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    Post [Story]Kochkunst

    Kochkunst


    Für Ork-König





    „Das ist… köstlich!“
    „Allerdings. Und wenn ich nicht gerade diese Feuermagierrobe tragen würde, ich würde sogar sagen, es ist göttlich, meine Liebe!“
    „Nanana, werter Kollege, wir wollen mit solchen Begriffen aber nun wirklich vorsichtig sein!“
    Das scherzhafte Mahnen des dazugekommenen Wassermagiers brachte sein Pendant in der roten Robe und die leicht bekleidete Frau an dessen Seite zum Lachen, und er stimmte mit ein.
    „Habt ihr die Schwarzrobe da hinten in der Ecke gesehen?“, setzte er nach, „Ich glaube, er hat sogar gelächelt, als er vorhin die Harpyieneier in Blutfliegensud probiert hat.“
    „Ein lächelnder Schwarzmagier? Ihr beliebt zu scherzen!“, gab sich der Feuermagier erstaunt, während die Dunkelhaarige neben ihm vergnügt vor Lachen vor sich hin kreischte.

    Ja, Snaf hatte es mal wieder geschafft. Mit ihm als leitenden Koch wurde jedes Fest ein denkwürdiger Erfolg. Der Saal war brechend voll und es schallte sogar so laut in die Küche, dass er umso mehr schreien musste, um seinen Gehilfen die richtigen Anweisungen zu geben.
    „Passt gefälligst auf, dass der Schattenläuferbraten nicht anbrennt, und wehe die Soße wird zu dick, ich feuere sonst… hey, hey, hey, du da hinten, was machst du da? Die Stücke für die Moleratspieße gefälligst nicht so groß, und gleichmäßig, GLEICHMÄSSIG habe ich gesagt!“
    Die Arbeit war in vollem Gange, und er, Snaf, sorgte dafür, dass alles gut lief. Er warf noch einmal einen Blick in den Festsaal.

    „Hey, Fernando altes Haus, schön, dich hier auch zu treffen!“
    „Aber klar, alles was Rang und Namen hat, was?“, lachte der Händler, während er seinem korpulenten Bekannten energisch die Hand schüttelte.
    „So sieht’s aus. Aber sag, hast du schon von den Lurkerzungen probiert? Der Wein in dem die gedünstet wurden kann nur aus Übersee kommen!“
    „Na das will ich doch glatt mal überprüfen“, kicherte Fernando und spazierte herüber zum nächsten Kellner, um ihn gleich um drei Häppchen vom Tablett zu erleichtern.

    Snaf wandte sich wieder der Küche zu, als er einen Heidenlärm hörte. Ton splitterte durch die Gegend und Silberteller waren scheppernd auf den Boden gekracht, der nun von einer beträchtlichen Menge Bluthundschwanzsuppe und Drachenschuppenpulver besudelt war.
    „Das Drachenschuppenpulver! Ja seid ihr denn wahnsinnig? Das war das letzte!“
    Snaf war außer sich, griff sich den nächstbesten Hilfskoch und gab ihm eine Ohrfeige. Der junge Mann wich zurück, fasste sich ins Gesicht und schaute seinen keifenden Chef erschrocken an.
    „Und jetzt los, los, los, füllt die Bluthundschwanzsuppe neu auf und gebt stattdessen eine Packung… oder nein… haben wir noch frische Kronstöckel?“
    „Ja, haben wir“, rief ein anderer, auffällig kleiner Koch von weiter hinten.
    „Worauf wartet ihr dann noch? Zerreiben und in die Suppe damit, und dann servieren oder servieren lassen, wie auch immer! Los doch!“
    Er beugte sich wieder zum jungen Gehilfen, dem er die Ohrfeige verpasst hatte.
    „Und du, du kriegst jetzt deine einmalige Chance dich zu rehabilitieren: Du fängst jetzt schon einmal mit der Khorinischen Waldbeerentorte für das Dessert an – und wehe, das wird nichts!“
    Snaf keuchte und wischte seine Hände kurz an der Schürze ab. Er hatte alles so weit wieder im Griff, aber noch mehr durfte wirklich nicht schief gehen. Würde es auch nicht. Er war brillant, er machte keine Fehler.
    „Macht doch endlich mal einer sauber hier!“, brüllte er noch einmal und wies erregt auf das klebrige Gemisch aus Suppe, Drachenschuppenpulver und khorinischem Schafskäse auf dem Küchenboden. Dann wandte er sich seinem Meisterwerk zu, das einfach perfekt werden musste – weshalb er auch niemand anderen dran ließ. Das Fleischwanzenragout war sein Gericht, sein Opus Magnum, und es würde einschlagen wie eine Bombe. Seine beste Kreation würde ihn endgültig unsterblich machen, Barone wie Generäle würden sich sein Ragout liefern lassen, leicht bis gar nicht bekleidete Frauen würden vor ihm niederknien und…
    „Meister Snaf, Meister Snaf!“
    …er bräuchte nur etwas Schnelles, Raffiniertes zaubern und schon könnte er sogar die zahlreichen Geliebten des Königs…
    „Meister Snaf!“
    „Was ist denn?“, fauchte Snaf wütend, wurde dann aber ganz bleich, als er sah, was los war.
    „Die Küche brennt! Meister Snaf, es brennt in der Küche! Meister Snaf! Snaf… Snaf! Snaf! Snaf! Snaf…“
    Last edited by John Irenicus; 03.09.2012 at 23:02.

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    „Snaf! Hey, Snaf! Sag mal, träumst du schon wieder oder was? Rühr gefälligst um, du Nichtsnutz, die Scheiße brennt doch schon an!“
    Snaf schreckte hoch und spürte den alten Holzlöffel in seinen Händen, ebenso fest und rau wie diese fleischige Hand im Nacken.
    „Zu nichts zu gebrauchen der Kerl! Mann, Mann, Mann…“
    Der aufgebrachte Küchenchef gab ihm noch einen kleinen Stoß, bevor er wieder um die Ecke verschwand, ließ es sich aber nicht nehmen, Snaf noch ein wenig zu triezen: „Und wehe, bis heute Abend sind die Kartoffeln nicht geschält! Und die Zwiebeln musst du auch noch schneiden!“
    „Jaaa, jaaa, jaaa“, murrte Snaf, aber erst, als er sich sicher sein konnte, dass sein Chef endgültig aus der kleinen Küchenkaschemme verschwunden war – vermutlich wieder in die Stadt, in irgendeine Kneipe oder sonstwohin.
    Missmutig ließ er den riesigen Holzlöffel im Topf kreisen. Was auch immer er da zusammenkochen sollte, es roch jedenfalls nicht sehr gut. Aber laut seinem Arbeitgeber Gisbert musste das ja so sein.
    „Kasernenkost“, tönte der Dicke immer, „das muss nicht schmecken, das muss nur viel sein.“
    Snaf ließ die Hände vom Löffel und benutzte sie, um zusätzlich zur grölenden Stimme auch die krude Gestik Gisberts nachzuahmen.
    „Du weißt doch, Snaf, ich sage es dir immer, und immer wieder: Je besser die Armee, desto schlechter das Essen. Oder umgekehrt, weiß ich nicht genau. Jöööhöööödidööö, ersma einen Schnnnnnnaps!“
    Ein Klopfen an der Tür ließ Snaf zusammenzucken. Blitzschnell hatte er seine Hände wieder am langen Holz und rührte mit Übereifer um, während er einen vorsichtigen Blick über die Schulter riskierte.
    Im Türrahmen stand ein ungewöhnlich fein gekleideter Mann, der ihn aus einem jungen Gesicht – er konnte nicht so viel älter sein als Snaf selbst – erleichtert anstrahlte.
    „Innos sei’s gedankt!“, stieß er aus und ließ es sich auch nicht nehmen, das Offensichtliche zu kommentieren: „Ein Koch!“
    Snaf drehte sich nun ganz um und ließ den Kasernenfraß Kasernenfraß sein, denn der großgewachsene Mann mit den schwarzen Haaren kam schon mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Er wusste gar nicht wie ihm geschah, also ergriff er die Hand einfach zum Gruß.
    „Endlich finde ich hier einen… oh“, sagte der unerwartete Besucher, und wischte seine Hand dann nach kurzem Zögern an seiner dunklen Hose ab.
    „Viel zu tun, was?“, grinste er Snaf an, dem jetzt erst klar wurde, dass er sich selbst vorher vielleicht die Hände hätte waschen sollen.
    „Macht nichts, immerhin habe ich einen Koch gefunden. Du bist hier doch der Koch, oder?“
    Snaf druckste herum, „Naja, also…“ - „Wunderbar!“, schnitt ihm sein Gegenüber das Wort ab, „Dann kann ja schon gar nichts mehr schief gehen! Mein Name ist Jerome, und ich gebe dir jetzt den Auftrag deines Lebens! Wie heißt du?“
    Der Enthusiasmus dieses Mannes war ein wenig zu viel für Snaf. Er konnte gar nicht anders, als sich weiter von Jerome umgarnen zu lassen und brachte nur wenige Worte heraus. Es ging alles viel zu schnell.
    „Snaf, ich heiße Snaf, aber…“
    „Snaf! A…ha…“
    Jerome runzelte seine eigentlich sehr glatte Stirn. Der Aushilfskoch schickte einen kurzen Fluch an seine bereits verstorbenen Eltern. Der Name Snaf war einfach eine ewige Strafe.
    „Jedenfalls“, Jerome hatte sich wieder gefangen, „bist du meine Rettung, Snaf!“
    Jetzt war Snaf es, der die Stirn in Falten legte, denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was jetzt auf ihn zukam. Außer, dass es wohl etwas mit Kochen zu tun haben würde.
    „Niemand Geringeres als der König von Myrtana höchstselbst ist heute zu Gast in Khorinis, um sich von der Lage auf der Insel und dem Erzabbau selbst ein Bild zu machen. Ich bin der Bote dieser ganzen königlichen Delegation. Kannst du dir das vorstellen? Die legen unangekündigt mal eben hier im Hafen an und schicken mich dann als Boten zum Statthalter. Normalerweise sendet man Boten eigentlich vor dem Besuch aus, aber naja, auf mich hört ja keiner… euer Statthalter hier war jedenfalls ziemlich panisch, von wegen, es sei ja gar nichts vorbereitet und was weiß ich. Ich war ja selbst ziemlich erschrocken, dass man in eurem Nest hier noch so haust wie vor Jahrzehnten. Noch nie ein Festbankett abgehalten, oder was? Naja, Arbeitervolk eben, von sowas verstehen die wohl nichts… aber egal, euer Chef hier hat mich jedenfalls darum gebeten, ich sollte mich doch darum kümmern, dass es was Ordentliches zu Essen gibt, weil ich mich doch damit auskennen müsste, was solche Festlichkeiten angeht. Ich muss dazu sagen, dass ich mich mit dem kulinarischen Teil so gut wie gar nicht auskenne, ich bin da eher firm in Sachen richtige Besucher für solche Feste zu finden, du weißt schon, hübsche Damen oder… weniger damenhafte Frauen.“
    Er stieß einen vielsagenden Lacher aus, bevor er weitersprach.
    „Tanz, Musik, und die richtige Anzahl an Rückzugsmöglichkeiten für die ein oder andere Fummelei. Aber lassen wir das, jedenfalls hat er mir, also euer Statthalter, gleich ein Säckchen Gold in die Hand gedrückt, da konnte ich ja kaum ablehnen. Gut, ich hätte auch einfach unverrichteter Dinge mit dem Gold in der Hand meinen Arbeitstag beenden können – Aber so etwas tue ich natürlich nicht. Also, ich denke, du weißt, was du zu tun hast? Grob geschätzt sind es hundert Leute. Das wäre doch was für dich, oder? Hast doch auch mal Lust, deine Kochkunst einem würdigeren Publikum zu präsentieren, statt immer nur Perlen vor die Säue zu werfen, was?“
    „Ja schon, aber…“
    Snaf brachte in diesem Moment nicht mehr als ein unbeholfenes Stammeln heraus. Er war von dem schier unbändigen Redeschwall Jeromes geradezu überrollt worden und musste seine Gedanken erst einmal ordnen. Er, Snaf, sollte für einhundert Männer und Frauen der feinen Gesellschaft kochen?
    „Na also“, meinte Jerome zufrieden und klopfte Snaf freundschaftlich auf die Schulter, „ich wusste, du bist der Richtige dafür. Ruhm und Reichtum erwarten dich, wenn du deine Sache gut machst! Ich hoffe also, dass du die Sache nicht versaust und dir ein gaumenschmeichelndes Menü der Extraklasse ausdenkst, über das die Leute in tausend Jahren… na oder sagen wir mal, wenigstens übermorgen noch sprechen werden! Bis heute Abend also – spätestens bei Dämmerung solltest du den ersten Kram im Rathaussaal abgeliefert haben. Ich glaube, da drin haben die keine richtige Küche, deshalb solltest du ab dann hier warten und die frischen Sachen dann nach und nach fertig machen, oder wie ihr Köche das auch immer handhabt. Bin mir aber nicht ganz sicher. Du solltest dich jedenfalls bereit halten und gut zu Fuß sein. Du machst das schon.“
    Snaf hatte noch nie jemanden getroffen, der so viel und so lange reden konnte. Bevor Jerome verschwand, musste er ihm unbedingt erklären, wer er überhaupt war.
    „Aber, halt, ich…“
    „Achja“, sagte Jerome, der sich schon zum Gehen umgewandt hatte, „wie dumm von mir. Das hätte ich ja fast vergessen, aber gut, dass du es sagst. Dieses kleine, aber feine Dokument bekommst du selbstverständlich auch noch.“
    Jerome kramte in seiner Westentasche herum, und zog ein etwas schäbig zusammengefaltetes, immerhin aber mit dem königlichen Siegel versehenes Papier hervor, welches er umgehend an den überrumpelten Snaf weitergab.
    „Ich nenne es den königlichen Einkaufsgutschein. Leider gilt er nicht für… Dienstleistungen, aber naja. Wenn ich mir euer Hafenviertel hier so anschaue… so viel habt ihr ja auch nicht zu bieten. Jedenfalls weist dich dieser grandiose Wisch sozusagen als exklusiven Koch des Königs aus. Du kannst dir also alle möglichen Zutaten besorgen, die du brauchst – die Kosten übernehmen dann wir. Also, hinterher. Wenn wir Lust haben und falls wir dann nicht schon weg sind. Du bist jedenfalls aus der Verantwortung raus, keine Sorge.“
    Jerome ließ ein Kichern ertönen und fand sich selbst und alles andere anscheinend unglaublich komisch. Snaf wagte gar nicht, ihn zu unterbrechen, und als Jerome sich wieder gefangen hatte, klopfte dieser kurz auf das Holz einer der umstehenden Arbeitsplatten und machte sich davon.
    „Du weißt ja jetzt alles. Ich denke mal, man sieht sich.“
    Er war schon halb draußen, da blieb er noch einmal kurz stehen und rümpfte die Nase.
    „Übrigens… es riecht hier irgendwie verbrannt.“
    Dann war er verschwunden, und Snaf war wieder alleine in der schmuddeligen Küche. Nur er, der Kochtopf und dessen Inhalt. Die Kasernenkost, der die Umrührpause ganz und gar nicht gut getan hatte.
    Hastig warf Snaf den Zettel in seinen Händen auf die nebenstehende Anrichte und packte wieder den großen Holzlöffel. Während er ein paar letzte Male umrührte, das Essen musste ja sowieso nicht schmecken und würde es auch unter Garantie nicht, versuchte er das Geschehen der vergangenen Minuten irgendwie zu verarbeiten.
    Er löschte vorsichtig das schwindende Feuer unter dem Kessel, indem er mehrmals mit seinen beschlappten Füßen hineintrat.
    Wo war er da nur hineingeraten?
    Last edited by John Irenicus; 23.02.2011 at 01:05.

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    Als er, mit einem großen Tragekorb bewaffnet, ins Freie trat, stand für ihn eines fest: Mit der bloßen, tatenlosen Träumerei war nun Schluss.
    Snaf fand es selbst sehr verrückt, doch er hatte sich entschieden, seine Situation als Chance wahrzunehmen. Heraus kam er aus der Sache ohnehin nicht mehr, deshalb wollte er das Beste daraus machen.
    Was ihn antrieb, war die Erkenntnis, dass er dabei nur gewinnen konnte, dass alles nur besser werden konnte. Deshalb war er nun unterwegs zum nahe gelegenen Marktplatz um bei Baltram nach ein paar Zutaten zu fragen, die über alte Kartoffeln und schäbige Zwiebeln hinausgingen. Die Zeit von Gammelfleisch und minderwertigem Gemüseabfall sollte vorbei sein – Snaf wollte jetzt so richtig kochen, dass es ein wahres Fest wurde. Genau das war schließlich auch seine Aufgabe. Wie auch immer er das anstellen sollte, er wollte es ernsthaft versuchen.
    Vom Rande des Hafenviertels aus, wo sich sein Arbeitsplatz, diese düstere Eintopfschmiede, befand, hatte Snaf Baltrams Stand schnell erreicht. Die mickerige Auslage dämpfte seine Motivation jedoch ziemlich. Alte Kartoffeln, schäbige Zwiebeln, zammelige Scavengerkeulen. Wie sollte er damit nur arbeiten?
    „Tach Snaf“, begrüßte ihn der Händler knapp, aber freundlich.
    „Tach Baltram“, erwiderte Snaf den Gruß.
    „Was darf es denn sein?“
    Der Meisterkoch in spe war sich unsicher, was er sagen sollte. Immerhin gab Baltrams Warenangebot wie eigentlich jeden Tag nicht das her, was er sich eigentlich erhoffte. Snaf hielt es für besser, nicht sofort die große Katze aus dem Sack zu lassen.
    „Naja, ich wollte mal was Ausgefallenes kochen. Nichts für die Kaserne, mal was anderes. Auch ein bisschen mehr als sonst, nicht diese mickerigen Milizportionen, wenn du weißt, was ich meine. Da darf es auch ruhig mal ein bisschen teurer sein, für das, was ich vorhabe. Was hast du denn sonst noch so im Angebot, außer dem Üblichen?“
    Es war ihm schwer gefallen, die richtigen Worte zu finden ohne zu viel zu verraten, aber Baltram schien das zu genügen.
    „Einiges, einiges“, nickte er eifrig und kramte in der Auslage herum, dass die Kartoffeln schon aus dem Holzkasten herausrollten und sich die Fleischbrocken schmatzend aneinander drückten und rieben. Nach einigem Hin und Her zog er eine leicht angegraute, rosa Fleischscheibe hervor.
    „Hier zum Beispiel, ein wirklich erstklassiges Moleratkotelett! Erst vor zwei Tagen reingekommen, hat Bartok mitgebracht. Fabelhaft, sage ich dir. Für dich nur 50 Goldmünzen.“
    Snaf fühlte, wie sein Magen ein wenig krampfte. Er war sowohl von Gisberts Küche als auch sonst von Baltrams Stand einiges an fragwürdiger Lebensmittellagerung und Hygiene gewohnt, doch jetzt, als er sah, dass unter all dem ohnehin schon gammeligen Zeug noch viel schlimmeres Grauen lauerte, benötigte er einen Moment um sich wieder einigermaßen zu fangen.
    „Nein“, brachte Snaf hervor und druckste herum, da er Baltram nicht verärgern oder gar verletzen wollte. So unbeirrt und unschuldig wie der Händler mit seiner Ware umging, schien dieser es gar nicht besser zu wissen.
    „Ich glaube, das ist nicht ganz das, was ich suche. Verstehst du? Es muss etwas richtig Exklusives sein!“
    Der Koch hoffte, den Händler mit derartigen Worten irgendwie begeistern zu können. Jerome hatte ihm ja eindrucksvoll präsentiert, wie man mit ein bisschen mehr Gerede viel erreichen konnte.
    Baltram fuhr sich mit den Händen durch sein leicht fettiges Haar und machte ein angestrengtes Gesicht. Kurz darauf erhellte sich seine Miene wieder und er bückte sich, um in einer Art Holzfach an seinem Stand herumzusuchen. Es dauerte nicht lange, da verließ er diese ungesunde, buckelige Haltung wieder und hatte eine Schatulle in der Hand. Ohne lange zu zögern stellte er sie auf ein paar angefaulte Äpfel in seiner Auslage, und öffnete das zerschrammte Behältnis dann auf dieser unebenen Ablage.
    Ein so penetranter Geruch nach toten Lebewesen und Meerwasser strömte Snaf entgegen, dass es ihm fast die Tränen in die Augen trieb. Das Innenleben der Schatulle bestand aus Filz, auf dem überraschend ordentlich Baltrams Exklusivware gebettet war.
    „Muscheln!“, strahlte er und hielt Snaf das Kästchen hin, „Klappmuscheln, um genau zu sein.“
    Snaf stellte seinen Korb ab, nahm die kleine Kiste entgegen und musterte die sieben kleinen Muscheln, die noch jede Menge stark riechender Flüssigkeit – mit viel gutem Willen konnte man es Saft nennen – beherbergten und damit an einigen Stellen den grünen Stoff tränkten.
    Er blickte etwas verunsichert an dem Klappdeckel vorbei auf Baltram.
    „Wie lange hast du die denn schon? Sind die noch… gut?“
    „Ja gut“, räumte der Händler etwas verlegen ein, „ganz frisch sind die vielleicht nicht. Ist ja auch eher etwas für die feinere Gesellschaft, da wird das nicht so schnell weggekauft. Was der Bauer nicht kennt, das frisst er auch nicht. Aber in ausgewählten Kreisen gelten diese Muscheln als Delikatesse, das kannst du mir glauben!“
    Jetzt roch es nicht mehr nur nach den Klappmuscheln, sondern auch nach Schönfärberei. Snaf wähnte beinahe schon Jerome vor sich, der ihm die Vorzüge von leicht angegammelten Meeresfrüchten schmackhaft machen wollte.
    Dennoch entschied er, irgendetwas mit diesen Muscheln zu machen. Wenn er zwischen altem Wild und alten Klappmuscheln entscheiden musste, dann wollte er lieber letztere auftischen, da sie wenigstens noch einen Hauch von Exotik mit sich brachten – auch wenn ihm der Gedanke kam, dass sie vermutlich ganz unexotisch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Brackwasser des Hafenbeckens gefischt worden waren.
    „Daraus lässt sich sicher etwas schönes zaubern, Baltram!“, gab Snaf zu Protokoll und nickte seinem Gegenüber zu.
    „Die nehme ich dann.“
    „Gut, gut“, befand Baltram und nickte ebenfalls, „Du wirst verstehen, dass das natürlich nicht ganz billig wird. Sind ja schließlich nicht irgendwelche Muscheln, nicht? Das macht dann 210 Goldmünzen – 30 pro Stück.“
    Normalerweise wäre Snaf bei so einem „Angebot“ die Kinnlade bis auf den Boden heruntergeklappt und er hätte protestiert, vielleicht gefeilscht, aber da dieses Mal rein gar nichts normal war, blieb er gefasst. Ruhig klappte er die Schatulle mit den Muscheln zu, legte sie in seinen Korb und zog aus selbigem das Papier hervor, welches Jerome ihm noch vor einer knappen Stunde mehr oder minder feierlich überreicht hatte.
    „Schuldscheine nehme ich nicht“, wollte Baltram schon abblocken, doch dann erkannte er offenbar das königliche Siegel auf dem Schreiben.
    „Ist ja auch kein Schuldschein“, sprach Snaf das Offensichtliche aus, „das ist der königliche Einkaufsgutschein!“
    Der Koch merkte abermals, dass es äußerst hilfreich sein konnte, das Verhalten Jeromes samt seinem Vokabular zu adaptieren. Noch blieb der Lebensmittelhändler allerdings unbeeindruckt und starrte nur wortlos auf das knitterige Papier.
    „Er weist mich offiziell als Koch des Königs aus. Das heißt, für die Bezahlung der Ware bin ich nicht zuständig.“
    „Ja wie?“, fragte Baltram ungläubig und kratzte sich abermals am Kopf, „Heißt das, ich bekomme jetzt kein Gold von dir?“
    „So ist es“, bestätigte Snaf so souverän wie es ihm möglich war, „stattdessen wirst du deine Bezahlung vom Königshause selbst bekommen.“
    „Aha“, brummte der Händler und runzelte die Stirn, während er sich den Wisch durchlas.
    Snaf hoffte, dass er keine große Überzeugungsarbeit leisten musste – er fühlte sich unwohl dabei.
    Baltram reichte seinem Kunden das Papier zurück und schien nicht besonders angetan von dieser Art des Handels.
    „Und wie läuft das dann ab?“, fragte er, „Muss ich mich dann bei denen melden oder wie ist das? Und wie kommst du überhaupt dazu, für den König zu kochen?“
    „Das ist eine lange Geschichte“, winkte Snaf ab und versuchte Zeit zu gewinnen, denn er musste sich eingestehen, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, wie genau die Vergütung der einzelnen Händler von statten gehen sollte.
    „Jedenfalls ist der König mit seiner Gesellschaft heute angekommen. Komisch, dass du noch gar nichts davon mitgekriegt hast.“
    „Ich arbeite ja auch den ganzen Tag“, gab Baltram zu verstehen. Er schwieg dann eine Weile, bis er schließlich doch die unvermeidbare Frage stellte.
    „Wie komme ich nun an mein Geld?“
    „Gar kein Problem!“, versuchte Snaf über seine eigenen Zweifel hinwegzuspielen, dass der Händler jemals auch nur eine Goldmünze vom König zu sehen bekommen würde, „Sobald ich wieder in der Küche bin, schreibe ich mir die 210 Goldmünzen Ausstand auf, und… ach was, wir machen das noch ganz anders. Hast du was zu schreiben hier?“
    „Ja, in meinem Hotelzimmer… soll ich das jetzt holen?“
    „Wäre gut“, bejahte Snaf.
    „Dann mache ich das eben… nicht weglaufen!“
    Schnellen Schrittes bewegte sich Baltram auf das nur wenige Meter entfernte Hotel zu und verschwand in seinem Inneren. Es dauerte nicht sehr lange, Snaf hatte gerade den königlichen Einkaufsgutschein wieder in seinen Korb gelegt, da war der überraschend flotte Händler schon wieder mit Papier, Federkiel und Tinte zurückgekehrt.
    „So“, schnaufte er, „und jetzt?“
    „Das wird jetzt sozusagen eine Quittung!“, bemühte sich der Koch, sein Vorhaben möglichst gut klingen zu lassen, „Schreib auf, wie viele Klappmuscheln du mir verkauft hast und wie viel sie gekostet haben. Dann setzt du noch deine Unterschrift drunter, ich meine eigene auch noch, und dann hätten wir das.“
    „Na gut…“
    Baltram tat wie geheißen und brauchte ein wenig länger, da er vermutlich nicht so geübt im Schreiben war. Währenddessen blickte Snaf ein wenig durch die Gegend – auch, um den Händler nicht durch aufdringliche Warterei nervös zu machen.
    Die Sonne war nun schon ein ganzes Stück weitergewandert. All dieser Aufwand nur wegen ein paar Klappmuscheln, von denen Snaf nicht einmal wusste, wie er sie überhaupt zubereiten sollte. Die Zeit war heute wahrlich nicht sein Freund.
    „So, fertig!“, verkündete Baltram und reichte Snaf das krakelig beschriftete Papier, damit dieser auch noch seine Unterschrift hinzufügen konnte. Darum bemüht, das Tintenfass nicht in die Scavengerkeulen hineinzustoßen und trotz mangelnder Unterlage nicht allzu sehr auf dem Papier herumzuschmieren, war auch diese Notwendigkeit endlich erledigt.
    „Und wie mache ich das jetzt? Behalte ich das jetzt?“, fragte Baltram wieder etwas.
    Snaf konnte es ihm nicht einmal übel nehmen. Es war das gute Recht des Händlers, genau nachzufragen. Aber gerade jetzt passte ihm das leider überhaupt nicht.
    „Nein, das nehme ich mit und liefere es dann zusammen mit dem königlichen Einkaufsgutschein beim zuständigen Verwalter ab“, erklärte Snaf und sprach schnell weiter, damit Baltram nicht noch auf die Idee kam, eine zeitraubende Kopie für sich anfertigen zu wollen.
    „Der kümmert sich dann um alles weitere und wird dir später deine Bezahlung zukommen lassen.“
    Der Händler legte erneut seine Stirn in tiefe Falten.
    „Nee meinste dat klappt?“
    „Nee meinste dat klappt!“, wiederholte Snaf ermunternd und hoffte inständig, dass der Händler das königliche Schreiben und alles was damit verbunden war endlich akzeptieren würde. Und er hoffte, dass der König oder ein Stellvertreter in der Art von Jerome dieses Händlerschreiben akzeptieren würde. Aber letzteres waren Sorgen, die er sich getrost für später aufheben konnte.
    „Na dann“, meinte Baltram gelöst, „dann gehören die Muscheln jetzt wohl dir. Bin froh, dass sie endlich jemand gekauft hat.“
    „Die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte Snaf, hängte sich den Korb am Griff über den Arm, ließ die Quittung in den Tragebehälter gleiten und war der Meinung, dass ein Berufsschwätzer wie Jerome das nicht besser hinbekommen hätte.
    Auch wenn die Lage des Kochs nun nicht viel aussichtsreicher als vorher war, er spürte etwas wie einen Motivationsschub. Vielleicht würde es ja doch noch etwas mit seinem Traum werden, mal eine feine Königsgesellschaft bei einem festlichen Bankett erfolgreich bekochen zu können. Es lag zwar in weiter Ferne, und realistisch gesehen auch außerhalb seiner Möglichkeiten, das wusste er, doch der Mensch wuchs bekanntlich mit seinen Herausforderungen. Er wollte es wenigstens versuchen!
    Er nickte Baltram noch einmal zum Abschied zu und ließ all das alte Gemüse und das fettige Fleisch hinter sich – ein für alle mal, wagte er zu hoffen.

    Es war nicht weit bis Zuris’ Stand. Snaf hoffte, beim hauptberuflichen Tränkehändler vielleicht ein paar seltene Gewürze erstehen zu können – am besten ohne eine minutenlange Diskussion.

    „Zuris, ich brauche Gewürze. Aber nichts von den einfachen Dingern. Etwas Exotisches wäre schön.“
    Snaf sah sich skeptisch von dem älteren Herrn mit der Hakennase beäugt.
    „Wollen wir jetzt hoch hinaus, oder wie darf man das verstehen?“
    Der Händler war wie immer ein wenig genervt. Er mochte Snaf einfach nicht, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht aber war diese dauernde Reserviertheit des grauhaarigen Mannes auch einfach ein Charakterzug von ihm.
    „Kann man so sagen“, antwortete Snaf möglichst selbstbewusst klingend, „ich werde nämlich für den König kochen!“
    Es tat ihm gut, das voller Stolz zu sagen. Er fühlte, wie er langsam in diese Rolle hineinwuchs. Daran konnte auch Zuris’ Reaktion nicht viel ändern, im Gegenteil: Er, Snaf, würde es ihm schon zeigen. Ihm und allen anderen auch.
    „Für den König?“, lachte der Tränkehändler, „Na, wenn’s weiter nichts ist. Schön, häng du nur deinen Fantasien nach, mir soll es recht sein.“
    Die Bitterkeit des Händlers konnte Snaf jetzt nicht gebrauchen, deshalb ging er nicht weiter auf dessen Frotzeleien ein.
    „Also, hast du etwas Besonderes für mich?“
    „Du hast Glück“, antwortete er und verdrehte leicht die Augen, „ich habe gerade ganz frischen roten Tränen-Pfeffer reinbekommen. Kostet aber natürlich einiges…“
    Snaf überlegte kurz, wie Zuris an das seltene Gewürz gelangt war. Es lag nahe, dass die Lieferung direkt mit dem Schiff des Königs angekommen war.
    „Und was hast du sonst noch?“, fragte der angehende Spitzenkoch dann, während er einen raschen Blick in seinen Korb warf.
    „Nichts, was du bezahlen könntest“, murrte Zuris.
    „Geld spielt keine Rolle.“
    „So?“
    Der Händler zog die linke seiner buschigen Augenbrauen hoch. Hämisch grinsend fischte er dann in der Auslage nach einem kleinen Lederbeutel mit goldenem Bändchen und hielt es seinem Kunden vor die Nase.
    „Goblinbeerenpulver“, sagte er, „schmeckt gut und ist ganz nebenbei noch ein Aphrodisiakum. Kostet auch nur 300 Goldmünzen, das Säckchen. Bisschen viel für dich, was?“
    „Ist gekauft.“
    „Bitte was?“, fragte Zuris entgeistert und riss die Augen auf. Dann verfiel er in ein unangenehm gekünsteltes Lachen, während er den Beutel wieder an seinen angestammten Platz zwischen den anderen Waren legte.
    „Mach dich nicht lächerlich, der Tränen-Pfeffer allein ist doch schon viel zu teuer für dich. Wer soll das bezahlen?“
    Jetzt war der Moment für Snaf gekommen, seine ultimative Trumpfkarte auszuspielen – und er genoss es.
    „Der König!“, verkündete er bestimmt, angelte das mächtige Schriftstück aus seinem Korb und hielt es wiederum Zuris vor die Nase, der es ihm grob aus der Hand nahm.
    Nach nur wenigen Sekunden gab er ihm den Zettel mit grimmiger Miene zurück.
    „Vergiss es.“
    „Wie jetzt?“
    „Vergiss es. Ohne mich.“
    Snaf wollte nicht glauben, was er da hörte, und tippte mehrmals empört auf das Blatt Papier in seiner Hand, während er seinem Gegenüber die Vorzüge des Schriftstücks erklärte.
    „Aber das hier ist der königliche Einkaufsgutschein! Damit kann ich bei allen Händlern einkaufen, und damit muss ich nichts…“
    „Du dummer Junge“, schnitt Zuris ihm das Wort ab, „Ja glaubst du denn, ich bin erst seit gestern Händler?“
    Snaf machte nur große Augen.
    „Ich mache das jetzt seit Jahren… seit Jahrzehnten. Ich mach diesen Scheiß nicht das erste Mal mit. Diese königliche Bande betrügt doch jeden um sein Geld, wo und wie sie nur kann! Ich habe einmal darauf vertraut, Junge, einmal… und ich habe keinen mickerigen Goldtaler gesehen! Also erzähl mir nichts vom königlichen Einkaufsgutschein, du machst dich doch lächerlich.“
    Der verdutzte Meisterkoch in spe war sich unsicher, wie er reagieren sollte. Einerseits waren die Dinge, die Zuris erzählte, kaum von der Hand zu weisen – der Händler hatte keinen Grund zu lügen. Andererseits war Snaf jetzt schon viel zu weit, um noch aufgeben zu können.
    „Dann nehme ich nur den Pfeffer und bezahle mit meinem eigenen Geld“, sagte Snaf, nachdem er den königlichen Einkaufsgutschein wieder zurück in den Korb befördert hatte.
    „Das glaubst du doch selbst nicht“, erwiderte Zuris mit zusammengekniffenen Augen, „Du armer Schlucker hast ja nichtmal Gold dabei, um auch nur einen halben Beutel Tränen-Pfeffer zu kaufen.“
    Trotzig griff Snaf an seinen Gürtel und schnürte den dort hängenden Lederbeutel auf. Er war alles andere als prall gefüllt, aber es waren immerhin 42 Goldmünzen, die der königliche Koch hervorkramen konnte. Ein müdes Lächeln stahl sich auf das Gesicht des alten Händlers.
    „Siehst du, es reicht vorne und hinten nicht. Der eine Beutel kostet alleine 100.“
    „Vielleicht als Anzahlung?“, fragte Snaf und ärgerte sich, dass sich ein leises Flehen in seinen Tonfall geschlichen hatte.
    „Ich krieg auch bald wieder Lohn“, fügte er trotzdem noch hinzu, ohne in dem Moment überhaupt genau zu wissen, wann wieder Zahltag war und ob das Gold reichen würde.
    „Na gut“, brummelte Zuris, während er die kleine Anzahlung annahm.
    „Aber wehe, du zahlst mir die fehlenden… 56 Goldmünzen nicht bis spätestens Ende nächster Woche! Dann gnade dir Innos, Freundchen…“
    „Ist gut, keine Sorge“, versichterte Snaf erleichtert und nahm den Beutel mit dem roten Tränen-Pfeffer entgegen. An die fehlende Summe würde er schon irgendwie rankommen. Zur Not machte er das mit Jerome klar. Der würde ihn bestimmt nicht hängen lassen.
    Snaf wollte gerade noch einmal stolz seine Neuerwerbung begutachten, da wäre ihm der Beutel vor Schreck fast aus der Hand gefallen. Um die Ecke des Hotelgebäudes herum stiefelte Gisbert direkt auf den Marktplatz zu. In Snaf wurde es beim Anblick seines Chefs abwechselnd heiß und kalt.
    „Ach du Scheiße… was macht denn der Dicke hier?“
    „Wie meinen?“, fragte Zuris, der verdutzt von einigen Kisten mit Tränken aufsah.
    „Wenn der mich hier sieht…“, murmelte der Küchenjunge zu sich selbst und wollte erst gar nicht weiter auf Zuris’ Nachfragen eingehen, raunte dem Händler dann aber noch zu: „Ich war nie hier, okay?“
    Unter dem verwirrtem Kopfschütteln des Verkäufers rannte Snaf mit dem Korb in der einen und dem Pfefferbeutel in der anderen Hand los und bog in Richtung Tempelviertel ein. Auf diesem kleinen Umweg konnte er unbemerkt zurück zur Küche gelangen, ohne dass Gisbert je etwas von seinem kleinen Ausflug erfahren würde. Nicht auszudenken, wenn sein Chef…
    Es war ein ungutes Gefühl, und ein noch weniger gutes Geräusch, was Snaf mit einem Male wahrnahm. Hätte er es auf der Stelle beschreiben sollen, es wäre in Worten ein flatschendes Rieseln oder ein rieselndes Flatschen gewesen. In dieser Situation beschränkte sich der rasende Koch allerdings auf einen einzigen, lauten Ausruf.
    „SCHEISSE!“
    Der Blick in seine linke Hand bestätigte den panischen Verdacht: Der Beutel war aufgerissen, und zu allem Unglück hatte sich während der Flucht auch noch das Lederbändchen gelockert. Der ganze rote Tränen-Pfeffer lag nun bei den Stufen zum Tempelplatz verteilt. Wie blutiger Sand hatte er sich in die Rillen zwischen den unförmigen Pflastersteinen gelegt.
    „Scheiße!“, wiederholte Snaf noch einmal und bückte sich dann hektisch, um etwas vom Pfeffer aufzuklauben, doch es war vergebens: Die Gewürzmasse hatte sich so weit verstreut, dass sie nicht mehr zusammenzubekommen war.
    „Das darf doch alles nicht wahr sein…“
    Last edited by John Irenicus; 23.02.2011 at 01:03.

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    „Das darf doch alles nicht wahr sein!“
    Snaf stand in der dunklen Küche und betrachtete seinen Einkauf: Die spärlichen Überreste eines Pfefferbeutels und sieben kleine Klappmuscheln, die zu allem Überdruss auch noch innen leer waren. Baltram hatte ihm tatsächlich für satte 210 Goldmünzen sieben stinkende, leere Klappmuscheln verkauft.
    Mit dem, was sonst noch so in der Küche an Resten herumlag, musste Snaf jetzt so schnell wie möglich ein Königsmahl für hundert Leute zaubern. Ja, zaubern – ohne Magie war das kaum zu schaffen. Die unmögliche Aufgabe schien den nun nicht mehr ganz so optimistischen Küchengehilfen geradezu aufzufressen. Sein Ehrgeiz war an der Realität gescheitert.
    Snaf wusste, vom Herumsitzen würde kein Essen entstehen, das einem Hofstaat – oder überhaupt irgendwem – würdig war. Mühsam zog er sich mit einer Hand an der Anrichte von seinem wackeligen Hocker hoch. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er nicht doch noch einmal auf den Marktplatz gehen sollte um etwas einzukaufen. Ob ihn Gisbert dann dort erwischen würde oder sonstwie bemerken würde, dass er nicht in der Küche war – was kümmerte es ihn? Es war diese eine Chance, raus aus diesem Küchenjungendasein zu kommen, raus aus dieser Küche, raus aus dieser Stadt, runter von dieser Insel. Er wollte doch schließlich nicht den Rest seines Lebens so verbringen!
    Aber eines fehlte: Die Zeit.
    Wie viele Stunden mochten es noch sein, die er übrig hatte? Überhaupt mehr als eine?
    Snaf ging nun in der Küche hin und her und machte eine kleine Bestandsaufnahme. Kartoffeln befanden sich noch einige in Säcken in der hintersten Raumecke. Etwas altes Gemüse staute sich in den grob gebauten Bastkörben auf den Regalen. Damit ließ sich noch irgendetwas machen, doch was fehlte, war Fleisch. Viel Fleisch.
    Der aufstrebende Koch streckte sich bis zu einem der obersten Regale und tastete blind auf der staubigen Ablagefläche umher, bis er fand, wonach er suchte. Seine Faust schloss sich um das kleine Metallteil, und zufrieden pustete er den ganzen Dreck davon weg.
    Mit dem Schlüssel in der Hand ging er nur ein paar Schritte weiter, um vor einer wuchtigen Tür zum Stehen zu kommen. Das dunkle Holz wurde von einigen hellen Schrammen kontrastiert, die stumme Zeugen von vergangenen Umbauten und zahlreichen Umräummaßnahmen in der engen Küchenkaschemme waren.
    Das Schloss war ziemlich alt und daher schwergängig, doch mit ein wenig Gewalt gelang es Snaf, den kaum merklich verbogenen Schlüssel darin zu drehen. Ein festes, lautes Knacken noch, und er konnte die Tür zur Vorratskammer aufstoßen. Sie knarrte dabei nicht.
    Es war hier noch kälter und noch dunkler als im Rest der Kaschemme, doch Snaf hatte schnell gefunden, was er suchte. Von mehr als zehn Fleischerhaken waren drei mit Fleisch behangen: Zwei davon mit je einem toten Scavenger und einer mit dem schlaffen Leib eines von Fell und Hauern befreiten Keilers. Was Snaf allerdings außerdem noch sah, raubte ihm den Atem – zusammen mit dem bestialischen Gestank, der seine Atemwege zu verstopfen drohte.
    Unter, über und an den hängenden Tierkadavern wuselten gefühlt hunderte kleine Beinchen hin und her, von denen je fünf Paare einen fleischigen, ovalen Körper mit zwei langen Fühlern trugen.
    „Ach… du… Scheiße…“, flüsterte Snaf entgeistert wie angeekelt. Sein Blick wanderte zurück zu den Fleischvorräten. Über und über waren die Scavenger mit schwarzen Flecken und krustigen Löchern im Körper bedeckt, und dort, wo dem Keiler die Hauer entrissen worden waren, quollen braune, schleimige Kugeln aus den Öffnungen. Diese Mistviecher hatten doch tatsächlich ihre Eier gelegt. Das ganze Fleisch war verdorben. Es waren nichts als tote Tiere. Verwesendes Aas. Leichen.
    „SCHNA… jezz häddich beinah Schnabss gesacht, hehehe… ich mein… SNAF!“
    Schon beim ersten lauten Ruf war das Herz des Küchengehilfen beinahe in die Höhe gesprungen – stattdessen aber hatte es sich entschieden, seinem Besitzer in die Hose zu rutschen. Snaf schluckte schwer. Warum musste der Dicke denn gerade jetzt auftauchen?
    „Wenn der das hier sieht…“, hauchte Snaf panisch und stieß eine der Fleischwanzen, die ihm zu nahe kommen wollte, unsanft mit dem Fuß von sich.
    „Snaf! Bissu etwa noch… hehe… hier?“
    Er spürte, wie ihm der kalte Angstschweiß vom Nacken aus den Rücken herunter lief. Wenn er jetzt etwas Falsches sagte oder nur einen Moment zu lange zögerte, war alles aus.
    „Ja, ich bin hier“, rief Snaf aus der Vorratskammer und hoffte inständig, dass Gisbert viel zu betrunken war um zu ihm herüber zu wanken.
    „Ich bin noch da“, sagte er noch einmal, „Ich mache nur noch etwas sauber, dann haue ich auch ab.“
    Ein lautes Rülpsen hatte die letzten Worte des Satzes überlagert, aber Gisbert hatte offenbar ungefähr kapiert, was los war - besser gesagt: Was er Snafs Hoffnung gemäß kapieren sollte.
    „Achssso“, lallte er, „na dann willich ma nix gesacht ham… ist guuuut, ja, guuut… hasse ja dowas bei mir gelährnt, nichwahr? S-Sssauberkeit issas A und O, das Alpha undommega inner Küsche, das is wahr, nichwahr?“
    „Na klar“, murmelte Snaf kaum hörbar, „deshalb hast du dir letzte Woche beim Feldrübeneintopf auch die Fußnägel geschnitten…“
    „Hm?“, grunzte Gisbert, wobei sich Snaf nicht sicher wahr, ob ihn sein Chef wirklich gehört und verstanden hatte.
    „Ja, Sauberkeit ist wichtig!“, bestätigte Snaf wie mechanisch und kam sich vor, als würde er mit einem Kleinkind oder einem schwerhörigen Greis sprechen. Oder mit einem schwerhörigen Kleinkind.
    „Deshalb mache ich jetzt noch sauber und gehe dann auch!“, fügte er noch hinzu, da er das Gespräch dringend beenden wollte. Eine besonders aktive Fleischwanze hatte nämlich Gefallen an seinem Bein gefunden und krabbelte munter daran hoch.
    „Guuut…“, leierte Gisbert zufrieden, „dann willich ma gehn, nichwahr? Mein Mädchen wartet schonnn auf… hehe… mich.“
    „Wohl eher auf ihre fünfzig Goldmünzen…“
    „Bidde?“
    „Ja, es war ja auch wirklich ein harter Tag! Tschüss dann, Chef!“
    Nach einem letzten Grunzer setzte sich Gisbert polternd in Bewegung. Snaf zählte die unregelmäßigen Schritte, die sich glücklicherweise von der Vorratskammer entfernten. Dann endlich fiel die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss.
    „Gaaah… weg, weg, weg!“, stieß Snaf aus und schüttelte sich, damit die Fleischwanze an seinem Bein endlich von ihm abließ. Beinpaar für Beinpaar löste sich von dem offenbar sehr griffigen Stoff der Hose, bis das speckige Wesen fiepend durch die Luft flog und mit einem unangenehmen Krachen auf dem Holzboden aufschlug. Der dünne Rückenpanzer war entzwei gebrochen, und aus dem Riss heraus quoll eine feste, stark riechende Fleischmasse. Ihre Artgenossen flitzten sofort zum toten Körper und labten sich wie wildgeworden daran. Kein Tier schien dem anderen auch nur ein Gramm vom Fleisch zu gönnen, sie krabbelten übereinander, fielen ab und zu vornüber und rollten den wuselnden Fleischwanzenberg herunter, nur um sich danach sofort wieder einen Weg zurück zum Objekt der Begierde zu drängeln.
    Snafs Augenbrauen hoben sich, doch er ekelte sich nicht. Er machte ein paar Schritte Richtung Küche und angelte sich mit ruhiger Hand den großen Fleischhammer, der wie immer um die Ecke am Nagel an der Wand hing.
    Er wog das Gerät ein wenig in der Hand hin und her und besah sich noch einmal die unruhige Fleischwanzenschar. Endlich war ihm die rettende Idee gekommen. Warum nicht jetzt den lange gehegten Plan in die Tat umsetzen?
    Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und dem Hammer in der Hand machte Snaf sich ans Werk…
    Last edited by John Irenicus; 23.02.2011 at 01:03.

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    Stilecht mit Schürze und sogar einer alten Kochmütze bekleidet, marschierte Snaf schnellen Schrittes durch die laue Sommernacht. Grillen zirpten.
    Mit beiden Händen fest umklammert trug er eine große Schüssel vor seinem Bauch herum, die mit einem rot-weiß karierten Tuch abgedeckt war.
    Er war viel zu spät, es war schon lange dunkel. Snaf rief sich die Worte Jeromes ins Gedächtnis: „Spätestens bei Dämmerung“, hatte er gesagt. Spätestens. Snaf war sich ziemlich sicher, dass damit nicht die Morgendämmerung gemeint gewesen war.
    Andererseits waren es die Gäste sicher gewohnt, auf ihren Meisterkoch zu warten. Bestimmt. Unpünktlichkeit war bei Hofe eine Tugend.
    „Sachte, sachte, junger Freund.“
    Snaf wäre beinahe in die metallene Faust der Torwache gerast, die sich vor ihm aufgebaut hatte.
    „Wo wollen wir denn hin?“
    „In den Rathaussaal“, antwortete Snaf wahrheitsgemäß und ärgerte sich, dass er wegen diesem Torwächter nun noch später ankommen würde.
    „Da findet aber gerade eine Feier statt“, meinte dessen Kollege nun wichtigtuerisch, „König Rhobar II. höchstselbst…“
    „Ich weiß doch“, schnitt Snaf ihm das Wort ab, „Ich bin für das Essen zuständig!“
    „Das kann ja jeder behaupten, der ’ne Schüssel vor sich her trägt“, maulte die andere Wache wieder und hob das Abdecktuch kurz an, „Was soll denn das überhaupt sein? Das stinkt ja richtig!“
    Der Königskoch machte den Wachen keinen Vorwurf – sie konnten für ihre fehlende kulinarische Bildung ja nichts. Khorinis war eine ganze Insel voller Banausen.
    „Das muss ich dir nicht verraten. Nur so viel: Es ist mein Meisterwerk.“
    „Riecht eher nach ein paar toten Ratten aus der Kanalisation“, meinte die zweite Wache spöttisch, „und die Dinger kann jeder einsammeln.“
    „Dann greif doch bitte mal in meine Schürze und zieh raus, was du da findest.“
    „Sag mal, willst du uns verarschen?“, erwiderte die Wache, „Was soll das denn jetzt für ein Spielchen sein?“
    Snaf schüttelte genervt seinen mit der weißen Mütze bedeckten Kopf.
    „Das ist kein Spielchen, ich habe halt nur keine Hand frei. Also, zieh den Zettel raus. Er ist da vorne in der Tasche.“
    Mutig trat die erste Wache einen Schritt nach vorne und griff dem Nachwuchskoch beherzt in die Schürze. Nach nur wenigen Augenblicken zog er die Hand wieder heraus, und ein Blatt Papier kam zum Vorschein. Im Schein der Torfackeln faltete er es auseinander, sein Kollege sah ihm dabei interessiert über die Schulter. Er war es dann auch, der als erstes wieder anfing zu reden.
    „Ich glaub’s ja nicht…“, murmelte er und suchte den Blick der anderen Wache.
    „Die verteilen die Dinger immer noch?“, meinte diese belustigt.
    Die Torwächter grinsten sich an und schienen ein Lachen kaum noch unterdrücken zu können. Als sich der erste erneut an Snaf wandte und ihm den Zettel zusammengefaltet zurückgab, mischte sich ein schwaches Kichern in seine Stimme.
    „Ja gut, dann hast du hier deinen… königlichen Einkaufsgutschein wieder. Alles in Ordnung, du kannst passieren. Viel… Spaß… oh Mann!“
    Dann gaben beide Torwachen den Weg frei und brachen schlussendlich doch noch in Gelächter aus, während Snaf unbeirrt seiner Wege ging. Sollten sie doch nur lachen – sie hatten ja gar keine Ahnung.

    Es war nun nicht mehr weit bis zum Ziel. Zügig schritt der Koch mit der Schüssel durch das obere Viertel auf den Rathaussaal zu. Von weitem schallte schon der Lärm herüber. Das Fest war im vollen Gange.
    Ein bisschen mulmig wurde es Snaf jetzt schon, er wusste ja schließlich nicht, wie die Gäste, allen voran der König, auf seine Verspätung reagieren würden. Er war sich allerdings ziemlich sicher, dass seine Kreation etwaigen Ärger umgehend besänftigen würde.
    Es waren nur noch wenige Meter bis zum Eingang des Saals, da hörte Snaf rechts von sich ein Rascheln und gedämpfte Stimmen aus dem Gebüsch.
    „Jerome!“, kicherte eine glockenhelle Stimme.
    „Was denn, was denn?“
    „Ich bin doch noch minderjährig…“
    „Gerade das macht es doch so reizvoll.“
    Das Rascheln wurde stärker. Eine der beiden Stimmen, die männliche, hatte Snaf sofort erkannt – und der dazu passende Name war ja auch schon gefallen. Er wagte sich ein wenig näher ans Gebüsch ran, ohne jedoch auch nur einen Moment lang daran zu denken, die Schüssel abzustellen. Die würde er so schnell nicht mehr aus der Hand geben.
    „Das können wir nicht tun“, sagte die weibliche Stimme wieder, klang dabei nach Snafs Einschätzung aber nicht gerade überzeugend.
    „Nun hab dich nicht so“, hauchte Jerome, „deine Mutter hat sich schließlich auch nicht so angestellt…“
    „Du hast mit meiner Mutter geschlafen?“, fragte die andere Stimme jetzt, offenbar hin und hergerissen zwischen Empörung und Neugier. Snaf war es unangenehm, diese Unterhaltung – und vielleicht noch alles Nachfolgende – mit anhören zu müssen, aber jetzt, wo er Jerome schon hier gefunden hatte…
    „Shh, zick doch nicht so rum, Süße. Sei artig, ja? Ich werde dich in die Kunst der Liebe einführen, du geile…“
    „Jerome, du hast mit meiner Mutter geschlafen?“
    „Ja, und? Sie ist doch auch nur vierzehn Jahre älter als du… war ’ne gute Nummer. Bei euch zu Hause auf dem Küchentisch. Ich habe noch nie eine Frau so vor Lust schreien gehört, also halt dich ran, du kleines Luder…“
    Das Rascheln erschien nun rhythmischer und wurde ab und zu von einem Keuchen unterbrochen. Jetzt reichte es Snaf, er musste dazwischengehen – er wollte die beiden nun wirklich nicht beim Akt beobachten. Zumindest nicht hier und nicht jetzt.
    „Jerome?“, fragte er leise, und das Rascheln erstarb auf der Stelle. Seine blutjunge Partnerin starrte verwirrt und etwas verängstigt durch das Geäst zu ihm hinauf. Jerome kniete sich hin und tauchte so mit dem Oberkörper aus dem Blätterwald auf.
    „Snaf!“, sagte er freudig und machte weder Anstalten, sich das feine Hemd zuzuknöpfen, noch seine Hose wieder richtig anzuziehen.
    „Es ist schön dich zu sehen, aber du siehst doch, dass ich gerade…“
    „Ich bin zu spät!“, erklärte Snaf ohne Umschweife, auch um die drohende Schilderung von Jeromes vergangenen und geplanten Liebesabenteuern im Keim zu ersticken.
    „Das weiß ich auch“, murrte Jerome, und begann endlich damit, sich wieder anzuziehen. Seine Gespielin war davon allerdings weniger begeistert.
    „Jerome, ich… was ist los? Wo willst du denn hin? Wir hatten doch gerade so viel Spaß…“
    „Dann hat der Spaß jetzt eben ein Ende“, zischte Jerome genervt, während er den letzten Hemdknopf durch das zugehörige Loch zwang.
    „Snaf“, wandte er sich mit freundlicherem Tonfall an den angehenden Spitzenkoch, „du solltest dir dringend ein besseres Timing angewöhnen.“
    „Timing?“, fragte Snaf verwirrt und beobachtete, wie Jerome nach seiner Hose griff, sie hochzog und gürtete.
    „Ja, du bist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. In doppelter Hinsicht.“
    „’tschuldigung“, brummelte der Koch unbeholfen. Er machte einen Schritt zur Seite, um Jerome den Ausgang aus dem Gebüsch zu ermöglichen.
    „Macht ja nichts. Lass uns gehen und hoffen, dass die Gäste noch nicht verhungert sind. Du hast also schon einen kleinen Aperitif dabei, wie ich sehe?“
    Snaf hatte keinen Schimmer, was er darauf antworten sollte. Dankenswerterweise unterbrach das nackte Mädchen, das jetzt endgültig aus den Büschen auftauchte, ihr Gespräch.
    „Jerome, das ist unfair! Jetzt hattest du mich gerade so weit, und dann gehst du einfach!“
    Es war das letzte Mal, dass der junge Mann sich zu ihr umdrehte.
    „Halt einfach die Klappe, Julia. Du hast mir eh nicht gefallen. Für eine Minderjährige bist du viel zu wenig eng, und deine Titten sind auch viel zu klein. Verpiss dich, oder bring beim nächsten Mal wenigstens deine Mutter mit. Die lässt sich wenigstens ohne Gequengel vögeln.“
    Zum Ende dieser Tirade nickte er dem etwas verschämten Snaf zu, und die beiden Männer zogen von dannen.
    Mit Tränen in den Augen und wütendem Gekeife suchte Julia ihre Kleider in der knapp beleuchteten Botanik, doch das interessierte die beiden Männer gar nicht mehr. Sie durchquerten gerade den Eingang zum Rathaussaal, wobei Snaf vom Torwächter ziemlich misstrauisch beäugt wurde.

    „Ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr!“
    „Was? Du musst lauter sprechen, Snaf!“
    So etwas hatte Snaf noch nie in seinem Leben gesehen. Der Eintritt in den Festsaal war wie das Betreten einer vollkommen anderen – und vor allem ziemlich lauten – Welt. Es fühlte sich an, als würde er durch den ganzen Gesprächslärm, das Gelächter und das Gegröle geradewegs wieder fortgeschwemmt. Das mussten mehr als einhundert Leute sein, die hier ausgelassen zur flotten Musik einer Spielmannsgruppe feierten.
    Jerome zog ihn in eine kleine Nische, wo sich Snafs Augen und Ohren erst einmal von dem bunten und lauten Treiben erholen konnten.
    „Das ist schon etwas anderes als eure kleinen Provinz-Polterabende, was?“, fragte Jerome nun wieder gut gelaunt und winkte einen jungen Kellner an sich heran, der ein Tablett mit gefüllten Weingläsern mit sich trug. Bevor Snaf, die Schüssel immer noch fest in beiden Händen, protestieren konnte, hatte Jerome zwei Gläser heruntergenommen. Snaf wollte gerade erklären, dass er überhaupt keinen Wein wollte, doch das war nicht nötig: Jerome trank zuerst das eine, und sofort danach das andere Glas leer und stellte die leeren Gefäße zurück auf das Tablett, woraufhin der Kellner wieder abzog.
    „Siehst du da vorne?“
    Jerome hatte Snaf verschwörerisch den Arm um die Schulter gelegt und wies vorbei an den vielen Männern und Frauen in knallbunten Gewändern direkt auf eine Art Thron am anderen Ende des Saales. Snaf ahnte schon, was jetzt kommen würde.
    „Da sitzt der König und schaut sich das Spektakel ganz in Ruhe an“, erklärte Jerome in seiner gewohnt lässigen Art, „Zu dem gehst du jetzt hin und stellst deine Kreation vor.“
    Der Koch starrte seinen jovialen Begleiter ungläubig an.
    „Einfach so? Ich weiß ja nicht…“
    „Was weißt du nicht?“, kam prompt die Erwiderung, „Bist du etwa nicht von deinem Meisterwerk hier überzeugt?“
    „Doch, schon…“
    „Na also!“, rief Jerome begeistert aus, „Das ist die Chance, dich zu beweisen! Du kannst der großartigste königliche Koch aller Zeiten werden! Du kannst es! Du musst dich nur trauen! Los!“
    Er schob Snaf sanft aus der Nische heraus und stieß ihn ein Stück weiter in den Saal hinein, doch der Meisterkoch wehrte sich noch.
    „Warte, warte…“, meinte er und deutete mit dem Kinn auf seine Schürze.
    „Ach, das macht doch nichts“, befand Jerome, „Mit den Klamotten wirkt das doch nur viel authentischer!“
    „Das meine ich nicht. In der Tasche da steckt noch der königliche Einkaufsgutschein. Ich habe damit eingekauft, von Baltram habe ich eine Quittung, aber der Händler Zuris wollte nicht…-“
    „Egal jetzt, das regeln wir am besten alles hinterher, ganz in Ruhe“, schnitt Jerome dem Koch unwirsch das Wort ab und gab ihm noch einen weiteren kleinen Schubser.
    „Los jetzt, Maestro!“
    Einmal noch drehte Snaf sich um und blickte in das strahlende Gesicht Jeromes, der beide Daumen in die Höhe reckte und ihm aufmunternd zuzwinkerte.
    Snaf holte tief Luft.
    „Okay“, murmelte er sich selbst zu, „Jetzt oder nie!“
    Dann ging alles ganz schnell.
    Es war, als hätte man Snaf Scheuklappen aufgesetzt. Mit Tunnelblick bahnte er sich seinen Weg durch die tanzenden und lachenden Massen. Er bekam ab und zu mal einen Ellenbogen in die Seite oder einen Fuß vor das Schienbein, aber solange der Schüssel mit seinem Meisterwerk nichts passierte, war ihm das egal. Er bekam kaum noch etwas von seinem Umfeld mit.
    Sein großer Moment würde jetzt kommen, und wenn er seine Kreation auch noch einigermaßen angemessen präsentierte, würde sie einschlagen wie eine Bombe. Da war er sich sicher. Man würde ihn feiern, den Spitzenkoch, den königlichen Meisterkoch Snaf.
    Seine beste Kreation würde ihn endgültig unsterblich machen, Barone wie Generäle würden sich seine Speisen liefern lassen, leicht bis gar nicht bekleidete Frauen würden vor ihm niederknien, er bräuchte nur etwas Schnelles, Raffiniertes zaubern und schon könnte er sogar die zahlreichen Geliebten des Königs…
    Snaf erwachte aus seiner Trance als er bemerkte, dass er nun direkt vor dem König stand und alles um ihn herum völlig still geworden war. Die Musik spielte nicht mehr. Sämtliche Blicke waren nun auf ihn gerichtet. Ein gebanntes Schweigen füllte den Saal.
    „Ja bitte?“, fragte der König. Seine Worte hallten leise von den Wänden wider.
    Nervös sah Snaf dem Herrscher Myrtanas in die Augen. König Rhobar II. war ein noch nicht allzu alter Mann mit blondem Haar und einem eleganten Bart. Seine stahlblauen Augen waren sehr intensiv, nicht aber unbedingt aggressiv, sondern strahlten eher Wachsamkeit und Intelligenz aus. Er steckte in Kleidern, die eines Königs würdig waren. Aus feinster Seide war eine Art Festmantel gewebt worden, der in roten, schwarzen und weißen Farben geradezu leuchtete.
    Noch einmal holte Snaf tief Luft. Konnte das alles überhaupt wahr sein?
    „Ich, äh…“, setzte er an, doch seine Stimme versagte mittendrin. Sein Hals war ziemlich trocken, es tat sogar ein wenig weh, als er sich räusperte.
    „König Rhobar II., Herrscher über Myrtana!“, rief Snaf aus und kam sich nicht ganz zu Unrecht ein wenig dämlich dabei vor.
    Der Regent grinste frech, was Snaf nur noch nervöser machte.
    „Ja, der bin ich!“, rief er lachend und blickte in die Runde, „Wir haben hier wohl einen exzellenten Hellseher!“
    Die Gäste kommentierten den Witz ihres Königs mit herzhaftem Gelächter. Auf Snafs Stirn bildeten sich Schweißperlen. Unter seiner Mütze kochte es förmlich. Hatte er etwa jetzt schon versagt?
    „Ich hoffe, du verzeihst mir diesen kleinen Scherz“, sagte Rhobar freundlich, und die Umstehenden kamen wieder zur Ruhe.
    „Ich nehme mal an, du bist der Koch?“
    Snaf nickte nur knapp.
    „Dann soll man mir Besteck bringen!“, rief König Rhobar II., und es dauerte nicht lange, da wurde ihm ein Tablett mit Messer, Gabel, Löffeln und noch viel mehr Gegenständen gereicht, die Snaf so auf die Schnelle gar nicht alle identifizieren konnte. Alles war aus edlem Silber und glänzte wie von Innos selbst erschaffen.
    Jetzt nahm Snaf das Tuch von der Schüssel ab. Ein intensiver Geruch breitete sich im Saal aus, der einige Gäste die Nase rümpfen ließ, doch Rhobar selbst verzog keine Miene. Er bedeutete Snaf, die Schüssel auf dem kleinen Tisch neben dem Thron, wo jetzt auch das Tablett lag, abzustellen.
    „Es scheint ein Ragout zu sein“, stellte er fest und griff zielsicher nach einem besonders prächtigen Löffel.
    „Ich habe einen Bärenhunger.“
    Snaf schlug das Herz bis zum Halse. Jetzt würde sich alles entscheiden. Seine Knie zitterten, als Rhobar den königlichen Löffel in die Schüssel steckte, um ihn danach wieder zum Mund zu führen. Wenige Augenblicke später war er unter großem Interesse der Gäste, allen voran Snaf, am Kauen.
    Der Koch wagte einen Blick über die Schulter und entdecke Jerome in den hinteren Reihen, der wieder aufmunternd beide Daumen in die Höhe reckte. Es zeigte keine Wirkung bei Snaf.
    „Was bei Beliar ist das?!“
    Der Ausruf Rhobars ließ Snaf derartig zusammenzucken, dass ihm die Kochmütze vom Kopf fiel. Als er sich wieder zum Regenten umdrehte, war dieser gerade dabei, das Ragout stückchenweise durch die Gegend zu spucken. In diesem Moment sahen seine stahlblauen Augen nun doch aggressiv aus, seine vorher so freundliche Miene war nun hart und verkniffen. Die Menge ließ ein schockiertes Raunen ertönen.
    „Sprich, Koch!“, durchschnitt Rhobars Stimme wieder den Saal, „Was ist das?“
    „Es… es ist Fleischwanzenragout, mein König. Aus, äh… Fleischwanzen.“
    „WILLST DU MICH ETWA UMBRINGEN?“
    „Wie-wieso, schmeckt es etwa nicht?“, fragte Snaf zaghaft. Die Antwort des Königs war unerwartet radikal: Er nahm die Schüssel in beide Hände und schleuderte sie mit solcher Wucht auf den Boden, dass selbst in den hintersten Reihen noch fliegende Ragoutbatzen ankamen und sich die Scherben des Gefäßes auf einen mehr als beachtlichen Radius verteilten.
    „Das ist ja widerlich! Man serviert mir, dem Herrscher Myrtanas, Fleischwanzen? Eine Frechheit, eine absolute Unverschämtheit! Dafür wirst du büßen!“
    Jetzt war es aus. Der Traum war geplatzt.
    Eine Handbewegung des Regenten später waren, begleitet von den erschrockenen Schreien der Gäste, zwei kräftige Männer an Snaf herangetreten und hatten ihn bei den Armen gepackt. Ihre behandschuhten Hände klammerten sich wie Schraubstöcke um ihn. Er fühlte allerdings kaum Schmerz, denn in ihm war nur noch eine große Leere vorhanden. Dort, wo früher einmal Träume und Hoffnungen gewesen waren.
    „Bringt ihn weg!“, rief Rhobar tobend, „Bringt ihn dorthin, wo ich ihn nie mehr wiedersehen muss…“
    Das war das letzte, was Snaf von Rhobars Wutanfall mitbekam. Er wurde hinausgeschleift und blickte nur noch dem kopfschüttelnden Jerome ins ausdruckslose, ragoutverschmierte Gesicht, bevor es dunkel um ihn wurde.
    Last edited by John Irenicus; 31.08.2011 at 21:02.

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    „Das war das Beste, was ich je gegessen habe! Du bist ein wahrer Meisterkoch!“
    „Aber, aber, Herr König… dabei kommt der Hauptgang ja erst noch! Fleischwanzenpastete an scharfer Dunkelpilzsauce, dazu einen wohldosierten Klecks Unkrautmus.“
    „Ich werd nicht mehr! Dafür werden dir meine Hübschen hier eine ganz besondere Belohnung geben…“
    „Zu gütig, Herr König! Und als Nachtisch gibt es dann Fleischwanzenkuchen mit Buddlerfleischstreuseln oben drauf!“
    „Oooooooooh!“



    „Umrühren nicht vergessen, Dicker!“
    Snaf sah auf, und er hätte dem dreckig lachenden Schatten am liebsten seinen großen Holzlöffel hinterher geworfen, wenn es nicht der einzige gewesen wäre, den er besaß. Diesen Löffel wollte er an keinem dahergelaufenen Banausen verschwenden.
    Sehnsuchtsvoll sah der Koch über die schräg zusammengezimmerten Hütten des alten Lagers hinweg in den Himmel. Blaue Blitze zuckten in weiter Ferne wild umher, ab und zu ertönte ein dröhnendes Donnergrollen. Snaf seufzte.
    „Wie steht’s?“
    Langsam senkte der Koch seinen Blick wieder. Vor ihm stand ein junger, kräftiger Mann mit Pferdeschwanz.
    „Naja… man hat mir eigentlich immer gesagt, wenn man kocht, hat man viele Freunde… aber der Laden hier hat wohl seine ganz eigenen Regeln.“
    „Hab’ ich auch schon gemerkt“, bestätigte der Kerl mit dem Pferdeschwanz grinsend.
    „Hier nimm“, sagte Snaf und befüllte eine Schüssel mit dem Inhalt des riesigen Kochtopfs.
    „Danke“, meinte sein Gegenüber und nahm die Schüssel an.
    Snaf musterte den Neuankömmling eindringlich. Er hatte irgendetwas Spezielles an sich, da war er sich sicher. Vielleicht war er genau der richtige für seinen Plan…
    „Ich habe da ein neues Rezept“, erklärte Snaf gestenreich, „Fleischwanzenragout! Mit Reis und Pilzen. Leider fehlen mir dafür noch ein paar Zutaten, aber ich kann hier nicht so einfach weg. Könntest du mir die besorgen? Du würdest dann natürlich immer vollkommen kostenlos bei mir essen.“
    „Fleischwanzenragout?!“, stieß der Kerl in einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen aus, „Willst du, dass ich kotze?“
    „Schon gut, schon gut“, wehrte Snaf ab, „dann eben nicht. Aber dann hast du auch keinen Grund mehr, weiter hier stehen zu bleiben. Geh weg! Wegen dir verdirbt noch das Essen.“
    Grinsend lief der Mann davon, die Schüssel Reiseintopf immer noch im Arm.
    „Seltsamer Kerl“, murmelte Snaf und setzte das Umrühren mit dem großen Holzlöffel fort.
    „Alles Banausen hier, allesamt…“
    Er blickte noch einmal in den Himmel. Ein dumpfes Grollen antwortete ihm.
    „Irgendwann einmal gehe ich einfach selbst auf Fleischwanzenjagd… und dann kreiere ich das perfekte Fleischwanzenragout. Das gesamte Lager, nein, innerhalb der ganzen Barriere wird man sich danach die Finger lecken, und schon bald wird das Ragout kistenweise gegen hübsche Frauen aus der Außenwelt eingetauscht… ich werde der kulinarische König der Kolonie sein! Und wenn es das Letzte ist, was ich tue…“
    Last edited by John Irenicus; 02.07.2011 at 14:55.

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