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22.09.2011 20:59
#2
Ehrengarde
Vorgeschichte zu Gvalch'cawedd
Herbst 1273, Temerien
Auf einem Hügel am Wyzimer See, östlich der temerischen Hauptstadt, brannte ein kleines Lagerfeuer.
An diesem Lagerfeuer saß eine Frau. Wohl eher ein Mädchen, an die sechzehn Jahre alt. Der Feuerschein erhellte das Gesicht. Man erkannte, dass sie kein Mensch war. Aber auch keine Elfe.
Es war eine Halbelfe, wobei der elfische Anteil sichtlich überwiegte.
Sie knabberte an einem gebratenen Stück Fleisches, an einem langen, angeschwärzten Stock. Die Halbelfe seufzte, nagte die letzten Stücke ab, warf das Holz achtlos in das Wasser des Sees, und blickte in den Himmel. Der beige-orangene Streifen der Dämmerung begann zu verblassen. Der Schein der ersten Sterne stach hindurch. Sie schaute über die Schulter. Weit hinter ihr ragte die Silhouette Wyzimas auf. Morgen würde sie dorthin aufbrechen.
Erneut seufzte sie, und sah wieder in die ersterbenden Flammen, die einen letzten, hypnotischen Tanz taten.
Schließlich, sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, blickte sie in Richtung Süden. Dort kam sie her, aus dem tiefsten Süden. Aus Nilfgaard. Vom Ufer der Unteren Alba.
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"Erbrecht, Erbrecht! Dass kann mir mal die Kimme runterrutschen!" schrie ein schwarzgekleideter Mann mit glänzendem schwarzen Haar und einem hellen, knöchernen Gesicht. Er sprach die Ältere Sprache fließend. Mit unüberhörbaren Nilfgaarder Akzent.
"Herr, der Mannesstamm Eures Geschlechts droht auszusterben! Ihr müsst einen männlichen Nachfolger zeugen! Und diesen Bankert umbringen!"
"Ich muss gar nichts, wenn ich es nicht will. Ich bin Erzherzog, verdammt!" erwiderte der Erste lautstark.
"Nach Nilfgaarder Recht werden die Rechte Eures Erben stark beschränkt, wenn er nicht Erstgeborener ist. Bringt sie um, um Himmels Willen!"
"Mir reicht es. Noch ein Wort, und ich bringe EUCH um. Und haltet Euch von meiner Tochter fern!"
Die Gesichtszüge seines Gegenübers verhärteten sich.
An der Ecke, unbemerkt, stand ein Mädchen mit pastellgrünen Augen und aschgrauem Haar. Es beobachtete von Fernem das Gespräch, bis sie nur noch Wortfetzen hörte, als die beiden Männer in den nächsten Raum gingen.
"Wedd! Was machst du denn da?" zischte eine Elfe mit langen, gelocktem braunrotem Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte. Sie war selbst für eine Elfe wunderschön, und roch nach Rosen und einer Wiese im Morgentau. Sie zog das Mädchen, dass sie aus den großen Augen ansah, zu sich auf die steinerne Stiege.
"Dein Vater hat Wichtiges zu besprechen, Kindchen." sprach die Elfe weiter, als sie sich bückte und Wedd, wie sie sie nannte, auf Augenhöhe ansah. "Du musst jetzt ins Bett. Sei brav, und ich erzähle dir noch eine Geschichte. Ja?" Sie strich ihr über den Kopf. Das Mädchen nickte nur. Die Elfe stand wieder auf.
"Gut. Dann geh jetzt hinauf und mach dich fertig, Gvalch'cawedd."
Das Mädchen, in einem grünen, seidenen Nachtkleid, lag im Bett, und sah aus dem Fenster, gegen das die schweren Tropfen des Platzregens, der schon seit Stunden anhielt, hämmerten. Man konnte das dunkle Wasser der Unteren Alba erkennen, und nicht weit entfernt vom Anwesen ragten die berühmten güldenen Türme Nilfgaards, nun, in der Nacht, nur schwarze Schemen.
Neben dem Bett saß eine Elfe mit rotbraunem Haar, die dem Mädchen sacht über die Haare strich, und in der rechten Hand ein aufgeschlagenes Buch hielt, aus dem sie vorlas.
"Hen Cerbin, dic'ss aen n'og, Zireal
Aatk, aark, caelm foile, te veloe, ell?
Zireal veloe que'ss aen en'ssan irch
Mab og, Hen Carbin, vean ni, quirk ,quirk!"
Sie sprach mit seidiger, melodischer Stimme.
"Morgen geht es weiter. Gute Nacht, me sor'Gvalch'ca." Sie lächelte, strich Wedd noch ein letztes Mal über die Haare, und gab ihr einen sachten Kuss auf die Stirn.
"Dearme." flüsterte sie.
Das Mädchen war schon eingeschlafen.
Die Elfe mit den rotbraunen Haaren, die nach Rosen und Wiesen, in Morgentau gehüllt, roch, ließ die Flamme der letzten Kerze, die noch brannte, mit einer knappen Handbewegung verschwinden, und verließ das Zimmer.
Auf dem Wasser der Unteren Alba spiegelte sich der Mond samt Sternen wieder. Es war Mitternacht.
Im seichten Wasser, am Ufer, dass nur bis zu den Knöcheln reichte, stand barfuß eine Elfe mit rotbraunen Haaren, die nach Rosen und morgendlichen Wiesen roch. Bis auf ein wallendes, beiges Seidenkleid hatte sie nichts an. Sie sah in Richtung Hauptstadt. Eine Träne rann ihr über die Wange.
"Laek? Bist du es, mein Schatz?" Aus der Dunkelheit trat ein schwarzgekleideter Mann mit pechschwarzen Haaren und knöchernem Gesicht.
Sie antwortete nicht.
Er trat zur ihr ins Wasser, fasste ihre Hände mit den seinen, legte seinen Kopf neben ihren, auf ihre Schultern.
"Komm doch wieder rein, bitte." flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie ging einen Schritt von ihm weg, fuhr herum. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.
"Es ist wegen ihm, nicht?" sagte sie. "Wegen dem Kaiser und deiner scheiß Politik!"
"Laek..." flüsterte er mit ruhiger Stimme. "Ich würde euch nie etwas antun. Sie hat noch ein, zwei Jahre Zeit, dann ziehst du mit ihr in den Norden, vielleicht ans Ufer der Yarra. In der Zwischenzeit regle ich alles..."
"Damit du es mit einer Anderen treiben kannst?"
"Bitte, beruhig dich... Ich liebe dich. Wie ein Ehemann seine Frau liebt. Und ich liebe sie, wie ein Vater seine Tochter liebt." Er trat an sie heran, legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Sie fiel in seine Arme.
"Nur ein paar Jahre. Ihr wird es sicher gefallen. Und dann ist alles in Ordnung. Ihr kommt zurück, und ich werde dich mit Opalen und Gold behängen, und sie mit Smaragden und Bernstein. So wie es zu euch passt. Und dann wird alles in Ordnung sein."
Sie erwiderte nichts.
"Wein nicht, Laeke'Beanna aen Dol Blathanna. Wein nicht."
Laek seufzte, als sie die Kutsche sah, und musterte zum letzten Mal das Haus, in dem sie Jahre verbrachte und ihre Tochter gebar. Sie nahm ihre sich sträubende Tochter an der Hand und schritt zielstrebig auf das Gefährt zu. Jemand wartete bei ihr auf sie.
"Laek..." flüsterte der schwarzhaarige Mann.
"Ja?" gab sie zurück, während sie dem Mädchen in die Kutsche half.
"Küss mich . Ein letztes Mal."
Sie tat es.
"Mama... Ich will nicht weg." sagte Gvalch'cawedd. Die Kutsche befand sich bereits auf dem Weg.
"Wedd..." flüsterte ihre Mutter und strich ihr über den Kopf. "Du musst. Es wird dir sicher gefallen. Wir werden..."
"Ich will aber nicht!"
"Es muss sein, Weddin. Schau, darüber haben wir doch schon vor einem Jahr geredet. Sei jetzt still."
***
Gvalch'cawedd zog die Wolldecke enger, in die sie gewickelt war. Es war zwar schon Frühling, doch wider Erwarten gab der Winter nicht so schnell nach.
"Mama... Mir ist kalt."
Die Elfe neben ihr antwortete nicht. Ihre Tochter sah sie aus den großen, leuchtenden pastellgrünen Augen an.
"Wohin fahren wir?"
"Cintra, Schatz."
"Was ist das.... 'Tschlintra?"
"Cintra, Weddin, es heißt Cintra." antwortete ihre Mutter Laeke'Beanna aen Dol Blathanna.
"Es ist ein Königreich ganz im Norden. Vorher haben es böse Menschen beherrscht, aber der Kaiser hat es befreit."
"Was ist ein... 'Käser'?"
Nun musste ihrer Mutter kurz auflachen, zur Verwunderung ihrer Tochter. So gleich verstummte sie aber und lugte aus der Kutsche hervor. Nicht hier... dachte sie. Dieses Kind... Wann lernt es, Dinge richtig auszusprechen?
"Mama?"
"Ja?"
"Ist der Käser denn in Tschlintra?"
"Nein," antwortete die Elfe lächelnd. "Aber irgendwann wirst du ihn sehen. Vielleicht."
Wieder schwiegen sie. Gelegentlich sah Laek hinaus, während ihre Tochter auf die Holzwand ihr gegenüber starrte.
Die Kutsche rollte monoton und holpernd über die Landstraße, die durch eine mit saftigen Wiesen Landschaft führe. Weit, weit im Westen konnte Laek das Blau des Meeres sehen.
"Wann werden wir da sein, in Tschlintra?"
"Bald, Weddin. Es dauert nicht lange. Und man spricht es 'Cintra' aus, Schatz, 'Cintra'."
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28.09.2011 19:25
#3
Burgherrin
Kind zweier Welten
Jannikas Vorgeschichte
Prolog
Es war eine sternklare Nacht im Spätsommer des Jahres 1255. Die angenehm kühle Luft war erfüllt vom Zirpen der Grillen und dem leisen Rauschen des Windes.
Keiner der Bewohner des kleinen Anderlingsdorfes nahe der Stadt Wyzima bemerkte die in einen schwarzen Umhang gehüllte Frau, die mit schnellen Schritten durch die verlassenen Straßen huschte. Bei sich trug sie ein Bündel aus hellbraunem Leinen, welches sie schützend an sich drückte.
Schon bald hatte die Frau ihr Ziel erreicht. Eine kleine Holzhütte am Rande des Dorfes. Schwacher Feuerschein drang durch die beiden milchigen Fenster nach draußen und beleuchtete sie.
Gleich nachdem sie an die Tür geklopft hatte waren Schritte zu hören und einen Augenblick später erschien eine junge, braunhaarige Elfenfrau in der Tür.
„Herrin…“ Sie machte einen Knicks und blickte die Frau an. Diese nahm gerade die Kapuze ihres Umhangs ab und zum Vorschein kam ein hübsches, junges Gesicht, das von langen blonden Locken umrahmt war.
Das Bündel in ihren Händen begann sich zu bewegen, woraufhin die Frau sich ihm zuwandte „Shhhht…“ , flüsterte sie sanft und strich über das Bündel, das sich als ein kleines Mädchen in einem Leinentuch entpuppte.
„Sie heißt Jannika…“ sprach sie, als sie wieder zur Elfenfrau aufsah. „Versprecht mir, dass ihr sie gut behandeln werdet.“ Die Elfenfrau nickte „Ja Herrin. Ich verspreche es.“ Noch einmal beugte sich die Frau über das Kind „Es tut mir so leid.“ flüsterte sie ihm zu „Eines Tages wirst du verstehen, dass meine Entscheidung die einzig richtige war.“ Sie griff in ihre Manteltasche und holte von dort eine feine Silberkette hervor, an der ein kleiner, silberner Rabenanhänger hing. Sie küsste die Stirn des Mädchens und hängte ihr die Kette um den Hals. „Irgendwann wirst du vielleicht ihre Bedeutung erfahren.“ Die Tränen in ihren Augen versuchte sie erst gar nicht zu verbergen. „Ich werde dich immer lieben Janni, auch wenn ich dich verlassen muss.“ Sie hielt noch einen Moment inne, bevor sie das Mädchen zögernd der Elfin übergab. Der Schmerz den sie dabei empfand ließ sich nicht in Worte fassen und sie musste sich beherrschen um nicht noch mehr zu weinen.
„Ich werde euch das nie vergessen.“ Sprach sie zu der Elfin. „Habt meinen ewigen Dank.“ Sie schenkte der Frau ein Lächeln, das jedoch aufgrund der Tränen etwas gezwungen wirkte. „Lebt wohl“
„Ihr habt ein gutes Herz Herrin.“ Die Elfenfrau erwiderte das Lächeln. „Lebt wohl.“
Die junge Mutter blickte nicht zurück als sie abermals durch das Dorf schlich. Den Gedanken dass sie ihre kleine Tochter niemals mehr sehen würde versuchte sie mit aller Mühe in den Hinterkopf zu drängen. Es würde Jannika gut gehen, dafür war gesorgt. Sie würde der Elfin regelmäßig Geld schicken, damit es ihnen an nichts fehlte. Sie musste es nur geschickt anstellen, damit es niemandem auffiel. Jeder würde denken, ihre kleine Tochter sei direkt nach der Geburt gestorben und sogleich begraben worden. Niemand würde Fragen stellen und niemand würde je Jannikas Abstammung erfahren. In den Erinnerungen der restlichen Familienmitglieder war das Mädchen die verstorbene Tochter ihrer und ihres Mannes und das war gut so.
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20.10.2011 13:07
#4
Auserwählter
Prolog
Es war einmal in irgendeiner Kneipe in Temerien. Es war viel los, denn es befand sich gerade eine Handelskarawane in diesen heiligen Hallen des Trunks, des Glücksspiels und der Völlerrei.
An einem Tisch in einer Ecke saß Artorius, schon den dritten Tag hintereinander.
In der Kneipe herrschte eine ausgelassene Stimmung mit viel Alkohol und Musik.
Es stand ein Mann, vermutlich ein Barde, auf und begann zu erzählen. Eine Geschichte von Krieg, Monstern, schönen Frauen und Liebe. Es war stinklangweilig.
Und als er dann noch ansetzte eine neue Geschichte zu erzählen stand Arthus auf.
"Es reicht." rief er in den Raum. Die Musik verstummte und die Augen ruhten auf Arthus. "Ich habe noch nie eine so stinlangweilige Geschichte gehört. Und um zu verhindern das diese illustre Gesellschaft einschläft werde ich mal was erzählen. Wirkliche Geschichten von Verrat, Krieg und schönen Frauen. Die Geschichte, oder besser die Geschichten handelt von einem General, dem Nilfgaard zu verdanken hat das sie nicht schon viel früher an Boden verloren hat. Der aber nie die Anerkennung oder den Ruhm für seine Taten bekommen hat. Also setzt euch, seit ruhig und lasst mich erzählen."
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14.04.2012 13:20
#5
Justus-Jonas-Mode
Harlequin & Zìzou
Das Band der Aen Saevherne
Eine Geschichte des The Witcher RPG
Im Nebel der Nördlichen Königreiche
Diese Geschichte ist dem offiziellen RPG um sechs Jahre voraus gegriffen und beginnt im Februar 1268
Ein schlechter Spitzel
I
Der Wind pfiff laut durch die Ritzen des Bretterverschlags. Die kalte Luft roch nach warmen Essen und saurer Kotze. Der fröhliche Lärm der Schenke drang gedämpft an sein Ohr. Der Wind pfiff. Unregelmäßig, lauter und leiser werdend, eine Reihe hoher Töne. Es nervte ihn. Nicht so, wie es ihn nervte, wenn diese Trottel von Bauern auf der Straße in Pferdescheiße traten, und den Dreck ausgerechnet in die schattige Gassenecke zurück schmissen, in der er wartete. Nicht so, wie wenn Adelsmänner stundenlang lispelnd ihrer eigenen Großartigkeit frönten. Aber so ähnlich. Der Wind nervte ähnlich wie lispelnde Großmäuler.
Er verlagerte sein Gewicht auf das rechte Bein und stellte den linken Fuß lässig gegen die Bretterwand. „Auch nicht so bequem, wie es aussieht“, dachte er zum wiederholten Mal, entschied sich um und begann vor der Wand leicht auf und ab zu hüpfen. Er schüttelte die Handgelenke, kreiste mit den Schultern, wiegte den Kopf, lockerte die Muskeln. Vollkommen lautlos. Der Wind ließ sich davon nicht beeindrucken und pfiff weiter sein Lied.
„Verschwinde du Lausebengel!“ Der Lärm schwappte durch die eben geöffnete Schenkentür und mit ihr ein breiter, warmer Lichtkegel.
„Lauf nach Hause! Oder zur Roten Laterne. Wo auch immer deine Mutter sich gerade herumtreibt!“ Eine raue Stimme, wahrscheinlich die grobschlächtige Küchenhilfe des Wirts. Der Junge hatte seine Aufgabe anscheinend nicht sehr gut gemeistert. Die Tür ging mit einem trockenen Schlag zu und der kleine Menschenjunge stand allein im Dunkeln, sah sich suchend um. Hinter dem Schuppen zog der Wartende langsam eine verstärkte Spielkarte aus dem Umhang. Er überlegte kurz und steckte sie wieder ein. Der Wind würde sie sowieso wegwehen.
„Schuppen!“ hörte das Kind vor der Schenke die bekannte Stimme leise zischen. Es war keine angenehme Stimme, wie die seines Vaters zum Beispiel. Diese hier war nicht tief und beruhigend, sondern ein wenig nasal, und kam eher einem tiefen Tenor gleich, wie er einst von einem Barden gelernt hatte. Er ging auf den Schuppen zu. Langsam, denn seine Augen hatten sich noch nicht wieder an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt. Er hörte den Wind zwischen den Brettern pfeifen. Kein angenehmes Geräusch. Die Dunkelheit machte ihm Angst. Er überlegt, ob er nicht lieber nach Hause laufen sollte, wie es ihm der dicke Mann geraten hatte. Doch seine Füße liefen schon von allein. Nur in die falsche Richtung. Sie trugen ihn weiter ins Dunkel, weiter zum Schuppen und der zischenden Stimme entgegen.
Eine behandschuhte Hand schoss aus dem Schatten hervor und packte ihn so plötzlich, dass er zu schreien vergaß. Die Hand drückte ihn mit dem Rücken kräftig an die Schuppenwand. Er konnte den Mann vor ihm kaum sehen. Er verschmolz fast gänzlich mit der Dunkelheit. Doch die Stimme war die gleiche.
„Habe ich dir nicht gesagt, was du tun sollst, falls du entdeckt wirst, du Rotznase?“
Er antwortete nicht.
„Was habe ich dir gesagt? Antworte!“ Die Stimme war ruhig, aber bedrohlich. Ganz anders als vorher, als sie ihn bat, sich in der Schenke nach den neuesten Informationen und Gerüchten umzuhören.
„Ich weiß, was ihr mir gesagt habt, Herr“ rang der Junge hervor. „Aber so schnell, wie der Dicke mich hatte, konnte ich nicht reagieren. Ich habe versucht mich herauszureden, aber er hat nicht mit sich reden lassen. Bitte, Herr, tut mir nichts, ich habe es wirklich versucht.“ Er versuchte flehend in die Augen seines Gegenübers zu blicken, doch die waren unauffindbar in der Dunkelheit.
„Was hast du herausgefunden?“ Die Stimme hatte nichts ihrer Bedrohlichkeit verloren.
„Ja, Herr. Ein dürrer Mann hat sich mit dem Wirt über die neuen Steuerpläne unterhalten. Er sagte der König könne ihm mit der neuen Kochlöffelsteuer mal die Kimme runter rutschen. Ja, das hat er so gesagt! Und ein Zwerg hat seinen Kumpanen von drei neuen Dirnen in der Roten Laterne erzählt, die er alle auf einmal, gleich die ganze Nacht die Reprotunktionstheorie, oder so ähnlich, gelehrt hat.“
Die Schattengestallt, die ihn immer noch hart an den Schuppen presste, griff mit einer Hand unter den Umhang.
„Bitte, Herr!“ presste der Junge heiser hervor. „Nicht! Ich habe es wirklich versucht!“
Die Hand kam langsam wieder unter dem Umhang hervor. Etwas schimmerte stumpf in der behandschuhten Faust. Der Junge fing an zu weinen.
„Für deine Mühen“ sagte die Stimme leise und drückte ihm die Faust in die Handfläche. Er spürte kühles Metal. Rund mit königlicher Prägung. „Aber lern’ was anständiges Junge! Zum Spitzel taugst du wenig.“ Der Griff lockerte sich, ließ ihn los. Frei.
„Danke, Herr“ keuchte das Kind. Dann rannte er, wie um sein Leben vom Hof die Straße hinunter zu den hell erleuchteten Häusern der Stadt. Die Gestalt im Umhang blieb allein in der Dunkelheit zurück.
Der Wind pfiff. Es nervte ihn.
Fettfried von Maribowald
II
Ein Reiter kam die Straße entlang galoppiert. Als er das Wirtshaus sah, zügelte er sein Pferd und führte es im Trab auf den Hof, an einem alten Schuppen vorbei, zum Anschlagbrett.
Behände schwang er sich vom Pferd und holte ein großes, zusammengerolltes Plakat aus der Satteltasche. Er entrollte es mit einer Hand und kramte mit der anderen in den Tiefen einer anderen, kleineren Tasche. Es klimperte metallisch. Der Bote zog eine Handvoll kleiner Nägel aus den Tiefen des Sattels hervor und fluchte herzlich.
„Mein Hammer! Auf diesen beschissenen Straßen kann man ja nur alle Nase lang sein Zeug verlieren!“ Er bückte sich ächzend und hob einen faustgroßen Stein vom Boden auf. Umständlich begann der Mann mit der dunkelroten Kappe das Plakat, mit Nägeln und Stein, am Anschlagbrett zu befestigen.
Die Tür zum Wirtshaus schwang plötzlich auf und entließ Licht und Lärm in die Nacht hinaus. Mit ihnen kamen zwei Männer aus der Schenke.
„Sag, Bote, was hängst du dort aus?“ fragte ihn der eine von weitem.
„Kommt näher und seht es euch an! Ihr könnt lesen, nehme ich an?“ entgegnete der Bote, ohne aufzusehen und hieb weiter mit dem Stein auf einen Nagel ein. Die beiden Männer traten an die Anschlagtafel heran und begutachteten das Werk des Steinschwingenden.
„So so, der Herr Baron sucht mal wieder einen Lumpen, der die Drecksarbeit für ihn erledigt.“ sprach der Stämmige der beiden. Der Bote verstaute seine Sachen wieder in den Satteltaschen und lauschte der Unterhaltung.
„Ist nicht wahr!“ sagte der Kleine. „Ließ vor!“
Die Männer beugten sich dichter zum Plakat, um im Schein der Schenkenfenster besser lesen zu können, obwohl anscheinend nur der Stämmige von beiden lesen konnte.
„An alle feinen Herren, die sich auf das Wiederbeschaffen von speziellem Eigentum verstehen.“ Er machte eine Pause und runzelte die Stirn. „Der ehrenwerte Baron Edfrid von Maribowald, Sohn des obersten Protektors bietet jedem eine stattliche Belohnung, der imstande ist sein entlaufendes Eigentum zu finden. Alle nötigen Informationen können auf bitte einer Audienz mit dem Baron persönlich in seinem Anwesen in Vizima besprochen werden.“
Er richtete sich wieder auf.
„Edfrid von Maribowald! Pah!“ sagte der kleinere der beiden. „Dem fließt ebenso wenig blaues Blut durch die Adern wie dir und mir oder deiner Kuh. Ein verdammter Aufschneider ist das. Außer `nem Sack Münzen hat der nichts in der Hose.“ Sein Begleiter lachte rau auf.
„Und doch möchte ich nicht in der Haut der Person stecken, die ihn verärgert hat. Mit seinem Sack kann er nämlich eine ganze Armee von Kopfgeldjägern bezahlen. Da hast du nix mehr zu lachen!“
„Das Plakat ist auf jeden Fall lächerlich! Für die drei Zeilen ein ellenlanges Banner zu fertigen. Nur damit er sich mit einer Zeichnung seiner Selbst der Öffentlichkeit anbieten kann. Guck dir die Fratze doch mal an! Weist du wie man ihn noch nennt? Fettfried! Du siehst ja warum.“ Der kleine Mann spuckte saftig auf den Boden.
„So sind die halt. Kannst nix gegen machen Broga.“ Der Stämmige wandte sich zum gehen. „Einen schönen Abend noch, die Herren“ verabschiedete sich der Bote, der bereits wieder im Sattel saß. Die Nüstern seines Pferdes blähten sich.
„Glück auf“ entgegneten die beiden Männer und alle drei verschwanden in die Nacht.
Die Fliege im Heu
III
Die schwarze Gestalt ging lässig, aber weiterhin im Schatten verborgen, weiter auf den Hof des Wirtshauses. Sein Ziel war der Stall, in dem Reisende ihre Pferde gegen einen geringen Obolus unterstellen und versorgen lassen konnte.
Er brauchte ein Pferd, denn er hatte nicht vor die 200 Meilen von Carreas nach Vizima zu laufen. „Wieso wohnt ein Herr von und zu Maribowald denn auch in Vizima und nicht in Maribor? Das würde mir den Weg sparen und irgendeinem abgehetzten Landsmann das Pferd retten.“ Beiläufig zog er seine Kapuze ein Stück tiefer ins Gesicht.
Er sah die an Ketten hängenden Laternen im Wind schaukeln. Ein leichter Geruch nach Ammoniak mischte sich mit dem des Bratens aus der Schenke. Eine behandschuhte Hand griff unter den Mantel und holte ein tellergroßes Tuch hervor. Lautlos bewegte sich die Schattengestalt weiter, kniff die Augen zusammen und analysierte die Lichtkegel, die die schwankenden Laternen warfen. Das Licht versperrte den vorderen Eingang, aber das sollte kein Problem darstellen. Ein Stall bietet genug Öffnungen, um ins Innere zu gelangen. Er änderte die Richtung und steuerte auf die Rückwand des Bretterbaus zu.
„Na also“ dachte er. Auf zwei Meter Höhe befanden sich freie Fenster. Schmal, doch kein Hindernis, durch das er nicht schlüpfen könnte. Die Gestalt stieß sich sanft vom Boden ab, griff in die Fensteröffnung, und zog sich ein Stück hinauf, um ins Innere des Stalles blicken zu können. Es waren nicht viele Gäste mit dem Pferd angereist. Viele Boxen waren leer. Das Summen von Fliegen war zu hören, leise und monoton. Vom Stallburschen fehlte jede Spur. Die Muskeln in Schulter und Bizeps des Eindringlings spannten sich. Flink zog er sich weiter hoch und rollte seitlich in einer schnellen Bewegung durch das Fenster auf den Stallboden, wo er sofort Deckung hinter einem Holzpfeiler suchte.
Das Herz des Einbrechers setzte einen Schlag aus. Der Stallbruche saß direkt vor ihm. Zusammengesunken im Heu und hielt friedlich ein Schläfchen.
„Glück gehabt“ dachte die Gestalt im schwarzen Umhang und grinste schief unter seiner Maske. „Wir beide.“ Er steckte das Tuch, mit dem er den Stallburschen eigentlich sanft ausschalten wollte, wieder in den Umhang und huschte leise den breiten Stallgang entlang. Als er an der letzten Box angekommen war, schloss er kurz die Augen und atmete er einmal laut durch die Nase aus. Dann ging er ein Stück zurück in die Box eines stark dunkelgrauen Vollblutes.
„Warum gibt es in Temerien nur so wenig schwarze Gäule?“ dachte er sich, während er seine Hand behutsam auf das Maul der Stute legte. Sie schnaufte kräftig und bewegte leicht die Hufe. Ihre kräftigen Schenkelmuskeln zuckten. Hinten im Heu grunzte der Stalljunge und verscheuchte im Schlaf irgendetwas mit seiner Hand. Der angehende Pferdedieb stand noch ein paar Sekunden lang reglos da, und lauschte in die Nacht. Als sich weiter nichts regte, begann er die Stute zu satteln. Sie ließ es geschehen. Irgendwo in der Ferne schrie eine Eule in die Dunkelheit.
Der Stalljunge schreckte unvermittelt aus seinen Träumen. Geweckt durch schnelles Hufgetrampel, sah er nur noch einen wehenden, schwarzen Mantel auf der grauen Stute des Markgrafen Vincent Trolibon im Galopp davon reiten.
Panisch sprang er von seinem Lager, knickte um und viel zurück ins Heu. Ächzend rappelte er sich wieder auf und humpelte aus dem Stall. Er blickte zur hell erleuchteten Schenke, in der anscheinend niemand etwas von dem Vorfall mitbekommen hatte.
„Das soll auch schön so bleiben“ dachte der Stalljunge und machte sich aus dem Staub. Wenn der Markgraf erfuhr, dass sein Pferd vor den Augen des Burschen gestohlen wurde, wollte er lieber schon ein paar Meilen zwischen sich und den tobenden Edelmann gebracht haben.
Wer klopft, ist selber Schuld
IV
Das dunkelgraue Vollblut erwies sich als selten gute Wahl. Es jagte über die Straßen und Felder wie ein Sturm im Herbst. Er führte die Stute abseits der großen, viel befahrenden Straßen. Nur selten musste er das Pferd vom Weg ins Unterholz treiben, um Wanderern und Reisenden auszuweichen. Die Reise von Maribor nach Vizima verlief ohne große Zwischenfälle. Bis einmal, als er beinahe ein kleines Mädchen im knielangen, grauem Mantel mit Bieberfellkragen nieder ritt, als sie plötzlich, gehetzten Blickes aus dem Wald auf den Weg brach.
Er erreichte Vizima am späten Nachmittag. Es war laut, bunt, voll und stank erbärmlich. Hirten trieben ihre Tiere durch die Menschenmengen zu den Ställen, Händler boten schreiend ihre Waren feil und die Penner bettelten und pissten die Mauern voll. Taschendiebe und Halsabschneider schoben sich langsam mit dem Strom der Menge, ganz darauf bedacht auffällig unauffällig zu bleiben.
Das Haus des Barons zu finden stellte sich als einfacher heraus, als angenommen. Es schien, als sei der Ehrenwerte von Maribowald erst kürzlich in die Hauptstadt gezogen. Angeblich weil der Krieg seine Grafschaft überzog. Die Leute tuschelten über ihn, sein Haus und sein Gehabe. Angeblich kaufe er täglich junge Mädchen, entweder vom Sklavenmarkt oder von verzweifelten Eltern aus dem Armen- und Anderlingsvierteln. Sie erzählten sich auch Gerüchte über Kopfgeldjäger, die in seinem Haus ein- und ausgingen, wie in einem Freudenhaus. Kopfgeldjäger, die er einem nach dem anderen wieder hinauswarf, weil sie angeblich keine Qualifikationen für seine Quest aufwiesen.
„Wer einfach so an die Türe klopft, und ihm ein Ohr abkaut, ist selbst Schuld“ dachte sich der Unbekannte und trat einen Stein zur Seite. „Ich werde ihm zeigen was qualifiziert bedeutet!“
Als sich die Gassen langsam leerten und sich die Schenken zum allabendlichen Bier füllten, ging die dunkle Gestalt fest in ihren Mantel geschlungen durch die kalte Nacht. Hier und da bog sie mal links in eine Gasse oder nach rechts über ein kleines Grundstück von Händlern und Handwerkern. Sie hört das schreien kämpfender Katzen aus der Dunkelheit. Die Schattengestalt sah beiläufig zum Himmel hinauf. Trotzdem er in der Stadt war, orientierte er sich an den Sternen, denn Vizimas endloses Gewirr aus Trampelpfaden, kleinen Gassen und breiten Straßen zu überschauen, war schier unmöglich. Er wusste nur, dass er ins royale Viertel musste. Da er vom Südtor her kam, wusste er, dass sein Weg ihn nach Norden führte. Irgendwann würde er schon auf die Mauer stoßen und dann eines der Tore suchen. Das gesuchte Haus lag angeblich dicht an der Mauer zum Händlerviertel.
Das Glück schien ihm in dieser Nacht holt zu sein, denn er tauchte direkt neben einer breiten Straße, die durch das Tor führte aus dem Gassenlabyrinth auf. Die beiden Wachen unterhielten sich angeregt über Dinge, die nur Stadtwachen interessant finden konnten. Ihre mannshohen Piken und schweren Rüstungen schrieen schon fast nach der Unmöglichkeit des herkömmlichen Passierens.
Die schwarze Gestalt im Schatten ging in einer fließenden Bewegung in die Hocke und tastete auf dem Boden nach einem Stein. Eine der Wachen legte sich den Zeigefinger auf das linke Nasenloch und rotzte geräuschvoll auf die Straße. Die Hand des Vermummten zog sich unvermittelt vom Straßenbelag zurück. Er entschied sich, sich unter diesen Umständen lieber auf sein Sehvermögen als auf seinen Tastsinn zu verlassen. Die Wache hatte sich lässig gegen die Mauer gelehnt und scharrte mit der Stiefelspitze im Dreck.
„… jedenfalls hat sie geile Titten, sag ich dir!“
Die Gestalt im Schatten wurde hellhörig.
„Du spielst mit dem Feuer Adrian!“ sagte sein Kamerad und kratze sich den Nacken. „Wenn das rauskommt…“
„Ach! Und wer soll es dem Alten flüstern? Du vielleicht?“ Der Soldat stieß sich von der Wand ab und richtete sich drohend auf. Die Schattengestalt hob einen hühnereigroßen Stein auf.
„Blödsinn!“ entgegnete sein Partner gereizt und spuckte auf den Boden. „Ich mein’ ja bloß. Der alte Elmfried kennt da keinen Spaß. Und er ist ein einflussreicher Mann, das weist du!“
„Der alte Elmfried ist vor allem mal alt und nur noch einen Steinwurf vom Friedhof entfernt. Bis der raus findet, wer seine Alma bumst, ist er so senil das Namen und Gesichter für den nur noch Schall und Rauch sind.“ Er lehnte sich wieder zurück an die Mauer. „Ich sag ja. Nur noch einen Steinwurf vom Friedhof entfernt.“
Der Stein flog! Schnell und präzise knallte er gegen die Mauer. Gut ein Dutzend Schritte von den beiden Wachmännern entfernt. Ein einsamer Rabe krächzte verärgert und erhob sich geräuschvoll in die Luft.
„Was war das?“ Die Soldaten hatten ihre Piken mit beiden Händen gepackt und stierten die von Fackeln erhellte Straße entlang.
„Wer da?“ rief einer der beiden. „Strauchdiebe, elendige! Kommt heraus und zeigt euch! Keine Spielchen!“
Nichts regte sich. Die Gestalt im Dunkeln wartete geduldig die Reaktionen seiner angespannten Gegenspieler ab.
„Geh’ du da rüber und sieh nach“ sagte der Befehlshabende und zeigte zu der Stelle an der der Stein gegen die Mauer geschlagen war.
„Ich bleibe hier und pass auf, dass hier keiner weiter rumschleicht“.
„Gar nicht so dumm, wie ihr ausseht“ dachte der vermummte Mann im Schatten und erhob sich ein paar Zentimeter aus seiner Hockstellung. Die Muskeln in seinen Oberschenkeln spannten sich. Der Wind frischte auf, spielte mit den Säumen des schwarzen Kapuzenumhangs. Der patrouillierende Soldat war bereits auf der Hälfte des Weges.
Der schwarze Kapuzenumhang im Schatten bauschte sich noch ein Stück weiter, als sich sein Träger vom Boden abstieß und sich flink aber leise der stehenden Wache am Tor in einem großen Halbkreis näherte. Die Patrouille war jetzt acht Schritte von seinem Kameraden entfernt. Weit genug um den Ersten ohne Widerstand ausschalten zu können, aber dicht genug um sich gegen das Rufen von Verstärkung zu entscheiden.
Der Vermummte hatte den wartenden Soldaten jetzt mit dem Rücken vor sich. Er beschleunigte seinen Lauf, achtete nicht mehr auf die Lautstärke seiner Schritte. Er rannte gerade auf die Wache zu und hieb ihr ohne auszuholen die Stiefelspitze von hinten zwischen die Beine. Die Wache sackte augenblicklich nach vorne zusammen und entlud den Schmerz in einem kräftigen aber erstickten Aufschrei. Der Angreifer nutze den restlichen Schwung und rollte sich über den Rücken seines Opfers nach vorne, wobei er in der Bewegung die Pike aus der Hand des Soldaten riss und ihm den Schaft in einer fließenden Bewegung ins Genick hieb. Ohne den dumpfen Schlag abzuwarten, den der Soldat verursachte, als er mit einem Ruck mit dem Gesicht auf die Straße aufschlug, rannte die Schattengestalt in eine Tornische. Er drückte den erbeuteten Speer dicht an seine Brust und versuchte möglichst lautlos seine Atmung zu beruhigen. Die Patrouille kam bereits im klirrenden Laufschritt zurück, um dem Befehlshaber zur Hilfe zu eilen.
„Ihr verdammten Hurensöhne!“ schrie er. „Zeigt euch! Bastarde, elendige!“ er keuchte schwer, als er am Tor ankam. Die wenigen Schritte in der schweren Rüstung und das Geschrei hatten ihn viel Luft gekostet. „Feiglinge! Stellt euch mir im fairen Zweikampf ihr Hundsfötte!“ Er stellte sich vor seinen Kameraden und fuchtelte mit wild mit der Pike umher.
„Damit kann ich leider nicht dienen“ sprach eine Stimme aus dem Schatten. Im nächsten Augenblick brach etwas aus der dunklen Nische hervor, rannte auf die Wache zu. Instinktiv hieb der Soldat zu, traf jedoch auf keinen Widerstand. Die dunkle Gestalt sprang in einem flinken Ausfallschritt nach links, so dass beide Kämpfer Seite an Seite standen. Bevor der Soldat sich umwenden konnte, trat ihm der Angreifer mit dem Hacken in die Kniekehle. Mit einem erschrockenen Schrei fiel die Wache auf die Knie. Die vermummte Gestalt stand nun vollends hinter ihm, packte den Speer mit beiden Händen und zog ihn fest gegen die Kehle seines Opfers, wobei er zur Druckerhöhung sein linkes Schienbein gegen die Wirbelsäule des Soldaten presste. Die Wache gurgelte, griff verzweifelt mit den Händen nach dem Speerschaft, der ihm die Kehle zudrückte. Sein Mund öffnete sich schnappartig, die Augen traten hervor. Kurz darauf wurde er ruhiger, erschlaffte und sackte schließlich bewusstlos auf der Straße zusammen. Der einsame Rabe ließ sich krächzend wieder auf der Mauer nieder.
Fast wie eingeladen
V
Er stand vor dem Haus. Ein hässlicher Klotz, aus Stein, Lehm und Holz. Ziegeldach. Die Wände, Fenster und Türen waren mit goldenen Inschriften und Zeichnungen verziert.
„Das schreit ja nahezu nach Einbruch“ dachte sich der Mann unter der Kapuze. „Würde mich nicht wundern, wenn ich heute noch jemanden Unerwünschtes auf den Fluren dieses Kitschkastens treffe“. Er zog sich die Kapuze tief über die Augen und trat ins Licht der Straßenlaternen. In großen Schritten überquerte er die breite Straße. Das schmiedeeiserne Tor zum Vorgarten quietschte leise, als er es aufstieß. Eine Maus huschte vor seinen Füßen über den Weg. „Fast als wäre ich eingeladen“ dachte die Gestalt unter der Kapuze und grinste schief. Er nahm die drei Treppenstufen zur Haustür einzeln. Er hatte es nicht eilig.
Es klopfte leise an der Tür. Inga, eine zierliche Halbelfe mit hübschem Gesicht hatte Nachtdienst. Sie war noch nicht lange in dem Haus von Baron Maribowald. Er hatte sie vor 6 Wochen ihren Eltern im Anderlingsviertel abgekauft, mit dem Versprechen das es ihr in seinem Haushalt gut gehen würde. Er hatte nicht gelogen. Sie bekam Essen und Kleidung, hatte ein warmes Dach über dem Kopf und durfte sich einmal in der Woche Baden. Besser als zu Hause, allemal.
Sie saß auf einem unbequemen Stuhl im spärlich beleuchteten Flur und war kurz eingedöst.
Es klopfte erneut. Leise, aber bestimmt. Inga erhob sich langsam. Ihr Hintern tat ihr weh. Auf dem Weg zur Tür rückte sie ihr Mieder zurecht. Sie stellte sich auf einen kleinen Schemel, öffnete die Spionluke der Haustür und blickte in zwei große, grüne Augen.
„Wer da?“ fragte sie unsicher.
„Edles Fräulein“ antworteten die Augen. „Ich habe einen Gegenstand bei mir, der eurem Herrn gehört“. Sie sah, wie sich kleine Fältchen um die Augen spannten. Ihr gegenüber versuchte sie, mit einem Lächeln zu beruhigen.
„Wer seid ihr? Zeigt mir diesen Gegenstand“ sagte sie, bemüht ihre Stimme kühl und selbstsicher wirken zu lassen.
„Aber Fräulein“ antworteten die Augen. „Dieser Gegenstand ist nur für die Augen eures Herren bestimmt“.
„Der Herr Baron schläft bereits. Kommt Morgen wieder!“ Ja. Das war der Tonfall, den sie gesucht hatte.
„Werte Dame“ sprachen die Augen erneut. „Ich reise noch heute Nacht ab. Es ist von absoluter Dringlichkeit, das der Baron diesen Gegenstand bekommt.“
Inga legte ihre Hand auf ihren Nacken.
„Was haltet ihr davon?“ fuhr die Stimme von draußen fort. „Ich mache eine Ausnahme. Ich zeige euch das Objekt, und ihr entscheidet ob ihr es an euch nehmt, und dem Baron übergebt oder nicht“.
Sie blickte in die großen hellen Augen und überlegte kurz.
„Also gut“ sagte sie schließlich. „Zeigt es mir. Hebt es vor die Luke.“
„Es ist zu groß, edles Fräulein“ sprach die leise Stimme. „Öffnet die Tür einen Spaltbreit. Dann ist es auch hell genug.“
Sie zögerte. „Also gut“ sagte sie dann. „Wartet einen Augenblick.“
Sie schloss die Luke, stellte den Schemel beiseite und schob die drei schweren Riegel zurück.
Sie legte die Hand auf die Klinke und öffnete die Tür einen Spalt. Das Licht viel auf ein Paar schwarze Stiefel. Sie öffnete die Tür ein wenig weiter. Der Lichtschein vergrößerte sich und erhellte einen schwarzen Mantel.
„Wo ist nun dieser Gegenstand?“ sagte Inga unsicher.
„Hier Mylady“ antwortete der Unbekannte und streckte eine behandschuhte Hand aus.
Sie musste die Tür noch ein Stück weiter öffnen, damit das Flurlicht auch die Hand erhellte.
Plötzlich blitze ein schreckliches Grinsen vom Licht erfasst unter den grünen Augen auf. Überbreit und zugenäht. Sie wollte schreien doch der Unbekannte hatte sie schon in einer schnellen Bewegung gegriffen und presse ihr den Mund zu. Mit der anderen Hand drehte er ihr die Arme auf den Rücken und schob sie langsam vor sich her zurück ins Haus.
„Keinen Mucks Liebste“ sagte der Eindringling. „Wir wollen doch kein unnötiges Blut vergießen. Schon gar nicht, wenn es in so hübsch verpackten Adern fließt.“
Erst jetzt viel ihr auf, dass die Stimme nicht sehr angenehm klang. Nasal und ein wenig schnarrend.
Er führte sich in den nächst besten Raum, setzte sie auf einen Stuhl, steckte ihr die Ecke eines Tischtuchs in den Mund, fesselte sie mit einem langen Stück Tau. Sie weinte still, Tränen liefen über ihre hübschen Wangen. Sie hatte Angst. Der Unbekannte mit dem grässlich entstellten Gesicht beugte sich zu ihr herunter und sagte ganz ruhig:
„Kein Grund zur Sorge Kleines. Ich habe nicht vor dir etwas zu tun. Ich brauche lediglich Informationen über diese Hetzjagd, die dein Herr veranstalten will.“
„Hübsches Ding“ dachte er, während er die breite Treppe des Herrenhauses hochschlich.
Oben angekommen verweilte er kurz am Treppenabsatz. Er wusste nicht, welches Zimmer das Schlafgemach des so genannten Barons war. Er wunderte sich auch, warum es keine Wachen in einem solchen Haus gab, störte sich aber nicht lange daran. Behutsam schlich er den langen dunklen Flur entlang. Plötzlich blieb er stehen. Sein Puls beschleunigte sich. Ein Stöhnen. Eine Frau. Er atmete erleichtert aus. Wahrscheinlich nur jemand in schlechten Träumen. Er ging einen Schritt weiter und blieb erneut stehen. Da war es wieder. Lauter. Er konzentrierte sich, folgte den Geräuschen zu einer Tür am Ende des Ganges. Mittlerweile war ihm klar, was der Ursprung des Gestöhnes war, denn jetzt war auch eine Männerstimme mit eingestiegen. Das konnte nur der Baron sein. Den Zofen war Männerbesuch wohl kaum gestattet. Die Lage im Inneren des Raumes spitzte sich zu. Der Lärmpegel wurde wilder und lauter. Ein Bett ächzte. Der Vermummte nutzte die Gunst der Stunde und öffnete lautlos die Tür einen Spaltbreit. Er schlüpfte hindurch und hinein in das dunkle Spektakel.
Es dauerte noch ein paar Minuten, die der Unbekannte vergnügt in einer dunklen Zimmerecke stand.
Nachdem die Zofe verschwunden war, zündete der Baron eine Kerze an. Sehr zum Missvergnügen des Eindringlings. Nicht dass das Licht ihn verraten hätte. Dazu war das Zimmer zu groß und die Ecke, in der er hockte zu dunkel. Eher wegen dem verschwitzten Anblick des fetten, nackten Mannes, der dort erschöpft auf dem Bett lag.
Der versteckte Eindringling beugte seinen Oberkörper leicht nach vorne. Seine Muskeln strafften sich, zum Sprung bereit.
Er atmete einmal tief ein, dann sprang er los, durchmaß das Zimmer mit zwei großen Schritten und sprang den nackten Mann auf dem Bett an. Bevor dieser wusste, wie ihm geschieht, presste ihm der Angreifer beide Hände auf Mund und Kehle und machte ihn mit dem Knie auf dem Brustkorb bewegungsunfähig. Die Kerze flackerte leicht im Luftzug.
Der Maskierte hielt sein Gesicht nur Zentimeter vor dem seines Opfers. Er sah, wie sich die Augen vor Schreck weiteten, wie noch mehr Schweißperlen auf dessen Stirn traten.
„Was bietest du mir, damit ich deine kleine Elfenfreundin zur Strecke bringe? Ich weiß, wo sie ist, und glaube mir, ich werde sie ebenso überraschen wie dich! Meinst du das ist gut genug, ja?“
Der Geruch von frischem Urin vermischte sich mit dem von altem Schweiß.
Der Unbekannte beschloss seine Taktik zu ändern, um sich nicht die Stiefel zu ruinieren.
„Hör zu“ sagte er in forschem Tonfall. „Ich bin Harlequin. Vielleicht hast du schon von mir gehört. Vielleicht auch nicht. Ich bin hier um deinen Auftrag zu erledigen. Ich nehme 500 Orens für diese Zauberelfe. 200 zahlst du mir sofort, als Zeichen des guten Willens. Den Rest hole ich mir ab, wenn dieses Spitzohr im Dreck liegt! Alles klar? Dann los!“
Keine Eile
VI
Harlequin ritt mit seiner grauen Stute über ein Feld, auf dem bereits junge Gerste wuchs. Das Pferd lief locker im Schritt und sein Reiter kaute abwesend auf einem Stück Trockenfleisch herum.
Der Wind ging lau, und es roch nach nasser Erde und frisch gefallenem Regen. Eine Drossel flog tief über den beiden Reisenden hinweg und zwitscherte laut. Seit gestern Mittag hatten sie keine weiteren Menschen oder Anderlinge getroffen. Kein Wunder, die hatten ja alle mit ihrem albernen Krieg zu tun. Harlequin verstand nichts von der Politik und hatte sich auch nicht von überschwänglichen Reden der jeweiligen Seiten, zu so etwas wie einem landsmännischen Ehrgefühl hinreißen lassen. „Sollen die sich doch schlagen“ dachte er und schüttelte seine Füße aus. „Neue Machtverhältnisse bedeuten neue Intrigen. Und neue Intrigen bedeuten mehr Arbeit für mich“. Es schien ein schöner Tag zu werden.
Später am Tag, als die Sonne schon tief im Westen stand, traf Harlequin einen Waldläufer, als er sein Pferd ins Dickicht trieb, um einer Garnison temerischer Soldaten auszuweichen, die auf dem Weg zur Schlacht bei Brenna waren. Er nutzte die Gelegenheit Informationen über die besagte Elfe zu sammeln, nach der er suchte. Er stellte sich dabei nicht sehr geschickt an, denn der Waldläufer knöpfte ihm 100 Orens für ein paar spärliche Informationen ab, die der Harlequin schon von seinem Auftraggeber kannte.
Harlequin störte sich allerdings nicht daran. Er hatte tags zuvor noch in Vizima seine Vorräte aufgestockt, seine Stute neu beschlagen und den Dolch schleifen lassen, sowie ein kleines Fläschchen voll hellgelber Gifttinktur gekauft.
Der Waldläufer erzählte etwas von einer Elfenfrau, die allein auf einem schwarzen Rappen Richtung Brenna geritten war. Er wurde nicht müde zu erwähnen, wie seltsam er dies fand, da doch bei Brenna der Krieg tobte. Als Harlequin in fragte, wieso er der einsamen Elfe denn kein Geleit angeboten hatte, meinte dieser nur, das wäre nicht seine Aufgabe als Waldläufer.
Was für ein scheinheiliges Pack.
Brenna konnte man schon von weitem riechen. Angst, Blut, verbranntes Fleisch. Kein angenehmer Willkommensgruß. Dennoch war diese kleine Stadt der einzige Anlaufpunkt um die Elfe ausfindig zu machen. Er mochte diesen Ort nicht. Die Fliegen summten in Scharen über den improvisierten Lazaretten, in denen die heulenden oder krampfenden Verletzten aus der Schlacht, die ca. 2 Meilen vor der Stadt tobte, versorgt wurden. Der Kampflärm drang über die Mauer bis in die Häuser, und in der Schenke herrschte bedrücktes Schweigen.
Zu seinem Glück war Brenna zu klein, als dass das Auftauchen einer fremden Elfe nicht bemerkt worden wäre. Von einer alten Klatschbase erfuhr Harlequin, dass in einem kleinen Häuschen im Westen der Stadt untergekommen war. Sie erzählte ihm auch, dass diese Elfe schon vor Wochen auf einem schwarzen Rappen auf der Straße nach Rivien davon geritten war. Rivien. Er nahm diese Informationen mit gemischten Gefühlen auf. Er war froh dieses fliegenversuchte Mistdorf so schnell wieder verlassen zu können. Auf der anderen Seite hatte er wenig Lust auf einen 800 Meilen-Ritt quer durchs Land. 200 Meilen nur durch die Berge von Mahakam. Obwohl die Zwerge ein recht lustiges Völkchen waren. Vielleicht könnte er dort einen kurzen, geselligen Stopp einlegen.
Er verhandelte mit einem Händler der Waffen und Rüstungen vertrieb, sich im Tausch gegen seine Stute dem Konvoi anzuschließen und kutschieren zu lassen.
So verbrachte er den Großteil der Reise dösend auf einem Wagen zwischen Stoffen, aus denen später Wamse genäht werden sollten. Die Verpflegung wurde von einer robusten Zwergin bereitet, die eine unglaubliche Haarpracht ihr Eigen nannte, und war einfach köstlich. Mit ebendieser Zwergin, sie hatte irgendeinen Blumennamen, spielte Harlequin des Öfteren Karten, die er ihr am Ende der Reise mit seinem letzten Geld abkaufte. Zwerge verstanden sich wirklich gut auf das Fertigen von Spielkarten, da sie, anders als die Menschen, nicht nur dem Würfelpoker frönten.
Bis auf einen Achsenbruch gab es keine besonderen Vorfälle auf dem Weg nach Rivien. Der Konvoi brauchte fast zwei Wochen für die Strecke nach Rivien. Harlequin störte sich wenig daran. Sein Opfer würde schon nicht weglaufen. Und wenn doch, würde abermals hinterher reisen. Wo sollte sie denn hin? Sie konnte ja schlecht in eine andere Welt fliehen. So dachte er zumindest.
Ein schöner Tag zum Sterben
VII
In Rivien führte ihn bald eine Spur zu einem idyllischen See mit dem Namen Eskalott Loc.
Es war ein klarer, kalter See mit grünen Wiesen und Wäldern rings umher. Ein einsames Haus stand ein Stück abseits, gut versteckt in einem kleinen Hain.
Er sah sie. Sie saß dicht am Wasser und beobachtete die Fische, die flink durch das kristallklare Wasser huschten. Es roch nach Gräsern und Holunder. Ein paar weiße Wolken zogen träge über den blauen Himmel. Aus dem Wald drang vielfältiger Vogelgesang und das sanfte Rauschen der Blätter an den Bäumen. Ein schöner Tag.
Er stand im Schatten der Bäume verborgen und beobachtete sie, wie sie die Fische beobachtete. Ohne großartige Gedanken. Einfach nur, um zu sehen wie sich das Sonnenlicht auf ihrer gebräunten Haut spiegelte. Wie ihre Haare über ihre Schultern fielen, wenn sie den schlanken Oberkörper bewegte. Eine Hummel brummte an seinem Kopf vorbei, geradewegs auf dem Weg zu den blau leuchtenden Vergissmeinnicht, die ihre Köpfe sacht im Wind bewegten.
„Warum nicht jetzt“ dachte er, während sein Blick unvermittelt auf den bloßen Schultern der schönen Elfe ruhte. „Heute ist ein schöner Tag zum Sterben. Warum auf die Nacht warten? Es ist doch so ein schöner Tag. Guck sie dir an, eine zierliche Elfe. Einen Kopf größer als du, aber was heißt das schon? Los!“
Langsam griff er nach hinten und warf sich die Kapuze über. Ebenso langsam setzte er sich in Bewegung. Er ging durch den Wald, parallel zum See um sich in den Rücken der Elfe zu manövrieren. Als er die gewünschte Position erreicht hatte, verharrte er noch einen kurzen Augenblick und besah sich sein Opfer ein letztes Mal. Ihr langes, schulterfreies Kleid fiel ihr fließend über den Rücken und die runden Hüften. Ihre nackten Füße waren schmal und sandig. Sie war schön.
Er lief los. Gemächlich, nichts drängte ihn, es war ein schöner Tag. Im Laufen zog er seine berüchtigte Maske über Mund und Nase. Sie roch vertraut. Sie roch nach Tod.
Er lief. Das Gras dämpfte seine sowieso schon leisen Schritte ins unhörbare ab. Er lief schneller. Noch zehn Schritte. Er wollte es kurz machen. Kurz und schmerzlos. Sie war schön. Es war ein schöner Tag. Fast beiläufig zog er seinen langen Dolch aus dem Umhang, während er seine Schritte weiter beschleunigte. Nichts war zu hören. Selbst der Wind schien den Atem angehalten zu haben. Noch sieben Schritte. Stille. Ein schöner Tag zum Sterben. Noch fünf Schritte. Er rannte. Lautlos. Sie drehte sich um. Sah ihm in die Augen. Er sah sie. Sah ihre unergründlichen Augen. Noch zwei Schritte. Er jagte auf sie zu. Sie hob die Hand. Er sprang. Riss den Dolch hoch über den Kopf.
Mit einem Krachen wurde er aus der Luft gerissen, wie von einer Trollfaust getroffen. Das Gras dämpfte den dumpfen Ton seines aufschlagenden Körpers. Nicht aber das Geräusch der brechenden Knochen. Er lag mit dem Gesicht im Gras. Es roch nach Blut. Keuchend und zerschmettert lag er auf dem warmen Boden. Er spürte Tränen über sein Gesicht laufen, schmeckte Salz. Er sah die kleinen, sandigen Füße vor sich. Den Saum des samtenen Kleides im Wind. Es war still. Sein Körper wurde herumgerollt. Er sah den azurblauen Himmel und die Wolken. Wolken, aus denen man Formen lesen konnte, wenn man sie lange genug anschaute. Ein schöner Tag. Ein schöner Tag zum Sterben.
Zeit heilt nicht alle Wunden
VIII
Yade stand am See. Ihr rechter Arm war ausgestreckt, die Finger zu einer komplizierten Geste geformt. Kaum zwei Schritte vor ihr lag ein Junge im Gras. Stöhnend und ächzend quälte er sich vor ihr auf dem Boden. Der Wind spielte mit den Fetzen seines Umhanges.
Sie hatte ihn kommen hören. Schon etliche Minuten zuvor. Sie hatte gerade am Wasser gesessen und den schönen Ausblick genossen, als sie bemerkte, dass ihr Gast eingetroffen war. Hatte gesehen wie er dort stand, im Schatten der Bäume, und sie beobachtete. Sie hatte nichts dagegen. Es war an einem warmen vorsommerlichen Nachmittag, die Luft geschwängert von dem lieblichen Duft der Blumen. Natürlich wusste sie warum er gekommen war. Er selbst schien sich über den Grund seines Auftauchens keine Gedanken zu machen. Es war nur ein beiläufiger Fakt, der in seinem Unterbewusstsein verankert war.
Sie hatte gesehen, wie er sich vorbereitete. Wie er seine Position wählte. Immer noch waberte der Gedanke über sein Hiersein irgendwo träge in den Tiefen seines Verstandes.
Das Gras dämpfte seine Schritte, doch sie hörte ihn trotzdem. Sie drehte sich zu ihm um. Er war schneller als erwartet aber trotzdem keine Herausforderung. „Wer ist er, das er es wagt mein Leben beenden zu wollen“, dachte sie sich.
Er sprang. Sie hob den Arm und rief einen Zauber. Ihr Angreifer wurde wie vom Hammer getroffen aus der Luft gerissen. Sie hörte Knochen brechen und wie ihm die Luft aus der Lunge gepresst wurde. Kein schöner Anblick.
Er lag vor ihr im Gras und gab gequälte Laute von sich. Die Vögel zwitscherten. Die Sonne schien als wäre nichts geschehen.
Einen Augenblick lang sah sie ihn musternd an, aber er kam ihr gänzlich unbekannt vor.
Yade kniete sich neben den Jungen und drehte ihn auf den Rücken. Er stöhnte laut. Sein Blick ging gen Himmel. Die Maske war ihm vom Gesicht gerutscht, aus seinem Mund lief ein dünnes Rinnsal von Blut. Sicher eine Rippe die ihm in der Lunge steckte. Bei dem Aufprall nicht verwunderlich.
Langsam schob sie die schwarze Kapuze vom Kopf des Unbekannten. Ihr Blick fiel auf seine Augen. Große, leuchtend grüne Augen, von Schmerz verzerrt. Yade erschrak. Auf ihrem Gesicht zeichneten sich Entsetzen ab. Diese grünen Augen, diese Einzigartigkeit. In seinen Augen befand sich etwas, das Yade seit ewigen Zeiten nicht mehr gesehen hatte. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durchs Herz und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Eine Träne rollte ihr über die Wange, als die schrecklichen Bilder von damals wiederkehrten. Der gleiche Blick, die gleichen Augen, nur hunderte Jahre zuvor, wie er in ihren Armen lag, bis seine Augen für immer erloschen.
„Er hat versucht mich umzubringen“, dachte sie, doch sie brachte es nicht übers Herz ihm ein Ende zu bereiten. Zu groß war die Ähnlichkeit. Sie konnte sich nicht erklären was es war, aber etwas Verband diesen seltsamen Jungen und Ainuraen. Ein Schleier, ein nebulöses Verzerren legte sich auf ihre Gabe des sehenden Auges, wenn sie versuchte tiefer in die Erinnerungen und Geheimnisse ihres Angreifers einzudringen. Sie entscheid sich, dies vorerst auf sich beruhen zu lassen und später zu versuchen dieses Mysterium aufzuklären. Später, wenn er wieder bei Bewusstsein und Kräften war. Sie beschloss seine Wunden zu behandeln und ihn zu heilen.
Da er außerstande war sich zu bewegen, eilte sie rasch ins Haus um einen Trank zu holen. Sie gab dem geheimnisvollen Jungen die Tinktur, woraufhin er in einen unruhigen, traumatösen Schlaf fiel.
Gestatten: Harlequin
IX
Als Harlequin erwachte, wusste er weder wo er war, noch wie viel Zeit vergangen war.
Er lag auf einem breiten, weichen Bett und fühlte sich elend. Es war warm. Durch das offene Fenster wehte der frische Duft von Sommergräsern zu ihm heran.
Neben ihm saß auf der Bettkante die schöne Elfe. Sie war gerade dabei seine Verbände zu wechseln. Er hörte das leise Knistern eines Feuers, das Plätschern und Rauschen von kochendem Wasser.
„Wie ist dein Name, Fremder?“ Die Elfe sah ihm ins Gesicht. Hatte sie ihre Lippen bewegt?
Es zischte kurz, als ein Tropfen kochendes Wasser auf die heißen Steine der Feuerstelle traf.
Warum war er hier? Warum hatte sie ihn verschont? Der Wind trug die leisen Klänge der Wellen, die ans Ufer schlugen in das Haus. Er war kampfunfähig. Sie hatte ihn aus der Luft gefegt, wie eine lästige Mücke. Und doch war er jetzt hier.
„Warum hast du mich am Leben gelassen?“ Er hatte sich nicht geirrt. Sie war wunderschön.
Ohne zu antworten stand sie auf, nahm eine Schüssel mit alten Verbänden vom Boden und verschwand in der Küche, in der der brodelnde Kessel stand.
„Es gehört sich nicht, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten!“ Die Stimme klang in seinem Kopf nach. Harlequin musste grinsen. Es tat weh.
„Ich bin Harlequin“ sagte er.
Die nächsten Wochen verliefen ohne große Zwischenfälle. Er schlief viel, und wenn er wach war, versuchte er immer wieder eine Antwort auf seine Frage zu bekommen.
Ab der dritten Juniwoche erlaubte die Elfe ihm aufzustehen. Auch wenn sie nicht viel miteinander sprachen fühlte er sich ihr verbunden. Sie schien nicht ablehnend ihm gegenüber, lächelte sogar ab und zu, wenn er versuchte ihr eine Freude zu machen indem er Blumen pflückte oder im Haus half. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge.
„Wieso bin ich am Leben“ fragte er immer wieder, bemüht beiläufig zu klingen. Er bekam nie eine Antwort. Er nahm es hin, nicht als Rückschlag, sondern als stille Bestätigung. Die Tage vergingen.
Anfang Juli saß sie im Morgengrauen erneut an seinem Bett und strich ihm die Haare aus dem Gesicht.
„Ich muss jetzt gehen“ sagte sie und lächelte.
Er nickte nur. Er hatte das Gefühl, dass er nichts sagen musste. Er wusste nicht wohin ihr Weg sie führte und auch nicht ob sie jemals zurückkehren würde.
Sieh sahen sich noch einen Moment lang in die Augen, dann erhob sie sich, wie schon am ersten Tag, von seinem Bett und verschwand in im morgendlichen Nebel.
Er blickte ihr nach und lächelte. Es würde ein schöner Tag werden.
Das Abendmahl
X
Harlequin war noch ein paar Tage in dem Haus am Eskalott Loc geblieben. Es war ein schöner Ort und er hatte die Ruhe genossen. Er rechnete nicht damit, dass die Elfin noch einmal dorthin zurückkehren würde und doch wartete er insgeheim darauf.
Nach einer Woche packte er seine Sachen, sofern das seine wenige Habe zuließ und machte sich auf den Weg zurück in die Zivilisation. Er schlenderte gemütlichen Schrittes durch den Wald. Ein Pferd hatte er keines gefunden und er hatte auch keine Lust zu reiten. Wozu die Eile?
Ein dubioser Kaufmann, Lorenzo Irgendwas, hatte ihn zu sich nach Wyzima kommen lassen.
Harlequin machte sich einen Spaß daraus, in den Speisesaal der Villa zu platzen, während der Kaufmann mit seinen beiden Leibwächtern zu Abend aß.
„Wo kommst du her, zum Teufel?“ Der Kaufmann sprang von seinem Stuhl auf und wich erschrocken zurück. Seine zwei grobschlächtigen Speichellecker erhoben sich ebenfalls ruckartig, das die Stuhlbeine auf dem Boden scharrten und kamen langsam auf ihn zu. Sie knackten bedrohlich mit den Knöcheln.
„Ihr habt mich rufen lassen, was spielt das da für eine Rolle“
„Verarsch mich nicht Bursche, wie bist du hier herein gekommen?“
„Durch den Abort. Dort ließ sich eure Witterung am besten aufnehmen“
Er fing sich eine, dass er ein paar Schritte zurücktaumelte und sich mit beiden Händen am Tisch festhalten musste.
„Du hältst dich wohl für besonders witzig, was Bürschchen? Los! Durchsucht ihn!“
Der Hühne der ihn zuvor so beeindruckend geohrfeigt hatte, drehte Harlequin die Arme auf den Rücken, während der andere sich an seinen Gürteln und Taschen zu schaffen machte.
„Da werdet ihr wenig Glück haben“ presste der Eindringling hervor. „Wie dumm wäre ich, meine Ersparnisse zu solch einer Bande von Halsabscheidern mitzubringen?“
Es war nicht gelogen. Harlequin hatte keinen einzigen Heller in den Taschen. Er hatte allerdings nicht im Traum daran gedacht, sein Hab und Gut aus Sicherheitsgründen im Versteck zu lassen. Es wurde ihm ganz einfach am Nachmittag von einer kleinen rothaarigen Elfe gestohlen. So flink, dass er nur noch untätig zusehen konnte, wie sie in den Menschenmassen, die sich zwischen den Marktständen drängten, verschwand.
„Er hat recht Herr“ sagte der bullige Knecht, der ihn durchsuchte mit tiefer, vibrierender Stimme. „Bis auf die Hand voll Wurfmesser konnte ich nichts finden.“
„Du bist ein Idiot Arto!“ schimpfte der dürre Kaufmann. Er strich seine langen, schwarzen Haare zurück und setzte sich wieder auf seinen hochlehnigen Stuhl.
„Aber auf die paar lächerlichen Orens, die diese halbe Portion verdient, können wir verzichten. Und du hältst besser dein Maul!“ Er zeigte warnend mit dem Finger auf Harlequin, der empört den Mund zu einer derben Antwort geöffnet hatte.
„Also hör zu“ fuhr Lorenzo fort. „Du wirst mir einen kleinen Dienst erweisen. Ich gebe dir diese Chance, weil es mir, egal auf welche Weise, nützen wird. Solltest du scheitern und somit zwangsläufig in Gras beißen, ist das deine gerechte Strafe für dein dreistes Auftreten, mir gegen über. Hast du Erfolg, bringt mich das meinem Vorhaben ein großes Stück näher und du bist damit von deiner Schuld befreit.“ Der Kaufmann begann wieder zu essen.
„Es gibt ein Dorf in Verden. Ein stinkendes Rattenloch mit dem Namen Rotrag. Die Einwohner dieses gottverlassenen Örtchens sind sich einig, geschlossen in einem sehr brisanten Rechtsfall als Zeugen zu fungieren.“
„Sie an“, dachte Harlequin, der immer noch steif, mit verdrehtem Arm vor der langen Tafel stand. „Kein Kaufmann. Ein Rechtsverdreher“.
„Du wirst dich also nach Rotrag begeben und dort für ein paar unschöne Unfälle sorgen!“
Lorenzo schob sich ein saftiges Stück Rindersteak in den Mund. Als Edelmann besann er sich natürlich auf die Etikette und legte eine lange Sprechpause ein, bis er den Bissen geräuschvoll heruntergeschluckt hatte.
„Arto! Hol’ mir meine Truhe mit den Unterlagen!“
Arto, der gerade kritisch betrachte, was er aus seiner Nase gepopelt hatte, verschwand gehorsam durch eine schwere Holztür.
„Ich werde dir eine Liste mit Namen geben, die du in besagtem Dorf aufsuchen und auf eine Weise, die dir die Beste düngt, erledigen wirst. Es versteht sich von selbst, dass diese Morde auf keinen Fall mit mir in Verbindung gebracht werden dürfen.“ Der Rechtsvertreter nahm einen Schluck Wein aus einem silbernen Kelch.
„Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“
Harlequin lag eine passende Antwort auf der Zunge. In Anbetracht seines sowieso schon verdrehten Armes beließ er es allerdings bei einem gehorsamen Nicken.
Arto kam mit einer kleinen, hölzernen Truhe in den Händen zurück. Lorenzo holte ein zusammengefaltetes Stück Pergament und einen klimpernden Beutel von wirklich sehr bescheidenen Ausmaßen daraus hervor.
Dann schmissen Arto und sein Kumpane Harlequin in hohem Bogen hinaus.
Ein voller Erfolg
XI
Die Straßen von Rotrag waren staubig. Die Sonne stand hoch am Himmel. Die Hitze schürte einen Gestank in dem kleinen Dorf, dass es ihm schwer fiel sich nicht davon beeindrucken zu lassen. Es war schwül. Die Luft geschwängert von unheilvoller Schwere. Ein Schwarm schwarzer Krähen kreiste lärmend über einem Haus. Am Horizont türmten sich bedrohlich dunkle Wolken auf. Es würde bald ein Unwetter geben. Keine schlechten Bedingungen für Harlequins Vorhaben.
Er hatte die erste Leiche in den Dorfbrunnen geworfen. Das Trinkwasser war bereits ungenießbar geworden. Die zweite Leiche, einen großen Mann mit langem Rauschebart, der dem eines Zwerges Konkurrenz gemacht hätte, hatte er in dessen eigenem Haus an einem Dachbalken aufgeknüpft. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis ihn jemand finden würde. Die Krähen waren ja schon ganz wild.
Den örtlichen Heiler hatte er Tagsüber aufgesucht und mit seinen eigenen Tinkturen vergiftet. Natürlich war er darauf bedacht, dass das Gift eine spektakuläre Wirkung erzielte, und so experimentierte er ein wenig herum, bis sein Opfer mit kollernden Augen, völlig irre, schreiend durch die Straßen von Rotrag lief, irgendwann zusammenbrach und an seinem Erbrochenem erstickte.
Ein voller Erfolg, wie Harlequin fand, als er dem Toten noch ein fröhliches Grinsen ins Gesicht schnitt und liebevoll eine Pokerkarte darauf drapierte.
Loretta Schnarpholz, die Frau des Schulzes hatte er sich bis zum Schluss aufgehoben. Diese Dorfvorsteher waren meist sehr schnell, wenn es darum ging einer Plage die das Dorf heimsuchte, mit Hilfe von Hexern oder Magiern den Garaus zu machen.
Wie sich heraus stellte, war der ansässige Schulze einer von der besonders schnellen Sorte.
Er ging von einer übermenschlichen Bedrohung aus, die das Trinkwasser vergiftet hatte, und die Leute in den Wahnsinn trieb. Daher hatte er ohne großes Federlesen eine Magierin kommen lassen. Abergläubisches Bauerngesindel!
Yade war seit 3 Wochen von den Skellige Insel zurück auf dem Festland. Sie wollte sich bald auf den Weg nach Wyzima machen, um dort kleineren Geschäften nachzugehen und sich dann wieder in ihrem Haus am Eskalott Loc niederlassen.
Eine Novizin hatte der Elfe gerade ihre gereinigte Wäsche in ihr Schlafgemach gebracht. Sie war noch etwas klamm, aber das Wetter würde bald umschlagen. Sie konnte es fühlen.
Das Kloster in dem Yade seit einigen Tagen residierte war klein und sehr einfach, doch die Mädchen waren liebenswert und wissbegierig. Sie hielt sich gerne mit den jungen Novizinnen im Klostergarten auf und erzählte von Gefahren der Welt und Liebesabenteuern. An letzterem waren ihre gebannten Zuhörerinnen besonders interessiert und so berichtete die Elfenmagierin unter dem erregten Gekicher der Klosterschülerinnen von brisanten Details.
Es klopfte erneut an die Tür. Eine andere Novizin öffnete nach Yades Aufforderung die kleine Tür. Sie war noch sehr jung. Ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren. Ihre braunen Haare waren zu zwei kindlichen Zöpfen geflochten.
„Frau L´Avalach“ sagte sie und sah aus großen, braunen Rehaugen zu ihr auf. „Ein Bote aus Ratrog wünscht euch zu sprechen“.
Yade lächelte dem Mädchen aufmunternd zu und er hob sich von ihrem Bett, auf dem sie eben noch gesessen und die feuchte Wäsche glatt gestrichen hatte.
„Er wartet unten im Atrium, Herrin“.
„Bitte. Nenn’ mich Frau L’Avalach. Ich bin niemandes Herrin. Von dir nicht und von niemandem sonst.“
„Ja Herrin“ antwortete das Mädchen verlegen, ohne über ihre Worte nachzusinnen.
Yade seufzte und ging aus dem kleinen Zimmer.
Der Bote war, wie sich herausstellte, der Sohn des Schulzen aus Ratrog.
„Guten Abend Frau Zauberin“ begrüßte er sie während er eine umständliche Verbeugung vollführte.
Yade sah in seinen trüben Augen, dass er Angst hatte. Angst vor dem Unbekannten. Und etwas Unbekanntes angsteinflößendes suchte sein Dorf heim.
Er schlug die Augen weiter nieder.
„Sprich“ sagte die Magierin. „Was führt dich zu mir?“
„Eine Plage Herrin“ sprudelte es aus dem Jungen hervor.
„Herrin! Warum sich diese Menschen nur immer freiwillig einen Gebieter suchen“ ging es Yade durch den Kopf. „Wovor haben sie Angst? Selbst Verantwortung zu übernehmen?“
„Eine Plage sucht unser Dorf heim. Unser Brunnen wurde vergiftet und angesehene Leut’ sterben oder verlieren den Verstand, oder beides. Es ist grausam! Wir wissen uns nicht zu helfen. Daher schickte mein Vater mich aus, um einen Zauberer zu finden, der uns von dem Leid erlösen kann“.
„Liegt es eventuell daran, das diese angesehnen Leute aus dem vergifteten Brunnen getrunken haben?“ fragte Yade unbeeindruckt.
„Herrin, daran liegt es ganz bestimmt nicht!“ antwortete der Bote kleinlaut.
„Mein Name ist Frau L’Avalch. Ich bin nicht deine Herrin, also Nenn mich auch nicht so!“
„Sehr wohl Frau Zauberin“.
Sie sagte nichts dazu. Sie hatte gesehen wie das aufgeregte Gehirn ihres Gegenübers mit soviel fremdartigen Informationen überfordert war, und der Gedanke an ihren Namen sich winkend aus dem Kurzzeitgedächtnis des Jungen verabschiedet hatte, noch bevor er richtig angekommen war.
„Ich bitte auch untertänigst meinem Dorf zu helfen.“ fuhr er fort. „Wir werden euch angemessen belohnen!“
„Also gut“ sagte Yade und wischte sich geschickt einen kleinen Klumpen Wimperntusche aus dem Augenwinkel. „Lass dir ein Zimmer geben und ruh’ dich aus. Im Morgengrauen reiten wir los. Du hast ein Pferd, nehme ich an?“
„Ja, Frau Zauberin. Habt vielen Dank!“
Ein Toter kommt selten allein
XII
Sie sah von weitem die Krähen über einem Haus kreisen. Es roch nach Tod. Die Straßen von Ratrog waren leer und wie ausgestorben. Die Leute hatten Angst auf die Straße zu gehen, doch die Nachricht über ihre Ankunft verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Nachdem sie beim Schulzen vorstellig geworden war und ihre bescheidenen Honorarvorstellungen geäußert hatte machte sie sich sogleich an die Arbeit. Der Schulze und sein Sohn begleiteten sie.
Sie untersuchte zu erst den Brunnen. Ihre feine Nase bestätigte ihre Vermutung schon, als sie sich dem stinkenden Loch näherte. Fleisch und Eisen.
„Sagt Schulze, wer war das erste Opfer eurer Heimsuchung? Der Dorfschmied?“
„Ja Frau Zauberin“ Der alte Schulze kratze sich den Kopf über seinem Haarkranz. „Der Tuska, der Arme. Ein ehrbarer Mann. Stark und manchmal laut. Aber eine ehrliche Haut. Wer weiß an welchem Ort er nun weilt.“ Sein Sohn nahm das Mützchen ab, und senkte den Kopf.
„Nun, er liegt hier im Brunnen. Holt ihn rauf damit er das Wasser nicht noch weiter verseucht. Aber holt euch ein paar starke Männer dazu. Er hat die Taschen voll Metall!“
Die Augen des Schulzen weiteten sich vor Staunen und Entsetzen.
„Was sollen wir mit ihm machen“ fragte er unsicher und spähte vorsichtig über den Rand des Brunnens, als fürchte er ebenfalls hineinzufallen.
„Bringt ihn ins Haus des Heilers.“
„Herrin, der Heiler…“
„Ich weis Junge. Deshalb wird ihm der Gestank im Haus am wenigsten ausmachen. An die Arbeit meine Herren. Ich statte derweilen dem Krähenhaus einen Besuch ab. Ich nehme an, sein Bewohner hat sich seit einiger Zeit nicht blicken lassen?“
In dem kleinen, einstöckigen Haus musste Yade keinen Zauber anwenden. Die Tür war nicht verschlossen und der Eigentümer hing gut sichtbar mit dem Hals in der Schlinge von der Decke und stank vor sich hin. Das Seil knarrte leise beim sachten Schaukeln im Luftzug.
Die Elfe zückte einen schmalen Dolch, zog scharrend einen Schemel heran und schnitt den Toten los. Er plumpste schwer auf den Boden und blieb in einer unnatürlichen Position liegen.
Außer der Tatsache, dass er tot war und eindeutige Strangulationsmerkmale aufwies, fehlte ihm nichts. Yade bezweifelte allerdings, dass dieser Mann sich selbst umgebracht hatte. Sie sah sich noch einmal gründlich im Haus um, konnte aber nichts Verdächtiges finden. Dann ging sie wieder hinaus auf die Straße und ließ die zweite Leiche von den Männern des Schulzen abholen und ins Haus des ebenfalls toten Heilers bringen.
Den Heiler brauchte die Magierin nicht großartig untersuchen. Die Männer die ihr die Leichen getragen hatten, konnten ihr genau schildern wie der Arzt auf die Straße gerannt war, und später erstickte. Auch wenn sich die Erzählungen der Männer überschlugen und für ihren Geschmack ein bisschen zu ausgeschmückt waren, konnte sie doch mit Sicherheit auf eine Vergiftung mit Saft des Bohun Upas Baumes und Stramonium schließen. Stramonium enthielt ein starkes Halluzinogen und der Saft des Bohun Upas lähmte langsam alle lebenswichtigen Organe.
Die Toten waren geborgen und die Todesursachen geklärt.
„Fehlt nur noch der Mörder und ein Motiv, was mich auf seine Spur bringt“ dachte Yade. Sie besah sich die Toten noch einmal. Sie hatten keine auffälligen Besonderheiten, und ihre ehemaligen Berufe ließen sich nicht zu einem Anhaltspunkt verbinden.
„Erzählt mir etwas über diese Männer Schulze“ sagte sie und besah sich ein schmales Loch im Kopf des Brunnenopfers.
„Serga, Tuska und Mandelbaum leben schon ihr ganzes Leben hier in Rotrag.“ Der Schulze setzte sich auf einen wackligen Stuhl. Er knarrte bedrohlich, hielt aber das Gewicht.
„Sie waren wie alle in unserem kleinen Dorf sehr ehrbare Leute“ fuhr er fort. „Ich wüsste nicht, warum sich jemand die Mühe machen würde, diese armen Teufel zu ermorden.“
„Das versuchen wir ja gerade herauszufinden Schulze. Also erzählt mir, was ihr wisst.“
„Nun, alle drei waren Junggesellen. Eine eifersüchtige Frau kommt also nicht in Frage.“
„Ach es sind schlimme Zeiten, Frau Zauberin. Erst vor einem halben Jahr kam es zu äußerst brutalen und verwerflichen…Vorkommnissen.“
„Lasst euch nicht alles aus der Nase ziehen. Was ist damals geschehen?“
„Nun. Die kleine Tochter von Broff. Sie wurde…nun ja…es wurde sich an ihr vergangen.“
Yades Augen verengten sich.
„Nicht von Broff selbst, Gott bewahre. Er hätte seiner Tochter nie etwas zu leide getan. Nein es war ein Fremder, der auf der Durchreise war. Er hatte sich ein Quartier im Gasthaus genommen, doch dann…na ihr wisst ja.“
„Was ist dann geschehen“ fragte Yade.
„Der Fremde konnte von der Bürgerwehr gefasst werden, nachdem Broff schon Stunden nach seiner kleinen Sina gesucht hat.“
„Weiter!“
„Der Fremde wurde nach Wyzima ins Verließ gebracht. Der Kommandant der Wache, die ihn abholten, erzählte das er auch dort wegen ähnlichen Verbrechen gesucht wurde.“
„Und das Mädchen?“
„Sina? Das arme Kind. Wir haben sie gefunden. Draußen vor dem Dorf…“ er stockte.
„Schulze!“
„Broff ist verschwunden. Gleich nachdem wir sie beerdigt hatten.“
„Sie war tot?“
„Das arme Ding. Kurz vor ihrem neunten Geburtstag.“ Er stierte auf die dreckigen Dielen des Hauses. „Die drei und meine Frau sollten sogar noch nach Wyzima reisen, um dort als Zeugen auszusagen und dieses Verbrecherschwein an den Galgen zu bringen“ fügte er leise hinzu. „Übermorgen sollte es losgehen. Mit richterlichem Geleitschutz sogar. Jetzt wird wohl nur noch meine Frau mit ihnen gehen.“
Yade sprang so schnell auf, das der Stuhl auf dem sie eben noch gesessen hatte, umkippte und polternd auf den Boden schlug.
„Wo ist eure Frau jetzt? Schulze! Versteht ihr denn nicht? Sie ist in Gefahr!“
Der Schulze sah sie verständnislos an.
„Was zum…?“
„Der Mörder hat es auf die Zeugen abgesehen. Sie sollen nicht mehr aussagen können damit dieser Kinderschänder ungeschoren davonkommt!“
Die Augen des Schulzen weiteten sich vor Schreck. Yade konnte förmlich sehen, wie die Zahnräder in seinem Kopf einrasteten.
„Sie ist im Haus natürlich.“ rief er aufgeregt. „Mein Gott, ihr wird doch wohl nichts passiert sein? Nicht auch noch Loretta! Nicht meine Frau!“ Er lief zur Tür hinaus. Yade folgte ihm. Ihr Kleid rauschte im Wind als die durch die staubigen Straßen von Rotrag lief.
„Mein Gott Abergard. Du siehst ja aus, als hätte dich der Schlag getroffen!“ Loretta Schnarpholz stand im kleinen Garten ihres Hauses und nahm die Wäsche von der Leine. Es würde bald ein Unwetter geben.
„Loretta! Ab ins Haus mit dir. Sofort! Der Mörder will dich mördern! Ich meine, der Umbringer will dich umbringen! Ich meine…“
Noch während der Schulze vor seiner Frau herumstotterte, packte Yade sie am Arm und zog sie in das kleine Haus. Der Balken schurrte leise in der Halterung, als die Tür von innen verriegelt wurde.
Yade erzählte der Frau des Schulzen, was sie soeben erfahren hatte. Sie hatte einen Plan.
Eine alte Scheune
XIII
Die ersten Regentropfen vielen auf die staubigen Straßen. Es hatte sich ein wenig abgekühlt, war aber immer noch drückend warm. Harlequin saß auf einem Balken in einer leeren Scheune und beobachtet den Himmel durch das löchrige Dach. Er hatte fast den ganzen Tag geschlafen. Er wusste allerdings von zwei Männern, die sich auf der Straße unterhalten hatten, dass eine Magierin ins Dorf gekommen war, und alle drei Leichen gefunden und in das Haus des Heilers hatte bringen lassen. Verdammter Schulze. Holt sich eine Magierin ins Dorf, deren eigentlicher Berufswunsch wohl Detektiv gewesen war. Er machte sich keine Sorgen. Sein letztes Opfer würde mit einer durchschnittenen Kehle sterben. Es war keine Zeit mehr für große Kunstprojekte. Er ärgerte sich lediglich über den Schulzen. Dieses leicht gestrickte Gemüt würde selbst zu groß geratene Hagelkörner für eine Heimsuchung halten.
Plötzlich erregte ein weiterer Mann seine Aufmerksamkeit. Er hatte ihn aus dem Augenwinkel durch ein Loch in der Dachschräge gesehen. An dem Mann war nichts Ungewöhnliches. Er war absolut unauffällig. Zu unauffällig. Harlequin kannte dieses Verhalten sehr gut. Der Mann hatte etwas zu verbergen und spielte seine Rolle dummerweise ein wenig zu gut, als dass man es ihm abgenommen hätte.
Als der Dörfler um eine Ecke gebogen war, sprang Harlequin geschickt von dem Balken auf dem er gesessen hatte und folgte dem Verdächtigen unauffällig. Sein Spieltrieb hatte ihn einmal mehr gepackt und ließ ihn sein eigentliches Vorhaben vorläufig vergessen.
Die Straßen waren immer noch wie ausgestorben, die Fensterläden der Häuser geschlossen. Wahrscheinlich warteten alle auf das bevorstehende Gewitter dessen erste Tropfen schon auf die Dächer von Rotrag fielen. Auf dem kleinen Dorfplatz blieb der Mann stehen und wartete kurz. Seine Hand langte in eine Jackentasche und holte ein zusammengefaltetes Stück Papier hervor. Der Mann las kurz die wenigen Zeilen.
„Ein lesender Bauer? Und der will nichts zu verheimlichen haben? Jede Wette das sich gleich mit jemanden trifft und ein krummes Ding durchzieht“ dachte Harlequin, der verborgen im Schatten zweier eng stehender Häuser stand. Der Mann faltete das Papier wieder zusammen und steckte es zurück in die Tasche. Allerdings nicht weit genug. Als er seinen Weg wieder aufnahm, fiel der Zettel aus der Tasche auf die Straße. Das war schon fast zu leicht, fand Harlequin und schnappte sich das Papier nachdem der Mann um eine weitere Ecke gebogen war.
„Liebster Adrian,“ las er im gehen.
„triff mich heute nach Sonnenuntergang in der alten Scheune. Der Zeitpunkt ist günstig. Abergard wird sich während des ganzen Unwetters wieder in seiner Kammer einschließen. Er wird gar nicht mitkriegen, dass ich weg bin. Ich sehne mich so nach dir und deinen starken Armen. Deine Loretta. P.S. Bring Wein mit!“
„Ich sehne mich nach deinen starken Armen“ wiederholte Harlequin in Gedanken und grinste unter seiner Maske.
„Wenn das mal kein Zufall ist. Die schöne Loretta hat einen Liebhaber und kommt freiwillig aus dem Haus. Ein Kinderspiel.“
Er entschied sich dafür seine Opfer am vereinbarten Ziel zu erwarten. Geduckt lief er über die Straße, hielt kurz inne und lief den gleichen Weg zurück.
„Alte Scheune“ dachte er. „Wo ist das noch mal?“
Die alte Scheune war aus irgendeinem Grund in erheblich besserem Zustand, als die in der Harlequin den Tag verbracht hatte. Die Wände hatten keine Löcher, es war trocken und roch nach Heu. Er kletterte ins zweite Stockwerk und warf sich übermütig in einen großen Heuhaufen.
„Fast wie in dieser Geschichte“ dachte er grinsend, während er sich ein wenig einbuddelte, „in der so ein Irrer von Turmdächern in Heuhaufen springt“.
Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Scheunentür und der seltsame Mann steckte seinen Kopf durch die Öffnung.
„Loretta?“ rief er leise.
Nichts rührte sich. Die Tür ging ein Stück weiter auf und der Mann trat ein.
„Sehr schön“ dachte Harlequin und schob leise einen Strohhalm von seiner Nase, der ihn bedrohlich kitzelte. „Du bist der erste. Einer nach dem anderen. Solange ich noch Zeit habe…“
Der Mann stand scheinbar unschlüssig in der Mitte der Scheune, nicht sicher ob er warten sollte oder nicht. Harlequin huschte aus dem Heuhaufen auf den Rand des zweiten Stocks zu. In einer fließenden Bewegung ließ er sich vom Rand der Bretter fallen und landete nicht ganz so geräuschlos wie er wollte in einem anderen Heuhaufen. Der Mann hatte es gehört und drehte sich um.
„Hallo?“ fragte er unsicher und kniff die Augen zusammen um im Zwielicht besser sehen zu können. „Loretta? Bist du das?“
Harlequin spielte kurz mit dem Gedanken wie ein Mäuschen zu piepsen, entschied sich dann allerdings dafür sein Glück nicht unnötig herauszufordern.
Der Mann ging langsam auf die Wand zu, an der Harlequin im Heu lag.
„Komm“ freute er sich. „Komm mein Lieber. Komm noch ein Stückchen näher. Noch ein kleines Stück“.
Der Mann stand nun ein Paar wenige Schritte vom Heu entfernt. Er war groß. Mindestens einen Kopf größer als sein versteckter Angreifer.
Harlequin sprang mit einem Satz aus dem Heuhaufen. In einer Bewegung zückte er seinen langen Dolch, hielt seinem Opfer mit der anderen den Mund zu und konnte ihm so bequem die Kehle durchtrennen. Das war zumindest der Plan. Stattdessen griff Harlquin ins Leere, geriet aus dem Gleichgewicht und viel hin. In einer flinken Bewegung rollte er sich über die Schulter ab, wirbelte herum und blieb in einer geduckten, sprungbereiten Position stehen. Seine Augen huschten nervös umher und suchten den großen Mann. Der Mann war nirgends zu sehen. Harlequin blickte stattdessen in ein Paar diamantgrüne Augen. Er erstarrte.
Das Ende der Heimsuchung
XIV
Du!“ Yade stand in der Scheune. Der letzte weiche Schauer des gerade abgestreiften Illusionszaubers huschte ihr wie ein verblassender Schatten über den Rücken.
Harlequin war wenige Schritte vor ihr in einer höchst akrobatischen Pose erstarrt und glotze sie an. Er sah wirklich dumm aus, wie er dort hockte und starrte. Wie ein Schaf, das plötzlich merkt, dass es nicht auf einer Weide steht, sondern mit allerlei giftigem Gedöns gefüllt dem Drachen zum Fraß vorgeworfen wird.
„Was zur Hölle treibst du hier“ presste sie zornig hervor. „Hast du irgendeine Ahnung was das hier werden soll, wenn’s fertig ist? Gibt es irgendeinen verdammten Gedanken in deinem kleinen Menschenhirn, der nicht in deiner Dummheit ertrinkt?“
„Ich…“
„Halt den Mund!“ schrie sie ihn an. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie sie zur Faust ballen musste. „Hast du denn nichts begriffen? Warum in Teufels Namen glaubst du bin ich hier? Ich habe einen Vertrag mit dem Schulzen!“ Sie schnaubte wie ein wild gewordener Stier. „Ich soll das Dorf von einer Heimsuchung säubern!“
„Ich…“
„Ich soll dich töten!“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Yade.“ Seine Stimme war ruhig. Er hatte sich aus seiner Blockade gelöst und stand jetzt aufrecht vor ihr. Er wusste nicht wohin mit seinen Händen und strich sich unbeholfen den Schweiß an der Hose ab. „Ich weiß warum du hier bist. Ich kann mich glücklich schätzen, dass du es bist, die sich dieses Auftrages angenommen hat.“
„Warum? Warum nur lässt du dich nur immer wieder zu solchen Untaten hinreißen?“
„Yade. Sieh mich an. Wer bin ich schon? Ein Junge dem das Morden mit in die Wiege gelegt wurde. Ich kann nichts Anderes…habe nie etwas Anderes getan oder gelernt.“
„Ach, komm’ mir nicht auf die Tour!“ sagte sie. Sie hatte die Fäuste gegen die Hüften gestemmt und funkelte Harlequin finster an. „In jedem steckt ein Keim der gute Früchte tragen könnte. Du hast es doch nur noch nie versucht! Wer war es diesmal?“
„Irgend so ein Rechtsverdreher aus Wyzima. Keine Ahnung, ich habe den Namen vergessen. Die Bezahlung habe ich schließlich schon in der Tasche.“
„Herzlichen Glückwunsch!“ faucht sie. „Dafür ist dir jetzt ein mordlustiger Bauernmob auf den Fersen. Dass das Ganze hier eine Falle war, hast du jetzt hoffentlich begriffen.“
„Ich hatte es bei dem Brief schon in Erwägung gezogen…“
„Und du bist trotzdem hierher gekommen? Um trotzdem diese arme Frau zu meucheln?“
„Blieb mir denn eine Wahl?“
„Natürlich hattest du die Wahl, du Narr!“
„Wirst du mich ihnen ausliefern?“
Sie glaubte einen Funken Furcht in seiner Stimme zu hören.
„Habe ich denn eine Wahl?“ Sie seufzte und fuhr sich mit der langfingrigen Hand über das Gesicht.
Harlequins Mund verzog sich zu einem schiefen lächeln. Seine Augen funkelten wie Sterne in der Nacht.
„Grins mich nicht so durchtrieben an! Du bist ein Mörder. Ein Verbrecher der sich an Dingen vergeht, deren Ausmaße er nicht im Mindesten erahnen kann. Man sollte dich auf der Stelle am nächsten Baum aufknüpfen.“
„Und wenn der Baum einst auch nur ein verdorbener Keim war?“ Er tat einen Schritt auf Yade zu. „Wäre ich dann die Frucht die er trägt? Bin ich die Frucht meiner selbst? Ist der Baum doch nicht besser als ich, wenn er es zulässt das mich dieses abergläubische Bauernpack an ihm aufhängt.“
„Lass den Quatsch. Es ist mein voller Ernst!“
„Tut mir leid.“
„Was also machen wir jetzt?“
„Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte…“
„Halt den Mund.“ Sie dreht Harlequin den Rücken zu, damit er nicht sehen konnte, wie sie lächeln musste. „Ich kann dich nicht einfach von hier verschwinden lassen. Und ich will es auch nicht.“
„Schade.“
„Sei still. Ich muss nachdenken.“
„Wann taucht denn der Schulze hier auf?“
„Hörst du nicht?“
„Entschuldige.“
Yade setzte sich an einen Holzbalken und legte die Hand an die Stirn. Ihr silberner Armreif rutschte ein kleines Stück den Arm hinauf. Harlequin tat es der Elfe gleich, hielt allerdings ein wenig Abstand. Er konnte nicht ganz einschätzen wie weit er gehen konnte. Die Magierin war sichtlich hin und her gerissen.
„Der Schulze kommt erst, wenn ich ihn rufe.“
„Na das ist doch wunderbar.“
„Nichts ist wunderbar.“
„Während du ihn holen gehst, verschwinde ich, und du sagst ich sei dir entkommen.“
„Um mir den Zorn der Bauern zuzuziehen und meinen Ruf zu verlieren? Sicher nicht. Außerdem rufe ich ihn telepathisch du Hornochse.“
Er blickte auf den sandigen Scheunenboden.
„Klar. Zauberin. Das hatte ich nicht bedacht.“
„Du bedenkst so einiges nicht. Sie mich an!“
Er hob den Kopf und sie sahen einander einen Augeblick lang an.
„Ich werde ihn jetzt rufen“ sagte sie schließlich und schloss die Augen.
Der Schulze und sein Gefolge waren schon von weitem zu hören. Sofern man in Rotrag von Entfernung sprechen konnte. Die Bauern hatten sich mit allerlei Gerät bewaffnet und zogen mit Fackeln und Heugabeln auf die Scheune zu. Harlequin stand mit dem Rücken an einen Stützbalken der Scheune gebunden. Das magische Tau prickelte ein bisschen auf der Haut obwohl er in voller Montur dort stand.
Die Tür der Scheune flog krachend auf und das dunkel wurde augenblicklich vom Schein der dutzend Fackeln erhellt, die die aggressiven Dörfler mit sich trugen. Einer nach dem anderen drängte sich durch die schmale Tür ins innere des Heuspeichers. Als der Schulze den gefesselten Harlequin sah, stellte er sich vor seine Gefolgsleute und hob die Arme.
„Seht! Die Falle der Zauberin ist zugeschnappt. Und schaut was hineingetappt ist.“ Einige aus der Gruppe lachten. Harlequin hob den Kopf und besah sich die Menge.
„Das ist der Harlequin“ rief ein heiserer Mann aus dem Pulk. „Seht doch, sein Gesicht.“ Ein Raunen ging durch die Versammelten und einige begannen zu tuscheln.
„Nun. Ich kenne diesen Harlequin, wie du ihn nennst, nicht“ rief der Schulze gegen die aufkommende Unruhe an und straffte sich. „Aber ich hoffe er wird seinem Namen bei seiner Hinrichtung alle Ehre machen, und uns gut unterhalten.“ Wieder lachte die Menge. Selbst Harlequin konnte sich ein Grinsen unter seiner Maske nicht verkneifen. Wenn doch nur seine Lage nicht so unvorteilhaft gewesen wäre. Er ruckte an seinen Fesseln. Das Knistern der Fackeln drang an sein Ohr.
„Was für Idioten“ dachte er bei sich. „Schleppen den Funken zum Reisig“.
„Habt Dank, Frau Zauberin“ fuhr der Schulze jetzt an Yade gewand zu und verbeugte sich steif. Es war offensichtlich, dass er diese Bewegung selten ausführte.
„Ohne euch wären wir verloren gewesen.“
„Jetzt übertreibt ihr aber, Schulze.“ Yade lächelte eines ihrer einnehmensten Lächeln. „Obwohl ich die Gefahr die von diesem Meuchler ausgeht nicht leugnen kann.“
„Vielen Dank. Zu viel der Ehre“ dachte Harlequin und ruckte erneut an den magischen Fesseln.
„Legt ihn also in Ketten. Morgenfrüh soll der für seine Untaten büßen.“
Der dicke Schulze winkte drei Männern zu, die mit Schmiedeeisernen Handschellen und daumendicken Ketten bewaffnet waren. Sie kamen auf Halrequin zu. Einer zog ein kleines Jägermesser um die Fesseln zu durchtrennen und durch die Ketten zu ersetzen.
In diesem Augenblick riss Harlequin der Arme nach oben. Die magischen Fesseln flogen in die Luft und begannen sich noch im Flug von den zerfetzten Enden her aufzulösen. Einige Dörfler schrieen und stießen gegeneinander als sie begannen aufgeregt hin und her zu laufen. Harlequin achtete nicht auf sie, sondern drosch dem erstarrten Kettenmann, dem die Verblüffung ins Gesicht geschrieben stand, den Knauf seines Rondelldolches mit voller Wucht gegen die Schläfe.
Dieser stöhnte auf und sackte augenblicklich zusammen. Der Schulze schrie etwas, was er nicht verstand, doch aus der aufgeregten Menge sprangen ein paar kräftige Kerle hervor und eilten den beiden Männern, die jetzt mit dem Harlequin kämpften, zur Hilfe. Yade schoss einen Blitzzauber ab, dessen Hitze Harlequin an der rechten Gesichtshälfte spürte, als dieser ins Holz neben ihm einschlug. Einzelne Strohhalme die auf dem Boden verstreut lagen fingen Feuer.
Harequin tauchte unter einem Klammergriff weg und versetzte einem anderen Angreifer einen Tritt gegen das Schienbein. Als er sich nach einer ausweichenden Pirouette dem nächsten Mann zuwenden wollte, fiel dieser schon schlaff in sich zusammen. Harlequins Blick huschte zu Yade, die sich allerdings damit bemühte das Durcheinander der Meute zu kontrollieren. Erneut fielen zwei Männer in den Dreck. Einer durch eine Reihe von gezielten Schlägen mit Harlequins Fäusten, der andere wie vom Blitz getroffen.
Ein Licht breitete sich plötzlich im Raum aus. Harlequin dachte erst einer dieser Idioten hätte seine Fackel ins Heu geschmissen, aber es war eine Art Portal, was aus dem nichts auftauchte und in der Luft leise knisterte. Seltsamerweise schien er der einzige zu sein, der diese Veränderung wahrnahm.
„Folgt ihm“ schrie Yade durch den Lärm und deutete in die Richtung in die der Schulze Reißaus genommen hatte. Während sie sich durch die Menge zu Harlequin durchdrängelte, rollte sich dieser über den Rücken eines weiteren Angreifers ab und hieb ihm den Dolch seitlich ins Gesäß. Der getroffene Sprang unter Schmerzensschreien und Flüchen fort, doch ein anderer verpasste Harlequin einen ordentlichen Schwinger in den Magen, so dass dieser keuchend gegen einen Balken taumelte. Zwei weitere Männer kamen mit erhobenen Mistgabeln auf ihn zu, bereit zuzustoßen und ihn an den Pfeiler zu nageln.
„Das ist der Falsche ihr Pansen“ donnerte Yade und verpasste dem einen Mistgabel schwingenden einen saftigen Tritt in den Allerwertesten. Die beiden Angreifer wirken kurz irritiert und sahen dann ans andere Ende der Scheune von dem ein Ruf tönte.
„Wir haben ihn! Kommt helft ihn die Eisen anzulegen.“
Diesmal war es Harlequin der verwirrt war. Er war doch hier. Wie konnte er gleichzeitig am anderen Ende der Scheune gefasst worden sein? Die beiden Männer die eben noch bedrohlich auf ihn zugekommen waren, beeilten sich jetzt zum anderen ort des Geschehens zu kommen.
Harlequin sah seine unbehandschuhten Hände an. Sein grünes Wams spannte über dem dicken Bauch und die graue Baumwollhose saß gar unvorteilhaft.
„Wer zum Teufel bin ich?“ dachte Harlequin und fuhr sich mit der Hand über den Kopf. Kapuze und Maske waren verschwunden. Stattdessen fand er einen stattlichen Kahlkopf vor. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. „Meine Haare!“ Doch in diesem Augenblick sprang Yade heran und stieß Harlequin durch den leuchtenden Teleport der allein für ihn sichtbar in der Luft waberte.
„Ich komme gleich nach“ hörte er Yades Stimme noch in seinem Kopf verhallen während er durch ein grelles Nichts fiel.
Er landete unsanft auf einer duftenden Wiese. Sie duftete nach Pferdescheiße, wie Harlequin feststellte, als er seinen Kopf drehte und sah wie knapp er den Ursprung der Duftquelle verfehlt hatte. Er richtete sich auf und besah dich die Gegend. Er war wieder er selbst. Ansonsten gab es nichts Besonderes zu sehen, und er hatte keinen blassen Schimmer wo er war. Also wartete er.
Einige Zeit später fiel Yade aus der Luft. Wesentlich eleganter als er, denn sie landete mit wehendem Kleid anmutig auf beiden Füßen.
„Das war knapp“ sagte Harlequin und schielte zu den Pferdeäpfeln.
Yade strich den Dreck von ihrem Kleid.
„Das kannst du laut sagen. Die hätten uns beinahe aufgespießt.“
„Das auch“ dachte Halrequin und grinste.
„Ich weis nicht, worüber du immer lachen kannst“ fauchte Yade in an. „Nur damit du es weißt, das war das einzige Mal, dass ich mich zu so einer Aktion habe hinreißen lassen. Das nächste Mal lasse ich sie dich…“
„Danke“ sagte Harlequin.
Yade seufzte tief.
„Du schuldest mir 100 Kronen.“
„100 Kronen? Du wolltest mich für lächerliche 100 Kronen umbringen?“
„Was dachtest du wer du bist? Es gibt nicht einmal ein Kopfgeld für dich.“
„Daran muss ich wohl noch arbeiten.“
„Unterstehe dich!“
„100 Kronen“ grummelte Harlequin und stieß einen kleinen Stein ins Gebüsch.
„Zumindest hast du dich an unsere Abmachung gehalten und niemanden weiter umgebracht.“
„Sicher. Hat doch alles gut geklappt.“
„Ich möchte einmal mit deinen Augen durchs Leben gehen“ sagte sie und schüttelte ihren schönen Kopf. Dann spitze sie die Lippen und pfiff einen melodischen, aber fremd klingenden Ton. Es dauerte nicht lange, da waren trabende Hufe zu vernehmen und ein schwarzes Pferd kam anmutig über die Wiese auf sie zu.
„Wo willst du jetzt hin“ fragte Harlequin.
„Ob du es glaubst oder nicht, aber ich habe noch andere Verpflichtungen, als dich aus der Klemme zu holen.“
„Niemand anderes hat mich in selbige Klemme gebracht“ dachte Harlequin, hatte aber trotzdem das Gefühl, dass sie ihn gehört hatte.
„Leb wohl“ sagte Yade und schwang behände in den Sattel.
„Danke.“ Sagte Harlequin noch einmal und blickte zu ihr auf. „Ich schulde dir etwas.“
„Ich lasse es dich wissen, wenn ich es einfordere.“
„Nimm mich mit“ bat er.
Sie sah ihn noch einmal an. Ihr hübsches Gesicht war unergründlich und für den Bruchteil einer Sekunde dachte Harlequin sie würde ihm die Hand reichen um ihn hinter sich auf das Pferd zu ziehen.
„Leb wohl“ antwortete sie dann nur und stieß ihrem Pferd sanft die Hacken gegen die Flanke.
Er sah ihr nach, bis sie am Horizont verschwunden war. Dann sah er sich erneut um.
„Wo zur Hölle bin ich hier?“ dachte er. Sein Blick schweifte noch einmal über das endlose Grün. Dann marschierte aufs Geratewohl los, der Sonne entgegen.
Das Haus am See
XV
Harlequin saß an einem kleinen Tisch in der Ecke des Wirtshauses. Vor ihm stand ein Humpen kühlen Graufähnleinblutes, von dem ein süßlicher Duft nach Honig ausging. Der Wirt hatte nicht mit dem Met gespart. Die zerlaufene Kerze auf seinem Tisch flackerte unstet im Zwielicht.
Er hatte ein Auge auf die Schankmaid geworfen. Ein blondes Mädchen mit üppigen Kurven und einem hübschen Gesicht, in das sie mit jedem Trinkgeld ein schelmisches lächeln zauberte. Er nahm einen Schluck aus dem Humpen. Der frische Geschmack der ersten, frisch gepressten Kirschen dieses Jahres, zusammen mit süßem Honigwein ließen in unwillkürlich lächeln. Die Schankmaid sah zu ihm herüber und deutete diese Fröhlichkeit wohl als Aufforderung an seinen Tisch zu kommen. Sie warf ihren langen, geflochtenen Zopf mit einer lässigen Handbewegung über die Schulter zurück, stütze die Hände auf die Tischkante und sah ihm ins Gesicht.
„Na, der Herr? Was darf es denn noch sein?“
Er erwiderte ihren Blick nicht, sondern ließ seine Augen über den tiefen Einblick schweifen, den ihr Kleid in dieser vorgebeugten Haltung preisgab. An einem Tisch nahe der Tür lachte ein großer, bärtiger Mann rau auf, woraufhin seine drei Kameraden mit einstimmten und ihre Humpen aneinander stießen.
Die blonde Maid legte eine ihre schmalen Hände über ihr pralles Dekoltee.
„Ich hoffe doch nicht“ sagte sie in heiterem Ton, „dass euch solch Anblicke gleich die Sprache verschlagen, junger Herr“.
Er grinste und sah ihr in die Augen. Sie lächelte vergnügt, wobei sie eine Reihe gepflegter Zähne aufblitzen ließ.
„Ich hätte gerne ein Zimmer“ sagte er und leerte seinen Krug.
Als Harlequin am nächsten Morgen erwachte lag er allein im Bett. Verständlich, die hübsche Bedienung hatte ihn lediglich bis in den ersten Stock der Schenke geführt und zu seiner Quartiertür begleitet. Den Rest musste er wohl geträumt haben.
Er stand auf und sah sich um. An der Zimmerwand auf einem Stuhl stand eine große Schüssel mit Wasser. Bis auf eine eisenbeschlagene Truhe, dem Stuhl, dem Bett und einem Tisch war das Zimmer leer. Harlequin ging durch das Zimmer zum improvisierten Wasserbecken und hielt einen Finger ins Wasser. Es war kalt. Natürlich. Er fasste die Schüssel mit beiden Händen am Rand und hieb sein Gesicht ins kühle Nass. Sein Gesicht verzog sich unter Wasser zu einem Grinsen, als er daran dachte, dass er für einen Unbeteiligten wohl aussah, als würde er gerade versuchen sich in der Waschschüssel zu ertränken.
Nachdem er sich gewaschen hatte begann er sich gemütlich anzuziehen. Es war still. Aus der Schenke drang noch kein Lärm von speisenden Gästen.
Er ging zum Fenster hinüber und öffnete es.
Der frische Duft von Sommergräsern wehte zu ihm heran. Ein seltsames Gefühl überkam ihn. Der Duft von Sommergräsern. Nichts Besonderes im Sommer auf dem Land. Und doch spürte er eine gewisse Vertrautheit, die ihn überkam. Ein Dejavu aus Luft und Gerüchen. Ein Haus blitzte vor seinem inneren Auge auf. Ein Haus an einem klaren See. Ein Haus versteckt in einem kleinen Hain. Ein Gesicht mit großen, diamantgrünen Augen. „Yade!„ Sie rief ihn. Er konnte es fühlen. Sie rief ihn zu sich. Ließ ihn wissen wo sie war. Wollte, dass er zu ihr kam. Sie sandte ihm eine unmissverständliche Nachricht. Eine Nachricht aus Luft und Gerüchen.
Harlequin verließ Vengeberg noch am gleichen Tag, obwohl er eigentlich noch einen gewissen Dienst für den städtischen Magistrat zu erledigen hatte. Doch Geld spielte keine Rolle. Er konnte gut auf die paar lausigen Dublonen verzichten.
Der gekaufte Hengst, diesmal sogar in gewünschtem schwarz, leistete gute Dienste und sie brachten schon am ersten Tag der Reise ein gutes Stück Weg hinter sich. Die geschätzten 400 Meilen von Vengeberg zum Loc Eskalott würden ein harter Ritt werden, doch diesmal hatte Harlequin keine Zeit. Keine innere Ruhe ließ ihn im leichten Trab über die Felder reiten und die Geräusche und Gerüche aufnehmen. Eine Hast hatte ihn ergriffen, die es ihm schwierig machte sich und den Gaul nicht zu Schande zu reiten.
Es war bereits Dunkel und der Mond stand hoch. Die Hufen des schwarzen Hengstes trommelten unermüdlich auf das Straßenpflaster ein. Das Pferd schnaubte laut und das dunkle Fell glänzte hell vor Schweiß im Mondlicht. Harlequin saß weit über den Hals des Tieres gebeugt im Sattel. Der Reitwind trieb ihm die Tränen in die Augen und er zog seine Maske ein Stück höher um sich vor schwirrenden Insekten zu schützen.
Als es allmählich Dämmerte und sich die noch tief stehende Sonne durch den frühen Nebel quälte, kamen die beiden Reisenden an einem Lyrischen Gasthof vorbei. Harlequin erkannte das Wirtshaus wieder. Es war nicht mehr weit bis zum Loc Eskalott. Er hatte die Nacht über nur wenige, kurze Pausen eingelegt und machte auch jetzt keine Rast. Allerdings trieb er den erschöpften Hengst nicht mehr so erbarmungslos an, so dass er im leichten Galopp den staubigen Weg zum Wald hinunter ritt.
Bald darauf stand er im Schatten der Bäume. Den Hengst führte er an den Zügeln. Der Platz am See, an dem die Elfe vor fast genau einem Jahr gesessen hatte, war leer. An ihrer Stelle wiegte Sumpfdotter seine gelben Köpfe im warmen Wind. Es war wirklich sehr warm für diese Jahreszeit. Harlequin hatte sich seines Mantels und des dunklen Oberteils der engen Lederrüstung entledigt und auf den Sattel geschnallt. Seine langen, blonden Dreadlocks hatte er zu einem lockeren Zopf zurückgebunden.
Er schritt aus dem Wald hinaus, auf die saftig grüne Wiese. Der Hengst folgte ihm freudig erregt, durch die baldige Aussicht auf so schmackhaftes Grün. Der vertraute Geruch der Sommergräser schlug den beiden entgegen, während sie am See vorbei, in Richtung des kleinen Holzhauses gingen.
Plötzlich tauchte eine Gestalt in der Tür auf. Sie war unverkennbar weiblich und trug etwas zweiteiliges, was man ich Vornehmen Kreisen durchaus als luftig bezeichnet hätte.
Ihre schlangenartigen Haare waren zu einer hübschen Frisur verknotet und ihre diamantenen Augen leuchteten unverkennbar.
Sie musste seine Anwesenheit gespürt haben. Genauso, wie sie ihn vor einem Jahr gespürt hatte, als sie dort saß, am See und die Fischlein beobachtet hatte.
Yade lief los. Ihre nackten Füße trugen sie flink über das Gras auf Harlequin zu. Er hörte sie lachen. Sah ihr strahlendes Gesicht. Er ließ die Zügel fallen, breitete die Arme aus und rannte der hübschen Elfe entgegen.
Sie fielen sich in die Arme und küssten sich heftig. Als hätten sie seit dem Anbeginn der Zeit darauf gewartet sich eng umschlungen, in der warmen Abenddämmerung ihre Gefühle zu gestehen.
Yades Lippen waren warm und weich. Sie schmeckten nach wilder Minze und Wein aus süßen Beeren.
„Ich wusste, du würdest kommen“ sagte sie und schmiegte sich fest an ihn.
„Sicher. Du hast mich ja auch gerufen.“
„Was hat dich aufgehalten?“
„Mein Hintern. Ich werde Tagelang nicht sitzen können.“
„Keine Sorge, ich denke dafür lässt sich eine Lösung finden.“ Yade zwinkerte ihm schelmisch zu. Dann nahm sie Harlequin bei der Hand und führte ihn ins Haus. Der schwarze Rappe stand alleine da, mit achtlos fallen gelassenen Zügeln und kaute zufrieden auf einigen Bärlauchblättern.
Von da an wurde es still um die Fae und den jungen Menschen. Wie und wo sie die restlichen Jahre bis zum Beginn des RPG verbrachten ist bisher noch unbekannt. Doch eins steht fest - schlechte Jahre waren es nicht.
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12.09.2012 12:41
#6
Ritter
Solveigh vom fahrenden Volk
1.
Am Fuße der Blauen Berge, dort hat es sich zugetragen,
dort ist ein Herz zerbrochen. Es konnte den Schmerz nicht ertragen.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie riss die Augen auf und blinzelte einige Male. Es machte keinen Unterschied, ob ihre Augen geöffnet waren oder geschlossen – um sie herum war es schwarz.
Sie hatte geträumt. Er hatte vor ihr gestanden, aber sie konnte sich nicht an sein Gesicht erinnern. Wie soll man sich auch an ein Gesicht erinnern, das man so, wie es jetzt aussehen mochte, noch nie zuvor gesehen hatte? Dennoch wusste sie, dass es Davaine war, ihr Sohn. Er hatte sie in ihren Träumen aufgesucht. Er hatte sie gefunden. Solveigh fühlte sich schuldig. Sie hatte bisher noch keinen Versuch unternommen, nach ihm zu suchen, und so war er es, der zu ihr kam.
Bei Kerzenschein begann sie ihre Kleider überzustreifen und setzte sich danach auf die Bettkante. Neben ihr atmete Arthur gleichmäßig in festem Schlaf. Arthur, der jüngste Sohn eines Adelsgeschlechts aus Lyra, war einer ihrer Gönner, der sie unter seine Fittiche genommen hatte und für den sie auf seinen Banketten auftrat. Lange war es ihr gelungen, seinen Avancen zu widerstehen. Hätte sich erst einmal herumgesprochen, dass sie mit jemandem die Laken teilte, der ihr für ihre Dienste als Sängerin und Harfenistin Geld und Schutz bot, wäre ihr guter Ruf in kürzester Zeit ruiniert gewesen und auf ernstgemeinte Anfragen für Gesangsabende und Bankette hätte sie vergeblich hoffen müssen. Aber sie teilte eben nicht mit jedem das Lager. Nur mit Arthur. Und das schon seit drei Wintern. Eigentlich konnte sie von Glück sagen, dass ihre Treffen bisher geheim geblieben sind, geheim vor ihren anderen Auftraggebern, geheim vor Arthurs Familie und geheim vor seiner Frau. Vielleicht lag es daran, dass Arthur im Allgemeinen nicht als Herzensbrecher galt. Dieser Ruf war Levin vorbehalten, seinem ältesten Bruder. Arthur war eher unscheinbar. Er wirkte scheu und tollpatschig und seine ersten Avancen hatten etwas von dem Winseln eines getretenen Hundes. Aber mit der Zeit wurde er mutiger und vor allem war er beharrlich. Und sie war so unbeschreiblich einsam.
In einigen Stunden würde die Sonne aufgehen und sie würde sich auf den Weg zum Kloster aufmachen, um nach Davaine zu fragen. So lange würde sie bei Kerzenschein auf der Bettkante ausharren. Solveigh strich liebevoll mit den Fingern Arthurs nackte Schulter entlang. Wenn sie es recht bedachte, so war es besser im Schutz der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Sie erhob sich und hauchte die Kerzenflamme aus.
***
Das Kloster lag im Osten am Fuß der Blauen Berge, zwei Tagesmärsche von Lyra entfernt. Sie erreichte es nach anderthalb Tagen. Beim letzten Mal, als sie diese Reise unternommen hatte, war es früher Winter gewesen, und sie trug ihren neugeborenen Sohn an der Brust. Der Weg war länger, beschwerlicher, gefährlicher und sie war ihn gegangen, als würde sie nackten Fußes über spitze Felsen schreiten.
Jetzt war es Spätsommer und die Hoffnung bald auf Davaine zu treffen, ihn nach all den Jahren wieder in die Arme zu schließen, verlieh ihr ungeahnte Kräfte. Sie hatte Arthurs Haus mit ihren Kleidern und ihrem Umhang um die Schultern verlassen, in dem ihr kleiner Dolch steckte, und war sofort aufgebrochen. Den goldenen mit Smaragden besetzten Ring, die Armreife und den Lohn des vergangenen Abends hatte sie vorsorglich zurück gelassen, denn man konnte nie wissen, wem man auf einer solchen Reise begegnete. Um ihren Hals trug sie nur eine goldene Kette mit einem Kreuzanhänger. Nicht, dass sie besonders gläubig gewesen wäre, aber Arthur mochte den Anblick des glänzenden Kruzifixes auf ihrer Haut, wie er über dem Brustansatz bei jedem ihrer Atemzüge zitterte und im Kerzenschein schimmerte.
Sie war die halbe Nacht hindurch gelaufen, schlief bei Anbruch der Morgendämmerung für eine kurze Weile am Ufer des Jaruga, trank das klare Wasser des Flusses und nahm danach wieder ihre Wanderung auf. Sie hatte Hunger, sie hatte Hoffnung aber noch mehr als all das hatte sie Angst. Angst vor der Begegnung mit ihrem Sohn, Angst vor Davaines Fragen. Und Angst, dass er vielleicht gar nicht mehr im Kloster lebte.
***
Die schwarze Silhouette der Frau kniete vor der Statue der Heiligen Mutter Gottes, die in ein blaues Gewand gehüllt auf sie herabblickte. Ihr Gesicht war Leiden und Liebe. Das Gesicht der Frau war der Statue zugewandt und ihre Finger glitten über die Holzperlen eines Rosenkranzes, den sie umklammert hielt. „…gratia plena, dominus tecum. Benedicta tu mulieribus, et benedictus fructus ventris tui, Iesus. Sancta Maria, Mater dei…”
Das Mädchen, welches Solveigh in die Kapelle geführt hatte, drehte sich schweigend um und wandte sich zum Gehen. Solveigh hielt sie nicht auf. Sie stand im Eingang und wartete. Die Frau muss ihre Schritte gehört haben, drehte sich jedoch nicht zu ihr um. „…ora pro nobis peccatoribus nunc et in hora mortis nostrae. Amen.” Stille trat ein. Solveigh räusperte sich. “Ehrwürdige Mutter…”
Die Frau erhob sich und blickte sie an. Sie war älter geworden, aber waren sie das im Laufe der letzten 9 Jahre nicht alle?
„Ich erinnere mich an dich.“ Sie musterte Solveigh mit unbewegter Miene, während sie einige Schritte auf sie zumachte. „Lass mich überlegen. Ja, du bist das Mädchen, das uns vor vielen Wintern ihren Sohn gebracht hat.“ Solveighs Herzschlag beschleunigte sich. Die Ehrwürdige Mutter konnte sich an sie erinnern. Sie konnte sich an Davaine erinnern! So schnell die Freude sie übermannte, so schwer bemächtigte sich plötzlich eine eisige Kälte ihrer Glieder. Das Gesicht der Nonne war immer noch unbewegt, dennoch konnte Solveigh darin etwas lesen, das sie nicht lesen wollte.
„Das ist richtig, Ehrwürdige Mutter. Ich habe meinen Sohn Davaine zu Euch gebracht und Ihr habt ihn aufgenommen. Ich habe Euch um Schutz für ihn ersucht.“
„Ich weiß, ich weiß. Wir haben ihm einen christlichen Namen gegeben. Jacobus. Und warum bist du nun hier?“
Solveigh schlug die Augen nieder. Ihre Stimme war nunmehr ein Flüstern.
„Ich möchte ihn wieder zu mir holen, Ehrwürdige Mutter.“
Die schwarze Silhouette schien für einen Moment zu erstarren.
„Jetzt, nach all der Zeit tauchst du wieder auf?“
„Vergebt mir, Ehrwürdige Mutter. Mein Verhalten mag Euch verwerflich erscheinen, aber wäre es mir möglich gewesen schon früher zu kommen, bei Gott, ich hätte es getan!“
„Untersteh dich den Namen Gottes, unseres Herrn, so schändlich zu missbrauchen!“ Solveigh blicke erschrocken auf. Das Echo der Worte stand in der Kapelle und schien keine Anstalten zu machen, sich zu setzen.
„Das sieht dir ähnlich! Ein gottloses Weib, welches ihr Balg unter gottlosen Umständen zur Welt bringt und darauf vertraut, unser Heiland werde in seiner grenzenlosen Güte darüber hinwegsehen und ihr vergeben! Was, frage ich dich, hast du getan, um seine Vergebung zu verdienen? Sprich, was hast du dafür getan?“
Solveighs Augenlider zitterten, aber nicht etwa, weil sich die Tränen ihren Weg nach Draußen bahnen wollten. Sie schaute an sich herunter und wurde sich bewusst, wie sie auf die Ehrwürdige Mutter wirken musste. Sie trug noch das tief dekolletierte blaue Samtkleid vom vergangenen Bankett, auf dem sie aufgetreten war. An dessen Ausschnitt und Ärmeln wölbte sich weiße Spitze. Der schwarze Umhang konnte nicht verhüllen, wie eng sich der Samtstoff an ihren Körper schmiegte. Sie war eine Erscheinung, die nicht in diese Klostermauern passen wollte. Sie war die Erscheinung einer Frau, die sie nie vorgehabt hatte zu werden.
„Hast du gebetet? Hast du deine Sünden gesühnt? Hast du ein gottesfürchtiges Leben geführt? Ich sehe es dir an, du hast nichts dergleichen getan! Stattdessen hast du dich der Dekadenz des weltlichen Lebens hingegeben und der Sünde des Fleisches. Das Kreuz an deinem Hals kann nicht darüber hinweg täuschen, wer du wirklich bist! Nicht einen Gedanken hast du an dein Balg verschwendet! Und dann kommst du eines Tages her und glaubst, es wieder zu dir holen zu können!“
„Ehrwürdige Mutter, erlaubt mir Euch zu widersprechen. Ihr wisst nichts über mein Leben…“
„Schweig!“ Die schwarze Silhouette machte eine Handbewegung, die zu verstehen gab, dass sie kein weiteres Wort dulde. Sie ist nicht nur älter geworden, dachte Solveigh, sondern auch fett. Wie eine dunkle Gewitterwolke füllte sie den Raum aus. Ihre Lippen nicht mehr, als zwei dünne Striche in einem fleischigen Gesicht, eine aufgequollene Hand, die sich an einer Sitzbank festhielt und dabei wirkte, als würde sie das Holz der Lehne allein durch ihr Gewicht zermalmen. Der Rosenkranz baumelte schlaff um ihr Handgelenk.
„Der, dessen wegen du den Weg auf dich genommen hast, ist nicht mehr hier.“
Solveigh erschauerte. „Was meint Ihr damit, mein Sohn ist nicht mehr hier? Nicht mehr in diesem Kloster? Nicht mehr in Lyrien?“
„Er ist nicht mehr im Kloster. Ob er noch in Lyrien ist, kann ich nicht sagen.“
„Was ist passiert? Ist er weggelaufen? Ist er krank geworden?“
„Wir haben ihn vorletzten Herbst an einen Bauern verkauft.“
Solveigh wiederholte ungläubig die Worte, die an ihr Ohr gedrungen waren, aber nicht zu ihrem Bewusstsein vorstoßen wollten. „Ihr habt ihn an einen Bauern verkauft…“
„Was glaubst du denn? Wenn wir alle Bastarde, die uns auf die Schwelle gelegt werden, hier großziehen würden, wäre dies bald kein Kloster mehr, sondern… sondern…“
„Ihr habt meinen Sohn verkauft? Ihr habt mein Fleisch und Blut verkauft wie ein Stück Vieh?“
„Hört auf zu schreien. Ihr seid an einem geheiligten Ort…“
„An wen habt ihr ihn verkauft?“
„Es war ein Bauer, vermutlich aus der Gegend. Sein Jüngster war am Fieber gestorben und er brauchte helfende Hände für die Feldarbeit. Jacobus war schon sieben, alt genug…“
„Wie konntet Ihr es wagen!“ Es war keine Frage. Es war der Vorwurf einer Frau, in deren Herzen die Verzweiflung wütete.
„Was glaubst du, wie lange wir für den Bastard einer Hure aufkommen sollten? Zehn Jahre? Zwanzig?“
„Haltet Eure Zunge im Zaun, ich warne Euch!“
„Gott hat dich verlassen, Mädchen! Er hat dich und die deinen verlassen, weil dein Leben nicht gottgefällig war und diese Gottlosigkeit hatte auch dein Balg im Blut! Darum ist er weg und wir haben uns alle bekreuzigt, als er uns verlassen hat, nur damit du es weißt!“
Der Schmerz in Solveighs Herzen explodierte. Er durchdrang ihre Haut, bahnte sich seinen Weg bis in ihre Haarspitzen und ließ eine Hitzewelle von ihr ausgehen, die auch die Ehrwürdige Mutter gespürt haben musste, denn unwillkürlich ließ sie die Banklehne los und trat einen Schritt zurück. Der Rosenkranz fiel klackernd auf den Steinboden. Es klang, als würde man einem Vogel das Genick brechen. Solveigh machte einen Schritt auf sie zu und spuckte ihr ins Gesicht. Die Nonne fasste sich erschrocken an die feuchte Wange.
„Ich verfluche Euch! Ich verfluche Euch für das, was Ihr meinem Sohn angetan habt, ich verfluche Euch für Eure Gier, mit der Ihr Euch sein Leben habt auszahlen lassen! Die Erde möge sich unter Euren Füßen auftun und möget Ihr in die Ewige Finsternis fallen, wo die Maden sich durch Euren Schädel fressen und in Euren Augenhöhlen einnisten werden, von nun an bis ans Ende aller Tage!“
„Du wagst es eine Dienerin Gottes zu verfluchen, du verdammte Hexe?“ Die schwarze Silhouette zitterte nun vor Zorn. „Ja, das bist du, eine Hexe, und sobald die Stadt davon erfährt, werden dich die Menschen dort jagen! Sie werden dich jagen und sie werden dich auf dem Scheiterhaufen brennen lassen, wie eine lebende Fackel! Niemand verflucht…“
Solveighs rechte Hand griff nach ihrem Dolch unter dem Umhang, schnell und präzise, die linke nach dem Kopf der Nonne. Mit einer kräftigen Bewegung schmetterte sie diesen gegen die Lehne der hintersten Sitzbank und drückte zu, während sie den Dolch an ihre Wange presste.
„Niemand wird etwas erfahren, Ehrwürdige Mutter.“ Ihre Stimme ein hasserfülltes Zischen am Ohr der Frau. „Denn wer keine Zunge hat, der kann auch nicht reden…“
***
Die Sonne stand bereits tief am Horizont, als ein Wagen hinter ihr hielt. Solveigh drehte sich um.
„Na, wohin soll es denn gehen, junge Dame?“ Der Kutscher war ein älterer Mann, gekleidet in ein braunes Leinenhemd und eine Lederhose. Sein ergrauendes Haar lag ihm in Wellen um die Schultern. „Habt keine Angst“, setze er hinzu und hob beruhigend die Hände. „Ich bin Händler und auf dem Weg nach Riedbrune. Wenn Ihr wollt, nehme ich Euch ein Stück mit.“
Solveigh tastete unwillkürlich nach dem Stoffbündel unter ihrem Umhang. „Was wollt Ihr dafür haben?“
Der Händler lächelte schief. „Denkt nichts Falsches von mir, Kind. Wenn Ihr ein paar Pennys für mich erübrigen könnt, dann will ich damit zufrieden sein. Wenn nicht, dann teilt ein wenig von Eurem Proviant mit mir. Wie wär’s?“
Solveigh hatte weder Geld noch Proviant bei sich. Dafür die Aussicht auf einen langen Fußmarsch mit leerem Magen. Sie war erschöpft, schrecklich erschöpft.
„Ich muss nach Lyra.“
„Dann spring auf!“ Solveigh raffte ihre Röcke und sprang zu dem Händler auf den Kutschbock. „Mein Name ist im Übrigen Moroy“, sagte der Händler und setze abermals sein schiefes Lächeln auf.
„Womit handelt Ihr, Moroy?“
„Ach, mit Diesem und Jenem. Tränke, Öle, Seifen, Gewürze… alles, was die feine Gesellschaft so zu brauchen glaubt.“ Er machte ein Geräusch mit seiner Zunge, woraufhin der vor den Wagen gespannte Rappe sich in Bewegung setzte. Die Wagenräder holperten über Steine und wirbelten Staubwolken auf, die im Violett des abendlichen Himmels tanzten.
„Handelt ihr auch mit Ingredienzien?“
Moroy schabte sich mit einer Hand über sein stoppeliges Kinn und blickte sie von der Seite an. „Was habt Ihr da im Sinn?“
„Nun, zum Beispiel Harpyienzungen?“
„Harpyienzungen, sagt Ihr?“
Solveigh öffnete ihren Stoffbeutel, ein ausgerissenes Stück ihrer Ärmelspitze, das sie um den Inhalt zusammengeknotet hatte. Er war warm und klebrig feucht. Der Händler warf einen Blick hinein und zog sogleich angewidert die Augenbrauen zusammen. „Heiland, was schleppt Ihr denn da mit Euch herum?“
„Ist noch ganz frisch.“
„Ihr habt eine frische Harpyienzunge bei Euch? Ich habe in diesen Gebieten noch nie von Harpyien gehört!“
„Ich schwöre Euch, es ist eine echte. Und ich wette, dass Ihr eine solche Seltenheit nicht im Angebot habt. Sie ist alles, womit ich Euch auszahlen kann. Ihr könnt mindestens drei Orens für sie verlangen, darauf gebe ich Euch mein Wort.“ Das schien den Händler ins Grübeln zu bringen. Schließlich seufzte er.
„Wir wissen beide, dass es keine Harpyienzunge ist, nicht wahr? Aber es gibt bestimmt irgendwelche Spinner, denen ich es Glauben machen kann. Irgendwelche geistig umnachteten Quacksalber, die mir ein paar Orens dafür auf den Tisch legen würden, hm?“
„Ich denke, davon könnt Ihr ausgehen.“ Solveigh beschlich ein seltsam heiteres Gefühl. Eigentlich hatte sie vorgehabt diese Zunge dem nächstbesten Hund zum Fraß vorzuwerfen, der ihren Weg kreuzte. Sie nun als Zahlungsmittel zu verwenden bereitete ihr jedoch eine weit größere Genugtuung.
„Aber ich gehe auch ein Risiko ein“, gab Moroy zu bedenken. „Ich könnte an jemanden geraten, der diese Lüge durchschaut. Und dann muss ich mich rechtfertigen. Das könnte unangenehm werden…“
Solveigh umfasste das Kruzifix, das an ihrem Hals hing. Die Miene des Händlers hellte sich auf. Sie öffnete den Verschluss der Kette und hielt sie dem Händler hin. „Die kriegt Ihr obendrein. Sie bedeutet mir ohnehin nichts.“ Der Mann öffnete lächelnd seine Hand und das goldene Kruzifix blitze noch ein kurzes Mal in der untergehenden Sonne auf, bevor sich seine groben Finger darum schlossen.
Artaios, aus dem Keltischen für „Bär“. Heutzutage wiederzufinden in der Namensableitung „Arthur“.
„Wo bist du gewesen? Ich habe dich vermisst…“ Sie hörte Arthurs Flüstern hinter sich während seine Lippen ihren Nacken entlang strichen und seine Finger sich an ihrem Mieder zu schaffen machten. „Und wo ist dein Anhänger geblieben? Warum trägst du ihn nicht mehr?“ Solveigh drehte sich zu ihm um. Seine blonden Locken fielen zurück, als er den Kopf hob und sie verwundert ansah. Ihre Handfläche berührte zart seine Wange und drückte sie gleich daraufhin ebenso zart von sich fort.
„Ich brauche dich, Arthur“, entgegnete sie.
„Ich weiß.“ Er lächelte und wandte sich wieder ihrem Nacken zu.
„Ich brauche deinen Rat. Und noch mehr als das brauche ich deine Hilfe.“
Seit dem Vorfall im Kloster waren nunmehr drei Tage ins Land gegangen, aber die Nachricht darüber, was sich dort zugetragen hat, hatte sich bisher noch nicht bis nach Lyra herumgesprochen. Die Ehrwürdige Mutter ist bestimmt in der Kapelle von den anderen Ordensschwestern vorgefunden worden und sie hätte mit Sicherheit schriftlich über die Geschehnisse berichten können. Vielleicht stand sie noch unter Schock. Oder womöglich ist sie neben der Sitzbank verblutet, bevor man sie fand. Auf jeden Fall war es nur eine Frage der Zeit, bevor in Lyrien wegen des Vorfalls einen Haftbefehl erlassen und die Hetzjagd auf eine unbekannte Frau mit dunklem Haar und braunen Augen eröffnet wurde. Eine recht vage Personenbeschreibung, aber in Lyra gab es gewiss die eine oder andere Person, die eins und eins zusammenzählen konnte und daraus die richtigen Schlüsse ziehen würde. Solveigh blieb nicht mehr viel Zeit.
Inzwischen hatte Arthur ihr Mieder aufgeknöpft und seine Hände nahmen den ihm so vertrauten Weg abwärts in den Ausschnitt ihres Kleides. „Lass uns später darüber sprechen“, flüsterte er.
„Ich habe nicht mehr viel Zeit, Liebster.“ Er seufzte und machte dabei keine Anstalten, seinen Verdruss zu verbergen. Er hob seine Hände und schüttelte den Kopf. „Schon gut, schon gut. Also, dann reden wir. Ihr Frauen seid ja beständig in der Kunst des Redens, ganz gleich ob Königin oder Schankmagd oder…“ Er hielt inne und schien für einen Augenblick verlegen. Doch kurz darauf nahm sein Gesicht wieder einen enttäuschten Ausdruck an. Er war erst 23 und hatte als jüngster Spross seiner Familie die wenigste Verantwortung und die meisten Freiheiten. Er war so jung und unerfahren, wie er wirkte. In seinem Gesicht konnte man lesen, wie in einem offenen Buch. Eine für einen Mann nicht sonderlich rühmenswerte Eigenschaft, aber Solveigh wusste sie zu schätzen – und zu nutzen. Nicht zuletzt genoss sie Arthurs unbeschwertes Wesen und die Stunden mit ihm, in denen sie sich fühlte, als läge ihr für diese kurzen Augenblicke die Welt zu Füßen. Dies lag nicht etwa an Arthurs Raffinesse, sondern daran, dass er ihr in diesen Momenten tatsächlich mit aller Aufrichtigkeit die Sterne vom Himmel zu holen gewillt war und dies mit einem unverschleierten, gutmütigen Blick, wie er ihrer beider Situation nicht unangemessener hätte sein können. In diesen gemeinsamen Stunden war sie eine Königin.
„Verzeih“, sagte er, als er sich auf den Stuhl neben sie setzte und begann sein Hemd überzustreifen. „Ich wollte nicht… es ist nicht an mir…“ Er rang um die richtigen Worte. „Du willst meinen Rat? Hier bin ich.“
Solveigh zog sich das Herz in der Brust zusammen ob dem, was sie ihm mit den nächsten Worten antun würde.
„Ich muss fort, Arthur. Schon sehr bald.“ Sie schaute in seine grauen Augen, die sich zu weiten begannen. Sie setzte zum zweiten Hieb an. “ Ich habe einen Sohn, der jetzt neun Jahre zählt und es ist an der Zeit, nach ihm zu suchen.“ Arthur rührte sich immer noch nicht. „Ich hatte dir nie von ihm erzählt, ich weiß, aber ich habe nie jemandem von ihm erzählt. Niemand in ganz Lyra weiß, dass ich ein Kind habe.“ Sie machte eine Pause. „Nicht einmal sein Vater weiß, dass es ihn gibt.“
„Wer ist sein Vater?“
„Ich bin mit ihm aufgewachsen während meiner Zeit beim fahrenden Volk. Wir haben uns ineinander verliebt, obwohl wir wussten, dass es verboten war.“
Arthur schnaubte verächtlich. „Du musst mir nichts über Liebe erzählen, die verboten ist. Erspar uns beiden diese lächerliche Predigt.“
Solveighs Schultern strafften sich und sie rang um Fassung als sie sah, wie verletzt Arthur wirkte. „Ich werde versuchen uns den größten Schmerz zu ersparen, du hast mein Wort darauf.“ Arthur schnaubte erneut. „Als ich merkte, dass ich schwanger war, hat mich die Angst übermannt und ich bin kopfüber geflohen. Weit genug, um von meiner Familie nicht gefunden zu werden. Über die Grenzen von Aedirn hinaus bis nach Lyra. Aber da ich allein war und ihn nicht hätte großziehen können, musste ich ihn weggeben.“
„Wer hat ihn aufgenommen?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Und glaube mir, es ist besser, wenn du es nicht weißt. Bitte, sieh mich nicht so an. Was hätte dein Wissen darum geändert? Alles, was ich während unserer gemeinsamen Zeit zu dir gesagt habe, habe ich aufrichtig und von ganzem Herzen gemeint. Ich habe dich nie belogen.“
„Du hast mir nur bestimmte Details vorenthalten. Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“
„Was meine Vergangenheit betrifft, so gibt es nichts, was ich vor dir geheim gehalten hätte. Bis auf meinen Sohn. Ich habe mich nach ihm erkundigt. Es heißt, er lebt seit einiger Zeit bei einem Bauern aus der Gegend und ich muss ihn finden. Aber ich kann nicht ganz Lyrien nach ihm absuchen. Ich kann es nicht.“
Arthur machte eine knappe Handbewegung. „Ich kann es auch nicht, Sol.“
„Das weiß ich. Aber Levin kann es. Viele der hiesigen Bauernfamilien gehören zu euren Leibeigenen. Sie bestellen für euch das Land. Es wäre für Levin ein Leichtes Erkundigungen einzuziehen.“ Solveigh trat an ihn heran, sank auf die Knie und ergriff seine Hände mit den ihren. „Bitte, frag ihn.“
„Warum fragst du ihn nicht selbst?“
„Das könnte ich, aber wir wissen beide, wie Levin ist. Er würde mir diesen Gefallen nicht umsonst erweisen, auch wenn wir uns schon seit so langer Zeit kennen. Und Geld ist nicht das, was er begehrt, denn schließlich hat er reichlich davon. Es wäre nicht das, womit ich ihn für diese Gefälligkeit auszahlen müsste.“
Arthur blickte auf sie herab und hinter seinen Locken blitze es in seinen Augen auf. Er hatte verstanden. Sein Kiefer spannte sich an und dann nickte er.
„Ich werde ihn fragen.“
Solveigh lächelte erleichtert. „Ich danke dir! Ich danke dir, Arthur. Lass deinen Bruder nach einem Jungen suchen, der Davaine heißt.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Oder Jacobus. Vielleicht trägt er aber nun auch einen ganz anderen Namen. Ich weiß es nicht.“
„Glaube jedoch nicht, dass du mir keinen Gefallen dafür schulden würdest.“ Ihr Lächeln erstarb. Sie überlegte einen Augenblick. Ihr Gesicht näherte sich dem seinen, während sich ihre Augenlider senkten und ihre Lippen nach seinen suchten.
„Josephine kann kein Kind empfangen. Wir versuchen es bereits seit Jahren, aber bisher…“ Solveigh hielt inne und blickte ihn überrascht an. Er wirkte klar und kühl, wie sie ihn selten zuvor erlebt hatte. Arthur bedeutete „der Bär“. Dieser Name hatte noch nie zu ihm gepasst, aber in diesem Moment beschlich sie das Gefühl, dass sie ihn in all der Zeit unterschätzt hatte.
„Du kennst dich mit Kräutern aus. Kannst du etwas für sie herstellen, das… dieses Problem beheben würde?“
Es liegt nicht an ihr, dachte sie. Aber sie lächelte und nickte. „Ich werde etwas für sie zubereiten.“
***
Im Schein von einer kleinen Öllampe breitete sie die Zutaten vor sich auf dem Tisch aus. Sie hatte es nicht übers Herz gebracht, Arthur die Wahrheit zu sagen. An jenem Abend waren es zu viele Wahrheiten gewesen und diese eine wollte sie ihm ersparen.
Solveigh legte die Kräuter in den Mörser und zerstieß sie behutsam. Die Zutaten hatte sie Tags zuvor auf dem Markt erstanden. Sie hatte sich in ihren Umhang gehüllt und war durch die Straßen Lyras gestreift, während sie die Ohren nach Neuigkeiten und Gerüchten offen hielt. Sie hatte erwartet, dass die Kunde vom Kloster inzwischen in der Stadt Einzug gehalten hat, und so schlenderte sie durch die Gassen, stets darauf bedacht so unsichtbar wie möglich zu sein. Doch die Gespräche der Menschen drehten sich vielmehr um die Aufstände und Unruhen, die sich seit einiger Zeit unter den Anderlingen mehrten und mehr als nur einmal drang das Wort „Scoia’tael“ an ihr Ohr, ausgesprochen in dem Flüsterton einer allgegenwärtigen Furcht. Die Stimmung in der Stadt war angespannt und lag wie ein heißes Flirren in der Luft über den Dächern der Häuser. Sie musste Davaine finden, bevor es zum Äußersten kam.
In der Nordstadt, wo man sie nicht kannte, suchte Solveigh zwei Pfandleiher auf, bei denen sie einiges von ihrem Hab und Gut zu Geld machte. Wenn sie bald aufbrechen sollte, dann lieber mit einem gefüllten Goldsäckchen, als mit Geschmeide und Büchern im Gepäck. Und so ließ sie zum wiederholten Mal in ihrem Leben alles zurück, was ihr lieb und teuer war. Bei einem fahrenden Händler hatte sie ihre Tontöpfe und –krüge für zwei Orens veräußern können. Für weitere acht Orens verkaufte sie ihre Perlenkette und einen kleinen Silberring. Einer der Pfandleiher gab ihr zehn Orens für ihre Bücher und ein Paar weicher roter Lederschuhe, die zwar schön waren, für eine Reise oder lange Wanderungen jedoch nicht taugten. „Jaja, in Kriegszeiten zählt eher die bare Münze, als schnöder Krempel“, sagte er, während er die Bücher begutachtete. Solveigh zog sich der Magen zusammen. Es waren wunderschöne in Leder gebundene Ausgaben der Chroniken von Lyrien, veredelt mit einem makellosen Goldschnitt. Der Pfandleiher hielt eines davon in seinen groben Händen, als handele es sich um ein totes Huhn, das es auszuweiden galt. Er hatte keine Ahnung, was er da vor sich hatte. Sie wollte ihn fragen, warum er diesen „Krempel“ denn aufkaufe, wo er doch in diesen Zeiten nicht viel wert sei, aber sie biss sich auf die Zunge und steckte schweigend die Münzen ein. Insgesamt hatte sie an diesem Tag 28 Orens für Bücher, Kleidung, Schmuck und Tonwaren eingenommen – gerade einmal die Hälfte dessen, was sie alle zusammen wert waren, aber sie war nicht in der Situation lange und ausdauernd zu feilschen, also nahm sie, was sie kriegen konnte, wobei sie immer darauf bedacht war, so unauffällig wie möglich zu bleiben und den Fragen der Händler mit knappen Worten auswich.
Sie füllte die zerstoßenen Kräuter aus dem Mörser in ein Leinensäckchen. Es war nicht mehr, als die Rezeptur für einen Tee, der beruhigend und entspannend wirkte. Damit ließ sich Arthurs Problem nicht lösen, aber sie wusste nicht, was sie sonst tun sollte.
Noch ganz in Gedanken fuhr sie erschrocken hoch, als die Tür mit einem Ruck aufgestoßen wurde und die Gestalt eines Mannes im Türrahmen erschien. Solveigh blinzelte gegen den Lichtschein der Öllampe auf dem Tisch neben ihr an und versuchte den Schatten zu erkennen, hinter dessen Rücken die Nacht wie flüssige Seide abwärts glitt und sich über die Schwelle ins Innere ihres Hauses ergoss. Der Mann folgte ihr und schloss die Tür hinter sich. Etwas in seinen Bewegungen verriet Solveigh, dass er nervös war und noch bevor er die zehn Schritte auf sie zu machte und in den Lichtschein der Lampe trat, war ihr klar, dass es Arthur war. Sie atmete erleichtert aus, auch wenn seine Nervosität sie ebenfalls unruhig machte.
Arthur streifte die Kapuze seines Umhangs ab. „Du musst verschwinden. Heute noch!“ Ohne eine weitere Erklärung begann er ihre Lebensmittelvorräte zu durchsuchen und legte alles auf den Tisch, dessen er fündig wurde.
„Arthur, beruhige dich! Sag mir zunächst, was passiert ist!“
„Du weißt genau, was passiert ist!“ Seine Stimme klang wütend. „Du bist im Kloster am Fuße der Blauen Berge gewesen. Du hast der Ehrwürdigen Mutter… Heiland, was hast du dir dabei gedacht?“ Er hielt kurz inne und bedachte sie mit einem zornigen Blick.
Solveigh hob abwährend die Hände. „Ich wollte keine Gotteslästerung…“
„Ich pfeife auf das verdammte Kloster und ich schere mich einen Dreck um diese fanatischen Nonnen! Wirke ich auf dich wie ein gottesfürchtiger Christ? Von mir aus hättest du es in die Luft jagen können!“
„Wieso bist du dann so wütend?“
Arthur hätte am liebsten aufgeheult, aber er besann sich. „Weil du mich wieder einmal belogen hast, Sol! Und weil du uns beide damit der Gefahr ausgesetzt hast!“ Seine Stimme zischte und bebte und sie konnte es ihm nicht einmal verübeln. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie war nicht einmal in der Lage sie zurück zu halten. Arthur sah weg und packte schweigend Käse, Pökelfleisch und einen Laib Graubrot als Proviantration in einen Lederbeutel. „Du hattest deinen Sohn zum Kloster gebracht. Ich hätte es mir denken können. Wo sonst sollte eine Frau auch ihr neugeborenes Kind abgeben? Beim Dorfschlachter?“ Solveigh wischte sich die Tränen von der Wange und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er schüttelte sie ab.
„Arthur, erzähl mir doch, was passiert ist“, bat sie ihn.
„Die Ordensschwestern haben sich an die Königin gewandt, was sonst? Es sollte ein Haftbefehl ergehen und Gericht über die Täterin gehalten werden. Aber Meve ist eine kluge Frau. Statt diese Neuigkeit im ganzen Königreich zu verbreiten und die Unruhen noch mehr anzuheizen, hat sie ihre Berater ins Schloss gerufen. Mein Vater und Levin waren zugegen. Man einigte sich darauf, den Vorfall geheim zu halten und nur wenige Auserwählte zu instruieren, nach der Täterin Ausschau zu halten und sie so unauffällig wie möglich zu ergreifen und an den Hof zu bringen, wo dann hinter geschlossenen Türen das Urteil gefällt würde.“ Solveigh keuchte erschrocken auf. Während sie durch Lyras Straßen geschlichen ist und sich wunderte, dass ihre Tat bisher unentdeckt geblieben war, hatte man in Wirklichkeit unter der Decke der Verschwiegenheit längst die Suche nach ihr aufgenommen.
„Und nun stell dir vor, ich hätte Levin mit deiner Bitte behelligt Erkundigungen über deinen Sohn anzustellen.“ Er sah sie herausfordernd an. „Er hätte sich schneller einen Reim auf diese Geschichte gemacht, als wir bis drei zählen können. Eine Frau sucht nach ihrem Kind, das sie vor Jahren in die Obhut der Ordensschwestern gegeben hat und die, nachdem sie nun erfahren hat, dass diese es an einen Bauern verkauft hatten, Rache verübte und nun unbekümmert in ganz Lyrien nach ihm sucht.“
„Aber Levin hätte doch niemals…“
„Levin ist sich selbst der Nächste!“, unterbrach Arthur sie barsch. „Und er trägt als Berater und erstgeborener Sohn Verantwortung, nicht zuletzt für unsere Familie selbst. Du glaubst doch nicht, dass nur, weil du auf einigen unserer Bankette aufgetreten bist und ein paar Gespräche mit ihm geführt hast, er darüber seine Pflichten vergessen würde?“
Solveighs Beine schienen unter ihr nachzugeben. Sie griff nach einem Stuhl und ließ sich auf ihn fallen.
„Was ist mit dir, Arthur? Was ist mit deinen Pflichten?“
Er schwieg und starrte in den Lichtschein der Lampe. Sein Gesicht wirkte müde, seine Bewegungen wurden fahriger bis er endlich seine Hände auf die Tischplatte legte und für einen Moment inne hielt.
Solveigh konnte die Stille nicht ertragen. „Indem ich dir die Geschichte vom Kloster verschwiegen habe, wollte ich dich schützen. Das musst du mir glauben. Du solltest nichts davon erfahren, um nicht darin verwickelt werden.“
„Ich glaube dir“, setzte er endlich an. „Aber du hast den Plan nicht zu Ende gedacht und nun stecke ich mittendrin, ohne es auch nur vorausgeahnt zu haben. Das hätte nicht passieren dürfen, Sol.“ Er suchte nach den richtigen Worten. „Und nun ist es an mir, dich hier wegzubringen, auch wenn es meiner Pflicht zuwiderläuft. Es ist nicht richtig, aber es ist nötig und ich kann nicht anders. Wie sollte ich denn auch, wenn mein Herz mir dazu rät?“ Arthur blickte auf seine Hände herab, die immer noch bewegungslos auf dem Tisch lagen. Sie waren ebenso schlank und feingliedrig, wie Samuels, nur größer. Für eine kleine Cythara vermutlich zu groß, dachte sie. Langsam fand er seine Fassung wieder.
„Wir reiten heute noch los, Sol. Ich bringe dich bis zum Fuße des Karbon Berges. Dort wartet jemand auf dich. Frag nicht nach seinem Namen. Er wird dich auch nicht nach deinem fragen. Von da aus reitet ihr weiter bis nach Wyzima, wo meine Amme lebt. Sie ist vor vielen Jahren nach Wyzima zurück zu ihrer Familie gegangen, als meine Brüder und ich alt genug waren, um mit der Militärausbildung zu beginnen. Sie nimmt dich auf. Hab keine Angst, du kannst ihr trauen.“
Solveigh schüttelte ungläubig den Kopf. „Jetzt? Sofort? Wie soll ich nach Davaine suchen, wenn ich in Wyzima bin?“
„Wie willst du nach Davaine suchen, wenn du tot oder eingekerkert bist?“
Solveighs Lippen entschlüpfte ein leises Wimmern. Sie zog ihre Knie an die Brust und schlang die Arme um sie. Wie ein kleines Bündel verharrte sie in dieser Position, unwissend, was sie tun oder sagen sollte.
„Sol,…“ Arthur schien ratlos. Er löste seine Hände von der Tischplatte, ging auf sie zu und wieder zurück zum Tisch. „Sol, ich werde mich darum kümmern, das verspreche ich dir.“ Seine Finger trommelten leise einen holperigen Rhythmus gegen das Holz. „Hör mir zu…“
Solveigh hob ihren Kopf.
„Im Herbst suchen wir die Gehöfte unserer Bauern auf, um unsere Anteile der Ernte für den Winter einzutreiben. Ich werde es schon irgendwie so drehen, dass ich dabei sein werde. So kann ich mich ein wenig umsehen und umhören. Vielleicht finde ich etwas heraus. Normalerweise ist unser Verwalter dafür zuständig, aber mir wird schon etwas einfallen. Wir haben nur keine Zeit, das jetzt zu diskutieren. Du musst dich anziehen. Pack ein paar deiner wichtigsten Sachen zusammen und verlass die Stadt, solange die Tore noch geöffnet sind. Geh nach Westen und warte dort auf mich in der Nähe des Waldrands. Ich werde kurz darauf zu dir stoßen.“
Solveigh löste sich langsam aus ihrer Starre. Sie wusste, dass Arthur recht hatte. Würde sie noch länger in Lyra bleiben, würde man sie früher oder später fassen und vor Gericht bringen. Und wenn die Ehrwürdige Mutter sie erst einmal wieder erkannte, woran kein Zweifel bestand, so konnte ihr kein Recht der Welt mehr Schutz bieten. Man würde sie hängen oder zum Scheiterhaufen verurteilen und Davaine wäre auf sich allein gestellt. Langsam sortierten sich ihre Sinne wieder. Sie griff zu ihrem Umhang und legte sich diesen um die Schultern.
„Hast du den Verstand verloren, Frau?“ Arthur riss den Umhang herunter, der seufzend zu Boden fiel. „Willst du in einem Kleid reiten? Fast drei Tage lang?“ Sie blickte an sich herab. „Nein, ich habe nicht nachgedacht. Entschuldige.“ Sie streifte einen Ärmel ihres Kleides ab und machte eine Bewegung mit der Hand, die Arthur bedeutete sich umzudrehen. Er hob die linke Augenbraue und schaute ungläubig. Dann schüttelte er den Kopf und streifte die Kapuze seines Umhangs über. „Wir treffen uns in einer Stunde. Sei vorsichtig.“
***
Arthur hielt Wort. Sie ritten im Schutze der Dunkelheit gen Nordwesten, vorbei an Riva in Richtung des Mahakam Gebirges. Solveigh hatte nicht viel bei sich. Selbst ihre Cythara musste sie zurück lassen. Sie hatte den Proviant eingepackt, ihr grünes Baumwollkleid sowie einige warme Kleidung für den bevorstehenden Winter und ein paar Salben und Kräutertee-Mischungen. In ihrem Lederbeutel befanden sich 72 Orens. Aber sie machte sich keine allzu großen Sorgen. Sie war es gewohnt ganz von vorn anzufangen und sie würde sich auch diesmal wieder zurechtfinden. Sie umschlang Arthur noch fester und spürte seine Körperwärme an ihrer Wange. Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie an seine hochgezogene Augenbraue dachte. Leise kicherte sie in sich hinein. Und dann war es nach Mitternacht und sie erreichten den Berg Karbon.
Arthur sprang ab und hielt ihr seine Hand hin. „Komm schon“, flüsterte er. Sie kletterte vom Pferd und schaute sich um. Rings um sie herrschte Dunkelheit. „Ist er schon hier?“, fragte sie. Arthur bewegte seinen Kopf, aber sie konnte die Richtung, in der er zeigte, kaum erkennen. Doch plötzlich konnte sie ihn hören. Leise Schritte und das Atmen eines Mannes, der durch die Nacht auf sie zuschritt. Kurz darauf hörte sie auch die Geräusche von Hufen im Gras.
„Du wirst die kommenden zwei Tage mit ihm reiten. Er bringt dich sicher nach Wyzima. Ihr werdet nachts reisen und euch tagsüber versteckt halten. Ich habe ihn instruiert, also mach dir keine Sorgen. Hier…“, er holte ein gefaltetes Stück Pergament unter seinem Umhang hervor. „Das Schreiben gibst du meiner Amme. Sie heißt Mary. Gib es ihr und vernichte es, nachdem sie es gelesen hat. Hast du mich verstanden?“ „Ja.“ Solveigh schnürte sich der Hals zu. „Ich weiß nicht, wie ich dir danken kann, Arthur. Du hast mehr für mich getan, als jeder andere Mensch in meinem Leben zuvor. Ich stehe tief in deiner Schuld.“
„Nun, da war ja noch etwas…“
Sie konnte die Verlegenheit in seiner Stimme hören und wurde zugleich von schrecklichen Gewissensbissen übermannt. Sie überreichte ihm den Beutel mit der nutzlosen Teemischung.
„Sie soll den Inhalt heiß aufbrühen und ihn lang genug ziehen lassen. Jeden Abend, fünf Abende lang…“ Ihre Stimme zitterte fast.
Mit einer schnellen Bewegung verstaute Arthur den Beutel in seiner Satteltasche. Der Mann neben ihnen räusperte sich vernehmlich. Er schwang sich in den Sattel und sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand.
„Los, spring auf“, sagte Arthur und beugte sich vor, um ihr aufs Pferd zu helfen. „Sobald ich etwas über den Jungen in Erfahrung bringen kann, werde ich einen Weg finden, dich zu informieren. Pass auf dich auf!“
„Werde ich dich wiedersehen?“
Sie hörte, wie sein Schuh gegen seinen Steigbügel stieß, sein Umhang machte ein sachtes Geräusch und dann saß er im Sattel. „Amare et sapere vix deo conceditur“, flüsterte er, gab seinem Pferd die Sporen und ritt in die Nacht.
Solveigh umklammerte den Oberkörper des fremden Reiters. Er war kühl und roch nach Schweiß. „Wir können aufbrechen“, sagte sie und dann setzte sich ihr Pferd in Bewegung. Während der kühle Wind mit jeder Stunde mehr und mehr durch ihren Umhang drang und sie frösteln machte, dachte sie an Arthurs Abschiedsworte, die sie von innen wärmten, bis sie zwei Tage später Wyzima erreichten: Verliebt und gleichzeitig vernünftig sein, das kann nicht einmal ein Gott.
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15.09.2012 18:31
#7
Schaf im Wolfspelz
„Dies sind die Aufzeichnungen von Radam Sirt'ais von Lan Exeter. Um mich selbst wieder zu finden und zu verstehen was ich bin und warum ich der Mensch bin, zu dem ich mich entwickelt habe, schreibe ich hier meine Erinnerungen wieder. Vor allem Erinnerungen, die mich in finsteren Träumen heimgesucht haben, aber auch Erinnerungen, die mich am Tage überfielen. Eine Freundin, die Zauberin Sweta hat mir erklärt, dass dies mir helfen würde. Ich hege da meine Zweifel. Doch Sweta hat mir oft genug ihre Macht gezeigt, ihre magische und ihre menschlich und sie hat mich noch nie schlecht beraten. Ich solle mir alles bewusst machen und in dieses Buch nur dann schreiben, wenn ich mir dessen voll und ganz bewusst bin.
Ich erinnere mich nicht oft, aber trotzdem werde ich versuchen mein Leben hier niederzuschreiben, solange, bis ich mich selbst wiedergefunden habe – oder bis ich sterbe.“
Ban Ard, den 03. II. 1271
Nachdem Sweta mich vor den Soldaten aus Kovir gerettet hat
„Es regnet. Die Tropfen fallen in gewaltiger Zahl und hüllen mich in einen Kokon aus Wasser seinem rauschenden Klang. Meine durchnässte Jacke zieht schwer an meinen kalten Schultern. Wasser läuft mir von der Stirn ins Gesicht. Meine Hände zittern in der Kälte. Meine Augen brennen von den Tränen. Der Regen dämpft alles um mich herum. Ich höre, wie der Regen auf den Boden fällt, auf die Menschen, die nasse Kleidung. Ich höre, wie er auf den kleinen Sarg prasselt.
Der Regen dämpft alles. Die Stimme des Priesters kommt von fern heran geschwebt, doch ist sie nicht stark genug, um sich festzusetzen. Doch es ist nicht schlimm. Der Priester redet doch immer nur, weil er seine Stimme so mag. Wenn es etwas Göttliches gibt, dann hatten die Geistlichen und alles, was mit ihnen zu tun hat, nichts damit zu tun. Denn die Geistlichen haben nicht verhindert, dass dieser Sarg gefüllt wurde.
Der Regen hüllt mich weiterhin ein. Das Wasser ist eiskalt, genau wie die Luft. Ich spüre meinen Körper kaum mehr. Mein Kopf dröhnt. Heiße Tränen laufen über meine Wangen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dampfen würden.
Ich hebe meinen Kopf. Um mich herum stehen Menschen, die alle größer sind, als ich. Der Priester spricht noch immer. Vor mir steht eine Frau. Sie hat kein Gesicht, aber ich weiß, sie ist meine Mutter. Ein kochendes Gefühl des Hasses kommt über mich. Niemand hat etwas getan. Niemand.
Im Hintergrund sehe ich das große Herrenhaus. Eine weitere Woge des Hasses durchwühlt mich. Mein Mund zittert, meine Wangen fangen an zu brennen.
Die Menschen um mich herum bewegen sich. Sie fliehen aus dem Regen, rennen ins Trockene. Alle. Ich bleibe zurück. Stehe allein vor dem offenen Grab, in dem ein schief gezimmerter Sarg liegt. Der Totengräber kommt nicht. Er bleibt im Trockenen. Bei den anderen. Der Regen trommelt auf meinen Kopf.“
Toussaint, den 15. XI. 1271
Nach der Flucht durch die nördlichen Königreiche, im Exil
„Das metallische Kratzen von Besteck auf dem Teller. Er macht das immer, solange er am Tisch sitzt und die Speisen noch nicht gekommen sind. Ihm macht das aus unerfindlichen Gründen nichts aus, aber alle Anwesenden, seien es Diener oder nur der Hofstaat, allen läuft ein Schauer den Rücke hinunter und alle bekommen eine Gänsehaut.
Ich halte die Kartoffeln für die Hauptspeise auf einer Platte mit meiner abgeknickten, aufrechten Hand. Die Kartoffeln sind heiß, doch versengen sie mir nicht die Hand. Die Suppe wird aufgetragen. Endlich verstummt das Kreischen des Bestecks. Ein Seufzer geht durch alle Anwesenden. Der Herr ignoriert dies. Er stochert in seinem Suppenteller herum, auf der Suche nach etwas festerem als Rettich-Stücken. „Wie soll ich davon satt werden?“ - „Mein Herr, dies ist nur die Vorspeise.“ Mit einem lauten Knallen fiel der Diener zu Boden. Der Herr hatte ihm eine Ohrfeige versetzt. „Dir werde ich etwas von Vorspeisen lehren.“ Er nahm den Suppenteller und warf ihn, nach dem, auf dem Boden liegenden, Diener. Der zuckte zusammen und begann zu schreien, als ihm die heiße Suppe das Gesicht versengte. „Die Hauptspeise!“
Der Tross der Diener setzte sich in Bewegung, ich mittendrin. Wir gehen immer rechts am Tisch vorbei, um das Kopfende mit dem Herrn um dann vor ihm die Speisen auszuteilen. Meine linke Hand zuckt. Durch das vom Regen beprasselte Fenster sieht man das weiße Zucken eines Blitzes. Es regnet immer noch. Ihr Gesicht kommt mir in den Sinn. Ich treffe eine Entscheidung und greife unauffällig nach einem der Messer auf dem Tisch. Niemand bemerkt es. Zumindest will es niemand bemerken. Wir sind am Kopfende des Tisches angekommen. Jetzt stehe ich genau hinter diesem mörderischen Bastard. Ich werfe die Platte mit den heiße Kartoffeln der nächsten Wache zu und hebe das Messer. Die Zeit verläuft langsamer. Ich ramme die Klinge von hinten in seinen Hals. Die Anwesenden erstarren mit großen Augen im Angesicht meiner Taten in. Ich lasse die Klinge stecken und drehe mich geduckt von meinem Opfer weg. Die Arme einer Wache schließen sich über meinem Kopf. Ich trete ihm zwischen die Beine, sodass er wimmernd umfällt. Ich renne los. Hinter mit schlägt eine andere Wache der Länge nach hin. Ich nehme Anlauf und springe durch das Fenster.
Urplötzlich hat mich der Regen wieder in seiner Gewalt. Er dämpft alles um mich herum, die Schreie aus dem Turm, das Pochen in meinem Kopf. Zusammen mit den Regentropfen stürze ich in Richtung der schwarzen Flussoberfläche. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen. Der Regen verstummt. Im schummrigen Licht des Wassers schwebe ich dem Grund entgegen. Ich habe nur einen Gedanken: Bedauern darüber, dass ich nicht in sein Gesicht gesehen habe, als es mit ihm zu Ende ging. Ich schwebe weiter nach unten. Ich komme. Ich schließe die Augen.“
Toussaint, den 3. XIII. 1271
Beim Pflegen meiner Wunden
„Ich schwebe in den Armen der Götter. Funkelndes Licht umgibt mich. Schwerelos gleite ich dahin, umspielt von dunklen Schemen voller Leben. Ich fühle nichts. Kein Schmerz. Kein Bedauern. Und keine Angst. Ich bin eins mit der Welt, dem Universum und dem Lauf der Zeit. Ein sanftes, gleichmäßiges Rauschen umgibt mich. Ruhe. Ich lege den Kopf in den Nacken und sehe nach oben, wo das Licht herkommt. Es ist wunderschön. Mein Körper ist von meinem Geist getrennt. Ihr Bild zuckt ein letztes Mal vor meinen Augen auf. Morana. Es wird dunkler. Was auch immer kommen mag, es wird kommen. Ich schließe die Augen und treibe.
Krachend knallt etwas auf meinen Hinterkopf. Blitze explodieren in konzentrischen Kreisen um mich herum. Die Dunkelheit entfernt sich rasend schnell und lässt eine dröhnende Leere in meinem Kopf zurück. Etwas schlägt feste auf meine linke Schulter. Ich werde herumgerissen. Mir wird schlecht. Unter mir tut sich ein finsterer Abgrund auf, in dem Blitze laufen. Meine Schulter schmerzt. Der ganze Körper fühlt sich an, als würde er gleich zerspringen, die Muskeln brennen, die Gelenke knirschen. Meine Organe fühlen sich an, als würden sie zerquetscht, mein Herz rast und meine Lunge ist ein einziger Körperteil des Schmerzes. Ich friere. In meinem Kopf wird es voll. Gedanken und Gesichter, Wörter und Schreie wirbeln umher. Rhythmisch dringen ohrenbetäubende Schläge in meinen Gehörgang und drohen ihn zu zerreißen. Von vorne nähert sich etwas großes und schwarzes. Ich will ausweichen, aber mein Körper gehorcht mir nicht.
Eine unsichtbare Kraft drückt mich zur Seite. Ich verliere die Orientierung, schlage gegen mehrere Gegenstände. Plötzlich wird es hell. Unter mir befindet sich fester Boden. Sand. Eine unbekannte, seltsame Stimme ruft mir zu: „Atme!“ Mein Kopf will über die Stimme nachdenken. Ich kenne die Stimme. Sie ist mir vertraut. Doch mein Körper gehört wieder mir. Mit letzter Kraft drücke ich mich nach oben.
Als mein Kopf die Wasseroberfläche durchbricht, wird mir sofort schwarz vor den Augen. Gierig schnappe ich nach Luft, mehrmals, bis sich meine Lunge langsam beruhigt. Langsam sehe ich wieder etwas. Verschwommene Farben. Ich höre Stimmen, laute und leise. Mein Blick wird klarer. Direkte vor mir ist eine Reihe von Stämmen. Daneben noch eine ich hebe den Kopf und sehe über mir nur Holzbretter, die, triefend nass, knarrten und zirpten. Hinter mir höre ich Stimmen, doch in meinem Kopf dröhnt es. Wieder atme ich ein und aus. Die Luft ist kalt. Doch mein Körper ist kälter. Wieder höre ich Stimmen hinter mir. Langsam drehe ich mich um, wild mit den Armen rudernd, damit mein Kopf ja nicht wieder unter Wasser kommt. Hinter mir hören die Stammreihen mit den Brettern auf. In meinem zerspringenden Kopf bildet sich ein Gedanke. 'Es ist ein Steg!' Und hinter dem Steg dümpelt eine kleine Schaluppe, auf der drei Fischer sitzen, die mich mit großen Augen anstarren.“
Toussaint, den 7. XIII. 1271
Ein Tag nach Swetas Abreise
„Ständiges Husten erfüllte den Raum. Es war als würden sich der Staub und Dreck in den Lungen der Kinder ablagern und sie krank machen. Ich drehe mich auf meinem dreckigen Bettlaken auf die linke Seite. Sofort zucken ein paar Gesichter weg und ängstlich geöffnete Augen schließen sich. Die Kinder haben Angst vor mir, seitdem ich mich letztens auf dem Hof des Waisenhauses mit ein paar von den anderen großen Jungen geprügelt hatte. Es waren vier gegen mich gewesen, die jetzt alle in der Krankenstation lagen. Warum greifen die mich auch immer an?
Wieder hustete jemand. Morgen habe ich Geburtstag. Zumindest ist morgen der Jahrestag des Tages, an dem mich die Fischer aus dem Wasser gezogen haben. Wann ich eigentlich Geburtstag habe, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie lange ich hier war, da ich meistens in einem kleinen Zimmer ohne Fenster eingeschlossen war. Im Dunkeln merkt man nicht, wie die Zeit vergeht. Normalerweise müsste ich heute wieder dort sein, aber ein Priester war zu Besuch und hatte das Zimmer. Ob der auch im Dunkeln sitzt?
Ein Kind hustet wieder und fängt dann an zu weinen. Schritte kommen. Eine Schwester geht zu dem Kind und sieht es an, spricht mit ihm, bis es nur noch leise schluchzt. Dann geht die Schwester und holt einen der Nachtwächter. Er nimmt das Kind und trägt es hinaus. Die Schwester sieht in meine Richtung und bemerkt meine Augen. Sie legt den Finger auf den Mund und geht. Ich weiß nicht den Namen des Kindes, aber es ist das 61. Kind das nachts nach Husten nach draußen getragen wurde, während ich im Raum war. Keines der Kinder ist jemals wiedergekommen und hinter der Gartenmauer werden die Hunde wieder versuchen die Erde umzugraben.
Einmal hatte ich einen Tagwächter gefragt, wo die Kinder hingingen. Er sagte mir ich solle den Mund halten. Ich fragte wieder. Er wollte mich schlagen und ich brach ihm die Nase. Das war die längste Zeit in meiner Zelle. 257 mal wurde mir Essen gebracht. Ansonsten saß ich im Dunkeln, pisste in eine Ecke und lernte zu Träumen.
Ich drehe mich auf die rechte Seite und starre die Holzwand an. Es ist totenstill im Saal.“
Gwendeith, den 14. XXI. 1271
Beim Lesen der Adelsbibliothek
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15.10.2012 20:25
#8
Lehrling
Prolog
(Kapitel 1) Ein Tribut der Vergangenheit
Tief im Wald nahe der Provinzhauptstadt Wyzima, lag eine kleine Holzhütte nahe einer sehr kleinen Lichtung, unscheinbar, alt und von Pflanzen überwuchert.
Eine frische Frühlingsbrise die immer wieder auf brauste und abflachte, lies vereinzelte Blätter um das Haus herumtanzen und der Vollmondschein bedeckte die Szenerie mit einem gespensterhaften schönen Schein.
Irgendwo weit in der Ferne ertönte ein Heulen, wie dass eines Wolfs doch viel spitzer und bedrohlicher, gefolgt von dem melodischen Gurren einer in einem Baum sitzenden Eule.
Der um das Haus tanzende Wind aber, verschluckte zum größten Teil die Geräusche des waldes und brauste ungestüm vor sich hin.
An der Holzhütte klapperte in einigen Zeitabstand eine doppelseitige Holzklappe die vorsorglich in der Fensteröffnung eingefasst und geschlossen war.
Ein Blatt, wohl dass einer Eiche wurde durch den Wind nach oben zum Schornstein getragen wo kleine Rauchwölkchen emporstiegen, es bahnte sich seinen Weg angetrieben von der Brise den Schornstein ins innere hinab, wo man ganz unten ein kleines Feuer und das Glimmen der Flammen erahnen konnte.
Mit einem mal gab derWindstrom nach und das Blatt segelte langsam aber beständig weiter hinab bis es in dem Feuer sich legte und teil dessen wurde.
Auf einem Schemel nahe des Kamins lag eine winzige Gestalt zusammen gekauert auf einem alten und durch Staub und Asche verdreckten Kissen.
Der winzige Körper hebte sich leicht beim einatmen und sank wieder in sich zusammen wenn die Lungen die Luft wieder hinauslies.
Direkt daneben stand ein üppiger Tisch aus alter Kiefer nicht sehr viel weniger verdreckt wie der Rest der ganzen Hütte.
Überall waren auf den Tisch Pergamente und Bücher in ledernen Einschlägen verteilt die im Gegensatz recht säuberlich wirkten dennoch Chaotisch angeordnet ohne das Erkennen einer logischen Anordnung darauf verstreut.
Ein Tintenfass mit einer weißen Feder darin getaucht stand neben einem zur Hälfte beschriebenen Pergament, etwas knapp unter dem geschriebenen des Pergaments lag ein zerzauster Haarschopf, laut vor sich hinschnarchend.
Eine mit einen dicken Stoff halb verdeckte Hand lag etwas quer verschränkt vor dem Haaransatz, die Fingernägel waren lang und ungepflegt, die Hand an sich war allerdings penibel sauber gehalten.
Eine Dicke Kerze stand nicht unweit auf dem Tisch und beleuchtete das ganze mit ihrem flackernden Licht.
Das Gesicht was sich im Widerschein der Kerze spiegelte, war alt und an einigen Stellen durch falten durchfechtet, eine Brille lag Schräg mit den Bügeln auf der Nase, die Augen waren geschlossen.
Ein nicht endender Wasserschwall ergoss sich von der Felsenklippe des Wasserfalls tief hinab in ein kleines leicht bewaldetes Tal.
Rufus versuchte sich zu konzentrieren und gleichzeitig die Balance zu halten um nicht vom Strudel nahe des herabstürzenden Wassers angesaugt zu werden, leise brummelte er Wörter in einer alten Sprache vor sich hin und streckte wie als wenn er das Wasser von sich weckdrücken wollte die Arme vor seinen Brustkorb. Die Hände die auseinander gespreizt waren bebten leicht, als ob er frieren würde.
Kaum wahrnehmbar kräuselte sich zünachst das Wasser vor seinen Händen und armen um dann wie von Geisterhand immer größere Wellen zu schlagen.
Die Bewegungen gingen bald über in den gesamten Tümpel und schlugen immer heftiger an die Böschungen des Ufers.
Mit einem mal hörte das laute Rauschen des Wasserfalls auf und der Schwall der sich gerade eben noch in das Tal ergossen hatte schien plötzlich rückwärts zu fließen, hinauf an den durch Jahre der Erodierung abgeschliffenen Felskanten.
Der Sog der sich durch das hinab schießende Wasser gebildet hatte erflaute bis die Wasseroberfläche schwankend wie der Rest vor sich dahin brodelte.
Die Augen zusammengekniffen und das Gesicht in eine Grimasse verzerrt stand Rufus da immer noch Beschwörende Worte vor sich her sagend. Das Wasser um ihn hatte sich mittlerweile in eine Art Strudel verwandelt, der um ihn herumwirbelte wie ein Tornado aber ruhig in seinem Zentrum wo Rufus stand.
Wasserperlen tropften von seinem Gesicht herab, doch waren dies keine Perlen des Wassers um ihn herum sondern Schweiz der immer heftiger aus den Poren heraus zubrechen drohte.
Immer heftiger verzerrte sich sein Gesicht als der Wasserschwall immer näher der Felsklippe wo es sonst normalerweise hinabstürzte entgegenfloss wärent sich der Wassertornado immer höher um ihn aufbaute und immer mehr an Volumen zunahm.
Mit einem mal verkehrte sich die angestrengte arg verzogene Fratze die das Gesicht Rufus wiederspiegelte in eine Maske aus Schmerz und Pein, sein ganzer Körper erzitterte als würde ihn etwas schweres zu boden drücken wollen.
Schmerzverzogen sank er langsam in die Knie richtung schlammigen Erdbodens, er durfte nicht aufgeben, er konnte nicht aufgeben.
Ein Ruck durchfuhr seinen Körper und er richtete sich immer noch wie unter großer Last wieder langsam auf, dass Wasser war nun an der Felsklippenkante angekommen und wirbelte ineinander wie eine brechende Welle.
In dem Moment wo Rufus einen Blick riskieren wollte auf das um sich herum geschehende und er dazu seine Augen öffnete, erstarb der Wassertornado mit einem mal in seiner Drehbewegung und das Wasser weit oben am rande der Klippe ergoss sich Zeitgleich mit dem Tornadostrudel richtung dem aufgewühlten schlammigen Erdboden.
Im entsetzen erstarrt blickte Rufus der ihm entgegen kommenden Wassermassen entgegen, ein gewaltiger Stoss vom Wasser wirbelte ihn aus seinen festen Stand und die sich in windeseile senkenden Wassermasse spülte ihn hinfort, wirbelte ihn Unterwasser umher, zog ihn, schlug ihn unbarmherzig herum. Etwas hartes Schlug auf seinen Hinterkopf und vor seinen Augen verschwammen die tausenden von Wasserblässchen, wurden dunkler und dunkler.
Dann umfing ihn nur noch Schwärze.
Keuchend und Flüssigkeit spuckend kam Rufus wieder zu sich, seine Lungen fühlten sich an als ob sie aus glühenden Eisen wären und es fiel ihm schwer Luft zu holen.
Eine Hand schlug ihn kräftig auf den Rücken, wie man es machte wenn sich jemand verschluckt hatte.
Rufus keuchte weiterhin spuckend und das glühende Eisen was seine Lungen darstellte kühlte allmählich etwas ab.
Eine Gestalt tauchte vor seinem Sichtfeld auf was sich langsam von der Benebelung durch den harten Schlag wieder aufklärte.
Er konnte zwar nichts genaueres erkennen und auch sah er nicht wie die Lippen sich bewegten als die Gestalt zu ihm sprach:
„Da hast du aber ordentlich eine abbekommen was Jüngling?“ In sein Bewusstsein hämmerte sich die Erkenntnis wer dort zu ihm sprach, es war sein Meister.
„Was denn los mit dir kleiner?, du bist doch sonst nicht so still und quasselst mir ständig ein Ohr ab“,war wohl ein bisschen zu viel für dich was?“ Stellte er fest.
Rufus nickte leicht zur Bestätigung.
„Ach, ich habe dir doch gesagt du sollst dich konzentrieren und dich nicht ablenken lassen, jetzt siehst du was passiert“. Sagte er schroff.
„Du kannst von Glück sagen, dass ich dich noch rechtzeitig gefunden habe und einen Schutzzauber gewirkt habe, ansonsten wärst du jetzt kümmerlich ertrunken“, fuhr er weiter im nicht weniger schroffen Tonfall fort.
„Mit den Mächten des Wasserelemtes ist nicht zu spaßen, wie oft habe ich dir versucht, dass in deinen Dickschädel zu hämmern“?
Rufus spuckte noch einen kleinen Schwall Wasser aus dem Mund, seine Lungen fühlten sich fast wieder wie normal an.
„Es tut mir leid MeisterXaldin“. Gab er Kleinlaut und etwas krächzend von sich.
„Das sollte es auch, wer würde den sonst meine Böden schrubben und den anderen Rest meines Haushaltes erledigen wenn du fort bist?“ Gab Xaldin etwas sanftermit einer Note von Scherzhaftigkeit von sich.
„Es tut mir leid“ Fing Rufus an sich zu wiederholen, ihm fiel einfach nichts besseres in diesem Moment ein.
„Ach, Jüngling ist nicht so wild, dafür werde ich dir das Doppelte an Übungen aufgeben als du sonst zu erledigen hast... und dass du mir gar nicht nochmal so einen Unfug anstellst“! Fügte er noch an.
„Ja Meister Xaldin“
Rufus der mittlerweile wieder gut sehen konnte sah wie ein kurzes Lächeln über das alte und ergraute Gesicht seines Meisters fuhr.
„Nun gut denn Jüngling, lass uns zurück zum Turm gehen“.
Xaldin streckte eine knochige faltige Hand in Richtung Rufus aus um ihn beim aufstehen zu helfen, Rufus ergriff sie und mit einem leichten stöhnen seinerseits und einem etwas kräftigeren seines Meisters zog er ihn hinauf.
Rufus klopfte etwas klebrigen Schlamm und Grasbüschel von seiner durchnässten Kleidung ab und sein Blick schweifte dabei zu dem Tümpel wo der Wasserfall wie als wenn nie etwas zuvor gewesen wäre weiterhin hineinstürzte.
Sein Meister bemerkte den Blick seines Lehrlings und hob einen Finger und wedelte ihn belehrend hin und her.
„Merke dir eines Rufus“ (So nannte er ihn selten, er sagte lieber Jüngling oder Hasenfuss) „Wenn du dich mit den Elementen verbindest, versuche eins mit ihnen zu werden, nicht sie zu beherrschen, denn die Elemente lassen sich nicht beherrschen, sie geben dir einen Teil ihrer Macht wenn du dich als würdig erweist und dich ihnen respektvoll gegenüber verhältst“.
„Verstehst du was ich dir sagen will“?
„Ich denke schon Meister Xaldin“, antwortete Rufus leicht unsicher. Zu mindestens glaubte er verstanden zu haben worauf sein Meister hinaus wollte.
„Dann schreib dir dass hinter deine nassen Ohren für das nächste mal, wenn du ohne meine Erlaubnis so etwas versuchen willst“!
„Ja Meister Xaldin“.Antwortete er respektvoll und mit etwas Scham in seiner Stimme.
„Nun gut“,“mach das wir loskommen, ich habe schon genug Zeit mit deiner Spielerei verschwendet und musste deshalb extra meine Studien unterbrechen“.
Xaldin stapfte davon und lies einen zunächst noch nach Fassung ringenden Rufus zurück.
>Spielerei?< Rufus lies den Gedanken kurz im Kopf herum kreisen >Das war keine Spielerei, ich habe es fast geschafft gehabt, ich war so nah dran.<
„Hasenfuss“, „Nun bewege endlich deinen durchnässten Hintern und komm bevor ich mir noch eine Bestrafung ausdenken muss“
Wie von einem Schwarm Wespen gestochen lief Rufus los seinem Meister hinterher.
Das war das letzte was er wollte, dass Meister Xaldin sich Bestrafungen ausdachte.
Nicht dieses mal...
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