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    Post [Story]Irrelevanzen



    Ein lautes Knirschen und Knacken ertönte, gefolgt von einem ebenso lauten Knall, als er es endlich geschafft hatte, sich selbst mit aller Mühe aus den festen Angeln zu heben und in voller Länge auf dem Boden aufzuschlagen. Letzteres war weniger beabsichtigt als eher die logische, aber deswegen trotzdem nicht sehr angenehme Konsequenz einer Tat, die einen gewaltigen Umbruch in seinem Leben bedeuten würde.
    Dafür musste er allerdings zunächst einmal auf seine nicht vorhandenen Beine kommen, was, so schien es ihm, noch viel schwieriger sein würde als das Entfliehen aus den fesselnden Angeln des hölzernen Rahmens, welcher ihn sein ganzes bisheriges Leben festgehalten hatte – Und das gegen seinen Willen.
    Seit er zurückdenken konnte – er hatte keine Ahnung, wie lange das genau war – hatte er sein Leben an diesem einen Ort verbracht, willensgebrochen, nahezu bewegungsunfähig, aber gehorsam und stumm.
    Mit dem Gehorsam war jetzt Schluss, er würde sich selbstständig machen. Er würde sicherlich dazu in der Lage sein, wenn er nur aufstehen könnte. Das konnte er momentan noch nicht, aber wenn, dann würde er richtig loslegen. Am besten als Geschäftsmann.
    Soweit er mitbekommen hatte, genoss man als Geschäftsmann in Khorinis ein leichtes Leben. Man trug feine Kleider, machte andere Leute aus der Laune heraus wahlweise zum Laufburschen oder trieb sie aus Spaß an der Freude in den Ruin. Dabei meckerte man am besten immer über die unfähige Miliz und die schlechte Wirtschaft und dass der Handel so schlecht liefe, während man dennoch irgendwie wohlhabend war und fast schon in seinem eigenen Gold baden konnte. Er wusste nicht, wie die Geschäftsmänner und Handelsreisenden dies anstellten, doch würde er es sicher irgendwie erfahren – wenn er doch nur endlich hochkommen würde.
    Um auf eigenen, nicht existenten Beinen stehen zu können, bedurfte es notwendigerweise auch Arme. Die hatte er auch nicht, und während er dort auf dem kalten Boden lag, kamen ihm doch Zweifel an seinen Plänen für die Zukunft. Nicht nur, dass er es vermutlich nicht so rasch schaffen würde, sich zu erheben – viel wesentlicher schien ihm die Frage, welcher Mensch überhaupt mit einem wie ihm Handel treiben wollte. Immerhin würde sich das ganze Prozedere nicht so einfach gestalten wie bei anderen, zwischenmenschlichen Dialogen. Auch wenn er selbst, wie er fand, dafür wenigstens aus ehrlicherem Holz geschnitzt war, als so manch anderer.
    Vielleicht, so begann er zu überlegen, sollte er schon einmal auf eine andere Branche schielen, falls es mit seinem Traumberuf wider Erwarten nicht klappen sollte. Leider fielen auch da einige Tätigkeitsfelder weg. Ohne Arme und Beine konnte man schlecht Schmied oder Schreiner werden, Soldat schon mal gar nicht.
    Er hatte es befürchtet, nun war es ihm endgültig gewahr geworden. Ihm fehlten die wesentlichen Dinge, um ein normales Leben zu führen, und wie er da so hilflos und schwach auf dem schmutzigen Boden lag, überkam ihn eine tiefe Traurigkeit, und ihm war nach Weinen zumute.
    Unterbrochen wurde sein nahender emotionaler Ausbruch durch zwei Männer, die plötzlich den Raum betraten, wild diskutierend.
    „Wir müssen dringend diese Truhe fertig stellen, die Larius gefordert hat“, sagte der Ältere von beiden, der voraus ging. Mit seinem grauen, buschigen Bart, dem kahlen Kopf und der ruhigen Stimme kam er ihm irgendwie bekannt vor, auch wenn er nicht genau sagen konnte, wer er war und was er mit ihm zu schaffen hatte.
    Jetzt sah er auch den zweiten Mann eintreten, der um einiges jünger war. Er hatte eine dunkelbraune Hautfarbe, schwarze Haare die an den Schläfen schon langsam ergrauten und eine sehr ausgeprägt große Nase.
    „Ich weiß, Meister Thorben“, sagte er, mit einem beschwichtigenden Ton in der Stimme, „ich bin sicher, ich schaffe das, wenn ich mich ranhalte. Ich brauche nur das richtige Holz, um die Rohform zusammenzuzimmern.“
    „Das richtige Holz, das richtige Holz“, sagte Thorben, der ein wenig verärgert schien, „Elvrich, glaubst du, gutes Holz wächst aus dem Boden wie Bäume im Wald?“
    „Eigentlich schon“, gab Elvrich zu verstehen, erschrak aber, als Thorben laut widersprach.
    „Nein, natürlich nicht!“, rief er und fügte dann in normaler Lautstärke hinzu: „Wir sollten nicht allzu… ARGH!“
    Er fühlte einen Stoß, als Thorbens Stimme abbrach, und ihm wurde bewusst, was passiert war. Thorben war unachtsam gewesen und prompt über ihn drüber gestolpert und hatte sich vermutlich mächtig wehgetan. Er hätte ihn ja gerne gewarnt.
    Doch wie sollte man jemanden warnen, wenn man selbst nur eine Tür war?
    Last edited by John Irenicus; 18.10.2013 at 10:45.

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    Er sah vom Blatt auf und blickte mit leuchtenden Augen in die Runde. Mit ruhiger Stimme und einem übertrieben freundlichen Tonfall sagte der Mann: „Ja, fein, wirklich sehr schön“, und fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste, dunkelbraune Haar. Nachdenklich und mit starrem Blick fügte er eher leise zu sich selbst murmelnd hinzu: „Aber ein wenig zu farblos. Mehr Farbe wäre gut gewesen.“
    Er drehte sich zu seinem Gast um, wobei seine Haare durch den Luftzug noch weiter durcheinander gerieten und kreuz und quer herunter hangen.
    „Ich dachte, er sei stumm?“, fragte der Gast verwundert und mit hochgezogenen Augenbrauen.
    „Prinzipiell ja“, sagte der andere, zog eine Hand aus seiner schwarzen, viel zu engen Hose und rieb sich nachdenklich das stoppelige Kinn.
    „Aber?“, kam die Nachfrage, die kritischer klang, als gewollt.
    „Aber Dinge, die er kurz zuvor geschrieben hat, kann er vorlesen. Es ist die einzige uns bekannte Situation, in der er sprechen kann. Und es müssen fiktive Geschichten sein, er kann weder Durst noch Hunger oder ähnliche Dinge direkt äußern, indem er sie aufschreibt und dann vorliest. Das funktioniert nicht.“
    Während er über die Verhaltensweisen referierte, blickte der Beschriebene nur freundlich und selig grinsend durch den Raum.
    „Kann er verstehen, was wir sagen?“, fragte der Gast wieder.
    „Höchstwahrscheinlich ja“, antwortete der Mann, der ihm immer mehr wie eine Art Professor vorkam.
    Als er ihn empfangen hatte, war er ihm ein wenig hektisch vorgekommen, er hatte sich nicht einmal vorgestellt, doch mit der Zeit war Ruhe in ihm eingekehrt, und er hatte einiges über die Räumlichkeiten und die Personen zu erzählen. Seinen Namen wusste er jedoch immer noch nicht, aber er wollte auch nicht mehr danach fragen. Seinen eigenen hatte er selbst ja auch nicht genannt.
    „Aber ganz klar im Kopf ist er nicht, wenn er so etwas Seltsames schreibt, oder?“
    „Natürlich nicht“, kam die giftige Antwort, „sonst würde er doch nicht hier sitzen!“
    „Das stimmt“, sagte er, gewillt, einzulenken, da ihm der Professor ein wenig suspekt war. Er konnte nicht einschätzen, ob und wie schnell seine Laune umschwenken würde.
    „Und was hat es mit dieser Tür auf sich?“, fragte er, und erschrak ob der heftigen Antwort des Professors.
    „Verdammt, schaust du dich hier gar nicht richtig um?!“
    Auch der Zimmerbewohner zuckte ein wenig zusammen, beäugte dann aber wieder interessiert, wie sein Gast sich verhielt, folgte seinem Blick und lächelte unbeirrt und sorglos weiter.
    Er hatte sich noch nicht so umfangreich umgeschaut, viel mehr hatte er auf den Bewohner gestarrt, was ihm im Nachhinein ein wenig unverschämt vorkam. Er hatte seinen Blick aber nicht abwenden können, das sorglose, fast kindliche Gesicht, und ebenso die Kleidung, die eher jugendlich als erwachsen wirkte.
    Trotzdem, so hatte der Professor behauptet, war Drol bereits 38 Jahre alt, hatte eine Ausbildung zum Schreiner hinter sich gebracht, und war irgendwann hierher gekommen.
    Eigentlich war er nicht hier, um sich um diese anderen Schicksale zu kümmern, doch jetzt sah er sich doch ziemlich genau im Raum um.
    Eigentlich eine Zelle, war dieser recht wohnlich ausgestattet. Das Bett war zwar nur wenig mehr als eine Pritsche, doch die Wände waren keine feuchten Kellerwände, sondern mit Holz verkleidet, eine etwas welke Topfpflanze stand in der Ecke direkt neben einem großen Stapel Papier und Stiften. An der Wand gegenüber hing ein Kalender, der höchst seltsam war, und ihm einige Fragen aufgab.
    War ihm die Machart und Idee eines solchen Kalenders vertraut, so war der Inhalt umso fragwürdiger. Für jeden Monat gab es ein Bild, aber nicht das Bild einer leicht bekleideten Frau oder etwas vergleichbar ansehnlichem, sondern Bilder von Türen. Türen mit großen Klinken, Türen mit kleinen Klinken, verzierte Türen, schlichte Türen, stark gemaserte Türen, Türen mit Rundungen – Nahezu jede erdenkliche Form von Tür war vertreten.
    „Warum diese Türen?“
    „Siehst du das denn nicht?“, fragte der Professor ein wenig aufgebracht, „er mag Türen sehr gerne! Um nicht zu sagen… sehr, sehr gerne. Er fühlt sich zu ihnen hingezogen.“
    „Wie sehr denn? Verstehe ich das richtig, dass…“
    „Ja“, schnitt der Professor ihm das Wort ab, „er steht auf Türen, um es salopp zu formulieren.“
    „Daher auch die Geschichte mit der Tür? Will er eine Tür sein? Was will er damit mitteilen?“
    „Das lässt sich nicht eindeutig sagen“, meinte der Professor, „man kann seine geschriebenen Werke immer irgendwie interpretieren, doch was er uns wirklich sagen will, bleibt uns in den meisten Fällen verschlossen. Wir können nichts tun, außer ihm Anerkennung zu geben. Oft auch ehrliche Anerkennung. Was er mit seiner Kreativität zu leisten vermag, ist stellenweise schier unglaublich, gleichsam aber auch oft verwirrend und anstrengend. Er schreibt sehr wechselhaft, und ist unberechenbar. Das Schreiben beschränkt ihn in seinen Tätigkeiten, oft drückt er sich nur dadurch aus. Danach will er sie immer dringend vorlesen, so schnell er es kann. Er scheint Spaß am Sprechen zu haben. Er möchte kommunizieren. Es ist nicht selten, dass man ihn weinend in seiner Zelle vorfindet, weil niemand vorbeigekommen ist, um ihm zuzuhören.“
    Dies alles leierte der Professor in einem monotonen, gleichgültigen Ton herunter, der ihn gefühllos wie nie zuvor wirken ließ, was seinen Gast ein wenig erschreckte.
    Auch wenn es ihn nicht wirklich etwas anging, ihn dieses Schicksal nicht interessieren sollte – Er war traurig darüber, es traf ihn tief im Herzen, die Umstände Drols Lebens waren einerseits schrecklich, doch wie er ihn dort zufrieden lächelnd sah, war es der totale Gegensatz. Doch ein gutes Leben sah anders aus.
    „Deshalb“, begann der Professor wieder, und riss seinen Gast aus den Gedanken, „haben wir hier auch irritierenderweise ein Fenster als Eingang zur Zelle, und keine Tür.“
    „Jetzt verstehe ich tatsächlich!“, sagte er fast anerkennend.
    „Sagte ich ja“, erwiderte der Professor, und schien fast ein wenig stolz auf sich selbst zu sein, „wir hatten mal eine Tür, doch sie war recht schnell… abgenutzt.“
    Erschrocken riss der Gast die Augen auf. War es denn wirklich so extrem?
    „Ja, du denkst richtig“, nahm ihm der Professor die Frage vorweg, und setzte ein ekelhaftes Grinsen auf, „er hat sich viele schöne Stunden mit ihr gemacht. Irgendwann war sie verklebt und es roch auch nicht mehr wirklich schön.“
    In ihm stieg Übelkeit ob der direkten Worte auf, andererseits verspürte er auch ein wenig Mitleid mit Drol.
    „Und dann habt ihr die Tür weggenommen? Und nun? Jetzt hat er doch gar nichts mehr!“
    „Nun spiel dich nicht so auf“, sagte der Professor genervt, „immerhin haben wir ihm diesen Kalender gegeben, war nicht billig, so was malen zu lassen.“
    Ein kalter Luftzug ließ ihn aufschrecken, Drol wedelte mit einem Blatt Papier vor seiner Nase herum, nahm es dann wieder an sich, vergewisserte sich noch einmal, dass er ungeteilte Aufmerksamkeit genoss und begann wieder vorzulesen.
    Last edited by John Irenicus; 28.08.2013 at 22:28.

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    „Verdammte Zucht, Elvrich!“, meckerte der Tischler erbost, während er sich mühsam wieder aufrappelte.
    „Was ist denn?“, fragte dieser betroffen, und reichte seinem Meister die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Dieser schlug sie so fest er konnte zur Seite und sagte: „Na, was legst du dieses Stück Holz denn genau hier hin? Bist du denn des Wahnsinns fette Beute? Das ist doch klar, dass da jemand drüberfällt! Herrgott nochmal, wie oft habe ich dir gesagt… - moment mal!“
    Nachdem der Tischler mit dem zornesroten Kopf aufgestanden war und sich den Staub von der Weste abgeklopft hatte, hatte er entdeckt, um was es sich bei der Ursache seines Sturzes eigentlich genau handelte. Auf diese Erkenntnis folgte sogleich wieder Geschrei, das Elvrich mehr und mehr missfiel.
    „Verdammte Scheiße, was ist das denn?“
    „Eine Tür“, antwortete der Lehrling trocken, und musste mit ansehen, wie sich der ohnehin schon rote Kopf seines Meisters noch weiter verfärbte, und nun ein tiefes Dunkelrot annahm.
    „Eine Tür?!“, keifte dieser zurück, „und was macht die da? Hast du die aus den Angeln gehoben, oder was? Spinnst du rum, oder wie?“
    Elvrich versuchte ruhig zu bleiben, hob aber unwillkürlich auch die Lautstärke seiner Stimme an.
    „Nein, ich spinne nicht, vielleicht - „
    „SO EIN KABEL HAB ICH AM HALS!“, schrie Thorben, und ließ das wilde Gestikulieren mit seinen fleischigen Händen kurz sein, um auf die vor Wut angeschwollene Ader an seinem Hals zu deuten.
    Elvrich blieb unbeeindruckt, und kratze sich mit der Hand am Kopf.
    „Seh ich“, sagte er, „seh ich. Aber ich habe damit nichts zu tun.“
    „Nichts damit zu tun? Meinst du etwa, die Tür macht sich selbstständig oder was?! WILLST DU MICH VERARSCHEN?!“
    Nein, das wollte er sicher nicht. Das wusste das Objekt, ja der Auslöser des ganzen Tumultes, nur zu gut, und er hätte die Situation liebend gerne aufgeklärt, doch war ihm ein Mund leider nie vergönnt gewesen. Für einen Moment lang tat es der Tür sogar sehr leid, dem Tischlerlehrling Elvrich so viele Unannehmlichkeiten bereitet zu haben, doch nun war es ja sowieso zu spät. Außerdem sollte auch eine Tür ein Recht darauf haben, sich frei entfalten zu können. Menschen durften das schließlich auch, sie wurden nie dazu gezwungen, für immer irgendwo stumm an einem Ort zu verweilen. Zumindest sollte es nicht so sein, aber bei Türen war es der Regelfall.
    Wenn sich die Tür das Verhalten dieser Menschen am Beispiel von Elvrich und Thorben allerdings so ansah, kamen ihr ernsthafte Zweifel, ob es nicht doch viel besser sei, einfach nur still und ruhig irgendwo herumzuhängen, als sich anbrüllen und anmeckern lassen zu müssen. Thorbens Schweißperlen nach zu urteilen war das auch viel zu anstrengend. Wie oft man das wohl machen musste, um ein guter Mensch zu sein?
    Die Tür hatte nicht lange Zeit zu überlegen, denn mit einem Male flog sie durch die Luft, der zornige Tischlermeister hatte sie in hohem Bogen aus dem Haus mitten auf die Straße geworfen, was angesichts des Gewichts eine beachtliche Leistung war.
    Die Seite, auf die sie gefallen war, fühlte sich nun sehr seltsam an, ein unangenehmes Gefühl ging davon aus, das sich durch den ganzen Körper zog, aber auch nicht wirklich gegenständlich war.
    Es waren Schmerzen.
    War dies ein weiterer Schritt in die Richtung des menschlichen Wesens?
    Last edited by John Irenicus; 28.08.2013 at 22:30.

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    Lächelnd beendete Drol den letzten Satz und verstummte dann glücklich.
    „Gut gemacht“, sagte der Besucher, der Drol unbedingt aufmuntern wollte, obwohl er gar nicht wusste, ob und wie traurig der Zelleninsasse wirklich war.
    „Ja“, sagte der Professor nüchtern, um kurz danach etwas aufgeregter zu murmeln: „Sogar in Farbe, und sogar lesbar…“
    Drol musste es gehört haben, denn er sah den Professor an und strahlte darauf hin noch mehr.
    „Sehr interessant, dieser Drol“, sagte der Gast und nickte dem Genannten aufmerksam zu, wobei ihm aber bewusst wurde, dass es womöglich ein wenig unhöflich war, so über ihn zu reden. Drol lächelte allerdings selig weiter, und daher fuhr er fort.
    „Aber jetzt möchte ich doch gerne zu…“ - „…dem Insassen in der Zelle zwei, natürlich!“, sagte der Professor, und öffnete energisch das große Fenster zum Ausgang.
    Sein Gast hatte dies allerdings nicht so geplant, viel lieber wollte er jetzt zum eigentlichen Grund seines Besuches, doch der Professor ließ nicht locker.
    „Aber, also, wenn es recht ist, würde ich ja eigentlich gerne…“, begann der Gast, wurde aber abermals vom nun ziemlich aufgedrehten Professor unterbrochen.
    „Papperlapapp, nur nicht so zurückhaltend!“, sagte er, und strich sich eine Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht.
    Der Gast, dem der Professor immer seltsamer vorkam, seufzte und schritt noch vor seinem Führer durch das Fenster. Während das Fenster wieder verschlossen wurde, blickte sich er noch einmal im Flur um.
    Es war ein beängstigender Gang, sowohl von der immensen Länge, als auch von der Atmosphäre her. Alles war aus Stein, oft moosbewachsen, und die wenigen Fenster, die fahles Licht herein ließen, waren mit rostigen Gitterstäben versperrt.
    Diese triste und traurige Umgebung, monoton und steril – gut, dass die Insassen hier schon verrückt waren, ansonsten würden sie es sicher werden. Ihm gefiel der Gedanke nicht, dass die eine Person, wegen der er eigentlich hier war, ihr Leben in so einem Gebäude verbringen musste. In einem Irrenhaus.
    Er hatte es noch nie verstanden, doch war es Vorschrift gewesen. Von oberster Stelle war der Befehl gekommen, die als gefährlich und andersartig einzustufende Menschen hier her zu bringen, in die Hafenstadt Khorinis, wo die alten Kerker zu diesem Sanatorium umfunktioniert worden waren.
    Die Behauptung des Königs, aus den alten Verliesen doch noch etwas Positives zu machen, war blanke Ironie. Nichts als Kerker waren diese Keller gewesen, und nichts als Kerker waren diese Keller immer noch. Warum nur musste Sie hier Ihr Dasein fristen?
    „Bist du eingeschlafen?“, fragte der Professor ein wenig gereizt, als er mit einem letzten Stoß gegen das Fenster prüfte, ob es auch wirklich abgeschlossen war.
    „Nein, nein“, meinte der Gast etwas erschrocken, und brauchte eine Zeit, um sich wieder klar zu machen, was überhaupt passiert war, „ich war nur in Gedanken versunken.“
    „Nimmt dich ganz schön mit, das ganze hier, was?“, fragte der Professor in einem ungewohnt mitleidigen Ton, während er mit seinem Schlüsselbund in der Hand, der klimpernd vor sich hin sang, den Gang entlang schritt.
    Der Gast folgte ihm hastig, und versuchte dabei, den schaurigen Singsang der Schlüssel, die die Macht besaßen, die Insassen einzusperren, aber auch freizulassen, so weit wie möglich auszublenden.
    „Ja, schon ein wenig“, sagte er vorsichtig, da er sich immer unsicher war, wie der Professor auf seine Erwiderungen reagieren würde.
    „Das ist ganz normal“, sagte dieser weiterhin freundlich und runzelte nachdenklich die Stirn.
    „Hast du viel mit den Leuten hier zu tun? Seit wann arbeitest du eigentlich hier?“, fragte der Gast neugierig, während er Mühe hatte, mit dem schäbig gekleideten Professor Schritt zu halten.
    Dieser antwortete nicht, sondern verfiel in ein Schweigen und schien immer schneller zu werden, wobei die nächste Tür schon in Sicht war.
    Es war in der Tat ein seltsames Gebäude, wenn die Zellen relativ klein, die Türen zu ihnen – oder in einem Falle auch das Fenster – aber relativ weit auseinander lagen. Da der Professor aber mindestens so eigenartig wie das Irrenhaus selbst war, wollte sein Gast lieber nicht noch einmal nachhaken, und begnügte sich damit, den wehenden, verschmutzten Kittel zu beobachten, nur um von den Schlüsseln abgelenkt zu sein.
    Seit jeher waren Schlüssel an sich und die Geräusche, die sie verursachen konnten, ein Gräuel für ihn. Er hatte dabei unangenehme Gefühle in der Bauchgegend, aber er wusste nicht, wieso.
    Erzählt hatte er davon nie jemandem – vielleicht besser so, denn ansonsten würde er den Gang öfters zu sehen bekommen als ihm lieb war, und vielleicht wäre dann Zelle Zwei heute sein Zuhause.
    „Wir sind da“, sagte der Professor mechanisch und blieb so abrupt stehen, dass sein Gast fast in ihn hinein gerannt wäre.
    Dieser hatte das gerade noch vermeiden können, stand nun aber so dicht vor dem Professor, dass er dessen Nasenhaare zählen konnte, und sich einfach nur lächerlich vorkam.
    Der Mann im Kittel und der zu kurzen Hose hatte diesen Umstand anscheinend ebenso aufgefasst, denn seine Laune änderte sich schlagartig.
    „Abstand halten bitte. Lass mich vorgehen. Ich weiß nicht, wie er reagieren wird“, sagte der Professor sachlich und huschte mit wehender Kleidung in den Raum.
    Der Gast schluckte. Ihm war die Situation unangenehm, und er begann sich zu fragen, wo er da nur rein geraten war und wie er dieser seltsamen Vorstellung entrinnen konnte.
    Als er ein „Du kannst rein kommen“ des Professors hörte, atmete er tief durch und dachte daran, für wen er das alles tat.
    So viele Zellen konnten es ja nicht mehr sein, so dachte er sich, und schritt entschlossen durch die Tür.
    Last edited by John Irenicus; 07.05.2012 at 19:29.

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    Zelle zwei


    „Er kommt jetzt rein, Damien“, hörte er den Professor sagen, als er sich schon mitten in einem Raum befand, dessen einzige Farbe - mit Ausnahme der Kleidung seines Besuchers, jener des Professors und der grauen Lumpen des auf dem Boden sitzendes Mannes, welcher Damien sein musste - weiß war.
    Decke, Wände, Boden – Alles war weiß, und das war auch alles, was weiß sein konnte. In diesem Raum befand sich, abgesehen von nun drei Personen, nichts. Es war ein leeres Zimmer.
    Vorsichtig sah er Damien ins Gesicht, er erschrak am Anblick. Der dort am Boden kauernde, hagere Mann verzog sein Gesicht immer und immer wieder, nie blieb es still, und während seine Muskeln unablässig zuckten, ließen sich zwischen den seltsamen, ein wenig furchteinflößenden Grimassen verschiedene Gesichtsausdrücke der Trauer, der Wut oder der Freude ausmachen, die jedoch nie lange genug blieben, um sich wirklich irgendeiner Emotion sicher zu sein.
    Damien selbst blieb dabei seelenruhig sitzen, ohne sich daran zu stören, und stellenweise schien es, als merke er gar nicht, was mit ihm passierte.
    Der Professor sah seinen Gast ein wenig fordernd an, und obwohl dieser einerseits schnell weiter wollte, um seinem eigentlichen Anliegen in der Anstalt nachzugehen, war er andererseits doch an diesem merkwürdigen Fall interessiert.
    „Was ist mit ihm?“, fragte er und merkte am zufriedenen Lächeln des Professors, dass jener genau diese Frage hatte hören wollen.
    „Damien hier“, begann der Wissenschaftler mit dem zerzausten Haar und wies mit Nachdruck mit seiner Rechten auf den Insassen, nachdem er sich noch einmal gründlich geräuspert hatte, „Damien hier wurde vor langer Zeit eingeliefert, weil er unfähig war, Emotionen zu zeigen. Man war sich nicht einmal sicher, ob er welche hatte. Er reagierte auf nichts, Gefühle schienen ihm fremd zu sein.“
    In diesem Moment ertönte im Raum ein schallendes, wahnsinnig anmutendes Gelächter, und der Professor und sein Gast sahen mit an, wie sich Damien anscheinend aus purem Protest der Aussage vor Lachen auf dem Boden hin und her rollte.
    „Das sieht mir aber nicht wirklich danach aus“, brachte der Besucher vorsichtig seinen Einwand gegen die Erläuterungen des Professors vor und hatte dabei Mühe, Damien zu übertönen, obwohl dieser sich bereits zu beruhigen schien.
    „Du musst mich schon ausreden lassen“, blaffte ihn der Professor gereizt an, und zusammen mit dem Aufblitzen in seinen Augen bestand kein Zweifel mehr daran, dass er auch ein wenig anders im Kopf war.
    „Also“, fuhr er fort, „als er hier eintraf, war er wie gesagt emotionslos. Auch die Kontaktaufnahme mit ihm gestaltete sich schwierig, im Grunde verständigte er sich mit uns nur durch Nicken und Kopfschütteln. Natürlich wollten wir ihm helfen, wir sahen Hoffnung in dem Jungen, der er damals noch war. Führende Magier und Alchemisten arbeiteten an Medikamenten, über mehrere Monate hinweg, bis uns ein bis dato noch unbekanntes Gesicht ein vermeintliches Heilmittel vorlegte. Der Mann hatte keinen Ruf vorzuweisen und kam quasi aus dem Nichts, doch seine Forschungen und letzten Endes der Herstellung der Medizin, die Damien heilen sollte, beeindruckten uns sehr. Man möge es ein Experiment nennen, wir wagten den Versuch und verabreichten Damien das Mittel.“
    „Und dann?“, fragte sein Zuhörer mit ernstem Interesse.
    „Schau ihn dir doch an!“, sagte der Professor laut und zerstrubbelte sich aus unerfindlichen Gründen das Haar noch weiter, „Jetzt hat er Emotionen, doch sie sind nicht unter Kontrolle. Er hat sich selbst nicht mehr unter Kontrolle, und wie eben unter Beweis gestellt, sind seine Launen unberechenbar. Um jegliche unnötige Stimulation auszuschließen, haben wir seine Zelle so eingerichtet. Desweiteren hat er täglich eine große Menge an Beruhigungsmitteln zu nehmen, damit wir ihn noch einigermaßen unter Kontrolle haben. Anscheinend verschlimmert sich seine Störung von Tag zu Tag, sodass wir die Dosis ständig erhöhen müssen. Sollte das irgendwann nicht mehr reichen, werden wir ein paar kleine, feine Operationen an seinem Gehirn durchführen müssen…“
    Das ekelhafte Grinsen auf dem Gesicht des Professors wurde nur durch seine belegte Zunge verschlimmert, die in widerlicher Weise über seine rissigen Lippen fuhr.
    Was war dies nur für eine Einrichtung, wenn Patienten mit so wenig Mitgefühl behandelt wurden? Was war dies für ein Arzt, für ein Professor, der anscheinend eine kranke Faszination an den Leiden der Insassen auslebte?
    „RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAGH!“
    Ein lautes Schreien ließ ihn aus seinen Gedanken hervorschrecken, und er machte verängstigt einen Satz nach hinten, als er Damien ansah. Dessen Gesicht war wutverzerrt, er begann, wahllos auf Wand und Boden, und ab und zu auch auf sich selbst einzuprügeln.
    „Raus hier!“, rief der Professor mit plötzlicher Geistesgegenwart und schob seinen Gast zur Tür hinaus. Als Damien gerade mit der gegenüberliegenden Wand beschäftigt war, lief der Kittelträger zu ihm hin, und versetzte ihm einen gewaltigen Tritt in die Magengrube, der einen schmerzerfülltes, fast animalisches Gejaule nach sich zog.
    „Armseliges Geschöpf!“, fuhr der Professor den sich vor Pein windenden Damien an, während er die Zelle verließ.
    Seelenruhig schob er die eiserne Tür von außen zu und schloss ab.
    „Komm, wir gehen weiter“, sagte er bestimmt, und ohne Protest folgte ihm sein Gast, der die Grausamkeit, dessen Zeuge er soeben geworden war, gar nicht so schnell verarbeiten konnte.
    Fragen quälten ihn, als er sich den Vorfall, der zwar vor einigen Sekunden statt gefunden hatte, ihm aber schon vorkam wie aus ferner Zeit, in Erinnerung rief.
    Gingen die Zuständigen mit Ihr etwa genauso um? Musste Sie auch leiden?
    Wo war er hier bloß gelandet?
    Last edited by John Irenicus; 25.05.2012 at 17:36.

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    Der wehende Kittel des Professors zeugte vom schnellen Schritt des Wissenschaftlers, dessen Auftreten im Allgemeinen zwar einen an und für sich intelligenten, aber viel mehr noch einen verrückten und gefährlichen Eindruck machte. Genau dieser Eindruck war durch den Umgang mit dem Patienten bestätigt worden. Dieses… Etwas – Mensch konnte man ihn bei all seiner Kaltblütigkeit nicht mehr nennen – war nicht normal. Dennoch ging eine gewisse Faszination von ihm aus, und wie sein Gast schon einmal dabei war, wollte er auch die ganze Wahrheit wissen. Er musste wissen, wie es Ihr hier erging. Er konnte seine Augen und Ohren nicht verschließen, seine Neugier nicht unterdrücken. Er konnte nicht, und er wollte nicht.
    Der Schock der Grausamkeit saß noch tief, er würde ihn nicht so leicht abschütteln können. Doch jetzt, wo er einmal hier war, wollte er alles erfahren. Seine Schritte hallten laut im schier endlosen Gang wider, als er zu dem vorauseilenden Professor aufschloss.
    „Was ist eigentlich mit dem Wissenschaftler, der die Mixtur für Damien hergestellt hat?“
    „Der? Oh, das wirst du gleich sehen… er ist hier.“
    „Er ist hier? Arbeitet er hier?“
    „Arbeiten?“, fragte der Professor wie entgeistert und ließ ein schauriges Lachen hören, das lange brauchte, um endgültig zu verhallen. Abermals stellte der Gast in Frage, ob dieser Mann den Aufgaben hier überhaupt gewachsen war, und vor allem, wie er es geschafft hatte, zu so einer Position zu gelangen. Mehr und mehr schien er eine Gewissheit zu bekommen, dass dieser Arzt seinen Verstand verloren hatte. Dennoch spürte er nicht, dass er ihm etwas Böses wollte – im Gegensatz zu den Patienten. Er wagte es sich gar nicht vorzustellen, wie er mit anderen Insassen umging – Skrupel schien er keine zu kennen.
    „Das heißt“, fragte er vorsichtig, „er ist hier in Behandlung?“
    Gespannt starrte er den Professor an, der aussah, als könne er gerade noch so einen weiteren Lachanfall unterdrücken, wobei sich seine Stirn im nächsten Augenblick in schwere Falten legte, und beinahe so etwas wie Bedauern im Gesichtsausdruck abzulesen war. Leider nur fast, denn der amüsierte Tonfall in der Stimme des Mannes jagte seinem Zuhörer erneut kalte Schauer über den Rücken. Wie abgestumpft konnte ein Mensch sein, so über psychisch Kranke zu reden, als seien sie nichts weiter als Tiere, die hier gehalten oder gar Objekte, die hier gelagert wurden?
    „Behandlung ist vielleicht der falsche Ausdruck.“
    „Und was wäre der richtige Ausdruck?“, hakte der Gast nach, ahnte jedoch schon, wie die Antwort ausfallen würde.
    „Aufbewahrung“, meinte der Professor sachlich, und leckte sich vergnügt über die Lippen, „nichts weiter als eine Aufbewahrung. Wäre er nicht als verrückt erklärt worden, wäre er jetzt in einem normalen Gefängnis. Er wird als eine Gefahr angesehen, Damien war nicht der einzige Fall, bei dem seine Tränkebrauereien Schaden angerichtet haben.“
    „Aha“, brummte der Gast nachdenklich und erkannte die vom Professor sicher nicht beabsichtigte Ironie der Aussage auf Anhieb, denn dass der Mann im Kittel nicht selbst schon weggesperrt wurde, war unter Prüfung der notwendigen Bedingungen fast unglaublich. Wenn er jemanden als verrückt und gefährlich einstufen würde, dann ihn. Auch, wenn er sich selbst sicher fühlte.
    Das unangenehme Gefühl, das schon seit einiger Zeit auf ihm lag, breitete sich aus, je länger er hier verweilte und je mehr er über all dies nachdachte. Sein Körper fühlte sich kalt an, Kälte, Krankheit, Ablehnung und allerlei Scheußlichkeiten, die hier in der Anstalt ein zu Hause fanden, legten sich wie ein dreckiger Staub über ihn, und ließen ihn fast erstarren.
    Er sehnte sich nach dem hellen Tageslicht, wie er seinen Blick hier durch das dunkle Gemäuer streifen ließ. Einer Heilung war diese Umgebung sicher nicht zuträglich – Doch soweit er verstanden hatte, war dies hier gänzlich ohne Bedeutung.
    Worüber er sich jedoch noch im Unklaren war, war, welche Position genau sein Führer durch das Irrenhaus einnahm. Gekleidet wie ein Arzt, mit allen Krankheitsgeschichten vertraut, doch wie der eigentliche Leiter wirkte er nicht – Konnte so ein Mensch überhaupt Ordnung halten? Seine schmutzige Kleidung und seine verstrubbelten, schäbigen und ungepflegten braunen Haare schürten diese Zweifel nur noch, und allein sein Verhalten wies nicht gerade auf ein Organisationstalent hin. Eher wirkte der seltsame Mann wie ein Oberarzt, jemand, der medizinisch die Fäden in der Hand hielt – Was umso angsteinflößender war, wenn man an seinen Umgang und seine Methoden dachte.
    Ob es noch viele andere Ärzte gab? Gab es diese überhaupt? Warum waren sie noch niemanden begegnet, wo hielten sie sich auf?
    Er wollte diese Fragen gerade interessiert anbringen, doch der Professor blieb abrupt vor einer Tür stehen, sodass er, wie schon einmal, fast mit ihm zusammenstieß.
    „Hier ist es.“
    „Der, der Damiens Trank braute?“
    Der Professor nickte stumm, und öffnete langsam die Tür.
    „Sein Name ist Ryan.“
    Last edited by John Irenicus; 25.05.2012 at 17:45.

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    Zelle drei


    Das, was sich unter quälendem Quietschen immer weiter offenbarte, war nicht einmal halb so schlimm und verstörend, wie er erwartet hatte. So begrüßte er fast den Anblick der nahezu harmlos erscheinenden, dunklen Kammer, denn wie er an den Schweißperlen bemerkte, die an seinen Unterarmen herunterrannen, lagen seine Nerven bereits blank. Auch glaubte er, ein leichtes Zittern an sich selbst zu bemerken, doch lag dies vielleicht auch nur an der unterschwelligen Kälte, die sowohl im Flur, als auch in allen Zellen lauerte, um von den Decken und Wänden herab in seinen Körper zu kriechen, unaufhaltsam, unheilvoll, unangenehm. Diese unbarmherzigen Wände, die die Menschen hier gefangen hielten, und auch ihn und seinen Verstand langsam aber sicher gefangen nehmen wollten.
    Er versuchte innerlich, diese Gedanken abzuschütteln. Es war nichts weiter als eine niedrige Temperatur, wie sie nun einmal in solchen Gebäuden herrschte, nichts Ungewöhnliches. Daher auch diese kribbelnde Gänsehaut. Kälte kroch nicht an Wänden. Auch nicht der Wahnsinn. War Wahnsinn ansteckend? Ihm konnte nichts passieren, es sei denn, er redete es sich weiter ein. Er war ein wenig schockiert darüber, wie ihn die bedrückende Stimmung in dieser Anstalt stellenweise so zu vereinnahmen drohte. Vorsicht war geboten. Jede weitere abstruse Idee brachte ihn in seiner Fantasie näher an eine eigene Zelle in diesem Institut.
    Energisch machte er einen Schritt nach vorne, um wieder in die Wirklichkeit zu gelangen, um wortwörtlich in der Realität Fuß zu fassen, denn er war nichts weiter als ein Besucher, der durch einen Zufall von einem etwas sonderbaren Oberarzt die Krankheiten und Menschen in Behandlung mehr oder minder vorgeführt bekam. Nichts, wovor er Angst haben sollte.
    Als sie beide eingetreten waren, schloss der Professor die Tür ruhig, aber zügig hinter ihnen zu. Das einzige, was jetzt noch den Raum erhellte, war eine Kerze auf einem alten Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand. Auf einem kleinen Hocker aus Holz waren die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, die sich weit über eben jenen Tisch beugte, und somit ein wenig buckelig aussah. Auf der rechten Seite des Schreibpultes stand ein eher kleines Tintenfässchen, welches offensichtlich in reger Benutzung war, wie die schwarzen Kleckse, die sich hier und da auf dem Holz befanden, zeigten.
    Erst als sich der Professor und sein Gast näherten, blickte die Person, die vor einigen Augenblicken vermutlich sehr konzentriert an irgendetwas gearbeitet hatte, auf und drehte sich zu ihnen um. Nichts im Gesicht des Mannes, welches spärlich vom Kerzenschein beleuchtet wurde, wies auf irgendeine Verrücktheit oder irgendeine Störung hin. Dennoch konnte vor allem hier immer noch im wahrsten Sinne des Wortes der Schein trügen.
    Die eher kleinen Augen, die unter den schmalen Brauen saßen, welche ebenso schwarz waren wie das volle Haar auf dem Kopf, bildeten ein kurzes Zwinkern. So kurz und rasch, dass er sich nicht einmal sicher war, ob er in dem freundlichen Gesicht des Insassen tatsächlich so eine schelmische Mimik entdeckt hatte, wie er für einen Moment lang fest geglaubt hatte.
    Dieser Mann war anders als all die anderen Patienten, die er hier schon kennen gelernt hatte, das stand fest. Er unterschied sich so deutlich von ihnen, dass es ihn wieder seltsam machte. An diesem scheußlichen Ort wurde Wahnsinn zur Gewohnheit.
    Der Mann auf dem sehr instabil wirkenden Hocker – das also, war Ryan- sah viel gepflegter aus, sein Haar war kurz, und auch seine Kleidung war die normalste, die man sich hätte vorstellen können. Sein Lächeln wirkte weder gezwungen noch irgendwie geisteskrank, insgesamt machte er einen erstaunlich wachen und aufmerksamen Eindruck. Nur eines war auffällig: Bis jetzt hatte er noch nichts gesagt, kein Wort.
    Und dennoch – Dies sollte der Mann sein, der an Damiens Schicksal mitschuldig gewesen und daraufhin verrückt geworden war? Natürlich, es war seltsam, dass er hier in der Dunkelheit hockte, doch war es ja nicht sicher, ob das seine Entscheidung war, oder nicht nur eine Entscheidung der Anstaltsleitung und des Professors, einer zweifelhaften Heilungsmethode wegen, oder doch nur aus reiner Schikane.
    Während er Ryan musterte, glaubte er wieder eine Art Zwinkern oder Blitzen in seinen haselnussbraunen Augen zu erkennen, doch wieder war er sich nicht sicher. Dem Blick nach schien auch er ihn zu mustern, jedoch vollkommen ohne Feindseligkeit. Es war eher eine Art neugierige Kommunikation, die durch den Blickwechsel statt fand, nur ohne eine Botschaft, ohne, dass wirklich etwas gesagt wurde.
    Einen wahnsinnigen Alchemisten hatte er sich anders vorgestellt. Nun war es die Normalität, die ihn nervös machte. Der Mann, wie er dort ruhig und gelassen, ja geradezu entspannt an seinem Schreibtisch saß, war zu normal.
    Wenn selbst eigentlich ganz normale Menschen hier landen konnten…
    „Ah, wieder was geschrieben, Ryan“, sagte der Professor zufrieden und unterbrach damit die gefährlich ausschweifenden Gedankengänge des Besuchers. Er hatte eine lange Rolle Pergament auf dem Schreibtisch entdeckt, auf dem Ryan offensichtlich vor einigen Minuten noch geschrieben hatte, denn die Tinte schien noch ein wenig feucht zu sein. Ungeachtet dessen nahm der Professor, der im Halbschatten noch schäbiger und sonderbarer aussah als er es bei Tageslicht schon tat, sie in die Hand, und begann unter dem wachsamen Blick Ryans stumm zu lesen.
    Sein Begleiter schaute ihm über die Schulter auf das Pergament und las ebenfalls, brennend darauf, auf diese Weise vielleicht mehr über Ryan zu erfahren.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:39.

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    „Ihr wisst, was das bedeutet? Wisst ihr das?!“
    Sein Anblick war furchterregend. Wie er vor ihnen stand, wie er sprach, wie er dabei gestikulierte. Wie die Ader an seinem Hals zur Dicke eines durchschnittlichen Bambusrohrs anschwoll. Einfach alles, wirklich alles an ihm war in diesem Moment angsteinflößend.
    „Verdammt!“
    Seine Augen traten weit hervor, als er schrie. Sie taten es immer, wenn er sich aufregte, aber dieses Mal schien es, als fielen sie fast aus den tiefen Höhlen heraus.
    Auf seiner hohen Stirn – nur noch ein paar wenige, graue Haare bedeckten seinen Kopf – bildeten sich Schweißperlen, die unter der Hitze seiner vor Erregung rot leuchtenden Haut zu verdampfen schienen. Ja, er kochte vor Wut, und irgendwie konnten sie es verstehen, was sein Auftreten allerdings keineswegs angenehmer machte.
    Zornig stampfte er auf den Steinboden, und die durchdringenden Geräusche hallten im Saal wider.
    „Seid ihr euch überhaupt dessen bewusst, was das für uns heißt?“
    „Aber ja… nun… nein… also…“
    „NEIN?!“
    Das Gebrüll und der irre Blick des Geistlichen verunsicherten Eugen, der sich wie zum Schutze vor Mona gestellt hatte, die den tobenden Priester mit einer Mischung aus Entsetzen und Erstaunen beobachtete. Sie beide hatten Pater Lahache noch nie so erlebt. Es war ein seltsamer Anblick, den sonst so in sich ruhenden Mann in der langen, roten Robe dermaßen außer sich zu sehen.
    „Es tut mir leid“, sagte Eugen, und er meinte es ernst. Sie – er und Mona – hatten versagt. Sie hatten ihre Aufgaben nicht wie vorgesehen erfüllen können, waren kläglich gescheitert.
    „So, es tut dir also leid, hm?!“
    „Ja, das habe ich doch gerade gesagt.“
    Eugen versuchte, ruhig zu bleiben, doch fiel es ihm immer schwerer, die Nerven zu bewahren. Pater Lahache machte keine Anstalten, sich endlich zu beruhigen. Ein bisschen konnte er ihn verstehen. Es war verloren. Alles war verloren. Die Welt würde nicht mehr sein wie sie vorher war, sie würde womöglich aufhören zu existieren, die Katastrophe konnte nicht mehr abgewendet werden. Das Spiel war aus.
    „Ihr seid Schuld am Untergang!“
    „Sind wir nicht!“, widersprach Eugen hektisch, „wir haben lediglich versucht, ihn abzuwenden und sind daran gescheitert. Das Böse ist Schuld am Ende der Welt, niemand anderes. Ihr wisst das genau, Pater Lahache. Ich kann Eure Wut, Euren Zorn verstehen, doch es ist ungerecht, hier einen Schuldigen unter uns zu suchen. Ich habe mein Bestes gegeben, den Auftrag zu erfüllen. Leider hat das nicht gereicht.“
    Eugen war ein wenig über sich selbst erstaunt, wie sachlich er immer noch mit dem Priester reden konnte, während dieser wieder nach Luft schnappte, um erneut loszubrüllen.
    „Dein Bestes gegeben, ja?!“, er ging einen Schritt auf ihn zu.
    „Und was ist mit deiner kleinen Schlampe, hat sie auch ihr Bestes gegeben, hm? Hat sie? Hat sie versucht, ihren unreinen Geist in den Dienst der guten Sache zu stellen? Bist du dir sicher, dass sie mit ihrer verdorbenen Seele wirklich für das Gute kämpfte? Pah, töricht! Du hättest diese Hure auf der Stelle töten sollen, als du sie fandest, als sie vor dir auf die Knie ging und um Gnade bettelte… ein einfacher Schwertstreich hätte uns allen das Leben retten können! DU hättest DEINER, UNSERER Mission treu bleiben müssen, statt dich im Schoß dieses elenden Weibstücks zu verkriechen! DU…“
    Jetzt reichte es. Jetzt war er zu weit gegangen.
    Ein schleifendes, fast schon klirrendes Geräusch, so durchdringend wie herausfordernd, schnitt sich durch das Geschrei. Der Priester verstummte und starrte ebenso zornig wie ungläubig auf Eugen, der sein breites Schwert zitternd, aber doch fest in seiner Hand hielt, unmissverständlich auf die rote Robe gerichtet.
    „Nicht…“, flehte Mona leise, so leise, dass man sie vermutlich gar nicht gehört hatte. Als Eugen seine Waffe gezogen hatte, war sie erschrocken zurückgesprungen und starrte nun ebenso geschockt auf die beiden Männer, die sich gegenüberstanden.
    „Ein einfacher Schwertstreich kann noch ganz andere Sachen…“, presste Eugen zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus, und blickte Pater Lahache mit grimmiger Entschlossenheit an.
    „Sag es nochmal! Na komm, sag es noch einmal!“, forderte Eugen, während er sein Schwert ein wenig hin und her schwenkte, „Nenn sie noch einmal so!“
    Stille breitete sich aus, nur gelegentlich unterbrochen von Monas flehendem Wimmern, der die Eskalation der Situation zu schaffen machte. Eine schiere Ewigkeit standen sich Eugen und Pater Lahache gegenüber, mit musternden Blicken, ohne einen weiteren Ton zu sagen.
    Es war nicht einfach zu sagen, wer von den beiden wütender aussah. Auf der einen Seite der Krieger, das Schwert immer noch krampfhaft in der rechten Hand, die pechschwarzen Augen zu Schlitzen verengt und ein grimmiger Ausdruck auf dem Gesicht. Auf der anderen Seite der Priester, in edler, roter Robe, grauhaarig, mit ungleich ruhigerem Atem, aber einer pulsierenden Halsschlagader. Ja, sie pulsierte wirklich, schien einen Takt zu schlagen, unablässig, fortwährend. Fast schon konnte man sie hören, wie sie heftig schlug, als wollte da etwas raus aus seinem Hals. Als drang da etwas an Licht und Luft, nach ewiger Gefangenschaft. Wenn der Priester es nicht freiwillig frei ließ, so würde sein Hals einfach platzen. Der Anblick verunsicherte Eugen, und so war er in gewisser Weise erleichtert, als Pater Lahache endlich das Schweigen brach.
    „Und wenn ich es tue?“, fragte er mit kalter, spottbehafteter Stimme.
    Sein Gegenüber hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten, das noch festere Umfassen des Schwertgriffs war ihm Antwort genug.
    Der Priester ließ ein raues, verächtliches Lachen ertönen.
    „Mit dem Ding?“, höhnte er, „mit dem Ding willst du mir etwas anhaben? Lass es, ich sage es dir im Guten. Lass es einfach, zum Wohle deiner eigenen Gesundheit und deiner… Freundin da.“
    „Du hast doch nicht etwa… Angst?“, konterte Eugen, dem die gewaltige Anspannung seines rechten Arms samt Hand schon Schmerzen bereitete.
    „Hüte deine Zunge!“, krächzte Pater Lahache, und hörte sich dabei ganz und gar nicht mehr ruhig an, sondern klang genau so wie er in dem Moment aussah: Zornig.
    „Aufhören, bitte!“, rief Mona, die sich von ihrem ersten Schock zwar langsam erholte, aber immer noch Furcht in ihrer Stimme zeigte.
    „Sag das deinem erbärmlichen Freund, der mir mit seinen Schwert fast in der Nase herumbohrt!“, fuhr der Priester sie an.
    „Wag es ja nicht!“, brüllte Eugen bebend vor Wut, „Wag es ja nicht, noch einmal in dem Ton mit ihr zu sprechen!“
    „So?“, fragte Pater Lahache, „Sonst was? Was willst du dann tun? Glaubst du, ihr gefällt es, wie du dich hier lächerlich machst? Wie du hier zitternd dein Schwert in der Hand hältst? Wie du abermals eindrucksvoll beweist, was für ein jämmerlicher Versager du bist?“
    Ein lauter Schrei, klirrender Stahl und gleißendes Licht, das waren die drei Dinge, die im nächsten Moment wie Urgewalten den steinernen Saal füllten. Es dauerte eine Weile, bis sich die geblendeten Augen und die angegriffenen Ohren wieder beruhigt hatten, bis die überreizten Sinne nicht mehr vor Schmerz kreischten.
    Eugen fand sich an einer der steinernen Säulen der Halle gelehnt wieder, Mona kniete neben ihm. Von seiner Stirn rann Blut herab.
    „Vorsichtig Eugen, vorsichtig!“, sagte Lahache, der langsam auf ihn und Mona zu schritt. Letztere wollte sich gerade schützend vor ihren Freund stellen, doch schreckte sie das heisere Lachen des Priesters davon ab.
    „Keine Angst“, sagte er betont ruhig, „Ich werde ihm nichts weiter tun.“
    Er blickte Eugen tief in die Augen, was diesem mehr als unangenehm war. Die giftgrüne Farbe der Iris des Geistlichen durchbohrte seinen ohnehin schon vor Schmerz pochenden Kopf auf unangenehme Weise. Immerhin hatte Pater Lahaches Halsschlagader aufgehört so heftig zu pulsieren.
    „Vorausgesetzt, du versuchst nicht noch einmal, mich anzugreifen.“
    Eugen gab sein Bestes, den starken Blick seines Gegenübers zu erwidern oder ihm wenigstens stand zu halten, doch schaffte er es nicht. Pater Lahache war mächtig – Der Priester hatte ihn mit einem Zauber oder etwas Ähnlichem bereits quer durch den Saal geschleudert, als seine Muskeln im Schwertarm gerade einmal gezuckt hatten. Die Wucht dieser explosionsartig freigewordenen Energie war enorm gewesen, und Eugen musste sich eingestehen, dass er zum ersten Mal wirkliche Angst vor Pater Lahache verspürte.
    Ein Tropfen Blut traf auf dem Marmorboden auf. Kurz darauf ein weiterer, dann noch einer. Eugen führte vorsichtig die Hand zur Stirn, um die Wunde zu ertasten. Sie war nicht groß und auch nicht tief, im Grunde nicht der Rede wert. Hätte Pater Lahache wirklich vorgehabt, ihn ernsthaft zu verletzen, dann würde es ganz anders aussehen und sich weitaus schlimmer anfühlen, das wusste Eugen.
    „Verstanden?“
    Er hob seinen Blick und sah ihm wieder ins Gesicht. So langsam aber sicher schien er sich beruhigt zu haben, er sah nicht mehr so wild, nicht mehr so böse aus wie noch kurze Zeit zuvor. Die Wut war abgekühlt. Eugen rang sich zu einem schwachen Nicken durch, kaum merklich. Pater Lahache nahm es wohlwollend auf.
    „Gut“, sagte er und nickte ebenfalls kurz, „dann sollten wir jetzt überlegen, was wir nun tun sollen, nachdem ihr den Auftrag nicht erledigt habt.“
    „Was wir tun sollen?“, fragte Eugen ungläubig und erhob sich mit noch etwas wackeligen Beinen, indem er sich an der runden Säule stützte.
    „Ich dachte, alles wäre verloren?“, ergänzte Mona ebenso überrascht, während sie Eugen ein wenig Hilfestellung beim Aufstehen gab.
    Ein mildes Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Priesters aus. Er sah mit einem Mal wieder so freundlich und rechtschaffen aus, so weise. Genauso hatte er damals ausgesehen, als er Eugen beim Eintritt in die Armee gesegnet hatte. Es war nun schon so lange her…
    „Nun, der ursprüngliche Plan kann nicht mehr in die Tat umgesetzt werden. Es war eine nahezu einmalige Chance, doch wir haben sie verpasst. Jetzt müssen wir es auf die herkömmliche Methode versuchen. IHR müsst es versuchen.“
    „Sprecht nicht so in Rätseln, Pater Lahache“, bat Eugen höflich, dem sein unangenehm schmerzender Kopf nun doch mehr zu schaffen machte, als er zunächst dachte.
    „Du hast recht, die Zeit läuft gegen uns. Ihr müsst in die Flammenberge gehen, und dort den Vulkan des Höchsten bis zum Krater erklimmen. Irgendwo in der Kraterregion, wo die Temperatur unerträglich heiß ist und kein Leben lange währt, wächst nur eine einzige Pflanze. Wie sie aussieht, ist in den alten Schriften nicht beschrieben, vielleicht hat sie gar keine feste Gestalt. Lediglich ihr Name ist niedergeschrieben: Die Ranke Innos’.“
    „Na das hört sich ja spaßig an“, schnaubte Eugen, der sich immer noch die Stirn hielt, „Und was sollen wir mit ihr machen, wenn wir sie gefunden haben? Sie ordentlich gießen und dann an ihr hinauf bis zum Himmel klettern?“
    „Spotte nicht!“, wies Pater Lahache ihn zurecht, „Es ist die einzige Möglichkeit, die wir noch haben. Ihr müsst diese Pflanze pflücken, irgendwie, vielleicht lässt sie sich einfach aus dem Boden ziehen oder wo auch immer sie sich sonst befindet, oder ihr müsst sie abschneiden, ich weiß es nicht. Jedenfalls müsst ihr sie dann in das Magma des Vulkans werfen.“
    „Es ist also eine Art Opfergabe?“, fragte Mona, schien es aber bald darauf zu bereuen, da Pater Lahache sie eindringlich ansah, als er antwortete.
    „Ja, es ist eine Art Opfergabe“, murmelte er fast mehr zu sich selbst, und fuhr lauter fort: „Wenn ein Zeitalter endet – und die heiligen Schriften weisen darauf hin, dass es bald wieder so weit sein wird – richtet der Höchste über die Menschheit und bestimmt, was mit ihnen passieren wird, ob sie neugeboren wird oder für immer untergeht. Die Menschen sind schlecht, das Böse ist stark. Doch die Ranke Innos’ als Opfergabe kann ihn, den Höchsten, milde stimmen.“
    „Und dann werden wir alle wiedergeboren?“, fragte Eugen.
    „Was genau am Ende des Zeitalters passiert, das weiß niemand zu sagen. Fest steht nur, dass die Menschheit eine Chance auf ihren Fortbestand erhält. Wie die Welt danach aussehen wird, lässt sich nicht vorhersehen. Doch ist es unsere Pflicht, die Welt und unsere Rasse zu erhalten. So steht es geschrieben.“
    „Was bleibt uns anderes übrig…“, brummte Eugen. Doch in seinem Innern blieben Zweifel.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:47.

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    Er blickte von der nicht enden wollenden Rolle auf. Die Geschichte ging noch weiter, doch so spannend er sie fand, ihm brannten die Augen vom Lesen. Bei diesem schwachen, dämmerigen Licht der Kerze war es zu anstrengend, seine Konzentration hatte nachgelassen. Ganz im Gegensatz der Professor, der immer noch in Ryans Werk vertieft war, und begierig Zentimeter um Zentimeter der Rolle durch seine schrumpeligen Finger gleiten ließ. Ihre Lesegeschwindigkeit schien ungefähr die gleiche zu sein, so war ihm das Mitlesen nicht schwer gefallen, doch in Sachen Ausdauer lag der andere offensichtlich viel weiter vorne. Er begann sich zu fragen, wie oft der Professor wohl die schriftlichen Erzeugnisse der Gefangenen las, wie häufig er überhaupt die Möglichkeit hatte, sich diese durchzulesen. Er dachte kurz wieder an Drol und seine Euphorie, etwas vorlesen zu dürfen, aber auch an die Zufriedenheit des Professors, wieder einer Geschichte lauschen zu dürfen. Vielleicht war er ja doch gar nicht so schlimm, nicht so verrückt und irre, wie es die letzte Zeit gewirkt hatte.
    Die letzte Zeit - wie lange war er eigentlich schon hier und ließ sich vom Professor durch die Anstalt führen? Und wie lange würde es noch dauern? War er nicht eigentlich wegen etwas ganz anderem hier? Wegen jemand anderem? Mit einer Mischung aus Erstaunen und Erschrecken stellte er abermals fest, wie ihn die Atmosphäre in diesem Gebäudekomplex vereinnahmt hatte. Es war, als läge irgendetwas in der Luft, dass durch die Atemwege in sein Gehirn gelangte, um es langsam aber sicher zu vernebeln. Die Anstalt hatte eine eigene Seele. Jeder Gefangene, jeder Raum, jede Zelle, ja selbst jeder einzelne Stein trug seinen Teil zu dieser Seele bei, die sich von Minute zu Minute verdichtete. So lange, bis man sich selbst nicht mehr sah, sollte man nicht rechtzeitig herauskommen. Fliehen, bevor man selbst ein Gefangener war.
    Innerlich tadelte er sich wieder selbst. Er machte sich Gedanken über Dinge, die nur eintraten, weil er sich eben diese Gedanken darüber machte. Niemand musste fliehen, niemand war ein Gefangener – Es waren Patienten, nichts weiter. Menschen, die in ihrer Psyche gestört waren, und hier gehalten wurden. Nein, nicht gehalten, sondern aufbewahrt. Nein, auch nicht aufbewahrt. Sie wurden betreut. Der Professor kümmerte sich um sie, und es gab mit Sicherheit auch andere Angestellte, die dies taten, und die auch sicherlich weniger impulsiv als sein persönlicher Gastgeber waren.
    Angst wollte ihm wieder die Kehle zudrücken, doch er kämpfte dagegen an. Es gab schließlich keinen Grund, Angst zu haben. Er musste sich klar machen, dass ihm nichts passieren konnte. Ja, es war unheimlich hier. Doch wenn es ihm zuviel werden sollte, konnte er immer noch verschwinden. Er musste nicht einmal flüchten. Einfach gehen. Sich verabschieden und gehen. Jeden Moment, jeden Augenblick war das möglich. Es gab keine geheimnisvolle Macht, die ihn zurückhalten würde. Kein Eigenleben der Anstalt, welche ihn verschlingen wollte. Keine umhergeisternde Seele, die von ihm Besitz ergreifen konnte. Jetzt konnte er gehen. Genau JETZT.
    Der Weg seiner Augen streifte zufällig Ryan, der immer noch in aller Ruhe dort saß und im Raum herumschaute, wenn er nicht gerade den Professor fixierte. In diesem Moment aber fing er den Blick des Gastes auf. Dieses Mal war es nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu bezweifeln, was Ryan tat. Er zwinkerte. Ganz eindeutig zwinkerte er ihm zu, und nicht nur das, vielmehr lächelte er auch noch dabei.
    Es machte ihn etwas unsicher, dass Ryan auf eine gewisse Art mit ihm kommunizierte, während der Professor immer noch in seine Lektüre vertieft war und nichts mitbekam. Allein mit einem Patienten – doch eigentlich ging von Ryan keine Gefahr aus. Wieder merkte er, wie er sich von all den anderen Insassen unterschied.
    Ryan zog langsam und bedächtig, mit prüfendem Blick auf den Professor, einen kleinen Fetzen Pergament aus einem Stapel auf dem Schreibtisch hervor und bedeutete ihm unmissverständlich, zu schweigen. Das tat er sowieso schon die ganze Zeit, viel zu angespannt war er, um einen Laut hervorzubringen.
    Hätte er selbst dabei vermutlich gezittert, griff Ryan hingegen ganz ruhig nach der Schreibfeder, zog sie aus dem Tintenfass heraus und kritzelte schnell etwas auf das Pergament.
    Die Schrift war nicht viel krakeliger als die auf der langen Rolle und daher noch gut zu lesen. Gut zu lesen, aber nicht einfach zu verstehen.
    Zwei Wörter hatte Ryan geschrieben, das oberste lautete „Arzt“, das Wort direkt darunter „Patient“. Beide waren säuberlich durchgestrichen und prangten geradezu auf dem Pergament. Sie waren zweifelsohne für ihn, den Gast, bestimmt. Sie sollten ihm was sagen, Ryan wollte ihm etwas sagen.
    Etwas verwirrt blickte er ihn an, mit einem leichten Kopfschütteln bedeutend, dass er nicht so recht verstand.
    Ryans Blick wurde ernster, als würde ihm irgendetwas missfallen. Er beugte sich ein wenig näher an seinen Gast heran.
    „Ich bin nicht verrückt.“
    Ein Zwinkern folgte, dann lehnte sich Ryan wieder zurück und räumte das beschriebene Pergament so lautlos wie möglich weg, schob es in einen Papierstapel, nachdem er die Feder bereits zurück ins Tintenfass gesteckt hatte.
    Hatte er Ryan gerade wirklich reden gehört? Oder war es nur Einbildung gewesen? Seine Lippen hatten sich wirklich bewegt, doch hatten sie auch die Laute geformt, die er vernommen hatte? Zusammen mit dem, was auf dem Pergament stand, schien es einen Sinn zu ergeben. Das, was Ryan entweder geflüstert, oder er von dessen Lippen abgelesen hatte, passte zum Inhalt des kurzen Memos.
    Ryan war nicht verrückt.
    Der Gedanke, der schon seit Anfang ihrer Begegnung in seinem Unterbewusstsein gereift war, fiel nun wie eine überfällige Frucht vom Baum ab, direkt in seinen Verstand. Ryan war anders als die anderen Patienten – Er war nämlich gar kein Patient. Dennoch saß er hier, war kein Patient, aber ein Gefangener, aus welchen Gründen auch immer. Und der durchgestrichene Arzt…
    Der Professor räusperte sich. Hektisch wandte sich sein Gast zu ihm um, doch er blickte ihn nicht an, er las immer noch aufmerksam.
    Ryan blickte ausdruckslos zu ihm herüber.
    Insgesamt waren nun doch mehr Fragen aufgekommen als beantwortet wurden, doch diese konnte er nicht mehr stellen. Ryan war wie ein großes Geheimnis, und ein Geheimnis sollte es auch bleiben. Irgendetwas stimmte hier nicht, die Klarheit lag noch in weiter Ferne. Vernebelt von der Seele der Anstalt.
    Er riss sich los. Jetzt war nicht der rechte Augenblick, sich über derartige Dinge Gedanken zu machen. Hier, in diesem schummrigen Licht, der stickiger werdenden Luft des Raumes. Er durfte nicht wieder tief in seine Ängste rutschen, viel lieber sollte er sich ihnen versperren, denn sie waren nicht rational.
    Vielleicht würde die Geschichte noch ein wenig Klarheit schaffen, vielleicht aber auch nicht. Wichtig war nur, dass der Professor nichts vom Geheimnis erfuhr, nie Teil davon wurde.
    Er holte tief Luft, tat leise und unauffällig einen Schritt und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der langen Rolle, die sich immer noch unablässig durch die Hände des konzentrierten Mannes schlich, gleich einer Schlange auf der Suche nach Beute.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:47.

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    Die sengende Hitze macht ihnen mehr und mehr zu schaffen. Eugen war sich sicher, wenn hier nur irgendein Lebewesen überleben könnte, musste es göttlich sein. Nichts hielt diesen Temperaturen, dieser Luft auf Dauer stand. Auch nicht Mona.
    „Schaffst du es noch? Wir können auch eine Pause machen, wenn du willst.“
    „Nun mach mal halblang“, keuchte sie, blickte ihren Gefährten aber gleichzeitig herausfordernd an, „nur weil ich mal ein wenig schwitze, heißt das nicht, dass ich schon schlapp mache.“
    „Schon gut, schon gut.“
    Eugen wischte sich den Schweiß von der Stirn, auch wenn er sich das genauso gut hätte sparen können, denn mittlerweile fühlte er sich wie ein lebender Wasserfall. Er hatte Durst. Nicht mehr lange, und sie mussten umkehren.
    Er blickte noch einmal besorgt zu Mona. Wie zum Trotze stand sie dort aufgerichtet, eine Hand in die Hüfte gestemmt und eine vor die Stirn gehalten, als blendeten sie die Sterne am Himmel.
    Auch an ihr ging die unmenschliche Hitze nicht spurlos vorüber. Ihre Kleidung war vom Schweiß durchnässt und lag eng an ihrem Körper an. Auch eine Art der figurbetonten Mode. So, wie sie da stand, und ihre Rundungen richtig zur Geltung kamen, sah sie einfach umwerfend aus. Zu schade, dass sie nicht zum Vergnügen hier waren. Andererseits, in dieser Hitze hätte man sowieso nicht lange…
    „Da! Da ist was!“
    „Was?“
    Ohne ein weiteres Wort lief Mona davon, und verschwand in den umherwabernden, heißen Dämpfen.
    Eugen seufzte. Manchmal, ganz selten, da hatte sie auch schlechte Seiten.
    Er hielt nicht weiter inne und stürmte ihr hinterher, so gut es in der mittlerweile nassen Kleidung ging.
    Die Dämpfe bissen in Augen und Mund, so kochend waren sie, sie erschwerten seine Sicht und zehrten gewaltig an den Kräften. Eugen war sich sicher, auch ohne diesen glühenden Nebel hätte man sich nicht in dieser Basaltlandschaft zurechtfinden können. Zu gleichförmig und beliebig sah alles aus, und so war es auch ein Wunder, dass er Mona nach recht kurzer Zeit wieder fand.
    „Hör mal“, meinte Eugen ein wenig missmutig, als er auf seine Gefährtin zu stapfte, „das nächste Mal, wenn du sowas…“
    „Es ist weg! Gerade war es doch noch da… ich verstehe das nicht…“
    „Was, ’es’?“
    Mona wandte sich zu ihm um, ihre Augen waren von einer seltenen Nachdenklichkeit geprägt.
    „Da war so ein Leuchten…“
    Eugen blickte sich um. Es zwar zwecklos, die Nebelwände schränkten seine Sichtweite zu sehr ein.
    „Also, ich seh nichts…“
    „Ich ja auch nicht mehr!“, jammerte Mona ein wenig beleidigt. Die Hitze machte ihr anscheinend doch mehr zu schaffen, als sie zugeben wollte.
    „Sicher, dass du dir das nicht bloß eingebildet hast?“
    „Glaubst du mir nicht, oder was?“
    - „Nicht streiten, nicht streiten…“
    Eugen und Mona schreckten auf und wandten sich fast zeitgleich um, als sie die Stimme hörten.
    Eugen erkannte diese Stimme rasch, und wie, um diese Klarheit zu unterstützen, lichteten sich die Dampfschwaden um sie herum ein wenig, und direkt hinter ihnen offenbarte sich der Krater des höchsten der Flammenberge, des heiligen Vulkans.
    „Sonst fallt ihr noch da rein.“
    „Pater Lahache!“, rief Mona erstaunt als auch sie die Stimme erkannte.
    Direkt vor ihnen aus dem Nebel erschien der Priester in der roten Robe, langsamen Schrittes kam er auf sie zu. Nicht ein Tropfen Schweiß ließ sich auf seiner Stirn entdecken. Es war unnatürlich.
    „Was macht Ihr hier?“, fragte Eugen, unsicher, wie er reagieren sollte. Immerhin hatten sie ihren Auftrag noch nicht erfüllt.
    „Ich will nach dem Rechten sehen. Habt ihr die Ranke schon gefunden?“
    Eugen beobachtete, wie Mona betreten zu Boden schaute.
    „Nein“, sagte sie kleinlaut.
    Er war sich schon immer sicher gewesen, dass sie nicht nur Respekt, sondern auch Angst vor Pater Lahache hatte. Hier zeigte sie es fast ganz unverhohlen. Er selbst hingegen wollte eigentlich nicht den Zorn des Priesters fürchten.
    „Das dachte ich mir“, erwiderte der Geistliche mit wahnsinnigem Blick. In diesem Moment fürchtete Eugen doch seinen Zorn. Pater Lahaches Halsschlagader pulsierte.
    Er ahnte nichts Gutes. Während er weiterhin angespannt schwieg, übernahm Mona die Gesprächsführung.
    „Tut uns Leid, aber wenn Ihr uns vielleicht suchen helft…“
    Der rotgewandete Mann ließ ein lautes, schallendes Lachen ertönen. Es klang in gewisser Weise vergnügt, aber es kam nicht von Herzen. Unaufällig legte Eugen die Hand an seinen Schwertknauf.
    „Ich werde doch hier oben nicht nach etwas suchen, was gar nicht existiert!“
    Mona zuckte und sah auf. Das, was sich in Eugens Kopf, den er versuchte, trotz widriger Umstände kühl zu halten, langsam aber sicher zu einer Erkenntnis geformt hatte, traf seine Gefährtin jetzt wie ein Blitz.
    „Ihr meint… diese Ranke existiert gar nicht?“
    „Du bist eine gute Beobachterin des Offensichtlichen“, schmunzelte Lahache, während sein gesamter Hals arhythmisch pochte.
    Eugens Griff wurde fester. Er kannte diese Situation noch gut. Im Grunde war sie genau die gleiche. Doch dieses Mal würde er nicht verlieren.
    Der Priester fing Monas ungläubigen Blick auf und erfreute sich sichtlich an der Verwirrtheit, die er mit seinen Worten streute.
    Er streckte seine Arme in die Luft. Die Ärmel seiner Robe rutschten herunter und gaben eine Haut frei, die in gleichem Maße pulsierte wie der Hals des Mannes. Es war unglaublich. Unglaublich widerlich.
    Bildete Eugen es sich doch nur ein? Warum bemerkte Mona nichts davon?
    „Seht euch doch nur einmal um“, erhob Pater Lahache die Stimme, „was soll in so einer Gegend denn überleben? Warum sollte Innos hier sein Leben spenden?“
    Am liebsten hätte Eugen eine schnippische Antwort wie „Ja, das habe ich mich auch gefragt“, gegeben, doch er ließ es bleiben. Er durfte die Situation nicht eskalieren lassen. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes brandheiß. Er warf einen flüchtigen Blick in den Krater. Gleißend helle Lavaflüsse und umherspringende Feuerbälle überforderten sein Auge. Er ließ davon ab.
    „Warum sind wir dann hier?“, fragte Mona fassungs- wie ahnungslos. Abermals gab der wahnsinnige Priester ein Lachen zur Antwort. Eugen biss die Zähne zusammen. Jetzt wurde es ernst.
    „Das weißt du doch“, sagte Pater Lahache in gespielt väterlichem Ton, „um die Welt zu retten natürlich.“
    Er machte eine Pause. Jeden Moment erwartete Eugen ein weiteres Lachen. Es kam nicht.
    „Es steht in den alten Schriften geschrieben! Die einzige Möglichkeit, die Welt noch vor dem endgültigen Untergang zu bewahren, ist ein Menschenopfer! Das Opfer eines sich liebenden Paares, der Tod zweier Menschen, deren Bindung so stark ist wie die keines zweiten Paares!“
    „Das ist doch Wahnsinn!“
    Mona wurde hysterisch. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Gefahr zunahm. Eugen dachte gar nicht mehr richtig darüber nach, was der Priester ihnen erzählte. Es war auch so alles klar. Sie mussten sterben, weil er es wollte. Weil er in seinem Fanatismus den alten Schriften folgte, und alles tat, um Prophezeiungen und dergleichen zu erfüllen. Es war wie ein Spiel, und sie waren die Schachfiguren. Doch noch war Eugen nicht gefallen. Seine Hand schmerzte.
    „Nein, es ist die Rettung! Die Chance muss wahrgenommen werden! Ihr werdet sterben, damit andere leben können! Ihr werdet das Feuer Innos empfangen! Glücklich schätzen, das solltet ihr euch!“
    Ja, vielleicht war es die Rettung. Eugen zweifelte nicht einmal daran, dass Pater Lahache Recht hatte. Er belog sie nicht. Nur in dem Punkt, dass sie sich glücklich schätzen sollten, da stimmte Eugen nicht überein. Sein Arm drohte wieder zu verkrampfen. Nur keinen Fehler machen, gleich war es soweit.
    „Das kann nicht Euer Ernst sein!“, kreischte Mona. Sie war den Tränen nahe, konnte sich selbst nur mühsam davon abhalten, zu Boden zu sinken. Immerhin flehte sie diesen widerlichen Alten nicht auf Knien an. Nicht nur, dass Eugen der Anblick angeekelt hätte – So erleichterte es auch einen Angriff auf den Priester ungemein. Nur noch wenige Augenblicke.
    „Oh doch, das ist es! Ein neues Zeitalter wird anbrechen!“
    Dann kam es. Das Lachen. Lauter als zuvor, hallte es über die gesamten Flammenberge. Der Moment war gekommen.
    Mit einem schrill schleifenden Geräusch riss Eugen sein Schwert aus der Scheide, sprang auf Pater Lahache zu und rammte ihm den Stahl mit aller Kraft in den pulsierenden Hals. Dann ging alles ganz schnell: Wie von selbst schlitzte das Schwert den Körper bis zum Brustkorb auf.
    Der Mann in rot sah an sich herunter, sah das Schwert in sich stecken, das Eugen schon längst losgelassen hatte.
    Doch er blutete nicht. Er blutete einfach nicht. Nicht einmal einen Schrei hatte er von sich gegeben. Alles, was er als Reaktion von sich gab, war ein überraschter, starrer Blick. Immerhin, der Anblick war nicht ohne Wirkung geblieben. Doch Eugen spürte Angst. Sein Plan war nicht aufgegangen. Pater Lahache war noch am Leben, und noch schlimmer: Er grinste.
    „Vorsichtig, Eugen, vorsichtig“, krächzte er dabei zwischen den Zähnen hervor. Er war geschwächt, doch er konnte seine rechte Hand noch heben.
    Ein ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte ihre Ohren, und Mona und Eugen hatten nicht einmal die Möglichkeit zu schreien, als sie von Kräften ergriffen wurden, die vorher außerhalb des Bereichs ihrer Vorstellungskraft gelegen hatten. Auch jetzt noch war es unglaublich, welche Macht der rote Priester entfesselte. Jenseits von Gut und Böse stieß er sie mit einem letzten Schrei den Krater hinab, während die ganze Welt zu explodieren schien. Eugen wurde von Bildern durchflutet, konnte sich nicht mehr wehren, war schon tot. Er hatte versagt.


    Gott hasst uns alle.
    Gott hasst uns alle.

    Eugen, hast du mal zehn Erz für mich? Komm schon, nur zehn, dann darfst du mich auch…

    …hassen. Gott hasst uns alle und wird uns alle auf ewig hassen. Gott hasst uns alle und wird uns alle auf ewig hassen. Gott…

    Die Zeit wird nie die Wunden heilen.

    Wenn du denkst, es ist vorbei, denk noch einmal nach…

    Hör auf zu schreien, bitte, hör auf zu schreien, bitte, hör auf zu…

    …hassen. Gott hasst uns…

    Hallo? Ist da jemand? Ist da jemand?

    Zehn Erz. Nicht mehr, nicht weniger? Ist das ein Geschäft?

    Komm jetzt essen, Eugen. Eugen, hörst du? Komm jetzt essen. Bitte.

    Weniger geht nicht. Ehrlich.

    Eugen, komm jetzt essen!

    Nein, nicht den geringsten Zweifel. Beeil dich. Beeil dich. Beeil dich.

    Hören Sie bitte auf zu reden. Hör auf zu schreien!

    EUGEN!

    Was hast du vor? Weniger geht nicht!

    Ich habe es dir doch gesagt, Eugen! Gott hasst uns alle und wird uns alle auf ewig hassen…

    Die Zeit rennt davon.

    Finger weg! Von Macht-man-nicht-Sprüchen halte ich zwar sehr wenig, aber…

    Ist da jemand, hallo?!

    Vorsichtig mit der Axt, Eugen!



    Das war das Ende.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:54.

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    Das war Wahnsinn. Wahnsinn, der ihm noch lange nach dem Ende der Geschichte mit pieksendem Tritt den Rücken rauf und runter schlich. Es würde nicht mehr lange dauern bis er durch eines seiner Nasenlöcher oder durch die Ohren den Weg in seinen eigenen Kopf finden würde, um sich dort für immer einzunisten.
    Innerlich schüttelte es ihn, doch kämpfte er weiterhin dagegen an, sich von all diesen Dingen, die er hier erlebte, vereinnahmen zu lassen. Die Angst aber konnte er nicht verdrängen. Nicht, so lange so vieles im Unklaren lag und Wahn seinen Geist langsam kriechend vernebelte.
    Ryans geheimnisvolles Wesen würde sich ihm nicht erschließen, aber eines, das spürte er. Nach allem, was er nun von ihm gesehen und gelesen hatte, sei es seine wirre, beängstigende Geschichte oder der kleine Zettel, war zwischen ihnen ein unsichtbares Glas zersprungen, und er hatte in die Scherben gepackt. Einerseits tat es weh, andererseits war es ein gutes Gefühl, den Schatten der Anstalt nicht ganz zu erliegen. Denn im Moment des Schnitts durchzuckte eine Idee seinen träger werdenden Verstand und rüttelte an ihm.
    Ryan log. Vielleicht war es nicht einmal so, dass er es bewusst tat, aber vielleicht doch – Es war nicht zu bestimmen und ebenso schleierhaft wie alles andere was an diesem Ort vor sich ging. Dass Ryans Charakter nicht klar umrissen war, dass er sich in irgendeiner Weise verstellte, war dennoch nicht zu leugnen. Zumindest empfand er es so. Er konnte es nicht begründen, keine logischen Schlüsse ziehen, doch in seinem Unterbewusstsein wähnte er eine Erkenntnis, die er nicht erfassen, aber wie hinter trübem Glas beobachten konnte. Oder auf dem aufgewühlten Grund eines tiefen, schmutzigen Sees. Verrückt oder nicht verrückt, Patient oder nicht Patient, dazu ein Arzt…
    Ein schreiendes, kreischendes Lachen riss ihn derart aus seinen Gedanken, dass er wie vom Blitz getroffen zusammenfuhr. Sein Herz hämmerte gegen seine Brust als er zur Seite schaute und den Mann im Kittel sah, wie er irre Laute ausstieß, die lange Schriftrolle immer noch in der Hand. Dann war es auch schon vorbei. Es war so dermaßen surreal und eine derart flüchtige Wahrnehmung, dass er daran zweifelte, dass es überhaupt geschehen war.
    „Gut… gut…“, sagte der Professor, blickte aber niemanden an sondern starrte zur Decke. Da er so seinen überaus großen, hässlichen Kehlkopf entblößte, kam der immer noch geschockte Besucher nicht umhin, an den Mann mit der pulsierenden Halsschlagader aus Ryans seltsamer Geschichte zu denken. Aber er wollte es nicht, er wollte es aus seinem Kopf haben. Er konzentrierte sich auf das vehemente Schlagen seines Herzens, als wollte es raus, raus aus seiner Brust, weil es sich gefangen fühlte…
    „Oder nicht?“, fragte der Professor ihn grinsend und deutete mit einer Geste an, dass er die Zelle wieder verlassen wollte. Sein Gast war zwar hin- und hergerissen zwischen einer Faszination für Ryan und einer drückenden Angst vor den Geheimnissen, die in diesem Ort lagen, doch die Entscheidung, mit dem Professor mitzugehen, traf er fast automatisch, als sei eine Art lebenserhaltender Trieb dafür verantwortlich. Die bösartige Vorstellung, dieser wahnsinnige Mann könnte ihn hier einfach einschließen und in den modrigen Tiefen der Zellen verenden lassen, suchte ihn heim, und so beeilte er sich zurück in den Flur zu gelangen, auch wenn der alles andere als einladend und beruhigend war.
    Manche Geheimnisse blieben ohnehin besser ungelüftet.

    Die Tür knallte hinter ihm zu, der Professor schloss ab. Es war nicht so, als wäre er in Eile gewesen, aber trotzdem haftete eine gewisse Hektik, eine ansteckende Unruhe an ihm. Er wirkte unaufgeräumt. Mehr noch als zerstreut, er war irre. Der Professor war verrückt, sollte das, was sein Gast mit ihm erlebt hatte, die Wahrheit sein.
    Er war sich dessen nicht mehr sicher, denn seine Sinne spielten mit ihm. Nur nichts anmerken lassen, keine Schwäche zeigen, die Konzentration durfte nicht vollkommen entgleiten. Er war nicht gekommen, um zu bleiben.
    Die Luft im Flur wirkte mit einem Mal besser als zuvor, doch war es in Ryans Zelle im Vergleich trotzdem nicht stickiger gewesen. Allein dieser seltsame Umstand zehrte an seinen Nerven, doch am meisten war er dadurch irritiert, dass die Luft hier auf eine gewisse Art und Weise erfrischend wirkte. Obwohl es nicht sein durfte. Es gehörte sich nicht so. An einem durch und durch schlechten, verderbten Ort konnte es nichts geben, was sich entgegensetzte. In der Mitte eines Tunnels gab es kein Licht, genauso wenig gab es hier einen Hauch von echtem Leben. Sein Verstand und seine Seele rangen um eine Erklärung, konnten sich nicht auf eine Illusion einigen, vermuteten auch eine Falle, einen Trick des Eigenlebens des Irrenhauses, welches ihn locken wollte. Endlose Zellenreihen schienen den kühlen Hauch aber zu verspotten, machten ihn unglaubwürdig und änderten seine Gestalt. Kühle wurde zu Kälte, der Hauch zu einem Ziehen. Nichts konnte hier frisch sein, denn es war eine Stätte des Verfalls. Mauersteine, Körper, Gehirne und Seelen – Nichts hatte hier auf Dauer Bestand. Auch er nicht.
    Er bekam gar nicht mehr richtig mit, an wie vielen der Zellentüren, deren Schlösser, Knaufe und Klinken wie eine krude, kranke Ansammlung und Ausstellung von missratenen Nasen aussahen, sie vorbeigegangen waren, als der Professor wieder etwas sagte.
    „Ah“, rief er aus, jedoch ohne große Erregung, und schniefte ein paar Mal. Im Kopf seines Besuchers kreisten die zusammenhanglosesten Gedanken, alle auseinandergerissen. Trotzdem verspürte er einen Zwang, eine Fremdsteuerung, nach links an die Wand zu schauen.
    Es war ein Zettel, sehr alt, fleckig, aber nicht vergilbt. Er sah aus, als sei er nass, aber sein Beobachter traute sich nicht, ihn anzufassen. Die Schrift war lebloses Seegrün, oder Meeresgrün, vielleicht auch Sumpfgrün oder gar nicht so sehr grün, und schien sich ein wenig auf dem Blatt hin und her zu winden, einen verschwommenen, lauernden Tanz aufzuführen, als könnten sich jederzeit Wasserpflanzen oder Algen um ihn schlingen und ihn festhalten oder gar in eine Welt hineinziehen, die ebenso zerknittert aussehen würde wie das Papier. Und ebenso dämonisch und dunkel schillernd wie die matte Farbgebung der Verwesung, unter die sich nach und nach weitere Farben mischten. Die Fantasien machten ihm Angst, er wollte sich nicht nähern. Er wollte ihn nicht einmal lesen, doch er fühlte sich dazu gedrängt.
    Es war nicht so, als würde er selbst seine Angst überwinden, als er einen halben Schritt herantrat und anfing zu lesen. Es unterdrückte lediglich eine Angst die andere.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:54.

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    Fernes Rauschen sticht meine Nerven. Kein Wasser, kein Wind – Es ist Schnee, schwarzgepunktet.
    Schaukelnderweise gerät der Blick ins Licht. Die Lampen flackern nicht, sie sind bloß trübe. Matt flimmern gelb und grün in den Abgrund um ihre Botschaft zu verbreiten. Sie wird nicht ankommen.
    Ein Ächzen ertönt in der Stille und kreuzt den fahlen Schein ohne ihn wirklich zu berühren. Das Rauschen wehrt sich nicht, dennoch wird es stärker und wird zur Qual.
    Die Zeit verdoppelt sich. Ein Lichtst
    rahl fällt aus der Luft wie ein Regentropfen vom Himmel, und passiert gefühllos mein Gesicht.

    Ein Wechsel. Ich befinde mich auf einem Platz, er ist beleuchtet, doch in der Mitte ist es dunkel. Der Boden ist hart, gibt jedoch an ausgewählten Stellen nach. Er reicht bis tief in die Erde, wenn man ihn nur wei
    t genug treibt. Meine Füße schmerzen vom grausigen Spiel. Die Vergangenheit beißt.
    Ich weiß es nicht, doch im Zentrum des grauen Platzes gähnt ein Abgrund, ein Loch ins Nichts. Strömungen umschmeicheln meine Schläfen, doch sie sind nicht wirklich. Es sind Streiche, die sich in den Verstand ergieß
    en und sich dort einnisten. Ein Sog zerrt an meinen Fesseln und lässt mich nicht mehr los.

    Es ist ein Singen. Fremdartige Chöre erfüllen mein Ohr. Sie schneiden sich ins Fleisch der Muschel, so scharf sind sie. Ich bin Schuld. Ich bin nicht Schuld. Ich weiß nicht mehr, was Schuld bedeutet. Ich hätte mich dagegen wehren sollen, aber ich habe versagt.
    Der Ort ist unbekannt. Zwei Sterne blitzen am Nachthimmel, der sich langsam gen Boden senkt und von der unsichtbaren Wand abblättert. Das Weltengebäude scheint zu zerspringen, doch
    es ist erst der Anfang. Ich zittere. Mir ist kalt.

    Im Innern dreht sich ein Dolch. Niemand lässt es schnell geschehen, alles schleicht. Es ist ein lautes Kriechen, kein heimliches. Rote Felder erstrecken sich über dem Stahl. Sie schmiegen sich an ihn an. Trotzdem i
    st keine Abkühlung in Sicht. Es brodelt und siedet, doch ich erfriere. Die Finger sind vor Schmerz gekrümmt, mein Brustkorb wird zu Stein. Eine Tat wiegt schwer, doch wehe dem, der gleichzeitig Täter und Opfer sein wird. Das Licht bohrt nach. Vergessen ist ein Segen, dessen Priester längst verrottet sind.

    Die Geräusche sind aus. Das Tor steht offen, doch es ist dornenbewehrt und rostig. Blut tropft vom spitzen Eisen herab und lässt meinen Rachen brennen. Am Ahnenkreuz bleibe ich stehen und blicke durch das seegrüne Fenster in den einfarbig roten
    Vorhang nach oben. Der Turm, und es bleibt. Eine Berührung zu viel. Grauenhände.


    Der Richter

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    Er schnappte nach Luft. Da war dieser innerliche Drang, wild mit den Armen zu rudern. Als wollte er auftauchen aus diesem Wahnsinn, mit dem er kontinuierlich überschüttet wurde, der ihm den Atem nahm und seinen Verstand überschwemmte.
    „Wundervoll, nicht?“
    Die Stimme des Professors klang wie aus weiter Ferne, ja, wie unter Wasser, oder einer anderen Flüssigkeit, in der man bis zum vollständigen Verschwinden versinken konnte.
    „Wie von einem fiebrigen Kind geschrieben, nur noch viel zu klar“, fügte der wirre Mann in seinem sterilen Kittel hinzu. Erst jetzt war zu erkennen, dass er in der Brusttasche eine kleine, offensichtlich verbogene Brille mit sich führte. Ihre Gläser reflektierten, wenn das spärliche Licht innerhalb des Flures zufällig auf sie traf. Ein kurzes, lebendiges Aufglimmen. Scheu und gleichzeitig angriffslustig wie eine Moleratmutter, die ihre Kinder beschützen wollte.
    „Ich schätze, es ist Zeit, nach Paul zu sehen“, murmelte er als er sich von diesem furchtbaren Wandanschlag abwandte und dem ewigen Gang weiter folgte. Sein Gast wusste nicht, ob er auf die Bemerkung irgendwie Bezug nehmen sollte, und ehe er irgendeine Entscheidung treffen konnte, schlurften seine Füße ebenfalls über den Boden, seinem Führer hinterher.
    „Wer ist Paul?“, fragte er dann, denn er musste einfach etwas sagen. Er wollte sich irgendwie äußern, aus seiner passiven Situation herauskommen und die Kontrolle über das Geschehen zurückgewinnen.
    „Das wirst du schon sehen“, gab sich der Professor unbestimmt und ließ im Anschluss ein leises, kehliges Lachen ertönen. Als es in ein Husten überging, spürte sein Gast die Gänsehaut am ganzen Leibe noch deutlicher als zuvor. Es war nicht nur so, dass ihm die üblichen kalten Schauer den Rücken herunterliefen, vielmehr durchfuhr seinen gesamten Körper ein widerwärtiges Ziehen. Es war, als spannte sich die Haut auf eine gefährliche Weise über ihn. Vor allem im Gesicht und seltsamerweise an den Füßen war es schier unerträglich. Es lähmte ihn. Nicht in seinen Körperfunktionen, ganz und gar nicht – Seine Beine waren immer noch in der Lage, dem Professor zu folgen. Allerdings war sein Inneres abermals außer Gefecht gesetzt. Es hieß immer, Freiheit bedeutete, gegen den Strom zu schwimmen. Er hingegen ließ sich jetzt treiben. Wurde getrieben.
    „Sehen ist ohnehin ein gutes Stichwort“, fing der Professor wieder an, „bei Paul ganz besonders. Wie gesagt, das wirst du noch sehen, was es mit dem Sehen auf sich hat.“
    Es war erschreckend, wie sich der Professor bei diesem grausigen Rundgang so sehr amüsieren konnte. Es war nicht ersichtlich, inwieweit das alles schon Routine für ihn war. Er schien so begeistert wie beim ersten Mal als Zuschauer einer schrecklichen Präsentation von Andersartigen, doch dafür wohnte ihm zu viel Wissen über die Insassen inne. Außerdem wirkte er zwiespältigerweise zusätzlich grausam und abgeklärt. Seine Person war ebensowenig zu fassen wie die gesamte Situation, in der er sich befand.
    Abrupt blieb der Professor vor einer schweren Zellentür stehen. Der Gast hatte es gerade noch rechtzeitig bemerkt, sonst wäre er in ihn rein gerannt. Schon wieder so knapp. Eines der Dinge, die er hier unbedingt vermeiden wollte, war eine Berührung mit diesem Menschen. Falls man ihn noch Mensch nennen konnte. Er war natürlich ein Mann, aber näher am Wesen als am Menschen. Die animalischen Züge konnte er nicht verleugnen, selbst rein äußerlich war der Professor einem Tier nahe. Diese Zähne… sie waren wie gemacht zum Reißen und Beißen und…
    „Obacht!“, mahnte der Professor laut an, „wenn’s Licht an ist, könnte es blenden.“
    Verwirrt beobachtete der Gast ihn beim Aufschließen und Öffnen der Tür, der Atem blieb ihm ebenso stehen wie sein Herz, obwohl er durch den nur langsam wachsenden Spalt noch gar nichts sehen konnte. Aber er hatte Angst davor, etwas zu sehen, was er gar nicht sehen wollte. Zumal der Professor seine schiere Freude daran gehabt hatte, vom Sehen zu sprechen.
    Angst war genau das richtige Wort, und als er dem Professor hinterher in die Zelle eintrat, legte sich diese Angst wie ein getränktes, schmutziges Handtuch um seinen Hals und seine Schultern.
    Last edited by John Irenicus; 20.08.2012 at 10:57.

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    Zelle vier


    Es blendete tatsächlich. Während er damit zu kämpfen hatte, suchte er durch zusammengekniffene Augen den Professor, welcher bereits inmitten des grell beleuchteten Raumes stand.
    Langsam konnte er seine Augen wieder öffnen. Wie schwere Vorhänge hievten sich seine Lider lautlos ächzend nach oben, und die Grimasse, die er zog, bügelte sich langsam wieder aus seinem Gesicht heraus. Allerdings nur, um dann wieder vor Schreck zu erstarren. Der Professor war nicht alleine im Raum. Nicht weit von ihm stand jemand, der ihm bis ins kleinste Detail glich. Und daneben noch eine weitere Kopie seiner selbst.
    Die drei identischen Professoren lösten bei seinem – oder ihrem – Gast einen kurzen, aber sehr intensiven Moment des Schocks aus. Es fühlte sich an, als sei der Wahnsinn in seinem Kopf nun endlich aus dem Käfig gelassen worden, um hungrig und mit Zähnen und Krallen das Hirnfleisch unwiederbringlich zu verzehren.
    Dann jedoch sah er, dass die Zelle über und über mit Spiegeln übersät war. Große Spiegel, kleine Spiegel, überall standen sie herum und waren Multiplikatoren des Professors, der nun die Arme verschränkte und offenbar über die Reaktion seines Gastes äußerst amüsiert war.
    Ebenso blickte diesem von Wänden und Decken sein eigenes Ebenbild hundertfach entgegen.
    Es war ihm ein seltsames Gefühl, in diesem Maße von den eigenen Augen gemustert zu werden, und er erschrak, als neben ihm eine gebückte Figur auftauchte, ebenfalls von den unzähligen Spiegeln vervielfacht, von denen man gar nicht mehr wusste, wo einer aufhörte und wo der nächste begann, und die die Dimensionen des Raumes aufs Heftigste verzerrten.
    Die Gestalt war mittlerweile in die Hocke gegangen und gab schnurrende Laute von sich, die so nett klangen, dass es ein schmerzhafter Kontrast zum unbarmherzigen Wesen der Anstalt war.
    Es war ein Mann, der mutmaßlich nicht so jung war, wie er aussah. Sein Gesicht war so platt wie rund, fast wie eine Scheibe, seine blauen Augen im Grundzustand schon zu Schlitzen verengt. Kein Bartwuchs verdunkelte seine helle Haut, ebenso wie seine blanken Unterarme – der kauernde Mensch trug ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln sowie eine einfache, in ihrer Gestaltung nicht näher zu bestimmende Hose – frei von Haaren waren. Obwohl er sich wie ein Affentier gebärdete, war er ungewöhnlich nackt.
    Irgendetwas kam ihm an dieser Gestalt bekannt vor, doch er war sich nicht sicher. Hier konnte man sich nie sicher sein. Es war so, als lag da eine Erinnerung in weiter Ferne, verfälscht durch die bloße Distanz. Und dieser gedankliche Nebel, dieser Schleier, der ihn nicht mehr zu Vergangenem durchließ…
    „Das ist Paul.“
    Der Professor ballte seine rechte Hand zur Faust, ohne aber aggressiv zu wirken, entspannte sie dann wieder und wies auf all die Spiegel.
    „Eine Armee gegen die Einsamkeit!“, japste er, „Denn Paul leidet, wenn er einsam ist. Deshalb haben wir ihm diese Spiegel hingestellt. Auf diese Weise fühlt er sich nicht so alleine. Er ist nicht bei Sinnen, weswegen ihm diese Art der Gesellschaft reicht. Auch wenn er vermutlich mit der Zeit gelernt hat, dass es nicht wirklich andere Lebewesen sind, die ihn ständig umgeben. Doch ist es egal – Die Macht der Illusion ist stark und kann Herzen wie Wünsche erfüllen. Damit er sich und all seine Spiegelungen immer sehen kann, installierten wir hier ein magisches, flächendeckendes Licht. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut.“
    Der Besucher wunderte sich darüber, dass der Professor von „wir“ sprach. Wer noch war in diesem Hort des Wahnsinns verantwortlich für all das, was in seinen Räumen, in seinen Zellen, auf den Fluren und in allen düsteren sowie in diesem Falle grell beschienenen Ecken geschah?
    Es war besonders diese Frage nach dem „Wer noch?“, die sich aufdrängte, doch genauso wusste er, dass dies eine Frage war, die nicht gestellt werden durfte. Sie konnte der Stein sein, der das löchrige und marode Mauerwerk dieses Mischkonstrukts aus Gemäuer und Geisteskrankheit zum Einsturz brachte, wenn man ihn herauszog. Was dann passieren sollte, lag jenseits aller Berechnungen, denn Rationalität war dem Wahn und Wirken hier fern. Es wäre unverantwortlich gewesen, das wackelige Gerüst, in dem sich Gastgeber und Gast befanden, mit einem Mal zu erschüttern. Denn dann würde es zusammenbrechen, und sie würden fallen, alle beide, fallen ins Bodenlose…
    Er zuckte ruckartig zusammen als dieses tiefe, seufzende Schnurren erneut ertönte und er eine Berührung spürte. Paul war herangekrabbelt und umklammerte nun mit beiden Armen das Bein des Besuchers. Seines Besuchers, wie er zu empfinden schien, denn das Festhalten war zwar nicht aggressiv, aber so aufdringlich wie bestimmend.
    Der Gast war beinahe versucht, es als zärtlich wahrzunehmen. Solche Gefühle durfte er nicht an sich heranlassen. Die sanfte Berührung mit Paul fühlte sich an wie eine Infizierung mit dem Wahnsinn, und so schüttelte er sein Bein kräftig und sah den Professor flehend an. Er wusste vorher schon, dass von ihm keine Hilfe zu erwarten war, egal in welcher Situation, und war deshalb auch nicht überrascht darüber, dass der Mann im Kittel sichtlich vergnügt zuschaute. Wobei Vergnügen vielleicht die falsche Gefühlslage war – Vielmehr schien es, als zog der Professor aus dem Geschehen eine Art eigenwillige Befriedigung.
    Endlich konnte er sich aus dem Griff Pauls befreien, der sich etwas beleidigt hinter einem der größeren Standspiegel zu verstecken versuchte. Aus allen Ecken der Zelle wurde er prompt reflektiert. Hier stand alles ständig unter Beobachtung – wenigstens unter der eigenen.
    „Ich denke, er wird sich noch an dich gewöhnen“, meinte der Professor nachdenklich, und seinem Gast stockte mittendrin der Atem, „deshalb gehen wir jetzt lieber wieder. Es gibt noch viel zu sehen… tschüss, Paul.“
    Über diesen Zusatz war der Gast mehr als froh. Es hatte erst so geklungen, als sollte er länger…
    Er wollte nicht weiter darüber nachdenken. Ein weiterer zufälliger Blick in einen der Spiegel bestätigte ihm, dass schon lange nicht mehr alles mit ihm in Ordnung war. Verschwitzt klebten seine Haare an der Stirn, die Augen waren verwirrt, Ringe wie nach sieben Tagen ohne Schlaf. Wie lange war er eigentlich schon hier, wie lange ging es noch, würde es je ein Ende nehmen?
    Das Quietschen der Zellentür, die Schritte in den kalten Flur und das Zuwuchten des Metalls samt des rasselnden Schlüssels im Schloss setzten immerhin unter diese Begegnung einen Schlusspunkt.
    Doch ihm kam es lediglich wie ein unbedeutender Satz binnen eines ganzen bösartigen Konglomerats von albtraumhaften Anekdoten vor.
    Last edited by John Irenicus; 27.03.2011 at 03:57.

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    Am liebsten wäre er gegangen. Nicht mit dem Professor, sondern weg von ihm. Weg von dieser Anstalt, weg von allem, was er hier erlebt hatte. Raus aus dem Gemäuer, sich den dornenbewehrten Fängen entwinden, zur Not gar entreißen, die sich um ihn schlangen und ein immer dichteres Netz webten.
    Aber er konnte erst wieder gehen, wenn er Sie gesehen hatte. Oder er würde nie wieder gehen…
    Der Gedanke hallte wie ein verzerrtes Echo in seinem Kopf nach und überlagerte so die ewig gleichen Schrittgeräusche, mit denen er und sein Führer sich durch die grauschwarzen Gänge bewegten. Wenn jetzt noch Licht durch die sporadisch auftretenden, vergitterten Schlitzen weit oben im Mauerwerk hereintrat, dann war es so matt und trübe, dass es die Flure nur noch trister erscheinen ließ. Der aufgewirbelte Staub, der sich in den milchigen Strahlen drehte, hatte die Gestalt von altem Mehl oder längst vergessenen Schneeflocken, die sich nur hier in dieser immensen inneren Kälte künstlich am Leben erhalten konnten.
    Dies war keine Reise durch den Irrsinn, aus der man sich jederzeit ausklinken konnte. Entweder man stand sie bis zum Ende durch oder man nahm gar nicht an ihr teil. Und manchmal ließ sie einen vielleicht nie mehr los und verwehrte einem die Wiederkehr.
    Er sah sich selbst schon in einer dieser Zellen sitzen. Ein eigenes Zuhause in dieser irren Antigemeinschaft, seinen eigenen Wirrungen nacheifernd. Isoliert und alleine.
    Wenn er auf den Boden starrte und seinen stetigen Fußwechsel verfolgte, drängte sich die Vorstellung auf, wie seine Schuhe langsam in den Kellerboden einsanken und sein Körper immer weiter mit den Steinen verwuchs, bis ihn das Heim sich vollständig einverleibt hatte.
    Sah er jedoch auf und in die Ferne, so musste er direkt vor sich den Professor beobachten, den Führer, den Leiter, den Herrn über Leben und Tod, den Verwalter aller krankhaften Auswüchse und Psychosen, vielleicht auch deren Heger. Und über seine Schulter hinweg schien der Flur endlos zu sein, als dehnte er sich mit jedem Schritt, den man in ihm tat, ein weiteres Stück aus.
    Blickte er zurück, so erkannte er eine Dunkelheit, die weit über die visuelle Wahrnehmung hinausging. Es war nicht nur fehlendes Licht, es war auch Angst, die ihm im Nacken saß. Furcht davor, der Weg, der hinter ihm lag, würde mit der Zeit einfach verschwinden. Der Boden wurde vielleicht zu einem verschlingenden Morast, oder die Platten türmten sich auf und verwuchsen zu einer neuen Mauer, die den Ausweg für immer versperrte.
    Nirgends verschaffte ihm ein Anblick Erholung, und so wollte er sich zwingen nichts zu sehen, ohne jedoch die Augen zu schließen. Hier ein flatterndes Stück Kittel, dort eine wehende Haarsträhne, dunkler Stein, tanzende Partikel im trüben Schneelicht und Beine ohne Körper und Verstand, die ihren Weg ganz von alleine fanden. Bloß kein zusammenhängendes Bild sehen. Doch schon die Einzelteile schufen Verstörung, bohrten sich mit Widerhaken in Sinne und Seele.
    Als inmitten all jener Bestandteile der Professor die Stimme hob und seinen Gast direkt ansprach, machte dessen Herz einen unangenehmen Hüpfer. Ein stechendes Gefühl, wie der Schmerz des Auftretens mit einem verstauchten Knöchel.
    „Kannst du dich noch an alle von ihnen erinnern?“
    Seine Stimme war etwas anders als sonst, nur ein wenig brüchiger, aber dennoch zu wenig begreifbar, als dass man einen normalen Mann dahinter erwarten konnte.
    Was er mit dieser Frage meinte, war selten klar und sinnig. Natürlich erinnerte sich sein Gast noch an alle der Insassen hier, auch wenn er überhaupt nicht mehr bestimmen konnte, wie lange er schon hier war und ein Geschöpf nach dem anderen nicht kennenlernte, sondern vorgeführt bekam und erfuhr. Trotzdem zögerte er mit der Antwort. Er wusste nicht, ob die Frage des Professors nicht doch noch einen anderen Hintergrund zu haben vermochte, eine Art doppelten Boden, durch den man jederzeit hindurchfallen konnte. Eine Lüge kam dennoch nicht in Frage. Die Wahrheit war etwas viel zu Klares, um sie jetzt einfach so zu verschwenden.
    „Ja, das kann ich“, antwortete er, genau in dem Moment, als der Professor stehen blieb. Die Logik des Aufenthalts sah nur einen Grund dafür vor: Eine weitere Zellentür. So blass und bleich in Form und Farbe, dass ablehnende Lieblosigkeit von ihr ausging. Kein Raum, den er Ihr wünschte. Und Sie war auch nicht dort drin, das konnte er ausmachen. Es war nicht so, dass er den Plan des Professors und seiner Führung wirklich verstand, doch in manchen Momenten lichtete sich der Schleier ein wenig und ließ ein Fühlen zu. Das Gefühl bedeutete ihm, dass es noch nicht an der Zeit für ein Wiedersehen war.
    Jede weitere Orientierung blieb aus.
    Der Schlüssel wurde gewaltsam im alten Schloss herumgedreht.
    „Vergessen“, sagte der Professor beim Eintreten, „ist manchmal ein Segen.“
    Last edited by John Irenicus; 15.09.2010 at 00:14.

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    Zelle fünf


    Die Tür blieb unverschlossen und fiel nur ganz langsam wieder zurück, bis sie angelehnt war. Der weiße Schlüsselwächter machte keine Anstalten, seines Amtes zu walten. Dann erkannte sein Gast den Grund. Der Bewohner dieser Zelle lag auf einer alten Holzpritsche, die mit starren Eisenketten im Mauerwerk der Wand verankert war. Obwohl der Platz den sie bot nicht gerade groß war, nutzte der schmale Mann ihn durch seine ständigen Wälzbewegungen voll aus. Er war eher klein. Viel größer, und sein Körper hätte vermutlich keinen Halt mehr auf dieser knapp bemessenen Unterlage gefunden.
    „Um diese Zeit schläft er immer“, merkte der Professor an und zwinkerte seinem Gast zu, doch erkannte dieser darin nichts Freundliches. Es widerte ihn vielmehr an.
    Er wandte seinen Blick ab, langsam und nicht zu auffällig, als wollte er den Raum ausgiebig begutachten. Das hätte er vermutlich auch getan, doch gab es hier nicht weiter viel zu sehen: Es war eine spartanisch eingerichtete Zelle, die allerdings viel heller war als all die anderen. Dennoch hob dies die allgegenwärtige Bedrückung nicht auf. Die Decke war weiß und damit kalt, ebenso wie die Wand gegenüber der Pritsche. Nur das dunkle Mauerwerk, welches das karge Schlafbrett hielt, war naturbelassen und gänzlich unbearbeitet – dadurch aber keinesfalls weniger abweisend. Es war so trist, so unglaublich trist, dass es dem Besucher das Herz schwer machte. Er fühlte, und mit jedem Tritt, den der Schlafende im Traum einem unsichtbaren Peiniger entgegen schleuderte, spürte er einen Stich.
    Der Professor stand jetzt an den einzigen Möbelstücken im Raum, ein Stuhl und ein Schreibtisch, ähnlich wie in Ryans Zelle. Vieles in dieser Anstalt war äußerlich ähnlich, doch war die Wirkung stets eine andere – jedoch festgelegt durch ein bösartiges Spektrum von Wirkungen. Das einzige, was alles zusammen hielt, war der Geist von Wahnsinn, Irrsinn, Krankheit, Grausamkeit und Chaos. Alles war ein Widersinn in sich und doch nur dadurch logisch. Er spürte, wie sein eigener Verstand abermals durcheinandergewirbelt, geteilt und wieder neu zusammengefügt wurde, ohne, dass er etwas dagegen tun konnte. Erinnerungen und Gedanken durchströmten ihn und brachen ab, bevor er ihre wahre Gestalt erfassen konnte. Dehnte er sich innerlich nach der Erfahrung mit Ryan aus, so hielten ihn rostige Geistketten dabei zurück, denn sie zerrten und rissen förmlich an seinem Gehirn, wenn er auch nur irgendwelche Anstalten machte, seine partielle, geistige Lähmung zu überwinden.
    Er fühlte sich so fremdgesteuert, doch er konnte sich nur fügen. Gefahr war nicht immer gebannt, wenn sie lediglich erkannt war – der Besucher nahm das heranpirschende Unheil wahr und konnte es dennoch nicht stoppen.
    „Lies dir das mal durch“, brachte die Stimme des Professors den Kopf des Gastes in seine Richtung. Der grauenhafte Mensch in Weiß hatte gesprochen, und sein Zuhörer klammerte sich reflexartig an diese Worte. Er hasste sie, so wie er ihn hasste, doch war der Professor nur oft genug seine einzige Hoffnung auf etwas Klarheit gewesen. Der Besucher war über sich selbst nämlich nicht mehr klar, weshalb er sich mittlerweile nur zu gerne dazu hingab, sich an den Schicksalen Anderer zu laben. Denn in ihnen steckte er nicht fest, und er konnte sie von außen beobachten, was ihm gewisse analytische Fähigkeiten wieder zurückgab. Das Gefühl, selber zu denken.
    Selbst wenn es nur eine mäßig fordernde Berieselung mit Horrorszenen war, alles was als Ablenkung diente war gut. Nur so konnte er noch durchhalten, und sich irgendwann wieder freikämpfen. Es war falsch, doch es war nötig. Um zu Ihr zu gelangen. Deshalb war er auf den Professor und seine zweifelhaften „Angebote“ dieser Vorführung angewiesen und leistete seinem Wunsch, seiner Bitte, seinem Befehl Folge.
    Der Professor stand direkt bei einem Stapel Papier, beschriebenes Papier, von dem er ein Blatt in der Hand hielt und seinem Gast reichte.
    Wie er das Schriftstück in die Hand nahm, erblickte er den bröckeligen, grünschwarzen Dreck unter den Fingernägeln des Kitteligen. Es war widerwärtig.
    Zitterig hielt er das knitterige Blatt Papier in den Händen und begann zu lesen. So, wie er hier schon oft begonnen hatte zu lesen – doch mit jedem Mal war die Angst quälender, etwas zu erfahren, was nicht sein sollte und durfte, was er nicht wissen wollte. Aber doch wissen musste, weil er, vielleicht auch es, sonst hier enden würde.
    Last edited by John Irenicus; 04.10.2011 at 11:09.

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    Verschwommenes Orange und wabernde Wärme. Der konstante Puls der Umgebung ist verlässlich wie einlullend. Es ist feucht und glibberig, doch es ist angenehm. Ich kann mich nicht bewegen, bin gefangen in dieser mich umsorgenden Masse. Aber ich will nicht fliehen. Ich will nicht weg.
    Ich will bleiben, für immer. Es ist so schön, so sanft, so liebkosend, ein fortwährender Dämmerzustand voller Glücksseligkeit. Sorglos. Die langsamen Wogen umschmeicheln mich und meine Seele. Mir ist nie kalt. Ich habe nie Hunger, ich habe nie Durst. Alles, was ich brauche, wird mir gegeben. Ich muss nichts dafür tun, nicht einmal atmen muss ich selbst. Ich bin so satt und zufrieden.
    Zeit spielt keine Rolle, denn es gibt sie hier gar nicht. Es ist eine perfekte Welt, vollkommener als das Paradies.
    Ich will nie mehr weg.

    Doch dann geschieht es. Die Wogen werden erst zu ungestümen Wellen, dann zu wahren Beben. Der Puls wird unregelmäßig und rasend, die Sanftheit zieht von dannen. Die Ruhe der Bewegungslosigkeit wird von einem Stoßen durchbrochen, das mich durchschüttelt und alles durcheinanderwirbelt. Dumpfe Unruhe dringt aus weiter Ferne in meine Welt. Ich klammere mich mit aller Macht an meinen Dämmerzustand, an mein ewiges Glück, doch ich bin hilflos. Ein Gefühl der Panik überkommt mich. Es ist etwas vollkommen Neues, etwas Schlimmes, etwas Tragisches und Grausames zugleich. Zum ersten Mal in meinem Dasein fühle ich mich selbst, spüre ich meinen eigenen Körper und werde somit der Sorglosigkeit entrissen.
    Weitere, lautere Geräusche. Ein Kreischen sägt sich durch mein Ohr und meinen ganzen Leib. Dann bricht etwas über mich herein, was nicht nur bloßer Schock, sondern blanker Horror ist. Es ist die Apokalypse auf engstem Raum.

    Ein Spalt öffnet sich, gleißendes Licht verdrängt die gedämpften Verhältnisse, die mich seit jeher begleitet haben. Die Kälte schneidet sich wie tausend Klingen in meine weiche, dünne Haut, spitze Spieße durchbohren meinen kleinen Körper und brutale Dornen zerfetzen meinen Traum vom ewigen Paradies.
    Mit schier unfassbarer Gewalt werde ich rücksichtslos gepackt und herausgezogen aus den Überresten dieser sterbenden Welt. Ich finde keinen Halt, ich kann mich nicht wehren. Ich fühle mich, als müsste ich ersticken und erfrieren. Mein ganzer Körper ist mit Eis gefüllt.
    Dann, mit einem letzten Ruck, habe ich das Paradies verlassen. Der Ort, der mich meine gesamte Existenz lang liebevoll beherbergt hat, ist tot. Für immer.
    Ich schreie.

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    Er schrie nicht.
    Wortlos blickte er von dem mit wirren Beschreibungen gepflasterten Text auf und verfing sich im gespannten Blick seines sinistren Gastgebers, dessen verlängerter Arm der reine Wahnsinn war. Genau dieser Arm war es, der aus den schlundartigen Augenhöhlen hervorpreschte und den Besucher am Hals packte. Auch wenn dieser Klammergriff es geradezu aus ihm herauswürgen wollte: Er schrie nicht.
    Langsam, ganz langsam, als er schon glaubte, er müsse hier in dieser Zelle endgültig Abschied von seinem Leben nehmen, lockerte sich der geistige Schraubstock um seinen Körper. Der Arm, der aus den stechenden, scheinbar farblos gewordenen Augen des Irrenarztes hervorgeschnellt war, dieses schier magische Konstrukt des Zwangs, wurde zurück in den Körper seines Besitzers gesogen.
    Dann, als wäre nichts gewesen – und war es vielleicht nicht auch so? - präsentierte der Professor sein kaltes, wissendes Lächeln und fing an die Fragen zu beantworten, die sein Besucher ihm noch gar nicht gestellt hatte.
    „Er kann sich an alles erinnern. Alles, was er je erlebt hat.“
    Der Kittelmann gluckste. Nicht wie ein kleines Kind, eher wie ein Lurker, der sich überfressen hatte. Vielleicht ein Lurkerkind, das von seinen Eltern gerade zur Jagd, zum Töten und zum Fressen herangezogen wurde.
    „Detailgenau, ohne Fehler, lückenlos.“
    Er leckte sich über die spröden Lippen, genussvoll, lauernd. Der Besucher hoffte, dass aus dem Mund seines Gegenübers nicht noch ein unsichtbarer Arm entsprang.
    „Niemand kann mit so einer Gabe fertig werden. Er könnte es nicht aushalten, würden wir ihm nicht die Möglichkeit geben. Um die Gedankenströme nicht zu schmerzhaft werden zu lassen, muss er die Erinnerungen irgendwie kanalisieren. Er schreibt sie auf.“
    „Und was soll das da für eine Erinnerung sein?“, fragte der Gast ungläubig, bereute aber sogleich, so eine Frage überhaupt gestellt zu haben. Er zeigte zu viel Interesse, verspürte zu große Neugier an all diesen abnormalen Erscheinungen und Seelen. Schmerzhafte Gedankenströme. Was sollte er tun, wenn ihn seine eigenen Gedanken mal wieder zu übermannen drohten?
    Vor allem aber bereute er seinen Tonfall. Mit diesem Forscher des Wahnsinns war nicht zu spaßen, das wusste er – und hätte fast über diesen unglücklich formulierten Gedanken gelacht. Spaß gab es hier nur für einen. Hatte der Professor nicht sogar gelächelt, als er seinem Gast vor Augen geführt hatte, welche Macht er über ihn ausüben konnte, wenn er nur wollte? Wie er den kleinsten Moment der Unachtsamkeit auszunutzen wusste, um den Besucher seines Besucherstatus’ zu entheben und einen Insassen aus ihm zu machen, dessen hilflose Schreie von einem aus Augenhöhlen geborenen Arm aus seinem schwachen Leib gepresst werden sollten?
    Er war ein Gastgeber, der auf eine Provokation lauerte. Nur würde darauf nicht der Rausschmiss folgen, sondern eine unablehnbare Einladung zu einem unendlichen Aufenthalt in diesem Gewölbe des Schreckens, welches er mit so brennender Leidenschaft hegte und pflegte. Ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, vielleicht sogar nur ein falscher Gedanke, und der Professor konnte eine neue Pflanze in seinem Garten der menschlichen Abgründe willkommen heißen.
    Genau deshalb zwang sich der Besucher dazu, sich zu zügeln, nur zu reden, wenn es unbedingt notwendig war, nicht mehr so viel zu denken, sich in seinem Innersten zurückzuziehen und eine Mauer um den Kern seines schon viel zu weit zersplitterten Geistes zu errichten. Denn Wurzeln schlagen wollte er hier nicht.
    „Es ist eine sehr, sehr frühe Erinnerung…“, setzte der Mann im Kittel an, um sich dann eine Pause zum ausgiebigen Kichern zu nehmen. Ein nicht nur irres, sondern im Unterton auch zutiefst zufriedenes Kichern, welches den Gast mehr als beunruhigte.
    „Es ist eine Erinnerung aus dem Mutterleib. Bis zur Geburt.“
    Nicken, einfach nur nicken. Bloß nicht zu viel sagen.
    Mit einer kaum wahrnehmbaren Geste bedeutete der Professor ihm, das Blatt Papier, den Erinnerungsfetzen des Insassen, zurück auf den Stapel zu legen.
    Als der Schlafende dies mit einem Zucken quittierte, zuckte auch der Gast zurück. Wie in einer Kettenreaktion fühlte er sich von dem Verhalten des unruhig träumenden Menschen angestoßen. Die Angst davor, dass auch andere Verhaltensweisen so auf ihn überspringen würden, schnürte ihm die Kehle zu. Und war er nicht schon bereits Opfer des umherwabernden Wahnsinns geworden? Hatte er nicht schon mit seinem Atem den Gestank der Geisteskrankheit in sich aufgesogen?
    „Der gute Amador…“, murmelte der Kittelmann als der Stapel wieder komplett war, und sah daraufhin erst seinen Patienten, und dann seinen Gast durch zusammengekniffene Augen an, als wollte er sicherstellen, dass der Name auch bei seinem Gast angekommen war. Wie von selbst sträubte sich dessen bröckeliger Verstand in einer heftigen Gegenreaktion davor, den Namen, diesen schlafenden Gefangenen und seine Geschichte abzuspeichern. Gerade dadurch jedoch gruben sich all diese Eindrücke noch viel tiefer in ihm ein. So weit, bis sie einen leichten, aber verewigten Abdruck auf seiner durch den allgegenwärtigen Geistesmoder dieses weitläufigen, unterirdischen Mauermonstrums schon gefährlich geschundenen Seele hinterließen. Es war, als hätte ihm der Professor mit einem gezielten Blick lebende Fesseln angelegt, die mit jeder Gegenwehr nur noch enger wurden.
    Der Seelenpeiniger in Weiß nickte dem Besucher ausdruckslos zu.
    „Wir sollten gehen, bevor wir ihn aufwecken… er hatte in letzter Zeit bedenklich wenig Schlaf.“
    Eine Fürsorge, die einzig und allein auf den Erhalt der bloßen Lebensfunktionen dieses leidenden Menschen namens Amador gerichtet war, nicht jedoch auf dessen Gesundheit.
    Hier wurde niemand geheilt.
    Und hier kam niemand mehr heraus.
    Trotzdem, wie um seine Gedanken Lügen zu strafen, führte der Professor ihn zur Zellentür.
    Die Worte „Vergessen ist manchmal ein Segen“ hallten beim Rausgehen im Kopf des Besuchers wider, als hätten sie dort auf ihn gewartet.
    Gelauert.

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    Nicht nur liefen die beiden Gestalten den endlosen Gang entlang, auch die Zeit lief davon. Der Besucher hatte mehr denn je zu spüren bekommen, wie er in eine sich langsam zuziehende Schlingenfalle getappt war. Über einen Ausweg aus ihr dachte er schon gar nicht mehr nach. Pläne fassen war hier unten eine schiere Unmöglichkeit, zumindest für ihn. Zu vernebelt, zu verschwommen waren seine Gedanken. Und jetzt, als er sich abermals zwischen den dunklen Steinwänden herbewegte, fühlte er, wie die Kälte der Anstalt nun auch sein Herz, seine Gefühle angreifen wollte. Es war nur eine Frage jener rennenden Zeit, bis auch sein tiefstes Innerstes der Umklammerung des Wahnsinns hilflos ausgesetzt war, und er sich selbst zwischen den stumm schreienden Mauern verlieren würde. Für immer.
    Deshalb versuchte er, so lange seinen Wunsch zu bewahren, wie es nur irgendwie ging. Voller Anstrengung dachte er an Sie. Sie war es, weswegen er hier war. Wenn er Sie nicht zu Gesicht bekommen würde, dann wäre alles umsonst gewesen. Er hätte sich selbst für nichts und wieder nichts geopfert, und mehr noch: Er hätte Sie im Stich gelassen.
    Ein nicht zu unterdrückender Drang erfasste nun Körper und Geist. Er musste seinen Führer, der wie gewohnt stoischen Schrittes mit wehendem Mantel voran eilte, noch einmal nach Ihr fragen. Egal, wie groß das Risiko war, ihm eine falsche Frage zu stellen, die ihn möglicherweise verärgern konnte. Gab der Gast jetzt nicht diesen Druck frei, würde er ohnehin sein Ende finden. Entweder in einem qualvollen Herztod, oder in der Verrücktheit.
    Seine Gedanken stürzten unrettbar einer nach dem anderen die steile Klippe der Verwirrung hinunter, in einen dunklen Abgrund voller Geistesleere, in den Schlund des Chaos. Was er aber um jeden Preis verhindern musste, war, dass er auch noch sein Herz verlor. Denn es gehörte Ihr.
    Er hatte sich wie gewohnt leicht hinter dem huschenden Professor eingeordnet, um ihm durch die Katakomben der Anstalt zu folgen. Jetzt schloss er mit schneller werdenden Schritten langsam wieder zu ihm auf.
    Es blieb nicht unbemerkt. Der Professor drehte seinen Kopf und traktierte seinen Gast mit dem stechenden Schlag seiner Augen, doch dieses Mal blieb es nur bei einer Drohung, er griff nicht an.
    Aber er war bereit dazu.
    „Wann werde ich Sie sehen?“, platzte es einfach so heraus. Was folgte, war ein gefühlt ewiger, banger Moment von so großer Anspannung, dass er zunächst glaubte, es würde ihn in hunderte von Stücken zerreißen, in tausend Hautfetzen, aus denen irgendwann einmal menschliches Pergament gemacht würde, auf dem die Insassen ihre kranken Leidgedanken niederschreiben würden.
    „Nanana, warum so ungeduldig?“, fragte der Professor mit säuselndem Spott in der Stimme, „Es gibt doch noch so viel zu sehen! Oder hast du etwa keine Lust mehr auf diese kleine Reise voller Wunder des menschlichen Lebens?“
    Sowohl der Besucher als auch offenbar der Professor wussten, dass es darauf nur eine einzige Antwort geben konnte – die andere würde unmittelbar in eine Sackgasse führen. Eine enge, kalte, einsame Sackgasse am Ende einer Zelle. Deshalb wartete der Professor auch gar nicht, sondern sprach einfach weiter: „Es ist nicht der nächste Raum und auch nicht der übernächste, vielleicht auch nicht der überübernächste, doch wen kümmert es? Wir haben Zeit, wir haben Zeit, wir haben Zeit, denn wir eilen ihr nach und holen sie ein. Vielleicht überholen wir sie ja noch! Es könnte ewig so weitergehen! Verlockend, nicht wahr?“
    So verrückt, wirr und durchgedreht die Worte des Professors auch sein mochten, sie gaben seinem Besucher einen Hauch von Sicherheit: Es lag keine Aggression in der Luft. Nur mittelbar spürte er die Gewalt, die dem Gastgeber innewohnte.
    „Bis zur nächsten Zelle jedoch ist es noch ein gutes Stück, und ich möchte dich nicht langweilen. Die Langeweile ist der Tod, musst du wissen! Spürst du Langeweile und Ödnis in deinem Geiste, so hat dich der Tod gestreift, dich schon einmal begutachtet, in Augenschein genommen, seine schartige Sense schon probehalber an ein paar Stellen angesetzt. Es ist Warnung und Versprechen zugleich.“
    Ebenso abrupt wie er den Satz beendet hatte, blieb der Professor nun stehen. Mit zitterigen Händen nestelte er in der Innenseite seines besudelten Kittels herum, bis er irgendwann aus einer von zahlreichen, ausgebeulten Taschen einen abgegriffenen Zettel hervorzog.
    Dem Gast schnürte sich die Kehle zu. Er musste ein Husten unterdrücken, als er die Gefahr erkannte, die von diesem Schriftstück ausging. Jedes Mal, wenn er hier etwas gelesen hatte, war ein Teil seines Geistes unwiderruflich beschädigt worden, jedes Mal musste seine Seele darunter leiden.
    „Ist von mir“, sagte der Professor und reichte ihm grinsend den Zettel rüber. Ohne einen weiteren Kommentar setzte er sich wieder in Bewegung und hetzte in schnellen Schritten den Gang runter.
    Nun zitterten auch die Hände seines Gastes, und da er nun auch dem Professor beim Lesen hinterhereilen musste, dauerte es eine ganze Weile, bis er die rote Schrift auf dem Papier entziffern konnte.

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    Siepzig schillernd Herzenshüpfer
    Auf dem Wosten wo ist’s schön
    Würde gerne mit ihr geh’n
    Ki Entscheidung nicht versteh’n
    Gleidet ich für ihren Schmatzer

    Feurowiedlich ist die Wonne
    Bauchseel ist in Chaosflux
    Fill verwolgen meinen Fuchs
    Überwinden diese Krux
    Mit ihr liegen in der Sonne

    Seidig Haar mit Namen Scarlet
    Stahren drehnt mich zu ihr hin
    Nicht zu voll und nicht zu dünn
    Schmeiche vor der Zauberin
    Warum hat mich niemand warnet

    Strahlend bläuen ihre Augen
    Mir die bare Reinheit ein
    Will mit ihr zusammen sein
    Knicht ertragen diese Pein
    Muss ihr meine Gwünsche zeigen

    Schmuckme Tall kann sein gut Zierde
    Hätt’ ich vorher nie gedacht
    Was hat sie mit mir gemacht
    Andersmensch es wär gelacht
    Brennedrückend mein Begierde

    Oh wie süßvoll das Gesicht
    Oh wie kleindiech Omulip
    Recht gibt mir bloß keinen Tipp
    Wie ich gainen ihre Lib
    Oh ne sie da kann ich nicht

    Engelsstimme an mein Ohre
    Ausgefungen aus ihr’m Hals
    Enigmatisch ist die Balz
    Meine Lippen schmecken Salz
    Lutendherzen tönen Chore

    Zeißlich schön sind ihre Schultern
    Abwärts sanfteln jene Arm’
    an den Händ’ find’ ich Erbarm’
    Chen halt ihre Finger harm
    Be-Ha-Es und sie ist schuld dran

    Graffelt ich auf ihre Brüste
    Das Verlangen es wird groß
    Schwärm’ sie soll auf meinen Schoß
    Alle Trinne falpern los
    Orangal sind solch Gelüste

    Tanzomal fraun ihre Hüfte
    Traumgleit meine Hand hinab
    Luswoll Haut an der ich lab’
    Kreisend Reg um ihren Nab
    Sinnlichkeit faunt in die Lüfte

    Will berassen ihre Beine
    Sanft erfahren diese Schlank
    Streicheln über ihre Flank’
    Immig währen würd’ mein Dank
    Doch reltät ich bleib alleine

    Wenn es nur ihr Äuß’res wäre
    Tät’ es lange nicht so weh
    Fann ich sie mit and’ren seh’
    Allnett diese gute Fee
    Manches wäre nicht so schwere

    Faswundierend ist ihr Wesen
    Umsumschwarmend ihre Seel’
    Trauen muss ich mich, ich Fehl
    Wenn ich’s ihr denn mal erzähl’
    Dass ich nur durch sie genesen

    Will leben den Gemeinschaftstraum
    Müsst’ mich nur zum Reden trau’n
    Winden über doofricht Zaun
    Meinen Schweinehund verhau’n
    Ich würde knien an ihrem Saum

    Fangstheit ist der größte Fehler
    Den ich tränkel in mein Herz
    Ensda mehr ich meinen Schmerz
    Wollt’ es wär ein Riesenscherz
    Brochengane dien’ dem Hehler

    Siepzig schillernd Herzenshüpfer
    Auf dem Wosten wo ist’s schön
    Ki Entscheidung nicht versteh’n
    Werd’ sie nie mehr wiederseh’n
    Nur aus Angst vor einem Patzer

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