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View Full Version : Staub zu Staub



Ceyx
09.01.2005, 23:45
Seine Füsse wirbelten Staub auf.
Vielleicht war dies einer dieser Momente, in denen man sich selber ansah und sich selber sah und alles sah, so wie es war und nicht anders konnte, als zu sterben und wieder zu leben, neu geboren, neu gemacht, neu...
Oder so...

Auf jeden Fall wirbelten seine Füsse Staub auf.
Und er blickte an sich herab, auf seine Füsse und den Staub, der unendlich langsam um seine Beine tanzte und frage sich warum. Obwohl er ja wusste, dass diese Frage kaum eine Rolle spielte, diese Frage nach warum, die sich aufreihte mit all den anderen Fragen, dem wann und wo und vielleicht auch nach dem wer. Das spielte doch alles keine Rolle.
Oder kaum eine Rolle.
Schwierig zu sagen...

Irgendwann wurde ihm klar, dass er nur hier stand und den Staub, den seine Füsse zuvor aufgewirbelt hatten, anstarrte, als läge im Wirbeln die Antworten all dieser Fragen, die ihn immer noch quälten. Auch wenn es gar nicht wirklich Fragen waren, es waren stumme Aussagen, solche die einfach da waren und immer wieder auf ihr Opfer nieder fuhren in jenem Moment, in dem er es am wenigsten erwartete, wie Dolche, hunderten gleich, Speerspitzen, schnelle und tödliche, Schwertsreiche, elegant geführte, die allesamt Wunden hinterliesen, lange, klebrige Blutstropfen, die quälend langsam über bleiche Haut fuhren, Lebensaft, der tödlicherweise in den Staub viel und im trockenen Boden einfach versank.

Du Narr. Du kleiner Narr. Du kleiner, hilfloser Narr, du. Narr.

Jedes einzelne Nackenhaar stellte sich in seinem Nacken auf, als er diese Stimme erkannte. Verdammt, er hatte gleich gewusst, dass er hier war, hatte es gleich vom Moment an gewusst, als er den Staub zu seinen Füssen angestarrt hatte. Er hatte es gewusst und er hatte es nicht wahrhaben wollen. Narr.

Der Staub zu seinen Füssen verschwand mit einem Male, vermischte sich mit den Sonnenstrahlen, die zu goldenen Drachen wurden, solche ohne Füsse, nur mit brennenden Schwingen, die langsam zu Boden sanken und den Staub zu Kochen brachten, zu einem hellen, gleisenden Licht, in welchem Ceyx nur ein Schatten war, ein schwarzer Fleck inmitten einer Welt, die nur aus wunderschönen Licht bestand.

Ja, er war wirklich ein Narr.
Das wusste er spätestens, als er inmitten eines Reisfeldes seine Gestalt wiederfand.

Ceyx
11.01.2005, 23:11
Seine Hand fuhr hinunter, tauchte in das dunkle, undurchsichtige Wasser ein, doch da war nichts, was er hätte erfühlen können und es schien ihm ziemlich sicher, dass die Welt jenseits der undurchsichtigen Mauer des Wassers einfach aufhörte zu existieren.

Mit langsamen Schritten ging er schliesslich auf den Rand des Reisfeldes zu und für einen Moment sah er die üble Schreckensvision vor sich, wie die Abgrenzung zu festem Land sich immer weiter und weiter von ihm entfernte, je näher er zu kommen versuchte, Schritt für Schritt um zwei Schritte von ihm wegglitt, mit einem Grinsen, das über die nackten Gräser strich und ihn wohlwissend und anklagend anstarrte.

Er wusste nicht wieso, aber der Gedanke, auf ewig in diesem Reisfeld gefangen zu sein, erfüllte ihn mit einem kalten Schauer von Panik.

Narr. Natürlich weisst du genau, warum die Panik dich erschleicht.
Natürlich wusste er genau, warum die Panik ihn erschlich.
Natürlich wusste er genau, dass er diesen Gedanken zu verdrängen suchte.

Allen Ängsten zum Trotz erreichte er den Rand des Reisfelds doch, als wäre er normal gegangen und als wäre das feste Land nicht grinsend vor ihm geflüchtet. Er fragte sich, ob er sich fragen sollte, was er eigentlich hier tat, wie es jeder andere an seiner Stelle wohl getan hätte, kam sich aber närrisch vor, Antworten zu suchen zu Fragen, die wohl keine Rolle spielten.

Abgesehen davon, was es spielte schon eine Rolle? Was geschah, geschah und niemand konnte etwas daran ändern. Und genau so schien es Schicksal zu sein, dass hier, wo alles einst anfing, auch alles enden sollte.

Ende.


Ende? Narr!

Ceyx
14.01.2005, 23:02
Die Nacht fiel vom Himmel.
Und die Welt veränderte sich, erst langsam, nun immer schneller, so dass er sich fragte, wie lange er noch ignorieren könnte. Wie lange er noch weitergehen könnte, wie eine Spielzeugsoldat, ohne zu Denken und ohne zu Handeln.
Wie lange würde es noch gehen?

Aber er hatte eigentlich an Veränderungen gedacht.
Es waren kleine Rinnsale aus Blut gewesen, zuerst, die am Boden geflossen waren, so, dass er anfangs selbst nicht sicher gewesen war, ob es er war, der blutete.
Es war nicht sein Blut.
Dann waren aus den Rinnsalen Pfützen geworden, dann ganze Seen, die dampfend seinen Weg markierten, den er gehen sollte. Und dann waren die Gestalten gekommen. Direkt aus den Blutseen waren sie gestiegen, Schatten gleich, so dass er es immer noch erfolgreich sich einreden konnte, dass sie gar nicht da waren.

Doch sie waren da.
Sie starrten ihn an.
Und sie machten ihm Angst...

Wie sie flüsteren, oh ja, wie sie flüsteren, die Hände nach ihm ausstreckten und ihn einluden, mit ihnen zu tanzen, wir führen dich, Freund, an einen Ort, komm mit uns, Freund und sage, du habest uns hier liegen gesehen, Freund, so flüsterten sie, ohne Unterlass und immer lauter, bis ihr Flüstern zu seinem eigenen Schrei gefror, als seine Beine zu zittern anfingen und er am liebsten auf die Knie gefallen wäre und einfach gestorben wäre, für das reine Destillat der Ruhe, als sie immer stärker auf ihn eindrungen, und versprachen, mit ihm zu tanzen, an einem Ort, an einem Platz, tanzen, auf seinem eigenen Grab, mit ihm.
Oh, Freund, möchtest du nicht auch auf dein Grab spucken?

Nein...
...er blieb stehen, versuchte ruhig zu atmen. Dies war nur ein Traum, er musste aufwachen, am nächsten Morgen, und...

Und dann?

...und dann war es dunkel, schlagartig. Sein Atem, stossweise. Sein kalter Schweiss, tropfend zu Boden.

Ein Lachen.
Fürchte dich nicht. Nein, du bist nicht allein. Denn all deine vergangenen Teufel haben sich aufgemacht, dich auf deinem Ritt zu begleiten.

Bitte nicht...
Ein Licht, ein Haus, ein Stöhnen. Ein Schrei, der Geschmack von Tod und Schweiss.
Bitte nicht...
Er ging darauf zu. Wieder ein Schrei. Ein weiblicher Schrei.
Bitte nicht...

Die Unausweichlichkeit der Dinge. Spielzeugsoldat.

Seine Mutter. Er kannte sie nicht und er hatte sie noch nie zuvor gesehen, doch im selben Moment, als er den Raum betrat, eine Hütte, schmal klein, stinkend, wusste er, dass er Zeuge war seiner eigenen Geburt.

Und hätte er gekonnt, hätte er seine Augen ausgebrannt.
Hätte er seine Ohren zerstört.
Seine Mutter sah ihn an. Ohne ihn zu sehen.
Ihm war übel und er versuchte mit aller Macht, den Brechreiz zu unterdrücken. Das Blut glitt aus seinem Kopf und die Welt verschwamm vor seinen Augen zu einer undurchdringlichen Masse aus Formen und Schreien, die immer dichter aufeinander folgten, direkt in seine Eingeweiden , wühlten darin rum, drückten wieder zu, und liessen wieder los, immer kurz bevor der Schmerz im sein Bewusstsein rauben konnte.

Ein Stoss liess ihn stolpern, liess alle Kraft aus ihm weichen, die Welt drehte sich vor ihm und der Boden raste auf ihn zu und umarmte ihn. Füsse gingen an ihm vorbei, schwere Schritte und eine Stimme sagte etwas, ohne dass Ceyx es verstehen konnte, obwohl es seine Sprache war und die Worte auch nicht zu laut oder zu leise gesprochen worden wären, doch alles, was seine Ohren erfüllte, waren die Schreie des Neugeborenen, seine Schreie, die Schreie einer Kreatur, die niemals auf die Welt hätte gesetzt werden sollen...

Er sah auf...
Sein Vater stand da, grinsend.
Jemand verlies die Hütte mit einem Bündel in Händen.
Und seine Mutter war tot. Ein Schwert ragte aus ihrem Leib, dort wo noch vor weniger Zeit er ein Kind gelegen hatte.

Sein Magen drehte sich um, nicht wegen des Anblickes, nicht wegen des Blutes, nein, allein wegen der Vorstellung. Würgend übergab er sich, bis nur noch gelbe Galle brennend aus seinem Mund tropfte, versuchte zu Luft zu kommen, als sein Magen sich immer wieder unter Krämpfen schüttelte und Schmerzen wie Wogen über seine Muskeln zuckten.

Sein Vater trat an ihn heran.
Ein schneller Tritt. Ein Lachen.
Schau dich an, da liegend, allein, hilflos, schutzlos. Sieh, Narr, ich wusste schon immer, dass du es nicht allein schaffen würdest. Schwach. Undwürdig. Du bist wie deine Mutter.
Er drehte seine Handflächen nach aussen und tausend Flammen brodelten im Antlitz, das dem Teufel selbst gehören musste.
Aber warte! Wo ist sie nun? Dort, wo du bald sein wirst, sechs Meter unter der Erde! Narr! Narr! Narr!
Tritt, Tritt, Tritt, Lachen und Ceyx flog nach hinten.
Ich bin nur hier, um zu sehen, wie du blutest und jammerst, und verdammt, du Narr, wenn du überhaupt Eier hättest er riss Ceyx in in die Höhe würdest du mich nun endlich am Kragen packen und das Leben aus mir herausprügeln, dafür bist du doch da, oder, dafür bist du doch da, du willst schreckliche Rache nehmen, an denen, die dich betrogen haben, oder, du willst ihre Eingeweide verspeisen und dich grausam an ihrem Blut laben und willst ihre Knochen brechen, mit Donner und Blitz göttergleich zum Himmel fahren und dann für immer leben, von Ewigkeit zu Ewigkeit und darüber hinaus, DAS IST ES DOCH, WAS DU WILLST, oder?

Er lachte wieder, als er Ceyx nach hinten warf. Es war dieses Lachen, dass ihn begleitete, in die Dunkelheit, die folgte.

Ceyx
16.01.2005, 23:42
Ceyx träumte, er träumte von einem Träumer, der träumte. Träumte er von Träumen, die Träume anderer Träume waren?

Ceyx lief.
Er lief durch Raum und Zeit, obwohl er gar nicht lief. Er konnte nicht laufen, denn seine Beine waren aus Blei gemacht, vor tausend Jahren schon und sein Herz war aus Stein gemeiselt. Sein Blut war brennender Schmerz in wahrer Form und seine Tränen waren Gift, sein Lächeln war ein Totenschädel und sein Leben der Tod.
Wie konnte er da laufen?

Ceyx schlief. Ja, er schlief, friedlich und glücklich, wie er es nur in der Dunkelheit seines Schlafes sein konnte. Wenn die Bilder blind geworden waren und die Gedanken endlich verstummt.

Ceyx wachte. Er wachte auf, als sich jemand, neben der Liege, auf der er lag, sich auf einem knarrenden Stuhl nach vorne lehnte. Eine Hand fuhr leise über die zitternden Saiten einer Leier und Ceyx versuchte die Dunkelheit hinter seinen Augenlidern zu durchbrechen und das Licht zu sehen.


Der Barde lehnte sich nach vorne, auf seinem knarrenden Stuhl, um sich eine bequemere Position zu suchen. Immerhin würde er nun eine lange Zeit hier sitzen. Seine Hand glitt, leicht zitternd, vor Aufregung über die Saiten, bevor die Ruhe seinen Körper erfasste und alles, was einst bewusst gewesen war, um ihn herum in Grauheit versinken lies und nur den Moment leuchten lies, ein Bild, ein Licht, in Gedanken aller.

Dann sprach er.

Ich will singen.
Ich singe dir von der Entstehung der Welt, nein, ich erzähle dir von der Zeit davor und der Zeit danach.
Und er sang.
Zeitlos.
Er sang von einer Welt, die da noch nie war, als ein Gott, den er nicht benennen konnte, seine Helfer um sich scharrte, und manche sagten, es wären engelsgleiche Wesen gewesen, und ihnen offenbarrte, dass er eine Welt schöpfen wollte. Und so geschah es, er schaffte und er schuff die Menschen. Und so scharrte er erneut seine Helfer um sich, die Wesen, die Engel so ähnlich waren, dass man sie Engel nannte, und setzte einen von ihnen zu seiner rechten und den anderen zu seiner linken. Und es war die Aufgabe dieser beiden Wesen, mit den Menschen zu sprechen, mit ihrer linken Hand Hilfe, Rat und Tat zu spenden, und mit ihrer rechten, wo ein glänzendes Feuerschwert loderte, jene zu strafen, die nicht handelten, wie es ihnen zustand.
Dies war der Anfang des Liedes...
Und so kam es, das eines Tages, einer der Engel auf die Erde hinab schwebte, eine Nachricht mit sich tragend, für die Tadellosen ein Lob. Und so kam es, als er in ein Dorf kam, dass er eine Frau sah. Nicht die erste Frau, die er je gesehen hatte, natürlich, doch die schönste aller Menschen auf Erden, ihre Haare golden im morgendlichen Sonnenlicht, ihre Lippen rot wie Blut und ihre Augen voller Wärme und Liebe. Und er traf etwas in sich, wofür er niemals geschaffen worden war, ein Gefühl, dass der Erschaffer nur für die Menschen gefunden hatte, doch es war da, in ihm, mit ihm und er war die Liebe selbst.
So ging er also zu der Menschenfrau und nahm ihre Hand, die wohlig warm und sicher in seiner Hand lag, er führte sie hinaus, in die Felder, wo die Abendsonne lächelnd einen warmen Wind vor sich herschob und schliesslich die Nacht über sie herfiel und wo er ihre weichen Lippen küsste, obwohl, obwohl, er schon lange hätte wieder an der linken Seite seines Herrn stehen sollen, aufricht und stark, einem Engel gleich, der aus Stein gehauen war.
Dies war der zweite Teil des Liedes...
Schliesslich flog der Engel zurück zu seinem Meister, viel zu spät und er traf Zorn. Er traf den Zorn eines Wesens, das ganze Welt erschaffen und ebenso wieder zerstören konnte, und dieser Zorn traf ihn und traf die Welt der Menschen mit Blitz und Donner, mit Feuer und Wasser. Doch der Erschaffer und Zerstörer vergab und verbot dem engelsgleichen Wesen, je wieder Liebe zu empfinden. Als Mahnmal lies der Meister dem linken Engel beide Augen ausbrennen, auf das er es nie mehr wagen sollte, die Frau zu sehen. Doch was geschehen sollte, war geschehen und die Dinge sollten nie wieder ungeschehen werden. Denn der rechte Engel, erfüllt vom Gedanken der Liebe, von denen der linke flüsternd gedacht hatte, flog zur Erde, in finsterer Nacht und fand die Frau, mit den roten Lippen und den Augen, blau schimmernd, kalt in der Nacht und doch wärmer als der Sonnenschein selbst. Er flog in ihr Haus, doch sie, erwachend, wies ihn zurück, denn ihre Liebe gehörte nur dem einem Engel, der sie gehalten hatte. Und der sie immer noch hielt, denn obwohl seine Augen nur noch die Dunkelheit sahen, flog er immer wieder zu ihr hin, erfüllte sie mit dem Samen der immerwährenden Liebe, das höchste Gut der Menschheit.
Und doch blieb ihr Geheimnis nicht unentdeckt. Der rechte Engel verfolgte ihn, eines Tages, misstrauisch und als er die beiden liegen sah, draussen in den Feldern, umbadet von den warmen Sommerwinden, erfüllt ihn ein Gefühl, wofür er nicht geschaffen worden war. Hass. Immerwährender Hass.
Dies war der dritte Teil des Liedes...
Er flog, zurück zu seinem Herren und berichtete und als der linke Engel zurückkehrte, nichtsahnend, nahmen die anderen engelsgleichen Wesen, die nie einen Platz an der Seite des Erschaffers gefunden hatten, ihn fest und rissen ihm, ob des Befehls, beide Flügel vom Leib und schliesslich war es die Hand des Zerstörers selbst, die den blutenden Leib des einst engelsgleichen Wesen auf die Menschenwelt hinab schleuderte. Blutend, sterbend lag er da, in einem Meer, das sein eigenes Blut war, keuchend und schwach, als die Frau an seine Seite schritt und neben ihm niederkniete und bittere Tränen der Trauer vergoss. Vielleicht hätte er in diesem Moment ihre Hand nehmen sollen, und alles wäre wieder gut geworden, Dinge, die geschehen, wären vergessen worden und kein Blut wäre mehr vom Mond auf die Welt hinab getropft. Die bitteren Tränen vermochten es, seine Wunden zu schliessen und ihm neue Kraft zu geben. Und so stand er auf, doch er nahm nicht ihre Hand, sondern schrie, vor Wut und sein Schwert tötete vor Hass, tötete viele Menschen, verblendet, wie er war, nahm er mehr Leben, als es ihm jemals zugestanden hätte.
Dies war der vierte Teil des Liedes...
Und so kam es, als Blut in die Flüsse der Welt lief, dass der Meister seinen rechten Engel auf die Erde schickte, zu richten und wieder Frieden in das Menschengeschlecht zu bringen. Auf der Suche, nach dem Gefallenen traf er viele Menschen und er half, wo er konnte und so kam es, dass er, an einem schicksaltragenden Tag auch die Frau, deren Augen nun voller Furcht waren, traf, ängstlich, zitternd. Er nahm ihre Hand und schaffte es, ihr Trost zu spenden und sie nahm seine Hand und nahm Trost an, neue Kraft, Zuversicht. Und als das einst engelsgleiche Wesen gewütet hatte und wieder an die Seite der Frau trat und fordernd die Hand ausstreckte, wies sie ihn ab und sprach ihren Hass aus. Da merkte der einst linke Engel, dass der rechte Engel ebenfalls mit brennendem Schwert zur Welt gestiegen war und nun seinen Tod forderte. Und voller Kraft und Zuversicht trat die Frau an die Seite des rechten Engel, welcher den Gefallenen darum bat, am nächsten Tag zum Hügel zu kommen, wo sein Schicksal besiegelt werden sollte. Der Unengel willigte ein, verschwand in der Dunkelheit, doch noch bevor das Licht wieder den Tag gebären konnte, brach er in das Haus der Frau und tötete sie. Kein Engel war da, der sie hätte beschützen können, den der Rechte war wieder zu seinem Meister gegangen, voller Zuversicht und voller Kraft. Als er jedoch ihren Tod spürte, fuhr er sofort, ohne den Befehl des Erschaffenden zur Welt hinab, brennend vor Zorn, lodernd vor Hass und ein Kampf entbrannte zwischen den beiden. Tausende Menschen liesen ihr Leben, ihn jener Nacht, als die Urgewalten ohne Rücksicht donnernd über die Erde bebten und alles zermalten, was ihnen in den Weg kam. Tausend Nächte kämpften sie dann fort und in jeder Nacht verloren tausend von jenen das Leben, die sie einst hätten beschützen sollen.
Dies war der fünfte Teil des Liedes...
Doch eines Morgens, das Donnergrauen war verschwunden und die Stille war an seinen Platz getretten, so still, dass es den Menschen in den Ohren schmerzte. Blutende Federn regnete es auf die Erde, doch von den Engeln war keiner mehr zu sehen.
Dies war das Ende des Liedes...

Ceyx
18.01.2005, 22:29
Wache, Bruder, wache

Eine neue Stimme und doch so bekannt.

Die Dunkelheit, die dich umhüllt, sie ist nicht leer, vertraue, Bruder, vertraue und gib mir deine Hand. Oder, nein, warte, warte, gib sie mir noch nicht.

Ceyx drehte sich, wand sich und versuchte zu finden, wo oben und unten war, wo hinten und vorne, doch es war, als wäre die Dunkelheit um ihn herum aus Watte gemacht, aus einer klebrigen Masse, die seine Glieder nur fähig waren, mit einer unendlichen Kraftanstrengung zu durchdringen. Sein Herz schlug wieder schneller und mit jedem Schlag kam er der Panik wieder näher und er fühlte, wie er einen Moment lang zu dem Knaben wurde, der er einst war und bittere Tränen der Einsamkeit des Nachtens in seinem Bett vergoss, als der Mond, silbern drohend durch die teuren Vorhänge fiel und sein Zimmer in eine magische Halbdämmerwelt verwandelte, die er Nacht für Nacht anstarrte, schlaflos und voller Angst...

War er allein?

Allein-gelassen...von allen anderen, verlassen, von der Welt. Allein.

Nein...
Ceyx drehte sich zur Stimme um, schob seinen Geist durch die schwere Masse, die ihn umgab und tastete nach vorne, wie suchend, nach Hilfe, nach Trost, nach Verstehen und Wärme.
Nein, folge mir nur, folge mir, zurück auf die Welt hinunter, denn du warst lang genug allein hier. Die Zeit der Isolation ist nun vorbei, folge mir, ich bringe dich zu deinen Freunden...

Und er fiel. Die Schwerkraft kehrte mit einem Mal zurück und die Welt leuchtete auf, tausend Sterne zogen an ihm vorbei, lange, blutige Schlieren auf seinem Gesicht hinterlassend, sein Körper fiel, immer schwerer und schwerer werdend, so dass er sicher war, als die Welt vor seinen Augen auftauchte, dass er bald, wie ein Stein aus unendlicher Höhe auf dem kalten Boden aufprallen würde und seine Knochen trocken splittern würden, mit einem staubigen, warmen Geräusch würde sein Schädel knacken, würden seine Rippen nach ihnen gebogen werden und sein Herz und seine Lunge und alles andere mit sich erdrücken und das Leben mit Gewalt endlich aus ihm drücken.
Das Leben jedoch war alles andere als gnädig mit ihm, hielt ihn weiter fest und lies seinen Körper leichter werden, als der Boden immer näher kam, bis er, sanft wie eine Feder, zu Boden schwebte, in eine leere Ebene, durch die ein Knistern ging, ein Rascheln, als sich Wände aus dem Staub erhoben, und festlich geschmückt zueinander gingen, sich reihten, bis das Dach sich über sie legte, und tausend herrlich leuchtende Kerzen über den Boden schwebten und sich schliesslich an den Wänden aufreihten. Musik huschte über die Ecken nieder, zupfende Noten, eine fröhliche Melodie und dann waren die Schatten auch schon da, fassten sich bei den Händen und fingen an zu tanzen. Ceyx stand inmitten von ihnen, versuchte die Schattengesicher zu erkennen, als eine Gestalt durch den Reigen tratt, lächelnd, ihm auffordernd die Hand hinhielt.

Ceyx
20.01.2005, 23:21
Die Welt drehte sich um ihn.
An jenem Ort, an dem er nie hätte sein wollen, tanzte er, zusammen, mit all jenen, die sein Schwert gekreuzt hatten, fröhlich lachend, als wäre er fröhlich, als wäre er fröhlich, drehte er sich im Kreis und starrte die Fratzen an, die grinsten und fühlte die kalte Hand der kalten Stimme, die ihn aus seiner Einsamkeit in diese Welt gerissen hatte.

Gabriel...
Lachend, grinsend.

Ceyx, lachend, grinsend.

Betrunken vom Leben unter den Toten, doch seine Seele schrie, sties gegen die Maske seines Äusseren, gegen das steinerne Gesicht des Lachens, bittere Träne weinend, sich unter Schmerzen windend, sich selber hassend, lügend, seine Seele schrie, nach Wahrheit, nach Trauer, nach Wunden, nach Hass, danach, ein Messer zu nehmen und sich selber aufzuschneiden, damit unter die Haut zu fahren und trockenes Blut als Strafe auf den Boden tropfen zu lassen. Doch er tanzte weiter, spielte weiter, gab weiter vor, den Hass hinter sich schiebend und vergessend wollen, und in jeder Sekunde, in der er den Hass auf sich selber nicht beachtete, wurde er noch grösser und noch stärker und noch lodernder und noch fordernder.
Die Welt drehte sich um ihn.
Die Toten sangen, klatschten, riefen, flüsterten. Ihm war schlecht. Ihm wurde schlecht, die Füsse verloren den Boden, als er von Schatten zu Schatten gereicht wurde und mit jedem Einzelnen des Chors tanzte, sich einmal im Kreis drehte und wieder eine neue Hand fasste und sich wieder drehte und fasste und drehte und stolperte, in die Mitte des Raumes, an dem Ort, an dem er nie hätte sein wollen, hinfiel und die Toten einen Kreis um ihn bildeten und ihn anstarrten und ihr Lied leise sangen, von einem Wanderer, der einsam über die Welt zog und einen Mann traf, der auf seinem Grab tanzte.
Er lachte, als sein Körper den kalten Boden berührte.
Er weinte, als sein Körper den kalten Boden berührte.

Und jemand rettete ihn.

Ceyx
21.01.2005, 17:54
Bevor die Toten ihre Hände endgültig die Hände nach ihm ausstreckten und bevor seine Seele, die warnende, rettende Stimme in seinem Kopf ganz verschwand, trat jemand in den Raum, den es nicht gab, an dem Ort, an dem Ceyx nie hätte enden wollen.

"Haltet ein." seine Stimme war lebendig. Seine Stimme war real, ebenso kalt, wie menschlich, ebenso stark, wie vergänglich. Und die Toten, die Schatten hörten auf ihn und wichen zurück. Der Mönch stand da, starrte unter seiner Kaputze Ceyx an, tadelnd schüttelte er den Kopf.
"Komm mit, Ceyx. Dies ist kein Ort für dich."

Er hat ihn sich selbst ausgesucht

"Komm, Ceyx. Du musst aus diesem Traum aufwachen, der dich gefangen hält, denn du sollst leben. Das willst du doch, oder, leben? Natürlich willst du das, du hast eine gute Zukunft vor dir."

Ein Lachen
Er ist dem Tode geweiht

"Komm, Ceyx."

Ceyx sah auf, sah auf den Mönch, der ihn ansah, versprechend, ihn aus dieser Welt der Dunkelheit zu führen. Und er wollte eine Entscheidung treffen, wollte mit ihm gehen, oder hier bleiben, bei jenen, die seine Seele mehr als verdient hätten...

Ein Zittern ging durch den Raum, als die Wände erloschen.
Die Toten wisperten, dunkle Wort in der Dunkelheit und nur die Fackel, die mit einem Mal in den Händen des Mönches brannte, spendete Licht, das auf dem Antlitz Ceyx' wiederhallte.
Furcht...

"Steh endlich auf." die Stimme hatte sich nicht im Geringsten verändert. Und Ceyx stand auf, hörte auf jene Stimme, die ihm vernünftig vorkam, als Wind aufkam, über die Dunkelheit fegte, die Stimmen der Toten verstummten, vertrieben von der Urgewalt des Wetters.
"Hör nicht auf ihn."

Ein Flüstern
Narr....Narr.....Narr.....Narr
getragen vom Wind, hin und her und hin und her, immer und immer wieder.

"Hör nicht auf ihn. Dies ist vergangen, Vergangenheit, hörst du, Ceyx, dies ist nicht mehr dein Kampf, denn es gibt nichts, was du noch ändern könntest, verstehst du mich."
Natürlich verstand er ihn. Und die Worte kamen ihm gerecht und schlüssig vor. Doch das Leben war anders...
Er hörte die Stimme wieder.

Du Narr, du kannst nichts ändern, ja, das kannst du...
"Hör nicht auf ihn."
Narr, willst du es nicht wissen? Willst du nicht die ganze Tragweite deiner Schuld erfahren, die noch immer auf deiner Schulter liegt? Ihr Blut klebt noch immer an deinen Händen, Flüchtender, ihr Blut, hörst du? Es ist ihr Blut und es ist deine Schuld.
Ceyx spürte den kalten Schauer, als er sich umdrehte, hinfort von der Fackel und dem Licht und der Vernunft, in die dunkle Welt starrte und langsam losging, der Stimme folgend...

Dreia.

Ceyx
22.01.2005, 17:19
Die Welt war undurchsichtig, nun keine Dunkelheit mehr, sondern undurchsichtig. Es war, als hätte jemand Farben auf einer Leinwand verteilt, mit viel zu viel Wasser, so dass die Farben sich vermischten und verliefen. Ihm war kalt, unendlich kalt, als würde er auf einem Meer aus Eis gehen, doch er wusste, selbst wenn er durch die Hölle wandern würde, ihm wäre immer noch kalt. Langsam nahmen Formen in der Undurchsichtigkeit Gestalt an, Bäume vornehmlich und dann flogen die Sterne zum Himmel, platzierten sich um den Mond, der in dieser Nacht nur als halbe Vollendung am Himmel stand und Ceyx musste erst gar nicht hochsehen, um zu wissen, dass er diesen Himmel, diese Sterne und diese Nacht nur allzu gut kannte. Und doch ging er weiter, obwohl das alte Gefühl der Panik wieder über seinen Rücken schlich und obwohl mit jedem Schritt das Lachen seines Vaters, der ihn hierher geführt hatte, lauter wurde. Es war dieses Gefühl, eine Puppe zu sein, eine Figur in einem Spiel, ein Gedanke von jemandem, der nichts ändern konnte, an seinem Dasein, weder ein, noch aus konnte, nur eines, der Linie, die sich vor ihm abzeichnete blindlings zu folgen. Entscheidungen waren nur Illusionen, denn hätte er je eine andere Entscheidung getroffen, wäre es dann er gewesen, der diese Entscheidung getroffen hatte?

"Warum bereust du denn überhaupt, was du getan hast?"
Der Mönch folgte ihm, natürlich und irgendetwas daran beruhigte Ceyx ungemein. Vielleicht war es die kalte und zugleich warme, feste Stimme, die weder Zuversicht noch Verhämmung sprach. Vielleicht war es auch das Gefühl, nicht allein zu sein.

Der Wald, durch den er nun ging, öffnete sich und gab eine Lichtung frei. Ceyx strauchelte nicht, er fiel nicht, obwohl er am liebsten auf die Knie gesunken wäre und geweint hätte. Natürlich war er hier, wo vor Jahren (?)...
...ihr Blut...
...wo war ihr Körper...er musste sie sehen...

Du wirst doch nicht schon jetzt die Fassung verlieren, oder? Eiskalt. Dies war erst der Anfang, Narr. Was nun kommt, ist noch viel besser...

Keinen Schritt weiter...seine Beine zitterten, als er blind vor Angst auf die Lichtung ging, bis zu jener Stelle, wo...genau hier, hier war es, wo...seine Narbe, die sich quer über seine rechte Wange zog, fing an zu schmerzen, nicht der Schmerz einer Wunde, die von einer Waffe zugefügt worden war, nein, ein anderer Schmerz, als würde jemand eine Flamme direkt an Ceyx' Haut halten und als würde sich all die Schuld mit einem Mal unter das Fleisch brennen, tiefer, immer tiefer, bis der Schmerz auf die Wurzel seines Denkens traf und sie langsam, mit aller Macht, schlachtete. Ihm war schlecht, übel, als er das Blut sah, das frisch im grünen Gras glänzte.
Doch...eine Spur, und das Blut war noch warm, führte hinweg, von dieser Lichtung, aus dem Walt, in Richtung des Dorfes.
Sie lebte?
Sie lebte...
Sie musste leben.
Sein Blick ging wieder hoch, fort von der Blutlache, sah an einen Punkt, den kein Mensch sehen konnte, irgendwo unten am langen Ende des Schicksals, dort wo die gerade Linie langsam unscharf wurde, als eine Träne über seine Wange lief. Dreia lebte. Er musste...er musste...hin, zu ihr, finden...
Sein Herz schlug schneller. Seine Hände zitterten.

Ceyx
23.01.2005, 11:05
"Ceyx, dies ist nicht real!" Natürlich war es das nicht. "Wenn du nun diesen Weg gehst, gibt es kein zurück mehr, hörst du? Keinen Weg zurück. Sei kein Narr und folge mir, Ceyx." Kein Drängen in seiner Stimme, nur die selbe Stärke der Wahrheit wie immer. "Wenn du diesen Weg gehst, wirst du alles verraten haben, was dir noch geblieben ist...du wirst sie verraten haben...du weisst von wem ich rede." Faith...Faith...Liebe...der wahre Grund, warum Männer Kriege schlagen. Wenn Liebe Zerstörung wird. Selbstzerstörung. Das Prinzip von Schuld und Sühne. Von Sünde und Fall...

--Und Ceyx lief los, folgte den kleinen Tropfen aus Blut, die in seinem Kopf schwammen wie Gift, in seine Venen drangen und seinen Kreislauf übernahmen und seine Beine schneller laufen liessen, als das Lachen immer lauter wurde, lauter und lauter, und schneller und schneller lief er, auf das Dorf zu, auf die Strasse aus Kies, am Brunnen vorbei, die Glocken des Klosters läuteten, wie von weit her, der Blutspur nach, die in die Gasse ging, vorbei an ihrem Elternhaus, das er nie von innen gesehen hatte, auf die südliche Strasse, wo ein Bauernhof stand, nur wenige hundert Meter vom Dorf abseits, immer der Spur aus Tropfen nach, über den wirbelnden Staub, der aufsog und vergessen machte und ihm sagte, dass er schneller rennen musste, vorbei am grossen Hof, über den Acker und auf den Stall zu und...

Die Welt änderte sich. Verschob sich, in eine Richtung, in der sie sich nicht hätte verschieben sollen. Die Schatten wurden mit einem Mal härter, tiefer, undurchsichtig. Die Konturen des Stalles waren aus Nebel, wabberten vor seinen Augen, als seine Beine weich waren und zu knicken drohten.

Ein Lachen.
Ein Lachen Hämisch. Dunkler, böser, schwärzer.

"Sieh nicht hin..."

Sein eigener Atem, immer schneller. Wieder ein Lachen, weiblich, sinnlich, voller Gefallen und Zufriedenheit, ein Stöhnen. Die Welt wurde schwarz-weiss vor seinen Augen und alle Stimmen verstummten, als er die Türe aufstiess und sah, was er nie hätte sehen sollen und sein Schwert griff und schlachtete und bluten lies und wieder zuschlug, immer und immer wieder und wieder und wieder zuschlug, bis die blanken Knochen splitterten, vermischt mit seinen Tränen Blut die Erde tränkte, zuschlug, und tote Augen ihn anstarrten und er zitterte und das Lachen wieder da war und hinter seinem Rücken brodelte, wie Wut, tiefer und tiefer, einem Feuer gleich, bis Ceyx, durch Ströme watend die Scheune verlies und am Scheunentor hinab sank, das blutige Schwert in seiner Hand und die Tränen vom Gesicht wischte und wartete, bis er nicht mehr zitterte.

Ceyx
23.01.2005, 23:23
Stunde um Stunde verging und er sass nur da. Irgendwo sass der Mönch und starrte ihn an, doch Ceyx sah nicht hoch. Vielleicht stand auch sein Vater da und sah auf seinen Sohn herab und sein Schweigen war Zeichen genug, dass er das erste Mal in seinem Leben stolz auf seinen Sohn war.

Ceyx hatte gerächt.
Nun waren alle tot.

Die Attentäter...
...Dreia...
--und doch war da noch immer das Bild, vor seinen Augen, wie Dreia sie umschlang und--

Sein Körper zitterte und seine rechte Hand verkrampfte sich um die Scheide des Schwertes, bis sein eigenes Blut diesmal auf den Boden tropfte. Es war schwarz, tiefschwarz. Endlich hörte er Schritte neben sich und sah Füsse, die nackt und dreckig waren, verkrustetes Blut schmückte sie. Ceyx blickte hoch, sah Dreia an, die leicht verkrampft da stand, die Wunde haltend, auf ihrer Brust, die Ceyx ihr zugefügt hatte, in seinem Blutrausch. Es war komisch, doch ihr Gesicht war noch immer so schön, wie am ersten Tag, engelsgleich, voller Güte und Liebe.

Was hätte Ceyx darum gegeben, wenigstens den Hauch eines Vorwurfes darin zu erkennen...

Er stand auf, langsam und mühsam, sich auf sein Schwert stützend, so dass die Wunde an seiner rechten Hand nur noch tiefer wurde. Dreia runzelte die Stirn.
"Ich...ich..." Ceyx sprach, seine Stimme war schwach, so dass er sie selbst beinahe nicht mehr erkannte, sie zitterte beinahe so stark wie der Rest seines Körpers. "Ich...Es tut mir leid."

Lügner

Dreia lachte kurz, ein Lachen, dass nicht wirklich ein Lachen war, sondern ein Schluchzen eher. Warum sagst du das? sie stolperte, wäre beinahe gefallen.

"Ich...weil...es tut mir leid, wirklich."

Elendiger Lügner

Nein, tut es dir nicht. Und selbst...was geschieht, das geschieht und kann niemals rückgängig gemacht werden. Späte Reue...ist als würdest du mir noch einmal ins Gesicht spucken.

"Ich..."

Lass es. Lass es einfach. Komm mit mir, ich möchte dir etwas zeigen.

Ceyx
24.01.2005, 22:42
Der Barde rutschte auf seinem alten Stuhl hin und her. Sein Rücken fing langsam an zu schmerzen und er fragte sich, ob er zu alt wurde für das. Wie lange machte er nun bereits Pause? Viel zu lange, und mit jeder Sekunde, in der hier sass und wartete, bis die Schmerzen wieder weniger wurden, würde er eine Sekunde länger hier sitzen müssen (dürfen). Schliesslich, obwohl der Schmerz in seinem Rücken oder in seiner Schulter nicht kleiner geworden war, lehnte er sich wieder nach vorne und umfasste die Leier. Stärker, doch schlug die Saiten noch nicht an, denn er wusste noch nicht, was er singen würde. Sein Kopf war irgendwie leer-gefegt, ein Herbststurm, Wind und Wetter durch seine Gedanken. In letzter Zeit fiel es ihm immer schwerer dieses Gefühl zu finden, dass es brauchte, um die Musik zu verstehen, die er spielen wollte, dieses alte Gefühl, dass ihm genau sagte, dass er richtig spielte und dass er --

Herzen bewegte...
...und nicht umsonst lebte?

Er schwieg wieder für einen Moment, bis er endlich wusste, was er als nächstes singen würde. Es war, als hätte jemand geflüstert, ihm die Worte ins Ohr gelegt, oder nein, als würde jemand durch sein Blut schwimmen und die Worte durch ihn und mit ihm sprechen, so dass es gar nicht er war, der sang oder spielte, sondern ein anderer an seiner Stelle...
Er lehnte sich nach vorne und sprach leise...

Ich will singen.
Ich singe dir von einer Zeit, fern von jener, als die Welt geschaffen wurde, als selbst die tosenden Engel bereits vergessen worden waren und viele tausend Jahre über die Felder der Menschheit gezogen waren. Es war eine gute Zeit und eine schöne Zeit und da war ein Mann. Er hatte eine Frau, er liebte eine Frau und sie liebten sich, mehr als ihr Augenlicht, mehr als ihr Leben, mehr als alles, was diese Welt ihnen bieten konnte. Doch nie sollte ihr Glück bis zu Ende getragen werden. Denn er ward ein Wanderer, eine rastlose Seele, die trotz aller Liebe und trotz aller Nächte, in denen sie in den Armen ihrer Liebsten einschlafen konnte, nicht lange verweilen konnte, ruhig stehen bleiben konnte. Und so sprach der Mann, eines Tages, zu seiner Liebe, er wolle gehen, er wolle mit dem Schiff fahren hinaus ins Meer, zu entdecken und Schätze zu finden, die er seiner Liebsten darbieten konnte, als Zeichen seiner ewig währenden Liebe...

Und so stand sie da, mit Tränen im Gesicht, tausend süsse Tropfen, die über ihre Wangen liefen und sie sprach…
...ich brauche doch nur dich...
...und keinen Schatz und kein Gold und keinen Beweis deiner Liebe, denn es ist gut so, wie es ist...

Und am nächsten Tag so stach er in See, mit Schiff und Segel, mit Essen und gutem Mut. Und es gab nichts, was ihn hätte zurückhalten können, seinen Traum zu jagen, denn er war sich sicher, dass es nur einen Weg zu den Sternen gab, und dieser vor ihm lag, wenn er nur genug hart probierte und genug hart litt. Er war sich sicher, er würde etwas finden, was sein Leben für immer verändern würde und so stach er in See, ohne noch einmal zurückzublicken. Viele Tage glitten über die Welt und aus Tagen wurden Monate und aus Monaten schon bald Jahre, doch kein Schiff kehrte zurück mit ihrem Geliebten an Deck.

Und so stand sie da, Abend für Abend, mit Tränen im Gesicht, tausend süsse Tropfen, die über ihre Wangen liefen und sie sprach…
...ich brauchte doch nur dich...
...und keinen Schatz und kein Gold und keinen Beweis deiner Liebe, denn es war doch gut so, wie es war...
...oder nicht?...

Hoffnung war bald nur noch ein Wort in ihren Ohren, als sie jeden Morgen die See anstarrte und jeden Abend sich in ihr Bett legte. Und so kam es, dass sie eines Nachtens einen Traum hatte, und sie sah seine Gestalt, wie er im Meer, in die Tiefe stürzte, tiefer und tiefer, bis die Endlichkeit seinen Körper vergrub und sein Leben aus ihm trieb, mit aller Macht und aller Kraft und sie wusste, er war tot... Der Morgen weckte sie, mit fahlen Sonnenstrahlen und ohne Kraft stieg sie aus ihrem Bett, starrte ihr Spiegelbild müde an und wünschte sich, keinen Tag mehr den Fuss auf diese Welt setzen zu müssen und keine Nacht mehr diese Träume erleben zu müssen. Doch immer noch ging sie, wie jeden Morgen hinunter zum Strand und starrte auf die See hinaus und fragte sich selber, warum sie das noch immer tat, obwohl sie keine Hoffnung mehr besass. Sie wollte bereits wieder in ihr Haus gehen, als sie ein Bündel sah und mit einem heftigen Stich wusste, was dies für ein Bündel war. Sie rannte los, fiel auf die Knie, bei ihrem Liebsten, bei seinem Körper, der keine Seele mehr besass. Er war tot, die See hatte ihn angenommen.

Und so kniete sie da, mit Tränen im Gesicht, tausend süsse Tropfen, die über ihre Wangen liefen und sie sprach…
...ich brauche doch nur dich...
...und keinen Schatz und kein Gold und kein Beweis deiner Liebe, denn es ist gut so, wie es ist...
....wie es war...wie es nie mehr sein wird...
Doch wer hielt deine Hand, als du untergingst? Warum warst du nicht bei mir? Seemann, warum...

Ein Sturm zog auf und es wurde Nacht. Und sie starb auf der Stelle.


Und manche...so will ich erzählen...sie erzählen sich, dass das Schicksal Mitleid hatte, das Schicksal selbst weinte tausend Tränen, süsse Tropfen und es sprach...

Wo wollt ihr nun hin, seit doch ewig getrennt...
...Die Schatten hängen über der Welt...
Und die Welt änderte sich, als der Tod die Zeit besiegte und die Liebenden neues Leben gewannen, zwei Vögeln gleich, zogen sie dann von dannen, mit Tränen im Gefieder, auf ewig zusammen, auf ewig vereint...

Ceyx
24.01.2005, 23:54
Ceyx folgte Dreia lange, lange Zeit durch die Wirren der Welt, die er erschaffen hatte und doch nicht verstand. Sie schritt vor ihm, Blut tropfte zu Boden, mit jedem Schritt, doch sie beklagte sich nicht und sie sprach nicht und sie schwieg.

Schweres Schweigen...

Schlechtes Gewissen?

Sie brachte ihn an einen Abgrund, der tausend Meter in die Tiefe führte und sie starrte hinunter, bis er an sie heran geschritten war. Endlich hob sie den Kopf und sah ihn an, sah in seine Augen.
Sein Herz stand still.

Du verstehst dies alles gar nicht, oder?

Sie hob ihre Hand und starrte ihr Blut an.

Offensichtlich nicht...sonst hättest du mich nicht getötet...Trottel...

Sie trat auf ihn zu, schloss den letzten Meter, der sie trennte. Er konnte ihren warmen Atem auf seiner Haut spüren und konnte den warmen Hauch fühlen, der ihr Köper von sich gab und er konnte schmecken wie sie roch. Die Welt stand still, selbst an diesem Ort, in jenem Moment, als sie ihre Hand hob und eine Strähne seines Haares auf die Seite schob und einen langen Strich aus trockenem Blut auf seiner Wange hinterliess.

Weisst du noch, an jenem Tag?
Weisst du noch, auf jener Lichtung...in jener Nacht, als deine Hand mich zitternd umfasst...und mich geküsst, mit deinen Lippen...und du hast gesagt, du würdest...mich nie vergessen...

Sie trat zurück.
Ich hasse dich.
Und dann sprang sie den Abgrund hinunter...

Ceyx
25.01.2005, 20:41
Nein, sie sprang nicht. Denn im letzten Moment, kurz bevor ihr Körper fiel und durch die Winde zog, streckte Ceyx die Hand aus, wie um nach ihrer zu greifen und sie zu halten, doch er verharrte mitten in der Bewegung, als wäre er gegen eine Mauer geprallt, die zwischen ihnen stand und sie trennte auf alle Zeit für die Ewigkeit. Sie sah ihn an, als erwarte sie nun, dass er etwas sagte, etwas tat und ja, er wollte etwas tun, er wollte etwas sagen, er wollte den Hass, der in ihren Augen lag, vegessen machen und er wollte, die Wunde, die auf ihrer Brust klaffte, schliessen und das Blut von ihrem Körper nehmen un die Narbe mit spitzen Fingern entlang fahren, ein Mahnmal einer Zeit, die sich nie würde wiederholen dürfen.

Und warum tust du es dann nicht?
Weil du es nicht verdienst.
"Hilf ihr!"

Er sah sie nur an, ohne handeln zu können, da er gefangen war, in sich selber, zwischen den Kräften die da tobten, die da waren und ihn behandelten, als wäre er nur eine Puppe, ein Stein in einem Spielbrett, auf dem er nach vorne geschoben wurde, immer schneller und immer bestimmter, bis er schliesslich das Bauernopfer sterben durfte, am Ende seines Weges...

Warum tust du nichts, warum, stehst du nur da und starrst mich an, unfähig zu handeln und unfähig dein Leben selbst in die Hand zu nehmen, warum denkst du nur immer nach, und denkst nach...und...nichts...? Ihre Stimme war ein Flüstern im Schrei, oder ein Schrei im Flüstern, durchdringend und kaum fassbar zu gleich und jedes dieser Worte traf Ceyx mit der Wucht eines Nadelstiches mitten in seine Seele, mit dem Gift, den Tropfen eines Giftes, das Wahrheit hiess.

Narr...willst du wissen, warum du nur dastehst, wenn dein Leben an dir vorüberzieht? Willst du es wissen? Weil du es nicht anders verdient hast, weil, jedes Mal, wenn du gehandelt hast, ist nachher der Tod dir gefolgt und hat jeden, den du berührt hast, mit sich gezogen, verdammt Narr, du hast es nicht anders verdient. Los, nimm ihre Hand, greifen danach, und wie lange könntest du sie halten? Wie lange, lange, bis der Tod ein drittes Mal ihr Leben mit sich nimmt? Du hast sie zweimal zu oft getötet... Und während er sprach, kamen sie wieder, nein, sie waren immer da gewesen, doch erst jetzt sah er sie wieder, die Schatten, die seine Schatten waren, Schatten, die er gemacht hatte...er wollte sie nicht sehen...nicht jetzt...

Er griff nach ihrer Hand...
Und sie sah ihn an...

Ceyx
26.01.2005, 22:36
Ich hatte einen Traum...einen Traum von, dass alles besser werden würde, dass alles gut werden würde. Doch der kostbare Augenblick verschwand, mit einem Augenaufschlag, in dem ich nicht aufpasste, nur dieser Augenblick, der mir zwischen den Fingern zerann. Er war kostbar, er war unendlich wertvoll, doch das merkte ich erst, als er gegangen war. Was auch immer du besassest, du wirst erst wissen, was sein Wert war und was es dir bedeutet hat, wenn es durch deine Finger geronnen ist, wie kostbarer Staub, der im Uhrenglas unbarmherzig nach unten sinkt, zerfällt und vergeht auf alle Zeit. Dies war mein Traum.

Sie starrte ihn an, sie starrte Ceyx an und ihr Blick schaffte es, die Unendlichkeit zu berühren, aber vielmehr berührte sie damit Ceyx, tastete ihn ab, sein Innerstes, fuhr mit langen, kalten Fingern seine Seele hinab und hinterlies eine prickelnde Spur aus Kälte auf seiner Haut. Und sie sah ihn an. Und er sah sie an, versuchte mit seinen Blicken ihre Augen zu durchdringen und ihre Seele wiederzusehen, die tief in ihr schlummerte, weil er sie dorthin verbannt hatte.


Ich liebe dich...
...hatte er geflüstert.
Und sie hatte ihm geantwortet...
...in demselben Flüsterton, in dem er gesprochen hatte, flüsternd, als würde jedes Wort, laut gesprochen, diesen Moment der Träume wie eine Seifenblase zerplatzen lassen, als er ihre Hand nahm, in jener Nacht, ihre Hand nahm und sanft ihre Haut küsste und ihren Hals berührte mit seinen Lippen und dann zitternd sie umfasste und ihre Wärme spürte, bis seine Lippen ihre Lippen trafen, rot, rot wie Blut...
...Blut...
...war geflossen in jener Nacht, als...
er ihr die Worte flüsterte, die alles hätten verändern sollen. Die alles verändert haben. Nur in die falsche Richtung.

Lass mich los!
Lass mich los! Du tust mir weh!
Endlich lies sein Griff ihre blasse Hand los und sie stolperte einen Schritt zurück.
Was ist nur mit dir geschehen? Was ist aus dir geworden, was hast du aus dir gemacht, was nur?

Sieh dich an

Und Ceyx sah sich an, er sah zurück.
Er konnte sich erinnern, an einen Moment in seinem Leben, als er noch jenes Kind war, dass er längst vergessen hatte, jenes Kind, das einsam in der Nacht die Decke anstarrte und Tränen zählte, die über seine Wangen liefen. Er war dieses Kind wieder, mit dem Schwert in den Händen, das sein Vater ihm gegeben hatte und an jenem Morgen schwor er, er würde niemals dieses Schwert gegen einen Menschen verwenden und ihm Schaden zufügen, wie er schwor, nie je eine Waffe in die Hand zu nehmen und damit Leben zu kosten. Er schwor es bei seinem Leben.
Was ist nur aus diesem Jungen geworden?
Ceyx erinnerte sich an jenen Tag, als er das Schwert doch benutzte und den Schlag seines Vaters abwehrte. Ein Schlag, dem viele Schläge folgten sollten, viele Tage später, als das Blut der Sklaven, die ihm gefolgt waren, denn er hatte zum Aufstand gerufen, und alle waren sie gefallen, als dieses Blut die Reisfelder seines Vaters tränkten, Ströme aus Leben kostbar einfach im Boden versickerten, als würden sie nichts und nimmer bedeuten.
Blut klebte an seinen Händen.
Blut klebt an deinen Händen.
Blut klebte an seinen Händen.
Mein Blut klebt an deinen Händen genau so.
Unser Blut.

"Sei kein Narr. Es ist nicht deine Schuld."

Ceyx
27.01.2005, 00:04
Es ist nicht seine Schuld?!
Ein Donnern, ein Knall, ein Beben und Urgewalt, die die Kieselsteine zu Boden erzittern lies.
Es ist nicht seine Schuld...Ich werde zeigen, wie es seine Schuld war!

Für jeden Schritt, den man nach vorne macht, geht man zwei zurück. Man verdreht seinen Kopf um auf die guten alten Zeiten zu sehen, denn früher war immer alles besser.

Und auch wenn du heute Nacht verschwindest, wenn du heute Nacht dich auflöst, ich werde da sein, mit dir in dir und über dir, denn du bist ich und ich bin du und wir sind wir.
Was?
Dein Schicksal, du Trottel.

Und die Welt ward Wasser und alle Farbe und alle Formen zerflossen und fielen zu Boden, mit einem lauten Platschen, bevor der Wind, der eben noch durch die Bäume gefahren war, verstummte und einer leisen Stimme Platz machte, die da sang, die da Hoffnung sprach.
Nebel lag über den Feldern.
Wie von weit her.
...das hat doch keinen Sinn...und, Junge, gib es auf...
Er...war Sklave, auf den Feldern. Sein linkes Auge...erblindet... ausgestochen, vor vielen Jahren. Sein Mut, sein Dasein, zerbrochen, erbrochen bis zum heutigen Tage. Und da war Ceyx, der damals noch Gabriel hiess, der Sohn des Tyrannen, der Fürst, der es gewählt hatte, ein Sklave zu sein. Ein Sklave, der es gewählt hatte, andere Sklaven zu töten.
Wir müssen kämpfen...
...seine Worte.
Und sie kämpften. Er hatte den Mut wieder in dieses rechte Auge gebracht, das ihn noch schwach und müde anstarrte und hatte Kraft in die alten Glieder gebracht und er hatte dann zu ihnen allen gesprochen und sie alle hatten die Hände zum Himmel geworfen und hatten geschrien.
TÖTET SIE ALLE!
Und sie hatten gekämpft...
...obwohl er selbst wusste, dass da keine Hoffnung war...spätestens als der erste fiel, unter der Hand eines Kämpfers, eines Söldners, die Leute, die die Ruhe auf dem Hof bewachten. Und er war geflüchtet. Er hatte nicht gekämpft. Er hatte die Macht verspürt und er hatte sie genutzt, zu kontrollieren, zu biegen und war dann gegangen, konnte nicht mit dem Leben, was er erschaffen hatte.
Denn es war Tod gewesen.

Nicht Schuld? Ha! Verächtlich.

Ceyx
27.01.2005, 22:31
Und es wurde ganz still um ihn.

Alles was gesagt, was hätte gesagt werden sollen. Sein Vater stand da und genoss seinen Triumph, den er sicherlich erreicht hatte und Gabriel stand da und wartete, bis Ceyx seine Hand nahm und mit ihm kam, zu denen, zu denen er gehörte und der Priester stand da und wartete, dass Ceyx mit ihm kam und diesen Alptraum beendete und er stand da und sah Dreia an und hoffte, und bat und bittete bitterlich, dass sie ihm vergeben würde. Und die Zeit verging, als alles gesagt worden war und keiner mehr sprach und alle warteten, dass Ceyx seine Entscheidung traf. Seine Schuld sah, oder sie wegwarf und die Toten sah oder sie nicht beachtete.

"Ich..." er sprach, mit zitternder Stimme. "habe dich verletzt, um zu sehen, ob ich noch fühlen kann...und habe versucht, alles zu töten um es zu vergessen und doch war es immer noch da, brennend, leuchtend am Horizont ein schmaler Streifen, der wie Wut, wie Hass immer da war und nie vergessen werden würde...
...und alles, was mir geblieben ist, die Antwort, mein Herz ist tot, die Liebe ist tot und jeden, den ich kannte, der wendet sich ab. Was ist nur aus mir geworden?
Ich bin gefangen in meinem Schutzhülle aus Dreck und Einsamkeit und es gäbe noch so vieles, was wir richten könnten..."

Zemo

"...doch ich bin müde..."

Faith

"...so müde..."

Die Welt verschwamm, wurde schnelle Schlieren, die an ihm vorbeizogen und lange Streifen am Horizont hinerliesen, schnelle Lichter, wie Sterne, wenn man geworfen wurde, von einer unendlichen Macht und durch den Raum flog, die Sonnen anstarrte, die einem verbrannten, mit ihren Umarmungen und sanft flüsterten, dass die Kälte, in der man lag, ein Teil der Unendlichkeit waren. Die Zeit lief schneller und doch langsam zugleich, als jeder Schritt, den er machte, zwei Schritte zurück bedeutete, und er Bilder sah, und Erinnerungen erlebte, wie er sah, eine Karawane auf Eseln reitend und ein Schiff, dass über das Meer zog und ein Schatten, der aus dem Hof schlich und ein Schwert, dass auf einen Hammer traf und ein Toter, der wieder lief, nach Dunkelheit dürstend, wo alle gleich sein würden, und er flog weiter zurück, sah zwei Liebende die zusammen auf einem Ast sassen und sich zitternd umfassten und er flog weiter, sah einen im Leben ertrinkenden auf der Suche nach der Vergangenheit und er sah einen Gefangenen, der einen Freund fand und er sah einen Kämpfer, der unterlag und er sah einen Hilflosen, der starb und er sah Dunkelheit, die dann folgte.

"Es ist vorbei." flüsterte er. "Alles, was hinter mir liegt, liegt hinter mir und ich habe es vergessen und nun will ich alles sehen, was vor mir liegt und bin bereit gerichtet zu werden auf heute, auf morgen, auf immer. Alles, was nun noch ist, meine kleine Welt aus Verrat, die könnt ihr nun haben, und ich lege meinen Geist, ich lege meinen Geist..."

Er sah Dreia an, durchdrang sie und spürte ihre Seele an seiner und spürte, und spürte und spürte...
ja, er spürte...
Er spürte...sie. Fühlte sie. Hatte Angst und er fror. Er wollte sterben und leben. Er dürstete nach Vergebung und er wartete, dass man ihm seinen Kopf abschlug, denn er dann betrachten konnte, wie er einsam im grünen Gras lag und dann Starren würde, ins Leere und wartete, dass die Zeit verging und das Ende der Welt ihn zu Staub zerfallen lassen würde.

Staub zu Staub.
"...in deine Hände..."

Ceyx
28.01.2005, 20:47
Der Barde lehnte sich nach vorne, ein letztes Mal, seine Augen blickten müde, wie er war, Traurigkeit hatte sich um seine Züge gelegt, denn das Ende stand kurz bevor. Dennoch wollte er ein letztes Mal singen, bevor er wieder würde gehen müssen.
Seine Hände zitterten, doch die Kraft kehrte zurück, als die Töne seines Instrumentes die Welt durschnitten wie eine Quelle erst, kaum einem Tropfen, doch dann zu der Furche eines kraftvollen Flusses wurde.
Ich will singen...
...so sprach er.
Ich will erzählen.
Ich will erzählen und ich will für einmal Hoffnung sprechen, obwohl es diese nicht gibt, also klammere dich nicht zu sehr an meine Worte, denn wie alles sind sie nur Schall und Rauch und bald werden sie vergessen sein.
Ich erzähle dir vom Ende.
Es war eine Zeit, fern von jener, die wir die Entstehung nannten und fern von unserer Zeit, eine Zeit, als die Sonne auf die Erde brach und das ewige Feuer brannte, dass erst nach tausend Jahren von Sturzbächen vernichtet wurde. Was dann folgte, war die Dunkelheit, aus deren Asche, vielleicht eines Tages, alles wieder von neuem entstehen würde.
Doch da war einer, noch bevor das Feuer anfing zu brennen, der hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als ein Teil dieser Finsternis zu sein, denn er ward ein Wanderer, ein Träger der Finsternis, gezwungen, diesen Weg allein zu gehen, obwohl die Einsamkeit ihn umbrachte. Es war sein Fluch und es war sein Segen, dies erkannte er, als die Dunkelheit hereinbrach und er an ihr stand und in sie herabstarrte, unwillend je zu sterben. Er stand da und schrie in die Dunkelheit hinab, er würde kommen und er würde rächen und er würde kämpfen, bis er jene fand, die er liebte und er würde alle Götter und alle Wesen und alle Mächte, die ihm in den Weg kämen, vernichten.
Und selbst die Herren der Finsternis erzitterten ob der Stimme des Wanderers und sie gaben jene frei, die er liebte, ohne ein Wort....

Der Barde brach ab.
Wenn doch nur das Leben auch so wäre.
Ein letzter Atemhauch wurde ausgehaucht und ein Wesen starb.

Er beendete dieses Lied nicht, erzählte nicht von dem finsteren Plan, den die Herren ausgemacht hätten, um den Wanderer zu prüfen, gaben sie ihm seine Liebste mit, doch nur durfte sie hinter ihm gehen und er durfte auf keinen Fall sich umdrehen, noch sie berühren oder sie küssen, sonst wäre ihre Seele auf ewig verloren, bis die beiden aus der Finsternis tretten würden. Die Finsternis war jedoch endlos und die beiden gingen und gingen, bis der Schmerz ihre Glieder lähmte, der Durst ihre Sinne betäubte.
Und sie beschlossen...
...dass er sich umdrehte...
...denn lieber wollte sie noch einmal seine Berührung spüren als auf ewig durch die Ewigkeit zu wandern, ihn nur zu sehen, doch ihn nie erreichen zu können, lieber wollte sie einen letzten Augenblick mit ihm, als das Leben. Und er drehte sich um, versuchte ihre Hand zu fassen und ihre Augen zu sehen, doch schon war sie verschwunden...
vergangen...
als wäre sie nie da gewesen.
Und er war allein. Auf alle Zeit.
Diese Worte sprach der Barde nicht, als der letzte Atemzug verging und er aufstand. Das Leben war keine Geschichte. Es gab keine gute Enden.

Ceyx
29.01.2005, 13:47
Ceyx hatte geträumt. Es war kein Traum eines Träumers. Dies wurde ihm klar, als Unendlichkeit nur ein Wort wurde und zu einem Teil der Endlichkeit, denn der Moment, in dem die Welt angehalten hatte, ging zur Neige und er wusste, als er in die Augen von Dreia sah, dass sie bald zu einer Antwort ansetzen würde.

Und dann? Die Worte hatten keine Kraft mehr, denn Ceyx wusste die Antwort bereits. Er horchte in sich und er fühlte, wie sein Herz immer noch schlug und zum ersten Mal in seinem Leben hasste er dieses Geräusch nicht vollends.
Und dann...
...dann würde kommen, was wolle...was solle...und so sollte es sein.

Ceyx...was du tatest, was du tust...deine Taten...

Unvergessen

...werden nie vergehen. Sie werden nie ungeschehen sein.

Unvergeben

...denn was geschah, geschah, was du tatest, tatest du und es gibt keine Kraft, keine Macht, kein Ding in jener oder dieser Welt, die je das Geschehene ändern könnte.

Sie griff nach seiner Hand.
Ihre Blicke trafen seine Augen und versprachen.
Sie flüsterten, nur dieses eine Mal, und sie sagten die Worte, nach denen Ceyx sich sein Leben lang gewunden hatte, es waren die Wort, die ihm Kraft gaben und ihm sagten, dass nicht alles sinnlos gewesen war, wofür er gekämpft hatte.
Gelebt hatte.
Starb.


Doch...dieses eine Mal...für diesen Augenblick...will ich dir vergeben...

Ceyx
29.01.2005, 22:51
Danke dir...

Danke dir...
obwohl ich dies nicht verdient habe.

...er flüsterte die Worte.
Und er fühlte unendliche Dankbarkeit. Alles Schwere, alles, was auf seinem Herz gelegen hatte, war von ihm genommen, tausend bröckelnde Steine waren zu Boden gefallen und zu Staub zerfallen, waren vom Wind aufgenommen worden und davon getragen worden.
Es war vorbei.

Auch wenn...
...er hatte dies nicht verdient, dass wusste er. Er hatte es nicht verdient.

Und nun?

Nun konnte er diesen Weg zu Ende gehen. Ohne schlechtes Gewissen, ohne sich länger zu fragen und ohne länger sein Gehirn zu zermarten, wo, in diesem Leben, er diesen Weg eingeschlagen hatte, wo er angefangen hatte, zu fallen und wo er schliesslich landen würde. Diese Fragen spielten keine Rolle mehr.

...denn sie hatte ihm vergeben. Obwohl er es nicht verdient hatte. Sie hatte ihm mehr gegeben, als er je geträumt hatte. Licht durchflutete ihn, in diesem Moment wie Leben, nahm jede Ader unter seiner Haut auf und brachte sie zum Glühen, doch es erlosch so schnell wieder, wie es gekommen war.

Warum wendest du dich ab?
Weil ich es nicht verdient habe, noch länger hier zu stehen.
Hast du geglaubt, er würde nun das Leben wählen?
"Wieso nicht?"
Ich habe es nicht verdient, doch ich bin glücklich.
Er sah hoch, sah in die Augen Dreia's und es gab nichts mehr, was er sich sehnlicher wünschte als,
...sie zu küssen, und sie zu halten, durch diese kalte Nacht und darauf hoffen, dass da nie ein Tag sein würde, der sie wieder aufweckte, gefangen würden sie sein, in jenem Moment, wohl wissend, dass egal, was da passierte, nichts schlechtes mehr passieren würde, so würden sie den Schmetterlinge zusehen, die über den Staub flögen, flatternd, hoffend, auf die Sonne zu und auf gleissenden Tränenstrahlen tanzend.

Träume...
Unsere Träume waren nie dazu gemacht zu halten, was?
Zu halten, was sie versprechen...
Zu halten, was wir versprechen.

Die Welt verblasste nun und da war nur noch Dreia. Ceyx wünschte, sie würde weinen und sie würde ihre Hand heben und ihm winken, und er würde ihre Träne in seine Hand nehmen und mit sich tragen, wie glitzernde Sterne würden sie ihn umgeben und sagen, dass er gelebt hat.
Er lächelte.

Machs gut, mein Krieger....
Das werde ich...
Machs gut.

Ceyx
30.01.2005, 22:32
Er drehte sich um.
Er wandte sich ab, von Dreia, die immer noch da stand und versuchte sich vorzustellen, wie die Tränen über ihre Wangen liefen und sie leise flüsterte, dass sie ihn vermissen würde.

Oder, dass sie auf der anderen Seite auf ihn warten würde. Ihm die Hand reichen würde, wenn es soweit war. Und für einen Moment verschwamm die Welt vor seinen Augen, zerfloss wie Regentropfen, die über die Welt fielen und lange Schlieren auf blinden Pupillen hinterliessen und ein anderes Bild tauchte auf und ein neues Gefühl.

Das Gefühl von Frieden.
Das Gefühl, endlich alles richtig zu machen.

Der Moment verging so schnell, wie er gekommen war und er wähnte wieder Dreia neben sich, spürte die Wärme, die zugleich Kälte war, die von ihrem Körper ausging. Er wartete noch einen Moment, lies den Hauch über seinen Nacken kriechen, bis er verschwand.

Und auf einmal lief er. Seine Füsse glitten über den Boden und wirbelten Staub auf, ein letztes Mal, wirbelte er Staub auf, als er lief. Dann sprang er, er sprang und er glaubte zu hören, wie Dreia noch etwas rief, hinter ihm, und er breitete seine Arme aus und spürte, wie alles hinter ihm erlosch und in die Dunkelheit versank, als hätte es gar nie existiert.

Das spielte keine Rolle, denn er fiel nun. Kein Schrei löste sich von seinen Lippen, obwohl ein Hauch von Schmerz in mit einem Mal beinahe zerriss. Er fiel, endlos, denn Schwärze umgab ihn, kein Oben und Unten war da noch, nichts, wonach er sich jetzt noch hätte richten sollen.
Der Schrei von Dreia hallt noch nach, ein Flüstern, das langsam nach seinen Herzen greift und langsam zudrückt. Sein Leben entglitt ihm, langsam, so langsam wie er nun fiel und wartete, dass der Boden unter ihm ihn aufnahm.
Kein Boden...
Dann endlich zuckte die Schwärze an ihm vorbei und nahm seine Seele auf, nahm sie mit sich, als wäre sie nie ihm gewesen, sondern nur ein Hauch, der seinen Körper umgeben hatte, wie eine Hülle aus Wärme.
Nun war alles gegangen...

Nur die Schwärze...
Kälte. Dunkelheit.

Leere.
...Frieden...

Ceyx
30.01.2005, 22:34
Epilog - I

Was machte aus einem Menschen einen Menschen?
Und wann konnte man sagen, er habe wirklich gelebt?
Sein Name, der noch lange nach seinem Tod zu vernehmen war?
Und wenn der Name vergangen war, vergessen, dann hatte man umsonst gelebt…

Oder waren es die Dinge, die man getan hatte, die das Leben eines Menschen bedeuteten?
Waren es die Entscheidungen, die man getroffen hatte?
Dinge, die nie vergessen werden würden?
Und doch auch sie werden vergehen, wenn ihr Ende gekommen war…


Ceyx würde nun vielleicht seinen Kopf schütteln und er würde sagen...
...dass es weder der Name, noch die Entscheidungen waren, es waren auch nicht die Erinnerungen, die man zurückliess, die das Leben eines jeden bedeuteten.

Es war das Ende.
Erst in jenem Moment, in dem man seinem Ende ins Auge blickte, erst dann konnte man sagen, man hätte gelebt.
Man hätte gekämpft. Und man wäre gestorben. Erst in jenem Moment.
Erst in jenem Moment konnte man für sich sagen, man hätte ein gutes Ende gefunden.

Es spielt keine Rolle, wofür man gelebt hat. Es spielt keine Rolle, dass man gelebt hat. Es spielt nur eine Rolle, dass all dies einmal geendet hat.

Asche zu Asche
Staub zu Staub.

Tuan
30.01.2005, 22:37
Epilog - II

"Hallo Ceyx."

Ceyx
30.01.2005, 22:37
"Hallo Tuan. Lang nicht gesehen..."

Tuan
30.01.2005, 22:38
"Du, ich würd ja gern bleiben und noch etwas quatschen, aber ich muss weiter... Tschüss!"