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Der DSA-Schreibwettbewerb - Wettbewerbsbeiträge

  1. #1 Reply With Quote
    Bin dann mal off!  Leeyara's Avatar
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    Nov 2009
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    Pünktlich zum Release von Satinavs Ketten – dem ersten DSA-Adventure – veranstaltet das DSA-Spiele-Forum der WoP einen Schreibwettbewerb zum Thema Aberglauben. Die Geschichte des Fallenstellers Geron spielt in Andergast, ein Land in Aventurien, in dem die abergläubigsten Menschen auf Dere zu Hause sind. Also passt es doch nur zu gut, wenn ihr uns zeigt, was euch zum Thema „böse Omen“ so einfällt! Die einzigen Voraussetzungen sind: Eure Geschichte sollte einfach nur in Aventurien spielen.

    Zu gewinnen gibt es drei Exemplare von Satinavs Ketten und für den Sieger zusätzlich noch einen Sonderrang!


    • die Abgabefrist läuft vom 22. Juni bis zum 20. Juli, danach findet die Wahl in der Community statt, die eine Woche umfassen wird
    • der Text sollte maximal 3000 Wörter umfassen
    • der Inhalt darf nicht gegen die Forenregeln verstoßen
    • eure Geschichte muss in Aventurien spielen


    Weitere wichtige Regeln:
    • an der anschließenden Wahl dürfen nur Accounts teilnehmen, die schon vor dem Wettbewerb existiert haben
    • nur eine Stimme! Zweitaccounts sind nicht zugelassen und werden nicht mitgewertet
    • bei versuchter Manipulation liegt es im Ermessen des DSA-Teams, was geschehen wird



    Hier könnt ihr gerne und ausgiebig über den Wettbewerb diskutieren.

    Last edited by Leeyara; 04.07.2012 at 23:15.

  2. #2 Reply With Quote
    Deus
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    Dec 2010
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    Die Steineiche zum Mond der Hesinde

    »Es ist doch nur für eine Nacht!« sagte Hannes Bechthild zu seiner Frau Siglinde. Die stand in der Tür des eingeschossigen Hauses und schaute ihn mürrisch an. Sie hatte sich eine halblange Jacke mit einem Kaninfellkragen übergeworfen. Denn der hereinbrechende Abend zur Wintersonnenwende war kalt. Vor dem Haus türmten sich leichte Berge von den Schneefällen der letzten Tage. Hannes schaute seine Frau in ihrer Jacke und dem sichtbaren langen Rock, ohne jegliche Schlitze an der Seite, noch mal an. Er nahm ihre beiden Hände und drückte sie. Dabei öffnete sich die eilig übergeworfene Jacke etwas. Ein einfacher Dolch, den sie an einem Ledergürtel trug, kam zum Vorschein. Hannes lächelte sie an: »Ich finde das sehr nett, dass Du so großen Wert auf korrekte Kleidung legst, auch wenn es nur für wenige Schritte ist.« Doch die gutgemeinten und als Aufmunterung gedachten Worte verflogen in das Nichts des hereinziehenden Winterabends.

    »Soll ich hier mich hier von allen, selbst vor Lenlak, als Hure zeigen?« wetterte seine Frau zurück. Hannes Bechthild stutzte kurz, wiederholte »Lenlak« und entrüstete sich dann: »Der Greis ist doch schon 72!« Sie war den Tränen nahe, dann besann sich der Fuhrmann aus Markhof, umarmte seine Frau, drückte sie, so wie er sie immer aus vollem Herzen an sich zog und sagte zu ihr: »Komm Liebes, Du bist standesgemäß gekleidet. Es ist nur dieser besondere Auftrag des Thorwalers und ich achte eben auf solche Dinge. Denn unser Weise hatte mir geraten, auf merkwürdige Anzeichen zu achten. Und wenn Du keinen Dolch getragen hättest … « »Das ist lieb von Dir«, antwortete seine Frau und löste sich sanft aus der Umarmung und sagte weiter: »Ich weiß, wie viel Wert Du auf diese Dinge legst und deshalb habe ich auch alles korrekt angezogen. Doch jetzt eil Dich, Du kommst noch zu spät!«

    Der Fuhrmann nickte und ging zu seinen beiden Kaltblütern, die vor einem tiefliegenden Bauernwagen geduldig standen. Der Bauernwagen hatte hinter dem Kutschbock, der mit einfachen Fellen bekleidet war, eine Seilwinde zum Aufziehen schwerer Lasten und war tiefer im Achsstand gebaut, wie die sonst herkömmlichen Wagen. Auch zwei Spindeln links und rechts des Kutschbocks verrieten, dass man das Gefährt wohl gegen ein Verrücken sichern konnte. Aufliegende Bretter wiesen darauf hin, dass man diese auch als Rampe nutzbar waren. Einiges an Werkzeug, wie Schaufel oder eine Schrotsäge, zeigten die gründliche Vorbereitung der Fahrt.

    Ein »Hü! Ihr Braunen!« verdeutlichte den beiden Pferden, dass es losgehen konnte. Hannes lenkte das Gefährt zu dem einzigen Gasthof im Ort. In dem kleinen Flecken Markhof, welches zum Edlengut Ingvalsfurt, mit den Dörfern Markthof, Aatal zählte, die sich an dem Seitenlauf Ingvalsfurter Aa erstreckten, gab es nur den Gasthof »Zur alten Steineiche«. Es war neben zwölf weiteren Wohn- oder Stallgebäuden das einzige, welches über mehrere Geschosse verfügte. Die Ausstattung war dem Bewirtschaften des von der Ingvalsfurter Aa getrennten Markwaldes und des Wilden Waldes angemessen. Oft waren noch Tagelöhner, Holzfäller unterzubringen und das geschah in dem Gasthof. Und für die rauen Holzfäller reichten einfache Pritschen mit Stroh als Bettstatt sowie Tisch und je ein Schemel völlig aus. Bescheidene sättigende Kost und Biere, nach deren Genuss man am nächsten Morgen noch seinem Tagwerk unverletzt nachgehen konnte, standen auf dem Speiseplan. Das Gebäude entsprach der hiesigen Bauweise. Man hatte aus dem Holz der Steineichen Schindeln gefertigt und das Dach damit gedeckt. Größere Steine beschwerten das weit überstehende Gebäudeteil. Weiterhin hatte die Gastleute einen Windfang vor die Eingangstür setzten lassen, weil die Holzfäller meist in größeren Gruppen einrückten und bei dem Wetter hier in der Freiherrschaft Joborn, am Ingvalerbogen, schon den Schutz nach dem Tageswerk bedurften. Der Windfang wurde meist spärlich mit einer einfachen Laterne ausgeleuchtet, die zugleich als Orientierung auf der Straße diente.

    Es dauerte auch keine große Weile und Hannes sah das Windlicht am Gasthof. Bei dem »Brr! Braune! Brr!« kurz vor dem Eingang trat ein fast zwei Meter großer, breitschultriger Mann, bekleidet mit einem dicken Umhang und zwei Äxten in den Händen aus der Düsterkeit des Windfangs. Hannes erschrak ein wenig und hoffte so wie alle anderen Andergaster in solchen Situationen, dass es nichts Schlimmes geben würde und musste an den Weisen denken, der gestern zu ihm gesagt hatte: »Achte auf Merkwürdiges!«

    »Wird Zeit!« brummte der großgewachsene Mann, warf seine beiden Äxte auf die Ladefläche des Wagens und schwang sich behände auf den Sitz neben Hannes Bechthild. Der Fuhrmann, der sich wegen des Krachs, den die Werkzeuge auf den lose liegenden Brettern verursachten, umgedreht hatte, identifizierte eine der Äxte als Orknase und wollte schon protestieren. Aber der Fremde sagte forsch: »Wengarsson!« und nach einer kurzen Pause: »Thoralf Wengarsson, ich will zum Einschlagplatz!« Der Fuhrmann wusste jetzt, das war der zu fahrende Thorwaler, der um Mitternacht beim Vollmond eine Steineiche schlagen wollte. »Habe Euch ein paar Felle bereitgelegt. Kommt noch jemand?« fragte Hannes den blondhaarigen, großgewachsenen Mann, der ohne Aufforderung sich diese bereits um Füße und Bauch geschlagen hatte. Bei dem Verknoten kurz unterhalb der Brust kam bei dem Thorwaler eine Krötenhaut zum Vorschein. Doch Wengarsson war nicht der Gesprächigste und sagte bei einem mehrfachen kurzem Nicken: »Los jetzt! Macht zu! Beim Sägen und Aufladen geht Ihr mir ja zur Hand!«

    Hannes Bechthild blieb nichts anderes, als einzuwilligen, denn so war es besprochen. Und nach einem »Hü! Ihr Braunen!« setzte sich das Gefährt in Bewegung und er schwenkte die Tiere auf die zugefrorene Ingvalsfurter Aa. Der Zufluss zum »Vater Ingval«, wie die Joborner den großen Grenzfluss ehrfurchtsvoll und mit Respekt nannten, war im Sommer nur zum Transport der Steineichenstämme zu gebrauchen. Und jetzt mitten im Winter, wo der Frost den geringen Wasserstand bis auf den Grund durchgefroren hatte, bildete die Aa eine der wenigen Straßen in diesem Gebiet der Freiherrschaft. Nach einer Weile, in der Hannes auch beeindruckt von der körperlichen Größe des Mannes neben ihm geschwiegen hatte, getraute er sich doch zu fragen: »Thoralf, ist das Eure erste Reise zu den Steineichen?« Der Angesprochene drehte den Kopf, öffnete den Mund und brüllte: »Huhh!« Hannes erschrak so sehr, dass er kopfüber vom Kutschbock fiel. Sein Sturz auf das harte Eis wurde doch neben seiner dicken Kleidung von einer Schneeschicht gedämpft. Und weil er die Zügel festgehalten hatte und seine Kaltblüter zu dem immer einen ruhigen Schritt liefen, passierte nicht weiter. Die Pferde bleiben stehen und der Thorwaler brüllte vor Lachen in die mondhelle Nacht des Hesindemondes. Hannes stand auf, klopfte sich den Schnee aus den Kleidern, setzte sich auf den Kutschbock und brummelte: »Das war jetzt nicht nett!« Thoralf polterte immer noch sein Lachen und entgegnete mit einem Klapps auf das benachbarte Bein von Hannes: »Nun ein Orkjäger seit Ihr nicht.« Hannes merkte den Schlag sofort und wusste, morgen würde dort ein blauer Fleck prangen und dachte sofort an die Warnung des Weisen. Doch etwas trotzig entgegnete der Fuhrmann: »Vor Orks habe ich keine Angst!« Das belustigte den Thorwaler so sehr, dass er noch lauter lachen musste und Hannes seinen angewinkelten Ellenbogen in die Seite rammte, wo von der fast erneut vom Kutschbock gefallen wäre.

    »Nein«, sagte Hannes eigensinnig und versuchte beim Reden die Lautstärke anzuheben, »wir Andergaster wissen, wie man mit Orks umgehen muss.« Diese Antwort versetzte Thoralf in einen richtigen Lachanfall, wobei er sich diesmal mit beiden Händen auf seine Oberschenkel klopfte. Hannes zuckte bei jedem Schlag zusammen, denn der gesamte Kutschbock erzitterte unter dem lautstarken Getöse seines Nachbarn. Als Thoralf Wengarsson eher aus Luftknappheit das Lachen beendete, sagte er: »Oh Fuhrmann, Ihr seit der merkwürdigste Andergaster, der mit je untergekommen ist, aber lustig ist es schon und meine Beine sind jetzt richtig war.«

    Ein wenig stieg aus Trotz die Entrüstung in Hannes hoch. »Wieso merkwürdig?« fragte dieser, doch weiter kam er nicht. »Mit welcher Waffe wollt Ihr denn einen Ork verschrecken, wenn dieser hier auftauchen sollte?« witzelte der Thorwaler, dem die Fahrt langsam Spaß zu machen schien. »Waffe? Ich habe einen Knüppel aus Steineiche mit Nieten …« die weiteren Worte, dass es ja ausreiche, konnte Hannes nicht mehr aussprechen. Thoralf musste sich nach einer weiteren Lachsalve, die zum Glück seinen Nachbarn verschonte, sogar eine Träne aus dem Auge wischen. »Einen Knüppel … ha, ha, ha!« »Nun was ist denn an einem Knüppel so schlechtes?« fragte Hannes und fügte noch an, dass er als Fuhrmann keine „Waffen vom Stande“ tragen dürfe und sagte noch etwas trotzköpfiger als vorher: »Bei uns in Andergast zählt selbst ein Schwert als „Waffe vom Stande“.« Doch diesmal sagte der großgewachsene, breitschultrige Mann neben ihm nichts. Er schien nachzudenken, über Schwert und „Waffen vom Stande“. Diese Pause wiederum nutze Hannes, immer auf seinen beiden Braunen und dem Weg auf der zugefrorenen Aa schauend, und sprach weiter: »Wir sind oben am Steineichenwald Nachbarn mit den Orks. Wir hier in den Wäldern akzeptieren die orkische Lebensweise, ihre Kriegskultur. Und ich habe immer mehrere Kupfermünzen dabei!« Jetzt zeigte Thoralf Verblüffung: »Was soll das Kupfer, ein oder mehrere Golddukaten, das ist Geld!« Dabei rieb er Daumen und Zeigefinger so, als wenn er das Geld bereits zählen würde. »Entschuldigt Thoralf «, sagte Hannes vorsichtig und weil er nicht unterbrochen wurde in doch sehr leiser Weise: »Da habt Ihr scheinbar keine Ahnung. Die Orks tauschen die Kupfermünzen und das ist besser als eine große Waffe.«

    »Mmh!« entgegnete der Thorwaler. Er rieb sich sein Kinn, schaute zum Fuhrmann und fragte anschließend: »Und welche Dinge habt Ihr Euch für mich zurechtgelegt?« Hannes erfreut, dass es langsam gelang den Thorwaler in ein Gespräch zu bringen, antwortete nach einem prüfenden Blick auf den Verlauf der zugeschneiten Ingvalsfurter Aa: »Ich habe eisblaue Socken angezogen.« »Was habt Ihr?« wollte Thoralf wissen und prustete dabei in eine Faust, die er noch schnell vor seinen Mund bekam. »Ja, ich habe eisblaue Socken angezogen. Denn ich habe jetzt mehrfach Thorwaler in das Quellgebiet der Aa gefahren und hatte jedes mal diese Strümpfe an. Es ist mir nichts passiert.« erklärte Hannes mit festem Blick. »Ist jetzt nicht der Ernst«, witzelte Thoralf. »Doch, es hilft!« behauptete Hannes und fügte noch an, dass er nicht alleindarauf gekommen sei. Vom Dorfbüttel habe er den Tipp im vorletzten Sommer erhalten. Zuerst habe er geargwöhnt, ob das gut gehen könnte. Doch dann habe seine Frau Siglinde, die er um Rat nachgesucht hatte, die Farbe vorgeschlagen wegen der Jahreszeit, passend zu Eis und Schnee. Denn zu dieser Zeit kamen ja immer die Nordmänner und auch der Weise vom Walde hatte keine Einwände. »So habe ich es ausprobiert. Was mehrfach gut geht, warum soll das nicht helfen«, sagte der Fuhrmann jetzt selbstbewusst.

    Thoralf Wengarsson hatte schon viel über die Einfältigkeit und den Aberglauben der Andergaster gehört. Aber, ihm einen kräftigen, kriegserfahrenen Söldner, versiert im Suchen von besonderen Hölzern, mit eisblauen Socken zu kommen, hatte er nicht für möglich gehalten. Und so grübelte er über das gerade Erlebte und so schlief das gerade begonnene Gespräch wieder ein, bis Hannes nach einiger Zeit aufschrie: »Ein Firunsbart!« Dabei zeigte mit der Hand an die linke Seite des Ufers. »Gebt Ruhe, dort ist das Wasser gefroren«, sagte der Thorwaler und wunderte sich nach den vorherigen Erklärungen überhaupt nicht mehr.

    Hannes entgegen rätselte, der jetzt auch das Eis erkannte, ob es schon eines der Zeichen sein konnte, von dem gestern der Weise des Waldes gesprochen hatte. Der Fuhrmann prüfte in Gedanken noch einmal das Gespräch mit dem Sumen. Doch da waren Erklärungen des Weisen, den er schon oft zu vermeintlich im Wald gesehen Wesen befragt hatte. Der Fuhrmann erinnerte sich an die Worte, dass beim Mond der Hesinde die Säfte der Eiche bereits abgestiegen seien, das Holz weniger nach dem Schlagen „arbeiten“ würde. Zumal heuer eine seltene Konstellation der Sterne zu verzeichnen wären, hatte der Weise nachdenklich berichtet. Denn der Planet Nandus würde zum Hesinde Mond günstig stehen und solches Kernholz der Steineiche hätte bei Waffenhandwerkern einen sehr hohen Wert. „Mondholz“ hatte der Weise gesagt, „Mondholz“ würden sie schlagen, doch er sollte auf „Merkwürdiges“ achten. Und aus diesen stillen Überlegungen fragte er: » Thoralf, warum seit Ihr nicht bei den ersten Nachtfrösten gekommen?« »Bei den ersten Nachtfrösten?« wiederholte der Thorwaler, »wo das satte Grün des Steineichenwaldes rostroten Tönen weicht?« »Ja, genau zu diesem Naturschauspiel«, frohlockte Hannes, der glaubte, endlich den Gesprächsfaden wieder aufgenommen zu haben. Thoralf schüttelte den Kopf, sagte aber dennoch: »Weil nur heute für eine Stunde im Monat des Frostmondes, bei Vollmond, ein kleiner milchblauer Stern die Bahn kreuzt. Und das ist ein besonderer Zeitpunkt für Krechtholz, denn es behält sein Volumen, ist besonders hart, aber zugleich griffig. Und das ist bei Waffen besonders wichtig.« Hannes war über die Lebensklugheit seines Weisen vom Walde ein weiteres Mal erstaunt und nahm sich vor behutsam zu sein und antwortete aus Höflichkeit: »Ihr meint Nandus mit dem Stern, der den Mond der Hesinde kreuzt.« Thoralf nickte nur und fragte dann mit einem Blick auf die Sterne und den Mond, die über den Wipfeln der Bäume ihr Licht auf dem gefrorenen Zulauf verteilten: »Wie lange noch?«

    »Sind gleich da«, antwortete der Fuhrmann und zeigt mit der linken Hand auf eine größere freie Fläche. »Hinter dem kleinen Weiher ist der Quellbereich der Aa, dort findet Ihr sehr alte Bäume«, erzählte Hannes. Er kannte die Stelle gut, denn die Ausläufer des Steineichenwaldes reichten schon in dieses Gebiet. Hannes drehte noch auf dem Eis geschickt mit seinen Kaltblütern das Gespann und sein »Brr! Braune! Brr!« zeigte auch dem Thorwaler, dass sie angekommen waren. »Hmm, gerade zur rechten Zeit«, brummelte der großgewachsene, breitschultrige Mann, schälte sich aus den Fellen und sprang beherzt vom Kutschbock in den Schnee. Obwohl das Eis an dieser Stelle nicht all zu stark war, krachte es doch gehörig, zudem pflanzte sich das Knacken und Knirschen über die nächsten Hunderte von Metern des Ingvalsfurter Zulaufes fort. Hannes saß erstarrt zu einer Salzsäule auf dem Kutschbock und dachte nur: »Ist das jetzt das Zeichen, was der Weise meinte?« Doch er kam nicht weiter. Thoralf griff sich die Holzfälleraxt mit der einen und Hannes mit der anderen und sagte lauter werdend: »Wenn der Herr Andergaster die Schrotsäge mitbringen könnte!« Das tat der deutlich verunsicherte Hannes dann auch. Während dessen schritt der großgewachsene, blondhaarige Mann mit der Holzfälleraxt, die eine beachtliche Stiellänge aufwies, zu den Bäumen. Er klopfte mit der stumpfen Seite des Beiles auf die Borke der Stämme, wiederholte es mehrfach und sagte: » Dieser wird es!« »Seit Ihr da sicher?« fragte Hannes erstaunt über die Wahl. »Klar! Da bin ich mir sicher, so wie ich am ersten Tag im Friskenmond eine Blutulme mit dieser Axt gefällt habe!«

    »Bei Hesinde! Ihr habt ihren Baum gefällt?« erschrak Hannes. »Ihren Baum, so ein Quatsch! Am ersten Friskenmond gefälltes Holz brennt nicht und das ist genau das, was man für einen Magierstab braucht und was diesen sehr veredelt. Und jetzt geht beiseite …« sagte der Thorwaler noch, schwang die Holzfälleraxt Kopf hoch aus und lies diese ein weiteres Mal prüfend mit aller Wucht mit der stumpfen Seite auf die Rinde der Eiche krachen. Der Schlag war kraftreich ausgeführt. Doch als die Axt gegen den Baum knallte, splitterte der lange Stiel und der Thorwaler stürzte mit dem Schwung kopfüber in den Schnee.

    Hannes erschrak zu tiefst. »Du heiliger Strohsack!«, sagte er noch sorgenvoll und sank in den Schnee auf die Knie und schaute auf den Mond und flehte bei Hesinde und Nandus um Vergebung, dass er an so einer verruchten Tat beteiligt war. Thoralf lachte nur, als er aus dem Schnee wieder hochkam und den vor Angst schlotternden Andergaster sah. Er holte seine Orknase vom Wagen und wollte beginnen den Baum zu fällen. »Bei den Zwölfen, lasst ab von dem Baum«, flehte der Fuhrmann, der glaubte das vom Weisen genannte Zeichen erkannt zu haben. »Lasst ab, nehmt einen anderen!« »Papperlapapp!« sagte der Thorwaler und schwang die Orknase. Doch er kam nicht zum Schlag. Hannes voll Argwohn vor dem Unbekannten, was jetzt folgen sollte griff in die Hand von Thoralf und lenkte so die schwere thorwaler Kampfaxt ab. Und er sagte mit allem Mute der Verzweiflung: »Lasst ab! Wenn nicht, ist die Absprache ungültig, ich werde nicht helfen, weder beim Sägen noch beim Aufladen, noch zusehen, wie Ihr mit dem Bratspieß den Baum fällt!« »Bratspieß zu meiner Kampfaxt«, brauste Thoralf hoch, fing sich aber erstaunlich schnell wieder. Denn ein Blick auf den Mond brachte ihn zu seinem Ziel zurück. »Dann wird es dieser!« brüllte der Thorwaler und schlug die Kampfaxt mit einem »Weg mit dem Andergaster!« tief in die Rinde. Die Eiche erzitterte, Schnee kam in Stücken aus der Krone, doch das störte jetzt Thoralf nicht. Hannes hingegen wurde von Schlag zu Schlag kleinlauter, denn er sah die gewaltige Kraft, die er in Worten gelockt hatte und die nun sich tiefer und tiefer, splitternd, krachend in den Baum grub. Als die Kerbe groß genug war, hörte er nur »Schrotsäge!« Beim anschließenden Ziehen der Säge wusste Hannes, dass er eigentlich nur auf der anderen Seite das Gleichgewicht des Blattes hielt. Schließlich tönte es: »Baum kommt!« Und dann stürzte die Steineiche in den Schnee und ihre Äste krachten auf das Eis. In diesem Moment schaute Thoralf in den Himmel und prüfte Mond und Sterne. Er sah wild aus. Die Orknase in der Rechten, die blonden Haare wild durcheinander, der Kopf in rötlichen Farben und das Mondlicht ließ die Zähne schaurig funkeln, doch er begann zu lächeln. Seine Körperhaltung entspannte sich und dann lachte der Hannes Bechthild zu: »Aufladen, wir sind gerade noch rechtzeitig fertig geworden!«

    Obwohl durch sein Tun eine andere Eiche gefällt wurde, handelte der Fuhrmann beim anschließenden Aufladen und bei der Rückfahrt, als wenn er neben sich stehen würde. »Welch ein Unglück, welch ein Unglück!« zweifelte er an den Dingen. Als sie im Dorf beim Lichte des Vollmonds am frühen Morgen ankamen, er seinen Lohn erhielt und sich knapp von dem Thorwaler auf den folgenden Mittag verabschiedete, sagte Thoralf Wengarsson mit einem Grinsen im Gesicht: »Dann wirst Du Dir jetzt wohl bei Thorwalern keine eisblauen Socken mehr anziehen!« Und liest so den verdutzt dreinschauenden Andergaster mit einem Klaps auf den Rücken neben seinen beiden Kaltblütern stehen und lachte auch noch, als er hinter sich die Tür zum Gasthof bereits geschlossen hatte.



    Quellen: http://www.wiki-aventurica.de/wiki/Andergast | http://www.andergast.de | http://www.anderwelt.ch/Joborn1.htm - Karte der Freiherrschaft Joborn | http://escape-pod.net/das-schwarze-auge/andergast

  3. #3 Reply With Quote
    Kämpfer Aydan's Avatar
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    Jan 2011
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    Ich weiss, ich weiss... viel zu lang, aber ich hab schon zu lange daran gesessen, um das nochmal zu kürzen Daher ein Beitrag ausser Konkurrenz

    Angbar im Herbst

    Es war spät im Herbst, als ich nach Angbar zurückkehrte. Die Bäume färbten sich bereits gelb, und die Nächte wurden empfindlich kalt. Ich genoss die letzten, warmen Tage auf meiner Wanderschaft, und als ich endlich das alte Angbarer Tor am Mittag durchschritt, schien es mir, als ob ich nie fort gewesen wäre.

    Mein erster Weg führte mich natürlich zu meinem Elternhaus, und der Empfang war überwältigend. Meine Ankunft sprach sich schnell herum, und fast die ganze Nachtschicht kam, um zu erfahren wie es mir ergangen war. Mein Vater war noch im Stollen, da er eine schwierige Sprengung in Schacht 15 vorbereitete, doch ein Steiger war bereits ausgeschickt worden, um ihn zu holen. In der Zwischenzeit rekrutierte meine Mutter ein paar Frauen, und sie bereiteten in Akkordarbeit ein Festmahl zu. In kürzester Zeit bog sich der grosse Esstisch unter allen möglichen Leckereien. Ich kam kaum zum Erzählen, alle schnatterten durcheinander, klopften mir auf die Schulter, und wollten mit mir anstossen. Als mein Vater schliesslich eintraf, noch völlig ungewaschen und über und über mit Ruß beschmiert, erreichte der Lärm in der Stube infernalische Ausmaße. Sehr viel Zeit zur Begrüßung blieb uns nicht, die Feierlichkeiten hatten sich bereits verselbstständigt.
    Er strahlte über beide Backen, als er mich umarmte, dann wurde er aber von meiner Mutter herrisch zum Waschen abkommandiert.

    Als der Abend hereinbrach war die Luft in der Stube rauchgeschwängert, und zum Schneiden dick. Es herrschte immer noch ein reges Kommen und Gehen, und ich lernte Zwerge kennen, die ich noch nie gesehen hatte. Irgendwann schwang die Tür mit einem Knall auf, und Toppel stürmte laut johlend herein. Er war sofort nach seinem Schichtende aufgebrochen, um mich zu begrüssen. “Grimmasch!!“ Der Rest ging im allgemeinen Lärm unter. Unsere verzweifelten Versuche zu erfahren, wie es dem Anderem denn so in der Zwischenzeit ergangen wäre, scheiterten kläglich.

    Spät am Abend fand das Gelage ein Ende, und meine Mutter sank völlig erschöpft auf einen Stuhl. Mein Vater und ich wurden dazu verdonnert die Überreste der zweiten Schlacht am Angbarer See aufzuräumen. Da Toppel ebenfalls noch anwesend war, wurde er gleichfalls eingespannt. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir eine Schneise geschlagen hatten, durch die wir das Geschirr zum Zuber abtransportieren konnten. Irgendwann hatten wir die Stube soweit aufgeräumt, dass es wieder bewohnbar aussah. Mutter und Vater waren glücklich, aber todmüde, und verabschiedeten sich ins Bett. So blieben nur noch Toppel und ich übrig. Grinsend fragte mich Toppel “...und, was machen wir nun mit dem angebrochenen Abend?“ “Wenn du mich jetzt zu einem Rendezvous mit Essen einladen willst, hast du Pech gehabt. Aber den ein oder anderen Humpen Bier kann ich noch vertragen.“ “Das ist doch mal ein Wort. Lass uns ins Geöffnet gehen.“ “Geöffnet??“ “Du wirst schon sehen, es hat sich ein wenig getan, seitdem du aufgebrochen bist, Xomascho“ Plaudernd und bis zum Anschlag vollgefressen schlenderten wir in Richtung des alten Ingerimm Tempels. Wir hatten uns viel zu berichten, da einige Zeit vergangen war, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Auch Toppel war weit herum gekommen seitdem. Er war aber schon wieder seit einiger Zeit zurück in Angbar, und hatte in der Clanbinge nun in der Tagschicht wieder Arbeit als Schachtfeger gefunden.
    Schliesslich bogen wir um die letzte Ecke, und ich erkannte, wohin ich gelotst wurde. Die Spelunke war mir noch in lebendiger Erinnerung. Sie lag hinter dem Tempel, und hier hatte mein Abenteuer sozusagen seinen etwas unrühmlichen Anfang gefunden. Inzwischen hatte dieses Musterbeispiel zwergischer Trinkkultur sogar einen Namen erhalten. Geöffnet-Ingerimm-sei-dank prangte in krakeligen, roten Buchstaben auf einem Schild über der Tür, das etwas an eine zerbrochene Tischplatte erinnerte.

    Innen hatte sich nichts geändert. Das Mobiliar war als äusserst rustikal zu bezeichnen, und es machte eher den Eindruck, dass es gezimmert worden war, um eine Verwendung als Rammbock zu überstehen, und weniger als Sitzgelegenheit, oder Abstellfläche. Das Publikum war auch eher als rustikal zu bezeichnen, wenn auch kaum Waffen zu sehen waren. Fast alle Tische waren belegt, und nur in der letzten Ecke konnten wir zwei freie Stühle ergattern. An dem Tisch saß bereits ein Gigrim, der schwermütig in seinen Humpen starrte. “Garoschem, Mensch. Passen hier noch zwei Angroscho an diesen Tisch?“ Er hob überrascht den Blick und schaute Toppel an. “Nandus zum Gruße, Meister Zwerg. Natürlich setzt euch, ich wäre sehr erfreut über eure Gesellschaft.“
    Ich besorgte zwei Humpen Helles für Toppel und mich, und wir setzten uns zu ihm. Er schien Tulamide oder Novadi zu sein, und erregte meine Neugier. Während Toppel den ersten Humpen stemmte fragte ich: “Verzeiht, aber was macht ihr hier so tief im Kosch, ihr scheint eher aus dem Süden zu stammen.“ Er lächelte. “Ein höflicher Zwerg hier in diesem Etablissement. Ja, ich stamme aus der Khôm. Mein Name ist Nazir ibn Faruk, und wer seid ihr?“ “Mein Name ist Grimmasch Steinbrecher, und der Kerl, der hier gerade seinen Freischwimmer in Bier macht, nennt sich Toppel.“ Prustend setzte Toppel den Bierkrug ab, und versetzte mir einen freundschaftlichen Schlag gegen den Arm. “Wir feiern gerade die Rückkehr von diesem Jungspund. Er hat seine Ausbildung als Sappeur abgeschlossen, und hat viel zuviele Manieren von euch Gigrim gelernt.“ Sein darauf folgender Rülpser war kolossal. Nazir prostete ihm zu. “Dann sollten wir erst einmal auf sein Wohl trinken.“ Das liess sich Toppel kein zweites Mal sagen. “Ka roboschan hortiman Angroschin. Völlig richtig. Auf dein Wohl, gortoscha mortomosch.“ ...und schon hatte er wieder den Kopf im Nacken. Ich war so satt, dass ich kaum noch etwas herunter bekam. Selbst für das Bier musste ich erst einmal etwas Platz schaffen. Nazir sah mich während dessen interessiert an. “Ich bin noch nie einem zwergischen Sappeur begegnet, obwohl ich schon weit herumgekommen bin. Was ist die Aufgabe eines Sappeurs?“ Grinsend antwortete ich: “Nicht zu sterben.“ Er runzelte fragend die Augenbrauen. “Meine Arbeit ist es schwere Hindernisse in den Stollen zu beseitigen. Wenn mal wieder eine ein grosser Felsen entfernt werden muss, eine Granitschicht einen Stollen kreuzt, oder ein Felseinsturz fachmännisch entfernt werden muss, dann muss ein Sappeur mit Holzkeilen, Wasser und Hylailer Feuer die Hindernisse in transportierbare Brocken zerlegen.“ “Das hört sich nach gefährlicher Arbeit an.“ “Mehr oder weniger, aber man hat seine Ruhe, kaum ein Angroschim will dabei sein, wenn man Holzkeile in instabile Wände treibt.“ Ich lächelte und nahm einen Schluck aus dem Bierkrug. “Und was ist euer Handwerk?“ “Ich bin sozusagen Gelehrter und Ordensmeister.“ “Ordensmeister? Das klingt wichtig.“ “Ach, nein, nicht wirklich. Ich versuche hier in aller Ruhe meinen Gram über den Orden zu ertränken.“ “Von welchem Orden sprecht ihr?“ Nazir entgegnete seufzend “Vom Orden der Vinsalter Wahren Atheisten.“ Ich verschluckte mich an meinem Bier. “Wahre Atheisten? Das klingt im Angesicht der Zwölfgötter nicht minder gefährlich als Sappeur.“ Verschmitzt prostete er mir zu “Nein, da ist nichts gefährliches dran. Besonders weil ihr hier das einzige, verbliebene Mitglied des Ordens seht. Und das ist traurig.“ Toppel lachte schallend “Atheisten, du musst doch jedesmal wenn es donnert in ein Haus flüchten, damit mit du nicht auf der Stelle vom Blitz erschlagen wirst.“ Nazirs Laune besserte sich etwas.“Nein, Meister Zwerg, rein technisch gesehen ist der Orden der Nandus Kirche unterstellt. Im Namen Nandus sammeln wir Wissen, und versuchen es an jeden weiter zu vermitteln, der dazu bereit ist. Es gibt Fachleute für alle möglichen Wissensrichtungen, und ich befasse mich mit dem Wissen über die Götter. Ein recht weites Feld. Mit jeder neuen Erkenntnis nähert man sich der Erleuchtung. Wir kennen 12 Stufen der Erleuchtung, und es gibt einige Geweihte, die bereits die zwölfte Erleuchtung erfahren haben. Mich eingeschlossen.“ “Ihr wisst alles über die Götter und hadert trotzdem mit eurem Schicksal?“ “Nein, denn es kann theoretisch keine Götter geben. Es gibt nur Wesen mit unterschiedlicher Machtfülle. Solange man aufpasst und sie nicht beleidigt, ist alles in bester Ordnung. Alle Aufzeichnungen über die Götter, selbst ihre Namen, stammen von den Bewohnern Deres. Ausser einigen Artefakten sind die Überlieferungen allesamt nur Abschriften früherer Menschen, Zwerge, Elfen, Orks und was weiss ich. Niemand hat ihre Existenz jemals bestätigen können. Man sagt, dass es Avatare der Götter gibt, die über Dere wandeln, doch wer könnte mit Sicherheit sagen, dass es sich dabei nicht um einen Animus oder irgendeinen anderen, faulen Zauber handelt, um ein paar arme Seelen zu beeindrucken?“ Toppel und ich sahen uns schweigend an. Dieser Gigrim hatte anscheinend eine ausgewachsene Persönlichkeitskrise.

    Er hatte sich anscheinend warm geredet, und fuhr fort: “Es scheint, als ob alle Lebewesen das unbändige Verlangen haben an irgend etwas zu glauben. Egal was. Götterglaube ist nur ein Mittel zum Zwecke sich von anderen Leuten abzuheben. Zentrum des Glaubens ist immer nur ein Symbol, um welches Geschichten herum erfunden werden, Regeln aufgestellt, feste Rituale und Verhaltensweisen entwickelt werden. Einige Imman Fanclubs in Ferdok haben zum Beispiel Satzungen, die mit der Rondrakirche mehr gemein haben, als mit den Regeln des Spiels selber. Es geht nur darum eine klare Trennlinie zwischen sich selbst und einem Fan eines anderen Fanclubs zu ziehen. Sie würden eher einen Pakt mit einem Orkstamm schliessen, als einem gegnerischen Fan die Hand zu reichen. Diese Überzeugung wird notfalls auch mit Gewalt verteidigt, und absolute Treue zur eigenen Mannschaft ist der zentrale Punkt ihres Zusammenhalts.
    Oder schaut euch die Händler Häuser an. Schon längst hat der Schutzgott des Handels seine Bedeutung für die Handelsherren verloren. Sie beten nicht mehr wirklich zu Phex, sie beten ihr Geld an. Es ist ihnen völlig egal wie sie es erlangt haben. Ob Schmuggel, Waffenschiebereien, Betrug oder Krieg. Selbst blutiges Gold ist ihnen nicht zu schmutzig, ihr neuer Gott heisst Gewinn, nicht Phex. Ihre Propheten sind die Leute, die immer neue, schmutzigere Wege finden die einfachen Leute zu betrügen. Die Handelsherren scharen ihre Gefolgsleute um sich, und erkaufen sich mit ihrem Gold den Glauben derjenigen, die ihrer Lehre folgen. Es werden sogar regelrechte Kriege unter ihnen ausgefochten. Wo unterscheidet sich dies von der Lehre einer Kirche, der Inquisition durch die Bannstrahler, oder den barbarischen Stämmen der Gjalskerländer? Nein, die Götter sind nur Ideen von Idealen, die längst in Vergessenheit geraten sind.
    Borbarad, Pyr'dakor, Nahema, nur Menschen oder Elfen, die sich selbst auf dem Boden der Unwissenheit ihrer Gefolgsleute zum Halbgott gekrönt haben. Sie waren allesamt unzweifelhaft mit einer unglaublichen Machtfülle ausgestattet. Das ist allerdings nur solange unglaublich, bis man sich selbst Gedanken darüber gemacht hat. Alle sind gefallen, entweder in ihrer Selbstherrlichkeit, oder durch das Schwert. Sie waren keine Götter, nur Wesen mit mehr Macht als der durchschnittliche Bewohner Deres.
    Ohne Zweifel gibt es Wesen, die unser Wissen übersteigen. Es wird mit Sicherheit Wesen geben, die man zu recht aus unserer Sicht als göttlich bezeichnen kann. Aber was ist wirklich göttlich? Wären dann Erzdämonen nicht auch Götter? Wann ein Wesen von uns zu einem Gott erklärt wird, hängt von unserem Verständnis, und dem Grad unseres Wissens ab. Erst wenn man sich von den Fesseln seines Verlangens nach der Unterscheidung von einem Anderen lösen kann, ist man in der Lage einen Gott zu erkennen, und vielleicht auch an ihn zu glauben. Leider ist mir auf meinen Reisen bisher kein Wesen begegnet, dass es wert wäre als Gott in Betracht zu kommen. Selbst Nandus, obwohl eine eindeutig historisch belegte Figur, ist nur der Gründer unserer Kirche. Er wies uns den Weg zur Erleuchtung, man könnte ihn als Weisen beschreiben, aber mit Sicherheit nicht als Halbgott. Das ist schlicht eine Deutung von Wesen, die ihn nicht verstanden haben. Weisheit ruht in uns allen, muss aber hart erarbeitet werden, indem man Wissen und Erkenntnis sammelt.
    Wenn ihr als Sappeur im dunklen Stollen Felsen mit Feuer und Wasser brecht, habt ihr euch da jemals auf ein Gebet verlassen?“

    Toppel und ich starrten Nazir mit offenem Mund an. Toppel troff in einem dünnen Rinnsal etwas Bier den Bart herab. “Das ist harter Tobak. Nein, nicht wirklich.“ Antwortete ich nach einer Weile. “Ich habe häufig um Ingerimms Beistand gebetet, und das werde ich sicherlich weiterhin tun, wenn ich die Lunte angezündet habe. Aber bisher hat er immer seine schützende Hand über mich gehalten, und ich bin nie gestolpert, wenn ich mich schnell von der brennenden Lunte entfernt habe.“ “Aber euer Überleben hängt immer von euren Fertigkeiten ab. Ingerimm ist euch nicht erschienen, oder?“ “Nein, aber ich setze sicherlich mein Leben aufs Spiel, weil ihr euch in einem philosophischen Dilemma befindet. Ein Gebet an Ingerimm hat noch keinem Angroschim geschadet.“ Er lachte leise in sich hinein. “Nun, euer Glaube dient dazu euch Mut zu verschaffen. Es ist eine Regung aus Selbsterhaltung, nicht um euch gegen einen anderen Zwerg abzugrenzen. An GLAUBEN ist nichts auszusetzen. Aber man muss immer hinterfragen an WAS man glaubt. Oder ob man im Auftrag eines Anderen glaubt. Glaubt man an etwas, was jemand erzählt hat, oder wirklich an einen Gott? Man kann an einen Stein glauben, aber es wäre eine... sagen wir mal, unbefriedigende Erfahrung. Wir können nur an unsere eigenen Ideale glauben, und darauf hoffen, dass dort draussen irgendwo ein Wesen existiert, dass ihnen zustimmt, oder sie verkörpert. Glauben wir an Dinge, die Andere erzählen, werden wir nur durch sie manipuliert, selbst wenn es mit den besten Absichten geschieht. Da alles Wissen über die Götter von den normalen Bewohnern Deres stammt, kann es keine solchen Götter geben.“ Toppel meinte darauf hin fassungslos “Da brat mir einer einen Storch. Wenn jetzt gleich Praios persönlich die Hütte hier abbrennt, würde mich das überhaupt nicht wundern. Ich brauch dringend noch ein Bier, und für dich, du Atheist, bringe ich einen Eimer Premer Feuer mit. Das bringt dich auf andere Gedanken.“ Mit diesen Worten steuerte er entschlossen die Theke an. Es hatte sich wirklich einiges in Angbar getan, wenn solches Gelichter hier jetzt herum geisterte.

    Immer noch ganz konsterniert fragte ich: “Ihr behauptet also, dass die Götter nur ein eine Erfindung von ein paar ungebildeten Bauern aus grauer Vorzeit sind? Ich denke, dass die Leute inzwischen wesentlich gebildeter sind, und auf eure Reden nicht so einfach herein fallen werden.“ Er schmunzelte “Tatsächlich? Es kommt nur darauf an, wie überzeugend ihr ihnen eure Idee vermitteln könnt. Ich bin das letzte, verbliebene Mitglied meines Ordens, obwohl wir früher einstmals über 20 Mitglieder zählten. Ein Jeder hatte mindestens die 11. Erleuchtung erfahren. Die Geissel des Ordens der Vinsalter Wahren Atheisten heisst Aberglaube. Ein Bruder schrieb seine Traktate nur mit einer Feder, ein Anderer hatte gar immer nur ein und das selbe Leibchen an. Wir konnten ihn an seinem Geruch überführen, obwohl ich diese Erfahrung nicht noch einmal wiederholen möchte, da es sich um ein langjähriges Mitglied handelte... wenn du weisst was ich meine. Ein Bruder nach dem Anderen wurde ausgeschlossen, einige mussten sogar die Kirche verlassen, da an ihrer Hingabe gezweifelt werden musste.“ “Was haben sie anschliessend getan? Einen Imman Club gegründet?“ “Eure Zunge ist flink, und euer Geist beweglich. Was haltet ihr von einer Wette?“ “Was für eine Wette?“ “Ich wette mit euch, dass ich innerhalb von zwei Tagen den Vorplatz vor dem Ingerimm Tempel mit einer Schar Gläubiger füllen kann, die allesamt an einen Gott glauben, den ich erfunden habe.“ “Das möchte ich sehen.“ “Die Wette gilt, ihr und euer geschätzter Freund müssen mir dabei aber helfen, und wir beginnen sofort hier in dieser Spelunke. Ihr werdet keine Fragen stellen, und ich werde Ingerimm nicht beleidigen, abgemacht?“ “In Ordnung. Das will ich sehen.“
    Toppel erschien gerade wieder mit drei frischen Krügen Bier. Wir unterbreiteten ihm unseren Handel. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Trotzdem wollte auch er sehen, wie Nazir DAS anstellen würde.

    Als Erstes bat Nazir den Wirt um einen alten Kessel. Der schaute ihn zwar fragend an, aber die Anzahl der Münzen, die plötzlich wie durch Zauberhand auf seinem Tresen materialisierten, schloss seinen Mund wieder. Nazir kam zurück an den Tisch, drehte den Kessel um, und fuhr mit dem Finger durch die schmierige Rußschicht am Boden. Mit dem schwarzen Finger malte er sowohl Toppel, als auch mir einen dicken schwarzen Punkt auf die Stirn. Er malte sich selbst einige wilde Striche ins Gesicht, dann erhob er sich und übertönte den Kneipenlärm, indem er aus voller Brust brüllte “ER WIRD KOMMEN!“ Sofort verstummten sämtliche bierseeligen Unterhaltungen, wohl in Erwartung eines erheiternden Schausteller Beitrages. Mit wohltönender Stimme fuhr er fort “Die Geister meiner Vorfahren haben es mir verraten, ER wird kommen!“ Allgemeines Gelächter “Ihr Unwürdigen. Ich bin nach Angbar gekommen, um euch zu warnen. Nicht alle sind so borniert wie ihr hier. Diese beiden feinen Herren hier haben bereits erkannt, dass es an der Zeit ist zu HANDELN, und nicht nur abzuwarten. Erhebt euch, meine Initiaten.“ Mit diesen Worten bedeutete er Toppel und mir uns zu erheben. Wir kamen der Aufforderung nach, in Toppels Fall schon etwas schwankend. “Unter der Standarte von IHM werden wir unsere Zuflucht bauen, sie wird uns vor dem nahenden Unheil schützen. Wir laden euch ein unserem Bund beizutreten, und etwas Bedeutendes zu leisten. Während noch hier in Angbar die Unwissenheit herrscht, haben die Bewohner von unzähligen Städten... Gareth, Havena, Grangor... bereits damit begonnen ihre Vorkehrungen zu treffen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn ihr heute nacht nach Hause geht, schaut auf den Mond, und ihr werdet feststellen, dass er schon viel grösser geworden ist.“ Immer noch allgemeines Gelächter, aber es schwoll nicht an. “Spottet ihr nur, während ihr in euren Häusern hockt, werden wir in unseren Schutzstollen Zuflucht finden, und IHM danken, dass er uns durch unsere Ahnen so früh gewarnt hat. Ihr mögt fragen wer zu mir gesprochen hat, woher ich dies alles weiss.“ Spöttische Zustimmung schlug Nazir entgegen. “Nun dann seht, auf das euer Spott auf euch selbst zurückfallen möge, wenn ihr heute nacht zum Himmel schaut.“ Mit diesen Worten hob er theatralisch seine Arme und begann einen Zauberspruch zu murmeln. Auf dem fest gestampften Lehmboden der Kneipe entstand ein fahles, blaues Leuchten, dass schon nach kurzer Zeit das gelbe Licht der Tranfunzeln überstrahlte, die für die typische Kneipenatmosphäre im Geöffnet sorgten. Der Boden begann zu vibrieren, und es bildeten sich feine Risse. Der Kerl war ein Magier. Das Gelächter war verstummt, teils aus Neugier, teils aus Erstaunen. Schliesslich wölbte sich ein Teil des rissigen Bodens nach oben, und aus der Mitte der Erhebung schoss eine Knochenhand, samt passendem Arm. Ich stöhnte innerlich auf. Ein Metamagier mit einem philosophischen Denkkrampf. Warum musste ich mich immer in solche Situationen manövrieren. Warum ich? Warum gleich am ersten Abend? Wenn meine Eltern davon erfuhren, stünde mir mit absoluter Sicherheit epischer Ärger ins Haus. Auch Toppel stöhnte etwas neben mir, und wir zwei machten einen etwas verzweifelten Eindruck, während sich ein sicher 2 oder 3 Schritt grosses Skelett in voller Rüstung eines Wüstenkriegers aus dem Boden erhob. Nazir wusste genau, wie man Eindruck schindete. Angesichts dieses Skeletts würde auch jeder noch so kampferfahrene Veteran seine Klappe halten, wenn er nicht auf einen echten Kampf aus war.

    “Seht wer es mir verraten hat, und schweigt. Schaut auf die beiden ersten Initiaten des... äh... schwarzen Mondes hier in Angbar.“ Toppel und ich machten tatsächlich einen bedröppelten Eindruck. “Schaut in ihre Mienen, und seht die Verzweiflung. Wer sich uns anschliessen will sei herzlich willkommen, aber niemand soll über uns spotten, denn ER wird kommen. Wir werden morgen auf dem Tempelplatz unsere Mission einrichten. Öffentliche Sprechstunden finden ab 11 Uhr statt. In dringenden Notfällen können sie sich auch früher an die Herberge zum Wilden Eber richten, in dem ich zur Zeit unser Hauptquartier eingerichtet habe. Bereut! Wir werden jetzt diesen Hort der Ungläubigkeit verlassen sein.“ Mit einem wilden und eindrücklichen Blick wandte er sich dem Wirt zu. “Dieses Haus möge GESEGNET sein.“ Aber es klang nicht nach etwas Erstrebenswertem von Nazir gesegnet zu werden. Wir absolvierten noch weitere 5 solcher Auftritte in dieser Nacht, und diverse Spontansegnungen, bevor wir völlig übermüdet nach Hause wanken durften.

    Toppel und ich trafen uns heimlich am nächsten Tag, und wir schlichen vorsichtig gen Ingerimm Tempel. Wie immer war dort ein reges Kommen und Gehen, aber mitten auf dem Platz stand Nazir auf einer einfachen Holzkiste mit seinem Skelett, und predigte vor einer bereits ansehnlichen Menschentraube. Er hatte sogar ein rot-weiss gestreiftes Zelt aufgebaut, in dem er seine spirituellen Energien regenerierte, wie er es ausdrückte, und wichtige Gespräche mit hoch gestellten Persönlichkeiten halten wollte, die gerne unerkannt bleiben würden. Eine unglaubliche Operette. Er begrüsste uns froh gelaunt, und wir wurden postwendend als seine persönliche Initiaten vorgestellt. Tatsächlich lauschten auch recht viele Angroschim seinen Tiraden. Er sagte eigentlich nichts, nur immer wieder, dass ER kommen würde. Die Traube der Zuhörer um ihn herum wurde immer grösser, und einige Stadtwachen hatten schon ein Auge auf ihn geworfen. Gegen Mittag war Nazir Stadtgespräch, und die Meinungen gingen weit auseinander. Am Nachmittag erschien sogar der Hof Astrologe und erklärte der Menge, dass der Mond NICHT grösser geworden sei, und dass er mit Sicherheit nicht herabstürzen würde. Das sei garnicht möglich, und wir würden vorher eher verbrennen, bevor der Mond uns hier auf Dere zerquetschen würde.
    Das war Wasser auf die Mühlen von Nazir. Er begann den Astrologen als Unwürdigen zu beschimpfen, und warf ihm Unkenntnis vor. Wo er denn die Flammen auf dem Mond gesehen hätte, ob er nicht zu lange in Praios Antlitz geschaut hätte? Oder zu viel Premer Feuer die Flammen hervorrief?

    Am Nachmittag begann er damit Plätze in seinen geplanten Zufluchts Stollen zu verkaufen. Der Eingang sollte sich hier direkt auf dem Tempelplatz befinden. Einige Bürger begannen bereits damit das Pflaster aufzureissen. Es war nur eine Hand voll, aber es erregte ungemein Aufsehen. Einige davon schienen Tagelöhner zu sein, die Nazir angeheuert hatte. Die Gespräche in seinem Zelt? Auf jeden Fall eine eindrucksolle Vorstellung. Nachdem der Stadtrat zumindestens aus der Ferne die Situation in Augeschein nahm, es waren einige Ratsmitglieder hinter den Stadtwachen erschienen, kündigte Nazir an, dass er nun durch eine grosszügige Spende mehr Schaufeln zur Verfügung stellen könne. Zu den anscheinend bezahlten Tagelöhnern gesellten sich einige weitere, echte Bürger. Echte Bürger.... ich konnte es kaum fassen. Nazir ging immer wieder in sein Zelt, um es nur einige Augenblicke später mit grossem Pathos wieder zu verlassen. Die Geschäftigkeit nahm immer mehr zu, und als die Sonne versank, hatte er noch einen arbeitslosen Pfandleiher als Lageristen und Buchhalter eingestellt. Das Licht in Nazirs Zelt verlosch diese Nacht nicht, und vor dem Zelt hielt sein Skelett unbeweglich Wache.

    Als wir am nächsten Morgen nach seinen Aktivitäten sahen, war sein Publikum weiter angeschwollen, aber er würde kaum den gesamten Platz damit ausfüllen können. Diese Wette würde er wohl verlieren. Angesichts der Buddelei, und der beachtlichen Schlange vor seinem Buchhalter schien sich aber einiges zu bewegen. Ein paar Händler gingen im Zelt ein und aus. Der Tunnel war schon einige Schritt tief in den Boden gebohrt worden, und der Ingerimm Geweihte zeterte eine geschlagene Stunde über diesen Auflauf. Nazir nahm das nur zum Anlass neue Argumente in seine Predigten einzubauen. Wir hatten auch wieder unseren Auftritt als Initiaten. Gegen Mittag kündigte dann Nazir an, dass er die Unterstützung einiger erfahrener Angroschim erhalten habe, die die Ausschachtungsarbeiten weiter voran treiben würden. Einige Gigrim Händler ersuchten ihn um Platz für ihre Waren in seinen geplanten Stollen, und er sicherte ihnen zu, dass man sie gegen eine finanzielle Spende gewiss berücksichtigen würde. Bald hatte er mehr mit Verhandlungen über die Platzrechte zu tun, als zu predigen. Der Hof Astrologe erschien wieder und versicherte wild lamentierend, dass seine Messungen in der letzten Nacht ergeben hätten, dass der Mond NICHT größer geworden sei. Er konnte aber nicht die Geschichte mit den Flammen vom Vortag ungeschehen machen. Nazirs Buchhalter hatte sich sogar eine Truhe zulegen müssen, die er im Zelt abstellte, um all die Zahlungen abzuwickeln, und das Gold aufzubewahren. Immer wieder kamen einige strahlende Händler aus dem Zelt, die einen Beutel Gold hinaus trugen. Andere trugen gut gefüllte Geldbörsen hinein.

    Nazir liess sich kaum noch ausserhalb des Zeltes blicken. Am späten Abend, während Toppel und ich müssig dem ganzen Treiben zusahen, wankte plötzlich das grosse Skelett, das bis dahin den Eingang bewacht hatte. Viele Köpfe drehten sich, und das Skelett begann vor unseren Augen zu Staub zu zerfallen. Ein entsetztes Keuchen entrang sich den Kehlen, und unzählige Augen hefteten sich auf den Zelteingang. Toppel und ich sprinteten hinüber, und betraten das Zelt. Innen herrschte ein fürchterliches Durcheinander, aber es war weit und breit kein Nazir zu sehen. Der Kerl war verschwunden. Wir schauten uns an, und uns schwante nichts Gutes. Wortlos verliessen wir das Zelt, und sahen zu, dass wir einen gehörigen Abstand gewannen, bevor jemand merkte, was geschehen war. Auf Angbars Strassen sollten wir für die nächste Zeit unsichtbar werden, wenn uns unser Leben lieb wäre.

    Wir fanden Nazir schliesslich weit vor der Stadt, am Waldrand unter einer alten Ulme. Er schien auf uns gewartet zu haben. Neben ihm stand die geöffnete Truhe seines Buchhalters. Sie war bis zum Rand voll mit Münzen. Er lächelte uns an “Wie es scheint, habe ich meine Wette verloren. Niemand soll sagen, Nazir ibn Faruk zahlt nicht seine Wettschulden.“ Damit drückte er uns zwei dicke Beutel Gold in die Hände. “Ihr müsst wissen, Nandus lehrt nicht nur Weisheit, er ist auch ein direkter Nachfahre des Phex. Und was bleibt einem einem armen Geweihten übrig, wenn er wegen ein paar Kleinigkeiten von seiner Kirche exkommuniziert wird? Er besinnt sich auf die Wurzeln seiner Lehre, und gründet vielleicht seinen eigenen Orden. Ich GLAUBE, dass Phex mir wohlgesonnen ist, und dass man mit dem Aberglauben der Leute Gold verdienen kann.“ Dabei lächelte er verschmitzt. “Doch in einer Stadt mit so vielen Zwergen bleibt man nur glaubhaft, wenn man ein paar Zwerge kennt, die dann auch immer zu sehen sind. Eure verzweifelten Mienen im Geöffnet waren auf jeden Fall Gold wert, im wahrsten Sinne des Wortes.“

    Warum nur ich? Warum musste ich immer auf so etwas herein fallen? Welcher Gott hegt einen solchen Groll gegen mich?

  4. #4 Reply With Quote
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    Zwei plus zwei ist fünf!

    Zu viert sitzen wir an einem Tisch in der Stamm Schänke von Ruhmreich Nostria. Die Imman Mannschaft von Nostria hat in einem spannenden Spiel gegen Edelmut Andergast gewonnen und wird gefeiert. Eine Freirunde jagt die Nächste. So lässt sich auch die Zeche prellen. Die befürchtete Auseinandersetzung der Anhänger von Andergast und Nostria blieb völlig unerwartet aus. Sehr zu unserem Nachteil, ohne Sonderarbeit keinen Sondersold.
    Während meine Gefährten die Zecherei genießen konnten, fragte ich mich, warum ich den Krähenflug so falsch gedeutet habe. So viel hatte ich noch nie bei einer Wette verloren. Immer stiller wurde ich und das Nostrianer Bier und der schwere Knaster Dunst in der Schänke trieben mich nach draußen in die Dunkelheit.

    Am Abschlag war viel los und gerade als ich mich erleichtern wollte, kippte mein Nebenmann volltrunken vorn über. Ich packte ihn an der speckigen Lederweste und wollte ihn zurückhalten damit er nicht in seiner eigenen Lache ertrinkt.
    Ich konnte ihn nicht halten, er brach zusammen wie ein nasser Sack.
    Schlagartig wich der wohlige Biernebel dem Schub aus Angst und Kampfbereitschaft.
    Ein Käutzchen ruft in der Nacht, beiläufiges Gelächter und abfällige Bemerkungen über den gestürtzten. Er rührte sich nicht. Was nun?
    Ich packte den Endvierziger. Mit seiner Fuhrmannskluft war er gut gegen die hiesige naßkalte Witterung geschützt. Ich schleppte ihn rücklinks zur Pferdetränke seine Beine versagten völlig ihren Dienst. Dann tauchte ich seinen Kopf unter Wasser. Nichts geschah. Gar nicht gut. Drei mal auf Holz klopfen und meinen Glücksbringer reiben. Ich ließ ihn Bäuchlinks fallen und rannte zurück zur Schänke, um meine Gefährten zu Hilfe zu holen, unser Flinkfinger Roban gab sich zuweilen als fahrender Medicus aus. Er würde wissen was zu tun ist.
    Was geht dich ein Sturztrunkener an? Ranzte mich Roban an, nachdem ich wild gestikulierend und den Käutzchenschrei erwähnend von meiner Befürchtung berichtet hatte, der Fuhrmann sei Tot.
    "Stirbt der Fuhrmann in der Morgenstund, gibt des dafür einen Grund und ein toter am Morgen bringt Kummer und Sorgen... das wohl!"
    Gelächter... folgte, bei Efferd sie werden nie verstehen die Zeichen zu deuten, dachte ich mir. Schließlich gab Firunis unser tüchtiger wildniserprobter Anführer allen zu verstehen das ich keine Ruhe geben würde, sähen sie nicht nach dem Rechten. Das Zögern und der Zweifel hatte seinen Grund.
    Ich hab mal versucht zu erklären: "Wenn wir zu viert einen Auftrag erledigen, ist immer ein Fünfter mit uns, die Mystik der Zahlen belegen das eindeutig, manchmal ist er mit manchmal gegen uns! Wir müssen Ihn gewogen halten. Durch Glücksbringer und Karten legen vor jeder Entscheidung!"
    Seit dem konnte unser längbärtiger zu kurz geratener Drabosch und der Tunichtgut mit seinen flinken Fingern den Spott nicht mehr halten. Dabei hatte mir ein Magus mal erklärt alles sei "determiniert", warum das so ist, konnte ich mir bei dem Schwall von Fachausdrücken und Magiergeschwafel nicht merken. Es hatte aber auch mit den Göttern zu tun und den Sphären die alles verbinden. Wir traten ins Freie.
    Bei Efferd!
    Der Fuhrmann war verschwunden!
    Drabosch bog sich vor lachen...wo ist unser fünfter Mann schon wieder hin?

    Fortsetzung folgt...
    „Jeder Geldforderung in der Wirtschaft entspricht logischer Weise eine gleichhohe Geldverpflichtung, eine Schuld ... und es ergibt sich die verblüffende Gleichung: die Summe aller Schulden entspricht der Summe allen Geldes.“
    Für echte Demokratie in Deutschland! Artikel 146 GG macht es möglich.

  5. #5 Reply With Quote
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    Sanft gab das Gras, durchwachsen von einzelnen Moossinseln, unter ihren festen Fußsohlen nach, als sie langsam dem unsichtbaren Weg hinüber zum steinernen Bassin folgte, dessen sich hineinstürzender Wasserfall ein unterschwelliges Rauschen in die Nacht wob. Ja, es war Nacht, eine Nacht, wie sie selten herrscht, klar und still, verheißungsvoll und scheu, wenn die Sterne am Himmelszelt leuchten und die vollendete Form des Madamals auf die Lichtung am Fuße des Berges ihren blassen Schein richtet. Ein leises Rascheln fuhr durch die nahen Bäume, Birke und Pappel reichten sich unter den wachsamen Augen der Eiche die Hände.
    Die nächtliche Brise erreichte sie, veranlasste sie in ihrem Weg innezuhalten. Nachdem sie das Klingeln vom Rande der Lichtung wahrgenommen hatte, setzte sie ihren Weg fort. Ihre Füße berührten den warmen Stein des Beckenrandes, über den sich geschwungene Linien mit der Eleganz eines dahinfließenden Baches in einer Talsenke schlängelten, um nirgendwo zu enden und nirgendwo zu beginnen. Sie ging in die Hocke, fuhr mit ihren bloßen Händen die Linien eine Zeit lang entlang, nur um sich schließlich wieder aufzurichten. Ihr Gewand glitt von ihren Schultern ihren Körper hinab, bis es langsam im Gras am Beckenrand niederging.
    Sie betrachtete stumm die glänzende Wasseroberfläche vor sich, das Anlitz des Mondes über ihr spiegelte sich erhaben in den bedächtigen Wellen des Wassers, ebenso wie sie selbst es tat. Ihre blauen Augen hingen gebannt an den unsichtbaren Geschehnissen, die sich unterhalb der Oberfläche ereigneten und von der spiegelnden Oberfläche des Ganzen verdeckt wurden. Doch sie waren da und von solcher Wichtigkeit, dass sie zu ignorieren, einem Verbrechen gleichkam.
    Der warme Stein schmeichelte ihren Füßen mit den Berührungen, die ihr das Gras ebenfalls zukommen ließ. Und so setzte sie ihre Füße ins kühle Nass, dass sie umschloss und ein Teil von sich werden ließ. Ja, so war es, das Wasser. Ruhig, einfühlsam, empfindsam, lebendig, aber auf der anderen Seite so voller zerstörerischer Schönheit, dass ihre Augen zu tränen begannen, sie den Blick von der nahen Oberfläche abwandte und dem Felsen in der Mitte des Bassins entgegen strebte.
    An seinem Fuße begann sie, den Rücken ihm zugewandt und das Haupt erhoben zu Madas Leuchten, die Arme weit nach oben gestreckt, die Hände geöffnet, einer Blume gleich, die den ersten Tautropfen als Geschenk in Empfang nehmen wollte. Ihre Arme wanderten nach außen, die Handflächen drehten sich, die Fingerspitzen deuteten nach oben, als suche sie das Gleichgewicht. Sie setzten ihren Weg fort, bis sie mit geöffneten Handflächen nach unten wiesen und mit einer schnellen Schritt zur Seite, wandte sich sie sich der zweiten Form zu. Wasserperlen durchzogen die nächtliche Luft, als sie die Sicheln formte und sicheren Schrittes eine Form nach der anderen ablief. Ihr Körper bog sich mit ihren Armen und entspannte sich mit ihnen. Mit geschlossenen Augen fuhr sie fort, bis sie im Gegenstück der ersten Phase hinter der massiven Gestalt des Felsens verschwand, zusammengekauert, halb im Wasser verborgen, bis sie sich mit einem Satz aus dem Nichts befreite und ihren Aufstieg begann, über den Himmel zog, stetig wachsend und schließlich in vollendeter Form, wie das tatsächliche Madamal am Firmament über ihr, vor dem Felsen stand.
    Ihr Haar zurückstreichend, erklomm sie die groben Stufen den Felsen hinauf, ihr Körper noch immer mit einzelnen Wassertropfen bedeckt. An der Spitze tauchte sie ihre Füße in die kleine Senke, in der sich das Regenwasser des Vortages gesammelt hatte und berührte feierlich den Rahmen der steinernen Harfe, die in der Mitte des kleinen Platzes auf der Spitze des Felsens, wie aus ihm herausgewachsen, dastand. Sie nahm Platz auf dem grob gehauenen Schemel, die Füße weiterhin in die Senke getaucht. Die grobe Oberfläche des Schemels störte sie nicht, stattdessen ging von ihr eine wohlige Wärme aus, die sie noch von der Mittagsssonne aufgenommen hatte. Langsam hob sie ihre Hände und griff nach den ersten Saiten der Harfe, zupfte daran, zunächst zögerlich, dann in schneller werdender Abfolge, mit einem kleinen Tief und schließlich in einem fort. Nach kurzer Zeit schon hob sie die Stimme an und versah die Melodie, die sie spielte, mit Worten:

    »Im Scheine der Mada gebannt von ihr,
    Saß eine Maid in Tsas Gewand, gülden Haar fiel ihr auf die Brust,
    Doch Trauer zeichnete ihr Gesicht.
    Allein war sie gern, doch einsam eben nicht
    Und nicht des Wassers Perlen noch der Madas Schein
    Konnten trösten sie. Im Schein der Mada allein.«


    Ihre klare Stimme füllte die Lichtung und der Wind warf sie von der hinter ihr aufragenden Felswand zurück in den Wald, als scheue er, dass ein Wort verloren gehen könnte.

    »Im Scheine der Mada gebannt von ihr,
    Saß eine Maid in Tsas Gewand, leuchtend weiße Haut
    Auf Arm und Bein, lockte manchen Recken herbei,
    Doch keiner gehörte ihr allein, immer einer andern Frau ebenso.
    Gegen Mada hegte sie keinen Groll und auch neiden tat sie ihr nicht,
    Denn Mada war einsam und allein.«


    Zarte Arme glitten aus der Wasseroberfläche, tastend, suchend, doch nichts findend. Sie waren das Wasser selbst und als sie nichts fanden, machten sie sich selbst zu dem, was sie brauchten und stimmten mit ihren flötenhaften Klängen in ihr Lied mit ein.

    »Im Angesichte der Maid, von ihr verstanden und erfreut,
    Spürte Mada ihr Leid und ließ fallen eine Träne.
    Allein die Maid sie fangen konnte,
    Doch schon lange zerborsten in seelenlosen Staub
    Fielen die Tränen der Maid auf trocken Erd,
    Spülten Madas Träne hinfort.«


    Die Arme ruhten, ihr Part war vorbei, und wie auf ein ungesehenes Zeichen hin, fuhr der Wind durch das Glockenspiel in den Bäumen am Rande der Lichtung und die klaren Töne, mischten sich mit den zarten Klängen der Harfe und der Stimme der Sängerin. Hinzu gesellte sich das Wasser in neuer Form und streichend begleitete es die Sängerin.

    »Im Angesichte der Maid, von ihr verstanden und erfreut,
    Hauchte Mada über der Tränen Fluss und
    Allein stand dort ein Stein, weit und warm.
    Die Maid liebkosend stand er da, still und warm.
    Der Maid gab er das Lachen,
    Denn er konnte sie nicht verlassen.«


    Sie spielte noch einige Momente, ohne dass sie die Stimme erhob, bis sie eine Antwort erhielt.
    »Weil der Fels sich zeigte, wie er war: Als unbeweglicher Fels«, drang die plätschernder Stimme an ihr Ohr, nein, sie war dicht an ihrem Ohr. »Ein schönes Lied, wie heißt es?« Das geheimnisvolle Sprudeln in seiner Stimme ließ sie wohlig ausatmen.
    »Es hat keinen Namen, doch der Name Madas Tränen passt gut dazu.« Es war ungewohnt für sie ihre eigene Stimme zu hören, wenn sie normal sprach. Das hatte sie seit gestern Nacht nicht mehr getan.
    »Nein, Madas Träne muss es heißen.«
    »Du hast recht, dass muss es wirklich, ich habe mich geirrt«, stimmte sie ihm mit einem Kopfnicken zu und lächelte aufrichtig. Und wenn es nicht aufrichtig gewesen wäre, hätte er es gemerkt, denn ihm konnte man nichts vortäuschen, denn er war Gischtfall.
    »Ein so echtes Lächeln sieht man selten bei euch Menschen, nicht wahr?«, seine sanften Finger fuhren ihre Wange entlang und hinterließen eine feuchte Spur, gleich einem Tränenzug. »Du scheinst mir eine erfrischende Abwechslung von meinen falschen Verehrern zu sein, die ich sonst abzuweisen pflege, doch du bist hier seit...? Ja seit wann denn. Es muss für dich eine lange Zeit gewesen sein und dennoch sitzt du an meiner Quelle, betreibst ein wenig Konversation, scherzt, musizierst für mich und scheinst keine Gegenleistung von mir zu erwarten. Wie ungewöhnlich von einem Menschen, die ihr doch immer auf euren Vorteil bedacht seid, selbst wenn ihr so tut, als sei dies nicht der Fall und es manchmal sogar selbst glaubt. In vielerlei Hinsicht seid ihr also für Überraschungen gut. Dennoch hast du mir deinen Namen nie genannt. Warum nicht?« Etwas Drängendes schlich sich in seine Stimme und er bekam eine bedrohliche Ausstrahlung, soweit sie es beurteilen konnte. Doch dieses Gebahren färbte auf sie hab, wie schlecht gefärbte Kleidung, die man in einem Bach wusch, ihre Farbe an andere Kleidungsstücke weitergab. So war sie.
    »Namen sind nichts, worauf man sich berufen könnte, nicht auf die Namen, die wir Menschen einander geben. Nennt sich der Dieb in einer Stadt so, wechselt er seinen Namen in einer anderen wieder. Welchen Nutzen hat es denn dann seinen Namen zu nennen, außer das man damit die für uns Sterblichen so wichtige Luft verschwendet?«, ihre Stimme hatte eine ungewöhnliche Schärfe angenommen, vor der jeder Mann zurückgewichen wäre. Doch Gischtfall setzte eine nachdenkliche Miene auf, sein Unmut schien in keinster Weise erregt worden zu sein, vielmehr versank er in Überlegungen und wurde ruhig, so wie die anderen Male auch.
    »Du hast keinen Grund mir deinen Namen zu nennen und drängst dich mir nicht auf, wartest geduldig, auf dass ich reagieren möge. Sag mir was du willst und ich überlege, ob ich es dir geben kann.«
    »Ich habe zwar einen Wunsch, den ich hege, doch selbst du kannst ihn mir nicht erfüllen«, sagte sie sanft und streckte ihre Hand aus, um ihm ebenso über die fließende Wange zu fahren, wie er es zuvor bei ihr getan hatte. Er ließ es geschehen.
    Doch mit einem Mal wandte sich sein Gesicht dem Sternenzelt zu, suchte und fand schließlich, was er suchte oder vielmehr, was er erwartete. Ein roter Schweif zog über den Himmel, doch anders als seine Verwandten, die zu dieser Jahreszeit häufiger auftauchten, verblasste er nicht allmählich, sondern wurde gar intensiver, bevor er hinter der nächsten Baumkrone verschwand. »Ein seltenes Ding, was wir beobachtet haben«, kommentierte sie bewundernd, doch Gischtfall wandte sich ihr zu, still und fast bedrohlich, wie ein zugefrorener See im Winter, dessen dunkle Tiefen nichts als das Ende verhießen. Sie zuckte unbeherrscht zurück und stellte allein mit ihrem Blick die Frage: »Was stimmt nicht?«
    »Etwas kommt. Veränderungen, die wir noch nicht zu deuten wissen. Der Damm hat bereits Risse bekommen und was du gesehen hast, war ein dünnes Rinnsall dessen, was noch zu folgen gedenkt. Die Feste wird erschüttert und selbst wir können uns kaum dagegen wehren können«, prophezeite er in düsterem Ton, der durch das Rauschen seiner Stimme verstärkt wurde. Sie erkannte, was er meinte. Die Ihren hatten ihr bereits von den Zeichen berichtet, die sie sich zu erklären versucht hatten, deshalb war sie hier.
    »Ich fürchte, unsere Zeit nähert sich ihrem Ende, ...« »Denn du wirst bald von jenen aufgesucht, denen du zur Hilfe gereichen sollst«, beendete er ihren Satz mit einer unerwarteten Traurigkeit in seiner Stimme, als sei diese kurze Episode seines Daseins, die so leicht wie ein Wimpernschlag vergessen werden konnte, etwas, dass er nur zögerlich aufgeben wollte. Eigentlich war nicht das es, was sie sagen wollte, und sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Wer würde kommen und woran würde sie sie erkennen?
    Sie strich ihm über die Wange, Gischtfall ließ es geschehen.

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    Leichte Beute

    Missmutig stapfte Kwoork durch den Wald. Er ärgerte sich immer noch maßlos über Griibka. Na gut, sie war die Schamanin und deshalb würde sie schon wissen, was das Beste ist und ein paar zusätzliche Schweine wären sicherlich gut für den Stamm. Aber dennoch, wohl war ihm bei dem Gedanken nicht. Sich mit dem Menschenvolk einzulassen, konnte nichts Gutes bringen. Vor allem nicht mit diesem Menschenmann. Allein der Gedanke an das Gesicht dieses Mannes, der heute Vormittag in ihrem Lager erschienen war, ließ Kwoork frösteln, obwohl es ein warmer Sommertag war. Die hässliche Narbe, die sich vom Kinn bis kurz unter das linke Auge zog und die schwarze Augenklappe, die das rechte Auge verdeckte...

    Kwoork schüttelte sich. Nein, dieser Menschmann hatte bestimmt nicht ihr Wohl im Sinn. Er hätte fast etwas gesagt, aber als einfacher Jäger und Krieger stand es ihm nicht zu, die Entscheidungen der Stammesführerin in Frage zu stellen. Also hatte er sich Pfeil und Bogen geschnappt und war in den Wald aufgebrochen. Vielleicht war ihm ja Orvai Kurim heute wohlgesonnen.

    „Halt, warte auf mich, Kwoork!“
    Kwoork drehte sich um und verdrehte die Augen. Er hätte sich fast denken können, dass Bluurz ihm folgen würde.
    „Was willst du, Bluurz?“
    „Was soll ich schon wollen? Dir natürlich Gesellschaft leisten. Was guckst du überhaupt so griesgrämig? Du hast doch sonst nichts dagegen, dass ich dich begleite.“
    „Vergiss es! Ich will nicht darüber reden.“
    „Es ist bestimmt wegen dieses Fremden.“
    „Und wenn schon. Lass uns lieber zusehen, ob wir ein paar Rotpüschel oder sogar ein Reh erlegen können. Und jetzt halt dein vorlautes Maul. Du verscheuchst uns sonst noch jedes Wild.“
    Schweigend gingen die beiden Goblins nebeneinander her. Kwoork war mit seinen Gedanken immer noch bei diesem Fremden, als Bluurz ihn plötzlich anstieß.

    „Was ist?“
    „Hast du das auch gehört? Da vorn ist doch jemand.“
    „Wo?“
    „Na dort!“ Bluurz zeigte in die entsprechende Richtung. „Ich glaube, ich habe Stimmen gehört. Lass uns vorsichtig hinschleichen.“
    Langsam schlichen sie in die von Bluurz angegebene Richtung. Tatsächlich, jetzt hörte auch Kwoork Stimmen. Ein Blick zu Bluurz zeigte ihm ein triumphierendes Lächeln auf dessem Gesicht, ganz so, als wolle er ihm sagen: „Siehst du? Ich hatte Recht.“ Jede Deckung nutzend schlichen sie weiter. Vor ihnen öffnete sich jetzt eine Lichtung. Die beiden Goblins krochen leise zu ihrem Rand und verbargen sich im Unterholz. Vorsichtig bog Kwoork einen Ast zur Seite, um einen Blick auf die Lichtung werfen zu können, ohne dabei selbst entdeckt zu werden.

    Tatsächlich! Auf der Lichtung standen zwei Menschenmänner. Ein hochgewachsener, hagerer und ziemlich alter Mensch, wie Kwoork an dem langen, etwas zerzausten, grauen Bart erkennen konnte und ein schlanker, kaum dem Jünglingsalter entwachsener Bursche, der in eine einfache, braune Kutte gehüllt war. Die beiden unterhielten sich äußerst angeregt über ein...Stadtarchiv. Hatte Kwoork das richtig verstanden? Was bei Orvai Kurim und Mailam Rekdai war ein Stadtarchiv? Er beschloss, die beiden erst einmal weiter zu belauschen. Vielleicht würde er so noch erfahren, was die beiden Menschenmänner hier wollten. Eine Bewegung neben ihm ließ ihn zur Seite blicken. Bluurz! Er hatte seinen Begleiter vollkommen vergessen. Bluurz war gerade dabei einen Pfeil aus seinem Köcher zu ziehen. Anscheinend wollte er auf die beiden Männer schießen. Kwoork gab ihm mit einem Stoß in die Rippen zu verstehen, dass er noch warten sollte. Bluurz verzog mürrisch das Gesicht, tat aber was Kwoork von ihm wollte.

    Kwoork wandte sich wieder den Wesen auf der Lichtung und ihrem Gespräch zu.
    „Ja...aber...ich glaube du hast...äh...Recht, Nottel. Das scheint mir wirklich nicht das Stadtarchiv zu sein. Ich kann mich nicht daran erinnern, bei unserem letzten Besuch so viele Pflanzen gesehen zu haben.“
    „Ungfried, Meister. Ich heiße Ungfried!“
    „Jaja, weiß ich doch, Nottel. Stellt sich nur die Frage: Wenn das hier nicht das Stadtarchiv ist, wo sind wir dann?“
    „Ich würde sagen, wir sind in einem Wald.“
    „Ein...äh...Wald? Ja, da könntest du Recht haben. Das würde die ganzen...äh...Bäume und Büsche erklären.“
    „Da kann ich Euch nur zustimmen, Meister.“
    Kwoork schüttelte den Kopf. Natürlich waren sie hier in einem Wald, das war doch wohl offensichtlich. Wie dumm musste man sein, um das nicht zu erkennen. Typisch Menschenvolk.

    Er betrachtete den älteren, offensichtlich etwas verwirrten Menschen genauer. Er trug ein langes Gewand, bestickt mit merkwürdigen Symbolen, und einem hohen spitzen Hut. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn. Er hatte so etwas Ähnliches schon einmal gesehen. Ja, natürlich. Jetzt fiel es ihm ein. Das musste ein Zauberer sein. Bei den Menschen gab es, anders als bei seinem Volk, auch Männer, die über Magie verfügten.

    Mit diesen sollte man sich besser nicht anlegen. Er hatte einmal gesehen wie ein solcher Magier einen mächtigen Feuerstrahl aus seinen Händen abschoss, der von einem Goblin nur ein trauriges Häufchen Asche zurück ließ. Das war im letzten Jahr gewesen, als sie diese Kutsche in der Nähe dieser Menschenstadt namens Tallon überfallen hatten. Nun ja, jedenfalls hatten sie es versucht. Leider war es gar nicht gut für sie ausgegangen.

    Ein Rascheln neben ihm weckte ihn aus seinen unangenehmen Erinnerungen. Bluurz machte sich doch schon wieder an seinem Bogen zu schaffen. Geduld war noch nie seine Stärke gewesen. Er konnte es anscheinend nicht abwarten auf die Menschenmänner zu schießen. Wieder zuckte die Erinnerung an den brennenden Stammesbruder durch seinen Kopf. Vorsichtig griff er zu Bluurz hinüber und legte ihm die Hand auf den Arm, schüttelte den Kopf und machte ihm ein Zeichen sich zurückzuziehen. Bluurz zögerte, folgte Kwoork dann aber doch, wenn auch widerwillig. Als sie sich in sicherer Entfernung von der Lichtung befanden, machte Bluurz seinem Ärger lautstark Luft.

    „Was soll das, Kwoork? Wieso hast du mich davon abgehalten auf die Männer zu schießen? Die beiden sind doch leichte Beute. Denk doch nur daran was die anderen sagen würden. Wir hätten zwei Menschenmänner besiegt. Das kann uns so schnell keiner nach machen.“
    „Wie kann man nur so dumm sein? Hat dir die Aussicht auf Ruhm das Gehirn vernebelt?“ antwortete Kwoork. „Hast du etwa nicht erkannt, dass der Alte ein Zauberer ist? Hast du etwa schon vergessen, wie es Aargaal ergangen ist?“
    „Und wenn schon! Mein Pfeil hätte ihn sofort getötet. Außerdem hätte er mich im Unterholz auch gar nicht sehen können.“ Plötzlich umspielte ein hämisches Grinsen Bluurz Gesicht. „Ha! Jetzt weiß ich was mit dir los ist. Du hast Angst! Der feige kleine Kwoork ängstigt sich vor diesem uralten Zausel.“
    Kwoork antwortete nicht darauf. War es wirklich Angst, die er empfand? Jedenfalls wollte er nicht als lebende Fackel enden.
    „Was meinst du wohl, was Griibka dazu sagen wird, wenn sie es erfährt? Und das wird sie, das kannst du mir glauben. Du kannst froh sein, wenn du nur als Schweinefutter endest.“ Bluurz wandte sich ab und machte Anstalten zu ihrem Lager zurückzukehren.

    „Warte, Bluurz!“ Bluurz drehte sich um.
    „Was ist? Hast du es dir doch noch anders überlegt?“
    „Ich...“ Ein plötzliches Geräusch ließ ihn verstummen. Dann...
    „Sieh mal, Nottel! Da ist ja jemand. Die können wir bestimmt nach dem Weg fragen.“
    „Äh, Meister. Das sind Rotpelze. Ich glaube nicht, dass die uns helfen werden.“
    „Wie, Rotpelze? Du meinst, die beiden sind hier auch fremd?“
    „Nein, Meister. Das sind Goblins, Ihr wisst schon, Rotpelze eben.“

    Kwoork wunderte sich. Irgendwie schien der Alte nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Vielleicht war er doch kein Magier und wenn doch, machte er alles andere als einen gefährlichen Eindruck auf ihn. Dann bestand keine Gefahr als lebende Fackel enden. Ganz im Gegenteil, die beiden waren ganz offensichtlich leichte Beute. Bluurz hatte Recht. Er blickte zu ihm hinüber. Bluurz schien der gleichen Meinung zu sein.

    „Komm, Kwoork! Die schnappen wir uns. Du hast dir völlig umsonst Sorgen gemacht.“ Die Genugtuung in Bluurz Worten war nicht zu überhören.
    „Ja, scheint, als hättest du Recht.“ Die beiden Goblins griffen zu ihren Messern. Auf die kurze Entfernung würde der Bogen wirkungslos sein.

    „Meister, ich glaube die Rotpelze haben es auf uns abgesehen. Vielleicht sollten wir besser verschwinden. Es sei denn es fällt Euch ein passender Zauber ein.“
    „Ein...äh...Zauber? Ja...ich denke...ja, das wäre auch eine Möglichkeit. Mal sehn..., ja ich hab's!“

    In Kwoorks Augen schien der Magier sich plötzlich zu verändern. Seine vorher leicht gebückte Haltung fiel von ihm und er schien zu wachsen. Eine bedrohliche Austrahlung ging von ihm aus und in seine Augen war ein unheimliches Leuchten. Kwoorks Knie begannen zu zittern. Urplötzlich wirkte der Magier nicht mehr alt und gebrechlich. Vielleicht hätte Kwoork doch auf seine innere Stimme hören sollen.

    „Salander Mutander!“ erklang es jetzt laut aus dem Mund des Magiers. Ein Zittern lief durch Kwoorks Körper und er ließ sein Messer fallen. Ihm wurde heiß und kalt. Die Haare auf seinen Armen, Beinen und auch auf dem restlichen Köper verschwanden. Er spürte, wie seine Knochen knackten und knirschten. Die Büsche und Bäume um ihn herum schienen plötzlich in die Höhe zu schießen. Nein! Doch nicht. Es war genau umgekehrt. Er... schrumpfte mit rasender Geschwindigkeit. Wie konnte das sein? Was geschah mit ihm? Das konnte nur der Magier gewesen sein. Was hatte er ihm angetan?

    Das Ziehen in seinen Gliedern hörte auf. Bluurz. Wo war sein Gefährte? Er blickte zu der Stelle, an der Bluurz gerade noch gestanden hatte. Kein Suulak zu sehen. Stattdessen - er konnte es kaum glauben – saß dort eine häßliche, glitschige, warzenübersähte Kröte – direkt auf Augenhöhe mit ihm. Das konnte doch nur bedeuten, dass... . Kwoork mochte den Gedanken nicht weiter verfolgen. Der Magier hatte sie beide in Kröten verwandelt. Kwoork glotzte zu dem Magier hinüber, der hoch über ihm aufragte.

    „Komm, Nottel. Das...äh...Stadtarchiv muss doch irgendwo sein. Wie kann man nur auf die Idee kommen ein Archiv mitten in den Wald zu bauen?“
    Kwoork beobachtete wie die beiden Männer sich umdrehten und über das Stadtarchiv - was immer das auch sein mochte - diskutierend auf die Lichtung zurück gingen. Er wollte Bluurz fragen, wer von ihnen beiden nun Recht behalten hatte, aber aus seinem Mund kam nur ein dumpfes Quaken. Wenn er jemals wieder seine Suulakgestalt zurück bekäme – die Hoffnung, dass der Zauber nur für eine gewisse Zeit auf ihnen lag, hatte er noch nicht aufgegeben - würde er einen großen Bogen um alles machen, was nach harmlosen, alten, gebrechlichen und leicht verwirrten Männern aussah.

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    Was tut man nicht alles für die Liebe

    In dem kleinen Wäldchen nahe Andergast, ging Lorin Stolzenschild spazieren und suchte Pilze. Lorin hatte keine Ahnung von Pilzen. Bestimmt sah er aus wie ein Verrückter, denn einen Jüngling in Harnisch mit einem Körbchen für Pilze in der Hand, das er mit wehendem Haar wie eine Trophäe am ausgestreckten Arm vor sich her trug… das musste einfach lächerlich aussehen.
    Aber Lorin Stolzenschild wäre kein Stolzenschild, könnte er den unglücklichen Umstand seines Spaziergangs nicht mit kühler und zielgerichteter Miene überspielen.
    Und schon sah er einen weiteren Pilz, der schüchtern unter einem Blatt hervorlugte und mit seinen gelben Pünktchen aussah als versuche er seinen Betrachter zu beschwichtigen und zu überreden, ihn doch bitte nicht abzuschneiden.
    Doch wenn dieser Trick jemals geklappt hatte, bei Lorin Stolzenschild half es nichts. Schnell war das Schwert gezückt und mit einem geschickten Schwung flog der Pilz in das kleine Weidenkörbchen und gesellte sich zu seinen Artgenossen.
    Lorin wollte gar keine Pilze sammeln. Er sehnte sich nach Drachen, bösen Skelettkönigen oder Untoten, denen er mit Mut entgegenreiten konnte. Stattdessen hatte er eine Wette beim Kartenspiel mit seinem Knappen Alfred verloren und sollte nun Pilze sammeln um daraus eine Mahlzeit zu kochen, die er danach essen musste.
    Lorin strich sein blondes Haar glatt und musterte sein Weidenkörbchen. Genug gesammelt.

    Die „Mahlzeit“ die Lorin vor den Augen seines besonders fröhlichen Knappen vorbereitete, schmeckte wie ein bitterer Zwieback. Nach drei Bissen von den Pilzen, die sich im Topf irgendwie zu einem seltsamen Klumpen erhärtet hatten, sah Lorin die Welt bereits doppelt. Nach fünf weiteren Bissen, vierfach.
    Er stand auf, taumelte und griff stöhnend nach Schulter von Alfred. „Meine Güte Knappe, mir is gehörig schlecht… mir… is.. so schwiiindelig“. „Kein Sorge Herr, lachte Alfred ein bisschen Wein und das wird schon wieder!“
    Es wurde nicht wieder. Nach zehn fiebrigen Tagen und Nächten zitterte Lorin noch immer. Das musste der Gelb gepunktete Pilz gewesen sein.

    Einige Monate später.
    Gottfried wollte es endlich wissen. War seine angebetete wirklich in verliebt? Oder wollte sie nur sein Geld? Die Wahrsagerin im grünen Pilz sollte Klarheit verschaffen. Als er den grünen Pilz betrat, befand er sich vor einem Vorhang. Draußen hatte er bereits bei einem besonders fröhlichen Jungen bezahlt und nun sollte er mehr über seine Zukunft und die Zukunft seiner Geliebten erfahren.
    Zugegeben, diese Wahrsagung war kein Schnäppchen, aber bestimmt trotzdem jede Münze wert.
    Gottfried öffnete den Vorhang und setze sich auf den Stuhl, der vor dem kreisrunden, winzigen Tischchen stand. Es roch betäubend nach Weihrauch und Gottfried wurde es gleich schwummrig vor Augen. Erst jetzt bemerkte er die Gestalt, die vor ihm im Halbdunkel des Kerzenscheins saß.
    Die Gestalt lehnte sich vor. Sie hatte nachtschwarz geschminkten Augen, wollte Gottfried die Hand reichen, zögerte jedoch; strich ihr blondes Haar glatt und reichte ihm nun endgültig die Hand.
    Die Gestalt stellte sich mit tiefer Stimmte als „Madammme me me PILZ“ vor und klopfte dreimal auf die Rüstung die sie trug, sodass es kräftig schepperte.
    „Waas kann ich für dich tun mein lieber Grottfied?“
    „Gottfried Madamme, Gottfried ist mein Name“
    Leise fluchend, weil sie Alfred falsch verstanden hatte, holte Madame Pilz eine große Kristallkugel unter dem Tischchen hervor und knallte sie auf die obendrauf.
    „Was willst du wissen? Ooooh… warte. Sie ist nicht die richtige.
    Auf gar keinen Fall soltes du dich je wieder in ihrer Nähe blicken lassen. Sonst passiert ein großes Unglück!“
    Gottfried starrte die Madame aus großen Augen an. Unglaublich was für Fähigkeiten diese Wahrsager heutzutage hatten. Besser er hörte auf ihren Rat.

    Zwei Wochen danach wurde eine große Hochzeit in Andergast gefeiert.
    Ein stolz schreitender Ritter ging an der Seite einer wunderschönen Frau. Er warf ein Körbchen mit Pilzen in die jubelnde Menge. Einen gelb gepunkteten behielt er jedoch, blickte sich um und warf ihn schließlich seinem immer fröhlichen Knappen zu, der ihn mit breitem Grinsen auffing und ihn in die Höhe hielt.
    Die wunderschöne Frau und der Ritter in seiner glänzenden, manchmal scheppernden Rüstung lachten zurück und gingen Hand in Hand auf die romantisch geparkte Hochzeitskutsche zu.
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    Last edited by MrChaos; 21.07.2012 at 00:00.

  8. #8 Reply With Quote
    Halbgott
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    Sandor stand wie so oft oben im Frettchen am Fenster, ein helles Ferdoker in der Hand, und schaute in den Regen, der seine feuchte Last unablässig auf den Ferdoker Straßen entleerte. Viele Menschen waren bei diesem Wetter nicht mehr auf den Straßen zu sehen. Er hatte zwar von einigen Händler gehört, die auch im stärksten Regen Wetter und Krankheit zum Trotze ihren Stand nicht verließen, um nicht einen möglichen Kunden zu verpassen, aber von seinem Fenster aus hätte Sandor sowieso keinen der Stände erspähen können, da diese allesamt außer Sichtweite lagen. Die Taverne war zu diesem frühen Abend zum Zeitpunkt der Dämmerung schon vergleichsweise voll, bis auf einen der Tische waren alle Plätze besetzt und doch strömten immer wieder weitere Gäste zum Eingang hinein. „Das muss am Wetter liegen“, dachte er. „Oder an dem Mord, der sich kürzlich zugetragen hat.“

    Der alte Eelko, ein Obdachloser aus Fernhain, war tot aufgefunden worden und so wie es aussah, gab es noch keinen Hinweis auf den Täter. Diese kleine, aber nicht unerhebliche Tatsache, bestärkte natürlich nicht unbedingt das Vertrauen in die Obrigkeit, zumal kurz nach dem Fund des Leichnams Gerüchte die Runde machten, wonach Eelko schrecklich zugerichtet worden sein sollte. Manche sprachen von abgetrennten Gliedmaßen, andere von einem abgeschlagenen Kopf und weitere schworen Stein und Bein, dass dem Bettler sogar das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen sein worden sollte. Dann gab es wiederum welche, die erzählten, dass dem armen Eelko alle diese Dinge auf einmal widerfahren sein sollten. Da sich der Mord in der Dämmerung zugetragen hatte, suchten viele Einwohner Ferdoks Schutz in der abendlichen und nächtlichen Gesellschaft anderer Leute und so war es die letzten Tage übermäßig voll im Frettchen gewesen, worüber sich Wirt Schotterbusch geschäftsbedingt sehr gefreut hatte. So sehr, dass er sogar, ganz entgegen seiner Gewohnheit und Natur, Sandors Freundin Aline, die als Schankmagd im Frettchen arbeitete, eine hübsche Summe als Bonus gezahlt hatte. Aline hatte sich sehr darüber gefreut und war die letzten Tage bester Stimmung gewesen und dass wiederum freute auch Sandor sehr. Etwas hatte er ihr noch dazu gegeben und dann hatten sie ihr eine wunderschöne, relativ wertvolle Kette mit einem neckischen Anhänger gekauft, der, wie Sandor fand, ihre einzigartig schönen blau-grünen Augen, in denen er sich regelmäßig verlor, nur noch mehr betonte.

    Als er freudig die Stimmen weiterer Neuankömmlinge in der Taverne vernahm, drehte Sandor sich um und trat weg vom Fenster, denn gut die Hälfte seiner Mannschaftskameraden, der Flinken Frettchen, war nun eingetroffen. Sandor ging in Richtung Theke, um sie zu begrüßen und ihnen dort Gesellschaft zu leisten. Einen kurzen Blick auf Aline konnte sich Sandor dabei allerdings nicht verkneifen und sie sah seinen Blick, sah, dass ihm gefiel, was er sah, lächelte wissend und wandte sich weiter den Gästen am größten Tisch der Taverne zu seiner Rechten zu. Kaum waren seine Kameraden von den Flittchen vor wenigen Augenblicken eingetreten gewesen, hatte sie auch gleich schon eine Runde Ferdoker bestellt und Aline und Schotterbusch kamen, auch aufgrund der vielen Gäste, kaum mehr mit der Bedienung und dem Nachschenken nach. Natürlich tranken sie Ferdoker und nicht diesen Kram aus dem Mittelreich. Ein wahrer Ferdoker trinkt auch nur ein Ferdoker, pflegten sie zu sagen und wer würde es wagen, ihnen zu widersprechen, wo sie doch diejenigen waren, welche die Fahne Ferdoks im Imman hochielten.Sandor lächelte belustigt in sich hinein, diese hier waren sicher nicht wegen des Wetters oder des Mordes gekommen. So war es richtig, auch Sandor ließ sich keine Angst machen, er war der „Drache“, zehn Jahre nun schon und er würde sich nicht so einfach das Herz heraus reißen oder den Kopf abschlagen lassen oder was sich die ängstlichen Ferdoker sonst für Schauermärchen ausdenken mochten.

    Heiter begrüßte er zunächst Hajo, einen jüngeren Spieler, der noch nicht lange in der Mannschaft spielte, ihm von seinem Standpunkt aus gerade am nächsten stand und machte sich dann sogleich daran, dies bei allen seinen Mannschaftskameraden zu wiederholen. Als er einen jeden begrüßt hatte und sich ein wenig unterhalten hatte, einigte man sich auf ein kleines Trinkspiel am späteren Abend und bevor Sandro sich in Richtung Aline aufmachte, sagte er noch, etwas lauter, in Richtung Wirt gewandt: „Noch drei helle Ferdoker für jeden von uns und auch für alle übrigens Gäste, die dies wünschen. Geht dann auf mich.“ Die Männer lachten oder applaudierten und Schotterbusch stöhnte. Sandor zahlte schnell und legte noch ein üppiges Trinkgeld drauf, auch weil er wusste, dass es dem Wirt nicht gefallen würde, wenn er seine Bedienung nun für wenige Minuten von Arbeit abhalten würde. Aber sie hatten es öfter so gehalten, auch wenn Schotterbusch sehr eigenbrödlerisch und kauzig wirkte, so akzeptierte er es stets diese wenigen gemeinsamen Momente in während ihrer Arbeitszeit. Schotterbusch und Sandor kannten sich nun schon seit so vielen Jahren und zweiterer war der Star des Teams, des den Namen der Taverne trug. Ohne die Taverne hätte es kein Team gegeben und ohne das Team wären deutlich weniger Gäste in der Taverne. Für beide Seiten eine lohnende Partnerschaft.

    Sandor gab Aline durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass er mit ihr reden wollte und sie setzten sich auf einen der wenigen momentan freien Plätze hinten an der Wand. Aline lehnte ihren zarten Kopf an seine starke Schulter und schloss die Augen, wie sie es öfter tat. „Ich kann heute Abend nicht noch mit zu Dir kommen“, sagte sie, „es wird spät werden und es sind viele Leute da. Dann werde ich zu müde sein, um zu irgendetwas zu gebrauchen zu sein.“ Sie hätte das nicht sagen müssen, Sandor hätte es auch so gewusst und er hatte vollstes Verständnis dafür. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte nur: „Na, Hauptsache, Du schläfst uns hier jetzt nicht ein.“ Sie lächelte nur und schmiegte sich enger an ihn. Friedlich saß sie da, an ihn gelehnt, mit den roten Wagen, ihrer weichen Haut, ihren auch geschlossen schönen Augen, den wohlgeformten, kleinen Ohren und dem goldenen Haar. In solchen Momenten wurde Sandor klar, wie sehr er Aline liebte und wie sehr er auch wiederum froh war, jemanden um ihn zu haben, der ihn so liebte, wie sie es tat. Es war nicht nur, dass Aline für ihn die schönste und stilvollste Frau in ganz Ferdok war, nein er war auch froh, jemanden gefunden zu haben, dem er sich anvertrauen konnte, mit dem er auch mal über Dinge sprechen konnte, die ihn beschäftigt hatten. Klar, über einige dieser Sachen konnte er auch mit seinen Mannschaftskameraden sprechen oder hatte dies früher auch immer mit Lares getan, als dieser nach Ausbilder der Frettchen war. Aber Lares war nicht mehr Ausbilder der Frettchen, sondern Anführer der „Bürgerwehr“, wie er es nannte und mit den anderen besprach er eher allgemeinere Dinge. Auch und gerade aufgrund seiner Stellung in der Mannschaft und sogar in ganz Ferdok fiel es Sandor schwer, sich anderen Menschen zu öffnen. Er kam mit allen gut aus, verstand es, sich mit Leuten zu unterhalten, auf sie einzugehen, aber wie würden die Leute reden, wenn der „große“ Sandor Kunger, der Held der Ferdoker Frettchen, offen über private Probleme reden würde? Früher, als er hier zu spielen begann, war es leichter, er hatte vieles damals Lares anvertraut. Aber mit dem Aufstieg seines Sternes am Horizont war diese Bürde gewachsen und Sandor hatte sich nie jemandem anvertrauen können und sich manchmal gewünscht, einfach nur ein Spieler unter vielen zu sein. Allerdings ertrug er diese Bürde, obwohl sie ihm nicht behagte, stets tapfer und ehrenvoll. Und dann hatte Schotterbusch Aline eingestellt und für Sandor war wieder die Sonne aufgegangen. Dies war schon einige Zeit her und aus anfänglichem beiderseitigem Begehren war eine vertrauensvolle Liebe gewachsen. Ohne, dass das Begehren nachgelassen hätte, dachte Sandor und lächelt in sich hinein. Durch das Fenster schräg gegenüber sah er, wie der Regen nun in die vollkommenen Dunkelheit viel. Eine Sache allerdings hatte er auch nicht Aline erzählt, wurde sich Sandor nun bewusst. Zumindest nur halb.

    Er griff nach seiner Brust, fühlte den Talisman und atmete erleichtert durch. Trotz dem Lärmpegel, der von den Gästen und insbesondere von den Frettchen ausging, hörte Sandor in diesem Moment nur das stetige Prasseln des Regens auf dem Dach. Damals, vor 13 Jahre, an dem Abend als sein Vater starb, hatte es auch geregnet. Seitdem war es ihm schwergefallen, sich anderen zu öffnen – vielleicht auch DESWEGEN?

    Lange hatte dieser in der kalten Jahreszeit darnieder gelegen, in ihrem einfachen Haus hier am Ugdan-Hafen. Er hatte Fieber, musste husten, konnte das Bett nicht verlassen. Sandor hatte ihn gepflegt, immer in der Hoffnung, dass die Krankheit vorbei gehen würde. In den frühen Jahren seines Lebens war der Vater Abenteurer gewesen, hatte viel von Aventurien gesehen und dabei auch das eine oder andere Abenteuer erlebt gehabt. Später war ihm dann passiert, was wohl den meisten Männern irgendwann einmal passiert, er war nach Ferdok gekommen und hatte dort eine Frau kennen und lieben gelernt. Sie hatten damals noch einige Straßen vom Praiosplatz entfernt gelebt, nicht hier am Hafen, sondern in einem richtig schönen Haus. Die Mutter hatte für einen der reichen Adligen in der Grafenstadt im Haushalt gearbeitet – dort hatte sie der Vater nach einem seiner Abenteuer das erste Mal gesehen und der Vater hatte einiges Geld von seinen Abenteuern über gehabt und dann einen Nebenverdienst als Spitzel bei der Stadtwache angenommen. Irgendwann, in einer Zeit, an die Sandor sich nicht mehr erinnern konnte, musste dann Vaters Leben aus den Fugen geraten sein, er hatte seine Frau und Sandor seine Mutter verloren. Der Vater arbeitete nicht mehr für die Stadtwache und musste eine schlechte bezahlte Arbeit im Hafen im ehrwürdigen Handelshaus Stoerrebrandt als Kistenschlepper annehmen. Er hatte allerdings das Glück gehabt, dass er aufgrund seiner kräftigen Statur vermochte, mehr Kisten zu schleppen als die anderen Arbeiter, sodass er immer eine kleine Prämienzahlung erhielt, die ausreichte, um zusätzlich zum kleinen und schlechte verdichteten Haus am Hafen auch noch seinen Sohn, ihn Sandor, aufzuziehen. Die Kraft seines Vaters war unter allen Arbeitern der Stoerrebrandts legendär und wurde ihm nicht geneidet, sondern gegenteilig, sogar so sehr geachtet, dass man ihn dort nur nach den „Drachen“ nannte.

    Seit einigen Tagen allerdings verließ den „Drachen“ seine Kraft und der gerufene Geweihte hatte Sandor sachte darauf vorbereitet, dass seine Anstrengungen am Ende nicht zum Erfolg führen würde. Bleiern trat Sandor ins Zimmer seines Vaters, hörte das Prasseln der Lunge seines Vaters, dass sogar das stetig höhlende, tönende Tropfen des Regens übertönte und wechselte behände die Kerze am Nachttisch seines Vaters. Die teuren Fackeln, welche den Reichen zur Verfügung standen hatten sie sich schon lange nicht mehr leisten können. Sandor setzte sich neben seinen Vater auf den alten Schemel, betrachtete den schwachen, noch kämpfenden Körper und hörte auf des höhnische Trommeln des Regens. Während der Atem seines Vaters immer schwächer ging, füllten sich seine Augen mit große, schweren Tränen, die Sandor gar nicht erst zu unterdrücken versuchte. Während das Licht der Kerze vor seinen Augen zu einem großen, leuchtenden Kreuz verschwamm, vernahm er ganz leise, kaum hörbar, die schwache, aber wohlbekannte Stimme seines Vaters.

    Sandor stand auf und beugte sich dicht zu seinem Vater hinab. „Nicht reden“, sagte er, „Du brauchst Deine Kraft noch.“ „Komm noch etwas näher, Sandor“, sagte der Alte und dieser tat, wie ihm geheißen. „Meine Kraft schwindet, das wissen wir doch beide nur zu gut. Jetzt ist die Zeit gekommen für Dich, etwas zu erfahren, das ich längst in der Vergangenheit begraben glaubte. Du bist noch ein Kind, aber das, was ich Dir jetzt erzähle, wirst Du brauchen, um schnell ein Mann zu werden.“ Eitriger Schleim tropfte ihm aus der Nase und Sandro erhob sich, um schnell ein Tuch zu holen. „Nicht“, flüsterte sein Vater und hielt ihn fest. Sandor setzte sich, die Augen voller Tränen. „Weine nicht“, sagte der Vater, „denn manchmal kann ein Ende auch der Anfang von etwas neuem sein. Du wirst an meiner statt unser Erbe weiter führen und ich werde Dir sagen wissen, was Du wissen musst, um nicht die gleichen Fehler zu begehen, die ich einst beging. Nimm mir meinen Talisman ab und hänge ihn Dir an meiner statt um den Hals!“

    „Aber Vater“, entgegnete Sandro, „den hast Du immer getragen, solange ich denken kann, den werde ich Dir jetzt sicher nicht kurz vor Deinem Tode wegnehmen, ich weiß doch, wie sehr Du daran hängst.“ Die unwirsche Reaktion seines Vaters überraschte ihn. „Tu, was ich Dir sage, verdammt!“, zischte er und Sandro tat, wie ihm geheißen. Er fühlte sich auf einmal etwas besser, hatte die Kraft, seine Tränen zu unterdrücken. Als er wieder auf seinen Vater blickte, zuckte er erschrocken zusammen. Dieser wirkte auf einmal noch schwächer und gebrechlicher als vorher. „So … ist es gut.“, brachte er zustande. „Und nun höre … bevor es zu spät ist.:

    Diesen Talisman erhielt ich einst von meinem Vater und dieser von seinem Vater. Er ist das Erbstück ... unserer ... Familie und wird uns in jeder Generation schützen und stärken. Eine alte Geschichte unserer Familie besagt, dass … der Talisman einst von einem unserer Vorväter aus einer Drachenschuppe gemacht wurde. Der Schuppe eines Drachens … den eben dieser Vorvater getötet hatte. Dieser Talisman war es, der mich aus dem Leben eines einfachen Stalljungen zum Abenteurer werden ließ, der mich zahlreiche Schätze erbeuten ließ, der einen schwächlichen Jüngling zu einem starken Mann werden ließ. Ihn nicht zu tragen, ist ein schlechtes Omen. Es bringt unserer Familie Unglück!“

    „Aber Vater, woher willst Du das denn wissen, wenn Du ihn doch immer getragen hast?“, sagte Sandor und beugte sich noch etwas weiter hinab, da die Stimme seines Vaters jetzt fast ganz zu versagen schien. „Weil ich gesehen habe, was passierte, wenn ich es … nicht tat.“ Die Stimme seines Vaters schien nun nicht nur durch das Bevorstehende, Unvermeidliche, brüchig, sondern auch zusätzlich bleiern. „Vor elf Jahren fiel mir der Talisman vom Hals, nahe des Praios … Platzes , direkt hinein in die Kanalisation. Ich hatte einen wichtigen … Auftrag der Stadtwache zu erfüllen und musste schnell weiter, nahm mir aber vor, sie am nächsten Tag zu holen … An diesem einen Tag, den ich nicht den Talisman trug, habe ich meine Arbeit, mein Haus und meine Frau, … Deine Mutter verloren. Ich wurde bei meiner Tätigkeit als Spitzel enttarnt und festgehalten, sie sagten, sie würden Fenia nichts tun, wenn sie nach Hause käme, wenn ich kooperieren würde. Aber die Stadtwache … hatte mitbekommen, wie sie bei uns zu Hause eindrangen und stürmten das Haus … das letzte, was die Handlanger taten, bevor sie selber starben, war Fenia zu töten. Ich selber wurde dann befreit, die Stadtwache war schnell unten am Hafen gewesen, wo ich ermittelte … bevor dort jemand etwas von den Geschehnissen weiter oben in der Stadt erfahren konnte. Als Spitzel wollten sie mich dann allerdings nicht mehr, da die schnelle Aktion viel Aufsehen erregt hatte und es sich herumgesprochen hatte, womit ich so mein Geld verdiente … das Haus konnte ich mir nicht mehr leisten und auch sonst keiner wollte mich, der zusätzlich noch ein Kind hatte … beschäftigen … hatten Angst, dass ich spioniere oder wegen Dir mal nicht … zur Arbeit … kommen kann. Nur die guten Stoerrebrandts gaben mir eine Anstellung, das muss am Talisman gelegen haben … denn den hatte ich da ja schon wieder … ich war durch ihn noch immer stark und ausdauernd … sie nannten mich den „Drachen“, so st..ark war ich. Ich bekam mehr Gehalt … der Talisman hat uns gerettet, wir führten ein besseres Leben als viele and...ere hier am Hafen, aber meine Schuld hat er nicht ver...gessen. Du musst ihn tragen … ein Kunger … ohne Talis...man, das ist ein bö...ses Omen, es stür...zt u...ns ins Verderben.“

    Die Tränen waren wieder da. Mit erstickter Stimme brachte Sandor nur ein „Ja, das werde ich!.“ zustanden. „Tr....a....ge... ihn mit S....tol...z. Du … b....i....sss.....d....jetzt der Dr....Dr.....Dr...“ Der Wille war da, aber die Kraft fehlte. Er brachte das Wort nicht mehr heraus. „Drache“, sagte Sandor schwer und ein letzter Blick in die Augen seines Vaters verrieten ihm, dass er richtig lag. Dann war er fort.

    In den nächsten Jahren schlug sich Sandro als obdachloser Bettler neben anderen Waisenjungen durch. Seine Kraft ermöglichte es ihm, auch die schweren Wetterlagen zu überstehen und befolgte strikt den letzten Wunsch seines Vaters und nahm den Talisman nie ab. Nur dadurch, war sich Sandor sicher, hatte er es im Gegensatz zu vielen anderen geschafft. Bei einem Spiel Imman mit anderen Herumtreibern seines Alters, er hatte sich schon 5 Jahre durchgeschlagen, war Lares aufgetaucht. Er hatte ihn zu einem Training bei den Frettchen eingeladen … „Nur zur Probe“, hatte Lares gesagt. „Nur zur Probe“, hatte Sandor überlegen geantwortet. Dabei war es nicht geblieben, Lares hatte sich gekümmert, er bekam eine Wohnung, wurde jüngster Ferdoker Immanspieler aller Zeiten und musste fortan nie wieder auf der Straße schlafen. Lares war immer wieder aufs neue von ihm beeindruckt und eines schönen Tages sagte er, um auch die anderen anzuspornen: „Hier, seht euch doch mal an, wie der Sandor da immer wieder durchgeht, so müsst ihr das machen. Wie ein ...“ .

    „Wie ein Drache“, sagte Sandor. „Wie ein Drache“, nickte Lares. Seitdem war er der Drache, auch in der Mannschaft und bald schon in ganz Ferdok. Ja, er hatte sich zeitweise blind mit Lares verstanden, der hatte sich gekümmert. Aber Lares war nun der Anführer der Schwarzaugen-Bande und Sandor wieder für sich geblieben – trotz all der Leute um ihn herum. Bis Aline kam. Sie erhob sich langsam neben ihm, um wieder der Arbeit nachzugehen: „Trink nicht zuviel, mein Drache“, sagte sie. „Keine Sorge, ich lasse Dir was übrig“, scherzte er und Aline verdrehte im Spaß die Augen.

    Nun war es Zeit für das Trinkspiel und Sandro setzte sich zu den anderen Frettchen. Das Trinkspiel ging lange – Sandro konnte nicht sagen, wie lange, aber irgendwann musste er austreten. Er warf einen kurzen Blick auf die Straße unter ihm, ging dann hinter und nahme die Tür zum Hinterausgang.

    Als er sich erleichterte, merkte er, wie ihm sein Talisman entglitt. Panisch versuchte er ihn zu halten, aber er fiel in die Dunkelheit hinein. Irgendwo dort, bei den Kisten musste er sein. „Verdammt, den darf ich nicht verlieren, sonst geht es mir wie Vater“, dachte er und suchte fieberhaft. Während er noch überlegte, wo er weiter kucken sollte, hörte er leiste ein Geräusch hinter sich und drehte sich langsam um...

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