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[Story]Mein Freund, der Hammer
Kapitel I
Für einen kurzen Augenblick drangen einige Sonnenstrahlen durch die dichte Wolkendecke, dann wurde es wieder dunkel. Eine beängstigende Dunkelheit, besonders zu dieser frühen Tageszeit.
Dass bei solchen Lichtverhältnissen nicht ein einziger Vogel anzutreffen war überraschte niemanden, erst recht nicht die Hand voll Männer, die weniger an Vögeln als am Aufbau ihres Lagers interessiert waren.
Stoffzelte wurden auseinandergefaltet und Seile geknotet, es herrschte ein reger Betrieb mitten im Wald von Khorinis.
Ein Mann durchschritt die spärlichen Reihen seiner Anhänger und schenkte ihnen misstrauische Blicke, ein Sumpfkrautstängel entglitt seinem Mundwinkel und fiel ins Laub.
Einer der Männer sah auf.
"Bruce?"
"Was gibt es?"
"Wir haben ein Problem, Bruce."
Viele Schritte entfernt war jemand anders ebenfalls mit handwerklichen Tätigkeiten beschäftigt.
"Fellan, verdammt noch mal! Drei Wochen lang hast du es sein gelassen, warum musst du jetzt wieder damit anfangen? Hat es dir nicht gereicht, dass dich damals dieser Kerl verprügelt hat?"
Fellan blickte sich hektisch nach allen Seiten um, was eigentlich vollkommen überflüssig war: die einzige Person in der Nähe war der Schafhirte Alwin, der momentan damit beschäftigt war, ihn wütend anzublicken.
"Es ist das erste Mal seit langem, dass ich meinen Hammer wieder herausgeholt habe", verteidigte sich Fellan, "was soll ich denn machen? Wenn ich mein Haus nicht repariere, stürzt hier bald alles zusammen!"
Es waren tatsächlich drei Wochen vergangen, seitdem sich Fellan das letzte Mal mit seinem Hammer in der Öffentlichkeit gezeigt hatte und es war die reinste Qual für ihn gewesen. Abends im Bett hatte er das Werkzeug seines Lebens gestreichelt, ihm immer wieder gut zugeredet und doch gewusst, dass ihn sein Hammer hassen musste.
Wochenlang nicht hämmern zu dürfen - gab es etwas Schlimmeres für einen Hammer?
Doch heute morgen hatte er Neuigkeiten erfahren, die ihn mit tiefster Glückseligkeit erfüllt hatten: der Idiot, der ihn damals wegen seiner - zugegebenermaßen recht ausgeprägten - Leidenschaft fürs Hämmern verprügelt hatte, war mit dem Schiff der Paladine davongesegelt und würde wohl so schnell nicht zurückkehren. Fellan gab das die Gewissheit, wieder ungestraft hämmern zu dürfen, er war sogleich zurück zu seiner Hütte gerannt, hatte seinen Hammer aus dem samtbesetzten Goldkästchen genommen und ihn würdevoll gegen die Holzwand geschlagen.
Leider wurde das unbeschreibliche Glücksgefühl, das nun jede Zelle seines Körpers durchströmte, durch Alwins Meckereien gemindert, die nicht lange auf sich warten ließen.
"Hör mir mit dieser alten Ausrede auf", verlangte der Schafhirte, "deine Hütte ist die stabilste in ganz Khorinis! Wenn du unbedingt hämmern willst, dann bau dir eine Hütte irgendwo weit weg von der Stadt, wo du niemanden störst, verstanden? Es gibt bestimmt noch mehr Leute in der Stadt, die dich gerne mal verprügeln würden..."
Mit dieser Drohung auf den Lippen verschwand Alwin wieder in seiner wie üblich blutüberströmten Schlachthütte und ließ Fellan in seinem Elend alleine.
Warum mochte ihn denn niemand? Was hatten denn nur alle gegen ihn und seinen Hammer?
Das schlechte Wetter und die bedrückende Dunkelheit trugen auch nicht gerade dazu bei, Fellan jubelnd herumspringen zu lassen - am liebsten hätte er Alwin mit seinem Hammer geschlagen.
Doch er wusste, dass er dies dem Hammer nicht antun konnte, das Werkzeug hasste Gewaltakte und wollte ausdrücklich nur auf Holzbretter geschlagen werden.
Fellan spürte nicht viel davon, dass es Abend wurde; das einzige Anzeichen dafür war, dass es noch dunkler wurde als es ohnehin schon war.
Er hatte sich den ganzen Tag zurückhalten müssen, nicht weiterhin gegen die Wand zu hämmern, doch er wollte sich nicht schon wieder Ärger mit Alwin einhandeln.
Wie sollte es jetzt weitergehen? Er konnte doch seinen Hammer unmöglich bis in alle Ewigkeit nicht mehr anrühren! Und aus der Stadt auszuziehen hielt er für keine gute Idee, auf den Bauernhöfen oder im Kloster wäre er bestimmt auch nicht willkommen und ein Leben mitten in der Wildnis kam für ihn nicht in Frage.
Tief in diesen düsteren Gedanken versunken und den Hammer in seiner Hand traurig anstarrend bemerkte er gar nicht, dass sich ihm jemand genähert hatte.
"Guten Tag, werter Bürger!"
Fellan blickte auf und sah in das zerfurchte Gesicht eines auffallend großen Mannes, der mit einer verdreckten Lederrüstung bekleidet war und zu dem sein höfliches Auftreten nicht ganz zu passen schien.
Immerhin war er wohl nicht gekommen um Fellan am Hämmern zu hindern, was in der momentanen Situation auch nicht notwenig gewesen wäre, schließlich hatte Fellan das letzte Mal am frühen Morgen gehämmert.
"Abend", murmelte Fellan und blickte wieder in Richtung seines Hammers.
Der Fremde musterte den Bürger interessiert.
"Du siehst unglücklich aus, plagen dich etwa Sorgen?"
Fellan wusste nicht, ob er dem Mann von der Sache mit Alwin erzählen sollte, aber dieser Fremde war der erste, der sich wirklich für seine Situation zu interessieren schien - da konnte er diese Möglichkeit doch nicht einfach ungenutzt verstreichen lassen!
Also berichtete er von seiner innigen Freundschaft mit seinem Hammer und den anderen Stadtbürgern, die ihn nicht verstanden und nie verstehen würden. Auch die Sache mit Alwin und seiner kaltherzigen Drohung ließ er nicht aus, denn den Fremden schienen seine Probleme wirklich zu interessieren, was er zwar seltsam fand, aber mit Freude zur Kenntnis nahm.
"Du hast wirklich Recht, was die Bürger dieser armseligen Stadt hier angeht", meinte der Mann, nachdem Fellan seinen Bericht abgeschlossen hatte, "sie verschließen einfach ihre Augen vor dem Offensichtlichen und Natürlichen. Freundschaften zwischen Menschen und Hämmern haben eine lange Tradition und niemand sollte sich über deine Beziehung mit dem Hammer lustig machen."
"Danke, dass du mich verstehst", erwiderte Fellan erleichtert, "aber was soll ich denn machen? Wenn ich mich Alwin nicht füge, wird er mir wieder irgendeinen brutalen Killer auf den Hals hetzen!"
Der Fremde zögerte kurz, dann eröffnete er Fellan:
"Ich denke, ich habe eine Lösung für dich. Mein Name ist Bruce, ich bin Oberhaupt einer Gruppe aufstrebender Händler vom Festland und ich bin mir sicher, dass ich dir helfen kann."
Fellan blickte überrascht auf.
"Wie willst du mir helfen können?"
"Wir werden es besprechen, sobald wir aus der Stadt heraus sind. Lass uns Khorinis erst einmal verlassen und zu den anderen Händlern zurückkehren, wir lagern im Wald vor der Stadt musst du wissen."
Fellan ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Da tauchte urplötzlich ein wildfremder Mann auf, hörte ihm interessiert zu und wollte ihn dann aus der Stadt locken...klang doch eigentlich ganz vernünftig.
"Gut, ich komme mit", beschloss Fellan, "aber nur unter einer Bedingung."
"Ja?"
"Mein Hammer kommt auch mit!"
Bruce lächelte. "Aber natürlich...aber natürlich kommt dein Hammer mit."
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Kapitel II
Tiefe Dunkelheit umgab die beiden Reisenden, als sie das Stadttor von Khorinis durchschritten, nicht einmal der Mond schien durch die gespenstische Wolkendecke.
Es war eigentlich nicht weiter ungewöhnlich, dass es nachts dunkel war, doch diese Dunkelheit war anders. Sie deutete auf mysteriöse Ereignisse und dunkle Rituale hin und stellte eine deutliche Warnung dar, das Haus besser nicht zu verlassen und erst recht nicht mit einer zwielichtigen Gestalt im Wald herumzulaufen.
Fellan war nicht ganz wohl bei der Angelegenheit und bereute es fast schon, überhaupt mitgekommen zu sein. Wenigstens war er nicht mit Bruce alleine, er konnte fest auf die Unterstützung seines Hammers zählen und das gab ihm Mut und Kraft.
"Nein, nicht weiter geradeaus. Hier geht es lang."
Bruce deutete nach rechts in den Wald hinein.
"Äh...ich glaube, ich muss noch einmal in die Stadt zurück", stotterte Fellan, "ich...ähm...habe etwas vergessen."
"Das ist doch kein Problem", erwiderte Bruce mit einem freundlichen Lächeln auf seinen verkrusteten Lippen, "dann gehen wir eben noch einmal zurück nach Khorinis, ich habe Zeit genug. Was hast du denn so Wichtiges vergessen?"
Fellan blickte sich hektisch um und kramte in seinem Gedächtnis nach irgendeinem Gegenstand, den er hätte vergessen können. Leider fiel ihm nur ein einziger ein, und den trug er gerade bei sich.
"Meinen Hammer."
"Ah...wenn du deinen Hammer in der Stadt vergessen hast, was hältst du dann gerade in der Hand?"
Fellan zögerte und lächelte unsicher.
"Ähm...meinen Hammer...glaube ich."
"Großartig, dann können wir jetzt weitergehen, oder?", fragte Bruce geduldig.
"Ja, natürlich können wir weitergehen", antwortete Fellan mit einem verzweifelten Grinsen im Gesicht. Er wusste nicht, was Bruce mit ihm machen wollte, aber er fürchtete, dass es Fellans Probleme lösen würde - nur nicht auf die Art und Weise, die er sich erhofft hatte.
Im Wald war es noch dunkler als in Khorinis und vor allem ein ganzes Stück unheimlicher. Wolfsgeheul sowie gelegentliches Scharren und Rascheln trugen jedenfalls nicht gerade zu Fellans Beruhigung bei.
"So, gleich sind wir auch schon da", eröffnete ihm Bruce schließlich. Tatsächlich war in der Ferne bereits ein heller Lichtschein zu erkennen und je näher sie dem Lager kamen, desto lauter wurde das Stimmengemurmel, das Fellan vernahm. Er glaubte, die Wörter "Klinge" und "aufspießen" herauszuhören, war sich aber nicht ganz sicher. Wahrscheinlich hatten die Händler auch Waffen in ihrem Warenangebot und unterhielten sich gerade über die Eigenschaften ihrer Schwerter.
Als sie näher kamen, erkannte Fellan, dass es insgesamt fünf Männer waren, die um ein Lagerfeuer saßen und kleine Fleischstücke über dem Feuer brieten.
"Da bin ich wieder, Jungs", begrüßte Bruce die Männer, "seht mal wen ich euch hier mitgebracht habe!"
Die Händler blickten gelangweilt auf und warfen Fellan ausdruckslose Blicke zu.
"Wer isn das?", fragte ein mit blauen Flecken übersäter Mann, der eine Wasserflasche in der Hand hielt.
"Ein armer Bürger, der unsere Hilfe benötigt, Lefty. Wir werden ihm natürlich gerne dabei helfen, seine Probleme zu lösen, nicht wahr?"
"Von mir aus", murmelte Lefty und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche.
Fellan bemerkte, dass es nicht so aussah, als hätten die Händler bereits große Arbeit beim Bau ihres Lagers geleistet: die Stoffzelte lagen nutzlos im Laub herum, ebenso wie Holzpflöcke und Seile. Die Händler schienen regelrechte Faulpelze zu sein, trotzdem machte Bruce nicht den Eindruck, als ob er wütend über sie wäre.
"Also Leute, das hier ist Fellan", erklärte Bruce seinen Anhängern.
"Und das ist mein Hammer", fügte Fellan hinzu und präsentierte ihn den wenig begeisterten Händlern.
"Es ist wirklich ein außergewöhnlicher Hammer", bestätigte Bruce, "ich werde ihn gleich einmal den anderen zeigen, einverstanden?" Fellans Hand zuckte zurück, als Bruce nach seinem Hammer griff, kurz funkelte Wut in den Augen des Händlerbosses, dann lächelte er wieder.
"Ich verstehe schon, so einen großartigen Hammer gibt man nicht leichtfertig aus der Hand, nicht wahr? Darf ich dich den anderen vorstellen, Fellan? Der freundliche Kerl hier drüben ist Butch..."
Fellan glaubte, Butch irgendetwas von wegen "aufs Maul hauen" murmeln zu hören, er dachte aber nicht weiter darüber nach, wahrscheinlich hatte er sich nur verhört.
"...dann hätten wir hier noch Shrike, der einzige, der bei uns immer im Freien übernachten muss..."
"Wieso das denn?", hakte Fellan nach.
"Wir haben festgestellt, dass er mit Wohnungen nicht besonders gut umgehen kann", erwiderte Bruce und wandte sich dem nächsten Mann zu. "Wedge ist wohl der Geschickteste von uns."
Der entsprechende Händler beugte sich verstohlen zu Fellan hinüber und flüsterte ihm zu: "Nimm dich besser vor Butch in acht!"
Verwirrt machte Fellan einen Schritt zurück und blickte wieder in Bruces Richtung.
"Dies hier ist Mordrag und der Kerl mit der Wasserflasche heißt Lefty", beendete Bruce seine Vorstellungsrede.
"Was will er denn von uns?", fragte Mordrag nach, während er auf einem Stück Fleisch herumkaute.
"Die einfältigen Stadtbürger können die gute Beziehung zwischen Fellan und seinem Hammer nicht nachvollziehen, deshalb machen sie ihm das Leben schwer, wo sie nur können. Wir als ehrenwerte Händler können einen solch beklagenswerten Zustand doch nicht zulassen, oder?"
Die Händler nickten unmotiviert.
"Ihr kommt vom Festland, oder?", erkundigte sich Fellan. Irgendwie gefielen ihm die Leute hier nicht.
"Natürlich", bestätigte Bruce, "wir sind mit dem letzten Schiff vom Festland gekommen, bei dem regen Schiffsverkehr war das natürlich kein Problem."
"Reger Schiffsverkehr? Es hat seit Wochen kein Schiff mehr im Hafen von Khorinis angelegt!", sagte Fellan verwirrt. Hatte er etwa irgendetwas verpasst oder meinten die Händler einen anderen Hafen?
Bruce zögerte kurz, dann erwiderte er: "Ja, natürlich...aber stell dir den Lauf der Zeit einmal im Zeitraffer vor, mein lieber Fellan. Dann herrscht da bestimmt reger Schiffsverkehr."
Fellans Verwirrung war nur noch gewachsen.
"Äh...geht das wirklich?"
"Was geht wirklich?"
"Das mit dem Zeitraffer meine ich."
"Natürlich nicht, das war nur ein Vergleich, um dir klar zu machen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, verstehst du?" Auf Bruces Gesicht erschien ein leicht genervtes Lächeln.
Fellan war erleichtert. Es ging also alles mit rechten Dingen zu, dann war doch eigentlich alles in bester Ordnung.
"Und wie könnt ihr mir jetzt helfen?"
"Siehst du diese fähigen Leute hier? Fünf gut ausgebildete Händler, die auch in den Künsten des ehrenvollen Zweikampfes geschult sind, optimale Begleiter und treue Gefährten. Und das beste ist: sie werden dir alle zu Diensten sein, Fellan!"
"Mir?" Fellan warf den Händlern hektische Blicke zu, die Situation gefiel ihm immer weniger.
"Ja, dir. Das ist die Gelegenheit für dich, dich an allem zu rächen, was dich all die Jahre lang verarscht und ausgelacht hat, du kannst in die Stadt einmarschieren und mit der Hilfe meiner Leute bittere Rache an Alwin üben! Ist das nicht die Chance, auf die du so lange gewartet hast? Ist es nicht das, was du immer wolltest?"
Fellan überlegte. War es das, was er wollte? Wahrscheinlich wurde jetzt eine geistreiche Antwort erwartet, in der Wut und kühle Berechnung vereint waren und in der er seine Rachepläne bis ins letzte Detail schilderte, so dass ihn alle bewundernd ansahen und bereit waren, an seiner Seite durchs Feuer zu gehen...
Er startete einen Versuch.
"Ähh..."
"Du bist also einverstanden?", freute sich Bruce mit breitem Grinsen im Gesicht, "dann werdet ihr am besten sofort aufbrechen."
"Was, wenn meinem Hammer dabei etwas zustößt?", wandte Fellan ein und schloss seine Finger fest um das wunderbar hözerne Unterteil des Hammers.
"Das wird kein Problem darstellen", erwiderte Bruce, "du kannst deinen Hammer gerne hier lassen..."
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Kapitel III
In Khorinis war die Stimmung auf dem absoluten Tiefpunkt. Gerüchte über einen Großangriff der Orks machten sich breit und man vermutete, dass Lord Hagens Truppe, die erst vor kurzem ins Minental gezogen war, entweder tot oder von einer gewaltigen orkischen Streitmacht eingekesselt war. Noch dazu war mit dem Schiff auch jede Möglichkeit auf eine Flucht von der Insel davongesegelt, viele Bürger der Stadt hatten bereits ihr Testament machen lassen. Andere, etwas weitsichtigere Leute hatten ihr Testament nicht machen lassen, denn der einzig realistische Eintrag wäre gewesen: "Ich vermache mein ganzes Vermögen den Orks" und das würden besagte Orks wohl auch ohne Testament verstehen.
Wer glaubte, dass die schlechte Atmosphäre in Khorinis nicht noch weiter nach unten sinken könnte, wurde an diesem Abend eines Besseren belehrt: die nahezu vollkommene Dunkelheit vermittelte perfekte Untergangsstimmung.
Händler mit Geschäftssinn hätten mit UluMulu-Nachbildungen oder "Ich mag Orks"-T-Shirts bestimmt satte Gewinne erzielen können, doch wie die meisten Stadtbürger hatten sogar die raffgierigsten Händler anderes als ihr Geld im Sinn. Die Straßen waren größtenteils menschenleer, nicht einmal die Stadtwachen patrouillierten durch die Viertel der Stadt.
Der einzige Mann, der zur Zeit gute Laune hatte, war Lord Andre, der nach der Abreise Lord Hagens den Oberbefehl über die - zugegebenermaßen nicht gerade zahlreichen - Paladine erhalten hatte, die in der Stadt verblieben waren, und es sich gerade im bequemen Polsterstuhl gemütlich machte, den er sich in Lord Hagens Beratungsraum hatte bringen lassen. Bewundernd betrachtete er die Innosstatue auf dem Tisch, die im Gegensatz zu den herkömmlichen Exemplaren, die überall auf der Insel aufzutreiben waren, aus reinem Gold zu bestehen schien.
Angestrengt dachte Andre nach, er hatte jetzt die Gewalt über alle Paladine in ganz Khorinis - das musste sich doch irgendwie ausnutzen lassen. Er glaubte zwar nicht, dass Lord Hagen in nächster Zeit zurückkehren würde, aber sicher konnte man sich da auch nicht sein und Andre wollte die Möglichkeiten, die sich ihm boten, auf keinen Fall ungenutzt lassen.
"Ihr da!", rief er zu den drei Paladinen, die sich im Nebenraum gerade beim Schachspiel langweilten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er nicht einmal die Namen seiner Untergebenen kannte. Das wird schon kein Problem sein, dachte er sich, "Ihr da" geht auch...
Die Paladine schlurften unmotiviert in den Beratungsraum und blickten ihn mit verschlafenen Augen an.
"Gibt es etwa eine Aufgabe für uns?", fragte einer von ihnen.
Andre nickte stolz. "Ja, ich habe eine Aufgabe für euch. Eine Aufgabe, die euch ehrenwerten Paladinen angemessen ist, eine neue Herausforderung für die ergebensten Diener Innos´!"
"Und?"
"Wie, und?" Andre war etwas verwirrt, hatte er etwas Falsches gesagt?
"Welche Aufgabe hast du für uns?"
Andre hatte schon die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, irgendetwas vergessen zu haben. Jetzt wusste er auch was.
"Ähm...wie ich schon sagte, eine Aufgabe von höchster Priorität. Ich würde sie niemand anderem als euch stellen, das kann ich mit vollster Überzeugung sagen!"
"Um welche Aufgabe handelt es sich denn nun?"
Die Paladine schienen etwas genervt zu sein und Andre wusste, dass er sich irgendetwas einfallen lassen musste.
"Die Türme!"
Das war doch schon mal ein Einfall, mit den Türmen in der Stadt ließ sich sicherlich irgendetwas anstellen, was die Paladine eine Weile beschäftigte.
"Was ist mit den Tümen?", hakte einer der heiligen Streiter nach.
"Also...ihr wisst schon...die Türme...äh...es ist äußerst wichtig, dass...ich habe jetzt wirklich keine Zeit, euch die Einzelheiten zu erklären! Kümmert euch einfach darum, verstanden?"
"Wir..."
"Verstanden?"
"Ja, Lord Andre."
"Und jetzt lasst mich alleine. Ihr seht doch, dass ich alle Hände voll zu tun habe, oder?"
"N-...ja, Lord Andre."
Die Paladine verließen den Raum und machten sich auf den Weg, um ihre ehrenvolle Aufgabe zu erfüllen - woraus sie auch immer bestehen mochte.
Andre war froh, dass er nun alle seine Untergebenen beschäftigt hatte. Die Milizen hatte er erst vorgestern
ausgeschickt, um den Banditen im Umkreis der Stadt ein für alle Mal den Garaus zu machen, was er für eine ausgesprochen weise Entscheidung hielt. Natürlich bedeutete das, dass die Stadt nun völlig ungeschützt war und es bis auf die Torwachen keine einzige Stadtwache mehr in Khorinis gab, doch die Bedrohung durch die Banditen war größer als die Gefahr, die von Dieben und sonstigen Halunken in Khorinis ausging. Außerdem war ihm bisher nicht ein einziges Verbrechen gemeldet worden, was er für sehr erstaunlich hielt. War die Stadt ohne die Milizen etwa sicherer?
Von solchen Gedankengängen bekam Andre Kopfschmerzen, deshalb versuchte er sie möglichst zu vermeiden.
Er zog es vor, genüsslich einen Sumpfkrautstängel zu rauchen und bei einem Glas Wein das Leben als wichtigster und angesehenster Mann der Stadt zu genießen.
"Lord Andre ist ja verrückt", beschwerte sich Pablo, während er mit den anderen Milizen den dichten, dunklen und selbstverständlich hochgefährlichen Wald durchquerte.
"In Khorinis ist wahrscheinlich gerade die Hölle los", fuhr er fort, "ohne uns haben die Gesetzlosen doch freie Fahrt! Die plündern und rauben, was das Zeug hält, Brandschatzung und Mord ist inzwischen sicher an der Tagesordnung, da wette ich mit euch! Warum haben wir Lord Andres Befehl überhaupt befolgt?"
"Vielleicht wegen seinem Schwert?", grummelte Peck.
"Das ist sicher eine Möglichkeit", gab Pablo zu, "trotzdem ist das Ganze Wahnsinn. Warum sagen wir nicht einfach, dass alle Banditen beseitigt sind und kehren auf der Stelle in die Stadt zurück?"
"Das wäre eine Lüge", bemerkte Ruga.
"Und wir sind ehrenvolle Stadtwachen", fügte Wulfgar hinzu.
"Sind wir das?", fragte Peck nach.
"Ich jedenfalls nicht", meldete sich Wambo zu Wort.
"Ruhe, Wambo. Von dir erwartet inzwischen niemand mehr Ehre. Bei dem Rest von uns sieht das aber anders aus, nicht wahr?" Wulfgar blickte die anderen erwartungsvoll an.
"Hört mal, Ehre ist mir momentan ziemlich egal. Wenn wir nicht bald wieder in der Stadt sind, finden wir bei unserer Rückkehr nur noch verkohlte Ruinen vor!", redete Pablo in betont dramatischer Stimmlage auf sie ein.
"Jetzt mach mal halblang", bremste ihn Mika, "bei dieser Dunkelheit geht doch niemand aus dem Haus, um irgendein Verbrechen zu verüben! Er würde sein Opfer ja nicht einmal finden, so düster ist es."
"Ja, und wir finden bei dieser Dunkelheit keine Banditen, so viel ist klar!", behauptete Peck, "lasst uns in die Stadt zurückkehren; bevor sich das Wetter nicht bessert hat die ganze Sache einfach keinen Sinn."
"Dass du zurück willst ist mir schon klar", meinte Wulfgar, "wahrscheinlich willst du den Abend lieber mit Nadja als als deinen guten alten Kollegen verbringen, nicht wahr?"
"Allerdings", knurrte Peck und starrte missmutig zu Boden.
Wulfgar seufzte. "Wahrscheinlich habt ihr Recht...weiterzugehen hat wohl keinen Zweck. Wir sollten die Banditenjagd fortsetzen, sobald man wieder etwas sehen kann."
Die anderen Milizen stimmten diesem Vorschlag zu und so machten sich alle auf den Rückweg in Richtung Khorinis, der sich jedoch als echtes Problem entpuppte. Die Banditen konnten überall sein, deshalb hatte es auf dem Hinweg keine Rolle gespielt, in welche Richtung sie gegangen waren. Jetzt aber mussten sie nach Khorinis zurückfinden, was im Hinblick auf die Tatsache, dass sie keinen blassen Schimmer hatten, in welcher Ecke der Insel sie sich befanden, eine enorme Herausforderung darstellte.
Doch nachdem sie in der Ferne Lichter gesehen hatten und sich die Lichter allmählich als Fackeln in der Hand von Torwachen herausstellten, stellten sie erleichtert fest, doch gar nicht so weit von Khorinis entfernt zu sein, wie sie befürchtet hatten.
Wäre die Wolkendecke über ihnen nur ein klein wenig durchlässiger und die Dunkelheit nur etwas weniger dunkel gewesen, hätten die Stadtwachen sicher die kleine Gruppe aus abgerissen erscheinenden Gestalten und einem leicht verwirrten Stadtbürger entdeckt, die sich einige Schritte von ihnen entfernt beriet - so aber verpassten sie die Chance, ihren Auftrag doch noch erfolgreich zu beenden.
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Kapitel IV
"Also gut, fassen wir noch einmal zusammen...zuerst teilen wir uns in zwei Dreiergruppen auf, um nicht zu viel Aufsehen zu erregen. Wedge, Butch und Lefty betreten die Stadt durch das Osttor, Fellan, Shrike und ich nehmen den Weg übers nördliche Tor. Bei der Schmiede treffen wir dann wieder zusammen, um gemeinsam eine der Stadtwachen zu überfallen und unserem Opfer den Turmschlüssel abzunehmen.
Damit gelangen wir dann spielend in einen der Türme, in denen die Milizen ihre Waffen aufbewahren. Wir schnappen uns die besten Exemplare und schleichen uns danach zum Hafenviertel, wo wir Alwin aus dem Hinterhalt erledigen."
Mordrag warf den anderen erwartungsvolle Blicke zu. "Alle soweit einverstanden mit dem Plan?"
"Du hast das anschließende Zerfleischen, Grausam-verstümmeln und Seine-Überreste-den-Schafen-zum-Fraß-vorwerfen vergessen", gab Fellan zu bedenken, dessen Gesichtsmuskeln hoffnungslos mit der Aufgabe überfordert waren, seinen Mund zu irgendetwas anderem als einem von Vorfreude geprägten Grinsen zu formen.
"Darum können wir uns immer noch Gedanken machen, wenn wir in der Stadt sind", meinte Wedge, dem Brutalitäten zuwider waren. Jemandem einen Pfeil ins Gesicht zu schießen galt für ihn allerdings nicht als Brutalität, er liebte das Bogenschießen viel zu sehr um darauf zu verzichten.
"Wir sollten uns so schnell wie möglich auf den Weg machen", schlug Mordrag vor, "bald wird es schon...äh...Morgen?"
Er musste zugeben, dass der Sonnenaufgang ihrem Vorhaben wohl kaum schaden würde - genau genommen würden sie ihn bei den momentanen Wetterverhältnissen nicht einmal bemerken. Die tiefschwarzen Wolken schienen jedenfalls nicht vorzuhaben, sich in absehbarer Zeit aufzulösen und beschränkten sich wohl darauf, ihnen während der Ausführung ihres Planes mit jeder Menge Schatten behilflich zu sein.
"Und ich sage dir, hättest du deine Dame nicht direkt vor meinen König gestellt, hätte ich mit meinem Läufer niemals die radikale Scavenger-Eröffnung starten können", fachsimpelte Ingmar, der ungeschlagene Schachkönig von Khorinis mit seinem Paladinkollegen Albrecht, den er vorhin beim Schachspiel geschlagen hatte.
"Das nächste Mal setze ich meinen Turm im Angriffsmodus...", murmelte Albrecht, während die drei Paladine die menschenleere Oberstadt passierten.
"Ich glaube, du verwechselst da etwas", vermutete Cedric, der dritte im Bunde. Er hatte fürs Schachspielen nicht viel übrig und zog es vor, gegen echte Bauern anzutreten - vorzugsweise gegen die Exemplare, die sich auf Onars Hof aufhielten.
"Ich sage dir, Albrecht...wenn ich erst einmal eine Möglichkeit habe, eine Nordmarverteidigung aufzubauen, hast du keine Chance mehr! Du darfst es gar nicht erst soweit kommen lassen, verstehst du?", erklärte Ingmar, der sich nichts lieber wünschte als einen Gegner, den er nicht schon nach spätestens fünf Spielzügen besiegt hatte. Leider gehörten Albrecht und Cedric zu den schlechtesten Schachspielern, die er kannte und konnten seinen ausgeklügelten Taktiken nichts entgegensetzen.
"Ich würde es wirklich mit der Schattenläuferskeletteröffnung versuchen", schlug er Albrecht vor, der sich schon immer gefragt hatte, woher Ingmar all die unpassenden Bezeichnungen nahm, "allerdings könnte ich dann natürlich mit einem Fangheuschreckengambit kontern...du solltest das am besten durch einen gut geplanten Zug einer deiner Türme verhindern."
"Wo wir gerade bei Türmen sind...vielleicht sollten wir uns jetzt besser Gedanken um Lord Andres Auftrag machen", schlug der von Ingmars Gerede sichtlich genervte Cedric vor.
"Welcher Auftrag eigentlich?", hakte Albrecht nach.
"Ihr wisst schon...irgendwas mit den Türmen...und so..."
Cedric blickte sie vielsagend an; es war offensichtlich, was er von Andre und seinen Aktionen als Befehlshaber der Paladine hielt.
"Am besten sehen wir uns die Türme erst einmal an und entscheiden dann, was wir damit anstellen", meinte Albrecht.
Die anderen hatten auch keinen besseren Vorschlag und so betraten die drei Paladine den ersten Turm, dem sie über den Weg liefen. Vielleicht würden Sie ja dort verstehen, was Andre gemeint hatte - wenn er überhaupt etwas gemeint hatte.
Nur wenige Schritte entfernt trat gerade eine etwas größere und weitaus schlechter gelaunte Gruppe von Stadtwachen durch das Nordtor.
"Bisher macht alles noch einen recht friedlichen Eindruck", kommentierte Mika den - von einigen verlassenen Ständen abgesehen - vollkommen leeren Marktplatz.
"Nach völligem Chaos sieht das hier jedenfalls nicht aus", meinte Ruga mit einem Seitenblick auf Pablo, "und verkohlte Ruinen kann ich auch nirgendwo entdecken."
"Ja, mach dich nur über mich lustig", grummelte Pablo, "noch sind wir ja nicht im Hafenviertel angekommen!"
"Ach, du meinst das Hafenviertel, in das wir schon seit Ewigkeiten keinen Blick mehr geworfen haben?", spottete Wambo.
"Das stimmt ja nicht ganz", protestierte Peck, "ich werfe des Öfteren einen Blick hinein."
"Ich glaube kaum, dass du dich dabei auf die Verbrecher konzentrierst", erwiderte Mika und wollte noch etwas hinzufügen, als er jedoch von Wulfgar unterbrochen wurde.
"Jetzt hört endlich mit diesen kindischen Streitereien auf, Rekruten! Ihr seid gestandene Männer und müsstest eure Konversationen eigentlich auf höherem Niveau führen, findet ihr nicht?"
"So wie Halvor?", fragte Ruga nach, "Damit sein Fisch nicht schlecht wird?"
Wulfgar blickte ihn kurz verwirrt an, dann wandte er sich wieder wichtigeren Dingen zu.
"Wir sollten jetzt so schnell wie möglich Lord Andre von der Sachlage Bericht erstatten, er wartet sicherlich bereits auf unsere Rückkehr."
"Denkt dran, Leute...wir haben alle Banditen erledigt, ausnahmslos", schärfte ihnen Pablo ein, "ansonsten schickt uns Andre doch gleich wieder los in die Wildnis!"
Der Weg durch die Straßen der Stadt hatte etwas Unheimliches; bis auf die Geräusche, die sie selbst verursachten, drang kein Laut an die Ohren der Stadtwachen - es herrschte nahezu perfekte Stille.
"Beliar selbst ist nach Khorinis gekommen", flüsterte eine Stimme durch die Nacht, scheußlicher und bösartiger als alle Schrecken, die die Dunkelheit für sie bereithalten mochte.
"Wambo, lass es einfach sein, in Ordnung?", seufzte Wulfgar genervt. Für die Scherze der Rekruten hatte er in ihrer derzeitigen Situation absolut nichts übrig, ihm gefielen weder die Dunkelheit noch die Lügen, die sie Lord Andre auftischen wollten.
Ob die Dunkelheit etwas mit den Ereignissen im Minental zu tun hat?, schoss es ihm durch den Kopf, haben die Orks etwa die Burg erstürmt und das Tal endgültig erobert?
Aber konnte dies der Grund für die dichte Wolkendecke sein, die nun schon den ganzen Tag über der Insel verweilte und nahezu jeden Sonnenstrahl absorbierte, der auf dem Weg in Richtung Khorinis war? Oder handelte es sich einfach um ein ungewöhnliches, aber völlig natürliches Naturphänomen, über das sie sich keine weiteren Gedanken machen brauchten?
Inzwischen waren die Stadtwachen im oberen Viertel angekommen und betraten nun das Rathaus, wo sie Lord Andre bereits in seinem Sessel sitzend und mit einem Glas Wein in der Hand vorfanden.
"Ah, ihr seid zurück?"
Er schien überrascht zu sein und stellte das Glas hastig auf dem Tisch ab. Leider konnten die Soldaten nicht erkennen, was Andre da aus seinem Mundwinkel zog und hinter dem Sessel versteckte, aber es roch verdächtig nach Sumpfkraut im Raum.
"Ja, und wir können verkünden, dass wir alle Banditen erledigt haben, ausnahmslos!", berichtete Pablo schnell, bevor einer der anderen Milizen das Wort ergreifen konnte.
"Gute Arbeit!", lobte Andre, "ihr habt der Stadt und der ganzen Insel einen wertvollen Dienst erwiesen! Natürlich werde ich euch angemessen dafür entlohnen..."
Überrascht blickten die Stadtwachen auf, zusätzliche Belohnungen waren sie nicht gewohnt.
"Ähh...ich denke, ich..." Kurz schlich sich Verzweiflung in Andres Gesicht, dann blickte er die Milizen mit einer gönnerhaften Miene an.
"Ich denke, ich gebe euch allen heute ein Bier aus!"
"Oh...sehr freundlich von Euch", erwiderte Wambo mit einem Gesichtsausdruck, der enttäuschter gar nicht hätte sein können.
"Also, wir treffen uns dann in einer halben Stunde beim Freibierstand", verkündete Andre, bevor die Stadtwachen den Raum wieder verließen.
Zufrieden lehnte er sich im Sessel zurück und schob sich seinen Sumpfkrautstängel wieder in den Mundwinkel.
Ich weiß eben, was Soldaten wollen, dachte er sich, während er einen tiefen Schluck aus dem Weinglas nahm, ein guter Befehlshaber stärkt stets die Moral seiner Truppe. Ich wette, Lord Hagen hat den Jungs nie einen ausgegeben, dieser alte Knauser...
Es war nur ein leichter Windstoß, aber er reichte aus, um ein Blatt vom Ast zu lösen und auf die Reise gen Boden zu schicken. Sanft landete es auf Fellans Kopf und wurde gleich darauf wieder aus dem Haar geschüttelt.
"Was ist mit Innos? Wird es Innos dulden, wenn wir einen Angriff auf die Stadt ausführen?" Der Bürger war sich noch immer sehr unsicher, was den ganzen Plan anging, auch wenn eigentlich alles genau nach seinen Wünschen durchgeführt werden sollte und ihm der Teil, in dem es um Alwin ging, ausgesprochen gut gefiel.
"Ach, Innos..." Mordrag winkte ab. "Wenn Innos etwas dagegen hätte, hätten wir davon sicher schon etwas zu spüren bekommen, denkt ihr nicht? Soll Innos doch einen Feuerball auf uns schleudern, soll er doch gleich den ganzen verdammten Wald in Brand legen, wenn er uns aufhalten will!"
Einen schrecklichen Moment lang herrschte Stille, niemand wagte es zu atmen.
Dann lachte Mordrag plötzlich, stand auf und rief: "Seht ihr, Innos hat nichts dagegen! Und jetzt kommt endlich, die Zeit der Planung ist vorüber. Jetzt gehen wir in den Angriff über!"
Alle richteten sich auf, teilten sich in zwei Gruppen auf und machten sich auf den Weg zur Stadt - genauso, wie sie es besprochen hatten.
Mit zitternden Fingern umfasste Fellan seinen Hammer in der Hosentasche. Er hatte ihn nicht bei Bruce im Lager der Händler gelassen. Sein Hammer würde bei ihm bleiben und ihm folgen. Bis in den Tod.
Last edited by Laidoridas; 17.07.2005 at 13:40.
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Kapitel V
Lord Hagen starrte in den Himmel. Schwärze, nichts als Schwärze...
Kein gutes Wetter, um einen Sieg zu feiern, dachte er und seufzte tief.
Der Paladin hatte Recht - die düsteren Wolkenmassen hätten eher zu einer vernichtenden Niederlage gepasst, als zu einem nahezu verlustlosen Sieg über Scharen bis an die Zähne bewaffneter Gegner.
Hagen seufzte erneut und wandte den Blick vom Himmel ab. Die Sache hier im Minental war abgeschlossen, die Belagerung der Burg beendet.
Ja, es hatte einen Sieg gegeben...bedauerlicherweise nicht auf Seiten der Paladine.
Die Orkaxt bohrte sich durch Hagens Bauchdecke.
Ein Schrei hallte durch die Nacht.
"Und ich sage immer noch, dass wir ihn einfach töten sollten!"
"Du weißt doch, wie Bruce darüber denkt, Butch..." Wedge warf seinem genervten Begleiter einen vorwurfsvollen Blick zu.
"Es ist mir absolut egal, was Bruce darüber denkt, verdammt noch mal!", entfuhr es Butch. "Er wird es doch gar nicht merken, wie Fellan gestorben ist! Wir bringen ihm einfach den verdammten-"
"Immer mit der Ruhe, Butch", unterbrach ihn der sichtlich nervöse Wedge. Er mochte es nicht, wenn Bruces Befehle in Frage gestellt wurden, besonders nicht von jemandem wie Butch.
"Ich halte es sowieso nicht für klug, ihn anzugreifen", mischte sich Lefty ein, "manchmal sind solche Schwächlinge stärker als man denkt..."
"Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir uns von diesem Bekloppten besiegen lassen?", ereiferte sich Butch, "Fellan ist nur ein dämlicher Bürger, Leute. Und wir sind drei gut ausgerüstete und kampfbereite Banditen..."
"Händler vom Festland", korrigierte ihn Wedge mit strenger Miene.
"Meinetwegen...", murmelte Butch und verdrehte die Augen.
"Ich weiß gar nicht, woran du dich störst, Butch. Vielleicht wird die ganze Sache ja ganz lustig", hoffte Lefty, "Stadtwache meucheln, Waffenturm ausrauben, Schafshirten meucheln...klingt doch nach unterhaltsamer Abendunterhaltung, nicht wahr?"
Ein seltsames Geräusch riss die drei Banditen aus ihrem Gespräch.
"Habt ihr das gehört?" Wedge wirbelte herum, die anderen taten es ihm gleich und starrten mehr oder weniger erstaunt auf die beeindruckend große Feuerkugel, die vom Himmel herabfiel.
Mit einem angemessen beunruhigenden Geräusch prallte das flammende Geschoss auf den Waldboden - ziemlich genau dort, wo die Banditen erst vor wenigen Minuten ihren Plan besprochen hatten.
Die Flammen setzten die nahe liegenden Bäume in Brand und das Feuer verbreitete sich mit rasender Geschwindigkeit, was auch die drei Banditen zur Kenntnis nahmen. Sie wollten gerade in Panik ausbrechen und in alle Himmelsrichtungen davonlaufen (was sich im Hinblick auf die Tatsache, dass sie nur zu dritt waren, als äußerst schwieriges Vorhaben herausgestellt hätte), als sie eine majestätische Stimme vernahmen, die vom Himmel zu ihnen herabschallte.
"Verdammt, zu spät!"
In der Stadt ahnte man noch nichts vom drohenden Waldbrand; die meisten Leute vertrieben sich ihre Zeit damit, sich in ihren Häusern zu verbarrikadieren und Angst vor einem möglichen Angriff der Orks zu haben.
Drei ratlose Paladine hatten jedoch ganz andere Probleme.
"Also gut, wir waren jetzt in allen Türmen der Stadt...", stellte Albrecht fest und blickte die anderen Innosstreiter erwartungsvoll an. "Irgendeine Idee?"
"Äh..."
"Also..."
"Schon gut, schon gut", seufzte Albrecht, "einigen wir uns einfach darauf, dass Lord Andre selber nicht wusste, was wir mit den Türmen anstellen sollen, in Ordnung?"
"Und was sollen wir Andre sagen?", gab Cedric zu bedenken. "Wir können ihm schlecht unter die Nase binden, dass ihm seine neue Stellung als Kommandant der Paladine zu Kopf gestiegen ist und er nur noch Schwachsinn von sich gibt, oder?"
"Wir könnten schon..."
"Werden wir aber nicht", beschloss Ingmar, "stattdessen werden wir einfach tun, was er von uns wollte. Seht euch doch mal um!"
Cedric und Albrecht warfen misstrauische Blicke in den Turm, in dem sich die drei Paladine gerade aufhielten. Viel gab es hier nicht zu sehen - von wahllos herumliegenden Schwertern, jeder Menge ausgebeulter Helme und Rüstungen sowie vereinzelt im Turm verstreuten Werkzeugen einmal abgesehen.
"Ist doch ganz klar, was wir machen", behauptete Ingmar, "wir räumen die Türme auf! In einen Turm kommen die Schwerter, in den anderen die Armbrüste, die Werkzeuge kommen in einen eigenen Turm, genau wie die Rüstungen...versteht ihr?"
Cedric verdrehte wenig begeistert die Augen. "Natürlich verstehe ich es, aber ob es mir gefällt ist eine ganz andere Sache."
"Ich finde Ingmars Vorschlag gar nicht mal so schlecht", meinte Albrecht, "immerhin hätten wir dann eine Aufgabe. Und ein bisschen Ordnung kann doch nicht schaden, findet ihr nicht?"
"Da draußen rotten sich die Orkhorden zusammen und wir sollen hier aufräumen?", beschwerte sich Cedric, der noch immer nicht überzeugt war, "Gibt es denn wirklich nichts Wichtigeres zu tun?"
"Wir können uns schlecht Andres Befehlen widersetzen", erwiderte Ingmar, "und die Sache mit den Orkhorden ist sowieso nur ein Gerücht."
Murrend willigte nun auch Cedric ein und gemeinsam machten sich die heiligen Streiter Innos´ an ihre ehrenvolle Aufgabe im Namen der Gerechtigkeit.
Je näher sie der Stadt kamen, desto unruhiger wurde Fellan. War es wirklich eine gute Idee, diesen riskanten Plan auszuführen? Und waren ein paar einfache Händler vom Festland wirklich die richtigen Leute, die man für einen solchen Racheplan benötigte?
"Warum ist Bruce eigentlich nicht mitgekommen?", fragte er den neben ihm gehenden Mordrag, der die Umgebung aufmerksam beobachtete - soweit es bei der vorherrschenden Dunkelheit eben möglich war.
"Bruce zieht es meistens vor, ihm Lager zu bleiben", erwiderte Mordrag, "weißt du, er ist kein Kämpfer. Genau genommen verabscheut er jegliche Art von Gewalt, er ist ein wenig so wie Wedge. Nur noch schlimmer."
"Aber er duldet doch unseren Plan, oder?"
"Natürlich...solange er ihn nicht selbst ausführen muss. Lass uns später darüber reden, wir haben die Stadt erreicht."
Shrike drehte sich zu ihnen um, er wirkte angespannt und schnüffelte mit gerunzelter Stirn in der Luft herum.
"Riecht ihr das auch? Es liegt Rauch in der Luft."
"Du meinst, es brennt in der Stadt?", fragte Mordrag nach.
"Nein...ich glaube eher, dass es ein Feuer im Wald gibt. Ein ziemlich großes Feuer, fürchte ich."
Mordrag starrte ihn erschrocken an.
"Keine Angst", beruhigte ihn Shrike, "ich glaube kaum, dass es im Lager brennt. Wir sind schon viel zu weit davon entfernt, als dass man es noch riechen könnte. Am besten wird es sein, wenn wir unseren Plan jetzt einfach ausführen und dann wieder verschwinden...bevor hier noch ein ausgewachsener Waldbrand entsteht."
Nach wenigen Schritten des Fußmarsches hatten sie bereits das Nordtor erreicht, wo sie von den misstrauisch dreinblickenden Wachen aufgehalten wurden.
"Haltet ein, ihr seid keine Bürger der Stadt Khorinis“, rief ihnen einer der Wächter zu. Der andere schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern, worauf er hinzufügte: "Du natürlich schon, Fellan. Und dein Hammer auch."
Die Wachen brachen in krächzendes Gelächter aus, das in einem äußerst unangenehmen Hustenanfall endete. Scheinbar war diesen Milizen die Bedeutung des Begriffs "Sumpfkraut" nicht fremd, auch wenn ihre Dienstvorschrift eigentlich etwas anderes vorsah.
"Aber was ist mit euch beiden?" Die zweite Stadtwache deutete auf Mordrag und Shrike.
"Unser Freund Fellan möchte uns die Stadt zeigen", behauptete Mordrag, worauf sich ein Hauch von Mitleid im Gesicht der Stadtwache zeigte.
"Euer Freund? Ihr Ärmsten...mich wundert es zwar, dass er euch irgendetwas anderes zeigen will als seinen Hammer, aber von mir aus könnt ihr reingehen. Momentan gibt es sowieso nichts, was ihr falsch machen könntet...es befindet sich keine Menschenseele auf der Straße, also könnt ihr auch niemanden niederschlagen, ausrauben oder sonstige brutalen Experimente mit unschuldigen Passanten durchführen."
"Niemand ist auf der Straße?", hakte Shrike nach.
"So ist es, alle haben Angst vor einem Angriff der Orks...völliger Schwachsinn, wenn ihr mich fragt. Lord Hagen wird diesen Bestien schon einheizen, das sage ich euch! Wahrscheinlich feiern unsere heldenhaften Paladine bereits in diesem Moment einen heroischen Sieg über die Armeen der Orks, in ein paar Tagen ist hier wieder alles in Ordnung. Aber diese feigen Stadtbürger...ihr wisst schon, verkriechen sich in ihren Häusern, anstatt auf die Macht Innos´ zu vertrauen. Also, wollt ihr jetzt immer noch in die Stadt?"
"Natürlich", erwiderte Mordrag, "lasst uns durch."
Die Torwächter traten zur Seite und die beiden Banditen betraten Khorinis, dicht gefolgt von Fellan.
"Niemand auf der Straße...das könnte leichter werden, als wir vermutet hatten", meinte Shrike zu den anderen, sobald sie außer Hörweite der Wachen waren.
"Nicht unbedingt", widersprach ihm Mordrag, "wir brauchen einen Milizsoldaten, um an den Turmschlüssel zu gelangen...außerdem müssen wir jetzt einen Weg finden, um in Alwins Hütte zu gelangen. Könnte schwer werden."
"Dann lasst uns am besten gleich damit beginnen", schlug Shrike vor, "hoffen wir mal, dass es die anderen auch in die Stadt geschafft haben..."
Gaan saß deprimiert auf einem Baumstupf in der Nähe des Passes zum Minental und blickte in den düsteren Himmel.
Bei solchen Wetterverhältnissen konnte man einfach nicht vernünftig jagen, nicht einmal ein Molerat hatte er in letzter Zeit erlegt. Er wusste wirklich nicht, wie das weitergehen sollte...
Seltsame Geräusche rissen ihn aus seinen trübseligen Gedanken. Regelmäßiges Stampfen drang an sein Ohr, es war eine Armee im Anmarsch.
"Die Paladine", murmelte Gaan, "die Paladine sind zurück."
Das konnte nur Gutes bedeuten, scheinbar hatten sie die Orks besiegt und kehrten nun nach Khorinis zurück, um ihren Triumph zu feiern.
Erfreut richtete sich der Jäger auf und ging zum wenige Schritte entfernten Passtor, um die heimgekehrten Streiter zu begrüßen. Es gab keine Wachen mehr vor dem Tor, also konnte er es problemlos öffnen.
Niemand stampfte mehr.
Es herrschte Stille.
Gaan begriff, dass er sich geirrt hatte.
"Sie...sind...da..."
Ein halbes Dutzend Speere durchbohrte seinen Körper.
Die Armee zog weiter.
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Moderator
Kapitel VI
"Wir können mit Stolz verkünden, dass wir unsere Aufgabe im Namen Innos´ erfolgreich vollendet haben."
Lord Andre zuckte zusammen und versuchte fieberhaft, den Sumpfkrautstängel in seiner Hand irgendwie vor den drei Paladinen zu verbergen, die sich völlig überraschend vor ihm manifestiert hatten.
"Ähhmm...das ist sehr erfreulich, ja."
Zu seinem Problem mit dem Sumpfkraut kam noch ein weiteres...der Kommandant der Paladine konnte sich einfach nicht daran erinnern, welche Aufgabe er seinen Untergebenen gestellt hatte.
"Gibt es einen weiteren Auftrag für uns, Lord Andre?", fragte ihn Ingmar und gab ihm daher ein drittes Problem, über das er nachdenken musste.
Sumpfkraut, alter Auftrag, neuer Auftrag...warum musste das Leben als mächtigster Mann der Stadt nur so kompliziert sein?
"Ich denke nicht, nein...", erwiderte er, "ihr könnt den Milizen und mir am Freibierstand Gesellschaft leisten, wenn ihr möchtet."
Cedrics Miene schien sich etwas zu erhellen, als er diese Nachricht vernahm, die anderen beiden Streiter zeigten allerdings keine Reaktion...wahrscheinlich hatten sie Übung darin, ihre Gefühle zu verbergen - selbst wenn es sich dabei um solch überwältigende Glücksgefühle handelte, wie sie die Aussicht auf ein kostenloses Freibier auslösen musste.
"Natürlich möchten wir das", erwiderte Cedric umgehend, worauf sich Lord Andre möglichst würdevoll erhob und dabei gleichzeitig seinen Sumpfkrautstängel hinter dem Sessel entsorgte. Dort hatte sich inzwischen schon ein beachtliches Häufchen an Stängeln gebildet - die Rekruten und Paladine betraten den Beratungsraum einfach immer im falschen Augenblick.
Irgendwie hatte Andre das Gefühl, eine kleine Rede halten zu müssen...wahrscheinlich verlangte das seine hohe Stellung einfach von ihm.
"Dann auf zum Freibierstand, tapfere Streiter im Namen Innos´! Auf dass es ein Abend werde, an den man sich noch lange mit Freuden erinnern möge!"
"Beeil dich, Kati! Sie sind immer noch hinter uns her!"
Beunruhigt warf Akil einen schnellen Blick zurück, in der Dunkelheit nahm er aber nur einen Schemen war, der wohl seiner Frau zuzuordnen war.
"Du weißt doch, Akil...mein Bein...", keuchte Kati als Antwort, während sie weiter durch den Wald humpelte, der sich vor allem durch seine Schwärze auszeichnete.
Das Vorankommen wurde zudem durch die Tatsache erschwert, dass einer der Orks großen Gefallen an Katis rechtem Unterschenkel gefunden oder ihr das entsprechenden Körperteil aus anderen Gründen abgeschlagen hatte - das Ergebnis gefiel der Bauernfrau jedenfalls gar nicht, unter anderen Umständen hätte sie wohl umgehend beim Richter von Khorinis eine Schmerzensgeldklage eingereicht. Leider war der Richter selber ein Verbrecher und die Orks waren auch nicht gerade als gesetzesfürchtige Kreaturen bekannt, also wurde daraus wohl nichts.
Trotzdem wollte der Ork hinter ihr wohl auf Nummer Sicher gehen und schlug ihr daher seine Axt in den Rücken.
"Kati?" Akil zuckte zusammen, als er den Schrei seiner Gemahlin vernahm.
Er drehte sich auf der Stelle um und blickte in das mordlüsternde Gesicht eines Orkkriegers, der gerade das Blut von seiner Axt wischte.
Plötzlich packte den Bauern eine überwältigende Wut. Er wollte sich an diesen dreckigen Orks rächen, die all seine Knechte und Gehilfen getötet, seinen Hof niedergebrannt und nun auch seine Frau getötet hatten.
Mit wilder Entschlossenheit zog er seine Sichel hervor und stellte sich der grausamen Bestie.
Wenige Sekunden später stampften hunderte Orkfüße seinen Körper in den feuchten Waldboden.
In der Stadt ahnte man noch nichts von der drohenden Gefahr, noch immer herrschte in den Straßen von Khorinis gähnende Leere.
Lediglich einige zwielichtige Gestalten huschten in den Schatten umher...
"Es ist einfach nicht zu glauben!", beschwerte sich Shrike, "jeden Tag latschen wahrscheinlich Tausende von Milizen durch die Stadt, aber wenn wir da sind, lässt sich nicht eine einzige Stadtwache blicken!"
"Niemand lässt sich momentan blicken", erwiderte Mordrag und versuchte, den aufgebrachten Banditen zu beruhigen, "alle fürchten sich vor den dunklen Wolken und einem Angriff der Orks...scheinbar sogar die Milizen."
"Ohne Milizen kommen wir jedenfalls nicht an den dämlichen Turmschlüssel", stellte Lefty fest.
"Bisher hat doch alles wunderbar funktioniert, oder?", meinte Wedge, "wir sind an den Torwachen vorbeigekommen und haben alle in der Stadt zusammengefunden. Den Rest schaffen wir sicher auch noch...hoffe ich doch mal."
Fellan wurde immer unruhiger. Die Händler warfen sich dauernd seltsame Blicke zu und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihm etwas verheimlichten.
"Ach, verdammt noch mal!", platzte es plötzlich aus Butch heraus, "ich hab die Schnauze voll von dem ganzen verdammten Plan! Wir hauen ihn jetzt um, und dann verschwinden wir wieder, klar?"
"Nein! Du weißt, was Bruce darüber denkt, Butch!"
"Ja, ich weiß es, Wedge! Und es ist mir verdammt noch mal egal!"
"Ihr wollt an den Hammer, nicht wahr?" Mit einem Mal wusste Fellan, was das alles zu bedeuten hatte.
"Ihr hattet nie vor, mir zu helfen, gebt es ruhig zu! Ihr wolltet mir meinen Hammer stehlen, ihr seid nicht besser als all die anderen! Ihr seid auch nur Leute, die mir meinen Hammer nehmen wollen...aber das werde ich nicht zulassen, niemand bekommt meinen Hammer, habt ihr gehört?! NIEMAND BEKOMMT MEINEN HAMMER!"
Unwillkürlich waren die Banditen zurückgewichen, soviel Wahnsinn auf einen Schlag war ihnen in ihrem Leben noch nie begegnet.
"Hör mal, Fellan...niemand will dir deinen Hammer nehmen, wirklich nicht!", redete Mordrag auf den Bürger ein.
"Oh doch, oh doch...das wollt ihr, ich weiß, dass ihr es wollt! Aber ihr werdet ihn nicht kriegen, IHR WERDET IHN NICHT KRIEGEN!"
Ehe einer der Banditen reagieren konnte, war Fellan auch schon davongelaufen, hinein in die Schatten der Nacht.
"Das haben wir jetzt davon", seufzte Butch, "ich habe euch gesagt, wir hätten ihn töten sollen...Jetzt müssen wir ihn irgendwie wieder finden, koste es was es wolle."
"Bruce wird es nicht zulassen, wenn wir versagen", verkündete Shrike in dramatisch monotoner Stimmlage. "Wir dürfen nicht versagen."
In der Kaserne war die Stimmung auch nicht viel besser. Das schlechte Wetter vermieste allen die Laune und das Fehlen einer Autoritätsperson vor Ort wirkte sich auch nicht besonders positiv auf die allgemeine Arbeitseinstellung aus. Genau genommen hockten sie alle herum und starrten sich trübsinnig an, bis Peck irgendwann etwas einfiel.
"Hatte Andre nicht irgendetwas von Freibier gesagt?"
"Ja...Freibier am Freibierstand", erwiderte Pablo wenig begeistert, "da, wo momentan garantiert kein Wirt herumsteht, der uns Bier ausschenkt."
"Wir sollten trotzdem dort vorbeisehen", schlug Wulfgar vor, "schließlich wollte uns Andre am Freibierstand treffen."
Murrend machten sich die Milizen also auf den Weg und kamen kurz darauf beim völlig verlassenen Stand an.
"Ich habe doch gleich gesagt, dass hier niemand ist", meinte Pablo.
Doch bevor einer der anderen etwas erwidern konnte, erblickten sie in der Ferne Lord Andre in Begleitung dreier Paladine - der einzigen drei Paladine, die es hier noch gab, um genau zu sein.
"Ah...seid ihr bereit für ein kleines Besäufnis?", begrüßte sie der Lord in dem verzweifelten Bemühen, ein kumpelhaftes Verhältnis zu seinen Untergebenen aufzubauen und gleichzeitig für eine lockere und humorvolle Stimmung zu sorgen. Leider gelang ihm keines von beiden.
"Nicht, solange es hier keinen Wirt gibt, der uns Bier ausschenkt", grummelte Peck.
"Das ist doch das geringste Problem", meinte Andre, "ich bin gleich wieder da...diesen feigen Wirt werde ich eigenhändig hierher schleppen!"
"Orks! Lord Andre, Heerscharen von Orks befinden sich vor den Stadttoren!"
Völlig außer Atem rannte der Torwächter in Andres Besprechungsraum.
"Lord Andre?"
Ohne weiter darüber nachzudenken riss Fellan die Tür des Turmes auf. Eigentlich hätte er überrascht darüber sein müssen, dass sie nicht verschlossen war, aber momentan war ihm alles egal.
Er wollte nur noch seinen Hammer in Sicherheit bringen.
Rasch betrat er den engen Innenraum des Turmes und schloss die Tür hinter sich wieder.
Seltsamerweise brannte hier eine Fackel, scheinbar hatte sich erst vor kurzem jemand im Turm aufgehalten. Alles wirkte sehr aufgeräumt, und an den Wänden waren unzählige Regale befestigt.
Fellans Herz schlug schneller, als er bemerkte, was sich in den Regalen befand.
Hämmer. Jede Menge Hämmer.
"Hört ihr das, Leute?"
Die Banditen hielten inne.
"Das sind Orktrommeln", stellte Shrike fest.
"Sie sind also tatsächlich gekommen, um die Stadt anzugreifen...", hauchte Mordrag, "und haben sich dabei nicht mal vom Waldbrand abhalten lassen."
"Sie haben ihn einfach umgangen, das war doch kein Problem", behauptete Butch, "der verdammte Waldbrand ist einfach viel zu klein ausgefallen!"
"Was jetzt?", sprach Lefty aus, was sie sich alle fragten.
"Wir verstecken uns."
Die Insel Khorinis befand sich in einem bemitleidenswerten Zustand.
Das Minental war in der Hand der orkischen Streitkräfte, ein großer Teil des Waldes von Khorinis war niedergebrannt und die Armee der Orks stand direkt vor den Stadtoren.
Hunderte von gut ausgebildeten und bis an die Zähne bewaffneten Elitesoldaten hatten sich vor der Hafenstadt versammelt, um die Insel ein für alle Mal in eine Bastion der Grünpelze zu verwandeln.
Ein groß gewachsener Ork trat nach vorne ans Nordtor und rammte einen Pfahl in den Boden, an dem etwas aufgespießt war.
Er war zwar bereits ein wenig verwest und an einigen Stellen hatten sich Maden und andere Insekten niedergelassen, trotzdem konnte man im abgetrennten Kopf noch immer die Gesichtszüge von Lord Hagen erkennen.
Die Orks warteten einige Zeit, scheinbar waren sie enttäuscht, dass abgesehen von den panisch davonlaufenden Torwächtern niemand auf ihren Auftritt reagierte.
Dann stürmten sie durch die Tore und eroberten Khorinis.
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Moderator
Kapitel VII
Eine Rauchwolke erhob sich über der Stadt, als sich die ersten Lichtstrahlen durch die graue Wolkendecke bahnten.
Khorinis brannte, jedes einzelne Gebäude lag in Trümmern und der verpestete Gestank des Todes lag in der Luft, senkte sich wie ein schwerer Fels auf den Brustkorb eines jeden Überlebenen, um ihm das Atmen zur Qual zu machen.
Inmitten der verkohlten Ruinen lagen vereinzelt die Überreste der Stadtbürger, die lieber gestorben waren als sich in die Sklaverei der Orks zu begeben, darunter auch die Körper vierer Paladine und unzähliger Stadtwachen...
"Aufstehen, du hören?"
Jemand trat in Lord Andres Bauchgegend und weckte den Kommandanten der Paladine somit aus seinem wenig erholsamen Schlaf. Andres Schädel schmerzte, als ob ihm einer Orks einen heftigen Keulenschlag verpasst hätte - vielleicht hatte er in der letzten Nacht aber auch einfach nur ein paar Fässer Bier zu viel getrunken.
Erstaunt nahm er zur Kenntnis, dass es hell um ihn herum war...noch besser, es gab sogar wieder einen Himmel, den man sehen konnte!
Leider schob sich vor genau diesen gerade ein äußerst hässlicher Orkkopf, der zum strahlenden Sonnenschein nicht so recht zu passen schien.
"Ich wissen, du nix tot! Aufstehen, verstanden?"
Mühsam erhob sich Andre und warf verwirrte Blicke auf das Chaos, das ihn umgab. Entweder hatte sich der Baustil in Khorinis schlagartig verändert, oder die Stadt war tatsächlich zerstört worden, soviel war ihm klar.
Leider hatte er keine Gelegenheit dazu, weiter darüber nachzudenken, denn zwei Orks hatten ihn bereits an den Armen gepackt und schleppten Andre über den Marktplatz in Richtung der Kaserne, die erstaunlich heil geblieben war - von den unzähligen Rußflecken und gelegentlichen Löchern in der Steinwand einmal abgesehen.
Auffällig waren zudem die Unmengen an Orks, die grölend auf dem Dach des Gebäudes saßen und erwartungsvoll in den Innenhof starrten, in den Andre nun gebracht wurde.
Einer der Orks, der seiner Gesichtsbemalung zufolge ein Schamane sein musste, musterte ihn prüfend und sagte dann:
"Du mächtiger Komm...Komma..." Er hielt kurz inne. "Du mächtiger Typ sein?"
"Ähh...ich schätze schon, ja", erwiderte Andre, auch wenn er starke Zweifel daran hatte, dass er in dieser Stadt noch irgendeine Macht hatte.
"Dann du der Richtige sein. Du bleiben stehen hier."
Die beiden Orks ließen den ehemals mächtigsten Mann der Stadt los und kletterten über eine grob gezimmerte Leiter auf das Kasernendach, wo sie den anderen Grünhäuten Gesellschaft leisteten.
Ratlos blickte sich Andre um, scheinbar warteten die Orks darauf, dass er irgendetwas unternahm...
Aus dem Innenraum der Kaserne trat in diesem Moment ein weiterer Ork hervor, allerdings kein gewöhnlicher: seine Rüstung war die eines orkischen Kriegsherren, gleichzeitig war sein Gesicht wie das eines Schamanen bemalt und prächtige Federn schmückten seinen Kopf. Als Waffe führte er eine gewaltige Streitaxt, die kein Mensch hätte tragen können. Er jedoch hielt sie mit nur einer Hand und schien ihr Gewicht nicht einmal im Ansatz zu spüren.
Keine Frage, es handelte sich zweifellos um den obersten Orkhäuptling, den Anführer der Streitmacht, die Khorinis erobert hatte.
Mit einem Mal war es still geworden, die Orks saßen gespannt auf dem Dach und blickten ihren Häuptling erwartungsvoll an.
Langsam und feierlich ging der groß gewachsene Ork auf Andre zu, bis er nur noch wenige Schritte vor ihm stand.
"Bukshak mal´dashum!"
Fieberhaft überlegte Andre, was er darauf jetzt erwidern sollte...er konnte es mit irgendetwas versuchen, das nach Orkisch klang, aber aller Wahrscheinlichkeit nach würde er den Häuptling damit entweder verwirren oder beleidigen und somit seinen Zorn auf sich ziehen - und darauf konnte der oberste und einzige Paladin nun wirklich verzichten.
"Ashkath ukashu, mashak!"
Noch immer verstand Andre kein Wort, irgendwie fühlte er sich ziemlich fehl am Platz...wie konnten die Orks denn erwarten, dass er ihre primitive Sprache verstand?
Auch der Häuptling schien bemerkt zu haben, dass seine Worte wenig Wirkung zeigten, er drehte sich halb um und nickte dem Ork zu, der schon vor einigen Minuten zu Andre gesprochen hatte und sich inzwischen auf dem Kasernendach niedergelassen hatte.
"Ungathu gash, Ur-Shak!"
Der Ork reagierte sofort und erwiderte: "Er sagen, du sollen kämpfen gegen ihn, großen Häuptling Gosh´dhan, wegen feierliche Übernahme von Menschendorf."
Feierliche Übernahme? Was soll der Schwachsinn?, ging es Andre durch den Kopf, sie haben die Stadt doch erobert, warum soll ich jetzt noch mit ihrem Häuptling kämpfen?
Dann begriff der Kommandant, was der Dolmetscherork meinte...zumindest hatte er eine leise Ahnung. Es musste irgendetwas mit Ehre oder rituellen Zeremonien zu tun haben, eigentlich nichts sonderlich Schlechtes. Aber mit Orks schien das nicht ganz zusammenzupassen - jedenfalls nicht der Teil, der mit Ehre zu tun hatte.
Jemand drückte Andre ein Schwert in die Hand.
Ein Paladinschwert.
Also gut, dachte Andre, wenn die Orks wirklich so dumm sind, mich kämpfen zu lassen...
Er wirbelte das Schwert einige Male herum und spürte, wie sich alte Kräfte in sich regten...Fähigkeiten, die er viel zu lange vernachlässigt hatte.
...dann werde ich dafür sorgen, dass sie es bereuen, mir jemals ein Schwert gegeben zu haben.
Gelangweilt saß Alwin auf der Bank vor seiner Hütte und beobachtete die Schafe, die sich am saftig grünen Gras auf der kleinen Wiese vor Alwins Haus satt fraßen.
Das taten sie bereits seit Jahren, auch wenn es nicht immer dieselben Schafe waren.
Schon seltsam, dass immer genug Gras da ist , ging es Alwin durch den Kopf, wahrscheinlich ein Mysterium oder etwas in der Art.
Eigentlich konnte sich der Schafhirte nicht beklagen - es machte keinerlei Unterschied für ihn, ob er die Schafe für Paladine oder Orks züchten und schlachten musste. Genau genommen war die Situation momentan sogar noch besser als üblich, denn die Nervensäge Fellan hatte sich schon stundenlang nicht mehr hier blicken lassen, was bedeutete, dass Alwin ungestört seiner Arbeit nachgehen konnte.
Fast ungestört, denn in diesem Moment tauchten zwei Orks auf, die sich mit lauter Stimme über irgendetwas stritten, das Alwin nicht verstand - wie denn auch, schließlich sprachen die Orks eine Sprache, die der menschlichen Sprache ungefähr so ähnlich war wie Pyrokar einer Fleischwanze.
Die beiden Orks blieben in der Nähe der Schafe stehen und stießen immer lautere und zornigere Laute aus, bis sie schließlich mit ihren Äxten aufeinander losgingen.
Alwin betrachtete das Schauspiel interessiert, duckte sich einmal, um einem umherfliegenden Orkarm zu entgehen und seufzte enttäuscht, als der Kampf bereits nach knappen zwei Minuten beendet war.
Irgendwie hatten es die Orks geschafft, sich gegenseitig die Köpfe abzuhacken - und das, obwohl sie sich schon zuvor von all ihren Gliedmaßen verabschiedet hatten.
"Faszinierend", murmelte Alwin, während er erfreut zur Kenntnis nahm, dass es vor seiner Hütte jetzt genauso aussah wie in ihrem Inneren.
Doch seine gute Laune wandelte sich schnell in Entsetzen um, als er etwas anderes bemerkte: einer der Orks hatte während des Kampfes den Zaun zerschlagen, der die Flucht von Alwins Schafen verhindern sollte. Die Tiere waren natürlich verschwunden und da der Hirte keine Schafsinnereien zwischen den Leichenteilen der Orks ausmachen konnte, mussten die blökenden Mistviecher wohl entkommen sein.
Genervt richtete sich Alwin auf und machte sich auf die Suche nach seinen Schützlingen.
Vielleicht machte es doch einen Unterschied.
Der Schweiß floss Andre in Strömen das Gesicht herunter, während er fieberhaft versuchte, jeden Schlag seines Gegners zu parieren. Zwischendurch versuchte er auch den ein oder anderen Angriff, doch Gosh´dhan war ein zu guter Krieger, um sich von Andres verzweifelten Attacken verletzen zu lassen.
Noch schlimmer als die Anstrengungen des Kampfes waren die grölenden Rufe der Orks auf dem Kasernendach, die den Kopf des ehemaligen Kommandanten zum Dröhnen brachten.
Es ist eine Arena, ging es ihm durch den Kopf, während er gerade noch verhinderte, dass ihm der Orkhäuptling sein linkes Bein abschlug. Die Orks haben aus diesem Gebäude eine Kampfarena gemacht, einen Ort des ewigen und grausamen Blutvergießens...
Drei rasche Hiebe des Orks lenkten Andre von seinen zwar dramatischen aber wenig hilfreichen Gedanken ab und ließen ihn weiter zurückweichen. Er hatte nun fast schon die Südwand des Innenhofes erreicht und wurde mit jedem Schlag seines Gegners weiter zurückgedrängt.
So konnte es nicht weitergehen, er musste angreifen, er musste Stärke zeigen.
Entschlossen mobilisierte er die wenigen Kräfte, die er noch aufbringen konnte und schlug auf Gosh´dhans Hals ein, um ihm den Kopf abzuschlagen. Doch der Häuptling war schneller und attackierte den völlig überraschten Paladin mit einem gewaltigen Axthieb.
Paralysiert starrte Andre auf den abgetrennten Arm am Boden. Seinen Arm.
Dann setzte der Schmerz ein.
Vorsichtig kroch der Wirt unter dem Freibiertisch hervor und blickte sich vorsichtig um.
Es war kein Ork in der Nähe - das war schon ein außergewöhnliches Glück, wenn man bedachte, dass ganz Khorinis von Grünhäuten besetzt war.
Was für ein verdammter Tag, dachte der Wirt mit einem Blick auf die toten Stadtwachen und Paladine, die um den zerstörten Freibierstand herum verstreut waren.
Erst muss ich mitten in der Nacht Bier für Andre und seine Milizen liefern und dann wird die Stadt auch noch von einer orkischen Streitmacht erobert...was kommt jetzt noch?
Er erfuhr es im nächsten Augenblick.
Jetzt kamen Schafe.
Andre wusste, dass es ein Zweihänder war, mit dem er kämpfte. Es war eine Waffe aus dem Lager der Paladine, das die Orks scheinbar geplündert hatten und sie war absolut nicht dazu geeignet, sie mit einer Hand zu führen.
Aber wenn man nur noch eine Hand hatte, blieb einem wohl kaum etwas anderes übrig.
Während der Kommandant immer schwächer wurde, wurden die Hiebe des Häuptlings immer heftiger und entschlossener, scheinbar sah er seinen Sieg nahe.
Mit letzten Kräften schafte es Andre, Gosh´dhans Schläge zu parieren und gleichzeitig die Schmerzen zu unterdrücken, die seinen Körper durchfluteten.
Dann wurde ihm plötzlich schwarz vor Augen, er spürte einen heftigen Schmerz in der Bauchgegend und im nächsten Augenblick lag er auf dem Steinboden der ehemaligen Kaserne.
Die Streitaxt des Orks hatte sich halb durch seinen Körper gebohrt, warmes Blut floss aus seinem Bauch und seinen Mundwinkeln, aus den Resten seines linken Armes sowieso. Rexlexartig griff er nach dem Schwert, das er beim Sturz verloren hatte und das nun neben ihm lag, doch bevor er es zu fassen bekam, hatte es der Orkhäuptling schon weggetreten. Verweifelt hielt Andre nach etwas Ausschau, mit dem er kämpfen könnte, doch die einzige Waffe in der Nähe war die des Häuptlings.
Den Paladin überkam eine seltsame Müdigkeit, als er mit einem Mal begriff, dass er nichts mehr ausrichten konnte.
Gosh´dhan beugte sich über ihn.
Andre wusste, dass er verloren hatte.
Er spürte den Druck der Axt auf seinem bebenden Brustkorb, der faulige Atem seines Feindes brachte ihm Übelkeit und nur mit Mühe schaffte er es, sich nicht zu übergeben.
Das Gebrüll der Orks drang nur noch entfernt an das Ohr des Paladins, dafür hörte er sein eigenes Keuchen umso lauter.
In diesem Moment vernahm er ein völlig anderes Geräusch, es klang nach Hufen, die auf Steinboden schlugen, vermischt mit leisem Blöken...
Vier Schafe rannten auf sie zu und diesmal reagierte der Orkhäuptling zu spät.
Er blickte kurz zur Seite, dann wurde er von den Schafen umgerannt und stürzte neben Andre auf den Boden.
Das allgemeine Gebrüll der Orks war noch aufgeregter geworden und Speere flogen vom Dach der Arena.
Andre bemerkte die Axt, die auf seinem Oberkörper lag. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sich Gosh´dhan aufrichtete.
Eigentlich wollte er nicht kämpfen. Eigentlich wollte nur liegen bleiben und sich töten lassen. Eigentlich wollte er nur sterben.
"Nein", presste er zwischen blutigen Lippen hervor, "ich bin dir noch etwas schuldig, Innos!"
Andre ergriff die Streitaxt seines Gegners. Für einen kurzen, flüchtigen Augenblick spürte er ihr gewaltiges Gewicht, dann sprang er auf, wirbelte herum und schlug Gosh´dhan mit einem einzigen Axthieb den Kopf ab.
Das Haupt des Häuptlings fiel auf den Steinboden, viel langsamer als es eigentlich der Fall sein sollte.
Die Orks brachten keinen Laut mehr hervor, es herrschte völlige Stille.
"Khorinis..." Andre hustete und spuckte etwas Blut auf den ohnehin schon blutverschmierten Kasernenboden.
"Khorinis gehört den Menschen."
Mit einem leisen Röcheln sackte der Paladin in sich zusammen.
Geschockt starrten die Orks auf die Leiche ihres Anführers. Einem Menschen war es gelungen, ihn zu töten, den mächtigsten aller Orks auf Khorinis...zugegeben, er hatte Hilfe von einigen Schafen erhalten, aber es war der Mensch gewesen, der Gosh`dhan den Kopf abgeschlagen hatte.
Ur-Shak jedoch lächelte. Sicher, es wäre Gosh´dhans Wille gewesen, nach seinem Tod aus der Stadt abzuziehen. Es war ehrenvoll. Doch Ur-Shak hatte sein Verständnis für Ehre spätestens seit Hosh-Paks Tod verloren.
Khorinis gehörte also den Menschen? Nicht, wenn er der einzige Ork in der Stadt war, der die Menschensprache beherrschte...
Langsam drehte er sich zu den anderen Grünhäuten um.
"Khorinis ashmalku Orkh!"
Es gab genau sechs lebende Menschen in der Stadt, die noch nicht in die Sklaverei der Orks geraten waren.
Einer von ihnen war der Wirt des Freibierstandes, der noch nicht wusste, dass ihn in wenigen Minuten eine versehentlich abgeschossene Katapultkugel der Orks treffen und ihn auf das halb zerstörte Dach von Coragons vernichteter Taverne schleudern würde, wo er dann von einem zufällig vorbei fliegenden mutierten Riesenkranich gefunden, ins Minental gebracht und dort in einer Festung voller Harpyien abgesetzt werden würde, die gerade von einer kleineren Orktruppe zerstört wurde, wodurch ein geheimer Eingang freigesetzt wurde, der in eine uralte Dunkelpilzkonservierungskammer führte, in die der Wirt fallen und aufgrund einer schwerwiegenden Pilzallergie grausam zugrunde gehen würde.
Die anderen Fünf schlichen sich gerade durch die mit Trümmern übersäten Gassen von Khorinis.
"Was ist mit dem Turm da? Dort haben wir noch nicht nachgesehen."
Wedge deutete auf die halb eingefallene Turmruine, die anscheinend einige Katapultkugeln abbekommen hatte.
"Wenn er da nicht ist, verschwinden wir wieder, verstanden?", stellte Lefty klar. "Mir gefällt die Situation hier nicht...es grenzt an ein Wunder, dass wir noch keinem Ork begegnet sind."
Inzwischen waren sie am Turm angekommen und Butch öffnete vorsichtig die Tür, die sogleich aus den Angeln fiel.
Den Banditen bot sich ein seltsamer Anblick: auf dem Boden des Turminneren befand sich ein großer Haufen aus Hämmern aller Art, zwei Arme und ein Kopf ragten heraus. Auf Fellans Gesicht zeigte sich ein Lächeln.
"Ein schöner Tod", kommentierte Mordrag die Situation. "Zumindest für jemanden wie ihn."
Er bückte sich und nahm dem Toten etwas aus der Hand.
"So, das wäre erledigt. Wir können wieder verschwinden."
Für einen kurzen Augenblick schoben sich einige Wolken vor die Sonne, dann wurde es wieder heller. Eine beruhigende Helligkeit, vor allem nach der völligen Dunkelheit des letzten Tages.
Dass bei solchen Lichtverhältnissen jede Menge Vögel anzutreffen waren überraschte niemanden, erst recht nicht den einsam auf dem Boden sitzenden Mann, der weniger an Vögeln als am Aufbau seines Lagers interessiert war.
Stoffzelte lagen auseinandergefaltet herum und leisteten bereits geknoteten Seilen sowie einigen Holzpflöcken Gesellschaft, es herrschte erwartungsvolle Stille mitten im Wald von Khorinis.
Fünf Gestalten erreichten das Lager.
Einer der Männer sah auf.
"Bruce?"
"Was gibt es?"
"Problem gelöst, Bruce."
Ende
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