Sie erreichten die Fabrik kurz vor Sonnenaufgang und umrundeten die Mauern eine Viertelstunde lang. Da in Mordrys Auftrag nur von einem Gefangenen die Rede war und Corvus keinen Grund hatte, sich auf einen so riskanten Plan einzulassen, suchten sie die Außenmauer nach Schwachstellen ab, über die er und Malkav hineingelängten. Es war eine massive rot-braune Backsteinmauer, nur durch insgesamt fünf hohe Wachtürme unterbrochen und doppelt so hoch wie die umliegenden Wohnhäuser. Kupferne Zinken an den Oberseiten machten es noch schwerer, darüberzuklettern. Drei gigantische Fabrikschornsteine im inneren Bereich überragten Mauern und Türme so weit, dass man sie von draußen sah. Sie stießen riesige Rauchwolken in den Himmel, als produzierte die Fabrik Gewitterfronten.
Erst an der Westseite bot sich eine Gelegenheit: Ein größeres Gebäude im Innern mit unvergitterten Fenstern, dessen obere Fenster knapp über die Mauer reichten. Mordry suchte den Haupteingang allein und mit dem Inspektionsbefehl auf: Ein haushohes Fallgitter mit vier Hammeritenkriegern allein draußen. Trotz der Hitze, die durch das Fallgitter strömte, trugen sie ihre dicken Uniformen, Handschuhe und Hämmer. Ihre von den Dämpfen verfärbte und verrunzelte Haut konnte ihre freien Gesichter kaum mehr vom Leder der Uniformen abgrenzen. Das war das Markenzeichen der Wächter von St. Gutmans Feuerprobe.
Corvus und Malkav zogen sich in den Hinterhof eines Wohnhauses unweit der gefundenen Fenster zurück. Zwischen den Häusern und diesen gewaltigen, rot-braunen Mauern fühlte man sich erdrückt. Sie überschatteten die Straße vom Sonnenaufgang im Osten. Ein Durcheinander aus Schlägen von Metall auf Metall drang dumpf durch die Mauer, welche weder den Lärm noch die Dämpfe aus dem Innern zurückhalten konnte. Über der Straße lag ein braun-schwarzer Nebel. Man glaubte, man könne ein Stück davon mit einem Messer herausschneiden. Es kratzte im Hals, fraß sich in alle Häuserwände und verbreitete stickigen, schwülen, schwefeldurchsetzten Dunst.
»Viele der Häuser im Umfeld stehen leer oder werden fast verschenkt, sagt man sich. Wie unerträglich muss es erst drinnen sein?«, hustete Corvus.
»Mhm«, summte Malkav zustimmend und ebenso abwesend. »Weck' mich, wenn's los geht, sonst halt die Klappe...«
Er versuchte aus einer Regentonne zu trinken, spuckte die verdreckte Brühe aber sofort wieder aus. Selbst der Regen schaffte es offenbar nicht unvergiftet hinunter. Er legte sich in eine Ecke zwischen Tonne und Wohnhaus, versuchte zu schlafen und schreckte mehrmals von kleinen Geräuschen auf.
Inzwischen hörte er Slyven überall oder sah ihn in den Augenwinkeln, selbst in einem stillen, menschenleeren Raum. Dafür sorgte die tagelang angesammelte Müdigkeit. Selbst hier wollte er nicht länger als eine halbe Stunde bleiben. Kein Schlupfwinkel blieb lange unentdeckt vor seinem Verfolger. Wenn Malkav in eins dieser Verstecke zurückkehrte, fand er Verwüstung, oft auch tote und verstümmelte Leute und Obdachlose. Es war, als beruhige sich der Choleriker einfach nicht.
Bisher hatte Malkav gespürt, wenn ihn jemand beobachtete. Ständig fielen ihm unter Passanten Gesichter auf, die er zuvor an einem anderen Ort gesehen hatte, manchmal in unterschiedlicher Kleidung. Ob sie unauffällig wirkten oder nicht, er prägte sich aus Gewohnheit jedes Gesicht jedes Menschen ein, darum blieben Beschatter nie lange unentdeckt. Doch jetzt war das anders. Heute war es der dritte Morgen seit dem letzten Schlaf. Seitdem bewegte er sich fast pausenlos durch die Stadt, mied jeden Passanten, rannte durch Kanalisation und Wasserrohre, über niedrigere Dächer, in Heuwägen versteckt, betrat Mehrfamilienhäuser und verschwand zur Hintertür. Das Gefühl konnte er nicht abschütteln. Versuchte er in irgendeinem Versteck zu schlafen, dauerte es keine Stunde, bis Sly die errichteten Barrikaden niederriss und ihn zu einer Flucht mit Blasen und Stechen in den Füßen zwang. Er nutzte jede Pause, fürchtete sich jedoch einzuschlafen. Es war ein Ausdauer-Wettkampf, den Sly noch eine Woche weitertreiben konnte, er jedoch keinen weiteren Tag.
Er schreckte auf. Corvus hatte ihn geweckt. Aus dem hohen Fenster, das über die hohe Mauer ragte, hing das Seil. Sie schleiften ihre Kleidung über die Backsteinmauer, um sie mit einer tarnenden rot-braunen Dreckschicht zu bedecken, ehe sie hinaufkletterten. Dass die Wachtürme oder die spärlichen Fußgänger sie nicht entdeckten, verdankten sie dem Nebel, dem Schatten der Westseite, den Dimensionen der Anlage und einer gewaltigen Portion Glück. Die lange Kletterei raubte beiden die Kräfte, doch Malkav fühlte sich inzwischen zu betäubt, um der tödlichen Höhe eine Regung entgegenzubringen. Bis das Adrenalin ihn aufweckte, zogen die anderen beiden ihn schon hinauf.
»Sieht nicht gut aus«, sagte Mordry, der offenbar nicht weniger schwitzte, obwohl er gar nicht hatte klettern müssen. »Die Kerle sind vielleicht stur! Sie wollten mich erst nicht hier hereinlassen.«
Sie befanden sich in einem der oberen Stockwerke eines Verwaltungsgebäudes, genauer im steinernen Treppenhaus davon. Unten, so sagte Mordry, befanden sich die Wachbaracken und eine Kapelle, über ihnen Büros und Privatgemächer der Höhergestellten. Eine Vielzahl von Hammerschlägen auf Metall drang durch die Wände und hallte im Treppenhaus wieder.
»Verdammt heiß hier drin. Die Gefangenen sind scheinbar fast immer in der Arbeitshalle, im Innenhof sind einige Hammeriten. Es passt ihnen nicht, dass ich ihr "undurchdringbares Bollwerk" auf den Kopf stelle. Sie haben überall Alarmknöpfe, angeblich aber auch andere Möglichkeiten Alarm zu schlagen.«
»Trillerpfeifen und Glocken, hm? Dann können wir uns die Generatoren wohl sparen...«, seufzte Corvus.
»Wenn eine Schraube nicht an ihrem Platz liegt, laufen alle Amok. Schaden würde es nicht. Die Sonne dringt kaum durch diese Rauchwolke. Ohne die vielen Scheinwerfer wäre es stockduster, mit euren Dreckklamotten könntet ihr sogar eine Chance haben.«, bemerkte er. »Neben diesem Gebäude gibt es eine große Arbeitshalle, das Haus mit den Schornsteinen, dazwischen ein Verbindungsstück... und der Speisesaal und die Baracken der Gefangenen. Also insgesamt fünf größere Gebäude.«
»Die Generatoren für Licht und Alarm müssen zwischen der Arbeitshalle und den Schornsteinen liegen, in diesem Verbindungsstück, vermutlich recht tief. Sie gewinnen Energie aus der überschüssigen Wärme.«, meinte Corvus. »Vielleicht erledige das besser ich. Wenn wir das falsche Stück sprengen, wird der Dampf nicht mehr durch die Schornsteine abgeführt. Dann ist nicht nur unser Fluchtweg zerstört, sondern alle werden vergast.«
»Die Rauchschlote sind nicht weit entfernt.«, erklärte Mordry. »Man sagte mir, es dauert etwa eine Dreiviertelstunde zur Morgenpause, dann darf ich zu den Gefangenen in den Speisesaal. Bei den vielen Wachen habe ich wohl die besseren Karten, Mareju herauszuziehen und die Schornsteine hinauf zu bringen. Vorausgesetzt, du sorgst rechtzeitig für deine Ablenkung, Corvus.«
»Dann übernehme ich die Schlote.«, sagte Malkav. »Ich brauche also nur die Zufuhr für zwei davon abzudrehen?«, frage er Corvus.
»Ja, ZWEI. Dann wird alles über den dritten Schlot in die Luft gepumpt, sobald die Arbeiter weiterarbeiten. Die Ventilräder wirst du erkennen, wenn du ganz unten bist. Sobald die Arbeiter weitermachen, wird der Rauch über einen einzelnen Schornstein abgeleitet. Wenn das klappt, dann nur so...«
»Es wird klappen. Wir beide und Mareju werden federleicht sein mit diesen Tränken.«, versicherte Malkav und rieb sich die Stirn. »Mir tun die ganzen Gefangenen hier leid... Gehen wir nochmal alles durch.«
»Ich«, sagte Mordry, »muss erst noch ein Medaillon für meinen Kommandanten finden.«, die anderen beiden stöhnten. »Vielleicht ist es oben, ich weiß nicht. In einer Dreiviertelstunde läuten die Glocken zur Pause. Dann werde ich in den Speisesaal gehen und Mareju finden. Corvus, du musst bis dahin deine Minen platziert haben. Lass mir fünf Minuten nach dem Gong, dann zünde sie. In dem Chaos kann ich Mareju befreien und aus der Schussbahn ziehen, hoffentlich lange genug. Malkav, in der Zwischenzeit wirst du in das Gebäude der Rauchschlote heruntersteigen und zwei der drei abdrehen. Haltet euch versteckt, bis die Pause zuende ist, und sucht etwas, was ihr als Planen benutzen könnt. Wenn die Arbeiter weitermachen und der Rauch durch einen Schornstein tritt, trefft ihr euch mit Mareju möglichst weit oben bei den Schornsteinen. Vergesst die Tränke und Planen nicht. Danach... hofft ihr besser, dass das klappt.«
»Wenn es soweit ist, haben wir sehr wenig Zeit, sonst stoppen sie die Arbeiter und damit den Rauch. Dann müssen wir schon draußen-«
»Eindringlinge!«
Die drei schraken alle überrascht auf, als am oberen Fuß der Treppe ein Hammerit aufgetaucht war. Der umgebende Lärm hatte seine Schritte vollkommen übertönt.
Der riesige Mann zog seinen Streithammer, stürmte herunter und schwang ihn beidhändig in die Dreiergruppe, welche auseinander sprang. Die drei zogen ihre Waffen, doch die Treppe erschwerte das Ausweichen und ein Sturz übers Geländer wäre tödlich. Es gab wenig Raum, dem langen Streithammer auszuweichen.
Ein heller Lichtblitz erhellte das Treppenhaus, eine von Corvus Blitzbomben. Der Hammerit rief ein wildes Durcheinander aus Beleidigungen und "Erbauer"n, kniff die Augen zu und schwang seinen Hammer blind umher, während er schnell tiefer stieg. Auch Malkav hielt sich das verbliebene Auge und tastete sich schnell das Geländer entlang herunter. Der Hammerkopf sauste nach seinem Schädel, verfehlte ihn knapp und schlug ein Loch in die Wand. Steinsplitter flogen.
Corvus nahm den Hammeriten mit der Armbrust aufs Korn, wollte abdrücken... doch in diesem Moment stieß Malkav blind in ihn hinein. Der Bolzen peitschte gegen die Wand knapp hinter dem rasenden Hammeriten, der seine Sehkraft wiedererlangte. Ein zweiter Bolzen streifte nur seine dicke Lederrüstung. Corvus folgte den anderen beiden hinunter, zielte und schoss erneut. Er traf den Krieger im linken Oberschenkel, was diesen kaum zu bremsen schien. Rot wie seine Uniform jagte er sie weiter herunter, holte auf, schwang den Hammer nach Corvus. Dieser sprang davor zurück, stolperte über den Treppenabsatz und fiel mehrere Stufen nach unten. Den Hammer schwingend rannte der Hammerit hinterher, holte mit seiner Waffe aus, doch ehe er zuschlagen konnte, flog etwas zwischen ihn und sein Opfer. Ein weiterer Lichtblitz tauchte das Treppenhaus für eine Zehntelsekunde in blendendes Weiß. Der Hammerit blieb kurz erstarrt, ehe er seine Augen wieder öffnete. »Nochmal werde ich nicht auf euren schändlichen Trick...«, begann er noch, ehe er von einem Bolzen im linken Oberarm zurücktaumelte und brüllte. Corvus hatte im Liegen auf den Mann geschossen. Blind, denn nun kniff ER schmerzvoll die Augen zusammen.
»Ah, verdammt, warnt mich doch mal!«, rief Malkav, welcher ebenfalls nicht mit Mordrys Bombe gerechnet hatte und sich erneut das verbliebene Auge zuhielt. Er riss den Verband vom rechten, unversehrten Auge, rannte wieder hinauf und zog Corvus weg, sodass der folgende Hammerschlag ihn knapp verfehlte und ein tiefes Loch in die Stufen schlug, auf denen Corvus vor einer Sekunde gelegen war.
Der Hammerit riss sich wutschnaubend den Bolzen aus dem Oberarm, stierte die beiden Schwertträger und Corvus an, welcher seine Armbrust wieder aufspannte – und rannte wieder nach oben.
»Brüder! Steht mir bei gegen diese-«, rief er dabei, bis ihn ein weiterer Bolzen im Rücken traf und ins Straucheln brachte. Ehe sie ihn einholten, wendete er sich um und warf ihnen den Hammer quer entgegen. Der Stiel der mächtigen Waffe warf alle drei zu Boden, während der Hammerit weiter nach oben humpelte. Corvus verschwendete keine Zeit aufzustehen, sondern schoss einen Bolzen. Der Mann fasste sich stöhnend die Seite und stürzte aufs Knie, lief jedoch weiter, während Mordry und Malkav aufholten. Als sie ihn einholten, schwang er sich um und schlug mit behandschuhter Faust nach ihnen. Mordry entging ihr, Malkav riss reflexartig den Unterarm davor hoch und flog fast über das Geländer. Mordry schlug mit dem Schwert zu und bekam gleichzeitig eine weitere Faust in die Rippen gerammt. Der Kopf des Hammeriten knallte gegen die Wand, als ein letzter Bolzen ihn links durch die Schläfe traf.
Als der Hammerit mit aufgerissenen Augen und gequält eingefrorener Visage nach vorn starrte, erwarteten sie fast, dass er gleich wieder aufstand. Malkav rieb und schüttelte seinen schmerzenden Unterarm, Mordry hielt sich die Rippen.
»Verdammt, St. Gutmans Hammeriten sind zäh! Der hätte uns alle drei plattgemacht! Wäre es nicht so laut hier, hätten wir nochmal fünfzig am Hals, oder hundert. Ich hab ihn gar nicht kommen hören...«, sagte Malkav.
»Bei diesem Krach kein Wunder. Ein Vorteil und gleichzeitig ein Nachteil für uns. Wie viel Ausrüstung habt ihr noch?«
Corvus meinte »Der kostete eine Menge Munition... ich hab noch zwei Blitzbomben.«
»Ich hab keine mehr.«, sagte Mordry.
»Gut so! Dämliche Dinger!«, schimpfte Malkav und zog sich den Verband zurück über das scheinbar unversehrte Auge, ohne etwas dazu zu sagen. »Ich hab noch eine. Und das Schwert und den Trank natürlich. Die behalte ich bei mir, bevor ihr sie mir wieder ins Gesicht werft. Eine kleine Warnung, ein vereinbartes Wort nächstes mal...«
»Kümmert euch um die Leiche, ich mache diese Steinsplitter und das Blut mit meinen Wasserbolzen weg. Dann müssen wir los! Die Zeit läuft.«








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Zum Blauen Reiher [Geschichten Thread] - #3










