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[Story]Edwin
Vorwort: Aller Anfang ist schwer Dies ist die Vorgeschichte von Edwin, einem jungen Mann, der ein nicht gerade leichtes Leben hat, und sich, ohne die Unterstützung seiner Eltern, durch den Alltag im Hafenviertel von Khorinis durchschlägt. Ein weiteres Abenteuer Edwins ist bereits geschrieben, Die Runen des Blutmagiers. Und dies hier ist die Vorgeschichte dazu. Viel Spaß beim Lesen.
Last edited by John Irenicus; 24.09.2006 at 14:09.
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Edwin
Prolog : Tag des Schicksals
„... die Strafkolonie, in welcher...“
Edwin schlug das Buch zu, er hatte es jetzt oft genug gelesen, er wollte endlich ein neues Buch bekommen.
Die Wände in seinem Zimmer waren kahl – Er wünschte sich schon lange ein paar Landkarten oder ähnliche Dinge, um sie zu bedecken. Stattdessen hing dort ein arg ramponierter Spiegel. Edwin hatte ihn eines Tages hinter ein paar Kisten am Hafen gefunden, vermutlich war er von irgendjemanden dort hingeworfen worden, zur Freude Edwins.
Im schwachen Licht, was durch das Fenster schien, konnte er sich trotz des gesplitterten Glases gut genug im Spiegel erkennen.
Braune zerzauste Haare, die bis zum Kinn hingen, ein leichter Flaum auf der Oberlippe. Edwins Bartwuchs hatte erst vor einem Jahr eingesetzt. Da das Rasieren mühsam war, hatte er es vor kurzem eingestellt.
Blickte man auf Edwins Kleidung - eine löcherige grau-braune Tunika, eine dünne Stoffhose, schmutzige und lehmverschmierte Schuhe – So konnte man denken, Edwins Familie sei arm gewesen. Und ganz genau so war es auch.
Edwin hatte keine glückliche Kindheit gehabt.
Sein Vater war ein Taugenichts ohne Arbeit, welcher sich den Tag über entweder in den Hafenkneipen oder Bordellen aufhielt. Er war ein Alkoholiker, und in letzter Zeit hatte sich sein Zustand immer weiter verschlimmert. Edwin würde nicht trauern, wenn sein Vater sterben würde. Er empfand nichts als Verachtung für ihn. „Saufkopp“ , „Stricher“ , so nannte Edwin ihn in Gedanken.
Seine Mutter hatte schon seit einiger Zeit eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen. Als Edwin noch jünger war, verkaufte sie Nahrungsmittel auf dem Marktplatz, im Auftrag der Großbauern in der Gegend, der Lohn war gering. Zudem verrichtete sie ihre Arbeit ganz allein – Edwins Vater war schon damals ein Säufer gewesen. Seit einiger Zeit jedoch, verkaufte sich seine Mutter im Freudenhaus. Edwin sollte es recht sein, diese Arbeit brachte wesentlich mehr Geld ein. Auch für seine Mutter empfand Edwin wenig.
Er hielt seine Eltern für die Schwachköpfe, die sie auch waren. Edwin selbst hingegen war ein findiger und intelligenter Mensch. Er war interessiert an neuen Dingen, an unerforschten Dingen. Trotz seiner Wissbegierigkeit jedoch, stand Edwin eben diesen neuen, unerforschten Dingen auch kritisch gegenüber. Außerdem sagte Edwin, wenn ihm etwas nicht passte.
Seine Eltern hatten sich nie um eine Lehrstelle für Edwin gekümmert, und für einen neuen Lehrjungen ohne jegliche Erfahrung war er schon zu alt.
Im Gegensatz zu seinen Eltern konnte er sogar lesen. Dies war ungewöhnlich für einen Jungen, der aus einer armen Familie kam. Brahim, der Kartenzeichner, ebenfalls beheimatet im Hafenviertel, hatte es ihm beigebracht. So war seine Haupttätigkeit das Lesen.
Doch wie lesen, wenn man wenig Bücher hat?
Drei besaß Edwin.
Eins handelte von Kräutern und ihrer Wirkung. Ein anderes beschrieb die Insel Khorinis, es war eine Art Reiseführer, doch auch für arme Einheimische wie Edwin war es lesenswert. Und das Buch, in dem er eben gerade noch gelesen hatte, handelte von der Strafkolonie, die es vor nicht allzu langer Zeit auf der Insel gegeben hatte. Ebenso wie das Festland hatte er sie natürlich nie zu Gesicht bekommen, aber das störte ihn nicht weiter.
Vielleicht bekomme ich ja heute ein neues Buch, dachte sich Edwin. Leise ging er aus seinem Zimmer hinaus, obwohl er nicht wusste, ob seine Eltern im Haus waren und schliefen, oder woanders schliefen, oder sonst etwas machten. Aber es hätte ja sein können.
Edwin schloss die Zimmertür leise, er stand jetzt im anderen Raum.
Es gab zwei Räume.
Von außen war sein Zimmer ein einfaches kleines Quadrat in einer Raumecke, an der provisorisch noch zwei Holzmauern angebracht waren, um eine Unterteilung zu schaffen.
In dem Raum, wo Edwin jetzt stand, schliefen seine Eltern. Außerdem wurde hier gegessen. Aber nur selten.
Edwin trat aus dem Türrahmen heraus, und spürte die Sonnenstrahlen auf seiner Haut.
Es war der Morgen eines neuen Tages. Eines neuen Tages, welcher Edwins Geburtstag war.
Edwin wurde heute 17 Jahre alt.
Last edited by John Irenicus; 09.01.2010 at 10:18.
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Kapitel I : Symbol der Freundschaft
Edwin sah sich im Hafenviertel um.
Auch andere Bewohner des Viertels waren schon erwacht, und gingen ihrer alltäglichen Arbeit nach, falls sie denn eine hatten.
Manche Arbeitslose konnten ziemlich durchdrehen, so wie Fellan, der ständig mit dem Hammer sein Haus bearbeitete, um die Fassade „auszubessern“ , obwohl sie schon immer tadellos war. Alwin, den Fleischer des Hafenviertels, störte dies und so ging er oft zu Fellan herüber, um ihn gewaltsam daran zu hindern, weiter auf sein Haus einzuschlagen. Die Milizen interessierte das nicht.
Das Hafenviertel war wie Slums in anderen Städten. Hier störte es überhaupt Niemanden, wenn sich zwei oder mehrere Personen schlugen. Nur bei Mordfällen wurde die Miliz aktiv, alles darunter interessierte sie nicht oder nur sehr, sehr wenig. Im anderen Teil der Stadt war dies schon etwas anderes, hier lebten die Bürger der Stadt.
Bürger der Stadt war man nur, wenn man eine feste Arbeit bei einem der Meister bekam, oder vielleicht eine Kneipe eröffnete, so wie Coragon.
Die Meister; Bosper der Bogner, Thorben der Tischler, Matteo der Händler, Harad der Schmied, und Constantino der Alchemist; waren hoch angesehen. Um eine Lehre bei einem von ihnen anfangen zu können, mussten mindestens vier der Meister von den Qualitäten des Lehrlings in spe überzeugt sein.
Edwin hätte vielleicht gerne eine Lehre bei Constantino angefangen, aber ohne die Unterstützung seiner Eltern wurde das nichts, und mit siebzehn Jahren konnte man nur mit sehr viel Glück noch Lehrjunge werden, und dieses Glück hatte Edwin bisher nicht gehabt.
Händler gab es viele in der Stadt. Auf dem Markplatz priesen allerlei Gestalten ihre Waren an, wie zum Beispiel Baltram, der Nahrungsmittel verkaufte, oder der alte Zuris, welcher die alchemistischen Gemische von Constantino verkaufte.
Ging man vom Marktplatz aus weiter, kam man zum Tempelplatz. Der Tempel war eher ein kleines Gebilde mit einem Baldachin aus Stein. Dort predigten meist Wassermagier, wie zum Beispiel Vatras. Religion interessierte Edwin nur sehr wenig, weshalb er nur selten zuhörte. Er wünschte sich, Vatras oder jemand anderes würde mal etwas mehr über die Magie erzählen.
Stand man im Inneren der Stadt vor dem südlichen Tor, führte ein Weg nach links ins Obere Viertel.
Ins Obere Viertel durften nur die Bürger der Stadt, und nur die reichsten der Reichen konnten sich dort auch ein Haus leisten.
Edwin hatte einmal versucht, von außen über die Mauer hineinzuklettern, doch just als der den Kopf über die Mauer gestreckt hatte, wurde er von einer Wache entdeckt. Sie hatte Edwin nicht erkannt, dennoch hatte er seitdem keinen weiteren Versuch unternommen, und vielleicht war dies auch besser so.
„He, Edwin!“
Der Siebzehnjährige wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als Brahim ihn begrüßte.
„Hallo Edwin“ , sagte er freundlich, „du hast heute Geburtstag, nicht?“ „Ja“ , erwiderte Edwin. „Dann habe ich was für dich. Sieh mal.“
Brahim überreichte Edwin ein großes, zusammengerolltes Pergament. „Was ist das?“ , fragte dieser.
„Roll es auseinander, und du wirst sehen“ , sagte Brahim vergnügt grinsend.
Behutsam rollte Edwin das Pergament auseinander.
Er sah feine Linien, mit kostbarer Tinte gezogen, wie sie Wege, Wälder, Flüsse, Seen, und Meere kennzeichneten, ebenso wie die Hafenstadt Khorinis, und das Kloster.
„Eine Landkarte von Khorinis!“ , rief Edwin erfreut. Brahim schmunzelte. „Gefällt sie dir?“ „Und wie! Ich danke dir, Brahim, ich danke dir von ganzem Herzen!“ Brahim lachte.
„Da bin ich aber beruhigt. Ich habe sie extra für dich angefertigt, und mir sehr viel Mühe gegeben.“ „Ja, es ist wahrlich ein Meisterstück“ , stimmte Edwin zu.
Er konnte nun nicht mehr an sich halten, und umarmte den Kartenzeichner, welchen Edwin ziemlich ins Herz geschlossen hatte.
Brahim war Edwin tatsächlich ziemlich ans Herz gewachsen. Er sah ihn keinesfalls als Ersatzvater an, eher als eine Art Onkel, so hatte Edwin, als er noch ein kleines Kind war, Brahim stets „Onkel Brahim“ genannt. Brahim selbst hatte keine Kinder, und schien es ebenfalls zu genießen, eine Art Neffen zu haben.
Obwohl Brahim keine Familie hatte, keiner wusste, was geschehen war, war er ein sehr fröhlicher Mensch. Er war hilfsbereit, und opferte sich gerne auf, so dass er Edwin, wie schon erwähnt, in ihrer beiden gemeinsamen Freizeit das Lesen beibrachte.
Und heute, dachte sich Edwin, heute schenkt er mir sogar eine Landkarte von Khorinis, die er auch für viel Geld hätte verkaufen können.
„He, du erdrückst mich ja“ , lachte Brahim. Edwin ließ ihn los.
„Nimm es mir nicht übel Edwin, aber ich muss heute noch zwei Karten fertig stellen, wichtiger Auftrag, du verstehst...“
„Kein Problem, geh nur. Vielen Dank nochmal für die Karte, sie wird einen Ehrenplatz an der Wand bekommen!“
„Das freut mich“ , sagte Brahim, und ging wieder zurück in seine Hütte, um seiner Arbeit als Kartenzeichner nachzugehen.
Edwin ging wieder zurück ins Haus, und nahm direkt Kurs auf seine Räumlichkeiten.
Er nahm Hammer und Nägel aus seiner Zimmerecke, und befestigte die Karte an der Wand. Nach einigen Schlägen hing sie dort fest genug, sodass sie nicht runterfallen würde.
Edwin hörte Schritte, seine Mutter kam in sein Zimmer.
„Sei leise“, mahnte sie, „deinem Vater geht es schlecht.“
„Jaja“, sagte Edwin, und daraufhin verließ seine Mutter den Raum wieder.
„Hat vermutlich wieder zu viel gesoffen“, murmelte er dann leise.
Schnell war der Vorfall vergessen, und Edwin widmete sich der Karte.
Sie war mit viel Mühe gezeichnet worden, und sehr detailreich. Sie war sogar mit verschiedenfarbiger Tinte gezeichnet, sodass die Karte nicht langweilig, sondern aufregend wirkte. Tinte mit Farbstoffen zu versehen, war keine leichte Arbeit. Innerlich dankte er Brahim abermals.
Aber nun wandte sich Edwin endgültig der Karte zu.
Last edited by John Irenicus; 06.02.2010 at 00:34.
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Kapitel II : Ein kurzes Vergnügen
Die Hafenstadt Khorinis, die nach der Insel benannt wurde, lag an der westlichen Küste. Aus seinem Reiseführer und Erzählungen der Hafenbewohner wusste Edwin, dass es früher einmal regen Schiffsverkehr gegeben haben musste. Doch seitdem viele Schiffe von Piraten und Orks versenkt wurden, und kein Erz mehr aus dem Minental kam, war dieser Verkehr nahezu nicht mehr existent. Deshalb hatte auch der Leuchtturm; der weiter im Norden, umgeben von einem Wald; stand, seinen Nutzen verloren.
Verließ man die Stadt durch das Südtor, so kam man an Lobarts Hof vorbei.
Lobart war ein Kleinbauer, der gerne Tagelöhner ausbeutete. Edwin hatte ein paar mal dort gearbeitet, doch es gefiel ihm überhaupt nicht.
Folgte man dem Weg, kam man zum Turm des Dämonenbeschwörers Xardas. Niemand wusste genau, ob er noch dort wohnte oder nicht, nur selten traute sich jemand nur in die Nähe. Auch die Gegend, insbesondere das Tal hinter dem Turm, war von Menschen unbewohnt und in Ruhe gelassen. Gerüchten zufolge sollten dort auch einige Untote heimisch sein, doch Edwin glaubte fast nichts, was nicht logisch belegt war oder er nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Edwin war zwar neugierig, aber deshalb nicht gleich leichtgläubig.
Verließ man die Stadt durch das Osttor, konnte man im Norden einen Pfad hoch zum Leuchtturm nehmen, oder weiter in östlicher Richtung gehen. Tat man letzteres, so kam man unweigerlich an Akils Hof vorbei, dem Gut eines weiteren Kleinbauern. Folgte man dem Weg noch weiter, so stieß man sobald auf Orlans Taverne, einem Treffpunkt für Bauern und Säufer aus der Gegend. Das Publikum dort war aber immer noch umgänglicher und feiner als dies aus den Hafenspelunken, in denen Edwins Vater sich immer herumtrieb. Außerdem war Orlan ein netter, umgänglicher Wirt, der jedoch jede Gelegenheit wahrnahm, ein profitables Geschäft zu machen, auch wenn er sein Gegenüber dafür übers Ohr hauen musste. Allerdings fand man bei ihm immer ein sauberes, warmes Zimmer als Bleibe.
Von Orlans Taverne aus zweigten einige Wege ab.
Ging man nach Norden, so kam man erst an einem kleinen Innos-Schrein vorbei, wo sich meist ein Feuermagier befand. Ein paar Meter weiter befand sich eine große Brücke, welche, wenn man sie überquerte, direkt zum Kloster der Feuermagier führte.
Edwin hatte schon häufiger darüber nachgedacht, ins Kloster zu gehen, doch der religiöse Aspekt schreckte ihn noch ein wenig ab, und wenn man einmal sein Leben in den Dienst Innos stellte, war dies endgültig und hielt ein Leben lang, wenn nicht sogar darüber hinaus. Im obersten Norden der Insel befand sich der Sonnenkreis, ein Steinkreis, der oft für Rituale benutzt wurde. Edwin wusste nicht viel darüber.
Östlich von Orlans Taverne befand sich Onars Hof. Onar war der Großbauer auf der Insel, und hatte die Söldner angeheuert, um seinen Hof zu schützen und die Kleinbauern zu erpressen. Onar war ein mächtiger Mann. Manchmal bewunderte Edwin diese mächtigen Männer. Schließlich hielten sie die Fäden in der Hand, und konnten mit genug Willen das Leben auf der Insel deutlich verändern, ob zum Guten oder zum Schlechten.
Die Söldner galten als brutal und ungehobelt, jedoch wusste Edwin nicht, wie die Leute darauf kamen, schließlich ließen sich die Söldner eben wegen diesen Vorurteilen nie oder nur sehr selten in der Stadt blicken. Doch wie konnten diese Vorurteile entstehen? Edwin vermutete, dass die Söldner deshalb einen schlechten Ruf hatten, weil die meisten von ihnen ehemalige Gefangene der Minenkolonie waren. Doch waren diese Menschen automatisch böse?
Graham, ein Cousin Brahims, war auch Gefangener in der Kolonie gewesen. Und Edwin konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein Verwandter eines so herzensguten Menschen wie Brahim so böse sein konnte.
Obwohl, dachte sich Edwin, ich komme auch nicht gerade nach meinen Eltern. Verwandte Menschen können sehr verschieden sein. Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren. Edwin versuchte, sich das für die Zukunft zu merken.
Nahe bei Onars Hof befand sich auch der Turm, in dem früher Banditen gehaust hatten. Doch irgendwann waren sie verschwunden. Man vermutete, dass sie in den äußersten Nordosten der Insel geflohen waren.
Im Nordosten der Insel lag das Tal der Erbauer, welches nur per Schiff oder per Portal erreichbar war. Am einfachsten ging es durch das Portal, welches bei den alten Pyramiden im Nordosten von Khorinis lag. Die Wassermagier hatten es eines Tages bei Ausgrabungen entdeckt.
Im Tal der Erbauer lebten die Piraten und die Banditen. Nach langer Zeit des Kampfes waren nun alle Uneinigkeiten zwischen den beiden Parteien begraben worden, und die Piraten und Banditen handelten wieder untereinander. Die Piraten lebten am Strand, nahe des Canyons, und die Banditen im Sumpf. Außer diesen Regionen gab es nur ein wenig Gras und Hügellandschaft, in denen niemand lebte.
Von Orlans Taverne aus konnte man auch gen Süden ziehen, bis man ins Minental kam.
Das Minental war schon lange unfruchtbar geworden. Von Orks war es weitgehend gesäubert, doch die gesamte Gegend war immer noch wie verflucht.
Edwin hatte in seinem Buch über die Strafkolonie gelesen, dass man zu dieser Zeit wegen jeder kleinen Straftat dorthin zum Erzschürfen verbannt worden war. Eine magische Barriere hatte die Straftäter am Ausbrechen gehindert. Man war unbeschadet hineingekommen, aber nicht lebend heraus. Denn durch die Sabotage beim Wirken des Barrierenzaubers durch einen Erzdämon, den Schläfer, war die Magie außer Kontrolle geraten und die Barriere zu groß geworden, sodass nicht nur die Straftäter, sondern auch Magier und königliche Truppen fortan eingesperrt gewesen waren. Drei Lager hatten sich gebildet, alle drei verfeindet, doch am Ende war es einem Helden gelungen den Schläfer zu verbannen, und so war die Barriere wieder in sich zusammengefallen.
Edwin suchte auf der Karte nach den Lagern. Nach dem Drachenbefall vor einigen Jahren hatten sich die Regionen verändert.
Dort im Westen, in der Eisregion, hatte früher das Neue Lager seinen Platz gehabt, im Schutz der Berge unangreifbar. Direkt bei der Burg war das Alte Lager gewesen, doch davon war kaum noch etwas übrig, der Außenring war völlig zerstört.
Ganz im Osten war früher einmal ein Sumpf, doch dieser war nach Ankunft der Drachen ausgetrocknet, stattdessen hatte sich ein neuer Sumpf nahe Cavalorns Hütte, nahe am Alten Lager, gebildet, und das aufgrund eines Sumpfdrachens.
Diese Drachen aber wurden vom selben Helden erlegt, der schon die Barriere zum Einsturz brachte. Niemand wusste seinen Namen, und Erzählungen zufolge war dieser Held entweder tot, aufs Festland zurückgekehrt, oder Orlan. Letzteres war eher als Scherz gedacht, doch abwegig war der Gedanke gar nicht, Orlan war schließlich ein guter Kämpfer mit der Axt.
Edwin betrachtete noch eine Weile die Karte, sah sich Gebirgsketten an und folgte Flussläufen mit seinem Finger.
Die Karte war wirklich äußerst interessant, er hatte sie schon fast lieb gewonnen. Es machte ihm Spaß, sie zu betrachten, und ihre Details zu ergründen. Außerdem war sie ein Symbol der Freundschaft zu Brahim, was Edwin sehr wichtig war.
Plötzlich wurde Edwin aus seinen Gedanken gerissen, ein lautes Stöhnen drang aus dem Wohnzimmer. Edwin lauschte, hörte aber zunächst nichts mehr.
Doch nach einiger Zeit hörte er Schritte, seine Mutter kam herein.
„Edwin“ , sagte sie streng, „such bitte einen Magier auf, dein Vater ist kurz vorm Sterben. Er braucht Medizin.“
Edwin war ziemlich verärgert, schließlich wurde er beim Betrachten seines Geschenks unterbrochen.
„Nein“ , sagte er bestimmt, „nur weil sich Vater zu Tode säuft, werde ich nicht den Laufburschen spielen.“ „Edwin!“ , schrie seine Mutter ihn an, „Geh sofort diese Medizin holen, oder willst du, dass dein Vater stirbt?“ „Ja“, sagte Edwin, der nun ebenfalls lauter geworden war, „vielleicht hat er das ja nur verdient, der alte Saufkopf!“ „Es reicht!“, schrie Edwins Mutter, nahm die Karte von der Wand ab und zerriss sie in Hunderte von kleinen Stücken. Sie war zerstört.
Edwin blickte seine Mutter an. Seine Karte. Er wusste nicht... weg. Er musste weg.
Schnell nahm er seinen wenigen Besitz, darunter auch seine Bücher, und packte ihn in seinen braunen Lederrucksack. Er nahm ihn auf den Rücken, und lief raus. An der Türschwelle zu seinem Zimmer blieb er noch einmal stehen, und drehte sich zu seiner Mutter um.
„Ich hasse dich“ , sagte Edwin, mit tiefem Abscheu in der Stimme. „ICH HASSE DICH!“ Beim zweiten Mal schrie er die Worte wie im Wahn hinaus. Doch Edwin war nicht wahnsinnig geworden, sondern fasste den Gedanken, der sich soeben manifestierte, der lange Jahre stets latent vorhanden gewesen war: Weg! Weg von den Eltern!
Edwin lief raus, an seinem sterbenden Vater vorbei.
Draußen biss ihm die kalte Luft ins Gesicht.
Äußerlich war ihm kalt, doch innerlich kochte er vor Wut, und schäumte vor Emotionen über. Er empfand neben großem, abgrundtiefen Hass auf seine Mutter auch eine Traurigkeit, einen Schock über seine zerrissene Karte.
Es war schon dunkel geworden, so lange hatte Edwin seine liebste Karte betrachtet. Und jetzt war sie zerstört. Edwin standen die Tränen in den Augen.
Wohin sollte er? Er wusste nur einen Ort. Zu Brahim.
Dessen Haus war nicht weit entfernt. Edwin klopfte an die Tür.
Nach kurzer Zeit öffnete der Kartenzeichner sie.
Er sah Edwin die Verzweiflung an.
Dieser wollte etwas sagen, doch bevor er einen Ton herausbrachte, sagte Brahim: „Ruhig Edwin, komm rein, setz dich, und erzähl, was passiert ist. Du bist ja völlig aufgelöst! Ich hole etwas zu trinken, Wasser, ist das in Ordnung?“
Edwin nickte nur, und nahm dann auf einem Hocker Platz, während der Kartograph schnell in Kardifs Kneipe um die Ecke lief, um Wasser für sie beide zu holen.
Edwin dachte nach. Ins Hotel konnte er nicht ziehen, Leute wie er mussten bezahlen, und er hatte kein Geld. Zurück nach Hause wollte er nie mehr. Konnte er vielleicht... wäre es möglich gewesen, wenn er Brahim darum bitten würde...?
Schon war der Kartenzeichner wieder da, mit zwei Flaschen Wasser in den Händen. Er stellte sie auf dem Tisch ab, und setzte sich auf den Hocker gegenüber von Edwin.
„Nun“ , sagte er, „sag mir doch, was passiert ist.“
Der junge Mann gegenüber von ihm sammelte sich kurz, und begann dann mit zitteriger Stimme zu erzählen.
„Du weißt ja, ich mag meine Eltern nicht besonders.“ Er wartete darauf, dass Brahim etwas dazu sagte, doch dieser hielt es für besser, erst mal zu schweigen, damit Edwin in Ruhe erzählen konnte. Deshalb fuhr dieser fort. „Und heute, da haben sie nicht ein Wort über meinen Geburtstag verloren. Und als ich deine wundervolle Karte anschaute...“ Ein Schluchzen wollte aus ihm heraus, doch er holte tief Luft um es zu unterdrücken.
Nach kurzer Zeit sprach er weiter.
„Ich betrachtete sie, und dann kam Mutter rein, es ging um den alten Saufkopf. Er hatte sich wieder betrunken, doch diesmal war er zu weit gegangen, und Mutter meinte, er wäre kurz vorm Sterben, und ich sollte Medizin holen gehen. Warum ich? Sie hätte dies genauso gut tun können. Außerdem ist mir mein Vater egal, er war nie ein richtiger Vater für mich. Als ich meiner Mutter sagte, dass ich die Medizin nicht holen werde, wurde sie wütend, und... sie zeriss die Karte, für die du so lange gebraucht hast. Die Karte, die ich so gerne hatte, obwohl du sie mir erst heute morgen geschenkt hast. Und dann ist mir der Kragen geplatzt, ich habe meine Sachen gepackt, und bin weggelaufen. Da ich nicht wusste wohin, bin ich zu dir, weil ich dachte... ich...“ Edwin brach ab.
Brahim schwieg eine Weile. Tränen rannen Edwins Wangen hinab, er fühlte sich einfach nur elend.
Endlich brach der Kartenzeichner das Schweigen.
„Du...“ , fing er an, doch er brach wieder ab, und schwieg wieder. Dann setzte er wieder an. „Du weißt , dass dein Vater vielleicht sterben wird. Hast du denn keine Gefühle für ihn?“ Edwin senkte den Kopf. „So wenig, wie er für mich hegte.“
Es folgte erneutes Schweigen.
Dann fasste Brahim einen Entschluss.
„Du kannst vorerst bei mir wohnen. Ich werde dir helfen, eine Arbeit zu finden, eine Lehrlingsstelle, und dich soweit es mir möglich ist versorgen und unterstützen.
„Danke, vielen, vielen, vielen Dank“ , sagte Edwin, der es kaum fassen konnte, „ich will dir so wenig wie möglich zur Last fallen.“ „Du solltest nun schlafen“ , sagte Brahim. Ich hole eben Decken von Hanna, du musst hier wohl leider auf dem Holzboden schlafen. „Das macht mir nichts“ , beteuerte Edwin, und er meinte es ehrlich damit. „Gut“ , sagte Brahim, „ich bin gleich wieder da. Deinen Rucksack kannst du dort in der Ecke abstellen. Bis gleich.“
Edwin tat wie geheißen. Er hatte jetzt erst mal eine Bleibe. Wieder einmal setzte sich Brahim für ihn ein.
Dieser war schon bald wieder da, und brachte die versprochenen Decken. Edwin machte es sich so gut es ging in der Ecke, wo auch sein Rucksack stand, bequem.
Der Kartenzeichner und er wünschten sich beide eine gute Nacht. Dann löschte Brahim das Licht, und sie schliefen ein.
Last edited by John Irenicus; 15.05.2012 at 21:54.
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Kapitel III : Begegnungen
Edwin schrak hoch, denn er hatte ein Geräusch gehört.
Um sich blickend konnte er in der Dunkelheit nur die Silhouette einer Gestalt ausmachen, die auf Brahims Sessel saß, vor dem Kamin, in dem ein winziges Feuer loderte.
Edwin nahm zwei Kerzen, und zündete sie an, es wurde heller im Raum. Eine Kerze stellte er auf den Tisch, die andere hielt er vor sich, um zu leuchten.
Er konnte nun erkennen, wer auf dem Sessel saß. Es war Brahim selbst. Die Geräusche wurden von kleinen Steinen verursacht, die er unablässig ins Kaminfeuer warf.
„Brahim?“ , fragte Edwin unsicher.
Keine Antwort. Erneuter Versuch.
„Was tust du da?“ Der Kartenzeichner blickte ihn an.
„Ich werfe Steine ins Feuer, das bekämpft es nämlich.“ , antworte der Ältere.
Edwin blickte ins Feuer. Klack. Wieder ein Stein. Das Feuer war in keiner Weise dadurch beeinträchtigt worden. Der nun völlig verwirrte Edwin wusste nicht, was das sollte.
„Wieso? Ich verstehe nicht. Wieso machst du das?“ , fragte er, und blickte sich wieder zu Brahim um.
Doch dort auf dem Sessel saß nicht mehr der Kartenzeichner.
Dort saß ein Mann mit einer riesigen Flasche Wacholder. Sein Gesicht war voller Falten, und er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf. Sein Atem stank nach Alkohol.
„Vater?“ , fragte Edwin zaghaft.
„Edwin, ich gehe uns was zu trinken holen. Wacholder, okay? Ich bin gleich wieder da. Deine Karte kannst du dort an der Wand aufhängen.“ Die Stimme kam von irgendwo in der Ecke eines Raumes.
Es war Brahim, der gesprochen hatte. Der Kartograph ging zur Tür hinaus. Edwin bekam Angst. Was sollte dies alles? Seine Karte war doch zerstört!
Ein Stöhnen. Edwin schaute wieder auf den Sessel.
Dort saß, oder vielmehr lag, sein Vater. Die Augen geschlossen, die Atmung blieb aus.
Edwin lief hinaus, und schaute sich um. Vom Kartenzeichner keine Spur. Deshalb ging er wieder zurück zu seinem Vater, und musste erkennen, dass dieser tot war.
Er entdeckte seinen braunen Lederrucksack in den Armen des Alten. Was hatte das nun wieder zu bedeuten?
Brahim trat wieder ein.
„Ach “ , sagte er, „du hast deinen Rucksack vergessen. Hast ihn wohl in Kardifs Kneipe liegen gelassen. Ich gehe ihn holen. Bin gleich wieder da.“ „Nein“ , wollte der Angesprochene ihn aufhalten, „mein Rucksack ist da, bei meinem Vater! Er ist...“
Der Zeichner war schon längst wieder verschwunden.
Edwin schritt wieder herüber zum Sessel.
„Edwin.“
Woher kam diese Stimme? Der Gerufene konnte keinen genauen Punkt ausmachen, von dem sie hätte kommen können.
„Edwin.“
Noch einmal. Er wurde unruhig. Er blickte auf seinen Vater, der dort regungslos auf dem Sessel lag.
„Edwin!“
Die Stimme wurde lauter. Er blickte seinen Vater an, wusste nicht, was er tun sollte.
„EDWIN!“
Die Stimme brüllte nun, und die Leiche des Vaters schlug die Augen auf. Sie starrten Edwin durchdringend an.
„NEIN!“
Der vorhin noch Träumende saß nun senkrecht auf dem Boden und war hellwach. Brahim stand neben ihm.
„Edwin“ , sagte er, „du hast geschrien! Als ich zu dir ging, fühlte ich deine Stirn. Du bist ganz heiß! Du hast geträumt!“
Sämtliche Muskeln Edwins waren angespannt, doch der Anblick des fürsorglichen Kartenzeichners ließen sie ein wenig entspannen. Jetzt merkte auch er selbst die Schweißperlen auf seiner Stirn.
„Geht es dir gut? Soll ich Medizin holen?“ „Nein“ , sagte Edwin, und versuchte gefasst zu klingen. Es gelang ihm nicht, dennoch sprach er weiter.
„Es ist... ich sollte einfach weiterschlafen.“
„Wie du meinst“ , sagte Brahim, „aber wenn etwas ist, scheue dich nicht, mich zu wecken.“
Mit diesen Worten löschte er das Licht. Schon bald fiel Edwin in einen traumlosen Schlaf.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, ging es Edwin schon ein wenig besser. Er befühlte seine Stirn und stellte erleichtert fest, dass seine Körpertemperatur sich normalisiert hatte.
Lichtstrahlen erhellten Edwin den Raum genügend, um zu erkennen, dass der Kartenzeichner nicht da war. Edwin beschloss, zu warten, bis er wiederkommen würde.
Der Traum lag ihm immer noch ein wenig schwer im Magen. Er war ihm so real erschienen, obwohl er sehr wirr war. Was im Traum noch klaren Sinn machte, war, nachdem man aufwachte, nichts als Unsinn.
Einige Augenblicke später kehrte Brahim zurück.
„Edwin“ , sagte er, „geht es dir wieder gut?“ „Ja“ , antwortete dieser, „es war nur ein Traum. Meine Stirn ist auch schon gar nicht mehr heiß.“
Edwin faltete die Decken ordentlich, und legte sie behutsam in die Ecke, direkt neben seinen Rucksack.
„Wo warst du?“ , fragte er. „Ich war im Haus deiner Eltern. Die Leiche deines Vaters wurde gerade von den Milizen untersucht. Man erzählte mir, dass er vermutlich an einer Alkoholvergiftung gestorben sei. Von deiner Mutter fehlt jede Spur.“
Brahim schwieg eine Weile.
„Möchtest du deinen Vater sehen?“ , fragte er dann.
Edwin brauchte nicht lange zu überlegen.
„Ich will ihn nicht sehen. Ich habe damit abgeschlossen. Es ist nicht mehr mein Vater. Ich möchte...“ Edwin brach ab.
„Ja?“ , fragte Brahim freundlich, „was möchtest du?“
„Essen. Ich habe Hunger und Durst. Ich würde gerne frühstücken.“
„Ja“ , sagte Brahim nickend, „du siehst auch ziemlich abgemagert aus. Komm mit, wir kaufen zusammen etwas bei Fenia. Ihr Stand ist ja gleich um die Ecke.“
Der Kartenzeichner und der Waise gingen zusammen los.
Schon wieder half Brahim Edwin. Er kaufte sogar etwas zu essen für ihn. Edwin wusste, dass Brahim nicht arm sein konnte, aber reich auch nicht. Seine Karten waren zwar ziemlich wertvoll, doch hielten sie – falls sie nicht mutwillig zerstört wurden – doch recht lange, sodass er nicht so viele verkaufte. Im Hafenviertel, wo eher die Armen lebten, gab es sowieso recht wenig Kunden. Und auch nur selten verirrten sich Bürger der Stadt in diese Gegend. Der Kartenzeichner teilte seinen begrenzten Besitz bereitwillig mit Edwin. Sie hatten ja auch etwas gemeinsam. Beide waren nun ohne jegliche Familie. Warum sollten sich zwei einsame Menschen, die sich gut verstanden, nicht zusammentun?
Die beiden Gefährten waren an Fenias Stand angekommen.
„Tut mir leid“ , teilte Fenia den beiden bedauernd mit, „ich habe nur Käse und Wurst. Brot müsst ihr bei Baltram kaufen.“
„Oh“ , sagte Brahim. „Kein Problem“ , meinte Edwin, „ich laufe schnell zum Marktplatz und kaufe welches.“ „Gut, hier ist das Geld.“
Er nahm das Geld entgegen, und ging mit schnellen Schritten Richtung Osttor.
Als er gerade um die Ecke bei Abuyins Stand bog, wurde er von einer Gruppe Gleichaltriger aufgehalten.
Er hatte sie schon oft gesehen, und es hieß von ihnen, sie machten nur Ärger. Der größte und kräftigste, Jared, war ihr Anführer.
„Na , wo willst du denn mit deinem Geld hin?“ , fragte er.
„Das geht dich überhaupt nichts an“ , antwortete Edwin selbstsicher. „Lass mich vorbei.“
„Oho“ , sagte einer der Handlanger Jareds mit gespielt beeindruckter Stimme, „er will, dass wir zur Seite gehen.“
Edwin wurde wütender.
„Ich warne euch“ , sagte er, „geht zur Seite, sonst...“ „Sonst was?“ , fragte Jared. „Hilfe, ich habe Angst, er bedroht uns!“ , spöttelte der kleinste der Gruppe. „Vielleicht sollten wir ihm Respekt beibringen“ , meinte Jared, und schubste Edwin, sodass ihm das Geld aus der Hand fiel. „Ohhh, ist dir etwas hingefallen?“ , sagte der erste Handlanger wieder.
Sie lachten. Sie lachten Edwin aus.
„Aufhören“ , sagte eine seltsame, aber schöne Stimme.
Eine Gestalt lief aus Hannas Hotel heraus, und stellte sich zwischen Edwin und die Pöbler.
Es war Kai, der Barde, Edwin hatte schon vom ihm gehört.
Kai stammte aus einer Hanse-Familie, und war ein toller Sänger, und konnte seine Laute sehr gut spielen.
Die Gruppe der Jugendlichen wirkte zunächst unbeeindruckt. „Verschwinde“ , sagte Jared.
„Nein , ihr verschwindet jetzt“ , sagte Kai. Daraufhin stürmte Jared auf ihn zu. Er wollte dem Barden ins Gesicht boxen, doch dieser duckte sich unter dem Schlag weg, und trat dem Angreifer mit einem tollkühnen Tritt in die Magengrube.
„Ein toller Kämpfer“ , sagte Edwin nur.
Und das schienen die anderen auch zu denken, denn sie ergriffen schlagartig die Flucht.
„Von dem Tritt wird er hoffentlich noch lange was haben“ , meinte Kai. „Danke für deine Hilfe“ , sagte Edwin, der gerade dabei war, sein Geld wieder aufzusammeln.
„Kein Problem“ , meinte der Barde, „aber ich muss jetzt auch wieder los, ich bin in Orlans Taverne eingeladen. Hast du vielleicht Lust, mitzukommen, und mir beim Musizieren zuzuhören? Ich habe eine neue, majestätische Liedersammlung angefertigt, die ich vortragen werde. Na, wie sieht's aus?“
„Danke für die Einladung. Aber ich bedaure, ich kann nicht mitkommen. Ich muss etwas Brot bei Baltram kaufen, und es dann zu Brahim bringen.“ Kai schaute ihn an, und er schien zu verstehen.
„Du musst Edwin sein“ , sagte er. „Ich habe gehört, dass du... keine Eltern mehr hast, und jetzt beim Kartenzeichner wohnst. Mein Beileid.“ „Ach, es ist gar nicht so schlecht, bei Brahim zu wohnen, da brauchst du mich nicht zu bemitleiden.“ , witzelte Edwin.
Kai lachte kurz, wurde dann aber wieder ernst.
„Macht es dir denn nichts aus, dass deine Eltern... naja, du weißt schon.“ „Nein“ , sagte Edwin bestimmt, „es waren keine liebevollen Eltern. Sie haben sich kaum um mich gekümmert. Wenn ich etwas hatte, worüber ich reden musste, bin ich immer zu Brahim gegangen, da meine Eltern entweder nicht da waren, oder mich einfach abwimmelten.“
„Ein trauriges Schicksal“ , meinte Kai. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich ein Lied darüber schreibe?“ „Nein, mach ruhig.“ „Herzlichsten Dank, und viel Glück noch in deinem weiteren Leben, Edwin. Vielleicht begegnen wir uns ja noch einmal.“
Mit diesen Worten ging der Barde Richtung Osttor der Stadt.
Der Waise schaute ihm noch nach, bis er die Stadt verlassen hatte.
Edwin kaufte bei Baltram das Brot, und lief schnell zu Brahim zurück, er hatte schon zu viel Zeit verloren.
„Was war los, wieso hast du so lange gebraucht?“ „Jared und seine 'Freunde' haben mich aufgehalten. Aber dann kam Kai aus der Hanse-Familie, und hat sie in die Flucht geschlagen. Mir ist nichts passiert.“ „Der Barde Kai ist eine wirklich tolle Person. Wenn du ihn siehst, solltest du immer mit ihm sprechen, man kann viel lernen. Außerdem verbreitet er stets gute Laune.“ „Ja, das habe ich auch gemerkt.“ „Von Jared solltest du dich fernhalten. Er ist ein verzogener Bengel. Seine Eltern kümmern sich nicht um ihn. Nun, wir sollten jetzt essen.“
Während des kleinen, aber leckeren Frühstücks, dachte Edwin über Brahims Worte nach.
Jareds Eltern kümmerten sich nicht um ihn. Aber seine eigenen Eltern hatten sich auch nie um Edwin gekümmert, trotzdem war er anders als Jared. Waren Menschen von Grund auf schlecht? Edwin war sich nicht sicher.
Er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, und sich aufs Essen zu konzentrieren.
Nachdem sie zu Ende gegessen hatten, packte der neue Bewohner des Hauses erst mal seinen Rucksack aus.
Da waren seine drei Bücher, ein paar Werkzeuge, und ein paar Kleider. Dazu noch Kleinkram wie Streichhölzer, kleine Kerzen und andere Dinge. Er besaß nicht viel, aber es reichte.
Doch was ihn traurig machte war, dass er keine Karte im Rucksack hatte, wo doch eigentlich eine hätte sein sollen.
Last edited by John Irenicus; 13.02.2010 at 20:50.
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Kapitel IV : Karten, Schreibfedern, Tinte und Tintenfässer
Edwin trauerte einen Moment lang der Karte nach, die nun nicht mehr existierte.
„Immerhin, etwas Gutes hat es“ , sagte er leise zu sich, „Ich wohne nun bei Brahim. Dafür würde ich alle Karten der Welt opfern.“
„Was hast du gesagt?“ Der Kartenzeichner war draußen gewesen, zum Wasser lassen, doch jetzt war er wieder in der Hütte und blickte seinen neuen Mitbewohner fragend an. Dieser war verunsichert, und zögerte. Der Ältere sah ihn verständnisvoll an.
„Ach Edwin, die Karte, du trauerst ihr immer noch nach, nicht wahr?“ , fragte er. Edwin nickte nur.
„Es tut mir leid,“ , sagte Brahim, „aber ich muss arbeiten, und kann dir zunächst keine neue anfertigen. Ich habe einige weitere Aufträge bekommen, mit deren Erfüllung ich schon in Verzug bin.“
Edwin senkte traurig den Kopf.
„Aber du könntest...“ , begann Brahim, und sein junger Freund hob hoffnungsvoll sein Haupt, „du könntest selber lernen, Karten zu zeichnen.“ Edwin schaute ihn ungläubig an.
Aber wieso eigentlich nicht? Er könnte es einfach selbst lernen.
„Ja, aber wie?“
„Für den Anfang gebe ich dir eine Karte und leeres Pergament. Du versuchst dann, die bereits vorhandene Karte so genau und sorgfältig wie möglich zu kopieren. Anfangs wird es dir schwer fallen, doch mit viel Übung bist du dann vielleicht selbst in der Lage, eine detailreiche und auch farbige Karte zu zeichnen. Was sagst du dazu?“ „Ja, ich werde es versuchen, und mir Mühe geben.“ „Das ist die richtige Einstellung, mein Junge. Allerdings...“
Edwins Knie wurden weich. Stand seinem Kartenglück nun doch noch etwas im Wege?
„Allerdings habe ich nur einen Schreibtisch“ , fuhr Brahim fort, „du müsstest mit dem Boden vorlieb nehmen.“
Edwin fiel ein Stein vom Herzen.
„Das ist kein Problem, das macht mir nichts aus“ , beteuerte er.
Der Kartenzeichner brachte Edwin wie versprochen die zu kopierende Karte, einige leere Pergamentrollen, ein gefülltes Tintenfass und eine Feder.
„Bitteschön, ich werde dann auch an die Arbeit gehen. Ich muss mich unheimlich stark konzentrieren, da ich sonst Fehler mache. Ich bitte dich, mich nur zu stören, wenn es wirklich wichtig ist.“
Brahim setzte sich an seinen Schreibtisch, und begann, hochkonzentriert präzise Striche auf dem Pergament zu ziehen, und das mit beeindruckender, ruhiger Hand.
Auch Edwin begann nun seine Arbeit, er wollte zunächst die Umrisse der Insel nachzeichnen, das schien ihm das Sinnvollste zu sein.
Er fing beim Hafen von Khorinis an, und plante, im Uhrzeigersinn den Grundriss nachzuziehen. Selbstsicher und zügig ließ er die Schreibfeder nach oben fahren, er ließ sie wahrlich über das Pergament gleiten.
Er war nun an der Nordseite angekommen, die relativ eben war, sodass er sie ein wenig schneller abhandelte.
So zog er weiter die Linien, bis er wieder beim Hafen von Khorinis ankam. Er hatte es sich viel schwieriger vorgestellt.
Stolz blickte er auf die Originalkarte, und legte dann seine vorläufige Nachbildung daneben, um die Umrisse zu vergleichen.
Edwin war erschüttert.
Das, was dem Nachwuchszeichner vorhin noch so gut gelungen vorgekommen war, entpuppte sich als der Grundriss einer Insel, die wohl erst noch entdeckt werden musste. Mit Khorinis jedenfalls hatte dieses Gebilde nichts gemein. Schon der Hafen war zu ungenau, und der Norden stellenweise falsch, allein der Osten war gelungen, doch der Süden war am unsorgfältigsten.
„Mist“ , sagte Edwin laut, und schlug sich sogleich die Hand vor den Mund.
Er hatte doch versprochen, Brahim nicht zu stören. Er blickte herüber zum Kartenzeichner, der in seiner Arbeit vertieft war, und Edwins Fluch anscheinend nicht gehört hatte.
Der ehrgeizige Jüngling nahm sich vor, einen neuen Versuch zu starten, und dieses Mal sorgfältiger zu sein. Außerdem wollte er nicht laut fluchen, wenn wieder etwas schief ging.
In gewisser Weise wollte er Brahim stolz machen, und das ging, wie Edwin nun begriff, nur mit viel Sorgfalt und Fleiß.
Die zweite Version von Khorinis war schon viel besser gelungen, nur hier und da schlichen sich kleine Ungenauigkeiten ein, doch die Linien formten unverkennbar seine Heimatinsel.
Edwin beschloss, es so zu lassen, und sich nun an die eigentlichen Schwierigkeiten zu begeben – Wälder, Flüsse, Berge, Wege, all das, was man auf einer ordentlichen Karte erwarten würde.
Als Edwin die nördlichen Wälder zur Hälfte fertiggestellt hatte, wurde es ihm ein wenig unbequem auf dem Boden, und er kam auf eine Idee, auf die er hätte vorher kommen können.
In der Zimmerecke, wo sich auch sein Rucksack befand, lag noch die Decke, die Brahim für ihn geholt hatte. Sie würde die Arbeit sicher ein wenig komfortabler gestalten.
Edwin setzte sich auf, und stützte sich mit den Händen ab. Als er sich hochstemmen wollte, kam, was kommen musste.
Der Meisterzeichner in spe verlor den Halt, und fiel nach hinten. Es gab ein kleines Geräusch, und ihm war nichts passiert, aber seiner Karte umso mehr.
Edwin war gegen das Tintenfass gestoßen, welches nun vollständig über das Pergament ausgelaufen war. Zum Glück lag die Originalkarte weit genug vom Tintenfass weg, und war deshalb unversehrt.
Edwin stellte das Tintenfässchen wieder auf, und besah sich die Sauerei. Schon das zweite Khorinis war hinüber.
„Mist“ , dachte er ärgerlich und schaute zu Brahim herüber.
Dieser hatte von alledem gar nichts mitbekommen, schaute stur auf seine Pergamentrolle und schien gerade zu überlegen.
Edwin beschloss, ihn lieber beim Nachdenken zu stören, als beim Zeichnen, sodass wenigstens kein Strich falsch gezogen werden könnte.
„Brahim“ , sagte er zaghaft. Der Angesprochene sah auf.
„Was ist?“ „Mir ist Tinte über mein Pergament gelaufen. Aber der Originalkarte ist nichts passiert.“ „Dann wirst du wohl neu anfangen müssen“ , brummte Brahim. „Ja“ , erwiderte Edwin, „aber nun habe ich keine Tinte mehr.“ „Guck mal da in die Kommode, da müsste noch welche sein. Sei aber vorsichtig beim Auffüllen des Tintenfässchens.“
Mit diesen Worten beugte er sich wieder über das große Pergament.
Edwin sah sich um.
Direkt gegenüber vom Schreibtisch entdeckte er eine staubige Kommode aus Eichenholz mit drei Schubladen. Sie war eher schlicht gehalten, und wies lediglich an den Griffen der Schubladen kleine Verzierungen in Form von Schnitzereien auf.
Edwin zog die oberste Schublade auf. Dort lag jede Menge Papier herum, doch weder unter noch über, weder vor noch hinter dem ganzen Kram war Tinte zu finden.
Nun versuchte er es mit der mittleren Schublade.
Sie klemmte.
Edwin zog und ruckelte noch ein wenig daran rum, aber als sie begann, leise, knackende Geräusche von sich zu geben, hielt er es für besser, die dritte Schublade zu öffnen.
Dort fanden sich nur Tintenflecke, ansonsten nichts.
„Brahim?“ , fragte Edwin, noch zaghafter als beim vorherigen Mal.
„Was denn nun schon wieder?“ „Dort ist keine Tinte.“ „Oh. Nun, ich schlage vor, du leihst dir beim Magier Saturas etwas. Er kam vor kurzem in diese Stadt. Er hat sicher Tinte. Er wohnt zurzeit in dem Haus, das vor kurzem fertiggestellt wurde. Du weißt schon, das zweistöckige. Schräg links gegenüber vom Hotel.“ „Okay“ , sagte Edwin.
Er beschloss, seinen Rucksack mitzunehmen, um die Tinte, die vermutlich in einer Art Leinensack oder Schlauch aufbewahrt würde, sicher zu transportieren.
Es dämmerte schon, der junge und eifrige Kartenzeichner hatte während seiner Arbeit gar nicht bemerkt, wie viel Zeit schon vergangen war.
Er schlug den selben Weg ein wie am Morgen des Tages, und als er wieder bei Abuyins Stand um die Ecke bog, sah er Jared und seine Speichellecker auf dem Marktplatz. Sie gingen in Richtung Adanos-Tempel.
Edwin blieb stehen, und war erleichtert, dass sie ihn nicht gesehen hatten. Er beugte sich noch einmal vor, von Jared und seiner Bande keine Spur. Als er seinen Weg fortsetzen wollte, spürte er eine dicke Hand auf seiner Schulter.
Er drehte sich um, und sah direkt in Jareds grobes, grinsendes Gesicht. Seine Bandenmitglieder lachten.
Ohne irgendein Wort zu sagen, schlug Jared Edwin mitten ins Gesicht, direkt aufs rechte Auge.
Der Angegriffene fiel zu Boden, und schon machten sich alle aus der Bande daran, ihn lachend zu treten.
Edwin kniff die Augen zu, und hoffte, dass der Schmerz bald vorbei sein würde.
Just in diesem Moment kam Abuyin um die Ecke, um sich wieder auf den Teppich an seinem Stand zu setzen.
Er sah Jareds Bande, wie sie Edwin traten, und lief sofort zu ihnen hin, um der Prügelei Einhalt zu gebieten.
Mit seiner sonoren Stimme rief er: „Fort! Fort mit euch ihr Bengel! Lasst ihn in Ruhe, oder Abuyin wird euch eine Lehre erteilen. Wenn ihr nicht sofort aufhört, werde ich euch heimlich ein Kraut in den Tee mixen, das euren Mageninhalt entleert, und zwar unten heraus, bis euch das Hinterteil brennt als hause ein Drache darin!“
Jared sah sich um, und erblickte den wütenden Südländer.
„Weg hier!“ , rief er seinen Handlangern, welche schon längst von Edwin abgelassen hatten, zu, und sofort waren sie um die nächste Hausecke verschwunden.
Der freundliche Abuyin half dem am Boden liegenden Edwin auf.
„Geht es dir gut, junger Mann?“ „Ja, nur mein Auge...“ „Nimm einmal die Hand dort weg, dann kann ich auch sehen, was da ist.“
Edwin tat wie ihm geheißen, und zum Vorschein kam ein rötlicher Augenring, der sich an einigen Stellen schon ins Violette verfärbte.
„Ein Veilchen“ , bemitleidete Abuyin ihn.
„Ich hätte dagegen ein Kraut, aber es versetzt dich auch in einen Rauschzustand. Möchtest du es einnehmen? Ich wäre ja eigentlich dagegen, aber wenn du wirklich solche Schmerzen hast...“
„Nein“ , sagte Edwin bestimmt, „so schlimm ist es auch nicht, und ich möchte einen klaren Geist behalten. Trotzdem Danke.“ „Wie du meinst. Ich würde dir dennoch raten, deine Erledigungen schnell zu tätigen, und dich sobald wie möglich schlafen zu legen, das kann nur gut tun.“ „Vielen Dank“ , sagte Edwin, und wollte gerade um die Hausecke verschwinden, als Abuyin ihn aufhielt.
„Sag , ist das schon mal vorgekommen, dass du mit Jared aneinander gerätst?“ „Ja, aber damals hat mir Kai, der Barde aus der Hanse-Familie geholfen.“
„Dieser Jared terrorisiert schon seit einiger Zeit mit seiner Bande die Bewohner“ , murmelte Abuyin leise, „Ich sollte ihm vielleicht eine Lektion erteilen.“
Er umfasste etwas in seiner Hosentasche.
Lauter sagte er: „Nun, dann mach dich auf dem Weg.“
Zielstrebig ging Edwin zu Saturas' Haus. Er klopfte an, und ein Mann in einer blauen Robe öffnete die Tür.
Er schien von den südlichen Inseln zu kommen, oder wenigstens dort seinen Ursprung zu haben. Sein Bart war schon weißgrau, und über seiner dicken Nase runzelte sich eine furchige Stirn.
„Wer bist du, und was willst du?“ , fragte der Magier mit tiefer Stimme. „Ich bin Edwin, und ich komme von Brahim um mir Tinte zu leihen.“ Saturas stand dort, scheinbar unschlüssig, ob er Edwin einlassen sollte. Schließlich fasste er sich ein Herz.
„Komm rein“ , sagte er.
Edwin betrat das Haus, und folgte Saturas in einen großen Raum, der voller merkwürdiger Gerätschaften war.
Links standen einige Alchemietische, und in einem Regal reihten sich Flaschen nebeneinander auf.
Rechts waren viele Schränke und Regale zu sehen, und weiter hinten im Raum befanden sich einige seltsame Gebilde, die, wie Edwin vermutete, Runentische sein mussten.
Der Bewohner des Hauses begab sich zu den Schränken auf der rechten Seite, und kramte ein wenig in einem der kleineren, staubigen Möbelstücke rum.
„Ahhh, da hab ich’s“ , sagte er zufrieden, und holte einen kleinen Lederschlauch heraus.
„Bitte sehr. Die Tinte ist geschenkt, aber den Schlauch bringst du mir bitte so bald wie möglich zurück.“
Edwin packte die Tinte im Schlauch vorsichtig in seinen Rucksack.
„Vielen Dank, Magier Saturas“ , bedankte er sich.
„Aber, aber, nicht so förmlich. Moment mal, was ist dir denn da passiert? Ist das ein blaues Auge? Hast du dich geschlagen?“
Edwin seufzte.
„Ich habe nicht geschlagen, ich wurde geschlagen.“ „Soso“ , sagte Saturas interessiert, „ja von wem denn?“ „Von Jared.“ „Jared? Er ist... Jared ist mein Lehrling. Seine Eltern hatten keine Zeit, ach was sag ich, wohl keine Lust sich mit ihm rumzuschlagen. Ich dachte, er würde was taugen, doch ich habe mich getäuscht. Anstatt die Kräuter zu suchen, wie ich es ihm aufgetragen habe, lauert er unschuldigen Tintenlosen in der Stadt auf! Hast du dich denn nicht gewehrt?“ „Ich hatte keine Chance. Er war wieder mit seinen Freunden unterwegs.“ „Wieder, sagst du?“ „Ja, das ganze ist mir schon mal passiert, doch Kai hat mich gerettet. Der Barde, aus der Hanse-Familie.“ „Jared scheint ein Schläger zu sein! Ich weiß nicht, ob ich ihn noch als Lehrling haben möchte.“
Schweigen trat ein. Edwin nutze dies, um sich nochmal im Raum umzuschauen.
Es sah fantastisch aus. Jetzt entdeckte er auch ein großes Bücherregal. Verstaubte, vergilbte Bücher standen dort drin. Sie alle sahen sehr interessant aus. Edwin hätte viel dafür gegeben, um einmal darin lesen zu dürfen.
Plötzlich fiel ihm ein, dass er lieber nach Hause sollte. Er verabschiedete sich von Saturas, und ging hinaus ins Freie.
Es war nun schon fast vollständig dunkel, und Edwin beschleunigte seine Schritte noch einmal, um schneller nach Hause zu kommen. Als er bei Brahims Haus ankam, sah er den Schein einer Kerze.
Er trat ein.
„Edwin, wo warst du, ist wieder...“ Edwin unterbrach ihn.
„Ich bin müde, bitte Brahim, lass mich einfach nur schlafen.“
„Das hatte ich auch vor. Na gut, wenn du nichts erzählen willst.“
Edwin legte seinen Rucksack in die Ecke und sich selbst hin, zum Schlafen.
Schon bald löschte der Besitzer des Hauses das Licht, und Edwin fiel in einen traumlosen Schlaf.
Last edited by John Irenicus; 12.01.2010 at 22:59.
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Kapitel V : Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
Die ersten goldenen Sonnenstrahlen schienen durch das Fenster in Brahims Hütte, als Edwin noch vor diesem erwachte. Er blieb eine Weile liegen, und schaute sich um.
Durch die Lichtstrahlen wurde der ganze Staub sichtbar, der stetig durch die Luft wirbelte.
Bewegte Edwin seinen Kopf ein wenig nach links, wurde er direkt vom Licht geblendet. Durchs Fenster konnte er beobachten, wie eine Fliege auf einem Fass saß.
Sie schien sich zu bewegen, aber was sie tat, konnte Edwin nicht sagen. Besagte Fliege krabbelte nun in die Hütte hinein, und verweilte einen kurzen Moment am Fensterrahmen, bevor sie empor stieg, um dann auf Brahims Schreibtisch zu landen. Auf diesem krabbelte sie nun herum, über halb fertige Karten, eine geknickte Schreibfeder und in leere Tintenfässer.
Edwin beobachtete dies mit großem Interesse. Nicht viel später erhob sich die Fliege wieder in die Lüfte, und nachdem sie ein wenig an der Decke herumgeflogen war, landete sie auf der Kommode.
Die Tinte!
Edwin war es erst jetzt wieder eingefallen. Der Lederschlauch musste noch in seinem Rucksack sein.
Er drehte sich um, und zog ihn zu sich. Von seinem Bett, das ein wenig links der gegenüberliegenden Ecke stand, ließ Brahim einen Schnarcher ertönen.
Edwin öffnete den Rucksack so leise wie möglich. Behutsam zog er den Schlauch aus Leder heraus. Er war unbeschädigt, so, wie er ihn von Saturas erhalten hatte.
Edwin zog nun seine Alltagskleidung an, und schaute an sich herunter. An den Hosenbeinen wie an seiner Tunika entdeckte er zahlreiche Risse und abgeriebene Stellen. Wenn er einmal genug Geld hatte, so beschloss Edwin, würde er sich neue Kleidung kaufen.
Doch nun galt es, das Tintenfässchen mit dem vorgesehenen Inhalt zu füllen.
Es stand immer noch auf dem Boden, an dem „Arbeitsplatz“ von Edwin, wo dieser sich abgemüht hatte, die Karte zu kopieren. Am Rand des Tintenfässchens waren die Spuren der ausgelaufenen Tinte deutlich zu erkennen.
Edwin löste die Schnüre, die den Schlauch oben verschlossen, und hielt ihn dann so, dass die Tinte ins Fässchen fließen konnte. Als es bis zum Rand gefüllt war, hielt er den Schlauch wieder senkrecht. Ein wenig Tintenflüssigkeit war noch übrig, so beschloss Edwin, auch Brahims Tintenfass nachzufüllen.
Mit leisem Schritt ging er zum Schreibtisch des Kartenzeichners. Schnell fand er das halbvolle Tintenfass, und ließ die restliche Tinte von Saturas dort hineinfließen, bis der Schlauch leer war.
„Guten Morgen, Edwin. Was machst du da?“ , fragte Brahim, während er seine braune Tunika mit rotem Kragen überzog, nachdem er in seine olivefarbene Hose geschlüpft war.
„Ich fülle die Tinte nach“ , antwortete Edwin beim Umdrehen. „Oh, das ist gut, aber was... Edwin, du hast ja ein blaues Auge!“
Erst jetzt erinnerte sich Edwin an die Auseinandersetzung mit Jared. Er befingerte die Schwellung, und es tat ziemlich weh. Er schämte sich ein wenig, und ließ sich deshalb die Worte von Brahim einzeln aus der Nase ziehen.
„Es war Jared, nicht wahr?“ „Ja“ ,antwortete der Andere knapp. „Und, wie ist es passiert?“ „Ich war auf dem Weg zu Saturas, um die Tinte zu holen. Als ich an Abuyins Stand angelangt war, sah ich Jared und seine Bande.“ „Ja, und dann? Nun erzähle doch! Haben sie dich gesehen?“ „Ja, aber das habe ich nicht gemerkt. So wartete ich, bis sie aus meinen Blickfeld verschwanden, ohne zu ahnen, dass sie mich bereits entdeckt hatten, und sich von hinten an mich rangeschlichen hatten.“ „Und dann haben sie dich geschlagen?“ „Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. Daraufhin drehte ich mich um, und blickte direkt in Jareds grinsendes Gesicht. Dann schlug er mich nieder. Als ich am Boden lag, traten er und seine Freunde noch auf mich ein.“ „Was war mit der Miliz, hat sie nichts gesehen?“ „Ich weiß nicht, irgendwie war keine in der Nähe. Oder sie hat weggesehen, denn normalerweise steht am Bierstand gegenüber immer jemand von der Stadtwache. Stattdessen hat Abuyin die Bande dann verscheucht, und hat mir wieder aufgeholfen.“ „Das ist wirklich ein Problem mit diesem Jared. Ich würde mich ja bei der Miliz beschweren, doch... weißt du, Jareds Eltern sind ziemlich einflussreich. Sein Vater ist ein wohlhabender Überseehändler. Wenn sich jemand beschweren würde, gäbe das nur Schwierigkeiten. Vielleicht hat die Miliz auch deshalb weggesehen.“ „Aber Abuyin war so mutig, und hat mich gerettet.“ „Ja, er ist ein ehrenwerter Mann.“
Eine Schweigepause trat ein.
„Ich sollte den Lederschlauch, in dem die Tinte aufbewahrt war, nun zurückbringen.“ „Und was, wenn du wieder Jared begegnest?“ „Ich werde diesmal sehr vorsichtig sein, versprochen.“
Brahim zögerte, denn er machte sich Sorgen. Doch da Edwin ja nun mal kein kleines Kind mehr war, beschloss er, ihn gehen zu lassen.
„Na gut, aber pass auf dich auf. Hier sind einige Goldmünzen. Kaufe davon ein wenig Käse und Wurst für das Frühstück, und bei Zuris kannst du dir eine lindernde Salbe für dein Auge kaufen. Bis gleich.“
„Bis gleich“ , sagte Edwin, und verschwand aus der Hütte.
Die Bewohner des Hafenviertels waren ebenfalls gerade erst aus ihren Häusern gekommen, um ihrer Arbeit nachzugehen.
Am Stand von Fenia war diese aber nicht zu sehen, auch die Waren waren nicht ausgelegt, stattdessen hing dort ein Zettel. Nach einiger Zeit hatte Edwin die krakelige Schrift entziffert.
Liebe Mitbewohner des Hafenviertels,
ich kann heute leider nicht arbeiten, da mir mein Kopf ein wenig schmerzt. Ein fachkundiger Magier hat mir allerdings bestätigt, dass es nichts Ernstes ist. Morgen werdet ihr eure Lebensmittel wieder bei mir kaufen können, für heute müsst ihr euch an meinen Ehemann, Halvor wenden.
Ich hoffe, ihr habt Verständnis.
P.S.: Käse ist aus.
“Nun denn“, sagte er sich, “dann werde ich eben wieder bei Baltram einkaufen. Ich muss ja ohnehin zu Zuris, wegen der Salbe.“
Schnell schritt er die Erhebung hinauf, die vom Hafenviertel in die Unterstadt führte. Meldor warf ihm einen finsteren Blick zu, doch Edwin ignorierte ihn. Meldor tat dies immer, um zu demonstrieren, wie schlecht gelaunt er wieder war, weil Lehmar ihm wieder das Gehalt gekürzt hatte. Edwin beschloss, die Gasse hinter Coragons Kneipe zu begehen, und den Marktplatz von der anderen Seite zu betreten, um eine Begegnung mit Jareds Bande zu vermeiden.
Edwin kam zügig voran, doch als er am Ende angelangt war, kam plötzlich Jared mit zwei von seinem Freunden um die Ecke.
„Na, tut’s noch weh?“ , fragte einer der Freunde spöttisch.
„Nein“ , sagte Edwin selbstbewusst.
„Dann werden wir wohl mal auffrischen müssen“ , erwiderte Jared, und erhob die Hand zum Schlag.
Edwin machte sich schon auf den Aufprall bereit, doch kurz bevor die Faust des Schlägers auf ihn niedersauste, wurde sie von einem Arm gestoppt. Der Arm steckte in einer blauen Robe, und gehörte zu niemand anderen als zum Wassermagier Saturas.
„Jetzt habe ich dich mal dabei erwischt, Freundchen. Was hast du dazu zu sagen?“ , fragte er erbost.
Jared drehte sich zu ihm um, und war sprachlos. Einer seiner Freunde trat vor.
"Es war Notwehr, der da hat uns bedroht." „Ja, genau“ , stimmte der Anführer der Bande hinzu.
Saturas sah ihnen tief in die Augen.
„Was fällt euch eigentlich ein, mich zu belügen? Ihr beide“ , er wandte sich zu Jareds Freunden, „ihr verschwindet hier. Und du, du bleibst schön hier. Ich entlasse dich hiermit aus meiner Lehre.“
Jared war geschockt.
„Aber, das kannst du nicht tun, ich habe einflussreiche Eltern, ich...“
Der Wassermagier unterbrach ihn: „Und selbst wenn deine Eltern über ganz Myrtana herrschen würden, mich interessiert es nicht. Sie haben mir gesagt, du seist ein gelehriger Schüler, aber du bist nichts weiter als ein brutaler Nichtsnutz. Falls sich deine Eltern bei mir beschweren wollen, können sie das gerne tun. Aber deine Zeit als mein Lehrling ist definitiv beendet. Und wenn ich nochmal sehe, wie du jemanden schlägst, kannst du dein blaues Wunder erleben! Und nun verschwinde!“
Verängstigt vom Zorn des Magiers lief Jared nach Hause.
„Vielen Dank, ehrenwerter Magier Saturas“ , bedankte sich Edwin aufrichtig. „Ich muss dir danken. Schließlich hast du mich darauf aufmerksam gemacht, dass Jared vielleicht doch nicht der Musterjunge ist, für den ich ihn, aufgrund der Beschreibung seiner Eltern, gehalten habe. Du hingegen scheinst ein schlauer Junge zu sein. Kannst du lesen?“ „Ja, ich habe es mir größtenteils selbst beigebracht.“ , sagte Edwin.
„Nicht schlecht. Vielleicht... das mag plötzlich kommen, aber Lehrjungen, die etwas taugen, können recht nützlich sein. Möchtest du eine Lehre bei mir beginnen? Bevor du antwortest, denke darüber nach, denn ich werde dich keinesfalls schonen. Du wirst nahezu den ganzen Tag lernen. Du wirst fortan bei mir wohnen, und jede Menge Alchemie studieren, und nach einigen Jahren vielleicht auch die Magie erlernen. Aber bis dahin wirst du viele Aufgaben für mich erledigen müssen.“
Edwin war überrascht.
Er bekam hier ein einmaliges Angebot, und in gewisser Weise hatte er es sich selbst erarbeitet. Doch was würde Brahim dazu sagen? Wollte er Brahim überhaupt verlassen?
„Ich möchte ein wenig Bedenkzeit, geht das in Ordnung?“
„Na gut“ , sagte Saturas, „ich muss sowieso noch Jareds alte Kammer leerräumen. Aber lasse dir nicht zu viel Zeit.“
Saturas wollte gerade in Richtung Adanos-Tempel gehen, als Edwin ihn noch einmal aufhielt.
„Warte. Der Schlauch.“
Der Wassermagier blieb stehen. Er blickte das Gebilde aus Leder in Edwins Hand verwundert an. Dieser hielt ihm den Schlauch hin. Dann verstand Saturas.
„Achja, der Schlauch. Danke, dass du ihn mir zurückgebracht hast. Nun denn, ich gehe dann mal.“ „Selbstverständlich, bis dann.“
Edwin kaufte schnell bei Zuris die Salbe, und bei Baltram Wurst und Käse. Bei Abuyins Stand jedoch blieb er stehen.
Der Südländer war nicht aufzufinden, auch kein Hinweiszettel wie bei Fenia. Die Wasserpfeifen auf dem untypisch unordentlichem Teppich waren zerstört.
Was war passiert?
Edwin war besorgt.
Ob seinem Helfer etwas zugestoßen war?
Etwa wegen der Drohung, ein Kraut in den Tee zu mischen?
Er entschied, so schnell wie möglich zu Brahim zurückzukehren, um mit ihm darüber zu sprechen.
Wieder zu Hause, wartete Brahim schon.
Edwin sah ihn an und sagte: „Ich habe die Sachen. Außerdem ist mir einiges passiert.“
„Am besten, das erzählst du mir beim Frühstück.“
Und Edwin erzählte, was ihm alles passiert war, von Fenias Krankheit über die Begegnung mit Saturas und Abuyins Verschwinden.
Das Angebot des Wassermagiers jedoch erwähnte er zunächst nicht.
Last edited by John Irenicus; 14.01.2010 at 17:53.
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Kapitel VI : Brahim
„Dir ist ja wirklich einiges passiert, Edwin.“ „Oh ja. Irgendwie bin ich auch ein ziemlicher Pechvogel. Immer wenn ich das Haus verlasse, erwischt mich Jared, schon seltsam.“ „Nun ja, allerdings hat Saturas ihm ja wohl ziemlich Respekt eingeflößt. Wie fandest du ihn eigentlich?“ „Wen?“ , fragte Edwin, und schlang dabei sein letztes Stück Käse herunter.
Er wusste genau, wen Brahim meinte, aber es gefiel ihm gar nicht, welche Richtung dieses Gespräch nun nahm. Er wollte den Mann, der immer zu ihm stand, nicht kränken. Doch kränkte er ihn nicht noch mehr, wenn er ihm das Angebot verschwieg? Außerdem wollte er doch insgeheim sehr gerne zu Saturas in die Lehre gehen.
„Na du weißt schon, Saturas“ , antwortete Brahim auf die Frage. Edwin beschloss, nun die „Flucht nach vorn“ zu wagen, und Brahim geradeaus vom Angebot zu erzählen.
Er holte tief Luft, und sagte dann mit fester Stimme: „Saturas war sehr nett, und hat mir eine Lehrstelle angeboten. Ich würde sie gerne annehmen.“
Es kam, wie Edwin es vorhergesehen hatte.
Brahim starrte ihn für eine ganze Weile lang mit einem Gesichtsaudruck an, der nicht zu deuten war.
Das Schweigen wurde langsam unerträglich, doch Edwin traute sich nicht, noch etwas zu sagen.
Endlich durchbrach ein weiteres, einzelnes Wort in einem nüchternen, emotionslosen Ton die Stille.
„Verstehe.“
Brahim wusste nicht, was er noch sagen sollte, er konnte es nicht.
Da hatte er gerade sein Glück gefunden, und einen ihn liebenden Mitbewohner bekommen, doch dieser wollte ihn kurz darauf wieder verlassen.
Ihm war vollkommen klar, dass er dem jungen Mann deswegen keine Vorwürfe machen konnte, er war nicht böse auf ihn. Trotzdem quälte ihn der Gedanke, wieder in den früheren, einsamen Alltagstrott zurückzukehren, ohne jemanden, der dabei stets an seiner Seite war. Solcherlei Gedanken strömten auf den alten Mann ein, als er mit komischen Gefühlen im Bauch in ein Stück Wurst biss, in der Hoffnung, dass sie diese seltsame Leere im Magen füllen würde.
Seinem Gegenüber war diese Stille ebenfalls unangenehm, weshalb er sie beendete.
„Und, was sagst du dazu?“ , fragte Edwin.
Brahim hatte eine Weile die Wurst betrachtet, ihre Form, ihre Ränder, ihr Aussehen, um sich abzulenken. Nun kam er jedoch nicht drum herum, aufzusehen und zu antworten, wenn auch ausweichend.
„Was meinst du?“ „Na, du weißt schon...“
Edwin wollte es nicht noch einmal aussprechen, es hatte ihm beim ersten Mal schon viel Überwindung gekostet. Der Ältere wich dem Thema immer noch aus, obwohl es, wie beide wussten, Vorrang in den Gedankengängen hatte. „Das mit Abuyin?“ „Nein.“
Erneutes Schweigen folgte, doch schon nach kurzer Zeit hatten beide endgültig genug davon, sodass Brahim sagte: „Du wirst mich vermutlich nur sehr selten, oder gar nicht besuchen kommen, oder?“
„So ist es leider. Ich werde bei Saturas wohnen, und er sprach davon, dass es viel Arbeit für mich gäbe, und dass er mich härter rannehmen wollte als Jared, um hundertprozentig sicherzugehen, dass ich auch etwas tauge.“ „
Ja, das habe ich mir gedacht. Edwin, versteh mich nicht falsch, ich freue mich für dich, dass du endlich eine Lehrstelle bekommen hast. Es ist nur schwer für mich...“
„Ich weiß“ , erwiderte Edwin, „aber du gibst mir deinen ziehväterlichen Segen?“
Brahim zögerte nun nicht mehr, und sagte: „Ja, aber bleib wenigstens noch eine Nacht hier.“ „Ja, gerne“ , antwortete Edwin.
Den Rest des Tages sprachen die Beiden nicht mehr miteinander.
Der Kartenzeichner ging seiner Arbeit nach, während der baldige Lehrling von Saturas in andächtigem Schweigen seine Sachen packte.
Überhaupt war das Schweigen der dominierende Begleiter des restlichen Tages.
Es wurde geschwiegen, auch als es Bettzeit wurde, sagte niemand gute Nacht.
„Morgen“ , dachte Edwin, „morgen verabschieden wir uns richtig. Wir sind ja immerhin noch in der selben Stadt...“
Und mit diesen Gedanken schlief Edwin ein.
Last edited by John Irenicus; 17.01.2010 at 13:08.
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Kapitel VII : Abreise und Anreise
Ein Kribbeln auf seiner Nasenspitze weckte Edwin. Er strich über sie, und das Gefühl verschwand. Langsam machte er die Augen auf, und sah, was ihn geweckt hatte.
Es war die Fliege, die er schon einmal beobachtet hatte, zumindest glaubte er das, diesmal nahm sie den direkten Kurs auf Brahims Schreibtisch.
Da fiel es Edwin ein, und ein trauriges, aber auch sehr aufregendes Gefühl entstand in ihm. Heute war sein letzter Tag beim Kartenzeichner, heute wollte er seine Lehre bei Saturas antreten.
Edwin suchte den Raum nach Brahim ab.
Die Decken auf dessen Bett lagen unordentlich herum, er schien bereits aus dem Haus gegangen zu sein.
„Dabei ist es doch noch recht früh“ , murmelte Edwin leise.
Unwillkürlich wanderte sein Blick auf den Rucksack, der ja schon gepackt war. Diesen wollte Edwin noch nicht vor die Tür stellen, Brahim konnte das missverstehen, und glauben, dass er es eilig habe, von hier wegzukommen.
In gewisser Weise wollte Edwin das auch, aber natürlich nicht wegen Brahim, sondern aus dem Grund, dass er diese Abschiedsstimmung nicht mehr lange aushielt.
Trotzdem wollte Edwin irgendetwas tun, das einfache Warten war unerträglich.
Er beschloss, aufzustehen, und die Decken schon mal zu falten. Auf dem Weg zu Saturas wollte er sie dann Hanna zurückgeben, von der sie Brahim auch geborgt hatte.
Nachdem Edwin das getan hatte, war Brahim immer noch nicht zurück. Da keimte im jungen Mann ein Gedanke: „Wenn dies schon meine letzten Stunden bei Brahim sind, will ich diese auch genießen!“ , sagte er entschlossen.
Er nahm den Raum nun genauer unter die Lupe, bedacht darauf, sich alles einzuprägen, um schöne Erinnerung an seine kurze, aber dennoch erlebnisreiche Zeit bei Brahim zu behalten.
Lächelnd erinnerte Edwin sich an seine Versuche als Kartenzeichner.
Ganz in Gedanken versunken, merkte Edwin gar nicht, dass Brahim schon längst wieder da war. Erst als dieser leise „Guten Morgen“ , sagte, schreckte er hoch.
Er erwiderte den Gruß freundlich, dann wanderte sein Blick auf den Esstisch, der reich gedeckt war. Es gab frisches Brot, dazu feine Wurst und würzigen Käse. Zu Trinken gab es beste Ziegenmilch, und sogar Wein. Am meisten jedoch beeindruckten die beiden großen Keulen feinsten Schinkens.
„Ich habe gedacht, so ein richtig tolles Abschiedsfrühstück, das wäre was...“ , sagte Brahim, und Edwin sah ihm an, dass er sich wegen der Idee trotzdem ein wenig doof vorkommen musste, nicht zuletzt, weil er von einem Fuß auf den anderen trat.
Doch Edwin gefiel diese Idee außerordentlich gut, was er auch freudig kund tat.
„Brahim, das ist Klasse! Ein wirklich toller Einfall!“
Brahim war sichtlich erfreut über das Lob, und sogleich machten sich die beiden ans Essen, welches ihnen auch fabelhaft mundete.
Edwin nahm nun alles viel stärker wahr, den Geruch, den das Brot verströmte, als er herzhaft reinbiss, oder das Aroma, was vom Käse aufstieg.
Während des Mahls sprachen die beiden über ihre gemeinsame Zeit, und öfters mussten sie lachen. Die anfängliche, traurige Abschiedsstimmung wich nun einer fröhlichen, beide dachten nicht traurig, sondern dankbar an die vergangene Zeit.
Der Gedanke, dass dieses Festmahl viel Geld gekostet haben musste, geisterte stets in Edwins Kopf herum, was seine Zuneigung zu Brahim noch einmal verstärkte.
Nachdem nichts mehr von den Lebensmitteln übrig war, waren beide sehr satt, wobei der Begriff „vollgefressen“ hier eher passte.
„Das war sehr lecker. Mensch Brahim, das wäre doch gar nicht...“ „Anscheinend war es doch nötig, deinem Appetit zufolge“ , lachte Brahim. „Aber pass auf, ich habe noch eine Überraschung für dich. Rate, was es ist.“
Solche Rätsel waren mit Logik eher selten zu lösen, deshalb sagte Edwin aufs Geratewohl: „Ein Nachtisch?“ „Nein“ , antwortete Brahim lachend, „ich glaube, den würden wir ja nicht mal mehr runterkriegen.“ „Da hast du auch wieder Recht. Nun, ist es vielleicht... ein Buch?“
Brahim schüttelte den Kopf.
„Daran hatte ich auch zuerst gedacht, doch bei deinem Lehrmeister wird es genug Schriften geben, die es zu studieren gilt. Denk doch mal scharf nach, was könntest du wirklich gut gebrauchen?“
Edwin wusste nicht, was Brahim meinte, um sich besser konzentrieren zu können, sah er auf seine Beine.
Die Hose hing an manchen Stellen schon in Fetzen runter, und auch seine Oberbekleidung zerfiel schon fast.
Da dämmerte es Edwin, er hob seinen Kopf, und er blickte direkt in ein Gebilde aus Stoff, welches ihm Brahim vor die Nase hielt.
„Neue Kleidung!“ , rief Edwin, „Mann, Brahim, das muss doch ein Vermögen...“ „Spar dir die Dankesreden, mein Lieber, probier es lieber an“ , unterbrach der Kartenzeichner ihn.
Gesagt, getan, und danach betrachtete sich Edwin ausgiebig in dem ziemlich kaputten Spiegel, den Brahim aus einer Schublade herausgekramt hatte.
Er trug nun ein grünes Hemd mit weißen Ärmeln, der Kragen war rot und ein wenig hervorgehoben. Man konnte ihn sogar zuknöpfen.
Die Hose war schwarz, und besaß an beiden Seiten große Taschen.
Auch neue Schuhe bekam Edwin, sie waren braun, und schmiegten sich an seine Füße an.
Alles in Allem sah Edwin, trotz seiner etwas fettigen Haare, die ihm nun schon bis weit unter die Schultern fielen, sehr schick aus.
„Ein feiner junger Mann bist du“ , bemerkte Brahim. „Ich dachte mir, das sei das passendste Abschiedgeschenk, da ich nicht weiß, ob Saturas schon eine Robe für dich hat. Und selbst wenn, wer weiß, was das für Lumpen sind.“
Edwin war überwältigt, obwohl die Kleidung eigentlich sehr einfach war und von vielen Bürgern getragen wurde, hatte er doch solche, für seine Verhältnisse sehr feinen Kleider nie besessen, bis zum heutigen Tage.
„Ich kämme mir am Besten noch meine Haare, dann sehe ich viel gepflegter aus.“
Edwin nahm seinen Knochenkamm aus dem Rucksack und lief hinaus zu einer Stelle im Meer abseits des Hafens, wo er sich das Gesicht und die Haare wusch, und seine Strähnen kämmte.
Schon bald kam er zurück.
Brahim, und auch nach einem Blick in den Spiegel Edwin, waren sehr von dessen neuem Erscheinungsbild beeindruckt.
Vor allem, dass sein Bartflaum nun schon ein richtiger Schnurrbart war, ließ ihn sehr männlich aussehen.
„Nun denn“ , sagte Brahim, „dann ist es wohl soweit. Du bist bereit zu gehen.“
„Ja“, sagte Edwin, und nahm seinen Rucksack.
„Deine Karte“ , begann Brahim wieder, „konnte ich leider nicht fertig zeichnen. Komm mich doch, wenn du mal Zeit hast, vielleicht ist das erst nach deiner Lehre, besuchen, dann habe ich sie sicher fertig.“
Edwin atmete tief ein, und sprach dann die Worte, die tief in seinem Herzen saßen, und sich nun zunächst mühsam, dann aber immer leichter bis zu seinem Mund hinausarbeiteten.
„Brahim, ich danke dir, dass du immer zu mir gestanden hast, und die Zeit mit dir war sehr schön, und vor allem lehrreich. Du hast so viel für mich getan, dass ich gar nicht weiß, wie ich dir das danken soll.“
„Bleib so wie du bist, unabhängig, neugierig, doch immer ein kleiner, kritischer Rebell. Das ist mir als Dank genug. Nun geh schon, Junge, lass uns das nicht in die Länge ziehen. Ich wünsche dir sehr viel Glück auf deinen weiteren Wegen.
Wir werden uns sicher nochmal treffen, schließlich...“ ,die letzten Worte sprachen beide gemeinsam, „...wohnen wir ja immer noch in der selben Stadt.“
„Genau, meinte Edwin. Auf Wiedersehen.“
Und ohne eine Erwiderung auf einen derartigen Abschiedsgruß zu warten, schritt der junge Mann aus dem Haus, schicke Kleidung an, den Rucksack auf dem Rücken, Hannas Decken unterm Arm.
Zielstrebig schritt er auf Hannas zweistöckiges Hotel zu, und trat ein. „Hallo“ , begrüßte er die Hotelbesitzerin.
„Guten Tag, werter Herr“, antwortete sie, „was kann ich für Sie tun? Möchten Sie ein Zimmer?“
Etwas verwirrt antwortete Edwin: „Nein, Hanna. Ich gebe nur die Decken zurück, die sich Brahim von dir geborgt hat, damit ich eine einigermaßen komfortable Schlafstatt habe.“
Die Augen der schon etwas älteren Frau weiteten sich, und sie bewegte ihren Kopf näher an Edwin ran. Dieser fand das ziemlich seltsam, doch auch ein wenig lustig, weshalb er das selbe tat.
„Aber... Edwin!“ „Ja, der bin ich.“ „Ja, du siehst ja... ich habe dich gar nicht wiedererkannt, so schick siehst du aus. Wie ein richtiger Mann. So schmuck!“ „Dankeschön“ , sagte Edwin geschmeichelt. „Du siehst aber auch toll aus.“ „Und ein Kavalier noch dazu!“ , erwiderte Hanna, was Edwin sogar ein wenig erröten ließ, weshalb er es vorzog, sich die kunstvoll gearbeitete Kerze anzuschauen, die auf der Theke lag, direkt neben dem Buch, in dem verzeichnet war, wer gerade im Hotel wohnte. Da fiel ihm etwas Wichtiges ein.
„Sag, Hanna, wohnt Abuyin eigentlich noch hier?“ „Nein, er hat von einem Tag auf den anderen seine Sachen gepackt, und ist verschwunden. Sein Stand ist verwüstet. Machst du dir auch Sorgen?“ „Und wie. Er hat mir mal sehr geholfen, und auch schon vorher war er mir sehr sympathisch. Aber ihm wird wohl nichts zugestoßen sein, er weiß sich zu helfen.“
„Wollen wir’s hoffen.“ „Nun denn, ich muss dann wieder“ , sagte Edwin.
Er verließ das Hotel, und ging auf Saturas’ Haus zu, mit sehr langsamen Schritten. In wenigen Minuten würde ein neues Leben für ihn anfangen. Schon von Weitem sah er die Tür, an der er nur Klopfen zu brauchte. Alles schien in Zeitlupe zu sein, Edwin betrachtete das Haus, was ihm immer riesiger vorkam, es hatte immerhin zwei Stöcke. Dort war die Tür, an die er klopfen würde, und Edwin fühlte etwas weiches in seiner Hand, und erschrak.
„Oh!“
Nachdem er die Decken doch noch bei Hanna abgegeben hatte, und die beiden sich von ihrem gemeinsamen Lachanfall erholt hatten, ging der junge Mann nun etwas zügiger auf das Haus des Magiers zu, und klopfte an die Tür.
Edwin musste ein wenig warten, anscheinend war Saturas gerade im obersten Stock.
Der Wartende betrachtete das Geschehen auf dem Markplatz, der wirklich recht voll war.
Hier und da tratschten die Hausfrauen miteinander, oder lachten die Männer. Es wurde um Preise gefeilscht, teils auch heftig gestritten, doch am Ende wurden sich alle immer einig.
„Was für tolle Menschen“ , sagte Edwin, und er meinte es ehrlich. Heute war alles anders.
So bemerkte Edwin auch nicht, dass der Magier schon längst hinter ihm stand. Erst nach einem Husten von diesem war er sich dessen bewusst. Edwin drehte sich um. Im Gegensatz zu Hanna erkannte Saturas ihn sofort.
„Oh, Edwin, du hast dich also bereits entschieden?“ „Ja“ , antwortete dieser entschlossen, „ich will eine Lehre bei dir anfangen.“ „Gut, dann musst du eine kleine Aufnahmeprüfung bestehen.“ „Was?“ , fragte Edwin überrascht, „davon hast du aber nichts gesagt.“ „Das ist ja auch das erste mal, das ich so etwas verlange. Versteh mich nicht falsch, ich halte dich nicht für zu blöd oder nicht vertrauenswürdig, doch nach dem Fall mit Jared muss man Vorsicht walten lassen.“
„Verstehe. Was soll ich tun?“ „Bring mir eine Hand voll Blutbuchensamen. Diese Aufgabe war die letzte, die ich Jared aufgetragen habe, und er hat sie, wie ich eigentlich vorher hätte wissen können, nicht erfüllt.“ „Blutbuchensamen!“ , stieß Edwin aus.
Er hatte gelesen, dass sie absolut selten wären.
„Wo finde ich denn welche?“ , fragte Edwin hoffnungsvoll.
„Du weißt doch genau, dass ich es dir nicht so leicht machen werde. Aber Hilfe darfst du dir gerne nehmen, eigentlich hast du sie dir beinahe selbst gegeben.“
Der Magier blickte den jungen Mann vor ihm vielsagend an.
„Na gut“ , sagte Edwin wieder fest entschlossen, „dann werde ich dir welche besorgen“.
Er machte sich auf den Weg in Richtung Osttor, eigentlich ohne die geringste Ahnung, was Saturas mit seinem letzten Satz gemeint hatte. Ganz in Gedanken versunken stieß der junge Mann dann mit einem älteren Herren so fest zusammen, dass dieser umfiel.
Erschrocken und mit Schuldgefühlen im Bauch half Edwin dem Herrn sofort wieder auf, und überhäufte ihn gleichzeitig mit Entschuldigungen. „Es tut mir wirklich Leid, ich habe Sie nicht gesehen.“ Die recht unkonventionelle Anrede mit „Sie“ benutzte Edwin nur bei sehr, sehr alten Menschen. Dieser eine von ihnen, den er aus Versehen umgestoßen hatte, richtete sich nun auf, und wischte sich etwas Dreck vom Anzug.
Edwin befürchtete, dass er ihn gleich anschreien würde, doch stattdessen lächelte er ihn an und sagte: „Aber das ist doch kein Problem, Junge. Du hast dich ja auch sehr höflich verhalten. So manch Anderer in deinem Alter geht nicht so respektvoll mit anderen Menschen um. Doch sage mir, was ist es, dass dich so bedrückt, dass du nicht mal mehr darauf achtest, wohin du gehst?“ „Ich soll Blutbuchensamen besorgen, weiß aber nicht, woher.“
Der Alte schien kurz nachzudenken, seine faltige Stirn bewegte sich. Es sah lustig aus, und Edwin bemühte sich, sein drohendes Lachen in ein freundliches Lächeln umzuwandeln.
„Ich kann dir da nicht weiterhelfen, Junge, doch frag mal Zuris, der weiß Bescheid, und könnte dir weiterhelfen.“ „Vielen Dank, der Herr“, bedankte sich Edwin aufrichtig.
„Keine Ursache“, erwiderte der Alte und setzte seinen Spaziergang fort.“
Edwin beschloss, den Rat zu befolgen, und ging zu Zuris’ Stand, wo er diesen auffand, wie er seine Waren feil bot. Als der Kunde vor ihm gegangen war, war Edwin an der Reihe.
„Hallo“ , sagte Zuris. Edwin erwiderte den Gruß, und fragte gleich drauf los. Da er Zuris ein wenig kannte, verzichtete er auf das ungewöhnliche „Sie“ .
„Zuris, weißt du, wo ich Blutbuchensamen finden kann?“ „Hat Saturas dich geschickt?“ „Ja, woher...“ „Dieser Jared kam auch bei mir vorbei, weil er aber so unfreundlich war und mir sogar gedroht hat, habe ich ihm nicht geholfen. Dir hingegen helfe ich gerne. Blutbuchensamen wachsen meist an scharfkantigen Steinen, versuche es doch mal beim Weg, der zu Jacks Leuchtturm führt.“ „Vielen, vielen Dank, Zuris“ , sagte Edwin, und ging aus dem Osttor heraus.
„Was für wunderbare Menschen“, dachte er wieder, und das war es auch, was Saturas gemeint hatte, wie ihm nun dämmerte.
Nicht nur Edwin, sondern auch am Himmel dämmerte es.
Edwin hatte ganz das Zeitgefühl verloren. Zügig schritt er den Weg zu Jacks Leuchtturm auf und ab, dankbar dafür, dass sich keine Bedrohung in Form von Monstern oder Banditen dort befand.
Die Felsen am Weg bildeten bizarre Muster, hier hatte ein Brocken zwei dünne, säulenartige Fortsätze an der Oberseite, was ihm mit ein bisschen Fantasie das Aussehen eines Hasen verlieh.
An einem Felsen, der wie eine Axt geformt war, klebten an der linken „Klinge“ Blutbuchensamen, welche von Edwin freudig eingesammelt wurden.
Froh, die Samen trotz der fehlenden Aufzeichnung in seinem Kräuterlexikon gefunden zu haben, dank dem freundlichen Herrn und Zuris, machte er sich auf den Weg zurück in die Stadt.
Wenige Augenblicke später dort angekommen, klopfte er an die Tür des Hauses von Saturas, welcher diesmal schneller öffnete.
„Ich habe sie gefunden!“ , sagte Edwin freudig.
„Gut, gut“, sagte Saturas zufrieden, „Dann bist du jetzt mein Lehrling. Komm rein.“
„Hurra!“ , rief der neue Schüler des Magiers in einem fast schon kindlichen Freudentaumel, und folgte ihm nach Innen.
Edwin kannte die meisten Räumlichkeiten noch vom ersten Mal, doch nicht den Lehrlingsbereich im oberen Stock.
Dort befanden sich zwei Zimmer, die allein für ihn bestimmt waren.
Auf einem kleinen Holzflur, der von einigen Petroleumlampen beleuchtet wurde, gelangten sie in das Zimmer, das am weitesten rechts lag. Saturas öffnete die Tür, und Edwin war gespannt, was sich im Raum befand.
Innen sah es fast so aus wie in Saturas' Experimentierraum, nur dass hier alles etwas kleiner, und manche Sachen gar nicht vorhanden waren.
Boden und Decke waren aus solidem Eichenholz, ein kleiner Kronleuchter erhellte das Zimmer.
Links befanden sich ein paar Schränke mit Zutaten und Büchern darin, daneben stand ein Schreibtisch, rechts Arbeitsutensilien wie Reagenzgläser, Destillierkolben und dergleichen. Auch ein paar Fläschchen mit Beschriftungen waren dort in einem Wandregal, das ziemlich verstaubt aussah.
„Dies“ , begann Saturas, „dies ist dein Arbeitsraum. Hier ist der Schlüssel.“
Edwin nahm den metallenen Gegenstand entgegen und steckte ihn in seine Hosentasche.
Dann fuhr Saturas fort.
„Hier wirst du noch heute deine erste Aufgabe erledigen. Ich habe sie dir aufgeschrieben.“
Der Magier hielt dem Schüler eine Pergamentrolle hin. Dieser betrachtete sie ungläubig, und sagte dann: „Ich soll heute noch arbeiten? Du forderst mich aber ganz schön, könnte ich nicht erst...“ „Nein“, widersprach Saturas freundlich, aber bestimmt, „Du wirst den Schlüssel zu deiner Schlafkammer erst bekommen, wenn du die Aufgabe erfüllt hast.“
Ein wenig erstaunt nahm Edwin die Rolle entgegen.
Ja, das würde wirklich eine harte Zeit werden, aber er würde sie überstehen.
Saturas verließ den Raum, und schloss die Tür hinter sich, somit war Edwin ungestört.
Dieser stellte seinen Rucksack vorm Eingang ab, und setzte sich an den Schreibtisch, um sich an die Aufgabe zu begeben, trotz der Überraschung, noch an diesem Tag arbeiten zu müssen, hatte ihn der Ehrgeiz wieder gepackt.
Er entrollte das Pergament, und las.
Eine Aufgabe zur Übung
Da du immer mehr mit Zutaten forschen und experimentieren wirst, habe ich hier eine Aufgabe zur Übung. Die Blutbuchensamen die du gefunden hast, sollen in drei verschiedene Lösungen gelegt werden, in Moleraturin, Scavengerspeichel, und Sumpfwasser. Nach zwei Minuten beobachtest du dann die Reaktionen des Samens in der jeweiligen Lösung, und schreibst diese auf. Du fertigst also ein Versuchsprotokoll an. Feder, Tinte und Pergament liegen in der Schublade am Schreibtisch. Du darfst alles benutzen, sei aber bitte sparsam, und vor allem vorsichtig.
Edwin öffnete beschriebene Schublade, und fand die erwähnten Sachen vor, welche er auf dem Tisch positionierte, darauf bedacht, dass er das Tintenfass nicht umstoßen würde.
Was ihn zunächst stutzig machte, war die Frage, ob Saturas schon geahnt hatte, dass er die Samen bringen würde, denn die Aufgabe war ja darauf bezogen.
Oder war dies eine Standardaufgabe, die jeder Lehrling zu erfüllen hatte? Edwin glaubte das nicht, da der Magier bereits erwähnt hatte, wegen Jared ziemlich viel umgestellt zu haben, obwohl Edwins Aufnahmeprüfung auch einfach aus einer alten Aufgabe Jareds bestanden hatte. Die Tatsache, dass Saturas erwartet hatte, dass Edwin die Samen finden würde, war jedoch nicht zu bestreiten.
Beflügelt von dem Gedanken, dass Saturas Vertrauen in ihn hatte, machte er sich trotz Müdigkeit eifrig an die Arbeit.
Zunächst schrieb er „Versuchsprotokoll : Blutbuchensamen und ihre Eigenschaften“ als Überschrift oben auf das Pergament, und überlegte dann, was er alles brauchen würde. Als Materialien standen nun darunter: „Drei Blutbuchensamen, drei Reagenzgläser, Moleraturin, Scavengerspeichel, Sumpfwasser.“
Bis jetzt war alles sehr säuberlich aufgeschrieben, das würde Saturas sicher gefallen.
Der eifrige und vor allem ehrgeizige Schüler wandte sich nun zur rechten Seite des schmalen Raumes, und nahm sich ein paar Reagenzgläser, welche er in vorgesehene Halterungen platzierte.
Im Regal suchte er dann nach den drei, zugegeben recht widerlichen Flüssigkeiten, und fand diese auch schnell.
Jedes Reagenzglas füllte er nur zu einem Sechstel, sodass jeder Samen gerade noch bedeckt sein würde, schließlich sollte Edwin sparsam sein.
Mit einem Griff in die Tasche seiner neuen Hose zog er die Blutbuchensamen heraus. Er hatte fünf, also zwei zuviel. Sollte er noch zwei andere Flüssigkeiten...
„Nein“ , sagte Edwin nun zu sich selbst, „davon stand nichts in der Aufgabe.“
Mit dieser weisen, für ihn recht unüblichen Entscheidung deponierte er die zwei übrigen Samen lieber in dem Schrank mit den Zutaten.
Ein paar seltsam aussehende Kräuter befanden sich auch noch darin, doch er wollte sich lieber nicht ablenken lassen.
Stattdessen ging er zu den Reagenzgläsern und tat in jedes einen der drei Blutbuchensamen. Zu seiner großen Freude hatte er die Menge der Flüssigkeiten perfekt abgeschätzt.
„Das läuft ja schon fast zu gut“ , murmelte Edwin lachend, „aber warum sollte mir mal nicht etwas auf Anhieb gelingen?“
Während der Wartezeit verschloss Edwin schon mal die Flaschen, in der sich die Flüssigkeiten befanden, und stellte sie zurück ins Regal.
Dann nahm er sich ein Buch aus dem Schrank, der auch die Kräuter beherbergte. Das Buch handelte von einer Technik, Blutfliegen den Stachel zu entreißen. Unter anderem wurde verraten, was für Wirkungen der Stachel im Zusammenspiel mit anderen Zutaten haben konnte.
Nachdem Edwin glaubte, dass zwei Minuten um seien, legte er das Buch zurück in den Schrank, dann betrachtete er die Reagenzgläser und die Samen darin.
Der in dem Moleraturin hatte sich fast gänzlich aufgelöst, der in dem Scavengerspeichel zeigte keine Veränderung, und der im Sumpfwasser war aufgequollen.
Zufrieden mit dem Ergebnis schrieb Edwin es auch sogleich auf. Doch was sollte er nun mit den Flüssigkeiten und den Samen darin machen? Er entdeckte ein Rohr, was anscheinend hinters Haus führte, und war versucht, den Abfall dort hineinzukippen, doch im letzten Moment beschloss der Lehrling, lieber seinen Meister zu fragen. Er hatte schon gemerkt, dass er seinen Eifer ein bisschen zügeln musste, um ein guter Lehrling zu sein.
“Besser einmal zu viel gefragt, als einmal zu wenig.“ , sagte Edwin.
Er rief Saturas, und schon nach kurzer Zeit war der Magier da.
„Ich bin fertig“, verkündete Edwin stolz, und reichte Saturas das Versuchsprotokoll.
„Sehr gut“ , erwiderte Saturas.
„Die beiden übrigen Blutbuchensamen habe ich in den Schrank getan“ , berichtete Edwin, „Doch was soll ich mit den Flüssigkeiten nun machen?“ „Kipp sie dort in das Rohr, welches hinter mein Haus führt.“ „Oh. Das dachte ich mir schon, doch ich war mir nicht sicher, ob das richtig ist. Deshalb wollte ich dich erst fragen.“ „Sehr vernünftig. Nun, hier ist der Schlüssel zu deiner Schlafkammer. Wenn ich das Protokoll bis morgen gelesen habe, werde ich dir beim Frühstück sagen, wie ich es fand, und was es zu verbessern gilt.“
Nachdem Saturas Edwin den Schlüssel übergeben hatte und wieder verschwunden war, kippte Edwin die Flüssigkeiten mit den gebrauchten Samen in das Rohr, wie ihm geheißen.
Durch ein kleines Fenster, das er erst jetzt entdeckte, beobachtete er, wie der Abfall auf den Boden auftraf. Dieser war an manchen Stellen verbrannt, an anderen schossen die Gewächse nur so in die Höhe, an einer weiteren war die ganze oberste Schicht weggeätzt, sodass eine massive Steinschicht hervorkam. Edwin vermutete, dass Saturas diese absichtlich dort platziert hatte, damit die Flüssigkeiten nicht so leicht durchsickern konnten. Und wenn, dann wurden sie wenigstens vorher gefiltert, sodass sie für das Grundwasser ungefährlich waren. Irgendwas in Edwin allerdings ließ ihn daran zweifeln.
„Naja, Saturas wird hoffentlich wissen, was er tut.“ , sagte Edwin zu sich selbst, und bemerkte nebenbei, dass er beim Arbeiten häufig mit sich selbst sprach.
Nun entdeckte Edwin auch die Pumpe im Hinterhof, von dort bezog das Haus wohl sein Wasser. Perfekt, um für Wasser nicht zum Meer, und für Trinkwasser nicht zum nächsten Brunnen laufen zu müssen.
Edwin wandte sich vom Fenster ab, und entdeckte nun den Wassereimer, der neben dem Tisch mit den Reagenzgläsern auf dem Boden stand. Mit dem Wasser wusch er die benutzten Gläser gründlich aus, auch seine Hände wusch er, und auch diese Flüssigkeit kippte er dann weg.
Danach stellte er die Gläser zurück in die hinteren Halterungen, direkt über eine Schublade mit Korken darin.
Morgen würde er sich neues Wasser mit Hilfe der Pumpe holen.
Auch am Schreibtisch schaffte er Ordnung, doch den Aufgabenzettel warf er nicht weg, er plante, die Rückseite noch als Schmierzettel zu nutzen, denn schließlich war Sparsamkeit eines der obersten Gebote im Haus des Magiers.
„Eigentlich vernünftig, denn auch wenn man nicht in Armut lebt, kann Sparsamkeit, wenn sie nicht übertrieben wird, nur vernünftig sein“ , erkannte Edwin, und beschloss, sich diese Lektion gut einzuprägen, vielleicht war dies ja noch einmal nützlich.
Erst nachdem alles aufgeräumt war, bemerkte Edwin, wie müde er war. In seinem Arbeitseifer hatte er das nicht gemerkt.
Er nahm seinen Rucksack, hatte Mühe, die Tür zu verschließen, da er vor Müdigkeit seine Feinmotorik nicht ganz im Griff hatte.
Als das Experimentierzimmer endlich abgeschlossen war, ging er zu seiner Kammer.
Ohne Umschweife schloss Edwin die Tür auf und stellte sein Gepäck im Zimmer ab.
Er sah es sich überhaupt nicht richtig an, sondern ließ sich auf das Bett fallen, und schlief ein, sodass er sich nicht mehr entkleiden konnte.
Last edited by John Irenicus; 27.05.2012 at 15:36.
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Kapitel VIII : Des Nachts
Ein beißender Qualmgeruch ließ Edwin hochschrecken, im Zimmer war es taghell. Von einem richtigen Zimmer konnte allerdings bei weitem nicht die Rede sein, denn Saturas hatte es wie eine Höhle ausgestattet.
Von der Decke hingen Stalaktiten herab, an den Wänden hingen vier Fackeln.
Edwin war wohl so müde gewesen, dass ihm dies gar nicht aufgefallen war, dabei sah es sehr seltsam aus, da dieser Raum, oder eher diese Höhle, die auch einen harten Steinboden besaß, ziemlich klein ausgefallen war.
Noch im Halbschlaf stand Edwin auf, er wankte, konnte sich aber noch am hölzernen Nachttisch abstützen, um nicht zu fallen.
Er schaute an sich herunter, und erblickte seine weiße Unterhose. Zufrieden ging er zur Tür, um nachzusehen, woher dieser Geruch kam. Dann erschrak er.
Wo war denn nur seine Hose abgeblieben?
Ein kurzer Blick durchs Zimmer half auch nicht, doch vielleicht brannte es ja irgendwo, und er hatte schon genug Zeit verloren.
Also ging Edwin auf den Flur, und sah entsetzt zu, wie sich ein dichter Rauch unter der Tür zum Experimentierraum gebildet hatte, der sich langsam im Flur verteilte.
Was war los? Edwin hatte doch schließlich alles ordentlich aufgeräumt, hatte er etwa einen Fehler begangen?
Er rannte zur Tür, schloss sie auf, und trat einen Schritt in den Raum.
Der Tisch, auf dem der Destillierkolben stand, war in Flammen aufgegangen.
„Oh nein!“ , rief Edwin aus. „Saturas! Saturas!“ , schrie er, und überlegte dann, was er tun sollte.
Wie der Tisch Feuer gefangen hatte, das wusste er nicht, er hatte den Kolben ja auch gar nicht benutzt.
„Saturas!“ , schrie er noch mal, und packte dann kurzerhand eine Flasche aus dem Regal, und goss die Flüssigkeit auf den Tisch, in der Hoffnung, ihn zu löschen. Stattdessen gab es eine Stichflamme, und das Feuer breitete sich noch weiter aus.
„Mist!“ , rief Edwin, und schaute sich das Etikett des Fläschchens an. „Lampenöl“ , las er laut vor. „So ein Mist, ich hätte das vorher lesen sollen! Saturas!“
Was war denn mit dem alten Magier los? Wie lange brauchte er denn?
Hilflos musste Edwin zusehen, wie das Regal mit den Flüssigkeiten ebenfalls anfing, zu brennen. Sämtliche Flaschen vielen runter, einige zerbrachen, und zischend stiegen Dämpfe auf, während das Feuer immer größer wurde.
„Der Wassereimer!“ , rief Edwin laut, und setzte noch ein flehendes „Saturas!“ dahinter.
Als er in den Eimer blickte, sah er nichts als gähnende Leere. Jetzt fiel es ihm ein. Er hatte das Wasser doch zum Auswaschen der Reagenzgläser gebraucht.
„Verdammt, ich hätte sofort neues holen sollen! Doch noch ist es vielleicht nicht zu spät!“
Als sogar die Holzdecke langsam anfing, in Flammen zu aufzugehen, lief Edwin von Panik ergriffen auf den Flur, und da der Magier immer noch nicht hochgekommen war, beschloss er, zu ihm runter zu gehen.
Er rannte auf die Treppe zu, doch dann rutschte er aus.
Auf seinem Hinterteil, das immer noch lediglich mit einer Unterhose bekleidet war, schlitterte er auf die Treppe zu, und fiel.
Er fiel, und fiel, schien endlos zu fallen, doch der Boden näherte sich ihm mit rasender Geschwindigkeit. Er konnte bereits die Maserung des Holzes erkennen.
Gleich war es soweit, gleich...
Edwin schrak hoch, er hatte geträumt. Er war nicht schweißgebadet, was ihn sehr freute, da er ja noch seine ganze Kleidung anhatte.
Um sich dessen sicher zu sein, befühlte er sein Bein. Als er den rauen Stoff an seinen Fingern spürte, atmete er erleichtert auf. Alles war gut, alles nur ein Traum. Trotzdem wollte er sich vergewissern, ob im Experimentierraum wirklich alles in bester Ordnung war.
Er tastete nach dem Nachttisch, auf dem er einen Kerzenleuchter fand. Dann ging er behutsam zu seinem Rucksack, und kramte die Streichhölzer aus der Seitentasche heraus.
Als er sie endlich gefunden hatte, nahm er eins heraus, und zündete die fünf Kerzen des Leuchters an. Der Raum, der recht klein war, wurde dadurch sehr gut erhellt.
Edwin nahm sich einen Moment Zeit, ihn sich anzusehen, da er dies ja bei der ersten Gelegenheit versäumt hatte.
Das Bett, auf dem er lag, sah recht schäbig aus, doch im Gegensatz dazu hatte er recht gut geschlafen. Der Rahmen war aus leichtem, hellem Holz gefertigt, ebenso wie der Nachttisch, der, von der Tür aus gesehen, in der linken hinteren Ecke stand, direkt vor, oder hinter, je nachdem wie man es sah, dem Kopfteil des Betts.
Gegenüber, an der rechten Seite des Zimmers, befand sich ein leeres Regal, daneben einige Tische, darunter auch ein Schreibpult. In der rechten hinteren Ecke befand sich eine Kommode. Alle Schubladen waren leer. Edwin machte sich schon Pläne, wo er was von seinem Besitz hinstellen würde.
Das Regal würde er auf jeden Fall für seine Bücher nutzen, und falls er später noch weitere besitzen sollte, fänden sie dort noch eine Menge Platz. Außerdem wollte Edwin seine Kleidung vorm Schlafengehen ab jetzt in der nett verzierten Kommode verstauen.
Die Streichhölzer legte er auf den Nachttisch. Er entdeckte auch hier ein Fenster, das genauso ausgerichtet war wie das im Experimentierraum. Er schaute kurz hinaus, und sah, dass es bereits angefangen hatte hell zu werden.
Er wandte sich ab, und ging nun leise auf den Flur, den Kerzenleuchter fest in der linken Hand. Doch dies war gar nicht nötig, denn der Flur war erhellt, die Deckenlampe brannte immer noch. Beim genaueren Hinsehen entdeckte Edwin etwas an ihr – sie musste magisch sein, da er weder Öl noch überhaupt eine wirkliche Flamme ausmachen konnte.
Im Experimentierraum bemerkte Edwin dann, dass auch der Kronleuchter dort verzaubert war.
Er beschloss, Saturas beim Frühstück zu fragen, wie er das gemacht hatte, und ob man sie auch steuern konnte, an- und auszugehen. Für sein Zimmer wäre so etwas recht nützlich.
In Edwins kleinem Labor war alles in bester Ordnung, deshalb verließ er es.
Er verschloss die Tür, und wollte wieder in seine Schlafkammer, als er doch tatsächlich auf dem Holzboden des Flurs ausrutschte.
Nun war alles wie im Traum, mit dem Hinterteil, das diesmal dankenswerterweise mit der Hose bekleidet war, schlitterte er die Treppe hinunter, Stufe für Stufe.
Unten kam er mit einem großen Knall an.
Mit pochendem Herzen untersuchte er sich selbst auf Verletzungen, er hatte jedoch Glück gehabt.
Ein weiteres lautes Geräusch ließ ihn aufschrecken.
Saturas war aus seiner Schlafkammer gekommen, in der Hand ein Gebilde aus Messing, in dem eine einzelne, weiße Kerze befestigt war. Die ganze Konstruktion hatte am Messingteil noch einen kleinen Ring, um das Festhalten zu erleichtern.
Auch Edwin hatte den Kerzenleuchter noch in der Hand, und so konnte er Saturas genau erkennen, weshalb er einen gewaltigen Lachanfall unterdrücken musste, trotz seiner Schmerzen am Steißbein.
Saturas trug keine blaue Robe mehr, sondern ein ausgeblichenes blaues Nachthemd, welches ihm bis über die Knie reichte. Dazu trug er an den Füßen blau gefärbte Schuhe, deren Spitzen am Ende aufgerollt waren. Seine Kopfbedeckung sah ebenfalls sehr komisch aus, auf einem weichen wolligen Gebilde war oben ein länglicher Teil desselben Stoffs angebracht, der bis zum Hals des Magiers runterhing, und an dessen Ende sich ein Wollpuschel befand. Auch diese seltsame Schlafmütze mit Zipfel, wie man sie vielleicht nennen konnte, war vollkommen in blauer Farbe gehalten.
Saturas sah wirklich furchtbar witzig aus, doch ihm war gar nicht nach Lachen zumute.
„Was fällt dir eigentlich ein, die Treppe herunterzufallen? Hättest du das nicht wenigstens leise machen können?“
So langsam fragte Edwin sich, ob sein Meister nicht ein wenig spinne, doch artig entschuldigte er sich: „Ich hatte einen Traum, und wollte dann, da ich beunruhigt war, nochmal nachprüfen, ob alles im Experimentierraum in Ordnung ist. Das war es, und auf dem Rückweg in meine Kammer bin ich dann ausgerutscht.“ „Ja, ja, nun sei bitte wieder still, ich brauche meinen Schön... meinen Schlaf.“ Mit diesen Worten verschwand der seltsame alte Magier.
Edwin wartete mit dem Lachen, bis er wieder oben war. Nachdem er genug gelacht hatte, löschte er das Licht, und schlief wieder ein, mit dem Gedanken an Saturas, und dem wirklich amüsanten Schlafanzug.
Last edited by John Irenicus; 16.06.2012 at 15:13.
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Kapitel IX : Eigenheiten
Edwin wurde von den ersten Sonnenstrahlen, die durch das Fenster in die Schlafkammer fielen, geweckt, er hatte also nicht lange geschlafen, da es bei der Begegnung mit Saturas schon gedämmert hatte.
Wieder musste er unwillkürlich lachen, er hoffte, es wenigstens beim Frühstück unterdrücken zu können.
Wann wurde überhaupt gefrühstückt?
Edwin war sich nicht sicher, ob er warten sollte, bis Saturas ihn rief, oder selbst runtergehen sollte.
Vorerst jedoch stand er erst einmal auf, und ordnete sein Bett. Dabei bemerkte er, dass er immer noch vollständig angezogen war, dabei wollte er doch seine Alltagskleidung vor dem Schlafengehen in der Kommode verstauen.
Mit den Händen versuchte er sein Hemd zu glätten, es gelang ihm einigermaßen.
Seinem Rucksack entnahm er den Knochenkamm. Er blickte sich im Zimmer um, und dann entdeckte er doch tatsächlich einen Spiegel in der linken vorderen Ecke des Raumes, den er bisher übersehen hatte.
Die Haare waren schnell gekämmt. Normalerweise war Edwin nicht so eitel, doch es schien ihm angebrachter, vor Saturas gepflegt zu erscheinen, außerdem hatte es ihm gefallen, wie Hanna ihn für einen fremden, feinen Mann gehalten hatte.
Nun beschloss Edwin, sich in seinem Zimmer endlich häuslich einzurichten.
Auf dem Nachttisch standen bereits der Kerzenleuchter und die Streichhölzer, das war gut so.
Die Kommode verschob er in die gegenüber liegende Ecke, direkt unter den Spiegel, dann legte er seinen Kamm darauf. Hier würde er sich morgens nun immer anziehen und ein wenig zurecht machen, sodass er wenigstens einen halbwegs akzeptablen Anblick bot.
Dann nahm Edwin die drei Bücher aus seinem Rucksack, sein kleines Kräuterlexikon, den Reiseführer und das Sachbuch über die Strafkolonie. Diese stellte er in das leere Regal an der rechten Wand. Er entdeckte auch die paar Kerzen, die er ebenfalls besaß – er legte sie auf den Nachttisch, direkt neben den Leuchter.
Das war es dann auch schon, Geld besaß Edwin nicht. Er beschloss, auch darüber mit Saturas zu sprechen, am besten beim Frühstück.
Frühstück.
Edwin kam in Versuchung, vor diesem Frühstück Brahim besuchen zu gehen, doch das sollte nicht sein. Er musste sicher schon bald unten bei Saturas sein, und ein Besuch beim Kartenzeichner würde sich vermutlich in die Länge ziehen, auch wenn er ihn vielleicht beim Zeichnen stören würde. Nein, dafür blieb später noch Zeit. Er könnte seinen Meister ja mal um freie Zeit bitten, obwohl er da wenig Hoffnung hegte.
Aber nun sollte er sich nach unten aufmachen, es war schon hell genug geworden, und Saturas war sicher schon wach – und ordentlich gekleidet. „Nein, nein“ , schalt Edwin sich selbst, „ich darf nicht mehr daran denken, sonst lache ich noch in seiner Gegenwart über ihn.“
Irgendwie verhielt er sich kindisch und sehr albern, doch es machte ihm nichts aus, sicher würden auch viele andere darüber lachen, wenn sie wissen würden, wie der Wassermagier nachts aussah, das hatte Edwin im Gefühl. Er selbst würde jedenfalls einen Teufel tun, das weiterzuerzählen, sonst käme er in die Küche des Selbigen – oder in Saturas Nachthemd und dessen unbequeme Schuhe.
„Schluss jetzt!“, sagte Edwin laut zu sich selbst. und entschlossen nicht mehr daran zu denken ging er aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Seine Kammer brauchte er ja nicht unbedingt abschließen.
Da Edwin wusste, dass links vom Eingang zum Haus Saturas Schlafkammer sein musste, da er am vorigen Abend von da gekommen war, schloss er diesen als Essraum kategorisch aus.
Direkt geradeaus von der Haustür aus lag Saturas' großer Experimentierraum, aus dem Edwin schon einmal die Tinte geholt hatte. Folglich musste das Frühstück in dem Raum rechts von der Treppe, den er noch nie betreten hatte, eingenommen werden.
Als er durch die offene Tür eintrat, erspähte er schon Saturas, wie er einen Tisch deckte.
Zwei Stühle standen dort direkt gegenüber, an jedem ein Teller, Besteck gab es nicht. Ein wenig Brot und Wurst lagen darauf, vermutlich würde der Magier gleich noch mehr holen.
Zu Edwins großer Erleichterung trug der Hausbesitzer seine blaue Robe, nicht das Nachthemd. Er erspähte weder einen seltsamen Hut, noch irgendwelche...
„Oh Nein!“ , sagte Edwin so leise, dass nur er selbst es verstehen konnte, trat ein paar Schritte aus dem Raum heraus, und presste sich schwitzend mit dem Rücken an die Wand. Er atmete schwer. Insgesamt sah es so aus, als hätte er einen Geist gesehen, oder eine schlimme Bedrohung. Eine Bedrohung war es wirklich, denn Saturas trug immer noch die Schuhe mit den aufgerollten Spitzen, und Edwin wusste nicht, wie er das morgendliche Mahl ohne zu lachen überstehen sollte.
„Zusammenreißen“ , sagte er zu sich selbst, „Reiß dich zusammen!“
Er konnte es seinem Meister ja auch nicht geradeaus sagen, dass dieser die Schuhe noch anhatte – er traute sich nicht, weil er befürchtete, Saturas würde zornig werden, und ein Lachanfall seitens Edwin würde nicht gerade zur Beruhigung beitragen.
„Sag doch mal, Edwin... was machst du da eigentlich?“ „Ich, äh... nun, die Sache ist die...“
Edwin, ganz erschrocken, geriet in Erklärungsnot, aber er konnte Saturas einfach nicht die Wahrheit sagen.
Aus Versehen streifte sein Blick die Schuhe seines Meisters.
Schnell erfand er eine Lüge, zu seiner Überraschung war sie sogar ziemlich glaubwürdig.
„Ich bin wieder ausgerutscht, und dann war da zum Glück diese Wand, an der ich mich festhalten konnte. In deinem Haus ist es sehr rutschig.“ „Es ist rutschig? Vielleicht bräuchtest du ja andere Schuhe.“
Vielleicht bräuchtest du ja andere Schuhe. Andere Schuhe. Andere Schuhe. Schuhe. Schuhe. Schuhe.
In Edwins Kopf hallte es wie ein nie enden wollendes Echo wieder, er biss sich auf die Innenseiten seiner Wangen, um nicht zu lachen.
„Nun komm“ , sagte Saturas, „Zum Schuhmacher kannst du später noch gehen, jetzt wird gefrühstückt.“
Edwin ließ sich mit sanfter Gewalt in den Raum zerren, mit dem Gedanken an Schuhe, und daran, dass es hier doch gar keinen Schuhmacher gab.
„Setz dich“ , sagte sein Meister, und wies auf einen der freien Plätze. Edwin tat, wie ihm geheißen, und betrachtete dann den Raum.
Zwei Fenster waren dort, eines wies auf den Hinterhof des Hauses, das andere auf die Straße. Man konnte einen Teil von Hannas Hotel sehen, wenn man den Kopf richtig neigte.
Der Raum bot auch einen Herd, doch er schien lange nicht mehr benutzt worden zu sein, ebenso wie die Pfanne darauf.
Ansonsten standen noch einige Schränke herum, in denen wohl das Geschirr gelagert wurde.
Als Edwin merkte, dass Saturas schon längst angefangen hatte, zu essen, tat er dies auch. Mit Erstaunen stellte er fest, dass dort nur sehr wenig auf dem Teller lag.
Na gut, dann würde das Frühstück wenigstens früh beendet sein.
Während des Essens konnte Edwin die Schuhe nicht sehen, da sie vom Tisch verdeckt waren, und immer, wenn er doch mal grinsen musste, senkte er seinen Kopf, und lächelte sein Brot an.
„Oh Edwin! Eine Eule! Hast du sie auch gehört?“
Eine Eule? Um diese Tageszeit? Und überhaupt, hier gab es nur sehr wenig Eulen, und die paar Tiere würden sich sicherlich nicht in einer Hafenstadt aufhalten. War sein Meister nun vollkommen übergeschnappt?
„Ähm, nein“ , antwortete Edwin wahrheitsgemäß.
Saturas wirkte erstaunt, und fragte: „Nein? Ja aber hörst du sie denn nicht schuh-huhen?“
Als Edwin spürte, wie er lachen musste, verschluckte er sich am Brot, und der Lachanfall wandelte sich in einen Hustenanfall um.
„Was ist los?“ , fragte Saturas, und sein Gegenüber blickte ihn mit erschrockenen Augen an. Was würde er jetzt wieder sagen?
„Ist es etwa die Wurst?“ , fragte der Magier besorgt, und fügte dann noch hinzu: „Ja, sie ist wirklich zäh wie eine Schuhsohle.“
Ein dumpfer Knall ertönte, gefolgt von einem klappernden Geräusch und noch einen, lauteren Knall.
„WILLST DU MICH EIGENTLICH VERARSCHEN? ZIEH DIR DOCH VERNÜNFTIGE SCHUHE AN, VERDAMMT NOCH MAL! IST DAS DENN SO SCHWER?“
Edwin reichte es nun.
Er war aufgesprungen, und hatte dabei mit der Faust auf den soliden Holztisch geschlagen, und Teller und Stuhl umgeworfen, gleichzeitig seinen Meister angeschrieen, dabei fielen Brotkrümel aus seinem Mund. Auch seine Hand, die er jetzt auf seinen selbigen schlug, konnte das Geschrieene nicht mehr ungesprochen machen, und auch nicht verhindern, dass der Tisch jetzt voller Krümel war.
Er erwartete eine gewaltige Standpauke von seinem Meister, wenn nicht sogar den Rausschmiss, die Entlassung als Lehrling, natürlich wegen seinem Geschrei, nicht den Krümeln.
Die Reaktion war wirklich ein wenig übertrieben gewesen, doch Edwin kam sich wirklich sehr veräppelt vor.
Eine Moralpredigt gab es nicht, stattdessen sagte Saturas nur fröhlich: „Geht doch“ , und verschwand aus dem Raum.
Was sollte das nun wieder? Hatte er denn etwa nicht verstanden, was Edwin gesagt hatte?
Dieser wischte zunächst die Brotkrumen vom Tisch, stellte den Stuhl wieder auf, und legte dann das Geschirr wieder ordentlich hin.
Als Saturas wieder kam, hatte dieser seine normalen braunen Schuhe an, ohne irgendwelche aufgerollten Spitzen oder sonstige „Verzierungen“ .
Der Magier setzte sich seelenruhig zurück an den Tisch, und lächelte Edwin an.
„Siehst du, das war doch gar nicht so schwer.“, sagte er.
„Du hast das absichtlich getan? Du hast dir absichtlich die Schuhe angezogen, um mich zu ärgern?“ „Nicht um dich zu ärgern, sondern um dir eine Lektion zu erteilen. Was hast du denn daraus gelernt?“ „Hüte dich vor den Schuhen?“ , fragte Edwin unsicher.
„Natürlich nicht. Denk doch mal nach!“
Das tat Edwin dann auch, und schon nach kurzer Zeit kam ihm eine gute Idee.
Er sagte: „Man sollte stets sagen was man gegenüber seinen Mitmenschen denkt?“ „Genau“ , sagte Saturas zufrieden, „sofern dies möglich und nicht zu frech, fies oder gemein ist. Anlügen muss man sich oft, sonst wäre ein Zusammenleben vermutlich undenkbar. Und auch ohne ein bisschen Humor wäre es das nicht, es hat mir furchtbaren Spaß gemacht, dich in die Verzweiflung zu treiben.“
Er fing an zu lachen. Edwin wollte zunächst wütend werden, doch im Nachhinein war das doch alles ziemlich lustig. Lachend stimmte er zu: „Ja, wirklich, die Idee mit diesen Schuhen, das war schon witzig.“ „Nicht wahr?“ , erwiderte Saturas noch lauter lachend, „Ich bin ganz alleine auf die Idee gekommen, meine hübschen Nachtschuhe bei Tag anzuziehen.“
Edwin verstummte so abrupt, dass er fast keine Luft mehr bekam, und schaute seinen Meister mit aufgerissenen Augen an.
Er hatte den Witz irgendwie missverstanden, und gedacht, die ganzen Schuhe wären der Scherz gewesen, doch... sein Meister war also doch ein Spinner.
Dieser merkte nun, dass Edwin nicht mehr lachte, und ihm schien etwas zu dämmern. Er hörte auch auf, und Stille trat ein.
Gelegentlich räusperte sich jemand, das Frühstück war schon längst verzehrt.
Edwin brach das Schweigen, indem er sich seinen Pflichten als Lehrling widmen wollte.
„Wie war das Protokoll?“ , fragte er erwartungsvoll, sicher, ein Lob dafür zu bekommen.
„Ganz gut“ , antwortete Saturas, und die Miene seines Schülers hellte sich merklich auf.
„Allerdings hast du deinen Namen nicht darauf geschrieben. Es ist nur ein kleiner formaler Fehler, aber dennoch. Der große Fehler war allerdings, dass du die Durchführung nicht beschrieben hast.“ „Was, aber wieso?“ , fragte Edwin, „Wieso soll ich die denn aufschreiben? Du weißt doch, was ich machen sollte.“ „Ja, und?“ , entgegnete sein Meister, „ich wusste auch schon vorher, was mit den Samen passieren würde, das ist aber nicht der Punkt. Das Protokoll soll auch verständlich für Außenstehende sein. Das ist wichtig, falls man wirklich mal etwas Neues entdeckt. Man muss es dann genau festhalten, so ist das nun mal.“
„Du hast Recht“ , stimmte Edwin zu. „Natürlich habe ich das, deswegen bin ich der Lehrer und du der Schüler.“
Edwin wusste, dass dieser Satz keinesfalls die Ausgeburt einer übertriebenen Arroganz oder Überheblichkeit war, sondern einfach nur eine logische Schlussfolgerung, und nahm ihn deshalb bereitwillig hin.
„Ich habe noch zwei Fragen“ , sagte er, „Erstens: Ich habe gesehen, dass manche Lampen hier die ganze Zeit leuchten, ohne dass du je Öl oder sonstiges nachfüllst, auch unterscheidet sich das Licht von dem normaler Lampen und Kerzen. Sind sie verzaubert?“ „Ja, das sind sie.“ „Wie machst du das? Und kann man das an- und ausgehen auch steuern?“ „Man kann sie auch steuern, ja, mit der Gedankenkraft. Nur der Verzauberer der Lampe kann dies.“ „Könntest du mir beibringen, wie ich mir auch so eine Lampe verzaubere?“ „Nein, vorerst nicht. Es ist ein sehr schwieriges Unterfangen, und wenn man nicht vorsichtig genug ist, könnte man dabei sogar umkommen. Der Spruch ist kompliziert, ebenso wie das Einspeisen der Energie in die Lampe. Schließlich soll der Zauber ja auch dauerhaft wirken. Aber an Magie wollte ich dich sowieso erst nicht ranlassen, deine alchemistische Ausbildung steht zurzeit im Vordergrund, ebenso wie ein paar andere grundlegende Dinge.“ „Na gut“ , sagte Edwin ein wenig enttäuscht, der Gedanke an eine eigene verzauberte Lampe hatte sich, zumindest für die nächste Zeit, für ihn erledigt.
„Zweitens?“ , fragte Saturas nach.
„Achja, du verpflegst mich zwar sehr gut, doch habe ich kaum eigenen Besitz, und auch das Frühstück war ein bisschen knapp. Wie sieht das mit dem Geld aus? Bekomme ich etwas von dir, oder wie läuft das?“
Sein Meister rümpfte ein wenig die Nase, Edwin befürchtete, ihn verärgert zu haben. Die Nase machte alle möglichen Bewegungen, und der abwegige Gedanke kam ihm in den Sinn, dass aus ihr gleich ein Goldstück fallen würde.
„Ha-Ha-Ha-Ha...“
Was war denn nun wieder los? Edwin war wieder kurz vorm ausrasten, beherrschte sich aber doch noch. Wie verschroben war sein Meister eigentlich? So langsam kamen ihm Zweifel auf, ob er wirklich etwas von ihm lernen könnte.
„Ha-Ha-Hatschi!“ Saturas hatte also geniest, und Edwin schämte sich, da er ihn wieder für verrückt gehalten hatte, dachte aber gleichzeitig an einen weiteren Scherz seines Meisters, wenn auch an einen sehr abgedroschenen.
„Nur ein wenig staubig hier.“ , sagte der Magier, „Also, wegen dem Essen kann ich dich beruhigen, bei mir wirst du dreimal am Tag eine Mahlzeit bekommen. Vorrausgesetzt, du erledigst deine Aufgaben sorgfältig und gewissenhaft, und bist zur rechten Zeit auch damit fertig.“
Die Augen des Schülers weiteten sich vor Erstaunen. Drei Mahlzeiten! Auch wenn jede nicht so riesig war, es war insgesamt doch sehr viel. An Essen würde es wohl nicht mangeln.
„Und wegen dem Geld: Von mir wirst du keines kriegen, es sei denn, ich schicke dich los um etwas zu kaufen. Also kein Geld, was dir zur freien Verfügung steht, es sei denn, du tust mir einen riesigen Gefallen.“
„Aber wie soll ich dann an Sachen kommen? Kleidung, Bücher? Ich meine, deine Bücher sind zwar auch ganz gut, nur dienen sie ja meist nur Forschungszwecken, und ein Buch zu leihen ist nicht so schön, wie es zu besitzen.“ „Ja, den letzten Teil kann ich gut nachvollziehen. Nun, die sinnvollste Methode, um an Geld zu kommen, ist es, für die Leute in der Stadt Aufträge zu erledigen. Aber um Zeit genug dafür zu haben, wirst du auch desöfteren auf dein Mittagessen verzichten, oder es runterschlingen müssen. Noch dazu musst du alle deine Aufträge in Hochgeschwindigkeit erledigen, da ich selbst die Zeit zum Essen knapp bemesse.“
Es stimmte, was Saturas damals angekündigt hatte: Er würde Edwin sehr hart rannehmen, und das tat er jetzt auch.
„Nun schau mich nicht so an! Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre, und du könntest dich freuen, so beschäftigt zu sein! Nicht viele Meister geben ihren Schülern soviel zu tun, um sie gut und gewissenhaft auszubilden.“
„Ja, du hast wie immer Recht.“ „Als Trost verrate ich dir auch einen guten Buchladen. Rupert, der ehemalige Lehrling von Matteo hat einen aufgemacht. Er hat sich ganz aus dem Lebensmittelgeschäft verzogen, im Büchergeschäft ist er sehr viel besser aufgehoben. Er hat seinen Laden dort, wo früher das Lagerhaus der Miliz war, also direkt neben seinem alten Stand.“
Edwin beschloss, das Mittagessen ausfallen zu lassen, um ein wenig Zeit zu finden, sich in Ruperts Laden umzusehen. Vielleicht würde er ein vielversprechendes Buch finden, und könnte beginnen, darauf zu sparen. Vielleicht hatte Rupert sogar eine Aufgabe für ihn.
Die Aufgaben Saturas' erhielt er auf einer weiteren Pergamentrolle, doch diese war etwas größer als die erste.
Erst als er vor dem Haus stand, las er sie.
Edwin, hier sind deine Aufgaben für heute:
1. Bringe mir einen Kronstöckel.
2. Besorge mir ein paar leere Flaschen von Constantino, wegen der Bezahlung ist schon alles geregelt.
3. Sammle drei möglichst kleine Dunkelpilze, und hole dir dann bei Zuris Fledermausblut, Wolfstränen und Sumpfgasdrohnengift, auch er wird wissen, dass ich dich geschickt habe. Im Experimentierraum wirst du die drei Dunkelpilze mit den Flüssigkeiten untersuchen, und ein Versuchsprotokoll anfertigen.
Edwin war sich sicher, dass dies nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen würde, und gut zu schaffen war.
Da der Marktplatz nahe war, plante er, zuerst die Sachen von Zuris zu holen.
Kronstöckel, das wusste er aus seinem eigenen kleinen Kräuterbuch, wuchsen meist in der Nähe von Steinkreisen. An dem bei Lobarts Hof würde sicher etwas wachsen, dort konnten sich auch Dunkelpilze befinden.
Edwin eilte zu Zuris, darauf bedacht, nicht wieder jemanden anzurempeln. Beim Stand angekommen, fragte der Verkäufer sofort: „Du hetzt ja hin und her wie ein Gejagter, Saturas nimmt dich wohl ziemlich hart ran, was?“ „Ja“ , antwortete Edwin, „mir bleibt ja nicht mal freie Zeit zum Geld verdienen. Ich bin übrigens hier, um die Sachen abzuholen.“ „Ahhh ja, das waren Fledermausblut, Wolfstränen und Sumpfgasdrohnengift, nicht? Hier, bitteschön.“ „Vielen Dank, Zuris“ , sagte Edwin, und wollte schon wieder los, als ihn der Händler noch einmal aufhielt.
„Warte, warte. Hier, nimm diese fünf Goldstücke, als kleine Sparhilfe. Ich sehe es nicht gerne, wenn noch junge Menschen nicht einmal ein klein wenig Spaß haben dürfen.“
Edwin war sehr erstaunt, als er das Geld entgegennahm, und zu den Fläschchen in seine Hosentasche steckte.
„Danke, Zuris. Vielen, vielen Dank!“ „Keine Ursache, ich verdiene ja schließlich genug“ , lachte Zuris, doch Edwin war schon halb wieder verschwunden.
„Ich sollte mir vielleicht einen, wenn möglich zwei Beutel beschaffen, denn soviel Platz bieten die Hosentaschen nun auch wieder nicht, und den Rucksack kann ich ja nicht immer rumschleppen“, sagte Edwin zu sich selbst.
Bei Bosper könnte er sicher so etwas bekommen, doch war da das Problem mit dem Geld. Sich nach den Preisen zu erkundigen konnte aber sicher nicht schaden.
Und fast gegenüber war ja auch Ruperts Buchladen.
Außerdem konnte Edwin den Weg an Constantino vorbei gehen, und sich die leeren Flaschen abholen.
Constantino lebte in einer eher kleinen Wohnung.
Alles war sehr eng, zwischen Alchemietisch und Bett stand nur eine Truhe, dazu gab es noch einen Buchständer, und das war auch schon alles.
Der uralte Alchemist werkelte gerade an besagter Truhe herum, als Edwin eintrat. Er drehte sich um, und fragte unfreundlich, und mit krächzender Stimme: „Was ist los? Was willst du?“
Edwin versuchte möglichst höflich zu sein, er hatte nämlich das Gefühl, dass mit dem Alten nicht gut Kirschen essen war.
„Ähm, guten Tag, Herr Constantino. Meister Saturas schickt mich. Ich soll mir von Ihnen einige leere Flaschen abholen. Würden Sie sie mir bitte geben?“ „Was hast du gesagt? Sprich lauter!“ , forderte der Alte ihn auf. „Oh nein“ , dachte sich Edwin, „der ist schwerhörig“ .
Er trat einen großen Schritt in den Raum hinein, beugte sich zu Constantino runter, und sagte mit lauter, und kräftiger Stimme: „Meister Saturas schickt mich, wegen den Flaschen!“ „Ja, du brauchst doch nicht so zu schreien, Junge!“
Innerlich vergrub Edwin sein Gesicht in seinen Händen, vor Verzweiflung. Diese wurde noch schlimmer, als sich herausstellte, dass der Alchemist auch noch vergesslich war.
„Welche Flaschen denn? Was für Flaschen?“
Geduldig antwortete Edwin: „Leere Flaschen, für alchemistische Zwecke.“ „Was? Nun flüster doch nicht so vor dich hin!“ „Leere Flaschen! LEERE FLASCHEN!“ „Achso, du brauchst deswegen aber doch nicht zu brüllen. Die Jugend von heute...“
Dann kramte Constantino weiter in seiner Truhe herum, und schien Edwin nicht weiter zu beachten.
„Was ist denn jetzt mit den Flaschen?“ , fragte er nochmals nach.
„Was? Achja, hier sind sie.“
Edwin steckte sie in seine Hosentaschen. Es war gut, dass es eine Hose mit so großen Taschen war, doch die Kapazität war nun endgültig ausgeschöpft, die Hälse guckten nämlich schon heraus.
Aber er hatte jetzt endlich die Flaschen, erleichtert stieß er einen Seufzer aus.
„Was? Hast du was gesagt?“ „Nein, NEIN!“ , wehrte Edwin ab, und verließ so schnell es ging die Wohnung, während Constantino Flüche über die Jugend von heute vor sich hin murmelte.
Auf dem Weg zu Bosper ärgerte Edwin sich, der schwerhörige und vergessliche Constantino hatte ihn unnötig viel Zeit gekostet.
Er beschleunigte seinen Gang noch einmal, und Bospers Laden war schon bald in Sicht, er bog links in das Haus ein.
Mehr bekam er dann nicht mit, denn er fand sich mit großen Schmerzen auf der Schwelle des Hauses wieder, er war mal wieder mit jemanden zusammengekracht, und hörte Bosper rufen: „WACHE! WACHE! SO ERGREIFT IHN DOCH JEMAND!“
Edwin spürte großen Ärger, und sah nun auch schon die Miliz auf sich zukommen. Wurde er jetzt etwa verhaftet, nur weil er jemanden angerempelt hatte?
„Zur Seite!“ , herrschte ihn der Milizionär an, woraufhin Edwin aufstand und zur Seite trat.
„So, Rengaru“ , sagte die Wache streng, „auf frischer Tat ertappt“ , und führte ihn ab, an Edwin vorbei.
Dieser wurde von Bosper sofort angesprochen.
„Dank dir konnte der Dieb nicht entkommen, er hat versucht, eines meiner besten Felle zu stehlen.“
Edwin rieb sich sein Bein, er war unglücklich gefallen, doch schien es keine schlimmere Verletzung zu sein. Auch die vielen zerbrechlichen Gegenstände in seinen Hosentaschen waren wie durch ein Wunder heilgeblieben.
„Wie kann ich dir nur dafür danken?“ , fragte Bosper.
Edwin wusste, dass es höflicher gewesen wäre, zu sagen, dass die gute Tat Lohn genug ist, doch da gab es etwas, was er sehr gut gebrauchen konnte...
Um zwei große Lederbeutel reicher, in dem einem die Sachen von Zuris und Constantino, im anderen die fünf Goldstücke, ging er hinüber zu Ruperts Buchladen, immer noch ohne sein Glück überhaupt richtig fassen zu können.
Das Geschäft war eher eine Holzbude, die notdürftig errichtet wurde, die Balken schienen achtlos aneinandergenagelt. Kunden mussten nicht reingehen, sondern wurden von Rupert bedient, der in der Hütte drinsaß, und sich durch eine Art Fenster vorne durchlehnte, eine schmale Theke war ebenfalls befestigt, innen wie außen. Sie erinnerte an eine Art Fensterbank.
„Hallo, Edwin!“ , begrüßte Rupert ihn freundlich. Sie hatten schon ein paar Mal miteinander gesprochen, aber sie kannten sich größtenteils vom Sehen.
„Hallo!“ , grüßte Edwin zurück. „Wie ich sehe, hast du einen Buchladen aufgemacht.“ „Ja. Aber er läuft nicht gerade gut. Ich weiß gar nicht, wieso.“
Edwin sah in den Laden hinein, die Bücher standen in Regalen.
Unter jedem Buch war ein weißes Etikett an der Brettkante angebracht, auf dem Autor und Titel des Buches standen. Es hörte sich alles sehr interessant an.
Da gab es zum Beispiel „Falsche Gedanken“ von Laidoridas, „Der Zorn der Toten“ von Stonecutter, „Das Schwert des Paladins“ von einem unbekannten Autor.
Auch sehr merkwürdige Titel las er, zum Beispiel „Eintopf“ von Laidoridas, oder „Gossip Anderthalb“ von einem gewissen Bärd. Edwin vermutete, dass dies alles Künstlernamen sein mussten. Auf seinen Büchern standen nicht mal Autoren drauf.
„Was kannst du mir denn empfehlen?“
Rupert dachte einen Moment nach, und holte dann drei Bücher aus dem Regal, welche er auf die Theke legte.
„Da hätte ich einiges! Hier zum Beispiel 'Kampf um Jharkendar' von Stonecutter, eine exzellente Erzählung über Piraten und Banditen, kostet allerdings auch 250 Gold.
Auch 'Der Orden' von Heinz kann ich dir ans Herz legen, kostet schlappe 150 Gold!
Und dann habe ich noch 'Orcsturm' von Cyco, sehr günstig für 100 Gold zu kriegen, ebenfalls eine sehr gute Geschichte!“
Die Rede klang ziemlich einstudiert, doch das störte nicht.
Edwin dämmerte es, warum so wenig Leute bei ihm kauften, die Preise waren nicht gerade niedrig. Natürlich, es war eine Heidenarbeit, Bücher zu kopieren, aber dennoch waren die Preise ein wenig zu hoch gegriffen.
„Die Preise sind ziemlich hoch, hast du nicht auch was für den kleineren Geldbeutel?“ „Hm... lass mich schauen.“
Rupert verschwand in die hintersten Ecken seines Ladens, bis er mit einem verstaubten und recht alt aussehenden, und dazu sehr, sehr dünnen Buch zurückkam. „Gilberts Tagebücher“ hieß es, obwohl es nur ein einziges mickeriges Buch war.
„Wie heißt der Autor, und worum geht es da?“
Rupert räusperte sich, um professioneller zu wirken.
„Nun, der Bericht stammt von einem gewissen Gilbert, keiner weiß aber wirklich, wer das ist und wo er ist. Vielleicht ist er ja schon tot. Aus einem Anhang geht aber hervor, dass nicht Gilbert, sondern jemand anderes das Tagebuch für ihn verfasst hat. Der Name steht auch darin, doch kann man ihn nicht richtig lesen, da ist zuerst ein J, dann wieder nichts, dann ein H und ein N – vermutlich lautet der Vorname John. Vom Nachnamen kann man nur zwei I und ein C erkennen.
Das Tagebuch ist also Gilberts Erfahrungsbericht über die Strafkolonie von Khorinis, zur Zeit der Barriere.“
Der Buchverkäufer schien zufrieden mit seiner kleinen Rede.
Edwin betrachtete das Buch genau.
Es war in recht schlechter Qualität, noch dazu sehr, sehr schmal. Vermutlich waren dort nur ein, mit etwas Glück zwei oder drei kleine Einträge drin.
Doch die Thematik der Strafkolonie interessierte ihn, und nach dem objektiven Sachbuch was er schon mehrmals gelesen hatte, war so ein Erfahrungsbericht doch genau das Richtige.
„Wie viel soll es denn kosten?“ , fragte er.
„Was gibst du mir dafür?“ , stellte Rupert eine Gegenfrage.
„Ich habe nur fünf Goldmünzen, reicht das?“ , fragte Edwin, und streckte seine Hand mit dem Gold aus.
„Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Buch!“, sagte der Händler und steckte grinsend das Gold in seine Tasche.
„Auf Wiedersehen“ , sagte Edwin, und nahm das Buch von der Theke. „Beehre mich bald wieder, Edwin“ , sagte Rupert, der sichtlich erfreut über das kleine Geschäft war.
Freudig über seine neue Lektüre blickte Edwin in den Himmel – und musste erkennen, dass es schon Nachmittag war.
Die Zeit war schnell vergangen, und er musste drei Dunkelpilze und einen Kronstöckel auftreiben, noch dazu das Versuchsprotokoll schreiben.
Obwohl „Gilberts Tagebücher“ einen auffallend, seltsam dicken Einband hatte, konnte er es ein wenig zusammenstauchen, sodass es in einen seiner Beutel passte. Dann lief er aus dem Südtor raus, direkt in Richtung Lobarts Hof.
Am Wegesrand sah er eine ganze Pilzkolonie, doch nur wenige Meter weiter lauerte ein Rudel Wölfe, welchem sich Edwin nicht unbedingt nähern wollte.
Als er das Grundstück Lobarts betrat, waren immer noch viele Bauern am Arbeiten. Sie schwitzten alle sehr stark, wohingegen Lobart nichts tat, außer das Geschehen zu beobachten.
Edwin ging an einem schuftenden Bauern mit dunkler Hautfarbe vorbei, dieser schwitze besonders. Er kam ihm irgendwie bekannt vor.
„Abuyin!“ , rief er aus.
Lobart beäugte ihn misstrauisch von weitem, unternahm aber nichts.
„Edwin!“ , entgegnete der Südländer.
„Was machst du denn hier? Warum bist du aus der Stadt weggezogen?“
„Du weißt doch sicher noch, wie ich Jareds Bande angedroht habe, ihnen ein Kraut in den Tee zu mischen, oder?“
Zum Zeichen, dass er sich noch daran erinnern konnte, nickte Edwin.
„Nun, ich habe es nicht gemacht, aber eines Morgens fand ich dann meinen Stand verwüstet vor.“ „Das habe ich auch gesehen“ , bemerkte Edwin, „ich habe mir Sorgen gemacht.“
Abuyin fuhr fort: „Jedenfalls war ich sehr geschockt, und noch mehr, als ich eine Nachricht dort gefunden habe. Sie war von Jareds Eltern, die mir 'ernsthafte Konsequenzen' angedroht haben, falls ich nicht verschwinden sollte. Ich hatte Angst, denn an die Stadtwache konnte ich mich nicht wenden. Die Eltern sind sehr einflussreich, kleine Leute wie ich haben keine Chance gegen sie, eigentlich kontrollieren sie die Stadt mit ihren Einflüssen. Ich bin dann jedenfalls über Nacht geflohen, 'Zu den Bauern' dachte ich nur, und hier bin ich. Wirklich gefallen tut es mir hier nicht, doch was will man machen?“ „Das tut mir sehr Leid“ , sagte Edwin, und er meinte es ehrlich, schließlich hatte der freundliche Mann ihn doch vor Jareds Bande gerettet.
„Und du, was machst du eigentlich hier?“ „Ich habe eine Lehre bei Saturas angefangen, und soll drei Dunkelpilze und einen Kronstöckel für ihn finden.“
Abuyin lächelte.
„Mit einem Kronstöckel kann ich dir nicht dienen, Freund, doch Dunkelpilze habe ich immer ein paar dabei. Ich habe mal versucht, aus ihnen Tabak zu machen, doch es schmeckt scheußlich. Hier, nimm drei.“ „Danke!“ , sagte Edwin, und nahm sie freudig entgegen, zu allem Glück waren es auch noch sehr kleine.
„Vielen, vielen Dank!“ , bedankte er sich nochmal, steckte die Pilze in die Tasche, und verabschiedete sich.
Es fing bereits an zu dämmern, deshalb ging er schnell zu dem Steinkreis hinter dem Hof.
Eine mystische Aura ging von ihm aus, hier war alles still, kein Tier machte einen Laut.
Edwin, an diesem Tage ganz der Glückspilz, fand einen Kronstöckel direkt neben einem Stein.
Er hatte ihn gerade gepflückt, da hörte er ein seltsames Geräusch. Alarmiert drehte er sich um, und blickte direkt in das Gesicht eines kleinen Feldräubers, welcher mit einer seiner sichelartigen Arme nach ihm schlug. Edwin sprang zur Seite. Ohne Waffe konnte er nichts ausrichten, und die Bauern waren zu weit entfernt.
Der Feldräuber machte eine Art Sprung nach vorne, doch Edwin konnte mühelos ausweichen, indem er einen Schritt nach links tat.
„Zu langsam“ , sagte er zu dem Feldräuber, sich bewusst, dass ihn das Monster ohnehin nicht verstehen würde.
Wie um Edwin das Gegenteil zu beweisen, sprang der Feldräuber nun noch einmal auf ihn zu, und diesmal konnte Edwin nur haarscharf ausweichen.
Er trat ein wenig zurück, und rutschte auf einem glatten Stein aus.
Der Feldräuber rannte gierig auf Edwin zu, und als er bei ihm war, holte er mit einer seiner Sicheln aus.
Um nicht von der scharfen Waffe erstochen zu werden, rollte sich Edwin weg, und verlor prompt den Halt.
Er rutschte einen Abhang runter, es staubte ein wenig, doch er war schnell auf einem Vorsprung angekommen. Er hatte sich nicht verletzt, und die Kleidung war auch noch ganz.
Den anderen Abhang verließ er springend, und schon war er wieder vor den Toren der Stadt, dem Feldräuber endgültig entkommen, weshalb das Gefühl der aufkommenden Panik in seiner Brust wieder verebbte, und sich sein Adrenalinspiegel wieder normalisierte.
Der Weg nach Hause gestaltete sich recht unspektakulär, ebenso wie das Anfertigen des Versuchsprotokolls.
Um sicherzugehen, nichts vergessen zu haben, betrachtete Edwin es nochmal genau.
Versuchsprotokoll: Dunkelpilze und ihre Eigenschaften
Materialien: Drei Dunkelpilze, Fledermausblut, Wolfstränen, Sumpfgasdrohnengift.
Geräte: Drei Glaskolben
Durchführung: Die drei Flüssigkeiten in die Kolben gegossen, in jeden einen Dunkelpilz. Warten.
Ergebnisse: Nach zwei Minuten Wartezeit zeigt der Dunkelpilz im Fledermausblut eine rötliche Verfärbung, der in den Wolfstränen verschrumpelt, und der in dem Sumpfgasdrohnengift ist vollkommen aufgelöst.
Erstellt von: Edwin, Lehrling des Wassermagiers Saturas.
Ja, das war gut, so konnte Edwin es lassen.
Nachdem er sich mühsam mit der Pumpe hinterm Haus Wasser beschafft hatte, räumte Edwin den Raum auf und verschloss ihn wieder.
Müde gab er den Kronstöckel, die leeren Flaschen und das Versuchsprotokoll ab, ebenso müde nahm er schweigend sein Abendessen ein.
Auch war er zu müde, um in seinem Zimmer noch zu lesen, weshalb er das Buch ins Regal stellte. Die Müdigkeit war wie immer sehr plötzlich gekommen, vermutlich hatte der Adrenalinausstoß bei der Begegnung mit dem Feldräuber sie verzögert.
Seine Sachen zog er aus, und die Lederbeutel an seinem Gürtel legte er auf die Kommode, während er seine Kleidung darin verstaute.
Nur in Unterhose bekleidet legte er sich ins Bett, und schlief ein mit dem Gedanken: „Denk daran, Edwin. Wenn du morgen angezogen aufwachst, ist es ein Traum.“
Last edited by John Irenicus; 16.06.2012 at 15:15.
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Womancier
Kapitel X : Lehrling und Meister
Ein Klopfen an der Tür weckte Edwin, doch diesmal war es kein Traum, da war er sich ziemlich sicher.
Schnell lief er zur Kommode und zog sich an, dann öffnete er die Tür.
„Ich dachte mir, ich sollte dich wecken, das Frühstück hast du nämlich schon lange verpasst.“
Erst nachdem Saturas ihn darauf hingewiesen hatte, bemerkte er aufgrund der Helligkeit, dass es schon längst Vormittag sein musste.
„Oh, dann muss ich heute wohl ohne Frühstück auskommen. Aber danke, dass du mich geweckt hast.“ „Ich will schließlich nicht, dass du den ganzen Tag verschläfst, da ich mir heute mal persönlich für dich Zeit genommen habe.“ „Kein Aufgabenzettel?“ , fragte Edwin erstaunt.
„Ganz richtig. Dein Protokoll hat mir gezeigt, dass du dir viel Mühe gegeben hast, es war gut. Die Flaschen von Constantino allerdings wiesen stellenweise ein paar Risse auf, weshalb zwei davon unbrauchbar waren.“
Edwin dachte sofort an den Zusammenstoß mit dem Dieb, und sagte zu seiner Verteidigung: „Es ist jemand in mich reingelaufen, und ich bin gestürzt. Davon werden die Schäden vermutlich kommen.“
„Nun denn, ich will nochmal darüber hinwegsehen, die Strafe hast du ja durch das eingebüßte Frühstück ohnehin schon bekommen.“
Edwin merkte, wie sich ein Knurren in seinem Bauch anbahnte, übertönte es jedoch mit einer Frage.
„Du sagtest, du unterrichtest mich heute persönlich, fangen wir jetzt gleich an?“ „Na aber selbstverständlich, hast du etwa geglaubt, ich lasse dich noch ein Stündchen schlafen? Kämm dich und komm dann runter in meinen Experimentierraum.“
Saturas verließ das Zimmer und ließ Edwin allein, welcher sich vor den Spiegel stellte um sich zu kämmen.
Dabei sah er, dass er mittlerweile schon einen recht dichten Bart am spitzen Kinn und auch im Rest der unteren Gesichtshälfte hatte. Er war zwar nicht so dicht wie der an der Oberlippe, doch stach er schon ein wenig hervor.
„Vielleicht sollte ich das Rasieren doch wieder anfangen“ , sagte Edwin, „so ein Vollbart ist nichts für mich. Aber so ein Ziegenbart, das wär doch was.“
Mit der Zeit hatte er viel mehr auf sein Äußeres geachtet als früher. Es hing vermutlich mit seiner Kleidung zusammen, und auch seinem neuen Status als Magierlehrling.
Da fiel Edwin ein, dass er als Lehrling nun auch ins Obere Viertel konnte, als Schüler eines Magiers erst recht.
„Wenn ich das Mittagessen sausen lasse, könnte ich...“
Wie um Edwin zu ermahnen, knurrte sein Magen laut und fast schon empört auf.
„Na gut, dann eben nicht.“
Er ging vorsichtig die Treppe herunter, die Stufen knarzten laut, und kündigten seine Ankunft in Saturas' Raum schon an.
„Du hast dir aber Zeit gelassen. Nun gut, setz dich hier an den Tisch.“
Saturas wies mit seiner rechten Hand auf den anderen, noch freien Stuhl. Nachdem Edwin sich gesetzt hatte, begann der Wassermagier mit einer Rede, die vorbereitet klang.
„Also, ich habe mir heute mal Zeit genommen, um dich persönlich zu unterrichten. Was w... Moment mal, denkst du, so könntest du was lernen? Hast du denn gar nichts zu schreiben dabei?“
Edwin war etwas verwundert, antwortete aber selbstbewusst: „Ich werde eben sehr gut zuhören.“ „So gut, dass wenn ich dich nachher abfrage, du alles richtig beantworten kannst?“
Nun war Edwin zu sehr verunsichert, und gab nach, Saturas beobachtete mit einem kleinen Lächeln, wie sein Schüler wieder nach oben lief, um Pergament, Schreibfeder und Tintenfass zu holen.
Als Edwin wieder vor ihm saß, diesmal mit den nötigen Unterlagen, fing er nochmal an.
„Nun, wie ich bereits sagte, habe ich mir heute mal für dich Zeit genommen, denn manches muss eben doch der Lehrer selbst lehren, nicht alles kann man sich selbst beibringen. Also... was weißt du über...“
Edwin vermutete, dass Saturas eine Frage über Kräuter stellen würde, er sah seine Chance gekommen, um richtig mit seinem Vorwissen zu glänzen. Es hatte sich also doch gelohnt, das Kräuterlexikon immer und immer wieder zu lesen.
„...Adanos und die anderen Götter?“ , beendete Saturas seinen Satz zu Edwins Verwunderung.
Religion? Davon hatte er nun wirklich gar keine Ahnung. Er mochte Religion nicht, und jetzt hatte er einen gläubigen Meister? Natürlich, er war schließlich ein Wassermagier, und daran hätte er vorher denken sollen. Aber dennoch, was hatte Religion mit seiner Ausbildung als Magier zu tun? Als er diese Frage laut aussprach, wurde Saturas ein wenig zornig.
„Ich habe nie behauptet, dass du ein reiner Magierlehrling bist. Du bist mein Lehrling, und die Religion gehört bei mir dazu – sieh dir doch nur mal die Feuermagier oder uns Wassermagier an! Unsere Götter geben uns Kraft, sie lenken das Geschehen in die richtigen Bahnen, um uns vor dem verderblichen Einfluss Beliars zu beschützen. Adanos erhält unser Gleichgewicht, und das ist dir egal?“
Edwin wollte seinen Meister nicht noch weiter verärgern, doch dieses Gerede wollte ihm einfach nicht gefallen, deshalb stellte er eine forsche Gegenfrage.
„Adanos erhält das Gleichgewicht? Sind es nicht die Menschen selbst, die dafür verantwortlich sind, was ist? Überhaupt alle anderen Kreaturen?“
Im Gegensatz zu Edwins Annahme, Saturas noch wütender zu machen, schien er sehr interessiert, und antwortete mit ruhiger Stimme: „Natürlich sind in erster Linie die Kreaturen selbst für ihr Handeln verantwortlich, deshalb wurde uns Menschen zum Beispiel ein freier Wille gegeben. Doch die Einflüsse der Götter sind überall. Sie haben diese Welt geformt, und formen sie noch, während wir leben. Ebenso wie es wir Menschen tun.“
Mit dieser Erklärung konnte sich Edwin schon ein wenig mehr zufrieden geben. Dennoch behagte es ihm nicht, über Religion zu reden. Es war ihm aus irgendeinem Grunde zuwider, der Gedanke daran, dass die Götter ein Spiel trieben, er ihrer Willkür ausgesetzt war.
Saturas riss seinen Schüler mit einer erneuten Frage aus den Gedanken.
„Wärst du denn wenigstens gewillt, ein wenig über die Götter zu lernen? Du musst sie ja nicht zwingend anbeten, doch ich sehe es als eine meiner Pflichten an, dich über sie aufzuklären.“
Was blieb Edwin denn auch anderes übrig? Außerdem, je schneller sie mit dem Thema Religion durch waren, desto schneller konnte er sich an die wirklich wichtigen Dinge begeben, wie Tränke brauen, oder auch Zauber wirken.
„Na gut“ , sagte er entschlossen, „legen wir los.“
Und so begann Saturas seine ausschweifenden Ausführungen über Innos, Adanos und Beliar, während Edwin aufmerksam zuhörte und sich gelegentlich Notizen machte, gewillt, etwas Positives aus der verwendeten Zeit herauszuziehen.
Es zog sich eine ganze Weile lang hin, und Saturas schien nicht müde zu werden zu erzählen, insbesondere seine Erzählungen über Adanos intonierte er so inbrünstig, dass auch Edwin sich die beeindruckende Wirkung der Worte eingestehen musste.
Wirklich begeistern konnte er sich nicht, aber wenigstens war seine Abneigung nicht mehr ganz so groß, das würde ihm bei seinem Zusammenleben mit Saturas sicher helfen.
„...und so konnte Adanos in seiner unermesslichen Weisheit wieder mal das Gleichgewicht der Welt erhalten.“ , beendete dieser den Satz, und fügte noch hinzu: „Ich denke, in Sachen Religion können wir für heute Schluss machen. Du scheinst aufmerksam zugehört zu haben, zeig mir doch mal deine Notizen.“
Edwin reichte sie ihm, und mit gewaltigem Stirnrunzeln, dass sich die Haut vor Konzentration nur so wellte, studierte der Magier die Aufzeichnungen.
„Er ist anscheinend ganz in seinem Element“ , dachte sich Edwin, während er geduldig wartete, bis Saturas wieder das Wort ergriff.
„Hm... du scheinst ja wirklich aufmerksam zugehört haben. Das ist lobenswert. Nun... warte mal einen Augenblick!“ Der Magier stand auf, und ging zu einem seiner Bücherregale. Geduldig wartete Edwin, während sein Meister nach etwas zu suchen schien.
Es verging einige Zeit, doch dann sagte er: „Ahh, ich hab’s.“ , und setzte sich zufrieden zurück an den Tisch, mit einem Buch in der Hand, das zwar sehr verstaubt war, sich jedoch in einem tadellosen Zustand befand. Es hatte einen sehr edlen Einband, der in einem sehr schönen und warmen Braunton gehalten war.
„Dies ist ein Buch, in dem sehr, sehr viele Geschichten über die drei Götter verzeichnet sind. Sie wurden von verschiedenen Autoren zusammengetragen, und viele sollen sogar wahr sein. Oft gibt es aber auch symbolische Geschichten, die einen tiefen Sinn haben, aus welchem man eine wichtige Lehre ziehen kann.“
Saturas machte eine kurze Pause um die Worte wirken zu lassen, dann fuhr er fort: „Wenn du mir versprichst, darin zu lesen, und bis morgen einen Aufsatz über die Götter, ihre Gesinnungen, Aufgaben und Beziehungen untereinander schreibst, schenke ich es dir.“
Der Wassermagier war wirklich ziemlich schlau, und noch dazu ein guter Menschenkenner.
Er hatte Edwin an seiner empfindlichen Stelle erwischt, seiner bibliophilen Neigung. Er liebte Bücher, und auch wenn dieses nicht gerade seine Lieblingsthematik behandelte, konnte er doch nicht widerstehen.
„Nun gut, ich nehme das Angebot an. Bis morgen habe ich den Aufsatz fertig.“
Die Miene seines Meisters hellte sich auf, und freudig sagte er: „Das ist doch mal ein Wort! Hier hast du das Buch, es soll ab jetzt dir gehören. Dass du sorgsam damit umgehen sollst, brauche ich dir ja nicht zu sagen, dessen bist du dir ja bewusst. Bring es hoch, und komm dann so schnell wie möglich wieder runter, ich mache uns Mittagessen.“ Wie vor Freude knurrte Edwins Magen auf, und Saturas musste lachen.
„Na gut, um deines ungefüllten Bauches willen werde ich mich auch beeilen.“
Nachdem Edwin seine Sachen nach oben gebracht hatte, und sein neues Buch liebevoll ins Regal geschoben hatte, lief er sofort wieder nach unten, da ihm schon ein betörend würziger Duft in die Nase ging, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Er setzte sich an den Tisch im Esszimmer, während Saturas noch in der Kochecke am herumwerkeln war. Das Ergebnis seiner Bemühungen servierte er dann in zwei Schüsseln.
Eintopf.
Es war Eintopf, doch nicht irgendeiner, er roch wirklich so wunderbar gut.
Als Edwin dann die erste Ladung mit dem Löffel in seinen schon ganz feuchten Mund beförderte, war er ganz hin und weg. Es schmeckte wirklich so lecker, daran konnte nicht nur sein Hunger Schuld haben.
„Meine Güte, das schmeckt ja wunderbar!“ , tat er seine Verzückung kund.
Saturas schluckte runter, und erklärte: „Das Rezept habe ich von der guten Thekla, von Onars Hof. Sie wollte es zunächst auf keinen Fall preisgeben, aber da ich in ihrem Namen zwei richtigen Grobianen von Söldnern eine Lektion erteilte habe, hat sie dann letzten Endes doch nachgegeben.“
Während des Essens sprach Edwin über seine gestrigen Erlebnisse in der Stadt, bei der Stelle mit Constantino musste auch Saturas ziemlich lachen.
Die gesamte Stimmung beim Speisen war sehr fröhlich und ausgelassen, und so langsam begann Edwin seine Zeit genauso zu genießen, wie die bei Brahim.
Auch über Brahim sprachen beide viel, und es stellte sich heraus, dass Saturas ihn ziemlich respektierte, vermutlich, weil er Edwin das Lesen beigebracht hatte, und noch dazu ein hervorragender Kartenzeichner war.
Durch das ausgiebige Gespräch entdeckten Edwin und Saturas ihre Gemeinsamkeiten, so mochte auch Saturas Bücher sehr gerne. Es war nun mehr eine Beziehung zwischen Mann und Mann, als zwischen Lehrling und Meister, denn die Essenszeit war so etwas wie ihre gemeinsame Freizeit.
Diese endete aber auch irgendwann, und nachdem Edwin geholfen hatte, den Tisch abzuräumen, begab er sich mit Saturas wieder in dessen Experimentierraum. Vorher jedoch holte sich Edwin wieder etwas zu schreiben.
Nun saßen sie sich wieder gegenüber, aber diesmal fing nicht der Magier mit dem Reden an, sondern Edwin, dem eine Frage auf den Lippen brannte.
„Ich habe ja bis jetzt nur ein paar Zutaten untersucht, aber mit wirklichem Tränkebrauen hat das ja nichts zu tun. Wann fange ich damit an?“ „Genau das wollte ich mit dir besprechen. Die alchemistischen Aufgaben, die ich dir bis jetzt erteilt habe, dienten lediglich dazu, dir die nötige Sorgfalt beizubringen. Vorhin hast du mir erzählt, dass du ein kleines Kräuterlexikon besitzt. Deshalb weißt du vermutlich über die Wirkungen einiger Kräuter Bescheid.“ „Ja, ich habe es oft und intensiv gelesen.“ „Aber wahrscheinlich ist dort nichts über exotischere Kräuter erklärt?“ „Nein, Blutbuchensamen zum Beispiel werden nicht aufgeführt.“ „Nun denn, dann werde ich dir die Eigenschaften der Exoten erklären. Doch zunächst werde ich dich mit einem Quiz abfragen, um zu sehen, wie fit du wirklich bist.“
Das freute Edwin, so bekam er doch noch die Chance, mit seinem Wissen zu glänzen.
„Na dann leg mal los.“
„Was bewirken Goblinbeeren, wenn man sie isst?“
„Sie schärfen die Sinne, sodass die Wahrnehmung verbessert wird.“
„Richtig. Nenne mir zwei Pflanzen, die die geistige Energie auffrischen.“
„Feuernessel und Feuerkraut.“
„Korrekt. Welche Pflanze bevorzugt feuchte, moderige Gegenden?“
„Sumpfkraut.“
Und so ging es eine ganze Zeit weiter, und Edwin konnte tatsächlich jede Frage richtig beantworten, bis auf die letzte.
„Welche Zutaten braucht man für das Brauen eines Heiltranks?“
„Das kann ich gar nicht wissen. Es steht nicht im Kräuterlexikon.“ „Das habe ich mir gedacht. Es ist nur ein Kräuterlexikon, das die Standorte und Eigenschaften der rohen Kräuter erklärt, nicht jedoch ihre Wirkung in einem Trank und in Verbindung mit anderen.“ „Ja, darüber weiß ich so gut wie gar nichts.“ „Das lässt sich ändern. Im Schrank in deinem Experimentierraum, dort wo sich auch die Zutaten befinden, liegt ein Buch mit dem Titel 'Alchemie für Anfänger – Die Grundlagen' . Ich möchte, dass du es zusätzlich zu deinen anderen Aufgaben genau studierst, ab und zu werde ich dir Fragen stellen. Auch schon morgen ein paar.“
Edwin war sich bewusst, dass er nun einiges zu tun hatte – doch das steigerte seinen Ehrgeiz nochmal, denn er kam seinem Ziel, endlich Tränke brauen zu dürfen um einiges näher.
Viel Zeit war vergangen, es war schon dunkel draußen, und das Abendessen stand an, welches eigentlich genauso verlief wie das Mittagessen, nur dass es leider keinen leckeren Eintopf mehr gab, sondern lediglich ein wenig Wurst und Käse, ohne Brot.
Aber auch damit konnte Edwin sich zufrieden geben, und ordentlich gestärkt ging er in seinen Experimentierraum, um mit Hilfe seines neuen Buches den Aufsatz über die Götter zu schreiben.
Es fiel im nicht schwer, da er nicht so müde war wie den vorherigen Abend.
Als er fertig war, las er nochmal kurz Korrektur, und befand das Schreiben für gelungen. Deshalb las er noch so lange in 'Alchemie für Anfänger' , bis er dann doch irgendwann müde wurde, sodass er erst sehr spät merkte, dass er die selbe Seite immer und immer wieder gelesen und dabei kein Wort verstanden hatte.
Er schloss wie immer die Tür ab, und ging in sein Zimmer. Die Tür zu seinem Zimmer ließ er immer unverschlossen, der Schlüssel war auch mehr als eine Art Symbol für den vorrübergehenden Besitz gedacht.
Edwin zog sich aus, und legte sich geschafft, aber glücklich ins Bett, und fiel schnell in einen erholsamen Schlaf.
Last edited by John Irenicus; 22.05.2010 at 23:40.
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Womancier
Kapitel XI : Kai Hansen
„Die Tür ist unverschlossen, und er wird wohl noch schlafen.“
„Bist du dir sicher, ich meine...“
„Mach dir keine Sorgen. Geh schon, dann bleibt das Überraschungsmoment erhalten.“
„Der wird sich vielleicht wundern.“
„Hehe, ja, mit so etwas hat er ganz bestimmt nicht gerechnet.“
Knarren und Knarzen von Holz drangen in Edwins Ohr, doch die Augen öffnete er nicht, er war noch ein wenig im Halbschlaf.
Vermutlich war es ja doch nur das Haus, das diese Geräusche verursachte, das Holz, das sich dehnte, sich zusammenzog und durchbog, es arbeitete.
Es war ja auch so schön warm unter der dicken Decke, so gemütlich.
Doch ständig war ein Körperteil unbedeckt, und stets zog er die Decke wieder zu sich heran, nur damit sie wieder weggezogen werden konnte. Es ging eine Weile so weiter, bis sie mit einem Schlag vollkommen weggezogen wurde.
„Hey! Lass es sein!“
Edwin war nun hellwach, die Kälte kroch in seinen Körper, es war schon einigermaßen hell im Zimmer. So konnte er nun auch erkennen, wen er da angefaucht hatte. Ein Vollbart, runzlige Stirn...
„Brahim!“ , rief Edwin, nun gar nicht mehr wütend, sondern sehr erfreut. „Was machst du denn hier?“ , fragte er hinterher.
„Dich besuchen, was sonst?“ , sagte Brahim ein wenig belustigt. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so schwer wach zu bekommen bist. Guten Morgen jedenfalls.“ „Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Brahim! Ich freue mich so, dass du Zeit entbehren konntest.“
„Das kannst du ja leider nicht, Edwin.“
Edwin schaute ihn an, meinte er etwa...?
„Schau mich nicht so an, das ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Nachdem was man so hört, ist Saturas ja kein Meister, der die Lehre seines Schülers schleifen lässt.“ „Ja, das stimmt in der Tat. Aber Saturas ist, trotz seiner Härte, meist freundlich, und ich lerne gut bei ihm.“ „Er hat auch einen guten Eindruck auf mich gemacht. Auch wenn er, als er mir die Tür geöffnet hat, komische Klei... - aber das ist ja auch egal, er scheint jedenfalls in Ordnung zu sein. Die Hauptsache ist, du fühlst dich hier wohl.“
„Oh ja, es gefällt mir hier gut, es ist ja auch alles so groß hier. Außerdem gibt es drei Mahlzeiten am Tag, wenn ich denn rechtzeitig da bin.“
Edwins Euphorie wurde ein wenig gebremst, als er in Brahims Augen etwas Undefinierbares aufblitzen sah.
Er ahnte, was der Kartenzeichner dachte, und setzte deshalb hastig nach: „Brahim, du brauchst nicht zu glauben, dass ein großes Haus und dreimal Essen pro Tag deine Gesellschaft ersetzen können. Ich habe dich immer noch sehr gern, und werde die Zeit bei dir immer in guter Erinnerung behalten.“
Anscheinend hatte Edwin das Funkeln in den Augen Brahims richtig gedeutet, denn dessen Miene hellte sich schlagartig auf.
„Dann bin ich froh, Edwin. Aber ich werde dann wohl auch wieder gehen.“ „Was? Nein, das musst du nicht! Ich frage Saturas einfach ob er mir frei gibt, und dann...“ „Nein, nein, Edwin, lass gut sein. Ich muss auch arbeiten, Kai hat eine Stadtkarte bei mir in Auftrag gegeben, eine spezielle, an jedem Haus soll ein Vermerk sein, wer darin wohnt. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen, aber er sagt, falls ich bis in drei Tagen fertig bin, zahlt er mir noch einen Bonus. Eine wirklich großzügige und tolle Person.
Und du, Edwin, du hast auch zu tun, ich möchte, dass du dich ganz auf deine Lehre konzentrierst, jetzt wo ich gesehen habe, dass hier für dein Wohl gesorgt wird.“
Edwin war ein wenig enttäuscht, doch er musste sich eingestehen, dass Brahim recht hatte.
„Na gut“ , sagte er, „ich ziehe mich aber eben an und begleite dich zur Tür.“
Rasch kleidete sich Edwin an und ließ es sich auch nicht nehmen, sich zu kämmen, dann ging er gemeinsam mit Brahim hinunter.
„Nun denn, ich wünsche dir gutes Gelingen.“ „Ich dir auch, Brahim.“
Der Kartenzeichner ging fort, und Edwin beobachtete, wie er zu einer Frau auf den Marktplatz steuerte, um sich wenig später mit ihr angeregt zu unterhalten.
Der Magierlehrling bedachte dies mit einem Lächeln, und schloss die Tür, dann ging er ins Esszimmer, um das Frühstück einzunehmen.
Es gab mehr zu essen als üblich, und als Edwin danach fragte, sagte Saturas nur: „Es war Brahims Idee. Ich erzählte ihm von deiner heutigen Aufgabe, und er meinte, ich sollte dir deshalb ein gutes Frühstück machen. Es war sein Wunsch, und ich wollte ihm diesen nicht abschlagen, zumal er auch recht hat.“
„Dankeschön auch an dich, Saturas. Hier, ich habe auch meinen Aufsatz über die Götter fertig.“
Er reichte dem Magier zwei Pergamentrollen.
„Schön, schön. Ich werde ihn mir durchlesen. Das Abfragen des Alchemie-Lernstoffs erledigen wir aber erst heute Abend.“
Nachdem sie fertig gefrühstückt hatten, half Edwin mit beim Abräumen und Säubern des Geschirrs, und fragte dann: „Was ist denn meine heutige Aufgabe?“ „Nun, ganz einfach – Besorge mir eine Sonnenaloe.“ „Und wo finde ich die?“ „Keine Hinweise, zumal ich das selber nicht genau weiß. Es gibt da eine bestimmte Stelle, aber das ist zu gefährlich. Versuche, diese Pflanze bei einem Händler zu bekommen. Sag, dass du dann den nächsten Tag mit der Bezahlung wiederkommen wirst, und dass ich dich schicke. Dann wird dir der Händler oder die Händlerin schon vertrauen.“ „Na gut, dann werde ich sofort losgehen.“ „Das ist sehr vernünftig.“
Edwin machte sich umgehend auf den Weg, das Finden einer Sonnenaloe konnte schließlich den ganzen Tag in Anspruch nehmen.
Als er draußen vor dem Haus stand, beschloss er, zunächst mal zu Zuris zu gehen, dieser hatte ihm schließlich schon einmal geholfen.
Zielstrebig ging er auf den Stand des Händlers zu, welcher ihn schon von weitem erkannte.
„Edwin“ , sagte er freundlich, „was führt dich zu mir?“ „Hallo Zuris“ , begann Edwin, „also, um es kurz zu machen: Ich brauche Sonnenaloe.“ „Sonnenaloe! Das ist eine sehr exotische Zutat. Ich wüsste nicht... aber doch, schau mal im Oberen Viertel. Dort könntest du daran gelangen, es ist schließlich eine ziemlich teure Pflanze.“
Edwin bedankte sich herzlich und verabschiedete sich, um dann in Richtung Oberes Viertel zu gehen.
Er wagte einen Blick auf Ruperts Buchladen, doch wollte er sich davon nicht aufhalten lassen.
Er besaß kein Gold, er konnte sich ohnehin keine der teuren Schriften leisten.
Er glättete sein Hemd, und schritt nun die Stufen zum Oberen Viertel hinauf. Auf der Plattform angekommen, wurde er sogleich von einer der Wachen angesprochen.
„Halt! Hier haben nur ehrenwerte Bürger von Khorinis Zutritt.“
Edwin atmete tief ein, und sprach dann mit lauter, fester Stimme: „Ich bin der Lehrling vom obersten Wassermagier Saturas. Lasst mich durch.“ „Aber natürlich, du bist der Lehrling von Saturas – das kann doch jeder behaupten!“ , sagte die Wache, und die andere fügte hinzu: „Dann zaubere doch was! Na los, beweise es uns!“
Edwin versuchte, immer noch selbstsicher zu klingen, doch es gelang ihm nicht so, wie er es gerne gehabt hätte.
„Magie steht noch nicht auf meinem Lehrplan. Aber glaubt mir, ich bin sein Lehrling!“ „Wir glauben dir kein Wort.“ „Aber ich BIN sein Lehrling!“
„Das stimmt, ich kann es bezeugen“ , ertönte eine seltsam, aber doch schön klingende Stimme von unten.
„Was kann Edwin für eure Unwissenheit? Ich kann bezeugen, dass er der Lehrling Saturas' ist, ich würde es sogar auf meine Ehre als Barde schwören.“
„Kai!“ , rief Edwin erfreut.
„Richtig“ , sagte dieser lächelnd, und fügte zu den Wachen gewandt hinzu: „Und nun lasst ihn durch.“
Die Wachen murrten, doch machten den Weg frei. Kai und Edwin schritten durch das Tor, und blieben erst bei der großen Kriegerstatue stehen.
„Vielen Dank, Kai! Warum warst du eigentlich in der Nähe?“ „Ich wollte mich ein wenig nach Neuigkeiten umhören. Doch was mich mehr interessiert, was möchtest du hier?“ „Wie du ja schon sicherlich weißt, bin ich Lehrling bei Saturas.“ „Oh ja, das weiß ich. Als Barde bekommt man viel mit, wenn man sich geschickt anstellt.“
Das glaubte Edwin ihm aufs Wort. Kai hatte eine so unglaublich sympathische Ausstrahlung, da konnte man ihm ja auch kaum einen Wunsch abschlagen. So gelangte er anscheinend ziemlich einfach an Informationen. Zudem schien er ja auch recht intelligent zu sein, dazu noch eine gesunde Portion Tollkühnheit.
Edwin fuhr fort.
„Nun, ich soll für ihn eine Sonnenaloe besorgen. Zuris sagte mir, ich könnte einen der Händler hier im Oberen Viertel fragen.“
„Nun, das verspricht interessant zu werden, oh ja. Vielleicht sogar Erzählstoff für eine neue Ballade, wer weiß? Ich denke, ich begleite dich, falls es dir nichts ausmacht, versteht sich.“
Edwin war außerordentlich froh, Kai dabei zu haben. Er würde sich sicher noch als ein nützlicher und vor allem sehr aufmunternder Weggefährte erweisen, da war er sich sicher.
„Natürlich! Ich würde mich sehr freuen, dich an meiner Seite zu wissen, Kai!“ „Nun, dann ist es ja klar. Ich würde vorschlagen, zunächst Salandril zu fragen, er ist der Alchemist hier im Oberen Viertel. Vielleicht weiß er mehr.“
„Gute Idee“ , sagte Edwin, und sie gingen Seite an Seite weiter. Im Gehen betrachtete er Kai verstohlen.
Der Barde trug einen kunstvoll gefertigten Langbogen über der Schulter, an einer Stelle waren seltsame Worte ins Holz hineingeschnitzt, sie lauteten „Heavy Metal Universe“ . Edwin beschloss, nicht danach zu fragen, irgendetwas hielt ihn davon ab.
Zu seinem Bogen trug Kai einen dünnen, sehr spitzen Degen an seiner Seite, der metallene Griff war vergoldet. Auf dem Rücken war, neben einem Köcher mit sorgfältig geschnitzten Pfeilen, seine Laute befestigt, mit der er sehr oft zu musizieren pflegte.
Heute war er ganz außergewöhnlich angezogen, ganz in schwarz, dazu einen dunklen Zylinder auf dem Kopf. Trotz der dunklen Kleidung sah er weder traurig noch böse aus, sondern sehr schick, und er wirkte wie immer sehr fröhlich.
Die langen blonden Haare passten zum Gesamtbild, stets umspielte ein kleines Lächeln sein Gesicht.
Von der Statur her war er eher schmal, sah schon beinahe zerbrechlich aus, doch er strahlte eine gewisse Wehrhaftigkeit aus, und im Kampf gegen Jared hatte er diese schon unter Beweis gestellt.
Insgesamt war Kai Hansen sehr beeindruckend, und hob sich von der ganzen Umgebung deutlich ab, was ihn auch ein wenig fehl am Platze wirken ließ, als wäre er nicht von dieser Welt.
„Wir sind da.“
Edwin wurde aus seinen Gedanken gerissen, er hatte gar nicht bemerkt, wie sie den kurzen Weg zu Salandrils Laden zurückgelegt hatten. Von außen sah das Gebäude sehr edel aus.
„Nun denn, dann gehen wir mal rein“ , sagte Edwin, und tat dies auch. Kai folgte ihm.
Von Innen sah das Haus nicht so schön aus wie von außen, es war klein, auf einer Theke waren viele Flecken vorhanden, überhaupt war der ganze Fußboden verschmutzt. Außer einem Tisch für alchemistische Zwecke befanden sich nur eine Kaminattrappe und eine Truhe im dunklen Raum.
Salandril schien gerade beschäftigt zu sein, er werkelte am Alchemietisch rum, und fluchte gelegentlich.
Da er die beiden nicht bemerkte, räusperte sich Edwin.
Salandril sah daraufhin auf.
Er war noch recht jung, doch seine Mundwinkel hingen weit nach unten, er kniff die Augen zusammen und rümpfte die Nase, sodass es aussah, als stäche ihm beständig ein beißender Geruch in die Nase.
„Warum störst du mich?“ , fragte er mit einem giftigen Unterton in der Stimme.
„Ich habe eine Frage...“ , begann Edwin, wurde jedoch sogleich vom Alchemisten unterbrochen.
„Dann stell sie woanders, ich habe zu tun.“
Salandril war anscheinend ein sehr unfreundlicher Mensch.
Kai hatte sich bis jetzt im Hintergrund gehalten, jetzt jedoch tat er ein paar Schritte vor und fragte: „Was hast du denn zu tun, Salandril?“
Der junge Alchemist hatte sich wieder über seinen Tisch gebeugt, sah jedoch sofort wieder auf, als die Stimme des Barden ertönte.
„Kai Hansen“ , sagte er, und die Züge auf seinem Gesicht wurden weicher, seine Stimme freundlicher und wärmer.
„Nun, was möchtet ihr beiden denn von mir? Wie kann ich helfen?“
Edwin konnte es kaum fassen, der eben noch so unfreundliche Alchemist war nun hilfsbereiter als je zuvor, Kai musste wirklich etwas ganz Besonderes an sich haben.
„Bekommen wir bei dir Sonnenaloe?“ , fragte der Barde höflich.
„Leider nein“ , antwortete Salandril wahrheitsgemäß, „sie ist sehr selten. Fragt doch mal Lutero, er handelt mit seltenen Gegenständen. Er müsste gleich da draußen sein, ihr werdet ihn schon finden. Es ist der mit der roten Überseehändlerkleidung und dem platten, weißen Gesicht.“
„Vielen Dank“ , sagten Kai und Edwin wie aus einem Munde, und während sie das Haus verließen, begab sich der Alchemist schon wieder an seine Arbeit, diesmal ohne zu fluchen.
„Du scheinst ja wirklich sehr beliebt zu sein, Kai.“
Der Barde schien nicht recht zu wissen was er sagen sollte, deswegen zuckte er nur mit den Schultern.
Edwin fiel die Sache mit der Karte ein, unter einem großen Baum, den er erst jetzt bemerkte, hielt er nochmal kurz an, und sprach Kai darauf an.
„Wozu brauchst du diese Karte, die du bei Brahim in Auftrag gegeben hast?“ „Ich als Barde bin gern unter Leuten, und muss auch wissen, wo sich die Personen befinden, damit ich Informationen einholen kann. Geschichten erfahren, das Leid der Leute anhören, ihnen vielleicht ein paar Ratschläge geben – und daraus dann wunderbare Lieder fertigen.“
„Was ist eigentlich mit deiner Familie?“ „Die kommt vom Festland – ich bin hierher gereist, als die Barriere fiel, um zu sehen, wie sich das alles entwickelt. Das ist ja schon ein wenig länger her, genau weiß ich nicht, wie es meinen Verwandten geht, aber es wird schon alles in Ordnung sein. Aber lass uns nun weitergehen, wir haben genug Zeit vertrödelt.“
Sie gingen weiter, und auf einer Bank sahen sie einen Mann sitzen, der genau auf die Beschreibung Salandrils passte. Besonders die plattgedrückte Nase fiel auf.
„Lutero?“ , fragte Edwin.
„Ah, ein Kunde... sogar zwei! Du musst Kai Hansen sein!“ „Ja, das ist er“, antwortete Edwin knapp.
„Lutero, hast du Sonnenaloe im Angebot?“ „Da muss ich dich enttäuschen“ , antwortete der Händler, „das letzte Mal, als ich eine hatte, ist schon mehrere Jahre her. Ich könnte dir frühestens eine in vier Tagen anbieten, wenn alles gut geht, und mein Sammler Erfolg hat.“ „Nein, das dauert entschieden zu lange“ , erwiderte Edwin, „ich brauche sie noch heute. Weißt du, wer eine im Angebot haben könnte?“
Lutero überlegte kurz, antwortete dann aber: „Nun, hier in der Hafenstadt wohl keiner. Es liegt ein bisschen weiter weg, aber Sagitta, die Kräuterhexe, könnte eine haben.“ „Wo lebt sie denn?“ , fragte Kai.
„Ich weiß es nicht so genau“ , sagte der Überseehändler, „aber sie muss in der Nähe des Großbauern leben. Frag am besten mal auf seinem Hof nach, dort wird man dir sicherlich weiterhelfen können.“
Die beiden Gefährten entfernten sich, bis sie ihr weiteres Unterfangen besprachen.
„Wieder nichts“ , schimpfte Edwin.
Kai hingegen war immer noch guter Dinge, fröhlich sagte er: „Nicht verzagen, mein lieber Edwin! Noch ist nichts verloren, du hast gehört, was Lutero gesagt hat! Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es bis zu Sagitta, und vielleicht noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück.“
Der Optimismus des Barden war hochgradig ansteckend, weshalb auch Edwin wieder der Ehrgeiz packte.
„Du hast recht“ , sagte er, „auf zum Hof des Großbauern.“
Sie gingen den Weg wieder zurück, über den ebenen, gepflasterten Boden des Oberen Viertels.
Auf dem Weg zum Osttor wurden die beiden oft gegrüßt, Edwin vermutete, dass Kai dafür der Grund war, und er selbst nur der Form halber, aus Höflichkeit mitgegrüßt wurde. Er konnte es den vorbeikommenden Leuten nicht verdenken.
Als sie aus dem östlichen Tor der Stadt hinausschritten, fragte Kai plötzlich: „Edwin, hast du überhaupt eine Waffe? Außerhalb der Stadt kann es gefährlich sein.“ „Ich habe daran gedacht, mir eine zu kaufen, doch habe ich zu wenig Geld.“ „Hm...“
Nachdem der Barde eine Weile lang überlegt hatte, brach er einen nahezu perfekt gerade gewachsenen Ast eines Laubbaums ab, und begann, ihn mit einem kleinen, aber sehr scharfem Messer zu bearbeiten.
Immer wieder prüfte er mit einem Finger, ob das lange Holz ausbalanciert war.
Einige Minuten vergingen, bis er fertig war, doch dann reichte er zufrieden den Stab Edwin, welcher ihn erfreut entgegennahm.
„Es ist nichts Besonderes, aber ich habe mir dennoch recht viel Mühe gegeben. Eine Anleitung, so einen Kampfstab zu benutzen, gibt es leider nicht, du musst es schon selbst lernen.“
Probehalber packte Edwin ihn fest mit beiden Händen, und ließ ihn durch die Luft schwingen. Ein besonders wuchtiger Schlag brachte ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht, weswegen er taumelte, sich aber gerade noch fing.
Kai lachte.
„Naja, das wird noch, glaube mir. Hier, nimm diese Lederbänder, dann kannst du den Stab an deinem Rücken befestigen.“
Edwin bekam zwei Lederstreifen zugeworfen, und mit der Hilfe des Barden befestigte er eine Art Halterung am hinteren Teil des Hemdes, in der er den Stab hineinstecken, und bei Bedarf blitzschnell wieder herausziehen konnte.
Nachdem das erledigt war, gingen die beiden weiter.
„Ich habe übrigens eine kleine Ballade über dich verfasst, Edwin, weißt du noch damals, als ich dich um Erlaubnis gefragt habe?“
Edwin nickte.
„Nun denn, möchtest du sie hören?“ „Aber gerne, wir können dabei ja weiter gehen, ich bin sicher, es wird die Reise ein wenig angenehmer machen.“
Der Barde lächelte, und nach einigen Liedfetzen zum Einsingen holte er tief Luft, und begann mit seiner sehr außergewöhnlich schönen Stimme zu singen, oder viel mehr zu erzählen:
„Edwin war schon siebzehn Jahr,
die Eltern waren nie für ihn da,
so geschah es, dass er an einem Tag,
floh zu einem Menschen, den er sehr mag.
Seinen kranken Vater hinter sich gelassen,
seine Mutter Edwins Karte zerrissen,
doch als der Vater war tot,
die Mutter war in größter Not.
Die Leiche des Vaters hatte man gefunden,
doch die Mutter suchte man viele Stunden,
ja, gar Tage suchte man sie,
doch entdeckt hat man sie nie.
Edwin lebte fortan bei Brahim,
Der Kartenzeichner, welch Glück geschah ihm!
Die Einsamkeit zu zweit erduldet,
Jeder dem anderen ein wenig Dank verschuldet.
Als Kartenzeichner versuchte er sich,
der junge Edwin, bitterlich
die Versuche misslangen, die Tinte gerinnt,
für Edwin war ein anderes Schicksal bestimmt.
Auf den Khorinis war es gefährlich,
ungeschoren davon kam Edwin nur schwerlich.
Jared und seine Bande lauerten ihm auf,
ihn zu fassen, da warteten sie nur drauf.
Viele male griffen sie an, viele Male versagten sie,
Edwin hatte soviel Glück wie nie.
Und eines Tages, da sah es Jareds Meister,
wie sein Lehrling wurde immer dreister.
So geschah es, dass Saturas ihn erwischte,
wie er Edwin in einer Gasse abfischte.
Der Wassermagier war sehr schnelle,
und entließ Jared auf der Stelle
Und Edwin bekam ein Angebot,
es war einmalig, was sich ihm bot,
Saturas wollte Edwin als Lehrling haben,
dieser sich an Wissen laben.
So geschah es, dass der junge Edwin nun bei Saturas wohnte,
doch vorher der Abschied von Brahim drohte.
Er war herzlich gestaltet, mit viel Freud und Leid,
und der Kartenzeichner hielt sogar Geschenke bereit.
Mit neuem Hemd und neuer Hose,
mit neuer Kleidung, sehr famose,
beginnt ein neuer Lebensabschnitt,
als Edwin das Haus des Magiers betritt.
Als Lehrling bewährt er sich schnell und gut,
erregt in seinem Meister nur selten Wut,
Edwin war begabt, und hatte Talent,
und der Meister dieses schnell erkennt.
Viele Aufgaben musste Edwin erfüllen,
ob nun Dinge besorgen oder den Wissensdurst stillen,
Der neue Lehrling war stets bei der Sache,
meist aufmerksamer als so manche Wache.
Auch die Religion war Teil der Ausbildung,
und trotz Edwins großer Abneigung
zwang er sich, viel zu lernen,
doch ob er's behält, das steht in den Sternen.
Selbst Brahim kam ihn mal besuchen,
um zu sehen, ob Edwin konnte Erfolge verbuchen.
Ein kurzes Wiedersehen, doch von großer Bedeutung,
Edwin schenkte ihm große Beachtung.
Dann bekam er eine große Aufgabe gestellt,
den Sonnenaloe zu finden, es fortan galt,
Und auch wenn es schwierig war, blieb Edwin heiter,
und machte stets mit Freude weiter.“
Während der Barde seine seltsame, unkonventionelle Ballade vortrug, vergaß Edwin vieles um sich herum, nur die sanfte Stimme und der Wald traten deutlicher hervor. Er lauschte begierig und sog jedes einzelne Wort auf, während sie beide auf dem Pfad Richtung Taverne gingen.
Die Tiere des Waldes hörte er dabei kaum, doch die ganzen aromatischen Gerüche traten viel stärker in Erscheinung.
Edwin genoss es in vollen Zügen, noch nie war er sich der Natur so bewusst.
Auch nachdem Kai geendet hatte, blieb dieses wunderbare Gefühl noch ein wenig erhalten.
„Hat es dir gefallen? Die letzte Strophe habe ich noch spontan dazugedichtet. Viele Informationen habe ich von deinen Bekannten eingeholt, am meisten von Brahim.“
Edwin zeigte seine Beeindruckung ganz offensichtlich, und sagte: „Es war wirklich wunderschön. Nicht nur, dass du ein geübter Verseschmied bist, ich bin auch geehrt, dass du dir die Mühe gemacht hast, eine Ballade über mich zu erfinden. Außerdem hast du eine schöne Stimme.“
„Vielen, vielen Dank, die Ehre ist ganz meinerseits. Ich werde mir demnächst auch noch etwas auf der Laute dazu einfallen lassen. Außerdem werde ich die Ballade weiterdichten, aber wir sind ja noch nicht so weit, dass wir die Sonnenaloe haben, und ich davon erzählen kann.“
Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie unter der Brücke, die von Akils Hof zur Taverne führte, auf zwei Molerats trafen.
Vermutlich waren es Mutter und Kind. Die Mutter war sehr aggressiv, und rannte sofort auf Edwin zu. Dieser zog geistesgegenwärtig seinen Stab, und hielt das Wesen damit in Schach.
Er wartete auf den richtigen Moment, und wollte dem Molerat die Beine wegziehen, als es urplötzlich nach vorne sprang.
Edwin tat einen Schritt nach hinten, und stolperte über die Bank, die dort schon seit Ewigkeiten stand.
Das Gewicht des Molerats drückte auf seinem Brustkorb, und als er ihm in den Hals beißen wollte, quiekte es plötzlich laut, und eine metallene Spitze kam aus dem Rachen hervor.
Kai hatte das Biest von hinten mit seinem Degen erstochen.
„Das war knapp, danke.“ „Kein Problem. Ich hätte das Problem lieber anders gelöst, doch hier schien es keine andere Möglichkeit zu geben, als die Mutter zu töten. Doch das Kind, es hat nun keine Mutter mehr. Es ist gegen meine Natur, ein wehrloses Etwas alleine zu lassen.“ „Und was willst du nun tun? Mitnehmen können wir es nicht.“ „Das nicht, aber... lass mich überlegen, ich werde dem Wesen mit ein paar Zeilen Mut machen.“
Edwin hätte dies normalerweise als hanebüchen abgetan, doch er hatte selbst erlebt, welche Wirkung Kais Gesang auf andere Lebewesen hatte.
Wenige Sekunden später sprach Kai ein kleines Gedicht über das Baby-Molerat aus:
„Kaum als neues Leben geboren,
hast du schon die Mutter verloren,
doch verzage nicht, ich wünsche dir Glück,
blicke stets vorwärts, und niemals zurück.“
Das Molerat blinzelte ein paar Mal, und verzog sich dann in eine kleine Höhle, deren Öffnung gerade mal groß genug für es war.
„Ich weiß nicht ob es hilft, aber der gute Gedanke zählt.“ „Da hast du sicherlich recht“ , meinte Edwin, „lass uns weitergehen.“
Sie gingen nur wenige Meter weiter, schon bald waren sie an Orlans Taverne angelangt. Kai hatte vorgeschlagen, dort etwas zu essen und zu trinken, und vielleicht einen richtigen Kampfstab für Edwin zu besorgen.
Edwin hatte zunächst abgewehrt, doch der Barde meinte, sie würden das schon irgendwie mit Orlan regeln.
In der Taverne waren die Tische einigermaßen sauber, ebenso wie die Stühle und die Theke. Nur ein paar verschlafene Bauern hingen dort rum, deren Aufmerksamkeit sich beim Erscheinen der zwei Gestalten nur ein wenig hob.
„Hallo Orlan“ , übernahm Kai das Wort, „hast du etwas zu essen für uns? Und vielleicht einen Kampfstab für ihn?“
Der Wirt musterte Edwin kurz, wandte sich dann aber wieder Kai zu, und sagte: „Ja, das wird euch aber einiges kosten.“ „Leider haben wir nur sehr wenig Geld“ , begann Kai, „könntest du uns nicht irgendwie ein Angebot machen?“ „Hm... passt auf, wie wäre es mit einem Glücksspiel?“ „Wie soll das denn aussehen?“ , fragte Kai nach.
Orlan holte drei vollkommen identische Holzbecher und eine Münze hervor.
„Ich werde die Münze unter einen der Becher legen, und sie dann gut und schnell vermischen. Dann musst du raten, unter welchem Becher die Münze ist. Ich biete Käse und Milch, dazu meinen besten Kampfstab, sogar an beiden Enden mit Eisen beschlagen. Zwar ein wenig rostig, aber immer noch gut um Banditen den Schädel damit einzuschlagen. Was bietest du?“
Kai überlegte nicht lange, und sagte selbstsicher: „Meinen Bogen und meinen Degen.“ Edwin wollte protestieren, doch der Barde bedeutete ihm zu schweigen.
„Reicht das?“ ,fragte er.
Orlan grinste.
„Nun ja, es sind harte Zeiten, und ich...“ „Verstehe“ , unterbrach Kai ihn, „ich setze auch noch meine Laute.“ „Einverstanden“ , sagte Orlan.
Dieser tat genau das, was er vorher beschrieben hatte, doch es war so unglaublich schnell, dass Edwin kaum sehen konnte, wie die Becher die Positionen wechselten, und schon nach einigen Sekunden wusste er nicht mehr, unter welchem Becher die Münze war.
Kai jedoch schien ziemlich sicher zu sein, zu gewinnen. Ob er nicht vielleicht eine Dummheit machte, sich überschätzte?
„So fertig“ , sagte Orlan, und stoppte das wilde Umherschieben der Becher. „Wo ist die Münze?“
Kai lächelte kühl.
„In deiner linken Hand.“
Orlans Augen wurden ein wenig größer, doch mit viel Selbstsicherheit in der Stimme sagte er: „Nein, nein, sie ist unter einem der Becher hier. Rate, unter welchem.“
Edwin schien nun zu ahnen, was Sache war, und Kai wusste es vermutlich bereits.
„Hast du mich nicht richtig verstanden? Sie ist in deiner linken Hand, ich habe es genau gesehen.“
„Nein, das kann doch gar nicht sein! Wenn das so ist, hast du verloren.“
Plötzlich sprang Kai auf die Theke, und riss Orlans linken Arm hoch.
Die Hand, die verkrampft zur Faust geballt war, löste sich, und die Münze fiel heraus. Kai schnappte sie im Flug auf, und stieg wieder vom Tresen herunter.
Orlan schwitzte, und noch bevor er eine Ausrede stammeln konnte, sagte Kai: „Soso, du hast also versucht, zu betrügen. Gib uns lieber das, was wir wollen, es sei denn du willst, dass ich ein hübsches Lied über einen ganz bestimmten, betrügerischen Wirt dichte.“
Besagter Tavernenbesitzer hatte nun keine Chance mehr. Er händigte den beiden Milch und Käse aus, dazu den versprochenen Kampfstab, welchen Edwin sofort anlegte, nachdem er seinen alten in die Ecke geworfen hatte.
Als die beiden zu Ende gespeist hatten, knallte der Barde die Münze auf den Tresen, und sie verschwanden aus der Taverne, und hörten deren Besitzer leise fluchen.
„Das war toll!“ , sagte Edwin erstaunt.
„Ich habe mir so etwas schon gedacht, deshalb habe ich nicht ganz so sehr auf die Becher geachtet, sondern auf seine Hände. Ich habe es irgendwie gespürt, dass da was faul ist.“ „Ich jedenfalls muss dir abermals danken“ , sagte Edwin.
„Schon gut, schon gut“ , winkte Kai ab.
Die beiden gingen nun den Weg zum Hof herunter, links von ihnen befand sich eine Höhle mit ein paar Goblins, doch diese trauten sich nicht, anzugreifen.
Die beiden Blutfliegen, denen Edwin und Kai weiter unten begegneten, waren da schon viel aggressiver.
Nun konnte Edwin zum ersten mal Gebrauch von seinem neuen Stab machen. Er landete schon beim ersten Schlag einen Glückstreffer – das Ende des Stabs traf die Blutfliege mitten zwischen die Flügel, sodass sie sofort tot zu Boden fiel.
Kai hatte die andere Blutfliege zwar bereits erledigt, dennoch kam Edwin nicht drum herum, ein wenig stolz auf sich zu sein.
An einer leerstehenden Holzhütte lauerten zwei Lurker, und deshalb versuchten die beiden Weggefährten, sich an ihnen vorbeizuschleichen. Langsam aber sicher entfernten sie sich aus ihrem Revier, und es ging alles gut, bis Edwin auf einen Ast trat, der fürchterlich laut knackte.
„Mist!“ , entfuhr es ihm versehentlich, und nun waren die beiden Lurker erst recht aufgescheucht, und kamen auf die beiden Menschen zu.
Kai zog nun zum ersten Mal seit dem Anfang ihrer gemeinsamen Reise seinen Bogen, und es stellte sich heraus, dass er als Bogenschütze noch begabter war als er dies schon als Nahkämpfer war.
Mit drei Pfeilen tötete er einen der Lurker, was dem anderen die Möglichkeit gab, näher heranzukommen. Blitzschnell steckte Kai seinen Bogen weg, und zog den Degen, mit welchem er den Lurker schon bald erledigt hatte.
Edwin hatte sich ein wenig mehr im Hintergrund gehalten, da er vor den Lurkern zuviel Respekt hatte. Erleichtert stellte er fest, dass ihm Kai deswegen keinen Vorwurf machte, Edwin hatte eben noch nicht die nötige Kampferfahrung, der Barde hingegen schon.
Onars Hof konnten sie schon von weitem sehen.
Sie passierten eine Kreuzung, ab da ging der Weg ein wenig steiler hinauf, einige Söldner waren bereits zu sehen.
Als sie an ihnen vorbeigehen wollten, stellte sich ihnen ein grauhaariger, großer Söldner in den Weg.
„Halt! Wo wollt ihr hin?“ „Wir wollten uns erkundigen, wo Sagitta wohnt.“
Der Söldner schien ein wenig enttäuscht zu sein, schien aber eine Idee zu haben.
„Diese Information kostet euch zehn Goldstücke.“
Der Söldner, der als einziger an der Seite rumsaß und das Geschehen beobachtete, meldete sich zu Wort. Er hatte eine tiefe, raue Stimme, die gleichzeitig voll von Vorwürfen klang.
„Aber Sentenza, woanders könnte er diese In...“ „Was sagst du da?“ , fragte Sentenza laut, „ich denke, du solltest einfach weiterhin still sein, anstatt mein Gespräch hier zu stören.“ Während der andere Söldner Sentenza finstere Blicke, zuwarf, fuhr dieser an Kai und Edwin gewandt fort: „Na, wollt ihr also zahlen?“
Kai überlegte kurz, dann hellte sich seine Miene auf und er sagte: „Na gut, hier ist das Geld.“
Mit ausgestreckter Hand ging er auf Sentenza zu, um das Gold an ihn zu übergeben – und stolperte prompt über seine eigenen Füße.
„Du Idiot!“ , fuhr Sentenza ihn an, die Ausstrahlung des Barden schien auf ihn keine Wirkung zu haben. Vermutlich war er einfach zu verroht.
„Oh, das tut mir leid“ , sagte Kai, und bückte sich, um zusammen mit Sentenza die verstreuten Goldstücke aufzusammeln.
Edwin ergriff nun die Chance, und schnürte den Geldbeutel, der am Gürtel des gebückten Sentenzas hing, auf, um sich das Gold daraus zu holen. Er verschloss ihn gerade rechtzeitig vorm Aufrichten des Söldners, welcher durch die schwere Rüstung nichts vom Diebstahl gemerkt hatte. Dies tat er auch nicht, als er die erhaltenen zehn Goldstücke darin verschwinden ließ.
Wie versprochen verriet er ihnen, wo Sagitta wohnte.
„Sie lebt im Wald hinter Sekobs Hof. Sekobs Hof ist da drüben“ , sagte er, und zeigte dabei auf ein nicht allzu fern liegendes Gehöft schräg rechts von ihrem Standort.
„Danke“ , sagte Edwin, und ging mit Kai in diese Richtung.
Auf halbem Weg präsentierte Edwin Kai die Goldstücke, die er Sentenza gestohlen hatte.
Dieser wirkte zufrieden.
„Normalerweise würde ich so etwas nicht gutheißen, doch dieser Söldner wollte uns ohnehin nur das Geld aus der Tasche ziehen. Ich habe mich absichtlich fallen lassen, und du hast so gehandelt, wie ich es gehofft hatte.
„Ja, ich habe irgendwie genau gewusst, was ich machen sollte. Es war ein blindes Verständnis. Und nachdem der andere Söldner schon so wütend auf Sentenza war, war ich mir fast sicher, dass er nichts sagen würde, sondern dass es ihm gerade recht käme. Ich habe zwanzig Goldmünzen gezählt. Ist es recht, wenn jeder von uns zehn bekommt?“
„Ja, absolut. Statt zehn Goldmünzen reicher zu sein, ist dieser Sentenza jetzt um die selbe Summe ärmer.“
Da es moralisch für die beiden keine Bedenken gab, machten sie sich auch keine weiteren Gedanken mehr über den Vorfall. Es war ja schließlich nicht aus Habgier geschehen, sondern primär, um dem Halsabschneider eine Lektion zu erteilen. Vermutlich waren sie nicht die ersten, die für irgendetwas zahlen sollten.
Sekobs Hof war klein, sie sahen einen jungen Mann Holz sägen, und eine Gestalt ein paar Schafe hüten, doch insgesamt war nicht viel los.
Deshalb sahen die beiden Gefährten auch keinen Grund, dort anzuhalten, und marschierten geradeaus weiter in den Wald.
Dort war es sehr, sehr dunkel, grüner Nebel umschlich ihre Füße, die Kronen der dicht beieinander stehenden Bäume formten ein Dach, welches nur sehr wenig Licht durchließ. Die aufkommenden Wolken am Himmel taten ihr Übriges, sodass sich Kai und Edwin nur noch sehr vorsichtig voran tasten konnten, um nicht über Baumwurzeln oder dergleichen zu stolpern.
Nach einiger Zeit roch Edwin einen fauligen Geruch, und je tiefer sie in den Wald eindrangen, desto stärker wurde er.
Als es kaum noch auszuhalten war, spürte Edwin einen starken Luftzug neben sich, gefolgt von einem seltsam knackenden Geräusch.
„Pass auf!“ , rief Kai, und sprang Edwin zur Seite.
Dieser sah nun, was diesen kleinen Wind verursachte hatte - ein Skelett hatte ihn mit einem riesigen Zweihänder treffen wollen, ihn allerdings verfehlt.
Bevor es noch einmal zuschlagen konnte, hatte Edwin schon seinen Stab gezogen, und ihn mit voller Wucht auf das Skelett hinabsausen lassen.
Dieses konnte allerdings ausweichen, hatte jedoch nicht mit dem Barden gerechnet, der es im vollen Lauf anrempelte. Es fiel zu Boden und verlor dabei das Schwert.
Noch bevor Kai nochmal zutreten konnte, hatte Edwin schon zu einem weiteren Schlag ausgeholt, und diesmal traf er.
Knochen zerbarsten und flogen durch die Gegend, und erst als Edwin wie in Raserei noch zweimal zugeschlagen hatte, steckte er seinen Stab wieder weg.
„Gut gemacht“ , sagte Kai, „Ich konnte mit meinem Degen nicht viel ausrichten, da er einfach durch die Zwischenräume im Knochengerüst geglitten wäre.“ „Eine furchtbare Kreatur, lass uns bitte schnell weitergehen.“
Das taten sie auch, und da sie nicht nochmal Opfer eines Angriffs wurden, erreichten sie schon bald eine Höhle, die mit Fackeln ausgeleuchtet war.
„Das muss sie sein“ , sagte Edwin, und zusammen mit Kai betrat er das Höhlengewölbe, in welchem es heller als im Wald war.
Ein paar Ratten verkrochen sich in ihre Löcher, als die beiden Menschen hineingestapft kamen, und schon bald hörten sie Schritte, die auf sie zukamen.
Eine reife Frau mit roten Haaren und einem schmutzigen braunen Kleid kam um die Ecke.
„Hallo, wer seid ihr?“ , fragte sie mit fester Stimme.
„Du musst Sagitta sein“ , sagte Edwin, „Ich bin Edwin, und das hier ist Kai Hansen.“
„KAI HANSEN!“ , kreischte Sagitta, und lief auf den Barden zu.
„Dass ich dich mal treffe, das ist ja unglaublich. Du bist ja so süß, ich habe schon Bilder von dir gesehen und – krieg ich ein Autogramm?
Edwin konnte sich ein Lachen gerade noch so verkneifen, und auch Kai grinste kurz, fing sich aber sofort wieder.
„Natürlich“ , sagte er freundlich, „aber dann musst du uns auch eine Frage beantworten.“ „Na gut, na gut“ , sagte Sagitta hektisch, aber erst das Autogramm! Ich hole eben etwas zu schreiben!“
Mit einer Geschwindigkeit, der man der Dame keinesfalls zugetraut hätte, eilte sie in den hinteren Teil der Höhle, und kam in wenigen Augenblicken mit einer fransigen Feder und flatterndem Pergament wieder zurück.
„Hier, schreib 'Von Kai Hansen für Sagitta' , ja?“ Kai schrieb etwas auf das Pergament, und reichte es der Kräuterhexe. Diese las laut vor:
„Von Kai Hansen für Sagitta.
Frauen in den besten Jahren
und mit feuerroten Haaren
können sich gewiss sein:
Männer sagen zu ihnen nicht 'Nein'.“
„Oh, danke, danke, danke, danke, danke, da...“ „Ist ja gut“ , unterbrach Kai sie grinsend in ihrem Dankesrausch.
"Ja“, lenkte Edwin ein, „sag uns lieber, wo...“ „Wer bist du eigentlich? Wo kommst du so plötzlich her?“
Edwin war verwirrt. Hatte er sie nicht gerade noch begrüßt?
„Wie? Ich war doch schon die ganze Zeit hier?“ „Was? Unmöglich, ich hab nur Kai gesehen.“
Jetzt verstand Edwin – Sagitta hatte nur Augen für den Barden, so fasziniert war sie von ihm.
Edwin vermutete, dass es mit anderen Frauen genauso sein musste, doch auf eine wildgewordene Kräuterhexe als Verehrerin konnte man sicherlich nicht stolz sein.
Kai ergriff nun dankenswerterweise wieder das Wort.
„Sagitta, sag uns doch, ob wir bei dir Sonnenaloe kaufen können.“
„Oh, das tut mir leid, Schätzchen, die letzte, die ich hatte, habe ich schon zum Experimentieren gebraucht – leider ist nichts daraus geworden.“
„Wo bekommen...“
Edwin brach den Satz ab, es hatte doch keinen Sinn. Er bedeutete Kai, dass er die Frage stellen sollte.
„Wo bekommen wir denn Sonnenaloe her?“
„Sie wächst für gewöhnlich auf dem Kot des Schwarzen Trolls. Einer von ihnen lebt oben im Norden, in der Nähe des Sonnenkreises.“
„Danke. Bekommen wir auch Fackeln von dir? Die Sonne wird sicher bald untergehen, und im Wald ist es ohnehin schon dunkel.“
„Aber natürlich!“ , sagte Sagitta, und holte wieder mit unglaublicher Schnelligkeit zwei Fackeln aus dem hinteren Teil der Höhle.
Kai nahm sich eine, und sagte; „Gib dem anderen auch e... ehm, danke“ , und nahm sich auch noch die zweite, die er Edwin in die Hand drückte. Sagitta hatte ihn vermutlich ohnehin schon wieder vergessen.
„Auf Wiedersehen, Schätzchen!“ , rief die Kräuterhexe hinterher, als die beiden Gefährten die Höhle wieder verließen, und gen Norden steuerten, die Fackeln zündeten sie jedoch noch nicht an.
Als sie weit genug von Sagitta weg waren, lachte Edwin und sagte: „Ein Glück, dass ich dich dabeihabe, Schätzchen.“
Kai grinste nur verlegen, und sagte: „Ach, du bist ja nur eifersüchtig.“ „Eifersüchtig? Ich fände es nicht toll, wenn mir eine verrückte Kräuterhexe, die im Wald lebt, vermutlich demnächst Liebesbriefe schreibt.“ „Ach, du hast wohl noch nie Liebesbriefe gekriegt? Hast du keine Freundin? Bist wohl zu schüchtern, nicht?“
Darüber hatte Edwin noch nie nachgedacht, aber konnte sich noch an viele Situationen erinnern, als er einfach zu schüchtern war, um mit einem Mädchen in seinem Alter zu sprechen. Er wurde rot, und murmelte nur: „Kann ich doch auch nichts für.“
Kai grinste, und fragte: „Was? Was hast du gesagt?“ Edwin fasste sich wieder, und sagte laut: „Wir sollten uns beeilen, sonst wird es dunkel.“
Natürlich war es nur eine Ablenkung vom Thema, doch er hatte auch nicht Unrecht.
Im Wald schlichen sie sich nur, diesmal erfolgreich, an einem Rudel Scavenger vorbei, ansonsten trafen sie auf keine weiteren Lebewesen, wenn man die friedlichen Fleischwanzen, die Edwin schon zur Genüge aus dem Hafenviertel kannte, außen vor lässt.
Irgendwann kamen die beiden aus dem Wald heraus, und betraten wieder einen Weg, der nach Norden führte, sie waren richtig gegangen.
„Endlich aus diesem Teufelswald raus“ , sagte Edwin erleichtert, und strich sich einige Blätter vom Hemd.
„In Wäldern ist es zwar toll, auch in den größten, aber im Freien ist es doch am allerschönsten“ , dichtete Kai fröhlich, bevor sie dem Pfad nach Norden folgten.
Nach einer Weile kamen sie zu einer Brücke, vor der ein Wegelagerer lauerte.
Kai und Edwin beschlossen, einfach an ihm vorbeizugehen, doch das klappte zunächst nicht, der Wegelagerer stellte sich ihnen in den Weg.
„Das ist meine Brücke“ , stieß er aus.
Er hörte sich ziemlich debil an, außerdem stank sein Atem.
„Wenn ihr passieren wollt, müsst ihr mir 100 Goldstücke geben.“
„Nein“ , sagte Edwin freundlich, aber bestimmt, „Wir gehen einfach so rüber, siehst du?“
Rasch schritten er und Kai über die Brücke, erst als sie schon bis zur Hälfte gegangen waren, merkte der Wegelagerer es.
Er lief ihnen hinterher, stolperte jedoch und riss vier Holzbretter mit sich, als er durch die Brücke ins Wasser fiel.
Es war tief genug, sodass er noch einmal mit dem Schrecken davonkam.
Edwin und Kai beobachteten grinsend, wie er wütend die Faust in die Höhe streckte, und irgendwas rief.
Sie konnten ihn nicht verstehen, waren sich aber sicher, dass es keine freundlichen Worte sein konnten.
So langsam ging die Sonne unter, weshalb die Gefährten ihren Schritt noch einmal beschleunigten.
Die meisten Tiere schliefen jetzt schon oder legten sich gerade schlafen, weshalb den Wanderern auf dem Weg zum Troll keine Gefahr drohte.
Erst als sie ankamen, wurden sie sehr vorsichtig.
Ein Rudel Snapper, bestehend aus vier Tieren, war noch hellwach und spähte nach Beute.
„Was nun?“ , flüsterte Edwin, bedacht darauf, keine Aufmerksamkeit zu erregen. „Wenn wir schnell sind“ , flüsterte Kai zurück, „können wir zwei von ihnen gefahrlos die Klippe hinunterstoßen.“ „Dann bleiben aber noch die anderen zwei.“ „Das stimmt“ , räumte der Barde ein, „doch mit denen können wir eher fertig werden als mit vier von der Sorte. Es ist die einzige Chance, die wir haben.“
Die beiden nickten sich zu, und rannten auf das Rudel zu. Kaum hatten die beiden geschubsten Snapper gemerkt, wie ihnen geschah, fielen sie schon die Klippe hinunter. Dadurch wurden die restlichen beiden nur noch aggressiver.
Gleich beide stürmten auf Edwin zu. Dem ersten, der nach ihm schnappte, konnte er ausweichen, doch der zweite verbiss sich in seinem Bein, und Edwin schrie auf.
Kai hatte ein wenig Abstand genommen, und schoss nun von einer Anhöhe mit seinem Bogen auf die Snapper.
Kaum war der zweite getroffen, ließ dieser auch schon von Edwin ab. Dieser nutze die Chance und zog seinen Stab, während der Snapper, der sich gerade noch in seinem Bein verbissen hatte, nun auf Kai, der mit gezogenem Degen bereitstand, zulief.
Der Snapper bei Edwin verbiss sich in dessen Stab, Edwin kriegte den Snapper nicht davon los. Also nahm er all seine Kraft zusammen, und stemmte sich dagegen, so dass der Snapper nun über der Klippe hing, und sich nur noch mit den Zähnen am Stab festhielt, um nicht zu fallen. Edwin war erstaunt über das außerordentlich starke Gebiss des Snappers. Das Gewicht war unglaublich schwer zu halten, doch Kai, der seinen Snapper erledigt und nur ein paar Kratzer am rechten Arm abbekommen hatte, eilte schnell hinzu, um zu helfen.
Er schoss dem hängenden Snapper direkt ins Gesicht, und daraufhin fiel dieser die Klippe hinunter, da er sich nicht mehr festbeißen konnte.
„Das ist gerade nochmal gut gegangen“ , meinte Kai. „Ja“ , sagte Edwin, „aber mein Bein.“
Er befühlte die Stelle, an der sich der Snapper festgebissen hatte.
„Aua!“ , stieß er aus.
Er krempelte die Hose hoch, und sah mit Erstaunen, dass die Wunde kaum blutete. Kai kam hinzu, und sagte: „Nun, du hast nochmal Glück gehabt, er ist nicht sehr tief eingedrungen. Die Hose hat dich vor dem Schlimmsten bewahrt. Und sie ist sogar noch heile!“ „Danke, Brahim“ , sagte Edwin leise, und lauter fügte er hinzu: „Nun, es ist dunkel, lass uns unsere Fackeln anzünden.“
Dann bemerkte Edwin einen Denkfehler.
„Moment mal, womit eigentlich? Die Fackeln allein nutzen uns nichts.“
„Daran habe ich schon gedacht“ , sagte Kai, in dem der alte Optimismus wieder erwachte, und zog aus seinen Taschen zwei Steine heraus.
„Feuersteine“ , erklärte er, und indem er sie aufeinander schlug, erzeugte er einen Funken, der die Ölschicht der Fackel, und somit auch diese selbst entzündete.
So tat Edwin es auch mit seiner Fackel, und die Umgebung wurde ein wenig erhellt.
„Dort drüben ist eine große Einbuchtung im Fels, da muss der Troll leben“ , bemerkte Kai.
„Lass uns so leise wie möglich sein“ , meinte Edwin, „ich möchte so ein Wesen nicht verärgern.“ „Ich auch nicht“ , sagte Kai, „zumal es ja auch kein gewöhnlicher, sondern einer der gefährlichen Sorte, ein schwarzer Troll, ist.“
Schritt für Schritt wagten sich die beiden in die sprichwörtliche Höhle des Löwen, hier des Trolls, vor.
„Da“ , sagte Edwin, "da liegt was auf dem Boden."
Er beugte sich zu selbigem hinunter, und entdeckte eine grüne, moosartige Pflanze.
„Ich habe sie“ , sagte Edwin, und steckte die Pflanze in einen seiner Beutel, „nichts wie weg hier!“
Als sie gerade wieder weglaufen wollten, ertönte ein sehr tiefes Brüllen, welches sämtliche Vogelschwärme in den umliegenden Wäldern aufscheuchte.
Im Schein der Fackel konnte Edwin ein großes. schwarzes Etwas ausmachen, und als er hochguckte, blickte er ins hässlich platte Gesicht des schwarzen Trolls, welcher auf sie zu stampfte.
Kai handelte schnell, und warf seine Fackel direkt auf den Troll, dieser jedoch schlug sie noch im Flug zu Boden. Er brüllte noch einmal auf.
„Ach du Scheiße!“ , schrie Edwin über das Brüllen der schwarzen Kreatur hinweg, „Weg hier!“ „Das wollte ich auch gerade vorschlagen!“ , rief Kai zurück.
Sie rannten, und der Troll wollte ihnen hinterher, doch das meterhohe Gestrüpp, was vermutlich durch den schwarzen Kot auch sehr gut gedieh, hatte durch die Fackel Feuer gefangen, welches den Schwarzen Troll zunächst mal beschäftigte.
Als er das Feuer endlich gelöscht hatte, waren Edwin und Kai schon wieder an Orlans Taverne angelangt.
Den ganzen Weg waren sie gerannt wie die Wilden, doch nun gönnten sie sich eine kleine Verschnaufpause.
„Oh Mann“ , keuchte Edwin erschöpft, „und das alles für eine dämliche Pflanze.“ „Aber wir haben sie nun“ , sagte Kai aufmunternd, „und noch dazu haben wir ein Abenteuer erlebt, welches ich, sobald ich kann, in eine Ballade transferieren werde.“
Den Rest des Weges passierte den beiden Recken nichts weiter, sodass sie beide die Ruhe der Nacht, welche gelegentlich durch das stimmungsvolle Rufen einer Eule unterbrochen wurde, genießen konnten.
Schon bald waren sie wieder am östlichen Stadttor angekommen, die Wachen sprachen sie an: „Gut, dass ihr wieder zurück seid, wir dachten schon, ihr seid tot.“ „Falsch gedacht“ , sagte Edwin, und betrat die Stadt.
Vor dem Hotel verabschiedete sich Kai von ihm.
„So, ich werde dann mal schlafen, das solltest du auch bald tun, wir haben uns beide Schlaf verdient. Es war nett, mit dir etwas zu unternehmen.“ „Oh, ich fand es auch sehr gut, Kai. Bis demnächst und gute Nacht.“ „Gute Nacht“ , erwiderte der Barde, und verschwand im Hotel.
Edwin betrat das Haus seines Meisters, dieser war gerade mit dem Essen fertig geworden.
„Du bist spät“ , sagte er, doch es klang mehr wie eine Feststellung als ein Vorwurf.
Edwin unterdrückte ein Knurren seines Magens, und antwortete: „Ja, das Abendessen habe ich wohl verpasst. Aber ich habe die Sonnenaloe! Keiner der Händler hatte ihn, wir sind von Person zu Person gezogen, bis wir die Sonnenaloe dann eigens aus der Höhle des schwarzen Trolls pflücken mussten, welcher uns dann auch noch fast umgebracht hätte. Mit uns meine ich übrigens Kai und mich, er hat mir geholfen, die Sonnenaloe zu finden.“
Stolz zog er diese aus einem Lederbeutel hervor.
„Gut gemacht“ , lobte Saturas, und nahm die Pflanze an sich.
„Gute Nacht“ , sagte Edwin, und wollte nach oben gehen, wurde jedoch vom Wassermagier aufgehalten.
„Moment, ich hatte doch gesagt, dass ich dich heute noch abfragen wollte.“
Damit hatte er nicht gerechnet. Es war schließlich schon sehr spät, und außerdem hatte er seinem Meister eine Menge Kosten erspart. Und dies war der Dank dafür?
Edwin sprach seine Vorwürfe lieber nicht laut aus, sondern willigte stattdessen ein, sich abfragen zu lassen.
Das Quiz verlief kläglich, von acht Fragen konnte Edwin nur zwei richtig beantworten.
„Das war aber eine schwache Vorstellung“ , sagte Saturas enttäuscht.
„Tut mir leid“ , sagte Edwin, und schämte sich ein bisschen, „aber ich hatte noch nicht so viel Zeit zum Lernen. Außerdem bin ich gar nicht richtig bei der Sache, ich bin so müde.“
„Na gut, daran wird es wohl liegen“ , meinte Saturas, und fügte dann mit einem milden Lächeln hinzu: „Schlaf dich aus, gute Nacht.“ „Gute Nacht“ , sagte Edwin abermals.
In seinem Zimmer entkleidete er sich und legte sich, ohne noch etwas zu lesen, ins Bett, und schlief schon bald ein.
Last edited by John Irenicus; 16.06.2012 at 15:17.
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Womancier
Kapitel XII : Fieberbiss
Des Nachts hatte Edwin einen Traum von einem Snapper, der ihn unablässig verfolgte. Die scharfen Zähne waren ihm schon ganz nahe, er konnte den stinkenden Atem des Monsters riechen.
Edwin floh über Brücken, schwamm durch Seen und kletterte über Berge, er tat alles, um dem Snapper zu entkommen, doch kam dieser unablässig näher an ihn heran.
Edwin stolperte, und fiel langsam, wie in Zeitlupe, auf den moderigen Waldboden, den er erst jetzt bemerkte.
Der Snapper sprang ihn an und biss ihm ins Bein, die Schmerzen wurden immer stärker.
Der Snapper ließ nicht ab, und biss Edwin dann mit einem Mal sein gesamtes Bein ab.
Edwin wachte auf, mit pochendem Herzen.
Auch sein Bein pochte vor Schmerz, und ihm war ganz heiß, außerdem hatte er Probleme, einen klaren Gedanken zu fassen.
Er lag eine Weile so da, doch die Schmerzen wollten nicht abklingen, ganz im Gegenteil, sie wurden immer stärker.
„Zu Saturas“ , war der einzige Gedanke Edwins, und wie, um ihm Kraft zu verleihen, sprach er diesen auch laut aus.
Er ging aus seinem Zimmer heraus, zu schwach, um die Tür zu schließen, und starrte auf die Treppe.
Jetzt kam auch erstmals bedrückende Angst in ihm hoch. Die Treppe sah so unglaublich gefährlich aus, er konnte sie einfach nicht heruntergehen.
Während er sie betrachtete, wurde sie immer größer, als wollte sie ihm Panik machen.
Bevor Edwin diese kriegen konnte, setzte er sich erst mal hin, und rutschte an die Treppe heran, eine Stufe hinunter, dann noch eine.
So bewältigte er die scheinbar endlose Anzahl von Treppenstufen, sodass er schließlich unten ankam.
Sein Versuch, wieder aufzustehen scheiterte kläglich, da ihn sofort Schwindelgefühle zu übermannen drohten.
Auf allen Vieren kroch er nun zu Saturas' Schlafraum.
Ihm wurde übel, aber er behielt mit Mühe und Not das wenige Essen im Magen, und klopfte mit aller Kraft an die Tür zu Saturas' Schlafgemach, ganze dreimal, und schrie aus Leibeskräften: „Saturas! Hilfe!“
Dann wurde ihm schwarz vor Augen und er bekam vorerst nichts mehr vom Geschehen mit.
Als Edwin wieder bewusst etwas wahrnahm, befand er sich auf einer Lichtung, die von düsterem Wald umgeben war.
Dort tauchte wieder der Snapper auf, wieder waren die Zähne deutlich zu erkennen, doch diesmal schienen sie nicht so scharf zu sein. Auch war der Snapper viel langsamer als beim letzten Mal, und hatte Mühe, Edwin zu verfolgen.
Dieser fasste daraufhin Mut, und spürte seinen Kampfstab auf dem Rücken. Mit beiden Händen griff er ihn fest, und zog ihn aus der Halterung heraus.
Der Snapper lief langsam auf ihn zu, und Edwin hielt den Stab weiter fest, darauf bedacht, den richtigen Moment zu erkennen, um dann zuzuschlagen.
Der Snapper holte mit seinem Kopf zur Seite aus, und als sein Haupt wieder nach vorne schoss, legte Edwin all seine Kraft in einen einzigen Schlag, und mit voller Wucht zerschmetterte dieser den Schädel des Monsters.
Energie erfüllte den ganzen Körper Edwins wie ein erfrischender Wind in einem heißen Sommer, wie kostbares Wasser einer Oase in einer trockenen Wüste, wie die Luft, die der Taucher nach langem Anhalten der selbigen einatmen kann.
Langsam verblasste die Lichtung, und es wurde wieder dunkel, doch danach kamen wieder Umrisse zum Vorschein, die allmählich schärfer wurden.
Er sah eine Person, die die Hand nach ihm ausstreckte, und etwas zu sagen schien.
„Bei Adanos, Edwin, du wachst wieder auf, und deine Stirn ist nicht mehr heiß.“
Dumpf klangen diese Worte in Edwins Ohren, doch wusste er, dass es Saturas sein musste, der da sprach.
Nun konnte er ihn auch erkennen, und ebenso den Raum, in dem er sich befand, es musste der Schlafraum seines Meisters sein.
Sein Bein schmerzte nicht mehr, und er konnte auch wieder einigermaßen klar denken.
„Was war los?“ , fragte er den scheinbar besorgten Magier.
Dieser, sichtlich froh darüber, dass Edwin etwas gesagt hatte, zögerte nicht mit seiner Antwort.
„Du hattest Fieber“ , antwortete er, „die Wunde an deinem Bein hat sich entzündet. Ich hörte nur einen Mordslärm an meiner Tür und deinen Schrei, ich bin sofort hinausgelaufen, und sah dich dort bewusstlos liegen.
Die Wunde war an manchen Stellen schon vereitert, und dein ganzer Körper war nahezu am Glühen, insbesondere deine Stirn.
Ich habe die Wunde mit einem Heilzauber behandelt, doch gegen das Fieber konnte ich nichts tun. Scheinbar hast du es alleine besiegt, und darüber bin ich sehr froh.“
„Und ich erst“ , sagte Edwin. „Ich muss die Wunde vor Aufregung und anschließender Müdigkeit wohl ganz vergessen haben. In der Nacht hat sie dann sehr stark geschmerzt, und dann wollte ich nur noch, dass du mir hilfst. Den Rest kennst du ja.“
„Nicht ganz“ , erwiderte Saturas, „wie kommt diese Wunde überhaupt an dein Bein?“
Edwin holte tief Luft, und begann seinem Meister die ganze Geschichte zu erzählen. Kamen die Worte und Sätze anfangs noch stockend, so fiel es Edwin während des Sprechens immer leichter, und er war dankbar dafür, dass Saturas ihn nicht unterbrach.
Als seine Erzählung endete, nickte Saturas nur, und sagte: „Jetzt versuch noch ein wenig zu schlafen, Edwin. Ich werde dich ausnahmsweise zum Frühstück wecken.“
„Danke“ , sagte Edwin, und machte die Augen zu.
Saturas löschte das Licht, und verließ das Zimmer, um Edwin in Ruhe schlafen zu lassen.
Dieser fiel fast unmittelbar nach dem Verschwinden des Magiers in einen erholsamen Schlaf.
Last edited by John Irenicus; 16.02.2010 at 17:28.
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Kapitel XIII : Unzufriedenheit I
Als Edwin die Anwesenheit einer weiteren Person im Raum bemerkte, öffnete er die Augen.
Er musste ein paar mal blinzeln, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, und er ein klares Bild sehen konnte.
„Guten Morgen, Edwin“ , sagte Saturas, und ohne auf eine Erwiderung des Grußes zu warten, fügte er hinzu: „Zieh dich an, das Frühstück ist gleich fertig. Es gibt Brot und Wurst wie immer, aber heute sogar Milch.“
Der Magier verließ den Raum, und Edwin setzte sich auf.
Zunächst wunderte er sich darüber, dass er nicht in seinem Zimmer war, doch schon nach kurzer Zeit des Erstaunens fiel ihm alles wieder ein. Zum Glück hatte er sein Fieber besiegt.
„Dies ist also Saturas' Schlafraum“ , murmelte Edwin, und betrachtete den Raum ausgiebig.
Das Bett in dem er lag war ganz an die hintere Wand geschoben, noch dazu parallel zu dieser.
Ein großes, zweigeteiltes Fenster, welches einen guten Blick auf den Hinterhof des Hauses bot, wie fast alle Fenster des Gebäudes, ließ eine große Menge Licht herein.
In der linken hinteren Ecke des Zimmers war ein Spiegel an der Wand befestigt, der eine dicke Staubschicht auf seiner Oberfläche vorwies.
Ansonsten war der Raum zwar sehr groß, doch im Allgemeinen recht leer, hier und dort standen ein paar Schränke, auch eine Kommode gab es, doch mehr war da nicht, abgesehen von dem blauen, staubigen Teppich, der ungefähr in der Mitte des Raumes lag.
Saturas schien wirklich eine Vorliebe für blau zu haben, als Wassermagier war dies wohl gar nicht so unüblich.
Erst jetzt entdeckte Edwin seine Kleidung, die am Fußende seines Bettes lag. Rasch zog er sich an, und ordnete seine Haare vor dem Spiegel, welchen er zuerst ein wenig gesäubert hatte.
Nachdem Edwin damit fertig war, verließ er Saturas' Schlafraum und betrat über den Flur das Esszimmer, dessen Tisch schon gedeckt war.
„Du kommst gerade recht. Setz dich und iss.“
Dies tat Edwin auch, schweigsam nahm er mit Saturas sein Mahl ein.
Entgegen seiner Erwartung war es allerdings nicht mehr als sonst, die Milch entschädigte aber dafür.
Nach dem Frühstück ergriff Saturas das Wort.
„Nun, Edwin, da du von deinem Fieber geheilt bist, bist du sicherlich wieder voll einsatzfähig.“
Edwin wollte antworten, doch Saturas ließ ihm keine Gelegenheit, sondern fuhr fort.
„Heute werde ich dich wieder ein wenig unterrichten und abfragen. Morgen wirst du mir wieder ein paar Gegenstände bringen, ich bräuchte zum Beispiel noch eine Drachenwurzel... außerdem solltest du stets die Kräuter studieren!“
„Und wann braue ich endlich Tränke?“ , warf Edwin ein wenig empört ein, „Nur studieren bringt doch überhaupt nichts. Was nützen mir sämtliche Eigenschaften der Kräuter, wenn ich sowieso nie einen Trank bei dir brauen werde?“
Edwin war ein wenig überrascht über seine eigene Reaktion, und Saturas noch viel mehr. Ein wenig gereizt antwortete er: „Du bist noch nicht soweit!“ „Und wann bin ich soweit?“ , fragte Edwin kühn. „Das entscheide ich“ , sagte Saturas gebieterisch.
Edwin hatte allmählich genug, hatte er nicht schon bewiesen, das er zu mehr fähig war? Immerhin war er einem schwarzen Troll entkommen, nur um die Sonnenaloe zu Saturas zu bringen, und das hatte noch eine Menge Geld gespart. Und als Dank dafür sollte Edwin weiter studieren? Immer nur lernen, die Theorie? Nie das Gelernte anwenden?
Nein, das war sicherlich nicht das, was er wollte.
Natürlich war er sehr wissbegierig und neugierig, doch er war ein wenig wütend darüber, dass Saturas ihn für unfähig hielt, wenigstens einen einfachen Trank zu brauen.
Aber hatte er denn eine Wahl? Er musste es wohl oder übel über sich ergehen lassen, wenn er einmal Tränke brauen wollte.
„Na gut“ , sagte Edwin widerwillig, „lass uns mit dem Unterricht beginnen.“
Last edited by John Irenicus; 20.02.2010 at 11:18.
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Kapitel XIV : Unzufriedenheit II
Es war eine lange Zeit vergangen.
Edwin studierte die Kräuter, brachte seinem Meister Gegenstände, und seine praktischen alchemistischen Fähigkeiten beschränkten sich darauf, Reaktionen von verschiedenen Kräutern auf verschiedene Flüssigkeiten zu untersuchen.
Brahim sah er nur noch selten, meist erledigte er Aufgaben für die Bürger Khorinis' , um sich ein wenig Geld zu verdienen, damit er sich Bücher und Ähnliches kaufen konnte.
So standen nach einiger Zeit schon „Ein Schluck Schicksal“ von YoTcA und Heinz, „Der Tiger von Myrtana“ von Assasin JoS, „Der Weg des Magiers“ von Punkpferd und noch viele andere Bücher in seinem Regal.
Es war wirklich eine lange Zeit vergangen.
Edwin wurde immer unzufriedener, er fühlte sich einfach unterfordert.
Last edited by John Irenicus; 05.03.2010 at 17:50.
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Kapitel XV : Experimente
Eines Tages, nach dem Frühstück, welches Edwin immer fader vorkam, sagte Saturas: „Edwin, ich werde heute zu einem Treffen mit den Wassermagiern gehen, Erfahrungen und Erkenntnisse austauschen – deine Aufgaben habe ich dir vor deinen Experimentierraum gelegt, du hast also zu tun. Ich werde sicher bald wieder zurück sein.“
„Ja“ , sagte Edwin, und Saturas verließ ohne weitere Worte das Haus.
„Ja, geh nur“ , sagte Edwin, als sein Meister weg war, „vergnüg dich mit deinen Kollegen während ich deine Aufgaben erledige.“
Edwin seufzte. Er hatte ja keine Wahl.
Er hatte sich für diese Lehre entschieden, und sollte eigentlich zufrieden sein. Aber er hatte ja nicht gewusst, wie unterfordernd es mit der Zeit sein würde.
Er ging in den ersten Stock, doch anstatt sich den Zettel mit den Aufgaben vor der Tür seines eigenen kleinen Labors durchzulesen, ging er in sein Zimmer.
Er war ziemlich deprimiert, ihm fehlte einfach jegliche Motivation.
Saturas hatte sie mit seinen langweiligen und unterfordernden Aufgaben erstickt.
Unterfordert, das war das Wort, das eine immer zentralere Rolle in Edwins Gedanken einnahm.
Er betrachtete sich im Spiegel. Seine braunen Haare waren mit der Zeit immer länger geworden, doch sahen nie verfilzt oder fettig aus. Ein gepflegter Oberlippenbart, der an den Enden ein wenig nach unten zeigte, zierte seine untere Gesichtshälfte. Außerdem hatte sich am Kinn schon ein deutlicher Ziegenbart gebildet.
Es war wirklich eine lange Zeit vergangen.
Edwin entschloss sich nun doch noch, den Aufgabenzettel vor der Tür seines Experimentierraums zu lesen.
Er ging zu ihm hin, hob ihn auf und las ihn sich durch.
Edwin, hier deine Aufgaben für heute:
1.Bringe mir drei Goblinbeeren
2.Hole die drei starken Heiltränke aus dem Schrank in meinem Labor, und bringe sie Zuris
3.Hole bei Rupert das Buch „Alchemie der Götter – von Ambrosia bis Zaubersaft“ ab
Die Aufgaben waren stets nach dem gleichen Muster gehalten, Edwin kannte dies nun schon zu genüge, stets irgendwelche Kräuter sammeln und Botengänge erledigen.
Es war wirklich eine lange Zeit vergangen.
Stumm steckte Edwin den Zettel in seine Robe, und ging hinunter zu Saturas' Labor. Als er die besagten Tränke aus dem Schrank holte, erinnerte er sich an das erste Betreten des Labors, als er sich die Tinte geliehen hatte.
„Es ist wirklich eine lange Zeit vergangen.“
Als Edwin diese Worte nun zum ersten Mal aussprach, keimte in ihm eine Idee. Warum sollte er es denn nicht tun?
„Ja, das mache ich.“
So wollte er seinem Meister beweisen, dass er sehr wohl soweit war, Tränke zu brauen, er sollte schon sehen.
Erfüllt und angetrieben von seinem inneren Feuer öffnete er den Bücherschrank von Saturas, und zog das Alchemiebuch heraus, welches ganz links stand.
Edwin wollte keine kleinen Tränkchen bauen, er wollte etwas ordentliches zustande bringen, etwas, von dem sein Meister beeindruckt sein würde. Ein Trank, der seinen Fähigkeiten entsprechen würde.
Edwin blätterte ein wenig darin rum, doch nichts wollte ihm gefallen. Er blätterte bis zur letzten Seite, dort war ein Trank aufgeführt, dessen Name und Wirkung unbekannt waren. Nur die Zutaten waren überliefert.
„Das wäre doch was“ , sagte Edwin, „einen neuen Trank 'entdecken' , ihn erforschen.“
Das würde ihn sicherlich berühmt machen.
Wer weiß, vielleicht würde der Trank ja sogar nach ihm benannt!
Von seinem Ehrgeiz nun vollends gepackt, machte sich Edwin eifrig an die Arbeit.
Nach bestem Wissen und Gewissen tat er die Zutaten in die Flasche.
Es waren sehr seltene Zutaten, und von den meisten hatte Saturas nur sehr wenige. Aber schließlich hatte er etwas Großes vor, da würde ihm sein Meister bestimmt nicht böse sein. Immerhin hatte Edwin schon so viele Kräuter für ihn gesammelt, dass es nur sein gutes Recht war, sie auch einmal zu benutzen.
Zuerst tat er die drei Kronstöckelpflanzen hinzu, danach das Extrakt zweier Feldknöteriche, das gemahlene Horn eines Schattenläufers und zu guter Letzt fügte er auch die zwei Dämonenherzen mitsamt der schwarzen Perle hinzu.
Zutaten von gewaltiger Macht.
Nach wenigen Augenblicken begann der Edwintrank zu brodeln, und Edwin schien sichtlich zufrieden.
In diesem Moment kam Saturas zurück, Edwin schien es ein wenig früh, dennoch begrüßte er ihn, und fing begeistert an, ihm von seinem Unterfangen zu erzählen, und sagte förmlich und feierlich zugleich: „„Meister, stell dir vor, ich habe den letzten Trank in eurem Buche gebraut, um die Wirkung zu testen!“
Saturas wirkte erschrocken und wütend zugleich. „DU HAST WAS?!“ , donnerte er.
Edwin wich vor seinem Gebrüll zurück.
„DIESER TRANK IST HÖCHSTGEFÄHRLICH, DU DARFST IHN NUR 20 SEKUNDEN ZIEHEN LASSEN, SONST FÄNGT ER AN ZU BRODELN UND...“
Aber da war es schon passiert.
Zwei gleich große Flecke waren auf dem Boden entstanden, der Trank war ausgelaufen. Aus den Flecken materialisierten sich zwei Dämonenlords, die auf die beiden zuschwebten.
Sie waren beide bis ins Detail identisch, sie sahen beide sehr furchterregend aus.
Ihr ganzer Körper war bunt, doch die Farben waren matt, und es erzeugte ein zusammengebasteltes Aussehen. Die Augen waren glühend rot, und oben auf dem Kopf ragten zwei Fühler raus.
Nun, die Dämonenlords schwebten nur auf Saturas zu, denn Edwin war bereits aus dem Labor geflohen.
Er wusste, das dies eine Menge Ärger geben würde, ja, sogar den Rausschmiss bedeuten würde. Deshalb lief er hoch in sein Zimmer.
In der Ahnung, dass Saturas die Dämonenlords schon bald besiegt haben und hinter ihm herrennen würde, stopfte er seine Sachen hastig in den Rucksack, nahm seinen Kampfstab und... wusste nicht mehr weiter.
Die Treppe konnte er nicht runter, dort wäre er dem Zorn Saturas' ausgesetzt gewesen, und das war mitunter das letzte, was er wollte.
Das Fenster, er musste durch das Fenster.
In Anbetracht der Höhe war es ein ziemlich großes Wagnis, doch es gab die Rinne, die den Abfall bis nach unten leitete.
Ohne noch weiter darüber nachzudenken, was das sinnlose Einschlagen statt Öffnen des Fenster bewies, griff er mit beiden Händen nach der Rinne, die nach unten führte, und rutschte daran herunter.
Unten angekommen fiel er hin, und sein Rucksack auf den Boden.
Rasch zog er ihn wieder über seine Schultern.
Ein kurzer Blick zurück, und Edwin sah Saturas am Fenster seines ehemaligen Zimmers stehen – wütend, einen Eispfeil zum Abschuss bereit.
Edwin wandte sich von ihm ab, und steuerte nicht das nahe gelegene östliche, sondern das etwas entfernte östliche Stadttor an.
In dieser Stadt konnte er nicht länger wohnen, er wollte dem Zorn seines Meisters, der noch dazu berechtigt war, nicht ausgesetzt sein.
Last edited by John Irenicus; 19.09.2010 at 21:11.
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Kapitel XVI : Horaz
Edwin lief einige Zeit in den umliegenden Wäldern herum, er wusste nicht wohin.
Er dachte sogar daran, zu den Bauern zu gehen, um zusammen mit Abuyin auf den Feld zu arbeiten, doch so sehr er den Südländer mochte, zu den Bauern wollte er eher weniger. Dieses Unglück war ihm nämlich wegen zunehmender Unterforderung erfahren, weshalb es ziemlich ironisch gewesen wäre, dann Landarbeiter zu werden und Feldrüben aus staubigem Ackerboden zu ziehen.
In der Taverne zu wohnen war auf Dauer zu teuer, und in die Stadt wollte Edwin nicht mehr zurück.
Es war nicht nur wegen Saturas, er hatte es auch im Gefühl, dass er mit der Stadt erst mal abgeschlossen hatte.
Irgendwann fand er in den Wäldern unterhalb des Leuchtturms eine Höhle, die er vorher noch nie gesehen hatte, denn der schmale Eingang lag hinter einigen Büschen versteckt.
In der Höhle waren viele Fackeln an den Wänden befestigt, sie erhellten die Höhle so stark, dass man jeden einzelnen Stein genau erkennen konnte.
Offensichtlich war die Höhle an vielen Stellen künstlich bearbeitet worden, und sicherlich war sie bewohnt.
„Wenn hier noch jemand wohnt, wird er mir Unterschlupf gewähren, ansonsten werde ich mir diesen mit Gewalt verschaffen“ , sagte Edwin zu sich selbst, um seine Entschlossenheit zu stärken, erschrak dann aber vor sich selbst.
Was war nur los mit ihm?
Er war sonst nicht auf Konfrontationskurs, und selbst wenn, mit einem mickerigen Kampfstab und einigen Grundkenntnissen der Alchemie ließ sich kein Gegner so leicht bezwingen.
Überhaupt, Gewalt war nie eine Sache gewesen, die Edwin schnell in Erwägung zog.
Hatten ihn die ganzen Ereignisse etwa schon so verroht, dass es ihm nichts mehr ausmachte?
Edwin machte mit sich selbst aus, ein wenig mehr darauf zu achten, und wandte sich nun wichtigeren Dingen zu.
Die Höhle war vollkommen frei von irgendwelchen Steingebilden wie Stalaktiten oder Stalagmiten, und schien aus zwei Räumen zu bestehen.
Ein schmaler Gang verband den ersten Teil der Höhle mit dem zweiten.
Edwin schlich vorsichtig an der Wand entlang, am Ende presste er seinen verschwitzten Körper an selbige, und lugte zaghaft um die Ecke.
Ein älterer Mann in dunkler Robe saß auf einem morschen Stuhl an einem Tisch, und schien angestrengt über die Aufzeichnungen nachzudenken, die dort lagen.
Edwin war sich ziemlich sicher, dass dies ein Magier sein musste, denn auf den umliegenden Tischen standen allerlei alchemistische Gerätschaften, und die wenigen, verstaubten Regale quollen vor Pergamentrollen nur so über.
Plötzlich hörte Edwin etwas zu Boden fallen, und wenige Augenblicke später lag er bewegungsunfähig auf selbigem, als ob unsichtbare Fesseln ihn festhielten.
Der alte Mann war aufgesprungen und hatte einen Fesselungszauber über Edwin verhangen, und dabei seinen Stuhl umgeschmissen.
„Wer bist du?“ , fragte er mit knurrender Stimme.
Edwin sah ein, dass seine Situation aussichtslos war, und es albern gewesen wäre, die Fragen des Magiers nicht zu beantworten.
Die Furcht nahezu gänzlich aus seine Stimme verdrängt, antwortete er wahrheitsgemäß: „Ich bin Edwin, ich hatte sozusagen ein paar Probleme mit meinem alten Meister, ich bin weggelaufen und suche Unterschlupf.“ „Probleme mit deinem Meister?“ „Ja, ich war ein wenig zu neugierig.“ „Dass du zu neugierig bist, habe ich schon bemerkt, als ich dich hier drin gesehen habe.“
Eine Weile lang schwiegen die beiden sich an, und nahmen sich die Zeit, sich gegenseitig zu mustern.
Die langen Haare des Magiers hingen schmutzig grau herunter, unter seiner schwarzen, schäbigen Robe sah er sehr abgemagert aus.
Sein Gesicht wies ein paar Narben auf, die Augenbrauen waren dick, und standen ein wenig schräg zueinander.
Die kleinen, stechend blaugrauen Augen lagen in tiefen Höhlen, die dem Magier ein altes und erschöpftes, aber zugleich wachsames und erfahrenes Aussehen verliehen.
Das Gesicht war ausgemergelt, die Wangenknochen traten deutlich hervor.
Sein Mund war ziemlich schmal, drum herum wuchsen einige Bartstoppeln, besonders viele am spitzen Kinn.
Insgesamt sah er schäbig, doch sehr intelligent aus, das erkannte Edwin an den Augen des Alten, welcher zuerst die Stille durchbrach.
„Nun, habe ich das richtig verstanden, du suchst Unterschlupf?“ „Ja“ , antwortete Edwin, darauf bedacht, weder zu selbstbewusst noch zu ängstlich zu klingen. Es gelang ihm ziemlich gut.
„Nun gut“, sagte der Magier, „von mir aus kannst du hier bleiben. Morgen bin ich sowieso nicht mehr hier, ich habe dringende Angelegenheiten zu regeln. Deshalb ist es kein Problem, dass du hier bleibst, solange du dich anständig benimmst.“
Edwin war erfreut.
Dieser alte Magier war ein vernünftiger Mann, sich nicht mit ihm anzulegen. So konnte dies alles gewaltfrei geregelt werden. Edwin war überzeugt davon, dass ihn der Alte natürlich nur aufgrund des Überraschungsmoments überwältigen konnte. Direkt nach diesen Gedanken wurde ihm allerdings klar, dass dies nur ein Anfall von Größenwahnsinn gewesen war, denn Edwin konnte kein bisschen zaubern, und hatte nur seinen Stab. Noch dazu war der alte... nun, alt, weshalb er sicherlich mehr Kampferfahrung als er hatte. Was war nur los?
Da Edwin nicht unhöflich erscheinen wollte, sagte er: „Ich danke dir, ... ähm... Magier.“
„Horaz, ich heiße Horaz“ , sagte der Alte nur.
„Ich bin Edwin“, stellte sich Edwin seinerseits vor.
„Sagtest du bereits“, meinte Horaz, „wenn das nun endgültig geklärt ist, kann ich ja weiterarbeiten, ich muss vor meiner Abreise diese Listen noch mal ganz genau durchgehen.“
Damit war das Gespräch beendet, und ohne Edwin auch nur noch ein weiteres bisschen Beachtung zu schenken, stellte Horaz den Stuhl wieder auf die Beine, nahm darauf Platz und begutachtete seine Aufzeichnungen im flackernden Schein der Kerze, die auf dem alten soliden Holztisch stand.
Edwin stand zunächst einige Zeit im Raum rum, und ab und zu blickte er verstohlen auf Horaz’ Schreibtisch. Trotzdem konnte er nicht erkennen, um was für Aufzeichnungen es sich handelte.
Einige Minuten rangen seine Manieren und seine Neugier miteinander. Einen
hochkonzentrierten Magier bei seiner Arbeit zu stören, war wirklich sehr unhöflich, und wenn es ein hitzköpfiger Magier war, meist auch noch gefährlich, wenn nicht gar tödlich. Doch vielleicht handelte es sich auch um Aufzeichnungen, die Edwin auf irgendeine Weise zum Vorteil gereichen könnten.
Am Ende siegte Edwins Neugier, und er fragte: „Was sind das für Listen, Schriften und Aufzeichnungen die du da überprüfst und durcharbeitest? Wofür brauchst du sie?“
Horaz blickte auf, und starrte erst einmal die Wand an.
Edwin fürchtete schon, dass er Horaz ernsthaft verärgert hatte, doch dann knurrte dieser: „Komm her.“
Langsam schritt Edwin zum Tisch. Horaz wies auf die Liste, die er bei Edwins Eintreten betrachtet hatte.
„Das ist eine recht aktuelle Liste aller gefährlichen schwarzen Magier, die momentan auf freiem Fuß sind, und die es unschädlich zu machen gilt.“
Edwin las eine Reihe von Namen. Ganz oben auf der Liste stand ein gewisser Sraileb Echar, sein Name war doppelt unterstrichen.
Dann folgten Lail Eb; Zordasz Vrenghti; und schließlich Xardas, der Dämonenbeschwörer.
Darunter standen noch etliche andere Namen, doch Edwin ging eine Frage durch den Kopf, die ihm auch sofort aus dem Mund sprudelte.
„Du bist ein Kopfgeldjäger? Du jagst schwarze Magier?“
Horaz grinste süffisant.
„Na was hast du denn gedacht? Dass ich denen noch zum Geburtstag gratulieren muss, oder was? Ja, ich jage Schwarze Magier. Dies hier auf der Liste sind Dunkle Magier, die unabhängig arbeiten, also nicht wirklich im Dienste des Bösen. Bei diesem Sraileb Echar bin ich mir da zwar nicht so sicher, aber egal. Hier auf der Liste daneben sind die letzten bekannten Aufenthaltsorte der Schwarzmagier aufgezeichnet.“
Edwin staunte.
„Woher beziehst du deine Informationen?“ , fragte er interessiert. „Aus
verschiedenen Quellen“ , antwortete Horaz, „Ich habe einige feste Informanten, die mir, sobald sie was in Erfahrungen bringen können, sofort Bescheid geben. Außerdem habe ich ein offenes Ohr für Gerüchte, die ich aber kritisch prüfe. Manchmal sind diese Gerüchte sehr hilfreich, da in ihnen oft ein Körnchen Wahrheit enthalten ist. Und das alles kombiniere ich mit meiner Erfahrung und meinem eigenen Wissen über die Schwarzen Magier. Mit manchen hatte ich sogar schon mal persönlich Kontakt.
Natürlich vor langer Zeit, als sie noch nicht Angst und Schrecken verbreitet haben.“
„Mit wem denn zum Beispiel?“ , fragte Edwin weiter.
Das ging ein wenig zu weit.
Horaz sagte mit freundlichem, aber bestimmten Ton: „Das geht dich beileibe nichts an.“
Schade , dachte Edwin, aber diese kleine Vorenthaltung einer Information hemmte seine
Neugier nicht, ganz im Gegenteil. Immer noch wissbegierig deutete Edwin auf ein weiteres beschriebenes Pergament und fragte: „Und das? Was ist das?“ „Das ist zurzeit meine primäre Aufgabe. Informationen besagen, dass sich eine dunkle
Bruderschaft zu formieren beginnt. Wie sie sich nennen ist nicht bekannt, von den Leuten werden sie aber „Schwarzroben“ genannt. Noch sind sie nicht so stark, deshalb sollte ich sie sobald wie möglich aufspüren und die Gruppe zerschlagen. Ich habe auch in Verdacht, dass dieser Sraileb Echar dort eine führende Position eingenommen hat.“
Edwin konnte es nicht lassen, weitere Fragen zu stellen.
„Deine Arbeit scheint ja wirklich gefährlich zu sein. Wer bezahlt dich dafür?“
„Meist der Statthalter einer Stadt, die von diesem Magier bedroht wird, oder die Paladine.
Manchmal sind es aber auch einzelne Personen, die von einem Schwarzmagier Leid zugefügt bekommen haben, und nun Rache wollen. Solange die Bezahlung stimmt, und es kein sinnloses oder hoffnungsloses Unterfangen ist, nehme ich den Auftrag an. Aber die Arbeit kostet so einiges.“ Daraufhin entblößte Horaz sein Holzbein.
„Das hier ist von einem Kampf gegen Xardas. Ich hab es ihm nicht verziehen, wie könnte ich auch, aber man gewöhnt sich an den Schmerz.“
Edwins Neugier war zunächst mal gestillt, und er stellte nur noch eine Frage: „Wo soll ich schlafen?“
Horaz schaute Edwin verwundert an.
„Na hier in der Höhle, ich habe es dir doch erlaubt, oder etwa nicht?“ „Jaja, aber wo ist mein Bett?“ „Bett? Bett?“ Horaz lachte leise.
„Meinst du etwa, ich habe hier ein Bett für eventuelle Gäste? Eigentlich solltest du doch gar nicht hier sein, da kannst du doch nicht erwarten, dass ein Bett für dich parat steht. Du bist wirklich seltsam.“
Edwin verstand und schalt sich für seine eigene Dummheit. Aber dennoch, es war ungewohnt, selbst bei ihm zu Hause hatte es ein Bett für jeden gegeben.
Edwin öffnete den Mund um Horaz nach einem Kissen oder einem weichen Gegenstand fragen, aber der Kopfgeldjäger war bereits erneut in seine Arbeit vertieft, und er wollte ihn nicht schon wieder stören.
Also ging er in den Vorraum, und legte sich in eine Ecke, von der er den Höhleneingang betrachten konnte.
Draußen regnete es, Blitze zuckten am Himmel, doch der Donner blieb größtenteils aus. Edwin lauschte den prasselnden Tropfen, wie sie auf Blätter, Steine, und den Boden platschten, bis er, vom Rauschen des Regens eingelullt, einschlief.
Edwin träumte von Listen, schwarzen Magiern, und Holzbeinen.
Gegen Ende des Traumes hatte Edwin den Namen „Sraileb Echar“ vor Augen. Die Buchstaben vollführten einen merkwürdigen Tanz, fassten sich an den Händen, drehten sich und sprangen herum, bis sie die wahre Natur des Namens enthüllten.
Als Edwin aufwachte, wollte er direkt zu Horaz, um ihm davon zu erzählen. Er ging mit raschen Schritten zum anderen Höhlenabschnitt, doch als er eintrat, merkte er, dass der Raum fast leer war.
Horaz war abgereist, auf dem Tisch lag eine kleine Notiz.
Edwin, wenn du diese Zeilen liest, bin ich längst abgereist, und gehe meiner Tätigkeit nach.
Ich würde dir raten, die Höhle zu verlassen, da man nie weiß, wo das Böse seine Augen und Ohren hat.
Such dir einen neuen Meister, wenn du gar nicht weißt, wo du hin sollst, geh ins Kloster der Feuermagier.
Falls dich der Torwächter aufhalten will, sage ihm folgende Worte: „Ich bin ein Gesandter des zweiten Lehrlings von 'The Wizard' . Der wahre Name ist James.“
Der Torwächter wird dich daraufhin einlassen. Falls nicht, bestehe darauf dass ein Magier geholt wird, und sage vor ihm den Spruch auf. Spätestens dann wirst du eingelassen. Sollten die Magier nachfragen, erzähle bitte so wenig wie möglich von mir. Ich habe meine Gründe.
Viel Glück.
Horaz
Edwin steckte den Zettel in die Tasche, ging bis zur Vorhöhle, atmete tief durch, umfasste den Zettel noch einmal in der Tasche, und ging hinaus ins Freie.
Last edited by John Irenicus; 19.09.2010 at 20:35.
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Kapitel XVII : Reise mit Hindernissen
Edwin war klar, dass es nur eine Möglichkeit gab.
Da er gar nicht wusste, wo er hin sollte, wusste er nun, wo er hin sollte.
Die Feuermagier waren die einzige Möglichkeit, die ihm jetzt noch blieb, wenn er weiterhin auf den Pfaden der arkanen Künste wandeln wollte, beziehungsweise diese zu betreten wünschte.
Das Kloster würde zwar unweigerlich Kenntnisse über Religion voraussetzen, doch Edwin war bereit, sich damit zu arrangieren, denn er hatte seine Lektion gelernt.
„Quid pro Quo“ , wie Saturas immer zu sagen pflegte, wer A sagt, muss auch B sagen.
„Also ab ins Kloster“ , sagte Edwin zu sich selbst, und musste trotz seiner misslichen Lage über das Spiel mit den Buchstaben ein wenig grinsen.
Mit der Losungsformel von Horaz und seinem Vorwissen über die Götter würde der Eintritt ins Kloster sicherlich nicht schwierig sein, und das erweckte Edwins verloren geglaubten Ehrgeiz wieder.
Mit frisch gewonnenem Mut steuerte er zielstrebig auf die Taverne zu, er passierte die Stadt, indem er einen kleinen Bogen um sie machte, als Symbol, dass er mit ihr abgeschlossen hatte.
Edwin ging nur wenige Schritte weiter, da traf er auf zwei Riesenratten, die sich gerade an einem Scavengerkadaver gütlich taten.
Er hatte irgendwann einmal aufgeschnappt, dass Riesenratten sich um jeden Preis aufs Aas konzentrierten, und nur auf lebende Dinge reagierten, wenn sie sich gefährlich näherten oder sie angriffen. Aus diesem Grund nahm Edwin Abstand, und ging in einem großen Bogen an ihnen vorbei, den Blick stets auf sie geheftet.
Schritt für Schritt tat er, ohne die Aufmerksamkeit der Ratten auf sich zu lenken.
Als Edwin sich sicher war, aus ihrer Wahrnehmungszone heraus zu sein, drehte er seinen Kopf wieder nach vorne, und stieß einen überraschenden, kleinen Schrei aus.
Er erblickte die Gestalten zweier riesiger Männer, die sich in vielen Punkten glichen.
Beide hatten grünliche Haut und einen unproportional großen, muskelbepackten Oberkörper, der ihre Hemden, eines braun, das andere dunkelgrün, bis zum Zerreißen spannte, wohingegen ihre Beine, die mit viel zu weiten, beigefarbenen Hosen bedeckt waren, fast schon einen verkrüppelten Anblick boten.
Die Füße, die in rissigen, braunen Lederschuhen steckten, waren insgesamt sehr groß, beim ersten Mann war der Linke größer, beim zweiten Mann war es der Rechte.
Ihre kahlen Köpfe hatten eine runde Form, bis auf eine seltsame Ausbeulung direkt oben drauf.
Die Ohren waren groß, und standen ab.
Das mit schwarzen Bartstoppeln übersäte Kinn war stumpf, und besaß in der Mitte eine Art Einkerbung.
Die Augen waren bei einem grün, beim anderen braun, und zeugten nicht gerade von Weisheit oder Intelligenz.
Sicher war, dass es Brüder sein mussten. Edwin zweifelte aufgrund ihres plumpen Aussehens an ihrer menschlichen Herkunft.
„Wo willst du hin?“ , fragte der mit den grünen Augen, er hatte eine tiefe, monoton klingende Stimme. Er sprach nur langsam, das Aneinanderreihen von Wörtern schien ihm große Mühe zu bereiten.
„Garb hat dich gefragt, wo du hin willst, ja, das hat er!“ , sagte der andere.
„Sei ruhig, Gurb“ , herrschte Garb ihn an, lass mich reden, ich bin darin bse... ber... mehr gut drin als du!“
„Ach du liebe Zeit, zwei debile Pöbler“ , entfuhr es Edwin, und die beiden Brüder unterbrachen ihren Streit.
„Was sind wir?“ , fragte Gurb.
„Ach nichts...“ , antwortete Edwin, und wollte an den beiden vorbeigehen, doch sie versperrten ihm erneut den Weg.
„Du siehst aus, als bist du reich“ , sagte Gurb.
„Das tut mir wirklich außerordentlich leid“ , sagte Edwin in einem forschen, ironischen Ton, „doch ich habe kein Geld dabei.“
Trotz seiner mutigen Haltung machte sich Edwin auf alles gefasst, und bereitete sich auf eine handfeste Auseinandersetzung vor.
„Dann hast du zu Hause was!“ , rief Garb freudig aus, und Gurb fragte: „Wo ist dein zu Hause?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich euch das erzählen kann, Jungs“ , sagte Edwin, während er wieder ein paar Schritte weiterging. Vergebens, der Weg war immer noch nicht frei, und jetzt los zu rennen wäre zu riskant gewesen.
„Warum nicht?“ , fragte Garb nach.
„Weil ich... weder ein zu Hause noch irgendwelches Geld habe“ , beantwortete Edwin wahrheitsgemäß die Frage.
Garb und Gurb schauten sich ratlos an, und murmelten sich etwas zu.
Diesen Augenblick wollte Edwin zur Flucht nutzen, doch gerade als er den ersten Schritt aus der Bedrängnis tun wollte, sprach ihn Garb an.
„Dann fordern wir Lösegeld!“ „Genau, Lösegeld!“
Edwin bemerkte, dass die Gefahr zunahm, weshalb er nun alles auf eine Karte setzte. Er versuchte möglichst naiv zu wirken, und sagte, mit einem gespielt bedauerlichen Unterton: „Es tut mir ja leid, aber ich habe euch doch gesagt, dass ich kein Geld dabei habe, deswegen kann ich euch auch kein Lösegeld geben.“
Die Brüder blickten zuerst Edwin, und dann sich erstaunt an, und begannen wieder mit ihrer Beratung.
Edwin startete einen erneuten Versuch sich zu entfernen, doch wieder war er ein kleines bisschen zu langsam.
„Da ist was dran“ , stimmte Garb zu. „Ja“ , sagte Gurb, „nichts für Ungut, wenn du kein Geld hast, gehen wir wieder.“
„Auf Wiedersehen!“ , rief Edwin, und machte sich mit zügigen Schritten wieder auf den Weg zur Taverne.
Er konnte sein Glück gar nicht fassen, diese beiden Wegelagerer waren sogar noch dämlicher als die, die in seinen Büchern beschrieben wurden.
„Vermutlich waren es Halb-Orks“ , sagte Edwin zu sich selbst, „denn sie hatten eine grüne Haut, und waren recht behaart, noch dazu ziemlich einfältig.“
Vor Freude grinsend blickte er sich um, und die Umgebung sah gleich ein wenig schöner aus.
Rechts war eine große Klippe, und Edwin konnte hinunter bis ins Tal schauen, so klar war die Luft.
Links von ihm erstreckte sich ein großer Wald, und ein wenig weiter vorne lag Akils Hof, den Edwin zu passieren hatte.
Erst nach dem glanzvollen Meistern der gefährlichen Situation fiel ihm auf, was für ein schöner Tag es doch war, die Sonne schien, es war weder zu heiß noch zu kalt, ein laues Windchen wehte umher, und die Vögel zwitscherten.
Dann traf Edwin etwas hartes am Hinterkopf.
Und die Vögel zwitscherten.
Last edited by John Irenicus; 04.05.2010 at 22:59.
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Womancier
Kapitel XVIII : Retter in der Not
Edwin kam nach all dem Warten und der Kopfschmerzen nicht drum herum, sich selbst Vorwürfe zu machen.
Unablässig knisterte das Feuer vor sich hin, und schien einen Kampf mit den Steinen, die es einzäunten, zu führen, die Schatten flackerten wild an der Wand umher.
Der unebene Boden war mit trockenem Laub bedeckt, welches sicherlich laut rascheln würde, wenn jemand darüber liefe.
Über dem Feuer hing an einem Drehspieß, der an manchen Stellen schon ein wenig angeknackst war, ein toter Scavenger, dessen vor sich hin garendes Fleisch einen Geruch aussandte, welcher Edwin das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
Edwin starrte auf den Ausgang, konnte jedoch nur einen kleinen Teil des Waldes erkennen, was ihm nicht gerade half, sich Übersicht zu verschaffen.
Ebenso wenig taten dies die beiden dreibeinigen Hocker und der marode Tisch, doch bot die Maserung des Holzes ein wenig Abwechslung zum Züngeln der Flammen oder Tanzen der Schatten an der feuchten Höhlenwand, an welcher sich in Edwins Nähe ein morsches Holzfass ohne Deckel befand.
Edwin machte sich Vorwürfe, wäre er vielleicht weniger forsch mit den Brüdern umgegangen, würde er nicht geknebelt und gefesselt in der Ecke liegen und abwechselnd je eines der zehn hölzernen Beine betrachten, um sich die Zeit zu vertreiben.
Gerade als Edwin gedacht hatte, den beiden Schlägern entkommen zu sein, hatten Garb und Gurb ihm von hinten eins übergezogen, sodass er das Bewusstsein verloren hatte. Edwin war sich sicher, dass es so gewesen sein musste.
Aufgewacht war er in dieser Höhle, wie lange er nun schon dort lag, wusste er nicht, er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, was die Gefangenschaft noch unerträglicher machte. Den Zeitraum konnte er allerdings ein bisschen einschränken, da er Garb und Gurb seit dem ersten Zusammentreffen nicht mehr gesehen hatte.
Ein Kribbeln an seinem Bein riss Edwin aus seinen Gedanken, und er sah herab.
Eine dicke Spinne hatte sich von der Decke abgeseilt und kletterte jetzt sein Bein hoch, sie war schon am Oberschenkel angelangt.
Mit Interesse, ohne die Möglichkeit sie abschütteln zu können, beobachtete Edwin, wie sie ein langes, behaartes Bein, welches vom dicken, noch behaarteren Körper ausging, nach dem anderen vorsetzte, und so seinen Oberschenkel erklomm.
Edwin machte dies nicht viel aus, Spinnen war er gewohnt, sodass er nur ein kleines Unbehagen fühlte, wenn eine an ihm herumkrabbelte.
In diesem Fall war er seltsamerweise sogar dankbar für ein wenig Gesellschaft, und machte deshalb auch keine Anstalten, die Spinne zu verscheuchen.
Ein Rascheln lenkte Edwins Aufmerksamkeit ebenso wie seinen Blick auf den Eingang, in dem zwei grobe Gestalten erschienen.
Garb und Gurb, je einer von ihnen mit einem Molerat über der Schulter, schmissen ihre Beute achtlos auf den Boden, und setzten sich auf die Hocker, direkt ans Feuer.
Die Spinne verschwand daraufhin erschrocken unter Edwins Bein, und während sich die beiden Brüder Edwin zuwandten, bemerkte dieser, wie sie an seinem Rücken herumkletterte.
„Na, gefällt es dir hier?“ , fragte Garb ihn gehässig.
„Das Lösegeld werden wir schon noch kriegen“ , lachte Gurb.
„Nur wie?“ , fragte Garb seinen Bruder, „Lösegeld heißt, dass seine Familie Geld gibt damit er nicht mehr gefangen ist, doch keiner weiß, dass er gefangen ist.“ „Ähh...“ „Wir haben einen Fehler gemacht, Gurb, und das ist alles nur deine Schuld!“ „Meine Schuld? Du hast das alles geplant! Wie wollen wir jetzt an das Geld kommen?“
Edwin konnte es gar nicht fassen, dass diese beiden Brüder so einfältig sein konnten. Waren sie denn wirklich so blöd?
„Ich weiß nicht wie, aber fragen wir ihn einfach, er ist schlau.“
Oh ja, sie waren es.
„AHHH!“ , brüllte Edwin vor Schmerz auf, Garb hatte das mit Harz und Kerzenwachs befestigte Tuch von seinem Mund abgerissen.
Wenn es etwas gab, das diese Brüder wirklich gut konnten, dann war es die Fähigkeit, anderen Leuten Schmerzen zuzufügen, ob absichtlich oder aus Versehen.
„Wo ist unser Lösegeld?“ , schrie Gurb ihn an.
„Was er fragen will“ , meinte Garb, „ist, wie deine Familie nun erfährt, dass du nicht frei bist, und wie sie dann das Geld geben, um dich zu befreien.“
Edwin blieb zunächst stur, er wollte überhaupt nichts sagen, sondern zunächst in Ruhe überlegen, wie er der Gefangenschaft entkommen konnte.
Doch die Ruhe blieb aus, denn Gurb rief: „Nun sag schon!“ .
Edwin beschloss, nochmals auf die Dummheit des Brüderpaars zu spekulieren, schlimmer konnte es ohnehin kaum noch werden.
„Bindet mich los, und ich gehe zu meiner Familie, um ihr von meiner Gefangenschaft zu berichten, dann werden sie das Lösegeld geben, um mich zu befreien.“
Garb und Gurb schauten abwechselnd sich und Edwin an, und schienen zu überlegen.
Schon nach überraschend kurzer Zeit begann Garb, zu sprechen.
„Nun... NEIN! Du willst uns betrügen, aber darauf fallen wir nicht rein!“ „Wir sind nämlich gescheite Burschen!“ , fügte Gurb hinzu.
„Du willst uns betrügen, und dafür werden wir dir wehtun!“
Edwin war von der cholerischen Reaktion der Brüder sehr überrascht, anscheinend mochten sie es gar nicht, betrogen zu werden. Ein Glück, dass sie dies nur selten bemerkten, doch in diesem Fall hatte Edwin ein wenig Unglück.
Doch als Garb und Gurb gleichzeitig ihre Keulen, die sie die ganze Zeit über an ihren Gürteln getragen hatten, zum Zuschlagen erhoben, folgte Edwins Glück im Unglück, denn die Spinne, die sich die ganze Zeit über an seinem Körper vergnügt hatte, war nun über den Nacken, an dem sich Edwins Haare aufgrund des Kitzelns aufgestellt hatten, auf den Kopf geklettert, und verharrte dort.
„AAAAAH, Hilfe!“ , schrieen Garb und Gurb nahezu gleichzeitig, und ließen ihre Keulen ins Feuer fallen, wodurch sie einige Steine aus dem Kreis schleuderten.
Dann liefen die Brüder aus der Höhle hinaus in den Wald, und waren schon bald aus Edwins Blickfeld verschwunden. Die Brüder empfanden beim Anblick einer Spinne anscheinend sehr viel mehr als nur ein leichtes Unbehagen wie Edwin, welcher noch gar nicht glauben konnte, dass ihm ein kleines Tier das Leben gerettet hatte.
„Danke“ , sagte er zu der Spinne, stieß danach aber sofort einen Schrei des Erschreckens aus.
Das Feuer, nicht mehr kontrolliert und eingeschränkt durch die Steine, war auf das trockene Laub übergesprungen, und breitete sich zügig aus.
Als Edwin die Gefahr erkannte, sah er sich so hektisch nach allen Seiten um, dass die Spinne von seinem Kopf fiel, und sich verstört auf den Weg nach draußen machte.
Die Spinne, Edwins Retter in der Not, war zwar außer Gefahr, er selbst allerdings nicht, auch nach mehrmaligem Umgucken in der Höhle fand er nichts, was ihm hätte helfen können.
Deshalb tat Edwin das einzige, was er tun konnte.
Während das Feuer immer mehr an Distanz zu Edwin verlor, drückte dieser sich mit dem schmerzenden Kopf von der Wand ab, und stieß dann mit seinen Füßen das offene Fass um.
Dieses rollte eine Zeit lang, und stieß dann gegen den Holztisch, woraufhin der gesamte Wust darauf, einige Flaschen hochprozentige Getränke, darunter starker Wacholder und Reisschnaps, auf den Boden fielen und zerbrachen.
Der Alkohol ließ das Feuer noch größer werden, und nun geriet Edwin ein wenig in Panik, und rief: „Auch das noch!“
Er zwang sich, einen kühlen Kopf zu bewahren, doch vergebens.
Es hieß nun schnell zu handeln, und ohne viel zu Überlegen, schob Edwin mit seinem linken Fuß eine kaputte Flasche zu sich heran.
Er hoffte, dass dies nicht nur in den Abenteuerbüchern funktionierte.
Einen Schrei später, diesmal einer der Freude, hatte Edwin es tatsächlich geschafft, die zugegeben etwas zu dünnen Seile, mit denen er gefesselt war, mit Hilfe der scharfen Kanten der Scherben der zerbrochenen Flasche zu durchtrennen.
Kaum war dies geschehen, lief Edwin aus der Höhle hinaus ins Freie, und rannte noch ein wenig weiter, bis er an Akils Hof angekommen war, wo er schnaufend eine Pause einlegte.
Seinen Oberkörper mit den Händen auf den Knien gestützt, schaute er kurz nach oben, und musste erkennen, dass es schon dämmerte.
Wenigstens die Taverne wollte er noch erreichen, um nicht in der Wildnis übernachten zu müssen.
Edwin sehnte sich nach einem herkömmlichen Zimmer, und schritt deshalb zügig an Akils Hof vorbei über die Brücke, und war schon bald an Orlans „Zur toten Harpie“ angekommen.
Ein Bauer, den Edwin schon einmal gesehen hatte, saß draußen auf einer Bank, schien sich allerdings nicht für ihn zu interessieren.
Orlan hingegen interessierte sich sehr für Edwins Eintreten, denn er konnte sich noch gut an ihre letzte Begegnung erinnern, das sah Edwin ihm an.
„Was willst du denn hier?“ „Ein Zimmer“ , antwortete Edwin, und bemerkte, dass er kein Geld dabei hatte. Kurzfristig beschloss er, es ohne Geld zu regeln, irgendwie würde er das schon schaffen.
„Ein Zimmer... das kostet für dich... nur 150 Goldstücke.“ , sagte Orlan mit einem hämischen Unterton, doch Edwin blieb gelassen.
„Du weißt genau, dass dieser Preis absolut überzogen ist, und ich nicht soviel Geld dabei habe. Gewähre mir wenigstens Unterkunft hier unten im Raum an einem Tisch.“ „Das würde dich 100 Goldstücke kosten“ , sagte Orlan grinsend.
„Nein, so läuft das nicht. Ich will umsonst hier unten bleiben, ansonsten werde ich Kai Hansen davon in Kenntnis setzen, und der w...“ „Kai Hansen ist jetzt aber nicht hier“ , schnitt Orlan Edwin das Wort ab, „und deshalb wirst du bezahlen.“
Der Bauer, der draußen auf der Bank saß, stand nun am Tresen, und hatte scheinbar alles mitbekommen, denn er sagte: „Komm schon Orlan, letztes Mal hattest du auch schon Ärger mit Kai Hansen. Außerdem sieht der junge Mann hier aus, als brauche er mal wieder ein wenig Schlaf. Lass ihn hier, ich bürge für ihn. Sei nicht so ein Halsabschneider.“
Orlan missfiel die ganze Sache, und mit herunterhängenden Mundwinkeln, die eine angewiderte Grimasse formten, sagte er: „Na gut, bleib hier unten, aber morgen, wenn die ersten Kunden kommen, bist du wieder verschwunden!“
„Danke“ , sagte Edwin knapp, mehr zum Bauern gewandt als zu Orlan, verzog sich in eine Ecke, und vergrub sein Gesicht in seinen Armen.
Eine Zeit lang lauschte er noch dem Gespräch von Orlan und dem Bauern, doch er konnte schon bald nicht mal mehr einzelne Worte ausmachen, und das Letzte was er sah, bevor er einschlief, war, wie Orlan nach einem schmutzigen Lappen griff, um einen Bierkrug zu säubern.
Last edited by John Irenicus; 08.05.2010 at 00:52.
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