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Kämpfer
Ich weiss, ich weiss... viel zu lang, aber ich hab schon zu lange daran gesessen, um das nochmal zu kürzen Daher ein Beitrag ausser Konkurrenz 
Angbar im Herbst
Es war spät im Herbst, als ich nach Angbar zurückkehrte. Die Bäume färbten sich bereits gelb, und die Nächte wurden empfindlich kalt. Ich genoss die letzten, warmen Tage auf meiner Wanderschaft, und als ich endlich das alte Angbarer Tor am Mittag durchschritt, schien es mir, als ob ich nie fort gewesen wäre.
Mein erster Weg führte mich natürlich zu meinem Elternhaus, und der Empfang war überwältigend. Meine Ankunft sprach sich schnell herum, und fast die ganze Nachtschicht kam, um zu erfahren wie es mir ergangen war. Mein Vater war noch im Stollen, da er eine schwierige Sprengung in Schacht 15 vorbereitete, doch ein Steiger war bereits ausgeschickt worden, um ihn zu holen. In der Zwischenzeit rekrutierte meine Mutter ein paar Frauen, und sie bereiteten in Akkordarbeit ein Festmahl zu. In kürzester Zeit bog sich der grosse Esstisch unter allen möglichen Leckereien. Ich kam kaum zum Erzählen, alle schnatterten durcheinander, klopften mir auf die Schulter, und wollten mit mir anstossen. Als mein Vater schliesslich eintraf, noch völlig ungewaschen und über und über mit Ruß beschmiert, erreichte der Lärm in der Stube infernalische Ausmaße. Sehr viel Zeit zur Begrüßung blieb uns nicht, die Feierlichkeiten hatten sich bereits verselbstständigt.
Er strahlte über beide Backen, als er mich umarmte, dann wurde er aber von meiner Mutter herrisch zum Waschen abkommandiert.
Als der Abend hereinbrach war die Luft in der Stube rauchgeschwängert, und zum Schneiden dick. Es herrschte immer noch ein reges Kommen und Gehen, und ich lernte Zwerge kennen, die ich noch nie gesehen hatte. Irgendwann schwang die Tür mit einem Knall auf, und Toppel stürmte laut johlend herein. Er war sofort nach seinem Schichtende aufgebrochen, um mich zu begrüssen. “Grimmasch!!“ Der Rest ging im allgemeinen Lärm unter. Unsere verzweifelten Versuche zu erfahren, wie es dem Anderem denn so in der Zwischenzeit ergangen wäre, scheiterten kläglich.
Spät am Abend fand das Gelage ein Ende, und meine Mutter sank völlig erschöpft auf einen Stuhl. Mein Vater und ich wurden dazu verdonnert die Überreste der zweiten Schlacht am Angbarer See aufzuräumen. Da Toppel ebenfalls noch anwesend war, wurde er gleichfalls eingespannt. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir eine Schneise geschlagen hatten, durch die wir das Geschirr zum Zuber abtransportieren konnten. Irgendwann hatten wir die Stube soweit aufgeräumt, dass es wieder bewohnbar aussah. Mutter und Vater waren glücklich, aber todmüde, und verabschiedeten sich ins Bett. So blieben nur noch Toppel und ich übrig. Grinsend fragte mich Toppel “...und, was machen wir nun mit dem angebrochenen Abend?“ “Wenn du mich jetzt zu einem Rendezvous mit Essen einladen willst, hast du Pech gehabt. Aber den ein oder anderen Humpen Bier kann ich noch vertragen.“ “Das ist doch mal ein Wort. Lass uns ins Geöffnet gehen.“ “Geöffnet??“ “Du wirst schon sehen, es hat sich ein wenig getan, seitdem du aufgebrochen bist, Xomascho“ Plaudernd und bis zum Anschlag vollgefressen schlenderten wir in Richtung des alten Ingerimm Tempels. Wir hatten uns viel zu berichten, da einige Zeit vergangen war, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Auch Toppel war weit herum gekommen seitdem. Er war aber schon wieder seit einiger Zeit zurück in Angbar, und hatte in der Clanbinge nun in der Tagschicht wieder Arbeit als Schachtfeger gefunden.
Schliesslich bogen wir um die letzte Ecke, und ich erkannte, wohin ich gelotst wurde. Die Spelunke war mir noch in lebendiger Erinnerung. Sie lag hinter dem Tempel, und hier hatte mein Abenteuer sozusagen seinen etwas unrühmlichen Anfang gefunden. Inzwischen hatte dieses Musterbeispiel zwergischer Trinkkultur sogar einen Namen erhalten. Geöffnet-Ingerimm-sei-dank prangte in krakeligen, roten Buchstaben auf einem Schild über der Tür, das etwas an eine zerbrochene Tischplatte erinnerte.
Innen hatte sich nichts geändert. Das Mobiliar war als äusserst rustikal zu bezeichnen, und es machte eher den Eindruck, dass es gezimmert worden war, um eine Verwendung als Rammbock zu überstehen, und weniger als Sitzgelegenheit, oder Abstellfläche. Das Publikum war auch eher als rustikal zu bezeichnen, wenn auch kaum Waffen zu sehen waren. Fast alle Tische waren belegt, und nur in der letzten Ecke konnten wir zwei freie Stühle ergattern. An dem Tisch saß bereits ein Gigrim, der schwermütig in seinen Humpen starrte. “Garoschem, Mensch. Passen hier noch zwei Angroscho an diesen Tisch?“ Er hob überrascht den Blick und schaute Toppel an. “Nandus zum Gruße, Meister Zwerg. Natürlich setzt euch, ich wäre sehr erfreut über eure Gesellschaft.“
Ich besorgte zwei Humpen Helles für Toppel und mich, und wir setzten uns zu ihm. Er schien Tulamide oder Novadi zu sein, und erregte meine Neugier. Während Toppel den ersten Humpen stemmte fragte ich: “Verzeiht, aber was macht ihr hier so tief im Kosch, ihr scheint eher aus dem Süden zu stammen.“ Er lächelte. “Ein höflicher Zwerg hier in diesem Etablissement. Ja, ich stamme aus der Khôm. Mein Name ist Nazir ibn Faruk, und wer seid ihr?“ “Mein Name ist Grimmasch Steinbrecher, und der Kerl, der hier gerade seinen Freischwimmer in Bier macht, nennt sich Toppel.“ Prustend setzte Toppel den Bierkrug ab, und versetzte mir einen freundschaftlichen Schlag gegen den Arm. “Wir feiern gerade die Rückkehr von diesem Jungspund. Er hat seine Ausbildung als Sappeur abgeschlossen, und hat viel zuviele Manieren von euch Gigrim gelernt.“ Sein darauf folgender Rülpser war kolossal. Nazir prostete ihm zu. “Dann sollten wir erst einmal auf sein Wohl trinken.“ Das liess sich Toppel kein zweites Mal sagen. “Ka roboschan hortiman Angroschin. Völlig richtig. Auf dein Wohl, gortoscha mortomosch.“ ...und schon hatte er wieder den Kopf im Nacken. Ich war so satt, dass ich kaum noch etwas herunter bekam. Selbst für das Bier musste ich erst einmal etwas Platz schaffen. Nazir sah mich während dessen interessiert an. “Ich bin noch nie einem zwergischen Sappeur begegnet, obwohl ich schon weit herumgekommen bin. Was ist die Aufgabe eines Sappeurs?“ Grinsend antwortete ich: “Nicht zu sterben.“ Er runzelte fragend die Augenbrauen. “Meine Arbeit ist es schwere Hindernisse in den Stollen zu beseitigen. Wenn mal wieder eine ein grosser Felsen entfernt werden muss, eine Granitschicht einen Stollen kreuzt, oder ein Felseinsturz fachmännisch entfernt werden muss, dann muss ein Sappeur mit Holzkeilen, Wasser und Hylailer Feuer die Hindernisse in transportierbare Brocken zerlegen.“ “Das hört sich nach gefährlicher Arbeit an.“ “Mehr oder weniger, aber man hat seine Ruhe, kaum ein Angroschim will dabei sein, wenn man Holzkeile in instabile Wände treibt.“ Ich lächelte und nahm einen Schluck aus dem Bierkrug. “Und was ist euer Handwerk?“ “Ich bin sozusagen Gelehrter und Ordensmeister.“ “Ordensmeister? Das klingt wichtig.“ “Ach, nein, nicht wirklich. Ich versuche hier in aller Ruhe meinen Gram über den Orden zu ertränken.“ “Von welchem Orden sprecht ihr?“ Nazir entgegnete seufzend “Vom Orden der Vinsalter Wahren Atheisten.“ Ich verschluckte mich an meinem Bier. “Wahre Atheisten? Das klingt im Angesicht der Zwölfgötter nicht minder gefährlich als Sappeur.“ Verschmitzt prostete er mir zu “Nein, da ist nichts gefährliches dran. Besonders weil ihr hier das einzige, verbliebene Mitglied des Ordens seht. Und das ist traurig.“ Toppel lachte schallend “Atheisten, du musst doch jedesmal wenn es donnert in ein Haus flüchten, damit mit du nicht auf der Stelle vom Blitz erschlagen wirst.“ Nazirs Laune besserte sich etwas.“Nein, Meister Zwerg, rein technisch gesehen ist der Orden der Nandus Kirche unterstellt. Im Namen Nandus sammeln wir Wissen, und versuchen es an jeden weiter zu vermitteln, der dazu bereit ist. Es gibt Fachleute für alle möglichen Wissensrichtungen, und ich befasse mich mit dem Wissen über die Götter. Ein recht weites Feld. Mit jeder neuen Erkenntnis nähert man sich der Erleuchtung. Wir kennen 12 Stufen der Erleuchtung, und es gibt einige Geweihte, die bereits die zwölfte Erleuchtung erfahren haben. Mich eingeschlossen.“ “Ihr wisst alles über die Götter und hadert trotzdem mit eurem Schicksal?“ “Nein, denn es kann theoretisch keine Götter geben. Es gibt nur Wesen mit unterschiedlicher Machtfülle. Solange man aufpasst und sie nicht beleidigt, ist alles in bester Ordnung. Alle Aufzeichnungen über die Götter, selbst ihre Namen, stammen von den Bewohnern Deres. Ausser einigen Artefakten sind die Überlieferungen allesamt nur Abschriften früherer Menschen, Zwerge, Elfen, Orks und was weiss ich. Niemand hat ihre Existenz jemals bestätigen können. Man sagt, dass es Avatare der Götter gibt, die über Dere wandeln, doch wer könnte mit Sicherheit sagen, dass es sich dabei nicht um einen Animus oder irgendeinen anderen, faulen Zauber handelt, um ein paar arme Seelen zu beeindrucken?“ Toppel und ich sahen uns schweigend an. Dieser Gigrim hatte anscheinend eine ausgewachsene Persönlichkeitskrise.
Er hatte sich anscheinend warm geredet, und fuhr fort: “Es scheint, als ob alle Lebewesen das unbändige Verlangen haben an irgend etwas zu glauben. Egal was. Götterglaube ist nur ein Mittel zum Zwecke sich von anderen Leuten abzuheben. Zentrum des Glaubens ist immer nur ein Symbol, um welches Geschichten herum erfunden werden, Regeln aufgestellt, feste Rituale und Verhaltensweisen entwickelt werden. Einige Imman Fanclubs in Ferdok haben zum Beispiel Satzungen, die mit der Rondrakirche mehr gemein haben, als mit den Regeln des Spiels selber. Es geht nur darum eine klare Trennlinie zwischen sich selbst und einem Fan eines anderen Fanclubs zu ziehen. Sie würden eher einen Pakt mit einem Orkstamm schliessen, als einem gegnerischen Fan die Hand zu reichen. Diese Überzeugung wird notfalls auch mit Gewalt verteidigt, und absolute Treue zur eigenen Mannschaft ist der zentrale Punkt ihres Zusammenhalts.
Oder schaut euch die Händler Häuser an. Schon längst hat der Schutzgott des Handels seine Bedeutung für die Handelsherren verloren. Sie beten nicht mehr wirklich zu Phex, sie beten ihr Geld an. Es ist ihnen völlig egal wie sie es erlangt haben. Ob Schmuggel, Waffenschiebereien, Betrug oder Krieg. Selbst blutiges Gold ist ihnen nicht zu schmutzig, ihr neuer Gott heisst Gewinn, nicht Phex. Ihre Propheten sind die Leute, die immer neue, schmutzigere Wege finden die einfachen Leute zu betrügen. Die Handelsherren scharen ihre Gefolgsleute um sich, und erkaufen sich mit ihrem Gold den Glauben derjenigen, die ihrer Lehre folgen. Es werden sogar regelrechte Kriege unter ihnen ausgefochten. Wo unterscheidet sich dies von der Lehre einer Kirche, der Inquisition durch die Bannstrahler, oder den barbarischen Stämmen der Gjalskerländer? Nein, die Götter sind nur Ideen von Idealen, die längst in Vergessenheit geraten sind.
Borbarad, Pyr'dakor, Nahema, nur Menschen oder Elfen, die sich selbst auf dem Boden der Unwissenheit ihrer Gefolgsleute zum Halbgott gekrönt haben. Sie waren allesamt unzweifelhaft mit einer unglaublichen Machtfülle ausgestattet. Das ist allerdings nur solange unglaublich, bis man sich selbst Gedanken darüber gemacht hat. Alle sind gefallen, entweder in ihrer Selbstherrlichkeit, oder durch das Schwert. Sie waren keine Götter, nur Wesen mit mehr Macht als der durchschnittliche Bewohner Deres.
Ohne Zweifel gibt es Wesen, die unser Wissen übersteigen. Es wird mit Sicherheit Wesen geben, die man zu recht aus unserer Sicht als göttlich bezeichnen kann. Aber was ist wirklich göttlich? Wären dann Erzdämonen nicht auch Götter? Wann ein Wesen von uns zu einem Gott erklärt wird, hängt von unserem Verständnis, und dem Grad unseres Wissens ab. Erst wenn man sich von den Fesseln seines Verlangens nach der Unterscheidung von einem Anderen lösen kann, ist man in der Lage einen Gott zu erkennen, und vielleicht auch an ihn zu glauben. Leider ist mir auf meinen Reisen bisher kein Wesen begegnet, dass es wert wäre als Gott in Betracht zu kommen. Selbst Nandus, obwohl eine eindeutig historisch belegte Figur, ist nur der Gründer unserer Kirche. Er wies uns den Weg zur Erleuchtung, man könnte ihn als Weisen beschreiben, aber mit Sicherheit nicht als Halbgott. Das ist schlicht eine Deutung von Wesen, die ihn nicht verstanden haben. Weisheit ruht in uns allen, muss aber hart erarbeitet werden, indem man Wissen und Erkenntnis sammelt.
Wenn ihr als Sappeur im dunklen Stollen Felsen mit Feuer und Wasser brecht, habt ihr euch da jemals auf ein Gebet verlassen?“
Toppel und ich starrten Nazir mit offenem Mund an. Toppel troff in einem dünnen Rinnsal etwas Bier den Bart herab. “Das ist harter Tobak. Nein, nicht wirklich.“ Antwortete ich nach einer Weile. “Ich habe häufig um Ingerimms Beistand gebetet, und das werde ich sicherlich weiterhin tun, wenn ich die Lunte angezündet habe. Aber bisher hat er immer seine schützende Hand über mich gehalten, und ich bin nie gestolpert, wenn ich mich schnell von der brennenden Lunte entfernt habe.“ “Aber euer Überleben hängt immer von euren Fertigkeiten ab. Ingerimm ist euch nicht erschienen, oder?“ “Nein, aber ich setze sicherlich mein Leben aufs Spiel, weil ihr euch in einem philosophischen Dilemma befindet. Ein Gebet an Ingerimm hat noch keinem Angroschim geschadet.“ Er lachte leise in sich hinein. “Nun, euer Glaube dient dazu euch Mut zu verschaffen. Es ist eine Regung aus Selbsterhaltung, nicht um euch gegen einen anderen Zwerg abzugrenzen. An GLAUBEN ist nichts auszusetzen. Aber man muss immer hinterfragen an WAS man glaubt. Oder ob man im Auftrag eines Anderen glaubt. Glaubt man an etwas, was jemand erzählt hat, oder wirklich an einen Gott? Man kann an einen Stein glauben, aber es wäre eine... sagen wir mal, unbefriedigende Erfahrung. Wir können nur an unsere eigenen Ideale glauben, und darauf hoffen, dass dort draussen irgendwo ein Wesen existiert, dass ihnen zustimmt, oder sie verkörpert. Glauben wir an Dinge, die Andere erzählen, werden wir nur durch sie manipuliert, selbst wenn es mit den besten Absichten geschieht. Da alles Wissen über die Götter von den normalen Bewohnern Deres stammt, kann es keine solchen Götter geben.“ Toppel meinte darauf hin fassungslos “Da brat mir einer einen Storch. Wenn jetzt gleich Praios persönlich die Hütte hier abbrennt, würde mich das überhaupt nicht wundern. Ich brauch dringend noch ein Bier, und für dich, du Atheist, bringe ich einen Eimer Premer Feuer mit. Das bringt dich auf andere Gedanken.“ Mit diesen Worten steuerte er entschlossen die Theke an. Es hatte sich wirklich einiges in Angbar getan, wenn solches Gelichter hier jetzt herum geisterte.
Immer noch ganz konsterniert fragte ich: “Ihr behauptet also, dass die Götter nur ein eine Erfindung von ein paar ungebildeten Bauern aus grauer Vorzeit sind? Ich denke, dass die Leute inzwischen wesentlich gebildeter sind, und auf eure Reden nicht so einfach herein fallen werden.“ Er schmunzelte “Tatsächlich? Es kommt nur darauf an, wie überzeugend ihr ihnen eure Idee vermitteln könnt. Ich bin das letzte, verbliebene Mitglied meines Ordens, obwohl wir früher einstmals über 20 Mitglieder zählten. Ein Jeder hatte mindestens die 11. Erleuchtung erfahren. Die Geissel des Ordens der Vinsalter Wahren Atheisten heisst Aberglaube. Ein Bruder schrieb seine Traktate nur mit einer Feder, ein Anderer hatte gar immer nur ein und das selbe Leibchen an. Wir konnten ihn an seinem Geruch überführen, obwohl ich diese Erfahrung nicht noch einmal wiederholen möchte, da es sich um ein langjähriges Mitglied handelte... wenn du weisst was ich meine. Ein Bruder nach dem Anderen wurde ausgeschlossen, einige mussten sogar die Kirche verlassen, da an ihrer Hingabe gezweifelt werden musste.“ “Was haben sie anschliessend getan? Einen Imman Club gegründet?“ “Eure Zunge ist flink, und euer Geist beweglich. Was haltet ihr von einer Wette?“ “Was für eine Wette?“ “Ich wette mit euch, dass ich innerhalb von zwei Tagen den Vorplatz vor dem Ingerimm Tempel mit einer Schar Gläubiger füllen kann, die allesamt an einen Gott glauben, den ich erfunden habe.“ “Das möchte ich sehen.“ “Die Wette gilt, ihr und euer geschätzter Freund müssen mir dabei aber helfen, und wir beginnen sofort hier in dieser Spelunke. Ihr werdet keine Fragen stellen, und ich werde Ingerimm nicht beleidigen, abgemacht?“ “In Ordnung. Das will ich sehen.“
Toppel erschien gerade wieder mit drei frischen Krügen Bier. Wir unterbreiteten ihm unseren Handel. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Trotzdem wollte auch er sehen, wie Nazir DAS anstellen würde.
Als Erstes bat Nazir den Wirt um einen alten Kessel. Der schaute ihn zwar fragend an, aber die Anzahl der Münzen, die plötzlich wie durch Zauberhand auf seinem Tresen materialisierten, schloss seinen Mund wieder. Nazir kam zurück an den Tisch, drehte den Kessel um, und fuhr mit dem Finger durch die schmierige Rußschicht am Boden. Mit dem schwarzen Finger malte er sowohl Toppel, als auch mir einen dicken schwarzen Punkt auf die Stirn. Er malte sich selbst einige wilde Striche ins Gesicht, dann erhob er sich und übertönte den Kneipenlärm, indem er aus voller Brust brüllte “ER WIRD KOMMEN!“ Sofort verstummten sämtliche bierseeligen Unterhaltungen, wohl in Erwartung eines erheiternden Schausteller Beitrages. Mit wohltönender Stimme fuhr er fort “Die Geister meiner Vorfahren haben es mir verraten, ER wird kommen!“ Allgemeines Gelächter “Ihr Unwürdigen. Ich bin nach Angbar gekommen, um euch zu warnen. Nicht alle sind so borniert wie ihr hier. Diese beiden feinen Herren hier haben bereits erkannt, dass es an der Zeit ist zu HANDELN, und nicht nur abzuwarten. Erhebt euch, meine Initiaten.“ Mit diesen Worten bedeutete er Toppel und mir uns zu erheben. Wir kamen der Aufforderung nach, in Toppels Fall schon etwas schwankend. “Unter der Standarte von IHM werden wir unsere Zuflucht bauen, sie wird uns vor dem nahenden Unheil schützen. Wir laden euch ein unserem Bund beizutreten, und etwas Bedeutendes zu leisten. Während noch hier in Angbar die Unwissenheit herrscht, haben die Bewohner von unzähligen Städten... Gareth, Havena, Grangor... bereits damit begonnen ihre Vorkehrungen zu treffen. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn ihr heute nacht nach Hause geht, schaut auf den Mond, und ihr werdet feststellen, dass er schon viel grösser geworden ist.“ Immer noch allgemeines Gelächter, aber es schwoll nicht an. “Spottet ihr nur, während ihr in euren Häusern hockt, werden wir in unseren Schutzstollen Zuflucht finden, und IHM danken, dass er uns durch unsere Ahnen so früh gewarnt hat. Ihr mögt fragen wer zu mir gesprochen hat, woher ich dies alles weiss.“ Spöttische Zustimmung schlug Nazir entgegen. “Nun dann seht, auf das euer Spott auf euch selbst zurückfallen möge, wenn ihr heute nacht zum Himmel schaut.“ Mit diesen Worten hob er theatralisch seine Arme und begann einen Zauberspruch zu murmeln. Auf dem fest gestampften Lehmboden der Kneipe entstand ein fahles, blaues Leuchten, dass schon nach kurzer Zeit das gelbe Licht der Tranfunzeln überstrahlte, die für die typische Kneipenatmosphäre im Geöffnet sorgten. Der Boden begann zu vibrieren, und es bildeten sich feine Risse. Der Kerl war ein Magier. Das Gelächter war verstummt, teils aus Neugier, teils aus Erstaunen. Schliesslich wölbte sich ein Teil des rissigen Bodens nach oben, und aus der Mitte der Erhebung schoss eine Knochenhand, samt passendem Arm. Ich stöhnte innerlich auf. Ein Metamagier mit einem philosophischen Denkkrampf. Warum musste ich mich immer in solche Situationen manövrieren. Warum ich? Warum gleich am ersten Abend? Wenn meine Eltern davon erfuhren, stünde mir mit absoluter Sicherheit epischer Ärger ins Haus. Auch Toppel stöhnte etwas neben mir, und wir zwei machten einen etwas verzweifelten Eindruck, während sich ein sicher 2 oder 3 Schritt grosses Skelett in voller Rüstung eines Wüstenkriegers aus dem Boden erhob. Nazir wusste genau, wie man Eindruck schindete. Angesichts dieses Skeletts würde auch jeder noch so kampferfahrene Veteran seine Klappe halten, wenn er nicht auf einen echten Kampf aus war.
“Seht wer es mir verraten hat, und schweigt. Schaut auf die beiden ersten Initiaten des... äh... schwarzen Mondes hier in Angbar.“ Toppel und ich machten tatsächlich einen bedröppelten Eindruck. “Schaut in ihre Mienen, und seht die Verzweiflung. Wer sich uns anschliessen will sei herzlich willkommen, aber niemand soll über uns spotten, denn ER wird kommen. Wir werden morgen auf dem Tempelplatz unsere Mission einrichten. Öffentliche Sprechstunden finden ab 11 Uhr statt. In dringenden Notfällen können sie sich auch früher an die Herberge zum Wilden Eber richten, in dem ich zur Zeit unser Hauptquartier eingerichtet habe. Bereut! Wir werden jetzt diesen Hort der Ungläubigkeit verlassen sein.“ Mit einem wilden und eindrücklichen Blick wandte er sich dem Wirt zu. “Dieses Haus möge GESEGNET sein.“ Aber es klang nicht nach etwas Erstrebenswertem von Nazir gesegnet zu werden. Wir absolvierten noch weitere 5 solcher Auftritte in dieser Nacht, und diverse Spontansegnungen, bevor wir völlig übermüdet nach Hause wanken durften.
Toppel und ich trafen uns heimlich am nächsten Tag, und wir schlichen vorsichtig gen Ingerimm Tempel. Wie immer war dort ein reges Kommen und Gehen, aber mitten auf dem Platz stand Nazir auf einer einfachen Holzkiste mit seinem Skelett, und predigte vor einer bereits ansehnlichen Menschentraube. Er hatte sogar ein rot-weiss gestreiftes Zelt aufgebaut, in dem er seine spirituellen Energien regenerierte, wie er es ausdrückte, und wichtige Gespräche mit hoch gestellten Persönlichkeiten halten wollte, die gerne unerkannt bleiben würden. Eine unglaubliche Operette. Er begrüsste uns froh gelaunt, und wir wurden postwendend als seine persönliche Initiaten vorgestellt. Tatsächlich lauschten auch recht viele Angroschim seinen Tiraden. Er sagte eigentlich nichts, nur immer wieder, dass ER kommen würde. Die Traube der Zuhörer um ihn herum wurde immer grösser, und einige Stadtwachen hatten schon ein Auge auf ihn geworfen. Gegen Mittag war Nazir Stadtgespräch, und die Meinungen gingen weit auseinander. Am Nachmittag erschien sogar der Hof Astrologe und erklärte der Menge, dass der Mond NICHT grösser geworden sei, und dass er mit Sicherheit nicht herabstürzen würde. Das sei garnicht möglich, und wir würden vorher eher verbrennen, bevor der Mond uns hier auf Dere zerquetschen würde.
Das war Wasser auf die Mühlen von Nazir. Er begann den Astrologen als Unwürdigen zu beschimpfen, und warf ihm Unkenntnis vor. Wo er denn die Flammen auf dem Mond gesehen hätte, ob er nicht zu lange in Praios Antlitz geschaut hätte? Oder zu viel Premer Feuer die Flammen hervorrief?
Am Nachmittag begann er damit Plätze in seinen geplanten Zufluchts Stollen zu verkaufen. Der Eingang sollte sich hier direkt auf dem Tempelplatz befinden. Einige Bürger begannen bereits damit das Pflaster aufzureissen. Es war nur eine Hand voll, aber es erregte ungemein Aufsehen. Einige davon schienen Tagelöhner zu sein, die Nazir angeheuert hatte. Die Gespräche in seinem Zelt? Auf jeden Fall eine eindrucksolle Vorstellung. Nachdem der Stadtrat zumindestens aus der Ferne die Situation in Augeschein nahm, es waren einige Ratsmitglieder hinter den Stadtwachen erschienen, kündigte Nazir an, dass er nun durch eine grosszügige Spende mehr Schaufeln zur Verfügung stellen könne. Zu den anscheinend bezahlten Tagelöhnern gesellten sich einige weitere, echte Bürger. Echte Bürger.... ich konnte es kaum fassen. Nazir ging immer wieder in sein Zelt, um es nur einige Augenblicke später mit grossem Pathos wieder zu verlassen. Die Geschäftigkeit nahm immer mehr zu, und als die Sonne versank, hatte er noch einen arbeitslosen Pfandleiher als Lageristen und Buchhalter eingestellt. Das Licht in Nazirs Zelt verlosch diese Nacht nicht, und vor dem Zelt hielt sein Skelett unbeweglich Wache.
Als wir am nächsten Morgen nach seinen Aktivitäten sahen, war sein Publikum weiter angeschwollen, aber er würde kaum den gesamten Platz damit ausfüllen können. Diese Wette würde er wohl verlieren. Angesichts der Buddelei, und der beachtlichen Schlange vor seinem Buchhalter schien sich aber einiges zu bewegen. Ein paar Händler gingen im Zelt ein und aus. Der Tunnel war schon einige Schritt tief in den Boden gebohrt worden, und der Ingerimm Geweihte zeterte eine geschlagene Stunde über diesen Auflauf. Nazir nahm das nur zum Anlass neue Argumente in seine Predigten einzubauen. Wir hatten auch wieder unseren Auftritt als Initiaten. Gegen Mittag kündigte dann Nazir an, dass er die Unterstützung einiger erfahrener Angroschim erhalten habe, die die Ausschachtungsarbeiten weiter voran treiben würden. Einige Gigrim Händler ersuchten ihn um Platz für ihre Waren in seinen geplanten Stollen, und er sicherte ihnen zu, dass man sie gegen eine finanzielle Spende gewiss berücksichtigen würde. Bald hatte er mehr mit Verhandlungen über die Platzrechte zu tun, als zu predigen. Der Hof Astrologe erschien wieder und versicherte wild lamentierend, dass seine Messungen in der letzten Nacht ergeben hätten, dass der Mond NICHT größer geworden sei. Er konnte aber nicht die Geschichte mit den Flammen vom Vortag ungeschehen machen. Nazirs Buchhalter hatte sich sogar eine Truhe zulegen müssen, die er im Zelt abstellte, um all die Zahlungen abzuwickeln, und das Gold aufzubewahren. Immer wieder kamen einige strahlende Händler aus dem Zelt, die einen Beutel Gold hinaus trugen. Andere trugen gut gefüllte Geldbörsen hinein.
Nazir liess sich kaum noch ausserhalb des Zeltes blicken. Am späten Abend, während Toppel und ich müssig dem ganzen Treiben zusahen, wankte plötzlich das grosse Skelett, das bis dahin den Eingang bewacht hatte. Viele Köpfe drehten sich, und das Skelett begann vor unseren Augen zu Staub zu zerfallen. Ein entsetztes Keuchen entrang sich den Kehlen, und unzählige Augen hefteten sich auf den Zelteingang. Toppel und ich sprinteten hinüber, und betraten das Zelt. Innen herrschte ein fürchterliches Durcheinander, aber es war weit und breit kein Nazir zu sehen. Der Kerl war verschwunden. Wir schauten uns an, und uns schwante nichts Gutes. Wortlos verliessen wir das Zelt, und sahen zu, dass wir einen gehörigen Abstand gewannen, bevor jemand merkte, was geschehen war. Auf Angbars Strassen sollten wir für die nächste Zeit unsichtbar werden, wenn uns unser Leben lieb wäre.
Wir fanden Nazir schliesslich weit vor der Stadt, am Waldrand unter einer alten Ulme. Er schien auf uns gewartet zu haben. Neben ihm stand die geöffnete Truhe seines Buchhalters. Sie war bis zum Rand voll mit Münzen. Er lächelte uns an “Wie es scheint, habe ich meine Wette verloren. Niemand soll sagen, Nazir ibn Faruk zahlt nicht seine Wettschulden.“ Damit drückte er uns zwei dicke Beutel Gold in die Hände. “Ihr müsst wissen, Nandus lehrt nicht nur Weisheit, er ist auch ein direkter Nachfahre des Phex. Und was bleibt einem einem armen Geweihten übrig, wenn er wegen ein paar Kleinigkeiten von seiner Kirche exkommuniziert wird? Er besinnt sich auf die Wurzeln seiner Lehre, und gründet vielleicht seinen eigenen Orden. Ich GLAUBE, dass Phex mir wohlgesonnen ist, und dass man mit dem Aberglauben der Leute Gold verdienen kann.“ Dabei lächelte er verschmitzt. “Doch in einer Stadt mit so vielen Zwergen bleibt man nur glaubhaft, wenn man ein paar Zwerge kennt, die dann auch immer zu sehen sind. Eure verzweifelten Mienen im Geöffnet waren auf jeden Fall Gold wert, im wahrsten Sinne des Wortes.“
Warum nur ich? Warum musste ich immer auf so etwas herein fallen? Welcher Gott hegt einen solchen Groll gegen mich?
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