View Full Version : Das Land Gorthar #10
Sie musste schon lange gelaufen sein. Der Mund war ausgetrocknet, ihre Haut brannte von der Sonne. Aber kein Schattenplatz war in Sicht und sie brauchte Essen. Also stolperte sie weiter und weiter. Irgendwann wurde aus der Wueste aus Steinen und Sand allerdings Gruen. Zumindest dem Fluss entlang, der sich ploetzlich vor ihr schlaengelte. Wo war er her gekommen? Sie schuettelte den Kopf. Da waren ploetzlich auch Leute. Menschen, die eine andere Sprache sprachen, die sie aber zu kennen schienen. Alle winkten sie in eine ganz bestimmte Richtung. Alle in dieselbe. War das eine Falle? Viraya war darauf trainiert genau das zu vermuten. Dennoch, die Dringlichkeit in den Augen dieser Leute liess sie den Zeigefingern folgen. So gelangte sie an einen See. Er war gruen, allerdings etwas trueb. Eine Mischung zwischen Milch und Gras. Da gab es keine Menschen mehr. Sie setzte sich auf einen Stein, riss sich die Stiefel von den Fuessen und bemerkte erst da die Blasen, die sich gebildet hatten. Das kuehle Nass tat gut. Sie liess ihre Schultern sinken und entspannte sich.
Ein Luftauch, nicht mehr und nicht weniger, aber er war ungewoehnlich kuehl verriet, dass sich etwas veraendert hatte. Sie drehte sich um. Hinter ihr stand ihr Ebenbild. Etwas aelter, von der Sonne gegerbte Haut, langes schwarzes Haar mit einigen silbernen Straehnen.
"Endlich bist du gekommen, Kind."
Sprach sie in einer vertrauten Stimme. Viraya war perplex.
"Warum gibt es hier keine Sonne und ist dennoch so heiss?"
Fragte sie vollkommen ueberwaeltigt die erste Frage die ihr in den Sinn kam. Nich das, was man nach all den Jahren erwartete.
"Es gibt hier auch keine Zeit." Erwiderte die Mutter. "Aber du hast bestimmt andere Fragen."
Viraya wollte eben ueberlegen, als sie wieder ins Diesseits zurueckgezogen wurde. Irgendjemand ruettelte an ihrer Schulter.
"Komm wieder."
Sandte ihr die Mutter noch hinterher, dann schlug sie die Augen auf und blickte Aaron an.
"Was ist los?"
"Psshht" Aaron legte hielt den Zeigefinger vor den Mund und die aufgeschrockene verstummte. In der Dunkelheit hielt er sich geduckt im Gesträuch und half nun Viraya auf die Beine, die ihr weniges Hab und Gut zusammen nahm und binnen Sekunden bereit war um weiter zu ziehen, wenn sich diese Möglichkeit überhaupt ergab.
Stimmen waren zu hören in der näheren Umgebung und hin und wieder fiel schon das Licht einiger Fackeln auf Blätter und Boden. Aus den Gesprächen hatte der Ordensbruder schon vernehmen können, dass es sich um einige Dorfbewohner handelte die irgendjemanden suchten und dabei keinesfalls bester Laune waren. Forken und Sensen trugen sie bei sich und der Klang ihrer Stimmen sprach von Wut. In gewohnter Ruhe bedeutete Aaron seiner Begleiterin ihm zu folgen und nach den Lichtern Ausschau haltend bahnte er sich so leise wie möglich einen Weg durch den Bewuchs dieses Feldes hindurch, das etwas verwildert die Grenze zwischen einigen Äckern darstellte. Der Weg lag nur einige Schritt weit entfernt, doch wie eh und je hatten sie vermieden gleich auf dem Präsentierteller zu lagern. Auf einen Dialog mit einfach gestrickten und gereizten Menschen hatte der Ordensbruder auch wenig Lust und so versuchte ihrer Richtung entgegen an ihnen vorbei zu kommen und dann in ihrem Rücken ihrer gewohnten Marschroute zu folgen.
Kurz hielten sie inne, als das Licht einer Fackel gefährlich nahe zu ihnen heran schwenkte, dann wollte Aaron schon aufatmen und sich erheben als die nächste Bewegung der beiden die Aufmerksamkeit eines dritten und vierten auf sich zog. Ein Hund fing an zu kläffen und die unreife Stimme, bebend vor Aufregung und noch mitten im Prozess des Stimmwechsels, erhob sich um das Gehör bei allen Anwesenden zu finden.
"Halt, wer da?"
Das Versteckspielen hatte ein Ende und Aaron erhob sich zu voller Größe aus dem Dickicht.
Aaron durfte gerne den Helden spielen, er durfte auch einer sein, Viraya indessen zog lieber den Kopf ein, duckte sich und machte sich unsichtbar. Darin war sie auch ohne Zauberei nicht schlecht, zumal ihr schweigsamer Begleiter gerade genug Aufmerksamkeit auf sich zog. Waehrend die Maenner mit den Fackeln tuschelten, hielt er erhobenen Haupts seine Stellung. Angst war in seiner Haltung zu erkennen. Die Diebin laechelte und zog sich noch etwas weiter zurueck. Er machte das gut.
"Dein Name?"
Forderte einer des kleinen Suchtrupps zu wissen, ohne vorher zu gruessen.
"Aaron." erwiderte er sachlich und korrekt und wartete darauf, dass die Kerle näher kamen, während er ihnen entgegen ging. Viraya hatte sich irgendwo verkrochen und wenn sie diese Entscheidung schon getroffen hatte, dann musste es auch dabei bleiben. Noch mehr versuchte Verhüllung und Entdeckung konnten sie wenig gebrauchen.
"Und weiter?"
"Nicht weiter."
"Sehr witzig. Was machst du hier? Bist du allein? Bist du bewaffnet?"
Mit etwas Abstand blieben die missgelaunten Gesellen stehen und bildeten einen Halbkreis von sechs Personen, während zwei weitere durch das Gestrüpp hinter Aaron liefen und hoffentlich die schwarzhaarige nicht fanden.
"Ganz schön viele Fragen auf einmal, mh?"
"Halt die Fresse und antworte auf die Fragen."
Aaron konnte sich ein schmales Grinsen anhand dieser paradoxen Aufforderung nicht verkneifen. "Ich bin allein und bewaffnet und ich habe nicht weit von hier gedacht die Nacht über zu ruhen, bis ihr mich aufgeschreckt habt."
Einer der Bauern, in gutem Alter und der einzige mit einem einfachen Schwert, trat vor und musterte den gefundenen.
"Nehmt ihm die Waffe ab!"
"Das werdet ihr schön bleiben lassen." Aaron blieb ruhig aber bestimmt. Er hatte wenig Lust auf einen Kampf aber noch weniger Lust darauf seine kostbare Waffe in Hände von Bauernhänden zu geben, die ihm dann leicht die Kehle aufschlitzen und die Klinge verscherbeln konnten.
"Hehe... stellst dir die Sache ja ziemlich einfach vor, Großmaul. Was denkst du denn? Dass wir dich einfach loslaufen lassen, wenn du dich hier so versteckst?"
"Wäre schön, wenn ihr mir verraten würdet, warum ihr hier so rumrennt und mich irgend einer Sache anscheinend bezichtigt."
Der junge Kerl mit dem Hund, der Aaron entdeckt hatte flüsterte seinem Nachbarn irgend etwas zu und ein bestätigendes Murmeln kam zurück.
"Weil wir jemanden suchen und du dich versteckt hast, wie jemand der etwas zu verbergen hat."
"Ansichtssache."
"So?"
"Ja."
Stille. Aaron stand mit verschränkten Armen da. Zugegeben: er brachte die Situation nicht wirklich vorwärts, doch hatte er sich auch nichts vorzuwerfen und sah nicht ein Erklärungen abliefern zu müssen.
"Wir verschwenden unsere Zeit - wir müssen dich durchsuchen."
"Nein."
"Wie?"
"Ich sagte: Nein!"
Nun reichte es dem Bauern endgültig und mit zornigem Blick stapfte er mit dem Schwert in der Hand auf Aaron zu, der keine Möglichkeit als die Provokation gesehen hatte um in eine günstigere Lage gegenüber acht Menschen zu kommen, denen er sich nicht ausliefern wollte. Das Schwert sollte angesetzt werden um den Ordensbruder zu bedrohen, doch dieser, sich seiner Sache ganz und gar nicht sicher, duckte sich plötzlich am Schwert vorbei, zog den Kerl zu sich heran und hielt ihm seine eigene Waffe an den Hals, ehe die anderen reagiert hatten, die nun den Kreis enger zogen.
"Lass ihn los, oder du bist tot!" und mehrere andere Schreie hallten durch die Luft bis wieder genug Ruhe einkehrte, dass Aaron das Wort ergreifen konnte.
"Unschön, aber nötig. Also - was sucht ihr? Ich hoffe ihr denkt nicht, dass ich ein Pferd in der Tasche versteckt habe. Und du halt deinen Hund schön fest an der Leine."
Gor na Jan
15.06.2013, 23:52
Jan konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal eine derartige Ruhe genossen hatte. Es herrschte fast völlige Stille über dem Tal. Hier und da zwitscherten ein paar wagemutige Vögel, die sich nun nach der Verbannung des Bösen zunehmend auch wieder in diesen Teil der Welt trauten. Von Zeit zu Zeit erklang ein Ächzen oder gar schmerzendes Stöhnen von einem der bewusstlosen Paladine, doch der Templer hatte seine Runde bereits zwei Mal gemacht und war sich sicher, dass keiner von ihnen in Lebensgefahr schwebte. Zumindest keiner von denen, die der Nebel freigegeben hatte...
Und ein weiteres Geräusch störte die Ruhe. Genüsslich trieb der Gor Na seine Zähne in den saftigen grünen Apfel und schmatzte ein paar Mal mit offenem Mund, bevor er stumm weiterkaute. Während er sich vorbeugte und mit dem linken Arm locker auf den Knien abstützte, hielt er den Apfel mit der rechten Hand vor seinem Gesicht und betrachtete ihn eine Weile fasziniert. Er konnte nicht sagen, was er genau an diesem Apfel fand, doch irgendwie empfand er es als notwendig, nach der Schlacht die Tatsache zu würdigen, einen einfachen Apfel essen zu können und zu dürfen.
Dann ließ er sich wieder ein Stück zurück sinken und stützte sich mit der Linken auf dem rostigen Metall ab, auf dem er saß. Vermutlich irrte er sich und er saß gar nicht auf einem der kläglichen Überreste des achso mächtigen Dieners Beliars, doch die Möglichkeit vermochte ihn zu amüsieren. Jans Blick glitt über das Tal. Alles war so, wie sie es bei ihrer Ankunft vorgefunden hatten. Es war nicht zu leugnen, dass hier eine Schlacht stattgefunden hatte. Aber nicht vor wenigen Tagen, sondern vor vielen vielen Jahren. Die Paladine, immer noch bewusstlos von der verheerenden Macht des letzten Streichs des antiken Paladins gegen sein finsteres Pendant, waren einziges Zeichen eines Kampfes und lagen dort wo sie fielen in einem schönen konzentrischen Kreis um das Stück Brustplatte, auf dem er saß.
Jan hatte sich trotz der Verlockung einer phänomenalen Endschlacht vom Herz des Kampfes ferngehalten und den Glaubenskriegern während der Schlacht das Beiwerk vom Hals gehalten. Dies hatte ihn außerhalb der Reichweite der magischen Explosion gebracht und ihm das außerordentliche Privileg zu teil werden lassen, das Ende der Schlacht, das Vergehen der Schatten, das Weichen des Bösen und selbstverständlich den Anblick eines Haufens fliegender Paladine mit ansehen zu dürfen.
Nun hieß es warten. Er hatte zuerst mit dem Gedanken gespielt, einfach zu gehen. Aber nur kurz. Dann hatte er lange Zeit hinauf zum Kloster gestarrt. Ob es hinter den verfallenen Mauern wohl noch stand? Was er dort wohl fand? Jetzt? War der Ort zeitlos geblieben oder vergangen? War es überhaupt noch da? Und die Bibliothek? Fragen, die er vielleicht zu einer späteren Zeit beantworten würde. Oder auch nicht. Eine Antwort hatte er ja schon.
Der Gor Na biss ein weiteres Stück aus dem Apfel und schaute hinab zu Medin, dann zu Jun und wartete auf Gesellschaft.
Der Wind wehte schwach durch sein Gesicht, dass durch Dreck, Schweiß und die Hitze des Kampfes den Wind umso mehr wahrnahm. Lichtstrahlen blendeten und die Augen schmerzten. Der Körper schmerzte und es fühlte sich an, als wären Orks über ihn gestampft.
Langsam - nur langsam begann er seinen Körper zu bewegen. Erst die Hände, dann den Kopf leicht. Er blickte sich um und die Sonne schien in aller Pracht über diesen verödeten Ort.
Er erinnerte sich nur vage an das was eben oder gar vor mehreren Stunden geschehen sein musste. Es war ein Sieg. Das wusste er aber. Ein Schatten erhob sich über Jun und stand da.
"Dich kriegt auch nichts kaputt, was?", stellte Jun fest und ließ sich von Medin auf die Beine helfen. Er nickte diesem leicht zu und sah sich weiter um, bis die Reste eines Apfels vor ihren Füsen landeten. Da saß Gor Na Jan auf der mächtigen Brustplatte des Drauguren und nickte den beiden zu.
"Ich hätte gedacht, er sei tot oder auf der anderen Seite. Innos Wege scheinen unergründlich.", murmelte Jun und schritt mit Medin in Richtung des Templers. Sie schwiegen, als sie bei diesem waren.
Auf so Schlachtfeldern musste man nichts großartiges sprechen. Man ehrte ein Schlachtfeld, indem man die Stille herrschen ließ. Stille, die das Schlachtfeld nicht kannte.
Jun machte mehrere Schritte und hob dann etwas auf. Es war der Helm von Avelos.
Voller Schrammen und Spuren die sein Ende andeuteten.
"Jetzt sind wir frei.", dachte er in Gedanken. Dann erklang ein "Nein!".
Er sah auf, blickte um sich, bemerkte wie es die anderen auch wahrnahmen oder gar dadurch erwachten.
"Kein Mensch wird frei sein, solang Innos Feuer nicht die Welt erhellen, ihr Streiter.", sprach diese bekannte Stimme, deren Quelle das blendende Licht war. Jun spürte Avelos Präsenz.
"Ritter der ersten Sonne! Meine Brüder! Dieser Sieg war groß, aber nicht für ewig! Es wird die Zeit kommen, da wird die Finsternis abermals die Pforten der Abtei bedrohen. Ihr müsst euch wappnen, mit Schwert und Geist. Mit Glauben und dem Wissen der Abtei! Tragt die Botschaft der Abtei der ersten Sonne in die Welt hinaus. Vernichtet die Kinder Beliars wo immer sie diese Welt bedrohen, seid das reinigende Feuer an Orten, wo das Böse einen Fuss in diese Welt setzt und führt die Menschen zum Licht! - Ich danke euch, meine Brüder. Für Innos!", sprach die Stimme des Streiters in den Köpfen der Streiter. Dann verschwand das Licht allmählich und nur noch die Sonne schien über ihren Köpfen. Jun hielt inne und spürte in sich die Erkenntnis, nachdem er sich fragte, was seine neue Mission war. Er wusste es.
"Helft einander und dann lasst uns die Abtei aufsuchen. Lasst uns Innos danken und Avelos Opfer ehren. Und dann meine Brüder wollen wir nach Quasar reiten, unsere Wunden pflegen und neue Pfade bereisen.", befahl Jun und blickte gen Kloster. Er wusste, dass es da noch was zu erfahren galt. Es galt die heilige Mission des Ritterordens der ersten Sonne fortzuführen und zu beenden, was einst die Streiter Innos begannen...
Nach dem Kampf wirkte die Abtei anders. Äußerlich hatte sie sich nicht verändert, aber die fehlende Präsenz des vierten Wächters spürten alle. Jetzt wirkte dieser Ort wahrlich verlassen und seiner Funktion beraubt. Ein vergessenes Fleckchen Erde, für das sich bald wohl niemand mehr interessierte. Auch wenn Medin wusste, dass es nicht so war, konnte er sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Denn der fünfte Wächter würde einige Zeit brauchen, bis er seiner neuen Rolle in ihrem ganzen Wesen würde entsprechen können.
Inzwischen hatten die Streiter all ihre Habe zusammen gepackt und die Pforte der Abtei wieder durchschritten. Für einige würde es wohl das letzte Mal sein, während andere hierher zurückkehren würden. Gemeinsam schritten sie ins Tal hinab und wieder über das Schlachtfeld, dessen Nebel sich nun vollständig verzogen hatte und bahnten sich einen Weg in Richtung des alten Lagerplatzes, an dem sie einige Männer mit den Pferden und schwerem Gepäck zurückgelassen hatten. Bereits aus der Entfernung konnte man sehen, dass sie anscheinend wohlauf waren, auch wenn sie den Lagerplatz noch einmal weiter hinauf auf den Hügelkamm verlegt hatten.
„Sir, ich habe eine Frage“, sagte Theobald nach einer langen Zeit des Schweigens, während sie gebrochene Lanzen, gefallene Banner und zerstörte Rüstungen passierten.
„Welche?“
„Was war das, mit dem wir da gerungen haben?“
„Du hast es doch gesehen“, erwiderte Medin. „Oder hast du den Blick abgewandt?“
„Nein, aber … auch wenn ich es gesehen habe, verstehe ich es nicht. Wie kann so etwas neben uns in dieser Welt existieren?“
„Das wissen die Götter“, hoffte Medin, während ein paar Pfeile unter seinem Stiefel knirschten. „Die Menschen bauen nicht nur Burgen und Wälle, um sich gegen ihresgleichen zu verteidigen. Wir müssen uns auch gegen solche Wesen wehren, sonst sind wir ihnen leichte Beute.“
„Gibt es denn noch mehr da draußen?“
Der Südländer dachte an all die Dämonen, Drachen und andere Monstrositäten, denen er schon begegnet war.
„Mehr als du wahrscheinlich glaubst“, antwortete er. „Und doch sind wir noch hier. Denn wie wir sie fürchten, müssen sie auch uns fürchten.“
„Das hoffe ich.“
Ein über dem Tal ertönender Ruf beendete ihre Unterhaltung, als sie sich dem Lager nährten und signalisierten, dass keine Gefahr drohte. Es trieb wohl alle hier, endlich diesen Ort zu verlassen und die Heimreise anzutreten. Richtung Heimat.
"In Quasar werde ich erst einmal ein paar Wochen durchschlafen und dann die Weine aus Orlais testen. Gilles faselt immer wieder von den Gesöff. Orlaisianer..tzaa!", schwelgte Giran und schüttelte den Kopf, dabei hatte er doch eigentlich für etwas aus Orlais geworben.
"Ich hoffe der Wein schmeckt nicht so wie Gilles klingt.", meinte Orbas und brachte manch Schmunzeln in die Runde der Streiter auf. Sie reisten gen Quasar und hatten schon das Dorf Bärenfels passiert. Nicht direkt, denn eine erneute Tarnung als Söldnerbande war nicht möglich. Dafür waren Rüstungen und Anwesende nicht mehr glaubwürdig genug.
Stattdessen hatte man die Knappen losgeschickt, die ein paar Vorräte besorgen und sich mal umhören sollten.
Ihre Rückkehr erwartete man in den nächsten Stunden.
Jun selbst war die ganze Reise über in Gedanken. In der Bibliothek hatte er manch Werke gefunden, die er noch lesen würde. Werke die mit der Aufgabe des Ordens der ersten Sonne zu tun hatten. Werke über die Suche nach den vier Beliartempeln und eine Sammlung die es in sich hatte. Ein Bestiarium von Paladinen für Paladine erstellt. Um was für Bestien es darin ging, war natürlich klar. Solch ein Werk hatte er beim myrtanischen Orden vergebens gesucht und nun besaß er eines.
In Quasar würde er davon Abschriften erstellen lassen und gleichzeitig dieses Bestiarium fortführen so gut es ging.
Mit der Zeit hätte jeder Streiter des Ordens so etwas bei sich und wäre gewappnet für seine Mission.
Und die hatte es in sich. Das was Jun bisher aus den Werken erfuhr, erzählte von einen Orden der das Böse in dieser Sphäre jagte und vernichtete. Jäger von Dämonen und Monstern aus Beliars Reich und Zerstörer aller unheiligen Orte.
Noch waren sie alle wohl nicht darauf geschult, doch Innos würde ihnen helfen schnell zu verstehen.
So würde man neben orlaisianischen Wein und Schlaf, wohl auch den Kampf gegen solch Wesen üben und das Wissen darum schaffen. Nicht zu vergessen die Hilfsmittel erwerben oder schmieden lassen.
"Medin.", sprach Jun und wartete bis der Paladin zu Pferde aufgeschlossen hatte.
"Schau es dir an. Gab es sowas nie im myrtanischen Orden oder liegt sowas ähnliches womöglich im alten Gotha?", meinte Jun und gab Medin das Bestiarium.
Vorne gab Giran Zeichen zum halten. Man hatte wohl einen ordentlichen Lagerplatz gefunden. Den hoffentlich Letzten in den Landen von Cymria. Quasar war nicht mehr so fern.
Kaum war Medin abgesessen, drückte er Parcevals Zügel Theobald in die Hand und warf einen Blick in das Buch. Es besaß einen robusten Einband und die Seiten waren ebenfalls recht dick. Ganz so, als sei es dafür gedacht, nicht in einer Bibliothek zu verstauben, sondern seine Leser auf Reisen zu begleiten – obgleich das Gewicht des Werkes doch davor zurückschrecken lassen konnte. Medin blätterte locker durch die Seiten und hielt hin und wieder inne, um eine Beschreibung zu lesen. Die Schrift war alt, erinnerte noch eher an die kantigen Nordmarer Runen, aber sie war lesbar und hier und da mit Zeichnungen und Skizzen ergänzt. Ein beeindruckendes Werk.
„Der Khazzerem, eine sandfarbene, echsenhafte Abnormität mit sechs Beinen“, las er einen Eintrag recht weit in der Mitte des Buches. „Erinnert an die Vulkangegenden bewohnenden Feuerwarane, soll aber einen flacheren und unverkennbar blau schimmernden Rückenkamm haben. Berichten zufolge bisher nur in der Wüste Al Sharim und ihren Randregionen weit jenseits von Gorthar gesichtet. Einheimische sagen dieser Kreatur ein gefährliches Gespür für Magie nach. Priester Hustrians (laut Bruder Khorian eine in der Al Sharim geläufige Bezeichnung für Beliar) behaupten von einer engen Verbindung der Khazzerem zum dunklen Reich. Sie seien die Augen und Klauen der dort gefangenen Dämonen. Den wenigen Augenzeugenberichten nach kann sich der Khazzerem unter dem Sand fortbewegen, von wo aus er schnell und tödlich seine Opfer mit Klauen und Kiefer angreift, um danach wieder zu verschwinden. Er verfolgt auch fliehende Beute meilenweit. Die Jagd auf diese Kreaturen ist daher besonders schwierig und gefährlich. Angeblich können Magier sie mit ihrer Kunst an die Oberfläche locken, wo sie dann im Nahkampf zur Strecke gebracht werden können. Bisher ist noch kein Ordensbruder diesen Wesen auf den Grund gegangen. Der Einsatz von heiliger Magie erscheint aber empfehlenswert.“
Die Beschreibung ging noch weiter, aber für einen ersten Eindruck genügte es.
„Scheint eine beeindruckende Wissenssammlung zu sein“, meinte der Paladin zu Jun und reichte ihm das Buch zurück. „Auf alle Fälle eines genaueren Studiums würdig, wenn wir weiter solchen Kreaturen wie der vor dem Kloster entgegen treten wollen. Ob es so etwas in Gotha gibt, ist mir nicht bekannt. Nach der Eroberung gab es Bestandsaufnahmen, aber genaue Berichte über die Archive haben mich nicht erreicht. Vielleicht findet man dort so etwas, vielleicht auch weiter im Norden im Innoskloster“, mutmaßte er. „Das dortige Archiv soll alt wie umfangreich sein.“
Wenn er so einfach dort hinein spazieren könnte, wäre ihm die Aussicht auf so eine Sammlung auch eine Reise wert. Aber derzeit wollte er sich lieber nicht in den Städten des Reiches blicken lassen.
„Wahrscheinlich sollten wir nach so etwas suchen. Vorbereitung schadet nie. Hast du vor, jemanden zu den Archiven zu entsenden, wenn wir wieder in Quasar sind?“, fragte er den Lord dann.
"Ja.", sprach Jun entschlossen, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit.
"Der Schlüssel wird Hagen sein. Ein Brief der ihn erreichen wird und von dem erzählt, was geschah, wird ihn wohl mehr interessieren, als dieser Konflikt mit irgendwelchen Bauernpöbel und landlosen Adel von Argaan. Das Kloster wäre sein Fund gewesen, wären nicht andere Dinge geschehen. Seit den Fall von Khorinis suchte er danach und nun bekommt er Gewissheit, dass alles was er tat einen Sinn gehabt hatte und die Opfer nicht umsonst waren. - Es wird auch ein offizieller Brief sein. Als wieder erstarkter Orden muss man sich natürlich formell verkünden und wieder ausrufen. Hagen wird sicherlich wissen wer den myrtanischen Orden führt und dies weiter reichen. Vielleicht schreibe ich auch dem König von Myrtana.", meinte Jun und überlegte wie die ersten Zeilen an einen König lauten sollten.
"Schreib Rhobar doch, wie schön es ist, auch mal im Dienste Innos etwas zu verrichten, statt für den eigenen Ruhm.", meinte Giran und gab dann Kommandos zum Lageraufbau.
"Ich ziehe es in Erwägung. Mit besten Grüßen von Sir Giran, Paladin vom Orden der ersten Sonne.", entgegnete der Streiter.
"Aber vergiss nicht zu erwähnen wie lange ich dem alten Rhobar gedient habe und wie viel schöner meine Nase ist.", fügte der Khoriner an.
"Eure Nase, Sir Giran, gleicht einer Kartoffel der edelsten Sorte. Leider verfälscht von ein paar Orkfäusten! Aber durchaus niedlich genug, für eine blinde Frau oder eine Orkin.", meinte Orbas mit spitzer Zunge und klopfte Giran auf die Schulterplatte.
"Wenigstens weiß ich, dass mich keine Orkin als ihren Sohn wieder erkennen würde. Allein wie du...Hey! Orbas!", konterte Giran dann und wollte nachsetzen, doch Orbas ignorierte es bewusst und so folgte der Waffenbruder dem anderen Waffenbruder.
Giran konnte bei sowas nicht nachlassen und musste das letzte Wort haben.
"Ein Grund mehr diesen Orden aufleben zu lassen. - Jedenfalls werde ich jemanden gen Argaan schicken und auch um die Erlaubnis für die Gotha-Archive bitten. Mit Hagen sollte das kein Problem werden. Die Werke über unseren Orden besagen, dass es eine der Hauptaufgaben war diese Sphäre von allem Unheil zu tilgen. Von Kreaturen Beliars, von Orten Beliars und seinen Dienern. Eine regelrechte Jagd danach. In Quasar werden wir uns alle auf sowas vorbereiten und Wissen sammeln, bevor wir die Jagd beginnen. Ich überlege gar Spezialisten nach Quasar einzuladen. Von Drachenjägern, über altgediente Paladine aus Rhobars I. Zeit, bis hin zu Waldläufern - eben Menschen die schon Erfahrungen mit jedweden Monströsitäten sammeln konnten. Jeder Fetzen Erfahrung wird einen Streiter besser für den Kampf machen. Auch müssen wir schauen, dass wir in Zukunft die Waffenkünste darauf schulen. Viele von uns haben den Kampf gegen Menschen und Orks bestens gemeistert. Aber gegen Kreaturen Beliars und dunkle Magie fehlt die Erfahrung.
Selbst mir. Als ich in Nordmar dereinst einer Sache nachging und in einer alten Krypta landete, wo Feuermagier des ersten Zeitalters aufgebahrt waren, musste ich fast tödliche Erfahrungen mit Kreischern machen. So werden sie im Bestiarium genannt. An Wänden kriechende, flinke und dürre Kreaturen mit scharfen Klauen und ohrenbetäubenden Schreien. Groß wie Kinder und gefährlicher je mehr sie sind. Von einen Widergänger ganz zu schweigen. Wäre ein Freund, der wie unser Templerfreund zu kämpfen wusste, nicht dabei gewesen, dann wäre ich nicht hier. - Wie schaut es um deine Erfahrung aus, Medin? Als General warst du wohl seltener in irgendwelchen Kryptas uns Schwarzmagiernestern. Aber davor?", fragte Jun.
Feuer hatte man schon entfacht und Zelte wurden aufgeschlagen.
„Auch als General bleibt man ein Paladin, wenn man vorher einer war“, erwiderte Medin und nahm einen Schluck aus dem Wasserschlauch. Er hatte seit Stunden nichts getrunken. „Mit Untoten und Dienern Beliars hatte ich mehr zu tun, als mir recht ist. Einmal hat ein Schwarzmagier sogar direkt das Skelett eines Schattenläufers erweckt und auf mich losgelassen – mitten in einer Taverne. In Drakia war das damals, südlich des khorinischen Minentals. Hat ein riesiges Loch in die Wand gerissen und mich um ein Haar getötet.“
Während das kleine Lager inzwischen errichtet war, erinnerte sich Medin an die vergangenen Vorfälle. Der Angriff in Drakia war bei weitem nicht das Schlimmste, was er erlebt hatte. Es gab da noch eine viel persönlichere Sache, die selbst nach all den Jahren noch Furcht und Scham in ihm wach riefen. Er wusste, dass Jun so etwas auch schon gesehen hatte, als er dem alten Lord von Quasar gegenübergetreten war. Aber wie würde der Streiter reagieren, wenn er wusste, dass Medin einst von einem Dämon besessen und geleitet worden war? So etwas konnte Vertrauen zerstören, denn diese Bedrohungen waren schwieriger zu erkennen.
„Aber ihr habt Recht, um die Schwertfähigkeiten von uns allen mache ich mir weniger Gedanken. Wirklich gefährlich sind die Kreaturen, die Täuschung und Hexerei einsetzen und sich dem direkten Blick verbergen“, landete er doch bei dem Thema, das ihm unangenehm war. Aber er hatte das Gefühl, Jun vertrauen zu können. „Es gibt Dämonen, die unerkannt unter Menschen leben können. Wochen, gar Monate. Ich habe mehr als einmal Erfahrungen damit gemacht – in vielerlei Hinsicht. Solche Wesen aufzuspüren ist eine der größten Herausforderungen, vor denen ich uns sehe. In Geist und Herz unserer Mitmenschen zu sehen, ohne jegliches Vertrauen zu verlieren und der Paranoia zu verfallen.“
Sein Blick ging hinüber zu Gor na Jan, der nicht unweit von ihnen seinen eigenen Lagerplatz errichtete. Beschrieb ihr Verhältnis zu dem Templer nicht eine ähnliche Gradwanderung?
„Aber wahrscheinlich teilen wir alle mit unserer Vergangenheit Erfahrungen, die uns auf diesen Weg geführt haben, also können wir ihn auch beschreiten.“
"Und mit Innos an unserer Seite, wird uns vieles gelingen, wo andere scheitern.", antwortete Jun und betrachtete zwischen den Baumkronen den freien Sternenhimmel.
"Und dies meine ich nicht nur als reine Glaubensangelegenheit. Es gibt die Magie der Paladine und ich hoffe, dass ihr alle diesen Pfad in euch findet. Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß wie man sie lehrt. Für mich ist es, als würde Innos über mich Kontrolle übernehmen und dann bin ich sein Werkzeug. Eine der Mächte die ich in mir fand war...besonders geeignet, für das was du beschrieben hast. So vermochten meine Worte das Böse auszutreiben und zu vernichten. Ein...Seelenfeuer durch die heilige Kraft die mir Innos gibt. - Doch sind auch andere Kräfte wichtig. Auch das muss in unseren Reihen voranschreiten. Mehrere Paladine mit diesen Mächten sind schwer zu bezwingen. - Nun wir sollten nun essen und ruhen. Morgen werden wir über die Paladinmagie weiter sprechen. Ich möchte wissen wie sie war, als es noch die Runen gab.", sprach er und erhob sich. Ein Gebet wollte er im Stillen sprechen. Ein besonderes Gebet, denn er trug immer noch ein paar Wunden aus der Schlacht an sich.
Gor na Jan
30.06.2013, 01:08
Vorsichtig schabte die Klinge ein paar weitere Splitter aus dem, was einst das Fragment eines Oberschenkelknochens gewesen war. Das Oberschenkelknochens eines Schattenlords, wenn man es genau wissen wollte. Jeder brachte seine eigene Art von Souvernirs von seinen Abenteuern mit. Zwar hatte er sich über die Jahre gewisse Fähigkeiten im Umgang mit Fleisch und Knochen, sowohl beim Zusammenflicken als Barbier, als auch beim Auseinandernehmen als Fleischer, erworben, doch er war nunmal kein Handwerker und dafür konnte sich das Ergebnis durchaus sehen lassen. Jan wiegte die kleine Figur zwischen den Fingern und mit etwas Wohlwollen war tatsächlich so etwas wie ein Pferd daraus erkennbar. Während er sie zwischen zwei Fingern hielt, bohrte er die Spitze seines Dolches vorsichtig in die Unterseite und hielt sie damit über das Feuer.
Der Blick des Templers glitt zu Medin, wo er kurz Augenkontakt aufnahm, bevor sich dieser wieder Jun zuwandt. Tagsüber, während sie marschierten, versuchte der einstige Klingenhüter so dicht wie möglich an der Spitze der Truppe zu bleiben, was ohne Pferd ohnehin schon nicht allzu leicht war, doch Jun schien großen Wert darauf zu legen, seine Gespräche auch für sich und seine Männer zu behalten. Von dem, was er mitbekam, war das Thema immer das Gleiche: Was auch immer sie im Inneren der Abtei gefunden hatten, musste den Innoslern die Bestimmung vermittelt haben, Vorreiter eines neuen Ordens zu werden und das Böse auf der Welt zu vernichten.
Jan lächelte und blickte an sich herab. Er sah die Narben auf seinen Armen und stellte sich die vor, die unter der Rüstung lagen. Sie zeichneten Bilder der Vergangenheit, nicht ganz ohne das künstlerische zutun des einstigen Templerführers. Das Böse... Für jemanden, der mit Innos so wenig am Hut hatte, wie ein Steingolem mit dem Anbau von Sumpfkraut, hatten Beliar und seine Brut erstaunlich oft seinen Weg gekreuzt. Die Untoten im Pyramidental, der Dämon Myxir, der Untotenkrieg bei der Erweiterung der Barriere, die verderbten Goblinkönige Merathon und Belziar, die dunkle Präsenz im Hain des Waldgeistes... Kein schlechtes Portfolio für einen Dämonenjäger, wenn er so drüber nachdachte. Doch er würde den Teufel tun, sich als Berater für Juns fanatische Mission zu melden und dieser würde im Traum nicht auf die Idee kommen, jemanden in seinen inneren Kreis zu lassen, den er nicht über seinen Glaubenskodex kontrollieren konnte. Nein, diese Zusammenarbeit würde mit der Rückkehr nach Quasar mit Sicherheit ihr Ende finden. Und dennoch ertappte sich der Templer dabei, wie er dies bedauerte. Für die Innosler waren die letzten Monate ein zermürbender Kampf gegen die Finsternis gewesen, für den Templer war es ein weiteres spannendes Kapitel in einer unvorhersehbaren Geschichte.
"Fertig?", fragte der Ritter und betrachtete das Knochenstück, an dem die Flammen leckten.
Zurück aus seinen Gedanken holte der Templer die Figur aus dem Feuer und begutachtete sie von allen Seiten. Die Flammen hatten den Knochen geschwärzt und nach kurzem Abkühlen stellte er das letzte Pferd auf das letzte freie Feld. Das Spielfeld war offensichtlicher improvisiert als die Figuren. Es bestand aus der abgesägten Oberfläche eines Baumstumpfes, auf das er mit Kohle einige Quadrate gezeichnet hatte. Auf diesen Quadraten standen die 32 Figuren aus Schattenlordknochenfragmenten. Jan schwieg und betrachtete sein Werk. Der Ritter, der ihm gegenüber saß tat das gleiche.
"Regeln?", erkundigte sich der Templer.
Der Gor Na rieb sich die Hände und schaute grinsend zu seinem Gegenüber. "Richtig... Dann wollen wir mal:"
Die Nacht war ohne Zwischenfälle verlaufen. An sich nichts ungewöhnliches, doch Medin war nicht vollends zufrieden. Nach den Herausforderungen beim Kloster und den Schrecken, denen sie sich entgegen gestellt hatten, begleitete die Gruppe auf dem Rückweg ein Gefühl der falschen Sicherheit. Zwar waren Dämonenangriffe und Beliarskomplotte hier in der Tat nicht die wahrscheinlichste Gefahr, aber sie waren immer noch in Cymria. Einer größeren Patrouille sollten sie lieber nicht begegnen. Daher sandte der Hauptmann immer wieder seine Gardisten in alle vier Richtungen zum spähen aus, während sich der Tross gemächlich dem Fürstentum Quasar nährte.
Inzwischen war es Mittag. Medin ritt in der Nähe der Spitze auf Parceval und schützte sich in seinem Mantel vor einem für diese Jahreszeit eigentlich zu kalten Wind. Aber Regen schien nicht in Sicht. In der Ferne konnte man sogar die von der Sonne erstrahlenden Yrumaberge sehen.
„Eine Reise mit einem Haufen innosgläubiger Ritter ins Abenteuer und wieder zurück“, sprach er den Templer an, nachdem er sein Pferd neben diesen gelenkt hatte. „Und trotzdem bist du weder auf einem Scheiterhaufen noch in Beliars Reich gelandet. Gemessen an den Umständen: Hat dich diese Reise auch zu einem Ziel geführt?“
Gor na Jan
30.06.2013, 23:40
Schweigend hielt der Templer den Blick nach vorn gerichtet und nickte mit einem zufriedenen Lächeln auf Medins Worte hin.
"Ich muss zugeben, von Zeit zu Zeit war ich mir nicht ganz sicher, welchem Gott ich mich am Ende würde stellen müssen. Ich bin froh, dass es so ausgegangen ist, wie es nun ausgegangen ist", sprach er mit einer gewissen Bedeutungsschwere in der Stimme.
Dann bedachte er die letzte und entscheidende Frage dieser Reise. Vielleicht war es Zufall, dass Medin seine Frage ausgerechnet in diesem Wortlaut gestellt hatte, doch höchstwahrscheinlich wusste der Paladin ganz genau, wie er seine Worte zu wählen hatten. Er hatte nicht gefragt, ob ihn die Reise zu seinem Ziel geführt hatte, sondern ob sie ihn zu einem Ziel geführt hatte. Und die Antwort auf diese Frage war erheblich einfacher.
"In der Tat", ließ der Templer es für einen langen Moment im Raum stehen. "Ich kann ohne jeden Zweifel sagen, dass ich gefunden habe, was ich finden sollte." Nach einem weiteren kurzen Schweigen fügte er hinzu: "Ich weiß nicht, ob es das ist, was ich gesucht habe, ja, was ich hätte erwarten können. Noch kann ich in Worte fassen, was es eigentlich war oder in wessen Sinne... Doch ja, die Reise hat mich zu einem Ziel geführt. Einem wichtigen Ziel." Der einstige Zweihandmeister wandte den Blick dem Paladin zu. "Und das verdanke ich nicht zuletzt dir, Medin. Hab Dank."
"Doch was ist mit dir", sprach Jan nachdem sie wortlos einige Schritte gegangen warn. "Bist du deiner Bestimmung näher gekommen? Hast du für dich gefunden, was Jun für sich gefunden hat?"
Ein wenig überraschte es Medin schon, dass Jan sich bei ihm bedankte. Denn immerhin hatte er ihn – positiv formuliert – zu dieser Reise gedrängt, wobei eine unterschwellige Drohung auch eine Rolle gespielt hatte. Aber es bestätigte ihn auch darin, dass er sich in dem Templer nicht getäuscht hatte. Seine Anwesenheit als Anomalie in dieser Gruppe von Rittern war notwendig gewesen; sei es im Kampf gegen die Schöpfungen Beliars oder als Gegengewicht für die Innos folgenden Paladine, denen er durch sein Anderssein das eigene Wesen vor Augen hielt.
„In etwa, wenn auch auf eine andere Art und Weise“, antwortete er auf die Gegenfrage des Gor na und überlegte selbst, wie er das am besten in Worte fassen konnte. „Überraschenderweise jedoch nichts Neues. Nur etwas, das die ganze Zeit schon da gewesen ist und das ich nur wieder entdecken musste. So gesehen war dieses Kloster ein wahrhaft mächtiger Ort.“
Der Blick des Südländers schweifte wieder zu den Yrumabergen und dann ihren Weg entlang in Richtung Quasar. Irgendwo in dieser Gegend verlief die Grenze von Cymria zu ihrem Fürstentum, sie waren also fast wieder in der Heimat. Je näher diese kam, desto stärker wanderten seine Gedanken voraus, Lilo und Schimmer entgegen. Er war lange fort gewesen.
„Was tust du, wenn wir wieder zurück sind?“, fragte er nach einer kurzen Pause den Templer. „Argaan? Khorinis? Oder schaust du dir noch etwas den gorthanischen Flickenteppich an?“
Gor na Jan
02.07.2013, 23:39
Jan nickte und überdachte Medins Antwort: "Schon faszinierend. Wie uns die weitesten Reisen doch nur wieder zu uns selbst führen. Manchmal scheint es mir, alle Antworten, die wir suchen, liegen bereits in uns. Wie viel wir uns doch sparen könnten..." Der Templer zögerte. "...und wie viel uns doch entgehen würde."
Inzwischen rückte Quasar nahezu in greifbare Nähe. Der Gor Na streckte sich im Gehen als wollte er einige Jahre mühevolle Reise aus seinen Knochen verbannen. Bis sie den ersten Fuß wieder unter bekannte Gesichter gesetzt hätten, würde der Templer skeptisch bleiben, ob sie in diesem mysteriösen Klosten nicht vielleicht doch ein paar Jahrhunderte verbracht hatten.
Dann grübelte er lange über Medins Frage. Natürlich hatte er sich auf dem Rückweg bereits einige Gedanken darüber gemacht, doch hatte er die Antwort immer auf eine spätere Zeit vertagt.
"Ich denke, es wird mich noch ein paar Wochen in Gorthar halten. Es gibt da noch ein paar Dinge, die ich mir gerne mit ansehen würde. Danach..." Wieder genehmigte sich der einstige Klingenhüter eine kurze Bedenkzeit bevor er sprach. "Vielleicht werde ich mir die Lage in Argaan ansehen. Das Schicksal bindet uns doch immer wieder an die Geschicke dieser Welt, ganz gleich wo wir uns verkriechen. Doch früher oder später wird es mich zuletzt nach Khorinis ziehen. Ich habe dort noch eine unerledigte Sache..." Jan dachte an jenes unbenennbare Fragment, an dem seine Erinnerungen scheiterten. Er hatte die Amnesie niemals völlig überwunden und wusste, dass er dieses Bruchstück benötigen würde, um seine innere Reise zu vollenden. Wenn es soweit ist, wäre es möglich, dass ich einen fähigen Schwertarm und einen scharfen und gerechten Geist brauchen kann. Womöglich könnten sich unsere Wege dann ein weiteres mal kreuzen. Nach einem Augenblick fügte er hinzu: "Spätestens dann.
„Wäre nicht das erste Mal, dass uns die ‚Geschicke dieser Welt’ auf dieselbe Seite führen“, hatte Medin auf Jans Andeutung mit dessen eigenen Worten erwidert. Ja, das passte zu Kriegern wie ihm und Medin, die lange genug gelebt hatten, um so vage Andeutungen und bedeutungsschwangere Schicksalsahnungen einzustreuen. Aber irgendwie bewahrheitete es sich auch mit jeder Begegnung ums Neue. Nach vielen Jahren traf man sich irgendwo wieder und stellte fest, dass sich kaum was geändert hatte. Vielleicht die Farbe des Wappenrocks oder das Dogma, unter dem man kämpfte. Aber man machte immer noch denselben Kram, den man all die Jahre zuvor gemacht hatte.
Doch das jetzige Schicksal lag für die Gruppe fahrender Ritter und Anhang in Quasar. Medin hatte drei Gardisten unter Qhorin vorgeschickt, um die Ankunft der Truppe anzukündigen und dementsprechend wurden sie beim Einritt auch empfangen. Zwar ohne großen Pomp oder volksfestartigen Menschenmassen, aber doch mit Beachtung und lachenden Gesichtern, als Lord Jun Quel-Dromâ an der Spitze seiner Ritter durch das Stadttor ritt und der großen Straße zur Burg folgte. Dort erwarteten sie die übrigen Männer der Garde, ein halbes Dutzend Milizsoldaten sowie Artiman und Pandron an deren Spitze die Heimkehrer. Medin spürte, wie eine kleine, nicht bewusst wahrgenommene Last von ihm abfiel. Heimat. Quasar hatte auf seinen Lord gewartet.
Aaron hatte seinen Trumpf gut ausgespielt. Die Männer verloren ihre Sicherheit und schienen nun eher bereit auch auf Forderungen einzugehen statt einfach blind in ihrer Wut weiter zu rennen. Abwechselnd blickte er einem jedem von ihnen ins Gesicht und sah die Schweißperlen, die sich ihren Weg die Stirn hinab bahnten. Die Geisel in seinem Arm schluckte, schien sich nicht mit sich selbst einig zu sein ob sie ängstlich oder wütend sein sollte. Als der Mann jedoch etwas sagen wollte lockerte der Ordensbruder etwas seinen Griff.
"Erbstücke wurden gestohlen. Ein verzierter Brieföffner, das goldene Familiensiegel aus alten Zeiten und eine Schatulle in der beide Dinge aufbewahrt wurden."
"Gut... ich mache euch einen Vorschlag. Einer von euch legt seine Waffen ab und sieht nach ob ich dergleichen dabei haben könnte. So eine Schatulle lässt sich ja nicht unsichtbar machen. Wenn mir dabei irgendwas nicht passen sollte... hab ich immer noch das Schwert an seinem Hals.
Wenn ihr nichts findet zieht ihr ab und ich lass ihn gehen. Wird das Angebot akzeptiert?"
Einer der Männer nickte, spuckte aus und lies die Sense fallen um näher zu treten und Aaron in Augenschein zu nehmen. Außer seinem Geldbeutel hatte er nichts weiter dabei, was die fünf nicht hätten wissen dürfen. Zwar war besagter ziemlich voll aber er schätzte die Bauern nicht so ein, dass sie für Gold ihren Gefährten würden sterben lassen.
Vorsichtig, sich dessen bewusst dass jede Bewegung eine falsche sein könnte, besah sich der Mann die Taschen Aarons und klopfte ihn hier oder da ab. Als er den Geldbeutel ertastete verweilte einen Moment, machte dann aber weiter, bis er der Meinung war er habe alles abgesucht.
"Er hat's nicht. Ziehen wir ab."
"Und wenn er Simon dann tötet?"
"Was hätte er davon?"
"Rache...? Vielleicht?"
Nun wurde es Aaron zu bunt. Er hatte nicht vor noch ewig hier herum zu stehen. So stieß er den bedrohten Mann von sich und warf das Schwert hinter den Bauern ins Feld. Noch ehe die anderen reagieren konnten nahm er sein Schwert vom Rücken und zog es aus der Scheide. Das schwarze, fein gearbeitete Schwert lies dem Burschen mit dem Hund den Mund offen stehen.
"Zieht ab!"
Zögerlich bewegten sie sich rückwärts ehe sie sich umdrehten und dann weiter liefen. Auch Aaron ging wieder seines Weges und bemerkte wenig später dann Viraya, die sich im Feld aufrichtete. "Was machst du nach einer Parade?"
Als wär nichts gewesen ging er wieder zum normalen Gespräch über. Er kritisierte sie nicht dafür, dass sie sich zurück gehalten hatte. Vielleicht war es besser so gewesen.
Viraya überlegte. Sie stellte sich die Situation vor. Ihr Gegner zwang sie zu einer Parade, sie kam aus dem Rhythmus, musste sich wieder fangen, orientieren. Dabei kam sie weiter in die Defensive.
"Ich müsste ihn überraschen. Entweder zurückweichen, um wieder etwas Platz zu gewinnen, falls er zu nahe ist oder zum Gegenangriff übergehen. Auf jeden Fall muss ich verhindern, dass ein Angriff auf den nächsten auf mich nieder prasselt."
Antwortete sie und blickte ihn nicht so an, als würde sie fragen, ob die Antwort richtig war. Er hatte ihr gesagt, dass sie ihren eigenen Stil finden musste. Dennoch war sie gespannt, ob er eine Anmerkung hatte. Als er nicht sogleich etwas sagte, fragte sie zurück.
"Was würdest du tun?"
"Genau das." Gab er kurz und knapp zurück. "Zudem ist es möglich den Angriff des Gegners sofort zu seinem Nachteil zu gestalten, wenn man eine Schwachstelle findet oder ihn überrascht. Jedoch bedarf dies entweder gehobener Körperbewegungs- oder Schwertkunst. Für deinen Fall war die Antwort also die beste."
Das bloße Zuschlagen oder parieren in einfacher Form hatte Aarons Waffenschülerin inzwischen zur Genüge geübt. Sie hatte ein Gefühl für ihr Schwert entwickelt und kam bei einem Angriff auch nicht aus der Balance. Es war Zeit für den nächsten Schritt. Noch heute wollte er dabei mit der praktischen Übung dessen beginnen, doch über die Zeit hatte die schwarzhaarige ihm mehr oder minder deutlich gemacht, dass sie zunächst verstehen wollte worum es ging, bevor sie es versuchte.
"Bei der Parade geht es nicht nur darum den Schlag zu blocken. Schon während du ansetzt um deine Waffe der seinen in den Weg zu stellen beginnt ein kleiner Kampf im Kampf um den Vorteil im nächsten Schritt." Eine Weile suchte der Ordensbruder nach den richtigen Worten, doch wenngleich er sich bereits Mühe gab, in seinen Erklärungen umfassend das zu schildern was er meinte, so hatte er sich in seinem Leben zu wenig damit beschäftigt über Dinge zu reden, die er lieber einfach tat.
"Ich werde es dir zeigen. Zieh dein Schwert und führe einen einfachen Schlag aus." Aaron hatte ebenso den Anderthalbhänder gezogen und wartete darauf, dass sie begann. Der Schlag kam und die schwarze Klinge begegnete der anderen. Der Stahl schliff aneinander ab, wobei Aaron Virayas Waffe nach oben abgleiten lies, was sie dazu zwang ihre Balance zu ändern und ihren gesamten Körper frei gab, der dem nächsten Schlag hilflos ausgeliefert war.
"Das wäre eine Variante. Es gibt viele weitere. Prinzip einleuchtend?"
"Sehr eindrücklich demonstriert. Ich möchte dich nicht als Gegner haben."
Dann versuchte sie es selber. Erst liess Aaron es mit sich geschehen. Bis sie die Bewegung heraus hatte, dann reagierte er darauf und sie hatte wieder keine Chance.
"Wenn du weisst, was ich mache, dann gibt es kein Durchkommen."
Seufzte sie und lächelte gleichzeitig. Von Besseren konnte sie wenigstens viel lernen und sie war ehrgeizig in gewisser Hinsicht. Es war nicht nur purer Überlebensinstinkt. Ob sie Aaron eines Tages schlagen würde? Fragte sie sich und war gespannt. Wenn dann war bis dahin noch ein Weg, der Jahre dauern würde.
"Dein Ziel sollte zunächst wohl nicht sein mich schlagen zu können." erwiderte er sachlich und steckte dann die Waffe weg um sich umzusehen. Das Land wurde hier zunehmend trockener und Bäume waren nur selten zu sehen. Wenn dann waren es zuweilen ganze Plantagen auf denen Datteln oder Oliven angebaut wurden. Im Allgemeinen zierte trockenes Gras und bröckeliger Stein den Boden und Aaron achtete darauf an jeder Quelle die Wasserbestände wieder aufzufüllen, da diese seltener wurden und er nicht ganz ohne Flüssigkeit irgendwo in der Leere stehen wollte. Reisende hatten sie bisher nicht gesehen, nur alte Spuren im Sand, die zumeist von berittenen Trupps hinterlassen worden waren, was zu der Annahme führte, dass Viraya den richtigen Weg genommen hatte.
Nach Städten hielt man jedoch umsonst Ausschau. Kleine befestigte Dörfer waren hier und da zu sehen und sie trugen ihre Holzwälle wohl zu recht, war die Flora doch zunehmend geprägt von menschenfeindlichen Wesen. Zunächst hatten sie den immer mal wieder leicht angepasst um größere Gruppen Warane zu umgehen, dann schon bald waren es Snapper und Schakale gewesen, von denen man sich fern gehalten hatte und schließlich hatten sie eine Spezies gesichtet, die Aaron an Minecrawler erinnerte, nur dass sie eben nicht in Höhlen zu leben schienen, gleichzeitig aber größer waren als die gewöhnlichen Feldräuber.
Wo so viele Jäger überlebten gab es allerdings auch Tiere die den beiden nicht gefährlich werden würden - zumindest solange sie dies nicht provozierten. Wild, ähnlich Rehen und doch mit anders farbigen Fellen und Hörnern kreuzten ihren Weg und sprangen eilig davon, wenn sie die Menschen bemerkten und Herden von mehr als zwanzig Büffeln grasten gemächlich und beobachteten sie nur kritisch.
Insgesamt war es ein Anblick der zumindest für Aaron völlig neu war. Überrascht über die Artenvielfalt in der recht trockenen Gegend musste er sich ermahnen dabei auch genügend Vorkehrungen für eventuelle Gefahren zu treffen. Da sie immer weiter in dieses Gebiet hinein wanderten sollten sie sich früh genug Gedanken über die nächste Nacht machen. Einfach irgendwo zu lagern war keine kluge Entscheidung, war man doch zu zweit nicht in der Lage sich gegen hungrige Biester zu verteidigen. Andererseits hatte Aaron wenig Lust auf Gesellschaft in den Dörfern. Vielleicht wusste Viraya ja, was die beste Entscheidung sein würde.
"Was weißt du über die Menschen in diesem Teil Gorthars? Sind sie fromm oder besonders streng?"
Manchmal sollte ich nicht so laut denken oder einfach keine Hellseher unter meinen Gefährten suchen, dachte Viraya und lächelte wie immer. Sie mochte dieses Gebiet. Besonders wenn es nach Orangenblüten duftete. Hier waren aber eher pralle Granatäpfel, die schon bald gegessen werden durften. Sie hielten gerade wieder auf eine Siedlung zu und es erschien der Diebin etwas, wie in ihrem Traum.
"Nicht ins Dorf."
Murmelte sie etwas abwesend. Dann war es ruhig Aaron hakte nach.
"Ach Menschen sind doch überall gleich. Egal, ob sie eine Religion vorschieben. Kommt man in kleine Orte gibt es meist eine führende Person. Ist diese "gut", dann haben wir Glück, ist sie es nicht, landen wir mit viel Pech auf dem Scheiterhaufen. Allerdings sind die meisten Menschen hier relativ umgänglich. Sie sind einfach sehr neugierig und haben einen tief verwurzelten Glauben."
Sie gingen also weiter, bis sie am Wegrand einen Eseltreiber fanden.
"Seid gegrüsst Fremde. Woher kommt ihr und was macht ihr hier?"
Aaron wollte sich zunächst im Hintergrund halten, wenig Lust auf ein weiteres Gespräch mit irgend einem Fremden habend, als jedoch Viraya durch bloßes Nichtstun ihn dazu zwang doch mal wieder das Wort zu übernehmen. Er wusste nicht ob dies daran lag, dass sie ebenso wenig Interesse an einer Unterhaltung hatte oder es für besser hielt wenn der Mann das Reden übernahm. Mancherorts waren selbstbewusste Frauen nicht gern gesehen.
"Sei gegrüßt. Wir sind Reisende die dem Rufe dieses Landes, die besten Pferde zu züchten, folgen und versuchen ihm auf die Spur zu gehen." Fünf Esel hatte der Mann aneinander gebunden, wobei er selbst auf dem voran gehenden saß, sobald sie sich wieder in Bewegung setzen würden. Zudem standen noch zwei Männer am Rande die mit ihrer Bewaffnung - einer mit Bogen, einer mit Schwert - wohl für den Schutz des Zuges zuständig waren.
"Solch Reisende sind selten geworden. Gab man Euch auch Namen? Der meine ist Paolo und ich verdiene mein täglich Brot durch den Austausch von Waren zwischen Dörfern und Städten."
"Viraya, Aaron."
"Sehr erfreut. Wohin genau verschlägt es euch denn?"
Tage der Ruhe waren eingekehrt, während die Sonne in aller Pracht über das geschäftige Quasar schien. An einen der wichtigsten Knotenpunkte und Umschlagsplätze im Lande Gorthar, kamen und gingen die Händler, Bauern und Karawanen. Schiffe ankerten und Fischerboote fuhren aus, um die Reusen zu prüfen oder Netze auszuwerfen.
Die Glocke in der Kapelle läutete und überall wehten Flaggen. Artiman, der Vogt in Juns Gefolge, hatte beordert die Rückkehr des Fürsten zu feiern und so hingen selbst aus den Fenstern die Farben des Fürsten heraus.
"Das so Fürsten immer ein Tam-Tam bekommen. Sei froh, dass Artiman auch ein paar Weinfässer beorderte.", meinte Giran, während er neben Jun vom höchsten Turm hinab blickte.
"Sonst wärst du diesen 'Vergnüglichkeiten' ferngeblieben?", fragte Jun und beobachtete wie am Marktplatz die Stände noch einmal beäugt wurden, bevor die Menschen die sich schon sammelten den Feierlichkeiten auf Kosten des Fürsten beiwohnen durften.
"Wohl nicht. Ich will ja sehen wie sich die Knappen mit den Dorflümmeln und Milizen prügeln.", meinte Giran. Jun nickte lediglich und prüfte dann noch einmal seine Kleidung. Kein fürstlich-edles Gewand, sondern ein eher schlichtes für seinen Stand, mit dezenten Verschönerungen - nicht besser oder schlechter als die Gewandungen seiner Ritter. Dazu der fürstliche Umhang, der Ring des Fürsten von Quasar und ein verzierter Waffengurt, an dem er seine heilige Klinge trug.
Und so ging es dann hinab gen Quasar. Umjubelt von der Menge erschien Jun samt Ritterschaft und nahm Platz auf seinem 'Thron' auf der Tribüne.
Mittig am Platz hatten sich einige tapfere Recken versammelt, die sich am heutigen Tage in Kampfe und der Tapferkeit beweisen durften.
Unter ihnen war allerhand. Von den Knappen der Ritterschaft, über Abenteurern, Milizionären, Bauernsöhnen und vielen anderen jungen Männern. Zwischen ihnen waren auch Gauckler die wohl ihre Späße mit so manch sehr ernst drein blickenden Recken treiben würden. Doch dies gehörte durchweg dazu.
"Ich grüße euch Volk von Quasar!", sprach Jun nachdem er sich erhoben hatte und Ruhe eingekehrt war. Applaus folgte.
"Ich danke euch, dass ihr am heutigen Tage so zahlreich erschienen seid und die Rückkehr meiner Ritter und mir zu feiern gedenkt. Ich möchte Innos danken, dass er mein Volk in meiner Abwesenheit beschützt hat und uns heute mit solch prächtigen Wetter beglückt. Feiert und frohlocket, doch vergesst nicht Innos unseren Herrn dafür zu danken, dass Quasars Glück lodert wie die heilige Flamme. Mögen das Fest beginnen! - Für Innos!"
"FÜR INNOS!", erklang es in Quasar und dann begann neben der Musik der Spielmänner, den Kunststücken der Gauckler und Artisten und den Ausschank des Bieres und Weines, das Buhurt.
Hierbei bekam ein jeder Teilnehmer seine Farbe zugewiesen, sowie eine hölzerne Waffe, bevor sich zwei große Gruppen sammelten und durch Juns Zeichen und den Jubel der Massen, aufeinander losgelassen wurden. Ein guter Tag für Barbiere und die Menschen von Quasar.
Jun lehnte sich zurück, blickte zur linken und rechten der Tribüne, wo alle Ritter und Paladine, Edelleute, angesehene Händler Quasars und eingeladene Gäste wie Gor Na Jan saßen und dann in das Gemenge, bevor er aus seinem Kelch gorthanischen Wein trank.
Gor na Jan
08.07.2013, 20:38
Gelassen glitt der Templer in seinem Stuhl zurück, führte den Krug zu den Lippen, um wieder nur einen winzigen Schluck zu nehmen, und betrachtete das Spektakel vor sich. Dies war eine gänzlich neue Erfahrung für ihn. Zwar hatte er damals, zu einer Zeit, die kaum mehr wirklich wirkte, eine ähnliche Position inne gehabt wie Jun heute, doch zwischen dem Anführer der Templer und einem Fürsten der Paladine lagen, wie man zweifellos sehen konnte, Welten. In der Bruderschaft hielt man es einfach und gerade der Kodex der Templer schrieb ein schlichtes und zielgerichtetes Leben vor. Der Prunk und das Tam-tam mit dem sie begrüßt worden waren und nun ihr Triumph gefeiert wurde, reichte an jene Geschichten heran, die der Templer über das städtische Leben gehört hatte. Beim Schläfer, dieser Stuhl war vermutlich das weichste, auf dem er je gesessen hatte.
Der Gor Na schaute zur Seite und musterte die Heimgekehrten für einen Augenblick. Giran, Medin, Jun und die anderen. Er sah etwas auf ihren Gesichtern, dass ein vertrautes doch fast vergessenes Gefühl in ihm weckte. Die Rückkehr in die Heimat. Für einen Augenblick hatte er das Gleiche gefühlt, als Quasar ihn wie einen von ihnen bei ihrem Einmarsch empfangen hatten. In solchen Momenten bemerkte der Templer, wie viel Zeit der vergangenen Jahre er doch mit dem Unterfangen verschwendet hatte, dieses Gefühl wiederzuerlangen. Erfolglos.
Wie lange war es noch gleich... Jan schmunzelte, als er es bemerkte. Wie diese Gedanken doch fast auf den Tag genau jährlich zu ihm zurückkehrten. Nun gut, es verblieben noch 3 Tage, doch angesichts des Trubels vermutete er, in den nächsten Tagen keine Zeit dafür zu haben und so ließ er ihnen freien Lauf. Es lag nun mittlerweile 12 Jahre zurück, dass er das erste Mal seinen Fuß in das Lager im Sumpf gesetzt hatte. Dem ersten und bis heute einzigen Ort, den er wahrhaftig als Heimat anerkannt hatte. Viel Zeit war seitdem vergangen. Jan hatte sich seit dem Fall der Bruderschaft eingeredet, mit der Flucht aus Khorinis hätte er seine Heimat verloren. Doch wenn er ehrlich mit sich war, hatte es viel früher begonnen. Damals, mit dem Fall der Barriere, als die Orks das erste Lager im Sumpf und den Tempel im Berg überrannt hatten. Damals, als Y'Berion verstarb und der Erzdämon fiel, begann der Fall der Bruderschaft.
Im Minental, in dem sich Altes Lager und Neues Lager die Köpfe einschlugen und das Sumpflager ein Gegengewicht und eine tatsächliche militärische Macht dargestellt hatte, dort hatte die Bruderschaft ihre Bestimmung. Mit dem Fall der Barriere fiel auch der Sinn ihrer Gemeinschaft. Sie hatten niemals wahrhaftig Fuß fassen können in einer Welt, in der nicht nur Orks und Menschen, sondern Götter ihren Krieg über die Welt bis an den Rand der Zerstörung fochten. Ihr Ideal hätte Bestand gehabt, doch nicht ihr Orden. Mit dem Niedergang Khorinis' und dem Pyramidental blieb nur noch ein Schatten. Ein gebrochener Heerführer, der versuchte, seine Schützlinge vor der Welt zu bewahren. Doch niemand war vor der Welt zu bewahren. Er hatte jene für schwach gehalten, die ihr Ideal verraten und sich der Waldbruderschaft angeschlossen hatten, doch sie waren es gewesen, die das Überleben der Gemeinschaft gesichert hatten. Nicht ein paar alte Männer mit einer alten Religion. Wie lange hätte sich eine Kaste aus einer handvoll elitärer Krieger in einem offenen Krieg gegen Hunderttausende wohl behaupten können? Jan hatte den Geist des Waldes gesucht und gefunden, doch letztendlich war er kein Teil des Waldes geworden, sondern hatte den Wald zu einem Teil von sich machen wollen. Er war untragbar für das Überleben der Gemeinschaft und so tat er, was er mehr als ein Jahr hinausgezögert hatte.
Er ging, weil es das beste war. In den Norden. Es waren gute Jahre, das konnte er nicht leugnen. Aber Heimat? Nichts hätte weiter davon entfernt sein können. Die Nordmarer verstanden seine Ideale noch am besten, doch aus völlig anderen Gründen. Den Weg, den er zu den Ahnen gefunden hatte, war kein Weg zur Kultur der Nordmänner. Es war ein weiterer Weg zu sich selbst. Er verstand sich, er verstand seine Beweggründe, doch er verstand nicht den Weg des Nordens. Nichts anderes war das weitere Treffen auf die Bruderschaft des Waldes im Tooshoo. Naiv hatte er geglaubt, eine Gemeinschaft und ein Sumpf würden zumindest die Täuschung von Heimat wiederherstellen, doch ein weiteres Mal hatte er sich geirrt.
So sehr er sich auch in den letzten Jahren entwickelt hatte, so klammerte er sich doch immer wieder an dieses eine, illusorische Ideal von Heimat. Und erst jetzt, wo sich langsam aber sicher die Fäden des Schicksals offenbarten und zu einem Ganzen zusammensponnen, erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte.
Seine Heimat waren weder ein Ort, noch eine Gemeinschaft oder eine Religion. Seine Heimat war ein Punkt in der Zeit. Ein Punkt, der vergangen war und nie wieder zurückkehren würde. Seine Heimat existiert nur noch an einem einzigen Ort: In seiner Erinnerung. Die Welt war zu seiner Heimat geworden. Er war die Templer, er war die Bruderschaft des Schläfers, er war das Lager im Sumpf und sie waren dort, wo er war. Er war ein Wanderer, doch nicht mehr ziellos und verwirrt, wie ein Schiff im Nebel auf der verzweifelten Suche nach dem Weg zurück... er hatte seinen Weg gefunden. Und dieser Weg würde ihn nicht mehr zurückführen, sondern nur noch nach vorne.
Ein letzter Gedanke schlich sich in sein Bewusstsein, der dem bisherigen Widersprach. Er würde zurückkehren. Eines Tages. Wenn die Aufgabe erfüllt war, die das Schicksal ihm zugedacht hatte und das Ende, von dem er jetzt wusste, dass es unvermeidlich war, kam, dann würde er an den Ort zurückkehren, an dem alles begonnen hatte. Dann würde er seine Waffen niederlegen, seine Rüstung abstreifen, ein letztes Mal die Augen schließen, um sein Leben vorüberziehen zu lassen und dann den letzten, den wahren Frieden finden.
Doch dieser Tag lag noch in einiger Ferne. Zu weit, um sich damit heute zu befassen. Heute würde er trinken, heute würde er den Spielen zuschauen und diesem Ereignis beiwohnen. Der Wiedergeburt eines neuen Ordens. Quasar strahlte förmlich im Licht der aufgehenden Sonne, das Jun zurück in die Welt gebracht hatte. Und der alte Templer war nur zu neugierig, welchen Einfluss dies auf die Welt haben würde.
Damit hob er seinen Krug und prostete dem Fürsten von Quasar mit einem zufriedenen Schmunzeln zu, bevor er trank und sich den Spielen hingab.
Sie musterte den Mann. Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Innerlich schüttelte sie den Kopf. Joanina war ein kleiner Ort, der auf dem Weg nach Sufeli lag. Ihr Vater hatte schon seine Pferde dort eingekauft. Ja, oder die Person, die sich selber als solche bezeichnet hatte. Auf alle Fälle war es ein kleines Dorf und dies zu nennen hätte alles verraten. Darum hatte sie selbst Aaron nicht erzählt, dass sie dorthin zu gehen plante. Er würde es früh genug sehen.
"Wir sind auf dem Weg nach Sufeli. Doch für heute bräuchten wir ein Dach über dem Kopf."
Log sie.
"Dann kommt mit uns. Ein entfernter Verwandter von mir wohnt in Achalsikia. Er hätte euch vielleicht auch ein paar Pferde. Sie sind gut und dann müsstet ihr diese lange Reise nicht auf euch nehmen."
Meinte er mit einem gutmütigen Lächeln. Viraya blickte Aaron indessen alarmiert an, wagte es aber nicht den Kopf zu schütteln. Gastfreundschaft auszuschlagen war meist keine gute Idee. Zumal ihre Wasservorräte stark dezimiert waren.
Sufeli? Die Orte in dieser Gegend hatten wahrhaft merkwürdige Namen. Warum nannte man eine Stadt nicht gleich Suffheim oder Hickshausen?
In Gedanken noch bei weiteren passenden Ortsnamen spürte Aaron plötzlich den stechenden Blick seiner Begleiterin, den zu deuten er nicht vermochte. Hieß das nun, dass das Angebot eine gute Sache war oder wollte sie ihn warnen?
"Wir werden Euch solange begleiten, wie es für beide Parteien nützlich sein könnte." erwiderte der Ordensbruder schließlich und war selbst überrascht über die diplomatische Antwort aus seinem eigenen Munde. Wie lange diese Zusammenarbeit jedoch am Ende wirklich halten würde, hing wohl davon ab, wie sich Paolo verhielt. Irgendwie kam es Aaron merkwürdig vor, dass fünf Esel von nur drei Menschen geführt wurden, hier, wo die Tiere für jedes Raubtier eine anziehende Wirkung haben mussten, bewegten sie sich doch recht gemächlich und versprachen gute Nahrung.
"Mit welchen Waren handelst du?"
"Ach... mit diesem und jenem. Ein bisschen Bier, ein bisschen Trockenobst, auf Bestellung Rohstahl für die Dorfschmieden und... was die Leute hier so brauchen."
"Aha..." Aaron betrachtete sich die Esel und deren Taschen, die nicht besonders stark gefüllt waren und etwas sagte ihm, dass es interessant wäre einen Blick dort hinein zu werfen. Ob Viraya vielleicht Talent in solcherlei Dinge hatte?
Sie kamen in das Dorf, erhielten ein Dach über dem Kopf und während sie auf das Essen warteten, hatten Aaron und Viraya ein paar Minuten, um sich auszutauschen. Sie taten das grösstenteils über Banalitäten, doch zwischendurch flüsterten sie sich ein paar Dinge zu, die sie beobachtet hatten. Aaron überraschte die Diebin mit seinen wachen Augen. Sie nickte anerkennend, während sie aufzählte, was sie in Sufeli alles kaufen musste.
"Einen Hut. Die haben dort nicht nur gute Pferde, sondern auch die schönsten Hüte."
Erzählte sie mit leuchtenden Augen, während sie ihre Lippen mit roter Farbe nachzog. Aaron schüttelte bloss amüsiert den Kopf. Er schien das noch nicht einmal spielen zu müssen. Dann kam das Essen: Eine Art Nudeln mit verschiedenem Gemüse, das wohl nur kurz angebraten wurde. Die Nudeln waren relativ dick und kurz. Es schmeckte herrlich. Viraya hätte zu gerne einen zweiten Teller genommen, doch ein solcher wurde ihr nicht angeboten. Stattdessen wurde Schnaps aufgetischt und es schien kein Entrinnen zu geben.
Es war wohl eine gute Idee gewesen den Schnaps zumeist weg zu kippen, ansonsten hätte der Marsch der nun am nächsten Tag folgte dem Streiter Innos nicht gerade gut getan. Entgegen dem mulmigen Gefühl der zwei Fremden war in der Nacht nichts bedrohliches geschehen und nun wanderte man mit Paolo und seinen beiden Bewachern durch die Landschaft. In Reichweite sollte demnächst eine Wasserstelle sein und dies wollte man für seine Zwecke nutzen... und Viraya wollte sie für ihre Zwecke nutzen. Irgendwie musste sie es schaffen die Taschen der Esel zu inspizieren, wenn die andern mit dem Wasser und sich selbst beschäftigt waren.
Aaron blickte sich um und Spuren wiesen darauf hin, dass sie nicht die einzigen Besucher des kleinen Baches waren. Man würde hier auch Tieren begegnen können die man sonst lieber mied. Insofern konnte man nur hoffen, dass Paolo sich diesbezüglich genug auskannte um eventuelle Zeichen zu erkennen die auf die Anwesenheit von Gesellschaft hinweisen konnte.
"Wir werden hier unseren genügsamen Tieren eine kleine Pause gönnen, meine Freunde. Labt euch an dem frischen Wasser. Es wird euch die Kraft geben die Entbehrungen der nächsten Tage leicht zu überstehen." Der Händler lächelte einladend und Aaron lief mit ihm gemeinsam zum Bach, nicht ohne Viraya vorher noch einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.
Sie war sich ein Tuch über die Schultern und folgte dem Flusslauf nach unten. Schliesslich würde sie sich nicht oberhalb der Gruppe waschen. Eine gute Gelegenheit auf alle Fälle sich umzuschauen, ob ihr jemand folgte. Sie taten es nur mit Blicken, bis sie verschwand. Allerdings schlug sie nicht den Weg zum Bach ein, schliesslich zog sie nass Spuren hinter sich her, sondern kehrte in einem Bogen zurück. Sie schlich sich zu den Eseln, die sie in den vergangenen Tagen immer wieder liebkost und an sich gewöhnt, allerdings nie gefüttert hatte, damit sie bei ihrem Anblick nicht lauthals zu betteln begannen. Eine Seitentasche war schnell geöffnet. Sie hob den Deckel und entdeckte zu ihrer grossen Überraschung Fesseln. Irritiert, doch weiterhin fokussiert, schloss sie die Satteltasche wieder und machte sich an der nächsten zu schaffen. Auch hier waren wieder Fesseln drin. Eine Dritte zeigte denselben Inhalt. Sie hatte genug gesehen und huschte schnell davon. Zurück zum Bach. Wo sie sich hastig wusch, inklusive Haare, damit auch jeder sah, was sie getan hatte. Dann kehrte sie ruhigen Schrittes zu den anderen zurück. Nichts zeugte davon, dass sie etwas anderes getan hatte, als sich zu waschen.
"Ich fülle noch kurz meine Wasserflasche."
Kam ihr dann in den Sinn und Aaron nickte. Doch gab sie ihm keine Gelegenheit sie zu begleiten. Wenn dies Halunken waren, würden sie sogleich erkennen, wenn sie plötzlich seine Nähe suchte. Stattdessen folgte sie dem Fluss etwas nach oben, füllte die Flasche und kehrte zurück. Dann setzte sie sich in den Schatten eines Baumes und wartete bis alle anderen ausgeruht und abreisebereit waren.
Bei der nächstbesten Gelegenheit musste sie Aaron von ihrer Entdeckung erzählen. Allerdings konnte die Gelegenheit noch etwas auf sich warten lassen. So viel Geduld musste sein und sie hatte es gelernt Geduld zu haben.
Aaron schwitzte aus allen Poren. Die Temperaturen hier waren nicht vergleichbar mit dem Meeresnahen Thorniara. Zwar ging auch hier immer Wind über die staubige Landschaft, doch brachte dieser nicht die ersehnte Frische sondern Sand und noch mehr Wärme. Besonders günstig gekleidet war der Ordensbruder auch nicht für diese Landschaft, aber Gedanken hatte er sich vor der Reise auch keine gemacht. Paolo und seine namenlosen Kumpanen hatten nicht viel zu erzählen. Still liefen und ritten sie vor sich hin - nur Paolo gab zuweilen Anweisungen, wenn sie ihre Route mal wieder etwas ändern mussten, weil Spuren die Gegend als nicht sicher genug darstellten. Diese Vorsicht war nicht ohne Grund. Der Bogenschütze hatte erst letzte Nacht fast sein Leben gelassen, weil er mit seiner Waffe gegen einer der kleinen Sandcrawler nicht viel auszurichten gewusst hatte, als dieser plötzlich neben dem Lager gestanden hatte. Sein Kollege war ihm noch rechtzeitig zur Hilfe geeilt.
Viraya und Aaron hatten das Problem, dass sie gleich auf zwei Gefahren achten mussten. Zum einen, dass sie nicht zu Nahe an Raubtiere kamen, zum anderen, dass sie nicht in eine Falle liefen. Die Entdeckung der schwarzhaarigen hatte das schlechte Gefühl bestätigt. Die Frage war nur, wie sie möglichst ungeschoren davon kamen. Vielleicht wollte ihnen Paolo ja tatsächlich nichts böses, doch die Tatsache, dass er sie anlog und anscheinend nur Seile mit sich führte, sprachen nicht gerade für ihn. Vielleicht sollten sie den Spieß einfach umdrehen? Mit den dreien würden sie fertig werden. Andererseits war das Ziel Virayas Aussage nicht mehr weit und so konnte man sich auch einfach entfernen.
Letztendlich kam er zu dem Schluss es auszuprobieren. Zuweilen lies er sich mit Viraya etwas zurückfallen und in diesem Augenblick informierte er sie über sein Vorhaben.
"Du hast bewiesen, dass du Talent hast gut Augenblicke zu finden in denen du nicht bemerkt wirst. Meinst du, du könntest an den Bogen heran kommen um ihn so zu präparieren, dass er beim nächsten Mal, wenn er gebraucht wird, seinen Dienst versagt? Der wäre meine einzige Sorge, wenn wir uns auf der Reise selbstständig machen wollen, was wir sollten solange wir noch nicht in eine Falle tappen."
Viraya zwinkerte Aaron zu.
"Nichts einfacher als das. Allerdings sollte das noch so geschehen, dass er es nicht vorzeitig bemerkt."
Analysierte sie und runzelte dann die Stirn.
"Mir wird etwas einfallen. Bis sich allerdings dazu die Gelegenheit bietet, könnten wir noch etwas trainieren. Ich bin zwar nicht wehrlos, dennoch wüsste ich gerne, dass ich es mit einem dieser Eseltreiber alleine aufnehmen könnte, falls sie mich doch erwischen. Denn eines ist klar. Das sind keine normalen Eseltreiber. Dafür sind sie zu gut ausgebildet und zu empfänglich für Dinge, die Eseltreiber eigentlich gar nicht interessieren."
Er nickte nur. Die Blicke der anderen hatten sich so oder so schon das ein oder andere Mal an dem Schwert Virayas festgehangen und damit war es für sie keine Überraschung, wenn sie damit auch umzugehen vermochte. Außerdem war es nicht schlecht, wenn sie ein über ein paar Dinge vor allem nachdachte bevor es vielleicht einmal ernst wurde.
"Bedeutet das Wort 'Ehre' etwas für dich und dein Verhalten?"
Wie so oft, überlegte Viraya relativ lange, bevor sie antwortete und fragte sich, ob dies eine Fangfrage war. Seit dem Tod ihrer Eltern und ihres Bruders vermutete sie noch öfter schlechte Hintergedanken hinter einer Anfrage von anderen Menschen.
"Ehre?"
Fragte sie dann und Aaron nickte aufmunternd.
"Nein, im Namen der Ehre wird so viel getan, was absolut unehrenhaft ist." Sprach sie dann entschieden. "Und du weisst ja, dass ich eine Diebin bin. Wenn mir etwas gefällt, dann nehme ich es. Ich würde dich auch anlügen, wenn es nötig ist."
Endete sie dann überraschend ehrlich.
"Wusste ich nicht..." erwiderte Aaron kühl und schaute seine Gefährtin einen Moment lang an. Es war merkwürdig, wie sich das Schicksal zuweilen verhielt und just in diesem Augenblick bröckelte einiges von dem Vertrauen, was man sich als gemeinsam Reisende inzwischen aufgebaut hatte. Sofort wurde der Ordensbruder an seine ehemalige 'Lehrmeisterin' erinnert und nun hatte er eine ähnliche Situation, nur dass er dieses Mal der war, der eine Pflicht als Lehrmeister angenommen hatte. Ohne weiter über irgendwelche Konsequenzen nachzudenken schob er die Gedanken beiseite. Es gab momentan wichtigeres.
"Doch das ist ein anderes Thema. Ehre hat in einem Kampf, gerade gegen Tiere und Banditen, nichts zu suchen. Hast du eine Möglichkeit es deinem Gegner schwer zu machen, dann tust du das, es sei denn du kämpfst nur zu Übungszwecken. Was meinst du wie gut ein Schütze noch zu Zielen vermag, nachdem du ihm Sand in die Augen geworfen hast. Wenn Gegenstände herum stehen eignen die sich ebenfalls um den anderen damit abzulenken."
In etwas größerer Entfernung sah Aaron, dass der Weg, den Paolo einschlug zwischen Felsen hindurch führte, die sich zu einem kleinen Labyrinth verfestigt haben könnten. Kein besonders guter Ort, wenn man Sackgassen aus dem Weg gehen wollte. Sie hatten keine Zeit mehr.
"Als Frau wirst du außerdem häufig das Problem haben, dass deine Gegner mehr Kraft haben, also sie zu, dass du dich nicht packen lässt. Für Training bleibt jedoch jetzt keine Zeit. Wir sollten verschwinden."
Viraya nickte, dann machte sie sich aus dem Staub. Genauer genommen gesellte sie sich zum Wortführer und tauschte ein paar Nettigkeiten mit ihm aus. Sie wusste durchaus, was ein Augenaufschlag für eine Wirkung haben konnte. Besonders, wenn es kein lasziver, sondern eher ein gekonnt schüchterner war. Dabei lächelte sie sanft und verschwand wieder. Der Wortführer hatte erstmals anderes im Kopf, als ihr zu genau auf die Finger zu schauen, obwohl das natürlich trotzdem heikel war, denn sein Blick würde ihr eher folgen. Was für eine gute Lebensschule es doch gewesen war bei Darla im Bordell zu Hausen. Dachte sie und wurde mit einem Mal blass.
Darla. Ihre Schwester, der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war. Wussten die Dimosas von ihr? Wussten sie wie viel ihr Darla bedeutete? Dann war sie tot. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und liess ihr Herz ein paar Takte aussetzen. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Sie hätte sich schlagen können. Dennoch, wer permanent um sein eigenes Leben fürchtete, dessen Leben begann sich auch um sich selber zu drehen.
Dann unterhielt sie sich mit dem Bogenschützen. Hier aber auf eine vollkommen andere Art und Weise.
"Einen schönen Bogen hast du hier."
Er nickte zufrieden.
"Aber kein Spielzeug für Mädchen."
Fügte er hinzu und Viraya unterdrückte einen bissigen Kommentar. Mit einfältigen Menschen brauchte sie sich nicht streiten.
"Darf ich ihn dennoch mal betrachten. Nur in der Hand halten."
Bettele sie, doch er schüttelte den Kopf und verstaute den Bogen in der Satteltasche.
"Du würdest dir nur weh tun."
Meinte er fürsorglich, worauf hin die Diebin dankbar nickte. Sie stellte ihm noch ein paar Fragen, dann streifte sie am Esel vorbei weiter. Dabei blieb ungesehen, wie die Hand mit einer winzigen, aber scharfen Klinge in die Satteltasche schlüpfte und dort die Sehne an schnitt. Die Sabotage war gelungen. Allerdings nicht unauffällig. Sie mussten also verschwinden, bevor er den Schaden bemerkte. Schnell huschte sie zu Aaron zurück.
"Los!"
Forderte sie ihn auf.
"Paolo, wir zwei gehen unserer Wege." Aaron hatte sich entschieden zumindest das Verschwinden noch anzukündigen, denn wenn es sich bei Paolo hingegen aller Erwartungen doch um einen anständigen Kerl handelte, so würde es ihm merkwürdig vorkommen, wenn Viraya und Aaron plötzlich ohne Ankündigung losgingen und würde vermuten, dass sie etwas gestohlen hätten oder ähnliches.
"Aber... wohin des Wegs so plötzlich? Ich dachte wir hätten ein gemeinsames Ziel?"
"Unser Ziel hat sich spontan geändert."
"So? Das meine aber nicht und ich dachte ich kann auf euren Schutz zählen, wenn wir die Felswege passieren."
"Du wirst wohl darauf verzichten müssen." Das Gesicht des Eselreiters veränderte sich schlagartig und er sprang von seinem Reittier.
"Zu schade. Ich dachte ihr lauft auch noch freiwillig in Höhlen in denen ihr für mich ein bisschen Schwefel abbauen könnt. Nehmt die Hände hoch, Jacobo, Alexander, ihr wisst was zu tun ist."
Alle fünf zogen ihre Waffen und der Bogenschütze legte den Pfeil ein um die beiden zu bedrohen während, der andere sie fesselte, doch stattdessen fluchte er und Blut sickerte aus der kleinen Wunde, die die reißende Sehne an seiner Hand verursacht hatte.
"Eine Frage hätte ich noch." Aaron hielt die schwarze Klinge bereit für einen Kampf in seiner Hand.
"Achja?"
"Hast du einen Wunsch, was wir mit deinen Eseln machen sollen?"
Auch Viraya zog ihre Waffe. Jetzt war keine Zeit für Unsicherheit, sie musste darauf zählen, dass Aaron ihr das Richtige beigebracht hatte. Es war zu spät zum Denken. Hier war noch noch Handeln gefragt. Handeln und jeden hinterhältigen Trick anwenden den sie kannte. Das erste, was sie daher anzuzapfen versuchte, war die Magie. Diese blieb ihr allerdings vollkommen versagt. In ihr drin war eine tiefe, alles umfassende Leere.
Um nicht in Panik auszubrechen, stürzte sie sich kurzer Hand auf den am nächsten stehenden Eseltreiber. Dieser wirkte sehr überrascht. Mit so raschem Widerstand hätte er besonders von ihr nicht gerechnet. Sie hob und senkte in entschlossenen, minimalistischen Hiebe das Schwert, welches olirie ihr geschenkt hatte. Sie musste ihn erledigen, bevor ihm jemand zu Hilfe kommen konnte. Das war ihr einziges Ziel, denn gegen zwei hatte sie keine Chance und Aaron war selber beschäftigt genug.
Paolo zog ein schmales Krummschwert aus einem Stoffbündel, dass anmutig wirkte. Wahrscheinlich war, dass er es irgend einem Opfer abgenommen hatte, dennoch mahnte sich Aaron selbst dazu den Banditen nicht zu unterschätzen. Der Schnauzbart des braungebrannten zuckte nervös, während sie einander umkreisten wie zwei Adler in der Höhe. Der Ordensbruder wartete ab, wie er es immer tat. Ein wenig ärgerte es ihn, dass er nach wie vor keinen vernünftigen Schild parat hatte, doch er würde auch ohne zurecht kommen. Paolo holte aus und zum ersten Mal trafen die Klingen aufeinander. Der Südländer stolperte rückwärts, überrascht von der Kraft die Aaron ihm entgegen gesetzt hatte, fing sich aber sofort wieder und entkam dem Konter der schwarzen Klinge.
"Nur damit ich's beim nächsten mal besser mache. Was hat mich verraten?" Aaron schwieg und wartete auf den nächsten Schlag.
"Hat es dir die Sprache verschlagen?" Der Gesten halber senkte Paolo für einen Moment seine Waffe und Aaron nutzte diesen Augenblick für den Beginn seiner Schlagreihe. Ein ums andere Mal trafen die Klingen aufeinander, wobei der Ordensbruder Paolo unerbittlich näher kam. Das schmale Krummschwert sang nach einem weiteren Aufeinandertreffen mit dem robusten Anderthalbhänder und ein schneller Schlag sollte den Kopf des Südländers von seinem Hals trennen, doch mit einer akrobatischen Meisterleistung entkam Paolo mit einer Rückwärtsrolle. Nicht lange.
Zu sehr trainiert darauf seinen Vorteil nie verstreichen zu lassen und Überraschungen hinzunehmen setzte Aaron nach. Mühselig hielt sich der Eseltreiber die Klinge vom Hals, trat dann jedoch in einem ungünstigen Augenblick zu und erwischte Aarons Magengegend, so dass er einen Moment nach vorn sackte. Sein Arm schnellte schon wieder in die Höhe, doch zu langsam. Metall fand seinen Weg durch die Kleidung des Oberarms und nur ein gewaltsamer Stoß in die entgegengesetzte Richtung verhinderte schlimmeres als einen Schnitt der zwar brannte, ihn jedoch nicht außer Gefecht setzte.
"Dein Weibchen hat dich wohl in letzter Zeit zu sehr verwöhnt, mh?"
Aaron lächelte innerlich, wenngleich seine Mundwinkel sich nicht regten. Er kannte diesen Moment in einem Kampf. Der Moment in dem der Kontrahent sich überschätzte und großspurig wurde. Eine Lektion die unter anderem in Hirogas Ausführungen immer wieder da gewesen war. Absichtlich setzte der Ordensbruder einen Schlag so, dass er leicht pariert werden konnte, drehte sich selbst aber sofort aus der Konterzone hinaus und versetzte dem Standbein Paolos einen Tritt. Das Knie sackte zu Boden und der letzte Hieb nahm widerstandlos dem Banditen das Leben.
Virayas rot gefärbte Lippen waren reglos. Sie musterte ihren Gegner kalt. Wenn sie etwas gelernt hatte, dann war es keine Emotionen zu zeigen, undurchschaubar zu bleiben. Sie hatte nicht geschrien, als sie ihre Eltern durch die eigene Magie umgebracht hatte und obwohl die Erinnerung daran ihr gar nicht gefiel, dominierte sie nicht ihr Leben. Sie war schon mit anderem fertig geworden und es waren nie ihre richtigen Eltern gewesen.
Im Hier und Jetzt kämpfte sie allerdings. Sie kämpfte um ihr überleben. Sie oder er und dafür nahm sie jeden fiesen Trick in Kauf, denn er hatte auf die Waffen der Frau nicht reagiert.
Daher traf Schwert auf Schwert. Die beiden Waffen heulten, ächzten, krächzten. Sie erinnerten daran, dass es nicht die Menschen waren, die den eigentlichen Kampf zu erdulden hatten. Sie fochten ihn nur aus. Dennoch bestand für Viraya die grössere Gefahr, als für die Waffe. Sie würde vielleicht in andere Hände geraten, doch bestimmt nicht all zu schnell brechen. Dafür hatte olirie zu gut gewählt.
Weil ihr Kontrahent sie unterschätze, konnte die Diebin sich immer wieder aus brenzligen Situationen retten. Dann aber sah sie aus dem Augenwinkel, wie der Boss ihres Gegners fiel. Wenn er das sah, würde er seine Strategie schlagartig ändern. Daher wich Viraya etwas zurück, lockte den Gegner mit sich, zeigte ihm da gewollt, dort ungewollt eine Lücke in ihrer Verteidigung. Allerdings war dies auf unbekanntem Gelände nicht gefahrlos. Einmal strauchelte sie und konnte sich gerade noch retten, indem sie unter dem Angriff hinweg tauchte. Noch im Rollen, schwang sie das Schwert herum, ohne zu schauen und traf die Beine ihres Gegners. Dieser heulte lauthals auf, doch würde sie ihn noch zum Schweigen bringen.
Sie hatte ihn tatsächlich zum Schweigen gebracht und überlebt. Der erste Gegner, der durch einen Schwertstreich starb. Sie hatte dafür eine Kerbe in den staubigen Boden gemacht, dann ein Kreuz daraus, um die Stelle zu markieren. Danach wurde gegraben, bis der Körper darin Platz hatte. Schlussendlich deckte sie ihn mit Erde zu. Sie war pechnass. Es war anstrengend und nicht der einzige, der die letzte Ehre verlangte.
Doch irgendwann waren sie fertig, trieben die Esel zusammen und setzten ihren Weg nach Joanina fort. Keiner sprach, denn jeder musste erstmals die eigenen Gedanken ordnen. Sie war ausgebildet worden, um zu töten, doch einfach war es nie und würde es nie sein. Aber so lange blieb sie ein Mensch. So lange lebte sie und unterschied sich von jenen, die sie eliminierte.
Das Turnier war schon seit einigen Tagen vorüber gegangen und die Zeit schien seinem Beispiel zu folgen, seit die Gefährten Quasar wieder erreicht hatten. Es war eine seltsame Umstellung für die gereisten Pilger. An ein sprichwörtliches Ende der Welt waren sie gezogen, hatten einen sonderbaren, von uralter Magie durchzogenen Ort gefunden und Erfahrungen gemacht, die sich prägend durch ihre Seelen zogen – der eine mehr, der andere weniger, aber doch alle waren davon betroffen. Und nun waren sie zurück im Fürstentum und seiner mächtigen Hauptstadt. Lord Jun war mit den alltäglichen Herausforderungen von Gerichtsbarkeit, Verwaltung und Diplomatie beschäftigt, seine anderen Ritter durchstreiften die nahen Landstriche, Flecken und Dörfer, um für Sicherheit zu sorgen, die Gardisten taten selbiges in der Stadt und Gor na Jan tat wer weiß was. Medin war sich gar nicht sicher, ob der Templer überhaupt noch in Quasar war, obgleich er hoffte, dass dieser sich wenigstens verabschieden würde.
Der Paladin für seinen Teil hatte zu einer für ihn fremd wirkenden Ruhe gefunden. Neben seinen Pflichten als Hauptmann und Meister der Rüstungsschmiede der Burg galt seine Aufmerksamkeit vor allem einer Tätigkeit, bei der er die Schwerter hinter einer großen Truhe verstaut ließ: seiner Familie. Er hatte den Eindruck, dass Schimmer in seiner Abwesenheit um einiges gewachsen war und ihr Vokabular um ein vielfaches erweitert hatte (was circa zehn wortähnlichen Äußerungen entsprach). Lilo hatte ihm erzählt, dass eine Amme in der Burg gelästert hatte, wie spät das mehr als zwei Sommer alte Kind doch bisher sprach, aber darüber machte sich der Südländer keine Gedanken. Manche Kinder sprachen früher, andere später. Und Schimmer für ihren Teil war dafür äußerst mobil geworden. Sie lief in jede Ecke, in die sie ihre kurzen Beinchen zu tragen vermochten und entwickelte eine die eigene Sicherheit verachtende Neigung, Dinge hochzuklettern. Auch der kürzlich gebrochene Arm, der gut verheilte, konnte sie davon nicht abhalten. Der Heiler, so hatte Lilo erzählt, war sogar überrascht von der Bereitschaft des Knochens, in der ihm eigenen natürlichen Haltung wieder zusammenzuwachsen. Unausgesprochen lag darüber der Verdacht eines Zusammenhangs mit den magischen Fähigkeiten des Kleinkindes, aber da diese in den vergangenen Monaten kein Problem im Leben der Familie gewesen waren, gab es auch keinen Grund das zu thematisieren. Vielleicht war das auch der Grund, warum Schimmer kaum sprach, überlegte Medin eines Abends, als er in der Schmiede noch Anpassungen an einem Brustpanzer vornahm. Wenn die Tochter ebenso empfänglich für Magie wie ihre Mutter war, fand das gegenseitige Verständnis vielleicht auch auf dieser Ebene Platz. Lilo schien immer zu wissen, wie es Schimmer gerade ging, auch wenn diese im Nebenzimmer spielte. Ob es sich dabei um die Instinkte einer Mutter oder mehr handelte, wussten weder Medin noch wahrscheinlich sonst irgendwer zu beantworten. Aber es war ein Gedanke, der ihm irgendwie ein Gefühl von Einsamkeit vermittelte. Und das, obwohl er mitten in einer großen Burg umgeben von seiner Familie und unzähligen Gefährten war.
Viraya hatte ihn nicht fehl geführt. Die Auswahl war so groß, dass Aaron die Entscheidung schwer fiel, wobei er im allgemeinen Fall damit wenig Probleme hatte. Doch hier ging es um keinen Gegenstand, sondern um einen Wegbegleiter. Des weiteren hatte er recht genaue Vorstellungen. Fiona war gutmütig und treu gewesen, doch ihr hatte es an Geschwindigkeit gefehlt. Aaron wollte ein junges Pferd, dass er zwar vermutlich noch vernünftig zureiten würde müssen, doch das wollte er in Kauf nehmen.
"Junger Herr, was kann ich für euch tun?"
"Ich suche ein Pferd."
Der braungebrannte Händler mittleren Alters, lächelte unnatürlich und klatschte in die Hände um mit denselben alsbald auf sein umzäuntes Angebot in Form von mehr als einem Dutzend Tieren zu deuten. Bisher war es so, wie schon etliche Male zuvor bei anderen Pferdehändlern.
"Überraschender Weise habe ich genau solche im Angebot und ich bin mir sicher, dass etwas für euch dabei ist." Das Gesicht Aarons zeigte keine übermäßige Regung und das war dem Händler wohl bei seinen Kunden nicht neu. Er tat sein möglichstes um das Interesse des potentiellen Geldgebers zu gewinnen und führte eines nach dem anderen vor. Eines jedoch war auf dem großen Pferdemarkt anders als auf anderen Märkten: Es gab keine komplett unverschämten Angebote, die von vorneherein als Betrug bezeichnet werden konnten. Joanina lebte vom Ruf eben diesen Marktes und lies nichts darauf kommen. Das tägliche Angebot wurde geprüft von Beauftragten der Stadt. Diese legten den Preis für ein Tier zwar nicht fest, doch gaben sie einen Rahmen an, den der Händler maximal nehmen durfte. Dieses System hatte Aaron beeindruckt und zwangsläufig hatte es die Frage in seinem Kopf genährt, ob dieses allgemein möglich sei und sich auch in anderen Fällen positiv auswirken würde.
"Was ist mit dem dort?" Aaron unterbrach den Händler, der gerade von den Vorzügen eines Falben geschwärmt hatte und deutete auf einen Rappen.
"Oh... der Rappe interessiert euch?" Der Ordensbruder nickte.
"Darf ich fragen wie erfahren ihr mit Pferden seid."
"Erfahren genug um zu Pferde zu kämpfen."
"Das ist nicht, was ich meine."
"Nein?" Der Händler suchte nach Worten während sie sich dem schwarzen Tier näherten.
"Es ist kein Geheimnis, dass ein Händler verdienen will, doch wisset, mir und wohl den meisten Händlern dieser Stadt ist ebenso wichtig ihre Tiere im Besitz eines fähigen Mannes zu wissen."
Dass Frauen hier nicht eine noch eher untergeordnete Rolle spielten als auf Argaan war Aaron bereits aufgefallen.
"Der gute ist etwas stürmisch... hast du Erfahrung darin Pferde einzureiten?" Inzwischen so vertieft, dass ihm nicht einmal auffiel, dass er seinem Kunden gegenüber die Höflichkeitsfloskeln, die Aaron so oder so egal waren, vergaß.
"Ist er noch nicht eingeritten?"
"Das ist keine Antwort."
Langsam wurde er schnippisch. Der Belang seiner Tiere schien ihm tatsächlich wichtig zu sein.
"Nein."
"Dann kann..."
"Dann kannst du sicher dennoch eine angemessene Bezahlung gut gebrauchen und dich mit dem Versprechen abfinden, dass ich mir jemanden suchen werde, der mir dabei hilft das Pferd auf meine Ansprüche hin einzureiten und zu erziehen, gesetzt den Fall, dass ich es wagen kann einen ganz normalen Ritt zurück in meine Heimat zu wagen und das Tier an mich zu gewöhnen."
Der Blick des Händlers wurde verschwommen und wechselte zwischen dem Gesicht Aarons und dem Geldbeutel, den dieser gezückt hatte.
"Nun gut... doch die ersten Versuche wirst du HIER unternehmen und ich verlange eine Anzahlung."
Aaron zuckte mit den Schultern. So konnte er wenigstens sehen, falls es doch noch ein Geheimnis an diesem Pferd gab, dass es nicht mehr so interessant für ihn machte.
"Gut... hier... und bis morgen."
Er hinterließ den kostbar bestückten Säbel Paolo und ohne ein weiteres Wort ging er zurück zu der Unterkunft. Die Häuser in der Stadt waren zum großen Teil aus Lehm gebaut und der Staub hing in der Luft, während jedoch die Nacht sich näherte und frische Luft brachte. Aaron war es recht bald wieder aufzubrechen, doch eine Sache musste da noch geklärt werden. So fand er Viraya in ihrem Zimmer, in dass er nach einem Klopfen hinein gerufen wurde. Sie saß still an einem Tisch, doch konnte sich der Ordensbruder durchaus vorstellen, dass das bis eben noch anders gewesen war.
"Wir werden uns demnächst trennen. Ich habe dir die Grundsätze des Kampfes beigebracht. Nur eine Sache wäre noch." Sie schaute ihn nur skeptisch fragend an, inzwischen gewohnt, dass es nicht immer Worte sein mussten - eine Eigenschaft, die ihnen zumindest eine Ähnlichkeit gab.
"Leg dein Schwert auf den Tisch."
Gor na Jan
06.08.2013, 23:02
Mit einer gelassenen Trägheit fuhr die Feder über das Papier des Tagebuchs. Die Handschrift des Gor Na war nicht schön, aber funktional. Er konnte sich glücklich schätzen, überhaupt des Schreibens mächtig zu sein. Als das letzte Wort geschrieben war, legte er das Schreibgerät bei Seite und betrachtete die Worte erneut. Ihre Rückkehr lag bereits eine Weile zurück und obgleich die Ereignisse ihrer Reise viele Dinge verändert hatten, hielt dies den Templer nicht davon ab, dort fortzufahren und zu enden, wo er zuvor stehen geblieben war.
Jan beendete Buch für Buch den Stapel, den er sich in der Kammer des Archivars aufgerichtet hatte. Dann, als er fertig war, nahm er sich noch einmal alle seine eigenen Aufzeichnungen und die Tagebücher und Reiseberichte vor und las sie erneut. Doch diesmal las er sie mit ganz anderen Augen. Er las sie aus der Perspektive, die ihm die Kenntnis der Dinge eröffnet hatte, die er im Kloster erfahren hatte. Und erneut bemerkte der Templer, wie viel sich in so kurzer Zeit geändert hatte...
Er hatte versucht, dieses neue Gefühl, diese neue Warheit in Worte zu fassen, doch was nun dort geschrieben stand war... abstrakt und bedeutungslos für jemanden, der nicht die gleichen Erfahrungen gemacht hatte. Es war so nicht von Wert für die Nachwelt. Sicher würde die Zeit dies irgendwann ändern, doch ein kleines wenig wurmte ihn das Ganze doch.
Die Bezahlung, die der Templer dem alten Archivar hinterlies, würde dem alten Mann zu einem kleinen Herzinfarkt verhelfen und er würde definitiv eines Tages zu seinem Versteck in Silden zurückkehren müssen, wenn er mit seinen Finanzen weiter so prasste, doch der gutmütige Mann hatte es verdient.
Für einen Augenblick stand der einstige Zweihandmeister am Hafen und beobachtete das Mondlicht, dass sich im Wasser spiegelte. Langsam, ohne die Wachen unnötig nervös zu machen, ließ er den Roten Wind vom Rücken gleiten und wiegte das Schwert in den Händen. Er fragte sich, ob dieses Schwert vielleicht inzwischen länger in seinem Besitz war als in dem Cor Angars. Der Rote Wind erzählte eine fantastische Geschichte und hatte das Schicksal der Bruderschaft vom Beginn bis zum Ende begleitet.
Gor Na Jan erinnerte sich, wie Cor Angar im Kampf um das Pyramidental gefallen war. Er war schon seit Jahren nicht mehr der Führer der Bruderschaft gewesen, doch seit Y'Berions Tod hatte er die Rolle eines Symbols gewonnen. Als er fiel und sein Schwert seinen Händen entglitt, nahm der Sumpf es in Besitz, als wollte er verhindern, dass es in die Fänge der Orks geriet. Und er behielt es, bis der letzte Templerführe Jahre später an diesen Ort zurückkehrte und es wieder in Besitz nahm. Die Geschichte erinnerte den Gor Na verdächtig an eine alte Sage, in der ein ferner König eine heilige Waffe von der Herrin eines mystischen Sees erhielt, um seine Herrschaft zu sichern. Der Rote Wind hatte eine andere Bedeutung, aber Jan war sich sicher, dass es kein Zufall war, dass er diese Klinge führte.
Es gab noch viele Gedanken zu denken, doch die letzten Tage hatten ihm ein neues Ziel offenbart. Oder zumindest einen Weg. Und er wollte wissen, wo dieser Weg hinführte. Doch bevor er Quasar verlassen würde, gab es noch eine Kleinigkeit zu erlegen. Also ließ der Templer den Roten Wind zurück auf seinen Rücken fahren und machte sich auf die Suche. Nach Medin.
Langsam zog Viraya eine ihrer Augenbrauen hoch und spitzte den blutroten Mund etwas. Sie tat dies alles unbewusst. Dann blickte sie Aaron direkt in die Augen, doch konnte sie darin nicht erkennen, was er beabsichtigte. Der einfachste Weg dies herauszufinden war es einfach zu tun. Sie wählte ihn und legte das Schwer vor sich hin. Dann wartete sie gelassen ab, was als nächstes geschehen würde.
Aaron nahm das Schwert in die Hand. Es war ein wahrlich gutes Stück. Die Balance und Ausarbeitung stimmte. Lediglich die Schärfe hatte wohl in letzter Zeit etwas gelitten - es gab also doch noch Dinge, die er Viraya noch nicht beigebracht hatte, doch dies würde sie sicherlich von jedem zweiten lernen können. Der Ordensbruder wog die Waffe etwas in der Hand bevor er sie etwas kreisen lies. Die schwarzhaarige sah ihm zu ohne weitere Eindrücke zuzulassen. Einfach aufmerksam. Sie zeigte nur Regungen, wenn sie nicht auf das kommende gefasst war.
Er nickte schließlich, zum Zeichen, dass seine eingehende Untersuchung der Waffe beendet war und näherte sich wieder dem Tisch. Seine Waffenhand näherte sich dem Ort, an dem sie die Klinge aufgenommen hatte, doch es klapperte nicht, wie es der Fall gewesen wäre, wenn sie ihren Platz wiedergefunden hätte. Stattdessen griff Aaron mit dem linken nach Virayas Arm, holte aus und lies die Waffe nieder rasen. Holz splitterte als die Klinge die Platte erreichte, Viraya stieß einen Schreckenslaut aus und Blut sickerte auf die Platte.
Die Schmerzen, die sie haben musste, der feste Griff des Ordensbruders, das Schwert, das noch nichts vollkommen getrennt hatte und vielleicht ein Funken Hoffnung sorgten dafür, dass die schwarzhaarige sitzen blieb während Aaron wieder das Wort erhob.
"Ich hoffe du verstehst eine Warnung. Diebe sind Abschaum der Gesellschaft. Genau wie Vergewaltiger und Mörder sind sie Parasiten. Du hast dein Wort gehalten - gut - so habe die Chance etwas besser zu machen. Doch rate ich dir es zu vermeiden meinen Weg zu kreuzen, hast du keine guten Argumente, die für einen Sinneswandel sprechen. Möge Innos sich deiner Annehmen Viraya."
Sie seufzte auf, als er die Klinge anhob und sie auf den Tisch fallen lies. Die Parierklinge hatte verhindert, dass ihr Arm durchtrennt worden war, wie es bei Dieben üblich war. Stattdessen klaffte nur eine Wunde, die sie nie vergessen würde.
Aaron ging.
Es schmerzte, aber Viraya war gewohnt die Zähne zusammen zu beissen. Hasserfüllt blickte sie dem verschwindenden Lehrmeister hinterher, während sie nach ihrem Dolch suchte, es dann aber bleiben liess. Sie war ihm unterlegen. Stattdessen knotete sie ein Tuch um den Arm und suchte nach einer Kräuterhexe. Dabei pulsierte das Blut heftig unter der notdürftig improvisierten Binde und färbte ihr Hemd bald röter als ihre Lippen es waren. Das würde er büssen. Eines fernen Tages, wenn sie im Hinterhalt sass und ihm vorher alles geklaut hatte, was er besass. Die Gedanken taten gut. Kühl und kalkuliert. Keine blinde Rache, denn sie hatte nicht vor zwei Gräber zu schaufeln. Schon eines war viel zu anstrengend, wie sie kürzlich herausgefunden hatte.
Eine gefühlte Ewigkeit später fand sie endlich jemanden, der sich gegen ein paar Münzen um ihre Wunde kümmerte und nicht nur das. Sie erfuhr auch, wo die besten Pferde standen und da sie als Diebin bereits bestraft worden war, blieb die Tat dazu noch offen.
Fackellicht warf seine Schatten über den Burghof, als Medin mit einem Schmunzeln auf den Lippen ins Freie trat. Der Schreiberling, von dem er gerade kam, war kaum erbaut gewesen nach Einbruch der Dunkelheit noch gestört zu werden. Zwar hatte er offene Anfeindungen ob des Ranges des Hauptmanns unterlassen, aber das Naserümpfen war unübersehbar gewesen und Medin hätte schwören können, hinter seinem Rücken auch den Ansatz der einen oder anderen abfälligen Handbewegung bemerkt zu haben. Aber was kümmerten ihn schon die schlechten Launen eines Schreiberlings? Die Sache, um die es ging, war schließlich wichtig. Das Bestiarum aus dem Kloster war ein Werk wahrscheinlich unschätzbaren Wertes und musste daher bewahrt werden. Viel wichtiger aber noch: Es musste so vielen Streitern wie möglich zugänglich gemacht werden. Aus diesem Grund hatte der Südländer besagt genervten Schreiberling im Namen Juns beauftragt, das Bestiarum gleich morgen zum Priester zu bringen, unter dessen Anleitung ein Dutzend Kopien des Bestiarums angefertigt werden sollten – im robusten Leder-Holz-Einband. Vielleicht war es Quasars Gelehrten sogar möglich, das anscheinend mehrere hundert Jahre alte Werk mit Ergänzungen oder auswertenden Kommentaren zu versehen, schließlich gingen auch Beliars Dämonen mit der Zeit.
Aber sich darüber zu sorgen hatte Medin soeben an andere Leute abgegeben, sodass nun verdienter Ruhe entgegen streben konnte. Doch als er den Burghof überqueren wollte, entschied er, dass das auch noch etwas warten konnte.
„Zu so später Stunde noch unterwegs“, begrüßte er Gor na Jan keineswegs fragend und lenkte seine Schritte in dessen Richtung. „Mit der Nacht kommt die Weisheit, sagt man ja. Wie geht es euch?“
Schwerter durchschnitten hörbar die Luft und prallten dann kreuzend aneinander. Körper kamen sich näher und Kräfte schoben gegeneinander. Dann sprangen beide Körper zurück und abermals fochten die zwei Kontrahenten mit ihren Klingen, als wäre es ein wahrhaftiger Kampf.
Jun war einen von ihnen und genoß den Kampf gegen Orbas. Er war ein starker Gegner und bot einen Kampfstil der Jun lehrte, wie man seine Defensive auch ohne Schild sehr gut aufbaut und aufgrund von Wendigkeit wenig Möglichkeiten bietet getroffen zu werden, sowie stets die Chance sucht selbst zu attackieren. So mochte wohl Orbas einst als Söldner überlebt haben - indem er kämpfte als wäre er fließendes Wasser und wirbelnder Rauch zugleich.
Juns Kampfstil indes war ein anderer. Aggressiv, kraftvoll, leidenschaftlich und doch kontrolliert und elegant. Feuer und Innos - das machte Juns Kampfstil aus und so führten sie den Kampf fort um voneinander zu lernen und auch die zusehenden Menschen lernen zu lassen.
Hieb folgte auf Hieb und wurde zur Kombination, ehe die Kampferfahrung durchsickerte und zu überraschenden Manövern auf Angreifer- oder Verteidigerseite führte. Ein interessanter Kampf, der endete als das Stundenglas kein Sandkorn mehr in der oberen Hälfte hatte.
Dann ehrte man den Gegner, verneigte sich und trat zu den anderen. Giran war es dann, der die Ritter und Paladine über die jeweiligen Stile mit gleicher Waffe noch einmal aufklärte und manch Manöver dann direkt in Erinnerung rief.
So lernte und sah man mehr, als wenn man dies alleine machte. Vor allem für manch Knappen und Jungritter war dies wichtig.
"Als nächstes Sir Nywroht mit Schwert und Schild gegen Taron von Eirrin mit Speer, Schild und Streitkolben. Achtet darauf, wie konstant Nywroht sein Schild und das Tempo seiner Klinge einsetzen wird. Schaut wie Taron indes mit dem Speer versuchen wird die Sache schnell zu lösen, bis er sich zum Turm macht und seine Schildtechnik einsetzt um wenige , aber effektive Attacken mit dem Streitkolben zu starten. Beobachtet die Beinarbeit und beachtet wie sich der Größenunterschied und das Körpergewicht zu Vor- und Nachteil entwickeln können. Beginnt!", wies der Khoriner an.
Jun stillte seinen Durst am Fass und sah sich den beginnenden Kampf an, bevor Giran an ihn trat.
"Anstrengend, heh?", meinte Giran.
"Es geht. - Nywroht hält seinen Schild zu hoch.", meinte Jun und kaum sagte er es aus, hatte taron mit dem Speer ausgeholt und wirbelte diesen von der Seite gegen Nywroht Waden. Das Gelächter war laut, als sich Nywroht auf dem Boden wieder fand. Doch der rollte sich nur kurz ab, stand dann wieder und machte weiter.
"Der lockt Taron nur an. Siehst du gleich.", meinte Giran und dann geschah es ur ein paar Momente später. Selbe Szene doch nun sprang Nywroht über den Speer, verkürzte den Abstand und zerstörte den Speerschaftmit einem Hieb, bevor Schild an Schild knallte und Taron seine Kraft einsetzte.
"Gut gesehen... - was liegt ir auf der Zunge, Freund?", fragte der Paladin.
"Ich hab da ein ungutes Gefühl. Hast du Pandron gesehen? Oder irgend einen seiner Leute? Die erschienne laut Wachmannschaft nicht mal zum Dienst. Sind die irgendwo unterwegs?", fragte Giran.
"Ich befahl nichts. Pandron war am Abend vor zwei Nächten zuletzt bei mir. Er berichtete nur. Das Übliche hier und da, erzählte wie es ihm geht... - Aber da war nichts, was mit seiner Abwesenheit zu tun hat. Hast du überall nachgefragt?", fragte Jun.
"Bei denen, die es wissen mussten. Die Torwachen haben mir gemeldet, das keiner von Pandrons Leuten oder er selbst die Stadt verlassen haben. Trotzdem ist er wie vom Erdboden verschwunden. Was geht da vor sich, Jun?", fragte der Veteran.
"Ich weiß es nicht. Innos weiß was los ist. Ich möchte dich bitten, ein paar von Medins Gardisten in Bewegung zu setzen. Informier auch Medin darüber. Irgendwer wird doch Pandron gesehen haben. Sie sollen bei den Familien seiner Leute nachfragen. - Seltsam ist es, denn Pandron war doch immer so zuverlässig. Ob da was passiert ist?", meinte der Streiter.
"Wie gesagt...ich hab da so ein ungutes Gefühl, alter Freund. Aber kann nicht sehen was der konkrete Grund ist. Ich frage auch noch im Hafen nach. Vielleicht sind sie ja mit einem Schiff losgefahren...", meinte der Waffenbruder.
"Mach das - nach den Lektionen hier.", antwortete Jun und sah dem Kampf weiter zu. Später würde er sich von Artiman wieder nerven lassen müssen, welche Wandteppiche denn in der neuen Ordenshalle hängen sollten und ob man Silberbesteck oder simples Besteck für den runden Tisch nehmen sollte. Nicht zu vergessen unnütze Diskussionen über selbst hergestellte Kerzen oder importierte Kerzen, weil die in Quasar nicht so hübsch leuchteten, wie die aus dem Land der Pferdefürsten. Jun mochte seinen Vogt, aber sah ihn manchmal wahrlich als Prüfung Innos' an seiner Geduld an.
Gor na Jan
08.08.2013, 22:45
Der Gor Na begrüßte den Paladin mit einem üblichen Kopfnicken, begleitend von einem weniger üblichen Lächeln. Vertraute Gesichter zeigten eine beeindruckende Fähigkeit, die Laune zu heben.
“Zufrieden“, entgegnete der Templer kurz. Er überlegte, ob er seine Antwort noch weiter ausführen sollte, doch er war sich nicht sicher, ob er das konnte. Und das war vermutlich auch nicht nötig. Medin wusste inzwischen, wie er tickte.
Jan nahm sich einen Augenblick, um seinen Gegenüber zu mustern. Es lag immer noch etwas Ungelöstes in seinem Blick, doch man merkte Medin an, dass die Rückkehr in die Heimat ihm gut getan hatte. Ihn etwas vervollständigte.
“Das Leben in Quasar scheint euch auch wieder zu haben“, Jan schaute sich um. Die Stadt war zu dieser späten Stunde fast vollständig zum erliegen gekommen und strahlte eine Ruhe aus, die für einen Augenblick fast obsiegt hätte, den Templer zum Bleiben zu überreden. “Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Einige Dinge ziehen mich früher nach Argaan zurück, als ich es erwartet habe. Lebt wohl, Medin. Mögen sich unsere Wege wieder kreuzen.“ Der Templer hielt dem Paladin die Hand entgegen, zögerte jedoch kurz und fügte hinzu: “Vorausgesetzt, meine Rückkehr nach Gorthar ist gestattet... Und dass Ihr mich überhaupt gehen lasst.“
Die Frage nach den Prämissen, die der Templer aufwarf, hatte wohl stumm in irgendeiner hintersten Ecke des Raumes gehangen und war erst im spätmöglichsten Moment hervor gekrochen, um sich zu stellen. Es schien eine halbe Ewigkeit her zu sein, dass Medin in der Taverne auf Gor na Jan getroffen war und ihn mehr oder weniger festgenagelt hatte – hin und her gerissen zwischen dessen Verbindung zu Redsonja und der hohen Meinung, die er von dem Krieger hatte. Das war nun im Nachhinein betrachtet keine falsche Entscheidung gewesen. Manche Dinge wandten sich auch mal zum Guten, stellte er zufrieden fest.
„Beides steht euch frei“, antwortete er und schlug in die Hand des Templerführers ein. „Ich bin froh, dass wir unsere Klingen nicht als Feinde gekreuzt haben und dass ihr uns auf der Expedition begleitet habt. Vielleicht war es nicht offensichtlich, aber eure bloße Anwesenheit hat vielen von uns einen Spiegel vorgehalten, den ich nicht missen wollte. Mögen die Götter euch auf eurem weiteren Weg schützen, bis wir uns wieder treffen.“
Gor na Jan
10.08.2013, 16:08
Der Templer hielt den Händedruck eine Weile an und versuchte - mehr aus Neugier denn Notwendigkeit - etwas mehr über Medin daraus zu erfahren, wie er die Kraft erwiderte. Jan brauchte nicht zu betonen, wie wichtig die Reise für ihn gewesen war. Was als eine fast bedrohliche Konfrontation begonnen hatte, hatte eine unvorhersehbare Wendung genommen und eine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Nicht zuletzt durch die unausgesprochene Waffenbruderschaft, die sie zwischen den Kriegern gefestigt hatte. Nur zu gern hörte der einstige Templerführer, dass seine Anwesenheit auch den Paladinen und nicht zuletzt Medin zu etwas verholfen hatte. Auch wenn seine tatsächliche Wirkung auf die Innosler vermutlich außerhalb seiner Erkenntnismöglichkeiten lag.
"Und Euch Medin", der Templer löste das Band und nickte dem Paladin zuversichtlich zu. "Bis wir uns wieder treffen." Dann wandte er sich ab und schritt wortlos in die Richtung, aus der er gekommen war.
Der Weg des Gor Na führte ihn zurück zum Hafen. Seine Sachen waren gepackt, auch wenn es nicht viele waren. Die Lederbeutel an seinem Gürtel waren mit Proviant bestückt, seine Reisigmatte kreuzte seinen Zweihänder über dem Rücken und an seiner Seite hing verschnürt und gut befestigt der Wälzer, der sein Tagebuch geworden war.
Das Schiff wartete bereits, wenn auch nicht zwangsläufig auf ihn. Zwar hatte der Kapitän sein Geld im voraus bekommen, doch jeder wusste, dass dies einen Mann seiner Sorte nicht daran hindern würde, auch ohne einen verspäteten Gast abzulegen. Jan freute sich nicht unbedingt darauf, die nächsten Tage auf See zu verbringen. Aber so langsam stellte sich dann doch die Gewohnheit ein.
Der Arm war nicht entzündet. Dafür hatte die Wunde zu fest geblutet und sich wohl direkt selber gereinigt. Dies hatte ihr zumindest die Frau mit dem knochigen Gesicht erzählt, die sie versorgt hatte. Wichtiger war und blieb, dass sie weder zum bedauernswerten Krüppel geworden war, noch ans Bett gefesselt blieb, sondern abgesehen von den Schmerzen, die sie bei jeder Berührung durchzuckten, wohlauf war. Entsprechend hatte sie noch in der vergangenen Nacht ihr Zimmer gekündigt und hatte offiziell Joanina verlassen. Heimlich war sie allerdings wieder zurückgekehrt und hatte Aaron kaum aus den Augen gelassen. Wichtig war dabei immer, dass sie ausreichend Distanz zu ihm hielt, was wiederum zur Folge hatte, dass sie ihn bereits zweimal ganz verloren hatte. Zum Glück kannte sie mehr oder weniger seinen Tagesablauf, seine häufig frequentierten Stellen und den Pferdehändler. Ein Mann, der nicht nur Aarons Pferd besass, sondern auch jenes, das sich Viraya unter den Nagel reissen wollte. Einmal mehr war ihr ehemaliger Lehrmeister nirgendwo zu sehen. Also näherte sie sich dem Pferd. Es glich demjenigen von Aaron ein bisschen, schien jedoch deutlich zahmer.
"Ruhig bleiben, großer." Besonders zärtlich klangen die Worte aus Aarons Munde zwar nicht, denn zu solcherlei Ausdrucksweisen fehlte ihm wohl eine Veranlagung, doch für seine Verhältnisse waren die Worte ungewohnt ruhig und behutsam. Längst nicht mehr zum ersten Mal saß er halb, halb stand er im Sattel auf dem Rappen. Die Muskeln in seinen Beinen kreischten, war diese Haltung doch nicht besonders schonend und dauerte das Prozedere schon einige Tage an. Doch er dachte gar nicht daran es sein zu lassen, hatte der junge Hengst doch ansonsten alle Eigenschaften, die sich Aaron von seinem Pferd wünschte. Der Händler war ganz in seinem Element und gab Anweisungen zu den Übungen und bestimmte wann eine Pause dran war. Der in dieser Hinsicht unerfahrene Reiter war über die Hilfe auch dankbar, hoffte jedoch demnächst aufbrechen zu können. Zu viel Zeit hatte er schon in diesem Land vertan.
Aaron wechselte wieder einmal die Richtung, in die er den Rappen laufen lassen wollte, doch wieder einmal stellte sich das Tier stur und lief einfach weiter die Linkskurve, wohl um dem begehrten Wassertrog und vor allem den anderen Tieren wieder näher zu kommen. Als Aaron stärker zog, schüttelte das Pferd widerspenstig den Kopf und versuchte gegen die Kraft anzukämpfen. Noch eine Weile versuchte es der Ordensbruder mit guter Zurede, bevor er erst einmal erfolglos abstieg und sich und dem Tier eine Pause gönnte.
"Wie lange wird es noch dauern, bis ich ihn soweit habe?"
"Bei den Fortschritten der letzten Tage, vermute ich weitere zwei bis drei bis es möglich ist."
Begeistert war Aaron nicht, doch welche Wahl hatte er?
Einmal mehr beobachtete die Diebin die Pferde und besonders ihr Tier oder zumindest jenes, das sie zu ihrem machen wollte. Wie gebannt blickte sie hinüber. Die Stärke, welche im Körper eines Pferdes schlummerte und sich urplötzlich entlud, war überwältigend. Sie musste ebenfalls lernen zu reiten. Der Entschluss war inzwischen fest gefasst. Nur von wem? Hier in Joanina würde es ihr nicht möglich sein, besser sogar wenn sie ganz Gorthar mied. Auf diesem Fleckchen Erde war sie nicht mehr gern gesehen. Genau wie auf einigen anderen wohl.
So trieben ihre Gedanken dahin, während sie einen Reiter beobachtete, der sich ihr auf elegante Art und Weise näherte. Er schien sich noch nicht perfekt mit dem Tier zu verstehen, doch war irgendetwas vorhanden. Der Schatten dieser zwei Wesen faszinierte sie, denn sie erschienen ihr seltsam bekannt. Sie starrte hinüber, bis sie die Augen erkannte, die Augen sich trafen und sie erschrocken zusammen zuckte. Aaron. Diese Bastard! Es war Zeit für einen Rückzug, wenn es nicht bereits zu spät war.
Einen Augenblick war da etwas, war SIE da. Für genau diesen Augenblick war sie erstarrt, nicht wissend wie sie sich dem Blick entziehen sollte, bis in beide wieder Leben gekehrt war. Viraya war noch in der Stadt, wie er. Unklug von ihr sich ihm zu zeigen, ob absichtlich oder nicht. Doch die Distanz war zu groß, die Vielzahl der Möglichkeiten zu groß auf die sie sich verstecken konnte und der Antrieb Aarons sie zu finden zu klein, hatte er ihr doch gerade erst die Möglichkeit gegeben ein anderes Leben zu beginnen. Zu sehr war der Ordensbruder Realist, als dass er glaubte, dass seine Warnung schon in der kurzen Zeit Früchte getragen hatte. Vielleicht hatte sie ihn und sich verflucht und die Schmerzen kaum ertragen, doch die Einsicht - so sie denn überhaupt kam - würde noch auf sich warten lassen.
Schon bewegte sie sich wieder und verschwand in einer Nebenstraße der Stadt. Aaron trieb den Rappen wieder etwas an und lies ihn wenden, was er diesmal sogar ohne Beanstandungen tat. Zu gern hätte er bei all seiner Ignoranz doch gewusst was Viraya vor hatte, doch war es nie seine Stärke gewesen die Taten anderer voraus zu sehen, sie so zu kennen, dass er sie einschätzen konnte. Die einzige Ausnahme war da der Zweikampf in dem kaum einer es verhindern konnte in wiederkehrenden Rastern zu agieren.
"Morgen verschwinde ich."
"Aber..."
"Nichts aber. Dem Pferd wird nichts geschehen."
Aaron duldete keine Widerrede und er wusste, dass das Geld die Zweifel des Händlers verschwinden lassen würde.
Sie war unvorsichtig geworden. So unvorsichtig, wie jene Menschen, die sie oft belächelt und als Träumer abgestempelt hatte. Aber sie war lernfähig. Das unterschied sie von vielen und sie floh nicht blind, sondern kehrte in einem Bogen wieder zum Pferdehändler zurück. Sie sprach mit niemandem, doch lauschte sie. So erfuhr sie mit etwas Geduld, dass Aaron am kommenden Tag abreisen wollte. Sie schrieb es sich unter die Ohren und beschloss sich erstmals einen Winkel zu suchen, wo sie unbemerkt schlafen konnte. Das war gar nicht so einfach, doch würde sie den Schlaf in den kommenden Tagen brauchen.
Aaron legte dem Hengst das Zaumzeug fest und gab dem unruhigen Tier noch eine Hand voll Hafer. Ruben, der Händler, stand neben ihm und wusste wohl nicht ob er lachen oder weinen sollte. Er liebte seine Pferde, doch liebte er auch das Geld und mit dem prall gefüllten Beutel in der Hand und dem neuen Säbel an seiner Seite konnte er sich wahrlich nicht beklagen.
"Warum muss es so plötzlich sein?"
"Ich habe schon zu viel Zeit verloren."
Das Gespräch hatte sich schon oft wiederholt. Nie hatte es ein anderes Ergebnis gegeben als auch dieses mal.
"Du hast ihm nicht einmal einen Namen gegeben." Aaron zuckte mit den Schultern. Zwar hatte er tatsächlich daran gedacht, doch hatte er andere Sorgen gehabt als sich darüber den Kopf zu zerbrechen zumal er nicht wusste ob ihm überhaupt irgendwann eine Idee kommen würde.
"Wie würdest du ihn nennen?"
"Es ist dein Pferd." Ruben verschränkte abweisend die Arme.
"Wohl wahr." Der Ordensritter nahm seine Schwertscheide und band sie am Sattel fest. Varesz Arbeit erwies sich immer wieder als herausragend. Es gab wohl keine bessere Möglichkeit um ein Schwert am Sattel zu befestigen als diese Scheide.
Nun alles an seinem Platz blickte Aaron noch einmal um sich herum. Der Wind blies leise den Staub über die Weiten des Landes und legte ihn an den Hindernissen Joaninas wieder ab. Wie der Wind verwehten auch die Gedanken und sie fanden zurück zu einer eigentlich längst vergessenen Zeit. Vergessen, weil die Vergangenheit für Aaron nicht viel bedeutete. Er war stets fokussiert auf das hier und jetzt, nicht auf das was war oder das was kommen sollte. Was die Gedanken wiederbelebten war die Geschichte, die ein Bauer der ganzen Horde Jungen und Mädchen erzählt hatte. Sie handelte, wie so viele Geschichten, von einem Burschen der loszog um sein Glück zu suchen. Doch was den jungen Aaron damals fasziniert hatte war nicht der spätere Held gewesen, nein, viel präsenter war eine Randfigur, die nur einmal in der Geschichte aufgetaucht, mit dem eigenen Willen alles einmal durcheinander gebracht hatte und wieder verschwunden war.
"Ferocas soll sein Name sein." Das waren seine letzten Worte zu Ruben bevor Aaron langsam in den Sattel stieg und den Rappen vorsichtig antrieb. Mit einem Nicken verabschiedete er sich und ritt gemächlich in die helle Nacht hinein.
Ein einfacher Stoff. Eigentlich kein Diebstahl. Sie hielt ihn zwischen Zeigefinger und Daumen, während er im Wind leise tanzte. Es war nur ein Fetzen. Der Fetzen eines Kleidungsstücks, den sein Besitzer vielleicht bald vermissen würde. Noch schien es ihm jedoch nicht aufgefallen zu sein oder er hatte es ignoriert. Aber es war auch nur ein ganz schmaler Streifen, ein paar Fäden sozusagen.
Sie hatte lange gewartet, erst auf die Dunkelheit, dann um den Ablauf genau zu verfolgen, um ganz sicher zu gehen, dass keiner sie beobachten würde. Sie wusste, wo sie den Zaun anheben musste und dass Pferde auf Äpfel standen. Es war allerdings gar nicht so einfach gewesen sich welche zu klauen ohne gesehen zu werden. Aber zum Glück hatte sich der Händler geziert und ihr Zeit verschafft.
Sie platzierte den Stoff am Zaun. Ganz oben, kaum sichtbar. er hielt sich verzweifelt an einigen Holzspiessen fest. Vielleicht würde er nie gefunden werden und vorher verweht. Dann hob sie den Zaun daneben vorsichtig an und liess den Balken auf den Boden gleiten. Danach musste sie erstmals verschnaufen. Es war strenger, als sie gedacht hatte. Die Zeit nutzte sie, um sich weiter umzuschauen und zu lauschen. Nichts war zu hören oder zu sehen. Schon gar nicht ihre schwarze Gestalt, die in der Kleidung, die sie gerade trug eher einem Mann, als einer Frau glich. Sie hatte ein Zaumzeug dabei, das sie dem Pferd bei Gelegenheit anlegen wollte. Aber erstmals musste sie es hier hinaus locken. Keine einfache Sache, wie sich herausstellte.
Sie wäre beinahe verzweifelt und hatte schon überlegt, ob sie das Pferd vielleicht anschieben musste, als es sich endlich zu bewegen begann.
"Geht doch."
Flüsterte sie und lockte und lockte mit den Äpfeln.
Sie folgte Aarons Spur. Erst war es einfach, denn die Hufen hatten sich tief in den fast sandigen Boden gedrückt, doch bald kreuzten sie andere Spuren und Viraya verlor komplett den Überblick. Sie hoffte, dass es allfälligen Verfolgern ähnlich ging. Also folgte sie irgendetwas bis sie auf Fels zu stehen kam. Dort drehte sie ab. Denn sie sollte nicht nach Quasar zurück, sondern plante die Aseralberge zu überqueren, um von Joanina direkt zum Meer zu gelangen. Kein ungefährliches Unterfangen. Sie plante bereits, stellte sich vor, wie sie sich mit dem Pferd versteckte, bis der Suchtrupp lange vorbei gezogen war, als das Tier plötzlich stehen blieb. Andere Menschen hätten nun an den Zügeln gezogen, doch trug das Pferd keine Zügel und auch noch keinen Namen. Zudem schien es das Interesse an den Äpfeln verloren zu haben.
Sie versuchte ihm also erstmals die Nüstern zu streicheln, wie sie es oft gesehen hatte, um ihm dann das Zaumzeug über zu ziehen. Der Pferd schnappte zu. Erschrocken zog die Diebin die Hand zurück und wich etwas zur Seite.
"Komm schon mein guter Wildfang."
Flüsterte sie dringlich. Noch schien das Fehlen zwar niemand bemerkt zu haben, aber lange ging es gewiss nicht mehr. Dann versuchte sie es erneut mit den Äpfeln und opferte gar einen. Das schien dem Tier schon besser zu gefallen und es ging endlich weiter in Richtung Versteck.
Als der Suchtrupp vorbeigezogen war, blieb eine komplett durchgeschwitzte Viraya zurück. Das Pferd hatte ruhig gehalten. Warum, wusste sie auch nicht. Vielleicht um ihr später noch mehr Probleme zu bereiten. Auf jeden Fall war es vorbei. Für den Augenblick und sie konnte sich wieder damit beschäftigen den störrischen Gaul voran zu treiben. Denn das stand ihr für die nächsten Tage in Aussicht und noch einige andere, alltägliche Probleme mit denen sie sich bisher viel zu wenig auseinander gesetzt hatte. Aber darüber machte sie sich in jenem Moment dank der Erleichterung erstmals keine Gedanken. Sie hatte den ersten Schritt geschafft. Irgendwann kam der Nächste, dann wieder einer und so weiter.
Als Aaron abstieg um Ferocas eine letzte Pause zu gönnen bevor sie den Rest des Weges antreten würden, war die Stadtmauer von der kleinen Anhöhe bereits gut zu sehen, wenngleich der Weg noch einige Stunden in Anspruch nehmen würde. Der Reiter löste die Zügel etwas, klopfte dem Rappen lobend den Hals und gab ihm aus einer der Taschen eine dieser Früchte, die hier in wasserreicheren Gegenden wuchsen, deren Namen dem Argaaner jedoch unbekannt war, ehe er Ferocas zum Bach führte und sich selbst in kleinem Abstand das Gesicht wusch und seine Wasserflasche auffüllte.
Er hatte Glück gehabt bis zu diesem Punkt. Selten war er Menschen begegnet, wenn er nicht gerade selbst den Schutz in einer Ortschaft gesucht hatte um die Nacht dort zu verbringen und noch seltener war er in die Nähe von blutrünstigen Viechern gelangt. Hierbei machte sich jedoch die Unruhe des Hengstes mal im Positiven bemerkbar. Noch bevor ein Schakal in die Sichtweite Aarons gelangte, begann der Rappe gegen den Willen seines Reiters zu rebellieren, wollte dieser sich dem Raubtier weiter nähern. Gleichzeitig nutzte der Ordensbruder diese Gelegenheiten um dem Tier zu verstehen zu geben, dass einerseits er das Sagen hatte und zum anderen sein Sinn nicht danach stand dem Rappen etwas böses zu wollen.
Sicher hatten sie so einige Umwege in Kauf nehmen müssen und immer wieder Pausen eingelegt, damit das junge Pferd nicht überlastet wurde, doch insgesamt genoss Aaron diese Reise wie lang keine mehr. Die Zweisamkeit von Tier und Mensch hatte etwas zutiefst beruhigendes für ihn, was wohl hauptsächlich daran lag, dass er Gesellschaft hatte, die ihn nicht vollquatschte.
Aaron nahm sich getrocknetes Fleisch und ein Stück Brot aus dem Sattel und stellte fest, dass es Zeit wurde den Proviant zu erneuern. Der Ausdruck 'Gourmet' lag zwar so weit weg von den Bezeichnungen, die man dem Mann aus einfachen Verhältnissen hätte zusprechen können, dass dieser ihn nicht einmal kannte, doch war es angenehm inzwischen genug Geld zu haben um eine körperliche Stärkung auch mit einem Mindestmaß an Genuss zu verbinden. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass sich seine Laune verschlechterte, als die Befürchtung keimte, dass der große Genuss der Schweigsamkeit nun auch noch schwinde. Die braun-grünen Augen wandten sich in Richtung des Weges, den Aaron gekommen waren und fanden eine Gruppe rasch wachsender Punkte, die eine Staubwolke aufwirbelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie ebenfalls diese Stelle passieren würden war relativ groß und auch wenn der Einzelgänger wenig Lust auf Menschenkontakt noch vor den Stadtmauern verspürte, so entschied er sich dagegen weiter zu reiten. Ferocas brauchte seine Pause und wenn es Banditen waren, so würden sie ihn so oder so einholen. Mit etwas Glück ritten sie vielleicht auch einfach vorbei...
In solchen Sachen hatte Aaron jedoch nie Glück. Zumindest selten... und auch dieses Mal nicht. Er erwartete die Truppe sitzend auf einem Stein, die schwarze Klinge über den Schoß gelegt und mit einem Schleifstein bearbeitend. Zunächst sah er nicht einmal auf, als sie einen Halbkreis um ihn und sein Reittier aufspannten, bestehend aus sechs Reitern. Einer der ihren sprang aus dem Sattel und das Geräusch von aufeinander schlagenden Metallplatten verriet Aaron, dass es sich um gepanzerte Soldaten handeln musste. Der Mann schritt auf ihn zu und blieb in respektvollen Abstand stehen.
"Sei gegrüßt. Sagt mir... ist Euer Name Aaron?" Auch die Frage war nicht arrogant oder unfreundlich. Soviel Anstand musste selbst der mürrische wohlwollend zur Kenntnis nehmen und so hob er den Kopf, damit sein vollbärtiges Gesicht unter der Kapuze zum Vorschein kam.
"So nennt man mich. Doch wer fragt und warum?" Die Reaktionen die er in den Gesichtern der umstehenden Reiter beobachten konnten fielen sehr unterschiedlich aus. Einige wirkten erleichtert, andere nun angespannt und die Hände suchten die Nähe der Waffen.
"Nun, mein Name ist Juan und ich bin Anführer dieses Trupps aus Joanina, der ausgesandt wurde aus einem eher... unschönen Grund, wie Ihr Euch..." Aaron war aufgestanden und gemächlich zu Ferocas geschlendert um das Schwert in die am Sattel hängende Scheide zu stecken und sich nun wieder seinem Gesprächspartner zu wenden und ihn zu unterbrechen.
"Juan, ich bin ein einfacher Mann und Soldat wie du. Ich weiß Respekt zu schätzen, erst recht, da ihr sicher einen guten Grund gehabt haben werdet - zumindest will ich das hoffen - um mir zu folgen. Drum bitte sprich einfach und gerade heraus." Mit verschränkten Armen stand der Krieger nun vor dem anderen, in der Mitte der Krieger die ihm so oder so überlegen waren, ob er nun bewaffnet war oder nicht. Zum anderen hatte er nicht das Gefühl, dass sie ihm an den Kragen wollten ohne guten Grund. Und einen solchen hatten sie nicht, dessen war er sich sicher.
"Nun gut. An dem Abend an dem du aus unserer Stadt abgereist bist, ist mit dir nicht nur der Rappe dort verschwunden und es gab Hinweise, die uns zu der Vermutung führten, dass es eine Verbindung zwischen der abhanden gekommenen Stute und dir gibt."
"Und zwar?" Die Frage erwartend nickte Juan und zog aus seiner Manteltasche einen Stofffetzen, und wies auf das Ende Aarons Mantels.
"Passt erstaunlich gut, nicht? Haben wir an dem Zaun gefunden, über den der Pferdedieb wohl gestiegen ist. Dazu kommt, dass das Pferd gemeinsam mit dir verschwunden ist und rein optisch sehr große Ähnlichkeiten zu dem Hengst hat, den du erworben hast... so als hättest du vor eine Zucht zu beginnen. Zuletzt die Spuren: sie führen in die selbe Richtung in die du geritten bist. Jedoch kreuzten sich viele der Spuren so oft, dass wir lange gebraucht haben um dich hier nun aufzuspüren und wir sehen nur ein Pferd. Ich bin kein Disput, Aaron. Hast du etwas um uns davon zu überzeugen, dass du nicht der bist, den wir suchen und finden sollten?"
Der gefragte überlegte sich seine Antwort gut. Viel hing davon ab und das was Juan berichtet hatte ergab durchaus einen Sinn. Auch meinte er sich an die Stute zu besinnen die gemeint sein musste.
"Das gestohlene Tier... war es die schwarze Stute von Ruben?"
"Ja..."
"Nun... was hat euch der Händler über mich erzählt?"
Angesichts dessen, dass es der Angeklagte mit Worten versuchte, statt sich selbstmörderisch auf den ersten der sechs zu stürzen um doch noch der Strafe für den ihm angelasteten Diebstahl zu entgehen entspannten sich auch die skeptischen Soldaten auf ihren Pferden Zusehens.
"Mh... wortkarg, schwer durchschaubar... und freigiebig hat er dich genannt. Er schien sichtlich verstört darüber, dass du ihn bestohlen hast... oder haben sollst, wenngleich er es dennoch irgendwie für möglich hielt, da er dich nie richtig einschätzen konnte." Aaron nickte.
"Hat er euch auch gesagt, welchen Preis ich für Ferocas bezahlt habe?"
"Ja..."
"Gut. Juan... warum sollte ich für den Hengst den Preis bezahlen, der den von euren Gutachtern geschätzten Wert um die Hälfte übersteigt, obwohl es schon so eine Menge Gold war, nur um dann eine Stute zu stehlen, die ich für das mehr gezahlte Geld einfach hätte kaufen können?" Der Soldat schnaubte belustigt. Diese Frage schien er sich tatsächlich noch nicht gestellt zu haben. Die schwarze Stute war ein wirklich schönes Tier gewesen, aber längst nicht so kräftig wie Ferocas und dementsprechend weniger teuer. Natürlich war es ärgerlich für Ruben, dass die Stute gestohlen worden war, doch genau genommen hatte er dennoch keine Einbußen gemacht, hatte Aaron sie doch praktisch mitbezahlt und in diesem Augenblick beschlich ihn auch einen Verdacht über den Verbleib des Tieres.
"Gute Argumente weist du vor... schön, dass wir es auf diesem Weg klären konnten ohne Blut oder Verleumdungen..." Wieder nickte Aaron, ebenso dankbar, dass der Soldat nicht einfach der ersten Vermutung nach gehandelt und ihn einfach festgenommen hatte.
"...doch... hast du vielleicht eine Idee, wie es zu diesen seltsamen Umständen gekommen ist, die dich belasten?"
"Eine Idee... eine Vermutung... ja." Die Augenbrauen Juans gingen aufmerksam nach oben.
"Eine Frau... schwarze Haare, bleiche Haut, blutrote Lippen, unscheinbare Gestalt. Viraya ist ihr Name und sie hat eine Verletzung am rechten Handgelenk. Solltet ihr sie finden und überführen - was ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen kann - dann grüßt sie schön von mir, wenn ihr ihr die Hände oder sonstiges abhackt." Aaron war komplett ruhig geblieben. Vielleicht wirkten seine Worte gerade deshalb so hart und Juan blieb einen Moment still ehe er verstehend den Kopf neigte.
"So soll es sein. Männer... wir rasten hier an dem Bach und reiten dann zurück. Entspannt euch und nutzt die Zeit. Und dir, Aaron, eine gute Reise. Gehabe dich wohl und behandle das Pferd gut."
Mit einem Blick verabschiedete sich der Ordensbruder und stieg in den Sattel. Quasar wartete.
Tausende Kerzenlichter brannten in einer beständigen Ruhe vor sich hin. Ihr warmes Licht spendete dem länglichen Raum mit Kuppel eine schöne, stille Atmosphäre, wie sie für stille Gebete nicht besser sein konnte.
Jun kniete vor dem schlichten Schrein des Innos und betete. So wie drei andere Seelen aus Quasar. Nicht neben ihn und letztlich jeder für sich. Das war der Sinn dieses Ortes.
Ein junger Fischer der oft schon in der Früh mit seinem alten Vater auf den Fluss hinaus fuhr, um sein Tagwerk zu verrichten.
Dann war da ein fremder Händler der auf der Durchreise war. Seine Kleidung deutete an, dass er vom myrtanischen Festland kam. Doch er war kein waschechter Myrtaner. Dafür war der Bart, die hellen Augen und die Axt am Gurt zu nordisch. Ein Nordmarer hier - für wahr ein seltener Anblick.
Die dritte Person in der Kapelle war eine Wache. Jun hatte sich gefragt, wie der Mann denn noch einmal hieß, doch musste er sich eingestehen, den Namen des Mannes nicht zu kennen. Bei Zeiten würde er Medin befragen.
Jun schloss sein Gebet ab und erhob sich. Er verneigte sich dann noch einmal vor seinem Gott und schritt ruhigen Gemütes aus der Kapelle.
"Was hast du ihm erzählt?", fragte die bekannte Stimme.
"Ich teilte meine Gedanken, bat um Weisheit und Mut. Ich dankte für mein Leben und dankte für die Menschen die an mich glauben, wie sie an ihn glauben...", sprach Jun und richtete sein Haupt gen Nachthimmel. Sternenklar war es.
"...und du, Giran? Deine Stimme klingt besorgt?"
"Und das zurecht, Jun. Ich habe irgendwie ein ganz mieses Gefühl. Wie damals bevor der Krieg in Myrtana richtig los ging. Ardea...Vengard. Du weißt...", meinte der Khoriner.
"Ist es wegen Pandron? Immer noch keine Spur?", fragte der Streiter.
"Keine Spur meinerseits. Niemand in den Dörfern gen Gorthar hat ihn oder seine Leute gesehen. Hoffen wir das Medin mehr heraus fand. - Aber nein...Pandron ist nur ein Nebenschauplatz. Es ist einfach dieses Gefühl. Diese Atmosphäre der letzten Zeit. Seit wir zurück sind, stimmt irgend etwas nicht. Es sind nicht die Menschen in der Stadt. Es ist in der Burg. Ich schlafe dort nicht mehr gut.", erklärte sich Giran.
"Hmm...und konnte dir Innos nicht helfen?", fragte der Fürst. Er selbst träumte seit ihrer Rückkehr nicht immer gut und ständig war es dann derselbe Traum.
"Er gab mir die Ruhe, aber auch den Blick für das Verborgene. Das Verborgene lässt mir keinen Frieden. Wir müssen handeln...", meinte der Paladin, während sie durch Quasars Hafen schritten und vor einem Zweimaster hielten.
"Gegen wen? Gegen was?", fragte Jun.
"Ich weiß es nicht. Noch nicht ganz...nicht alles. Wir müssen erfahren was hier geschah, als wir weg waren. Wir müssen jeden in unseren Reihen in die Augen blicken und Wahrheit suchen. Pandrons Verschwinden muss einen Grund haben und..."
"...der Grund sind wir. Ja, Bruder. Ich spüre es auch, wenn ich meine Gefühle ergründe. Sollen wir aber wirklich handeln? Sollen wir jenen die uns trauen misstrauen? Sollen wir ihnen in die Augen blicken und die Wahrheit erzwingen?", erfragte der Paladin.
"So Innos will - ja!"
"So Innos will... - bald, Freund. Wir warten auf Medins Antwort und dann handeln wir.", versprach der Fürst. Sie schwiegen und schritten am Haupttor vorbei.
"Nein! Die Tore bleiben geschlossen! Verpiss dich, Haderlump!", sprach eine Wache zu einen Mann außerhalb Quasars Mauern.
"Was ist hier los?", fragte der Paladin.
"Innos mit euch, mein Fürst!", sprach die Wache, verneigte sich leicht und schlug die Faust gegen den Harnisch. Dann erklärte der Wächter, dass der Mann da draußen in die Stadt wolle, er aber jenem misstraue und ihn schon mal in Quasar sah.
Giran und Jun schritten an die Torklappe und blickten hindurch. Ein Mann war da. Jünger als die beiden und eindeutig ein Krieger. Die Ausrüstung sprach dafür.
"Ein edles Ross habt ihr da, Reisender. Wer seid ihr und was wollt ihr in Quasar?"
Nach drei Tagen hatte sie endlich jemanden gefunden, der ihr helfen konnte das Halfter anzulegen. Ein Junge, der ihr gerade mal bis zur Brust reichte. Er hatte wache Augen und musterte sie eindringlich.
"Warum schimmern deine Haare bläulich?"
Hatte er als erstes gefragt.
"Ich habe mich mit einem Magier angelegt."
Hatte sie geantwortet. Danach hatte er ihr seinen Namen genannt und sie ihm den ihren. Er hatte sie eine Weile begleitet und ihr zum Schluss den Weg gezeigt.
"Machs gut."
Hatte er noch gesagt und sie hatte ihn wiederholt. Dann war sie weiter gegangen, das Pferd im Schlepptau in Richtung einer anderen Hafenstadt als Quasar, denn dort konnte sie sich nicht mehr blicken lassen. Die Frau mit den Haaren, die je nach Lichteinfall immer noch leicht bläulich schimmerten.
Die Einreise in die Stadt erwies sich als deutlich schwieriger als erhofft. Diesmal war auch Quintus nicht zu sehen, der ihm wieder Einlass gewähren konnte. Allerdings war das nicht die einzige Veränderung. Schon von weitem sah Aaron Flaggen, die bei seinen letzten Besuchen nicht gehisst worden waren. Als er dann Ferocas vor dem Tor halten lies war es auch nicht gerade der schönste Zufall, dass ihm das Gesicht des Wachmanns bekannt vorkam. Diesem schien es nicht wirklich zu gefallen, dass der Mann wieder kam, der mit einer Truppe verschwunden war, die sicherlich kurze Zeit später gesucht wurde.
"Haderlump" war das letzte Wort, dass der Ordensbruder zu hören bekam und dann wurde die Klappe zugeschlagen. Gereizt fuhr sich Aaron mit der Hand durch den Bart und dachte über die Alternativen nach, die ihm nun blieben, als die Klappe im Tor wieder auf ging. Die befehlsgewohnte Stimme ging durch Mark und Bein, wirkte jedoch in ihrer Resonanz bodenständig und konsequent.
"Sei gegrüßt. Mein Name ist Aaron und ich komme nach Quasar um Zwischenstation auf meinem Weg nach Argaan zu machen. Mein Pferd ist lange Gewaltritte noch nicht gewohnt und braucht Pause... und ich Verpflegung."
"Herr! Der Mann da draußen ist nicht vertrauensseelig! Er war hier schon einmal und machte Gerüchten zufolge nur Ärger. Jawohl ja!", mischte sich die Wache auf energische Art ein.
"War dem so wirklich?", fragte Giran die Wache. Diese nickte und die Entscheidungsgewalt richtete sich auf Jun. Der Fürst war sich nicht sicher, ob dieser da draußen wirklich der zurück gekehrte Avatar Beliars war oder nur ein Haderlump für den er gehalten wurde, der nunmal nur etwas suspekt wirkte. Jun sah da einen Krieger und auch keinen der Söldnerschweinsorte.
"Innos weiß, ob er das tat. Innos aber sagt auch, dass man keinen Menschen dem Chaos überlassen darf. Wer nur eine Seele dem Chaos überlässt, mordet im Sinne von Beliar. In Quasar herrscht Ordnung - Innos Ordnung. Ausserhalb der Mauern ist das Chaos der Nacht. Der Argaaner soll Zutritt bekommen, sein Ross aber soll als Pfand dienen, sollte er sich etwas zu schulden kommen lassen.", befahl der Fürst und der Befehl wurde so auch ausgeführt. Das kleine Tor im großen Tor wurde entriegelt und geöffnet. Der Argaaner trat mitsamt Pferd durch das Portal in den Schein der Fackeln.
Er erblickte neben den Wachen die beiden Paladine, die da einfach wirkten, da sie nicht in ganzer Montur herum liefen. Wieso auch? Es genügte ein Waffenrock ihres Ordens, um sich gut genug abzuheben. Die aufgehende, gelb und rot flammende Sonne auf schwarzen Grund war das Zeichen des noch jungen Ordens der aufgehenden Sonne, der sie angehörten.
"Willkommen in Quasar, Reisender. Du hast den Fürsten gehört und wirst sicher nicht noch einmal daran erinnert werden müssen.", grüßte Giran offiziell auf seine khorinisch-einfache Art und blickte zum Fürsten. Der hatte sich aber schon dem Pferd gewidmet.
"Ein gutes Pferd. Ihr solltet es ein paar Tage ausruhen lassen, sonst könnte es sich beim nächsten, schnellen Ritt verletzen. - Argaan habt ihr gesagt. Aus welcher Stadt?", fragte der Streiter und diese einfache Frage hatte mehr in sich, als sie klang.
Mit angemessenem Respekt grüßte Aaron die beiden Krieger, die ihn willkommen hießen und ihr Auftreten weckte sofort Erinnerungen in dem jungen Mann. Nicht die Erinnerungen eigener Erfahrungen, viel mehr die Erinnerungen an Erzählungen eines Mannes, eines wichtigen Mannes. Die Symbole waren so, wie Hiroga sie beschrieben hatte. Hatte der Soldat ihm gerade gesagt, dass er mit dem Fürsten persönlich sprach? So sollten sie tatsächlich zurückgekehrt sein? Vielleicht meinte es Innos doch besser heute mit Aaron, als er es für möglich gehalten hatte. Der Ordensbruder streichelte Ferocas belohnend den Hals und gab ihm eine dieser seltsamen Früchte ehe er auf den Hinweis des edlen Mannes einging.
"Ich danke für den Einlass. Aus Thorniara reiste ich hierher um dem Ruf Eures Nachbarlandes auf die Spur zu gehen. Das Ergebnis meiner Reise steht auf vier Hufen neben mir. Bevor ich falsch verstehe frage ich: Seid Ihr Fürst Jun?"
Inzwischen hatte sich Aaron auch die Kapuze vom Kopf gezogen und die Gurte am Sattel Ferocas' schon einmal etwas gelöst.
Ein höflicher Reisender, der nicht den Anschein machte zuletzt hier Ärger gemacht zu haben. Doch letztlich konnten Worte viel mehr Schein als Sein sein. Momentan waren die Worte aber wohl wahr. Als dieser Aaron fragte, ob Jun eben Fürst Jun wäre, schmunzelte der Streiter ein wenig.
"Wenn du erlaubst...das ist Lord Jun Qel-Droma! Fürst von Quasar, Feldherr der Varantfeldzüge, Retter von Vengard, Kommandant der Unsterblichen und Hochmeister des Ordens der aufgehenden Sonne! - Hahaha! Jun das wollte ich immer mal sagen.", tönte Giran nach seiner Ansprache.
Jun schien es fast schon etwas peinlich, aber einmal sollte es Giran gegönnt sein.
"Nun...Sir Giran spricht wahr. Auch wenn es nicht so blumig hätte sein müssen. Bei Innos - Innos heißt es nicht gut den Hochmut zu preisen. - Ich bin der Fürst von Quasar und noch mehr ein Streiter des Innos'. Ihr steht von Fürst Jun. - Aaron erzählt mir wie sich Thorniara gegen diese Aufständischen hält und wie es Lord Hagen ergeht? Ich habe lange nichts mehr von Argaan gehört."
Dieser Begleiter des Fürsten kam Aaron etwas aufdringlich vor. Es mochte daran liegen, dass dem jungen Mann jeder aufdringlich erschien, der zu laut sprach und derbe lachte, wobei er nicht behauptet hätte, dass dies alles schlechte Männer seien. Nur hatten sie gehöriges Potential dazu dem schweigsamen auf die Nerven zu gehen.
"Nun... Hiroga würde es wohl freuen zu erfahren, dass Ihr zurück seid und die Stadt wieder lenkt, war unser Besuch hier doch nicht glorreich verlaufen..." und verdanken wir es doch nur wenigen aufrichtigen Männern, dass wir uns in Freiheit und am Leben befinden fügte Aaron nur in Gedanken an, wollte er den Fürsten nicht gleich mit den Schwierigkeiten die er mit dem Ritter hier gehabt hatte heraus platzen.
"Thorniara steht und hält sich gegen Ethorns Söldner und seit dem der König wieder auf dem Festland verweilt führt der Orden die Stadt im Krieg. Doch der Krieg ist kalt und zäh. Nach wie vor hat Lord Hagen den Befehl... wie es ihm dabei geht... nun Fürst - darüber fehlen mir wohl die Informationen."
"Dann ist er wohl einer von uns, wenn er Hiroga kennt.", merkte Giran an. Jun nickte lediglich. Klar war dieser Aaron ein Soldat des myrtanischen Reichs und wenn er Hiroga kannte und wusste, dass jener Jun sehr gut kannte, war diesem Aaron wohl zu trauen.
"Abermals willkommen in Quasar und Innos zum Gruße! Ihr hättet euch gleich als Verbündeter vorstellen können. - Wache! Herrn Aaron soll Unterkunft und Verpflegung in der Burg gestellt werden. Er ist Gast an meinem Hofe.", fügte Jun an und widmete sich dann dem Argaaner.
"Der Orden führt die Stadt und der König widmet sich dem Festland. Das ist eine interessante Konstellation...", meinte Jun und überlegte die Konsequenzen daraus. Für ihn selbst war es gut, denn den Treueeid schwor er nur Innos und nicht diesem König der gar kein Avatar des Innos war.
"...darüber gilt es noch nachzudenken. Giran bestell für morgen Artiman und einen Boten ein. Ich muss mehr von Hagen erfahren und irgendwen nach Gorthar Stadt schicken, um diesen nervenden Rat zu besänftigen, bevor er wieder mehr vermutet als es nötig ist.", wies der Fürst an und wirkte angespannter, trotz der Entschlossenheit in seiner Stimme.
"Ihr werdet müde sein, Aaron. Reden können wir die nächsten Tage, über euch, Hiroga und andere Dinge. Geht mit Innos!", wünschte der Fürst und war in Gedanken durch diese neue Konstellation. Als Fürst musste er in weit größeren Ausmaß planen und entscheiden.
Sie war besser vorangekommen denn je und das ohne jemandem zu begegnen. Irgendwann wusste sie, wie sie den Menschen ausweichen konnte und genoss die Einsamkeit. Bei Sonnenuntergang hatte sie lange da gesessen und einfach in die Ferne geschaut. Was würde die Zukunft wohl bringen? Wen sandten die Dimosas nach ihr? Redsonja?
Zum ersten Mal war ihr dieser Gedanke gekommen, obwohl er so naheliegend war. Sie schauderte kurz, dann überlegte sie, wie sie dem begegnen konnte und es gab eine Lösung. Darjel. Er war der Schlüssel zu allem. Er entschied auf welche Seite sich die rothaarige Kriegerin am Ende schlug, denn mit ihr konnte und wollte sich Viraya nicht anlegen. Sie war eine Nummer zu gross. Zumindest bis jetzt, eines Tages vielleicht nicht mehr. Dann, wenn sie endgültig gebrochen war. Doch so weit würde Andreia sie hoffentlich nicht bekommen. Das dachte die Diebin und noch viel mehr, ehe sie sich in ihre Decke einhüllte und entschlummerte.
Illis hatte einen kleinen, geradezu winzigen Hafen. Dennoch, war er grösser als die Anlegestelle in Setarrif und Viraya war glücklich endlich dort angekommen zu sein. Endlich. Die Strapazen einer solchen Reise waren wirklich nichts für die Diebin. Nun galt es nur noch eine Überfahrt zu finden. Wobei sie nicht direkt nach Argaan zurück wollte, sondern erstmals Darla in Vengard aufsuchen. Denn ein ungutes Gefühl sagte ihr, dass ihrer "Schwester" ebenfalls Gefahr drohte. Mehr als sie vielleicht glaubte. Bisher hatte sie die Angst ihre Verfolger direkt dorthin zu führen, davon abgehalten, doch inzwischen war sie sich sehr sicher, dass ihr niemand direkt auf der Spur war. Sonst wäre sie nicht mehr am Leben, denn eines wusste sie. Keines der ihr zur Verfügung stehenden Mittel war effektiv genug gegen jene, die sie verfolgten. Sie hatte also noch etwas Zeit und die musste sie nutzen.
Sie verhandelte mit mehreren Matrosen, feilschte und machte dem Richtigen schöne Augen, worauf hin er ihr versprach, dass sie in zwei Tagen mitsegeln konnte. Dann sah er allerdings das Pferd und die zähen Verhandlungen begannen von vorne.
Sie klaute sich noch ein letztes Erinnerungsstück an Gorthar, denn keiner wusste, ob es sinnvoll war sich jemals wieder in dieses Land zu wagen. Zumindest in Quasar hatte sie sich alles verdorben, was sie verderben konnte. Dann begab sie sich an Bord.
Kapitän Mischa trudelte gleichzeitig ein.
"Der Gaul soll also wirklich mit."
Grummelte er.
"Ja meinst du ich vergolde dir nur deinen gierigen Rachen."
Entgegnete Viraya und er klopft ihr auf die Schultern und fügte lachend hinzu.
"Wenigstens um dein Mundwerk muss ich mir keine Sorgen machen."
"Richtig erkannt. Höchstens darum, dass du auch wirklich genug Futter für meinen Gaul mit eingeladen hast."
Nicht lange war es her, seit Jun und Giran den Reisenden Aaron durch das Stadttor passieren ließen. Seither hatte sich am Hofe des Fürsten so manches getan. So hatte Jun seinen Vogt Artiman als Gesandten gen Gorthar gesandt, damit dieser den Rat dort abermals informiere, dass Jun und Rhobar der III. sich nicht kennen und der Fürst dies auch nicht wünsche.
Ebenso hatte er Boten ausgeschickt die seine Ritter von ihren Lehen nach Quasar rufen, um dort mit ihrem Fürsten und Ordensmeister zu tagen.
Noch waren nicht alle Ritter und Paladine zurück gekehrt, doch in der neu eingerichteten Ordenshalle, fanden sich schon manche gut zurecht, aßen und tranken oder sprachen über ihre jüngsten Abenteuer und Sichtungen.
Nachdem Jun die fürstlichen Pflichten für heute beendet hatte, widmete er sich seinen Ordensbrüdern. Mit dabei war auch Aaron den er einlud an der Tafelrunde als Gast Platz zu nehmen.
Die Ordenshalle war noch nicht ganz fertig, dafür fehlten noch ein paar Dinge. Doch im mittleren Raum des Bergfrieds der Burg fanden sich lange Banner mit dem Ordenswappen an den Wänden.
Das Ordenswappen der aufgehenden Sonne war umso präsenter, wenn man all die vielen brennenden Ölfeuer und Kerzen um sie im Raum wahrnahm.
Ein Innosschrein der alten Tage, schlicht und ohne goldene Zierde, stand hier genauso, wie auch Rüstungs- und Waffenständer des Ordens, auf denen Ordensklingen, Schilde und altertümlich wirkende Ritter- und Paladinrüstungen ruhten - all dies hatten sie mit aus der Abtei der ersten Sonne mitgenommen.
Hier und da waren Buchständer, auf denen Werke aus der Abtei der Ersten Sonne ruhten und die Geschichte des Ordens aus den alten Tagen vor allem beschrieben. ebenso fand sich das Bestiarium wieder, das besonders wichtig war für die Streiter des Ordens.
Zentral im runden Raum war ein sehr großer, schlichter Rundtisch, an den überall passende Stühle standen und jeder Ritter seinen Platz zu haben schien.
Auf dem Tisch gab es einfache Speisen. Brot und Wein. Weizenbier aus Quasar, ein schon angefangenes Lamm am Spieß und manch schlichten Speisen.
"Für Innos! Gut das ihr Zeit fandet Aaron. Ihr seid heute unser Gast.", grüßte der Fürst und trat die Treppe hinauf in die Ordenshalle.
"FÜR INNOS!", rief er laut und sein Ruf wurde durch die Recken im Raum erwidert. Sie trugen wie Jun selbst den Waffenrock des Ordens und hatten sich erhoben. Danach erfolgte die Begrüßung untereinander. Man griff den Unterarm des anderen zum Kriegergruß, legte die andere Hand auf dessen Schulter und sprach die Worte "Von Bruder zu Bruder - bis in den Tod!".
Als dieser Ritus vollzogen war, stellte Jun den Gast vor und dann nahmen alle Platz. Im Gegensatz zu geläufigen Meinungen über die Aktivitäten der Rittersleute in geschlossenen Kreisen, war es hier doch ruhiger. Sehr viel ruhiger. man unterhielt sich in einem ruhigen, ja fast andächtigen Ton. Ließ die Wirkung der vielen Feuer auf sich wirken und blickte immer mal zum Schrein. Manche lasen in den Schriften, manche speisten oder unterhielten sich mit dem Nebenmann.
"Noch sind nicht alle meine Ritter zurück gekehrt, doch sie werden es bald. Dann wenn der Orden versammelt ist, werde ich Entscheidungen suchen und finden - so Innos will. Seit geraumer Zeit ist einer meiner Hauptmänner und seine Leute verschwunden. Das ist ein Problem. Genauso wie die Entwicklungen auf dem Festland, wenn ich Rhobar richtig einschätze. - Doch wo bleibt meine Gastfreundschaft. Bedient euch! - Wann habt ihr Hiroga zuletzt gesehen? Er diente unter mir in der Belagerung von Vengard und wurde zu einen wahren Waffenbruder in jenen grausamen Tagen in denne uns Innos prüfte."
Mit etwas innerlichem Abstand wohnte Aaron dem Geschehen bei und beobachtete was geschah. Die Atmosphäre die hier herrschte war ihm völlig fremd. Selbst im Ordenshaus Thorniaras gab es keine solche (zumindest scheinbare) Verbundenheit und den Einzelgänger konnte dies auch nicht sofort begeistern, hieß Verbundenheit doch, dass jeder sich dem anderen zumindest ein Stück weit öffnete. Für einen so allgemeinen Vertrauensbeweis war Aaron nicht geschaffen. Dennoch wusste er die Einladung Juns zu schätzen, gerade da er dies aus Quasar bisher nicht gewohnt gewesen war. Wenn der Herrscher auch in anderer Hinsicht so konsequent war, dann war es nicht weiter verwunderlich, wenn einer der machthungrigen Hauptmänner verschwunden war, derer zur Zeit Juns Abwesenheit wohl genug da gewesen waren.
"Es ist nicht ganz ein Jahr vergangen seit wir uns verabschiedeten. Eine lange Zeit der Unterweisung war ihrem Ende zu gegangen und er hatte persönlich dringende Dinge zu erledigen. Ich weiß nicht ob etwas daraus geworden ist, doch in Thorniara habe ich ihn danach nicht mehr gesehen."
Der Ordensbruder nahm etwas von dem Bier, das ihm auf Nachfrage hin vorher ausgeschenkt worden war und widmete sich gleich darauf wieder dem Gastgeber.
"Hiroga hat einiges erzählt. Einiges von Euch, einiges aus den Schlachten um Vengard und der Zeit danach und einiges von Idealen. Ich denke er versuchte so gut es ging weiter zu geben, was er einst selbst... erfuhr."
Wieder schwieg er. Es war ungewöhnlich für ihn, doch er hatte Fragen und an diesem ungewöhnlichen Umstand lag es wohl, dass ein weiterer dazu kam: Man schien ihm die Fragen anzusehen. Zumindest Jun schaute erwartungsvoll.
"Wie kommt es, dass Ihr bei Eurer langen Abwesenheit einen Mann einsetztet, den die Belange eines Gefährten seines Fürsten nicht interessieren?"
Wie dieser Aaron da von Hiroga erzählte, weckte es in Jun manch Erinnerungen an alte Tage zurück. War es schon so lange her, seitdem sie gegen die Orks so erbittert und verlustreich die letzte Menschenbastion verteidigten? Jahre waren es und noch immer schien er sich an jeden Atemzug jener düsteren Tage zu erinnern. In Gedanken versunken, nahm er erst nach einem Schluck vom Wein und einem Augenblick der Stille, Stellung zu Hirogas Worten.
"Hiroga war und ist ein guter Mann. Der Orkkrieg auf dem Festland hat ihn als jungen Mann geprägt, so wie er jeden geprägt und nicht vergessen lassen hat. Zuletzt sah ich ihn, als er bei meiner Auslösung vor Setarrif. Wir erlitten Schiffbruch und landeten leider an der Ostküste. Dieser Ethorn und seine ehrlosen Söldner erkannten meinen Wert und erpressten ein entsprechendes Lösegeld. Hiroga begleitete mich dann mit Nach Thorniara. Dort merkte ich aber schnell, dass der Orden dem Gold und nicht dem Feuer dient. Lord Ferox war und ist zu weich mit seinen Ansichten und anbändeln mit Adanos. Weder konnte er Einfluss auf diesen König nehmen, noch auf die Feuermagier, die ab vom heiligen Pfad gekommen sind und dem Gold und feinen Roben nahe sind. Sie haben vergessen, dass Feuer mehr als nur wärmt. - das sah auch Hiroga so und statt mit mir nach Quasar zu kommen, blieb er da, weil er noch Hoffnung sah und verändern wollte. Ich werde euch aber nicht nötigen mir Details über den aktuellen myrtanischen Orden zu verraten, sofern ihr dem myrtanischen Orden angehört.", sprach der Fürst und natürlich war ein gewisser Unmut in seiner Stimme zu hören. So viele Freunde er dort noch besaß, so viele Sorgen machten dem Streiter die Probleme die er dort sah. Ein Grund weshalb er seinen Weg ging und weshalb Jun so viele folgten.
"...Doch ihr verwirrt mich. Hauptmann Pandron berichtete nichts davon in seinen Dokumenten. Nichts von myrtanischen Abgesandten oder gar Freunden. Einzig...so meine Nachforschungen der letzten Tage...über myrtanische Tagediebe. - Mein Gefühl sagt mir, dass sein Verschwinden und eure Erfahrungen in Quasar, etwas Licht bringen können. Das spürte ich, als ihr durch das Tor geschritten kamt. Erzählt mir was geschah...", forderte der Paladin auf und aß etwas Hirsebrei mit Brot.
Eine Fleischkeule landete auf dem Teller des Ordensritters und er nahm sie dankend an. Zwar war der Umgang hier anders als an den meisten Tafeln, doch waren die Speisen doch zum Essen und nicht nur zum Ansehen da, wie Aaron beruhigt bei einem Blick in die Runde feststellte. Die Meinung des Fürsten war ähnlich direkt, wie die die Hiroga gehabt hatte und auch wiederum dessen 'Lehrling' sah vieles ähnlich, wenngleich nicht alles. Zudem hatte sich manches geändert.
"Thorniara ist nicht Quasar aber geändert hat sich dort dennoch einiges. Das einst so gehortete Gold ist zum Großteil verbraucht zur Verbesserung des Armenviertels. Doch zurück zu unserem Besuch in dieser Stadt: Es war der Kontakt Hirogas zu Euch, der uns erst ins Verlies brachte und dann das Leben rettete.
Quintus, der Sohn Bors' holte uns aus dem Loch in das uns Pandron hinein hat werfen lassen. Es hieß er hielte uns für Spione des Festlandes, das eine Eroberung plante und Eure Abwesenheit wurde nur als Schein bezeichnet, der den Verdacht von Euch lenken soll mit den Festländern gemeinsame Sache zu machen." Als sich die Augen Juns verengten hielt Aaron kurz inne.
"Für uns klang es ähnlich an den Haaren herbei gezogen... doch so war es. Wir konnten mit Glück und der Hilfe Quintus' und seinen Kumpanen aus der Stadt fliehen."
Der Fürst lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schien zum einen verwirrt, zum anderen verstehend an die gegenüberliegende Wand zu blicken, als wollte er sie dazu zwingen ihm zu berichten, was sie in seiner Abwesenheit alles für Worte des hier residierenden Hauptmanns belauscht hatte. Im selben Augenblick betrat ein Bediensteter den Raum und reichte dem Mann einen bereits geöffneten Brief, den er überflog und aufstand.
"Entschuldigt, doch meine Pflichten fordern unaufschiebbare Entscheidungen."
Aaron nickte verstehend und widmete sich seinem Fleisch. Ein Blick in die Runde verriet ihm, dass sich mancher Gedanke der Anwesenden um seine Person drehte, schien er doch zumindest optisch nicht in das Bild der Runde zu passen. In 'seiner' Assassinenkluft hätte er vermutlich nicht länger hier sitzen können. Die dunkle Jacke und die einfache Hose wirkten da noch neutraler.
Der ehemalige General war später zu der Ordensversammlung gekommen und hatte daher etwas weiter von Jun entfernt Platz genommen, als normalerweise übrig. Viel Zeit hatte er im Augenblick nicht zur Verfügung. Die Garde war mit neuen Rekruten im Ausbau begriffen, die Schmiede wollte am Laufen gehalten werden, die Personalie Pandron beschäftigte ihn und seine Männer und daneben gab es noch Alltagsgeschäfte. Seine Familie nicht zu vergessen. Das war ohnehin gefährlich.
Also stand er etwas abseits und kaute auf einem eigentlich längst abgenagten Flügelknochen herum und schlürfte verdünnten Wein, während er hier und da ein paar Worte mit einigen Rittern wechselte. Der Ruf des Lords durch das Fürstentum war für einige plötzlich gekommen und sie waren beunruhigt. Gerade der Anblick eines von einem Brief aus dem Raum gerufenen Dienstherrn war da nicht hilfreich.
Endlich hatte Medin etwas Luft gewonnen, da fiel sein Blick auf den Neuankömmling, von dem ihm Garlen schon berichtet hatte. Ein Kämpfer von Argaan. Vielleicht war das ja eine gute Gelegenheit, ein paar Neuigkeiten einzuholen.
„Medin, Hauptmann der Garde Quasars und ein Ordensbruder von euch, wie ich hörte“, entbot er dem Fremden die inzwischen etwas gereinigte Hand zum Gruß. „Auch wenn das vielleicht nicht jeder so sieht. „Was verschlägt euch denn von Argaan hierher?“
"Aaron... und nichts weiter." erwiderte der Ordensbruder trocken und nahm die angebotene Hand, wobei er das Gesicht Medins musterte. Die leicht vorstehenden Wangenknochen verliehen dem Mann Ausdruckskraft und eine gesunde Mischung aus Autorität und Freundlichkeit.
"Hierher... nicht viel mehr als den Wunsch eine Pause einzulegen. Der Grund für die Reise war die Anschaffung eines Pferdes in dem dafür bekannten Nachbarland Quasars."
Medin setzte sich, so dass beide in angenehmerer Position ihre Unterhaltung fortführen konnten.
"Noch nicht lange gehöre ich in die Reihen des Ordens. Aufgaben und Pflichten jedoch erfordern entsprechende... Werkzeuge und Ausrüstung, die ich mir Stück für Stück zulege. Die Erfahrungen die ich bisher machen musste und durfte sorgten allerdings zumindest dafür, dass ich dabei nicht sparen muss."
Die Reserviertheit des Gegenübers war für Medin sofort spürbar. Er blieb im Unbestimmten, gab nur so viel Information preis wie gerade notwendig. Kein Zug, der sofort Vertrauen weckte. Aber einer, der dem Paladin selbst sehr bekannt war. Zumindest schien Aaron nicht sonderlich überrascht, als Medin seinen Namen genannt hatte. Ob die Steckbriefe an den Toren der Reichsstädte inzwischen verblichen waren?
„Nun, Ausrüstung könnt Ihr in Quasar sicher finden“, erwiderte er. „Und so, wie ich Lord Jun einschätze, wird man Euch als seinem Gast da auch entgegen kommen. Aber was ist mit den Rüstleuten des Ordens auf Argaan? Verschlingt der Krieg gegen Ethorn so viele Ressourcen, dass die neuen Ordenskrieger jenseits des Meeres Nachschub beschaffen müssen?“
Die Lippen des jungen Mannes formten ein schwaches Lächeln und einen Augenblick überdachte er die nächsten Worte, die falsch gewählt schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen konnten, war doch der Gedanken, der den Ordensritter antrieb für manchen Innosdiener sicher schwer verständlich.
"Ich suche selten das, was ich in direkter Nähe bekommen kann. Genug Ressourcen sind in Thorniara wohl vorhanden, doch die Zeit eines guten Handwerkers Sonderwünsche zu erfüllen? Ich weiß nicht. In erster Linie kam ich jedoch wie erwähnt für das Pferd nach Gorthar, denn auf Argaan gibt es nur die Auswahl, die der König über das Meer schickt und dass, das nicht die erste Wahl ist, ist wohl selbstredend.
Wie ist es ein Krieger an Seite Juns zu sein?"
Ein harter Wechsel, mindestens um neunzig Grad. Brauchte Aaron für derlei Manöver ein Pferd aus den weltberühmten Zuchtställen einiger gorthanischer Fürsten? Medin lächelte.
„Es bedeutet in erster Linie einfach, ein Krieger zu sein“, antwortete er wohl darüber bedacht, was er nun sagte.
„Wie vielen Herrn habt Ihr schon gedient? Vieles bleibt gleich oder ändert sich nur, wenn man sich selbst verändert. Aber seht euch um.“
Der Südländer deutete auf die Wände mit den Bannern des Ordens der ersten Sonne. Die Versammlung, die Ordenshalle und Juns Person selbst, die der Gast erlebt hatte, sprachen sicher ihre eigene Sprache.
„Lord Jun folgt einer Vision. Einer Vision, die der unseres Ordens gar nicht so unähnlich ist. Aber hier kämpfen nicht die Menschen gegeneinander, während Beliars Kreaturen diese Sphäre durchstreifen. Das ermöglicht einen anderen Fokus. Wir haben mit Jun einen Ort voller Macht und Wissen gesehen. Macht und Wissen, die im Krieg um Argaan vollkommen nutzlos wären, im Kampf gegen Beliar allerdings unschätzbar wertvoll. Ich habe viele Jahre unter Ferox und Rhobar gekämpft und in ihrem Namen für Innos gegen Beliar gestritten. Aber ich habe mich dieser Mission nie so nahe gefühlt, wie ich es hier sein kann.“
Abermals musterte er seinen Gegenüber. Der wirkte nicht wie ein gewöhnlicher Ritter in der Kriegsmaschinerie Myrtanas.
„Aber das Pferd sucht Ihr sicher auch nicht hierzulande, um dann damit ein paar Waffenknechte Ethorns niederzutrampeln. Von was für Sonderwünschen habt Ihr da gerade gesprochen?“
Als das Schiff endlich den Hafen von Illis verliess, fiel Viraya ein Stein vom Herzen. Sie hatte Gorthar lebend den Rücken gekehrt, ohne einen vergifteten Dolch darin zu finden. Das hiess, mit einer gewissen Unsicherheit, dass die Dimosas tatsächlich nicht wussten, wo sie untergetaucht war. Olirie hatte ihre Spur schliesslich nach Argaan gelegt. Ob das besser war, würde sich noch zeigen, doch war sowieso bekannt, dass sie mit der Magie Beliars in Verbindung gebracht werden konnte. Also beim Kastell würden sie suchen. Ein weiterer Ort, den sie in Zukunft zu meiden hatte. Einer von vielen und dennoch. Die Welt war gross und Viraya hatte bisher überlebt. Sie sah keinen Grund daran etwas zu ändern.
Bei diesen Gedanken sah sie die Lichter von Illis immer kleiner werden und irgendwann verschwinden.
Der Ordensbruder strich sich nachdenklich durch den Bart. Er konnte sich schon vorstellen, dass der Kampf gegen die Kreaturen Beliars deutlich leichter den Tatendrang stillten als der zähe Stellungskrieg gegen ein paar Rebellen, die sich ein paar leichtgläubige Bauern angeschafft hatten, die nun für den armen König Ethorn kämpften, der angeblich für die Freiheit stand. Welch Unsinn.
"Ihr würdet Argaan also Ethorn überlassen, weil dies Lappalien sind, die den Orden nichts angehen sollten? Mh..." Ein weiterer Schluck des guten Bieres fand seinen Weg die Speiseröhre hinab, doch die Kohlensäure verblieb nicht lang dort.
"Ich denke, dass wir wirklich bessere Aufgaben hätten, aber leider steht dieser machthungrige Gottlose im Weg. Ein Problem, dass es einem als Ordensstreiter schwer macht auf Argaan zu reisen und seine Pflicht zu tun. Aus diesem Grund vermeide ich es meine Ziele jedem Trottel auf den ersten Blick zu verraten und... mir fällt es erstaunlich leicht." Was wohl mit seiner Art Dinge zu regeln und mit seinem Äußeren zu tun hatte. Die Menschen waren einfach viel zu oberflächlich. Tatsächlich wusste Aaron sich dies gut zu Nutzen zu machen. Bisher war kaum einer auf die Idee gekommen in den dunklen Klamotten hinter dem grimmigen Gesicht einen Innostreuen zu finden.
"Allerdings hat dies den Nachteil, dass ich meine Ordensrüstung selten tragen kann. Was ich brauche, sollte deshalb für meine Zwecke angepasst sein. Ein Schwert, dass diese Ansprüche perfekt erfüllt besitze ich bereits. Nun ein Pferd, wie es auf Argaan nicht zu finden ist. Was mir nun noch fehlt ist eine Rüstung."
Einen Tisch weiter brüllte Orbas lachend auf. Dem Met hatte der Krieger schon ordentlich zugesprochen und anscheinend war Sir Nywroht ein Scherz gelungen, der jedes Gespräch im Umkreis für einen Augenblick einiger verstandener Worte beraubte. Aaron hatte aber sowieso gerade geendet, weshalb Medin lediglich ein wenig warten musste.
„Eine Rüstung? Und die sucht ihr hier in Quasar“, wiederholte er ob der Pause und wog kurz die Möglichkeiten ab.
„Aber natürlich nützt einem Streiter ein Schlachtross nichts, wenn er darauf keine Rüstung trägt. Ich habe selbst jahrelang Rüstungen für die myrtanische Armee gefertigt und betreibe nun die hiesige Burgschmiede. Wir sind ganz gut ausgelastet, aber vielleicht lässt sich für Euch doch was machen.“
Immerhin das Ressourcenproblem war seit Medins Expedition in die Yrumaberge erst einmal behoben.
„An was für eine Rüstung habt Ihr denn gedacht?“
Das Gespräch entwickelte sich unerwartet interessant, hatte ihn doch da tatsächlich der Rüstungs... -schmied, -bauer, -macher, -zauberer... wie auch immer angesprochen. Auch wenn er Aaron dahingehend falsch verstanden hatte, dass dieser auf Gorthar eine Rüstung hatte besorgen wollen, war dies nun ja egal und musste nicht weiter breit getreten werden. Nachher fühlte sich der Handwerker noch in seinem Stolz gekränkt und wollte dann doch keinen Auftrag mehr annehmen. Medin sah zwar nicht aus wie ein Mann, den man mit Worten allzu schnell kränken konnte aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich Aaron täuschte.
"Das trifft sich gut. Dunkel soll sie sein und nicht zu schwer. Ich will mich darin gut und bequem bewegen können. Die wichtigsten Stellen sollten jedoch mit Metallplatten geschützt sein. Ansonsten würde ich sagen: Ihr seid der Fachmann."
Abermals musterte Medin seinen Gegenüber, doch diesmal nicht aus der Perspektive eines Hauptmanns und Kriegers, der auf Statur und Ausstrahlung achtete, sondern der des Handwerkers. Es war schon etwas Zeit vergangen, seit er eine Sonderanfertigung gearbeitet hatte, aber der Reiz war da. Sich in ein Projekt – vielleicht sogar ein anspruchsvolles – zu vertiefen wäre ihm gerade ein willkommener Ausgleich zu den Alltagssorgen. Ein paar Abendstunden an der Esse verbringen und während der Arbeit in Ruhe all die Dinge durchdenken, die einen umtrieben. Pandron, die Spannungen mit dem gorthanischen Rat, Schimmer … seine Gedanken drohten abzuschweifen.
„Beweglich ist gut“, sagte er nach einer kurzen Pause und klang vielleicht etwas abwesend. Dann hatte er aber auch schon seine Gedanken wieder eingefangen und lenkte sie auf Aaron.
„Ich selbst bevorzuge auch eher das leichte Rüstzeug, das einem die Beweglichkeit für den Kampf lässt.“ Sein Blick schweifte durch den Raum. Jun war noch nicht wieder zurück.
„Ein guter Mittelweg zwischen Schutz und Freiraum wird sich finden lassen“, entschied er und nahm einen kurzen Schluck aus dem Krug. „Kommt doch morgen in die Burgschmiede. Um die Mittagszeit müsste die Esse schon rauchen, ihr könnt sie also nicht verfehlen. Dann nehme ich Maß und wir besprechen die Einzelheiten der Rüstung sowie die Bezahlung. Wenn es nicht zu ausgefallen werden soll, kann ich die Ressourcen stellen“, fügte er hinzu und erinnerte sich an die Zeiten auf Khorinis. Das seltene magische Erz war der letzte Schrei gewesen. Alle wollten es haben und kaum einer bekam es. „Ansonsten müsstet ihr das übernehmen. Aber das sollten wir morgen klären.“
Der Aufforderung zu folgen fiel Aaron nicht weiter schwer, hatte er doch nichts weiter in Quasar zu tun, als sich die Zeit zu vertreiben bis er weiter reisen konnte. Nun musste er sich wohl noch etwas suchen mit dem er die Tage vertreiben könnte, doch wenn er wollte, konnte er in dem Burghof sicher ein paar Streiter finden, mit denen es sich zu messen lohnte. Die Stadt war einfach wie ausgewechselt, seit Jun wieder zurück war.
Ferocas lies er an einem der Wassertröge im Burghof zurück und näherte sich dem Gebäude, das die Schmiede darstellen sollte. Auch an diesem fehlte es nicht an der Symbolik, mit der der Fürst die ganze Stadt hatte spicken lassen, wenngleich er offensichtlich größten Wert darauf legte es nicht protzig aussehen zu lassen. Die Geräusche der Arbeit drangen schon von einiger Entfernung heraus und Aaron trat ohne weiter zu warten zur Tür hinein. Zwei Männer standen im Inneren des Gebäudes, doch Medin war nicht darunter. Sofort blickte ein junger Bursche auf.
"Für Innos! Was führt Euch hier her?"
"Ich suche Medin." Der junge Mann nickte beflissentlich, legte seine Handschuhe zur Seite und kam zur Tür um einen Schritt an Aaron vorbei zu gehen und ihm draußen die Richtung zum nächsten kleinen Gebäude zu zeigen, nur einige Schritt entfernt.
"Dort werdet Ihr ihn finden." Aaron dankte mit einer Geste und folgte dem Hinweis.
"Sei gegrüßt Medin." Der Ritter stand vor einem Tisch und schien gerade zu überlegen, was sein nächster Handgriff sein sollte.
Die Arbeit des neuen Lehrlings ließ doch arg zu wünschen übrig. Die Kettenglieder waren ziemlich schlampig mit dem Leder vernietet worden. Ein fester Handgriff im Schlachtgetümmel, und der Kettenschutz wäre Geschichte. Aber Medin wollte nicht zu hart urteilen. Lehrlinge waren zu Lernen da und auch wenn der Junge vor allem durch persönliche Beziehungen erreicht hatte, dass er in der Schmiede eine Chance bekam, hatte er sicher etwas Potential. Und Quasar konnte mehr Rüstungsbauer gebrauchen.
„Ihr ebenso“, antwortete Medin ohne aufzublicken und beendete erst noch die Prüfung der Armschiene. Dann erst wandte er sich Aaron zu und gab ihm die Hand. Der Krieger sah frisch aus. Kein übermäßiger Alkoholkonsum gestern Abend. Aber dafür war der Abend auch nicht gedacht gewesen.
„Die Rüstung, ja? Ich habe mir seit gestern ein paar Gedanken gemacht“, fuhr er fort und führte den Gast zu einem Rüstungsständer, über dessen Holzgerüst ein dunkel gerußtes Kettenhemd samt Beinkleid hing. „Wenn Ihr es einigermaßen leicht und beweglich haben wollt, empfehle ich ein Kettenhemd. Nutze ich selbst auch als Hauptbestandteil für meine Rüstung. Richtig geölt macht es auch weniger Geräusche. Aber nicht für die Beine. Dort eine Lederhose mit Metallschienen für die Schienenbeine.“ Er deutete auf die Stellen. „Weiter oben fallen auf Stoff genähte Metallplatten rockartig vom Kettenhemd über die Beine. Ähnliche Lamellen würde ich für die Schulterpartie vorschlagen. Was schwebt Euch für die Arme vor? Mit was für Waffen kämpft Ihr für gewöhnlich?“
Der Ordensbruder betrachtete den Grundstock dessen, was Medin sich dachte. "Mit einem Anderthalbhänder... und ich suche noch nach einem passenden, kleinen Schild, der am linken Arm befestigt werden kann ohne eine Hand zu besetzen. Ich glaube 'Tartsche' nennt man diese Schilde. Es wäre gut die Arme möglichst frei bewegen zu können. Das Kettenhemd sollte genügen. und Stoff an der Rüstung seinen Dienst tun."
Die Vorschläge des Rüstungsbauers passten Aaron ansonsten sehr gut. Gerade seine Beine brauchten auf dem Pferd einen Schutz. Vermutlich musste er sich irgendwann auch einmal bessere Stiefel besorgen, doch noch wollte er ja in keine Schlacht reiten.
Abermals musterte er seinen Gegenüber. Anderthalbhänder? Klang nach Medins bevorzugtem Kampfstil, auch wenn er dabei nicht vom Pferderücken aus agierte. Da oben war ein Schild aber wirklich von Vorteil, wenn man nur ein Schwert hatte.
„Eine Tartsche soll kein Problem sein. Ich selbst kämpfe zwar lieber ohne Schild, aber da wird sich was finden lassen. Ihr müsst bei Gelegenheit dann einmal ein paar Anfertigungen ausprobieren, was Euch an Gewicht und Material am ehesten zusagt. Bei einer Tartsche sollten die Arme vielleicht auch noch geschient werden, aber das können wir sehen, wenn der Rest fertig ist.“
Der ehemalige Oberbefehlshaber der myrtanischen Armee blickte kurz durch den Raum.
„Die Materialien habe ich da und dank meiner Gesellen werde ich auch recht schnell arbeiten können. So eine Rüstung kostet dennoch einiges. Kommt der Orden dafür auf oder wie kommt ein Streiter wie ihr an solche Mittel, wenn die Frage gestattet ist?“
"Nein... das bezahle ich von dem Geld, das ich einer Menge Halsabschneider denen Hiroga und ich begegnet sind, hier im Gebirge von Gorthar, abgenommen habe. Sie brauchten es nach unserer Begegnung auch ganz gewiss nicht mehr."
Aaron fuhr sich unbewusst mit der Hand über das Gesicht, wo vor einigen Monaten noch Narben an die Erlebnisse in der Höhle erinnert hatten. Es hatte sich jedoch gelohnt Lopadas aufzusuchen um diese Spuren zu verwischen.
"Dabei waren auch einige Besitzurkunden über Gebiete in diesem Land, die Hiroga bei unserer Wiederkehr nach Quasar den richtigen Leuten zuteilen wollte... jedoch verlief dabei eigentlich nichts nach Plan und so wird er sie vermutlich noch immer bei sich tragen. Wie dem auch sei: Ich denke nicht, dass es an den finanziellen Mitteln hapert."
Mit diesen Worten holte Aaron den Beutel hervor, der prall gefüllt war mit Goldmünzen und für nichts anderes mehr gedacht war als die Rüstung und den Schild. Danach wären seine Ersparnisse aufgebraucht - mit Ausnahme von dem was er zum Leben brauchte - aber das war ihm recht. Der Sinn eines Ordensritters sollte nicht nach Geld stehen und er hatte immerhin schon die Kosten für das Schwert gespart.
Ob Jun von diesen Urkunden wusste? Urkundenfälschung war in den gorthanischen Fürstentümern ein recht üblicher Vorgang. Hier gab es so zahlreiche vielfach verzweigte Besitzansprüche, dynastische Verbindungen und einst geschlossene Verträge über kleinteilige Flecken Land, dass es den Fälschern ein Leichtes war, hier und da Lücken zu finden, die sie füllen konnten.
„Soll auch kein Problem sein“, nickte Medin, ohne den Geldbeutel in Aarons Hand noch einmal anzublicken. „Wir arbeiten hier auch sonst nicht für Profit und für einen Gast Lord Juns werden wir das auch nicht ändern müssen. Aber gut … ich denke, Ihr könnt in ein paar Tagen für die ersten Anproben vorbei kommen. Ich werde die Rüstung nach und nach anpassen, nachdem sie in Bewegung ausprobiert wurde. Dann dürfte sie gut sitzen.“
"Ist gut. Wenn Ihr irgendwas brauchen solltet... wie ein Bier am Abend oder so - dann lasst es mich wissen." Aaron sah noch ein letztes Mal auf den Rüstungsständer und verabschiedete sich. Wurde Zeit, dass er etwas in Angriff nahm um während der Wartezeit nicht einzurosten. Schließlich hatte er ursprünglich nicht damit gerechnet hier länger zu verweilen. Vielleicht konnte er auch noch eine Möglichkeit finden Ferocas auf die Schiffsreise vorzubereiten...
Tage des Wartens waren vergangen und nun offenbarten sich die wehenden Fahnen und prächtigen Segel am Horizont. Zwei große Schiffe kamen den großen Strom hinauf und hatten einzig ein Ziel - Jun.
Die Nachricht die Jun vor Tagen erreicht hatte, hatte im ersten Moment für Unruhe und einen gewissen Zorn im Paladin gesorgt. Die Suche nach Pandron hatte sich erübrigt, denn er war mit seinen Leuten gen Gorthar gereist und den Rat dort über Juns Aktionen unterrichtet. Wie im detail vermochte sich Jun nur auszumalen, doch hatte er das Gefühl, dass dort eine gewisse Akribi inne steckte und Pandron womöglich schon immer für den gorthanischen Rat spionierte. Er - Jun - das Opfer von Politik. So schmeckten die weiteren Zeilen, denn der Fürst wurde angeklagt gegen gorthanisches Recht zu verstoßen und nun kam eine Delegation um das Recht durchzuführen, wenn die Schuld des Fürsten erwiesen sei.
Er hätte sich weiß Innos so gut wie möglich vorbereiten können, um gegen die Anklagepunkte vorzugehen. Doch Jun ahnte, dass diese Anklage, dieser große Schritt von langer Hand geplant wurde. Die Wahrheit würde Jun recht geben, doch was war die Wahrheit auf Gorthar wert?
Jun wusste, dass Innos Pfade einen prüften. Weisheit war gefordert und als Fürst trug er Verantwortung für jede Seele seines Fürstentums. Weisheit und Stärke - die Tugenden eines Streiters des Innos.
Jun und eine Delegation seiner Ritter standen im Hafen zum Empfang bereit. Beide Schiffe hatten schon angelegt und Matrosen warfen den Hafenarbeitern Taue zu. Minuten später hievten sie eine breite Treppe hinab und gorthanische Gardisten mit Hellebarden erschienen. Sie flankierten die gorthanische Delegation. Adlige und Richter, die diesen Fall angehen sollten.
"Für diese halben Hemden brauchen die zwei Schiffe mit gorthanischen Truppen? Jun...", knurrte Giran und Jun konnte zu gut die unausgesprochenen Gedanken des Waffenbruders deuten.
"...und schau dir an, wer da neben ihnen läuft wie ein Hund den man was zu fressen gab...", meinte Orbas und nickte in Richtung Pandron.
Jun kümmerte dieser 'Verräter' erst einmal aber wenig. Viel mehr blickte er in die Reihen seiner Ritter und Paladine. Zu Medin und Gilles. Zu Bors und Taron von Eirrin.
"Was auch immer geschieht und ausgesprochen wird, Brüder. Ich verbiete euch das Schwert zu ziehen. Innos wird uns leiten, wird uns prüfen und wird uns die Wahrheit erkennen lassen, auf dass wir keine unschuldigen Menschenleben riskieren. Ich bin der Fürst von Quasar und so ich gorthanisches Recht brach, stehe ich dazu. Mein Rittereid den ich damals bei der Belagerung schwor ist heilig, denn ich schwor ihn vor Innos. Greift ihr ein, so brecht ihr meinen und euren Eid.", waren die Worte des Fürsten bevor er vortrat und sich einen Fürsten entsprechend verneigte.
"Ich - Jun, Fürst von Quasar, grüße die Abgesandten Gorthars im Namen Quasars. Euch soll die Gastfreundschaft meines Fürstentums widerfahren und ein jeder euch bei euren Untersuchungen unterstützen, auf dass die Wahrheit und meine Unschuld ans Licht komme.", grüßte der Fürst mit starker Stimme.
"Mein Name ist Shilard von Dragflin und ich werde hier als Richter handeln und entscheiden, Fürst von Quasar. Zu meiner Seite stehen mir Vernon von Yruma und Radovid, dritter Kriegsfürst zu Gorthar.", grüßte ein ergrauter Mann mit feiner, dunkler Kleidung zurück. Shilard war Jun ein Begriff. Er war ein Machtmensch. Ein Mann scharfen Verstandes, spitzer Zunge und vieler Masken die er trug, um diese erst abzuziehen, wenn seine Fäden komplett griffen. Jun waren bewusste, dass er insbesondere gegen ihn vorgehen würde.
aber auch Radovid und Vernon bekannt. Ersterer war ein junger General der zu kämpfen wusste und noch mehr als Stratege hoch im Kurs gehandelt wurde. Vernon hingegen war sogar einmal Gast am Hofe von Jun. Die Yrumaberge grenzten an Quasar und man hatte gute Handelsverträge aushandeln können. Vernon war alles andere als ein entspannter Zeitgenosse und es gab Gerüchte, wie hart er im Fürstentum seines Vaters vorging. Gleichsam hatte Jun ihn als Ehrenmann kennen gelernt. Vielleicht war Vernon ein Stück Hoffnung.
"Fürst Jun von Quasar. Bevor wir eure Burg betreten, stelle ich euch unter Arrest und die Stadt Quasar unter Bewachung von Hauptmann Pandron und der gorthanischen Truppen. Jedes vorgehen gegen die Abgesandten und ihre Gefolgschaft, wird mit einem harten Urteil geahndet. Ihr werdet als Fürst des gorthanischen Bundes behandelt und sollt eine gerechte Verhandlung bekommen. Ich bitte euch zu kooperieren.", sprach Shilard deutlich.
"So soll es sein.", waren Juns Worte. Er trat vor und wurde zugleich von gorthanischen Wachen flankiert. Sein Blick schweifte zu seinen Rittern. sie blieben ruhig.
Was hier ablief war keineswegs alltäglich, aber für Medin auch nichts Neues. Er war von einfacher Geburt, hatte aber in den letzten Jahren mehr als genug über Hofetiquette und Politik lernen können, um solche Handlungen und die darauf erfolgenden Reaktionen zu antizipieren. So blieb er ruhig und nach außen hin entspannt, als Lord Jun unter Arrest gestellt wurde, während Taron scharf die Luft einsog und Giran in letzter Sekunde eine Bemerkung im Halse stecken ließ. Sein Blick glitt über die Neuankömmlinge und galt ihren Augen. Shilard von Dragflin blickte natürlich auf Jun, ebenso wie Vernon von Yruma. Radovids Aufmerksamkeit jedoch widmete sich der Umgebung. Der Hafenanlage sowie den Männern, die um sie herum standen. Kein Zweifel, wenn es jetzt einen Zwischenfall geben würde, käme das erste Kommando von diesem Mann.
Aber Radovid war nicht Medins größte Sorge. Nein, denn da gab es noch den Blick Pandrons. Der betrachtete nicht etwa mit Zufriedenheit die Reaktion Juns, sondern hatte sich recht beharrlich auf Medin gerichtet – ohne einen Glanz von Triumph, eine gefährliche Warnung oder offenes Misstrauen in den Augen. Er beobachtete nur und genau dort wurde es für den Paladin schwierig zu antizipieren. Pandron übernahm hier nun die vorübergehende Gewalt und wie gerecht auch immer der Prozess war, der dem Lord gemacht werden sollte – der Hauptmann würde in dieser Zeit Tatsachen schaffen. Ob er es gleich zu Beginn wagen würde, die Garde zu zerschlagen oder umzubesetzen? Medin hätte in diesem Augenblick viel für die Antwort auf diese Frage gegeben.
„Familienangelegenheiten“, murmelte er kaum hörbar zu Bors, der direkt neben ihm stand und glaubte, dass der Ritter verstand. Bors erschien manchmal einfach gestrickt, aber eins und eins konnte er sicher zusammenzählen, um zu erkennen, dass hier kein offener Widerstand half. Nein, verdeckt mussten sie vorgehen und da hatte Bors’ Familie ja bereits Erfahrung.
„Für Innos“, murmelte der Ritter zurück und Medin nickte nur. Er musste baldmöglichst ein paar Gardisten treffen.
Kalter Wind wehte über die Zinnen von Burg Quasar. Der Blick über die Burg sorgte für Kälte in Juns Seele. Seine Stadt, seine Burg war nicht mehr seine. In der Burg waren es gorthanische Truppen die die Macht hatten und in der Stadt herrschte eine Unsicherheit, über die Zukunft des Fürstentums.
Der Fürst stand in seiner Kammer im Turm unter Arrest und wartete seit seiner Verhaftung auf seinen Prozess. Wie lange es her war, wusste er, doch wollte er gar nicht die Tage zählen. Nein, im Gebet fand er Ruhe. Im Studium mancher Schriften seiner Bibliothek fand er Weisheit und in den geschmuggelten Botschaften seiner Leute Mut die Zukunft zu bestimmen. Was brauchte ein Paladin mehr?
"Freiheit...", flüsterte Jun, als er die jüngste Botschaft verbrannte die eine Tochter von Bors, die als Dienstmagd in der Burg arbeitete, zukommen ließ.
Es schien als hätten alle seine Ritter Pläne wie sie Jun befreien konnten. Giran wollte mit dem Kopf durch die Wand, während Gilles Jun aufforderte die Pferdefürsten und den Kaiser von Orlais um Hilfe zu bitten - ein Konflikt der zum Krieg werden sollte. War das Leben eines Mannes das wert?
Wäre Medin hier, würde er ihn danach fragen. Er hatte fast einen ganzen Krieg erlebt, wo es letztlich um das Leben eines Mannes ging.
"...vielleicht hat er auch einen Plan.", sagte er sich, bevor er sich der Dienstmagd zuwandte.
"Richte deinem Vater meinen Dank aus. Er soll Medin und Giran dazu bewegen zusammen zu arbeiten. Der Orden muss als Einheit agieren. Zu leicht könnte der Fehler des einen, den Verdacht auf alle führen und unsere Feinde rechnen damit. Geh mit Innos, Kind.", sprach der Fürst und schritt durch den Raum. Er begutachtete das Bestiarium das er besaß.
"Es kann nicht Innos Wille sein, dass dieser Orden zerschlagen wird, bevor er sein Werk überhaupt wieder beginnt...", sagte er zu sich selbst und begann auf Pergament zu schreiben. Zwei Briefe sollten es sein. Einer der ins Land der Pferdefürsten gehen sollte. Karth, sein Bruder, war sicherlich noch dort und vielleicht bräuchte es doch ein wenig Druck von Außerhalb. Und würden die Pferdefürsten nicht handeln, so wäre sein Bruder und seine Clansmänner wenigstens bei Juns Hinrichtung dabei. Denn damit musste Jun rechnen, nachdem er sich mit dem gorthanischen Recht ein wenig vertraut machte. Würde Shilard es ausreizen und wohl nach dem Willen des gorthanischen Rates handeln, dann stünde einer Hinrichtung nichts im Wege.
Jun hatte seitdem an seiner Verteidigungsrede gefeilt und mögliche Gegenschläge bedacht. Vielleicht musste er eine Rolle spielen, die er nicht trug, aber derer er beschuldigt wurde.
Er musste eine Lüge vorleben, um mit seinem Leben davon zu kommen. Keiner seiner Männer würde Jun abnehmen, dass er für das myrtanische Reich handelte und Rhobar dem III,. Treue geschworen hatte. Aber in dem Fall war es ein politisches Druckmittel. Es würde einen Krieg provozieren dessen Ausmaß selbst die Gorthaner nicht ahnen konnten. Die Frage war jedoch, wie sehr die Gorthaner über Jun bescheid wussten? War ihre Anklage aus Furcht vor dem Unbekannten erwachsen oder eiskalt kalkuliert?
Der erste Brief war geschrieben und für Karth bestimmt.
Bevor er jedoch mit dem zweiten Brief beginnen konnte, hörte er Schritte. Schwere Stiefel kamen die Treppe hinauf und Augenblicke später, standen gorthanische Wächter im Raum. Vernon von Yruma erschien und befahl den Wachen sie allein zu lassen.
"Fürst von Quasar. Es ist schade, dass wir uns unter diesen Umständen wieder sehen müssen."
"Dies bedauere ich ebenso, doch so will es wohl das Schicksal. Was führt euch zu mir?"
"Zwei Sachen. In zwei Tagen schon beginnt der Prozess, Fürst von Quasar. Im Burghof wird Shilard die Anklage verlesen und ein Urteil gesucht."
"Ist die Anklage öffentlich?"
"Ja, ein jeder Bürger soll hören, welches Verbrechens ihr angeklagt werdet."
"Ich hoffe Pandron weiß für Sicherheit zu sorgen..."
"Davon sind wir überzeugt, Fürst."
"Und was ist die zweite Sache? Ich vermute es ist etwas, was wir untereinander zu besprechen haben?"
"...ihr wisst, dass Shilard euch wenig Chancen geben wird mit dem Leben davon zu kommen. Ihr werdet wahrscheinlich der Kriegstreiberei und des Verrats bezichtigt. Er wird für euren Tod jedoch die Zustimmung von Radovid und mir benötigen. So will es das gorthanische Recht. Spreche ich meine Zweifel bezüglich des möglichen Urteils aus, dann werdet ihr zumindest nicht sterben, sondern im Kerker landen. Im besten Fall verbannt. Da ihr ahnt, dass Radovid niemals für euch stimmen wird, da er von den Gorthanern direkt eingesetzt wird, bin ich eure einzige Hoffnung."
"So? - Und was ist wenn Shilards Beweisführung nicht ausreichen wird?"
"Sie wird es. Seid euch dessen gewiss. Die Gorthaner haben nur darauf gewartet, bis Pandron etwas gegen euch in der Hand hat. Und wir verhandeln nun..."
"Tun wir das, Vernon? - Was wollt ihr, damit ihr für mich sprecht?"
"Yrumas Grenzen sind zu sehr auf Berge begrenzt. Quasar jedoch hat Minen im Grenzland unserer Fürstentümer. Überschreibt meinem Vater vor eurem Urteil die Minen und das Gebiet bis zur großen Handelsstraße und wir haben ein Geschäft."
"Wird man nicht Verdacht schöpfen?"
"Sagen wir mal, dass unser Handelsvertrag erweitert wurde und das schon damals. Nur gehen die Minen und das Gebiet erst jetzt an das Fürstentum Yruma. So verhindert ihr, dass ein eingesetzter neuer Fürst...sagen wir Pandron selbst daran kommt."
"Glaubt ihr wirklich, dass ihr damit durch kommt? Die Gorthaner werden sich doch das größte Stück vom Kuchen holen wollen. Und das ist das was ihr haben wollt."
"Solange ihr lebt...solange gilt eurer Siegel und Unterschrift - vor allem auf alten Verträgen. Der Vertrag zwischen unseren Fürstentümern ist bekannt. Der Inhalt nicht im Detail. Änderungen wären möglich...Im Grunde habt ihr keine Wahl."
"Im Grunde nicht...das ist wahr. Unter Ehrenmännern, Vernon. War dies euer Plan seit wir damals in Verhandlungen übergingen?"
"Das war es, Fürst. Nicht von langer Hand geplant, aber als die Gorthaner meinen Vater aufsuchten, um über diesen Fürsten von Quasar zu sprechen, erkannten wir einen gewissen...Vorteil für uns."
"Entsprechend habt ihr euch dann bemüht, euch als einen der Gesandten in Position zu bringen. Ihr versteht euer Handwerk, Vernon."
"Wie ein Krokodil, dass auf den richtigen Moment wartet. Nun werdet ihr den alten Handelsvertrag von damals nun endlich unterschreiben, Fürst?", fragte der Fürstensohn. Jun lehnte sich zurück und blickte Vernon in die Augen.
"Lasst mich eine Nacht darüber schlafen.", sprach der Fürst. Vernon schien ein wenig verwirrt, schien die Sache doch klar. Versuchte er gar Jun nun zu durchschauen? Denn der Fürst hatte sich was bei seinen Worten gedacht, das sah man Jun einfach an.
"Was wird das?"
"Vernon...bevor ich mein Fürstentum von euch Aasfressern fleddern lasse, möchte ich mein Schicksal trotzdem noch entscheiden. Ihr bekommt eure Unterschrift, wenn ich keine Wahl sehe. Schimpft mich einen Gläubigen, der zu sehr darauf vertraut sein Schicksal in die Hände seines Gottes zu geben - doch so bin ich. Wir werden noch sprechen. Geht mit Innos."
Vernon nickte und schritt wortlos aus der Kammer, gefolgt von den schweren Stiefeln der gorthanischen Wachen. Jun indes überlegte und begann den zweiten Brief zu einen Befehl umzuformen.
Medin! Versucht mit Pandron zu sprechen. Warnt ihn davor, dass der Fürstensohn von Yruma die Finger nach Quasar ausstreckt und ich diesem Quasar durch alte Verträge die die Gorthaner nicht kennen ganz überlasse, weil die Flucht nach Myrtana unmöglich scheint. Bietet ihm an, dass ich dies nicht machen werde, wenn er unsere Flucht unterstützt. Er wird wohl wissen, dass ich hingerichtet werden soll und erhofft sich etwas mehr, da er für die Gorthaner schon immer gearbeitet hat. Der Umstand nichts vom Kuchen zu bekommen, weil die Adligen sich absprechen, ist für Pandron sicher enttäuschend. Plant eine nächtliche Flucht, mit möglichst vielen seiner Leute. Dann versucht Radovid zu kontaktieren...oder besser Informationen zur passenden Zeit zukommen zu lassen. Wenn ich ihn richtig einschätze, wird er an Ländereien nicht interessiert sein. Er ist eine Marionette des gorthanischen Rates. Wenn er erfährt was Pandron macht wird er handeln. Schmiedet selbst einen Plan für diese Nacht, um das Chaos zu nutzen. Radovid erscheint mir als brauchbare Geisel, wenn du verstehst. Doch darauf kann man sich nicht verlassen. Ich werde indes ein Angebot Verons annehmen und versuchen eine Flucht durch Vernons Leibwache zu organisieren. Doch sei gewarnt vor Shilard. Ich bin mir sicher, dass er seine Spitzel überall hat. Ich halte euch mit Vernons Leuten auf dem Laufenden und ihr mich über Pandron und Radovid. So Innos will, werden wir die Gorthaner gegeneinander ausspielen. Quasar ist heute nur noch ein frisch geschlagener Kadaver und die Aasfresser und Räuber umkreisen diesen schon. Vernon, Pandron, die Gorthaner und sicherlich manch Nachbarn. Ohne Rückhalt in Gorthar, werden wir es verlassen müssen. Unsere Leute sollen sich dafür bereit machen. Mit oder ohne mich. Ich verlasse mich auf dich, Freund. Für Innos!
Jun faltete das Stück Pergament mehrmals, nachdem die Tinte trocken war und würde es Bors Tochter morgen übergeben.
"Ist ein Krieg unter Brüdern es wert, weil ein Mann der Grund ist? - Nein. - Ist es ein Krieg unter Brüdern wert, um Innos Strafe über die gottlosen Gorthaner zu bringen? Ja! - Möge auf der Asche Gorthars Innos Ordnung erwachsen...", sprach Jun mit grimmiger Stimme und einem fanatischen Ausdruck im Gesicht. Innos gab ihm diese Macht und diese würde er umsetzen - Innos wollte es so!
"Fürst Jun von Quasar möge sich bitte erheben!", forderte die Stimme Shilards auf. Ein Raunen ging um die zuhörende Menge im Burghof. Viele waren zum ersten Prozesstag erschienen. Viele Seelen aus Quasar, aber auch aus dem Umland und wohl manch Zuhörer, der seinen Fürsten aus einem anderen Fürstentum auf dem laufenden hielt oder einfach miterleben wollte, wie gorthanisches Recht gesprochen wurde.
Jun, der ein schlichtes Gewand und die fürstlichen Insignien an sich trug, erhob sich und war auf der aufgebauten Bühne deutlich zu sehen. Unberührt wirkte er. Sich gar sicher hier ohne Schaden heraus zu kommen.
"So sprecht die Anklage aus, ehrenwerter Shilard von Dragflin.", bat Jun. Shilard nickte, rollte eine Pergamentrolle auf und las vor.
"So sei es! Der Fürst von Quasar wird Verbrechen gegen das Land Gorthar bezichtigt. Die Anklagepunkte lauten:
- Missachten der gorthanischen Gesetze und Rechtsprechung! Es wird behauptet, dass im Fürstentum Quasar die Gesetze Innos statt die Gesetze von Gorthar umgesetzt werden!
- Unterdrückung freier Gorthaner! Freie Gorthaner wurden gedrängt den Innosglauben anzunehmen, andernfalls drohe ihnen Strafe und Verbannung aus ihrer rechtmäßigen Heimat!
- Kriegstreiberei! Als der Fürst das Fürstentum Cymria ohne Einladung des Fürsten Helgwid betrat, brach er das Recht dem alle Fürsten Gorthars unterstehen und provoziert nun einen Krieg! Die Gesandten Gorthars werden auch Helgwids Recht vertreten!
- Verrat und Eidbruch am Lande Gorthar! Der Fürst soll Kontakte zum myrtanischen Reich hegen und wird beschuldigt von Quasar aus eine Invasion des myrtanischen Reiches vorzubereiten!", sprach Shilard wie ein Herold laut rufend aus und blickte dann mit einem herausfordernden Blick gen Jun. Die Menge wurde unruhig, mauschelte und fragte herum. War Jun schuldig? Geschah dies alles wirklich?
"Worauf plädiert der Fürst?!"
"Nicht schuldig! In Anklagepunkt 1, 2 und 4! Schuldig im Anklagepunkt 3, jedoch sich keiner Kriegstreiberei bewusst, noch darauf erpicht und damit davon frei zu sprechen!", donnerte Juns Stimme durch den Burghof und übertönte jeden der wagte zu sprechen. Juns Blick war zornig. Empörung war heraus zu lesen. Die Gorthaner hatten sich ja vieles zusammen gereimt. Shilard nahm Juns Worte zu Kenntnis, schien aber unbeeindruckt oder hatte es gar erwartet.
"So möge der Prozess beginnen. Ich rufe als Zeugen zu Anklagepunkt 1 Pandron, den Hauptmann von Quasar, sowie die Wachen Gilfred, Jonas und Zeth auf. - Hauptmann Pandron. Schwört ihr vor diesem Gericht die Wahrheit zu sagen?"
"Ich schwöre!", sprach Pandron und Radovid erhob sich.
"Hauptmann! Wurde euch und euren Männern befohlen Verbrecher anders zu bestrafen? Wurde das gorthanische Recht anders im Lande Quasar gesprochen?", fragte der dritte Kriegsherr der Gorthaner.
"So ist es! Wir wurden dazu angehalten Dieben die Hände abzuschlagen, sei es nur der Diebstahl eines Brotes. Ein Frauenschänder wurde öffentlich entmannt und dann gehängt. Ein Betrüger und laut Fürsten Verräter, aber auch Gorthaner wurde nicht in den Kerker geworfen, um eine Strafe zu verbüssen. Ihm wurden die Hände abgeschlagen, damit er nie wieder eine Waffe gegen Quasar erhebe und er aus dem Fürstentum verbannt. Seine Familie hat nun den Rittern des Fürsten zu dienen. Sie haben hier diese Gesetze Innos verbreitet und sie zum Recht gemacht.", sprach Pandron und die Menge wurde unruhig. Verräter brüllte eine Frau und gorthanische Wachen unterbanden den Wurf eines Steines nach Pandron. Shilard drohte daraufhin jedem mit dem Kerker der diese Verhandlung mit Gewalt oder Obszönität störe.
Dann traten die drei Wachen einer nach dem anderen vor und schworen ebenso. Ihre Aussagen deckten sich mit denen von Pandron. Manche klangen einstudiert, manche überzogen dramatisch. In Juns Augen versuchten sie ihm etwas anzuhängen, dass zwar so geschah, aber rechtens war.
"Verteidigt euch, Fürst von Quasar!", bat Shilard. Statt sich Shilard, Radovid und Vernon zu widmen, widmete sich Jun erst den Zuschauern und bat sie Ruhe zu bewahren. Dann waren die Gesandten Gorthars dran.
"Wer herrscht in Quasar? Ist es der Fürst oder der gorthanische Rat? - Es ist der FÜRST! DAS ist gorthanisches Recht! Im Friedensvertrag zu Gorthar so verbrieft! Keine Marionette bin ich und als Fürst bin ich beraten gorthanisches Recht zu sprechen - nicht verpflichtet! Die Gesetze Quasars sind für wahr an die alten Gesetze des Innosordens angelehnt. Doch wenn man sie mit denen Gorthars vergleicht, sind sie nicht anders! Soll ich dulden, dass Diebe es wagen ehrbare Bürger meines Fürstentums zu bestehlen? Soll ich dulden, dass Frauenschänder ihr Unwesen treiben? Soll ich dulden, dass Verräter am Fürstentum Quasar ungeschoren davon kommen? Ist es nicht meine fürstliche Pflicht den Verlassenen zu helfen? - Das alles geschieht auch in Gorthar, nur ist es in Quasar nun einmal konsequenter. Innos Recht soll warnen, soll abschrecken und soll Taten folgen lassen! - Wer sich an die Gesetze hält, den schützt das Gesetz mit aller Macht! Doch wehe dem, der es bricht! In Quasar wagt es niemand zu stehlen, zu schänden, zu betrügen...leider jedoch manchmal zu verraten.", sprach der Fürst und provozierte bewusst. Pandron konnte den Blick den Fürsten auf sich nicht standhalten und blickte zu Boden. So wie die Wachen. Jun vermochte die Menge mit seinen Worten einzunehmen. Er war ein Anführer. Ein Streiter des Innos.
Shilard zögerte nur kurz, bevor er das Wort wieder ergriff.
"Wir danken dem Fürsten für seine Verteidigung. Wir möchten nun mit Anklagepunkt 2 fortfahren, bevor wir den Prozess zur Beratung unterbrechen."
Radovid rief Zeugen auf, die Jun noch nie in Quasar gesehen hatte. Andere wiederum erkannten sie als einstige Einwohner der Stadt.
Es war ein älterer Mann der sich als Kaufmann ausgab, dann zwei Frauen, sowie ein Dutzend Bauern für die ihr Ältester sprach.
Viele Zeugen und Jun hörte zu was jeder zu erzählen hatte. So behauptete der Kaufmann, dass man ihm nach und nach das Geschäft kaputt machte, weil er sich nicht zu Innos bekannte. Er beschrieb akribisch, als würde er jeden gorthanischen Kreuzer einzeln zählen, was ihm Tag für Tag widerfuhr, bis er entschloss das Fürstentum gen Gorthar Stadt zu verlassen.
Die zwei Frauen überwarfen sich mit Widersprüchen. Die eine erzählte wie ihr Gatte zu Tode kam, als er gezwungen wurde die Kapelle in Suno zu errichten. Als jedoch manche Bürger rein riefen, dass ihr Mann es eh mit dem Herzen hatte und ein Steinmetz vortrat und deutlich machte, dass jeder der dort mit anpackte gut bezahlt wurde, flog die Zeugin auf. Vernon meinte dies werde noch ein Nachspiel für sie haben und überführte dann auch die zweite Zeugin. Jene hatte eine Verfolgung ihrer Familie durch wahnsinnige Innosgläubige beschrieben, die sie bis in die Yrumaberge trieb. Von da an, aber kam sie in Widersprüche, da sie einmal innerhalb eines Tages an zwei Orten waren die laut Vernon mindestens drei Tagesreisen in den Bergen auseinander liegen. Sie versuchte zu korrigieren, doch wurde sie immer unglaubwürdiger.
Giran, als einer der Zuschauer, spottete, dass man sich da ja ein paar schlaue Zeugen zusammen gesucht hätte. Dann aber wurde es spannend, denn der Älteste der Bauern erschien auf der Bühne und schwor die Wahrheit zu sagen. Er beschrieb sich als ehemaliger Bewohner aus dem Dorfe Yokun und trug dann vor, was den seinen widerfuhr.
"Uns Bauern kam der Wechsel mit dem Fürsten zuerst ganz recht. Wir bekamen bessere Preise für das Vieh und das Korn. Doch als sie diesen Schrein aufstellten, wollten sie Spenden haben. Wir Bauern von Yokun sind einfache Menschen und haben das geglaubt, was schon unsere Vätersväter geglaubt haben. Wir kennen die Worte Innos nicht und brauchen sie nicht. Uns geht es gut. Was wir wollten, war Yokun ausbauen. Unsere Gemeinschaft war stark genug, um einen eigenen Handelsposten entlang der großen Straße zu errichten. So hätten wir uns den Weg nach Quasar ersparen können. Doch weder der Herr Ritter noch der Fürst gewährten uns dieses Vorhaben. Als wir uns dagegen sträubten, erschienen Truppen aus Quasar und holten sich was dem Fürsten laut ihnen zustand. Gleichzeitig machten sie uns klar, dass wir innosfürchtiger handeln sollten. Wir glauben, dass uns Unrecht geschieht und dies nur, weil wir nicht dem Gott des Fürsten folgen.", sprach der Bauer. Shilard nickte Vernon zu und dieser entließ den Bauern. Nun war wieder Jun an der Reihe.
"Was sollten diese zwei Weiber? Ein Versuch die Bevölkerung Quasars gegen mich zu bringen? Unwürdig! Genau so wie die Anklage! - Innos Recht mag im Fürstentum Quasar gelten und Innos soll der Gott aller Menschen Quasars sein, doch gezwungen wurde niemand. Es ist bekannt was eine meiner ersten Amtshandlungen im gesamten Fürstentum war. Den Bau von Innoswegschreinen und Worte an jeden Bewohner des Fürstentums. Wer nicht der Gnade Innos' folgen will, dem sei es gestattet das Fürstentum frei zu verlassen. Gedrängt wurde niemand, doch ist dem so, dass fromme Menschen bei frommen Menschen einkaufen. Wer in die Grundbücher des Fürstentums blickt wird heraus finden, dass so manche weg zogen und dies unbescholten, aber noch mehr hierher zogen. Menschen aus ganz Gorthar, einstige Flüchtlinge der myrtanischen Kriege die Innos Wort kennen und suchten. Hier haben sie Schutz gefunden, während sie selbst in Gorthar Stadt als kleine Enklave in unwürdigen Verhältnissen leben mussten. Quasars Wohlstand ist kein Zufall. Doch Opfer gibt es bei sowas auch. Dies ist nicht zu bezweifeln und es tut mir für den Herren Kaufmann Baldrin leid, dass sein Geschäft nicht mehr Gewinne brachte. Doch dies geschah nicht, weil er nicht konvertierte! - Ebenso wehre ich mich gegen den Vorwurf der Bauern aus Yokun. Nicht ihr Glauben war es, was mich dazu bewegte, dass sie nicht gefördert wurden. Nein! Es hat Gründe die sich leicht erklären. Ihr Korn und ihr Vieh wird in anderen Ecken Quasar benötigt. Für jene die nicht die Äcker bebauen und Vieh züchten. Für die Minenarbeiter und Holzfäller. Für jene die Erze fördern und die Metalle nach Quasar bringen. Sie bringen dem Fürstentum Wohlstand und das nur, weil sie vom Korn und Vieh der Bauern des Fürstentums gut genährt werden. Die Einnahmen erlauben es uns bessere Preise zu zahlen. Ein Handelposten an der großen Straße ist nicht im Sinne des Fürstentums Quasar und als Fürst steht es mir zu, darüber zu bestimmen was auf meinen Land geschieht!"
"Aber eure Soldaten meinten wir sollen innosfürchtiger werden! Was soll das heißen!?", rief ein junger Bauern rein.
"Sage mir, Bauer. Wer bestellt den Acker, wenn alle Herren sein wollen? Die Bauern von Yokun haben sich angemaßt gegen Innos Ordnung vorzugehen, indem sie wider ihres Fürsten handelten. Sie wollten Herren sein, obwohl ihr Herr gut für sie sorgte und selbst dann sie nicht strafte, sondern sich nahm was ihm und seinem Fürsten zustand. Innos Ordnung gibt uns vor wie eine Gesellschaft funktioniert. Bauer bleibe Bauer. Nur jene besonders starken Willens sind in der Lage dieser Ordnung zu entfliehen, doch sie sind zu Höherem bestimmt und dies ist Innos Wille. Doch glaube ich nicht, dass es Innos Wille ist, dass ihr alle zu Höherem bestimmt wurdet. Ohne euer Korn und Vieh hungern die Schürfer. Ohne das Erz verliert Quasar an Wohlstand und dann leiden alle darunter. Erkennt die Wahrheit in meinen Worten und ihr werdet erkennen, dass ihr eurem Fürsten erneut Unrecht tut. - Dies ist meine Verteidigung, Gesandte Gorthars.", sprach der Fürst und hatte die meisten Worte an sein Volk gerichtet. Er war für wahr nicht der gute Herrscher der allen und jedem in seinem Fürstentum einen Platz an der Sonne schuf. Er war aber ein gerechter Herrscher der an sein Volk und Innos Ordnung dachte und glaubte.
Shilard ließ den Schreiber vollenden und beendete dann den ersten Prozesstag. Sie würden sich wohl beraten und die weiteren Anklagepunkte vorbereiten. Es war für sie ratsam, bessere Zeugen zu liefern.
Der Blick diszipliniert, stoisch gerade aus, Körper straff, den Arm im rechten Winkel an der Pike. Die Wachen rührten sich nicht, als Medin in den Burghof schritt. Sie blickten ihn auch nicht an, obwohl sie ihn ohne Zweifel sahen. Er kannte das genau. Aus dem Augenwinkel heraus nahmen sie seinen Blick, seine Haltung, seinen Gang war, aber ihn anblicken – nein, das wollten sie nicht. Er war nicht mehr Hauptmann der Garde, seit Pandron das Sagen hatte. Wenn sie ihn grüßten oder ihm zunickten, riskierten sie, als Loyalisten zu gelten. Als einer jener Soldaten, die in Pandrons Abwesenheit Gefallen an Medins Kommando gefunden hatten und sowieso hinter Jun standen. Nach denen hatte der zurückgekehrte Hauptmann nun in den Rängen der Stadtwache seine Fühler ausgestreckte. Also ignorierten sie ihn und der Südländer konnte sich beinahe schon wie ein Geist vor ihnen bewegen.
Im Burghof blickte er hinüber zum Übungsplatz. Sechs seiner gut ausgebildeten Gardisten standen da vor einem der Offiziere und mussten exerzieren. Das war noch die bessere Beschäftigung, hatte Medin herausgefunden. Es war eine der ersten Amtshandlungen Pandrons gewesen, die Garde aufzulösen, Qhorin aus dem Dienst zu entlassen und die anderen wieder in die normale Stadtwache zu integrieren – nicht ohne sie erst einmal ordentlich zu schleifen. Und dazu gehörten auch der berüchtigte Latrinendienst, Kerkerwache, Schanzarbeiten und Pflegedienst in der Rüstkammer. Was für eine Verschwendung für die besten Soldaten Quasars, dachte ihr ehemalige Anführer.
Doch er vermied Blickkontakt mit den Männern und setzte seinen Weg direkt in die Kommandantur der Stadtwache fort. Der Eingang des steinernen Baus im Schatten des starken Burgwalles wurde ebenfalls von zwei Soldaten bewacht und auch wenn ihnen anzusehen war, dass sie den Blickkontakt mindestens genauso scheuten, konnten diese nicht einfach wegsehen.
„Halt!“, sprach der eine von beiden und neigte den Speer leicht, als Medin sich daran machte die Tür zu durchschreiten. „Ihr habt hier keinen Zutritt mehr, auf Anordnung von Hauptmann Pandron.“
„Dragald, richtig?“, versuchte sich Medin zu erinnern und die Reaktion der Wache gab ihm Recht. „Ist er da?“
„Der Hauptmann? Er will nicht gestört werden.“
„Ich muss mit ihm sprechen. Es geht um den Prozess von Lord Jun und eine Bedrohung für das Fürstentum“, trug er unbeirrt vor, den Blick auf den Soldaten geheftet. „Das wird ihn interessieren.“
Der Soldat haderte und blickte zu seinem Kameraden. Von dem kam keine Hilfe.
„Gut, aber ihr müsst eure Waffen abgeben“, antwortete er schließlich.
„Was?“, entgegnete Medin aufgebracht, obwohl er nichts anderes erwartet hatte.
„Ich kann euch nicht mit Waffen zum Hauptmann lassen.“
Der Paladin hielt einen Augenblick inne, bevor er widerwillig den Schwertgurt vom Rücken löste und Dragald in die Hand drückte. Der gab das Gehänge an seinen Kameraden weiter, öffnete die Tür und trat vor Medin hinein, um ihn zu Pandron zu führen.
Drinnen fand er den größeren Vorraum, von dem mittig eine breite, steinerne Treppe zu den Räumlichkeiten des Hauptmanns führte. Auf der linken Seite befand sich hinter einer Tür aber auch ein Durchgang zu den Kerkergewölben, die eigentlich separat in den Fundamenten der Burg angelegt waren (ein Relikt aus den grausamen Tagen Lord Iryas), hier aber eine Verbindung zu den Wachquartieren fanden. Die Tür war unbewacht, denn der zuständige Wächter befand sich auf der anderen Seite in den Vorräumen des Kerkertrakts.
Doch mehr Aufmerksamkeit konnte Medin diesem Umstand nicht schenken, denn schon befand er sich auf der Treppe zu Pandron. Dragald schien es eilig zu haben den Gast hoch zu führen und dann möglichst schnell wieder loszuwerden, also tat Medin ihm den Gefallen. Vor der Tür des Hauptmanns befand sich noch einmal eine Wache, die überrascht dreinschaute, aber nichts sagte, als die beiden Soldaten erschienen. Auf ein Klopfen hin wurden sie herein gebeten.
Pandrons Arbeitszimmer war ein nicht sehr großer Raum mit zwei Waffenständern, einem Schreibpult, einem Kartentisch und einigen Regalen, die mit Schriftrollen und allen möglichen anderen Sachen befüllt wachen. Der Hauptmann selbst beugte sich gerade über den Kartentisch, gekleidet in den Wappenrock Quasars.
„Sir, verzeiht, aber Sir Medin wünscht euch dringend zu sprechen“, verkündete Dragald, wobei er eine kleine Denkpause vor Medins Anrede einlegen musste.
Pandron blickte auf und für einen Augenblick war die Überraschung zu spüren. Doch der Soldat überwand die schnell und leichte Verärgerung erschien auf seiner Miene. Nun war er auf der Hut.
„Was wollt ihr? Ich habe keine Zeit.“
„Unter vier Augen“, kam Medin einer Entschuldigung seitens Dragalds zuvor. Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann winkte Pandron seinen Untergebenen hinaus.
„Warte vor der Tür, es wird nicht lange dauern“, war sein Befehl an den Soldaten, der schnellen Schrittes verschwand und die Tür hinter sich ins Schloss zog. „Nun? Gefällt euch die neue Freizeit nicht oder wollt ihr für eure Männer sprechen?“
„Weder noch“, entgegnete Medin kühl, der mit dem Vorsatz gekommen war, Pandron nicht zu reizen. „Ich komme als Bote von Lord Jun.“
„Hat Shilard das Kontaktverbot gelockert?“ Der Arrest des Lords wurde von den mitgereisten gorthanischen Wachen vollzogen, dazu stand der ganze Turm des Lords unter ihrer Kontrolle. Ohne die Genehmigung Shilards, Radovids oder vielleicht auch Vernons kam niemand auch nur drei Stockwerke nah an Jun heran.
„Nicht dass ich wüsste“, war Medins einziger Kommentar dazu und er beließ es dabei. Bevor Pandron nachhaken konnte, fuhr er fort: „Aber das sollte gerade nicht eure Sorge sein sondern eher das Spiel, das die gorthanischen Fürsten gerade hier treiben.“
„Was soll das Gerede? Wenn ihr glaubt, ich entlaste euren teuren Freund von seinen Vergehen, verschwendet ihr eure Atemluft.“
„Selbst wenn ihr das tun würdet, wäre Jun der Schuldspruch sicher. Ihr wisst ebenso gut wie ich, dass daran nicht mehr zu rütteln ist. Was mich herführt, sind die Konsequenzen und das, was danach geschehen wird.“
„Lord Jun erhält die gerechte Strafe und Quasar wieder eine gerechte Herrschaft auf Geheiß des gorthanischen Rates.“
„Ist das so?“, entgegnete Medin nun doch etwas provokant. „Quasar wird keine zwei Sonnenaufgänge nach dem Schuldspruch – und wahrscheinlich der Hinrichtung – erleben, bevor es sich die Nachbarfürsten nicht wie Kriegsbeute aufgeteilt haben.“ Er hatte bewusst die Metapher aus dem Soldatenleben gewählt, denn Pandron wusste, wie viel Beute dem Fußsoldaten und wie viel dem Fürsten nach einem Feldzug zufiel.
„Unsinn!“, entgegnete er barsch. „Quasar wird in seiner alten Größe wiederhergestellt. Frei von religiösem Eifer.“
„Unter wem? Irya ist tot und seine Linie erloschen. Es gibt Prätendenten, aber keiner hat einen starken Anspruch.“
„Der Rat wird eine Lösung finden und solange einen fähigen Statthalter berufen.“
Pandron ließ sich wirklich nichts anmerken, aber Medin war sich sicher, dass er inzwischen zweifelte. Natürlich hatte der Hauptmann gehofft, eine zentrale Rolle zu spielen, auch wenn er das selbst hier unter vier Augen nicht äußerte. Es war Zeit, mit der entscheidenden Information herauszurücken und die Saat sprießen zu lassen.
„Vernon von Yruma war vor zwei Tagen bei Lord Jun und hat ihm versichert, dass ihm der Tod durch das Richtschwert sicher sei, wenn er nicht den zu Quasar gehörenden Teil der Yrumaberge mit den reichen Minen und einen breiten Flecken des Vorlandes an den Vater Vernons, den Fürsten von Yruma, abtritt.“
„Das kann er gar nicht. Jegliches solches Dokument, dass er nun unterzeichnet, wäre nichtig.“
„Pandron, ihr wisst, dass es da Wege gibt. Die Verträge und Urkunden würden bereits existieren; es wären alte, lang getrocknete Siegel.“ Pandron dachte nach. „Shilard weiß davon wahrscheinlich, kann es aber kaum unterbinden, ohne die ordentlich erscheinende Beendigung des Prozesses zu Gefährden, auf den er so viel Wert legt.“
„Warum kommt ihr dann zu mir, wenn euer Lord bereits einen Verbündeten gefunden hat“, fragte der Hauptmann verärgert.
„Weil er so einen nicht sucht. Vernon hat ihm eine Verbringung in ein Kloster unter Entsagung aller weltlichen Ansprüche als Gegenleistung angeboten, aber Lord Jun vertraut ihm nicht und schon gar nicht will er Quasars Ländereien als Pfand für sein Leben verscherbeln. Daher schickt er mich zu euch, denn er scheint der Auffassung zu sein, dass ihr trotz aller Intrigen nur das Beste für Quasar wollt – Innos selbst muss ihm diesen Glauben schenken“, fügte Medin noch hinzu. Er musste keinen Hehl daraus machen, was er von Pandron hielt. Das wussten die meisten und der Betroffene ohne Frage. „Er unterzeichnet die Dokumente nicht, wenn ihr ihm die Flucht aus Quasar ermöglicht. Damit wärt ihr sowohl ihn los und könntet euren Einfluss hier ohne einen erstarkten Vernon in der Flanke nutzen, um Quasars weiteres Schicksal nach euren Vorstellungen zu lenken. Und die Freiheit eines einzelnen Mannes ist ein geringer Preis dafür.“
„Ihr wollt, dass ich Shilard und den Rat hintergehe?“ Wahrscheinlich wollte Pandron erboste klingeln, als es ihm gelang.
„Nein, denn dieses Spiel treiben die gorthanischen Adligen bereits. Ich will, dass ihr endlich etwas für Quasar tut“, warf Medin ihm ins Gesicht. „Falls da irgendwo noch Ehre in euch ist.“
„Die Unterhaltung ist beendet“, rief Pandron aufgebracht. „Schert euch hinfort, bevor ich euch einkerkern lasse.“
„Dann vergesst nicht, was von euch abhängt. Lord Jun braucht eure Antwort bald“, setzte Medin nach. Dann brauchte es kein weiteres Wort mehr, um ihn zur Tür hinauszubringen.
Dort nahm er den Waffengurt wieder entgegen und folgte Dragald nach draußen. Das Gespräch war ganz gut gelaufen, aber ob Pandron wirklich angebissen hatte, würde sich noch zeigen müssen. Jetzt gab es noch etwas anderes zu tun. Hoffentlich stimmten seine Informationen, dass Galen gerade Dienst im Kerker tat. Es gab da noch einen Gefangenen, mit dem er reden musste.
"Was ihr einmal geschafft habt, könnt ihr auch ein zweites Mal."
"So einfach ist das nicht. Ihr wart nicht der Fürst, der des Hochverrats angeklagt ist." Aaron musste Quintus eingestehen, dass er damit nicht ganz unrecht hatte und außerdem war Pandron im Falle eines Fluchtversuches des Fürsten vermutlich deutlich besser vorbereitet als es damals bei Hiroga und ihm der Fall gewesen war. Die Entwicklungen der letzten Tage gefielen dem Ordensbruder in keiner Weise. Es war nicht so, dass er um jeden Herrscher trauerte, doch sein Eindruck vom Fürsten Quasars war sehr positiv ausgefallen. Nicht nur, dass er als Gast empfangen worden war, nein in den Tagen seiner Unterbringung hatte er einiges in Erfahrung bringen können. Die meisten Bewohner Quasars schätzten ihren Souverän als den strengen aber gerechten Mann, der er war. Er galt als Mann, der sich selbst nicht zu schade war für seine Einstellung zu kämpfen. Er focht auch nicht hoch auf den Mauern eines Belagerungskrieges seinen eigenen Kampf der adligen, in denen viel geredet, wenig gekämpft und noch weniger gestorben wurde. Nein, er führte seine Männer stets an vorderster Front und galt als der "Prediger". Als Aaron diesen Titel, den auch Hiroga schon einmal erwähnt hatte, erneut vernommen hatte, kam er nicht umhin seine Augen die Geringschätzung gegenüber der "Prediger", die er kannte zum Ausdruck bringen zu lassen. Doch dass an Jun etwas war, das konnte er nicht verleugnen und dieses etwas war nun in der Kritik, sogar in der Gefahr zwischen die Mahlsteine der Hochwohlgeborenen zu geraten und dort zu verenden.
"Jedoch..." Bors fünfter Sohn beendete zögerlich die unangenehme Pause und der Krieger Innos' hob den nachdenklichen Blick vom Boden des Raumes zu dessen Gesicht und wartete auf die Fortsetzung des begonnenen Satzes.
"...es gibt nicht nur uns, die wir treu zu Jun stehen." Der Ordensbruder sah hinüber zu Bor, den er vor wenigen Tagen erst kennen gelernt hatte und der noch mehr trank seit dem er von Pandron vorerst suspendiert worden war, bis der Prozess endete. Der poltrige Mann wechselte derzeit seine Gemütszustände häufiger als den Inhalt seines Kruges und schon der ständige Wechsel desselben war nicht zu verachten. Zuweilen verfluchte er Gesamtgorthar mitsamt aller Adligen und dann wieder starrte er in eisigem Schweigen stundenlang auf einen Punkt ohne sich zu regen.
"Wäre auch traurig, wenn seine einzige Hoffnung ein Mann wäre, der ohne seine Leitperson keinen klaren Gedanken zu fassen vermag."
"Du sprichst von meinem Vater..." Quintus Stimme wurde kühl "...einem der treuesten Gefährten, die Jun je hatte und einem Krieger, der schon Orks schlachtete, als wir beide noch mit Holzpferden spielten. Um zum Punkt zu kommen..."
"Hab ich nie..."
"Was?"
"Mit Holzpferden gespielt."
"Traurig für dich. Wenn ich mal Zeit hab werde ich dich bedauern und dir eins schnitzen." Man merkte dem jungen Mann an, dass er nicht ganz unberührt von dem ganzen Geschehen blieb und Aaron konnte es ihm nicht verübeln. Dennoch erwiderte er
"Das wird nicht nötig sein."
"Wunderbar... wo das jetzt geklärt ist: man sagt es gäbe Pläne. Was für welche wird dir keiner verraten, denn dazu kennt man dich hier nicht gut genug. Ich soll dir allerdings sagen, dass du dich bereit halten sollst, für den Fall, dass du unserer Sache dienst."
Aaron schnaubte spöttisch und drehte spielerisch den Krug in seiner Hand.
"Ich soll mich bereit halten für jemanden, den ich nicht kenne, für etwas von dem ich nichts wissen darf und so auch auf etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist. Gut. Du kannst Medin ausrichten, dass ihr euch auf mich verlassen könnt, aber er soll gefälligst zusehen, dass meine Rüstung fertig ist, wenn 'es' los geht."
Quintus hielt dem Blick stand. Eine Weile rührte er keine Miene, dann schüttelte er den Kopf.
"Was hat dich so verbittert gemacht, Aaron?" Braun-grüne Augen, ausdruckslos? Spöttisch? Verwegen? Sie blickten, doch verrieten sie nichts und Bors Sohn suchte doch in ihnen nach etwas. Vielleicht suchten sie nach dem, was sie in Juns fanden?
"Willst du die pathetische oder die einfache Antwort?"
"Hauptsache irgendeine..."
"Das Leben." Nun war es Quintus, der die Augen rollte.
"Welche von beiden war das jetzt?"
"Ich würde sagen... du hast viel Zeit darüber zu rätseln."
Müde rieb Medin sich die Augen, als er vor den Gemächern, die Radovid bezogen hatte, unter den wachsamen Blicken zweier gorthanischer Pikeniere an die Wand gelehnt wartete. Die letzten Tage und vor allem Nächte waren aufreibend gewesen. Viele Gespräche mit Loyalisten hatte er nur nach Einbruch der Dunkelheit im konspirativen Kreis führen können. Vor zwei Nächten war er sogar drei Meilen vor die Stadt geritten, um einen Späher zu sprechen, was ihn acht Stunden Schlaf und einiges Bestechungsgeld für die Torwachen gekostet hatte. Aber das war es wert gewesen, denn so hatte er Informationen bekommen, die er sicher nützlich würde ausspielen können. Das sollte sich zumindest gleich zeigen.
Ansonsten war der auch emotional für in schwerste Schritt letzte Nacht unternommen worden. Ein kleiner Kauffahrer hatte im Schutze der Dunkelheit und einiger wieder gut geschmierter Wachen den Binnenhafen Quasars flussabwärts verlassen. Mit an Bord Lilo und Schimmer, die in Begleitung von Theobald und Kortis aus der Gefahrenzone gebracht werden sollten. Das Schiff sollte sie bis zu einer kleinen Faktorei bringen, von wo aus sie auf dem Landweg Gorthar erreichen würden – ein Ort, wo Medins Gegner sie unter falschem Namen erst einmal nicht suchen und finden würden. Er vertraute Kortis inzwischen genug, dass er gemeinsam mit Theobald auf die beiden aufpassen würde, bis er nachkommen konnte. Zwar hatten sie einst die Schwerter gekreuzt, doch in den letzten Monaten hatte er den Gefangenen gut genug kennen gelernt, dass er sich auf seine Ehre verlassen konnte. Und Kortis hatte so immerhin seine Freiheit wieder erlangt, was auch nur ein halbkorrekter Vorgang gewesen war – aber Pandron hatte längst nicht so viel Rückhalt in der Wache, wie er sich wohl wünschte.
„Sir Medin.“ Radovid hatte die Tür geöffnet. „Wenn ihr für euren Lord vorsprechen wollt, habt ihr an der falschen Tür geklopft. Versucht es bei Shilard.“
„Ich bin richtig“, versicherte er, straffte sich und nickte viel sagend zu den beiden lauschenden Wachen. „Nur wenige Minuten Gehör erbitte ich.“
„Also gut, tretet ein.“
Das Gemach von Radovid war größtenteils in seinem ursprünglichen Zustand. Viel hatte der junge General nicht aus Gorthar mitgebracht, wohl mit einem kurzen Aufenthalt rechnend. Einige Karten und Dokumente, eine vortrefflich wirkende Plattenrüstung, ein großer Zweihänder an der Wand.
„Wie ich schon sagte, wenn es um Lord Jun geht, seid ihr an der falschen Adresse.“
„Es geht um Quasar und euer Kommando“, erwiderte Medin und konnte das Aufblitzen in den Augen seines Gegenübers sehen, als er von seinem „Kommando“ sprach. Die Aufmerksamkeit war geweckt. „Quasar ist in Gefahr.“
„Direkt zum Punkt, wie man es von euch gewohnt ist“, kommentierte Radovid. „Ich habe schon von euch gehört, als ihr noch für Rhobar die Schlachtfelder des Orkkrieges bestellt habt. Schade, dass wir nicht unter anderen Umständen aufeinander treffen.“
„Dann wisst ihr ja auch, dass es mir fern liegt, Konflikte künstlich in die Länge zu ziehen und Verluste dort in Kauf zu nehmen, wo man sie mit anderen Entscheidungen im Vorfeld verhindern kann.“
„In der Tat, ihr seid eher für präzise, verdeckte Aktionen als offene Feldschlachten bekannt. Ich vermute, euer nächtlicher Ausritt neulich diente einem ähnlichen Zweck?“ Das traf ihn unvorbereitet. „Gold kann Schweigen ebenso erkaufen wie brechen. Glaubt nicht, dass ich mich alleine auf die Sicherheitsvorkehrungen verlasse, die Pandron trifft.“
„Und ihr tut gut daran“, versuchte Medin gar nicht zu leugnen. „Es stimmt, ich war vor der Stadt und habe Kontakte getroffen. Deshalb bin ich auch hier. Da ich von meinen Posten abberufen wurde, müssen diese Informationen zu jemandem, der etwas unternehmen kann – und von Soldat zu Soldat gesagt erscheint ihr mir da fähiger als Shilard und Pandron zusammen.“
Vielleicht bildete sich Medin das auch nur ein, aber er hatte den Eindruck, dass dieses Kompliment wirkte. Hielt Radovid etwas auf ihn aufgrund seiner vergangenen Tage im myrtanischen Heer?
„Cymria zieht Truppen im Grenzgebiet von Quasar zusammen“, fuhr er fort. „Wahrscheinlich versucht Helgwid den Vorwand zu nutzen, um sich seinen Teil des Kuchens zu holen.“
„Fürst Helgwid unterstützt die ordentliche Untersuchung des gorthanischen Rates“, erwiderte Radovid, aber Medin spürte, wie ihm die Truppenbewegungen nicht behagten. Vermutlich wusste er schon ebenso lange über diese Bescheid.
„Aber wen schickt der Rat?“, hakte der Paladin ein. „Vernon von Yruma und nicht einen von Helgwids Söhnen. Das ist doch ein klares Zeichen, welche Interessen der Ratsherr Shilard berücksichtigen möchte.“
„Das ist eine Entscheidung des Rates. Warum kommt ihr damit zu mir?“
„Weil ihr hier mit zwei dutzend Infanteristen steht, wo bald Heere aufeinander treffen könnten. Helgwid ist nicht dafür bekannt Delegationen zu entsenden und das Fürstentum Yruma wird wohl auch nicht Vernon die alleinigen Verhandlungen überlassen, wenn sein Nachbar das Grenzgebiet von Quasar besetzen wird. Früher oder später werden sie hierher kommen und die Entscheidung suchen – und egal ob Blut fließt oder nur Worte gewechselt werden, ihr steht mit zweihundert Klingen besser als mit zwanzig da.“
„Ich kann nicht einfach eine Streitmacht aus Gorthar herbeordern, ohne dass die Ratsherrn Fragen stellen werden. Ihr überschätzt meine Möglichkeiten.“
„Tue ich das? Vergesst nicht, wen ihr vor euch habt“, spielte Medin wieder die Karte seines Rufes. „Es ist euch sicher möglich, ein oder zwei Schiffe voll mit gut ausgebildeten Infanteristen hierher in Gang zu setzen. Das Umland muss gesichert werden, meinetwegen sind die Aktivitäten der Loyalisten stärker als erwartet. Oder aber ihr requiriert Kräfte vor Ort.“
„Pandron herrscht kommissarisch über Quasar und kommandiert jeden unter Waffen stehenden Mann des Fürstentums.“
„Dann solltet ihr ein gutes Auge auf ihn haben.“
„Wie meint ihr das?“, fragte Radovid und machte Medin einmal mehr bewusst, dass er einen Soldaten vor sich hatte, der in den Kategorien eines Soldaten dachte. Oft war es ihm selbst nicht anders ergangen.
„Glaubt ihr, dass Pandron von langer Hand her die Absetzung seines Herrn, der Quasar von der Schreckensherrschaft Iryas befreit hat, unter großem persönlichen Risiko plant, um dann zuzusehen, wie der Rat die Beute unter sich aufteilt?“
„Wollt ihr Hauptmann Pandron des Verrats bezichtigen?“
„Ich sage nur, dass er gemessen an der Zahl der Schwerter gerade der mächtigste Mann in Burg und Stadt ist. Um Quasar vollends unter seine Herrschaft zu bringen, bräuchte er nur Lord Jun – und der befindet sich in eurer Gewalt.“
„Das weiß ich selbst!“, entgegnete Radovid nun etwas verärgert. Er hatte Dinge erfahren, die ihm nicht gefielen. „Aber warum erzählt ihr mir das?“
„Ihr sagtet doch, dass ihr schon von mir gehört habt. Weil mir ebenso wenig daran gelegen ist, dass Quasar zerfleischt wird. Weil ich euch für einen besonnenen Strategen halte, der einen Konflikt und das Leid vieler verhindern kann. Und weil ich Pandron nicht für einen solchen Mann halte.“
Radovid, die Arme vor dem Wappen der Stadt Gorthar verschränkt, blickte ihn forschend und nachdenklich an. Einige Augenblicke verstrichen, in denen gar nichts gesagt wurde.
„’Ein paar Minuten nur’ hattet ihr gesagt“, sprach der General schließlich und wandte sich von ihm ab. Medin war sich nicht sicher. „Ihr wisst, wo die Tür ist.“
Der Südländer wandte sich zum Gehen. Das lief besser als erwartet. Er hoffte nur, keine Kräfte in Gang gesetzt zu haben, die dann nicht mehr zu kontrollieren waren.
Weißer Wein wurde aus der silbernen Karaffe in Juns Kelch gegossen. Als nur noch vereinzelt Tropfen heraus flossen, setzte der Paladin die Karaffe ab und nahm einen Schluck des Weines, bevor er den einfachen Silberkelch absetzte und diesen mitsamt dem Teller der letzten Mahlzeit zur Seite schob.
"Ich muss gestehen, dass euer Koch weiß wie man Speisen zubereitet.", sprach Vernon, der Jun gegenüber saß.
"Es ist seine Spezialität. Er ist Khoriner und die wissen Fisch zuzubereiten. Der Zander muss frisch, aber schonend gefangen worden sein. Dann mit Mehl, Scavengereigelb und den Bröseln eines acht Tage alten Kräuterbrotes paniert werden. Dann braucht man Moleratfett zum braten und eine gute Pfanne. Die Details darin mochte er mir nicht verraten...Berufsgeheimnis.", erklärte Jun und lehnte entspannt an seinem Stuhl.
"Manchmal braucht ein Mann seine Geheimnisse, so wie er eine gute, warme Mahlzeit braucht, um den Tag ausklingen zu lassen.", entgegnete der der Mann aus Yruma.
"Für wahr hab ihr Recht, Vernon. Doch Geheimnisse und volle Mägen machen noch keinen Mann, geschweige denn Menschen aus. Sagt mir, ehrt ihr die Götter?", fragte der Paladin.
"Ich ehre mein Land. Ich ehre meinen Vater. Und ich ehre mich. Die Götter mögen existieren, doch haben sie wohl mehr Spaß daran euch Myrtanern das Leben schwer zu machen. In Gorthar, wie ihr wisst, führt man wegen ihnen sicher keine Kriege. Da sind wir Gorthaner...zivilisierter.", meinte Vernon.
"Der Vorteil für die Götter in den Krieg zu ziehen ist der, dass man seinen Feind erkennt und dieser nicht unzählige Masken trägt. Man trifft sich auf dem Schlachtfeld der Ehre und lässt den Ratten und Ehrlosen das heimliche erdolchen in den Gassen oder den Fürstenhöfen. Habt ihr jemals eine Schlacht erlebt, Vernon?", fragte Jun.
"Nicht eine solche wie ihr sie wohl erlebt habt. Aber andere Schlachten. Stellt mich nicht in den Schatten der gorthanischen Fürsten, auf die ihr als...Paladin abwertend blickt. Ein Mann kann viele Tugenden haben und die meinen, sind genauso ehrbar wie die Absichten eines Streiters wie euch. Die Männer die mir folgen beschützen Yruma genauso wie eure Ritter es bei Quasar tun. Wir haben andere Mittel, um Herr über Yruma zu bleiben, aber am Ende denselben Erfolg.", meinte Vernon und leerte seinen Kelch.
"Der Unterschied zwischen einer edlen Kriegertruppe und einer lausigen Mörderbande ist dünner als die Schneide eines Schwerts. Man hörte genug über euch, um zu wissen wie ihr es mit der Ehre nimmt.", sagte der Fürst und lehnte sich vor, um Vernon in die Augen zu blicken. Vernon tat es Jun gleich und grinste ein wenig hämisch.
"Und wenn schon? Wie ihr schon sagtet, die einen sind zum herrschen geboren, die anderen um Felder zu bestellen. Wie man herrscht ist doch gleich, solange man weiterhin zu herrschen weiß. Ich muss mich nicht an Idealen festhalten, um meinen Seelenfrieden zu finden, Fürst. Doch was wollt ihr mit solchen Fragen? Es wird schwer werden, euren Hals zu retten. Euer Geständnis zum dritten Anklagepunkt wiegt schwer.", lenkte der Fürstensohn ab.
"Dessen bin ich mir bewusst und doch habt ihr ein einfaches Mittel dagegen, Vernon.", sprach der Paladin und ging auf das Kernthema des Treffens zu.
"Dann werdet ihr unterzeichnen?"
Jun nickte und lehnte sich wieder zurück. Er faltete die Hände und blickte Vernon nachdenklich an.
"Ich möchte jedoch noch ein paar Modalitäten klären..."
"Die da wären? Ihr sitzt am kürzeren Hebel, Fürst..."
"Glaubt ihr? In Quasar und Gorthar befinden sich so viele Hebel, da kann man nie wissen, wo man wirklich sitzt, Vernon. Doch um auf die Modalitäten zurück zu kommen, stelle ich euch eine weitere Frage. Sagen wir einmal, dass ein Fürst der angeklagt wird, flüchtet und sich der Gerichtsbarkeit entzieht, bevor ein Urteil gefällt wird. Allein aus dem Grund, dass es keinen Unterschied für ihn machen würde oder ihn davor bewahrt doch irgendwie gemeuchelt zu werden. Wie wirkt sich dies auf gorthanisches Recht aus?"
"Ein großer Unterschied würde letztlich nicht herrschen. Nur wären die Fürsten in gewisser Weise gestärkt gegenüber den Gorthanern. Sie ließen euch davon kommen und wollen dann das letzte Wort zu Quasar haben? So läuft das nicht und gefallen würde sich niemand viel von den Gorthanern."
"Und der Rat könnte keinen eigens gewählten Fürsten bestimmen?"
"Auf dem Papier schon. So will es das Gesetz in eurem Fall ohne Verwandtschaften zu den anderen Fürstenhäusern. Der gorthanische Rat könnte es versuchen, würde aber am Widerstand der Fürsten scheitern. Denn die Fürsten verzichteten schon damals mit Iryas Tod auf altes Erbrecht zum Wohle eines Mächtegleichgewichts im gorthanischen Herzland. In jener Zeit gab es keine andere Lösung, sonst hätte Helgwid von Cymria und die Pferdefürsten um Quasar gestritten. Nicht zu vergessen Yrumas Rolle. Alle Fürstenhäuser waren mit dem Fürstenhaus Iryas verwandt. Zwar in älterer Linie, aber verwandt. Wärt ihr nicht frei von irgendwelchen gorthanischen Blutslinien, wärt ihr niemals als Fürst geduldet worden. Doch ob diese Diplomatie noch einmal glückt ist fraglich. Es gäbe nur noch Adlige aus Fürstenhäusern Gorthars. Man würde sich auf das Erbrecht berufen und die Gorthaner in ihrer Stadt wären damit beraten dahin zu verhandeln - allein weil ihr Helgwid von Cymria provoziert habt, aber die meisten Fürsten auf diesen stinkenden, großmäuligen Bären nichts halten. Ihr habt viel gelesen, hmm? Und ich erkenne was ihr mir anbieten wollt...", meinte Vernon und man sah ihn regelrecht an, wie seine Gedanken ratterten wie die Räder einer Windmühle bei einem nahenden Sturm.
"Sehr wohl. Ebenso würden geltende Verträge inspiziert werden, um wohl ja niemanden zu verärgern. Der Friedensvertrag von Gorthar ist gut durchdacht. In diesem Spiel wären die Interessen Yrumas wohl doppelt gestärkt, wenn der gorthanische Rat durch meine Flucht gezwungen wäre nachzugeben. Damit wisst ihr wie wir uns gegenseitig helfen können.", erklärte Jun und griff nach Federkiel und Tinte. Die beiden Pergamentrollen die bei Vernon lagen griff er, rollte sie auf und verglich sie mit seinem vorliegenden Vertrag von damals. Alle drei glichen sich, nur waren Vernons Verträge modifiziert. In ihnen stand, dass man einen beträchtliche Summe von Yruma erlangen würde und die Minen zu Seiten der Yrumaberge und das Land von da bis zur großen Handelsstraße als Pfand hinterlasse, käme man den Rückzahlungen nicht hinterher.
"Es würde eure Investitionen im gesamten Fürstentum erklären. Auch wenn ihr sie wohl erwirtschaftet habt.", meinte Vernon.
"Und die Zweifler darin bestätigen, dass der Fürst von Quasar sich verschuldet hat, um Quasar reich zu machen.", erwiderte Jun.
"...oder das Gold gen Myrtana schaffen ließ...um Anklagepunkt 4 einen Funken Wahrheit zu geben."
"Damit Yrumas Recht frei von jeder Prüfung wäre, weil ein tatsächlicher Verrat stattfand und keiner die Myrtaner fragen könnte wo die ganzen Kreuzer hingingen. Nicht schlecht, Vernon. Nicht schlecht. Ich unterzeichne...", sprach der Fürst und vollbrachte Gesagtes.
"Das ich mich des vierten Punktes schuldig mache, ist aber an die Bedingung geknüpft, dass ihr meine Flucht gewährt. Meine Leute würden bereit sein. Eure Leute würden gebraucht werden um mit zu spielen. Und letztlich müsstet auch ihr direkt dabei sein..."
"Wieso müsste ich dabei sein? Ich würde in Verdacht geraten."
"Wie soll ich euch sonst trauen? Eure Ehre habt ihr mir vorhin definieren können. Ihr wollt herrschen, ihr wollt besitzen...aber ohne euch an Regeln der Ehre zu halten. Dann müsst ihr dabei sein. Als meine Geisel...die mit mir sprechen wollte und dann von meiner Magie überrumpelt wurde. "
"Hört, hört! Da wird der sündenfreie Paladin zum schurkenhaften Raubritter. Was garantiert mir, dass ich euch trauen kann, Fürst?"
"Mein Ehrenwort!", sprach Jun und lachte mit Vernon auf, als dieser die Worte vernahm.
"Und die Flucht, Ehrenmann?"
"Ich hoffe an ein Schiff zu kommen, über das meine Leute auch erfahren. Gleichzeitig muss natürlich die Möglichkeit der Verfolgung gedämpft werden. Heißt also eure Leute kümmern sich darum, sonst kann es dauern bis ihr frei kommt."
"Und Shilard?"
"Shilard? Der bleibt ein Risiko, wie der ganze Rest. Doch solange es letztlich im kleinen Rahmen geschieht, wird er nicht viele Informationen erlangen. Und die Informationen die er erlangt, sollten nicht vertraulich sein. Sonst habt ihr ein Problem und ich habe keine Chance zu entkommen. Die Gorthaner würden Quasar bekommen und Yruma nichts."
Vernon wog ab und überlegte. Es war eine Sache Jun irgendwie durch die Verhandlung zu retten und so an alles zu kommen. Doch was wenn die Gorthaner ihr eigenes Spiel dann umsetzten? Er musste sich absichern und ein geschwächter gorthanischer Rat, würde Yruma das quasarische Gold aus direkten Handelsstraßenzugang, sowie Erz- und Silberminen sichern. Yruma hatte genug verbündete Fürsten und Helgwid als direkter Nachbar von Yruma und Quasar würde diplomatisch nie was erreichen können.
"Gut. Ihr haltet euer Wort und ich erfülle das meine. Wen eurer Leute soll ich aufsuchen? Und welche Beweise werdet ihr liefern?"
"Sucht Medin auf und erzählt ihm, vom Plan und der Geiselnahme. Er wird alles vorbereiten. Und als Beweis werde ich Briefe hinterlassen und mich beim Prozess bekennen, wenn Medin mir bestätigt, dass ihr euch um die Flucht bemüht. Sobald dies alles geklärt ist, machen wir aus, wann es losgeht und dann habt ihr bald ein teures Stück Quasars und ich meine Freiheit.", meinte Jun und leerte nun seinen Silberkelch. Vernon verließ dann den Turm des Fürsten, während Jun zu Innos betete, dass er eine schützende Hand über diese verzweigten Pläne haben würde.
Danach setzte er einen Brief an Medin auf. Darin ging es kurz und knapp darum, dass Vernon zu ihn kommen würde und was zu bereden hätte, was er aufgrund seiner Erkenntnisse abwägen müsse. Gleichzeitig wünschte Jun über die Geschehnisse in Quasar mündlich informiert zu werden, sofern es sicher sei.
Sicher musste auch der Brief an Medin gelangen. Jun schraubte den doppelten Boden der Karaffe auf, schob den Brief hinein und schraubte wieder zu. Sein Koch und Bors Tochter die Magd am Hofe war, würden sich hoffentlich nicht erwischen lassen.
Ein leises Fauchen im Kamin, knisterndes Feuer, einige Aschefetzen, die ihren Weg den Schlot hinaus in die dunkle Nachtluft fanden. Der Brief war Vergangenheit. Was blieb, war sein Inhalt, der – als Medins Worte schon längst verstummt waren – noch durch den Raum glitt.
„Aber Vernon hat doch gar keine Männer hier in Quasar“, brach Giran schließlich das Schweigen. Er hatte die kleine Hütte im äußeren Viertel organisiert, in der sie sich ungestört treffen konnten. Dabei musste er besonders vorsichtig sein, wusste Pandron doch über das besondere Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem inhaftierten Lord. Es gab wohl mehr als zwei Augen, die ihn von Zeit zu Zeit beobachteten, genau wie bei Medin. Aber hier war es sicher. Der Kreis der Anwesenden war mit ihm, Garlen, Bors, Waymar und Rogbur klein gehalten. Qhorin hatte sich draußen in der Dunkelheit postiert, um für eine ungestörte Sprechatmosphäre zu sorgen, würde später aber alles von Medin erfahren. Jedem der hier Anwesenden mussten sie eben vertrauen können. Daher hatte der ehemalige General vor wenigen Tagen eine drastische Entscheidung gefordert: Für Jun oder nicht! Keiner der Gardisten, die er als erstes ausgebildet hatte, war abgesprungen, aber doch trafen sie sich nicht alle auf einmal. Die Anwesenden würden die Pläne weiter tragen, denn je weniger einzelne Teile des Planes wussten, desto weniger konnte durchsickern. Nur bei Medin, Bors, Giran und Qhorin liefen alle Fäden zusammen.
„Ein paar Leute Leibwache“, ergänzte Rogbur, „aber damit kommt er nicht an den Gorthanern geschweige denn Pandrons Bande vorbei.“
„Er kann welche beschaffen“, war sich Medin sicher. „Söldner, Schläger aus dem Hafenviertel oder den einen oder anderen Soldaten Pandrons. Vernon wird für den erwarteten Gewinn Münzen investieren. Eine Elitetruppe wird es nicht, aber wenn er sie einsetzt, wird sie garantiert Verwirrung stiften. Genau darauf müssen wir uns einstellen.“
„Die Aktion muss mit wie ohne sein Eingreifen funktionieren“, stellte Waymar fest und Medin nickte.
„Wir planen für beides“, fuhr er fort. „Genau wie bei Pandron und Radovid. Vergesst nicht, wie gut wir Quasar im Vergleich zu den anderen kennen. Nur Pandron kann da mithalten, aber er wird diesen Vorteil nicht nutzen können. Giran?“
„Ich bin noch dabei Ritter für den Plan zu gewinnen. Sie erfahren nicht viel; nur, dass sie sich für die Befreiung Juns bereithalten sollen – und das ist den meisten genug. Falls doch etwas durchsickert, ist es nicht viel mehr als ein Gerücht und die existieren ohnehin schon zu Hauf“, fügte er hinzu. „Gilles hält die Ohren in jeder freien Minute auf, was getuschelt wird.“
„Sie müssen bereit sein, Quasar zu verlassen, wenn die Stunde kommt“, meinte Bors.
„Das sind sie.“
„Gut. Die anderen teilen wir in zwei kleine Kommandos“, fuhr Medin fort. „Qhorin übernimmt das eine, ich das andere. Wir haben je einen Stellvertreter, falls wir handlungsunfähig sind, wenn es soweit ist … Garlen für mein Kommando.“ Der Genannte nickte. „Qhorins Leute sind für Ablenkung und Deckung zuständig, meine für den Kontakt und die Eskorte Juns. Waymar, du musst noch ein paar Armbrüste beschaffen.“
„Sind unterwegs. Pandron weiß nicht einmal, dass die mal in seiner Rüstkammer lagen.“ Ein Grinsen.
„Ausgezeichnet. Alles Weitere folgt später.“
Wenig später trat er als letzte aus der Kate, blickte sich kurz um und machte sich dann auf den langen Heimweg. Nach einigen Schritten schälte sich Qhorin aus den Schatten zu ihm.
„Viel Neues?“
„Nein“, winkte Medin ab. „Wird’s wohl erst geben, wenn sich einer der anderen traut mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich erklär’s dir unterwegs. Wir müssen aber noch einen Umweg machen. Aaron braucht für die nächsten Tage definitiv eine bessere Rüstung.“
Das Gericht der Gorthaner tagte zum zweiten Mal nun im Burghof. Abermals war es eine öffentliche Verhandlung und heute schien Shilard etwas angespannter zu sein. Weshalb würde man vielleicht gleich erfahren oder gar nicht. Jun selbst hatte die letzten Stunden im Gebet verbracht. Mit klarem Verstand mochte er sicherlich mehr für sich bewirken.
Shilard rief Jun auf sich zu erheben und verkündete abermals die Anklagepunkte.
"Möchte der Fürst von Quasar auch zum dritten Anklagepunkt Stellung beziehen oder bekennt er sich für schuldig, wie zu Anfang er schon sagte.", fragte Shilard.
"Ich sehe mich weiterhin keiner großen Schuld bewusst. Die Anklage auf Kriegstreiberei ist unwahr und ich werde dazu Stellung beziehen.", sprach der Fürst und wurde nun vor gelassen um zu sprechen.
"So verteidigt euch!", wies der Richter an.
"Ich betrat für wahr die Lande Cymria, jedoch nicht um dieses zu erobern, sondern um durch zu reisen und eine alte Suche nach einem Ort in den Yrumabergen zu beenden. Weder haben meine Ritter und ich Gewalt gegen irgend einen Bürger des Reiches Cymria angewandt, noch interessiert mich der Thron Cymrias. Wenn Gorthar ein freies Land sein soll, wieso sind es nicht die Fürsten und ihre Ritter?", fragte Jun und beendete seine Verteidigung fürs Erste.
"Weil es der Friedensvertrag zu Gorthar so verlangt! Nicht umsonst führte man so lange Krieg gegeneinander, erstritt einen Frieden und schuf Gesetze um Eskalationen zu verhindern! Ihr habt euch darüber hinweg gesetzt und habt einen Krieg provoziert. Ist euch nichts heilig, Fürst von Quasar? Erkennt ihr nicht Gesetze die abschrecken sollen!?"
"In dieser Welt mag es Gesetze von Menschen für Menschen geben. Doch der Gesetze der Götter sind wir alle Untertan. Meine Suche war eine göttliche Suche! Weder dieser Friedensvertrag noch ein anderer Vertrag kann heiliger sein, als die heilige Mission des Innos an die Menschen. In den Yrumabergen fanden wir ein Kloster, so alt wie die Menschheit und Innos gewidmet! Soll ich, der an einen heiligen Eid gebunden ist, etwa weichen und Innos Worten mich widersetzen, nur weil ich für wenige Tage das Land eines anderen in Frieden betrete? Nein! Aber das wird dieses Gericht nicht erkennen. Diesem Gericht sind alte Verträge die heute keine wahre Wirkung tragen wichtiger, damit es mich, den Fürsten von Quasar, absetzen kann.", entgegnete der Paladin. Es war seine Überzeugung und die sprach er so heraus, wie er zu seinen Leuten auch sprach, wenn er von Innos predigte. Ein Streiter des Innos war an Innos' Gesetze gebunden und die hatte sein Gott nicht umsonst den Menschen gegeben. Innos' Gesetze standen über allen anderen Gesetzen - vor allem derer der Sterblichen.
"Eure Arroganz wird euch noch den Hals kosten, Fürst. Ihr brecht den Vertrag, indem ihr seine Gesetze verbiegt oder gar für nichtig erklärt. Dies wird nicht geduldet! Kein Mann und auch nicht sein Gott stehen im Lande Gorthar über den Gesetzen.", zischte Shilard mit wütendem Blick. Die zuschauende Menge wurde unruhig.
"Möge Innos sich eurer annehmen, Shilard. Und sein Licht eure Blindheit vertreiben.", spottete Jun. Keine Frage, dass er für den dritten Anklagepunkt voll verurteilt werden würde. Die Menge wurde wieder unruhiger und die gorthanische Garde hatte Mühen damit für Ruhe zu sorgen. Klar dass die Menschen hier mehr für ihren Fürsten waren und die sicherlich Ränke spielenden Abgesandten als das Übel betrachteten. Doch mit etwas Waffengewalt, konnte die Verhandlung weiter gehen.
"Ihr seid von Sinnen, Fürst. Euer Glaube hat euch blind für diese Welt gemacht. Euer Gott hat hier keine Macht und dies werdet ihr früh genug erkennen. - Wollt ihr es dem Gericht einfach machen? So bekennt euch zu Anklagepunkt 4! Ihr seid doch verpflichtet die Wahrheit zu sagen, edler Paladin des Innos. Euer Gott wird euch wohl schon retten und wenn nicht, dann vielleicht eure verwirrte Seele.", provozierte Shilard. Jun schwieg und blickte kurz zu Vernon, bevor er in die still gewordene Menge schaute. Nun würde er etwas tun, dass nur weit hergeleitet wahr war.
"Ihr wollt dass ich euch erkläre, wie ich eine Invasion der Myrtaner in Gorthar plane? Ihr wollt hören, wie ich im Geheimen Rhobar den III. auf den Krieg gegen euch einpeitsche?", fragte Jun.
"So ihr die Wahrheit uns allen verkünden wollt?! Sprecht frei, Fürst!", wies der Richter an. Doch bevor Jun die Unwahrheit sagte, um sich durch die Ränke die er schmiedete Vernons helfende Hand zu sichern, donnerten Hufe durch das Burgtor und in den Burghof hinein. Ein quasaritischer Milizionär.
"Mein Fürst! Helgwid von Cymria hat die Grenzen überschritten! Suno, Mongard und Katzenfurt wurden evakuiert und die Menschen eilen nach Quasar! Er will keinen Frieden mehr! Er will Quasar!", verkündete der Bote. Sofort wurde es laut und unruhig.
"Da habt ihr es! Euer Fürst hat im Namen seines Gottes einen Krieg provoziert! - Sendet sofort Boten aus! Stoppt Helgwid im Namen des gorthanischen Rates!", befahl Shilard.
"Führt den Fürsten ab, bis die Lage sich beruhigt hat!", befahl Radovid an seine Leute und blickte bewusst zu Pandron. Doch an abführen war nicht zu denken. Shilard bestand darauf, direkt zu richten - hinzurichten. So wollte es das Gesetz, um einen Krieg schnell zu beenden.
Jun hatte keine Beweise, doch in den Augen Shilards erkannte er eine Wahrheit. Er erkannte, dass er da seine Finger im Spiel hatte...
Vernon wurde unruhig und auch scheinbar alle anderen die in diesem ganzen verworrenen Spiel, nicht damit gerechnet hatten.
Die Lage drohte regelrecht zu eskalieren und es war Jun der für Ruhe sorgte. Er hob vor der Menge die ihren Fürsten schützen wollte die Arme.
"Menschen von Quasar! Als euer Fürst spreche ich diesen Moment zu euch und fordere euch auf Ruhe zu bewahren...", sprach er und blickte kurz zu Shilard dessen Argwohn sich in der Mimik wieder spiegelte. Jun blickte in die Menge und erkannte seine Leute. Nicht viele, aber sie schienen bereit. Da war Medin und verdeckte sein Haupt unter einem Kapuzenmantel. Er nickte Jun zu. Sie waren hoffentlich bereit. Jun musste nun das tun, was ein Fürst in dieser Situation für sein Volk tun musste.
"...Mein Feuer weicht bald und ein anderes wird im Lande Quasar brennen! Ein Feuer das jene entfachen, die nicht an das Wohl Quasars denken, sondern an das ihre. Aasfresser die sich belauern und sich bald auf den Kadaver namens Quasar stürzen werden. Wer von euch diese Wahrheit erkennt, der verlasse Quasar und das Land Gorthar! Noch heute! Bald werden viele Feuer brennen und was bleibt ist die Asche. Menschen von Quasar! Mein Schicksal soll nicht das eure werden. Geht mit Innos! Geht dahin wo Frieden und Innos Gesetze herrschen!", rief er in die Menge und wurde sogleich gepackt. Radovid und Shilard drohten den Menschen, doch dies hatte nur auf Wenige Wirkung. Viel mehr verstanden genug, was Jun damit meinte. Bald wäre entweder so oder so die Hölle los und nichts mehr, wie es war. Jun selbst wusste in diesem Moment wie ihm geschah. Er legte sein Schicksal nun völlig in Innos Hand.
Doch am Schicksal des Fürsten wollten die Menschen teilnehmen - mit Gewalt! Während man Jun fesselte und eine Hinrichtungskapuze über den Kopf stülpte, wurden manche daran gehindert den Fürsten zu befreien. Als dann der Henker die hölzernen Treppen herauf stieg und eine große stählerne Axt bei sich trug, war die Menge kaum noch zu halten. Shilard trat vor und verlas schnell das Urteil. Der Henker ließ Jun positionieren und beugte sich zu ihn hinab.
"Niemals würde ich dir ein Haar krümmen, alter Freund.", sprach die raue Stimme Girans hinter der Henkersmaske. Dann erhob sich der Henker und schlug mit einem Hieb einer gorthanischen Wache den Kopf ab, bevor er Shilard mit dem Schaft in den Magen schlug, die Axt fallen ließ und Shilard kurzerhand einen Dolch an der Kehle hielt.
"Shilard hat die Regeln gebrochen. Er hat einen Brief Helgwids abgefangen und als Fürst von Quasar zurück geschrieben. Den Rest kann man sich denken... - Dumm nur, dass wir davon erfuhren. Dann mache ich jetzt neue Regeln!", brüllte Giran, während Shilard aufschrie, als er am Hals leicht blutete und Radovid seinen Schützen befehlen wollte, auf Giran zu schießen.
Hinter ihnen machten Juns Leute Stimmung und die Menge warf sich auf die gorthanischen Wächter...
Ja, man konnte sagen, dass sich Aaron wohl in der neuen Kleidung fühlte. Sie schützte, sie wärmte, sie war nicht zu schwer und nicht zu unbeweglich. Genau der Kompromiss, den der Ordensstreiter gesucht hatte. Medin hatte sie ihm im Austausch für Gold überreicht und dann noch einige Andeutungen gemacht. Aaron hatte nicht weiter nachgefragt, doch was er verstanden hatte war, dass Jun im Prozess kein gutes Ende zu erwarten hatte, was seine Getreuen wohl nicht zulassen konnten... schlichtweg also nichts, was er noch nicht gewusst hätte.
Dann kam der Moment in dem die Rolle des mürrischen Mannes eine wichtigere wurde in Quasar oder für Jun... oder war es das selbe? Quintus, der einem anderen Mann hinterher lief, rief ihn zur Hilfe und ein Schlag ins Gesicht beendete die Flucht des Kuriers mit dem Brief Shilards, den dieser als Fürst unterzeichnet hatte. Von nun an rotierten die Zahnräder der Verschwörung schneller und schneller. Nicht selten hatten sich die Freunde des Fürsten bei ihren Treffen auf ein wachsames Augenpaar mehr verlassen und dann schon war der Tag an dem sich alles entscheiden sollte. Unter einem zusätzlichen schwarzen Mantel beherbergte Aaron zwei Schwerter - sein eigenes und das eines Soldaten, der es für eine Pinkelpause in einem Moment der trügerischen Stille beiseite gestellt hatte.
Die Menge wurde bereits unruhig, denn der Neuankömmling war spät dran. Er hatte noch die ein oder andere Vorkehrung getroffen. Schließlich hatte er nicht vor hier unvorbereitet zu verschwinden. Ferocas, der in den letzten Tagen einige Fortschritte gemacht hatte, was das Behalten seiner Ruhe in ungewohnten Situationen anging würde wohl heute eine harte Probe bestehen müssen. Er stand bereits gesattelt im nächsten Stall und wartete darauf, dass er abgeholt werden würde. Doch mehr als ein Schritt fehlte dazu.
Immer weiter nach vorne drängte sich Aaron, bis er bereits die Linie überquert hatte, bei der die Zuschauer eine Chance hatten das gesagte auf dem Podium zu verstehen. Jun ergriff das Wort. Er warnte die Menschen und beschwor sie dem einzig wahren Gott zu dienen ehe der Scharfrichter an ihn heran trat. Schneller und schneller schob der Ordensbruder sich zwischen den Menschen hindurch. Er war nicht mehr weit als es begann. Die letzten Zuschauer, die im Weg standen und etwas unverständliches brüllten schubste er zur Seite, während er aus dem Augenwinkel sah, wie die Bogenschützen Rina... Rida... Radu... Wie auch immer der Kerl hieß: seine Schützen wurden noch bevor sie reagieren konnten von Bolzen durchbohrt und Aaron sprang gemeinsam mit einigen anderen auf das Podest und warf den billigen Mantel weg, der ihn jetzt nur noch behinderte um Jun das zweite Schwert zu geben und sein eigenes zu ziehen. Giran nahm einen Schild, der zur Zierde dort gestanden hatte und wehrte den Schuss eines Bogenschützen ab, der sogleich seine eigene Haut mit einem gewagten Sprung retten musste um nicht durchbohrt zu werden.
"Kommt Fürst. Nicht, dass das Schiff ohne uns ablegt!" Aaron schwang sein Schwert und wehrte den Hieb eines Wachmannes ab, der sich in der Verwirrung wohl für die falsche Seite entschieden hatte. Der Ordensbruder nutzte den Schwung, den der Gegner mit der schweren Axt aufgenommen hatte und brachte ihn mit einem Stoß erst um die Axt und dann um das Gleichgewicht. Das Leben lies er ihm. Es war nur ein unwissender Soldat.
Stimmen überschlugen sich, Pfeile flogen, Zivilisten und Soldaten starben und Aaron wies Jun die Richtung, der sie zunächst folgen mussten und schubste im Weg stehende zur Seite.
"Kommt Fürst. Nicht, dass das Schiff ohne uns ablegt!"
In jenem Moment war es ein Zeichen des Innos, als diese Worte fielen. Blut floss die Holzdielen entlang, als Jun die Hinrichtungskapuze gänzlich abzog und seine Leute einen Kreis um ihn bildeten. Loyalität war in diesen Zeiten eines der wertvollsten Güter. Jun war in dieser Hinsicht der reichste Mann der Welt. So fühlte es sich zumindest an.
Während sich Shilard durch Gilles festen Griff und Klinge als Geisel im Kreis um Jun befand, waren es Medins Gardisten auf dem Dach die mit Armbrüsten feuerten was ging. Doch lange konnten sie alle nicht hier verweilen. Im aufkommenden Chaos wussten sie wohin s gehen musste. Jun folgte jenem, den er einst Zutritt nach Quasar gewährte. Nur kurz währte ein Gefecht mit quasaritischen Wächtern. Als der Fürst sie deutlichst anwies den Kampf einzustellen, gehorchten sie und zogen sich zurück. Juns Wirkung war groß und die Zweifel des Verrats in jenen die gut unter ihn lebten gegeben.
Als sie hinter schützenden Mauerwerk Deckung fanden, öffnete eine hölzerne Tür die zu den Gesindekammern und Küche der Burg führte. Taron von Eirrin sowie Juns Koch warteten da und hielten Dinge bereit, die Jun niemals hätte hier liegen lassen.
Juns Harnisch, Schild und der Helm des Roten, sowie Innos' Zorn - Juns mächtige geweihte Klinge.
"Der Rest der Ausrüstung ist entweder bei Bors auf dem Karren oder noch oben, Fürst.", sprach der Koch. Jun nickte dankend.
"Habt ihr die Bücher gesichert?", fragte er.
"Deine alte Ausgabe und zwei fertige Neue. Das wird reichen.", meinte Giran und schlug erst einmal Shilard die Nase krum und blutig mit dem Panzerhandschuh.
"Das ist dafür, dass du uns ans Bein pisst, elende Hofschranze!", meinte der Khoriner.
"Lasst ihn leben.", meinte Jun, als er den Harnisch nun am Leib hatte. Es war der Harnisch ihres Ordens mit der aufgehenden Sonne auf der Brustplatte. Dann setzte er den Helm des Roten auf und umgriff seinen Schild. Zuletzt griff er seine Klinge.
"Damit werdet ihr nie durchkommen, Fürst.", meinte Shilard und spuckte ein wenig Blut.
"Doch...denn Innos ist mein Licht, dass mich führt."
"Jun! Medin wird uns in der Stadt erwarten. Erinnerst du dich an damals, als wir die Burg frei kämpften? An den geheimen Gang? - Da kommen wir auch wieder raus. Am Tor der Burg ist zu viel los und zu viele gorthanische Gardisten die nun alles dicht machen. Los gehts. Alle sind bereit!", wies Giran an, bevor Taron den Weg vorgab. Erst ging es durch die Küche, wo sie mehrere Schränke vorschoben, um Verfolger aufzuhalten. Dann eilte man durch die Gesindekammern. Dort waren viele die in der Burg arbeiteten und nun Schutz suchten. Als sie den Fürsten erblickten, flehten sie um Hilfe. Ein schwieriger Moment den Giran löste, als er mit seiner großen Axt einen Tisch zerschlug.
"Wer uns folgt, der stirbt!", drohte er.
"Innos möge mir verzeihen, dass ich euch nicht jetzt beschützen kann. Bleibt hier und harrt der Dinge aus. Dann wenn es sich beruhigt, nehmt mit was von Wert ist und verlasst das Land. Eilt nach Sargoth an der Grenze zu den Pferdefürsten. Dort in der Kapelle sucht ihr Bruder Franz auf. Sagt ihm es ist Zeit. Er wird euch helfen und bereit sein. Bei Innos, das verspreche ich euch!", sprach der Fürst und blickte zu Giran. Der gab Befehl weiter zu gehen. Jun blickte einen der Knechte an, bevor er weiter ging. Es fühlte sich so an, als hätte er sich gerade Quasar aus dem Leib gerissen. Ein schmerzliches Gefühl. So wie dereinst der Verlust seiner Heimat und seines Clans.
Im Kerkerbereich hielt kurz Taron von Eirrin inne. Er blickte die Zelle an, in der er damals gefangen war, als Jun und die Paladine die Burg stürmten und ihn befreiten.
"Nun mein Freund verlässt du Quasar endgültig. Es war Innos Wille, dass du überlebt hast. Und es ist Innos Wille, dass du nun uns die Ehre erweist an deiner Seite zu kämpfen.", sprach Giran zu Taron und treffender konnte er es nicht sagen. Jun legte dem Riesen mit Vollbart eine Hand auf die Schulter und dann ging es weiter.
Orbas war es, der eine Kerkertür öffnete und Giran vor ließ. Der holte aus und schlug gegen das Mauerwerk. Steine brökelten ab und ein Loch wurde geschaffen, dass einen geheimen Gang offenbarte.
"Achtung! Da kommen welche!", rief Orbas und griff wie auch Nywroth nach Waffen, während ein paar aufgeschreckte Gefangene an ihren Gittern standen und um Hilfe flehten.
"Verriegelt die Tür mit den Hellebarden! - Öffnet die Zellen.", befahl Jun.
"Jun! Manche sind wahre Verbrecher."
"In Zeiten der Not aller, ist Gnade eine der größten Tugenden eines Ritters."
"So sei es! - Wenn einer von euch Ärger macht ist er tot!", brüllte Giran, während vier Gefangene befreit wurden. Einer offenbarte sich als ein Gardist den Medin ausgebildet hatte. er bekam prompt eine Klinge. Der Rest war Diebesgesindel, dass seit Wochen hier gefangen war.
Mittlerweile waren die Verfolger da. Radovids Leute versuchten mit einer Bank die eiserne Gittertür, aus den Angeln zu kloppen.
"Paladine!", sprach ihr Anführer und hatte in seiner Hand ein heiliges Licht entfacht.
"Lasst uns große Feuermagie wirken!", tönte Taron und verstand Juns Idee.
"Ihr werdet brennen!", brüllte Giran, bevor die drei - die dieses Zaubers fähig waren - sich vor das Tor stellten und ihre heiligen Lichter größer und größer werden ließen. So gut sie es konnten. Die Verfolger wurden unsicher, hörten auf gegen das Tor zu donnern.
"Los!", erklang es und dann jagten drei heilige Lichter in Richtung Verfolger. Diese schrien auf und ergriffen die Flucht ob der vor Magie knisternden Luft. Die Lichtzauber prallten gegen das Gitter und die Wand dahinter und hatten noch ein wenig bestand. Genug um Zeit zu gewinnen. Orbas schloss die Kerkertür ab, die den Geheimgang besaß und die Flucht ging weiter. Feucht, eng und dunkle war es. Voller Spinnenweben und modrigen Geruchs. Auf halben Wege kamen sie an Fackeln, die wohl vorbereitet waren und halfen den richtigen Weg zu finden, als sich zwei fortführende Wege anboten.
"Da ists an der Wand eingekratzt.", zeigte Azon von Braga. Eine gefühlte halbe Ewigkeit später, wurde die Luft frischer, bevor sie den Ausgang sahen. Mehrere Büsche verbargen den Ausgang, den sie nun schnellen Schrittes durchquerten und durch die Büsche traten.
"Keine Bewegung!", erklang Pandrons Stimme.
"Verdammt!", zischte Giran. Statt nun die abgelegene Gasse gen Hafen zu nehmen, standen da nun Pandrons Leute und versperrten den Weg.
"Lass uns gehen, Pandron! Shilard wird nichts geschehen. Wir wollen nur nach Myrtana."
"Sowas wie ein letzter Befehl meines Fürsten oder was? Nein! Ihr bleibt hier und werdet hingerichtet Fürst! Shilards Schicksal ist nicht wichtig, aber das von Quasar und Gorthar!"
"Narr! Denk nicht, dass du für deine treuen Spion-Dienste für Gorthar fürstlich entlohnt wirst. Du bist doch nur eine Marionette im Spiel der Thröne.", meinte Orbas.
"Lass und gehen oder sterbe hier und jetzt!", drohte Jun klar und deutlich.
Ein kurzer Blick zum Himmel. Der war zugezogen. Es sah nach Regen aus. Ob das gut oder schlecht war wollte Medin dem Urteil der kommenden Minuten und Stunden überlassen. Sie mussten handeln.
Gemeinsam mit einem halben dutzend Gardisten eilte er den Weg entlang. Die Mäntel, unter denen sie ihr Rüstzeug verborgen hatten, flogen im Wind und gaben Blick auf Kettenhemden, Schienen und Klingen frei, aber das zählte nun auch nicht mehr. In ganz Quasar schien das Chaos ausgebrochen zu sein, als die Nachricht von der cymrischen Belagerungsstreitmacht, die aufmarschierte, sich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet hatte. Und obwohl das Chaos ihrer Befreiungsaktion zuträglich war, beeinträchtigte es auch ihren Zeitplan. Oder so vermutete Medin zumindest, denn Jun und seine Ritter waren zu spät dran. Also eilten sie ihnen entgegen.
„Halt!“, rief Garlen auf einmal und der Trupp kam schnaufend zum stehen. Das Geklirr ihrer Kettenhemden verstummte, nicht aber ähnliche Geräusche, die nah schienen.
„Schwerter. Da wird gekämpft!“
„Kommt aus der Richtung da“, stimmte Medin Rogbur zu und deutete den Weg in Richtung Burgmauer hinauf. „Formation! Ihr beiden deckt unseren Rücken, der Rest nimmt mit mir die Front. Kann sein, dass wir eine Bresche schlagen müssen. Bereit?“
„Aye!“, ertönte es aus allen Kehlen und erfüllte Medin durchaus mit Stolz auf seine Ausbildung. Dann wurden die Schwerter gezogen und das sechsköpfige Stoßkommando setzte sich im Laufschritt in Bewegung.
Es dauerte keine halbe Minute, da erreichten sie die kleine Seitengasse dort, wo sie sich zu einem Platz öffnete und der Kampf tobte. Juns Ritter hatten sich dicht um ihren Lord geschart und drückten gegen die zahlenmäßig weit überlegene Stadtwache Pandrons, die sich zwar nur halbherzig den Klingen der Elitekrieger nähern wollte, mit den Piken, Speeren und Schwerter aber auch kein Durchkommen zuließ. Die meisten standen mit den Rücken zu Medin und seinen Männern.
„Für Lord Jun! Für Quasar!“, brüllte Medin in der Überzeugung, nun das Überraschungsmoment nutzen zu können und die Männer stürmten auf den Gegner ein. Auch wenn bisher wenig Blut vergossen worden war, würde sich das jetzt ändern, sollte Jun diese Stadt noch lebend verlassen. Zwar entdeckten die Milizsoldaten die Neuankömmlinge noch viele Augenblicke vor dem ersten Kontakt, aber um sich neu zu gruppieren fehlte die Zeit. Sie wichen eher zur Seite, als Medin dem Ersten den Speer entzwei hieb und den Träger anschließend mit einem Knaufstoß zur Seite in den Dreck beförderte. Dann blockte er sogleich den Angriff des Nebenmannes weg, bevor Garlen diesen zu Boden streckte.
„Zieh deine Männer zurück oder es gibt ein Gemetzel!“, rief Medin zu Pandron, der ganz in der Nähe stand. Der antwortete gar nicht, sondern trieb seine Miliz dazu an, entschlossener vorzugehen.
„Zehn Silberlinge für jeden Gardisten am Boden!“, griff er zu einem verzweifelten, aber doch soliden Motivationsmittel. Der Medin am nächsten stehende Soldat versuchte sein Glück und hätte sogar fast Erfolg gehabt. Doch im letzten Moment riss der Südländer seinen Anderthalbhänder nach oben, ließ die Klinge zur Seite gleiten und fand dann gezielt die Achselhöhle des Soldaten, der jaulend zu Boden ging. Anderen erging es gegen die Gardisten und Ritter ähnlich.
Gerade hatten sie eine Bresche geschlagen, als ein Ruf ertönte.
„Schützen!“, hörte Medin von links und dann sofort das Schnappen von Sehnen. Instinktiv ging er in die Knie, um ein kleineres Ziel darzustellen. Der Pfeil schlug direkt vor ihm ein, als der Milizsoldat getroffen wurde und tot auf dem Boden aufschlug. Neben ihm ein zweiter und dritter. Die anderen hielten inne.
„Feuer einstellen!“, ertönte eine dunkle, kratzige Stimme.
Auf einem Hausdach rechts von ihnen waren ein dutzend vermummte Gestalten aufgetaucht. Über ihren von dunklen Mänteln bedeckten Schultern hingen Köcher, in ihren Händen hielten sie gespannte Bögen. Auf der Brust trugen sie das Wappen der Stadtwache von Quasar. Zu Qhorins Trupp gehörten sie aber definitiv nicht. Erst jetzt bemerkte Medin, dass es nur Leute Pandrons waren, die am Boden lagen.
„Was hat das zu bedeuten?“, hörte er den Hauptmann heiser fragen. Diese Männer da sahen aus wie seine Soldaten … mit der Ausnahme, dass ihre Gesichter verborgen waren.
„Befehlt euren Männern sofort die Waffen niederzulegen, Hauptmann!“, sprach einer der Schützen und Medin erkannte dieselbe Stimme wie eben. „Wer sich widersetzt, wird sofort getötet.“ Die anderen Schützen hatten wieder Pfeile auf den Sehnen liegen. Juns Leute traten sofort einige Schritte von ihren Gegnern weg und noch bevor Pandron etwas erwidern konnte, ließen die meisten seiner Männer schon die Waffen zu Boden fallen. Der Hauptmann stand alleine da.
„Lord Jun“, ertönte wieder die Stimme des Schützenführers unter der Vermummung. „Vernon von Yruma übersendet seine Grüße und wünscht, dass ihr Shilard in die Obhut des Hauptmanns übergebt. Der Weg zum Hafen ist frei. Ihr solltet gehen.“
„Gedungene“, zischte Garlen neben Medin, der ebenso wusste, was jetzt gleich folgen würde. Aber darauf hatten sie keinen Einfluss mehr. Im Augenblick zählte nur eines.
„Jun, schnell“, meinte Medin. „Wir müssen uns beeilen, wenn wir das Schiff noch erreichen wollen.“
„Für diesen Verrat wird Vernon büßen!“, rief Shilard, als er zu Pandron hinüber taumelte. Der wusste noch immer nicht, was er jetzt tun sollte. „Ihr verhelft einem Hochverräter zur Flucht. Dafür landet ihr allesamt am Galgen!“
Der Vermummte schwieg. Stattdessen legte auch er wieder einen Pfeil auf die Sehne, spannte mit einer flüssigen Bewegung und ließ sofort los. Shilard wurde direkt in den Hals getroffen und sackte gurgelnd zusammen. Einen Wimpernschlag später sirrten die anderen elf Pfeile auf die separierte Stadtwache herab. Kaum einer verfehlte. Pandron wurde direkt in die Brust getroffen und sackte auf die Knie. Kaum war die Salve nieder gegangen, hatten die Schützen schon die nächsten Pfeile auf den Sehnen und fanden die übrigen Ziele.
Im Eiltempo durch die Straßen Quasars. Die Menschen der sonst so gut geordneten Stadt versammelten sich an wenigen Plätzen und rebellierten für dies oder das. Inzwischen ging es vielen nicht einmal mehr um ihren Fürsten, hatten sie doch gemerkt, dass dieser ihnen nicht mehr helfen konnte, sondern um ihren Lebensplatz, den sie sich erhalten wollten, wie er war. Frauen hetzten mit ihren Kindern über die Gassen auf ihr Haus zu und warfen nur verstohlene Blicke auf den Trupp Männer, der mit Jun in der Mitte nur ein Ziel hatte. Schließlich kam aber der Moment in dem sie das Risiko eingehen mussten sich zu trennen. Die Soldaten konnten nicht bei ihnen bleiben, da sie es sonst nicht rechtzeitig zum Schiff schaffen würden, während Medin, Jun, Aaron und ein paar andere aus dem engsten Umfeld des Fürsten nicht ohne ihre Reittiere von dannen ziehen wollten.
Nach wie vor eilig, aber deutlich vorsichtiger näherte sich die deutlich geschrumpfte Truppe dem Stall, zu dem Vorbereitungen getroffen waren. Die Wachen vor der Tür sahen sie kommen, doch Medin bedeutete ihnen einfach weiter zu laufen. Auch diese gehörten zu ihnen und als sie den Stall betraten, sah Aaron die Leichen oder zumindest bewusstlosen im Heu liegen. Er wusste nicht, wie Medin es geschafft hatte Juns Pferd hier her zu schaffen, ohne dass die Kommandanten etwas davon mitbekommen und die Sache verhindert hätten. Vermutlich war eine Menge Bestechungsgeld mit im Spiel. Ferocas tänzelte in seiner Box als Aaron diese betrat. So gut es ging beruhigte er den Hengst, führte ihn dann gemeinsam mit den anderen heraus und stieg in den Sattel.
"Wie werden wir das Schiff erkennen, mit dem wir segeln?" Medin grinste breit, als einer seiner Männer diese Frage stellte und an seiner statt antwortete Giran. "Nimm einfach das größte... mit dem zufällig vor kurzem die Gorthanischen Einfaltspinsel anlegten." Kurzes Gelächter entstand, dann gab Medin das Zeichen für den Aufbruch.
Aaron saß konzentriert im Sattel und seine Anspannung übertrug sich unverhinderbar auf den schwarzen Hengst. Wer den Trupp Reiter nahen sah sprang aus dem Weg, wollte doch niemand unter die Hufe galoppierender Pferde gelangen. Plötzlich ertönte ein Horn, als sie noch nicht ganz den Hafen erreicht hatten.
"Beeilung!" Medin brüllte und trieb sein Pferd weiter an. Aus den Seitengassen kamen Soldaten mit Speeren gerannt, die sie noch gerade so passierten, ehe sie den Weg versperren konnten. Pfeile sirrten durch die Luft und eines der Pferde geriet ins Straucheln. Ferocas riss den Kopf hin und her, beschleunigte durch seine Angst nur aber wieder lies sich noch von seinem Reiter in die richtige Richtung führen. Gleichauf mit Medin gab Aaron alles um das Tier unter der Kontrolle zu halten, als er auch schon das Ziel vor Augen sah. Die Soldaten, von denen sie sich vorhin getrennt hatten, hielten mit aller Macht eine Überzahl an Gegnern auf, die die Übernahme des Schiffes verhindern wollten. "Reitet sie nieder!"
Aaron hörte die Anweisung, doch er wusste, dass er genau dies nicht tun würde. Für das Kampfgetümmel war Ferocas noch nicht ruhig genug. Er wusste, dass er ihm durchgehen würde. Stattdessen hielt er auf den Steg zu. Der Raum schwand dahin und der schwarze Hengst setzte zum Sprung an. Auf Deck riss Aaron die Zügel sofort herum und sprang aus dem Sattel. Kaum einen Moment später hatte er das unruhige Pferd an der Rehling fest gebunden und zog sein Schwert um zu Fuß am Steg auszuhelfen.
Vernons Pfade waren so anders. Als Shilard und Pandron durch die gedungenen Schurken nieder gemacht wurden, wurde Jun wieder bewusst, wie falsch diese Welt doch sein konnte. Eine Geisel tötete man nicht und Besiegte die sich ergaben, schonte man. Sollte er in Zukunft auf Vernon treffen, so würde er wohl Maßnahmen treffen, denn Vernon schien weitaus gefährlicher, als es schien.
Xanthos Hufe donnerten über das Pflaster von Quasar. Der varantische Wallach war lange nicht mehr ins Kampfgetümmel geritten und war entsprechend übermotiviert, so dass Jun ihn gar bremsen musste, bevor sie mit zu viel Wucht durch Menschen reiten würden.
Die Klinge des Fürsten zeigte nach oben und dann auf ihre Ziele. Sie waren nur vier Reiter, nachdem sich der Fremde als auch Medin für andere Wege entschieden, aber das reichte durchweg, um auf dem Steg zu wirken.
Während das Schiff von Schiffsseite aus gehalten wurde und zuvor durch Bors Söhne und Loyale wohl gezielt übernommen wurde, jagten die vier Reiter nun durch die vom anderen Schiff herbei geeilten gorthanischen Wachen. Manche wichen aus und sprangen ins Wasser, andere wurden niedergetrampelt oder durch die Wucht umgeworfen und wenige von schwingenden Klingen nieder gestreckt.
Mit Blut auf seinem Harnisch befahl Jun jenen auf dem Schiff anzugreifen, während man sich selbst zu Pferde und nah am Wasser verteidigen musste.
Als dann noch Medins Leute auftauchten, ergaben sich die meisten auf den Befehl des Fürsten hin, die Waffen fallen zu lassen.
"Alle ins Wasser springen!", klärte Orbas und half bei manchem nach.
"Sammelt die Waffen auf! - Gilles! Wo sind die Seeleute?"
"Kommen gleisch, Chevalier!", meinte der Ritter und zeigte auf ein Beiboot, dass mit dem schwingen einer Fackel Zeichen bekommen hatte.
"Das wird zu lange dauern!", meinte Giran, bevor Medin hinzu stieß und Jun anwies Qhorin seinen Helm und Umhang zu geben.
"Qhorin und der Rest werden also hinaus reiten?", fragte Orbas. Medin bestätigte und machte Qhorin und den anderen Gardisten klar, wo man sich treffen würde. Jun musste zugeben, dass Medin da einen starken Haufen an Gardisten ausgebildet hatte.
Eilig tauschte man die wenigen Ausrüstungsgegenstände und dann übergab man den Gardisten die Pferde.
"Lasst ihn niemals Furcht spüren. Sonst wirft er euch ab, Qhorin."
"Tors, Gawin und Jakub! Schnappt eure drei anderen Brüder und reitet mit den Gäulen in den Stadtstallungen den Gardisten hinterher. Riskiert aber nicht zu viel! - Da schaust du Giran, ha?! Meine Bastarde sind meine kleine Privatarmee und was hast du? Einen seltsam sprechenden Orlaisianer der wie ein Mädchen ausschaut und deinen Gaul der wie eine Ziege riecht und rennt!", brüllte Bors, haute Gilles kräftig zwischen die Schultern, lachte auf und koordinierte dann den raschen Umzug aufs Schiff. Viel wurde natürlich nicht mitgenommen, aber ein paar Sachen in Kisten waren es, die wohl die gesamte Gruppe vorbereitet hatte. Man winkte die Knappen und Familie von Bors und manch Gardisten her. Ein jeder hatte irgendwas dabei, was er an sich tragen konnte. Manches schien bei allen Plänen wohl organisiert wie jetzt und wieder manches wohl nicht, wie sich gleich herausstellen würde.
"Na, wenigstens riecht Gilles gut, im Gegensatz zu dir alten Ripper! - Wieso kommt da Radovid?", rief Giran und duckte sich dann weg, als Pfeile flogen. Kisten wurden fallen gelassen und schnell das Schiff über die breite Planke bestiegen. Man suchte hinter der Bordwand Deckung. Auf anderer Seite mühte man sich die engagierten Seeleute per Strickleiter hoch zu kriegen.
"Medin, Fremder und Taron! Kappt die Seile! Der Rest hilft mir den Anker hoch zu ziehen!", wies Giran an, während Radovids Truppe sich mehr und mehr näherte. Jun blieb in Deckung. Sich zu zeigen, würde die Flucht womöglich verkomplizieren. Stattdessen schienen die Gardisten zu Pferde ein Ablenkungsmanöver zu gestalten.
"Der Fürst! Schießt!", hörte man den deutlichen Befehl, bevor galoppierende Hufe und surrende Pfeile zu hören waren. Ein Pferd wieherte auf und jemand stürzte, während die Geräuschkulisse neue Aspekte dazu gewann.
Radovid musste entscheiden ob er nun den Fürsten verfolgt oder das Schiff hindert gestohlen zu werden.
Wenn das der eigentliche Plan war, war das ja noch mehr wahnsinnig ausgedacht als Jun schon bewerten mochte. Womöglich aber war Improvisation heute auch ein Trumpf und auf das Improvisieren hatten sich seine Leute bereit gemacht.
"Verdammt! Einen hats erwischt und mein Pferd auch!", klagte Giran mit viel Enttäuschung in seiner Stimme.
"Innos stehe ihnen bei! Komm schon! Wir müssen hier weg! Radovid schaut schon in unsere Richtung. Seeleute! Bewegt euren Arsch! Habt genug Gold bekommen!", befahl Bors und schubste einen Seemann zur Arbeit, packte dann bei anderen mit an und jagte seine beiden Töchter hoch, damit sie die Segel löst. Bors hatte sich wirklich seine Privatarmee...erzeugt.
Langsam bewegte sich das Schiff nun mit der Strömung, als der Anker hoch gezogen war und der Kapitän gab Kommandos an den Steuermann.
"Das ist ein alter Freund der mit mir mal gedient hat. er bringt uns hier raus, keine Sorge.", versprach Bors und nickte dem bärtigen Mann zu. Jun meinte jenen auch mal irgendwo gesehen zu haben. Entweder ein Steckbrief oder in Vengard. Doch es war nicht die Zeit zu hinterfragen. Es war Zeit Quasar zu verlassen.
"Innos stehe allen bei die heute gestorben sind.", sagte der Fürst im Stillen, während die Welt um ihn mehr und mehr nichtig wurde.
"War das heute das Leben eines Mannes wert?", fragte er sich in Gedanken. Blickte auf uns sah den ganzen Trubel. Wie sie sich beeilten, wie sie sich duckten als Pfeile flogen und wie sie dann weiter machten, als wäre es selbstverständlich.
Jun war einem jeden von ihnen etwas schuldig. Viel schuldig und musste diese gerecht werden. Er wagte einen Blick nach Quasar. Irgendwo brannte es schon. Jun hoffte, dass alle Unschuldigen ihn verziehen, dass er sie nun verließ. Er hoffte aber auch, dass viele erkannt hatten, dass mit dem Prozessbeginn, sich bald etwas ändern würde. Vielleicht waren der eine oder andere wie sie selbst schon vorbereitet gewesen? Das hoffte er und fragte sich dann, wie ihnen das alles gelingen konnte?
"Innos ist groß...", sagte er zu dem Fremden der sie unterstützt hatte, als dieser an ihm vorbei lief, um sich um sein Pferd zu kümmern. Dann blickte er zu Medin und hoffte, dass er mehr sah was gerade geschah. Da war noch das zweite gorthanische Schiff, doch deren bewaffnete Besatzung war entwaffnet, nass, verwundet oder gar gefallen. Ein Zeitvorsprung, wenn Radovid entschied das Schiff nicht verloren gehen zu lassen. Jun war gespannt wo und wann sie sich wieder sehen würden. Dann wohl auf dem Schlachtfeld...
Er fühlte sich als hätte er den übelsten Kater seines Lebens gehabt.
Während den vielen Jahren seines Lebens hatte er ja schon viele feuchtfröhliche Nächte erlebt, in denen nach dem letzten Bier noch viele weitere allerletzte gefolgt waren, aber an so ein schlimmes Aufwachen konnte er sich gar erinnern.
„Bella, wo steckst du?“, rief er und fasste sich mit der rechten Hand an die Stirn um sie zu stützen. „Bella?!“
Niemand antwortete. Langsam öffnete er die Augen, nur um zu erkennen, dass er nichts erkannte. Wo auch immer er war, es war dunkel wie in Beliars Reich.
„Bella!“, schrie er noch einmal und versuchte aufzustehen, bis ein stechender Schmerz in der Brust ihn davon abhielt.
Was bei Innos ist da denn passiert? Bella!
Da er vorerst nicht von der Stelle kam, konnte er zumindest überlegen, wie er hierhin gekommen war, auch wenn ihm das Konzentrieren schwer fiel. Er wusste noch, dass er nach Gorthar gekommen war und zusammen mit Bella die alte in den Berg gehauene Ruine gefunden hatte. Sie hatte Eintopf gemacht und er hatte sich ordentlich satt gegessen. Danach war er noch etwas in der Ruine umhergewandert und schon war er hier, mit einer Verletzung am Bauch und Kopfschmerzen, die er sich nicht einmal den Setarrifern wünschen würde.
Moment, dachte er sich.
Seine Hand wanderte zu seinem Gürtel, wo er den Beutel mit den magischen Steinen verstaut hatte, die ihn überhaupt erst hergeführt hatten. Sie waren verschwunden.
„Dieses elende Miststück“, fluchte er laut, wurde dann aber zum Schluss hin wieder leiser. Fluchen tat dem Dröhnen in seinem Kopf nicht gut.
Auf einmal konnte er Geräusche hören. Tapp, tapp, tapp. Es hörte sich an wie Fußtritte. Ein Schlüssel wurde in ein Schloss gesteckt und eine Tür zu seinem Raum schwang auf. Das Licht der Fackel, die die Gestalt mit sich führte, blendete ihn stärker als es jedes Licht Innos’ vermocht hätte. Wie lange war er in der Dunkelheit gewesen, dass seine Augen so empfindlich reagieren?
„Du lebst ja noch! Ich wusste ich habe eine Stimme gehört“, sprach der Fremde freudig erregt. „Komm, lass mich die Wunde sehen.“
Er näherte sich. Nun konnte Rod auch mehr von der Gestalt erkennen. An der Stimme hatte er schon erkannt, dass es sich um einen Mann handelte, jetzt sah er auch, dass der Mann in einer simplen grauen Robe gekleidet war, das Gesicht noch der Kapuze zu sehr verhüllt, um etwas zu erkennen. Der Paladin erschrak fast, als er die knöchrige Hand des Neuankömmlings ansah, die er ihm ausstreckte. Instinktiv fasste er dahin wo normalerweise sein Schwert lag, aber seine Hand umklammerte nur die stickige Luft des Raumes.
„Es ist tatsächlich verheilt“, sagte der Mann, als er mit der dürren Hand über seinen Bauch strich. „Ein Wunder! Der Meister wird sofort davon erfahren wollen.“
Wovon spricht der Kerl bloß?, wollte er beinahe laut aussprechen. Was ist verheilt? Und wer ist dieser Meister?
Er wollte schon nachfragen, als ihm die blutgetränkte Robe neben seinem Bett auffiel. Vom Blut abgesehen sah sie genauso aus wie die des anderen Mannes. Dass es sich um seine handelte, war wohl nicht zu weit hergeholt, doch das warf nur noch mehr Fragen auf.
„Kannst du schon aufstehen? Der Meister wird dich sehen wollen. Und noch mehr werden deine Hände bei der Arbeit vermisst.“
Er kniff die Zähne zusammen und richtete sich auf. Das Dröhnen in seinem Kopf war plötzlich auch der Neugier darüber gewichen, was es mit all dem hier auf sich hatte.
„Es geht. Führe mich zum ... Meister“, spielte er vorerst mit. „Aber bringe mit vorher bitte etwas Sauberes zu Anziehen.
Die Gestalt lächelte.
„Natürlich, Bruder Jacopo“
Es brach ein neuer, grauer und verregneter Tag in Zethus, dem Handelsposten des Fürstentums Caldera, an. Maximuss war gerade dabei, die Pergamente vom Vortag wegzuräumen, da klopfte es auch wieder an der Tür. „Graf Maximuss, wir sind es. Hoffentlich sind sie schon wach.“ Der Großhändler sperrte die Tür auf und begrüßte die Gelehrten aus Rivellon, die ihm bereits seit einigen Wochen bei der Übersetzung des seltsamen Buches halfen. „Ein weiterer Tag in Zethus und wieder versuchen wir ein altes Buch zu übersetzen, welches uns vielleicht noch nicht einmal einen Vorteil bringt.“ Sagte der Graf mit gelangweilter Stimme.
„Aber nicht doch, das Buch ist von großer Bedeutung. Es war ein Glückgriff, dass Ihr es in Euren Besitz gebracht habt. Glaubt mir, schon bald werden wir das Buch übersetzt haben und wissen, wo wir den zweiten Band zu suchen haben.“ erwidert einer der Gelehrten.
Die Männer nahmen an dem großen runden Tisch platz und legten ihre Literatur auf den Tisch. „Na dann wollen wir mal.“ Maximuss hingegen stand in dem Laden und schaute zu den Söldnern, die für den Schutz der Gelehrten Sorge zu tragen hatten. Es waren die rivellonischen Ungesehenen, wie man sie im Gemeinvolk nannte. Eine Elitegarde des Herzogs, die bei äußerst wichtigen Anliegen eingesetzt werden. Erneut stöhnte der Großhändler und frage: „Brauen wir diese Soldaten wirklich? Ich meine, schaut euch doch um. Dieser Außenposten ist trostlos. Der oberste Stadtverwalter ist mehr mit der Kontrolle seiner Bürger und dem Zählen von Goldmünzen beschäftigt, als uns tatsächlich Probleme zu bereiten. Die Soldaten ziehen nur die Aufmerksamkeit auf uns.“ Einer der Gelehrten blicke zu Maximuss und antwortete: „Es ist der Wille des Herzogs, dass diese Männer für unseren Schutz sorgen und vor Allem das Buch vor dem Zugriff des Stadtverwalters zu schützen.“
Maximuss nickte und setzte sich ebenso an den runden Tisch. „Na dann wollen wir mal. Hoffen wir, dass wir es bald hinter uns haben. Langsam werde ich dieser Schriftzeichen überdrüssig.“
Seit nunmehr über 10 Stunden haben die Männer versucht, das Buch zu übersetzen. Nur wenige Pausen hatten sie gemacht und ihre Konzentration war sichtlich am Ende. "Ich glaube, wir haben genug für heute" sagte einer der Gelehrten. Die anderen nickten erschöpft. "Es muss doch eine Möglichkeit geben, das Buch leichter zu übersetzen. Wir beschäftigen und nun schon seit mehreren Wochen und haben noch nicht einmal die Hälfte des Buchen geschafft" erwiderte eine der anderen.
Maximuss legte das Buch zur Seite und rieb sich die Augen. "Wären wir in Rivellon, könnten wir auf die alte Bibliothek zugreifen. Selbst in Midland hätten wir die Bibliothek der Feuermagier aufsuchen können. Hier in Zethus jedoch, steht alleine der Besitz solcher Schriften unter Strafe." Einen Moment lang war es still, bevor einer der Gelehrten erneut die Stimme erhob: "Nun gut, werter Maximuss, wir werden uns nun zurückziehen. Vielleicht fällt es uns morgen leichter, das Buch zu übersetzen." Alle wussten, dass dem nicht so sein wird. Die Männer gingen zurück in Richtung Taverne, in welcher sie einige Zimmer gemietet hatten. Auch die Soldaten der dunklen Garde aus Rivellon machten sich auf den Weg. Maximuss verstaute das Buch sicher im Keller, hinter einigen alten Weinregalen.
Der alte Graf blickte aus dem Fenster. Es war bereits dunkel, doch auf der gegenüberliegenden Seite konnte er eine Gestalt erkennen, die zu ihm rüber sah. Maximuss verschloss das Fenster und machte sich Sorgen. Wusste man über sein Vorhaben Bescheid? War der Mann ein Diener von Theodorus, dem Stadtverwalter? Stumm schaute der Großhändler zur Kellertür und erneut überkam ihn ein ungutes Gefühl. Er fragte sich, ob der Besitz des Buches nicht vielleicht zu gefährlich sein könnte. Schließlich wussten auch die Gelehrten nicht, was in ihm geschrieben stand.
Maximuss verwarf den Gedanken, räumte die restlichen Pergamente und Bücher weg und bereitete den Laden für die Nacht vor.
Die Straßen von Zethus waren leer und die Stadt wurde immer ruhiger. Gerade wollte der Großhändler seinen Laden abschließen, da klopfte es zweimal kräftig, an der leichten Holztür. "Wer da!?" fragte Maximuss mit ernster Stimme und wartete auf eine Antwort. "Ich bin es! Bragan!" Der Graf öffnete die Tür einen Spalt weit. Die Namen kamen ihm bekannt vor, doch die Stimme konnte er nicht mehr zuordnen. Kaum hatte er die Tür geöffnet, da erkannte er den Mann. Es war einer seiner alten Gardisten, mit denen er zusammen aus dem Minental geflohen war.
Freundlich begrüßte er ihn: "Bei den Göttlichen, wie hast du mich gefunden? Trete doch ein." Bragan trat ein und nahm an dem runden Tisch platz, an dem zuvor die Gelehrten versuchten, das Buch zu übersetzen. "Nun erzähl schon, wie hast du mich gefunden!?" fragte Maximuss abermals. "Tja, das war gar nicht so einfach" sagte Bragan. "Ich habe gehört, dass ein Schiff einige Händler nach Gorthar gebracht hatte. Da Ihr nicht mehr in Vengard wart, vermutete ich, dass Ihr bei diesen Händler dabei wart. Na ja, die Schiffsüberfahrt hat mich ein halbes Vermögen gekostet aber ich habe hier sowieso noch eine Rechnung zu begleichen."
"Eine Rechnung zu begleichen? Brauchst du etwas Gold?" fragte Maximuss und griff zum Samtbeutel seiner Kleidung. Doch Bragan lachte. "Nein, nicht so eine Rechnung. Ich möchte es dem Mann heimzahlen, wegen dem ich ins Minental geworfen wurde. Sein Blut soll die Wände zieren." Maximuss nickte zustimmend. Dabei konnte der Großhändler keine Hilfe sein.
Die beiden Männer unterhielten sich noch einige Zeit, bis Bragan aus dem Fenster schaute uns sagte: "Nun, die Nacht ist hereingebrochen. Zeit meinem alten Freund einen Besuch abzustatten. Erlaubt Ihr, dass ich danach wiederkomme? Ich möchte mich erneut in Eure Dienste stellen. Als ehemalige Sträfling der Minenkolonie findet man nur schwer eine Beschäftigung." Er blickte zum Grafen und hoffte auf eine positive Antwort. "Aber natürlich. Einen starken und ehrenlosen Mann, wie dich, kann ich gut gebrauchen." entgegnete Maximus lachend.
Bragan nickte zufrieden, nahm sein Schwert vom Tisch, verabschiedete sich und verließ den Laden. Wenig später verschwand er in den dunklen Gassen der Stadt und machte sich auf zum Nordtor von Zethus.
Ein langer Tag in Zethus ging zu Ende und Maximuss verglich seine Bilanzen. "Nicht gut..." sagte er und schüttelte den Kopf. "Ich muss mich wieder mehr um mein Geschäft kümmern. Die Übersetzung des Buches hält mich von meiner eigentlichen Arbeit ab." Etwas nachdenklich schaute er zu den Regalen und musste feststellen, dass er für einen Großhändler nicht mehr viel im Angebot hatte. "Ärgerlich! Wie lange bin ich schon in dieser Stadt!? Noch immer weigern sich die Einwohner, bei mir zu kaufen." Maximuss schlug das Buch zu und füllte erneut sein Weinglas.
Es klopfte an der Tür und Sir Dante trat herein. "Ah Maximuss, werter Freund. Lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Habt Ihr einen Augenblick für mich?" Der Großhändler stand auf, begrüßte seinen Handelspartner und Freund und bat ihm einen Platz an seinem Tisch an: "Aber natürlich, für Euch immer. Kann ich Euch etwas Wein anbieten? Wirklich ein vorzüglicher Tropfen aus Myrtana, die letzte Flasche." Sir Dante nickte und legte seinen schweren Mantel ab. "Ein abscheuliches Wetter!" sagte er. "Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, an dem hier mal die Sonne schien. Das Wetter ist genauso trostlos, wie die Stadt. Wie laufen denn Eure Geschäfte, Maximuss?" Zu erst füllte er das Glas auf, setzte sich wieder auf seinen Platz, atmete kurz durch und antwortete: "Na ja, mehr schlecht als recht. Die Bewohner der Stadt scheinen noch immer misstrauisch zu sein und die Soldaten hier tun ihr Übriges dazu. Es kommt mir nicht so vor, als sei die Stadt ein Ort voller Zufriedenheit."
Sir Dante nickte nachdenklich, nahm einen Schluck Wein und erwiderte: "Ja, das stimmt. Die Stadt ist seltsam. Würde mich nicht wundern, wenn die Bewohner Angst vor diesem Theodorus haben. Meine Geschäfte werfen das Nötigste ab. Für ein gutes Abendessen hat es bisher immer gereicht. Ich will mich also nicht beklagen." Er nahm einen weiteren Schluck, hielt kurz inne und fragte weiter: "Sagt mal, seit Wochen sehe ich immer wieder Männer in Gewändern in Euren Laden gehen. Wer sind diese Männer?" Maximuss deutete auf einen Stapel Pergamente und führte aus: "Das sind Gelehrte aus Rivellon, die mir bei der Übersetzung eines Buches helfen sollen. Aber die Übersetzung kommt nur sehr langsam voran. Was soll's, ich werde mich bald wieder meinem Tagesgeschäft widmen."
Abermals nickte Sir Dante verständnisvoll und stöhnte auf: "Was ist nur aus den guten alten Tagen geworden? Damals, als wir in Vengard noch großen Einfluss hatten - zumindest bei den Händlern. Wisst Ihr noch, als wir in Eurer Taverne eine Auseinandersetzung mit einem Bewohner des Hafens hatten? Herrlich! Oder als wir zum Steinbruch gefahren sind, den die Händlergilde gekauft hatte. Beinahe wären wir den Orks in die Hände gelaufen. Und was ist hier in Zethus? Wir sitzen in unseren Geschäften und hoffen auf Kundschaft. Die Straßen sind leer und immer wieder werden Ausgangssperren verhängt. Wie gesagt, diese Stadt ist seltsam."
Beide Männer seufzten auf und tranken ihren Wein. Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen und die Stadtwachen drehten ihre Runden. "Bleib stehen, du Ratte!" ruft einer der Männer, als er einen Dieb verfolgte. Hastig eilt ihm die Verstärkung zu Hilfe, doch es war zu spät. Der Dieb verschwand in den kleinen und dunklen Gassen der Stadt. Es war ein ganz normaler Abend in Zethus.
Das Buch ist ein Werk der Nekromantie und besteht aus insgesamt vier Bändern. Sie wurden von einem weisen und gefürchteten Anhänger einer okkulten Vereinigung geschrieben, welcher zahlreiche Verbrechen nachgesagt werden. Es liegen diverse Berichte von Totenbeschwörungen und Menschenopferung vor, die die Magier des Landes dazu veranlasst haben, den Kult zu bekämpfen. Doch ihre Anhänger sind gut organisiert und nur schwer aufzuspüren. Zur Herrschaft von König Rhobar I. wurden zahlreiche Bände des Mysterium Tocaza verbrannt und nur wenige Exemplare befinden sich, belegt mit einem Bannzauber, in der Bibliothek der Feuermagier. Daher sind die nur noch wenigen existierenden Bücher sehr wertvoll und werden auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen verkauft. Wer die Bücher zusammenträgt, lesen und verstehen kann, der soll nicht nur Kontakt zu der okkulten Vereinigung herstellen können, sondern auch an einen Ort gelangen, an dem der "Auserwählte" die Dinge seiner Begierde erhalten kann. So erzählt man es sich zumindest unter vorgehaltener Hand.
Noch immer saßen Maximuss und die Gelehrten am runden Tisch und wälzten die Bücher. Das Mysterium Tocaza war in einer sehr alten Sprache geschrieben, über die es nur noch sehr wenige Überlieferungen gab. Der Großhändler hatte vor einigen Tagen den Vorschlag gemacht, die Feuermagier um Unterstützung zu beten, doch das hatten die Gelehrten aus Rivellon strikt abgelehnt. Zu wichtig und zu brisant sei das Buch, als das man die Magier des Feuers darauf aufmerksam machen sollte. Zumal sie das Buch wahrscheinlich ohne Vorwarnung verbrennen und uns in Ketten legen lassen würden.
Langsam wurden die Augen schwerer und die Konzentration ging dahin. Doch plötzlich ertönte ein Aufschrei: "Ich hab's!" rief einer der Gelehrten. "Schaut hier: Vergleicht man die Zeichen mit den Zeichen aus diesem Buch und stellt das Alphabet der Neun um zwei Faktoren um, ergibt das die Formel zur Übersetzung der Sprache!" Verwundert schauten sich die Männer die Theorie an und überprüften sie anhand der bisher übersetzten Texte. Einen Augenblick war es still. Doch dann kam auch der andere Gelehrte zu dem gleichen Schluss: "Tatsächlich! Das ist es, Ihr habt es gefunden!"
Endlich, nach Wochen der Arbeit konnte der Algorithmus gefunden werden, mit dem sich das Buch übersetzen lässt. Eifrig machten sich die Männer ans Werk und entschlüsselten Satz für Satz. Endlich wurde das Buch klarer und deutlicher. Schon bald würden die das Buch in Gänze übersetzt haben und Hinweise darauf finden, wo das nächste Buch zu finden sein könnte.
Und wieder regnete es in Zethus, dem Handelsposten des Fürstentums Caldera. Maximuss und die Gelehrten sind heute besonders früh aufgestanden, um das Mysterium Tocaza weiter zu übersetzen. Sie kamen gut voran und der Großhändler gönnte sich eine kurze Pause, öffnete die Tür seines Ladens und schaute durch die Straßen. Von weitem sah er Bragan, seinen letzten treuen Gardisten.
Er winkte dem Grafen zu und als er ihn erreicht hatte, sagte er: "Geschafft! Diese Stadt hat nun einen Bastard weniger." Maximuss lud ihn zu einem kurzen Spaziergang durch die Gassen von Zethus ein und zusammen machten sie sich auf den Weg, den Handelsposten zu erkunden. "Ich bin nun schon viele Monate hier" erzählte der Großhändler "doch noch immer ist mir die Stadt unbekannt. Es kommt mir auch so vor, als sei ich bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht wirklich erwünscht."
Die beiden Männer kamen zum Marktplatz. Es herrschte ein großes Treiben. Viele Händler aus Gorthar und Umgebung waren gekommen, um ihre Waren zu verkaufen. Besonders in Zethus konnte man guten Umsatz machen und viele Handelsgüter auf einmal ver- und einkaufen. Der große Marktplatz hatte so gut wie alles geboten. Ob Lebensmittel, Kleidung, Waffen, Rüstungen, magische Spruchrollen, Tränke oder einfach nur eine aus holzgeschnitzte Figur. Egal was man suchte, man fand es auch.
Aus der Burg sah man Soldaten laufen. Es folgte die routinemäßige Überprüfung der Händler auf dem Marktplatz. Der Stadtverwalter wollte kontrollieren, ob auch nur die Waren verkauft werden, die zuvor angemeldet wurden. Wer gegen dieses Gebot verstieß, der musste mit hohen Strafen rechnen. Maximuss schüttelte den Kopf: "So ein Großaufgebot von Soldaten verdirbt den Leuten hier doch die Lust am Kaufen. Ein Grund, warum die Stadt für einen Händler wie mich nicht geeignet ist."
Bragan hingegen wirkte einen Moment abwesend, erhob dann jedoch die Stimme und sagte: "Der Mann dort hinten, er beobachtet Euch!" Der Graf versuchte einen Blick zu wagen und antwortete: "Moment mal! Der sieht aus, wie die dunkle Gestalt, die vor zwei Tagen schon einmal den Eindruck erweckt hat, als würde sie mich beobachten." Der Gardist griff zum Schwert. "Wartet hier auf dem Marktplatz, ich bin gleich wieder zurück!" sagte er, zog das Schwert aus der Scheide und rannte zu der dunklen Gestalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Es begann eine Verfolgung durch Zethus, doch der vermummte Mann kannte die Stadt deutlich besser und nach einigen Metern hatte Bragan die Person verloren. Er ärgerte sich und ging mit ernster Mine zurück zum Marktplatz. "Hmpf, er war zu schnell..." schnaufte er unzufrieden. "Beim nächsten Mal erwische ich ihn. Wir müssen vorsichtig sein, wenn er Euch schon einmal beobachtet hat, dann wird er etwas von Euch wollen." Maximuss zuckte mit den Schultern: "Schenken wir einer schwarzen Gestalt nicht zu viel Aufmerksamkeit. Vielleicht war es ein Bettler, davon gibt es viele hier."
Bragan jedoch war angespannt. Mit der Hand stets am Griff seines Schwertes gingen sie weiter. Sie drehten noch eine kleine Runde und liefen dann zurück zum Laden.
Bragen und Maximuss waren zurückgekehrt. Die Gelehrten schauten zufrieden aus. "Nicht mehr lange und wir haben das Buch endlich übersetzt" freute sich einer der beiden. Auch der Großhändler setzte sich wieder zu der Runde und nahm die Arbeit auf. Bragan hingegen stand draußen vor der Tür und schaute misstrauisch auf die gegenüberliegende Seite. "Das gefällt mir nicht!" brummte er. Auf der anderen Straßenseite war eine dunkle Gasse, die man nicht gut einsehen konnte. "Und Ihr? Was seit ihr für Typen?" fragte er die beiden Männer der dunklen Garde. Es kam keine Antwort. "Hallo? Könnt ihr mich nicht verstehen!?" Wieder keine Reaktion. Bragan schüttelte genervt den Kopf und schaute wieder in Richtung Gasse.
Der Tag verlief ruhig und mit jeder Stunde die verging, waren Maximuss und die Gelehrten ihrem Ziel ein Stück näher. Sie hatten noch keine Zeit, die übersetzten Zeilen zu deuten und in einem Zusammenhang zu stellen. Zu groß war die Gier darauf, das Buch endlich in Gänze übersetzt zu haben. Die Männer waren sich sicher, an diesem Tag würden die auch noch den Rest des Buchen entschlüsseln und konnten dann endlich mit dem interessantesten Teil der Arbeit beginnen: Der Interpretation und Deutung des Textes.
Auch dieser Tag neigte sich dem Ende und die Gelehrten aus Rivellon kehrten zufrieden in die kleine Taverne am Marktplatz zurück. Sie wollten am nächsten Tag wieder aufnahme- und arbeitsfähig sein, um auch die letzten Seiten des Buches zu übersetzen.
Maximuss saß hingegen mit Bragan an dem großen runden Tisch und sie unterhielten sich abermals über die vergangenen Tage. Viel ist seitdem passiert und nichts ist mehr, wie es einmal war. Maximuss erinnerte sich gerne an die Zeit in der Minenkolonie zurück. Zwar waren die Umstände seiner Festnahme alles andere als gerechtfertigt aber als Berater der Erzbarone hatte er großen Einfluss im alten Lager. Besonders der Titel "Erzbaron der alten Mine" gefiel ihm überaus gut, auch wenn er selbst kein Erzbaron war.
Manchmal stellt sich der Großhändler vor, wie er wieder zurück ins Minental gehen würde. Einfach nur um nachzusehen, wie es um die Kolonie bestellt ist und ob es die alte Mine noch immer gab. Bragan lachte: "Eines Tages werden wir gemeinsam zurück in die Minenkolonie gehen. Wer weiß, vielleicht haben sich mittlerweile auch andere ehemalige Gefangene dort niedergelassen." Maximuss schüttelte mit den Kopf und erwiderte sogleich: "Nein, das Minental ist von Orkhorden besetzt. Da bräuchten wir schon die herzogliche Armee aus Rivellon, um dort aufzuräumen."
"Nein, nein, nein! Das ergibt doch gar keinen Sinn!" sagte einer der Gelehrten mit erboster Stimme. Er schaute noch einmal auf die letzten übersetzten Texte, verglich sie mit einer alten Schrift und seinem Notizbuch. Hastig blätterte er einige Seiten zurück, verglich abermals Textstellen miteinander und schlug sodann mit der Faust auf den Tisch. "Schaut hier, wenn der Algorithmus tatsächlich richtig wäre, dann machen die Sätze doch gar keinen Sinn." Die Männer schauten sich noch einmal die Sätze an. Einer von ihnen sackte zusammen und erwiderte: "Mortis hat Recht. In der Zusammenstellung ergeben die Sätze wirklich keinen Sinn. Es kann nicht sein, dass unser System zur Übersetzung korrekt ist."
Maximuss schüttelte den Kopf und schaute zu einigen Pergamenten: "War die Arbeit der letzten Tage wirklich umsonst?" Er stand auf und schaute ratlos aus dem Fenster. Von Weitem sah er Sir Dante, wie er in Richtung seines Ladens lief. Kurze Zeit später klopfte es an der Tür und sein alter Geschäftspartner trat herein. "Maximuss, ich habe gute Neuigkeiten!" sagte er und blickte danach ist die enttäuschten Gesichter der Gelehrten. "Euch habe ich aber auch schon mal fröhlicher gesehen" sagte er lachend.
Der Großhändler bat seinem Geschäftspartner einen Platz am runden Tisch an und erklärte: "Entschuldigt bitte, wir haben soeben erfahren, dass wir das Buch falsch übersetzt hatten. Was für gute Neuigkeiten habt Ihr denn für mich?" Sir Dante beugte sich nach vorne und antwortete: "Die Händlergilde hat vor drei Wochen beschlossen, wieder expandieren zu wollen. Doch diesmal sei nicht Midland das Ziel, sondern eine große Insel namens Argaan. Dort herrscht ein Konflikt zwischen König Rhobar und einem König namens Ethorn. Für uns ist das eine perfekte Möglichkeit, mit unserem bewehrten Geschäftsmodell ordentliche Gewinne zu machen. Als ich von der Neuigkeit erfahren hatte, wusste ich sofort, dass das für uns eine große Chance sein wird!"
Einen kurzen Augenblick war es still doch dann wurde das Gesicht von Maximuss wieder etwas freundlicher. "Das sind tatsächlich gute Neuigkeiten. Ich hatte mich schon gefragt, ob ich den Rest meines Daseins hier verbringen werde. Für wann ist eine Überfahrt geplant?" Sir Dante legte eine Karte auf den Tisch und antwortete dann: "Mein Schiff wäre in ungefähr 5 Tagen abfahrbereit. Eure kleine Handelskogge sieht noch recht vernünftig aus, sodass wir gemeinsam in See stechen könnten, wenn Ihr wollt." Der Großhändler nickte. In 5 Tagen würde er es schaffen und könnte sodann mit seinem Freund und Handelspartner in See stechen.
Mortis nickte und fügte hinzu: "Wenn es Euch nichts ausmacht, würden wir das Buch sodann nach Rivellon nehmen und uns dort weiterer Studien widmen. Sobald wir das Buch übersetzt haben, bringen wir es Euch natürlich unverzüglich zurück." Maximuss stimmte dem zu und so hatte der Tag doch noch eine interessante Wendung genommen.
Der Großhändler war gerade dabei, seine Waren in große Kisten zu verstauen und zu sortieren, als es an der Tür klopfte. Völlig in der Arbeit vertieft, konnte Maximuss das Geräusch nicht hören, weswegen es noch einmal, jetzt deutlich lauter, an der Tür klopfe. "Graf Maximuss?" fragte die Stimme vor der Tür. "Seit Ihr zu Hause?" Der Großhändler schreckte auf und lief zur Tür. Er eröffnete sie und erblickte Theodorus, dem Verwalter von Zethus, in Begleitung mit der fürstlichen Garde. Maximuss seufzte: "Ihr seid es… was macht Ihr in Begleitung Eurer Garde hier im Händlerviertel?" Theodorus trat ein und beantwortete sodann die Frage: "Ich hatte gehört, dass Ihr und Sir Daten die Überfahrt zum Königreich Argaan plant. Gefällt es Euch hier in Zethus nicht? Wir bieten als Handelsposten des Fürstentums Caldera doch hervorragende Bedingungen für Händler, wie Ihr einer seid." Abermals seufzte Maximuss. Einen Moment lang war es still, bevor der Graf erneut das Wort erhob.
"Ihr wisst doch genauso gut, wie ich, dass Zethus als Handelsposten nicht geeignet ist. Eure Soldaten unterbinden den freien Handel und die Einwohner trauen neuen Händlern nur sehr schwer. Mein Aufenthalt war bisher wahrlich nicht von Erfolg gekrönt." Theodorus schaute uninteressierte und erwiderte: "Wie dem auch sei. Mir liegen Informationen darüber vor, dass Ihr zusammen mit Gelehrten des Herzogtums Rivellon ein Buch zu übersetzen versucht habt. Mir liegen außerdem Informationen darüber vor, dass dieses Buch nach unseren Gesetzen her verboten ist. Zeigt mir das Buch!" Maximuss schien unbeeindruckt und lief in Richtung des halbleeren Bücherregals. Er holte ein Buch hervor, zeigte es Theodorus und antwortete: "Schaut, es handelt sich um einen Text der alten Götter. Wirklich ein sehr interessantes Buch. Leider ist es in einer sehr alten Sprache geschrieben und Eure Bibleothek hatte leider keine passende Übersetzung." Der Stadtverwalter blätterte in dem Buch und warf es auf den Tisch. "Seit auf der Hut. Wenn Ihr in dieser Stadt mit verbotenen Texten herumexperimentiert, kann Euch auch der Herzog nicht helfen!" Theodorus verlies zusammen mit der fürstlichen Garde den Laden. Der Großhändler atmete durch und war zufireden, dass er dem sonst so misstrauischen Theodorus täuschen konnte. Doch gleichzeitig war er besorgt. Woher wusste Theodorus, dass es möglicherweise ein Buch hinter die Stadtmauern geschafft hatte, welches verboten war? Das Buch hatte der Graf bereits am letzten Tag in den Keller gebracht. Er wollte es dort so lange aufbewahren, bis die Gelehrten zurück nach Rivellon gehen wollten.
Maximuss’ Gedanken waren nun wieder bei seiner bevorstehenden Reise und er ging nach draußen, um das Schild abzubauen. Da erblickte er auf der gegenüberliegenden Seite wieder eine dunke Gestalt, die sich in diesem Moment umdrehte und in einer Gasse verschwand.
Nach einigen Stunden kehrte Bragan zurück. Er war außerhalb der Stadtmauern unterwegs, um der Stadt wenigstens einen Augenblick zu entfliehen. Bei dem Großhändler angekommen, rüttelte er an der Klinke. Doch die Tür war abgeschlossen. "Maximuss!?" rufte Bragan mit fester Stimme und klopfte gegen die Tür. Kurze Zeit später hörte man, wie der Schlüssel umgedreht und die Tür geöffnet wurde. "Endlich bist du zurück! Wir haben ein Problem! Der Stadtverwalter war soeben hier und er wusste davon, dass ich zusammen mit den Gelehrten aus Rivellon ein verbotenes Buch studiert habe. Zumindest hatte man ihn darüber informiert und als ich vorhin das Ladenschild abbauen wollte, sah ich wieder eine dunkle Gestalt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man gegen uns vorgehen möchte…"
Bragan schaute aus dem Fenster. "Hm, mir ist auf jeden Fall keiner gefolgt. Sollte man tatsächlich gegen Euch vorgehen, dann müssen wir die Überfahrt nach Argaan vielleicht nach vorne ziehen. Nach allem, was ich über diese Stadt erfahren habe, macht sie nicht gerade einen guten Eindruck und ich glaube nicht." Maximuss nickte nachdenklich den Kopf und erwiderte: "Kommt Bragan, helft mir mit dem Packen. Sollte es ernst werden möchte ich wenigstens in kürzester Zeit die Stadt verlassen können."
Eifrig machten sich die Männer ans Werk und packten die letzten Sachen in die Kisten. Besonders wertvolle Fracht wurde in große Truhen verstaut, die abgeschlossen wurden.
Bereits seit einigen Tagen ist Maximuss dabei, sich auf die Überfahrt ins Königreich Argaan vorzubereiten. Etliche Kisten hat er mit Waren, Büchern und anderen Gegenständen gepackt, die er nicht in Zethus zurücklassen wollte. Der Großhändler schaute sich die vielen geschlossenen Kisten an und stellte dann ernüchternd fest: "Dafür, dass ich hier keine wesentlichen Geschäfte gemacht habe, haben sich aber wieder diverse Dinge angesammelt." Wie so oft klopfte es an der Tür. Bragan, Maximuss ehermaliger Gardist aus dem Alten Lager öffnete die Tür. Zu groß ist die Gefahr, dass sich jemand ankündigt, der im Augenblick höchst unerwünscht ist. Besonders dass der Stadtverwalter offenbar von dem hoch umstrittenen Buch erfahren hat, macht den beiden Männern sorgen. Doch es gab Entwarnung. Es war Sir Dante.
"Maximuss, ich wollte Euch nur bescheid sagen, dass die Überfahrt nach Argaan bald starten wird. Randell ist bereits dabei, mein Hab und Gut auf unser Schiff zu transportieren. Leider ist meine alte Kogge doch nicht mehr so gut in Schuss, wie ich angenommen hatte. Doch die Überfahrt nach Argaan sollten wir eigentlich überstehen." Der Großhändler lachte und antwortete spöttisch: "Falls Ihr unterzugehen droht, müsst Ihr halt auf meine kleine Kogge wechseln." Sir Dante schaute zu den vielen Kisten, die unmittelbar im Laden standen. Leicht verwundert sagte er: "Meine Güte, Ihr habt ja genau so viel Krempel. wie ich. Zum Glück sind wir mit zwei Schiffen unterwegs!" Der werte Graf hingegen zuckte mit den Schultern. "Das meiste sind wohl Bücher und Kunstgegenstände, für die ich immer viel zu viel Gold ausgebe. Waren habe ich in letzter Zeit ja wenig eingekauft."
Die beiden Männer sprachen noch eine Zeit lang über die Fahrt nach Argaan. Auf den Straßen von Zethus hingegen war bereits ein geschäftliches Treiben. Die Einwohner säuberten ihren Gehweg und machten die ersten Besorgungen. Bereits vor einigen Stunden hatten die fahrenden Händler ihre Stände aufgebaut und boten allerlei Waren an. Wie immer zeichnete sich das gleiche Bild ab. Soldaten kontrollierten die Händler auf verbotene Waren und kassierten ordentliche Steuern zur Nutzung des Marktplatzes. Insgesamt war die Stadt von Soldaten gezeichnet. Offenbar hegte der Stadtverwalter ein gewisses Misstrauen gegenüber den Einwohnern. So wollte er verhindern, dass es in der Stadt zu Unruhen oder gesetzeswidrigen Taten kam.
Doch fernab des vielbesuchten Marktplatzes, in einem kleinem und unscheinbaren Haus in dem ärmlichen Viertel der Stadt, wurden Gespräche geführt, die die Stadtwache interessieren dürfte. "Wir müssen uns beeilen! Sie wollen das Buch aus der Stadt schaffen. Der Vollidiot von Stadtverwalter hat die Schriften wohl nicht finden können." sagte einer ein in schwarz gekleideter Mann. Ein anderer hingegen erwiderte: "Wir sollten noch in dieser Woche zuschlagen. Sicher haben die Gelehrten das Buch bei sich. Sobald sie verwundbar sind, schlagen wir zu."
In der Zwischenzeit kam Randell, der Diener des werten Sir Dante zum kleinen Laden von Maximuss. "Entschuldigt die Störung, Mein Herr, zum Beladen des Schiffes benötigen wir eine Erlaubnis des Stadtverwalters. Die Wachen haben uns nicht passieren lassen." Sir Dante schlug mit der Faust auf den Tisch und erwiderte erbost: "Argh, dieser Falcar… für alles muss man sich hier eine Erlaubnis einholen. Entschuldigt mich, mein Freund. Ich werde mit dem Verwalter mal ein paar Tackte reden müssen…"
Nachdem die beiden Mitglieder der Händlergilde, Sir Dante und Graf Maximuss, ihre Besitztümer in den letzten Tagen transportsicher verpackt hatten, war nun endlich der Tag der Abreise aus Zethus gekommen. Wie immer war es ein grauer Tag und es regnete ab und zu. Davon ließen sich die Männer aber nicht abbringen und fuhren die Kisten mit einem alten Planwagen zum Hafen. Der Hafen war genauso trostlos, wie der Rest von Zethus. Allerdings hat die Stadtwache dafür gesorgt, dass Kriminalität größtenteils unterbunden wird.
Zunächst wurden die Kisten und Truhen von Sir Dante auf sein kleines Schiff gebracht. Als der Graf den Laden seines Geschäftspartners ansah, musste er lachen. "Mensch, Euer Laden sieht ja genauso aus wie meiner. Die Holzplanken nicht mehr im guten Zustand und die Fenster zu klein, als dass vernünftiges Licht hereinscheinen kann." Immer wieder wurde der Planwagen mit neuen Kisten gefüllt, der sich sodann auf den Weg zum Hafen machte, um das Schiff zu beladen. Die kleine Handelskogge von Sir Dante machte einen reparaturbedürftigen Eindruck aber der Edelmann aus Verdistis war zuversichtlich, dass sie die Überfahrt nach Argaan noch überstehen würde.
Randell, der Diener von Sir Dante, stand am Schiff und zählte die Kisten. Jede Truhe und jede Holzkiste hatte er zuvor mit Nummern versehen, die er auf der Liste sodann abharkte. Bei der letzten Überfahrt von Midland nach Gorthar gingen nämlich zwei Kisten mit edlen Stoffen aus Varant verloren. Diesen Fehler wollte sich Randell nicht noch einmal erlauben. "Nach los, Beeilung! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!" feuerte er die Hafenarbeiter an. Diese schauten genervt zu Randell rüber und murmelten vor sich hin.
Gerade kamen Sir Dante und Maximuss mit dem beladenen Planwagen zurück. Sie sahen etwas erschöpft aber auch zufrieden aus. In wenigen Stunden würden ihre Schiffe in See stechen. Doch bis dahin galt es noch viele Kisten zu transportieren.
"Wie viele Kisten sind denn schon an Bord?" wollte Sir Dante wissen. Sein Diener studierte die Liste und antwortete dann: "24 Kisten, mein Herr. Es fehlen noch 16." Der Händler nickte zufrieden, drehte sich zu Maximuss und sagte dann: "Wunderbar! Dann können wir ja gleich mit Euren Kisten beginnen. Wie viel habt Ihr denn zu transportieren?" Maximuss hingegen zuckte mit den Schultern. "Ich habe die Sachen nicht gezählt. Im Grunde sind nur die Sachen von großer Wichtigkeit, die ich im Keller gelagert habe. Der Rest sind Handelswaren, die ich auf dieser neuen Insel vielleicht gar nicht verkaufen kann. Überschlagen würde ich sagen, es müssten so um die 20 Kisten und 5 Truhen sein. Das meiste sind Bücher..."
In der Zwischenzeit machten die Händler am Marktplatz wieder gute Geschäfte. Die Einwohner von Zethus kauften für einen Feiertag ein, der zu Ehren des Fürsten stattfindet. Händler baten dafür immer besonders edle Waren an. Ein Schinken aus fernen Ländern konnte so schon mal schnell 150 Goldmünzen kosten. Auch der Handelsposten hatte einen eigenen Stand auf dem Marktplatz und verkaufte offizielle Zeremoniedolche mit reicher Verzierung. Keiner der Dolche konnte tatsächlich als Waffe verwendet werden, denn der Handel mit Waffen und Kriegsgegenständen ist in den Handelsposten des Fürstentums nicht gestattet. Nur wenige Händler haben eine Sondergenehmigung erhalten und das treibt die Preise drastisch in die Höhe.
"Aufpassen, die Kiste!" rief Randell, doch da war es schon zu spät. Eine schwere Kiste fiel den Hafenarbeiter herunter. Diese zersprang und Goldmünzen rollten auf die Straße. Einige Männer eilten herbei, doch nicht etwa um bei dem Missgeschick zu helfen. Eifrig sammelten sie die goldenen Münzen in die Taschen. "Wache! Wache!" rief Randell abermals völlig aufgeregt. Sir Dante hingegen zog einen Degen aus seinem eleganten Gehstock und lief zur Kiste. "Hinweg mit Euch! Wenn Ihr Euch dieses Gold wirklich verdienen wollt, dann helft uns bei der Beladung der Schiffe. Das Gold aus der Kiste soll denjenigen gehören, die uns tatkräftig unterstützen." Einige der Männer verschwanden mit dem Teil ihrer Beute in den Gassen des Hafenviertels aber andere wiederum waren mit dem Vorschlag wohl einverstanden. Voller Tatendrang und Goldgier halfen sie, die Kisten auf das Schiff zu transportieren.
Diener Randell versuchte das Gold in die beschädigte Kiste zu verstauen. "Aber mein Herr, in der Kiste befinden sich 7.000 Goldmünzen. Wollt Ihr den Männern wirklich so viel bezahlen!?" Sir Dante lachte und erwiderte: "Keine Sorge. Sie bekommen einen anständigen Lohn. Zu wenig, als dass es mir schadet und zu viel, als dass sie sich darüber aufregen könnten. Es wäre zu einem Tumult gekommen, wenn die Stadtwache eingegriffen hätte und zum Schluss wäre vielleicht das ganze Gold weggewesen. Man muss den Menschen nur ehrliches Gold für ehrliche Arbeit anbieten und schon sind sie zufrieden, so einfach ist das."
Seit einem Tag waren die Männer nun schon damit beschäftigt, das Hab und Gut von Sir Dante und Graf Maximuss auf die beiden Schiffe zu verladen. Der Tag neigte sich dem Ende und die beiden Herren saßen in dem leeren Verkaufsraum des Großhändlers. Sie warteten auf die Gelehrten von Rivellon, die das Buch abholen wollten. Danach wollten sie in See stechen und die Mitglieder der Händlergilde in Thorniara treffen.
Es klopfte an der Tür, die Gelehrten waren eingetroffen und begrüßten die Händler. "Guten Abend die Herrschaften. Entschuldigt die Verspätung aber wir mussten noch auf das Schiff warten, dass uns zurück nach Rivellon bringen wird. Habt Ihr das Buch bei Euch? Wir möchten unverzüglich aufbrechen." Maximuss nickte, nahm das Buch aus einer kleinen Truhe heraus und übergab es dem Gelehrten. "Passt gut darauf auf, ich möchte es unversehrt zurück haben." Die Gelehrten bedankten und verabschiedeten sich zugleich.
Sir Dante schaute zu Maximuss rüber und erhob das Wort: "Das war es also. Unsere Geschäfte in Zethus sind zu Ende und es beginnt ein neues Kapitel der Händlergilde. Kommt, Randell wartet draußen mit der Kutsche auf uns. Fahren wir endlich zum Hafen und verlassen diese trostlose Stadt." Der Graf nickte und in diesem Moment vernahmen die beiden Händler einen Schrei des Gelehrten Mortis. Hastig eilten die Männer heraus und erblickten eine kleine Gruppe von in schwarz gekleideten Männern. Sie lieferten sich einen Kampf mit Angehörigen der herzoglichen Garde, die die Gelehrten begleitet hatten. Bragan, der ehemalige Gardist des Großhändlers, zog sein Schwert und stellte sich schützend vor die beiden Händler. "Folgt mir, wir laufen zur Kutsche, schnell!" rief er und eilte mit den Männern nach vorne.
In der Zwischenzeit war auch die Stadtwache alarmiert und kam zur Hilfe. Pfeile schossen durch die Luft und verfehlten den auf der Kutsche sitzenden Randell nur knapp. Endlich hatten die Männer den Wagen erreicht und stiegen ein. "Los Randell, fahr in die Menge! Wir müssen die Gelehrten dort rausholen!" befahl Sir Dante und sein Diener folgte. Hastig trieb er die beiden Pferde an und fuhr auf die kämpfende Meute zu. Randell lies die Kutsche nur ein wenig langsamer werden und rief den Gelehrten zu, dass sie einsteigen sollen. Schnellen Fußes liefen die Männer der Kutsche hinterher. Allen voran Mortis, der das seltene Buch in den Händen hielt. Er erreichte die Kutsche und sprang herein. Wenig später folgte der zweite Gelehrte. Gerade als auch der letzte Gelehrte in die Kutsche springen wollte, wurde er von einem Pfeil getroffen und stürzte zu Boden. "Nicht anhalten! Weiterfahren, los!" rief Mortis. Randell zögerte, trieb dann jedoch wieder die Pferde an. Gerade noch rechtzeitig, denn einige Pfeile schossen in Richtung Kutsche.
Eine halsbrecherische Fahrt zum Hafen begann. Von weitem sah man immer noch eine kämpfende Meute, doch die herzogliche Garde und die Stadtwache von Zethus schienen die Oberhand zu gewinnen. Die Männer waren geschockt. "Was um alles in der Welt war das denn!?" fragte Mortis aufgeregt. Doch keiner konnte ihm eine Antwort geben.
Wenige Minuten später hatten sie den Hafen erreicht. Die Gelehrten liefen sofort zur herzoglichen Fregatte und verschwanden unter Deck. Dann eilten Männer vom Schiff in Richtung Händlerviertel. Einen Moment lang hatte Maximuss überlegt, ob sie nicht vielleicht helfen sollten, doch Sir Dante widersprach: "Wir müssen her weg! Geht auf Euer Schiff und lasst die Segel setzen. Wir wissen nicht, wer uns angegriffen hat. Würde mich nicht wundern, wenn es Männer von Theodorus waren!"
Endlich waren die Männer in Sicherheit. Sir Dante und Randell ließen bereits die Segel setzen und bewegten sich langsam auf das offene Meer zu. Maximuss kleine Handelskogge musste noch losgebunden werden. Bragan stand mit einer Armbrust am Steuerbord des Schiffes und schaute in die Dunkelheit. Dann endlich waren die Seile entfernt und auch das Schiff des Großhändlers bewegte sich langsam vorwärts.
Nur die große Fregatte aus Rivellon stand noch immer im Hafen. Männer bewachten den Aufstieg und schauten ebenso in die Dunkelheit der Stadt. Man wartete noch auf den verwundeten Gelehrten und wollte dann sofort aufbrechen.
Der Kampf im Händlerviertel von Zethus war bereits zu Ende. Keiner der Angreifer konnte gefangen genommen werden. Entweder wurden sie getötet oder sie flohen in den Seitengassen. Der verletzte Gelehrte wurde von der herzoglichen Garde zum Schiff eskortiert. Der Fall steckte noch in seinem Bein, er musste humpeln und fluchen: "Ich hätte mich niemals dazu überreden lassen sollen, hierher zu kommen. Die Gelehrten von Rivellon gehören in die große Universität des Herzogs und sonst nirgendwo hin!" Wenige Zeit später hatten die Männer endlich das Schiff erreicht und halfen dem Gelehrten in die Kajüte. Auch die rivellonische Fregatte machte sich abfahrbereit und setze sodann die Segel. Besonders langsam und schwerfällig bewegte sich das Schiff unter der herzoglichen Flagge.
Zurück blieb eine im Nebel gehüllte Stadt. Einst hatte man Zethus als blühende Handelsstadt des Fürstentums Caldera beschrieben, doch tatsächlich war sie ein grauer und dunkler Ort, in dem der Verwalter mit eiserner Hand regierte. Keiner der Männer wollte hierher wieder zurückkehren.
Es war, als ob er aus einem Alptraum erwacht war. Orientierungslos schaute er sich um in der Erwartung, sich in der kleinen Stube wiederzufinden, die er in der Zitadelle von Thorniara sein Zuhause nannte. Vielleicht würde er noch einen Schluck trinken und dann versuchen noch ein paar Stunden Schlaf mitzunehmen, bevor er bei Tagesanbruch mit seinen morgendlichen Übungen begann. Einziges Problem: er war nicht in Thorniara.
Er konnte kaum etwas sehen. Das wenig Licht kam von einer Laterne, die er in seiner linken Hand hielt. Wie auch immer die dahin gekommen war.
Wo zum Geier bin ich?, fragte er sich. Er schaute sich um. Direkt vor ihm befand sich eine Statue, jedoch erkannte er das Motiv in dem schlechten Licht nicht. Erst jetzt bemerkte er, dass seine freie Hand die Statue berührte. Der Stein fühlte sich angenehm warm an, obwohl die Umgebungsluft ziemlich frisch zu sein schien.
Er versuchte sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war, doch es fiel ihm schwer sich zu konzentrieren. Er erinnerte sich an eine Mission. Nein, keine Mission. Er war auf eigene Faust von Thorniara aus aufgebrochen. Dann kam ein Name, Bella. Er versuchte sich das Gesicht zu dem Namen vorzustellen, aber sein Kopf antwortete nur mit Dröhnen. Es folgten ein paar Gedächtnisfetzen. Einzelne Bilder. Schmerzensschreie. Er lag auf einem Bett. Die Laken um ihn waren vollgesogen mit Blut, seinem Blut. Und dann wieder nichts. Bis jetzt.
Intuitiv bewegte er seine rechte Hand zu der Stelle, an der normalerweise sein Schwert zu finden war. Es fehlte. Wie so ziemlich alles andere auch, was er sein Eigen nannte. Kein Geldbeutel, kein Dolch, keine Armbrust, kein Innos-Amulett. Er trug lediglich ein schlichtes Hemd, eine Hose und eine dünne Kordel, die wohl als Gürtelersatz dienen sollte. Und er stank, so viel bemerkte er sofort. Es musste schlimm um ihn bestellt sein, wenn er schon seinen eigenen Körpergeruch riechen konnte.
Er drehte sich um und sah sich genauer an, wo er sich befand. Es war ein kleiner Raum, fensterlos und ohne Ausschmückungen oder sonstige Hinweise darauf, wo er sich befand. Ein großer Steinklotz befand sich in der Mitte des Raumes, am anderen Ende konnte er eine Tür ausmachen. Ein Ausgang.
Er bewegte die Laterne etwas näher an den Steinklotz. Ein paar Schriftzeichen waren dort eingraviert, er verstand sie aber nicht. Es kam ihm ein neuer Gedanke.
„Das ist eine Grabplatte“, sprach er laut aus. Leider war es mehr Fragen auf, als dadurch hätten beantwortet werden könnten.
„Hast du was gesagt?“, fragte eine Stimme. Eine Gestalt trat durch die Tür. In dem schlechten Licht konnte er erkennen, dass sie genauso gekleidet war wie er. „Hey, du sollst doch nicht ganz allein neue Räume untersuchen. Du weißt doch, was das letzte Mal passiert ist.“
„Ich…“, wollte er sagen, wurde aber sofort von dem Neuankömmling unterbrochen.
„Ist das? Oh, ich fass es nicht. Ich glaube du hast es gefunden!“ Der Dazugestoßene war völlig außer sich. „Das ist ja wunderbar!“
„Ich habe was gefunden?“, wollte er wissen.
„Die Grabkammer. Die, nach der wir die letzten Monate gesucht haben. Und du setzt dich mal eben von der Gruppe ab und findest sie im Vorbeigehen. Typisch.“
Erneut wurden mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet wurden. Wer war diese Person, die mit ihm sprach, als wären sie miteinander befreundet?“
„Guck dir das an“, sagte der Fremde und trat dabei näher an die Statue heran. „Das muss Innos sein. Zumindest eine frühe Statue von ihm. Und so gut erhalten. Schade, dass es sich um den falschen Gott handelt. Eine Statue von unserem Gott in diesem Zustand würde sicher gut in unserem Tempel passen.“
Innos. Natürlich. Er hob seine Laterne und sah sich ebenfalls die Statue genauer an. Die Symbole waren etwas anders, aber jetzt erkannte er es auch. Obwohl sie so anders aussah, machte sich ein Gefühl von Vertrautheit und Zuversicht in ihm breit.
„Und hier!“ Der Fremde war kaum mehr zu bändigen und deutete auf den Sarkophag. „Hier ruht er also. Jacopo, dafür wird dir dein Platz in den Annalen des Ordens sicher sein. Komm, holen wir die anderen. Der Meister wird das so schnell wie möglich sehen wollen.“
Jacopo, diesen Namen hatte er schon einmal in einem Traum gehört, der auf einmal so real zu werden schien.
Nicht Jacopo, Rodeon, dachte er sich. Sir Rodeon du Nord, ein Paladin Innos‘. Er schaute noch einmal zur Statue.
„Danke“, sagte er.
„Wofür bedankst du dich? Wir sind diejenigen, die in deiner Schuld stehen.“
„Aber natürlich.“ Rod war sich unsicher, was er von all dem halten sollte. Er entschloss sich, etwas mitzuspielen um herauszufinden, was dieses ganze Theater eigentlich zu bedeuten hat. „Lass uns … zum Meister gehen.“
Der Fremde führte ihn durch mehrere Räume auf dem Weg zum sogenannten Meister. Unterwegs läutete er immer wieder eine kleine Handglocke. Das diente wohl als Signal und so gesellten sich andere wie er gekleidete Gestalten zu ihnen. Es dauerte nicht lange, bis sie zu einer kleinen Prozession angewachsen waren, gut 20 Männer hatten sie auf einmal im Schlepptau. Der Fremde sagte ein paar Worte zu ihrem Fund und schickte einen der ihren mit den scheinbar guten Nachrichten voraus. Viele klopften Rod auf die Schulter oder beglückwünschten ihn. Einer umarmte ihn sogar innig, die Freudentränen sammelten sich in den Augen. Selten fühlte er sich so unwohl.
Er dachte schon der Gebäudekomplex, zumindest wirkte er groß genug, um einer zu sein, würde nie enden, bis sie auf einmal einen großen Raum erreicht hatten. Rod rieb sich die Augen, als er ihn betrat. Statt der prunklosen, kargen Wände war dieser Raum mit vielen, teils verglichenen, aber immer noch erstaunlich gut erhaltenden Wandmalereien versehen. Auf einem Bild erkannte er einen Drachen, der mit einem Mann in voller Rüstung kämpfte, das Schwert zum Kampfe erhoben. Andere Bilder zeigten überwältigende Burgen, idyllische Landschaften und blühende Städte. Selten hatte er so viel Schönheit auf einem Ort versammelt gesehen.
All das wurde nur von der großen Statue übertroffen, die sich an einem Ende des Raums befand. Sie sah genauso aus wie die Statue der Grabkammer.
Innos, dachte sich Rod. Er fühlte sich auf einmal zuhause.
Sein Führer war von all der Pracht jedoch unbeeindruckt gewiesen und so setzte der Tross seine Reise fort. Sie verließen den Raum durch eine große Pforte. Einen Moment hatte Rod erwartet, in Tageslicht zu treten, jedoch wurde das dunkle Gemäuer durch eine noch dunklere Höhle abgelöst, die sich nahtlos daran anfügte. Wo war er nur herein geraten?
Ihre Reise führte sie noch ein wenig weiter durch die Höhle, die noch mehrere Verzweigungen zu haben schien. Zum Glück war er nicht derjenige, der den Trupp anführte, er hätte keine Ahnung gehabt wohin er zu gehen hatte.
„Was ist los, Bruder“, fragte einer derer, die sie im Schlepptau hatten. „Du schaust so ziellos umher, dabei ist das ein Freudentag.“
„Ja, Bruder“, er spielte weiter mit. „Ich kann immer noch nicht so ganz glauben, was hier gerade passiert.“ Das war erstaunlich nah an der Wahrheit.
„Sei unbesorgt. Ab jetzt wird alles gut. Unsere Mission ist fast erfüllt.“
Ihm gefiel nicht, was er hörte. Er hatte keine Ahnung, um was für eine Mission es sich handelte, aber er war sich sicher, dass es nicht gut werden würde. Er schwieg lieber.
Sie erreichten einen weiteren Raum, der sich nahtlos an die Höhle anknüpfte. Ein alter Mann in schwarzer Robe begrüßte sie dort. Er sah wichtig aus.
„Bernard, Jacopo“, begrüßte er Rod und den Fremden, der ihn aufgelesen hatte. Bernard trat vor, verbeugte sich und küsste den Ring des Mannes an seiner fast knöchernden Hand. Als Rod spürte, das alle Augen auf ihn gerichtet waren, sprang er über seinen Schatten und tat es ihm gleich. Er erwartete, dass sich alle auf ihn stürzen würden und seine Scharade aufgeflogen war, aber als er wieder aufstand und sich umsah, konnte er nur in zuversichtliche Gesichter blicken.
„Heute ist ein großer Tag“, sagte der alte Mann und richtete sich dabei an alle, die sich gerade hier befanden. „Wir haben das Grab gefunden, so wie es die Schriften vorhergesagt haben. Doch bedenkt, dass das erst der Anfang ist. Unsere wahre Arbeit beginnt erst jetzt. Dennoch sind wir der Erlösung noch nie so nah gewesen wie heute.“
Komm, Mann, rede Klartext, dachte sich Rod, während unter den übrigen Anwesenden Jubel ausbrach.
„Jacopo“, sagte der alte Mann. Und auf einmal waren wieder alle Augen auf ihn gerichtet. Intuitiv verbeugte er sich erneut vor der hageren Gestalt. Was ging ihm das ganze Spiel auf den Keks.
„Du hast unserem Orden einen großen Dienst erwiesen. Hiermit segne ich dich im Namen Beliars.“
Ein ganz flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit, als der Priester noch ein paar Worte in einer ihm unbekannten Sprache murmelte. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte eine altbewährte Säuberung durchgeführt, Anhänger des dunklen Gottes, die ein Heiligtum Innos‘ derartig entweiht haben, konnte er nicht gestatten weiterzuleben. Nur hatte er kein Schwert, keine Rüstung und keine Ahnung, was hier überhaupt vor sich ging. Gegen die gut zwei Dutzend Männer würde er in seinem jetzigen Zustand nichts ausrichten können. Er musste notgedrungen weiter mitspielen und das als Diener Beliars. Eine größere Erniedrigung konnte es für einen Paladin wohl nicht geben. Aber seine Zeit würde kommen. Er musste nur auf den richtigen Moment warten.
„Was ist los, Jacopo?“, fragte der alte Mann ihn. „Dein Verstand scheint auf Reisen zu sein.“
„Nein Meister“, versuchte er sich herauszureden. „Mich hat all das nur übermannt.“
Der sogenannte Meister schien einen Moment zu überlegen. Falls er Rods Schauspielerei durchschaut hatte, ließ er sich nichts anmerken.
„Meister“, sagte er schließlich. Er wirkte belustigt. „Keine Sorge, bald wirst du deinen wahren Meister zu Gesicht bekommen. Ihr anderen, geht wieder an die Arbeit. Wir haben noch viel zu tun. Jacopo, du hast deinen Teil erfüllt. Jetzt liegt es an den anderen, den ihren zu erfüllen.
[I]Mein Teil ist erst erfüllt, wenn ihr alle tot zu meinen Füßen liegt, stellte er in seinen Gedanken klar. Aber vorher brauch ich ein paar Antworten und ein Schwert.
Wie froh er gewesen war, als er endlich von der gesamten Meute in Ruhe gelassen wurde. Selbst nach der Zeremonie, oder was auch immer das genau gewesen war, wurde er weiter behelligt und darüber ausgefragt, wie toll es doch gewesen sein musste dem Meister so nah zu sein oder derjenige zu sein, der den großen Fund gemacht hatte. Er hätte seinem Gott, dem falschen Gott, treu gedient und würde dafür im nächsten Leben sicher belohnt werden. All das Geschwätz und mehr musste er sich anhören.
Zum Glück hatte er die erstbeste Gelegenheit ergriffen, sich von der Gruppe abzusetzen. Er brauchte Zeit und Ruhe, über all das Nachzudenken, was auf ihn einprasselte. Die Grabstätte bot sich dazu wohl am besten an.
Jacopo, so hatten sie ihn genannt. Und wahrscheinlich war er auch Jacopo gewesen während der letzten Wochen, Monate, Jahre? Er wusste nicht einmal, wie lange er schon hier war. All die anderen trostlosen Gestalten, vielleicht war ihnen dasselbe widerfahren. Ein dunkler Zauber war hier am Werk. Eine andere Erklärung fand er nicht.
Dennoch, eins nach dem Anderen. Zuerst war da noch ein weit verzweigtes Grab und eine Menge ungeklärter Fragen.
Der große Vorraum zur Grabkammer war immer noch so schön wie eh und je. Es musste sich um einen alten Innostempel handeln, gebaut in einer Zeit, von der zumindest er noch nicht einmal was gehört hatte. Seine Geschichtskenntnisse endeten so ziemlich mit dem ersten Rhobar und der Gründung des Reiches. Er kannte einige Magier, die wohl toten würden um jetzt an seiner Stelle zu sein. Zumindest was das Hiersein anging, um die Gesamtsituation beneideten ihn wohl die wenigsten.
Mit der Handfläche fuhr er über die bemalte Wand. Sie war warm, stellte er fest. Er überlegte, was das wohl zu bedeuten hatte.
„Was treibst du da, Jacopo?“
Rod drehte sich um. Einer der Mitgefangenen, als solche betrachtete er sie jetzt, stand dort breitbeinig und mit verschränkten Armen, so als ob er endlich verstanden hätte, dass Rod keiner mehr der ihren war.
„Ich habe nur die Wand begutachtet“, gestand Rod ehrlicherweise und spielte weiter das Spiel mit. „Ich habe nur überlegt, wer all das hier geschaffen haben könnte.“
„Jedenfalls keiner mit einem Auge für Kunst“, war die ernüchternde Antwort. „Alles Werke des falschen Gottes. Sobald wir hier fertig sind, bringen wir den ganzen Komplex zum Einsturz und all diese Häresie wird ein für alle Mal vom Antlitz der Welt getilgt.“
„Aber … natürlich, Bruder. Alles Werke des falschen Gottes“, wiederholte er. „Ich habe mich nur etwas darüber gewundert, dass sich die Wand so anders anfühlt. So als ob sie warm wäre.“
Rod musste aufpassen. Er war noch nicht bereit, sich zu erkennen zu geben, aber irgendwie musste er den anderen ja entlocken, was sie über diesen Ort wussten.
„Was sagst du?“, wollte er wissen und legte ebenfalls seine Hand auf die Wand. „Ich weiß nicht, was du hast, aber da ist nichts. Kalt wie eh und je. Nur weil du gesegnet bist, solltest du nicht glauben, jetzt überall Zeichen Beliars zu sehen.“
Nicht Beliar, Innos, stellte Rod in Gedanken richtig. Wärme ist Feuer. Feuer ist Leben, nicht Tod.
Wie froh er doch war, als der Unbekannte wieder ging. Zwar mit einem Kopfschütteln, aber ohne weitere kritische Fragen zu stellen. Dabei fiel ihm ein, dass er immer noch die Namen der anderen nicht wusste. Während des nächsten Beisammenseins musste er wohl ein paar unbekannten Gesichtern die ersten Namen versuchen zuzuordnen. Aber vorher galt es ein anderes Geheimnis zu lüften.
Er drehte sich zur großen Innosstatue am Ende des Raumes.
Was willst du mir sagen?
Es wurde wärmer.
Die letzten Stunden hatte Rod damit verbracht, dem Geheimnis des Grabmals auf die Schliche zu kommen. Zufällig hatte er erkannt, dass je weiter er in den Tempel vorrückte, umso wärmer wurden die Wände, wenn er seine Handfläche auf sie legte.
Dieser Teil des unterirdischen Gebäudes, in dem er sich gerade befand, schien von den anderen Arbeitern noch nicht erschlossen worden zu sein. Zum Glück, dachte er. Das letzte, was er jetzt wollte, war Gesellschaft.
Seine Suche führte ihn immer tiefer in die Katakomben des Gemäuers. Er wollte sich gar nicht erst fragen, was für einen Zweck dieser Bau überhaupt hatte, dafür gab es einfach noch zu viele andere Fragen, auf die ihm noch die Antworten fehlten.
Was zum.
Er war in einer Sackgasse angelangt. Es war ein kleiner Raum mit einem großen runden Steinblock in der Mitte. Ein paar Steine lagen darauf willkürlich verteilt.
Rod schwenkte die Fackel hin und her. Die Wände waren mit Malereien versehen. Die einzigen überhaupt im ganzen Komplex neben denen in der Vorkammer.
War es das, was wo wichtig war?
Er schaute sich die Wandmalereien genauer an. Er erkannte einen Mann in schwerer Rüstung, über ihm war eine weiße Kugel. Auf dem nächsten Bild war derselbe Mann, der seinen Zeigefinger auf eine andere Person richtete. Ein drittes Bild zeigte ebenfalls die gleiche Gestalt, diesmal umrandet von einem weißen Kreis. Ein paar Gestalten, die er nicht deuten konnte, versuchten den Kreis zu ergreifen, konnten es aber nicht.
Auf einmal verstand er.
„Licht“, murmelte er. „Die Macht der Erkenntnis. Der heilige Schild. Das ist Paladinmagie.“
Die Magie seines Ordens war ihm immer ein Mysterium gewesen, das er nie so ganz entschlüsseln konnte. Seitdem er die Flamme durch den Feuerkelch empfangen hatte, gab es zwar spontan auftretende Ereignisse, die irgendwie mit der Magie zusammenhängen mussten, jedoch war er weit davon entfernt sie zu kontrollieren. So sehr er sich auch anstrengte, diese Probleme bekam er nie ganz in den Griff.
Er schaute sich die gegenüberliegende Wand an, wo sich ebenfalls Malereien befanden.
Der selbe Mann, scheinbar ein Paladin, wie eben war wieder zentraler Aspekt der Zeichnungen hier. Auf dem ersten Bild kniete er nieder, scheinbar zum Gebet. Weiße Kleckse, nein, Punkte fielen von seinem Oberkörper aus zu Boden.
Blut, dachte er. Der Paladin blutet.
Er schwenkte seine Fackel zum nächsten Bild. Hier kämpfte der Paladin mit einem unförmigen Wesen, jedoch keinem Menschen. Er streckte die Hand aus und ein Strich verließ seine Handfläche in Richtung des Wesens.
Kein Strich, ein Pfeil, stellte er fest, als er genauer hinsah.
Ein letztes Bild zierte die Wand. Der Mann stützte sich auf sein Schwert, mit einem Knie war er zu Boden gesunken. Um ihn herum lagen unzählige der unförmigen Wesen auf dem Boden, ein paar Menschen machte er auch aus.
Sie sind tot, dachte sich Rod. Durch die Klinge des Paladins gefallen.
Er musste sich an seine Lektionen erinnern. An all die Gespräche, die er mit Uncle-Bin geführt hatte. All die Bücher, die er gelesen hatte. Es kam ihm so bekannt vor, was er hier vorfand.
„Selbstheilung“, sagte er wie vom Blitz getroffen und sah sich wieder das erste Bild auf dieser Seite an. „Natürlich.“
Er schaute sich das nächste Bild an.
„Der heilige Pfeil“, stellte er fest. „Und das hier, das ist ein Dämon.“
Wobei das eigentlich auch alles andere sein konnte, musste er sich eingestehen. Es war auf jeden Fall ein dunkles Wesen, so viel erkannte man mit etwas Fantasie.
„Und du“, er sah sich die letzte Malerei an. „Innos Zorn.“
So langsam beschlich ihm das Gefühl, dass es genau dieser Raum war, wohin man ihn geführt hatte. Innos Präsenz‘ war stark an diesem Ort. Und diese Beliaranhänger wollten das Heiligtum entweihen. Er musste sie aufhalten. Nur wie.
Er stützte sich an dem Steinklotz in der Mitte des Raumes mit einer Hand ab. Aus Versehen erwischte er einen der Steine, die darauf verstreut lagen und schmiss ihn zu Boden. Er bückte sich und nahm ihn in die Hand. Von all dem aufgewirbelten Staub begann er zu husten.
Nanu. Er legte die Fackel beiseite und wischte den gröbsten Staub von dem Stein. Symbole waren darauf eingraviert. Rod erkannte einen Pfeil, umringt von einem Kreis. Seine Nervosität stieg an, er spürte seinen Herzschlag mit jedem weiteren Stein, den er kenntlich machte, immer mehr. Auf einem waren ein paar Sterne, auf einem anderen war ein großes Kreuz, umrandet von einem viergeteilten Kreis. Auf den anderen waren ebenfalls Symbole eingraviert, die er nun zuordnen konnte. Er hielt einen der Steine vor sich.
Runen, erkannte er. Paladinrunen. Eine für jeden Zauber, die hier an den Wänden standen.
Ein letztes Mal führte er seine Handfläche zu einer der Wände. Sie war kalt. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute auf die Decke des Raumes. Eine große Flamme war dort in den Stein gehauen.
„Danke, Innos.“
Die Katakomben entpuppten sich als ideale Trainingsmöglichkeit. Die Anderen waren damit beschäftigt, irgendeine große Zeremonie vorzubereiten und das Grab auszuheben. So ganz hatte er noch nicht ganz verstanden, was da eigentlich genau vor sich hin, aber wenigstens hatte er so die Ruhe, um sich einen Plan zu überlegen und seinen eigenen Vorhaben nachzugehen.
Schon oft hatte er sich mit der Magie der Paladine beschäftigt. Kontrollieren konnte er sie noch nie. Je nach Gefühlslage und Situation, in der er sich gerade befand, schien sie sich selbst auszusuchen, wann sie aktiv wurde und wann nicht. Doch an diesem Ort schienen die Umstände anders zu sein. Er fühlte sich lebendig, euphorisiert, so als ob ihm alles gelingen konnte. Seitdem er den kleinen Raum mit den Zeichnungen an den Wänden und den Paladinrunen gefunden hatte, schien selbst eine Kontrolle der Magie möglich zu sein. Anders konnte er sich seinen scheinbar zufälligen Fund auch nicht erklären.
Rod begann mit der einfachsten Magieform, die es gab: dem Licht. Dies war auch der Zauber, den er am besten beherrschte – sofern man von Beherrschen sprechen konnte. In Notsituationen hatte er es immer irgendwie geschafft, den Zauber zu wirken. So manches Mal war ihm das auch im Schlaf passiert und als er die Augen aufmachte, war sein Zimmer vollständig erleuchtet gewesen. Wenn man versuchte ein paar Stunden Schlaf mitzunehmen so ziemlich das Letzte, was man gebrauchen konnte.
Er meditierte, so wie Uncle es ihm einst gezeigt hatte. Vor ihm lag die Rune auf dem Boden, die eingravierten Sterne schienen im Fackellicht zu funkeln. Er war nie einer von der Sorte, die sich stundenlang im Schneidersitz ohne Rührung verbringen konnten, während die Augen dabei geschlossen waren. Irgendwo juckte oder zwickte es ja doch oder irgendein Milizionär ließ etwas zu Boden fallen und schreckte ihn so auf. Diesmal war es jedoch anders. Niemand war hier, nur er und ein paar Ratten, die er hin und wieder ausmachen konnte. Die Anderen waren fernab, weit außerhalb Hör- und Rufweite. Nur er war hier. Er und Innos.
Wie viele Stunden er in dieser Position verbrachte, konnte er schlecht abschätzen. Er hatte sowieso jegliches Zeitgefühl verloren. Draußen konnte es Tag oder Nacht sein und er würde davon nichts mitkriegen.
Verdammt, gab er irgendwann zu und öffnete wieder die Augen. Ich dachte, diesmal klappt es.
Er stand auf und wollte die Fackel ergreifen, die er an einer Wandhalterung befestigt hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie schon längst erloschen war und trotzdem war es immer noch erschreckend hell in dem kleinen Raum.
„Nanu“, sprach er laut aus und schaute an die Decke. Dort war sie, die milchrig weiße Kugel, die er so sehr herbeigesehnt hatte.
Ich bin wohl doch kein hoffnungsloser Fall, stellte er zufrieden fest.
„Jacopo, freust du dich auch so sehr wie ich?“
Rod konnte seinen falschen Namen nicht ausstehen. Ihm war immer noch nicht so ganz klar geworden, was hier genau getrieben wurde, aber er wähnte sich auf der richtigen Fährte. Zeit genug hatte er anscheinend, denn das Ritual, oder was auch immer sie hier vorbereiten, war noch weit entfernt. Sie warteten wohl irgendeine bestimmte Sternenkombination ab, so viel hatte er inzwischen mitbekommen. So konnte er sich seinen eigenen Projekten wie der Paladinmagie zuwenden, während die anderen desillusioniert auf die Ankunft ihres erhofften Erlösers warteten. Diese ganze Scharade in die er geraten war hatte ihm unverhoffte Möglichkeiten geboten. Er hatte vor sie so sehr auszureizen, wie es nur ging.
„Emeric“, begrüßte er den anderen sogenannten Bruder inbrünstig. Wie froh er doch war, den Namen aufgeschnappt zu haben. Ein wenig Vertrautheit mit den anderen Arbeitern hier konnte ihm nur nützen. „Also ich habe ganz gut gegessen, geschlafen und mir die Beine vertreten. Also war es ein guter Tag. Also ja, ich freu mich.“
Emeric schaute ihn fragend an. Humor schien sowieso allen anderen hier fremd zu sein.
„Und ich freue mich auf die Rückkehr des Meisters“, fügte Rod hinzu. Er hob die Augenbrauen.
„Ja!“, Emeric klatschte erfreut in die Hände. „Ich wünschte es wäre sofort.“
„Sag mal, was erhoffst du dir vom Meister? Irgendwelche Wünsche?“
Er konnte im Gesicht seines Gegenübers sehen, dass er nichts mit der Frage anzufangen wusste. Vielleicht sollte er etwas subtiler vorgehen. Andererseits dürfte Emeric so ziemlich die simpelste Frohnatur von allen Anwesenden sein, die er bis jetzt etwas näher kennenlernen konnte. Wenn jemand Informationen preisgeben konnte und gleichzeitig geistig zu beschränkt war, um sein Schauspiel zu durchschauen, dann war er am richtigen Mann angelangt.
„Ich werde ihm … dienen“, antwortete Emeric zögerlich. Rod war klar, dass er sich noch nie darüber Gedanken gemacht hatte.
„Was treibt ihr zwei hier?“
Rod drehte sich um und erkannte ihren Anführer. Eine bessere Bezeichnung war ihm bis jetzt noch nicht für ihn eingefallen, seinen Namen hatte er auch noch nicht herausfinden können. Es handelte es sich um den gleichen, in schwarzer Robe gekleideten alten Mann, hier das Sagen zu haben schien. An seinem ersten Tag hier, zumindest an den ersten, an dem er sich erinnern konnte, war er es, dem sie von seinem Fund unterrichtet hatten.
„Wir sprachen nur über die baldige Rückkehr des Meisters“, meinte Rod und versuchte das Grinsen zu imitieren, das Emeric immer zeigte, wenn er über die mysteriöse Gestalt des Meisters sprach. Seine Hand fand dabei intuitiv den Weg in eine der Taschen, die an seine Hose genäht wurden. Dabei spielte er mit einem der Runensteine, die er im Tempel gefunden hatte.
Jetzt halt nur deinen Mund, fügte Rod in Gedanken hinzu und starrte Emeric an. Das Grinsen war mit einem Mal verschwunden.
„Gut“, fügte ihr Anführer hinzu. „Jacopo, mir ist zu Ohren gekommen, dass du viel Zeit allein im Tempel verbracht hast. Willst du mir nicht erzählen, was du dort getrieben hast?“
Auf einmal steckte etwas Feindseligkeit in der Stimme. Musste er seinen Plan zur Säuberung tatsächlich schon eher umsetzen? Und doch war da etwas. Rod musste mehrmals seine Gedanken neu fassen. Als der ältere Mann den Mantel der Freundlichkeit ablegte, spürte Rod etwas. Nicht, dass ihr Anführer böse war. Dass er Beliar diente, wusste er schon länger und das ging mit dem Bösesein daher wie Taverne und Bier.
„Die Arbeiten am Tempel sind seit meinem Fund weitestgehend eingestellt worden“, sagte er richtigerweise. „Ich kann jedoch nicht wie die anderen den ganzen Tag herum sitzen. Ich muss etwas tun. Also suche ich den Tempel weiter ab.“
Ihr Anführer, der ihm mehr und mehr wie der Guru einer Sekte vorkam, stützte mit einer Hand sein Kinn und überlegte.
„Also schön, Jacopo“, gab er sich mit Rods Ausrede zufrieden. „Genießt eure Freue Zeit. Jacopo, wir finden eine Arbeit, die dich mehr auslastet. Zumindest bis der große Tag herein bricht.“
Er glaubt mir, dachte sich Rod, während ihr Anführer sich unter einer weiteren Gruppe mischte, die ebenfalls in einem Gespräch vertieft waren. Als Emeric einem anderen Arbeiter zuwinkte, holte Rod den Stein aus seiner Tasche.
Erkenntnis, dachte er sich, während er das Symbol auf dem Stein betrachtete. Das könnte noch nützlich sein. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem er ihrem Anführer ein Schwert in den Bauch rammen würde und die Säuberung von allem bösen Einflüssen endlich beginnen könnte.
„Jacopo, freust du dich jetzt so sehr wie ich, nachdem uns unser Anführer besucht hat?“, fragte Emeric, nachdem Rod den Stein wieder vor neugierigen Augen versteckt hatte.
„Emeric, halt einfach die Klappe.“
„Und jetzt Ruhe“, sprach ihr Anführer mit seiner beruhigenden Stimme. „Schlaft.“
Rod hatte Probleme damit, die aktuelle Situation richtig einzuordnen. Alle Arbeiter wurden zeitgleich in den großen Schlafraum bestellt, das war bis jetzt noch nie vorgekommen. Irgendwie waren immer welche damit beschäftigt gewesen die Grabungen fortzusetzen oder Nahrung zu besorgen. Tatsächlich war Rod darüber erstaunt, wie viele sie überhaupt waren. Er hatte die Anzahl bisher grob geschätzt, aber die Nummer musste er doch noch einmal nach oben korrigieren.
Verdammtes Schauspiel, dachte er sich, während er zuhörte, wie ihr Anführer ein paar Verse in einer Sprache rezitierte, die er nicht kannte. Was ist das für nur eine neue Teufelei? Ich …
Es fiel ihm schwerer, sich zu konzentrieren. Konnte er so dumm gewesen sein, auf einen neuen Zauber hereinzufallen? Hatte er den Moment verpasst, sich von all dem hier loszureißen, um diese Scharade zu beenden und die Diener Beliars zur Strecke zur bringen? Er versuchte sich zu bewegen. Sein Körper gehorchte ihm zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr, sondern lag regungslos auf seiner Liege, nicht besser als ein Leichnam.
Dazu war also dieser Hokuspokus gedacht …
Während er gegen die stärker werdende Müdigkeit ankämpfte, bekam er noch mit, wie der Beliarpriester die Reihen umging und den Arbeitern etwas zuflüsterte. Und langsam aber sicher näherte er sich Rods Liege.
„Emeric“, konnte er erstmals deutlich vernehmen, während er weiter versuchte wach zu bleiben. Emeric, den Namen kannte er nur so gut. Er trottete Rod oft hinterher und so manches Mal musste er ihn abschütteln, bevor er in den Tiefen der Katakomben sein Training fortsetzte. Mit einem Mal hatte Rod eine Idee davon, wie er zu seiner falschen Identität gekommen war. Dieser Zauber schien der Ursprung davon zu sein.
Diesmal nicht, dachte er sich und versuchte sich zu konzentrieren. Er hatte den folgenden Teil mehrmals geübt, wenn auch immer ohne Zeitdruck und mit der passenden Rune in seiner Hand.
Innos, schütze mich, begann er zu beten. Der heilige Schild legte sich umgehend um ihn. Eine unsichtbare Aura positiver Energie. Nicht zu spät. Er spürte, wie sich jemand runter beugte.
„Jacobo“, flüsterte ihm ihr Anführer ins Ohr.
Nein, Rodeon, widersprach er in Gedanken, bevor die Müdigkeit endgültig siegte.
Hunger.
Rod streichelte sich mit der linken Hand über den Bauch, während sein Magen unaufhaltsam knurrte. Es war schon lange her gewesen, dass er so viele Tage ohne feste Nahrung verbracht hatte. Seit seinem Eintritt in dem Paladinorden waren die Einsätze im Feld doch weniger geworden und die Küche der Zitadelle hatte immer dafür gesorgt, dass sein Teller ordentlich gefüllt war. Selbst die Arbeiter, die nach der letzten Gehirnwäsche noch mehr hirnlosen Untoten ähnelten als vorher, sorgten wenigstens dafür, dass ihresgleichen einigermaßen gut genährt war. So gesehen kein Grund zu klagen.
Dennoch hatte Rod sich dazu entschlossen vorerst zu fasten. Einen wirklichen Grund gab es nicht, es war einfach nur eine seiner Launen. Er erhoffte sich davon den nächsten Impuls, um bei der Paladinmagie voran zu kommen, aber ein paar Tage später war er sich nicht mehr so sicher gewesen, ob die Idee wirklich so gut gewesen war.
Die Zeremonie letztens hatte zumindest den positiven Nebeneffekt gehabt, dass sich niemand mehr für ihn interessierte. Davor gab es hier und da immer wieder kritischer werdende Stimmen, die seine alltäglichen Ausflüge in das Innere des Gewölbes hinterfragten, aber mit einem Male waren diese alle verstummt. Als ob sie vergessen hätten, was seine eigentliche Aufgabe war und stattdessen annahmen, dass in der Welt, so wie gerade aussah, alles seine Richtigkeit hatte. So hatte er zumindest für die nächste Zeit die Ruhe, die er brauchte.
Verdammt, fluchte er, während sein Magen ein weiteres lautes Knurren abgab. Vielleicht war der selbstauferlegte Hungerstreik doch nicht die beste Idee gewesen, während er versuchte zu meditieren und Innos ein Stück näher zu kommen. Jedes Mal schreckte ihn das Magenknurren wieder etwas auf und all seine Konzentration ging verloren. Dennoch versuchte er noch durchzuhalten.
In einer seiner Hände hielt er den Rundenstein für den heiligen Pfeil. Von diesem Zauber war er besonders fasziniert gewesen. In der Zitadelle von Thorniara hatte er Geschichten über Dominique gelesen, wie er sich ganz allein einer Horde Untote entgegenstellte, nur bewaffnet mit einem Schwert in seiner rechten und der Rune für den heiligen Pfeil in seiner linken Hand. Zweifelsohne hatte sich die Geschichte in Wirklichkeit anders abgespielt, so wirkte sie vielmehr wie eine der Heldengeschichten, die die jüngere Generation für den Paladinorden begeisterten sollten. Dennoch glaubte er fest daran, dass auch in der Geschichte ein wahrer Kern steckte. Er wusste, was die Paladinmagie konnte und auch wenn er sich jetzt nicht blindlings in eine Untotenhorde stürzen würde, der Zauber musste existieren. Sonst würde es keinen Runenstein dafür geben.
„Konzentration“, murmelte er vor sich hin, während es ihm gelang, sein Magenknurren in den Hintergrund zu drängen. Gleichzeitig umklammerte er den Runenstein fester, sodass seine Hand schon fast zur Faust geballt war, und hob sie drohend.
Nichts passierte.
Rod biss sich genervt auf die Unterlippe, versuchte aber seine Fassung nicht weiter zu verlieren. Rückschläge gehörten dazu, versuchte er sich einzureden. Seine Fortschritte bis jetzt waren sowieso erstaunlich gewesen. Die Paladinmagie war für ihn vor seiner Gefangennahme eher ein Ding gewesen, das er nicht kontrollieren konnte. Es ergab sich einfach, dass plötzlich eine helle Kugel über seinem Kopf schwebte oder ein böser Zauber abgewehrt werden konnte. Erst an diesem Ort hatte er zum ersten Mal überhaupt das Gefühl gehabt, dass er die Magie wirklich kontrollieren konnte, dass er sich bewusst vor den Einflüssen des Bösen schützen konnte. Nicht umsonst war er immer noch Herr seiner selbst, während alle anderen anscheinend ein weiteres Stück ihres Verstandes eingebüßt hatten. Doch diese Zauber kannte er bereits. Der heilige Pfeil, der war ihm komplett neu. Vielleicht war das der Knackpunkt.
Sein Magen knurrte erneut. Diesmal so laut, dass er beinah fürchtete, dass die anderen ihn hier tief inmitten des Gewölbes hören und finden würden.
„Ach verdammt“, fluchte er diesmal laut und hob drohend Hand, die den Runenstein umschloss. „Da will man einmal seine Ruhe haben und dann das.“
Wütend stand er auf. Dieses ganze Getue brachte ja doch nichts.
Er wandte sich zur Innosstatue am anderen Ende des Raumes.
„Und du. Ein bisschen Hilfe ist doch nicht zu viel verlangt?“, forderte er mit erhobener Stimme, während er mit der Hand auf die Statue deutete.
Wusch.
Ein greller Blitz verließ seine Hand und bohrte sich in das Innere des alten Innosbildnisses. Für einen kurzen Moment war der Raum so sehr erhellt, als ob er sich an der Oberfläche befand, bevor darauf nur noch mehr Dunkelheit folgte. Seine Augen hatten sich dabei an die Dunkelheit und an das spärliche gewöhnt, damit hatte er jedoch nicht gerechnet.
„Nanu“, stammelte er verwundert und ließ den Runenstein unachtsam fallen. Er trat ein paar Schritte vor und begutachtete die Statue, während seine Augen immer noch mit den neuen Lichtverhältnissen zu kämpfen hatten. Sie hatte zum Glück keinen Schaden genommen. Einer Beliarstatue wäre es aber wohl anders ergangen.
Vielleicht lag der Schlüssel anders als bei den anderen Zaubern nicht in der Ruhe. Vielleicht musste er einfach nur etwas wütend werden, um den nächsten Schritt zu machen. Damit konnte er arbeiten.
„Danke“, sagte er zur Statue, während er seine Sachen einpackte und sich ins Lager aufmachte. Er hatte Hunger.
Knack.
Er drehte sich um und hielt die Fackel in die Richtung, aus der das Geräusch kam. In der anderen Hand hielt er einen Holzknüppel, den er aus dem Lager mitgenommen hatte. Als er die Maus erkannte, entspannte er sich wieder und senkte seine Waffe.
„Wo soll das denn nun gewesen sein?“, fragte er in die Dunkelheit hinein, während er seinen Weg fortsetzte. „Emeric hatte es doch ganz genau beschrieben. Da vorn runter, dann rechts, links, den Gang entlang bis zur Gabelung und dann?“
Er schaute nach links und nach rechts. Beide Gänge sahen nicht besonders einladend aus, aber nach kurzer Überlegung entschied er sich für den weniger einladenden.
Hoffentlich find ich auch wieder zurück…
Die Nachricht, dass die Arbeiter in den Tiefen des Gewölbes auf untote Skelette gestoßen waren, verbreitete sich schneller im Lager als die Nachricht über ein neugeborenes königliches Kind. Sofort wurde die Erkundung der Tiefen des Gewölbes eingestellt – somit konnte er sich ungestört dort austoben. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal so sehr auf einen Kampf gefreut hatte. Gegenüber den Anderen im Lager musste er sich ja vorerst zurückhalten, aber gegen ein paar stumpfe Skelette konnte er endlich wieder der Paladin sein, der er sein wollte. Außerdem erhoffte er sich einen Praxiseinsatz für die Paladinmagie. Jetzt fehlte nur noch ein Skelett, um seinen Tag abzurunden.
Wo muss ich denn jetzt hin?, überlegte er und kratzte sich am Kopf. Irgendwie hatte er sich den Weg einfacher vorgestellt.
„Hallo?“, rief er in die Dunkelheit und wartete auf eine Antwort. „Sind Untote hier?“
Anscheinend waren sie es nicht.
Er entschloss sich, einen Happen zu essen, während er sich das weitere Vorgehen überlegte.
„So, was haben wir denn leckeres?“, fragte er, während er den Umhängebeutel durchstöberte, den er mitgehen ließ. „Ein paar Brote, eine Wasserflasche, einen Apfel und, äh, was ist das?“
Er holte eine zerquetschte Tomate hervor. Wie die da reingekommen war, konnte er sich gerade nicht erklären.
„Gut, dann gibt es Brot mit Tomatensaft“, stellte er zufrieden fest und setzte sich auf den Boden.
Wie lange er dort saß, konnte er selber nicht sagen. Er hatte jegliches Zeitgefühl seit seiner Gefangennahme verloren, aber es war auf jeden Fall lang genug, damit die Fackel so langsam aber sicher ihren Geist aufgab. Rod kramte schon die Ersatzfackel hervor, als ihm die Idee kam.
Er wechselte in den Schneidersitz und kramte die Rune für Licht aus seiner Tasche. Dann schloss er die Augen.
Mal gucken, ob das klappt, überlegte er und stellte sich einen schwebenden Lichtball über seinem Kopf vor. Dass es geklappt hatte, wusste er schon, bevor er die Augen wieder aufgemacht hatte.
Er musste sich die Augen vor lauter Helligkeit reiben. Er hatte den Lichtzauber schon mehrmals angewandt, aber irgendwie kam ihm dieser sehr viel heller als alle bisherigen vor. Der gesamte Gang war mit einem Mal erleuchtet.
Zufrieden stand er wieder auf und machte sich bereit seine Suche fortzusetzen. Plötzlich horchte er auf.
Knackknackknack.
Er griff zum Knüppel und versuchte herauszufinden, woher das Geräusch kam. Erst als es lauter wurde, begriff er, dass es auf dem Weg zu ihm war. Schnell griff er ein weiteres Mal in seinen Beutel, um die passende Runde rauszusuchen. Seine Suche hatte sich wohl von allein als erfolgreich erwiesen. Alles, was dazu nötig war, war eine kleine Essenspause und ein Licht, das wohl noch drei Räume aushellte.
Rod kam nicht umher zu schmunzeln, als er das Skelett erblickte. Das Gerippe hatte nur einen Arm, dafür umklammerte es mit der verbliebenden Hand ein rostig dreinblickendes Schwert. Es hatte keine Zähne mehr, stattdessen klapperten nur noch Oberkiefer auf Unterkiefer, was unfreiwillig komisch aussah.
„Nur eins?“, fragte er enttäuscht, während er den Knüppel bedrohlich vor seinem Körper hielt. „Ich habe gerade gegessen. Willst du nicht ein paar deiner Freunde holen, damit es ein fairer Kampf wird?“
Manieren hatte das Skelett jedenfalls keine. Es stürmte auf ihn los und fuchtelte mit seinem Schwert herum.
„Pass auf, sonst schneidest du damit noch jemanden“, mahnte Rod und wich problemlos aus. Selbst wenn der zum Skelett gehörende Körper mal ein passabler Schwertkämpfer gewesen war, seine Überbleibsel hatten so ziemlich alles über den Schwertkampf verlernt.
Genug gespielt, dachte sich Rod schließlich und setzte zum Gegenangriff an. Wenn er seinen Gegner nicht ernstnahm, konnte er den heiligen Pfeil wohl vergessen.
Er blockte ein paar Hiebe mit den Knüppel ab. Ein paar Kerben zeichneten sich im dunklen Holz ab. So scharf hatte er das Schwert gar nicht gesehen, aber es weit davon entfernt ihm in irgendeiner Art gefährlich zu werden.
Als es zu einem weiteren Schwung ansetzte, den er mühelos ins Leere liefen ließ, holte er seinerseits weit aus und traf das Skelett mit voller Wucht an Oberarm. Diesmal war es der Knochen, der laut knackte, als er sich vom restlichen Körper löste und weit in den dahinter liegenden Gang geschleudert wurde.
Das Skelett ließ den Kopf etwas zur Seite fallen, so als ob es sich nicht ganz sicher war, was es nun ohne Arme anstellen sollte. Zum Glück nahm Rod ihm die Entscheidung ab, indem er es mit der linken Hand an den Halswirbeln packte und hochhob.
Es versuchte sich zu wehren, aber viel machen konnte es in dieser Situation nicht mehr, außer dem Schicksal ins Auge zu sehen.
In der rechten Hand hielt Rod den Runenstein. Er versuchte sich daran zu erinnern, woran er gedacht hatte, als er den Zauber erfolgreich angewandt hatte. Er wollte aufgeben. Er kam mit der Magie nicht mehr voran und wandte sich wütend an die Innosstatue. Weitere Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Seine Tatenlosigkeit der letzten paar Wochen. Sein Zögern, sein Schauspiel. Er konnte es nicht mehr ertragen. Bald würde er handeln.
Ein weiterer Lichtstrahl, neben der der Lichtkugel, erhellte den Gang. Er traf das Skelett mitten in der Brust. Es knackte ein letztes Mal, als die ganzen Knochen zu Boden fielen und er nur noch das leblose Stück Halswirbel in der Hand hielt, das er gegen die nächste Wand warf.
„So, was haben wir denn hier?“, fragte er, als er das rostige Schwert aufhob. Er fuhr mit einem Finger die Klinge entlang. Etwas Blut blieb daran kleben.
„Das wird reichen“, befand er zufrieden. Er blickte zu der Lichtkugel hoch. Er hatte die Magie und er hatte ein Schwert.
Beenden wir es.
„Bruder Jacopo, wohin führst du mich?“
Emeric wurde sichtlich nervöser, je tiefer sie ins Gewölbe eindrangen.
Keine Sorge, wir haben den Ort bereits erreicht, dachte sich Rod und stellte die Fackel in eine Vertiefung in der Wand. Dazu hatte er hier ein paar Sachen deponiert, die er in ein Tuch eingewickelt hatte. Er bückte sich und kramte darin rum.
„Mein Name ist nicht Jacopo“, sagte Rod als er wieder aufstand und hielt Emeric an seinem Arm fest. „Ich bin Rodeon.“
„Du machst mir so langsam Angst, Jacopo.“
„Hoffe mal lieber das funktioniert. Sonst könnte dir die Alternative nicht gefallen.“
Rod nahm die Rune für den heiligen Pfeil in seine freie Hand und drückte Emerics Arm mit seiner anderen Hand noch etwas fester.
„Das wird jetzt etwas wehtun.“
Wusch
Das Geschoss verließ Rods Hand und bohrte sich direkt in die Brust seines Gegenübers. Rod war selber von der Wucht überrascht, die dadurch entstand und Emeric zu Boden fielen ließ.
„Komm, wieder hoch.“
Er half seinen Mitgefangenen wieder auf. Etwas Blut tropfte aus seiner Nase, ansonsten schien er es gut überstanden zu haben.“
„Wer was, was ist gerade passiert? Wo bin ich?
Rod seufzte.
„An was erinnerst du dich, Emeric?“
„An, nun ja, an alles“, sagte Emeric. „Und zuallererst, mein Name ist nicht, nein, war nicht Emeric. Ich bin als John bekannt. John Hammerschlag.“
Rod ließ John Arm wieder los.
„Rodeon du Nord. Kurz Rod“, stellte er sich selber vor. „Erinnerst du dich auch an die letzten Monate?“
„Ja. Ich … oh Gott, was war ich ein Idiot. All das Gelaber mit dem selbsternannten Meister? Ich war doch nur auf ein paar Schätze aus. Und dann das hier.“
Er wischte sich mit der Hand durchs Gesicht.
„Oh, ich blute“, stellte er fest.
„Nicht schlimm“, beruhigte ihn Rod und reichte ihm ein Tuch, damit er es abwischen konnte. „Das ist wichtig. Ich muss ganz genau wissen, was passiert ist, bevor dieser ganze Terz hier begonnen hat.“
„Ich bin weiter oben in einem Fischerdorf gestartet. Der Name ist mir grad entfallen. Dort habe ich eine Frau getroffen. Wie hieß sie noch gleich? Ella? Stella?“
„Bella“, korrigierte er. John nickte.
„Bella, richtig. Sie hat mich zu diesem in den Berg gehauenen Palast geführt. Hier sollten ein paar fette Grabmäler lauern, voll mit Zeugs, das die Toten nicht mehr brauchen. Sie war meine Partnerin.“
Rod kam das nur allzu vertraut vor. Auf einmal fühlte er sich wieder so dumm, dass er darauf hereingefallen war, aber auf einmal ergab das alles sehr viel mehr Sinn.“
„Und dann?“
„Dann bin ich als Kartoffel namens Emeric durch die Gegend gelaufen.“
„Gut“, meinte Rod. „Das bedeutet, dass wir vermutlich immer noch in dem alten Steinpalast sind. Oder ein Kloster war es glaub ich mal, aber ist auch egal. Der Teil hat mir gefehlt.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte John.
„Wir spielen erstmal weiter mit“, meinte Rod. „Wir verstärken uns und schlagen dann zu. Weißt du irgendwas über das, was die mit dem Meister vorhaben?“
„Oh, der Meister. Ich weiß nicht, was die genau planen, aber es findet bald statt. Unser Anführer… nein, der Typ in schwarzer Robe, er wartet auf eine Lieferung. Und dann weiß ich auch nicht weiter.“
Rod überlegte.
„Wir müssen mehr in die Gewölbe führen. Mit dem Priester komme ich allein klar, aber ich kann nicht gegen all die anderen vorgehen. Nicht wo ich jetzt weiß, dass ich diesen Hokuspokus beenden kann.“
„Ok, das übernehme ich“, schlug John vor. „Ich denke soviel schulde ich dir. Hast du sonst noch was?“
„Wir brauchen Waffen“, meinte Rod. „Ich würde mich viel wohler fühlen, wenn ich mein Schwert wieder hätte.“
„Ich habe Zugang zum Warenlager“, sagte Emeric.
„Deswegen habe ich dich ausgewählt“, sagte Rod zufrieden.
„Ich kann es suchen. Dort gibt es auf jeden Fall Waffen. Wie sieht es aus?“
„Es ist eine Erzklinge“, meinte Rod. „Ein Bastardschwert. Weißt du, wie die aussehen?“
„Erzklingen sollten leicht zu finden sein. Ich kümmere mich drum.“
„Keine Sorge. Nur noch ein bisschen und wir sind wieder frei. Wir dürfen nur keine Fehler machen.
„Eine Sache hätte ich noch. Was hättest du getan, wenn ich eine Kartoffel geblieben wäre?“
Rod bückte sich und nahm einen weiteren Gegenstand auf.
„Auch dafür gibt es eine Lösung“, sagte er und hielt das rostige Schwert hoch, das er dem Skelett abgenommen hatte.
John schluckte. „Zum Glück haben wir das nicht gebraucht.“
„Oh, das werden wir noch. Keine Sorge.“
„Wolltest du jemanden herführen?“ fragte Rod, während er mit der Fackel Johns Gesicht besser ausleuchtete. „Wir sind immer noch nur zu zweit.“
„Das sagt sich so leicht, aber was die auch immer mit unseren Köpfen gemacht haben, es hat Angsthasen aus uns gemacht“, antwortete er mit ernster Stimme. „Ich hab alles versucht.“
„Dann wäre jemand hier.“
Rod war unzufrieden, wie wenig es in den letzten Tagen voran gegangen war. Er wollte zum Gegenschlag ansetzen, nicht in der Dunkelheit ausharren und warten.
„Wie schätzt du das denn ein. Wenn ein Kampf ausbricht, wie reagieren die anderen?“
„Wenn wir den Anführer als Erstes ausschalten, dürfte die Sache klar sein. Solange die keinen klaren Befehl kriegen, sind das echt Feiglinge. Ich schlage vor wir gehen hoch, du rammst dem Anführer ein Schwert in den Rücken und der ganze Meisterkram ist vorbei.“
Rod war sich unsicher. Das hörte sich so einfach an, aber dabei konnte immer noch genug schief gehen. Er hielt das dürftige Schwert hoch, das er dem Skelett abgenommen hatte.
„Damit?“, fragte er. „Ich brauche eine richtige Waffe. Hast du Erfolg damit gehabt mein Schwert zu finden?“
„Ich denke ich habe es gefunden. Es ergab sich aber noch keine Gelegenheit es mitgehen zu lassen. Aber wir brauchen es nicht. Wie gesagt, wir gehen hoch, warten einen günstigen Augenblick ab und schneiden ihm die Kehle auf.“
„Ich bin kein Mörder“, sagte Rod ernst. „Wenn ich jemanden töte, dann will ich, dass derjenige weiß, wer ihn getötet hat und warum er gestorben ist.“
„Es ist also besser, wenn er Zeit hat die ganze Truppe auf dich zu hetzen? Willst du sie dann auch alle töten? Denn sie wissen ganz bestimmt nicht warum sie gestorben sind. Sie können doch noch nicht einmal eigenständig denken.“
Er hatte keine Antwort. Die Arbeiter konnten gerettet werden, das wusste er jetzt.
„Ich muss darüber meditieren“, antwortete er. „Such du weiter nach dem Schwert und versuche ein paar hier hinunter zu führen.“
Rod wartete nicht mehr auf eine Antwort ab, sondern legte die Fackel beiseite und begab sich in Meditationsstellung.
Die Klinge spürte er erst, als sie sich bereits halb in seinen Unterleib gebohrt hatte. Irritiert fasste er sich an die Seite, um das Blut zu stoppen.
„Grüße vom Anführer“, flüsterte ihm John ins Ohr.
„Warum?“
„Geld“, sagte er, als er Rod einen Lappen vors Gesicht hielt.
Alles wurde schwarz.
„Hey, aufwachen!“
Jemand schnippste mehrmals direkt vor seiner Nase und klatschte ihm auf die Wange. Widerwillig öffnete Rod die Augen.
„Da ist ja der Langschläfer.“ Er erkannte die Stimme als die von John.
„Was zum…?“
Erneut bekam er einen Schlag auf die Wange ab.
„Jetzt musst du noch still sein. Wir können gleich reden“, wurde er unfreundlich von John unterbrochen. „Genieß erstmal das Spektakel. Viel mehr wirst du danach nicht mehr zu sehen kriegen schätze ich mal.“
Idiot, dachte sich Rod und versuchte erst einmal herauszufinden, was überhaupt passiert war. Er erinnerte sich noch daran, wie er sich mit John unterhalten hatte und dann … Verrat. Wie konnte er nur so dumm gewesen sein?
Er sah hinunter. Sein Oberkörper war entblößt und so konnte er die Stelle ganz genau sehen, an der sich die Klinge durch sein Fleisch gebohrt hatte. Es sah böse aus. Die Wunde hatte sich entzündet.
Als er sich der Wunde bewusst geworden war, konnte er auch wieder den Schmerz spüren, der durch sie verursacht wurde. Er hatte Mühe weiter klare Gedanken zu fassen. Rod versuchte sich umzusehen.
Er war an einen Pfahl etwas abseits des Versammlungsplatzes gefesselt. Weder Arme und Beine konnte er bewegen. Wahrscheinlich war es auch besser so, jede noch so kleine Bewegung wurde mit einem stechenden Schmerz bestraft. Um ihn herum waren alle Arbeiter versammelt, die er über die Wochen kennengelernt hatte. Ihre Augen waren jedoch nicht auf ihn gerichtet, sondern auf die Mitte des Platzes, wo etwas aufgebahrt war. Rod musste sich anstrengen und seinen Kopf etwas zur Seite drehen, um wirklich zu erkennen, um was es sich handelte. Als es ihm bewusst wurde, schluckte er.
Der Sarkophag, dachte er sich. Der aus den Katakomben, den ich gefunden habe.
Ein ganz ungutes Gefühl machte sich in seinem Magen breit
Ihr Anführer stand direkt vor dem Sarkophag und hielt etwas Funkelndes in den Händen. Dazu murmelte er einige Worte, die Rod aus der Entfernung nicht verstand. Es konnte sich aber um nichts Gutes handeln.
Und jetzt?, dachte er sich und versuchte den Schmerz weiter so gut es geht auszublenden. Das war genau die Situation, die er ursprünglich vermeiden wollte.
John näherte sich wieder.
„Und, genießt du das Schauspiel?“, fragte er, wartete jedoch keine Antwort ab.
„Das hier, das tut mir übrigens Leid“, fügte er hinzu und drückte auf die entzündete Wunde. Rod musste die Zähne zusammenbeißen. „Es ist nichts Persönliches. So wie ich das sehe sind die Chancen nur sehr viel größer nicht abgestochen zu werden, wenn ich auf deren Seite bin. Und es wird besser bezahlt. Nun, zumindest hat man mir versprochen besser bezahlt zu werden.“
„Von den Leuten, die dich entführt und zur Zwangsarbeit verdonnert haben? Denen traust du?“, fragte Rod.
„Nun, das war auch erst mein Dilemma, als mich der Typ in der Robe zur Rede gestellt hat, als ich versucht habe dein Schwert zu stehlen. Ja, ich hab’s wirklich versucht, aber das ist wohl auch nur ein kleiner Trost. Ich hab auch bis zuletzt damit gerungen, ob ich das wirklich durchziehe, was mir aufgetragen wurde, oder ob es nicht doch besser ist auf dich und deinen großen Plan zu vertrauen. Aber da der nicht so groß war, nun ja, wenn ich mich zwischen meinem Leben und dem eines anderen entscheiden muss, nehme ich immer meines. Und nein, trauen tue ich denen ganz sicher nicht. Sobald das hier vorbei ist, Bezahlung hin oder Bezahlung her, bringe ich erstmal 1000 Meilen zwischen den Verrückten hier und mich. Ich muss noch die Zeremonie abwarten, vorher kann anscheinend keiner den Komplex hier verlassen. Aber wem sag ich das? Du wirst garantiert keine Sonne mehr sehen. Für dich haben die sich wohl noch was Besonderes überlegt.“
„Was wird hier eigentlich gespielt?“, hackte Rod nach.
„Das solltest du doch mittlerweile wissen. Der Meister wird erweckt. Dieses Skelett da, das du ausgebuddelt hast. Ich konnte vorhin einen Blick darauf erhaschen. Das Ding hat wirklich die besten Tage schon hinter sich, aber die Rüstung sieht ganz schick aus. Gehört oder besser gehörte wohl mal einem tollen Paladin. Was würd ich nur dafür geben die zu verticken … aber wie gesagt. Da ist mir mein Leben zu wichtig, um dieses Risiko einzugehen. Und das hier, das ist nur ein schwacher Trost.“
Er hielt das rostige Schwert hoch, das Rod in den Tiefen des Gewölbes gefunden hatte.
„Das ist eigentlich ein richtiger Schatz, weißt du das?“, sagte John. „Klar, verrostet, aber es gibt sicher ein paar Sammler, die für ein altes Paladinschwert immer noch ordentlich was auf dem Tisch legen. Also so oder so, ein Trostpreis ist mir sicher.“
John wandte sich wieder von ihm ab und beobachtete weiter die Zeremonie. Rod spuckte verächtlich in seine Richtung, doch es war mehr Blut als Spucke, was seinen Mund verließ. Und viel schlimmer, es wurde nicht einmal beachtet.
Er richtete seinen Blick wieder auf das Geschehen in der Mitte der größten Höhle, die es in dem Komplex gab. Es war ihm immer noch nicht möglich zu verstehen, was der Beliarpriester alles von sich gab, aber zumindest das Wort Beliar fiel wohl mehrmals. Rod versuchte abermals den Gegenstand zu erkennen, den der Priester in den Händen hielt. Er musste mehrmals blinzeln und sich vergewissern, aber dann hatte er keinen Zweifel mehr, worum es sich handelte.
Der Kelch, dachte er sich. Der fehlende Feuerkelch. Bei Innos!
Er wusste gar nicht mehr, wie lange es her war, seitdem der Kelch aus dem Kloster gestohlen worden war. Lange hatte er versucht den Dieb zu finden, die Suche dann jedoch anderen Paladinen übergeben.
Rod biss sich auf die Lippe. Der Kelch war so nah und doch unerreichbar. Innos hatte einen komischen Humor. Oder vielleicht war es auch einfach nur das Leben. Lachen konnte er trotzdem nicht.
Oder vielleicht bin ich deswegen hier, dachte er sich. So mancher Innospriester würde wohl der gleichen Meinung sein. So viele Zufälle konnte es gar nicht geben. Nur jetzt musste er sich noch einen Weg aus der Zwickmühle überlegen.
„Magie“, murmelte er. Er musste sogar lächeln. Es war so klar.
„Mhm, hast du was gesagt?“, fragte John, doch Rod spuckte erneut verächtlich in seine Richtung. Diesmal war ein zufriedenstellender Anteil an wässriger Spucke darin enthalten.
„Dann halt einfach die Klappe. Es ist schon früh genug vorbei.“
Innos, jetzt brauch ich wirklich mal deine Hilfe.
Rod schloss die Augen und versuchte sich zu entspannen, so gut es nur ging. Am liebsten hätte er wieder einen Runenstein zur Hand gehabt. Obwohl er wusste, dass es prinzipiell auch ohne ging, gaben sie ihm das die nötige Zuversicht, um die Magie bewusst zu wirken. Ohne war es bisher mehr ein Zufallsprodukt gewesen.
Innos, führte er seinen Gedanken weiter und begann zu beten.
Als Rod die Augen wieder öffnete, atmete er erst einmal tief durch. Er fühlte sich gut. Der Schmerz hatte nachgelassen, auch wenn die Wunde immer noch etwas juckte. Was gäbe er jetzt nicht darum sich kratzen zu können, wenn er nicht gefesselt wäre.
Er sah sich die Stelle an, an der noch gerade eben das Fleisch so aussah, als wäre es kurz vorm Absterben, was es wahrscheinlich auch war. Es sah zwar immer noch nicht ganz gut aus, aber immerhin wesentlich besser als vorher.
Das muss reichen, dachte er sich und überprüfte erst einmal, wie fest die Fesseln genau waren.
„Was treibst du da?“, wollte John wissen. Rod betete, dass er sich jetzt die Wunde nicht ansah. „Es ist bald geschafft, keine Sorge.“
„Eine Sache beschäftigt mich noch“, musste Rod fragen, um Zeit zu schinden und von seinem Treiben abzulenken, während er weiter an den Fesseln arbeitete. „Bella. Weißt du wo sie ist?“
„Oh, weinst du in deinen letzten Stunden noch der Frau deiner Träume nach?“ John lachte verächtlich.
„Ich muss dich enttäuschen, die ist wahrscheinlich schon wieder längst außer Landes. So wie ich das verstanden habe, wurde das Weib nur angeheuert um arme Seelen wie dich und mich aufzutreiben. Ihre Arbeit hat sie aber schon vor längerem abgeschlossen. Wer weiß, vielleicht krieg ich ja auch noch ein kleines bisschen Rache, wenn ich sie auftreibe. Ist ja nicht so, als hätte ich denen verziehen, was sie mir angetan haben. Aber ich such mir lieber Kämpfe, die ich auch gewinnen kann. Anders als du.“
Es wird nicht lockerer, dachte er sich und zurrte weiter an den Fesseln, während John erzählte. Es muss doch irgendwie klappen …
Ein lautes Grölen aus der Mitte des Platzes verdrängte jeden Gedanken an Flucht.
Zu spät.
„Erhebe dich“, hörte er den Beliarpriester rufen. „Erhebe dich, Geschöpf der Finsternis! Bringe Dunkelheit über diese Welt und lehre den Menschen das Fürchten!“
Rod hatte bereits Skelette gesehen, und davon auch mehr als genug, aber dennoch lief es ihm kalt den Rücken runter, als er ein weiteres Mal das Grölen vernahm und sich das Geschöpf aus dem Sarkophag erhob. Der Schädel war komplett schwarz, anders als bei normalen Skeletten. Mehr von dem skelettierten Körper war jedoch nicht zu sehen, der Rest war von der Rüstung verdeckt, die John beschrieben hatte. Sie sah wirklich sehr prunkvoll aus, der Zahn der Zeit schien ihr nichts angehabt zu haben. Rod war sich sicher, dass sie einst einem großen Paladin gehört haben musste.
Der Beliarpriester winkte einen seiner Diener heran. Dieser hielt etwas in den Händen und reichte es dem Skelett.
Das kenne ich, dachte er sich. Das ist mein Schwert!
„Verdammt“, fluchte er, als es einfach klappen wollte. Verdammt verdammt!
Er rüttelte noch kräftiger an den Fesseln, jedoch schienen sie sich von seinen Bemühungen nur noch tiefer in sein Fleisch zu bohren.
Ich schaff es nicht, gestand er sich ein. Ich schaff es nicht!
Er legte den Kopf in den Nacken und seufzte. Trotz Wunderheilung, all das hatte seinen Tribut gefordert. Er fühlte sich schwach. Nebenan wurde gerade ein Schattenlord erweckt, der fehlende Feuerkelch wurde ihm auf dem Silbertablett präsentiert und er konnte nur untätig dabei zusehen. Seine Chance zu Handeln hatte er verpasst.
Seine Gedanken wanderten zu seinem Training in den Katakomben. Innos hatte ihn doch nicht grundlos hierhin geführt. Das konnte nicht das Ende sein, das wollte er nicht glauben. Innos war an diesem Ort präsent, das konnte er immer wieder spüren. Wieso handelte er dann nicht?
Ein neuer Gedanke kam ihm.
Er war es, der den Sarkophag, aber auch die Innosstatue fand, die ihn vom Zauber befreite. Dazu hatte er den Raum mit den Runen gefunden. Er hatte all die Wochen die Magie geübt und sich auf den Kampf vorbereitet. Auf diesen Kampf. Für ihn machte es gerade Sinn.
„Verderbnis?“, rief Rod so laut er nur konnte und begann zu Lachen. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Sogar der Schattenlord schaute in seine Richtung. „Dunkelheit? Verderbnis? Die Menschheit wird sicher nichts von euch fürchten müssen. Vorher schick ich euch in das Loch zurück, aus dem ihr gekrochen seid!“
Innos, mach mich zu deinem Schwert, fing Rod an zu beten, während sich Gemurmel unter den übrigen Anwesenden breit machte. Mach mich zu deinem Werkzeug, auf dass ich die Dunkelheit vertreibe und das Böse vernichte.
„Oh, der große Paladin hat Einwände?“, der Beliarpriester schien amüsiert. „Ja, ich weiß wer du bist. Vielleicht erwecken wir dich auch wieder. Aber vorher, nun ja, hier ist jemand deiner altehrwürdigen Brüder, der dich kennenlernen möchte. Wobei, viel von einem Bruder hat er gerade nicht mehr.“
Rod hörte gar nicht mehr zu. Er konnte spüren, wie sein Herz immer schneller zu schlagen begann. Wärme machte sich in seinem Körper breit. Zuversicht. Vertrauen.
„Was zum“, stammelte John. „Glühst du gerade?“
Mit einem weiteren kräftigen Ruck gaben die Fesseln nach. Er gab John gar keine Zeit mehr zu reagieren, stattdessen ging er einen Schritt vor und fasste seinen Kopf mit beiden Händen. Johns Genick machte laut hörbar knack, bevor sein Körper leblos zu Boden fiel. Rod nahm das alte Paladinschwert auf.
„Steht nicht untätig rum“, rief der Priester auf einmal sehr viel hektischer als eben. „Töt…“
Ein heiliger Pfeil traf ihn mitten in seiner Brust und unterbrach ihn. Der alte Mann fiel zu Boden und begann Blut zu spucken.
Rod ließ dem Priester gar keine Zeit sich zu erholen. Er stürmte mit erhobenem Schwert voran.
„Warte ich…“, stammelte der Priester noch, als er sah, wie Rod immer näher kam und hob beschwichtigend den Arm. „Ich…“
Vielleicht sah er noch die Spitze der Klinge, die sich durch seinen Rücken gebohrt hatte. Sie mag rostig sein, aber mit genügend Wucht konnte man mit ihr trotzdem noch so ziemlich alles durchstoßen, was aus Fleisch gemacht war. Selbst wenn nicht, davon würde er sich trotzdem nicht erholen.
Ein letzter Seufzer entfuhr dem Priester, dann war es auch schon vorbei mit ihm.
„Und jetzt zu dir“, sagte Rod und ließ einen weiteren heiligen Pfeil los, der sich mitten in die Brust des Schattenlords bohrte, der das Treiben bis jetzt in Ruhe mit angesehen hatte. Er zuckte nur kurz, wurde aber nicht so zu Boden geworfen wie eben noch der Preister. Stattdessen hob er drohend das Schwert. Rod tat es ihm gleich. Dann würde es darauf hinauslaufen. Die übrige Höhle hatte sich in der Zwischenzeit geleert, ohne ihren Anführer rannten die Arbeiter davon und verkrochen sich in den benachbarten Höhlen.
Der Schattenlord und Rod umkreisten sich mehrmals und warteten darauf, dass der jeweils andere den ersten Schritt machte. Rod war derjenige, der Kampf eröffnete, indem er versuchte mit mehreren kräftigen von oben kommenden Hieben das Monster in die Knie zu zwingen, jedoch wurden seine Bemühungen problemlos pariert.
Er schnaubte und wich ein paar Schritte zurück, um den Gegenangriff besser abblocken zu können. Jeder Schlag sorgte für eine neue, tiefe Kerbe in seinem Schwert. Lange würde das nicht gutgehen.
Rod wich weiter zurück, bis er blanken Fels in seinem Rücken spürte. Er zögerte einen Moment. Der Schattenlord nutzte das brutal aus und verwundete ihn an seinem Schwertarm. Rod ließ seine Klinge fallen.
Es war ein fürchterliches Lachen, was der dunklen Kreatur daraufhin entfuhr. Ein tiefes, angsteinflößendes Grölen. Der Schattenlord setzte zum finalen Schlag an.
Rod ließ einen weiteren heiligen Pfeil los. Auch wenn das Skelett dadurch keinen merklichen Schaden nahm, so nutzte er die kurze Sekunde, in der der Schattenlord inne hielt, um Voranzustürmen und sich auf seinen Gegner zu werfen. Beide fielen zu Boden. Mit seiner linken Hand ergriff er die Schwerthand des Monsters, die rechte ballte er zur Faust und schlug immer wieder auf den Schädel des Skeletts ein, solange bis nur noch ein paar Knochenreste übrig waren, die nur mit viel Fantasie einem Schädel zuzuordnen waren. Erst als die Kreatur den Griff um sein Schwert lockerte und sich danach nicht mehr zu Regen begann, hörte Rod auf.
Erschöpft rollte er sich zur Seite. Rod spürte, wie die Wärme seinen Körper verließ.
Er blickte noch einmal zur Seite. Auf dem Boden, nicht weit von ihm weg, lag der Feuerkelch.
Seine Mundwinkel formten sich zu einem Lächeln, bevor er ohnmächtig wurde.
Rod hustete fürchterlich, als er wieder aufwachte. Er versuchte sich zu bewegen, jedoch versagte sein Körper ihm den Gehorsam. Wenigstens war er diesmal nicht gefesselt, das war wohl etwas wert. In der Höhle war es inzwischen stockfinster geworden. Die letzte Fackel war mittlerweile erloschen.
„Argh“, stöhnte er, als er einen weiteren Anlauf unternahm aufzustehen. Er hatte fürchterliche Kopfschmerzen, so als hätte er die ganze Nacht durchgezecht. Dabei hatte er schon seit Wochen oder Monaten kein Bier mehr getrunken. Erst jetzt, wo der Kampf vorbei war, konnte er seine Gedanken wieder auf sowas Nebensächliches lenken.
„Jetzt komm“, machte er sich selber Mut. „Eins, Zwei und …“
Ungeachtet der Kopfschmerzen richtete er sich auf. Er wankte immer noch etwas.
„Drei“, beendete er den Satz. Er versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen, aber da hatte er keine Chance.
„Hallo?“, rief er in die Dunkelheit hinein. Keiner antwortete. Irgendwie hatte Rod schon damit gerechnet.
„Ich brauch wohl etwas Licht“, redete er mit sich selber, schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Er dachte an den gewonnen Kampf, an all die Strapazen, die er auf sich genommen hatte und an die Aussicht, endlich wieder nach Thorniara fahren zu können. Seine Aufgabe hier war erfüllt.
Als er die Augen wieder öffnete, war die Höhle erfüllt von einem angenehmen bläulich schimmernden Licht. Zufrieden mit sich selbst begann er sich umzusehen.
Der Versammlungsplatz sah immer noch so aus, wie er ihn zurückgelassen hatte. Niemand hatte sich um die Leichen von John oder dem Priester gekümmert oder überhaupt irgendwas unternommen um aufzuräumen.
„Wo sind die denn alle“, wunderte er sich und meinte dabei all die Arbeiter, die beim Beginn des Kampfes panisch weggelaufen waren. Rod hatte gehofft, dass der Zauber mit dem Tod des Verantwortlichen gebrochen wäre. Wenn dem so war, hatte zumindest keiner Anstand genug gehabt seinem Retter auf die Beine zu helfen.
Sein rechter Oberarm begann zu schmerzen. Rod sah ihn sich an. Staub hatte sich dort mit Blut vermischt und sich zu einer schwarzen, eitrigen Pampe geformt. Er musste sich darum kümmern. Auch die Knöchel seiner rechten Hand waren stark gerötet und schmerzten fürchterlich, als er auf ihnen etwas eindrückte.
Bevor er sich seinen Verletzen annahm, blickte er noch einmal auf den toten Skelettkrieger. Bis auf die Rüstung war nichts mehr von ihm übrig geblieben. Selbst die letzten Reste der schwarzen Knochen des Schädels waren verschwunden.
Er nahm die Rüstungsteile auseinander, um seine Vermutung zu bestätigen. Keine Knochen, keine Knochensplitter, nichts war mehr darin. Nur etwas Staub, der wohl daher kam, dass sie so lange unter der Erde gelegen hatte. Ansonsten schien sie noch in bester Verfassung zu sein.
Das ist wirklich eine schöne Rüstung, dachte er sich. Währenddessen nahm er auch endlich sein Schwert wieder auf, obwohl sein Schwertarm ziemlich lädiert war. Es fühlte sich gut an, seine eigene Klinge wieder in den Händen zu halten, auch wenn jede Bewegung damit ziemlich schmerzte. Er steckte es wieder in die Schwertscheide, die nicht unweit davon lag und nahm es mit. Noch einmal würde er es nicht verlieren.
Neugierig blickte er einmal in den Sarkophag, aus dem das Skelett entstiegen war. Er entdeckte dort die fehlenden Teile der Rüstung, den Helm und den dazugehörigen Schild. Rod nahm beide in die Hand und begutachtete sie.
„Einmal gründlich gesäubert und die sind glaub ich wieder wie frisch geschmiedet“, dachte er sich und war von der Schmiedekunst begeistert. Er hatte selber mal eine Zeit lang als Waffenschmied versucht sein Geld zu verdienen, den Hammer jedoch an den Nagel gehangen, als seine Verpflichtungen als Gardist und Ritter diesen Nebenverdienst nicht mehr zuließen. Dennoch hatte er viel über die Beschaffenheit von Eisen und Stahl gelernt, genug, um jetzt beeindruckt zu sein.
Er warf noch einmal einen Blick auf die übrigen Teile der Rüstung. John hatte erwähnt, dass er sie gerne verkauft hätte. Vielleicht konnte man noch einen anderen Zweck für sie finden. Sobald er wieder bei Kräften war, würde er sie mal anprobieren. Ihr vorheriger Besitzer würde wohl keine Einwände mehr haben. Und eine leere Rüstung wieder zu begraben, dafür war sie viel zu schade.
Er schaute sich weiter um. Dann fiel ihm das Wichtigste ein, was er bis jetzt total verdrängt hatte.
„Der Kelch!“, rief er völlig entsetzt und sprintete dahin, wo er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Einen Moment machte sich Panik in ihm breit, aber dann erkannte er das Gefäß auf dem Boden. Er nahm es auf und begutachtete es.
„Du bist mir lang genug weggelaufen“, sprach er zu dem Kelch und sah ihn sich genauer an. Das ganze Drumherum schien ihm nichts ausgemacht zu haben, er sah immer noch so makellos aus wie an dem Tag, an dem er daraus getrunken hatte und den Rang eines Paladins erreicht hatte. Er nahm ihn in seine unverletzte Hand.
Erstmal würde er sich um seine Verletzungen kümmern, danach würde er sich um die Kriegsbeute kümmern. Streitig machte ihm die wohl keiner mehr, niemand außer ihm schien mehr hier zu sein.
„Müll, mehr Müll. Oh, was ist das? Ach, Müll.“
Rod hatte die letzten Stunden damit verbracht das Lager der Sekte zu durchsuchen, nachdem er seine Wunden so gut es geht versorgt hatte. Bis jetzt hatte er allerhöchstens nur ein paar Blicke dort hinein werfen können, seine Mitgefangenen hatten es immer sehr gut bewacht und er hatte einfach keinen triftigen Grund gefunden, um sich dort mal umzusehen. Das gehörte aber der Vergangenheit an. Jetzt hatte er alle Zeit der Welt.
Unter anderem waren hier alle Habseligkeiten gebunkert, die man scheinbar den ganzen Gefangenen abgeknöpft hatte. Kleidung, Waffen, Werkzeuge, persönliche Gegenstände, Gold, sogar ein paar Edelsteine fand er. Bevor er alles einsteckte, wollte er doch noch etwas warten und nach den anderen Arbeitern suchen. Er wollte immer noch nicht so recht glauben, dass sie alle verschwunden waren.
Die Runensteine, die man ihm abgenommen hatte, fand er ebenfalls im Lager. Auch wenn er mittlerweile zuversichtlich genug war, dass er nicht mehr darauf angewiesen war, so steckte er sie dennoch in den Sack, den er für die kleinen bis mittelgroßen Gegenstände nutzte. Wer weiß, wann sie nochmal von Nutzen sein würden.
In einem Nebenraum befanden sich die persönlichen Gemächer ihres ehemaligen, nun toten, Anführers. Irgendwie war er etwas enttäuscht von dem, was er vorfand. Er hatte auf ein paar weitere Antworten gehofft, um die letzten Lücken zu schließen. Tagebücher, Briefe, Schriften, irgendwas, jedoch machten ein Großteil des Zimmers ein Bett und die ziemlich ausgefallene Garderobe aus. Er machte sich noch einmal die Mühe und suchte nach möglichen Verstecken, aber die Suche blieb erfolglos.
Rod setzte seine Suche in einem anderen Teil des Höhlenkomplexes fort, der bis auf wenige Ausnahmen für alle Anwesenden gesperrt gewesen war. Damit war seine Neugierde geweckt, sich auch dort mal umzusehen. Darüber hinaus dürfte er auch alle erschlossenen Höhlen und Nebenhöhlen bereits durchsucht haben.
Wie lange er genau den Gang entlang wanderte konnte er gar nicht sagen, aber als die Luft frischer wurde, beschleunigte er etwas sein Tempo. Der Ausgang musste ganz nah sein. Er wollte seinen schon fortsetzen, bis er eine Gestalt auf dem Boden erblickte.
„Nanu“, wunderte er sich und bückte sich. „Das ist einer der anderen Arbeiter.“
Er fühlte seinen Puls. Sonderlich überrascht war er nicht davon, dass er nichts spürte. Und ein Heiler musste er auch nicht sein, um die Todesursache zu erkennen. Die war mehr als offensichtlich.
„Du wurdest niedergetrampelt und hast dir deinen Kopf am Steinboden aufgeschlagen“, stellte er fest und stand wieder auf. Die Anderen mussten ebenfalls hier durchgekommen sein, auf dem Weg nach Draußen. Mittlerweile konnten sie über alle Berge verstreut sein, er wusste nicht einmal, wie lange er genau ohnmächtig war.
„Ich kann nicht jeden retten“, resignierte er. Auf eine groß angelegte Suche quer durch das Land würde er es nicht ankommen lassen. Dafür waren es einfach zu viele. Vielleicht war es auch besser so.
Rod wollte schon wieder umkehren, als er ein anderes Geräusch vernahm. Voraussichtlich zog er sein Schwert und näherte sich der Quelle des Lärms. Behutsam öffnete er eine Tür und legte den dahinter liegenden Raum frei. Statt in einer weiteren Höhle befand er sich auf einmal in einem Raum mit steinernen Wänden. Zu einer Seite hin waren große Teile der Wand entfernt worden, um einen Durchbruch zu schaffen, der einen Blick nach draußen ermöglichte. Es war Nacht, so viel erkannte er auf Anhieb.
„Was zum?“, wunderte er sich. „Cador?“
Er steckte sein Schwert wieder weg und näherte sich seinem treuen Begleiter, bevor er sein Schlachtross in die Arme schloss. „Ich dachte ich würde dich nie mehr wiedersehen.“
Cador wieherte vertraut und tänzelte etwas mit den Hufen. „Keine Sorge, der Alptraum ist vorbei. Nicht mehr lang und wir gehen nach Haus.“
„Und wer ist dein Freund?“, fragte er ohne eine Antwort zu erwarten und sah sich den zweiten Gaul an, der ebenfalls in dem kleinen Raum untergebracht worden war. Er streichelte ihn behutsam an der Seite.
In einer Ecke des Raumes waren ein paar Sättel und Satteltaschen untergebracht. Sie mussten die beiden Pferde wohl benutzt haben um Nachschub zu organisieren.
Er machte ein paar Schritte vorwärts und sah sich noch den Durchbruch in der Wand an. Viel konnte er im fahlen Mondlicht nicht erkennen, nur dass er sich einen anderen Weg nach Draußen suchen musste. Er wusste nicht wie hoch er sich befand, aber den Boden konnte er nicht mal schemenhaft aus dieser Entfernung ausmachen. Er war irgendwo weit oben, mitten im Berg. Dennoch war er zuversichtlich genug, von hier aus einen anderen Ausgang zu finden.
Unweit des improvisierten Stalles fand er ein vorbereites Futter für die Pferde.
„Ein bisschen müsst ihr euch noch gedulden“, sagte Rod und füllte Tränke und Futtertrog. „Ich muss noch ein letztes Mal zurück. Ich verspreche, bald verlassen wir diesen Ort ein für alle Mal. Aber ein paar Sachen muss ich noch erledigen.“
Ein bisschen wehmütig war er schon. Am liebsten wäre er mit Cador sofort weggeritten.
Rod begutachtete die Flammen des Scheiterhaufens. Nichts würde nach dieser Nacht von John, dem Beliarpriester und der dritte Leiche, die er gefunden hatte, übrig bleiben. Eigentlich war diese Bestattung für zwei der drei viel zu gut dachte er sich, aber dennoch war er kein Freund davon Leichen einfach irgendwo im Niemandsland verfaulen zu lassen. Vor allem nicht an so einem heiligen Ort wie dem Innostempel mitten im Berg, auch wenn er durch die Machenschaften der Kultisten zwar nicht entweiht, aber dennoch einen Makel erlitten hatte. Er hatte gehofft genau das zu verhindern, aber war daran gescheitert.
Den ganzen Tag war er damit beschäftigt gewesen den Ort nach letzten Vorräten zu durchsuchen und genug Holz für das Feuer zu sammeln. Der Transport der Leichen war mit den beiden Pferden, die er gefunden hatte, zum Glück leichte Arbeit gewesen. Vom Stall aus war es auch nicht schwer gewesen den Weg zurück ins Tal zu finden. Er war nicht wirklich überrascht davon, als er das mitten in den Fels gehauene Gemäuer gefunden hatte, zu dem ihm Bella geführt hatte, vor langer, langer Zeit. Das war auch so ziemlich das Letzte, woran er sich erinnern konnte, bevor er sich mitten unter den Kultisten als einer der Ihren befunden hatte. Er musste an die junge Frau denken und wo sie wohl gerade war. Vielleicht würde er sie eines Tages wiedersehen und ein paar letzte Antworten aus ihr quetschen. Aber das hatte derzeit keine Priorität.
Er betrachtete den Feuerkelch, den er auf einen Stein nahe des Scheiterhaufens gelegt hatte. Die Flammen spiegelten sich darauf und begannen zu tanzen. Er konnte nur hoffen, dass er keinen Schaden durch die ganze Geschichte genommen hatte. Die Priester in Nordmar würden mehr wissen. Das war auch sein nächstes Ziel.
Nicht nur den Feuerkelch würde er von hier mitnehmen. Rod blickte auf die übrige Beute, die er mitgenommen hatte. Er hatte mehrfach überlegt, ob er das Zentrallager von allem Wertvollen leeren sollte, aber er bezweifelte, dass er die eigentlichen Besitzer jemals wiedersehen würde. Außerdem würde er deren Besitz dazu benutzen, um auf schnellstem Wege zum Festland zu gelangen. Innos würde ihm das verzeihen. Und dann war da noch die Rüstung inklusive dem Schild und dem verrosteten Paladinschwert, das er in den Katakomben gefunden hatte. Auch hier hatte er sich schwer getan alles mitzunehmen, zumindest die Rüstung musste einem großen Mitglied seines Ordens gehört haben. Aber mit seiner Auferstehung war in seinen Augen das letzte in ihm gestorben, was ihn mit Innos verbunden hatte – dass nichts von seinen Überresten übrig geblieben war, zeugte ebenfalls davon. Und eine leere Rüstung wieder zu vergraben, darin sah er einfach keinen Sinn.
Er ging zu der Stelle, an der er Cador angebunden hatte, und streichelte ihn.
„Bei Tagesanbruch verlassen wir diesen Ort.“
Cador wieherte, so als ob er seine Zustimmung dazu von sich gab.
„Und du“, sagte er und wandte sich dem anderen Pferd zu. „Du kommst mit uns. Keine Sorge. Vielleicht sollte ich mir noch einen Namen für dich überlegen.“
Endlich konnte er wieder die Tage mitzählen und das Gefühl spüren, wie sich die Sonne auf seiner Haut anfühlte. Er war richtig bleich geworden, so viel konnte direkt schon sehen. Vielleicht würde er in der nächsten Hafenstadt Aufschluss darüber erhalten, wie lange er genau von der Bildfläche verschwunden war. Es musste derzeit Herbst sein, die Temperaturen waren jedenfalls noch angenehm warm, aber nicht drückend heiß. Auch an Früchten mangelte es derzeit nicht. An einigen Apfelbäumen hatte er unterwegs Halt gemacht und sich für den weiteren Weg eingedeckt.
An den Weg, den Bella und er damals genommen hatten, konnte er sich zum Glück noch grob erinnern. Auch wenn er bis jetzt keine Menschenseele getroffen hatte, war er doch zuversichtlich dem Meer und damit der nächsten Hafenstadt mit einem Schiff in Richtung Festland näher zu kommen. Nach all dem, was ihm widerfahren war, war eine Odyssee durch Gorthar so ziemlich das Letzte, was er gebrauchen konnte.
Den Tag hatte er mit Reiterei verbracht und machte nun Rast an einem kleinen See, wo er ein ausgedehntes Bad genommen hatte – das erste seit langer Zeit. Nachdem er mit seinem Bad fertig geworden war, nutzte er auch die Gelegenheit um die Paladinrüstung von dem ganzen Dreck, der sich in den Jahren angesammelt hatte, zu befreien – ein Unterfangen, das sich als nicht ganz einfach erwies. Mit etwas Geduld und ein wenig Körperkraft musste sich jedoch auch der letzte gröbere Schmutz geschlagen geben und gab eine wundervoll erhaltene Rüstung preis. Er probierte die ganze Rüstung an und war selber erstaunt darüber, wie gut sie doch saß. Ihr vormaliger Besitzer musste ähnliche Körperproportionen wie er besessen haben. Vielleicht kam ihm auch noch zugute, dass er in all der Zeit unter der Erde einiges abgenommen hatte. Wahrscheinlich würde er sich vorm Spiegel gar nicht mehr wiedererkennen. Aber sein Bart war zum Glück noch dran, länger denn je, und abgesehen von den paar Kilos weniger war er wunderbar in Form, die ganze körperliche Arbeit in den Höhlen hatte keinen unwesentlichen Anteil daran. Nur mit dem Schwert haperte es immer noch ein wenig. Er nutzte die Pausen von der Reiterei, um wieder mehr Gefühl für seine Schwertkunst, sein Handwerk als Paladin, zu bekommen, aber dieser Prozess würde wohl einfach Zeit benötigen. Aber Zeit hatte er wohl. Am Horizont gab es soweit er sehen konnte keine Krise, kein Krieg, keine bösen Omen. Nur Ruhe und Frieden. Vielleicht wäre es eine Überlegung wert sich einfach hier niederzulassen, um es dabei zu belassen. Irgendwas würde ja doch wieder sein, sobald er nach Thorniara zurückgekehrt war, irgendeine Teufelei, die der der Rebellenkönig Ethorn ausheckte oder sonst irgendwas, was ihm wieder schlaflose Nächte bereiten würde. Oder aber Ethorn war mittlerweile besiegt, Thorniara war befriedigt und die Menschen dort fuhren eine nie dagewesene, üppige Ernte ein. An den Gedanken daran musste Rod dann doch lachen. Das wäre wohl zu viel des Guten gewesen. Außerdem hatte Innos ihn nicht aus den Höhlen befreit und ihm die Magie geschenkt, nur damit er den Rest seiner Tage damit verbringen konnte Dorfbewohner vor hungrigen Wölfen zu schützen, auch wenn der Gedanke daran durchaus etwas hatte. Außerdem war da noch eine andere Aufgabe, die er auch davor noch erledigen musste. Rod blickte ein weiteres Mal auf die kleine Truhe, in der er den Feuerkelch verstaut hatte – wie er es oft tat, obwohl er ganz genau wusste, dass er immer noch da war, wo er ihn zurückgelassen hatte. Er hatte ihn einmal verloren, ein weiteres Mal würde ihm das nicht passieren.
Er beendete den Tag damit sein Lager für die Nacht aufzubauen. Morgen würde er wieder den ganzen Tag reiten und, mit Innos Hilfe, ein Schiff finden.
„Ich denke, es wäre riskant“, hatte er auf die Frage geantwortet. „Je nachdem, ob die Gorthaner ihre Herrschaft dort etablieren konnten. Allerdings bin ich es gewohnt, mich in Städten aufzuhalten, in denen ich gesucht werde.“ Es fühlte sich inzwischen an, als ob er sein halbes Leben lang nichts anderes getan hätte.
Nachdem sie einige hundert Schritte vom Strand entfernt hinter einer Düne ein kleines Feuer gemacht hatten, um Viraya trocken zu bekommen und etwas aufzuwärmen, hatten sie ihren Fußmarsch begonnen. Immer nach Nordosten, die Küste hinauf, denn sie wussten gar nicht genau, wo sie angelandet waren. Nach einem Tag hatten sie ein kleines Fischerdorf erreicht, in dem sie nach den Weg gefragt hatten. Nach Gorthar war es nicht weit … nur noch zwei weitere Tage Fußmarsch auf einer Handelsstraße, die nicht weit von dem Dorf verlief. Dieser folgten sie nun, denn um Nachforschungen anzustellen, war die große Handelsmetropole am besten geeignet. Zweifellos gab es auch dort Spitzel, doch die schiere Größe der Stadt gewährte Anonymität. Und dorthin hatte Medin seine Familie zusammen mit Theobald und Kortis nach der Einnahme Quasars geschickt, also hoffte er auch dort Antworten auf ihren Verbleib zu finden.
„Ich hoffe, nicht nur die Dimosas sondern auch du hast Kontakte in der Stadt. Wir brauchen ein paar Anhaltspunkte“, meinte er zu seiner Begleiterin, der er bald mehr als ihm lieb sein würde vertrauen musste.
Viraya seufzte, denn sie ging gerade die Namen ihrer Informanten durch. Schlussendlich schüttelte sie enttäuscht den Kopf.
"Nein, kein einziger Kontakt, der uns nicht mit grosser Wahrscheinlichkeit an die Dimosas verrät. Als ich noch in Gorthar war, handelte ich nur in ihrem Dienst."
Sie schwiegen einen Moment, während Viraya sich Gedanken über Alternativen machte.
"Aber ich weiss wenigstens um wen wir einen weiten Bogen machen müssen. Das ist schon einiges. Und ich kenne auch ein paar Feinde der Dimosas."
Oh ja. Sie wusste, wen sie aufsuchen konnten. Die Besitzerin des heissen Zubers hatte die Dimosas nie gerne in ihrem Bordell gesehen. Aber es beruhte auf Gegenseitigkeit, denn die Dimosas hielten nicht gerade viel davon sich mit einer Puffmutter zu unterhalten, während Viraya damit jahrelange Erfahrung hatte, besass doch ihre "Schwester" ein solches Etablissement.
"Wir sollten wohl wieder einmal in einem Bordell beginnen."
„Du und Redsonja scheint öfters in Bordellen zu verweilen“, antwortete er auf den Vorschlag seiner Begleiterin. Aber ihm sollte es recht sein. Schon in Vengard hatte er gelernt, dass diese Etablissements mit zu den besten informellen Informationsknotenpunkten in einer Stadt gehörten. Sie waren gut vernetzt mit der Unterwelt und bedienten Kundschaft aus praktisch allen Schichten der Bevölkerung, die unter den warmen Berührungen einer Frau meist auch redselig wurde.
Den letzten Tag fuhren sie auf dem Karren eines Kleinhändlers mit, der froh war auf den ländlichen Wegen etwas bewaffnete Gesellschaft zu haben, die nicht zu bedrohlich wirkte. Als sie die Stadt schlussendlich erreichten, trennten sich die Wege wieder und die beiden tauchten ein in den riesigen Ameisenhaufen aus einem Gewirr von Straßen, Gassen und Plätzen, der diese Handelsmetropole nun einmal war. Medin war gespannt, wo Viraya ihn hinführen würde, denn er fühlte sich hier – obwohl er sich seinem Ziel nahe fühlte – verloren. Es war leicht in dieser Stadt nicht gefunden zu werden und deshalb auch umso schwerer die zu finden, die er so unbedingt wieder sehen wollte.
Im Kopf war sie bereits jede Gasse durchgegangen, die sie nehmen konnten, um zum heissen Zuber zu kommen. Dennoch nahm sie einmal die falsche Abzweigung und blieb schliesslich etwas unsicher an einer Gabelung stehen. Ein Junge mit dreckigen Händen und Füssen sass in zerschlissener Kleidung auf dem Boden. Als er die beiden sah, sprang er auf und rannte davon. Wenige Schritte später stolperte er, fing sich aber noch rechtzeitig und verschwand in einer Gasse. Skeptisch blickte Viraya hinterher, aber es brachte nichts einen Verfolgungswahn zu entwickeln. Nicht jeder Mensch, dem sie begegneten war ein Bote. Zumal ihre blau schimmernden Haare unter einer Kapuze verborgen waren. Sie gingen also weiter und fanden schlussendlich das gesuchte Etablissement.
Sie traten ein und schauten sich um. Es war noch heruntergekommener, als es bei Virayas letztem Besuch gewesen war. Ein schwerer, roter Vorhang wurde zur Seite geschoben. Dahinter kam eine stark geschminkte Frau zum Vorschein. Obwohl sie schon etwas älter war, bewegte sie sich elegant, musterte die beiden aber skeptisch.
"Schade keine Kundschaft. Das Geschäft läuft nicht gerade gut in letzter Zeit." Begrüsste sie die beiden. "Aber ihr seht nicht aus, als hättet ihr euch hierher verirrt. Also was wollt ihr? Oder wartet vielleicht sollten wir dafür eher ins Hinterzimmer. Aber eine Privatstunde mit mir wird euch was kosten."
Der Geruch in diesem Raum war erdrückend. Parfum, irgendwelche Öle … Dinge, von denen Medin nichts verstand. Also versuchte er möglichst flach zu atmen.
„Macht euch um die Bezahlung keine Sorgen“, meinte er und überlegte, wie viele Münzen seinen derzeit gar nicht so schlecht gefüllten Geldbeutel verlassen würden. „Vielleicht können wir uns aber auch anders einig werden.“
Die Frau musterte ihn von oben bis unten.
„Ich denke, ihr überschätzt euch ein wenig“, war die Antwort.
„Wo war noch das Hinterzimmer?“, beharrte Medin. Einen Augenblick wurde gezögert, doch dann machte die Bordellbesitzerin – zumindest hielt er sie dafür – auf dem Absatz kehrt und bedeutete ihnen zu folgen. Sie durchtraten einen Tür und einen lilanen, von Motten leicht angefressenen Vorhang und fanden sich in einem kleineren Raum wieder. Das Licht war schummrig, denn die zu einem Vorsprung führende Dachluke war mit Tüchern verhangen und nur zwei Kerzen brannten in ihren Haltern. Ansonsten waren da noch ein rot bezogenes Bett, ein Tisch und ein paar Stühle, doch der Paladin verzichtete darauf sich auf irgendeinen dieser Gegenstände zu setzen.
„Also, was kann ich für euch tun?“, fragte die noch namenlose Frau.
„Wir sind hier, um eine Familienzusammenführung zu arrangieren und suchen einen Teil dieser Familie. Eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind, einem Jungen von ungefähr vierzehn Wintern und einem Söldner, der nicht aus diesem Land kommt.“ Er begann Lilo, Fünkchen, Theobald und Kortis zu beschreiben – natürlich nur die äußerlichen Erscheinungsmerkmale – so gut er konnte.
„Sie sind vor erst einem Jahr hierher gezogen und nun möchten unsere Auftraggeber wissen, was aus ihnen geworden ist, denn sie melden sich nicht mehr“, schloss er anschließend. „Hier hört man doch sicher einiges, wenn Leute plötzlich verschwinden, nicht wahr?“
Viraya hatte für diese Information viel bezahlt zu einem schlechten Wechselkurs. Aber der Mond zeigte wieder die gleiche Fülle auf, wie am ersten Tag und sie war frei. Andere hätten gejubelt. Sie liess sich nicht viel anmerken. Die Puffmutter hatte ihr Gold gemacht und wollte Viraya gar davon überzeugen zu bleiben, doch da liess die Frau mit dem bläulich schimmernden Haar nicht mit sich reden. Aber sie vermittelte zwei neue Mädchen an Darla, ihre Schwester, die sich sicher über dieses unerwartete Geschenk freuen würde. Wichtiger war allerdings, dass sie eine Nachricht überbrachten.
Bei den Dimosas schien alles beim Alten zu sein. Zumindest oberflächlich. Aber Syver Andgard war auf der Suche und es war ziemlich klar nach wem. Sie wussten, also, dass sie in der Stadt waren. Nur nicht wo. Aber höchste Vorsicht war geboten. Sie durften keine Spuren hinterlassen. Vor allem keinen Geruch, denn Syvers Hunde fanden jeden. Nur im Bordell waren wohl zu viele Parfüms, welche die feinen Nasen störten. Sie würden sich also noch etwas damit eindecken müssen und hoffen dass Medin in einer weiblichen Duftwolke nicht all zu sehr auffiel. Allerdings würde jeder nur denken, dass er im Bordell war, was eigentlich auch stimmte.
Nur über Medins Anfrage hatte Kari bis zum Schluss nichts gesagt. Bevor sie gingen, nahm sie ihn aber erneut in den Hinterraum und er kehrte erst nach einiger Zeit wieder zurück. Warum sie die Informationen vor Viraya verbarg, wunderte die Diebin. Als Kari fertig war mit Medin, war allerdings eher sie die Neugierige:
"Warum hast du das für ihn getan?"
Wollte sie wissen, doch Viraya lächelte nur sanft.
"Eine Frau hat ihre Geheimnisse."
Die Puffmutter musterte Medin und schüttelte den Kopf. Was sie dachte war egal. Danach gingen sie eine Weile schweigend durch die Gassen. Mitten drin blieb Viraya stehen. Sie lauschte und schaute sich um.
"Was hat sie dir berichtet?"
Viraya wirkte eigentlich nur neugierig, aber Medin ließ sich nicht täuschen. Informationen waren für Personen wie sie wie eine zweite Luft zum atmen. Und im Augenblick hatte Viraya das Sagen auf ihrer Suche – denn obwohl der Paladin vielversprechende Informationen bekommen hatte, konnte er auf wenig zurückgreifen, was man eine heiße Spur nannte. Er brauchte die Erfahrungen der Diebin mit diesem kriminellen Netzwerk.
„Feuer und Rauch“, antwortete er und schaute sich ebenfalls kurz um. „Aber keine heiße Spur. Es gab wohl nicht weit von hier mal ein unerwartet heftiges Feuer mitten in der Nacht. Binnen kürzester Zeit ist ein zweistöckiges Haus komplett in Flammen aufgegangen, ohne dass das Feuer auf die Nachbargebäude übergriff. Als ob man eine ganze Wagenladung Selbstgebrannten hineingeworfen hätte.“
Er erinnerte sich an die Nacht vor vielen Jahren in der vengarder Taverne. Win'Dar war dort gewesen und Lilo auch. Ein kleiner Funken und eine fliegende Rumflasche … sie hatten es gerade so lebendig raus geschafft, mit viel zu viel Rauch in den Lungen.
„Deine Freundin meinte, am Tag danach hätte sie einige bekannte Handlanger dort gesehen, die herum schnüffelten oder Hinweise beiseite schaffen wollten. Die Stadtgarde wusste nichts. Aber einige Nachbarn meinten, dass dort einige Personen gelebt hatten, auf die die Beschreibung passte. Es wurde allerdings nur ein Toter gefunden … bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.“ Seine Stimme wurde hölzern, er schluckte kurz.
„Das Haus ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt, also finden wir dort wohl nichts mehr“, fuhr er fort. „Also falls du irgendeinen Anhaltspunkt hast … ich glaube, wir müssen langsam etwas offensiver vorgehen. Die Dimosas wissen anscheinend, dass wir hier sind und wir wissen, dass sie bei dem verbrannten Gebäude ihre Finger im Spiel hatten. Wird Zeit, dass wir uns mal jemanden vorknöpfen, der uns ein paar Orte und Namen nennen kann. Wenn wir dann das Hinterzimmer des Bordells noch einmal nutzen können, kriegen wir sie sicher auch aus ihm heraus.“
Freundin? Viraya hätte beinahe gelacht. Sie waren keine Freundinnen Kari und sie. Viraya keine Freundinnen. Allerdings und das erschien ihr immer noch seltsam, hatte Kari sie tatsächlich nicht verraten, noch nicht. Sie vertraute jedoch nicht darauf, dass dies so blieb. Daher schüttelte sie den Kopf.
"Dorthin sollten wir nicht zurück gehen. Aber..." Ihre Augen glitzerten ein wenig und sie wusste, dass sie auf Medin hören musste. "Wir sollten tatsächlich etwas risikobereiter sein. Vielleicht können wir uns in Syvers Haus etwas umschauen. Der ist ja inzwischen mit der Suche nach uns beschäftigt. Das birgt ein gewisses Risiko in sich, dass seine Hunde unsere Fährte aufnehmen. Ein Risiko, das an Gewissheit grenzt. Aber ich war nie bekannt als besonders risikofreudig. Von daher ist es das Risiko vielleicht wert. Wir müssen danach einfach die Fährte irgendwie verwischen."
Und sie hatte eine Idee dafür. Sie mussten nur den richtigen Zeitpunkt abpassen. Dafür näherten sie sich Syvers Haus über ein paar Dächer, um sich am Schluss auf die Lauer zu legen. Das Haus war nicht das, was man erwartete von einem der wichtigsten Männer der Dimosas. Es war klein, weder besonders schäbig, noch schön. Es wirkte als hätte eine Frau die Hände im Spiel, doch handelte es sich dabei vielmehr um Syver selber, der gerne die Blumen vor seinem Fenster goss und sich sogar selber Vorhänge genäht hatte.
"Da er uns sowieso finden wird, sollten wir ihm einen Gruss da lassen. Die Frage ist bloss, was?"
Dicht auf die Dachschindeln gedrückt überlegte Medin eine Weile. Dieser Syver schien ein zu fürchtender Zeitgenosse zu sein. Kühl, berechnend, ruhig – gefährlich, denn die ruhig geführte Klinge traf immer am präzisesten.
„Wenn er in seinem Handwerk so gut ist, wie du sagst, dann werden wir ohnehin schon seine volle Aufmerksamkeit haben“, meinte er zu der Blauhaarigen nach einer Weile und spähte über den Dachfirst hinunter auf das Kleinod gutbürgerlicher Oberstadtordnung. Die Blumen, die Vorhänge, die Fenster, der kurze Zaun. Ordentlich genug, um keinen Verdacht zu erregen und unauffällig genug, um nie das Bedürfnis zu verspüren, mit dem Bewohner Kontakt aufzunehmen. Ein gesichtsloses Mitglied der Stadtgemeinschaft. Zurückhaltend, integer, konform, wahrscheinlich sogar ein Steuerzahler. Ein wirklich gefährlicher Mensch.
„Als die Dimosas meine Familie zum Ziel machten, verfolgten sie einen bestimmten Zweck“, fuhr er fort und klang dabei genauso kühl und berechnend, wie der Mann, über den sie sich gerade Gedanken machten. „Sie wollten mich auf dem falschen Fuß erwischen. Dafür sorgen, dass ich nicht rational plane, sondern Gefühle, Emotionen und Impulse in meine Überlegungen einfließen lasse, sodass es für mich noch schwerer wird, ihre nächsten Schritte zu antizipieren.“
Er wandte den Kopf hinüber zu Viraya, die ihm zuhörte. Wenn sie aufmerksam war, konnte sie in seinen Augen sehen, dass er all diese Gefühle gerade wieder durchlebte. An seiner äußeren Gefasstheit und der Ruhe in seiner Stimme änderte das nichts. Er hatte die Straße vor dem Haus lange genug ausgespäht.
„Syver erwartet Beute, die sich versteckt und die er aufspüren muss. Was er nicht erwartet, sind Jäger, die stattdessen seine Fährte aufnehmen und sich ihm in den Nacken setzen. Siehst du die schmale Gasse dort an der Seite des Hauses?“ Er deutete über den First hinweg auf einen dunklen Weg, der an einer fast fensterlosen Wand entlang führte. Nur zwei kleine, vergitterte Öffnungen waren zu sehen. „Ich bin mir sicher, dass man dort schnell das Haus verlassen kann, wenn vorne unliebsamer Besuch steht. Rein kommt man wahrscheinlich nicht – aber das müssen wir auch gar nicht.“ Langsam krochen sie vom First weg, um sich an den Abstieg zu machen.
Als sie eine Stunde später einer Nebenstraße folgten, die sie immer weiter von dem Haus wegführte, hörten sie entfernte Rufe durch die Straßen gellen. Hektische, ängstliche Bewegung kam in die nächtliche Ruhe des gorthanischen Händlerviertels und ein hellorangener Schein am Nachthimmel zeigte den Grund dafür. Da waren Viraya und Medin schon zu weit entfernt, um direkt mit dem Brand, der bald das ganze Haus erfasst haben würde, in Verbindung gebracht zu werden. Die Botschaft – da war sich der Südländer sicher – würde dennoch ankommen.
Nie am Erfolg laben, keine Rache. Keine Genugtuung. Wiederholte Viraya für sich. Ein wichtiges Mantra, eines von vielen, dass ihr die Dimosas auf den Weg gegeben hatten. Die Milch von der sie sich nährte.
"Das nächste?"
Durchbrach Viraya schlussendlich das Schweigen.
Medin schaute sie etwas verwirrt an.
"Du hast recht. Wir wollen doch Jäger bleiben. Da wir sowieso beiden den ganzen Hass der Dimosas auf uns haben, sollen sie uns wenigstens fürchten lehren. So können wir mit ihnen vielleicht irgendwann verhandeln."
Erklärte sie und bog schnell in eine schmale Gasse ab. Sie war klein genug, um nicht gepflastert zu sein. Nur das jahrelange abtreten, hatte die Erde so zusammen gepresst, dass der Boden fest war. Aber wenn Viraya ihre Füsse darauf absetzte war kein Laut zu hören. Sie mochte diese Art von Gassen. Dreckige Geschäfte fanden hier ihren Platz.
"Wir besuchen die Gespielin einer weiteren, sehr wichtigen Person der Dimosas."
Erklärte sie. Indessen und blickte sich um. Aber vielmehr lauschte sie. Keine Hunde waren zu hören. Doch meist waren sie lautlos. Am Ende der Gasse war allerdings ein Kanaldeckel, der sich zur Seite schieben liess. Ein leicht unangenehmer Geruch schlug ihnen entgegen. Die perfekte Gelegenheit, um alle anderen Gerüche los zu werden und Spuren zu verwischen. Als Medin Viraya in den Kanal hinunter half, hielt sie plötzlich inne.
"Doch ist es mir noch immer ein Rätsel, warum die Dimosas dich da mit hinein gezogen haben." Sie zögerte, denn sie hatte inzwischen eine Theorie, die sie Medin niemals mitteilen sollt. "Als du das vorhin geschildert hast, dass sie deine emotionale Seite wollten, ist mir aufgefallen, was mir fehlt. Das Impulsive, Unberechenbare, aber immer noch rationale. Erst wurde mir Redsonja zur Seite gestellt. Diese erwies sich allerdings als viel zu grosses Risiko. Sie verlor immer häufiger komplett die Kontrolle. Jetzt frage ich mich, ob mir da jemand helfen wollte, um mir den richtigen Verbündeten zur Seite zu stellen, damit ich die Dimosas oder die Spitze davon endlich vernichten."
Während des Sprechens begannen sich Teile eines Puzzles zusammen zu fügen.
Ein beunruhigender Gedanke, den ihm da seine Begleiterin mitteilte, als er die alten, rostigen Eisensprossen in den Untergrund Gorthars hinabstieg. Denn diese Theorie implizierte nicht nur, dass die Dimosas nicht alleine für das Verschwinden von Medins Familie verantwortlich waren. Es würde auch bedeuten, dass er als Werkzeug missbraucht wurde – und zwar von mehr Leute, als ihm im Augenblick ohnehin schon bewusst war.
„Dann sollten wir diese Personen nicht warten lassen“, antwortete er, während er eine Fackel entzündete und Viraya neben ihm Halt auf dem engen, rutschigen Sims über der Kloake gefunden hatte. „Wenn ich das richtig sehe, kennen wir noch keinen dieser obskuren Hintermänner. Der einzige gemeinsame Nenner in dieser ganzen Geschichte sind die Dimosas. Dort müssen wir nach neuen Antworten bohren.“ Und das meinte er wörtlich.
Die beiden gejagten Jäger tasteten sich ein wenig weiter und Medin hatte das Gefühl mit jedem Schritt mehr von dem unerträglichen Gestank in jede Pore seines Körpers aufzunehmen. Zweimal mussten sie Nebenarme kreuzen und konnten nicht ganz verhindern, dass ihre Stiefelspitzen in den Dreck Gorthars eintauchten. Je weiter sie liefen, desto mehr konzentrierte sich der Paladin auf das Licht seiner Fackel und wünschte sich an einen besseren Ort. Aber er wusste, dass es für ihn draußen keinen besseren Ort gab. Nicht, solange er nicht seine Familie wieder gefunden hatte. Innos, Kraft, bat er in Gedanken. Führe mich zum Licht. Die Schwere wich ein wenig aus der Brust.
Nach einer Weile erreichten sie einen kleinen Nebengang und Viraya bedeutete ihm, dass sie diesem folgen sollten. Ein kleines Rinnsal mit relativ sauberen Wasser floss hier nicht durch eine Rinne, sondern über blanken Stein ihnen entgegen, verschwand nach einigen Schritten aber ebenfalls in einem Seitenrohr, sodass der übrige Gang nun verhältnismäßig trocken war. Ein paar Minuten weiter endete der Weg plötzlich und die beiden standen vor einer bemoosten, mit Eisen beschlagenen Holztür.
„Sind wir da?“, fragte Medin seine Begleiterin.
Sie nickte und ihre Augen hatten einen sehr gefährlichen Schimmer. Ja sie waren da. Sie nickte, ungesehen, aber nicht unbemerkt. Sie tastete neben der Tür. Früher gab es da ein Schlüsselversteck, doch waren sie klug genug gewesen das aufzuheben.
"Es scheint als wären wir am Ziel, doch haben wir keinen Zugang. Dann müssen die Ratten wohl doch wieder auftauchen. Oder die Tür zertrümmern. Allerdings ist das wohl etwas auffällig. Aber vielleicht sollten wir einfach an die Pforte klopfen. Zumindest wenn ich richtig zusammengezählt habe, dann heisst und die Dame des Hauses uns willkommen. Sagen wir mit einer fünfzig prozentigen Sicherheit liege ich richtig."
Sie schaute nochmals auf das Schloss und stufte es als nicht knackbar ein. Zumindest nicht für sie.
"Reicht dir die Chance oder hast du eine andere Idee, wie wir hinter die Tür kommen? Natürlich können wir auch einfach wieder ein Feuer legen. Aber wenn wir Alena wirklich auf unserer Seite haben wollen, dann könnten wir sie damit etwas sehr verärgern. Sie hängt äusserst an gewissen Studienobjekten in diesem Haus."
Auch Medin nickte und lockerte den Dolch am Gürtel. Fünfzig Prozent klangen gar nicht so schlecht, doch für die andere Hälfte konnte es nicht schaden entsprechend vorbereitet zu sein. Das hier war ein enges Kampfumfeld, falls es zu so einem kommen sollte. Schnelle Entscheidungen und Reflexe, darauf kam es hier an. Zum Glück eine der Stärken des Paladins.
Er hob die Hand zur Faust geballt und blickte noch einmal zu Viraya. Auch sie war bereit. Dann fuhren seine Knöchel dreimal auf das bemooste Holz. Poch poch poch!
Einige Augenblicke passierte gar nichts. Nicht einmal Geräusche waren von drinnen zu hören. Schon wollte Medin fragen, ob sie hier wirklich richtig waren, als auf einmal ein lautes Schaben ertönte. Ein kleines Guckfenster in der Tür, das er vorher nicht einmal bemerkt hatte, glitt auf und ein weibliches Augenpaar erschien dahinter. Der Südländer nahm die Fackel etwas zurück, um die Person nicht zu blenden. Die Augen fixierten ihn wortlos, glitten dann weiter zu Viraya und kniffen sich etwas zusammen.
„Ich glaub's ja nicht“, war ein Murmeln von innen zu hören. Abermals warf Medin einen fragenden Seitenblick zu seiner Begleiterin und dann wieder zu der Tür.
„Können wir reinkommen?“, fragte er dann.
„Was wollt ihr?“, kam die Gegenfrage.
„Antworten“, gab der Südländer zurück. „Solche, die sich in der Asche nicht finden lassen.“
Die Person an dem Guckloch schwieg noch einen Moment. Sie schien zu überlegen, abzuwägen und sich nicht ganz wohl zu fühlen. Ängstlich wirkte sie aber auch nicht.
„Hm“, brummte sie dann nur. „Raya, lass deine Hände sehen, dann mache ich die Tür auf.“
Medin atmete tief durch.
Sie zeigte ihre Hände und die Tür öffnete sich. Sie wurden hineingebeten. Dann flog die Tür hinter ihnen mit einem listigen Schnappen ins Schloss. Ein eisiger Schauer rieselte den Rücken der Diebin hinunter, denn die Begrüssung fiel sehr kühl aus. Die Gastgeberin führte sie in einen kleinen Raum von dessen Existenz selbst Viraya nichts gewusst hatte.
"Wenn ihr mich kurz entschuldigen würdet."
Meinte sie höflichst und liess die beiden in dem Fensterl Raum zurück. sie blickten sich an, sprachen jedoch kein Wort. Stattdessen vernahmen sie, wie hinter ihnen ein Riegel vorgeschoben wurde. Die Diebin konzentrierte sich auf ihre Atmung, um nicht am Ende noch nervös zu werden und atmete flach. Wenn Alena sie töten wollte, dann hätte sie das bestimmt bereits getan. Ausser sie wollte Viraya erst so richtig leiden sehen, was durchaus keine zu vernachlässigende Idee war.
Mitten in ihren Gedanken kehrte die Gastgeberin zurück. Sie trug ein Tablett auf den Händen, währnd ihr zwei Durchtrainierte männer folgten.
"..."
Viraya öffnete den Mund, um zu sprechen, doch Alena unterbrach sie mit einer Händbewegung.
"Bevor ich mir auch nur ein einzelnes Wort von euch anhöre, müsst ihr das austrinken."
Gab sie die Spielregeln bekannt. Ein Gift. Sie hatte es nicht ausgesprochen, doch war allen Beteiligten klar, worum es sich handelte. Viraya nahm den Becher entgegen und blickte Alena an, doch nichts liess sich aus ihren Zügen erraten. Also gab sie vor stattdessen zu Medinzu schauen, fokussierte aber dennoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese gefährliche Frau von der sie viel hätte lernen können.
Auch Medin zögerte kurz. Sie waren nicht entwaffnet worden und konnten selbst auf diesem beengten Raum noch einiges an Schaden anrichten. Allerdings sicher nicht mehr, nachdem sie etwas von diesem Gebräu getrunken haben würden.
„Was ist das?“, fragte er sie gerade heraus.
„Eine Versicherung“, antwortete sie und strich sich etwas strähniges Haar aus dem Gesicht. „Sie spart euch die lästige Entwaffnung und sichert mir die Antworten zu, die ich haben möchte.“
Der Südländer schaute zu den beiden Männern. Jeder von den beiden könnte ihnen wahrscheinlich mit einer schnellen Bewegung den Hals umdrehen und das Genick wie einen Strohhalm knacken lassen. Gut, bei Medin vielleicht nicht ganz so einfach, aber Alena hatte nicht direkt etwas zu befürchten. Also war es wahrscheinlich ein Test. Ein Test der Entschlossenheit.
Noch einmal blickte er kurz zu Viraya hinüber. Sie schien es nicht eilig zu haben den Geschmack des Getränks zu testen. Er musste den Vortritt übernehmen. Was konnte schlimmstenfalls passieren? Dass er jämmerlich in der gorthanischen Kanalisation verreckte? Nicht viel schlimmer als sein derzeitiger Zustand ohnehin schon war. Wenn es die Möglichkeit bot, Lilo und seiner Tochter irgendwie näher zu kommen – auf die eine oder andere Art und Weise – war es das doch wert? Seine Augen trafen noch einmal die von Alena. Irgendetwas in ihm bestärkte ihn darin, dass er dieser Person vertrauen musste.
Kurz schlossen sich die Finger fest um den Becher, dann hob er ihn empor und stürzte das Getränk mit einem Zug hinunter. Es schmeckte bitter, nach einer Unmenge von Kräutern – aber nachdem sich in der letzten Zeit der Gestank der Kanalisation auf seine Zunge gelegt hatte, war das nicht unbedingt eine Verschlechterung.
„Sehr gut“, meinte Alena, nachdem auch Viraya getrunken hatte. Ein Kribbeln begann sich in den Fingerspitzen des Paladins breit zu machen und Wärme breitete sich in seinem Bauch aus. Sein Geist fühlte sich völlig klar an. „Ihr habt nun einige Minuten Zeit mir meine Fragen so zu beantworten, dass ich euch glaube. Dann gebe ich euch das Gegenmittel. Wenn es nicht rechtzeitig verabreicht wird, seid ihr in unter einer Stunde tot – und glaubt mir, ihr werdet nicht sanft einschlafen. Also“, räusperte sie sich und fixierte die beiden mit ihrem Blick. Ihre beiden Muskelberge im Hintergrund beobachteten das Geschehen scheinbar teilnahmslos. „Vor kurzem ging das Haus von Syver Andgard in Flammen auf. Wisst ihr etwas darüber.“
Ohne auf Viraya zu achten nahm Medin gleich das Wort an sich. „Das waren wir. Ein Zeichen für ihn, dass die Beute diesmal vielleicht zu groß für ihn ist.“ Ein dumpfes Gefühl kroch nun langsam in seinen Kopf, aber seine Gedanken funktionierten noch einwandfrei. Ob das Gift erst die Motorik angriff? Vielleicht war er bereits jetzt nicht mehr zu schnellen Bewegungen fähig.
„Interessant. Mir scheint, dass ihn das Feuer in seinem Vorhaben nur bestärkt hat. Aber habt Dank, mich hat die Nachricht sehr erfreut, dass es jemand geschafft hat diesen pedantischen Bastard zu treffen.“ Sie zeigte kurz ein Lächeln, das aber sofort wieder erstarb. „Nächste Frage: Warum seid ihr in Gorthar?“
Wieder antwortete Medin. „Ich bin auf der Suche nach den Dimosas.“ Plötzlich begann sein Arm zu zucken. Schnell versuchte er eine Faust zu ballen, doch die Finger reagierten unendlich langsam. Es dauerte zwei Augenblicke, bis er die Muskeln wieder unter Kontrolle hatte.
„Eine kleine Nebenwirkung. Warum sucht ihr die Dimosas?“
„Sie ließen mir eine Nachricht zukommen, dass sie meine Familie in ihrer Gewalt haben. Ich will wissen, was mit ihnen geschehen ist … und daraus Konsequenzen ziehen. Ich hatte gehofft, dass du mir sagen kannst, wo ich die Dimosas finde.“
Wieder ein listiges Lächeln. Alena antwortete nicht, sondern schwieg eine Weile. Momente, die ihnen wie Stunden vorkamen. Dann wanderten ihre Augen auf einmal zu Viraya.
„Was willst du von den Dimosas?“, fragte sie.
Viraya lächelte sanft. Dennoch schüttelte sie leicht tadelnd den Kopf.
"Aber Alena, wo bleiben deine Manieren. Wir haben dein Gift geschluckt, sind dir auf Gedeihe und Verderben ausgeliefert und du forderst noch weiter."
Nun verschwand das Lächeln.
"Also!"
Forderte die Frau mit den blau schimmernden Haaren, deren Stimme nicht ganz so kräftig war, wie sie normalerweise hätte sein sollen. Aber es reichte dazu, dass Alenas Lakaien zusammen zuckten. Sie schenkte ihnen jedoch keine Beachtung, sondern fixierte Alena mit ihren dunklen Augen. Diese hiess den beiden Lakaien zu verschwinden.
"Ihr habt euch Zeit gelassen mit der Reise hierher." Begann Alena und schaute zwischen den beiden Besuchern hin und her. "Viel ist hier seither geschehen und ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung gewesen ist euch hierher zu locken."
Nun zauberte sie ihr hübschestes Lächeln auf ihre ebenen Gesichtszüge. Das Lächeln erreichte ihre Augen jedoch nie. Es war jedoch nicht diese Tatsache, sondern Alenas Offenheit, die Raja erschaudern liess. Diese Dame spielte immer ihre Spielchen und ihnen blieb kaum etwas anderes übrig, als sich darauf einzulassen.
"Wie können wir dich denn davon überzeugen?"
"Ihr könnt nichts mehr tun."
Entgegnete Alena abschätzig. Statt etwas zu erwidern, mobilisierte Viraya ihre schwindenden Kräfte und versuchte an den Dolch zu gelangen, doch sie war viel zu langsam, viel zu träge geworden. Trotzdem hielt sie nicht in der Bewegung inne. Wenn sie auch langsam war, so waren sie immerhin zu zweit und auch Medin hatte sich in Bewegung gesetzt. Doch bevor sie die Frau erreichten, hob diese die Arme.
"Ich könnte zwei Kämpfer wie euch gebrauchen."
"Dann kommen wir vielleicht doch ins Geschäft. Du gibst uns das Gegengift und was verlangst du dafür?"
Erwiderte Viraya, obwohl sie tief in ihrem Inneren wusste, dass sie sich nie wieder instrumentalisieren liess, doch das brauchte Alena nicht zu wissen.
"Den Kopf meines Geliebten."
Den Kopf ihres Geliebten? Was sollte denn das jetzt werden? Eine Privatfehde für eine geschmähte Affäre? Nicht unbedingt das Arbeitsumfeld, das Medin normalerweise suchte. Da hatte er sich durch Viraya in einen schönen Schlamassel hineinziehen lassen.
Schon wollte der Südländer etwas erwidern, aber die Worte wollten ihm nicht sofort über die Zunge kommen. Ein seltsames Gift. Er fühlte sich voll aufnahmefähig, seine Sinne funktionierten perfekt. Doch sein Handlungsraum war eingeschränkt. Bewegungen und Sprechen fielen ihm schwer. Wie grausam musste sich der Tod in diesem Zustand anfühlen. Eine kurze Welle von Panik wollte in ihm aufwallen.
Innos! schickte er als Stoßgebet in Gedanken zu seinem Gott. Gib mir Kraft vor diesem Wesen. Ihm wurde etwas wärmer und obgleich er die List dieser Alena erkannt hatte, spürte er da auch noch etwas anderes, das sie eigentlich in ihrer Stimme zu verschleiern versuchte: unbändigen, Jahre alten Zorn.
„Scheint, als ob wir keine Wahl haben“, bekam Medin endlich die Worte, die er gesucht hatte, über die Lippen. „Aber erst die Dimosas. Für die sind wir hierher gekommen und diese Sache duldet keinen Aufschub mehr.“ Nicht noch einen.
„Einverstanden“, entgegnete Alena nach einer kurzen Pause, in der sie so tat, als würde sie das Angebot abwägen. Aber das hatte sie sicher schon lange zuvor getan. Im Grunde hatten die beiden Vergifteten ja nicht anders reagieren können. „Ich helfe euch bei den Dimosas und wenn ihr das überlebt, seid ihr ohne Frage geeignet, mir bei meinem anderen Problem zu helfen. Und wenn nicht ...“ Sie griff in ihren Mantel. „... dann müssen wir uns wahrscheinlich alle keine Gedanken mehr um den Rest unseres zweifelsohne kurzen Lebens machen.“
Hervor kam eine kleine Phiole mit einer absolut klaren Flüssigkeit darin.
„Das Gegenmittel“, verkündete sie und entkorkte das Gefäß, bevor sie es beiden reichte. „Trinkt … viel länger solltet ihr nicht mehr warten.“
Das musste sie den beiden nicht zweimal sagen. Viel war in der Phiole nicht drinnen und sie teilten gerecht, doch danach war kein einziger Tropfen der klaren Flüssigkeit mehr zu finden. Als sie die Phiole zurückreichten, hatte Alena ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen, schwieg aber. Zweifellos hatte diese Frau noch ein paar Ässer im Ärmeln und das waren sicher nicht nur die beiden Muskelprotze nebenan.
„Wie ist denn der Name eures Geliebten?“, wollte Medin wissen, jetzt da er sich keine Gedanken mehr über sein unmittelbares Ableben machen musste. Alena antwortete wieder nicht sofort, sondern behielt ihr triumphierendes Lächeln weiter auf dem Antlitz. Die Pause zog und zog sich in die Länge und mit einem Mal fühlte sich der Paladin wie die Maus, die gerade den Käse gegessen hatte und erkannte, dass die Falle zuschnappte.
„Frost“, sagte sie schließlich und jagte Medin unwillkürlich einen Schauer über den Rücken.
Alenas weiches, freundliches Gesicht hätte es niemals verraten, aber sie war durchtrieben. Das wusste Viraya schon immer, aber sie hatte das Ausmass unterschätzt. Frost. Dieser alte, verbrauchte Berserker. Oder dieser unglaubliche Mensch, der schon alles, was ihm in den Weg gelegt wurde irgendwie überwunden hat. Beide und wohl noch viel mehr Beschreibungen passten, je nachdem von welcher Seite man es sehen wollte. Für Viraya war aber eines klar, mit Frost wollte sie sich nicht anlegen und sie bezweifelte auch, dass Alena jemals eine Affäre mit ihm hatte, aber das spielte keine Rolle und ihr war anscheinend wirklich alles zuzutrauen.
"Also?" Forderte Viraya, statt weiter auf Frost einzugehen. "Wo ist Andreja?"
"Es gibt eine kleine Burg südöstlich der Stadt. Sie hatte mal einen Namen. Ornes. Aber er ist längst vergessen, denn keiner weiss, dass sich unter dieser verwachsenen Ruine ein Nest von Verbrechern befindet. Stattdessen gibt es dort alljährlich ein Ritual. Es wird ein grosser Scheiterhaufen errichtet, um die bösen Geister zu vertreiben und abhängig davon wer gerade an der Macht ist hier, landet da auch noch jemand drauf. Auf jeden Fall meiden die Stadtbewohner diesen Ort. Ornes gilt als seit jeher verflucht. Also passt auf ihr zwei Täubchen und vergesst euren Auftrag nicht. Es würde euch nicht gut bekommen."
Viraya brauchte die Phiole mit dem Gegengift gar nicht anzuschauen, um zu wissen, dass da wahrscheinlich mehr als Gegengift drin gewesen war. Sie akzeptierte die Tatsche und beobachtete, wie Alena die leere Phiole in ihrer Umhangstasche verschwinden liess. Sie lächelte dabei allerliebst.
"Ach bevor ich es vergesse. Hier noch ein Schlüssel. Er passt wahrscheinlich in irgendeine Tür dort. Ich habe es jedoch nie ausprobiert und nun geht. Hier."
Sie öffnete die Tür in Richtung Kanal wieder.
Die Ebenen waren hügelig, weit und von jenem verblassenden Grün, dass man den aufziehenden Herbst auch gesehen hätte, ohne dass graue Wolken den Himmel von Horizont zu Horizont verdeckt hätten. Das Hügelland südöstlich von Gorthar war eine für die Nähe zu so einer bedeutenden Handelsstadt recht einsame Gegend. Hier draußen, nicht einmal einen ganzen Tagesmarsch von der Stadt entfernt, gab es eine alte Straße, die aber schon seit vielen Generationen kaum noch genutzt wurde und beständig verfiel. Früher musste sie sogar einmal gepflastert gewesen sein – zumindest stellenweise. Heute war sie kaum mehr als eine kleine Furche im Gras, die sich durch die Hügel schlängelte.
In der Nähe dieser Straße stand die Burgruine auf einem flachen Hügel. Einst wehrhaft und mächtig zeugte nicht mehr fiel von ihrem einstigen Abschreckungspotential. Von den ursprünglich sechs Türmen existierte nur von zweien noch mehr als die Grundmauern. Der Burghof war halb geöffnet und nur noch die Südmauer brachte es auf mehr als Mannshöhe. An ihrem einen Ende schloss sie der am besten erhaltene Turm, der noch bis zum zweiten Geschoss zu stehen schien und erst darüber eingestürzt war. Das andere Ende der Mauer wurde immer niedriger und verschwand schließlich in einem Erdwall, der hinter einem Graben die Westseite der Burg mehr oder weniger gut abschloss. Der zweite noch halbwegs erhaltene Turm stand frei auf der Nordseite des kleinen Hügels, einige Mauerreste wie schlaffe Arme vergebens in Richtung der anderen Burgteile streckend, ohne sie jedoch zu erreichen. Auch er stand noch bis zum zweiten Geschoss hin und war irgendwann einmal darüber zugemauert worden, damit es durch die beschädigte Wand nicht hereinregnete. Wie alt diese Ausbesserung war ließ sich nicht sagen.
Medin und Viraya lagen in vielen hundert Schritt Entfernung auf einer Anhöhe hinter hohem Gras und Büschen, die ihnen einigermaßen Schutz vor Blicken oder dem kalten Wind boten. Sie hatten sich ihre Decken untergelegt, da dieser Beobachtungsplatz für längere Zeit gewählt war. Seit Stunden nun beobachteten sie die Burgruine nun schon, doch bis auf den verkohlten Scheiterhaufen in der Mitte zeugte nichts davon, dass dieser Ort öfter aufgesucht wurde. Dennoch waren sich beide sehr sicher, dass unter diesen Trümmern ein Geheimnis verborgen lag. Das Versteck war gut und wieso sonst sollte Alena sie an so einen verlassenen Ort führen.
Langsam und damit auch sehr leise zog der Paladin abermals den Schleifstein über die Klinge seines Schwertes. Schon seit einiger Zeit schärfte er seine Waffen, während sie den Hügel beobachteten. Bald war er fertig. Bald war es an der Zeit das Werk zu vollenden, das die Dimosas begonnen hatten. Diese Suche musste ein Ende finden.
„Als ich dich um Hilfe gebeten habe, hast du mir eine Bedingung gestellt“, sagte er zu Viraya, nachdem sie sehr lange geschwiegen hatten. Das leise Wetzen begleitete seine Worte. „Du hast gesagt wir machen es auf deine Art und Weise. Dass ich dir vertrauen müsse, komme was da wolle. Nun, hier sind wir.“
Zwei Jäger allein in der Weite – bereit das Wolfsrudel in seinem Revier anzugreifen.
„Wie willst du also vorgehen? Die geheimen Zugänge bleiben uns wahrscheinlich verborgen und wenn wir vorne reingehen, werden wir sicher gesehen. Irgendeine Idee, wie wir dennoch das Überraschungsmoment nutzen können?“
Denn das war nach wie vor ihre mächtigste Verbündeter. Aber mit oder ohne: Medin würde diese Ruine betreten. Denn irgendwo dort drinnen war seine Familie – oder zumindest Antworten auf die Fragen über ihren Verbleib.
Viraya antwortete nicht sogleich. Es bestand keine Eile. Es hatte leicht genieselt, wodurch eine gewisse Kälte in ihre Knochen gekrochen war. Auch die Steine der Ruine wirkten durch die Nässe dunkler und bedrohlicher. Blätter klebten im Hof. Gelb und Rot setzten sie einen Kontrast zur hereinbrechenden Nacht. Sie beobachtete das Ganze ohne irgendeinen festen Gedanken zu halten, liess alles an sich vorbei ziehen und schärfte ihre Sinne. Sie blickte nicht zu Medin hinüber, beobachtete ihn nicht, denn wenn er ihr vertrauen sollte, dann musste sie auch ihm vertrauen. Das war besonders schwierig, als sie schlussendlich wisperte:
"Du gehst alleine. Ganz offen. Sie werden dich hoffentlich erkennen. Vielleicht bringen sie dich hinein, vielleicht nicht. Auf alle Fälle darfst du dich nie von deinen Waffen trennen und musst darauf beharren nur mit Andreja zu verhandeln. Wenn du bei ihr bist, dann kannst du reden. Du erfährst dafür hoffentlich, ob deine Familie noch lebt. Verlange die Familie zu sehen. Gib mich als Tauschwert gegen deine Familie an. Sie werden die Lunte riechen. Wenn du auf all dem fest beharrst und dich nicht einschüchtern lässt, dann wissen sie, dass wir zusammen arbeiten. Wenn sie dumm sind, dann werden sie versuchen mich direkt mit dir zu erpressen. Aber ich denke nicht. So gut kennen sie mich und vielleicht wirst du auch unter den einen oder anderen Zaubereinfluss gesetzt. Wisse aber eins. Egal was dir passiert. Ich werde erst hervortreten, wenn ich Andreja den Todesstoss verpassen kann. Bis dorthin werde ich lauern. Irgendwo. Das ist nicht weil ich dich nicht mag. Nimms nicht persönlich, aber so wurde ich nicht erzogen."
Sie versuchte ein entschuldigendes Lächeln und blickte kurz zu Medin hinüber.
"Alles, was ich dir bis dahin gesagt habe, darfst du auch verraten. Nun kommt aber das Wichtigste: Danach müssen wir improvisieren. Denn jeder Plan, den wir hier irgendwie aushecken, können sie irgendwie aus dir heraus pressen. Also sei dir eins bewusst. Du bist auf dich ganz alleine gestellt."
Es war ein bisschen gelogen. Aber nur ein bisschen, um Andreja nicht gleich alles zu verraten. Nun konnten sie beide nur noch darauf vertrauen, dass sie sich in den letzten Wochen gut genug kennen gelernt hatten, um sich im entscheidenden Moment in die Hände zu spielen.
Der Südländer schwieg und blickte weiter auf die Ruine. So sah also der Plan aus? Nun gut, das sollte ihm recht sein. Allein arbeitete er sowieso immer am effektivsten, gerade wenn er die Bedingungen bestimmten konnte. Das würde hier zwar nicht ganz der Fall sein, aber auf besseres konnte er nicht hoffen.
Schließlich packte er seine Decke zusammen, verstaute sein Schwert auf dem Rücken, prüfte den Sitz jeder Klinge noch einmal genau, zurrte die Gurte straffer und machte sich dann auf dem Weg. Behutsam stieg er die kleine Böschung hinab und betrat das offene Feld, während Viraya anscheinend keine Anstalten machte, sich vom Fleck zu rühren. Schon nach wenigen Schritten wusste er, dass er von nun an von zwei Seiten aus beobachtet wurde. Da war er also nun, der Tag der Entscheidung. Der Moment, in dem sich entscheiden würde ob er weiterleben sollte oder sterben durfte, war nah.
In der Ruine regte sich nichts, als er näher trat. Sie lag verlassen da, als ob sie das schon seit hunderten Jahren war und noch weitere sein würde. Die Steine ruhten in sich, doch sie waren nicht alleine. Als er den verfallenen Burghof betreten hatte, blieb er stehen und blickte sich um. In der Mitte waren die eingefallenen verkohlten Reste eines Sonnenwendfeuers zu sehen. Spuren gab der Boden nicht preis, doch dafür war das Wetter auch zu schlecht.
Medins Hand ging zu seinem Kragen und lockerte das Leder der Tunika etwas, während er sich langsam einmal um die eigene Achse drehte. Hier gab es mindestens ein dutzend Möglichkeiten, sich zu verstecken, ohne erkannt zu werden. Dunkle Winkel in dem Gemäuer, Büsche in den Ecken. Ein leichtes wäre es nun einen sicheren Armbrustschuss zu setzen, der das Kettenhemd und die darunterliegenden Organe zerfetzte.
Sicher einige Minuten stand er so da und wartete darauf, dass etwas passierte, doch nichts regte sich. Kein lebensbeendender Schuss. Keine Warnung. Nicht einmal eine Ratte, die aus ihrem Loch hervor lugte, ob er seine Essensvorräte unbeaufsichtigt ließ.
„Andreja!“, rief er schließlich, um die eigene Anspannung und das Schweigen zu brechen.
„Andreja, hier bin ich!“, antwortete er seinem eigenen Echo, das von den verbliebenen Türmen und der Mauer widerhallte.
Nichts. Wieder keine Regung und nun begannen Zweifel in ihm aufzusteigen. Was, wenn sie sich doch geirrt hatten? Wenn Alenas Informationen falsch waren und die einzige Spur, an der sie sich so krampfhaft festgehalten hatten, ergebnislos im Nichts verlief – versickerte wie die wenigen Regentropfen, die von Zeit zu Zeit vom Himmel fielen? Der Gedanke war unerträglich.
Innos, hielf mir! Lass mich nicht allein.
Gerade erhob Medin seinen Fuß, um einen Schritt nach vorne zu machen, als ein Ruf von vorne zu ihm gellte: „Stehen bleiben!“
Sofort blickte er nach oben, in das zweite Geschoss des noch am besten erhaltenen Turmes. Etwas regte sich in dem Schatten der Öffnung dort oben. Undeutlich konnte er die Umrisse einer Gestalt erkennen, die näher an die Brüstung trat. Schließlich schälte sich zuerst die Spitze eines Armbrustbolzens aus dem Dunkel, gefolgt von der Waffe und zwei Armen, die diese direkt auf Medin zielten. Fünfzehn Schritt, schätzte er sofort. Wenn der Schütze nur halbwegs etwas von dem Gerät in seiner Hand verstand, befand sich Medin gerade einen leichten Daumendruck von seinem Tod entfernt. Ruhig, mahnte er sich selbst und hob beide Hände um zu zeigen, dass er sich fügte.
„Ich will mit Andreja sprechen“, rief er dem Mann hinauf zu.
„Sie spricht aber nicht mit den Toten“, rief dieser ihm entgegen.
„Mit diesem schon. Sagt ihr, dass Medin ihre Nachricht erhalten hat und gekommen ist.“
Irgendwo wurden auf einmal leisere Worte gewechselt, doch ob sie von dem Turm oder von woanders her kamen, konnte er nicht ausmachen. Konzentration! Zum umblicken war keine Zeit, denn er Schütze hatte ihm nach wie vor im Visier.
Einige Augenblicke des schweigenden Wartens vergingen, als vom Fuß des Turmes plötzlich ein Geräusch zu hören war. Schweres Holz kratzte aufeinander. Kurz darauf öffnete sich eine kleine aber massiv wirkende Holztür und zwei Bewaffnete traten heraus. Beide trugen Schwerter, der eine sogar ein Kettenhemd.
„Legt eure Waffen dort ab, wo ihr seid“, forderte der eine ihn auf.
„Die behalte ich“, entgegnete Medin und senkte die Hände. „Ich will nur mit Andreja reden.“
„Dann legt die Waffen ab“, beharrte sein Gegenüber.
„Sie hat nichts von mir zu befürchten und das weiß sie auch. Tot nützt sie mir nichts, da sie Informationen hat, die ich benötige.“
Die beiden schauten einander an, dann nickte der eine. Anscheinend hatten sie ihre Anweisungen ohnehin schon erhalten.
„Folgt uns.“
Viraya beobachtete aus "sicherer" Distanz und amüsierte sich insgeheim über die Bedeutung des Wortes sicher. Dann schüttelte sie den Kopf. Er war ebenso verrückt wie Redsonja. Kein vernünftiger Mensch begab sich einfach so zu Andreja. Diese Frau war so liebenswürdig, wirkte so vernünftig und überlegt, dennoch war sie bereit einen durch die grössten Qualen gehen zu lassen. Es war nicht, dass sie kein Gewissen hatte. Sie kümmerte sich sehr um jene, die ihr nahe standen. Alle waren ihr loyal ergeben. Sie war die Mutter, die ihre schützende Hand über jede einzelne Person hielt. Sie kannte jeden Namen.
"Viraya."
Pflegte sie zu sagen. Die Diebin erinnerte sich und bemerkte eben in diesem Moment, dass Tränen aus ihren eben noch trockenen Augen kullerten. Sie wusste nicht warum genau, doch irgendein Teil von ihr trauerte zutiefst. Ohne die Augen trocken zu reiben suchte sie langsam nach einem neuen Standort.
Der Gang, durch den Medin von den beiden Bewaffneten geführt wurde, war ziemlich eng und führte relativ rasch steil in die Tiefe. Dieser Tunnel war definitiv nicht aus der Zeit der Erbauung des Turmes darüber oder er war über die Jahre vorzüglich in Schuss gehalten worden. Hier und da gingen einige Verzweigungen ab, die aber jeweils nur wenige Schritte weit einsehbar waren, bevor eine Biegung die Sicht versperrte. Licht spendeten Fackeln und Kohlefeuer und einmal war Medin so, als ob er einen Luftschacht in die Höhe sah. Dieses Versteck war tatsächlich äußerst gut organisiert und anscheinend noch nicht entdeckt worden. Ein Umstand, der die Wahrscheinlichkeit auf sein Überleben empfindlich senkte, denn so ein Ort sollte geheim gehalten werden – und der Paladin war nun ein unliebsamer Mitwisser. Er musste also wohl selbst dafür Sorge tragen aus diesem Bienenstock wieder zu entwischen.
Direkt vor ihm lief der Mann mit dem Kettenhemd. Er war von stämmiger Statur, sogar ein wenig größer als Medin, hatte kurze, blonde Haare und trug sowohl ein Bastardschwert als auch ein Kurzschwert an dem Gürtel. Die Waffen und sein Rüstzeug schienen gut in Schuss zu sein. Der Mann hinter Medin trug nur ein Bastardschwert und einen Gambeson, was auf diesem engen Raum aber ausreichend sein konnte.
An einer weiteren Abzweigung blieb der Vordermann plötzlich stehen und drehte sich um. Neben ihnen befand sich eine Tür.
„Achtet auf eure Manieren und haltet eure Hände dort, wo wir sie sehen können“, warnte er Medin. Die hellblauen Augen hatten etwas bedrohliches und ein leichter Akzent verriet die Herkunft dieses Mannes: Ein Nordmarer.
Dann klopfte er zweimal an die Tür. Es dauerte einen Moment, dann wurde ein Riegel zurückgeschoben und das Holz schwang zur Seite. Ein dritter Bewaffneter musterte sie, trat dann zur Seite und ließ sie hereinkommen.
Der Raum war relativ groß – fast ein kleiner Saal – und mit Teppichen sowohl auf dem Boden als auch an den Wänden ausgelegt. Mehrere Fackeln, Kohlefeuer und Öllampen tauchten ihn in vergleichsweise helles Licht und betonten die Farbe mehrerer Tische, Sessel und Schränke, die das Inventar bildeten. Anscheinend handelte es sich hier um einen Aufenthalts- und Empfangsraum für diese Bande oder Organisation.
„Medin!“ Die Frauenstimme kam von der anderen Seite des Saales und obwohl der Angesprochene die Person, zu der sie gehörte, noch nie getroffen hatte, wusste er sogleich, um wen es sich handelte.
„Andreja“, gab er betont unbeeindruckt zurück. Seine beiden Begleiter hatten sich von ihm gelöst und hielten sich im Hintergrund, während er weiter in den Raum trat und die Frau musterte, die auf der anderen Seite des Raumes aufgestanden war und auf ihn zukam. Sie trug ein einfaches, grünes Kleid – relativ eng anliegend und ohne ausschweifende Wallungen, die behindern konnten. Ihre Haare hatte sie straff zusammengebunden und ihr Gang war von gleicher Festigkeit. Die Augen hatten Medin fest im Blick.
„Welch eine Überraschung, euch hier empfangen zu dürfen“, fuhr sie fort, während sie vor ein paar Sesseln stehen blieb. „Ich hätte nicht erwartet, dass ein Mann so hoher Schlachten wie euch persönlich die beschwerliche Anreise hierher unternimmt.“
„Und doch stehe ich hier“, erwiderte der Angesprochene und streifte ihren Blick nur flüchtig. Stattdessen taxierte er weiter den Raum. Seine beiden Begleiter standen noch bei der Tür, die auch der einzige Zugang zu sein schien. Allerdings barg der Raum noch einige Vorhänge, Wandteppiche und dunkle Ecken, die so ziemlich alles verbergen konnten. „Wir leben in einer Welt voller Wunder. Wollt ihr nicht eure beiden Kameraden dort von ihrer lästigen Pflicht entlassen, damit wir uns in Ruhe über dieses Wunder unterhalten können?“
Ihr Lächeln war sanft und anmutig, fast warm. „Natürlich. Syver, Trevor, lasst uns bitte allein.“ Medin drehte sich abermals kurz um. Der Nordmarer war Syver Andgard? Die blauen Augen starrten ihn unverhohlen an, bis Trevor schließlich die Tür geöffnet hatte und sich entfernte. Syver wartete noch einen Augenblick und verschwand dann ebenfalls. Ohne Frage würde er direkt auf der anderen Seite warten – und sobald seine Herrin pfeifen würde, dürfte Medin seine Klinge zu schmecken bekommen. Immerhin hatte er sein Haus niedergebrannt.
„Nun, wollt ihr nicht eure Schwerter ablegen und euch setzen?“
Der Paladin blickte sie noch einmal forschend an. Dann griff er auf die Brust zur Schnalle der beiden Waffengurte und öffnete sie. Seine beiden treuen Wegbegleiter fanden ihren Platz neben einem der Sessel, den Andreja ihm anbot.
„Wollt ihr etwas trinken?“, fragte sie ihn und nahm ebenfalls Platz. „Ich hätte da einen ...“
„Genug“, fiel ihr Medin entschieden ins Wort. „Nur weil ich eine lange Reise auf mich genommen habe heißt das nicht, dass ich noch weitere Zeit verstreichen lassen will. Ihr wisst, warum ich hier bin. Die Nachricht, die ihr Redsonja habt zukommen lassen und natürlich auch für mich bestimmt war. Wo ist meine Familie?“
Andreja Blick wurde ein wenig ernster. Er spielte ihr Spiel nicht mit, aber das brachte sie nicht aus der Fassung. Sie hatte alles geplant und alles unter Kontrolle. Er spürte ihre Sicherheit.
„Also gleich zur Sache: Eure Familie ist nicht hier.“ Der Satz traf Medin ins Mark. Obwohl er mit so etwas gerechnet hatte, rückte ein Großteil seiner Hoffnungen auf einmal in weite Ferne und verschwand hinter dem Horizont.
„Was habt ihr mit ihnen gemacht?“ Seine Stimme war dünn und hohl – etwas, das nur selten geschah. Das Reden fiel ihm schwer.
„Was habt ihr denn geglaubt, was nach unserer Auseinandersetzung in Quasar und eurer Allianz mit Redsonja passieren würde? Dass wir das einfach so auf uns sitzen lassen?“ Nun drang die wahre, scharfe Kälte aus ihrer Stimme hervor. Ihre Worte schnitten wie Klingen und waren nur eine ihrer unendlichen Waffen. „Eure Taten sind uns wohlbekannt, Medin von Khorinis, Retter Tyriens, Paladin aller Sonnen und Held des Orkkrieges seiner Majestät. Ihr stellt eine Gefahr dar und das nicht nur für uns, sondern für viele Menschen. Ihr wisst doch am besten, dass Opfer nun einmal erbracht werden müssen – zum größeren Wohl aller. Wie viele Opfer habt ihr erbringen lassen? In Trelis, im Minental, in Ardea, vor Vengard? Dachtet ihr, dass ihr euch aus der Verantwortung stehlen könnt und nie Opfer bringen müsst? Ihr seid zu lange schon als strahlen...“
„Genug!“, schrie Medin in den Raum hinein und ließ Andrejas Monolog verstummen. Seine Finger hatten sich tief in die Lehne des alten Sessels gegraben, aber die Festigkeit war in seine Stimme zurückgekehrt. Mit jedem Atemzug, den er machte, spürte er das Feuer in sich aufwallen. Er spürte die nebulöse Verschlagenheit, die seine Kontrahentin da in Worte kleidete, um ihn zu verwirren und nachlässig zu machen. Es ging um ihn. Er sollte hier sterben, das hatte er inzwischen verstanden. Aber nicht bevor er nicht das hatte wofür er hierher gekommen war.
„Wo sind sie?“, rief er und sein Echo hallte aus den verschlungenen Winkeln des Saales wieder.
Andreja schwieg und lehnte sich in ihrem Sessel zurück, den Blick auf Medin fixiert. Kein Blinzeln, kein Zucken auf der versteinerten Miene.
„Tot“, antwortete sie dann ruhig und ließ Stille die wenigen Worte begleiten.
Es ergab alles einen Sinn. Medin wusste nicht, woher er diese Sicherheit zog, aber in diesem Moment war er sich sicher, dass er das ehrlichste gehört hatte, zu dem Andreja ihm gegenüber im Stande war. Sie hatte ihm die hohle Wahrheit geöffnet, die so grenzenlos war, dass er haltlos hineinfiel – umgeben von nichts, an dem er sich festhalten konnte. Eine schlimmere Nachricht hätte sie ihm nicht geben können.
„Wie?“, flüsterte er in die Ruhe.
„Arugius“, hob Andreja etwas ihre Stimme und mit einem Mal schälte sich eine hochgewachsene, schmale Gestalt aus einem der dunklen Winkel im hinteren Teil des Raumes heraus und trat langsam zu ihnen herüber. Der unwesentlich ältere Mann trug eine braune Robe, die bis zu seinen Sandalen hinunter fiel, aber am auffälligsten war die entstellende Brandnarbe, die seine komplette linke Gesichtshälfte einnahm. Medin nahm alles nur durch einen dumpfen Schleier wahr. Das Feuer brannte.
„Wir haben sie von Anfang an beobachtet“, begann Andreja ihre Erklärung mit einem weiteren Geständnis, während sich der Mann wortlos zu ihnen setzte. „Dein Plan, sie in Gorthar zu verstecken, war gut und die Obrigkeiten hast du getäuscht. Auch wir haben sie nicht verraten und lange ging alles für sie gut. Aber dann gingst du das Bündnis mit Redsonja ein und wir beschlossen, die Verhältnisse zu verändern – zumal deine Familie auch anderweitig von Interesse war. Arugius hier war fasziniert.“
„Wir leben in einer Gesellschaft, in der der fortschrittlichsten Forschung oft mit Argwohn und Aberglauben begegnet wird“, begann der Mönch mit schnarrender Stimme zu sprechen. „Den Göttern sei dank bietet mir Andreja ein progressiveres Umfeld und erzählte mir eines Tages von eurer Tochter. Sich manifestierende Magie im Neugeborenenalter, Levitationskräfte und Elementenbeherrschung mit spielender Leichtigkeit … ich war fasziniert! Sie schien von ihrer Anlage her ihre ohne Frage schon hochbegabte Mutter noch zu überflügeln und – wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf – scheint ihr dieser Anlage auch nicht im Geringsten einen Abbruch getan zu haben.“
„Schweift nicht ab!“, unterbrach ihn Andreja forsch. „Wir planten daher einen Ortswechsel, um sie aus Gorthar herauszuholen, wo sie ja jederzeit entdeckt werden oder verloren gehen konnten. Ich schickte einige meiner besten Männer und Frauen mit Arugius, Syver führte sie an. Das war eine Woche nachdem ich die Nachricht zu Redsonja schickte. Allerdings lief der Einsatz schief. Der einzige, den wir lebend bekamen, war Kortis. Schon das kostete zwei gute Leben.“
„Dennoch lief die übrige Operation nach Plan“, setzte Arugius ein und seine Herrin ließ ihn gewähren. „Doch als wir in den Dachstuhl vordrangen, brach auf einmal die Hölle los. Das ganze Gebäude verwandelte sich in einen einzigen, großen Feuerball. Keine Explosion … mehr eine Verpuffung, die nur einen großen Aschehaufen zurückließ“, beschrieb er präzise und seine Hand fuhr dabei verträumt über die Entstellung in seinem Gesicht. „Ich und Syver schafften es gerade so raus. Als die Flammen erloschen waren, fanden wir nichts mehr. Keine Spur von den anderen Männern und auch keine von deiner Familie. Alles hinfort.“ Er wirkte traurig, doch sein Bedauern hatte keinen Funken Menschlichkeit in sich.
„Das heißt, ihr habt keine Leichen gefunden?“, fragte Medin trocken in die Kellerluft hinein. Keine Hoffnung schwang in seiner Stimme, denn nach der Schilderung, die er glaubte, fühlte er keine. In ihm war nur Leere. Grenzenlose Leere kurz vor dem Implodieren.
Andreja schüttelte den Kopf und blickte ihn dann wieder mit kalten, bedrohlich funkelnden Augen an.
„Ihr wisst doch, wie es ist“, sagte sie mit tödlicher Gelassenheit. „Niemand entkommt mir, wenn ich es nicht will.“
Viraya war Medin nicht gefolgt. Wer einen Todeswunsch hegte, den sollte man nicht aufhalten dachte sie leicht respektvoll. Sie hatte nur Darla so sehr geliebt, dass sie fast alles für sie riskiert hätte, sonst niemanden... Dachte sie und sah plötzlich das Bild einer rothaarigen Kriegerin vor dem inneren Auge. Sie hatte sich ihretwegen mit Andreja angelegt. Das war auch nicht besser. Stellte sie nüchtern fest und verliess dann diesen Ort.
Sie ging jedoch nicht, wie anfänglich gedacht in die Sicherheit zurück, um dort von der freien Bahn zu profitieren, sondern suchte die Umgebung vorsichtig ab. Der Eingang, den Medin genommen hatte, kam nicht in Frage. Der war sicher zu gut beobachtet, aber früher oder später würde sie jemanden erwischen, der ihr eine andere Möglichkeit verriet.
Erzähler
13.12.2015, 15:48
Tiefe Nacht hatte sich über die Ruine der Burg gelegt. Irgendwo draussen irrte eine junge Frau herum, deren Haar verräterisch blau funkelte und dennoch hatte sie niemand entdeckt, denn die Menschen um Andreja waren mit anderen Dingen beschäftigt. Alena hatte begonnen ihren eigenen Plan walten zu lassen. Sie war sich allerdings noch nicht einig, ob Medin und Viraya davon provitieren sollten oder nicht, denn es war nie gut Zeugen zu haben. Aber momentan hing sie noch von ihnen ab. Vor allem von Medin, der gerade herrlich mitspielte. Eine tragische Rolle. Trotzdem schauderte sie gerade, denn es erschien ihr als hätte Andreja den letzten Satz nicht nur für Medin gesprochen, sondern auch für sie. Dann hörte sie ein Geräusch und schmiss sich auf den Boden. Ein Dolch borte sich in ihre Schulter, statt in ihr Herz. Als Wellen des Schmerzes ihren Körper erzittern liessen, war sie sich ihres Sieges plötzlich nicht mehr so sicher. Aber sie hatte vorgesorgt. Der Schmerz hielt nicht lange an. Stattdessen wirbelte sie herum, selber einen Dolch in der Hand und bestrafte die Person, die verfehlt hatte. Danach tauchte sie wieder in den Schatten ab.
Andreja war davon nichts anzusehen. Dennoch trauerte sie einen Moment um Eranor, den sie gerade verloren hatte. Aber es gab keinen Zweifel daran. Dennoch verspürte sie keine Angst. Der nächste würde an seinen Platz treten und wenn dieser versagte der nächste. Es gab immer jemanden, der einsprang.
Sie fixierte Medin.
„Gibt es noch irgendetwas oder soll euch Syver wegbringen?“
Arugius mit ihm zu schicken wäre keine gute Idee gewesen. Medin schien dazu zu impulsiv gerade.
Sie musste sich wiederholen, um zu ihm durchzudringen, denn immer noch fühlte er sich wie unter dem dumpfen Schleier einer Betäubung. Es half ihm, denn so spürte er den Schmerz in seinem Inneren nicht so sehr, wie er eigentlich sollte. Stattdessen war da vor allem eine immer stärkere Hitze … als ob er sich wieder unter dem gleißenden Feuer des Drachen befand. Nur galt das Feuer dieses Mal Andreja und dieser dunklen Kreatur, die sie Arugius nannte.
„Warum wegbringen?“, fragte er und seine Augen wechselten von ihr zu Arugius und wieder zurück. Der Mann in der Mönchskluft hatte sich gestrafft und auch Medins Sinne kehrten langsam zurück. Ohne hinzuschauen war ihm bewusst, wo sich seine geweihte Klinge befand. Direkt neben ihm. Ein blinder Griff würde genügen.
„Habt ihr Angst, euch den guten Teppich schmutzig zu machen?“, fragte er weiter. „Wir wissen doch beide, wie das hier enden soll.“
„Glaubt nicht, dass ihr mit mir spielen könnt!“ Andrejas Lippen wurden schmaler. Sah sie so aus, wenn sie zornig war? Sie war immer noch die Selbstbeherrschung in Person, aber irgendetwas hatte sich verändert. „Nicht hier.“
„Dann hättet ihr mich nicht hereinlassen dürfen“, rief er in den Raum hinein, sodass es auch die Männer vor der Tür hören mussten. Die Hände ballten sich auf den Armlehnen zu Fäusten, als er sich weiter aufrichtete. „Dann hättet ihr mir meinen Frieden lassen sollen. Keine Nachrichten, keine Ränke! Ihr hättet einfach die Finger von mir und meiner Familie lassen sollen.“
„Genug“, sprach diesmal Andreja diesen Ausdruck vollkommener Geduldslosigkeit aus und machte einen Schritt zurück, bevor ihre Stimme lautet wurde. „Syver!“
Die Worte hatten noch nicht ihre Lippen verlassen, als Medin aufsprang und mit einer schnellen Drehung nach seinem Einhänder griff. Spielend leicht umfassten seine Finger die Scheide und gerade wollte er die andere Hand um den Griff legen, als er im Augenwinkel eine ungewöhnliche Bewegung wahrnahm und …
„K'ra luch ma!“
… die Zeit stehen blieb. Wenige Zentimeter vor dem silbrig schimmernden Knauf verharrte seine Hand auf einmal. Doch nicht nur sie, auch der Rest seines Körpers erstarrte mitten in der Bewegung, den Mund halb geöffnet, die Beine gerade zum Schritt ansetzend. Und noch während sich sein Kopf darüber wunderte, warum nichts mehr geschah, bemerkte er, dass um ihn herum keinesfalls Stillstand eingekehrt war. Die Tür öffnete sich und ohne besondere Eile kam Syver in Begleitung herein.
„Dies ist mein Reich“, hörte der erstarrte Paladin Andrejas Stimme, während sich eine unsichtbare Hand immer fester um seine Kehle schloss und zu drücken begann. „Arugius, dreht ihn!“
Er spürte, wie wieder Bewegung in seinen Körper kam, doch nicht er war es, der ihn befehligte. In seinen eigenen Kopf gesperrt und zum Zuschauer verdammt entspannte sich seine Haltung langsam und seine Gliedmaßen vollführten eine hölzerne, steife Drehung zurück zum Zentrum des Saales. Dort stand Andreja nach wie vor und schaute ihn mit einem kalten Lächeln ohne Triumph an. Überraschender war Arugius. Der vermeintliche Mönch hatte beide Arme auf Medin gerichtet erhoben, die Finger in einer komplizierten Figur zueinander gekrümmt. Blut tropfte aus seiner rechten Handfläche und benetzte den inzwischen am Boden liegenden Ritualdolch. Das vernarbte Gewebe in seinem Gesicht war zu einer glatten Grimasse verzerrt.
„So viele Schlachten geschlagen und Kämpfe überlebt“, meinte Andreja mit kalter, unverhohlener Verachtung. „Kein Wunder, dass ihr euch da irgendwann überschätzt. Im Gegensatz zu mir habt ihr nie gelernt, dass die vollkommene und totale Niederlage hinter jeder Wegbiegung und jeder Häuserecke lauert, um euch erbarmungslos den Rest zu geben. Sie ist für jeden irgendwann unausweichlich. Ihr seid nur ein Mann, Medin. Ein Mann mit einem Schwert, der Großartiges vollbracht hat … aber immer noch aus Fleisch und Blut. Ihr sterbt auf genau die gleiche Art und Weise wie jeder, den ihr habt fallen sehen. Was habt ihr euch nur dabei gedacht hierher zu kommen?“
Sie taxierte ihn noch einmal von oben nach unten, während Arugius in unveränderter Haltung da stand und ab und zu leise, unverständliche Worte murmelte. Medin versuchte sich zu wehren, ja wenigstens genug Kontrolle zurück zu erlangen, um die Zähne zusammen zu beißen, doch je stärker er an seine Muskeln appellierte, desto fester zog sich der unsichtbare Griff um seine Kehle. Ohne es zu merken schloss er seine Augenlider.
„Syver, es war eure Heim, das er niedergebrannt hat“, hörte er aus einer immer unendlicher werdenden Entfernung die Stimme der Frau. „Bringt es zu Ende.“
Dumpf vernahm er leichte Schritte, die sich in der Dunkelheit vor ihm nährten. Schwer und majestätisch … ein großes, stolzes Wesen. Er glaubte die vagen Umrisse Weißauges ausmachen zu können, dieses mächtigen Drachens aus Setariff. Wieder spürte er die unsicheren Wallungen des Feuers tief in sich. Er spürte die Wärme, die gemeinsam mit jedem seiner Herzschläge durch seine Adern strömte, durch all die tauben, gefühllosen Gliedmaßen. Der Hals des majestätischen Drachen reckte sich ganz langsam nach oben, der Kiefer öffnete sich leicht, in der Kehle begann es zu vibrieren. Wie damals in Setarrif, kurz bevor der Feuersturm über Medin hinweg gebraust war. Die Wärme schwoll zur beinahe unerträglichen Hitze an und langsam begann aus der Dunkelheit ein feuerroter Schein hervor zu brechen.
Plötzlich öffneten sich seine Augen.
Ein nicht hörbarer Knall schlug durch den Raum, dicht gefolgt von einem langen, schmerzerfüllten Schrei. Arugius' Haltung zerbrach. Ein heftiger Krampf schüttelte den inzwischen bleichen Körper des Blutmagiers durch, bevor er zuckend zu Boden sank, wo die Bluttropfen eine viel zu große Lache gebildet hatten, und wimmernd liegen blieb. Syver, der vor Medin getreten war, hatte sich nur einen Augenblick zu lange von diesem Anfall ablenken lassen. Gerade als er seinen Fehler erkannte, spürte er auch schon den Tritt des wieder zum Leben erwachten Paladins, der ihn einige Schritte nach hinten taumeln und stürzen ließ. Der nutzte die Chance und vollendete den überfälligen Griff zu seinem Schwert, das er mit einer vertrauten, flüssigen Bewegung aus der Scheide befreite.
Wohltuendes Feuer durchströmte seine Adern und kitzelte endgültige die Starre aus einen Gliedern, als sich die Finger um den Schwertgriff schlossen und die geweihte Klinge im Schein der Fackeln durch den Raum blitzte. Innos' Feuer, wusste er. Nur so hatte er einen Schild gegen den unheilvollen Zugriff dieses Lakaien aufbauen können und daher dankte er Innos, als er auch noch die zweite Hand um den Griff schloss und zur Drehung ansetzte. Mit einer flüssigen Bewegung vollführte er sie zur Hälfte, dabei bereits zwei Schritte zu Syvers Begleiter, der ihn mit herein eskortiert hatte, zurücklegend. Dieser hatte gerade einmal verblüfft seine Waffe ziehen können, als der Streich sein Ziel traf. Dieser Schrei war nicht so laut, sondern erstickte in etwas feuchtem, als die Waffe bereits zu Boden fiel und sich beide Hände verzweifelt um die wertvollen Lebenssaft preisgebende Kehle schlossen.
„Erledige ihn!“
Medin fuhr wieder herum. Andreja hatte einen Dolch gezogen und verharrte neben dem am Boden liegenden Arugius, während sich Syver wieder aufrichtete und vor seine Herrin schob, das Schwert fest umklammert.
„Ihr hättet mich in Ruhe lassen sollen“, wiederholte Medin und machte einige Schritte auf die drei zu. Die Initiative lag bei ihm, er musste sie nur nutzen. „Und vor allem hättet ihr meine Familie in Ruhe lassen sollen, aber die habt ihr mir genommen. Also nehme ich euch nun eure!“ Oder das, was so etwas wie einer Familie am nächsten kam.
Mit einem wutentbrannten Ausruf stürmte er auf Andreja zu, wohl wissend, dass Syver sie verteidigen würde. So kam es auch. Der Nordmarer hob sein Bastardschwert zur Parade, Metall traf auf Metall und die Parierstangen verkanteten sich. Einen Augenblick rangen die beiden gegeneinander, bis es Syver gelang, Medin ein Stück nach hinten zu drängen.
„Ihr verlasst diesen Ort nicht lebend!“, rief der Attentäter nun ebenso wutentbrannt. Währenddessen half Andreja dem vom Blutverlust geschwächten Arugius auf und zog sich in den hinteren Teil des Saales zurück, um hinter einem der zahlreichen Wandteppiche zu verschwinden.
„Ihr ebenso wenig“, gab Medin zurück und löste die Verkantung. Syver nutzte die Gelegenheit zu einem schnellen Stich, den der Südländer nur mit Mühe blocken konnte. Doch die Klinge seines Kontrahenten rutschte zur Seite weg und bohrte sich zu tief in das Polster des Sessels, in dem Medin gerade noch gesessen hatte. Kurzes Kettenhemd, erinnerte sich der Paladin glücklicherweise und hieb blitzschnell in Richtung der Arme seines Gegners. Ein Schrei ertönte, als er den rechten direkt oberhalb der Armschienen traf. Syver taumelte zurück, ohne dass er sein Schwert hatte befreien können. Mit der Linken zog er einen Dolch vom Gürtel, aber Medin erkannte einen Rechtshänder im Kampf. Ohne die Distanz zu weit zu verringern richtete er seine Schwertspitze auf die Kehle des Nordmarers.
„Wo ist Kortis?“, fragte er. „Sagt mir, wo er festgehalten wird und euer Tod wird schnell sein.“
„Vergesst es!“, spuckte Syver aus und griff mit dem verletzten Arm in die Klinge, um sie zur Seite zu schieben und mit dem Dolch voran auf Medin zuzustürzen. Der Überraschungsangriff gelang, doch war zu ungenau und so glitt die Schneide an den Ringen des Kettenhemdes ab. Dem Streiter gelang es zur Seite zu springen und einen zweiten Hieb auf den anderen Arm Syvers zu führen. Klirrend fiel der Dolch zu Boden und noch bevor er einen Fluchtversuch unternehmen konnte, trafen zwei weitere Streiche den Nordmarer in Bein und Schulter. Der Kämpfer sank auf die Knie und kippte dann vorne über, wo sich sein Blut mit dem von Arugius mischte. Ein leises Röcheln ertönte. Medin, die Klinge noch immer auf ihn gerichtet, stieß ihn mit dem Stiefel in die Seite und schob den stämmigen Nordmarer auf den Rücken. Ein schmerzerfülltes Stöhnen durchdrang den Raum.
„Euch kann wahrscheinlich nicht einmal mehr euer Arugius helfen, wenn er denn hier wäre. Sagt mir, wo ich Kortis finde und ich mache dem ein Ende.“
Die blauen Augen Syvers waren noch geöffnet und starrten auf irgendeinen Punkt über Medin. Einige Augenblicke überlegte der Attentäter Andrejas anscheinend, bevor er mit Mühe ein paar Worte hervor brachte.
„Kerker … eine Ebene tiefer ...“ Ein Husten erstickte den Versuch zu Reden. Blut spritzte aus dem blonden Bart des Nordmanns hervor.
„Wo ist der Schlüssel?“, fragte Medin.
Die blutverschmierte Hand des tödlich Verwundeten versuchte an den Gürtel zu greifen und Medin verstand. Er sah den Metallring, an dem sich einige Schlüssel befanden, neben der leeren Dolchscheide befestigt. Ohne zu zögern senkte er die Spitze seines Schwertes in die Kehle des Sterbenden und beendete sein Leiden. Dann hielt er einen Augenblick inne.
Der innere Bereich des Saales sah aus wie ein Schlachtfeld. Der Teppich, die Sessel und ein Beistelltisch waren blutbesudelt, einige von dem kurzen Kampf auch beschädigt oder umgestoßen. Von Arugius oder Andreja fehlte jede Spur, aber sie hatten den Raum nicht durch die Tür verlassen. Wahrscheinlich trommelte sie gerade weitere Schergen zusammen, um Jagd auf Medin zu machen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie einfach fliehen würde.
Als erstes löste er den Schlüssel von der Leiche vor ihm, eilte zur Tür, verschloss sie und schob einen Sessel vor den Eingang. Dann wischte er sein Schwert an einem der Polster ab und schnallte sich beide Waffen wieder auf den Rücken. Er brauchte eine Fackel und dann würde er sich den Geheimgängen hier zuwenden. Gerade überlegte er, ob er vorher noch Feuer legen sollte, als er hinter einem der Wandbehänge eine Bewegung wahrnahm.
Nie würde sie komplett verstehen, warum sie sich auf diese Reise begeben hatte und noch weniger warum sie sich mit ungenügender Vorbereitung in die Höhle der Löwin wagte. Es war keine Rache, mehr ein Gerechtigkeitsbedürfnis. Aber da war sie und flüsterte nur ein Wort.
"Ich."
Dann nahm sie Medins Hand und zog ihn hinter sich her.
"Syver weiss gar nicht was für ein Geschenk er dir mit diesem Schlüssel gemacht hat. Obwohl ich mir sicher bin, dass Kortis nicht in diesem Keller ist."
Hauchte sie in einem ruhigen Moment. Syver war auf deutlich schlimmere Folter borbereitet worden als Medin jemals dazu fähig gewesen wäre. Darum war sie wohl auch zu ihm zurück gekehrt. Sie hielt gar nichts von seinem Glauben, aber von seinem Pragmatismus.
"Denkst du Kortis ist wirklich hier?"
Fragte sie dann und er bejate. Also beschlossen sie sich gemeinsam auf die Such nach ihm zu begeben. Als er jedoch wenige MinuTen später von alleine zu ihnen stiess, gefrohr beiden das Blut in den Adern. Das war kein Zufall.
Kortis sah schlimm aus. Der fremdländische Krieger war deutlich schmaler geworden. Die eingefallenen Wangen passten zum mageren Gesamtbild, das er abgab und im Schein des Fackellichtes wirkte seine Haut unwahrscheinlich blass. Die Haare fielen ihm in kurzen Strähnen ins Gesicht und ein Rasiermesser hatte sein Bart auch schon lange nicht mehr gesehen. Dennoch riss er die Augen ungläubig auf, als er ausgerechnet Medin über den Weg lief. Wenn vorher noch so etwas wie Farbe in seinem Gesicht existiert hatte, dann war sie spätestens in diesem Augenblick gewichen.
„Kortis!“ Medin teilte sich seine Überraschung vermutlich mit Viraya. Doch auf den ungeduldigen Ausruf des Paladins folgte ein schmerzhafter Stich in seinem Herzen. Eben noch hatte er funktioniert, kompromisslos und effizient, wie es die Bedingungen erforderten. Doch nun stand er dem Mann gegenüber, dem er vor Jahren seine Familie anvertraut hatte und der sein letzter Strohhalm in der Hoffnung, doch noch eine Lebensspur von ihnen zu finden, war. Es war eine Sache von Andreja geschildert zu bekommen, dass seine Familie nicht mehr am Leben war. Eine andere wäre es, wenn ihm Kortis diese Gewissheit geben würde.
„Das ist unmöglich!“, stieß der Kämpfer aus. „Wie seid ihr hier rein gekommen?“
„Durch die Vordertür“, kämpfte Medin den Drang, eine Flut von Fragen loszulassen, nieder. „Zu lange Geschichte. Ich dachte, Ihr werdet hier festgehalten.“
Kortis hustete rau, bevor er antwortete. Seine Augen wirkten leer und es schien so, als ob er den direkten Augenkontakt mit Medin meiden würde.
„Das wurde ich auch. Wochen, Monate … ich weiß es gar nicht genau.“ Er war um eine feste Stimme bemüht, doch hier und da versagtem ihm die Stimmbänder ihre Gefolgschaft und ein keuchendes Schnarren mischte sich unter die Wörter. „In letzter Zeit war ich oft ohne Bewusstsein. Hab jedes Zeitgefühl verloren. Vorhin bin ich aufgewacht und die Zellentür stand offen. Einer von Andrejas Leuten lehnte tot an der Wand gegenüber … vollkommen ausgeblutet. Ich habe Rufe und Schritte gehört, eine Ebene über mir … glaube ich. Als mich meine Füße tragen wollten, bin ich aus der Zelle raus und habe versucht den Ausgang zu finden, aber irgendwie bin ich hier gelandet …“
Der Südländer überlegte. War hier noch eine dritte Partei zugange oder waren sie schon wieder Teil in Andrejas Ränken? Vielleicht nutzte sie das Chaos auch, um sich Aufrührern in den eigenen Reihen zu entledigen und die Organisation etwas zu straffen. Irgendjemand schien auf alle Fälle gewollt zu haben, dass sie hier auf Kortis treffen. Nun gut, damit ließ sich arbeiten.
Er übergab die Fackel kurz an Viraya, um auch das Bastardschwert vom Rücken zu nehmen und Kortis zu reichen.
„Ich hoffe, du bist dafür noch kräftig genug.“
Kortis nickte und nahm die Waffe mit beiden Händen. Er mochte sehr geschwächt sein, doch auch nach wie vor ein ausgezeichneter Kämpfer, wie Medin aus eigener Erfahrung wusste.
„Das wichtigste ist, dass wir hier heraus kommen“, wandte er sich dann an beide. „Fragen können wir später immer noch klären. Allerdings bietet sich jetzt, da wir in dieses Versteck eingedrungen sind, eine einmalige Gelegenheit.“ Er blickte Viraya direkt in die Augen. Bis hierher war er ihr gefolgt. Oder sie ihm? Die Grenzen verschwammen.
„Du weißt, wie weit der Arm von Andreja Dimosa reicht“, appellierte er an sie mit fester Stimme. „Wir sollten dieser Schlange ein für alle Mal den Kopf abschlagen, denn eine zweite Chance bekommen wir vielleicht nicht. Wenn wir das nicht tun, wird sie uns nur noch mehr jagen … bis nach Argaan und auch über die Grenzen des Reiches hinaus.“ Medin war lauter geworden. Man hörte ein leichtes Zittern. Noch nie hatte er einer Person so sehr den Tod gewünscht wie Andreja.
„Wir müssen sie aufspüren, und zwar schnell!“
Dafür war Viraya entgegen jeder Vernunft natürlich zu haben. Für diese Rache war sie bereit zu sterben. Nur musste sie sicher gehen, dass Andreja diese Welt zusammen mir ihr verliess. Aber das würde sie sicher schaffen. Dass nun Kortis auf wundersame Weise zu ihnen gestossen war, hätte bei ihr normalerweise alle Alarmglocken ausgelöst, doch hier wollte sie einfach glauben, dass der Moment diese Frau zu vernichten gekommen war.
Sie hatte ihren Dolch gezückt und folgte Medin und Kortis. Dabei hallten ihre Schritte durch die alten Gänge, die nie in den Genuss von Tageslicht gekommen waren. Sonst schien alles absolut still. Noch drei Schritte lang zumindest, dann durchbrach plötzlich die Stimme einer Frau die Stille. Sie schrie aus voller Kehle.
"Alena?"
Schoss es Viraya noch durch den Kopf, dann war es wieder ruhig. Eine angespannte Ruhe, die dadurch verstärkt wurde, dass sie alle wie festgefroren stehen geblieben waren. Dann ein dumpfer Aufprall, ein Gurgeln, Metall, das auf Metall schlug. Woher die Geräusche kamen war nicht auszumachen, doch hier ging etwas vor, was die Dimosas noch lange in Erinnerung behalten würden, wenn sie den Tag überlebten. Doch irgendein nagender Gedanke sagte Raya, dass es nicht so einfach sein würde diese Brut auszurotten. Sie überlegte einen Augenblick lang ruhig und eine Erkenntnis ergriff sie.
"Wir können entweder Rache nehmen oder diesen Ort lebend verlassen. Was wollt ihr?"
Für sie war es relativ klar. Sie würde Rache nehmen.
Normalerweise wäre Medins erster Impuls gewesen, beides zu versuchen. Bisher hatte das auch meistens funktioniert. Aber hier setzte sein auf Vernunft wie auch primitive Instinkten basierender Überlebenswille aus. Zu schwer wog der Schlag, dem ihm diese Frau verpasst hatte und wenn ihm noch etwas vor dem endlos schwarzen Abgrund der Selbstaufgabe hielt, dann war es Fatalismus. Wenn er hier sterben sollte, dann war es so. Er würde versuchen, dabei so viel schlechtes aus dieser Welt mitzunehmen, wie er konnte. Weiter in die nächste Welt, in Beliars Reich. Dort, wo es hingehörte. Innos, steh mir bei, rief er das Feuer in sich an. Noch dieses eine Mal.
„Auf mich kannst du zählen“, erwiderte er zu Viraya, in deren Augen er das gleiche Feuer der Entschlossenheit erkannt hatte, ohne dass sie ihm das mitteilen musste. Sie nickte.
„Zu dritt haben wir eine Chance“, meinte Kortis leiser, ohne seine Entscheidung mitgeteilt zu haben. Aber was blieb ihm schon anderes übrig. „Hier entlang.“
Er führte sie den Gang weiter und meinte, dass er irgendwo auf einer Ebene weiter oben herauskommen musste. Dort, von wo der Lärm zu hören war. Dort, wo sie hoffen konnten wieder auf Andreja zu treffen. Ein letztes Mal.
Plötzlich war ein weiterer Schrei zu hören. Er war lang gezogen und begann wie der wütende Kampfschrei eines Soldaten in der Schlacht, bevor er sich nach einigen Augenblicken brach und zu einem Schrei der Verzweiflung und des Schmerzes wurde und schließlich wieder erstarb. Die drei Gefährten hielten kurz inne.
„Wir sind nah dran“, meinte Medin dann nur und drängte zum weitergehen. Diesmal aber vorsichtiger und leiser. Jeden Schritt setzte er bewusst, sofern das in dem nur spärlich von der Fackel erhellten Gang möglich war.
Nach einigen Minuten, in denen immer wieder vereinzelte Rufe und Kampfgeräusche zu hören gewesen waren, hob er die Hand, um die nachfolgenden Anhalten zu lassen. Vor ihm befand sich eine hölzerne Tür. Den Einhänder keine Sekunde senkend legte er die noch brennende Fackel in eine Nische, in der sie nicht sofort ausgehen würde, aber auch nicht sofort zu sehen war. Dann trat er an die Tür heran und betätigte vorsichtig die Klinke. Unverschlossen. Kurz blickte er noch einmal zu den anderen, die sich bereit hielten und zog sie dann langsam auf.
Er danke Innos, dass keines der Scharniere quietschte. Stattdessen schwang die Tür auf und gab den Blick direkt auf einen Wandteppich frei, hinter dem sie sich zu befinden schienen. Der Paladin ergriff vorsichtig mit der freien Hand eine Seite und zog ihn einen Spalt weit zurück.
Auf der anderen Seite eröffnete sich seinem hindurch spähenden Auge eine niedrige Halle. Fackeln erleuchteten auch hier die steinernen Wände und alles, was sich zwischen diesen befand. Und das war ein Schlachtfeld. Medin zählte mindestens fünf tote Körper am Boden, dazwischen mehrere Blutlachen, umgestürzte Bänke, Tische und Kohlepfannen. Einer der Kerzenhalter von der Decke war hinab gestürzt und schien einen Kämpfer unter sich begraben zu haben und in der Ecke waren mehrere große Tonkrüge zu Bruch gegangen und hatten dort den Boden mit irgendeiner Flüssigkeit übergossen.
Viel interessanter waren aber die beiden Parteien, zwischen denen sich dieses Blutbad abgespielt haben musste. In der einen Hälfte, näher an dem Wandteppich und zum Glück mit ihren Rücken zu ihm, stand Andreja umgeben von gut einem halben dutzend Getreuen. Einige von ihnen schienen schon Verletzungen davon getragen zu haben, einer lag sogar zusammengekauert am Boden. Medin erkannte auch Arugius, der hinter Andreja dem Wandteppich am nächsten stand. Sorgen bereitete ihm auch ein Armbrustschütze, der mit einer geladenen Waffe durch den Raum zielte. Dort auf der anderen Seite des Raumes stand bedrohlich nah an eine Wand gedrängt Alena mit ihrer Entourage. Die beiden Muskelprotze aus Gorthar waren zu erkennen, sowie ein unbekannter Kämpfer mit einem großen Reiterschild, der sich schützend vor die drei gestellt hatte. Alena schien ebenfalls schon verletzt zu sein.
„Seid ihr nicht des Blutvergießens müde?“, fragte Andreja ihre Kontrahentin, während ihre Männer langsam einen angedeuteten Halbkreis aufzufächern schienen, um sie besser bedrohen zu können. Anscheinend hatten sich die beiden Gruppen gerade erst neu formiert.
„Eures ist noch nicht geflossen“, erwiderte die Ränkeschmiederin verbissen, während Medin den anderen beiden etwas Platz machte, damit sie sich auch ein Bild von der Lage machen konnten.
„Ihr habt keine Aussicht auf Erfolg, Alena“, verkündete die Matriarchin dieser Bande ihrer Gegnerin. „Bis zur Tür schafft ihr es nie und auch wenn euer wackerer Schildträger die Armbrust nie aus den Augen lässt, seid ihr doch in der Unterzahl. Verkürzt eurer Leiden. Ihr ward nie eine Frau offener Kämpfe. Wo ist das Messer in meinem Rücken, das ich von euch viel eher erwartet hätte?“
Ob Alena die Neuankömmlinge hinter dem Wandteppich bemerkt hatte? Medin war sich nicht sicher, aber er wusste, dass sie nur ein kleines Zeitfenster hatten, um diese Situation zu ihrem Vorteil zu nutzen.
„Das ist unsere Chance“, flüsterte er zu den anderen, während in der Halle Andrejas laute Stimme weiter versuchte, die Gegenseite vom Aufgeben zu überzeugen und ihren Männern genug Zeit zum Ausschwärmen zu verschaffen. „Wir schlagen los, sobald Andrejas Leute versuchen über Alenas Männer herzufallen. Wir konzentrieren uns nur auf die Leute hinten: Andreja, Arugius, vielleicht der Schütze. Wenn wir schnell zuschlagen, reicht das Überraschungsmoment vielleicht, um das Blatt zu wenden.“
„Was, wenn uns der Schütze bemerkt?“, fragte Kortis.
„Wir müssen und schnell bewegen. Arugius verdeckt ihm etwas das Schussfeld … er darf keine Zeit zum Zielen haben“, erklärte der Südländer. „Arugius ist ohnehin das größere Problem.“ Vor allem bei all dem Blut dort drinnen, fügte er in Gedanken noch hinzu, und blickte wieder hinter dem Spalt durch den Wandteppich.
Da war er, der kurze Moment vor einer Schlacht, in dem sich alles fokussierte. Vielleicht würde es sein letzter Moment dieser Art sein. Es spielte in diesem Augenblick keine Rolle mehr.
Der für die anderen Fremde hob urplötzlich und ohne spezielle Veranlassung den Schild. Und ein Wurfdolch prallte davon ab. In diesem Moment erstarrte Viraya komplett. Sie versuchte ihren Gliedern Befehle zu erteilen, ihre Stimme, zu erheben, doch trennten sich nur trockene, spröde, aber noch immer blutrote Lippen. Mit Mühe und Not schaffte sie es ihren Arm leicht zu heben, sodass Kortis in ihn hinein lief. Er blickte sie fragend an. Auch Medin schien das zögern bemerkt zu haben. Die beiden kämpften nicht zum ersten Mal zusammen. Sie mussten vermuten, dass sie entdeckt worden waren und Arugius dieses mal seinen Zauber auf Viraya wirkte, so still stand sie. Sie blinzelte nicht einmal, blickte nur auf das Geschehen. Aber es war nicht der Fall. Sie war in dem Moment erstarrt, als sie den Kämpfer mit dem grossen Reiterschild den Dolch abgewehrt hatten. Sie kannte ihn. Ein scheinbar liebenswürdiger, einvernehmender Mensch. Nur, dass es keine liebenswürdigen Menschen in dieser Branche gab. Er war an jenem Tag anwesend gewesen, als Redsonjas ihre Klingenmystik verloren hatte. War es möglich, dass Sessa Delores D'Aseri - ja sie mochte sich noch an seinen ganzen Namen erinnern - diese übertragen bekommen oder sogar einfach an sich gerissen hatte?
Wenn er ...
Viraya lief es bereits vom nicht fertig gedachten Gedanken eiskalt den Rücken hinunter. Dann schaffte sie endlich zu flüstern.
"Falsche Seite." Stammelte sie. "Vielleicht."
Zwei Augenpaare wirkten verwirrt. Es bedurfte einer Erklärung, aber einer kurzen und sehr bald.
"Was ist, wenn jene Person, die in die Lücke, die Andreja hinterlässt treten wird viel schlimmer ist als sie?"
„Was, wenn nicht?“, entgegnete Medin etwas genervt in die Anspannung hinein. Solches Zögern durften sie sich nicht leisten. Hatte Viraya auf Argaan nicht befürchtet, dass Medin im entscheidenden Moment zögern könnte?
„Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass Andreja verschwinden muss … dass sie für das, was sie getan hat, bezahlen wird. Und wer auch immer ihr nachfolgt, wird eine ganze Weile brauchen, um sich ihren Einfluss zu erarbeiten“, fügte er das vielleicht vernünftigste Argument noch hinzu. Dennoch war es nicht viel mehr als ein rasches Raunen, mit dem seine Worte den Mund verließen. Sie hatten keine Zeit mehr, denn sie jetzt zögerten, würden sie keinen Vorteil mehr gegenüber der verbleibenden Fraktion im nächsten Raum haben – ganz gleich, wer dort die Oberhand erlangen würde.
„Was ist jetzt?“, drängte er Viraya und konnte sich kaum noch zurückhalten. Das Feuer brannte …
Von der anderen Seite des Wandteppichs ertönte ein lauter Ruf, dann ein zweiter. Benagelte Stiefel setzten sich in Bewegung und irgendwo traf Metall auf Holz. Die Zeit war abgelaufen.
„Töte, wen du willst“, sprach er schließlich aus. „Ob du bei mir bist oder nicht … ich kann da draußen auch alleine sterben.“
Mit diesen Worten zog er den Wandteppich noch ein Stück weiter zurück und trat in das Licht des Kampfes hinaus.
Kortis folgte Medin, während Viraya zögerte. Sie konnte nicht entscheiden welche Seite das geringere Übel war. Also zog sie sich sang und klanglos zurück oder wollte dies zumindest, denn bevor sie sich weg drehen konnte, kreuzten sich ihre Blicke mit Andrejas. Die Frau, die lange fast wie eine Mutter für sie gewesen war, schien keinerlei Angst zu haben. In ihren Augen war weder Liebe, noch Hass, noch Kälte zu erkennen. Sie blickte einfach mit einer unglaublichen Entschlossenheit in diese Welt hinein, dass es Viraya erschütterte. Ob es ein Zauber war, der ihr gebot sich auf ihre Seite zu schlagen oder der Respekt, den sie dieser konsequenten Frau zollte, wusste sie selber nicht. Aber in einem hatte dieser Hitzkopf - Medin - recht, sie hatte keine Zeit zu zögern. Also zog sie ohne zu schauen, was die anderen beiden taten, oliries Schwert. Sie stürzte sich auf die erste Angreiferin, deren Gesicht sie noch nie gesehen hatte. Sessa hatte also seine eigenen Leute rekrutiert. Sie war gewandt und schnell und ihr Rapier glitzerte gefährlich nach Gift. Viraya wollte es nicht darauf ankommen lassen. Sie machte daher einen Schritt zurück. Einen weiteren konnte sie nicht tun, denn sonst blieben ihr keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Einen kurzen, aber lang wirkenden Moment, standen sie sich gegenüber und keine wagte den ersten Angriff. Schlussendlich wagte es Viraya. Sie täuschte einen Angriff an, drängte aber nur den Rapier der Gegnerin zur Seite, liess ihr Schwert aber zurückfedern und traf die andere Hand der Kämpferin auf welche die Frau nicht gut genug geachtet hatte. Sie schrie auf. Dadurch war die Fremde einen tödlichen Moment lang abgelenkt. Zeit genug, dass Viraya statt zu triumphieren die Situation ausschlachten konnte.
Dann war der Weg frei und sie griff Sessa von der Flanke aus an. Dazu machte sie einen kleinen Haken, unbemerkt tänzelte sie in Position und lächelte ganz fein. Etwas, was sie selten tat. Aber die Gewissheit, dass in diesem Raum mehr als eine Person das Leben lassen würde, erfüllte sie mit süsser Genugtuung. Sessa war mit einem der besten Schwertkämpfer in Andrejas Reihen beschäftigt, als Viraya dazu stiess. Dennoch wusste sie, dass dies eine harte Probe werden würde und sie war nicht überrascht, als wie aus dem Nichts ein Schwert auf das ihre prallte. Trotzdem wurde sie durch die Wucht einfach von den Beinen gefegt. Sie stürzte nach hinten in den Staub, unverletzt, aber leicht benommen, denn ohne, dass sie es bemerkt hätte, küsste ihr Hinterkopf den Stein.
Augenblicklich schaute sie sich im Raum um und erkannte Medin und Kortis, während sie sich leicht taumelnd wieder aufrappelte. Es allerdings nur auf Knie schaffte, bevor sie von einem anderen bekannten Gesicht angegriffen wurde. Zeit zu beweisen, dass du den Umgang mit dem Schwert wirklich gelernt hast. Dachte sie grimmig und stürzte sich auf den sicherlich kampferprobteren Gegner.
Medin hatte sein Ziel von Anfang an mit den Augen fixiert. Ohne die Klinge in der Hand war er hinter dem Wandteppich hinaus in das Licht der Fackeln getreten und los gerannt. Kortis war hinter ihm. Was Viraya machte, wusste er nicht. Später. Jetzt waren andere Sachen wichtiger.
Die Distanz war nicht sehr groß. Vielleicht zehn Schritte. Doch Arugius bemerkte ihn schon nach den ersten zwei. Er hatte sich am weitesten hinten gehalten, während Andreja mit ihren Männern in den Kampf eingriff.
„Noch nicht geflohen?“, fragte der Magier und die Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Einen Augenblick schien er zu überlegen, ob er zu Andreja zurückweichen sollte, aber Medin war schon in den Laufschritt übergegangen, mit der Hand über die Schulter langend.
„Ein Fehler!“, rief Arugius und streckte beide Hände nach vorne. Trocknendes Blut klebte an ihnen.
Es war nicht wie eine Wand, sondern als ob Medin in eine zähe Masse … einen großen Bottich mit frischem Hefeteig oder dergleichen hinein gelaufen wäre. Augenblicklich verlangsamten sich seine Bewegungen, seine Hand erreichte nie den Schwertgriff und wieder versuchte dieselbe Panik wie in der anderen Kammer, als er die Kontrolle über seine Gliedmaßen verloren hatte, in ihm aufzusteigen. Aber diesmal wusste er, was ihm bevorstand. Diesmal spürte er bereits das Feuer in sich, konzentrierte sich auf die Flamme, auf diese brennende Sehnsucht, die durch die Verzweiflung des zur Gewissheit gewordenen Verlustes nur noch angefacht worden war und nun in hell gleißendem Zorn brannte. Kurz schlossen sich seine Augen und das Blut rauschte durch seine Ohren. Für einen Wimpernschlag erhellte ein hell bläuliches Leuchten die Luft um ihn herum und ein tiefes, dumpfes Brummen jagte als kaum hörbare Schallwelle durch den Raum.
Dann öffneten sich seine Augen wieder, Arugius fest im Blick.
„Du bist erschöpft“, sprach er zu dem Mann, dem er den Verlust seiner Familie zu verdanken hatte und setzte sich wieder in Bewegung. Es waren nicht mehr viele Schritte, die er zu der ungläubig zitternden Gestalt zu überbrücken hatte. Doch statt sein Schwert zu ziehen, holte er einfach mit der Faust aus und schlug sie aus dem Lauf heraus in das eingefallene, graue, von einer großen Brandnarbe entstellte Gesicht. Der Blutmagier schrie auf und fiel hinten über. Sein Kopf schlug mit einem dumpfe Knall auf den Boden auf, aber er blieb bei Bewusstsein. Gut, dachte der Südländer und beugte sich über die Gestalt. Mit der Linken packte er den Kragen und die Rechte drückte er flach geöffnet auf das Gesicht dieses Scheusals. Und dann erinnerte er sich an die Worte, die er einst in einem Buch von Jun gelesen hatte, als sie in Quasar gewesen waren. In einer besseren Zeit, als die seinen noch bei ihm gewesen waren. Er murmelte die kurze Litanei so leise, dass auch Arugius sie nicht verstehen konnte. Wenige Verse, die wie aus einer anderen Zeit schienen und ihren langen Arm nach diesem Geschöpf ausstreckten, um es ein für alle Mal aus dieser Welt zu verbannen.
„Geh“, flüsterte Medin zum Schluss. „Geh und brenne!“ Er spürte das Feuer in seiner Brust zu einer gleißenden Hitze anschwellen, die seinen Arm hinab jagte und mit einem Mal schrie Arugius, als wäre er auf einem Scheiterhaufen. Sein Körper wand sich mit aller verbliebenen Kraft, doch der Paladin presste sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn und drückte die Hand noch fester auf das Gesicht. Wieder war für einen kurzen Augenblick ein bläuliches Leuchten zu sehen, das direkt unter seinen rechten Handfläche seinen Ursprung zu haben und aus den weit geöffneten Rachen und Augen Arugius' wieder hervorzubrechen schien. Nach einem kurzen Moment verschwand es jedoch wieder. Der Schrei erstarb und die Gliedmaßen des Magiers stellten ihren Widerstand ein. Die Luft roch wie nach einem Blitzeinschlag. Medin kniete auf einer toten, leeren, verzehrten Hülle.
Sie hatte sich tapfer gewehrt, war ihrem Gegenüber weder unter-, noch überlegen gewesen. Plötzlich wandte sich die Person von ihr ab, ohne sich jedoch eine Blösse zu geben, die Viraya hätte ausnutzen können. Sie setzte nicht nach, sondern zog sich langsam etwas zurück und fluchte innerlich, warum sie nicht Redsonja mitgebracht hatte. Die hätte hier wenigstens etwas ausrichten können. Gut Medin tat das auch, musste sie zugeben und beobachten, wie Andreja und ihre Getreuen langsam in die Defensive gedrängt wurden. Er hatte sich nur auf die falsche Seite geschlagen. Irgendetwas verriet ihr, dass sie das alle noch bitter bereuen würden. Denn Arugius' Tod schien das Blatt gewendet zu haben. Innerlich fluchte Viraya, schaute sich aber im ganzen Raum um. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Sie musste nur lauern und den richtigen Moment abwarten. Also zog sie ihren Wurfdolch und versteckte sich beim Eingang. Dann wartete sie einfach und beobachtete.
Es dauerte einige Augenblicke, in denen der Paladin schwer atmend auf der Leiche von Arugius kniete und in die weit aufgerissenen Augen starrte. Auf diese Wirkung war er nicht vorbereitet gewesen. Natürlich hatte er gewusst, dass diese Form der Magie alles Dunkle verzehren und nichts weiter zurücklassen würde. Aber er hatte nicht damit gerechnet, es auch zu spüren. Er hatte nicht nur die Kraft gefühlt, wie sie durch seinen Arm und die Hand in den anderen Körper drang. Er hatte auch gespürt, wie sie dort das Innere verbrannt hatte und bis in die feinsten Adern und Nerven vorgedrungen war. Er hatte den Widerstand gespürt, den Kampf, das schmerzhafte Ringen und schließlich auch das ungleichmäßige Nachgeben, dem ein kurzer Moment verzweifelter Gewissheit folgte. Als ob zwei Kämpfer versucht hätten, mit bloßen Händen eine grifflose Klinge in den Brustkorb des jeweils anderen zu drücken. Schmerzen. Und doch fühlte er sich danach seltsam befreit. Trotz der Erschöpfung fühlte er eine kleine Last von seiner Brust genommen, eine Genugtuung diesmal die Oberhand behalten zu haben.
Der Moment währte nicht lange. Als Medin seinen Atem wieder gefunden hatte, richtete er sich auf und bereitete sich auf das Kampfgeschehen um ihn herum vor. Andreja hatte bemerkt, was vorgefallen war, aber sie hatte keine Gelegenheit gegen den Südländer vorzugehen. Anscheinend hatte Arugius den Angriff unterstützen sollen. Durch seinen Ausfall waren zwei ihrer Kämpfer niedergestreckt worden und die übrigen versuchten sich enger zu gruppieren. Viele Optionen waren ihr nicht mehr geblieben, während sich Alenas Kämpfer ihr nährten.
„Vielleicht sollten wir verschwinden“, meinte Kortis, der sich in Medins Nähe gehalten hatte. „Wer weiß, was die mit uns machen, wenn sie Andreja erst einmal erledigt haben.“
„Wahrscheinlich hast du Recht“, antwortete der Südländer. „Klüger wäre das … ihr solltet das auch wirklich tun. Ich bleibe. Ich will Gewissheit haben, dass sie nicht doch noch aus der Sache heraus kommt.“ Entschlossenheit lag in seiner Stimme.
„Leg die Waffen weg!“, war auf der anderen Seite des Raumes Alena zu hören. Der Kampf war kurz zum Erliegen gekommen und die etwa gleichstarken Seiten belauerten sich. „Leg sie weg und ich verspreche dir einen schnellen Tod.
„Den solltest du behalten, denn von mir hast du diese Gnade nicht zu erwarten“, erwiderte die in die Ecke gedrängte Andreja mit ungebrochenem Kampfeswillen. Ihre Stimme klang fest und auch ihre verbliebenen Mitstreiter machten keine Anstalten überzulaufen. Die Fronten waren klar.
Medin zog den Einhänder vom Rücken. Die geweihte Klinge blitzte im Licht der Fackeln silbern auf, während er sich in Bewegung setzte und auf Andreja zuschritt.
„Ihr habt schon vor langer Zeit das Recht verloren, von Gnade zu sprechen“, rief er ihr im Gehen zu. „Eure Macht ist am Ende, genau wie ihr es seid. Aber keine Sorge, ich werde euch nicht auffordern eure Waffen zu strecken. Mir ist ebenso die Gnade vergangen.“
Mit diesen Worten hob er das Schwert und bereitete sich auf den letzten Angriff gegen Andreja vor.
Anderjas Kleidung schimmerte leicht grünlich, fast ein bisschen metallisch, aber für einmal trug sie kein Kleid, sondern eine Art Rüstung. Sie war bereit zu kämpfen, sie war vorbereitet. Andreja schien wie immer Herrin der Lage zu sein, selbst wenn sie in Gefahr lief bald zu unterliegen. Wer jetzt noch an ihrer Seite stand, war allerdings bereit zusammen mit ihr unter zu gehen. Molis hatte im letzten Moment die Seite gewechselt. Alle anderen waren geblieben. Viraya blinzelte. Nein, nicht nur Molis, Eri war auch zu den anderen übergelaufen. Sie hatte das nur nicht kund getan, sondern hechtete mit Medin zusammen auf Andreja zu. Klüger als Molis, denn diesen erledigte Sessa mit einem einzigen Streich. Er lächelte, als er flüsterte.
"Zu spät."
Viraya konnte es von seinen Lippen lesen und erneut rieselte ein kalter Schauer ihren Rücken hinunter. Dann setzte sich Sessa mit seiner ganzen Schar in Bewegung. Nur Alena glitt plötzlich zu Boden. Sie war von einem Bolzen getroffen worden. Ganz vorbei war es mit Andreja also noch nicht. Sie hatte immer den einen oder anderen Trumpf im Ärmel und sie wusste ihn gegen die Schlüsselfiguren zu spielen.
Das Schnappen einer Sehne, ein kurzer Aufschrei. Das Schreckmoment brachte die Angriffsbewegung kurz ins Stocken, als Alena zu Boden ging. Medin fing sich als erster. Nur noch drei Schwertlängen … zwei … eine …
Ein Knall begleitet von einem grellen Blitz erhellte den schummrigen Raum. Für einen Augenblick sah der Krieger gar nichts, dann wiederum alles, doch das Bild war eingefroren. Es hatte sich für wenige Augenblicke in seinen geblendeten Sehnerv gebrannt. Andreja, wie sie etwas aus dem Ärmel zog und zu Boden warf.
Neben ihm ertönte ein Schrei. Im ersten zurückkehrenden Augenlicht konnte er sehen, wie die Kämpferin neben ihm zu Boden ging. Freund und Feind schlugen aufeinander ein und versuchten sich halb geblendet als erster zu treffen. Und mittendrin Andreja. Sie hechtete zwischen zwei Kämpfern hindurch und nutzte die Verwirrung. Sie durchbrach den Kreis.
„Nein!“, schrie Medin, doch das Manöver war ihr bereits geglückt. An den anderen Vorbei rannte sein Ziel direkt auf den Wandteppich zu, durch den sie gerade noch den Raum betreten hatten. Ohne weiter auf das Geschehen neben sich zu achten setzte er sich in Bewegung und rannte ihr hinterher. Sie durfte ihm nicht entkommen. Auf keinen Fall! Das war er seiner Familie schuldig.
Obwohl Viraya weit weg stand - zumindest im Vergleich zu allen anderen, war sie dennoch geblendet gewesen. Sie fasste sich jedoch schneller als andere wieder und bemerkte, dass Sessa einfach weiter lief. Nach Medin war er der nächste, der den Wandteppich erreichte, doch warf sich ihm einer von Andrejas Kämpfern in den Weg. Die Fronten prallten mit voller Wucht aufeinander. In diesem Durcheinander war es hoffnungslos einen gezielten Wurf zu landen. Sessa brauchte auch nicht lange, um den letzten Gegner, der zwischen ihm und dem Teppich stand zu beseitigen. Dann verschwand er ganz von der Bildfläche.
"Komm."
Hörte sie dann neben sich. Es war die Stimme eines Jungen, den sie sehr gut kannte, ohne dass sie gesehen hätte wo er sich befand. Auf jeden Fall weit weg vom Kampfgeschehen
"Ich bringe dich..."
Flüsterte er unterbrach aber mitten drin, als sich ein Kämpfer näherte. Viraya hielt ihr Schwert bereit und lauerte, erkannte aber bald Kortis.
"Hier flüsterte sie." Und fügte in die Dunkelheit hinzu. "Du kannst ihm trauen. Er ist ehrenhafter als ich." Sie hätte beinahe gelacht, aber nur beinahe. Dann ging der Junge voran und sie folgten seiner Stimme durch die Dunkelheit, tasteten sich Wänden entlang und überwanden Stufen vor denen sie diese feine Stimme warnte, bis sie in der Ferne Waffengeräusche hörten.
Andreja hatte nicht viel Vorsprung und so rannte Medin, was die Beine hergaben. Ohne jegliche Vorsicht sprintete er durch den niedrigen Tunnel, prallte in Kurven mit den Schultern gegen Wände, um schneller die Richtung wechseln zu können und hielt das Schwert so neben dem Körper, dass es ihm beim Rennen möglichst wenig behindert. Doch Andreja war verflucht schnell und schaffte es fast sich gänzlich aus seinem Sichtfeld zu entfernen. Gerade so konnte er um die nächste Biegung schauen und sehen, welchen Abzweig sie nahm. Gut, dann würde er sie eben jagen wie ein Tier, dem irgendwann die Kraft ausging. Sie konnte nicht ewig weglaufen. Bis hierher tief in ihren Bau hatte er ihr nachgespürt und würde sie deshalb auch nicht mehr aus den Augen lassen.
Wieder bog er um eine Ecke und sah Andreja gerade noch am Ende des Ganges hinter einem weiteren Wandteppich verschwinden. Ein neuer Raum? Vielleicht mit vielen Ausgängen … Er versuchte noch einmal schneller zu werden, um sie nicht zu verlieren und schlug aus vollem Lauf den Wandteppich zurück.
Wahrscheinlich rettete ihm der kunstvoll gewobene Vorhang in diesem Augenblick das Leben, denn Andreja musste antizipieren, in welcher Haltung er hindurch stürmen würde. Mit beiden Händen ihren Dolch umklammernd und auf Brusthöhe nach vorne gestreckt wartete sie auf der anderen Seite. Als der Südländer hindurch in den Raum rannte, hatte er sich etwas weiter gebückt. Mit einem dumpfen Geräusch prallten die beiden Körper aufeinander und sofort drang ein gleißender Schmerz in Medins linke Schulter, während er über die ebenfalls zu Boden stürzende Andreja stolperte. Sein Schwert segelte einige Meter hinfort und blieb klirrend in einer Ecke liegen.
Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen. Benommen drehte er sich auf den Rücken und fühlte nach seiner Schulter. Eine neue Schmerzwelle zeigte ihm, dass der Dolch noch immer drinnen steckte. Gerade wollte er sich aufrichten, um zu schauen, wo Andreja war, da spürte er ihr Gewicht auf seinem Oberkörper. Mit einem leisen Schrei stürzte sich sie auf ihn, setzte sich und schloss die beiden bloßen Hände um seine Kehle.
„Du selbstgefälliger, in deine Trauer verliebter Paladin!“, zischte sie und drückte zu. Für eine Frau dieser Statur hatte sie eine ungeheure Kraft. „Als ob ich nicht schon mit hunderten von deiner Sorte fertig geworden wäre!“
Sofort griff er nach ihren Händen, um den Griff ein wenig zu lockern, doch die schlanken Finger waren unerbittlich und ließen sich durch seine Lederhandschuhe nicht greifen. Er spürte, wie sein Kehlkopf langsam trotz des Widerstands der Halsmuskulatur nach innen gedrückt wurde. Übelkeit und Panik überkamen ihn, während die bunten Punkte immer heller, der Rest des Raumes immer dunkler wurden und er panisch versuchte, sich unter ihr aufzubäumen und mit Schlägen ihre Arme zu lösen. Die Mörderin schien das nicht zum ersten Mal zu machen.
Mit einem letzten klaren Gedanken erkannte er schließlich den Ausweg. Panisch tastete er nach dem Dolch in seiner Schulter, fand den Griff und zog wider jeden Schmerzes an ihm. Andreja erkannte, was er vor hatte. Zwar konnte sie den Schlag mit dem Knauf abwehren, musste dafür jedoch die Hände von Medins Kehle nehmen und versuchte nun mit beiden Händen den Dolch aus seiner Rechten zu lösen. Dabei verlor sie ein wenig das Gleichgewicht und der Paladin schaffte es, sie von sich runter zu stoßen. Keuchend krächzte er nach frischer Luft, doch er wusste, dass er sich jetzt nicht solchen Luxus leisten konnte. Stattdessen wälzte er sich zur Seite auf die Knie und schaffte es, Andreja mit dem Rücken gegen die nahe Wand zu drücken. Sie hatte noch immer beide Hände um den Dolch geschlossen und obwohl seine Schulter fast taub vor Schmerz wurde, schloss auch Medin noch seine zweite Hand um ihn. Langsam, immer weiter gelang es ihm den Dolch näher an sie heranzuführen. Nun begann die Panik in ihren Augen aufzuflackern – ein Ausdruck, den er sich bei dieser Person mit den kalten, festen Gesichtszügen gar nicht hatte vorstellen können. Mit einer hastigen Bewegung löste sie eine Hand, um nach seinen Augen zu kratzen, doch diesmal konnte er schnell genug reagieren. Mit der Linken gelang es ihm ihren Arm zur Seite abzulenken und seinen Arm gegen ihren Hals zu drücken. Der Dolch kam immer näher und er sah die Schuppen in der Rüstung, durch die er hindurch stechen musste. Halb im Sitzen, halb im Knien gegen die Steinmauer gepresst bäumte sich Andreja noch einmal mit letzter Kraft auf, zappelte, wand sich und versuchte, den Soldaten doch noch abzuschütteln. Auch Medin bot die letzten Mühen auf, während sein linker Arm bereits begann den festen Griff zu versagen. Mit letzter Kraft durchbrach er ihren Widerstand und rammte den langen Dolch zwischen drei Schuppen hindurch direkt unter dem Brustbein in Andrejas Körper. Ein schmerzerfüllter, klagender Schrei entwich ihrem Hals und ihre Gliedmaßen verkrampften sich noch einmal, bevor sie sich langsam wieder entspannten. Ihre schönen, kalten, klaren Augen blickten direkt in die von Medin und beide wussten, dass der Kampf vorbei war.
„Du hättest es einfach gut sein lassen sollen“, wiederholte der Südländer am Ende seiner Kräfte seine Worte von vorhin und lies von ihr ab, ohne den Dolch herauszuziehen. Tränen der Erschöpfung, Anspannung und Verzweiflung lagen in seinen Augen. „Wir hätten uns am Leben gelassen, niemand hätte sterben müssen.“
Andreja schaute an sich hinab auf den Knauf des Dolches. Kurz zuckte ihr Arm, als ob sie versuchen wollte die Waffe herauszuziehen, aber er gehorchte ihr nicht mehr. Schließlich gab sie es auf.
„So funktioniert die Welt nun mal“, hauchte sie mit schwacher Stimme wie zu einem Kind, das es nicht verstanden hatte. „Sie kennt keine Reue, nur Bedauern ...“ Sie hustete Blut. „... schade, dass … ich keine Zeit für Gift hatte.“
Wieder einmal rollte sich Medin auf den Rücken, um zu Atem zu kommen, während neben ihm ganz langsam die Lebenskräfte aus der Frau wichen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich war. Er kannte diese Art von Verletzung. Es würde Minuten dauern, aber daran würde er nichts ändern. Er hatte geschafft, wofür er hergekommen war und trotzdem wusste er, dass er rein gar nichts gewonnen hatte.
In genau jenem Moment betrat Viraya den Raum und erkannte sogleich die Tote. Sie hätte glücklich darüber sein sollen, dass Medin es geschafft hatte, doch war sie es nicht. Stattdessen erfasste sie eine tiefe Leere. Trotzdem blieb sie handlungsfähig. Sie nahm die Fackel von der Wand und blickte den Jungen an.
"Führ mich zu ihrem Zimmer."
Sprach sie ganz ruhig und folgte ihm sogleich. Sie schaute nicht einmal, ob Medin und Kortis das ebenfalls taten, doch hörte sie Schritte. Es ging schnell voran und sie bemerkte, dass ihr leicht übel war und ihr Kopf dröhnte, verdrängte aber die Gedanken daran und folgte ihm, bis sie vor einer einfachen Holztür standen, die leicht angelehnt war. Er stiess die Tür auf und wunderte sich, dass sie nicht verschlossen war. Als der Fackelschein jedoch die Unordnung in ein bedrohliches Schattenspiel verwandelte, war ihr klar, dass sie nicht die erste hier war. Das Dokument war also weg. Sie fluchte leise. Der Junge schien nicht überrascht.
Sie griff nach einem Kleid und einer Art Lederrüstung und stopfte es scheinbar achtlos in ihren Beutel, ein paar Lederhandschuhe folgte. Dann blickte sie sich noch kurz um. Irgendwo zwischen Dokumenten und Scherben lag ein Scimitar. Sie zögerte einige Herzschläge, dann steckte sie ihn in ihren Gurt. Ebenso, wie einen Brief. Wahrscheinlich war dem nichts mehr zu entnehmen, hier schien jemand gründlich gesucht zu haben, aber vielleicht war das Glück ihr auch hold. Ihr Blick schweifte über heruntergerissene Bücher, Phiolen und dezente, aber fein geschneiderte Kleidung. Er blieb am aufgeschnittenen Kissen Hängen und an den Federn, die überall im Zimmer verteilt lagen. Zwei Laternen waren umgekippt. Sie stellte sich vor, wie Andreja hier morgens aufgewacht war. Wie sie mit dem Kamm, dem nun ein Zacken fehlte, die Haare kämmte und dabei in den Spiegel, der nun als tausend Splitter den Boden zierte, blickte. Mehrere Dolche lagen herum, Andrejas bevorzugte Waffen, aber auch so viele normale Dinge. Sogar Blumen lagen in ihrem eigenen Wasser auf dem Boden.
Der Junge schien langsam nervös zu werden, während sie seufzte und sich zwang den Rest einfach liegen zu lassen. Raus hier.
Draußen wäre sie beinahe mit Medin zusammen gestoßen, der ihr in einigem Abstand gefolgt war. Der einstige General hatte sein Schwert wieder eingesammelt und presste ein dunkelrotes Stück Stoff auf seine Schulterwunde. Seit er Andreja den Todesstoß versetzt hatte, fühlte er langsam aber sicher die Kraft aus seinen Gliedmaßen weichen. Er war vollkommen erschöpft, verletzt und auch psychisch am Ende. Das, worauf er die letzten Monate hingearbeitet hatte, war getan und damit auch verschwunden. Die Gewissheit darüber, dass er sein Ziel erreicht hatte, gab ihm gerade genug Kraft, um nicht vollends den Halt zu verlieren … aber auch nicht mehr.
„Bist du fertig?“, fragte er Viraya erschöpft. Auf einmal hörte er Stiefel hinter sich und drehte sich um. Kortis war da uns sah mindestens genauso fertig aus wie er. Der Krieger hatte in den letzten Wochen wahrscheinlich noch viel mehr durchgemacht.
„Ich bezweifle ja, dass wir hier raus kommen, bevor uns die Überbleibsel dieses kriminellen Wunschtraumes hier finden“, fuhr Medin fort, „aber versuchen sollten wir es. Kennst du vielleicht einen schnellen Weg hier raus, der uns weitere Kämpfe erspart?“
Er blickte erst Viraya und schließlich den Jungen an. Wenn die Personen in diesem Raum eines gemein hatten, dann war es wahrscheinlich zu aller erst der Wille zu überleben. Vielleicht kam der Junge ja auch zu der Ansicht, dass Fluchthelfer spielen die größte Chance für ihn war, dieses Ziel zu erreichen.
Der Junge nickte nur und huschte voran, bemerkte aber schnell, dass er für einen Verwundeten zu schnell war und hielt hin und wieder inne. Immer wieder schlug er neue Routen ein, wenn sie irgendwo Geräusche hörten. Die Kämpfe waren nicht erloschen. Sie hatte so etwas vermutet. Andreja hatte dafür gesorgt, dass sie eine Entourage hatte, die ihr treu ergeben war, die ihr bis in den Tod und darüber hinaus folgte. Sie würden sich umgehend auf die Fersen des Mörders ihrer Anführerin, Mutter und Vertrauensperson heften. Ob Medin sich dessen bewusst war? Er klang ganz vernünftig, wenn er sprach, aber das konnte trügen. Dachte sie, sprach aber nicht. Denn all ihre Sinne galten dem wahrnehmen von Geräuschen, Bewegungen und Licht.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie vollkommen erschöpft zurück liess, nahm sie endlich das sanfte Dimmen von Tageslicht wahr. Sie hatten es tatsächlich bis hierher geschafft. Es grenzte an ein Wunder. Der Junge blieb vorsichtig stehen. Das Licht fiel auf sein Gesicht und er schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln, das sie erwiderte. Genau, wie es Andreja getan hätte. Dieser Gedanke jagte noch immer eine leichten Schauer ihren Rücken hinunter, doch sie wusste, dass sie diese Tatsache bald akzeptieren würde.
Der Junge vergewisserte sich erneut, legte wieder ein Pause ein und nickte schlussendlich. Die Luft schien rein zu sein. Er sprintete voran, schaffte allerdings nur zwei Sprünge, dann sackte er leblos in sich zusammen. Ein Bolzen hatte ihn am Kopf erwischt. Der perfekte Schuss. Er gab nicht einmal mehr einen Laut von sich. Es war einfach vorbei. Sie schluckte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Das musste vorerst reichen.
Als sie sich wieder gefasst hatte, glitt Virayas Hand zu einem der Wurfdolche, obwohl sie gegen eine Armbrust nichts damit ausrichten konnte. Dann schüttelte sie den Kopf.
"Wir können nicht die Nacht abwarten. Sie wissen, wo wir sind. Bald kommen sie von überall."
Da hatte sie wahrscheinlich Recht. Hier bleiben war keine Option, aber sobald sie einen Schritt nach draußen machten, hätte sie der Schütze im Visier. Sie saßen in der Falle, wie eine Fliege verheddert im Spinnennetz – wohl wissend, dass jede Bewegung den Tod beschleunigen würde. Aber hatten sie die Spinne nicht eigentlich getötet?
„Ich könnte als erster gehen“, schlug Kortis nach einer kurzen Pause vor. „Ich schlage Haken und sobald er seinen Schuss gesetzt hat, kommt ihr nach.“
„Woher willst du wissen, dass es nur einer ist?“, entgegnete Medin und stöhnte auf. Die Wunde an seiner Schulter brannte. Das Stück Tuch, das er drauf hielt, war weit vom nötigen Reinheitsgrad entfernt. Die Verletzung musste dringend versorgt werden, wenn sich die Schulter nicht entzünden sollte. Er biss die Zähne zusammen.
Vorsichtig schob er sich näher an den Ausgang. Vor ihnen lag das rettende Tageslicht und mitten in ihm der Leichnam des Jungen, dessen kurzes Leben sein Ende gefunden hatte. Irgendwo hörte er ein Pferd schnauben. Es war wieder der Burghof der Ruine, über die sie dieses Hauptquartier auch betreten hatten, allerdings von einer anderen Seite. Gestrüpp flankierte den Ausgang. Anscheinend handelte es sich um einen versteckten Zugang, der Medin vorher nicht aufgefallen war. Von dem, was er sehen konnte, zu urteilen und den Winkel des Armbrustbolzens berücksichtigend konnte man davon ausgehen, dass sich links über ihnen die Turmruine und auf ihr wohl auch der Schütze befand – wenn es denn nur einer war. Also schob sich der Südländer geduckt immer näher an die Kante, um einen Blick zu riskieren. Das Gestrüpp verdeckte ihn dabei, würde aber auf keinen Fall einen Bolzen abhalten. Vorsichtig kam er der Kante immer näher, bis er durch die Zweige schließlich den Turm sehen konnte. Auf der Brüstung des einen Fensters lag eine Armbrust im Anschlag und es schien ihm, als könne er im Dunkel des Innenraumes dahinter die Spitze eines Eisenhelmes ausmachen. Schnell zog er den Kopf wieder etwas zurück und blickte dann weiter über den Hof. Vielleicht war ihre Lage doch nicht so aussichtslos.
„Mindestens ein Schütze im Turm über uns“, gab er mit gedämpfter Stimme seine Beobachtung an die anderen beiden weiter, als er wieder die wenigen Schritte zu ihnen zurückgekehrt war. „Das Fenster ist relativ klein, also selbst wenn es mehrere sind, können sie nur nacheinander schießen. Direkt unter dem Turm und im toten Winkel des Fensters steht ein halbes dutzend Pferde angeleint. Mit denen müssen die Angreifer hierher gekommen sein. Der Schütze gehört wahrscheinlich zu ihnen. Wir müssen es also nur bis zu den Pferden schaffen.“
„Also doch ein paar Haken schlagen“, kommentierte Kortis.
„Der Schütze scheint verdammt gut zu sein“, entgegne Medin wieder.
„Seht mal, dort.“ Auch Kortis war etwas nach vorne gekrochen und schaute nun nach rechts aus dem Gestrüpp heraus. Dabei hatte er einen einachsigen Pferdekarren entdeckt, dessen Fläche und Seitenwände aus solidem Holz waren und vermutlich die nötige Deckung geben konnten. „Wenn wir es hinter den schaffen, können wir die ganze Distanz bis zum Turm schaffen.“
„Das wird aber schwer den zu schieben, ohne dabei den Kopf vor zu strecken.“
„Es muss nur einer rüber schaffen und ihn hierher schieben. Von hier aus können wir dann zu dritt bis zum Turm und den Pferden“, schlug Kortis vor.
„Hm“, nickte Medin. Das klang tatsächlich nach der besten Möglichkeit, die sich ihnen bot. Allerdings musste sich jemand flinkes bereit erklären, den riskanten Teil zu übernehmen und er konnte den Karren mit seiner Schulter auf keinen Fall alleine hierher schieben. Kortis würde es wahrscheinlich versuchen, aber er war immer noch von der Kerkerhaft geschwächt. Sein Blick ging wieder zu Viraya.
Viraya lachte stumm auf. Sie musterte das, was sie von Medins Gesicht sah. Es schien tatsächlich sein Ernst zu sein. Sie sollte vorangehen.
"Oh, neinein. Das siehst du völlig falsch. Ich bin nicht zur Heldin geboren."
Schüttelte sie den Kopf. Nun blickte auch noch Kortis in ihre Richtung.
"Ich gehe."
Meinte er entschlossen, wackelte aber so fleissig auf den Beinen, dass er sich regelmässig an der Wand abstützen musste. Sie seufzte.
"Warte. Wir müssen es schnell zum Turm schaffen. Wenn wir den Wagen hin und her schieben, dann werden sie vor uns bei den Pferden sein. Die Idee ist dennoch unsere einzige Chance. Allerdings würde ich vorschlagen, dass wir alle gleichzeitig lossprinten. Kortis an der Seite, ich hier. Sobald wir dort sind, schieben wir den Wagen an. Der Schütze wird davon ausgehen, dass wir uns vom Acker machen. In dem Moment kannst du zu uns stossen oder du rennst mit uns gemeinsam. Der Vorteil wenn wir alle gleichzeitig rennen ist, dass es maximal einen von uns erwischt."
Schlug sie vor.
Die Überlegung war durchaus praktischer Natur. Selbst wenn sie ohne den Karren los rannten, würde es wahrscheinlich nur einen von ihnen erwischen. Doch wer würde das aller Wahrscheinlichkeit nach sein? In Begleitung zweier Verletzter beziehungsweise sehr geschwächter Männer standen Virayas Chancen auf Überleben nicht schlecht.
„Einverstanden“, nickte Medin dennoch nach einer kurzen Bedenkzeit, fügte aber noch eine kleine Änderung hinzu. „Ihr rennt zum Karren. Sobald der erste Bolzen fliegt, renne ich in die entgegen gesetzte Richtung bis zum Turm. Ich sollte es rechtzeitig schaffen können, um die Pferde schon loszubinden. Keine Sorge, ich warte auf euch.“ Obwohl der ganze Plan auf dieser letzten Zusicherung beruhte, stimmten sie zu. Sie waren schon zu weit gekommen, um sich jetzt den Luxus von Misstrauen leisten zu wollen. Also nahmen sie alle Aufstellung. Kortis als erster, dann Viraya und schließlich Medin. Der erste in der Reihe vergewisserte sich, dass alle bereit waren. Dann begann er von drei runter zu zählen … zwei … eins … los!
Kortis stürmte hinaus, dicht gefolgt von Viraya und schlug direkt einen Haken in Richtung offene Fläche. Kaum fiel Tageslicht auf ihn, ertönte auch schon das Schnappen der Sehne. Der Bolzen verfehlte ihn um Haaresbreite und schlug mit einem dumpfen, schweren Geräusch in den Boden ein. Kortis änderte wieder seine Richtung zum Karren hin, aber Medin achtete gar nicht mehr richtig drauf. Auch er rannte los, so schnell es sein Zustand erlaubte, jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Er schwenkte direkt auf die Turmruine zu. Oben sah er den Schützen am Fenster, wie er gerade den Krähenfuß anlegte, um die Armbrust neu zu spannen. Armbrüste waren mächtige Waffen, ihr Gebrauch aus gutem Grund in vielen Gegenden sanktioniert. Doch der große Nachteil war die hohe Nachladezeit. Viraya und Kortis schafften es rechtzeitig hinter den Karren und Medin bis unter den Turm.
Dort angekommen drückte er sich kurz an die Mauer und schnappte nach Luft. Dann blickte er sich um. Direkt neben ihm war die Tür zum Turm, auf der anderen Seite waren die Pferde angeleint. Er überlegte kurz. Dann entdeckte er einen Holzbalken der neben ihm im Dreck lag. Sein Blick ging nach oben. Wenn sich der Schütze weit aus dem Fenster lehnte, konnte er ihn theoretisch noch treffen. Aber der konzentrierte sich wahrscheinlich auf Kortis und Viraya, die mittlerweile den Wagen auf ihn zuschoben. Also bückte sich Medin, packte den Balken mit beiden Händen und zog ihn langsam aus dem Dreck heraus. Das halb brennende, halb taube Gefühl in seiner Schulter ignorierend schaffte er es das Stück Holz vollkommen herauszuziehen und stemmte es von außen gegen die Turmtür – direkt unter den Knauf, sodass sie ohne weiteres nicht von innen zu öffnen sein würde. Dann widmete er sich den Pferden.
Die Tiere schienen ausgeruht zu sein und waren – viel wichtiger – vollkommen gesattelt, teilweise sogar mit Satteltaschen. Natürlich waren sie unruhig, aber da sie sich schon außerhalb des Sichtfeldes des Schützen befanden, nahm sich Medin einen Augenblick Zeit, um sich ihnen zu nähern. Jedem der Tiere streckte er kurz die Hand hin und hoffte, dass sie den Geruch von getrocknetem Blut gewohnt waren. Sie wirkten misstrauisch, scheuten aber nicht vor ihm zurück, sodass er sich daran machte, sie alle loszubinden. Derweil schnappte oben im Turm wieder eine Sehne. Krachend fuhr der Bolzen in das Holz des Karrens, der schon sehr nah gekommen war. Ohne in Hektik zu verfallen knotete Medin eines der Pferde am Sattel des Tieres fest, das er zu reiten gedachte. Die Leinen von zwei weiteren hielt er in der Hand, um sie Kortis und Viraya geben zu können und bei den übrigen hoffte er einfach, dass sie ihren Artgenossen folgen und so eine Verfolgung erschweren würden.
„Jemand verletzt?“, fragte er, als die anderen beiden zu ihm aufgeschlossen hatten.
„Nicht mehr als vorher“, erwiderte Kortis.
„Der Schütze sitzt erstmal fest, aber wir sollten uns dennoch beeilen.“ Während dieser Worte reichte er beiden die Zügel. Während Kortis sofort sein Pferd ein Stück wendete und sich dann in den Sattel zog, schien Viraya zu zögern.
„Sag bloß du bist noch nicht geritten?“, mutmaßte Medin überrascht und hielt die Zügel weiter fest. „Egal. Zieh dich hoch und mach dich dann klein. Ihr führe.“ Mit diesen Worten zog er sich in seinen eigenen Sattel hinauf.
Es war lange her, seit Viraya bei Wenda auf dem Hof gelebt und sich um die Pferde gekümmert hatte, um mit ihnen vertraut zu werden. Dennoch war Viraya unglaublich froh um diese Erfahrung. Sonst wäre das Tier bestimmt nervöser geworden. So beschnupperte es Viraya erst und liess sie dann problemlos aufsitzen. Das bewegen war schwieriger und die Diebin war froh, dass sie sich einfach am Sattel festklammern konnte und Medin die Führung übernahm. Aber eines war klar. Sie würde das Pferd nicht freiwillig wieder hergeben, bevor sie selbstständig darauf reiten konnte.
Aber erstmals genoss sie es sich von dieser Ruine zu entfernen. Es war eine neue Art von Freiheit - eine mit einer leisen Trauer vermischte. Gleichzeitig nagte ein bitteres Bedauern in ihr, dass Medin das Schwert gegen Andreja geführt hatte und nicht sie selber.
So ritten sie, durch einen kleinen Fluss hindurch, etwas darin hinaus, immer wieder hinaus, damit die Hunde sie nicht riechen konnten. Das alles war relativ anstrengend für Viraya. Sie war das Reiten nicht gewohnt und hatte wund gescheuerte Oberschenkel. Allerdings hätte niemals ein Wort der Klage ihre Lippen verlassen. Hier ging es um viel mehr als ein bisschen Schmerzen zu ertragen. Es ging darum die nächsten Tage zu überlegen. Denn einige von Andrejas Schergen hatten bestimmt bereits Blutrache geschworen.
Die drei Gefährten ritten bis weit in die Dunkelheit hinein und nutzten jede Möglichkeit, um etwaigen Häschern die Verfolgung zu erschweren. Als sie kurz angehalten hatten, um Medins Rucksack aus dem vorherigen Beobachtungsposten wieder einzusammeln, hatten sie Rauch von der alten Ruine aufsteigen sehen. Teile des Unterschlupfes schienen zu brennen, was ein Zeichen dafür war, dass sich der Machtkampf entschieden hatte. Für welche Seite konnten sie nicht sagen, aber das war ihnen auch nicht so wichtig gewesen, wie so viele Meilen wie möglich zwischen sich und dieses kriminelle Chaos zu bringen.
In der späten, vergehenden Abenddämmerung entdeckten sie schließlich ein größeres Birkenwäldchen am Horizont der hügeligen Wiesen- und Felderlandschaft, das sie sofort zu ihrem Nachtlager erkoren. Als sie schlussendlich einen geeigneten Lagerplatz zwischen den Bäumen gefunden hatten, war es schon so dunkel, dass an ein Durchsuchen der erbeuteten Satteltaschen erst am nächsten Morgen zu denken war. Ein Feuer zu machen trauten sie sich ebenso wenig wie die Tiere abzusatteln – für den Fall, dass eine schnelle Flucht geboten war. So blieb ihnen nichts übrig, als ihre Decken auszubreiten und sich in dem hohen Gras zwischen den Bäumen ein möglichst warmes Nachtlager zu bereiten. Medin war das ganz recht, denn er spürte eine unglaubliche Erschöpfung. Nach dem anstrengenden Ritt war fast jegliches Gefühl aus seinem linken Arm gewichen, sodass nach einer Zeit Kortis die Aufgabe übernommen hatte, Virayas Pferd im Auge zu behalten und von Zeit zu Zeit zu führen.
„Wo reiten wir morgen hin?“, fragte Kortis nach einigen Augenblicken in die Stille des Birkenwäldchens hinein, nachdem sie sich schon alle in ihre Decken gewickelt hatten. Obwohl sich keiner dabei wohl fühlte, war nach den Strapazen der letzten Tage und Wochen keiner im Stande eine Nachtwache zu übernehmen. Sie mussten wohl oder übel auf ihren unruhigen Schlaf vertrauen.
„Ich weiß es nicht“, gab Medin etwas resigniert zurück. „Irgendwohin wo es einen Medicus, Heiler oder zumindest Barbier gibt … ich glaube die Wunde wird sich entzünden, egal was ich morgen bei Tageslicht damit anstelle. Was meinst du, Viraya? Irgendeine Idee, in welche Richtung wir uns vorläufig zurückziehen sollen?“
"Es gibt ein Gebirge nicht unweit von hier. An dessen Fuss ist ein kleines Dorf. Ich kenne dort jemanden, dem ich noch einen Gefallen schulde. Es ist aber ziemlich unwegsames Gelände. Dafür erwartet man uns dort nicht als erstes."
Sie erwähnte nicht, dass sie sich nicht mehr sicher war, ob sie den Ort nach all den Jahren wiederfinden würde, aber viele Alternativen gab es nicht. Und dann war da noch Damian. Er hatte ihr damals schon vertraut und sie konnte nur hoffen, dass das weitere Verschieben ihres Versprechens ihn nicht all zu sehr erzürnen würde oder er immer noch genug an ihr interessiert war, dass er es weiterhin durchgehen liess. Was auch immer es war, sie mussten erst dorthin gelangen und ihre wund gerittenen Lenden waren davon nicht ganz überzeugt. Trotzdem jammerte sie nicht, sondern trieb sich stoisch selber voran. Sie hatte schon deutlich schlimmeres ertragen und freute sich auf die Berge. Die paar lauen Sommerabendet dort waren mitunter die schönste Erinnerung ihres Lebens. Dort hatte sie sich wirklich frei gefühlt und vielleicht das allererste Mal begonnen gegen Andreja zu rebellieren.
"Dort gibt es auch eine Heilerin. Genau das, was man im Volksmund als alte Hexe versteht."
Meinte sie grinsend und tätschelte die Nüstern des Pferdes. Ein weiter Weg lag vor dem armen Ding.
Eine Hexe, die einen Paladin versorgen sollte, und geschuldete Gefallen bei denen, die man um Hilfe bitten wollte. So sah die beste Option aus, die sie hatten. Wenigstens hatten sie ein festes Ziel und eine Möglichkeit, Schutz vor etwaigen Verfolgern zu suchen.
Bei Anbruch des Tageslichts hatten sie sich den Inhalt der Satteltaschen angeschaut und waren angenehm überrascht worden. Die Angreifer hatten Vorräte für drei Tage bei sich geführt, dazu noch allerlei nützliches wie Nähzeug, zwei Messer, eine grobe Karte der Gegend und ein paar Bolzen, die ohne eine Armbrust natürlich erst einmal von geringem Nutzen waren.
Während Kortis die Wasserschläuche in einem nahen Rinnsal neu befüllte, versuchte Medin Viraya zumindest in die Grundlagen des selbstständigen Reitens einzuweisen.
„Du scheinst ja mit Pferden umgehen zu können, also hat das Pferd kein Problem direkt mit dir. Ich glaube, dass es dich weit tragen wird, wenn du es lässt.“ Die Tiere waren immer noch gesattelt und Medin zog sich mit einem Ächzen unter Zuhilfenahme nur eines Armes in den Sattel.
„Wichtig ist aber, dass du ihm das klar machst. Reittiere müssen spüren, dass sie einen Reiter auf dem Rücken haben und nicht eine kleine Fliege oder einen Vogel, der sie piesackt. Bei deinem Gewicht musst du also mit den Beinen arbeiten. Drück ihm die Schenkel in die Seiten, wenn du aufgestiegen bist. Du hast eine Stute, die machen ohnehin weniger Probleme. Drück nicht so fest, dass sie weg will, aber stark genug, dass sie auf deine Bewegungen acht gibt. Wenn du sie laufen lassen willst, nimm wieder etwas Druck weg.“
Unterschiedliche Pferde waren unterschiedlich zugeritten, also mussten sie ein wenig probieren, auf welche Signale die Stute reagierte, aber Medin war sich recht sicher, dass Viraya das Tier so dazu bewegen könnte, zumindest selbstständig den anderen hinterher zu laufen. Für mehr hatten sie ohnehin keine Zeit, denn sie mussten sich sputen.
Sie strich ihrem Pferd sanft über das glatte Fell, das leicht glänzte. Die Sonne stand hoch und vereinzelt schwirrten Fliegen herum. Viraya wagte es vorsichtig sich in den Sattel zu schwingen. Es ging inzwischen besser. Also ritten sie los. Medin hielt nicht mehr ihre Zügel, sondern liess sein Pferd einfach vorantrotten. Viraya war in Gedanken versunken. Was würde kommen? Wie würde ihr alter Bekannter reagieren. Sie war ihm etwas schuldig und kam mit leeren Händen.
Während sie versuchte eine Lösung für dieses Problem zu finden, war plötzlich das Plätschern eines Bachs zu hören und hinter der nächsten Biegung führte eine Böschung zum Wasser hinunter. Die anderen beiden ritten voran, sie hinterher, als wie aus dem nichts das Pferd den Kopf so weit es ging nach unten neigte und eine Bewegung vollführte, die Viraya beinahe aus dem Sattel geworfen hätte. Im letzten Moment schaffte sie es noch sich an selbigem fest zu halten. Damit hatte sie allerdings die Zügel los gelassen. Aber das war egal.
Sie kniff die Augen zusammen.
"So machst du das also mit mir. Tust wie das bravste Tier und willst mich bei der ersten Gelegenheit abwerfen."
Knurrte sie unverständlich vor sich her, dachte sich aber, dass sie von dem Tier noch lernen konnte. Wenn niemand böses vermutete, war es am einfachsten zu überraschen.
Mit diesem Gedanken überquerte sie heil den Bach und ritt noch einige Zeit weiter hinter den anderen her, bis ihre Schenkel erneut glühten, ertrug es jedoch ohne ein Wort von sich zu geben. Was hinter ihnen lag, war alles tausend mal schlimmer, als jeder Schmerz es sein konnte. Dachte sie zumindest.
Viraya stellte sich wirklich nicht schlecht an und hielt sich tapfer fast den ganzen Tag im Sattel. Sie hatten nur zwei kurze Pausen gemacht und zwei Flussbetten längsseits gekreuzt, um etwaige noch vorhandene Verfolger weiter auf Distanz zu halten. Als die Sonne sich bereits zum späten Nachmittag hin senkte, war aber nicht nur die ungeübte Reiterin erschöpft. Auch Medin tat der gesamte Rücken weh, da er sich in ständiger Schonhaltung die Schulter beim Reiten hielt, um irgendwie die durch das hin und her wogen verursachten Schmerzwellen abzumildern. Er war zwar einiges gewöhnt und hart im Nehmen, aber diese konstante Schmerzbelastung begann ihn zu zermürben. Lange würde er nicht mehr durchhalten.
Bereits vor einigen Stunden waren am Horizont erste Ausläufer eines Gebirges aufgetaucht und ein alter, mit vielerlei Unkraut überwachsener Feldweg hatte den drei Gefährten die Reise in diese Richtung zumindest ein bisschen erleichtert. Inzwischen waren diese ersten Erhebungen, deren Gipfel noch nicht über die Baumgrenze reichten, näher gekommen und in zwei Meilen Entfernung war ein kleines Bauerndorf auszumachen. Dünne Rauchsäulen stiegen von zwei Häusern aus auf und auf einem der Felder waren auch Menschen auszumachen.
„Ich denke, wir sind entdeckt worden“, vermeldete Kortis, der an der Spitze ritt und drehte sich kurz zu Viraya um. „Ist das das Dorf, von dem du sprachst?“
Medin war das fast gleich, denn was auch immer das für ein Dorf war – er brauchte eine Pause.
«Ja, wir sind da.» Entgegnete Viraya und erblickte Damian. Sie seufzte, hätte sie diesen Augenblick doch gerne noch etwas hinausgezöger. Aber er war es unverkennbar, wie eh und je mit seinen dunklen, kinnlangen Zapfenlocken, die nach oben federten, wenn man sanft daran zog und sie dann los liess. Nur etwas hatte sich verändert. Sein Blick war direkter geworden uns seine Haltung aufrechter. Ohne die beiden Männer seines Blickes zu würdigen schritt er auf Viraya zu und half ihr aus dem Sattel. Aber er war kein galanter Ritter. Vielmehr hatte er bemerkt, dass sie sich in der Überraschung ziemlich ungeschickt anstellte und drohte aus dem Sattel zu fliegen beim Versuch abzusteigen. Er grinste, als er sie absetzte und sprach ruhig.
«So wehrlos warst du früher nicht.»
Sie funkelte ihn an und er lachte ein lautes, tief brummendes Lachen.
«Du hast dich nicht verändert meine Liebe.»
«Du schon.»
Entgegnete sie und er nickte. Er hatte inzwischen eine Familie. Seine Frau hatte drei Kinder geboren, aber das Erstgeborene hatte nicht lange gelebt. Viraya erfuhr nie, wie es gestorben war, aber sie hatte die leise Befürchtung, dass sie mitschuldig an dessen Tod war. Sie fragte nicht.
«Das sind übrigens Medin und Kortis.» Stellte sie die anderen beiden, die inzwischen ebenfalls – jedoch deutlich eleganter – aus dem Sattel gestiegen waren. «Medin bräuchte eine Heilerin.»
«Irma ist noch da.» Erwiderte Damian. «Aber kommt erstmals. Euch steht ein grosser Abend bevor. Wir hatten lange keine Gäste mehr. Kein gutes Zeichen der Götter.»
Er schwieg eine Weile und Viraya wagte es nicht etwas zu sagen. So viel Bitterkeit sprach aus seinen Augen. Auch da würde sie nie erfahren weshalb.
Kurze Zei später sassen sie im Haupthaus des Dorfes. Männer, Frauen und Kinder trugen Töpfe und essen herbei. Met wurde herumgereicht. Aber zuerst gab es ein kleines Kügelchen, das sie essen sollten. Es schmeckte bitter und alle lachten, als sie die Gesichter verzogen. Dann tanzten die Kinder um sie herum. Damian sass hinten im Raum un beobachtete alles aus der Ferne. Sein Blick war weit weg und dennoch schien ihm keine von Virayas Bewegungen zu entgehen. Sie fühlte sich unbehaglich, doch verschaffte der Met diesem Unbehagen sehr erfolgreich Abhilfe. Neben ihm sass seine Schwester. Sie lächelte ihm immer wieder aufmunternd zu und winkte Viraya, als sie hinüber blickte. Viraya winkte zurück. Es war gut hier Freunde zu haben. Richtige Freunde. Dann kam das Essen. Es duftete himmlisch. Viraya atmete tief ein. Ihr hungriger Magen wand sich. Er lechtste danach.
«Vorsicht.» Mahnte sie die beiden anderen. «Da kommt noch deutlich mehr.» Das hatten sie so nicht erwartet.
Fürwahr, das hatten sie tatsächlich nicht erwartet. Doch obwohl Medin bemerkte, dass hier mehr in der Luft lag als das Wiedersehen alter Freunde und beispiellose Gastfreundschaft, hatte es nicht besonders eilig dies herauszufinden. Seine Schulter schmerzte zu sehr und fühlte sich inzwischen sogar heiß an – ob sie sich entzündete? Dieser Damian hatte ihm eine Heilerin versprochen, doch solange die nicht da war, musste er sich anderweitig behelfen und so reichte er einer der Frauen seinen Becher hin, damit sie ihm Met nachfüllte. Das Gebräu war köstlich! Süß, würdig und nicht arm an Alkohol. Er spürte, wie sein Schmerzempfinden ein wenig abnahm, während sich ein hauchdünner Schleier um Kopf und Sinne zu legen begann. Nicht zu viel, aber dennoch beruhigend und wohltuend.
„Gut zu wissen, dass du in diesen Landen nicht nur Feinde hast“, meinte er zu Viraya gedämpft, während er mit seinem gesunden Arm nach dem Essen vor sich griff. Auch dieses Angebot konnte sich sehen lassen, denn obwohl das Dorf offensichtlich schon bessere Zeiten gesehen hatte, gab es frisches Brot, Salz, eine reichhaltig mit Kräutern gewürzte Butter, Honigwaben, Ziegenkäse und sogar etwas ungepökeltes Schweinefleisch. Die Schlachtung konnte nicht lange her sein und Medins Magen empfing all diese Köstlichkeiten nach den Wochen voller Entbehrungen und Anstrengungen mehr als nur freudig.
„Aber wenn ich mich nicht irre, liegt hier irgendeine Geschichte in der Luft“, fuhr er fort, nachdem er gerade genug von Brot und Käse gekaut hatte, um wieder verstanden werden zu können. „Und ich denke, die solltest du vielleicht mit uns teilen. Es wäre gut zu wissen, was uns hier außer Speis und Trank vielleicht noch erwartet, bevor sich die Freundlichkeit dieser Menschen unter Umständen ändert.“
Sein Blick war während dieser Worte in den Raum gerichtet und er versuchte die Körpersprache dieser Menschen hier zu deuten. Ihm fiel nichts im Detail auf, aber das Gesamtbild wirkte ein wenig seltsam. Fast so, als ob sich alles in diesem Dorf auf dieses Gastessen in der großen Halle konzentrierte und zwar mit Hoffnung und Erwartungen, die über die von Neuigkeiten und Geschichten aus der Ferne hinaus gingen. Was wollten diese Menschen?
Der Met lockerte ihre Zunge, ihre Augen glitzerten ein klein wenig feucht, während sie zwischen ihren beiden Begleitern hin und her blickte.
"Was hier genau los ist weiss ich nicht, doch ja es gibt eine Geschichte. Sie ist aber anders, als ihr denkt. Wollt ihr sie dennoch hören?"
Natürlich nickten die beiden. Sie vergewisserte sich zuerst, dass sie keine ungewollten Zuhörer hatten, dann begann sie zu erzählen:
"Vor einigen Jahren, ich war knapp dem Kindesalter entschlüpft hat mich Andreja hierher gesendet. Das Dorf war in einer schlimmen Notlage. Zu viel Regen in jenem Jahr. Viele Vorräte waren schon verdorben, kaum ein Gemüse wuchs. Andreja liess mich Nahrung mitbringen. Ich hatte sogar einige Hühner dabei. Das war ein Tross."
Viraya lachte leise bei der Erinnerung daran. Sie war nicht betrunken, aber durchaus angeheitert. Bewegte sich etwas lockerer und erzählte plötzlich gerne. Sie hatte eigentlich nie ausser mit Darla über solche Dinge gesprochen. Und selbst mit Darla nur andeutungsweise, immer ohne Namen zu nennen, immer darauf bedacht ihr keine gefährlichen Informationen zukommen zu lassen.
"Sie nahmen mich freudig auf und als der Winter mild war und der nächste Sommer eine der besten Ernten seit Jahren einbrachte, wurde von einzelnen Personen mir dieser Erfolg zugeschrieben. Genau das war Andrejas Hintergedanke gewesen. Sie hat das immer so gemacht, wenn irgendwo ein Notstand herrschte. Dafür sandten die Dörfer später loyale junge Männer und Frauen zum Dank in ihren Dienst. Sogenannte Söldner ohne Sold. Nicht immer funktionierte das so gut wie hier, aber es klappte regelmässig genug, dass sich das Vorgehen ausgezahlt hat. Wobei man auch sagen muss, dass es den Dörfern wirklich geholfen hat."
Erzählte sie und bemerkte, dass die den Leuten noch beibringen musste niemanden mehr an Andreja zu senden. Das konnte sie aber erst tun, wenn sie nicht mehr hier waren, denn sonst gaben sie ihre Lage unweigerlich Preis. Sie verschob das darüber Nachdenken auf später. Stattdessen fuhr sie fort.
"Damian war einer der Skeptiker. Er beäugte mich mit seinen intelligenten Augen, ohne Argwohn. Er gab mir ziemlich genau zu verstehen, was er vom Aberglauben der anderen hielt. Ich investierte also viel Zeit hinein ihn zu überzeugen. In dieser Zeit hat er sich in mich verliebt und ich mich in ihn."
Sie lächelte. Wer hätte so etwas von ihr erwartet.
"Aber das hätte ich natürlich niemals zugegeben. Andreja bekam trotzdem Wind davon, sogar bevor ich mir meine Gefühle eingestanden hatte und beorderte mich frühzeitig zurück. Seither habe ich Damian nicht mehr gesehen und nichts von ihm gehört. Bis eben."
Mehr brauchte sie dazu nicht zu sagen. Wobei es sich gut anfühlte das Schweigen zu brechen.
Ein weiterer Schluck rann Medins Kehle hinab und in seinen mittlerweile wohlig gefüllten Magen. Und obwohl der Alkohol weiter seinen Kopf bearbeitete, klarte sich dem Krieger gerade das Bild noch etwas auf. Er verstand ein wenig besser, wie mächtig diese Frau gewesen war, der er vor wenigen Tagen den Dolch in den Bauch gerammt und dann neben ihr gelegen hatte, während sie langsam aus dieser Welt gegangen war. Viele Grafen, Lords oder Kriegsherren sicherten sich die Loyalität ihrer Untergebenen nur auf vorwiegend eine Art und Weise. Drohung, Fürsorge, Versprechen, Schutz, Ehre, Terror, Erpressung. Andreja schien all diese Mittel gleichermaßen beherrscht und damit ein Netzwerk aufgebaut zu haben, auf das jeder König neidisch gewesen wäre.
Doch sie war tot und Medin war sich nicht sicher, wie dieser äußere Knoten des Netzes die Nachricht aufnehmen würde. Am liebsten wollte er es auch nicht vor seiner Abreise herausfinden. Gerade wollte er sich noch einmal Met geben lassen, als eine junge, blonde Frau an ihn heran trat und ihm mit einer Geste zu verstehen gab, dass sie nicht da war um Met nachzufüllen.
„Damian schickt mich. Er meint, ihr braucht eine Heilerin. Ich kann euch zu Irma führen.“
Der ehemalige General blickte auf die Speisen, die noch vor ihm lagen und dann wieder auf zu der Frau. Seine Schulter tat höllisch weh, obwohl ihm das mit dem Met gar nicht mehr so schlimm erschien.
„Ist wahrscheinlich besser so“, antwortete er und versuchte sich aufzurichten. Sein Kopf war schwerer und sein Körper schwächer als gedacht, aber mit einem raschen Griff stützte ihn die Frau und legte seinen gesunden Arm über ihre Schulter, um ihm etwas Stabilität zu geben.
„Vielleicht solltest du heute Abend noch einmal mit ihm reden“, meinte er noch zu Viraya und hoffte, dass Kortis in ihrer Nähe bleiben würde. Dann verließ er die Methalle auf die freundliche Frau gestützt. Es tat gut, die Nähe einer anderen Person zu spüren und ihre duftenden Haare zu riechen. Und es schmerzte.
Wenig später erreichten sie eine kleine, schon außen mit Kräutern, Knoblauch und Talismanen behangene Hütte etwas außerhalb des Dorfes. Rauch kam aus dem runden Schornstein, der sich durch das spitze Reetdach bohrte.
„Was bringst du mir denn da, Marie?“ Irma war eine alte, gebückte Frau mit schnarriger, aber wacher Stimme und das Innere ihrer Hütte sah ungefähr genauso wie die Außengestaltung aus.
„Er war bei Viraya“, antwortete Marie und half Medin behutsam auf einer hölzernen, mit einem Fell und einem zusätzlichen Ledertuch überzogenen Holzbank Platz zu nehmen. Der Paladin quittierte es mit einem Stöhnen und hoffte, dabei halbwegs dankbar geklungen zu haben. Er hatte viel zu lange gewartet, das war ihm jetzt klar.
„Und Damian denkt immer noch, ich kann Wunder wirken?“, entgegnete die alte Irma etwas entrüstet. „Na dann wollen wir mal sehen. Marie, hol mir bitte meine Tasche mit den Tinkturen.“
Während die blonde Frau in einer Ecke verschwand, beugte sich die Alte noch weiter über Medin, der sich inzwischen hingelegt hatte und befreite die Schulter von Tunika und Hemd und zuletzt auch von dem provisorischen Verband. Der Südländer stöhnte noch einmal auf, als Luft an die Wunde kam. Seine gesamte Schulter schien in Flammen zu stehen.
„Ach du meine Güte, das sieht nicht gut aus“, meinte Irma. „Nur gut dass du schon so viel Met getrunken hast, denn was immer ich hier mache wird höllisch weh tun. Das ist ja alles entzündet.“
„Nicht zu viel rausschneid...-“ Medins Bitte brach in einem Schmerzensschrei ab, als Irma begann in der Wunde vorsichtig herumzutasten.
„Wie bitte? Du kannst froh sein, wenn du die nächsten Nächte überlebst, also schraub deine Ansprüche herunter, Bursche!“ So hatte ihn schon lange keiner mehr genannt.
„Bei Innos, kann ich wenigstens noch mehr Met haben?“, fragte er.
„Innos? Also so einer bist du“, entgegnete Irma. „Na dann bete mal zu deinem Innos. Ich habe was besseres für dich.“
Marie war mit der Tasche wieder gekommen und bereitete ein Tuch mit einer Tinktur vor, während sich Irma eine andere nahm und sie Medin direkt unter die Nase hielt. Augenblicklich wurden seiner Glieder matter und schwerer und die Welt schien sich ein wenig von ihm zurückzuziehen.
„Der träumt gleich gut“, hörte er Irma noch zu Marie sagen. „Vielleicht müssen wir ihm den Arm abnehmen ...“ Das was er hörte und auf einmal wünschte er sich, Kortis würde nicht von seiner Seite weichen, als die Welt um ihn herum endgültig im Dunkeln versank.
Sie entschied sich gegen Medins Vorschlag, war sich noch nicht sicher, ob sie sich im Leben tatsächlich für den Pfad der Wahrheit entscheiden sollte. Was aber ganz klar war, dass sie die Entscheidung darüber nur im nüchternen Zustand fällen würde. Also gönnte sie sich noch einen letzten Met, prostete Kortis zu und liess sich das süsse Kühl die Kehle hinunter rinnen. Es war herrlich. Dann gab es noch Beeren zur Nachspeise. Allerdings nicht viele und eine Art Süssgebäck mit Honig.Sie liess es sich auf der Zunge zergehen und dachte an Redsonja. Warum ihr die rothaarige Kriegerin ausgerechnet in diesem Augenblick in den Sinn kam, wusste sie nicht. Vielleicht weil diese sich seit vielen Jahren das erste mal von einer ihrer Waffen trennte. Wobei das wäre ein grosser Zufall gewesen. Vielleicht aber einfach weil sie gerne ihren Rat gehabt hätte. Stattdessen fragte sie Kortis. Er zuckte die Schultern.
"Das muss ich selber entscheiden, was?"
Er nickte und dann wusste sie, was zu tun war. Sie verabschiedete sich ins Bett und beschloss am nächsten Morgen sehr früh aufzustehen.
Als Viraya erwachte, war ihr erster Gedanke sich nochmals im Bett zu wenden. Unbewusst war ihr klar, dass sie das, was sie heute tun sollte hinauszögern wollte. Dann kam ihr aber plötzlich der rettende Einfall. Medin. Sie musste nach ihm sehen. Solch Pflichtgefühl vermochte sie tatsächlich nur dann aufzubringen, wenn sie etwas ausweichen wollte. Das Gespräch mit Damian war genau dieser Anlass. Statt zu schlafen hatte sie das Gespräch in Gedanken schon hundert mal durchgespielt und jedes Mal endete es anders. Aber nie, wie sie wollte. Wie sie wollte, war ihr allerdings auch nicht klar. Also verdrängte sie es. Bedingt erfolgreich.
Inzwischen war sie vor Irmas Tür angelangt. Auch hier zögerte sie, hob nur langsam die Hand. Bevor sie allerdings anklopfen konnte, hörte sie Irmas Stimme von drinnen.
"Komm ruhig rein."
Wurde sie aufgefordert und sie trat ein.
Bisher hatte Medin unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Tinkturen selten geträumt, oder sich am nächsten Morgen zumindest nicht daran erinnert. Vielleicht lag es an der Kombination von beidem, aber diesmal war es anders. Seine Nacht war eine unruhige Achterbahnfahrt verschiedener Gedanken, geistiger Momentimpressionen und verschiedenster Sequenzen gewesen. In einer war er wieder in Andrejas unterirdischem Versteck und kämpfte mit ihr erneut auf Leben und Tod. Wieder rangen sie am Boden und wieder drückte er ihr den Dolch schließlich in die Magengrube. Doch als er diesmal aufsah, war Andrejas Gesicht verschwunden. Stattdessen lag Lilo vor ihm am Boden in einer Blutlache – tot. Kurz darauf stand er auf einem einsamen Berg, nichts als Schnee um ihn herum. Ein Sturm tobte und drückte ihn über die Kante des Gipfels, bis er in das dunkle Tal fiel, mit der Schulter etliche Male gegen den Felsen schlägt und schlussendlich in lichtloses, schwarzes Wasser fällt. Stunden trieb er unter der Oberfläche, ohne Atmen zu müssen. Von fern undeutliche Stimmen … oder nur eine? Die Fetzen wurden immer undeutlicher und irgendwann glaubte er, sich in einem Raum zu befinden.
Als es an der Tür klopfte, befand sich Medin schon seit einiger Zeit in einem halbwachen Zustand. Wie lang wusste er nicht. Sein Verstand schien langsam aber beständig aufzuklaren und Dinge um ihn herum preiszugeben.
„Wer ist da?“, versuchte er zu fragen, aber nur ein leises Flüstern verließ seine Lippen.
„Du hast Besuch … na ja, genau genommen habe ich Besuch.“ Es war Irmas Stimme. Sie musste direkt neben ihm gestanden haben. Er versuchte die Augen leicht zu öffnen und schlagartig wurde ihm klar, warum er hier überhaupt lag. Sofort versuchte er seinen linken Arm leicht zu bewegen, aber er gehorchte nicht.
„Wie schlimm ist es?“, fragte er. War sein Arm überhaupt noch dran?
„Nicht mehr so schlimm, vor allem weil du bei der besten Heilerin zwischen hier und Gorthar gelandet bist“, entgegnete ihm Irma. „Eine tiefe Wunde, die lausig gepflegt wurde und sich ordentlich entzündet hat. Wundfieber und einsetzende Nekrose. Ich wollte den Arm schon absägen, aber dann hat Marie nur meine kleine Knochensäge gefunden und das hätte Stunden gedauert. Also hab ich was anderes versucht und alles raus geschnitten, gereinigt und mit Salben behandelt, die jeden Hund eine Woche lang einen Bogen um dich machen lassen werden.“
„Danke“, antwortete er ihr sofort und bekam endlich die Augen weit genug auf, um erkennen zu können, dass die launige Alte wirklich direkt neben ihm stand. Hinter ihr stand Viraya. „Wirklich, danke!“
„Dank mir nicht zu früh“, meinte Irma, die ihre Lippen kaum zu einem Lächeln verzog. „Kann sein, dass nicht alles heilt oder dass es sich wieder entzündet. Kann auch sein, dass ich dann doch noch die Säge suchen muss.“
„Kann ich aufstehen?“
„Versuch es. Du solltest aber auf deine Schwäche hören. Mindestens eine Woche lang Anstrengungen meiden, wenn du deine Chancen erhöhen willst.“
„Sieht so aus, als ob ich noch eine Weile hier bleiben muss“, meinte Medin an Viraya gerichtet. „Glaubst du, wir können die Gastfreundlichkeit dieser netten Leute hier noch ein wenig weiter beanspruchen?“
Innerlich zuckte Viraya zusammen, äusserlich liess sie sich nichts anmerken. Sie hatte also gehofft um das Gespräch mit Damian herum zu kommen. Darum stand sie hier. Nicht in erster Linie, um nach Medins befinden zu schauen, sondern weil sie so bald wie möglich hier weg kommen wollte. Oder zumindest ein Teil von ihr. Statt diese Gedanken zu äussern, meinte sie gelassen und mit einem fragenden Lächeln in Irmas Richtung.
«Wahrscheinlich schon oder?»
Irma blickte sie streng an.
«Ihr müsst. Zudem...» und nun deutete sie auf Virayas Arm, «...muss ich hier noch etwas anderes anschauen und das könnte noch deutlich schmerzhafter werden.»
Viraya nickte. Irma wusste einem schon immer Mut zuzureden. Nicht nur das, sie kannte auch keine Grenzen, was ihre Scherze betraf. Das einzige was sie hatte war genug Feingefühl diese Scherze nicht der komplett falschen Person gegenüber zu machen. Aber in dem Dorf wusste jeder, dass es wirklich ernst war, wenn Irma einen nicht mehr zu erschrecken versuchte. Genau genommen lebte man danach meist nicht mehr lange, obwohl man mit seinem Leben noch nicht abgeschlossen hatte. Denn mit den Alten, die des Lebens langsam müde waren und zufrieden von dannen zogen, pflegte sie noch ein letztes Mal zu lachen, bevor sie das Zeitliche segneten. Viraya fragte sich, wie Irma ihrem eigenen Tod eines Tages entgegen treten würde.
Irma blickte Viraya durchdringend an. In diesem Moment war der Diebin klar, dass Irma sie immer durchschaut hatte. Sie war so verblüfft über diese Erkenntnis, doch noch mehr darüber, dass Irma das Geheimnis immer für sich behalten haben musste. Gleichzeitig scholt sie sich, dass es ihr nicht früher aufgefallen war.
«Warum hast du niemandem davon erzählt?» Fragte sie also und es dauerte nur einen kurzen, irritierten Augenblick, bis Irma verstand und antwortete:
«Weil du ihnen Hoffnung gabst. Spielt es eine Rolle, ob diese Hoffnung falsch oder richtig ist?»
Viraya zuckte mit den Schultern. Irma blickte sie immer noch durchbohrend an, doch sie schien zu zögerlich. Also fragte Viraya weiter:
«Und was denkst du über mich?»
«Du gleichst Andreja mehr, als du wahrhaben möchtest.»
«Woher kennst du Andreja.»
«Ich war...» sie zögerte «... bin in ihrem Dienst.»
Ein Test oder eine Drohung? Viraya blickte zu Medin. Wusste Irma wer Andreja getötet hat? Es war davon auszugehen, aber was hatte das zu bedeuten?
Schlagartig klärte sich der Blick von Medin noch etwas weiter auf. Seine Gedanken begannen aus dem Zustand des Benommenseins aufzuwachen und zu arbeiten, als er den Blick auf die Heilerin richtete. Diese blickte kurz zur Seite, direkt zu ihm, und dann wieder zu Viraya. Immerhin war er noch am Leben. Hätte sie ihn beseitigen wollen, hätte er diesen Morgen nicht mehr erlebt und nach allem, was er spüren konnte, hatte sie auch seiner Schulter geholfen. Verschlimmern hätte sie seinen Zustand ohnehin kaum noch.
„Ich denke, dieser Dienst ist vorüber“, brach der Südländer nach einer ganzen Weile das Schweigen, das sich zwischen den unterschiedlichen Parteien breit gemacht hatte. Medin war im Raum eindeutig derjenige mit den wenigsten Informationen, aber er hatte das Gefühl, in dieser Situation Verantwortung übernehmen zu müssen. Immerhin war es seine Klinge gewesen … sein Feldzug und seine Rache.
„Wofür auch immer sie gestanden hat, sie tut es nicht mehr.“ Er versuchte sich etwas aufzurichten und dabei tunlichst zu vermeiden die Schulter zu belasten. Wie gerne er doch nun ein Schwert als Stütze gehabt hätte. „Und die, die ihr gefolgt sind, werden jetzt Entscheidungen treffen: Ob sie versuchen ihren Platz einzunehmen oder ob sie jemandem folgen, der das seinerseits versucht.“
Wieder wanderte Irmas Blick hinüber zu ihm. Fühlte sie sich provoziert?
„Oder ob sie dieses Kapitel abschließen und ihm den Rücken kehren“, vollendete er die Möglichkeiten und begriff auf einmal, dass er nicht nur über Irma, sondern auch über sich selbst sprach.
Ebenso hatte er über Viraya gesprochen. Egal wie sehr sie sich von Andreja abgewendet hatte, sie hatte die Frau wirklich geliebt. Seit ihrem Tod war eine Leere zurück geblieben, die nur dies bedeuten konnte. Sie hatte ihre Kleidung mitgenommen, warum? Wollte sie an ihren Platz treten? Zum ersten Mal liess sie den Gedanken zu und fand daran einen gewissen Gefallen. Für einmal brauchte die Diebin nicht schnell zu Denken, keiner sagte etwas für sehr lange und jeder war genug mit sich selber beschäftigt, um den anderen diesen Raum zu lassen. Bevor es allerdings unangenehm werden konnte, erhob Viraya die Stimme:
«Irgendjemand wird sich ihre Position krallen und die Kämpfe darum werden brutal werden. Die Frage ist, ob jene, die sich entscheiden dem Ganzen den Rücken zu kehren eine Chance haben zu überleben, oder ob wir uns nicht besser mit den anderen Gleichgesinnten zusammenschliessen und organisieren würden. Wir können ein Netzwerk aus Informationen und Handelsbeziehungen aufbauen und uns gegenseitig Schutz bieten...»
Sie blickte Irma lange und kritisch an. Diese liess sich alle Zeit der Welt, um zu überlegen. Schade. Dachte Viraya schon, als ihr die Heilerin die Hand hin streckte.
«Zähle mich dazu. Unter einer Bedinung. Unsere erste Aufgabe wird sein jene Person zu vernichten, die Andreja getötet hat.»
Viraya bewegte die Hand in Richtung jener von Irma und blieb kurz bevor sie sich berührten stehen.
«Nein, wir sollten ehrlich miteinander sein. Schüttelte sie dann plötzlich den Kopf. Ich hätte dich gerne auf meiner Seite, aber du musst wissen, dass es Medin war und ich hätte es früher ebenfalls getan, wenn ich die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Früher heisst bevor ich wusste, wer die Macht an sich reissen möchte...» Sie erzählte die ganze Geschichte seit sie in Gorthar angekommen waren und Irma setzte sich auf einen Stuhl, um zuzuhören. Sie wirkte ernsthaft überrascht. Die Drohung war also kein Test gewesen, sondern ihre echte Überzeugung. Sie wollte den Kopf jener Person sehen, die Andreja ermordet hatte. Also blickte sie zum Schluss in Medins Richtung. Ihre Augen wirkten strenger als sonst, ihre Finger hatten sich am Saum ihres Rocks festgekrampft, als sie zu sprechen begann.
«Rache ist nie gut.»
«Niemals.»
Sprach sie eindringlich. Mit langen Pausen dazwischen.
Es war, als müsste sie sich das selber in Erinnerung rufen.
"Sie macht blind für alles, nicht wahr." Irma schien in sich hinein zu blicken, dann zu Medin. Dieser Blick hatte jedoch nichts von dem beinahe mütterlichen Ton, den sie anschlug. Sie pausierte und sprach dann ganz langsam. Silbe für Silbe.
"Dies ist also keine Rache, sondern eine Notwendigkeit. Geh nach Usa, das ist eine Stadt am Meer. Um dorthin zu gelangen musst du erst das Gebirge im Süden überqueren, es wird Schnee dort liegen. Lass dich nicht davon aufhalten, wenn du es nicht schaffst, dann soll es so sein. Danach kommst du in ein Tal. Dieses überquerst du nur, um auf eine Hochebene zu gelangen. Eine wilde Gegend mit Einheimischen, die noch selten etwas mit der Aussenwelt zu tun hatten und nicht alle gleich gastfreundlich sind. Sie sprechen eine fremde Sprache. Wilde Tiere gibt es dort ebenfalls und ein paar Relikte aus alter Zeit von denen du lieber die Finger lässt. Von dieser Hochebene erreichst du ein paar wunderschöne Seen. Lass dich von der Ruhe dieses Ortes inspirieren, finde deinen eigenen Frieden. Dann geh weiter in Richtung Süden. Ein weitläufiges, eher karges Tal mit einigen Flüssen wird dich bis zum Meer führen. Folgst du dem Meer in Richtung der aufgehenden Sonne wirst du nach einigen Fischerdörfern Usa erreichen. Du könntest mit dem Schiff dorthin gelangen, wag es aber nicht dadurch den Weg abzukürzen."
Erneut erwartete sie keine Antwort. Die eindringlich gesprochenen Worte sollten sich vielmehr in sein Gehirn brennen.
"Da du inzwischen zur Assassine geworden bist wirst du dort einen Auftrag erledigen. Der der alte Königs von Usa hat keine Nachfolger, doch einige versuchen den Thron an sich zu reissen. Vernichte Elrag, den momentan dominierenden Anwärter, bevor er dazu kommt. Jemand wird uns dafür sehr dankbar sein und uns die nötige Unterstützung zur Verfügung stellen. Und nun verschwinde aus meinen Augen. Ich will dich momentan nicht mehr sehen."
Sprach sie und wandte sich dann einfach Viraya zu, als ob er nicht da wäre.
"Zeig deinen Arm."
Forderte sie die Diebin fast etwas zu abrupt auf.
Der Südländer blickte die alte Heilerin an, wie diese sich Viraya zuwandte und begann, ihre Armwunde zu untersuchen. Er wollte ihr erwidern und protestieren, wollte fragen, was sie sich dabei dachte. Rache durch kühle Berechnung ersetzen? Er hätte den dritten Weg gewählt.
Aber das war nicht der Zeitpunkt, um zu protestieren. Das hatte sie ihm unmissverständlich klar gemacht. Also versuchte er die Kontrolle über sich selbst zurück zu erlangen. Er würde mit Viraya darüber sprechen. Aber vorher musste er zeigen, dass auch sein Körper auf ihn hörte. Mit zusammengebissenen Zähnen richtete er sich weiter auf. Seine Glieder fühlten sich taub an, bewegten sich nur langsam, und seine Schulter schmerzte, als ob eine dünne, sauber geschliffene Rasierklinge in ihr stecken würde. Dennoch schaffte er es. Seine Beine berührten den Boden und gerade wollte er versuchen, vollkommen aufzustehen, als sich ein Arm unter seine Schulter schob, während die andere seine Hand griff. Marie war eingetreten und half ihm, Gewicht auf seine Füße zu bringen.
„Langsam“, riet sie ihm überflüssigerweise. Er schwieg. Obwohl die Hütte klein war, fühlte es sich wie eine Ewigkeit an, in der er behutsam einen Fuß vor den anderen setzte und sich immer weiter der Tür nährte. Ihm war, als könnte er dabei die Blicke der anderen im Rücken spüren.
Als sie endlich nach draußen traten, war es schon Vormittag. Die Luft war frisch, aber eine wärmende Sonne hatte sich über dem Dorf erhoben und ließ Medin die Augen zusammen kneifen. Einen Moment verharrten sie so, bevor sie einige Schritte in Richtung des nahen Brunnens machten. Im Dorf gab es zwei davon und dieser hier am Rand war der ältere. Die alte Ummauerung des Schachts war mit Moos und Gras überwachsen, machte aber dennoch einen soliden Eindruck. Marie half ihm die Strecke bis dort hin zu überbrücken und mit jedem Schritt fühlte er sich ein kleines bisschen sicherer auf den Füßen. Schließlich half sie ihm auf dem Rand Platz zu nehmen.
„Danke für die Hilfe“, murmelte er und blickte zu ihr auf in die blass blauen Augen. In diesem Augenblick war er froh, dass sein Kopf noch betäubt war. Der Schmerz wäre sonst nur noch schlimmer gewesen.
„Ich hoffe, es war nicht umsonst“, erwiderte sie und wich seinem Blick dann aus, indem sie ihren wieder auf Irmas Hütte wandte. Sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken, ob es noch zu früh war, wieder zurückzukehren. Dann entschied sie sich trotzdem dafür, Irma bei Viraya zu assistieren. Der Paladin blickte ihr hinterher und an ihr vorbei auf die Holztür, die sie ansteuerte.
„Wie geht es der Schulter?“ Kortis war näher gekommen. Der Krieger machte einen besseren Eindruck als gestern. Speis und Trank schienen ihm ein paar Lebensgeister zurückgegeben zu haben.
„Besser, denke ich“, erwiderte Medin. „Bei dir scheinen ja Met und der Braten ihr Werk getan zu haben.“
„Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ...“ Er brach ab. Einen Augenblick lang herrschte wieder Schweigen. Seit sie aus dem Unterschlupf Andrejas geflohen waren, hatten sie nicht mehr über die Vergangenheit gesprochen oder groß nachgedacht. Alles hatte sich irgendwohin verdrängen lassen. Jetzt drängte es sich zurück; in Schüben und immer nur teilweise, aber es war da.
„Ist Viraya noch bei der Heilerin?“, wechselte Kortis das Thema.
„Ja … und es könnte sein, dass wir neue Probleme kriegen.“ Kurz schilderte Medin dem Gefährten, was eben vorgefallen war und was Irma von ihm verlangt hatte. Kortis unterbrach ihn nicht.
„Was denkst du?“, fragte er dann schließlich, als Medin geendet hatte.
„Ich denke, dass wir mit Viraya darüber sprechen müssen.“ Er rieb sich über den Verband an seiner Schulter. „Und ich denke, dass wir unsere Waffen bei uns tragen sollten. Weißt du, wo unsere Sachen sind?“
Kortis nickte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen drehte er um und ließ Medin beim Brunnen sitzen. Der atmete tief durch. Die Sonne tat gut, aber wärmen wollte sie ihn nicht.
Als Viraya erwachte, schmerzte sie alles. Irma hatte gute Arbeit geleistet, aber Viraya auch dafür bestraft, was sie ausgefressen hatte. Diese Schmerzen. Viraya hatte geschrien wie nie zuvor. Nicht unverdient, musste die Diebin zugeben. Trotzdem hatte sie erstmals genug vom lächelnden Antlitz der Heilerin. Mitten in der Nacht erhob sie sich also von ihrer Pritsche und wollte gerade Medin suchen, als sie Irmas vertraute stimme hörte.
"Du willst dich also einfach davonschleichen. Dabei habe ich noch etwas für dich."
Sie reichte ihr eine Phiole.
"Trink fünf Tage lang jeweils einen Schluck davon. Das wird dir bei der Genesung helfen."
Dann zog sie eine zweite Phiole hervor.
"Und diese kannst du Medin geben, falls du mal genug von ihm hast."
Viraya glaubte ein feines Funkeln in den Augen der Heilerin zu sehen, bedankte sich höflich, aber nicht von Herzen und machte sich auf, um Medin zu suchen.
Bereits bevor sie die Tür erreicht hatte, spürte Viraya, dass es geschneit haben musste, sie roch es in der Luft. Hier in den Bergen war es immer ein wenig anders. Sie vermochte aber nicht zu erklären was. Als sie die Tür aufschlug, musste sie trotzdem erstmals die Augen schliessen. Die funkelnden Schneekristalle überall blendeten sie. In allen Farben blitzten sie ihr entgegen: "Geh nicht mit."
Aber sie hatte sich bereits entschieden. Sie brauchte Medin und Kortis. Auch wenn sie beide nicht sonderlich gerne mochte, so war wenigstens verlass auf die beiden. Sie musste nicht jede Sekunde Angst haben, ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie waren vielleicht taktisch, aber nicht hinterhältig. Sie waren nicht unendlich machthungrig und Medin hatte einen Knacks. Wie Redsonja ihn gehabt hatte nach Silvenheim. Er nahm das mit seiner Familie verdammt hart. Nicht, dass er darüber gesprochen hätte und sie wollte ihn auch nicht fragen. Wäre ja noch besser gewesen. Aber sie schien ein Herz für emotionale Krüppel zu haben. Ging es ihr beim Anblick der glitzernden Schneekristalle durch den Kopf und plötzlich musste sie lachen. Erst dann merkte sie, dass sie gar nicht alleine war. Das halbe Dorf stand versammelt und sie stimmten einfach in ihr Lachen ein, sodass sie sich nicht bescheuert vorkommen musste. Dennoch erschrak sie, als plötzlich der Dorfvorsteher begann:
"Irma hat uns nicht rein gelassen." Sprach er. "Aber wir wollte dir danken. Dass du die Strapazen auf dich genommen hattest, obwohl du krank warst, nur um uns die Hoffnung zurück zu bringen. Aber wir wissen, dass du weiter musst. Wir wollten nur auf wiedersehen sagen."
Plötzlich wurden Hände geschüttelt, sie wurde umarmt, bekam Küsse auf die Wangen von den älteren Frauen und hielt ohne es zu merken Geschenke und Briefe in der Hand. Sie liess sich einfach treiben. Es schien so surreal, dass sie es gar nicht realisierte. Und irgendwie bewegte sie sich dennoch weg von Irmas Hütte in Richtung dem Gästehaus'. Doch bevor sie die Hütte aus den Augen verlor, drehte sie sich noch einmal zurück und es war, als würde Irma dort stehen und geheimnisvoll lächeln. Sie lächelte zurück. Als sie sich wieder umdrehte, waren die Dorfbewohner dabei sich in ihre Hütten zurück zu ziehen. Nur Damian blieb stehen. Sie wollte etwas sagen. Sich entschuldigen. Aber wo beginnen. Aber er lachte sie einfach an.
"Schon gut."
Er zwinkerte ihr zu. Er nahm ihr gar nichts übel. In diesem Moment wurde ihr klar, dass nicht er die Aussprache nötig gehabt hätte, sondern sie.
"Machs gut."
Sagte sie dann leicht traurig, aber innig.
"Du auch. Meine Frau hat dir etwas gemacht."
Er zog eine Mütze und Handschuhe hervor. Sie waren sehr sorgfältig bestickt. Das musste Wochen in Anspruch genommen haben. Aber die Winter hier oben waren lang und viel mehr gab es nicht zu tun, als Handarbeit und Holzfällen oder Schnaps brennen.
"Das ist sehr schön. Sag ihr vielen Dank. Ich habe nichts für dich."
Gestand sie dann.
"Meinst du ohne meine Frau hätte ich etwas gehabt?"
Erwiderte er dann und sie mussten beide lachen. Dieses Mal erschallte zum Glück nicht das Lachen eines halben Dorf hinter ihnen. Er umarmte sie mit einem Lächeln, ohne sie auch nur mit der Fingerspitze zu berühren und sie lächelte zurück. Dann stapfte sie weiter durch den Schnee zum Gästehaus.
Das Gasthaus des Ortes war dunkel und leer. Es war nicht die Jahreszeit für Besucher. Ein kleines Feuer brannte in der Feuerstelle in der Mitte des Raumes und warf die langen Schatten der beiden Männer, die daran saßen, auf die Holzdielen hinter ihnen. Die Flammen flackerten, als die Tür sich öffnete und ein Luftzug den Raum erfasste. Die beiden Männer blickten kurz auf.
Sie waren nicht überrascht, als sie Viraya eintreten saßen. Vom Fenster aus hatte Medin die Ansammlung draußen beobachtet, die sich nach der Nachricht über das Erwachen der vermeintlichen Wohltäterin gebildet hatte. Zwei Tage lang hatte sie unter der Wirkung von Irmas Tränken geschlafen, um ihre Verletzung heilen zu können und auch Medin hatten diese Tage der Ruhe gut getan. Damian und die anderen hatten sich gut um ihre Gäste gekümmert, obwohl zwischen ihnen keinerlei Vertrauensbasis herrschte. Die Bekanntschaft mit Viraya war es, die alle hier zusammen gebracht hatte und das genügte für den Augenblick. Dennoch wurde es langsam Zeit, diese Bekanntschaft neu zu definieren.
Kortis und Medin rutschten ein bisschen zur Seite, als Viraya näher zum Feuer kam, um ihr Platz zu machen.
„Wir dachten schon, Irma lässt dich gar nicht mehr aufwachen“, begrüßte Medin sie, während er ihren Stand musterte. „Wie fühlst du dich?“
„Es ist noch etwas Suppe da“, bemerkte Kortis und wies auf den kleinen Kessel, der über dem niedrigen Feuer hing, um das Essen warm zu halten. Eine leere Schale war auch in Griffweite.
Viraya nahm eine grosse Kelle der Suppe, sie hatte Hunger. Begann hastig zu Essen, stellte aber schnell fest, dass sich die Sättigung wieder einsetzte. Ihr Magen musste geschrumpft sein in den letzten Tagen. Sie ass also langsamer und antwortete:
"Ganz gut." Sie schaute die beiden an. "Gut genug, um morgen aufzubrechen. Vorher sollten wir aber noch unsere Vorräte auffüllen."
"Darum hat sich wohl schon jemand gekümmert." Bemerkte Kortis und deutete auf die Frau, die in der Tür stand. In der Hand hielt sie ein dickes Bündel. Sie lächelte etwas verlegen. Sie beschlossen also am nächsten Morgen aufzubrechen und Viraya freute sich auf eine erholsame Nacht. Reden würden sie unterwegs, dort wo ihnen weder Augen, noch Ohren folgten.
Das Trio war am frühen Morgen aufgebrochen, nicht ohne noch einmal einen warmen, wenn auch nicht überschwänglichen Abschied zu erleben. Während Kortis und Medin mit distanzierter Freundlichkeit behandelt wurden, erfuhr Viraya noch einmal die Zuneigung, die die Dorfgemeinschaft als Kollektiv für sie zu empfinden schien. Glück, Sicherheit und eine baldige Rückkehr wurden ihr gewünscht, während alle drei ein einfaches, aber dafür gut gefülltes Proviantpaket bekamen und die Pferde neu beschlagen wurden. Außerdem bekam jeder von ihnen noch einen langen, reitertauglichen Mantel, der in dem zu erwartenden bergigeren Gelände sowohl vor Wind und Wetter beim Reisen schützen, als auch die Nächte erträglicher machen sollte.
Inzwischen war es zeitiger Nachmittag und die drei Reisegefährten ritten ihre Tiere hintereinander durch eine karger werdende Landschaft. Der fruchtbare Boden der Ebene war längst etwas steinigeren Untergrund gewichen und obwohl auch hier noch Baum- und Strauchvegetation vorherrschte, stießen sie immer weiter in das langsam höher werdende Gebirge vor.
Mit jedem Schritt seines Pferdes dachte Medin nach, obwohl er versuchte nicht über die letzten Wochen, die hinter ihm lagen, nachzudenken. Der Schock der Gewissheit, mit dem ihm Andreja konfrontiert hatte, lag immer noch schwer auf ihm. Vor zwei Nächten hatte er sich einige Stunden mit Marie unterhalten. Sie hatten im Dorfhaus in einer dunkleren Ecke gesessen und einfach etwas geredet. Es waren eher oberflächlichere, belanglose Dinge gewesen. Ernte, Tiere, Irma, wo man so her kam. Marie war Ende zwanzig, ihr früherer Ehemann vor einigen Jahren, als eine Söldnerbande durchs Land gezogen war, auf der Jagd verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Seitdem half sie vor allem bei Irma. Mehr hatte sie nicht preisgegeben, obwohl Medin das Gefühl hatte dass sie noch mehr zu erzählen gehabt hätte. Aber er hatte ihr ebenso wenig konkretes erzählt und es einfach nur ein wenig genossen zu reden. Er war noch nicht bereit zurück zu blicken. Für ihn konnte nur der Weg nach vorne heilsam sein.
Aber der war unsicher und da sie nun schon weit genug von dem Dorf entfernt waren, um langsam Pläne machen zu können, wandte er sich im Sattel um zu Virayas Pferd, das größtenteils seinem folgte.
„Dieser Pfad führt über kurz oder lang zu den Pässen in Richtung Usa, also müssen wir uns bald entscheiden, ob das unser Ziel ist. Hast du vor, Attentäterin für eine alte, verbitterte Frau zu werden?“, fragte er sie direkt heraus und beendete die Einsilbigkeit, die seit dem Aufbruch geherrscht hatte. Ohne Anrede, ohne sie für das Thema vorzubereiten. Aber er war sich sicher, dass ihnen alle drei diese Fragen seit Stunden durch die Köpfe gingen.
Ja, es war an der Zeit zu entscheiden und Viraya hatte das schon getan.
«Ich habe mir die Optionen überlegt. Entweder wir haben nur Syvers Anhänger hinter uns her oder du hast jene von ihm und von Andreja im Nacken. Vielleicht würde uns auch die Flucht aufs Festland oder nach Argaan gelingen. Vielleicht auch auf eine unbekannte Insel. Die Chance ist aber, dass wir uns damit nur etwas Zeit verschaffen. Ich hingegen habe die Freiheit gerochen und möchte endlich wirklich frei sein. Als Assassine bin ich das allerdings nicht.» Die beiden Begleiter schienen ihr zuzustimmen.
«Aber. Wir sind auch nicht einfach Irmas Assassinen. Wir werden nach Usa gehen. Dort schauen wir uns die Situation und Elrag an und entscheiden uns für das, was wir für das Richtige halten. Falls wir uns einigen können. Das müssen wir allerdings, denn wenn wir zwei uns dafür entscheiden dir zu helfen, dann werden wir ebenfalls belangt werden, falls das Vorhaben fehlt schlägt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich am eigenen Leib erfahren möchte, wie weit Andrejas Finger wirklich gereicht haben.»
Während sie sprach wurde ihr plötzlich bewusst in was sie sich da wieder reingeritten hatte. Aber es war zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Alleine weiter zu ziehen war keine Option. Kortis und Medin konnte sie wenigstens vertrauen, obwohl sie manchmal komisches Zeugs von sich gaben. Gewisse Ansichten waren einfach zu fest auf Glaubend basierend. Obwohl Medin auf gesunde Art und Weise etwas davon abgekommen war. Dennoch stach es immer wieder hervor.
Medin blies hörbar Luft aus – fast wie das Pferd, auf dem er saß. Ihm gefiel die ganze Sache vorne und hinten nicht. Er hatte keine Lust sich in die Machtpolitik irgendeines wankenden Fürstentums einzumischen. Ebenso wenig wollte er sich zum Handlanger für eine Kräuterhexe und ihre Kontakte machen lassen. Darüber hinaus schätzte er die Reichweite ihrer Verfolger als nicht so weitreichend ein wie das Viraya zu tun schien. Nach Andrejas Tod war das Netzwerk geschwächt und zwischen verschiedenen Fraktionen zerrissen. Eine gute Gelegenheit sich einfach aus dem Staub zu machen.
Dennoch, und da gab er Viraya recht, war der direkte Weg zurück nach Gorthar und von dort aus weiter wohl zu riskant. Vielleicht erkannte man dort ihre Pferde oder gar Gesichter. Der Weg in die andere Richtung würde es Verfolgern schwerer machen und eine Rückreise im Endeffekt erleichtern.
„Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich bin dankbar für eure Gesellschaft, aber ihr helft mir bei nichts“, wandte er sich an die anderen beiden. „Ich habe nicht die Absicht nach den Spielregeln Irmas zu spielen und mich in einen Nachfolgekrieg einzumischen. Allerdings denke ich auch, dass der Weg nach Usa eine gute Gelegenheit ist unsere Spur zu verwischen. Es ist eine Hafenstadt, also kann man von dort auch weiter reisen. Von daher sollten wir dort hin reisen und die Situation dann vor Ort neu bewerten. Bei all deiner Loyalität zu Irma, Viraya, lass dir aber gesagt sein, dass ich nicht für ihr Gutdünken Menschen aus dem Weg schaffen werde. Andreja war etwas persönliches, aber darüber hinaus verbindet mich nichts mit diesen Interessen.“
Viraya nickte. Sie wusste, dass Medin eine starke Meinung besass und es machte keinen Sinn dagegen anzureden, bevor sie die Situation kannte.
Sie liess Kortis mit Medin weiter diskutieren und konzentriere sich darauf im erst steinigeren und dann bergigen Gelände nicht vom Pferd zu fallen. Sie hatte zwar grosse Fortschritte gemacht beim Reiten, brauchte jedoch immer noch sehr viel Konzentration, um nicht vom Rücken des Tiers zu fallen. Als dann auch noch immer tieferer Schnee lag, stieg sie irgendwann ab und stapfte bis zum Pass voran.
Endlich hatten sie den Pass erreicht, Viraya streckte die Arme aus und drehte sich ein halbes Mal um die eigene Achse. Obwohl die Pferde das Gepäck trugen, war sie sehr erschöpft. Aber der Ausblick entschädigte sie für alles. Auch dafür, dass ihre Stiefel schon lange vom schmelzenden Schnee durchnässt waren. Der Himmel war blauer als blau, kein Wölkchen hatte sich hinein geschlichen.
Am Pass gab es tatsächlich noch eine Schutzhütte. Sie öffnete die Tür vorsichtig. Sie knarrte. Ein fahler Lichtschein fiel in das innere der notdürftig gezimmerten und leicht beschädigten Hütte. Keiner schien sie in letzter Zeit gewartet zu haben. Vielleicht wegen des Handels, der immer mehr versiegte seit die Ränkeleien um die Macht in Usa begonnen hatten. Den Leichnam eines Mannes hatte sie dennoch nicht erwartet in der Hütte. Es stank nicht, er war einfach gefroren. Vor ihm lag Erbrochenes. Er war nach den Kleidern zu urteilen ein Händler, der eine Wunde am Kopf aufwies. Nur ein Brief und ein winziges, verschnürtes Paket lagen auf dem Tisch. Beides war blutverschmiert. Viraya liess die anderen beiden den Mann begutachten und griff dann nach dem Brief. Oben rechts war eine Adresse gekritzelt. Darunter stand ein in zittriger Schrift gekraxelter, langer Text, den Viraya leise uns sehr langsam vorzulesen begann:
«Liebste Emma
Wenn du diese Zeilen liest, dann lebe ich nicht mehr. Wisse aber, dass meine allerletzten Gedanken bei dir sind. Es gibt so viel zu erzählen. Ich habe viel gesehen im Norden. Einiges davon hätte dir sehr gut gefallen und den Kindern auch. Ich habe Saatgut für dich mitgebracht. Du wirst die Blumen und Kräuter, die daraus spriessen werden lieben. Ich weiss genau, dass sie nirgendwo so gut aufgehoben sind wie in deinem Garten. Der Gedanke daran lässt mich in meinen letzten Stunden doch noch lächeln. Ich weiss wie du jeden einzelnen Samen in die Erde drücken wirst. Wie sich die Erde unter deine Fingernägel schieben wird und wie du sie vorsichtig reinigst, ehe du mich begrüsst, wenn ich nach Hause komme. Du wolltest nie meine Kleidung verschmutzen.
Wie schön, wie tröstlich ist es doch in Erinnerungen zu schwelgen, doch möchte ich nicht, dass du in Unwissenheit über meinen Tod verbleibst. Du sollst ruhen können in der Nacht. Ich wurde von Banditen überfallen. Natürlich gab ich ihnen meine ganze Ware, trotzdem und gegen ihr Versprechen, schlug mich einer von ihnen zum Schluss mit einem harten Gegenstand nieder. Mir wurde schwarz vor Augen, doch irgendwann erwachte ich wieder. Einer meiner Finger war zu diesem Zeitpunkt bereits abgefroren und meine Zehen taub. Mir war sehr kalt, doch ich schleppte mich weiter. Immer dich und die Kinder vor Augen. Bis ich schlussendlich am Ende meiner Kräfte die Schutzhütte auf dem Gurgolpass erreichte. Hier setzte ich mich hin und weiss nun, dass ich mich nie mehr erheben werde. Der Kopf schmerzt zu sehr und mir ist kalt. Glaube nicht, dass ich zu früh aufgegeben habe, doch ich werde es nicht schaffen. Zu viel Blut habe ich schon verloren.»
Nun wurde es schwieriger die Schrift zu entziffern, es schien als wäre die Tinte langsam aufgebraucht gewesen. Immer wieder waren Striche mehrmals gezogen worden.
«Meine Lebenskräfte schwinden und ich kann nur hoffen, dass irgendjemand diese Nachricht überbringen wird. Das tröstet mich irgendwie. Es ist eine letzte Bindung zu dir. Wisse, dass ich dich von ganzem Herzen liebe, dass du die beste Frau bist, die ich mir wünschen konnte. Die Aussicht nie mehr in deinen Armen zu liegen schmerzt mehr als alles andere. Auch dass ich Ninett nie mehr aus der Schule nach Hause kommen sehen werde, erfüllt mich mit tiefer Trauer. Du warst treu und loyal und geduldig. Aber auch stark und unbeugsam. Du bist eine jener stillen Kämpferinnen. Das erfasst mich mit Zuversicht.
Küsse die Kinder von mir und fühle dich innigst umarmt.
Dein Beno»
Mit der rechten Hand untersuchte Medin den Körper des Toten, während er mit der Linken auf einem Kanten harten Brot herum kaute. Er hatte schon zu viele Schlachtfelder gesehen, um sich von so einem Anblick den Appetit nach dem beschwerlichen Aufstieg verderben zu lassen, zumal es sich hier um einen vergleichsweise sauberen Fund handelte. Nur etwas getrocknete Blut und gefrorenes Erbrochenes. Solange er seine Hände nicht verwechselte war alles in Ordnung.
Die Kopfwunde an sich sah gar nicht so schlimm aus. Die Schädeldecke schien nicht gebrochen und eine Versorgung der oberflächlichen Verletzung wäre vergleichsweise einfach gewesen. Unter normalen Umständen wäre der Händler wahrscheinlich nicht ums Leben gekommen. Aber das Trauma in Kombination mit den Erfrierungen hatten ihn so viel Kraft gekostet, dass er den Abstieg auf der anderen Passseite nicht mehr geschafft hatte. Ein gutes Beispiel dafür, dass unter widrigen Bedingungen selbst eine einfache Verletzung zum Tod führen könnte.
Nachdenklich schob sich Medin den letzten Bissen Brot in den Mund. Vielleicht sollte er doch etwas vorsichtiger sein.
„Beno“, meinte der Paladin kurz, nachdem Viraya ihm von dem Inhalt des Briefes berichtet hatte, und blickte wieder zu dem Leichnam. Wie viele Tage saß er schon regungslos hier, einfach weggeschlafen? Irgendwo in Usa wartete eine liebende Familie auf seine Rückkehr, vielleicht bereits krank vor Sorge und Ungewissheit. Besonders Ungewissheit. In der Hütte wurde es noch ein wenig kälter.
Der Streiter ging in die Knie und betastete die Gliedmaßen des reglosen Körpers. Sie waren relativ steif gefroren, aber immer noch etwas beweglich. Entgegen des verbreiteten Bildes von Händlern war der Mann zum Zeitpunkt seines Todes auch keineswegs sehr übergewichtig gewesen. Vorsichtig griff Medin einen Arm und streckte ihn nach vorne aus. Dann griff er auch den zweiten und versuchte den Körper etwas aufzurichten.
„Hilf mir mal“, meinte er zu Kortis. Der Kämpfer schien zu verstehen und gemeinsam schafften sie es den Leichnam auf Medins Schultern zu hieven. Er war doch schwerer als gedacht, als sie ihn versuchten durch die Tür der Schutzhütte zu bugsieren.
Draußen warteten ihre Pferde. Während Kortis die Zügel von Medins Pferd hielt, legte dieser den Körper des Toten vorsichtig vor den Sattel. Das Leder knarrte unter der neuen Last in der kalten Bergluft, aber das Tier blieb ruhig. Behutsam wurde der Körper mit einen Seil am Sattel festgebunden.
„Wie weit willst du ihn tragen?“, fragte Kortis und auch Viraya, die ihm aus der Hütte gefolgt war, schien das zu interessieren.
Medin antwortete nicht sofort. Stattdessen genoss er für einen Moment den Ausblick und dachte nach. Vom Pass aus konnten sie weit in das nächste Hochtal hinein sehen. Das erste, blasse Grün lag schon auf den Hängen, die an einer Seite immer steiler werdend schließlich zu noch schneebedeckten Gipfeln aufstiegen, hinter denen noch höhere Gipfel zu sehen war. Die Sicht war perfekt, das Wetter trotz der Kälte wohlwollend.
„Ich will ihn nicht einfach so hier lassen, aber bis Usa können wir ihn nicht mitnehmen“, antwortete er dann. „Es ist erst zeitiger Nachmittag. Wenn wir bis zur Dunkelheit absteigen, werden wir einen Lagerplatz finden, der auch für die Pferde gut ist. In der Nacht wird ihn die Kälte konservieren und morgen finden wir dann einen Platz um ihn ordentlich zu beerdigen. Ihr müsst auch nicht mit graben, nur eine Nacht neben einem Toten schlafen.“
Obwohl ohnehin einer von ihnen beständig Wacht halten würde – und das nicht nur um Wölfe oder andere Tiere vom Leichnam und den Pferden fernzuhalten. Neben all der Tragik hatte das Schicksal des Händlers Beno sie auch noch etwas gelehrt: Hier gab es Banditen.
Ein kleiner Bach mit klarem Gebirgswasser plätscherte unweit ihres Lagerplatzes durch seine Flutrinne, die davon zeugte dass die Schneeschmelze auf den Gipfeln noch Potential für sehr viel mehr Wasser besaß. Der Frühling war hier oben auch noch nicht so recht in Gang gekommen. Dennoch hatten sie eine flache, relativ trockene Wiese mit kurzem Gras und ersten Gebirgsblumen schon einige hundert Meter unter dem Pass gefunden, um die Nacht zu verbringen. Im Sommer trieben vielleicht einige Hirten ihre Rinder und Schafe zum weiden hier herauf. Diesen Sommer würden sie eine kleine Veränderung feststellen.
Seit den frühen Morgenstunden hatte Medin gegraben. Der Boden war nur leicht gefroren gewesen und nachdem er es durch die Grasnabe geschafft hatte, war er einfacher voran gekommen. Inzwischen schickte die Sonne die ersten Strahlen über die Berggipfel und verdrängte die Schatten immer weiter aus der Talsohle. Benos Leichnam war wieder mit Erde bedeckt und ein kleiner Haufen Steine darüber angelegt, um Tiere vom Graben abzuhalten.
Dann kniete sich der Paladin hin um kurz zu beten. Sein geweihter Einhänder lag noch in der Scheide flach vor ihm auf dem Boden und ohne ihm bewusst Beachtung zu schenken, strichen seine Finger gedankenverloren über den Knauf. Er murmelte ein paar Worte über Innos und dass er Benos Seele mit in sein Reich geleiten solle, aber auch darüber dachte er nicht richtig nach. Die Worte wirkten eher wie ein Mantra der Meditation, während seine Augen geschlossen waren und sich auf die Flamme in seinem Herzen zu konzentrieren versuchten. In den letzten Wochen war es schwer geworden innere Wärme zu spüren, aber gerade hier oben in der kalten Bergwelt schien es ihm wieder etwas leichter zu fallen. Er hatte ein bisschen das Gefühl entrückt zu sein und eine neue Welt zu betreten. Als ob er mit der Überquerung des Passes auch einen schmerzhaften Teil seines alten Lebens zurücklassen konnte. Er wusste, dass das nicht stimmte, aber die Vorstellung half ihm. Und auch sich um das Grab eines unbekannten Händlers kümmern zu können hatte geholfen. Den letzten Brief Benos zu dessen Familie bringen zu können barg die Aussicht, wenigstens ein wenig des Schmerzes, den er selbst empfand, teilen zu können. Es war irrational, aber hier in diesem Augenblick in dem Hochtal mit dem plätschernden Bach hatte er das Gefühl, es könne ihm helfen.
Er kniete nicht lange vor dem frischen Grab. Nach einigen Momenten griff er sein Schwert, erhob sich wieder und wandte sich zu den anderen um. Er war bereit zum Aufbruch.
Viraya gähnte, während Medin seine Arbeit verrichtete. Sie war sehr müde, denn sie hatte neben dem Toten keinen Schlaf gefunden gehabt. Warum wusste sie selbst nicht. Es war schliesslich nicht das erste Mal, dass sie neben einem Toten lag. Dennoch die Geschichte beschäftigte sie. Ging es um die Familie, die sie nie haben würde. Es war keine Frage. Sie wusste es einfache. Aber warum gerade jetzt? War sie so verletzlich dadurch geworden, dass sie den beiden Männern an ihrer Seite einen gewissen Zugang zu sich selbst gewährt hatte? Gedankenverloren tauchte sie ihren Finger in die rote Paste, die sie immer bei sich trug und strich das Rot auf die Lippen. Niemand würde es sehen, aber es war wie ein Schutzschild und eine Erinnerung an Darla, ihre Schwester im Herzen. Die einzige Person, der sie mehr oder weniger bedingungslos vertraute. Ob sie noch lebte oder hatte Andreja sie auch geholt?
Ihre Begleiter waren schon parat. Also schnürte sie ebenfalls ihr Pferd los und wollte sich gedankenverloren in den Sattel schwingen. Dies klappte allerdings ganz und gar nicht sie verfing sich im Bügel, glitt aus und knallte mittelmässig elegant auf den Boden. Ein paar dezente Flüche murmelnd, versuchte sie wenige Augenblicke später erneut ihr Glück und da sie sich dieses Mal darauf konzentrierte klappte es auch. Kortis hatte ein schelmisches Funkeln in den Augen.
"Kein Wort."
Zischte sie hingegen und gab dem Pferd sanft die Sporen, denn sie wollte nicht gleich nochmals abgeworfen werden. Das wäre dann doch zu viel für ihren Stolz gewesen in zu kurzer Zeit. Sie ritten also dahin, bis die Dämmerung erneut anbrach. Manchmal sprachen sie, oft schwiegen sie.
"Da wäre ein guter Lagerplatz."
Schlug Viraya vor, die inzwischen viel von ihren Begleitern über die Wildnis gelernt hatte. Sie waren in der Nähe eines Bachs, gut geschützt, aber nicht so nahe, dass sie nass wurden, wenn es plötzlich zu regnen begann. Das Plätschtern gefiel ihr zudem. Viraya machte sich sogleich dran Holz zu suchen. Später assen sie von ihren Vorräten, stellten aber fest, dass sie diese bald auffüllen müssten und dann sassen sie am Lagerfeuer zusammen.
"Und wie geht es dir?"
Wollte Viraya irgendwann von Medin wissen.
Stumm hatte Medin auf einem trockenen Kanten Brot herum gekaut, bis Viraya ihm die Frage gestellt hatte. An sich war es eine einfache Frage, doch der Kontext machte sie weit tiefgehender als die bloße Anzahl an Wörtern vermuten ließ. Wenn jemand nach wochenlangem gemeinsamen Reisen und kämpfen, nachdem man beinahe jede Stunde des Tages irgendwie zusammen verbrachte und organisierte, fragte wie es einem ging, dann wollte er mehr hören als „gut“ oder „ist ein wenig frisch hier“.
„Unterwegs sein hilft“, antworte Medin nachdem er das Brot herunter geschluckt hatte. Sein Blick ruhte in den Flammen vor ihm.
„Ich frage mich manchmal, ob es ein Fehler war meine Familie zurück zu lassen“, fuhr er nach einer kurzen Pause, nach der man hätte meinen können er wollte es bei dieser Antwort belassen, fort. „Nach unserer Flucht aus Quasar dachte ich, dass es sicherer wäre wenn sie mir nicht nach Argaan folgen. Vielleicht stimmte das auch in Bezug auf unsere anderen Feinde dort, aber ich habe die Rechnung wohl ohne Andreja gemacht. Wie dem auch sei, ich werde nie wissen ob die Alternative besser gewesen wäre. Ich kann nur versuchen, dem ganzen einen Sinn zu geben. Das wird noch eine Weile dauern.“
Der Paladin zog den Kragen seines Mantels ein wenig enger. Die Kälte der Nacht kroch immer näher an ihr Lagerfeuer heran.
„Was ist mit dir?“, gab er dann die Frage zurück zu Viraya. „Ich weiß nur wenig über deine oder Redsonjas Verstrickungen mit Andreja und das ist wahrscheinlich auch besser so … aber wie fühlst du dich damit?“
Sie hatte es gewusst, welche Gefahr eine solche Frage mit sich brachte, denn unangenehme Fragen pflegten augenblicklich zurück zu kehren. Andererseits, hatte sie dadurch Zeit gehabt sich die Antwort zu überlegen.
«Leer.»
Sie schluckte.
«Meine Mutter ist gestorben, mein Vater, beide durch meine eigene Hand und nun auch noch Andreja. Die Person, die ich am meisten geliebt und gehasst habe in meinem Leben. Wenn ich nach Gefühlen fische, dann ist da einfach ein dunkles, unfassbares Nichts. Ich dachte mit den Jahren würde sich dies ändern, aber bisher ist nichts passiert.»
Sie blickte Medin direkt an. Die Antwort war zwar vorbereitet gewesen, aber man hätte vermuten können, dass es sich um die Wahrheit handelte. Wobei man bei Viraya nie hundert Prozent sicher sein konnte.
«Anders bei Redsonja. Zuerst habe ich auf sie gesetzt. Als Zuchtpferd, als Kämpferin, die ich im Notfall für mich in die Presche springen lasse. Sie war meine Geheimwaffe. Eine gute, in ihrer Unberechenbarkeit, doch berechenbare Klinge, scharf, schnell, klever und mit einer seltsamen Eleganz. Manchmal, wenn ich ihr zugeschaut habe, dann konnte ich einfach nur staunen. Sie bedeutete Leben. Sie hatte keine Angst verletzt zu werden, hat selten die Konsequenzen in betracht gezogen, sondern von Moment zu Moment gelebt und überlebt. Dabei ist sie der ehrlichste Mensch, den ich kenne.»
Viraya verfolgte Medins Minenspiel und war sich sicher, dass er das nicht unterschreiben würde.
«Weisst du.» Nun lächelte Viraya schräg. «Irgendwann, ich weiss nicht mehr wann, habe ich mich einfach in sie verliebt. Sie hatte mich erwischt, nicht ich sie. Von da weg habe ich begonnen über sie zu wachen. Und sie weiss nicht einmal etwas davon, dass sie das mit mir getan hat.»
Er konnte das forschende in ihrem Blick sehen, während sie ihm antwortete. Nein, Redsonja hätte er definitiv nicht als den ehrlichsten Menschen, den er kannte, bezeichnet. Ihr Opportunismus war die Wurzel einiger von Medins Problemen gewesen, auch wenn diese nun inzwischen sehr weit weg und vergangen erschienen.
„Vielleicht solltest du dafür sorgen, dass sie es erfährt“, antwortete er nach einer kurzen Pause, ohne den Blick von dem Flammen zu nehmen. „Kommt natürlich darauf an, ob du willst dass sie es erfährt … möglicherweise fragst du dich aber auch eines Tages, was gewesen wäre wenn du es ihr erzählt hättest.“
Inzwischen hatte er seine Brotration für heute verzehrt und obwohl sein Magen noch etwas mehr vertragen hätte wusste er, dass sie sparsam mit dem Vorräten sein mussten. Wer wusste, wann sie das nächste Mal etwas finden würden.
„Was ist mit dir, Kortis?“, fragte Medin dann weiter, als Viraya nicht sogleich reagierte. Sie schien über das gesagte auf ihre eigene Art nachzudenken und Kortis hatte bisher die ganze Zeit geschwiegen. Der Krieger blickte auf.
„Ich bin froh diese Tortur hinter mir gelassen zu haben.“ Seine Stimme war fest, die Antwort ließ keinen Zweifel. „Andreja oder irgendeiner anderen Person da weine ich keine Träne nach und ich denke nach wie vor, dass es keine gute Idee ist mit der nächsten Intrigenspinnerin einen Pakt einzugehen … ja, ich weiß dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind.“ Nun wurde seine Stimme etwas unsicherer. „Auch ich frage mich, ob ich etwas hätte anders machen und ändern können. War ich wachsam genug, als sie kamen? Lieber wäre ich auch in Gorthar gestorben, als dieser Bande von Mördern in die Hände zu fallen, aber ich habe überlebt, während eure Familie ...“ Er brach ab. Bedauern lag in seine Stimme, distanziert, aber ehrlich. Er war Medin zu nichts verpflichtet gewesen. Das gemeinsame Versteck nach der Flucht aus Quasar war eher ein Zweckbündnis gewesen denn eines aus Loyalität, aber es hatte doch eine Verbindung geschaffen. Ein bisschen schien Kortis die Wunde Medins zu teilen.
„In den letzten Wochen vor dem Vorfall habe ich Gerüchte aus meiner Heimat gehört“, fuhr Kortis fort. „Von Krieg und Tod. Ein Händler meinte meine Brüder seien gefallen … ich weiß es nicht. Genauso wenig weiß ich, wo ich hin soll – ich meine, nachdem wir diese Sache hier geklärt haben. In meiner Heimat wartet der Tod auf mich, aber er scheint mir auch fernab von dort auf Schritt und Tritt zu folgen. Also ja, Leere trifft es ganz gut“, schloss er.
Stille kehrte wieder am Lagerfeuer ein. Die Flammen hatten ebenso wie ihre Gäste schon einen guten Teil ihrer Ration verzehrt, doch ein aufkommender Windhauch fachte sie noch einmal heller an. Der orange Schein spiegelte sich in den Augen der drei ungleichen Gefährten, die doch miteinander verbunden waren, wider. Irgendwo in der ferne heulte ein Wolf. Die Pferde spitzten ihre Ohren, blieben aber ruhig.
„Ich übernehme die erste Wache“, meinte Medin schließlich nach einer Weile und zog seinen abgeschnallten Schwertgurt näher zu sich.
Viraya rollte sich ohne ein weiteres Wort zu sagen auf dem Boden aus, zog die Decke über sich und bemerkte, wie ein Stein ihr ins Kreuz drückte. So unterwegs zu sein war wahrlich nicht das Komfortabelste, was sie je erlebt hatte, aber sie beklagte sich nicht. Es brachte sowieso nichts. Aber sie freute sich, dass sie laut Karte in der kommenden Nacht das nächste Dorf erreicht haben sollten. Und das obwohl sie gewarnt worden waren, dass die Bewohner dieser Hochebene sehr wild und feindlich allem Fremden gegenüber waren. Trotz der Vorfreude hatte Viraya einen unruhigen Schlaf. Immer wieder dämmerte sie weg, doch wachte sie ein gutes Stück vor ihrer Schicht auf. Irgendwann erhob sie sich und setzte sich neben Medin.
"Ich habe darüber nachgedacht. Und es gibt nichts zu sagen zu Redsonja. Das ist ja das Schöne. Wir verstehen uns, ohne viele Worte." Sie lächelte. "Ich werde immer auf meine Art und Weise über sie wachen. Mehr nicht, denn dies ist eine andere Art Liebe, als du sie wahrscheinlich kennst. Aber zu mehr bin ich nicht fähig."
Der nächste Tag blieb relativ ereignislos. Sie hatten das Tal inzwischen verlassen und waren in ein breiteres, tieferes mit einem vom Schmelzwasser angeschwollenen Fluss in seiner Sohle abgestiegen, um auf diesem Wege schneller in Richtung Usa gelangen zu können. Medin saß den ganzen Tag etwas müde im Sattel. Nach ihrer Unterhaltung am abendlichen Feuer letzte Nacht hatte er keinen sehr erholsamen Schlaf mehr gefunden. Es lag nicht an Virayas Antwort. Der Paladin hatte diese unkommentiert akzeptiert. Jeder hatte schließlich seine eigene Methode mit bestimmten Sachen umzugehen. Wenn Viraya meinte, dass sie mit ihrer zufrieden war, wer war er dies in Frage zu stellen? Und dennoch hatten ihre und Kortis' Gedanken auch seine Gedanken wieder ins Rollen gebracht. Daher wirkte er auch tagsüber die größte Zeit abwesend. Viel Aufmerksamkeit erforderte die Reise nicht.
Das änderte sich gegen Abend, als sie in der Wiesenlandschaft der Hochebene in einiger Entfernung das erwartete Dorf erspähten. Schon seit einigen Stunden hatte die Umgebung Zeichen von Besiedlung und wirtschaftlicher Nutzung offenbart. Ein paar verlassene Heuschober, Weidezäune und die Tatsache, dass sich der Trampelpfad zu einem breiteren Feldweg entwickelt hatte, der gelegentlich nicht nur von Weidevieh, sondern auch von dem ein oder anderen Karren genutzt wurde. Dennoch waren sie auf dem Weg keiner einzigen Menschenseele begegnet und schienen auch nicht beobachtet worden zu sein. Erst als sie sich dem Dorf auf Sichtweite genährt hatten, war Leben auf den umliegenden Felder auszumachen. Doch jede Person, die sie sahen, blieb außer Rufweite und schien angespannt abzuwarten, welchen Weg die Gruppe einschlug. Sie blieben auf dem Feldweg und erreichten bald den Eingang zum Dorf, das komplett von einer Palisade umschlossen zu sein schien. Das Tor war verschlossen.
„Sieht nicht sehr einladend aus“, kommentierte Medin die Szenerie, als sie ihre Pferde etwa dreißig Schritte vor dem Tor zum Stehen brachten.
„Es scheinen unruhige Zeiten zu sein“, antwortete Kortis und strich seinem Pferd zur Beruhigung über den Hals. „Aber eine wachsame Nacht dürfte nicht schaden. Mit frischen Vorräten sollten wir auch schneller nach Usa kommen.“
Medin nickte. Wenn sie schon durch diese Hochebene reisen mussten, dann war es ohnehin besser mit ihren Bewohnern Bekanntschaft zu machen, anstatt argwöhnisch beobachtet und später vielleicht auch angefeindet zu werden.
„Heda, ist jemand da?“, rief er daher zum Tor. „Ihr habt Reisende vor den Toren.“
Gemurmel machte sich breit hinter dem Tor. Gemurmel in einer Sprache, die Viraya nicht verstand. Sie blickte Medin an. Er schüttelte den Kopf. Kortis verneinte ebenfalls. Das Gemurmel schwoll zu aufgeregtem Geschnatter an und endete dann mit einem Satz, der sehr bestimmt gesprochen war. Eine Frau mit sehr tiefer und kräftiger Stimme musste das gewesen sein. Als sich das Tor dennoch nicht rührte und es trotzdem still blieb, versuchte es auch noch Viraya.
"Wir wollen nur unsere Vorräte auffüllen."
Dieses Mal blieb es ruhig. Sie untersuchte gerade mit Blicken das Tor, als Kortis sachte ihren Arm anstubste und auf die Pallisade deutete. Dort war wenn man sehr genau hinschaute ein Schopf zu erkennen und nicht nur dort schienen Augen paare sie zu beobachten, sondern von allen Seiten. Viraya fühlte sich etwas ausgestellt und auch komisch, denn für einmal wusste sie nicht, wie ihre Reaktion, ihre Gestik, ihre Mimik interpretiert werden würde.
Dann erhob sich etwas abseits von ihnen eine hagere, aber sehr bestimmt wirkende Frau und deutete mit den Händen an, dass sie verschwinden sollen. Es war nichts bedrohliches dabei in ihrer Gestik, dennoch schien es als wären sie nicht erwünscht. Trotzdem wartete die Frau auf die Reaktion und verschwand nicht einfach wieder, denn irgendetwas schien ihr Interesse geweckt zu haben.
"Wir brauchen dringend Vorräte."
Murmelte Viraya. Aber etwas stimmt hier nicht.
Medin war sich nicht sicher, ob die Frau sie überhaupt verstanden hatte. Ihm war aber auch keine Sprache geläufig, auf der er hätte versuchen können Kontakt aufzunehmen. Zumindest nicht verbal. Daher wandte er sich etwas im Sattel um, öffnete die linke Tasche und holte ein leeres Tuch hervor, in das bis vor wenigen Tagen noch etwas Brot eingewickelt gewesen war. Dann deutete er mit den Händen an einen symbolischen Bissen zum Mund zu führen.
„Vorräte und Wasser“, rief er der Frau auf der Palisade zu und unterstrich die zweite Aussage noch, indem er seinen Wasserschlauch, der ebenfalls vom Sattel hing, in die Höhe hielt.
„Wir können auch bezahlen“, fügte Kortis hinzu und schlug seinen Mantel mit dem Arm zurück. Neben dem Griff seines Schwertes kam auch sein Geldbeutel, der am Gürtel befestigt war, zum Vorschein.
Die Frau auf der Palisade musterte die beiden einige Augenblicke und Medin dachte schon, dass sie sich jetzt ziemlich lächerlich gemacht hätten, wenn diese Frau doch ihre Sprache verstand. Ob es so war konnte er nicht erkennen, doch nach einigen Momenten rief die Frau etwas in einer fremden Sprache hinter der Palisade hinunter und verschwand dann einfach. Die drei Reiter blickten sich fragend an.
„Wenn wir sparen reichen unsere Vorräte vielleicht bis ...“, wollte Medin gerade vorschlagen vielleicht doch weiter zu reiten, als auf einmal Bewegung in das Tor kam. Lautstark wurde ein Balken zurück geschoben und sofort danach schoben sich die beiden Torflügel nach außen auf. Kortis' Pferd schreckte etwas zurück, denn die Torflügel gaben den Blick auf ein dutzend Männer frei, die mit Speeren und Schilden bewaffnet einen Wall bildeten und alles andere als gastfreundlich wirkten, als sie sich durch das Tor langsam und wachsam den Neuankömmlingen nährten.
Plötzlich schälte sich die Gestalt der Frau aus den Männern hervor. Ihre Augen wirkten wachsam, misstrauisch und neugierig zugleich. Wieder sprach oder bellte sie etwas Unverständliches. Dann gestikulierte sie. Einer der Krieger ging darauf hin auf auf Kortis zu, er deutete ihm an seinen Mantel nochmals zu öffnen. Als Kortis dem nicht umgehend nach kam, begann der Mann mit seinem Speer zu fuchteln und die anderen Krieger kamen ebenfalls näher. Kortis schien es auf jeden Fall für das Beste zu halten dem Mann erstmals eine seiner Münzen zu geben. Der Mann nahm sie hastig entgegen und brachte sie jener Frau. Diese musterte sie lange, drehte sie in der Hand und bedeutete dem Mann dann abschätzig sie an Krotis zurück zu geben. Viraya glaubte in ihrem Gesicht kein Erkennen beobachtet zu haben. Konnte es sein, dass diese Menschen hier nicht mit Geld handelten? Es war richtig, dass der Handel nach Usa nicht über die Berge lief, sondern fast alles via Hafen verschifft wurde. Zu viele wilde Stämme, Banditen wurden sie genannt hier oben. Und die Berge waren zu hoch, wie sie selber gesehen hatten. Schön, aber unglaublich anstrengend war der Weg gewesen und im Winter unpassierbar. Das erkärte auch, warum der Weg oft in schlechtem Zustand bis gar nichit vorhanden gewesen war.
Sie tauschte mir ihren Gefährten einen Blick aus. Non-verbal beschlossen sie ruhig zu bleiben. Auch als die Krieger ihnen bedeuteten mit ihnen in die Stadt hinein zu kommen. Sie wirkten dabei irgendwie gehetzt. Wieder das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte.
«Was glaubt ihr, dass hier los ist?»
Fragte sie irgendwann, als sie durch Gassen mit in ihren Augen sehr primitiven Hütten, geführt wurden. Die anderen beiden wussten es ebenfalls nicht, aber sie waren mit ihr einer Meinung, dass etwas nicht stimmen konnte. Trotzdem gab es keine offensichtliche Feindsehligkeit ihnen gegenüber.
Schlussendlich stiegen sie ab, banden die Pferde fest und wurden in eine etwas grössere Hütte geführt. Dort drin war eine alte Frau, die Viraya am Arm packte und mit den Händen Essen andeutete. Viraya wiederholte das Zeichen. Die Frau lachte und Viraya lachte mit ihr zusammen, erleichtert darüber, dass die Frau ihre Sprache zwar auch nicht sprach, aber zumindest nicht so schüchtern und abweisend wirkte, wie der Rest. An der Tür bedeutete die Frau den «Gästen» ihre Schuhe aus zu ziehen, dann kamen sie in einen düsteren Raum, wo es jedoch nach wunderbarem Essen roch. Kurze Zeit später sassen sie auf dem Boden und schlangen ein köstliches Mal in sich hinein. Dinge, die Viraya zuvor noch nie gesehen hatte. Gemüse und Fleisch und vor allem viele Kräuter. Sie lächelte zufrieden. Endlich mal etwas anderes, als getrocknetes Brot mit getrocknetem Fleisch und hin und wieder ein paar wilde Beeren vom Wegrand.
Als sie gegessen hatten, kam die alte Frau wieder. Sie bedankten sich und die Frau schien zu verstehen. Nun versuchte es Kortis erneut mit dem Bezahlen. Aber die alte Frau bedeutete ihm eindeutig, dass er die Münzen stecken lassen, sollte, sondern deutete auf ihre Waffen. Sie nahm ihren eigenen Dolch und begann in den Tisch etwas zu ritzen. Eine Zeichnung von der Pallisade und Kriegern davor. Dann deutete sie auf die drei Fremden. Sie zeigte auf Medin, Kortis und Viraya, dann machte sie das Zeichen für Essen, um dann auf jede einzelne Waffe zu deuten. Viraya überlegte. Dann löste sie ihren Dolch, um ihn der Frau zu geben. Diese wirkte damit nicht zufrieden, sondern nahm Virayas Hand, drückte den Dolch hinein, schloss ihre Faust fest darum und zog dann Hand zusammen mit Dolch in die Höhe und machte ein grimmiges Gesicht.
«Sie will, dass wir kämpfen. Das würde erklären, warum alle so seltsam reagiert haben. Nur gegen wen. Wenn ich das richtig sehe, dann sind das Ritter?»
Schätzte Viraya.
Medin blickte kurz hinüber zu Kortis, der ebenfalls die Augenbrauen nach oben zog, aber nichts sagte. Dann ging der Blick wieder zurück zu Viraya und dieser Frau. Dass die Einwohner dieses Tals Probleme mit berittenen und besser gerüsteten Kriegern hatten würde erklären, warum sie anfangs so feindselig wirkten. Doch woher wollten die Bewohner hier wissen, dass es sich bei den drei Reitern nicht auch um Feinde handelte? Vielleicht hatten sie das arglose warten und rufen vor dem Tor richtig interpretiert und daraus geschlossen, dass man hier Fremde vor sich hatte. Dennoch fühlte sich Medin dadurch nicht unbedingt sicherer.
„Wir sind über den Pass gereist, um einem Konflikt auszuweichen und nicht um in einen neuen zu geraten“, gab der Paladin sogleich zu bedenken. „Unsere Anstrengungen sollten darauf liegen möglichst wenig Staub aufzuwirbeln ...“ Auch wenn ihnen das kaum zu gelingen schien, egal wo sie hinkamen.
Andererseits schienen die Leute hier keine andere Bezahlung akzeptieren zu wollen. Daher wandte sich Medin an die ältere Frau und deutete auf die Reiter, die sie grob in das Holz geritzt hatte.
„Wer?“, fragte er, obwohl er wusste dass sie die Bedeutung des Wortes wahrscheinlich nur erahnen konnte. Sie blickte ihn nur fragend an. „Wir?“, schob er hinterher und merkte erst dann, wie ähnlich diese Worte einander waren. Daher deutete er auf sich, Viraya und Kortis. Die alte Frau schüttelte bestimmt den Kopf.
„Wer dann?“
Die Frau wirkte weiter ratlos. Doch nach einem Moment des sich gegenseitig Anstarrens, löste sie sich aus ihrer Haltung und rief irgendetwas unverständliches nach draußen. Abermals verstrich etwas Zeit, bis sie Schritte hörten. Schließlich öffnete sich der Eingang wieder und ein hagerer junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig Winter alt, trat ein. Zuerst blickte er etwas scheu zu den Neuankömmlingen, doch die alte Frau begann sofort auf ihn einzureden. Unruhig sprangen seine Blicke zwischen ihnen und der Frau hin und her.
„Ich verstehe“, brachte er schließlich gebrochen und mit starkem, hölzernen Akzent hervor. „Tut mir Leid, eure Unannehmlichkeiten … Ich versuchen zu übersetzen … spreche etwas die Sprache von Usa.“
Dank Innos, hätte Medin beinahe ausgestoßen, denn eine Konfliktsituation nur mit Händen und Füßen erklärt zu bekommen griff wohl in jedem Fall zu kurz.
„Sehr gut. Dann könnt Ihr uns vielleicht sagen, was es mit diesen Reitern da auf sich hat ...“
"Tod."
Er blickte die drei mit weit aufgerissenen Augen an. Deutete dann auf die alte Frau, auch sich und breitete die Arme dann ganz weit aus.
"Alle Tod."
Sprach er weiter und es sprach pures Entsetzen aus seiner Mimik und in der Hektik sprach er die andere Sprache, die keiner von ihnen verstand. Die Alte schien ihn daran zu erinnern. Sie stellte ihm eine Tasse eines heissen Gebräus hin, legte ihm kurz, vollkommen beiläufig die Hand auf die Schulter und er wurde ruhiger.
"Gottlos. Sie sagen.
Weg oder alle Tod.
Wir wild. Unzivilisiert. Sie sagen.
Falsch. Ich sagen."
Sprach er und Viraya musterte ihn eindringlich. Sie hätte gerne gewusst, warum sie ihre Hoffnung ausgerechnet in drei Fremde setzen würden. So viel würde er aber wahrscheinlich nicht verstehen und es war nicht die wichtigste Frage, denn wahrscheinlich waren sie einfach ihre einzige Hoffnung. Wenn sie die Waffen dieser Menschen anschaute, dann waren sie freundlich ausgedrückt ziemlich primitiv. Von Kampftaktik hatten sie wahrscheinlich keine Ahnung. Es schienen mehr Instinkte zu sein, die sie leiteten.
"Wer sind sie?"
Fragte sie dann erneut und deutete auf den Reiter.
"Usa."
Der ehemalige General nickte und starrte weiter auf die primitiven Einritzungen in der Tischplatte. Die Situation, die diese Hochebenenbewohner hier skizzierten, war keineswegs ungewöhnlich und ihm aus früheren Beispielen der myrtanischen Geschichte, anhand derer er Lesen und Schreiben erlernt hatte, durchaus vertraut. Eine prosperierende Hafenstadt, die durch Handel zur See immer größer geworden war, streckte ihre Hände nach dem rückständigen und abgehängten Hinterland aus. Wahrscheinlich erhofften sich die Herrscher von Usa mittel- oder langfristig eine bessere Erschließung der Pässe in Richtung Gorthar, um auch auf dem Landweg die Handelseinnahmen zu erhöhen. Dabei waren ihnen diese Stammesgemeinschaften anscheinend im Weg. Vielleicht waren sie nicht bereit das Land für Handelsposten oder Garnisonen zu räumen. Vielleicht sorgte ihr Misstrauen gegenüber Fremden auch dazu, dass sie Karawanen lieber überfielen, anstatt an ihnen mitzuverdienen. Oder man wollte sich im Zuge der Hinterlandserschließung einfach fruchtbares Weideland aneignen, anstatt mit dessen Bewohnern verhandeln zu müssen. Auf alle Fälle wurde auf der Basis von Zivilisation und Religion Feindschaft begründet. Wahrlich eine ungünstige Zeit, um hier aufzutauchen.
Nichtsdestotrotz schienen die Menschen hier verzweifelt zu sein. So verzweifelt, dass die drei Neuankömmlinge ein Grund zur Hoffnung waren und sie sich um Hilfe an sie wandten. Aber was konnten sie schon tun? Sie wären doch selbst Fremde in Usa, gänzlich unbekannt mit den örtlichen Strukturen – abgesehen davon, dass wohl ein Nachfolgekampf die Stadt in Atem hielt.
„Was können wir denn da schon tun?“, teilte Medin seine Bedenken seinen Begleitern und wohl auch dem jungen Mann mit. „Wir kennen die Absichten der Städter nicht und können sie auch kaum bekämpfen. Alles was wir tun können ist vielleicht nach Usa gehen und versuchen ein gutes Wort für die Bewohner dieses Tals einzulegen, da sie das anscheinend nicht selber können … ansonsten sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Was meint ihr?“
«Was ist, wenn jemand sich in den Ränkelspielen in Usa einfach profilieren möchte?» Warf Viraya in die Runde. «Aber du hast Recht. Das alles bringt uns nur Probleme. Wenn wir uns in Usa einmischen, dann rollen unsere Köpfe wahrscheinlich schnell.»
Sie überlegte und ihre Augen trafen jene des eindringlich blickenden Mannes und ein tiefer Schmerz, eine Traurigkeit ergriff sie. Was hätte Redsonja in so einer Situation getan. Sie hätte wahrscheinlich zu ihren beiden Schwertern gegriffen und diesen Stamm in die Schlacht geführt. Vielleicht wäre sie dabei gestorben und hätte Darjel seinem Schicksal überlassen. Sie dachte nicht an sich und die ihren, sondern handelte einfach nach dem ersten, wenn es gut kam nach dem zweiten Impuls. Viraya war da anders. Sie hatte gelernt hart und kalt zu beiben. Diese Menschen ihrem Schicksal zu überlassen. Dennoch schmerzte sie dieser Blick. Sie seufzte lautlos.
«Medin, hast nicht du mitgeholfen den Schlachtplan für die Verteidigung Setarrifs zu erstellen. Könntest du nicht dasselbe hier machen?»
... und dann verschwinden bevor es ernst wird. Dachte sie sich noch, fügte es aber nicht hinzu und verzog auch keine Mine.
Natürlich könnte er das, aber ändern würde das wenig. Medin hatte genug taktische Erfahrung um zu sehen, dass diese Leute hier kaum einen Vorteil auf ihrer Seite hatten. Ohne den Feind genauer zu kennen war sicher, dass er die militärische Stärke besaß, um diese Stammesgemeinschaft hier auszulöschen, wenn er die Kosten und Mühen nicht scheute. Dennoch waren Ratschläge etwas, was sie den Bewohnern hier als Ausgleich für ihre Gastfreundschaft geben konnten.
„Wenn Usa über berittene Krieger samt Gefolge verfügt, könnt ihr wenig ausrichten“, begann der ehemalige General. „Sollten die Städter ihre Hände nach diesen Ländereien ausstrecken bleibt euch die Wahl: Arrangieren oder Kämpfen. Junge, du beginnst am besten damit für eure Dorfältesten zu übersetzen – ich werde Pausen machen.“
Der angesprochene nickte erschrocken und begann dann zuerst stockend, dann flüssiger in der fremden Sprache zu der alten Frau zu sprechen. Als Medin das Gefühl hatte, dass das wichtige bereits gesagt worden war, fuhr er fort.
„Wenn ihr kämpft, habt ihr auf lange Sicht gesehen keine Chance. Diese Option ist nur geeignet um euch so teuer wie möglich zu verkaufen. Vielleicht gelingt es euch kleinere Trupps zurückzuschlagen oder eure Siedlung gegen sie zu halten. Aber dann werden die Städter irgendwann mit größeren Truppen kommen und euren Widerstand brechen. Nutzt daher das Terrain und zieht euch in die Berge zurück. Bewaffnete Reiter werden euch nicht in unwegsames Gelände folgen. Weicht ihnen bei Tag aus und überfallt ihre Posten und Lager bei Nacht. Vielleicht gelingt es euch ihnen so hohe Verluste beizubringen, dass sie von dieser Gegend ablassen oder euch einen wohlwollenderen Handel vorschlagen. Vielleicht hungern sie euch aber auch einfach nur aus und stehlen euer Getreide und Vieh, während ihr euch in den Bergen versteckt.“
Medin machte eine Pause, während der junge Mann sichtlich Mühe hatte mit der Übersetzung hinterher zu kommen. Einige Worte kannte er vielleicht gar nicht, aber es war nur wichtig, dass der grundlegende Sinn rüber kam. Die Leute hier kannten ihre Situation schließlich am besten.
„Oder aber ihr arrangiert euch mit den Forderungen der Städter und profitiert davon“, fuhr er nach einer Weile fort. „Wenn sie jetzt noch nicht mit einer größeren Streitmacht gekommen sind, haben sie wahrscheinlich noch nicht die Kraft oder den Willen, dieses Gebiet selbst unter ihre Kontrolle zu bringen. Schlagt ihnen einen Handel vor. Lernt ihre Sprache und öffnet eure Dörfer für Händler auf der Durchreise, denen ihr Schutz auf eurem Land gewährt. Sie werden bei euch übernachten und euer Brot und euren Käse kaufen. Wenn es nötig ist erlaubt ihnen auch ihren Glauben zu predigen, sodass sich eure Leute selbst entscheiden können welchen Göttern sie huldigen. Tot nützt ihr weder den alten noch den neuen Göttern.“
Wieder wurde übersetzt und die Miene der alten Frau verfinsterte sich zusehends. Das war sicher nicht der Rat, den sie erhofft hatte.
„Was auch immer ihr tut“, fügte Medin dann noch hinzu, ohne eine Erwiderung abzuwarten, „sprecht euch mit anderen Dörfern und Stämmen in ähnlicher Lage ab. Gemeinsam seid ihr stärker und gewichtiger als allein. Und auf die eine oder andere Weise werden sich die Zeiten für euch und eure Leute ändern. Ihr könnt nicht zurück in die Zeiten eurer Väter oder Vätersväter. Ihr könnt nur dafür sorgen, dass ihre Enkel und Urenkel auch noch ein Leben in ihrer Heimat werden führen können.“
Viraya verzog keine Mine, auch nicht als Medin riet fremde Prediger zuzulassen. Ein kluger Schachzug eines Innosanbeters. Man sollte dieses manchmal viel zu freundlich wirkende Gesicht niemals unterschätzen. Dachte sie und musterte alle Anwesenden, ohne selbst etwas zu sagen. Ihre Gastgeber zogen sich Augenblicke später zurück. Sie schwieg weiter.
Der Übersetzer kam einige Zeit später zurück, bot ihnen ein Bett an und meinte, dass sie am kommenden Tag Proviant bereit legen würden. Dann zog er sich zurück und liess die drei mit einer Kerze und einer Katze alleine. Viraya streichelte das Tierchen abwesend. War das wirklich die einzige Möglichkeit? Fragte sie sich immer wieder und fand ewig keinen Schlaf. Sie wälzte sich von einer Seite auf die Andere.
Am nächsten Morgen erhob sie sich früh, während die anderen noch friedlich vor sicher her schlummerten. Sie schob den Vorhang zur Seite, der die Türöffnung versperrte. Es war frisch draussen, Nebel lag über der Siedlung. Irgendwo fauchten zwei Katzen. Sie trat barfuss auf den Weg hinaus. Es war kalt, aber ein Gefühl der Lebendigkeit durchströmte sie. Also ging sie weiter. Irgendwann kletterte sie auf die Palisade und blickte in die Ferne. Die Ebene lag still und friedlich vor ihr. Die Luft roch frisch. Ihr Blick schweifte umher und blieb plötzlich an einer Rauchsäule hängen. Es hatte wohl die Nachbarsiedlung erwischt.
Schnell kletterte sie von der Palisade hinunter und weckte die anderen. Wenn sie weg wollten, dann mussten sie jetzt los.
Es hatte gut getan mal wieder eine Nacht nicht im Freien zu schlafen und keine Nachtwache halten zu müssen. Umso jäher war das Erwachen, als Viraya Medin wach rüttelte. Schlaftrunken schob er seine Augen auf, doch als sie etwas von einem Angriff sagte, war er hell wach.
„Kortis, fang schon mit den Pferden an! Wir packen hier zusammen.“
Schnell hatten sie ihre Sachen in die Bündel gestopft, die sie schnell über ihre Satteltaschen hängen konnten. Als sie nach draußen traten hatte Kortis das erste Pferd bereits gesattelt. Viraya und Medin halfen mit den anderen beiden. Die Tiere spürten, dass die Menschen in Aufregung waren, denn auch im Dorf begannen die Leute nun zu erwachen und umherzulaufen. Als die letzte Sattelschnalle festgezurrt war, schwangen sich Kortis und der Südländer auf das Pferd, doch Viraya hatte Probleme. Immer wieder wich ihr das unruhige Tier aus.
„Wenn du zu hastig in den Steigbügel willst, drückst du es weg“, erklärte Medin rasch und gab seinem Tier einen leichten Tritt, um es direkt neben Virayas zu bewegen und die Zügel zu greifen. „Dann wird es immer vor dir zurück weichen. Bleib ruhig und tu so, als hättest du Zeit. Es muss eine leichtfüßige Bewegung sein.“
Kaum hatte die junge Frau es in ihren Sattel geschafft, ließ Medin die Zügel wieder los und gab seinem eigenen Pferd in die Seiten. Er wollte so rasch wie möglich das Dorf verlassen. Als sie jedoch am Tor ankamen, warteten dort bereits einige Krieger mit Speeren und primitiven Schilden. Sie beachteten jedoch nicht die drei Gäste, sondern blickten über die Palisade hinaus in die Hochebene. Lediglich der junge Mann, der die Gemeinsprache verstand, wandte sich an sie.
„Ihr wollt gehen? Sie werden auch uns niederbrennen!“, rief er ihnen entgegen. Medin zügelte sein Pferd und hielt vor dem Tor an. Es war noch offen und in der Ferne konnte er die Rauchsäule sehen. Was auch immer dort vorging musste bereits während der Nacht angefangen haben und war wahrscheinlich schon vorüber. Das beunruhigte ihn, denn entweder waren die Angreifer nun dabei ihren Sieg zu feiern oder sich zurückzuziehen, oder aber auf dem Weg zu ihrem nächsten Ziel.
„Denkt daran was ich euch gesagt habe“, antwortete Medin. „Flieht oder unterwerft euch. Einen Kampf werdet ihr weder ohne noch mit unserer Hilfe gewinnen können.“
Der Junge erwiderte nichts, sondern blickte ihn nur an. Schließlich wandte sich Medin ab. Es war Zeit.
„Seht!“ Kortis hatte sich in seinen Steigbügeln aufgestellt und deutete auf eine Erhebung etwa eine Meile vor dem Dorf. Medins Blick folgte seinem Arm.
„Zu spät“, murmelte er nur. Auf dem Hügel war eine Reiterschar aufgetaucht. Mindestens ein dutzend Berittene, die in einem leichten Trab auf sie zu hielten. Hinter ihnen tauchten drei bis vier mal so viele Fußsoldaten auf, die im Laufschritt den Reitern folgten.
„Unsere Pferde sind schnell und ausgeruht. Wir könnten es schaffen“, schlug Kortis vor. Da hatte er nicht unrecht. Der Paladin blickte kurz zu Viraya und dann zu den Männern beim Tor, die in an Panik grenzende Aufregung zu verfallen begannen.
„Wir kennen das Gelände nicht und Viraya ist noch nicht so sicher im Sattel. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie uns ohnehin kriegen. Hey!“, rief er dann dem jungen Mann zu, der apathisch am Rand des Weges stand. In seinen Händen hielt er ein kurzes Schwert; die Scheide noch nicht einmal umgegürtet. „Hey!“, rief er noch einmal lauter bis er wieder dessen Aufmerksamkeit hatte. „Sagt euren Männern sie sollen sich in drei Gruppen teilen. Eine auf den Palisaden, eine am Tor und eine zwanzig Schritt hinter dem Tor. Verriegelt das Tor hinter uns und wartet, was geschieht. Wenn sie angreifen möge … möge Innos euch beistehen.“ Dann trieb er sein Pferd nach vorne, doch anstatt es anzuspornen ließ er es in einen ruhigen Gang durch das Tor gehen. Kortis und Viraya brachten ihre Pferde neben seines.
„Was hast du vor?“, fragte Kortis.
„Fliehen können wir jetzt nicht mehr und ein Kampf ist auch aussichtslos, also verhandeln wir“, antwortete Medin. „Wenn wir mit denen dort reden stehen die Chancen auf eine Einigung jedenfalls höher als wenn es der Stotterer aus dem Dorf versucht.“
Während sie den Angreifern entgegen ritten schickte Medin ein Stoßgebet zu Innos, dass sie doch bitte auch seine Sprache sprechen mochten.
Der vom Morgennebel feuchte Boden der Hochebenensteppe pochte dumpf unter den Hufen der drei Pferde, die langsam von dem Dorf weg und auf die Bewaffneten zuhielten. Das Gras glitzerte unter den ersten Sonnenstrahlen des Tages, doch die Luft war noch so kalt, dass der Atem aus den Nüstern sofort zu Nebel wurde. Auch Medins Atem bildete kleine Nebelwölkchen, während er mehrmals tief ausatmete, um sich zu beruhigen. Sie pokerten hoch und konnten alles verlieren.
Die berittenen Angreifer hatten sie bereits ausgemacht, kurz nachdem sie das Dorf verlassen hatten und hielten nun im schnellen Trab auf sie zu, während die Fußsoldaten noch etwas entfernt waren. Als sie etwa auf dreißig Schritt herangekommen waren, fächerte das dutzend Reiter zu einer lockeren Halbmondformation auf. An eine Flucht war nun nicht mehr zu denken. Das war kein gedankenloser Haufen Marodeure, sondern ausgebildete Kämpfer, wahrscheinlich Ritter. Auch auf ihren leichten Rüstungen glitzerte der Morgennebel.
Medin zügelte sein Pferd, dass es zum stehen kam. In etwa zehn Schritt Entfernung taten es ihm die anderen Reiter gleich. Die Schwerter, Äxte und Hämmer an ihren Hüften hatten sie noch nicht gezogen, allerdings hatten einige bereits Lanzen und Schilde zur Hand. Einer hielt ein Banner hoch, das allerdings mangels Windes nicht zu erkennen war.
Schließlich löste sich ein Reiter aus der Mitte des Halbmondes. Er war schwerer gerüstet als seine übrigen Begleiter. Seine Beinschienen waren aus schwarzem Stahl, ebenso wie sein Kürass und der Schulterschutz. Auf dem Brustpanzer war ein Wappen in roten und weißen Horizontaltreifen gemalt.
„Wer seid ihr, dass ihr euch uns in den Weg stellt?“, fragte der Ritter in der Gemeinsprache, auch wenn er einen fremden Akzent hatte. Es schien also offensichtlich dass die drei nicht direkt zu dem Dorf gehörten. „Im Namen des Königs von Usa fordere ich euch auf euch zu erklären.“
„Mein Name ist Sir Medin und dies hier sind meine Begleiter“, erwiderte Medin und deutete auf die anderen beiden. „Wir sind Reisende von jenseits der Berge und haben die Nacht in diesem Dorf dort verbracht. Die Bewohner baten uns mit euch zu sprechen, als sie euch am Horizont erblickten.“
„Wenn ihr Reisende seid zieht weiter. Dieses Dorf steht unter der Jurisdiktion des Königs und bedarf eurer Hilfe nicht.“
Der Paladin blickte über die Schulter des Ritters in Richtung der Rauchsäule am Horizont. Sein Gegenüber bemerkte den Blick.
„Das ist nicht eure Angelegenheit!“
„Mein Herr, in diesem Dorf gibt es viele Frauen und Kinder und die Ältesten sprechen kaum eure Sprache. Auch wenn wir nicht aus eurem Land kommen würden wir euch gerne helfen weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Wir haben bereits wohlwollende Kontakte geknüpft und könnten sich zu einer Lösung für beide Seiten beitragen. Was haben die Dorfbewohner getan, dass der König Ritter und Gefolge gegen sie schickt?“
"Das sind keine Frauen, Kinder und Alten, das sind Barbaren. Sie bringen Menschenopfer dar, Essen mit den Händen und grunzen statt zu sprechen. Selbst bei den Tiere würde ich sie tief einordnen."
Entgegnete der Ritter und schüttelte vollkommen verständnislos den Kopf.
"Das müsst ihr selber doch ebenso gesehen haben."
Sprach er und blickte Medin an. Viraya hatte er nicht eines Blickes gewürdigt, doch der Sir schien ihnen immerhin eine kurze Verschnaufpause verschaffen zu haben. Er würde sie vielleicht auch hier heraus bringen, wenn er nicht weiter versuchte das Dorf vor dem Sicheren Untergang zu bewahren. Ihre Gedanken wollten gerade abschweifen, als ein Gefährte des Ritters verschwörerisch hinzufügte.
"Zudem verwenden sie Zauberei. Aber wenn sie brennen, dann können sie uns nicht mehr heimsuchen."
Barbaren, Menschenopfer, heimsuchende Zauberei … dieser Trupp war nicht einfach nur hier um stumpfe Befehle auszuführen. Es waren Überzeugungstäter, überzeugt von der Notwendigkeit ihres Handelns. Oder aber sie mochten das Brandschatzen einfach zu sehr und schoben jede Begründung willkommen vor.
„Wir haben nichts dergleichen gesehen, sondern ihre Gastfreundschaft genossen“, wagte Medin einen letzten Versuch, auch wenn er sich kaum Hoffnungen mehr machte. „Die meisten mögen nicht unsere Sprache sprechen und die Gepflogenheiten der Stadt kennen, aber nur weil es einfache Leute sind. Sie sorgen sich um die nächste Ernte wie alle Bauern, die ihren Familien ein Essen auf den Tisch stellen wollen.“ Er machte eine kurze Pause, obwohl er sich beeilen musste. Der Ritter schien die Geduld zu verlieren. „Als wir über die Bergpässe hierher gereist sind, haben wir den Leichnam eines Handelsreisenden aus Usa gefunden. Banditen hatten ihn totgeschlagen und ausgeraubt. Wenn ihr mit den Stämmen in den Hochebenen zusammen arbeitet, könntet ihr die Straßen sicherer machen und der Handel würde aufblühen. Ihr könntet eine Abmachung mit den Menschen hier treffen. Sie helfen euch die Straßen zu sichern und würden sicher einen Handelsposten auf ihrem Land akzeptieren, wenn die Reisenden dort bei ihnen einkehren. Schickt ihnen Priester, die ihnen die Sprache beibringen. Wenn ihr das Dorf allerdings plündert und nieder brennt, werden sich wahrscheinlich bald Gesetzlose hier niederlassen. Eure Straßen werden noch unsicherer und wenn ein neuer Handelsposten errichtet wird, muss euer König wahrscheinlich einige von euch hier hoch schicken, um die Gegend dauerhaft zu sichern.“
Die Reiter tauschten ein paar Blicke aus, während die Fußsoldaten langsam näher rückten. Wahrscheinlich rechneten sich einige Landbesitz hier oben aus, aber diese Hochebenen waren relativ karg und unfruchtbar. Kaum einer von ihnen konnte hoffen hier dauerhaft zu leben, wenn der Paladin sie richtig einschätzte.
„Alles was ich im Namen dieser Menschen erbitte ist dass ihr in dieses Dorf reitet und euch als Ritter selbst ein Urteil bildet, bevor ihr entscheidet. Ihr habt recht, es ist nicht unsere Angelegenheit, doch es ist nie verkehrt das Richtige zu tun. Ich bin sicher auch ihr wisst das.“
„Der König hat uns ausgesandt über diese Leute zu richten und das werden wir“, entgegnete der Ritter mit dem Wappen. „Ich werde eure Worte bedenken, aber ihr müsst jetzt weiter reiten. Wir werden keine weitere Einmischung dulden.“
„Habt Dank. Möge Innos euch schützen!“
Mit diesen Worten lenkten sie ihre Pferde zur Seite und machten den Weg den Reitern und nachrückenden Fußsoldaten frei. Diese sammelten sich zu einer Kolonne und rückten dann weiter in Richtung Dorf vor. Das Tor des Dorfes war wieder versperrt, kleine Köpfe waren über den Palisaden zu sehen, wie sie ängstlich über die Ebene blickten.
„Wir sollten weiter reiten“, meinte Medin. „Was immer gleich passiert können wir nicht mehr aufhalten.“
Die Rauchsäule am Horizont wurde langsam dünner.
Sie war hier die Gottlose, das eiskalte Mordinstrument und dennoch erschreckte es sie mit welcher scheinbaren Gleichgültigkeit ihre Gefährten das Schicksal dieser Menschen akzeptieren. Sie die elitäre Klasse aus der weiten Ferne, die einen Redner wie Medin hatte, entkamen problemlos, während das Dorf wohl bald eine weitere Rauchsäule produzieren würde. Sie ballte die Hand zur Faust, um wenigstens ein kleines Bisschen dem inneren Groll Ausdruck zu verleihen. Ihr Pferd spürte das und begann erst zu wiehern, dann zu bocken und warf die Reiterin schlussendlich ab. Der matschige Boden bescherte ihr einen weichen Aufprall und einen nassen Hosenboden. Doch das kümmerte sie nicht. Ihr Blick fiel direkt auf das Dorf und sie wusste was zu tun war. Sie war keine Heldin, aber hier gab es etwas zu erledigen. Doch noch war es zu früh.
Sie stieg also auf das Pferd, ohne irgendein Wort zu verlieren. Die Entschlossenheit in ihrem Gesicht konnte daher leicht so interpretiert werden, dass sie nun endlich lernen würde dieses eigentlich ganz zahme Tier zu bändigen. Sie plauderte während des nicht all zu langen Ritts über belanglose Dinge. Als würde sie versuchen die gedämpfte Stimmung in der Gruppe aufzuheitern. Relativ früh drängte sie dazu ein Lager aufzuschlagen. Kaum war das geschehen, verkündete die Frau mit dem schwarzen Haar und den blutroten Lippen:
«Ich habe etwas zu erledigen. Sollte ich bis zum Morgengrauen nicht zurück sein, dann reitet ohne mich weiter und nehmt bitte mein Pferd mit.»
Es folgte eine kurze Diskussion. Aber Viraya war beharrlich, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, was sie plante. Dann war sie verschwunden. Sogleich verfiel sie in einen leicht trabenden Trott, denn sie wollte die letzte Sonnenstrahlen noch nutzen, um die Distanz, zwischen sich und diese Banditen, die sich Soldaten schimpften, so weit als möglich zu reduzieren. Schon bald sah sie die Rauchsäule und etwas später roch sie es auch. Aber es roch nicht nur nach verbranntem Holz, sondern auch nach Fleisch. Wieder ballte sie eine Faust. Dieses Mal aber nicht mit der leeren Hand, sondern mit dem Doch zwischen den Fingern. Dies war nicht Redsonjas Dolch, der sein Ziel zu verfehlen pflegte, sondern jener von Viraya, der zu treffen pflegte.
Sie blickte grimmig, denn als sie noch näher kam, sah sie wie erwartet, dass ein Festschmaus mitten im Gang war. Die Soldaten taten was Soldaten immer taten. Sie forderten ihren Sold. Stürzten sich auf die Vorräte der Besiegten und verschmähten auch die zuvor als Hexen verdammten barbarischen Frauen nicht. Nun, jene die überlebt hatten zumindest. Dachte Viraya bitter. Sie war zu spät, um das Dorf zu retten, doch das hatte sie von Anfang an gewusst. Sie war keine Heldin und wollte auch keine sein, aber in einem war sie gut. Sie konnte geduldig auf den richtigen Moment warten. Nichts, was sie sah oder hörte, konnte sie dazu bewegen voreilig aus ihrem Versteck zu stürmen. Und sie sah viel in jener Nacht, noch bevor der Mond den Zenit erreicht hatte. Irgendwann schleppten einige Soldaten den Übersetzer herbei. Er wehrte sich, was die Soldaten in Verzückung zu versetzen schien. Ein Redensführer begann die anderen an zustacheln ihn zu foltern. Zum reinen Vergnügen. Er konnte nichts verraten, was ihnen von Nutzen war. Aber es schien sie zu amüsieren. Sie verspürte bloss Verachtung für Menschen die es nötig hatten zu so etwas an zustacheln und Mitleid für jene, die den Mut nicht aufbrachten sich dagegen zu wehren oder zumindest nicht daran teil zu nehmen. Auch sie beobachtete einfach, alle Vorbereitungen waren schon längst getroffen und sie brauchte nur noch zu warten. Einatmen, ausatmen. Ja, noch ein Schluck Bier und noch einer. Wenigstens das machten sie gut. Viraya brauchte noch nicht einmal etwas bei zusteuern. Wie war das nochmals, sie liess sich von nichts von ihrem Vorhaben abbringen? Der Redensführer von eben musste nämlich seine Blase erleichtern. Er taumelte in Richtung der Bäume unweit ihres Verstecks und erleichterte sich mit wohligem Grunzen. Ihre Finger zuckten. Er hatte eine Strafe verdient. Wie gut würde es sich anfühlen, wenn er in ihren Armen zusammensackte. Wenn sie ihm ins Gesicht spucken konnte wofür sie ihn bestrafte. Sie zitterte, war sprungbereit, verflucht sei ihr Vorhaben. Was wenn er nicht kam? Der Redensführer war zwar nicht der Ritter, aber immerhin ein Redensführer mit einem kleinen Gefolge. Auch das würde Eindruck machen. Besser er als niemand sprach das zweifelnde Stimmlein. Nein. Beschloss dann aber die gewohnte alte Stimme. Ihn musste sie anderen überlassen, denn sie lauerte auf etwas Anderes, etwas ganz Bestimmtes. Nichts sollte sie davon abhalten.
Erst eine halbe Ewigkeit später erhob sich der Ritter. Auch er suchte die Büsche und fand sie. In der Ferne tanzte das Feuer. Viraya erkannte sogleich, dass er nicht schwankte wie die Meisten. Er hatte nicht getrunken, daher brauchte er sich auch nicht so oft zu erleichtern wie die anderen. Nein, er war einer jener, die kaltblütig berechneten, in jeder Situation ihre Sinne beisammen hatten und denen schlicht und ergreifend jegliche Art von Skrupel fehlte. Sie hatte genug Menschen dieser Sorte getroffen. Menschen, die nur nach dem eigenen Nutzen und einer Vermehrung ihrer Macht strebten. Die Gottesgläubigkeit nur vorhäuchelten, um die Gläubigen hinter sich zu scharen und sie für ihre Zwecke einzusetzen. Die nichts auf dieser Welt jedoch längerfristig glücklich machen konnte, denn hatten sie einmal Macht über andere erlagt, so wollten sie nur noch mehr davon. Sie waren der Krebs dieser Welt. Sie kniff die Augen zusammen, schaltete sämtliche dieser Gedanken aus und näherte sich vorsichtig. Sie brauchte sich allerdings nicht speziell Mühe zu geben keinen Laut zu machen, denn obwohl der Ritter nicht betrunken war, so fühlte er sich so sicher, dass er selber genug Lärm verursachte und dass er seine Rüstung abgelegt hatte. Sie war schnell hinter ihm, schoss hoch und rammte ihm ohne ein Wort zu verlieren den Dolch in den Rücken. Er war perfekt platziert. Das musste man Andreja lassen. Sie war eine Mordwaffe wenn es darauf an kam. Sie hatte gelernt den Menschen nicht vorher zu erklären, warum sie sterben mussten. Sie waren sowieso uneinsichtig und es gab ihnen nur die Möglichkeit um Hilfe zu schreien. Das alles nur für etwas Dramatik und Genugtuung. Das war es nicht wert. Stattdessen vollbrachte sie einfach ihre Tat, ohne diese Genugtuung, ohne Stolz. Wie sie es gelernt hatte fing sie seinen Sturz auf, sodass der Aufprall keinen zu grossen Lärm verursachte und zog ihn etwas weiter in den Wald. Dort ritzte sie ihre Rache in den Boden. Wenn sie schon an Geister glaubten, dann sollten sie das doch. Dachte sie grimmig.
«IHR SEID VERFLUCHT»
Kritzelte sie mit nicht gerade eleganten, aber leserlichen Buchstaben in den Schlamm zu seinen Füssen. Man erkannte schon, dass sie erst vor einigen Jahren gelernt hatte zu schreiben. Aber dadurch erschien es umso glaubwürdiger. Nun war aber Eile geboten, denn der Ritter würde inzwischen normaler Weise zurückkehren. Also holte sie schnell die Puppen, die sie während des Wartens aus getrocknetem Heu und ein paar Ästen gefertigt hatte, steckte sie hinter dem Verstorbenen in den Boden, friemelte mit ihrem Feuerstein herum und entflammte die Puppen.
Hätte sie die Zeit dazu gehabt, hätte sie eine Szene wie aus dem Theater gesehen. Die Puppen fingen schnell Feuer, am Lager kam Unruhe auf, denn die ersten schienen den Ritter bereits vermisst zu haben. Der erste ganz betrunkene schrien einen Sprich in den Wald. Dann kam langsam Unruhe auf, denn die Puppen hatten richtig Feuer gefangen, sodass nun vom Lager aus zu erkennen war, dass etwas nicht stimmte. Die ersten starrten neugierig in den Wald. Der Redensführer liess einer seiner Lakaien den Helden spielen und voran gehen. Dieser kam schreiend zurück. Er war bleich im Gesicht und stammelte etwas Verstörtes. Nun zogen betrunkene Männer Waffen. Gemeinsam waren sie stark und mutig. Aber nur gemeinsam. Sie kamen rechtzeitig um im gespenstischen Schein der lichterloh flammenden Puppen den Ritter in seinem eigenen Blut liegen zu sehen. Sie entzifferten die Schrift und eine Interpretation jagte die anderen.
Aber das alles konnte Viraya nur vermuten, denn sie rannte erst geduckt und leise, dann einfach nur so schnell wie sie konnte davon und sie würde nicht aufhören zu rennen, ehe sie ihren Lagerplatz mit brennender Lunge erreichte. Dort würde sie sich zu den anderen legte, als wäre sie niemals fort gewesen und mit geschlossenen Augen, aber ohne Schlaf zu finden auf den Morgen warten. Innerlich zitterte sie, war ausgelaugt und erschöpft. Aber es war vollbracht.
Als Viraya noch in der Nacht schließlich wieder zurückgekehrt war, hatte Medin noch wach gelegen. Ihre Rückkehr hatte gemischte Gefühle hervor gerufen. Einerseits war er beruhigt, dass sie es anscheinend geschafft hatte. Andererseits konnte er sich denken, dass das, was sie erledigt hatte, nicht weniger Ärger bedeutete. Doch er war liegen geblieben und hatte sich nicht geregt. Auch am Morgen, als sie bereits mit den ersten Sonnenstrahlen ihr Lager abbrachen und rasch weiter zogen, wurde nicht über die vergangene Nacht gesprochen. Schweigen legte sich genau wie der Morgennebel über die Gruppe, deren Reittiere die gesprächigsten Mitglieder waren.
Erst als sie schon einige Zeit geritten und davon auch etwas aufgewärmt waren, löste sich die Verschwiegenheit in Medin langsam. Er kannte Viraya nicht besonders gut, obwohl sie nun schon eine Weile unterwegs waren. Ihr Verschwinden letzte Nacht war eine Offenbarung der ganz eigenen Art gewesen.
„Hast du letzte Nacht gefunden, wonach du gesucht hast?“, fragte er sie, nachdem er sein Pferd neben ihres hatte zurückfallen lassen.
Viraya nickte. Es folgten zwei Herzschläge der Stille. Dann fügte sie, um es noch zu verdeutlichen hinzu:
"Ja."
Dieses Ja hallte wieder in ihrem Inneren. Mehr sagte sie nicht, denn sie wusste nicht, was ihre Gefährten davon halten würden und wenn sie dazu befragt würden, dann wäre es besser, wenn sie nichts wussten. Sie ritten eine Weile schweigsam nebeneinander. Dann durchbrach Viraya die Stille, ehe Medin weiter fragen konnte.
"Was machen wir in Usa?"
Eine knifflige Frage. Sie waren mit einem konkreten Auftrag losgeschickt worden, aber Medin fühlte sich mehr und mehr nicht willig diesem noch zu folgen. Wenn sie schon in einem kleinen Gebirgsdorf in solche Konflikte verwickelt werden konnten, dann dürfte eine Handelsstadt sich als echtes Wespennest erweisen. Und gerade Viraya bewies mehr und mehr Talent darin sich in solche Konflikte hinein ziehen zu lassen.
„Den Kopf unten halten und uns ein wenig mit der Lage vertraut machen“, antwortete er vage. „Auf alle Fälle sollten wir versuchen nicht mehr diesen Rittern zu begegnen, die uns vor dem Dorf gesehen haben. Ich habe wenig Lust mich in Streit und Politik der Stadt hineinziehen und instrumentalisieren zu lassen – für niemanden“, fügte er bestimmt hinzu. „Wir könnten uns auch nach einem Schiff umhören. Richtung Festland oder Argaan – ich würde selbst nach Khorinis fahren, um mehr Distanz zwischen mich und Gorthar zu bringen.“
Viraya nickte, doch ein dumpfes Gefühl sagte ihr, dass es anders kommen würde. Sie liess dem Gefühl allerdings keinen Platz, sondern fokussierte sich auf das sanfte Wiegen des Pferdes unter sich. Sie mochte dieses Schaukeln auch wenn das Biest sie manchmal spontan abschütteln wollte. Und als hätte das Pferd diesen Gedankengang gespürt, begann es unruhig zu werden. Also fokussierte Viraya noch stärker auf das Geschaukel und versuchte darin auf zu gehen, ihre Bewegungen damit in Einklang zu bringen, als wären sie eins. Und plötzlich ging es besser. Weniger Reibung, weniger Widerstand. Sie lächelte sanft.
"Was kannst du mir eigentlich noch über das Reiten beibringen?"
Wechselte sie dann das Thema.
„Eine Menge“, entgegnete er, um die Stimmung etwas aufzulockern. Es stimmte auch. Viraya war in der Lage längere Strecken souverän im Sattel zu verbringen, was von Neulingen auf dem Rücken von Pferden oft unterschätzt wurde. Vor allem aber konnte sie inzwischen öfter dem Pferd ihren Willen aufzwingen als umgekehrt, auch wenn sich ihr Tier in Stresssituationen noch immer stark an dem das Medin ritt orientierte. Wahrscheinlich war das etwas, an dem sie arbeiten sollten.
„Wenn ihr beide in die selbe Richtung wollt klappt es ja schon ganz gut, aber du musst langsam lernen das Pferd auch bei Gefahr gefügiger zu machen“, erklärte er und steuerte sein Pferd dichter neben das von Viraya, bevor er hinzufügte: „Das könnte bald nützlich sein. Der Instinkt gebietet dem Pferd vor einer Bedrohung zu fliehen oder ihr auszuweichen. Wenn du kontrollieren willst, das es in so einer Situation tut, musst du es davon überzeugen, dass deine Idee besser ist als die kopflose Flucht. Das Prinzip ist dabei dasselbe wie sonst auch. Versuche deine Bewegungen an den Rhythmus des Pferdes anzupassen. Es darf dich unter Druck nicht als Störfaktor empfinden. Das ist schwieriger, da es unvorhersehbarere Bewegungen machen wird, aber wenn du es schaffst, wird es auch auf Impulse hören, die du ihm gibst.“
Der Pfad auf dem sie ritten folgte den Böschungen eines kleinen Bachbetts, das aufgrund der Schneeschmelze schon einiges an Wasser führte.
„Aufgepasst!“
Ohne ihr Zeit zur Vorbereitung zu geben ritt Medin noch näher an Viraya heran, sodass die Flanke seines Pferdes die des anderen tuschierte. Es wich ein wenig in Richtung Bachbett zurück, aber viel Platz war nicht mehr. Der Ritter ließ nicht locker und drückte sein Reittier noch ein bisschen stärker gegen die Schulter des anderen Pferdes. Das wieherte nervös auf und schien in Richtung Wasser ausbrechen zu wollen.
„Folge mit deinem Körper seiner Bewegung, aber versuch es vom Wasser wegzulenken.“
Das war interessant, manchmal wusste man etwas im tiefsten Innern, aber die Worte fehlten, um es zu erkennen und damit auch umzusetzen und genau so war es nun bei Medins Erklärung. Er vermochte das in Worte auszudrücken, wonach sie die letzten Monate vergeblich gesucht hatte und sie liess sich darauf. Sie versuchte die Bewegungen des Pferdes zu erraten, ging mit und gab dann nur genau in dem Moment, wo sie nicht einverstanden war einen kleinen Impuls mit den Fersen. Und genau das war der kleine Unterschied. Sie wurden eins und doch diktierte Viraya und schaffte es tatsächlich das Pferd am Wasser vorbei zu lenken. Als Medin sah, dass es ihr gelang, bedrängte er sie erneut. Wieder blieb Viraya ruhig und merkte, dass die Ruhe auch auf ihr Tier über ging. Dadurch vermochte sie es zu lenken. Nun, da sie das erfasst hatte, legte sich ein feines Lächeln auf die Lippen der Diebin und sie begann langsam Medins Pferd zurück zu drängen, wie er es vorher getan hatte. Sie merkte, wie die Situation langsam angespannter wurde und dann geschah es. Sie wusste nicht genau, wie er das getan hatte, aber als nächstes flog sie wie in Zeitlupe aus dem Sattel und landete Hintern voran im Wasser. Sie lachte. Ein Versuch wars wert und irgendwann würde dies auch dem stolzen Ritter passieren.
Viraya lernte schnell und wie alle schnellen Lerner war sie übermütig geworden. Doch auch wenn Stürze von einem Pferderücken nicht mit Leichtsinn riskiert werden durften, war es gut wenn sie sich daran gewöhnte. Lieber in einem Bachbett als in einem Graben mit Verfolgern auf den Fersen. Sie nutzten diesen und die nächsten Tage noch weiter, um auf ihrer raschen Reise immer wieder ein paar ähnliche Übungen einzustreuen. Mal versuchte Medin sie in eine Hecke zu drängen, mal musste Viraya eine sandige Halde hinab reiten. Sie machte beständig Fortschritte.
Währenddessen veränderte sich auch die Landschaft. Immer mehr Vegetation hielt Einzug in die Hochebene, die langsam aber sicher weiter in Richtung eines näher kommenden Meeres abfiel. Das Klima wurde etwas wärmer, auch wenn das vorerst nur bedeutete, dass der schneidend kalte Wind nicht mehr ganz so tief durch die Mäntel der Reiter drang. Sie wagten es noch nicht das Reisetempo zu verringern, denn die Ritter aus dem Dorf mochten noch immer ihren Spuren folgen.
Am Abend des dritten Tages schlugen sie ihr Nachtlager unterhalb einer Böschung auf. Der Hang war mit Sträuchern bewachsen und bot guten Schutz vor dem Wind, während der Untergrund weich genug war, um als angenehmer Schlachtplatz zu dienen. Als Medin mit den Pferden von einem nahen Bach zurückkam, hatten Kortis und Viraya bereits ein kleines Feuer entfacht. Es würde nicht lange brennen, aber ihnen zumindest in der Abendstunde etwas Wärme spenden.
„Die Pferde sind erschöpft“, teilte er den anderen beiden mit und band die Tiere an einem toten Baumstamm fest. „Wir sollten es etwas ruhiger angehen lassen, sonst beginnen sie noch zu lahmen. Ich habe den Eindruck, das meines schon kleinere Schritte als sonst macht. Also keine Experimente und keine Übungen mehr, bis wir die Stadt sehen können.“
Am Morgen hatten sie einen Ziegenhirten getroffen, der ihnen versichert hatte, dass sie auf dem richtigen Weg waren und wahrscheinlich nur noch zwei Tagesritte von Usa entfernt. Wenn das stimmte, dann müssten sie morgen bereits das Hochland nahe der Küsten und die ersten Höfe und Felder erreichen. Von allem was er gehört hatte war Usa an einer felsigen Küste gelegen und lebte vom Seehandel, doch im Landesinneren würde es sicher viele Höfe, Dörfer und Weiler geben, die die Nähe zum Markt suchten.
„Nach allem was uns dies- und jenseits der Berge widerfahren ist, sollten wir nicht unter unseren wahren Namen reisen“, gab der Ritter zu bedenken. „Ich für meinen Teil werde mich als Coën aus Myrtana vorstellen.“
Viraya nickte. «Ich bin Irma und bin dazu da mich um die Pferde zu kümmern.»
Sie hatte keine Lust die feine Dame zu mimen und bei den Dienstboten war sowieso meist mehr interessante Information zu finden. Zudem hatte sie ihr störrisches Pferd ins Herz geschlossen. Der Umgang war viel einfacher als mit Menschen und der Charakter dies Tiers gefiel ihr. Es war so richtig listig, doch im Endeffekt wusste es genau, wann es Viraya abwerfen konnte und wann nicht. In den entscheidenden Momenten hatte es sie nämlich nie im Stich gelassen. Bisher zumindest. Kortis entschied sich dazu ihr Mann zu sein und das war wahrscheinlich eine sehr weise Wahl, denn dadurch waren sie nicht mehr drei Einzelreisende. Sie verstauten die Kleidungstücke, die nicht zu ihrer neuen Rolle passten, in den Satteltaschen und stapften leicht klopfenden Herzens auf Usa zu.
Der erste Anblick von Usa, den die drei Reisenden erhaschten, war wehrhaft und majestätisch zugleich. Von der Landseite her schon seit Stunden durch Felder und Weiden zwischen Wirtshäusern und Höfen hindurch reitend hatten sie schon länger ihre Mäntel hinten auf den Sätteln verstaut, denn die Sonne wärmte hier nahe des Meeres wesentlich stärker als auf der Hochebene im Hinterland. Irgendwann dann tauchte die Stadtmauer von Usa auf.
Die Mauer verriet auf den ersten Blick, dass diese Stadt sich dem Meer hin zugewandt hatte und das Hinterland eher als eine Art bedrohlichen Raum wahrnahm. An jeder Stelle mindestens sechs Meter hoch war sie außen glatt gearbeitet und sauber verfugt. Ein durchgehender, trocken liegender Graben erhöhte sie noch zusätzlich und wurde nur an den Stellen der beiden kleinen, massiven Torhäuser von einer Steinbrücke überwunden, deren Enden in einer hölzernen Zugbrücke mündeten. Auf den dicken Zinnen flatterten hier und da rot-blaue Banner im Wind.
Am späten Nachmittag waren die Tore offen, sodass sich Coën, Irma und Hrolf – wie sich Kortis hier nennen wollte – in den überschaubaren Strom einiger Händler und Reisender mischten. Die Torwächter hielten jeden an, stellten ein paar obligatorische Fragen und untersuchten Karren auf ihre Ladung. Obwohl sie die Reisenden nach Herkunft und auch ihrer Bewaffnung fragten, wirkten sie nicht grundsätzlich abweisend. Aus dem Norden sei man über das Gebirge gezogen, antworteten sie wahrheitsgemäß, um Korrespondenzen zu überbringen und dann Überfahrt auf einem Handelsschiff zu suchen – nicht mehr ganz so wahrheitsgemäß. Aber viele Reisende kamen wohl aus diesem Grund und so durfte man schließlich passieren.
Usa selbst war eine florierende Stadt. Obwohl sie bei weitem nicht so groß wie Vengard oder Gorthar war, schien der Seehandel sie reich gemacht zu haben. Viele der auf den steilen Küstenhügeln aneinander gedrängten Häuser waren komplett aus hellem und rötlichem Stein gebaut worden und so einige Straßen waren gepflastert. Es gab mehrere kleinere Handelsplätze und einen größeren Marktplatz, an dem sich die Häuser der reichen Bürger und der Stadtobrigkeiten aneinander reihten. Geschützt in der Bucht zwischen mehreren hohen Klippen lag der Hafen, der ohne Zweifel das Herz dieser Stadt war. An Kaimauern und Holzstegen lagen allerlei Handelsschiffe und auch die eine oder andere Galeere. Türme auf den Klippen ließen keinen Zweifel daran zu, dass die Zufahrt von See her ohne Probleme kontrolliert werden konnte. Auf dem höchsten Hügel, der auch in einer fast senkrechten Klippe am Meer endete, thronte ein wehrhafter Palast.
Nachdem sich die drei Neuankömmlinge noch etwas in der Stadt orientiert hatten, mieteten sie sich in einem der zahlreichen Gasthäuser ein, die für Durchreisende, Kleinhändler und kleinere Geldbeutel gedacht waren. Im Hinterhof gab es einen Stall für die Pferde, während sich ihre Reiter in einem Schlafsaal im Obergeschoss niederlassen konnten. Zunächst aber suchten sie bei etwas Dünnbier und Brot Rast an einem abgelegenen Tisch in der Schankstube, die sich noch nicht gefüllt hatte. Der Abend brach gerade erst herein.
„Wir sollten Benos Brief überbringen“, meinte Medin, nachdem er den ersten Bissen von einem Kanten Brot hinunter gekaut hatte. Es tat gut mal wieder etwas anderes als Reiseproviant zu essen. „Bedeutet wahrscheinlich viel Herumfragerei, aber so lernen wir auch etwas über die Stadt. Und deine Kontakte – so du welche hast – möchte ich eigentlich nicht nutzen“, fügte er an Viraya gewandt hinzu.
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