Jetzt mal ohne viel zitieren deines Posts:
Was ich halt die ganze Zeit schon extrem krass finde, ist dass du dich auf Meisteraussagen bezüglich deines Spielleiters berufst, bzw. auf deine Spielerfahrung. Ich selbst spiele jetzt seit bald 20 Jahren, als Spielleiter seit vielleicht 16. Nenne meine Sicht der Dinge Interpretation, ich nenne die Sicht deines Spielleiters Interpretation. Ich denke ich kann da auch von einer gewissen Spielerfahrung sprechen.
Da du ja schon auf ein genaues Beispiel eingegangen bist, sollten wir das wohl auch heranziehen. Nämlich Glorana.
"‘Königin’ Glorana ist die neue starke Frau im Norden Aventuriens – als Dämonologin scharte sie zunächst auf dem Rorwhed, dann in Tobrien die Hexen um sich, die ebenso wie sie die dunkle Seite Satuarias verkörpern. Mit Borbarads Erstarken und der Nagrachpräsenz im Norden ergriff sie die Gelegenheit, nach mehr Macht zu greifen, und sammelte ihre Kräfte und Gefolgsleute, um die Herrschaft zu festigen.
Der Dämonenmeister selbst profitierte von der schönen und mächtigen Frau als sein langer Arm im Norden, während die Hexe sich vor seinen Forderungen und Intrigen sicher wähnte."
(...)
"Mittel und Zeichen ihrer Herrschaft als Borbarads Statthalterin über das eisige Element erhielt sie bereits..."
(...)
"Alles das mit Nagrachs Hilfe, natürlich: Für den Pakt, den sie eingegangen ist, hat sie ihre Seele teuer verkauft ... Wer braucht schon eine Seele, wenn er ewig leben und herrschen kann? Und mit Hilfe des Erzdämons gelingt es ja vielleicht auch letztendlich, sich von dem Dämonenmeister loszusagen und ihn vielleicht sogar zu vernichten, um seine Stelle einzunehmen ..."
(...)
"Eins der Geschenke Nagrachs war, daß er ihre Schönheit und ihr Äußeres so ‘eingefroren’ hat, daß die Hexe de facto alterslos ist."
Auszug aus der offiziell downloadbaren Spielhilfe "EISREICH GLORANIA"
Was ich für meinem Teil diesem Text entnehme, ist dass die gute Frau Borbarad schon fast ziemlich ebenbürtig ist - sie will seinen Platz einnehmen, was nicht von viel Respekt für den Dämonenmeister spricht, der ja bekanntlich auch Halbgott genannt wird.
Ja, sie nennt sich Hexe. Ja, sie scharrt Hexen um sich. Im Namen der dunklen Seite Satuarias, vom Namenlosen ist hier nirgends eine Nennung. Es geht um Macht, um Dämonologie, um Paktiererei - mit Nagrach, der ihr die ewige Jugend gab. Ein Schritt in Richtung "ich schaff mir den lästigen Borbarad aus dem Weg". Definitiv eine sehr böse Hexe. Definitiv total irre und fehlgeleitet aus Margalis sicht. Aber doch irgendwie noch im Namen Satuarias, oder? In diesem Text wird nirgendwo ersichtlich, dass sie irgendwen über Satuaria, oder an deren Seite stellen will.
Was will Glorana?
Sie will Macht. Sie will herrschen. Sie will dazu ewige Jugend und Schönheit, und im Idealfall noch das Schwarze Auge Pyrdacors. Und damit sie das in Ruhe kann, will sie möglichst noch Pardona, des Namenlosen Liebling, aus dem Weg räumen, die dort oben im ewigen Eis herrschen soll.
Nirgendwo kann ich hier eine Intention entdecken, einem anderen Gott zu dienen, oder ihn gar Satuaria zur Seite zu stellen. Selbst Borbarad ist für sie nur Mittel zum Zweck. Sie hat in diesem Sinne ihre Göttin nicht verratenund verkauft, wie das bei Alriane der Fall zu sein scheint.
Zum allgemeinen Verständnis hier noch ein Auszug aus einer weiteren offiziellen Spielehilfe, der auch vieles aufgreift, das hier besprochen wurde - zum Beispiel die Sache mit dem Individualismus.
Satuaria und andere Götter
Die Töchter Satuarias folgen ihrer eigenen Religion. Nach der Legende entschlüpfte Satuaria dem Ei, das die Erdriesin Sumu in ihrem Leibe schuf, bevor sie nach dem Kampf mit Los starb. Los gilt den Hexen noch heute als Inbegriff des verstandesgesteuerten Geistes und als Mörder der Allmutter, der seinen Kindern (den Zwölfgöttern) den toten Leib Sumus zum Geschenk machte, obwohl dieser, wenn überhaupt, der Sumutochter Satuaria zustehe. Hexen, die in ihren Ansichten sehr extrem sind, stehen den Zwölfgöttern und ihren Dienern als den Mördern und Eroberern Sumus ablehnend gegenüber.
Die meisten Hexen interpretieren allerdings die Göttinnen Peraine, Tsa oder Rahja als Aspekte von Satuarias Wesen, deren Diener mit Los’ Hilfe auf Kräfte von Sumus totem Leib zugreifen können. Auch dies ist natürlich ein Grund für die Praios-Kirche, Hexen als Ketzer zu verurteilen und sie ständig zu verdächtigen, an der “zwölfgöttlichen Grundfeste der Welt zu hämmern” – ein wahrhaft schweres Verbrechen in ihren Augen.
Hexen wissen jedoch meist ausreichend über den Zwölfgötterglauben, um Lippenbekenntnisse leisten zu können – das Bekenntnis, an Satuaria zu glauben, erweckt auch heute noch Misstrauen, wenn nicht gar Feindseligkeit, unter den zwölfgöttergläubigen Menschen. Auch akzeptieren viele gemäßigtere Hexen die zwölf Götter als machtvolle Wesenheiten, die einen gewissen Einfluss auf die aventurische Welt haben. Trotz alledem kann nach ihrem Glauben der von Los stammende Zwölfgötterglaube mit seinen fremden, der eigeborenen Göttin feindlichen Aspekten die wahre Größe Satuarias nicht erfassen.
Ihnen gilt es am wichtigsten, das leidenschaftliche Erbe ihrer Mutter in ihrem Wesen und ihrer Magie zu erhalten, so dass sie sich von zwölfgöttergläubigen Menschen auch durch ihre eigene Moral ausgesprochen unterscheiden. Denn wo jene den Gesetzen der Zwölfe in ihrer Gesamtheit und denen von einzelnen Göttern im Besonderen folgen, berufen sich Hexen
auf eine höhere Gewalt: die der Gefühle. Geweihte werden von vielen Töchtern Satuarias eher gemieden – und ansonsten auf Grund ihrer sozialen Macht vorsichtshalber mit Respekt behandelt.
Ob dieser fehlenden Dualität – hier die guten Götter, dort die bösen Dämonen – sind Hexen durchaus auch bereit und in der Lage, dämonische Formeln und Kreaturen als ‘Rache der Mutter’ einzusetzen, die ihren überschlagenden Gefühlen angemessenen Ausdruck gibt. Dass diese Kräfte dem Wesen Sumus zuwiderlaufen, ist ihnen jedoch klar, weshalb unter den Töchtern Satuarias ein Dämonenpakt als ähnlich verwerflich gilt wie unter Zwölfgöttergläubigen.
Obwohl Außenstehende Hexen und die Sumu verehrenden Druiden oft in einen Topf werfen, gibt es doch grundlegende Differenzen zwischen diesen beiden Gruppen. Vor allem liegt dies an der sehr selbstbezogenen und das Individuum mit seinen Gefühlen in den Mittelpunkt rückenden Weltanschauung
der Hexen, während die Druiden sich und anderen sämtliche Entbehrungen abverlangen, um die Gesamtheit, das Gleichgewicht Sumus, zu stärken.
Ofizielle Spielehilfe "Hexen"
Anhand dieses Textes erkennt man zwar, dass die Gefühle für eine Tochter Satuarias im Vodergrund stehen, diese sind aber eben eng verbunden mit Satuaria, als Göttin eben dieser extremen Emotionen, und das ist das, was man bewahren möchte. Wieder steht da also Satuaria im Mittelpunkt. Und wenn ich das so lese, und dabei eben auch sehe, dass es eigens einen Text gibt, der andere Götter in Verbindung mit den Hexen anspricht, der Namenlose darin aber nicht auftaucht, so denke ich doch, dass eine Namenlose Hexe eher unwahrscheinlich ist. Hinzu kommt, dass man - wie ich finde - hieran gut erkennen kann, dass der Glaube an sich doch sehr einheitlich ist und keinesfalls individuell. Das wird noch deutlicher, wenn man eben die Hexennächte hinzunimmt. Das Miteinander ist geradezu Pflicht, um die Hexensalbe zu brauen.
Im gleichen Text werden dann übrigens auch die Schwesternschaften erwähnt, die sehr vorsichtig mit "Schulen" bzw. "Denkrichtungen" innerhalb der Gemeinschaft bezeichnet werden. Dass aber irgendeine dieser Schwesternschaften vom Glauben an Satuaria abweicht wäre mir neu. Sicher verehren alle Sumu, schließlich ist Satuaria ihre Tochter. Und die gesamte Mythologie der Hexen dreht sich um den Tot Sumus.
Und noch ein Punkt:
Du schreibst der Namenlose könnte vielleicht der mächtigste überhaupt sein, weil er selbst mit Fesseln noch wirken kann.
Ich denke die Hexen dürften Satuaria da als mächtiger ansehen. Die mythologische Geschichte besagt, dass Satuaria, nachdem sie von Sumu in ihrem Inneren aus einem Ei geboren wurde, voller Hass und Zorn war auf die Wesen die auf Sumus totem Leib wandelten. Bis sie erkannte, dass es jene gibt, die Sumu ebenso verehren wie sie. Diese nannte sie ihre Töchter, und lehrte sie ihre Gaben. Und damit ihre dunkle Seite nie wieder in hass derart hervor brechen konnte, band sie selbst ihre Macht in einem Ritual bis ans Ende aller Zeiten.
Vom hexischen Standpunkt aus dürfte klar sein, dass Satuaria als "Urtitanin", als direkte Tochter Sumus, die trotz ihrer Fesseln über Macht verfügt, somit die mächtigste Göttin ist. Und da nochmal die Frage: wieso sollte sich eine Hexe mit "weniger" zufrieden geben?
Die ganze Sache mit den Göttern Aventuriens ist der griechischen Antike sehr ähnlich. Sumu = Gaia. Diese hat die Titanen (Also Urgötter, was hier unter anderem Satuaria wäre) hervorgebracht, die wiederum die Götter des Olymp geboren haben (die ersten 6, also Hera, Zeus, Hestia, Demeter, Poseidon und Hades). Auch der Blutstropfen den du erwähnst ist quasi ein Produkt der griechischen Mythologie. Hier war er so, dass Uranos, der Himmel, sich Gaia bemächtigte, die unter schmerzen litt, weil er die Urgewalten (Titanen) in ihr somit gefangen hielt. Sie half ihnen Uranos zu entmannen, damit sie freikamen. Aus dem Blut das dabei auf die Erde tropfte wurden die Erinyen, die Rachegöttinnen, sowie die Giganten und die Eschennymphen. Aus dem Samen der ins Meer fiel, wurde Aphrodite geboren.
Warum ich das erzähle? Weil es eben wie gesagt sehr an die Aventurische Götterwelt erinnert und bei mir in die Interpretation miteinfließt, nachdem ich mich lange mit Religionsphilosophie und Mythologie befasst habe. Demnach sehe ich natürlich auch den Namenlosen nicht als mächtigsten Gott, sondern als Begleiterscheinung. Und wenn jemand wirklich macht hat, dann wie wir wissen Aphrodite :P
Aber zurück zum Punkt:
Satuaria ist also als Tochter Sumus eine Urtitanin, und somit unumstößlich eine Göttin. So weit ist die Hesindekirche denke ich auch schon, wenngleich viele das als Ketzerei abtun würden. Hesinde hält schließlich die Forschung in Ehren. Der eigentliche Ursprung ist Sumu. Satuaria die direkte Tochter. Warum sollte eine Hexe glauben, dass der Namenlose irgendwie machtvoller ist?
Well... however. Im Gegensatz zu dir macht mich die Diskussion leicht müde, und ich schließe den Text mal hier. Letztendlich scheinen wir uns sowieso im Kreis zu drehen. Da steht halt Meinung gegen Meinung. Und da mir die Töchter Satuarias von allen Professionen am meisten am Herzen liegen, sehe ich mich irgendwie außer Stande Hexen mit dem Namenlosen in Einklang zu bringen.