch nur ein Anhänger Innos‘ magisch erscheinen lassen und nutzen“, endete der Monolog des Hohepriesters. Dass er sich bisher noch nicht daran versucht hatte, die Magie der anderen Magieschulen zu ergründen, ließ Sinistro einfach aus. Aber wahrscheinlich war bisher auch noch niemand anderes auf diese Idee gekommen. Sollten er und seine Schülerinnen das Mondkastell jemals wieder verlassen, so müsste er intensiv darüber nachdenken, die Magie der anderen Götter auch noch zu erforschen.
Andererseits: Was könne diese ihm schon bieten?

„Seid euch bewusst, meine jungen Freunde, euer Leben wurde mit dem Erlernen der dunklen Magie dem dunklen Gott verpfändet. Er wird euch in dieser Sphäre reich dafür belohnen, dass ihr nach eurem Tod in seinem Reich seine Armeen führen werden. Und er wird euch grausam auch in dieser Sphäre strafen, wenn ihr ihm nicht den nötigen Respekt und die nötigen Opfer darbringt. Er erwartet, dass ihr euren Erfolg mit ihm teilt und ihm zu Ehren der Welt zeigt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum nur so wenige von uns in dieser Sphäre wandeln und es noch weniger von uns aus dem Kastell zieht“, grübelte er, während sich die beiden jungen Frauen und er der Bibliothek näherten.

Thara
12.06.2024, 14:54
Thara versuchte gar nicht erst, Sinistros Worten zu folgen. Selbst wenn, hätte sie wahrscheinlich kaum die Hälfte dessen verstanden, was der Hohepriester erzählte. Sie war sich zwar sicher, dass er mit allem, was er sagte, vollkommen recht hatte, aber sie war eben nicht Arzu. Die gebildete Varanterin hatte bestimmt keine Probleme mit all den seltsamen Wörtern und verschachtelten Phrasen, aus denen Sinistro seine Vorträge zu stricken pflegte. Und sicherlich würde sie bald in der Lage sein, nicht nur ein fliegendes Skelett zu beschwören, sondern auch einen Troll und einen Wüstenläufer … auch wenn Thara sich weder unter dem einen, noch dem anderen etwas vorstellen konnte.

Sie selbst war inzwischen damit beschäftigt, die Folgen ihres eigenen Fehlschlags bei der Beschwörung zu verarbeiten. Wieso war sie nur so übermütig geworden und hatte versucht, auf eigene Faust den Zauber zu wirken? Kein Wunder, dass dabei nur wieder eine Katastrophe herausgekommen war! Auch wenn die heftigen Reaktionen ihrer Gefährten auf den Gestank der Maus sie doch ein wenig überrascht hatten – sicher, das Tierchen hatte nicht gerade angenehm gerochen, aber auch nicht schlimmer als das Armenviertel von Thorniara nach einem Regentag …
Nun ja, Arzu und Sinistro waren sicherlich nicht in einem Armenviertel aufgewachsen. Umso beschämender war die ganze Situation für Thara, und sie hielt weiterhin Abstand zu den beiden, ließ den Kopf hängen und versteckte sich hinter ihren Haaren. Unschlüssig drehte sie dabei das Fladenbrot in den Händen, das sie noch wie im Reflex vom Tisch geschnappt hatte – wohl auch eine Angewohnheit aus ihrer Vergangenheit –, bevor sie der flüchtenden Arzu hinterhergelaufen war (und die Maus wiederum ihr, obwohl Thara in dem Augenblick überhaupt nicht mehr an das untote Ding gedacht, geschweige denn sich darauf konzentriert hatte). Was sie jetzt mit dem Gebäck anstellen sollte, wusste sie allerdings nicht so recht. Aber wenigstens hatten ihre Hände damit etwas zu tun.

Schließlich erreichten die drei Schwarzmagier die Bibliothek. Die großen Flügeltüren sahen ein wenig älter und heruntergekommener aus als diejenigen des ‚echten‘ Kastells, und die von einer Patina überzogenen Angeln quietschten vernehmlich, als Sinistro nicht ganz ohne Anstrengung die Tür aufzog. Der Hohepriester trat ein – und blieb wie angewurzelt stehen.
„Hm“, kommentierte er, „Das ist ja … interessant!“
Als nach Sinistro und Arzu zuletzt auch Thara die Bibliothek betrat, wunderte sie sich im ersten Moment darüber, was die beiden anderen so in Erstaunen versetzte. Der große Saal mit den endlosen Bücherregalen sah aus wie immer, abgesehen von den Spuren von Alterung und Vernachlässigung, die so typisch waren für das Mondkastell. Erst, als sie auf den Gedanken kam, einmal den Kopf zu heben, statt nur auf ihre Füße zu starren, sah sie es:
Die Decke schaute auf sie herab.

Statt eines steinernen Gewölbes breitete sich über den Köpfen der Besucher eine halb durchscheinende, gallertartige Masse aus, deren Oberfläche Wellen schlug wie ein Ozean. Es ließ sich nicht erkennen, ob sich unter dem Gallert die eigentliche Decke befand, oder ob es die Decke der Bibliothek war – wie bei tiefem Wasser verlor sich alles wenige Schritte unter der Oberfläche in Dunkelheit.
An manchen Stellen bildeten sich Wirbel, an deren Grund Thara seltsame Lichter schimmern zu sehen glaubte, oder einzelne Stränge tauchten Tentakeln gleich aus der Masse empor und tasteten scheinbar ziellos durch die Luft, bevor sie wieder zurücksanken, ohne dass jemals auch nur ein Tropfen des Schleims zu Boden fallen würde, während sich knapp unter der Oberfläche immer wieder für kurze Momente seltsame, kaum greifbare Formen abzeichneten.
Am befremdlichsten aber waren die Augen … Als wären sie die Fische, die diesen inversen Ozean aus zähflüssigem Schleim bewohnten, tauchten ständig und an allen möglichen Stellen Augäpfel aus der Tiefe (oder Höhe?) auf, trieben einige Sekunden lang auf den Wellen daher, zuckend und rollend, bevor sie wieder abtauchten. Manche waren so klein, dass sie kaum zu erkennen waren, andere wiederum mussten einen Durchmesser von mehr als einer Mannshöhe haben. Die Iriden wiesen alle nur erdenklichen Farben auf, oft sogar solche, die Thara nicht zuordnen konnte und die ihr so falsch erschienen, dass sie den Blick abwenden musste, weil sie um ihren Verstand fürchtete.
Ein leises, konstantes Rauschen und Blubbern erfüllte den ganzen Raum, unterlagert von einer Art … Brummen? Dessen Frequenz war zu tief, um es wirklich zu hören, aber Thara spürte, wie es ihren ganzen Körper im Inneren zum Vibrieren brachte. Es war ein seltsames, aber kein unangenehmes Gefühl. Es kam ihr sogar so vor, als würde auf diese Art eine direkte Verbindung zur Bibliothek selbst entstehen – auch wenn sie sich nicht erklären konnte, welcher Art diese Verbindung eigentlich war (falls sie mit der Vermutung nicht ohnehin völlig daneben lag).
„Was … ist das?“, murmelte Thara zu sich selbst. Seltsamerweise verspürte sie keine Angst vor diesem Ding an der Decke, nur eine überwältigende Faszination. Sie legte den Kopf so weit in den Nacken, dass es beinahe wehtat, drehte sich hin und her und versuchte, jedes Detail zu erfassen – doch je länger sie es anstarrte, um so weniger Sinn schien es zu ergeben, und um so mehr verlor sie sich zugleich in der Betrachtung …

Arzu
14.06.2024, 18:57
Wäre er nicht ihr Lehrmeister und besäße er nicht das Wissen, nach dem es Arzu verlangte, wäre sie mental während Sinistros langatmiger Lektionen längst ausgestiegen. Dass ein Untoter sich selbst so gerne reden hörte! Zu guter Letzt beschimpfte er sie auch noch als Kind! Sie ein Kind? Ganz offensichtlich hatte der Untod dem Hohepriester das Augenlicht geraubt.
Mehr konnte sich Arzu darüber nicht aufregen oder sich selbst gleich an einem Zombie probieren, denn sie hatten die Bibliothek erreicht. Und was für ein Anblick das war! So etwas hatte die Varanterin noch nicht gesehen. Die Bibliothek im anderen Kastell beeindruckte durch seine schiere Größe. Selbst Zubens Büchersammlung konnte da nicht mithalten und ihm hatten sämtliche Mittel des Assassinenreiches zur freien Verfügung gestanden.
Was Arzu dort genau vor Augen hatte, konnte sie sich jedoch nicht erklären. Fast war es so, als guckten sie von unten zur Oberfläche eines Ozeans hinauf. Ein Ozean wie ihn Arzu noch niemals zu Gesicht bekommen hatte. Häufig genug war die Varanterin im Meer vor der Küste nahe Ishtar geschwommen und sogar getaucht. Ein wunderbares Erlebnis. Deshalb wusste sie auch, dass ihr Vergleich hinkte. Wenn sie sich unter Wasser befand und hinauf blickte, sah es keineswegs so aus wie das hier. Besonders die vielen Augen, die sich in dieser gallertartigen Masse schwammen, ließen das ganze viel mehr wie einen Fiebertraum erscheinen.
Mit offenem Mund starrte Arzu zur Decke hinauf. Wie es sich wohl anfühlte? Während sie einem großen Auge mit violetter Iris hinterher sah, wurde sich die Nekromantin eines unterschwelligen Geräusches gewahr. Es schien ebenfalls von dort oben zu stammen. Ein seltsames Gefühl durchfuhr Arzu, als sie sich darauf konzentrierte. Dann bemerkte sie, wie ihre Brustwarzen sich verhärteten. Normalerweise war sie nicht scheu deswegen, doch hatte es in der Regel auch eine völlig andere Ursache. Das hier konnte sie überhaupt nicht einordnen und diese Tatsache verunsicherte die Schwarzmagierin ungemein.
»Was sehen wir?«, fragte sie mit aufgesetzter Selbstsicherheit an den untoten Hohepriester gewandt. »Ich kann mich nicht erinnern, davon etwas im Buch über das Kastell gelesen zu haben.«

Sinistro
22.06.2024, 19:29
Was sie sähen, wollte Arzu von ihm wissen. Dabei konnte der Magier diese Frage noch gar nicht vollumfänglich beantworten, geschweige denn erfassen, was sie dort sahen. Er hätte lediglich erklären können, was er spürte.
Und das, was er spürte, ließ seinen linken Mundwinkel in einer Art Lächeln nach oben zucken und ihm einen wohligen Schauer über den Rücken jagen, der mit einem Gefühl der Gänsehaut am ganzen Körper verbunden war. Und mit einem Gefühl der Allmacht.
Allmacht…
Sinistro sammelte sich kurz ob dieses Versprechens. Und er blickte seine beiden Schülerinnen an. Thara, die wie hypnotisiert an die Decke blickte und zu tanzen schien, sowie Arzu, die sich ihrer Sache so sicher war wie der Tod das Leben in dieser Sphäre beendete. Der Magier bemerkte auch die körperliche Reaktion der Varanterin, die urplötzlich mehr zu sein schien als seine Schülerin, deren Auftreten ein vollkommen anderes Licht auf sie warf. Er wollte sie. War das sein tiefster innerer Wunsch oder war es das Ding an der Decke, das ihn beeinflusste?
Dann zog der Lehrmeister seine linke Augenbraue nach oben und antwortete dem Objekt seiner plötzlichen Gier:
„Davon, meine liebe Arzu, wirst die nie lesen. Das erscheint mir als die Verkörperung der Seele dessen, was wir als Bibliothek kennen…“

Und dann spürte der Lehrmeister das unterschwellige Brummen des Dings, das er ebenso wie seine beiden Schülerinnen erstaunt betrachtete und das ihn in seinen Bann zog. Das Wispern und Rauschen formten sich in seinem Kopf um zu Worten, deren Bedeutung er nicht verstand. Das Brummen wiederum – es ließ ihn das Gefühl vollkommener Geborgenheit spüren, es ließ ihn wissen, dass er nur einen kleinen Schritt gehen musste, um all das zu erreichen, was er schon immer wollte.
Noch nie in seinem Leben war der Grünäugige so nah an dem, was er sich immer erwünscht hatte.
Geborgenheit, Familie, ein Zuhause…
Und das Wissen darum, wie man der Welt und den Menschen um sich herum seinen Willen aufzwängt. Die Ambivalenz seiner eigenen Wünsche…

Und dann brach es aus der Masse heraus: ein Dröhnen, das sich zu Worten formte, die Sinn ergaben. Ein Dröhnen, so tief, wie man es sich nur vorstellen konnte. Ein Dröhnen, das alle drei Anwesenden erstarren ließ.

„Was führt euch zu mir, Fremde? Ich habe euch hier noch nie begrüßen können…“

Thara
01.07.2024, 01:51
Je angestrengter Thara versuchte, jedes Detail der sich ständig verändernden Decke zu erfassen, um so verschwommener und umso weniger greifbar wurde das, was sie zu Gesicht bekam. Die seltsame, gallertartige Masse mit den Augen nahm Formen und Farben an, die völlig unmöglich waren. Und doch waren sie da, und die Realität schien zusehends an Bedeutung zu verlieren – wenn es so etwas wie Realität überhaupt gab…
Aber es war mehr und mehr nicht das, was Thara sah, was sie in Bann zog, sondern was sie fühlte. Dieses unterschwellige Dröhnen schien den seltsamen, aber ganz und gar nicht unwillkommenen Effekt zu haben, all die chaotischen Gedanken und Gefühle, die Fragen, Zweifel und Ängste, die sonst ihren Kopf mit Lärm füllten, zu unterdrücken und ihr einen klaren Blick zu geben auf die Dinge, die sie wirklich wollte.
Und was sie wollte, das war nicht viel. Sie konnte es deutlich vor ihrem geistigen Auge sehen, mit einer ungewohnten, erfrischenden Klarheit. Da war nichts anderes als ein einfacher Raum im Kastell, den sie ihr Zuhause nennen konnte, und … und Arzu, die für sie da war, bei der sie den Schutz, die Geborgenheit und die, nun, die Liebe finden konnte, die sie ihr Leben lang vermisst hatte.
Das war alles … Mehr wollte sie gar nicht. Keinen Luxus, keine Reichtümer, keine Macht, nicht einmal die Magie zu beherrschen war ihr wirklich wichtig. Nur ein Zuhause, Sicherheit und jemand, der sie liebte. War das denn zu viel verlangt?

Thara riss ihren Blick von der blubbernden, wabernden, Augen gebärenden Masse über sich los (oder folgte sie nur einem Befehl, der ihr von diesem Ding an der Decke eingegeben worden war?).
„… erscheint mir als die Verkörperung der Seele dessen, was wir als Bibliothek kennen…“, erklärte Sinistro gerade an Arzu gewandt und musterte die Varanterin dabei auf eine Art, die Thara ganz und gar nicht gefiel. Sie merkte kaum, wie sie plötzlich das Brot in ihren Händen zerbröselte, als es ihr den Magen zusammenzog. Wollte er etwa … wollte Sinistro ihren kleinen Traum zerstören, indem er sich zwischen sie und Arzu drängte? Wollte er ihr den einzigen Menschen wegnehmen, dem sie etwas bedeutete? So sehr sie Sinistro auch respektierte und auch, nunja, vielleicht sogar fürchtete, das konnte sie nicht zulassen!
Thara machte einen Schritt nach vorn, als wollte sie sich zwischen Arzu und den Hohepriester schieben, auch wenn sie keine Idee hatte, was sie dann eigentlich tun wollte. Sie wusste nur, sie konnte nicht zulassen, dass er ihr Arzu wegnahm … er, oder sonst irgendjemand auf dieser Welt!
Bevor sich Thara jedoch entscheiden konnte, was sie dagegen unternehmen sollte, dröhnte plötzlich eine Stimme durch den Saal, eine unglaublich tiefe Stimme, erfüllt mit unvorstellbarer Macht. Ein Hauch von Ironie schien mitzuschwingen in der Frage, die sie stellte:
„Was führt euch zu mir, Fremde? Ich habe euch hier noch nie begrüßen können…“
Überraschenderweise war Thara die erste, die ihre Fassung wiedererlangte. Vielleicht, weil ihre aufgewühlten Gefühle die Ehrfurcht überlagerten, die ihre Mitreisenden erstarren ließ. Vielleicht auch, weil sie aktuell nur einen einzigen Wunsch hatte, der ihr klar vor Augen stand. Sie griff Arzus Arm mit beiden Händen und klammerte sich an ihr fest wie eine Ertrinkende an einem rettenden Seil, bevor sie der Bibliothek eine einfache Antwort gab:
„Wir … w-wir wollen einfach nur … nach Hause!“

Arzu
02.07.2024, 22:48
Es fühlte sich an, als läge Macht zum Greifen nahe vor der Schwarzmagierin. Sie müsste nur ihre Hand danach ausstreckend und für sich beanspruchen. Was für Macht? Jede nur erdenkliche Form. Körperlich, geistig, magisch, politisch, selbst über Leben und Tod. Wie das überhaupt einen Sinn ergab, kümmerte Arzu nicht. Dafür war es viel zu verführerisch.
Erst als Thara sich zwischen sie und den untoten Hohepriester schob und überraschenderweise das Wort an diese Entität richtete, wurde die Varanterin aus ihren Gedanken gerissen.
»Moment, Moment, Moment!«, warf Arzu hastig ein. »Irgendwann wollen wir zurück, aber nicht jetzt!«
Die Nekromantin warf ihrer Zirkelschwester nicht vor, zurück zu wollen. Immerhin hielten sie sich bereits seit Wochen oder vielleicht sogar Monaten im Mondkastell auf. Vermutlich hatte Thara einfach nicht begriffen, welche außergewöhnliche Gelegenheit sich ihnen hier bot. Wenn man mit einem Gott sprach, bat man nicht um so was profanes! Das ließ Arzu grübeln.
Was genau hatte sie angesprochen? Ein Dämon sicherlich nicht. Die Entität vermittelte ein Gefühl der Unendlichkeit, als hätte es keinen Anfang und kein Ende. Was die Gesamtheit der Decke der Bibliothek einnahm und für die drei Schwarzmagier gigantisch erschien, war gewiss nur ein bedeutungslos kleiner Teil des Ganzen. Doch konnte man überhaupt von einem Ganzen sprechen, wenn etwas keine Grenzen besaß?
Ihre eigenen Überlegungen verwirrten Arzu zutiefst. Sie hielt sich selbst für ziemlich clever, doch hatte sie sich über solche Dinge bisher keine Gedanken gemacht. Es waren doch ihre Gedanken, oder?
»Wir wollen den Schlüssel für zwei Truhen!«, sagte Arzu schließlich, »Dafür müssen wir zuerst Meraton besiegen. Deshalb sind wir hier. Um zu lernen, um bessere Magier zu werden.«
Arzu ertappte sich dabei, wie sie den gesamten Plan offen vortrug. Sie hätte die Truhen nicht erwähnen müssen. Oder dass sie mit Meraton im Streit lagen. Zurückhaltung wäre gefragt gewesen. Doch das Verlangen, diese Dinge preiszugeben, überwog letztlich. Die Schwarzmagierin runzelte die Stirn und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Sie war nicht Herr ihrer selbst wie es schien. Ein Gedanke, der ihr sehr widerstrebte.

Thara
09.07.2024, 17:19
Das Ding an der Decke antwortete nicht sofort. Zumindest nicht mit Worten – stattdessen fühlte es sich für Thara so an, als würde es … lachen? War das möglich? Oder versuchte sie nur, eine Empfindung, die zu fremdartig war, um sie zu beschreiben, in Worte zu verpacken, die sie kannte und einordnen konnte?
„Meraton ist der Schlüssel. Er hat den Weg versperrt und hält euch hier gefangen“, erklärte das Wesen schließlich, „Aber ihr seid nicht bereit, ihm entgegenzutreten. Der, der sich Meraton nennt, ist viel mehr, als ihr glaubt. Und ihr habt die einzige Waffe verloren, mit der ihr ihm hättet gefährlich werden können.“
In der tiefen Stimme schwangen Enttäuschung und Tadel mit, und Thara fühlte sich, als würde sie in ein schwarzes Loch der Verzweiflung gestoßen. Hatten ihr gerade noch ihre Träume vor Augen gestanden und war es ihr vorgekommen, als wäre die Erfüllung dieser Träume zum Greifen nah, schienen sie ihr jetzt urplötzlich zu entgleiten und in endlose Ferne zu rücken. Zurück blieb nichts als die Gewissheit, dass sie in ihrem Leben niemals Glück finden würde, egal wie bescheiden ihre Wünsche sein mochten. Aber nicht nur sie selbst würde auf den Scherben ihrer Träume sitzen bleiben – auch Arzu und sogar Sinistro ging es ganz genauso. Sie alle drei waren plötzlich erfüllt von der Gewissheit, auf ganzer Linie versagt zu haben…
„Aber es ist noch nicht zu spät“, fuhr das Wesen an der Decke fort, und die niederschmetternde Verzweiflung wurde von einem Hoffnungsschimmer durchdrungen, „Ihr müsst die Waffen wiederbeschaffen. Der Goblin, der sich Fladnag nennt, bewacht sie – Vabun weiß, wo er sie aufbewahrt. Aber selbst, wenn ihr sie habt, wird euch das noch nichts nützen. Ihr seid noch zu schwach, um ihnen ihre eigentliche Macht wiederzugeben, so dass ihr sie gegen Meraton einsetzen könnt. Zum Glück seid ihr am richtigen Ort, um zu lernen …“

Sinistro
14.07.2024, 14:25
Fasziniert betrachtete der Grünäugige das Gebilde an der Decke weiter und ging nicht auf die Fragen und Worte ein, die nun im Raum stand. Er meinte zu erkennen, wie sich einzelne Augen aus der wabernden Oberfläche herab auf die drei Suchenden zu bewegten. Und er meinte zu erkennen, dass sich hinter den Augen Äste oder Tentakel aus der Oberfläche herausbildeten, so dass die Augäpfel nie die Verbindung zur Decke verloren. Aus dem Augenwinkel schien des dem Hohepriester auch, als vergrößere sich die Oberfläche des Wesens, genauso, wie sie sich wieder zusammenzog.

Die Worte, die seine Schülerinnen von sich gaben, Tharas Wunsch, nach Hause zu kommen, all das erschien ihm nebensächlich.
Er hätte, wenn er gewollt hätte, dieses Mondkastell sofort verlassen können, das stand für ihn fest. Ebenso, wie feststand, dass er sich Beliar verpflichtet fühlte, seinen Schülerinnen die Macht seiner Magie beizubringen. Und doch war sein Körper angespannt, beinahe erregt, wenn auch nicht im herkömmlich sexuellen Sinne. Die Härchen auf seinem Unterarm hatten sich leicht aufgestellt, ein Kribbeln von Zehenspitze zum Haaransatz und das Gefühl, dass von dem, was in wenigen Augenblicken geschehen möge, sein Leben abhing, durchfluteten den Körper des Schwarzmagiers.

[B}„… am richtigen Ort, um zu lernen…!“[/B} realisierte er das Brummen dessen, was er als Seele der Bibliothek interpretiert hatte und nickte. Lernen…
Auch er hatte das dringende Bedürfnis, zu lernen. Doch als er nun seinen Wunsch nach Wissen, seinen Wunsch nach mehr formulieren wollte, kamen ihm die Worte nicht über die Lippen. Etwas schnürte ihm die Luft ab, verhinderte, dass er seine Gedanken in Worte fassen und aussprechen konnte. Etwas verhinderte, dass er klar formulierte, was er wollte.

Der Grünäugige trat ein, zwei Schritte vor Arzu und Thara und neigte seinen Kopf in den Nacken, um mit der Entität der Bibliothek zu kommunizieren:
„Die Beiden müssen lernen, das stimmt. Und darum sind sie hier. Um die Theorien zu sammeln, die sie als Basis ihres eigenen Weges kennen müssen… Die Theorien, die in den Büchern der Bibliothek gesammelt sind. Die euch den Weg erklären…“
Sinistro flüsterte die Worte mehr zu den beiden Frauen, als dass er zu dem Ding sprach, seinen inneren Drang nach dem Wissen aller Magieschulen konnte er nicht einmal als Gedanken formulieren, als läge ein Schleier zwischen dem, was er dachte und dem, was er gerade tat. War er überhaupt der Herr seines Tuns? Oder war es irgendeine Macht, die von ihm Besitz ergriffen hatte, die hier sprach, genauer gesagt flüsterte?

Er musste Arzu und Thara führen, ihren eigenen Weg zu gehen.
Das stand fest, so viel war sicher. Und er musste ihnen… was musste er überhaupt, beim Anblick dieses Dings, das er dort an der Decke beobachten konnte.
Was war überhaupt noch wichtig in diesem Mondkastell?
Was war das große Ziel, das die drei hier vereinte und festhielt?
Was war…
Ein Buch traf den Hohepriester am Hinterkopf und landete direkt vor Tharas Füßen. Ein zweites Buch traf den Magielehrmeister an der Stirn und breitete sich geöffnet vor Arzu auf.
Nun schien es an den beiden jungen Frauen, den Weg zu gehen, der ihnen offengelegt wurde. Und Sinistro schien den Preis dafür zahlen zu müssen. Vielleicht auch nur, weil ihn die Bücher zuerst trafen, ehe sie an seine Zöglinge übergeben wurden.

Arzu
15.07.2024, 20:51
Aug in Aug mit dem Fantastischen fand sich Arzu auf einmal mit einem allzu weltlichen Problem konfrontiert. Ihr Hals wurde steif vom Hinaufstarren. Glücklicherweise hatte die Entität den untoten Priester mit zwei Büchern beworfen, die allem Anschein nach für die Zirkelschwestern gedacht waren. Arzu hob das eine auf und betrachtete den Inhalt. Die Schrift war ausgesprochen klein gehalten und jede Seite bis zum Rand beschrieben. Darüber hinaus war das Papier hauchdünn, so dass die Texte auf der Gegenseite bereits durchschimmerten. Wer auch immer das Buch verfasst hatte, musste viel zu sagen gehabt haben. Sinistro in Buchform. Nur hoffte die Schwarzmagierin, dass das Buch schneller zum Punkt kam, als der Zombie. Zu ihrer Überraschung war das Geschriebene in ihrer Muttersprache verfasst worden, was das Lesen zum Kinderspiel machte.
Arzu schlug eine beliebige Seite des Buchs auf und landete bei einer Abhandlung über Golems. Diese Kreaturen hatten sie schon immer fasziniert. Wenn die Nekromantin mit den Zombies und Skeletten durch wäre, würde sie sich diesen lebendigen Steinen als nächstes widmen. Sie blätterte weiter zurück bis sie das Kapitel über Mumien und Zombies gefunden hatte. Die erste Seite hatte Arzu in Windeseile gelesen. So schnell, dass es sie selbst überraschte und ein wenig argwöhnisch stimmte.
Die Schwarzmagierin blickte noch mal zur Decke hinauf. Mehrere verschieden große Augen blickten ihr entgegen. Zu keinem Zeitpunkt hatte die Entität sie unbeobachtet gelassen. Es fühlte sich für Arzu keineswegs bedrohlich an. Statt dessen war es vielmehr ein Gefühl der Geborgenheit, ein Gefühl, dass sie diesen Ort gar nicht mehr verlassen musste.
»Was bist du?«, entfuhr es der Nekromantin plötzlich. Für einige Augenblicke hörten sie nur das beständige Rauschen der gallertartigen Masse, dann kam die Antwort. In Gedanken, in den Ohren, selbst in den Knochen.
»Die Antwort darauf übersteigt euer Verständnis.«
»Versuch es trotzdem!«, sagte die Schwarzmagierin herausfordernd. Weitere Augen öffneten sich und starrten zu Arzu herab. Dann folgte etwas, das einem Lachen wohl am nächsten kam.
»Dann pass nun gut auf!«
Plötzlich flutete ein Mahlstrom das Hirn der Schwarzmagierin, bestehend aus Worten und Bildern, Ideen und Gefühlen, Musik und Mathematik, und vieles mehr, welches sich nicht durch menschliche Konzepte erfassen ließ. Arzu strauchelte und hielt sich an Thara fest, um nicht zu stürzen. Der Ansturm versiegte plötzlich und die Nekromantin fühlte sich, als sei eine enorme Last von ihr genommen worden, die sie sonst zermalmt hätte. Nur eines hatte sie verstanden: dass ihr nicht einmal ein Bruchteil der Antwort offenbart worden war.
»Ich verstehe nicht!«, beschwerte sich Arzu und stemmte die Hände in die Seiten. Es kam keine Antwort, nur weiteres Rauschen aus der endlosen Masse.
»Erkläre es mir einfacher!«, forderte Arzu.
»Und Beliar sprach zu einem weiteren Wesen. Aber Adanos ließ die Flut kommen, und das Wesen wurde fortgespült von der Erde.«, sprach die Entität.
Arzu kannte diese Passage aus der Götterlehre. Als Kind hatte sie sich immer gefragt, was diese Kreatur wohl gewesen war. Vieles war ihr dabei in den Sinn gekommen. Gigantische Drachen, furchteinflößende Dämonen und eine Vielzahl ganz anderer schrecklicher Monster.
»Du bist dieses Wesen?«, fragte die Nekromantin. Eine Antwort im konventionellen Sinne erhielt sie nicht. Statt dessen machte sich ein Gefühl in ihr breit, dass ihr Streben nach Verständnis zwar löblich, aber zwecklos war.

Thara
17.07.2024, 12:56
„D-das … andere Wesen?“, flüsterte Thara fasziniert und verrenkte sich schon wieder beinahe den Hals bei dem Versuch, möglichst viele Facetten der Kreatur an der Decke auszumachen.
Den Vers, den es rezitiert hatte, kannte sie auch. Während ihrer Zeit im Waisenhaus hatte sie das fromme Geseiere der Ammen oft genug über sich ergehen lassen und wortgetreu wiederholen müssen, so dass sie die Zeilen noch immer im Schlaf aufsagen – naja, aufstottern – konnte. Sie hatte sich schon damals gefragt, was dieses Wesen, das da so beiläufig erwähnt wurde, wohl sein mochte, aber nie gewagt, eine der Ammen danach zu fragen. Dass es sich allerdings um … so etwas handelte, hätte sie sich nicht träumen lassen. Gut, viel schlauer war sie jetzt im Grunde auch nicht, denn was dieses ‚so etwas‘ genau sein mochte, war ihr noch immer schleierhaft. Das Wesen schien aber auch nicht vorzuhaben, genauere Auskunft zu geben, jedenfalls ignorierte es Arzus diesbezügliche Fragen.
Stattdessen wurde Tharas Blick wie von selbst auf das Buch gelenkt, das sie in den Händen hielt. In den Händen? Sie glotzte dümmlich auf den in rissiges Leder gebundenen Folianten. Es war eines der beiden Bücher, die das Wesen in einem seltsamen Anfall kosmischen Humors Sinistro an den Kopf geworfen hatte. Aber wann hatte sie es aufgehoben? Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern ...
Aber war das überhaupt wichtig? Sie hatte das Buch nun eben, und es gab sicher einen sehr guten Grund dafür. Es fühlte sich richtig an!

Thara trug das Buch zu einem der Lesepulte und wischte kurz mit dem viel zu langen Ärmel ihrer Vorhangstoff-Robe den Staub von der Oberfläche, bevor sie den Folianten darauf platzierte. Sie war sich nicht sicher, was sie erwartete – aber als sie das Buch aufschlug, sackten ihre Schultern vor Enttäuschung nach unten: Es beinhaltete … nun … Schrift.
Zeile um Zeile reihten sich schmale, schnörkelige Buchstaben aneinander. Buchstaben, die sie noch immer nicht lesen konnte …
Was hast du denn erwartet, du dummes Mädchen?, dachte sie, Ein Bilderbuch? Hier, in der Bibliothek des Kastells? Das ist doch lächerlich …
Aber was sollte sie jetzt mit dem Buch anfangen? All das Wissen auf den vom Alter gelben Pergamentseiten lag da offen vor ihr, zum Greifen nah, und war ihr doch verschlossen. Es war, als wollte das Buch sie verhöhnen.
Sie hob den Kopf zur Decke. Augen mit seltsamen, unbeschreiblichen Farben schauten zu ihr herab.
„Ich … k-kann nicht …“, setzte sie an, hielt aber mitten im Satz inne. Auf einmal überkam sie die Ahnung, nein, die Gewissheit, dass dieses Buch mehr war als nur ein einfaches Buch.
Thara strich mit den Fingern vorsichtig über das Pergament, folgte den Zeilen verschnörkelter Zeichen, die, wie sie jetzt feststellte, keine Ähnlichkeit aufwiesen mit den Buchstaben, die sie etwa von dem Pamphlet her kannte, das Sinistro ihr (vor einer Ewigkeit, wie ihr schien) zum Lesen lernen angefertigt hatte. Diese Symbole hier waren viel komplizierter, verschlungener, nicht eines schien einem anderen zu gleichen. Und sie … bewegten sich …
Thara stieß einen leisen Schrei aus vor Überraschung, als die Tinte auf einmal über das Pergament zu verlassen und ihre schmalen Finger hinaufzukriechen begann. Wie fadenartige Schlangen wanden sich die Zeichen über ihren Handrücken, ihr Handgelenk, ihren Unterarm hoch und verschwanden in den Ärmeln ihrer Robe. Fasziniert beobachtete Thara das seltsame Schauspiel. Es bereitete ihr keine Angst, im Gegenteil – sie war nach wie vor erfüllt von der Gewissheit, dass es genau so sein sollte, so sein musste! Eine leichte Wärme breitete sich dort aus, wo die Schrift über ihre blasse Haut wanderte. Ihren Arm hoch, über ihre Schulter, ihren Nacken …
Und dann geschah es. Eine Flut von Eindrücken überschwemmte ihren unvorbereiteten Geist – Bilder, Gedanken, Erinnerungen, die nicht die ihren waren, uraltes Wissen, mit dem sie die Grenzen der Realität selbst zu sprengen im Stande sein würde – wenn sie lernen konnte, es anzuwenden …
Keuchend hielt sich Thara an dem Lesepult fest. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi und für eine Weile sah sie nicht mehr die Bibliothek vor ihren Augen, sondern nur wirbelndes Chaos, das sie beim besten Willen nicht hätte beschreiben können. Aber sie wusste, was es war: Rohes, ungefiltertes Wissen!
Als sich ihr Blick schließlich wieder klärte, lag das Buch noch immer offen vor ihr auf dem Pult, doch seine Seiten waren nun vollkommen unbeschrieben. Das Buch war nun in ihr! Es war, als hätte sie plötzlich ein Lexikon in ihrem Kopf. Sie konnte keineswegs direkt alles anwenden, was in diesem Lexikon beschrieben war, aber sie konnte es sich anschauen, sie konnte daraus lesen und lernen.

Thara drehte sich langsam zu Sinistro und Arzu um. Ein breites, glückliches Lächeln im Gesicht, wie sie es nur höchst selten zur Schau stellte, als hätte sie gerade ein paar tiefe Züge eines Scatty-Spezial-Traumrufs inhaliert.
„Das ist … u-unglaublich!“, säuselte sie, ohne sich näher zu erklären, und griff nach irgendetwas in der Luft, das nur sie sehen konnte.
Es ist eine Leihgabe, erklärte ihr die Bibliothek, deren Stimme sie nun in ihrem Kopf vernahm – wenn sie sich ihren eigenen Geist als einen Raum vorstellte, dann kam sie von dort, wo nun auch das Buch ‚gelagert‘ war. Nutze es klug, und wenn die Zeit gekommen ist, wirst du es mir wieder zurückgeben. Du wirst wissen, wann es soweit ist.
Thara nickte ernst. „J-ja … ja! Natürlich!“
Und in ihrem Hinterkopf vernahm sie bestimmt kein leises Kichern.

Sinistro
23.07.2024, 23:07
Bücher für die Schülerinnen, Wissen für den Lehrmeister. Denn während sich Arzu und Thara mit ihren kleinen, weltlichen Geschenken abmühten und Versuche unternahmen, das Geschriebene zu verinnerlichen oder das Wesen der Bibliothek auszuquetschen, war der Hohepriester einen Schritt weitergegangen. Er hatte das Netz der Magie, das auch hier alles umklammerte und umschlang, mit seinen Gedanken auseinandergewoben und seine magischen Fühler nach dem Wesen ausgestreckt. Sollte es sich in diesem Fall um ein Wesen Beliars handeln, vielleicht auch um ein Wesen aus einer völlig anderen Sphäre, dessen Absichten nicht ausschließlich positiver Natur wären, so hätte der Grünäugige versucht, die Kontrolle darüber zu erlangen; kurz: das Böse zu kontrollieren.

Aber da war nichts, was er greifen konnte, nichts, was magisch zu beeinflussen wäre, nicht einmal eine magische Barriere gab es, die ihn an seinem Versuch scheitern ließ. Sinistro traf, als er die Entität mit seiner Magie berührte, ausschließlich auf Unendlichkeit.
Den Versuch jedoch hatte die wabernde Masse mitbekommen und dadurch honoriert, dass sich ein Tentakel aus der Masse formte und samt einem mächtigen Auge nun dem Hohepriester gegenüber auf Augenhöhe schwebte – die Bibliothek blickte Sinistro wortwörtlich tief in die Augen.
Dem Magier lief ein kalter Schauer über den Rücken.

Auge in Auge mit der Bibliothek begann er nun, mit Arzu und Thara zu sprechen. Er versuchte den Beiden zu erklären, dass es sich bei dem beschriebenen Wesen um alles handeln könne, was einst war. Wäre das Auge der Bibliothek nicht an einem Tentakel und ohne Augenbraue, wahrscheinlich hätte es selbige hochgezogen.
Der Magielehrmeister führte weiter aus, dass eine genaue Beschreibung des Wesens auch nicht nötig sei, sofern man akzeptieren könne, dass es nur noch in der Sphäre Beliars existieren könne, da Adanos es von der Welt gespült hatte. Konnte man bei diesen Worten ein leises Knurren vernehmen?

Der Grünäugige wechselte das Thema, wollte er doch zu einem Gebiet kommen, auf dem er sich wirklich sicher war.
Er führte aus, dass Tharas und Arzus Magie ja bereits Fortschritte gemacht habe, es nun aber ganz besonders auf die Nuancen ankäme, die einen Zauber zu dem machen, was er sein soll. Als Beispiel nahm er die beschworene, ekelerregend stinkende Maus. Die grundsätzliche Beschwörung war hervorragend, die Begleiterscheinungen jedoch…
Diese könne man dadurch minimieren, dass man die Magie, aus der man die Kraft schöpft, das gewünschte Wesen zu beschwören, mehr führt, in dem man seine eigenen Ideen und Wünsche einfließen ließe.
Der Lehrmeister versuchte zu erklären, dass das Wirken von Magie von jeder Kleinigkeit beeinflusst wird, jeder falsche Gedanke konnte dazu führen, dass die grundsätzlich gewünschte Eigenschaft sich ins Gegenteil verkehrte.
Wieder das Knurren…
Der Hohepriester hatte das ihm gegenüberstehende Auge inzwischen vollkommen verdrängt und erklärte in einem abstrus anmutenden Szenar, wie in Büchern einzelne Abweichungen in der Ausführung von Zaubern beschrieben wurden, aus denen man lernen könnte, wie man Magie nicht auszuführen hatte. Aus einem unerfindlichen Grund hatte sich der Hohepriester nun aber entschlossen, den beiden Frauen Zauber „vorzuzaubern“, seine Bewegungen und seine Beeinflussung der Magie als Vorgabe zu zeigen, als Blaupause zu präsentieren. Und so stand der Magier nun, immer noch Auge in Auge, da und beschwor.
Langsam und stetig, jeden Schritt erklärend.
Er beschwor einen Golem, er beschwor ein Skelett, er beschwor eine Mumie, aus reiner Freude am Beschwören beschwor er auch einen Dämon. Und statt auf seine Schülerinnen zu achten, starrte er weiter in das Auge vor ihm.

Arzu
25.07.2024, 20:30
Allmählich kamen Arzu Zweifel, ob Sinistro tatsächlich untot war. Die Demonstration der Macht beeindruckte die Varanterin, denn so viele beschworene Kreaturen und dazu noch so vielfältig, hatte sie in ihren Träumen noch nicht gesehen. Konnte er das überhaupt als Zombie? Egal! Es befeuerte ihren Ehrgeiz ungemein. Wenn der untote Hohepriester das konnte, dann konnte sie das erst recht. Besonders mit dem Buch, welches die Entität ihr gegeben hatte.
Neben den vier beschworenen Kreaturen, stand natürlich auch noch die Tentakel im Raum. Es wirkte unfreiwillig komisch. Arzu bezweifelte, dass die Entität eine Manifestation wie diese überhaupt brauchte. Immerhin hing die Decke voll von Augen. War es ein Versuch der Einschüchterung oder gar eine Art von Humor, der die unverbesserliche Eigenschaft des untoten Lehrmeisters zu schwafeln aufs Korn nahm? Was es auch sein mochte, der Nekromantin war es im Augenblick tatsächlich gleichgültig. Sie wollte zaubern!
Die wichtigen Passagen aus Sinistros langen Monolog hatte sie herausgefiltert. Wie eine untote Wüstenrennmaus rasten ihre Gedanken, um die präsentierte Theorie in die Tat umzusetzen. Ihr erster Versuch musste besser sein, als das, was Thara abgeliefert hatte. Noch eine stinkende Zombiemaus brauchten sie wirklich nicht. Deshalb nahm sich die Schwarzmagierin ein Beispiel an der Mumie, die der untote Hohepriester beschworen hatte. Wo keine Feuchtigkeit, da kein widerlicher Gestank! Höchstens ein unangenehmes Muffen.
Neugierig umrundete Arzu die Mumie, als ob sie durch das Inspizieren die Geheimnisse ihrer Machart entschlüsseln konnte. Vielmehr wollte sich die Nekromantin ein ganz klares Bild im Kopf machen. Wenn die Konsistenz der Kreatur von den eigenen Vorstellungen maßgeblich beeinflusst wurde, lag das weitere Vorgehen auf der Hand! Nachdem sich Arzu an der Mumie sattgesehen hatte, rieb sie sich die Hände und hielt sie dann ausgestreckt vor sich. Wie es der untote Lehrmeister ihr mit der Skelettmaus vorgeführt hatte, sammelte Arzu nun die magischen Energien und gab ihnen eine Form. Ein bläuliches Licht begann vor ihr zu schimmern. In seinem Inneren wirbelte die Magie wie in einem Sturm, den die Nekromantin nach und nach zu bändigen versuchte. Dem Ganzen eine bestimmte Form aufzuzwingen, erwies sich als ausgesprochen herausfordernd. Wie Sinistro gleich bei vier Kreaturen zustande gebracht hatte, überstieg Arzus Verständnis. Um es sich selbst etwas einfacher zu machen, wich die Schwarzmagierin von ihrem ursprünglichen Plan ab, eine menschliche Mumie zu beschwören. Etwas kleineres wäre genauso gut!
Die Nekromantin biss sich auf die Unterlippe und konzentrierte sich vollends auf den Sturm magischer Energie. Ganz allmählich zeichneten sich Umrisse darin ab, die mit jedem weiteren Moment klarer wurden. Mit einem letzten Kraftakt der Schwarzmagierin manifestierte sich endlich ein Wesen. Von Kopf bis Fuß in Bandagen eingewickelt, stand auf einmal eine mumifizierte Hyäne vor Arzu. Triumphierend stemmte die Nekromantin die Hände in die Hüfte und setzte ein selbstgerechtes Lächeln auf.

Thara
30.07.2024, 15:05
„Boop!“, machte Thara und stupste dem von Arzu beschworene mumifizierten Tier auf die große Nase. Das untote Wesen zog den Kopf ein Stück zurück, als wäre es überrascht, und Thara kicherte. Die Nachwirkungen der plötzlichen Wissensübertragung aus dem magischen Buch hielten sie noch immer im Bann; sie fühlte sich wie benebelt und die Welt kam ihr wie ein Wunderland vor, dass sie jetzt Schritt für Schritt entdecken konnte!
Angefangen mit dem Hund, den Arzu beschworen hatte. Hund? Nein, das war kein Hund! Thara legte den Kopf leicht schief und knabberte unbewusst an ihrem Daumennagel, während die die mumifizierte Kreatur betrachtete. Sie hatte schon Ähnlichkeit mit einem Hund, aber eben auch nicht! Die seltsame Körperhaltung mit den kurzen Hinterläufen, dem langen Hals und den großen, runden Ohren, der breite Kopf mit dem imposanten Gebiss und der drolligen Knollnase …
Was bist du?, fragte sich Thara und konsultierte erstmals ihr neugewonnenes inneres Lexikon. Es war, als könnte sie auf fremde Erinnerungen zugreifen – nur waren diese Erinnerungen weder sortiert, noch ließen sie sich so einfach von ihr durchsuchen. Bilder und Informationen fluteten völlig ungeordnet ihren Geist und verflogen so schnell wieder aus ihrem Gedächtnis, wie sie gekommen waren. Sie merkte rasch, dass sie erst würde lernen müssen, ihr ‚Buch‘ richtig zu nutzen.
Konzentration!, mahnte sie sich. Dieses ‚Buch‘ war offensichtlich magisch, also war der Schlüssel zu seiner Verwendung wahrscheinlich derselbe wie zur Nutzung von Magie: Konzentration! Sie stellte sich vor, wie der Mumien-„Hund“ lebendig ausgesehen haben mochte (ob er ein schwarzes Fell hatte? Das würde zumindest zu den Schwarzmagiern passen, oder?) und versuchte, das gesammelte Wissen auf diese Art zu filtern. Eine Weile passierte nichts, als dass weiter ungeordnete Bilder und Gedanken auf sie einprasselten, aber schließlich begannen einzelne Fetzen in ihrem Bewusstsein haften zu bleiben und sich langsam, aber sicher zu einem kohärenten Ganzen zusammenzusetzen.
„Üh-jäh-ne?“, sagte sie langsam und betonte dabei jede Silbe. Ein Tier aus den trockenen Steppen Varants – aus Arzus Heimat! Es war dafür bekannt, dass es selbst dickste Knochen zerbeißen und auf beinahe menschliche Art lachen konnte. Die Priester Innos‘ warfen ihm vor, hinterlistig und tückisch zu sein und nach Belieben das Geschlecht wechseln zu können, was zugleich einer der Grund war, wieso die Alchemisten der varantischen Schwarzmagier sich für diese sonderbaren Tiere (http://www.physiologus.de/h/hyaene.htm) interessierten …
„Huh!“ Thara blinzelte, als sie wie aus einer Trance erwachte. Was es nicht alles zu lernen gab!

Aber so interessant diese Details zu einem Tier aus einem fernen Land auch sein mochten, eigentlich war sie doch hier, um Magie zu lernen! Sinistro und Arzu sahen sie beide schon seltsam an, mit einer Mischung aus Verwunderung und Erwartung.
„Äh … äh … ‘tschuldigung! I-ich … gleich!“, versicherte Thara und versteckte sich wieder hinter ihren Haaren. Magie – sie musste irgendetwas zaubern! Sinistro hatte so viele Beschwörungen vorgeführt und Arzu hatte eine untote Ühjähne hervorgebracht, also was sollte sie nun versuchen? Ebenfalls eine Beschwörung, wie Arzu? Nein – nicht hier, nicht jetzt. Der kleine „Unfall“ mit der untoten Maus stand ihr noch viel zu deutlich vor Augen und sie wollte nicht riskieren, dass so etwas noch einmal passierte. Das übte sie wohl besser, wenn sie für sich war …
Aber was dann? Thara konzentrierte sich einmal mehr auf ihr ‚Buch‘ und ließ die erstbeste Spruchanweisung auf sich zukommen, die in ihrem Gedächtnis hängen blieb. Ein Zauber, um Gegenstände aus Knochen zu erschaffen. Das schien ihr eine gute Idee zu sein, stanken bloße Knochen doch normalerweise nicht, vor allem, wenn man schon bestehende Knochen verwenden konnte … Die einzige Frage war, wo bekam sie jetzt auf die Schnelle Knochen her?
Thara sah sich um. Die einzigen Knochen, die in Reichweite waren, gehörten allerdings der Ühjähne, die sich vor Arzu niedergelassen hatte. Thara zögerte kurz, beschloss dann aber, es einfach zu versuchen.
Ein paar gemurmelte Worte und fahrige Gesten später durchlief ein Zucken den Körper der untoten Kreatur, die sich aufbäumte und zusammenkrümmte, als würden Krämpfe ihre längst vertrockneten Eingeweide schütteln. Sie gab etwas wie ein staubiges Krächzen von sich, und dann brachen plötzlich knöcherne Dornen entlang ihrer Wirbelsäule aus den spröden Bandagen hervor. Sie Dornen wuchsen zu fast eine Elle langen, dolchartigen Auswüchsen heran. Thara lächelte angestrengt – auch wenn es sie einiges an Kraft kostete, es klappe besser, als sie erwartet hatte!
Im Hochgefühl des Erfolgsrausches sammelte Thara weitere Magie und formte die Ühjähne zu etwas, das kaum noch Ähnlichkeit mit der anfänglich beschworenen Kreatur hatte. Die Knochen wurden dicker und länger, das Tier richtete sich auf die Hinterbeine auf und überragte bald nicht nur Arzu, sondern sogar Sinistro. Scharfe Krallen und Stacheln wuchsen aus ihm heraus, während die Mumienbandagen rissen und mitsamt verschrumpelter Eingeweidereste zu Boden fielen. Schließlich stand eine knochige Monstrosität vor den drei Schwarzmagiern mit gefährlichen, dolchartigen Klauen, einem massiven Schädel, in dessen breitem Kiefer sich viel zu viele Zähne befanden, und Stacheln an den unmöglichsten Stellen. Das Ding machte einen unsicheren Schritt vorwärts und Thara bemühte sich, die Kontrolle über die Mutationen zu behalten, aber die Magie der Beschwörung kollidierte auf einer tieferen Ebene mit derjenigen der Veränderung – und das ganze untote Konstrukt fiel von einer Sekunde auf die andere völlig unspektakulär in sich zusammen. Wenige Augenblicke später waren auch die Knochen zuerst zu Staub zerfallen und hatten sich dann gänzlich aufgelöst.

Thara atmete schwer und wischte sich ein paar Haarsträhnen aus der schweißnassen Stirn. Es war am Ende doch anstrengender gewesen, als sie gedacht hatte, aber das Experiment war … ja … war es erfolgreich gewesen? Oder hatte sie wieder etwas falsch gemacht? Unsicher zog sie den Kopf zwischen die Schultern, ihr Blick huschte zwischen Sinistro und Arzu hin und her und sie wartete nervös auf das Urteil der beiden.

Sinistro
04.08.2024, 05:40
Wie lange starrte er nun schon in das ihn ebenfalls anstarrende Auge? Er wusste es nicht. Dochj immer noch hatte er das Bedürfnis, Zauber um Zauber, Beschwörung um Beschwörung wirken zu wollen. Und dabei in das Auge zu starren…
Er hätte aber auch gar nicht woanders hingucken können. Jedes Mal, wenn er seinen Kopf oder seinen Körper drehte, dauerte es nur wenige Augenblicke, ehe auch das Auge sich bewegt hatte und dem Magier wieder in die grünen Augen blickte. Alles, was um ihn herum geschehen war, hatte Sinistro demzufolge auch mehr aus der Spiegelung des Auges wahrgenommen, denn selbst wirklich mitbekommen.
Andererseits: Arzus und Tharas Versuch, Magie zu wirken, war durchaus aller Ehren wert, hatten sie es doch ohne größere erkennbare Anstrengungen geschafft, einen Zauber zu wirken. Und dieses hundeähnliche Bandagenwesen musste erhebliche Stabilität aufweisen, wenn Thara daraus einen Knochenkrieger erschaffen konnte. Nun ja, zumindest fast erschaffen konnte.
Der Hohepriester schob den Gedanken, selbst nochmal einen Versuch zu wagen, beiseite. Doch es war beinahe eine Qual für ihn, sein Können nicht seinen beiden Schülerinnen demonstrieren zu können. Der Magier riss sich am Riemen und setzte zu einer Erklärung an.
Und schon wieder… Knurren!

„Das Problem liegt in der Konsistenz der Knochen, die Zusammensetzung bei Mumien ist immer irgendwie brüchig“, erklärte der Hohepriester kurz und sachlich, und nahm auch hierbei seinen Blick nicht von dem Auge. Ein erneutes Knurren ließ ihn seine Ausführungen unterbrechen und schon beginnen, wieder einen Zauber zu wirken.
Sinistro schloss dabei unwillkürlich die Augen und verspürte nur einen Sekundenbruchteil, nachdem er nicht mehr in das Auge der Entität starrte, dass er nun besser aufhören sollte, seine Macht und Stärke zu demonstrieren. Er spürte, dass…
Wieder das Knurren.

Als der Magielehrmeister nun seine Augen wieder geöffnet hatte, war das vor ihm schwebende Auge verschwunden und gerade dabei, wieder mit der Masse an der Decke zu verschmelzen.
Und er selbst verspürte keinerlei Drang mehr, unnötig Magie zu wirken, nur um seine Schülerinnen zu unterrichten. Er konnte sich auch nicht erklären, warum er so sehr seine Fähigkeiten vorgeführt hatte; er konnte sich an keine Lehrsituation erinnern, in der er dies jemals tat.
Doch damit nicht genug. Es war, so musste er unumwunden zugeben, sehr erfolgreich. Arzu hatte ein perfektes mumifiziertes Geschöpf beschworen, Thara hatte die Knochen daraus zu etwas geformt, das einem Krieger gleichen konnte; er war stolz auf die Beiden und musste ihnen dies auch so sagen. Und Thara sagen, dass es nicht an ihr, sondern an der Tatsache, dass sie bereits beschworene, aber durch die Mumifizierung beschädigte, Knochen für ihren Zauber nutzte. Er konnte so nicht von Erfolg gekrönt sein. Allein, dass sie es aber geschafft hatte, den Zauber eines anderen Magiers als Basis für den eigenen Zauber zu nutzen war aller Achtung wert.

Der Magus blickte zwischen seinen Schülerinnen hin und her und nickte anerkennend. Dann wanderte sein Blick an die Decke und unvermittelt lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Und Hunger hatte er auch.

Arzu
10.08.2024, 17:28
Sie hatte sich so viel Mühe gegeben und das Ergebnis war perfekt gewesen. Dann kam Thara daher und verunstaltete die mumifizierte Hyäne im Handumdrehen. Wäre jemand anderes verantwortlich gewesen, hätte Arzu kurzen Prozess mit demjenigen gemacht. Ihre Zirkelschwester hatte inzwischen bei ihr eine gewisse Narrenfreiheit erlangt. Auch wenn die Nekromantin sich fragte, was die neue Kreatur überhaupt darstellen sollte. Eine Hyäne war es jedenfalls nicht mehr. So geladen mit Magie hielt das Teil auch nicht lange durch.
Das Ganze weckte Arzus Interesse für die von Thara benutzte Zauberformel. Aus Knochen etwas zu basteln, das könnte sich auf jeden Fall als nützlich erweisen. Ein Knochenkamm zum Beispiel, damit die Schwarzmagierin sich wieder um die Pflege ihrer strapazierten Haare kümmern konnte. Geschwind blätterte sie im Buch, das die Bibliothek ihr gegeben hatte, und wurde fündig.
»Was ist das denn für ein Quatsch?«, murrte Arzu. »Die Knochen müssen schon da sein, damit ich den Zauber wirken kann? Wer denkt sich denn so was aus? Meinen Sperling habe ich doch auch aus dem Nichts beschworen!«
Für die Varanterin stand unmittelbar fest, dass solch ein Blödsinn eine Verschwendung ihrer Zeit war. Dann müsste sie halt ohne einen Knochenkamm auskommen. Der Zauberformel zum Spott, streckte Arzu ihre Hände nach vorn und formte die magischen Energien zu einem Skelett. Dieses Mal kam als Ergebnis ein Leopard zum Vorschein. Solche Tiere hatte sie früher in Ishtar oft zu Gesicht bekommen, denn Zuben hatte eine Vorliebe für Raubkatzen. Die Tiere stromerten dann ungehindert durch die Stadt. Sehr zum Verdruss von Schlachtern und Viehzüchtern. Niemand wagte es, Hand an die Katzen zu legen, denn niemand wollte den Zorn des obersten Schwarzmagiers heraufbeschwören. Arzus Leopard war zum Glück äußerst genügsam. Leider brummte er nicht, so wie es die lebendige Variante täte. Oder doch?
Arzu neigte sich zu ihrem Katzenskelett herab, denn ihr war, als käme tatsächlich von dort ein Brummen. Aber das Skelett blieb stumm. Statt dessen musste die Nekromantin erkennen, dass das Brummen bei Sinistro zu verorten war.
»Du hattest doch gerade erst was zu essen!«, merkte Arzu an und stemmte die Arme in die Seite. Das musste der unersättliche Hunger des Zombies sein. Zum Glück verlangte es den untoten Hohepriester nicht nach Gehirnen.

Thara
25.08.2024, 18:34
Thara hielt den Kopf gesenkt und spielte unruhig mit ihren Haaren, während Arzu zu ihrer nächsten Beschwörung ansetzte. Auch wenn das Lob, das Sinistro Thara ausgesprochen hatte, das Mädchen mit Stolz erfüllte, hatte sie doch Arzus missbilligenden Blick bemerkt, als sie die Ühjähnen-Mumie in eine unförmige Monstrosität verwandelt und am Ende ungewollt zerstört hatte. Die Varanterin hatte nichts gesagt, aber das war auch gar nicht nötig. Thara fühlte sich auch so schuldig. Erst die widerlich stinkende Maus, und jetzt das … irgendwie würde sie es Arzu gegenüber wiedergutmachen müssen! Aber wie?
Zumindest würde sie das Skelett, das Arzu als nächstes herbeirief, nicht verunstalten. Diesmal war es keine Ühjähne – obwohl es fast genauso groß war, hatte es einen anderen Körperbau und bewegte sich entschieden katzenartig. Wäre es ein gutes Stück kleiner gewesen, dann hätte es gut und gern eine Katze sein können.

Katzen … Thara musste zurückdenken an ihre Kindheit und Jugend. Im Armenviertel von Thorniara gab es auch Katzen – verwilderte Streuner, die meisten in ähnlich schlechtem Zustand wie die Menschen, die das Viertel bewohnten, struppig und misstrauisch, und sich mit Zähnen und Klauen um die Reste stritten. Aber zumindest waren sie frei gewesen, etwas, um das Thara sie immer beneidet hatte.
Sie mochte die Katzen, und manchmal war es ihr sogar gelungen, sich mit einer von ihnen anzufreunden. Es waren nie Freundschaften von Dauer, eines Tages war jede der Katzen einfach verschwunden – gestorben wahrscheinlich, oder vielleicht auch abgewandert, irgendwohin, wo es besser war. Thara stellte sich gern vor, dass die Tiere dem Elend entkommen waren, auch wenn sie genau wusste, dass die erste Möglichkeit die wesentlich wahrscheinlichere war.
Und dann war da noch die kleine Miezi gewesen – ja, kein sonderlich einfallsreicher Name, aber er war einfach hängengeblieben. Sie war ein Katzenbaby gewesen, das Thara in der Gosse hinter ihrer alten Hütte gefunden hatte, allein, verängstigt und so schwach, dass es kaum noch hatte laufen können. Thara hatte das kleine Tierchen mitgenommen und wider alle Wahrscheinlichkeit war es ihr gelungen, das Kätzchen von der Schwelle des Todes zu holen und aufzupäppeln. Miezi hatte ein samtweiches, schwarz-weiß geflecktes Fell gehabt und ein rosa Näschen, und sie war verspielt gewesen und neugierig. Des Nachts, wenn ihr Vater zu Hause war, hatte Thara das Kätzchen in einer alten Kiste versteckt, aber tagsüber waren sie unzertrennlich und das Kätzchen war Tharas ein und alles gewesen.
Bis, tja, bis ihr Vater eines Tages unerwartet früh nach Hause gekommen und Miezi beim Herumtollen erwischt hatte. Er hatte dem Kätzchen ohne viel Federlesens das Genick gebrochen und den kleinen Körper auf dem Müll entsorgt. Die Prügel, die er anschließend seiner Tochter verabreichte, waren für Thara in diesem Moment bedeutungslos gewesen im Vergleich zu dem Schmerz, den der Verlust ihrer Katzenfreundin für sie bedeutete.
Selbst jetzt, Jahre später, versetzte ihr die Erinnerung einen Stich. Allein der Gedanke, dass der Leichnam ihres Vaters wohl ähnlich unzeremoniell, wie Müll in einem Massengrab entsorgt worden war, erfüllte sie mit ein wenig Genugtuung.

Das übergroße Katzenskelett ließ sich mit einer nicht zu verleugnenden Eleganz zu Arzus Füßen nieder, als – zum wiederholten Mal – ein dumpfes Knurren oder Grollen ertönte, das die Varanterin Sinistros Magen zuschrieb. Der aber deutete auf die rätselhafte Kreatur an der Gewölbedecke, die ihn die ganze Zeit aus nächster Nähe beobachtet hatte, während er dabei gewesen war, seinen Schülerinnen all die Zauber zu demonstrieren, die einem erfahrenen Magier zur Verfügung standen. Inzwischen hatte sich das Tentakel-Auge jedoch wieder zurückgezogen und war mit dem Rest der gallertartigen Masse an der Decke verschmolzen. Ob die Kreatur bekommen hatte, was sie wollte?

Sinistro wollte gerade dazu ansetzen, etwas zu sagen, als plötzlich ein lautes Fluchen zwischen den Bücherregalen ertönte, begleitet vom Fauchen einer Schattenflamme. Thara erkannte die Stimme sofort – Vabun! Er musste sich die ganze Zeit in der Bibliothek aufgehalten haben, aber wieso hatten sie ihn nicht gesehen? Wieso sah sie ihn noch immer nicht?
Verwundert machte Thara einen Schritt in Richtung der endlosen Regalreihen und spähte dazwischen. Dabei fiel ihr ein Detail auf, das ihr bislang entgangen war – im vorderen Bereich der Bibliothek wirkte alles recht normal (wenn man von dem Ding an der Decke absah), aber weiter hinten schienen die Schatten rasch zuzunehmen und der Raum war alsbald in Dunkelheit gehüllt. Und nicht nur das – irgendwie wirkten die Regale und Bücher, ja selbst der Boden auf eine unbestimmte Art falsch, als würden die Winkel und Farben nicht stimmen. Und als sie kurz blinzelte, hatte sie den Eindruck, dass es plötzlich … anders aussah als noch einen Augenblick zuvor …
Bevor sie sich aber groß darüber wundern konnte (wobei sie sich inzwischen eigentlich über nichts mehr wunderte, zumindest nicht an diesem seltsamen Ort, sondern die Dinge einfach nahm, wie sie kamen), tauchte tatsächlich aus dem Dunkel Vabun auf. Er rannte wie von der Tarantel gestochen und warf immer wieder einen Blick über die Schulter, eine Hand war von der dunklen, ätherischen Energie einer Schattenflamme umhüllt, während er mit der anderen ein dickes, in rissiges altes Leder gebundenes Buch an sich presste. Seine provisorische Robe hing an einigen Stellen in Fetzen, sein Haar war zerzaust und über seine Wange zog sich ein langer, blutiger Kratzer.
„Hau ab jetzt!“, fluchte der Magier und schleuderte eine Schattenflamme in die Dunkelheit hinter ihm, „Lass mich endlich in Ruhe, du-“
Als er des Dreiergrüppchens gewahr wurde, das ihn voller Verwunderung anstarrte, hielt er inne und verlangsamte seine Schritte. Noch einmal warf er einen kurzen Blick über die Schulter, fuhr sich dann mit der Hand durchs Haar und strich sich die Robe/Gardine glatt.
„Arzu und … anderes Mädchen!“, begrüßte er sie, „Was macht ihr denn hier? Hatte ich nicht gesagt, ihr solltet im Zimmer warten? Oder habe ich etwa … oh, ich hatte vergessen, es zu füttern, ist es das?“ Er zuckte mit den Schultern. „Na, passiert. Und wer ist das da?“ Vabun trat vor Sinistro und musterte ihn Neugierig, bevor er ihm die Hand hinstreckte. „Tag! Vabun. Du musst Smaragdauge sein! Gut, gut. Also, wenn ihr ohnehin schon hier seid, das spart mir einen Gang … kommt, ich zeige euch, was ich gefunden habe! Endlich! Diese Bibliothek macht es einem manchmal wirklich nicht einfach!“ Er hob kurz den Blick zur Decke und rümpfte missbilligend die Nase. Anschließend stapfte er zu einem Tisch, blies den Staub von der Oberfläche und knallte dann das Buch auf die Tischplatte.
„Na, hab ich zu viel versprochen?“, verkündete er stolz. Dass er dafür nur verwirrte Blicke erntete, schien er nicht einmal zu bemerken – oder es kümmerte ihn nicht.
Der Foliant war von beeindruckenden Ausmaßen und der Ledereinband mit zwei eisernen Beschlägen stabilisiert. Davon abgesehen sah er aber nicht bemerkenswerter aus als zahlreiche andere Bücher der Kastellbibliothek. Trotzdem war da etwas. Thara brauchte einem Moment, bis sie einordnen konnte, was ihr an dem Buch auffiel – es war der Geruch! Es roch nicht nach altem Leder und Pergament, wie man erwartet hätte, auch nicht nach Staub und Mäusekot, sondern auf eine nicht unangenehme, aber völlig unpassende Art frisch wie die Luft nach einem Sommerregen …
Vabun blätterte ein wenig in dem Buch vor und zurück, bis er gefunden hatte, was er suchte. „Da! Das ist das Ritual, mit dem wir das Lichtschwert und die Weiße-Magie-Rune wieder verbinden können!“ Er tippte auf eine dicht mit schnörkeligen Buchstaben vollgeschriebene Seite, „Es ist sogar einfacher, als ich gedacht hatte – ich habe alles, was wir dafür brauchen, in meinem Labor! Naja, fast alles …“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und bedachte erst Arzu, dann Thara mit einem strengen Blick: „Das heißt, alles bis auf die beiden wichtigsten Zutaten, das Schwert und die Rune, die ihr verschludert habt!“ Vabun seufzte theatralisch und rollte mit den Augen. „Wenn man nicht alles selber macht … na, ich werde euch noch eine Chance geben. Beschafft die Gegenstände wieder, und ich bereite in der Zwischenzeit das Ritual vor. Sagt nichts, ich weiß, was ihr fragen wollt – wo die Artefakte denn aufbewahrt werden? Tja, das kann ich euch sogar verraten. Zumindest so ungefähr. Dieser Fladnag hat sein Lager bei den Anti-Magie-Räumen aufgeschlagen. Cleverer kleiner Bursche, so kann kein Magier an seine Kisten … denkt er! Ha! Ihr könnt aber doch sicher Schlösser knacken, nicht wahr? Also, Arzu und Smaragdäuglein, ihr müsst nur seine Wachen ablenken, dann kann, äh, anderes Mädchen sich wieder reinschleichen und die Gegenstände aus seiner Truhe beschaffen. Welche Truhe das ist, wo er sein Zeug aufbewahrt, das … fragt ihr am besten einen der Goblins. Wie, die wollen nicht mit euch reden? Natürlich nicht! Nicht, solange sie leben! Muss man euch denn alles vorbuchstabieren? So. Sonst noch Fragen?“

Thara
19.09.2024, 11:26
„Nun? Worauf wartet ihr?“, fragte Vabun und wedelte ungeduldig mit der Hand, die sich plötzlich für einen Moment in Stein verwandelte und ihn dabei fast aus dem Gleichgewicht brachte. Er stolperte einen Schritt nach vorn, fing sich wieder, und strich sich mit einem leisen Räuspern die Robe glatt.
Sie waren in der Vorhalle des Kastells versammelt, dort, wo im „echten“ Kastell die Statue Vabuns stand – an ihrer Stelle gab es im Mondkastell nur einen leeren Plinth. Auf die Nachfrage, was einmal auf diesem Plinth gestanden hätte, hatte Vabun nur die Schultern gezuckt und behauptet, er wäre schon immer leer gewesen.
Jetzt allerdings lag die übel zugerichtete Leiche eines Goblins darauf. Das halbe Gesicht fehlte ihm, das Fleisch weggefressen und verkohlt von der zerstörerischen Macht einer Schattenflamme, während das rostige Schwert eines beschworenen Skeletts sich in seinen Brustkorb gebohrt hatte. Der Goblin gehörte laut Vabun zu Fladnags Clan – angeblich konnte man das an den Kreidezeichnungen auf seinem Körper erkennen, die in Tharas Augen jedoch nur aussahen wie plan- und sinnloses Geschmier. Wenn sie ein Muster darstellen sollten, erkannte sie es jedenfalls nicht.

„Na los!“, forderte Vabun nachdrücklicher in Tharas Richtung gewandt, „Du willst doch wissen, wo Fladnag die Artefakte aufbewahrt, oder? Ich hab dir jemanden beschafft, der es wissen sollte, aber fragen kannst du ihn jawohl selbst!“
„A-a-aber er ist … t-t-t- …“, stammelte Thara, erntete aber nur ein Augenrollen von Vabun. Zum Glück sprang Sinistro in die Bresche und erklärte ihr ausführlich, dass man mit Hilfe einer abgewandelten Form von Wiederbelebungsmagie sogar Tote befragen könne, indem man die feine Verbindung, die noch zwischen dem Körper und dem Geist des Verstorbenen existiere, stabilisiere. Dadurch könne der Tote Wissen mitteilen, das er zu Lebzeiten erworben hatte.
Sinistros Beschreibung des Prozesses ging freilich noch deutlich tiefer ins Detail und Thara verstand, wie üblich, höchstens ein Drittes dessen, was der Hohepriester erklärte, aber sie glaubte, das Wichtigste begriffen zu haben. Zugleich griff sie auf ‚ihr Buch‘ zu und tatsächlich formten sich in ihrem Geist so etwas wie Pseudo-Erinnerungen, so dass sie sich zumindest vom groben Ablauf des Zaubers ein Bild machen konnte.
„A-also gut!“ Thara räusperte sich und strich sich nervös eine Haarsträhne hinters Ohr (die Strähne dachte jedoch gar nicht daran, dort zu verbleiben und fiel ihr gleich wieder vors Gesicht), bevor sie an den Plinth herantrat und in Beschwörer-Manier die Arme über dem toten Goblin hob.
Als sie damit begann, mit halb geschlossenen Augen unverständliche Worte zu murmeln, entdeckte Arzu irgendetwas sehr interessantes in einer Ecke des Raumes, die zufällig möglichst weit entfernt war, und musste es sich unbedingt ansehen. Vabun hingegen stand mit verschränkten Armen da und beobachtete Thara mit ausdrucksloser Miene, während Sinistro ihr genau zuhörte und ab und zu ihre Aussprache korrigierte – was Thara jedes Mal ein wenig aus dem Konzept brachte, bis sie beschloss, den Hohepriester einfach zu ignorieren.

Thara konzentrierte sich ganz und gar auf den toten Goblin. Mit feinen magischen Fühlern tastete sie vorsichtig über den Leichnam. Als sie das tote Fleisch mit ihrem Geist berührte, spürte seine Kälte regelrecht. Es war ein unangenehmes Gefühl, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete und ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Thara biss die Zähne zusammen und bemühte sich, das widerliche Gefühl zu ignorieren. Sie tastete weiter, probte, suchte – vor ihrem inneren Auge sah sie die Umrisse des Leichnams als dunkle, verschwommene Konturen. Und irgendwo im Inneren, tief unten, glomm ein kleiner, blasser Funken…
Langsam näherte sie sich dem Funken und umschloss ihn behutsam mit ihrer Magie, wie man ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen mit aller Vorsicht mit den Händen aufheben würde. Sie spürte einen Hauch von Wärme, einen letzten Rest von Kraft und Leben, und ließ ihre Magie hineinfließen, stärkte und stabilisierte die Hauchdünne Verbindung…

„Huuuuurrrrraaaaarrrrggggh!“, krächzte der Goblin und bäumte sich auf dem Plinth auf. Wie von brutalen Tetanuskrämpfen geschüttelt bog er den Rücken durch, dass man glauben konnte, er würde sich gleich das eigene Rückgrat brechen, und hämmerte mit zu Klauen verkrampften Händen auf den kalten Stein. Gurgelnd und röchelnd warf er den Kopf nach links und rechts, Blut und Speichel flogen in alle Richtungen.
Erschrocken von der heftigen Reaktion, geriet Thara ins Stocken und ihre Konzentration schwand. Der Goblin sackte in sich zusammen wie eine Marionette, deren Fäden man durchtrennt hatte.
„Nicht aufhören!“, rief Vabun, „Du hattest ihn fast! Los, mach weiter!“
Thara schluckte und nickte hastig. Sie schloss die Augen, atmete einmal tief durch und ließ wieder die Magie in den leblosen Körper fließen, noch vorsichtiger diesmal.

Wieder schlug der tote Goblin die Augen auf. Diesmal blieb er jedoch liegen, nur seine Gliedmaßen zuckten ein wenig und er mahlte mit den Kiefern, was ein nasses, schmatzendes Geräusch verursachte.
„Äh … H-h-hallo, Goblin?“, fragte Thara zögerlich. Der Leichnam rollte mit den Augen, bis sein Blick sich schließlich auf sie richtete. Sein gequältes Röcheln mochte eine Antwort sein oder auch nicht, aber Thara hatte das Gefühl, dass er bereit war, mit ihr zu sprechen. Irgendwie. Nur, dass ihr gerade ein ganz anderes Problem in den Sinn kam – sie konnte doch gar kein Goblinisch!
„Worauf wartest du?“, drängte Vabun, „Frag ihn, wo Fladnag die Artefakte aufbewahrt!“
„S-s-seine … d-die Sprache!“, flüsterte Thara, als hätte sie Angst, die Verbindung zu verlieren, wenn sie laut redete, „Ich k-k-kann keine … G-goblinsprache!“
Vabun winkte ab. „Völlig egal. Spielt keine Rolle. Ich kann ja auch keine Stein-Sprache, und trotzdem kann ich mich mit ihnen unterhalten! Versuch es einfach, du wirst schon sehen!“
Die Erklärung kam Thara zwar nicht sehr überzeugend vor, aber was blieb ihr anderes übrig? Also holte sie noch einmal tief Luft und versuchte es:
„Also … äh … Goblin! W-w-wo hat der … der … F-f-fladnag sein … seine … also, seine Schätze und so? I-i-ich meine die Artefakte! Die Rune! U-u-und das Schwert!“
Der Goblin glotzte sie an. Mit Blut vermengter Speichel troff durch die zerfetzte Wange und sammelte sich neben seinem Kopf. Aber sonst – nichts. Keine Reaktion, keine Antwort.
Die Nekromantin in Ausbildung seufzte frustriert.
„S-seht ihr? E-e-er versteht mich nicht!“
„Chrrr … hnnnnnggg!“, krächzte auf einmal der Goblin und ließ Thara erschrocken zusammenzucken, „Rrrrrchhh … ngl’wui mnagh rrroooogh… jazmal chacha ugladronnnng…“
Vabun grinste und nickte, mit sich selbst zufrieden, während der Goblin weiter in seiner fremdartgien, gutturalen Sprache mit einiger Mühe Silbe um Silbe hervorwürgte.
Überrsascht stellte Thara fest, dass sie ihn tatsächlich verstehen konnte – nicht im konventionellen Sinn, die Worte, die er von sich gab, blieben ihr vollkommen unverständlich, aber über die magische Verbindung, die sie zu ihm aufgebaut hatte, wusste sie einfach, was er ihr mitteilen wollte – so, als würde sie die Gedanken lesen, die er formte, bevor er sie in Worte fasste.

Sie hätte den Prozess nicht beschreiben können. Es war ein sonderbares Gefühl, die Gedankenwelt eines toten Goblins vor dem inneren Auge zu sehen, und keineswegs immer angenehm. Unter den oberflächlichen Gedanken herrschte ein Grundrauschen aus unkontrollierten Gefühlen, die größtenteils von den letzten Augenblicken seines Lebens herrühren mussten – Thara spürte Angst, Schmerz und Verwirrung. Ihre linke Gesichtshälfte fing an, leicht zu brennen, und in ihrem Brustkorb machte sich ein dumpfer, stechender Schmerz breit – ein Echo der Verletzungen, die der Goblin davongetragen hatte, als er von Vabun „beschafft“ worden war.

„D-die pinke Truhe!“, murmelte Thara, die Gedanken des Goblins übersetzend. „Weil … pink … sieht man nicht …“
„Goblin-Logik“, kommentierte Vabun, „Rot macht dich schneller, Blau bringt Glück, Weiß macht dich gefährlicher – dummer Aberglaube! Obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass die Roten wirklich schneller sind… Hm.“
„Aaaaaarrrrgh … grrr … knaft ka traaaagh … ni chooom …“, schnarrte der Goblin und begann, den Kopf ruckartig nach links und rechts zu werfen, „Ni chooom! Niiii …“
„Es … tut weh!“, übersetzte Thara automatisch, „S-s-so viel Schmerz … lass … freilassen …“
„Grrraaah! Hnng … zafflaaaah … chooom …“
Der Goblin begann, stärker zu zucken und bäumte sich plötzlich wieder auf. Es sah aus, als würde er sich gegen unsichtbare Fesseln werfen und daran zerren. Zugleich spürte Thara einen wachsenden geistigen Widerstand. Die flackernde Lebenskraft des Goblins zappelte und wand sich und setzte alles daran, ihr zu entgleiten.
„Schlüssel!“, stieß Thara hervor und verstärkte ihren magischen Griff, „Wo s-sind die … die Schlüssel? F-f-für die … pinke Truhe?“
„Raaaaaaaaahhhh!! Gaaarrgh! Aaaaaah!“, gurgelte, kreischte und brüllte der Goblin. Er stieß nur noch unverständliches Geschrei aus, und auch die Gedanken, die Thara von ihm empfing, waren nichts anderes mehr als inkohärenter, sinnesbetäubender geistiger Lärm. Ihre Wange brannte wie Feuer und der bohrende Schmerz in ihrem Brustkorb trieb ihr bei jedem Atemzug die Tränen in die Augen, aber sie ließ nicht locker.
„Die Schlüssel!“, presste sie zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor und verstärkte ihren magischen Druck auf die zappelnde kleine Seele des Goblins noch weiter, „Wo? S-sag es mir! Dann l-lass ich dich…“
Doch es hatte keinen Sinn mehr. Der Goblin verstand sie wahrscheinlich nicht einmal mehr. Sein Kreischen schraubte sich in ungeahnte Höhen, das Geräusch einer trockenen, toten Kehle, die wie ein Reibeisen klang und einem schon beim Zuhören Halsschmerzen verursachte. Er zuckte und zappelte unkontrolliert, flappte auf dem Plinth herum wie ein Fisch auf dem Trockenen, bis er herunterfiel und vor Thara auf dem Boden landete. Dort bäumte er sich noch einmal auf, stemmte sich mit den Armen hoch und kotzte der jungen Magierin einen Schwall dunklen, halbgeronnenen Blutes vor die Füße. Geisterhaftes blaues Leuchten brach plötzlich aus seinen Augen, seinem Mund und den Wunden in seinem gebrochenen Körper hervor, er brüllte noch einmal, hob die Hand, als würde er nach Hilfe bitten, und brach schließlich in sich zusammen. Das Leuchten erlosch und der tote Körper blieb reglos liegen.

Thara presste die Hände an ihre Schläfen und taumelte rückwärts von dem Leichnam weg, bevor sie sich unelegant auf den Boden plumpsen ließ. Ihr Kopf dröhnte; bei seinem letzten Aufbäumen hatte der Goblin sie, bewusst oder unbewusst, mit einer kakophonischen Flut an Bildern, Gedanken und Gefühlen überrollt, so dass sie für kurze Zeit vollkommen die Orientierung verloren hatte und jetzt erst wieder ein wenig brauchte, bis sie wusste, was, wer und wo sie eigentlich war.
„Pinke Truhe …“, murmelte sie, „Die s-s-sieht man nicht!“

Arzu
24.09.2024, 18:32
Arzu kam gerade noch rechtzeitig wieder zurück, um dem Schauspiel beizuwohnen, welches Thara fabrizierte. Es mutete wie eine unvollständige Beschwörung an. Statt ein Skelett oder einen Zombie aus dem Jenseits zu rufen, verwendete das dürre Mädchen die Überreste des Goblins. Und statt ihn auferstehen zu lassen, ließ sie ihn sprechen. Die Untoten, die Arzu kannte, hatten niemals viel zu sagen. In den Augen der Varanterin war es auch in diesem Fall unnötig, denn sie verstand nicht ein Wort des verhexten Goblins.
Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellte. Thara schien sehr wohl die fremde Sprache zu verstehen. Lag es an dem Zauber, den sie wirkte? Eine andere Erklärung fiel Arzu jedenfalls nicht ein. Sie war zumindest beruhigt, dass Vabun genauso wenig zu verstehen schien. An ihr lag es also nicht.
Nachdem das Röcheln und Aufbäumen des Goblins endgültig aufgehört hatte, trat die Nekromantin näher. Sie beute sich über die Leiche und verzog das Gesicht. Ein ausgesprochen unappetitlicher Anblick.
»Hast du gut gemacht!«, lobte Arzu ihre Zirkelschwester und half ihr auf die Beine. Zwar hatte der Goblin sich erbrochen und Blut über den schachbrettartigen Boden verteilt, doch er war nicht explodiert.
»Wir müssen also eine pinkfarbene Truhe finden?«, fuhr sie fort.
»Und den Schlüssel!«, ergänzte Vabun.
Arzu zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht haben sie ja vergessen, abzuschließen. Egal. Als ich beim Goblinkönig war, habe ich keine Truhe gesehen. Die müssen sie irgendwo anders versteckt haben.«
Arzu stemmte die Hände in die Hüfte und blickte gedankenversunken zur Decke hinauf.
»Ha! Ich hab's! Die Sachen sind bestimmt im antimagischen Raum. Da können sie Fladnag keinen Schaden anrichten.«
»Also los! Zum Vabunmodil!«, rief der Versteinerte und streckte den Zeigefinger in die Luft.
»Was?«, fragte Arzu und guckte Vabun schräg an.
»Was?«, fragte Vabun und guckte Arzu schräg an.
Genau in diesem Moment rollte die Pferdelose Kutsche im angrenzenden Gang vor, mit der sie schon einmal gefahren waren. Gemeinsam liefen sie alle hinüber, nur um hinter sich einen lauten Knall zu hören. Die Überreste des Goblins waren explodiert und hatten sich in der gesamten Eingangshalle verteilt.
»Zum Glück muss ich das nicht saubermachen.«, sagte Arzu trocken und stieg in die Kutsche.

Thara
01.10.2024, 17:26
„D-d-das war ich nicht!“, stammelte Thara und starrte ungläubig auf die zerfledderten Überreste des Goblins, die nach der unerwarteten Explosion des Kadavers überall an den Wänden klebten.
Und an Sinistro.
Der Hohepriester war den anderen in würdevoll hohepriesterlicher Manier gemächlich schreitend gefolgt, was sich als Fehler erwiesen hatte. Jetzt war es ausnahmsweise einmal er und nicht Thara, der von oben bis unten mit Blut und Innereien besudelt war. Wie unerwartet und schwerwiegend diese Begebenheit sein musste, merkte man schon daran, dass es ihm glatt die Sprache verschlagen hatte.
„Also, so kommst du mir nicht in die Karre!“, schnaubte Vabun, „Du würdest mir ja die Polster komplett einsauen! Oh, und ich habe sowieso nicht genug Platz für uns alle. Hm, am besten, du machst dich erstmal sauber und bereitest dann schonmal das Labor vor… Hier in dem Buch steht alles drin. Und wir besorgen inzwischen die Rune und das Lichtschwert. Alles klar? Bestens! Na, dann hopp, alles einsteigen und ab die Post!“
„I-ich war das w-wirklich nicht!“, versicherte Thara noch einmal, „Also … glaube ich …“
„Vielleicht etwas residierender Äther, der durch das arkane Umfeld autoinduziert wurde, bis es zu einer hypermetischen Überladung gekommen ist“, meinte Vabun, „Oder jemand dachte einfach, es wäre lustig, das so zu schreiben. Einerlei. Festhalten, es geht los!“
Vabuns pferdelose Kutsche gab einen lauten, jaulenden Ton von sich und machte einen Satz nach vorn, als sie losraste.

Da Vabuns seltsame pferdelose Kutsche nach wie vor nur über zwei Sitze verfügte, hatte sich Thara wieder auf Arzus Schoß setzen müssen. Wobei ‚müssen‘ zumindest aus Tharas Sicht nicht die zutreffende Beschreibung war. Sie hatte ihre Arme um Arzus Hals geschlungen und hielt sich an der Varanterin fest, um während der rasanten Fahrt nicht hin- und her geschleudert zu werden, aber wenn sie ehrlich war, dann schmiegte sie sich vielleicht etwas enger an Arzu, als das notwendig gewesen wäre …
Das Gefühl von Arzus warmem, weichen Körper weckte Erinnerungen an ihr gemeinsames Bad … Wie schön Arzu war! Da war nichts an ihrem Körper, das nicht perfekt wäre. Ihr langes, volles Haar, die großen, ausdrucksvollen Augen mit den langen Wimpern, die Grübchen in ihren Wangen, wenn sie lachte, ihre perfekte Sanduhrfigur, ihr straffer, runder Po und ihre wohlgeformten Brüste, ihre samtweiche Haut … Und sie roch so gut! Wie konnte jemand nur so gut riechen?
Tharas Herz sprang in ihrer Brust auf und ab wie ein Kaninchen in einem zu engen Käfig und ihre Wangen glühten, während sie sich nicht zum ersten Mal vorstellte, wie es sein müsste, Arzu zu küssen. Sie war so nah … ob sie …?
Nein! Sie wusste ja nicht einmal, ob Arzu genauso empfand! Die Varanterin war nett zu ihr, ja, aber … mehr?
Wieso hatte sie überhaupt solche Gedanken? Immerhin war Arzu eine Frau, und das war doch nicht normal, oder? Jedenfalls hatte Thara noch von keiner Geschichte gehört, in der die Prinzessin von einer anderen Prinzessin wachgeküsst wurde. Was war nur los mit ihr? Konnte das mit ihrer Vergangenheit zu tun haben? War sie durch das, was ihr Vater ihr angetan hatte, noch verrückter geworden als sie bislang angenommen hatte? Oder war sie schon verrückt zur Welt gekommen? Hatten die Götter die verflucht oder war es das Mondkastell, das ihr solche Gedanken und Gelüste in den Kopf setzte?
Thara schloss die Augen und biss sich fest auf die Unterlippe in der Hoffnung, dadurch auf andere Gedanken zu kommen – leider nur mäßig erfolgreich…

Erst als Vabun sein Gefährt mit quietschenden Rädern zum Stehen brachte, wurde Thara aus ihrer Grübelei gerissen. Als sie von Arzus Schoß herunterrutschte, um aus der Kutsche zu steigen, wusste sie nicht recht, ob die darüber froh sein sollte, aus ihrer unangenehm angenehmen Lage befreit zu sein, oder ob sie sich gewünscht hätte, dass die Fahrt ewig weitergegangen wäre? Etwas von beidem. Versteckt hinter ihren Haaren warf sie Arzu noch ein schüchternes Lächeln zu, bevor Vabun die Aufmerksamkeit der beiden Magierinnen für sich beanspruchte.
„Da sind wir“, erklärte er, „In dem nächsten Quergang hat Fladnag sein Lager aufgeschlagen, und am Ende des Ganges befinden sich die antimagischen Räume, in denen er seine Schätze lagert. Dort werden sicherlich ein Haufen Goblins herumlaufen und Wache schieben. Arzu, du wirst also wieder für Ablenkung sorgen müssen, damit … anderes Mädchen sich hineinschleichen kann. Hat ja bisher gut funktioniert, also warum altbewährtes ändern, nicht wahr?“ Grinsend schaute er von einer zur anderen. „Noch Fragen?“
„D-d-der Schlüssel …?“, warf Thara ein.
Vabun sah sie verständnislos an. „Schlüssel? Was für ein Schlüssel?“
„N-na für die … d-die Truhe!“
„Oh. Ja. Vielleicht hast du Glück und findest den Schlüssel irgendwo. Aber wenn nicht – hier!“ Er griff in eine erstaunlich tiefe Tasche an seiner Robe und zog ein seltsam gebotenes Stück Metall hervor, das er Thara reichte. Sie betrachtete es von allen Seiten, konnte aber nichts damit anfangen. Vabun rollte mit den Augen.
„Das ist ein Dietrich, Mädchen. Damit kann man Schlösser öffnen, wenn man den Schlüssel nicht hat. Es ist ganz einfach: Du schiebst den Dietrich mit dem abgebogenen Ende voran in das Schloss und drehst ihn vorsichtig nach links oder rechts. Wenn es klick macht, warst du richtig, wenn nicht, muss du wieder von vorn beginnen, bis du die Kombination raushast. Oh, und verwende nicht zu viel Kraft, sonst bricht der Dietrich ab! Hm, ich glaube, ich gebe dir besser noch ein paar Ersatzdietriche mit … hier. Aber verschwende sie nicht, die Dinger sind teuer! Zehn Erz das Stück!“
„Links und rechts drehen …“, murmelte Thara, nicht überzeugt, „Wirklich? I-i-ich glaube nicht, dass das so … s-so einfach ist!“
„Ach, quatsch!“ Vabun winkte ab. „Im Spiel hat’s funktioniert, also warum sollte es hier nicht auch funktionieren? So, und nun lasst uns loslegen, je eher wir die Artefakte wiederhaben, um so eher können wir Meraton in seinen fetten Hintern treten, und darauf warte ich schon seit fast zwanzig Jahren!“

Arzu
10.10.2024, 17:57
»Du willst die beste, dann sollst du auch die beste bekommen!«, sagte Arzu, nachdem Vabun ihr die Aufgabe übertragen hatte, für Ablenkung zu sorgen. Die Anwesenheit des untoten Hohepriesters war nicht von Nöten, so selbstsicher fühlte sich die Nekromantin inzwischen in ihren Fähigkeiten. Nur eine Frage stand noch im Raum: was sollte sie beschwören? Als erstes war ihr eine weitere skelettierte Raubkatze in den Sinn gekommen. Schnell und tödlich. Nach einem Blick um die Ecke erkannte Arzu jedoch, dass sich dort zu viele Goblins herum tummelten. So viele Keulen und verrostete Schwerter würden über kurz oder lang Knochenmehl aus dem Raubtierskelett machen. Es musste etwas standhafteres her.
Natürlich hatte die Schwarzmagierin auch dafür eine Antwort parat. Zombies mochten langsam sein, hielten dafür eine Menge aus. Dieses Mal würde sich Arzu auch an einem humanoiden Zombie versuchen. Kein Mensch. Das war zu einfach. Ein Ork sollte es sein. Groß und bullig. Das würde Thara bestimmt genug Zeit verschaffen, um sich an der kleinen Horde vorbei zu schleichen.
Dennoch fühlte sich das ganze ein wenig seltsam an. Arzu erinnerte sich sehr gut daran, wie damals eine Gruppe von Orks in Ishtar angekommen war, um mit dem großen Zuben zu sprechen. Besonders die Schamanen in ihren prachtvollen weißen Fellroben waren eine beeindruckende und machtvolle Erscheinung gewesen. Doch das traf inzwischen auch auf die Schwarzmagierin zu.
Wenn es ihr gelang, einen Orkzombie zu beschwören, dann war es auch ihr gutes Recht genau das zu tun. Ohne viel Federlesens machte sich die Varanterin ans Werk. Sie streckte ihre Hände nach vorn und rief die magischen Ströme an. Ein Griff in die Unterwelt, langsam und methodisch, bis die Nekromantin gefunden hatte, wonach sie suchte. Scharlachrotes Licht begann ihre Finger zu umspielen. Die Anstrengung war groß, wie Arzu feststellen musste. Viel größer als zuvor bei den untoten Tieren, die sie beschworen hatte. Jetzt galt es dran zu bleiben.
Die Schwarzmagierin ballte ihre Hände zu Fäusten und hob sie Stück für Stück in die Höhe. Fast so, als zöge sie eine gewaltige Last aus dem Boden empor. Und so war es auch. Zwar kein physisches Gewicht, dafür ein magisches. Umgeben von einem gespenstischen roten Schein erhob sich aus dem Boden ein bulliger Körper. Ein Orkzombie!
Ein breites Grinsen zeichnete sich auf Arzus Gesicht ab. Sie hatte es geschafft! Neugierig umrundete die Nekromantin ihren Diener. Der Zombie war wesentlich größer und breiter als sie. Seinem Fell fehlte der Glanz seiner lebendigen Artgenossen und war statt dessen gräulich matt. Auch die abgerissene Rüstung, die er trug, erinnerte nur sehr entfernt an die übliche Tracht von Orks. Selbst einen Helm trug der untote Krieger, etwas, dass Arzu noch niemals bei anderen seiner Rasse gesehen hatte. Er musste wahrlich uralt sein. Arzu hoffte nur, dass sich das nicht auf seine Kampfkraft auswirkte.
Nach einem wortlosen Befehl der Nekromantin, setzte sich der Zombie in Bewegung. Kaum hatte er den Quergang betreten, in dem sich die Goblins niedergelassen hatten, da hatte er bereits die Aufmerksamkeit der kleinen Horde auf sich gezogen. Vorsichtig lugte Arzu um die Ecke, um das Treiben ihres untoten Dieners im Auge zu behalten. Nach kurzem Zögern rief ein Goblin in schwerer Rüstung zum Kampf. Seine Kumpanen ließen alles stehen und liegen, schnappten sich ihre Keulen und Schwerter und stürmten dem untoten Ork entgegen. Dabei wurde die Langsamkeit des Zombies deutlich. Er hatte kaum ein Drittel der Länge des Ganges hinter sich gebracht, da waren die flinken Goblins bereits von der gegenüberliegenden Seite herbei gestürmt. Sollten sie nur, dachte sich die Schwarzmagierin.
Schläge von allen Seiten prasselten auf den Orkzombie ein und es wirkte beinahe wie ein Tanz, den die Goblins um ihren riesigen Gegner vollführten. Mit einem Hieb seiner Pranke fegte der Untote gleich drei der kleinen Krieger hinfort. Zwei davon rappelten sich kurzerhand wieder auf und rannten zurück in den Kampf. Der dritte blieb mit gebrochenem Genick tot am Boden liegen. Einen anderen Goblin hob der Zombie mühelos empor und brach auch ihm den Hals. Wie ein Fels stand der untote Ork im Sturm der Goblins. Spurlos ging der Kampf an ihm jedoch nicht vorüber. Im Gegenteil. Wenn die schartigen Schwerter das Fell des Orkzombies überwunden hatten und auf die graue Haut darunter trafen, bildeten sich Risse im untoten Fleisch. Kein Tropfen Blut trat daraus hervor, sondern blauweißes Licht. Man sah buchstäblich, wie die Magie aus dem geschundenen Körper des Zombie entwich. Arzu hatte eine weise Wahl mit der Beschwörung des Orks getroffen. Doch so standfest der untote Körper auch war, früher oder später würde ihn alle magische Kraft verlassen.

Thara
15.10.2024, 00:53
Wie so oft, hatte Thara nichts als Bewunderung für ihre Zirkelschwester übrig. Dieses untote Riesenvieh, das Arzu da beschworen hatte – was für ein Anblick! Und es roch nur ein ganz klein wenig. Beschämt musste Thara daran denken, wie abartig die winzige Maus gestunken hatte, die bei ihrem eigenen Beschwörungsexperiment herausgekommen war …
Aber, darüber nachzudenken blieb jetzt keine Zeit. Sie musste sich beeilen – der große Zombie hielt den auf ihn einprasselnden Schlägen der Goblinbande zwar noch Stand, ohne sich sonderlich beeindrucken zu lassen, aber die Waffen hinterließen doch Spuren, und am Ende brachten unzählige Nadelstiche selbst einen Troll zu Fall.

Thara nutzte die Tatsache, dass der breite Gang, wie auch der Rest des Mondkastells, nur sehr spärlich beleuchtet war, und schob sich im tiefen Schatten an der Wand entlang. Vielleicht wäre das nicht einmal nötig gewesen, die Goblins waren vollauf mit dem Zombie befasst und schenkten ihrer Umgebung praktisch keine Aufmerksamkeit, aber sicher war sicher. Ihr Ziel, die antimagischen Räume, mussten irgendwo hinter der Biegung liegen, die der Gang in einiger Entfernung machte.

Plötzlich stießen die Goblins lauten Jubel aus. Als Thara einen Blick hinter sich warf, sah sie, dass der Zombie in die Knie gegangen war. Ein Goblin in einer kantigen, dornenverzierten Rüstung reckte siegesbewusst eine schartige Streitaxt in die Höhe, die mit geronnenem Blut verklebt war – offenbar hatte er dem Zombie ein Bein derart beschädigt, dass er es nicht mehr verwenden konnte. Schmerzen oder Angst verspürte der Untote zwar keine, aber die Verletzung schränkte seine ohnehin schon nicht überragende Mobilität noch weiter ein.
So ein Mist, dachte Thara, Wenn sie ihn erledigen, und sich dann wieder auf den Rückweg machen …
Sie musste dafür sorgen, dass die Goblins noch eine Weile länger beschäftigt blieben! Eine Säule bot ihr dafür eine gute Gelegenheit, sich zu verstecken, während sie sich daran machte, Arzus Zombie einen Kollegen zur Seite zu stellen.

Sie erinnerte sich daran, wie sie die Zombiemaus beschworen hatte, und wiederholte ihren Versuch. Nur in größer. Nicht so groß wie Arzus Kreatur, aber ein menschengroßer Zombie konnte es schon sein. Vor ihrem inneren Auge sah sie die buchstäblichen Tore der Unterwelt sich öffnen, bläulich schimmernder Nebel stieg aus dem Boden hervor und formte sich langsam, aber sicher zu einer humanoiden Gestalt. Der Nebel verdichtete sich und nahm Form an – graue, schleimige Haut, ein aufgeblähter Körper mit wachsartigem, glibberigem Fleisch, das Gesicht aufgebläht mit milchig-weißen, hervortretenden Augäpfeln und seltsam vollen Lippen wie denen eines Fisches. Und der Gestank! Bei allen Göttern! Eine Mischung aus strengem, süßlichem Verwesungsgeruch, muffigen Faulgasen, etwas, das stechend roch wie faulige Eier, und das alles unterlegt mit einer leichten Salznote – sogar Thara, die nun wirklich einiges gewohnt war, musste würgen, als ihr die widerwärtigen Ausdünstungen ihrer Kreation in die Nase stiegen.
Dieses … Ding … troff vor Nässe und bei jedem Schritt hinterließ es Spuren gräulich-schleimiger Suppe auf dem Boden. Was hatte sie da nur herbeigerufen? Es sah aus wie … wie der Körper, den sie einmal gesehen hatte, der aus dem Hafenbecken gefischt worden war! Ein Matrose, der einige Tage zuvor wohl besoffen ins Wasser gefallen und ertrunken war. Die Leiche, die dann von ein paar Arbeitern und Milizsoldaten an Land gezogen worden war, hatte ähnlich ausgesehen. Und, fiel es ihr wieder ein, auch ähnlich gerochen. Man neigte wohl dazu, zu beschwören, was man kannte …

Zumindest erfüllte der Wasserleichen-Zombie seine Aufgabe ganz hervorragend. Die Goblins mochten nicht gerade Vertreter einer ausgewachsenen Badekultur sein, aber die aufgedunsene, erbärmlich stinkende Monstrosität, die da auf die zugewankt kam, ließ auch sie nicht kalt. Arzus Zombie war vermutlich der gefährlichere von beiden im Kampf, aber sich der Wasserleiche zu nähern, brachte selbst von den Goblins kaum einer über sich. Die kleinen Biester beschränkten sich größtenteils darauf, sie aus sicherer Entfernung mit allerlei Gegenständen zu bewerfen, während sie aus Nasenreichweite zu entkommen versuchten, wobei der Zombie ihnen ungelenk hinterherstolperte. Thara lächelte zufrieden. Mit diesen beiden Zombies würden die Goblins eine ausreichende Weile beschäftigt sein!

Sie beeilte sich, weiter den Gang entlang zu huschen und gelangte schließlich zu der Biegung, hinter der Fladnags persönliche Gemächer und seine Schatzkammer liegen mussten. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass dieser Abschnitt unbewacht war – sie hatte schon befürchtet, dass einige der Goblin-Wachen trotz des Lärms ihre Posten nicht verlassen würden, aber das war nicht der Fall. Jetzt galt es nur noch, die richtige Tür zu finden, und dann – Thara zog den Dietrich hervor, den Vabun ihr gegeben hatte, und betrachtete das gebogene Eisenstück. Einfach ins Schloss schieben und nach links und rechts drehen? Sie runzelte zweifelnd die Stirn. Ob das mal klappen würde …

Arzu
18.10.2024, 21:58
Als Arzu den Zombie sah, den Thara beschworen hatte, war sie froh über die Unterstützung. Ihrer mochte mächtig sein, bloß gegen die Vielzahl von Goblins konnte er alleine nicht viel länger bestehen. Die Nekromantin tat von ihrer Position aus alles, um ihren Zombie nicht auseinander brechen zu lassen. Eine wirklich anstrengende Übung. Wenn sich jeder Kampf so kräftezehrend gestaltete, könnte sie genauso gut Schattenflammen werfen. Nun, einen großen Vorteil hatte die beschworene Kreatur. Arzu war aus dem eigentlichen Getümmel fein raus.
Von einem Augenblick auf den nächsten, änderte sich alles. Wie eine Walze kam ein Schwall faulig stinkender Luft über sie und verschlug Arzu den Atem. Sie hielt sich die Hand fest über Mund und Nase, obgleich das nicht ansatzweise half. Ihre großen Augen begannen zu tränen. Dies war schlimmer als Tharas Zombiemaus. Tausendfach schlimmer. So musste eine Mischung aus Schlachthaus und Friedhof riechen.
Das schlimmste an dem ganzen war, dass Arzu sich nicht länger auf ihre Kreatur konzentrieren konnte. Angeschlagen wie er war, würde der Orkzombie ohne ihre Führung alsbald zerstört werden. Doch die Schwarzmagierin konnte nicht mehr. Der Gestank übermannte ihre elegante Nase und der Würgereflex setzte ein. Sie drehte sich vom Kampfgeschehen fort, stützte sich gerade noch rechtzeitig mit den Händen auf den Knien ab und erbrach sich über den schachbrettartigen Boden.
Aus dem angrenzenden Gang dröhnte unmittelbar ein klagendes Gebrüll, das durch Mark und Bein ging. Der Orkzombie war gefallen. Arzu konnte es spüren. Dagegen tun konnte sie nichts. Zwar war sie bereits einige Schritte vom Gang zurückgewichen, aber selbst hier überwältigte der Gestank die Sinne der Schwarzmagierin. Erst als Arzu bis zum nächsten Quergang gelaufen war, hatte sie genug Abstand zwischen sich und das Übel gebracht. Sehen konnte sie von dem Kampf natürlich nichts mehr. So leid es Arzu tat, musste Thara für den Moment alleine zurecht kommen.
Um nicht völlig unvorbereitet zu sein, nahm sich die Nekromantin zusammen und beschwor eine weitere Kreatur. Das Skelett eines Krokodils! Es lag an der Ecke zum anderen Quergang auf Lauer. Alles, was in diesen Flur wollte und nach Goblin aussah, würde Bekanntschaft mit dem großen Maul voller Zähne machen.

Thara
04.11.2024, 21:38
Bevor Thara sich Gedanken darüber machen konnte, wie sich das Schloss zu Fladnags Schatzkammer öffnen ließ, sah sie sich zunächst mit dem Problem konfrontiert, die Schatzkammer überhaupt zu finden! Vor ihr erstreckte sich ein weiterer Gang mit mindestens zehn Türen auf beiden Seiten. Sie konnte kaum versuchen, alle zehn nacheinander aufzubrechen, so lange würden nicht einmal zwei Zombies die Goblins beschäftigen können!
Aber, schoss es ihr auf einmal durch den Kopf, warum sollten unwichtige Türen überhaupt verschlossen sein? Ohne zu Zögern ging sie einfach zur ersten Tür, drückte die Klinke herunter – und siehe da, die massive Tür schwang knirschend und quietschend, aber ohne großen Widerstand auf. Und wie nicht anders zu erwarten, lag dahinter nicht die Schatzkammer, sondern nur etwas, das aussah wie ein Raum, in dem Müll gelagert wurde. Erst als Thara in dem Chaos an zerstörten Möbeln, Lumpen, abgenagten Knochen, schimmligen Essensresten und sonstigem Unrat die Stroh-Schlafstätten und stockfleckigen Matratzen bemerkte, wurde ihr klar, dass es sich um eine Goblin-Unterkunft handeln musste. Bei Beliar, das sah ja schlimmer aus als in ihrer alten Hütte im Armenviertel!

Ohne sich noch lange aufzuhalten, fuhr Thara damit fort, weitere Türen auszuprobieren. Hinter jeder von ihnen bot sich ein ähnliches Bild der Verwahrlosung. Die Goblins hausten wohl tatsächlich gern in diesem Chaos und Müll …
Schließlich aber gelangte Thara tatsächlich zu einer Tür, die sich nicht öffnen ließ. Sie wirkte auch etwas stabiler als die anderen, war durch zusätzlich angenagelte Bretter verstärkt worden – oder zumindest war es wohl das, was die Goblins glaubten, dass ein paar planlos an eine perfekt erhaltene Tür gezimmerte Bretter tun würden. Das musste die Schatzkammer sein!
Thara holte einen Dietrich hervor und betrachtete das kleine Instrument noch einmal zweifelnd. Was, wenn es nicht funktionierte? Wenn sie zu ungeschickt war oder einfach nicht verstand, wie man damit ein Schloss knacken sollte, auch wenn es laut Vabuns Aussagen ganz einfach sein sollte?
Thara warf verunsichert einen Blick zurück in den Gang, durch den sie gekommen war. Hinter der Biegung drang noch immer das Geräusch des Kampfes zwischen Goblins und Untoten hervor, die kleinen Biester waren also noch beschäftigt. Aber wie lange noch? Was, wenn sie nicht schnell genug wäre? Was, wenn …
Verflucht, halt endlich die Klappe!, schimpfte sie sich selbst und verpasste sich dabei eine Ohrfeige, Du hast es doch noch nicht einmal probiert! Arzu … zählt auf dich! Also stell dich nicht so an, du Feigling!
Thara atmete noch einmal tief durch und versuchte, ihre inneren Zweifel zu ignorieren. Sie musste es einfach probieren. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Vorsichtig schob Thara den Dietrich in das Schloss und drehte ihn behutsam nach links, bis er blockierte. Sonst tat sich nichts. Also drehte sie ihn nach rechts. Wieder blockierte er, aber sonst … nichts! Musste sie ihn weiter hineinschieben? Oder war sie zu weit? Musste sie stärker drücken? Ziehen? Ruckeln? Wie um alles in der Welt benutzte man so ein Ding?
Thara fluchte leise und schob das Werkzeug ein wenig in dem Schloss herum. Vielleicht konnte sie auf diese Weise irgendetwas ertasten, was ihr weiterhelfen würd? Aber wenn es da etwas gab, wie konnte sie dann erkennen, wie oder ob sie es gefunden hatte?
Wieder drehte sie den Dietrich nach links, bis er blockierte. Aber statt aufzuhören, wandte sie diesmal einfach etwas mehr Kraft auf. Vielleicht reichte ja…
Es knirschte, knackte, und Thara hielt den abgebrochenen Stiel des Dietrichs in der Hand.
„Mist!“, zischte sie und warf das kaputte Metallstück davon, nur um sich gleich darauf für ihre Unvorsichtigkeit zu verfluchen, als es klirrend über den Marmorboden rutschte. Angespannt lauschte Thara ein paar Sekunden lang, aber die Goblins waren wohl noch immer mit den Zombies beschäftigt, jedenfalls drang nach wie vor lautes Goblin-Geschnatter, unterlegt vom gurgelnden Stöhnen ihres Zombies, aus dem Gang herüber. Glück gehabt! Sie konnte also noch einen neuen Versuch wagen.

Nachdem sie den Rest des abgebrochenen Dietrichs aus dem Schlüsselloch gepfriemelt hatte, blieb Thara diesmal vorsichtiger. Hochkonzentriert versuchte sie, zu erfühlen, wo und wie sie den Dietrich drehen musste, um das Schloss zu öffnen. Da! Hatte sich da nicht eben etwas bewegt? Wenn sie noch ein klein wenig weiter drückte – nur ein bisschen… >klick!<
„Ha!“, rief sie erfreut aus. Es funktionierte also doch! Die Erleichterung darüber ließ sie beinahe schwindeln. Jetzt durfte sie nur nicht nachlassen! Es galt, sie nächste Position zu finden. Sie schob den Dietrich ein wenig tiefer ins Schloss und drehte ihn behutsam … >Knirsch!<
Sie biss die Zähne aufeinander. Das war offensichtlich die falsche Richtung gewesen! Aber wenigstens war diesmal der Dietrich nicht abgebrochen. Trotzdem, was hatte Vabun gesagt? Jetzt musste sie wieder von vorn beginnen. Thara seufzte. Also gut …

Es kostete das Mädchen im Ganzen acht Versuche und zwei weitere Dietriche, bis es zum letzten Mal ein vernehmliches >klick!< gab und das Schloss tatsächlich aufsprang. Thara verlor keine Zeit, ihren Erfolg feiern konnte sie später – jetzt galt es, die Artefakte zu finden! Sie schob die Tür einen Spaltbreit auf und schlüpfte in den Raum dahinter …

Und mit einem Mal schien ihre ganze Kraft sie zu verlassen. Bevor sie verstand, was mit ihr los war, fiel sie hin. Ihre Gedanken waren auf einmal so träge, als wäre ihr Kopf voller zähflüssigem Sirup, und ein plötzliches Gefühl von Einsamkeit und Hilflosigkeit überkam sie. Aus der Ferne, vom Gang her, hörte sie ein lautes, unmenschliches Brüllen, gefolgt von einem ekelhaften Geräusch, als würde Fleisch unter großem Druck reißen. Zugleich verschwand die subtile Verbindung, die sie zu ihrem Zombie gespürt hatte …
Thara rappelte sich auf und sah sich gehetzt um, ohne ihre Umgebung wirklich wahrzunehmen. Was geschah mit ihr? Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Natürlich – der magiegedämmte Raum! Ihrer Eingebung folgend, versuchte sie, ihre geistigen Fühler nach der Magie auszustrecken, die sie sonst überall spüren konnte – mal stärker, mal schwächer, aber immer vorhanden. Doch hier, in diesem Raum – nichts! Sie konnte nicht einmal ein Schattenkerzenflämmchen erzeugen. Bei Betreten der Kammer war auch die magische Verbindung zu der von ihr beschworenen Kreatur gekappt worden, was dem Zombie ein schnelles, unschönes Ende bereitet hatte. Und das bedeutete … Dass die Goblins vielleicht gleich hier auftauchen würden!
Erschrocken warf Thara die Tür hinter sich zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Hoffentlich hatten die Biester sie noch nicht bemerkt und Arzu beschäftigte sie weiterhin! Auf jeden Fall blieb ihr nicht viel Zeit. Sie musste die Artefakte finden!
Als Thara ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, hätte sie beinahe losgelacht vor Erleichterung. Die Kammer war voll mit Gerümpel, Truhen, Säcken und Fässern, die vermutlich größtenteils völlig wertlosen Krempel enthielten – also genau, wie man sich die „Schatz“kammer eines Goblins vorstellen mochte – doch mitten darin stand eine Kiste, die in grellem Pink bemalt war. Die pinke Truhe!, hatte der tote Goblin behauptet, den sie befragt hatte, weil pink sieht man nicht!
Thara musste grinsen, so lächerlich und absurd war die Situation. „Und w-wie ich dich sehe!“, flüsterte sie und ging langsam auf die Truhe zu, einen Dietrich in die Höhe haltend wie ein Messer.

Thara
14.11.2024, 21:34
Thara biss die Zähne zusammen und versuchte, nicht vor Schmerz zu schreien. Dieser verfluchte hinterlistige Goblin! Ja, die pinke Truhe war offensichtlich gewesen – ganz im Gegensatz zu den Fallen, die zwischen all dem anderen Gerümpel auf dem Boden versteckt waren!
Und so war Thara in eine davon blindlings hineingetappt. Ein grobes, rostiges Fangeisen, das mit einem lauten Klacken zugeschnappt war und in dem sie jetzt mit dem rechten Bein feststeckte. Die eisernen Zähne der Falle hatten sich tief in ihr Fleisch gegraben, Blut rann über ihre Knöchel und jede noch so kleine Bewegung fühlte sich an, an würde jemand heiße Klingen in ihr Bein bohren.

Auf dem Boden hockend versuchte Thara, sich aus der Falle zu befreien. Aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie sie konnte die metallenen Kiefer nie mehr als wenige Millimeter auseinanderbiegen, bevor ihre Kraft nicht mehr ausreichte und der Mechanismus wieder zuschnappte, wobei er eine erneute Welle der Schmerzen durch ihren bereits übel zugerichteten Unterschenkel sandte. Durch den Schleier aus Tränen blinzelnd, den ihr die Qualen in die Augen trieben, verfluchte sich Thara selbst für ihre Unachtsamkeit. Warum war sie nicht vorsichtiger gewesen? Warum musste sie nur immer alles vermasseln?

Nach einem weiteren fehlgeschlagenen Befreiungsversuch, bei dem ihr beinahe schwarz vor Augen geworden war, gestand sie sich ein, dass sie die Falle nicht würde aufbiegen können. Erschöpft ließ sie sich auf den Boden sinken und versuchte, ihr Bein so wenig wie möglich zu bewegen.
Ihr Blick wanderte zu der verfluchten pinken Truhe, die so nah und doch so unerreichbar fern zwischen all dem Gerümpel stand und sie auszulachen schien. Das Fangeisen war mit einer schweren Kette an einem Ring in der Wand befestigt. Sie konnte also nicht einmal versuchen, sich aller Tortur zum Trotz mit der Falle am Bein weiterzuschleppen. Sie war gefangen. Ohne ihre Magie war sie wehrlos. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Goblins sie finden würden. Sie hatte versagt …
„Nein!“, zischte sie plötzlich, „Nein!“
Nein, sie durfte und konnte jetzt nicht aufgeben! Es gab andere, die sich auf sie verließen. Sie konnte Arzu und Sinistro und sogar Vabun nicht im Stich lassen! Sie musste irgendeinen Weg finden, sich zu befreien! Irgendwie!

Vorsichtig, ihr Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzerrt, zog sie den gefangenen Fuß heran und begann, den Mechanismus zu untersuchen. Wer die Falle aufstellen wollte, musste sie schließen auch irgendwie öffnen können, ohne dafür übermenschliche Kräfte zu benötigen – ein Goblin musste in der Lage sein, sie zu öffnen, und so ein Goblin war sogar noch kleiner als sie!
Behutsam tastete sie das Fangeisen ab und versuchte, die Funktion jeder Sprungfeder, jedes Hebels und Hakens zu ergründen. Und tatsächlich gewann sie bald eine Vorstellung davon, wie der Mechanismus funktionieren musste. Es war keine komplizierte Konstruktion: Ein Eisenbügel an der Seite, an dem auch die Kette befestigt war, diente als Hebel, um die Sprungfedern zusammenzudrücken und damit die Kiefer der Falle zu öffnen. Ein kleiner Bolzen verhinderte dann ein versehentliches Zuschnappen der Falle, so dass man die Druckplatte einhaken konnte. Zum Schluss musste man nur noch den Bolzen herausziehen und das Fangeisen damit scharfstellen.
So weit die Theorie. Problematisch war allerdings, dass man auch den Eisenbügel noch mit nicht ganz unerheblichem Kraftaufwand herunterdrücken musste. Thara war nach dem ersten Versuch klar, dass sie es mit den Händen nicht schaffen würde. Sie musste irgendwie versuchen, ihr ganzes Gewicht auf den Bügel zu verlagern – und das konnte ihr nur gelingen, wenn sie mit ihrem gesunden Bein darauf stieg …

Mühsam rappelte sich Thara auf und hielt sich an einer Kiste fest, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor. Mit geschlossenen Augen atmete sie langsam ein und aus, um sich auf die kommenden Schmerzen einzustimmen. Sie zögerte noch, aber nur einen Augenblick – letztlich blieb ihr ohnehin keine Wahl: Mit zusammengebissenen Zähnen verlagerte sie ihr Gewicht auf den verletzten Fuß. Die groben Zähne der Falle bissen noch tiefer in ihr Fleisch und Thara hatte das Gefühl, als müssten sie bereits am Knochen entlangschaben. So höllisch waren die Schmerzen, dass es ihr nur mit Mühe gelang nicht zu schreien und das Gleichgewicht zu bewahren. Mit einem gequälten Stöhnen fuhr sie damit fort, den anderen Fuß auf den Metallbügel zu setzen und ihn langsam herunterzudrücken …
Es funktionierte! Mit einem protestierenden Knirschen öffneten sich die blutigen Stahlkiefer und gaben endlich ihren Fuß frei. Sowie sie konnte, zog Thara ihr Bein aus der Falle.

Nachdem sie sich befreit hatte, blieb Thara eine Weile einfach nur auf dem Boden sitzen, um sich wieder zu sammeln. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, die pochenden Schmerzen in ihrem Bein legten sich wie ein Schleier über ihr Bewusstsein und allein über ihren nächsten Schritt nachzudenken, kostete sie große Mühe.
Schließlich aber rappelte sie sich auf und kroch zu der verfluchten pinken Truhe, wobei sie jeden Quadratzentimeter Boden erst nach Fallen absuchte, ebenso wie das Schloss der Truhe, bevor sie sich an ihm zu Schaffen machte.

Thara hätte nicht sagen können, wie viele Versuche sie brauchte, bis der Schnapper endlich mit einem vernehmbaren Klicken zurücksprang und die Kiste sich öffnen ließ. Es waren jedenfalls viele gewesen, und von Vabuns Dietrichen war nur noch ein einziger übrig, die restlichen waren ihr irgendwann während des Herumprobierens abgebrochen. Viel zu oft hatte sie die Kombination vergessen, abgelenkt durch ihr verletztes Bein, und es war kaum mehr als Glück, dass sie am Ende doch noch Erfolg gehabt hatte.
Zumindest wurde sie jetzt nicht enttäuscht. Die Kiste war zwar mit diversem Kram gefüllt, den näher zu untersuchen Thara sich nicht die Mühe machte, aber obenauf lagen unverkennbar die Dinge, die sie gesucht hatte: Das Lichtschwert und die Weiße-Magie-Rune!

Ihre Beute fest an sich pressend, machte sich Thara auf den langen, schmerzhaften Rückweg. Mit einer Hand stützte sie sich am Gemäuer ab, um ihr verletztes Bein möglichst wenig belasten zu müssen, und hinkte mühsam den Gang entlang. Zumindest war diesmal ihr Gelenk verschont geblieben – die Zähne der Falle hatten ein Stück oberhalb ihres Knöchels zugebissen –, so dass sie mit dem Fuß auftreten konnte. Trotzdem war jeder Schritt eine Qual. Die Blutspur, die Thara hinter sich herzog, kündete davon.

Schließlich erreichte sie die Biegung und spähte vorsichtig um die Ecke. Und was sie sah, ließ sie beinahe die Besinnung verlieren: Die Goblins scharten sich um ihren gepanzerten Anführer, während von Arzu, Vabun oder irgendwelchen Zombies nichts zu sehen war! Der Gang war blockiert! Und sobald die Goblins sich entschlossen, sich wieder in ihre Behausungen zu verziehen, war sie geliefert …

Gegen die kalte Wand gelehnt versuchte Thara, einen neuen Zombie heraufzubeschwören, aber es gelang ihr kaum, sich zu konzentrieren. Zudem gewann sie den Eindruck, dass die Weiße-Magie-Rune ihre eigene Magie zu stören schien. Immer, wenn sie die Verbindung zu Beliars Reich zu öffnen versuchte, brach diese nach wenigen Augenblicken wieder zusammen. Es war, als wollte sie eine Tür öffnen, die jemand von innen gewaltsam wieder zuzog. Der Riss zwischen den Sphären, den sie herbeirufen konnte, reichte nicht im Geringsten aus, um eine untote Kreatur in die Welt zu bringen – nicht einmal eine Maus hätte dort hindurch gepasst!
Erschöpft und frustriert gab Thara nach dem sechsten oder siebten missglückten Versuch auf. Noch einmal wagte sie einen vorsichtigen Blick um die Ecke. Die Goblins versperrten natürlich noch immer den Weg. Was konnte sie nur tun? Und warum waren Arzu und Vabun nirgendwo zu sehen? Wo waren die beiden? Hatten sie sie etwa im Stich gelassen? Nein, das konnte nicht sein! Schließlich brauchten sie die Artefakte … Es gab also nur zwei Möglichkeiten – entweder, die beiden waren noch in der Nähe, hatten sich nur zurückgezogen, oder sie waren von den Goblins überwältigt worden.
Egal, was von beidem zutraf – für Thara bedeutete es, dass sie nur eine Wahl hatte: Die Flucht nach vorn. Sie musste versuchen, ihre Gefährten auf sich aufmerksam zu machen und hoffen, dass die beiden tatsächlich nur um die nächste Ecke verschwunden waren. Wenn nicht… dann konnte sie nur noch darauf setzen, wieder in dieselbe Zelle geworfen werden wie Arzu.
Falls die Goblins sie nicht direkt umbrachten, natürlich …

Kurzentschlossen stieß sich Thara von der Wand ab und hinkte den Gang hinein. Mit der freien Hand versuchte sie, eine Schattenflamme heraufzubeschwören, um zumindest nicht gänzlich wehrlos zu sein, aber selbst dieser einfache Zauber wollte ihr kaum gelingen – nur eine winzige Ätherkugel flackerte kläglich über ihrer Handfläche.
Es dauerte kaum einen Augenblick, bis die Goblins auf die aufmerksam wurden, aufgeregt zu schnattern begannen und in freudiger Erwartung mit ihren groben Waffen herumfuchtelten.
„ARZUUU?“, rief Thara und ihre von Panik erfüllte Stimme hallte durch die Gänge, „ARZU, WO BIST DU? Bitte …“

Arzu
17.11.2024, 18:41
Nach wie vor hatte sich Arzu keinen Schritt näher an den Quergang gewagt. Der Gestank war schlicht und ergreifen zu abstoßend. Selbstverständlich machte sich die Nekromantin Gedanken um ihre Zirkelschwester. Genauso musste sie allerdings auf das Wohl ihrer Nase achten. Es galt Prioritäten zu setzen. Zumal Arzu in weiser Vorraussicht das Krokodilskelett als Wächter an den Eingang postiert hatte.
Es kam trotzdem wie es kommen musste. Thara schrien panisch nach Arzu und jene konnte das dürre Mädchen einfach nicht im Stich lassen. Nase zu und durch, buchstäblich. Mit zugekniffenem Gewürzprüfer lief die Schwarzmagierin zur Ecke und befahl ihrem Krokodil in den Gang hinein. Wie nicht anders zu erwarten, stank die Luft dort immer noch nach Tod und Verwesung. Ganz zu schweigen von den sterblichen Überresten des Zombies, welche an Wänden und Decke klebten.
Am entgegengesetzten Ende des Ganges erspähte Arzu ihre Zirkelschwester. Dazwischen eine immer noch beträchtliche Gruppe von Golbins. Dabei fiel der Nekromantin auf, dass sich Vabun mal wieder verzogen hatte. Das sah ihm ähnlich! Wobei es ihm zuzutrauen gewesen wäre, wenn er mit einer völlig abgefahrenen Rettungsaktion plötzlich die Bühne betrat. Er hatte einen Hang zum Theatralischen.
»HEY!«, rief Arzu mit lauter Stimme und stemmte die Hände in die Hüfte, nur es direkt wieder zu bereuen. »Legt euch gefälligst mit mir an!«
Die Varanterin tat ihr bestes, keine Miene zu verziehen, als sie anschließend einatmete. Welch eine Überwindung es sie kostete! Zumindest hatte es den gewünschten Effekt gehabt und die Aufmerksamkeit der Goblins auf Arzu gezogen.
Schließlich deutete die Schwarzmagierin mit dem Zeigefinger auf die Goblins. Das Krokodilskelett verstand und setzte sich in Bewegung. Zu Lebzeiten waren diese Tiere blitzschnell. Zumindest auf kurzer Distanz. Der Untod beeinträchtigte diese erstaunliche Fähigkeit nicht. Mit klappernden Knochen raste das Krokodil auf die Meute Goblins zu. Den kleinen Biestern reichte das skelettierte Raubtier natürlich fast bis zum Kopf. Entsprechend machte sich Terror unter ihnen breit. Einige tapfere unter ihnen stellten sich ihrem Feind trotzig in den Weg. Eine Entscheidung, die sie schnell zu bereuen lernten.
Das lange Maul des Skelettkrokodils öffnete sich Augenblicke bevor es die Goblins erreicht hatte. Mit einem lauten Knall schnappte es wieder zu und teilte den bedauernswerten Goblinhelden entzwei. Der zweite folgte sogleich. Zwischen die Kiefer geraten, gab es kein Endkommen. Mit heftigen Bewegungen rüttelte und schüttelte Arzus untotes Getier sein Opfer so lange, bis es leblos zur Seite flog.
Trotz dieser phänomenalen Vorstellung befanden sich die Goblins immer noch in der Überzahl. Und wenn sie nicht gerade direkt vor der Schnauze des Krokodils standen, hatten die Biester sogar genug Mumm, um ihren Gegner anzugreifen. Es lag auf der Hand, dass sie früher oder später über das Skelett triumphieren würden. Aus diesem Grund winkte Arzu ihre Zirkelschwester herüber. Sie mussten den Moment der Unachtsamkeit nutzen, um zu fliehen. Wenn sich Thara bloß beeilte! Aus irgendeinem Grund humpelte das dürre Mädchen nur langsam durch den Gang. Hatte sie sich verletzt? Arzu wusste es nicht. Nur so viel, dass es wirklich der schlechteste Zeitpunkt war, um verletzt zu sein!
Ein großer Hieb mit dem Schwanz des Krokodils beförderte gleich mehrere Goblins gegen die Wand. Ja, beide Enden des Tiers waren gefährliche Waffen. Doch Splitter flogen hier und da und wie es aussah, hatte die beschworene Kreatur bereits eines ihrer kurzen Beine eingebüßt.
»Beeil dich doch!«, formte Arzu mit den Lippen und gestikulierte wild. Ein lautes Knacken kündigte das Brechen eine dicken Knochens an. Was auch immer es da getroffen hatte, es schränkte das Krokodilskelett erheblich ein. Die Zeit war abgelaufen.

Thara
19.11.2024, 15:30
Thara fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen, als Arzu auf ihr Rufen hin aus einem Quergang trat und mutig die Aufmerksamkeit der Goblins auf sich lenkte. Durchaus hilfreich dabei war das seltsame Skelettwesen, das die Varanterin beschworen hatte. Thara hatte keine Ahnung, was dieses längliche Ding mit dicken Stummelbeinen und einem Maul, das lang genug war, damit ein kompletter Goblin zwischen die scharfen Zähne passte, darstellen sollte – aber solange die untote Kreatur die Goblins beschäftigte, war ihr das auch vollkommen egal.

Als die Kreatur mit überraschender Schnelligkeit zum Angriff überging, sich mitten in die Goblinhorde stürzte und in schneller Folge zwei der kleinen grünen Plagegeister mehr oder weniger entzweibiss, brach Chaos unter den Goblins aus. Einige versuchten zu fliehen, andere, die entweder besonders mutig oder besonders dumm waren, gingen zum Angriff über – aber keiner von ihnen schenkte Thara noch irgendwelche Beachtung.

Das Mädchen zögerte nicht lange, sondern humpelte, so schnell es ihr höllisch schmerzendes Bein zuließ, den Gang entlang, wobei sie sich an der Wand abstützte. Ein ekelhafter Verwesungsgeruch stieg ihr in die Nase. Kein Wunder, lagen und klebten doch überall die Überreste der Zombies, die sie und Arzu zuvor beschworen hatten. Verrottete Eingeweide, halb verflüssigte Organe, gräuliche Fleischstücken, wächserne Hautfetzen und Knochensplitter waren alles, was von der wandelnden Wasserleiche noch übrig war. Dies, und eben der Gestank …
Aber Thara hatte keine Zeit, auf solche Nebensächlichkeiten zu achten. Der Geruch war nun wirklich ihr geringstes Problem. Arzu rief ihr zu, sie solle sich doch beeilen, und die Varanterin hatte einen guten Grund: Die Goblins hatten mittlerweile ihren ersten Schrecken überwunden und gingen nun gezielt gegen das Skelett vor. Sie wussten, dass sie dich vor dem Maul in Acht nehmen mussten, nutzten aber ihre Überzahl aus, um das untote Tier von hinten und von der Seite her anzugreifen und sich wieder in Sicherheit zu bringen, bevor es reagieren konnte. Einige der Knochen waren bereits gebrochen, und es wurden mal zu mal mehr. Vor allem der Anführer der Goblins, derjenige, der eine Art Rüstung trug und mit einer alten Axt kämpfte, die fast so groß war, wie er selbst, tat sich hervor, indem er dem Skelett glatt ein Bein abtrennte. Seine Goblinkumpane jubelten und verstärkten ihre eignen Bemühungen. Thara musste sich beeilen, lange würde das Skelett nicht mehr durchhalten!

Tharas fing an, zwischen jedem Schritt mehrere Hopser auf dem gesunden Bein zu machen, um so vielleicht etwas schneller voranzukommen. Währenddessen presste sie das Lichtschwert und die Rune eng an ihren Körper. Sie durfte sie auf keinen Fall verlieren, sonst wäre alles umsonst! So rasch es ihr möglich war, verkürzte sie die Entfernung zu Arzu, die sie ungeduldig heranwinkte …

Doch dann passierte es. Das Skelett kämpfte zwar noch, war aber bereits so beschädigt, dass es für die Goblins keine große Gefahr mehr darstellte und die kleinen Biester anfingen, sich einen Spaß daraus zu machen, es zu piesacken. Einer von ihnen wurde zwar übermütig und fand ein unschönes Ende zwischen den Kiefern des Skeletts, aber das schien die anderen Goblins eher noch zu amüsieren und weiter anzuheizen.
Der Anführer in der Rüstung hingegen war fertig mit dem Untoten – und wandte seine Aufmerksamkeit stattdessen auf Thara …
Er hob seine Axt und deutete auf sie. Eine eindeutige Herausforderung. Thara erstarrte mitten in der Bewegung. Der Goblin kam mit schweren Schritten auf sie zu, und einige seiner Kumpane folgten ihm. Thara schüttelte den Kopf, als könnte diese einfache Geste der Verneinung den Goblin davon abhalten, ihr besagten Kopf einzuschlagen. Was natürlich nicht der Fall war.
Der Goblin baute sich vor ihr auf, genau so, dass sie keine Möglichkeit hatte, an ihm vorbeizukommen. Arzu beobachtete die Szene mit vor Schreck geweiteten Augen, konnte aber nichts unternehmen, da ihre Magie noch an das Skelett gebunden war. Und Thara – sie schleuderte dem Goblin die klägliche Schattenflamme entgegen, zu der sie im Stande war, doch das Geschoss verpuffte wirkungslos an seiner kruden Rüstung.
Der Goblin grinste hämisch und sagte irgendetwas auf seiner krächzenden Sprache. Man musste kein Goblinisch können, um zu verstehen, dass er die junge Magierin verspottete. Thara wich zurück, aber die anderen Goblins hatten sich so postiert, dass sie ihr jeglichen Fluchtweg abschnitten. Sie konnte nichts weiter tun, als sich gegen das kalte Gemäuer zu pressen, als ob sie hoffen würde, mit ihm verschmelzen zu können.
Der Goblin ließ sich Zeit. Er war sich seiner Beute sicher. Spielerisch ließ er seine Axt hin und her pendeln und kam Schritt für Schritt näher. Thara suchte panisch nach einem Ausweg, aber es gab keinen! Sie war umzingelt, ihre Magie war wirkungslos, sie war unbewaffnet …
Nein! Sie war nicht unbewaffnet, schoss es ihr durch den Kopf! Das Lichtschwert! Auch wenn es noch nicht mit wieder mit der Rune verbunden war, es handelte sich trotzdem um eine Waffe!
„L-l-lass mich in Ruhe!“, rief sie und hielt dem Goblin das Schwert entgegen. Der Goblin blickte verdutzt drein, denn was Thara in den zitternden Händen hielt, war nichts als ein Schwertgriff, dem die Klinge fehlte. Sein breiter Mund verzog sich zu einem hämischen Grinsen, das eine Reihe gelbschwarzer Zähne entblößte, und seine Augen blitzten boshaft.
Bis Thara den Daumen auf die kleine Rune gleiten ließ, die vor der kurzen Parierstange angebracht war.
Aus dem Nichts materialisierte sich die schmale, silbern glänzende Klinge des Lichtschwertes – und bohrte sich genau in das linke Auge des Goblin-Anführers, der auf kaum mehr als eine Schrittlänge herangekommen war. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, zu reagieren. In einem Augenblick war da nur ein Schwertgriff, im nächsten Moment steckte ihm die Klinge im Kopf und rührte ihm das Hirn um. Eine Sekunde lang stand er wie versteinert da, dann entglitt die Axt seinen Händen und fiel polternd zu Boden. Sein verbliebenes Auge rollte nach oben, bis nur noch das Weiße zu sehen war, und er kippte nach hinten wie ein nasser Sack.

Die anderen Goblins erstarrten mitten in der Bewegung und warfen sich verunsicherte Blicke zu, als sie sahen, wie ihr Anführer plötzlich tot auf dem Marmorboden lag. Thara erkannte, dass sie diesen kurzen Augenblick nutzen musste – mit aller Willenskraft, die sie aufbringen konnte, sammelte sie die Magie um sich herum, und auch wenn sie den Widerstand spürte, der von der Rune ausging, ließ sie sich davon nicht aufhalten. Sie unsichtbaren Fühler der arkanen Kraft schlängelten sich in die Erbsenhirne der Goblins und sie verstärkte den Schrecken und die Angst, die sie wegen des Todes ihres Anführers empfanden, um ein Vielfaches. Die Augen der Goblins weiteten sich, und wie auf Kommando wandten sie sich von ihr ab und rannten panisch schreiend den Gang hinunter.

Thara selbst humpel-hopse in die entgegengesetzte Richtung, und endlich erreichte sie Arzu, die in dem Quergang auf sie wartete. Mit einem erleichterten Schluchzten ließ sich Thara in die Arme ihrer Zirkelschwester fallen, und schnellstmöglich brachten sich die beiden Magierinnen in Sicherheit, während das inzwischen arg ramponierte Skelett die letzten Sekunden seines Unlebens damit verbrachte, ihren Rückzug zu decken.

„Da seid ihr ja endlich!“, empfing sie Vabun, der lässig gegen seine Kutsche gelehnt hinter der nächsten Säule auf sie wartete, „Was hat denn da schon wieder so lange gedauert?“

Arzu
23.11.2024, 23:41
Mit voller Wucht landete die Faust punktgenau auf der Nase des im Augenblick unversteinerten Vabuns. Dieser stolperte nach hinten und verlor beinahe vollständig sein Gleichgewicht. Arzu zerrte unterdessen Thara in die Kutsche. Ihre Hand schmerzte von dem Schlag, doch ließ die Varanterin es sich nicht anmerken.
»Wofür war das denn?«, fragte Vabun empört.
»Wir sind beinahe draufgegangen, du Depp!«, polterte Arzu. »Und jetzt steig endlich ein! Wir müssen weg!«
Vabun ließ sich das nicht zweimal sagen und sprang auf der anderen Seite in das Gefährt. Rasant beschleunigte die pferdelose Kutsche und brachte ihre Insassen in Sicherheit. Von den Goblins war indes nichts mehr zu sehen.
»Zeig mir mal deinen Knöchel!«, sagte Arzu zu ihrer Zirkelschwester. Aufgrund der sportlichen Größe der Kutsche, war das leichter gesagt als getan. Dennoch überraschte Thara die Varanterin durch ihre Flexibilität. Als ob sie dafür gemacht gewesen wäre, so wenig Platz wie möglich einzunehmen. Schließlich gelang es dem dürren Mädchen, sich so hinzudrehen, dass Arzu einen Blick auf das Bein werfen konnte.
Es sah alles andere als gut aus. Geronnenes Blut klebte am Fuß und Unterschenkel und tiefe Einstichwunden klafften im Fleisch, als ob ein wildes Tier hinein gebissen hatte. Dass der Fuß überhaupt noch mit dem Rest des Beines verbunden war, grenzte an ein Wunder.
»Wir müssen zu einem Heiler!«, sagte Arzu in einem kommandierenden Ton. »Sofort!«
Vabun guckte zu ihnen herüber, sah die Verletzung und machte ein angewidertes Gesicht.
»Versaut mir nicht die Sitze!«
»Willst du noch eine gelangt bekommen?«
»Schon gut, schon gut. Du hast gewonnen!«
Die Kutsche bog an der nächsten Kreuzung ab und rauschte an einer Vielzahl von Türen und Seitengängen vorbei. Wie sie sich angesichts der wahnsinnigen Geschwindigkeit überhaupt noch im Kastell befinden konnten, war der Nekromantin vollkommen schleierhaft. Doch es ging immer weiter, bis Vabun plötzlich an einem Hebel zog, unter dem ein Schild mit folgender Aufschrift hing:


EMERGENCY STOP

NEVER USE


Abrupt hielt die Kutsche an. So abrupt sogar, dass Arzu ihren Mageninhalt über die große Scheibe vor sich verteilt hätte. Nur hatte sie sich bereits so häufig während dieses Abenteuers übergeben, dass sich jetzt kein einziger Tropfen mehr in ihrem Bauch befand. Schlecht wurde der Varanterin trotzdem. Überstürzt sprang sie aus dem schwarzen Gefährt und schnappte nach Luft. Nach ein paar Augenblicken ging es Arzu wieder besser.
Sie hatten vor einer weiteren Tür Halt gemacht. Ein Schild hing daran mit einem kleinen h und drei Punkten darüber.
»Da sind wir!«, sagte Vabun und trat ein. Thara und Arzu folgten ihm in den Raum. Wie die Kammer eines Heilers sah es nicht aus, dachte sich die Schwarzmagierin, als sie sich im Inneren befanden. Gitarren und Schlagzeuge befanden sich hier, statt Tränken und Verbänden.
»Du solltest uns zu einem Heiler bringen!«, protestierte Arzu.
»Das hat er doch.«, sagte eine Stimme. Drei Männer traten aus den Schatten. Ein hochgewachsener Blonder, einer mit einem schmalen Gesicht und schwarzen Haaren und einer mit einem runden Gesicht und ebenfalls schwarzem Haar.
»Wir sind die Heiler!«

Thara
30.11.2024, 13:30
Tharas Verletzung brachte zumindest etwas Gutes mit sich: Einen ausgezeichneten Vorwand, weshalb sie sich an Arzu festhalten musste. Die stützende Umarmung ihrer Zirkelschwester – der Arm um ihre Hüfte, die Wärme von Arzus Körper und der Duft ihres Haars, wenn Thara den Kopf gegen ihre Schulter lehnte – war die Qualen beinahe wert.
Beinahe.
Seit sie den Goblins entkommen waren, hatte Thara das Gefühl, als würden die Schmerzen sogar noch schlimmer werden – ein heißes, dumpfes Pochen ging von dem zerfleischten Unterschenkel aus, das mit jedem Pulsschlag ein wenig intensiver zu werden schien. Trotz Arzus Hilfe musste sie bei jedem humpelnden Schritt so sehr die Zähne zusammenbeißen, dass ihre Kiefermuskeln krampften, und durch den Tränenschleier, den ihr die Schmerzen in die Augen trieben, konnte sie kaum etwas erkennen. Sie bekam nur mit, dass Vabun sie in irgendeinen Raum führte, der auf den ersten verschwommenen Blick kaum Möbel zu enthalten schien.

Umso überraschter war sie, als plötzlich ihr völlig unbekannte menschliche Stimmen ertönten. Dieses Kastell wies wirklich eine erstaunliche Anzahl an Bewohnern auf, wenn man bedachte, in welchem Zustand sich die meisten Teile des Gemäuers befanden!
Thara wischte sich die Tränen aus dem Auge und blinzelte. Was sie sah, trug nicht dazu bei, ihre Verwunderung zu verringern: Der Raum war vergleichsweise groß, aber nur sehr spärlich möbliert. An einem Ende befand sich eine lange Theke wie in einer Kneipe, komplett mit Hockern davor und einem mit tönernen Flaschen gefüllten Regal dahinter, allerdings war sie erstaunlich niedrig, als würden die üblichen Gäste kaum größer als, nun, Goblins sein. Wirklich, eine Goblin-Bar?
Aber das war noch nicht einmal das Merkwürdigste, denn gegenüber der Theke standen drei Männer, einer blond, zwei schwarzhaarig, auf einer aus Kisten und Brettern improvisierten Bühne, und klimperten beziehungsweise schlugen auf irgendwelchen seltsamen Musikinstrumenten herum! Waren das etwa die Typen, die sich gerade als Heiler vorgestellt hatten? Heiler mit Instrumenten? Das ergab doch gar keinen Sinn! Es sei denn, sie waren sowas wie Barbier-Barden. Gab es das? Barden-Barbiere? Barbierden? Bardenbiere…? Oder konnten sie etwa magisch heilen, so wie Sinistro? Aber zumindest nach Schwarzmagiern sahen sie nicht gerade aus. Wobei, so wirklich viele Schwarzmagier hatte Thara in ihrem Leben ja auch noch nicht kennen gelernt, und bis vor einigen Wochen hätte sie sich unter einem Schwarzmagier auch sicher keine so wunderschöne junge Frau wie Arzu vorgestellt. Also wieso nicht? Dann stellte sich aber die Frage, wieso sie Vabun nicht mit der Lichtschwert-Sache geholfen hatten …

„Ihr seid also Heiler?“, verlangte Arzu von den drei Gestalten zu wissen und unterbrach damit Tharas wie so oft konsequent im Kreis fahrende Gedankenpferdebahn. Der verkniffene Gesichtsausdruck der Varanterin verriet deutliche Skepsis und sie warf Vabun, der peinlich genau darauf achtete, außerhalb ihrer Reichweite zu bleiben, einen warnenden Blick zu. Der Semi-Versteinerte zog die Schultern hoch und wendete die Handflächen nach vorn: Was denn? Ich habe nur gemacht, was ihr verlangt habt!
„Nein, nein“, antwortete der Blonde, „Wir sind die hëiler! Und ich muss sagen, wir freuen uns wirklich, dass wir endlich mal wieder vor einem richtigen Publikum spielen können! Sonst kommen hier immer nur diese seltsamen grünen Männlein vorbei, aber die wissen unsere Musik überhaupt nicht wirklich zu schätzen.“
„Könnt ihr denn heilen?“, fragte Arzu ungeduldig, „Das ist eigentlich alles, was ich wissen will!“
Der Blonde lächelte verschmitzt. „Und wie! Mit Musik kann man die Seele heilen! Und ich glaube, ich weiß auch ganz genau, welches Lied das Richtige ist … “ Er sah plötzlich Thara an und zwinkerte ihr zu, was die Verwirrung des Mädchen nicht gerade verringerte. „Jungs?“, wandte er sich schließlich an seine Kollegen, „‚Wie es geht‘, zwo, drei …“
Ohne sich noch länger einstimmen zu müssen, legte das Bardentrio los. Der Rundgesichtige gab mit seinen Trommeln den Takt vor, und die anderen beiden griffen in die Saiten ihrer seltsam geformten Lauten, und der Blonde fing mit lauter, klarer Stimme an zu singen:

„Woo-hoo!
Woo-hoo!
Woo-hoo!

Ich schau' dich an und du bist unbeschreiblich schön
Ich könnte ewig hier sitzen und dich einfach nur anseh'n
Doch plötzlich stehst du auf und du willst geh'n

Bitte geh noch nicht, ich weiß, es ist schon spät
Ich will dir noch was sagen, ich weiß nur nicht, wie es geht
Bleib noch ein bisschen hier, und schau mich nicht so an
Weil ich sonst ganz bestimmt überhaupt gar nichts sagen kann

Ich weiß selber nicht, was los ist, meine Knie werd'n weich
Im Film sieht es so einfach aus, jetzt bin ich kreidebleich
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, mein Gott, jetzt gehst du gleich

Bitte geh noch nicht, bleib noch ein bisschen hier
Ich muss dir noch was sagen, nur die Worte fehlen mir
(Ah-ha-ha) Bitte geh noch nicht, ich weiß, es ist schon spät
(Ah-ha-ha) Ich will dir noch was sagen, ich weiß nur nicht wie es geht

Wie es geht


Ich dachte immer, dass es leicht wär
Ich dachte immer, das ist doch kein Problem
Jetzt sitz' ich hier, wie ein Kaninchen vor der Schlange
Und ich fühl' mich wie gelähmt
Ich muss es sagen, ich weiß nur noch nicht wie
Ich muss es dir sagen, jetzt oder nie

Bitte geh noch nicht, am best'n gehst du nie
Ich hab's dir schon so oft gesagt, in meiner Fantasie
Bleib noch ein bisschen hier, bitte geh noch nicht
Was ich versuche, dir zu sagen ist: ‚Ich liebe dich!‘

Ich weiß nicht
Wie es geht
Wie es geht
Wie es geht

Woo hoo!“

Als mit jeder Strophe die Bedeutung des Liedtextes ein wenig klarer wurde, wünschte sich Thara zunehmend nichts sehnlicher, als im Boden zu versinken. Tief, wirklich tief! So tief, dass sie niemand jemals wieder finden würde! Oder einfach tot umfallen. Oder sich in Nichts auflösen. Irgendetwas davon! Sie krallte sich geradezu mit der Hand an Arzus Schulter fest und starrte konsequent auf den Boden, versteckte sich hinter ihrem zerzausten Haar, während sie das Gefühl hatte, dass ihr gesamtes Blut sich gerade ein ihrem Kopf befinden musste. Wie konnte es sein, dass diese seltsamen Typen einfach so Bescheid wussten? Konnten diese hëiler etwa Gedanken lesen? Oder … oder waren ihr ihre Gefühle einfach so deutlich anzusehen? Aber warum hatte Arzu dann nie etwas gesagt? Spielte sie etwa mit ihr? Nein, das würde Arzu nicht tun! Oder etwa doch?
„Thara? Alles in Ordnung? Wieso zitterst du?“, fragte Arzu plötzlich besorgt, „Was ist mit deinem Bein? Hat es funktioniert?“
„W-w-was?“, stammelte Thara und hob zögerlich den Kopf, wagte es aber nicht, Arzu in ihre wunderschönen, dunklen Augen zu sehen, „F-funk– …?“ Sie brauchte einen Moment, bis ihr einfiel, dass es ja eigentlich um ihr verletztes Bein ging! Aber der Schmerz war noch immer da und hatte auch nicht nachgelassen, obwohl sie ihn tatsächlich für einen Moment fast vergessen hatte. „Äh … n-nein … es tut noch immer … a-a-aber Arzu, ich … i-i-ich …“
„Ja?“, fragte Arzu und hob die Augenbrauen. Thara biss sich auf die Unterlippe und senkte voller Scham den Kopf.
Ich liebe dich!
Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Nein, sie konnte das nicht! Schon gar nicht hier, wo sie die Blicke der drei Musiker und Vabuns auf sich spürte. Plötzlich wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einfach fort zu sein, weg, an einem anderen Ort! Egal wo! Hauptsache, sie stand nicht im Rampenlicht und machte sich vor Publikum zum Narren. Ihre Lippen bebten und sie versuchte, irgendwelche sinnvollen Worte zu finden, aber ihr Kopf war leer. Sie fühlte sich wie ein gehetztes Tier – alles, woran sie noch denken konnte, war Flucht!
Als sie begann, ein leichtes Ziehen zu spüren, schenkte Thara dem in ihrer Aufgewühltheit keinerlei Beachtung. Plötzlich fing ein ominöses blaues Licht an, sie einzuhüllen, und das Ziehen wurde stärker – viel stärker! Es fühlte sich an, als wäre sie von einer unsichtbaren Strömung erfasst worden, die viel zu stark war, um ihr Widerstand zu leisten. Überrascht und entsetzt zugleich riss Thara die Augen auf.
„Wa–“, brachte sie noch hervor – dann war sie verschwunden.

Arzu
11.12.2024, 17:28
Davon, dass Thara verschwunden war, nahm Arzu keinerlei Notiz. Sie hatte nur noch Augen für den blonden Sänger. Kaum hatten die Heiler ihr Lied zu Ende gespielt, gab es für die Schwarzmagierin kein Halten mehr. Sie sprang hinauf auf die Bühne und schmiegte sich an die Seite des Blonden mit dem breiten Grinsen. Es war wirklich ausgesprochen breit!
Der Musikstil hatte der Nekromantin unglaublich gut gefallen und etwas ähnliches hatte sie auch noch nicht zu Ohren bekommen. Dass es sich um ein Liebeslied speziell für Arzu handelte, machte die Sache perfekt. Obwohl es ein wenig seltsam war. Schließlich kannte der blonde Sänger sie erst einige Minuten! Nun, es war offensichtlich Beliars Wille, der hier geschah. Mal davon abgesehen, dass er nicht der erste war, der sich beim ersten Anblick der Varanterin Hals über Kopf in sie verliebte. Überall wo sie hinging, hatte Arzu zahllose Verehrer. Es war der Preis der Schönheit.
»Spielt ihr auch im anderen Kastell?«, säuselte die Schwarzmagier dem Blondschopf ins Ohr. Er schien ob ihres offensiven Vorgehens leicht verwirrt zu sein. Auch das überraschte sie nicht. Nun, vielleicht doch. Immerhin hatte er mit seinem Liebeslied die ganze Sache erst ins Rollen gebracht. Was auch immer es war, es hatte keine Bedeutung.
»Oh, ihr wisst gar nichts vom anderen Kastell!«, spekulierte Arzu. »Da gibt es keine von den grünen Männchen. Sobald wir zurück sind, werde ich schon einen Weg finden, euch rüberzuholen! Thara und ich müssen nur noch ein paar Kleinigkeiten klären.«
Die Varanterin drückte sich fester an die Seite des Sängers und blickte ihn mit ihren großen Augen gierig an. Dabei fiel ihr auf, wie lange sie schon ohne brauchbare männliche Begleitung unterwegs war. Klar, Vabun war da, aber der war eindeutig zu alt. Die beiden Brüder hatte Arzu natürlich nicht vergessen. Bloß wo die abgeblieben waren, wusste auch niemand. So gesehen kam ihr der hochgewachsene Sänger im Augenblick genau recht! Zu schade, dass sie bald wieder weg müsste.
Während Arzu ihre Arme um den Hals des Blondschopfs legte und ihm tief in die Augen blickte, fiel ihr Tharas Verletzung wieder ein.
»Ist es schon besser geworden, Thara?«, fragte die Schwarzmagierin ohne sich von ihrem neuen Liebling abzuwenden. Erst als keine Antwort kam, drehte die Varanterin sich um. »Wo ist Thara?«
Vabun, der in einem sicheren Abstand zur Nekromantin stand, zuckte mit den Schultern.
»Sie hat sich in blaues Licht aufgelöst?«, antwortete der Unversteinerte nonchalant.
»Blaues Licht? Was tut das?«
»Es leuchtet blau!«
Arzu neigte den Kopf leicht und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
»Schon gut, schon gut, du hast gewonnen!«, rief Vabun schnell ein. »Sah mir nach einem Teleport aus.«
»Und das sagst du mir jetzt erst?!«
Wieder hob er die Hände abwehrend vor seine Brust. Arzu rollte mit den Augen.
»Die Pflicht ruft!«, sagte die Nekromantin wehleidig zum blonden Sänger. »Vergiss mich nicht!«
Zum Abschluss gab sie ihm einen Kuss direkt auf seinen überaus breiten Mund.
»Ciao!«, säuselte sie den drei Heilern noch zum Abschied zu und packte Vabun dann an der Gardine. »Komm, wie gehen!«
Ihre Worte an den Unversteinerten waren herrisch und ließen keinerlei Widerworte zu.
»Wohin bring der Teleport Thara? Und vor allem, wie konnte sie sich überhaupt teleportieren? Das ergibt doch alles keinen Sinn!«
»Teleportieren kann man sich überall hin. Bis vor kurzem durfte man nicht in überdachte Räumlichkeiten und auch nicht unter Bäume teleportieren, aber das haben die zum Glück abgeschafft.«
Arzus große Augen funkelten in der Dunkelheit des Ganges.
»Zum Pentagramm. Da wird sie bestimmt sein.«, fügte Vabun schnell hinzu. »Die zweite Stufe hat sie bestimmt noch nicht erreicht.«
»Weniger Blödsinn labern und mitkommen!«
Vabun widersetzte sich nicht länger und hielt für seine Verhältnisse lange den Mund. Ohne Zwischenfälle erreichten sie bald die große Eingangshalle in der sich auch das Pentagramm befand. Zu Arzus Erleichterung entdeckte sie dort auch Thara, zusammengerollt zu einem kleinen Bündel am Fuße des leeren Podests.
»Hey! Du kannst doch nicht einfach abhauen!«, sagte die Schwarzmagierin in einer sanften Stimme zu ihrer Zirkelschwester. Sie hockte sich neben Thara und legte die Hand auf ihre Schulter. In der Zwischenzeit war Vabun auf das Podest geklettert.
»Gar kein schlechter Platz!«, erklärte er, doch dafür interessierte sich Arzu nicht.

Thara
13.12.2024, 15:38
„T-t-tut mir leid! B-bitte entschuldige …“, stammelte Thara und fing sich dafür sogleich wieder einen strafenden Blick Arzus ein. Beschämt senkte sie den Kopf und versuchte, sich zu erklären: „Ich w-wollte nicht … a-also, ich meine … ich w-w-weiß g-gar nicht, was p-p-passiert ist, ich war einfach a-auf einmal … hier!“
„Möglicherweise hast du eine subtile Verbindung zu dem Teleportations-Pentagramm aufgebaut, als ich euch beide aus den Labyrinth hier her teleportiert habe“, mutmaßte Vabun, während er auf dem Podest stehend verschiedene Posen ausprobierte, als würde er für einen Bildhauer Modell stehen. „Und irgendetwas vorhin hat dafür gesorgt, dass du unbewusst diese Verbindung reaktiviert und die Teleportation durchgeführt hast. Mach dir nichts draus, sowas passiert – ungewolltes Teleportieren ist momentan so eine Art Modeerscheinung. Den Leuten fällt wohl einfach nichts Besseres ein, um sich den Skill beizubringen. Die Kreativität bei der heutigen Jugend lässt eben auch einfach zu wünschen übrig…“
„Wie geht es deinem Bein?“, fragte Arzu, ohne Vabuns sonderbaren Ausführungen große Beachtung zu schenken, „Ist es besser geworden?“
Thara schüttelte den Kopf. Nein, es war kein bisschen besser geworden. Die tiefen Wunden bluteten noch immer und schmerzten wie die Hölle. Keine Chance, dass sie allein auch nur einen Schritt würde laufen können. Deswegen hatte sie sich auch nicht von der Stelle bewegt, als sie sich plötzlich in der Vorhalle wiedergefunden hatte. Zum Glück hatte Beliar ihre verzweifelt zusammengestotterten Gebete wohl erhört und es hatte nicht lange gedauert, bis Vabun und Arzu mit der pferdelosen Kutsche aufgetaucht waren.
Arzu seufzte genervt und sah wieder zu Vabun: „Ich hatte gesagt, wir brauchen einen Heiler, und nicht …“ Sie ließ den Satz unvollendet.
Vabun zog die Augenbrauen hoch: „Nicht was? Ich hatte den Eindruck, es gefiel dir!“
„Es war trotzdem nicht das, wonach ich dich gefragt hatte!“, erwiderte Arzu und stemmte die Arme in die Hüften. „Wir brauchen jemanden, der Tharas Bein heilen kann, und dann müssen wir diese Lichtschwert zusammensetzen, und dann … wo kommen diese Heiler gleich nochmal her?“
Vabun zuckte mit den Schultern. „Die? Tja, wenn ich das wüsste ... Wahrscheinlich hab‘ ich mich da mal wieder betrunken an ‘nem Weltenriss probiert. Da kommt alles Mögliche durch. Manchmal sogar ein Sukkubus!“ Er grinste debil bei dem Gedanken. „Also, zumindest in der Theorie … Aber hier scheint irgendwas seltsam zu sein, der Weltenriss macht …“
„Tharas Bein?“, unterbrach ihn Arzu streng, bevor er weiter ins Schwafeln kommen konnte. Vabun glotzte die Varanterin einen Moment lang verwirrt an, winkte dann aber ab: „Kein Problem, ich habe noch den einen oder anderen Heiltrank bei mir im Labor. Da müssen wir sowieso hin, um das Lichtschwert zusammenzusetzen. Ich hoffe, Smaragdäuglein hat inzwischen alles vorbereitet! Zeit genug hatte er ja!“

Nach einer kurzen Spritztour in Vabuns Rennkutsche über diese seltsamen, langgestreckten Korridore mit glattem schwarzen Untergrund, die nur dann zu existieren schienen, wenn sie in dem Gefährt des nicht ganz versteinerten Magiers unterwegs waren, kamen sie mit quietschenden Rädern vor einer rußgeschwärzten Tür zu stehen.
„Da wären wir!“, verkündete Vabun. Als sie aus der Kutsche stiegen, schlug Thara und Arzu ein scharfer Brandgeruch entgegen, vermischt mit allerlei anderen, oft noch weniger angenehmen Gerüchen.
„Was stinkt hier denn so?“, wollte Arzu wissen und kräuselte dabei auf so außerordentlich niedliche Art ihre Nase, dass Thara sie beinahe gestupst hätte.
„Es ist ein Labor“, antwortete Vabun trocken und zuckte mit den Schultern, „Was erwartest du? Rosenduft?“
Er drückte die Klinke herunter und wollte die Tür öffnen, aber sie bewegte sich nicht. „Was zum…“, fluchte er und probierte es erneut. Aber die Tür war verschlossen. „Was soll das denn jetzt? Hey, Smaragdäuglein! Wir sind’s!“ Mit einer Faust, die sich passenderweise just in diesem Moment kurzzeitig zu Stein verwandelte, hämmerte Vabun gegen die Tür. Aber nichts geschah, niemand öffnete ihnen und es waren auch keine Geräusche von innen zu vernehmen. „Innos Arschhaare!“, fluchte Vabun, „Wo steckt dieser Kerl mit den grünen Augen? Laut Liste ist der doch aktiv! Oder stehen da nur noch Karteileichen drauf?“
„Was ist das Problem?“, fragte Arzu.
„Das Problem ist, dass ich eurem Kumpel mit den Smaragdäuglein den Schlüssel zu meinem Labor gegeben habe! Den einzigen Schlüssel!“ Sein Blick fiel auf Thara. „Warte mal, du kannst doch jetzt Schlösser knacken, oder?“
„Äh … naja, i-ich … e-e-ein bisschen? A-aber bestimmt nicht so gut w-wie du!“ Sie zog den letzten noch intakten Dietrich hervor und hielt ihn Vabun hin, der das filigrane Werkzeug aber nur anschaute, als käme es von einem anderen Planeten.
„Was soll ich denn damit? Ich hab‘ den Skill nicht! Nur weil ich über transzendentes Metawissen aus der vierten Dimension verfüge, kann ich deswegen noch längst nicht alles anwenden!“
„W-was?“
„Nicht so wichtig. Sieh einfach zu, dass du die Tür öffnest, ja?“
Thara blieb einen Moment lang unschlüssig und verwirrt stehen, aber als Arzu, die wohl auch nicht länger als nötig warten wollte, sie schließlich mit sanftem Druck zur Tür lenkte, fügte sie sich. Links – rechts – links … *knirsch!* Links – rechts – rechts – link…*knack!*
„Oh nein …“ Betreten zog Thara den abgebrochenen Dietrich aus dem Schlüsselloch. „Tut mir leid! I-i-ich k-kann das doch n-nicht! Ich … D-d-das war der letzte …“
Vabun seufzte. „Mach dir einfach einen neuen!“
„E-einen … neuen?“
„Aus Knochen! Einfach herzaubern! Ich dachte, du willst mal eine richtige Magierin werden? Man braucht inzwischen auch keine vorhandenen Knochen mehr, also muss ich dich nicht einmal auf die tote Ratte hinweisen, die sehr gelegen gerade rein zufällig da drüben in der Ecke liegt! Brauchen wir nicht! Du kannst einfach Knochen aus Beliars Reich herbeirufen und sie formen, so wie du sie brauchst.“
Thara sah Vabun zweifelnd an, aber dann fiel ihr wieder ein, wie sie dieses Tierskelett, diese von Arzu beschworene Üjähne, nunja, vielleicht nicht gerade verbessert, zumindest aber nach ihren Vorstellungen umgestaltet hatte. Sie hatte die Knochen geformt, in ihrer Struktur verändert und ihrem Willen gemäß angepasst. Also, ja, warum sollte es nicht möglich sein, dasselbe mit Knochen zu tun, die sie selbst heraufbeschwor?
Sie schloss kurz die Augen und sammelte sich. Der heiße, pochende Schmerz in ihrem Bein machte es schwierig, sich zu konzentrieren, aber sie hatte in ihrem Leben schon schlimmeres ertragen müssen. Fast schon unbewusst ließ sie ihren Geist wandern, als wäre er überhaupt nicht mit ihrem Körper verbunden, und die Schmerzen wurden zu nichts weiter als einem undeutlichen Hintergrundrauschen, während sie sich auf die Ströme der Magie konzentrierte. Eine Beschwörung, wie bei einem Zombie, nur eben … kleiner, viel kleiner.
Thara streckte die Hände aus, mit den Handflächen nach oben, als würde sie eine Gabe entgegennehmen wollen. Ein dunkler Nebel bildete sich und begann, sich langsam zu verfestigen und Gestalt anzunehmen, bis ein Knochen wenige Fingerbreit über ihren Handflächen schwebte. Jemand mit Erfahrung in Anatomie hätte ihn als menschlichen Radius, einen Unterarmknochen, identifizieren können, aber für Thara war es einfach nur irgendein Knochen, der ihr als Rohmaterial diente. Der Knochen begann, weich zu werden wie Ton, und sich von selbst zu verformen, überflüssiges Material tropfte herab wie von einer Wachskerze, die man über ein Feuer hielt, und verschwand im Nichts. Es dauerte kaum eine Minute, bis Thara eine nicht ganz perfekte, aber doch brauchbare Nachbildung eines Dietrichs in den Händen hielt. Vabun nickte anerkennend, und Arzu lächelte, wobei sie zugleich erleichtert aussah, als hätte sie erwartet, dass der Knochen jederzeit einfach Explodieren würde.
Mit ihrem selbsterschaffenen Werkzeug machte sich Thara daran, das Schloss zu öffnen, wobei sie darauf achtete, mit größter Vorsicht vorzugehen. Schließlich gelang es ihr tatsächlich, das Schloss zu öffnen, ohne dass ihr der Knochendietrich abbrach, trotz einiger Fehlversuche.
„Na also! Ich wusste doch, ich hab‘ euch für irgendwas mitgebracht!“, verkündete Vabun und stieß die Tür auf, „Dann mal rein in die gute Stube!“

Im Labor herrschte pures Chaos. Ein aus massivem Holz gefertigter Alchemietisch nahm die Stirnseite des Raumes ein, flankiert von Regalen, deren Fächer sich unter dem Gewicht der darin gestapelten Bücher und Instrumente schon durchbogen. Ein Skelett – kein beschworenes, sondern eines, das an einer Stange befestigt war und dessen Knochen mit Draht und Schnüren zusammengehalten wurden – stand in einer dunklen Ecke, auf dem Schädel lag ein speckiges Handtuch. Auf dem Alchemietisch selbst waren Apparate aus Glaskolben, Tongefäßen und Kupferspulen zusammengebaut, über deren Sinn Thara nicht einmal beginnen konnte zu spekulieren, aber die Arbeitsfläche lag unter Unmengen an Kram und Sammelsurium vergraben – Flaschen, Dosen und Beutelchen mit unbekannten Inhalten, Bücher, bekritzelte Zettel, möglicherweise funktionstüchtige ebenso wie eindeutig kaputte Werkzeuge, Knochen, getrocknete Pflanzen, bunte Steine, Kerzenstummel, angesengte Kienspäne, Amulette und Medaillen mit seltsamen Zeichen darauf und vieles mehr. Die Regale links und rechts waren mit vergleichbaren Dingen vollgestopft und quollen so sehr über, dass vieles einfach auf dem Boden lag. Bücherstapel türmten sich in die Höhe, und auf einem davon, der besonders wackelig aussah, stand eine kostbar wirkende, goldfunkelnde Sanduhr.
„Willkommen in meinem Laboratorium!“, verkündete Vabun stolz und breitete die Arme aus, „Ist es nicht herrlich? Dieser Hort des Wissens!“
Er ergriff einen Stuhl, auf dessen Sitzfläche sich Bücher, Töpfchen und ein paar hübsch aussehende Kristalle stapelten, und kippte das alles kurzerhand auf den Boden.
„Setz dich“, forderte er Thara auf und begann dabei, sich durch eines der Regale zu wühlen, „Ich suche inzwischen den … ah! DA ist das verdammte Ding also!“ Triumphierend hob er ein silbernes Amulett an einer einfachen Lederkordel in die Höhe, „Ich dachte schon, diese verdammten Goblins hätten es mir geklaut!“
„Was ist das?“, fragte Arzu, woraufhin Vabun ihr einen Blick zuwarf, als wäre sie leicht beschränkt.
„Wonach sieht es denn aus? Ein cooler Anhänger natürlich!“ Er hängte sich das Amulett um den Hals und breitete die Arme aus. „Na? Cool, oder? Was? Heiltr… ach ja, natürlich!“
Seufzend kramte Vabun weiter in dem allumfassenden Chaos herum, bis er schließlich ein kleines Fläschchen zwischen zwei Büchern hervorzog. Es beinhaltete sirupartige, dunkelrote Flüssigkeit.
„Hier, trink das“, forderte er Thara auf und reichte ihr das Fläschchen, „Es wird deine Wunde zwar nicht einfach so verschwinden lassen, aber es wird die Heilung deutlich beschleunigen und die Schmerzen lindern. Glaube ich.“
Obwohl Thara gewisse Zweifel hegte, leistete sie Vabuns Aufforderung folge. Das Gebräu schmeckte nicht einmal schlecht, es war süß und hatte ein Aroma von Waldbeeren. Als Thara das Fläschchen geleert hatte, schaute Vabun sie erwartungsvoll an.
„Und? Spürst du etwas? Ein Kratzen im Hals vielleicht? Beschleunigter Herzschlag? Ziehen oder Stechen in der Lunge?“
„Äh … n-nein …“
„Gut! Sehr gut! Dann war es tatsächlich der Heiltrank und nicht der Rote Würger. Warte einfach ein wenig, die Wirkung braucht ein paar Minuten, um sich einzustellen.“
Thara nickte nur. Und tatsächlich spürte sie wenig später, wie die verletzte Stelle ihres Beines langsam wärmer zu werden begann. Es war nicht die schmerzhafte, fiebrige Hitze einer Entzündung, sondern eine sanfte Wärme, als würde jemand ihr einen weichen, mit heißem Wasser getränkten Umschlag um das Bein wickeln. Und zugleich begannen die Schmerzen nachzulassen, erst langsam, aber dann merklich, bis sie bald nur noch ein leises Echo waren – nicht gänzlich verschwunden, aber wesentlich erträglicher. Auch äußerlich setzte der Heilprozess sichtbar ein. Die Wunde hörte auf zu bluten und man konnte fast zusehen, wie sich Fleisch und Haut zu regenerieren begannen. Der Effekt hielt zwar nur kurzzeitig an und hinterließ längst kein gänzlich gesundes Bein, aber zumindest die Wundränder hatten sich geschlossen. Ein konstantes Kribbeln kündete davon, dass der Genesungsprozess fortdauerte, und es kostete Thara einiges an Willenskraft, nicht an der Verletzung herumzukratzen.
„Besser?“, fragte Vabun.
„Äh, j-ja, viel besser … d-d-danke!“
Vabun winkte ab. „Nichts zu danken, man hilft doch, wo man kann! So, und jetzt zu den wirklich wichtigen Dingen …“
Irgendwo unter seiner Gardinenrobe holte er plötzlich den Folianten hervor, in dem angeblich das Ritual zur Verbindung des Lichtschwerts und der Weißen Magie-Rune beschrieben stand. Achtlos wie eh und je wischte er einfach so viel Krempel von der Arbeitsplatte seines Alchemietisches, dass er das Buch darauf aufschlagen konnte.
„So“, verkündete er, „Wir brauchen die hier abgebildeten Gegenstände, und die befinden sich irgendwo in diesem Wimmelbil … äh, hier im Labor! Wer sie zuerst findet, hat gewonnen!“

Arzu
15.12.2024, 20:14
Der Zustand des Laboratoriums passte perfekt zu Vabun. Es gab kein Konzept von Ordnung und die Hälfte der Teile konnte man ohne viel Federlesens als Schrott bezeichnen. Tatsächlich stand es im starken Kontrast zum bequemen Quartier, welches er den beiden Schwarzmagierin vor einer Weile zur Verfügung gestellt hatte. Obwohl das auch nicht stimmte, denn die Zimmer hatten sich am Ende auch als ein heruntergekommenes Drecksloch entpuppt. Insofern blieb Vabun seiner Linie treu. Ob die Kutsche am Ende auch ein solches Geheimnis verbarg? Dabei hatte Arzu Gefallen an dem Gefährt gefunden. Es war unglaublich schnell, die Sitze verflucht bequem und es besaß ein zeitloses Äußeres. Nur schade, dass es keinem adretten, jungen Mann gehörte, sondern einem halbversteinertem Kerl, der in einer Gardine herumrannte.
Nun war erst einmal Suchen angesagt. Von all den Dingen, die im Folianten abgebildet waren, wählte Arzu zuerst das größte. Es war ein Runentisch. Etwas ähnliches hatte sie bereits im Nachlass ihres Großvaters gesehen. Niemand in ihrer Familie hatte Verwendung dafür und so hatten sie es am Ende verkauft. So hatte Arzu auch nicht den blassesten Schimmer, wie man den Tisch wirklich benutzte. Sie hoffte darauf, dass Vabun sich darauf verstand. Eine Wette darüber hätte sie trotzdem nicht abgeschlossen. Am Ende lief es bei ihm meistens darauf hinaus, dass er sagte: »Ich dachte, ihr wisst wie das geht!?«
Begleitet von lautem Getöse zog die Nekromantin den Runentisch aus dem restlichen Gedöns. Er bestand auf einem breiten Ständer, der in vier großen Gänsefüßen endete. Darüber montiert saßen eine ganze Reihe von ineinander gesetzten Ringen. Hätte sich ein Spiegel in der Mitte der Ringe befunden, hätte man es auch für einen Schminktisch halten können. Mit dem Finger stupste Arzu einen der Ringe an, der sich daraufhin in Bewegung versetzte und auch keine Anstalten machte, langsamer zu werden. Als er in einem rechten Winkel zum nächst größeren Ring befand, begann auch dieser sich zu drehen. Das ging so weiter, bis sämtliche Ringe des Runentischen rotierten und ein seltsames Summen dabei von sich gaben. Es mutete mehr nach einem Kinderspielzeug an, als nach dem Instrument eines Magiers.
Arzu zuckte mit den Schultern und warf einen Blick in den Folianten, um herauszufinden, was sie noch benötigten. Eine Zange; die hatte Thara bereits aufgespürt. Das nächste war laut Bildunterschrift Sumpfkrautöl und befand sich in einer kleinen und - wie konnte es anders sein - sumpfgrünen Flasche.
Die Suche danach gestaltete sich um einiges schwieriger. Flaschen gab es im Laboratorium zu Hauf. Viele davon unbeschriftet, viele bereits zerbrochen. Arzu hoffte nur, dass das Öl sich nicht in einer der letzteren befunden hatte. Wo auch immer sie allerdings suchte, fündig wurde die Varanterin nicht.
»Hat einer von euch schon das Sumpfkrautöl gesehen?«, fragte Arzu und fügte für Thara noch hinzu, dass es sich um das mit der sumpfgrünen Flasche handelte. Leider waren ihre Begleiter genauso erfolglos. Jedenfalls was das Öl anbelangte. Sowohl das dürre Mädchen, als auch der Mann in der Gardine hatten schon einigen anderen Kram ausfindig gemacht. Unbeirrt suchte Arzu weiter und stieß hinter einem besonders großen Haufen von Gerümpel auf eine Tür.
»Ha! Da ist die!«, rief Vabun. »Ich hatte mich schon gewundert, wo die Tür abgeblieben ist!«
Die Nekromantin drückte die Klinke, doch etwas auf der anderen Seite versperrte die Tür. Vermutlich hatte der Unversteinerte den Nebenraum genauso mit Kram zugeschüttet und am Ende einfach die Tür zugemacht. Aus den Augen, aus dem Sinn! Statt sich selbst möglicherweise noch einen Fingernagel abzubrechen, beschwor Arzu kurzerhand einen Zombiewidder und befahl der Kreatur die Tür aufzurammen. Wenn das Getöse vorher bereits laut gewesen war, nahm es nun ohrenbetäubende Dimensionen an. Ohne Unterlass hämmerte der untote Widder mit seinen Hörnern gegen die Tür. Es bedurfte gewiss ein halbes Dutzend Anläufe, bis das, was auf der anderen Seite im Wege stand, nachgab und mit einem lauten Knall umfiel. Ein Schnippen ihres Fingers genügte, um Arzus Kreatur wieder in die andere Sphäre zu schicken. Statt dessen manifestierte sie nun ihren berühmten Schattenfresser und trat in das Dunkel des Nebenraums.
Als der Zauber die Finsternis in sich aufnahm, gab er den Blick auf ein noch größeres Chaos frei, als im ersten Raum herrschte. Arzu hatte sich nicht getäuscht: Vabun hatte hier noch viel mehr Zeug hineingestopft. So viel, dass man nicht mal mehr klar erkennen konnte, was überhaupt vor einem lag. Der Mann in Gardine stellte sich neben die Nekromantin und blickte sich um.
»Ziemlicher Saustall.«, bemerkte er.
»Ist das dein Ernst?«
»Oh, guck mal! Die hatte ich schon die ganze Zeit gesucht!«, fuhr Vabun fort und griff in den erstbesten Haufen. Zum Vorschein holte er, was aussah wie eine kleine, gelbe Ente mit orangem Schnabel. Als Vabun sie drückte quietschte sie laut.
»Schaumbad nur original mit Quietscheentchen.«
Arzu fasste sich an die Stirn und erklomm dann den nächsten Berg mit Krempel. Auf seiner Spitze angelangt, entdeckte sie zu ihrer Erleichterung eine kleine Kiste, in der sich sechs Fläschchen des gesuchten Öls. Es war schon fast zu einfach. Zur Sicherheit öffnete Arzu eine der kleinen Flaschen und roch vorsichtig daran. Eindeutig Sumpfkrautöl! Gerade als die Varanterin im Begriff war zu gehen, fiel ihr die Rückwand des Raumes auf. Oder vielmehr das Fehlen derselbigen. Sie war sich nicht sicher, was genau sie dort sah. Beinahe wirkte es wie ein weiterer, aber wesentlich größerer Raum. Fast schon ein Saal. Reihen von Stühlen standen dort dicht an dicht.
»Vabun, was ist das?«, fragte die Schwarzmagierin.
»Ach, das ist die vierte Wand.«, antwortete der Mann in Gardine.
»Ja, das ist mir schon klar.«
»Nein, nein, es ist DIE vierte Wand.«
Fragend blickte Arzu den Unversteinerten an. Der deutete nur auf die Stuhlreihen. Und dann sah die Nekromantin ihn. Eine einzelne Person saß dort. Vollständig in rot gekleidet, selbst mit einer roten Maske, die bis zur Nase hochgekrempelt war. An der Stelle von Gucklöchern saßen große, weiße Dinger, die wie stilisierte Augen aussahen. In seinem Arm hielt der Unbekannte einen großen Eimer, aus dessen Inhalt er sich hin und wieder bediente. Als sich ihre Blicke trafen, winkte der rot Gekleidete.
»Ihr macht das super!«
Der Verstand der Nekromantin setzte für einen Moment lang aus. Sie wusste nicht, was sie dort sah, wie es sich in ihre Realität einordnete und überhaupt!
»Was auch immer.«, sagte Arzu schließlich und winkte ab.

Thara
17.12.2024, 17:55
Thara, die es längst aufgegeben hatte, nach irgendeinem Sinn hinter den Dingen zu fragen, denen sie im Mondkastell begegneten, winkte dem seltsamen Mann hinter der fehlenden vierten Wand kurz zu. Nach Erfüllung dieser Pflicht widmete sich wieder der Suche.
Inzwischen hatten sie die meisten Zutaten beisammen, aber was sie noch brauchten, war ein Auge. Ein Auge am Stiel, zumindest sah es auf der etwas kruden Zeichnung in dem Buch danach aus. Vabun erklärte, es handele sich um das Auge eines Betrachters, denn darin liege bekanntlich die Schönheit. Was das Lichtschwert mit Schönheit zu tun hatte, war Thara zwar schleierhaft, aber das sollte nicht ihre Sorge sein.

„Oh! D-d-das hier?“, fragte Thara und zog ein großes Einmachglas zwischen all dem Gerümpel hervor. Es war voller Augäpfel, die in einer unappetitlich aussehenden, leicht gelblichen Flüssigkeit schwammen. Aber Vabun schüttelte den Kopf.
„Nein, das sind Solaugen“, erklärte er, „Die sind zum Essen für zwischendurch. Aber nimm dir ruhig eines!“
„Ich … äh … d-d-danke, aber i-ich habe gerade k-k-keinen Hunger …“, log Thara und schob die Solaugen zurück ins Chaos, so, dass sie nicht mehr zu sehen waren.
„Was ist das hier?“, rief Arzu, die gerade den Gipfel eines Gerümpelbergs erklommen hatte und nun ein Kästchen in die Höhe hielt, auf dessen Deckel ein stilisiertes Auge gemalt war.
„Hühneraugen, für die Suppe!“, antwortete Vabun. Arzu verzog angeekelt das Gesicht ließ das Kästchen fallen.

„Es muss hier irgendwo sein!“, murmelte Vabun und schaufelte mit beiden Armen Gerümpel bei Seite. Thara tat es ihm gleich. Plötzlich stieß sie auf etwas weiches, nachgiebiges. Es fühlte sich ein wenig an wie sehr, sehr glattes Leder und wobbelte, wenn sie dagegen stupste. Neugierig legte sie mehr von ihrer Entdeckung frei. Der wobbelige Ledersack lag in etwas wie einem Holzrahmen.
„Was hast du denn da gefunden?“, wollte Vabun wissen. Thara zuckte nur ratlos mit den Schultern und Vabun drückte gegen das Leder. Es blubberte und schwappte leicht, und plötzlich grinste der Magier breit: „Ein Wasserbett! Ich wusste gar nicht mehr, dass ich ein Wasserbett habe! Vielleicht sollte ich wirklich mal wieder aufräumen …“

Nach der Entdeckung des Wasserbettes dauerte sich sicher noch eine ganze Weile, bis Arzu endlich triumphierend das Auge des Betrachters in die Höhe recken konnte, das sie unter dem Bett gefunden hatte. Damit hatten sie alle nötigen Zutaten beisammen.
Vabun schaffte etwas Platz im Hauptlabor, um den Runentisch darin aufstellen zu können, und fuhr leise vor sich hin murmelnd mit dem Finger Zeile für Zeile der Anweisung in dem Folianten nach, einen Schritt nach dem Anderen befolgend, auch wenn einige dieser Schritte für Thara keinen Sinn ergaben. Die Rune in die Mitte der herumwirbelnden Apparatur auf dem Runentisch einzuhängen und den Schwertgriff darunter zu platzieren, das sah vernünftig aus. Aber warum musste der Schwertgriff auch noch mit Sumpfkrautöl eingerieben werden, wozu musste das Auge des Betrachters so platziert werden, dass es die Apparatur anzuschauen schien, mit einem Spiegel auf der anderen Seite, und warum zog sich Vabun irgend so ein weißes Pulver in die Nase, bevor er mit dem eigentlichen Ritual begann? Der nicht gänzlich versteinerte Magier hielt sich jedoch nicht mit Erklärungen auf, und so blieb das, was auch immer er da veranstaltete, für Thara im Großen und Ganzen ein Rätsel. Aber am Ende zählte ohnehin nur das Ergebnis.
Als er schließlich die Vorbereitungen abgeschlossen hatte, kontrollierte Vabun noch einmal alles auf seine Richtigkeit und nickte zufrieden: „Gut, das sollte reichen! Tretet zurück, gleich geht es los!“ Theatralisch hob er die Arme über dem Runentisch und sprach die geheimen arkanen Worte: „Abrakadabra, Hokuspokus Fidibus! Dreimal schwarzer Kater, und vereint seist du!“
Die Reifen des Runentisches setzten sich langsam in Bewegung und drehten sich schneller und schneller, bis sie irgendwann völlig zu verschwimmen schienen und kaum noch zu sehen waren, aber ein lautes Brummen von sich gaben wie ein Schwarm wütender Insekten. Die Weiße-Magie-Rune schwebte in ihrem Inneren und strahlte ein sanftes Leuchten aus, das ebenfalls nach und nach an Intensität zunahm. Auf einmal schoss ein gleißender Lichtstrahl aus dem Auge des Betrachters, traf auf die Rune und fächerte sich dahinter in mehrere Strahlen auf, die die Farben des Regenbogens hatten. Sie wurden wiederum von dem Spiegel so reflektiert, das sie auf den Schwertgriff fielen und ihn mit einer schillernden Aura umgaben. Es war ein beeindruckendes Spektakel – aber dann geschah nichts mehr. Der Runentisch surrte, die Rune, das Auge und der Schwertgriff leuchteten in allen möglichen Farben und die Luft um die Apparatur schien zu knistern, als wäre sie mit kaum zu bändigender Energie geladen, aber dabei blieb es.
„Was ist los?“, wollte Arzu wissen, „Warum geht es nicht weiter?“
„Geduld, junge Padawan!“, beschwichtigte Vabun und nahm die reich verzierte Sanduhr von dem bedenklich schiefen Bücherstapel, drehte sie um und stellte sie auf den Runentisch. „Der ganze Vorgang braucht eine Weile. Wenn der Sand zweimal oder dreimal durchgelaufen ist, sollte alles so weit sein.“ Er überlegte kurz. „In der Zwischenzeit könnt ihr ja mal zeigen, was ihr in den Monaten, in denen Smaragdäuglein euch hätte ausbilden sollen, bevor er ohne ein Wort verschwunden ist, so gelernt habt! Lichtschwert hin oder her, Meraton ist kein Gegner, den man unterschätzen sollte.“ Er verschränkte die Arme und sein Blick wanderte zwischen den beiden jungen Magierinnen hin und her. „Nun, wer von euch will anfangen?“

Arzu
19.12.2024, 16:22
Arzu ließ ein gespielt langes Seufzen von sich. Wenn sie etwas hasste, dann war es warten zu müssen. Ja, klar. Das Spektakel war in der Tat ganz ansehnlich. Doch für eine talentierte Schwarzmagierin befand sich das Ganze auf dem Niveau eines typischen Dienstags.
»Seit wann interessiert dich denn, was wir gelernt haben?«, fragte Arzu und stemmte die Hände in die Hüfte.
»Von Anfang an habe ich eure Karrieren mit großem Interesse verfolgt!«, antwortete Vabun und schien es sogar ernst zu meinen. »Außerdem brauche ich euch, um Meraton fertig zu machen. Wisst ihr, wie lange ich hier auf neue Leute warten muss? Dass sich überhaupt mal jemand an das Mondkastell erinnert, war bereits eine große Überraschung. Diese Chance will ich nicht verspielen!«
Die Varanterin legte ihren Kopf schief.
»Oh bitte!«
»Wirklich!«
»Was auch immer!«, stöhnte die Nekromantin. »Ich habe sowieso im Augenblick nichts besseres zu tun.«
Arzu suchte sich den am wenigsten zugemüllten Platz in Vabuns Laboratorium und streckte beide Arme vor sich aus. In einer Vorstellung, die eines Theaters würdig gewesen wäre, zog sie wie an Seilen eine Kreatur aus dem Boden hervor. Selbstverständlich bedurfte es keiner körperlichen Anstrengung, auch wenn es sich bei dem Wesen um einen muskelbepackten Zombie handelte. Es stellte sich die Frage, inwieweit diese Muskeln überhaupt noch zur Stärke des Untoten beitrugen. Doch das könnten sie später noch herausfinden. Der Zombie wirkte imposanter, als irgendein schmales Hemd. Darauf kam es an.
Mit einem Fingerzeig bedeutete die Nekromantin ihrem Diener, sich ein unhandliches Teil aus einem der Gerümpelberge zu nehmen und es zu zertrümmern. Nichts hier schien irgendeinen Wert zu besitzen, wenn es so unachtsam auf dem erstbesten Müllberg gelandet war. Weit gefehlt!
»Mmmmmmmoment! Das ist antik!«, warf Vabun geschwind ein und rettete was auch immer der Zombie sich geschnappt hatte.
»Wie soll ich dir denn zeigen, wie toll meine Beschwörung ist, wenn der Zombie nichts anrühren darf?«, fragte Arzu.
»Ein berechtigter Einwand!«, antwortete Vabun und rieb sich nachdenklich am Kinn. »Ich habe keine Ahnung!«
»DAS ist offensichtlich.«
Der Mann in der Gardine zuckte mit den Schultern.
»Ha! Ich weiß es! Lass ihn Liegestütze machen!«, sagte Vabun schließlich.
»Das ist doch nicht dein Ernst! Wie sollen Liegestütze dabei helfen, Meraton zu besiegen?«
»Auf die Frage komme ich später zurück. Und jetzt, hopp, hopp. Ich will zwanzig sehen!«
Arzu seufzte schwer und befahl ihrem untoten Diener, die gewünschten Liegestütze zu machen. Tatsächlich erledigte die Kreatur die Aufgabe ohne zu murren. Ein wenig langsam vielleicht, aber darum ging es ja auch nicht.
»Du bist schon besser geworden!«, sagte der Unversteinerte, nachdem der Untote fertig war.
»Danke.«, antwortete Arzu mit einem Anflug von Sarkasmus. Mit einem Schnippen zerfiel der Zombie in blauen Dunst.
»Was hast du sonst noch auf Lager?«
»Siehe und staune!«
Die Nekromantin hob die Hände vor ihre Brust und ein tiefschwarzer Nebel entstand zwischen ihren Handflächen. Anschließend streckte sie ihre Arme zackig zu beiden Seiten aus und die Nebelwolke füllte das Laboratorium rasant in undurchdringliche Finsternis.
»Ich seh überhaupt nichts, wenn ich ehrlich bin.«, sagte Vabun.
»Das ist ja auch der Sinn dahinter.«
»Verstehe! Kannst DU denn was sehen?«
»Was ist das für eine Frage? Natürlich kann ich was sehen!«
»Na gut. Dann will ich das mal akzeptieren.«
Ein Schnippen in der Dunkelheit und die Schwärze löste sich wieder auf.
»Und was ist der dritte Zauber?«
Arzu setzte ein selbstgefälliges Grinsen auf. Diese letzte Zauberformel hatte sich die Nekromantin von ihrer Zirkelschwester abgeguckt, die sie mit erstaunlich großer Effektivität eingesetzt hatte. Es verstand sich von selbst, dass Arzu ihr nicht nachstehen konnte.
Die Schwarzmagierin konzentrierte sich und formte das magische Gewebe ihrer Umgebung. Das Ziel würde Vabun sein. Er hatte einen guten Schrecken mehr als verdient. Eine finstere Silhouette formte sich um Arzu und ein bedrohliches Rot verzerrte ihr wunderschönes Gesicht zu einer angsteinflößenden Fratze - die trotz allem immer noch überdurchschnittlich gut aussah.
»Wie gefällt dir das?!«, fragte Arzu in einer dämonisch klingenden Stimme.
Eine Antwort gab Vabun nicht mehr, denn von einem Moment auf den nächsten verwandelte er sich vollständig zu Stein. Ganz offensichtlich seine Art der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Übel nehmen konnte es die Schwarzmagierin ihm nicht. Als sie sich selbst in einem Spiegel sah, erkannte sich Arzu nicht wieder. Es war die perfekte Kreuzung ihrer Schönheit und Beliars Schrecklichkeit.
Es dauerte einen Augenblick, nachdem die Varanterin ihren Zauber aufgehoben hatte, bis Vabun wieder aus Fleisch und Blut bestand.
»Mach das bloß nicht noch mal! Da kriegt man ja Angst.«
»Deine Fähigkeit, das Offensichtliche zu erkennen, ist wirklich phänomenal.«
»Ich hoffe, DU hast dir bessere Zaubersprüche ausgesucht, Thara.«, sagte Vabun und wandte sich an das dürre Mädchen. Natürlich erst, nachdem Arzu ihm noch kräftig gegen die Schulter boxte.
»Aua! Das tut doch weh!«
»Gut!«

Thara
19.12.2024, 22:27
„I-i-ich? B-bessere …?“, stotterte Thara, überrumpelt von der plötzlichen Anforderung, bessere Sprüche wirken zu können als Arzu. Wie sollte sie das denn jemals hinbekommen? Arzu war viel schlauer und talentierter, das musste Vabun doch auch längst gemerkt haben! Sie schüttelte den Kopf und betrachtete dabei eingehend ihre Füße. „N-nein, bestimmt nicht!“
„Was hast du denn gelernt?“, fragte Vabun und rieb sich die Schulter, an der Arzu ihm ein paar bemerkenswert kräftige Hiebe verpasst hatte. „Lass sehen!“
Thara kämpfte gegen den Drang an, sich unter dem Wasserbett zu verkriechen, und nickte zaghaft. Dann hob sie die Arme und begann, wie Arzu zuvor, mit der Beschwörung eines Zombies. Es sah aus, als ob sich auf dem Fußboden plötzlich ein schwarzer Strudel auftäte, aus dem sich eine knochige Hand herausreckte, an der noch Fetzen bleichen, verwesenden Fleisches hingen. Zugleich breitete sich auf der Stelle ein dumpfer, süßlicher Gestank in dem ganzen Raum aus, der nur um so stärker wurde, als der Kopf es Zombies zum Vorschein kam – ein wächsernes, aufgedunsenes Gesicht mit hervortretenden, milchigen Glubschaugen und wulstigen, geschürzten Lippen, die seinem Aussehen etwas fischartiges verliehen.
„Igitt, das ist genug! Ich glaub’s dir ja!“, rief Vabun und wedelte mit den Armen, um Thara zu signalisieren, dass sie die Beschwörung abbrechen sollte. Arzu hielt sich die Nase zu, ihre Gesichtsfarbe wechselte dabei zwischen grau und grün.
„T-t-tut mir leid!“, entschuldigte sich Thara und ließ die Magie verpuffen, bevor sie sich überhaupt richtig manifestiert hatte. Der Zombie, der gerade damit beginnen wollte, aus Beliars Reich endgültig in die Realität des Mondkastells zu klettern, wurde wieder in den schwarzen Strudel zurückgesaugt und verschwand mit einem heiseren Brüllen, das jäh verstummte, als das Tor zur Hölle sich unspektakulär wieder schloss.

Vabun öffnete sämtliche Fenster an der Stirnseite des Laboratoriums, bevor er sich wieder an Thara wandte, die wie angewurzelt auf der Stelle stand, auf den Boden starrte und ihre Finger ineinander verknotete, während sie sich wünschte, sie könnte genauso einfach im Boden verschwinden, wie ihr stinkender Zombie. Der halbversteinerte Schwarzmagier räusperte sich: „Nun gut, vielleicht solltest du versuchen, deine Zombies nicht in geschlossenen Räumen herbeizurufen. Auf der anderen Seite, der Gestank kann schon auch nützlich sein, wenn nicht gerade wir davon betroffen sind.“ Er überlegte kurz und neigte dann den Kopf leicht zur Seite: „Wenn du es schaffst, nur den Gestank heraufzubeschwören, ohne den Zombie, und ihn gezielt auf einen Gegner zu lenken, dann kann das einen ähnlichen Effekt haben, als würdest du einen Feind in Angst versetzen …“
Thara hob zweifelnd die Augenbrauen, verstand Vabuns laute Überlegung aber als Aufforderung, genau das zu versuchen. Jemandem Furcht einzuflößen, hatte sie ja bereits gelernt – eher zufällig, als sie entdeckt hatte, dass sie ihre eigenen tiefsitzenden Ängste auf andere übertragen konnte. Ob das mit ihren Erinnerungen an alten, in der Sonne vor sich hin gammelnden Fisch genauso funkionierte? Kurzerhand konzentrierte sie sich genau darauf und auf Vabun, um seine Sinne mit ihrer Magie zu überwältigen. Der Halbversteinerte riss plötzlich die Augen weit auf, schlug die Hände vor den Mund und begann zu würgen – gerade so schaffte er es noch, zum Fenster zu sprinten und sich hinauszulehnen, bevor er sich sein Mittagessen noch einmal durch den Kopf gehen ließ.

Es dauerte ein wenig, bis sich Vabuns Magen wieder beruhigt hatte, und Thara entschuldigte sich in dieser Zeit sicher ein dutzend Mal. Als sich Vabun ihr wieder zuwandte, lächelte er zu ihrer Überraschung – gequält, aber auch anerkennend.
„Das … Heiliger Bimbam, ich glaube, ich hatte noch nie so einen ekelhaften Geruch in der Nase! Wo bei Beliar nimmst du nur die Inspiration dafür her?“ Er schüttelte Kopf. „Einerlei, sieh nur zu, dass du das nächste Mal Meraton oder so als Ziel auswählst und nicht ausgerechnet mich! Und, kannst du sonst noch etwas? Am besten nichts, wo ich wieder als Ziel herhalten muss? Knochen formen vielleicht?“, fragte er mit einer gewissen Nervosität in der Stimme.
„E-e-entschuldige, ich w-wollte nicht …“, stammelte Thara, obwohl Arzu es ihr verboten hatte.
Vabun winkte jedoch ab: „Jaja, ist schon gut. Nun?“
Thara nickte gehorsam und breitete wieder ihre Hände aus, als würde sie eine Gabe empfangen wollen. Ein Knochen materialisierte sich aus dunkelblauem Nebel und sie begann, ihn zu formen. Tatsächilch empfand sie es als keine allzu schwere Übung, und nach kurzer Zeit hielt sie einen simplen, aber gleichmäßig geformten Dolch aus Knochen in der Hand. Als sie mit dem Daumen vorsichtig über die Schneide fuhr, war sie selbst überrascht von deren Schärfe – es fühlte sich kaum anders an als Stahl und schien sogar eine ähliche Härte zu besitzen!
„Sehr gut!“, lobte Vabun, offensichtlich erleichtert darüber, nicht schon wieder als Versuchskaninchen herhalten zu müssen. „Es schadet nie, sich Waffen und Werkzeuge erschaffen zu können. Man weiß schließlich nie, wann man mal wieder seinen Schlüssel vergisst! Tjaaaa …“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und maß Arzu und Thara mit einem kritischen Blick. Schließlich nickte er. „Gut, gut, ich denke, ihr habt euch das nötige Wissen und die Fähigkeiten angeeignet, dass ihr euch als Meisterinnen des Zweiten Kreises der Magie betrachten könnt. Aber bildet euch nicht zu viel drauf ein, es gibt noch eine Menge zu lernen! Nachdem wir Meraton in den Arsch getreten haben. Das Lichtschwert dürfte bald fertig sein. Wie passend!“

Arzu
20.12.2024, 18:48
Wie es inzwischen üblich war, hatte sich Arzu schon beim ersten Zeichnen einer Beschwörung ihrer Zirkelschwester die Nase fest zugehalten. Eine wohlüberlegte Vorsichtsmaßnahme, wie sich schnell herausstellte. Selbst mit zugehaltener Nase und nur einem Teil des Zombies in der hiesigen Sphäre, war der Geruch überwältigend. Arzus empfindlicher Magen drehte sich gleich mehrfach um. Glücklicherweise erging es Vabun ganz ähnlich. Ohne dass sie ihre Kreatur vollständig manifestieren konnte, unterbrach der Mann in Gardine das olfaktorische Desaster. Der anschließend im Raum hängende, süßliche Gestank konnte nach dem Dafürhalten der Varanterin, gar nicht schnell genug aus den Fenstern abziehen. Es war einer der Momente in denen sich Arzu wünschte, Feuermagierin zu sein. Entweder um einfach alles zu verbrennen oder die verpestete Luft sonst wo hinzuschicken.
Bei der ganzen Angelegenheit drängte sich der Schwarzmagierin ein Gedanke auf: aus welchem Grund stanken Tharas Beschwörungen immer so? Absicht konnte es kaum sein. Oder vielleicht doch? Das dürre Mädchen tat immer so unscheinbar. Hatte Arzu etwa eine Nebenbuhlerin und wusste nichts davon?
Mit neuem Argwohn beobachtete die Nekromantin, wie Thara ihre nächste Zauberformel vorführte. Interessanterweise war es abermals ein Angriff auf die Geruchsnerven. Dieses Mal traf es jedoch nur Vabun und nicht die Varanterin. Amüsiert sah Arzu dabei zu, wie mal jemand anderes kurz davor war, sich zu übergeben. Offensichtlich hatte der Zauber volle Wirkung erzielt. Im Gegensatz dazu war der dritte und letzte Zauber ihrer Zirkelschwester wohl der banalste. Insgeheim fragte sich Arzu, wozu man solch eine Zauberformel überhaupt lernen sollte. Alles, was sie jemals begehrte, kaufte sich die Varanterin. Und zwar nicht als knochiges Faksimile.
Nach der Vorführung ihrer magischen Fähigkeiten hieß es warten für die drei. Es war eine gute Gelegenheit für Arzu, eine Bestandsaufnahme ihres Aussehens zu machen. Für ihre Verhältnisse eine absolute Katastrophe! Ihr schwarzes Kleid hatte mehr Löcher als ein Fischernetz, ihre Haare ließen den üblichen Glanz vermissen, ihre Haut war längst nicht mehr so geschmeidig und unter ihren Fingernägeln hatte sich Dreck angesammelt. Wann hatten sie noch mal das Bad genommen? Es musste inzwischen Jahre her sein. So fühlte es sich zumindest für Arzu an.
Notdürftig befreite die Varanterin ihre Fingernägel von dem Dreck, als plötzlich ein lautes Geräusch (https://www.youtube.com/watch?v=s_VjqrdLyIo) ertönte.
»Endlich! Es ist vollbracht!«, rief Vabun und trat an die Apparatur mit dem Lichtschwert. Der Mann in der Gardine zückte die Waffe und hielt sie in die Höhe. Ein grelles Licht trat aus dem Heft des Schwertes. Mit jedem Schwung, den Vabun damit machte, gab es ein sehr einprägsames Surren.
»Kannst du überhaupt mit Schwertern umgehen?«, fragte Arzu neugierig. Weder sie noch Thara hatten Erfahrung darin, so dass es in ihren Händen nahezu wertlos war.
»Na klar! Und selbst wenn nicht. Donnie weiß doch gar nicht mehr, welche Skills mein anderes Ich damals in seiner Tabelle hatte. Tun wir einfach so, als wäre ich ein Schwertmeister!«, sagte Vabun, immer noch völlig fixiert auf die Waffe.
»Was auch immer du sagst.«, antworte die Nekromantin und sah zu ihrer Zirkelschwester herüber. Thara zuckte nur mit den Schultern. Offensichtlich hatte der Gardinenmann nicht nur herumgeblödelt, als er gesagt hatte, dass die beiden den Umgang mit ihrer Magie für den anstehenden Kampf sicher beherrschen mussten.
»Können wir dann los?«, fragte die Nekromantin.
»Oh ja! Darauf habe ich so lange gewartet!«, erwiderte Vabun und ließ die leuchtende Klinge der Waffe verschwinden. »Zum Vabunmobil!«
Kurze Zeit später saßen sie wieder in der schwarzen Kutsche. Statuen, Wandteppiche, Goblins und vieles mehr rauschte an ihnen vorbei.
»Was genau ist eigentlich unser Plan?«
»Wir besiegen Meraton und retten damit den Mond!«
»Wie genau besiegen wir ihn denn?«
»Mit dem Lichtschwert! Sag mal, hast du die letzten eineinhalb Jahre nicht aufgepasst?«
Endlich hielt die Kutsche an. Der Eingang zum Thronsaal war unverkennbar. Zu ihrer Überraschung hatten die Wachen des Goblinkönigs bereits alle Hände voll zu tun. Sie waren alle da: das kleine Männchen mit dem Spinnrad, der muskelbepackte Mann, das Kind und die gigantische Hand, die beiden nackten Männer mit dem Quietscheentchen, der Kleine mit dem Schnurrbart und der Fette mit dem Hinkelstein und natürlich auch der Mann mit dem Bard und der Kapitänsmütze. Sie waren alle da, nur nicht die Drachen. Wie genau Vabun diesen koordinierten Angriff auf Meratons Hauptquartier auf die Beine gestellte hatte, war Arzu vollkommen schleierhaft. Zu ihrem großen Erstaunen setzte diese bunte Ansammlung von Charakteren den Goblins erheblich zu. Die gigantische Hand zerquetschte gleich eine handvoll der kleinen Plagegeister. Der Hinkelstein und auch das Spinnrad wurden zu Prügeln umfunktioniert. Und die Quietscheente... Nun, das blieb besser für immer ungesagt. So oder so bot sich den beiden Schwarzmagierinnen um Vabun eine Schneise durch das Chaos und hin zum großen Tor des Thronsaals. Ohne weitere Zeit zu verlieren, rannten die drei an der Schlacht vorbei und betraten den weitläufigen Saal, der als Arena für ihren Endkampf dienen sollte.
Am anderen Ende des Raums saß Meraton auf seinem Thron. Offenbar hatte er ihre Ankunft bereits erwartet.
»Sieh an, wer gekommen ist!«, sprach der Goblinkönig. »Mein alter Erzfeind. Und die beiden Möchtegernmagierinnen hast du auch gleich mitgebracht. Das trifft sich ausgezeichnet. Aber sag mir, Vabun, was hat dich nach all der Zeit dazu bewogen, dich mir zu stellen, hm?«
»Ich dachte, ich komm mal vorbei, kaue Kaugummi und tret' 'n paar Leuten in den Arsch. Ich hab nur leider kein Kaugummi.«

Thara
23.12.2024, 14:48
Meraton rollte mit den Augen. „Ein witziger Kerl“, knurrte er, „Ich mag keine witzigen Kerle!“
Dann stemmte er sich von seinem Thron hoch, und Thara wurde zum ersten Mal bewusst, wie groß dieser ‚Goblin‘ tatsächlich war. Selbst Vabun wirkte einen Augenblick lang verunsichert. Meraton überragte ihn sicher um mindestens zwei oder drei Haupteslängen, und obwohl sich sein Bauch beachtlich vorwölbte, haftete seinen Bewegungen nichts Unbeholfenes an, sondern er strotzte vor brutaler Kraft.
Mit gemessenen Schritten stieg Meraton die Treppenstufen von dem Podest, auf dem der Thron stand, herunter, und hinter ihm sammelte sich seine Gefolgschaft aus Goblins. Es waren sicherlich mehrere dutzend, wenn nicht sogar hundert oder mehr dieser kleinen Plagegeister, die Thara im Schatten hinter und neben dem Thron ausmachen konnte. Sie wirkten besser bewaffnet als die meisten, die ihnen sonst im Kastell begegnet waren – offenbar Meratons persönliche Leibgarde. An Meratons Seite erkannte Thara auch Fladnag, der noch immer das magische Licht bei sich trug, das er den Feuerstock-Brüdern abgenommen hatte. Thara schluckte schwer. Das waren wirklich ganz schön viele Gegner! Hoffentlich hatte Vabun sich nicht überschätzt und sie geradewegs in den Tod geführt …

Meraton stemmte die Arme in die Hüften und richtete den Blick seiner kleinen roten Augen auf Arzu und Thara: „Als ich euch aufgetragen habe, Vabun herzubringen, meinte ich damit eigentlich, dass ihr ihn vorher unschädlich macht! Ich hatte euch für fähiger gehalten … und für motivierter!“ Er deutete auf den armen Tausendfüßler Fußßie, der noch immer über seinem Thron an Ketten von der Decke hing. Er hatte in der Zwischenzeit noch eine ganze Reihe weiterer Beine eingebüßt, die Meraton ihm in seinem Sadismus ausgerissen haben musste. „Sieht nicht gut aus für euer Haustier … und für euch, da ihr ernsthaft glaubt, ihr könntet euch mir widersetzen! Der kleine Tumult vor dem Thronsaal ist wohl auch euer Werk?“
„Oh ja!“, rief Vabun, „Die Leute haben einfach die Nase voll von den miesen Arbeitsbedingungen hier! Nieder mit dem Kapital!“
Meraton zog die Augenbrauen hoch und grinste belustigt, wobei er Reihen gelber, spitzer Zähne zur Schau stellte: „So ein Pech aber auch. Ich frage mich nur, Vabun, mein alter Freund, wie du dir das vorgestellt hast. Glaubst du etwa, du könntest mir mit deiner lächerlichen Magie zusetzen? Oder gar die beiden Küken, die du mitgebracht hast?“
„Nein, aber ich habe die Waffe, um dich zu bezwingen, du aufgeblasene Kröte!“ Vabun zog das Lichtschwert hervor und ließ theatralisch die weißglühende Klinge ausfahren. Die Waffe summte leicht, als wenn ihre Kraft und Energie nur mit Mühe in dem Griff zusammengehalten werden könnten.
„Das Lichtschwert!“, keuchte Meraton und für eine Sekunde lang lag so etwas wie Unsicherheit in seinem Blick, die jedoch rasch von Zorn ersetzt wurde. „Fladnag!“, bellte er, „Du hast mir erzählt, du hättest dich um die Artefakte gekümmert und sie vernichtet!“
Der angesprochene Goblin trat mit unterwürfig gesenktem Haupt einen Schritt vor und warf sich vor Meraton auf die Knie: „Das … äh … sie waren einfach nicht kaputt zu kriegen, oh großzügiger Herr, also habe ich sie sicher in meiner unsichtbaren Kiste versteckt!“
„Sicher? SICHER?“, tobte Meraton, „Und wie kommt dieser verlauste Witz von einem Schwarzmagier dann an das komplettierte Lichtschwert, hä? Du hast mal wieder auf ganzer Ebene versagt, Fladnag! Und meine Geduld mit dir ist am Ende!“
Ehe Fladnag noch etwas erwidern konnte, streckte Meraton die Hand aus und ballte sie zur Faust, als würde er zudrücken. Fladnag riss die Augen auf, umklammerte seinen Hals mit den Händen und fing an nach Luft zu schnappen wie ein Fisch auf dem Trockenen, als er plötzlich von einer unsichtbaren Kraft in die Höhe gehoben wurde. Seine Füße strampelten in der Luft, nach wenigen Sekunden lief sein Kopf rot an und seine Augäpfel schienen bald aus ihren Höhlen springen zu wollen, während er würgende und krächzende Geräusche von sich gab. Meraton beobachtete den Todeskampf seines einstigen Dieners ohne jedes Zeichen von Mitgefühl. Erst, als Fladnag nur noch als lebloses Bündel da hing, löste Meraton seinen telekinetischen Griff und der tote Goblin plumpste wie ein nasser Sack zu Boden.
„Namuras, du bist gerade befördert worden!“, bellte Meraton, und einer der Goblins kam dienstbeflissen herangewuselt. Er schleifte Fladnags Leiche davon und war sich auch nicht zu schade, sie um einige Besitztümer zu erleichtern, bevor er sich wieder an Meratons Seite begab.

Vabun, der das ganze Geschehen mit mäßigem Interesse beobachtet hatte, rollte mit den Augen: „Jaja, die gute alte ‚Töte deine Gefolgsleute‘-Szene, damit auch alle wissen, wie böse du bist … Herzlichen Glückwunsch! Ich hau dir trotzdem gleich volles Pfund aufs Maul!“
„Ach, tust du das?“ Meraton grinste. „Dafür musst du aber erst einmal an mich herankommen … Und weißt du, was der Vorteil daran ist, der Goblinkönig zu sein? Richtig: Viele, viele Goblins! Los, macht sie kalt!“
Die Goblins fackelten nicht lange. Namuras, der frisch beförderte Anführer, reckte den magsichen Leuchtstab in die Höhe, den er von der Leiche seines Vorgängers geplündert hatte, und stieß einen heiseren Kriegsschrei aus, in den seine zahlreichen Cousins und Cousinen einstimmten, kurz bevor sie losstürmten.
„Verdammter Feigling!“, rief Vabun über den Tumult hinweg, „Ich fordere dich zum Duell! Trau dich gefälligst!“
Maraton lachte nur, tief und kehlig, und hielt sich dabei den wackelnden Wanst. „Warum sollte ich, kleiner Mann? Ich bin der Bösewicht hier, ich muss mich nicht an irgendeinen Ehrencodex halten! Und auch wenn es einige meiner kleinen Diener hier das Leben kosten mag – das ist ein Preis, den ich zu zahlen bereit bin!“ Er grinste und stieg wieder zu seinem Thron hoch, wo er sich mit einem zufriedenen Seufzer hinsetzte und die Hände auf dem Bauch verschränkte, während er dem sich entfaltenden Chaos zuschaute.

Arzu
29.12.2024, 18:08
Arzu war drauf und dran auf dem Absatz kehrt zu machen und aus dem Thronsaal zu rennen. Hätte sie gewusst, dass eine ganze Armee von Goblins auf das Trio wartete, wäre sie gar nicht erst mitgekommen. Doch jetzt war der Ausgang durch die Horde versperrt. Sie hatten keine andere Wahl, als sich den Weg in die Freiheit zu erkämpfen. Zu ihrem großen Erstaunen stellte die Nekromantin fest, dass Vabun sich von dieser Aussicht nicht abschrecken ließ. Er hatte es auf Meratron abgesehen. Egal wie viele Golbins sich dem Unversteinerten dabei in den Weg stellten. Mit einem fulminanten Sprung landete Vabun inmitten der heranstürmten Plagegeister und säbelte sie mit dem Lichtschwert nieder. So etwas hatte Arzu ihm gar nicht zugetraut, suchte er sonst bei Gefahr immer das Weite.
Ganz ohne Unterstützung könnte der Mann in der Gardine trotzdem nicht gewinnen. Die beiden Schwarzmagierinnen nickten sich zu und beschwörten ihre Kräfte herauf. Ein Orkzombie kletterte aus einem Riss im Boden hervor. Es war die stärkste Kreatur, die Arzu rufen konnte. Schon beim letzten Mal hatte sie der Nekromantin gute Dienste geleistet. An Vabuns Seite würde der Zombie gewiss auch länger dem Ansturm standhalten. Plötzlich erinnerte sich die Varanterin, was noch beim letzten Mal geschehen war. Etwas blass um die Nase sah sie zu Thara herüber. Zu Arzus Erleichterung schleuderte ihre Zirkelschwester eine Schattenflamme nach der anderen in die Menge. Zweifellos würde ein Zombie des dürren Mädchens viele der Goblins in die Flucht schlagen. Gleichzeitig waren dessen Ausdünstungen für Vabun und Arzu genauso unerträglich. Insgeheim verfluchte sich die Varanterin, ihrer Zirkelschwester nicht zu einem Skelett oder dergleichen geraten zu haben. Nicht nur hätte das ihre Nase in Frieden gelassen, es hätte auch mehr zu Tharas Figur gepasst.
Mit heftigen Schritten stellte sich der Orkzombie der Flut von Goblins entgegen. Die riesige Pranke hämmerte auf die kleinen Kerle ein, brach Knochen und riss Extremitäten aus. Es war kein schöner Anblick für die Schwarzmagierin, jedoch erfüllte er sie mit Stolz. Stolz auf sich selbst und wie weit sie es gebracht hatte. Sie allein hatten diesen mächtigen Orkzombie heraufbeschworen. Sie allein lenkte ihn nach ihrem Gutdünken. Hatte Arzu zu Beginn der Schlacht noch gezweifelt, schöpfte sie nun Zuversicht.

Thara
30.12.2024, 14:25
Konzentrier dich … konzentrier dich! Thara biss die Zähne zusammen und kämpfte gegen die Angst an, die sie angesichts der angreifenden Goblinhorde zu übermannen drohte. Es waren so viele! Warum nur waren es so viele? Warum hatte Vabun sie in diese offensichtliche Falle geführt? Hatte er wirklich geglaubt, zwei unerfahrene Schwarzmagierinnen könnten einen Unterschied machen im Kampf gegen ein Wesen wie Meraton?
Aber Flucht war keine Option, der Rückweg versperrt. Sie würden den Thronsaal über Meratons Leiche verlassen, oder gar nicht. So unangenehm dieser Gedanke auch sein mochte, er half Thara zumindest ein wenig dabei, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und darauf, das Einzige zu tun, was noch zu tun blieb: kämpfen.
Sie hielt sich dicht an Arzu. Ihre Zirkelschwester hatte einen großen, breitschultrigen Zombie beschworen, der mit langsamen, aber weitausholenden Schlägen seiner gewaltigen Fäuste unter den Goblins wütete. Wenn er eines der kleinen Biester erwischte, brachen Knochen wie trockene Zweige. Thara überlegte kurz, ob sie selbst ebenfalls einen Zombie beschwören sollte, entschied sich aber rasch dagegen – eine beschworene Kreatur war nützlich, wenn man sich selbst in gebührendem Abstand zum Kampfgeschehen aufhalten konnte, aber hier waren sie mittendrin, und da wollte Thara in der Lage sein, auf unmittelbare Bedrohungen direkt reagieren zu können. Also nutzte sie ihre Fähigkeiten lieber, um Arzus Zombie zu unterstützen – Schattenflammen fuhren zischend aus ihren Fingerspitzen und hinterließen verkohlte, zerfetzte Leiber, oder sie bahnte sich ihren Weg in die Gedanken der Goblins und zerrte die dunkelsten Ängste der kleinen Biester ans Tageslicht, so dass sie vor Panik ihre Waffen fallen ließen und die Flucht ergriffen. Angesichts dessen, dass sie von Natur aus eher feige waren, war das keine große Kunst, und jeweils die entstehende Unordnung verschaffte den beiden Magierinnen und ihrem Zombie ein wenig Raum.
Es gelang ihnen auf diese Weise, sich erstaunlich gut zu behaupten, und Tharas anfängliche Furcht wich langsam einer fokussierten Konzentration, die ihr sonst selten vergönnt war. Das Wirken der Magie erforderte ihre ganze Aufmerksamkeit – sie durfte ihre Kräfte nicht verschwenden, sonst würden die Goblins sie am Ende doch noch überrennen!

Ein Grund, warum Arzu und Thara die Horde abwehren konnten, war jedoch schlicht – Vabun. Ein großer Teil der Goblins konzentrierte sich auf ihn und schenkte den beiden jungen Magierinnen darüber kaum Beachtung. Vabun aber spielte in einer völlig anderen Liga. Das summende Lichtschwert wirbelte in weiten Kreisen um ihn herum und durchtrennte mühelos Holz, Stahl, Fleisch und Knochen gleichermaßen, und darüber hinaus entfesselte er zerstörerische Magie, die die Fähigkeiten seiner beiden unfreiwilligen Begleiterinnen weit übertraf. Ein bösartiger, rötlicher Nebel breitete sich vor ihm aus, und die Goblins, die darin gefangen waren, japsten nach Luft wie Fische auf dem Trockenen. Wenn sie versuchten, aus dem Bereich des Zaubers zu entkommen, schien es, als würde sie etwas festhalten, während es ihnen unweigerlich das Leben aussaugte. Einer nach dem anderen sackte tot in sich zusammen.
Und trotzdem reichte es nicht. Meraton saß auf seinem Thron, das Kinn auf eine Faust gestützt, und übersah das Geschehen mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht.
„Du verdammter Feigling!“, brüllte Vabun über den Kampfeslärm hinweg, „Komm endlich her und stell dich!“
Doch Meraton lachte nur. Seine Goblins drangen auf Vabun ein, und obwohl er viele von ihnen tötete, kam er keinen Schritt näher an seinen eigentlichen Gegner heran. Hin und wieder vollführte Meraton kleine, beiläufige Gesten mit der Hand, die seine Untergebenen zu einer regelrechten Raserei anzustacheln schienen, in der sie ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit auf Vabun losgingen. Der Magier konnte sich nur verteidigen und wurde Schritt für Schritt zurückgedrängt …

„Was war gleich nochmal dein Plan?“, rief Arzu ihm zu. Die Frustration in ihrer Stimme war unüberhörbar.
„Na reingehen und Meraton töten!“, erklärte Vabun, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, und enthauptete dabei einen Goblin, der keck genug war, sich ihm auf Lichtschwertlänge zu nähern. Kein Blut spritzte aus der Wunde, stattdessen brutzelte und qualmte es nur ein wenig. Der Geruch von verbranntem Fleisch hing inzwischen wie ein dicker Teppich in der Luft.
Arzu stieß irgendetwas auf einer Sprache aus, die Thara nicht verstand – aber sie musste die Worte auch nicht verstehen, um zu wissen, dass die schöne Varanterin gerade eine Triade von vermutlich nicht sehr schmeichelhaften Schimpfworten auf Vabun losließ. Der Gardinenmagier zog kurz die Mundwinkel nach unten: „Hey! Das war jetzt aber gemein!“
Thara hätte den beiden Zänkern gern vermittelt, dass jetzt ein denkbar schlechter Zeitpunkt war, sich gegenseitig in die Haare zu bekommen (auch wenn Vabun es zweifellos verdient hatte), aber da sie nicht wusste, wie sie das hätte anstellen sollen, suchte sie stattdessen nach einem Ausweg. Irgendwie mussten sie die Goblins loswerden, so dass Vabun Meraton erreichen und dem Ganzen endlich ein Ende setzen konnte! Aber wie?
Fußßie! Ihr Blick fiel auf den riesigen Tausendfüßler, der noch immer über Meratons Thron hing. Schwere Ketten waren um seinen Körper geschlungen oder mit Haken grausam zwischen den einzelnen Segmenten seines Chitinpanzers befestigt, und an einigen Stellen waren ihm Beine ausgerissen worden, aber er lebte und der Tumult veranlasste ihn, gegen seine Fesseln anzukämpfen. Bislang vergeblich. Aber mit etwas Hilfe …
Thara stiftete mit einem Furchtzauber noch einmal Verwirrung unter den Goblins und konzentrierte sich dann darauf, die Magie für eine starke Schattenflamme zu sammeln. Es fiel ihr leicht, die Kraft für ihre Zauber zusammenzubekommen, denn Meratons Thronsaal summte geradezu vor magischer Energie. Ob das an der Präsenz des Goblinkönigs lag? Oder war es einfach eine Eigenheit des Thronsaals? Einerlei. Zwischen Tharas Händen wuchs die dunkelviolett schimmernde Kugel zerstörerischer Nicht-Materie immer weiter heran, bis sie fast so groß war wie ihr Kopf und sie die Magie kaum noch in Zaum halten konnte. Dann erst ließ sie sie los, gezielt auf die zentrale Verankerung der Ketten in der Decke.
Das magische Geschoss raste fauchend durch die Luft und Meraton duckte sich erschrocken. Gerade, als er sich wieder aufrichtete und über Tharas mangelhaften Zielkünste spotten wollte, hörte er über sich ein lautes Knirschen. Er legte den Kopf in den Nacken und riss die Augen auf – Fußßie wand sich in seinen Ketten, und die Verankerung, deren umliegendes Mauerwerk durch Tharas Schattenflamme wie weggeätzt war, löste sich.
Mit einem hasserfüllten Fauchen und dem Klirren der schweren Ketten stürzte Fußßie auf Meraton. Der Goblinkönig bewies jedoch eine Schnelligkeit und Mobilität, die man ihm niemals zugetraut hätte, indem er mit einer einzigen fließenden Bewegung vom Thron hechtete und sich abrollte, bevor der erboste Tausendfüßler auf seiem Kopf hätte landen können. Die Zeit, die Fußßie benötigte, um endgültig die Ketten abzuschütteln, nutzte Meraton, um einen Trupp Goblins um sich zu scharen.
„Worauf wartet ihr?“, schimpfte er, „Macht das Mistvieh platt!“
Namuras, Fladnags kürzlich ernannter Nachfolger, nickte eifrig und schwenkte den Zauberstab der Feuerstock-Brüder über seinem Kopf. Siegessicher kletterte er die Stufen zum Thron hoch, auf dem jetzt Fußßie saß. Der riesige Tausendfüßler richtete sich auf und zischte bedrohlich, aber Namuras ließ sich davon nicht einschüchtern. Mit einer lässigen Bewegung hob er den Zauberstab und ließ das grelle, weiße Licht aufblitzen.
Fußßie zuckte kurz, als der Lichtkegel ihn ins Gesicht traf, aber mehr auch nicht. Einen Augenblick lang sah es aus, als würden sich der Goblin und der Tausendfüßler gegenseitig anstarren, bevor Namuras‘ Siegesgewissheit einem Ausdruck des Schreckens wich, als er gewahr wurde, dass sein mächtiger Zauberstab nicht das geringste bewirke – er war keine Waffe, sondern nichts weiter als eine Lampe!
Fußßie ließ dem Goblin keine Zeit, seinen Fehler zu bereuen. Blitzartig stieß er auf ihn herab, die Mandibeln schlossen sich um Namuras Kopf und bissen ihn ohne Mühe von den Schultern. Der Körper des Goblins stand noch einen Moment aufrecht, die nutzlose Lampe in der Hand, als bräuchte er einen Moment, um zu registrieren, dass er tot war, bevor er in sich zusammensackte.
Fußßie zögerte nicht. Kaum war Namuras aus dem Weg geräumt, stürzte er sich ins Getümmel. Die ein Rammbock pflügte er zwischen die Goblins, die versuchten, ihn aufzuhalten, und hinterließ eine Spur aus toten, verstümmelten und bald auch versteinerten Körpern, während er versuchte, zu Meraton zu gelangen.

Der Goblinkönig war nun zwischen zwei Feinden gefangen – Vabun und Fußßie. Seine Goblins versuchten zwar, beide von ihm fern zu halten, aber es wurde rasch klar, dass sie damit trotz ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit überfordert waren. Er fletschte die Zähne und funkelte Thara böse an, die zu ihrer eigenen Überraschung seinem Blick standhielt, wandte sich dann aber Vabun zu.
„Also gut, Gardinenmann“, knurrte er, „du sollst deine Chance bekommen.“
Mit einem einfachen Kopfnicken befahl er seinen Goblins, den Weg freizumachen und sich auf Fußßie zu konzentrieren. Dann zog er einen Gegenstand hervor, der Thara beunruhigend bekannt vorkam – einen Schwertgriff ohne Klinge. Wie das …
Mit einem Zischen materialisierte sich eine blutrot leuchtende Schwertklinge. Meraton führte ein paar schnelle Schläge durch die Luft, und seine Waffe summte ebenso vor kaum gebändigter Magie wie das Lichtschwert. Er nahm eine Kampfhaltung ein und fixierte Vabun.
„Dein Weg endet hier und jetzt, alter Mann! Und danach gönne ich mir deine beiden Küken und den Riesenkäfer zum Abendessen!“

Arzu
02.01.2025, 22:03
Der Tausendfüßler war wie eine von Beliar höchstselbst gesandte Plage! Glücklicherweise waren es die Schwarzmagier, die in diesem Kampf den Segen des dunklen Gottes auf ihrer Seite hatten. Meraton konnte nur mit ansehen, wie sein Handlanger und danach noch eine ganze Reihe weiterer Goblins von dem schwarz glänzendem Tier regelrecht zerfetzt wurde. Ein abscheulicher Anblick. Dagegen war die Brutalität des Orkzombies geradezu lachhaft.
Während Arzu mit Abscheu und Genugtuung dem Treiben des Tausendfüßlers zusah, verlor sie ein wenig das Geschehen vor sich aus den Augen. Ihr Zombie kämpfte natürlich auch ohne ihr direktes Zutun weiter, denn seine Direktive lautete, alles zu vernichten, was zu Meratons Truppe gehörte. Dennoch galt es als Nekromant, aufmerksam zu bleiben. Eine Lektion, die Arzu trotz ihres großen Talents und schneller Auffassungsgabe, noch nicht verinnerlicht hatte. So kam es, wie es kommen musste. Die Goblins brachten ihren Zombie zu Fall - das Wie hatte die Schwarzmagierin nicht einmal mitbekommen. Auf jeden Fall hatten die kleinen Plagegeister ihren Ork nun vollständig bedeckt, wie eine Schar von Ameisen einen Kadaver. All die widernatürliche Kraft des Zombie nutzte ihm nichts. In Ermangelung einer Alternative beschwor Arzu darum eine große Schattenflamme herauf. Blaues Licht und ein unheimliches Brüllen stießen aus der Ansammlung von Goblins hervor, als sich der Untote aufgrund der Beschwörung des zweiten Zaubers der Varanterin in seine Bestandteile auflöste. Die kleinen Krieger wussten gar nicht, wie ihnen geschah, als der Haufen direkt unter ihren Pfoten in sich zusammenbrach. Genau dieses Chaos nutzte Arzu aus und schleuderte die Schattenflamme mitten in die Menge hinein. Ein wahrhaftes Gemetzel!
Der Triumph hielt nicht lange an, denn die Anzahl ihrer Feinde nahm offenbar kein Ende. Mit Schattenflammen konnten die Zirkelschwestern den Kampf gewiss nicht gewinnen. Da kam der Nekromantin eine Idee. Erneut sammelte sie die arkanen Kräfte. Dieses Mal hatte sie keinen Ork im Sinn. Statt dessen nahm sich Arzu ein Beispiel an dem Tausendfüßler. Wenn einer ihren Gegnern bereits Kopfzerbrechen bereitete, dann wäre ein zweiter noch viel besser!
»Halt mir die Viecher vom Hals!«, rief Arzu dem dürren Mädchen zu. Einen so großen Tausendfüßler zu beschwören, bedurfte großes Augenmerk. Sonst hätte er am Ende gar keine Füße oder vielleicht auf keinen Kopf. Während Thara die Goblins mit einer Kombination von Horrorzaubern und Schattenflammen auf Abstand hielt, formte sich vor der Varanterin eine lange, kniehohe Kreatur. Ihr Chitinpanzer ließ den schwarzen Glanz vermissen und seine Bewegungen waren weitaus schwerfälliger, als die des Originals. Dafür konnte dieser wahrscheinlich Stahl zerbeißen. Ein Gefühl der Macht erfüllte Arzu, als sie auf den zombifizierten Tausendfüßler blickte. Womöglich hatte der Orkzombie soeben seinen Platz als ihre mächtigste Kreatur eingebüßt. Der Zombiefüßler drehte eine Runde um die beiden Schwarzmagierinnen und stürzte sich dann ins Getümmel.

Thara
07.01.2025, 14:46
Es blitzte, fauchte und zischte jedes Mal, wenn die Klingen der beiden magischen Schwerter aufeinandertrafen. Vabun attackierte Meraton mit schnellen, entschlossenen Angriffen, doch Meraton erwies sich als überraschend geschickter Gegner, dessen Verteidigung nicht einfach zu durchdringen war.
Während das Duell hin und her wogte, ohne dass einer der beiden Kontrahenten einen entscheidenden Vorteil gewinnen konnte, ließ zumindest der Druck durch die Goblinhorde rasch nach. Nun, da die Aufmerksamkeit ihres Meisters abgelenkt war, schienen die kleinen Biester plötzlich so etwas wie einen Überlebensinstinkt zu entdecken – ihre Angriffe wurden zögerlicher und viele zogen sich in die Schatten zurück in dem Versuch, den Mandibeln der beiden Tausendfüßler und Tharas Schattenflammen zu entkommen. Thara begann, Hoffnung zu schöpfen – sie konnten gewinnen! Vabun musste nur Meraton erledigen, dann würden die Goblins sicherlich endgültig die Flucht ergreifen. Und sie konnten endlich wieder zurück in ihre Welt …

Leider war es offensichtlich leichter gesagt als getan, Meraton zu bezwingen. Je länger das Duell dauerte, umso mehr gewann der Goblinkönig die Oberhand – Thara brauchte keine gewiefte Schwertkämpferin zu sein, um das zu erkennen. Vabun war mittlerweile fast vollständig in die Defensive gedrängt und wehrte nur noch die auf ihn einprasselnden Hiebe ab. Selten vollführte er auch nur eine halbherzige Konterattacke, die von Meraton wie beiläufig zur Seite gewischt wurde.
„Ist das schon alles, was du draufhast, alter Mann?“, spottete Meraton, „Ich hatte gedacht, du wärst zumindest eine interessante Herausforderung!“
Tharas Hoffnung begann, sich aufzulösen. Wenn Meraton Vabun besiegte, was dann? Arzu und sie hatten sicher keine Chance, gegen den Goblinkönig zu bestehen. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was Meraton ihnen antun könnte – ein schneller Tod wäre da wahrscheinlich das gnädigste Schicksal! Aber wie konnte sie das verhindern? Vabun musste gewinnen!
Kurzentschlossen schleuderte sie eine Schattenflamme auf Meraton. Das Geschoss aus schwarzem Äther zischte durch die Luft – und prallte von Meratons roter Lichtklinge ab, als er sein Schwert mit einer schnellen Drehung des Handgelenks zwischen sich und die Schattenflamme brachte. Der Zauber wurde zurückgeworfen und hätte beinahe Thara selbst getroffen …
Meraton lachte. „Kleines Küken, wirklich? Hast du ernsthaft geglaubt, du könntest mir mit diesem lumpigen Anfängerzauber gefährlich werden? Da musst du dir schon etwas Besseres einfallen lassen!“
„Zum Beispiel das hier?“, rief Vabun, der den kurzen Moment von Meratons Unaufmerksamkeit genutzt hatte, seinerseits einen Zauber zu wirken. Der rötliche, unheimlich schimmernde Nebel, mit dem er zahlreiche Goblins getötet hatte, breitete sich um Meraton herum aus. Doch zu Vabuns Erstaunen wurde das Gelächter des Goblinkönigs nur noch lauter und er machte nicht die geringsten Anstalten, aus dem Zauberbereich zu entkommen.
„Vabun, wirklich? Ich komme aus dem Reich Beliars, ich gehöre zu seinen Geschöpfen, und da erwartest du, dass du mir mit schwarzer Magie beikommen könntest? Das könnt ihr getrost vergessen. Schwarze Magie ist die Essenz, aus der ich selbst gemacht bin!“ Meraton grinste und stellte dabei seine spitzen Fangzähne zur Schau. „Eure Fähigkeiten sind lächerlich und bemitleidenswert. Schaut her, dann könnt ihr noch was lernen!“
Er richtete den Blick seiner roten Augen auf Thara und hob die Hand. Mit den Fingern vollführte er eine Geste, als würde er einen kleinen Gegenstand wegschnippen – im selben Augenblick wurde Thara von einer unsichtbaren Kraft getroffen wie von einem riesigen Vorschlaghammer. Der telekinetische Aufprall presste ihr die Luft aus den Lungen und schleuderte die quer durch den Raum. Sie landete schmerzhaft auf dem glatten Marmorboden und schlitterte weiter, bis der Fuß einer steinernen Säule sie stoppte und sie benommen liegen blieb.
Meraton lachte vergnügt. „Da, seht ihr? Das ist Magie!“
„Glaub nicht, ich hätte nicht auch noch ein paar Tricks auf Lager, du aufgeblasene Riesenkröte!“, verkündete Vabun und vollführte seltsame Gesten mit den Armen, „Schauen wir mal, wie gut du dich mit unangekündigtem Besuch verstehst!“
Hinter Meraton begann die Luft zu flimmern und ein merkwürdiger, dunkelvioloett leuchtender Riss bildete sich einfach aus dem Nichts, der immer breiter und breiter wurde. Wie ein Fenster in eine andere, fremde Welt gab er einen verschwommenen Blick auf eine trostlose, von rasiermesserscharfen Felsformationen, Rauch und Asche geprägte Ebene frei. Dinge – Wesenheiten – bewegten sich durch das Zwielicht, einige von ihnen schienen groß wie Häuser zu sein.
„Ein Weltenriss!“ Meraton nickte mit einem Hauch von Anerkennung. „Mutig, alter Mann … was da gleich rauskommt, könnte dir genauso in den Arsch beißen!“
„Oh, du bist die fettere Beute!“, spottete Vabun.
Und dann kam etwas durch das Portal gekrochen. Es hatte Ähnlichkeit mit den Tausendfüßlern – zahlreiche Beinpaare, ein gegliederter Chitinpanzer, der mit roten Stacheln besetzt war, und zwei lange Hörner auf dem Kopf.
Vabuns Augen weiteten sich ungläubig, als sich der Weltenriss wieder schloss, sobald der Besucher aus der Hölle das Portal vollständig durchschritten hatte. Meraton lachte brüllend und hielt sich dabei den wackelnden Wanst. Dass die Höllenkreatur ihn anfauchte, ließ ihn kalt – denn die dämonische Fleischwanze war nur in etwa so groß wie ein Fuß.

Arzu
10.01.2025, 12:44
Erschrocken musste Arzu mit ansehen, wie ihre Zirkelschwester von den Füßen gerissen und fort geschleudert wurde. Im ersten Augenblick wusste die Varanterin nicht einmal, was genau geschehen war. Einen sichtbaren Zauber hatte Meraton nämlich nicht gewirkt.
»Thara!«, schrie die Nekromantin und rannte zu ihrer Zirkelschwester, die benommen am Fuß einer Säule lag. Der zombifizierte Tausendfüßler folgte sogleich und hielt sämtliche Goblins auf Abstand, die in dem dürren Mädchen leichte Beute sahen.
»Bist du in Ordnung?«, fragte Arzu und guckte Thara auf und ab. Abgesehen von einer Platzwunde hatte sie den Aufprall offenbar glimpflich überstanden. »Los, wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen!«
Zügig half die Nekromantin ihrer Zirkelschwester wieder auf die Beine. Keinen Moment zu früh, wie sich herausstellte. Zwar bekämpfte Arzus untoter Diener die Angreifer in ihrer Nähe. Vabun jedoch hatte inzwischen arge Probleme, sich gegen den Goblinkönig zu behaupten. Arzu wusste nicht genau, was für einen Zauber der Unversteinerte dort heraufbeschworen hatte. Nur, dass es offensichtlich sehr an seinen Reserven gezehrt hatte. Und für was? Eine gruselig aussehende Fleischwanze!? Das konnte nicht der Plan gewesen sein!
Doch egal, ob es geplant war oder nicht, sie müssten sich damit arrangieren. Die Gedanken der Nekromantin rasten. Ihren Tausendfüßlerzombie konnte sie nicht auf Meraton hetzen, sonst wären sie und Thara den Goblins schutzlos ausgeliefert. Der andere Tausendfüßler wütete zwar unentwegt in den Massen ihrer Gegner, bloß hörte er auf kein Kommando und folgte nur seinem Instinkt.
»Du musst einen Zombie beschwören!«, befahl Arzu dem dürren Mädchen. Ihre elegante Nase müsste die olfaktorischen Konsequenzen einfach irgendwie überstehen. Andernfalls wäre Arzus Nase womöglich das einzige, was am Ende noch von ihr übrigblieb.
Ihrer Benommenheit zum Trotz begann Thara mit der Beschwörung und öffnete einem kleinen Spalt zur Unterwelt. Im ersten Augenblick hatte Arzu noch gehofft, ihre Zirkelschwester hatte durch puren Zufall keinen stinkenden Zombie gerufen. Doch schon im nächsten Moment schlug ihr der beißende Geruch von Tod und Verwesung entgegen. Eine triefende und schmierige Gestalt betrat ihre Sphäre. Fast wirkte es so, als ob der Gestank die Luft um den Zombie flimmern ließ. Vielleicht war es auch nur in Arzus Vorstellung und sie stand kurz davor, ohnmächtig zu werden. Doch es war nicht nur die Nekromantin, die von diesen Ausdünstungen überwältigt wurden. Die Golbins und sogar Meratan selbst wichen angewidert vor der Kreatur zurück. Unter anderen Umständen hätte man sagen können, dass der Zombie den drei Helden Raum zum Atmen geschaffen hatte.
Während sich Arzu verzweifelt Mund und Nase zu hielt, fiel ihr Blick auf die höllische Fleischwanze. Genug Platz hatte sich in den Reihen der Goblins gebildet, dass die Schwarzmagierin ungehindert hinüber rennen konnte. Und genau das tat sie auch und schnappte sich das kleine Getier. Mit aller Kraft schleuderte Arzu die Fleischwanze in Richtung Meraton. Dieser wusste nicht wie ihm geschah, als das Vieh auf seiner Fratze landete. Die kleinen Hörnchen piksten dem Goblinkönig in die Augen und Meraton ließ ein ohrenbetäubendes Brüllen von sich. Sein Lichtschwert ließ der Dämon daraufhin fallen, was Vabun eine Gelegenheit zum Angriff gab. Von lautem Surren und Fauchen begleitet, schlug der Mann in der Gardine da und dort auf den Goblinkönig ein. Tiefe Wunden zeichneten Meraton, doch seine Goblinhorde kam ihm nicht zu Hilfe. Das Brüllen ihres Anführers hatte sie in Angst und Schrecken versetzt. Schließlich gelang es dem Goblinkönig, die dämonische Fleischwanze von seinem Gesicht zu reißen und in seiner Pranke zu zerquetschen. Hatte Meraton vorher den Kampf noch als spaßige Unterhaltung gesehen, verriet seine Miene nun ohne jeden Zweifel, dass die Spielchen endgültig vorbei waren.
Ein Rumpel erschütterte dann den gesamten Thronsaal. Was für Magie Meraton dort auch heraufbeschwörte, musste die Grenzen dessen sprengen, zu dem selbst Vabun fähig war. Ein gewaltiger Riss sprang inmitten des Raums auf und ein tiefes Grollen kam daraus hervor. War dies ein weiterer Diener, den Meraton rief? Ein Dämon so abscheulich, dass er das Kastell zerstören konnte?
Arzu blickte zum Goblinkönig. Zu ihrem Erstaunen hatte sich sein Zorn in Verwirrung gewandelt. Noch einmal rumpelte es unter ihren Füßen. Der Riss wuchs immer weiter und teilte den Thronsaal in zwei Hälften. Dutzende Goblins stürzten kreischend in die Tiefe hinab. Auch Thara, Vabun und Arzu hielten sich verzweifelt an allem fest, das sie in die Finger bekommen konnten. Ja, selbst Meraton verlor sein Gleichgewicht und rutschte bis zum Oberkörper in den riesigen Spalt. Ein glitschiger Tentakel kam aus der Tiefe hervor, dann ein zweiter und ein dritter. Sie tasteten im Saal umher und sobald sie etwas lebendiges berührten, zogen sie es erbarmungslos in die Finsternis des Spalts hinunter. Eine Unmenge weiterer Goblins fielen den Fangarmen zum Opfer. Vabun konnte sich nur mithilfe seines Lichtschwertes diesem Schicksal erwehren. Arzu und Thara hätte es fast erwischt, wäre da nicht Meraton gewesen. Den Goblinkönig hatte einer der langen Arme bald entdeckt und sich um ihn geschlungen. Trotz der immensen Kraft des Fangarms hielt sich der Dämon wacker. Darum ließen die restlichen Tentakeln von ihren Opfern ab, darunter auch die beiden Schwarzmagierinnen, und widmeten sich gänzlich dem großen Brocken.
»Helft mir, ihr nutzloses Pack!«, brüllte der Dämon zu den verbleibenden Goblins. Doch die kleinen grünen Männchen rührten sich nicht. Hatten sie genug von ihrem erbarmungslosen Anführer oder fürchteten sie einfach um ihr Leben? Was auch immer es war, es sollte Meraton zum Verhängnis werden. Eine der Tentakeln legte sich um den Kopf des Goblinkönigs, eine andere brach seinen Arm. Die verbleibende Klaue Meratons krallte sich tief in den Marmorboden. Widerstehen konnte der mächtige Dämon am Ende aber nicht. Mit einem heftigen Ruck zogen die Tentakeln ihn in die Finsternis unter dem Kastell herab. Es war das letzte, was die drei Helden von ihrem Erzfeind sahen. Eine unheimliche Stille kehrte in den Thronsaal ein. Unterbrochen wurde sie nur von einem lauten Rülpsen auf der Tiefe des Spalts.

Thara
12.01.2025, 22:19
„I-i-ist es weg?“, stammelte Thara warf einen ängstlichen Blick über die Schulter. Sie hatte sich an Arzu festgeklammert und widerstand allen Versuchen der Varanterin, sich aus ihrem Griff zu lösen. Die Tentakel, die da aus dem Riss im Boden gekommen waren – sie kannte sie nur zu gut! Sie gehörten dem unförmigen Monstrum, das unter dem Kastell hauste. Die Erinnerungen daran, wie sie vor nicht allzu langer Zeit von einem dieser Tentakel in die Finsternis gezogen worden war und sich dann durch ein Labyrinth des Schreckens hatte kämpfen müssen und dabei mehr als einmal nur um Haaresbreite dem Tod entronnen war, traten ihr allzu deutlich vor Augen. Sie waren kurz davor, gänzlich in Panik zu geraten. Ihr Hals war wie zugeschnürt und es fühlte sich an, als ob ihr jemand in den Magen geschlagen hätte, was nichts mit dem Zauber zu tun hatte, mit dem Meraton sie durch den halben Raum geschleudert hatte.
„Ja, ja, es ist weg! Und es kommt auch nicht wieder!“ Arzu hatte einsehen müssen, dass sie Thara nur wieder loswerden würde, wenn es ihr gelang, sie zu beruhigen, und redete daher sanft auf sie ein, ohne jedoch wirklich zu ihr durchzudringen.

„Genau wie Meraton nicht mehr wiederkommen wird! Ha! Bin ich gut oder bin ich gut?“, protzte unterdessen Vabun und warf sich in die Brust, während er durch den Saal stolzierte. Um sie herum herrschte eine ungewohnte Stille. Die Goblins, die die Schlacht überlebt hatten, waren spätestens nach Meratons Fall aus dem Thronsaal geflohen, wobei Fußßie ihnen gefolgt war – ob er nun einfach Hunger hatte, seinen Instinkten gehorchte oder tatsächlich so etwas wie Rachegelüste empfinden konnte, jedenfalls war er verschwunden und würde die Goblinpopulation des Kastells wohl auf eigene Faust weiter ausdünnen.

Aus dem Riss im Boden stieg ein unangenehmer Geruch nach Fäulnis, Moder und nassem Gestein, aber es regte sich nichts mehr in der Dunkelheit. Das Ding aus der Tiefe schien mit seiner Beute fürs erste zufrieden zu sein. Als sich nichts mehr in der Finsternis regte, beruhigte sich auch Thara langsam wieder und endlich gelang es Arzu, ihren Klammergriff vorsichtig Finger um Finger zu lösen und sie behutsam von sich zu schieben. Den Spalt im Boden nicht aus dem Auge lassend, ließ Thara sich kraftlos auf den Boden sinken.
„Es … e-es ist w-w-wirklich vorbei?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber schließlich richtete sie den Blick hoffnungsvoll auf Arzu. Die Varanterin nickte bestätigend.
„Es ist vorbei. Dieser Meraton ist tot. Auch wenn das nicht unbedingt Vabuns Verdienst war.“
„Hey! Wie bitte?“, tönte es hinter dem Thron hervor, aber Arzu achtete nicht darauf.
„U-u-und jetzt?“, fragte Thara unsicher. Selbst wenn Meraton tot war – sie befanden sich offensichtlich noch immer im Mondkastell. „W-wie k-k-kommen nach … n-nach Hause?“
Arzu dachte kurz nach, dann stemmte sie Hände in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme durch den ganzen Thronsaal: „Vabun, wie kommen wir nach Hause?“
Vabun kam hinter dem Thron hervor und rollte mit den Augen, als hätte sie ihn eine völlige Selbstverständlichkeit gefragt: „Na durch die Katakomben mit Meratons Schlüssel natürlich! Hast du das etwa schon wieder vergessen? Tu nicht so, als ob du über ein Jahr hier gewesen wärst!“
„M-meraton hatte d-d-den Schlüssel?“, rief Thara geschockt und sprang auf die Füße. „I-ist er etwa … ?“ Sie deutete auf den Riss.
Vabun aber schüttelte den Kopf: „Nein, nein, keine Sorge. Den hat er mit seinem anderen Krempel aufbewahrt – in seinen Privatgemächern! Der Eingang liegt hier hinter dem Thron. Oh, und wir werden deine Hilfe brauchen, um hereinzukommen. Er hat tatsächlich abgeschlossen, glaubt man‘s? Und nicht nur mit einem sondern mit … mmmh … sieben, jawohl sieben Schlössern! Ist das ein Problem?“

Da standen sie nun vor der Tür mit den sieben Schlössern und Thara seufzte innerlich. Am liebsten hätte sie Vabun angebrüllt und ihm ins Gesicht geschrien, dass es natürlich ein verfluchtes Problem wäre, weil sie vermutlich bisher beim Schlösserknacken mehr Glück als Verstand gehabt hatte, und außerdem war sie erschöpft und ihr tat alles weh und warum bei Beliar konnte der nicht einfach einen Golem die Wand einreißen lassen …
Aber natürlich tat sich nichts dergleichen, sondern nickte nur schwach: „N-n-nein, d-das … also … e-es ist bestimmt k-k-kein Problem …“
„Natürlich nicht!“, bestätigte Vabun mit völliger Selbstverständlichkeit, „Immerhin habe ich es dir beigebracht!“
Thara schloss die Augen und ballte die Fäuste, bis sich ihre Fingernägel in die Handfläche bohrten. Ich bring ihn um … bevor das hier vorbei ist, bring ich ihn um …

Nach ein paar tiefen Atemzügen schließlich sammelte Thara ihre magischen Kräfte und zauberte einen Knochendietrich herbei, mit dem sie sich am ersten Schloss zu schaffen machte. Es ließ sich erstaunlich leicht knacken – nur einmal schnappten die Riegel wieder zurück und sie musste von vorn beginnen. Auch das zweite Schloss war ähnlich leicht zu bewältigen.
Als sich auch Schloss Nummer drei nicht als Herausforderung herausstellte, begann Thara, misstrauisch zu werden. Was war der Sinn von sieben Schlössern, wenn sie sich alle von einer völligen Anfängerin innerhalb weniger Minuten knacken ließen?
„Was ist los?“, wollte Vabun wissen, Ungeduld in seiner Stimme, „Warum machst du nicht weiter?“
Thara schüttelte den Kopf: „I-ich weiß nicht … irgendwie … i-i-ist das, ich meine, w-w-warum sind die Schlösser so … einfach?“
„Na, weil ich dir sämtliche Tricks und Kniffe beigebracht habe!“, behauptete Vabun. Thara warf ihm durch den Vorhang schwarzer Strähnen, die ihr ins Gesicht hingen, einen Blick zu, der hätte töten können, wenn sie schon der Meistermagie mächtig gewesen wäre. Als ob er ihr irgendetwas beigebracht hätte!
„N-nein, das … es muss etwas a-anderes sein!“ Sie trat einen Schritt zurück, klemmte sich die Haare hinters Ohr und betrachtete kritisch die Tür und das umgebende Gemäuer. Die Tür selbst war außerordentlich massiv, sie wirkte, als wäre sie gänzlich aus Metall gefertigt und hatte sicherlich eine Dicke von mehreren Fingerbreit. Ihre Oberfläche war mit seltsamen Runen verziert, die Thara zwar nichts sagten, von denen sie aber vermutete, dass es sich um Abwehrzauber gegen magische Angriffe handelte. Eine Tür also, die sowohl mit physischer als auch magischer Gewalt kaum zu überwinden war. Und eine solche Tür sollte sich so einfach knacken lassen? Das ergab keinen Sinn!
Aber auch eine gründliche Überprüfung der Tür und des Rahmens ergab keine sichtbaren Auffälligkeiten. Bis Thara frustriert Luft holte und dabei den Kopf in den Nacken legte. Da sah sie es: Über ihnen hing ein Kronleuchter, dem sie bislang keine Aufmerksamkeit geschenkt hatten, weil er auf den ersten Blick nicht sonderlich imposant wirkte und auch nur wenige Kerzen in ihm flackerten. Er war aus schwarzem Eisen gefertigt und sah für den prunkvollen Thronsaal sehr pragmatisch aus. Und, wie Thara jetzt bemerkte, schwebte er nicht nur genau über ihren Köpfen, sondern wirkte ungewöhnlich massiv, engmaschig – und verfügte über kurze, aber brutale Stacheln auf der Unterseite.
„Der Leuchter!“, stieß sie hervor und deutete nach oben, „D-d-der ist eine … eine F-f-f-falle!“
Wenn man es einmal bemerkt hatte, war es offensichtlich: Der Kronleuchter war dafür gedacht, auf ahnungslose Möchtegern-Einbrecher herabzustürzen und sie wie lästige Fliegen zu zerquetschen. Bei näherem Hinsehen fiel sogar auf, dass dies schon das eine oder andere Mal passiert sein musste: Einige der Dornen am Leuchter waren leicht verbogen und der Boden wies einige markante Sprünge auf, die Thara zuvor der Abnutzung und dem allgemein desolaten Zustand des Mondkastells zugeschrieben hatte.
Nun stellten sich zwei Fragen: Was löste die Falle aus und wie konnten sie genau dies verhindern?

Tharas erste Idee bestand darin, den Leuchter einfach von der Decke zu schießen. Das hatte schließlich schon mit einem anderen Kronleuchter geklappt. Allerdings musste sie schnell feststellen, dass die Erbauer des Kastells diese Möglichkeit bereits bedacht hatten – als sie Schattenflammen auf die Deckenhalterung feuerte, glommen einige Runen in dem schwarzen Metall mit einem bläulichen Schimmer auf und die zerstörerische Magie zerstob zu einem harmlosen Funkenregen.
„Das war wohl nix“, kommentierte Vabun überflüssigerweise.
Arzu verschränkte die Arme und funkelte ihn genervt an: „Hast du dann vielleicht eine bessere Idee? Du könntest dich vielleicht auch einmal nützlich machen!“
„Natürlich habe ich eine bessere Idee!“, rief Vabun beleidigt aus, „Ist doch ganz einfach! Guckst du!“
Er begann, einen Zauber zu wirken, und nach einigen Sekunden des Händefuchtelns und unverständlichen Gemurmels materialisierte sich ein steinerner Golem.
„Ah, wir lassen ihn die Tür einfach einschlagen!“, mutmaßte Arzu und es lag fast etwas wie Anerkennung in ihrer Stimme. Aber Vabun schüttelte den Kopf.
„Nö.“
„… nö?“
„Die Abwehrrunen auf der Tür schützen sie auch vor beschworenen Kreaturen. Seht ihr?“
Auf einen beiläufigen Fingerzeig Vabuns hin stapfte der Golem zur Tür, holte mit seiner mächtigen Steinpranke aus und ließ sie mit aller Gewalt gegen dagegen krachen. Statt dass es jedoch die Tür einfach aus den Angeln riss, blitzte kurz etwas wie eine blaue Aura auf und statt des Geräusches, das Stein machte, der auf Metall oder Holz traf, ertönte der energetische Knall einer magischen Entladung und der Golem taumelte zurück, als hätte ihn ein Hammerschlag getroffen. Die Tür hatte nicht einmal einen Kratzer abbekommen.
Arzu rollte mit den Augen: „Toll. Und wozu ist der Golem dann da?“
„Ganz einfach: Er fängt den Kronleuchter auf, falls er herunterfällt!“, grinste Vabun und wandte sich zu Thara: „Damit kannst du in Ruhe und ohne Risiko arbeiten. Glaube ich.“
„G-glaubst du?“, fragte Thara unsicher.
„Naja, so mit letzter Gewissheit kann ich das nicht sagen, der Kronleuchter hat ja selbst Abwehrrunen, und wer weiß, was die bewirken – vielleicht lassen sie den Golem bei Kontakt zu Staub zerfallen oder es zerreißt ihn in einer gewaltigen Explosion, die Bruchstücke in alle Richtungen schleudert und dich schon komplett durchlöchert, bevor du durch den Leuchter zermatscht wirst, oder irgendetwas anderes in diese Richtung. Aber was wäre das Leben schon ohne Risiko, stimmts? Also, viel Erfolg – ich, äh, werde mal besser auf der anderen Seite des Thrones in Deckung gehen.“

Nachdem weder sie noch Arzu mit einer besseren Idee aufwarten konnten, fügte sich Thara schließlich in ihr Schicksal. Wenn sie das Mondkastell verlassen wollten, mussten sie durch diese verdammte Tür kommen! Einen anderen Weg gab es nicht. Und wie wahrscheinlich war es, dass der Kronleuchter tatsächlich über irgendwelche Anti-Golem-Magie verfügte? Vermutlich würde der steinerne Koloss, der nun regungslos mit in die Höhe gestreckten Armen unter dem Leuchter stand, ihn tatsächlich einfach auffangen.
Dennoch zitterten Tharas Hände, als sie sich an dem nächsten Schloss zu schaffen machte, und sie konnte sich nicht davon abhalten, immer wieder einen Blick nach oben zu werfen, wo der Leuchter mit seinen brutalen Stacheln wie eine unheilvolle Verheißung des Schicksals über ihr schwebte.
Vorsichtig schob sie den Dietrich ins Schlüsselloch und fühlte nach den Stiften, um sie in die richtige Position zu schieben. Als sie sich sicher war, zu wissen, in welche Richtung sie den Dietrich drehen musste, drückte sie den ersten Stift behutsam nach oben …
Bis ein leises Knirschen und Rasseln sie innehalten ließ. Sie ließ den Stift wieder in die Ausgangsposition zurückgleiten und versuchte es noch einmal, wobei sie diesmal den Kronleuchter im Auge behielt. Sobald die Geräusche wieder einsetzten, war sie sich sicher, ein leises Zittern der Kette wahrzunehmen, an dem der Leuchter hing …
Thara ließ den Stift erneut zurückschnappen und zog den Dietrich aus dem Schloss. Das musste die Falle sein! Auf Vabuns Golem zu vertrauen war die eine Sache, die Falle aber gar nicht erst auszulösen, wäre zweifellos noch viel besser. Nach kurzer Überlegung beschloss Thara, sich zunächst den restlichen drei Schlössern zu widmen. Falls die Tür dann noch nicht aufsprang, konnte sie sich noch immer an der Falle versuchen.

Es erwies sich als die richtige Entscheidung. Das fünfte Schloss ließ sich deutlich schwerer knacken als die ersten drei, und Thara verschliss nicht weniger als sieben Dietriche. Die Anstrengung, immer neue Knochenwerkzeuge herbeizurufen, fing bereits an, sich bemerkbar zu machen – vor allem angesichts der Anstrengungen des vorangegangenen Kampfes –, aber schließlich rastete der letzte Stift ein und das Schloss sprang auf.
Das sechste Schloss hingegen erwies sich ebenfalls als Falle. Und diesmal hätte Thara sie beinahe ausgelöst – der Kronleuchter schwankte bereits leicht, als sie den Dietrich wieder aus dem Schloss zog. In banger Erwartung einer Katastrophe kauerte sich Thara vor der Tür zusammen, den Blick starr nach oben gerichtet. Doch sie war noch einmal aufmerksam genug gewesen und der Kronleuchter stürzte nicht herab.
Damit war nur noch ein letztes Schloss zu überwinden, das sich als eines von der einfachen Sorte herausstellte. Als es aufschnappte, drückte Thara versuchshalber gegen die Tür – und sie schwang leise knarrend auf!
Thara stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Sie hatte es geschafft, und das sogar, ohne die Falle auszulösen! Jetzt mussten sie nur noch Meratons Schlüssel finden – und dann konnten sie dieser verfluchten Paralleldimension endlich den Rücken kehren!

Arzu
19.01.2025, 16:13
Innerlich atmete Arzu auf. Das Ende ihres Abenteuers lag nun in greifbarer Nähe und sie musste sich eingestehen, dass es auch keinen Moment zu früh kam. Zwar genoss die Varanterin die Spannung und das Ungewisse, bloß sehnte sie sich auch nach Komfort. Ein weiches Bett, ein heißes Bad, frische Kleider, eine Haarbürste! Ein Blick auf ihr langes, schwarzes Haar versetzte Arzu in größere Angst, als Meraton es jemals konnte. Noch war es nicht so schlimm wie Tharas Mopp. Viel fehlte allerdings nicht mehr. Das samtige Schimmern ließ sich nur noch in guten Lichtverhältnissen erkennen.
Diese Gedanken beschäftigten Arzu lange genug, dass das dürre Mädchen in der Zwischenzeit die Tür und die Falle überwinden konnte. Neugierig und mit aller gebotener Vorsicht spähte die Varanterin in den angrenzenden Raum. Wo eine Falle war, da konnte es auch eine zweite geben. Nur hatte sie nicht das Auge dafür. Den Kronleuchter hatte die Schwarzmagierin schließlich auch nicht als solche erkannt. Obwohl es im Nachhinein ziemlich offensichtlich wirkte.
»Meinst du, da sind noch andere Fallen?«, fragte die Nekromantin die Expertin.
»I-i-ich glaube, nicht. Sieht in Ordnung aus.«, antwortete Thara und war schon im Begriff einen Fuß durch die Tür zu setzen. Arzu hielt ihre Zirkelschwester davon ab. Wozu waren sie Beschwörer von Kreaturen, wenn sie diese Fähigkeit nicht in genau solch einer Situation nutzten?
So nahm sich Arzu ein Beispiel an Vabun und rief mit ihren magischen Kräften ein neues Wesen aus der Sphäre Beliars. Eine steinerne Pranke stieß aus dem Boden hervor und klatschte mit einem lauten Knall auf die Bodenfliesen. Eine zweite Pranke folgte sogleich und zusammen stemmten sie einen massigen Körper aus dem magischen Spalt. So wie der Mann in der Gardine hatte Arzu nun einen Golem heraufbeschworen. Von Knirschen und Grollen begleitet, reckte und streckte sich der Diener aus Stein. Eine beeindruckende Erscheinung! Wenn man einmal von der Größe absah. Denn die Kreatur reichte seiner Herrin gerade bis zur Hüfte. Zumindest die Proportionen stimmten einigermaßen. Hatte Arzu etwa die Grenzen ihres natürlichen Talentes erreicht? Musste sich die Varanterin für die höheren Kreise der Magie tatsächlich anstrengen?
Die Schwarzmagierin ließ es sich zumindest nicht anmerken und tat statt dessen so, als wäre die Größe ihres Golems genau geplant gewesen.
»Soll der so klein sein?«, fragte Vabun in seiner unverbesserlichen Art. Arzu schnaubte.
»Natürlich.«, antwortete sie kurz angebunden. »Ein größerer hätte nicht durch die Tür gepasst. Du Depp!«
»Hey! Ich habe auch Gefühle!«
»Ja, ja.«
»Weiß du, was ja ja heißt?«
»Leck mich am Arsch!«
Offensichtlich hatte der Unversteinerte mit dieser Antwort nicht gerechnet, denn es hatte ihm die Sprache verschlagen. Arzu beachtete ihn nicht weiter, sondern schickte ihren Minaturgolem in den Raum hinein. Um noch etwas Licht ins Dunkel zu bringen - oder vielmehr Dunkel aus dem Dunkel zu verbannen - schickte die Schwarzmagierin zusätzlich ihren Schattenfresser hinterher.
Zu ihrem großen Erstaunen stand der Raum vollkommen leer. Das sollten die Privatgemächer des fürchterlichen Meratons sein? War es vielleicht nur ein Vorzimmer? Eine weitere Tür gab es nicht. Das einzige, was sich im Raum befand, war ein kleines Podest in der Mitte, auf dem ein überdimensionierter Schlüssel lag.
»D-d-a-d-a-da!«, stotterte Thara vor lauter Freude.
Der kleine Golem drehte eine Runde um das Podest, klopfte hier und dort an die Wände und trat auf jede einzelne Fliese am Boden. Wenn es eine Falle gab, reagierte sie jedenfalls nicht auf den winzigen Koloss. Von Ungeduld getrieben, schlug Arzu die Vorsicht in den Wind und betrat den Raum. Kein Kronleuchter stürzte von der Decke herab, keine Dornenfalle spießte sie auf, und keine Falltür öffnete sich unter ihren Füßen.
»Es ist sicher!«, proklamierte die Varanterin und ging schnurstracks auf das Podest in der Mitte des Raumes zu. Der darauf befindliche Schlüssel wirkte viel zu groß, um damit eine Truhe aufschließen zu können. Oder überhaupt ein für Menschen gedachtes Schloss. Doch Meraton war auch kein Mensch gewesen. Mit beiden Händen packte die Nekromantin den großen Schlüssel und vermochte ihn gerade so ein Stückchen anzuheben.
»Mish Mumkin!«, rief Arzu und ließ das schwere Teile beleitet von einem lauten Knallen wieder auf das Podest fallen. Dann fiel ihr Blick auf den kleinen Golem, der nach einem Fingerschnippen sein Glück versuchte. Ohne irgendeine ersichtliche Kraftanstrengung hob die Kreatur den Schlüssel vom Podest und wartete dann auf weitere Befehle.
»Dann auf in die Katakomben!«, sagte Vabun und rieb sich die Hände.
Das Knirschen von Stein auf Stein ließ die drei Abenteuer plötzlich erstarren. Hatten sie am Ende doch noch eine Falle ausgelöst? Es dauerte einen Moment, bis sie erkannten, was sich überhaupt bewegt hatte. Es war das Podest gewesen, welches ein ganzes Stück weit nach hinten über den Fliesenboden gerutscht war. Wo es vormals gestanden hatte, offenbarte sich nun ein großes Loch mit einer Wendeltreppe. Vorsichtig blickte Arzu hinunter. Was sie sah, ergab für sie keinerlei Sinn.
Die Wendeltreppe war nicht umgeben von Mauerwerk, wie man es hätte erwarten können. Schließlich befand sich das gesamte Kastell genau darüber. Statt dessen war sie augenscheinlich freistehend wie eine Säule. Verwirrt von dem, was sie dort sah, stieg Arzu die ersten Stufen der Treppe hinunter und ließ ihren Blick schweifen. Der Logik nach hätte sie über sich das Kastell sehen müssen, doch dem war nicht so. Dort war lediglich das Loch und ansonsten freier Sternenhimmel. Als sie dann entlang der Wendeltreppe hinabblickte, sah sie in einiger Entfernung den Erdboden. Alles war in einen rötlichen Farbton getaucht und erinnerte entfernt an die unwirtlichsten Gegenden ihrer varantischen Heimat.
»Vabun? Was bei Beliar ist das?«, fragte sie zum Unversteinerten hinauf, der am Rand des Lochs hockte.
»Das weißt du nicht? Da geht es zum Marskastell!«, sagte er, als läge die Antwort auf der Hand. Mit einem Fingerzeig deutete er in die Weite. Weit hinter eine Reihe roter Dünen erhob sich ein weiteres Kastell. Es sah dem echten und dem Mondkastell verblüffend ähnlich.
»Was auch immer!«, sagte die Nekromantin schließlich und kletterte die Stufen wieder hinauf. »Das muss ich mir jetzt echt nicht geben. Thara, wir gehen!«
Ohne darauf zu warten, dass sich noch weitere Wege zu etwaigen Kastellen offenbarten, führte Arzu die kleine Gruppe aus dem Thronsaal und hinab zu den Katakomben. Erstaunlicherweise fanden sie dieses Mal auf Anhieb den richtigen Weg. Selbst das Mondkastell schien ihr Abenteuer für abgeschlossen zu halten und legte ihnen keine weiteren Steine mehr in den Weg.
Mit einem Mal blieb Vabun stehen. Nicht weit von ihnen entfernt befand sich ein Torbogen, der zu einem großen Rondell führte.
»Weiter kann ich nicht mitkommen.«, sagte der Mann in der Gardine. Seine Stimme klang uncharakteristisch traurig. Dieses Mal gab es keinen Unsinn, keinen Klamauk. Vabun sah wirklich deprimiert aus.
»Was ist denn los?«, fragte Arzu.
»Dort vorne endet diese Welt. Ich muss hier bleiben.«, antwortete Vabun. »Nur im Mondkastell kann ich unversteinert sein. Unser gemeinsames Abenteuer endet hier.«
Er mochte ein unmöglicher Depp sein, doch Arzu hatte Vabun im Laufe der Reise liebgewonnen. Ohne ihn hätten sie es niemals geschafft. Einmal ganz davon abgesehen, dass die beiden Schwarzmagierinnen viel bei ihm gelernt hatten. Arzu trat an den Unversteinerten heran und umarmte ihn kräftig. Auch Thara kam hinzu und für eine Weile verblieben sie so.
»Wir werden dich nicht vergessen, Vabun!«, sagte die Nekromantin schließlich und lächelte den Mann in der Gardine an. »Wir sehen uns bestimmt wieder!«
Tränen aus Stein rollten Vabun über die Wange.
»Ich werde hier sein!«, sagte er. »Ach ja. Falls ich Sinistro und Olivia mal treffe, schicke ich sie zu euch rüber.«
Die beiden Schwarzmagierinnen winkten dem Mann in der Gardine zum Abschied und traten dann durch den Torbogen. Das Rondell, in dem sie sich jetzt befanden, war dasselbe in dem ihr Abenteuer begonnen hatte. Als sich Arzu noch einmal umsah, war der Gang aus dem sie gerade gekommen waren vollständig in Schwärze gehüllt. Wie damals verhinderte eine unsichtbare Wand den Weg dorthin zurück.
Der Golem, Thara und Arzu gingen in die Mitte des Rondells. Lange warten mussten sie nicht. Der Boden erzitterte und eine gigantische Kreatur trat aus dem Schatten.
»Liiiiiiiiebe Zauberinnnnnnnnen!«, säuselte das Wesen und beugte sich mit seinem langen Hals zu ihnen herunter. Als es den großen Schlüssel in den Pranken des Golems sah, bleckte es seine spitzen Zähne. Ein Grinsen, das nur eine Mutter lieben konnte.
»Iiiiiiiiiiiihr habt den Schlüssel gefunden!«, jauchzte der riesige Dämon. Mit einem lauten Knall ließ er sich auf den Boden plumpsen. »Iiiiiiiiich wusste, dass iiiiiiiiiihr es schafft!«
»Damals hast du aber was von zwei Schlüsseln gesagt.«, sagte Arzu. Bei ihrer ersten Begegnung mit diesem Dämon hatte sie es noch mit der Angst zu tun bekommen. Inzwischen war sie so vielen seltsamen Wesen begegnet, dass dies keine Besonderheit mehr war.
Das Monster nickte, was aufgrund des langen Halses ausgesprochen ulkig aussah. Dann griff es nach dem Schlüssel, den der Golem getragen hatte, und brach ihn mühelos entzwei.
»Daaaaaa! hihihihi Jetzt sind es zwei!«, erklärte die Kreatur und reichte Thara und Arzu jeweils eine Hälfte. In ihren Händen schrumften die Überreste des großen Schlüssels und wandelten sich in zwei kleinere vollständige Schlüssel um.
»Kriegen wir jetzt unsere Geschenke?«, fragte die Varanterin. Immerhin war das der Auslöser für das gesamte Abenteuer gewesen. Der Dämon nickte und griff hinter seinen massigen Körper, um zwei Kisten hervorzuholen. Sie waren aus pechschwarzem Holz gefertigt und mit Bronze beschlagen. Genau wie Arzu es in Erinnerung hatte.
»Diiiiiiiiie ist für diiiiicch!«, sagte das Monster und setzte die eine vor Tharas Füßen ab und die andere vor Arzus. »Und diiiiiiie ist für diiiiich!«
Eine kindliche Vorfreude packte die Schwarzmagierin, als sie den Schlüssel in das Truhenschloss einführte und umdrehte. Es klickte und die Truhe sprang weit auf. Als Arzu hinein blickte, legte sie ihren Kopf schräg, denn mit dem Inhalt hatte sie nicht gerechnet. Statt Gold und Geschmeide, lag dort eine lange, metallische Pfeife, ein reich verzierter Fächer und zwei große Vogeleier.
»Was soll ich denn damit?«, fragte die Schwarzmagierin empört. Statt einer Antwort kicherte der Dämon nur debil und schnappte sich mit den riesigen Pranken den kleinen Golem. Noch ehe Arzu protestieren konnte, öffnete sich der gigantische Schlund des Monsters und verschlang den lebenden Felsen. Begleitet von lautem Getöse, erhob sich das Wesen schließlich und quetschte sich ohne ein Wort des Abschieds durch einen der acht Gänge.
»Das kann doch wohl nicht wahr sein!«, polterte Arzu und lief dem Monster hinterher. Natürlich prallte sie schon wie am Anfang ihres Abendteuers geradewegs gegen die Wand, die nur so aussah, als wäre sie ein Durchgang.
»Unglaublich!«, nörgelte die Nekromantin und rappelte sich wieder auf. »Ich rauche nicht mal! Hast du wenigstens was brauchbares bekommen, Thara?«
Um nicht mit leeren Händen in das andere Kastell zurückzukehren, verstaute die Varanterin Pfeife und Fächer in ihren Taschen. Als sie die beiden Eier nahm, zitterten sie leicht in ihren Händen. Offenbar lebte etwas darin!

Thara
23.01.2025, 00:06
„Najaaa …“ Thara klemmte sich eine verfilzte Haarsträhne hinter das Ohr und betrachtete zweifelnd den Inhalt ihrer Truhe: Ein großer, seltsam aussehender Schlüssel aus rostfleckigem Eisen, ein mit einer Kordel zusammengeschnürtes Lederbündel und schließlich … ein Buch. Es war nicht besonders groß und der schwarze Ledereinband wies bereits zahlreiche Abnutzungsspuren auf, als hätte es jemand über lange Zeit stets bei sich getragen. Thara blätterte darin herum, wurde aber nicht schlau aus dem Inhalt – warum auch immer sie ausgerechnet ein Buch bekommen hatte, die hatte dadurch nicht automatisch lesen gelernt, und so ergaben die Reihen verschnörkelter Buchstaben für sie keinen Sinn. Noch seltsamer wurde es, als sie es Arzu zeigte, die Varanterin aber ebenfalls nichts entziffern konnte: „Das sind keine Buchstaben, die ich kenne! Es muss irgendeine alte oder geheime Schrift sein.“
Thara seufzte. Was sollte das? Wollte der Dämon sich über sie lustig machen, indem er ihr, die noch nicht einmal gewöhnliche Buchstaben lesen konnte, ein Buch in einer obskuren Geheimschrift schenkte? Allerdings gab es auch ein paar Bilder, wobei es sich mehr um krude Skizzen handelte. Die meisten waren geometrische Formen. Aber wenn man sie richtig zusammenfügte … Thara runzelte sie Stirn und hielt das Buch von sich, als ob ihr der größere Abstand einen besseren Überblick ermöglichen würde. Waren das Schnittmuster? Nicht, dass sie sonderlich viel von Schneiderei verstand, aber im Waisenhaus hatte sie ein wenig darüber gelernt. Eine junge Novizin hatte den Mädchen ab und zu das Nähen beigebracht und manchmal auch, wie man einfache Kleidung anfertigte. Thara konnte sich nicht mehr an viel davon erinnern, aber die Zeichnungen kamen ihr bei näherer Betrachtung doch sehr ähnlich vor wie die Schnittmuster, die ihnen die Novizin – wie hieß sie doch gleich? Felicia? Falia? – gezeigt hatte. War das Buch etwa eine Anleitung für Schneiderarbeiten, verfasst in einer unbekannten Sprache? Was bei Beliar sollte ihr das bringen?

Kopfschüttelnd legte Thara das Buch wieder zur Seite und besah sich als nächstes den Schlüssel. Er war groß, schwer und schmucklos, seine Oberfläche glänzte stumpf und war von bräunlichen Rostflecken überzogen. Bemerkenswert war jedoch der seltsam gezahnte Bart. So etwas hatte sie noch nie gesehen: Eigentlich waren es gleich vier Bärte, die kreuzförmig entlang des Halms angeordnet waren und geradezu filigrane Zacken bildeten. Thara konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, zu welcher Art von Schloss ein solcher Schlüssel gehören sollte. Es gab auch keinen Hinweis darauf.

Großartig, dachte Thara und steckte den Schlüssel in die Tasche ihrer eigenen Gardinenrobe. Sie hatte also ein Buch, dass sie nicht lesen konnte, und einen Schlüssel ohne Tür. Blieb nur noch das Lederbündel – hoffentlich enthielt dieses wenigstens irgendetwas brauchbares …
Thara löste die Kordel und rollte das Bündel auf dem Boden aus. Zum Vorschein kam … eine Messersammlung?
Die Lederrolle entpuppte sich als Tasche zur Aufbewahrung einer ganzen Reihe von Messern, die ordentlich nebeneinander darin befestigt waren. Kleine und große, mit geraden und gebogenen, gezackten und glatten Klingen. Was sollte das nun schon wieder? Das waren zumindest handfeste Dinge, mit denen man einiges anfangen konnte, aber … was genau sollte sie damit? Vor allem kam ihr keines der Messer von seiner Form her irgendwie bekannt vor. Es waren keine Messer, wie man sie in der Küche verwendete. Oder für die Jagd, oder auch zum Ausnehmen von Fischen. Einige von ihnen wirkten sogar direkt unpraktisch, aber sie alle sahen auf die eine oder andere Art … nun … grausam aus. Thara zog eines der Messer, das eine seltsame hakenförmige Spitze hatte, heraus, und fuhr prüfend mit dem Daumen die Schneide entlang. Scharf war sie, daran bestand kein Zweifel! Aber wozu der Haken? Wenn sie damit irgendwo hineinstach …
Ihr lief ein leichter Schauer über den Rücken. Die Verletzung, die dieses Messer hervorrufen würde, wäre vermutlich ziemlich schmerzhaft. Aber das war auch der einzige Verwendungszweck, der Thara gerade dafür einfallen wollte. Plötzlich huschte ein kurzes Lächeln über ihre schmalen Lippen: Oh, Papa … wenn ich nur damals schon so ein Messer besessen hätte!
Hatte sie aber nicht, und der Alte war viel zu leicht davongekommen. Verbitterung nahm den Platz von Tharas kurzem Tagtraum ein und sie schob das Messer zurück an seinen Platz, bevor sie die Messertasche wieder zusammenrollte und verschnürte.
Beladen mit ihnen Geschenken wandte sie sich an Arzu: „K-k-können wir jetzt gehen? N-nach … nach Hause?“

Arzu
03.02.2025, 22:57
Als Thara über ihre Geschenke genauso ratlos blickte, wie die Varanterin es tat, war Arzu insgeheim erleichtert. Ihr erster Gedanke war, dass sich dahinter ein Geheimnis verbarg, welches sich ihr nicht offenbaren wollte. Hätte das dürre Mädchen das Geheimnis ihrer Geschenke entschlüsseln können, wäre es eine ziemliche Schmach für Arzu gewesen. Schließlich war sie doch die Klügere! So aber hatte sie offenbar alle Zeit der Welt, um dahinter zu kommen.
»Ja, wir können jetzt wieder nach Hause.«, antwortete Arzu. Welchen Weg sie einschlagen mussten, wusste die Nekromantin nicht. Jede der Pforten war lediglich eine Illusion und nicht zu durchschreiten. Fast so, als hätte sie jemand mit schwarzer Farbe an die Wände gemalt. Noch als sie darüber nachdachte, gab der Boden unter ihren Füßen nach. Im nächsten Augenblick befanden sie sich im freien Fall hinab in die Finsternis. Von Panik gepackt, kreischte Arzu lauthals und klammerte sich an die Kleinoden, die sie gerade gewonnen hatte.
Wie lange ihr Fall dauerte, konnte die Schwarzmagierin nicht sagen. Nur, dass er genauso abrupt endete, wie er begonnen hatte. Finsternis wich magischen Lichtern und sie rasten an einem riesigen Felsen vorbei. Gerade als sich Arzu des rasant näher kommenden Bodens gewahr wurde, bremste ihr Fall sich eine handbreit über den schwarzweißen Fliesen. Dieses letzte Bisschen plumpsten die beiden Zirkelschwestern, als seien sie nur von einem Stuhl gerutscht.
Geschwind warf Arzu einen Blick auf die Geschenke in ihrem Schoß. Alles hatte den Sturz wohlbehalten überstanden. Selbst die beiden Vogeleier. Ihr war fast so, als wippten sie vergnügt. Dann blickte die Varanterin zu Thara herüber. Auch ihr war nichts geschehen.
»Alles in Ordnung?«, fragte die Nekromantin und das dürre Mädchen nickte.
Arzu stand auf und sah sich dem vermeintlichen Felsen gegenüber. Natürlich war es kein gewöhnlicher Fels! Es war Vabun. Dieses Mal in seiner versteinerten Form. Vorsichtig klopfte die Varanterin an die Statue.
»Jemand zuhause?«, fragte sie. Kein Pieps machte der Wächter aus Fels. Noch eindeutiger konnte die Antwort nicht sein. Wäre es der andere Vabun gewesen, hätte er ihnen längst in den Ohren gelegen.
»Wir sind wieder zurück!«, erklärte Arzu und half Thara auf die Beine. »Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe einen Bärenhunger. Lass uns was essen gehen! Und dann werde ich hier erst mal ein Zimmer für mich einfordern!«

Thara
12.02.2025, 12:54
Fast schon mechanisch löffelte Thara ihren Eintopf und nahm ab und zu einen Bissen von dem dunklen Brot, das sie sich dazu hatte reichen lassen. Ihr gehaltvolles, aber doch sehr einfaches Mahl stand in starkem Kontrast zu den opulenten Speisen, die sich Arzu auftragen ließ und von denen Thara nicht die geringste Vorstellung hatte, was sie darstellten. Alles sah bunt und exotisch aus, und es roch köstlich, aber es war ihr eben auch völlig unbekannt – abgesehen lediglich von den Fladenbroten, die jenen ähnelten, die Arzu im Mondkastell selbst gebacken hatte.
Aber Thara hatte im Moment auch gar nicht den Antrieb, sich mit fremdartigen Speisen auseinanderzusetzen. Ihr Eintopf war heiß und würzig und füllte ihr den Magen, und das war gerade alles, was sie brauchte, um zufrieden zu sein. Sie lehnte sich zurück und ließ ihren Blick durch das Gewölbe wandern. Der echte Speisesaal des richtigen Kastells – heil, aufgeräumt, sauber – man bekam jedes Essen, das man sich wünschte, und musste sich nicht vor irgendwelchen Goblins in Acht nehmen.
Erst nach und nach wurde Thara wirklich bewusst, dass sie es wirklich und wahrhaftig geschafft hatten, den Weg zurück zu finden! Es kam ihr vor, als hätten sie ein Jahr oder länger im Mondkastell zugebracht. Dabei konnten es eigentlich nur wenige Tage gewesen sein, oder? Es war vermutlich müßig, darüber nachzudenken. Wie die Zeit im Mondkastell verlief, darüber wollte sie gar nicht erst anfangen, sich den Kopf zu zerbrechen. Da gab es noch andere Dinge …

„W-was denkst du, was m-m-mit … mit Sinistro ist?“, fragte Thara plötzlich. Arzu sah von ihrem Essen auf und hob die Augenbrauen.
„Ich weiß nicht?“ Die Varanterin ließ eine kleine grüne Frucht in ihrem Mund verschwinden und zuckte mit den Schultern. „Aber ich bin mir sicher, er kommt klar. Früher oder später wird Vabun ihn sicherlich auch wieder zurückschicken.“
Thara senkte den Kopf und nickte: „Wahrscheinlich … h-hast du recht.“ Trotzdem wallten plötzlich Schuldgefühle in ihr auf. Sie hatten Sinistro ohne ihn zu fragen in diese seltsame Parallelwelt gezogen, und jetzt hatten sie ihn einfach dort zurückgelassen. Das war nicht richtig gewesen! Sie konnten nur hoffen, dass der Magier wirklich eines Tages den Weg zurück finden würde – und dass er ihnen dann verzeihen würde, was sie getan hatten.

„Das war gut!“, verkündete Arzu schließlich, lehnte sich zurück und rieb sich zufrieden den Bauch. „Jetzt wollen wir doch mal sehen, dass wir ein Zi-“
Bevor sie den Satz vollenden konnte, tauchte plötzlich eine gewaltige geflügelte Kreatur direkt neben ihrem Tisch auf, als hätte sie nur darauf gewartet, dass die beiden Magierinnen ihr Mahl beendeten. Die Augen des Schattendämons leuchteten in einem infernalischen Rot und seine dröhnende Stimme füllte Tharas Kopf aus, begleitet von stechenden Kopfschmerzen, die sich wie rostige Nägel in ihre Schläfen bohrten: „Folgt mir.“
Sie taten, wie ihnen geheißen. Der Dämon schwebte voraus, obwohl langsam schlagenden Schwingen unmöglich in der Lage sein konnten, den massigen Leib in der Luft zu halten. Er führte sie über den Eingangssaal die Treppen nach oben ins erste Stockwerk.
Der Korridor ähnelte denen des Mondkastells, nur eben – heil und sauber. Auf dem Boden lag ein dicker, dunkelroter Teppich, die Fenster waren mit schweren Gardinen behangen (die Thara sofort wieder an Vabun erinnerten), die Wände zierten düstere Gemälde und in Nischen verborgen standen Statuen, die oft seltsame, Thara völlig unbekannte Kreaturen darstellten.

Schließlich machte der Dämon vor einer Tür halt und wandte sich zu ihnen, doch was er sagte, war offenbar nur für Arzu bestimmt – Thara hörte nichts, doch die Varanterin verzog das Gesicht, eine offensichtliche Reaktion auf die Kopfschmerzen, von denen die Stimme des mächtigen Dämons begleitet war. Schließlich öffnete er die Faust und auf seiner Handfläche lag ein silberner Schlüssel, den er Arzu überreichte.
„U-u-unser Zimmer?“, fragte Thara, doch Arzu lachte nur.
„Mein Zimmer! Du bekommst dein eigenes.“
„Oh …“ Thara ließ ein wenig den Kopf hängen, aber Arzu bekam das schon gar nicht mehr mit. Die beiden sonderbaren goldenen Eier, die sie aus dem Mondkastell mitgebracht hatte, auf einem Arm balancierend, war sie schon dabei, den Schlüssel ins Schloss zu stecken und herumzudrehen. Thara versuchte, einen Blick in den dahinterliegenden Raum zu erhaschen, aber der Schattendämon schob sich zwischen sie und Arzu und deutete mit einer Klaue den Korridor hinunter: „Komm.“

Thara gehorchte, wenn auch widerwillig. Sie drehte sich noch einmal um, aber Arzu war bereits in ihrem Zimmer verschwunden und ließ die Tür mit Schwung hinter sich ins Schloss fallen. Das Geräusch der zukrachenden Tür hallte im Korridor wider versetzte Thara einen unerwarteten Stich. Nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, ließ Arzu sie jetzt einfach hier stehen … ?
Sie schüttelte den Kopf. Was hatte sie nur schon wieder? Sie bekam ihr eigenes Zimmer, bei Beliar, etwas, wovon sie ihr ganzes bisheriges Leben lang nicht einmal zu träumen gewagt hätte, und Arzu war ja nun wirklich nicht aus der Welt, nur ein paar Schritte den Korridor hinunter! Und doch …
„Komm!“, forderte der Schattendämon sie erneut auf, und seine Stimme bohrte sich wie ein glühender Schürhaken in ihren Kopf, dass es ihr beinahe die Tränen in die Augen trieb. Jetzt erst merkte sie, dass sie stehen geblieben war und der Dämon auf sie wartete.
„J-j-ja, äh … e-entschuldigung!“ Mit hängendem Kopf schlurfte sie hinter ihm her und zwang sich, dem Drang zu widerstehen, sich noch einmal umzudrehen.

Der Schattendämon führte Thara noch ein Stück weiter den düsteren Korridor entlang, bis dieser eine Biegung machte und schließlich vor einer unscheinbaren Tür endete. Ohne ein Wort zu sagen (wofür Thara nicht undankbar war) streckte er die Hand aus, und erneut lag ein silberner Schlüssel auf der nachtschwarzen Handfläche.
„D-d .. da … danke!“, stotterte Thara und nahm den Schlüssel vorsichtig entgegen, als hätte sie Angst, dass der Schattendämon jederzeit zupacken und ihr den Arm abreißen könnte. Er tat nichts dergleichen, sondern verschwand einfach, als wäre er nie da gewesen. Für ein paar Sekunden starrte Thara in den Gang, der sich nun leer und beinahe unheimlich vor ihr erstreckte. Schließlich schob sie den Schlüssel ins Schlüsselloch und drehte ihn zögerlich herum. Mit einem leisen Klicken sprang das Schloss auf und die Tür öffnete sich – die Tür zu ihrem neuen zu Hause!

Das Zimmer war geräumig, aber nicht so groß, dass es kalt und ungemütlich gewirkt hätte. Der Boden bestand aus Holzdielen und gegenüber der Tür verfügte es über einen halbrunden Erker. Bleiglasfenster ermöglichten einen Blick auf das aufgewühlte Meer unterhalb der Klippe, auf der das Kastell thronte, und ein bequem wirkender Sessel aus dunklem Leder lud zum Verweilen ein.
Rechter Hand des Eingangs befand sich ein Kamin aus grob behauenem Stein, in dem bereits ein Feuer loderte, so dass das Zimmer angenehm warm war und der würzige Geruch brennenden Holzes als leichte Note in der Luft hing. Davor standen ein niedriger Tisch, auf dem eine mit Wasser gefüllte Zinnkaraffe platziert war, und zwei Stühle. Auf der linken Seite hingegen befanden sich das Bett, eine große Truhe und ein noch leeres Regal; weitere Einrichtungsgegenstände waren ein Schreib- und Lesepult (dessen Anblick Thara unmittelbar die Schamesröte ins Gesicht trieb angesichts ihrer Unfähigkeit, es wirklich nutzen zu können), ein einfacher Spiegel und neben dem Bett etwas, das eine Art Hausaltar zu sein schien – zwischen zwei schwarzen Kerzen stand da eine kleine Statue, die angesichts der markanten Gesichtsmaske unschwer als eine Darstellung des Totengottes zu erkennen war. Die gesamte Einrichtung war in dunklen Farben gehalten und machte einen robusten, funktionalen Eindruck. Auf umfangreiche Schnörkel und Verzierungen, wie sie sonst im Kastell eher die Norm als die Ausnahme darstellten, war verzichtet worden.

Thara schloss leise die Tür hinter sich und ging langsam durch den Raum. Mit größter Vorsicht strich sie mit den Fingerspitzen über die Möbel, als hätte sie Angst, dass sie unter einer auch nur etwas zu kräftigen Berührung zu Staub zerfallen könnten: „I-ist … ist das wirklich … mein … Zimmer?“
Ihre schüchterne Frage blieb unbeantwortet, aber eigentlich war es auch gar keine echte Frage gewesen, schließlich kannte sie die Antwort bereits. Mit einem Lächeln ließ sich Thara auf der Bettkante nieder, und für den Moment vergaß sie sogar ihre Enttäuschung darüber, wie Arzu ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte.
Sie war … zu Hause!

Corsika
21.02.2025, 22:14
Ein Donnergrollen brach ausgerechnet in jenem Moment durch den Himmel, als Dion Zweifel am Ziel ihrer Reise äußerte. Corsika konnte nicht genau sagen warum, aber ein tiefer, innerer Drang, vielleicht eine Art Instinkt, leitete sie bereits seit geraumer Zeit immer weiter nach Südosten. Zeitweise dachte sie, es wäre der Ziegenbock Timo, der irgendwie besessen war, aber wahrscheinlicher war, dass es ihm genau so ging wie ihr. Und der Ursprung dieser Reise lag in diesem unheimlichen Monolithen, den sie kurz nach ihrer Ankunft auf Argaan entdeckt hatte. Sie konnte die Botschaft nicht lesen, die sie sich mit ihrem eigenen Blut abgeschrieben hatte, aber inzwischen war sie sich sicher, dass sie die Antworten dazu genau hier in diesem Kastell finden würde. Wenn nicht, dann zumindest einen Platz zum Rasten, bevor das plötzlich aufgetauchte Gewitter sich mit aller Kraft über ihr, Dion und den Tieren ergoss.

„Du kannst hierbleiben oder umkehren oder weiter von der Klippe pinkeln“, erwiderte sie mit einer gewissen Resignation in der Stimme, „aber ich denke, es schadet nicht, sich diesen Turm mal anzuschauen.“
Sie hatten ohnehin nicht mehr viel zu verlieren. Wer sollte hier schon hausen? Räuber? Kannibalen? Nein, die würden nicht ans Ende der Welt ziehen, wo es kaum etwas zu holen gab. Wer auch immer hier lebte, wollte sich vom Rest der Menschen abschotten. Wenn es Eigenbrötler waren, konnte es schwierig werden, sich Eintritt zu verschaffen. Aber Corsika konnte recht beharrlich sein, wenn sie wollte und wer weiß … vielleicht ließen sich die Bewohner zu einem Tausch ein. Sumpfkraut gegen Unterschlupf zum Beispiel.

Ohne dem ängstlichen Dion weiter Beachtung zu schenken, folgte sie Ziegenbock Timo bis zum großen Eingangstor des Kastells, das sich vor allem dadurch auszeichnete, dass zwei menschliche Skelette daran angebracht waren. Corsika schauderte. Vielleicht hätte sie die Kannibalen doch noch nicht abschreiben sollen. Timo waren die Gerippe recht gleich, er scharrte schon mit den Hufen am Tor. Corsika richtete sich das Haar, atmete tief durch und klopfte an der gewaltigen Tür …

Tor zum Kastell
21.02.2025, 22:41
»Hey, schau mal, da kommt jemand«, meinte das am linken Torflügel hängende Skelett zu seinem unfreiwilligen Begleiter am anderen Torflügel.
»Das seh ich selber, denkst du, ich sei blind?«, belehrte das Griesgrämige der beiden seinen unfreiwilligen Kompagnon. Im Leben hätte er sich diesen Simpel nie als Freund gesucht, aber hier am Tor war er leider nicht Herr über Entscheidungen wie diese.
Das andere Skelett schaute wortlos auf die leeren Augenhöhlen des anderen.
Also wenn er es gekonnt hätte. Aber irgendwie erweckte der ausgeblichene Schädel in diesem Moment genau diesen Eindruck, als würde es darauf starren. Womit auch immer. Es musste Magie sein.
Jetzt wurde auch noch an das Tor gepocht.
»Ja, es ist massiv«, belehrte das Skelett vom rechten Torflügel die Gäste.
Und ließ sich dann weiter vernehmen: »Willst du hier eine Ziegenherde abgeben? Sowas brauchen die Magier nicht. Hier herrscht Kreislaufwirtschaft. Was hinten raus kommt, wird vorne wieder reingefüttert.«
»Igitt, das klingt ja eklig«, ließ sich die einfach gestrickte Frohnatur am anderen Torflügel vernehmen.
»Ist so ein Dämonending. Vielleicht geht alles auch erst einmal durch Beliars Reich und wird dort ganz neu erschaffen«, dozierte das intellektuelle Skelett der beiden.
»Was auch immer«, unterbrach das andere.
»Auf jeden Fall musst du erst einmal ein Rätsel lösen und uns damit unterhalten, ehe du eintreten darfst. Also höre:
Was kann nur dort leben, wo es Licht gibt, aber verschwindet, wenn das Licht darauf scheint?«

Corsika
21.02.2025, 23:04
Als Corsika plötzlich aus unmittelbarer Nähe zwei ihr unbekannte und irgendwie unmenschlich klingende Stimmen vernahm, wanderte ihre Hand blitzschnell an die Handsichel, die sie mit sich trug. Als ob dieses kleine Werkzeug irgendeinem Kannibalen Angst einjagen würde ... eher noch würde sie ihnen ein weiteres Besteckteil zu ihrem Festmahl mitliefern. Aber sie war einfach niemand, der sich widerstandslos seinem Schicksal hingab.

"An ihm ist viel mehr dran!", rief sie und blickte sich hektisch um, nach links und rechts und auch hinter sich, wo der moppelige Dion vor Entsetzen wie erstarrt am Boden hockte und kaum merklich die Lippen bewegte. In diesem Moment würde Innos seiner abtrünnigen Seele auch nicht mehr helfen, so viel war schon mal sicher. Doch wie Corsika seinem Blick folgte, konnte sie auch erkennen, was ihm die Farbe aus dem Gesicht entzog. Die beiden Stimmen, die sie wahrgenommen hatte, stammten von den Skeletten am Tor! Sie bewegten sich - ohne Muskeln, irgendwie. Sie sprachen zu ihr - ohne Zunge, irgendwie. Und sie durchbohrten sie mit ihren leeren Augenhöhlen.

'Reiß dich zusammen, du hast schon Verrückteres erlebt!', sprach sie sich gedanklich zu. 'Außerdem hängen sie an der Wand fest. Das sind sicher nur die Torwächter.'
Ziemlich eindruckvolle Wachen jedenfalls. Und nicht zu vergleichen mit schlechtgelaunten Stadtwachen oder hinterhältigen Waldläufern. Ihre Aufgabe war einfach, sie mussten anscheinend einfach nur ein Rätsel stellen. Wer dieses nicht lösen konnte, würde auch keinen Einlass finden. So simpel, so effizient.

"Ein Schatten", platzte es Corsika heraus. Mist, war das überhaupt unterhaltsam genug? Zu spät, die Aufregung kochte in ihren Adern, dieses Schlottern musste den beiden Klappergestellen einfach Freude bereiten. Eine sehr gelungene Impression.

"Und wenn Euch nach Unterhaltung ist, solltet Ihr Euch diesen hier einmal ansehen." Sie deutete auf Dion. "Es ist kaum ein paar Tage her, da hat er sich für einen Zombie gehalten. Den Hunger eines solchen hat er ganz bestimmt."

Tor zum Kastell
21.02.2025, 23:22
Das geistig fortgeschrittenere der beiden Skelette rollte mit den Augen. Also in Gedanken.
»Du und deine Anfängerrätsel. Hier kommt echt jeder rein. Sperren wir das Tor doch am besten gleich sperrangelweit auf, damit hier jeder Bauernhof reinspazieren kann.«
Das hätte darüber hinaus auch den Vorteil, dass er die Flachpfeife neben sich nicht mehr sehen musste. So gesehen hatte es also durchaus Vorteile. Allerdings wären dann die Gespräche mit den seltenen Gästen vorbei. Schwierige Entscheidung.
»Hach, was sind wir heute wieder empfindlich«, entgegnete der frohgemute Kamerad am anderen Torflügel.
Sein Zwilling ging darauf nicht ein, sondern war schon wieder in ganz anderen Sphären unterwegs: »In Zukunft sollten wir lieber nach bisher ungelösten mathematischen Problemen fragen. Das würde im Zweifelsfall der Wissenschaft helfen. Zum Beispiel das Verhalten einer Folge von Primzahlen vorherzusagen ...«
»Äh... was?« fragte sein Kompagnon, der eher für die gute Laune zuständig war.
»Vergiss es!«
Und das tat er sofort.
Die Torflügel schwangen unterdessen ohne Vorwarnung auf und ließen die ungewöhnliche Gästegruppe samt meckernden Ziegen und schnatternden Gänsen ein.
»Ich würde ja sagen, das Kastell ist auf den Hund gekommen, aber ...«, warf das intellektuelle Skelett ein, nachdem sich das Tor wieder geschlossen hatte.
»Was, ein Hund? Wo?«
So blieb wieder nur das imaginäre Augenrollen.

Dion
22.02.2025, 02:14
Dion kniff die Augen so fest zu, wie er konnte, und presste sich die Hände auf die Ohren. Das alles konnte, nein, durfte einfach nicht wahr sein! Ein gruseliges Gruselschloss auf einer gruselig hohen Klippe über dem Meer, bewacht von zwei gruseligen Skeletten, die auch noch gruselig sprechen konnten? So langsam war es wirklich zu viel …
Dabei hätte er es sich ja denken können, dass es irgendwann so weit kommen würde. Immerhin war Corsika einen menschenfressende Wu-Du-Hexe, wie sie schon oft unter Beweis gestellt hatte. Und welches andere Ziel sollte so eine Wu-Du-Hexe wohl haben, wenn nicht ein gruseliges Gruselschloss? Trotzdem klammerte sich Dion bis zuletzt an das Fünkchen Hoffnung, dass das Gruselschloss mit den Gruselskeletten vielleicht einfach verschwinden würde, wenn er sich nur strikt genug weigerte, es zur Kenntnis zu nehmen. Wenn er es nicht sehen und hören konnte, vielleicht konnte das Gruselschloss ihn dann auch nicht sehen und hören?

Leider ging der Plan nicht auf, oder besser: Er wurde sabotiert. Und zwar von keinem geringeren als Timo. Der kleine Ziegenbock musste ordentlich Anlauf genommen haben, bevor er Dion seine Hörnchen in den Hintern rammte, denn die Wucht war beachtlich. Vollkommen überrascht stolperte Dion in dem Versuch, sein Gleichgewicht zu bewahren, mit rudernden Armen nach vorn, und ehe er es sich versah, hatte er die Schwelle es inzwischen weit offenstehenden Tores überschritten. Er fand sich in einer geräumigen Vorhalle mit marmorgekacheltem Boden wieder, in deren Mitte eine lebensgroße Statue stand. Die Ziegen und Gänse folgten ihm, wie gewohnt, und sobald die Tiere ebenfalls in der Halle versammelt waren, schlug das Tor hinter ihnen mit einem lauten, endgültig klingenden Rumms! wieder zu.

„Bei In- …“ Dion unterbrach sich, bevor ihm der Name seines Gottes gänzlich herausrutschen konnte. Ob es nun an dem blutroten Pentagramm auf dem Boden lag, dem pechschwarzen Gestein, aus dem das Gemäuer errichtet war, oder den zahlreichen Darstellungen des Todes und der unverkennbaren, sechsgehörnten Maske Beliars - irgendetwas sagte ihm, dass Innos in diesen Hallen nicht unbedingt geschätzt wurde.
„Corsika … Wo sind wir hier?“ Er flüsterte kaum hörbar. Jedes noch so kleine Geräusch ließ ihn zusammenzucken, denn er hatte nicht das geringste Interesse daran, irgendeinen der Bewohner dieses gruseligen Gemäuers auf sich aufmerksam zu machen.
Verängstigt sah er sich um. Die Halle war nicht gerade klein, fast so groß wie die des Tempels in Thorniara, und die Decke sicherlich zehn Schritt hoch, und die Luft war kühl und ließ ihn frösteln. Es war jedoch niemand zu sehen – keine Wächter, keine irren Kultisten, keine blutrünstigen Dämonen. Nur diese Statue eines Mannes in einer merkwürdig aussehenden Robe, der eine silberne Schale in den ausgestreckten Händen hielt, als erwarte er eine Gabe von den Neuankömmlingen. Timo hatte sich vor der Statue aufgebaut und nickte immer wieder mit dem Kopf in Richtung des Silberschale, als wüsste er genau, wozu sie diente. Dion kratzte sich nachdenklich am Kopf. Wie bei In- … bei allen Göttern kam es, dass Timo so besessen davon zu sein schien, hier her zu kommen, und sich scheinbar sogar auskannte? Da stimmte doch etwas nicht!

„Meinst du, wir sollen hier irgendwas …“, wisperte Dion gerade, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung in einem der Gänge wahrnahm, die von der Halle aus ins Gebäudeinnere führten. Er sah genauer hin, und was er erblickte, ließ ihm Augenblicklich die Haare zu Berge stehen: Da stand eine gruselige Gestalt, ein Mädchen in einem weißen Kleid, deren lange, schwarze Haare ihr in nassen Strähnen ins Gesicht hingen, das blass und verhärmt wirkte wie das einer Leiche. Ihre toten Augen fixierten Dion mit einem durchdringenden Blick. Dion wusste sofort, womit sie es zu tun hatten: Das musste das Schlossgespenst sein!
Entsetzt packte er Corsika am Arm, deutete auf die Gruselgestalt, holte einmal tief Luft und kreischte los: „EIN GA … EIN GA … EIN GAGA … EIN GEIST!!!“

Thara
22.02.2025, 02:19
Thara riss die Augen auf. Es war dunkel im Zimmer, lediglich das Holz im Kamin glomm noch in einem tiefen Orangerot.
Sie setzte sich auf und zog die Decke an sich, sah sich nervös um. Das Zimmer schien leer zu sein, aber Thara hatte das Gefühl – nein, die Gewissheit, nicht allein zu sein.
„Ha- … hallo?“ Ihre Stimme klang dünn und piepsig, und sie wünschte sich sofort, sie hätte nichts gesagt.
„Willkommen zurück“, kam die Antwort aus dem Schatten, und zwei gelbe Augen, glühend wie Kohlestücke, öffneten sich am Fußende ihres Bettes. Hatte er schon die ganze Zeit dort gesessen? Die Dunkelheit schien eins zu sein mit den seltsamen Konturen seines verbogenen Körpers, verwaschene Schatten, die sich um ihn legten wie ein Mantel. Er hätte genausogut eine Illusion sein können.
Thara hielt einen Moment die Luft an und lächelte unsicher. „D-d-du? W-wo … warst du?“
Das Wesen, ihr Begleiter, wie sie es nannte, legte ein wenig den Kopf schief. „Ich konnte dir nicht folgen, nicht … richtig. Du hast diese Ebene verlassen und eine andere besucht, die mir verboten war. Aber glaub nicht, dass sich deswegen etwas geändert hätte. Ich habe dich immer … gespürt!“
Die Stimme des Wesens – des Dämons, das war sich Thara mittlerweile sicher – hörte sich mal verschleimt und gurgelnd an, mal rau, kratzig und trocken wie Sandpapier, aber niemals angenehm. Trotzdem fühlte Thara eine gewisse Erleichterung. Ihr Begleiter war schon seit Jahren ein Teil ihrer Selbst – er hatte ihr dabei geholfen, ihre Fesseln zu sprengen, ihren Vater zu töten und ihren Stiefvater, er hatte sie auf dem Weg ins Kastell begleitet. Lange Zeit war er ihr einziger Freund gewesen, auch wenn sie nicht daran zweifelte, dass diese Freundschaft keinesfalls selbstlos war. Sie hätte sich gewünscht, er wäre bei ihr gewesen im Mondkastell, vor allem, als sie durch die finsteren Katakomben geirrt war.
„Du warst allein, aber du hast überlebt“, stellte der Dämon fest, als hätte er ihre Gedanken gelesen, was vermutlich auch stimmte.
„Ja“, sagte Thara leise.
„Und nicht nur das … du bist stärker geworden. Das ist gut. Das ist, was von dir erwartet wird.“ Die Augen kamen langsam näher, und mit ihnen ein süßlicher Geruch nach Verwesung und … Furcht? Anders hätte Thara es nicht beschreiben können. So musste Angst riechen. „Du wirst tun, was von dir erwartet wird, nicht wahr? Denn Beliar ist kein großzügiger Gott. Er erhört dich, und er gibt, aber er verlangt dafür eine Gegenleistung.“
Thara nickte hastig. „J-j-ja, natürlich! I-ich … t-t-tue alles, was … Beliar von mir erwartet!“
„Ich weiß.“ Der Dämon schien zu lachen. „Und du fragst dich, was er eigentlich von dir erwartet, richtig? Keine Sorge, du wirst es erfahren, wenn es an der Zeit ist. Schon bald. Doch bis dahin erwartet er, dass du an deinen Fähigkeiten arbeitest. Du hast schon viel gelernt, aber es gibt noch so viel mehr!“ Die gelbglühenden Augen verengten sich zu Schlitzen: „Enttäusch ihn nicht. Enttäusche sie nicht. Enttäusche mich nicht!“
„Sie? M-meinst du … Arzu?“
Der Dämon schwieg einen Moment, als hätte die Frage ihn überrascht, und als er antwortete, schien er geradezu belustigt zu sein: „Arzu? Nein. Arzu ist nicht wichtig. Nicht für dich. Und wenn du glaubst, du wärst wichtig für sie … dann sieh genauer hin.“
„Was? W-w-wie meinst du das?“
Aber Thara erhielt keine Antwort mehr. Die glühenden Augen waren verschwunden, und auch die Schatten schienen etwas weniger Dunkel zu sein.

Thara ließ sich zurück auf ihr Kissen sinken und knabberte nachdenklich an ihrem Daumennagel. Was wollte ihr Begleiter damit sagen, Arzu sei nicht wichtig? Natürlich war sie wichtig! Ohne Arzu wäre sie wahrscheinlich schon tot! Und bestimmt war sie auch für Arzu wichtig! Sie musste einfach …
Das ist mein Zimmer, du bekommst dein eigenes! – Und die Tür fiel zu. Immer wieder und wieder spielte sich dieselbe Szene vor ihrem inneren Auge ab. Unruhig warf Thara sich von einer Seite auf die andere, versuchte, noch etwas Schlaf zu finden, aber irgendwann gab sie auf. Ihr Gedankenkarussell ließ sich nicht mehr anhalten, an Ruhe war nicht mehr zu denken.
Sie stand auf, und ohne dass sie etwas hätte tun oder auch nur denken müssen, flackerten die Kerzen in dem gusseisernen Kronleuchter an der Decke auf und tauchten ihr Zimmer in ein warmes, behagliches Licht. Thara schlurfte zum Fenster und öffnete es. Die kalte Luft, die ihr ins Gesicht wehte, ließ sie frösteln, aber der salzige Duft des Meeres erinnerte sie an früher – an jene wenigen, stillen Augenblicke, in denen sie am Hafenbecken gesessen und auf die See hinausgeschaut hatte, wo der ferne Horizont wie ein Versprechen von Freiheit wirkte, aber fern und unerreichbar. War sie jetzt … frei? Hier, im Kastell? Ihr Begleiter hatte ihr gerade noch einmal klar gemacht, dass es dieses Leben hier nicht umsonst gab, sondern dass sie Erwartungen zu erfüllen hatte. Wie hoch würde der Preis, den sie zu zahlen hatte, am Ende wirklich sein?

Sie schloss das Fenster wieder und seufzte leise. Als sie sich umdrehte, fand sie sich von Angesicht zu Angesicht mit ihrem eignen Spiegelbild wieder. Sie sah furchtbar aus – die Strapazen ihres Aufenthalts im Mondkastell waren ihr deutlich anzusehen, sie hatte tiefdunkle Ringe unter den Augen, ihre Wangen wirkten hohl und eingefallen, ihr Haar war völlig verfilzt und dreckig. Außerdem trug sie noch immer die aus Gardinenstoff zusammengeflickte Robe, die sie in diesem Zimmer im Mondkastell gefunden hatte und die wahrscheinlich eigentlich Vabun gehörte. Sie war nur nach der Rückkehr viel zu müde gewesen, sich um irgendetwas davon zu kümmern, und eingeschlafen, kaum dass sie sich auf das Bett in ihrem neuen eigenen Zimmer hatte fallen lassen.

Aber an weiteren Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken, obwohl sie noch immer erschöpft war, also konnte sie auch einfach versuchen, sich mit etwas Körperpflege die Zeit zu vertreiben. Sie öffnete die Kiste, die am Fußende ihres Bettes stand, und fand darin tatsächlich Kleidung – neben einigen der weißen Kleider, die das Kastell wohl aus irgendwelchen Gründen zu der für sie passenden Garderobe bestimmt hatte, auch ein paar Stiefel aus glattem, schwarzem Leder. Neugierig hob Thara sie heraus und betrachtete sie von allen Seiten. Sie wirkten gut gearbeitet – soweit sie das beurteilen konnte. Tatsächlich hatte sie noch nie in ihrem Leben echtes Schuhwerk besessen. Allenfalls hatte sie im Winter ihre Füße mit alten, billigen Pelzen und Lumpen umwickelt, und sonst war sie eigentlich immer barfuß gewesen. Wie es sich wohl anfühlen mochte, Stiefel zu tragen?
Neugierig schlüpfte sie in die Stiefel hinein und ging ein paar Schritte durch das Zimmer. Das Gefühl war vollkommen ungewohnt und seltsam, es verunsicherte sie regelrecht, nicht die Beschaffenheit des Bodens unter ihren Füßen spüren zu können, und sie fühlte sich ungelenk und tollpatschig …
Nach einigen Minuten zog Thara die Stiefel wieder aus und verstaute sie in der Truhe. Sie würden sicherlich nützlich sein, falls sie vorhaben sollte, auf Reisen zu gehen, jetzt, in der kalten Jahreszeit, aber solange sie nur im Kastell blieb, würde sie sie nicht brauchen. Stattdessen nahm sie eines der Kleider mit und machte sich auf den Weg zum Badesaal.

Als sie an der Tür zu Arzus Zimmer vorbeikam, blieb Thara stehen. Nach einem Moment des Zögerns trat sie an die Tür und legte ihr Ohr an das dunkle Holz. Was Arzu wohl gerade machte? Wahrscheinlich schlafen, vermutete Thara und schloss die Augen. Sie hörte nichts, aber ihre Phantasie malte ihr ein detailliertes Bild der schlafenden Schönheit. Wie gern würde sie zu Arzu ins Bett schlüpfen und sich eng an sie kuscheln! Ob Arzu das … auch mögen würde?
Thara hob die Hand und überlegte, ob sie anklopfen sollte. Wahrscheinlich würde Arzu das gar nicht mitbekommen, weil sie zu tief schlief, aber falls doch … was dann? Würde sie sie hereinbitten, oder eher für … verrückt halten? Oder pervers? War sie das, verrückt oder pervers, oder beides?
Wenn du glaubst, du wärst wichtig für sie … dann sieh genauer hin.
Die Worte ihres Begleiters hallten plötzlich in ihrem Kopf wider. Sie ließ die Hand sinken und biss sich auf die Unterlippe. Ihr Herz klopfte heftig, und auf einmal verspürte sie den Drang, wegzurennen, nur weg von Arzus Tür. Sie gab dem Drang nach und rannte den Korridor entlang und die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Aber wovor versuchte sie überhaupt zu flüchten?
Vor der Wahrheit?

Im Anschluss verbrachte Thara mehrere Stunden im Bad, wo sie sich im heißen Wasser geradezu einweichen ließ und mit einem herbeigezauberten Knochenkamm ihre Haare zu entwirren versuchte. Es war eine oft genug schmerzhafte Tortur, die zahllosen Knoten herauszubekommen, aber zugleich eine willkommene Ablenkung von ihren rastlosen wie bitteren Gedanken, so dass sie sich ganz darin vertiefte.
Als sie schließlich fertig war, streifte sie das saubere Kleid über und wollte sich gerade zurück auf ihr Zimmer begeben, aber als sie sich der Eingangshalle näherte, vernahm sie sonderbare Geräusche. Es hörte sich an wie das Gemecker von Ziegen und das Geschnatter von Gänsen. Aber seit wann gab es Tiere im Kastell?

Verwundert trat sie in die Halle, und was sie dort sah, erstaunte sie nicht schlecht: Gänse und Ziegen, in der Tat, sowie zwei Fremde: eine schwarzhaarige Frau und ein ziemlich dicker junger Mann, die etwas ratlos vor Vabuns Statue standen und zu überlegen schienen, was von ihnen erwartet wurde. Bis der Mann Thara bemerkte, die Augen aufriss, auf sie deutete und völlig entsetzt zu kreischen begann: „EIN GA … EIN GA … EIN GAGA … EIN GEIST!!!“
Thara blieb wie angewurzelt stehen. Weglaufen? Angreifen? Sie konnte sich nicht entscheiden! Warum war Arzu nicht bei ihr?

Arzu
22.02.2025, 21:03
Gehüllt in die behagliche Wärme einer Decke, lag die Schwarzmagierin in ihrem Bett und weigerte sich, die Augen aufzumachen. Nach dem langen Abenteuer hatte sie eine Menge an Schönheitsschlaf nachzuholen. Dazu kam noch, dass das Bett weder zu hart noch zu weich war, sondern absolut perfekt auf die Bedürfnisse der Varanterin abgestimmt. Zwei triftige Gründe also, nicht aufzustehen. Zumal Arzu eine deutliche Abneigung gegen Frühaufsteher hatte.
Wenn sich bloß die anderen körperlichen Bedürfnisse dem untergeordnet hätten! Irgendwann drückte die Blase aber so sehr, dass Arzu es nicht länger aushielt und aufstehen musste. Auf dem Weg zurück ins Bett - denn die Restwärme unter der Decke lockte - sah die Nekromantin ihr nacktes Abbild im Spiegel. Jemand anderes hätte es als die schönste Frau der Welt umschrieben. Arzu hingegen fielen die unschönen Details auf. Allem voran die spröden Haare. Sie hatten im Mondkastell ungemein leiden müssen. Begleitet von einem schweren Seufzen, drehte und wendete sich die Schwarzmagierin und betrachtete sich von Kopf bis Fuß. So konnte sie unmöglich unter Leute gehen! Warum hatte Thara denn nichts gesagt?
»Dämon!«, rief Arzu in den Raum hinein und ein stechender Kopfschmerz folgte sogleich als Antwort. Blicken ließ sich das Wesen nicht.
»Kannst du nicht normal reden?!«, schimpfte sie. Auch die Antwort darauf kam prompt und schmerzvoll.
»Vergiss es!«, murrte die Schwarzmagierin. »Ich will baden und ich brauche eine Haarschere!«
Schnell hob Arzu mahnend den Finger in die Höhe, um der Antwort des Dämons zuvorzukommen. Natürlich war die unheilige Kreatur schneller.
»Verdammt noch mal! Nein! Hier. Du glaubst doch nicht, dass ich so durch das Kastell laufe!«
Dieses Mal erwiderte der Dämon nichts. Statt dessen materialisierte sich ein mit dampfenden Wasser gefüllter Badezuber in der Mitte des Raums und daneben ein kleiner Tisch mit einer Schere darauf.
»Warum nicht gleich so?!«, bemerkte Arzu. »Ich will nichts mehr hören!«
Endlich herrschte wieder Ruhe in ihrem Kopf. Offenbar hatte sie den gesprächigsten aller Dämonen abbekommen. Jede seiner Antworten war unnötig lang, selbst wenn ein schlichtes Ja oder Nein vollkommen ausgereicht hätte. Entweder hatte er in der Unterwelt niemanden, der mit ihm redete, oder er genoss es einfach, Arzu Schmerzen zuzufügen. Als die Varanterin in das heiße Wasser im Badezuber stieg, war das schnell vergessen.
Eine halbe Stunde später saß sie schließlich vor dem Spiegel. Die Schere in der einen Hand und die hüftlangen Haare in der anderen. Es tat der Varanterin beinahe körperlich weh, wie weit oben sie die Schere ansetzen musste. Zwei Handbreit und noch ein bisschen. Begleitet von einer imaginären Trauermusik fielen die langen Strähnen zum Boden herab. Es muss sein, dachte sich Arzu und verdrückte eine Träne. Zumindest das Ergebnis konnte sich sehen lassen, obwohl es nur noch bis zur Hälfte ihres Rückens fiel. Kämmen und Bürsten stand als nächstes auf der Tagesordnung. Es missfiel der Schwarzmagierin den Dämon noch einmal um etwas zu bitten. Zum Glück fiel ihr rechtzeitig ein, dass sie ihn gar nicht fragen brauchte. Ihre Tasche, die sie auf ihrer Reise von Varant mitgenommen hatte, lag griffbereit auf einer Kommode. Alles, was sie brauchte, befand sich darin. Neben einer Bürste war dort auch ein kleines Fläschchen mit Haaröl. Im Nachhinein ärgerte sich Arzu, die Tasche nicht in das Mondkastell mitgenommen zu haben. Ihre Haare hätten es ihr gedankt.
Nach dem ausgiebigen Bürsten, träufelte die Nekromantin etwas von dem Öl auf ihre Hand und rieb es dann behutsam über die Längen und Spitzen. Ein sanfter Duft von Zimt und Rosen erfüllte die Luft als sie fertig war. Sie bräuchte bald mehr von dem Mittel, stellte Arzu fest, als sie das Fläschchen gegen das Licht hielt. Doch woher? Der Händler saß in Ishtar und den Weg wollte die Schwarzmagierin nicht so schnell wieder auf sich nehmen. Sie müsste eine Alternative finden. Vielleicht in Stewark oder Thorniara? Arzu bezweifelte es. Dies war die tiefste Provinz. Von Haaröl hatten die Menschen hier bestimmt noch nichts gehört. Ganz zu schweigen von dem speziellen Öl, das Arzu bevorzugte.
Nachdem die Körperpflege abgeschlossen war, schaute sich die Varanterin nach ihrer Kleidung um. Die Fetzen, die sie im Mondkastell getragen hatte, waren verschwunden. Dafür lag ein langes, samtschwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt an der gleichen Stelle. Ihr altes Kleid war ganz ähnlich geschnitten gewesen, doch im Angesicht, dass sie jetzt eine mächtige Schwarzmagierin war, fand Arzu es nicht mehr angemessen. Stellte sich die Frage, was denn standesgemäß wäre. Darauf wusste die Nekromantin keine Antwort. Eine Robe, wie sie früher die Schwarzmagier in der Heimat getragen hatten, hielt sie für keine so gute Idee. Sie waren nicht schmeichelhaft für ihre Figur und außerdem riefen sie die falschen Assoziationen hervor. In Thorniara dürfte sie sich in solch einer Kluft gar nicht blicken lassen. Auch bei den Wassermagiern war sich Arzu nicht sicher. Immerhin hatte es in der Vergangenheit einige Animositäten zwischen ihnen und Zubens Schwarzmagiern gegeben. Also musste das schwarze Kleid erst mal ausreichen.
Auch ein neues Paar Stiefel stand für die Schwarzmagierin bereit. Das Leder war ihr ein wenig zu fest, was der Dämon zweifellos hätte richten können. Dennoch rief Arzu ihn nicht. Das Wesen hatte erst mal genug in ihrem Kopf herumgespukt. Schließlich stand die Varanterin wieder vor dem Spiegel und betrachtete sich. Nun war sie tatsächlich die schönste Frau der Welt. Und eine hungrige noch dazu. Geschwind verließ Arzu ihr Zimmer und begab sich in Richtung des Refektoriums. Kurz überlegte sie, ob sie Thara abholen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Das dürre Mädchen kannte den Weg schließlich selbst. Als sie die Treppe herabgekommen war, vernahm die Nekromantin Stimmen und etwas, das sich wie das Blöcken von Ziegen anhörte. Die Geräusche führten sie geradewegs zur Eingangshalle, wo sie auf Thara traf. Und eine Ansammlung von Viehzeugs und zwei unbekannte Besucher. Ein fetter Junge mit dümmlich dreinblickenden Schweinsaugen und eine sehr durchschnittlich aussehende Fremdländerin. Die Sicheln in ihrer Hand verriet den Rest. Es mussten irgendwelche Bauern sein, die sich verlaufen hatten.
»Wer seid ihr?!«, rief Arzu über das Geschnatter und Geblöke der Tiere hinweg. Die Hände in die Hüften gestemmt, baute sich die Nekromatin vor Thara auf. Ihre Zirkelschwester stand nämlich nur wie zur Salzsäule erstarrt da. »Was wollt ihr in meinem Kastell? Wir kaufen nichts!«

Corsika
25.02.2025, 11:43
Es dauerte einen Moment, bis Corsika all die Eindrücke verarbeitet hatte, die sich ihr zwischen dem Gespräch mit den Skeletten am Tor und der Begegnung mit den beiden Frauen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise gut in Bild eines Spukschlosses eingliederten, boten. Den kleinen Funken eines inneren Fluchttriebs verbannte sie vorerst in die hinterste Kammer ihrer Gedanken. Das riesige Tor war wie von allein zugeschlagen, es gab kein Zurück mehr.
Leider besaß Dion die Beherrschung einer Kerze im Wind. Dass er seine pummeligen Finger auf die fremde Frau mit dem weißen Kleid und den langen, schwarzen Haaren richtete und sie als Geist bezeichnete, war natürlich hochgradig anmaßend, selbst wenn der optische Eindruck ihm Recht gab. Doch wenn dieser Ort einem etwas lehren konnte, dann, dass man die Grenzen dessen, was man für wahr und real hielt, hinterfragen musste.
Und die andere Frau? Klein im Wuchs, doch strahlte sie deutlich mehr Größe und Selbstvertrauen aus als das Geistermädchen. Wahrscheinlich war sie die Hausherrin und die andere ihre … irgendwie ungepflegt anmutende Angestellte. Vielleicht lebten die beiden hier in der tiefsten Einöde auch irgendeine Art seltsame Fantasie aus. Oder einen Kult. Den Kult der Schwarzmagier?

„Seid gegrüßt und bitte verzeiht unser unangekündigtes Eintreten. Uns war nicht bewusst, dass dieses Gemäuer bewohnt ist. Die Geri … Gesellen am Eingang ließen uns passieren. Mein Name ist Corsika, das da ist Dion. Wir sind Handelsreisende und suchen nach einem Unterschlupf für die Nacht, etwas Essen und vielleicht einem Mittel gegen Fieber.“
Für Dion ganz sicher. Aber vielleicht brauchte Corsika das auch. Ihr war die ganze Zeit, als würde sie halluzinieren. Die Aura des Gebäudes strahlte eine diffuse Anziehung aus. Sie hatte das Gefühl, dass die Kerzen, welche in hohen Ständen an ausgewählten Positionen im Raum positioniert waren, hin und wieder flackerten. Dabei konnte sie kein bisschen Zugluft wahrnehmen, die sich durch Lücken im Gemäuer kämpfte. Ohne den Kerzenschein war es hier drinnen finster und still wie in einem gut abgedichteten Sarg.

Corsika hatte nicht das Gefühl, dass sie sich mit ihrer pragmatischen Erklärung einen längeren Aufenthalt garantieren konnte und die Hausherrin machte durchaus einen gelehrigen, wenn auch resoluten Eindruck. Also zückte Corsika das Pergament mit den unbekannten Schriftzeichen, das sie am Monolithen abgeschrieben hatte und reichte es in Richtung der Frau mit dem schwarzen Kleid.
„Außerdem bin ich auf der Suche nach einer Erklärung für diesen Text. Ich habe ihn vor einiger Zeit an einer alten Säule abgeschrieben, die aus dem gleichen Stein wie dieses Gebäude geschlagen war. Seit jenem Tag treibt mich ein unterbewusstes Verlangen gen Südosten, hierhin. Diese Ziege dort übrigens auch.“

Arzu
27.02.2025, 21:28
Unterschlupf also, dachte Arzu und betrachtete die Neuankömmlinge argwöhnisch. Sie hatte ihre Zweifel, denn das Kastell lag weit ab von sämtlichen Handelswegen. Durch Zufall kam man gewiss nicht in diese Gegend. Selbstverständlich gab es nichts zu fürchten. Die Dämonen würden kurzen Prozess mit jedem machen, der versuchte krumme Dinger in diesen unheiligen Hallen zu drehen. Nun, jedenfalls fast jeden. Meraton hatte es ja auch irgendwie geschafft. Offenbar besaß die Macht der Dämonen auch ihre Grenzen. Mit den beiden Gestalten, die Thara und Arzu jetzt vor sich hatten, würden sie aber gewiss fertig werden.
Dann gab Corsika der Varanterin ein Pergament auf dem eine seltsame Schrift zu sehen war. Aufgrund ihrer Herkunft beherrschte Arzu den ein oder anderen varantischen Dialekt und kannte sogar ein paar Symbole aus der Schrift des alten Volkes der Wüste. Was auf dem Pergament stand, blieb ihr jedoch verborgen.
»Das kann ich nicht lesen.«, stellte die Nekromantin fest und gab das Schriftstück zurück. »Und Säulen bauen wir keine. Wir sind Schwarzmagier, wir beschwören Dämonen und einen schnellen Tod.«
Mit einem Blöken machte sich eine der Ziegen bemerkbar. Ein frech dreinblickendes Tier, welches es besonders auf den feisten Knaben abgesehen hatte. Arzu fand es höchst amüsant. Irgendwie konnte man Dion, wie Coriska ihn genannt hatte, genau ansehen, dass er das Piesacken einfach verdient hatte.
»Sag mal, hast du abgenommen?«, fragte ihn Arzu.
»Ich? Nö.«, erwiderte Dion zögerlich.
»Sieht man.«, erwiderte die Schwarzmagierin trocken und grinste hämisch.
»Dann will ich mal nicht so sein. Ihr dürft die Nacht in diesen illustren Hallen verbringen. Unter einer Voraussetzung.«
Die Nekromantin bahnte sich einen Weg durch das Viehzeug und tippte auf die Schale in Vabuns versteinerten Händen. »Ihr müsst erst einen Tribut entrichten! Wie viel, seht ihr, wenn das Zeug verschwindet. Dann dürft ihr euch als unsere Gäste betrachten.«
Ein Seufzen entfuhr ihren Lippen.
»Und die Tiere auch. Für den Dreck seid ihr aber verantwortlich!«

Dion
01.03.2025, 00:06
„Nun mach schon!“ Corsika stand schon wie selbstverständlich an der Seit der nicht-gespenstischen Schwarzmagierin und stemmte genau wie diese die Hände in die Hüften, während sie Dion auffordernd ansah. Das Geistermädchen, das wohl doch kein Geist war (aber trotzdem gruselig aussah!), hielt sich im Hintergrund und beobachtete die Szene vom Gang aus.
„Äh, äh, was?“, fragte Dion und riss sich vom Anblick des Dekolletés der schönen Kastellbesitzerin los (gar nicht so einfach!).
Corsika verdrehte genervt die Augen. „Der Tribut!“
„Tribut? Aber ich habe doch gar kein Geld dabei!“, protestierte Dion und wischte sich mit dem Ärmel über die laufende Nase.
„Es geht nicht um Geld“, erläuterte Arzu, „sondern darum, dass ihr bereit seid, etwas von Bedeutung zu geben!“
„Bedeutung?“ Dion überlegte. Sollte er etwa eine seiner Ziegen opfern? Nein, das kam nicht in die Tüte, eher würde er auf der Stelle kehrt machen und wieder aus dem Kastell marschieren! Also … falls er herausfinden konnte, wie das Tor sich öffnen ließ …
Seine Flöte? Nein, auf keinen Fall! Er hatte schon länger keine Gelegenheit mehr gehabt, sie zu spielen, aber das hieß noch lange nicht, dass er das Instrument weggeben wollte. Dafür war es ihm dann doch zu wichtig! Aber was konnte er dann geben? Der Ring! Der Ring, den er im Sumpf gefunden hatte! Dion zog das Kleinod aus seiner Gürteltasche und betrachtete es. Ein schöner, massiver Siegelring aus Gold, der war mit Sicherheit wertvoll, und er bedeutete ihm auch etwas, immerhin hatte er diesen Schatz im Sumpf gefunden! Das freundliche Licht hatte ihm den Ring geschenkt! Er würde sich nur ungern davon trennen … aber doch eher als von seiner Flöte oder seinen Schafen.
„Na gut“, seufzte Dion und ließ den Ring in die silberne Schale fallen. Er klimpere hell auf dem Metall, aber sonst geschah im ersten Augenblick nichts. Corsika wollte schon den Mund aufmachen, um etwas zu sagen, als das Kleinod plötzlich in etwas, das aussah, wie eine kleine schwarze Stichflamme, verschwand.
„Oh“, stellte Dion eloquent fest.
„Tja, sieht aus, als wärst du heute unser Gast“, verkündete die Hausherrin, wobei sie irgendwie nicht so aussah, als wäre sie sonderlich glücklich darüber.
„Ja? Äh, ja, danke!“, nuschelte Dion und machte vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Man konnte ja nie wissen, er wollte ungern noch einmal in einen Zombie verwandelt werden.

Ska'ri
01.03.2025, 19:39
... zuvor ...

Die Sonne war beinahe hinter dem Horizont versunken, als Ska’ri und Venom die gewaltige steinerne Brücke erreichten, die die Schlucht vor dem Kastell überspannte. Sie erhellten ihren Weg mit Fackeln, und Ska’ri hatte ihr Schwert gezogen – die Gegend war ihr schlicht nicht geheuer. Es lag nicht so sehr am Kastell, dessen düstere Präsenz das Umland überschattete – dieses merkwürdige Gemäuer mit seiner fremdartigen Architektur strahlte zwar eine beeindruckende und durchaus einschüchternde Macht aus, aber es wirkte auf Ska’ri nicht feindselig, im Gegenteil: Es war ein Tempel des Schöpfers, und als solcher würde er denjenigen, die sich ihm respektvoll und ehrerbietig näherten, Schutz bieten.

Aber diese Umgebung, diese karge Felswüste, die sie auf dem Weg durchqueren mussten … sie kam ihr einfach falsch vor. Wo waren die dichten Wälder und saftigen Wiesen, die sonst jede Handbreit der Insel bedeckten, wenn man sich nicht gerade im Hochgebirge bewegte? War es wirklich ein Werk des Schöpfers, eine solche leblose Ebene zu schaffen? Sicher, er war auch ein Gott des Todes, aber wo es gar nicht erst Leben gab, da gab es auch keinen Tod…

Am Ende erwies sich Ska’ris Nervosität jedoch als unbegründet – zumindest für den Moment. Nichts sprang sie aus der Dunkelheit an, nichts verfolgte sie. Das letzte Stück des Pfades zum Kastell war steil und beschwerlich, aber keine Herausforderung, die ihnen nach ihrer mehrtätigen Wanderung durch das Gebirge noch Schwierigkeiten bereitet hätte. Und so standen die beiden ungleichen Gefährten schließlich vor den Toren des Kastells.
„Tja, da wären wir“, stellte Ska’ri fest und hob ihre Fackel. Das Gemäuer war in der Tat beeindruckend, sie hatte noch nie ein derart großes Bauwerk gesehen – weder bei den Orks noch bei den Morras. Die Torflügel, an denen zwei gekreuzigte Skelette hingen, waren sicherlich mindestens doppelt so hoch wie sie selbst und wirkten unglaublich massiv. Wer auch immer hinter diesen Mauern wohnte, mochte offensichtlich keine ungebetenen Gäste. Was die Frage aufwarf, als was man sie wohl betrachten würde…
„Freunde von dir?“, wandte sich Ska’ri an Venom und deutete auf die beiden Skelette.

Tor zum Kastell
02.03.2025, 23:04
Was war das denn? Ein Ork und ein Mensch zusammen in trauter Zweisamkeit. Mindestens einer der beiden musste seltsame Vorlieben haben. Die Skelette besahen sich die beiden lange schweigend.
»Was für ein gemeinsames Geschäft habt ihr beide denn vereinbart, für das ihr das Kastell benötigt? Ich sage dir eins, Ork. Im Kastell wird kein Menschenfleisch verzehrt! Auch wenn du dich darauf wohl schon freust!«
»Das ist kein Lächeln, sondern bloß ihre Hauer«, klärte das andere Skelett auf.
»Woher soll ich das wissen, hab ich etwa Augen im Kopf?«, gab das erste in übertrieben beleidigten Tonfall zur Antwort.
Beide lachten meckernd.
»Na gut, ein Rätsel. Ich sehe euch beiden doch an, dass dies der Hauptzweck eures Kommens ist:
Ein Bauer stand auf seinem Feld, als ein Pferd auf ihn zukam. Und von einem Augenblick auf den anderen war der Bauer spurlos verschwunden. Wie kann das sein?«

Ska'ri
02.03.2025, 23:41
Ska’ri wollte gerade zu einem der massiven bronzenen Türklopfer greifen, die zu Füßen der beiden Skelette das Tor zierten, als plötzlich irgendjemand aus heiterem Himmel etwas sagte. Reflexartig fuhr Ska’ri herum und riss dabei das Schwert aus der Scheide – ein wenig angespannt waren ihre Nerven in dieser unwirtlichen Umgebung dann doch, und dass sich irgendwer völlig unbemerkt an sie herangeschlichen haben musste …
Aber hinter ihnen war niemand. Jedenfalls konnte sie niemanden sehen. Sie kniff die Augen zusammen und suchte genauestens die ganze Umgebung ab, aber das Plateau vor dem Kastelltor war leer – abgesehen von ihr selbst und Venom natürlich. Aber die Stimmen bildete sie sich mit Sicherheit nicht ein! Irgendwer fabulierte da etwas von Menschenfleisch essen …
„Venom? Hast …“ Aber Venoms Blick war fest auf das Tor gerichtet, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, und Ska’ri realisierte, dass die Stimmen eindeutig von hinter ihr kamen – vom Tor. Langsam drehte sie sich um und ließ ungläubig das Schwert sinken.
Die Skelette bewegten sich.
Und redeten.
Und zwar … kompletten Unsinn.
„Ein … Rätsel?“ Ska’ri traute ihren Ohren kaum. Sie hatte ja einiges erwartet am Kastell der Morra-Priesterschaft des Schöpfers, aber soetwas? Nahmen die den Herrn der Schöpfung, den Gott von Leben und Tod, überhaupt ernst?
Aber ja, die Skelette schienen es ernst zu meinen. Irgendwie. Jedenfalls starrten sie Ska’ri und Venom erwartungsvoll an – sofern man bei leeren Augenhöhlen von starren reden konnte. Noch immer völlig überrumpelt, steckte Ska’ri ihr Schwert wieder weg und kratzte sich am Kopf.
„Ein … Bauer … der vor einem Pferd verschwindet? Was soll das bitte für ein Rätsel sein?“ Sie stieß Venom mit dem Ellenbogen an: „Sag doch auch mal was!“

Venom
04.03.2025, 08:45
Venom blinzelte die Skelette an, dann warf er Ska’ri einen halb belustigten, halb genervten Blick zu. „Was soll ich sagen? Dass ich noch nie mit untoten Türstehern geredet habe?“
Er verschränkte die Arme und sah wieder zu den Skeletten hoch. „Ein Bauer, der vor einem Pferd verschwindet …“ Er dachte kurz nach. „War es vielleicht ein Schachbrett? Der Bauer wurde geschlagen und verschwand, als das Pferd – also der Springer – zog?“

Corsika
04.03.2025, 13:46
Corsika würde dieser Hausherrin trotz ihrer geringeren Körpergröße eine gewisse Hochnäsigkeit attestieren, aber ihr Spott galt Dion und darüber konnte sich nicht mal die sonst recht kühle Corsika ein erheitertes Zucken in ihrem Mundwinkel unterdrücken. Dennoch hatten sie es hier mit Schwarzmagierinnen zu tun und da war wohl bei all den Gerüchten und Schreckensgeschichten - selbst, wenn sie aus dem überdimensionalen Mund eines ehemaligen Innos-Anbeters stammten - eine gewisse Vorsicht geboten.
Sie nahm das Pergament zurück und bemühte sich, die Enttäuschung in ihrem Blick zu verbergen. Die Worte der Hausherrin blieben dennoch in Corsikas Kopf hängen.
Sie bauen keine Säulen, sondern beschwören nur Dämonen und den Tod.
Wenn dem so war, musste es dennoch jemanden geben, der dieses Gemäuer hier erbaut hatte. Vielleicht eine Art dämonischen Diener? Man konnte diese Wesen sicher zu mehr als der bloßen Zerstörung nutzen.
‚Es würde zumindest nicht schaden, sich ein bisschen umzuschauen.‘ Corsikas Blick wanderte erneut zu der leichenartigen Gestalt in Weiß.
‚Und ein paar Vorurteile abzubauen‘, fügte sie gedanklich an.

Schließlich wurden sie dazu aufgefordert, einen Tribut für ihre Anwesenheit dazulassen. Das war wohl nur fair und Corsika hätte das gleiche erbeten, denn wenn es darum ging, sich einen Vorteil herauszuschlagen, war sie recht geübt. Der dreiste und feiste Dion versenkte den goldenen Ring in der Opferschale und wäre sein Hals nicht so wulstig, wäre Corsika ihm dafür am liebsten an die Gurgel gegangen. Für dieses kleine Schmuckstück wären sie beide beinahe als Moorleiche geendet. Wieder wanderte ihr Blick zu der salzsäuligen Gestalt mit den langen, schwarzen Haaren. Ob sie wohl auch aus den Sümpfen gestiegen war, um hier zu hausen? Oder womöglich selbst beschworen wurde?

Dions Opfer wurde akzeptiert und Corsika beließ es bei einem Augenrollen. Sie konnte ihm später noch nachtragend sein. Für solche Dinge hatte sie ein gutes Gedächtnis.
„Na schön, dann bin ich wohl an der Reihe“, sprach sie und trat an die Statue heran. Sie sah erschreckend lebensecht aus, beinahe so, als ob derjenige einst zu geizig für einen Tribut war und dafür zu Stein verwandelt wurde. Dieses Schicksal wollte sie selbst nur ungern teilen.
So entschied sich Corsika schweren Herzens, ihren Kompass in die Schale zu legen. Er hatte sie auf ungeahnten Umwegen hierhergeführt und irgendetwas sagte ihr, sie bräuchte ihn nicht mehr, denn sie hatte das Ziel ihrer Reise gefunden. Jetzt müsste sie bloß noch den Grund dafür erfahren.
Der Kompass verschwand, aber sie selbst durfte bleiben. Ein kurzes Lächeln zierte ihre Lippen, fast so, als wäre erst gerade eine schwere Last von ihr genommen worden.

„Jetzt, da wir anscheinend über Nacht bleiben dürfen und einen kostbaren Tribut gezahlt haben“, begann Corsika und richtete sich an die anderen beiden Frauen. „wärt Ihr bereit, uns etwas von Euch zu erzählen? Oder von diesem Gebäude? Wer hat es errichtet?“

Tor zum Kastell
05.03.2025, 16:56
»Na großartig. Das hat er ja sofort gewusst, das war anscheinend viel zu einfach«, maulte das eine Skelett.
»Anscheinend haben alle Leute heutzutage irgendein geheimes, aber weit verbreitetes Nachschlagwerk in der Tasche, das ihnen alle Rätselfragen im Handumdrehen löst, mögen sie auch noch so schwer sein.«
»Ja, das macht gar keinen Spaß mehr«, beschwerte sich das andere Skelett.
Doch da schwangen die Torflügel schon auf und überließen die beiden Torwächter jeweils allein ihren trübseligen Gedanken.

Venom
06.03.2025, 10:31
Venom ließ den Blick durch die Eingangshalle wandern, welche sich unmittelbar hinter dem Portal befand. Die Szene, die sich ihnen bot, war … eigenartig.
Das große Pentagramm auf dem Boden war nicht weiter verwunderlich – das Kastell der Schwarzmagier strahlte ohnehin genug düstere Macht aus, dass er hier eher damit gerechnet hatte als mit einem freundlichen Willkommensschild. Die Steinfigur in der Mitte des Raumes fiel ihm ebenso auf, aber noch mehr irritierte ihn die seltsame Gesellschaft, die sich hier versammelt hatte.
Vier Menschen – und eine ganze Ansammlung von … Viehzeugs.
Venom musterte sie.
Der dicke Junge mit den kleinen Schweinsaugen schaute ihn und Ska’ri an, als wäre er sich nicht sicher, ob sie eine Bedrohung darstellten. Er hielt sich leicht im Hintergrund, aber seine Blicke waren neugierig.
Die Fremdländerin mit der Sichel in der Hand wirkte nicht besonders beeindruckt von ihrer Ankunft. Ihre Haltung war locker, doch ihre Augen waren wachsam – ein Zeichen, dass sie sich ihrer Umgebung sehr bewusst war.
Die Frau im weißen Kleid mit den langen, schwarzen Haaren sah beinahe aus wie ein Geist. Sie bewegte sich kaum, beobachtete sie nur mit kühler Distanz. Irgendwie schien sie nervös zu sein.
Und dann war da noch eine dritte Frau. Sie mochte auch klein sein, aber ihre Haltung, die Art, wie sie dastand, ließ keinen Zweifel daran, dass sie hier das Sagen hatte – oder zumindest glaubte, es zu haben.
Ska’ri schnaubte leise. „Na, das ist ja eine bunte Truppe“, murmelte sie.
Venom nickte kaum merklich und versuchte, sich einen Reim auf die Situation zu machen. Waren das ebenfalls Suchende, die in das Kastell gekommen waren? Oder Bewohner? Anhänger der Schwarzmagier?

Ska'ri
06.03.2025, 11:11
Als Venom nach kurzer Überlegung den beiden Torskeletten die Lösung ihres Rätsels präsentierte, zog Ska’ri nur verständnislos die Augenbrauen nach oben.
„Schaschlik? Was bei Ulgaks Eiern haben ein Bauer und ein Pferd mit Schaschlik zu tun? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“
„Schach“, verbesserte Venom, „Das ist ein beliebtes Brettspiel.“
Ska’ri schüttelte den Kopf und warf dem Skelett an dem Torflügel, bevor es aus ihrer Sichtlinie schwingen konnte, einen missbilligenden Blick zu: „Hey! Das war unfair! Woher soll ich wissen, was ihr Morras für Spiele spielt? Das war Absicht, oder? Gib‘s zu!“ Das Skelett lachte meckernd. „Na warte“, knurrte Ska’ri, „Wir sprechen uns noch!“

Ihr Disput mit dem Skelett würde allerdings warten müssen, denn wenn sie geglaubt hatte, dass sprechende Skelette, die alberne Witze machten und unfaire Rätselfragen stellten, das bizarrste sein würden, was sie im Kastell der Schwarzmagier erwartete, dann wurde Ska’ri schnell eines besseren belehrt, als die geräuschlos aufschwingenden Torflügel den Blick freigaben auf die sonderbarste Ansammlung an Individuen, die der Orkin seit langem zu Gesicht gekommen waren. Nicht zu vergessen die Gänse und Ziegen, die fröhlich die Vorhalle des ehrwürdigen Gemäuers erkundeten und hier und da einen Klecks oder ein paar Köttel als Zeichen ihrer Anerkennung hinterließen.
Ska’ri stemmte die Arme die in die Hüften, ihr Gesicht war ein Bildnis der Fassungslosigkeit: „Du willst mich doch jetzt verarschen, oder?“

Arzu
06.03.2025, 18:13
Arzu hatte genaustens darauf geachtet, was Dion und Corsika jeweils auf die Schale Vabuns gelegt hatten. Besonders beeindruckt war sie nicht. Sie selbst hatte schließlich eine Schatulle voller Edelsteine abgegeben. Dafür war sie jetzt eine hohe Schwarzmagierin. Andererseits machten die beiden Neuankömmlinge auch nicht den Eindruck, als wenn bei ihnen mehr zu holen war. Da sich das Kastell außerdem gnädig zeigte und den Tribut akzeptierte, nahm auch Arzu es wortlos hin.
Gerade wollte die Nekromantin auf die Frage von Corsika eingehen, als sich schon wieder das Haupttor öffnete. Zwei weitere Gestalten traten ein. Das eine war ein hochgewachsener Kerl, dessen Gesicht von seinem Turban größtenteils verdeckt blieb. Das andere war ein Ork; eine Orkfrau sogar! Auf den ersten Blick nahmen sich beide nichts in Sachen Körpergröße und Arzu besah sich den Mann noch einmal genauer. Sie war sich ziemlich sicher, dass es sich bei ihm um einen Menschen handelte und nicht um einen weiteren Ork. Tatsächlich hatte er fast schon varantische Züge. Landsmann hin oder her, interessierte sich die Schwarzmagierin viel mehr für die Orkfrau. Seinerzeit hatten viele Orks Ishtar besucht, um Zuben die Ehre zu erweisen. Es war deshalb nicht ihre erste Begegnung mit einem Ork. Nur hatte Arzu nicht gewusst, dass es auf dieser Insel ebenfalls Orks gab. Nun, sie wusste vom Orkwald. Doch gesehen hatte sie keinen der Grünfelle. Und das Fell der Orkfrau sah auch eher nach Schlamm als nach grün aus. Irritiert wurde die Varanterin zudem von der ungewöhnlichen Frisur der Orkin. Etwas vergleichbares hatte sie selbst zuletzt getragen, als sie noch ein kleines Kind war.
»Willkommen!«, rief Arzu zu den neusten Neuankömmlingen herüber, über das Geschnatter und Geblöke der Tiere hinweg.
»Wer seid ihr und was bringt euch in meine Hallen?«, fragte sie dann. In erster Linie richtete sie ihre Worte an die Orkfrau. Nur selten kam es in ihrer Erfahrung vor, dass sich Orks und Menschen zusammentaten und die Menschen dabei die Führung übernahmen. Hier würde es gewiss auch so sein.

Ska'ri
06.03.2025, 19:27
Ska’ri mustert die Frau, die das Wort an sie gerichtet hatte, misstrauisch. Es fiel ihr schwer, sich auf die Szene, die sich ihr bot, einen Reim zu machen.
Die vier Gestalten, von denen sie hier in Empfang genommen wurden, konnten unterschiedlicher kaum sein – da war die Sprecherin, deren Fummel aussah, als würde sie zur Oberschicht der Morra-Gesellschaft gehören. Ska’ri hatte solche Leute bisher nur sehr selten zu Gesicht bekommen, aber normalerweise waren sie verweichlicht und nutzlos, das wusste sie. Bei den Morras musste man die eigene Machtposition selten selbst gegen Rivalen verteidigen, sondern ließ das seine Untergebenen für sich erledigen – die dafür aber hinter den Kulissen nicht selten die eigentlichen Drahtzieher waren. Jedenfalls mochte die die schwarzgekleidete Frau vielleicht die Hausherrin sein, aber sie sah nicht aus wie eine Schamanin des Schöpfers, soviel stand fest.
Genauso wenig dürfte es sich aber bei den beiden im Vergleich sehr bäuerlich gekleideten Morras um Schamanen handeln. Vor allem nicht der dicke Junge mit seinen weit aufgerissenen Kulleraugen und der rotglühenden Triefnase. Wahrscheinlich waren das nur die Viehhirten. Ska’ri vermutete inzwischen, dass ein großes Opferritual anstand – das war jedenfalls die einzig logische Erklärung dafür, dass sich so viele Tiere im Tempel des Schöpfers tummelten.
Nachdem also drei von vier Personen ausgeschlossen waren, blieb nur noch eine übrig – die in weiß gekleidete junge Frau hinten im Raum, mit den langen, zerzaust wirkenden schwarzen Haaren, die ihr ins blasse Gesicht hingen. Sie wirkte nervös und verunsichert, beobachtete aber das Geschehen offensichtlich sehr genau. Das musste die Schamanin sein! Sie hatte nicht das protzige Anführer-Gebaren an sich wie die Schwarzgekleidete, war aber offensichtlich auch keine Viehhirtin, und ihr ganzes, etwas absonderliches Verhalten passte zu einem Geisterseher. So ziemlich alle Schamanen, die Ska’ri im Laufe ihres Lebens kennen gelernt hatte, waren auf die eine oder andere Art verschroben gewesen, also warum sollte das bei den Morras anders sein?

„Wir sind auf der Suche nach Rat“, erwiderte Ska’ri schließlich kühl, „Und zwar von einem Schamanen.“
Damit ließ sie die Hausherrin links liegen und ging zielstrebig auf besagte Schamanin zu, die beim Anblick der Orkin erschrocken die Augen aufriss und aussah, als würde sie gleich die Flucht ergreifen. Geistesgegenwärtig blieb Ska’ri ein paar Schritte vor ihr stehen und ließ sich auf ein Knie nieder – wobei sie die Schamanin wahrscheinlich noch immer um eine gute Handbreit überragte. Aber egal wie klein sie sein mochte, sie war eine Priesterin des Schöpfers und verdiente entsprechenden Respekt. Ska’ri neigte ehrerbietig den Kopf.
„Me Tscherpak n’ashgar Varrag! Ich bin Ska’ri und ich und mein Begleiter hier, Venom, wir, äh, erbitten deinen Rat! Unter dem Gebirge fanden wir das Gefängnis eines mächtigen Dieners des Schöpfers, und er hat uns gebeten, ihn zu befreien, aber wir wissen nicht, wie. Er führte uns zu diesem Buch hier …“ Ska’ri zog den Folianten aus ihrem Bündel und reichte ihn der Schamanin, die ihn mehr aus Reflex entgegennahm und dann vor sich hielt und anstarrte wie einen Fremdkörper, der nicht in diese Welt gehörte. Ungeachtet dessen fuhr Ska’ri fort: „Leider können wir die Schriftzeichen nicht entziffern! Oh, und wir haben auch noch andere Dinge gefunden, die vielleicht etwas damit zu tun haben. Kannst du uns helfen, ehrwürdige Varrag? Ich glaube, es ist eine bedeutende Angelegenheit!“
Die Schamanin blinzelte hinter ihrem Vorhang aus schwarzen Haarsträhnen und sah dabei ziemlich verwirrt aus. Das Buch hielt sie nach wie vor in den Händen, als wüsste sie nichts damit anzufangen.
„Äh … äääh … a-a-also … i-ich … i-i-ich meine, d-das … also … äh … t-t-tut mir leid!“, stammelte sie schließlich.
Nicht gerade die Antwort, auf die Ska‘ri gehofft hatte.

Arzu
06.03.2025, 20:21
Was erlauben Strunz, schoss der Nekromantin durch den Kopf, als sie einfach von der Orkfrau links liegen gelassen wurde. Zu allem Überfluss ging sie auch noch direkt auf Thara zu, als ob das dürre Mädchen irgendetwas zu melden hätte. Als wäre nicht offensichtlich, dass sie, Arzu, die hohe Schwarzmagierin Beliars wäre!
»Hey!«, rief die Varanterin laut zur Orkfrau herüber. »Ich habe hier das Sagen!«
Zügigen Schrittes ging Arzu zu Thara herüber und blinzelte die Orkfrau böse an. Das Buch schnappte sich die Nekromantin ohne ein Bitte oder Danke. Niemand würde sie ungestraft auf diese Weise übergehen. Um den Punkt unmissverständlich klar zu machen, streckte Arzu ihre Hand aus und zog augenscheinlich an einem immensen, unsichtbaren Gewicht. Es bedurfte ihrer vollen Konzentration, denn in dieser Situation musste ihr die Zauberformel auf Anhieb gelingen.
Wenn das jemand kann, dann du, feuerte sich die Varanterin in Gedanken an. Plötzlich bebte es und eine Steinpranke kam aus einem tiefschwarzen Loch im Boden empor. Dann eine weitere. Es folgte der kolossale Körper eines Golems, der sich wortlos an die Seite seiner Herrin stellte.
»Ich bin Arzu von Ishtar, hohe Schwarzmagierin dieses geweihten Kastells!«, proklamierte die Varanterin.

Ska'ri
06.03.2025, 20:46
Schöne Scheiße … Arschbombe in die Schmierfettwanne!, dachte Ska’ri und räusperte sich verlegen. Da hatte sie die Situation wohl vollkommen falsch eingeschätzt und damit richtig tief in die Latrine gegriffen. Das steinerne Monstrum, das die Hausherrin aus dem Nichts herbeigerufen hatte, war jedenfalls ein felsenfester (ha!) Beweis dafür, dass Arzu von Ishtar, wie sie sich nannte, über schamanische Fähigkeiten verfügte. Das stotternde Mädchen in Weiß leistete auch keinerlei Widerstand, als Arzu ihr das Buch aus den Händen riss, sondern zog wie ein geprügelter Hund den Kopf zwischen die Schultern. Offensichtlich war sie überhaupt keine Schamanin, sondern nur eine Dienerin oder Sklavin.
„Oh … äh … verzeih, verehrte Varrag Arzu von Ishtar“, entschuldigte sich Ska’ri zerknirscht, „Ich habe wohl einfach zu lange nicht mehr mit Morras zu tun gehabt, deswegen dachte ich … also … ich dachte … egal, ich entschuldige mich! Und Venom auch!“ Mit einem seitlichen Kopfnicken forderte Ska’ri ihren Begleiter auf, genau das zu tun. Genau genommen hatte er sich zwar nichts zu Schulden kommen lassen, aber es schadete sicher nichts, vorsichtig zu sein. Schamanen waren oft launisch. Zum Glück schien Arzu fürs erste zufrieden zu sein und machte keine Anstalten, ihnen das Steinwesen auf den Hals zu hetzen, so dass Ska’ri schließlich vorsichtig nachhakte: „Und … glaubst du, dass du uns mit dieser Sache helfen kannst?“

Arzu
06.03.2025, 21:32
Wie Öl lief diese Entschuldigung herunter und Arzu setzte ein selbstgefälliges Lächeln auf. Tatsächlich war sie innerlich so angespannt wie noch niemals zuvor, denn den Golem in ihrer Gewalt zu behalten, war weitaus schwieriger als es den Anschein hatte. Einem Angriff hätte der steinerne Koloss vermutlich nicht standgehalten. Zum Glück wusste das außer Arzu niemand. Auf einen Versuch ließ die Varanterin es auch nicht ankommen. Schließlich hatte sie ihren Standpunkt klar gemacht. Mit einer geschmeidigen Handbewegung gab sie dem Steinriesen den Befehl, sich aufzulösen. Knirschend und Grollend verdrehten sich die einzelnen Elemente der Kreatur gegeneinander und verschwanden dann in das schwarze Loch aus dem sie zuvor gekommen waren.
Eine Last fiel von Arzu, als das Ungetüm verschwunden war. Was für ein Kraftakt. Es stand in keinem Verhältnis zu den Beschwörungen, die sie bisher gemeistert hatte, und offensichtlich gab es für sie hier noch viel zu lernen. Zumindest hatte der Golem dieses Mal die richtige Größe. Unter Druck ließ sich eben gut arbeiten!
»Entschuldigung akzeptiert!«, erklärte die Nekromantin feierlich. Dann warf sie einen näheren Blick auf das Buch. Der Geruch allein verriet bereits, dass es nicht besonders pfleglich behandelt worden war. Fast so, als hätte es Jahre in einem modrigen Keller gelagert.
»Aus dem Gebirge kommt das?«, fragte Arzu. »Das erklärt den Zustand.«
Kurzerhand schlug die Schwarzmagierin den Folianten auf und blätterte ein wenig. Schon wie bei Corsikas Pergament konnte sie die Schrift nicht entziffern. Seltsam, dass beides fast gleichzeitig den Weg ins Kastell gefunden hat, dachte sich Arzu. Einen Zusammenhang schloss sie dennoch aus.
»Die Antworten werden wir in der Bibliothek finden.«, sagte die Varanterin schließlich, schloss das Buch und reichte es Ska’ri. »Bevor ich euch Zugang gewähre, müsst ihr aber einen Tribut entrichten.«
Zum zweiten Mal in nur wenigen Minuten trat die Schwarzmagierin an Vabuns Statue heran und tippte auf dessen Schale.
»Legt ihn dort drauf und wenn er verschwindet, seid ihr Gäste in diesen Hallen.«

Ska'ri
06.03.2025, 23:04
Ska’ri tat ihr Bestes, sich nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert sie darüber war, dass Arzu offenbar nicht zur Sorte der nachtragenden Schamanen gehörten, die einen ihrer Meinung nach falschen Blick schon als Beleidigung ihrer Ehre auffassten und straften, indem sie einen mit irgendwelchen entwürdigenden Flüchen belegten – oder schlimmeres. Und sie schien auch bereit zu sein, ihnen zu helfen, obwohl sie mit dem Buch auf den ersten Blick offenbar genauso wenig anfangen konnte, wie Ska’ri und Venom selbst. Dass die Schamanin dafür einen Tribut forderte, überraschte Ska’ri nicht. Da unterschieden sich Schamanen der Morras offensichtlich nicht von ihren orkischen Kollegen…

Die Frage war nur, was war ein angemessener Tribut? Arzu hatte ihnen keinen direkten Preis genannt, und irgendwie schien sie zu erwarten, dass der Tempel – das Kastell, wie sie das Gebäude nannte – darüber entschied. Ska’ri betrachtete nachdenklich die Statue mit der silbernen Schale. Die Figur war von enormer Kunstfertigkeit, das konnte sogar sie erkennen, die von Bildhauerei nun wirklich keine Ahnung hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, schon jemals eine Statue gesehen zu haben, die derart lebensecht wirkte. Wenn man genau genug hinsah, konnte man erkennen, dass sogar die einzelnen Fasern der Robe ausgearbeitet waren! Wie das überhaupt möglich sein konnte, war Ska’ri ein Rätsel. Magie, vermutete sie.

„Ich habe so ein Gefühl, dass es hier nicht um den Wert des Tributs geht“, murmelte sie mehr zu sich selbst, „Eher um die … Bedeutung. Habe ich recht?“
Ska’ri griff an ihren Gürtel und zog ihren Dolch hervor. Die Waffe gehörte zu den wenigen Dingen, die sie noch von ihrem Bruder – nicht Krul, sondern ihrem leiblichen Bruder Rakor, der im Kampf gegen die Morras umgekommen war, als sie noch ein Kind gewesen war – besaß. Die Waffe als Andenken war ihr wichtig … sehr wichtig, um genau zu sein.
Bevor sie es sich anders überlegen konnte, warf sie den Dolch in die Schale und sah zu, wie er in einer blauschwarzen Wolke verpuffte. Unwillkürlich wurde ihr heiß, sie schluckte und blinzelte eine Träne weg, die sich in ihrem Augenwinkel sammelte.
Ohne ein Wort zu sagen, trat sie ein paar Schritte zurück, damit Venom seinen Tribut entrichten konnte – und um zumindest ein paar Augenblicke für sich zu haben, soweit das gerade möglich war…

Venom
07.03.2025, 00:00
Venom hielt sich im Hintergrund während Ska'ri es scheinbar mühelos geschafft hatte die Schwarzmagierin namens Arzu gegen sich aufzubringen. Die Szenerie amüsierte ihn ein wenig, insbesondere der Moment, in dem Ska’ri versucht hatte, ihn in ihre Entschuldigung mit einzubeziehen. Er hatte sich jedoch nicht beirren lassen und ließ die Situation ihren Lauf nehmen. Am Ende schien sich die Lage wieder entspannt zu haben – wenn man das so nennen konnte. Statt weiterhin über Ska’ris Worte zu diskutieren, verlangte Arzu nun eine Opfergabe.
Das steinerne Abbild in der Mitte der Halle hielt eine Schale in seinen Händen, und hier sollten wohl die Gaben dargebracht werden. Ska’ri trat als Erste vor, zog einen Dolch aus ihrer Tasche und legte ihn in die silberne Schale. Kaum hatte sie ihre Hände zurückgezogen, begann die Klinge sich in blauschwarzem Rauch aufzulösen. Dann verschwand sie ganz.
Venom trat vor, während Ska’ri sich mit einem für sie ungewohnten Gesichtsausdruck zurückzog. Er begann, seine Taschen nach einem passenden Tribut zu durchsuchen. Münzen? Nein, zu gewöhnlich. Eine Waffe? Unnötig. Dann glitten seine Finger über etwas Metallisches – einen Ring.
Sein Blick verharrte auf dem kleinen, unscheinbaren Schmuckstück mit dem eingravierten Flammensymbol. Wie lange trug er ihn schon mit sich herum? Jahre? Jahrzehnte? Einst hatte er diesen Ring als Zeichen seines Hasses auf Innos’ und seine Jünger bei sich behalten. Nun stand er hier, inmitten eines Tempels, der sich Beliar verschrieben hatte, und hielt ihn zwischen den Fingern. Ein stiller Moment verging, während er von der Statue zu Arzu blickte.
„Nun gut“, murmelte er schließlich.
Mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Neugier legte er den Ring in die Schale. Für einen Moment hielt er den Atem an und konzentrierte sich, versuchte, in sich hineinzuhören. Würde er etwas spüren? Ein Flüstern? Eine Eingebung? Nichts. Kein Zeichen, keine Stimme aus dem Dunkeln. Stattdessen konnte er nur beobachten, wie das Metall des Rings zu glimmen begann. Die Gravur des Flammensymbols verzerrte sich, bis das ganze Schmuckstück in einer sanften Bewegung verging – als hätte es nie existiert.
Ska’ri trat näher an Venom heran und warf ihm einen prüfenden Blick zu. „War das was Besonderes für dich?“
Er sah noch einen Moment in die leere Schale, dann zu ihr. Ein kaum merkliches Lächeln zuckte über seine Lippen. „War es mal.“

Corsika
07.03.2025, 21:04
Fast als wäre sie Zuschauerin in einem Theaterstück, beobachtete Corsika mit Staunen, was sich zwischen der Hausherrin, Arzu von Ishtar, wie sie sich nun doch endlich vorgestellt hatte und den Neuankömmlingen abspielte. Der Klimax dieses Stückes war gewiss die Präsentation magischer Dominanz seitens der Schwarzmagierin gewesen, denn es schien ganz so, als ob sie Steine zum Leben erwecken könnte.
‚Sie bauen also keine Säulen?‘, ging es Corsika augenblicklich durch den Kopf, als sie den Koloss erblickte und ehrfürchtig einen Schritt zurücktrat. Arzu schien eine ziemliche Haarspalterin zu sein, aber das traf sicher auch auf dieses Wesen zu, wenn ihm irgendetwas zu Nahe kam. Die armen Gänse waren von dem Monstrum ebenso erschrocken und verloren ein paar Federn, als sie wie kirre durch den Saal flatterten. Nur Ziegenbock Timo schien die Szene völlig unbeeindruckt zu beobachten.

Als nächstes nahm Corsika wahr, wie die Orkin - eine echte Orkin(!) - sich neben das schüchterne Mädchen in Weiß stellte und beide in ein unterwürfiges Zittern verfielen. Und dann reihte sich auch noch Dion in diese Runde ein und Corsika blieb nichts anderes, als zu glauben, dass in diesen drei Wesen, so grotesk das auch sein mochte, ein gemeinsamer Herzschlag zu pochen schien. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.
Der Turbanträger hingegen war ein Mann von hohem Wuchs und wenigen Worten. Corsika konnte instinktiv spüren, dass seine Geschichte ihr Interesse weckte. Er musste eine weite Reise hinter sich haben, in deren Verlauf er sogar eine Begegnung mit einer Orkin überlebte und nun sogar mit ihr auf Reisen war. Sie würde unglaublich gern hören, wie es zu all dem gekommen war, aber dafür müsste sich die angespannte Situation erst einmal ein bisschen auflösen.

Schließlich, nachdem alle ihren Tribut in die Opferschale geworfen hatten, war es ein lautes Magenknurren, das den Fortgang dieser Begegnung entscheiden würde. Corsika konnte nicht identifizieren, ob der Laut eher von Ska’ri oder Dion kam, aber die Botschaft war eindeutig.
„Ich hätte auch nichts gegen eine Fortführung der Gespräche beim Essen“, sagte sie und blickte etwas unschlüssig zur schweren, verschlossenen Kastelltür und dann zu den Ziegen. „Gibt es hier vielleicht ein Gehege oder einen Innenhof für die Tiere?“
Da sie einen Tribut gezahlt hatten, erwartete Corsika, dass für die Unterbringung gesorgt wurde. Ob Hof, Hotel oder Kastell, so etwas gebot der Anstand. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, konnte sie eine Stimme vernehmen, die sich wie ein Schraubstock in ihren Kopf bohrte. Sie deutete ihr den Weg und Corsika konnte nichts anderes tun, als ihr zu folgen. Sie geleitete die junge Frau auf geradem Wege in den Innenhof des Kastells …

Venom
18.03.2025, 20:08
Venom trat von der steinernen Schale zurück, seine Finger glitten noch kurz über den Stoff seiner Kleidung, als wollte er sich vergewissern, dass nichts weiter von ihm gefordert wurde. Er ließ seinen Blick durch die Halle schweifen, vorbei an den dunklen Wänden und den flackernden Fackeln, die lange Schatten warfen. Die Anwesenden waren noch immer ein ungleiches Sammelsurium aus Fremden, und Venom fühlte sich keineswegs wohler als bei ihrer Ankunft.
Ein plötzliches, vernehmliches Knurren durchbrach die gespannte Stille. Venoms Augenbrauen hoben sich leicht – war das etwa Ska’ri? Oder hatte der dicke Junge mit den Schweinsaugen einen ebenso hungrigen Magen wie geifernden Blick? Der Gedanke war nicht abwegig, doch Venom sagte nichts. Er beobachtete nur.
Die Frau mit der Sichel – die mit den graubraunen Augen und der freundlichen Aura – war es, die als Erste das Schweigen brach. „Ich hätte auch nichts gegen eine Fortführung der Gespräche beim Essen. Gibt es hier vielleicht ein Gehege oder einen Innenhof für die Tiere?“
Ohne eine Antwort abzuwarten drehte sie sich abrupt um, als wäre sie von einer unsichtbaren Hand ergriffen worden. Ihr Gang war merkwürdig – zu steif, zu präzise, als hätte jemand das Leben aus ihr herausgesogen und durch kalte Berechnung ersetzt.
Venom fühlte, wie sich seine Muskeln unwillkürlich anspannten. Es erinnerte ihn an etwas – an das Flüstern in der Höhle, an das Gefühl, nicht allein im eigenen Kopf zu sein. Ein ungutes Ziehen breitete sich in seiner Magengegend aus, doch er hielt sich zurück, zwang sich, die Miene nicht entgleiten zu lassen.
Stattdessen warf er Ska’ri einen schnellen Blick zu. Sie hatte es bemerkt, dessen war er sich sicher. Ihre angespannten Schultern und der leichte Kniff in ihren Augenbrauen verrieten es.
Seine Aufmerksamkeit glitt von Ska’ri zurück zu den beiden Bewohnern des Kastells. Er wartete ab, wollte sehen, ob sie reagieren würden. Ob Arzu oder die Frau in dem weißen Kleid eingreifen würden.

Corsika
22.03.2025, 00:01
Erst als Corsika den Innenhof des Kastells betreten hatte, verschwanden die hämmernden Schmerzen aus ihrem Kopf wieder, und zwar genauso schnell, wie sie gekommen waren. So einen Anfall oder was auch immer ihr zugestoßen war, hatte sie noch nie zuvor erlebt; dabei war sie gerade erst glücklich darüber, ihre Kopfschmerzen mit dem Betreten dieser düsteren Gemäuer losgeworden zu sein. Vielleicht hatte Dion wirklich recht und in diesem Bauwerk spukte es. Wenn die Magierinnen hier totes Gestein zum Leben erwecken konnten, dann waren sie sicher auch in der Lage, Kopfschmerzen zu erzeugen und verschwinden zu lassen. Sie würde achtsam bleiben müssen.
Der Innenhof lud zum Verweilen ein. Eine unerwartete Wärme umfing Corsika sogleich und auch der große, sattgrüne Baum im Zentrum wirkte wie aus einer anderen Sphäre. Es gab einen Brunnen, aus dem Corsika einen Eimer voll Wasser für die Tiere schöpfte. Die eigenartigen Geräusche aus dem Inneren des Brunnens ignorierte sie dabei geflissentlich und wagte es auch nicht, einen genaueren Blick in das tiefschwarze Loch zu werfen. Corsika tauchte einige getrocknete Erbsen in das Wasser und überließ die Mahlzeit ihren Gänsen. Die Ziegen fanden einige Grashalme im Innenhof und sogar etwas Stroh, das wie Viehfutter bereitgestellt worden war. Da war entweder jemand sehr zuvorkommend oder es gab noch weitere Tiere hier im Kastell.
Corsika wanderte zu einer kleinen Brüstung auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangs und konnte von dort aus die Freiheit erahnen. Dahinter fielen die Klippen schwindelerregend weit in die Tiefe und unten zehrten bereits Sturm und Wellen an den Felsen der Insel. Wie lange es wohl noch dauern würde, bis Zeit und Gezeiten das Kastell verschlingen würden?

Ihr Magen knurrte. Es machte keinen Sinn, sich über die ferne Zukunft Gedanken zu machen. Jetzt musste sie erst einmal dafür sorgen, dass sie nicht die Letzte beim Abendessen war. Eilig kehrte sie in die große Eingangshalle zurück.

Thara
25.03.2025, 00:47
Thara rührte mehr in ihrem Eintopf herum, als dass sie wirklich davon aß. Viel mehr als an ihrem Essen war sie an den seltsamen Besuchern des Kastells interessiert, wobei sie zugleich hoffte, dieses Interesse ihnen gegenüber möglichst verbergen zu können, indem sie sich, wie gewohnt, hinter ihren Haaren versteckte, den Kopf gesenkt hielt und jeden Blickkontakt vermied.
Arzu hatte freilich keine solche Sorgen. Nachdem die Tiere im Innenhof untergebracht worden waren, hatte sie die ganze Mannschaft ins Ferek … Riflik … in den Speisesaal geführt und völlig selbstverständlich am Kopf einer bereits gedeckten Tafel platzgenommen. Die Gäste hatten sich anschließend zu beiden Seiten niedergelassen, so dass für Thara nur noch der Platz am anderen Ende der Tafel übriggeblieben war. Sie hätte sich zwar deutlich wohler gefühlt, wenn sie neben Arzu hätte sitzen können, aber zumindest hatte sie so einen guten Blick auf die Gäste.
Es war wirklich eine sonderbare Truppe. Der große, schweigsame Kerl, Venom, beunruhigte Thara am meisten. Er hatte dunkle, tief in den Höhlen liegende Augen und seine Hautfarbe hatte Ähnlichkeit mit der Arzus. Seine Miene war ausdruckslos, sein Blick hart und aufmerksam. Er war höflich, ruhig und hielt sich eher im Hintergrund, aber genau das machte ihn undurchschaubar und Thara hatte keinen Grund, vom Guten im Menschen auszugehen. Sie würde wachsam bleiben in seiner Nähe – auch um Arzus Willen. Thara konnte sich gut vorstellen, welche Begehrlichkeiten ihre schöne Zirkelschwester in dem Fremdling wecken mochte. Und sie wusste sehr genau, wie manche Männer dazu neigten, ihr Verlangen zu stillen.
Ein wenig fragte sich Thara, wie genau sein Verhältnis zu seiner orkischen Begleiterin eigentlich war. Jedenfalls würde er mit Ska‘ri sicherlich nichts anstellen können, was sie nicht wollte … Trotz ihres in mehrerlei Hinsicht beeindruckenden Körperbaus war die Orkin jedoch ein wenig nervös, seit Arzu ihre magischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatte. Sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen und Selbstsicherheit auszustrahlen, aber Thara war gut darin, auch kleinste Nuancen negativer Emotionen wahrzunehmen – eine Fähigkeit, die für sie in der Vergangenheit geradezu überlebenswichtig gewesen war. Und so entging ihr keineswegs, wie die Orkin sich immer wieder umschaute, als würde sie nach Gefahren suchen, oder bei unerwarteten Geräuschen kaum merklich zusammenzuckte. Zugleich aber machte sie sich auch mit einem guten Appetit über den Berg an Fleisch her, den sie sich hatte bringen lassen, sowie Arzu den Gästen die Funktionsweise des magischen Speisesaals erklärt hatte.
Erstaunlich wenig Appetit hatte hingegen der dicke Bursche, Dion. Er saß in sich zusammengesunken auf seinem Stuhl, schniefte ununterbrochen und hielt sich an einer großen Tasse dampfenden Tees fest – das war alles. Mehr wollte er offenbar gar nicht haben. Kein Hunger, hatte er auf die verwunderte Nachfrage seiner Begleiterin erklärt. Er sah erschöpft und krank aus. Offenbar hatte er sich auf der Reise eine ordentliche Erkältung eingefangen – Thara hoffte nur, dass er sie nicht ansteckte!
Und zuletzt war da noch Corsika. Sie schien sich von allen Neuankömmlingen am wohlsten im Kastell zu fühlen und sich keine Gedanken über ihre seltsame Umgebung zu machen – fast schon, als würde sie sich wie zu Hause fühlen in den alten, Beliar geweihten Gemäuern! Sie hatte braune Haare, die vom Wind noch zerzaust waren, und bemerkenswerte mandelförmige Augen, die Thara so noch nie zuvor gesehen hatte. Sie war hübsch, wenn auch nicht so hübsch wie Arzu, natürlich.
Es war wirklich seltsam, dass diese beiden Gruppen so höchst unterschiedlicher Reisender zur selben Zeit mit sehr ähnlichen Anlässen ins Kastell gekommen waren. Was das wohl bedeuten mochte? Arzu würde das bestimmt herausfinden können!

Corsika
27.03.2025, 16:43
Corsika musste sich beinahe eine Träne unterdrücken, als sie ihr Abendmahl im magischen Refektorium zu sich nahm. Die Gastgeberin hatte sie darauf hingewiesen, dass man alles bekäme, was man sich vorstellt, also hatte Corsika die Küche auf die Probe gestellt und sich Kastanienbrot, Ziegenmilchkäse und Oliven gewünscht und dazu einen Wein aus der Myrtenbeere. Die Mahlzeit, die auf ihrem Teller erschien, sah nicht nur authentisch aus, sondern schmeckte auch hervorragend. Süß und bitter, wie Heimweh.
„Das ist so köstlich, ich glaube, hier zieh ich gleich mit ein“, scherzte sie und blickte zu Dion. „Du musst mir dann nur noch mehr von diesen goldenen Ringen angeln, hörst du?“
Aber er antwortete ihr nicht. Stattdessen erhob er sich von seinem Platz, fragte nach dem Abort und dem Schlafplatz für die Gäste und verkrümelte sich so unauffällig, wie das für einen Pfundskerl wie ihn halt möglich war.
„Wünsch dir doch einfach Medizin“, rief Corsika ihm noch hinterher und zuckte dann nur mit den Schultern. Das schien ihr der logische Schluss zu sein, wenn man sich hier auch Essen einfach wünschen konnte.

Neugierig ließ Corsika ihren Blick über die Teller der anderen wandern. Da war natürlich Fleisch bei dem Orkweibchen, aber welche Sorte war es? Es könnte ihr einen gewissen Vertrauenszuschuss geben, wenn sie sich kein Menschenfleisch gewünscht hat, aber Corsika wusste nicht einmal, wie das gebraten aussehen würde.
„Das hier ist ein traditionelles Gericht meiner Heimat“, begann Corsika zu plaudern, denn traditionellerweise war der Wein dort auch recht stark. Sie ließ noch einen Korb mit Kastanienbrot erscheinen und reichte ihn herum, ebenso wie eine Käseplatte und geräucherte Wurst.
„Und was habt ihr so auf den Tellern?“
Sie schielte insbesondere zu Venom, auf dessen Teller sie ebenfalls ein Heimatgericht vermutete.

Arzu
28.03.2025, 00:20
In der Rolle der großzügigen Gastgeberin fühlte sich Arzu pudelwohl. Besonders weil die Dämonen ihr all die lästigen Arbeiten wie das Zubereiten des Essens abnahmen. So konnte sie sich darauf konzentrieren, ihre Gäste zu unterhalten. Zumindest die Mehrzahl von ihnen. Der fette Bursche machte sich ungehobelt wie er war mitten in ihrer Tafel aus dem Staub. Offenbar ging es ihm nicht gut, wenn man Corsikas Worten Glauben schenken durfte. Sollte er verschwinden. Eine Bereicherung für die Unterhaltung war Dion ohnehin nicht gewesen.
»Erlesene Leckereien aus meiner Heimat.«, antwortete Arzu auf die Frage der dunkelhaarigen Frau. Sie wusste nicht, was Kastanien waren, und gab sich natürlich auch nicht die Blöße nachzufragen. Ein Bissen von dem fremdländischen Brot machte sie allerdings neugierig. Ein wenig süß schmeckte es und etwas nussig. Hatte sie es vielleicht doch schon mal gegessen?
»Das hier nennt man Simit.«, sagte die Nekromantin und deutete auf einen mit Sesam besetzten Brotring. Danach zeigte sie auf eine Ansammlungen kleiner Schälchen, die alle unterschiedliche Inhalte besaßen. »Meze. Sehr zu empfehlen. Da sollte für jeden was dabei sein. Und das hier ist Pide; eines meiner Lieblingsgerichte.«
Arzu hielt einen länglichen Teig in die Höhe, dessen Mitte mit Hackfleisch, Käse und einer Menge Kräutern gefüllt war. Ein beherzter Biss zeugte von der Knusprigkeit des Teigs. Nachdem sie den Bissen heruntergeschluckt hatte - denn mit vollem Mund sprach nur der Pöbel - schob die Schwarzmagierin großzügig einige der Schalen in die Mitte der Tafel, damit sich auch die anderen daran bedienen konnten.

Dion
28.03.2025, 20:00
Dion fühlte sich ganz und gar nicht wohl. Und das hatte mehrere Ursachen.
Zum einen war da die üble Erkältung, die er sich wohl bei der Durchquerung des Sumpfes eingefangen hatte. Seine Nase war verstopft und lief ohne unterlass, jeder Atemzug rasselte in seiner Lunge. Ihm war die ganze Zeit schwindelig und er hatte das Gefühl, als würde er seine Umgebung wie durch eine Glasscheibe hindurch wahrnehmen. Seine Haut fühlte sich an, als wäre sie nur noch hauchdünn, so dass selbst das weiche, wollene Untergewand scheuerte, und ihm taten Arme und Beine weh – wobei das auch von der anstrengenden Wanderung kommen mochte. Wie schlimm es um ihn stand, wurde offensichtlich, als Arzu ihren Gästen erläuterte, dass das Kastell sie auf magische Weise mit jeglicher Speise versorgen würde, die sie sich wünschten – und das Einzige, was Dion sich bringen ließ, eine Tasse heißen Kräutertees mit Honig war. Er hatte, man glaube es oder nicht, schlicht keinen Appetit und schon gar keinen Hunger. Außerdem tat ihm der Hals weh.

Aber die Krankheit war nicht der einzige Grund für Dions Unwohlsein, vielleicht nicht einmal der Hauptsächliche. Da war noch etwas. Ein dumpfes Gefühl, in diesen alten, düsteren Gemäuern nicht erwünscht zu sein. Geduldet – für den Moment. Aber nicht erwünscht. Und dieses Gefühl wurde immer stärker, je mehr Zeit er hier verbrachte. Eine erdrückende Gewissheit, dass ihn … jemand? etwas? … die ganze Zeit über misstrauisch beobachtete, ihm Schritt und tritt folgte, jede seiner Handlungen überwachte und ihn beim ersten Fehltritt … Dion wollte sich lieber gar nicht ausmalen, was mit ihm passieren könnte, wenn dieser Ort beschloss, dass er irgendwelche Regeln verletzt hätte.
Denn ja, es war der Ort selbst, der in Dion dieses Gefühl auslöste. Nicht Arzu, obwohl sie offensichtlich eine mächtige Schwarzmagierin war, eine Anhängerin Beliars, des Gottes des Todes und der Dunkelheit, und damit – zumindest in der Theorie – das personifizierte Böse. Auch nicht ihre blasse Begleiterin, die zwar doch kein Geist war, wie Dion zuerst geglaubt hatte, ihm aber trotzdem unheimlich blieb (konnte es sein, dass dieses blinde Auge, das sie unter ihren schwarzen Haarsträhnen zu verbergen versuchte, ihn immer wieder anstarrte?). Und nicht einmal der große, finstere Kerl und die Orkin machten ihm Angst, obwohl die beiden so aussahen, als würden sie kleine Kinder fressen – groß, finster und orkisch, wie sie waren. Nein. Es war das Kastell selbst, das ihn mit Furcht erfüllte.
Also klammerte er sich an seinen Tee und nahm vorsichtig ein paar Schlucke. Keine hastigen Bewegungen. Keine unbedachten Worte. Er war einfach nur ein harmloser dicker Junge, der keinem Kastell niemals keinen Anlass nicht bieten würde, auf ihn sauer zu sein …
Du solltest schlafen gehen, dachte er sich. Moment, dachte wirklich er sich das? Oder war es vielleicht …? Dion verzog leicht das Gesicht. Wenn auch nur der Hauch einer Chance bestand, dass das Kastell ihm diesen Gedanken in den Kopf gesetzt hatte und also wollte, dass er sich hinlegte, dann würde er sicher nicht zu streiten anfangen. Und ja, er wollte schlafen gehen. Ein warmes, gemütliches Bett – das wäre jetzt genau das Richtige!
„Ich … werde mich wohl besser mal hinlegen“, murmelte er und senkte entschuldigend den Kopf, während er seinen Stuhl zurückschob. Den Tee nahm er mit. Corsika rief ihm noch hinterher, dass er sich doch einfach Medizin wünschen solle, aber Dion hatte seine Zweifel, dass die Gastfreundschaft des Kastells so weit gehen würde.

Er trat aus dem Speisesaal auf den langen, marmorgefliesten Flur hinaus und sah sich unsicher um. Nach rechts ging es zum Eingang, das wusste er, aber wo waren die Gästezimmer? Wenn das Kastell ihn schon ins Bett schickte, sollte es ihm dann nicht auch zeigen, wo dieses Bett zu finden war? Einen Moment stand Dion ratlos da, bis er bemerkte, dass in dem Gang zu seiner linken nur eine einzige der in schmiedeeisernen Wandhalterungen befestigten Fackeln brannte, ein gutes Stück weit hinten. Ein Zeichen? Er folgte dem Gang bis zu der Fackel und stellte fest, dass sie sich neben einer stabilen Holztür befand, die einen Spaltbreit offenstand. Behutsam drückte er sie weiter auf, und siehe da – es musste sich wahrhaftig um so etwas wie ein Gästezimmer handeln. Die Möblierung bestand aus einem Bett, einer Truhe, einem kleinen Tisch und einem Stuhl, aber was wollte man schließlich mehr? Dion trat ein und schloss die Tür hinter sich. Schon allein der Anblick des Bettes mit der frischen Bettwäsche ließ seine Müdigkeit bis ins unermessliche wachsen. Er konnte kaum noch lange genug die Augen aufhalten, um sich seiner Oberkleiden zu entledigen, bevor er sich mit einem Seufzer der Erleichterung in die Federn fallen ließ, die Decke bis zum Kinn hochzog und fast augenblicklich eingeschlafen war.
Genau so, wie es das Kastell beabsichtigt hatte.

Olivia Rabenweil
29.03.2025, 01:00
Die nackten dreckigen Füße fanden kaum einen sicheren Halt auf den glatten schwarz – weißen Fliesen des endlos erscheinenden Flurs. Der Körper taumelte, prallte gegen eine Wand und schleppte sich weiter voran, in dem düsteren Zwielicht, welches von dem fahlen Schein weit entfernter Fenster gespeist wurde.
Es war ruhig – beinahe still… nur die Sohlen erzeugten ein patschendes Geräusch auf dem Marmorboden, sowie auch einen schwachen, verwischenden Schatten. Ihr Blick lag fest auf ihn fixiert, da er sein einer, wie eine Ewigkeit wirkenden Zeit, das erste Fremde war, was sich in ihrer Gegenwart ebenfalls bewegte. Und doch verstärkte diese unwirtliche Situation lediglich Olivias Gefühl von Einsamkeit.
Ihre Finger glitten über die rauen Kastellwände. Es war gut den Stein an ihren dreckverkrusteten Fingerspitzen zu spüren. Es war immerhin etwas, das sie spüren konnte. Mit verkrampfenden Fingern presste sie den Schädel mit der anderen Hand an ihren Bauch. Hatte er ihr bisher immer Halt gegeben, auch wenn sie vielleicht nicht immer einer Meinung waren, so war er nun still – tot.
Was Olivia so unfassbar einsam machte, in der Dunkelheit, in die sie gerissen wurde und gefangen war. Zuvor war alles zu ertragen gewesen… doch nun? Sie zitterte.

Dieser unfassbare Drang einen Fuß vor den anderen zu setzen, trieb sie voran.
Seit das Wesen sie in die Finsternis gerissen und sie darin befreit hatte, war jedes Gefühl für das Selbst anhanden gekommen. Sie hatte die Erlebnisse nicht verarbeiten können, alles war wie dicker, öliger, schwarzer Qualm in ihrem Kopf. Sie erinnerte sich kaum, was die durchlebt hatte und gleichzeitig vibrierte der Schrecken in jeder Faser ihres Körpers.
Olivia hatte geschrien, als das Schwarz aus ihr gerissen wurde – Spore für Spore. Doch ungehört war ihre Qual in Ein‘Allem verklungen. Lediglich unzählige Augen hatten sie aufgesogen und ihr Sein, ihre Qual, ihren Kampf aufgenommen, niedergelegt und in das Weltenwissen aufgenommen.

Die Schwarzmagiern kniff die Augen zusammen. Noch ein Schritt… und noch ein Schritt… Sie musste Ihr Ziel erreichen. Die Aufgabe erfüllen. Hatte sie diese Tat doch angeboten, um nicht gänzlich in ihrer Unbedeutung vom Ein’Allem verschlungen zu werden.
Sie ließ den Kopf hängen. All diese Erinnerungen wehten wie lose Aschefetzen durch ihren Geist. Es fiel ihr schwer ihre Gedanken zu fokussieren. Sie musste zu der Tür – zu dem Raum dahinter…
Nur wenn die ein nützliches Subjekt sein konnte, würde sie ein lebendes Individuum bleiben. Anderenfalls drohte das Eingehen in das unendliche Unvergessen. Ihre trockene Kehle schnürte sich zu. Sie wollte nicht unnütz verschwinden. Sie wollte, das sie gebraucht wurde – egal von wem. Sie wollte eine Aufgabe erfüllen. Dienlich sein… Doch retrospektiv betrachtet war sie mit diesem Ansatz bisher grundlegend gescheitert. War sie nicht eher flatterhaft und unverlässlich? Ließ sie nicht immer wieder Leute im Stich und allein zurück? War sie nicht immer wieder eine herbe Enttäuschung, für ihre Lehrer, für die Menschen, die ich zu ihr hingezogen fühlten und jene, die sich auf sie verließen?
Warum kämpfte sie so stark darum, dennoch eine Aufgabe zu erfüllen?

Schritt für Schritt weiter voran. Sie war ein herber Reinfall, für Jeden der waghalsig genug war, sich auf sie einzulassen. Und doch war sie immer noch hier. Doch ging ihr Weg weiter voran – Schritt für Schritt…

Venom
30.03.2025, 21:55
Venom ließ sich Zeit und wartete erst ab was die anderen sich an Essen bestellten. Während die Teller sich nach und nach füllten wurde sich nacheinander mehr oder weniger zögerlich vorgestellt sodass nach kurzer Zeit alle Namen bekannt waren. Venom warf seinen unterschiedlichen Sitznachbarn den ein oder anderen Blick zu und er schien nicht der einzige zu sein, der dies tat.
Dion, der fette Junge, hatte sich mit einer für seinen Körperbau überraschenden Geschwindigkeit wieder verabschiedet. Vielleicht fürchtete er sich davor, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Venom hielt das nicht für einen Verlust.
Thara, die Schwarzmagierin im weißen Kleid, wirkte leicht unruhig und distanziert. Sie nahm nur wenig von dem Essen zu sich, wählte ihre Bissen sorgfältig und beobachtete dabei die anderen aus den Augenwinkeln. Venom hatte das Gefühl, dass sie sich für die neu Angekommenen interessierte, doch anders als Arzu zeigte sie dieses Interesse nicht offen. Sie war schwer zu durchschauen, was Venom dazu veranlasste, sich ihren Namen besonders gut einzuprägen.
Arzu hingegen nahm eine ganz andere Haltung ein. Sie aß mit sichtbarem Genuss und schien sich in der Rolle einer Gastgeberin wohlzufühlen, die ihre Gäste mit Blicken musterte, als würde sie bereits Pläne für jeden einzelnen von ihnen schmieden. Ihr Lächeln hatte etwas Besitzergreifendes, und Venom hatte keinen Zweifel daran, dass sie hier etwas zu sagen hatte – oder sich zumindest in einer Position befand, in der sie es sich leisten konnte, diesen Eindruck zu erwecken.
Ska’ri hingegen hatte sich schnell mit dem Essen angefreundet und doch schien sie nervöser zu sein als sonst. Wie merkwürdig das Leben manchmal spielt, dachte Venom. Saß er nun hier zwischen Menschen und doch war es eine Orkin die er am besten kannte, sonder ihr auch vertraute.
Als Corsika, die Frau mit der Sichel, schließlich Kastanienbrot herumreichte, nahm Venom sich ein Stück. Es war nussiger als das Brot, das er gewohnt war, aber nicht unangenehm. Er nickte nur kurz als Zeichen, dass er es als akzeptabel befand und ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht – mehr Reaktion hielt er für unnötig. Die junge Frau schien beim Essen deutlich aufgetaut zu sein und machte fast einen leutseligen Eindruck. Irgendwie war sie Venom sympathisch.
Dann wandte er sich Arzu zu und nahm sich auch etwas von dem Gericht, das sie angeboten hatte. Es schmeckte überraschend gut, was ihn zu einem weiteren Gedanken brachte: Wenn die Magie des Kastells tatsächlich imstande war, jedes gewünschte Essen zu erschaffen, was würde geschehen, wenn er sich etwas wünschte, das er seit Jahren nicht mehr hatte? Etwas aus seiner Vergangenheit?
Er schloss kurz die Augen und stellte sich die vertrauten Aromen vor: ein Brot, das in heißem Sand gebacken wurde, mit einer fruchtigen Tomatensoße – eine Spezialität aus seiner Zeit in der Wüste. Die einfache, aber doch unvergleichliche Kombination von Hitze, Erde und Frucht, wie er sie einst kannte.
Als er die Augen wieder öffnete, lag der gewünschte Teller vor ihm.

Corsika
31.03.2025, 20:20
Der Abend schritt voran und die Teller leerten sich allmählich. Verschiedene Speisen aus aller Herren Länder wurden präsentiert, neugierig gemustert, vielleicht sogar probiert und in den allermeisten Fällen als genießbar, wenn nicht gar köstlich befunden. Alle Anwesende einte, dass sie eine gesunde Vorsicht voreinander hatten und sich jeder bemühte, in einem - für die jeweiligen Verhältnisse - guten Licht zu erscheinen. In Corsikas Kultur war es Brauch, dass man angebotene Speisen probierte, den Teller aber nie restlos leerte, ansonsten gab es Nachschlag. Wer keinen Nachschlag liefern konnte, galt als arm oder unhöflich oder beides. Das magische Essen des Kastells brachte sie nicht in eine derartige Bredouille, denn sobald ein Teller leer oder der Grund eines Kruges zu erkennen war, konnte man sich einfach vorstellen, wie es sich wieder auffüllte und so geschah es dann auch. An diesem Ort würde sie nie wieder Hunger leiden müssen, es war perfekt. Doch zu welchem Preis kam dieser Luxus wohl?
Inzwischen waren auch alle Namen der Gäste und Gastgeber gefallen und Corsika gab sich Mühe, alle beisammenzuhalten. Das fiel ihr leichter bei jenen, die selbst gern von sich sprachen, wie Arzu, und schwieriger bei anderen, die sich immerzu verdeckt hielten. Ihr Blick wanderte zu der blassen Frau, die ihren Kopf sogleich weiter krumm nach vorn beugte. Eine ihrer Haarsträhnen tunkte dabei in ihre Suppenschüssel. Niemand sagte etwas.

„Das war wirklich ein ausgezeichnetes Abendmahl“, lobte Corsika und genehmigte sich dabei den letzten Happs des Tomatenbrotes, das Venom bereitgestellt hatte. „Einen Lob an die großzügige Gastgeberin.“
Ihr war schon aufgefallen, dass Arzu es sichtlich genoss, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn Corsika noch länger hier verweilen wollte, musste sie sich mit der schönen Frau mit den haselnussbraunen Augen gutstellen.
„Wie lange seid Ihr schon hier, Arzu? Und wie habt Ihr …“ Corsika schloss kurz die Augen und konzentrierte sich. Der Name war doch nicht so schwer.
„Thara“, platzte es schließlich aus ihr heraus. „Wie habt Ihr einander kennengelernt? Ihr scheint aus unterschiedlichen Welten zu stammen und doch lebt Ihr hier gemeinsam.“
Vielleicht als Herrin und Sklavin? Oder Magierin und beschworenes Geschöpf? So ganz schlau wurde Corsika aus der Rolle der blassen Gestalt noch nicht. Irgendein dumpfes Gefühl in ihrem Hinterkopf sagte ihr, wenn sie nicht aufpasste, konnte sie selbst einmal so werden wie Thara. Die Frage war nur, welcher Wahnsinn sie zu dem gemacht hatte, was sie heute war.

Venom
10.04.2025, 00:22
Das Mahl war beendet, die Teller leer, und obwohl sich niemand direkt erhoben hatte, war spürbar, dass ein neuer Abschnitt des Abends beginnen würde. Gespräche flackerten auf – zögerlich zuerst, dann zunehmend neugieriger. Es war Corsika, die die Frage laut aussprach, die allen Gästen wohl auf der Zunge lag:
„Und dieses Kastell … es ist alt, nicht wahr? Was genau ist es? Eine Schule? Ein Tempel? Ein … Archiv?“ Ihre dunklen Augen musterten Arzu mit unverhohlener Neugier.
Die Schwarzmagierin lächelte, als hätte sie genau mit dieser Frage gerechnet. „Das Kastell ist vieles,“ erwiderte sie gelassen. „Ein Ort der Lehre. Ein Ort der Macht. Ein Schutzraum, wenn nötig. Und ja, ein Archiv – in gewisser Weise. Es gibt hier eine Bibliothek, wie ihr sie vermutlich noch nie gesehen habt. Tausende von Büchern. Manche uralt, andere … neueren Ursprungs.“
Thara, die schweigsame Frau in Weiß, nickte stumm zur Bestätigung. Ihre langen schwarzen Haare rahmten ihr bleiches Gesicht wie ein Schleier, aber ihre Augen wirkten wach und durchdringend.
Venom merkte, wie Ska’ris Blick sich sofort zu ihm wandte. Auch er hob leicht die Braue und erwiderte ihn. Es war nicht nötig, ein Wort zu wechseln – beide dachten dasselbe: Vielleicht würden sie dort etwas über den Dämon finden.
„Könnte man … einen Blick hineinwerfen?“ fragte Ska’ri nach kurzem Schweigen. Ihre Stimme war zwar ruhig, aber sie klang … aufmerksamer als sonst. Vielleicht sogar ehrfürchtig.
Arzu schien amüsiert. „Ihr seid Gäste. Keine Gefangenen. Wenn ihr eure Füße zu führen wisst, steht euch das Kastell offen ... in gewissen Grenzen ... Die Bibliothek liegt im Erdgeschoss. Ich denke, ihr werdet den Weg finden.“
Corsika war bereits aufgestanden. „Dann verlieren wir keine Zeit.“ Ihre Stimme war nüchtern, aber in ihrem Schritt lag Eile.
Ska’ri grinste breit. „Na dann, los.“
Venom erhob sich schweigend. Er beobachtete, wie Thara ihnen einen letzten, undurchsichtigen Blick zuwarf, ehe sie sich wieder abwandte.
Als die Gäste das Refektorium verließen, gingen sie durch einen Gang, der von Fackeln gesäumt war, deren Flammen seltsam still brannten, ohne zu flackern. Ihre Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, und mit jeder Wendung des Korridors schien das Kastell größer zu werden, als es von außen gewirkt hatte.
Venom spürte, wie sich etwas in seiner Brust regte – kein Unbehagen, sondern eine leise, pochende Erwartung. Als sie die große Flügeltür zur Bibliothek erreichten und sie sich knarrend öffnete, trat er als Letzter ein – und hielt unwillkürlich den Atem an.
Vor ihnen lag ein Meer aus Regalen. Geschwungene Galerien, teils aus Holz, teils aus Stein, erstreckten sich in die Höhe. Leitern, Podeste, einzelne Sessel an kleinen Tischen. Und überall Bücher. Der Geruch war alt und schwer, aber nicht unangenehm – nach Wissen, nach Staub, nach Zeit.
Ska’ri stieß ein leises „Wow“ aus.
Corsika trat näher an ein Regal, die Sichel wie immer locker an ihrer Seite, und fuhr mit den Fingern an den Buchrücken entlang.
Venom trat einen Schritt zur Seite, musterte den Raum, die Struktur, die Präsenz, die darin pulsierte.
Und irgendwo, ganz tief in ihm, regte sich wieder dieses Gefühl.
Als würde jemand wollen, dass er etwas Bestimmtes findet. Oder … dass er überhaupt hier ist.

Hasso Kuettel
10.04.2025, 20:43
So, wie die Umgebung an ihrer Form verloren hatte, setzte auch bei dem Dicken die Zersetzung ein, dass das starke Leuchten in seinem Inneren zu pulsieren begann und die beiden Bestandteile der Ströme auseinanderdrifteten, bis sie erneut miteinander verschmolzen, nur um sich erneut wieder voneinander abzustoßen.
Jede Pore des Mannes schien während dieses Vorgangs die Finsternis anzuziehen und mehr und mehr der Dunkelheit zu absorbieren, die sich um die Zellen legte, wie ein schützender Kokon, doch dieser Effekt beschränkte sich nicht auf die Zellen, sondern ließ seine feinen Tasthaare nach der rötlichen Ladung greifen, mit der er sich verbannt.
Durch jede Ritze, jede Spalte, jede Pore, jede Wabe, jede Struktur dieser magischen Ladung drang die Dunkelheit und verleibte sich ein, was dem Sog folgte. Jedes noch so hell züngelnde Rot, welches überging von blau zu Violett drohte zu ersticken. Ein Gefecht zwischen farblichen Fasern und der Finsternis, die ihrerseits die Farben umschlang wie eine Schlange, die versuchte ihr Opfer zu erdrücken.

Und dennoch verfehlten die schlingenartigen Schatten ihre Wirkung, als die leuchtenden Stränge sich aus der Umklammerung windeten, ganz so, als würde sich dieses Rechtschaffende sich gegen die Berührung des Widersachers wehren.
Es waren zwei Mächte am Werk, die jeder für sich weder gut, noch böse waren, aber in diesem Zusammenspiel schien jede Macht nach der Auslöschung der Anderen zu suchen.

Hasso, der ursprünglich an einem Stück existierte und nun in jede einzelne Zelle zerlegt war, schwebte durch eine verzerrte Welt, die alles beinhaltete, aber auch nichts, bis alle blauen Anteile der Ströme verwischt waren und regelrecht verdampften. In diesem Moment tanzten Rot, Violet und Schwarz und explodierten zu sich vermengendem Nebel, der begann, die ersten Zellen des Mannes wieder zu füllen. Wie schwirrende Gewitterfliegen begannen sie sich zusammen zu setzen und aneinander zu reihen, dass es entfernt an den Rumpf eines Menschen erinnerte.
Rot, Violet und Schwarz tanzten erneut, bis rot verschwand und Violett und Schwarz miteinander explodierten und mehr und mehr Zellen füllten. Und obwohl Violett und Schwarz sich einig zu sein schienen, übernahm die Dunkelheit erneut die führende Rolle, in dem er die violetten Stränge in alle Richtungen verteilte.

Hasso, dessen Zellen gewandert waren und zum Teil vereint wie Schnee langsam hinab rieselten, formten nun durch die Umgebung beleuchtet einen Rumpf ohne Arme, Beine ohne Füße und einen Kopf ohne Augen.
Und wieder wehrte die Finsternis das erneut eingefundene Violett ab, welches gerade dabei war, die Augenhöhlen mit Augäpfeln zu füllen und den Beinen die Füße zu geben. Violette Fasern windeten sich erneut aus der Umklammerung der Finsternis und gaben der rechten Schulter einen Arm. Unterbrochen durch den Widersacher folgte die Hand ins Leere und blieb abgetrennt, während die Finsternis einen Stoß entsandte, der alles dunkel werden lies. Kein Licht, kein Leuchten in den Zellen war zu erblicken, bis der Stoß sich umkehrte in einen Sog, der die Umgebung des Geschehens besiegelte.

Auf dem Pentagramm des Kastells lag ein beleibter Mann mit geschlossenen Augen, violett dunkel leuchtend, als lodere ein Feuer in ihm. Sein Körper war schwer und nass und scheinbar tot, doch dann, nach einem Augenblick des stillen Herzens schlug dieses kräftig auf und ließ den Mann tief atmen. Beine, Arme, eine Hand, ein Torso, Füße berührten den Boden als Erstes, gefolgt von einem Kopf, dessen Augen sich nun öffneten.
Das violette Leuchten verebbte, das man die Schwärze in seinem Körper kaum noch vernehmen konnte und doch war sie da, verließ den Körper wie ein Nebel, dampfte über dem Leib des Dicken und stieg auf wie feiner Rauch, der immer feiner wurde, je höher er stieg. Er ebbte zur Seite und verschwand scheinbar in den Mauern des Kastells.

Hasso, der immer noch reglos auf dem Pentagramm lag, verspürte eine Übelkeit, die sich rasch steigerte und ebenso steigen ließ, was sich im Magen des Mannes befunden hatte. Viel war es nicht, aber dennoch heftig genug und plötzlich, dass der Nichtsnutz sich gequält zur Seite drehte und Saures den Boden besudelte.
Dann rollte der Mann zurück auf den Rücken und ließ seine Arme kraftlos neben dem Körper sinken, während er tief atmend versuchte seinen Magen zu beruhigen. Erst dann wanderte der Blick durch die Halle des Kastells, die ihn optisch wissen ließ, dass er sich an einem besonderen Ort befand und scheinbar alleine, noch.

Vorsichtig fuhr der Mann sich über den Körper, tastend, ob alles an ihm unversehrt wäre und scheinbar war es das auch, bis auf die Tatsache, dass jede Faser seines Leibes schmerzte, aber wen wunderte es? Hasso hatte etwas vollzogen, was nicht unvorbereiteter gewesen sein konnte. Deswegen tastete er erneut und ließ die Hände über den Schädel fahren, die dort etwas Ungewöhnliches entdeckten und Entsetzen in dem Beleibten hervorriefen.
„Was verflucht?!“
Das konnte nicht sein. Das hier war ein schlechter Traum.
Da befanden sich zwei Fleischballen an einer Stelle, die mit irgendetwas gefüllt zu sein schienen. Er konnte – so fühlte es sich an – den Kern im Inneren hin und her schieben und darauf drücken, dass der Inhalt nachgab. Von der Oberfläche her erinnerte es an eine Kiwi, aber das hier war weich und knetbar, wie ein Wutball, fest gepappt links und rechts auf der Stirn, weder abziehbar, noch zu verschieben. Das waren zwei merkwürdige Dinger an dieser Stelle, an denen sich üblicherweise im blödesten Falle lediglich eine Beule befand und auch das war möglich, was Hasso sich in der Stille sagte.
„Ruhig – das sind nicht Deine Eier“, murmelte er zu sich selbst und begann sich wankend in den Stand zu kämpfen.

Er war dem Tod von der Schüppe gesprungen. War das nicht alles, was in diesem Moment zählte? ‚Vielleicht‘, donnerte es im Kopf des Beleibten, dass er schmerzerfüllt zusammenzuckte und sich den Schädel hielt – und die Glocken natürlich. Allmählich, ganz langsam ließ der Schmerz nach, dass der Beleibte mit seinem Blick eine Stelle suchte, an der er sich stützen könnte und prompt eine ungebetene Antwort erhielt. Wieder in seinem Schädel und wieder schmerzhaft, dass der Große begann an seinem Verstand zu zweifeln.
Er wandte sich um und erblickte die große Statue, die einen Teller bereithielt, was Hasso in diesem Moment recht uninteressant fand. Wichtig war, dass sie dazu einlud sich an ihr festzuhalten. Ja, einfach sicher stehen, die Augen schließen und aufwachen.

Corsika
11.04.2025, 11:42
Das Kastell beherbergte nicht nur rätselhafte Wesen, es war auch selbst ein höchst rätselhafter Ort. Da war dieser Innenhof, in dem fast sommerliche Temperaturen herrschten, während es draußen eigentlich donnerte und stürmte. Dann die Speisekammer, deren Vorräte niemals zur Neige zu gehen schienen und das Essen, welches in seiner Vielfältigkeit nur von der Vorstellungskraft der Hungrigen begrenzt wurde. Und wem dies noch nicht kurios genug war, der konnte ja in die Bibliothek gehen, die drinnen viel größer war, als es von draußen den Anschein machte und scheinbar das Wissen der gesamten bekannten Welt zu beherbergen vermochte. Corsika fragte sich wahrhaftig, wie all dies überhaupt möglich war und wieso nur so wenige Menschen von diesem Ort wussten. Man könnte meinen, der Morgrad könnte zu einem Ort voll Frieden und Wohlstand werden, wenn nur jeder Mensch auf das hier ruhende Wissen zugreifen könnte.
Nun war sie eine Eingeweihte und konnte sich dem „Wow“ der Orkfrau beim Anblick der schier endlosen Regalreihen nur anschließen.

„Sprecht aus, wonach Euer Wissen dürstet und Ihr werdet Antwort finden“, wurde ihnen erklärt und Corsika blickte zögerlich zu Venom und Ska’ri hinüber. Sie selbst wollte herausfinden, was es mit dem Zeichen auf sich hatte, das sich nach dem versehentlichen Blutopfer am Schwarzen Monolithen auf ihrer Handfläche gebildet hat. Das war der ursächliche Grund, warum sie überhaupt hier war, aber sie konnte weder die Zeichen lesen noch das Symbol deuten. Also musste sie damit arbeiten, was sie wusste.
„Ich suche nach Wissen zu Beliarkultstätten, schwarzen Monolithen, Blutopfern und alten Schriftzeichen.“
Kaum hatte sie die Worte gesprochen, vernahm sie einen dumpfen Knall. Ein Buch war aus einem Regal im hinteren Bereich der Bibliothek gefallen. Dann ein weiterer Knall. Und noch einer und noch einer …

Ihre Frage war wohl nicht konkret genug, denn für einen kurzen Moment schien die Erde zu beben und hunderte Bücher fanden ihren Weg auf den Boden, wo sie zu Stapeln getürmt wurden, die größer als Corsika selbst waren.
„Vergesst nicht, sie später wieder ordentlich einzusortieren“, kommentierte Arzu das Gesehene trocken.

Thara
12.04.2025, 00:54
Während die anderen beim Essen langsam auftauten und sich gegenseitig kennen zu lernen begannen, verblieb Thara in der Rolle der stummen Beobachterin. Es waren einfach zu viele neue Gesichter, zu viele unbekannte, ungewohnte Menschen, als dass sie von sich aus ein Wort über die Lippen gebracht hätte. Zum Glück hatte Arzu keinerlei Probleme damit, die Aufmerksamkeit der Neuankömmlinge auf sich zu ziehen. Im Gegensatz zu Thara genoss sie es, im Mittelpunkt zu stehen – in dieser Hinsicht ergänzten die beiden Schwarzmagierinnen sich hervorragend, fast als hätte eine höhere Macht es genau so beabsichtigt. Und wer wollte schon ausschließen, dass exakt dies der Fall war?

Als nach einer Weile das Mahl schließlich beendet war (die Orkin tat mit einem lautstarken Rülpser ihre Anerkennung kund, wofür sie sich von Arzu ein angewidertes Naserümpfen einhandelte), waren die Gäste erpicht darauf, die Bibliothek zu sehen, und Arzu sah keinen Grund, ihnen diesen Wunsch zu verweigern. Gemeinsam verließen sie den Speisesaal und durchquerten einmal mehr die Eingangshalle auf dem Weg zur Bibliothek. Doch während Arzu majestätisch vorneweg schritt, schlurfte Thara als letzte den anderen hinterher. Sie zögerte. Die Bibliothek war ein Ort für Leute, die … lesen konnten! Und zu diesen Leuten gehörte sie noch immer nicht. Was, wenn die Gäste herausfanden, dass eine der beiden Magierinnen des Kastells die unzähligen Bücher, die sich in dem antiken Gemäuer stapelten, nicht einmal benutzen konnte? Würde sie damit sich selbst, das Kastell und damit irgendwie auch Arzu nicht der Lächerlichkeit preisgeben?
Derart verunsichert wurde Thara immer langsamer und blieb schließlich wenige Schritte vor dem Portal zur Bibliothek stehen. Die anderen bemerkten es nicht einmal. Sie verschwanden in der Bibliothek und wie nicht anders zu erwarten, nahm der Anblick der unzähligen Bücher in den schier endlosen Regalreihen sie sofort gefangen. Die mächtigen Türflügel fielen von selbst wieder krachend ins Schloss und Thara blieb allein in der Vorhalle zurück.

Unschlüssig an ihren abgekauten Fingernägeln knabbernd, überlegte Thara, ob sie den anderen doch noch folgen sollte oder nicht. Bevor sie aber einen Entschluss fassen konnte, riss ein plötzliches Geräusch sie aus ihren Grübeleien – ein lautes Zischen und Fauchen, wie Wasser, das verdampfte, wenn man es in eine heiße Pfanne goss. Als sie sich umdrehte, sah Thara ein sonderbares rötlich-blaues Leuchten über dem Pentagramm in der Mitte der Vorhalle. Mal sah es aus wie eine Kugel wabernder Flüssigkeit, die einige Fuß über dem Boden in der Luft schwebte, mal zerstob diese Kugel in unzählige Funken, die sich alsbald wieder zusammenfanden und etwas wie ineinander verwobene Fäden bildeten. Es schien, als ob das, was auch immer dort vor sich ging, etwa … entstehen lassen wollte, aber im Kampf mit sich selbst war. Der Farbton wechselte ebenfalls immer wieder, mal überwog das Rötliche, mal das Blau, bis sich die Farben weiter und weiter zu einem dunklen Violett zu vereinen begannen.

Thara verbarg sich sicherheitshalber im Schatten einer Säule und beobachtete das seltsame Schauspiel weiter. Schließlich begann sich eine Form herauszukristallisieren – eine menschliche Form! Ein beleibter Körper, ein Bein, zwei drei… nein, doch zwei, ein Arm, der wieder verschwand, um einen Moment später doch wieder aufzutauchen, gemeinsam mit seinem Gegenpart, schließlich ein Kopf. Der massive Körper eines beleibten Mannes hing einen Augenblick lang in der Luft wie ein nasser Sack, scheinbar leblos und von diesem dunkelvioletten Licht umhüllt, bis er einen pfeifenden Atemzug tat und zu Boden sackte.
Das Leuchten verebbte, wurde jedoch ersetzt durch einen penetranten Gestank. Es roch wie die Gossen des Armenviertels voller Kot und Unrat, nach Scheiße, saurem Schweiß und Fäulnis – Thara wollte sich fast reflexartig bei Arzu entschuldigen und ihr versichern, dass diese stinkende Kreatur, die da in der Mitte des Pentagramms lag, sich ächzend zur Seite drehte und erst einmal auf den Boden kotzte, keine ihrer Schöpfungen war! Aber Arzu war zum Glück noch in der Bibliothek und somit hoffentlich außer Riechweite.

Nachdem sie ihren Mageninhalt losgeworden war, kam die sonderbare Gestalt schwankend auf die Füße. Es handelte sich um einen großen, beleibten und völlig verdreckten Mann, dessen einzige Kleidung bedauerlicherweise aus einem fleckigen Lendenschurz bestand (Thara konnte nur beten, dass ihr ein Blick auf das, was auch immer sich unter dem Lendenschurz befinden mochte, erspart bleiben würde). Er sah aus und wirkte wie einer der vollkommen hoffnungslosen Fälle von Verwahrlosung, Trunksucht und geistiger Umnachtung, über die man in den Kloaken des Armenviertels stolperte, wenn man aus Versehen die falsche Abzweigung nahm. Wie aber konnte so jemand es schaffen, aus dem Nichts in der Vorhalle des Kastells zu erscheinen?

Der seltsame fette Kerl stemmte sich grunzend und furzend hoch und klammerte sich an dem silbernen Teller fest, den Vabun in den Händen hielt, und obwohl der verrückte Magier in dieser Welt gänzlich zu Stein erstarrt war, kam es Thara so vor, als würde selbst die Statue noch angeekelt das Gesicht verziehen. Verflucht, sie musste etwas tun! Aber was? Den Widerling einfach mit ein paar Schattenflammen ins Jenseits befördern? Aber wenn er hier war, dann musste das bestimmt einen Grund haben! Nein, sie konnte ihn nicht direkt töten. Erst musste sie herausfinden, wer er war, was er wollte und vor allem – wie er es geschafft hatte, auf diese Art im Kastell aufzutauchen.

Als sie bereits drauf und dran war, einen Zombie zu beschwören, der den Neuankömmling in Empfang nehmen konnte, hielt Thara noch einmal inne. Sie kannte ihre Zombies. Die stanken. Zwar nur in etwa halb so schlimm wie dieser ekelhafte Kerl, aber schlimm genug, dass Arzu sich deswegen schon hatte übergeben müssen. Und wenn sie den Gestank des Fettsacks auch noch mit dem eines ihrer Zombies kombinierte, dann würde die Varanterin das bestimmt nicht gutheißen! Es musste eine andere Lösung geben, eine saubere Lösung. Ein Skelett! Blanke Knochen stanken schließlich nicht, oder?

Kurzentschlossen konzentrierte Thara sich darauf, ein Skelett zu rufen statt eines Zombies. Die grundlegende Art der Beschwörung würde jawohl dieselbe sein. Nur das Ergebnis… Sie stellte sich wieder etwas wie eine Pforte zur Unterwelt vor, so lange, bis diese Pforte real wurde. Wirbelnde Dunkelheit, wie ein Strudel, bildete sich auf dem Boden vor ihr und eine knochige Pranke kam zum Vorschein. Abgesplitterte Klauen kratzten über den Marmorboden, als sich die beschworene Kreatur Stück für Stück in die Wirklichkeit zog. Zu ihrer Freude stellte Thara fest, dass sie tatsächlich weitestgehend skelettiert war, auch wenn hier und dort noch einzelne Fetzen vertrockneten Fleisches an den Knochen klebten. Zu ihrer Ernüchterung jedoch musste sie auch feststellen, dass die Kreatur so deformiert aussah, dass sie beim besten Willen keine Ahnung hatte, was sie eigentlich darstellen sollte. Der rechte Arm war lang und massiv, der linke hingegen hing wie ein verkümmertes Anhängsel an der herabsackenden Schulter. Die Wirbelsäule war verkrümmt, die Beine wirkten viel zu kurz und der Schädel groß und unförmig, mit einer Stirn, die sich weit über die Brauen hinaus wölbte und einer unregelmäßigen, ausgebeulten Schädeldecke.

Aber was auch immer sie da beschworen hatte – es würde ausreichen müssen. Thara konzentrierte sich darauf, die direkte Kontrolle über ihre Schöpfung zu behalten, was sich als deutlich schwieriger erwies, als sie erwartet hatte. Doch sie spürte auch die Kraft und Schnelligkeit, die diesem Geschöpf, seiner Unförmigkeit zum Trotz, innewohnte. Zombies mochten zäh sein, aber sie waren langsam und unbeholfen. Das Skelett hingegen bewegte sich mit einer überraschenden Geschicklichkeit, obwohl es seinen übergroßen Arm hinter sich herziehen musste. Mit wenigen hoppelnden Schritten war es bei dem stinkenden fetten Mann, dessen Blick noch immer glasig und unfokussiert wirkte, und packte ihn mit seiner Riesenpranke unvermittelt am Hals.

Der Dicke gab würgende Geräusche von sich und schlug unbeholfen auf den Knochenarm ein, konnte sich jedoch nicht aus dem Griff der untoten Kreatur befreien. Thara trat aus der Deckung der Säule hervor und versuchte, etwas auszustrahlen, das ein unbedarfter Beobachter bei Nacht und schlechter Sicht vielleicht mit Selbstsicherheit verwechseln konnte. Sie räusperte sich und hätte sich dabei fast verschluckt, aber unter Anstrengung gelang es ihr sogar, ein paar stockende Worte hervorzubringen: „W-w-wer b-bist du, u-u-und … wie k-k-k… kannst … bist du … k-kommst du … her?“

Hasso Kuettel
12.04.2025, 10:23
Es war fast egal, was und wie Thara sprach, denn Hasso war erschöpft, müde und zudem noch in der festen Umklammerung dieses Etwas, dass er schwächlich versuchte los zu werden, wobei zu bezweifeln war, dass ihm dies im gestärkten Zustand gelungen wäre. Solche Kreaturen waren nicht mit normalen Kräften gleich zu setzen, was der Dicke so langsam begriff. Dies schien ein Ort zu sein, der in anderen Welten als Hölle bezeichnet wurde, was ihn für einen Augenblick zu der innerlichen Frage trieb, ob Beliar ihn geholt hatte.

„Has-so“, keuchte der Beleibte, dessen Klöten auf der Stirn pralle Formen annahmen, als Zeichen äußerer Erregung, dass der geneigte Beobachter erkennen konnte, wie die vielen Adern der männlichen Frucht anschwollen und sich über die gesamte Stirn hinweg abzeichneten.
Die Frage, wieso er gerade hier landete, konnte der Nichtsnutz nicht beantworten, da er keineswegs planmäßig an diesem Ort erschien. Irgendetwas hatte sich seiner nicht ausgereiften magischen Kraft ermächtigt und ihn dort hingeführt, wo er nun war.
„Wo – bin ich?“, keuchte und würgte der Entkräftete weiter, der bemerkte, wie ihm das Atmen immer schwerer fiel, weil diese verfluchte Kreatur ihm mit ihrem Griff die Luft nahm, aber so sehr er sich auch mühte, bekam er den Griff nicht gelockert, dass die Dinger auf seiner Stirn immer mehr anschwollen. Schließlich ließ der Dicke von dem Silberteller ab und packte den Skelettarm seinerseits mit nun beiden freien Händen, während er zu dem Hungerhaken herunter schielte und sich fragte, welche dämonische Kreatur ihm da gegenüberstand. Zweifelsohne ergänzten sich diese Kreatur und dieser Untote wie Topf auf Deckel, dass nun auch der letzte Rest schwarzer Pollen aus seinem Körper wich und scheinbar im Pentagramm verschwand.
Irgend Etwas stimmte hier überhaupt nicht – noch weniger, als sonst – War bald wieder Vollmond?

Thara
12.04.2025, 11:35
Es war nicht ganz einfach, das Geröchel des stinkenden Fettsacks zu verstehen. Vielleicht hätte er deutlicher sprechen können, wenn das missgebildete Skelett ihm nicht gar so sehr die Kehle zusammengedrückt hätte, aber Thara wollte lieber kein Risiko eingehen.
„Ha … Hasso?“, fragte sie misstrauisch. Das klang nach einem Namen, den man einem Hund gab. Vielleicht erklärte das den heruntergekommenen Zustand des Mannes? War er als Tier behandelt worden? Oder betrachtete sich sogar selbst als eines? Für einen Moment lang fühlte Thara sogar ein wenig Mitgefühl in sich aufsteigen – wusste sie doch nur zu gut, wie es war, wenn man wie Dreck behandelt wurde. Aber das Misstrauen gewann rasch wieder die Oberhand. Noch wusste sie viel zu wenig über diesen Kerl, und angesichts seiner Größe und Körperfülle musste sie vorsichtig bleiben. Wahrscheinlich könnte er ihr mit einer Hand das Genick brechen, wenn er wollte. Zum Glück würde sie ihn schon auf hundert Schritte gegen den Wind riechen, falls er einmal versuchen sollte, sich an sie heranzuschleichen.

„Du bist im … K-k-kastell …“, beantwortete sie schließlich Hassos Frage. Sie hätte vielleicht noch etwas weiter ausgeholt, wären ihr nicht diese seltsamen, sich langsam bläulich verfärbenden Hautlappen an Hassos Stirn aufgefallen, als er endlich Vabuns Schüssel losgelassen und sich ihr zugewandt hatte. Beutelartige Fortsätze aus weicher, runzliger Haut, die dicht mit drahtigen, gekräuselten Haaren bedeckt war. Das sah aus wie …
Was der Gestank und der sonstige, ohnehin schon nicht gerade appetitanregende Anblick noch nicht geschafft hatten, das schaffte die plötzliche Erkenntnis, dass Hasso offensichtlich ein Paar Klöten auf der Stirn wuchsen: Tharas Magen krampfte sich zusammen und sie musste unwillkürlich würgen und darum kämpfen, ihr gerade erst zu sich genommenes Essen bei sich zu behalten. Thara mochte in diesen Dingen weit unempfindlicher sein als die behütet aufgewachsene Arzu, aber irgendwann hatte selsbt sie ihre Grenzen erreicht. Entsetzt wandte sie sich ab und krümmte sich zusammen, während sie versuchte, die Kontrolle über ihre Eingeweide zu behalten.
Und über das Skelett – zu ihrem Schrecken merkte sie, wie ihr die Kontrolle über die Magie zu entgleiten drohte, während sie zugleich mit ihren eigenen Körperfunktionen ringen musste. Der Griff des Untoten um Hassos Hals lockerte sich…

Hasso Kuettel
12.04.2025, 11:51
Jetzt gelang es dem Dicken die locker werdenden Griffel des Skeletts zu entfernen, dass er quietschend tief nach Luft rang und ihm die Beine unter dem Hintern wegsackten, dass er drohte zu fallen, aber er stützte sich erneut an der Statue, an dessen Silberschüssel haltend er sicheren Stand zurück erlang.
Er hielt sich den Hals und schiele zu der eher kleinen Frau, die ihm für den Moment den Rücken zugewand hatte und der es in diesem Moment auch nicht sonderlich gut zu gehen schien.
Die bläulich angelaufenen Klöten auf seiner Stirn füllten sich schlagartig mit Blut, dass sie praller wurden und fast zu platzen schienen. Ein Schmerz, der den Dicken dazu brachte sich erneut an die Stirn zu fassen und zu bemerken, dass dort etwas war, was knüppelhart war und bei Berührung noch mehr schmerzte, dass er aufstöhnte.
„Im – was?“, brachte der Mann gequält hervor und wankte, während er von der Statue abließ und ungeplant Richtung Refektorium eierte, schwarz vor Augen und mit einer temporären Blindheit behaftet, die den Mann nicht gerade gut sehen ließ, das er von seinen Eiern abließ und die ausgestreckten Arme dazu benutzte nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Ich will nachhaus!“.

Thara
12.04.2025, 14:28
„Huärg!“, sagte Thara und bekräftigte ihre Aussage noch mit einem hinterhergeschobenen „Hrrgh!“ und einem trockenen Hustenanfall. Sie hatte ja schon einige wirklich widerliche Dinge in ihrem Leben gesehen, gerochen, berührt, geschmeckt und auch tun müssen, aber ein – im wortwörtlichen Sinne – Sackgesicht war sogar für sie im ersten Moment zu viel des Guten. Vor allem, wenn der Rest der betreffenden Person aussah, als wäre seine Haut nicht nur mit Dreck verkrustet, sondern würde auch noch ausufernde Schimmelkulturen an allen möglichen und unmöglichen Stellen beherbergen. Zumindest deutete die stark ins Grünliche tendierende Farbe seiner … Oberfläche (denn die Haut dürfte ein gutes Stück darunter liegen) dies an.

Zu allem Überfluss gelang es dem Sackgesicht mit dem Hundenamen auch noch, sich aus den Klauen des beschworenen Skeletts zu befreien, während Thara darum kämpfte, die Kontrolle nicht nur über ihren Magen, sondern auch über die Magie wiederzugewinnen. Der Untote stand regungslos mitten im Raum und machte keinerlei Anstalten, den wie betrunken in Richtung des Riflektiriums davonwatschelnden Hasso aufzuhalten. Schlimmer noch, Thara spürte, wie der Halt der Kreatur in der Realität immer schwächer wurde. Ein bläuliches Schimmern begann die missgestalteten Knochen einzuhüllen, ein erster Vorbote auf den Beginnenden Prozess der Auflösung.

„Hrrgh… W-wa-warte!“, krächzte sie Hasso hinterher und versuchte dabei, die Ströme der Magie um das Skelett wieder zu stabilisieren. Es war eine regelrecht schweißtreibende Arbeit – wer hätte gedacht, dass das Wirken und Aufrechterhalten von Magie so anstrengend sein konnte? Immerhin hatte Thara bald das Gefühl, dass sie ihre Kreatur wieder fest im Hier und Jetzt verankert hatte. Nur mit der Kontrolle haperte es noch, das Skelett stand nach wie vor einfach nur dekorativ in der Landschaft herum und wollte einfach nicht auf die geistigen Befehle reagieren, die Thara ihm zukommen ließ. Und währenddessen haute dieser verdammte Hasso ab!

Thara warf einen Blick in Richtung Bibliothek, aber ihre Hoffnung, dass just in diesem Augenblich die Türflügel sich öffnen und Arzu auftauchen würde, erfüllte sich nicht. Und sie konnte ihrer Zirkelschwester auch nicht Bescheid geben, solange Hasso frei herumlief! Irgendwie musste sie mit dem stinkenden Kerl also allein zurechtkommen.
„Warte!“, rief sie noch einmal, „W-wo ist denn d-d-dein … z-zu Hause? U-und wie bist du hier … hier her gek-k-k-kommen?“ Wenn das Skelett ihr keine Hilfe dabei sein wollte, Hasso an Ort und Stelle zu halten, dann musste sie es wohl auf die Art versuchen, in der sie am wenigsten talentiert war – indem sie ihn in ein Gespräch verwickelte.

Hasso Kuettel
12.04.2025, 14:57
„In der Ogerhöhle“, rief der Dicke zurück und erspürte die kalte Wand zu seiner Rechten, an der er sich entlang tastete, bis die Schwärze vor seinen Augen wich und er wieder halbwegs klar sah. Da blieb er kurz stehen und blickte zurück, wo die schemenhafte Gestalt, die er jetzt als Thara erkannte, ihm folgte, wie auch das Skelett, welches sich in Bewegung gesetzt und neben der Frau her klapperte, doch es stoppte erneut und drehte sich der Wand zu, an deren Oberfläche der Schädel nun still ruhte, wie auch der Schädel des Dicken, der sich mit dem Rücken lehnend an die Mauer begeben hatte.
Es schien den Beleibten zu imitieren, der nun planlos weiter schritt, auf der Suche nach einem Ausgang, den er in der Eingangshalle nicht als solchen erkennen konnte.
‚Zum Badehaus ginge es da entlang‘, donnerte es im Hirn des Mannes, der schmerzhaft zusammen zuckte, ‚aber Ihr habt Vabun kein Opfer gebracht‘. „Bitte was?!“. ‚Geht weiter – Ihr belästigt meine feine Nase, wenn ich denn eine hätte‘. „Wohin?! – Wer spricht da?!“, oh man, tat das weh. ‚Da lang‘, donnerte der Dämon in Hassos Ohren und materialisierte sich, dass der Dicke diese finstere Gestalt nicht nur hören, sondern auch sehen konnte.
„Was für ein Opfer?!“, krächzte der Dicke und wandte sich um, wo die Frau ihm immer noch folgte. „Was für ein Opfer? – Wer oder was ist Vabun? – Wo verdammt ist der Ausgang?!“, überschüttete der Beleibte die Jüngere, „Ich war zuletzt in einem Wald und bin hier aufgetaucht“, erklärte Hasso, dessen Klöten bei jeder Bewegung wackelten. „Wer bist Du?“.

Thara
12.04.2025, 17:38
Als endlich ein Dämon auftauchte, atmete Thara erleichtert auf – das Geschöpf würde sich sicherlich des übelriechenden Gastes annehmen. Und nachdem es ihr einfach nicht gelingen wollte, das Skelett wieder richtig unter Kontrolle zu bekommen (es hatte jetzt aus unerfindlichen Gründen damit begonnen, Hassos Bewegungen nachzuahmen), war das sicherlich auch besser so. Der Dämon führte ein kurzes Zwiegespräch mit Hasso, aber scheinbar hinterließ dieses mehr Fragen bei dem dreckverkrusteten Besucher, als es ihm Antworten lieferte. Er sah sich verwirrt um, wobei die haarigen Hodensäcke an seiner Stirn hin- und herschaukelten, und fixierte schließlich Thara mit seinem benebelten Blick.
„Was für ein Opfer?“, maulte er, „Was für ein Opfer? – Wer oder was ist Vabun? – Wo verdammt ist der Ausgang?! Ich war zuletzt in einem Wald und bin hier aufgetaucht! Wer bist Du?“
Bevor Thara antworten konnte, dröhnte auch noch die von unangenehmen Kopfschmerzen begleitete Stimme des Dämons in ihrem Kopf: „Sorge dafür, dass er ein angemessenes Opfer darbringt, sich säubert und sich in diesen heiligen Hallen respektvoll verhält. Es ist ihm noch nicht gestattet, das Kastell zu verlassen.“ Die rotglühenden Augen der Unterweltkreatur waren starr auf die junge Magierin gerichtet. Thara schluckte: „A-a-aber … w-warum …?“
„Es wird von dir erwartet“, antwortete der Dämon knapp auf Tharas nur halb formulierte Frage, „Sein Geist ist schwach. Mach dir das zu Nutze.“
Damit verschwand er von einem Augenblick zum nächsten, so als wäre er niemals dagewesen. Thara war wieder allein mit Hasso und ihrem Skelett, das mittlerweile begonnen hatte, sich sinnlos um die eigene Achse zu drehen. Sie musste sich eingestehen, dass mit dem Zauber irgendetwas schiefgelaufen war und sie es wohl nicht mehr fertigbringen würde, den Untoten wieder sinnvoll zu steuern. Mit einem frustrierten Seufzer und einer kurzen Handbewegung kappte sie daher die magische Verbindung, woraufhin sich das Skelett innerhalb weniger Sekunden in einen bläulichen Nebel auflöste. Vorsichtshalber wich Thara einen Schritt zurück und bereitete sich darauf vor, Hasso mit ein paar gezielten Schattenflammen die Haut samt Schimmelbelag vom Gesicht zu brennen, falls er irgendetwas versuchen sollte. Der verwahrloste Fettsack mit den Klöten auf der Stirn machte jedoch keinerlei Anstalten, zumal er schon im Stehen schwankte, obwohl er sich an der Wand abstützte.

„I-ich bin … a-a-also ich … wohne hier!“, erklärte Thara schließlich mit der ihr eigenen Eloquenz und räusperte sich, „I-i-ich bin … Thara. Und … äh … V-vabun, d-das ist … er hier!“ Sie deutete auf die Statue. „Er war … ist … i-ich meine … also hier war er, a-aber … im anderen, also, i-i-im Mondkastell, da ist er immer noch e-ein … Magier. Du m-m-musst ihm ein Opfer bringen! Jeder muss das.“
Hasso glotzte sie an wie eine Kröte, in seinen Augen glomm kaum ein Funken Verstand. Er schüttelte den Kopf, wobei sein Stirngemächt schon wieder ekelerregend herumschaukelte. Entweder hatte er kein Wort kapiert, oder er hatte einfach keine Lust, der Aufforderung Folge zu leisten. Thara biss sich auf die Unterlippe. Das konnte ja heiter werden. Dass Hassos Geist schwach war, daran hatte sie jedenfalls keinen Zweifel. Nur, wie sollte sie sich das zu Nutze machen? Sollte sie ihn mit ihrer Magie in Panik versetzen? Besser nicht, er würde wahrscheinlich nur schreiend durch die Gänge rennen, bis es einem der Dämonen zu bunt wurde und er Hasso den Kopf abriss – um danach wer weiß was mit ihr anzustellen, weil sie ihren Auftrag vermasselt hatte.
Aber wenn es ihr möglich war, Gefühle von Angst und Panik in anderen auszulösen, vielleicht konnte sie diese Art der Magie auch auf andere Weise nutzen? Mit äußerster Vorsicht streckte sie magische Fühler nach Hassos Geist aus und nutzte sie, um ihren folgenden Worten größeren Nachdruck zu verleihen.
„Du s-s-solltest wirklich … Vabun … das Opfer bringen!“, betonte sie langsam. Es ist in deinem eigenen Interesse, schließlich willst du als Gast im Kastell bleiben dürfen!, wiederholte sie mental und ließ den Gedanken langsam, vorsichtig und unbemerkt in Hassos beschränktes Bewusstsein einsickern, Es ist das beste, was du jetzt tun kannst! Das und…
„U-und du s-s-solltest wirklich e-ein Bad nehmen. Also. W-w-wirklich!“ Wenn du erst einmal sauber bist, wird man dich hier bestimmt akzeptieren! Erst das Opfer … dann ein Bad … und schon wird man dich hier willkommen heißen! Gehen kannst du später immer noch, du willst erst einmal wissen, welche Annehmlichkeiten hier auf dich warten. Oh ja, das Kastell hat bestimmt Schätze zu bieten! Da fällt sicher etwas für dich ab …
In Hassos glasigem Blick schien etwas aufzuflackern, das er, so hoffte Thara, für seinen eigenen grandiosen Einfall hielt. Behutsam zog sie sich aus seinem höchstens walnussgroßen Verstand zurück und hoffte, dass ihr kleines magisches Experiment von Erfolg gekrönt sein würde. Sie deutete auf Vabuns Schale: „Also? D-d-dein … Opfer?“

Hasso Kuettel
12.04.2025, 18:03
Hasso nickte fortwährend mit seinem Kopf, legte leicht erfreute Züge auf die Lippen, dass ihm die Gesichtszüge ziemlich dämlich entglitten und er kurzzeitig wie ein Hund hechelte und dabei dezent geisteskrank lachte. Es erinnerte an Beavis and Butt und setzte sich fort, bis auch der silberne Teller in Vabuns Hand lange genug angesehen wurde. Erst dann kam es Hasso in den Sinn, dass er außer einem Leibchen nicht wirklich viel am Manne trug, bis auf das Beutelchen darunter, in dem sich der Mönchspfeffer befand.
Und da dachte der Dicke angestrengt nach und fasste sich an das Kinn, überlegend was denn eigentlich noch sein Ziel war und was man ihm hier bot. Und obwohl die Aussicht auf Schätze es in seinen Ohren klingeln ließ, war er nicht wirklich gewillt sich sich von seinem Mönchspfeffer zu trennen, den er nun unter seinem Lendenschurz hevorgeholt hatte.
Das Beutelchen in der Hand haltend näherte er sich dem Versteinerten, der in einer anderen Sphäre nicht gänzlich versteinert war und den Dicken wieder verwirrte.
Einmal blickte er zu Thara, die zu warten schien, und wenn man denn ihren Gesichtsausdruck richtig deutete, ein stilles Stoßgebet sprach, dass der Mann wieder nickte, als hätte er das Nicken für sich als gut befunden, weil damit etwas in Bewegung geriet.

„Das hier?“, fragte der Dümmling und hielt den Beutel hoch, „Oder das – warte“, ohne eine Antwort abzuwarten löste er den Lendenschurz, dass Thara einen Blick auf seinen Hintern werfen konnte. Und so schnell, dass die junge Frau es nicht verhindern konnte, landete das einzige Kleidungsstück des Mannes in der Schale.

Thara
12.04.2025, 18:31
‚Beliar, warum hast du mich verlassen?‘, war der einzige Gedanke, der Thara noch in den Sinn kam, als Hasso ohne auch nur einen Augenblick zu zögern sich auch noch seines letzten Kleidungsstückes entledigte. Bevor sie sich abwenden konnte, präsentierte er ihr seinen blanken Arsch.
Wobei ‚blank‘ eigentlich das komplett falsche Wort war. Ganz im Gegenteil, der Anblick, der sich dem vom Schicksal gebeutelten Mädchen bot, war alles andere als blank, glänzend und sauber. Die haarigen Backen folgten schwabbelnd der Schwerkraft. Wie nicht anders zu erwarten, waren sie dreckverkrustet und darüber hinaus mit knotigen Warzen, Furunkeln und Eiterpickeln übersät – eine wahre Mondlandschaft. Und in der Mitte glänzte es feucht und bräunlich. Es bestand wenig Zweifel, worum es sich dabei handelte…

Thara kniff reflexartig die Augen zusammen, aber es war zu spät. Sie konnte den Anblick nicht wieder ungesehen machen, und er verfolgte sie wie eine Horrorvision als Nachbild hinter selbst hinter ihren geschlossenen Augenlidern. Ihr Magen rebellierte erneut und sie musste würgen. Diesmal gelang es ihr nicht mehr, ihren Mageninhalt gänzlich unten zu behalten, und ihr Mund füllte sich mit saurem Erbrochenem, in dem sie noch die Bestandteile ihres erst kürzlich verspeisten Eintopfes spüren konnte. Sie schlug sich die Hände vor den Mund, um nicht auf den Boden zu kotzen, und versuchte, Hasso mit wedelnden Handbewegungen den Weg zur Badestube zu weisen. Zum Glück gab es direkt neben der Badestube auch Latrinen, in die sie sich auskotzen konnte. Wenn nur dieser verdammte Fettsack sich endlich bewegen würde!

Hasso Kuettel
12.04.2025, 18:54
‚Die Arme hat bestimmt eine Krankheit‘, ging es dem Dicken durch den Kopf, als er der Frau folgte. Gesund sah sie nicht aus – scheinbar Magenkrank – und auch ihr dünner Körper zeugte nicht von Lebenskraft. Aber lange währte das Mitleid nicht, genauso wenig wie das Interesse an dem Weibchen, denn nichts machte sie wirklich interessant für den Besucher, dessen Vorliebe viel Fleisch war. So wie bei ihm, oder vielleicht besser sogar noch mehr von den wallenden Massen, in denen Hasso so gerne eintauchte.
Ja – Mazoga, die Ogerfrau war eine solche Schönheit, unter derem Wanst man sogar Verstecken spielen konnte.

Das Frauchen hatte es ziemlich eilig, dass auch Hasso eilig folgte, ohne sich einer ausgiebigen Besichtigung dieses Ortes hinzugeben oder gar zu fragen, wann hier das Mahl serviert wurde. Seine Füße watschelten der Vorangehenden hinterher und wurden immer schneller, während sein Bauch und alles an ihm wackelte, dass der Mann sich erneut daran erinnert sah, wie fett er eigentlich war und dass er einst den Vorsatz hatte, an diesem Zustand etwas zu verändern – damals, als er noch diversen Pflichten nachging.

Und so sehr es den Beleibten zu nerven begann, dass er sich einmal sputen musste, so sehr freute er sich nun, als der Ort erreicht zu sein schien.

Nebelschwaden drangen ihm entgegen und zeugten von einer Wärme, wie sie der Beleibte schon sehr lange nicht mehr erlebt hatte und obwohl ihn das bis zuletzt wenig juckte, freute er sich nun auf das Bad, dass sich ihm bot – einladend gefüllt mit einem Wasser, dem man vielleicht auch Kräuter hinzugefügt hatte und andererseits irritierend, da der Zuber nicht wirklich viel Platz zu bieten hatte für einen Mann, der so groß und dick war, wie er.
Hasso zuckte kurz mit den Schultern und begann nun ein Bein nach dem Anderen in dem Gewässer zu platzieren, dass der sich nun senkende Leib alles Wasser überlaufen lies.
Hasso zuckte erneut mit den Schultern und räusperte sich nun.

„Ey! – Schrubb mir mal den Rücken!“.

Thara
13.04.2025, 14:17
Thara hing über der pechschwarzen, irgendwo ins Nichts führenden Öffnung der Latrine, der sie inzwischen ihr gesamtes letztes Mahl überantwortet hatte, bis sie nur noch saure Galle hochwürgte, und fragte sich einmal mehr, womit sie ihr Schicksal eigentlich verdient hatte. Was hatte sie falsch gemacht, dass sie all das erdulden musste? Warum schienen die Götter solchen Gefallen daran zu finden, immer und immer wieder solche sadistischen Spielchen mit ihr zu spielen? Von all den Leuten, die in zwischen im Kastell anwesend waren – die Dämonen mit eingeschlossen – warum musste ausgerechnet sie sich mit dieser widerlichen Mensch-Hängebauchschwein-Kreuzung mit Eiern im Gesicht herumschlagen? Und warum wurde dieser Kerl überhaupt im Kastell akzeptiert? Hatte er nicht von sich aus nach dem Weg hinaus gefragt? Warum hatte sie ihm nicht einfach die Tür gewiesen und seiner Wege ziehen lassen?
„Du denkst zu kurzfristig, kleine Magierin.“ Die heisere Stimme in ihrem Kopf kicherte. Thara seufzte und spuckte noch einmal aus, bevor sie sich umdrehte. Aus einer ungewöhnlich dunklen Ecke des kleinen Latrinenraumes funkelten ihr zwei glühende, eitergelbe Augen entgegen.
„W-was meinst du?“, fragte sie den Dämon, ihren Begleiter.
„Streng doch mal dein Köpfchen an. Wie würdest du Hasso beschreiben?“
Thara zuckte mit den Schultern: „Naja … also … E-ekelhaft? Dumm? … A-aber groß …“
„Riiiiichtiiiig!“, schnarrte der Dämon, „Groß und dumm! Was eignet sich besser als Werkzeug als jemand, der groß und stark ist und dabei dumm wie drei Ellen Feldweg? Deswegen wird er im Kastell geduldet. Und deswegen sollst du dich mit ihm herumschlagen. Betrachte es einfach als eine … Investition in die Zukunft. Vielleicht wird er dir eines Tages mal nützlich sein.“
„E-eine … Intestion in die Z-zukunft …“, wiederholte Thara nachdenklich. Sie wusste zwar nicht genau, was das Wort zu bedeuten hatte, glaubte aber zu verstehen, was der Dämon damit sagen wollte. Und es ergab irgendwie Sinn. Hasso war leicht zu lenken – jemand mit mehr Redegeschick als sie, würde dafür vermutlich nicht einmal Magie benötigen.
„Ich sehe, du hast es begriffen, Mädchen“, kicherte der Dämon, „Nun husch, sieh zu, dass der Gast sich wohlfühlt!“ Das gehässige, schadenfrohe Gelächter ihres Begleiters wurde leiser, als seine glühenden Augen wieder mit der Dunkelheit verschmolzen, bis er gänzlich verschwunden war. Thara holte noch einmal tief Luft. Also gut. Zumindest hieß Hasso schon wie ein Hund. Jetzt musste sie ihn nur noch abrichten.

Zumindest hatte sich Hasso tatsächlich im Badezuber niedergelassen, wie sie durch die halb geöffnete Tür erkennen konnte. Thara hoffte, dass er sich Zeit ließ – bei der Dreckkruste an seinem Körper würde es vermutlich Stunden dauern, bis er eingeweicht war und der ganze Schmutz heruntergewaschen werden konnte. So lange würde sie im Gang warten. Sie hatte wirklich keinerlei Ambitionen, ihm beim Planschen zuzusehen…
Zumindest war das ihr Plan gewesen, aber der Fettsack musste bemerkt haben, dass sie wieder da war, und verlangte doch allen Ernstes, dass sie ihm den Rücken schrubben sollte! Thara schloss die Augen und ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Sie spürte den fast überwältigenden Drang, Hasso hier und jetzt eine Schattenflamme an den Kopf zu werfen, ihm sein hässliches Gesicht mitsamt seiner Stirnklöten vom Schädel zu schmelzen. Sie war nicht mehr das wehrlose Mädchen von einst, nein! Die Zeiten, da sie irgendwem erlauben musste, mit ihr zu tun, was auch immer er wollte, waren vorbei!
Aber natürlich konnte sie Hasso nicht einfach töten, so sehr sie es auch wollte. Der ekelhafte Fettsack war schließlich eine Infetistion, oder so. Aber unter keinen Umständen würde sie ihm den Rücken schrubben! Oder sich ihm auch nur auf weniger als fünf Schritte nähern. Das war vollkommen ausgeschlossen! Zum Glück standen ihr mittlerweile andere Möglichkeiten zur Verfügung.

Ein paar unverständlich gemurmelte Worte später öffnete sich einmal mehr ein Portal zu Beliars Sphäre, aus dem sich eine skelettierte Gestalt ihren Weg in die Realität bahnte. Das Skelett war diesmal etwas kleiner als dasjenige, das Thara in ihrem ersten Versuch beschworen hatte, und grundsätzlich als menschlich erkennbar, wies aber dennoch aus irgendwelchen Gründen ein paar seltsame Missbildungen auf: An der rechten Hand hatte es sieben Finger, an der linken hingegen nur drei, und dort, wo beim Schädel die Augenhöhlen hätten sitzen sollen, befand sich nur glatter Knochen. Auch war ein Bein kürzer als das andere, so dass der Untote sich hinkend fortbewegte.
Irgendwie hatte sie den Dreh mit den Skeletten wohl noch nicht so ganz raus. Einerlei, für die Aufgabe, die sie ihm zugedacht hatte, war die missgebildete Kreation sicherlich ausreichend – dafür sorgen, dass Hasso seine stinkende Dreckkruste loswurde!

Hasso Kuettel
13.04.2025, 15:19
Skeptisch beobachtete der im Badezuber Sitzende das missgebildete Skelett, welches sich ihm humpelnd näherte, eine Bahn um den Zuber zog und schließlich hinter dem Dicken zum Stehen kam. Irritiert wartete der Beleibte auf die Dinge, die da kommen sollten und als er die Berührung seines Rückens wahrnahm, legte sich ein zufriedenes schiefes Grinsen auf seine Lippen.
Dieses jedoch verschwand wie in Zeitlupe und wich einem verkniffenem Ausdruck, da das Skelett sich nicht wirklich Mühe gab, dem Dicken dabei zu gefallen. Es wischte rauf runter – rauf runter – lieblos – rauf runter. Und als Hasso begann sich in dem Zuber langsam umzudrehen und den Versuch startete, einen Blick auf die Kreatur zu erhaschen, wanderte der Knochenmann seitwärts, gewillt seine Position direkt hinter dem Dicken zu behalten. Da wandte Hasso sich zur anderen Seite und bemerkte, dass das Skelett das Gleiche tat und das lieblose rauf runter fortgesetzt wurde.
Irgendwie nervte es – „Hör auf“, versuchte Hasso zu befehlen, doch das Skelett gehorschte nicht, „Hör auf“, wiederholte der Badende, doch immer noch reagierte der Knochenmann wie eine ferngesteuerte Maschine ohne Hirn und Verstand, dass Hasso begann unruhig in dem Zuber hin und her zu rutschen, dass immer mehr des kostbaren Nass so langsam aus dem Behältnis schwabbte.
Da erhob sich der Beleibte mühseelig zu seiner ganzen Größe, dass etwas an seinem Körper runter glitt wie Kloake und wohl aus den ersten eingeweichten Schichten des Drecks bestand. Ein Blick nach unten offenbarte das zuvor klare Wasser, welches nun nicht mehr war als eine bräunlich schwarze Brühe, in der mit und mit weitere Dreckflatschen landeten.
Schon schweifte sein Blick nach einem weiteren Zuber mit neuer frischen Flüssigkeit, dass sein Zuber sich neu füllte. Jedoch nicht mit Wasser, sondern mit Moorgemoder, welches in der Regel für Entspannung und guter Hautpflege sorgte und dabei war der Mann nicht einmal im Ansatz weit genug gesäubert, dass man hätte zur nächsten Phase übergehen können. Und doch – es fühlte sich an wie zuhause im Schlammloch seiner Angebetenen, dass er den Körper wieder hinab sinken lies und halbwegs in der braunen Grütze verschwand.

„Was bist Du?!“, rief Hasso der jungen Frau zu. Jeder war etwas – er war ein Nichts an Ogers Brust, aber er gehörte einmal den Innoslern an und verkörperte etwas, was man im Ansatz einen Magier nennen konnte, aber er war weder gut genug, noch von Zielstrebiger und fleißiger Natur, dass es bei einem Magiespeichelleckenden Nichtsnutz blieb, der nie im Leben etwas zustande brachte, worauf man Stolz sein konnte. Sie dagegen wirkte wie ein misslungenes Experiment schwarzer Künste, entstanden aus den Knochen einer Krähe, die nichts anderes konnte, als Krächzen, dabei aber nicht ungefährlich schien, denn scheinbar war sie mit Widerwertigen Kräften im Bunde. Wer Tote aus der Sphäre zerrte, konnte nicht ganz normal sein.
„Du siehst nicht aus, als hättest Du diese Mauern schon einmal von außen gesehen“, mutmaßte der Beleibte und spielte mit seiner Nudel, die sich dort befand, wo sie hin gehörte, was ihn wieder in Erinnerung rief, dass etwas Anderes es nicht tat. So schielte er nach oben, versucht seine Klöten von unten zu betrachten.

Thara
13.04.2025, 15:54
„Ich bin … i-ich bin eine … Schwarzmagierin“, antwortete Thara und hielt überrascht inne. Tatsächlich hatte sie sich diese Frage noch nie bewusst gestellt, und so einfach die Antwort auch war, überraschte sie sie doch selbst, als sie sie erstmals laut aussprach.
Sie war eine Schwarzmagierin, eine Dienerin Beliars, fähig, die Ströme der Magie nach ihrem Willen zu formen und sich Kreaturen aus dem Totenreich dienstbar zu machen. Sie verfügte damit über eine Macht, von der nur wenige Menschen auch nur zu träumen wagten. Sie … das verängstigte, schwache Mädchen, das Jahre des Missbrauchs und der Gewalt über sich hatte ergehen lassen müssen, ohne sich zur Wehr setzen zu können.
Nein, das stimmte nicht. Sie hatte sich zur Wehr gesetzt. Ihr Vater war tot. Ihr Ziehvater war tot. Durch ihre Hand, ganz ohne Magie. War das von Anfang an ihre Bestimmung gewesen?

Verwirrt schüttelte Thara den Kopf und schob den Gedanken fürs erste beiseite. Über sich selbst konnte sie sich später noch weitere Gedanken machen. Jetzt musste sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren – Hasso. Scheinbar ließ das Bad ihn gesprächig werden. Das war gut, vermutete sie. So konnte sie vielleicht mehr über ihn herausfinden.
„Ich habe … i-ich habe noch nicht viel von … von d-d-der Welt gesehen, ja“, gab sie ehrlich zu, auch wenn sie im Mondkastell Dinge erlebt hatte, die sich jemand wie Hasso mit seinem Rosinengehirn wahrscheinlich nicht einmal vorstellen konnte. Von der dieser, der ‚echten‘ Welt aber, nun, da wusste sie tatsächlich nicht viel. „W-was ist mit … m-mit dir? Was bist du? U-u-und was … v-vielleicht kannst du mir ja … e-e-etwas erzählen? Wie b-bist du hierhergekommen? W-warum hier her? D-d-das war … Magie!“ Es war eine Feststellung. Dieser Riesenidiot war irgendwie mittels Magie im Kastell aufgetaucht, auch wenn er behauptet hatte, keine Ahnung zu haben, wie er hierhergekommen war. Dabei mochte das sogar stimmen. Thara hatte selbst etwas ähnliches erlebt, damals im Mondkastell, als diese seltsame Bardengruppe ‚Die Heiler‘ gespielt hatte. Plötzlich hatte sie sich auf dem Pentagramm in der Vorhalle wiedergefunden, genau wie Hasso. Wie konnte das sein? Sie musste herausfinden, was Hasso passiert war, und was er darüber wusste – vielleicht konnte sie am Ende tatsächlich noch etwas von ihm lernen!

Hasso Kuettel
13.04.2025, 16:08
„Aha“, hatte Hasso während den Erzählungen der Anderen gebrummt. SO sahen also die Magier der dunklen Künste aus. Hasso betrachtete die junge hagere Frau, wie sie so dastand und Mitleid erregte. Ein solches Schicksal wollte der Beleibte nicht teilen. Nicht ohne Tageslicht wie sie hinter den dunklen Mauern verrotten und sich einer Sprache bemächtigen, die irgendwie fehlerhaft wirkte.
Hasso, der weiter mit seiner Nudel spielte und nun Ruhe vor dem Skelett hatte, dachte über die Frage der Frau nach. Magie, hatte sie gesagt und den Beleibten zum Teil damit überrascht, denn die Magie, der Teleport waren ihm nicht gänzlich fremd, nur fern wie eh und je. Und ja – Was ihn warum hierherbrachte, war ihm nach wie vor ein Rätsel, über das er nur bedingt nachzudenken gedachte.
„Ich habe mir das Ziel nicht ausgesucht. Es ist aus einer Not heraus einfach passiert. Und wenn wir schon einmal dabei sind – vielleicht hast Du ja eine Antwort darauf, warum sich meine Eier am vollkommen falschen Ort befinden und wann das wieder weg geht“.

Thara
13.04.2025, 23:32
Thara verdrehte genervt die Augen. Natürlich hatte dieser stinkende Klops keine Ahnung, wie er es zustande gebracht hatte, einfach mitten im Kastell aufzutauchen. Von dem Kerl etwas lernen? Eher würde die Hölle zufrieren.
Zu ihrer eigenen Überraschung versetzte es Thara einen Stich, dass sie über dieses Phänomen des plötzlichen Ortswechsels auch nicht mehr wusste als Hasso. Normalerweise ging sie ganz selbstverständlich davon aus, dass so ziemlich jeder mehr wusste und konnte als sie. Der fette, stinkende Kerl mit dem Hundenamen war damit wahrscheinlich der erste Mensch auf der Welt, dem sie sich überlegen fühlte! Und auf keinen Fall wollte sie sich vor ihm eine Blöße geben! Sie würde also versuchen müssen, mehr über den magischen Ortswechsel herauszufinden.

Aber auch sonst hatte Hasso offenbar nichts Interessantes zu erzählen, darüber wer und was er war. Oder er wollte einfach nichts über sich preisgeben, aber irgendwie bezweifelte Thara, dass er überhaupt den nötigen Grips besaß, Dinge aus echtem Kalkül heraus für sich zu behalten. Viel wahrscheinlicher war, dass er einfach nur zu faul und mit seiner Ansicht nach wichtigeren Dingen befasst war: Seinen Eiern. Wie die an seine Stirn gekommen waren, konnte Thara ihm freilich auch nicht sagen, nicht zuletzt, weil dieses kleine Missgeschick ihr wiederum herzlich egal war. Einen Lösungsvorschlag hatte sie trotzdem: „I-ich … hätte da ein paar … scharfe Messer?“

Hasso Kuettel
14.04.2025, 10:47
„Ja sehr witzig“, maulte der Dicke, der nun von der Nudel ablies. Wenn man nicht mit allen drei Dingen herum spielen konnte, war es nur halb so spannend. Genauso spannend wie die kleine Töle, die scheinbar nichts zur Lösung des Problems beitragen konnte. Warum also sollte er sich weiter mit ihr beschäftigen? – Warum nicht jemanden suchen, der Antworten auf seine Fragen hatte? – Richtig – Der Dicke hatte überhaupt keinen Schimmer, wo er sich hier befand, was diese Mauern bargen, außer den Schätzen, die Thara ihm versprochen hatte.
Und da war er dann gedanklich doch wieder bei der kleinen Frau, dass er sich fragte, welche Annehmlichkeiten es hier noch gäbe und von welchen Schätzen sie sprach.
Was denn Mann wiederum zu der innerlichen Frage trieb, wie er auf derartige Dinge überhaupt kam. Waren es wirklich ihre Worte, oder waren es seine eigenen, die ihm vorgebetet hatten, eine Weile zu bleiben und sich der Vorzüge dieses Kastells zu bedienen.

Da erhob der Große sich mühsam aus dem Zuber, dass die braune Suppe an seinem Körper hinunter lief und es zum Teilen aussah, als wäre seine Haut dabei vom Leib zu rutschen und doch war es nur der aufgeweichte Dreck, der sich der Schwerkraft ergab. Hasso nahm seine Pranken und wischte den Mist von Bauch, Nudel und Beinen und ließ im Anschluss Arme und Hände sich kräftig schütteln, dass ein Teil der Suppe durch die Gegend spritzte und überall dort landete, wo etwas in Reichweite war, wie auch das scheinbar wundersam erschienene Badetuch, nach dem der patschende Hasso nun griff und es sich um den Leib band.

„Orks haben mich attackiert – und dann – schwubbs“, begann der Dicke, der Tharas Gesichtsausdruck musterte. Da verzog er das Gesicht zu einer schiefen Linie, die dafür stand, dass Hasso begann seine Gehirnzellen zu bemühen. Ohne schien es wohl nicht zu gehen. „Damals zauberte ich meinen Körper an einen anderen Ort, indem…“, der Dicke dachte wirklich nach und formte rötliche Schlieren in seinem Geist, „hmm, ich konnte auch andere Sachen“, fuhr er fort und schüttelte leicht den Kopf, bis er mit den Schultern zuckte, „ich weiß garnicht, wie lange das her ist. Ich weiß nur, dass mein Kotzbruder mich damals den Ogern vorwarf und ich seitdem mit ihnen lebe. In dieser Höhle. Und die schickten mich los ein Kraut zu holen. In der Nähe der Orks. Erwischt. Bedroht. Bumms Ende der Geschichte“, sprach der Beleibte und watschelte an der schwarzen Magierin vorbei.

Er würde den Weg zurück gehen und sich sein Leibchen wieder holen.

Thara
14.04.2025, 11:41
Als Hasso in ein Handtuch gewickelt (zum Glück war das Handtuch Kastell-Standard-Schwarz, ein weißes hätte selbst nach erfolgtem Bad schon bei der ersten Berührung mit dem Dicken eine eher unappetitliche braune Farbe angenommen!) auf den Gang hinaustrat, sah er immerhin ein Stück sauberer aus. Nicht wirklich sauber, dafür müsste man ihn wahrscheinlich für ein paar Stunden unter einen kräftigen Wasserfall stellen, aber zumindest der gröbste Dreck war herunter. Auch sein Geruch hatte sich zumindest dezent verbessert. Statt nach Fäulnis, Schweiß und Scheiße, müffelte er jetzt nach einer seltsamen Mischung aus nassem Hund, Schlamm und Badekräutern, ein Kontrast, der nicht so recht zusammenpassen wollte und keineswegs als angenehm zu bezeichnen war, zumindest aber nicht mehr unmittelbar brechreizauslösend wirkte.

Immerhin wurde er jetzt sogar ein wenig gesprächiger, und was er sagte, ließ Thara aufhorchen. Nicht der Teil, dass Orks ihn bedroht hatten, und auch nicht, dass er unter Ogern lebte (Thara hatte nur sehr rudimentäre Vorstellungen davon, was Oger waren) und irgendwelche Kräuter hatte sammeln sollen, sondern als er darüber sinnierte, was er in einer unbestimmten Vergangenheit, irgendeinem damals, gekonnt hatte. War dieser Schwachkopf etwa ein Magier? Oder zumindest ein Ex-Magier? Das schien Thara kaum glaubhaft zu sein, aber auf der anderen Seite war sie selbst ja Magierin, und wie wahrscheinlich war das bitte? Zudem hatte Hasso sich offenbar aus eigener Kraft ins Kastell zaubern können. Auch wenn er nicht mehr genau wusste, wie er das zustande gebracht hatte: Wenn er nicht das Ziel des Zaubers eines anderen geworden war, dann musste er ihn selbst gewirkt haben. Das bedeutete …
„D-d-du bist also … bist du, o-oder warst … ein Magier?“ Thara beeilte sich, mit Hasso Schritt zu halten, als er an ihr vorbeiwatschelte (trotz seines unbeholfenen Ganges hatte er doch deutlich längere Beine als sie). Die Schlussfolgerung, dass Hasso ein Magier sein musste, führte zu einer anderen nicht unbedeutenden Frage: „Welche … a-also … was für Magie k-konntest du? V-v-von welchem Gott?“

Venom
14.04.2025, 16:13
Ein kleiner Berg von Wissensfragmenten türmte sich vor Corsika auf, die die Stirn runzelte, dann aber zu blättern begann – sofort tief versunken in den Seiten.
Venom betrachtete die Szene. Seine Gedanken rasten. Die Themen, die Corsika angesprochen hatte, berührten vieles von dem, was auch ihn beschäftigte. Kultstätten, uralte Zeichen, dunkle Rituale. Aber die Reaktion der Bibliothek zeigte ihm auch: zu breit gefragt, und man versinkt in der Flut.
Er trat einen Schritt zurück, den Blick suchend über die hohen Regale wandernd. Sein Herzschlag war ruhig, aber wachsam, und seine Gedanken fokussierten sich auf das eine Buch, das sie im Gebirge gefunden hatten – jenes, dessen Schriftzeichen ihnen Rätsel aufgaben.
Er atmete tief ein, dann sprach er ruhig:
„Ich suche ein Werk zur Entzifferung alter Sprachen. Ein Glossar oder eine Sammlung zur Übersetzung alter Zeichen. Besonders solcher, die auf Kultstätten oder dunklen Artefakten gefunden wurden.“
Für einen Moment geschah nichts. Dann begann ein leises Summen in der Luft. Es war kein Geräusch im eigentlichen Sinne, eher ein Vibrieren, das seine Haut streifte wie ein Windhauch. Ein einzelnes Buch schwebte lautlos aus einem oberen Regal herab, schien Venom direkt ins Auge zu fassen – und landete mit sanftem Plopp auf dem Tisch vor ihm.
Es war in dunklem Leder gebunden, der Einband gezeichnet von einer Vielzahl kleiner, ineinander verschlungener Symbole. Keines konnte Venom lesen.
Er streckte die Hand aus, berührte vorsichtig den Einband. Das Leder fühlte sich warm an.
Ska’ri, die die Szene aufmerksam beobachtet hatte, trat näher.
Dann schlug Venom das Buch auf.
Die ersten Seiten waren wie erwartet – Tabellen, Listen, erklärende Texte in der allgemeinen Sprache. Doch dann folgten Zeichnungen, vergleichende Analysen, und schließlich – ja, da war es – ein Symbol, das Venom fast die Luft anhalten ließ: Es war fast identisch mit einem jener Zeichen aus der Höhle. Nur … dort war es ins Gestein gemeißelt gewesen. Hier aber war es klar umrissen, beschriftet:
„Zeichen der zweiten Sphäre. Ritualmarkierung. Zugang.“
Venom spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. „Zugang … wohin?“ flüsterte er eher zu sich selbst als zu jemand anderem.
Ska’ri verzog das Gesicht. „Wenn das nicht verdächtig nach einem Tor klingt …“
Corsika hatte sich halb umgedreht, ein altes Buch in der Hand. „Oder nach einem Siegel,“ warf sie trocken ein. „Und Siegel sind selten freundlich.“
Venom antwortete nicht. Er blätterte weiter. Seine Finger zitterten kaum merklich.

Hasso Kuettel
14.04.2025, 18:11
„Isis“, ne, dass war ne Mutter, „Imhotep“, ne, auch nicht, „Iduna“, Versicherung, auch nicht.
„War Feuermagie, ja Feuermagier. Genau. Ich war ein Feuermagier, konnte Sand vom Bett blasen, Feuerchen machen, Dinge erhitzen. Und ich konnte mich von einem Ort zu einem anderen Ort bewegen, ohne dabei auch nur einen Schritt zutun“.

Die Beiden hatten die Eingangshalle wieder erreicht und konnten einen Blick auf den Silberteller werfen, auf den der Beleibte nun zusteuerte und hineingriff, aber das Kleidungsstück war fort.

„Was seid Ihr denn für ein Haufen!? – Wer bitte klaut einen Lendenschutz, der nicht einmal wirklich schützt?!“, brachte der Dicke entgeistert hevor und fuhr herum, Thara ansehend.
„Was will jemand mit so einem Lappen?“, fuhr der Fettsack fort und konnte es nicht verstehen. Rieb man hier seine Nase an den Spuren menschlicher Hinterlassenschaften, oder was sollte das? Aber ne – vielleicht war dies hier auch ein Waschhaus und man säuberte lediglich das gute Stück, welches ebenfalls ein gutes Stück verbogen hatte.
Und dann wandte der Dicke sich erneut zu gehen. „Verdammt! Wo gibt es denn jetzt hier was zu essen?!“.

Thara
14.04.2025, 20:33
Ein Feuermagier? Thara hätte beinahe laut lachen müssen, als Hasso behauptete, einst ein Feuermagier gewesen zu sein. Nicht, weil sie ihm nicht geglaubt hätte – ganz im Gegenteil, es schien ihr nur allzu passend zu sein, dass ein erbsenhirniges Sackgesicht wie Hasso im Dienst Innos‘ gestanden hatte. Sie hatte schon lange jeglichen Respekt für den angeblichen Gott der Ordnung und Gerechtigkeit verloren, der ihr nicht ein einziges Mal in ihrer höllischen Vergangenheit zur Seite gestanden hatte, der ihr in ihrem Leid und den Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren waren, nichts als die kalte Schulter gezeigt hatte. Sie verachtete seine Diener, die Feuermagier und -novizen, die nichts als selbstgerechte, oberflächliche Großmäuler waren, nur daran interessiert, dass man ihre dummen Gebete nachplapperte und ihnen die Goldmünzen hinterherwarf. Und Hasso in seiner Dumpfheit und Ungehobeltheit verkörperte all das perfekt.

Es war auch wieder bezeichnend, dass er auf Vabuns Teller nach dem stinkenden Lappen tastete, den er als Gabe dargebracht hatte. Was war an dem Wort ‚Gabe‘ bitte so schwer zu verstehen? Gerade als ehemaliger Feuermagier müsste er doch eigentlich wissen, dass man eine Gabe nicht zurückbekam. Das Gaben einsammeln war schließlich die Spezialität der Feuermagier!
Wobei Thara sich doch ernsthaft wunderte, dass dieser widerliche Lendenschurz überhaupt von Vabun akzeptiert worden war. Aber Hasso hatte eben sonst auch nichts dabeigehabt, und es ging hier ja offenbar nicht darum, welchen Nutzen er dem Kastell hier und jetzt, sondern in Zukunft bringen konnte. Eine Imfestition, oder so.
Am Ende war es auch für alle Beteiligten (außer vielleicht Hasso selbst) gut, dass er weiterhin mit dem Handtuch Vorlieb nehmen musste – bedeckte es seine unansehnlichen Massen doch zumindest etwas besser als das winzige Leibchen, das er für ‚Kleidung‘ hielt. Auch wenn Thara sich wunderte, dass ihm keine frischen Sachen vom Kastell zur Verfügung gestellt worden waren. Scheinbar hatte auch die Gastfreundschaft des Kastells Grenzen. Aber zumindest einen Kartoffelsack hätte die Dämonen ruhig herausrücken können, den Bewohnern des Gemäuers zuliebe! Falls Hasso noch länger im Kastell weilen sollte, beschloss Thara, dafür zur sorgen, dass er sich irgendetwas überzog. Und wenn es Gardinen waren!

Hasso selbst hatte das Kleidungsproblem dagegen für sich rasch wieder abgehakt. Stattdessen wollte er natürlich gleich wieder etwas anderes: Essen. Nunja, dafür wäre ja eigentlich gesorgt. Das Refrittirium sollte keine Schwierigkeiten haben, selbst jemanden wie ihn satt zu bekommen. Allerdings drehte sich Thara schon bei dem Gedanken daran, Hasso zum fressen in den Speisesaal zu lassen, der Magen um. Sie würde wahrscheinlich selbst nie wieder einen Fuß dort hineinsetzen können, ohne höchst unerwünschte Bilder im Kopf zu haben! Zum Glück wusste Hasso noch nichts davon, dass er sich nur wenige Schritte von der wahrscheinlich ergibigsten Küche ganz Myrtanas befand. Und Thara sah auch keinen Grund, warum er davon erfahren sollte.
„E-e-etwas zu essen?“, fragte sie mit gespielter Verwunderung, „S-so wie … äh … Brot, o-o-oder Fleisch oder sowas?“
Hasso glotzte sie verständnislos an: „Jaaaaa… ?“
„Sowas … äh … ha-haben wir hier n-n-nicht. Wir … äh … also … i-ich meine, Schwarzmagier, wir essen einfach … n-naja, die … die Seelen irgendwelcher Besucher!“ Thara lächelte und sah Hasso unverwandt in die Augen.

Hasso Kuettel
15.04.2025, 12:09
Thara lächelte. Hasso lachte und Thara lächelte scheinbar immer noch, was den Beleibten mehr als irritierte.
‚Das tun sie nicht‘, überlegte der Dicke und zögerte aufgrund der aufkommenden Zweifel, ‚Oder doch? – neeein‘. Hassos Lachen war gewichen und machte nun einer Unsicherheit platz, die sich langsam in dem halb Nackten ausbreitete. Sein Blick langsam von Thara genommen schaute Hasso sich um.
Es war scheinbar außer ihnen beiden niemand da, außer dem leisen Heulen des Windes nichts zu hören, kein Anzeichen von Leben. Nur Dämonen und Untote, die den Mann im ersten Moment nicht sehr beunruhigt hatten, doch nun – War sie am Ende vielleicht auch eine untote Erscheinung und dieser Ort eine Falle, die mit Schätzen und Annehmlichkeiten lockte, um sich das menschliche Leben untertan zu machen, sich von ihm zu nähren?
War er am Ende vielleicht auch eine Kreatur, die aus der Höllenpforte gerufen und anderen Menschen selbes Schicksal antun würde?

Und ja – Hasso wusste, was eine Gabe war, doch er hatte nicht damit gerechnet, das sein Geschenk irgend Jemanden wirklich interessieren würde. Das er einfach am Ende hinginge und seine Gabe wieder an sich nahm und nun fragte der Beunruhigte sich, ob am Ende der Wert seines Geschenks darüber entschieden hätte, welches Schicksal ihm vorgesehen wäre.
Der Mann schüttelte wieder innerlich den Kopf und bewertete seine Überlegung als unlogisch, sollte das, was das Weib da sagte, der Wahrheit entsprechen.

Und am Ende war der Mann vollkommen überfordert mit seinen eigenen Überlegungen.

„Wie gut, dass ich keine Seele habe“, wandte der Dicke sein Wort nun an die finstere Gestalt und brachte nun mehr Abstand zwischen sich und die Andere. „Die habe ich verloren, nachdem mein Bruder mich den Ogern zum Fraß vorwarf“, ergänzte er noch. „Ich will Euch keine Umstände machen. Zeigt mir einfach, wo es raus geht und ich bin weg“, bat der Dicke, der seinerseits nun nach Anzeichen einer Pforte suchte, die Freiheit für ihn bereit hielte.
Oder einfach nur ein Versteck, welches ihm Zeit gab über die magische Flucht nachzudenken.

Und während er sich suchend in der Eingangshalle umsah, erblickte er gegenüber des nicht als solchen erkannten Ausgangs den Innenhof, etwas, was für den Dicken aussah, als ginge es dort nach draußen und so näherte er sich dem, was auf ihn wirkte, wie grüne Freiheit.

Ska'ri
15.04.2025, 19:13
Die Bibliothek des Kastells war in der Tat atemberaubend. Es war die mit Abstand größte Bibliothek, die Ska’ri jemals gesehen hatte! Zugegeben, es war auch die erste Bibliothek, die sie jemals gesehen hatte. Trotzdem. Ska’ri konnte kaum glauben, dass diese gewaltige Halle überhaupt in dem Gemäuer Platz finden konnte. Das Kastell war groß, keine Frage – aber so groß? Die Regalreihen, vollgestopft mit Büchern über Büchern über Büchern, schienen sich bis in die Unendlichkeit fortzusetzen. Irgendwo weit, weit hinten verschwanden sie in der Dunkelheit, ohne den Anschein zu machen, dass sie bald zu Ende sein würden.
Die oberste Schamanin Arzu war offensichtlich stolz darauf, dass ihre Bibliothek bei den Besuchern solch einen Eindruck machte. Ska’ri bemerkte jedoch auch, dass Arzus Blick immer wieder zur Decke wanderte, als würde sie dort nach etwas suchen. Wonach die Schamanin Ausschau hielt, erschloss sich ihr allerdings nicht. Da war … eine Decke. Eine hohe, gewölbte Decke, kunstvoll verziert, aber davon abgesehen einfach nur eine Decke. Schließlich kam Arzu wohl zu demselben Schluss, dass es dort oben nichts weiter besonderes zu sehen gab, und konzentrierte sich darauf, ihren Gästen die erstaunlich bequeme Benutzung ihrer Büchersammlung zu erklären.

Nachdem das erste Staunen überwunden war, begann die Arbeit. Venom gelang es erstaunlich rasch, ein Buch aus den endlosen Tiefen der Bibliothek zu Tage zu fördern, das tatsächlich geeignet zu sein schien, ihnen weiterzuhelfen. Eines der Symbole, die mit pechschwarzer Tinte auf die vergilbten Pergamentseiten gemalt waren, erweckte seine Aufmerksamkeit – ein Symbol für ein Tor, oder vielleicht auch ein Sigel, wie Corsika vorschlug. So oder so, beides passte zu dem, wonach sie suchten!
Ska’ri holte das Buch hervor, das sie auf dem Altar unterhalb der Ruine in den Bergen gefunden hatten, und sie begannen, die fremdartigen Zeichen zu entschlüsseln. Das Nachschlagewerk erwies sich als Volltreffer – es schien alle notwendigen Informationen zu enthalten, die sie brauchten, um den alten Text auf den Grund zu gehen.
Was jedoch keineswegs hieß, dass es sich dabei um ein einfaches Unterfangen handelte. Auch wenn die einzelnen Zeichen in ihrer jeweilen Entsprechung und Bedeutung erläutert wurden, stellte sich rasch heraus, dass es sich nicht etwa um eine einfache Chiffre oder etwas Derartiges handelte, die man ohne allzu großen Aufwand in die Gemeinschrift übertragen konnte, sondern um ein sehr altertümliches und zudem mit arkanen Bedeutungen aufgeladenes Idiom, das teils Dialekt, teils Geheimsprache war. Viele der Zeichen waren mehrschichtig und ihre tatsächliche Bedeutung hing stark vom Kontext ab. Venom und Ska’ri wurde rasch klar, dass sie wohl für eine Weile Gäste des Kastells bleiben würden, bis sie das uralte Buch entziffert hätten.


***

„Das ist verflucht mühsam“, grummelte Ska’ri nach einer Weile. Die ganze Zeit im Kerzenlicht auf diese kleinen, verschnörkelten Tintenkleckse zu starren, ließ ihre Augen schmerzen und von der gekrümmten Haltung fühlte sich jeder einzelne Muskel völlig verspannt an. Es gab wirklich Leute, die das freiwillig jeden Tag machten, stundenlang?
Hinzu kam, dass sie sich auch nicht sonderlich nützlich fühlte. Sie konnte zwar lesen, sogar die Morrasprache, aber nicht besonders gut. Es hatte nie zu ihren Prioritäten gezählt. Krul war derjenige von ihnen gewesen, der seine Nase in Pergamente und Inschriften versenkt hatte. Tja, man sah ja, wozu das geführt hatte.
Die Orkin streckte sich, ließ sie Finger knacken und stand auf: „Ich geh‘ mir mal die Beine vertreten. Und hol uns was zu trinken.“
Venom nickte nur, ohne aufzusehen. Er war vollkommen in das Studium der Schriftzeichen vertieft, seine Feder kratzte unermüdlich über das Pergament, auf dem er seine Übersetzungen niederschrieb, durchstrich, ausbesserte, wieder verwarf und von neuem begann. Ska’ri überließ ihn seiner Arbeit.

Kaum hatte sie jedoch die Bibliothek verlassen, bot sich ihr in der Vorhalle ein höchst sonderbarer Anblick: Da war diese schweigsame kleine Dienerin, Tra'ra oder wie sie hieß, die mit einem sonderbaren Lächeln im blassen Gesicht einen außerordentlich fetten Kerl anstarrte. Im ersten Moment hielt Ska’ri ihn für Corsikas Begleiter, aber er war ein gutes Stück größer als der kränkliche Bursche. Er hatte ein wenig Ähnlichkeit mit Er’esh, nur mit deutlich mehr Schwabbel statt Muskeln. Und er roch strenger als Ska’ris Stiefbruder.
Was auch immer Tra'ra gesagt oder getan hatte, es hatte den Fetten offenbar stark verunsichert, denn es sah sehr danach aus, als würde er vor ihr fliehen wollen. Unbeholfen in Richtung Innenhof watschelnd, versuchte er, zugleich den Ausgang und Trara im Blick zu behalten, was dazu führte, dass ein seltsames Anhängsel an seiner Stirn hin- und herschlackerte. Ska’ri kniff die Augen zusammen. Was zum – hatte dieser Kerl da etwa …?
Sie blieb stehen und konnte nicht anders, als den Typen anzustarren. Ihr Gesichtsausdruck wechselte zwischen Verwirrung, Ekel und Belustigung hin und her, bis letztere schließlich die Oberhand gewann.
„Sag mal … sind das … Klöten in deinem Gesicht? Echt jetzt?“ Ska’ri kicherte los, das Kichern ging rasch in ein Prusten und schließlich lautstarkes Gelächter über. Sie konnte einfach nicht anders! So sehr sie auch versuchte, es sich zu verkneifen, sie hatte keine Chance. Es sprudelte einfach aus ihr heraus. Ska’ri hielt sich den Bauch und krümmte sich vor Lachen, bis ihr die Tränen kamen. „Leute!“, rief sie in Richtung Bibliothek, als es ihr gelang, zwischen zwei Lachanfällen einmal Luft zu holen, „Leute, kommt mal her! Das müsst ihr sehen! Hier ist einer mit … hahaha … haaaaahahaha … haha … der ha … der hahat … seinen Sack im Gesicht!“

Hasso Kuettel
15.04.2025, 20:46
Nun sagte der Beleibte gar nichts mehr und wandte sich dem Innenhof zu, den er wenig später betrat. Dort stand eine Esche mit grünem Blätterwerk, dessen Blätter von gutem Wetter zeugten und auch die Luft schien angenehm mild und anders als in dem Orkwald, in dem er sich vor nicht zu langer Zeit noch befunden hatte.
Dort befand sich auch ein Brunnen, Ziegen und Gänse, als auch eine Bank, die vermutlich anderenorts zum Verweilen einlud, doch für Hasso war dieser Ort das Letzte, was er sehen wollte, denn Mauern umgaben diesen Ort und ließen ihn wissen, dass der Weg nach draußen sich nicht hier befand. Und doch war das Draußen nur einen Steinwurf entfernt und lockte mit dem Rauschen des Meeres.

Hasso packte sich an die Stirn samt Klöten und ließ selber angewidert die Hand wieder sinken, als erneut ein Dämon in seinem Kopf sprach und den Mann in die Kniee zwang. Gepeinigt wankte der Leib Hassos nach vorne und kam unbeholfen auf besagter Bank zum Sitzen, während sein Magen sich erneut meldete und ihm deutlich machte, dass er Input wünschte. „Was?!“, brachte der Gequälte hervor und zuckte zusammen, als die Stimme wieder tönte. ‚Der Ausgang ist nicht an dieser Stelle‘, „ach nein, wirklich?“, ächzte der Beleibte und schnappte nach Luft. ‚Und der Ort des Speisens ist ebenfalls nicht hier‘, donnerte es im Schädel des Mannes, der versuchte, die Stimme mit der Innenhand hinfort zu klatschen. ‚Und davon bekommt Ihr Kopfschmerzen‘, stellte der Dämon richtig fest, doch neben seinen Bemerkungen hielt er auch eine bedeutsamere Information bereit. ‚Wir haben Gästeunterkünfte. Ihr seid bereits daran vorbei gegangen‘, erklärte der Dämon per Hirninjektion. Dann wandte er sich wohl an die junge Frau.

Ska'ri
15.04.2025, 23:24
Nachdem der fette Kerl mit den Klöten auf der Stirn eine Schnute gezogen und dann ohne ein Wort im Innenhof verschwunden war, gelang es Ska’ri nach und nach endlich, sich wieder zu beruhigen. Ihr Blick fiel auf das blasse Mädchen, vor dem der Klötenmann so panisch reißaus genommen hatte, obwohl er sicher mindestens zehnmal so viel wog wie die dürre kleine Tra‘ra.
„Warst du das?“, fragte Ska‘ri und wischte sich die Lachtränen aus den Augen, „Das mit den …“ Sie deutete auf ihre Stirn, an die Stelle, wo der fette Kerl sein Gehänge hatte. Es schien ihr die logischste Erklärung – und zeigte zugleich, dass Morra-Schamanen offenbar mehr Spaß verstanden als ihre orkischen Kollegen. Aber Tra’ra schüttelte den Kopf.
„N-n-nein … der … w-w-war schon so!“
„Wohnt der hier?“
Wieder ein Kopfschütteln. „E-er ist gerade erst a-a-angekommen.“
„Scheint ja ein richtig beliebtes Ausflugsziel zu sein, eure Burg!“
Das blasse Mädchen zuckte nur mit den Schultern und machte einen zögerlichen Schritt rückwärts, als wäre ihr die Unterhaltung unangenehm. Ska’ri legte kurz den Kopf schief und sah sie an, aber Tra’ra wich ihrem Blick konsequent aus. Eine seltsame kleine Kreatur. Die meiste Zeit schien sie diejenige zu sein, die Angst vor allem und jedem hatte, aber diesem großen, fetten Kerl hatte sie offenbar einen gehörigen Schrecken eingejagt.

Nachdem Tra’ra, einsilbig wie immer, nicht zu einem vernünftigen Gespräch zu bewegen war, verabschiedete sich Ska’ri mit einem Schulterzucken und setzte ihren Weg ins Refektorium fort. Wenig später kam sie mit einer feurig marinierten Scavengerkeulen in der einen und einem Krug Starkbier orkischer Brauart in der anderen Hand wieder heraus. Sie hatte beschlossen, dass sie mehr wissen wollte über Herr Klöte, wie sie ihn für sich inzwischen getauft hatte. Soetwas verrücktes sah man nur einmal im Leben, das durfte sie sich nicht entgehen lassen!

Sie steuerte also den Innenhof an, stieß mit dem Fuß die Tür auf, und tatsächlich – da stand Herr Klöte und blickte sehnsüchtig aufs Meer hinaus, oder sowas. Die Ziegen und Gänse machten einen großen Bogen um ihn – kein Wunder bei dem Geruch, den er verströmte.
Ska’ri ließ sich mit einem Seufzer auf die Bank fallen, die unter dem großen Baum in der Mitte des Hofes stand, und nahm einen Bissen von der Scavengerkeule, dass ihr das Fett des saftigen Bratens übers Kinn lief.
„Ump, allef klar?“, fragte sie, als Herr Klöte sich letztlich doch zu ihr umdrehte, „Wie iff denn daf paffiert?“ Ungeniert deutete sie mit der Scavengerkeule auf die Stirneier. „Oder hattef du daf fon immer?“

Arzu
16.04.2025, 00:22
Das Kribbeln nahm und nahm kein Ende. Arzu versuchte ihr Möglichstes, um es zu unterdrücken. Doch selbst die ihr von Beliar verliehene Macht konnte der Nekromantin in diesem Augenblick nicht mehr helfen.
»Hatschu!«, entfuhr es der Varanterin und das Niesen hallte laut in der gesamten Bibliothek wider. Unweigerlich drehten sich die Besucher des Kastells zu ihr um. »Dschuldigung.«, schniefte Arzu. Wie war das denn passiert, fragte sich die Schwarzmagierin. Eine Erkältung? Aber doch nicht im Kastell! Und dann auch noch so plötzlich.
Noch während sie über den Grund nachdachte, merkte die Nekromantin, wie das Atmen durch das linke Nasenloch zuerst immer beschwerlicher wurde und schließlich unmöglich. Was für eine Blamage vor den Gästen! Hatte sie ihnen just noch die unglaublichen Wunder des Kastells gezeigt und nun erlag sie einer solchen Banalität. Der schlimmstmögliche Zeitpunkt! Ob es einen Dämon mit heilenden Kräften gab? Das war eine Frage, die Arzu bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht durch den Kopf gegangen war. Sie meinte sich an etwas aus der Historie des Zirkels zu erinnern. Allerdings unterbrach ein raues Husten jäh ihren Gedankengang.
»Ich will für euch hoffen, dass ihr keine Krankheiten hier eingeschleppt habt!«, sagte sie ernst in einem nasalen Tonfall. Woher hätte es sonst kommen sollen!? Dann fiel der Groschen. Es hatte bestimmt mit dem Ausflug in das Mondkastell zu tun. Der ganze Moder, die Feuchtigkeit und keine ruhige Minute. Das rächte sich nun. Arzu wollte gerade mit den Augen rollen, als dem ein erneuter Hustenreiz zuvorkam.
Wo war Thara überhaupt, fragte sich die Varanterin. Sie war nirgendwo zu sehen und das lag ausnahmsweise nicht an ihrem Talent, sang- und klanglos im Hintergrund zu verschwinden. Ausgerechnet jetzt, wo Arzu sie dringend brauchte, um Medizin oder zumindest ein Taschentuch zu holen! Wenn man nicht alles selbst machte!

Hasso Kuettel
16.04.2025, 10:09
Die Augen des Mannes folgten der Scavengerkeule, die vor seinen Augen tanzte und ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, dass er mehrmals schluckte und seine fleischig pralle und pelzige Zunge über die Lippen fuhr.
Roch das gut!

„Da war wohl etwas falsch gelaufen“, antwortete der Beleibte, der Ska’ri einmal musterte, nachdem er den Blick mühsam von der Speise gelöst hatte. Sie war augenscheinlich eine Orkin, möglicherweise jung und abgesehen davon, dass sie so groß war wie er, ganz anders als die Hagere, die allein schon durch ihre Anwesenheit pures Gift verströmte.
Diese Orkin passte nach Meinung des Dicken so überhaupt nicht in diesen Ort, der etwas Dunkles verströmte, auch wenn der Innenhof, in dem er sich befand, dies nicht tat.
Während Thara irre und irgendwie depressiv auf den beleibten Mann wirkte, verströmte die orkische Frau Lebensfreude und Leichtigkeit. Etwas, was Hasso beruhigte, wenn auch die grüne und für eine Orkin viel zu schlanke Kreatur über den Klötenmann lachte.
„Magieunfall“, fuhr der Dicke fort und fasste sich an die Bälle, „Ich war wohl beim Transportieren von einem Ort zum anderen nicht bei der Sache“, erklärte Hasso. Und selbst, wenn diese Aussage nach einer Vermutung klang, war er sich über diese Tatsache im Klaren. Mittlerweile. Warum er aber an diesem dunklen Ort gelandet war, konnte er sich nicht erklären, noch wissen, wo er sich eigentlich befand und wie weit er von dem Ort entfernt war, an dem er verschwand. „Ich weiß nicht, warum ich in diesen Mauern gelandet bin, aber ich hätte da eine Theorie zu, die ich Euch gerne erläutere, wenn Ihr mir den Ort zeigt, an dem es diese schmackhafte Keule gibt“, lockte der Mann während er mit seinem Fuß eine Ziege abwehrte, die sich ihm aufdrängte. Scheinbar roch das Tier das Kraut in seinem kleinen Beutelchen, welches zwischen zwei Hautlappen klemmte.

Ja, und Thara hatte gelogen. Das hatte der Dicke nun auch begriffen.

Corsika
18.04.2025, 17:07
Corsika ließ sich zu einem herzhaften Gähnen hinreißen. So überwältigend dieser Ort und all seine kuriosen Besucher auch waren, so sehr kämpfte ihr Körper damit, all diese Eindrücke zu verarbeiten. Dazu kam, dass ein opulentes Essen und das Studieren kryptischer Texte nicht unbedingt beim Wachbleiben halfen. Aber ein wenig wollte sie noch durchhalten.
Das Buch, das auf magische Weise zu Venom gefunden hatte, schien auch für Corsika genau die richtigen Informationen zu beherbergen. Dabei war sie skeptisch, ob sich bei seiner Anfrage überhaupt noch ein passendes Buch finden ließe - nachdem sich alle Bücher der Welt zu okkulten Stätten und antiken Schriften bereits auf ihrem Berg stapelten. Am liebsten hätte sie Venom das Buch abgenommen, kam dann aber auf die Idee, in ihrem eigenen Stapel nach einer Kopie desselben zu suchen - und wurde sogar fündig.
Also zog sie sich an einen der Schreibpulte zurück, wo Federkiel, Pergament und Tinte ordentlich bereitlagen und legte sich den Zettel zurecht, auf dem sie mit ihrem eigenen Blut eine Abschrift des Monolithentextes geschrieben hatte. Es würde nicht schaden, wenn sie davon eine oder zwei Kopien anfertigte, nur zur Sicherheit. Außerdem wollte sie die verschiedenen Symbole mit jenen aus dem Übersetzer vergleichen. Das stellte sich jedoch nicht als ein einfaches Unterfangen heraus. Sie hatte schon monatelang nicht mehr geschrieben, eigentlich seit dem verhängnisvollen Tag, an dem sie Dion und Timo kennengelernt hatte. Früher hatte sie viel geschrieben; im Handelsgewerbe wurde viel Wert darauf gelegt, dass alle Transaktionen korrekt dokumentiert und nachvollziehbar waren. Nur so konnte man erfolgreiche Geschäftsbeziehungen pflegen, würde ihr Vater jetzt vermutlich sagen. Sie vermisste den alten Langweiler.

Nachdem alles abgeschrieben war, besaß Corsika ein Sammelsurium an Begriffen, die noch keinen klaren Zusammenhang aufwiesen. Es waren einige Naturbegriffe dabei wie „Sterne, Felsen und Lagune“, aber auch Körperbegriffe wie „Arm, Kopf und Torso“. Viele der Begriffe waren mehrdeutig und ganz sicher war sie sich mit dem, was sie am Monolithen abgeschrieben hatte, auch nicht. Jetzt, da sie eine Sammlung all jener Zeichen in den Händen hielt, wurde ihr klar, dass sie sich auch verschrieben haben könnte.

Sie teilte die gesammelten Informationen mit Venom, denn er machte ihr einen gelehrten Eindruck und schien Dinge aus einer neutralen Perspektive zu betrachten. Sie erzählte ihm auch von dem Monolithen in der Nähe der Gespaltenen Jungfrau und dass dieses Bauwerk womöglich noch nicht lange an diesem Ort existierte.
„Die Informationen auf diesem Bauwerk könnten Hinweise darstellen, vielleicht ist es ein Wegweiser“, mutmaßte sie. Möglicherweise führt er ja zu deinem Siegel.“
Ehe sie weiter nachgrübeln konnten, wurden sie von der Orkfrau unterbrochen, die von einer weiteren Gestalt - oder vielmehr Missgestalt - erzählte, die ihren Weg ins Kastell gefunden hatte. Corsika war nicht sicher, ob sie sich darauf einlassen wollte, aber lesen würde sie heute auch nichts mehr. Außerdem war es immer gut, über alles um sich herum Bescheid zu wissen. Dann gab es weniger böse Überraschungen.
„Ich lese das morgen noch weiter“, rief sie in den Raum, in der Hoffnung, eine der Schattengestalten würde sie hören. Sie hatte nun wirklich keine Lust, noch aufzuräumen.
„Kommst du?“, fragte sie an Venom gerichtet. Doch der lehnte höflich ab, blickte aber noch einmal vom seinem Buch auf und fragte: „Hast du eigentlich auch etwas über das Zeichen an deiner Hand in Erfahrung bringen können?“
Corsika nickte. „Ja. Es heißt so viel wie … Pakt.“

Venom
20.04.2025, 19:28
Das schummerige Licht der Bibliothek überzog die endlosen Regalreihen während Staubkörner in der Luft tanzten. Venom hatte sich mit Corsika an einem der großen Eichentische niedergelassen, auf dem sich inzwischen ein Sammelsurium aus aufgeschlagenen Büchern, Notizen und Papieren häufte. Zwischen ihnen lagen zwei Pergamente – eines von Venom, das andere von Corsika –, beide überzogen mit jenen seltsam geschwungenen Schriftzeichen, die ihnen bislang so wenig verraten hatten.
Venom war kein Gelehrter, aber zu seiner Überraschung hatte er Gefallen an dem Entschlüsseln des Textes. Und Corsika, deren nüchterne Beobachtungen und instinktive Sprachkenntnis sich als erstaunlich hilfreich erwiesen, war kein unbeschriebenes Blatt.
„Hier,“ sagte sie plötzlich und deutete auf eine der Seiten. „Dieses Zeichen taucht in beiden Texten auf – hier bei dir, und hier in meiner Abschrift vom Monolithen. Ich bin mir sicher, es bedeutet Sterne oder Gestirn.“
Venom beugte sich näher. Tatsächlich – das Symbol war identisch, ein Schauer lief seinen Rücken hinab, es waren zu viele Zufälle. Dann kam Corsika auf eine andere Zeile zu sprechen, diesmal aus ihrer eigenen Abschrift.
„Hier ist eine seltsame Passage: Es werden Orte beschrieben und scheinbar mit Verbindung zu Körperteilen oder etwas in der Art.“
Venom runzelte die Stirn. „Klingt fast, als wäre es eine Karte.“
„Oder eine Beschreibung,“ warf Corsika ein, ihre Stimme leise. „Aber von was ...?“
Venoms Blick wanderte über die Linien des Textes, aber es blieb frustrierend lückenhaft. Einzelne Begriffe – Schatten, Blut, Zugang, Sterne – ließen sich isolieren, aber der Zusammenhang entglitt ihnen immer wieder.
Ska'ris Stimme die den Flur entlang hallte riss ihn aus der Konzentration. Irgendetwas von wegen eines neuen Besuchers mit einer merkwürdigen Eigenart, dass sie sehr zu erheitern schien.
Venom hob eine Augenbraue, ließ aber den Blick wieder auf die Texte sinken. „Hm.“
Corsika erhob sich schließlich um sich doch den neuen Besucher anzusehen, mit einem weichen Rascheln ihrer Kleidung verlies sie die Bibliothek.
Pakt, sollte also das Symbol auf ihrer Hand heißen. Das klang beunruhigend.
Venom saß eine Weile still da, den Blick auf das verblassende Nachbild ihrer Hand in seinem Geist.
Ein Pakt also … aber mit wem? Oder was?
Sein Blick fiel auf das Glossarbuch, dann auf die beiden Texte.
Er rückte näher an den Tisch, schob alle Ablenkung beiseite, ließ seinen Geist sinken in die Welt der Zeichen, der Linien und Bedeutungen.
Wenn es einen Weg gab, dem Ganzen auf den Grund zu gehen – dem Dämon, dem Buch, den Zeichen – dann war dies wohl die beste Gelegenheit.

Arzu
20.04.2025, 23:47
»Ein Cape. Schön warm soll es sein!«, sprach die Schwarzmagierin in einem nasalen Tonfall in die Leere des Ganges hinein. Augenblicke später manifestierte sich das gewünschte Cape in ihren Händen und Arzu zog es ohne viel Federlesens an. Natürlich bedeckte es den freien Rücken und das Dekolletee ihres Kleides, was ein immenses Opfer für die stolze Varanterin war. Es ließ sich leider nicht ändern. Anders würde sie ihre Erkältung niemals los werden.
Bevor sie zu den anderen aufschloss, putzte sich Arzu noch die elegante, aber verstopfte Nase. Ein Blick auf das Taschentuch und es schüttelte sie. So mussten sich Olivia, Thara und all die anderen fühlen, die keinen Wert auf ihr Äußeres gaben.
Am liebsten wäre die Nekromantin in ihr Bett gestiegen und hätte es erst wieder verlassen, wenn die vermaledeite Krankheit auskuriert gewesen wäre. Mit all den Leuten im Kastell, die sich ausgerechnet diesen einen Tag hatten aussuchen müssen, um sich hier einzuquartieren, konnte Arzu selbstverständlich nicht einfach so verschwinden. Sie hatte als Schwarzmagierin Pflichten! Wer sollte das sonst übernehmen? Die Dämonen, die mit Menschen am liebsten nichts zu tun haben wollten? Oder Thara, die sich beim ersten Anzeichnen einer Konversation in Luft auflöste? Nein, man musste alles selbst machen!
Geschwind lief Arzu Corsika hinterher, die wiederum der Orkfrau hinterhergelaufen war. Im Innenhof fanden sie sich wieder zusammen. Zum Erstaunen der Varanterin befand sich auch Thara dort und zwar in der Begleitung eines unförmigen Blobs. Ska'ri amüsierte sich köstlich über die Kreatur, denn was normalerweise zwischen den Beinen baumelte, hing dem Ding statt dessen an der Stirn. Arzu seufzte.
»Dhara, das ist echt nicht der Zeidpungt, um Sombies zu beschwören!«, tadelte die Varanterin ihre Zirkelschwester. Inzwischen drang auch der für Tharas Kreaturen charakteristische Gestank an die sonst feine Nase der Schwarzmagierin. Es roch nicht so penetrant wie sonst, doch das schob Arzu in erster Linie auf ihre Erkältung und nicht auf eine Weiterentwicklung der Zauberkünste des dürren Mädchens.
»Los, mach es weg! Sonst exblodiert es noch auf unsere Gäsde!«, sagte die Nekromantin und machte eine abschätzige Handbewegung in Richtung des Hodenzombies.

Ska'ri
21.04.2025, 13:03
„Magieunfall?“ Ska’ri zog die Augenbrauen hoch und grinste schief, während sie ihr Gegenüber einer genauen Musterung unterzog. Selbst ohne die Klöten in seinem Gesicht war er schon eine ugnewöhliche Erscheinung. Nicht nur wegen seiner für einen Morra beeidruckenden Größe und Leibesfülle oder seines strengen Geruchs, sondern auch wegen seiner seltsamen Garderobe, die nur aus einem einzigen, schmutzigen Tuch bestand, was ihn aber nicht weiter zu stören schien. Ska’ri musste schon wieder lachen.
„Du? Magie? Ach kommn, verarschen kann ich mich alleine!“ Noch immer kichernd schüttelte sie den Kopf. Der Typ hatte vermutlich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Aber das machte ihn nicht weniger unterhaltsam, ganz im Gegenteil.
Sie nahmen einen kräftigen Schluck von ihrem Bier und beobachtete dabei amüsiert, wie Herr Klötes Blick an der halb abgenagten Scavengerkeule klebte. Zum Spaß wedelte sie ein wenig damit herum. Es hätte wahrscheinlich nicht viel gefehlt, dass der Kerl sich vollgesabbert hätte.
„Hungrig, was?“ Ska’ri grinste. „Ich kann dir schon sagen, wo es hier was zu essen gibt, und ich wette, die bekommen sogar dich satt. Aber dann erzählst du mir, was wirklich passiert ist … welchem Schamanen hast du ans Bein gepisst?“
Bevor Herr Klöte aber antworten konnte, schwang das Tor auf und Corsika betrat den Innenhof. Ska’ri prostete ihr zur Begrüßung zu: „Hey, Corsika! Darf ich vorstellen? Herr Klöte! Herr Klöte, das ist Corsika, sie ist auch zu Gast hier.“
Und war da gerade noch jemand hinter Corsika durch die Tür gehuscht? Ska’ri war sich nicht sicher. Vielleicht stieg ihr auch einfach das Bier zu Kopf.

Einen kurzen Moment später gesellte sich dann auch noch Arzu zu ihnen. Die Hausherrin hatte sich in einen pelzbesetzten Umhang gehüllt. Dabei war es doch gar nicht besonders kalt? Aber sie hörte sich ziemlich verschnupft an. Vielleicht hatte sie sich bei dem anderen Dicken angesteckt?
Zu Ska’ris Verwunderung richtete sie ihre Worte an Thara, und tatsächlich tauchte das seltsame Mädchen plötzlich aus dem Schatten auf. War sie es gewesen, die hinter Corsika durch die Tür gehuscht war?
„T-t-tut mir leid“, stammelte Thara und starrte auf ihre eigenen Füße, „A-aber der ist keiner von … v-von meinen. D-d-der ist hier aufgetaucht! I-ich … ich … habe ihn schon ein b-b-bisschen saubergemacht.“ Sie hob den Kopf und sah Arzu hoffnungsvoll an. Ska’ri hob die Augenbraue. Seltsames Mädchen...

Corsika
21.04.2025, 14:24
In Corsikas Heimat war es üblich, zur Begrüßung knapp den Kopf zu senken. Sie war nicht gerade ein kontaktfreudiger Mensch und in Anbetracht der Größe und des Aromas des Fremden, war sie auch nicht unbedingt versessen darauf, ihm die Hand zu reichen. Herr Klöte erwiderte die Geste, wobei das ungewöhnliche Weichgewebe an seiner Stirn munter auf und ab wippte.
„Freut mich“, sagte Corsika und bemühte sich um eine neutrale Haltung. So verrückt war das nun auch wieder nicht - im Kontext des gesamten Abends zumindest. Aber sie war nicht die Einzige, die sich keinen wirklichen Reim auf den Zustand dieses Fremden machen konnte. Eigentlich war ihr nur wichtig, dass niemand auf die Idee kam, im Hungerwahn auf ihre Gänse loszugehen. Aber den beiden Vögeln ging es gut, welch ein Glück. Sie hockten in einer schattigen Ecke des Innenhofs und schnatterten aufgeregt vor sich hin.

„Ich kann mir vorstellen, dass es in der Bibliothek auch ein Buch über Magieunfälle und ihre Umkehr geben könnte“, fuhr Corsika fort und erkannte gleich, dass das vielleicht etwas forsch war. „Das heißt, wenn Ihr es überhaupt rückgängig machen wollt. Ihr könntet es auch als Zeichen der Körperpositivität in die Welt hinaustragen.“

Nanu, was war das? Als Corsika ihren Tieren ein paar getrocknete Erbsen reichte und sie damit zu sich lockte, offenbarte sich, dass das Weibchen offensichtlich zwei Eier gelegt hatte. Was für ein Zufall. Hier tauchten plötzlich überall unerwartet Eier auf.

Hasso Kuettel
21.04.2025, 14:59
Bei dem ganzen Geblubber und dem leeren Magen konnte sich doch kein Mensch konzentrieren, die Geschehnisse Revue passieren lassen, geschweige denn eine Lösung für das Problem finden.

„Körperpositi… was? Ich kann nicht lesen. Und überhaupt – I – ich – ha – ha – be – huhu – hunger“, äffte der Dicke Thara nach. Ihm reichte es, vor allen Dingen, weil diese Gänse ihm einen nicht unerheblichen Teil seines Krautes weggefressen hatten und jetzt fleißig Eier legten.

Damit war für Hasso bewiesen, dass der Mönchspfeffer nicht nur Ogern, sondern auch Gänsen zum Nachwuchs verhalf. Dass irgendwo Ostern war und jemand nicht Tierisches hier Eier verteilte, lag nicht in den Überlegungen des Mannes.

„Ich gehe jetzt, bevor die Biester mich noch um den Rest meines Krautes bringen“, kündigte der Dicke an und erhob sich von der Bank. „Vielleicht will mir irgendwer ja mal das Refektorium zeigen und mir erklären, warum ich meine Klöten auf der Stirn tragen sollte. Ein Hinweis auf den Ausgang wäre auch eine Möglichkeit. Oder – Geht doch einfach und lasst mich in Ruhe nachdenken, von mir aus auch in der Bibilothek“.

Ska'ri
22.04.2025, 22:02
Als Herr Klöte die Stotterei des blassen Mädchens nachäffte, warf Thara ihm durch ihren Vorhang pechschwarzer Haarsträhnen einen Blick zu, der eigentlich unmittelbar tödlich hätte sein müssen. Ska’ri war sich sicher, dass der Dicke gleich in plötzlicher Panik die Augen aufreißen, sich an die schwabbelige Brust greifen, wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft japsen, zusammenbrechen und wenige Sekunden später den Geist aufgeben würde.
Zu ihrer Verwunderung geschah jedoch nichts. Thara hatte sich wieder abgewandt und es sah aus, als wolle sie sich hinter Arzu verstecken, und Herr Klöte stand noch immer missgelaunt in der Mitte des Hofes und schob mit dem Fuß eine der Gänse von sich, die versuchte, an seinen Beutel zu gelangen.
Er wirkte wie ein bockiges kleines Kind, das herumquengelte, weil es nicht bekam, was es wollte – nur eben in ziemlich groß und mit haarigen Klöten auf der Stirn. War ihm überhaupt bewusst, wo er sich hier befand? Selbst wenn Thara ihm vielleicht keinen Todesfluch anhexen konnte, Arzu wäre dazu sicherlich in der Lage, davon war Ska’ri überzeugt.
„Also, Hunger sollte hier doch das geringste Problem sein, oder?“, intervenierte Ska’ri kurzerhand, bevor die Situation noch eskalieren konnte, „Komm, Kleiner, ich zeig‘ dir den Weg!“ Es war ohnehin an der Zeit, den Krug nachzufüllen!

„Klingelingeling, hier kommt der Eiermann!“, verkündete Ska’ri, als sie die Tür zum Refektorium aufstieß, und grinste Herr Klöte breit an. Sie musste sich schon wieder arg zusammenreißen, nicht lauthals loszulachen. Das säuerlich dreinschauende Bulldoggengesicht mit den kleinen Äuglein, den Hängebacken und den hin und her wackelnden Stirnhoden war einfach viel zu ulkig!
Die Orkin ließ sich am ersten erreichbaren Tisch auf einen Stuhl fallen. Sie bezweifelte, dass sich Herr Klöte auch nur im mindesten um die Platzwahl scherte.
„Da wären wir! Was hätten wir denn gern? Für mich darf es noch ein Bier sein!“ Kaum hatte sie ihren Wunsch ausgesprochen, füllte sich der Krug in ihrer Hand von selbst wieder mit frischem, schäumenden Starkbier, das erstaunlich nach orkischer Brauart schmeckte, dafür dass es von … wem oder was auch immer zubereitet wurde!
Nachdem sie bereits einen Krug Bier intus hatte, spürte Ska’ri eine angenehme Leichtigkeit im Kopf, und sie hatte nicht vor, es dabei zu belassen. Herr Klöte kam ihr da gerade recht. Von all den Anwesenden im Kastell schien er derjenige zu sein, der am ehesten für einen lustigen Abend zu gewinnen war.

Zwar hätte sie zu gern gewusst, was Venom nach ein paar Bechern Scabooze von sich geben würde, aber der alte Griesgram hatte sich dermaßen in die Bücher gegraben, dass es Ska’ri kaum überraschen würde, wenn er erst in ein paar Wochen wieder aus der Bibliothek käme. Ob das die Nebenwirkungen seiner Verbindung mit Krul waren? Der konnte sich genauso auf eine einzige Sache fixieren, dass er tagelang kaum ansprechbar war und Ska’ri ihn manchmal sogar zwingen musste, zwischendrin etwas zu essen.
Arzu, Thara und auch Corsika schienen ebenfalls alle drei nicht unbedingt feierwütig zu sein. Arzu vielleicht – wenn sie nicht gerade einen plötzlichen Schnupfen mit sich herumtrug.

Also blieb nur noch Herr Klöte für ein anständiges Besäufnis. Dass er etwas streng roch, störte Ska’ri nicht weiter – die wenigsten Orkkrieger legten allzu viel Wert auf umfangreiche Hygiene. Und dass er ein unsympathischer, egoistischer Griesgram war, machte ihn nur noch um so unterhaltsamer. Es war wie eine Einladung, ihn an seinen Eiern zu ziehen!
Sie prostete Herr Klöte zu: „Rok trak, Uluk! Und erzähl mir bloß nicht, du würdest nichts trinken, das glaube ich dir noch weniger als diese Geschichte mit dem Magieunfall!“ Sie grinste und nahm einen kräftigen Schluck. „Und, was ist wirklich passiert? Wem hast du ans Bein gepisst?“

Thara
23.04.2025, 00:12
Thara sah dem fetten Kerl hasserfüllt hinterher, als er im Schlepptau der Orkin in Richtung Riflikterium abzog. Nur zu gern hätte sie ihm, als er sich über sie lustig machte, mit einer Schattenflamme sein dämliches Gesicht mitsamt seinen fehlplatzierten Glocken vom Schädel geschmolzen! Ihr fiel die Messersammlung ein, die sie aus dem Mondkastell mitgebracht hatte. Wieso hatte sie all diese Klingen bekommen, wenn sie sie dann nicht benutzen durfte? Um diesen selbstgerechten Idioten Hasso wäre es nun wirklich nicht schade, ganz im Gegenteil! Sie kannte Typen wie ihn nur zu gut. Er war ein Möchtegern-Tyrann, der mit Sicherheit keinerlei Skrupel hatte, Schwächere zum eigenen Vorteil oder auch nur Vergnügen zu schikanieren. Der einzige Grund, warum er ihr gegenüber nicht längst handgreiflich geworden war, lag doch darin, dass sie ihm ihre magischen Fähigkeiten demonstriert und grundsätzlich darauf geachtet hatte, einen Sicherheitsabstand zu ihm einzuhalten (nicht nur wegen des Geruchs).
Warum ausgerechnet Hasso irgendwie unter dem Schutz des Kastells zu stehen schien, war ihr ein Rätsel. Wie sollte dieser Trottel der Sache Beliars dienlich sein? Aber niemand hatte gesagt, dass er gänzlich ungeschoren davonkommen musste, oder? Ihr würde schon etwas einfallen…

Die Rachepläne würden allerdings erst noch warten müssen, denn im Moment gab es Wichtigeres: Arzu. Die schöne Varanterin hatte sich in einen pelzbesetzen Umhang gewickelt (wo auch immer sie den plötzlich herhatte), obwohl es ein warmer Tag war, und schniefte ununterbrochen. Wie konnte das sein? Während des Essens vor wenigen Stunden war sie noch völlig gesund gewesen! War etwa in der Bibliothek etwas passiert? Thara fühlte sich direkt schuldig, nicht an Arzus Seite geblieben zu sein. Vielleicht hätte sie es verhindern können?
„W-w-was ist mit dir?“, fragte sie besorgt, „Geht … a-also … g-geht es dir nicht gut? Ich k-könnte … i-i-ich … k-kann ich … was kann … i-i-ich meine, k-kann ich etwas für dich tun?“

Corsika
23.04.2025, 11:09
Jetzt, da der unförmige Hüne es ansprach, fiel auch Corsika auf, dass zwischen dem Gefieder der Gänse nicht nur Gras und Erbsenreste hingen, sondern auch ein anderes Kraut, dessen Blüten violett erschienen.
„Was haben sie Euch weggefressen?“, wollte Corsika wissen und war sogleich besorgt um das Wohlbefinden der Tiere.
„Mönchspfeffer“, ließ der Fremde sie wissen. Sie kannte das Kraut, es war für die Tiere vermutlich bekömmlich und wenn es auf sie eine ähnliche Wirkung wie auf Menschen hatte, ließen sich vielleicht sogar die unerwarteten Eier erklären, die die Gans gelegt hatte. Aber wirkte es wirklich so schnell? Oder verging die Zeit hier im Kastell einfach ein wenig anders als in der Welt ringsum?
„Ich kann Euch mit etwas Sumpfkraut entschädigen, wenn Ihr daran Interesse habt“, schlug Corsika vor und der Hüne ließ sich auf das kleine Geschäft ein. Dann verschwanden er und die Orkfrau in Richtung Refektorium und Corsika verabschiedete sich in Richtung Bett.

Es war ein langer Tag gewesen und sie konnte nur noch schwerlich die Augen offenhalten. Von der Eingangshalle aus gesehen, suchte sie nach den Schlafgemächern. Eine dumpfe Kraft schien erneut auf sie einzuwirken und leitete ihren Weg, wie schon zuvor, als sie den Innenhof besucht hatte, nur etwas sanfter, zum Glück. Sie folgte einer Wendeltreppe in eine höhere Etage und blieb vor einer kleinen Tür stehen. Sie war nicht abgeschlossen, also trat Corsika vorsichtig ein. In der Kammer war kaum mehr als ein Bett, ein Nachttisch und eine kleine Truhe. Auf dem Nachttisch brannte eine schwarze Kerze in einer silbernen Schale. Corsika hinterfragte in diesem Moment nicht, wo eigentlich Dion abgeblieben war. Vermutlich hatte er eine eigene Schlafkammer bezogen. Sie ließ sich einfach auf das Bett fallen und war binnen weniger Augenblicke eingeschlafen. Die erste Nacht seit vielen einmal ganz ohne Kopfschmerzen …

Hasso Kuettel
23.04.2025, 17:53
„Was ist an meiner Aussage so schwer zu verstehen?“, erwiderte der Dicke, „Ich habe mich auf magischem Weg hier hinbegeben und das war das Ergebnis. Dass muss so sein, denn vorher war noch alles an gewohnter Stelle“, erklärte der Beleibte, der dies aber im gleichen Moment schon wieder bereute. Jedes Wort an dieses orkische Weib war verschwendete Zeit, da sie Hasso magische Fähigkeiten scheinbar aberkannte.

„Ich nehme den Gänsebraten und ein ordentliches Bier“, sprach Hasso voller Erwartung und Neugierde, hatte er auf eine solch merkwürdige Lieferart noch nie gespeist. Und tatsächlich erschienen die ersten magisch tanzenden Verbindungen auf einem ebenso magisch erschienenem Teller, wie auch der Krug, der für die Befüllung wohl etwas länger brauchte.
Wo der Dicke zuvor freudig lächelte, wirkte der Blick nun mehr als verwirrt, denn das Vieh erschien lebendig und flatterte ungerupft davon. Dann fiel der Blick hin zu dem Krug, in dem ein Strauß aus Gräsern erschienen war.

Mit offen stehendem Mund starrte der Beleibte auf das vor ihm Stehende und kratzte sich ratlos die Klöten, sich fragend, was er falsch gemacht hatte.

„Ich nehme gebratene Gans und ein gebrautes Bier“.

Und tatsächlich erschien das Gewünschte und roch nicht einmal so schlecht.

„Ukuk Alk Alk“, prostete Hasso nun zurück und begann zu trinken.

Corsika
24.04.2025, 20:39
Als Corsika vom Schnattern der Gänse aus dem Innenhof geweckt wurde, fühlte sie sich erholter als je zuvor. Sie musste zehn Stunden oder länger geschlafen haben. Ein Blick durch das kleine, schmale Fenster gab ihr keinen wirklichen Aufschluss. Der Himmel war immer noch trüb und wolkenverhangen und lud nicht unbedingt zum Rausgehen ein. Sie fragte sich, wie lange ihr Tribut wohl vorhalten würde. Musste sie heute schon die Weiterreise antreten? Das wäre zu schade, bei all dem leckeren Essen, den unzähligen Büchern und ja – außergewöhnlichen Gestalten. Und auch das Rätsel um den Monolithen war noch nicht gelüftet. Ob Venom sich wohl irgendwann noch schlafen gelegt hatte?

Sie streckte sich und suchte nach ihren Schuhen, dabei fiel ihr ein kleiner Hocker am Bettende auf, auf welchem ein anthrazitfarbenes Kleidungsstück lag. War das ein Nachthemd, das man ihr zur Verfügung gestellt hatte? Es stellte sich als eine Hose heraus, die durch ihren tiefen Faltenwurf beinahe an einen Rock erinnerte. Ihr Herz schlug augenblicklich schneller. Das waren solche Hosen, wie man sie auch bei ihr zuhause trug. Ob dieselbe Magie, welche ihre Heimatgerichte kochte, wohl auch dafür sorgte, dass sie Kleidung von dort angeboten bekam? Länge und Umfang stimmten jedenfalls und unter der Hose lag noch ein schlichtes schulterfreies und hochgeschlossenes Oberteil, ebenfalls in einem dunklen Grau gehalten, aber mit einem helleren Muster, das an Olivenzweige erinnerte. Es ähnelte dem Tattoo an ihrem rechten Unterarm. Gut möglich, dass die Dämonen oder wer auch immer es entwarf, sich daran orientiert hatten.

Bevor sie sich ihr neues Gewand überwarf, würde sie erst einmal die Badestube aufsuchen und sich ein wenig frisch machen. Sie war neugierig, ob Dion wohl auch einen Satz neuer Klamotten zur Verfügung gestellt bekommen hatte.

Arzu
24.04.2025, 23:50
»Was habe ich dir...«, begann Arzu und wurde jäh von ihrer Nase unterbrochen. Es tropfte förmlich heraus, oder zumindest fühlte es sich so für die Nekromantin an. So hässlich hatte sie sich niemals zuvor gefühlt. Als sie sich die elegante Nase putzte, stellte es sich als falscher Alarm heraus.
»Ich bin erkäldet, siehd man doch!«, sagte die Schwarzmagierin schließlich. Was man da machte, wusste sie leider auch nicht. Erkältungen waren so was mittelländisches.
»Das muss im Mondkasdell passierd sein.«, schniefte Arzu weiter. »Da war es so nass und modrig und... blagch.«
Es schüttelte die Varanterin bei dem Gedanken. Und dabei war es ihre eigene Idee gewesen, dorthin zu reisen. Dass es so schlimm wäre, konnte ja niemand wissen! In der Historie des Kastells hatte jedenfalls nichts davon gestanden!
»Komm, wir können die Gäsde nichd unbeaufsichdigd rumlaufen lassen!«, erklärte Arzu schließlich und zog das dürre Mädchen ohne viel Federlesens mit sich. Die Orkfrau und der nackte Mann hatten es sich bereits im Refektorium gemütlich gemacht. Theatralisch wedelte Arzu mit der Hand vor ihrem Gesicht, um sich des Gestanks zu erwehren. Der drang durch, obwohl ihre Nase verstopft war.
»Bei Beliar, machd was gegen den Gestang!«, klagte die Schwarzmagierin und setzte sich an das entfernte Ende des Tisches. Sogleich manifestierte sich ein kleines Schälchen vor ihr in dem sich eine weiße Paste befand.
Was soll ich damit, fragte Arzu in ihren Gedanken. Die Antwort kam sofort auf dem gleichen Wege. Zögerlich hielt sie das Schälchen unter ihre Nase und schnupperte daran. Zu ihrem Erstaunen roch die Paste nicht nur angenehm frisch, sondern half ihr auch beim Atmen. Mit dem Zeigefinger nahm die Nekromantin etwas davon und strich es sich unter ihre Nase. Die widerwärtigen Ausdünstungen des übergewichtigen Eindringlings - denn als Gast sah Arzu ihn keinesfalls - wurden sogleich übertüncht vom Geruch der Paste. Eine Sorge weniger!
»Wer bisd du?«, fragte die Nekromantin dann an den nackten Unbekannten. Bis jetzt hatte sie sich noch nicht zusammenreimen können, woher er gekommen war, weshalb er keine Kleidung trug und vor allem warum ihm Teile seines Gemächts im Gesicht hingen. »Und warum bisd du ins Kasdell gekommen?! Wir sind keine Heiler!«

Hasso Kuettel
25.04.2025, 10:50
„Hasso“, antwortete der Beleibte knapp und blickte zurück in seinen Krug, in dem irgendetwas schwamm, was an Würmer erinnerte und als er das Behältnis auf dem Tisch leerte, zeigten sich dünne windende Dinger in gräulicher Farbe und kleine schwarze Punkte, bei denen es sich vermutlich um so etwas wie Augen handelte.
Mit dem wurstigen Fingern bewegte er die kleinen Tierchen, bis er schließlich eines zu greifen bekam und es im Munde des Mannes verschwand. Mit der Zunge zerdrückte er das Ding am Gaumen und stellte fest, dass es fast nussig schmeckte und überhaupt nicht kitzelte, als es seinen Abgang im Schlund des Dicken fand.
Dann zog der Duft dieser Paste auch gen Hassos Nase, dass der beleibte Feigling aufsah und seine Glubschaugen erneut die Erkältete erblickten.
„Gute Frage“, sprach der Dicke abgelenkt, weil sein Blick an der Oberweite hängen blieb und ihm auch gleich wieder die Oberweite der Orkin in den Sinn kam. Sie waren nicht schlecht bestückt, aber nach Geschmack des Beleibten noch zu wenig, zu rund und keinesfalls so schön fleischig gelappt, wie es bei den Ogern der Fall war. Ja, seine Angebetene, das weibliche Ogeroberhaupt seiner Sippe – die Gedanken Hassos schweiften und seine Mimik bekam etwas Bescheuertes.
„Wie ich schon sagte, bin ich nicht absichtlich hier und würde gehen, wenn ich denn wüsste, wo der Ausgang ist“. Dass es hier scheinbar keinen Heiler gab, wunderte den Dicken nicht, denn dieser Ort wirkte nicht gerade wie einer, in der positive Magie gewirkt wurde, wenn auch das Refektorium durchaus etwas Positives hatte.
„Aber eigentlich brauche ich ja gar keinen Ausgang“, wurde der Mann sich gewahr, „Ich muss einfach wiederholen, was ich gemacht habe, oder? – Magie schwubdiwub weg“. Nur was kam als Nächstes?

Ska'ri
25.04.2025, 15:36
„Klar, Magie und schwubdiwub weg!“, lachte Ska’ri. Der alberne Kerl wollte wohl allen Ernstes nicht davon ablassen, zu behaupten, magiekundig zu sein! Na, ihr sollte es recht sein. Unterhaltsam war Herr Klöte auf jeden Fall (und sie würde ihn auch weiterhin so nennen, auch wenn er sich inzwischen als Hasso vorgestellt hatte). Erst hatte er es geschafft, eine lebende Gans zu bestellen – das Federvieh war inzwischen dabei, den Speisesaal zu erkunden –, und dann hatte er sich ein stark alkoholisch riechendes Getränk voller Würmer erscheinen lassen, die er genüsslich nebenbei verspeiste. Ska’ri hatte noch nie von Wurmschnaps gehört, nicht einmal bei den Morras. Und Arzus Gesichtsausdruck nach zu urteilen, waren zumindest nicht alle Morras mit derartigen Getränken vertraut.

Apropos Arzu. „Keine Heiler? Also für den Schnupfen wüsste ich da was…“, wandte sich die Orkin grinsend an die Hausherrin und schnippte mit den Fingern. Einen Augenblick später kam ein Tonkrug herangeschwebt. Der offensichtlich heiße Inhalt dampfte und verströmte ein intensives, scharf nach Alkohol und Kräutern riechendes Aroma. Ska’ri schob Arzu den Krug hin: „Altes orkisches Rezept“, erklärte sie, „Das haut jede Krankheit aus den Latschen!“

Damit waren alle außer Thara versorgt. Ska’ri musterte das blasse Mädchen mit dem blinden Auge, das sich neben Arzu niedergelassen hatte und irgendwie halb unterwürfig, halb beschützend an der Schwarzmagierin klebte.
„Du solltest auch was trinken!“, beschloss Ska’ri kurzerhand und schnippte noch einmal mit den Fingern. Diesmal tauchte ein bis zum Rand mit goldgelbem Honigwein gefüllter Becher auf, den sie Thara herüberschob. „Hier, das ist genau das Richtige für dich, damit du ein bisschen Farbe bekommst. Na dann, hoch die Tassen!“

Arzu
28.04.2025, 21:29
Mit angemessener Vorsicht roch Arzu am Tonkrug, den die Orkfrau ihr gegeben hatte. Ihrer Paste zum Trotz, drang ein stechender Alkoholgeruch in die feine, wenngleich verstopfte Nase der Varanterin. Was auch immer in dem Orkgebräu steckte, musste wirklich hochprozentig sein. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, wie groß der durchschnittliche Ork war. Arzu passte allerdings vier bis fünf Mal in einen der Grünfelle. Dementsprechend potent könnte es sich für die zierliche Schwarzmagierin herausstellen.
Die Bedenken in den Wind schlagend, setzte die Nekromantin den Tonkrug schließlich an und nahm einen kräftigen Schluck des Gebräus. Es war wie ein Lauffeuer, das sich seine Bahn in ihr Zentrum brannte. Selbst auf den Feiern in Ishtar, wo viel und heftig getrunken wurde, war ihr so ein Gesöff noch nicht unter gekommen.
»Mach auf die Tür, mach weit das scheiß Tor! Meine Fresse!«, keuchte Arzu, als der erste Schock überwunden war. Ihre Atemwege waren mit einem Schlag freigelegt. Oder vielmehr frei gebrannt. Ob das wirklich gesund war, wusste sie nicht, aber ihr ging das Geschniefe so auf den Geist, dass es der Varanterin egal war.
»Erzähl mir nicht, was da drin ist! Ich will es gar nicht wissen!«, sagte sie dann zu Ska'ri und schüttelte sich. Nur um dann noch einen weiteren Schluck zu trinken. »Na los, Thara, sei kein Frosch und trink!«
Ein wenig Gruppenzwang half in solchen Fällen immer. Während das dürre Mädchen noch etwas zögerlich in den Krug guckte, beschwor Arzu mit einem eleganten Dreh ihrer Hand ein Skelett herauf. Sie hatte es natürlich schon im Mondkastell geübt mit kleineren Wesen. Dieses Mal war es aber das Skelett eines Menschen. Nun, bis auf den Kopf. Der hatte sich offenbar in den Sphären verloren. Mit Kopf oder ohne war einerlei! Der Knochenmann hatte eine Fidel mit aus dem Jenseits gebracht und auf den Befehl seiner Meisterin spielte er eine angesagte Melodie aus der varantischen Hitliste. Selbstverständlich wäre eine ganze Bande besser gewesen. Mehr als ein Skelett konnte Arzu trotz ihres grenzenlosen Talentes nur noch nicht zustande bringen. Außerdem musste sie tanzen! Kurzerhand sprang die Nekromantin auf den Tisch - dabei immer gebührlichen Abstand zum Odor von Hasso haltend - und setzte sich in Bewegung.
»Los, Thara! Mach schon mit!«, lachte Arzu und trank selbst noch einen Schluck des Orkgebräus.

Corsika
30.04.2025, 14:51
Die Suche nach der Badestube stellte sich als leichter heraus als Corsika es zunächst angenommen hatte. Dabei luden den vielen Türen und Tore und deren fehlende Beschriftung durchaus zu einem Irrweg ein. Doch ihr war so, als hätte sie allmählich ein Gespür dafür gewonnen, wie sie ihr Ziel erreichte. Sie stellte es sich einfach vor und folgte dann ganz gemütlich ihrem Bauchgefühl und vielleicht auch ein klitzekleines Bisschen den dumpfen Impulsen in ihrem Kopf. Ein winziges Stupsen in ihren Gedanken, mehr war für die Dämonen gar nicht erforderlich. Sie folgte einfach ihrer Weisung und je mehr sie sich davon löste, einem eigenen sturen Weg zu folgen, desto besser kam sie voran.
Dieses Vorgehen brachte Corsika bis zu einer Treppe, die in den Keller führte. Sie öffnete die quietschende Kellertür und wurde sogleich von der Finsternis umgarnt. Das Treppengewölbe und der sich anschließende Korridor waren nur von einer Hand voll blutroter und pechschwarzer Kerzen beleuchtet, doch all das löste in Corsika seltsamerweise kein Gefühl der Beklommenheit mehr aus. Im Gegenteil, in ihrem Inneren machte sich Ruhe breit, Geborgenheit.

Der Duft von Badesalz erfüllte allmählich die Luft und führte sie vor eine weitere Tür, die sich ganz von allein öffnete, als sie davorstand und einen großen Raum offenbarte, in dessen Inneren ein Zuber stand, in dem bereits heißes Wasser dampfte. Corsika konnte keine anderen Personen ausfindig machen, nicht einmal Spuren nasser Fußabdrücke auf dem steinernen Boden. Sie war wohl allein, wahrscheinlich hatten ihr die Dämonen das Wasser eingelassen. Vorsichtig prüfte sie mit dem kleinen Finger die Temperatur. Sie war genau richtig.

An der Seite fand sie einige Regale mit Handtüchern, Lappen und sogar Seife, außerdem einen Trog, womöglich für die schmutzige Wäsche? Sie prüfte noch einmal die Tür, aber abschließen konnte man sie nicht. Für einen Moment war sie unschlüssig, ob sie sich einfach ins gemachte Bad legen sollte, doch der sogleich auflodernde Schmerz in ihrem Kopf überzeugte sie davon, dass diese Zögerlichkeit nicht gewünscht war. Lediglich einen der Hocker stellte sie vor die Tür, ein Zeichen, dass besetzt war. Das würde vielleicht verhindern, dass sie plötzlichen Besuch von Dion oder diesem deformierten Hünen bekam. Venom hingegen … wie er wohl aussah, wenn seine Kluft nicht den ganzen Körper verbarg?

Sie verwarf den Gedanken schnell, entledigte sich ihrer Klamotten und stieg in den Zuber. Augenblicklich umarmte ein wohliger Schauer ihren ganzen Körper. Sie hatte seit Monaten kein heißes Bad mehr genommen, eigentlich, seit sie hier auf dieser verfluchten Insel gestrandet war. Die Wärme fühlte sich wie eine innige Umarmung an, sie schien ihre ausgelaugte Seele mit neuer Kraft zu durchströmen. Am liebsten würde sie eintauchen und für immer in diesem Zustand verweilen.

Corsika
02.05.2025, 13:57
Corsikas ausgiebiges Bad endete erst, als das Wasser allmählich kälter wurde und selbst das schien eher plötzlich als allmählich einzusetzen, ganz so, als sorge jemand für eine optimale Badezeit. Vorsichtig kletterte sie aus dem Zuber und griff nach einem großen Handtuch. Ihre Beine fühlten sich ganz weichgekocht an, sie brauchte eine Weile, ehe sie wieder ganz bei Sinnen war. Aber ihr Kopf war geradezu benebelt von den ätherischen Essenzen und fühlte sich angenehm an, fast wie in Watte gepackt.

Der Trog, in den sie ihre alten Klamotten gelegt hatte, hatte sich wie von Zauberhand geleert. Sie erschauderte für einen Moment, als ihr in den Sinn kam, jemand von den anderen Kastellbesuchern könnte sie bestohlen haben. Doch wenn dem so wäre, hatten sie ihr nicht alles genommen. Die neuen Kleider, die sie auf dem Hocker in ihrer Schlafstube gefunden hatte, lagen noch da. Da sie diese ohnehin ausprobieren wollte, schlüpfte sie direkt hinein. Die Hose war weit und luftig, ganz nach ihrem Geschmack. Auch das Oberteil passte wie maßgeschneidert. Auf der gegenüberliegenden Seite der Badestube fand sie einen großen Standspiegel, in dem sie sich begutachtete. Im dämmrigen Kerzenschein dieses Raumes wirkten die Kleider eher graugrün als anthrazitfarben. Sie hatte auf jeden Fall schon schlechtere Sachen getragen. Auf einer Ablage entdeckte Corsika einen hübschen Knochenkamm und begann damit, sich ein wenig das wüste Haar zu bändigen. Von den Kämmen lagen hier mehrere, es würde sicher niemanden stören, wenn sie sich einen davon einsteckte.

Allmählich meldete sich ihr Magen zu Wort und das war schon bemerkenswert, immerhin hatte sie gestern vorzüglich gespeist. Gegen etwas dunkles Brot, Tomaten und vielleicht eine Tasse Kaffee würde sie jedoch nicht nein sagen. Diese großzügige Kastellmagie musste sie ausnutzen, solange sie noch wirkte. Außerdem würde sie im Refektorium sicher auch Dion finden, schließlich musste er sein ausgelassenes Abendessen noch nachholen.
Also warf sie das Handtuch in den Trog, schlüpfte in ihre Sandalen und verließ den Keller. Ihr Körper glühte von der Wärme des Bades noch derartig, dass sie selbst in den kühlen Gemäuern gar nicht fröstelte. Sie war gespannt, wem sie im Refektorium wohl noch begegnen würde und welche sonderbaren Begegnungen der neue Tag noch so für sie bereithielt.

Hasso Kuettel
02.05.2025, 17:06
„Woah! Riechst Du gut“, begeisterte sich der Dicke, der sich von seinem Platz erhoben hatte und am Haar Corsika’s roch, „Ich könnte Dich einfach nur ablecken“, befand der Beleibte, der zum Glück ein Stück zur Seite taumelte und dumpf gestoppt wurde von der Wand. Vermutlich sein Glück, hätte er sich sicherlich andernfalls eine fette Schelle geholt.

Dann eierte er zu seinem Platz zurück und griff nach dem neu gefüllten Krug, in dem die Wümer im Kreis schwommen. Dabei fand der Nichtsnutz es besonders witzig, das Gebräu samt der Würmer vor dem Trinken durch die Zähne zu drücken, als wären die kleinen Raupen Zahnseide oder Knabberfische, mit denen man Parodontose vorbeugte.
Wie auch immer – Dickerchen freute sich und zog erneut die Schwaden des Krautes tief in seine Lunge, die es ihm mit einem Husten quitierte. Und selbst das war lustig, wenn die Lunge rasselte und mittels Schleim ihr Kommen ankündigte.

„Na mein Leichenfinger. Lust auf Papas Schoß zu kommen“, bot er Thara und zeigte dabei gelb braune Zähne.