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Bin dann mal off!
Die lieben Worte der letzten Augenblicke an Bord der Thalaria hatten Esmalda Mut gemacht. Sie fühlte sich nicht mehr verloren oder einsam, sondern aufgehoben. Sie wusste, egal was kommen möge, Hugen, Shanaa und alle anderen könnte sie um Rat fragen. Das stimmte sie glücklich.
Also nahm sie all ihren neu gefassten Mut zusammen und verließ das Schiff. Ferdok wartete darauf, entdeckt zu werden. Ihr erster Schritt auf Ferdoks Straßen führte sie in eine Pfütze. Schon wieder, irgendwie werde ich von Pfützen verfolgt, seit dem ich diese Gefilde erreicht habe. Ihre Stimmung trübte sich wieder leicht. Wie sehe ich überhaupt aus?! Haare schmuddelig, Robe schmuddelig! Nicht zu vergessen - dieser riesen Fleck an meinem Hinterteil. So würde sie nicht weiter durch die Gegend laufen! Schließlich war sie eine Absolventin der Pentagramm-Akademie und nicht eines Bettelkollegs. Seife musste her und eine ordentliche Waschgelegenheit. Irgendwo in dieser Stadt würde wohl sowas zu finden sein - auch wenn die Mittelreicher in ihrer Heimat nicht gerade für ihre Reinlichkeit bekannt waren.
Entschlossen schritt sie voran - ihre Aufgabe war klar: Reinlichkeit! Aber nur nach wenigen Schritten wurden ihre Augen immer größer und ihr Mund immer offener. Hier war alles so anders. Das Gewimmel auf den Straßen ähnelte dem in Rashdul, aber die Menschen, die Häuser - und überhaupt. Esmalda konnte nur erstaunt den Kopf nach links und rechts drehen. In Rashdul glitzerte alles unter dem unnachgiebigen Schein der Sonne. Alles war in helles, reines Licht getaucht, die Leute gepflegt und gesittet. Hier - die Gassen rund um den Hafen waren alles andere als reinlich und gepflegt. Alles wirkte auf die Magierin so düster und zusammen gepfercht. Sie hatte auf ihren Reisen schon viel von Aventurien kennengelernt, aber diese Enge hatte sie noch nirgends wahrgenommen. Sie war noch nie in einer so großen Stadt gewesen - außer in Rashdul natürlich. Die Andersartigkeit faszinierte sie einerseits, andererseits wusste sie so gar nicht, wie sie es hier finden sollte. Faszinierend, man sollte über solche Erfahrungen ein Buch schreiben, einen Reise-Roman vielleicht ,Esmalda im Wunderland‘ - oder so.
Und so ging die kleine Magierin langsam durch die Gassen und bestaunte Ferdok. Als sie um die erste Ecke gebogen war, hörte sie das Gekeife einer Frau. „Egon, du alter Faulpelz!“ Sie hörte sich an, wie die Winde in einem Brunnen, die schon länger mal geölt werden müsste. „Egon, wie oft muss ich dir noch sagen - nicht so! Den lieben langen Tag am Ferdoker nippen, aber nicht mal das Brennholz nach Hause tragen können, was! Ich hätte auf meine Schwester hören sollen - die hat gleich gesagt...“ „Lass mich,“ rülpste Egon zurück. Offensichtlich konnte er nun noch eingeschränkt stehen. „Keifende Alte... ich hätte warten sollen, bis meine Augen wieder nüchtern waren, bevor ich ja gesagt hab.“ Esmalda musste zwar aufgrund er Erwiderung schmunzeln, allerdings fühlte sie sich auch etwas pikiert, das mit ansehen zu müssen. Undenkbar, in Rashdul würden sich die Eheleute lieber auf ein Brett voller Nägel setzen, als so etwas in der Öffentlichkeit auszutragen!
Sie ging schnell weiter, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollte, die beiden zu beobachten. Ein wenig weiter die Straße herunter erwartete sie die nächste Überraschung. Eine Gruppe angetrunkener Männer stand zusammen, sie schienen gerade die Kneipe verlassen zu haben. Ein jeder hatte noch einen Humpen in der Hand. Sie grölten und lachten dabei fürchterlich. „Zur Mitte, zur Titte...“ Esmalda lief mit einem Mal puterrot an. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf müsste gleich explodieren, wo bitte schön war sie nur gelandet!? Die würde man eher auf ein Brett voller Nägel setzen und sie festbinden! Irgendwie war das ganze gerade schon lustig. Esmalda hatte sich in ihrer Heimat immer als anders wahrgenommen, hatte die Moralvorstellungen eher belächelt und war immer darauf bedacht gewesen, sich anders zu verhalten. Hier wurde ihr das erste Mal wirklich bewusst, dass sie mehr Novadi war, als es ihr noch vor einem Jahr lieb gewesen wäre.
Aufgrund dieser neuen Erkenntnis ging sie erstmal grübelnd weiter. Bis ihr die eigentliche Aufgabe für heute wieder einfiel. Seife! Oh, da ist ja ein Händler. Zielstrebig ging sie auf ihn zu. Er trug einen riesigen Hut mit Federbesatz, der knapp über seinen buschigen Augenbrauen endete. Ein prächtiger Schnurrbart prangte über seinen breit grinsenden Lippen und er zwinkerte sie mit braunen Augen an. „Guten Morgen und die Zwölfe zum Gruße, bestaunt meine Waren von nur feinster Qualität,“ sprach er mit breitem horasischen Akzent. „Führt ihr auch Seife?“ „Seife? Ich führe nicht nur Seife, bezaubernde Tulamidin, feinste Düfte, edelste Stoffe, funkelnste Brillianten. Eure Augen sind wie ein Gletschersee um Mitternacht im Schein des vollen Mondes. Dieser Ring würde ihre Brillianz bezauberndst unterstreichen!“ „Ich hätte gerne Seife!“ Esmalda fühlte sich für einen kurzen Augenblick gefangen, erinnerte sich aber dann doch an ihr Vorhaben. „Ah, doch so zielorientiert. Seife nur? Ich habe hier die feinste Seife in ganz Aventurien, der Duft von tausend Blumen, eingefangen im Moment der reinsten Klarheit.“ „Nein, ich will ganz normale Seife!“ Er grunzte leicht. „Hier 2 Heller!“ Lieblos und ganz ohne Akzent schmiss er ihr eine einfache Seife hin. Sie bezahlte irritiert, schnappte sich die die Seife, drehte sich um und ihr entfuhr es: „Wahrscheinlich ist der Bart auch nicht echt!“ „Mach, dass du davon kommst!“
Jetzt musste sie nur noch eine Waschgelegenheit finden. Eine freundlich Frau, die an einer Ecke stand, half ihr weiter. Sie war wirklich eine Liebe, Esmalda fragte sich nur, warum sie so leicht bekleidet bei diesem relativ kühlen Wetter draußen stand, machte sich aber nicht weiter drum Gedanken.
Bald war sie am Ort der Reinlichkeit angekommen, der Rest wurde schnell geregelt und für ein paar weitere Heller konnte sie sich und ihre Sachen endlich reinigen. Für einen kurzen Augenblick verweilte sie noch vor der Tür.
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